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Full text of "Die Christliche Kunst; Monatsschrift für alle Gebiete der christlichen Kunst und Kunstwissenschaft"

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DIE CHRISTLICHE KUNST 

VIERZEHNTER JAHRGANG 1917/1918 



F. BRUCKMANN A.G., MÜNCHEN 



DIE CHRISTLICHE KUNST 

MONATSCHRIFT 

FÜR ALLE GEBIETE DER CHRISTLICHEN KUNST 

UND DER KUNSTWISSENSCHAFT SOWIE FÜR 

DAS GESAMTE KUNSTLEBEN 



VIERZEHNTER JAHRGANG 191 7/191 8 



IN VERBINDUNG MIT DER 
DEUTSCHEN GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 

HERAUSGEGEBnX VON DER ' 

GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 

GMBH 

MÜNCHEN 



By 



INHALT DES VIERZEHNTEN JAHRGANGES 



Ziffern bezeichnen d 
; Arch. = Architekt ; 



Bildh. = Bildhau 



.Beilage.) 
r; M = Mjlei 



A. LITERARISCHER TEIL 



I. GROSSERE ABHANDLUNGEN 

Seite 

Doering, Dr. O , Der Wettbewerb für einen Er- 
weiterungsbau der Pfarrkirche in Dachau 138 

— Der Wettbewerb für die Ausmalung der Mün- 
chener St. Maximilianskirche 23 ! 

— Ferdinand Hodler — Auguste Rodln 2G1 

Endres, Dr. J. A., Die sogen. Herzogsliguren im 

St. Ulrichsmuseum zu Regensburg 37 

Gizycki, Hans von, Ein Frühwerk des Matih. Krenisz 172 
Heilmeyer, A., Neue Arbeiten von Bildhauer Max 

Heilraaier 1 

Klein Diepold, Rudolpii, Die Sammlung Dr. Paul 

Kaufmann in Berlin 193 

Kreitmaier, Jos. S. J., Louis Feldmanns neuester 

Kreuzweg 177 

Kutter, Dr. P., Der Einfluß des kirchlichen Bestattungs- 
wesens (Totenmesse) auf die ältere Grabmalkunst 202 
Milterwieser, Dr., Die Einsiedelei und Magdalenen- 

kapelle im Kgl. Schloßpark zu Xymphenburg. . . 5S 
Nüttgens, Heinrich, Zum künstlerischen Schaffen in 

alter und neuer Zeit 249 

Pfeffer, Anton, Der Taufstein in der Marienkirche 

zu Reutlmgen 29 

Senger, Weihbischof Dr., Die Wiederaufstellung der 

Gleseckerschen Kreuzigungsgruppe im Dom zu 

Bamberg 44 

Stummel, Fr., Die römischen Mosaiken und Malereien 

der kirchlichen Bauten vom 4. — 1 5. Jahrhundert 149 
Zils, W., Joseph Guntermann 53 

II. BERICHTE ÜBER AUSSTEL- 

LUNGEN (vgl. auch IV.i 

Baden-Baden, Deutsche Kunstausstellung 1918 ... a; 
Berlin, Secessions- und Kriegskunst. Von Dr. Hans 

Schmidkunz 1,5 

— Berliner Ausstellung. V'on Dr. Hans Schmidkunz u 

Eichstätt, Kiener-Ausstellung 27 

München, Das Ergebnis der Münchener Glaspalast- 
ausstellung. Von W. Zils 9 

— Die Herbstausstellung der Münchener >Jurvfreien« 
Von Dr. O. Doering i:i 

— Die .\usstellung im Münchener Glaspalast .... iü 

— Graphische Ausstellung der >Xeuen Secession<. 
Von Dr. O. Doering 225 

Wien, Wiener Kunstbrief. Von Richard Riedl. . .7,21,29 

— Ausstellung türkischer Maler in Wien :>"2 

III. KLEINERE AUFSÄTZE 

Bau einer katholischen Frauen-Friedenskirche zu 
Frankfurt a. M 28 

Bombe-Bonn, Dr. Walter, Die Ausf lösung der Düssel- 
dorfer Kunstgewerbeschule 188 

Doering, Dr. O., Die 15. Tagung für Denkmalpflege 72 



— Franz Reiter f 190 

— Ein neues Werk von Th. Baierl 230 

— Xeue Werke von Jos. .-Mbrecht, Th. Baierl, Hierl- 
Deronco 2s 

Em Bild der Patrona Bavariae 30 

Gehrig, Oskar, Wilhelm Trübntr t is 

Herbert, M., Mithel .■\ngelo in Carrara 76 

Hilgenroth, Dr. F., Die Kunst dem Volke ;!0 

Höh, J. .Münnerstadter Goldschmiede im 17. und 

18. Jahrhundert 21 

Kaiser Franz-Josef Denkmal für Wien 28 

Mader, Felix, Ludwig Heumanh T 232 

Müller, Prof A., Tizians Vesperbild in derAcademia 

delle belle Arti in Venedig 50 

Riedl, Rieh., Auktion der Sammlung Ludwig Lob- 

meyr in Wien 10 

— Bildhauer Stephan Zuech 228 

— Die Neuerwerbungen der Staatsgalcrie in Wien 32 

— Wiener Totenschau 26 

— Zum 70. Geburtstag des Wiener Kupferstechers 
Professor Viktor Jasper ni 

Staudhamer, S. An die christlichen Künstler 136 

— Grundsätze für Kirchenerwciierungen 137 

— Zur Bereicherung der Grabnralkunsi ... 222 

— Christliche Kunst und Presse 21 

— Zum Geleite in den neuen Jahrgang 272 

Zils, W., Hyazinth Holland f is 

— Franz Simm f 27 

— Ein vergessener Münchener Künstler 261 

Zimmeter, Kunibert, Der Tummelplatz bei Innsbruck 185 
Zwei neue Denkmäler an der Wiener Universität. 27 



2j Jahre Deutsche Gesellschaft lürchristlicheKunst. . 77 

Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst 190 

Ein neues Gemälde von Philipp Schumucher i;< 

Zeichnungen und Entwürfe von Richard Steidlc . . 224 
Zum vierzehnten Jahrgang 28 

IV. VON KUNSTAUSSTELLUNGEN, 

SAMMLUNGEN, KUNSTVEREINEN, 

MUSEEN 

Baden-Baden, Kunstausstellung 3 

Dresden, Die Diözesangruppe Sachsen 20 

Ellwangen, .\ltenumssammlung 25 

Karlsruhe, Ausstellungen 10 

München, Jury 1918 190 

— Die Frühjahrsausstellungen dir >. Münchener 
Juryfreien« zb 

— Kunstausstellung im Glaspalast 1918 2S 

Wien, Akademie der bildenden Künste u 

— Die Estensischen Sammlungen in der neuen 

K. K. Hofburg in Wien 29 

— Eine neue Wiener Kunstvereinigung 32 



V.KÜNSTLERISCHE WETTBEWERBE 



München, I'lakatwettbewerb 2 

— Wettbewerb für die St. Maxiniilianskirche 3 

— Entscheidung über den Wettbewerb der St. Maxi- 

milianskirche U 

— Wettbewerb für die St. Magdalenenkirche in 
Nytnphenburg 13 

VI. MITTEILUNGEN ÜBER SONSTI- 
GES KUNSTSCHAFFEN 

Albrecht, Jos. M., 10 

Bradl, Professor Jak., in 

Coubillier, Professor Fritz 20 

Drexler, Franz, Bildli 3 

Figel, Albert, M 28 

Glötzle, Ludwig, M 3 

Kau, Georg, M 20,31 

Kolmsperger, Professor \\'a!deniar 20 

Kurz, Mich. Arch :; 

Miller, E.\zellenz Ferd. von :: 

Fächer, Aug. M 3S 

Prinzessin Franz von Bayern 3 

Rehle, Jak., Augsburg 3 

Seitz, Jos., München 3 

Thoma, LeonharJ, M ?.[ 

VII. PERSONALNOTIZEN 

Board, Prof. Dr. Herrn, f 20 

Bommel, Frz. X. Arch 31 

Frey, Gottfried, Bauamtsassessor 20 

Fuchs, Rudolf t, M., Wien 32 



.Seite 

Hausleithner. Rudolf f, M., Wien S2 

Hey, Paul, M 12 

Hodler, Ferd. f 28 

Kiener, Jos. Professor f • • • 2u 

Münz, Ludwig, Bankdirektor f 52 

Papperitz, Prof. Georg j 20 

Rodin, Auguste, Bildh. f 12 

Samberger, Karl Maria f 31 

Schmitt, Balthasar, Prof. 21 

Schnell, Theod. Prof. 20 

Schumaclier, Pliilipp, M 12 

VIII. BESPROCHENE BÜCHER 

Baum, Dr. Julius, L'lmer Kunst 32 

Die Kunst dem Volke 25 

Henner, Prof. Dr. Th., Altfränkische Bilder 20 

Kncrr, Dr. A., Denkmalpflege in Deutschland.... 12 

Münchener Jahrbuch der bildenden Kunst 4 

Poppelreuter, Josef, Die Nationen im Wettstreite 

der Künste 12 

Rheinische Bauberatungsstelle, Düsseldorf,Friedhofs- 

kunst 4 

Siebert, Klara, Marie Ellenrieder als Künstlerin... 28 

IX. VERSCHIEDENES 

Berichtigung 20 

Führich-Krippe 12 

Gestorbene österreichische Künstler 11 

Nürnberger Kunst in Leipzig 31 

Quadt-lsnv, Julie, Gräfin von 19 

Preisausschreiben 31 

Prinz Johann Georg von Sachsen 31 



B. REPRODUKTIONEN 



I. KUXSTBEILAGEX: 



Albrecht, Josef, Kriegserinnerungsbild V 

Aus der Geschichte Jakobs XVII 

Busch, Gg., Bischof Paul Leopold HafFner. . . XIII 
Feldmann, Ludwig, Christus erscheint dem 

Apostel Thomas XV 

Guntermann, Josef, Der eucharistisehe Christus VIII 

— Haupt des Erlösers XI! 

— Das himmlische Jerusalem XVI 

Heilmaier, Max, Marmorkanzel im Hl. Geis;- 

spital zu Nürnberg II 

— Marienaltar im Dom zu Metz III 

— Erbärmde-Christus IV 

Ittenbach, Fr., St. Johann Baptist XVIII 



Seite 

Kau, Gg., Maria Himmelfahrt XX 

Kruzifixus der Gleseckerschen Kreuzigungs- 
gruppe im Dom zu Bamberg VI 

Renard, Heinrich, Die Dormitionskirche in 

Jerusalem IX 

Samberger, Leo, Der Prophet Jeremias XIV 

Schmidt, Heinr. Freiherr v., St. Maximilians- 
kirche in München X 

Schmitt, Balthasar, Marienaltar zu St. Ursula 

in München XII 

Traut, Hans, Schutzmantelbild I 

Wadere, Heinrich, Rosa mystica XI 

Zuech, Stephan, Pietä XIX 



II. ABBILDUNGEN IM TEXT: 



Albrecht, .losef. Hl. Be:ino 133 

Altheimer, Josef, Albertus Magnus . . 121 
Angerinair, Hans, Kriegsgedenktafein 

29, 30, 31, 32 

— Hans u. Jaliob, Hauskapelle .... 41 

— Jakob, Zum Altar in St.Joseph zuWürz- 
burK-Grombuhl 83 

Antonio, Cyrill dell', Christus 111 

Auer, Josef. Haupt des hl. Johannes . . 101 
Baierl, Theod., Kriessgedäthtnisbilder 231 

— Entwurf für St. Max in München 

237, 238. 239, 245, 246, 247 
Bauer, Karl, Entwurf für St Max in 

München 245, 246,247 



Baumeister, Karl, Erinnerungsbild . . . 

Baumhauer, Felix, Zerstörung vonJericho 

— Entwurf für St Max in München . 240, 
Berndl, Rieh., Begräbniskapelle Andrassy 

— Sudansicht der Pfarrkirche zu Dachau 

— Enipotengrundriß der Pfarrkirche zu 
Dachau 

— Längsschnitt, Erdgeschoßgrundriß der 
Pfarrkirche zu Dachau 

— Ansicht des westlichen Hauptportals 

— Nordansicht mit nordost'. Treppenauf- 
gang in der Pfarrkirche zu Dachau . 

— Sudostansicht der Pfarrkirche zu 
Dachau . 



Seite 
— Nordwestansicht der Pfarrkirche zu 

Dichau 145 

Bradl, Jakob, Hl. Ulrich 102 

Burger, Karl, Pro!e^ssionsstange ... 98 
Buscher, Thomas, Tod des hl. Josef . . 94 
Cornelius, Peter von, Studie zu einem 

Engel 200 

Dietrich, Xaver, DerTod des hl. Wendelin 121 

Eberle, Sirius, St. Georg 92 

Ehrismann, Johann, Entwurf für St. M-'x 

in München 260, 261 

Endler, Eduard, Inneres der Kirche in 

SarsleJt 88 

Faßnacht, Josef, Kreuzigungsgruppe . 105 



Faulhaber, Hans, Knizifixus 111 

Feuerstein, Martin V., Diehl.Magdidena 113 
Figel, Albert, Entwurf für St. Max in 

München 250, 254, 255 

Fuchs, Fr. X., Madonna mit Heiligen 135 
Fuchsenberger, Fritz, Eingang zur kath. 

Pfarrkirche in Adclsdorf 88 

— Südansicht der Pfankirche zu Dachau 156 

— Grundriß des Erdgeschosses der Plan- 
kicche zu Dachau 156 

— Nordansicht derPfankirche zu Dachau 157 

— Grundriß der Emporen in der Pfarr- 
kirche zu Dachau 157 

— Querschnitt durch die Emporen partie 158 

— Längsschn tt 158 

— Querschnitt durch den Neubau der 
Pfarrkirche zu Dachau 159 

— Südwestansicht der Pfarrkiiche zu 
Dachau 160 

— SiidosOnsichtd. Pfarrkirche zu Dachau 161 

— Westansicht d. Pfankirche zu Dachau 162 

— Südansicht, Grundriß, Längsschnitt der 
Pfarrkirche zu Dachau 163 

— Choransicht der Pfarrkirche zu Dachau 

164, 165 

— -Aufgang an der Nordseite 166 

Fugel, Gebhard, Das hl. Abendmahl 115 
Gamp, Ludwig, Kruziflxus zu St. Paul in 

München 91 

Gaudy, Adolf, Kirche in Zermatt ... 87 

Gerhard. Karl, Hl. Familie 132 

GietI, Josua von, Sommerschwüle . . . 271 
Glötzle, Ludwig, Maria Verkündigung . 126 
Grandy, Karl, Entwurf für St. Max in 

München 254, 2*5 

Grasegger, Gg., Deutsche Kraft .... 206 

— Die deutsche Faust . 206 

— Modelle zu 4 Medaillen 207 

— Hl. Pauliu 208 

— Des Künstlers Söhnchen 209 

— Schlafender 210 

— Hl. Johannes 211 

— Kriegeigrabzeichen 212 

— Mutter Jesu 213 

Guntennann, Josef, Thronender Christus 

mit Heiligen und Engeln 53 

— Buchschmuck 54, 55 

— Kindheit 56 

— Jünglingsalter 57 

— Mannesalter 58 

— Greisenalter 59 

— Das Gleichnis von den klugen unJ 
törichten Jungfrauen 60 

— Maria Krönung 61 

— Engel mit Symbolen 62 

— Engel musizierend 63 

— Maria Verkündigung 64 

— Maria aus der Verkündigung .... 65 

— Judas Thaddaus 66 

— Hl. Banholomius 67 

— Christi Geburt 68 

— Christus am Kreuz 69 

— Chrisü Himmelfahrt 70 

— Der NVeltenrichter 71 

— Grablegung 72 

— Der Weltheiland 73 

— Der hl. Sebastian vor dem Papste . . 74 

— Bilder aus dem Leben des hl. Sebastian 75 

— Hl. Sebastian 76 

HackI, Gabriel v.. Der hl. Vinzenz v. Paul 120 
Hämmerle, Otto, Musizierende Engel . 128 
Hauberrisser, Gg., St. Paulskirche in 

München 79 

— Heinr,, Friedhofsgebäudei.;Regen.*burg 85 
Heilmaier, Max, Pieta ' 

— Der Auferstandene 2 

— Hl. Michael 3 

— Hl. Cäcilia 4 

— David 5 

— Adam und Guter Hiite 6 

— Der hl. Andreas 7 

— Zwei Evangelistenzeichen 8, 9 

— Kapital 8, 9. 10 

— Schwalbe und Marder U 

— Seifenbläser und Paukenschläger . . 11 

— Kinderfiguren 12 

— Krieg und Frieden 12 

— Madonna 13, 16 

— Hl. Franziskus 14 

— Maria Verkündigung 15 

— Geburt Christi 15 

— Plakette 17 

— Medaillen 17, 18, 19 

— Des Künstlers Tochter 20 

— Portalfiguren 21 

— Kriegerdenkmal in Zicrdorf 22 

— Epitaphium Haberstock 23 

— Hl. Barbara 24 



— Das deutsche Recht 

— Grabplatte 

Epitaphiiin 



— Querschnitt 168 

— Längenschnitt 169 



F.nt« 






— Hl. Jakobii 

Hieronymi, Robert, Studie 

Hofstötter. Franz. XM. Kreuzwegstation 

Hofser, Franz, Unsere Hoffnung sei 
gegiußt 

Hubcr-Feldkirch, Joset, Die Religion . 

Huber-Sulzemoos, Hans, Bei der Ma- 
donna 

Immenkamp, Wilh., Auferweckung des 
I.a^anis 

Iven Alex., Tympanon an der Maria Emp- 
fangnis-Kirch- zu Düsseldorf .... 

Junk, Wilhelm, Christus im Grab ... 

Kau, Georg, Entwurf für St. Max in Mün- 
ch en 242, 243, ; 

Kirchmayr, Toni, Kriegsgedächtnisbild 

Kolmsperger, Vt'aldemar, Das NV'elt- 

Kraus, Valentin, Unsere Erlösung . . 
Kreniß, Matth., Mutter Anna .... 

Kuder, Reni, Feldmcsse 

Kuld, Joseph, Entwurf Tür St. Max In 

München 266, : 

Kunz Fritz, Stigmatisation des hl. Frao- 



Kurz, Michael, Inne 



Pferi 






— Sudansichi der Pfarrkirche zu D.ichau 

— I.ängsschnitt d. Pfarrkirche zu Dachau 

— West- und Notdansicht der Platrkirche 
zu Dachau ; 

— Grundriß INordseite unten) der Pfarr- 
kirche zu Dachau ; 

— Südostansicht d. Pfarrkiiche zu Dachau '. 

— Südweslansicht ,, ,. ] 

— Notdparlie mit Treppenaufgang . , . i 

— Querschnitt des Anbaues 1 

— EnlwurffurSt.Max in München 245,246,; 
Lamers, Heinrich, Hl. Agnes und Mar- 

garethe 1 

Lechner, Karl, M., Entwurf für St. Max 
in München 262, i 

— Gruß vom .Schützengraben ; 

Locher, Bonifaz, HI. Johann Nepomuk 1 
Marmon, F. X., Tod desHl. Funziskus ] 
Mattar, Stephan, Paubkiiche in Köln 
.Meckel, .Max, St. Rochuskapelle bei 

hingen 

.Miller, Ferd. von, Christus zu Pferd . . I 
.Miller, Rupert von, Südansicht derPfarr- 



Dacha 



— Grundriß der Emporen der Pfarrkirche 
zu Dachau 

— Längs- und Querschnitt 

— Grundriß ties Eidgeschosses U.Situation 

— Choransicht 

— Nordpartie des Anbaues 

— Südwestansicht 

— Südostansicht 

Mintrop, Theod., Aufrichtung d. Kreuzes : 

iMoortgat, Achilles, Doppelbildnis . . . 

— Mutter und Kind 

— Christus 

.Müller-Uarth, August, Madonna mit 

Kind und Engeln 

Nadorp, Christus im Grab ; 

Niederfe, Joh. Martin, Das Gebet Jesu 

auf dem ( ilbetg 

-- Die Mutter des Künsders 

Overbeck, Friedr., Ruth und Noi.-mi . ; 
Pforr.Frz., Philippus tauft d.k. Kämmerer 

— Allegorisehe Idylle 

Pruska, Anton, Marienalur in St. Anna 

zu München 

Reiter, Fr. X., Der hl. Georg tauft den 

König von Silena . . .' 

Resch, W. S., Gedenktafel 

Rettel, Alfred, Bildnis 

— Sturm auf dem See Genesareth ... 

Rohden, .Martin, Tivoli : 

Romeis, Leonhard, St. Bennokirche in 

.München 

Ruppert. Kaspar, WcihnachtsmeJaille . 1 
Sand, Karl, L., Ludwig Heumann . . i 
Scidl, Gatriel von, St. Antoniusallar in 

.St. Anna .München 

Seitz, Rudolf von,Apsismalerei in St. Anna 



Ml: 



Seliger, Karl, Hans, Entwurf für St. Max 
in München 266, 1 

Selzer, Hermann, Katholische Kirche in 
KoinhofJtadt 

— Nordansicht der Pfatrkircheiu Dachau 

— Südansicht 



EtnporengeschoO 169 



99 — Westseite 
125 — Ostseite 



, 170 
171 



— Südwestanstcht 172 

— Südoslansicht 173 

— Treppe an der Nordseiie 174 

Sertl, Johann, Grablegung 104 

Sonnleitner, Ludwig, Xll. Kreuzweg- 

... 101 



Schädler, August, Weihwasseik 

— Hl. Georg ... ■ 272 

Scheel, Joseph, Hl. Familie 97 

Scheiber, Franz, Maria mit Jesus und 

Johannes 106 

Schildhorn, Franz, Kreuxigungsgruppe 100 
Schildhorn, Friedrich, Baronesse von 

.Monteton 270 

Schilling, Franz, Jesus an der Geiselsaule 130 

— Entwurf für St. Max in München 

251, 252, 25? 
SchiestI, Matth., Anbetung der Konige 123 
Schleibner, Kaspar, Hl. Philomena . . 118 
Schmalzl, Rudolf, Entwurf nir St. M^x 

in .München 264, 265 

Schmidt, Friedr. Freiherr von, Er- 

■veiierungsbau der Kirche in Laim . 85 
Schmilz, Jos., Portal der Kirchein Pradl 80 
Schuller, Gottfried, Hl. Michael .... 192 
Schulz, Otto, Kirche in Wasserlriidingen 86 
Schumacher, Philipp, Beihlehemitische 

Mutter 130 

Schurr, Hans, St Josephskirche i. München 82 
Steidle, Richard, Entwürfe 7u Gedenk- 
kapellen für gefallene Krieger . . 214, 215 

— Gehäuse einer Tischorgel 216 

— Projekt für «ine Kirche in Wriezen . 217 

— Zimmerausstaltunjjen 218, 219 

— Entwurf für ein deutsches Kranken- 
haus in Porto Alegre .220 

— Entwurf zu einer .\ufnahmebeschei. 



iiguiig 



Enf 



.221 



rAufoahmeurkunde222,223 

— Alte Dorfkirche und Friedhof zu 
Widdetsberg 224 

— AlteDorfkirchcmilFtiedhofzuPullach 

bti München 225 

:isj,'ek(önter Entwurf zur Miinchene 



Bü 



•ger 



echti 



irkunde 



226 



Steinle, Edward, von. Der faule Knecht 203 
Thoma, Leonhard. Johannes und Lukas 129 

Tizian, Vesperbild 51 

Told, Heinrich, Petrus verleugnet Jesum 122 
Vierling, U'ilhelm, Entwurf für .^t. Max 



.Munche 



Wagenbrenner, Joseph, Entw-urf für 

St. Max in München . . . 257, 258, 259 

Mallisch, Gg., Pieti 108 

Mante. Ernst. Der Weg nach Golgatha 126 
>J inker, Christian, .Madonna mitSt. Aloy- 

siu! ii.iJ St. Alfons 95 

Winkler, Georg, Entwurf für St. Max in 

München 248, 249 

Zimmermann, Ernst, Christus bei den 

114 



Zuech, Stephan, Der hl. Virgilius 1 

\veist die Diakonen 

— Denkmal des geistl. ForsciiersGr 



rioli 



Lay 



Vor dem Tore der Ewigkeit .... 230 

im Artikel von Dr. O. Doering, Der 
Wettbewerb f. einen Erweiterungsb:>u 
der Pfarrkirche zu Dachau 137, 138, 139 

im Artikel von Dr. O. Doering Der 
Wettbewerb für di: .Ausmalung der 
Münchener St. Ma.ximilianskirche233, 235, 
236 

im Artikel von J. Kreitmaier S. J., 
Louis Feldmanns neiiesrer Kreuzweg 
177,178, 179, 180, 181, 182, 183, 184, 185 

im .Artikel von Kunibert Zimmeter- 
Innsbruck. Der Tummelplatz bei Inns. 
brück . . 186, 187, 188, 189, 190, 191, 192 



Illustrationen zu kunsthistorischen 
Aufsätzen usw. 

Pfeffer, Anton, Der Taufstein in der 

Marienkirche ZU Reutlingen ... 33, 35 
Die sog. Herzoesfiguren im St. Ulrichs- 
museum zu Regensburg . 37, 38, 39, 40 
^enger, Weihbischof Dr., Die Wieder- 
aufstellung der Gieseckerschen Kreuzi- 
gungsgruppe im Dom zu Bamberg 

45, 46, 47 ,49 




SUB TUUM PRAESIDIUM CONFUGIMUS 




lM^M 



All dtm von Pro/. J. Schmilz rrhaiitfn Frinilwf in JiUran. — Text S. 4 



NEUE ARBEITEN VON BILDHAUER MAX HEILMAIER 

Beiträge zur Stilbildung der kirchlichen Plastik der Gegenwart 
Hierzu die Abbildungen dieser Nummer 



Kaum eine andere Zeit zeigt so wie die 
unsere so weit auseinandergehende, ver- 
schieden geartete Bestrebungen im Kunstleben. 
Während die einen sich bemühen, den abge- 
rissenen Faden mit der Tradition zu verbin- 
den und das Gegenwärtige folgerichtig an 
das Vergangene anzuknüpfen, folgen andere 
dem wechselnden Lauf der Tagesströmungen 
und ihr Schaffen zeigt eine proteusartige Ver- 
wandlungsfähigkeit. In wenig erfreulicher 
Weise ofienbart sich dieser problematische 
Zug in der modernen Malerei. Die Plastik, 
ihrer Natur nach weniger beweglich als die 
Malerei, und darum auch nicht so leicht zu 
beeinflussen, hat im ganzen eine ruhigere und 
gleichmäßigere Entwicklung genommen. 

Wie sie schon ihrem Wesen nach alles 
Problematische und Experimentelle ausschließt, 
schon darum, weil es der physikalischen Natur, 
der Festigkeit und Schwere ihrer Werkstorte 
widerstrebt, so bedarf auch die plastische Ge- 
staltung der Form einer gewissen Stetigkeit 
der Entwicklung. Die Plastik begünstigt daher 



weit weniger als die in ihren Ausdrucksmitteln 
beweglichere Malerei die Wiedergabe in der 
Zeit liegender Stimmungen, sondern neigt viel- 
mehr zur Gestaltung bestinmit und scharf um- 
rissener, klar gedachter Ideen und Bilder. 
Die große Kunst vergangener Zeiten ist da- 
her vielmehr objektiver Ausdruck allgemein 
gültiger Ideen als Äußerung subjektiver ästhe- 
tischer Gefühle. Mit am deutlichsten offenbart 
sich dies in der alten kirchlichen Kunst. 

Die hieratische, feierlich gestimmte Tem- 
pelkunst erwies sich daher der Ausbildung 
eines plastischen Stils in hohem Maße förder- 
lich. Ein festes Gefüge überkommener For- 
men und Ideen, eine bestimmte allgemein 
verständliche Konvention verhütete jede sub- 
jektive Willkür und Ausschreitung. Ein uner- 
meßlicher \'orteil für die künstlerische Gestal- 
tung. Die Plastik hatte als Glied der Archi- 
tektur ihren bestimmten Wirkungskreis. Sie 
konnte sich aber innerhalb der durch die 
architektonische Zweckbestimmung gegebe- 
nen Grenzen aufs freieste entfalten. Die Bild- 



Die cliristliche Kunst. -XIV. 



By 



mm NEUE ARBEITEN VON MAX HEILMAIER ^^ 




MAX HEILMAIER 



DER ALI ERSTANDENE 



r.i/w/ in Mer 



— Text S. 4 



nerei, eingereiht in den lebendigen Zusam- 
menhang mit der Baulcunst, galt als voll- 
kommener Ausdruck des damaligen Weltbildes, 
des Mikro- wie des Makrokosmus. So erschie- 
nen die Werke der Skulptur als eine volks- 
tümliche Bilderchronik, geschrieben in der 
Sprache ihrer Zeit und ihrer Umgebung. Ge- 
genüber der babylonischen Sprachverwirrung 
von heute ein idealer Zustand. 

Glücklich nun derjenige Künstler, dem schon 
von Jugend auf ein solches Ideal vorschwebte, 
das ihn wie eine unumstößliche Wahrheit an- 
mutet, an das er unbedingt glaubt und wel- 
ches zur Anschauung der anderen und sich 
selbst zum reinsten Bewußtsein zu bringen, 
seine Lebensaufgabe wurde. In dieser glück- 
lichen Lage befindet sich unser Künstler. 

Max Heilmaier entstammt einer alten Isener 
Bürgerfamilie. Er kam mit 13 Jahren nach 
München. In Jakob Bradl dem Äheren, bei 
dem er bis zum 21. Lebensjahre blieb, er- 
hielt er einen Meister, der noch nach dem 
alten Grundsatze verfuhr: »Aller Kunst und 



allem Wissen geht das Handwerk 
voran.« 

Bradl sah vor allem darauf, daß 
seine Lehrlinge eine tüchtige hand- 
werkliche Schulung erhielten. Sie 
mußten sich zuerst mit dem Hand- 
werkszeug des Bildhauers bekannt- 
machen und sich beim Holzschnei- 
den und Schnitzen in jenen For- 
men üben, die sich in einfacher, 
sinngerechter Weise aus dem Ma- 
terial und dem entsprechenden 
, Gebrauch des Handwerkzeuges er- 
gaben. So drang der Lehrling stu- 
fenweise in das Wesen der Form- 
gebung ein. Dabei wurde er im- 
mer wieder auf gute alte Vorbilder 
hingewiesen, lernte alle möglichen 
Praktiken und Handwerksgriffe, 
die ihm später nützlich werden 
konnten. 

Als eine schöne Frucht dieser 
guten Erziehung schnitzte Heil- 
maier schon als Sechzehnjähriger 
ein Hausaltärchen für seine Mutter, 
zu dessen Ausführung er sich die 
Werkzeuge selbst anfertigte. 

Auf der Grundlage dieses gedie- 
genen handwerklichen Könnens 
gelangte er frühe zum Verständnis 
der alten Meisterwerke und des 
Problems der Form. Das war da- 
mals etwas Seltenes. Denn bei sei- 
nem von der Schule Bradls hinweg 
erfolgten Eintritte in die Kunstaka- 
demie herrschte noch auf der ganzen Linie 
der Naturalismus, der »Naturwahrheit« im 
photographischen Sinne erstrebte. 

Nur wenige, wie der Kreis um Stautter- 
Bern um Hildebrand wußten, daß Kunst ge- 
rade 'das ist, was man nicht photographieren 

kann. „. , 

Heilmaier erkannte frühe den binn der 
Dürerschen Worte: »Die Kunst steckt m der 
Natur und wer sie heraus kann reißen, der 
hat sie.« Die Aufgabe der Plastik erschien 
ihm daher: »Naturformen in Kunstformen 
umzuwandeln.« 

Im Besitze dieser immer wieder erprobten 
Erkenntnis ging unser Künstler seinen Weg 
weiter, mochten die Moden kommen und 
gehen wie sie wollten. 

Auch äußere Umstände waren seinem Streben 
hold. 1907 erhielt er einen Ruf als Lehrer 
und Professor an die Kgl. Kunstgewerbe- 
schule in Nürnberg. Dem heimlichen Gotiker 
mußte das wie eine Fügung erscheinen, daß 
er in der Stadt Albrecht Dürers, die ihm in 



e^ NEUE ARBEITEN VON MAX HHII. MAIER CSSai 



ihrer Vergangenheit vielerlei An- 
regungen bieten konnte, wirken 
sollte. Der Unterricht, wie er 
ihn erteilte, wurde ihm im steten 
Umgang mit der Natur eine Art 
Jungbrunnen. Die mittlere Lage 
Nürnbergs, ohne ausgeprägtes 
Kunstleben, begünstigt das Arbei- 
ten eines ausgereiften Künstlers, 
zudem auch bedeutende Aufträge 
ihn mit tüchtigen Architekten zu- 
sammenbrachten. Vielfache Anre- 
gungen erwuchsen ihm aus dem 
Zusammenarbeiten mit dem als 
einem der bedeutendsten Kenner 
mittelalterlicher kirchlicher Bau- 
kunst bekannten Prof. J. Schmitz. 
Da Heilmaier vielfach an den Re- 
staurationen mittelalterlicher Bau 
denkmäler lebhaften künstlerischen 
Anteil nahm, erhielt er auch im- 
mer tiefere und gründlichere Ein- 
sicht in das Wesen der alten Kunst. 
Vergleiche mit heutigen Kunstge- 
bilden mußten natürlich oft sehr 
zu Ungunsten unserer eigenen Be- 
mühungen ausfallen. Besonders 
mußte ihm die kirchliche Kunst- 
industrie mit ihren nach dem lau- 
fenden Meter berechneten Erzeug- 
nissen oft als gröbliche Eingriffe 
und Entstellungen der organischen 
Einheit alter Kirchen erscheinen. 
Je mehr ihn die leere nichtssa- 
gende Konvention dieser Bedarfs- 
kunst abstieß, um so mehr wurde 
er ergriffen von der Gewalt des 
Geistes, der edlen Einfalt und wuch- 
tigen Größe der alten .Meister- 
werke. 

Ganz besonders wehte ihn dieser Geist 
aus den Werken der alten gotischen Mei- 
ster an. 

Wenn er sich daher in der Folge heimlich 
oder offen zur Gotik bekannte, so ging er 
dabei doch niemals auf bloße Nachahmung 
oder Äußerlichkeiten aus. Denn nicht der 
empfindet immer gotisch, der nur knitterige 
Falten zu bauschen oder gotische Perücken zu 
schnitzen versteht, sondern jener Künstler, der 
in seiner Formgebung die Natur und jede 
künstlerische Sache konstruktiv und dyna- 
misch, individuell und universal, persönlich 
und doch volkstümlich zu gestalten versteht. 
Gotik ist vielmehr ein Rasseideal. 

In diesem Sinne erscheint uns Heilmaier 
verwandt und von gleichem Holz wie unsere 
alten Meister geschnitzt. Wie den Menschen 




MAX HEILMAIER 



HL. MICHAKL 



FrieJho/ m M,,uH 



an seiner Rede, erkennt man den Künstler 
an seiner Formensprache. 

Seiner künstlerischen Hand.schrift nach be- 
urteilt, schreibt Heilmaier Fraktur, wie wir 
sie von Dürerschen Holzschnitten her kennen. 
Klare, einfache Umrisse, markante Formen, 
deutliche ausdrucksvolle Gesten. 

Doch legt sich der Künstler damit nicht 
auf eine Manier fest, nicht etwa bloß auf 
einen holzschnittmäßigen Stil, sondern trach- 
tet bei jeder plastischen Aufgabe nach sinn- 
gemäßer stilvoller Gestalt. Dabei scheint mir 
auch das räumliche Ausmaß seiner Skulpturen 
mitzusprechen. Zunächst wird das ja rein 
äußerlich durch die gegebenen Situationen 
bestimmt. Dem Stil seiner Formgebung nach 
steht ihm das männliche Folioformat näher als 
das jetzt so beliebte damenhafte Duodezformat. 



NEUE ARBEITEN VON MAX HEILMAIER mm 




HL. CACILIA 



An der OrgcUtnpo 



arkt >■. Opf. — Text S. 7 



Mehr noch wie aus solchen allgemeinen 
künstlerischen Gesichtspunkten werden wir 
Art, Wesen und Charakter seiner Werke aus 
der Betrachtung einzelner Werke gewahr. 
Gestalten, wie der Auferstehungschristus am 
Eingang zum Gräberfeld des Friedhofes in 
Meran, verkörpern den Erlöser in machtvol- 
ler Gestalt und Gebärde wie eine Verlebendi- 
gung der Worte: »Ich bin die Auferstehung 
und das Leben, wer an mich glaubt, der wird 
ewig leben, wenn er auch gestorben wäre« 
(Abb. S. 2). 

Obwohl die Szene bewegt erscheint, ist 
die Gestalt des Erlösers doch ruhig gehalten. 



Das Gefühl des Erhabenen duldet nichts Be- 
wegtes — keine rhetorische Geste — der 
Marmor plaudert nicht. 

Die Figur wird als räumliche Erscheinung 
noch gehoben und gesteigert durch die klei- 
nen Engelköpfchen der Umgebung. 

Am gleichen Ort über dem Portal der 
Leichenhalle des Meraner Friedhofs ist auch 
St. Michael abgebildet (Abb. S. 3). St. Michael 
ist dargestellt als Totenrichter. Man muß 
dabei an das Bild des gerechten Richters 
denken, von dem es heißt, »daß Mitleid 
Sünde wäre«. 

In derPietä (Abb. S. i) verkörpert sich aller- 



e^ NEUE ARBEITEN VON MAX IIEILMAIER SS^ 




MAX HEILMAIER 



All Jtr Orgilimport zu S 



Off. — Text S. 7 



tiefster Mutterschmerz, aber auch wiederum im 
Geiste cliristhcher Kunst. Während die Antike 
in solchen Darstellungen gerne den Affekt als 
den dramatisch gesteigerten Höhepunkt gibt, 
Laokoon schreit auf vor Schmerz, Niobe rast, 
duldet Maria alle Schmerzen und beugt sich 
in Stille und Denmt dem Willen des Herrn. 
"Würde dieses Symbol christlichen Mutter- 
schmerzes doch öfter auf unseren Friedhöfen 
aufgestellt werden. Besonders jetzt als Ge- 
denkzeichen des Weltkrieges! 

Heilmaier hat auch noch ein anderes schönes 
altes Grabmalmotiv, die Gestalt des Erbärmde- 
manns, wiederum zum Leben erweckt. Die 



Figur ist in rotem Marmor ausgeführt und 
ihre Aufstellung für eine Nische gedacht. 
(Auch eine wertvolle Anregung für die an 
ansprechenden Motiven oft so arme Grab- 
malplastik)'). 

') Der Schmerzens- oder Erbärmdemann ist die aus- 
gesprochenste Grabmaliigur des frühen und späten Miitel- 
ahers Am klarsten tritt uns dieses .Motiv im Innern 
und Äußern der Lorenzo- und Sebalduskirche entgegen. 
Wir linden dort bei Begrabtiisplatzen plastisch gestaltete 
oder auch gemalte Erbärmdcmänner. In der frühen 
Gotik stand Christus sinnend mit verschränkten .-Xrmen 
da. In der späteren Zeit sehen wir ihn als Thomas- 
cliristus, die Wunde zeigend. Gute und typische Bei- 
spiele für diese beiden Darstellungen finden sich am 



mm NEUE ARBEITEN VON MAX HEILMAIER mm 





MAX HEILMAIER, ADAM UND GUTER HIRTE 
J^r J.ikohskirche s« Rathrnhurg o. d. T.iuhtr. Muschelkalk. — Text 



Ein in Form und Schriftgestaltung origi- 
nelles volkstümliches Grabmal schuf der Künst- 
ler in dem Bronzeepitaph des Pfarrers Haber- 
stock und seiner Geschwister. Auch ein Be- 
weis dafür, wie mannigfaltige Gestaltungs- 
möglichkeiten sich aus der Wertung der Situa- 
tion und der Aufgabe ergeben (Abb. S. 23). 

Es liegt im Charakter der Plastik als einer 
monumentalen Kunst, Sinnbilder auszuprägen. 
Aber wie bei den Alten steht auch in Heil- 



Südportal der Lorenzoliirche, links die frühgotische, 
rechts die späte Ausformung als Thomaschristus. 

Wenn man diesen Darstellungen einmal nachginge, 
würde man jedenfalls noch viele solche Figuren finden, 
da sich dieses Motiv bis in die Barockzeit hinein er- 
halten hat. Später trat dann der sogenannte Christus 
in der Ruhe und die Geißelung an die Stelle. 



maiers Schaffen neben dem Erhabenen das 
Volkstümliche, Naive und Bilderfibelartige. 
So zeigen die ornamental gestalteten Kapitale 
an der Leichenhalle zu Meran den symboli- 
schen Weinstock und die Rebe zugleich, aber 
auch Winzer und Winzerin bei der Arbeit in 
Landestracht (Abb. S. 10). 

Wie der denkende Künstler Sinnbilder an- 
wendet und sie an der richtigen Stelle ge- 
braucht, davon geben die Türsturzträger an 
der St. Moritz-Kapelle in Nürnberg ein Beispiel. 
Abgebildet sind ein Schwalbennest und da- 
neben ein Marder (Vertrauen und Glauben), 
und der Feind, der umherschleicht und suchet, 
wen er verschlinge (Abb. S. 11). 

Ergänzungen und Neuschöpfungen an alten 
Kirchenbauten erfordern im besonderen einen 



NEUE ARBEITEN VON MAX IIEIEMAIER 



feinsinnigen, außerordentlich disziplinierten 
Künstler. Unmittelbar berühren sich hierPlastik 
und Architektur, bedingen sich gegenseitig 
und gehen ineinander über. Die Architektur 
erweist sich als der natürliche Nährboden 
für die Plastik, die aus Pfeilern, Streben, Säulen, 
Wänden herauswächst. Gibt die Architektur 
Takt und Maß an, so erfüllt die Bildnerei 
die starren tektonischen Gebilde mit feier- 
lichem Schwung und Rhythmus. Es ist wie 
in den strengen Weisen der Kirchenmusik, 
aus den architektonischen Fugen entwickeln 
sich die mannigfaltigsten, plastisch ausgeform- 
ten Melodien. Ein Plastiker, der sich darauf 
nicht verstünde, wäre ein schlechter Musikant 
im kirchlichen Orchester. Doch wie wenige 
scheinen dieses Grundgesetz kirchlicher Kunst 
zu kennen. Wäre es sonst möglich, daß wir 
so oft Altäre, Figuren wie Fremdkörper in 
einen schon bestehenden Organismus hinein- 
gestellt sehen, ohne jedes Gefühl für Maß, 
Takt und Rhythmus. 

Bei Heilmaier lohnt sich sichtbar das Stre- 
ben seiner Jugend, das früh erworbene Ver- 
ständnis für die Bedingungen der Plastik in 
kirchlichen Räumen. Jung schnitzte er schon 
Altäre mit allem Drum und Dran, arbeitete 
am Aufbau von Altären, Kanzeln, Orgeln usw. 
mit. Früh erlernte er jene Disziplin der Ein- 
ordnung aller plastischen Einzelheiten in eine 
architektonische Umgebung. Von absolut klarer 
Erkenntnis dieser Bedingungen, von verstän- 
diger Einsicht in die dekorative Bedeutung 
der Skulptur im Rahmen der Baukunst zeugt 
seine Mitarbeit an der von Professor J.Schmitz 
erbauten Orgelempore der Pfarrkirche zu Neu- 
markt in der Oberpfalz. Dabei bleibt er aber 
keineswegs nur bei der tektonischen Lösung 
der Aufgabe stehen, sondern erfüllt sie auch 
zugleich mit gegenständlichem Inhalt und 
symbolischem Ausdruck. Auch ihm ist die 
Kirche wie der Altar ein steinernes Buch, 
darin die Gläubigen lesen und sich erbauen 
sollen. Darum gestaltet er seine Bilder zum 
Schmucke der Orgelempore (Abb. S. 4 u. 5) nach 
dem Text: »Alles, was Odem hat, lobe den 
Herrn!« Darum auch das Bild der heiligen 
Cäcilia an der Orgel, die Heilige so ehrlich 
vertieft ins Spiel. Darum auch der königliche 
Psalmensänger David und paukenschlagende 
und spielende Kinder. Hier ist ein greifbares 
Beispiel von harmonischer Zusammenwirkung 
von Architektur und Plastik gegeben. Besser 
kann es gar nicht dargelegt werden, wie reich, 
fruchtbar, sinnig und innig diese Wechsel- 
wirkungen zum Tönen gebracht werden, wenn 
jede Kunst am richtigen Platze steht. Nicht 
weniger sinngefällig erweist sich dieses Zu- 




\\ Htü.MAJER 
}hUßg„r in . 



•itr r/atrtirch,- zi. 
Text S. S 



IIL. ANURliAS 
H'tissfrl'Hrg ar/i Inn 



NEUE ARBEITEN VON MAX HEILMAIER 





EVANGELIST- 



•«»»««MBeswaps^ 




•B/MARKVS 



MAX HEILMAIER, ZWEI EVANGELISTENZEICHEX 
An der Marmorkanzel der HL Geistkirche zu Nürnberg. — Text S. 7 



sammengehen und einander in die Hände 
arbeiten auch bei der Ausführung der schönen 
Marmorkanzel in der Heiliggeisti^irche zu 
Nürnberg(Abb.S.8u. 9u.EinschaItbl.nachS.8). 
Wie Heilmaier im Anschluß an die bild- 
nerische Ausgestaltung alter Kirchen in den 
Geist und Stil des kirchlichen Bauwerkes hinein- 
wuchs und wie selb- 
ständig Neues er im 
Geiste der Alten 
schafft, dafür sprechen 
vor allem seine schö- 
nen Apostelfiguren 
für St. Jakob in Was- 
serburg am Inn. Und 
liebenswürdig wie nur 
immer ein alter Mei- 
ster hat er sich selbst 
und seine Gattin (Abb. 
S. 7) als Konsolträger 
im Dienste der Heili- 
gen abgebildet. Die- 
selbe organische An- 
gliederung, bei der 
das Neue aus dem 
Alten wie junges Reis 
hervortreibt, zeigen 
auch die Figuren 
St. Jakob an der Ja- 




M. HEII.MAIEK 



kobskirche in Rothenburg ob der Tauber, 
Adam und Eva an der Brauttüre und die Statue 
des guten Hirten (Abb. S. 6). 

Streng statuarische Gebilde, die in ihrer 
Geschlossenheit sogleich an Steinfiguren ge- 
mahnen. In ihrer materialgerechten Gestal- 
tung zeigt sich wiederum der disziplinierte 
Künstler, der jegli- 
chem Material gerecht 
wird und doch frei ist 
von jenem überstiege- 
nen Materialkultus, 
der meint, wenn eine 
Figur nur recht stei- 
nern , tönern oder 
hölzern aussieht, dann 
ist es schon gut. Im 
Gegenteil, das Mate- 
rial bleibt ihm immer 
Zweck, seinen Form- 
willen zum Ausdruck 
zu bringen, natürlich 
in einer materialge- 
mäßen Formgebung. 
Hin Vergleich zwi- 
schen der St. Jakobs- 
figur für Rothenburg, 
die in Muschelkalk 
ausgeführt ist (Abb. 




MARMORKANZEL IM HL. GEISTSPITAL ZU NÜRNBERG VON MAX HEILMAIER 

Text S. S 



6^ NEUE ARBEITEN VON MAX HFILMAIER 6Saa 





EvIOHAME: 



An der Marmorkanzel ,ier Hl. Geistkirche zu Nürnberg. — Text S. 7 



Jg. XI, S. 248) und der St. Andreasfigur in 
Holz in Wasserburg (Abb. S. 7) ist lehrreich. 
Dort die dem Muschelkalk entsprechende Be- 
handlung des plastisch gerundeten, in sich ge- 
schlossenen Steinbildes mit lebhafter Betonung 
der innerhalb der Kontur lebenden Formen- 
welt, dort der brettartige, schnittig flächige 
Charakter der Holz- 
figur. 

Beim Erbärmde- 
mann und der Ma- 
donnafigur für Metz 
griff der Künstler bei 
der Ausführung zum 
roten Marmor, um, 
wie er sagt, auch da- 
durch die deutsche 
Art zu unterstreichen. 
Er hat als erster wie- 
der auf die Vorzüge 
unserer heimischen 
Marmorarten hinge- 
wiesen und verwendet 
sie selbst am liebsten 
bei seinen Arbeiten. 
Auch im .Material hat 
er aus dem Studiuai 
der Alten Neues zu- 
tage gefördert. 




.M. IIF.II.M.^IER 



St. .Antoniuskirche zu Nürnberg 



So hat er z. B. bei der von Architekt Schmitz 
erbauten .A-Utoniuskirche in Nürnberg farbige 
Keramik verwandt. Die Figur des hl. Anto- 
nius ist aus weiß und braun glasiertem Stein- 
zeug hergestellt. Aus farbiger Majolika sind 
auch die beiden Reliefs zur Seite: »Antonius 
verteilt sein Brot an die Armer.« und > Anto- 
nius predigt den Fi- 
schen«-. Auch der 
Christuskopf mit den 
Engeln über der Ein- 
gangstüre ist in leb- 
haften Farben gehal- 
ten, damit er aus dem 
überschatteten Ein- 
gang hcrausleuchtet. 
Heilmaier weiß wie 
wenige Bescheid über 
die Anwendung der 
Farbe in der Plastik. 
Er weiß, daß sie in 
den meisten Fällen 
durch die örtliche 
Situation bedingt wird 
- hellen oder dunk- 
leren .Aufstellungsort 
der Figuren, farbige 
Umgebung — auch 
an die Symbolik der 



Die christliche K(i] 



NEUE ARBEITEN VON MAX HEILMAIER ®i^ 




MAX HEILMAIEK 



KAPITAL (WIKZER) 



FrUJhof. — Text S. 6 



Farben wäre zu denken und daran wie z. B. 
die Alten das Gold als höchsten Trumpf aus- 
spielten, wo nichts anderes mehr wirken 
konnte — lauter Dinge, die das Nachdenken 
der üblichen Faßmalerei nicht beschweren. 




man; HEILMAll-IK 



■ Fricdko/. — Text S. 6 



Zu seinen neuesten Ar- 
beiten zählt die Madonna 
für einen Ziborien altar im 
Dom zu Metz (Abb. nach 
S. i6). Heilmaier führte die 
Madonna und das Relief der 
Predella in rotem Marmor 
aus. Diese schönen Arbei- 
ten scheinen uns auch da- 
durch bemerkenswert, als 
in der Lösung dieser Auf- 
gabe auch einmal die Kon- 
sequenz des künstlerischen 
Charakters über die übliche 
konventionelle Auftragser- 
teilung siegte. Als Motiv 
war vorgeschlagen, die üb- 
liche Lourdesfigur. Das 
widerstrebte dem Künstler, 
der vorschlug, dieses Motiv 
auch einmal ins Deutsche 
zu übertragen. Er drang 
mit seiner Ansicht durch 
und so entstand dieses über- 
aus volkstümlich anmuten- 
de, holdselige Bild der Jung- 
frau Maria, der Rose ohne Dornen und der 
Taube »sonder Galle«. \'on gleichem Geiste 
der Gottesminne beseelt, sind auch die Re- 
liefs, Verkündigung und Geburt Christi (Abb. 
S. 15). 

Heilmaiers Schaffen auf 
dem Gebiete der Profan- 
plastik bildet gewisserma- 
ßen die Ergänzung zu sei- 
ner kirchlichen Kunst. Es 
bedarf kaum noch des Hin- 
weises, daß dieses Gestal- 
ten, Formen und Bilden 
aus dem gleichen Geiste 
eines harmonisch gestimm- 
ten KunstwoUens fließt, daß 
es sich vielfach unter den 
gleichen Bedingungen und 
Umständen vollzieht. Und 
doch bleibt der Künstler 
nie bei einer gelungenen 
Lösung stehen und wieder- 
holt sich nie, sondern wan- 
delt mit der neuen Aufgabe 
immer wieder die Gestal- 
tungsweise, zeigt Reichtum 
und Mannigfaltigkeit der 
Ausdrucksformen und pla- 
stischen Motive, beherrscht 
und gebändigt von einem 
sichern festen Stilgefühl. 
Sein Können erstreckt sich 



KAI ,1 AL (WIXZEKIN) 



NEUE ARBEITEN VON MAX HEILMAIER 





i 






MAX HKII.MAIKK, SCHWALBE l N'D MARDER 
urztragtr. St. Moritzkafetlt iyi Sümlc'g. — Trxt .S. 



dabei nicht nur allein auf die figürlichie Seite 
der Plastik, sondern zeigt sich ebenso bereit 
und gestaltungskräftig im Ornamentalen, im 
Arabesken und Schrift, wie in der Beherr- 
schung jedes bildnerischen Materials. Die tek- 
tonische Plastik bleibt insbesondere sein 
eigentlichstes Feld. Im besonderen wendet er 
sich hier der Hausplastik zu. Besitzt er doch 
alle die künstlerischen Eigenschaften dazu, 
ein eindringendes Verständnis tür die Bedingt- 
heit von Plastik und Architektur, materialge- 
rechte tektonische Gestaltungsgabe, poetische 
Erfindung und Volkstümlichkeit. 

Glänzende Beispiele dafür bilden seine Ar- 
beiten am Sparkassengebäude in Bozen, am 
neuen humanistischen Gymnasium in Nürn- 
berg und neuerdings am Neubau der Rheinisch- 
westphälischen Sprengstoff-Fabrik in Nürnberg 



(Architekt Stirn, Köln t) und die an dem von 
Architekt Schulz, Nürnberg, erbauten Haus 
Goll (Abb. S. 12). 

Ein Künstler, dem eine so rege Phantasie 
und vielseitige Gestaltungsgabe, eine solch 
kräftige Energie der Formgebung zu Gebote 
steht, mußte natürlich auch das Gebiet der 
Medaille und Plakette um neue Schöpfungen 
bereichern. 

In der Tat hat auch Heilmaier eine Reihe 
fein empfundener Bildnisplaketten geschaffen, 
die in Bronze gefaßte, dauernde menschliche 
Dokumente darstellen (Abb. S. 17 — 19). 

Besonders anziehend erscheinen dieMedaille 
auf den achtzigjährigen Vater und das damals 
sechsjährige Töchterchen des Künstlers, ferner 
das Bildnis von Schiestl (A'ater) und das des 
Architekten Schmitz. 





.MAX HElUMAlüK, SEIKENBLASKR LND PAUKENSCHLÄGER (iCHLCi>Sl EIN) 
Fritdhc/ in Mrran, ArMtrkl Frof. "Tos. Schmitt 



€^ NEUE ARBEITEN VON MAX HEILMAIER ®» 





MAX HEILMAIER, KIXDERFIGÜREN AM HAUSE GOLL IN NÜRNBERG 
Text S. II 



Repräsentative vornehme Medaillen schuf 
Heilmaier auf den Erzbischof von Bamberg und 
eine aus Anlaß des vom Geheimen Kommer- 
zienrat Petri gestifteten Kunstausstellungs- 
gebäudes in Nürnberg. Die Medaille spiegelt 
als Kind der Zeit die Stimmungen und Er- 
eignisse des Tas;es, daher auch Heilmaier 



verschiedene Medaillen auf den Weltkrieg ge- 
schaffen hat. Unter dem Zeichen der Zeit 
steht auch die Gestalt eines wehrhaften Ritters, 
der eine mehrköpfige Hydra bezwingt; wenn 
man will, ein Symbol deutschen Rechts (Abb. 
S. 25). Wie sich das Gegenwärtige sichtbar 
mit dem Vergangenen verknüpft und wie 





.MA\ HEILMAIER, KRIEG UND FRIEDEN. SPRENGSTOFF-FABRIK NÜRNBERG 
Text S. II 



NEUE ARBEITEN VON MAX HEILMAIF^R €Sa 



'3 




MAX IIKILMAIER 



y->ir eint Dor/kirche in Mt.Uitz 



immer wieder die Geschelinisse des gegen- 
wärtigen Lebens in typisciie Formen alter 
Symbole eingeschlossen werden, dafür spricht 
das große Epitaph zum Gedächtnis des Welt- 
krieges für die Heiliggeistkirche in Nürnberg 
(Abb. S. 27). Es verkörpert den Auferstehungs- 
gedanken. Christus erhebt sich in macht- 
voller Gestalt über einem apokalyptischen 
Reiter, eine Gestalt im Sinne der Otlenba- 
rung Johannis: »Und siehe, ein filbes Roß 
und drauf saß der Tod, und das Totenreich 
folgte ihm nach und ihm war Macht gege- 
ben über die vier Teile der Erde zu töten 
durch Schwert, Hunger und Seuchen«. Die 



Inschrift im Sockel lautet: Der Tod ist ver- 
schlungen in den Sieg. I. Kor. 15, 54. Eine 
andere mustergültige Lösung der Aufgabe, 
Kriegerdenkmäler und Gedenkzeichen auf 
dem Lande, in der Nähe und im Einklänge 
mit der Ortskirche auszuführen, stellt das 
Kriegerdenkmal in Zirndorf bei Nürnberg 
dar (Abb. S. 22). 

Heilmaier steht mit seinem Schaffen, Den- 
ken und Fühlen mitten im Leben der Gegen- 
wart, er bemüht sich die ihm von allen Seiten 
zuströmenden Aufgaben nach Maßgabe der 
gegebenen Verhältnisse und Umstände die 
bestmöglichen künstlerischen Lösungen zu 



14 



esaa NEUE ARBEITEN VON MAX HEILMAIER mam 




MA\ HEILMAIER 



HL. FRAKZIiKL S 



,>iizhi,iueritiosf,r zu Nu 



n.itteln die Schönheit alter, 
ewig neuer Ideen immer wie- 
der aufs neue sichtbar macht, 
wie er in seinen kirchlichen 
wie in seinen profanen Schöp- 
fungen sich stets um gesetz- 
mäßige Gestaltung bemüht 
und mit seiner Kunst im har- 
monischen Einklang mit an- 
deren Künsten steht und so 
Plastik und Architektur, Form 
und Farbe zu höherer Überein- 
stimmung bringt, das sichert 
seinem Schaffen und seinen 
Werken den Wert und die Be- 
deutung stilbildender Schöp- 
fungen.') 

Gegenüber den vielfach 
zersplitterten problemati- 
schen Äußerungen modernen 
Kunstlebens, bestätigt diese 
ruliig gesammelte, stilbil- 
dende Kraft des Künstlers 
aufs neue wieder die Wahr- 
heit des Dichterwortes: 

>So ist's mit aller Bildung auch 

beschaffen: 
Vergebens werden ungebundne 

Geister 
Nach der Vollendung reiner Höhe 

streben. 
Wer Großes will, muß sich zu- 

sammenrafien ; 
In der Beschränkung zeigt sich erst 

der Meister 
Und das Gesetz nur kann uns 

Freiheit geben.« 

A. Heilmeyer 



geben. Er beweist mit seinen Arbeiten, wie 
man jeden Augenblick Neues schaffen kann, 
ohne die künstlerische Sprache neu erfinden 
zu müssen. Im Gegenteil besteht gerade die 
Fruchtbarkeit seiner Arbeit im verständigen 
Anknüpfen an eine gegebene Situation und 
Tradition und in der richtigen künstlerischen 
Auswertung solcher. Die Art, wie er über- 
kommene Motive weiter bildet, wie er mit den 
der Plastik zu Gebote stehenden Ausdrucks- 



1) In früheren Jahrgängen der 
Chr. K. erschienen folgende Abbil- 
dungen nach Werken Max Heil- 
maiers : III. Jg. hl. Paulus (Einschalt- 
blatt VI), zwei dekorative Reliefs, 
hl. Jakobus, hl. Bartholomäus, 
hl. Thaddäus, hl. Andreas, hl. Matthäus, Bischofsstuhl und 
Teilbild dazu, Bekrönungstigur, Luitpoldbrunnen ; V. Jg. 
Altarrelief (S. 207) ; — XI. Jg. hl. Jakobus in Rothenburg. 
— — In den Jahresmappen der Deutschen Ges. f. 
christl. Kunst wurden veröffentlicht; Hl. Paulus, hl. Ja- 
kobus d. \., hl. Judas Thaddäus (1904); — hl. Andreas 
(1908); — hl. Cäcilia, David, Kapitale vom Friedhof in 
Meran, Musikempore der Pfarrkirche zu Neumarkt i. Opf. 
(gemeinsam mit Prof. Schmitz), Symbol des hl. Johan- 
nes (1912); — Säemann (1913); in der Mappe 1917 
wird enthalten sein : Marienaltar im Dom zu Metz und 
Gedächtnistafel. n d^^ 



IS 




MAX HEIL.MAIER 




i6 



DIE AUSSTELLUNG IM MUNCHENER GLASPALAST 




M. HEILMAIER 

Marienaltar 



Dom zu Straßiurg. — Ttxt S. , 



DIE AUSSTELLUNG IM MÜNCHE- 
NER GLASPALAST 

IV. Christliche Kunst 
Unserer Überschau über die drei Hauptab- 
teilungen der Ausstellung möge sich schließlich 
die Betrachtung der zu ihnen gehörigen 
Werke der christlichen Kunst anreihen. 
Ihre Zahl ist beträchtlicher als bei früheren 
Gelegenheiten ; der Grund dafür mag in dem 
Ernste des Krieges zu suchen sein, wobei un- 
erörtert bleiben mag, ob hier in der Tat ein 
innerer Aufschwung oder in diesem oder jenem 
Falle vielleicht mehr ein äußerliches und daher 
keine Dauer verheißendes Nachgeben an die 
Stimmung der Zeit zum Antriebe gedient 
habe. Bei vielen Künstlern ist die letztere 
Vermutung zum Glück ausgeschlossen, vorweg 
bei solchen, deren Schaffen schon immer 
nach dieser Richtung gegangen ist, aber auch 
bei andern. Das Emptinden des Beschauers 
wird sich hierüber meist selbst Rechenschaft 



geben können. Beiträge der christlichen 
Art liefern alle Kunstgebiete. 

Beginnen wir mit der Architektur. An- 
ton Bachmann zeigt den Entwurf zur 
neuen Kirche in Windisch- Bergerdorf. 
Schlicht und krältig ist die Form des Ge- 
bäudes, das Anklänge an romanische Art 
aufweist; wuchtig ist der achteckige Turm. 
Das Ganze ergibt eine malerische, für einen 
Landort trefflich passende Gruppe. Hein- 
rich Hauberrisser bringt seinen Wettbe- 
werbentwurf für die St. Korbinianskirche 
zu. München. Er plant einen eintürmigen 
Barockbau, der sich mit seinem beweg- 
ten Umrisse, der durch die schön ge- 
schwungenen Giebel besonders bereichert 
wird, und mit dem rechtwinklig ansto- 
ßenden, gleichfalls barocken Pfarrhause 
zu einem höchst wirkungsvollen, dem 
Charakter des alten München feinsinnig 
angepaßten Bilde zusammenschließt. Das 
Innere der Kirche kennzeichnet sich als 
ein Saalbau mit engerem Altarraume und 
flacher Kuppel. Ausmalung ist beabsich- 
tigt, welche die Wirkung des Raumes 
außerordentlich steigern muß. Wolfgang 
Vogl weist Zeichnungen für die projek- 
tierte Herz-Jesu-Sühne- und Gedächtnis- 
kirche im Hachingertale. Er entwirft einen 
ovalen barocken Saalbau mit viereckigem 
Chor und einem mit einer zierlichen 
Laterne bekrönten Kegeldach; die Form 
des Gebäudes ist anmutig und kräftig zu- 
gleich. Ein schlichter, würdiger Raum 
ist Th. Kollmanns Kapelle in der von 
ihm erbauten K. Universitäts-Frauenklinik. 
Sehr gut ist die Lichtzuführung zu dem Chore, 
den ein Gewölbe mit Stichkappen eindeckt. 
Von Wolfgang Vogl stammen auch zwei 
Zeichnungen von Grabmälern. Das eine, auf 
dem Münchener Waldfriedhofe, besitzt streng 
architektonischen Aufbau von klassizistischer 
Form, das andere, zu Köslach in der Steier- 
mark, ist im Charakter der Volkskunst gehal- 
ten, feldkapellenartig mit Pvramidendächlein, 
in die Friedhofmauer malerisch eingeschlossen. 
Die Plastik bietet nur einige Kleinwerke. 
Eins davon ist bereits in der Jahresmappe 1916 
der Deutschen Gesellschaft f. christl. Kunst 
veröffentlicht worden: H. Faulhabers herber, 
holzgeschnitzter Kruzifixus vor dem Tau- 
Kreuze. G. Brüx-Cleve stellt ein achteckiges 
vergoldetes Gipshochrelief aus; es heißt »Hul- 
digung« und zeigt innerhalb eines ornamen- 
talen Baldachins in schöner, klarer Kompo- 
sition und warmer Auffassung die thronende 
Madonna von Kindern umgeben, die Girlanden 
in den Händen tragen. Von E. Beyrer sieht 




MAX HEILMAIER (NÜRMiLRGj 
MARIENALTAR IM DOM ZU METZ 



^ DIE AUSSTELLUXG IM MÜKXHEXER GLASPALAST eas 




PLAKETTE MARGARETE LKD RLDOLF SCHIESTL 



man dessen schon bekanntes Terrakottareliet und Frauen, die zum Gekreuzigten flehen und 

eines Madonnenkopfes, am Sockel die zarte Trost von ihm erhalten. Beide Werke sind 

Darstellung der Verkündigung. Das Gegen- von großer Schönheit und Tiefe der Emprin- 

stück hierzu ist ein Relief mit dem Haupte düng. Ein von J. Zeitler entworfener, in Bronze 

Christi; der Sockel zeigt einen Sturmangritf gegossener Christus, der für ein Grabmal be- 







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MAX HEILMAIER, MEDAILLE ZLR ERÖFiNUSG DER ALSSTELLCNGSliALLE IN KCRKBERG. - Ttxt S. tl 



Die christliche Kunst. XIV. 



DIE AUSSTELLUNG IM MÜNCHENER GLASPALAST 





MAX IIEILMAIER, MEDAII I,EX DER VATER DES KÜNSTLERS UND M. SCHIEN 



Stimmt ist, steht fast unbekleidet mit erhobe- 
nen Händen auf der Weltkugel. Ein in Holz 
geschnitzter Johannesknabe von W. Barwig 
ist im deutschen Charakter des 1 6. Jahrhun- 
derts gehalten und zeigt naiven Ausdruck, 
sowie besonders wilden Haarwuchs. »Unsere 
Erlösung . von V. Kraus ist ein geschnitzter 
nackterChristus, der vorn übergebeugt schmerz- 
erfüllt an der Erde sitzt — ein in Form und 
Empfindung schönes und ergreifendes Werk. 
— • Auch die Plakettenkunst liefert feine wert- 
volle Stücke. So einen Christuskopf in Eisen 
von L. Penz, eine gleichfalls eiserne Plakette 
»Christus auf dem Meere« von J. Koken, 
zwei Silberplaketten >Verkündigung« und 
»Adam und Eva < von L. Eckart. Religiösen 
Charakter trägt auch 
J. Gangls Bürgerme- 
daille der Stadt Freising. 
Vier Silbermedaillen 
mit den dämonischen 
Gestalten der apoka- 
lyptischen Reiter schuf 
Th.von Gosen, derselbe 
Künstler zwei poeti- 
sche, eiserne Taufme- 
daillen. Von M. Dasio 
enthält die kunstge- 
werbliche Abteilung 
eine sehr schöne Me- 
daille mit der Anbe- 
tung der hl. drei Könige. 
Bei der Malerei 
nimmt vor allem die 
Sondergruppe von Wer- 
ken Felix Baumhauers 
lebhaftes Interesse in 




M. HEILMAIER, MED.AII.LE OTTO SCHULZ 



Anspruch. Den Lesern der »Christlichen Kunst« 
kann über diesen Maler nichts Neues gesagt 
werden. Wohl aber sind seine Leistungen 
neu für sehr viele Besucher der Ausstellung, 
und so wenig auf das Urteil der meisten zu 
geben ist, so zeigt sich doch hier, daß wirklich 
Großes, innerlich Starkes, im besten Sinne Un- 
abhängiges echte Wirkung tut. Wenn auch 
von solchen sachkundigen Seiten, die der 
christlichen Kunst für gewöhnlich fernstehen, 
die Bedeutung Baumhausers unumwunden 
anerkannt, ja wenn er von solchen geradezu 
als Bahnbrecher dieser Kunst bezeichnet wird, 
so ist damit, wie uns längst bekannt ist, nicht 
zu viel gesagt. Ausgestellt hat Baumhauer 
einen großen Teil der Werke, die er schon 
vor einiger Zeit im 
Kunstverein gezeigt 
hat. Dazu gesellt sich 
eine Auferstehung Chri- 
sti, eine wunderschöne, 
warmtönige Madonna 
mitKind, ein St. Johan- 
nes derTäufer mit dem 
Lamm und manches 
andere, dabei auch ein 
auf leuchtende Farben 
gearbeitetes Blumen- 
stück. — Diesen Wer- 
ken lassen sich von 
solchen anderer Künst- 
ler nur die allerbedeu- 
tendsten anreihen. So 
eine ganz in rote Töne 
gehüllte großzügige Vi- 
sion des hl. Franziskus 
von F. Kunz; F.Stahls 



DIE AUSSTELLUNG IM MUNCHENER GLASPALAST 6S2a 



19 





MAX 11I;|I.MA11:K, MEDAILLEN': des KCKSTLERS TOCHTEK, ERZBlSC.liOF \ÜN HALG. - Ttxl S. , 



St. Sebastian, ein Bild von schönster Monu- 
mentalität, das auch kirchhchen Zweclies 
würdig wäre, ferner desselben Künstlers schöne 
»Vertreibung aus dem Paradiese . L. Corinths 
durch mächtige Zeichnung packende > Ge- 
fangennahme Samsons« ergeht sich in wildem, 
überrealistischem Vortrage. )Kain und Abels 
vom t H. Lesker ist eine Aktkomposition 
von schlichter Größe; tiefe Emj^findung 
zeigt auch desselben Malers Heiliger«. Ex- 
pressionistisches Gepräge tragen die lang- 
gezogenen, in grünlichen und bläulichen 
Tönen gegebenen Gestalten der C. Schwal- 
bachschen »Grablegung , E. von Stucks Auf- 
erstehung der Toten ; zeigt den hl. Erzengel 
Michael, der in goldene Rüstung gekleidet, 
von einer Regenbogenglorie umgeben, über 



die Erde schreitet und die Hingeschiedenen 
durch seinen Ruf erweckt. Das Stuck'sche 
Gemälde »Golgatha« ist ein Werk, in dem 
hieratische Auffassung und Naturalismus sich 
zusammenfinden, begreiflicherweise ohne sich 
völlig miteinander vereinigen zu können. 
Der Gekreuzigte ist so herabgerückt, daß seine 
Füße unmittelbar über der Erde sich befinden, 
die Körper der beiden Schacher hängen hoch, 
der linke ist in starker Verkürzung von rück- 
wärts gesehen. Dem Heiland gegenüber 
steht die in einen dunkelblauen Mantel ge- 
hüllte .Maria aufrecht, fast nur als Silhouette 
wirkend, hinter ihr, über dem Rand des Bildes 
nur eben noch halb hervorschauend, joliannes. 
Die Färbung des Bildes ist kühl und ruhig, 
der stärkste Gegensatz durch die dunkle Ge- 





lAX IIEIL.MAIER, .MEDAILLE lOSEPH SCHMITZ. — 7V.r/ 



DIE AUSSTELLUNG IM MÜNCHENER GLASPALAST 




M, HEIL.MAIER 



IlKN KLNSll-HKs TÜCIITEK 



Stak Maria und die weißliche Ciiristi herge- 
stellt. Den Entwurf zu einem Wandgemälde 
»Christus und die Krieger« schuf W. Walter. 
Es fehlt dem Werke an eigentlicher religiöser 
Vertiefung, der Gedanke des Trostes und der 
Erlösung kommt nicht genügend zum Aus- 
drucke. Eine > Auferstehung Christi« von 
E. Pfannschmidt ist ein ernstes Werk in Rem- 
brandtschem Helldunkel. M. Kuscheis »Grab- 
legung« und »Barmherziger Samariter« sind 
dunkeltönige Werke voll Kraft und Ernst. 
Die leider in ganz unpassender Umgebung 
aufgehängte »Pietä« von F. A. von Kaulbach 
ist eine Skizze, die bei größerer Ausführung 
wohl bedeutend, aber kaum besonders an- 
dachterregend wirken würde, da die Gottes- 
mutter dem irdischen Schmerze allzu sehr 
nachgibt. Die Komposition ist aber trotzdem 
groß und ergreifend, auch die Farbe wirkt 
feierlich und stimmungsvoll. Zart und innig 
ist eine »Maria« von P. Rosner. ; Schmerz;. 
von L. Bock zeigt in expressionistischer Art 



die Gruppe der um den Heiland klagenden 
heiligen Personen. Herben Realismus ohne 
Volkstümlichkeit zeigt P. Plontkes Ruhe aut 
der Flucht«. Der hl. Sebastian von W.Jaeckel 
ist eine in lockerer Farbentechnik gegebene 
Expression ohne den Charakter eines Andachts- 
bildes. Eine entzückende, echt deutsche »Le- 
gende . schuf M. Schiestl mit einem Bilde, 
das die gekrönte hl. Jungfrau darstellt, welche 
in einer freundlichen Landschaft sitzend dem 
Kinde zuschaut, das mit Blumen spielt. — 
Die Graphik bietet nur weniges, das hier zur 
Erwähnung Anlaß gibt. Dazu gehört eine 
Reihe von sieben Holzschnitten »Das Leiden 
unseres Herrn Jesu Christi« von H. Lietzmann, 
dem Gedächtnisse der Gefallenen gewidmet. 
Die Darstellungen besitzen kraftvollen Vor- 
trag und üben starke Wirkung auch auf das 
Gemüt. Andere religiöse Graphiken bringen 
W. Klemm, P. Rieth< in besonderer Auffas- 
sung J. Seche und H. Weiß. 

Die kunstgewerbliche Abteilung enthält 
gleichfalls nur vereinzelte Werke christlicher 
Kunst. Hierzu gehören einige sehr fein ge- 
arbeitete, vergoldete Anhänger von L. Gies; 
sie behandeln das Kriegsthema; besonders 
hervorgehoben sei ein Stück mit dem zarten 
Relief des von Soldaten umgebenen gekreu- 
zigten Heilandes. Eine Plastik von großer 
Schönheit ist ein hl. Georg, ein Geschenk 
der Königin von Spanien für den Herzog von 
Braunschweig. Die prachtvoll bewegte Sta- 
tuette wirkt besonders auch durch den Reiz 
des Materials, es besteht aus Silber, das teils 
in seiner natürlichen Farbe belassen, teils ver- 
goldet ist. Die Hof-Wachslichterfabrik von 
M. Ebenböck stellt eine große Zahl von ver- 
zierten Kerzen, sowie von roten oder auch 
vielfarbigen Votivfiguren aus, welch letztere 
nach Formen des 17. und 18. Jahrhunderts 
gegossen sind und den echten altmünchne- 
rischen Charakter tragen. Von Bucheinbän- 
den und -ausstattungen interessieren die in 
spätgotischem Charakter gehaltenen mehrerer 
Gesangbücher, auch einer » Nachdichtung i 
der Bibel; der schöne Pergamentband der 
letzteren gehört zu den Arbeiten K. Eberts. 
Zahlreich sind Glasmalereien. Einige davon 
sind bereits im Kunstverein ausgestellt gewe- 
sen und an dieser Stelle seinerzeit besprochen 
worden. Sie sind von A. Figel, G. van Treeck 
und andern. Während die Figelschen Ar- 
beiten mehr den modernen, jedoch nach 
Auffassung und Technik auf bester alter 
Überlieferung beruhenden Stil aufweisen, fol- 
gen die Treeckschen vorzugsweise alten Vor- 
bildern, sind voll Farbe und Leuchtkraft. An- 
dere Glasmalereien, die Heiligengestalten, 



6^ MCNXERSTADTER GOLDSCHMIEDE €S^ 





MAX IIEILMAIER, PORTALI IGLREK AM SCHI.OSS ZU MAIKBERG 
MuscktlkaH- 



auch ganze Szenen darstellen, zeigen Nach- 
bildungen alter, z. T. Dürerscher Holzschnitte 
und Kupferstiche. Im ganzen ist die Ausbeute 
für den, der nach christlichen Werken sucht, 
innerhalb der kunstgewerblichen Gruppe be- 
dauerlich gering. Besonders vermißt man 
kirchliche Geräte, Paramente uud dergleichen. 
Das liegt nicht an etwaiger Auswahl durch 
die Ausstellungsleitung, sondern an dem Man- 
gel geeigneter Einlieterungen. Dem kirch- 
lichen Kunstgewerbe größere Aufmerksam- 
keit zuzuwenden, dürfte für den Bayerischen 
Kunstgewerbeverein zu den wesentlichen Er- 
fordernissen unserer Zeit gehören ; wenn die 



Glaspalastausstellung durch das gekennzeich- 
nete Ergebnis hierzu beitragen würde, so 
könnte das zu ihren besten Erfolgen gehören. 

Doering 

MÜNNERSTADTER GOLD- 
SCHMIEDE 
IM 17. UND iS. JAHRHUNDERT 

In dem Werk >Die Kunstdenkmäler des 
Königreichs Bayern«, 3. Bd., Heft X. (Stadt 
u. B. A. Kissingen) sind mehrere Erzeugnisse 
der Goldschmiedekunst benannt, welche neben 
einer Meistermarke das bis dahin unbekannte 




M. HEILMAIER KRIEGERDENKMAL IN ZIERDORF 

Muschtlkalk. — Text S. 13 



23 




ER ßirrE^iHeFROHLICHEAVF 
ERSIHVMGvGLN/CKSEliGECwiG 
KEtTo6.DREi GESCHV/iSTERTEN' 

ANASTASiA J' EÜSABETtl 
^GEORG HABERSTOCK 



MAX HEILMAIER 



EPITAPHIUM HABERSTOCK 

Natttenspatrone lier Ctschwistrr HaUrxtock. — Ttxt S. 6 



24 



e^ MÜNNERSTADTER GOLDSCHMIEDE ^ 




M. HEILMAIER 



HL. BARBARA 



Beschauzeichen M aufweisen. Es lag nahe, 
hier »wohl sicher« Münnerstadter Beschau 
anzunehmen. Daß diese Annahme unzwei- 
felhaft richtig ist, sollen die folgenden No- 
tizen beweisen. 

Nach Ausweis der Matrikelbücher der 
Pfarrei Münnerstadt und einiger Schatzungs- 
register im Rathaus daselbst waren vom 
i6. — 18. Jahrhundert in Münnerstadt Gold- 
schmiede ansässig. Die ältesten dieser Quellen 
nennen aus dem Jahr 156S einen Peter Neun- 
dorffer und Lorenz Neuntheuer (?). 161 3 wird 
ein Peter Reuß als aurifaber von Münner- 
stadt genannt. 



Genaueres läßt sich von zwei Kunst 
lern aus der Familie Gattenhofer sagen 
die wohl zu den bedeutendsten Vertre 
tern dieses Kunsthandwerks gehören. 

In der Kirche zu Windheim (Pfarrei 
Steinach) ist eine Monstranz, die seiner 
zeit durch besondere Umstände der Denk 
mäleraufnahme entging. Sie darf als 
ein sehr gutes Werk bezeichnet werden 
ganz von Silber, der Fuß mit getriebe- 
nen Fruchtstücken bedeckt, die Öffnung 
der Sonne herzförmig, rechts und links 
davon je ein stehender Engel in langem 
Gewand mit Palmzweig und Lanze, 
bezw. Rohr mit Schwamm, über der 
Mitte der Öffnung ein Brustbild der 
schmerzhaften Mutter, darüber zwei En- 
gel als Putten mit Rohr und Dornen- 
krone, bezw. Hammer und Nägeln. 
Zwischen Schaft und Sonne ist ein 
Wappenschild mit graviertem W^appen 
eines Deutschherrnordensritters aufge- 
schraubt, welches das Familienwappen 
der Forstmeister von Gelnhausen zeigt 
und demnach auf den Comthur Philipp 
Benedikt hinweist. 

Diese Monstranz trägt zweimal das 
Beschauzeichen M und die Meister- 
marke Q . Der Meister ist kein anderer 

als Wolfgang Balthasar Gattenhofer, 
dessen Trauungs- und Sterbedatum sich 
in der Matrikel finden. In dem Schat- 
zungsregister von 1684 ist er aufgeführt 
als: Hl. Wolff baltzer Gattenhoff gold- 
schmitt; er war auch Besitzer des Wirts- 
hauses >'zum güldten Hirsch« ; interes- 
sant ist dabei, daß die Hirschenwirts- 
nutzung zu 20 fl., sein Handwerk als 
Goldschmied zu 120 fl. angeschlagen 
war. Ob er seine Lehrzeit etwa in 
Münnerstadt zugebracht hat, wird sich 
kaum feststellen lassen. Er war der Sohn 
eines Würzburger Amtskellers (cellarii) 
in Ebenhausen, ist 1667 und 1675 in Münner- 
stadt getraut worden und starb 1719 am 
29. März; er gehörte auch dem Rate an und 
war offenbar ein angesehener Mann; sepultus 
jacet prope altare Corporis Christi. 

Seine Meistermarke trägt auch das Ciborium 

in Steinach (die Lesung 5 im obengenann- 
ten Werk, p. 218, ist irrig), das auch in der 
ganzen Art die gleiche Hand verrät. Daß 
diese beiden Stücke sich als Stiftungen von 
Adeligen erweisen, mag auch als ein Zeug- 
nis für den Ruf des Meisters gelten. 

Seine Werkstätte bestand fort unter seinem 




MAX HEILMAIER (NURNBERÜJ 
ERBÄRMDE-CHRISTUS (NISCHENFIGUR) 



DIE KLXST 1)I:M \C)LKF. <S£*a 



25 



Sohn Alexander Gattenhofer, geb. 1 686, 
19. März, gestorben 174 1. Offenbar 
gehört die Meistermarke AIG ihm zu. 
Das J dürfte als Joseph zu lesen sein, 
das urkundlich nicht nachzuweisen ist. 
aber durch seinen Tauftag (Josephstag] 
erklärt werden kann; außer dem Kelch 
in Aschach von 1710 ist ein Kelch in 
Niederlauer und Windshausen mit die- 
ser Marke versehen. 

Wolfgang Balthasar hatte auch einen 
Sohn gleichen Namens, von dem sich 
keine weitere Nachricht findet. 

Etwas früher und teilweise gleich- 
zeitig mit dem älteren Gattenhofer 
waren tätig Michael Keß, 15S9 — 1647 
und dessen Sohn Johann Michael Kcl.v 
1625 — 1675. In der Schätzung von 
1727 ist auch ein Goldschmied namens 
Johann Michael Römer eingetragen, 
dessen Handwerk zu 30 fl. angeschla- 
gen ist. Dieser starb schon 1732 im 
Alter von 32 Jahren »febri maligna«. 

Aus diesen kurzen Notizen darf man 
wohl mit Recht annehmen, daß manche 
schöne Werke, die weder Beschauzei- 
chen noch Meistermarke tragen, ein- 
heimischen Meistern zuzuschreiben 
sind. J. Höh, Plr. 

DIE KUNST DEM VOLKE 

30. Heü 

(P. |OS. KREITiM.'ilER S. [., EDWARD VOX STEIMLE) 

Cchnell ist dem 29. Hefte der >Kunst dem 
Volke<, das die Dome von Mainz und Worms 
behandelte, das 30. gefolgt. Es wendet sich, 
wie so zahlreiche seiner Vorgänger, einem 
Thema der Malerei zu, und zwar wieder einem 
solclien, das dem 19. Jahrhundert angehört. So 
fängt eine Gruppe dieser Veröffentlichungen an, 
größere Vollständigkeit zu gewinnen. Wir er- 
hielten bisher Monographien über L. Richter, 
Führich, Schwind, Horschelt, Cornelius, Spitz 
weg, Waldmüller und die .-Vdams. Ihnen schliel!: 
sich jetzt der Edelsten einer au, der Irommc, 
tief gemütvolle Edward von Steinle. Den Text 
schrieb P.Jos. Kreitmaier S. J. Er hat eine der 
ausgezeichnetsten Arbeiten dieser ganzen Reihe 
geschaffen, eine Studie, die in die Tiefe geht, 
die leitenden Gedanken plastisch herausarbeitet 
und ihre Bedeutung klar micht, sich in großem 
Zuge hält und das Einzelne, das Kleine in sei- 
ner Beziehung zum Ganzen betrachtet, das ohne 
jenes unvollständig wäre. Geistvoll ist Steinle 
als Landes- und Geistesgenosse Martin Schon- 
gauers und des aus Schwaben gekommenen 
Stephan Lochner, somit als Zugehöriger der 
schwäbischen Schule aufgefaßt, die in seiner 
Kunst eine späte, vollendet reife und prachtvolle 
Nachblüte erlebt habe. Zur Bestätigung dieses 
Gedankens, der mehr ist als eine blendende 
Schönrednerei, weist Kreitmaier auf Steinles 
185 6 gemalte Madonna im Rosenhag hin. In der 




MAX HEILMAIER 



DAS DF.fTSCIIE RECirr 



Die christliche Kunst. XIV. 



26 




MAX HEILMAIER 
PLATTE FÜR DEN LIEGESTEIN, DEM BÜRGERMEISTER GEH. RAT DR. VON SCHUH 
FÜR DIE SEINERZEITIGE GRABSTÄTTE AUF DEM JOHANNISFRIEDHOF IN NÜRN- 
BERG FÜR SICH UND SEINE GE.MAHLIN BESTELLT HAT 



^ DIB KL'XST DEM VOLKE e^ 



27 



Tat muß man seiner Auffassung Recln geben, lienn 
in diesem entzückenden Bilde waltet der lebendige 
Geist der alten deutschen Kunsthcrrüclikeit, und es 
ist keine Spur des so häutigen äußerlichen Nachah- 
mens darin zu spüren, das man als SclialTen »im 
Sinne« dieser oder jener älteren Kunstrichtung zu 
bezeichnen liebt. Steinle schuf als echter Künstler 
zeitlebens nur Werke in seinem eigenen Sinne. — 
Steinles Familie st.iramte aus Schwaben ; er selbst 
war 18 10 zu Wien geboren, sollte erst die Musik 
studieren, wandte sich aber frühzeitig der Malerei zu. 
Von Wien ging er nach Rom, wo er von Ovcrbeck 
herzlich aufgenommen wurde, der nicht ohne Ein- 
fluß auf ihn blieb, wenn er auch nicht sein Lehr- 
meister war. Es ward ihm zuteil, daß ihn Overbeck 
bei seiner Malerei in der Portiuncula-Kapelle zu .\ssisi 
mitarbeiten Heß. Den weiteren Gang von Steinles 
Wirken und Leben möge man in dem Hefte nachlesen. 
Er ist 1S86 in seiner zweiten Heimat, Frankfurt am 
Main, gestorben. Für seine Kunst war seine Selbstän- 
digkeit, für sein Leben seine unbeirrt und fest auf 
das Religiöse gerichtete Denkweise, die er auch 
gegen seinen Vater zu verteidigen hatte, maßgebend. 
Seine Begabung lag hauptsächlich nach der Seite 
des Feinen, Intimen, Charakteristischen ; das bewies 
er in Auffassung, Zeichnung und Farbe. Dennoch 
setzte er es durch, auch seine Aufträge für Monu- 
mentalaufgaben gut, ja einzelne vortrefflich zu lösen, 
und er selbst glaubte sich gerade für sie besonders 
befähigt. Zu Steinles besten derartigen Arbeiten 
gehören die Fresken im Straßburger Münster, ebenso 
sein berühmter >Großpönitent!ar<. Auch als Glas- 
maler leistete er Bedeutendes. Seine erzählenden 
Darstellungen religiösen und weltlichen Inhalts sind 
wundervoll tief in der Charakterschilderung, von 
großer Schönheit im äußeren Vortrage- Zu den voll- 
endetsten dieser Werke gehört Steinles «Heimsu- 
chung Maria« in der Karlsruher Kunsthalle, nicht 
minder sein >Guter Hirt<. Das Dramatische ent- 
sprach seiner Art weniger, als das Episch-Legendare. 
Als Porträtist schuf Steinle vorzüglich gelungene 
Werke. Seine Hauptstärke aber lag im religiösen und 
profanen Stimmungsbilde. Namentlich sind seine 
Mariendarstellungen voll entzückender Poesie. Eins 
der bewundernswürdigsten dieser Werke, der edelsten 
eines, welche die deutsche Kunst neuer Zeit ge- 
schaffen hat, ist das von aller Fessel der Tvpik 
freie Votivbild der Frankfurter St. Leonhardkirche. 
Wundervoll in seiner Einfachlieit ist »Christus und 
die Seele«, voll Lieblichkeit sein »Schaukelengel«. 
Das Interesse Steinles auf die profane Romantik hin- 
gewiesen zu haben, ist besonders das Verdienst Bren- 
tanos, dessen Märchen und Dichtungen aus vielen 
Werken des Künstlers widerklingen. Interessant sind 
auch die Zeichnungen zu Shakespeare. — \'on dem 
reichen Inhalte des Heftes konnte hier nur einzelnes 
angedeutet werden. .Auch illustrativ gehört es zu den 
besonders reichen der ganzen Folge. Es hat 66 .■Abbil- 
dungen, die mit Sorgfalt aus dem großen Schatze 
Steinle'scher Kunst ausgewählt sind. Den .•\nf;mg 
macht die Madonna Fomana. Von den übrigen 
wichtigsten, die icli zuvor noch nicht genannt habe, 
seien nur ein paar herausgegriffen: der Prophet Daniel, 
die tiburtinische Sibylle, Jesus und Nikodemus, die 
Steinigung des Stephanus, die Franziskusbilder, der 
Türmer, Wolfram von Eschenbach, das Bildnis Jo- 
sephs von Görres; als Probe von Steinles Humor sieht 
man den lustigen »Hexenschuß«. Zum Titelbilde 
wurde des Künstlers Selbstbildnis vom Jahre 1879 
gewählt. — Das neue Heft wird sicher viele Freunde 
finden. 




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ZUM VIERZEHNTEN JAHRGANGE 




.MA\ lll-.ILMAIER 



ENTWURF ZU EINEM ElIRENGRAB 



ZUM VIERZEHNTEN JAHRGANGE 

So ist denn der neue Jahrgang der vierte, 
der während des Krieges beginnt. Unser Wille, 
die Zeitschrift allen Schwierigkeiten zum Trotz 
wie bisher weiterzuführen, steht aufrecht. Was 
uns hierzu am meisten ermuntert, ist die Hal- 
tung unserer vielfach im Felde stehenden 
Künstler, ihre erfrischende Teilnahme an 
den Kunstangelegenheiten in der Heimat, ihre 
Sehnsucht, nach bereitwilligst getaner Pflicht 
für das Wohl der Daheimgebliebenen wieder 
dem Zuge ihres Herzens feigen und der christ- 



lichen Kunst leben zu dürfen. Dazu tritt die 
tröstliche Wahrnehmung, daß auch im Klerus 
die Teilnahme an unseren heilig ernsten Be- 
strebungen noch nicht erlahmte und die Hoff- 
nung, daß aus seinen Kreisen nach dem Kriege 
der Kunst werktätige Förderung erwachsen 
wird. Von den gebildeten Laien sodann 
möchten wir annehmen, daß sie in unserer 
schweren Zeit gediegene Kunst verlangen und 
deren Unterstützung mit der Geistlichkeit 
teilen. Alle bisherigen Abnehmer werden 
wohl unsere opferfreudige Treue ihrerseits 
mit Treue vergelten. s. Staudhamer 



Für die Redakti 



lieh: S. SlauJh.imsr (Proracn.ideplatz 5); VerLig der Gcscilschift für christliche Kunti, GmbH. 
Drtck von F. Bruckmann A.G. — Sämiliche in München 




HANS AN'GERMAIR (MÜXXHEX) 

Bemalte Hotzia/el. Kreuzgang der Stiftskirche ; 



KRIEÜSGEDENKTAFEL: JOKAS 

Altöttine 



DER TAUFSTEIN IN DER MARIENKIRCHE ZU REUTIJNGl-N 



Von ANTON 
(Vgl. Abb. S 

Der Glanz der Hohenstaufer war im Ver- 
bleichen. Reutlingen, heute eine der blü- 
hendsten Städte des Schwabenlandes, einst 
durch die Staufer hochgekommen, hielt ihnen 
die Treue, als die Verhältnisse unter Fried- 
rich II. zu einem Gegenkönig in Heinrich 
Raspe geführt hatten. Dafür wurden die Reut- 
linger von den Staufengegnern hart bedrängt. 
In ihrer Not machten sie ein Gelübde zur 
Muttergottes. Ihr zu Ehren wollten sie eine 
Kirche bauen, wenn sie siegreich blieben. 
» . . . . Beata autem Maria, preces ipsOrum 
exhaudiens, hostes fugavit, unde subito pro 
magistro dicte capelle miserant, laudabile opus 
incipiendo . . . . « 

So erzählt der Schulmeister Konrad Spechts- 



PFI-FFER 

35 unJ 35) 

hardt in Reutlingen in seinen Erläuterungen 
zur Reimchronik Hugo Spechtshardts, der 
1395 starb. 

Also erhob sich ein spätromanischer Chor- 
bau, der um 1275 einem Münster, dem im 
wesentlichen heute noch stehenden, im frü- 
hen gotischen Stil Platz machte. Die Längen- 
ausdehnung wurde auf 70 Meter, die Breite 
auf 24 Meter festgesetzt. Bis 1543 bauten die 
Reutlinger an ihrer Marienkirche. Wer dieses 
herrliche Gotteshaus entworfen, wer der Mei- 
ster war idieser schöpferisch neuen, einheit- 
lich großen Fassade, wie sie nur ein Bau- 
meister ersten Ranges wollen konntec; keine 
Urkunde sagt es; die Kunstgeschichte weiß 
nur um die auffallende Ähnlichkeit des Zei- 



chrisüiche Kunst. ,\1\'. 



By 



DER TAUFSTEIN IN DER MARIENKIRCHE ZU REUTLINGEN 




HANS AXGEKMAIR 

Rrlii/ i 



chens des Meisters Peter von Reutlingen 
mit den Meisterzeichen der Arier an der 
Gmünder HL- Kreuzicirche. Und der Kunst- 
freund weiß, daß dieses Zusammenklingen 
von Turm Fassade und SchifT, dieses in Schwa- 
ben sonst so seltene Strebewerk über den 
niedrigen SeitenschiBen, diese Wandarkaden 
im Innern, dieses Hochwerk mit seinen 
Musterbeispielen reifer Gotik, der gerade ge- 
schlossene Chor mit seinem »ungewöhnlich 
ernsten Gesamteindruck«, die eigenartigen 
Zahlenverhältnisse, welche Turm und Kirche 
durchklingen, daß das Ganze mit seiner die 
gotischen Formen so zart und herb geben- 
den Linienlührung ein kostbares Vermächt- 
nis des Kunstschaffens der Altvorderen auf 
schwäbischen Boden ist. Nicht umsonst schreibt 
der Landeskonservator 1901 in seiner Mono- 
graphie über die Kirche aus Anlaß ihrer Re- 
stauration : ;,Die majestätische Schönheit die- 
ses Innenraumes, weise und anmutsvoll zu- 
gleich, dank der schlichtkeuschen und doch 
elastisch -kräftigen Formengebung der Hoch- 
gotik stimmt zur Andacht der sich hier 
sammelnden Gemeinde; kein empfängliches 
Gemüt wird sich diesem Eindruck entziehen«. 



Dabei geht Prof. 

Gradmann der 

»Schönrednerei« 

sonst aus dem 

Wege. 

Dem Werke und 
seinem kostbaren 

Inhalte sollten 
schwere Stürme 
bevorstehen. Auf 
die Reformation 
kommen wir nach- 
her kurz zu spre- 
chen. 

Die große Feuers- 
brunst, welche 1726 
Reutlingen heim- 
suchte, glühte die 
Kirche so aus, daß 
es ein wahresGlück 
ist, daß das Ganze 
unsere Tage sah. 
Diejahre nach 1726 
brachten wohl eine 
Erneuerung, aber 
diese deckte z. B. 
die herrlichen Pfei- 
ler des Schiffes und 
die Wandarkaden 
derSeitenschiffezu. 
1893 l^'s 1901 wur- 
den dem Ganzen 
seine ursprünglichen Formen gegeben, soweit 
es irgend möglich war, mit über i Million 
Bauaufwand. Nur der Turm erhebt sich 
noch, geschwärzt von Rauch, notdürftig »ge- 
flickt« und harrt noch einer durchgreifenden 
Erneuerung. 

Wie schon angedeutet, gingen die Unruhen 
der Reformation über die Kirche hinweg. Ja, 
Reutlingen führte dieselbe als eine der ersten 
Städte Schwabens ein. Der Taufstein über- 
stand, wie das hl. Grab, alle Fährnisse des 
Bildersturms, wenn es auch nicht ohne schwere 
»Beulen« abging. Laut Inschrift stammt er 
aus dem Jahre 1499. Der ganze Aufbau wird 
durch Strebepfeiler in acht tiefe Nischen ge- 
gliedert. Die Strebep feiler zeigen wec h sein de 
Gliederungsmotive im Filigranwerk der Bal- 
dachine, der niedlichen Pleilerbündel, wie 
der achteckigen zierlichen Sockel. Auch un- 
sere Abbildung läßt das eikennen. Bei den 
ineinander geschachtelten, einander durch- 
dringenden Plättchen der Zwergsockel konnte 
»der Meister im kleinen zeigen, wie er sich 
auf die Kunst des Achtorts verstand;. Die 
Literatur anerkennt den künstlerischen Wert 
des Taufsteins, wenn er auch meist mit kur- 



KRIEGSERINNERUNGSTAFEL : 
d^r Stiftskirche in Attöttiiig 



DER TAUFSTEIX IN DER MAKIENKIRCHE Zf REUTLIXGEX 622a 31 




HANS ANGERMAIR (MCNCHI;\, 
Patmna Bava 



GEDKNKTAFEI. KCR t.EFAl.l.HNE KRIEGKK 
null. Sli/Iskirche in All.'llmg 



zen Worten abgetan wird. B o d e spricht 
von der großen Anmut und Meisterschaft der 
miniaturartigen Ausführung der Aposteista- 
tuetten und malerischen Reliefs. In»Keppler: 
Kunstaltertümer s ist von einem vorzüglichen 
und feinen Werk die Rede. Beda Klein- 
Schmidt zählt das Werk in seinem > Lehrbuch i 



zum Schönsten auf diesem Gebiet. Greifen 
wir auf unseren wackeren Johann Fizion zu- 
rück, so rühmt er vom hl. Grab und unserem 
Taufstein : 

»Zwai rechte Kunststuckh mich vermerk. 
Von schenem stain und Bilder werkh, 
Wirst nit bald linden ihresgleichen 



5* 



DER TAUFSTEIN IN DER MARIENKIRCHE ZU REUTLINGEN 




HANS ANGERMAIK 

In Aidenbach (Niederbaye 



KlUEGSGEDENKTAFEL 
Au/ Holz gemalt 



So ihn an Kunst war zu vergleichen. 
Sehr schön nach der Bildhaver kunst 
Dran nichts vergessen und umsonst, 
Mit klein und großen Bildern alt 
Gemacht nach lebendiger Gstalt, 
Daß einer fragen möcht hierbey 
Ob es auch immer Miglich sei, 
Daß man aus harttem Stein und Kalch 
Kendt machen Solch Englisch Gstalt. < 
Doch wieder zum Werk selbst! Auf den 
Pfeilern stehen nacheinander die Apostel : 
Jakobus der Jüngere, Petrus, Paulus, Johannes, 
Andreas, Bartholomäus und Philippus, im 
ganzen acht. 

Es ist fortgeschrittene Kunst des späten 
Mittelalters, die uns entgegentritt. Der Stand- 



und Spielbeintyp verschwindet fast 
unter der Fülle der Gewandung. 
Der Schwung in der Gewandfaltung 
erinnert an oberschwäbische Schnitz- 
werke. Das Zeitalter des Meisters 
stand nicht im Zeichen der — Klei- 
derkarte I Ausdruck und Haltung 
sind immerhin würdevoll und natür- 
lich. Der Sinn für das Statuarische 
klingt nach. Die Ausführung der 
Apostel im einzelnen ist, wie schon 
die Literaturvermerke sagen, überaus 
fein. Die Hände z. B., so klein sie 
sind, zeigen zartes Geäder. Mit 
welcher Liebe zum Gegenstande hat 
da der Meister gearbeitet. 

In den Köpfen der Apostel ist 
mit Ausnahme von zweien ein ge- 
wisser einheitlicher Typus gewahrt : 
magere Gesichter, vorstehende 
Backenknochen ; scharf heraustre- 
tende schmale Nasen; liebevoll mo- 
dellierte Augen- und Stirnpartie, 
mehr oder weniger mit einem Aus- 
druck ins Ernste; dünner Schnurr- 
bart mit strähnig verlaufendem, in 
der Mitte schwach auseinander tre- 
tendem Backenbart; Haar ebenso 
verlaufend, über den Ohren breit 
abstehend. Alles in allem: köstliche 
S c h w a b e n g e s i c h t e r . 

DieApostel Bartholomäus und 
Johannes haben andere Modellie- 
rung des Kopfes im einzelnen: mehr 
quellende und stumpfe, als scharfe 
Formen ; sie stehen damit im Ge- 
gensatz zu den übrigen Figuren. 
Auch ist ihr Haar gelockt, nicht 
strähnig, die Augenbrauen sind hoch- 
gezogen. Der aszetische, magere 
Typus hat volleren Formen Platz 
gemacht. Man hat es hier wohl mit 
einer zweiten Hand zu tun. Soweit festzu- 
stellen, sind diese ebengenannten Apostelfigu- 
ren nicht nachträglich angefügt. Sie wachsen 
wie die übrigen aus dem Stein heraus. Da- 
mit muß man sie in die Entstehungszeit des 
Taufsteins zurückversetzen. Auch beim Apo- 
stel Andreas ist eine glattere, fließendere 
Haarbehandlung und weicherer Gesichtsaus- 
druck festzustellen. 

No. 2 des Jahrgangs 1892 der »Reutlinger 
Geschichtsblätter« ist zu lesen: »Ungeschickt 
erneuert wurde der Kopf des Apostels J ako - 
bus«. Eine Nachprüfung zeigt, daß, soweit 
ohne technische Hilfsmittel zu ersehen, Jako- 
bus d. Ältere und Jakobus d. Jüngere keine 
Ergänzung der Köpfe autweisen. Dagegen ist 



€^i DER TAUl-STEIN IN DER MARIENKIRCHE ZU REUTLINGEN R5S9 33 



der Kopf des Apostels Petrus neu, jedoch 
selir gut dem allgemeinen Typus der Köpfe 
angepaßt. Welche Arbeit zu leisten war, er- 
hellt daraus, daß es ein Gesicht von etwa 
Daumenballengröße aufs feinste in Stein durch- 
zumodellieren galt. 

Die sieben Sakramente und die Taufe 
Christi sind in den tiefen Nischen zwischen 
den Pfeilern angebracht und von unüber- 
trefflicher Eleganz und peinlichster Sorgfalt/. 
in der Ausführung. Gradmann schreibt: »Die 
vorderen Figuren sind vollkommen rund und 
vom Grunde gelöst, der Hintergrund aber ist 
zeichnerisch behandelt mit perspektivischen 
Innenansichten von Gebäuden. An die Taufe 
Christi schließen sich rechts herum die Kin- 
dertaufe, Firmung, Priesterweihe, Ehe, Beichte, 
Kommunion und letzte Ölung an. Die Sakra- 
mente sind realistisch dargestellt als liturgische 
Handlungen, merkwürdige Sittenbilderaus der 
mittelalterlichen Kirche am Vorabend der 
Reformation. 

Gradmann hat recht: für »Innigkeit, stille 
Beschaulichkeit, wortkarge Stärke des Gefühls:; 
war die Zeit um 1500 nicht mehr zu haben. 
Aber ein reicher künstleri- 
scher Gedanke ist hier mit 
viel Liebe zum Gegenstande 
glücklich gelöst. Welcher 
Gegensatz dazu: Auftrag- 
geber und Künstler ließen 
kurze Jahre vor den Um- 
wälzungen Albers noch ein 
Werk erstehen, das ein Do- 
kument katholischer Glau- 
benslehre darstellte. Unter 
denjenigen, die sich beim 
Bildersturm mit Ingrimm 
auf die Ausstattung der .Ma- 
rienkirche warfen, mögen 
solche gewesen sein, die 
Werden und Aufstellung 
desTaufsteins sahen. Freude 
an der Kunst hatte auch in 
Reutlingen noch eine Stätte, 
als schon die Sturmeszei- 
chen am Himmel standen. 
Wäre auch das Taufsakra- 
ment zum Streitpunkt ge- 
worden, so wäre unser 
Taufstein wohl kaum auf 
uns gekommen. Tatsäch- 
lich bergen die evangeli- 
schen Kirchen Württem- 
bergs erfreulicherweise 
noch eine große Zahl 
Taufsteine aus der Zeit 
der Gotik. Und da unsere 



Zeitläufte anders denken mit Beziehung auf 
religiöse Heimatkunst, so ist ihre Erhaltung 
gesichert. Schon weil sie Zeugen jener mäch- 
tigen Bewegung waren, die durch unser Vater- 
land ging, haben sie Anrecht auf Pietät, zu- 
mal Ersatz durch stilgeschichtlich Gleichwer- 
tiges nicht immer möglich ist. 

So können wir denn die liebevolle Natur- 
treue des Kunstwerkes, seinen figürlichen 
Reichtum, den eminenten, darauf verwende- 
ten Fleiß auf uns wirken lassen. Mögen die 
schönsten Werke auf dem Gebiet der Tauf- 
becken aus der vor gotischen Zeit in Brenken, 
Hildesheim oder Osnabrück stehen: die Go- 
tik wird auf deutschem Boden den Taufstein 
der Reutlinger .\Larienkirche zum Schönsten 
zählen. 

Auch das kulturgeschichtliche Inter- 
esse darf erwähnt werden. Man vergleiche 
nur die Apothekergarnitur und die »Schuh- 
drolerien« beim Sakrament der letzten Ölung! 
Auffallend ist allerdings der qualitative Unter- 
schied der Relieftiguren. Man halte das blöde 
Gesicht der an den Pfeiler gelehnten, unge- 
schickt auf den Füßen stehenden Figur beim 




VON 1(99 'N" BER .MAUlKNKIRCHi; ZV RiaTI INGI 
lg/. AU. S.JJ. — Ttxt S. ig—jö 



34 



DER TAUFSTEIM IN DER MARIENKIRCHE ZU REUTLINGEN 



Altarssakrament gegen die Bischöfe oder die 
weiblichen Personen in ihrer eleganten Aut- 
machung. Überhaupt stört die vielfache 
Ergänzung der Köpfe. Nur noch we- 
nige Originale sind vorhanden. Bei den vie- 
len — genau 50 — Figuren, die der Taufstein 
im ganzen zählt, ist leicht klar, daß der 
Meister nicht alles allein schuf. Die vom 
Landeskonservator getadelte falsche Ergän- 
zung des die Kommunion spendenden Priesters 
i.st heute richtig gestellt. Welch liebevolle 
Kleinarbeit man vor sich hat, lehren Einzel- 
heiten wie das kaum zwei Zentimeter hohe 
Schweißtuchhild Christi, natürlich in Stein, 
im unteren Teile des niedlichen Kirchen fen- 
sters beim ebengenannten Sakrament; oder 
die Ornamente auf den hl. Gewändern, die 
Bischofsstäbe, die Rüschenfältchen an den 
Frauenhauben, namentlich aber der Tauf- 
stein beim Taufsakramente: ein gotisches 
Miniaturwunderwerk von kaum 20 cm Höhe, 
ausgeführt in vollkommener Natur- und 
Stiltreue. Am meisten Figuren vereinigt die 
Firmung, insgesamt sieben. 

Es ist klar, daß eine tiefstufige Reliefbil- 
dung technisch nicht lediglich von vorn her 
zu bewältigen war. In der Tat besteht — 
entgegen Literaturwerken — der Taufstein 
aus zwei Teilen. Das Becken mit den 
Aposteln bis zu den Säulenkapitälen ist für 
sich gearbeitet, so daß der Künstler bei Aus- 
führung der liturgischen Szenen auch von 
oben her den Meißel führen konnte. 

Wir verzicliten auf eine Einzelbesprechung 
der Sakramente und werfen noch einen Blick 
auf die Tiersymbole am Sockel. Unter 
dem Taufsakrament wie unter der Taufe 
Christi befindet sich der Löwe, unter dem- 
jenigen der Firmung und Priesterweihe das 
Einhorn. Das sind die Symbole der Mensch- 
werdung und Auferstehung, der Unschuld 
und Reinheit; beide Tiere spielen im mittel- 
alterlichen Physiologus eine große Rolle. »Das 
Einhorn als Symbol der Heilkraft und Stärke 
gegen die Sünde macht die Darstellung auch 
unter dem Sakrament der Firmung verständ- 
lich« (Reiter). Welche Rolle die Tiersymbo- 
!ik an den Taufsteinen spielt, erhellt aus der 
großen Zahl mittelaherlicherTaufsteine Schles- 
wig-Holsteins, denen Sauermann eine Unter- 
suchung widmete. Am Reutlinger späteren 
Werke scheinen Symbohk und Schalkhaftig- 
keit durcheinander zu geben. 

Unter dem Sakrament der Ehe ist ein 
Hund angebracht, welcher einen Knochen 
benagt. Hier kann man im Zweifel sein, 
was der Künstler sagen will: ist für ihn die 
Ehe ein mageres Vergnügen geworden ? Mit 



Rücksicht auf die Bissigkeit und Eifersucht 
des fressenden Hundes: will der Künstler 
warnen, Eifersucht zu geben, Liebe und Ver- 
trauen zu begraben? Unter den Sakramenten 
der Beichte und des Altars ist je eine wüste 
Bulldogge im Stein verewigt. Unter dem 
Beichtsakrament hält die Bulldogge einen 
Vogel in den Klauen, unter dem Altarsakra- 
ment verschlingt sie den Vogel. Hier wird 
man an Versinnbildlichung der unwürdigen 
Beichte und ihrer Folgen denken dürfen. 
Unter der letzten Ölung kratzt sich ein 
Hund hinter dem Ohre : guter Rat ist teuer 
wenn es so mit dem Leben steht. Doch 
kann man auch diesem Symbol verschiedene 
Deutung geben. Außer dem Einhorn ist auch 
der Kopf der einen Bulldogge ergänzt. An 
den frei in den Raum ragenden Figuren 
hat Mutwillen und Unverstand der Jahrhun- 
derte sein Mütchen am leichtesten kühlen 
können. Alles in allem genommen: welcher 
Phantasie begegnet man von den Apo- 
steln bis zur letzten Tierfigur! 

Was am Taufstein künstlerisch stört, das 
ist das wilde Geranke nach aufwärts zwischen 
den Apostelfiguren: je zwei Rankenäste fallen 
nach der Mitte zu aus, um dann in jähem 
Wirbel aufwärts zu streben. Wo bleibt da 
die Ruhe des feierlich ragenden Hochwerks! 
Das ist gotischer Barock, wenn man so sa- 
gen kann. Dasselbe verschlungene Strebewerk 
zeigt übrigens das hl. Grab und das Wand- 
tabernakel zu Ochsenhausen (Schloß Lichten- 
stein), der Altar in Rieden, wie der Altar- 
schrein in der Sakristei der Haller St. Michaels- 
kirche. 

Den Meister unseres Taufsteins nennt 
keine Überlieferung und kein Pergament. 
Man weiß nur, daß er wie das hl. Grab zu- 
meist auf die Hand der U racher Schule 
deuten. Auch die Amandas-Kirche in Urach 
zeigt ja einen prächtigen spätgotischen 
Taufstein aus 15 18 : von sternförmigem Fuß 
»schwingt sich das Astwerck lebhaft zum 
Kessel empor und umrahmt die acht schönen 
Brustbilder der Propheten. Das Werk zeigt 
das letzte kühne Aufleuchten der gotischen 
Kunst«. Um 1518 stand das Urach benach- 
barte Reutlingen schon in den Religions- 
wirren, oder wenigstens unmittelbar davor. 

Theodor Schön nimmt auf Grund der 
Einträge im Reutlinger Kirchenpflegearchiv 
an, daß Meister Peter v. Breisach Taufstein 
und Hl. Grab schuf. Peter v. Breisach war 
1496 der Stadt Reutlingen Werkmeister 
(»Archiv f. Chr. K.« 1905). M. Schuette 
meint, Taufstein und Hl. Grab wiesen >ent- 
schieden« auf diesen Meister. M. Schuette 



DER TAUFSTEIN IN DER MARIENKIRCHE ZU REUTLINGEN G3S 35 



möchte ihm auch die langweiligen Apostel Es ist sicher anzunehmen, daß zwischen 

an der Außenseite der Kirche zuschreiben, den beiden Taufsteinen Zusammenhänge be- 

Von hohem Interesse ist, daß der gotische stehen, schon zeitlich. Der hiesige stammt 

Taufstein in Magstadt O.-A. Böblingen aus der Zeit von i^n — 19 und trägt tatsäch- 

ebenfalls die sieben Sakramente auf- lieh die sieben Sakramente, auf der achten 

weist. Das Pfarramt Magstadt (Brezger) teilt Seite das württembergische Herzogswappen, 

auf Anfrage darüber mit: Die Darstelluns^ der beiden auf der Abbil- 




lALISTIilK VON 149.; IN" DER M.\RIENKIKCllIi Zf REUTLINGEN 
Vgl. AH S. SS- — Text S. 2g— 36 



56 ^ DER TAUFSTEIN IN DER MARIENKIRCHE Zu REUTLINGEN es^ 



düng des Reutlinger Taufsteins sichibaren Sa- 
kramente hat mit der hiesigen viele Ähnhch- 
keit — es sind fast dieselben Bilder — so 
daß man wohl sieht, die Altere ist Vor- 
lage für die Jüngere gewesen. 

Doch sind die Magstadter Bilder nur Halb- 
relief, in der Ausarbeitung stumpfer als in 
Reutlingen, auch fehlt der reiche Schmuck 
der Kute. 

Württemberg ist, wie schon erwähnt, über- 
haupt reich an Taufsteinen der romanischen 
und gotischen Periode. An romanischen sind 30 
vermerkt, in dem bekannten Werke: Keppler 
»Kirchliche Kunstaltertümer«. Die Zahl der 
gotischen Taufsteine ist so groß, daß sich 
eine Aufzählung verbietet. Die reichsten sind 
außer den schon genannten diejenigen in Ulm 
(Syrlind.A.?) und Langenau O.-A. Ulm (Math. 
Böblinger). EbenfallsMaßwerk, Astwerk, Skulp- 
turen oder Wappen zeigen z. B. diejenigen in 
Bickelsberg O.-A. Sulz, Unterdiegisheim O.- 
A. Balingen, Bönnigheim O.-A. Besigheim, 



Schemmerberg O.-A. Biberach, Rohrdorf O.-A. 
Isny, Osweil, Schwieberdingen, Stammheim 
O.-A. Ludwigsburg, Wangen O.-A. Cannstatt, 
Arnegg und Dietingen O.-A. Blaubeuren, Ehin- 
gen a. D., Neckarrems O.-A. WaibUngen, 
ilsfeld O.-A. Böblingen, Ochsenberg O.A. 
Brackenheim. 

Jedenfalls ist der Gedanke, die hl. Sakramente 
am Taufstein künstlerisch zu verwenden, so 
naheliegend und dankbar zu verwerten, daß 
er auch den Künstler von heute anre- 
gen sollte, wenn es gilt, für irgendeine 
Kirche die Taufsteinfrage zu lösen. 

Hinsichtlich des Bilderkreises auf Taufstei- 
nen im allgemeinen ist von Interesse, daß 
bestimmte Länderteile einen bestimmten Ty- 
pus bevorzugten. Sauermann verweist in 
seinem Werke Die mittelalterlichen Tauf- 
steine Schleswig-Holsteins« in dieser Bezie- 
hung z. B. auf die Sakramentstaufen in 
England. In Schweden kommt die Darstel- 
lung der hl. drei Könige häufig in Anwendung. 




ACHILLES .\10QRTG.\T (CLEVE) 



DOPI'ELBILDSIS 



SOG. HERZOGSFIGUREN IM ST. ULRICHSMUSEUM ZU REGENSBURG 37 





SOGEN-ANXTE HERZOGSFIGUREN' (TASSILO) IM ST. L'LRICHSMUSEUM ZU REGEKSBURG (S.\MSON") 
Text unten 



DIE SOGENANNTEN HERZOGS- 
FIGUREN IM ST. ULRICHS- 
MUSEL'M Zu REGENSBURG 

Von Dr. J. k. EXDRES 
(Vgl. die Abb. S. 37-59) 

Gleich beim Eingang zum St. Ulrichsmuseum 
in Regensburg begrüßen den Besucher 
zwei archaistische Steingebilde, seltsame Ini- 
tialen der mittelalterlichen Sammlung daselbst, 
die zwei Herzogsfiguren. Sie haben auf diesen 
vornehmen Titel zwar kein verbrieftes, wohl 
aber ein verjährtes Recht und so mögen sie 
ihn auch künftighin führen. Lange Zeit 
schwankten die Anschauungen über sie un- 
sicher hin und her. Doch allmählich nimmt 
das Urteil über sie, ihr Alter und ihre Be- 
deutung, eine etwas festere Gestalt an, so 
daß es nicht mehr allzu gewagt erscheint, 
sich auch öffentlich über sie zu äußern, zu- 
mal eine dadurch etwa angeregte Diskussion 
nur den Vorteil weiterer Klärung erhoffen 
läßt. 

Die beiden Gestalten sind Halbfiguren aus 
Jurakalk. Das angebliche Tassilobild (Abb. 
oben) spricht durch seine künstlerische Quali- 
tät von vornherein mehr an als der Herzog 



Arnulf, eine recht unbeholtene, handwerk- 
mäßige Arbeit (Abb. S. 58). An jener ersten 
Figur ist der mächtige Kopf, der unmittelbar auf 
dem Rumpf aufzusitzen scheint, mit sichtlicher 
Sorgfalt behandelt. Die großen Augen stehen 
weit von einander ab und liegen in weit ge- 
schwungenen Höhlungen. Ihre Lider sind 
nicht nur durch Linien angedeutet, sondern 
modelliert. Die Nase ist kurz und derb, der 
Mund sehr breit. Ein starker Vollbart um- 
rahmt das Gesicht und scheidet sich nach 
unten in zwei Spitzen. Die Haare, welche 
die kleine Stirne bedecken, bilden hier einen 
leichten Wulst. Seitlich umsäumen zwei lange 
Strähne den Bart in seiner ganzen Länge und 
fünf solcher auffällig langen Haarsträhne hän- 
gen tief über den Rücken herab. Die un- 
proportioniert kleinen Arme liegen leicht nach 
einwärts gebogen am Körper an. Die Linke 
hält einen nach abwärts gekehrten rechtecki- 
gen Gegenstand. Der rechte Unteram mit 
der Hand ist leider zerstört. Die Gewandung, 
falls eine solche überhaupt als vorhanden zu 
denken ist, schmiegt sich allenthalben ohne 
die Spur einer Fältelung an den Körper an. 
Die Figur zeigt unter den Haarsträhnen des 
Rückens ein Fortsatz nach rückwärts mit 
einer Bruchstelle. Eine halbkreisförmige Höh- 



Dle chrisüichc Kumt. XI\'. 



38 SOG. HERZOGSFIGUREN IM ST. ULRICHSMUSEUM ZU REGENSBURG 




SOG. HERZOG ARNliLh I.M ST. L LRICHS 
MUSEUM ZU REGE\SBVKG. —Text nfif>ia>i 



lung unten quer durch die Dicke des Steines erwei.st die 
Gestalt als Brunnenfigur. 

Auf dem runden kleinen, etwas seitlich aufgesetzten 
Kopf des Herzogs Arnulf (Abb. nebenan) sind Augen, Nase 
und Mund unschön zusammengedrängt. Die Stirn ist 
niedrig, um so weiter holt das runde Kinn aus. Die 
Figur hat Schnurrbart, lange schlichte, auf den Schultern 
aufruhende Haare. Der rechte eingebogene Arm hält 
entschlossen einen Schaft vor der Schulter, wohl den 
Rest eines abgeschlagenen Streitkolbens, der ursprüng- 
lich für den Verfertiger des Bildes den Anlaß gebildet 
hatte, den Kopf der Figur nach links zu rücken. Die 
Linke ist unter dem mandelförmigen kleinen Schilde 
verborgen. An den Schenkeln ladet die Figur weit aus 
wie zum sicheren Stande des Ganzen. Auch an ihr ist 
das Gewand ohne alle Falten'). 

Beide Skulpturen stammen aus dem Bereich der ehe- 
maligen Abtei von St. Emmeram. Und zwar war die 
Arnulfsfigur in dem nach Südwesten sich öffnenden ehe- 
maligen St. Emnieramertor rechts vom Eingang »unge- 
fähr 8 — IG Schuhe über dem Boden« so eingemauert, 
daß sie wie ein Relief erschien. Das Tassilobildnis wurde 
um 1835 beim Bau der Fürstlich Thurn- und Taxisschen 
Reitschule, also etwas westlich von Kirche und Kloster- 
gebäude von St. Emmeram, 15 Schuh tief unter der Erde 
gefunden und kam damals in die Sammlung des Histo- 
rischen Vereins, während das Gegenstück erst 1867 der 
gleichen Sammlung einverleibt wurde. 
In die Literatur wurden die beiden Bildwerke zusammen eingeführt 1839 durch den 
Regensburger Lokalhistoriker C. G. Gumpelzhaimer in einer Abhandlung im vierten Bande 
des Historischen Vereins für den Regenkreis, die den detaillierten Titel hat: »Zwei der äl- 
testen Steinbilder in Regensburg, das eine wohl aus dem 6. oder 8. Jahrhundert, nämlich 
entweder Herzog Garibald 591 oder Herzog Tassilo IL 788, das andere aus dem 10. Jahr- 
hundert, Herzog Arnold von Bayern 919 vorstellend« 2). Von dieser Abhandlung geht die 
Bezeichnung der beiden Bildnisse als Herzogsfiguren aus. Es sind hauptsächlich die ge- 
strähnten langen Haare, welche Gumpelzhaimer veranlaßten, bei der im Boden gefundenen 
Figur an einen Fürsten 
und zwar einen in Re- 
gensburg residierenden 
Fürsten der frühesten 
bayerischen Geschichte 
zu denken. Er nennt 
Garibald und Tassilo IL, 
spricht aber diese Ver- 
mutung immerhin mit 
großer Zurückhaltung 
aus. Dagegen glaubt er, 
auf alte Emmeramer 
Nachrichten gestützt, die 
von einer Statue Her- 
zog Arnulfs (f 937) am 

") Die photographischen 
Aufnahmen der sogenannten 
Herzogsfiguren verdanke ich 
Herrn Konrektor G. Steinmetz. 

") Verhandlungen des Hi- 
storischen Vereins lür den 
Regenkreis, Regensburg 1839, hogemeld lber dem xoRDroRT.\L der rom.^kischex kirche i\ wixdberg 

IV, 464 ff. Text S. 41 




SOG. HERZOGSFIGUREX IM ST. ULRICHS.MLSEUM ZU REGENSBÜRG 




l^m 




St. Emmeramer Tor reden, das Gegenstück für Herzog 
Arnulf halten zu müssen. Es dünkt ihm oar nicht 
mehr zweifelhaft, daß diese Statue die nänihche sei, 
welche Herzog Arnold (= Arnulf) sich selbst auf den 
Torturm hat setzen lassen und die mithin niemand 
anderen als Herzog Arnold vorstellt . 

Die Datierung und inhaltliche Bestimmung der Fi- 
guren, welche Gumpelzhaimer gab, hat starken Ein- 
druck gemacht. Noch J. Dahlem') betrachtete sie als 
jene Steingebilde, die nach der Völkerwanderung in 
Regensburg das erste Zeugnis geben vom Wiederer- 
wachen des Sinnes für Skulptur. Er wies darauf hin, 
daß der angebliche Tassilo wahrscheinlich die erste 
Brunnenfigur war an dem bei der Kirche vorhande- 
nen Brunnen von St. Emmeram. Die Möglichkeit, daß 
die andere Figur Herzog Arnulf darstelle, gibt er still- 
schweigend zu, indem er die Schildform dieses Krie- 
gers für jene des lo. und ii. Jahrhunderts erklärt. 
H.Graf von Wald erdorff ist geneigt, die beiden 
Bildwerke in die vorchristliche Zeit zurückzuver- 
setzen2), während A. Seyler meint, es mögen Schöp- 
fungen der Merowingerzeit sein 3). Das 'bezweifelt 
zwar_ M. Kemmerich, ohne freilich selbst zu einer 
positiven Anschauung zu kommen 4j. 

In der Tat fehlen einstweilen für den angeblichen 
Herzog Arnulf sichere stilistische Anhaltspunkte, um 
ihn einer bestimmten Periode innerhalb der romani- 
schen Plastik zuzuweisen. Wo das bildnerische 
Schaffen sich wie hier auf einer so niedrigen Stufe 
bewegt, daß von einer charakteristischen Formenge- 
bung nicht die Rede sein kann, entfällt die Mög- 
lichkeit einer auch nur annähernden Datierung. Da- 
gegen hat Dahlem richtig erkannt, daß wenTgstens 
die Schildform gewisse Grenzen für die Zeitbestim- 
mung an die Hand gibt. Nur kommt der kleine, 
mandelförmige Schild schon im 9. und auch noch irn 
12. Jahrhundert vor5). Daß wir keinen Grund haben, 
in dem bewehrten Manne einen Herzog zu suchen^ 
braucht heutzutage nicht mehr gesagt zu werden! 
Denn für die Annahme, daß diese Statue die nämliche 
sei, die .sich einst Herzog Arnulf auf einem Torturm 
von St. Emmeram gesetzt habe, fehlt jede Stütze. 
Das noch stehende Tor, dem das Bildwerk eingefügt 
war, stammt erst aus gotischer Zeit. Die Aufstellun^g 
des bewehrten Mannes an diesem Orte macht es nun 
aber sehr wahrscheinlich, daß er lediglich eine so- 
genannte Trutzfigur ist, wie sie auch sonst gern an 



ALTE SA.MSOXSFIGUR 

IM STA.ATSML"SEU.\I 

Zü STUTTGART 

TVjr/ S. 44 



', J. Dahlem, Das mittelalterlichrömische Lapidarium und 
die vorgeschichtlich römische Sammlung von St. Ulrich in Regens- 
bürg, Regensburg 1890, 5. ' 

') H. Graf von Walderdorff, Regensburg in seiner Ver- 
gangenheit und Gegenwart, Regensburg^ 1896, 190 und 569. 

,3) A. Seyler, Die mittelalterliche' Plastik Regensburgs, Mün- 
chen 1905, 5. 

*) M. Kemmerich, Die frühmittelalterliche Porträtplastil< in 
Deutschland bis zum Ende des 15. Jahrhunderts, Leipzig 1909, 125. 

5) Belege hierfür finden sich bei W. Böheim, Handbuch der 
\\ atlenkunde, Leipzig 1890, in den Abbildungen 155, 15-, 143, 
'45. 355- 



40 SOG. HERZOGSFIGUREN IM ST. ULRICHSMUSEUM ZU REGENSBURG 



Türen und Toren angebracht wurden, so bei- 
spielsweise über dem Treppenaufgange zum 
großen Rathaussaal in Regensburg. 

Doch wenden wir uns nunmehr ausschheß- 
lich der sogenannten Tassilostatue zu. Man 
hatte sich bisher in ihrer Datierung allzu ein- 
seitig von der höchst eigentümlichen Haar- 
tracht leiten lassen. Ihren stilisüschen Merk- 
malen nach steht sie den Werken der zweiten 
Hälfte des 12. Jahrhunderts in Regensburg, 
beispielsweise der Beichtgruppe') am Nord- 
portal der Alten Kapelle, doch nicht allzufern. 
Ja, indem sie G. von Bezold^) mit dem 
Bildnis auf der Grabplatte des Otto Semoser 
(t 123 1) in Freising vergleicht, kommt er zu 
dem Ergebnis, daß die Figur kaum über die 
Spatzeit des 12. Jahrhunderts zurückzusetzen 
ist. Mit dieser Datierung nun läßt sich in 
vollkommenen Einklang bringen eine Tatsache, 
die von größter Bedeutung wird mit Rück- 
sicht darauf, daß die Statue eine Brunnen- 
figur war. St. Emmeram wurde in der zweiten 
Hälfte des 12. Jahrhunderts zweimal, 11 63 und 
II 66, durch verheerende Brände heimgesucht. 

') Abgebildet in meiner Schrift: Das St. Jakobsportal 
in Regensburg und Honorius Augustodunensis, Kemp- 
ten 1903, 40. 

') G. von Bezold, Beiträge zur Geschichte des 
Bildnisses, Mitteilungen aus dem Germanischen National- 
museum, Nürnberg 190g, 19. 




In dem zuletzt genannten Jahre brannte die 
Kirche, die von karolingischer Zeit her be- 
standen hatte, bis auf die Mauern nieder. 
Das war in der Regierungszeit des Abtes Adal- 
bert gewesen. Seinen Nachfolger Peringer II. 
(1177 — 1201) werden diese Brandunfälle in 
erster Linie vermocht haben, eine neue er- 
giebige Wasserleitung von Dechbetten her 
einzurichten. Das Werk erschien den Augen 
der Zeit so groß, daß es auch auf der nicht 
wortreichen Grabinschrift des Abtes Erwäh- 
nung fand: Anno Domini MCCI IV id. Jan. 
obiit sancte memorie Perngerus abbas huius 
loci, qui fecit aqueductum plumbeum3). Für 
eine Brunnenfigur zu St. Emmeram aus dem 
Ende des 12. Jahrhunderts bleibt keine passen- 
dere Ursprungszeit als unter der Regierung 
Peringers II. 

Was wird nun aber Abt Peringer mit jener 
eigenartigen Figur im Sinne gehabt haben? 
Es ist äußerst unwahrscheinlich, daß er einem 
Fürsten aus grauer Vorzeit ein Denkmal setzte. 
Der geschichtliche Sinn beginnt sich erst am 
Ausgang des Mittelalters allmählich zu regen. 
Und so ist es vielleicht zweckmäßig, Umschau 
zu halten darüber, was jene Zeit überhaupt 
zum Schmucke ihrer Brunnenanlagen wählte. 
Im Klosterhofe von Prüfening spendete noch 
vor wenigen Jahren ein Brunnen des 12. Jahr- 
hunderts sein Wasser. Auf einem Sockel 
kauerte ein Löwe, der in der Form eines 
Menschenkopfes seine Beute vor sich mit den 
Pranken festhielt. Unmittelbar unter dem 
Menschenkopf ergoß sich das Wasser in einen 
ausgehöhlten Baumstamm4). Der Vorgänger 
des jetzigen Kaiserbrunnens von St. Emme- 
ram war ebenfalls ein Löwenbrunnen. Noch 
erhaltene Gemälde zu Prül und im Kloster 
Heiligkreuz zu Regensburg, beide wohl schon 
aus dem 1 3. Jahrhundert, zeigen zu selten einer 
Verkündigung einen Zierbrunnen, auf dessen 
Mittelsäule ein Löwe steht. Fünf Löwen und 
einen Greif, alle aus dem 12. Jahrhundert, 
verwahrt das St. Ulrichsmuseum zu Regens- 
burg, die alle dereinst Brunnenanlagen 
schmückten. Es waren Symbole der Kraft 
und des Kampfes?). 

Vielleicht hatte auch die Brunnenfigur des 
Abtes Peringer eine Beziehung zu diesen Ideen 
der Kraft und des Kampfes. Diese Ver- 
mutung leitete wenigstens dazu an, in der 



SP.^TGOTISCHER S.WISON-BRUXXEN- ZU SCHWÄBISCH- 
HALL. — rtjtt S. 43 



3) Die noch vorhandene Grabplatte mit dieser In- 
schrift findet sich der Ramwoldskrypta zu St. Emmeram. 

••) Die Kunstdenkmäler von Oberpfalz und Regens- 
burg, Heft 20, Bezirksamt Stadtamhof, München 1914, 235. 

--') Schon Karl der Gro(?e hatte auf dem Brunnen vor 
seiner Pfalzkapelle zu Aachen eine bronzene Bärin an- 
bringen lassen. Vergl. die Kunstdenkmäler der Rhein- 
provin7, Düsseldorf 1916, 113. 



SOG. HERZOGSFIGUREX IM ST. ULRICHSMUSEUM ZU REGENSBURG 



41 



Kunst Übung der Zeit nach persön- 
lichen Repräsentanten der Kraft, 
nach Kämpfern und Streitern, Aus- 
schau zu halten. Da fesselten die 
Aufmerksamkeit unwillkürlich die 
dem 12. Jahrhundert angehörigen 
oder nahestehenden Kampfszenen 
auf der Mittelsäule der Domkrypta 
zu Freising, auf den Bogenfeldern 
der romanischen Kirchen von 
Straubing (St. Peter) und Alten- 
stadt, am Nordportal der Kirche 
von Windberg. Dort kämpfen Rit- 
ter gegen Drachen, hier zu Wind 
berg (siehe Abb. 38)') steht ein 
mit einem Schwerte bewehrter 
Mann gegen einen mächtigen auf 
ihn zuschreitenden Löwen. Das 
Auffälligste an diesem Mann ist 
ein langer, weit über die linke 
Schulter nach vorn herabhängen- 
der Haarzopf. Der Mann kann 
nicht unmittelbar auf eine biblische 
Figur bezogen werden, nicht aut 
David, der als Knabe^) den Lö- 
wen und Bären erschlug (I. Kön. 1 7, 
34!!".) und nicht auf Samson. Denn 
von Samson heißt es ausdrücklich, 
als er mit seinen Eltern zu den 
Weinbergen (vgl. den Hintergrund 
der Szene) der Stadt Thamnata 
kam, da zeigte sich ein junger 
Löwe, grimmig und brüllend und 
kam ihm entgegen; er aber zerriß 
den Löwen und hatte doch gar 
nichts in seiner Hand (B. d. Rich- 
ter 14, 5 ff.). Daß indes dem Wind- 
berger Meister trotzdem Samson vorscluvebte, 
ergibt die Heranziehung unzweifelhafter Sam- 
sonsszenen, z. B. einer solchen in Schöngra- 
bern, wo dem Gewaltigen ebenfalls das Haar- 
geflecht über die Schulter hängt3). Diese 

') Die photographische Aufnahme verdanke ich Herrn 
Regierungsbaumeister V. Semniet. 

^) David im Kampf mit dem Löwen siehe auf der 
Abbildung der Apsiswand von Schöngrabern in : 
Die christliche Kunst VII (191 1), 511, und zwar das 
Relief unter dem Fenster. 

3) Abgebildet in: Die christliche Kunst VII (1911) 510 
(mittlere Wandfläche rechts oben in der Ecke) und 
A. Kers chbau mer, Wahrzeichen Niederösterreich ;, 
Wien 1905, 4). — Was den Bart betrifft, so wurde 
Samson im Mittelalter bald wie hier in Schöngrabern 
ohne Bart, so beispielsweise auf den Fußbodenmosai- 
ken der St. Gereonskrvpta in Köln von 1067 — 1069 
(vgl. Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, Düssel- 
dorf 19H, Bd. VII, .\bt. I, S. 56 i), bald mit Bart und 
zwar mit einem tpitzzulaufenden Vollbart an den 
Bronzetüren des Augsburger Domes aus dem 11. Jahr- 
hundert und an einem sogleich heranzuziehenden Siein- 
bild des 11. oder 12. Jahrhunderts aus Wildberg dargc- 




|.M<ÜB UND H.\NS .\NGERM.\IR (MÜSCiiEX) 

Htiuska/>ftle der Barmherzigen Schwester 



Üppigen Haare als Tertium comparationis sind 
es nun, welche für die Deutung der St. Em- 
meramer Brunnenfigur von größter Bedeu- 
tung werden. Auf ihr sind sie in ^o genauer 
Übereinstimmung mit dem biblischen Texte 
gehalten, daß die Absicht des Regensburger 
Künstlers kaum mehr zweifelhait sein kann. 
Das 16. Kapitel des Buchs der Richter erzählt 
nämlich von den Bemühungen der Dalila, 
hinter das Geheimnis der Riesenkraft Samsons 
zu kommen. Er führt sie zuerst irre. Aber 
»Daüla sprach abermal zu ihm : Wie lange täu- 
schest du mich und redest mir Lügen? Sag' es, 
womit man dich binden müsse. Und Samson 
antwortete ihr: Wenn du die sieben Lok- 



stellt. Wenn die St. Emmeramer Brunnenfigur die V.i- 
riation eines langen zweiteiligen Kinnbarts zeigt, so ist 
dem keine besondere Bedeutung beizumessen, da diese 
Barttracht das ganze Mittelalter hindurch vereinzelt 
vorkommt (vgl. M. Heyne, Körperpflege und Klei- 
dung bei den Deutschen, Leipzig 1905, 77). 



42 SOG. HERZOGSFIGUREN IM ST. ULRICHSMUSEUM ZU REGENSBURG 



ken meines Hauptes flöchtest mit einem 
Flachsband und um einen Nagel wändest, 
den du in die Erde schlügest, so wäre ich 
schwach«. Auch diesmal hatte er sie ge- 
täuscht. Endlich aber »entdeckte er ihr 
das Wahre an der Sache und sprach zu ihr: 
Es ist nie ein Messer über mein Haupt ge- 
kommen, weil ich ein Nazaräer, d. i. ein Gott- 
geweihter, bin vom Mutterleibe an. Würde 
geschoren mein Haupt, so wiche von mir 
meine Stärke, ich würdeschwachund wieandre 
Menschen. Sie aber ließ ihn einschlafen auf 



ihren Knien und sein Haupt in ihren Schoß 
legen und rief einem Scherer, der die sieben 
Locken seines Hauptes abschor und . . . als- 
bald wich die Stärke von ihm«. Die Reliefdar- 
stellungen zeigen Samson mit geflochtenem 
Haar. Bei einer Rundfigur war es möglich, die 
sieben Locken anzubringen. Die dereinst 
als Herzogsbild angesprochene Halbfigur mit 
dem üppigen Haar und den sieben langen 
Locken ist niemand anderer als der Samson 
der Bibel. 

Das dar! mit Bestimmtheit ausgesprochen 




ACHILLES MOORTGAT (CLEVE) 



MUTTER UND KIKD 



SOG. HERZOGSFIGUREN IM ST. ULRICHSMUSEUM ZU REGENSBURG 43 



werden, weil weitere Momente 
alsbald bestätigend Platz greifen. 
Denn wenn wir fragen, ob ein 
Anlaß bestehe, den reckenhaften 
Samson auf einen Brunnen zu 
stellen, so gibt neuerdings der 
biblische Bericht ausreichenden 
Aufschluß, wo er (B. d. Rich- 
ter 15,151!'.) erzählt, daß Samson 
mit einem Eselskinnbacken tausend 
Philister erschlägt. Da ihn nach 
dieser Kraftprobe sehr dürstete, 
rief er zum Herrn und sprach: 
»Du hast in die Hand deines 
Knechtes dieses sehr große Heil 
und diesen Sieg gelegt, — sieh, 
ich sterbe vor Durst und falle in 
die Hände der Unbeschnittenen ! 
Da öffnete der Herr einen Felsen 
im Orte, welcher Kinnbacken des 
Esels heißt, und es floß Wasser 
daraus. Und er trank davon und 
sein Geist ward erfrischt, und seine 
Kräfte kehrten zurück. Darum 
hieß mr.:i den Namen dieses Ortes 
des Betenden Quelle (Ions in- 
vocantis)«. . . Die Beziehung Sam- 
sons zu dieser Quelle bildet den 
Grund dafür, daß er im Mittelalter 
häufig als Brunnenfigur benützt 
wurde'). Die Bezeichnung jener 
Quelle als Quelle des Betenden 
oder Anrufenden aber mußte sein 
Bild besonders empfehlen an Brun- 
nen bei einer Kirche. Zu St. Em- 
meram diente der von Abt Perin- 
ger II. errichtete Brunnen bei der 
Kirche sicher nicht nur den Be- 
dürfnissen der Kirche und des 
Gottesdienstes, sondern in hohem 
Maße auch jenen der Beter und Wallfahrer, 
die oft von weiter Ferne kommend, zuerst 
ihre Schritte zu den Heiligtümern von St. Em- 
meram richteten und hier dann Gelegenheit 
hatten, sich zu erquicken. Alle Wallfahrtskir- 
chen — und St, Emmeram war im Mittel- 
alter eine besuchte Wallfahrtskirche — - be- 
saßen nach Möglichkeit auch einen Wailfahrts- 
brunnen. 

Über die genauere Gestalt und Lage des 
Brunnens bei der St, Emmeramskirche läßt sich 
nichts Bestimmtes sagen. Daß auch der Löwe, 
ein an sich beliebtes Motiv des Brunnen- 
schmuckes im Mittelalter, an Samsonsbrun- 
nen verwendet wurde, zeigt ein bekanntes 




\CniLLIiS .MOOKiGAl (.CI.lAKj 



') Vgl H. Bergner, Handbuch der l<irchl. Kunstalter- 
tümer in Deutschland, Leipzig 1905, 40.1, 



Beispiel aus der Spätgotik zu Scliwäbisch- 
Hall, wo Samson, auf dem Löwen sitzend, 
diesem den Rachen ötlnet, aus welchem 
das Wasser in einer Metailröhre fließt (s. Abb, 
S, 40). Unser Bild läßt die Vorstellung 
an eine direkte Verbindung Samsons mit 
dem Löwen zu einer ähnlichen dramatischen 
Szene nicht auf kommen. Auch die Bruch- 
stelle rückwärts an der Figur deutet auf eine 
solche Verbindung nicht hin. Dieser Fortsatz 
scheint derEingliederungderPigur ineine rück- 
wärtige Mauer gedient zu haben. Der Samson 
von St. Emmeram ist in erst er Linie gekennzeich- 
net durch seinen reichen Haarwuchs mit den 
sieben Locken. Außerdem zeigt er dann 
ein Attribut bei seiner linken Hand, einen 
rechteckigen Gegenstand, auf den er die 
Hand legt oder den er in der Hand hält. 



44 



GLESECKERS KREUZIGUNGSGRUPPE IN BAMBERG ©^ 



Daß es ein Degen sei, wie Gumpelzhaimer 
vermutet, kann nicht bestätigt werden. Es 
ist auch unwahrscheinlich, daii der Bildhauer 
dem alten Recken das Schwert in die Linke 
gegeben hätte. Eher scheint es der obere 
Rand eines Schildes zu sein'). Dann dürfte 
die jetzt abgebrochene Rechte den Eselskinn- 
backen oder das Schwert gehalten haben. 
Mit einem Schwerte stattete ■ den Samson 
auch aus der Meister des Nordportals von 
Windberg, obwohl der biblische Bericht aus- 
drücklich sagt, daß er den Löwen zerriß, 
»wie man ein Böcklein in Stücke zerreißt, 
und hatte doch gar nichts in seiner Hand« 
(B. d. Richter 14,6). Denkbar ist, daß zu 
St. Emmeram eine etwa vorhandene zweite 
Brunnenmündung mit dem Löwen geziert 
war, so daß der Sinn des tigürlichen Schmuk- 
kes noch deutlicher zutage trat. 

Schon früher hatte mich die Tassiloskulp- 
tur von Regensburg an ein angebliches Göt- 
zenbild aus Wildberg in Württemberg, jetzt 
im K. Staatsmuseum zu Stuttgart, erinnert 2). 
Es is eine Vollfigur aus Buntsandstein von 
2 m Höhe, die ein merklich primitiveres 
Gepräge als das Regensburger Werk auf- 
weist, wenn auch beide Schöpfungen zeitlich 
wohl nicht allzuweit voneinander abstehen 
dürften (Abb. S. 39). Sie stellt einen schmächti- 
gen, stehenden Mann dar. Sein Körper ist 
in ein oben eng anliegendes, in der Mitte 
gegürtetes, nach unten sich zu vier Kanten 
ausweitendes Gewand gehüllt. Eine Faltung 
ist nur an der unteren Hälfte durch einge- 
ritzte Linien angedeutet. Die Arme schei- 
nen unbekleidet zu sein und legen sich in 
steifer Haltung so an den Körper, daß sich 
die Hände nach unten kreuzen. Auch die 
Augen, Augenbrauen und Nase sind nur in 
linearer Form eingeritzt. Dagegen ist der 
Mund in tiefer rechteckiger Höhlung ausge- 
meißelt. Der geflockte Vollbart läuft spitz 
zu. Die Haare sind in der Mitte geschei- 
telt und hängen in acht von der Höhe des 
Ohres an gewundenen, auffällig langen Lok- 
ken über den Rücken herab. Durch die 
oben versuchte Deutung der Regensburger 
Skulptur scheint nun auch dieses rätselhafte 



') Vielleicht folgte der unbekannte Meister eines 
HoUschnilts (Abbildung in Mitteilungen aus dem Ger- 
manischen Nationalmuseum, Nürnberg 1899, Tafel II) 
aus dem zweiten Viertel des 16, Jahrhunderts noch einer 
ins Mittelalter zurückreichenden Tradition, in dem er 
Samson barhäuptig mit Lockenkopf und mit den Attri- 
buten des Eselskinnbackens in der Rechten und dem 
Schilde an der linken Seite darstellte. 

") Vgl.J. A.Endres, Das St. Jakobsportal in Regens- 
burg und Honorius Augustodunesis, Kempten 1905, 40A. 



Bildwerks) eine Aufhellung zu erfahren. Das 
vor allem Charakteristische an der Figur, die 
langen Locken, dürften ebenfalls auf einen 
Samson deuten. Freilich wäre dann auf die 
Achtzahl kein zu großes Gewicht zu legen. 
Der schlichte Meister in der alten Hohen- 
staufenfeste Wildberg ist selbst nicht so bibel- 
fest und auch theologisch nicht so gut be- 
raten, wie sein Standesgenosse bei den Mön- 
chen von St. Emmeram. Aber man konnte 
sich trotzdem denken, was er wollte, zumal 
wenn die Figur vormals einen Brunnen der 
Burg der streitbaren schwäbischen Dynasten 
zu schmücken hatte. 

Es ist nicht unmöglich, daß mittelalterHche 
Samsonsdarstellungen, ehemalige Brunnen- 
figuren, da und dort unbeachtet, vergessen 
und verkannt, noch vorhanden sind. Vielleicht 
wird durch diese Zeilen die Aufmerksamkeit 
wieder auf sie gelenkt. 

DIE WIEDERAUFSTELLUNG DER 
GLESECKERSCHEN KREUZI- 
GUNGSGRUPPE IM DOM ZU 
BAMBERG^' 

Am 6. Mai des Jahres 1012 wurde der hoch- 
ragende Kaiserdom des heiligen Heinrich II. 
in Gegenwart von 36 Bischöfen (nach anderer 
Mitteilung waren gar 45 Bischöfe anwesend) 
feierlich konsekriert. Von seiner, dem roma- 
nischen Baustil angehörigen Inneneinrichtung 
ist uns nur wenig erhalten geblieben: präch- 
tige Gewänder in der Domschatzkammer zu 
Bamberg, wundervolle Evangeliarien in den 
Bibliotheken zu Bamberg und München. Zwei- 
mal hat Brandunglück (in den Jahren loSi 
und 1185) das reich mit kostbaren Geräten 
ausgeschmückte Gotteshaus in Trümmer ge- 
legt. Der jetzige Dom ist der Hauptsache 
nach etwa in den Jahren 1220 bis 1274 ent- 
standen. Seine Inneneinrichtung gehört also 
bereits der gotischen Stilperiode an. 

Auch von ihr ist, abgesehen von den be- 
rühmten Skulpturen und Reliefs der Schran- 
ken des Ostchors (Georgenchor) soviel wie 
nichts auf uns gekommen. Ein einziger 
Flügelaltar (gestiftet von dem Domherrn Georg 
Grafen von Löwenstein j 1464), der in der 
Nagelkapelle des Doms aufgestellt ist, geht 

3) E. Paulus, Die Kunst und Ahertumsdenkmale 
im Königreich Württemberg, Schwarzwaldkreis, Stutt- 
gart 1897, 173. 

4) Siehe den Aufsatz >Christliche Kunst« 1914, S. 14. 
Die ihm beigegebenen, ganz unzulänglichen Abbildun- 
gen waren dem Kunstauktionskatalog von Helbing ent- 
nommen. Die diesmaligen Bilder sind nach den Photogra- 
phien des Hofphotographen Höffle-Bamberg angefertigt. 




KRUZIFIXUS DER GI.ESCKERSCHEN KREUZIGUNGS GRUPPE 
IM DOM ZU BAMBERG 



e^ GLESECKHRS KREUZIGUNGSGRUPPE IX BAMBERG S^ 



45 



noch in die gotische Stilperiode zurück. Wie 
das wohl gekommen ist? — Die groß- 
artige aber auch rücksichtslose Innen- 
restauration des Domes von 164 8 bis 1653 
füht'te eben eine ganz gründliche Um- 
gCo altung herbei. Die noch vorliegen- 
den Rechnungen weisen die ansehnliche 
Summe von 10 507 Reichstalern auf. Für diese 
Restauration waren wohl mehrfache Gründe 
maßgebend. Der Dreißigjährige Krieg hatte 
über das »kaiserliche Hochstift Bamberg« un- 
sägliches Elend gebracht. Als nun endlich 
die Domglocken (13 11 ist die eine datiert) 
den längst ersehnten Frieden einläuteten, 
wollte der tatkräftige Fürstbischof Melchior 
Otto Voit von Salzburg den Dank gegen 
Gott zunächst durch eine Erneuerung der 
Kathedrale zum Ausdruck bringen. 
Sodann hatte man damals das \'er- 
ständnis für die gotischen Stiltormen 
gänzlich verloren. Das Licht, das 
durch die gemalten Fenster nur ge- 
brochen einfiel, sollte nun ungehindert 
durch die hellen Scheiben herein- 
fluten. Die vielfach dunkel gewor- 
denen Malereien, die die Wandflächen 
und Pfeiler belebt hatten, wurden mit 
weißer Tünche überdeckt. Statt der 
mehr in die Breite gehenden Flügel- 
altäre wurden 18 hochgieblige, an- 
spruchsvolle Barockaltäre aufgestellt. 
Unter diesen Ahären nahm 
die erste Stelle der neue Hoch- 
altar auf dem St. Georgenchor 
ein. Für ihn hatte der Bildhauer 
Justus Glesecker (auch Glescker 
und Gleszckher geschrieben) aus 
Frankfurt a. M. eine gewaltige 
Kreuzigungsgruppe geliefert, 
die schon durch ihre großar- 
tigen Abmaße hervorragte. Der 
Gekreuzigte ist 220 cm hoch, Maria 
und Johannes je 200 cm, die kniende 
Magdalena 145 cm. Die Figuren 
waren vergoldet, wie denn bei jener 
Restauration mit dem Golde in keiner 
Weise gespart wurde. Der Meister 
erhielt für diese Gruppe und die 
gleichfalls gelieferte Figur des Aut- 
erstandenen eine Entlohnung von 800 
Reichstalern. Der Transport von 
Frankfurt bis Bamberg kostete 15 R.; 
für das Aufstellen wurden noch eigens 
19 R. und für das große hiezu erbaute 
Gerüst 24 R. bezahlt; für jene Zeit 
ganz ansehnliche Beträge. Vier ge- 
waltige, metallene gewundene Säulen, 
vom Stück- und Glockengießer Se- 



bald Koppen in Forchheim um 566 Reichs- 
taler geliefert, trugen einen Baldachin, der 
die Kreuzigungsgruppe überragte. Es war, 
wie das im Jahr 1669 von Georg Arnold 
gefertigte Ölgemälde beweist, ein in seiner 
Art wirklich imposantes Altarwerk. 

Es verblieb aber keine 200 Jahre im 
Dom. Bereits im Jahr 1814 nahm der da- 
malige DompHirrer Georg Betz umfassende 
Veränderungen vor, indem er vor jenem .Al- 
tar einen Pfarraltar in »neu römischem Stil« 
aufstellte, doch verblieb die Kreuzigungsgruppe 
noch an ihrem Platz. Sie mußte aber bei 
der großen Domrestauration (1828 bis 
1844) weichen. Daß der kunstbegeisterte 
Mäzen Ludwig I. bei seinem Streben: »den 
ungestörten Anblick dieses erhabenen Tem- 




GDALKSA ALS DER KREU/IGUXGSGKLPPE VON" GLESECKER 
L\l DO.M ZU BAMBERG. — Trxt S. 44-30 



Die christliche Kunst. .MV. 



46 



^ GLESECKERS KREUZIGUNGSGRUPPE IN BAMBERG ^ 




pels in dem Geiste seines reinen Stiles 
wieder lierzusteüen « ■) leider keine kunst- 
verständigen Ratgeber und Mithelfer 
gefunden hat, muß als ein grolks Miß- 
geschick bedauert werden. Namentlich 
hat der Nürnberger Konservator Karl 
Alexander von Heideloff, der so manche 
verrestaurierte Kirche auf seinem Ge- 
wissen hat (es sei z. B. an St. Jakob in 
Rothenburg o. T. erinnert), im Bam- 
berger Dom in den Jahren 1832 — 1835 
mit puritanischem Vandalismus gehaust. 
Schonungslos wurde alles entfernt, was 
einer späteren Zeit angehörte. Zehn 
Grabmäler von Fürstbischöfen wurden 
ohne jede Rücksichtnahme auf die im 
Dom befindlichen Grüfte einfach in die 
St. Michaelskirche gebracht und dort 
aufgestellt. Die Grabdenkmäler der bei- 
den hochverdienten Schönborne wurden 
in Stücken nach Wiesentheid abgeliefert, 
wo sie in gleichem Zustand sich noch 
jetzt befinden. Die vier bronzenen Kande- 
laber (13 Zentner schwer), das eiserne 
Ckorgitter, die acht metallenen Säulen 
der beiden Choraltäre (147 Zentner), 
22 metallene Löwenköpfe, 30 Zentner 
Alabaster usw. wurden dem Gewichte 
nach versteigert. 

Nicht besser erging es der Kreuzigungs- 
gruppe. Das ganze aus vier Figuren be- 
stehende Werk nebst der Statue des Auf- 
erstandenen und vier überlebensgroßen 
Engelfiguren (sämtlich von Glesecker 
geliefert) erstrich Zeichenlehrer 
Martin von Reider um ganze 16 
Gulden 20 Kreuzer. Späterhingingen 
diese Skulpturen in den Besitz des als 
Sammleroriginal noch dem Verfasser be- 
kannten Bamberger Schreinermeisters 
Matthäus Dennefeld über und wurden 
Jahre lang in der Matern-Kapelle auf- 
bewahrt. Aus dessen Nachlaß wanderten 
sie in den Besitz des Kaufmanns Otto 
Dros, der sein ganzes Vermögen daran- 
setzte. Bamberger Altertümer und Kunst- 
gegenstände in einer recht ansehnlichen 
Sammlung zu vereinigen, aber leider 
kein Glück dabei hatte. Die Sammlung 
war jahrelang in München zum Verkaut 
ausgestellt, wurde von dort in die Kaiser- 
pfalz nach Forchheim verbracht, um end- 
lich im Februar 1912 in der Galerie 
Helbing ein unrühmliches Ende durch 
öffentliche Auktion zu finden. 



.MARIA DER KREUZIGUNGSGRUPPE VON GLESECKER 

IM DOM ZU BAMBERG 

Text S. 4t— SO 



') Brief des Königs an Erzbischof Joseph Maria 
Freiherrn von Fraunberg (Aschaffenburg, den 
7. August 1826). 



e^ GLESECKERS KREUZIGUXGSGRUPPE I\ BAMBERG saa 



47 



Damals erschien im »Baye- 
rischen Kurier» (Nr. 46 vom 
1 5 . Februar 1 9 1 2) ein Artikel 
vVom Ende einer bayeri- 
schen Kunstsammlung« von 
Ansgar Pöllmann, der u. a. 
folgende Stellen enthielt: 

»Da haben wir ein Ob- 
jekt ersten Ranges in der 
Nr. 198 des Auktionskata- 
logs: eine Kreuzigungs- 
gruppe . . . Diese vom 
Geiste michelangeles- 
ker Monumentalität 
getragenen Skulptu 
ren mit ihrer für die 
Entstehungszeit kaum 
verständlichen Tiefe 
und seelischen Inner- 
lichkeit sind... für den 
Dom zu Bamberg gefertigt 
worden. Die pedantische 
Domrestauration entfernte 
sie von ihrem regelmäßi- 
gen Platz und zeigte noch 
obendrein ihre Gering- 
schätzung durch den ge- 
radezu beleidigenden Ver- 
kaufspreis ... Es wäre 
nun sehr zu begrüßen, 
wenn wenigstens die vier 
Figuren des Kalvarien- 
bergs -wieder an ihre Heim- 
stätte, in den Dom von 
Bamberg, zurückgelangten. 
Jedenfalls sollte sich die 
Stadt Bamberg ihr altes 
Eigentum nicht entgehen 
lassen.« 

Der Erhaltungszustand der 
Figuren war allerdings in- 
folge des wiederholten Ver- 
bringens an verschiedene 
Aufbewahrungsorte, wobei 
die erforderliche Sorgfalt 
nicht angewendet wurde, ein 
wahrhaft kläglicher gewor- 
den. Johannes und Magda- 
lena hatten je einen Arm 
vollständig verloren, auch 
sonst war die Gruppe mehr- 
fach beschädigt, die frühere 
A^ergoldung war nur noch in 
spärlichen Resten vorhan- 
den. Doch der Kunstwert 
der Gruppe hatte darunter 
nicht gelitten. 

Schoneinigejahre vor 




lOH.WXES DER KREL'ZIGUS'GSGRUPPE VON GLESECIsKh 
IM DOM ZU BA.MBERG 



GLESECKERS KREUZIGUNGSGRUPPE IN BAMBERG 



der Versteigerung hatte sich daher das 
Metropolitankapitel Bamberg bemüht, 
die Kreuzigu ngsgruppe wieder fürden 
Dom zu erwerben. Bereits unterm 3. Juni 
19 ro richtete es eine bittliche Vorstellung an 
das K. Staatsministerium des Innern für Kir- 
chen- und Schul an ge'egenheiten, es wolle durch 
das K. Ganeralkonservatorium der Kunstdenk- 
male und Altertümer Bayerns den künstle- 
rischen Wert des Bildwerkes prüfen lassen 
und die Rückerwerbung der für die Bauge- 
schichte des Doms so bedeutungsvollen Gruppe 
aus Staatsmitteln veranlassen. Das Gutach- 
ten des Generalkonservatoriums vom 
28. luli 1910 bezeichnete den Gedanken »die 
Gruppe in dem Westchor des Bamberger 
Domes über dem Altar aufzustellen, (als) sehr 
begrüßenswert, einmal in Hinsicht darauf, 
daß das ehemals für den Dom geschaffene 
Werk wieder seinem alten Bestimmungsort 
einverleibt würde, dann aber auch, weil auf 
diese Weise es am ehesten ermöglicht würde, 
ein künstlerisch und kunst geschieht 
lieh bedeutendes Werk dem bayeri- 
schen Staate zu erhalten«. Das General- 
konservatorium schätzte den Wert der Gruppe 
auf etwa 12 — 15 000 M. Das K. Staatsmini- 
sterium teilte hierauf dem Metropolitankapitel 
mit (8. August), daß zur Rückerwerbung der 
Gruppe eine ihren Wert auch nur annähernd 
erreichende Summe aus staatlichen Mitteln 
nicht zur Verfügung gestellt werden könnte, 
da der budgetmäßige Posten zur Erhaltung 
kirchlicher und anderer Kunst- und Geschichts- 
denkmale des Landes« nur gering (35 000 M.) 
dotiert und übergenug in Anspruch genom- 
men sei. Dem Metropolitankapitel wurde 
empfohlen, die erforderlichen Mittel durch 
private Zuwendungen aufzubringen. Hier 
setzten denn auch die weiteren unmit- 
telbar mitMinister Dr. von Wehnerper- 
sönlich geführten Verhandlungen ein. 
Der Minister beauftragte den Museumsdirektor 
Dr. Stegmann, die Kreuzigungsgruppe bei der 
am 15. Februar 1912 stattfindenden Auktion 
zu steigern und so wurden denn die vier Figuren 
nebst der Statue des Auferstandenen und den 
vierEngelsbildern (also sämtliche neun, ehedem 
von Reider erworbenen Skulpturen) um den 
verhältnismäßig geringen Betrag von 8910 M. 
erworben. Hiezustellte MinisterDr. von 
Wehner 5000 M. aus Privatmitteln zur 
Verfügung. Der Minister gestattete in 
einem am 19. Februar 1912 (also bereits nach 
seinem Rücktritt) geschriebenen Privatbrief, 
daß in die Öffentlichkeit etwa folgende Mit- 
teilung gelangen dürfe: 

»Ich sei nach meinem Geburtsort (Schil- 



lingsfürst) Bamberger Diözesan und stehe 
deshalb zum hohen und hehren Dome in 
Bamberg in einer gewissen persönlichen 
Beziehung. Aus diesem Grunde, dann im 
Hinblick auf das bis in die Knabenzeit zu- 
rückreichende freundschaftliche Verhältnis, 
in dem ich zu Ihrem hochw. Herrn Ober- 
hirten stehe und in dankbarer Erinnerung an 
die großen Verdienste, die sich Herr Dom- 
dekan Dr. Schädler als langjähriger Kultus- 
referent um das Ressort des Kultusministe- 
riums erworben habe, sei es mir eine beson- 
dere Freude gewesen, die Rückerwerbung der 
Kreuzigungsgruppe für den Dom in Bamberg 
noch vor meinem Rücktritte in die Wege 
zu leiten und eine meiner persönlichen 
Verfügung unterliegende Summe zur Dek- 
kung der größeren Hälfte des Erwerbs- 
preises zu bestimmen. Die kleinere Hälfte 
werde aus Staatsmitteln Deckung finden.« 
Und so kam es auch. Bereits unterm 
30. März 191 2 wies der neue Kultusmi- 
nisterDr. von Knilling den Rest von 
3910 M. aus der budgetmäßigen Position 
»zur Erhaltung kirchlicher und anderer Kunst- 
und Geschichtsdenkmale des Landes dem 
Domkapitel zu. Es war also der volle Preis 
von 8910 M. erlegt. Die weiteren Kosten 
für Neufassung und Wiederaufstellung der 
Kreuzigungsgruppe sollten dem Metropolitan- 
kapitel zur Last fallen. Da verging freilich 
noch manches Jahr, bis die hiezu erforder- 
lichen Mittel vorhanden waren. Zunächst 
wurde als Aufstellungsplatz endgültig 
der Altar im Westchor (Peterschor) 
bestimmt; war er doch der armseligste 
unter den bei der unglücklichen Restauration 
in den Dom versetzten sog. »romanischen« 
Altären. Auf nüchterner, steinerner Mensa 
erhob sich ein gleichfalls steinener Aufsatz 
mit dem einzigen Schmuck des Relief bilde s 
des hl. Petrus, überragt von einem steiner- 
nen Kreuz ohne Kruzifixus (I). Selbst die 
Altarleuchter waren aus Stein gefertigt — 
ein frostiger Anblick! An den vier Altarkanten 
strebten steinerne Kandelaber empor; tüch- 
tige Steinmetzarbeiten ohne jeden künstle- 
rischen Wert; ein störendes Beiwerk, als Er- 
satz aufgestellt für die ehemaligen bronzenen 
Kandelaber, die dem Gewichte nach verkauft 
worden waren. Der K.Professor und 
Konservator Jakob Angermair hat 
sich der verdienstvollen Aufgabe unterzogen, 
die Pläne für den neuen, hölzernen, im Ba- 
rockstil ausgeführten Altaraufsatz zu fertigen, 
auf dem die Kreuzigungsgruppe nunmehr sich 
erhebt. Bamberger Meister (Bildhauer Speth 
und Kunstmaler Riedhammer) haben die Re- 



/ 



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J 



*f, 



KOPF MARIA AUS DER KREUZIGUXGSGRUPFE \ÜX GLESECKEK LM DOM ZU BAMBERG 

Tixt S. 44- SO 



so 



^3 TIZIANS VESPERBILD ^ 



Stauration, deren Gesamtkosten sich auf 
3048 M. bezifiern, in recht gelungener Weise 
ausgeführt. Am 23. Dezember 1916 konnte 
der Aharaufsatz mit dem Kreuz aufgestellt 
werden, am 2. Februar 19 17 folgten endlich 
auch die drei Nebenfiguren nach. 

So hat denn der alte Kaiserdom 
ein altes hochbedeutsames Kunst- 
werk zurückerhalten, das ihm zur 
wesentlichen Zierde gereicht. Am 
mächtigsten und ergreifendsten wirkt die Dar- 
stellung derSchmerzensmutter. Das wunderbar 
durchgeistigte Antlitz, das in der ganzen Hal- 
tung sich bekundende Seelenleid sprechen be- 
redt und unmittelbar zum Beschauer. Der 
Heiland zeigt eine erhabene Größe, ist we- 
niger als Schmerzensmann, denn als walten- 
der Gottessohn aufgefaßt. Nur erscheint 
die Muskulatur etwas zu massig entwickelt; 
auch hier ist das Haupt recht wirkungsvoll 
durchgeführt. Bei St. Johannes hat der 
Künstler allerdings der Manier seiner Zeit be- 
deutende Zugeständnisse gemacht; doch ist 
der Gesichtsausdruck ergreifend. Die schwäch- 
ste der Figuren endlich ist Magdalena, die 
etwas oberflächlich aufgefaßt und durchge- 
führt ist. Man könnte auf die Vermutung 
kommen, daß sie nicht vom Meister selber 
gefertigt wurde. Die Wirkung ist eine mäch- 
tige und niemand vermißt den früheren Altar- 
aufsatz mit seinen platten Zutaten. Man hat 
den Eindruck, als ob diese Kreuzigungsgruppe 
eben immer schon dagestanden sei. Der Be- 
richt über die Einweihung des St. Heinrich- 
domes erzählt uns ja auch'): 

sDen westlichen Altar, der in dieser Kirche 
der vorzüghchste und Hauptaltar ist, kon- 
sekrierte der ehrwürdige Eberhard, der erste 
Bischof jenes Stuhles, zu Ehren der heiligen 
und unteilbaren Dreifahigkeit und des hei- 
ligen uud siegreichsten Kreuzes 
und zur Ehre der hh. Apostel Petrus und 
Paulus.« 

Also ist die Kreuzigungsgruppe 
ganz an ihrem rechtmäßigen Platz, 
mag sie auch ehedem im Ostchor sich be- 
funden haben. Freilich enthält nunmehr der 
Westchor keinerlei Hinweis mehr darauf, 
daß er dem hl. Petrus geweiht ist. Hier wird 
wohl noch die Zukunft ergänzend abhelfen 
müssen. 

Bamberg. Dr. Senger, Dompropst 

und Weihbischof 



") Siehe bei Looshoen, Geschichte des Bistums Barn- 
erg. I. Bd., S. 186. 



TIZIANS VESPERBILD IN DER 

ACADEMIA DELLE BELLE ARTI 

IN VENEDIG 

Von Prof. A. MÜLLER 

Gegenstand der Darstellung ist der tote Hei- 
land auf dem Schöße seiner Mutter, das 
gewöhnliche Vesperbild (Abb. S. 51). Doch 
dieses Bild ist in mehrfachem Sinne gerade 
Tizians Vesperbild zu nennen, und zwar zu- 
nächst insofern es sein letztes Werk ist. Am 
späten Abend seines Lebens hat er es gemalt; 
der Tod ereilte ihn darüber und er ließ es un- 
vollendet zurück. Der jüngere Palma hat es 
fertiggestellt. Doch auch der Idee nach ist es 
Tizians Vesperbild. Der Meister hatte sich 
in der Kirche der Frari, die mit zwei seiner 
bedeutendsten Werke, der Assunta und der 
Madonna des Hauses Pesaro, geschmückt 
war, seine Grabstätte ausgesucht. Dafür hat- 
ten sich die Mönche ein Vesperbild von 
ihm ausbedungen. Tizian hat dieses Bild zu 
seinem eigenen Vesperbilde gestaltet. Die 
beiden Umstände, daß es ein Entgelt sein 
sollte für seine Grabstätte, und daß er selbst 
in so außergewöhnlich hohem Alter stand, 
legten es dem Meister nahe, seine Todes- 
ahnungen und Todesbetrachtungen auf die 
Leinwand zu bringen. 

Daß er nicht bloß den historischen Vor- 
gang der frommen Betrachtung des Be- 
schauers darbieten wollte, liegt in allen Ein- 
zelheiten des Bildes ausgedrückt. Maria sitzt 
nämlich nicht aut dem Kalvarienberge unter 
dem Kreuze, sondern in einer zu diesem 
Zwecke besonders hergerichteten Nische, die 
aus großen Steinen aufgebaut ist. Rufen 
schon die einfachen aber großen Verhält- 
nisse, in denen sie aufgeführt ist, eine ernste 
Stimmung hervor, so wird diese noch er- 
höht durch die graue Farbe des Steins mit 
ihren großen und tiefen Schatten, die durch 
das Dämmerlicht veranlaßt werden, welches 
über die ganze Szenerie ausgegossen ist. 
In der Wölbung der Nische ist als Relief 
das alte Sinnbild der sich selbst verzehren- 
den Liebe Christi angebracht, der Pelikan, 
der seine Jungen mit dem eigenen Blute nährt. 
Rechts und links neben der Nische stehen 
zwei große Marmorstandbilder, Moses und 
die heilespontische Sibylle Moses, der Be- 
freier Israels aus der ägyptischen Knechtschaft, 
ist ein Vorbild des Erlösers, der uns aus der 
Knechtschaft der Sünde, alles Niedrigen und 
Gemeinen befreite. Die Sib\lle ist als Seiten- 
stück zu Moses deshalb angebracht, weil 
sie sagte, sie wolle »den großen Sohn des 



65^ TIZIANS VESPERBILD ©^ 



51 




VESPERBILD 



Trx! S.JO—J2 



Ewigen besingen, welclier der Menschheit die 
Pfade zum Himmel zeige, dem diese aber 
dafür das Haupt mit spitzen Dornen umwin- 
den werde«. Dieselbe Sibylle hat das Kreuz 
gepriesen, »an dem Gott hängen werde, das 
aber auch als Zeichen des Richters einst am 
Himmel erstrahlen werde;. 

So erscheint der Hintergrund wie ein großer 
Votivaltar, dazu bestimmt, durch Betrachtung 
des toten Heilandes 7ur rechten Auffassung 
vom eigenen Tode zu gelangen. 

Als Hauptgegenstand der Darstellung nimmt 
der Leichnam Christi die Mitte des Bildes ein. 
Mit unvergleichlicher Meisterschaft, ähnlich wie 
bei der Marmorgruppe Michelangelos in St. Pe- 
ter in Rom, sind die großen Linien des Kör- 
pers geführt. Wie ausgegossen ruht er auf 
dem Schöße der Mutter, Der schmerzvolle 
Ausdruck seines Antlitzes ist durch den Tod 



gemildert. Er hat ausgelitten, der Friede 
nach überstandenem Kampfe prägt' sich in 
allen Linien der Muskulatur aus. 

Noch bewunderungswerter als die Zeich- 
nung ist dabei Licht und Farbe. Auf diesem 
seinem letzten Bilde zeigt sich Tizian hierin 
noch einmal als den unübertroffenen und 
unübertrefflichen Meister. Entsprechend dem 
Gegenstande und der eigenen Seelenstim- 
mung hat Tizian das ganze Bild in tiefem 
Dämmerlicht gehalten. Auf diese Weise sind 
die Nebendinge dem Auge entzogen, damit 
der betrachtende Geist bei den Hauptperso- 
nen gesammelt bleibt. Diese treten in dem 
silberigen Glänze hervor, mit dem bei der 
Dämmerung die helleren Gegenstände sich 
von ihrer dunkleren Umgebung abzuheben 
pflegen. Das ist in besonders hohem Maße 
bei dem toten Körper Christi der Fall. Ein 



52 



TIZIANS VESPERBILD 



eigentümlich milder Glanz geht von ihm aus, 
ein Sinnbild der trost- und hoffnungsvollen 
Auffassung vom Tode, die der Erlöser der 
Menschheit gebracht hat. Auf diese hinzu- 
weisen war offenbar die Absicht des Künstlers. 
Aus dieser Absicht erklärt sich die Art, wie 
er Maria dargestellt hat. Sie ist zwar voll 
Leid, und Tränen fließen aus ihren schmerz- 
erfüllten Augen. Dennoch erscheint sie haupt- 
sächlich als Heilsvermittlerin, nicht als Mut- 
ter, denn sie beugt sich nicht zu ihrem toten 
Kinde nieder oder drückt es an die Brust, 
sondern sie hält, aufrecht sitzend und mit 
der einen Hand das Haupt, mit der anderen 
die rechte Hand Christi stützend, den Leich- 
nam etwas von sich ab, als wollte sie ihn 
der Welt als Gegenstand trostbringender Be- 
trachtung darbieten. 

An die Welt der Beschauer wendet sich 
Magdalena, die an der rechten Seite Marias 
ihren Platz hat. Hastigen Schrittes, mit auf- 
gelöstem, fliegendem Haare und flattern- 
dem Gewände scheint sie dem Beschauer des 
Bildes entgegenzueilen. In ihrem Antlitze 
spiegeln sich Schmerz und Unwille. Ihre 
hoch erhobene Rechte und ihr halb geöff"- 
neter Mund deuten darauf hin, daß sie die 
Welt des Gottesmordes anklagen will, wäh- 
rend sie mit der Linken auf den Heiland hin- 
weist und dadurch zugleich die Welt einla- 
det, gleich ihr selbst bei Christus Vergebung 
und Trost zu suchen. 

Diesem Rufe folgt der Greis auf der an- 
deren Seite des Bildes. In seinen Zügen 
kann man den alten Tizian selbst wiederer- 
kennen. Ehrfurchtsvoll naht er sich dem 
heiligen Leichnam. Er ist schwach, wohl 
selbst dem Tode nahe; denn er ist tief ge- 
bückt und hält sich off"enbar nur mit Mühe 
noch einigermaßen aufrecht. Mit einem Blicke 
inniger Liebe und zuversichtlicher Hoff"nung 
schaut er auf den toten Erlöser, dessen lin- 
ken Arm er mit beiden Händen umfaßt. 
Während sein irdisches Leben dahinsinkt, 
flammt in seinen Augen, die an Christus 
haften, ein neues Leben auf. Das Irdische 
hat er abgestreift; er hat nur noch einen 
Mantel, um seine Blöße zu bedecken, und 
auch dieser entfällt ihm. Ein kleiner Engel 
auf der anderen Seite des Bildes, der den 
Blick auf ihn richtet, versenkt einen Beutel 
mit Geld in die Tiefe. Ein anderer dagegen, 
der über ihm schwebt, hält eine brennende 
Fackel, das Sinnbild des Glaubens, empor. 
Das Ideal der Schönheit, so will uns Tizian 
sagen, dem er in seinem Leben gedient hatte, 
hat seinen letzten Grund in Gott und ist im 
menschgewordenen Gottessohn uns nahege- 



bracht. Wie hat er einst die irdische Schön- 
heit geliebt und sie dargestellt in seinen un- 
vergleichlichen Frauengestalten! Doch jetzt 
umfaßt er in Glauben und Vertrauen Gott 
als den Urquell aller Schönheit. Wenn nun 
auch bald im Tode für ihn alle vergängliche 
schöne Form dahinschwindet, so bleibt sei- 
nem unsterblichen Geiste doch deren innerster 
Gehalt, die Schönheit selber, die nie unter- 
gehen kann. Tizian umfaßt deshalb, da er 
von der Erde scheidet, den toten Gottessohn 
und heftet auf ihn, der auferstehen wird, 
seinen hoff"nungsseligen Blick, dessen Leb- 
haftigkeit schon den Beginn eines neuen Le- 
bens, des seligen Genusses der unendlichen 
Schönheit ankündet, während die antike Kunst, 
die den Meister einst so begeisterte, darge- 
stellt durch das antike Bauwerk, nur noch 
den Hintergrund füllt. Diese Selbstdarstel- 
lung Tizians erinnert lebhaft an die Apostel 
auf seinem größten Meisterwerke, der As- 
sunta. Auf diesem seinem letzten Bilde er- 
scheint uns Tizian selber wie einer dieser 
Apostel, aber als ein solcher, der seine Sehn- 
sucht nach der ewigen Schönheit bald er- 
füllt sehen wird. Tizian spricht in diesem 
Bilde denselben Gedanken aus, den der Dich- 
ter in die Worte kleidet: 
Amico, lo vivendo cercava conforto nel monte 

Parnasso, 
Tu, meglio consigliato, cercalo nel Calvario!') 
Es ist ein herrlicher Scheidegruß des er- 
habenen Meisters, worin er uns den Weg 
zur höchsten Schönheit zeigt: Tizians Ves- 
perbild. 

BANKDIREKTOR LUDWIG MÜNZf 

Am 5. Oktober verschied nach schwerem 
Leiden Herr Bankdirektor Ludwig Münz in 
München. Die Deutsche Gesellschaft für 
christliche Kunst verliert an ihm ein lang- 
jähriges Mitglied. Den Angelegenheiten der 
Gesellschaft trat der \'erstorbene besonders 
nahe, als er am 18. Dezember 191 3 in die 
Vorstandschaft gewählt wurde. Seit 3. Juli 1914 
verwaltete er das Ehrenamt des Kassiers mit 
größter Umsicht und Hingabe. Aber auch 
alle anderen Angelegenheiten, welche die 
Vorstandschaft beschättigten, so die schweren 
und sorgenvollen Fragen, vor die der Krieg 
die Gesellschaft stellte, erfaßte er mit Liebe 
und Klugheit als hochgeschätzter Mitberater 
und Mitarbeiter der Vorstandschaft, die ihm 
das wärmste Angedenken bewahren wird. 



") Mein Freund, ich habe im Leben neue Kraft auf 
dem Berge Parnassus gesucht; du, besser beraten, suche 
sie auf dem Kalvarienberge. 




JOSEPH GUNTERMA.NN 



lÄUPT DES ERLÖSERS 



BRUCH STÜCK AUS EINEM KARTON 




THROKENDER CHRISTUS MIT HEILIGEN UND ENGELN 

Meiningfn : . /. iSSl. Tempera. — Text S- Sj 



JOSEPH GUNTERMANN 

Von W. ZILS-München 
(Hierzu die Abbildungen dieser Nummer) 



Während man sich rein theoretisch über 
die Reformbedürttiglveit unserer Kunst- 
schulen unterhält und darüber schreibt, reift 
still und ohne viel Aufhebens manch Talent 
heran, das unbeschwert von jeder akademi- 
schen Schulung seinen Künstlerweg findet, 
der dornig zwar und steiniger als die glatte 
Bahn des Akademieschülers zu einem Erfolg 
führt, den meist gesicherte Anerkennung 
zollt. Für den Tafelmaler mag der autodi- 
daktische Weg ungeeigneter sein, für den 
Wandmaler jedoch, den Raumkünstler der 
um so sicherere, ja der einzig gangbare, fehlt 
doch dem Kunstschüler die Möglichkeit, sich 
an den Kunstakademien für dieses Fach aus- 
zubilden, fast ganz. Das Studium der Wand- 
malerei wird mit einigen Ausnahmen — so 
in Düsseldorf — , die der jüngsten Zeit an- 
gehören, kaum oder gar nicht gepflegt, so 
daß der zünftige Akademiker, kommt je die 
Gelegenheit zu ihrer Bewältigung, vor der 



völligen Unkenntnis in der Fresko-, Kasein- 
oder einer anderen haltbaren Mauermaltech- 
nik steht. Sicherlich liegen die Gründe in 
unserem heutigen Schulbetrieh, eben;.o sicher 
trägt aber auch die betrübliche Tatsache zu 
diesem Unterrichtsmangel bei, daß Staat und 
Gemeinden immer noch ungenügend leere 
Wandflachen zu Dekorationszwecken in grö- 
ßerem Umfange bereitstellen. Ansätze sind 
vorhanden, aber noch so gering an Zahl, 
daß die Wandgemälde verschwinden gegen- 
über der Unzahl von Tafelbildern, die Jahr 
für Jahr, ohne einer Bedürfnisfrage nachzu- 
kommen, aus dem Atelier in die offiziellen 
Kunstausteilungen und zu privaten Kunst- 
händlern wandern, auf daß sie bis auf wenige 
zurückfluten in des Meisters Werkstatt. 

»Wir fühlen uns daher, sagt Moritz von 
Lasser'), der bayerischen Hauptstadt zu großem 

') Der neue östliche Friedhof zu München. Verlag 
von L. Werner igo2. S. 44. 



Die christliche Ku 



By 



54 



e^ JOSEPH GUNTERMANN ^ 




Danke verpflichtet, 
daß sie den Schritt 
unternahm, Raum- 
ivunst endlich einmal 
wieder zur Ehre zu 
bringen.« Ausgangs- 
punkt für dieses Lob 
der süddeutschen 
Metropole war eine 
Konkurrenz, die der 
Stadtmagistrat 1896 
zur Bemalung der Kuppel des neuen Ostfriedhofs aus- 
geschrieben hatte, bei der Joseph Guntermann nach 
Magistratsbeschluß den Ausführungsauftrag erhielt. 
Somit war plötzlich ein Künstler in die Öffentlichkeit getreten, 
von dem bis dahin München recht wenig gewußt hatte, ein 
Meister, der sich in der Stille, weitab vom schreienden Kunst- 
betriebe durch das mühselige Handwerk hindurchgerungen 
hatte zu einem beträchtlichen künstlerischen Können. Trotz 
ansehnlicher Leistungen war er weiten Kreisen unbekannt geblieben, 
nicht wegen der geringen Güte seiner Werke, sondern aus innerer 
Charakterveranlagung. Ein gerader Westfale, beseelt von dem 
zähen Streben seiner Landsleute, Gutes zu leisten, fand er Glück 
und Befriedigung in seiner Kunst, ohne daß es ihm des äußeren 
Rahmens von Ruhm und Anerkennung bedurft hätte. >So 
glücklich wie ich fühlt sich keiner, — hierbei nannte Gunter- 
mann den Namen eines im Mittelpunkte des künstlerischen 
und gesellschaftlichen Lebens stehenden Meisters — in seiner 
Kunst.« Ein zweiter Satz: »Nicht nach dem, was einer 
treibt und schwätzt, wird ein Künstler beurteilt, sondern nach 
dem, was er schafft und arbeitet«, mag uns ebenfalls den 
Künstler charakterisieren. 

Als Joseph Guntermann die Kuppel des Ostfriedhofs zur Aus- 
schmückung erhielt'), stand er im 40. Lebensjahr und weilte seit 
15 Jahren in München. Dem Weg, auf welchem der Künstler 
zu dem großen Abschnitt im Leben und Schaffen kam, auf 
welchem er weiter schritt bis in die jüngsten Tage, seien folgende 
Zeilen gewidmet; 

Bei dem am 7. April 1856 im sauerländischen Dorf Assing- 
hausen geborenen Künstler offenbarte sich früh die Freude am 
Schnitzeln und Zeichnen. Die freie Zeit, die der mit 15 Jahren 
angetretene Beruf eines Kaufmanns an den Abenden übrigließ, 
wurde mit Lesen und Zeichnen, wobei besonders die illustrierten 
Blätter Anregungen boten, verbracht, so daß die ländlichen 
Begriffe bald anderen Platz machten. Verschiedene Male kam 
Guntermann nach Berlin und später nach Dresden, wodurch sich 
der Gesichtskreis ebenfalls erweiterte. Nach Zurücklegung der 
drei Lernjahre gewann der Entschluß, Maler zu werden, festen 
Boden. Die Lehrjahre waren nur scheinbar verloren, denn manche 
Fäden waren angeknüpft worden, die sich in späterer Zeit direkt 
und indirekt als vorteilhaft erwiesen, so die Bekanntschaft mit 
dem heutigen Dompropst, Prälaten Feldkamm in Erfurt, der ein treuer Förderer und Gönner 
blieb. Der Plan, die Akademie in Düsseldorf zu besuchen, scheiterte an der Antwort Prof. 
Andr. Müllers, daß wegen UberfüUung der unteren Klassen vor einem Jahre an eine Aufnahme 
nicht zu denken sei. Guntermann folgte dem Rate von Gegnern der Akademie und ging 
zu dem tüchtigen Kirchenmaler Hoffmann in Werl. Die figürlichen Arbeiten bestanden zwar 



Buchschmuck für d 
Verlag in Wi 



') Siehe Mappe ]go6 der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst. 



JOSEPH GUNTERMANN 



)) 



5^^jiV^^ 



nur in der Netzver- 
größerung vorhande- 
ner Originale, doch 
wurde auch hierdurch 
der Grundstock zur 
späteren Kunst gelegt, 
um so mehr, als im 
Winter daheim lleißig 
gemalt und gezeichnet 
l/ir' '*« ' /ivr/'iw ^^ ^ v"^^^ -M.il -.•urde. Dank der Anregungen des Lehrers 

I^^P^rek ^rf^'Wi'l'rÄäH ' ^ ^^ Pj*^"^'!*^! Grimme, eines Neff"en Friedr.Wilh. Grimmes, 

1/ il llilt^V^KS'lii ' illm JT^ v^ >\^J konnte das auf der Schulbank Versäumte 

durch eifrige Lektüre nachgeholt werden. In 
einemWinter entstanden als ersterselbständiger 
Versuch die Federzeichnungen für einen Kreuz- 
weg, die den Beifall des Pfarrers Behrens in 
Rumbeck hei Arnsberg fanden, und die er aus- 
tuhren ließ. Behrens veranlaßte später, daß der Maler 
zu den damals die Abteikirche Emmaus in Prag aus- 
schmückenden Beuroner Künstlern als Schüler kam. 
Unter der Leitung der Beuroner Patres Ga- 
briel Wüger und Desiderius Lenz vergrößerte 
Guntermann Kartons, entwarf Farbenskizzen und 
wurde überhaupt in das Gebiet der eigentlichen 
Kunst eingeführt. In diese Zeit fällt die von Dom- 
haumeister Güldenpfennig vermittelte Ausmalung der 
Apside in der IVIissionskircke in Meiningen (1881, 
Abb. S. 55), tür deren Farbenskizze und Zeichnungen 
die genannten Lehrer noch Beihilfe leisteten. Im Herbste 
1881 kam der Künstler vorübergehend nach München, 
wo er seit Februar 1885 eine dauernde Heimstätte fand. 
Ein neues Streben begann, vieles war nachzuholen 
mitten in der Ausführung der verschiedensten Aufträge. 
In München gab sich der Künstler namentlich dem 
Studium der Nazarener — wie der Hessischen Bilder 
in der Basilika — hin. Der Sieg in der Friedhofskonkurrenz 
ermöglichte unter der kundigen und begeisterten Führung 
Balthasar Schmitts eine Fahrt nach Italien, auf der gerade 
durch das Studium der Ravennatischen Künstler und der 
Präraffaeliten eine neue Welt sich öffnete. Von größeren 
Arbeiten seien hier aufgeführt ein Kreuzweg in Me- 
schede a. d. Ruhr (1884/85), die Ausmalung der Lorenz- 
kirche in Erfurt (1890/91), verschiedene Altarbilder in Rum- 
beck, Weiberg und Allendorf, auf dem Nonnberg in Salzburg, 
ein Abendmahlbild in Büren, mehrere Wandbilder in der 
Liebfrauenkirche in Dortmund (1895), Pläne zur Ausmalung 
in Dortmund, für Heroldsbach. Von 1896 bis 1900 malte 
der Künstler im Münchener Ostfriedhof, noch im letztgenannten Jahr in Zeil auf dem 
Käppele, 1901 an der Altarnische in Ottilien, von 1902 bis 1905 im Auftrage des baverischen 
Staates an den Wandgemälden in Schloßberg') bei Rosenheim. Für Weilheim malte er ein 
Heiligenbild. In den Jahren 1903/07 arbeitete Guntermann an dem großen Kreuzweg in 
Iserlohn, in den folgenden Jahren u.a. Flügelbilder für St. Adalbero in Würzburg, 1908 bis 
191 1 in Erding, 1909 in St. Benedikt in München, von 1908 bis 191 3 an dem Kreuzweg 
und den Sebastiansbildern in Augsburg, 191 1 in der Apside in Torgau, 191 3 malte er das 
Wandbild über dem Hochaltar zu St. Lorenz in Erfurt. 1914 begann der noch in Arbeit 
befindliche Kreuzweg in Halle. 




Buchschmuck für den N"o 
Verlas in Wien. i8. 



') Die christliche Kunst, 2.Jalirg. 1905/06, S. 16 u. f. 



56 



e^ JOSEPH GUNTERMANN !^ 




JOSEPH GUXTERMAN'N 

AussfgnungshalU des Ost/n 



•dho/es in München. iSgO — / 



KIKDHEIT 
TextS.S? 



Es würde zu weit führen und vor Wieder- 
holungen nicht schützen, jedem der hier in 
reicher Fülle beigegebenen Bilder eine ein- 
gehende Besprechung zu widmen. Nahe 
läge es nur und eine reizvolle Aufgabe wäre 
es, dem Problem der Christus-Gestalt, wie es 
Guntermann zu lösen häufig Gelegenheit 
hatte, ausführlicher nachzugehen. Hier, wo 
es sich nicht um die Wiedergabe eines histo- 
rischen Vorganges handelt, sondern um die 
Darstellung »Der mystischen Wolke des Alier- 
heiligsten «, wie es der Verfechter der hiera- 
tischen Kunst") einmal nennt, wo der Künst- 
ler ringen muß, mit dem Dilemma des Ge- 



■) Vom Wesen der hieratischen Kunst von P. Ans 
gar Pöllmann. Beuron, Verlag der Kunstschule 190;. 



heimnisvollen und der der Kunst einrhal ge- 
gebenen beschränkten Ausdrucksmöglichkeit, 
greift Guntermann zum Typischen. Der thro- 
nende Christus mit Heiligen in Meiningen 
von 1881 verrät noch ganz die Gebunden- 
heit durch die Meister, die bei dem ersten 
großen Werk Pate standen. Aber schon in 
dem Herrscher des himmlischen Jerusalems 
in der Kuppel des Münchner Ostfriedhofes 
kommt bei strengster Einhaltung des Typi- 
schen ein freier Zug in die Auffassung. Über 
der starken Gebundenheit der Form liegt der 
liebliche Hauch des poesieerfüllten Andachts- 
bildes, zu dem auch das kunstfremde Laien- 
publikum in Verständnis die Hände zum Ge- 
bet zu erheben vermag. Immer weiß der 
Künstler seiner Christusfigur einen indivi- 



es^ JOSEPH GUNTERMANN 6SSa 



57 




JOSKPH GUS'TLRMAN'M 

Ausiej^nuttgshaUe des Ost/riedho/es iji München. tSqö — igoo. Kaseinteiapei 



JLXGLINGSALTEK 
- Text S.J7 



duellen Zug zu leihen, lyrisch zu empfinden 
und mit dem Typischen den Zug des Zart- 
innigen zu vereinigen. Erinnert sei nur an 
die Engel mit Inschriften aus der Lauretani- 
sehen Litanei auf den Altarflügeln in St. Adal- 
bero in Würzburg (Abb. S. 62), oder an die 
Verkündigung am Chorbogen in Sankt Be- 
nedikt in München (Abb. S. 64). 

Deutlich charakte.isieren Guntermanns 
Kunst, die lieblich und poesiereich, ohne süß- 
lichen Anflug zu uns spricht, die vier Lebens- 
alter (Abb. S. 56 — 59). In einem modernen 
Totentanz, vollständig neu in der Auffassung, 
werden auch hier das Kind vom Schoß der 
Mutter, die Braut vom Geliebten, der Mann 
von der Familie und der Greis vom Unter- 
richt der Enkelkinder abberufen. Aber nicht 



als schauerliches, schreckeneinflößen'des Ge 
rippe tritt der Tod auf, sondern als Friedens 
engel, der den Rechtschaffenen einführt in 
das jenseitige Leben, für das das Diesseits 
nur den Durchgang bedeutet. Guntermann 
verstand es, den alten Gedanken des Abbe- 
rufenwerdens mitten aus der menschlichen 
Tätigkeit neu zu beleben und ihn wie das 
Problem des Sterbens überhaupt versöhnend 
zu gestalten. 

Ein genaues Studium der Kreuzwege, be- 
sonders des Augsburger, verrät die gleichen 
skizzierten Merkmale, verbunden mit einer 
trefli^enden Charakterisierungsgabe Gunter- 
manns in allen Lagen. Die Köpfe sind die 
des Porträts, individualisiert und nicht typisch 
schematisiert, wie wir es nach des Künstlers 



58 



EINSIEDELEI UND MAGDALENENKAPELLE IN NYMPHENBURG 




|0S1£PH GL'XTEKMANN' 

AussfgKungshnlU Jf! 



Ost/riedha/ts in M:„uht. 



MAN'NESALTER 
. — Text S. 37 



Werdegang vermuten dürften. Zur Selbstän- 
digkeit, zu eigenen Wegen hatte sich Joseph 
Guntermanns Kunst hindurchgerungen, im 
Kampfe um die i<:ünstlerische Form und den 
Inhalt, der sich auf die Heilige Schrift stützt. 
Die Kunst wuchs mitten in der Arbeit"). 



') Nach Werken Gunternianns sind bisher folgende 
.\bbildungen erschienen, a) In der jaliresmappe iqo6 
der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst: Vier 
Blätter mit der Darstellung des himmlischen Jerusalem 
(Text S. 341; — b) in der >Christlichen Kunst«: II. Jahr- 
gang; Wandgemälde in Schloßberg (S. i6, 17,41 — 47); — 
IV. Jahrgang: Engelfries, Beil. S. 21; — V.Jahrgang: 
Bemalung einer Apsis und Chorwand (Entwurf, S. 293); 
— VII. Jahrgang: Maria Verkündigung (S. 98), Heilige 
Nacht (S. 99), Anbetung der Könige (S. lOi), Bilder von 
einem romanischen Altar in Blaichach und von der 
Kirche in Schloßberg. 



DIE EINSIEDELEI UND MAGDA- 
LENENKAPELLE IM KÖNIG- 
LICHEN SCHLOSSPARK ZU 
NYMPHENßURG 

\'on Dr. iMITTERWlESER, Trausnitz ob Landshut 

Im Nymphenburger Schloßpark liegt als 
^ Gegenstückzur Amalienburgein der hl. Mag- 
dalena geweihtes Kirchlein mit Klause'). 
Während dort im lebensvollen Rokokostil 
alles Leben pulsiert, herrscht hier stimmungs- 



■) K. Th. Heigel im 25. Bd. (Nymphenburg) der 
»Bayer. Bibhothek<, S. 50 ff., und Weese im 55. Bd. 
(München) der »Berühmten Kunststätten<, S. 168 ff. sind 
aus der reichen Literatur über Nymphenburg besonders 
zu erwähnen. 



EINSIEDELEI UND MAGDALENENKAPELLE IN NYMPHENBURG 59 




iOSEPH GUNTERM.\NN 

AussegnungshatU des OstfrUdko/ei 



München. i8qö — tgoo. Kaseintempei 



GREISEKALTER 
Trxt S. S7 



volle Melancholie. Die Klausnerei ist eine 
künstliche Ruine. Risse ziehen sich durch 
die Mauer, deren Bewurf, Gesimse und Ka- 
pitale zum Teil abgeschlagen sind. 

Die Fenster blicken in einem Stil, der weder 
romanisch, noch gotisch noch maurisch ist, 
auf den Wanderer, der aus dem Parke auf 
die kleine Lichtung kommt. Betritt man durch 
das weite Tor fast unvermittelt den Kapellen- 
raum, so befindet man sich in einem hellen 
Grottenraum, der aber die Architekturformen 
graziös betont. Gleich vorne in der eigent- 
lichen Grotte ist die kniende Statue der hl. ^Iag- 
dalena vor einem kleinen Kruzifix mit dem 
Totenkopf. Links aber in einer Nische be- 
findet sich der einfache Altar. Die Altar- 
leuchter aus Narval und der elfenbeinerne 



Christus auf dem in den einfachsten barocken 
Formen hergesteUten Aufbau sollen von Max 
Emanuel selbst gefertigt sein. Das graue 
Grottenwerk ist bei näherem Zusehen sehr 
belebt mit geschnitzten Vögeln, mit Korallen 
und roten Beeren, die aus Blech und Glas 
geformt, mit Blumen, die aus Muscheln stili- 
siert sind. Aus solchen und kleinen, oft ge- 
färbten Kieseln sind Rosetten und wieder 
große Muschelformen gebildet. Weiß, Grün, 
Braunrot und Blau nehmen gegen die Decke 
hin in bescheidenem Ausmaße zu und geben 
die Überleitung zu den nicht ausgedehnten 
Fresken aus dem Leben der heiligen Büßerin. 
Das in einer Seemuschel matt glänzende 
Ewiglicht und das in ein Becken leise rie- 
selnde Wasser sorgen dann dafür, im ver- 



6o 



EINSIEDELEI UND MAGDALENENKAPELLE IN NYMPHENBURG 




jLNTLKMAW 



DAS GLEICHNIS VON DEN KLUGEN UND TÖRICHTEN JUNGFRAUEN (ENTWURF) 
uarell von igoj (jo cm X J? cm) 



schwiegenen Schloßpark eine melancholische 
Stimmung aufkommen zu lassen. 

Die gleich an die Kapelle anstoßenden 
vier Räume im Ausmaße von nur mittel- 
großen, eher kleinen Zimmern sind bis zur 
weißgebliebenen Decke mit braunem Holze 
getäfelt. Hinter der Täfelung sind unsicht- 
bare Wandschränke, mit italienischen Gläsern 
und Majoliken, einstens auch mit einer kleinen 
Bibliothek gefüllt. Auf der Täfelung aber 
hängen in unauffälligen Rahmen Kupferstiche 
in großer Menge, so die hl. Zwölfboten von 
Piazzetta, die Siebenzahl der hl. Sakramente 
von Pitteri und noch viele andere, meist auch 
von welschen Meistern. Die Schutzheilige 
des Baues ist im größten Räume mit einem 
Gemälde, angeblich von Correggio, der 
hl. Karl Borromäus mit einem von De Maree 
vertreten. Etwas Farbe bringt in diesen 
Raum auch ein großer byzantinischer Gekreu- 



zigter. Der Hängeleuchter aus Buxbaumholz 
soll von der Drehbank Max Josephs, der wie 
sein Großvater, der E'-bauer der Klause, die 
Drechsler- und Schnitzkunst liebte, stammen. 
So sind auch Kapelle und Einsiedelei in ihrer 
Art graziöse Kunstwerke. 

Nicht, wie Mayer-Westermayer angibt, im 
Jahre 1720 schon begann Max Emanuel, viel- 
leicht nach dem Vorbilde der zahlreichen 
Klausen, die sein Urgroßvater Wilhelm der 
Fromme um Schleißheim herum errichtet 
hatte, und nach den Entwürfen seines Hot- 
architekten Effner mit dem Bau, sondern wohl 
1725 wie Heigel annimmt. Leider befindet sich 
unter den »Lustgebäuderechnungen« des 
K. Kreisarchivs Landshut die von 1725 nicht 
mehr, wohl aber sind die nachfolgenden alle da. 
Dadurch bin ich imstande, hauptsächlich über 
den inneren Ausbau des Werkes Aufschluß zu 
geben. Im Jahr 1725 muß der Rohbau fertig 




JOSEPH GUNTERIvlANfv ijEK EUCH.AKiSTlSCHi: Chit: 

y?ANDBILD HINTER DEM S.^KRAM2NTSALTAR !N ST OTTILIEX 



EINSIEDELEI UND MAGDALENENKAPELLE IN NYMPHENBURG 



6i 




JOSEPH GLN'TERMANN 



MARIA KRÖNUNG (EN''^WL'RI) 



geworden und der Dachstuhl autgesetzt worden 
sein. Denn die Rechnung von 1726 sagt, 
daß Mitte Januar Alauerer ^sin der Eremitage 
das Krottawerch aufgebrochen und den 
Grundt sambt derMaur zum Altar aufgeführt«, 
später dann »auch das Taflwerch aufgesetzt 
und die Maur verputzt«, endlich im Mai deren 
acht mit elf Tagwerkern »den Carnis gar 
gezogen, ausgeweist und angefangen das 
Pflaster zu legen«. Es heißt dann unter 
der Rubrik »Stukkator und Possierer; Bern- 
hardt Joch, Crotierer in der Au, hat nebst 
seinen Jungen von 11. Februar bis 6. Julii 
in der alda sich befindlichen EremitageCa- 
pellen die inwendtige 4 Seithenwendt sambt 
dessen Gewölb und Lathern mit Krottierar- 
baith ausgemacht und hierumb an Taglohn 
Verdienst gemacht iiofl. 51 kr. Dann der- 
selbe in der Wochen des 17. August von 
Auscrotierung des Oratorii alda 8 H. 50 kr. 



4 den.«, welche Arbeit in den nächsten Wochen 
fortgesetzt wurde. Ein Schitfmacher in der 
Au erhielt für einen Floß voll »Krottenstain« 
21 Gld., während der Weihermüller iüi Mühl- 
tahi 100 Gld. bekam, weil er ;»zu Machung 
des Grodawerk in der Eremitage 15 Fueder 
Tuffstain gelifert«. 

Im März und April haben zwei Steinmetzen 
und ein Tagwerker »an Friesen und einer 
Weichwasserschallen in die neue Clausen ge- 
arbeitet«. Die Statue der Patronin der Ka- 
pelle aber, Maria Magdalena, die zerknirscht 
die Hände ringend dargestellt ist, ist von 
Volpini, von dem auch die große Marmor- 
statue des Herkules im Schloßpark stammt 
und der zehn Jahre vorher in Fürstenried 
gearbeitet hatte, 1730 aber schon eine Witwe 
hinterließ. Der Rechnungseintrag lautet: 
»Verners hat Joseph Vulpini, Steinbilthauer, 
in die Clausen nacher Nimphenburg eine 



Die christliche Kui 



62 




ENGEL MIT SYMBOLEN 
UND INSCHRIFTEN 

AUS DER 

LAURETANISCHEN 

LITANEI 



In Tempera gemalt 1007. — 
Text S SS i,nd S7 




m.nwmMYjm 




2>@^0£FÄeS5.£^-^-i- HIMMeL5 ¥e 



f\'REm/iDS*cesihRose^ 




10Si;PH GUSTERMANN 



ALTARFLCGEL IX S. ADALBERO Zu WÜRZBURG 



63 




lOSEPH GUNTERMANK MUSIZIERENDE ENGEL 

St.Lorim in Erfurt, igij, Oliüdcr 



64 



EINSIEDELEI UND MAGDALENENKAPELLE IN NYMPHENBURG 




lOSEPH GUNTERMANN MARIA VERKLNDIGUNG 

Bcmaluii^ des Ckorhcgens in der Benediktuskirche zu Münclun. tqog. Tempera 



Statue S. Mariae Magdalenae samht einen 
Crucifix, Todtenkopf und anders verfertiget; 
hierumben derselbe erhalten fl. 115. Lestlich 
hat man bemelten Vulpini, weill selber zu 
obiger Statuen, umb selbe von Marmorstain 
verförttigen zu können zu Schlanders in 
Tyroll den Stain hierzue prechen lassen, 
warumben derselbe ausgelegt und deme wider 
guettgemacht worden fl. 30 ;. 

Die Freskomalereien in den von Grotten- 
werk freigelassenen Füllungen der Decke 
machte für 200 GId. der Hofmaler Nikolaus 
Stuber. Es heißt in der Rechnung von 1727, 
daß er im Jahre vorher »in der Eremitage 
das Chor sambt den 4 Villungen in der Ca- 
pellen mit Wasserfarb in fresko ausgemallen«, 
nachdem im Juni die Mauerer »dem Fresco- 
mahler vorgepuzt«. Hernach haben dann 
in elf Tagen der schon genannte Bernhard 
Joch und ein Joseph, der wohl sein Sohn 
war, »die 4 Villungen an der Deckhen in 
oridorio (Oratorium) in der Eremtach mit 
Grodierarbeith gar völlig ausgemacht«. 

Im Okiober und November 1726 haben 
dann der französische Schlosser Mottee mit 
fünf Gesellen (die in der Woche 2 Gld. 30 Kr. 
bis 3 Gld. 37 Kr. bekamen, während der 
Meister je 14 Gld. bezog) »an einem eisenen, 
in die Eremitage gehörigen Gatter gearbei- 
thct« '). Schon vorher hatte der städtische 
Steinmetzmeister Anton Matt hae für 640 Gld. 
von rotem Marmor eine Stiege in die Klausen 
geliefert. Anfangs Juni erhielten nämlich 
8 Mauerer und 7 Tagwerker »wegen Verset- 
zung der Marmorstain an 2 Stiegen bei der 

') Heigels Behauptung in seinem >Nymphenburg<, 
S. $2, daß das Gitter auf 3520 Gld. kam, scheint also 
nicht richtig zu sein. 



Eremitage« Beträge ausbezahlt, während im 
März der Brunnknecht hatte »den Passin in der 
Eremitage Capellen mit Blei ausfüettern helfen«. 
Mitte Februar 1726 schon hatten 18 Kist- 
lergesellen in der Einsiedelei mit der reich- 
lichen Eichentäflung angefangen und waren 
fast in derselben Zahl bis Mitte April weiter- 
gefahren. Im nächsten Jahre hüben bereits 
im Januar deren nur drei die Arbeit wieder 
an ; sie haben nämlich »Portten zu den Beicht- 
stiellen in die Eremitage gemacht«, Anfang 
Februar »in die Eremitage auf 2 Camin die 
Trimo gemacht« im März dann »zu den 
Mailereien in die Eremitage die Ramben ge- 
macht«. Im April bekamen dann dieselben 
drei wieder wöchentlich 9 Gld., weil sie »zu 
den Kupferstichen in der Eremitage die blindt 
Ramben gemacht« und dann »von Machung 
eines Gasten zu denen Gläsern in der Ere- 
mitage«, auch weil sie Mai bis August »ihre 
Arbeith an denen 2 Gläser-Casten forthge- 
setzt,« sechs »Portten« dazu gemacht, dann 
»die Stellen zur Bibhotec, < endlich »2 Portten 
an die Bibliotec und Beichtstuell verferttiget«. 
Der Kistler Joh. Mich. Hickher bekommt dann 
»wegen der von Ollivenholz zu denen Kup- 
ferstichen in die Eremitage gemachten Ram- 
ben« fast 100 Gld. und noch 28 Gld. »umb 
das in die Eremidage Capellen von Nuspaum- 
und OUivenholz verferttigte Antependium«. 
Im Oktober begannen die Gesellen »die 
Speis- und Kuchelgeschier-Cästen in die Ere- 
mitage zu machen«. Dafür erhielten ihrer 
sechs mit ihrem Palier und dem Schlosser- 
meister auf Allerheiligen ungefähr »für den 
gebräuchigen Liechtpradten« 8 Gld. Ein 
Kistler hat noch im Dezember »ain aichene 
Portten vor das Gläserzimmer in die Eremi- 



65 




JOSEPH GUNTERMANN 



Karten, y^l. Abb. S. 64 



MARIA AIS DER VERKÜNDIGUNG 



66 



EINSIEDELEI UND MAGDALENENKAPELLE IN NYMPHENBURG 




lOSEEH GUNTERMANN 

Kartntt. Ausgeführt i 



St. Brtudikt z» Munchi 



ILDAS THADDÄUS 
igoq. Tempera 



tage sainbt den Fuetter gemacht«. Schreiner 
haben dann auch in den nächsten zwei Jahren 
»an die Stöllpretter im Glascasten in der 
Eremitage gearbeithet« und vier Tische für 
die Klause gefertigt. 

So l;onnte denn die Kirchweiiie stattfinden. 
Nicht melir in Gegenwart des ersten Auftrag- 
gebers; denn Max Emanuel war schon am 
26. Februar 1726 gestorben. Aber sein Sohn 
Karl Albrecht ließ am 4. April 172S durch 
seinen Bruder, den Kurfürsten Klemens Au- 
gust von Köln, das Heiligtum einweihen. Dessen 
Onkel und Vorgänger auf dem erzbischöf- 
lichen Stuhle hatte gut zwölf Jahre vorher 
die eigentlicheSchloßkirche zu Ehren derselben 
Patronin konsekriert. Der lebenslustige Hof 
muß also großes Vertrauen zur heiligen Büßerin 
gehabt haben, da er sie nochmals zur Patronin 
kürte. Zur Weihe der Klausenkirche hatte 
der öfters genannte Grottierer »in der Ere- 
mitage daselbst die 12 Appostlleuchter von 
Pleinitweniger in Gestalt derCorallenzinckhen 
gegossen und selbe roth angestrichen, auch 
anderes alda gearbeithet«. Dem Schreiber 
Bobleitner aber sind »wegen 1625 klein ge- 
schribenen romanischen Puechstaben auf 
Pappier und auf marmorstainene Tegenseer 



Platten, so zu Einweichung der Clausen in 
Nimphenburg gehörig gewest, ab jeden i den., 
in allem aber bezalt worden 6 fl. 46 kr.« Diese 
Inschrift wurde zum ewigen Gedächtnis im 
nächsten Januar von einem Bildhauer, der da- 
für 2 Gld. 20 kr. die Woche bekam, in eine 
Marmorplatte eingehauen und auf Josephi 
von den Mauerern eingestzt. 

Daß gerade zur Zeit der Einweihung ein 
Schlosser drei Kastenschlüssel zur »Zuckher- 
bacherei in der Eremitage« gemacht hat, ist 
ein Hinweis, daß diese Einrichtung nicht für 
immer mit der Einsiedelei verbunden war, 
obgleich so ein Widerspruch die damalige 
Hofgesellschaft nicht beunruhigt hätte. Zur 
Bibliothek wurde nach zwei Jahren ein neues 
Schloß verfertigt. Schade, daß wir nicht 
mehr wissen, welche Musenkinder in diesem 
heute noch sichtbaren Schranke aufgestellt 
waren ! 

Erst im Juli nach der Weihe haben die Maue- 
rer den Glockenstuhl eingemauert. Der Stück- 
und Glockengießer Ernst hat dazu »ein neues 
Glöggl« hergegeben, wofür derselbe einschließ- 
lich derWeihekosten 78 Gld. bekam. Heute noch 
hängt in dem Giebelaufsatz des Kirchleins, ganz 
im Wetter, dieses Eremitenglöcklein. 



EINSIEDELEI UND MAGDALENENKAPELLE IN NYMPHENBURG 



67 




lOSEPH GUNTERMANN- 

Karton. Aus£f/iihrt j 



HL. BARTHOLOMÄUS 
; St. Beneiiikt zu Muficken, JQoQ. Tenipfra 



Die Grottenarbeit der Kirche scheint nicht 
ganz dauerhaft gewesen zu sein. Denn schon 
im März 1732 »hat der Grottenmaister in 
der Eremidage zu Nimphenburg das herab- 
gefallene Grotawerch und die Festonen 
wider hinaufgemacht«. 

Unter Karl Albrechts Sohn muß die Ein- 
siedelei ganz vernachlässigt worden sein. 
Denn im Jahre 1750 erforderte sie große 
Bauausgaben, da der Greuel der Verwüstung 
groß war und die Ruine wirklich zu verfallen 
drohte. Von Ende Februar an hat in der 
Woche immer über ein Dutzend Zimmerleute 
zuerst »den Tachstuell uf der Clausen abge- 
tragen,« dann »den Clausen-Tachstuell abge- 
bundten,« auch im April »den neuen Tach- 
stuell aufgehöbt und selben mit Pröttern 
eingeschalt,« ihn endlich »mit Schindlen 
einzudeckhen angefangen«, nachdem vier 
Mauerer eine Mauer um diesen neuen Dach- 
stuhl aufgesetzt, und »die Gesimbser völlig 
ausgemacht« hatten. Letztere haben im Juni 
dann »in denen Zimmern auf der Clausen 
heruntergefahlene Gesimbser widerumben 
ausgebessert«. Zu gleicher Zeit hat der uns 
schon bekannte Grottierer Joseph Joch »die 
völlig ruinirte Vor-Capellen bei der churf. 



Eremitage zu Nymphenburg anwiderumben 
auszubessern angefangen«, dann im Septem- 
ber »die verförttigte Krottirarbeith mit Farben 
ausgeziehrt,« während der Maler Jakob 
Wörschy für 8 Gld. »an der Döckhen oder 
Plafond die Mahlereien ausgebessert«. Hier- 
zu hat Joch für zusammen fast 40 Gld. 
600 große Perlmuscheln, 4000 Silbermuscheln 
und 1000 dergleichen »krauste«, endlich 
1000 : Laub« verbraucht. Nach j wanzig 
Jahren hat dieser Joseph Joch, der nun in 
seinen alten Tagen Hofgrottenmacher« ge- 
worden war, an die 7 Gld. »wegen des in 
der Klausen daselbst auszubessern gehabten 
Grottawerchs« verrechnet. 

Was spätere Zeiten noch an der Einsiedelei 
erneuert haben, entzieht sich meiner Kennt- 
nis. Viel war es jedenfalls nicht, da der ur- 
sprüngliche Charakter der Anlage im allge- 
meinen gewahrt ist. Wenn es aber dem 
Leser einen Genuß gewährt hat, an der 
Hand der vergilbten Lustgebäuderechnungen 
des Hofes die melancholische Ruine, die 
heute noch, namentlich zur Zeit des Magda- 
lenenfestes, am 22. Juli, tausende von Be- 
suchern anzieht, entstehen zu sehen, soll es 
auch mir eine Freude sein. 



68 



4 



fO^'' 






^^ 







JOSEPH GUNTERMANN CHRISTI GEBURT (KARTON) 

Ausee/ührl in der P/arrkircht lu Erding, igio. Timpcra 



<^9 




JOSEPH GUNTERMANN' CHRISTUS AM KREUZ (KARTON) 

Ausge/ithrt in der r/arrkirthe zu Erding, igio. Ttfnpera 



Die chrisiliche Kunst. MV. 3 



70 




JOSEPH GUNTERMANN CHRISTI HIMMELFAHRT (KARTON) 

Ausgi/ührl in dir Pfarrkirche zu Erding in den Jahren igoS—iqil 



71 




JÜSEPM GUNTERMAKX DER WELTENRICHTER 

Ausglfiihrt in dir Pfarrkirche zu Erding. iqoS — iqil. Tttnpera 



72 



6^ DIE 13. TAGUNG FÜR DENKMALPFLEGE ^ 




JOSEPH GUNTERMAXN 



GRABLEGUNG (XIV. KREUZWEGSTATION) 
In der St. Sfbastianskirche zu Aiigsiurg, — TextS.jj 



DIE 13. TAGUNG FÜR DENKMAL- 
PFLEGE 

Am 20. und 21. September fand in Augs- 
•'» bürg die 13. Tagung für Denkmalpflege 
statt. Sie war die erste, die seit dem Jahre 
19 13 wieder in voller Öffentlichkeit veran- 
staltet werden konnte ; zu der Kriegstagung 
in Brüssel am 28. und 29. August 191 5 hatte 
auf Verlangen des Generalgouverneurs nur 
eine eingeschränkte Anzahl von Teilnehmern 
zugelassen werden können. Die Tagung in 
Augsburg stand unter der Schutzherrschaft 
Sr. K. H. des Kronprinzen Rupprecht, unter 
den Ehrengästen nahm S. K. H. Prinz Johann 
Georg von Sachsen die erste Stelle ein. Die 
Augsburger Verhandlungen begannen mit 
einem ausführlichen, von dem Vorsitzenden 
der Denkmalpflegetagungen Geh. Rat Prof. 
Dr. von Oechelhäuser-Karlsruhe erstatteten 
Berichte über jene Brüsseler Sitzung. Sie hat 



ausschließüch wichtigen Fragen der Kriegs- 
denkmalpflege gegolten. Der im Westen 
rettungslos verlorenen Denkmäler waren bis 
zu jenem Zeitpunkte noch nicht viele, die 
restlose Herstellung der meisten noch mög- 
lich. Im Osten war die Menge des zugrunde 
Gegangenen größer, der durchschnittliche 
Wert aber geringer. Die für den Wiederauf- 
bau aufgestellten Leitgedanken, die mit Zu- 
stimmung aufgenommen worden sind, gingen 
dahin, nur beschädigten Denkmälern ihre 
alte Form wiederzugeben, ganz zerstörte da- 
gegen durch selbständige Neubauten zu er- 
setzen. Zu den wichtigen Ergebnissen der 
Brüsseler Tagung hat gehört, daß zwischen 
Deutschland und Österreich ein einmütiges 
Zusammenarbeiten auf dem Gebiete der Denk- 
malpflege vereinbart werden konnte. Dagegen 
waren die Vorschläge Cornelius Gurlitts zur 
Herbeiführung eines internationalen Denk- 
mälerschutzes weiteren Erwägunoen vorbe- 



73 




JOSEPH GUNTERMANN DER WELTHEILAND 

IVanii hinter dem Hochaltar in St. Lorenz zu Er/urt. iqi2. Tempera. — Die Ornamentmalerei ist nicht von Guntetmann 



74 



e^ DIE 13. TAGUNG FÜR DENKMALPFLEGE C^ 




tf^KwW.'^i-<M,\ 







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lOSEPH GUNTERMANN 



DER HL. SEBASTIAN VOR DEM PAPSTE 
Aus der Bilder/olge in St. Sebastian zu Augsburg, l'gl. Abb. S. 7_> 



halten geblieben. Es ist auch jetzt in Augs- 
burg über sie gesprochen, dabei aber festge- 
stellt worden, daß ihrer Verwirklichung selbst 
in Rücksicht auf die allerwichtigsten Denk- 
mäler, die großen Völkerpalladien, unüber- 
windliche Schwierigkeiten entgegenstehen 
dürften. Das Artilleriefeuer wird immer die 
vis major bleiben, der gegenüber man nichts 
tun kann, als die bedrohten Denkmäler blu- 
tenden Herzens ihrem Schicksal zu überlas- 
sen. — An jene Brüsseler Verhandlungen 
knüpften die Augsburgischen an. Prof. Dr. Paul 
Giemen, der erste der preußischen Bevoll- 
mächtigten der Denkmalpflege auf den Kriegs- 
schauplätzen, erstattete eingehenden Bericht 
über den Zustand der Kunstdenkmäler im 
Osten wie im Westen. Im Osten sind von 
den großen nationalen Denkmälern wenige 
zerstört, am besten weggekommen die großen 
Städte, von denen Wilna seit der Eroberung 
wieder seine ganze Schönheit als bevorzugte 
Heimstätte des östlichen Barock zu entfalten 
beginnt. Riga hat vor allem oen Raub des 
berühmten Renaissance - Silberschatzes der 
»Schwarzhäupter« zu beklagen. Schutzmaß- 
regeln für die Denkmäler aller jener Gegen- 



den sind ergriffen, literarische Arbeiten im 
Entstehen. Was den Wiederaufbau Belgiens 
betrifft, so stellt sich ihm der passive Wider- 
stand der Bevölkerung und die mangelhafte 
Befähigung der dortigen Architekten in den 
Weg, doch beginnt in letzterer Beziehung 
der deutsche Einfluß günstige Wirkung zu 
üben. Dort, wie auch in Frankreich, sind 
die von den Deutschen (u. a. bei dem großen 
Hindenburgschen Rückzuge) vorgenommenen 
Zerstörungen lediglich die Folge der bitteren 
Notwendigkeit. Der Vorwurf der Barbarei 
fällt auf die Franzosen und Engländer zurück, 
welche u. a. die Kathedrale von St. Quentin 
ohne ausreichenden Grund vernichtet und 
die zum Schutze der Kathedrale von Reims 
ihnen von deutscher Seite auf päpstliche An- 
regung hin ermöglichten Maßregeln nicht 
ergriffen haben. Große kunstliterarische Ar- 
beiten werden auch im Westen ausgeführt 
(so ein Werk über die belgischen Zisterzienser- 
klöster), eine großartige photographische In- 
ventarisation, die von Kaiser Wilhelm geför- 
dert wird, ist im Entstehen begriffen. Was 
die Wiederherstellung der zerstörten Ort- 
schaften angeht, so hält Giemen sie in Bei- 



^ DIE 13. TAGUNG FÜR DENKMALPFLEGE es^ 



gien für möglich, in Frankreich 
für ausgeschlossen. — Über die 
Arbeiten der Denkmalpflege auf 
den österreichischen Kriegsschau- 
plätzen berichtete k. k. Regierungs- 
rat Schubert v. Saldern, über die 
in Syrien, Arabien und Klein- 
asien Museumsdirektor Dr. Wie- 
gand, über die in Mazedonien der 
Leiter des römisch-germanischen 
Institutes Prof. Dr. Dragendorf. 
Dem Thema des Krieges gehörten 
auch die am zweiten Verhand- 
lungstage erstatteten, sehr ausführ- 
lichen Berichte über die Inan- 
spruchnahme der Metallgegen- 
stände an. Deutsche und österrei- 
chische Abgesandte sprachen hier- 
über: u. a. Regierungsrat v. Trcn- 
delenburg - Berlin , Landesbaurat 
Hiecke-Halle, der bayerische Ge- 
neralkonservator Dr, Hager, der 
österreichische k. k. Ministerialrat 
v.Förster-Streffleur. Das Ergebnis 
war, daß trotz der notgedrungenen 
Strenge der Maßregeln doch alles 
Erreichbare zur Erhaltung der wich- 
tigen Stücke erfolgt, so daß dafür 
gesorgt ist, der Nachwelt ein lük- 
kenloses Bild von der Entwick- 
lung der alten Metalltechniken zu 
überliefern. Insbesondere ist dies 
bei den Glocken der Fall, die in 
drei Klassen eingeteilt sind: a) so- 
fort abzuliefernde, b) vorläufig zu 
erhaltende, c) unbedingt zu erhal- 
tende. Zu den Gründen der Erhal- 
tung gehören nach Möglichkeit 
auch die musikalischen Eigenschaf- 
ten der Glocken, hauptsächlich 
aber waltete die Rücksicht auf be- 
sonderen geschichtlichenWert, auf 
die Bedeutung für die Geschichte 
der Glockengußtechnik, auf die 
Inschriften und den künstlerischen 
Schmuck, sowie auf die Person des 
Gießers. Die wissenschaftliche 
Durcharbeitung des angesammel- 
ten, höchst wertvollen Materials 
wird noch lange Zeit in Anspruch 
nehmen. Eingehende Erwägungen 
wurden auch dem Schutze der 
künstlerisch bedeutenden Türbe- 
schläge, Klopfer usw. zuteil. 

Von den sonstigen \'orträgen 
und Besprechungen galten zwei 
der Gesetzgebung. Prof Dr. Haupt- 
Preetz berichtete über den Ent- 



■ ,,Sir: 




', _ J 
l'i 


1 









76 



MICHELANGELO IN CARRARA ^ 




|. GUXTEKMANK 

Aiisschiati (Karton) \\ 



Hl,. SEBASI'IAX 
Abb.S. 7S 



wurl eines neuen dänischen Gesetzes zum 
Schutze nichtkirchlicher Altertümer; es hat 
günstige Aufnahme gefunden, obgleich es nicht 
unwesentlich auch den Privatbesitz berührt. 
Geh. Baurat Dr. Stübben-Berlin sprach über 
das preußische Wohnungsgesetz und ver- 
anlaßte die Entschließung zu einer Eingabe 
an die gesetzgebenden Körperschaften zu- 
gunsten der Wahrung denkmalpflegerischer 
Interessen. — Konservatorische Fragen wur- 
den erörtert durch Prof. Alois Müller-Mün- 
chen in seinem Vortrage über Erhaltung alter 



Fassadenmalereien ; ferner durch Generalkon- 
servator Dr. Hager, der über die Restaurie- 
rung barocker Kirchenausstattungen sprach. 
Er betonte die Notwendigkeit, diese von herr- 
licher einheitlicher Stimmung erfüllten Bau- 
denkmäler in ihrem alten Zustande zu erhal- 
ten, oder falls dieser durch frühere Restau- 
rierungen gestört ist, ihn wieder herzustel- 
len. Dieser Grundgedanke wurde mit An- 
wendung auf alle Einzelheiten der Architektur 
und der Ausstattung durchgeführt. — Über 
die Herstellungsarbeiten am Zwinger und der 
katholischen Hofkirche zu Dresden sprach 
der sächsische Geh. Baurat Schmidt. — We- 
sentliche Teile der Verhandlungen galten der 
Frage nach der zweckdienlichen Verwertbar- 
keit alter Bauwerke. Auf die außerordent- 
liche Bedeutung dieses Gegenstandes für die 
Denkmalpflege wies Domhaumeister Arntz- 
Köln hin. Ein Bev/eisbeispiel erläuterte Mi- 
nisterialrat v. Reuter-München an der durch 
Th. von Fischer durchgeführten Herrichtung 
der Münchener Augustinerkirche als Polizei- 
und Geschäftsgebäude; bei eintretender Not- 
wendigkeit kann das Bauwerk ohne Schwie- 
rigkeiten in seinen alten Zustand als Kirche 
wieder zurückversetzt werden. Ein weiteres, 
auf der Augsburger Tagung nicht erwähntes 
Beispiel aus neuester Zeit ist die Einrichtung 
der Marksburg bei Braubach am Rhein als 
ein Heim für verwundete Krieger. Im inne- 
ren Zusammenhange mit diesen Besprechun- 
gen stand die sehr lebhaft geführte über »Bau- 
gewerkmeister und Denkmalpflege«, angeregt 
durch einen Vortrag über dieses Thema vom 
Hildesheimer Professor Schütte. — Die nächste 
Denkmalpflegetagung soll 1918 in Köln statt- 
finden. Doering 



D 



■MICHELANGELO IN CARRARA 

Riesen stell ich auf Carraras Fels, 



Daß ihn der ferne Schiff^er grüßend schaue. 
Das Bild der Kraft — es wahre Mut und Glück 
Dem Heimwärts-Segler auf der Meeresaue. 
Das möcht ich geben dieser dunklen Welt, 
Was in mir lebt, das urgewalt'ge Wollen 
Zum höchsten Ziel, den festen Punkt im All, 
Mit aller Niedrigkeit das Feindesgrollen. 
Ich will erschari^en, was in Wolken ragt. — 
Kein Erdendenkmal darf ihm Schatten geben. 
In meinem Bann soll jedes Auge sein, 
So hoch will ich die Schöpfermacht erheben. 
Der Firne stolze Reinheit sei mein Teil, 
Die schrankenlose. Nah dem Herrscherthrone 
Des Weltenformers schlag ich Werkstatt auf 
Und greife nach der Sterne ew'ger Krone. 

M. Herbert 




LEONHARD ROMEIS 



ST. BENNO-KIRCHE IN MÜNCHEN 



25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 

4. Januar 1895 bis 4. Januar 1918 

I. WIRKSAMKEIT DER GESELLSCHAFT 



Vor 25 Jahren, am 4. Januar 1893, wurde 
zu München auf einer Versammlung von 
Künstlern und Kunstfreunden die Deutsche 
Gesellschaft für christliche Kunst gegründet. 
Im Frühjahr 1S92 hatten in einem engen 
Kreise die Vorarbeiten begonnen, deren erstes 
Ergebnis ein Antrag der 39. Generalversamm- 
lung der Katholiken Deutschlands zu Mainz 
auf Gründung emer Gesellschaft für christ- 
liche Kunst bildete. Als ein bescheidenes 
Reis ward die Gesellschaft von wenigen in 
einen Boden gepflanzt, der seinem Wachs 
tum nicht günstig schien; aber unter der be- 
geisterten Pflege vieler kunstliebender und 
glaubenstreuer Männer, die sich ihr anschlös- 
sen, faßte sie alsbald in allen Gauen deutscher 
Zunge, in Deutschland, in Österreich, in der 
Schweiz und darüber hinaus frische Wurzeln, 
unter der heiligen Wärme opferwilliger Pflege 



erstarkte sie, die Doppelquelle Religion und 
Kunst nährte sie, Gott der Herr gab das Ge- 
deihen. Am Abend des Gründungsi'ages be- 
trug die Mitgliederzahl 112; im Jahre i8y6 
überschritt sie das erste Tausend, dann wuchs 
sie stetig an bis zur Höhe von 5000 bis 
gegen 6000. Selbst die harte Kriegszeit, in 
welcher Tod und Teuerung auch das Leben 
unserer Gesellschaft empfindlich stören und 
die Werbung neuer Mitglieder Inhm legen, 
so daß die Mitgliederzahl auf 4500 sank, findet 
die Gesellschaft ihren Aufgaben gewachsen, 
denn ihre Tätigkeit und Leistungen erfuhren 
keine Schwächung, sondern allen Schwierig- 
keiten zum Trotz eher noch eine Steigerung. 
Die Triebfeder ihr^r inneren Kraft bildet 
in erster Linie der erhabene Zweck der 
Gesellschaft und die Art, wie sie ihn zu 
erreichen weiß. Dem Schönen öffnet sich 



By 



15 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 




MAX MECKEL 



ST. ROCHUS-KAPrLLE BEI BINGEN 



das Menschenherz, wie die Blume dem Son 
nenh'cht, das Auge sucht nach ihm und haftet 
trunken an ihm, die Seele nimmt es beglückt 
in sich auf, der Wille beugt sich ihm, ge- 
fangen von seinen Zaubern. Nicht eher ruht 
die Hand, bis sie das Schöne, dem allmäch- 
tigen Schöpfer nacheifernd, im' Kunstwerk 
festgehalten. Die Kunst bildet den augen- 



scheinlichsten Gradmesser des kulturellen 
Hochstandes der Menschheit, die stets, sobald 
sie dessen fähig war, ihre überragenden Ideen 
im Gewände der Kunst versinnlicht hat. Das 
Unendliche, das Heilige, das Überweltliche, 
der Mensch verlangt es im Bilde zu schauen : 
Kunst und Religion sind unzertrennbar. So 
war es längst, ehe die göttliche Vollkommen- 



79 




GEORG VON HALBERKISSER 



ST. PALT.S-KIRCHE IN MLMCHEN 



8o 



25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 




JOSEPH SCHMITZ 



PORTAL DtK KIRCHE IS' PRADL 
Map^e tgio, Unischiiig 



heit und Liebe die menschliche Natur ange- 
nommen hat, das Wort Fleisch geworden ist, 
um den Seelen ungeahnte Tiefen der Wahr- 
heit und Schönheit zu erschließen. Der gläu- 
bige Christ will den Heiland und seine treuen 
Diener, seine Freunde vor Augen haben, will 
seine Taten und Lehren mit Hilfe der Sinne 
sich tiefer einprägen und durch die besten 
Fähigkeiten des Geistes verherrlichen. Nicht 
in armseligen Hütten soll der Herr unter uns 
wohnen, sondern sein Gezelt soll er in feier- 
lichen Tempeln aufschlagen; nicht in würde- 
losem Gewände unbeholfener Darstellung soll 
die Religion sich der Welt zeigen, sondern 
angetan mit dem kostbarsten Schmuck, den 
edelsten Früchten des Fleißes und der Ge- 
schicktlichkeit, wie es der himmlischen Für- 
stin geziemt. 

So hielten es die vergangenen Jahrhun- 
derte, stark im Glauben, reich an Können, 
groß an kühnen Taten. Das müssen und wollen 
wir als Erben der Heilswahrheiten und einer 



erhabenen, zweitausendjährigen religiösen 
Kunst fortführen. Das religiös-künstlerische 
Erbgut zu hegen, aber auch verzinslich zu 
machen und zu vermehren, das ist der Zweck, 
den sich die Deutsche Gesellschaft für christ- 
liche Kunst gesetzt hat. 

Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts war die 
religiöse Kunst allmählich krank geworden. 
Unter dem Einfluß gelehrter, aber mißver- 
ständlich zu unrecht verwerteter Geschichts- 
forschung wurden ihr die frisch sprudelnden 
Wasser selbständigen Schaffens abgegraben, 
der Kunstboden wurde vom Umkraut geistlos 
äußerlicher Nachahmung fremd gewordener 
Formen überwuchert, das ein kunstfernes, 
aber höchst geschäftiges Zv.'ischenhändlertum 
übereifrig streute. Diese Zustände mußte 
die Gesellschaft zunächst ins Auge fassen. 
Vor allem mußte sie die Irrwege, aufweiche 
die christliche Kunst geraten war, der All- 
gemeinheit zum Bewußtsein bringen, die An- 
forderungen an wahre Kunst klarstellen, der 



^ 25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 



81 




sT. AXTONICS-ALTAR IK ST. ANNA, MUNCHE;, 
Mapp,' igos 



chrisdichen Kunst ihre Entwicklungsmöglich- 
keiten erringen und so den christlichen Künst- 
lern Mut einflößen und auf künstlerisch 
hochstehenden Nachwuchs Bedacht nehmen. 
Es galt, den bösen Bann zu brechen, das 
selbständige Kunstschaffen auf den Schild 
zu erheben, den erstorbenen Glauben wieder 
zu erwecken, daß auch im Rahmen der Ge- 
genwart religiöse Meisterwerke entstehen kön- 
nen, die sich den Schöpfungen früherer Blüte- 
zeiten der Kunst ebenbürtig anreihen. \'or- 
bedingung für ein Gelingen dieser Bestre- 
bungen war die Zusammenfassung aller Gleich- 
gesinnten zu gemeinsamem Vorgehen. Nach- 
dem dieses Werk mit der Gründung der Deut- 
schen Gesellschaft für christliche Kunst voll- 
zogen war, setzte die fruchtbare Tätigkeit 
unverzüglich ein ; man verbreitete gute Ab- 
bildungen von Werken lebender Künstler, 
die sich der Gesellschaft angeschlossen, för- 



derte die Ausführung von Originalwerken, 
unternahm Ausstellungen und Verlosungen 
neuer Schöpfungen, ermöglichte jed.ermann, 
sich in allen Kunstangelegenheiten ohne 
Kosten zuverlässigen Rat zu holen. 

Der erstgenannten Aufgabe ist die lahres- 
mappe gewidmet. Das ist eine Publikation, 
die jährlich erscheint und den Mitgliedern 
wie Teilnehmern als Vereinsgabe zugewiesen 
wird. Sie enthält jeweils ungefähr 34 Ab- 
bildungen nach Werken von Mitgliedern und 
zwar durchschnittlich 12 Folio Tafeln in den 
vollkommensten Techniken, im übrigen große 
Bilder im Text, der eine Einführung in die 
Kunstwerke und Angaben über ihre Urheber 
bietet. Die Auswahl liegt in den berufenen 
Händen der Jury, das ist eines Ausschusses von 
sechs Künstlern und zwei Kunstfreunden. 

Würdig ihrer 24 \'orgängerinnen hat die 
25. Jahresmappe soeben ihren Weg zu den Mit- 



82 




HANS SCHURR 

ST. JOSEPHSKIRCHE IN MÜNCHEN 



Jahrtsmappe igo4 



2) JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 



83 



gliedern angetreten. Fünfundzwanzig Jahres- 
mappen! Schon diese Leistung allein läßt 
das Wirken der Gesellschaft als hochverdienst- 
jich erkennen. Es erscheinen 53 Architekten, 
94 Bildhauer, 90 Maler, zusammen 237 Künst- 
ler und die Gesamtzahl der veröfl'entlichten 
Kunstwerke beträgt 883. Wieviel reinsten 
Genuß haben diese Blätter verbreitet, wie viel 
Belehrung ausgeströmt, welchen Nutzen haben 
sie gestiftet! Für Glaube und Kunst unserer 
Tage sind sie ein ragendes, unvergängliches 
Ehrenmal. Sie künden von der nie versie- 
genden Kraft der Kirche, die den schönsten 
und besten Kräften des Menschen das wür- 
digste Feld der Betätigung öffnet und den 
edelsten Ansporn gibt. Sie bilden ein Do- 
kument, das die Kunstgeschichte nach der 
erhabensten Seite ergänzt und an dem nie- 
mand vorübergehen 
kann, der die Kunst der 
Gegenwart allseitig ken- 
nen und gerecht beur- 
teilen will. 

Der jedem Menschen 
angeborene Sinn für 
bildende Kunst steht 
unter dem Einfluß der 
Umgebung, in welche 
uns die Verhältnisse 
gepflanzt haben bezw. 
in die wir uns selbst 
versetzen. Ausbilden 
läßt er sich nur durch 
häufiges Betrachten be- 
ster Kunstwerke. Wer 
in einer kunstfremden, 
unkünstlerischen, also 
kunstwidrigen Umge- 
bung aufgewachsen ist 
und dauernd lebt, läuft 
Gefahr, seine Veranla- 
gung brach liegen zu 
lassen, wenn nicht gar 
zu verbilden. Dem läßt 
sich heutzutage leicht 
vorbeugen, einigerma- 
ßen durch Reisen in 
Kunststädte, ganz be- 
sonders aber dadurch, 
daß man sich eine en- 
gere Umgebung schafft, 
von der ständig der 
Odem edler, heiHger 
Kunst ausgeht. Vor 
jeder anderen hat die 
christliche Kunst un- 
serer Tage ein Anrecht, 
im Bücherschrank des 



Studierenden, in der Stube des Geistlichen, im 
Hause eines jeden gebildeten gläubigen Laien 
traute Gastfreundschaft zu genießen. Sie lohnt 
mit reichem Lohne. In den Jahresmappen der 
Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst ist 
vieles vom Allerbesten in schönster Auswahl 
und Abwechslung versammelt. Lassen wir es 
uns aber nicht genug sein, dem jährlich er- 
scheinenden neuen Gast nur bei seinem Kom- 
men ein Stündlein zu widmen, verdammen 
wir ihn nicht in einem Schrank zu einem tod- 
ähnlichen Schlummer, sondern bereiten wir 
uns im Verkehr mit ihm oftmals eine stille 
Feier. Von einem aufs andere Mal wird er 
freier mit uns reden und unser Seelenleben 
bereichern. Wenden wir uns heute mehr an 
diesen Künstler, morgen an jenen, verglei- 
chen wir sie übermorgen, damit wir uns für 




AKOH .^SGERMAIR 



VO.M ALT.\R IN' ST. lOSKPll 7X \VL KZIJUKC GKO.MBCHI. 
Mappr igoS 



84 



!5 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 




RICHARD BERNDL 

Mappe IQ 12 

eines jeden Eigenart empfänglich machen, 
Voreingenommenheiten und Einseitigkeiten 
abstreifen und das Herz jedem in seiner Art 
Tüchtigen weit und freudig erschließen. Tei- 
len wir von dem, was uns erfreut, auch an- 
deren mit; sie werden uns allmählich ver- 
stehen und es uns danken, vielleicht selbst 
in die Reihe der in unserer Gesellschaft ver- 
einten Gönner der christlichen Kunst eintre- 
ten. Verwerten wir die Kunstwerke der Map- 
pen beim Unterricht der Kleinen, wie zur 
Fortbildung des Volkes, das für gute Kunst 
weit empfänglicher ist, als viele seiner Führer 
und berufenen Bildner gemeiniglich ahnen. 
Bieten wir so auch auf dem einflußmächti- 
gen Gebiete der Kunst der Jugend und dem 
Volke nicht Steine, sondern Brot; sie wer- 



den uns dieses geist- 
liche Werk der Liebe 
dadurch danken, daß 
sie ihre Hand für 
kirchlicheZ wecke wei- 
ter öffnen. 

Aber noch einen 
anderen Dienst erwei- 
sen uns die Jahres- 
mappen; seine Aus- 
nützung kann der 
christlichen Kunst un- 
absehbaren Vorteil 
bringen. Siehe, so viele 
christliche Künstler le- 
ben in deinem Vater- 
lande, manche von 
ihnen in deiner näch- 
sten Nähe, und du 
gingst an ihnen vor- 
bei, kümmertest dich 
nicht um ihre Leistun- 
gen, kanntest keines 
ihrer Werke. Darum 
wußtest du dir auch 
nicht Rat, wenn du für 
dein Heim oder als 
Geschenk ein christli- 
ches Kunstwerk kau- 
fen solltest oder wenn 
du beabsichtigtest, für 
das Gotteshaus einen 
Auftrag zu vergeben. 
So hörtest du auf die 
Anzeigen in der Presse 
und ließest dir von Un- 
berufenen, welche die 
Kunst schädigten und 
die Künstler ausnütz- 
ten, Erzeugnisse bie- 
ten, die nicht Kunst 
sind. In den Jahresmappen treten dir nun schon 
bis heute 237 christliche Künstler entgegen, die 
bereit sind, dir ihre guten Dienste zu leihen. 
Diese Ziffer wird sich mit jederneuen Mappe er- 
höhen. Immer mehr tüchtige Meister werden 
sich der christlichen Kunst aus Herzensdrang 
zur Verfügung stellen, junge Ki äfte werden sich 
ihr widmen, wenn die Zahl derjenigen wächst, 
die nur Kunstwerken Einlaß in das Gottes- 
haus gewähren. Ehedem waren die Fürsten 
der Kirche und des Staates, die Klosterobern 
und reichen Bürger die Auftraggeber der 
christlichen Künstler. Da hielt es nicht schwer, 
daß Künstler und Besteller sich fanden. Heute 
müssen die Künstler in den großen Städten 
wohnen, wo der einzelne im bunten Geschäfts- 
treiben untergeht, während als Auftraggeber 



BEGR.\BNISKArELLE ANDRASSY 




HEINRICH FREIHERR VON SCHMIDT ST. MAXIMILIANS-KIRCHE IN MÜNCHEN 

Mappe 1917 



85 




HEINRICH HAUBEKRISSER 



l'KIEDHOFSOEBAUDL IX REül.NöUl UG 




FRIEDRICH FREIH. v. SCHMIDT 



ERWEITERUNGSBAU DER KIRCHE IN LMM (MCnXHEN) 
Mappe tqi4 



Die chrislliclie Kunst XIV. 4/5, 



86 



!5 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 




HERMAXM SELZER 



KATH. KIRCHE IN KORNHÖFSTADF 



die einzelnen Kirchenvorstände, die meisten- 
teils fernab vom Künstler wohnen, im Vor- 
dergrunde stehen. Diese trennenden Hemm- 
nisse, die sich aus den Zeitumständen ent- 
wickelten und bisher der christlichen Kunst 




OTTO SCHUL/' 



Schaden brachten, müssen 
überwunden werden; ge- 
mildert sind sie durch die 
Jahresmappen, die jeder- 
mann gestatten, zu Hause 
in Ruhe die Künstler ken- 
nen zu lernen und unter 
ihnen die Wahl zu treffen. 
Die Beratungsstelle und die 
sonstige Wirksamkeit der 
Deutschen Gesellschaft für 
christliche Kunst wird das 
übrige tun. Wenn die Kluft 
zwischen den Kunstfreun- 
den und den Schaffenden 
auf diese Weise ausgefüllt 
ist, so können die neuen 
Verhältnisse, welche die 
Sorge um die christliche 
Kunst in die Hände vieler 
gelegt haben, nur Vorteile 
bringen, weil sie die Zahl 
der Kunstförderer verviel- 
fachen. 
Nur die Unterstützung des Wirkens unse- 
rer besten Künstler durch Aufcräge und An- 
kauf guter Neuschöpfungen vermag die Kunst 
hochzubringen. Mehr noch als für die Profan- 
kunst bedeutet eine richtige Auftragserteilung 
für die christliche Kunst, 
weil sie größtenteils ange- 
wandte Kunst ist. Literari- 
scher Betätigung kommt für 
die lebende Kunst nur so- 
weit ein fördernder Wert 
zu, als sie den guten Künst- 
lern den Weg bereitet, in 
der Absicht, sie nicht zu 
leiten, sondern liebend zu 
begleiten. Hiernach richtet 
sich die Deutsche Gesell- 
schaft für christliche Kunst 
ein. Es wäre ein un wei- 
ses Unterfangen, wenn sie 
die Mitgliederbeiträge aus- 
schließlich oder auch nur 
zum größeren Teil auf An- 
käufe oder Aufträge ver- 
wenden wollte. Denn selbst 
mit sehr beträchtlichen Sum- 
men ließe sich im Vergleich 
zu dem, was tatsächlich für 
kirchliche Kunstzwecke auf- 
sjewendet wird, nur Gerin- 
ges leisten. Auch wären 
Bedenken hinsichtlich allen- 
fallsiger zweckwidriger In- 
anspruchnahme der Gesell- 



KIKCHK IK WASSERTRUDINGES 



2) JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 



87 




ADOLF GAUDY 



KIKCHE IX /1;RMAIT 



Schaftsmittel nicht von der Hand zu weisen, 
sicherlich aber würde die Ursache der Miß- 
stände nicht beseitigt und die kunstwidrigen 
Unternehmungen würden nach wie vor weiter 
wuchern. Nein, das Übel mußte an der Wurzel 
erfaßt, die Heilung von innen heraus erstrebt 
werden : es war darauf hinzuarbeiten, daß das 
Geld der frommen Stifter nicht in die unrechten 
Taschen gerät und alles, was zum Gotteshaus 
und seinem Schmucke gehört, auch Kunst, 
christliche Kunst ist. Gleichwohl bemühte 
sich die Gesellschaft auch um die unmittel- 
bare Förderung und den Ankauf von Kunst- 
werken. Zur würdigen Durchführung von 
Aufträgen spendete sie in den Jahren 1895 
bis 1904 den Betrag von 16250 Mark. Von 
da an wurden Zuschüsse nicht mehr gegeben. 
An deren Stelle war bereits 1901 eine wirk- 
samere Einrichtung getreten, die zudem allen 
Mitgliedern zugute kommt, nämlich die Ver- 
losungen. Diese sind so geregelt, daß jedes 
Mitglied alle 4 Jahre mit einen Gewinn be- 
teiligt ist. Zur Verlosung gelangen teils Ori- 
ginale unserer Künstler in Plastik und Malerei, 
teils Reproduktionen nach Werken von der 
Gesellschaft zugehörigen Meistern. Auf die- 
sem Wege wurden 192 Originalschöpfungen, 
561 Mappenwerke, Majoliken, Terrakotten und 
kunstgewerbliche Arbeiten, ferner 15 328 Re- 
produktionen, also 160S1 Gewinne unter die 



Mitglieder verteilt, mit einem Kostenaufwande 
von 12S 489 Mark. 192 Mitglieder, von denen 
manches kaum dazu gekommen wäre, ein 
Original zu erwerben, erfreuen sich nun 
eines solchen köstlichen Besitzes"). Zugleich 
waren die \'erlosungsankäufe für die Künst- 
ler ein Segen, denn sie dienten ihnen zur 
Mahnung und Aufmunterung, kleinere Kunst- 
werke für das christliche Haus herzustellen. 
Auch durch die Reproduktionen erhielten zahl- 
reiche Räume einen würdigen Schmuck. Des- 
gleichen förderten sie die Möglichkeit, gute 
Wandbilder herzustellen und eine Besserung im 
Reproduktionswesen anzubahnen. Zudem bo- 
ten sie einen weiteren Anlaß, für die christ- 
lichen Künstler in der Öffentlichkeit einzu- 
treten. Keineswegs sollen diese Kunstblätter 
bloß dem Bedürfnis nach gediegenem Wand- 
schmuck nachkommen, vielmehr würden sie 
einem schönen und nützlichen Zweck genü- 
gen, wenn sie in zahlreichen Fällen den Grund- 
stock einer Sammlung guter Reproduktionen 
bildeten und zur Anschaffung geeigneter Sam- 
melmappen den Anstoß böten. 

Jeder Kunstfreund spürt das \' erlangen nach 
\'ertiefung seiner Aufnahmefähigkeit. Doch 

') Diese Ziffern stellen das Ergebnis der Verlosungen 
1901 — 1916 dar; die Verlosung für 1917 ist noch nicht 
einbezogen. Im Jahre 1917 wurden für Originale 5857 M. 
ausgelegt. 



25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 




FRITZ FUCH5ENBERGER 



EINGANG ZUR KATH. PFARRKIRCHE IN ADELSDOKF 
Mappe IQ 13 



die Hast des Berufslebens und die Mannigfal- 
tigl:eit der Aufgaben, die an den heutigen 
Menschen herantreten, vielfach auch äußere 
Hemmnisse, welche dieGelegenheitzumKunst- 
genuß einschränken, gestatten nur wenigen, 
sich eingehender mit den Kunstfragen zu 
beschäftigen, deren Durchdringungkeineswegs 
auf der Oberfläche liegt. Deshalb dürfte je- 
dermann, der sich mit Kunstangelegenheitcn 
zu befassen hat, eine Einrichtung freudig be- 
grüßen, die ihm ermöglicht, ohne Schwierig- 
keiten sich des uneigennützigen Rates von 



Männern zu bedienen, die sich die christliche 
Kunst zur Lebensaufgabe gemacht haben, 
die mitten im Kunstleben wirken und zu- 
gleich in Theologie und Kunstgeschichte be- 
wandert sind, die ihr Können und Wissen 
opferbereit in den Dienst der Gesamtheit 
stellen. Die Deutsche Gesellschaft für christ- 
liche Kunst hat sich in ihrer Jury, die aus 
sechs Künstlern und zwei Geistlichen besteht, 
ein derartiges Organ geschaffen. Der Jury 
obliegt neben ihren sonstigen Arbeiten die 
kostenlose Beantwortung aller in das Gebiet 




EDUARD ENDLER 



INNERES DER KIRCHE IN SARSTEDT 



25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 



89 




MICHAEL KURZ 



INNERES DER KIRCHE I\' l'FERSLi; (AUGSBLKG) 



der Kunst einschlägigen Anfragen. Eine 
schwere Verantwortung lastet auf dem Geist- 
lichen, der einen Kirchenbau oder Verände- 
rungen im Gotteshause und Neuerwerbun- 
gen in die Wege zu leiten hat, ebenso anl 
dem Architekten, wenn er sich mit Vertre- 
tern der Schwesterkünste in Verbindung 
setzen soll, aber auch auf den geistlichen und 
weltlichen Behörden, wenn sie Entscheidun- 
gen treffen; kein gebildeter Laie kann am 
Schicksal der Kunst seiner Gotteshäuser gleich- 
gültig vorübergehen, da es die ganze Kir- 
chengemeinde, die Ehre Gottes und das An- 
sehen der heiligen Religion berührt. Sie alle 
mögen sich gegebenenfalls erinnern, daß sie 
in der Jury der D. G. f ehr. K. eine berufene 
Beratungsstelle besitzen, die ohne jegliche 
Voreingenommenheit daraufhinarbeitet, durch 
Aufklärung und Empfehlung geeigneter Künst- 
ler die Aufträge in die rechten Hände zu 



bringen. Schon bisher wurde auf diese Weise 
die Lage, das Ansehen und der Einfluß der 
chrisilichen Künstler gebessert und nicht we- 
nige Auftraggeber wurden vor Sorge und Scha- 
den bewahrt. Aber auch in vielen jener zahl- 
reichen Fälle, bei denen der Rat der Jury 
zu keinem Ergebnis führte, dürfte die Arbeit 
der Auskunfterteilung, die den umfangreich- 
sten und schwierigsten Teil der Korrespondenz 
ausmacht, nicht ganz vergeblich gewesen sein. 
In das Gebiet der sachkundigen Beratung 
schlägt auch die Durchfüh run g von Wett- 
bewerben ein. Es ist hier nicht der Ort, 
auf Bedenken einzugehen, welche in Künst- 
lerkreisen gegenüber dem Wettbewerbswesen 
schon aufgetaucht sind'). Vielmehr dürfte 



■) GrundsStzliches über Wettbewerbe enthält das 
I. Heft der Publikation »Konkurrenzen der Deutschen 
Gesellschaft für chiistliche Kunst«, Verlag der Ges. f. 
ehr. Kunst, G. m. b. H., München, Karlstr. 6. 



90 



>5 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 




STEPHAN MATTAR 



PAULS-KIRCHE IN KÖLN 



es genügen, wenn in dieser Beziehung mit 
allem Nachdruck versichert wird, daß die Wett- 
bewerbe, welche unsere Gesellschaft unter- 
nahm oder auf Veranlassung anderer durch- 
führte, die Interessen der Künstlerschaft aufs 
strengste wahrten. Das jeweilige Preisge- 
richt versäumte nie, zunächst zu prüfen, ob 
im gegebenen Falle nicht ein unmittelbarer 
Auftrag an einen Künstler besser am Platze 
wäre, und es gab erst dann seine Zustimmung 
zu einem Wettbewerb, wenn es überzeugt 
war, daß er mit mehr Sicherheit den vollen 
künstlerischen Erfolg eines Unternehmens ver- 
bürge. Einzelne Wettbewerbe bezweckten 



außerdem. Künstlerschaft und Publikum 
für bis dahin brach gelegene Gebiete, wie 
z. B. die christliche Friedhofskunst, zu er- 
wärmen. Es waren Wettbewerbe für Neu- 
und Umbauten großer und kleinerer Gottes- 
häuser in Nord und Süd, für Altäre und 
Kirchenausmalungen, fürCrabmalkunst und 
öffentliche Denkmäler, Wettbewerbe für 
Taufsteine, für Kriegsgedenkzeichen, für 
Titelblätter von Zeitschriften, für Kom- 
munionandenken und Vereinsurkunden, zu- 
sammen nicht weniger als 33 Wer sich der 
hohen künstlerischen Erfolge erinnert, die 
in den Ausstellungen gezeigt und durch 
die teils in zwei besonderen Publikationen, 
teils in der »Christlichen Kunst« erfolgten 
Veröfi'entlichungen allgemein bekannt wur- 
den, muß neidlos bekennen, daß die Gesell- 
schaft der christlichen Kunst auch auf die- 
sem Gebiete genützt hat. Die Ausfüh- 
rung, die einem der preisgekrönten Teil- 
nehmer zufiel, nicht eingerechnet, floß einer 
Reihe beteiligter Künstler aus Preisen die 
Gesamtsumme von ^0460 Mark zu. Weit 
wertvoller noch waren die moralischen Er- 
folge sowohl für nicht wenige Künstler, de- 
nen sich der Weg zu Ansehen und Aufträgen 
öfl'nete, als auch für die christliche Kunst, 
die an Achtung und Ausdehnung zunahm. 
Die Ankäufe zu den Verlosungen, die 
Vermittlung von Aufträgen und die Wett- 
bewerbe bezwecken die Förderung der Ori- 
ginalwerke. Wenn wir von einem Kunst- 
werk sprechen, so meinen wir ein Original, 
d. i. eine Arbeit, die unmittelbar aus Geist 
und Hand eines Künstlers hervorging. Die- 
ses allein ist imstande, den Ruhm des Künst- 
lers ungeschmälert zu verkünden, vor ihm 
schaut der Betrachter in die Seele des Ur- 
hebers ohne Trübung. Das Original weckt 
das Verlangen des Kunstfreundes, es zu be- 
sitzen und sich des Meisters für Aufträge zu 
versichern. Aber zahllose Künstler müßten 
darauf verzichten, die Früchte ihres Fleißes 
und Könnens in weiteren Kreisen bekanntzu- 
machen, wenn es keine besonderen Möglich- 
keiten gäbe. Originale öffentlich zu zeigen, nur 
wenigen auserwählten Kunstfteunden wäre es 
vergönnt, in die Kunstzustände der Gegenwart 
einen Blick zu tun und Neuschöpfungen zu stu- 
dieren, wenn man darauf angewiesen wäre, 
jedem Kunstwerk an seinen Aufstellungsort 
oder in die Werkstätten nachzureisen. Hier 
treten die Kunstausstellungen helfend ein. 
In ihnen kommt das Kunstwerk zum Be- 
schauer. Durch sie schuf sich die Profan- 
kunst prächtige Tummelplätze, wo sie die brei- 
testen Volksschichten, hoch und nieder, heran- 



2) JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 9' 





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KRUZlFlXUS IN ST. PACL ZU MLN'CHEN 
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ruft, glänzt und für sich wirbt. Welch ein 
Gewinn wäre es für die christliche Kunst, ver- 
fügte auch sie über eine dauernde, sich weit- 
ausspannende Gelegenheit, mitähnlicherLeich- 
tigkeit aus dem Verborgenen herauszutreten I 
In dieser Erkenntnis nahm die Deutsche Ge- 
sellschaft für christliche Kunst jeden Anlaß 
wahr, der ihr die Abhaltung einer Ausstel- 
lung gestattete. So führte sie 1895 im Kgl. 
Kunstausstellungsgebäude zu München mit 
bestem moralischem Erlolg eine Ausstellung 
durch, an der 80 Künstler (darunter 45 Mit- 



glieder) mit 165 Werken teilnahmen. Im 
folgenden Jahre beteiligte sie sich geschlos- 
sen an der Ausstellung für christliche Kunst 
anläßlich des Katholikentages zu Dortmund, 
wo 43 Mitglieder vertreten waren. Auf der 
Münchener Jahresausstellung im Glaspalast 
1899 erschien die Gesellschaft als besondere 
Gruppe mit 89 Kunstwerken. D.nin folgte 
1904 auf Anregung des Lokalkomitees zum 
Katholikentag die Ausstellung in Regensburg, 
auf der 85 Künstler mit 261 Werken erschie- 
nen. Auf der großen Ausstellung für christ- 



25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 




SIRIUS EBEKLI 



liehe Kunst in Düsseldorf 1909 füllten die 
Künstler unserer Gesellschaft drei Siile mit 
97 Werken. Im Jahre 1913 endlich übernahm 
die Gesellschaft auf der Gewerbe-, Industrie- 
und Kunstausstellung zu Paderborn die Durch- 
führung einer Abteilung für christliche Kunst, 
die 235 Arbeiten von loi Künstlern umfaßte. 
— Eine Anzahl Mitglieder, die sich 1907 an 
der Kunst- und Kunstgewerbe-Ausstellung zu 
Aachen beteiligte, wurde daselbst zu einer 
eigenen Abteilung vereinigt. 

Doch decken sich im Ausstellungswesen die 



Verhältnisse der christlichen Kunst 
nicht mit jenen, welche der Profan- 
kunst ihre üppige Entfaltung erlau- 
ben. Deshalb muß hier teilweise 
ein anderer Weg eingeschlagen wer- 
den. Man betrat ihn 1900 durch Er- 
öflnung einer ständigen Ausstellung 
für christliche Kunst in den Räumen 
der Gesellschaft zu München (Karl- 
straße 6). In regelmäßigem Wechsel 
werden dort Arbeiten von Mitglie- 
dern bei freiem Eintritt gezeigt und 
viel Schönes, so auch eine ganze 
Reihe hochstehender Sonderausstel- 
lungen wurde vorgeführt. In vollem 
Umfange lassen sich jedoch die Be- 
dürfnisse der christlichen Künstler- 
schalt nach einer ihren besonderen 
Wünschen genügenden Ausstel- 
lungsgelegenheit erst in der Folge- 
zeit im Zusammenhang mit anderen 
dringlichen Aufgaben der Gesell- 
schaft befriedigen. 

Desto entschiedener verlangt je- 
nes nie mehr entbehrliche Hilfsmittel 
nach Verwertung, welches den Man- 
gel eines weiter ausgreifenden Aus- 
stellungswesens weniger empfinden 
läßt und einen immerhin schätzba- 
ren Ersatz bildet. Das ist die ge- 
diegene Reproduktion. Zwar 
bleiben selbst die vollendetsten Nach- 
bildungen hinter dem Originale zu- 
rück, doch vermitteln sie immerhin 
viele Vorzüge desselben. Sie bereiten 
auf den Genuß des noch nicht ge- 
sehenen Originals vor, wecken und 
stützen die Erinnerung an das ge- 
sehene, gestatten einen häufigen, be- 
quemen und andauernden Verkehr 
mit der Kunst, lassen vergleichende 
Studien zu und geben einen Über- 
blick über die Meisterwerke der Ver- 
gangenheit und Gegenwart, der Nähe 
und Ferne, an die Hand. Nicht un- 
willkommen dürfte dem Kunstfreund 
das erläuternde und begeisternde Wort sein, 
wenn es das Bild begleitet. Auch in dieser Hin- 
sicht wird den Mitgliedern der Deutschen Ge- 
sellschaft für christliche Kunst durch die zwei 
Zeitschriften »Die christliche Kunst« und »Der 
Pionier« sehr viel geboten. Erstere trat im 
Oktober 1904 im engsten Zusammenwirken 
unserer Gesellschaft mit der »Gesellschaft für 
christliche Kunst, G: m. b. H.« (München, 
Karlstr. 6), in deren Verlag sie erscheint, ins 
Leben. Sie steht auf dem Boden der Deut- 
schen Gesellschaft für christliche Kunst; für 



ST. GEORG 




HEINRICH WADERE 



ROSA MYSTICA 



2) JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 



95 



<Jeren Ziele arbeitet sie unter den Mitgliedern, 
welche sie beziehen, und weit über die Gren- 
zen der Gesellschaft hinaus. Ihr Inhalt um- 
faßt das ganze Kunstgebiet, alte und neue 
Kunst, berücksichtigt aber mit besonderer 
Sorgfalt die cliristliche Kunst der Gegenwart. 
Eine selbständige Unternehmung der Gesell- 
schaft für christliche Kunst, G. m. b. H , ist 
»Der Pionier«, der übrigens in der gleichen 
Weise und ebenso nachdrücklich wie »Die 
christliche Kunst- für die Ideale und Auf- 
gaben der Deutschen Gesellschaft für christ- 
liche Kunst eintritt; nur ist er weniger um- 
fangreich (loo Seiten im Format der Chr. K.) 
und beschränkt er sich auf die christliche 
Kunst, das kirchliche Kunsthandwerk und prak- 
tische Kunstfragen. Im Jahre 1908 entstan- 
den, wendet er sich an jene Kunstfreunde, 
welche in ihm eine Ergänzung der »Christ- 
lichen Kunst« begrüßen oder denen Zeit und 
Verhältnisse eine stärkere Beschäftigung mit 
Kunstliteratur nicht gestatten. Beide Zeit- 
schriften legen auf gute Abbildungen das 
größte Gewicht. In den bis Oktober 19 17 
erschienenen 13 starken Bänden der > Christli- 
chen Kunst« zählen wir 5333 Bilder, darun- 
ter viele mehrfarbige. Der alten Kunst sind 
1291 Reproduktionen entnommen, während 
4042 die Kenntnis neuer Kunst vermitteln. 
Dazu kommt iDer Pioniers, der bis jetzt 
9 Bände umfaßt und 161 Abbildungen alter, 
ferner 630 Abbildungen neuer Kunstwerke, 
zusammen 791 Bilder bietet. In der »Christ- 
lichen Kunst« tritt eine ansehnliche Schar 
unserer besten Künstler vor Kreise, die ihnen 
sonst verschlossen wären und nicht wenige 
unter ihnen konnten mit ihrem gesamten bis- 
herigen Lebenswerk durch größere Aufsätze 
oder Sonderhefte nachdrücklich gewürdigt 
werden. 

In pekuniärer Hinsicht sah sich die Gesell 
Schaft auf die Jahresbeiträge der Mitglieder 
beschränkt. Einen anderweitigen Zufluß er- 
hielt ihr Vermögen durch ein Vermächtnis im 
Betrage von 3000 Mark, wofür sie herzlich 
dankbar ist. Würden ihr gleich anderen \'ereini- 
gungen, die nicht in unserem Sinne arbeiten, 
namhafte Zuwendungen von Gönnern zur 
Verfügung stehen, so hätte sie in vielen Be- 
ziehungen, vor allem r.ber während der harten 
Kriegsjahre, ihre idealen Ziele und die rea- 
len Kunstinteressen nachdrücklicher verfolgen 
können. Keinen Berufszweig traf der Krieg 
empfindlicher, als die Vertreter der christli- 
chen Kunst. Die Gesellschaft bemühte sich, 
durch Ankauf von Kunstwerken mildernd 
einzugreifen. Auch suchte sie die ihr erreich- 
baren Stellen, namentlich den Klerus zu un- 




.\NTOX PRL'SK.\ 
In St. 



MAKIENALT.AR 



.l/,v«, /,<•„. — Maffe 



verzüglicher Erteilung von Aufträgen zu er- 
muntern. So wurde Ende 1915 auf Grund 
des von der Gesellschaft veranstalteten Wett- 
bewerbes für religiöse Kriegsgedenkzeichen 
und Kriegserinnerungen ein illustriertes Werbe- 
blatt Schafft unseren Kriegern würdige Denk- 
male« in 20000 Exemplaren versandt. Schon 
Ende 19 14 war an den gesamten Klerus ein 
Rundschreiben ergangen, mit der Aufforde- 
rung, sich der christlichen Kunst und der 
Zwecke unserer Gesellschaft anzunehmen. 

Zahlreiche Künstler stehen im Heeresdienst, 
viele setzen an der Front ihr Leben ein. 



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25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KüXST 




THOMAS BL'SCHER 



TOD DES HL. JOSEPH 



manche haben es dem Vaterland geopfert. 
Den Gefallenen zollen wir Trauer und dank- 
bare Erinnerung, für jene aber, die noch 
draußen weilen, wollen wir daheim rührig 
einen guten Boden bereiten, damit sie nach 
glücklicher Heimkehr ihren heiligen Beruf 
wohlgemut wieder aufnehmen können. In der 
Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst 
nahm während der Kriegsjahre nicht allein 
die äußere Führung der Geschäfte ihren ge- 
ordneten Verlauf, sondern auch das innere 
Leben blieb so rege wie nur je. Allerdings 
ließen die \'erhältnisse eine Abhaltung der 
jährlichen Mitgliederversammlungen nicht zu. 
Auch anläßlich des 25jähri;;;n Gedenktages 
ihrer Gründung verbieten sich Zusammen- 
künfte und Festlichkeiten. Vor dem Kriege 
hatten sich Vorstandschaft und Mitglieder den 



4. Januar 191 8 wohl anders gedacht: sie hat- 
ten darauf gerechnet, daß er die Freunde der 
christlichen Kunst von allen Gegenden her 
zu froher Feier schöner Erinnerungen und 
Erfolge zusammenführen werde, sie hatten 
erwartet, daß er in allen Festteilnehmern die 
Begeisterung für das Gedeihen der christli- 
chen Kunst erhöhen und damit einen ge- 
waltigen Schritt aufwärts bedeuten werde. 
Nachdem es jedoch anders kam, entschloß 
sich die Vorstandschaft, das Jubiläum gleich- 
wohl nicht stillschweigend verstreichen zu 
lassen. Statt der Festklänge mögen die vor- 
liegenden Blätter eine gehobene Stimmung 
wecken und die Erinnerung an den Grün- 
dungstag, sowie an die 25jährige Wirksam- 
keit der Gesellschaft festhalten. Diese Blätter 
wollen alle Mitglieder der Gesellschaft grü- 



2) JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 



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ßen und ihnen danken. 
Auffordern wollen sie alle 
Kunstfreunde, alle Geist- 
lichen und Laien, sich der 
Gesellschaft anzuschließen 
und für sie zu werben. Für 
den Hochstand der heuti- 
gen christlichen Kunst le- 
gen die Bilder laut Zeug- 
nis ab. Den bisher erschie- 
nenen 25Vereinsgaben ent- 
nommen, laden sie die Be- 
sitzer der Jahresmappen 
ein, diese wieder vorzu- 
nehmen und die darin nie- 
dergelegten 883 Abbildun- 
gen neuerdings an Auge 
und Herz vorüberziehen zu 
lassen, sowie in den fer- 
neren Jahren ihre Nach- 
folgerinnen gerne bei sich 
aufzunehmen '). 

Nach dem Kriege brau- 
chen wir einegeschlossene, 
starkeVertretung der christ- 
lichen Kunst, die alle gläu- 
big denkenden Männer 
und die hervorragendsten 
christlichen Meister mit 
ihrem begabtenNach wuchs 
umfaßt, eine Vereinigung, 
die auch über genug mate- 
rielle Kraft verfügt, um sich 
frei entwickeln und geltend 
machen zu können. Die 
Erlebnisse der jüngsten Zeit 
haben die Geister von Grund aus aufgewühlt 
und für neue Einflüsse erripfänglich gemacht. 
Eine von Gott abgewendete Kunst wird mit 
großen Hilfsquellen und viel Entschlossenheit, 
auch mit bestechenden Leistungen auftreten. 
Will sich daneben der christliche Geist in ed- 
lem Wettstreit behaupten, so tut Rührigkeit 
not, doch vor allem Einigkeit im Ziel und in 
der Anwendung der besten Mittel zu seiner 
Erreichung. Zu den unsrigen zählen wir 
Männer, die Können und Geistesgaben zu 
Hohem befähigen, und wir sind nicht so arm, 
daß wir sie nicht zu beschäftigen vermöchten. 
Zu hoch schätzen wir das erhabene religiöse 
und Kulturgut der christlichen Kunst, als daß 
wir — zu unserem \'erhängnis — darauf ver- 
zichten wollten. Nein, wir können uns nicht 
mit dem Rückblick auf eine erfreuliche \'er- 
gangenheit begnügen, auf die Zukunft seien 

') Die Auswahl der in vorliegen liem Hefte enthal- 
tenen Bilder und die nähere Bestimmung hierüber wurde 
von der Jury für 1917 vollzogen. 




CHRISTIAN WINKER 



MADONNA MIT ST. ALOIMl S UND ST. ALPHONSUS 
Mafpe igoi 

unsere Anstrengungen gerichtet, damit sie für 

die christliche Kunst eine gedeililiche werde. 

Gott möge es gnädig wenden. 



IL 



AUS DER GESCHICHTE DER 
GESELLSCHAFT 



Am 18. März 1892 versammelten sich auf 
Einladung des jungen Bildhauers Georg 
Busch in dessen Atelier zu München sieben 
Berufsgenossen und drei Freunde aus dem 
Gelehrtenberufe. Die geladenen Künstler ent- 
stammten jenem Kreise, der sich in dem von 
Georg Busch während seiner akademischen 
Studienzeit (Anfang 1885) für ernstgesinnte 
Kunststudierende gegründeten .^Ibrecht-Dürer- 
Verein zu gegenseitiger Anregung zusammen- 
geschlossen hatte. Die kleine Gruppe be- 
riet an jenem Abend in jugendlicher Begei- 
sterung und Zuversicht über Mittel und Wege 
zur Neubelebung der christlichen Kunst und 
beschloß, die Gründung einer Gesellschaft 



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96 



25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 




ALEXANDER IVEX 



TYMPANON AK DER MAKIA E.MI 
Mappe l(^oj 



ÄXGNISKIRCHE ZU DLSSELDORF 



zur Pflege der christlichen Kunst« zu betrei- 
ben. Laut Aufschreibung über das Ergebnis 
der Beratung sollte diese Gesellschaft die 
Aufgabe erhalten, »einen Mittelpunkt zu bil- 
den für alle diejenigen Künstler, welche ge- 
willt sind, die Kunst im christlichen Sinne 
zu pflegen und in weitere Kreise das Ver- 
ständnis für die christliche Kunst zu tragen«. 
Mitglied sollte werden können, wer sich mit 
den Zwecken der Gesellschaft einverstanden 
erkläre und einen jährlichen Beitrag von lo M. 
leiste. Auch die Herausgabe einer \'ereins- 
mappe war bereits geplant. 

In der Folge fanden häufige Besprechun- 
gen statt und einige neue Teilnehmer wur- 
den beigezogen. Im August waren die Be- 
ratungen bereits so weit gediehen, daß der 
Entschluß reifte, an die Öffentlichkeit zu 
treten. Der erste Schritt hierzu war das Er- 
suchen an die Generalversammlung der Katho- 



liken Deutschlands zu Mainz, den Gedanken 
zu fördern. Dort hatte Pfarrer Franz Festing 
in Niederroth die \'ertretung des Vorschlages 
auf Gründung der »Gesellschaft für christli- 
che Kunst«. Auch ein Statutenentwurf wurde 
vorgelegt. Es wurde denn auch folgende 
Resolution angenommen; -Die 39. General- 
versammlung der Katholiken Deutschlands 
begrüßt lebhaft die von Künstlern ausgehende 
Bewegung, eine große, über ganz Deutsch- 
land sich erstreckende Gesellschaft für christ- 
liche Kunst zu begründen, die zugleich Künst- 
ler und Kunstfreunde umfaßt. Sie ersucht 
die Herren Pfarrer Festing, Bildhauer Busch 
und Maler Fugel, bis zur nächsten General- 
versammlung unter Heranziehung aller geeig- 
neten Kräfte die nötigen Schritte zur Kon- 
stituierung einer solchen Gesellschaft zu tun 
und der nächsten Generalversammlung dar- 
über Mitteilung zu machen.« 



lAHRH DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 



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Am 15. und 16. November 1892 
wurden die inzwischen mehrfacli 
geänderten Satzungen mit einem 
Begleitschreiben an den Hochwür- 
digsten Episkopat, an kathoHsche 
Adelige und bekannte Kunstfreunde, 
an Künstler und viele sonstige Adres- 
sen, auch an die katholische Presse 
versendet. Das Begleitschreiben ent- 
hielt Aufklärungen über die Xeu- 
gründung und die Einladung zum 
Beitritt. Viele Bischöfe und andere 
hochangesehene Männer gaben, 
zum Teil mit großer Wärme, zu- 
stimmende Antworten. Auf Grund 
dieser aufmunternden Schreiben 
und der eingelaufenen Anmeldun- 
gen wurde die Versammlung zur 
Gründung der »Deutschen Gesell- 
schaft für christliche Kunst« auf 
4. Januar 1S93 anberaumt; sie fand 
an jenem Tage um 3 Uhr nachmit- 
tags im Katholischen Kasino zu 
München statt. Die Beratung der 
in neuer Fassung vorgelegten Sat- 
zungen wurde glatt erledigt. An 
den Wahlen zur\'orstandschaft, die 
in ziemlich später Stunde erfolgte, 
beteiligten sich 37 Mitglieder. 

Die weitere Geschichte der Ge- 
sellschaft ist in den Protokollen 
über die Sitzungen der \"orstand- 
schaft und der Jury, sowie in den 
gedruckten Jahres- und Versamm- 
lungs-Berichten niedergelegt. 

Für die neue Vereinigung war es 
ein hoher Gewinn, daß der Gründer 
der Görresgesellschaft, Reichsrat 
Dr. Georg Freiherr von Hert- 
ling, der gegenwärtige Reichs- 
kanzler, ihr gewogen war und die einstim- 
mige Wahl in die Vorstandschaft sowie als 
I. Präsident annahm. Fast siebzehn Jahre 
oblag Seine Exzellenz mit vollster Hingabe 
und segensreichem Weitblickdiesem Ehrenamt. 
Schmerzliches Bedauern verursachte deshalb 
sein Entschluß vom 5. November 1909, die 
Stelle des I. Präsidenten niederzulegen und 
aus der Vorstandschaft auszuscheiden. Auch 
eine spätere Zeit konnte jenen Entschluß 
nicht rückgängig machen; doch hat S. Exzel- 
lenz nie aufgehört, der Gesellschaft warme 
Sympathie zu schenken und erst kürzlich gab 
der hohe Herr der Vorstandschaft die \'er- 
sicherung, daß er auch weiterhin die Arbeiten 
der Gesellschaft mit wärmster Anteilnahme 
verfolgen werde. 

Am 16. Juni 191 1 wurde Herr Dr. Wil heim 




OStl'H SCHEEL 



von Haiß, damals Senatspräsident in Mün- 
chen, zum I. Präsidenten gewählt. Aber schon 
zu Ende des Jahres sah er sich zum großen 
Leidwesen der übrigen X'orstandsmitglieder 
infolge seiner Beförderung nach Nürnberg ver- 
anlaßt, die Präsidcntenstelle niederzulegen, 
doch blieb er in der \'orstandschaft. Zum 
Nachfolger wurde am 8. Januar 19 12 Herr 
Oberamtsrichter Franz Xaver Riß gewählt. 
Nachdem inzwischen sein Vorgänger als- 
bald wieder als Präsident des Obersten Lan- 
desgerichtes nach München zurückgekehrt war, 
legte Herr Oberamtsrichter Riß, der seinen Auf- 
gaben in rührigster Weise nachkam, am 7. Ok- 
tober 191 3 die Präsidentenstelle nieder. Auf 
Ersuchen der \'orstandschaft übernahm nun 
S. Exzellenz Reichsrat Dr. Wilhelm von 
Haiß das Amt des I. Präsidenten neuerdings. 



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25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 




CARL BURGER 



PROZESSION'SST AXG E 



Die Gründungsversammlung wählte zum 
IL Präsidenten durch Zuruf den Bildhauer 
Georg Busch, wegen seiner entscheidenden 
Verdienste um Anregung und Durchführung 
der Gründung der Gesellschaft. Seitdem be- 
kleidet Professor Busch den verantwortungs- 



vollen und mühereichen Posten ununter- 
brochen. 

Das Amt des Kassiers übernahm Herr Uni- 
versitätsprofessor Dr. Alois Knöpfler (Mün- 
chen) am 2. Februar 1893 auf Ersuchen des 
Herrn I. Präsidenten und er versah es ständig 
bis zum 16. Juni 191 1. Während dieser 
i8'/2 Jahre hat Geheimrat Erzb. Geistl. Rat 
Dr. Knöpfler nicht allein als umsichtiger 
Kassier, sondern in jeder Richtung durch ein 
hohes Maß von Arbeit und Liebe zur Sache 
den unauslöschlichen Dank der Gesellschaft 
erworben. Vom 16. Juni 191 1 ab trat an 
seine Stelle der Erzb. Geistl. Rat Johann 
B. Huber, Stadtpfarrer an St. Paul in Mün- 
chen, der leider schon am 17. Mai 1914 ver- 
starb. Ihm folgte Herr Bankdirektor Ludwig 
Münz am 3. Juli 1914. Aber auch ihn ver- 
lor die Gesellschaft durch den Tod am 5. Ok- 
tober 1917. Am 14. Dezember übernahm 
das Amt des Kassiers Herr Bankprokurist 
Anton Pöllinger. 

Auch die Schriftführer haben nicht oft ge- 
wechselt. In der Zeit der Vorbereitung wirkte 
als Schriftführer zunächst Herr Privatdozent 
Dr. Alois Meister, jetzt Professor in Mün- 
ster, dann der damalige Stiftsvikar Sebastian 
Stand hamer, der nachvollzogenerGründung 
der Gesellschaft die Stelle des I. Schriftführers 
weiterhin bis Ende 1895 versah. In diesem 
letzteren Jahre wurde Herr Rechtsanwalt 
August Rumpf (München) zum Schriftführer 
der Kommission für die anläßlich des Katho- 
likentages im Kunstausstellungsgebäude ver- 
anstaltete Ausstellung für christliche Kunst 
ernannt. Herr Rumpf (jetzt Justitzrat und Ge- 
meindebevollmächtigter) übernahm das Schrift- 
führeramt ab i. Januar 1896 in vollem Um- 
fang und behielt es bis 16. Mai 1899. Sein 
Nachfolger wurde ab 25. Okt. 1899 Herr Ge- 
heimsekretär Dr. Joseph Weiß (gegenwärtig 
Geh. Archivrat). Ihn löste am 19. Juli 1900 
Herr Dr. Franz Kampers ab, nach dessen 
Rücktritt die Arbeiten des L Schriftführers 
am 28. November 1902 wieder von Stiftsvikar 
S.Staudhamer (z. Zt. Kanonikus) übernom- 
men und bis jetzt versehen wurden. 

Aus der Wahl am Gründungstage ging fol- 
gende Gesamtvorstandschaft hervor: a) Kunst- 
freunde: Reichsrat Dr. Georg Freiherr von Hert- 
ling, — Professor Dr. Gustav Schnürer, — 
Dr. Clemens Freiherr von Heeremann, — 
Prof. Dr Joseph Schlecht, — Pfarrer Franz 
Festing, — Oskar Freiherr Lochner von Hüt- 
tenbach, — Professor Dr. Paul W. Keppler, ') — 
Prof. Dr. Alois Knöpfler, — Heinrich Graf 



') Seit November 1898 Bischof von Rottenburg. 



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Adelmanii von Adelmannsfelden, — Prof. 
Dr. P. Albert Kuhn, O. S. B., — Prälat Prot. 
Dr. Joseph Bach; — b) Künstler: Bildhauer 
Georg Busch, — Architekt Professor Heinrich. 
Freiherr von Schmidt, — Bildhauer Heinrich 
Wadere, — Maler Gebhard Fugel, — Archi- 
tekt Bernhard Hertel, — Maler Martin Feuer- 
stein. 

In der iSgliedrigen \'orstandschaft soll der 
Charakter der Gesellschaft, die Überlieferung 
und die Summe praktischer Erfahrungen weiter- 
leben. In ihr soll eine ruhige Kraftentfaltung 
und gesunde Weiterentwicklung verbürgt sein. 
Auf diese ihre Bedeutung im Gesellschafts- 
körper nehmen auch die Satzungen bedacht. 
Ein plötzlicher Wechsel und ein rascher Wan- 
del in der Besetzung der Vorstandschaft wäre 
nicht als eine normale Erscheinung zu be- 
trachten, trat auch nicht zutage. Die Ände- 
rungen vollzogen sich langsam und waren 
im wesentlichen das Ergebnis von äußeren 
Umständen, mehrfach leider auch von Todes- 
fällen. 

Die ersten 3 Jahre brachten keine Verän- 
derung. Anfangs 1896 trat Rechtsanwalt 
August Rumpf an die Stelle des wegen 
seiner w-eiten Entfernung von München zu- 
rückgetretenen Professors Dr. Schnürer zu 
Freiburg i. Schw. Am 17. November 1896 
wurden für die ausscheidenden \'orstandsmit- 
glieder Hertel, Wadere und Staudhamer die 
Herren Prof. Bildhauer Balthasar Schmitt, 
Maler Louis Feldmann und Archivsekre- 
kretär Joseph Weiß gewählt. Für den Hoch- 
würdigsten Herrn Bischof Dr. Paul Wilhelm 
vonKepplerinRottenburg wurde am 3 1 .Juli 1 899 
Herr Dr. Franz Kampers gewählt. Durch 
die Wahl vom i. August 1900 trat für den 
am 16. Januar zurückgetretenen Herrn Rechts 
anwalt Rumpf Herr Rektor Schulte in Mün- 
ster ein. Nachfolger des 1901 verstorbenen 
Prälaten und Universitätsprofessors Dr. Joseph 
Bach wurde am 28. Juli 1902 Herr Privat- 
dozent Dr.Engelbert Drerup. Durch Ab- 
leben verlor die Vorstandschaft die Herren 
Ffr. Festing (i 902) und Freiherr von Heeremann 
(1903), durch Ausscheiden Herrn Dr. Franz 
Kampers, infolge seiner Berufung an die 
Universität Breslau, ferner Herrn Dr. J. Weiß. 
Die Wahl am 5. Oktober 1903 hatte die Er- 
gänzung der Vorstandschaft durch die Herren 
Prälat Dr. Adolf Franz, Regierungsrat 
Alois Frank, Präses Walterbach und 
S. Staudhamer zum Ergebnis. Wegen Über- 
lastung mit anderweitigen Arbeiten schied 
Architekt Heinrich Freiherr von Schmidt am 
3. Oktober 1904 aus, ferner trat am gleichen 
Tage Herr Privatdozent Dr. Drerup zurück. 




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HI..J..\KOKLS 1). \. 



Dafür kamen neu in die Vorstandschaft die 
Herren Architekt Jakob Angermair und 
Domvikar Dr. J. B. Wieg and. Keine Ver- 
änderung ergab sich in den Jahren 1905 und 
1906. Das Jahr 1907 brachte 3 neue Vor- 
standsmitglieder, nämlich für Prälat Dr. Franz 
Herrn Reichsrat Theodor F r h r. von C r a- 
mer-Klett, für Akademieprofessor Feuer- 
stein Herrn Maler Joseph Huber-Feld- 
kirch, für Präses Walterbach Domkapitular 
Dr. Sigmund Zimmern. In den 3 fol- 
genden Jahren unterblieben die Wahlen, da 
190S keine Mitgliederversammlung stattfand 
und aufdenVersammlungen von 1909 und 1910 
die Verhandlungen alle Zeit in Anspruch ge- 
nommen hatten. Die \'ersammlung vom 
12. Juni 191 1 wählte eine vollständig neue 



100 25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 




FRAXZ SCHILÜIIORX 



KRELZIGUN'GSGRUPPE 



Vorstandschaft, nämlich: I. für 1908/11 die 
Herren Oberregierungsrat Alois Frank, 
Geh. Archivrat Dr. Georg Jochner, Archi- 
tekt Professor Franz Rank, Kunstmaler 
Professor Leo Samberger, Lycealrektor 
Dr. Joseph Schlecht (Freising), Kanoni- 
kus Geistl. Rat S. Staudh amer: IL 

für 1909/12 die Herren Bildhauer Professor 
Jakob Bradl, Prälat Aht P. Gregor 
D an n e r O. S. B., Senatspräsident des Ober- 



sten Landesgerichtes Dr.Wilhelm von 
H a i ß , Professor Dr. Oskar Freiherr 
Lochner von Hüttenbach (Eich- 
stätt), Kunstmaler M atthäusSchiestl, 

Rektor Schulte (Münster) ; III. für 

19 10/13 die Herren Konservator Architekt 
Jakob Anger mair, Domkapitular und 
Erzb. G Rat Dr. M.Buchb erger, Bild- 
hauer Professor Georg Busch, Stadt- 
pfarrer Joh. B. Huber, Amtsgerichts- 
rat Franz Xaver Riß, Domvikar 
Dr. Joh. Wiegand (Trier). 

Die Hälfte der Gewählten gehörte der 
VoTstandschaft schon seither an. Die 
Wähler waren von dem Wunsche gelei- 
tet, die Zahl der am Sitz der Gesellschaft 
wohnenden Vorstandsmitglieder zu ver- 
stärken, da die auswärtigen Mitglieder 
in der Regel nicht in der Lage sind, den 
Vorstandssitzungen anzuwohnen. Die 
nächste Wahl war am 4. Juü 1912 und 
zwar wurde an Stelle des unmittelbar vor 
der Mitgliederversammlung zurückgetre- 
tenen Herrn Hochschulprofessors Dr. Fhr. 
V. Lochner Herr Ministerialdirektor a. D. 
Adolf von Geith gewählt, während die 
Zusammensetzung der Vorstandschaft im 
übrigen sich gleich blieb. Größere Än- 
derungen brachte das Jahr 191 3. Die Mit- 
gliederversammlung vom 18. Dezember 
wählte an Stelle der Herren MinisteriaL 
direkter von Geith (zurückgetreten An- 
fang Mai), Amtsgerichtsrat Riß (zurück- 
getreten am 7. Oktober), Konservator 
lakob Angermair, Domkapitular Buch- 
bergerund DomvikarWiegand, die Herren 
Bankdi,rektor Ludwig Münz, Konser- 
vator Dr. Richard Hoffmann (von der 
Vorstandschaft am 24. November zuge- 
wählt), Kammerherr Karl Freiherr von 
Hertling, Archivrat Dr. Anton Mül- 
ler, Architekt Hans Schurr. — Die 
a. o. Mitgliederversammlung vom i i.März 
1914 befaßte sich nicht mit den Wahlen, 
die für den Spätherbst 19 14 geplante Ver- 
sammlung und die seit 191 5 bis jetzt fäl- 
ligen Versammlungen verhinderte der 
Krieg. Gemäß § lo'der Satzungen wurde 
1914 die Stelle des j Herrn Stadtpfarrers Jo- 
hann B. Huber durch Herrn Generalvikar und 
Domdekan Dr. Sebastian Huber, jene des 
t K. Kammerherrn Karl Freiherr von Hert- 
ling 1916 durch Herrn Superior J. B. Pfaffen- 
büchler und jene des t Bankdirektors Lud- 
wig Münz kürzlich durch Herrn Bankproku- 
risten Anton Pöllinger besetzt. 

Sonach besteht die Vorstandschaft 
zurzeit aus folgenden 18 Herren: I.Präsident: 




BALTHASAR SCHMITT 



MARIENALTAR IN ST. URSULA ZU MÜNCHEN 







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LUDWIG bOX\l.ElTXHR M„ppeiqi2 XII. KRELZWEGSTATION 




JOStPH ACER 



Mafpc igiö HAUPT DES HL. JOHANNES 



Die cnnsilichi- Kunst. .\iV. 



25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 




lAKOB BRADL 

Mappe ,q II 

Dr. Wilhelm von Haiß, Exzellenz, Präsi- 
dentdes Obersten Landesgerichtesin München ; 
— II. Präsident: Professor Georg Busch, Bild- 
hauer in München; — I.Schriftführer: Kgl. 
Geistl. Rat Seb. Staudhamer, Kanonikus in 
München; — II. Schriftf : Prof. Jakob Bradl, 
Bildhauer, Direktor der Schnitzschule in Ober- 
ammergau; — Kassier: Anton PöUinger, 
Bankprokurist in München; — PrälatP. Gre- 
gor Danner, O. S. B., Abt von St. Bonifaz 
in München ; — Alois Frank, K. Regierungs- 
direktor in München; — Dr. Richard Hoff- 
mann, Konservator am Kgl. Generalkonser- 
vatorium in München; — Prälat Dr. Seba- 
stian Huber, Domdekan und Generalvikar 



in München; Geh. Hofrat 
Dr. Georg Jochner, Kgl. 

Reichsarchivdirektor in 
München; — Dr. Anton 
Müller, Kgl. Archivrat in 
München; — Joh. Bapt. 
Pfaffen buch 1er, Ordens- 
superior der Barmherzigen 
Schwestern in München. — 
Professor Franz Rank, Ar- 
chitekt in München ; — Pro- 
fessor Leo Sa m berger, 
Kunstmaler in München ; 

— Professor Matthäus 
Schiestl, Kunstmaler in 
München; — Erzbischöfl. 
Geistlich. Rat Dr. Joseph 
Schlecht, Hochschulpro- 
fessor und Lyzealrektor in 
Freising; — Rektor Anton 
Schulte in Münster i. W.; 

— Hans Schurr, Archi- 
tekt in München. 

Der Vorstandschaft, die 
sich aus 12 Kunstfreunden 
und 6 Künstlern zusammen- 
setzt, obliegt die Verwal- 
tung, die Aufrechterhaltung 
der Satzungen und Grund- 
lagen der Gesellschaft, die 
Werbetätigkeit und die Ent- 
scheidung über die Ver- 
wendung des Vermögens. 
In künstlerischen Fragen 
jedoch steht ihr kein Be- 
stimmungsrecht zu. Die 
letzteren fallen in den Wir- 
kungskreis der au.s 6 Künst- 
lern und 2 Geistlichen be- 
stehenden Jur}', die sat- 
zungsgemäß in jedem Jahre 
neu gewählt wird. Der jähr- 
liche Wechsel empfiehlt sich 
schon aus dem Grunde, weil die Bewältigung 
der Arbeitslast zahlreiche anstrengende Sit- 
zungen zu erfordern pflegt. Die Jury ent- 
scheidet über die Aufnahme der Abbildungen 
zur Jahresmappe, wirkt bei den Verlosungs- 
ankäufen mit, in ihrer Hand liegt die Auf- 
nahme von Künstlern in die Liste der wahl- 
berechtigten Künstler, sie führt die Wettbe- 
werbe durch und behandelt ganz selbständig 
sämtliche Anfragen über Kunstaiigelegenheiten 
und alles in der Gesellschaft, was sich auf 
Kunst bezieht. 

Durch das Vertrauen ihrer Berufsgenossen 
wurden bisher folgende Künstler als Juroren 
gewählt: 



DER HL. LLKICH 



!5 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 105 




FERDINAND VON MILLER 



CHRISTUS ZU riERD ^ \ 



Die Architekten: Prüf. Konservator Jakob 
Angermair (6 mal), Anton Bachmann, 
Karl Bauer (2 mal), Prof. Richard Berndl, 
Prof. Bühlmann (3 mal), Peter Danzer, 
Prot. Fritz Fuch senberger (2 mal), Stadt- 
baurat Dr. Hans Grässel(2 mal), Prof 
Dr. Georg von Hauberrisser (11 mal) 
Michael Kurz, Prof Otho Orlando Kurz, 
Rupert von Miller, Prof. Franz Rank 



(2 mal), Prof Leonhard Romeis (2 mal), 
Friedrich Freiherr von Schmidt (wegen 
Militärdienstes durch Prof Fuchsenberge r ver- 
treten), Geheimrat Prot. Heinrich Freiherr 
von Schmidt (7 mal), Hans Schurr (6 mal), 
Prof Gabriel von Seidl (2 mal) ; 

die Bildhauer: Georg Alberts hofer 
(2 mal), Prof. Bernauer, Prof. Jakob Bradl, 
(2 mal), Prof Georg Busch (2 mal), Prof. 



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VALEXIIN KUALS 



UNSERE ERLOSUNG 




lOHANV SERTL 



GRABLEGUNG 



25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 




lOSEPH FASSNACIir 



lUvLl ZIGUXCSGRLPPE 



Thomas Buscher (3 mal), Franz Drexler, Fritz von Miller, Prof. Hubert Netzcr, 

Prof. Sirius Eberle (4 mal), Joseph Faß- Prof. Anton Pruska (3 mal), Ludwig Sand , 

nacht Prof. Joseph Floßmann (2 mal), August Schädler, Franz Schild hörn, 

Ludwig Gamp, Hans Gruber, Prof. Max Prof. Balthasar Schmitt (7 mal), Prof. Hein- 

Heilmaier (2 mal), Hans Hemmesdorfer rieh Wadere (4 mal), Valentin Winkler; 

(2 mal), Prof. Anton Heß (2 mal), Franz die Maler: Prof. J os. Altheim er, Jos. 

Hoser, Valentin Kraus (4mal), Prof. Albrecht, Felix Baumhauer (2 mal), Prof. 



io6 



25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 




Karl J. Becker-Gundahl, Severin Benz, 
Prof. Maximilian Dasio, Prof. Franz von 
D e f r e g g e r (2 mal), Prof. AloisDelug, Xaver 
Dietrich (2 mal), Prof Martin von Feuer- 
stein (4 mal), Prof. Gebhard Fugel (3 mal), 
Ludwig Glötzle, Joseph Gunter mann 
( 5 mal), Prof Gabriel von Hackl, Prof. 
Joseph Hu ber-Feldkirch (2mal), Franz 
Hofs t Ott er,WilhelmImmenkamp(2mal), 
Georg Kau, Prof. W a 1 d e m a r K o I m - 
sperger (4 mal), Fritz Kunz (3 mal), Prof 
A. von Liezen-Mayer, Augustin Pacher 
(2 mal), Prof. Leo Samberger, Prof. Mat- 
thäus Schiestl (2 mal), Prof. Kaspar 
Schleibner (2 mal), Philipp Schumacher, 
Heinrich Told, August Veiter, Prof. 
Friedrich Wirn hier (2mal). 

Sonach wirkten 72 Künstler an den künst- 
lerischen Aufgaben der Gesellschaft mit. Da- 
ran beteiligten sich auf Ersuchen der ^'orstand- 
schaft ferner noch 31 Kunstfreunde, nämlich 
die Herren : Universitätsprofessor Prälat Dr. 
Joseph Bach (4mal), Universitätsprofessor 



Dr. Ludwig Baur (Tübingen, 
3 mal), Hochschulprof. Dr. And r eas 
Biglmayr, Pfarrer Bohne r (Riß- 
tissen), Prof. Dr. Job. Nep. Brun- 
ner, Stadtpfarrer Dr. Johannes 
D a m r i c h , Pfarrer Heinrich 
Detzel (St. Christina bei Ravens- 
burg, 2 mal', Inspektor Dr. Peter 
Dörfler, Hochschulprofessor Dr. 
Jos. Ant. Endres (Regensburg), 
Pfarrer Franz Festing (Nieder- 
roth), Regierungsdirektor Alois 
Frank, Universitätsprofessor Ge- 
heimrat Dr. Hermann Grauert 
(3 mal) Konservator Dr. Richard 
Ho ffmann (3 mal), Domdekan Dr. 
Sebastian Huber(3 mal), Profes- 
sor Simon Irschl, Domkapitular 
Prälat Dr. Seb. Kirch her ger(3mal), 
Universitätsprofessor Dr. August 
Knecht, Universitätsprofessor Ge- 
heimrat Dr. Alois Knöpfl er , Ku- 
mt Dr. S t e p h a n K r o 1 1 e n t h a 1 e r, 
Chef-Redakteur Kon rad Kümmel 
(Stuttgart), Hochschulprofessor Dr. 
Oskar Freiherr Lochner von 
Hüttenbach (Eichstätt, 2 mal), 
Konservator Dr. Felix Mader 
(3 mal), Präses Jakob Murböck, 
Ordenssuperior Job. Bapt. Pfaffen- 
b üch 1er, Privatdozent Dr.J ose ph 
Po p p ( 3mal), Lvzealrektor Dr. J o s e p h 
Schlecht (Freising), Stadtpfarrer 
ArturSchöninger (Haslach), Re- 
gierungsrat Dr. Franz Schweyer, 
Kanonikus S. Staudhamer (2 mal), Rechts- 
anwalt Her mann Freiherr von Stengel, 
Hochschulprofessor Dr. Anton Weber (Re- 
gensburg). 

Zur Durchführung von Ausstellungen und 
Wettbewerben wurde die ständige Jury durch 
Zuwahl von Künstlern und Kunstfreunden je 
nach Bedarf erweitert. 

Was die Wettbewerbe betriift, so dürfte eine 
Zusammenstellung derselben mit Angabe des 
Termins ihrer Ausschreibung, des Gegenstan- 
des und der Preisträger nicht belanglos sein, 
da sie vielleicht Anregungen für die Zukunft 
bietet. 

1. 20. Okt. 1894. — Altarbilder nachGroß- 
eislingen. — Die Ausführung erhielt 
Maler Adrian Walker (München), einen 
Preis Maler Ludwig Feldmann (Düsseldorf). 

2. 17. Nov. 1894. — Taufsteindeckel für 
Brenken (VVestfalen). — Preis und Aus- 
führung fiel dem Bildhauer Lasser (Mün- 
chen) zu. 

3. 5. April 1901. 



Taufstein einer go- 



25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 107 




FRANZ HOSEK 



LNSKKE HOFFNUNG, SEI GEGKLSST 



tischen Kirche. — Preise erhiehen : 
Steinicken und Lohr, J. A. Spöttl, Hermann 
Heidmann, Hans Gruber. 
4.10. Juni 1901. — Kommunionan- 
denken. — Preise fielen auf Ludwig Feld- 
mann (Düsseldorf), Max Fuhrmann (2). 

5. 12. Mai 1903. — Hochaltar für Feucht. 
Als beste Leistungen wurden 3 Modelle 
von A. Lohr (München) bezeichnet, von 
denen eines zur Ausführung kam. Preise 
erhielten ferner die Bildhauer Lud. Engler, 
Jos. Faßnacht, Karl Vogt. 

6. 3. Nov. 1903. — Plan für eine neue 
katholische Kirchein Sondersfeld.— 
Preise erzielten die Architekten Franz Rank 
(einen L und IL), Anton Bachmann, Michael 
Kurz. 

7. Juni 1904. — Projekt für eine neue 



kath. Kirche zu Ingolstadt. — Preise 
wurden zuerkannt den Architekten'Michael 
Kurz, Heinrich Hauberrisser (Resensburg), 
Rank. "' 

S.Dez. 1904. — Einfache christliche 
Grabdenkmäler. — Mit Preisen wurden 
bedacht die Bildhauer Ludwig Engler, 
Eduard Fischer, Joh. Frey, Franz Hoser, 
Valentin Kraus, G. Schellberg und Archi- 
tekt Paul Geppert. 

9. 30. April 1905. — Neuer Hochaltar 
für die kath. Pfarrkirch e in Stadt- 
stein ach. — Die verfügbare Summe 
wurde zuerkannt Projekten^ der Künstler 
Emil Wagner, Valentin Kraus, Anton 
Bachmann, Ruthmann. 
10. April 19O). — Titelblatt-Zeichnung 
für die Zeitschrift »Die christliche 



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GEORG WALLISCH 




WILHELM JUXK 



CHRISTUS IM GRAB 



GEORG BUbCH 



bioUriÜF PAUL LEUh'OLD HAPFNER 
iom Grabmal i,n Dom 7u Mainz. — Mappe 190b 



25 jAIIRl-; DF.UTSCIll- GliSlil.LSCIIAFT VVW Cl IRlS'l LlCIIli KUNST 



109 




F. X. MARMON 



TOD DES HL. l RAN/ISKUS 



Kunst«. — 5 gleiche Preise fielen an 
die Künstler H. M. Glatz, Johann Kopp, 
Kitschker, 3 weitere gleiche Preise an die 
Künstler |ohann Kopp, Fritz Lequer de 
Latour, Karl Kunz. 

11. 5. Juni 1905. — Neue katholische 13 
Pfarrkirche in Milbertshofen bei 
München. — 4 gleiche Preise fielen 

auf Entwürfe der Architekten Felix Grat 
Courten und Otho Orlando Kurz, Peter 
Danzer, Gebr. Rank, Georg Zeitler. 

12. 20, Febr. 1906. — Neue kath. Pfarr- 14. 



k i r c h e in A c h d o r f b e i L a n d s h u t. — 
Einen Preis errang Architekt Otho Orlando 
Kurz, einen gleichen die Architekten Mues- 
mann und Steidle, einen dritten Arcliitekt 
Heinrich Hauberisser (Regensburg). 
28. Juli 1906. — Zeichnung für den 
Titelkopf der Zeitschrift »Moni- 
ka« (Donauwörth). ■ — Entwürfe von Felix 
Baumhauer (München), Karl Elmpt (Kon- 
stanz), Fritz Scholl (Dachau) wurden preis- 
gekrönt. 
I.Januar 1907 — Entwürfe für das 




W. S. RESCH 



GEDliNKTAFEI. 



Die chrislhchc Kunst. XIV. 1/5. 



25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 








■ 1 C-\. y 



KASPAR RUPPERT 



-HT-MKDAILLE 



Grabdenkmal des Erzbischofs Dr. 
von Schork im Dom zu Bamberg. — 
Hier erzielten Preise die Bildhauer: Valen- 
tin Kraus (einen I. und III.), Ludwig Eng- 
ler, Jakob Bradl, Philipp Widmer. 

15. IG. März 1 907. — Neue katholische 
Kirche in Nürnberg (St. Johannis). — 
Als Sieger gingen hervor die Architekten 
Michael Kurz (Vilshofen), Otto Schulz 
(Nürnberg), OthoOrlando Kurz (München), 
Hermann Böttcher (Leipzig). 

16. Oktober 1907. — Neue katholische 
Kirche mit Pfarrhaus in Hamburg — 
Hier errangen die Preise Otho Orlando 
Kurz, Wihelm Käb und Oskar Zech, Fritz 
Kunst (Mainz), Hans Brühl. 

17. 10. Januar 1909. — Neue kath. Kirche 
mit Pfarrhaus in Ürdingen am 
Niederrhein. — Preisträger waren die 
Architekten Otho Orlando Kurz (München), 
Hans Rummel (Frankfurt a. M.), Verhey- 
hen und Stobbe (Düsseldorf), ferner (mit 
gleichen Preisen) Prof. Richard Berndl, 
(München), Dominik Böhm (Offenbach 
a. M.), Karl Colombo und Ernst Müller 
(Köln), Adolf Stöcker (Köln), Joseph Ried! 
(Murnau). 

18. 10. Juni 1909. — Neue kath. Kirche 
mit Pfarrhaus in Memmingen 
(Schwaben). — Die Preise fielen an die 
Münchener Architekten Karl Gaudy und 
Joseph Lang, Prof. Richard Berndl, Otho 
Orlando Kurz, Friedrich Freiherr von 
Schmidt. 

19. 27. Juli 1909. — Entwurf für ein künst- 
lerisches Vereinsblatt für den Boni- 
fatius - Sammel verein in Pader- 



born. — Bei diesem Wettbewerb für 
Maler fielen gleiche Preise auf Philipp 
Schumacher (München), Friedrich Wirn- 
hier (München), Georg Winkler (Düssel- 
dorf), Theodor Winter (Düsseldorf). 

20. 18. Dezember 1909. — Luise- Hensel- 
Denkmal in Paderborn. — Die 
Münchener Bildhauer Wilhelm Erb, Emil 
Wagner mit Hans Geist, Franz Hoser er- 
hielten die Preise. 

3 1. 20. Februar 19 IG. — Ausmalung der 
kath. Pfarrkirche zu Immenstadt 
(Allgäu). — Entwürfe von Xaver Diet- 
rich (München), Walter lUner (Dresden- 
Loschwitz) und Kaspar Schleibner wurden 
mit Preisen bedacht. 

22. I. Sept. 1910. — Neue kath. Kirche 
nebst Pfarrhaus in Wriezen (Pro- 
vinz Brandenburg). — Je einen I. Preis ge- 
wannen die Projekte von Friedrich Ehr. 
von Schmidt (München) und Theodor 
Sohm (Darmstadt), weitere Preise erziel- 
ten die Architekten Joseph Riedl(München) 
und Michael Kurz (Göggingen). 

23. 5. Januar 191 1. — Entwürfe für klei- 
nere katholische Kirchen. — Es 
war die Aufgabe gestellt, Kirchenprojekte 
für solche kleine Diasporagemeinden zu 




AUGUST SCHADLER 



WEIHWASSERKESSEL 



!5 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 



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C. DELL'AXTONIO 



erfinden, welche mit größeren Scharen 
von Sommersaison-Arbeitern zu rechnen 
haben. Der Altarraum sollte als ver- 
schließbare Kapelle für etwa 50 Kirchen- 
besucher selbständig behandelt werden. 
Die Kapelle sollte sich im Sommer nach 
einem Vorbau öffnen, der 800 Personen 
aufnimmt. Diese Halle sollte geschlossen 
sein; ihr Bau durfte auf 2 Arten gelöst 
werden: a) so, daß sie dauernd stehen 
bleiben kann, b) in der Art, daß sie je- 
weils nur im Sommer steht, im Herbst 
jedoch unschwer abzubrechen ist. Die 
Wahl der künstlerischen Gestaltung und 
des Baumaterials stand frei. Die Bau- 
kosten durften ohne Inneneinrichtung bis 
zu 15 000 M. betragen. — Für diese schein- 
bar einfache, in Wirklichkeit schwierige, 
sicher reizvolle Aufgabe begeisterten sich 
zahlreiche vortreffliche Architekten, so daß 
eine erhebliche Anzahl hochinteressanter 
Entwürfe einliefen. Von ihnen wurden 
durch Preise hervorgehoben 2 Pläne von 
Felix Graf von Courten, 2 von Karl Grandy, 
2 von M. Simon, je einer von Rupert von 
Miller, Wilhelm Siebenlist und Alois 
Weizenbacher. 
24. 15. Aug. 191 1. — St, Re m igius-Den k- 
mal in \'iersen (Rheinland) — Mit 4 
gleichen Preisen wurden bedacht: Willy 
Bierbrauer (Wiesbaden), Jakob Bradl 
(München), Franz Schildhorn (München), 
Gebr. Walz (Mannheim); sodann erhielten 
4 weitere gleiche Preise: Johann Frey 
(München), Paul Hannig (Dortmund), W. 



Mormann jun. (Wiedenbrück) gemeinsam 
mit Jul. Mormann jun. (München), Georg 
Rink (München). 

25. Januar 19 13. — Engerer Wettbewerb zur 
Erlangung von Projekten für die Erwei- 
terung der Kirche »St. Agathe« in 
Aschaffenburg. — Es waren 8 Archi- 
tekten geladen. Das Preisgericht empfahl 
an erster Stelle das Projekt von Rupert 
von Miller, an zweiter jenes von Friedrich 
Freiherrn von Schmidt, an dritter den Ent- 
wurf von Hans Brühl. 

26.10. April 1914. — Ausmalung der 
Krankenanstaltskapelle des 3. Or- 
dens in München-Nymphenburg. — 
Für die Ausführung wurde der Entwurf 
von Georg Kau bestimmt. Preise erhielten 
Gustav von Treeck, Anton Kiesgen, ferner 
zwei gleiche Hans Angermair und Hein- 
rich Heimkes. 

27.18. Dezember 1914. — Wettbewerb 
zur Erlangung von Entwürfen für 
religiöse Kriegsgedenkzeichen 
und Kriegserinnerungen. — Das 
Ausschreiben, das in der ersten Zeit des 




HANS 1 AULHABEK 



KRUZIFIXCS 



112 25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 



GLAUBE, HOFFNUNG 
UKD LIEBE 



AV DER BAHRE DES 
VERSTORBENEN 




Mapp, 



ERINNERUNGSBILD AN GRAF LUDWIG VO> 

jSq4 



Krieges erfolgte, sollte dalieimgebliebenen 
Künstlern Anstoß geben, sich in neue 
Aufgaben hineinzufühlen, es bezweckte aber 
auch, das Publikum vor den zu erwarten- 
den Massenartikeln auf dem Gebiete der 
Kriegserinnerungen zu warnen und es 
durch Vorführung gediegener Entwürfe 
zur Bestellung von Kunstwerken bleiben- 
den Wertes anzureizen. Über 500 Ent- 
würfe wurden eingeliefert, 40 Preise wur- 
den verteilt, 100 Abbildungen nach Ent- 
würfen wurden in einer eigenen Publi- 
kation vereinigt'). Die Gemeinde, welche 
ihre Ortschaften, Kirchen, Häuser und Flu- 
ren mit derlei Werken schmücken, werden 
in den Besitz von Erinnerungszeichen ge- 
langen, die dauernd befriedigen, das An- 
denken der großeuEreignisse.derGefallenen 



') Sonderdruck von Xr. 7 des XI. Jahrganges der 
>Christlichen Kunst«; einzeln zu beziehen durch die 
Gesellschaft für christliche Kunst, München, Karls:r. 6. 



und Überlebenden würdig ehren und über- 
dies der christlichen Kunst in schweren 
Tagen eine dringend notwendigeFörderung 
gewähren. Die Entwürfe enthalten Gedenk- 
tafeln undWandmalereien, figürliche Plastik 
für das Innere und Äußere von Kirchen, Er- 
innerungstafeln an Häusern, Bildstöcken 
und Kapellchen, endlich kleine Gedenk- 
zeichen. Folgende Künstler gingen in den 
verschiedenen Abteilungen mit Preisen, 
z. T. mit mehreren, aus dem Wettbewerb 
hervor: Franz Fuchs, W. S. Resch, Franz 
Cleve, Valentin Kraus, Hans Miller, — 
Georg Wallisch mit W. Erb, Anton Bach- 
mann, Richard Steidle, M. Simon, Max 
Waupotizh, — Franz Altmann, Felix Baum- 
hauer, Karl Lechner, Franz Hoser, Anton 
Kiesgen, Adolf Daumiller, — Joseph Kopp, 
Theodor Mayer, Prof. Hermann Selzer, 
Albert Figel, Joseph Albrecht, — Kaspar 
Ruppert, Oskar Meyer mit Wilhelm Benz, 
Fritz Kunst, August Ostermann. 




7. M 



114 25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 




ERXST ZIMMKKMANN 



-:hriml's bei di:k Fischern 



28.6. Mai 1915. — Entwurf für eine 
Monstranz in der Kirche der ver- 
einigten Hospitien in Trier. — 
Diesmal wurden preisgekrönt: Bildhauer 
Franz Hoser, Bildhauer W. S. Resch, 
Architekt M. Simon, — die Architekten 
Anton Bachmann, J. Schmautz, Michael 
Kurz und Bildhauer Franz Hoser. 

29. 8. Mai 1915. — Entwurf einer Fahne 
für Kriegervereine. — Die Preise 
waren von Pfarrer Heumann in Elbersroth 
gestiftet und fielen auf die Künstler Hans 
Angermair, W. S. Resch, Professor Friedr. 
Wirnhier, — Felix Baumhauer, Franz Fißl- 
taler, Alfred Stärkle. 

30. 13. Sept. 1916. — EngererWettbewerb 
unter 5 Architekten zur Erlangung 
von Projekten für die Erweiterung 
der Kirche in Dachau bei Mün- 
chen. — Zur Ausführung empfahl das 
Preisgericht an erster Stelle das Projekt 
von Prof Hermann Selzer, an zweiter 



jenes von Prof. Fritz Fuchsenberger, an 
dritter jenes von Michael Kurz. 
31.9. Nov. 191 6. — Kreuzigungsgruppe 
im städtischen Friedhof zu Tri er. — 
Die Gruppe sollte der Zeit ihrer Errich- 
tung im großenWeltkrieg angepaßt werden 
und der Zukunft ein würdiges Denkmal 
des Könnens derGegenwart übermitteln. — 
Die Preise wurden zugesprochen den Ent- 
würfen von : Hans Faulhaber mit Prof. 
Fritz Fuchsenberger, W. S. Resch, — 
Valentin Kraus, Emil Hoffmann, Georg 
Lang, Franz Scheiber. 

32. I. Febr. 1917. — Entwürfe zu zwei 
Diplomen für die kath. Jünglings- 
vereinigungen Deutschlands. — 
In der Abteilung für weltliche Diplome 
fielen 2 Preise auf Maler Albert Figel. ein 
anderer (II. Preis) auf Bildhauer Hans Faul- 
haber. Die 3 Preise für religiöse Diplome 
erntete Maler Albert Figel. 

33. 21. Juni 19 17. — Ideen Wettbewerb 



"5 




ii6 25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 




W ALDhMAK KULMM'ERGER 



zur Erlangung von Vorschlägen 
und Skizzen zur Ausmalung der 
kath. Maximilianskirche in Mün- 
chen. — Die St. Maximilianskirche zu 
München soll als eine Gedächtniskirche 
zur Ehrung des stillen Heldentums der 
Frauen im Weltkriege ausgestaltet und in 
diesem Sinne mit Malereien ausgeschmückt 
werden. Die Bilder sollen nach Inhalt 
und Form für ein katholisches Gotteshaus 



geeignet sein. Die Aufgabe war eine 
außerordentlich große und wegen ihrer 
Neuartigkeit doppelt schwierig. Gleich- 
wohl und trotz dem Umstände, daß viele 
Künstler im Felde stehen und manchen 
Bewerbern nur eine kurze Spanne Urlaubs- 
zeit zur Verfügung stand, blieb der gute Er- 
folg nicht aus. Der I. Preis fiel auf Theo- 
dor Baierl, II. Preise erhielten : Felix 
Baumhauer, Karl Bauer mit Theodor 




LEO SAMBERGER 



DER PROPHET JEREMIAS 



2)- JAHRE DEL'TSCHL; GESELLSCHAI-T für christliche KUNST 




RUDOLF VON SEirZ 



AI'Sli.MALEREI IN ST. ANNA ZL' MÜNCHEN 



Mappf iSgg 



Baierl sowie Michael Kurz, Georg Kau, 

Georg Winkler. 
Die künstlerische Ernte blieb bei diesen 
Wettbewerben keineswegs auf die mit Preisen 
hervorgehobenen Projekte beschränkt, sondern 
immer befanden sich unter den übrigen Ent- 
würfen manche, die ein tüchtiges Können 
verrieten und zum Teil namhafte X'orzüge 



autwiesen. Den Verfertigern solcher Ein- 
sendungen suchte das jeweilige Preisgericht 
soweit als tunhch durch Zuerkennung von 
Belobungen gerecht zu werden, denen leider 
kein materieller, wohl -aber ein schätzbarer 
ideeller Wert innewohnt. 

Die Jury kommt unabhängig von der über- 
wiegenden Mehrzahl der Mitgheder zustande 



Die christliche Kl; 



ii8 



25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 




KASPAR SCHLEIBNER 



HL. PHILOMEXA 



Mappe iSgg 



und steht über ihre Tätigkeit niemand Rede 
und Antwort. Dadurch bleibt sie dem Ge- 
woge der Meinungen entrückt. Anders die 
Vorstandschaft: in den MitgHeder ver- 
s amm lungen gewählt, hat sie ihnen Rechen- 
schaft abzulegen. Entgegennahme der Vor- 
standsberichte, Vollzug der Wahlen zur Vor- 
standschaft, Beschlußfassung über Anträge und 
Satzungsänderungen bilden die Aufgabe der 
Mitgliederversammlungen. Doch sollen von 
ihnen auch noch andere Wirkungen ausgehen, 
von denen viel abhängt; sie sollen zwischen 
den Mitgliedern ein festes, einigendes Band 
schlingen, die Gesellschaft nach außen zu An- 
sehen bringen und ihr neue Mitglieder zu- 



die i: 



führen. Auf diese ideellen Gesichts- 
punkte wurde in der ersten Periode 
der Gesellschaft besonderes Gewicht 
gelegt; nach ihnen wurde das Pro- 
gramm eingerichtet; ihretwegen wur- 
den die Versammlungen gerne bald 
in diese, bald in jene Gegend Deutsch- 
lands, jetzt in ■ diese, dann in eine 
andere Stadt verlegt. Um die Sitzung, 
welche den geschäftlichen Teil be- 
wältigte, rankten sich Zusammen- 
künfte und Festlichkeiten, in denen 
die Mitglieder mit der Bevölkerung 
und vor allem mit dem Klerus und 
den übrigen gebildeten Kreisen zu- 
sammentrafen. 

Die I. ordentliche Mitgliederver- 
sammlung tagte im Gründungsjahre, 
am 29. August 1893, zu Würzburg. 
Dann folgten 3 Versammlungen zu 
München, am 10. Okt. 1894, am 
28. Aug. 1895, am 15. Nov. 1896. 
Die Versammlung für 1897 nahm am 
I. — 3. Aug. Rege nsburg auf. Ra- 
vensburg beherbergte die 6. Mit- 
gliederversammlung vom 8. — 10. Aug. 
1898. Für die 7., die vom 30. Juli bis 
I.August 1899 tagte, wurde Eich- 
st ä 1 1 gewählt. Münster i. West f. 
sah in der Zeit vom 31. Juli bis 
2. Aug. 1900 die S.Versammlung. Im 
folgenden Jahre fand keine statt, son- 
dern die 9. wurde erst vom 27. bis 
29. Juli 1902 in Stuttgart gefeiert. 
Für die 10. kam vom 4. — 6. Okto- 
ber 1903 wieder München an die 
Reihe. An diese schloß sich die Mit- 
gliederversammlung zu Trier, die 
II., in den Tagen vom 2. — 4. Okt. 
1904. Wiederum folgte München mit 
der 12. Versammlung vom 3. Okto- 
ber 1905. Nachdem 1906 eine Ver- 
sammlung unterblieben war, wurde 
am 17. Sept. 1907 in Spei er abge- 



halten. Auch 1908 fiel die Mitgliederversamm- 
lung aus. Für alle weiteren wurde jeweils 
München bestimmt. Es folgte am i^. Nov. 1909 
die 14. ordentliche Mitgliederversammlung — 
dann am 27. April 19 10 die erste außerordent- 
liche, — am 12. Juni 191 1 die zweite außer- 
ordentliche, — am 4. Juli 1912 die 15. ordent- 
liche, und am iS. Dez. 1913 die 16. ordentliche 
Mitgliederversammlung, — endlich am 1 1 . März 
19 14 wieder eine außerordentliche. Von da an 
ließ es die Rücksicht auf die Verhältnisse, 
welche der Krieg hervorrief, geraten erscheinen, 
Mitgliederversammlungen zu unterlassen. 
Mehrere dieser Versammlungen wurden 



119 




WILHELM LMMEXKA.MI^ 



AUFEKWECKUN'G DES LAZARUS 



AUGUST MULLER-WARTH 




MADüNSA MIT KIXD UND ENGEI.K 



25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 




GABKlüL V( IN HM W\ 



DER HL.VISZENZ VO\ PAUL 



durch das Erscheinen und Eingreifen iioher 
geistücher und weltlicher Behörden verherr- 
licht. So wohnte der Versammlung in Re- 
gensburg Herr Regierungspräsident Graf 
Fugger bei. Im vorbereitenden Ortsausschuß 
für jene zu Eich statt führte S. Gnaden der 
Hochwürdigste Herr Bischof Franz Leopold 
Freiherr von Leonrod denVorsitz. Seine Bischöf- 
lichen Gnaden, schon stets ein Freund und 
Förderer der Gesellschaft, eröffnete den Haupt- 
tag mit einer Pontifikalmesse im Dom und 
und hielt zu Beginn der Tagung eine be- 
geisternde Ansprache. Zu Münster begrüßte 
Herr Regierungsrat von Gescher als Vertreter 
des Herrn Überpräsidenten die Teilnehmer 
und ließ sich der Hochwürdigste Herr Bischof, 
der durch Firmungsreisen am Erscheinen ver- 
hindert war, durch Herrn Domkapitular Rüping 



vertreten. Die Versammlung in Stuttgart 
wurde durch ein Pontitilkalamt des Herrn 
Bischofs Dr. Paul Wilhelm von Keppler ein- 
geleitet, der hierauf der Versammlung einen 
geistvollen Vortrag über ; Christliche Kunst« 
hielt. Auch die Mitgliederversammlung zu 
München 1903 trug ein feierliches Gepräge. 
Auf der Festversammlung sprachen Seine 
ExzellenzErzbischofDr. Franz Joseph von Stein, 
Herr Oberkonsistorial-Präsident Dr. Alexander 
von Schneider, der Vertreter des Kgl. Staats- 
ministeriums Herr Oberregierungsrat Julius 
Frhr. von der Heydte und der i. Bürgermeister 
Dr. von Borscht. Glanzvoll verlief die Ver- 
sammlungdes folgenden Jahres 1904 in Trier, 
wo sich unter dem Vorsitz des Hochwürdigsten 
Herrn Bischofs Dr. Felix Komm aus den an- 
gesehensten Männern der gastlichen Stadt ein 



25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRLSTLICHE KUNST 



121 



Ehrenkomitee 
gebildet iiatte. 
MehrereTiiercr 
Vereine ließen 

Festschriften 
erscheinen. Die 
Begrüßungsfei- 
er verlief herr- 
lich. Am Mor- 
gen des Haupt- 
tages hielt der 
Hochwürdigste 
Herr Bischof 
Dr. Korum im 
Dom ein fest- 
liches Pontifi- 
kalamt. Die 
sich anschlie- 
ßende Festsit 
zung wurde 
durch Anspra- 
chen verherr- 
licht seitens des 
Herrn Bischofs, 
des Herrn Re- 
gierungspräsi- 
denten Bake, 
des Herrn Bür- 
germeisters von Mof; 

Bruchhausen, 
des Herrn Geheimen Regierungsrates Brau- 
weiler, des Herrn Konsuls Wilhelm Rauten- 
strauch, des Herrn Landgerichtspräsidenten 
Freiherrn von Hilgers. Beim Festessen am 
Abend des Haupttages fanden sich die Spit- 
zen der Behörden ein und brachten Herr Bür- 
germeister von Bruchhausen und Bischof Dr. 






lÜSETH ALTHEI.MER 



Korum Trink- 
sprüche aus. 
Den prächtigen 
Abschluß bilde- 
te die herrliche 
Festharmonie, 
welche der Ka- 
tholische Bür- 
gerverein auf 
seine eigenen 
Kosten der Ge- 
sellschaft zu Eh- 
ren veranstal- 
tete. — Noch 
gebort in diesen 
Rahmen die 
Mitgliederver- 
sammlung in 
Spei er. Dort 
erschien der 
Hochwürdigste 
Herr Bischof 
Dr. Konrad von 
Busch schon bei 
derBegrüßungs- 
feier. Ein feier- 
liches Pontifi- 
kalamt im Dom 
ging den Bera- 
tungen voraus. 
Seine Bischöflichen Gnaden wohnten der Sit- 
zung bei und hielten dort eine Ansprache. Auch 
das abendliche Festessen wurde durch die An- 
wesenheit und einen herzlichen Trinkspruch 
des Herrn Bischofs ausgezeichnet. — Die späte- 
renVersammlungen trugen, weil mitBeratungs- 
stoff überhäuft, keinen festlichen Charakter. 



ALBERTUS MAGNUS 




.\AVEK DIETRICH 



DER TOD DES HL. WENDELIX 




HEINRICH TÜLD 




I RANZ HOFSTÜTThR 



XII. KREUZWEGSTATIOM 



2) JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 




MATTHÄUS SCHIESTL 



ANEETLX(, DER KONIGE 



Die Summe von 16250 Mark, welche die 
Geseilsciiaft in den Jahren 1895 — 1904 auf 
Zuwendungen zur Ausführung kirchHcher 
Kunstwerke verausgabte, verteih sich auf fol- 
gende Beträge : 

800 M. Zuschuß für einen Hochaltar in der 
Filialkirche Obereulenhach (Nieder- 
bayern, im Jahre 1895); 

400 M. zu einer Mater dolorosa für die Pfarr- 
kirche in Niederdorf (Schwaben, im 
Jahre 1895); 

400 M. zu einer Gruppe St. Monika und 
Augustinus für die Magdalenenkirche 
in Straßburg (1895); 

500 M. zur Ausführung eines Chorbogenge- 
mäldes in der Pfarrkirche zu Mittel- 
stetten (Oberbayern, 1896); 
loooAL für ein Deckengemälde in der Pfarr- 
kirche zuDonaustauf (Oberpfalz, 1 897) ; 

150M. für eine Statue des hl. Quintinus in 
der Pfarrkirche zu Bebeisheim (Pfalz, 

1897); 
1000 AL Zuschuß zu einem Altar für die Pfarr- 
kirche in Rohrbach (1898); 



SooM. für 2 Glasgemälde der Pfarrkirche in 

Merching O898); 
600 M. für Glasgemälde in der Pfarrkirche 

zu Egesheim (Württbg., 1898); 
400 M. für ein Mosaikbild in der Apsis der 

Kirche in Böblingen (Württbg., 1898) ; 
800 M. für Figuren und Glasgemälde in der 

Pfarrkirche zu Heldenstein (1898); 
400 M. wiederum zur Herstellung 'eines Dek- 

kengemäldes in der Pfarrkirche zu 

Donaustauf (1899); 
500 M. für den Hochaltar der Kirche in 

Weßling (1899); 
500 M. zur Fertigung eines Planes für die 

Kirche in Harburg (1899); 
300 M. für ein Altarbild in der Kirche zu 

Gelting (1899); 
,700 M. für ein Altarbild in der Kirche zu 

Pfändhausen (1S99); 
loooM. zu einem Herz -Jesu-Altar in Neu- 
münster (Holstein, 1900); 
500 M. zu 2 Deckenbildern der Kirche in 

Dettenschwang (1900); 
SooM. zu einem Altar der Kirche zu Haus- 
berge (Porta Westfalica, 1900); 



124 



25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 




HEINRICH LAMERS 



I50M. 

400 M. 
800 M. 
3oo.\L 
500 M. 
500 M. 
300 M. 
500M. 



150M. 
200 M. 



300 M. 



zu einem Plan für die Kirche in 
Ludwigsmoos (1900): 
zu einem Altarbild in Pfakofen (Öber- 
pfalz (1900); 

zu einem Altar für die Pfarrkirche 
St. Magdalena in Straßburg (1900); 
zu den Kosten einer Herz-JesuStatue 
der Pfarrkirche in Xördlingen (1900); 
zur Herstellung eines Altarbildes für 
die Klosterkirche zu Grafrath (1900); 
zu einem Taufstein der Kirche zu 
Kobulten (1901); 

für 2 Figuren in der Kirche zu Amor- 
bach (1901); 

zur Anfertigung von Entwürfen zu 
Altar, Kanzel und Chorgestühl der 
Kirche zu Weichering (1901); 
zur Kirche in Kiingsmoos (1901); 
Zuschuß zu einem Taufstein für die 
Pfarrkirche in Troplowitz (Oberschle- 
sien, 1902); 
zur Ausführung einer Malerei am 



Chorbogen der Kirche zu Petershau- 
sen (Oberbayern, 1902); 

300 M. für einen Plan zur Kirche in Klings- 
moos bei Ludwigsmoos (1902); 

500 M. Zuschuß zu den Kosten der Ausma- 
lung der Pfarrkirche zu Riezlern (Vor- 
arlberg). 

Schon zu Beginn des zweitenjahres ihres Be- 
stehens wurde der Gesellschaft die Freude und 
beruhigende Genugtuung zuteil, daß S. Hei- 
ligkeit Papst Leo XIII. auf die ehrfurchtsvollste 
Gründungsanzeige unterm 12. März 1894 an 
den Herrn .1. Präsidenten folgende huldreiche 
Antwort gelangen ließ: »Geliebter Sohn, 
Gruß und Apostolischen Segen! Wie Dein 
Schreiben Uns meldet, haben mehrere katho- 
lische Männer Deutschlands, welche entwe- 
der die schöne Kunst selbst ausüben oder in 
jeglicher Weise fördern, sich zu einer Ge- 
sellschaft, deren Präsident Du bist, in der 
Absicht und zu dem Zweck vereinigt, die 
christliche Kunst bei den Deutschen zu pfle- 
gen, was Wir für eine heilsame und sehr 
zeitgemäße Tat halten. Groß sind nämlich 
in unserer Zeit die geistigen Fortschritte; 
aber allzusehr geraten die edlen Künste auf 
verderbliche Wege, und zwar am meisten in- 
folge der Anschauungen jener, welche, indem 
sie erklären, die Natur lebenswahr nachzu- 
bilden, die Grenzen des Erlaubten überschrei- 
ten und die Gesetze des Rechten und Schö- 
nen gleichermaßen verkehren, auch kein Be- 
denken tragen, selbst in die Denkmäler der 
Gotteshäuser einen weltlichen Geist hinein- 
zutragen. Das ist jedoch ein Unrecht und 
widerstreitet oifen dem, was die Künstler be- 
absichtigen sollen. Der christlichen Kunst 
Beruf und Aufgabe ist es, Gott zu dienen, 
und deshalb muß sie sich selbst treu bleiben, 
d. i. durch Anwendung der äußeren Form 
die Sinne erfassen, um auf die Seele einzu- 
wirken und sie für das, was wahr ist und 
gut und dem Menschen erstrebenswert, zu 
gewinnen. Jedermann weiß, wie sehr sich die 
alte Zeit unter dem Antrieb des religiösen 
Gefühles nach dieser Richtung hervorgetan 
hat. Man muß also in Ausübung der Künste 
auf das Beispiel der Alten blicken und von 
da christliche Begeisterung empfangen. Ge- 
rade das birgt das den Künsten zu wün- 
schende Gedeihen in sich, weil die Künstler 
in der Malerei und Bildnerei, in der Bau- 
kunst und im Kunstgewerbe nie eine solche 
\'ollendung erreicht haben, wie wenn sie von 
derinnigen Überzeugung durchdrungen waren, 
daß es ihre Aufgabe sei, durch Geist und 
Hand die Seele zu ergötzen und für die Tu- 



25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 12; 




FRITZ KUXZ 



STIGMATISATION' DES HL. FRANZISKUS 



gend zu gewinnen. 
Eure von solchen 
Grundsätzen erfüllte 
Gesellschaft beglück- 
wünschen Wir zu 
ihrer Absicht und 
Wir hegen volles 
Vertrauen, daß sie 
der Religion und den 
Künsten gar sehr 
nützen werde. In- 
zwischen erteilen 
Wir Dir, geliebter 
Sohn, und allen Mit- 
gliedern dieser Ge- 
sellschaft zum Unter- 
pfand der göttlichen 
Gaben und als Zei- 
chen Unseres Wohl- 
wollens voll Liebe 
im Herrn den apo- 
stolischen Segen.« 

Dieser erhabenen 
Aufforderung, ihren 
Grundsätzen treu zu 
bleiben und in der 



..51,. 





ROBERT HIERONYMI 



Mappe igo2 



christlichen Kunst 
die höchsten Leistun- 
gen anzustreben, 
kam die Gesellschaft 
bislang sorgfältig 
nach. Sie erfreute 
sich denn auch des 
vielseitigen Wohl- 
wollens hoher Stel- 
len. 29 Bis'chöfe und 
Weihbischöfe in 
Deutschland und 
außerhalb Deutsch- 
lands darf sie gegen- 
wärtig zu ihren Mit- 
gliedern zählen. Se. 
Kgl. Hoheit Prinz- 
regent Luitpold von 
Bayern gehörte der 
Gesellschaft seit ih- 
rer Gründung bis zu 
seinem Hinscheiden 
an und auch Seine 
Majestät König Lud- 
wig III. von Bayern 
hat sie schon längst 



Die christliche Kunst. XIV. 4/-. 



126 25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 




LUDWIG GLOTZLE 



MARIA VERKL NDlGUXl 



durch seinen Beitritt ausgezeichnet. Aus re- 
gierenden Häusern besitzt sie ferner noch 
zehn Mitgheder. Auch sämtliche General- 
versammlungen der Katholiken Deutschlands 
haben bis jetzt der Gesellschaft durch TEmp- 



fehlung und Aufforderung zum Beitritt ihre 
Anerkennung und Unterstützung angedeihen 
lassen. 

Dank allen Förderern, mit dem Gelöbnis, 
nicht zu wanken, nicht zu rasten! 




ERNST WAN'TE 



DER WEG XACH GOLGATHA 



25 lAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 127 




FELIX BAÜMHAUER 



ZERSTÜRLNG VON JERICHO 



III. VON DER ZUKUNFT DER 
CHRISTLICHEN KUNST 

Nicht in Prophezeiungen möchten wir uns 
ergehen, noch wollen wir Vorschriften 
machen oder wesenlosen Träumen nachhän- 
gen. Aber Hoffnungen hegen wir, die sich 
auf Überlegung und Wollen stützen, Ziele 
schweben uns vor, die erreichbar sind und 
des Schweißes wert, da von ihrer Erringung 
die Zukunft der christlichen Kunst abhängt. 
Schon auf der Versammlung zu Speier im 
Jahre 1907 breitete die Vorstandschaft der 
Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst 
vor den Mitgliedern einige Pläne aus, die 
zwar noch nicht durchführbar waren, aber 
keineswegs fallen gelassen wurden, weil ihre 
Verwirkhchung in irgendeiner Form kommen 
muß'). Hs handelt sich um die Pflege des 

') Bericht über die XIII. Generalversammlung zu 
Speier, Vortrag des Schriftführers, S. ii. 



Ausstellungswesens durch ein Ausstellungs- 
haus und Wanderausstellungen, ferner um die 
Autklärung und Stützung der Kunstfreunde 
und Künstler durch Belehrungsstoff und Vor- 
träge. Beides dient zur Durchführung von 
Aufgaben, welche sich die Gesellschaft in 
§ I ihrer Satzungen gestellt hat, die aber noch 
nicht oder nur versuchsweise erfüllt werden 
konnten. Soll ihre Inangriffnahme zu einem 
durchschlagenden Erfolg führen, so muß zu- 
nächst die Organisation der Gesellschaft eine 
passende Weiterentwicklung erfahren. Die Or- 
ganisation muß den Grundsatz verwirklichen: 
strenge Zentralisierung der Leitung durch die 
Vorstandschaft und Jury zum Schutz der 
Einigkeit, die allein stark macht, und der un- 
antastbaren künstlerischen Ziele; Dezentrali- 
sierung zur Nutzbarmachung der bedeutenden 
geistigen Kräfte, welche die Gesellschaft in 
sich birgt, aber auch zur Gewinnung frucht- 
baren Neulandes. Nach dieser Richtung 



128 25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 




OTTO HAM.MERLE 



MUSIZIERENDE ENGEL 



werden sich die Bemühungen und Vorschläge Zustimmung der Mitgliederversammlungen 
der Vorstandschaft in der nächsten Zeit be- kaum fehlen wird. Die Pläne, die sich auf 
wegen müssen, wobei ihr die bereitwillige das Ausstellungswesen beziehen, haben ein 




JOSEPH HLBER-FELDKIRCH 



DIE RELIGION 



2-, lAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRLSTLICHE KUNST 



129 




FRANZ X. REITER 



DER HL. GEORG T.\LH DEN KONIG VON SILENA 



frisches Schaffen der chrisdichen Künstler 
zur Voraussetzung, die anderen bezwecken 
die Steigerung der Teilnahme recht weiter 
Kreise am Kunstleben und dessen \'ertiefung. 

Dem christlichen 
Künstler stellten sich 
Hemmnisse entge- 
gen, die seinen Be- 
rufsgenossen in der 
Profankunst erspart 
bleiben. Sie ergeben 
sich aus einer der 
Religion ungünsti- 
gen Weltanschau- 
ung, aus den in der 
christüchen Kunst 
hegendenSchwierig- 
keiten, aus äußeren 
Umständen, aus dem 
Bildungswesen der 
Gegenwart in Wis- 
senschaft und Kunst. 
Diese Hinderungen 
müssen aufgedeckt 
werden, da sie man- 
chen Kunstfreunden 
und häufig auch der 
Kritik in der Presse 
entgehen, was eine 
harte, ungerechte Be- 
wertung der christ- 
lichen Künstler zur 
bedauerUchen Folge 
hat. 

Die regelmäßigen 



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LEOKHARD THOMA 



Besucher der periodischen und ständigen 
Kunstausstellungen befremdet es längst nicht 
mehr, wenn unter 100 Nummern kaum eine 
auf eine religiöse Darstellung trifft und die 
großen, überfüllten 
Hallen oft nichts ent- 
halten, das als wirk- 
lich christliche Kunst 
angesprochen wer- 
den könnte. Schon 
an und für sich über- 
wiegt die Profan- 
kunst zahlenmäßig 
in dem heutigen 
Kunstleben so außer- 
ordentlich, daß die 
religiösen Kunst- 
werke in den Aus- 
stellungen an Zahl 
auch dann weit im 
Hintertreffen stün- 
den, wenn alles Re- 
ligiöse, das geschaf- 
fen wird und künst- 
lerisch ausstellungs- 
würdig wäre, dort 
tatsächlich öffentlich 
gezeigt würde. Das 
wäre übrigens an 
sich nicht schlimm 
und ist eine heutzu- 
tage selbstverständ- 
liche Erscheinung. 

Verhängnisvoll 
wirkt aber die Gesin- 



lÜHANNES UND LUKAS 



25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT EUR CHRISTLICHE KUNST 




PHILIPP 
SCHUMACHER 



BETHLEHEMITISCHE 
ML'TTER 
IQ IS 



nung und der Einfluß 
jener Scharen von Aus- 
stellungsbesuchern, 
welche infolge ihrer 
Ablehnung unserer re- 
ligiösen Gedankenwelt 
der christlichen Kunst 
das Daseinsrecht ab- 
sprechen. Man mutet 
im Namen der Kunst 
den religiös Gerichte- 
ten und auf dem Boden 
christlicher Gesittung 
und Würde Stehenden 
zu, künstlerischen Dar- 
bietungen auch dann 
uneingeschränkten Bei- 
fall zu zollen, wenn ih- 
nen diese ins Angesicht 
schlagen; doch bleibt 
man gegenüber religiö- 
sen Kunstwerken weit 
von jener Unbefangen- 
heit entfernt, die un- 
voreingenommen bei 
ihnen verweilen läßt, 
um deren künstleri- 
sche Werte dankbar 
zu genießen. Die Aus- 
nahmen, die sich in 
der Künstlerwelt fin- 
den, bestätigen die Re- 
gel. Das Unbehagen 
gegenüber dem ge- 
danklichen Inhalt über- 
trägt sich gerne un- 
willkürlich selbst in sol- 
chen Fällen auf das 
ganze Kunstwerk, wo 
sich die künstlerische 
Art mit den in der 
gleichzeitigen Profan- 
kunst üblichen Pro- 
blemlösungen deckt, 
stärker noch dann, 
wenn der religiöse 
Künstler aus Neigung 
eic;ene Wege ging oder 




FR.\N-Z 




lESUS AN DER 


SCHILLING 


Mafpt igio 


GEISSELSAULE 



in notwendiger Rücksichtnahme auf den Zweck seines 
Werkes sich an frühere Kunstziele anschloß. Die nämlichen, in der Tat leicht verständ- 
lichen Beweggründe sind es, welche Verleger und Leiter der Kunstzeitschriften veranlassen, 
aus Bekenntnistreue zu ihrer nicht christlichen Weltanschauung und in Berücksichtigung so 
gesinnter Leser die ernstgemeinten künstlerischen Darstellungen christkatholischer Ideen 
abseits liegen zu lassen. Sie rechnen damit, daß die religiösen Abnehmer das Unabwend- 
bare stumm ertragen und schließlich selbst der Anschauung werden, es gebe wohl keine 
beachtenswerte christliche Kunst. Womöglich noch übler geht es der zeitgenössischen christ- 
lichen Kunst im berufsmäßigen Kunsthandel, von dem sie völlig ausgeschaltet ist, so daß 
ihr eine für die Profankünstler stets fließende Quelle versperrt bleibt. Auch staatliche Stel- 



25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 



131 



lungen kommen für die christliche Künstler- 
schaft bei der verschwindenden Zahl ihr zu- 
gänglicher Posten kaum in Betracht. Um- 
stände genug, die den christlichen Künstler 
nötigen, auf Ehren und Ruhm und auf die 
mit diesen Gaben der Welt verbundenen Vor- 
teile verzichten zu lernen. 

Für solche Folgen des Zeitgeistes entschädigt 
den christlichen Künstler nichts, als die in- 
neren Freuden seines heiligen Berutes. Doch 
dieser ist nicht nur erhaben, sondern stellt 
auch die höchsten Anforderungen an Geist 
und Gemüt seiner Diener. In den meisten 
Fällen beschränkt sich der Profankünstler auf 
die nachahmende Wiedergabe von Gegenstän- 
den und Naturerscheinungen, die seine leib- 
lichen Augen wahrnehmen, also auf das Kleid 
der Dinge. Oder er geht einen Grad weiter, 
indem er das Gesehene mit seinem Tempe- 
rament durchdringt oder aus dem Geschauten 
im Bild eine Auswahl trifft. Schildert er le- 
bende Wesen, Tiere oder Menschen, so hält 
er deren natürliche Gestalten, Betätigungen 
und Empfindungen fest, die er stets sehen, 
beobachten und studieren kann. Selbst bei 
der Darstellung geistvollster Menschen und 
ihrer Handlungen hatereslediglichmitMensch- 
lichem, seinem eigenen Wesen und Erkennt- 
niskreis Gleichartigem zu tun. Kurz: der 
Profankünstler schildert das Irdische irdisch, 
das Sinnenfällige sichtbar, das Geistige, wie 
er es in sich und der Umwelt erlebt, und 
dazu gewährt ihm die Natur die Formen und 
die technischen Möglichkeiten. Alles das wird 
auch vom christlichen Künstler mit Recht ge- 
fordert, man verlangt von seinen Werken 
die Vorzüge der besten Profankunst, mit der 
er die \'orbedingungen und Ausdrucksmittel 
teilt. Nur hiernach pflegen die allermeisten 
Berufsgenossen von der Profankunst und die 
Vertreter der Kunstkritik seinen Wert ein- 
zuschätzen. Doch christlicher Künstler 
ist er damit noch keineswegs; das wird er 
erst, wenn er in irdischer und leider stets 
auch unfügsamer Sprache das Übersinnliche, 
Himmlische, zu bekennen und zu verkünden, 
zu verherrlichen und lieben zu lehren weiß. 
Fast übermenschlich ist diese Aufgabe und 
selbst den größten Meistern aller Zeiten ist 
ihre Lösung oft nur teilweise gelungen. Ur- 
teilen wir nicht zu streng über sie, die das 
HöchstewolltenlWelcherSterbliche vermöchte 
die Göttlichkeit des Menschensohnes im Geiste 
zu erfassen, geschweige denn dem stumpfen 
Leibesauge deutlich zu machen: die Größe 
seiner Herablassung in der Menschwerdung, 
die Erhabenheit seines irdischen Wandels, die 
Majestät seiner tiefsten Erniedrigung im Er- 




BOSIF.^Z LOCHER 



flL. JOHANN NEP. 



lösungsleiden, die Herrlichkeiten seiner Auf- 
erstehung und Himmelsglorie? Und dennoch 
ist es des christlichen Künstlers Aufgabe und 
Bemühen, um dieses Unmögliche zu ringen 
und ist sein Kampf nicht vergeblich. Denn 
wer wäre nicht schon entzück: und über sich 
emporgehoben vor himmlisch lieblichen Bil- 
dern des Christkindleins geweilt, wer hätte 
nicht so manches Mal vor der ergreifenden 
Gestalt des Schmerzensmannes reuig betend 
gekniet, auf wen hätten sich noch niemals 
vor einem Abbilde der Majestät Gottes des 
Richters die Schauer des Überirdischen er- 
gossen? Maria, du Trost der Menschen und 
Wonne der Engel, tausend Künstler haben 
dich in würdigen Bildern besungen und un- 
serem Aug und Herzen nahe gebracht, jetzt 
in deiner makellosen .-Inmut oder mütterli- 
chen Zartheit, dann schmerzdurchbohrt unter 
dem Kreuze deines göttlichen Sohnes, und 
wieder als königliche, himmlische Frau! Und 



25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 



ihr Scharen seliger Geister, ihr gewaltigen 
MännerdesAlten Bundes, ihrSendboten Christi, 
ihr Leuchten der Vollkommenheit alle, die 
christlichen Künstler haben euch im Bilde 
dauernd in unsere Mitte gestellt, auf daß wir 
uns eurer Herrlichkeit und Taten freuen und 
auf euren Pfaden euch zustreben. Aus sprö- 
dem Stein woben unermüdliche Hände herr- 
liche Bauten, mit Schönheit angetan, weihe- 
voll und ernst im Äußern, himmelan ragend, 
feierlich und lieblich zugleich und andacht- 
erweckend im Innern — wahre Gotteshäuser! 
Die Heilige Geschichte erschließt der christli- 
che Künstler allen Geschlechtern, so wie sein 
Inneres sie fromm nacherlebte, in den Him- 
mel läßt er uns einen Blick tun, damit wir 
den lieben Heiligen in das verklärte Antlitz 




KARL GERHARD 



HL. FAMILIE 



schauen. Kühnes, aber gesegnetes Unter- 
fangen! 

Selige Stunden erhellen das Schaffen des 
Künstlers, den der Geist Gottes zur christlichen 
Kunst hingezogen, Stunden, die ihn in die 
hehrsten Höhen emporheben. Aber in diese 
Lichterscheinungen pflegen sich düstere Schat- 
ten aus schwerem Gewölke zu mischen. Wir 
wollen hier ganz von dem Hinweis auf die 
materielle Seite der Künstlertätigkeit absehen, 
wollen nicht in Erinnerung bringen, daß der 
Lebenslauf so mancher christlichen Künstler 
wegen der unzureichenden Entlohnung ihrer 
Leistungen und infolge der Seltenheit von 
Aufträgen durch stete Sorgen bedroht ist, eine 
Erscheinung, die zum Teil der völligen Ver- 
ständnislosigkeit des Publikums gegenüber 
dem Werdegang der Kunstwerke, zum andern 
Teil dem ungebührlichen Wettbewerb Unbe- 
rufener zur Last fällt. 

Mit besonderer Wärme pflegt der Künstler 
solche Gedanken zu erfassen, zu deren Dar- 
stellung ihn lediglich der innere Drang ver- 
anlaßte. Hierfür kommen jedoch nur Staffelei- 
bilder, Statuetten und kleinere Reliefs in Be- 
tracht. In der Regel bleibt nicht allein der 
Kirchenarchitekt, sondern auch der christliche 
Bildhauer und Maler von Aufträgen abhängig. 
Bei der Ausführung von Aufträgen ist der 
Künstler stets an eine Reihe Bedingungen und 
Einschränkungen gebunden, die teils in der 
Aufgabe selbst liegen, teils in Wünschen der 
Auftraggeber. So sieht sich der Künstler mehr 
oder minder genau auf den Gegenstand der 
Darstellung festgelegt, der Ort der Errichtung 
oder Anbringung seines Werkes, oft auch der 
Stil, ist vorgeschrieben, in den Ausmaßen sind 
feste Grenzen gesetzt, es drängen sich Erwä- 
gungen über das Ausführungsmaterial auf, die 
nötige Rücksichtnahme auf die Umgebung und 
Nachbarschaft des Kunstwerkes legt der Bewe- 
gungsfreiheit Fesseln an, die Zeit für die Aus- 
führung ist knapp bemessen und schließlich 
spielt die heikle Frage nach dem Kostenpunkt, 
die immer an erster Stelle ins Auge gefaßt 
und einer zuverlässigen Lösung nahe gebracht 
werden sollte, die maßgebende Rolle. Lauter 
Anliegen, von denen jetzt diese, in einem 
anderen Falle jene in den Vordergrund treten, 
die alle angestrengtes Nachdenken erheischen 
und mit zahllosen Künstlersorgen verknüpft 
sind, auch nicht selten zu peinlichen Enttäu- 
schungen führen. Dazu können sich noch 
überflüssige Hemmungen gesellen durch per- 
sönliche Wünsche, durch eine unsachliche 
Kritik, durch Ratgeber, die über den theolo- 
gischen und geschichtlichen Inhalt einer Dar- 
stellung; hinaus auch sogar nach der rein künst- 



25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 



133 



lerischen Seite hin darein reden. 
Hat der Künstler die auGer ihm lie- 
genden Erfordernisse erwogen und 
ein befriedigendes Ergebnis erzielt, 
dann setzen die inneren Kämpfe 
ein, die Nöte des Errindens und 
Ausreifens. Da wird versucht, ge- 
ändert und gefeilt, gejauchzt und 
verzweifelt, bis endlich das Gewollte, 
das in der Phantasie Geahnte und 
Geschaute, eine Herz und Sinne 
befriedigende Gestalt gewonnen 
hat. Zu einem harmonischen Ab- 
schluß dieses Prozesses braucht der 
Künstler Muße und des Auftrag- 
gebers Geduld; sie wird nicht miß- 
braucht werden und lohnt sich, da 
Kunstwerke Jahrhunderte leben und 
viele Geschlechter erfreuen sollen. 
Noch ein anderer wunder Punkt, 
der die Entwicklung der christlichen 
Kunst beeinträchtigt, kann nicht 
verschwiegen werden ; zwischen 
Künstler und\'olk besteht zu wenig 
Fühlung. Unser Volk erfreut sich 
eines gediegenen Unterrichts Wesens, 
angefangen von der Volksschule bis 
zu den Universitäten. Woher kommt 
es aber nur, daß bei so vielseitiger 
Geistesbildung die Teilnahme der 
auf den Höhen des Wissens wandelnden 
Männer an der Kunst im allgemeinen so lau 
ist, daß jene Gebildeten, die das zeitgenössi- 
sche höhere Kunstleben mit Wärme verfolgen, 
wie eine Ausnahme anmuten.' Warum wir- 
ken die christlichen Künstler und die anderen 
gebildeten Stände so fremd, ohne gegenseitige 
Befruchtung, nebeneinander? Die Schule ließ 
die einen wie die anderen bis in die späten 
Jugendjahre hinein ihre getrennten Wege 
gehen, konnte kaum anders, da ihre nächsten 
Aufgaben des jungen Mannes Kräfte vollauf 
in Beschlag nehmen. Aber die Schule will 
die ihr anvertrauten Jünglinge auch nicht 
fertig von ihrer Schwelle schicken, sondern 
will sie befähigen und ermuntern, zwecks all- 
seitiger Ausbildung das ganze Leben hindurch 
weiter zu lernen. Eines der Gebiete, welche 
dem der höheren Schule Entwachsenen zur 
Selbstfortbildung offen gelassen bleiben muß- 
ten, ist die bildende Kunst. Wurde schon 
in der Schule durch einigen Unterricht in 
Kunstgeschichte oder gelegentliche Anregun- 
gen seitens weitblickender Lehrer der Boden 
geebnet, dann findet sich ein Weiterschreiten 
doppelt leicht; doch in jedem Falle kann die 
Kluft hinüber zur Kunst ausgefüllt werden, 
ohne daß der engere Lebensberuf leidet. AIl- 




OSEPH AI BRECm 



HL BENNO 



seitige Bildung hat dem Berufswirken noch 
nie Eintrag getan. Die Tätigkeit der Deut- 
schen Gesellschaft für christliche Kunst ist für 
die gebildeten Kreise wie geschalTen: durch 
ihre Publikationen führt sie die Mitglieder 
in die Kenntnis der auserlesenen Kunst- 
schöpfungen ein und macht sie mit den besten 
Meistern der Gegenwart vertraut. Den Um- 
stand, daß sich bis jetzt verhältnismäßig nur 
sehr wenige gebildete Laien der Gesellschaft 
angeschlossen haben, können wir nicht anders 
deuten, als daß die Gesellschaft in diesen 
Kreisen noch nicht bekannt ist, gerade in 
den Kreisen, von denen aus die hohe, vor 
allem die christliche Kunst, in das einfache 
Volk getragen werden müßte. In den Händen 
dieser Kreise liegen die Mittel, das Volk mit 
edler Geistesnahrung zu versehen. Das Volk 
will Kunst. Enthält man ihm die würdige, 
im geistigen Sinne des Wortes bildende Kunst 
vor, so löscht es sein Kunstverlangen aus 
trüben, vergifteten Quellen; die schweren 
Folgen davon bleiben nicht lange aus. 

Soll das Volk zum Künstler gelangen, so 
darf auch er den Schritt dem \'olke zu nicht 
unterlassen. Große Wandlungen haben sich 
in der bildenden Kunst seit Jahrtausenden 
unausgesetzt vollzogen. Sie betrafen sowohl 



; christliche Kunst. XIV. 4/5. 



134 



25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 




HAXS Hl BER.SLLZEMOOS 



den Inhalt, als auch die Form. Der Inhalt 
hing von den Lebensanschauungen der 
Nationen ab, von ihrer Religion und Kultur, 
von ihren politischen Zuständen, von der 
Geistesrichtung der tonangebenden Klassen 
und Personen. Inhalt und Aufgabe der Kunst 
bildete sich in Zeiten einheitlichen nationalen 
Kulturlebens eine entsprechende Form, die 
sichnie als Selbstzweck hervordrängte, sondern 
nur deckender Ausdruck des Inhaltes sein 
wollte. Unserer Zeit ist die Gemeinsamkeit 
des Glaubens, Denkens undWollens abhanden 
gekommen und damit unserer Kunst der 
tiefere Inhalt und die gemeinsame Sprache. 
Für diesen unersetzlichen Entgang sucht 
sich ein Teil der Künstlerschaft durch ein- 
seitige Pflege des Formalen, durch unstetes 
Suchen nach etwas, das die Mühen der Arbeit 
lohnen möchte, schadlos zu halten. Menschen, 
die sich an den Werken der Jahrtausende 
vor uns gebildet, fühlen sich von einer so 
oberflächlichen Kunstauffassung angeödet und 
das ist auch eine der Ursachen der Ent- 
fremdung. Nach Fortentwicklung und Steige- 
rung der Ausdruckmittel haben die Besten 



aller Zeiten gestrebt. Auch den 
christlichen Künstlern der Ge- 
genwart bleibt das Werben um 
zeitgemäßere Wirkungen nicht 
fremd, doch müssen sie den 
Zweck und dieMittelzumZweck 
scharf auseinanderhalten, aut 
zweckwidrige Mittel verzichten. 
Untauglich sind Mittel, die sich 
zu laut geltend machen, die 
Würde und Hoheit der Dar- 
stellung beeinträchtigen, das 
gesunde Empfinden der Gläu- 
bigen abstoßen. Recht ist jedes, 
das zur Vollendung des christ- 
lichen Kunstwerkes beitragen 
kann. Daher läßt sich kühn 
sagen: Wie jeder ernste Profan- 
künstler, pflegt der christliche 
Künstler seine Kunst um der 
Kunst willen, was er bildet, 
erhebt er zu einem reinen 
Kunstwerk, das als solches ohne 
Rücksicht auf die Stellung- 
nahme zum gedanklichen In- 
halt jedem ehrlichen Kunst- 
l^enner Hochachtung abnötigt. 
Über diesem einen und uner- 
läßlichen Ziele, ein Kunstwerk 
zu formen, verfolgt er jedoch 
einen weiteren Doppelzweck: 
etwas hervorzubringen, das der 
Ehre Gottes und der Erbauung 
der Gläubigen dient. Dieser dreifache Zweck 
bildet in seinem Schaffen eine unlösliche Ein- 
heit. Erfüllt er ihn, so übt er eine volks- 
tümliche Kunst, eine Kunst, die das Volk 
versteht, liebt und besitzen will. Eine solche 
Kunst genügt den Besten der Zeit, wie den 
schlichten Leuten. 

Einige halten die Weiterentwicklung der 
christlichen Kunst und origifiale Betätigung 
deshalb für ausgeschlossen, weil die religiösen 
Stoff^e sich gleich bleiben und innerhalb der 
Grenzen des Möglichen abgewandelt seien. 
Sie übersehen, daß die Neuheit des Stoffes 
etwas anderes ist, als die künstlerische Ori- 
ginalität, die nicht vom literarischen Gedanken 
abhängt, sondern auf der Eigenart seiner 
Darstellung beruht und dem Stoff" selbst da- 
durch ein besonderes Leben eingießt. Bleibt 
letzterer auch in seinen Grundzügen un- 
wandelbar, so denkt und empfindet ihn doch 
jeder Mensch anders als die übrigen und fügt 
ihm durch seine Phantasie neue Züge bei. 
Erfaßt vollends eine Künstlerpersönlichkeit 
den Stofl^, so durchdringt sie ihn nicht nur 
mit einem noch nicht dagewesenen oder 



DER MADONNA 



25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 




FRAKZ X. FUCHS 



MADONNA Mir HEILIGEN" 



mindestens immer wieder packenden Stim- 
mungsgehalt, sondern entdeckt auch eine neue 
Fassung für das Auge. Diese wahre Origina- 
lität macht sich freilich nicht jedermann so 
leicht bemerklich, wie jenes Zerrbild derselben, 
das sich in absonderlichen Verdrehungen des 
Stoffes und in tollen Verrenkungen der Natur 
gefällt. Solange Gottes Schöpfung in steter 
Wiederholung der Typen und in ebenso ruhe- 
losem Wechsel der Individuen fortfährt, Schön- 
heit zu erzeugen, solange wahre Künstler 
die alten heiligen Personen und Geschichten 
darstellen, so lange stirbt die Originalität der 
christlichen Kunstbetätigung nicht aus. Nichts 
berechtigt zur Behauptung, daß der Gegenwart 
und Zukunft versagt bleibe, was alle Jahr- 
hunderte der Vergangenheit vermochten, eine 
neue Fassung für die alten Edelsteine zu 
finden. Überlassen wir das Wie den Künstlern! 
Ersparen wir uns desgleichen die unnütze 
Sorge um neue Stile und künstlerische For- 
men; diese reifen von selbst heran als zwin- 
gendes Ergebnis der sich wandelnden Zeiten ! 
Ein bezauberndes Zukunftsbild entrollt sich 
vor unserer Phantasie: Gottbegnadete Künst- 



ler werden ihre besten Kräfte der christlichen 
Kunst widmen. Im Verein mit vielen tausend 
Kunstfreunden schließen sie sich zu starker, 
zielbewußter Vertretung ihres Standes in der 
Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst 
zusammen, deren Grundsätze der gesamte 
Klerus zu den seinigen macht und in der 
auch die übrigen gebildeten Stände eine 
willkommene Schutzmacht gesunder Kunst 
erkennen. Ausstellungen und alle Fragen 
christlicher Kunst gelten als wichtige Ange- 
legenheiten. \'ornehme und reiche Familien 
vermehren ihre Kostbarkeiten durch Erwer- 
bung neuer christlicher Kunstwerke und auch 
in das einfachere bürgerliche Heim zieht 
Originalkunst ein. Aus den Tagesblättern sind 
kunstschädliche Anzeigen verschwunden, dafür 
erscheinen regelmäßige Berichte über Jas 
christliche Kunstleben. Das tyrannische Pack 
schillernder Schlagwörter und hohlen Phrasen- 
tums ist aus der Kritik ausgepeitscht. Ein neuer 
Frühling christlicher Kunst ist erwacht! 

Wir aber beten dankerfüllten Herzens: Nicht 
uns, o Herr! nicht uns, sondern deinem Na- 
men gebührt die Ehre! 



136 25 JAHRE DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST 




REKE KUDER 



AN DIE CHRISTLICHEN KÜNSTLER 
(Zwei Sonette) 



I. 

Zu Freunden hat der Vater euch erhoben : 
Als er sein mächtig »Werde Heß erschallen, 
Lieh er den Welten seiner Glorie Siralilen, 
Für euch sind sie mit Herrlichkeit umwoben. 

Herolde seid ihr jener Lieb', der großen, 
Die des Gesalbten hehres Erdenwallen 
Enthüllt der armen Menschheit, die gefallen, 
Des kostbar Blut als Sühnegeld geflossen. 

Des Geistes Boten, der das Licht ergossen. 
Das siebenfache, der die Herzen zündet 
Und aus des Sohnes Vollverdienst entsündet. 

Euch ist des Jenseits goldnes Tor erschlossen, 
Ihr schaut die Geister in den Höhen oben, 
Die unaufhörlich den Dreieinen loben. 



Gedenket dessen, wenn die frommen Hallen 
Ihr bauet, die der Ewige bewohnet, 
Der über Erd' und Sonnen liebreich thronet, 
Ihm seien sie geweiht zum Wohlgefallen. 

Nicht dienet eitlem Ruhme als Vasallen; 
Wenn euer Meißel hartem Steine fronet. 
Wenn euch des Pinsels holder Zauber lohnet. 
Sei's Himmelstrost den Erdenpilgern allen. 

Wollt' euer Fittich lahmend niedersinken 
Auf erdenschwer abwendiges Beginnen, 
Ihr würdet schnöde das Talent verkehren. 

Wo der Äonen Sterne feurig blinken. 

Zum Äther schwinge sich gemut das Sinnen, 

Des Paradieses Blumen sollt ihr mehren. 

S. Staudhamer 



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!»Sl» ^^£c '^ü^^ ^ J ' ."^^ 








Aus der Geschichte Jakobs. Mosaik-Malerei in S. Maria Maggiore zu Rom 

Regierungszeil des Papstes Liberias (3Ö2— 355) 



Vergl. den Aufsatz über: „Die Römischen Mosail<en und Malereien von J. Wilpert ■■ 




LAGEPLAN" FL'K DEN ERWEITERUNGSBAU DER KIRCHE IN DACHAU BEI MUNXHEN 
Zu den Abbildungen S- tS9—i74 



GRUNDSÄTZE FÜR KIRCHEXERWEITERUXGEN 



Den Erweiterungsbauten kommt in der 
kirchliclien Baukunst gegenwärtig eine 
selir holie Bedeutung zu, viel mehr, als noch 
vor wenigen Jahrzehnten. Grundsätzlich ver- 
sucht man die alten Gotteshäuser soweit als 
möglich in irgendeiner Weise auch dann ihrem 
seitherigen heiligen Dienste zu erhalten, wenn 
ihr Umt'ang den Bedürfnissen des Gottesdien- 
stes nicht mehr genügt. Statt sie dem Erd- 
boden gleichzumachen oder profanen Zwek- 
ken zu opfern, zielt man darauf ab, vom alten 
Bestände tunlichst viel zu retten und den 
gestiegenen Anforderungen der Seelsorge 
durch Erweiterungsbauten zu genügen. Dar- 
über, was und wie viel vom ursprünglichen 
Bau in den Neubau aufgenommen und wie 
es verwendet werden soll, gibt es keine Regel, 
ebensowenig darüber, welche künstlerische 
Lösung für den neuen Teil und seine Ver- 



schmelzung mit dem vorhandenen zu suchen ist. 
Jede Kirchenerweiterung bildet eine in sich 
abgeschlossene Aufgabe. Ihre Lösung ist be- 
dingt: 

1. von den Anforderungen der Seelsorge; 

2. von dem Zustande des vorhandenen Bau- 
werkes ; 

3. vom Altertums- und Kunstwert, auch vom 
Stil des Bestehenden und seiner Teile; 

4. von der Rücksicht auf die Erhaltung etwai- 
ger mit dem Bau unzertrennlich verbun- 
dener Malereien, Stukkaturen und sonstiger 
Kunstwerke; 

5. von der Lage, Ausdehnung und Boden- 
beschaffenheit des verfügbaren Bauplatzes; 

6. von der baulichen oder landschaftlichen 
Umgebung; 

7. vom Kostenpunkte. 



Die chrislltche Ku 



138 



GRUNDSÄTZE FÜR KIRCHENERWEITERUNGEN 



Eine in praktisciier und künstlerischer Hin- 
sicht befriedigende Lösung dieser verwickelten 
Fragen läßt sich nur durch hervorragende 
Meister erzielen, die eigene Erfindungsgabe, 
Ehrfurcht vor der Vergangenheit und prakti- 
schen Sinn in ihrer Person harmonisch ver- 
binden. Schon vor geraumer Zeit wurde ein 
Fachmann zur ausführlichen Bearbeitung der 
Ervveiterungsfrage veranlaßt. Die Abhandlung 
wird veröffentlicht, sobald es der verfügbare 
Raum zuläßt. Inzwischen unterbreiten wir den 
Lesern im vorliegenden Hefte das höchst an- 
regende Ergebnis eines Wettbewerbes, dessen 
Zweck die Gewinnung von Projekten zu einer 
Kirchenerweiterung war. Um das Studium 
der fünf Projekte zu erleichtern, hielten wir 
die Abbildungen in großem Format und wähl- 
ten sie so reichlich, daß der Leser jedem der 
fünf Meister genau folgen kann. 

S. StJudhamer 




' ,1». .-y >.Jg'M8<iTOT..-.j;\t tf ■Lühw.f 

M--l:400 

GEGEN'WÄRTIGER BESTAN'D DER PFARRKIRCHE 
IS' DACHAU. SCHN'ITT DURCH DAS SCHIFF 



DER WETTBEWERB 

FÜR EINEN ERWEITERUNGSBAU 

DER PFARRKIRCHE ZU DACHAU 

Von Dr. O. DOERING 

(Zu den Abbildungen S. 157 — 174) 

"T^as erhebliche Anwachsen der Bevölkerungs- 
^-^ Ziffer des oberbayerischen Marktfleckens 
Dachau hat schon seit langen Jahren den Ge- 
danken rege gemacht, dem vergrößerten 
kirchlichen Bedürfnisse durch geeigneten 
Kirchenbau Rechnung zu tragen. Die dortige 
Pfarrkirche, die, als Nachbarin des auch in 
seinem Überreste noch massig wirkenden 
Schlosses, mit ihrem schlanken Zwiebelturme 
von Bergeshöhe weit ins Land hinausschaut, 
ist ein Bau des Mittelalters und des Barock. 
Schlicht ist das Äußere und trefflich paßt es 
zu dem Charakter des Ortes, der in seinem 
ursprünglichen Teile noch jetzt unverfälscht 
und ungetrübt erhalten ist. In die Häuserlinien 
der im Süden und Westen vorüberziehenden, 
platzartig sich erweiternden Straßen — alter 
Wege des Verkehrs nach Freising und Augs- 
burg — bringen die stattlichen Bauten des 
K. Bezirksamtes, des Rathauses, des an die 
Kirche angrenzenden Schulhauses und einige 
andere Gebäude kräftigen Ton. Schön in 
seiner Einfachheit ist das Gesamtbild; seine 
malerische Wirkung wird in hohem Grade 
gefördert durch die Bewegtheit des Geländes, 
durch das sanfte Auf- und Absteigen der auf 
dem Bergrücken angelegten Straßen. Über 
dieses Bild empor wächst, aufs innigste mit 



ihm verbunden, an der Kord- und Ostseite 
ganz mit ihm verwachsen, die alte Kirche mit 
ihrem achteckigen Turme. — Das Innere des 
Gotteshauses ist dreischiffig, mit Tonnenge- 
wölbe eingedeckt. Zur Ausstattung gehört 
eine Anzahl künstlerisch bedeutender Gegen- 
stände, von denen besonders die Altäre vor- 
zügliche Wirkung tun. 

Die Frage, was hier im Interesse des ver- 
mehrten Bedarfes zu geschehen habe, ließ sich 
verschieden beantworten. Vom Standpunkte 
der Denkmalpflege am weitesten ging die Auf 
fassung, der auch ich mich s. Z. angeschlossen 
habe, von jeglicher Änderung überhaupt ab- 
zusehen, die alte Kirche zu lassen und zu 
erhalten, wie sie ist, und an passender son- 
stiger Stelle eine neue zu errichten. Die ent- 
gegengesetzte Anschauung vertrat den Wunsch 
eines völligen Neubaus an Stelle der abzu- 
brechenden alten Kirche. Den Sieg trug eine 
vermittelnde Meinung davon. Sie ging auf 
einen Erweiterungsbau aus. Die Schwierigkeit 
eines solchen war sehr erheblich. Galt es doch 
die Lösung des Problems, auf sehr beengtem 
Räume große Zutaten zu schaffen, die dem 
Charakter der alten Kirche wie des Ortsbildes 
sich verständnisvoll anzupassen hätten; auch 
das Innere der Kirche mußte harmonische 
Angliederung des neuen an den zu überneh- 
menden alten Teil erweisen. Die Erhaltung 
der künstlerisch und geschichtlich wertvollen 
Teile der Innenausstattung konnte der Erfül- 
lung dieses Gebotes nur zu einem, freilich 
wichtigen Teile förderlich sein, die Hauptauf- 
gabe verblieb doch dem Baukünstler, der im 
Sinne seiner alten Vorgänger neuschaffend 
tätig sein mußte. 



ffi:^ ERWEITERUNGSBAU DER PFARRKIRCHE ZU DACHAU e2«s 



139 



Nur erheblichste Talente kön- 
nen fähig sein, solcher Schwie- 
rigkeiten Herr zu werden. Als 
daher die Dachauer Kirchen- 
verwaltung den Gedanken des 
Erweiterungsbaues zum Be- 
schlüsse erhoben hatte, galt es, 
die Angelegenheit durch Wahl 
eines geeigneten Architekten in 
die richtige Bahn zu lenken. 
Die Deutsche Gesellschaft 
für christliche Kunst über- 
nahm dies in der Weise, daß sie 
unter Einhaltung von Vorschlä- 
gen der Kirchenverwaltung Da- 
chau und im Auftrage der letz- 
teren fünf Architekten ersten 
Ranges zu einem engeren Wett- 
bewerb einlud. Diese fünf wa- 
ren die Professoren Richard 
Berndl, Fritz Fuchsenber- 
ger, Rupert von Miller, 
Hermann Selzer, sämtlich in München 
und der Architekt Michael Kurz in Augs- 
burg-Göggingen. Die Ergebnisse gelangten 
in den letzten Februartagen 1917 auf kurze 
Zeit in den Räumen der Gesellschaft für christ- 
liche Kunst in München zur öffentlichen Aus- 
stellung. 

Die Erweiterung der Kirche betraf deren 
östliche und westliche Partie (vgl. Abb. S. 137 
bis 139). Im Westen war ein Anbau verlangt, 
der die Möglichkeit bot, den Musikchor von 
dieser Seite her zugänglich zu machen und 
für ihn ohne Änderung der alten Empore 
größeren Raum zu schaffen. Die Ostpartie, 
der Chor mit seiner Apsis, stellte größere 
Anforderungen. Der Erweiterungsbau sollte 
dazu dienen, der Kirche insgesamt 
(einschließlich der Empore, doch ohne 
das Presb3'terium) eine Nutzungsfläche 
von 1200 qm zu verschaffen. Die neue 
Apsis sollte mindestens die Größe der 
bisherigen erhalten. Verlangt wurde 
ferner ein Oratorium für Ordens- 
schwestern, einBeichtraum für Schwer- 
hörige, ein Ort zur Aufbewahrung von 
Blumen. Die Lage der Sakristei und 
Paramentenkammer konnte frei ge- 
wählt werden. Der neue Teil sollte 
im Innern höher werden als der zu 
erhaltende alte Teil, aber außen sollte 
dennoch die Höhe des neuen Firstes 
die des alten nicht oder doch nicht 
erheblich übersteigen, um den An- 
blick des Turmes nicht zu beeinträch- 
tigen. Besondere Schwierigkeiten 
städtebaulicher Art entstanden da- 




GECEXWÄRTIGER BEST.WD DER PFARRKIRCHE IX lUCHAf. LAXGEKSCHKITT 



durch, daß infolge der Verlängerung der Kirche 
nach Osten die daselbst vorüberziehende »Apo- 
thekergasse« verlegt werden mußte (vgl. Lage- 
plan). Für die Deckung der Gesamtkosten 
waren 500000 Mark zur Verfügung, von de- 
nen auf die eigentlichen Baukosten (also nicht 
auf die der Instandsetzung und inneren Ein- 
richtung und Ausschmückung, dagegen ein- 
schließlich der Heizung) 130000 Mark zu 
berechnen waren. 

Die Lösung dieser Autgabe ist von jedem der 
fünf Künstler in einer seiner Eigenart entspre- 
chenden, in allenFällen interessanten Art erfolgt, 
und zwar sowohl was die Komposition, alswns 
die Erfüllung der praktischen Forderungen an- 
langt, die überall voll zu ihrem Rechte gelangten. 




M- i;'ioo 

, ARTIGER BESTAND DER PF.\RRK1RCHE IX DACHAU. GRLXDRISZ 
l'gi. Langen- und Querschnitt oben und S, IJS 



•9" 



140 



AN3J0-rrVDND£R FREiSlNGZRSTR. AUS . 



X-: 



RICHARD BERNDL 




KENNWORTS |:j|^%^^^. 



PROIEKT ZUR ERWEITERUNG DER KIRCHE IN DACHAU, SÜDANSICHT 
Ttxt S. 143. l'gl. Alik. S. 140—145 




RICHARD BERXDI. 



ERWEITERUNGSPROJEKT, EMPORENGRUNDRISZ 



141 



lANGi/7CHNnrr>URCHDIE PFARRKIRCHE 




ü 



M ^ ^ i\ 






I^ENNWDRT/ NEC SPE N£C.»EtB 



RICHARD BKRNDL 



PROJEKT ZUR ERWEITERUNG DER KIRCHE IN' DACHAU, UANGSSCIiXITT 




;. P^RAMETtTENH 



RICHARD BERNDI. 



ERWEITERUKCSPROJEKT, ERDGESCHOSZGRUKDRIS/ (vgl. obige Ai'i.J 



142 



^O-RTAlÄNSIO-rr. 




NEC ^T=>B 
KENNWORT«' ^^^ ^^, 



RICHARD BERNDL 



ANSICHT DES WESTLICHEN HAUPTPORTALES 



ERWEITERUNGSBAU DER PFARRKIRCHE ZU DACHAU SSS 



143 



Mit sehr weitgehender Selbständigkeit von 
Seiten Richard Berndls (Abb. S. 140 — 145). 
Er ist derjenige, der darauf ausgegangen ist, mit 
der starken N'erlängerung der Horizontallinie 
eine namhafte Erhöhung der\'ertikallinien der 
künftigen Kirche vorzunehmen. Die Erreichung 
dieses Zweckes ergab sich ihm aus dem Haupt- 
gedanken, an das alte Langhaus einen Zen- 
tralbau anzuschließen, den er mit Kuppel und 
Laterne bekrönt. Hieraus folgte von selbst, 
daß die Kirche lortan zweitürmig werden 
mußte. Symmetrisch zu dem schon vorhan- 
denen Turm hat er also einen gleichen zwei- 
ten gestellt. So entstand ein Gebilde von 
großem Reichtum der Motive, der nun wieder 
zu einer entsprechenden Behandlung des West- 
anbaus zwang. Aus diesem wurde eine präch- 
tige Vorhalle, zu der eine breite Freitreppe 
emporführt, und hinter die der Haupteingang 
der Kirche gelegt ist. Sehr interessant ist auch 
die Behandlung des Innenraumes, besonders 
die Art, wie der Übergang vom alten zum 
neuen Bau vermittelt wird. Die Sakristei ist 



hinter dem halbrund geschlossenen Chore an- 
gefügt. Um den gewünschten beträchtlichen 
Xutzungsraum zu gewinnen, erstreckt sich die 
\'erlängerung der Ostpartie bis zu den dort 
befindlichen Häusern, die »Apothekergasse« 
muß daher unter der Kirche durchgeleitet 
werden. Zwei Landschaftsskizzen zeigen die 
Fernwirkung der jetzigen und die der künf- 
tigen Kirche, wobei eine erhebliche Berei- 
cherung des landschaftlichen Bildes nicht 
zu verkennen ist. Der Charakter des Orts- 
bildes würde dagegen nicht der bisherige 
bleiben. 

Der Entwurf Rupert von Millers (Abb. S. 
146 — 1 5 1) plant Ergänzungen im Stile des spä- 
ten Barock. Die Außenwände des fünfeckigen 
Chores zeigen leichte konka\e Biegung, sanft 
nach außen geschwungene Linie der Giebel des 
Querhauses. Derwestliche\'orbau ist im Grund- 
risse flach rechteckig, belebt mit in zwei Ge- 
schossen angeordneten je drei schmuckreichen 
Blendflächen. Die Nordseite der Kirche zeigt 
einfachere Behandlung. Das Innere des Chores 



_AN/70-rrvON DER F=l74R 




RICHARD BERKDL 



XORD.\KSIClIT .MIT SORDÖSTLICHEM TREPPENAUFGANG 



144 




RICHARD BERNDL 



SÜDOSTANSICHT 



ERWEITERUNGSBAU DER PEARRKIRCHE ZU DACHAU 



145 



und der Apsis hat flache Kuppeln mit Stich- 
kappen. 

Ein ruhiges, dem Charakter der alten Kirche 
wie des Ortes trefflich angepaßtes Bild bietet 
der Entwurf von Michael Kurz (Abb. S. 1 5 2 
bis 1)5). Er gestaltet die westliche Erweite- 
rung als Anbau mit einem Barockgiebel, der 
von einem zierlichen Dachreiter bekrönt ist. 
Vier kleine Fenster im oberen, vier Rundbogen- 
fenster im unteren Geschosse geben dem Vor- 
bau Licht. Der in fünf Achteckseiten endi- 
gende Chor zeigt Belebung mit großen rund- 
bogigen Blendflächen, die von großen Fen- 
stern durchbrochen sind. Der Kurzsche Ent- 
wurf wurde an dritter Stelle zu Ausführung 
empfohlen. 

An zweiter Stelle der von Fuchsen berger 
(Abb. 1)6 — 166). Er betieißigt sich großer Ruhe 



und Einfachheit und erreicht so, daß der Cha- 
rakter des alten Baues vollkommen gewahrt 
bleibt. Der westliche Emporenanbau zeigt flache 
Wandung, nur wenige kleine ovale Fenster, die 
Ecken sind abgerundet; geschmückt ist die 
Wand mit einem Freskobilde derPatronaBava- 
riae. Der First ist geradlinig bis zum Chore 
durchgeführt. Dieser, der rechteckig (mit abge- 
rundeten Ecken) geschlossen ist, zeigt im Nor- 
den drei halbrunde Nischen, über die sich das 
Dachgesims ununterbrochen hinzieht. Die 
Verbindung zu dem Apothekeranwesen ergab 
sich durch den nordöstlichen Sakristeianbau 
mit seinem hohen Brandgiebel. Glücklich 
gelungen ist auch trotz der erheblichen 
Schwierigkeit die Einschiebung der »Apothe- 
kergasse: zwischen Chor und Nachbaranwe- 
sen. Freundlich Gestaltet der Künstler das 




R1CH.\KD BER.SDL 



NOKIJWEST.WSICHT 



Die chifstlkhe Kunst. .MV. 6- 



146 ^ ERWEITERUNGSBAU DER PFARRKIRCHE ZU DACHAU sas 




RUPERT VON MILLER 



Gesamtaußenbild durch Phmung von kleinen 
Schrannenläden vor der West- und an der 
Südostseite. Im Innern ist das Tonnengewölbe 
auch über den neuen Teil hingezogen, der 
Chor erhält ein überhöhtes Spiegelgewölbe. 
Von der im Bauprogramm gestatteten Ver- 



längerung des rechten Seitenschiffes wurde 
Abstand genommen, um die gesamte Bau- 
wirkung der alten Kirche zu erhalten, auch 
um Kosten zu sparen. 

Für den Altarraum und die Nordseite bot 
Professor Fuchsenberger noch eine zweite 




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RUPERT VON MILLER 



GRÜNDRISZ DER EMPOREN 



ERWEITERUNGSBAU DER PFARRKIRCHE ZU DACHAU 



147 




RUPERT VON MILLER 



LÄNGS- UND QUERSCHNITT 



Lösung. Hier denkt er sich den Clior als der im Programm gegebenen Möglichkeit einer 

Kuppelhau, der innen das Schiff an Höhe AchsenbrechungdesChoresGehrauchgemacht 

überragt. hat (Abb. S. 167 — 174). Sie ergibt sich ihm dar- 

Hermann Selzer ist der einzige, der von aus, daß er die alte dreischiffige Anlage in der- 




^^^^UNDFtl^^ ^ ^iTi^ifmoM 



\te^,^Uv^ . 



RUPERT VON MILLER 



GRUNDRISZ DES ERDGESCHOSSES UND SITU.^TION 



^ ERWEITERUNGSBAU DER PFARRKIRCHE ZU DACHAU 




RUPERT VON MILLER 



CHORANSICHT 



selben Breite weiterführt. Um den gewünsch- 
ten Raum zu gewinnen, bedarf es des Einbaus 
von Emporen im neuen wie im alten Teil; 
die Umstellung der alten Seitenaltäre wird 
dadurch notwendig, das Äußere der Kirche 
behält im ganzen das alte Gepräge. Der west- 
liche Neubau erhält einen Giebel, welcher der 
Form des schon vorhandenen Giebels genau 
ähnelt, und wird zum hallenartigen Vorbau. 
An ihn schließt sich ein malerischer Über- 
gang zum Schulhause, wobei die dort befind- 
liche Freitreppe überdeckt wird. Die Terrasse 



unterhalb der Kirche ist mit einem Brunnen 
geschmückt. Die Sakristei ist an der Südseite 
vorgelegt. Die »Apothekergasse« konnte hin- 
ter dem Chore durchgeführt werden; sie hat 
einen schlichten Bogeneingang erhalten; das 
Nachbarhaus hat des harmonischen Anschlus- 
ses halber einen Dachwalm erhalten. Der Sel- 
zersche Entwurf ist an erster Stelle empfohlen 
worden. Der Kirchenverwaltung Dachau blieb 
es anheimgestellt, unter drei vom Preisgericht 
zur Ausführung empfohlenen Projekten eines 
zu wählen. 



DIE RÖMISCHEN .MOSAIKEN UND MALEREIEN VOM 4.— 13.JAHRH. 149 




RUPhRl VON' MILLER 



N\)RI)1'AK 1 IE DES ANBAUES 



DIE RÖMISCHEN 
MOSAIKEN UND MALEREIEN 
DER KIRCHLICHEN BAUTEN 
VOM 4. BIS 13. JAHRHUNDERT 

Herausgegeben von JOSEPH WILPERT 
HerJersche Verlagshandlung 

Das neue Werk Wilperts gibt in den zwei 
Bänden Text über Kunstgeschiclite, Ikono- 
graphie, Stilkritik usw. eine Fülle eigener 
Beobachtungen und scharfsinniger \'erglei- 
chungen. Dasselbe zu lesen ist fesselnd inter- 
essant für den Gelehrten, für den Künstler, 
der im Geiste der Kirche zu schaffen sich 



beniüln, eine Fundgrube köstlicher Beleh- 
rung. Die Quellen lernt er kennen, aus de- 
nen der Geist hervorging, der diese Künstler 
des ersten christlichen Jahrtausends zu sol- 
chen idealen Schöpfungen emporhob. 

Die zwei andern Bände mit den 300 far- 
bigen Tafeln müssen jeden freudig über- 
raschen, wer aber von den beiden wird die 
größte Freude an all der Schönheit haben ? 

Ihre harmonischen Farben, die feine Stim- 
mung, diese bis heute nie geleistete Genauig- 
keit der Wiedergabe der Form sind staunens- 
wert. Das Auge des Malers und das scharf- 
suchende des Forschers haben sich hier ver- 
eint zu einer Höchstleistung, welche nicht 
übertroffen werden kann. Aber ich meine, 



150 DIE ROMISCHEN MOSAIKEN UND MALEREIEN VOM 4— 13.JAHRH. 
T- 








RUPERT VON MILLER 

man muß selbst Maler sein, man muß vor 
den Aufgaben gestanden haben, einen Innen- 
raum architektonisch mit Farben zu gliedern 
und die Darstellungen harmonisch einzuord- 
nen, um all das herauszulesen, was diese 
Blätter bieten. Was ist in früheren Veröffent- 
lichungen derart verfehlt worden ! Welche 
Mängel in der Wiedergabe der Form, welche 
Entstellungen der Farben! Wer auf solche 
Abbildungen seine Kenntnisse alter Kunst 
stützte, mußte schwer irren und auf Abwege 
geführt werden. 

Vor mir liegt das berühmte Werk de Ros- 
sis, die Mosaiken Roms. Bei meinem ersten 
Besuche der ewigen Stadt vor 35 Jahren sah 
ich dort diese farbigen Tafeln und war tief 
und schmerzlich betroffen, daß diese Kunst 
der Mosaiken, welche mich mehr als alles 
andere in Rom fesselte, so mangelhaft wie- 
dergegeben und so gründlich entstellt war. 
Was ich damals nicht hoffen konnte, ist jetzt 
durch Wilpert gelöst. 

Er hat durch Ausnutzung aller modernen 
Hilfsmittel die denkbar genaueste Wieder- 
gabe der alten Originale erreicht, trotz aller 
Schwierigkeiten, welche eine schlechte Be- 
leuchtung, die veränderte ungünstige Umge- 
bung, wiederholte Ergänzungen durch be- 
malten Stuck, spätere Ausbesserungen durch 
Mosaik entgegenstellten. Letztere als Malerei 
ohne Fugenbehandlung sind in seinen Ta- 



SLDWESTAKSICHT 

fein leicht zu unterscheiden, erstere sind ganz 
fortgelassen. 

Es mußten Gerüste aufgeschlagen werden. 
Die photographischen Aufnahmen mußten 
mehrmals wiederholt bei gewölbten Flächen 
von verschiedenen Standpunkten aufgenom- 
men werden. Die Vergrößerungen wurden 
auf mattem Papier kopiert. Jedes einzelne 
Stückchen mußte die ihm eigentümliche Farbe 
erhalten. Da die Oberfläche der alten Mo- 
saikstifte nicht eben und glatt ist, hat sie 
Licht und Abschattierung, und da die Fuge 
offen steht, wirft der Stift dahinein seinen 
Schatten. Der Mörtel, in den der alte Mo- 
saizist seinen Mosaikwürfel hineindrückte, 
kommt nicht an die Oberfläche, er liegt ein 
wenig zurück. So wirkt die Fuge bald als 
Dunkelheit im Schatten liegend, bald spricht 
die Helligkeit des Mörtels mit. Wie das die 
Glasstücke verbindende Blei ein künstlerisch 
mitsprechendes Mittel in der Glasmalerei ge- 
brannter Fenster ist, so ist die offene Fuge 
in allen alten Mosaiken ein wesentlicher Teil 
ihrer Reize. Zu der Unebenheit der Smal- 
tenoberfläche kommt dann noch hinzu, daß 
durch den Druck der Hand kein Stück in 
der gleichen Ebene liegt. Für die farbigen 
Stifte kommt bei der entstehenden verschie- 
denen Beleuchtung eine verschiedene Abtö- 
nung heraus, beim Goldgrund aber jener 
zauberhafte Reiz, daß niemals alle Stücke 



DIE RÖMISCHEN MOSAIKEN' UND MALEREIEN VOM 4— 13.JAHRH. 151 




RUPERT VON Mli.LKR 



SCDOSTANSICHT 



gleichartig glänzen. Letzteres läßt sich im 
Druck nichr restlos wiedergeben, aber alles 
andere ist äußerst fein beobachtet und wer 
ein starkes Vergrößerungsglas zur Hand 
nimtnt und die kleinen Figuren der alttesta- 
mentarischen Darstellungen aus S. Maria 
maggiore in Wilperts Wiedergabe betrachtet, 
wird sich einen Begriff bilden, mit welch 
liebevoller Sorgfalt der Charakter des alten 
Mosaiks vor Augen geführt ist. Man sieht 
die Führung der Fuge von der Hand eines 
künstlerisch empfindenden Mosaizisten rö- 
mischer Schulung. 

Wer diese Reize des alten Mosaiks durch 
Wilperts Werk verstehen gelernt hat und 
dann nach Rom kommt, die Originale an 
Ort und Stelle auch in ihrer Fernwirkung 
zu sehen, der wird begreifen, warum das 
Herz eines Kunstverständigen sich zusam- 
menkrampft, wenn er sieht, wie alle diese 
Reize verschwinden, sobald die alten Origi- 
nale modernen Mosaikfabriken überlassen 
v.-erden zu sogenannten Restaurationszwecken. 
Man klebt über die Obertläche Papier und 
Leinen, löst in Teilen den Mörtel mit den 
Stiften von den Wänden, um sie nachher 
in frischen Mörtel, ein Holzbrettchen auf 
das Papier legend, einzuklopfen. 

Das Mosaik als Surrogat für Ölbildernach- 
ahmung kennt keine Fugenwirkung und nur 
die glattgeschliffene Oberfläche. Die große 



monumentale Kunst des alten kernigen Mo- 
saiks kennt keine polierte Fläche und hat 
keine Fuge zu verheimlichen. 

Möge Wilperts Werk bei dem wiederer- 
wachten Interesse für musivische Kunst un- 
sern deutschen Mosaizisten bei monumenta- 
len Arbeiten das volle Verständnis bringen 
für die Schönheiten der alten Technik; bei 
den italienischen Fabriken ist Hopfen und 
Malz verloren. Wilpert hat es deshalb mit 
Recht unterlassen, solche mißhandelten Mo- 
saiken abzubilden, deren es leider nur zu 
viele in Rom gibt, nur wirklich unberührte 
Originale gegeben und auch in diesen er- 
gänzte Stellen durch die Glätte ohne Fuge 
kenntlich gemacht. 

Wie köstlich ist der Schatz von Tafeln 
nach den von Papst Liberius (352 — 366) ge- 
schaffenen musivischen Darstellungen aus 
dem Alten Testamente, in S. Maria maggiore, 
von denen 27 Bilder uns erhalten sind '). 



'I Die farbige Sonderbeilage an der Spitze dieses 
Heftes gibt Tafel XI, Bild 2, aus Wilperts Werk wieder. 
Es stellt aus der Bilderreihe in S. Maria maggiore aus 
der Zeit des Papstes Liberius (3j2 — 566) zwei Szenen 
aus Genesis 29 dar. Wilpert führt dazu aus ^Textband 1): 
>Jakob war auf der Flucht vor seinem Bruder Esau mit 
Rachel, der Tochter Labans, zusammengetroffen und gab 
sich ilir als Vener ihres Vaters zu erkennen. Hierauf eilte 
Kachel nach Hause. Auf diese Kunde lief Laban dem 
Jakob entgegen, umarmte und küßte ihn und führte ihn 
in sein Haus. Diese Szene wird hier dargestellt: Rachel, 



152 




MICHAEL KUK/, 



SUDANSICHT 




MICHAEL KURZ 



LANGSSCHNII T 



IS3 




MICHAEL KLUZ 



WEST- UND NOKDANSICHT 




MICHAEL KURZ 



GRUXDRISZ (NORDSEITE UNTEN) — Vgl. Quirschnitt S. IJS 



Die christliche Kunst. XIV. 6—8 



154 




MICIIAl-l, KLl; 



SLUOSTAXSICHT 




MICHAEL KURZ 



:>L U\V£i.l ANSICHT 



DIE ROMISCHIiN xMOSAIKEN UND MALEREIEN VOM 4.— 13.JAHRH. 155 



Es war ein tüchtiger 
Künstler, welcher sie erfand 
und dem wichtigsten Augen- 
blicke der Handlung durch 
treffende Gebärden und eine 
klare Gruppierung Ausdrucli 
zu verleihen wußte ; man 
kann in Schönheit und Man- 
nigfaltigkeit der Form diese 
Mosaiken Raffaels Bilder- 
bibel an die Seite setzen. 

Wie breit und großflächig 
ist die Schattierung gehal- 
ten; in Gewändern und 
Fleischteilen sind die Lich- 
ter, sparsam gebraucht, mit 
dem hellsten Weiß heraus- 
gehoben, den Reichtum der 
Halbtöne zur Geltung zu 



die Hauptfigur, kommt raschen 
Schrittes daher und ruft von wei- 
tem ihrem Vater zu, der in freu- 
diger Erregung aus dem Hause 
tritt. Die Gestalt zwischen bei- 
den ist eine verheiratete Frau, 
weil sie die Haube trägt, also 
Rachels Mutter, welche der Künst- 
ler eigenmächtig zur Abrundung 
der Familie und mit Rücksicht Michael IvLK/ 
auf ihre Tochter eingeführt hat. 
Laban und seine Frau haben sich 

in die besten Kleider geworfen. Jakob i>t bei den 
Schafen Rachels geblieben und auf dem Bilde nicht 
dargestellt, dagegen sieht man rechts zwei Hirten ihre 
Herde weiden, wohl dieselben, bei denen Jakob die 
ersten Erkundigungen über Laban eingezogen.« >lm un- 
teren Streifen des Mosaiks sind zwei Szenen vereinigt : 
Links begrüßen sich Jakob und Laban durch Un:armung 
Nebenan schreiten alle drei (Jakob, Laban und seine 
Frau) auf das Haus zu, an dessen Schwelle Rachel steht, 
die ihre Rechte Jakob zur Begrüßung entgegenstreckt < 





MICHAEL KURZ 



Q.LERSCHN1TT DES ANB.\UES 



KORDPARTIE .MIT TREPPENAL IGAKG 

bringen. Die kleinen Köpfe sind durch Hal- 
tung und Blick voll Seele. Mit erstaunlich 
wenigen Stiften ist der sprechende Ausdruck 
und die Form fernwirkend hinskizziert, wie 
ein Maler malt, der die kleine Form mit brei- 
tem Pinsel nur in den Flächen hinstreicht. 
Der Ort der Handlung ist mit einfachen Zügen 
angedeutet. Grüne Landschaft, blauer Himmel 
nach unten aufgehellt, Zelte, einige Häuser, 
eine Stadt, es genügte weniges, dadurch 
den Vorgang verständlich zu machen. Mitten 
in den Brennpunkt der Handlung ninein ist 
mit der Landschaft Goldgrund verbunden, 
durch gelbe Töne übergeleitet in das Grün 
der Wiesen oder Berge. Man hat es früher 
als eine spätere Zutat betrachtet. Wilpert 
hat bei seiner genauen Untersuchung nach- 
gewiesen, daß dieses ursprünglich sei. Heute 
mag bei der gänzlich veränderten Umge- 
bung der Bilder das Gold manchem unver- 
mittelt erscheinen. Als aber diese Bilder 
entstanden, wie sahen damals die umgeben- 
den Wandflächen aus? Ist es nicht sehr 
wahrscheinlich, daß die Wände von Gold 
strahlten ? Manche alte Schilderung läßt es 
uns vermuten. Dann war es für den Künst- 
ler naheliegend, von diesem goldigen Schim- 
mer auch über diese Bilder auszubreiten, 



156 




FRITZ FUCHbESBERGKK 



SÜDANSICHT 




FRITZ FLXHSENBERGER 



GRUN'DRISZ DES ERDGESCHOSSES 



157 







ooo 




'/r^niff i'u.if /"f/i ./nfm/fifm ai/ Jh/r.^^mf iini> ■•J?ii</if/' ä'/-~Mn>}/>!/e' 



FRITZ FUCHSENBERGER 



KOKDANSICHT 




FRITZ FUCHSENBERGER 



GRUNDRISZ DER EMPOREN. — Igl. A66. S. 163 



158 DIE ROMISCHEN MOSAIKEN UND MALEREIEN VOM 4.— 13.JAHRH. 



FRITZ FUCHSEN'- 
BERGEK 



QUERSCHNITT DURCH 

DIE EMPOREN'- 

PARTIE 




wie man in dem alten Wandschmuck immer 
dem Bemühen begegnet, den einmal ange- 
schlagenen Farbenakkord durch entsprechende 
Wiederholung derselben Töne anklingen zu 
lassen. 

Solcher Weise gibt uns Wilperts genaue 
Wiedergabe der Technik auch die Gelegen- 
heit, die richtige Wertschätzung zu zollen 



der künstlerischen Gestaltungskratt 
dieses trefflichen Meisters der kon- 
stantinischen Renaissance. 

Von der Taufkirche des hl. Jo- 
hannes in Neapel gibt der Text die 
Übersicht über die gesamten Flä- 
chen, welche in der zweiten Hälfte 
des 4. Jahrhunderts mit Mosaik ge- 
schmückt sind, und die zahlreichen 
Tafeln mit einzelnen Teilen in grö- 
ßerem Maßstabe zeigen uns die 
gleichen künstlerischen Fähigkeiten 
wie bei den gleichzeitigen Mosaiken 
in S. Maria maggiore in Kom. Welch 
ein hoher, phantasiereicher Flug, 
welche Kraft des Ausdrucks spricht 
aus den Zeichen der Evangelisten ! 
Ist je der Löwe des hl. Markus durch- 
geistigter dargestellt? Wie malerisch 
geschickt sind die heiligen Mar- 
t}'rer mit Kronen in den Händen auf 
den verschiedenartig hell und dun- 
kel wechselnden Hintergrund ge- 
setzt. Man könnte glauben, Lionardo 
da Vincis Traktat über die Malerei 
und seine Anweisung über wir- 
kungsvolle Behandlung des Hinter- 
grundes hätten diese Mosaizisten 
sich angeeignet, wie wir auch bei 
mancher modernen Photographie die 
Porträttigur mit der Umgebung sich malerisch 
verbinden sehen durch die Schatten und Lich- 
ter des Hintergrundes. Gewand und Fleisch 
ist hier im alten Mosaik tonig in den Raum 
gestimmt, dessen Hauptton indigoblau und 
grün ist und mit wenig Gold und Weiß 
Hauptzüge hervorhebt. Wir sehen deshalb 
Schatten und Halbtöne in den Figuren bläu- 




FRITZ FUCHSEXBERGER 



LÄNGSSCHN'ITT. — Vgl. Grumhiß S. JjS 



DIE RÖMISCHEN MOSAIKEX UXD MALEREIEN" \'0M 4.— 13.JAHRH. 159 



HCHSENBEKGEK 



lieh reflektiert, nur wenig Rot 
und Fleischton genügt, ihm sei- 
nen Charakter zu geben. Die 
Figur ist von der sie umgebenden 
Luft um flutet. Ein hochentwik- 
kehes künstlerisches \'erständnis 
tur Beleuchtungswirkungen, wie 
wir sie in modernen Bestrebun- 
gen der heutigen Malerei auftre- 
ten sehen, aber ohne den Zu- 
sammenhang mit einer so groß- 
artigen Monumentalanlage der 
Tonmassen in fest begrenztem 
Akkorde. Unsere modernen Ma- 
ler ringen und suchen. Unsere 
moderne Architekturentwicklung 
schafft Raum und verlangt nach 
farbigem Schmuck. \\'erden sich 
diese beiden Künste zu einer Ein- 
heit zusammentinden : BeiWilpert 
kann man die Wege, welche da- 
hin führen, studieren, da seine 
Dokumente unverfälscht sind. 

Das Mosaik der Apsis in St. Pudentiana 
(402 — 417) hat sich schon manche Mißhand- 
lungdurch Restauration gefallen lassen müssen. 
Wilpert gibt uns den interessanten Christus- 
kopf und den St. Pudentianas in größerem 
Maßstabe. Ich hatte vor 16 Jahren in Rom 
Gelegenheit, ein vom Ministerium aufgeschla- 
genes Gerüst zu benutzen, um den Christus- 
kopf in Aquarell aus nächster Nähe zu kopieren. 
Der Eindruck, die Wirkung des Mosaik haftet 
noch fest in meiner Erinnerung. Wilperts 
Wiedergabe ist tadellos und 
unendlich viel genauer wie 
meine Malerei. Ich habe sei- 
nen Farbendruck vor mir auf 
der Staffelei stehen; er erhält 
kein direktes Licht, wie in der 
Kirche glänzt das Gold ; aber 
nur teilweise ; das hellste Weiß 
sieht dagegen getont aus. Das 
Haar wirkt voll und dunkel, 
alle Halbtöne werden weicher, 
und ihre Weichheit macht das 
große Licht der Stirn viel wirk- 
samer, der Hintergrund tritt 
zurück. Ich habe ganz den 
Eindruck wie in St. Puden- 
tiana. Bei diesen Blättern in 
größerem Maßstabe ist es gar 
nicht gleichgültig, in welchem 
Lichte man sie sieht. Wer 
Verständnis hat für das Stim- 
mungsvolle der Kirche, der 
wird begreifen, daß ein so 
getreues Faksimile einer musi- 




QUERSCHNITT DURCH DEN NEUB.\U 
'„:J LdKgsschnia S. rjS 



vischen Leistung, welche in dieser Kirche 
unter ihrem Licht und für diese Stimmung 
berechnet war, nur unter ähnlichen Lichtver- 
hältnissen denselben Gesamteindruck hervor- 
bringen kann. In dem Halblicht der Kirchen 
ist das Gold immer an einigen Glanzstellen 
die höchste Note, Weiß sielit dagegen dunkel 
aus und alle anderen Farben erscheinen so 
viel tiefer und gesättigter. Wer als Künstler 
Mosaik schaffend dies nicht voraussieht, wird 
die besten Wirkungen dieses Materials nicht 




F. FLXHSENBERGER 



QUERSCHNITT DURCH DtN NEUB.\U 
Nach l 'ariante S. 163 



i6o 




FRITZ FUCHSENBERGER 
SÜDWESTANSICHT 



Unter der Terrasse sind 
Kau/lüden projektiert 



i6i 




FRITZ FUCHSENBr-ilGER 



SÜDOSTAXSICHT 



Die christliche Kunst XW. 6- 



l62 




Por^c^Iaj: Ji^rßimea&'i^en fjniö pin^eößuf ^a/A-Mr^öAra/^/ 



FRITZ FUCHSENBERGER 



WESTANSICHT 



i63 




FRITZ FUCHSEKBERGER 



SÜDANSICHT, GRUNDRISZ, LÄNGSSCHNITT 

l^arionle. Igt. Abb. S. lös 



i64 DIE RÖMISCHEN MOSAIKEN UND MALEREIEN VOM 4.-13.JAHRH. 




FKITZ FUCHSEXBERGEK 



Eritt Los»,:g. I'gl. Gl 



.-,ß S. ,37 



voll ausnutzen und bittere Überraschungen 
erleben. Diese beiden Blätter, so aufgestellt, 
zeigen uns alle die malerischen Schönheiten, 
welche ich bei den vorigen kleineren Wieder- 
gaben zu erklären versuchte, in einem größe- 
ren Maßstäbe bei der größten Deutlichkeit 
der Einzelheiten. 

Den hochinteressanten Darstellungen aus der 
Kindheit Jesu am Triumphbogen von S. Maria 
maggiore, unter Papst Sixtus III. (4^2 — 4.10) 
entstanden, widmet Wilpert eine größere Zahl 
Tafeln. Wir sehen hier die vererbteTüchtigkeit 
der Mosaizisten noch festgehalten wie auch 
in den aus Ravenna angezogenen Blättern, 
die uns überleiten bis zur Zeit von 530 und 
in Rom uns noch eine mächtig wirkende 
Leistung vorführen in dem Apsidialmosaik 
von St. Cosmas und Damian im Forum roma- 
num. Der nächtig dunkelblaue Hintergrund 



mit dem in goldigem Gewände 
auf geröteten Wolken stehen- 
den Christus als Lehrer der 
Welt, die herbe Charakteristik 
des Petrus und Paulus, des Cos- 
mas und Damian rufen einen 
erschütternden Eindruck her- 
vor durch ihre großen Gegen- 
sätze. Unter den fließenden 
Falten der Gewänder spricht 
sich volles Verständnis für die 
Bewegung des Körpers aus; 
die goldenen Gewänder sind 
aus einer Mischung von grau- 
gelber und Goldsmalte herge- 
stellt. In Wilperts Tafeln sind 
die Töne gut getroffen, man 
muß aber das Gold glänzen 
sehen, wenn die Halb- und 
Schattentöne die richtigen Ton- 
werte zum Gold bilden sollen. 
Bei allen Vorzügen dieses groß- 
artigen Mosaiks kündet sich 
schon ein Abnehmen des künst- 
lerischen Maßhaltens an. Die 
Unterschiede zwischen diesem 
Christuskopf und dem aus 
S. Pudentiana geben dafür 
einen Gradmesser. Blicken 
wir aber zurück auf die Mo- 
saiken aus dem Mausoleum der 
Constantina, schauen diese zier- 
lichen Zweige mit Früchten, 
Vögeln und Putten wie mit 
Raffaels Grazie bewegt und 
schattiert, so wird es ganz 
deutlich, wie der Weg bergab 
führt von der ersten Höhe der 
konstantinischen Renaissance. 
Wie allmählich die Zeichnung erstarrt bei 
verlorenem Verständnis für die Bewegung 
des Körpers und die Fähigkeit erlischt. Halb- 
töne und Schatten zu benutzen, und die ver- 
schiedenen Flächen anschaulich zu machen, 
das zeigen uns die Tafeln vom 7. und S.Jahr- 
hundert mit größter Treue. Vom Naturstu- 
dium ist keine Spur mehr um 800 zu finden. 
Rohe Linien bezeichnen die Grenzen, welche 
mit einer Farbe ausgefüllt wurden, ein Zeichen 
des tiefsten Verfalls. Von der Höhe klassi- 
scher Vollendung und umfassendsten künst- 
lerischen Könnens ein Absturz in ohnmäch- 
tiges Stammeln. Eins war geblieben und es 
war für die Zukunft nicht wertlos. Die Tech- 
nik der Herstellung der Smalte erhielt sich 
und auch der Geschmack für diese Tonreihe 
harmonisch gestimmter Farben, welche aus 
dem heidnischen Altertum übernommen, bis- 



CHORANSlCHr 



DIE RÖMISCHEN MOSAIKEN UND MALEREIEN VOM 4.— 13.JAHRH. 165 



lier ohne \'erlust und ohne 
Hinzutun verwendet, einer 
kommenden besseren Zeit 
als notwendige Grundlage 
zum künstlerischen Auf- 
schwung erhalten blieb. 
Auch alles dieses kann man 
aus Wilperts Tafeln lesen, 
bei de Rossi aber ganz und 
gar nicht. Der Tiefstand 
der Kunst des Mosaiks um 
800 ist bei ihm einiger- 
maßen zu erkennen, der 
Abstand von der Höchst- 
leistung der konstantini- 
schen Zeiten ist nicht bei 
solch ungenauer Wieder- 
gabe zu ermessen. 48 Far- 
benabstufungen zählt VVil- 
pert ohne Gold. Jede Farbe 
hat 6 Abstufungen vom 
Hellen zum Dunklen und 
8 Farben sind es nur, mit 
denen diese musivische 
Kunst bis zum 13. Jahr- 
hundert gearbeitet hat. 

Diese 8 Farben und ihre 
Abstufungen kann man wie 
folgt bezeichnen: 

I. Neapelgelb: abgestuft 
bis zu einem Umbra 
grünlichbraun. 
Ockergelb: abgestuft bis 
zu einem Rötlichbraun. 
Gelbgrün : hell abgestuft 
bis zu vollem Gelbgrün. 
Seegrün: hell abgestuft 
bis fast schwarz. 

Grünblau: hell abgestuft bis fast schwarz. 
Indigoblau: im Licht farbloser. Mitteltöne 
farbig, Tiefe schwarz. 
Purpurviolett: im Licht farbloser, in der 
Tiele gesättigter Ton. 
Rot: wie Mennige-Zinnober bis dunkel- 
roter Tiefe. 

In den Blütezeiten der Kunst sind die Ab- 
stufungen zahlreicher auch mit Marmor durch 
graue und weiße Töne bereichert. 

Mit diesen Farben arbeitete man auch weiter, 
als die Zeiten einem Aufstieg günstiger ge- 
worden waren, aber es ging langsam und 
mit kleinen Schritten vorwärts. Blatt 120 
gibt das Brustbild Christi von Engeln getra- 
gen wieder aus der Kapelle Sancta Sanctoium. 
Wie unsicher ist die Zeichnung des Kopfes! 
Die Technik ist zwar sorgfältig geworden, man 




FRrrZ FCCHSENBERGEK 



:UÜR.\NSICHT 



sucht zu schattieren, aber es fehlt die Sicher- 
heit, welche nur eigenes Naturstudium geben 
kann. Man zehrt von der Tradition.' Jacopo 
Torriti hat das Apsismosaik in Maria maggiore 
aus der Zeit Sixtus III. vorzüglich kopiert 
und im Jahre 1295 vollendet und mit einigen 
Zutaten und Veränderungen versehen, in allem 
eine große Geschicklichkeit bewiesen. Von 
dem dunkelblauen runden Nimbus umschlos- 
sen, sitzen Christus und die Madonna auf 
goldenem Throne. Die Gewänder goldig, 
wie Christus in S. Cosmas und Damian dar- 
gestellt ist, schattieren in Blaugrün und Rot 
und Purpur. Mit Goldlichtern gehöht, steigt 
der mächtige Stamm auf, in dessen Windun- 
gen sich Tiere bewegen in tadelloser Zeich- 
nung. Ein fröhliches Treiben spielt sich auf 
dem unteren Grunde ab; der Geist der Antike 
ist wieder lebendig geworden und ein frisches 



i66 DIE RÖMISCHEN MOSAIKEN UND MALEREIEN VOM ^,— 13.JAHRH. 




1 RITZ FLXHSENBERGEK 



AUFGANG AN DER NORDSEITE 



Kunstkönnen will sich Bahn brechen. Das 
langsam und kostspielig herzustellende Mosaik 
entspricht der Zeit in ihrem Vorvvärtsdrange 
nicht, es wird vernachlässigt und die Malerei 
übernimmt die Führung. Ihrem Entwicklungs- 
gange folgen zu können, greifen wir zurück. 
Wilperts Katakombenmalerei hatte uns in den 
ersten Malereien der frühesten Zeit Belege 
klassischen Formempfindens vorgeführt. Die 
Einteilung der Wandflächen ist mit feinen 
schmalen Strichen gezogen, die flüchtig hin- 
skizzierten Figürchen zeigen bewunderungs- 
würdige Sicherheit der Formbeherrschung 
auch bei leichtem Hinwerfen. Allmählich ver- 
gröbert sich alles und wir sehen einen Nieder- 
gang wie beim Mosaik. 

In der Kunst, welche unter Konstantin 
sich frei am hellen Tage entfalten konnte, 
sehen wir die Verwendung der alten Tech- 
nik der Malerei auf starkem Mörtelauftrag 
mit geglätteterOberfläche in ununterbrochener 
Übung durch die folgenden Jahrhunderte. 

Die Ausgrabung von S. Maria Antiqua im 
Forum romanum förderte einen Schatz von 
Malereien des früheren Mittelalters zutage, 
welcher vom 5. bis zum 1 1. Jahrhundert reicht 
und in dieser Mannigfaltigkeit auf der Welt 
nicht wieder anzutreff"en ist. Es sind Bruch- 
stücke, manches Mal auf einer Wand aus fünf 
Jahrhunderten unter- und nebeneinander. Der 
schöne Kopf des Engels Gabriel aus dem 
6. Jahrhundert auf der Wand neben der Ap- 



side ist breit und weich modelliert, das Brust- 
bild des hl. Andreas aus dem 8. Jahrhundert 
ist mit kräftigen Pinselstrichen hingesetzt, 
und man muß ebenso die Sicherheit der 
Pinselführung bewundern, wie die Energie 
des Ausdrucks. 

In dieser Fülle der Bruchstücke den Ent- 
wicklungsgang durch die Jahrhunderte fest- 
zustellen, scheint auf den ersten Anblick wie 
ein sinnverwirrendes Rätsel. An der Hand 
Wilperts schreitet man sicher durch dies Laby- 
rinth. Aber nicht nur das einzelne, auch 
die Gesamtanlage der malerischen Ausstattung 
des Raumes verdient unser Interesse. Die 
Leichtigkeit und Schnelligkeit des Pinsels 
schüttet einen Reichtum von vielen Bildern 
über alle Wände aus, die irgend dazu Raum 
bieten. Das Betonen des Konstruktiven der 
Architektur ist auf einfache Randleisten be- 
schränkt, dem Ornament sparsam Platz ver- 
gönnt. Eine Bilderbibel dem Volke zu sein, 
weniger der Schmuck, ist das Ziel. Wie in 
den Mosaiken tritt die Hauptfigur in der Apsis 
durch ihre Größe mächtig hervor, die vielen 
Bilder ordnen sich durch die kleinen Ver- 
hältnisse unter, die Wiederholung der kalten 
Gründe und der hellen und warmen Farben 
in Rahmen und Figuren geben einen harmo- 
nischen Gesamteindruck. Die vielen interes- 
santen Tafeln aus S. Maria Antiqua geben 
Gelegenheit zu nicht sobald zu erschöpfen- 
den Beobachtungen an all den vielen, bald 



DIE RÖMISCHEN MOSAIKEX UXD MALEREIEN' VOM 4.-15.JAHRH. 167 



^orij-se 




HERMANN SELZER 



NORDAKSICHT 



größeren, bald kleinen Bruchstücken vom 5. bis 
8. Jahrhundert. Es brach in Konstantinopel 
der Bildersturm los und führte eine Menge 
flüchtender Mönche nach Rom, vielleicht 
auch Künstler darunter; sie konnten die im 
8. Jahrhundert gesunkene Kunst nicht bessern, 
nur die Zahl der Bilder vermehren. Einige 
dieser späteren Bilder sind uns erhalten in 
St. Antonio, entstanden aus dem Atrium der 
ganz unter Schutt begrabenen S. Maria Anti- 
qua. Sie zeigen die Kunst in einem \'erfall, 
aus welchem ein Erheben fast unmöglich 
erscheint. Die Ansätze zu einem neuen Le- 
ben kündigen sich um die Wende des 11. bis 
12. Jahrhunderts in der Unterkirche von 
S. demente an. Die Übertragung der Re- 
liquien des heiligen Clemens und Szenen aus 
der Legende des Heiligen waren schon von 
ihrem ersten Entdecker abgebildet worden, 
aber mangelhaft und mit manchen Irrtümern. 
Den größten Irrtum veranlaßte aber eine 
größere Zahl Figurenreste, welche auf einer 
großen Wand beiderseits einer Altarnische 
sich zeigten. Man hatte sie für verschiedene 
Darstellungen aus dem Leben der heiligen 
Katharina von Alexandrien gehalten. Wilpert 
zeigt uns diese Reste in genauester Wieder- 
gabe. Wir sehen die Auser%vählten und die 
Verworfenen, die Bruchstücke eines großen 



umfangreichen Jüngsten Gerichtes; eine Ent- 
deckung, welche die älteste Darstellung dieses 
Gegenstandes um 200 Jahre früher "datiert. 
Reste zwar sind es nur, schwer zu entziff"ern. 
Die farbige Tafel gibt jedoch einen solch über- 
zeugenden Beweis, da ist kein Zweifel möglich. 
Es gehörte der in den Finsternissen der 
Katakomben geschulte Blick des Gelehrten 
und seines Malers dazu, am in einem jeden 
Tageslichtes baren Raum aus solchen Resten 
so sichere Ergebnisse herauszulesen. 

Wer solchen Schwierigkeiten sich gewach- 
sen zeigt, dessen Forscheraugen kanii man 
bei Wiedergabe der Malereien unter günsti- 
gem Licht bedingungslos vertrauen. In der 
Wandgliederung brachten die Darstellungen 
aus dem Leben des heiligen Clemens einen 
Wechsel gegenüber S. Maria Antiqua. Breiter 
roter Grund mit gelben Ornamenten, nach 
antiker Weise gezeichnet, schmücken als Rah- 
men das auf graublauen Grund ausgeführte 
Bild. 

In S. Crisogono sehen wir Malereien aus 
dem 10. Jahrhundert mit Szenen aus der Le- 
gende des heiligen Pantaleon usw. über einer 
Teppichmalerei aus dem S.Jahrhundert durch 
eine perspektivisch ausgebildete .Architektur 
umrahmt. Über dem mächtigen unteren Ge- 
bälk ist schon der Säulenfuß in Untersicht 



i68 DIE RÖMISCHEN MOSAIKEN UND MALEREIEN VOM 4.— 15.JAHRH. 




HERMANN SELZER 



SUDANSICHT 



gemalt, die gewundene Säule mit reichem 
Kapital nimmt das perspektivische, aus der 
Wand in Verkröpfung dargestellte Gesimse 
mit Konsolenfries auf. Die ganze Anlage 
erinnert an Giottos architektonische Umrah- 
mung seiner Franziskuslegende in der Ober- 
kirche in Assisi. 

Eine große Apsis, bemalt mit Christus 
zwischen Märtyrern, darunter ein Fries mit 




Fgl. AiS. S. ,6q 



QUEKSCHNITT 



Lamm Gottes zwischen 12 Schafen, Maria zwi- 
schen Engeln und Martyrinnen aus St. Maria 
in Pallura (10. Jahrhundert), fordert zum Ver- 
gleich mit den Mosaiken auf. 

Zahlreiche Darstellungen aus dem Alten 
und Neuen Testament in S. Giovanni a Porta 
Latina, Evangelistensymbole, die 24 Altesten 
der Apokalypse Kronen darbringend, ein Welt- 
gericht, Christus, drei Engel an jeder Seite, 
reihen sich Bild an Bild und sind unter Papst 
Cölestin III. (1191^1198) entstanden. Die 
Darstellung des Weltgerichts in S. Quattro 
Coronati zeigt die vollständigere Ausgestaltung 
desselben. Christus sitzt mit Pallium nach 
Philosophenart; es läßt die rechte Hälfte des 
Oberkörpers unbedeckt. Die erhobene Rechte 
zeigt die Handwunde, die andere, etwas mehr 
erhoben, faßt einen langen Stab mit Kreuz- 
endigung. Maria rechts, Johannes Bapt. links, 
erheben fürbittend die Hände, die 12 Apostel 
sind sitzend auf beiden Seiten verteilt. Unter 
Innozenz IV. (1243 — 1254) entstanden, läßt 
es den großen Schritt in der Entwicklung 
der Malerei durch Cavallini kaum ahnen. 

Die Brustbilder von Propheten in St. Maria 
maggiore unter Nikolaus IV. (1288 — 1292) 
entstanden, sind in der Form gut durchdacht, 
aber mit der Farbe mehr gezeichnet in stricheln- 
der Art, als gemalt. 



i69 




HERMANN SELZER, LANGENSCHNITT. — !>/. unten und S. i6S 




HERMANN StL/1 R 1 MPORF NGESCHOSZ 



Die christliche Kunst. XIV. 



170 DIE ROMISCHEN MOSAIKEN UND MALEREIEN VOM 4.— 13.JAHRH. 




HERMANN' SEL7ER 



Die Tafeln zu Cavallinis Jüngstem Gericht 
in St. Caecilia in Rom sind eine glanzvolle 
Überraschung. Vasari stellt diesen Künstler 
als einen Gehilfen Giottos dar. Nach der 
Entdeckung dieser großartigen Leistung sind 
wir durch solch vorzügliche Abbildungen 
überzeugt, daß wir es mit einem Künstler 
von hervorragendster Leistungsfähigkeit zu 
tun haben. Die neue Wiedergeburt der ita- 
lienischen Kunst hat hiermit begonnen. Breite 
Licht- und Schattenmassen in den Gestalten, 
lebensvolle Charakteristik in den Köpfen mit 
sicher angesetzten Flächenmodellierungen, 



großzügige Auffassung und eine Einheitlicli- 
keit in der ganzen Handlung, welche die 
Grenzen des Zuviel weise vermeidet, vereinen 
sich zu einer Kunstschöpfung, welche ganz 
neue Einblicke gewährt in Italiens Kunst- 
verhältnisse am Ende des 13. Jahrhunderts. 
Wie Jacopo Torriti im Anschlüsse an alte 
Originale in derselben Zeit das Apsismosaik 
in der Lateransbasilika und in Maria maggiore 
so vollendet schön wiederhergestellt hatte, so 
tritt hier die Malerei durch Cavallini bahn- 
brechend den Weg an, der in weiteren zwei-, 
hundert Jahren die höchsten Gipfel erreichbar 



DIE ROMISCHEN MOSAIKEN UND MALEREIEN VOM 



.JAHRH. 




HERMANN' SEIZEK 



machte. Nachrichten über einige oft genannte 
alte, sehr verehrte Bilder vervollständigen die 
Kenntnis der römischen Kunstschätze. 

Das neue Werk Wilperts »Die römischen 
Mosaiken und Malereien der kirchlichen 
Bauten vom 4. bis 13. Jahrhundert« ist ein 
Quell, dessen reiche Fülle bisher ungeahnter 
und nicht erschlossener Adern weite Gebiete 
der Kunstwissenschaft der von dem Verfasser 
behandelten Zeiten befruchten wird. 

Es ist ein glänzender Beweis der liebenden 
Sorgfalt, welche das römische Papsttum zu 
allen Zeiten, nicht nur in der Renaissance, 



aller Kultur, hier mi besonderen der darstel- 
lenden Kunst der Malerei und dem Mosaik 
zuteil werden Heß und sie mit der Großartig- 
keit ihrer Liturgie durchdrang und zur ideal- 
sten Ausreifung befähigte. 

Es ist ein Malerbuch für heute, wie wir 
bislang keins besaßen. Wie manches religiöse 
Thema wird heute im modernen Bild miß- 
handelt! Die naturalistische Weise verseucht 
bei manchem noch gut gläubigen Katholiken 
den religiösen Gehalt. Ich möchte einem 
solchen zurufen: »Siehe und lies! Es strömt 
hier eine doppelte Quelle!« 



172 



^ EIN FRÜHWERK DES MATTHÄUS KRENISZ 




HERMAKN SELZER 



SÜDWESTANSICHT 



Das Werk Wilperts ist ein Sieg deutscher 
Ausdauer und deutschen Gelehrtenfleißes, 
deutscher Leistungsfähigkeit in moderner 
graphischer Technik und ein immerwähren- 
des Andenken deutschen Opfersinnes, derin die- 
sen schweren Kriegszeiten auf die Vollendung 
solch idealer Aufgaben den Schlußstein setzte. 
Kevelaer Friedricli Stummel 



EIN FRÜHWERK 
DES MATTHÄUS KRENISZ 

Von HANS VON GIZYCKI-München 
Abbildung S. 175 

r^ie umseitig abgebildete Standfigur einer 
'-^ Anna selbdritt ist 1,20 m hoch, Linden- 
holz gefaßt, hinten ausgehöhlt. Die beider- 
seitigen unbearbeiteten Abschrägungen der 
Rückseite lassen darauf schließen, daß die 
Figur ursprünglich in einer Nische, wohl als 



Mitteliigur in einem Altarschrein, gestanden 
hat. 

Einer gegenständlichen Beschreibung über- 
hebt mich wohl die Abbildung. Abgesehen 
von der Fassung, die stellenweise gelitten hat, 
ist die Figur gut erhalten. Die auf einem grü- 
nen Sockel stehende heilige Anna trägt ein 
blaues Kleid, einen roten, blau gefütterten 
Mantel mit goldener Borte am Halsausschnitt 
und vor der Brust, eine blaue goldbonierte 
hohe Haube und schwarze Schuhe. Die kleine 
Maria trägt ein blaues Kleid, schwarze Schuhe 
und einen braungoldenen Kronreif mit aus- 
gezacktem oberen Rand. Die Haare Mariens 
und des Christuskindes sind braun, die Welt- 
kugel, die letzteres in derLinken hält, rotbraun. 

Die vom Verfasser kürzlich im Münchener 
Kunsthandel erworbene Gruppe stammt nach 
glaubwürdiger Angabe aus dem Bauernhof 
Straß bei Erding. 

Die hervorragende künstlerische Qualität 
dieses Werkes veranlaßt mich, dasselbe zu 



173 




HERMANN SELZER 
SÜDOSTANSICHT 



174 



i EIN FRUHWERK DES MATTHAUS KRENISZ 




HERMANN SELZER 



veröftentlichen, da es mir geeignet erscheint, 
die Kenntnis der hochentwiclcelten Bildschnitz- 
kunst in Bayern und ihrer Entwicklung am 
Anfang des i6. Jahrhunderts zu erweitern. 

Über die Datierung der Gruppe kann wohl 
kein Zweifel herrschen. Die allgemeine pla- 
stische Auffassung, die Betonung des Körpers 
unter dem Gewand, de»- Faltenstil und die 
Tracht der Mutter Anna mit dem in senk- 
rechte Parallelfalten gelegten Rock, der großen 
Haube und den schmalen, an der Spitze aber 
schon abgestumpften Schuhen verweisen das 
Werk in das erste Jahrzehnt des i6. Jahr- 
hunderts. 

Bei Werken, die den Durchschnitt gleich- 
zeitiger künstlerischer Leistungen weit über- 
ragen, drängt sich unwillkürlich die Frage 
nach ihrem Schöpfer auf. 

Die Lage Erdings zwischen München und 
Landshut-Moosburg läßt zunächst an einen 



Münchener oder Lands- 
huter Meister denken. 
Nun lassen sich aber 
zwischen unserer 

Gruppe und den etwa 
gleichaltrigen Werken 
der Münchener und 
Landshuter Schule nur 
solche Ähnlichkeiten 
finden, wie sie durch 
den allgemeinen Zeit- 
stil bedingt sind, aber 
nicht solche, die eine 
engereSchul Verwandt- 
schaft erweisen könn- 
ten. 

Herrn Direktor Pro- 
fessor Dr. Ph. M. Halm 
verdanke ich den Hin- 
weis auf den Meister 
Matthäus Kreniß '). 

Wie die Arbeiten 
dieses Meisters in In- 
golstadt und im Frei- 
smger Museum bewei- 
sen, erstreckte sich der 
Wirkungsbereich des- 
selben von seiner en- 
geren Heimat ja auch 
noch über Erding hin- 
aus nach Westen. In 
derTat zeigt die ganze 
Auffassung unserer 
Gruppe, die Gesichts- 
typen, die technische 
Behandlung, beson- 
ders auch von Gesich- 
tern und Händen, weit- 
gehende Verwandtschaft mit den Werken 
dieses Künstlers. 

Allerdings ist bisher kein Werk des Kreniß 
bekannt, das einen noch so frühen Zeitstil 
zeigt. Es könnte sich also nur um ein Früh- 
werk desselben handeln. Allenfalls könnte 
man auch an einen Meister denken, in dessen 
Werkstatt Kreniß gelernt hat. 

Die heilige Anna ist von Kreniß recht oft 
dargestellt worden und zwar immer in der 
hohen Haube. Abgesehen von den Reliefs 
mit der heiligen Sippe in Neuötting, in 
Obernberg, in Ingolstadt und auf einem Al- 
tarflügel in Höhenstadt, sowie dem Relief 
der sitzenden Sankt Anna mit den neben ihr 
stehenden Figuren Mariens und des Jesus- 
kinds auf dem Grabstein desWilhelmTaschner 



TREPPE AN DER NORDSEITE 



') Vgl. »Die Türen der Stiftskirche in Altölüng und 
ilire Meister« von Dr. Philipp M. Halm im I.Jahrgang 
dieser Zeitschrift, S. 121 — 142. D. Red. 



©!^ EIX FRÜHWERK DES MATTHÄUS KRENISZ e^ 



175 



in Altütting kennen wir die Standgruppe 
auf einem Altar der Marktkirche zu Neumarkt 
a. d. Rott und die im Besitz des Herrn Pro- 
fessors Schober, sowie die kleine Sitzgruppe 
im Museum zu Linz. Mit diesen ihren eben 
genannten Schwestern, wenn sie auch sämt- 
lich einen schon etwas spateren Stil zeigen, 
hat nun unsere heilige Anna eine ausgespro- 
chene Familienähnlichkeit. Vielleichterscheint 
sie etwas jugendlicher aufgefaßt als auf man- 
chen dieser Darstellungen, wie übrigens ja 
auch auf dem Relief von 1 5 1 3 im Kloster 
Gnadental zu Ingolstadt. Unsere Sankt Anna 
stellt sich als noch junge Frau dar, zwar nicht 
mehr ,, madonnenhaft", aber auch nicht als 
Matrone, etwa als frühe Dreißigerin. 

Betrachten wir nun die Einzelheiten, etwa 
den Sitz der prachtvollen Haube, die ziem- 
lich weit vorstehend die Stirn beschattet, 
deren Verzierung mit einer Goldborte, das 
Aufliegen des mit gleicher Borte — und zwar 
nur oben — verzierten Mantels auf den Schul- 
tern, das Fassen der Hände, die Bildung des 
Kinderkörpers, die weiche Wiedergabe des 
Fleisches, die Detailbehandlung der Gesichter, 
den Schnitt der Augen, der feinen Nase mit 
den zierlich gebohrten Nasenlöchern, die 
Bildung von Wrangen, Kinn und Mund, die 
feinen Schwellungen der Muskeln neben den 
Mundwinkeln, besonders bei der heiligen 
Anna, deren Kopf frei und graziös auf dem 
schlanken aristokratischen Halse sitzt, so fällt 
die nahe Verwandtschaft mit der Art des 
Kreniß', wie wir sie von den Werken kennen, 
die Ph. M. Halm für diesen Meister gesichert 
hat, in die Augen. 

Leider gibt die Abbildung von der hervor- 
ragend feinen Bildung und liebevollen Be- 
handlung dieser Details keine genügende 
Vorstellung, so wenig wie von der Innigkeit, 
mit der die kleine Maria anbetend empor- 
blickt, Eigenschaften, die in Verbindung mit 
der Eleganz des Aufbaues und dem prächti- 
gen rhythmischen Schwung der Gruppe einen 
hervorragenden Künstler als ihren Schöpfer 
erkennen lassen. 

Die bisher bekannten Werke des Kreniß' 
zeigen sämtlich den schon vorgeschritteneren 
Zeitstil des zweiten und dritten Jahrzehnts 
des 16. Jahrhunderts. Unsere Gruppe zeigt 
diesen gewissermaßen erst in einem vorbe- 
reitendem Anfangsstadium mit noch erheb- 
lichen Resten des Zeitstils um 1500. Bei der 
Analysierung des Stils eines Meisters muß 
man genau unterscheiden zwischen den Ele- 
menten des rein persönlichen Stils und denen, 
die er mit einer ganzen lokalen und land- 
schaftlichen Gruppe und schließlich mit seiner 




MATTH\L'> KREXl- 



MUTTER .AS'N'A 



ganzen Zeit gemein hat. Das Persönliche, 
d. h. die Handhabung des Zeitstils und seiner 
lokalen Abwandlungen, hat der Künstler aus 
sich selbst, aber die von ihm verwendeten 
Formen und Motive, die er mit anderen ge- 
meinsam hat, sind besonders geeignet, uns 
Antwort auf die Frage nach Schulzusam- 
menhängen zu geben. 

Auch wenn wir keine urkundhchen Nach- 
richten hätten von der Tatsache, daß im 15. 



176 



EIN FRÜHWERK DES MATTHÄUS KRENISZ 



und i6. Jahrhundert die Gesellen, ehe sie sich 
als Meister fest niederließen, oft weite Wan- 
derfahrten machten, um sich in ihrer Kunst 
und in ihrem Handwerk auszubilden, und 
daß sich in den Werkstätten der Meister von 
Ruf Gesellen und Lehrlinge aus weit entle- 
genen Gebieten des Reiches zusammenfanden, 
müßten wir doch aus den zahlreichen Motiven, 
die eine ganze Zeit gemeinsam hat, darauf 
schließen, daß rege Beziehungen zwischen 
den Kunstzentren in Nord und Süd, in Ost 
und West bestanden haben müssen. Beson- 
ders im ganzen südlichen Deutschland zwi- 
schen Main und Etsch muß ein lebhafter 
künstlerischer Austausch stattgefunden haben. 
Diese allgemeinen Beziehungen berechtigen 
aber noch keineswegs, engere unmittelbare 
Schulzusammenhänge zu konstruieren. Ins- 
besondere die bayerische Bildschnitzkunst des 
15. und ersten Drittels des 16. Jahrhunderts 
zeigt eine große Selbständigkeit und läßt eine 
einheitliche und fortlaufende Entwicklung er- 
kennen. Auch unsere Gruppe der heiligen 
Anna selbdritt deutet in nichts darauf hin, 
daß ihr Meister einer anderen als einer baye- 
rischen Schule entwachsen wäre, sie bildet 
vielmehr einen Beleg für die innere ununter- 
brochen fortlaufende Stilentwicklung der baye- 
rischen Plastik am Anfang des 16. Jahrhunderts. 

In die Augen fällt das Motiv des von hin- 
ten in mächtigem Schwung über die linke 
Hüfte geworfenen Mantels und die Bildung 
seines Zipfels mit Umschlag. Dieses Motiv 
können wir in der oberbaverischen Holzbild- 
hauerei in seiner Entwicklung seit dem Ende 
des 15. Jahrhunderts ziemlich genau verfolgen. 

Der Form, wie unsere Sankt Anna dies Mo- 
tiv zeigt, nähert sich bereits auffällig dasselbe 
bei der Madonna in Hattenkofen (B.-A. Lands- 
berg '). \'ergleichen wir diese Marienstatue 
aber mit unserer Anna selbdritt, so lassen die 
Verschiedenheiten in Auffassung und Ausfüh- 
rung sofort erkennen, daß beide Arbeiten nicht 
etwa von derselben Hand stammen können. 
Die Hattenkofener Madonna vertritt eine ältere 
Stilphase. Die Übereinstimmung des Motivs 
zeigt aber, daß sich unser Meister hier solcher 
Formen bediente, wie sie in der oberbayeri- 
schen Plastik schon vorher geläufig waren. 
Diese alten Formen wußte er nun aber in 
selbständiger Weise mit einem neuen Geist 
zu erfüllen. Wieviel freier ist die Haltung 
unserer Anna, wie ganz anders ist der Kör- 
per unter dem Gewand betont, wie deutlich 
drücken sich die Beine durch dasselbe durch, 
wieviel plastischer ist die ganze Auffassung 

') Abb. bei G. v. Bezold &: B. Riehl, Kunstdenkmale 
des Königreichs Bayern, Band Oberbayern, Tafel 65. 



als bei der Hattenkofener Figur I Der Mantel- 
zipfel überschneidet jetzt die Außensilhouette. 
Hingewiesen sei noch auf die für den Zeit- 
stil charakteristische rosettenförmige Augen- 
bildung des Faltenohrs innerhalb des spitzen 
Mantelzipfels. Die Tatsache nun, daß sich 
der Schöpfer unserer Selbdrittgruppe bei 
dieser noch alter traditioneller Alotive einer 
für ihn bereits überwundenen Stilphase be- 
dient, macht es ganz besonders wahrschein- 
lich, daß wir hier ein Frühwerk eines fort- 
schrittlichen Künstlers vor uns haben, der den 
Einfluß eines älteren Meisters, bei dem er ge- 
lernt hat, noch nicht völlig überwunden hat, 
aber doch schon beginnt, sich für sein neu- 
zeitliches Empfinden auch eine neue Formen- 
sprache zu schaffen. 

\"ergleicht man nun mit unserer Anna etwa 
die Hochrelieffigur der heiligen Ursula an der 
nördlichen Tür der Stiftskirche zu Altötting'J, 
wie sich die Beine durch das Gewand durch- 
drücken, die lange Zuglalte zwischen den 
Beinen, dasStaugetältel über dem linken Ober- 
schenkel, oder die entsprechenden Partien bei 
der Selbdrittgruppe des Herrn Professors Scho- 
ber, so wird man finden, daß die Motive die- 
ser etwas späteren Krenißwerke bei unserer 
Gruppe bereits deutlich vorgebildet sind, wenn 
sie auch noch ein früheres Entwicklungsstadium 
zeigen. Diese Formen sind aber so ähnlich 
empfunden, wie sich das aus dem Zeitstil 
allein nicht erklären läßt. Man vergleiche sie 
z. B. mit entsprechenden Formen bei Lein- 
berger I Ja man kann sagen, daß, wenn nicht 
etwa unvorhergesehene Einflüsse von außen 
neu eingewirkt hätten, der Schöpfer unserer 
Anna Selbdritt in einem fortgeschritteneren 
Stadium seiner persönlichen Entwicklung, 
nachdem er sich von den Fesseln der Tradi- 
tion seiner Lehrjahre befreit hätte, zu einer 
ganz gleichen Formensprache hätte kommen 
müssen, wie wir sie bei den Werken des 
Meisters der Altöttinger Türen finden. Da 
auch die nur am Original selbst zu erkennen- 
den Übereinstimmungen in der technischen 
Bearbeitung des Materials so auffallende sind, 
glaube ich die Behauptung aussprechen zu 
dürfen, daß wir es hier mit einem Frühwerk, 
und zwar dem frühesten bisher bekannten, 
des Meisters .Matthäus Kreniß zu tun haben, 
und mit einem Werk, das geeignet erscheint, 
uns die Brücke zu bieten von diesem Mei- 
ster zurück zu der oberbayerischen Plastik um 
1500 und damit gewissermaßen eine Lücke 
in der Entwicklungsgeschichte der altbayeri- 
schen Bildschnitzerei zu schließen. 



') .\bb. in >Die christl. Kunst<, I.Jahrgang, S. 122. 



LOUIS FELDMAXXS KREUZWEG IN KÖLN-DEUTZ ©äs 




LOUIS FELDMAKN 



rtkirche zu Koln-Drutz. 



I. KREUZWEGSTATION' 



LOUIS FELDMANNS NEUESTER 
KREUZWEG 

(Hierzu die Abb. S. 177 bis 185 
nach Aufnahmen von C. Scholz) 

r~\ie St. Heribertkirche in Köln-Deutz wurde 
•-^ in den Jahren 1893/96 vom Düsseldorfer 
Architeivten Picliel in den Formen des rhei- 
nischen Übergangsstils gebaut und ist in ihrer 
Art eine der besten Leistungen der dama- 
ligen, ganz in den Formen der mittelalter- 
lichen Kunst sich bewegenden Architektur. 
Das an sich schon wohlklingende Raumbild 
erhielt einen in der Farbe sehr diskreten, 
durch seine Sparsamkeit angenehm berühren- 
den dekorativen Schmuck. Nur das Figürliche 
im Presbyterium, das zum Glück kaum be- 
achtet wird, ist so mangelhaft, daß seine Be- 
seitigung zu wünschen wäre. 

Diese sparsame Ornamentierung war von 
vorneherein nicht darauf angelegt, durch einen 
großen Kreuzweg ein malerisches Überge- 
wicht zu erhalten. Ja man kann geradezu 
sagen, die Dekoration hat auf einen später 
zu errichtenden Kreuzweg gar keine Rück- 
sicht genommen und gab sich als etwas 
durchaus Abschließendes, das weitere Zutaten 
nicht mehr recht ertragen konnte. 

So w-ar das Problem des Kreuzweges in 
der Deutzer Kirche, von stilistischen Gründen 
ganz abgesehen, ein sehr schwieriges, und 
die vielen Jahre, die sich bis zu seiner Fertig- 
stellung, ja nur bis zum endgültigen Auftrag 



an den Künstler hinzogen, beweisen, daß 
Kirchenvorstand und Behörden sich der 
Schwierigkeiten wohl bewußt waren. 

Am besten dürften sich vielleicht mäßig 
große Stationen, etwa in Medaillonform, in 
den Raum gefügt haben. Es standen aber 
für diesen Zweck bedeutende Geldmittel zur 
Verfügung, und so entschloß man sich trotz 
alledem, etwas ganz Großes, für die Geschichte 
der neueren rheinischen Kunst Bedeutsames 
zu schaffen und ästhetisch kritische Bedenken 
gegen den in erster Linie der Erbauung die- 
nenden Zweck eines Kreuzweges zurücktreten 
zu lassen. Unter allen Kirchenbildern ist es 
ja auch wohl in der Tat der Kreuzweg, der 
die unmittelbarsten Beziehungen zum an- 
dächtigen Beter herzustellen berufen ist und 
auch erfahrungsgemäß herstellt. Dieser Zweck 
steht darum mit allem Recht obenan uud hat 
in einem Konfliktsfall mit seinen künst- 
lerischen Erwägungen das letzte Wort. 

Weitere Schwierigkeiten ergeben sich aus 
der Wahl des Künstlers. Es lag ja nahe ge- 
nug, für die Ausführung vor allem an den 
Düsseldorfer Maler Louis Feldmann zu den- 
ken, der sich auf dem Gebiet der kirchlichen 
Kunst bereits so erfolgreich betätigt und be- 
währt hatte, von dessen Geist und Hand man 
darum gediegene Leistungen erwarten durfte. 
Experimente konnte und wollte man nicht 
machen ■). 



') Über Louis Feldmann vgl. »Die christliche Kunst«, 



178 



Caa LOUIS FELDMANNS KREUZWEG IN KÖLNDEUTZ fcS^ 




LOUIS FELDMAW 



II. KREUZWEGSTATIOX 



Feldmann stammt aus der realistischen 
Schule Eduard v. Gebhardts. Fast zu sehr spürt 
man in seinen Werken den eigentümlichen 
Zug seines Lehrers, dessen Typengestaltung 
er übernimmt. Gebhardt hat seine Figuren 



VIII. Jahrgang, S. 521 — 345. Auch im I. und II. Jahr- 
gang shid Abbildungen von Feldmann enthalten. Fer- 
ner ist der Künstler in den Jahresmappen 1895, 1896, 
1901, 1904, 1909, 1912 und 1917 der Deutschen Ge- 
sellschaft für cliristliche Kunst vertreten. D. Red. 




LOLIS FELDMANN 



aus dem Leben gegriffen und verschmäht 
durchweg jede Idealisierung, sowohl nach 
der Richtung klassischer Schönheit wie 
nach der Seite psychologischer Vertie- 
fung. Nur versetzt er die biblischen 
Szenen nicht wie Uhde in die Gegenwart, 
sondern in das Zeitalter Luthers. Nicht 
selten finden sich pietistische Züge. Feld- 
mann, der katholische Künstler, hat nun 
zwar mit glücklichem Instinkt alles das 
abgestoßen, was er vom Meistergut Geb- 
hardts für seine katholisch-kirchlichen 
Aufgaben nicht brauchen konnte, blieb 
aber im übrigen auf der realistischen 
Grundlage des Lehrers, die in sich gut, 
ja vortrefflich ist, aber bei ihrem Mangel 
an Stilkraft sich wenig für monumen- 
tale Zwecke eignet. Gebhardts Kunst ist 
ein Analogon zum künstlerischen Prosa- 
stil, während die Monumentalkunst 
Rhythmus, Vers und Reim fordert, 
Elemente, die sich in der Architektur 
bereits aussprechen und in den Bildern 
ihr Echo finden sollen. Dazu gehört 
eine besondere Veranlagung. Auch der glän- 
zendste Prosasi-hriftsteller kann versagen, 
wenn er seine Empfindungen in gebundene 
Rede bannen soll. So auch ein noch so be- 
deutender Maler, wenn er vor große Wände 
gestellt ist. 

Man kann es darum verstehen, wenn das 
Kölner erzbischöfliche Generalvikariat, dem 
eine Farbendruckkopie einer Feldmannschen 
Station vorgelegt wurde, unterm 19. März 19 10 
antwortete, es ließe sich aus dieser Probe 
nicht erkennen, ob der Maler die Deut- 
zer Aufgabe gut lösen würde, so ge- 
lungen das Bild auch an sich sei. Der 
Künstler wurde also aufgefordert, eine 
Farbenskizze, die bereitsRücksicht nimmt 
auf die Deutzer Kirche, einzusenden. 
Eine Farbenskizze grundverschiedener 
Art hat ein anderer rheinischer Künstler, 
der sich durch viele Monumentalarbeiten 
bekannt gemacht hat, gefertigt, und der 
darnalige Kunstreferent am Ordinariat 
neigte unverkennbar zu einer Bevor- 
zugung dieses Künstlers vor Feldmann. 
Tatsächlich zeigte dieser Entwurf Eigen- 
schaften, die Feldmann fehlen: er be- 
tonte scharf das rein Dekorative, hielt 
sich in den mittelalterlichen Formen und 
kontrapunktierte die Architektur. Allein 
er übersah den wichtigen Umstand, daß 
ein Kreuzweg vor allem zum Gefühl 
der Gläubigen reden müsse und zwar 
in einer Sprache, die man heute ver- 
vREu/wEGSTATioN Steht, die zum Herzen dringt. So 



LOUIS FELDMANNS KREUZWLG IX KDLN-DEUTZ ^m 



179 




LOUIS FELDMANN 



I\-. KREUZWEGSTATION 



wenig ein Prediger heutigestags das Volk in 
Mittelhochdeutscii anreden dart, so wenig 
darf die Formsprache solcher Kunstwerke 
den Empfindungen der Jetztzeit fremd sein. 
Das alles mußte beachtet werden und wurde 
auch vom Pfarrer gegenüber dem Dezernenten 
der erzbischöflichen Behörde hervorgehoben. 
Eine Einigung konnte aber nicht erzielt wer- 
den, und das ganze Unternehmen drohte auf 
ein totes Gleis zu kommen. In seiner Be- 
drängnis machte Feldmann den bemerkens- 
werten Vorschlag, statt der geplanten großen 
Wandbilder Tafelbilder von mäßigem Um- 
fang malen zu dürfen. Bemerkenswert ist 
dieser Vorschlag deshalb, weil sich darin das 
Gefühl des Künstlers für die Grenzen seiner 
Begabung ausspricht, und weil, wie bereits 
bemerkt, diese Lösung künstlerisch wohl die 
beste gewesen wäre. Der Vorschlag wurde 
aber nicht angenommen und laut Schreiben 
vom 17. Januar 1911 wünschte der Kardinal- 
Erzbischof eine Vertagung des Projektes, nahm 
aber einige Tage darauf nach mündlicher 
Rücksprache mit dem Künstler diesen Wunsch 
wieder zurück. 

Nun stellte der Pfarrer den Antrag, die 
Entscheidung in die Hände der Düsseldorfer 
Akademie zu legen, womit der Kardinal- 
Erzbischof einverstanden war. Prolessor 
Roeber, der Leiter der Akademie, erklärte 
sich gerne zur Ausarbeitung eines Gutachtens 
bereit, wünschte jedoch die Beiziehung der 
Professoren Schill und Ederer, ersteren als 
komf etenten Beurteiler des Einklangs zwischen 



Malerei und Architektur, letzteren, insofern 
er sich bei Ausmalung von Gotteshäusern 
schon in hervorragender Weise bewährt habe. 
So wurde unterm 3. April 191 1 das Gutachten 
der Kgl. Kunstakademie ausgefertigt, das in 
seinen wesentlichen Zügen mitgeteilt sei, 
weil die dort ausgesprochenen Gedanken den 
Kern der Frage treffen und als Leitsätze für 
kirchliche Kunst gelten können: 

»Die figürliche und ornamentale Aus- 
schmückung einer in bestimmten Stiliormen 
gehaltenen Architektur — sei es Malerei oder 
Plastik — unterliegt bestimmten stilistischen 
Gesetzen . . . Die monumentale Wirkung wird 
nur durch Bilder verbürgt, in deren Entwurf 
die Empfindung für diese Gesetze lebendig 
ist. Solche Gemälde dürfen nicht, durch 
realistische Beleuchtungselfekte eine wirkliche 
Vertiefung des Raumes vortäuschen . . .« 

•'Vor allem wird bei romanischen oder im 
sogenannten Übergangsstil erbauten Kirchen 
eine solche strenge Flächenwirkung jedesmal 
gefordert werden müssen, wenn es sich um 
große, in bedeutender Entfernung vom Be- 
schauer befindliche bildliche Darstellungen 
handelt. s (Das schematische Kopieren alter 
Typen wird im folgenden mit allem Recht 
abgelehnt.) 

»Eine etwas größere Freiheit kann deni 
Künstler zugebilligt werden, der Werke kirch- 
licher Malerei zu schaffen berufen ist, die in 
eine noch unmittelbarer wirkende Beziehung 
zum Beschauer treten, wie es bei einem Altar- 
bild und Kreuzweg der Fall ist . . ., selbst 



iSo 



LOUIS FELDMANNS KREUZWEG IN KÖLN-DEUTZ 




LOUIS FELDMANN 



V. KREÜZWEGSTATION 



wenn die Art seiner besonderen Begabung 
dazu führen sollte, daß er etwas weiter 
geht, als das strenge Stilgefühl für den monu- 
mentalen Wandschmuck im allgemeinen zu- 
läßt.« 

»Ganz frei könnte der Künstler sich be- 
wegen, wenn in der St. Heribertskirche die 
Stationen in Öl als Tafelbilder gemalt werden 
könnten. Werden sie direkt auf die Wand ge- 
malt, so erscheint die jetzt vorgeschlagene Lö- 




LOUIS FELDMANN 



sung, die Bilder in einer Iriesartigen Folge 
anzuordnen, durchaus angemessen.« 

»Zurzeit gibt es sehr wenige tüchtige, 
selbstschaffende Künstler, die sich der- 
artigen kirchlichen Aufgaben aus inner- 
stem Drang unterziehen, und es ist höchst 
erfreulich, daß Künstler von der Qualität 
wie Feldmann die kirchliche Kunst zu 
ihrem Lebensberuf gemacht haben. Er 
verdient sicher jede Förderung, denn er 
zeigt in seinen Entwürfen, daß er zu 
denen gehört, die mit wirklichem Können 
nicht nur Äußerliches geben, sondern 
auch den seelischen Gehalt des Gegen- 
standes zu erschöpfen suchen.« 

»Die Skizzen erscheinen hie und da 
etwas unruhig und zu farbig, der Künstler 
müßte darauf hingewiesen werden, bei 
tunlichster Einhaltung gleicher Figuren- 
größe, desselben Horizontes und einer 
geschlossenen Farbenwirkung, die das 
Ganze als ein einziges koloristisches Pro- 
blem auffaßt, der Aufgabe gerecht zu 
werden').« 
Sodann wird Feldmann für die Ausführung 
des Kreuzweges direkt empfohlen. 

Unterzeichnet ist das Gutachten von den 
Professoren Roeber, Schill, Huber, Döringer, 
Ederer. 

Damit war die Frage entschieden, und am 
15. Oktober 191 1 wurde vom Generalvikariat 
die Übertragung der Malerei an Feldmann 
genehmigt. Nach dem Vertrag war dem Künst- 
ler für die Ausführung ein Zeitraum von drei 
bis fünf Jahren eingeräumt. Es blieb 
dabei, dali Bilder großen Formats direkt 
auf die Wand gemalt werden sollten, 
und die ganze Bilderreihe sich in einem 
breiten Fries an den Wänden der Seiten- 
schiffe hinziehen müßte. Die Umrah- 
mung war zuerst in Stuck geplant mit 
dezenter Färbung. Professor Kleesattel 
hatte bereits die Entwürfe geliefert. Spä- 
ter entschloß man sich — und das war 
ohne Zweifel das bessere — • die Um- 
rahmung bloß in Farben auszuführen. 
Diese Entwürfe fertigte Döringer an. 
Sie erwiesen sich jedoch, nachdem sie 
bereits zum großen Teile ausgeführt 
waren, als zu unruhig und die Wirkung 
der Bilder beeinträchtigend und wurden 
darum von demselben Künstler durch 
andere ersetzt, deren bescheidene Hal- 
tung allen Wünschen entspricht und 
auch gut zu den Glasfenstern überleitet. 

■) Auf diesen Teil des Gutachtens weist das 
Sclireiben des Generalvikars vom 12. April 191 1 
VL KREUZWEGSTATION den Kirchenvorstand besonders hin. 



LOUIS FELDMANXS KREUZWEG I\ KOLN-DEUTZ C2a 




LOUIS FELDMANN 



VU. KREUZWEGSTATION 



Über die Technik der Malereien war man 
bereits 1910 ins reine gekommen. Feldmann 
hatte Kaseinfarben vorgeschlagen, die auch 
von Fugel und Roeber empfohlen wurden. 
Fugel schrieb unterm 6. Oktober 1910, Kasein- 
farben seien gut und dauerhaft, doch dürfe 
für den Verputz nur alter, kein neuer Kalk 
verwendet werden. Roeber schrieb unter dem- 
selben Datum, er habe mit Kaseintarben, die 
er seit 1888 benütze, stets die besten Ertah- 



rungen gemacht: »Die Kaseinfarbe gestattet 
eine Vollendung bis zum Äußersten und hat 
einen außerordentlichen Reiz in den tiefen 
Tönen, die nie durchsichtig und branstig 
werden, sondern immer den festen Charakter 
haben.« 

Ich bin etwas näher auf die \'orgeschichte 
dieses Deutzer Kreuzweges eingegangen, weil 
der Fall tvpisch ist und zeigt, wie große 
Schwierigkeiten sich der Ausführung großer 




LOUIS FELDMANN 



VIII. KREUZ\VEGST.\TION 



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LOUIS FEl.DMANN 



I\. KKEL'ZWEGSTATIOX 



kirchlicher Werke ott entgegenstellen, die Ge- 
duld von allen Seiten erfordern, und weil 
sich gewisse Grundsätze kirchlicher Malerei 
dabei immer klarer herausschälten. 

Für Feldmann war das Kreuzwegproblem 
an sich kein neues mehr. Er hatte schon für 
St. Rochus in Düsseldorf und für die Propstei- 
kirche in Dortmund Stationen gemalt, aller- 
dings in Tafelbildform. Und tafelbildmäßig 
hat der Künstler auch die Deutzer Stationen 




LOUIS I ELDMANX 



X. KREUZWEÜSTAIIGN- 



behandelt, das ist nicht zu verkennen. 
Ein Vorwurf soll das gewiß nicht sein, 
denn da seine Begabung nun einmal aut 
diese freiere Art festgelegt war, auf den 
»Prosastil«, von dem oben gesprochen 
wurde, so wäre gewiß ein unerfreuliches 
Zwitterwerk herausgekommen, hätte er 
sich um gebundene Form und architek- 
tonischen Aufbau bemüht. 

Sehr wichtig für die Gestaltung eines 
Kreuzweges ist das Format der Bilder. 
Fest bestimmte Bildgrößen sind für den 
Künstler stets ein gewisses Hemmnis der 
Freiheit, wenigstens für solche Künstler, 
denen das architektonische Bauen einer 
Komposition nicht liegt. Die Bestimmung 
des Formates müßte naturgemäß immer 
erst auf die Konzeption folgen. In der 
kirchlichen Kunst muß auf diese Vorteile 
der Freiheit fast immer verzichtet werden ; 
das liegt in der Natur der Verhältnisse. 
Bei einem Kreuzweg kommt als erschwe- 
render Umstand hinzu, daß ganz ver- 
schiedene Szenen in das gleiche Format 
gebannt werden müssen. Manche von diesen 
Szenen eignen sich aber mehr für ein Breit- 
format, andere für ein schmales. In Deutz 
ist diese Schwierigkeit insofern gemildert, als 
acht Stationen ungefähr quadratmäßig sind, 
die übrigen sechs doppelt so breit. Alle Un- 
gelegenheiten ließen sich allerdings auch so 
nicht beseitigen. Das Quadratformat hatimmer- 
hin das Gute, daß es den Künstler von vorne- 
herein zur Beschränkung auf das Wesentliche 
zwingt, während er beim Breitformat 
allerlei episodenhafte Nebendinge bei- 
fügen muß, um den Raum genügend 
einzudecken. Das ist z.B. bei der ersten 
Station geschehen, während bei der elf- 
ten, der Annagelung, die Figuren zu 
sehr in die Mitte geschoben erscheinen 
und das übrige reine Landschaft ist. 
Eine Beschneidung auf beiden Seiten, 
namentlich auf der linken, wäre diesem 
Bilde nur zugute gekommen. Aber das 
ließ sich eben nicht machen. 

Feldmann ist, wie langjährige Erfah- 
rung bewies, einer von den Künstlern, 
deren Art in den Herzen unseres katho- 
lischen Volkes den stärksten Widerhall 
findet. Sein Werk in der Deutzer Kirche 
ist darum auch ein Liebling der Ge- 
meinde geworden und ein Devotions- 
werk ersten Ranges. Den Zwecken, 
welche die Kirche mit Beiziehung der 
Künste verfolgt, wird es im höchsten 
Maße gerecht. Davon kann sich jeder 
überzeugen, der das gläubige Volk vor 



LOUIS FELDMAXXS KREUZWEG 1\ KOLNDEUTZ ^aää 



183 




LOUIS FELD.MAXX 



XI. KREUZWEGSTATIOK 



dem Kreuzweg Feldmanns beobachtet. Da wird 
nicht nach Monumentaütät gefragt und nach 
Einordnung ins Ganze; wenn nur Gemüt und 
Herz in Schwingungen kommen, dann ist es 
zufrieden und beglückt. 

Aber auch künstlerisch ist das Werk eine 
bedeutende Leistung. Das muß auch derjenige 
zugeben, dem Gebhardt und seine Schule 
etwa weniger sympathisch wären. Gewiß ist 
nicht alles das schlacken freies Gold, was da 
von den Wänden der Deutzer Kirche herab- 
leuchtet. Allein, wo gibt es überhaupt einen 
so ausgedehnten Zyklus, wie es ein Kreuz- 
weg ist, bei dem alle Teile gleichmäßig gut 
gelungen sind.- Der Künstler wäre zu be- 
dauern, der nicht selbst nach Fertigstellung 
einer solchen Arbeit das Bewußtsein hätte, 
daß sein inneres Ideal nicht erreicht sei. Es 
wäre das ein untrügliches Zeichen der Mittel- 
mäßigkeit. Die bekannte Künstlermelancholie 
ist ein Vorrecht der Großen. 

Es liegt im Stile Gebhardts eine gewisse 
unruhige Silhouettenwirkung, die zwar für 
Tafelbilder ganz gut geht, aber mit einer 
strengen linearen Architektur, wie es die roma- 
nische ist, nicht recht zusammenharmoniert. 
Das ist es, was auch manchen Feldmannschen 
Stationen etwas allzu Selbständiges, die Herr- 
schaftsrechte der Architektur Außerachtlassen- 
des gibt. Ein Barockbau würde sich solche 
Bilder leicht assimilieren, in der romanischen 
Kirche wirken sie als Fremdkörper. Beim 
Überschauen des Ganzen emphndet man diese 
Silhouettenuni uhe noch mehr, da sich die 



Bilder in einem fortlaufenden breiten Fries 
hinziehen, und das Auge so kaum ein Ruhe- 
plätzchen findet. Eine noch flächenhaftere 
Haltung hätte den Künstler von selbst zu 
größerer Einfachheit der Umrißwirkung ge- 
zwungen. Aber das hieß vom Künstler die 
Preisgabe seiner Eigenart verlangen. Es sei 
nochmals betont, daß diese Mängel nicht die 
Bilder an sich treffen, sondern nur in der 
Beziehung zum Kirchenraum ihren Grund 
haben. 

In der Farbe liebt es der Künstler, den 
einen oder anderen Farbenton aus der Har- 
monie des Ganzen herausschlagen zu lassen, 
nicht immer zugunsten des Bildes, sicher aber 
zu Ungunsten der monumentalen Wirkung. 
Schon bei der ersten Station findet der Rosa- 
niantel Christi in der ganzen Kirche keinen 
Widerhall, er fällt aus der sonst herrschen- 
den Harmonie der Farben. Ebenso sticht in 
der vierten Station der hellgrüne Mantel der 
heiligen Magdalena aus dem Farbenkanon 
heraus, wie auch das Grün in der gegenüber- 
liegenden Station. Im allgemeinen hat der 
Künstler einen zum Ganzen gut passenden 
graubraunen Ton durchgeführt. 

Kompositionen boten, wie schon bemerkt, 
besonders die sehr breiten Formate Schwierig- 
kei en. Ohne Löcher und ohne nicht genügend 
motivierte Statisten ging es dabei nicht immer 
ab, wie in der ersten, siebten und achten 
Station. Die erste Station, deren zahlreiche 
meisterliche Einzelschönheiten nicht zu ver- 
kennen sind, dürfte wohl auch der Künstler 



i84 



LOUIS FELDMANNS KREUZWEG IN KÖLN-DEUTZ 




LOUIS FELDMANN 



XII. KREUZWEGSTA1 ION 



selbst als die am wenigsten gelungene emp- 
finden. Der Raum ist mit einem Vielerlei von 
Dingen ausgefüllt, zwischen denen die wesent- 
lichen Figuren zu sehr zurücktreten. Dadurch 
entbehrt die Komposition der packenden Ge- 
schlossenheit, die anderen Stationen eignet. 
Auch die emporgereckten, vom unteren Rande 
des Bildes abgeschnittenen Hände, dürften 
ihrer Aufgabe, die Stimmung der aufgeregten 
Volksmasse wiederzugeben, kaum vollauf ge- 




LOUIS FELDMANN 



REUZWEGSTAIIÜN 



nügen, da sie gegenüber der großen 
Bildfläche nicht recht zur Geltung 
kommen. Unter den Stationen im 
Breitformat ist die vierte wohl die 
beste und geschlossenste. Der Künst- 
ler hat dabei eines seiner früheren Ge- 
mälde angenehm variiert. Am vollen- 
detsten wirken im ganzen die Bilder 
im Quadratformat. Es finden sich dar-. 
unter ganz prächtige Schöpfungen. 
Schon die zweite Station in ihrer ruhi- 
gen Wirkung ist wie ein Aufatmen des 
Künstlers nach Bewältigung der un- 
dankbaren ersten. Sehr gut sind die 
dritte, fünfte, sechste und zwölfte Sta- 
tion, die beiden letzteren vielleicht die 
besten des ganzen Zyklus. Die sechste, 
das Veronikabild, bedeutet gegenüber 
einer früheren, bereits bekannten Fas- 
sung, einen entschiedenen Fortschritt. 
Es liegt im Wesen aller naturalisti- 
schen Kunstrichtungen, daß sie auf 
psychologische Intensität verzichten. 
Auch der Feldmannsche Kreuzweg legt 
den Nachdruck nicht auf das psychologische 
Moment, sondern auf gemütvolle Erzählung 
der Leidensgeschichte. Man kann die Erfah- 
rung machen, daß eine scharf ausgeprägte 
Psychologie dem Zwecke von Kirchenbildern 
eher schädlich als nützlich ist, da das christ- 
lichen Volk für solche, schon mehr das tiefste 
Wesen der Kunst berührende Dinge, kein Ver- 
ständnis hat und leicht davon abgestoßen wird. 
Der Feldmannsche Christus ist gewiß eine 
sympathische Figur, aber der Künstler 
vermeidet es, auf dem Boden der alten 
Tradition stehend, das furchtbare kör- 
perliche und seelische Weh, das der 
Heiland auf seinem Leidensweg erdul- 
den mußte, mehr als andeutungsweise 
wiederzugeben. In manchen Stationen 
konnte man sogar ein Mehr von diesen 
Andeutungen vertragen. Dasselbe gilt 
von der sonst so gelungenen Gruppe 
der weinenden Frauen. Im Antlitz der 
heiligen Magdalena auf der vierten Sta- 
tion ist — für mein Gefühl wenigstens 
— der Zug von heißem Schmerz und 
Mitleid, den man erwarten möchte, zu 
einer erschreckt herben Miene herab- 
gestimmt. Doch verkenne ich ander- 
seits nicht die berechtigte Absicht des 
Künstlers, den Affekt Magdalenens hin- 
ter den Mutterschmerz Mariens zurück- 
treten zu lassen. Der Pilatuskopf ist echt 
gebhardtisch-deutsch, ein behäbiger rhei- 
nischer Bürger in den Prätorenmantel 
gehüllt. Auch den Henkern und Soldaten 



GS^ DER TUMMELPLATZ BEI INNSBRUCK eaa 



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LoriS l-I.LiiM 



XIV. KRELVWEGSTATIOX 



hätte ich mehr Temperament und Eisenhärte 
gewünscht. Bei der Schilderung des Kreuzi- 
gungsdramas bietet sich dem Künstler die 
Gelegenheit dar, die aufeinanderstoßenden 
Gegensätze zwischen Christ und Antichrist 
wirksam herauszuarbeiten. Er mag sie aus- 
nützen, ohne daß er deshalb das Grausame 
und Gewalttätige zu unterstreichen braucht. 
All diese kritischen Bemerkungen, die zum 
großen Teil vielleicht rein subjektiver Art sein 
mögen, sollen gewiß das große Verdienst 
des ausgezeichneten rheinischen Künstlers 
nicht schmälern; er hat ein bedeutsames Werk 
geschaffen und das Vertrauen der Düsseldorfer 
Akademie nicht minder wie das der Deutzer 
Pfarrgemeinde in vollem Maß gerechtfertigt. 
Ein Vergleich seiner Arbeit mit anderen 
neueren Kreuzwegen, wie denen von Feuer- 
stein, Fugel, Hofstötter, Bantle, Baierl u. a., 
wäre lehrreich und lockend. Für heute müssen 
wir darauf verzichten, aber vielleicht bietet 
sich irgendeinmal und irgendwo Gelegenheit 
zu einer solchen Vergleichsstudie. 

loset Krcitmaier S. |. 

DER TUMMELPLATZ 
BEI INNSBRUCK 

Von KUNIBERT ZIMMETER- Innsbruck 

Tm Jahre 1797 wurde für die im Kriege gegen 

Napoleon Bonaj-arte verwundeten Soldaten 

das Schloß Ambras bei Innsbruck als Lazarett 

eingerichtet und die im Schlosse gestorbenen 



Krieger im nahen Walde am Tummelplatz 
begraben. 

Seitdem wurden in Kriegszeiten dort Sol- 
daten beigesetzt oder doch Erinnerungszeichen 
an die in der Ferne Begrabenen aufgestellt; 
der Waldfriedhof, wohl eines der ersten Bei- 
spiele eines solchen, blieb stets ein beliebtes 
Wanderziel der Innsbrucker. 

Als nun der Wellkrieg ausbrach und Hun- 
derten von Familien schmerzliche \'erluste 
brachte, ward der eigentliche Zweck des 
poesieumsponnenen Plätzchens wieder leben- 
dig, die Heldenmale mehrten sich und der 
Tummelplatz wurde aufs neue zu einer 
Weihestätte des Schmerzes um die dahin- 
gegangenen Kämpfer für die Heimat. 

Da faßte der \'erein für Heiniatschutz in 
Tirol den Plan, an diesem seit mehr als 
einem Jahrhundert den Helden Tirols zuge- 
eigneten Orte ein Denkmal an den Weltkrieg 
zu errichten, ein Denkmal, schlicht und 
prunklos, aber eindringlich die kommenden 
Geschlechter mahnend, was es an Blut ge- 
kostet hat, den Boden der Heimat zu erhalten. 

Im Jahre 1897 wurde von einigen Patrioten 
am Tummelplatz eine Kapelle errichtet, deren 
neugotische Fassade dem heutigen Empfinden 
etwas nüchtern erschien ; es wurde daher der 
akademische Maler Toni Kirchmayr in Inns- 
bruck beauftragt, die Kapellenwand mit einem 
Fresko zu schmücken und die Kapelle im 
Innern auszumalen. 

Bei der Wahl des Stoffes tat der Künstler 
einen glücklichen Griff; das in der Haupt- 



ctitisiliche Kun^l 



©aa DER TUMMELPLATZ BEI INNSBRUCK e^ 



darstellung vorgeführte Soldatenbegrabnis in 
den Dolomiten knüpft in eigenartiger Weise 
an die Kämpfe an der Südfront an, welche 
natürlich für Tirol von besonderer Wichtig- 
keit sind und auch schwere Opfer an Landes- 
söhnen forderten. 

Der Vorgang selbst bedarf kaum einer Er- 
läuterung, schlicht und ernst ist die einfache 
Szene in der winterlichen Bergwelt geschil- 
dert, fern von sentimentaler Süßlichkeit wirkt 
das Bild doch ergreifend, da Kirchmayr es 
verstanden hat, dem Alltäglichen monumen- 
talen Charakter aufzuprägen (Abb. S. 187). 

Der obere Teil des Bildes weist in den 
Gruppen der bäuerlichen Freiheitskämpfer und 
der Soldaten aus dem Weltkriege, die zu beiden 
Seiten der Pietä knien, auf die geschichtliche 
Bedeutung des Tummelplatzes seit mehr als 
einem Jahrhundert hin. 

Das Werk des bildenden Künstlers wird 




KAPELLE AM lUMMELI'LAT/ BEI IXNSbKL CK 
Vgl. Abi: S. 187. — Text nel.tnan 



in glücklicher Weise durch die markige In- 
schrift und die wundervollen Verse ergänzt, 
die der bekannte tirolische Dichter Bruder 
Willram (Prof. Anton Müller) verfaßt hat. Die 
Inschrift lautet: 

»All den Kämpfern für Kaiser und Reich, 
die seit den Befreiungskriegen Tirols bis zum 
entsetzlichen Ringen der Gegenwart ihr Blut 
oder Leben ließen, — all den Helden zumal, 
die hier begraben liegen oder wenigstens 
dem Namen nach auf Kreuzen und Grab- 
scheiten in heiliger Erinnerung fortleben, — 
sowie all den Tausenden der Heldensöhne 
Tirols, die fern der Heimat in namenlosen 
Gräbern vergessen und verlassen ruhen, zu 
treuem Gedächtnis und ewigem Nachruhm.« 

Toni Kirchmayr ist mit größter Gewissen- 
haftigkeit an seine Aufgabe herangetreten; 
er entwarf zunächst eine Reihe von Ideen- 
skizzen, die er dem \'erein vorlegte; nach 
endgültiger Wahl des Entwurfes schritt der 
Maler an eine sorgfältige Durcharbeitung 
seiner Aufgabe und fertigte eine große Zahl 
von Naturstudien an, die sein zeichnerisches 
Können auf bedeutender Höhe zeigen. 

Kirchmayr hatte sich bereits früher durch 
ein Fassadenbild an der Kirche in Seilrain 
und besonders durch Ausmalung der Wall- 
fahrtskirche am Locherboden im Oberinntal, 
wo er eine schwierige Aufgabe in eigenartiger 
Weise löste, als tüchtigen Künstler bewährt. 

Seine Ausbildung genoß er nach Absol- 
vierung der Innsbrucker Gewerbeschule bei 
Prof. Feuerstein und Halm in München, 
nebenbei hat er sich dort auch schon prak- 
tisch in der Kirchenmalerei betätigt und da- 
bei manche technische Vorteile gelernt, die 
ihm lieute zugute kommen. 

Hinsichtlich der nach dem Entwürfe des 
Architekten Hans Menardi in Innsbruck durch- 
geführten architektonischen Umgestaltung der 
Kapelle (Abb. nebenan) sei erwähnt, daß aus 
künstlerischen Gründen und zum Schutze des 
Freskos das Dach vorgezogen und die neu- 
gotische, etwas nüchterne Ornamentik ent- 
fernt wurde, wodurch das Bauwerk einen 
anheimelnderen Charakter erhielt. Die Um- 
gestaltung des Türmchens und Ersatz der 
teilweise noch bestehenden Schieferbedachung 
durch Ziegel mußte aus finanziellen Gründen 
auf einen späteren Zeitpunkt verschoben 
werden. 

Das Innere der Kapelle wurde von Kirch- 
mayr einfach und geschmackvoll ausgemalt 
und erhielt durch zwei sehr schöne alte Figu- 
ren einen weiteren hervorragenden Schmuck 
(Abb. S. 189). Diese Statuen haben sich schon 
einmal am Tummelplatz befunden, waren 



iSy 



FRESKO AK DER KAPKI.I.E 
AUF DEM TUMMELIM.A lY 
BEI INKSBRUCK 



AUSGEUHRT im JAHRE i-jc; 

2CK ERINNERUNG AN 

DEN WELTKRIEG 




TONI KIRCHMAVR (INNSBRUCK) 



KRIEGSGEDÄCHTNISBILD 



Vgl- Ait. S. lS6. — Text S. iSb 



DIE AUFLOSUNG DER DÜSSELDORFER KUXSTGEWERBESCHULE 



dann einige Jalire im Unterdach des Widums 
aufbewahrt und kamen sohin wieder an den 
ahen Ort zurück. Die Madonna stammt 
wohl aus dem Anfang des 1 5. Jahrhunderts, 
worauf besonders die gotische Körperhnie 
und die dütenförmigen Fähen hinweisen. 
Die rechte Hand der Madonna dürfte einen 
Apfel gehalten haben, den 
die Mutter dem Kinde zeigt. 
Die Krone ist natürlich spä- 
tere Zutat. 

Besonderes Interesse bean- 
sprucht die Gruppe Gott- 
vaters mit dem Leichnam 
Christi; näheres Studium der 
Gruppe führten mich zur 
Überzeugung, daß wir es liier 
mit einem Werke des 
Meisters des berühm- 
ten Lanaer Flügelaltars, 
H. Schnaterpeck, zu tun 
haben (Abb. nebenan). Letz- 
teres Werk entstand 1503 
bis 1508. Die Gesichtsbil- 
dung Gottvaters, Augen, 
Mund, Wangen stimmen voll- 
kommen überein, desgleichen 
die Art, wie Gottvater den 
Leichnam Christi hält. Auch 
Kopf und Körper Christi 
weist eine Reihe geradezu 
verblüffender Übereinstim- 
mungen auf, so wieder be- 
sonders die Gesichtsbildung, 
die Haarbehandlung, die ana- 
tomischen Details des nack- 
ten Körpers, so daß ein Zu- >.ruppe von- h 
fall nahezu ausgeschlossen '^ l.-^n.^. - 
ist. Nur die Körperhaltung 
ist etwas verändert, da im ersteren Falle 
Gottvater stehend anstatt sitzend vorgeführt 
ist. Diese Feststellung ist deshalb vielleicht 
von Interesse, weil außer dem prächtigen 
Lanaer Flügelaltar, worüber urkundliche Be- 
lege vorliegen, bisher noch kein weiteres Werk 
mit einiger Sicherheit diesem Künstler zu- 
geschrieben werden konnte. 

Eine weitere Ausgestaltung erfuhr die Innen- 
ausstattung der Kapelle durch Einsetzung 
von Glasmalereien (Abb. S. igo — 192). Der 
entwerfende Künstler, Gottlieb Schuller, hat 
die dem vaterländischen Zwecke der Kapelle 
angepaßten Gegenstände in freier moderner 
Art behandelt, ohne auf die dem sakralen 
Charakter entsprechende Stilisierung zu ver- 
zichten. Die Ausführung der Glasgemälde 
besorgte die Tiroler Glasmalerei und Mosaik- 
anstalt in Innsbruck, derem Verbände der 




genannte Künstler angehört. Die l'arben- 
gebung ist mit feinem Geschmacke abge- 
stimmt, namentlich das Madonnenfenster zeigt 
einen eigenartigen Akkord. 

Weniger von Erfolg begünstigt war der 
Verein in seinem Streben, die künstlerische 
Qualität der im Freien aufgestellten Denk- 
zeichen zu beeinflussen, die 
Geschmacklosigkeit gleicht 
der Hydra, der immer neue 
Köpfe nachwachsen. 

Immerhin ist der sicher 
auch vielen Besuchern aus 
dem Reich bekannte stim- 
mungsvolle Tummelplatz 
auch in dieser Beziehung um 
einige schöne künstlerische 
Werke bereichert worden, so 
daß der Verein für Heimat- 
schutz mit Befriedigung auf 
das Ergebnis seiner Bemü- 
hungen blicken kann. 



DIE AUFLÖSUNG 
DER DÜSSELDORl-ER 
KUNSTGEWERBE- 
SCHULE 



F: 



SCHN.'^TERPECK 
Text netenati 



ür die Düsseldorfer Kunst- 
ewerbeschule, seit vielen 
Jahren das Schmerzenskind 
des städtischen Unterrichts, 
ist eine Neuorganisation ge- 
plant, deren Verwirklichung 
sofort nach dem Kriege zu 
erhoffen ist. Die zahlreichen 
Klagen der Künstler und 
Handwerker über die Kunstgewerbeschule in 
ihrer jetzigen Gestalt liefen im allgemeinen dar- 
aufhinaus.daß die Ausbildungin derArchitektur 
und im Kunstgewerbe nicht den berechtigten 
Anlorderungen entsprächen. Eswirddahervom 
Oberbürgermeister und den Stadtverordneten 
einstimmig die Umgestaltung der Kunstgewer- 
beschule durch Angliederung einer Architektur- 
und plastisch kunstgewerblichen Abteilung an 
die Königl. Kunstakademie und ein entsprechen- 
der Ausbau der Fachschule für Handwerk und 
Industrie an der gewerblichen Fortbildungs- 
schule beabsichtigt. Während sich bisher der 
Architekturunterricht im wesentlichen auf 
das Zeichnen von Fassaden beschränkte, soll 
er von nun an, im Zusammenhang mit dem 
Unterrichtsstoff der Kunstakademie, eine orga- 
nische künstlerische Durchbildung der Schüler 
gewähren nach dem Grundsatz, daß äußerer 



DIE AUFLÖSUNG DER DÜSSELDORFER KUNSTGF\VERBFSC[IULE iS 




ZWEI GRLl'PEN IN DUR KAPEl.l-E AM HM.Mlil.l'LATZ BEI INNSHKUCK 
l-'j;/. Ait. S. /SS. — Text -S'. iSS 



Schmuck und Raumkunst, Malerei und Deko- 
ration zusammen der Geschmackskultur des 
modernen Baumeisters anheimgestellt werden 
müssen. Doch auch dem Kunstgewerbe und 
Handwerk wird eine neue Heimstätte zu 
günstiger Entfaltung gegründet werden in der 
Fachschule für Handwerk und Industrie und 
der gewerblichen Fortbildungsschule. In diesen 
Unterrichtskörper sollen auch die kunstge- 
werblichen Zeichner aufgenommen werden, 
damit sie nicht, wie bisher, von dem kunst- 
gewerblichen Handwerk abgelenkt, sondern 



ihm zugewendet werden und seine Veredlung 
herbeiführen. 

Diese Fachschule für Handwerk und Indu- 
striewird sich nicht nur durch den Namen, son- 
dern auch durch den Lehrgang, die Lehrziele 
und den damit verbundenen Zeitaufwand streng 
vom denen der jetzigen Kunstgewerbeschule 
abgrenzen. Sie bezweckt, daß ihre Schüler nach 
vollendeter Ausbildung dem Handwerkerstande 
als brauchbare Gehilfen erhalten bleiben. 

Der Gehilfenkursus wird sich nach einem 
Plan des Direktor Gotter auf einem Schulbe- 



190 



©^ DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR CHRISTLICHE KUNST eas 




DER IIEILAXD TI«)STET DIE 1-AMII IE EINES h 
GLASGEMÄLDE, ESTWORFE^J VON' GUTIFRIED .SCIIULLER (IX 

such von zwei Schulhalbjahren autbauen, 
während für diejenigen, welche die Meister- 
prüfung ablegen wollen, noch ein Schulhalb- 
jahr hinzukommt. Sonntags- und Abendkurse, 
die dann natürlich einen längeren Schulbesuch 
voraussetzen, sollen auch den weniger Bemit- 
telten die Fortbildung im Handwerk ermög- 
lichen. Wenn schon von ideeller Seite die 
Auflösung der Kunstgewerbeschule in Aka- 
demie und Fachschule erstrebenswerte Ver- 
hältnisse eröffnet, so bieten sich, auch nach 
der wirtschaftlichen Seite schnell übersehbare 
Vorteile. Die Ausgaben für zwei fast gleich- 
artige Institute, wie sie bisher bestanden, 
würden sich auf eines zurückschrauben lassen, 
es würde Raum, Lehrmittel und Lehrkräfte 
gespart werden und die oft beklagte Zersplitte- 
rung des Unterrichtswesens zugunsten einer 
zweckdienlichen Ausbildung des heranwach- 
senden Kunstgewerblergeschlechtes aufhören. 
Dr. Walter Bombe-Bonn 

DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR 
CHRISTLICHE KUNST 

anläßlich der 2 5. Wiederkehr des Gründungs- 
tages der Deutschen Gesellschaft für christ- 
liche Kunst erhielt die Vorstandschaft vom 



Hochwürdigsten Erz- 
bischöflichen Ordina- 
riat München und Frei- 
sing folgendes Aner- 
kennungsschreiben : 

»Die Deutsche Ge- 
sellschaft für christliche 
Kunst begeht in diesem 
Jahre die Feier des 
25 jährigen Bestehens. 
Dieser Umstand bie- 
tet der oberhirtlichen 
Stelle Veranlassung, die 
besonderen Dienste an- 
zuerkennen, welche 
diese Gesellschaft der 
Forderung der christ- 
lichen Kunst gewidmet. 
Alle darauf gerichte- 
ten Bestrebungen haben 
in ihr eine verständnis- 
volle Vertretung gefun- 
den. Es ist ein Sam- 
melpunkt gebildet wor- 
den, in dem künstleri- 
sches Schaffen inner- 
halb des Rahmens 
christlicher Ideen ein 
Heim gefunden. Es ist 
zu konstatieren, daß 
durch die Gründung von Jurys, Veranstaltung 
geeigneter Ausstellungen und nicht zuletzt 
durch das mit Geschick redigierte Organ »Die 
christliche Kunst« das Interesse weiter Kreise 
hierfür geweckt und gehoben wurde. 

Möge auch fernerhin der Gesellschaft eine 
segensreiche Tätigkeit beschieden werden.« 

Jury 191S. Der für iyi8 gewählten Jury 
gehören folgende Künstler an: die Herren 
Architekten Professor Hermann Selzer und 
Richard Steidle, die Herren Bildhauer Prof. 
Thomas Buscher und August Schädler, die 
Herren Maler Joseph Albrecht und Professor 
Kaspar Schleibner. 

FRANZ REITER t 

r^ie Kunst ist die Frucht ihrer Zeit. Zu den 
'-^ Kennzeichen unserer Zeit gehört es, daß 
ihre Monumentalmalerei nicht in dem Grade 
zur Entfaltung gelangt, wie dies in der Ver- 
gangenheit der Fall war. Spärlich ist darum 
auch die Zahl der Künstler, die diesem äußer- 
lich wenig dankbaren Gebiete in unserer Zeit 
sich zu widmen wagen. Aber gerade darum 
ist jeder einzelne dieser kleinen Schar ein 
kostbarer Besitz für uns, und sein Tod be- 



©Sli FRANZ REITER f ©SäS 



191 



deutet uns einen Verlust, 
den wir herber empfinden 
müssen als den vielleicht 
manches Künstlers, der 
in anderem Fache tüchtig 
gewesen. Gedenken wir 
des am 9. Februar in 
Freistadt (Ober - Oster- 
reich), wo er die Reserve- 
offiziersschule besuchte, 
gestorbenen Franz Rei- 
ter, so wird die Trauer 
vermehrt durch den Ge- 
danken, daß dieser Mann 
der Kunst entrissen wer- 
den mußte im Alter froher 
Schaftenskraft. Schwer ist 
der Verlust eines Men- 
schen, der noch Hoffnun- 
gen erweckt und Wünsche 
hinterläßt. Das tat Franz 
Reiter wie selten einer. 
Jenen menschlichen Hoff- 
nungen und Wünschen 
haben die Worte Ausdruck 
verliehen, mit denen Dr. 
A. Feulner im 12. Jahr- 
gange dieser Zeitschrik 
seine Betrachtungen über 
»Die neue Pfarrkirche in 
Milbertshofen und ihr Deckengemälde« ab- 
schloß. Die gleichen Empfindungen hat noch 
im Jahre 1916 ein jeder gehegt, der auf der 
Ausstellung zu Innsbruck Reiters große Ent- 
wurfzeichnung zu jenem Deckengemälde nach- 
sinnend aut sich wirken ließ. Das war des 
Künstlers letzter großer Erfolg — in seiner 
österreichischen Heimat hat er ihn mit jenem 
ersten größeren Werke errungen, das er in 
München, der zweiten Heimat seiner Kunst, 
geschaffen hat. 

Franz Reiter war am 14. Dezember 1875 
zu Gmunden in Ober-Österreich geboren, aut- 
gewachsen im vorarlbergischen Orte Höchst. 
Den Anfang seiner künstlerischen Lautbahn 
bildete eine Tätigkeit als Glasmaler. Wer so 
beginnt, dem pflegt seine .Aufgabe als Deko- 
rationskünstler vorgezeichnet zu bleiben. Die 
Glasmalerei gibt ihm die große Stilisierung 
des Zeichnens, das Verständnis für Fernwir- 
kung, für das innerliche Verwandtschaftsver- 
hältnis zwischen Malerei und Architektur, das 
Gefühl für Kraft und Licht der Farbe mit 
auf den Weg. Wer ihre Lehren und Gaben 
in sich aufgenommen hat, kann nicht wieder 
in Kleinlichkeit verfallen. Zu den größten 
Höhen wird er sich aufzuschwingen streben, 
wenn zugleich Begeisterung für die Schön- 




DAS CHRISTKIND ULICHT ELSEM KKIEGER DEN" LORBEER 
GLASGENLALDE, ENTWORFEN VON GOTTFRIED SCHL'LLER (INNSBRUCK). — Ttxt S. iSS 



heit des Glaubens, wenn der Wunsch ihn 
erfüllt, diese Schönheit in seinen Werken zu 
verherrlichen. 

Im Jahre 1897 1^'^"'' Reiter nach München 
auf die Akademie. Daselbst wurde er Schüler 
von S c h m i d - R e u 1 1 e, H a c k 1 M.V.Feuer- 
stein und Ludwig Hetterich. Er rang 
sich zur Selbständigkeit durch, fand 1906 auch 
den Anschluß an die Deutsche Gesellschaft 
für christliche Kunst. Seine Bedeutung ist 
außer in dem zuvor erwähnten Aufsätze auch 
in der Jahresmappe 191 6 gewürdigt worden 
— hier wie dort in Betrachtung seines Mil- 
bertshofener Deckengemäldes, mit dem er 
beim Wettbewerbe den ersten Preis errungen 
hatte. 

Nicht als ob dies seine einzige wertvolle 
Arbeit gewesen wäre. Schon auf der Akademie 
erlangte er einen ersten Preis bei einem Weih- 
nachtswettbewerbe für den Entwurf eines 
Wandgemäldes für einen Musiksaal. Ein wei- 
terer schöner Erfolg ward ihm zuteil durch 
den Preis der Baron Bich tischen Stiftung 
für Freskomalerei — das umfangreiche Ge- 
mälde (6 : 4 m), eine Verherrlichung des Früh- 
lings, schmückt die Fassade der v. Borscht- 
schen Villa auf der Prinz-Ludwigs-Höhe bei 
München. Gleichfalls ein Außengemälde in 



192 



Ei^ FRANZ REITER j ®^ 



Fresko ist Reiters Anbetungsbild an der Ka- 
pelle zu Höchst. Ein St. Georgsbild (in der 
Größe von 9: 3 m) schuf er in Kaseintechnik für 
die Kirchenapsis zu Neustadt bei Lohr. Außer- 
dem hat er Werke seiner Kunst in den Ausstel- 
lungen des Münchener Glaspalastes und der Se- 
cession der Öffentlichkeit vorgeführt. Aus allen 
diesen N'oraussetzungen und Ereignissen seines 
Lernens und Strebens entwickelte Reiters Ta- 
lent das bedeutsamste Werk seiner kurzen Laut- 
bahn, das Deckengemälde zu Milbertshofen. 
Es ist in dem Feulnerschen Aufsatze einge- 
hend beschrieben, das fertige Bild nebst wich- 
tigsten Studien ist daselbst abgebildet worden. 
So braucht hier nur daran erinnert zu werden, 
daß es nach Dekorationsgrundsätzen, die jenen 
der Barockzeit verwandt sind, in stattlicher 
Größe (12 : 7 m) sich dem Innenbilde der 
Kirche einfügt, und dieses in seiner Wirkung 
außerordentlich steigert; dem Gegenstande 
nach, daß es fünf Szenen aus der Legende des 
hl. Georg darstellt. Alle Vorzüge der Reiterschen 
Kunst vereinigen sich in diesem Werke, alle 
jene Eigenschaften seiner natürlichen Bega- 
bung stellen hier sich dar, die bei ungestörter 
Entwicklung zu weiteren, sicherlich höchst 
bedeutenden Erfolgen hätten führen müssen. 
Man sieht ein überaus gewissenhaftes Stu- 
dium, das keine Einzelheit außer acht läßt. 
Besonders in der Körperzeichnung, der Charak- 



terisierung der Hände, der Köpfe (mehrfach 
lebensgetreue Bildnisstudien), der Gewänder- 
anordnung, der Modellierung mit Hilfe kunst- 
reicher Lieh ttührung werden erhebliche Erfolge 
erreicht. Das Zeichentalent überwindet außer- 
ordentlichste Schwierigkeiten der durch die 
Untersicht bedingten Verkürzungen und der 
sonstigen perspektivischen Probleme. Man ge- 
wahrt starke Begabung iür'strenge, dabei doch 
innerlich freie Komposition. Selbständig hält 
sich dieser Künstler, er unterliegt nicht dem 
Zwange der mächtigen alten Vorbilder, aber 
er folgt den Winken, die sie ihm geben, um 
sie dem neuzeitlichen Empfinden und Wollen 
anzupassen. In der Farbe spürt man noch, 
daß Hetterich der Lehrer Reiters gewesen, 
aber wie dieser mit ihr umgeht, wie er sie 
mit Licht durchdringt, um Formen zu schaffen, 
zeigt den seiner Mittel sicheren, frei und be- 
wußt mit ihnen schaltenden Künstler. Seinen 
Gegenstand erfaßt er um der Wirkung willen, 
die von dessen Geiste ausgeht, er erzählt, um 
das Gefühl anzuregen, und die Erzählung 
kleidet sich in das Gewand des Schmuckes, 
der dem höheren Zwecke der Zusammenwir- 
kung mit der Architektur sich freiwillig und 
verständnisvoll dienstbar macht. In allen die- 
sen Dingen liegen die Keime jener großen 
Entwicklung, die dem zu früh Verstorbenen 
versagt bleiben sollte. Doering 




mmmm üDani msm mmmm 



GOTTFRIED SCHULLER HL. .MICHAEL 

GlasgciimlJr. — Text S. tSS 




ALLEGORISCHH IDVl-LE (178 
Text S. JQ7 



DIE SAMMLUNG DOKTOR PAUL KAUFMANN IN BERLIN 

(Vt;l. die Abb. S. 195—20-,) 



r\ie Methode der neueren Kunst- und Ge- 
'-^ Schichtsbetrachtung, wie sie unter dem 
Einfluß der naturwissenschaftUchen Forschun- 
gen des letzten Jahrhunderts, zumal in Frank- 
reich aber auch bei uns in Mode kam, hatte es 
mit sich gebracht, die stärkere Betonung auf 
die realistische Seite bei Staats- und Gesell- 
schaftsbildungen wie deren kulturellen Äuße- 
rungen zu legen, davon eine Folge war, jenen 
Produkten den Vorzug zu geben und sie für 
die natürlicher gewachsenen zu halten, die 
diese Spuren unverkennbar trugen. Für Frank- 
reich, dessen konformes Geistesleben nach 
dem Verschwinden seiner germanisch- goti- 
schen Volkselemente einen mehr oder we- 
niger materialistischen Zuschnitt aufweist, wie 
die Philosophie seiner Glanzzeiten, d. h. des 



18. und 19. Jahrhunderts dartut, n:ag man 
mit diesen Schlüssen nicht allzusehr vorbei- 
gezielt haben, indem das Geistige und Sinn- 
liche sich dort seitdem, gesellschaftlich be- 
dingt, in tormal ungetrübter Einheit auf eine 
i'ür sich natürliche Weise kulturell und künst- 
lerisch äußerte. Die Kultur des Rokoko so- 
wohl wie der Impressionismus des 19. Jahr- 
hunderts sind hierfür hinlängliche Belege. 
In den rein germanischen Landen liegen die 
Zustände jedoch wesentlich anders: obgleich 
gerade hier von der Gotik bis zu Rembrandt 
das Äußere der Kunst einen vorwiegend 
realistischen Zug trägt, erleben wir innerhalb 
dieser Kunst einen beständigen Kampf des 
Geistigen mit den Formen der Erscheinungs- 
welt, der Transzendenz, mit dem Alltag, im 



Die christliche Ku: 



194 



DIE SAMMLUNG DR. PAUL KAUFMANN mm 



Verhältnis zur rassisch-gemischten der itaHe- 
nischen Renaissance, die bald zu einem 
vollen Ausgleich nach dieser Richtung kommt. 
Ist nun, wohl als Folge der innerpolitischen 
Zustände, speziell in Deutschland das 17. und 
18. Jahrhundert als ein verhältnismäßig kunst- 
stilles zu bezeichnen, so mag es in dem Vor- 
ahnen tiefer sozialer Wandlungen begründet 
gevi'esen sein, daß um die Jahrhundertwende 
von 1800, also zur Zeit jenes ungeheuren 
Autschwungs im deutschen Geistesleben, den 
wir die Zeit unserer Klassiker nennen, zu- 
gleich ein Zwiespalt einsetzte, wenigstens der 
äußeren Form nach, zwischen Alltag und 
Geistesleben, von da an wir nicht mehr wie 
in früheren selbständigen Jahrhunderten ein 
Ringen des Geistigen mit dem Alltäglichen 
in der Kunst sehen, vielmehr Idealismus und 
Realismus seitdem als zwei parallele Doppel- 
äste des gleichen Stammes, von denen in 
der ersten Hälfte des Jahrhunderts jener, in 
der zweiten dieser die stärkere Blutzufuhr 
erhielt, nebeneinander laufen ; dabei bleibt 
bemerkenswert, daß die Möglichkeit zu bei- 
den Außerungsformen in den ganz Großen 
gleichermaßen vorhanden war, sie sich aber 
für jene entschieden, während die neuere 
Zeit diese begünstigte. Tritt nun eine in 
solchen Anschauungen erzogene Geschichts- 
schreibung als Richterin dazwischen, so ist 
es nur zu natürlich, wem sie die Palme zu- 
erkennt: zumal zwischen beiden Zeiten eine, 
eigentlich aus ihrem Geiste geborene üble 
Epoche pseudoidealistischer Geschichtsmalerei 
sich drängt, die das Wesen der früheren 
Kunst verdunkelte. Wenn wir daher heute 
fragen: wo liegt das eigentliche Wesen der 
deutschen Kunst, so können wir uns zwar 
weder für diese noch für jene Zeit bündig 
entscheiden, denn in beiden treten Grund- 
züge ihrer Art zutage; wenn wir aber fra- 
gen: wo brach das reichere Geistesleben im 
letzten Jahrhundert durch, so müssen wir 
uns für jene erste Epoche erklären und nicht 
den irreleitenden Spuren der Kunstforschung 
folgen, die glaubt, überall dort das allein 
Künstlerische entdeckt zu haben, wo sie das 
Realistische und mit ihm verbunden das Nur- 
Malerische findet. Der Zwiespalt ist zu be- 
dauern, wird in Zukunft vielleicht überwun- 
den, darf uns aber bei der heutigen Ein- 
schätzung den Blick nicht trüben, da in der 
Kunst wie überall der Geist und das Men- 
schentum entscheiden. Kühnerer Geist und 
höheres Menschentum leuchten aber in jenen 
früheren Jahrzehnten soviel sichtbarer aus 
den Gebilden der deutschen Kunst hervor, 
daß man nach den Ursachen forschen möchte, 



die diese Züge in unseren Tagen so hintan 
hielten. 

Zu solchen und ähnlichen Betrachtungen 
regt ein Besuch der Sammlung des Präsidenten 
des Reichsversicherungsamtes Dr. Paul Kauf- 
mann zu Berlin an, in der wir mit ebenso 
viel Geschick wie Liebe teils Handzeichnun- 
gen, teils Ölbilder, mehr aber jene von fast 
sämtlichen Mitgliedern der Künstlergeneration, 
wie sie ihre Zweige am Niederrhein, in 
Rom und Berlin entwickelte, vereinigt finden. 

Als wertvollster und seltenster Besitz steht 
im Mittelpunkt der Sammlung ein großer 
Teil des .fragmentarisch gebliebenen Werkes 
eines jungverstorbenen Spätlings des nazare- 
nisch-romantischen Kreises, des 1830 zu Linz 
am Rhein geborenen Johann Martin Niederee, 
der schon 1853 an einem unglücklichen Zu- 
fall zu Berlin verstarb, während er seiner 
Militärpflicht genügte, und der berufen ge- 
wesen wäre, an Kraft und Größe der Dar- 
stellung vielleicht alle seine Vorgänger zu 
überragen. Das wenige, das der nur 23 Jahre 
alt Gewordene hinterließ, war weiteren Kreisen 
unbekannt geblieben und in keiner Kunstge- 
schichte vermerkt, bis Präsident Dr. Kauf- 
mann einige Ölbildnisse der Deutschen Jahr- 
hundertausstellung von 1906 zuführte. Be- 
zeichnend war nun, daß man damals und 
ganz im Sinne der von uns oben charakteri- 
sierten Geschichtsauffassung das entscheidende 
seiner Begabung in einer Fähigkeit zum Male- 
rischen und einer verhältnismäßig realistischen 
Porträtauffassung sah und ihn, gleich den 
jungen Hamburgern um Oldach und dem 
später entdeckten Wasmann als eine Art Vor- 
läufer des neueren Realismus feierte. Schiefer 
kann man nach unserer Meinung den Wert 
des Künstlers, der vornehmlich im Geistigen 
ganz in der Anlage einer wuchtigen form- 
großen Kompositionsbefähigung ruht, nicht 
gut einschätzen ; wie wir es überhaupt für 
eine Verschiebung der Wertverhältnisse halten, 
dem Realistischen und Malerischen, wo es 
damals schon wie bei den jungen Hambur- 
gern durchbrach, allzu laute Betonung bei- 
zumessen. Denn so manches wir auch nach 
dieser Richtung im Werke der anerkannten 
Nazarenergrößen vermissen, jene realistischer 
Vorgehenden, wie zumal der spät entdeckte 
Wasmann, reichen in keiner Weise an sie 
heran, nicht einmal im Porträt, wo sie ihre 
Fähigkeiten doch hauptsächlich entfalteten. 
Sie mögen hier malerischer sein, rein zeich- 
nerisch aber und daher hinsichtlich des Por- 
trätcharakters, der doch das Ausschlaggebende 
bleibt, kommen sie nicht von ferne ihnen 
gleich, z. B. Wasmann einem Steinle oder 



^ DIE SAMMLUNG DR. PAUL KAUFMANN S^ 



195 




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^-^ ^V-^t 






.<^ 




DAS GEBET |ESL' AUF DEM OLBERG 



Veit; so daß wir sein damaliges Zurücktreten 
für begründet und sein lieutiges Beloben für 
übertrieben halten. Anders nun liegt es bei 
dem früh verstorbenen Niederee, in dem 
beide Fähigkeiten gleich stark in der Anlage 
waren, der, wie wir, der ersten den Vorzug 
gab und vielleicht berufen gewesen wäre, 
über die Größen des Kreises hinaus sie in 
seinem Werk zu einen, d. h. das Malerische 
in den Dienst des Geistigen zu stellen, in 
dem Rahmen der großen Komposition und 
auf diese Weise den Riß wieder auszuheilen, 
der damals, wie wir oben bemerkten, im 
Verhältnis zu früheren Jahrhunderten in die 
deutsche Kunst kam. 

Das wertvollste Blatt Niederees, das wir ken- 
nen, ist ein 'Christus am Olberg« (Abb. oben). 
Es stammt aus dem Jahre 1849 und kam erst 
spät in den Besitz Dr. Kaufmanns, aus dem 



Nachlaß eines Jugendfreundes des Künstlers, 
den er auch porträtierte, des Bonner Profes- 
sors Xeuhäuser. Der Künstler schuf es also 
zu unserer Bewunderung mit 19 Jahren. Es 
erinnert im Vortrag der breiten Bächigen 
Formbehandlung auf den ersten Blick an 
Rethel, unterscheidet sich dann aber wieder 
von diesem durch eine gewisse Zartheit, wo es 
gilt, das Seelische zum Ausdruck zu bringen, 
das Rethel weniger gelang, dem mehr nur 
die Wucht der formalen Darstellung lag. — 
Ein zweites Blatt, ein ? Kreuztragender Christus« 
stammt aus dem Jahre 1853, also aus der 
Berliner Zeit des Künstlers, seinem letzten 
Lebensjahre und wird für einen Entwurf zu 
einem der Glasfenster, die er damals in Auf- 
trag hatte, gehalten, wofür es sich auf alle 
Fälle vortrefflich geeignet hätte. Wir bewun- 
dern auch an diesem kleinen Blatte die kom- 



196 



DIE SAMMLUNG DR. PAUL KAUFMANN ess 




|. M. XIEDEUUE 



ÜIL MLTIEK DES KL'NSTLERS 



— Jejil uitl.i 



positorischen Fähigkeiten des Künstlers, die 
Art, wie er hier auf engstem Raum den Ein- 
druck von Größe erzieh mit den einfachsten 
Mitteln und wie er rein räumlich seine Aufgabe 
löst, das ließ auf bedeutende Fortschritte für 
die Zukunft schließen. — Unter den Bildnissen 
möchten wir dem der Mutter des Künstlers 
(Abb. oben) den Vorzug geben, obgleich es sich 
bei dem der Sammlung Kaufmann nicht um 
das Original, sondern um eine spätere Ko- 
pie handelt: in ihm finden wir neben der 
einfachen malerischen Behandlung und der 
Fähigkeit, tonig zu sehen, zugleich das See- 
lische he'rausgearbeitet in einem Grad, der die 
weiteren Bildnisse überragt. Nach einer Hand- 
zeichnung zu urteilen, die den Künstler und 
seinen Freund Neuhäuser darstellt, ähnelt er in 
der Gesichtsbildung und Schädelform übrigens 
ganz dem ausdrucksvollen Kopfe der Mutter. 
Neben Niederee kommen zwei bedeutende 



Namen mit wertvollen Arbeiten in der Samm- 
lung Kaufmanns zur Geltung und zwar der 
wuchtigste und der delikateste Künstler aus dem 
nazarenisch-romantischen Kreise, ich meine 
Alfred Rethel und Franz Pforr. Von Rethel 
sehen wir ein kleines Tafelbild »Christus auf 
dem Meere« (Abb. S. 199), das aus dem Besitz 
der Tochter des Künstlers stammt und an dem 
wir die ganze Kraft einer Retheischen Kom- 
position kennen lernen, die sich hier auf eng- 
stem Räume entfaltet; und während es sich in 
des Künstlers großen Fresken hauptsächlich um 
lineare Wirkung handelt, lebhaft durch kolo- 
ristische Wirkung unterstützt wird : man be- 
achte die ganz als Schattenriß behandelte mäch- 
tige Gestalt des Schreitenden rechts im Bilde 
mit der aus dem Gewitterhimmel herunter 
belichteten des die Raaen Einziehenden. 
Erhöht wird die Stimmung noch durch die 
hellen Punkte der vor dem schwarzen Himmel 



DIE SAMMLUNG DR. PAUL KAUFMANN 



197 



flatternden Sturmvögel. In 
einem Tagebuch Rethels 
vom Jahre 1835 finden sich 
einige Bleistiitentwürfe zu 
diesem Bilde. — Rethel 
vielleicht sehr nahe steht 
der ausdrucksvolle Por- 
trätkopf eines jungen Man- 
nes, den Präsident Dr. 
Kaufmann mit dem ihm 
eigenen Spürsinn im Auf- 
finden von Kunstblättern 
diesem Kreise Angehören- 
der kürzlich bei einem An- 
tiquar in Aachen erwarb 
und aus dem ein beson- 
ders ausdrucksvolles Auge 
spricht, dabei er von nicht 
geringem malerischem 
Reiz in der hellen Stirn- 
partie und dem durchsich- 
tigen Schatten der Wange 
ist (Abb. nebenan). — Von 
Pforr sehen wir eine kleine 
allegorische Darstellung, 
ein Doppelbildchen, auf 
dessen einem Flügel im 
Hintergrunde wir die auf 
uns zuschreitende Gestalt 
Overbecks erkennen — es 
soll Overbecks künstleri- 
schen Übergang von 
Deutschland zu Italien ver- 
sinnbildlichen — und das 
in malerischer Hinsicht 
vornehmlich durch das für 
Pforr so charakteristische 
delikate Grau zu uns 
spricht neben der Innigkeit der Empfindung 
(Abb. S. 193). Von weit höherem Reiz frei- 
lich ist eine in der Form archaisierende Hand- 
zeichnung, die dem gleichen Künstler mit 
ziemlicher Sicherheit zugeschrieben wird : 
"•"Taufe des Kämmerers der Königin von 
Äthiopien durch den Diakon Philippus« und 
die neben der Sauberkeit der Linien uns vor 
allem durch das Seelische, durch den gemüt- 
vollen Humor entzückt, mit dem der Vor- 
gang behandelt ist, den wir in dieser Art 
nur in gewissen katholisch-christlichen Zügen 
der Lebensauffassung finden (Abb. S. 198). 

Um die Werke dieser drei Hauptkünstler 
Niederee, Rethel, Pforr sammeln sich dann 
fast sämtliche Mitglieder des niederrheinischen, 
römischen und Berliner Künstlerkreises dieser 
Zeit, handle es sich nun um Figurenmaler 
oder Landschafter. Berühmte Namen wie Cor- 
nelius, Steinle, Overbeck und Führich treten 




ALI i;i-i) Ki: iUEi 



auf; es reihen sich daran die weniger be- 
kannten, aber darum nicht gehaltlosen Namen 
der Nadorp und Mintrop; die Düsseldorfer 
Gruppe der Schadow, Müller und Bcindemann 
ist vertreten und hei jedem von ihnen er- 
kennen wir, zumal in den Handzeichnungen, 
wie wertvolle Persönlichkeiten diese Künstler 
als Menschen und Intellekte gewesen sein 
müssen; die römischen Landschafter schließ- 
lich, die Rohden, Alborn, Reinhardt und Ram- 
boux schließen sich an. Darum ranken sich 
volksliedgleich anmutige Blätter der Roman- 
tiker Schwind und Richter, aus denen wie 
aus Hirtenflöten die Süße deutschen Sehnens 
spricht und uns den ganzen Gemütsreichtum 
der Zeit widerspiegelt in der, noch frei vom 
heutigen Amerikanismus, das Beste unseres 
\'olkstums sich in der Kunst auslebte und 
\'olk und Künstler noch unbeengt und un- 
bevormundet von einem wuchernden Kunst- 



M DIE SAMMLUNG DR. PAUL KAUFMANN 



Handel sich zeigen, wie wir es in der Samm- 
lung Kaufmann erleben. 

Von Peter von Cornelius birgt die Samm- 
lung die wertvolle Olstudie zu einem schwe- 
benden Engel (Abb. S. 200), die uns gleicher- 
maßen durch das Geistige des Ausdrucks wie 
durch den an Veronese erinnernden Klang des 
Kolorits fesselt und uns erkennen läßt, wie der 
im Intellektuellen so eminente Künstler, der 
aus innerer Unausgeglichenheit ungleichwertig 
schuf, neben seinen vorzüglichsten Fresken, 
wie denen der Casa Bartholdy, nicht selten 
in Staffeleibildern geringen Umfangs — ■ ich 
verweise auf das viel zu wenig bekannte der 
Düsseldorfer Galerie, die »Törichten Jung- 
frauen« — sein Bestes gab. In solchen Bil- 
dern empfinden wir ihn als eine künstlerische 
Persönlichkeit an Möglichkeiten reich, wie 
die zweite Hälfte des Jahrhunderts sie nicht 
wieder sah und der mehr nur der Mangel 
an Tradition, aus dem heraus sie schuf, zum 
\^erhängnis wurde. Dieser Engelskopf entstand 
in der Zeit, da Cornelius zu dem Dom zu 
Neuß Fresken entwarf. 

Im unmittelbaren Anschluß hieran wäre 
eine vortreffliche Federzeichnung von Steinle, 



»Der Knecht, der sein Pfund vergräbt« (Abb. 
S. 203) — sie stammt aus dem Stift Neuburg 
— und eine Kreidezeichnung »Pietä« des 
weniger bekannten Nadorp zu nennen, der 
um 1850 mit Cornelius zusammen in Rom 
weilte und dessen Strich durch Weichheit und 
Breitheit, dessen Formgebung durch eine mehr 
plastische Auffassung vom Sehen der übrigen 
Nazarener sich merklich unterscheidet. Diese 
Pietä (Abb. S. 202) weist fast schon zu Feuer- 
bach hinüber, der malerisch diesem Künstler- 
kreis voraus, seelisch aber nicht selten hinter 
ihm zurückbleibt, wie fast alle Späteren und 
zumal in, seinen Handzeichnungen an Stelle 
des Seelischen dieser Künstler eine fast aka- 
demische Routine setzt. Es folgen Führich 
und Overbeck; von Overbeck enthält die 
Sammlung ein umfangreiches Ölbild, Ruth 
und Noemi, das durch seine malerischen Be- 
strebungen im Kolorit sich merklich von dem 
mehr Freskoartigen, das sonst selbst in den 
Tafelbildern der Zeit vorwaltet, unterscheidet 
(Abb. S. 201). Das Bild erinnert an verwandte 
Arbeiten des Dresdeners Naeke, der in Rom 
gleichfalls diesem Kreise angehörte und von 
dem übrigens eine »Ruth und Boas« existiert. 




FR.WZ PrOKK 



PHILIPPÜS T.\UFT DEN KÖXIGL. KAMMKRER 
Zeichnung. Original IJ ,J cm : ,6,S cm. - Text S. igy 



€S^ DIE SAMMLUNG DR. PAUL KAUFMANN e^ 



199 



Einem kaum bekannten 
Künstler begegnen wir 
dann mit zwei wertvollen 
Blättern in dem Düssel- 
dorfer Mintrop, der schon 
am Ausgang dieser Zeit 
steht und dessen Arbeiten 
mehr noch als die Pieta 
von Nadorp wie eine Vor- 
ahnung Feuerbachs an- 
muten : es handelt sich 
hier um eine leicht aqua- 
rellierte »Kreuzaufrich- 
tung« (Abb. S. 204) und 
um einen mit der Feder 
gezeichneten »Putten- 
fries«. Zumal das zweite 
Blatt läßt erkennen, daß 
der Künstler geistig zu je- 
nem Kreise kaum noch 
Fühlung hatte und mehr 
von weltlich antiken Din- 
gen sich anregen ließ. Das 
Wertvollste in diesen bei- 
den Arbeiten ist das rein 
künstlerische Sehen, eine 
ganze Reihe für die Zeit 
neuer Formmomente und 
Bewegungen nimmt der 
Maler auf, dazu die spie- 
lende Erfindungsgabe, wie 
wir sie in jenem Fries er- 
kennen, ihn anregt. Auch 
die schwachen Spuren je- 
nes Aquarells geben uns 
einen Anhalt dafür, daß er 
bestrebt war, koloristisch 
neue Bahnen zu suchen, 
wenn schon er sich durch- 
aus in der Vereinfachung, 
flächigen Tongebung hielt, wie sie das Fresko 
bedingt. Mintrop war ursprünglich Landwirt 
und wurde erst spät durch Geselschap der Ma- 
lerei zugeführt. Noch erinnere ich mich leb- 
haft des schillerähnlichen Künstlerkopfes, der 
sein Grab auf dem alten Düsseldorfer Friedhot 
zierte. Neben Geselschap steht er auf der 
Grenzscheide, von der die Kunst der ersten 
Hälfte des vorigen Jahrhunderts zur monu- 
mentalen der zweiten, der Feuerbachs und 
Marees überleitet. — Daß um die gleiche Zeit 
Menzel in Berlin sein Walzwerk schuf und 
Leibl in München seine ersten rembrandtesken 
Porträts malte, will uns kaum in den Sinn : 
Ist aber ein Beweis für den Reichtum der 
deutschen Kunstgeographie und wie von da 
an der Doppelstamm der deutschen Kunst 
gleich kräftig wuchs. 




.^LFKt:n RI'.THEl. 



STL'K.M MV DEM SEE GKNESARETH 
Original 2o,j cm . 2^ cm. — Text 5. igb 

Aus dem engeren Düsseldorfer Zirkel grüßt 
uns noch Wilhelm Schadow mit eiher reiz- 
vollen kleinen »Anbetung der Hirten«; der 
weiterhin wenig bekannte Karl Müller, dessen 
Madonnen in der Farbe zwar hart, oft aber 
von einer rührenden Einfalt der Empfindung 
sind, mit der Bleistiftzeichnung eines \'icarius, 
die uns dartut, wie echt das Sehen und Emp- 
finden dieser Künstler war und wie Treff- 
liches selbst die weniger Hervorragenden in 
den Handzeichnungen leisteten; schießlich 
Bendemann mit einem Madonnenkopf. Mit 
der römischen Gruppe nähern wir uns den 
Landschaftern, die teils einen herben Natu- 
ralismus mit klassischer Linienführung einen, 
wie J. M. Reinhart, der in seinem Ideengang 
gewissermaßen zwischen Karstens und Koch 
steht, während Ahlborn und Ramboux mehr 



^3 DIE SAMMLUNG DR. PAUL KAUFMANN eai 




l'ETKX V. COKXELIUS [i/S 



1S67) 

OWild. Original 17 c 



STUDIE ZU EINEM ENGEL 



. — Text S. igS 



ZU diesem neigen und Martin von Rohden, 
angezogen durch den Zauber südlichen Lich- 
tes dieses wiederzugeben bemüht ist, unbe- 
einflußt von irgendeiner Schulströmung der 
Zeit und so, wenn auch nicht ohne die 
Liniengröße der damahgen Auffassung, 
doch mehr in dem poussinartigen malerischen 
Duft, in dem später der junge Böcklin seine 
ersten Bilder sah (Abb. S. 205). 

Mit diesen Erwähnungen hätten wir die 
Epoche deutscher Kunst so ziemlich umschrie- 
ben, auf die anläßlich der Sammlung Kauf- 
mann hinzuweisen es besonders ankam; die 
Sammlung selbst, innerhalb deren wir man- 
ches aus diesen Tagen aus Raumgründen 
übergehen mußten, ist damit keineswegs er- 
schöpft; es führen vielmehr an der Hand 
von Familienbildern, an die sich Begeben- 
heiten, Erlebnisse und Anekdoten bemerkens- 
werter Art knüpfen, die Fäden weiter zurück 
ins 18., ja 17. Jahrhundert. Wir treffen da 
Bildnisse aus der Familie Kaufmann — es 
handelt sich bei diesen Vorfahren stets um 
Bürgermeister rheinischer Städte — die ein- 
mal wie von der Hand eines Nachkommen 
des Kölner Barthel Bruyn dastehen, dann 
wieder als rein barockpomphalte, bis wir bei 
Barthel Bruyn selbst enden und einigen wert- 
vollen Stücken der alten, niederländischen 
Kunst, unter denen vornehmlich ein Stilleben 
von Poteuck zu nennen wäre, das in seiner 
stumpfen Farbendelikatesse an Vermeer er- 



innert; von da aus verliert und verbreitet 
sich der Sammeltrieb des Besitzers im An- 
schluß an die Neigungen seiner Vorfahren 
in Möbeln, Porzellane und verwandte weit- 
verzweigte Dinge. 

Ich sagte, daß an jedes Bild der Kauf- 
mannschen Sammlungen sich Erinnerungen 
und Erlebnisse knüpfen, sei es auf Inhalt, 
Entstehen, Herkunft; und das ist das Wert- 
volle dieser Sammlung überhaupt: nicht ist 
sie zusammengebracht gleich den meisten 
neueren durch Kunsthändlerspekulationen 
oder die Initiative eines Galerieleiters; bis 
auf Familienmitglieder, die Generationen vorauf 
wirkten, sind die einzelnen Stücke zumeist 
eng verknüpft mit den Kunstneigungen dieses 
alteingesessenen rheinischen Geschlechtes, 
dessen Förderung manches Werk sein Werden 
verdankt und das in unmittelbarer Fühlung 
zu diesen Künstlern lebte und deren Schick- 
sal nicht selten mitbestimmte: so daß das 
Ganze wie ein organisches Gewebe langsam 
wuchs gleich einem Glied dieser Familie 
selbst, gesponnen aus den Fäden der alten 
ererbten niederrheinischen Volkskultur, in 
der soviel Sinn und Gemüt fortwirkt als 
rechter Boden für einheitliches und echtes 
Kunstschaifen und für die aromareiche Blume 
verfeinerten und schöpferischen Familien- 
lebens, das in unseren Großstädten immer 
seltener wird. 

Rudolf Klein Diepold 




FRIEDRICH OVERBECK (1789-1869) 

Ölgemälde. Original gy an : ijo i 



RUTH UXD XOKMI 



Die christliche Kunst. XIV. 



202 KIRCHLICHES BESTATTUNGSVVESEN UND ÄLTERE GRABMALKUNST 



DER EINFLUSS DES KIRCH- 
LICHEN BESTATTUNGSWESENS 
(TOTENMESSE) AUF DIE ÄLTERE 
GRABMALKUNST 

Von Dr. P. KUTTER 

Crst in neuerer Zeit hat sich die Kunstge- 
■'-^ schichte der älteren deutschen Grabmal- 
plastilv zugewandt, besonders derjenigen in 
den Kirchen einiger Gegenden und Städte, 
wo sich künstlerisch bedeutende Grabdenk- 
mäler des frühen Mittelalters in größerer Zahl 
erhalten haben. Es genüge hier auf die 
tiguralen Monumente der Dome zu Mainz, 
Würzburg oder Bamberg hinzuweisen; ihnen 
sind bereits mehrere kunstgeschichtliche Ab- 
handlungen gewidmet worden. Diese und 
ähnliche wahrhaft monumentale Denkmäler 
deutscher Plastik aus einem Zeitraum von 
über vier Jahrhunderten werden wohl jedem 
aufmerksamen Besucher, nicht bloß dem Kunst- 
gelehrten, in Erinnerung bleiben. Eine um- 
fassende Geschichte der gesamten deutschen 
Grabmalkunst steht noch aus, sie wird den 
Denkmälern der genannten Dome besondere 
Aufmerksamkeit schenken müssen. Die Auf- 
gabe einer solchen Geschichte wäre vor al- 
lem, voreilige Schlußfolgerungen der Spezial- 
untersuchungen zu vermeiden, vornehmlich 



was ikonographische Typen und Ge- 
wohnheiten der Grabmalbildhauer der ein- 
zelnen Epochen betrifft. Diese sind gerade 
bei der deutschen Grabmalplastik in fast un- 
endlich variierter Gestalt anzutreffen. Wer 
in der Lage ist, diese Typologie an älte- 
ren deutschen figuralen Grabmälern oder Epi- 
taphen zu überblicken, wird zugeben, daß 
dieselbe keineswegs der künstlerischen Ge- 
staltungskraft des einzelnen Arbeiters irgend- 
welche Schranken auferlegt, vielmehr seine 
Phantasie befruchtet und beflügelt hat; er 
wird aber auch bald herausfinden, daß die 
Ikonographie der gesamten Sepulkralkunst 
weit mehr, als bisher bekannt geworden zu 
sein scheint, aus den Vorgängen bei dem 
kirchlichen Bestattungswesen und aus 
dem Text der Toten messen, erklärt werden 
muß. 

Die natürlichen Beziehungen zwischen 
jeder Art der bildenden christlichen Kunst 
und der Liturgie scheinen auch bei den älteren 
und ältesten Grabmälern ganz besonders deut- 
lich, wenn auch nicht überall nachweisbar 
zu sein. Es soll in folgendem versucht wer- 
den, diese auffallenden Wechselbeziehungen 
nachzuweisen. Da die Untersuchung nach 
dem Stande der Literatur die erste zu sein 
scheint, wird eine erschöpfende Behandlung 
aller Fragen nicht gefordert werden können, 
zumal eine solche weit über den hier zur 




CHRISTUS IM GRAB 



Kreidezeichnung. Original 2Ö cm ■ 4jcm. — Te.xt S. iqS 



KIRCHLICHES BESTATTUNGSWESEN UND ALTERE GRABMALKUNST 203 



\'crfügung stehenden Raum 
hinausgehen müßte '). 

Wie eben angedeutet, 
lassen sich in der gesamten 
vorhandenen Literatur kei- 
nerlei zusammenhängende 
Erörterungen über das zur 
Aufgabe gestellte Thema 
finden. In der Kunstge- 
schichte fehlen sie wegen 
des , eingangs konstatierten 
Mangels einer Geschichte 
des deutschen Grabmals, ob- 
gleich der Umstand, daß die 
kirchliche Leichenfeier etwa 
vom Jahre looo an bis heute 
im wesentlichen die gleiche 
geblieben ist, eine solche 
Darstellung wenigstens in 
einer Dissertation geradezu 
herauszufordern scheint. 
Aber auch in den zahlreichen 
kulturgeschichtlichen 
Werken über das Begräb- 
niswesen im Mittelalter 2), 
die fraglos auf den gründ- 
lichsten Studien beruhen, 
wird man vergeblich einen 
Hinweis auf das wirkliche 
Aussehen der Grabstätten, 
auf ihren künstlerischen 
Schmuck suchen 3), obgleich 
das Grabmal doch recht 
eigentlich den allein noch 
sichtbar gebliebenen Schluß- 
akt der ganzen, manchmal 
einen vollen Tag währenden 
kirchlichen Leichenfeier dar- 
stellt. 

Um ferner die folgenden 
Ausführungen nicht zu sehr 
auszudehnen, muß auf die 
in den Noten angegebene, 
meist theologische Lite- 




EDWARD VON STEINLE (1810—1886) 

Federzeichnung. Original . 



DER FAULE KKECHT 
Text S. rgS 



') Vorausgesetzt werden muß 
bei der Lektüre des Folgenden eine gewisse Kenntnis des 
lateinischen oder deutschen Textes der Totenmessen im 
Missale Romanura. Man wird bei der Lektüre auch das 
Officium defunctorum des Rituale Romanum vergleichen. 

^) .\. Schultz, Deutsches Leben im XIV. und XV. 
Jahrhundert. Prag und Wien 1892, S. 617 ff. — C. Dol- 
berg, Das mittelalterliche Begräbnis. Zeitschrift >Der 
Katholik« 1887, S. 271 ii. — Über das Begräbnis im 
Mittelalter im Rheinland vgl. H. Boos, Geschichte der 
rheinischen Städtekultur, Bd. 111, 11. Ausgabe, Berlin 189g, 
S. 30817. 

5) Eine Ausnahme für Frankreich bildet wohl das 
Buch von P. I.acroix, Vie railitaire et rdhgieuse 
au moyen .ige, Paris 1875, in dem Abschnitt Säpul- 
tures et fun^railles, S. 497—563. 



ratur verwiesen werden '), die aber ebenfalls 
auf die wirklich vorhandenen Grabmäler oder 
Epitaphe niemals Bezug nimmt. Ein wich- 
tiges Kapitel aus dieser Literatur ist die 
Kenntnis von den, schon mit der Karolingi- 

') Zu empfehlen wären die betreffenden Artikel in 
den kirchlichen Lexika von Buch berger oder W e t z e r 
und Weite, ferner die Schriften von L. Ruland, Ge- 
schichte der kirchlichen L eiche nfeier, Regens- 
burg igoi und Lex, Das kirchliche Begräbnis- 
recht, Regensburg 1901. Thalhofer, Hdb. der 
katholischen Liturgik, II. Aufl., Freiburg 191 2. Band 11^ 
Die Exequien, S. 463 f. 



204 KIRCHLICHES BESTATTUNGSWESEN UND ALTERE GRABMALKUNST 



sehen Zeit bestehenden Gebetsverbrüde- 
rungen'). Zu diesen gehörten die Klöster, 
weiter die Synodalverbindungen der Kirchen- 
oberen (Bischöfe, Äbte usw.), die sich auf 
einer Synode verpflichtet hatten, für die 
Toten ihrer V'erbrüderung zu beten und Mes- 
sen lesen zu lassen, ferner Einzelpersonen, 
die sich Klöstern angeschlossen hatten. Auch 
sie wurden in das Gebet der Mönche mit 
eingeschlossen. Starb ein Mitglied dieser Ver- 

') Ausfuhrlich sind die Gebetsverbrüderungen be- 
liandelt in den Abhandlungen von Ebner, Die klö- 
sterlichen Gebets Verbrüderungen, Regensburg 
i8go, und GcbctsverbrüJerung.n, Freiburg iSgi. 




brüderungen, so wurden für dieses Messen 
gelesen, deren Zahl (gevv'öhnlich loo) genau 
testgesetzt war. Der Name des Mitgliedes 
wurde in einen Kalender, memoriale mortuo 
rum, liber obitüum, auch obituarium, in neue- 
rer Zeit Nekrologium genannt, eingetra- 
gen. Solche Bücher, in denen nur Kalender- 
tage und Namen, aber gevi-öhnlich keine 
Jahreszahlen verzeichnet sind, haben sich in 
großer Anzahl erhalten. Alljährlich wurde 
an dem betretTenden Monatstage der Name 
des Toten in der Kirche verlesen und so sein 
Andenken durch Einschließung in die ötfent- 
liche Fürbitte geehrt und bewahrt. Auf diese 
Gebete verweist der Schluß- 
satz bei den Inschriften 
älterer Grabsteine »orate 
pro eo', oder »pro cujus 
anima fideliter orate ^ '). — 
Das älteste Totenbuch ist 
wohl das der Abtei Lorch 
aus dem S.Jahrhundert und 
dasjenige des Klosters Rei- 
chenau bei Konstanz, das 
im Jahre 858 angelegt 
wurde. Die Inschriften meh- 
rerer im Kreuzgang des 
Münsters zu Bonn und in 
der Kirche zu Dottendorf 
bei Bonn erhaltener, so- 
genannter Memorien- 
steine-) aus dem 9. oder 
IG. Jahrhundert haben ge- 
nau den gleichen Text wie 
eine Eintragung in ein 
Nekrologium. Da heißt 



THEODOR MIXTROP 



IRICHTUKG DES KREUZES 
— r^xl S. igq 



') Der Schlußsatz >orate pro 
eo« ist besonders häufig auf Plat- 
ten im Norden Deutschlands, so 
schon auf dem Inschriftgrabstein 
lür den Bi cliof Gerold (f 1163} 
im Dom zu Lübeck. Auch auf 
gravierten Messingsteinen ist er 
nicht sehen. — Man wird frei- 
lich von Fall zu Fall zu prüfen 
liaben, ob der Begrabene wirk- 
lich einer Gebetsverbrüderung 
angehört hat. — Weit öfter findet 
man auf frühen französischen 
Jiteinen aU Ende der Umschrift 
ein >priez pour lui (elle)<. Ebenso 
oft liest man auf flandrischen 
Platten ein >biddet God for de 
Zeele«. 

=) Die Memoriensleine sind weit 
kleiner als Grabplatten, sie kön- 
nen de.shalb nicht als Grabver- 
schlußplatten gedient luben, wie 
d'e spateren, mit dem Abbild des 
Verstorbenen verzierten Grab- 
platten. Sie sind nur mit einer 
Inschrift, einige auch mit einem 



KIRCHLICHES BESTATTUXGSWESEX UND ALTERE GRABMALKUXST 205 




MARTIK ROHDLN 



— Text S. igq 



es z. B. auf einem Memorienstein in Bonn: 
>Kal. Octobr. obiit Remigh vidua laica. 
Diese Platten sollten eben daran erinnern, 
daß an dem auf ihnen bezeichneten Jahres- 
tag eine Seelenmesse für den genannten 
Toten gelesen werden sollte. Auch manche 
Umschriften auf späteren Grabplatten erinnern 
an dies durch eine Messe aufzufrischende Ge- 
denken. So beginnt die Umschrilt auf der 
großen Platte für Burchard, den Gründer 
der Abtei Marbach im Elsaß (-^ 1120) mit: 
»Hie jacet bonae memoriaex. Das ehrende 
Prädikat bonae memoriae fand sich auch in 
der heute beseitigten Umschrift auf dem 
figuralen Grabstein für den Biscliof Gottfried 
von Spiizenberg (t 1190) im Dom zu Würz 
bürg. 

Bekanntlich enthalten die Monumenta 
Germaniae') auch eine noch nicht abge- 

Kreuz versehen. — Die Steine im .Münster zu Bonn sind 
beschrieben bei Giemen, Die Kunstdenl<mäler der 
Stadt Bonn, 1905, S. 107 f. Die Memoriensteine zu 
Dottendorf sind behandelt von VV. Effman n, Frühmit- 
telalterliche Inschrift steine zu Dottendorl' in 
Ztschr. für christliche Kunst XIV (1901), Spalte 321 f. 
') Erschienen sind 4 Bände. Sie enthalten die Nekro- 
logien der Diözesen von .Augsburg, Konstanz und Chur 
(Bd. I), von Salzburg (Bd. II), von Bri.xen, Freising und 



schlossene Sammlung deutscher Nekrologien. 
Nur in wenigen ist bei der Aufzeichnung des 
Namens zugleich das Todesjahr vermerkt, 
wie in den Augsburger Nekrologien. Ver- 
wandt mit den Nekrologien und sehr oft in- 
teressanter zu lesen sind die selteneren An- 
nales Necrologici, in denen Jahr für Jahr 
die Todesfälle eingetragen wurden'). 

Schon bei oberflächlicher Durchsicht der 
Nekrologienbände der Monumenta Germaniae 
muß es bisweilen auffallen, daß viek der Ein- 
tragungen ähnlich oder gleichlautend sind 
mit der bis ins 15. Jahrhundert hinein übli- 
chen kurzen Umschrift figuraler Grab- 
steine, wo es gewöhnlich heißt > anno . . . 
obiit N. N. episcopus oder miles, cuius anima 
reqüiescat in pace«. Dieser Tvpus der Um- 
schrift beruht eben auf der Eintragung in dem 
Nekrolog und hatte dieselbe amtliche Eigen- 
schaft einer Urkunde wie die Eintragung. 
Die gleiche Beobachtung kann man aber 



Regensburg (Bd. III), von Klosterneuburg und Wien 
(Bd. V). Band IV' ist noch nicht erschienen. 

') Ausführlicheres über die Nekrologien findet man 
bei Ed. Heydenreich, Familiengeschichtliche Q.uellen- 
künde, Leipzig 1909, S. 44 f. — Dort auch die weitere 
Literatur. 



2o6 KIRCHLICHES BESTATTUNGSWESEN UND ÄLTERE GRABMALKUNST 




GG. GRASEGGER (KÖLN) 



DEUTSCHE KRAFT 



auch bei den ausführlicheren Epitaphinschrif- 
ten machen. In zahlreichen Nekrologen- 
büchern sind nämlich bisweilen auch die Stif- 
tungen der Verstorbenen an das Kloster oder 
die Kirche vermerkt, die ja immer sehr be- 
deutend waren. So hießen solche erweiterte 
Nekrologe geradezu libri praesentiarum. 
Diese Vermerke sind nunoft ganz oderteilweise 
gleichlautend wie die Inschriften auf den etwa 
gleichzeitigen Epitaphtafeln. Da liest man 
in den libri praesentiarum, den Büchern über 
die Geschenke: »Idibus N. N. . . obiit domi- 
nus N. N. abbas et fundator') monasterii, de 
quo habemus etc., oder qui nobis dedit etc. 
Diese Schenkungen der »fundatores, fautores« 
oder »benefactoresx fielen unter den Begriff 
des im ganzen Mittelalter vielgebrauchten 
Wortes Seelgerät (Seelengerät, Seelgereut), 
das aus der Literatur erst am Ende des i6. Jahr- 
hunderts verschwindet. Es bedeutet eine Stif- 
tung für kirchliche Zwecke zum Heil der 
eigenen oder einer fremden Seele, ein Ver- 
mächtnis, wofür Messen zugunsten des Ver- 
storbenen gehalten werden sollten =). Diese 
Zuwendungen bestanden in Ackern, Wäldern, 
Jagd- und Fischereigerechtsamen, ganzen Dör- 
fern, Pferden und Ackervieh, Getreide, Wein, 



') So die Eintragung für Sturmius, Abt von Fulda, 
in den Mon. Germ. Scriptores, Bd. XIII, S. i66. 

^) Seelgerät heißt lateiniscli mortuariumoder mortualia. 
Die für die Seelmessen ausgesetzten Vermächtnisse 
sollten den Seelen im Fegfeuer helfen. Der Dichter 
Rosenblüt in Nürnberg (Mitte des 1 5. Jahrhunderts) singt : 
Wann du dein Leben on Totsund endest 
das ist dir gar ein gewiß »selgereti. 
Vgl. den Artikel >Seelengereuthe« im Wörterbuch 
von Grimm. 



Altargeräten, Wachs zu Lichtern, barem 
Geld, kostbaren Steinen usw. So sagt AI- 
berus in seinen Fabeln (1550): 

»Ja Acker, Wiesen, Dörfer, Stadt 
gab man der Mesz für seigerät.« 
Alle diese Wertobjekte werden in den Nekro- 
logien bei Nennung des betreffenden Stifter- 
namens auf das gewissenhafteste, oft mit An- 
gabe des Wertes und Gewichtes vermerkt. 
Häufig ist in den Eintragungen Bezug ge- 
nommen auf die in einer besonderen Stif- 
tungsurkunde niedergelegten Bestimmungen 
des Erblassers. Auffallend ausführlich in Be- 
ziehung auf die Schenkungen sind die Ein- 
tragungen in den Nekrologien der Kirchen 
und Klöster zu Wien, die von den Mitglie- 
dern des Habshurger Herrscherhauses und des 
hohen Adels sehr reichlich bedacht wurden. In 
dem Nekrolog des berühmten Klosters Peters- 
hausen bei Konstanz findet sich bei Eintra- 
gung des im Jahre 1461 verstorbenen Johannes 
von Seinzheim') der Zusatz, es solle die 
Messe für ihn mit einer Vigil und Placebo 
am Tag vor dem Jahrestage gelesen und sein 
Grab besucht, am Tage selbst solle eine Messe 
mit Placebo gesungen werden, »wie es eben 
in unserem Kloster Sitte ist, den Todestag 
eines solchen vornehmen Herren zu begehen 
(sicut moris est talibus generosis nostro in 
monasterio anniversaria peragere). So hat er 
ja auch uns und unseren Nachfolgern ein 
Pfund der jährlichen Schiffahrtsabgaben in 
Amlikain (?) vermacht, wie es in der darüber 
von seiner Witwe, der hochedlen Gräfin Kuni- 
gunde von Nellenberg beschlossenen Urkunde 
bestimmt ist. — Noch ausführlicher über 
derartige Stiftungen ist die Inschrift auf der 
epitaphartigen Votivtafel in graviertem und 

') Monumenta Germ., Necrologia, Bd. I, S. 315. 




G. GRASEGGER 



DIE DEUTSCHE FAUST 



KIRCHLICHES BESTATTLNGSWESEN UND ALTERE GRABMALKÜNST 207 





GEORG GKASEGGER 



MDDELIE ZU \IER MEDAILLEN 



farbig emailliertem Messiny, welche die Her- 
zogin Isabella von Burgund, die Mutter Karls 
des Kühnen, für das Münster in Basel im 
Jahr 1433 machen ließ. Sie befindet sich heute 
im Städtischen Museum zu Basel. Oben 
sieht man eine Darstellung der Piet.i, assi- 
stiert von dem knienden Herzogspaar und 
Heiligen, darunter die hinge lateinische In- 
schrift, welche die vielen Geschenke der Stif- 
terin aufzählt, worunter auch zwei Anniver- 
saria (Messen) sind. Es wird dann auf den 
schriftlich niedergelegten Vertrag zwischen 
der Herzogin und dem Kloster verwiesen. 
Die eben erwähnten Anniversaria sind aus 
den Nekrologien hervorgegangen (besser vräre 
der Ausdruck Anniversarienbücher«); Anni- 
versarium bedeutet ein Seelenamt, das 
gemäß einer Stiftung am jährlichen Todes- 
tag des Stifters abgehalten wird. Diese See- 
lenämter also wurden in ein Buch eingetragen, 
das schlechtweg Anniversaria hieß. Da fin- 
det man die Namen hervorragender Bischöfe, 
Äbte usw. und weltlicher Wohltäter der Kirche, 
besonders von Fürsten und anderen hohen 
Herren und Damen verzeichnet. Ihr Todes- 
tag wurde jährlich durch eine Messe gefeiert. 
Zu beachten ist, daß das Verlesen des Nekrolo- 
giums zum Chorgebet gehörte, das Anni- 



versarienbuch aber in die Sakristei, da in 
ihm die Gottesdiensiordnung für die betreffen- 
den Verstorbenen verzeichnet ist'). Aus ihm 
ist das heute vorgeschriebene Verzeichnis aller 
an einer Kirche bestehenden Stiftungen her- 
vorgegangen, das in der Sakristei aushängen 
muÜ. 

Aus dem Nekrolog wurde in den Klostern 
alljährlich oder öfters derRotulus ausgezogen, 
ein Verzeichnis der in dem betreffenden Jahre 
Verstorbenen 2). Dies wurde durch einen 
Boten (rotulifer oder gerulus) anderen be- 
freundeten Klöstern und Genossenschaften 
mitgeteilt. Beim Tode '^' ornehmer oder sonst 
bedeutender Personen wurde auch ein be- 
sonderer Bote abgeordnet. Die rotuli hießen 
auch brevia mortuorum. Ein Schema für 
ein-en solchen Rotulus findet sich Kap. 98 
im über usuum Ordinis Cisterciensis und in 



') Vgl. Wetz er und Wehe, Kirchenle.xikon, iSqj, 
-Artikel Anniversaria. 

^/ Vgl. Buchberger, Kirchliches Handlexikon, Mün- 
chen 1912, Artikel Kotulus. — Du Gange, Glossar, 
Artikel Rotulus und Brevia mortuorum S. 744. — Ro- 
tulus bedeutet gewölmlich einen .-Aktenband, feiner auch 
das Verzeichnis der in einem solchen Band enthaltenen 
\'org.inge, wie Prozeßverhandlungen, Zeugenaussagen 
usw. — Hier also kann man Rotulus mit Trauerrund- 
schreiben wiedergeben. 




GEORG GRASEGGER (KÖLN) HL. PAULUS (BRONZE) 

Maraunenhp/erkirche in KoMigsl>er^ t. Fr. 



KIRCHLICHES BESTATTUNGSWESEX UND ALTERE GRABMALKUNST 209 



vielen Rotuli der Kloster'). Es ist an- 
zunehmen, daß bei dieser Verbindung 
der Klöster (desselben Ordens) unter- 
einander auch Kachrichten über die 
Grabmäler und deren Meister mitgeteilt 
wurden, die vielleicht sich von einem 
Kloster zum anderen emptehlen ließen 
oder auch Entwürfe von Monumenten 
versandten 2). 

Die Totenbestattung sollte un- 
entgeltlich geschehen wie durch viele 
Konzilienbeschlüsse bestimmt wurde 3j. 

Da aber jeder gute Christ vor seinem 
Tode der Kirche etwas vermachte, ent- 
wickelte sich eine Bestattungsgebühr. 
Es war den Klöstern verboten, einen 
Gläubigen zur Wahl eines Begräbnis- 
platzes innerhalb des Klosters zu be- 
wegen und so die oft große Gebühr zu 
erlangen. Vom 15. Jahrhundert etwa ab 
war der Verkauf der Grabstellen in den 
bedeutenderen Kirchen eine Hauptein- 
nahmequelle. Die Preise waren hoch, 
aber wenigstens genau festgesetzt ■+). 
Manche Kirchen sind im Innern so zu 
wahren Kirchhöfen geworden, z. B. die 
Marienkirche in Dan zig, in der oft 2 bis 
3 Gräber über einander errichtet wurden. 

Bei Bischöfen, Abten und Patronatsherren 
wurde schon in sehr früher Zeit, wie oben 
bereits angedeutet, die Bestattung innerhalb 
des Kirchengebäudes bisweilen erlaubt, daher 
rührt der Gebrauch, ihre Gräber im Chor zu 
errichten. Später stellte das Tri dentiner 
Konzil die Normen über die lokale Rang- 
ordnung der Begräbnisstellen in dem Kirchen- 
chor für die Bischöfe, Priester und Kanoniker 
auf das genaueste festäj, ohne daß in der 
Praxis diese feinen Unterschiede immer be- 
obachtet wurden. Schon der Kirchenvater 
Augustin hatte ja in seiner wahrhaft klassi- 
schen Schrift >;De cura pro mortuis gerendas 
verlangt, man solle sich in der Nähe der 




GEORG GR.^SEGGER 



DER KÜNSTLERS SÜHNCHEN 



') Delisle, Rouleaux des morts du IX'^ au XV' siede, 
Paris 1866, gibt S. I. ein Schema für eine solche Todes- 
nachricht aus einer Handschrift der Abtei Murbach 
im Elsaß vom lahre 790. Es heißt da: »De cetero 
compereat vestra Karitas, quod frater nomine >ille< 
(N. N.), Kalendas >iUas< de ac luce migravit, ut crediraus, 
ad Christum. < Es folgt aie Aufforderung, für sein See 
lenheil zu beten. 

=) Die dicken Bände der Xekrologia in den Mon. 
Germaniae habe ich auf solche Notizen nicht durchlesen 
können. Vielleicht bringen auch die später erscheinen- 
den Bände noch diesbezügliche Nachrichten. 

3) L. Ruland, Geschichte der kirchlichen Leichen- 
feier, Regensburg 1901, S. 174. 

*) Vgl. Bau- und Kunstdenkmale von Lübeck, 
Lübeck igo6, S. 70. 

S) Das Nähere bei Lex a. a. O., S. 31. 



Märtyrergräber, also am Altar bestatten lassen. 
Jeder gläubige Laie mußte darum zu allen 
Zeiten nach dieser Ehre streben, obwohl prin- 
zipiell das Begraben im Kirchengebäude durch 
die Konzilienbeschlüsse immer wieder verboten 
wurde M- Die karolingischen Konzilien hatten 
sogar Beseitigung der schon errichteten 
Grabmäler verlangt 2) und die Errichtung von 
Grabmonumenten überhaupt verboten. Ob 
diese Bestimmungen wirklich ausgeführt wur- 
den, scheint sehr zweifelhaft. Später, von 
der frühgotischen Zeit an wurden Laienbe- 
gräbnisse innerhalb der Kirchen ganz üblich, 
aber der Verstorbene mußte dafür außeror- 
dentlich hohe Stiftungen ausgesetzt haben. 
Das Tridentiner Konzil verlangte dann die 
ausdrückliche Erlaubnis des Bischofs für ein 
Laienbegräbnis in der Kirche, niemals aber 
sollte ein Laie am Altar bestattet werden 3). 
Auf diese Bestimmung verweist der römische 
Katechismus von 1566 und verlangt, daß die 
Beerdigungen auf den Kirchhöfen stattfinden 
sollen. Der überreiche Bestand von Grab- 
mälern und Epitaphien für Laien in zahl- 
reichen Kirchen Deutschlands beweist hin- 



Die einzelnen Konzilien hier aufzuzählen, würde 
zu ■weit führen. 

^) So auf dem Konzil zu Tribur. 

3) Kap. 27, de sepulcris et coemeteriis. — Lex a. a. O., 
S. 51. 



Die cbristlicbe Ku 



210 KIRCHLICHES BESTATTUNGSWESEN UND ÄLTERE GRABMALKUNST 




reichend, daß die Bestimmungen des Triden- 
tiner Konzils selir wenig BeacJTtung gefun- 
den haben. Die protestantische Kirche hat 
gleicherweise die Bestattung der Geistlichen 
und Laien im Innern der Kirchen stets ge- 
duldet. 

Es war schon früh üblich, bei der Bestat- 
tung von Königen, Fürsten und hohen Geist- 
lichen das Herz und die Eingeweide heraus- 
zunehmen und in einer anderen Kirche zu 
begraben, so daß der Betreffende zwei, ja 
drei Grabdenkmäler an verschiedenen Orten 
bekam. Vom 14. Jahrhundert an ließen sich 
auch die Domherren, die Mitglieder mehrerer 
Kurien waren, in jeder dieser Kuriat-Kirchen 
ein Epitaph errichten ; dies geschah vom 
14. Jahrhundert an auch ohne daß Teile der 
Leiche herausgenommen und an anderer 
Stätte als der ganze Körper beigesetzt wuden. 
Die Eingeweide des Kaisers Friedrich III. 
(t 1493) wurden in der Stadtkirche zu Linz, 
wo er starb, beigesetzt"), der übrige Körper 
im Stephansdom zu Wien, wo Nikolaus von 
Leyen später das mächtige Grabmal entwarf. 
Der Sohn Friedrichs, Maximilian L, der 
letzte Ritter (f 15 19), wurde in Wiener Neu- 
stadt vor dem Altar der Schloßkapelle ohne 
Denkmal bestattet, während sein Herz in 
dem riesigen Grabdenkmal der Hofkirche zu 



Innsbruck ') ruht. Bekannt ist, daß 
die Herzen der ba^'erischen Re- 
genten in der berühmten Kapelle 
der Mutter Gottes zu Altötting 
beigesetzt werden, die Leichname 
meistens zu München in der 
Michaelskirche. Dies Abtrennen 
der Leichenteile erinnert an die 
widerliche alte Sitte, das Fleisch 
durch Kochen abzulösen und 
nur die Knochen als wichtigsten 
Teil zu bestatten, da man das 
geruchlose Präparieren noch nicht 
verstand. Dies Abkochen (deco- 
quere) mul* eine allgemeine Sitte 
gewesen sein, sonst hätte es nicht 
Papst Bonifatius VIII. im Jahr 1300 
bei Strafe der Exkommunikation 
verboten-). 

Der Hauptteil der kirch- 
lichen Feier bei der Beerdigung 
war und ist noch heute in der 
katholischen Kirche die Seelen- 
oder Totenmesse 3). Sie wird 
nach den Anfangsworten des In- 
troitus »Requiem aeternam dona eis Domine« 
Requiem genannt. Der Text dieser Messen 
war zu allen Zeiten ein sehr mannigfaltiger, 
bis Papst Pius V. (1566 — 72) eine Revision 
des Missale {Missale Romanum) verordnete. 
Diese Neuordnung von 1570 ist im wesent- 
lichen noch heute im Gebrauch. Nicht zu 
übersehen ist der mächtige Eindruck der 
Musik, die wie jeden feierlichen Gottesdienst 
so auch die Totenmessen bis heute zu be- 
gleiten pflegt. In den vielfachen Texten 
dieser Messen, den Gebeten und Gesängen 
haben von jeher die Grabbildhauer das Mo- 
tiv oder Thema gefunden, das sie an dem 
Grabmal oder Epitaph darstellen wollten und 
zwar wohl viel früher, als sie die Stoffe aus 
dem Alten oder Neuen Testament für den 
ornamentalen Schmuck entnahmen-*). 



SCHLAFENDER 



') Abb. des schönen Wappensteines im Kunsthisto- 
rischen Atlas, Sammlung der Grabsteine, Wien 1892, 
Taf. 42; Abb. der Grabplatte in \\'ien, Taf. 4;. 



') Das Grabmal in Innsbruck wurde 1508 begonnen» 
aber erst 1584 vollendet. 

^) Corp. jur Canonici, extravag. Comm., üb. IJI., 
Kap. VII. — Ruland a. a. O, S. 174. — Ob das Ab- 
kochen lediglich eine deutsche Sitte war, konnte ich 
nicht ermitteln. — Lex, Das kirchliche Begräbnisrecht, 
Regensburg 1904, Kap. 11, Zerteilung der Leiber der 
Verstorbenen, S.6if. — R.Röhricht, Zur Geschichte 
des Begräbnisses more teutonico, Ztschr. für deutsche 
Philologie, Bd. 24 (1892), S. 505. — W. Effmann 
Ztschr. f. christl. Kunst V, 1892, S. 253. 

'1 A. Franz, Die Messe im deutschen Mittelalter. 
Freiburg i. 13. 1902. 

^) Diese Suche nach einem neu en Themabringt 
zuletzt die absonderlichsten Stotle, besonders in der 
B.irockzeit ans Tageslicht, es ist deutlich zu erkennen, 
daß man der alten, tausendmal wiederholten Vorwürfe 




GEORG GBASEGGER (KÖLX) HL. JOHANNES (BRONZE) 

Maraunenho/erkirche tu Königsberg t. Pr. 



212 KIRCHLICHES BESTATTUNGS WESEN UND ÄLTERE GRABMALKUNST 




HU60« MARDER 
PlOrsitER 

GEFALLEN. I>2rl9ld 




GEORG GRASEGGKR 



l>RIEi.,F.R(. RABZEICHEN' 



Von dem äußeren Vorgang bei einer Toten- 
messe sclieint hier nur folgendes wichtig '). 
Früher (bis Ende des 1 8. Jahrhunderts) stand 
die aufgebahrte Leiclie während des Gottes- 
dienstes in der Nähe des Altares, heute nur 
die Scheintumba. Der Chor singt nach dem 
Graduale die Sequenz: »Dies irae dies illa«, 
indes der Priester sie leise betet. Am Schluß 
der Messe wird anstatt des »Ite, missa est;< das 
: Requiescant in pace« gesprochen. Diese drei 
uralten Worte finden sich bekanntlich am 
Ende der Inschriften unzähliger Grabsteine 

überdrüssig w.ir. — Die bekannten Attribute des Todes, 
die Schädel, Knochen und lebensgroßen Skelette, an 
denen Würmer, Schlangen und Kröten nagen, oder die 
Tugendgestalten und Patten, die, an den Sarkophag ge- 
lehnt, trauern, kommen allgemein erst vom Ende des 
15. Jahrhunderts an vor. 

') Es würde viel zu weit führen, hier eine Schilde- 
rung des ganzen Herganges einer Totenmeßfeier zu geben. 



(auch als R. I. P.) aus allen Epochen. — Beim 
Libera nach der Messe wurde der Leichnam 
vom amtierenden Geistlichen beweihräuchert, 
desgleichen beim Hinablassen in das Grab, 
wie ja auch jetzt sowohl bei der Aussegnung 
und Beisetzung der Leiche, als auch beim 
Libera Weihrauch verwendet wird, als Sym- 
bol der Entsündigung und der Seligkeit. 
Beim Incens nach der Niedersenkung des 
Leichnams in das Grab spricht der Geist- 
liche: »Odore coelesti pascat animam tuam 
Deus . . .«. Auf zahlreichen hguralen Grab- 
platten wird diese Beräucherung von Engeln 
zu Häupten des dargestellten Toten ausge- 
führt: der Weihrauch gilt nicht dem irdi- 
schen Leib, sondern der zum Himmel aufstei- 
genden Seele '). Ein frühes Beispiel wäre das 
Relief tür einen Bischof (wohl den Bischof 
Jorda) in Eine (Pyrenäen, bei Perpignan)^). 
In Deutschland trifft man die Weihrauch- 
engel bekanntlich schon auf mehreren Tym- 
panonreliefs an romanischen Kirchen, auf 
Grabplatten aber erst am Anfang des 14. Jahr- 
hunderts an, später werden sie so häufig wie 
in Frankreich. Das erstemal kommen sie 
wohl an dem Monument für die Äbtissin 
Gertrud (f 1270) in der Schloßkirche zu 
Quedlinburgs) vor, das man etwa um 1330 
datieren könnte. Jünger ist vielleicht noch 
der Ehegrabstein des Grafen Eberhard von 
der Mark (f 1 508) in Fröndenberg (Westfalen, 
Kreis Hamm). Die beiden Weihrauchengel 
auf dieser mäßigen Arbeit sind recht steif 
ausgefallen. Im Mainzer Dom trägt die Tum- 
benplatte für den Bischof Mathias von Buch- 
eck (t 1328) ebenfalls zwei schon lebhafter 
bewegte Weihrauchengel, deren wohl aus 
Bronze gefertigte Weihrauchfässer heute ver- 
schwunden sind-t). In der spätgotischen 
Periode werden diese Engel ganz allgemein 
üblich, wie überhaupt die Engel als Verzie- 

') Vgl. Escher, Die Engel am französischen 
Grabmal des Mittelalters. Repertoriura für Kunst- 
wissenschaft 1912, S. 99 ff. — Leider fehlt eine ähn- 
liche gute Untersuchung bezüglich des deutschen Grab- 
mals. 

-) Abb. bei Vitry et Bricre, Documents de sculp- 
ture frani;aise, Tafel 28. Die Weihrauclilässer sind heute 
sehr bescliädigt. — Auch bei der berühmten Bronze- 
platte für den Bischof Evrard (f 1223 in der Kathe- 
drale von Amiens schwingen zu Häupten der Bischots- 
figur zwei Engel ihre Weihrauchfässer, während unten 
zwei Kleriker Lichter tragen. 

3) Vgl. Hase und v. Quast, Die Gräber in der 
Schloßkirche zu Q.ue dlin bürg, 1877, S. 15. Diese 
Dame steht auf einem Adler, der seine Krallen auf einen 
Löwen und einen Drachen setzt. Nach Psalm 91,5- — 
Das zitierte Buch teilt die Arbeit noch dem 15. Jahr- 
hundert zu. 

■<) .Abgebildet auf S. 24 des lfd. Jahrg., es handelt sich 
nicht um »musizierende« Engel. D. R. 



KIRCHLICHES BESTATTUNGSWESHN UXD ÄLTERE GRABMALKLXST 213 



rung bis in die Renaissancezeit iiinein auf 
keinem größern Grabmal fehlen dürfen. Dies 
gilt auch von den gravierten Messingplatten. — 

Bei der Bestattung der Leiche in das offene 
Grab wurde das Miserere gesungen. Man 
findet daher auf den Spruchbändern an un- 
zähligen Grabfiguren (auch an Epitaphien) die 
Worte eingehauen »miserere mei deus; 'J. 

Wie schon bemerkt, lassen sich in dem 
Text der Totenmessen noch andere Stellen 
nennen, die den Grabbildhauer bei seiner Ar- 
beit inspiriert haben -). Da wären die zuerst 
aus derMesse >amTage des Hinganges oder der 
Bestattung des Toten s die Worte anzuziehen: 
»jubeaseam (sc. aniniam) asanctis angelissus- 
cipi«. Auf diesem Satz beruht wohl die Darstel- 
lungzweier Engel zu Häupten desToten, welche 
beten oder das Kissen und das Haupt an- 
fassen 3). Bei der prachtvollen Marmorrelief- 
figur des heiligen Mtalis in S. Peter zu Salz- 
burg (etwa aus dem Jahre 1440) fassen sechs 
an beiden Rändern der Platte gleichmäßig ver- 
teilte Engel das Bahrtuch, auf dem der Bi- 
schof ausgestreckt liegt, um ihn so gen 
Himmel zu tragen. Das Aufnehmen der 
Seele des Verstorbenen durch einen EngeH) 
gab der Bildhauer auf dem Relief der Rein- 

') Es sind die Anl'angsworte des 57. Psalmes nach der 
Vulgata. 

^) Vgl. Brockhaus, Michelangelo und die Medici- 
Kapelle, II. Auflage, Leipzig 1911. Hier sind im An- 
hang aus einem alteren Meßbuch von 1512 »künstleriscli 
bedeutende< Stellen abgedruckt, .-^us ihnen geht her 
vor, daß auch Michelangelo die Idee für die bekannten 
vier allegorischen Figuren Tag und Nacht, Morgen und 
Abend dem Text des Missale entnommen hat. — Au'i 
der Literatur über deutsche Grabmiler kann ich keine 
derartige Untersuchung nennen. 

3) Im Dom zu .Mainz knien über dem als Bischof 
dargestellten Bonifatius (errichtet 1557) zwei betend»; 
Engel. Vgl. das in Eberbach a. Rh. befindliche Grabm.il 
des Eberhard von Stein, abgebildet S. 27 des vor. Jahrg. — 
Auf der prachtvollen Messingplatte des Hoe vener (1557) 
in der Xikolauskirche zu Stralsund fassen zwei En- 
gel das Kopfkissen. — .■^uf der Platte für Bischof 
Rupert im Dom zu Paderborn (j 1594) hallen 
zwei Engel die Mitra; hier findet man auch noch sechs 
musizierende Engel zuseiten des Bischofs. — Xicht 
weniger als sieben Engel figurieren auf der großen 
eindrucksvollen Marmorplatte, die die Tumba des Her- 
zogs Albrecht von Bayern (ti5g7) '° '^«r Karmeliter- 
kirche zu Straubing bei Regensburg deckt. Fünf von 
ihnen schweben am obereu Teil um das Haupt und 
Kissen des gerüsteten Herzogs, der mit dem ungeheuer 
großen Pelzhut angetan tot daliegt. 

■t) In späterer Zeit, von der Spätgotik an, sind, wie 
oben schon betont wurde, die Engel fast auf jedem 
Grabmal zu finden, in der Renaissanceperiode werden 
sie (z. B. an den Grabtafeln des Peter Vischer) zu spie- 
lenden Putten, die einen recht weltlichen Char.ikter 
haben. Auch als Wappenhalter kommen sie raancli- 
mal vor. So an den Seitenteilen der pracht\'ollen Rotmar- 
mortumba für den P''alzgrafen Otto (t 1449) in der Hof- 
kirche zu Neu markt in der Oberpfalz (zwischen Re- 
gensburg und Nürnberg). 




GKORG GR.\SEGGER 



Stt-iitgittstattiftle 



heldis in Riesenbeck in Westfalen (ca. 1 1 50). 
Hier nimmt ein Engel in Wolken die Seele 
der Betenden an sich. Fast komisch wirkt 
der Engel auf der Tumba des hessischen 
Landgrafen] o h a n n es (Mitte des 14. Jahrh.) 
in der Elisabethkirche zu Marburg. Er h.ilt 
die betende kleine Figur der Seele, die sich 
vom Haupte des Landgrafen gelöst hat, in- 
dem er dicht am rechten Ohre des Toten 
kniet. Auf andere Weise wird die Himmel- 
fahrt des Toten auf der Reliefplatie für den 
Presbyter Bruno im Dom zu Hildesheim 
(um i;oo) gegeben. Zwei Engel tragen die 



214 KIRCHLICHES BESTATTUNGSWESEN UND ALTERE GRABMALKUNST 




RICHARD STEIDLE (MLNCHEN) 



I^NTWIKI /X hlNLK ÜEDENKKAI'ELLE 



ygl. Aii. S. 2IJ. — Text S. 223 



Seele da in einem Tuch zu Christus empor. 
Diese Lösung: die betende Seele als kleines 
Menschenkind halb aus dem Tuch hervor- 
sehend darzustellen, das rechts und links ein 
Engel hält, wird später auch auf gravierten 
Messingplatten Mode. Die Engel tragen dort 
die Seele zu Abraham, dieser sitzt oben 
darüber und hält das Kindlein, die Seele, in 
seinem Schoß. So auf der Platte der Bischöfe 
Serken und Mul im Dom zu Lübeck 
(ca. 1360)'). Diese Idee, über dem Haupte des 
Bestatteten, also an einer wichtigen Stelle, 
den Vater Abraham mit der Seele in seinem 
Schoß thronend anzubringen"), beruht wohl 
auf einem älteren Begräbnisritus, wo es heißt: 
»Nimm auf, o Herr, in den Schoß des Patri- 
archen Abraham die Seele deines Dieners 



') Abb. bei Green y, Monumental brasses on 
the continent of Europe. London 1884, S. 15. — An- 
dere ebenda. 

=) In den Beschreibungen der betreffenden Grabmäler 
wird diese Abraharagestalt gewöhnlich Christus oder 
Gottvater genannt. Die Frage muß von Fall zu Fall 
untersucht werden. Abraham wird hier in die Liturgie 
hereinbezogen mit Rücksicht auf die Parabel vom rei- 
chen Prasser und dem armen Lazarus. 



N. N. und geselle sie zu den Heiligen und 
allen Auserwählten> usw., ferner auf der 
Stelle des Gebetes In exspiratione: Es nehme 
dich auf Christus, der dich gerufen hat, und 
in den Schoß Abrahams mögen die Engel 
dich tragen. Auch das Otfertorium der To- 
tenmesse enthält eine hierhergehörige Stelle ')■ 
Die Gemeinschaft des Toten mit den Heili- 
gen und Engeln erbittet der Begräbnisritus 
mehrfach, so z. B. wenn es in der schon er- 
wähnten Messe für einen \'erstorbenen heißt: 
»inter sanctos et electos tuos resuscitatus 
respiret« ')• Diese Heiligen (bisweilen die Pa- 
trone des Toten) werden auf den Fialen zu 
beiden Seiten der Gestalt des Toten oft über- 
einander dargestellt. So auf der gewaltigen 
Platte für den K ö n i g G ü n t h e r vo n S c h w a rz- 
burg von 1352 im Dom zu Frankfurt am 
Main. Hier stehen je zwei Heilige rechts 
und links übereinander. Eine solche Häu- 
fung von Heiligen paßte besser für die Zeich- 
nung auf den Messingplatten, wo manch- 

>) So im Sakramentar von Fulda (X. Jahrb.). 
Vgl. duellen zur Geschichte der Abtei Fulda, 
Bd. IX, Fulda 1912, S. 317. 



KIRCHLICHES BESTATTUNGSWESEN UND ALTERE GRABMALKUNST 215 







RICHARD STEIDLE (MLN'CHEN) 



ENTWURF ZL' EINER GEDENKKAPELLE FÜR GEFALLENE KRIEGER 
Text S. 22J 



mal über ein Dutzend Heilige die Architek- 
tur beleben, wie auf der Tafel für das Ehe- 
paar Zoest (Soest) von 1361 in der Johannes- 
kirche in Thorn '). 

Die vertikalen Seiten von Hochgräbern 
(Tumben) sind gewöhnlich durch eine spitz- 
bogige Architektur in kleine Abschnitte ge- 
teilt. Diese eignen sich sehr gut zur Auf- 
nahme einzelner kleiner Heiligenfiguren, 
wie man auf mehreren Monumenten im Chor 
des Domes zu Köln beobachten kann, von 
denen das älteste die Tumba für den Bischot 
Gottfried von Arnsberg (f 1370) ist. Hierher 
gehört auch die Tumba für den Erzbischof 
Ernst von Sachsen im Dom zu Magde- 
burg, gegossen im Jahre 1495 vonPeterVischer; 
an den Langseiten stehen je sechs bärtige 
Heilige (Patrone?). Eine noch größere Ver- 
sammlung von einzelnen, stehenden Heiligen 
zeigen die Seitenplatten des ziemlich roh ge- 
arbeiteten Hochgrabes für die Kurfürstin Anna 

') Ähnlich auch auf dem genannten Messingstein des 
Hoevener in Stralsund. — Die Zoestplatte ist abgebildet 
bei Green V S. 16, 17, die des Hoevener S. 15. — Vgl. 
Abb. S. 24 des lfd. Jahrg. dieser Ztschr. 



von Hohenzollern (f 1513) in der Kloster- 
kirche zu Heilsbronn bei Ansbach, der 
einzigen Kirche, in der man ältere Grabmäler 
der Hohenzollern findet. 

Bereits in den ältesten Texten der Toten- 
messe findet sich die auf dem Psalm XXI, 22 
(salva me ex ore leonis, rette mich aus dem 
Rachen des Löwen) beruhende Stelle »libera 
eas (sc. animas) de ore leonis«, befreie die 
Seelen aus dem Rachen des Löwen. Sie 
ist im Oifertorium der Totenmessen ent- 
halten. Dies »OS leonis« wird von den Aus- 
legern als Gewalt der Dämonen gedeutet, 
in der die büßenden Seelen der Verstorbenen 
schmachten. Man könnte wohl ohne Beden- 
ken mutmaßen, daß die Grabbildhauer durch 
diese Stelle veranlaßt worden seien, die Fi- 
gur des \'erstorbenen auf einen Löwen zu 
stellen, wodurch dann der Tote als Cberwin- 
der der bösen Mächte verherrlicht erscheint. 
Den wenigen Kunsthistorikern, die sich mit 
der Tiersymbolik an Gräbern bisher beschäf- 
tigt haben '), scheint diese Stelle entgangen 



•) Buchner, Zur Tiersymbolilc, namenthch an Grab- 



2i6 KIRCHLICHES BESTATTUNGSWESEN UND ALTERE GRABMALKUNST 



zu sein. Sie weisen darauf hin, daß -der 
Löwe im Anschluß an die vielen verschie- 
denen Bibelstellen, die ihn nennen, in ganz 
verschiedenem Sinne gefaßt werden kann 
als Svmbol der iMacht Gottes oder des 
Bösen ^< (Fink). Die Macht des Bösen, der 
Satan, ist unzweifelhaft unter dem os leonis 
der Messe gemeint, da um Befreiung von 
ihr gebetet wird, ne absorbeat eas tartarus, 
damit sie nicht die Hölle verschlinge, damit 
sie nicht der Finsternis verfalle. Der in der 
ganzen Christenheit im Laufe so vieler Jahr- 
hunderte verbreitete Text derTotenmesse und 
also auch der hier erwähnten Stelle hatte 
sicherlich mehr Beachtung gefunden als die 
anderen Bibelstellen, nach denen man den 
Löwen als Symbol der Macht Gottes oder des 
Erlösers (der »Löwe vonJuda;<) deuten kann"). 

malern, Ztschr. für cliristliche Kunst, 1903, Spalte 569!. 
— Fink, Die figürliche Grabplastik in Sachsen von 
den Anfängen bis zur zweiten Hälfte des dreizehnten 
Jahrhunderts. Berliner Dissertation 191 j, S. 55 f. — 
Ein gründliches Eingehen auf diese interessante Materie 
muß ich mir hier versagen. 

■) Vgl. Die Antiphon der I. Xokturn des Totenofh- 
ziuras aus Ps. 7, 5 : (Salvum me fac ex Omnibus per- 




Das Stehen auf dem Löwenleib, das bei so 
unzähligen Grabfiguren des Mittelalters zu 
beobachten ist, muß als Überwinden des Lö- 
wen, der Macht des Bösen gedeutet wer- 
den. \'ers 13 des 91. Psalms sagt ganz deut- 
lich: ;Auf Nattern und Basilisken wirst du 
gehen und zertreten wirst du Löwen und 
Drachen.« Ein handgreiflich zu nennendes 
Beispiel für letztere Stelle ist die schon ein- 
mal genannte Grabfigur der Äbtissin Ger- 
trud von Querfurt (t 1270) in der Schloß- 
kirche zu Quedlinburg am Harz. Sie steht 
auf einem Adler oder Falken, dessen eine 
Kralle auf einem Löwen fußt, während die 
andere auf dem Schweif eines sich krüm- 
menden drachenartigen Fabeltieres gestellt 
ist. Als Beispiel dafür, daß der Gedanke, es 
solle der Löwe, also das böse Prinzip, von 
dem auf ihm stehenden Abbild des Begra- 
benen überwunden werden, den Bildhauern 
auch wirklich bewußt war, dürfen freilich 
nur Grabsteine aus der frühesten Zeit ange- 
führt werden, denn es erscheint klar, daß 
den Künstlern späterer Epochen der Gedanke 
an das böse Prinzip bei Wiedergabe ihrer 
Löwen längst abhanden ge- 
kommen war, welche schon 
in der frühgotischen Zeit 
gewöhnhch weit eher den 
Eindruck zahmer Hunde 
machen als den grimmiger 
Feinde der Menschen ■). 
Auch im Gegensatz zu dem 



RICHARD STEIDLE 

U'rri : 



R. Biirkhnrdt. L iiks und rnk'.s 



l.HM^E EINER TISCHORGEL ' 
alte Figürchen 



sequentibus me et lihera me) ne- 
quando rapiat ut leo animam 
mtam = (erlöse mich von allen 
meinen Verfolgern und befreie 
mich), daß er (der Verfolger) nicht 
etwa raube wie ein Löwe meine 
Seele. Ferner den \ersikel der 
III. Nokturn aus Ps 7;, 19: Xe 
tradas bestiis animas confitentes 
tibi — Übergib nicht den Raubtie- 
ren die Seelen, die dich bekennen 
(Hebr. : die Seele deiner Taube). 
EndUch I. Petr. 5, wo es heißt, 
daß der Widersaclier, der Teufel, 
wie ein brüllender Löwe umher- 
geht, suchend, wen er verschlm- 
gen könne. Im 21. Psalm (Vers 
21 und 22) wird nicht nur um 
Errettung aus dem Rachen des 
Löwen gebetet, sondern auch um 
Erlösung aus der Gewalt des 
Hundes. Dementsprechend findet 
sich zu Füßen der Gestorbenen 
auf Grabmälern außer dem Löwen 
auch der Hund. Psalm 7 wird 
in der I. Xokiurn des Totenoffi- 
ziums gebetet. D. Red. 

') Die Löwen bei den Grab- 
figuren Riemenschneiders machen 
oft den Eindruck sanfter gelehriger 



KIRCHLICHES BESTATTUNGSWESEN UND ALTERE GRABMALKUNST 217 




RICHARD STEIDLE 



der Kirchenge»:einde ttfi^fkau/l. Vnausge/nkrt, 



PROJEKT tCR EINE KIRCHE IN WRIEZEN 
Text S. 214 



doch wohl sehr geringen Einfluß der so oft 
zitierten Bestiarien auf die Grabmalkunst, 
nach denen der Löwe seine totgeborenen 
Jungen am dritten Tage durch sein mächti- 
ges Gebrüll zum Leben erweckt, worunter nach 
den Auslegern die Auferstehung Christi zu ver- 
stehen ist, war die hier besprochene Stelle 
vom OS leonis in den Requiemsmessen von 
weit größerem Einfluß auf die Tiersymbolik 
des Grabmalplastikers, der ja die Aufersteh- 
ung der Christen, wie Tausende von Grab- 
mälernlehren, durchWiedergabe der Aufersteh- 
ung des Heilandes zu svmbolisieren pflegte. 
Welche Bedeutung man im ganzen Mittel- 
alter der Erscheinung des Löwen zuschrieb, 
lehrt ein Hinweis auf die Heraldik, er kann 
dort mit Fug das älteste Wappentier genannt 
werden. Anzuführen wäre hier noch eine 
Stelle aus dem Bestiarium, das kein Gerin- 
gerer als Leonardo da Vinci um 1500 

Pudel. — ■ Zum erstenmal kommt der Löwe zu Füßen 
einer Grabgestalt auf dem prächtigen Monument für den 
Grafen von Groitsch (f 1124) in Pegau bei Leipzig vor. 



verfaßt hat'). Es heißt da vom Löwen: »Läßt 
sich den Kindern der Tugend vergleichen, 
so durch den Ruf der Lobpreisungen auf- 
wachen und die ehrenbringenden Studien 
fördern, durch die sie immer höher gehoben 
werden. Und alle Schlechten fliehen 
bei diesem Ruf, indem sie sich, von den 
Tugendhaften scheiden.« Mit dieser gekün- 
stelten Deutung, die mit der Hl. Schrift nichts 
mehr gemein hat, läßt sich für unser Thema 
nichts anfangen. Man sieht nur auch hier, 
wie verschieden das os leonis, aus dem Zu- 
sammenhang genommen, gedeutet werden 
kann; mit der deutschen Grabbildhauerei hat 
die Schrift Leonardos nichts zu schaffen. 
Der Bildhauer wußte aber auch ferner aus 



") Die Stelle ist hier zitiert nach dem Buche von 
M. Herzfeld, Leonardo da Vinci, der Denker, Forscher 
und Poet, Leipzig 1904, S. 21S. — Vgl. auch im Neuen 
Testament die Stelle der Apokalypse 5,5, wo Christus 
der Sieger als Löwe vom Stamme Juda bezeichnet 
wird, während er schon im nächsten Verse unter dem 
Bilde des Lammes erscheint. 



: christliche Kunst. IV. 9f lo 



2i8 KIRCHLICHES BESTATTUNGSWESEN UND ALTERE GRABAIALKUNST 




RICHARD STEIDI 1 



ZIMMERAUSSTATTÜNG 



der Totenmesse, daß der sieghatte Erzengel 
Michael die büßenden Seelen aus dem 
OS leonis, aus der Finsternis betreit und als 
Wächter des Paradieses in das heilige Licht 
einführt. So heißt es im OiTertorium; »Sig- 
nifer sanctus Michael repraesentet eas (animas) 
in lucem sanctam.« Darum ist er der eigent- 
liche Patron aller Totenkapellen und figuriert 
auch bisweilen auf Epitaphien, wie z. B. auf 
dem Votivrelief eines Priesters Heinricus, 
das heute im Nationalmuseum zu München 
aufgestelh ist'). 

Die schon erwähnte herrliche Sequenz: 
»Dies irae, dies illa« hat zum Thema das 
Jüngste Gericht mit allen seinen Schrek- 
ken für die Sünder und seinem Lohn für 
die Gerechten. Wie dieses in der Malerei 
bereits in früherer Zeit wiedergegeben wurde, 
so war es auch in der Plastik schon seit der 
romanischen Kunst beliebt. Auf Grabmälern 
wird es erst im 15. Jahrhundert üblich, spä- 
ter tritt es immer häutis^er auf, doch finden 



^) Die bemalte Steinskulptur, auf der links am Rande 
vor dem stehenden Michael der Stifter Heinrich kniet, 
stammt aus Dirlewang in Oberbavern und ist etwa im 
Jahre 1340 entstanden. Dies Relief wäre sonach das 
erste Epitaph, auf dem Michael dargestellt ist, vielleicht 
ist es auch das .ilteste Epitaph überhaupt, wenn es 
auch keine Todesnachricht des Heinrich vermerkt. 



sich selten bedeutendere Leistungen darunter. 
In der frühesten Zeit betonte die Plastik die 
Hauptsache, nämlich den Richter selbst in 
der Glorie, während die übrigen Gestalten 
räumlich eine geringe Rolle spielen. Dieser 
Art ist ein Epitaph (ohne Inschrift, von ca 1 380) 
in der Klosterkirche zu Heilsbronn'). Die aus 
der Malerei bekannten Schwerter gehen vom 
Munde des Heilandes aus, unterhalb steigt 
ein Auferstehender gerade aus dem Sarg. 
Rechts und links von ihm kniet das den Hei- 
land anbetende Ehepaar, wohl die Donatoren 
des Epitaphs. Christus als Weltenrichter wird 
am Ende der spätgotischen Periode und be- 
sonders in der Renaissancezeit ein so be- 
liebtes Thema auch auf Grabsteinen und Epi- 
taphien, daß hier keine Beispiele genannt zu 
werden brauchen. Ebenso steht es mit der 
Szene der Auterstehung des Heilandes^), die 
so recht eine Quelle des Trostes für den 
Sterbenden wie auch für die Hinterbliebenen 
war, was ja auch der Apostel Paulus im I. Korin- 
therbrief (15, 14. 20. 35 tT.) ausgesprochen hat. 
An die Verrichtung liturgischer Gebete durch 
die Geistlichen mögen die vier grotesken, an 

') Die Skulptur ist verwittert und wohl niemals künst- 
lerisch hervorragend gewesen. 

") Die .■\uferstehung findet sich in Relief fast auf je- 
dem Grabmal des ausgehenden 16. Jahrhunderts vor. 



KIRCHLICHES BESTATTUKGSWESEN UND ÄLTERE GRABMALKUXST 219 



rlf^^^* 




RICHAKÜ STl-IHLE 



ZlMMKÜAl SSTAITLX'G 



Säulen gelehnten Kleriker des Bahrengrabes tur 
den Grafen Curcibold im Dom zu Limburg er- 
innern '). Solche im Buch lesende Geistliche und 
Mönche, welche Totenwache halten, finden 
sich noch auf den schönen Tumben der hes- 
sischen Fürsten in der Elisabethkirche in Mar- 
burg. So auf dem Doppelgrab für Landgraf 
Heinrich und seinen Sohn Heinrich 2) und 
auf der vom selben Meister herrührenden 
TumbafürdenLandgrafenJohannes. Diese 
lesenden Figuren sitzen zu Füßen der Toten 
und sind in kleinem Maßstab dargestellt. 
Züge aus der Trauerversammlung bei der 
Totenfeier wurden schon aut dem Reliefstein 
für den obengenannten Presbyter Bruno im 
Hildesheimer Dom zu geben versucht. Da 
sieht man zwei Bettler an der aufgebahrten 
Leiche ihres Wohltäters, dessen Füße noch 
eine Frau und ein kniender Mann umfassen. 
Drastisch wirken auch die klagenden Frauen 
und Männer an den acht Stützen des Bahren- 
grabsteines für den Stifter Konrad Groß 
(71356) in derSpitalkirche zu Nürnberg. Es sind 



') Das Denkmal stammt von etwa 12S0. 

=) Früher hielt man die Dargestellten für Otto den 
Schütz und seine Gattin. — .\m Fuß dieser Tumba 
einzelne durch Bombenstellungen getrennte Trauerfigu- 
ren. — Die beiden Tumben stammen wohl aus der 
Mitte des 14. Jahrhunderts. 



Spitalbewohner, die ihren Wohltäter beweinen. 
Das ganze Trauergefolge schildern die Reliets 
aufden Seitenteilen des Hochgrabes für Gebhard 
von Querfurt (t 1583) in der Schloßkirche zu 
Querfurt (Provinz Sachsen), wie jaüberhaupt 
schon in frühester Zeit (wie noch heute) bei 
jedem Leichenbegängnis auf ein möglichstzahl- 
reiches Gefolge Wert gelegt wurde. Es war 
wohl ursprünglich französische Hofsitte der 
Gefolgsmannschaft, sich in schwarzes Tuch 
derart einzuhüllen, daß kaum das Gesicht zu 
sehen war. Als aut dem Konzil zu Konstanz 
1415 (10. Oktober) der Kardinalvon Bari, 
Landolt, starb und 14 Tage danach im 
Münster sein Gedächtnisgottesdienst unter 
Teilnahme der zahlreichen, zu diesem Kon- 
zil versammelten geistlichen und weltlichen 
Herren gefeiert wurde, saßen um den Kata- 
falk, ein hölzernes mit 400 Kerzen erleuch- 
tetes kleines Haus (die chambre ardente) 
4) Diener des Kardinals. Sie waren, wie 
Ulrich von Richental') erzählt, «alle schwarz 



■) Ulrich von Richentals Chronik des Konzils 
zu Konstanz 1414 — 1418, deutsch von Brandt (Voigt- 
länders Cluellenbücher Nr. 48) Leipzig, ohne Jahr, S. 79 
— Die ziemlich ausführliche Beschreibung der Begrab 
nisfeier ist, soweit ersichtlich, noch nirgends zitier 
worden- Etwas kürzer ist die Beschreibung des Be 
grabnisses des englischen Bischofs Halam (Halum), 
der ebenfalls auf dem Konzil starb (a. a. O. S. 106). 



220 KIRCHLICHES BESTATTUNGSWESEN UND ALTERE GRABMALKUNST 




KlCllARLl brhlDLL 



ENTWLKF FÜR EIK DEUTSCHES KRAXkHSHALS IN PUKTO ALLtjlvE i,bl,ÜIiRA5ILIENj 
Chirurgischer Pavülon. — Text S. 224 



gekleidet in neue lange Mäntel mit Kapu- 
zen. Das Tuch war aber nicht zugeschnit- 
ten und genäht, sondern sie hatten sich 
darin eingehüllt. Jeder bekam dazu zwölf 
Ellen und jede Elle kostete einen Gulden. 
Die Mäntel zogen sie auf der Erde einen 
Schuh weit nach, je nachdem sie kleiner oder 
größer waren. Ein jeder trug in seiner Hand 
eine brennende Kerze, die ein halbes Pfund 
wog«. Diese vermummten Gestalten, die aus 
der französischen Grabmalplastik bekannten 
»pleureurs«, sind an deutschen Gräbern recht 
selten. Als Beispiel wären die Tumben für 
den Erzbischof Engelbert von der Mark (f i -568) 
im Dom zu Köln und für den Markgrafen 
Georg von Meißen (t 1402) in der Kirche zu 
Schulpforte in Thüringen zu nennen, doch 
sind da die Gewänder und Kapuzen nicht zu 
so drastischen Bewegungsmotiven benutzt, wie 
bei den eindrucksvollen französichen Pleureurs, 



Seine figurale Grabplatte aus graviertem Messing hat 
sich im Chor der Münsterkirche erhahen. 



z. B. des Claus Sluter am Grabe Philipps des 
Kühnen (Ende 14. Jahrhundert, heute im Lou- 
vre). Eine sehr schöne Darstellung des gan- 
zen Trauergefolges mit der vorangehenden 
Geistlichkeit nebst Klagejungfrauen und Ver- 
wandten sieht man an den Seitenwänden des 
Hochgrabes für den Herzog Heinrich IV. 
von Schlesien (j 1290) in der Kreuzkirche 
zu Breslau. Die einzelnen Gruppen sind 
durch Blendarkaden abgeteilt. Der ganze 
lange Leichenzug eines regierenden Herr- 
schers, voran sein Leichenwagen, ist auf der 
architektonisch reich gegliederten, die Gruft 
abschließenden steinernen Schranke in der 
Kirche zu Emden in fünf Reliefs dargestellt. 
Er gilt dem Grafen von Ostfriesland, Enno 
Cirksena (f 1548). Das \'orbild ist wohl 
in den damals beliebten Kupferstichwerken 
zu suchen, die bei jedem größeren Begräb- 
nis eines regierenden Herren herausgegeben 
und an die Teilnehmer verschenkt wurden. 
Die einzelnen Themata aus den Evan- 
gelien, dem Marienleben usw., die allmählich 



ZUR BEREICHERUNG DER GRABMALKUNST ©Sss 




Sbüalitat aimm iV5*nt^ 

Ücnfenölitiö n^nrU 

nn7> über 




lJtaubm$beR^ntntJ?^e$ $ü^ $tdr^ tapfer uno treu. 
eCn fn iPort utitJ Gat ^tttunri^m^^ tcl><tn Ju betätrf< 

Sob^ 0oH ^nWmem trijcn tmD öütt tJt^, fe in ^n t 
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tl(^rStgn|tfxigrer:©^MI^ i»i::::::_v.-::rriÄj 



RICHARD STHini.E 



ENTWURF ZU EINER AUFNAHME-URKUNDE 



die ältesten typischen Darstellungen auf Grab- 
malern und Epitaphien verdrängten, können 
hier nicht aufgezählt werden; die Auswahl 
beruhte schon seit dem i6. Jahrhundert aut 
dem Willen und der Liebhaberei des einzel- 
nen oder auf einer gerade aufkommenden 
Mode, aber nicht mehr auf den rituellen 
Übungen beim Begräbnis und bei der Toten- 
messe. 



V 



ZUR BEREICHERUNG DER GRAB- 
MALKUNST 

or mehr als 7 Jahren machte der Heraus- 
geber dieser Zeitschrift den Gedanken- 
kreis, der dem vorstehenden Aufsatz über den 
Einfluß des kirchlichen Begräbnisritus auf 
die ältere Grabmalkunst zugrunde liegt, zum 
Thema eines Vortrages vor einer Anzahl 
junger Künstler. Er hob aus den kirchlichen 



Sterbegebeten, dem Begräbnisritus und der 
Totenmesse alle jene Stellen heraus, welche 
die Phantasie des bildenden Künstlers befruch- 
ten konnten, und insbesondere jene Gedan- 
ken, die zur Verwertung in der religiösen 
Grabmalkunst geradewegs herausfordern. 
Damit wollte er den Anstoß zum Neudurchden- 
ken und Verarbeiten der ergreifenden Gebete 
geben, durch welche die Kirche das Hinschei- 
den und die Bestattung ihrer Kinder weiht. 
Es wäre nicht zu verwundern, wenn jene 
Absicht erfolglos geblieben wäre. Denn die 
Liturgie und namentlich der hier einschlä- 
gige Teil derselben ist unserer Laienwelt, 
der Großteil der christlichen Künstler nicht 
ausgenommen, ein mit sieben Siegeln ver- 
schlossenes Buch und diese Siegel löst nicht 
ein abendlicher Vortrag, sie fallen erst all- 
mählich, wenn man dauernd mit der Kirche 
denkt und lebt und zielbewußt lernt. 



ZUR BEREICHERUNG DER GRABMALKUXST 



*_ „..„.,..^„.„ ::..,.....t.:. 



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RICHARD STEIDLE 



EXTWURF Zu EINER AUlKAll.ME URKUNDE 



Jenen, welche außerhalb des kirchlichen 
Gedankengutes autgewachsen sind, mag ihre 
Verständnislosigkeit gegenüber diesen Dingen 
verziehen sein, solange sie sich kein Urteil 
über das zumessen, was sie nicht wissen. 
Wollen sie jedoch darüber schreiben, so 
sollten sie sich zuerst darin umsehen, aber 
etwas genauer, als beispielsweise jener Kunst- 
schriftsteller, der in seinem Buch berichtet, 
um den Gebrauch des kirchlichen Gerätes 
im Kultus verstehen zu lernen, sei er an 
einem Ostermorgen zu einem Hochamt ge- 
gangen, wo er die drei zelebrierenden Priester 
und die Chorknaben sah und Mozarts strah- 



lender Musik lauschte. Solchen Oberfläch- 
lichkeiten begegnet man in Kunstartikeln 
nicht selten, wir können sie nicht hindern. 
Bei unseren Künstlern und Kunstfreunden aber 
muß sich das Bewußtsein schärfen, daß die 
\'erwertung der Tradition in der Kunst nicht 
im Nachtreten hinter den Vorgängern, nicht 
im äußeren Wiederholen der gewöhnlichsten 
und gewohnten Formen und Darstellungs- 
gebiete besteht; vielmehr soll sich die Tra- 
dition darin äußern, daß die besten Gedanken 
und Empfindungen aller Jahrhunderte der 
Kirche in der Liturgie und ihren Ausstrah- 
lungen auf das gesamte religiöse Leben ihren 



224 



ZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE VON RICHARD STEIDLE 




ALTE DURFKIRCHE USD FRIEDHOF ZU WIDDEKSBERG 
GEZEICHNET VON RICHARD STEIDLE 



Niederschlag linden, um in uns immer wieder 
neu zu leben und Leben zu spenden. Das ist 
die Tradition, die wir brauchen und pflegen 
wollen. Deshalb müssen wir uns in die Ge- 
bete und Gebräuche der Kirche vertiefen und 
der Kunst ihren Inhalt vermitteln. 

S. Staudhatner 

ZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE 
VON RICHARD STEIDLE 

(Zu den Abb. S. 214—227) 

P\ie vorliegenden Arbeiten sind zumeist auf 
'-^ Grund von Wettbewerben entstanden. Bei 
dem Projekt für eine Kirche in Wriezen (Abb. 
S.217) wählte der Architekt eine elliptische Lö- 
sung, eine schon bei alten Barockbauten ver- 
wendete Form des Grundrisses. Als das glän- 
zendste Beispiel dieser Art kann wohl die Wies- 
kirche bei Steingaden (Oberbayern) angesehen 
werden, die kein geringerer schuf als Dominikus 
Zimmermann, der hervorragende Meister aus 
der Wessobrunner Stukkatorenschule. Durch 
die leichten Schwingungen und Kurven ergibt 
sich ein anmutiges Spiel der Linien und ein 
interessanter Kontrast von Licht und Schatten. 
Der Innenraum wird von einem einzigen 
mächtigen Kuppelgewölbe überdecktund erhält 
dadurch ein großzügiges, geschlossenes Ge- 
präge. Das anschließende Pfarrhaus mit Kom- 
munikantensaal im Zwischentrakt redet eine 
schlichte Formensprache und läßt nur durch 
seine Lisenenteiluns die Zugehörigkeit zur 



Kirche erkennen. Das Pro- 
tokoll bezeichnete die Arbeit 
als »hohe künstlerische Lei- 
stung«. Bei dem Wettbe- 
werbe für das deutsche Kran- 
kenhaus in Porto Alegre (Abb. 
S. 220), der auf brasilianische 
Baufirmen und die Architek- 
ten der deutschen Frauen- 
hilfe fürs Ausland ausgedehnt 
war, bezeichnete das Preis- 
gericht den vorliegenden 
Entwurf sowohl in hygie- 
nischer als architektonischer 
Beziehung anerkennenswert 
und zur Ausführung an erster 
Stelle geeignet. Das Projekt 
sieht einen chirurgischen, 
einen internen und Infek- 
tions -Pavillon, ein Wirt- 
schaftsgebäude und ein 
Schwesternhaus vor. Von 
diesen wurde der erstere 
noch im Jahre 1914 in An- 
griffgenommen. Das Kran- 
kenhaus, für das ausdrücklich ein Mansard- 
dach vorgeschrieben war, liegt auf einem ho- 
hen Berge, der in Terrassen zum Meere abfällt 
und weithin das Land beherrscht. Die Mün- 
chener Bürgerrechts- und die Aufnahme- 
urkunden (Abb. S. 226) entstanden gleichfalls 
bei Wettbewerben. Ihre Lösung wurde durch 
die Erwägung bestimmt, daß eine Urkunde 
vor allem ein Schriftstück ist und daß der 
malerische Schmuck mehr in den Hintergrund 
treten müsse. Infolgedessen beschränkt sich 
das Ornament lediglich auf Initiale und Zeilen- 
füllungen. Für die Aufnahmebescheinigung 
der Lehrlinge (Abb. S. 221 bis 223) wurde ein 
möglichst kleines Format gewählt, damit der 
Wanderbursch das Täfelchen leicht im Ränzel 
mittragen kann. Bei diesen Entwürfen sowohl, 
als auch bei den Illustrationen aus einem Ge- 
denkbuch neuerer deutscher Dichter, wie 
Möricke, Storm, Hesse und Falke, wurde be- 
sonders Gewicht darauf gelegt, daß Schrift 
und Illustration zusammengehen und es dürfte 
ein Vergleich der beigegebenen Proben inter- 
essant sein, inwieweit dies Bestreben geglückt 
ist. Bei allen bisher besprochenen Arbeiten 
können wir die \'orliebe des Architekten für 
alte Formen und Gestalten erkennen, die nur 
mit leichter, zwangsloser Beugung den mo- 
dernen Bedürfnissen angepaßt werden. So 
bevorzugt er auch bei seinen Möbelentwürfen 
gerne Anklänge an die Empire- und Bieder- 
meierzeit, ohne die zeitgemäßen Forderungen 
außer acht zu lassen. Am allerliebsten ist 



GRAPHISCHE AUSSTELLUNG DER >XEUEN SECESSIOX« MLX'CHEX 225 



ihm aber die Volkskunst, die schlichte traute 
Dorfkirche, die träumende Kapelle — der 
moosübersponnene Marterstock. Mit solch 
lieben Sachen füllt er gerne seine Skizzen- 
bücher. Und aus diesem Geiste heraus ist auch 
die derbe Gedächtniskapelle im Gebirge für 
die tapferen weißblauen Krieger entstanden, 
■wo vom verwitterten Holzgiebel der Ge- 
kreuzigte grüßt und im nagerlbestandenen 
Freithof die stillen Gedächtnismale für die 
toten Helden stehen (Abb. S. 214 und 215). 

GRAPHISCHE AUSSTELLUNG DER 
»NEUEN SECESSION« MÜNCHEN 

Die als Vorkämpferin allermodernster Kunst- 
auffassungen bekannte, an dieser Stelle 
schon wiederholt erwähnte >.Neue Secession« 
veranstaltete seit Mitte März in den Räumen 
der Galerie Caspari zu München unter Beteili- 
gung der meisten Vertreter der zugehörigen 
Richtungen eine ziemlich umfangreiche Aus- 
stellung von Graphiken. Zahlreiche dieser 
Künstler vermögen sich dabei nicht anders 
zu verhalten, nichts anderes zu geben, als 
was sie auf ihren Gemälden auch zeigen. 
Der Unterschied liegt lediglich in den 
Äußerlichkeiten des Materials, des For- 
mates und des Ausschlusses der Ölmalerei, 
an deren Stelle Aquarell oder farbige Zeich- 
nung tritt. Das 
Wesentliche die- 
ser Kunstübung 
wird ja durch 
dieseDingeauch 
nicht berührt. 
Kommt es ihr 
doch nicht auf 
Nachbildungder 
Erscheinungs- 
welt an, sondern 
auf die sichtbar 
gemachten Er- 
gebnisse des die 
geistigen Zu- 
sammenhänge 
alles Seins er- 
gründenden in- 
neren Schauens. 
An sich ist es 
nicht zulässig, 
die Berechti- 
gung eines sol- 
chen neuen Pro- 
gram mes von 
vorn herein ab- 
zulehnen. Jede 



Kunst, die wirklich diesen Namen verdient, 
hat den Drang und trägt die Kraft in sich, sie 
hat auch das Recht und die Pflicht, nach neuen 
Idealen zu suchen. Sie muß trachten, sich 
aufwärts zu bewegen, sich in sich zu sam- 
meln, sie steigt also nicht abwärts und zer- 
fließt nicht, sie ahnt und sieht ihr hohes Ziel, 
verfolgt es bewußt und verrät sich nicht als 
eine Führerin, die den Weg selbst nicht weiß. 
Prüfen wir aber diese übermodernste Kunst 
— und gerade die graphische Ausstellung gab 
mit vielen Zeichnungen und Entwürfen treff- 
liche Gelegenheit dazu — so gewahren wir, 
daß ihr von allen soeben en.vähnten Eigen- 
schaften vorwiegend die negativen zukommen. 
Zu diesen gesellt sich noch die des aufs ein- 
seitigste herrschenden Subjektivismus ; er hat 
zur Folge, daß im Grunde nur einige w-enige 
Künstler wirkliches Interesse erregen, weil sie 
Selbständigkeit des Erlebens und Gestaltens 
besitzen, während die übrigen, so wenig sie 
selbst es wissen mögen, lediglich die Nach- 
ahmer jener sind. Die meisten treten uns mit 
Leistungen entgegen, deren äußere Form in 
gewolltem krassem Widerspruch mit der Wirk- 
lichkeit und Wahrheit der Natur steht. Ein- 
zelne dieser Künstler gestatten sich noch 
obendrein Freiheiten, mit denen sie geradezu 
herausfordernd wirken möchten; so Pech- 
stein mit seinen farbigen Zeichnungen auf 
bedrucktem Zeitungspapier. Die Naturwidrig- 




.\LTE DORFKIRCHE MIT FRIEDHOF ZU PULLACH BE 



n'i;t\\>\ k;i h\kdsteidle 



Die cJirirJiche Kiii 



226 GRAPHISCHE AUSSTELLUNG DER »NEUEN SECESSION« MÜNCHEN 



keiten der einzelnen sind ziemlich verschie- 
denartig. Sie alle aber wollen auf dasselbe 
Endziel hinaus, auf die andeutende Darstellung 
des Geistes und des Begriffes, denen zuliebe 
auf jede Äußerlichkeit verzichtet wird. In 
Wahrheit steht die Sache so, daß gerade die- 
ses Streben zu AuGerlichkeiten schlimmster 
Art führt. Nachdem es dem Beschauer un- 
möglich ist, aus den verworrenen Gedanken- 
gängen dieser Maler klug zu- werden, bleibt 
seine Aufmerksamkeit an der Form hängen. 
In sie sich zu finden, sie als Kunst anzuer- 
kennen, wird seiner Selbstüberwindung zuge- 
mutet. Aber das ist doch das Gegenteil von 



|t?5E^EII^?I3El 




I URKUNDE 

iS lüBER. VERLEIHUNG 

BÜRGER 



DES 



RECHTES 



i BEURKUNDEN HIEMIT 
^. DASS WIR DEM HERRNfM 

DÜDROi BESCMllSS^^^N^ 

DAS BURGERRECHT IN DER 

STADTGEMEINDE MIüNCHEN 

AUF GRUND DE ART 

DER GEMEINDE^ORDNUNG 
VERLIEHEN HABEN 
AM 

MAGLSTRAT DER KOENIGIl 
HAUPT UND RESIDENZSTADT 




BURGERMELSTER. 
OBERSEKRET^R-- 



PREISGEKRÖNTER ENTWURF ZUR MÜNCHEN'ER BÜRGERRECHTSURKUNDE 
VON RICHARD STEIDLE. — Trxt S. 224 



dem, was richtig ist. Nicht der Beschauer 
soll das Werk zum Kunstwerk erheben, son- 
dern dieses selbst soll zum Erlebnisse werden, 
nicht sofort für die große Masse, sondern 
vorerst für die besten Geister, die ahnend 
oder bewußt seine Wirkung in sich aufneh- 
men, ihr Wesen von ihm durchdringen lassen. 
Von dort aus geht die Wirkung dann kul- 
turbildend ins Volk hinaus. Das ist das 
Zeichen des echten Kunstwerkes, daß es den 
von ihm erfüllten Geist abklärt, ihm den Weg 
zu weiteren Höhen zeigt, nicht aber ihm den 
Blick trübt und die Sicherheit raubt. Diese 
modernste Kunst aber zeigt in ihrem Suchen 
und Nichtfinden die 
Halt- und Hilflosig- 
keit des geistigen 
Lebens, dem sie ent- 
wachsen ist, jenes 
Lebens, das die Exi- 
stenz von etwas 
Höchstem, Über- 
sinnlichem fühlt, 
ohne doch das 
wahre innerliche 
Verhältnis dazu fin- 
den zu können. 
Statt des Abglanzes 
der übernatürlichen 
Wahrheit, der sich 
in Regel und Schön- 
heit offenbaren 
muß, schafft sie sich 
Formeln, kabbalisti- 
sche Zeichen und 
Schematismus — 
verhängnisvollste 
Dinge, weil sie den 

Zusammenhang 
des gesunden Emp- 
findens mit den er- 
ziehlichen Wirkun- 
gen der Kunst un- 
terbricht und hin- 
dert. Mit deutschem 
Wesen hat diese 
Kunst nur in ihrer 
grüblerischen Art 
zu tun, durchaus 
nichts aber in ihrer 
Willkür. Deutsch 
sein heißt auch or- 
dentlich arbeiten 
und ein klares Wort 
reden, das jeder Ver- 
ständige begreifen 
kann. Es gibt aber 
viele unter diesen 




HBSS?^:ff'^"?iS^f'?WSJ 



GRAPHISCHE AUSSTELLUNG DER >NEUEN SECESSION'< MÜNCHEN' 227 




STEPHAN' ZUECH (WIEN) 



Malern und Graphikern, bei denen dies kaum, 
einige, bei denen es garnicht möglich ist. 
Zum Charakteristischen gehört auch, daß diese 
Neuesten sich gern mit rehgiösen Dingen be- 
schäftigen. Darüber dürfte man sich freuen, da 
ja sonst die christliche Kunst heute so viel ver- 
nachlässigt wird, wenn es sich um solche han- 
deln wollte. In Wirklichkeit aber sind diese 
gemalten, radierten usw. Werke Äußerungen 
bedenklicher innerer Verwirrung, von der das 
wüste Äußere den traurigen Beweis liefert. 
Als Beispiele nenne ich Passionsbilder (solche 
Stoffe wurden mit Vorliebe gewählt) von 
F. Schäfler, O. Lange, die in grellen 
Farben und kubistischen Formen gemalten 
Aquarelle von J. Eberz, der leider in die- 
ses Fahrwasser geraten ; Abklärung an der 
Gotik erstrebt K.Caspar, der relativ Er- 
folgreichste dieser Gruppe. Seine » Heim- 
suchung (, sein j-Ölberg« und »Johannes auf 
Patmos« gehörten zu den besseren Erschei- 
nungen innerhalb dieser Ausstellung. Die 
äußere Art Caspars hält sich, sowie die A. 
Schinnerers, M. Pechsteins, O. Coe- 
sters und anderer auf der Grenze zwischen 



jenen Unmöglichkeiten, als deren äußerster 
Pol die Arbeiten Paul Klees dastehen, und 
jenen begreif liehen Sachen, die eigentlich in 
der yNeuen Secession« nicht an ihrem rech- 
ten Platze sind. Als andere solche Über- 
gangserscheinungen betrachte ich die entsetz- 
lich harten Holzschnitte von F. Hecht, denen 
es immerhin an einer gewissen Größe der 
Stimmung nicht fehlt, auch die voii düsterer 
Melancholie oder hohnlachender Heiterkeit 
erfüllten Phantasien A. Kubins. Zu den 
erfreulicheren, weil klareren und begreif- 
licheren Werken gehören u. a. die duftig 
hellen Landschaften von R. Sieck, die 
sehr feinen Radierungen von H. Purrmann, 
die stimmungsreichen Blätter R. v. H ö r s c h 1 - 
manns. Ob aber diese Künstler imstande 
sein werden, sich den Beispielen der Gegen- 
seite auf die Dauer zu entziehen.^ Im Ge- 
schäftsleben geschieht es oft, daß der Ban- 
kerott einer Firma den von anderen mit in 
seine Strudel zieht.- Hier droht ähnliche 
Gefahr. Darum aber den Bankerott der 
Kunst überhaupt zu fürchten, scheint mir 
kein Grund. Sie steht fest genug, und wenn 



228 



^ BILDHAUER STEFAN ZUECH ^ 



dieser Rausch vorüber ist, mag die Mensch- 
heit sich wohl wieder erinnern, daß die 
alten Meister die rechten Vorbilder tiefster 
Gedankenkunst, und daß ihre Werke darum 
unsterblich sind, weil ihr Geist und ihre 
Form in Gesundheit, Schönheit und Wahr- 
heit miteinander gleichen Wert besitzen. 

Doeri ng 

BILDHAUER STEFAN ZUECH 

(Hierzu die Abb. 227 — 230 und Einschaltblatt nach S. 224) 

In der jüngsten Ausstellung des Wirtschafts- 
verbandes bildender Künstler in Wien hat 
sich der Hellmer-Schüler Stefan Zuech durch 
seine für die Invalidenkirche daselbst bestimmte 
Monumental-Plastik »Vor der Pieta« mit 
einem Schlage in die Reihe der bekanntesten 
Plastiker der österreichischen Hauptstadt ge- 
stellt (Beil. nach S. 224). Es dürfte deshalb 
für weitere Kreise sicher von Interesse sein, 
sowohl diese hervorragend schöne Arbeit wie 
einige andere Schöpfungen dieses Künstlers 
im Bilde kennen zu lernen, um so mehr, als 
man ja in den Wiener Ausstellungen der jüng- 
sten Zeit die religiöse Kunst leider beinahe 
so gut wie ganz vermissen mußte. 

Über die Persönlichkeit Stefan Zuechs, der 
bis jetzt stets bescheiden im Hintergrunde 
stand und sich seinen Platz an der Sonne 
durch das vorerwähnte Werk erst erringen 
mußte, sei beigefügt, daß derselbe, zu Brez 
in Südtirol geboren, die Staatsgewerbeschulen 
in Trient und Laas besuchte, mehrere Jahre 
in dem Atelier Emanuel Pendls in Wien tätig 
war und sodann die k. k. Spezialschule in der 
Akademie der bildenden Künste absolvierte, 
von der ihm die höchste Auszeichnung, der 
Staatspreis, zuerteilt wurde. Von seinen Ar- 
beiten ist es, wie schon eingangs erwähnt, 
die prächtige »Pietät, die im Eintrittsraum 
zur genannten Ausstellung aufgestellt, impo- 
nierend in die Erscheinung tritt. In strenger 
Kreuzesform baut sich die Gruppe, die eine 
Fülle schöner und gediegener Einzelheiten 
enthält, auf; die Schmerzensmutter, den Leich- 
nam des Sohnes auf ihrem Schöße, durchweg 
überaus edle Formen und ein prachtvoll an- 
gepaßter Ausdruck starker Unmittelbarkeit 
und innerer Belebung in dem Antlitz der 
Madonna. Zur Seite kommt ein Soldat, einen 
Lorbeerkranz in der Hand und beugt das 
Haupt zu dem Kopfe des Erlösers, ihm die 
Schläfe zu küssen. Eine unendliche Zartheit 
liegt in dieser Bewegung, die etwas ergreifend 
Feierliches hat. Niemand kann an dieser hoch- 
erfreuüchen Arbeit achtlos vorübergehen, an 
welche nicht nur alles Talent, sondern auch 



das ganze künstlerische und religiöse Empfinden 
ihres Schöpfers gewandt worden ist. Es ist 
ein Werk, das in seiner stimmungsvollen 
Schönheit sich nicht so rasch vergessen läßt. 
Von weiteren größeren plastischen Arbeiten 
des Künstlers seien noch angeführt: In erster 
Linie die Kolossalgruppe »Vor dem Tore 
der Ewigkeit-:, für welche Zuech die große 
goldene Medaille erhielt. Auch diese Arbeit, 
ebenso wirkungsvoll wie erhebend, verdient 
uneingeschränkteste Anerkennung. Das Ganze, 
in Marmor ausgeführt, ist von einer ebenso 
wuchtigen wie gleichzeitig tief ergreifenden 
EindringÜchkeit. Die vor dem Tore, — das 
in harmonisch-lapidarer Einfachheit dargestellt 
ist — , wartenden, mit warmem Gemüt ge- 
schaffenen Gestalten sind außerordentlich ein- 
drucksvoll und strahlen diese Wärme der 
Empfindung auch wohltätig auf den Beschauer 
zurück. Auch das Hochrelief »Der heilige 
Virgilius, Bischof von Trient, unter- 
richtet die Diakonen« — für den Dom 
zu Trient in Stein gefertigt — , bestätigt eben- 
falls den guten Eindruck, den wir von dem 
Künstler bereits durch seine beiden vorher 
gewürdigten Schöpfungen gewannen. Starke 
Intuition, begleitet von hoher technischer 
Meisterschaft, verbindet sich auch hier mit 
einer Darstellung von ausgesprochener Na- 
türhchkeit; die Charakteristik der einzelnen 
Personen ist von bewundernswerter Feinheit 
und Vielseitigkeit, besonders zeigt das Antlitz 
des Bischofs einen energisch würdevollen 
Ausdruck. Dieses Relief gehört mit zu den 
besten Leistungen des hochbegabten Künst- 
lers. Auch das große Marmor-Denkmal 
für den Forscher, Priester Grazioli, 
den wirksamen Förderer der Seidenzucht, 
in dessen Heimatstadt Lavis in Tirol zeigt 
die gleichen Vorzüge seiner übrigen Schöp- 
fungen großen Stils. Künstlerische Voll- 
kommenheit verbindet sich mit achtbarer 
Gewissenhaftigkeit, solideste zeichnerische 
Durchführung mit genauer Charakteristik. 
Außerdem schuf der Künstler noch unter 
anderem ein Marmor-Denkmal fürden 
Kardinal Bernhard von Cles, eine Sta- 
tue »Der tröstende Heiland«, gleichfalls 
in Marmor für Trient, ein Kriege r -Grab - 
Denkmal in Leibnitz, eine Madonna mit 
Kind, eine Maria von der Unbefleck- 
ten Empfängnis, ein Marmor-Stand- 
bild des Märtyrers Sankt Tarcisius 
für die Kirche Santa Maria in Trient und des 
heiligen Rochus für Privatbesitz. Von 
Stefan Zuech hat die Wiener religiöse Kunst 
sicher noch viel des Schönen zu erwarten. 
Richard Riedl 



229 




STEPHAN" ZUECH (WIEN), DENKMAL DES GEISTL. FORSCHERS GRAZIOLI 1\ LA VIS (TIROL) 



230 



^ EIN NEUES WERK \'ON TH. BAIERL e^ 




irtPHAK ZL'HCII .WIKN' 



VOR IIEM TORE DER EWIGKIII — T^xl S. 22S 



EIN NEUES WERK VON TH. BAIERL 

(Abb. S. 231) 

A uf Wunsch des K. B. Reichsrates, Geh. Baurates 
^^ Herrn Oscar von Miller, hat Theo d or Baierl 
eine dreiteilige Malerei geschaffen, die bestimmt ist, die 
Hauskapelle des .\uftraggebers in dessen am Starn- 
berger See gelegenen Besitztum zu schmücken und da- 
selbst zur Ehrung des Gedächtnisses des dem Kriege 
zum Opfer gefallenen Sohnes des Herrn von Miller 
zu dienen. Gleichzeitig soll das Werk eine Hindeutung 
auf die pflegerische Tätigkeit der Tochter enthalten. 
Auch die Wahl des Kunststiles — die Gemälde zeigen 



eine Auffassung, die derjenigen der deutschen Malerei 
vom Anfange des 16. Jahrliunderts entspricht — gehtauf 
einen ausdrückliciien Wunsch zurück, der dadurch seine 
äußere Rechtfertigung findet, daß auch die Kapelle den 
Stilcharakter derselben Zeit aufweist. In ilirem Grund- 
risse zeigt sie einen aus drei Achteckseiten gebildeten 
Schluß der Altarnische. Die drei Gemälde werden 
nicht beisammen bleiben, sondern an diesen drei Seiten 
verteilt werden. Der Mittelteil, der oben halbrund ge- 
schlossen ist, zeigt den gekreuzigten Heiland, neben dem 
ein junger Soldat in heutiger Ausrüstung, in Feldgrau 
mit Sturmhaube und feldmarschmäßig bepackt, andächtig 
betend kniet. Der langgestreckte, leichenfarbig weißliche 



^S LUDWIG HEUMANN j ^ 



Körper des Erlösers ist im Sinne der gotisclien Stilisie- 
rung feierlich und dabei mit starkem Naturalismus, also 
mit jener Mischung irdischer und überirdischer Art ge- 
geben, die den alten deutschen Meistern so wunderbar 
gelungen ist; auch hier ist sie aufs beste erreicht 
worden. Sehr schön ist der Kopf mit seinen langen 
Locken, dem kurzen Barte; der schmerzlich herabge- 
zogene Mund und die sanft geschwungeneu Augen halb 
geöffnet ; eigentümliche Strenge durch die geraden Li- 
nien der Augenbrauen ; 
der Ausdruck ernst und 
milde. Ergreifend ist 
die Haltung des Jüng- 
lings. Das braune Kreuz 
steht auf einem mit 
Rasen und Blumen ge- 
schmückten felsigen 
Boden. Den Mittel- 
grund bildet die vom 
Winde gekräuselte Flut 
des Starnberger Sees, 
über die eine Galeere 
mit geschwelltem Se- 
gel dahinzieht. Im Hin- 
tergrunde erblickt man 
das Schloß Starnberg 
im alten Zustande so- 
wie mehrere andere 
Gebäude, ganz hinten 
die hügelige und wal- 
dige Landschaft. Die 
Luft ist nicht naturali- 
stisch, sondern in ein- 
tönig goldgelber Farbe 
gegeben, von der sich 
der Kruzilixus mit dem 
■reißen, nach beiden 
Seiten flatternden Len- 
dentuche, kräftig und 
mit koloristischer Fein- 
heit abhebt. — Von 
den beiden seitlichen 
Gemälden zeigt das 
rechts die hl. Elisabeth 
in ihrer Fürsorge lür 
verwundete Solditen 
— sie ist im Begritfe, 
den Arm eines vor ihr 
knienden Feldgrauen 
zu verbinden, zwei an- 
dere erblickt man im 
Hintergrunde. Die Hei- 
lige trägt ein weißes 

Kopftuch und ist in ein rotes L^ntergewand und einen 
gelben, reich faltigen Mantel gehüllt. Auch auf dem 
linken Seitenbilde, das den in eine goldene Rüstung 
gekleideten Drachentöter St. Georg verherrlicht, herrscht 
das Gelb vor, das somit die farbige Verbindung aller drei 
Gemälde herstellt. Bewegung und Ausdruck beider 
Heiligen ist ruhig und hoheitsvoll. Die Hintergründe 
sind mit einem dunkeln, teppichartigen Muster gedeckt, 
das auf schwarzem Grunde dunkelgrüne Ranken, weiße 
und rote Blümchen zeigt. — Die Einrahmung aller drei 
Bilder ist übereinstimmend ganz einfach rotbraun mit 




K.\RL L. SAND 



weißen Tupfen und Wellenlinien. — Die Mi Her sehen, 
von Baierl so glücklich ausgeführten Kriegserinne- 
rungsgemälde sind in ihrer künstlerischen Vollendung 
und volkstümlichen Schlichtheit als vorbildlich für derlei 
Aufgaben zu bezeichnen. Doering 

LUDWIG HEUMANN f 

In Elbersroth bei Herrieden wurde vor kurzem der 
Ortspfarrer Ludwig 
Heumann bestattet. 
In weiten Kreisen war 
er durch seine Erfolge 
auf medizinischem Ge- 
biet bekannt geworden. 
Der in den besten Jah- 
ren Heimgegangene 
war ein warmer Freund 
der christlichen Kunst 
und der christlichen 
Künstler. Die Konkur- 
renz für Kriegerfahnen, 
welche die Gesellschaft 
für christliche Kunst 
im Jahre 191 5 veran- 
staltete, verdankt ihm 
die Bereitstellung der 
Preise. Heumann war 
es auch, der den künst- 
lerischen Nachlaß des 
auf dem Schlachtfeld 
gefallenen Bildhauers 
Rauscher erwarb, um 
denselben als geschlos- 
senen Bestand zu er- 
halten und der Öffent- 
lichkeit zuganglich zu 
machen. Seit Jahren 
war der \'erewigte mit 
den Vorbereitungen zu 
einem künstlerisch be- 
deutenden Neubau der 
{Pfarrkirche in Elbers- 
roth beschäftigt, die er 
auf eigene Kosten er- 
richten wollte. Leider 
sollte er die Ausfüh- 
rung nicht erleben, die 
nun seinen Nachfolgern 
überlassen bleibt. Das 
gleiche gilt von der 

Kriegsgedächtnis- 
kapelle, die auf einer 
Anhöhe bei Elbersroth erstehen soll. Der architektonische 
Entwurf stammt von Professor Jäger-München, der Ent- 
wurf zum Altar vom Bildhauer Ludwig Sand. Letzterer 
hat bereits vor einigen Jahren im Aut'trag Heumanns 
einen schönen Bildstock innerhalb des Dorfes geschatfen, 
bei dem die ßegr.ibniszeremonien zu beginnen pflegen. 
Auch dem Friedhof wendete Heumann tiefes Interesse 
zu. Bildhauer Hoser schuf für denselben ein großes 
Kruzifix und für die Errichtung künstlerischer Grabdenk- 
mäler war Heumann mit lebhaftem Eifer und persön- 
hcher Freigebigkeit tätig. Felix Mader 



LUDWIG HEÜ.M.A.NK 




5E0RG KAU (MÜNCHEN) 

Hochaltarbild für die Pfarrkirche zu Deutsch-Kamitz in Oberschlesien 



MAPIÄ HIMMELFAHRT 




INNERES DER ST. MAXIMILIAXSKIRCHE IN MÜNCHEN 
Zh untenstthendejH Aufsatz 



DER WETTBEWERB 
FÜR DIE AUSMALUNG DER MÜNCHENER ST. MAXIMILIANSKIRCHE 



(Vgl. die Abb. 

Ihren neuesten Wettbewerben für Aufgaben 
^ derArchitektur,Bildnerei, des Kunstgewerbes 
und der Graphik hat die Deutsche Gesellschaft 
für christliche Kunst einen solchen für eine 
malerische Raumausschmückung größten Stiles 
folgen lassen. Es handelt sich um die Dar- 
legung von Ideen zur Erfüllung eines Planes 
von mehr als gewöhnlicher Bedeutung, um 
Vorschläge für die Gestaltung eines Kriegs- 
erinnerungszeichens von ganz besonderer Er- 
habenheit. Die mächtige, von Heinrich Frei- 
herrn von Schmidt im romanischen Stil 
erbaute St. Maximilianskirche, die prachtvolle 
Zierde des südlichen Teiles der bayerischen 
Hauptstadt, ist dazu berufen, ein Denkmal für 
das in dem Weltkriege so herrlich bewiesene 
stille Heldentum der deutschen Frauen und 
Mütter zu werden. Deutsche christliche Kunst 
hat die Ehrenaufgabe, dieses Denkmal würdig 
erstehen zu lassen und darf stolz sein, sich 



S. 235-268) 

selbst damit ein Denkmal für fernste Zeiten 
zu errichten. 

Die Maximilianskirche ist eine dreischiffige 
Pfeilerbasilika mit flacher Decke und halbkreis- 
förmiggeschlossenemChore'). Ihre Apsis erhält 
zurzeit Licht durch zwei Rundbogenfenster. 
Die Kirche ist infolge der Lage des Bauplatzes 
nach Süden gerichtet, so daß die beiden Lang- 
seiten nach Osten und Westen liegen. Die 
Wirkung der Innenarchitektur ist dank der 
großzügigen Linienführung und der feinen 
grauen Farbe des Gesteins ruhig, vornehm und 
stolz. Zur wahren, von dem Erbauer gewünsch- 
ten Geltung kann der großartige Raum bis- 
her nicht kommen, weil es vor allem im 
Mittelschiffe noch an jeglichem belebendem 
Schmucke fehlt. Der Kirche solchen zu ver- 
leihen, hat man seit einigen Jahren begonnen. 

') N.iheres in der Jahresniappe 1917 der D.Ges.f. ehr. K. 



ristlirhe Kunst. XIV. 



2 34 



WETTBEWERB ZUR AUSMALUNG VON ST. MAX IN MÜNCHEN 



Der Chor hat einen mächtig wirkenden steiner- 
nen Hochaltar, das Mittelschiff eine gleichfalls 
steinerne Kanzel erhalten ; in den Seitenschiffen 
ist die Reihe von Gemälden eines Kreuzweges 
entstanden ; im westlichen hat man angefan- 
gen, die Wände mit der Pracht dunkelfarbiger 
Mosaik, stellenweise auch mit Platten einer 
dunkelgraugrünen, marmorartigen Steinkom- 
position zu verkleiden. Der Künstler, der diese 
Dinge geschaffen, der Münchener Franz Hof- 
st Otter, hat auch die Seitenschiffe mit leuch- 
tend farbigen Glasmalereien geschmückt. Un- 
sere Zeitschrift hat s. Z. über diese Dinge näher 
berichtet. Mit der Stärke ihrer eigenartigen 
Form- und Farbenwirkung, mit ihrer künst- 
lerischen Sprache schaffen sie für die künftige 
Ausschmückung derKircheäußerlich und inner- 
lich einen Maßstab, der nur durch sehr bedeu- 
tende Leistungen zu erreichen ist. Was unter 
ihm zurückbleibt, kann nicht in Betracht kom- 
men, was sich über ihn erhebt — und hierauf 
hätte der Schmuck des Mittelschiffes und des 
Chores einen Anspruch — muß sich doch um 
der Einheitlichkeit des Gesamtbildes willen 
dem \'orhandenen anpassen. Man sieht, daß 
es sich hier um eine Monumentalaufgabe von 
eigentümlichen Schwierigkeiten handelt. Sie 
werden durch den Charakter der gestellten 
Aufgabe noch erheblich gesteigert. Gilt es 
doch, menschliche Empfindungen und Taten 
in einem Gotteshause zu verherrlichen, ein 
weltliches Ereignis festzuhalten, und es doch 
gegenüber der wirklichen Hauptsache, der An- 
betung Gottes und der Verehrung der Heili- 
gen, in Unterordnung zu halten. — Die 
Aufgaben waren so groß, so vielseitig anre- 
gend, daß die Deutsche Gesellschaft für christ- 
liche Kunst durch einen Wettbewerb die Kräfte 
aller ihrer Mitglieder anspornen zu sollen 
glaubte, statt (wie bei dem für den Erwei- 
terungsbau der Dachauer Kirche) einen solchen 
nur unter wenigen besonders dazu geeigneten 
Künstlern zu veranstalten. 

Der Erfolg war auch diesmal bedeutend. 
Es wurden 39 Entwürfe eingereicht. Von ihnen 
erhielt einen ersten Preis der des MalersTheo ■ 
d o r B a i e r 1 ; vier zweite Preise wurden zu- 
erkannt für die Arbeiten von Felix Baum- 
hauer, Georg Kau, Georg Winkler 
(Düsseldorf) und die gemeinsame des Archi- 
tekten Michael Kurz (Augsburg) mit Karl 
Bauerund Theodor Baierl. Durchlobende 
Anerkennung ausgezeichnet wurden die Ent- 
würfe von Albert Figel und FranzSchil- 
ling. Auch unter den aus verschiedenen 
Gründen nicht preisgekrönten Arbeiten befin- 
den sich mehrere entschieden bedeutsame. 
Zu den letzteren gehört der Entwurf zweier 



Künstler (Kenn wort »Unserer lieben Fraui Ol«), 
die sich mit gutem Erfolge bestrebt haben, der 
Denkmalsaufgabe innerlich zu genügen') (Abb. 
S. 266 und 267). Im Mittelpunkte des Ganzen, 
in der Halbkuppel der Apsis, erhebt sich aut 
leuchtendem Goldgrunde die Halbfigur des 
Heilandes, in dem alle Erbarmung zusammen- 
fließt. Unterhalb thront die von einer Kuppel 
überwölbte Gestalt der heiligen Jungfrau, als 
Verkörperung des triumphierenden Frauen- 
schmerzes. Ihr nahen sich von beiden Seiten 
her feierliche Züge heiliger Frauen. Eine 
Variante stellt statt des Heilandes in den 
Mittelpunkt der Apsis die hl. Jungfrau mit 
den Schwertern im Herzen. Der untere Teil 
der Apsidenwand ist mit graugrünem Mar- 
mor verkleidet. Der Chor bildet den Aus- 
gangspunkt für den gesamten Schmuck der 
Kirche, die ein in voller Einheitlichkeit gehal- 
tenes Bild ergibt. 

Der mit dem ersten Preise ausgezeichnete 
Bai er Ische Entwurf besitzt unbestreitbare 
Schönheit und charaktervolle Farbenwirkun- 
gen (Abb. S. 237 — 239). Die Haupttöne sind 
Gold, Lapislazuliblau und Grün, dazu das Grau 
der Architektur. Der Baierlsche Entwurf ist 
klar, edel, ruhig, monumental; in seiner Strenge 
wie in seinem festlichen Klange dem Charakter, 
in seiner Linienführung, Flächeneinteilung 
und Figurenanordnung dem Baugedanken der 
Maximilianskirche vortrefflich angepaßt. Die 
Apsisfläche gibt mit ihrer Ausschmückung 
einen vorzüglich wirksamen Hintergrund für 
den steinernen Hochaltar ab. IhruntererTeilist 
braun, durch graue Streifen in Felder geteilt; 
der obere Teil ist auf hellem (bei einer Variante 
auf dunkelm) Grunde mit dichtem Geranke 
goldener Dornenzweige überdeckt. Aus den 
Dornen blitzen sieben Schwerter hervor. In 
der Mitte der Apsis sieht man innerhalb eines 
grünen Kreises die Bevveinung des Leichnams 
Christi. Die Gruppe ist streng gezeichnet; 
der auf dem Schöße der in dunkelblauem 
Gewände dasitzenden Mutter liegende Körper 
ist horizontal ausgestreckt, am Kopf- und Fuß- 
ende unterstützt ihn je ein Engel. Die Stirn- 
wand der Apside ist mit den weißen Gestalten 
zahlreicher, streng angeordneter Jungfrauen 
geschmückt; sie halten Kronen in den Hän- 
den, um sie dem Lamme Gottes zu opfern, 
das über dem Mittelpunkte des Bogens in 
einer grünen Achteckfläche dargestellt ist. 
Die Variante versieht diese Jungfrauen mit 
grünen Heiligenscheinen und erzeugt so eine 

') Arcliitei;t Joscpli Kuld (Mannheim) und Maler 
Hans Karl Seliger (Berlin . Der Entwurf konnte 
keinen Preis erhalten, da eine unerläßliche \'orbedingung 
für die Beteiligung nicht erfüllt war. D. Red. 



WETTBEWERB ZUR AUSMALUNG VON ST. MAX IN MÜNCHEN 235 




KCIIE IS' MLA'i:H).\ 



etwas lebhaftere, weniger ruhige Farbenwir- 
kung. Eine Überschrift auf Goldgrund deutet 
auf den Zusammenhang des Wirkens der Frau 
mit der von dem Kriege zu erhotTenden gei- 
stigen Erneuerung. Im Mittelschiffe (S. 237) 
sind die Wände des Obergadens mit Gold über- 
zogen ; schmale aufsteigende grüne Streifen 
teilen, die Hauptlinien der Architektur fort- 
setzend, die Fläche ein und umziehen zugleich 



die Bögen der halbrunden Oberlichtfenster. Zu 
weiterer Belebung der großen Goldflächen 
dienen vereinzelt angebrachte eiserne Kreuze. 
Dieselbe Beachtung wie mittels der erwähn- 
ten Vertikalstreifen ist dem architektonischen 
Gedanken mit der Anordnung des figürlichen 
Schmuckes zuteil geworden. In der Art ist 
das geschehen, daß oberhalb jeden Pfeilers ein 
Rechteck mit einer stehenden Figur ange- 



236 WETTBEWERB ZUR AUSMALUNG VON ST. MAX IN MÜNCHEN 

VGL.ABB. S. 233 UND 235 



LANGEXSCHXITT UND GRUNDRISZ 
DER ST. MAXIMILIANSKIRCHE IN MÜNCHEN 



i I 




i Q n Q Q n 0:'^^^ q 




bracht ist, deren aufstrebende Form die Rich- 
tung der Pfeiler aufnimmt und nach oben 
fortsetzt. Über den Bögen befinden sich Bilder 
querrechteckiger Gestalt. Der stehenden Figu- 
ren sind sechzehn ; es sind heilige Frauen, 
von denen verschiedene, so die hl. Kunigunde, 
in Beziehung zu Bayern stehen. Weiter sieht 
man die hl. Hedwig, Mathildis, Helena, Bar- 
bara, Thekla als Todespatronin, die selige Kres- 
zentia Höß von Kaufbeuren u.s.f. Die 20 szeni- 



schen Bilder zeigen Darstellungen aus dem 
Alten und Neuen Testamente. Die 22 Zwickel- 
felder zwischen jenem Bilderfriese und den 
Mittelschiffbögen erfüllt der Künstler mit 
Darstellungen der Frauentätigkeit im Welt- 
kriege und gibt so auch dem profanen Elemente 
eine angemessene, taktvoll berechnete Stelle. 
Zu diesen Bildern gesellen sich Ornamente 
mit den Symbolen der lauretanischen Litanei 
und manches andere. Die figürlichen, reden- 




WETTBEWERB ZUR AUSMALUNG \'OX ST. MAX IN MÜNCHEN 




THEODOR BAIEKL 



Vgl. Abb. S. 238 intci 2jq — Tixt S. zj^-ijj 



EXTWUKh FLR SI. MAX I\ MUN'CHEN' 



den Elemente vereinigen sich ungezwungen 
mit den lediglich ornamentalen, auch die szeni- 
schen fügen sich in die Architektur, wenn 
schon ihr reines Aufgehen in dieser nicht 
erreicht worden ist, auch naturgemäß nicht 
erreicht werden konnte. Dasselbe findet sich 
bei einer ganzen Reihe anderer Entwürfe, 
die gleichfalls auf die bildlichen Erzählungen 
nicht verzichten wollten. Wenigstens aber 
sind nur einige vereinzelte, die bei dieser 
Gelegenheit die Gesetze des dekorativen Stiles 
außer acht gelassen und an die Wand gemalte 
Tafelbilder entworfen haben. Baierls Stil ist 
einwandfrei. — Eine Variante des Entwurfes 
(Abb. S. 238) zeigt die Goldflächen ohne die zu- 
vor beschriebene Einteilung durch die grünen 
Streifen; der Vergleich ergibt, wie notwendig 
sie sind. Beiden Entwürfen gemeinsam ist die 
in leuchtendem Blau gehaltene, mit goldenen 
Sternen geschmückte Decke, welche dem Bilde 
einen etwas schweren, aber farbig wirkungs- 
vollen oberen Abschluß gibt. Besonders ist 
auch der Gegensatz gegen das helle Gold der 
Wände ungemein schön'). Im ganzen zeigt 
sich der Baierlsche Entwurf als die Arbeit 
eines denkenden, für dekorative Aufgaben 
auch größten Stiles hochbegabten Künstlers, 
der Strenge der Auffassung mit Schönheit, 
Lebendigkeit mit Ruhe zu vereinigen weiß. 
Ganz Eigenartiges bietet der Entwurf von 



') Das Preisgericht verhielt sich zu dem GeJanken, 
die schöne Holzdecke zu bemalen, ablehnend. D. Ked. 



Felix Baumhauer (S. 240 u. 241). Er gibt 
eine umfassende Darstellung des Weltkrieg- 
dramas. Die Evangelienseite zeigt unendliche 
Scharen von Frauen, die zwischen Gräbern 
und brennenden Häusern das Lamm Gottes 
anflehen: die Not der Heimat, das Helden- 
tum der Frauen. Auf der Epistelseite sieht 
man die Schrecken des Krieges, kämpfende 
und sterbende Männer. Den beherrschenden 
Punkt dieser Seite bildet das von Engeln 
getragene Schweißtuch der hl. Veronika. Die 
Kompositionen beider Seiten verzichten auf 
sj'mmetrische, der Architektur sich ein- oder 
unterordnende Zeichnung. Ganz frei treten 
die Figurenmassen aus dem Goldgrunde her- 
vor. Trotz der Strenge ist Starrheit dadurch ver- 
mieden, daß die Oberkanten der farbigen 
Darstellungen in sanft geschwellten Linien 
dahinziehen, so daß der Eindruck erweckt 
wird, als ständen die Menschenmengen auf 
Hügeln. Das Auseinanderfallen der Gruppen 
und Figuren wird durch die gewaltige Linie 
frei über den Goldgrund wallender Spruch- 
bänder verhindert. Zwischen dem Chorbogen 
und dem Gurtbogen ist die Auferstehung der 
Toten und Jesus als Weltrichter dargestellt; 
er ist nur in Halbfigur zu sehen und mit 
einem roten Mantel bekleidet. Die ihn um- 
gebende Gloriole ist weiß. Grün gekleidete 
fliegendeEngel lassen nach allen vierHimmels- 
gegenden ihre Posaunen erschallen. Unter- 
halb der Decke zieht sich ein Fries mit den 
Gestalten der Apostel hin. Großartige Wir- 



2^,8 



WETTBEWERB ZUR AUSMALUNG VON ST. MAX IN MÜNCHEN 




THEODOR EAIERL 



KXIWURI lUR ST. MAX IN MLN'CHEX 



Tejr: S. .'J4-2S7 



kung tun die Farben und das reichlich ange- 
wandte dunkle Gold. Die Pfeiler und Bögen 
des Mittelschiffes sind rot gequadert; jede 
Quader ist bestimmt, den Namen eines Ge- 
fallenen aufzunehmen. Baumhauer hat auch 
diesmal wieder die Bedeutung und Eigenart 
seines Talentes bewiesen. Sein Entwurf ist weit 
entfernt davon, auf Sonderbarkeitshascherei 
auszugehen; er löst die Aufgabe in wahrhaft 



monumentalem Sinne; feinfühlig paßt er sich 
dem Vorhandenen an, das er doch äußerlich 
wie innerlich überragt; glänzend gelöst ist die 
Schwierigkeit, das irdische Element nicht über- 
wiegen und dennoch voll gelten zu lassen. Die 
dekorative Wirkung ist von größter Schönheit 
und Fülle, dabei einfach. Man fühlt die Wir- 
kung uralter künstlerischer Leitgedanken und 
sieht sie im Sinne der Neuzeit auls geist- 



WETTBEWERB ZUR AUSMALUNG VON ST. MAX IN MÜNCH1-:N 



239 




THEODOR BAIERI. 



ENTWURF FÜR ST. M.\X I\ .MCNXHEN' 



— Vrxl S. 23^-!J7 



reichste und feinste benutzt und zugleicii 
weiter entwickelt. Die Ideen Baumhauers für 
Ausschmückung der Maximiiianskirche stehen 
einzig da und weisen der modernen christ- 
lichen Monumentalkunst neue Wege. 

Georg Kaus Entwurf (Abb. S. 242 bis 244) 
drückt seinen Grundgedanken schon in seinem 
Kennwort aus; es heißt »Lebenskampf und 
Himmelslohn«. Den Mittelpunkt der gesamten 



Ausschmückung bildet für Kau der große 
steinerne Hochaltar. Das Hauptgewicht der 
bildlichen Darstellungen liegt im Langhause. 
Ein irdischer und ein himmlischer Schauplatz 
sind hier getrennt. Man sieht endlose Scharen 
von Kriegern, die durch das große Tor des 
Todes zum ewigen Leben eingehen und sich 
um den hl. Georg scharen. Eine zweite Bilder- 
gruppe zeigt die Werke der Barmherzigkeit, 



240 








FELIX BAUMHAUER 



ENTWURF FÜR ST. MAX IN MÜNCHEN 



//. Prfis. — Text S. 237-241 



WETTBEWERB ZUR AUSMALUNG VON ST. MAX IN MÜNCHEN 



241 



die hl. Jungfrau mit Kindern, und lieilige 
Frauen ; die Figuren erhalten starkes 
Relief durch dahinter angebrachte dunk- 
le Heckenwände, deren Charakter fest- 
lich wirkt. An den Seitenwänden des 
Vorchores sieht man den Gottesgarten 
mit dem himmlischen Jerusalem im 
Hintergrunde. Die Stirnwand der Apsis 
ist mit der Anbetung des Lammes 
und den Gestalten der Erzengel Rafael 
und Michael geschmückt. Den Turm- 
raum beleben posaunenblasende Engel. 
In der dunkelblauen, oben goldenen 
Apsis sieht man einen Kreis von sieben 
Sternen und den Tierkreis im Welten- 
raum, darüber den Weltenrichter, der 
Gefallenen die ewige Krone darreicht. 
Dazu kommen andere biblische Dar- 
stellungen. Die Bedeutung der gesam- 
ten Bilderfolge ist die des Fortschreitens 
vom Tode zur Auferstehung und zu 
der Herrlichkeit des der Anbetung 
und dem Gottschauen geweihten 
ewigen Lebens. Die Gesamtwirkung 
des grünlichen, grauen und blauen 
Farbenakkordes hat etwas Mildes, 
Sanftes. 

Der Entwurf von Baur, Kurz und 
Baierl (Abb. S. 245 — 247) stellt in den 
Mittelpunkt der Apsis die Beweinung 
des Leichnams Christi in einer goldenen 
Gloriole, aus der sieben Schwerter 
hervorglänzen; grau und violett sind 
die herrschenden Farben. Darunter er- 
scheinen auf grünem Grunde die apo- 
kalyptischen Reiter; in einem zweiten 
Vorschlage kommen zu diesen noch 
Gruppen kämpfender Männer. Der 
Triumphbogen ist mit einer Ehren- 
krone bzw. dem Herzen Maria ge- 
schmückt, neben dem streng ange- 
ordnete Engel, Palmen in den Händen 
haltend, thronen. Der Bilderfries des 
MittelschitTes zeigt stehende Figuren 
heiliger Frauen und Jungfrauen des 
Alten und Neuen Testamentes, ferner 
solche, die zu Bayern in Beziehung 
stehen. Daß die Vertikalen dieser Fi- 
guren sich oberhalb der Scheitel der 
Bögen erheben, widerspricht dem Ge- 
danken des architektonischen Gefüges. 
In dieser Beziehung hat der andere 
Baierlsche Entwurf, von dem oben 
gesprochen worden ist, das Richtigere 
getroffen. Zwischen den Figuren sieht 
man Szenen zur Verherrlichung des 
weiblichen Opfersinnes und Helden- 
tums : Verwundeten- und Krankenpflege 




242 




GEORG KAU 



ENTWLRl ICR ST. \IA\ IX MÜNCHF.N' 



//. Preis. — Text S. 239—241 



WETTBEWERB ZUR AUSMALUNG VON ST. xMAX !\ MUN(,Hl-\ 



2)3 



in Feld und Heimat, 
Waisen - Fürsorge, 

Goldablielerung 
usw. In der Turm- 
öffnung der südöst- 
lichen Breitseite ist 
ein Marmoraltar mit 
dunkeln Einlagen 
geplant. 

Georg Winkler 
bietet für die Aus- 
malung der Chor- 
nische zwei verschie- 
dene Vorschläge 
(Abb. S. 248 u. 249) 
Der eine zeigt auf 
Goldgrund die alier- 
heiligste Dreitaltig- 
keit mit Engeln, der 
andere den Heiland 
als Friedenskönig 
im himmlischen Je- 
rusalem. Der untere 
Teil ist mit Marmor 
belegt. Die bild- 
lichen Darstellun- 
gen an den Wän- 
den des Langhauses 
schildern abwech- 
selnd biblische Sze- 
nen und solche, 
die das stille Hel- 
dentum der Frau 
feiern ; die welt- 
lichen und religi- 
ösen Motive halten 
sich ein klug be- 
rechnetes Gleichge- 
wicht. Unterhalb der 
Decke hin zieht sich 
ein Fries von Engel- 
figuren. Die Farben- 
wirkung ist reich, 
dabei ruhig, fein, 
perlmutterartig. 

Der Entwurf Al- 
bert Figels (Abb. 
S. 250) verleiht der 
Kirche eine schöne, 
ruhige Stimmung in 
warmen, dunkeln 
Tönen, die sich mit 
dem Grau der Archi- 
tektur vornehm zu- 
sammenfügen. In 
der Apsis erblickt 
man ein großfiguri- 
ges Bild mit weh- 




32' 



244 



WETTBEWERB ZUR AUSMALUNG VON ST. MAX IN MÜNCHEN 




GEORG KAU 



HN'TWCRi- FÜR ST. MAX IN MÜNCHEN 



klagenden Frauen, darüber erscheint die 
hl. Jungfrau im Halbmonde; erbarmend 
reicht sie ihre Hände den Flehenden ent- 
gegen. Das Gewand Maria ist dunkelblau, 
ihr Mantel braun ; plastisch hebt sich ihre 
Gestalt vom schimmernden, weißen Grunde 
ab, der durch das Gold des Halbmondes 
eingerahmt und zu prächtiger Wirkung 
gebracht wird. Engelscharen knien ver- 
ehrend zu den Seiten der hl. Jungfrau. Die 
Stirnwand der Apsis zeigt zwei mächtige 
stehende Engel, von denen einer eine Palme, 
der andere einen Kranz in den Händen hält. 
Oben sieht man ein Kreuz mit dem Herzen 
Jesu, dasbeiderseits von vier weinenden Engeln 



verehrt wird. Der Triumphbogen ist mit in 
hellem Blau gehaltenen Medaillons geschmückt. 
Die Längswände der Kirche zeigen Reihen 
von Gemälden. 

Der Entwurf von FranzSchilling (Abb. 
S. 251 — 253) entwickelt in und an der Apsis den 
Gedanken, daß die Macht der Sünde durch 
Christi Tod und Auferstehung gebrochen wird. 
Die Malereien des Langhauses zeigen die Werke 
der Barmherzigkeit, das Vorhallengewölbe die 
Kardinaltugenden. Das Ganze macht einen 
strengen, ruhigen, altertümlichen Eindruck, 
die äußere Wirkung der Apsis beruht auf 
dem vollen Klange ihrer Farben und des 
Goldgrundes. Doering 



245 




246 



< n t% »i a^^,JAJ'i 





.Mli.lll I KUKZ 



l.MWUUr ICR ST. MAX IN MÜM.IIEN 



//. Frf:s. — Text S- 241 



247 




THEüIh.H: RMKrI. KA;;1. HAUKR MICHAEL KURZ 



WVIU 1 1. l; M \I W IX Ml. N'i.lll/ 



Belobitti^, — tejct S. 241 



248 




GEORG WIXKLER (DÜSSELDORF) 



ENTWURF FÜR ST, MAX IN MÜNCHEN 



//. Preis. — Text S. 243 



KÜNSTLERISCHES SCHAFFEN IN ALTER UND NEUER ZEIT 



249 



ZUM KÜNSTLERISCHEN 

SCHAFFEN IN ALTER UND 

NEUER ZEIT 

Vielleicht dürfte der Versuch Inter- 
esse erregen, festzustellen, aus 
welchen Gründen die in früheren 
Jahrhunderten bestehende innige 
Verbindung des Künstlers (Malers) 
mit der Ausführung von Mosaiken, 
Wandmalereien von Kirchen, ein- 
schließlich der dekorativen Be- 
malung sowie der Glasmalereien, 
verloren gegangen und zerrissen 
ist. 

Überzeugen wir uns, ob erstens 
die geistige künstlerische Tätigkeit 
des Künstlers durch die Ausführung 
einen Abbruch erleidet, zweitens 
ob die materielle Kostenfrage hier 
ein wesentliches Hindernis bedeu- 
tet, und drittens, ob ein Weg zu 
finden sei, die moderne fabrikähn- 
liche Fertigstellung weiter auszu- 
schalten und dem Künstler nicht 
allein verlorene Anrechte wieder- 
zugeben, die im allgemeinsten 
Kunstintcresse verlangen, daß ihm 
bei Ausführung seiner Projekte bis 
zur vollständigen Fertigstellung 
hinreichender Einfluß gesichert 
bleibt. 

Es läßt sich einwandfrei nach- 
weisen, daß bei der Herstellung 
alter Mosaiken die Zeichnung nach 
dem Plane des Künstlers in großen 
sichern Umrissen, sowie in einer 
einfachen klaren Farbgebung von 
ihm selbst auf den untern Verputz 
der Wand oder des Gewölbes auf- 
gemalt wurde, meist in den frischen 
Verputz. In den darüber in kleinen 
Partien aufgetragenen Bindemörtel 
wurden die einzelnen Mosaikpasten 
eingedrückt, die nach Bedarf in 
größerm oder kleinstem Maßstabe 
Verwendung fanden. Die Konturen 
wurden meist etwas tiefer einge- 
drückt, jedoch blieben die Fugen 
der einzelnen Pasten frei, weil diese 
nicht ganz in den Verputz einge- 
drückt wurden. Bei der satten war- 
men Wirkung eines früheren Mo- 
saiks war die dunkle Fugenwirkung 
ein sehr belebendes Element und 
das verschiedene Eindrücken der 
Mosaiksteinchen gab nach maleri- 
schem Bedarf Gelegenheit, hier und 




250 




ALBERT FIGEL 



EN'TWCRF FCK ST. MAX IX MÜNCHEN 



Belobung — Text S, 243 




lÜLüil 







ALIiLRT IIGEL (MLXCHEXj 



ENTWURF FÜR ST. .MAX IX .MLXiTlES" 



Zu oHger Abbildung 



KÜNSTLERISCHES SCHAFFEN IN ALTER UND NEUER ZEIT 



da Ungleichheiten in der Oberfläche anzu- 
streben, die ein Blitzen und Flimmern der 
Goldgründe ermöglichte, wie wir es nur 
bei alten Werken bewundern können. 
Wesentlich war die beständige Kontrolle 
des Künstlers zur Anpassung der Farben- 
wiedergabe im Raum mit seiner eigen- 
artigen Beleuchtung, die Möglichkeit, Ände- 
rungen im Laufe der Arbeiten zu bestim- 
men. Das Eingreifen des Künstlers, bestän- 
dige Übersicht, \'eränderungen zugunsten 
seiner Absichten, ließen auch die hand- 
werksmäßigen Hilfskräfte hier eine Schu- 
lung durchmachen, die außerordentlich 
fördernd wirkte. 

Betrachten wir nun unsere moderne Her- 
stellung von Mosaiken. Der Künstler fertigt 
eine Farbenskizze — bei Apsiden wird er, 
um die W^irkung besser beurteilen zu 
können, ein kleines Modell derselben 
bemalen — zeichnet den Karton, und da- 
mit ist im wesentlichen seine ganze In- 
anspruchnahme erschöpft. Die Anstalt für 
Mosaik wird sich jetzt eine möglichst ge- 
naue Aufmessung der Wand oder Gewölbe 
verschatTen und fertigt dann stückweise 
die Teile des Kartons an, indem auf der 
Rückseite einer Pausezeichnung die ein- 
zelnen durchgehend gleichfarbigen Stein- 
chen aufgeklebt werden, die folglich das 
umgekehrte Bild erkennen lassen. Die 
Teile werden vergossen. Die einzelnen 
fertigen Stücke werden dann zusammen- 
gefügt, provisorisch in dem Ausstellungs- 
raum der Anstalt aufgestellt und nach allen- 
fallsiger Begutachtung des vielleicht hinzu- 
gezogenen Künstlers versandt und an Ort 
und Stelle der Wand mit Mörtel angeklebt, 
worauf das Papier auf der Vorderseite ab- 
gewaschen wird'). Mithin eine schablonen- 
hafte Herstellung, die nur den einen Vor- 
teil besitzt, daß viele Arbeiter sich zugleich 
mit der Fertigung in der Kunstanstalt be- 
fassen können. 

Die Wirkung entspricht daher fast nie- 
mals dem guten Wollen des Künstlers, 
weil der Lebensodem seines persönlichen 
Empfindens bei der Ausführung fehlte. 
Die Goldwirkung ahn ;lt der eines polierten 
Kupferbleches. Die Figuren stehen hart 
und unvermittelt zueinander und zum 
Hintergrunde. Wie ein Überzug von 
Mehlstaub beeinflussen die weißen aus- 
gefüllten Fugen die Gesamtstimmung und 
die Wirkung im Räume kann fast niemals 



') Vgl. den Aufsatz im .Pionier«, Hl. Jhrg., .S. 89 Ü'. 
»Mosaik < von Dr. .V. Huppertz. (13. R.) 




252 KÜNSTLERISCHES SCHAFFEN IN ALTER UND NEUER ZEIT 




FRANZ SCIllLLlKG 



Beltjl'UTt^. — Tfxt S. 244 



ENTWURF FÜR ST. MAX IN MÜNCHEN 



eine glückliche, harmonische Lösung genannt 
werden. 

Somit dürfte durch die Art der Ausführung 
der Beweis erbracht sein, daß die volle Ab- 
sicht des Künstlers nur in seltenen, glück- 
lichen Fällen erreicht \vird, weil in den wich- 
tigsten Punkten seine Überwachung und Lei- 
tung ausgeschaltet wird. 

Kann nun zur Begründung der modernen 
Herstellungsweise die Kostenfrage ins Feld 
geführt werden? 

Das Honorar des Künstlers würde bei der 



früheren Art höher zu bemessen sein, ent- 
sprechend der größeren Inanspruchnahme. 
Der Lohn für die Mosaikarbeiter ist gleich. 
Das Material kann bezogen werden. In Weg- 
fall kommt die sehr kostspielige Vermessung, 
Reisen, Versand, und der bedeutende Unter- 
nehmergewinn der Kunstanstalt, wodurch 
also die ganze Herstellung billiger sein wird. 
Der einzige Nachteil liegt in einer längeren 
Behelligung der Kirchen mit Gerüstbauten ; 
er wird aber kein ernstliches Hindernis sein, 
da die befriedigende künstlerische Wirkung 



253 




FRANZ SCHIH IN 



E.VTW LRI 1 Cr ST. MAX I\ MÜNCHEN 



Betobu)ig. — Tixt 5. J44 



254 



KÜNSTLERISCHES SCHAFFEN IX ALTER UND NEUER ZEIT 




eines Jahrhunderte dauernden Kunstwerkes 
in erster Linie in Betracht kommt. Man 
muß auf den Weg zur alten Herstellungs- 
weise zurückkehren. 

Hinsichtlich der Ausmalung von Kirchen 
wäre es überflüssig, nachweisen zu wollen, 
daß die Meister in früheren Jahrhunderten 
die Bildmalereien und die dekorativen Ar- 
beiten selbst ausgeführt oder daß letztere 
unter ihrer persönlichen Leitung hergestellt 
wurden, datür bürgt die Einheitlichkeit der 
Anordnung und der Farbengebung. Mit der 
Entdeckung alter Malereien unter der Tün- 
che der letzten Jahrhunderte wuchs auch 
das Verlangen, alte und neue Kirchen ro- 
manischer und gotischer Bauart wieder in 
der alten Benialungsart zu restaurieren. Man 
verkannte dabei, daß die Bruchstücke frühe- 
rer Malereien nur in den seltensten Fällen 
so aufgefunden wurden, daß man sie in ur- 
sprünglicher \'ollendung erkennen konnte, 
weil die feinere Durchiührung und Model- 
lierung infolge der eigenartigen Technik 
und Übertünchung verloren gegangen war. 
Die neuen Ausmalungen konnten um so 
weniger Interesse bei Künstlern hervorrufen, 
weil die Nachahmung zur Forderung er- 
hoben wurde und die Abhängigkeit von 
Archäologen und Architekten als eine Be- 
drängnis des freien Schaffens erschien, um 
so mehr, als die christlichen Künstler in 
der italienischen Kunst die idealsten Be- 
strebungen bewunderten. Kein Wunder, daß 
das Verlangen nach Bemalung untergeord- 
nete Kräfte fand. Betrachten wir nun den 
Zustand vor 20 bis 30 Jahren, so sehen 
wir in jeder Gegend sogenannte Kirchen- 
maler, die das Privileg hatten, auf Kosten 
verunzierter Gotteshäuser V'ermögen zu er- 
werben. Leider versuchten sich die An- 
streicher auch bei figürlichen Malereien, 
haschten nach Reproduktionen lebender 
Künstler, die sie ohne Berechtigung ko- 
pierten, oder nach Bildern älterer Künstler, 
und vermischten in Zusammenstellungen 
beides möglichst ungeschickt, da ihnen jede 
Ahnung fehlte, eigene Entwürfe, selbständige 
Arbeiten auszuführen. Kam es doch tatsäch- 
lich vor, falls die Kopie einer Figur zu klein 
für den Raum gezeichnet war, daß oben die 
eine Hälfte aufgepaust wurde, unten die an- 
dere und der Leib wurde einfach entspre- 
chend verlängert! Im günstigsten Falle wurde 
ein notleidender angehender akademischer 
Maler ersucht, die Bilder zu malen. Scheiterte 
der Auftrag nicht schon meistens daran, daß 
die Festsetzung der Kosten so minimal war, 
um irgend etwas Gutes zu leisten, weil dem 



255 




ALBERT FIGEL (ML.VCHES') UND ARCH, KARL GKANDY (^ASIN'G) 



ENTWIRF FÜR ST. MAX IS ML KCHEX 



256 




KÜNSTLERISCHES SCHAFFEN IN ALTER UND NEUER ZEIT 



2)7 



auftraggebenden Anstreicher meistens 
das Verständnis mangelte, an die \'or- 
bedingungen selbständigen Schaffens zu 
denken, an Komposition, Farbenskizze 
und Modellstudien, so ergab sich eine 
Ausführung in einer entsetzlichen Um- 
gebung, eine möglichst unglückliche 
Wandeinteilung für die Bilder, rohe 
Einfassung durch mißverstandene Archi- 
tekturmalereien, schreiendfarbige Orna- 
mente. In seltenen glücklichen Fällen 
konnte auf Veranlassung des Pfarrers 
noch ein Versuch gemacht werden, hier 
trotz dem Widerstand des Unternehmers 
passende Änderungen vorzunehmen. 

Mit Kreuzwegbildern war es ähnlich 
bestellt. Gut bezahlte Aufträge wurden 
von Kunstanstalten übernommen und 
ausgeführt wurden sie von studierenden 
darbenden Kräften, die ausgebeutet wur- 
den, deren Namen niemals öffentlich ge- 
nannt wurden. Um nur ein charakte- 
ristisches Beispiel anzuführen, waren in 
der christlichen Kunstausstellung der 
Katholikenversammlung zu Mainz, wo 
die Gründung der Deutschen Gesell- 
schaft für christliche Kunst angebahnt 
wurde, zwei sehr schlechte Kopien des 
schönen Antwerpener Domkreuzweges 
von Hendriks und Vink, als eigene Werke 
eines solchen Unternehmers ausgestellt; 
in der Zeichnung waren die Bilder nach 
Photographien kopiert, dieFarbengebung 
der Originale hatte der ^'erfertiger nie 
gesehen, der \'erkaufspreis pro Stück 
war mit 2000 Mark angegeben, eine um 
so stärkere Anmaßung, als die schönen 
Originale für 1200 Francs hergestellt 
waren. Zur Rede gestellt, behauptete der 
Unternehmer und eifrige Besucher des 
Ausschusses für christliche Kunst, weder 
Photographien des Antwerpener Kreuz- 
weges zu besitzen, noch jemals die Ori- 
ginale gesehen zu haben ! 

Die traurigen Leistungen der sogenann- 
ten Kirchenmaler in figürlichen Dar- 
stellungen weckten immer mehr und 
überall den Ruf nach einer Wandlung und 
in Verein mit den kr?ftvollen Bestrebun- 
gen von christlichen Kunstvereinigun- 
gen, in erster Linie der Deutschen Gesell- 
schaft für christliche Kunst, wagten einige 
Künstler sich an die Übernahme ganzer 
Kirchenausmalungen heran. Wer mit 
größtem Interesse für eine farbige Raum- 
wirkung begabt war, sich als Künstler 
dem emsigsten und eingehendsten Stu- 
dium auch der ornamentalen Lösung 




Die christliche Ku: 



25i 



KÜNSTLERISCHES SCHAFFEN IN ALTER UND NEUER ZEIT 




lOSEPH WAGKXBKENXER 



zur Architekturanpassung hingab, die techni- 
schen Schwierigkeiten erforschte — da beides 
keine Gegenstände der damaUgen Ausbildung 
auf Kunstakademien waren — , unter Erweh- 
rung alten Mißtrauens zu einem Auftrag ge- 
langte, endlich die Genehmigung der Pläne 
durch die Behörden fand, der hat keinen ge- 
ringen Kampf gekämpft gegen Vorurteile zur 
Wiedergewinnung berechtigter Interessen 
christlicher Künstler. Trotzdem wird vielfach 
noch die Meinung geäußert, die Übernahme 
ganzer Ausmalungen belaste den Künstler mit 
so vielem handwerkmäßigem Tun, daß es rat- 
sam sei, davon Abstand zu nehmen. In Wirk- 
lichkeit ist es damit nicht schlimm bestellt. Es 
ist gar keine Notwendigkeit, daß der Künstler 
selbst die Leitung der Gehilfen übernimmt. 
Ein Verwandter oder andere tüchtige Kräfte 
können die rein geschäftlichen Dinge behan- 
deln, nur mit dem ausdrücklichen Vorbehalt, 
daß dem Künstler die Oberleitung und damit 
die Befugnis zusteht, Änderungen anzuordnen. 



die im Interesse der 
ganzen Raum Wirkung 
sowie des einzelnen 

Zusammenklanges 
notwendig erschei- 
nen. Der Pfarrer will 
für die ganze Arbeit 
nur mit einem ver- 
antwortlichen Teil zu 
tun haben. 

Bei der Kosten- 
frage kann es nicht 
darauf ankommen, 
einenVerdienstanden 
dekorativen Malerei- 
en zu suchen, es han- 
delt sich um die Frei- 
heit des Künstlers, 
nach seinen Ideen das 
Ganze zu beherr- 
schen, den Bildern 
passenden Platz und 
Einfügung zu geben, 
wofür ihm eine ent- 
sprechende Entschä- 
digung zu gewähren 
ist, und es ist als 
feststehend anzuneh- 
men, daß die Kosten 
der ganzen Malerei 
durch dieOberleitung 
des Künstlers sich 
nicht höher stellen, 
vorausgesetzt daß er 
solche Fragen durch 
Erfahrungen im Ko- 
stenanschlage zu lösen versteht. Daß der Weg 
gangbar ist, beweist die Zunahme der christ- 
lichen Künstler, die sich diesen Arbeiten zu- 
wenden, ein Feld der Tätigkeit erobernd, 
welches ihren Händen entrissen war. 

Die Ausmalung von Kirchen ist auch ver- 
wachsen mit der Glasmalerei, da letztere die 
kalte oder warme Stimmang der Farben be- 
einflußt und durch eine Verdunkelung ein- 
zelner Architekturpartien die Wirkung erhöhen 
oder beeinträchtigen kann. Vergegenwärtigen 
wir uns, wie diese Glasmalereien in den 
meisten Fällen heutzutage noch projektiert 
werden. Sehr selten wird ein Künstler mit 
der Aufgabe betraut, sämtliche Farbenskizzen 
und Kartons für eine Kirche zu entwerfen. 
Man bestellt stückweise die einzelnen Fenster 
bei Kunstglasmalereianstalten, deren Zeichner- 
gehilfen vielfach wechseln. Bis ins Kleinlichste 
ausgetüpfelte Skizzen bestechen den Besteller, 
an eine dem jeweiligen Kirchenraum sich an- 
passende warme oder kalte Farbengabe wird 



ENTWURF FCR st. MAX IN MÜNCHEN 



KÜNSTLERISCHES SCHAIIHX IX ALTER UND NEUER ZEIT 



'-59 



kaum gedacht, da der an- 
gestellte Gehilfe die Kirche 
nie gesehen hat. Hauptsache 
ist die Einschachtelung mög- 
lichst vieler Eigurengruppen 
ganz ohne Überlegung, was 
nun für die anderen Fenster 
übrig bleibt. Wir sehen dann 
später oft in einer Kirche 
eine Ausstellung sämtlicher 
Großfirmen unter den deut- 
schen Glasmalereianstalten, 
an deren Werke vielleicht 
zwanzig verschiedene Zeich- 
nergehilfen ihr Bestes ver- 
sucht haben; mithin ist es er- 
klärlich, daß der Gesamtein- 
druck zerfahren ist. Für die 
einzelnen Pfarrer war es ein 
schweres Kopfzerbrechen, in 
Berücksichtigung vorhande- 
ner Fenster noch passende 
Ideen heranzuholen. 

Ein einheitlicher Plan muß 
für alle Glasmalereien einer 
Kirche festgelegt werden und 
von einer Hand sind die 
Skizzen in Berücksichtigung 
der Innenstimmung des 
Gotteshauses zu entwerfen, 
wenn auch die Mittel für 
eine Ausführung sämtlicher 
Glasmalereien erst im Laufe 
der Zeit sich einfinden. 

Da aber in den meisten 
Fällen auf eine sofortige 
ornamentale Verglasung nicht verzichtet wird, 
so ist in Betracht zu ziehen, ob nicht diese so ge- 
staltet werden kann, daß durch Benutzung eini- 
ger Felder eine spätere Bereicherung mit figür- 
lichen Darstellungen, insbesondere im Lang- 
schiffe, ermöglicht wird. Mit der Ausführung 
des Plans und derGesamtentwürfe ist ein Künst- 
ler zu beauftragen, dem unter allen Umständen 
eine passende Entschädigung zuerkannt wer- 
den muß. Erhält einmal ausnahmsweise ein 
Künstler von einer Glasmalerei den Auftrag, 
einen Karton zu zeichnen, so wird er seine 
Arbeiten oft in anderen Kirchen wiederholt 
finden, in falschen Zusammenstellungen, 
eine Ausnutzung seiner Kräfte, gegen die er 
machtlos ist, eine Schädigung der christlichen 
Kunst! 

Die .Ausführung ist in den Kunstglasmale- 
reien einer ökonomischen Arbeitsteilung an- 
heimgefallen, die man leider bewundern muß. 

Der Glasschneider (Zuschneider betitelt) 
kennt keine andere Tätigkeit, er ist glücklich 




lOSEPH WAGENBRENNER 



ENTWURF FL R ST. MAX IN MLNCHEN 



ZU dieser Bedeutung emporgestiegen und über- 
gibt wohlgeordnet die einzelnen Stücke den 
eigentlichen Glasmalern. Kopf, Hände und 
Gewandteile werden getrennt und Spezialisten 
befassen sich mit der Malerei derselben. Die 
höchste Stellung besitzt, die höchste Bezah- 
lung erhält der Kopfmaler. 

Die eigentümliche Spezialistenausbildung 
ist die geeignetste Art, die verwandten Kräfte 
unselbständig zu machen, damit keine Kon- 
kurrenz entsteht, charakteristisch für moderne 
Fabrikate. 

Für den Künstler ist hier in solcher ein- 
seitigen Arbeitsteilung kein Platz, ihm mül^ten 
ganze Figurendarstellungen zur alleinigen 
Fertigstellung anvertraut werden. 

Die Glasmalerei in ihrer Eigenart ist künst- 
lerisch hoch interessant. Die Wirkungen der 
Gläser in ihrem Spiel der blitzenden Lichter, 
der satten leuchtenden Färbung, die beliebig 
durch Schwarzlot gedämpft werden kann, das 
Einordnen und die Richtung der Bleifassuncren 



26o 



KÜNSTLERISCHES SCHAFFEN IN ALTER UND NEUER ZEIT 




lOHANX EHRISMAXN (STRASSBURG) 



ENTWURF FÜR ST. MAX IX MUXCHKM 



und die mystische Wirkung ganzer Zusammen- 
stellungen reizen zu köstlichen Versuchen mit 
neuen Verbindungen. 

Zu wünschen ist auch hier, daß christliche 
Künstler, die sich für derartige Aufgaben be- 
rufen und begeistert fühlen, unter Voraus- 
setzung der Kenntnis aller Eigenarten der 
technischen Verfahren die Führung einer 
Glasmalerei selbständig in die Hand nehmen. 
Das große Hindernis ist die Kapitalfrage, Ein- 
richtung passender Arbeitsräume mit Brenn- 
öfen, Vorräte an Glasmaterial. Die tech- 
nischen Kenntnisse muß man bei den Ent- 
würfen für Glasmalereiskizzen und Kartons 
voraussetzen. 



Man muß jedoch darauf aufmerksam 
machen, daß die fabrikmäßige Herstellung 
von Glasmalereien die Preise so beein- 
flußt hat, daß bei einer dem christlichen 
Künstler entsprechenden Neugestaltung vor- 
läufig wenig Gewinn in Aussicht zu stellen 
ist. 

Würden die Anregungen bezüglich der ein- 
heitlichen Gestaltung der Skizzen für eine 
ganze Kirche auf guten Boden fallen, dann 
wäre auch hier den Künstlern eine Zukunft 
eröffnet, die den Weg bereiten würde zu der 
innigen Verbindung zwischen Entwurf und 
Ausführung, die in früheren Zeiten eine 
Selbstverständlichkeit gewesen ist und die 



^ EIN VERGESSENER MÜNCHENER KÜNSTLER 



261 



im Interesse der christlichen Kunst wieder- 
gewonnen werden muß"). 

Angermund bei Düsseldorf, 

Heinrich Nüttgens 

EIN VERGESSENER 
MUNCHENER KÜNSTLER 

'T'ausende pilgern alljährlich zur Herbst- 
* zeit, wenn die ersten Marienfäden wie 
ein duftiges Gewebe die Baumäste umhän- 
gen, hinaus nach Maria Thalkirchen bei 
München zum alten Andachtsbilde. Vieler 
Blicke wenden sich von dort auf die zwei 
Bilder der beiden Seitenaltäre und erbauen 
sich an der Darstellung der hl. Anna mit 
Joachim und der kleinen Maria auf dem 
St. Annaaltar (hnks) und der Flucht nach 
Ägypten auf dem Josephaltar (rechts). Die 
Bilder, denen die Kunstdenkmale für das 
Königreich Ba3-ern das Beiwort» bemerkens- 
wert« zumessen, üben noch heute die- 
selbe erhebende Kraft aus, wie zur Zeit 
ihrer Anbringung (1793). Ihr Meister je- 
doch, Prof. Hauber, der vor über i5oJah- 
ren, am 14. März 1766, zu Geratsried bei 
Immenstadt geboren ward, ist vergessen. 

Vergeblich sucht man Haubers Namen 
in der zünftigen Kunstgeschichte und doch 
eignet ihm, der aus dem Ende der Rokoko- 
epoche bedeutsam hinweist auf die neue 
Zeit, ein Platz in der Geschichte unserer 
künstlerischen Entwicklung. 

Haubers \'ater brachte den Sohn zu 
dem MalerWeiß in Rettenberg in die Lehre. 
Die ersten Grundlagen für ein gediegenes 
handwerkliches Können wurden hier ge- 
legt. Die weitere Ausbildung des Sechzehn- 
jährigen erfolgte an der Wiener Akademie 
und nach deren Absolvierung in München. 
Roman Boos verwies ihn auf die strenge. 



») Im vorstehenden nahm ein Künstler das Wort, 
dem es nicht um eine geschichtliche Darlegung des 
künstlerischen Schaffens der besten Perioden christ- 
hcher Kunst zu tun ist, der vielmehr unter Hinweis 
auf jene Zeiten Mißstände der Gegenwart zu be- 
rühren und zu ihrer Beseitig'jng beitragen will. Alle 
diese Dinge haben wr grundsätzlich schon oft be- 
tont. In manchem, was hier zur Sprache kommt, 
so auf dem Gebiete der Glasmalerei, sind gute An 
Sätze zur Besserung im Durchbruch begriffen. Abe 
lange Kämpfe wird es noch kosten, bis tief ein 
gewurzelte Übel überwunden sind. Die christlichen 
Künstler mögen wohl bedenken, daß die Bemühun 
gen um den Sieg ihrer Rechte nur bei Verständnis 
vollem einheitlichem Zusammenwirken, wie es in de 
Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst zutag( 
tritt, Erfolg haben können. D. Red. 




262 



fö^ EIN VERGESSENER MÜNCHENER KUNSTLER ^sm 




KARL M. I.i;Cll\ER 



sichere Zeichnung, der Galerieinspektor Jakob 
Dorner unterwies ihn in der Malerei. In der 
Kurfürstlichen Galerie kopierte Hauber die van 
Dycks, Rubens' usw. mit soviel Glück, daß 
er bald in dem Rufe stand, er könne von 
allen die Alten am besten kopieren. Auch Kur- 
fürst Karl Theodor wurde auf ihn aufmerksam 
und willgte ihm ein Jahresstipendium von 
200 Gulden. Nach schüchternen Versuchen, 
die bis in die Rettenberger Zeit zurückgehen, 
begann der Künstler alsbald der selbständigen 
Arbeit sich zuzuwenden, die ein solches Talent 
verriet, daß er 1800 an die Stelle Öfeles zum 
Protessor an der Zeichnungsakademie erwählt 
wurde, eine Stellung, in welcher er 1808 bei 
der Errichtung der Akademie der bildenden 
Künste als dritter Akademieprofessor über- 
nommen wurde. Mit der angestrengten Lehr- 



tätigkeitgingen eingehen- 
des Studium und Streben 
nach der höchsten künst- 
lerischen Ausdrucksfürm 
Hand in Hand. Seine 
Privatsammlung enthielt 
allein 400 der besten Stük- 
ke altdeutscher, nieder- 
länder und italienischer 
Art. 1836 wurde sie ver- 
steigert, im gleichen Jahr, 
am 23. Dezember, starb 
der Künstler. Der Kunst- 
verein schrieb damals: 
»Gefällig gegen jeder- 
mann, rastlos tätig bis 
ans Ende, erwarb sich 
Hauber die hohe Achtung 
der Mitwelt und seine 
Werke werden stets ge- 
rechte Anerkennung fin- 
den«. Was sonst seinen 
Werken nachgerühmt 
wird : die treffsichere 
Zeichnung, die Gewandt- 
heit in der Komposition, 
der kühne Pinselstrich 
und der markige Auftrag, 
werden auch wir unter- 
schreiben können. Li- 
powski äußert sich u. a.: 
»Sein Ausdruck ist stark, 
vorzüglich aber versteht 
er den des inneren Grams 
und des verborgenen 
großen, nicht gemeinen 
Schmerzes darzustellen. . . 
SeinFleisch, besonders bei 
Frauenzimmern, ist sanft, 
weich und natürlich.« 
Was gegenwärtig von Hauber vorhanden 
ist, läßt nur eine schwache Vorstellung seiner 
Leistungen, nach der quantitativen sowohl 
wie qualitativen Seite hin, zu. Das meiste ist 
verschwunden. Es wurden nach seinem Tode 
allein fünfzig große Altarblätter, außer den 
zahlreichen Staffeleibildern, von ihm aufge- 
führt, von denen wir heute, wie von der 
»Hochzeit zu Kana« (1793) in der Stiftskirche 
zu Altötting, oder dem »Abendmahl v in der 
Münchener Frauenkirche, nicht wissen, wo- 
hin sie gekommen sind. In München und 
seiner Umgebung konnten wir, außer den 
beiden Thalkirchener Bildern, noch vorfinden: 
die »Sendung des hl. Geistes« mit dem be- 
seelten Antlitz der hl. Jungfrau (1793) aus dem 
abgerissenen St. Nikolaikirchlein in Schwabing 
im dortigen katholischen Pfarrhaus St. Ursula; 



EN'TWUKF FLK ST. MAX IN ML XCHEN 



^ EIN VERGESSENER MCNCHEKER KÜNSTLER S*SS 



263 



in Hl. Geist am Unbefleckten-Empfängnis- 
Altar unter dem Altarbild ein Ovalbild des 
hl. Aloysius; die noch bei der Inventari- 
sation der Kunstdenkmale in Hl. Geist vor- 
handenen Altarblätter des »Schlafenden hl. 
Joseph« und des »Autgestandenen in seiner 
Erscheinung der hl. Magdalena als Gärtner« 
mußten leider derXiederreißung der Seiten- 
altäre anläßlich der letzten Kirchenerneue- 
rung 1907/08 zum Opfer fallen, ohne daß 
man für sie in der geräumigen Kirche einen 
anderen Platz fand. Nur in der Oktav des 
hl. Joseph und der hl. Magdalena werden sie 
am Bäckeraltar aufgestellt. In nächster Nähe 
finden sich dann noch in der Dachauer 
Pfarrkirche das gute Choraltarblatt (St. Jakob 
wird zum Tode geführt), in Feldgeding das 
Altarbild (St. Augustin), in Altenerding das 
beachtenswerte Altarbild »Verkündigung 
Marias von 1796 und in der Stadipfarrkirche 
zu Erding selbst die Ölgemälde des Kreuz- 
weges. In der Kapuzinerkirche in Schärding 
hängt heute das für die dortige Pfarrkirche, 
die noch einen »Christus am Kreuz« (i8i6j 
auf einem Seitenaltar besitzt, bestimmt ge- 
wesene »Abendmahl« von 181 5. Besser als 
über die religionsgeschichtlichen Gemälde 
Haubers sind wir durch den Besitz von 
Werken von und nach ihm in der Graphi- 
schen und Maillinger-Sammlung über seine 
sonstige Tätigkeit unterrichtet. Nament- 
lich die zuletzt genannte städtische Samm- 
lung enthält eine Fülle seiner graphischen 
Werke, von denen uns seine Porträts, die 
ihn als den Gesellschaftsmaler seiner Zeit 
offenbaren, in erster Linie beschäftigen. 
Interessant sind vor allem die Bildnisse 
des Kurfürsten Karl Theodor und seiner 
ersten Gemahlin Maria Elisabeth Auguste, 
Ludwigs I. als Kurprinz in Hauptmanns- 
uniform, des ersten bayerischen Königs 
Max und seiner zweiten Gattin, die von 
Montgelas und seiner Gemahlin, von Triva 
und zahlreichen anderen namhaften Yer- 
tretern der damaligen Epoche. Für ihre 
Güte mag sprechen, daß sie angesehene 
Künstler seiner Zeit, wie Professor Karl 
Heß, der \'ater des bekannten Landschafters, 
in Kupfer stachen. Ein Bildnis, das des 
Staatsrats von Kirschbaum, hängt als einzi- 
ges der zahlreichen Kunstwerke Haubers, 
die einst die Kurfürstliche Galerie schmück- 
ten, in der Neuen Pinakothek zu München. 
\V. Zils- München 




264 



saa FERDINAND HODLER — AUGUSTE RODIN 



FERDINAND HODLER 
AUGUSTE RODIN 

I. 

Der am 19. Mai verstorbene Kodier hat zu 
den berühmtesten Malern der Gegenwart 
gehört. Begeisterung und Widerspruch haben 
sich zu seinen Lebzeiten gemüht, seine Be- 
deutung als Künstler über oder unter das 
Maß des Gewöhnlichen zu erhöhen oder zu 
erniedrigen. Politische Gesichtspunkte misch- 
ten sich neuerdings störend hinein. Sie hätten 
nie in Betracht kommen sollen und dürfen 
es am wenigsten jetzt dem Toten gegenüber 
tun. Der rückblickenden Betrachtung bleibt 
nur die Pflicht eines Versuches zur Klarheit 
darüber, was Hodler in seinem Lebenswerke 




RUDOLF SCHM.-VLZL 



an echten, darum der Dauer würdigen und 
fähigen Werten niedergelegt habe. Denn der 
große Einfluß, den er auf die modernste 
Kunst geübt hat, beweist die Existenz solcher 
Werte noch keineswegs, ist zunächst nur 
charakteristisch für die Unselbständigkeit der 
Nachfolger und wird sogar durch sie ver- 
dächtig, weil er wesentlich Früchte von äußer- 
licher Unmöglichkeit und innerlicher Mangel- 
haftigkeit und Ungesundheit gezeitigt hat. 
Wenn man an Hodlers Kunst denkt, so 
hat man sie zu allermeist im Zustande ihrer 
späteren Entwicklung vor Augen. Weniger 
erinnert man sich seiner noch realistischen 
Frühbilder als jener Werke, in denen sich 
sein Streben nach neuen, überwirklichen 
Zielen off^enbart. Vorzugsweise diese Leistun- 
gen haben ihm den Ruf des Genius ver- 
schafft, der gekommen 
sei, um der Welt eine 
neue Monumental- 
kunst zu schenken. 

Langsam hat die 
Eigenart sich bei Hod- 
ler herausgebildet ; weit 
über dreißig Jahre ist 
er alt geworden, ehe 
er fand, was er ge- 
sucht zu haben glaubte. 
Größte Gedanken und 
Absichten leiteten ihn 
auf seinem Wege, aber 
an voller Klarheit fehl- 
te es ihm. Darum konn- 
te er auch auf die 
Nachfolger nicht klä- 
rend wirken. Nur zum 
Teil gehörten die Ide- 
ale, die ihm vorschweb- 
ten, wirklich in das 
Reich der Idee, zum 
Teil vermochten sie 
sich vom Boden der 
Realistik nicht los zu 
machen. Unddoch war 
es Hodlers Streben, die 
Kunst vom Natürli- 
chen, Äußerlichen, Zu- 
fäUigen und den hier- 
für geeigneten Aus- 
drucksformen zu be- 
freien. Aber er gelang- 
te nicht zur einheit- 
lichen Durchführung 
dieser Absicht. Er 
suchte von der Tradi- 
tion sich abzukehren, 
ENTWURF FÜR ST. MAX IN MCN'CHEN einen eigenen primi- 



S^ FERDINAND HODLER — AUGUSTE RODIN G^ 



^65 



tiven Stil sich zu bilden und vertiel 
dabei doch nur der Nachfolge teils 
wirklich primitiver Vorbilder, teils 
solcher, deren scheinbare Primitivität 
in Wahrheit erstarrtes Formelwesen 
war: ägyptische, babylonische, byzan- 
tinische Linienführung und Kompo- 
sition. Ihnen folgte er auch bei seinen 
geschichtlichen Wandgemälden, bei 
denen es doch nicht möglich war, 
weil sich hier der Stoff, die Wieder- 
gabe von Tatsächlichkeiten, nicht 
völlig um sein Recht bringen ließ, 
ohne daß der Zweck der Bilder be- 
einträchtigt, ja aufgehoben wurde. So 
bei dem Auszuge der Jenenser Stu- 
denten (im Universitätsgebäude zu 
Jena), der Reformation (im Rathause 
zu Hannover). Gegenüber dem Rück- 
zuge der Schweizer nach der Schlacht 
von Marignano (im Museum zu Zürich) 
bedeuteten diese letztgenannten Werke 
den Rückschritt, an dem die Über- 
spannung und Einseitigkeit des Prin- 
zips die Schuld trug; statt Über- 
wirklichkeit, mit der sie ja auch 
innerlich nichts zu tun haben, bieten 
sie Unwirklichkeit, Unnatur. Viel 
höher steht die Hodlersche Kunst 
bei ihren rein symbolisierenden Dar- 
stellungen. Die große Strenge der 
Formgebung, der harte Rhythmus der 
mathematisch gedachten Linien, die 
Wiederholung der Leitmotive, die 
Vernachlässigung der Naturform, die 
verallgemeinerte Gebärdensprache, die 
eisigen hellen Farbenflecke, das alles 
ließ sich erklären und verteidigen bei 
Werken, die darauf ausgingen, Be- 
griffen, einfachsten Vorstellungen und 
Empfindungen sichtbare Gestalt zu 
verleihen. 

Man dürfte das Streben nach sol- 
cher Vereinfachung, nach solcher Ab- 
kehr von allem Äußerlichen, nach 
solchem Aufsuchen des Letzten, 
Bleibenden mit Recht als etwas 
Großes anerkennen, wenn es aus den 
Tiefen eines um VeivoUkommnung 
ringenden Gefühls entsprungen wäre. 
Es kann franziskanischer Geist sein, 
der sich darin kundgibt, wenn er die 
Armut freiwillig sich wählt, Nach- 
folge des Heilands, der uns rät, den 
Kindern gleich zu werden. Ein neuer 
Giotto hätte Hoüler uns und der 
Zukunft werden können, wenn er 
seine Aufgabe in solchem Sinne zu 




Die chiistliclie Kunst. XIV. 



266 



e^ FERDINAND HODLER — AUGUSTE RODIN ^ 




lOSEPH KULD UND HANS SELIGER 



fassen vermocht hätte. Denn nur so hätte 
er sie richtig erfaßt, nur so mit dem 
Rüstzeuge einer in ihrer Schlichtheit reichen, 
von tiefstem Gefühl durchglühten Kunst 
Seelen hingerissen und Taten zu klaren 
Höhen geführt. Wie aber er und des- 
halb auch seine Malerei wirkhch waren, 
nur vom berechnenden Verstände geleitet, 
innerlich kalt, je länger je mehr verarmt, 
konnte er uns nichts sagen, nichts geben, 
der Kunst nichts werden als einer ihrer Ver- 
äußerlicher und Verderber. 



II. 

Auguste Rodin, der 
am 17. November 
19 17 starb, hat die ro- 
manische Formkunst 
der Gegenwart aut 
einen jener Höhe- 
punkte geführt, die 
von keinem Nachfol- 
ger wieder erreicht 
werden können. Nach- 
ahmung ist möglich, 
aber keine Weiterent- 
wicklung. Man denke 
an Grünewald, an Ri- 
chard Wagner, oder 
um bei Rodins Kunst 
und seinem Romanis- 
mus zu bleiben, an 
Michelangelo. Aber 
man vergleiche die 
beiden nicht miteinan- 
der, weil dies doch 
nur auf Äußerlich- 
keiten herauskommt, 
und innerlich jeder 
von ihnen eine Er- 
scheinung ganz für 
sich allein bleibt. Ro- 
din hat den gewalti- 
gen ^'orgänger be- 
wundert, mehr als das, 
er hat ihn als einen 
der beiden Eckpfeiler 
seines SchatTens an- 
erkannt — der andere 
war Phidias, aber kei- 
nem von beiden hat 
er sich unterworfen. 
In bescheidenenVer- 
hältnissen wuchs Ro- 
din auf. Nachdem es 
sichentschieden hatte, 
daß er sich der Kunst weihen würde, wollte er 
Maler werden. Aber es fehlte ihm an Geld, 
um sich Leinwand und Farben zu kaufen. 
So wandte er seine Blicke von den im obe- 
ren Stockwerk des Louvre befindlichen Gemäl- 
den ab, und den Skulpturen im Erdgeschosse 
zu. Daß er im Herzen dennoch ein Maler 
blieb, daß er alles mit den Augen eines Malers 
ansah, während er doch in Stein dachte, das 
gehört zu seinen großen, richtunggebenden 
Eigenschaften. 

Rodins Jugend verging in rühmlich fleißiger 
Arbeit. Antoine-Louis Barye, der tüchtige 
dramatisch starke Tierbildner, und Albert 



ENTWURF FÜR ST. .MAX IN' .MÜNCHEN 



FERDINAND HODLER ~ AUGUSTE RODIN eaa» 



267 



Erneste Carrier- Bei leuse, dessen 
Werke so reich an malerischen Reizen 
sind, waren seine Lehrer. Sein Meister 
war und blieb er selbst. Er selbst war 
sein Führer, sein Leiter und zeigte sich, 
weitab von Träumereien und Exaltationen, 
den Weg der Strenge, der mathematischen 
Überlegung, den Weg zur Natur und 
mit der Natur. Rodin war von Jugend 
an der fertige Künstler, als der er ins 
Grab gestiegen ist. Und doch schienen 
seine ersten bildhauerischen \'ersuche auf 
keine ausgesprochene Persönlichkeit hin- 
zudeuten. Ganz langsam, mit vorbildlicher 
Geduld und harter Selbstzucht arbeitete 
er sich in den Geist fremder Künstler 
und Kunstepochen hinein, nicht um sie 
nachzuahmen, sondern um zu erkennen, 
wie es anderen möglich geworden sei, die 
Wahrheit zu finden und zu bilden. Mitten 
in dieser zunehmenden Erkenntnis der 
formalen Schönheit der Antike, des Seh- 
nens der Gotik, deren Ringen gegen die 
Fesseln der Materie für Rodins Auffassung 
ihren letzten und größten Kämpfer in 
Michelangelo findet, unbeirrtdurch Suchen 
und Grübeln, mit rastloser Kraft und 
nicht welkender Frische erringt sich Rodin 
für seine eigene Kunst das, was sie modern 
macht, den Subjektivismus, den Skepti- 
zismus, den Naturalismus, erfaßt dies alles 
mit den Bücken und dem Willen eines 
Riesen und schafft Werke, die würdig 
sind eines solchen und seines Wunsches, 
die Menschheit durch das Gesetz zum 
Riesenhaften zu gewöhnen. 

Wer solche Gedanken hegt und sie mit 
Ernst zu verwirklichen strebt, der wird 
ebenso leidenschaftlich bewundert wie ge- 
haßt werden. Das letztere ist Rodin reich- 
lich zuteil geworden. Was man vermocht 
hat, um ihn zu kränken, ihm das Leben 
sauer zu machen, seine Absichten zu 
durchkreuzen, das hat man getan, von 
jener Ausstellung an, wo man ihm seinen 
staunenswerten >Mann mit der zerbroche- 
nen Nasec zurückwies, bis in die letzten 
Zeiten. Um so begeisterter hingen jene 
an ihm, die sich bemühten, ihn zu ver- 
stehen. Einzelne, die sich ihm nähern 
konnten, wurden der Gespräche teilhaftig, 
in denen er seine Ansichten über tiefste 
Dinge aussprach. Solche Gespräche sind 
von Judith Cladel in ihrem großen, 
1509 erschienenen Werke über Rodin, 
und von PaulGsell gesammelt heraus- 
gegeben worden. Uns Deutschen, die wir 
eine philosophische Erziehung genossen 




268 



FERDINAND HODLER — AUGUSTE RODIN 




WILHELM VIERLING 



haben, klingt nicht alles durchweg sonderlich 
tief, wir glauben auch oft in den von fran- 
zösischem Elan getragenen Auslassungen zwi- 
schen der Poesie einen mißlichen Unterton 
der Selbstgefälligkeit zu hören, aber vielleicht 
glauben wir dies nur, weil solche Art, derlei 
Gegenstände zu behandeln, unserem Wesen, 
und unseren Methoden fremd ist. Ein Buch, 
das ganz und gar zu diesen Gesprächen paßt, 
ja sie als Selbstgespräch durch größere und 
von nichts gestörte Intimität noch übertrifft, 
hat Rodin in seinen letzten Zeiten noch ver- 
öffentlicht. Es ist in deutscher Übersetzung 
unter dem Titel »Die Kathedralen Frankreichs« 
bei Kurt Wolff in Leipzig erschienen. 

Die Kathedralen! Der Sinn derGotikI Lesen 
wir dieses Buch, so denken wir manchmal 
unwillkürlich an jene Schrift, in der Goethe 



schwärmend für Stein- 
bachs Münster sein 
erstes großes Bekennt- 
nis zur Kunst, zugleich 
sein wichtigstes letztes 
zur deutschen Kunst 
ablegte. Schwärmerei 
und Erkenntnisschärfe 
bei dem Jüngling wie 
bei dem Greise. Bei 
jenem, der sich als 
Deutscher fühlen lernt, 
bei diesem, dem sich 
in der Gotik der wahre 
Geist der Geschichte 
Frankreichs spiegelt. 
DasTemperament reißt 
ihn hin, olt werden 
seine Bemerkungen 
unzusammenhängend, 
nicht immer kennzeich- 
nen sie den Gegenstand 
scharf. Darum nicht, 
weil er nicht immer als 
solcher gemeint ist, 
sondern als Sinnbild 
Frankreichs, wie es war, 
wie es werden und sein 
sollte, und wie es ist. 
Erst unter diesem Ge- 
sichtspunkte vermag 
man dem Buchein allen 
seinen Teilen gerecht 
zu werden. Wer ihn 
verkennt, kann unter 
Umständen durch diese 
Lektüre mehr Schaden 
als Nutzen, mehr Ver- 
wirrung als Aufklärung 
haben. 

Rodin hat die Leidenschaft für die Kathe- 
dralen seines Vaterlandes nicht erst im Greisen- 
alter gefaßt. Vor langen Jahrzehnten schon 
war er manchmal plötzlich verschwunden, 
und kehrte er darauf ebenso unvermutet wie- 
der, so antwortete er denen, die ihn fragten, 
wo er gewesen, was er getrieben, er habe 
Kathedralen angeschaut. Zuletzt schrieb er 
sein Buch über sie, um sein Volk »die Kunst 
des Bewunderns zu lehren«, es vom vor- 
witzigen Kritisieren, vom Besserwissenwollen 
gegenüber Künstler und Kunstwerk zu ent- 
wöhnen. Solcher Lehre darf auch mancher 
Deutsche lauschen. Liebe und Ehrfurcht, die 
eingeschlafen sind, will Rodin erwecken für 
die Kathedralen, die Symbole der Kunst, die 
da blüht, abstirbt und wieder aufersteht. Er 
will auf die Pflicht hinweisen, sie zu ehren. 



ENTWURF FÜR ST. MAX IN MCKCHEK 



FERDINAND HODLER — AUGUSTE RODIN CT^ 



269 



zu schonen, zu erhahen, nicht aber 
achtlos das kostbare Gut zu ver- 
schleudern oder durch unvernünf- 
tige, verständnislose Herstellungen 
ihrer Gefühlswerte zu berauben. 
»Eine Kunst, die Leben in sich hat, 
restauriert die Werke der Ver- 
gangenheit nicht, sondern setzt sie 
fort.« Aber gerade bei denen, für 
die er spricht, predigt er, wie alle 
es wissen, und wie die Unbefange- 
nen es auch zugestehen, n^it sei- 
nen Worten, wie mitseinen Werken 
tauben Ohren. Denn die »Schön- 
heit unserer gotischen Kirchen 
liegt darin, daß sie in jedem Zuge 
Sinnbilder der himmlischen Liebe 
sind«. Wer versteht dergleichen im 
heutigen Frankreich ? Und wie 
wenige auch außerhalb Frankreichs 
begreifen die so unendlich feine, 
unendlich einfache, unendlich sinn- 
volle Sprache der gotischen Kathe- 
drale überhaupt ' » Wenn ihr's nicht 
fühlt, ihr werdet's nicht erjagen.« 
Die Kunst fühlen, darauf kommt 
es an. Architekten sollten dies Buch 
lesen. 

Der Gesellschafter fragt den 
Meister einmal, ob er religiös sei. 
Rodin bekennt sich zu einer dog- 
men- und ritenlosen Religion des 
bloßen Gefühls. Diese aber erklärt 
er als so unentbehrlich für den 
Künstler, daß er ausruft: »Wenn 
es keine Religion gäbe, so würde 
ich sie erfinden müssen!« »Wenn 
die Religion schwindet, so geht 
auch die Kunst verloren« — aber 
es ist die Religion, wenn man so sagen darf, 
der Schönheit, nicht die wahre des Glaubens. 
In diesem Sinne ist jede echte Kunst für ihn 
religiös und sind ^die wahren Künstler die 
religiösesten aller Menschen«. Den Meistern 
der Gotik und aller Folgezeit war »die Kunst 
der eine Flügel der Liebe, der andere war 
die Religion ; Kunst und Religion geben der 
Menschheit die Sicherheiten, die sie zum 
Leben braucht«. Aber mit dieser Gleichstellung, 
die nicht überall bei Rodin durchgeführt ist, 
hängt das völligeMißverstehen des kirchlichen 
Geistes bei seinen Bemerkungen über die 
Dome von Limoges, von Reims usw. zu- 
sammen. Was wir als Religion im eigent- 
lichen Sinne verehren, das spricht aus Rodins 
Werken nicht, auch nicht aus denen, die, wie 
sein Johannes der Täufer im Luxembourg, 
einen biblischen Gegenstand behandeln, oder 




KAKL .M. I ECIIXER 



\1 ,M IIL i/KNGBABli: 



wie seine an sich schon wegen der Kühn- 
heit des Gedankens bewundernswerte »Hand 
Gottes« eine Wahrheit der Religion a,ndeutend 
verbildlichen. Hier herrscht also Unklarheit, 
wie sie für das moderne Empfinden kenn- 
zeichnend ist. Auch bei noch längerem Leben 
hätte sich Rodin von ihr nicht losgemacht. 
Da nun die von ihm mit Religion gleich- 
gestellte Kunst ihre Vertreter mit solcher 
Freudigkeit erfüllt, daß sie in der modernen 
Gesellschaft fast die einzigen Menschen sind, 
die ihren Beruf mit Vergnügen betreiben, und 
weil die Künstler bei ihrem genialen Schaffen 
sich der Zwecke dieses Schaffens angeblich 
immer voll bewußt sind, so wohnt auch der 
Kunst die Kraft inne, den Sinn des Lebens 
zu enthüllen, die Menschen über ihre Bestim- 
mung, über das Recht ihrer Existenz aufzu- 
klären. Alle große, echte Kunst, welchen 



270 



esai FERDINAND HODLER — AUGUSTE RODIN 



Epochen sie immer angehören, hei welchen 
Völivern sie immer entstanden und entwickelt 
sein mag, bildet in Bezug auf ihre let,iten 
sinnlichen und seelischen Absichten eine er- 
habene Einheit. Daher kommen bei Rodin 
die oft seltsam anmutenden Vergleiche, bei 
denen unbedenklich etwa Gotik mit griechi- 
scher oder asiatisischer Kunst zusammenge- 
stellt wird. Als Beispiel: der berühmte Engel 
von der Kathedrale zu Chartres und die 
Bewegungen einer in Paris auftretenden Truppe 
von Tänzerinnen aus Kambodscha! 

Was alle große Kunst trotz äußerer Ver- 
schiedenheiten vereinigt, ist für Rodin die 
ewig gleich bleibende Wahrheit der Natur. 
Sie ist es letzten Endes, die er rastlos studiert, 
und die er in den Schöpfungen der Kunst 
zeitlebens gesucht, endlich sie und nichts 
anderes, was er in seinen eigenen Werken 
darzustellen unternommen hat. »In allem 
gehorche ich der Natur und beanspruche 
nie, ihr zu befehlen. Mein einziger Ehrgeiz 
ist, ihr sklavisch treu zu sein.« Er sucht die 
unbelebte Natur auf einsamen Spaziergängen 
auf, er erforscht die Eigenart der französi- 
schen Natur, um den Geist seiner vaterlän- 
dischen Kunst auf seine Echtheit zu prüfen. 
Kunst ist in sinnliche Erscheinung übersetztes 
Naturstudium. Der Bildhauer ist nichts als 
ein Kopist, dessen vornehmste Pflicht es ist, 
seine Modelle bis in die letzten Feinheiten 




FRIEDRICH SCHILDHOKN 
(K.^RLSKUHE) 



ZU studieren, nicht indem er ihnen, wie Ro- 
din selbst es früher — später nicht mehr' — 
tat, ihre Stellungen vorschreibt, sondern sie 
im Gegenteil ganz ihren spontanen Bewe- 
gungen überläßL Wahl dieser Bewegungen 
ist unnötig, weil alles, was die Natur frei- 
willig bietet, auch in künstlerischem Sinne 
schön ist. Schön ist unter Umständen auch 
das, was unserem ungeübten Auge als furcht- 
barste Häßlichkeit erscheint. Beispiele: Rodins 
berümte Vieille Heaulmiere, seine hl. Magda- 
lena, sein Ugolino, der die eigenen Söhne 
verschlingt. Die Schönheit der Naturdinge 
und ihrer Spiegelbilder in der Kunst besteht 
in der Wahrheit, die sich dem Geiste des 
Künstlers enthüllt. Dieser Wahrheit hat sich 
das unterzuordnen, was im gewöhnlichen 
Sinne Schönheit heißt. Wahrheit ist Charak- 
ter, und schön ist nur, was Charakter besitzt. 
Rodin rühmt sich, und darf es mit Recht : 
»Ich habe mein Bestes getan, ich habe nie 
gelogen, ich habe meinen Zeitgenossen nie 
geschmeichelt.« Das darf man zugeben, wenn 
man viele seiner Büsten, wenn man die in 
ihrer Häßlichkeit so ungeheuer monumentale 
Balzac-Statue sieht. Den Einwand, daß seine 
Gestalten so häufig Formen zeigen, die von 
der Wirklichkeit der Natur abweichen, lehnt 
er ab mit den Worten: »Das Gefühl, das 
meine Vision beeinflußt, hat mir die Natur 
so gezeigt, wie ich sie kopiert habe.« Der 
Bildhauer hat seine Werke nicht mit Gedan- 
ken zu beschweren, sondern sie mit sinnlichem 
Leben zu erfüllen. Aus diesem entspringt die 
Kunst. Leben aber ist Ordnung, und auch 
»das Genie ist die Ordnung selbst«. Es er- 
reicht nichts ohne strengste Zucht seiner selbst, 
ohne Abklärung der eigenen Gefühle. Von 
sich selbst bekennt Rodin, er sei »kein Träu- 
mer, sondern ein Mathematiker«, er sei weit 
entfernt davon ein Exaltierter zu sein, wie 
man aus seinen Werken fälschlich schließen 
könnte. Der Meister der »Höllenpforte« er- 
klärt mit Festigkeit, sein eigenes Gemüt sei 
schwerfällig und sanftmütig, die Exaltationen 
hätten »ihren Grund nicht in ihm, sondern 
in der bewegten Natur«. Darum ist er auch 
ein Feind aller Originalitätshascherei, und 
ein Lobverkünder der Einfachheit und Unbe- 
fangenheit, des Ebenmaßes, der Disziplin. Der 
Bildhauer hat vor allem das Geheimnis der 
Erhöhungen und Vertiefungen, der Flächen, 
der Lichter und Schatten, des Rhythmus, der 
Bewegungen zu ergründen, erst dann kommt 
das Thema für ihn in Betracht, gleichviel 
wie wichtig das an sich auch sein mag. Denn 
der menschliche Körper mit seinen Formen 
und Bewegungen ist das Spiegelbild der Seele, 



^ FERDINAXD RÖDLER — AUGUSTE RODIN 




lOSUA VON" Gl 



das nur durch die mit unbeugsamer Geduld 
durchgesetzte Ausführung, erst wenn :»das 
mystische Ideal sich in ein sinnliches verwan- 
delt«, zur Erscheinung gebracht werden kann. 
Als ausgezeichnetes Beispiel hierfür können 
die sprechenden Bewegungen der Rodinschen 
»Bürger von Calais ; dienen. Aber es gibt 
nach Rodin überhaupt vielleicht kein Kunst- 
werk, das nur zu den Augen spricht. Durch 
seine innere Ordnung (Beispiel: die Kathe- 
dralen ! ) übt es bestimmte seelische Wirkungen 
aus. Wenn diese Wirkung erreicht ist, so 
darf die Ausführung des Werkes unter- 
brochen werden, und umgekehrt entsteht 
sie oft gerade infolge der Unterbrechung. 
Daher bei vielen Rodinschen Figuren das 
Fehlen von Gliedmaßen, das Steckenbleiben 
der Figuren im Steinblock (>Der Ge- 
danke«). Der Geist kämpft gegen die der 
Materie anhaftenden Mängel — dieser Ge- 
danke ergibt sich aus der Mehrzahl der 
Rodinschen Werke. So erwachsen bei ihm 
Schilderungen von Gemütsausdrücken, die 
viele seiner Wesen weit über Menschliches 
hinauswachsen lassen, sie zu Darstellungen 



des reinen Begrifles machen. Was Worte 
nicht mehr ausdrücken, Gedanken nicht mehr 
fassen können, Erregungen, die unbewußt und 
doch bewegend und bestimmend in der Seele 
unserer Zeit leben, das suchen diese Plastiken 
andeutend zu verkörpern. Andeutend im 
Sinne des Romanen, der es weniger als 
der Germane liebt, aus seinen Emptindun- 
gen ein Hehl zu machen. Daher die für 
unser deutsches Emptinden bisweilen über 
die Grenze des ästhetisch und moralisch Zu- 
lässigen hinausgreifende Form. Das alles er- 
scheint uns neu an Rodin, und doch be- 
streitet er, daß sein Schaffen einen Fort- 
schritt bedeute, denn dieser »existiere in 
der Welt, aber nicht in der Kunstx. Er 
selbst liefere den Beweis, denn wie er von 
der Antike ausgegangen, so sei er schließlich 
wieder zu ihr zurückgekehrt. Er hat zeitlebens 
an der Tradition festgehalten, ist nie ein 
Revolutionär, aber auch niemals ein Nach- 
ahmer gewesen. So hat er im Sinne der 
Wahrhe.t inmitten, des Geschmacksverfalles 
den Zusammenhang des großen Kunstganzen 
zu retten versucht. Doering 



272 



ZUM GELEITE IN DEN NEUEN JAHRGANG 




ACGL'ST SCIlAl.lhR 



ZUM GELEITE IN DEN NEUEN JAHRGANG 

(Sonett zu obigem BiUe) 

CanktGeorg,derdengrausenLind\vurmschIug, Verbannt sei selbstisch feiges Tun der 

Die zarte Unsciiuld seinem wilden Rachen Schwachen 

Entwand, du wollest uns die Kraft entfachen, Und öder Zwietracht ekle Natternbrut, 

Zu folgen deinem hehren Seelenflug. Darob die Feinde beutegierig lachen. 

Der frohe Glaube, der zum Sieg dich trug Für Opfer stähle uns die heil'ge Glut, 

Gen Blutgier eines erdgebornen Drachen, \'or denen zäh'ste Widerstände brachen, 

Sei Vorbild uns, zu rüsten und zu wachen Zu stehn fürs Ideal treu auf der Hut. 
Vor lauernder Dämonen Wut und Lug. s. staudhamcr 



BEILAGE 



SECESSIONS- UND KRIEGSKUNST 



SECESSIONS- UND KRIEGSKUNST 

Von Dr. Hans Schmidkunz (BerlinHalensee) 

ps fällt auf, wie zahlreich in neueren Secessionsaus- 
Stellungen Gemälde und Graphiken mit christlichen 
oder, wie man hier weniger unpassend sagt: »bibli- 
schen« Stoffen auftreten. Doch nicht ein besonderes 
Interesse für das Auszudrückende scheint dazu zu trei- 
ben ; und Kirchenbild kann wohl keines dieser Werke 
sein. Allein die Künstler suchen da Gelegenheiten zu 
eigenartigen oder eigensinnigen Gestaltungen, haupt- 
sächlich durch das Bemühen nach heftig ausdrucksvol- 
len Bewegungen und nach elementargeometrischen 
Formungen. 

Die 30. Ausstellung der Berliner Secession, Früh- 
jahr 1917, brachte abermals markante Beispiele dafür. 
duadrate, Ovale und dergleichen setzen einen Holz- 
schnitt iKreuzigung« von O. Lange zusammen und 
zeigen wieder die heute beliebten dünnen Figuren. 
(Derselbe Künstler bringt das Motiv »An der Schleuse« 
zweimal: einmal mehr gezeichnet, das andere Mal mehr 
in farbigen Großklecksen — man erkennt das gegen- 
wärtige Formentasten.) Zweiecke und Ovale bilden 
die zwei Lithographien, auf denen G. Schaffer Chri- 
stus zeigt, wie er den Juden »Ein Gleichnis« vorträgt. 
Nicht nur kraftraeiernd, sondern auch undeutlich ist 
L. Corinth in seinen zwei Lithographien »Kreuzira- 
gung« (Station des »Weinet nicht...«). Das gleich- 
falls lithographische »Abendmahl« von W. Kohtoff 
würde wieder durch seine Bewegungskraft und .auch 
durch Lichtwirkungen mit einem Streben nach Über- 
irdischem einen höheren Rang einnehmen, litte es nicht 
unter Skizzenhaftigkeit der Gesichter. 

Die umgekehrte Holzschniitmanier weißer Formen 
auf schwarzem Grund benützen E. Bernecker zu 
einem »Toten Christus« und andere zu weltlichen Dar- 
stellungen (Fr. Lederer »Alle Gasse«, während Dora 
Maetzel-Johannsen in ähnlicher Weise auf Lino- 
leum »Die Vertriebenen« darstellt). Das Thema der 
Flucht nach Ägypten wird von O. Erich in farben- 
skizziger Weise aquarelHert und von Fr. Gartz in 
einem Entwurf zur Ruhe auf der Flucht mit wenigstens 
einiger Innigkeit gezeichnet. Eine Radierung von 
H. Kunz »Karfreitag« zeigt eine Art Pieta, unter einem 
kreuzförmigen Gestell. Etwas hieratisch, hauptsächlich 
mit Rot- und Grüntönen, malt M. E. Nicolas seinen 
Entwurf für eine dekorative Malerei »Himmelfahrt 
Christi«. Das Aquarell »Christus am Kreuze« von 
I. Hegenbarth entfernt sich von dem, was ein sol- 
ches Motiv erwarten läßt, weiter als seine Zeichnung 
»Kain und Abel«. Die Lithographie »Verkündigung« 
von Marta Steinbarth gehört zwar auch zum Skiz- 
zenhaften, enthält aber leidlicher als sonst durchge- 
führte Phj'siognomien. 

Das Wertvollste in dieser Gruppe bringt wohl 
E. Waske: von seinen Zeichnungen ist schon die 
»Himmelfahrt« mit kräftiger Innigkeit bewegt; aber 
»Der Geist Gottes über den Wassern« bedeutet einen 
gelungenen kühnen Versuch, ein solches übernatür- 
liches Thema trotzdem mit natürlicher Anschaulichkeit 
auszugestalten. 

Tief und reichlich in altgefestigtes religiöses Füh- 
len, und Anschauen führte eine Sammlung mittel- 
alterlicher Buchmalereien ein. Drei Perioden 
wurden unterschieden: eine romanische vom 11. bis 
15. Jahrhundert, eine gotische vom 15. bis 14. Jahrhun- 
dert und eine vom 15., über die es hieß: »Die klassiche 
Zweckeinheit des romanischen Buches ist in phantasie- 
vollem Reichtum aufgelöst. Sie wiederzugewinnen ist 
das Ziel der neuen Kunst.« 

Die I. Periode greift auch noch auf Byzantinisches 
zurück, samt einem armenischen Evangeliar von 1645, 



das in flächiger Weise eine üppige Ornamentierung 
zeigt. Mannigfache verschlungene Schmuckmotive bil- 
den die Schönheit romanischer Initialen. Und wie 
sind aus der thüringisch-sächsischen Schule des 13. Jahr- 
hunderts eine »Geißelung und Kreuzigung« sowie eine 
»Auferweckung der Toten«, mit kräftigem Gesichtsaus- 
druck, in das Format hineinkomponiert! 

Die IL Periode tritt nicht eben scharf heraus. Doch 
die »Geißelung Christi« eines Initials aus dem 14. Jahr- 
hundert, zugleich kräftig und fein, war mit Recht als 
»höchst interessant« bezeichnet. Ein gleichzeitiges Initial 
(beide italienisch) stellt die Heilige Dreieinigkeit durch 
einen Kopf mit drei Gesichtern dar. 

Die 111. Periode erfreut besonders durch feinste Orna- 
mentik — aus Italien mehr flächig, aus Frankreich 
mehr linear. Dazu kommt Flämisches. Hier ergreift 
auch der großartig komponierte Engel mit Monstranz 
und Stifterbild; ein schreibender Sankt Lukas tritt kräf 
tig hervor ; und landschaftlich perspektivische Kunst er- 
schemt nicht nur in einer flämischen Madonna mit 
Kind und einem ebensolchen Sankt Antonius, sondern 
auch in einem süddeutschen Sankt Bartholomäus, der 
freilich erst um 1520 angesetzt ist. 

Die sonstigen »retrospektiven« Interessen der Se- 
cession wurden diesmal vertreten durch einen Uhde 
(Pastell »Gang nach Emmaus«), durch einige Spitzweg 
sowie durch etliche Studien usw. v, Marees, unter 
deren die Rötelzeichnung eines Efatwurfes für das Ge- 
mälde »Goldenes Zeitaher I« genannt sei — Typus 
eines fernhin suchenden Kunstringens! 

Jene Vorhebe für heftig ausdrucksvolle Bewegungen 
von Figuren kehrt in weltlichen Kompositionen wieder. 
Man sehe etwa G. v. Finetti, der dem »Carmen «-Thema 
eine Folge von 1 2 Radierungen widmet — wie denn 
jetzt überhaupt die grapiiischen »Folgen« beliebt wer- 
den. Im übrigen gibt es hier wohl das Beste der 
.Ausstellung, auch abgesehen von prächtigen Nachlaß- 
stücken des Fr. Boehle. Besonders E. Büttner und 
H. Kravn treten hervor, jener melir mit lyrischem Ge- 
halt, dieser mehr mit Charakterisierungs- oder gar Ka- 
rikierungskunst, wie sie besonders (neben Porträtzeich- 
nungen) seine Lithographien »Die Krüppelstadt«, »Lü- 
gennest« und »Trübe Botschaft« (betende Juden) zei- 
gen. Büttner wendet seine phantasievolle Gestaltungs- 
kraft an Stoffe wie die vier Jahreszeiten (in Stickerei 
ausgeführt von Elsa Hoffmann, beim Winter mit 
einer Madonna in Strahlen) oder wie >Dr. Faust« oder 
»Der Dichter« (meist Radierungen). Auch A. Schin- 
ner er geht mit seinen Handzeichnungen in Phantasie- 
höhen, z. B. mit zwei von mehreren, »Das geträumte 
Paar« betitelten Blättern. 

Phantastisch-kräftige Kotiipositionen sir,d auch die 
Zeichnungen von M. Zeller. Dem Thema »Mutter 
und Kind« bringt E. Kuithan zwei Zeichnungen dar; 
und gleichzeitig waren von ihm bei Schulte mehrere 
Gemälde zu sehen, stark symbolisierend, voran ein 
»Sonnenuntergang«. Hier und jetzt überhaupt wird 
ebenso gerne nach einheitlicher Formenstimmung wie 
seinerzeit nach Einzelausführung gestrebt. Viel Ge- 
schicklichkeit und Anmut entfalten darin Zeichnungen 
von P. Scheurich, beispielsweise mit einem »Pasto- 
rale«. Ein sinniges »Erwachen« lithographiert G.Gelb ke ; 
und das Temperabild »Die Erschaffung der Tiere« von 
G. Klapper ist eine gut angelegte Skizze; auch zwei 
»Urwelt «-Pastelle von W. Doms fallen auf Die wuch- 
tige Formengröße von A. Egger-Lienz wird uns 
durch die Hauptfigur (Tempera) seines »Bauernaufstan- 
des« in Erinnerung gebracht. 

Jene »Folgen« sind' gewöhnlich Illustrationen zu 
Dichterwerken, bald mehr buchmäßig, bald mehr eigen- 
ständig. So illustriert H. Steiner-Prag mit Litho- 
graphien, die von Biedermeierzeit sprechen, eine Dich- 



Die christliche Kunst. 



. November 1917 



MUNCHENER PLAKATWETTBEWERB 



tung >DerGolem<. Mit einzelnem illustriert M. Schenke 
in einer Radierung »Hoffniann's Erzählungen« und 
O. A. Schiffer zeichnend eine »Jagd nach Liebec. An 
Reihen von Kriegszeichnungen wie z. B. von C. Krö- 
ner ist erst recht kein Mangel. 

An Kompositionen grenzen auch manche Porträts. 
So eine lithographier te »Frigga« von H. Thoma. Im 
übrigen gab es mancherlei beachtenswerte Bildnisse, 
am beachtenswertesten vielleicht ein radiertes von 
H. Reif fers cheid, wenigstens für einen »älteren« Ge- 
schmack (auch seine Landschaftsradierung »An Höl- 
derhn« ist ein würdiges Werk). Sonst stehen etwa 
die pastellierten Kinderbildnisse von H Linde-Wal- 
ther voran. E. Oppler und E. Spiro sind hier längst 
beliebt; hinzukommen W. Plünnecke und besonders 
mehrere Bildnislithographien von R. Scholtz. Eben- 
solche von Charl. Berend stellen mit flottem Ge- 
schick verschiedene Bühnengrößen dar. 

Die Landschaft erfuhr diesmal kaum etwas Neues. 
Doch reiht sich jetzt an die fast immer noch ge- 
staltkräftiger werdenden Stadtbilder- Radierungen von 
P. Paeschke die Holzschnittfolge »Deutsche Städte« 
von H. Rath an. Die landschaftliche Tiermalcrei hat 
A. Waldschmidt ein bemerkenswertes Gemälde 
»Pflüger mit Kind< zu verdanken und R. Eschke 
einige Pastelle von Ziegen aus dem Harz. Die jetzt 
eigens beliebie Strahlensonne kommt auf einer Land- 
schaftsradierung von G.Fritz, und die Java-Mode wird 
in Pinzelzeichnungen von M. Fleischer fortgesetzt. 

An Farbenphantasien und -kunststückchen fehlte es 
natürlich auch nicht. Was wir »Schwelllarben« nann- 
ten, kehrt samt »Schwellschatten« zum Teil bei B. Kraus- 
kopf wieder. Dazu koloristische Phantasien von A- Dix, 
farbskizzige von H. Gerson und (in einem Pastell 
»Blick auf das Marmara-Meer«) von Fr. Heckendorf, 
unter dessen landschaftlichen und figürlichen Zeich- 
nungen usw. der Studienkopf »Balkanmädchen« hervor- 
sticht. Neben mehreren Pastellen und Tuschzeich- 
nungen von L. Ury fallen Aquarelle von H. L. Katz 
durch eine Erinnerung an Kokoschka auf. Wer da- 
von wieder einen Sprung zu älterer Weise machen 
will, kann auch diesmal an den Landschaft^radierungcn 
von Ph Franck eine Freude haben. In Tempera 
malt Kriegsbilder Fr. Mar kau. 

Wahrend diesmal die meiste Malerei der Secessio- 
nisten nach Düs^eldorf gewandert sein dürfte, herrschte 
in Berlin die Graphik vor. Einer hob sie sogar zur 
Höhe des Kupferstiches hinauf: E. Büttner mit zwei 
Bildnissen, die wieder zeigen, welche zeichnerische und 
doch zugleich luministische Kraft in dieser Mcisier- 
gattung auch für heutigen Geschmack entfaltet werden 
kann. Im Holzschnitt ragen noch Ilse Schütze- 
Schur (mit einem Mutterbild) und Fr. Lederer (mit 
mancherlei Farben- und Lichtformen) hervor, in der 
Radierung I. Budko (mit einer Gruppe kleiner Blätter 
PassahErzählungen) und M.Schenke, in der Echo- 
graphie H. Struck (dessen »Kriegsgefangene« in einer, 
auch anthropologisch interessierten Veröffentlichung 
kommen). Die Radierungen der I Wolfthorn muten 
auch diesmal wieder sympathisch an, trotz ungünstigen 
Platzes und ungenügender Verzeichnung im Katalog; 
und daß O. Greiner ein Schöpfer kralligster Formen 
war (nach anderen: ein alter Akademiker), zeigte seine 
diesmalige Sammlung von Zeichnungen usw. in reich- 
haltiger Weise. Auch aus dem Nachlaß A. Weis- 
gerber kamen noch Zeichnungen. 

Die Architektur fehlt auf den Secessionsausstellungen 
stets so gut wie ganz, abgesehen etwa von Architek- 
turbildern wie der Zeichnung »Aus Plalzburg« von 
P. Bach. 

In der Plastik ist auch diesmal manches kaum mehr 
als Formenspielkunst, wie z. B. die »Tragische Gruppe« 



von H. Garbe, oder direkte Geschmacklosigkeit wie 
die farbige Teirakotta »Mutter und Kind« von F Kupsch. 
Am gunstigsten steht es noch mit Porträtbüsten, dies- 
mal besonders von H. Lederer, M. Lubalski und 
M.Müller. Die »Studie zur gefesselten Barbann« von 
A. Oppler erinnert, zu ihrem Vorteil oder auch Nach- 
teil, an Ähnliches von Boeltzig. Bei Fr. Metzner 
stört wieder Gewaltsames (besonders »Weithcher Kopf«). 
Viel Wollen und speziell Einfachheitsstreben steckt in 
der »Deutschen Volkskraft« von E. Wenck. Dem 
Holzmaterial gehört nur die »Tänzerin« von Käte 
Ohmann an. 

Kriegsbilder kamen außer Erwähntem nicht viel. 
Am besten vielleicht von I. S t einhard t, unterdessen 
Zeichnungen ein »Friedhof« eine eindrucksvolle Elend- 
stimmung bietet. Dazu Temperabilder von Fr. Markau 
(»Massengrab« u a.) sowie Zeichnungen von C. Kröner. 
L- De tt mann erscheint mit Zeichnungen von der West- 
front nicht auf seiner erreichten Höhe, steigert sie je- 
doch in einer abermals übe' raschenden Weise anderswo. 

Wir meinen die Ausstellung Deutscher, Öster- 
reichisch-Ungarischer und Bulgarischer Kriegs- 
bilder, Mai-Juni 1917, veranstaltet von der Kgl. Ak.i- 
demie der Künste Berlin, die »erste selbständige 
gemeinsame Ausstellung von Werken der Kriegsmaler 
der verbündeten Mächte«. Man weiß kaum, welchen 
von den vielen hier ausgestellten Werken — meist 
Zeichnungen — des Dettmann man den Vorzug ge- 
ben soll. Vielleicht dem Oelbild »Ansprache«. Mag 
auch eine Stimme recht haben, die darin ein unerfüll- 
tes Streben nach Monumentalität sah, so ist doch je- 
denfalls die individuelle Durchaibeltung der Gesichter 
ein gerade gegenwärtig auszeichnendes Verdienst. Dann 
sein »Abendmahl der schweren Minenweifer in der 
Kirche von Audignycourt«, seine »Graber im Frühling«, 
seine »Vergessenen«, >r>as Sterben«, »Die Kompaynie 
an der zerschossenen Kirche«, »Der Aliar in der Höhle«, 
die sterbenden »Pferde« und »Das weiße Pferd« . . . 
es ist, als stünden wir vor einer neuen Art tragischer 
Kunst überhaupt. (Schluß folgt) 



MUNCHENER PLAKATWETTBEWERB 

Im Juni wurde in München ein Wettbewerb veran- 
staltet, dessen Ergebnisse alsdann der Öffentlichkeit vor- 
geführt wurden Der Zweck ües Wettbewerbes war die 
Erlangung von Entwürfen für ein Plakat des im August 
stattfindenden Opfeitagts. Trotz der Kürze der den 
BevAerolustigen gelassenen Frist — kaum diei Wochen 
— war die Beteiligung doch außerordemlich stark. Mehr 
als 200 hntwürfe waren eingereicht, und so entsprach 
das Resultat quantitativ weitgehenden Erwartungen. Was 
indes die Qualität betraf, so bewies sie, zum Teil äußer- 
lich, namentlich aber innerlich, daß gut D ng Weile 
haben will Inbesondere inhaltlich war die erdrückende 
Mehrzahl der Entwürfe durchaus seicht und uninte- 
ressant. Die technischen Anforderungen des modernen 
Plakates w^aren im ganzen genügend erfüllt. Der not- 
wendigen G'oßflachi^kcit und Eir.fachheit der Zeichnung, 
der Fernwirkung kräftiger Farbe war in den meisten 
Fallen Rechnung getragen. Allerdings fehlte es auch 
nicht an Entwürfen, welche selbst diese einlachen und, 
wie man glauben sollte, allgemein geläufigen Gebote 
außer acht lieL'en, allzu sehr ins Kleine gingen. So z B. 
ein Entwurf mit der naturalistischen Darstellung sehr 
vieler DarUhenskassenschcine. Andere gaben Tafel- 
gemälde, wie z. B ein Blatt mit einer Frau und einem 
Kinde, die zwischen Gi.trcidcfc!dern spazieren gingen. 
Was übrigens diese Darstellung mit dem Opfertage zu 
tun ha'te, dürfte schwer zu sagen sein. Sie war aber in 
dieser Beziehung nicht die einzige. Die große Menge 



KUNSTAUSSTELLUNG BADEN-BADEN. — VERMISCHTE NACHRICHTEN 



jedoch wußte dies zu vermeiden und deutete die Ab- 
sicht des Plakates hinlänglich an. Doch tat sie dies zu 
allermeist in höchst oberfläclilicher Art. Die größte 
Rolle spielten abgebrauchte .-\llegorien, allgemeine Pnra- 
sen vom Schwerte, vom Pelikan mit seinen Jungen, vom 
Golde, das aur. der Höhe herniederregnete oder im Haufen 
dalag, von opfernden Kmdern und armen Frauen. .Man 
sah auch kämpfende Soldaten, als hätten diese das Geld 
und die Wertgegenstdnde zu opfern und nicht vielmehr 
ent egenzunehmen. So ging es Ion bis hinab zur törich- 
ten Spaßmacherei. Ausgenommen waren nur wenige 
. Blätter, die wirklich künstlerischen und gedanklichen 
Wert besaßen, wenn auch eigentlich keines dabei war, 
das allen Ansprüchen und der Rücksicht auf alle V'olks- 
klassen genügt hätte. Klare Schönheit zeichnete jenen 
Entwurf aus, der das Kennwort »Sonne der Wohltätig- 
keit« trug. Das Blatt zeigte in Braun mit Gold einen 
von Strahlen umgebenen antiken Altar, sowie Umrah- 
mung mit einem Lorbeerkranze. Mosaikartig in Gold 
und Schwarz war der Entwurf >Pro Patria «. Das Blatt 
>Dornen« brachte einen mit Engelfiguren geschmückten 
kleinen Steinaltar, über ihm schwebte das von einer 
Dornenkrone um.gebene Rote Kreuz. Der Entwurf »Phö- 
nix« wies diesen Märchenvogtl, der nur aus Flammen 
neu belebt emporsteigt, die Farbengebung war Schwarz, 
Rot, Weiß und Gold. Sehr hübsch und volkstümlich in 
Zeichnung, Farbe und Auffassung war das Blatt >Patrona 
Bavariae« mit der lieblichen Gestalt der Himmelskönigin. 
— Außer den Entwürfen für das Plakat sah man auch 
solche für ein Opfertag-Erinnerungszeichen: Medaillen, 
Anhänger, Broschen, Nadeln u. dgl Manches Hübsche 
wurde geboten, aber eine tiefere Lösung der kunstge-" 
werbhchen Aufgabe war nicht erreicht worden. 

Docring 

KUNSTAUSSTELLUNG BADEN-BADEN 

Ein allgemeiner Überblick über den Bestand der 
diesjährigen Badener Ausstellung läßt mit Befriedigung 
erkennen, daß der Durchschnitt der .•\ussiellung sich 
um ein Betrachtliches gehoben hat. Der Berichterstatter 
stellt dies um so Heber lest, als gerade die Ausstellungen 
der letzten Jahre jeden kritisch Betrachtenden mit großer 
Sorsje um die Zukunft der .-Vusstellung in Baden-Baden 
erfüllten, die,' wäre man den Weg allzu großer Duld- 
samkeit in der Jürierung weitergegangen, ihren Platz 
unter den großen repräsentativen deutschen Ausstel- 
lungen verloren hätte. 

Man bewegt sich zwar immer noch auf einem mitt- 
leren Durchschnitt, aber es fehlt doch wenigstens jene 
nicht geringe Menge von Kunst weiken seichtester Mach- 
art, die jeden gerade in dieser Zeit deutscher Vertiefung 
mit starkem Widerwillen erfüllen mußten. Bleibe man 
in der Ausscheidung minderweriiger Stücke auf dem 
neu beschrittenen Weg und wage andererseits etwas 
mehr in der Zulassung ehrlichen neuen Kunstwollens, 
so wird das Ert;ebnis in den kommenden Jahren befrie- 
digender und die .Ausstellung wieder eine geschlossene 
Deutsche Kunstausstellung sein. 

Die beiden Sonderausstellungen zeigten, bis zu wel- 
chem Grad von »Unabhängigkeit« die Jury in der Wahl 
der Künstler gegangen ist: neben Hans .Adolf Bühler, 
einen Kunstler von größtenZielen.stellte man die zerrissene 
und technisch geradezu rohe Malerei des Straßburgers 
Heinrich Beecke. Beeckes Pinsel arbeitet mit einer 
nüchtern - realistischen Härte, die er in den besseren 
A'beiten, einigen Bildnissen, in bedeutende Abhängigkeit 
von alldeutschen Vorbildern bringt. Im GegenständUchen 
ist er mehr als arm. 

Eine pietätvolle Vertretung hat Gustav Schön- 
leber f erfahren, für dessen bedeutende Landschafts- 
schilderung ein paar kleine Stücke seiner besten Zeit 



zeugen. Thoma, Trübner und Dill dürfen daneben nicht 
fehlen; bemerkenswert ist, daß heuer nicht die ersten, 
leicht erhaltlichen Bilder dieser .Meister ausgestellt wur- 
den, sondern daß man auch bei ihnen bemüht war. 
Seltenes zu zeigen. Von den Jungen waren zu nennen: 
Erwin Pfefferle, dessen Koloristik merkliche Fort- 
schritte macht, Eugen Sege witz, der mit kultivierten 
Stilleben vertreten ist, Otto Graf und Hermann 
Goebel Von besonderem Interesse für die Freunde 
kirchlicher Kunst dürfte ein großer Bonifatms Zyklus 
des Münchners .Albert Henselmann sein; er gibt 
großflächige Entwürfe, die in der Größe des .Ausdrucks 
sehr beachtenswert, jedoch komposhionell nur Versuche 
sind. 

Die graphische Abteilung bringt viel Gutes von 
Greinertf, Oskar Graf, Hans Meid, Orlik u. a. Hervor- 
gehoben zu werden verdient die strenge Radierung 
Artur Riedels, die technisch fein ausgearbeiteten 
Lithographien von Amand us Goetzell zu den »Nacht- 
wachen des Bonaventura«. .Alle überragt die Reihe 
wunderbar inniger, zarter Radierungen >.Aus dem Nach- 
tigallenlied« von Hans Adolf Bühler. 

Der plastischen Werke sind hcuer so viele, daß ihre 
günstige Aufstellung unter den ungünstigen Raumver- 
hältnissen leiden mußte. Neben Tuaillon, Behn, Habicht, 
Hoetger erwähnen wir den Tierplastiker Willy Zügel 
und die Plaketten P. P. Pfeiffers. H. L M. 



VERMISCHTE NACHRICHTEN 

Maler Ludwig Gl ötzle veranstaltete vom 15. Sep- 
tember bis nach Mitte Oktober in den Räumen der 
Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst (München, 
Karl.^tr. 6) eine umfangreiche, wirksame .Ausstellung 
einer .Anzahl seiner Werke. Eine Besprechung dieser 
Arbeiten an Hand von Abbildungen wird noch folgen. 

Im Kunstverein München zeigte Bildhauer 
Franz Drexler eine größere Anzahl von ausgeführten 
Werken und Entwürfen, die ein gutes Bild seines man- 
nigfaltigen Schaffens boten. Über den Künstler berich- 
teten wir in der letzten Nummer des vorigen Jr.hrganges. 

Im Schaufenster der D. Gesellschaft für 
christliche Kunst waren Mitte Oktober zwei tüch- 
tige Schöpfungen der kirchlichen Goldschmiedekunst 
zu sehen, nämlich eine Monstranz für Dommelstadl bei 
Passau (Niederbayern), entworfen von Architekt Michael 
Kurz CAugsburg-Göggingen) und ausgefmirt von J a- 
kob Rehle in .Augsburg, sodann ein Kelch von Jo- 
seph Seitz (-München), den Herr Pfarrer Heumann 
in Elbersroth fettigen ließ. 

Zum Wettbewerb l'ür die .Ausmalung der St. Ma- 
ximilianskirche in München sind 39 Entwürfe einge- 
laufen. Ein genauer Bericht witd seinerzeit erstattet. 

Frau Prinzessin Franz von Bayern beschät'tigt 
sich seit Kriegsbeginn mit Bildhauerarbeiten, die einen 
gesunden Blick lür die Erfordernisse der Kunst verraten. 
Es entstanden so die drei Büsten der Pr;n^enkinder, die 
z. Zt. in der Nymphenburger Porzellanmanufaktur ge- 
formt werden, und auf Aufforderung hin für den Kinder- 
hilfstas eine mit Liebe gearbeitete Plakette eines Putto 
mit Füllhorn, die Ferdinand von Miller in Eisen 
goß und die zum genannten wohltätigen Zweck dem Ver- 
kauf unterstellt wurde. Frau Prinzessin Franz legte die 
Grundlage zu ihrem Können im Bildhaueratelier von 
Frau von Bary. 



BÜCHERSCHAU 



BÜCHERSCHAU 

Münchener Jahrbuch der bildenden Kunst. 
X. Band igiö/iy, H. 1/2. Preis M. 12. — Verlag von 
Georg D. W. Callwey, München. 

Das offizielle Organ des Bayer. Vereines der Kunst- 
freunde (Museumsvereins) und der Münchener Kunst- 
wissenschaftlichen Gesellschalt enthält außer den üblichen 
Berichten über die Münchener Staatssammlungen — von 
denen auf die Nachrichten über die Neuerwerbungen 
des Bayer. Nationalmuseums verwiesen sei — drei gut- 
illustrierte Aufsätze von allgemein liünstlerischem und 
kunstwissenschaftlichem Interesse. An der Spitze steht 
des jungen Münchener Privatdozenten Paul Frankl 
Abhandlung über >Sustris und die Münchener Michaels- 
kirche«, auf die ich am Schlüsse noch zurückkomme. 
Adolf Feulner setzt seine Untersuchungen überFresko- 
malereien, die sich diesmal eingehend mit Wand- 
bildern in Süd deutschland befassen, fort. Der Ver- 
fasser gibt eine instruktive Übersicht über die süddeutschen 
Großmaler, die er nach Kunstzentren einteilt, wie sie 
sich voa selbst aus historischen Gründen entwickeln. Da 
der ."Aufsatz das erste Kapitel eines Werkes desselben Ver- 
fassers ist, das den Titel tragen soll: >Die Zick, deutsche 
Maler des iS. Jahrhunderts«, wird später Gelegenheit 
sein, sich eingehend mit der Untersuchung zu befassen. 
Ad. Feulner kommt, nachdem er sich hauptsächlich mit 
den Freskomalern des 18. Jahrhunderts, also des Barocks, 
beschäftigt hat, zu dem Schlußergebnis, daß es lange 
Zeit dauerte, bis die Forderungen des Klassizismus auch 
in die konservative, kirchhch-bürgerliche Großmalerei 
eindrangen. Zu einer gänzlichen Anpassung ist es nie 
gekommen, denn mit dem Durchdringen des Klassizis- 
mus verschwand von selbst die kirchliche Freskomalerei. 
An dritter Stelle beendet Fritz Knapp unter der Über- 
schrift iWürzburg und seine Sammlungen. 111. 
Die deutsche Plastik« seine in den vorhergehenden 
Heften begonnenen Forschungen, zu denen ihm neben 
anderem vornehmlich das Luitpoldmuseum Veranlassung 
bot. Wenn auch Würzburg durch seine Lage im Kreu- 
zungszentrum der verschiedenen, von Norden nach Süden, 
von Osten nach Westen führenden Strömungen bald 
hier, bald dort erfrischende Einwirkungen aufnimmt, 
so hat die Würzburger und mit ilir die unterfränkische 
Kunst nie ihren originellen Kern verloren. Sie darf daher 
nach Knapp nie in das Schlepptau einer anderen Schule 
genommen werden. 

Frankls Forschung über den Baumeister der Münche- 
ner Michaelskirche beruhen auf eingehenden, mit 
Fleiß betriebenen Studien. Um in der verwickelten 
Frage, die kunsthistorisch bereits dahin entschieden wor- 
den war, daß Sustris als der Schöpfer der ganzen 
Michaelskirche anzusprechen sei, Aufklärung zu schafTen, 
greift Frankl neben der archivalischen Forschung zur 
Stilkritik, wodurch erstere naturgemäß ein ganz anderes 
Gesicht bekommt, eine Vertiefung erfährt. Aus einem Ver- 
gleich des jetzigen Planes, mit dem von Braun in Paris 
entdeckten Grundriß,wohin er bei Aufhebung des Jesuiten- 
ordens mit anderen architektonischen Handreichnungen 
durch den Kauf des französischen Gesandten Bailli de 
Breteuil in Rom wanderte, ergibt sich mit Sicherheit 
die Naht der beiden Bauteile. Hiernach ging der alte 
Bau, dessen Chor hei dem Turmeinsturz des Jahres 1590 
zertrümmert war, bis einschließlich zum heutigen vor- 
letzten Langhauspilaster. Als Ergebnis des Vergleichs 
von Langhaus und Chor läßt sich mit zweierlei Manieren 
rechnen. Den Unterschied beider Hände macht aber 
eine Gegeneinanderstellung der Gliederung der Decken 
sowie der Dekoration noch deutlicher. Wenn auch ein 
und derselbe Meister sehr wohl von einem Stil zum 



anderen übergehen kann, so lehrt die Gesamterfahrung 
der Kunstgeschichte doch, daß ein Meister von der 
strengen zur freien Richtung nicht übergeht. Frankls 
Untersuchung des Innenraumes überzeugt, daß an der 
Michaelskirche zwei Hände zu unterscheiden sind, das 
heißt das Langhaus nicht von Sustris stammt. Der 
Beweis findet seine Verstärkung, wenn man die im 
Innern gefundene Grenze des alten Baues hinausprojiziert, 
wo man am Querschiff und Chor Sustris' Hand leicht 
zu erkennen vermag. 

Nach einer weiteren, äußerst feinsinnigen, zum Teil 
gewagten Beweisführung, deren andeutungsweise Wieder- 
gabe hier zu weit führen würde, kommt der Verfasser zu 
Schlüssen, die sich dahin zusammenfassen lassen : Von 
dem ersten strengen Meister rühren an der Münchener 
Michaelshofkirche, dem für seine Zeit bedeutendsten 
kirchlichen Bauwerk Deutschlands, innen nur noch das 
Mittelschiff ohne die Orgelempore, außen die Sarg, 
mauern der Langseiten, das Dach und von der Front 
nur die oberen Geschosse her. Zwischen die Arbeiten 
in der Residenz fällt Sustris' erster Beitrag zur Michaels- 
kirche, für deren Fassade er vielleicht schon 1584 die 
Michaelskirche zeichnete. Dann, 1589, während wahr- 
scheinlich noch am Muschelbrunnen und im Antiqua- 
rium zu tun war, entwarf er die Portale der Kirchen- 
fassade ohne Rücksicht auf die Achsen des Obergeschosses. 
1590 übernimmt er den ganzen Kirchenbau, die Lang- 
haus- und Fronlverbreiterung, den Querschifl- und Chor- 
neubau, Werke, in denen alles vorzüglich zusammen- 
paßt und in deren Reihe das einem unbekannten hypo- 
thetischen ersten Meister zugeschriebene Werk nicht 
paßt. Die Frage allerdings, wer dieser Meister ge- 
wesen, muß vorerst noch offen bleiben. Daß keiner von 
dem Dreigestirn, das außer Sustris genannt wird: Miller, 
Dietrich, Hiendl, der erste Architekt gewesen, dafür 
glaubt Dr. Frankl den Nachweis erbracht zu haben. 
Als feststehend dürfen wir mit dem Verfasser annehmen, 
daß Sustris nicht den Entwurf der Michaelskirche in 
ihrem ersten Baustadium von 1583 gemacht hat. w.Zils 

Friedhofkunst. Herausgegeben von der Rheini- 
schen Bauberatungsstelle in Düsseldorf. Gr. 4°, 92 S., 
62 S. Abb. Verlag Ernst Wasmuth A.G. Berlin, 1916. 
M. 12. — . 

Dieses Werk ist im Anschlüsse an eine von der 
Rheinischen Bauberatung veranstaltete, reichhaltige und 
lehrreiche Wanderausstellung herausgegeben worden. 
Der kurze, doch inhaltreiche, von Religiosität durch- 
drungene Text ist vom Geh. Baurat F. C. Heimann, 
Köln, verfaßt worden und behandelt die zu Gruppen 
zusammengefaßten Gegenstände unter den Überschriften: 
Alte und neue Friedhofsanlagen, Das alte und neue 
Friedhofsportal, Die Friedhofskapellen und Nebengebäude 
des Friedhofes, Das Hochkreuz und die Stationen, Das 
einfache Grabmal in alten Beispielen, Das einlache Grab- 
mal in neuen Beispielen (Holz, Stein, Eisen), Reichere 
Grabmäler in alten Beispielen, Reichere Grabmäler in 
neuen Beispielen, Ehrenfriedhöfe, Grabsteine für gefallene 
Krieger, Kriegergedenkzeichen. Den Schluß bilden eine 
Denkschrift über Friedhofanlagen und Friedhofordnungen 
von Arcli. Prof Klotzbach und als Beispiele die Fried- 
hofvorschriften der Städte Essen und Duisburg. Die 
Kenntnis des Münchener Waldfriedhofes und seiner 
Ordnung darf für jeden Interessenten vorausgesetzt 
werden. (Vgl. Pionier, V. Jahrg., Heft i.) Den größten 
Raum nehmen die zahlreichen, vorzüglich gewähhen 
Abbildungen ein. Das Werk bedeutet eine wertvolle 
Bereicherung unserer Literatur zu der gerade jetzt im 
Hinbhcke auf den Krieg so bedeutungsvoll gewordenen 
Frage der Friedhofskunst. Dr. A. Huppenz, Köln 



Für die Rcdakti 



irtlich : S. Siaudha 



(Pr 



.enadeplatz 3); Verlag der Gesellschaft für christliche 
aan A.G. — Sinnliche in München 



^t, GmbH. 



BEILAGE 



SECESSIONS- UND KRIEGSKUNST 



SECESSIONS- UND KRIEGSKUNST 

Von Dr. Hans Schraidkunz (Berlin-Halensee) 

(Schluß) 

pinen ebenfalls feststehenden Ruhm kriegsbildnerischer 

Kunst setzen die beiden Erler fort. Erich mit 
Radierungen aus zwei >Folgen«, deren wie Sturmwind 
dahinfahrenden Striche zum Kräftigsten gehören, das 
es in der Graphik git)t. Fritz mit Gemälden wie >Er- 
obertes Dorf« und »Schlaf« (in einer Kiiche) ; die poe- 
tische Anschaulichkeit seiner helmbewehrten, kraftvoll 
vereinfachten Kriegerantlitze ist ja bereits weit und 
breit kenntlich geworden. 

Anders, mehr mit Naturinteresse, hält F. Spiegel 
seine Soldatenköpfe und -Brustbilder, würdig der Aus- 
zeichnung, welche die meisten von ihnen durch Ankauf 
für die Nationalgalerie gefunden haben. Wir kennen 
ihn bereits aus XIII/lo, S. 48a der Beilage. .Auch Stim- 
mungsbilder wie seine »Erinnerung an Russisch-Polen 
1915« und »Die Predigt« (in der Ecke eines gotischen 
Gewölbes) und »Russische Gefangene in Radymno« 
(symmetrisch vor einer zerschossenen Kirche) laden 
zum Verweilen. 

A. Busch ist reichlich durch kleine Zeichnungen 
aktueller Bildnisse etwas einförmiger Art vertreten, 
einschließhch Gruppen wie besonders »Die Operations- 
abteilung im Großen Hauptquartier«. Dazu noch ein 
oder der andere vielgenannte Porträtistenname. 

Mehr interessieren uns solche feine Bleistiftzeich- 
nungen wie die von H.Arnold, speziell sein durch 
ein Kreuz charakterisiertes »Schlachtfeld«. Welcher 
Gegensatz gegen die illustrierende Zeichnungsgeschick- 
lichkeit eines H. Ungewitter! — Dann die durch einen 
nackten Reiter symbolisierende »Stimmung vor Verdun 
1916« des R. Kohtz, die Dunkelbilder (»Kampf- 
patrouille« u.a.) von Fr. Eichh orst und auch die Sa- 
tiren von E. Wilke. 

Anerkennender Aufzählung wert sind (meist mit 
Aquarellen und Kohlezeichnungen): M.Fabian (»Rast 
in der Kirche« und Terrakotta: »Entwurf für ein Krie- 
gerdenkmal«, nämlich ein schlichter Feldgrauer mit 
dem Helm in den Händen): M. Frost (»Vesper in der 
Kirche in Vaulx« u. dgl); W. Georgi (»Kameraden«, 
mit einfachen Flächen und Überschneidungslinien); 
H. Kohlschein (»Der Erzbischof bei der Proklamation 
am 5. November 1916« u. a. — etwas »wischig«); 
E. Mattschaß (mit Vorliebe für zerschossene Gebäude); 
Fr. Reusing (aktuelle Porträts); Kl. Richter (aus 
Secession bekannt, diesmal von der Westfront aquarel- 
lierend und federzeichnend); I.Sattler (Tuschzeich- 
nungen usw. aus Elsaß und Lothringen, zum Teil mit 
Dunkelwirkung spielend); R. Sterl (»Begräbnis« usw.) 
undE. Vollbehr (Aquarelle aus dem Westen, besonders 
»Blick vom Fort du Camp des Romains nach Südwest. 
Am Himmel die Stichflamme eines abstürzenden fran- 
zösischen Flugzeuges«), beide etwas »inliahlich«. — 
Plastik minimal. Etwa noch »Infanterist (Statuette in 
Eisenguß)« von L. Manzel. 

Schon die Einrichtung unseres bisherigen Berichtes 
zeigt, wie sehr eine solche Ausstellung das Interesse 
von der Gestaltung weg auf das Gestaltete lenkt, dem 
»l'art pour l'art« ein »l'art pour l'objet« gegenüber- 
stellt, das »Malerische« zum »Sachlichen« wendet oder 
zurückwendet. Das gilt nicht nur von der bisher allein 
beschriebenen r eichsdeutschen, sondern auch von 
der österreichisch-ungarischen Abteilung. Man 
kann aber nicht bestimmt wissen, ob nicht vielleicht 
die Auswahl etwas akademisch war. Das Wiener »Hee- 
res-Museum«, aus dessen Besitz ein großer Teil des 
Ausgestellten stammt, scheint eine treffsichere Einrich- 
tung zu sein, doch nicht eben mit Bevorzugung auf- 
fälliger Formensprachen. Aber jedenfalls kann man 



sich der weiten Linien und Flächen freuen, die seine 
Besitzstücke »Schwieriger Angriff« usw. von A. Basel 
eigenartig machen. 

Außerhalb dieser offizielleren Gruppe fallt z. B. 
O. Laske auf, der jetzt beliebt zu werden scheint. Er 
verdient dies durch die Feinheit seiner mit kleinen 
Elementen arbeitenden Zeichnung und bunten Malerei 
sowie durch die Höhe und Weite seines Ausblickes, 
der zur gegenwärtigen Dehnung der Kampfbereiche 
paßt (»Erstürmung von Belgrad« u. a.). Dunkelwirkun- 
gen bei St. Parkas, bunte Landschaften von I. Batö, 
Impressionen des L. v. Medny änszki mit bald mehr 
und bald weniger Deutlichkeit sind ungefähr alles, was 
sich an formalen Besonderheiten erwähnen läßt. 

Genannt seien im übrigen die, fast an EggerLienz 
gemahnenden, Bildnisse von F. Andri. Die Formen- 
größe des H. B. Wieland kehrt wieder mit »Werken 
in den Dolomiten«. Das Format eines Triptychons, 
dessen Mittelteil noch ein Oberstück mit Gräberdarstel- 
lung trägt, gibt K. Ziegler seinem »Schützengraben«. 
Die Landschaftskunst des L. H es shaim er kommt mit 
einer charakteristischen Radierung dem Thema ^»!m 
Schneesturm« zu gute; graphische Geschicklichkeit den 
Darstellungen belgischer Städte von L. Kasimir. »Ge- 
fallene« schildert (einfach und einförmig) G. Maröti, 
ein »Kriegselend« (mit zerstörtemKruzifix) Fr. Pautsch, 
Alpines gut K. L. Prinz, Nordostfrontstellungen 
K. Sterrer (gleichförmig streng, in Linie und Farbe) 
und Bulgarisches (mit besonderer Gestaltungskraft für 
Höhenzüge) I. Vaszary. — Plastik: eine hübsche Por- 
trätbüsle von M. Ligeti. 

Was wir im allgemeinen von Sachlichkeit gesagt, 
trifft auch für die Bulgarenabteilung zu; nur scheint 
hier das Forminteresse noch mehr hinter das zurück- 
zutreten, was man kurz das Naiionalepische (oder mit 
einem anderen Beurteiler : das Volksliedmäßige) nennen 
möchte. Bleibt wieder über bloße Anführungen hinaus 
nicht viel zu sagen. 

Die uns bereits geläufiger werdenden Namen 
B. Denew (besonders mit einer kleinen, einfach stili- 
sierten Kohlezeichnung »Durch die Walachei«) und 
N. Michailow (der gleichfalls das Vereinfachen gut 
versteht) kehren wieder. Neben einem »Letzten Gruß« 
des Ebengenannten sowie neben den Porträts (Z. To- 
dorow u. A.) fällt B. Michailow durch eine Wald- 
szene »Landstürmers Eisenbahnwache« auf. Hin »Kampf 
im Dorf« ist von N. Koschucharo w, ein »Kampf 
in Struga« von G. S cheles k o w, Attackenbilder von 
D. und von St. Stamatow. Karikaturistisches kommt 
verhältnismäßig häutig; so von R. Alexiew und von 
A. B o s c h i n o w. Ein richtiges Schlacht- oder Abschlach- 
tungsbild von D. Güdschenow zeigt ein Interesse am 
Pleinair; und auch sonst findet sich noch manche 
Nebel-, Dunkel- und Lichtwirkung. 

Auch hier tritt die Plastik mehr zurück, als es nach 
früheren Proben bulgarischer Kunst zu sein braucht. 
Nur I, Lasarow fiel uns durch ein Relief »Gefangene« 
und durch ein Rundstück »Flüchtlinge« günstig auf. 

Dagegen dürfte sie das relative Beste sein in der 
Ausstellung, welche die Freie Secession Berlin 
als ihre dritte von Juli bis September 1917 veranstaltet 
hat. 

Der kriegsgefallene B. Frydag hinterließ Leistungen, 
die teils durch kräftigste Körpergestaltung hervorragen, 
teils »gut griechisch« sind (Relief »Eseltreiber«). Weit 
über Secessionsniveau hinaus reicht R. Langer. In- 
sonderheit sein (sehr »plastisches«) Eichenholzrelief 
»Adam und Eva« ist geradezu ein holies Lied der Innig- 
keit; auch seine kleine Rundplastik aus Eichen »Eva« 
fesselt den Blick. Und E. Barlach hat seine Kunst, 
Schmerzgefühle eindringlichst einfach auszusprechen, 
fast noch erhöht. 



SECESSIONS- UND KRIEGSKUNST 



Von ihm und von anderen kamen auch gute Bildnisse. 
Die von Fr. Klinisch sind »tüchtig«, doch schwung- 
los. Im übrigen fallen hier besonders C. Ebbinghaus 
und R. Engelmann auf, letzterer zugleich durch 
das Modell einer »Kauernden« zu einer Brunnenfigur in 
Gera. Daneben noch : E. B i c k, P. R. H e n n i g, F r. H u f. 
Durch eine Kleinplastik in Ton > Mutter mit Kindern« 
zeichnet sich A. Kraus aus, wozu noch ein Porträt und 
Katzenstücke kommen. Als Tierbildner sind überdies 
R. Sintenis mit Ziegen und .\. Gaul zu nennen, letz- 
terer mit einem Biber und einem Hamster, diese beiden 
in Eisenmaterial, das ja jetzt überliaupt hervortritt. Be- 
nützt hat es auch R, Bosselt zu »einer Darstellung 
eines küßenden Paares »Frühling«. 

Was man »verdreht« nennen könnte, kam im Bild- 
nerischen nur wenig (ein »Tanz«, eine »Kauernde«), 
und wenigstens noch mit einem Rest von bescheidener 
Sorgfalt. EiTekt läßt sich auf der Leinwand leichter 
machen. 

Betritt man den Hauptsaal, so hat man etwa den 
Eindruck, als ob in einer Küche Reste von Experimen- 
ten mit Puddingsaucen an die Wand geraten wären. 
So bei Schmidt Rottluff. Bei ihm, z.B. in »Phari- 
säer«, erscheint auch das moderne Interesse an einer 
Malweise, die das beabsichtigte Motiv dem Blick erst 
allmählich enthüllt, es mit einer Art Mystik langsam 
aus einem pflanzlichen oder sonstigen Hintergrund her- 
vorkommen läßt. Man kennt diese Weise besonders 
von O. Kokoschka (dessen Beiträge zu dieser Aus- 
stellung verspätet emtretfen sollen). An ihn und an den 
Vorgenannten erinnert eine »Komposition« von Ebersz. 
Auch Chr. Rohlfs malt in solcher Art einen »Kirch- 
turm«. 

Wer spezifisch Malerisches sucht, findet es hier reich- 
lich : vor allem bei dem »Farbenmeister« H. Purr mann 
mit einem »Stilleben« und einem wieder so recht sau- 
cigen »Atelier»; dann in dem Farbengeschick der »Roten 
Rosen« von H.Völker; und daß eine »Prqzession« 
u. a. von R. Sterl »flott« hingesetzt ist, entspricht 
seinem anerkannten Können. Den Farben der Meeres- 
wellen gilt eine »Brandungs«- Studie von M. Beck- 
mann. Mit dem, was wir »Schwellfarben« genannt 
haben, experimentiert Fr. Domscheit (»Der Pflüger« 
u. a.) sowie der verstorbene R. Seewald in Land- 
schaften. 

Auch das, was man »Ideenthemen« nennen kann, 
tritt hier häufig hinter die farbige Seite der Ausfüh- 
rung zurück; die »Meditation! von Fr. Ah 1er s-H est er- 
mann macht sich vielleicht in unfarbiger Reproduktion 
besser als im Original (und seine »Weiden am Wasser« 
brauchen doch nicht so »wischig« zu sein, um ihren 
wertvollen Kern zu zeigen). 

Mit Interesse verweilt man dann bei schlichteren, 
freundlicheren Farbengebungen. Solche bringen 
W. Bondy und W.Röhricht mit Stilleben, ersterer 
auch mit dem Bildnis eines Dorfschullehrers; ebenso 
E. Hamm mit einer »Flußlandschaft« usw. Bis zu 
gobelinartiger Mattigkeit gellt die klassizierende Land- 
schaft von O. Th. W. Stein. Und eines der eigenar- 
tigsten Werke dieser .'Ausstellung: der dekorative Musik- 
zimmerfries »Die Zauberflöte« von M. Slevogt ist 
schon durch die bei dem Genanten bisher seltene zarte 
Tönung sympathisch; dazu seine alte Kunst, Figuren 
fest hinzustellen und gut > wirklich i in Bewegung zu 
setzen. 

Eine Erholung gegenüber dem Farbengeschrei bietet 
jetzt M. Liebermann auch dem, der sonst dessen 
Überschätzung nicht mitmachen möchte; wie beschei- 
den, auch im Vermeiden des bloßen Scheins eines 
Kraftaufgebotes, sind jseine letzten und reifsten Werke«, 
welche die Ausstellungsleitung zum 70. Geburtstag 
(20. Juli 1917 — gleichzeitig mit einer größeren Aka- 



demie-Ausstellung — ) bekommen hat, diese Bildnisse 
wie namentlich sein Selbstporträt, u. a. I 

Besondere Ehrung erhielten die jüngeren kriegsge- 
fallenen Kollegen. So B. Berneis. Seine kräftigen 
Bewegungszüge treten diesmal nur in einem »Feldweg« 
und etwa in einem Knabenbildnis hervor — alles we- 
niger Freude für den, der nun einmal Skizziges nicht 
so hoch schätzt, wie derzeit üblich. So weiterhin 
K. Boetticher, dessen Landschaften wieder mit der 
PuddingsauceMethode arbeiten. So ferner der uns aus 
jüngsten Ausstellungen reichlich bekannte W. Roesler; 
er hat fürwahr einen »malerischen Schmiß«, der freilich 
auch eine Nachsicht gegen den etwas gar pastpsen 
Farbenauftrag verlangt; jedenfalls lohnen seine »Bahn- 
überführung«, seine »Frühlingssonne« u.a. ein Gedenken. 
So endlich W. Rosam. 

Mit ihm kommen wir zu dem, was kurz das Geome- 
trische in der Malerei heißen kann. Sind es bei ihm 
Quadrat-Elemente, so sind es in den Bildnissen des 
L. Meidner scharfe Krummlinien und in einem Meer- 
bild von E. He ekel Rechtecke zur Darstellung der 
Sonnenstrahlen. Anderes von diesem erscheint nicht nur 
uns als »gräßlich«. Letzteres gilt auch von drei Malern, 
die mit einem »Nähenden Mädchen«, mit »Drei Akte 
im Walde«, mit »Idyll« und »Badende« kommen. Na- 
türlich fehlt seit einem vielgenannten Vorbild zerriges 
Exotische nicht. Doch ist das »Bad der weißen Frau« 
von O. Beyer immerhin beachtenswert; und neben 
einem »Palau« malt M. Pechstein ein Rettungsboot, 
das durch seine Bewegungsformen sowie als Grün- und 
Blau- Studie jedenfalls hervorragt. 

Sodann fehlt es wohl am wenigsten an charakteri- 
stischen Kompositionen, abgesehen etwa von einer — 
des A. Degner — , die eben nur »Komposition« ist. 
In bekannter origineller Weise malt H. Baluschek 
einen »Kriegswinter«, Kl. Richter einen »Schlemmer«. 
Die Welt des Vari^tis erscheint anschaulich bei W. Ban- 
gerter. Eine gut gestellte Kindergruppe führt Hedw. 
Weiss vor. Emil Rudolf Weiss leitet in seinem 
»Geiger« (und in Bildnissen) zu älterer Ruhe zurück. 
Stürmische Phantastik hingegen entfaltet K. Sohn in der 
Darstellung entweder einer Art kultischer Psychose oder 
vielleicht eines südamerikanischen Sklaventanzes: »Tem- 
pelszene« (ruhigeres Seitenstück dazu: »Marktszene«). 

Von Landschaftskonipositionen kann man bei A. Par- 
tikel sprechen; frei und weit, fast in die klassizistische 
Zeit der kunstvoll abgeteilten Naturbilder zurückweisend, 
dehnt sich seine »Landschaft«; und eine ähnliche Ge- 
schicklichkeit ladet zum längeren Betrachten seiner »Ge- 
fangenen Offiziere in Blankenburg bei Berlin« ein. 

Folgt wieder eine längere Reihe von Altbekannten, 
beginnend mit Putten des H. v. Marees, gehoben be- 
sonders durch U. Hübner, dessen sinnige Landschaf- 
ten aus Potsdam und Umgebung anscheinend allgemein 
gefallen. Mit einem »Prometheus« hat W. Trübner 
wenigstens nicht sein Eigenstes gegeben; man weiß 
nicht, ob man an die »Gartenlaube« oder nur an »Über 
Land und Meer« denken soll. Um so mehr Freude 
bereiten wieder Landschaften vonTh. Hagen; und von 
H. Thoma dürfte »Bildnis des Künstlers Frau« zu 
seinem Besseren gehören. Nicht gilt Analoges von 
DoraHitz mit ihrer Bäume- und Figurenskizze »Im 
Garten der Villa Borghese« ; et tu mi filia Bruta? ! 

Wieder mag den einen bereits als altakademisch und 
den anderen als ein spezifischer Feinkünstler E. Orlik 
erscheinen; sein »August Gaul bei der Arbeit« und 
seine an weißen Tönungen reiche »Erinnerung an Mage- 
lang«, an der ein G. Max seine Freude haben würde, 
werden wohl künftig erst recht ihren Wert bewähren. 
Nicht viel .-Abstand ist von ihm zu H. Hübner (»Blick 
in den gelben Saal«) und etwa auch zu einem weibli- 
chen Akt von L. V. Kalckreuth sowie zu einem Stil- 



WIENER KUNSTBRIEF 



leben des K. Kardorff. Dagegen waren frühere Stil- 
leben von O. Moll wohl ansprechender als seine jetzi- 
gen. Die pastos derbe Art des Th. v. Brockhusen 
ergeht sich diesmal in energisch sonnigen Landschaften. 

Im Bildnis leisten autSer Frühergenannten noch manches 
Sorgfähigere H. Fiedler, W. Giese, H. Steiner. 
Was im Plastikporträt Klimsch ist, das ungefähr ist 
im Malporträt Fr. Rhein; seine Marktbilder aus Middel- 
burg dürften wertvoller sein. Auch bei C. Herr mann 
interessieren wohl noch mehr als seine flimmernden 
Bildnisse die eigens flott und fein geformten Darstel- 
lungen von Reihern u. dgl. 

Das Motiv des Mutterljildes ist durch M. Melzer mit 
> Mutter und Sohn« venreten. Auch das eine Erho- 
lung gegenüber den Gesichtern, die man manchmal zu 
sehen bekommtl — bei E. L.Kirchner auch wieder 
mit der Soß, bei R. Janthur auf einer als »Die Trin- 
ker« bezeichneten Elendsmalerei, die aber als solche 
keineswegs minderwertig ist. 

Am peinlichsten wirkt physiognomische Rücksichtslo- 
sigkeit bei Bildern »biblischen« Inhaltes. Diesmal kam 
nur ein solches Stück, das als Komposition beachtens- 
werte, im übrigen mit karikierenden Formen und wieder 
mit soßigen Farben spielende ».■\bendmahl« des C. Klein 
(dessen Landschaften usw. wenig^tens durch »Farben- 
schmiß« interessant sind, während ein »Weib mit Katze« 
abermals zum so zu nennenden Gräßlichen gehört). Fast 
wohltuend wirkt dagegen der gut sprechende Ausdruck 
in der »Ehebrecherin« von F. M es eck, obwohl die an 
Stroh gemahnende Farbengebung auch nicht jedermanns 
Geschmack sein mag. 



WIENER KUNSTBRIEF 

Die beidengroßenAusstellungen des Wirt- 
schaftsver bandes österreichischer Künstler 
— Secession — Ausstellung des Österreichi- 
schen Künstlerbundes. — Kunstausstellun- 
gen in Klosterneuburg und St. Polten. 

Eine Reihe interessanter Spezial-Ausstellungen und 
Kunst-Auktionen der letzten Monate beanspruchte trotz 
der schweren Kriegszeit die Aufmerksamkeit der Wiener 
Kunstfreunde. Es wird heutzutage viel geredet und ge- 
schrieben von den Schwierigkeiten, mit denen Kunst 
und Künstler zu kämpfen haben, Schwierigkeiten, die 
zum größten Teil auf wirtschaftlichem Gebiete liegen 
oder liegen sollen. Ob die Verhaltnisse trotz der jahre- 
langen Kiiegszeit jetzt wirklich ärger sind als früher, mag 
dahingestellt bleiljen, jedenfalls zeigen die sich fast bei 
jeder Ausstellung erhöhenden Verkaufsziffern, daß das 
Publikum mit dem Gelde nicht zurückhält. Daß der 
eine oder andere Künstler mehr oder minder bevorzugt 
wird, ist eine ganz natürliche Sache, die auch in den 
besten Friedenszeiten im gleichen Maße vorhanden war. 
Außerdem ist nicht zu verkennen, daß die allzu moderne 
Richtung dem Publikum — und dieses ist, vom finan- 
ziellen Standpunkt betrachtet, eben maßgebend, ganz ab- 
gesehen davon, daß es ein gesundes Naturempfinden 
zeigt — , nicht zusagt. Dieser Umstand wird von vielen 
Künstlern und Anhängern der modernen Richtung ohne 
weiteres als Fehlen jeglichen Verständnisses für Kunst 
bezeichnet. Dem kann man nicht beistimmen. Wenn 
man auch für seine Person die vollsten Sympathien den 
oft hervorragend schönen Erzeugnissen der modernen 
Geschmacksrichtung entgegenbringt, so muß doch einem 
jeden Menschen das Recht gewahrt bleiben, auch an- 
dere Dinge schön zu finden. 

In der Ersten Ausstellung des Wirtschafts- 
verbandes österreichischer Künstler in den 
früher dem Hagenbund gehörigen Räumen in der Zed- 
litzgasse findet man nun Vertreter der verschiedensten 



Kunstrichtungen unter einem Dache beisammen, ein Um- 
stand, der reichliche Gelegenheit zu instruktiven Verglei- 
chen bietet. Um so mehr diesmal, wo die räumliche Abson- 
derung der einzelnen Gruppen fallen gelassen wurde und 
Konservative, Fortschrittler und Ultraradikale, Künstler- 
haus- und Secessionsangehörige, Hagenbündler und Mit- 
glieder der Kümtgruppe, ferner sogenannte Wilde bunt 
durcheinander hängen. Man sieht, daß sich da gewisser- 
maßen schon ein Ausgleich vollzogen hat, sowohl bei 
den Künstlern wie bei den Beschauern. Die Alten haben 
manches von den Neueren angenommen — gewiß oft 
unbewußt! — , die ganz Modernen etwas Wasser in 
ihren Wein getan; daneben treten manche Jüngere und 
Jüngste hervor, die zwischen alt und neu die Mitte 
halten und Übergänge darstellen. Aber auch das Publi- 
kum erkennt, soweit es überhaupt Sinn dafür hat, das 
Gute im Alien wie im Neuen. Zudem scheint eine 
ebenso tolerante wie vernünftige Jury ihres Amtes ge- 
waltet zu haben. Der Gesamteindruck muß jedenfalls 
ein befriedigender genannt werden. 

Schon der Eingangsiaum zeigt einige überaus schöne 
Plastiken, vor allem die prächtige, für die Invaliden- 
kirche im zehnten Wiener Bezirk bestimmte 
große Pietä des akademischen Bildhauers und Hell- 
mer- Schülers Stefan Zuech, dessen durchwegs gute 
und schön gearbeitete Schöpfungen in dieser Zeitschrift 
demnächst eingehender gewürdigt werden. Die Pieta 
im modern klassizistischen Stil ist eine hochstehende 
Arbeit und bringt den Besucher der Ausstellung gleich 
beim Eintritt in eine erfreulich weihevolle Stimmung. 
Es ist überhaupt anzuerkennen, daß in dieser Ausstellung 
auch die religiöse Kunst eine umfangreichere Vertretung 
gefunden hat als es bisher, wenigstens in der letzten 
Zeit, der Fall war. Meister Z el ezn y hat außer einem 
sehr bedeutendem »Christuskopf« auch einen »Mär- 
tyrer« in glänzender Stilisierung ausgestellt; vor beiden 
Schöpfungen finden sich stets viele aufrichtige Bewun- 
derer. Sie gehören zum Besten, was der Künstler, der 
schon so viel Gutes schuf, hervorbrachte; besonders 
die Märtyrerfigur ist ein Werk von ungewöhnlicher 
künstlerischer Wucht und Größe. Vom Scheitel bis zur 
Sohle angefüllt mit Schmerz, äußert sich das Leid in 
den zermarterten Händen und dem trotz aller dualen 
edle Schönheit bewahrenden Menschenangesicht des ein 
wenig in den Nacken zurückgelegten Hauptes. Zelezny 
ist mit seinem Märtyrer ein Kunstgebilde gelungen, das 
den ergreifendsten Leidensgestalten der deutschgotischen 
Meister bildhauer gleichgewtrtet zu werden verdient. 
Von plastischen Arbeiten fällt noch eine interessante 
Schöpfung Ambrosis auf, »Der Einsame«, von dem 
gleichen Künstler eine vorzüglich charakterisierte lebens- 
treue Büste des Wiener Schriftstellers Alfons Petzold. 
Ebenso sind Ambrosis Kolossalfiguren des Moses di 
Buonarotti, des Zeus von Otricoli und der Gestalt der 
Nacht vom Grabdenkmal der Mediceer zweifellos als 
ganz bedeutende Werke zu bezeichnen. Wenn sich auch 
einige anatomische Unmöglichkeiten feststellen lassen, 
so kommen diese Verstöße gegen die Naturwahrheit 
als solche dem Beschauer gar nicht zum Bewußtsein, 
sondern erscheinen lediglich als Ausdruck des Über- 
menschlichen, Ungeheueren. Sehr hübsch und eines der 
anziehendsten Objekte der Ausstellung ist der »Gockel- 
brunnen« Karl Stemclaks, überraschend wirkungs- 
voll im Graurosa schimmernden Marmor gearbeitet, eine 
Art modernes Gegenstück zu dem antiken Knaben mit 
der Gans; die Übersetzung von Lebensformen in solch 
stimmungsreiche Kunstformen ist dem Plastiker hier 
ganz gelungen. Eine Reihe durchwegs guter Arbeiten 
zeigen noch Hugo Kirsch, Julius Trauzl, Hein- 
rich Kautsch, Albin Pitschneider, Karl Gelles, 
Karl Hackstock. 

Malerei I Dazu gehören Farbe, Pinsel, Palette, Lein- 



WIENER KUNSTBRIEF 



wand und ein Gedanke, Die Gestaltungskraft kenn- 
zeichnet den Künstler. Erfreulicherweise ist das letztere 
bei dem größten Teil der ausstellenden Künstler fest- 
zustellen. Ganz abgesehen von den Meistern, deren 
Namen und Werke von früheren Ausstellungen her bereits 
gewisse historische Bedeutung haben, ist in dieser Wirt- 
schaftsverband Kunstschau auch eine ganz ansehnliche 
Anzahl jener Kräfte vorhanden, die, weniger oft genannt 
oder gar noch gänzlich unbekannt, an dieser Stelle ein 
besonderes Anrecht auf Beachtung haben, soweit sie 
mit guten und bemerkenswerten Leistungen hervortreten. 
Zu den ersteren gehören u. a. Hugo Charlemont, Eduard 
Kasparides, Adolf Karpellus, Fritz Zerritsch, H. Grom- 
Rottmayer, A. D. Goltz, Wilhelm Legier und A. von 
Ferraris. Aus der zweiten Reihe seien besonders er- 
wähnt : Der Prager Georg Jilovsky mit ebenso 
prächtigen wie fein ausgeführten Monotypien (in einem 
eigenen technischen Verfahren, das nur die Herstellung 
»einesc Druckes kennt, gefertigte Kunstblätter), ein eben- 
so gewandter wie erfindungsreicher Zeichner, der die 
ihm durch die farbigen Radierungen seines größeren 
Landsmannes Franz Kupka gebotenen Anregungen 
mit Geschmack verwertet. Lob in jeder Hinsicht ver- 
dienen die Blatter des Wieners Artur Paunzen, wenn 
auch dieser hochbegabte junge Künstler vorerst sein 
Bestes noch in der Studie bietet. Seine »1917« betitelte 
Zeichnung gehört zu den packendsten Darstellungen des 
durch den Weltkrieg über die GroÜstädie gekommenen 
Nahrungs-Elends. Modern aber nicht extrem und un- 
streitig sehr talentvoll sind die Zeichnungen und Litho- 
graphien von R. C. Wagner, der für Wien einen homo 
novus bedeutet und eine recht gute Zukunft verspricht. 
Gediegene Radierungen sieht man noch von V. von 
Eckhardt, C. Burkhard, R. Schmidt, L. Heß- 
haimer, Ella Jranyi, Elsa Schwarz, fein durch- 
geführte Kohlenzcichnungen von Klara Epstein und 
Mathilde Sitte-Alle, von Margarete Horschitz 
Blätter in der etwas oberflächlichen .Art Cezarraes, alle 
aber mit ersichtlichem Bemühen und reiflichem Studium 
ausgeführt. Ein Historienbild größten Stils ist Hof mann 
von Vestenhofs figurenreiches >Heliogabal<, das 
in seiner Pinselführung zwar etwas freier, aber doch 
ganz nach Pilotyscher Malweise komponiert ist. Genuß- 
reich und nachhaltig sind die Gemälde von Josef 
Stoitzner, insbesonders ist seine große Landschaft 
von vorzüglicher Qualität. Auch Ernst Riederers 
Landschaften — Spachtelmosaikmalerei — berühren 
sympathisch, desgleichen die von Harlfinger, We- 
ger er, W. Fr. Ja ger und Franz Wacik. Neue Stil- 
leben zeigen E. Lenhardt, Therese von Mor und 
Jungwirth. Von Porträts fallen auf: Das Freilicht- 
porträt von J. V. Kränrer, das eine ausgesprochen na- 
turalistische Wirkung auslöst, die großen Bildnisse von 
M. Loebell und L. Wieden, der Studienkopf von 
J. von Mikulicz, zwei impressionistische Portrats von 
Jette Haller und eine sehr charakteristische Arbeit 
der Baronin Krauß. Von Genre-Bildern erfreuen neben 
vielem Mittelmäßigen die Pelikane von Zwickl, Neu- 
rokoko von Hampel, und ein höchst geschmackvolles 
Aquarell von Lieb em oei n >Rückblick«. Wlastimil 
Hofmann bringt einige allegorische und symbolische 
Sachen, die aber schwer verständhch sind. Beachtenswerte 
Feinheiten weist auch das große farbenfrohe und flott ge- 
malte Blumenstück von Helene Arnau auf. Laskes 
mehr und mehr naturalistische, aber stets ziemlich eigen- 
artige Schöpfungen finden recht verschiedene Beurteilung. 
Sein >Serbischer Markti ist jedenfalls von verblüffendem 
Effekt. Es würde zu weit führen, aller sonst noch vorhan- 
denen Werke im einzelnen zu gedenken, die vielleicht das 
Recht beanspruchen dürlten, noch erwähnt zu werden, 
ihrer sei bei der nächsten sich darbietenden Gelegenheit 
nicht vergessen. 



In seiner zweiten, erst vor kurzem eröflfneten Aus- 
stellung hat der Wirtschaftsverb an d bildender 
Künstler Österreichs« die Erfahrungen, die er bei 
seiner ersten Ausstellung gemacht hat, bestens genützt. 
Wieder hat er Arbeiten der verschiedensten Richtungen 
in bunter Reihe gebrächt. Überall findet man ernstes 
Anstreben künstlerischer Ziele, die also durch die Prosa 
eines wirtschaftlichem Zwecke dienenden Verbandes 
nicht ausgeschlossen werden. 

Secession. Alter Gewohnheit halber verwenden 
wir für die Vereinigung bildender Künstler Österreichs 
noch immer den kurzen Titel, den sie nach ausländi- 
schen Mu'.tern bei ihrer Begründung angenommen hatte. 
In Wirklichkeit haben diese Aussiellungen schon seit 
längerer Zeit nicht mehr jenen Charakter, der die Be- 
zeichnung Secession rechtfertigen würde. Die gegen- 
wärtige Ausstellung ist aber eine der besten und inter- 
essantesten, die sie bisher zustande gebracht hat. Ihre 
Stärke ruht durchaus nicht in dem, was man sich se- 
zessionistisch zu nennen gewöhnt hat, aber es ist genug 
davon da, um dem, was uns für unseren Teil das Liebere 
ist, eine wirksame Folie zu geben. Daß diese Fohe 
selbst künstlerischen Inhalt besitzt, ist nur um so besser. 
Es ist eine Totenfeier, mit der die Secession ihren 
Wiedereintritt in das künstlerische öffentliche Leben 
beginnt (drei Jahre diente das Gebäude der Secession 
als Reservespital), die Gedächtnisausstellung für 
den Radierer Franz Hofer, der als einfacher Front- 
soldat gleich zu Kriegsbeginn gefallen ist. Seine Zeich- 
nungen und Radierungen erinnern an die Präzision Menzels, 
die Kraft Leibls, die Liebenswürdigkeit und den Schön- 
heitssinn Pettenkofers. In seinen Radierungen »Gang 
nach Emmaus« sowohl wie in der >Kreuzabnahme< zeigt 
sich ein so großer Zug, eine solche dramatische Bega- 
bung und so viel Phantasie, daß man unwillkürlich an 
Rembrandt denkt. Hier -ist ein großer Verlust zu be- 
klagen. Eine zweite Gedächtnisausstellung gilt 
Heinrich Gollob. Auch er ist jung aus dem Leben 
gegangen, noch nicht wie Hofer einig mit sich selbst, 
aber entschieden auf dem Wege, seiner Kunst einen 
einheithchen persönlichenStempelzugeben. Sein Schaffen 
erstreckt sich auf alle Gebiete und er hat auf jedem in 
seiner Weise etwas Bemerkenswertes geleistet. Besonders 
seine koloristisch hervorragenden Landschaften weisen 
auch ein bedeutendes zeichnerisches Können auf. Was 
nun von der großen Mehrzahl der ausstellenden Künstler 
dieses Mal zu sehen ist, verdient durchwegs die größte 
Anerkennung. Eine ganze Anzahl von ihnen hat hier 
Raumes halber Gelegenheit zu ausgiebigerer Repräsen- 
tation erhalten, als sie sonst Ausstellungen ermöglichen. 
Besonders Josef Stoitzner mit seinen prächtigen 
Landschaftsbildern und Interieurs von köstlicher Frische 
uud Natürlichkeit liat viele Bewunderer, ebenso W. Ham- 
mer, dessen Zeichnungen und Gemälde in aparter Eigen- 
art fast an bekleidete Holzfiguren erinnern, freilich Fi- 
guren, die von einem wirklichen Meister geschnitzt wurden- 
so charakteristisch und ausdrucksvoll sind sie. Harl- 
finger, Fritz von Radler, Ernst Eck, Alois 
Hänisch, Ludwig Rösch, Jarocki, Vlestimil 
Hoffmann, Wieden, Heinrich Krause, Oswald 
Roux bedeuten in der Hauptsache mit ausnahmslos 
vorzüglichen Leistungen die führenden Namen der so 
verdienstvollen Ausstellung. Zwei Künstler seien noch 
außer den vorstehend Genannten erwähnt, die durch 
ihre Eigenart viel Aufsehen erregen. Egger-Lienz 
mit seinem Tiroler von unnatürlicher Größe und seinem 
>Säemann«, der in einer bis zur Karikatur vereinfachten 
Freskomanier und stilisierten Rhythmik dargestellt ist. 
Interessanter und von vollendeter Charakteristik sind 
Meister Josef Enge Iharts lebensvolle Porträtzeich- 
nungen aus dem Kramarz-Proreß, die demnächst 
in getreuen Reproduktionen veröffentUcht werden sollen. 



DAS ERGEBNIS DER MÜNCHENER GLASPALASTAUSSTELLUNG 



Nicht unerwähnt mögen die Lithographien und farbigen 
Zeichnungen Alfred Gerste nbrands bleiben, welcher 
jeder Sache eine sympathisch heitere Seite abzugewinnen 
versteht. Karl Thiemanns Holzschnitte aus Alt- 
Prag sowie aus dem Zyklus Brügge erfreuen durch ihre 
virtuose technische Behandlung, die das Auge des Fach- 
mannes erglänzen lassen. Damit sei unser Bericht über 
die mit Recht allseitig gelobte Ausstellung der Wiener 
Secession geschlossen. 

Auch eine Reihe kleinerer Ausstellungen 
dürfen nicht übergegangen werden, die, wenngleich sie 
natürlich nicht in den großen Rahmen gestellt sind, 
wie ihre bedeutenderen älteren Schwestern, doch einiges 
recht Gute und der OfTenüichkeit Wertes aufweisen. Es 
sind dies die Ausstellung des Österreichischen 
Kü ns 1 1er b und es, an dessen Spitze Anton Hlava- 
cek, der mit Recht jetzt viel gefeieite Wiener Land- 
schafter, steht. Schon der Name dieses Künstlers weist 
auf die mehr konservative Richtung der genannten Ver- 
einigung hin, die in ihrer gegenwärtigen Ausstellung 
für sich das Verdienst in Anspruch nehmen darf, einige 
interessante und wertvolle Bilder aus dem Nachkbse der 
unvergeßlichen Tina Blau zur Schau gebracht zu haben. 
Hlavacek selbst ist mit mehreren seiner großen Kompo- 
sitionen vertreten, die mit einer an frühere Epochen erin- 
nernden Romantik doch auch den Realismus des liebevoll 
ausgeführten Details verbinden. Neben Tina Blau und 
Hlavacek tritt noch Anton Konrad Schmidt mit 
seinen Landschaften hervor, die mehr ins Großzügige, 
Epische gehen. Außer einigen vortrefflichen Porträts 
von Hans Canon, Tom von Dregers und Malva 
Schal ek fällt eine ausgezeichnete Winterlandschaft aus 
Nordböhmen von Walter Stoitzner ihrer ausdrucksvollen 
Darstellung wegen auf. Bruno Beran zeigt mit großer 
Natürlichkeit gezeichnete galizische Juden, Josef Pögl 
ein lebhaft gemaltes Strandbild von Kritzendorf, Karl 
Weis einen reizvollen Ausschnitt aus dem Wiener Prater, 
Erwin Pendl Ansichten aus Waidhofen und Wien 
in gewohnter Meisterschaft. Therese Sc hachinger 
bringt ein recht stimmungsvolles Bild >Abendschein<. 
Verdienstliche Leistungen zeigen noch Hedwig Woll- 
ner, Paul Hansa, Zach, Zelezny, Feiice Des- 
clabissac und andere, die aber des Raumes wegen 
sich mit einem summarischen Lob begnügen müssen. 
Zu den Ausstellungen Wiens zahlen eigentlich auch die 
all|ährlich regelmäßig wiederkehrenden Ausstellungen 
des Vereins heimischer Künstler in Kloster- 
neu bürg. Sie sind sära'liche durchweg auf ein ziem- 
lich hohes Maß gestimmt und vertreten alle Gebiete 
der bildenden Künste; auch die Anordnung der ausge- 
stellten Bilder ist mit ebenso viel Geschmack wie feinem 
richtigem Empfinden getroffen, wozu freilich der präch- 
tige Raum, der K.tisersaal des Chorherrenstiftes sein gut 
Teil dazu beiträgt. Die verhältnismäßig bescheidene 
Zahl von 170 Objekten wird aber durch die CLualität 
ersetzt, so daß fast jedes Bild Jen Beschauer mehr oder 
minder zu fesseln weiß. Die Künstler sind im großen 
Ganzen die gleichen wie in der vorjährigen Ausstellung, 
über die ja in unserer Zeitschrift ausführlich berichtet 
wurde. J. F. Benesch, der vorzügliche Radierer, Wosak 
mit sehr hübschen Buntstiftzeichnungen, Entwürfe für 
Ein- Familienhäuser von \rchitekt Kramer und eine 
größere bunte Reihe gediegener Gemälde von Franz 
Horst, Professor Strauch, Max Kahrer, Kieme n- 
tine Alterdingk, nicht zu vergessen der entzückend 
gemalten und überaus zart durchgeführten Schmetter- 
linge und Blumenstücke des Chorherren des Stifts, 
Karl Stoppel, die jeden Beschauer eine wirkliche 
'Augenweide sind. Mit der Erwähnung der Kunst- und 
kunstgewerblichen Ausstellung des Zweig- 
vereins St. Polten vom Roten Kreuz unter der 
Leitung des Wiener Malers Sternfeld, die alte und mo- 



derne Kunst nebst ueuzeiilichem Kunstgewerbe umfaßt, 
auch viele wertvolle Miniaturen zeigt und neben man- 
chen alten Meistern die bekannteren Namen der Wiener 
Ausstellungen aufweist, soll unser diesmaliger Kunst- 
brief sein Ende finden. Riciurd Ricdl 



DAS ERGEBNIS DER MUNCHENER 
GLASPALASTAUSSTELLUNG 

P)ie am 21. Oktober geschlossene Glaspalastaus- 
stellung in München erbrachte ein Ergebnis nach 
der finanziellen Seile, das selbst die Erwartungen eines 
hochgespannten Optimismus überbot und daher ein 
näheres Eingehen erfordert. Es soll hierbei von dem 
bereits gewürdigten Erfolg in künstlerischer Hinsicht, der 
zu dem wirtschaftlichen Sieg — höchst wünschenswert 
im Interesse der Künstler — beitrug, nicht die Rede sein. 

Für ca. 1,070,540 Mk. setzte die Ausstellungsleitung 
Bilder, Bildhauer- und kunstgewerbhche Arbeiten ab. 
Mit dieser Ziffer steht die Ausstellung an der Wende 
vom dritten zum vierten Kriegsjahr an der Spitze sämt- 
licher Ausstellungen im Münchener Glaspalast. 
Selbst das bisherige Rekordjahr 1888 (eine große Inter- 
nationale) mit 1,070,540 Mk., das Vorjahr mit 850,000 Mk., 
die letzte Internationale aus der Fiiedenszeit (1913) mit 
545,420 Mk. überflügelte die dritte Kriegsausstellung. 
Um das Ergebnis richtig zu würdigen, sei auf folgende 
Kriterien hingewiesen: 

Im »Rekord jähre 1888 hatte München zwei Kunst- 
händler, heute sind es ihrer 40. Bis 1914 gehörte das 
Ausland, voran das kaufkräftige Amerika, dann unser 
Bundesstaat Oesterreich, Holland und die Schweiz nicht 
nur zu den Ausstellern, sondern vor allem zu den Ab- 
nehmern. Diesmal waren diese Absatzgebiete gänzlich 
gesperrt. Die Auspizien, unter denen die Käufe betätigt 
wurden, waren ungünstiger als im Vorjahr. Ganz ab- 
gesehen von der wesentlich verteueiten Gesamtlebens- 
haltung, die Einsparungen auch dem Bessergestellten 
aulerlegt, griffen die V orbereitungen in die siebente 
Kriegsanleihe ein, deren günstiges Ergebnis bekanntlich 
ebenfalls einen Heimatsieg bedeutet. Dazu wirkten die 
innerpolitischen Vorgänge im Reichstag nicht gerade be- 
lebend auf den Kunstmarkt. Und nicht zuletzt war der 
Glaspalastausstellung in Düsseldorf, wo Berlin die ge- 
sammte deutsche Kunst zusammenfassen wollte, ein nicht 
zu unterschätzender Konkurrent erwachsen. Berlin wollte 
SüdJeutschland nach Düsseldorf ziehen. Das Ergeb- 
nis in München und dort mit einer Endsumme von rund 
600,000 Mk. spricht vom Gegenteil. Hervorgehoben sei 
auch noch, daß die Staatsankäufe bedeutend geringer, 
die Ausstellungsdauer i'/a Monate weniger als in Frie- 
denszeiten war. 

Der Ungunst der Verhältnisse stehen gegenüber Be- 
dingungen, die schon im Vorjahr erfolgverheißend ge- 
nannt wurden: Die Wandlung im deutschen Kunstge- 
schmack, allerdings unterstützt von der Unmöglichkeit, 
im Ausland Bilder zu erstehen. Ein Selbstbesinnen der 
deutschen Bevölkerung, seine Künstler selbst zu unter- 
halten und vom Ausland unabhängig zu machtn, wozu 
noch die faktische Unmöglichkeit kommt, Luxusartikel 
einzukaufen und Luxusreisen zu unternehmen. Auch 
diese zwei Bedingungen darf eine gerechte Erörterung 
niclit verschweigen. Daß der Abschluß aber in erster 
Linie aus einer größeren Hinneigung des deutschen Volkes 
zu seiner Kunst resultiert, geht auch aus dem stattlichen 
Besuch (200,000), dem völligen Vergriffensein der Ka- 
taloge, dem guten Absatz der Lose hervor und vor allem 
aus der Kunstart, deren- Vertreter Abnehmer fanden. 
Echte deutsche Kunst, sagen wir älterer oder wieder mo- 
dernster Richtung, die neben der Technik den Inhalt 
nicht vergaß, wurde verlangt. Man könnte bald zur ße- 



KARLSRUHER AUSSTELLUNGEN. — AUKTION LUDWIG LOBMEYER IN WIEN 



hauptung geneigt sein, daß in München die Gegenstands- 
kunst den Sieg über die reine, absolute Malerei davon- 
trug. Die diesmal stärker vertretene christliche Kunst 
verzeichnet ebenfalls (einschließlich der Kopien nach 
älteren religiösen Darstellungen) einen schönen Absatz. 
Dabei darf nicht vergessen werden, daß sich unter den 
1080 verkauften Kunstobjekten auch Bildhauer- 
und kunstgewerbliche Arbeiten befanden, die nicht minder 
gern verlangt wurden. 

Die Preise, für Gemälde im Durchschnitt von 2000 
bis 5000 Mk., waren im allgemeinen güiistig für die 
Händler. Die Unterbietungen, das Feilschen hörte fast 
auf. Das höchste verkaufte Bild betrag 28000 Mk., die 
niedrigste Radierung 30 Mk. Kunstgewerbliche Gegen- 
stände erzielten einen Preis von 9000 Mk. bis 2,35 Mk. 
Das Kunstgewerbe beziffert seinen Umsatz mit rund 
46000 Mk. Käufer fanden sich aus allen Berufsgattungen 
ein, eigentliche Kriegsgewinnler (Heereslieferanien) zähl- 
ten ihrer nur fürif 

Die Ausstellungsleitung sieht mit Recht befriedigt aul 
den erziehen Erfolg. Das übersichtlichere Hängeprinzip 
Prof von Marrs bewährte sich ebenso wie das Geschäfts- 
prinzip des stellvertretenden Geschäftsführers Kunstmaler 
Peter von Hamme, den Kunstliebhaber zu belehren, 
ihn aufzuklären zum Schutze der deutschen Kunst, für 
die das Ergebnis der Glaspalastausstellung einen Fort- 
schritt bedeutet. W. ZiU (München). 



KARLSRUHER AUSSTELLUNGEN 

Der Kunstverein brachte eine Nachlaß -Ausstellung 
Gustav Schoenleberf. Neben einer großen An- 
zahl ausgearbeiteter Studien aus den letzten drei oder 
vier Jahren zeigte man feinere kleine Arbeiten aus der 
Zeit um die Jahrhundertwende. Den echten, liebens- 
würdigen Schoenleber bekam man jedoch kaum zu sehen. 
.So hinterläßt die Ausstellung auch in denen, die Schoen- 
lebers Kunst in der Entwicklung der neueren Landschafts- 
malerei nicht hoch genug bewerten konnten und die 
reifen Werke seines klaren, mit Liebe ein Stück Umwelt 
erfassenden Auges schätzten, ein gewisses Bewundern 
zurück, wie eng umgrenzt der Ausschnitt des Lebens 
war, den Schoenleber wieder und wieder neu schaute 
und wiedergab. Gerade der Schoenleber der 80er, 90er 
Jahre, den man demnächst auf einer großen Gedächtnis- 
Ausstellung in Stuttgart zu sehen bekommen wird, hätte 
gezeigt, wieviel künstlerische Werte in dieser Beschrän- 
kung des Gegenständlichen verborgen sind. 

Gleichzeitig hatte die Galerie Moos, die seit einigen 
Wochen sich in einem neuen Heim auftat, einen kurzen 
Überblick über die Arbeiten unserer jüngeren badischen 
Künstler zusammengestellt. Man hat sich, wohl aus 
räumlichen Rücksichten, auf graphische Werke beschränkt 
und eme Menge kleiner Arbeiten zahlreicher Künstler 
bringen können. So verdienstvoll das Unternehmen an 
sich ist, empfindet man docli eine gewisse Anmaßung 
in der Benennung der Ausstellung. Es handelt sich 
nahezu ausschließlich um Karlsruher Künstler und mancher 
klangvolle Name wird vermißt. Ich denke nur an Hil- 
denbiand, Kupferschmid, Bühler, P. P. Pfeiffer und die 
Mannheimer. Im ganzen gibt die Ausstellung einen 
schönen Beweis für eine allgemeine technische Solidität 
unserer jüngeren Maler, aber daß unter zwanzig bis 
dreißig Ausstellern nur ein Kopf ist, den es auf neue 
Wege zieht, gibt doch zu denken. Daß in Schwaben, 
am Rhein, in München, und in der Reichshauptstadt 
um eine neue Ausdruckskultur gerungen wird, daß die 
Kunst nicht mehr nur die Natur nachbildend, sich ihrer 
alten tiefsten Aufgabe bewußt wird, dafür zeugt hier 
nur Einer: Gustav Wolf. Wir wissen nicht, was 
dieser Künstler vor dem Krieg schuf; wenn er heim- 



gekehrt ist vom Feld, müht sich dieser feine Kopf zu 
seinem Teil, die tief aufwallende Bewegung unserer 
Malerei zu erfassen. Mit einem guten Quant Welti- 
Thomaischer Ideen begabt, bleibt er ein ganz eigener, fest 
in unserer Zeit verankert. Von einem Ergebnis seiner 
Kämpfe — auch nur im Formalen — zu reden, wäre 
verfrüht. Auf seine Entwicklung wird man schon acht 
haben müssen. — Die übrigen Aussteller arbeiten meist in 
gewohnten Bahnen ; zu nennen wäre die frühe Vollendung 
des im Anfang des Kriegs gefallenen Gusta v Crece- 
lius und Willy Eplers subtile Radierungen. 

H. L. Mayer 

AUKTION DER SAMMLUNG LUDWIG 
LOBMEYR IN WIEN 

Erträgnis: 3 Millionen Kronen 
Die Versteigerung der Kunstsammlung des 
verstorbenen Herren hausmitgliedes, Großin- 
dustriellen Ludwig Lobmeyr hat das bisher un- 
erreichte Ergebnis von 3 Millionen Kronen gehabt. 
Kaum jemals zuvor sind Bilder von Meistern wie Ru- 
dolf von Alt, Pettenkofen, Munkacsy, Makart,- 
Eybl, Canon, Achenbach, Gauermann, Wald- 
müller, Kurzbauer, Gabriel von Max, Rahl, 
Troyon, Laufberger, Diez, Calame, Scfimutzer, 
Greil, Kaulbach, Kaufmann, Fritz L' Allemand 
in so großer Zahl zum Verkaufe ausgeboten worden, 
wie in der soeben beendeten Auktion. Über Lob- 
meyrs Gemäldesammlung, diesen seltenen Schatz, 
Lobesworte sagen zu wollen, hieße Eulen nach Athen 
tragen. Jeder, der sich in Wien nur einigermaßen für 
bildende Kunst interessiert, kennt ihn, man weiß auch, 
daß er ein geschworener Feind der Secession und aller 
Neuerer gewesen ist. Eine ganze Woche lang vor der 
Versteigerung konnten die Wiener kunstliebenden Kreise 
im Künstlerhaus die ganze Sammlung vereint sehen, in 
den Schätzen dieser Sammlung vieles von dem Schönen 
bewundern, das die Wiener Malerei des vorigen Jahr- 
hunderts geschaffen hat. Die Hauptnaraen sind Rudolf 
von Alt und August von Pettenkofen, von denen Lob- 
meyr ganze Galerien ihrer reizvollsten Arbeiten besaß. 
Hier ist ein Hauptteil ihres Lebenswerkes beisammen 
und ihrer ganzen Entwicklung kann hier nachgefolgt 
werden bis zu den Höhenpunkten ihres Schaffens. Nicht 
nur Rudolf, sondern die ganze Künstlerfamilie Alt ist 
hier mit Meisterwerken vertreten und man kann da 
ersehen, wie innig auch ihre künstlerische Verwandt- 
schaft war. Es sind ungefähr 450 Werke, welche die 
Sammlung vereinigt, neben einigen allen — zumeist 
holländischen — Meistern fast alle Maler, die in einer 
vornehmen Sammlung der zweiten Hälfte des neun- 
zehnten Jahrhunderts nicht fehlen durften. Sofern nicht 
Museen die Erwerber besonders kostbarer Stücke sind, 
es waren staatliche und städtische Galerien aus Wien, 
Budapest, München, Berlin, Dresden, Leipzig und aus 
anderen Städten und Kunstzentren veitreten, haben 
Sammler, Kunstfreunde und Kunsthändler die Perlen 
der Sammlung erworben. Das Intere.^se des Publikums 
war zum Unterschied von den meisten anderen Ver- 
steigerungen nicht auf einzelne Werke, sondern auf alle 
Stücke gerichtet und nur bei gewissen Gemälden stieg 
das Interesse bis zur Aufregung. So als die berühmten 
drei Munkacsys an die Reihe kamen. Das erste Bild 
>Mozarts Freunde führen vor dem Sterbenden sein Re- 
quiem auf< wurde um iioooo Kronen angekauft, >Lord 
Milton diktiert seiner Tochter das verlorene Paradies« 
mit 150000 Kronen erworben, »Christus vor Pilatus« 
um 60 000 1 Diese drei Bilder allein erbrachten also 
schon 320000 Kronen. Aquarelle Rudolf von Alts er- 
zielten nicht selten ein Vielfaches des bisherigen Schät- 



VERMISCHTE NACHRICHTEN 



Zungswertes, so z. B. das Aquarell iBruck an der Murt, 
— das höchst bezahlte Aquarell — 50000 Kronen I 
Ferner von Rudolf von Alt ȧli.k auf Wien vom Krap- 
fenwaldl« 28500 Kronen, »Chorstühle in der Kirche 
dei Frari in Venedig« 37 500, »Inneres dieser Kirche« 
21000, »Salzburg« 19500, »Hafen von Palermo« 23 500, 
»Sant' Anastasia in Verona« 10 100, »Porto Nuovo in 
Palermo« 7000, »Teplitz« 10500, »Amalti« 13500, 
»Gmunden« gooo, »Der Hof des Dogenpalastes in Ve- 
nedig«, ein 37 cm hohes, 51 cm breites Aquarell, 33000 
Kronen, weiters wurde das Aquarell »Riva degli Schia- 
voni in Venedig«, gleichfalls von bescheidener Größe, 
um 32000 Kronen verkauft. Das »Josefstädter Glacis« 
erzielte 25 000 Kronen. Die meisten übrigen Schöpfun- 
gen Rudolf von Alts schwankten im Preise von 10 bis 
20000 Kronen. Pettenkofens Bild »Bauernfuhrwerk« er- 
reichte 59000 Kronen, ein Bauernhof 45000, »Stuben- 
inneres mit einem Hündchen« 26500, »Neapolitanisclies 
Bauernhaus mit Bäuerin« 47000, »Zigeunerhütte im Wal- 
de« 58000. »Ungarischer Markt bei Regen« 5 1 000, »Inne- 
res eines Bauernhauses« erzielte 22000 Kronen, «Küche 
in Riva« 18500 Kronen, Netzflickerin 17000, Bäuerin aus 
Torre del Greco 14000 Kronen, Schindlers »Die Rast« 
(13 cm hoch, 16 cm bieit) 12500 Kronen. Defreggers 
»Zur Gesundheit« wurde mit 62000 Kronen bezahlt, 
dessen »Überraschte Wilderer« mit 23400, Benjamin 
Vautiers »Trauerbotschaft« mit 25 000, Waldmüllers »La- 
bung eines Knaben« mit 3S000, Troyons »Gegend in 
Nordfrankreich« mit 25000, Claude Lorrains »Flucht 
nach Ägypten« mit 46000, Gabriel von Max »Libertc« 
mit 16000, Franz Alts »Saal im Palazzo Vendramin« 
mit 20000, Franz Eybls »Oberösterreichisches Bauern- 
haus« mit 25000, Gauermanns »Schafe auf der Weide« 
mit 22000, des gleichen Meisters »Kampf zwischen einem 
Bären und einem Stier« mit 28 500. Ein Remi van Haanen 
erzielte 12500, ein Eugen Isabey 17500, ein Jan van 
Goven »Holländische Kanallandschaft« 16500 Kronen. 
Und so weiter ins Ungemessene. Wie schon eingangs 
dieses Berichtes erwähnt, betrug das Gesamtergebnis 
die ansehnliche Summe von 3 Millionen Kronen und 
übertrifft damit selbst die hochgespanntesten Erwartun- 
gen. Ist es auch erfreulich, daß ein nicht ganz unbe- 
trächtlicher Teil der Bilder in Wien verbleibt, so ist 
doch der Gedanke, daß das große Ganze nunmehr in 
alle vier Winde zerflattert ist, ein bitterer Wermuts- 
tropfen, schon der kunsthistorischen Bedeutung wegen. 
Zu der Versteigerung war auch ein Katalog mit voll- 
endet schönen Reproduktionen der Hauptwerke der 
Sammlung und einem nach der Radierung Schmutzers 
wiedergegebenen Porträt Lobmeyrs hergestellt, der ein 
wahres typographisches Prachtwerk geworden ist, indem 
die Erinnerung an die herrliche Sammlung für spätere 
Zeiten erhalten bleiben wird. RicJl 



VERMISCHTE NACHRICHTEN 

Entscheidung üb er den Wettbewerb zur Aus- 
malung der St. Maximilianskirche in München. 

— Am 16. November trat das Preisgericht im Weißen 
Saale des Kgl. Polizeigebäudes, wo die 39 eingelaufenen 
Entwürfe aufgestellt waren, zusammen, um das Urteil 
zu fallen. Den I. Preis erhielt der Entwurf »Sieben 
Schwerter« von Theodor Baierl. Vier gleiche IL Preise 
fielen auf die Entwürfe: »Sühne« von Felix Baumhauer, 

— »Tuam animam pertransibit gladius« von Karl Baur, 
Theodor Baierl und Michael Kurz, — »Lebenskampf, 
Tod, Hinimelslicht« von Georg Kau, — »Phönix« von 
Georg Winkler (Düsseldorl). Ein Entwurf, der eben- 
falls einen II. Preis erhalten hatte, mußte nachträglich 
ausscheiden, als sich herausstellte, daß eine klare Be- 
stimmung für die Zulassung zum Wettbewerb nicht er- 



füllt war. Sämtliche Entwürfe blieben bis zum 26. No- 
vember dem öffentlichen Besuche zugänglich; sie er- 
regten das grölite Interesse in der Münchener Bevölke- 
rung und Kunstwelt. Eine Veröffentlichung über den 
Wettbewerb wird in dieser Zeitschrift erfolgen. 

Wien. Im festlichen Rahmen beging am 26. Ok- 
tober 1. J. die Akademie der bildenden Künste 
die Feier ihres 225jährigen Bestandes, der in 
Vertretung des sich an der italienischen Front befind- 
lichen Monarchen Erzherzog Friedrich beiwohnte. Ge- 
nerationen von bedeutenden Künstlern haben in dieser 
Hochschule der Kunst ihre Ausbildung erlangt. Als 
sichtbares Zeichen der Erinnerung übergab der derzeitige 
Rektor der Akademie, Professor Ritter Edmund von HeU- 
mer, dem Erzherzog eine von Professor Müllner ent- 
worfene Medaille und den Bericht über die letzten 
25 Jahre der Täiigkeit der Akademie. Mit einer inhalts- 
reichen Festrede Professor Dregers schloß die überaus 
würdig gehaltene Feier, deren ernster Ton der gegen- 
wärtigen Zeit des schw-eren Völkerringens entsprach. 

Gestorbene österreichische Künstler. — In 
kurzer Zeit hat der Tod drei bedeutende Künstler der 
Donaumonarchie hinweggerafft und zwar je einen Ver- 
treter der deutschen, polnischen und ungarischen Kunst. 
Als erster soll der uns am nächsten liegende genannt 
sein, Maler J M. Kupfer, der, obwohl ein gebürtiger 
Bayer, in seinem Wesen und in seiner Kunst Wiener 
durch und durch war. Er hatte seine Ausbildung zuerst 
in München, dann an der Wiener Akademie auf der 
Bildhauerschule Meister Hellmers genossen, widmete 
sich aber später vollständig der Malerei. Wiener Leben 
in den Vororten, charakteristische Bildnisse von Wiener 
Persönlichkeiten verschafften ihm bald einen sehr bekann- 
ten und geachteten Namen. Ein Herzschlag hat den 
arbeitsfrohen und überaus fleißigen Künstler kurz nach 
Vollendung seines 58. Lebensjahres ereilt. Der zweite 
dahingeschiedene Künstler, Sigismund von Ajdukie- 
wicz, hat gleichfalls in Wien und München studiert; 
er malte außer Porträts hauptsächlich Genre und histo- 
rische Bilder. Am bekanntesten sind seine Szenen zur 
Geschichte Kosciuszkos. In den leutverflossenen Jahren 
vollendete er einen sehr interessanten, für die neue Hof- 
burg in Wien bestimmten Gemälde -Zyklus über die 
Geschichte des goldenen Vlieses. Ein tragisches Ende 
war dem dritten Künstler, dem ungarischen Bildhauer 
Barnabas von HoUo beschieden, der nach anderthalb- 
jährigem schwerem Leiden in Budapest im 52. Jahre ge- 
storben ist. HoUo war eines der größten Talente der un- 
garischen Bildhauerkunst. Von ihm rührt sowohl das 
Relief her, das die Kaiserin Elisabeth an der Bahre Franz 
Deaks verewigt, wie die prächtige Gedenktafel im Akade- 
mie gebäude zu Budapest, die die Gründung der ungari- 
schen Akademie der Wisssenschaften durch den Grafen 
Stephan Szechenyi darstellt. Hollo erwarb auch zahlreiche 
in- und ausländische Preise, darunter die große goldene 
Medaille in Mailand. Sein letztes großartiges Werk war 
das Rakoczi- Grabdenkmal für den Kaschauer Dom, wo 
er bei der Konkurrenz zwar den ersten Preis errang, 
aber mit der Ausführung der Arbeit nicht betraut wurde. 
Der Künstler, der dadurch auch materiell schwer ge- 
schädigt worden war, verlor damals sein seehsches 
Gleichgewicht und zertrümmerte das herrliche Rei- 
terstandbild Rakoczis. Er wurde daraufhin in ein Sana- 
torium gebracht, in welchem er nun sein verbittertes 
und zerstörtes Leben beschloß. — Iin 75. Lebensjahre 
verschied kürzlich in Wien der akademische Bildhauer 
Joseph Beyer, der durch seine allegorische große 
Gruppe »Viribus unitis« in der Kaiserlichen Hof- 
burg sich einen bekannten Namen machte, außerdem 
stammen zahlreiche kirchhche Werke in den Wiener 



BÜCHERSCHAU 



Gotteshäusern sowie an öffentlichen Gebäuden — im 
Parlament, Rathaus, Universität, Börse usw. — von 
seiner Hand. Riedl 

Bildhauer Auguste Rodin, geb. den 4. Nov. 
1840 in Paris, starb daselbst am 17. November. 

Die Führichkrippe. — Vor8) Jahren mähe Führich 
für seine FamiHe eine kleine Krippe. Dese »Anbetung 
der Hirten« (8 Tafeln, Figurenhöhe bis zu 20 cm) wurde 
in sorgfältiger Farbenwiedergabe vervielfältigt. Nun ist 
sie allgemein zugänglich; sie erschien im Verlag von 
Guttav Nedwid, Wien VI., Bürgerspitalstr. 29, und ist 
im Buchhandel für M. 1.40 zu beziehen. 

Paul Hey. — Am 19. Oktober war der 50. Geburts- 
tag des feinen und volkstümlichrn Malers Paul Hey. 
In München geboren, besuchte er das Maxgymnasium; 
nach Abschluß der Gymnasialstudien ging er an die 
Akademie her bildenden Künste, wo er den Unterricht 
von LöfFtz und Diez genoß. Seine Werke zeichnen sich 
durch Gemüt uud Adel der Empfindung, aber auch 
durch hohe künstlerische Auffassung aus. 

^ Philipp Schumacher (München) malte ein großes, 
sehr sinnvolles Kriegsgedächtnisbild für einen Seitenaltar 
in der Herz-Jesu-Kirche zu Horde (Westfalen). 

BÜCHERSCHAU 

Die Denkmalpflege in Deutschland, mit be- 
sonderer Berücksichtigung der Rechtsverhält 
nisse. Von Dr. A. Knerr, Rechtsanwalt, Trier. M. -Glad- 
bach 191 5. Volksvereins- Verlag, G. m. b. H. 

Ein aus den Bedürfnissen herausgewachsenes Büch- 
lein, das die rechtlichen Verhältnisse der Denkmalpflege 
schildert, ist jetzt erschienen. Viel wurde in den letzten 
Jahren seitens der Behörden und von Vereinen für die 
Erhaltung der Kunst- und Naturdenkmäler unseres deut- 
schen Vaterlandes getan, wofür das gebildete Publikum 
ein großes Interesse an den Tag legte. Mit der recht- 
lichen bezw. gesetzlichen Frage auf diesem Gebiete 
waren aber nur wenige vertraut, weshalb dieses hand- 
liche Büchlein zum Nachschlagen und zur Orientierung 
erschienen ist, um einem wirklich dringenden Bedürf- 
nisse abzuhelfen. Dieses letzte Schlagwort ist hier ein- 
mal ernstlich am Platze. Vor allem dürfte das kleine 
Werkchen in den Kreisen der Geistlichkeit Beachtung 
finden; sind doch diese in erster Linie als Hüter und 
Pfleger der vielen und großen Denkmalwerte, die ihnen 
anvertraut sind, berufen. Aber auch Verwaltungsbeamte, 
Lehrer und das gebildete Publikum im allgemeinen, 
werden eine Fülle von Anregungen und Belehrungen 
daraus schöpfen können. Will es doch ein Wegweiser 
sein an einer Straße, die in ein Land voll Erinnerung 
und Schönheit führt. Möchte es der Ausbreitung einer 
Kulturbewegung dienlich sein, deren Grundzüge keinem 
Gebildeten fremd sein sollten. Anerkannt muß werden, 
daß das ausgezeichnete Büchlein, obgleich es die recht- 
lichen Gesichtspunkte besonders berücksichtigt, eine 
nichts weniger als trocken juristische Lektüre ist, sondern 
den Genuß bietet, einmal aus der Feder und von dem 
Standpunkte eines kunstliebenden berufenen Juristen das 
Thema behandelt zu sehen. 

Die geschichtliche Einleitung beginnt mit dem Aus- 
spruch W. V. Humboldts: >Die Vergangenheit und die 
Erinnerung haben eine große Kraft.« Bevor der Ver- 
fasser auf Begriff und System von Denkmalpflege und 
Heimatschutz übergeht, macht er in dieser Beziehung 
eine kurze Betrachtung über das Ausland, in erster 
Linie Frankreich, dann England, Italien, Schweiz, Öster- 
reich-Ungarn usw., geht dann zu den amtlichen Ein- 



richtungen und Ivfaßnahnien unserer deutschen Einzel- 
staaten über, schildert die Denkmalarchive, Inventari- 
sationen, sowie die privaten Bestrebungen: »Der Tag der 
Denkmalpflege«, Dehios »Handbuch der deutschen Kunst- 
denkmäler«, die Zeitschrift »Die Denkmalpflege« usw. 
In all diese trefflichen, in den letzten Jahren ins Leben 
gerufenen Einrichtungen führt uns der Autor ein. Be- 
sonders den Aufgaben der fruchtbaren Pflegestätte des 
Bundes Heimatschutz kommt er mit warmen Worten 
entgegen. Mit den Worten Stifters »Die Kunst ist die 
irdische Schwester der Religion« schildert er die kirch- 
lichen Denkmäler, ihre Pflege, Verluste und Gefahren. 
Es sind die Kapitel »Staat und Kirche« und das Ver- 
hähnis der einzelnen Bundesstaaten zur Erhaltung der 
kirchlichen Denkmäler, sowie die Spezialgesetzgebung 
des 20. Jahrhunderts von so großer Wichtigkeit, daß 
sie jeder Gebildete wissen sollte. Der Naturdenkmal- 
pflege ist ein besonderer Abschnitt gewidmet. 

Mit der Wiedergabe der wichtigsten Gesetze des 
Denkmalschutzes unserer Bundesstaaten schließt das 
fesselnd geschriebene Buch. Ein Jahrhundert deutscher 
Denkmalpflege läßt der Autor an uns vorüberziehen 
und macht uns vertraut mit den zeitlichen Gesetzen, 
die bisher der Laie wenig beachtete, bezw. nicht be- 
achten konnte, da ein handliches derartiges Werk in 
der Literatur fehlte. Schon insofern kann es auf das 
wärmste empfohlen werden. Architekt H. Steffen 

Die Nationen im Wettstreit der Künste. Vor- 
träge, gehalten im Kriegsjahr 1916 auf dem Gürzenich 
zu Köln von Josef Poppelreuter. Verlag der M. Du Mont- 
Schaubergschen Buchhandlung, Köln. 54 S., geh. M. 1.20. 

Die kleine Schrift geht zurück auf Vorträge, die der 
Verfasser, Direktor am Wallraf Richartz-Museum, im 
großen Saale des Gürzenich vor einer zahlreichen Zu- 
hörerschaft gehalten hat. Es ist dankenswert, daß die 
zeitgemäßen Ausführungen nunmehr weiteren Kreisen 
zuganglich gemacht werden. Poppelreuter erörtert hier 
mit einer üuvoreingenommenheit und Leidenschafts- 
losigkeit, wie sie gegenwärtig nur dem Deutschen eigen 
zu sein scheint, die Verdienste der kriegführenden Na- 
tionen auf dem Gebiete der Kunst. Die einzelnen Ab- 
schnitte tragen die Überschriften: Lateinische Invasion 
und griechische Künstler; Rassenmischungen und Völker- 
wanderungen, Die Führung in der Epochcnbildung, Der 
Preis der Anmut, Der Preis der Kraft und der Tiefe, 
Musik, Die Beschützer der Kunst, Nach dem Kriege. 
Das Ergebnis ist, daß die einzelnen Nationen mehr oder 
weniger ihre besonderen Verdienste um die Kunst haben, 
daß aber die deutsche Nation vor den anderen in keiner 
Weise zurückzutreten braucht, daß auch im Hinblick 
auf das Gebiet der Kunst der Vorwurf der Barbarei nur 
aus Leichtfertigkeit und gemeiner Schmähsucht ent- 
springt. Die Schrift, die in anziehender Form einen 
kurzen Gang durch Entwicklung und Leben der Kunst 
in Europa darstellt, klingt aus in einer Aufforderung 
zur Selbstbesinnung und zur Abkehr von allem, was 
mit wahrhaft deutscher Kunst und deutscher Art un- 
verträghch ist. Dr. H. 



WETTBEWERB FÜR DIE AUSSCHMÜCKUNG DER 
ST. MAXIMILIANSKIRCHE IN MÜNCHEN. 
Ich interessiere mich für die Verfasser der Ent- 
würfe »Dreiklang«, »Dreizehn«, »Feldarbeit«, »Mirjam«, 
»Offenbarungen« und »Resurrexit« und bitte dieselben 
um vertrauensvolle Mitteilung ihrer Adresse. 

Dr. A. Huppertz, Geistl. Rektor, 
Köln-Merheim linksrh. 



Für J;e Redakti 



,); Verla: 



BEILAGE 



WETTBEWERB — DIE MÜXCHENER JURVFREIE 



WETTBEWERB PUR DIE ST. MAGDA- 
LENEN KIRCHE IN NYMPHEKBURG 

"PJas durch die Auflassung des ehemaligen >Volksgar- 
tens« in Nymphenburg verfügbar gt wordene Gelände 
soll für einen Kircbenbau benutzt werden. Zur Gewin- 
nung geeigneter Entwürfe hat die Getamtkirchengemeinde 
München einen Wettbewerb veranstaltet, der Ende Januar 
zum Austrage kam, und dessen Ergebnisse einige Tage 
hindurch in dem Saale des Asamhauses ausgestellt waren. 
Die Beteiligung war lebhaft — nicht weniger als 98 Arbei- 
ten waren eingereicht. In ungleichem Verhältnisse zu 
dieser Zahl stand die der durch Preise oder Ankauf des 
Entwurfes ausgezeichneten Künstler. Völlige Freiheit des 
Wettstreites hat nur scheinbare Vorzüge. Sie werden 
durch wesentliche Nachteile aulgewogen. Zu ihren erheb- 
lichsten gehört, daß sich eine Menge von Bewerbern 
hinzudrängt, denen zurLösung derAuigabe der inneiliche 
Beruf, insbesondere gegenüber einer kirchlichen das 
seelische Verhältnis mangelt. Die Überzahl der einge- 
reichten Entwürfe ließ dies klar erkennen. Zu jener größten 
Schwierigkeit gesellten sich im vorliegenden Falle noch 
andere. Vor allem die, daß die künitige Kirche eine 
Nachbarin des Nymphenburger Schlosses mit dem ihm 
vorgelagerten gewaltigen Rondell sein wird. Sie darf 
mit ihrer vertikalen Entwicklung das charakteristische 
Bild der alten Architektur nicht störend beeinflussen, 
sich ihm aber auch nicht unterordnen, sondern muß als 
ebenbürtig mit ihr zu künstlerischer Harmonie gelangen. 
Eine beträchtliche Zahl von Entwürfen ist bei dem Ver- 
suche, diese Schwierigkeit zu bewältigen, nicht darüber 
hinau.'-geditheii, der Kirche und der daran grenzenden 
Gebäudegruppe in äußerlicher Weise nachempfundene 
Foriren des Barockstils zu geben, und die Kirchtürme 
niedrig zu halten, letzteres teilweise bis zur Entstellung. 
Richtig empfunden haben alle, daß der Form der Bau- 
stelle enisprechtnd die Kirche ein Lang-, kein Zen- 
tralbau sein muß; daß mittelalterliche Foimen für sie 
nicht passen; auch daß ein Kuppelbau an jener Stelle 
nicht angebracht sein kann, ist den meisten deutlich 
gewxsen. Zu eigentlicher innerer Fi eiheit vermochten nur 
sehr wenige Entwürfe sich durchzuringen. Zwei von 
ihnen — ihre Vorzüge sind nur durch Ankauf, nicht 
durch einen Preis anerkannt worden — verdienen nach 
meinem Empfinden vor allen andeien genannt zu werden. 
Der eine ist jener von Friedrich Freiherrn von 
Schmidt. Auch er hat den Barockstil gewählt, doch 
mit der selbständigen Erfassung des berufenen Silkünsilers, 
dem die Form zum Zwecke des Gedankenausdrucks, 
zum Mittel des künstlerischen Willens dient. Wuchtige 
Monumentalität ist dem Schmidtschen Entwürfe eigen, 
Kraft vereinigt sich mit Ruhe. Das Innere der Kirche 
gewinnt Leben durch die Licht- und Sch.ittenwirkung 
der einwärtsgezcgenen Strebepfeiler, zwischen denen 
sich zweimal fünf tiefe Nischen bilden. Die Lichtzufüh- 
rung erfolgt durch hohe, einfach gezeichnete Fenster. — 
Der andere Entwurf ist der des k. Bauamisassessors 
K. Hocheder. Er plant einen großzügigen Bau, dessen 
moderne Art durch den Einfluß älterer L'berlieferung 
im Zügel geha'ten wird. Seine Monumentalwirkung 
verdankt das Hochedersche Werk der innerlichen Größe 
ihrer Linien- und Flächenbehandlung. Zu schönem, 
einheitlichem Bilde fügt sich die zweitürmige Kirche 
mit den angrenzenden Häusern zusammen. Die Haupt- 
front ist durch einen sanft hervortretenden Mittel- 
risalit belebt. Die .Apsiden des Chores und des Kreuz- 
schiffes vereinigen sich zur Kleeblattform. Auch die 
übrigen mit Auszeichnungenbedachten Entwürfe besitzen 
sehr schätzbare Vorzüge, die den Spruch des Preisgerichtes 
begründen. Ein erster Preis wurde nicht zuerkannt. Einen 
zweiten erhielt der K. Professor H. Buchen für einen ein- 
türmigen, dreischiffigen, gut beleuchteten Putzbau in 

Die chmtliche Kunst. Mar?. April. .Mai 1918 



Barockformen. Träger des dritten Preises wurden der 
Diplom - Ingenieur K. Friedel und der Architekt Jos. 
Scherer (ür ihre in mancherlei Beziehung wertvollen 
Barockkirchen. Vierte Preise fielen an den städtischen 
Ingenieur F. X. Knöpfle und die Firma Heilmann& 
Liitmann. Angekaui't wurden außer den beiden genann- 
ten Entwürfen noch die des Architekten Hans Miller 
und des städtischen Bauamtmannes .\. Blößner. 

Doering 

DIE HERBSTAUSSTELLUNG 
DER MÜNCHENER JURYFREIEN 

T^ie Herbstausstellung der Juryfreien umfaßte einen 
großen Teil der im Sommer gezeigten, an dieser 
Stelle bereits besprochenen Werke, außerdem etwa 70 
neu hinzugekommene. Ihr Wertdurchschnitt rechtfertigt 
auch diesmal eine kurze Würdigung. Landschaften über- 
wogen wie immer, daneben sah man zahlreiche Blumen- 
Stücke und Stilleben. Figürliche Studien waien in nur 
geringer Zahl vorhanden, doch befanden sich gerade unter 
ihnen mehrere recht bemerkenswerte Leistungen. So bot 
E.Winterfeld denPorträtkopf einer alten Frau, eine herb 
krältige Studie in farbiger Kreide; dem von derselben 
Künstlerin ausgestelhtn Kopfe eines Kapuzinermönches 
i'ehlte es allzusehr an Beseelung. Ihrer Neigung iür groß 
angelegte, breit hingeworfene Farbenmassen folgte sie 
üiesmal in einem Stilleben, einer Anhäufung verschie- 
dener Gegenstände um eine als Mittelpunkt dienende 
Trommel, deren Braunsich zwischen diagonal angelegtes 
Gelb und Rot wirkungsvoll einschob. HugoRange zeigte 
die sympathische Porträthalbligur eines jungen Mäd- 
chens in Schwarz vor dunklem Hintergrunde; vom glei- 
chen Künstler waren zwei Bilder religiösen Gegenstandes: 
ein das Martyrium erwartender hl. Sebastian, an dem die 
Ausführung des Halbaktes und auch die geistige Auf- 
fassung zu loben war. Weniger Eindruck machte er mit 
einer gut beleuchteten Kieidezeichnucg, die in etwas 
äußerlicher Charakterisierung die Mater dolorosa zu 
schildern versuchte. Von A. Hofer war der in Kohle ge- 
zeichnete, ausdrucksvolle Kopf eines alten Mannes, von 
R. Biber das kräftige Bild eines lesenden Mädchens in 
roter Bluse. Figuren und Landschaft vereinigten sich zu 
volhönigtm Einklänge in Otto Ackermanns »Schniite- 
rin<, eineftüchtigen Impression mit guter Schilderung des 
Sonnenlichtes. Ein erfreuliches Werk voll deutscher Poesie 
schuf Karl duarck mit seinem Gemälde »Wandervögel«, 
es zeigte eine Schar fröhlicher junger Burschen in einer 
weitausgedchnienSommerlacdschalt. PaulKaemmerer 
schilderte mehrere lebhalt farbige arkadische Szenen, an 
welchen besonders die landschalüichen Elemente als gut 
gelungen anzuerkennen waren. — Auch an einzelnen be- 
achtenswerten Tierstudien fehlte es nicht. Zu ihnen ge- 
hörte eine solche \on Franz Wenk mit der Schilderung 
eines im Walde verbellten Rehbockes. — Unter den 
Landschaftern zeichnete sich auch diesmal Fritz Seh er er 
aus, der in seiner schwerblütigen Weise ein Motiv von 
der korsikanischen Küste bihandehe. Entgegengesetzte 
Auffassung beherrschte die sanite Studie »Fließendes 
Wasser« von Ad. Ziegenmeyer. H. J. Teicherts 
»Schloßfrau« interessierte bei mehr skizzenhafter Ausfüh- 
rung durch die Harmonie von rosa, grauen und grünen 
Tönen. Farbig interessant war auch R Bibers krältig 
charakierisieite »Blumenfrau«. Walter Röstel gab zwei 
Landschalten und zwei Blumenstücke. Er legt Wert auf 
zeichnerischen Vortrag und kühle, etwas trockene Farbe, 
und erreicht damit zum Teil recht vornehme Wirkungen. 
»Hundertjährig« hieß die Darstellung einer einsamen 
Eiche in einer Gebirgslandschaft von F. Nockher. Das 
gute Gelingen der von zartem Dunst erfüllten Luft war 
auch dem »Herbstbeginn« desselben Künstlers eigen, 
der es liebt, hell und flächig zu malen. Von ihm war 



BERLINER AUSSTELLUNGEN 



auch ein feinfarbiges Blumenaquarell (Kapuzinerkresse). 
Von verschiedenen Arbeiten Jos. R. K nob loch s sei ein 
>Damm mit Birlien« wegen seiner schönen Perspektive 
und der treulichen Stimmung der Herbstfarben hervor- 
gehoben; ferner ein in feinem Grau gegebenes »Isarbett 
beiTölz<. >Erntezeit< von Dietrich Wrede behandelte 
ein charakteristisches Motiv aus der Mark mit in Mandeln 
stehendem Getreide vor dem Hintergrunde eines von 
der Abendsonne beschienenen Kiefernwaldes. Schöne 
Farbe zeichnete einen > Herbstabend« von Ad. Glatte aus. 
Breite Behandlung zeigte eine Gebirgslandschaft von M. 
Zarnekow. Ein wertvolles Werk war Fr. Bleichers 
>Ausblick auf die Stadt«, die hinter Fluß und Wald in fer- 
nem Dunste schwebt. Ein »Septembertag« von Pel- 
czinski zeigte einen Park in der diesem.Maler eigenen stark 
grünen Färbung. Bibers »Beflaggte Straße«, ein Motiv 
aus Nördlingen, schuf kräftige, malerische Eindrücke. — 
Von den Stdleben und Blumenstücken nenne ich noch 
Johanna Töpfers schön gezeichnete und gemalte rote 
Tulpen in einem Kristallglase vor grauem Hintergrunde; 
Rieh. Eisermanns durch vornehme Wirkung ausge- 
zeichnete Komposition von Obst, Zinn und Silber vor 
Dunkelgrau; ferner Arbeiten von Vogt- Vi Is eck, Bött- 
cher-Beck, Bleicher (violette und gelbe Stiefmütterchen), 
Ilse Brück, Karl Jacobs. Dekorative Wirkungen er- 
reichten besonders auch die sorgfällig gemalten Blumen- 
stücke von Keller-Hermann und Ramge. Doorins; 

BERLINER AUSSTELLUNGEN 

Von Dr. Hans Schmidkunz (Berlin-Halensee) 

I. GROSSE KUNSTAUSSTELLUNG 1917 

T~)ie »Große Berliner« hat sich diesmal zweigeteilt' 

zum größeren Teil in Düsseldorf, zum kleineren in 
Berhn selbst; hier am 20. September 1917 eröffnet (im 
Akademiegebäude). 

Während der Düsseldorfer Zweig manches Lob zu 
ernten hatte, darf der Berhner wohl sehr kurzweg als 
eine Enttäuschung bezeichnet werden, selbst wenn man 
eine kriegszeitliche Minderung der Produktivität emrech- 
uet. Man hatte sich hier schon von vornherein nicht 
weit gespannt. Ausländisches und Sezessionistisches 
fehlt fast ganz ; vertreten sind nur die Genossenschaft 
der ordentlichen Akademiemitglieder, der V'erein Berliner 
Künstler und die Düsseldorfer Künstlerschaft, alles ohne 
eine besondere Gruppierung, Sonderkollektion oder der- 
gleichen. Auch der sonst wohl beste Glanz der »Großen«, 
die Graphik, kam nur in ein paar versprengten Blättern. 

Am auffallendsten ist, daß man sich vor den meisten 
der ausgestellten Werke fragt: >\Vo habe icli denn das 
nur schon gesehen-!« Einiges war tatsächlich bereits 
in einem oder dem anderen Kunstsalon ausgestellt; 
anderes bedeutet nur eben Varianten von Altgewohntem. 

Schließlich stehen doch nicht wenig Objekte vor 
uns, die als tüchtige Leistungen gelten dürfen, aber als 
bloße Fortsetzungen von Oftgenanntem keine neue 
Nennung lohnen. Bleibt immerhin noch ein Häuflein 
von Anziehendem. 

Ein Recht des Vorantrittes hat, das einzige eigent- 
lich-religiöse Gemälde der Ausstellung: »Es ist voll- 
bracht« von dem uns durch Madonnen u. dgl. bekannten 
H. Wilke. Nicht ganz frei von einer Merklichkeit der 
Absicht, erfreut es doch durch markig kräftige Züge, 
insonderheit durch eine energisch ausdrucksvolle Durch- 
bildung der teils leidtragenden, teils allmählich zum 
Verständnis des Kreuzesopfers gelangenden Personen. 

Sympathisch berührt auch einiges, das in der Mitte 
zwischen religiöser oder religionsgeschichtlicher und 
Historien- oder Genremalerei steht. So vor allem das 
an Umfang kleine, an gemütvoller Sinnigkeit große Bild 
»Gottvater zeigt .Adam das Paradies« von Fr. brassen 



(dessen »Kinderbach« dahinter doch wohl zurücksteht). 
Die altbewährte Geschicklichkeit und Geistigkeit des 
W. Firle kommt einem umfangreichen, eine Betstunde 
darstellenden Gemälde mit sorgsam durchgearbeiteten 
Gestalten zugute: »Herr bleibe bei uns, denn es will 
Abend werden«. Von A. Schlabitz erschien diesmal 
ein »Melanchthon mit seinen Freunden«, typisch durch 
solide Ausführung und wieder durch merkliche Absicht 
— Illustrationsweisc von anno Einst. Als »richtig- 
gehendes« aktuelles Repräsentationsbild — aber wenig 
repräsentabel — zeigt sich die »Weihe des Denkmals 
auf dem . . . Kriegerfriedhof zu St. Quentin ...» von 
H. Wislicenus. 

An typischen Aktualitätsporträts fehlt es gleichfalls 
reicht. Eher als sie fesseln wieder Leistungen von Ber- 
liner Stammgästen: von R. Schulte im Hofe (doch 
nur das »Kinderdoppelbildnis«), von Sabine Reicke 
(Porträt ihres Gatten), von Heia Peters (»Herren- 
bildnis«). Das Aquarellselbstporträt von R. Richter 
weist auf interessante Weise zur Sezessionskunst hinüber. 

Stilleben und Innenstücke sind zahlreich und zum 
Teil beachtenswert gekommen, namentlich unter dem 
Zeichen der Biedermeierzeit. So besonders »Großvaters 
Zimmer« von H. Licht und noch andere Stilleben von 
E. Lieber mann, von H. Looschen (gleichsam eine 
Christkindleinphantasie), von W. Blanke, von E Doep- 
1er d. J. (mit Musclieln in Guasch). Interieurs finden 
sich von C.Agthe (»Mein .-Vtelier«), von dem alt-sinnigen 
R. Eichstaedt (»Biedermeierzimmer«), von H. Holtz- 
becher (»In Großmutters Stube«), von R. Peisker- 
Kreuschner (»Der Eckschrank«), von E. Pfann- 
schmidt (aus dem Lüneburger Rathaus). Im Kirchen- 
interieur zeichnen sich H. Mekelburge r f (St. Marien, 
Danzig — eine auch umfangreiche Arbeitsleistung) und 
R. Koch-Zeuthen (Lübecker Dom) aus. Ein Über- 
gang ins Stadtbild ist der eindrucksvolle »Alte Hof in 
Lübeck« von P. Hoeniger. 

Läßt sich von Genrebildern heute überhaupt noch 
sprechen, so ist am bemerkenswertesten ihre Verbin- 
dung mit der Landschaft. Das in die Bergfelsen 
rufende Mädchen, das Fr. Müller-Münster unter dem 
Titel »Widerhall« gemalt hat, erinnert uns daran, daß 
dieser Künstler auf den -Großen« der letzten Jahre 
schon immer als einer der wenigen auffallen konnte, 
die wirklich eigenen Geistes- und Siimmungsausdruck 
zu geben verstehen — »Kompositionen« im besten Mnne 
des Wortes. Ungefähr das Gegenteil davon, auch ab- 
gesehen von gut sezessionistischer Weise, interessant 
für die Verehrer »kräftiger Pinselhiebe«, ist das »Frauen- 
bad« von J. Antengruber. 

Der jüngst verstorbene Boehle scheint Schule zu 
machen; das zeigt die Malerei »Am Brunnen« von 
W. Fahrenbruch. Wieder etwas wie ein Gegenteil 
zu dem darin erstrebten Markigen ist die jetzige Gabe 
von H. Seeger >lm Dünenwald«: lieblich wie stets, 
obschon diese freundlichen Landschaftsmädchen nach- 
gerade gar zu gleichförmig erscheinen. Zum Typus 
von vielgelobten Ausstellungsbildern gehören die gut 
malerischen Bilder »Die Ouvertüre« sowie »An der 
Küste« von M. Schli.chting und »Toter Fuchs« von 
R. Otto. 

Zur Landschaft führt uns hinüber »Der Egger« von 
C. Kayser-Eichberg. Hier und etwa noch in Küsten- 
bildern von K Hassenkamp f haben wir es ebenso 
wieder mit starken, breiten oder sogar derben Formen 
zu tun wie mit feinweichen in dem Gemälde des viel- 
gewandten C. Kappstein »Kühe an der Waldtränke«. 
Dem stehen wieder einige Künstler der feinscharfen 
Formen gegenüber. So vor allem H. Klohsz mit 
»Kleinstadtstraße« und »Der stille Garten«. Hierher 
gehören auch zwei Landschafter, die uns schon in den 
neulichen Jalirgängen durch solche Formensprachen 



BERLINER AUSSTELLUNGEN 



aufgefallen waren: W. ter Hell (mit Bildern von der 
Pegnitz, etwa in der Mitte zwischen dem Weichen und 
dem Scharfen stehend) und besonders scharf L. H.Jülich. 

Im übrigen gibt es da wenig Landschaften, die nicht 
ins Volle der Stimmung gehen und speziell die einer 
Jahres- oder Tageszeit oder dergleichen herauszuarbeiten 
suchen. Den »Winter« — dem noch viel andere Bilder 
einschließlich des von H. Figge »Ein weiter Weg« hul- 
digen — und eine »Stürmische Abfahrt« stellt der alt- 
bewährte H. Hartig dar; den Sommer Hanna Mehls 
in »Sommertag an der Elbe«; die Erntezeit Fr. Klein- 
Chevalier in »Ernte« ; der Frühling geht etwas dürftig 
aus. Noch behebter sind die Tagesstimmungen, zumal 
der Abend; so u. a. bei C. Bantzer (»Abendruhe«, vier 
Männer im Feld), beiß. Genzmer (»Abend im Spree- 
walddorf), bei H. Lessing (»Abend im Altmühltal«), 
bei P.Vorgang in Leistikowscher Art (»Abend am 
Grunewaldsee«) und besonders bei A. Scherres, der 
neben seinen abendlichen Thüringer Bergen auch eine 
als »Danzig« betitelte »Sommermondnacht mit irüher 
Morgendämmerung« bringt. Auch die »Helle Mond- 
nacht« von M. Gatz verdient Beachtung. Eine »Dämme- 
rungsstimmung an der Unterelbe« malt K. Heffner. 
Ein hervorragendes Morgenbild ist von .A. Obst die 
»Morgenstimmung an der Prerowmündung«. Mit an- 
schauhcher Kraft wird R. Eschke den Lüften des Ge- 
birges gerecht in seinen Bildern »Talnebel im Harz« 
und »Ziegenherde am Abhang«. Die früher vielbeliebten 
Ausstellungsgewitter scheinen sich allmählich zu ver- 
ziehen; doch noch erfreut eine Gewitterlandschaft aus 
dem Taunus von C. Albrecht (und wohl mehr sein 
»Großes Stilleben«^ 

Um noch einigen Altmeistern gerecht ;;u werden, 
heben wir von dem Meister des Küstenbildes H. Herr- 
mann »An der Scheidemündung« — mit altholländischer 
Erinnerung — hervor und schließen daran noch eine 
respektvolle Aufzählung an: »Der Wartturm von Lehnin«, 
ein eindringliches Stimmungsstück des E. Bracht; 
»Hamburger Hafeni von Fr. Kallmorgen; ein auch 
koloristisch geschmackvoller »Hohlweg« und ein »Park- 
bild« von C. Langhammer; die gleichsam wasser- 
duftenden Gemälde »Schwere Arbeit« und iFelsige 
Bucht« von F. Possart; endUch die Schöpfungen einer 
kräftigen Einfachheit »Atlantischer Ozean« und »Fregatte« 
von k. LeipoW. Neben einem — leicht überschätz- 
baren — »Hochwald« von R. Schramm-Zittau fallen 
von Minderbekannten noch auf: E. Kolbe mit einem 
»Soldatenfriedhof im Westen«, K. Oenike mit bemer- 
kenswerten Farbenübergängen seines »Wiesenhanges im 
Riesengebirge«, A. Weczcrzick mit »Am Waldes- 
saum«, Karl Wendel mit zwei frischen Freinaturen 
und G. Wiethüchter, der eine »Heimkehrende Kuh- 
herde« mit einem Rot-Grün als Farbenthema malt. 
Temperatechnik verwendet E. Kips: »Kühler Grund«. 
Im Graphischen finden sich immerhin noch Spuren 
eines über »akademische« Traditionen hinausstrebenden 
Könnens. Voranstehen darf eine Zeichnung »K:m-ieraden< 
(Verwundete) von P. Ehren wert h. Der vielleicht 
größte gegenwärtige Zeichnungsvirtuose, R. Müller, 
bringt riur ein Temperapastell »Hühner«. Weniger 
vielseitig als jener, allmählich sogar allzu wiederholend, 
aber dennoch ein meisterhafter Zeichner ist J. Teich- 
mann, diesmal mit einer »Trauernden« und mit einer 
original-Uthographischen »Kinder-Serie« vertreten. Vom 
Holzschnitt, zumal dem farbigen, könnten wir manches 
Erfreuliche berichten; doch sei es an dem zartfarbigen 
»Morgen« von C. A. Brendel genug. 

Vor kurzem wurden wir durch den achtziger Ge- 
burtstag des W. Unger an dessen schöpferisches Ver- 
dienst um die reproduzierende Radierung — an Stelle 
des weniger malerischen Kupferstiches — erinnert. Sie 
blüht auch in diesen Kreisen; diesmal kam nur von 



dem darin eifrigen Fr. A. Börner eine Radierung nach 
einem Friedrichsbild von Menzel. Unter den Original- 
radierungen fällt ein Kriegsporträt von E. Schäffer 
günstig auf Eine »Begegnung« radiert K. Hansel. An 
Themen gewaltsamen Charakters sind Dunkel- und 
Düsterformen der Radierung gut angepaßt von Fr. Ma- 
ron in einem »Frauenraub« und besonders von 
M. Fingesten in einem Triptychon »Erde«. 

Die Plastiker haben sich nicht sehr angestrengt. 
Sogar von einem Meister wie E. Herter macht seine 
Zweifigurenpruppe »Fürs Vaterland« (1916) bei allem 
mächtigen Schwung doch einen etwas künstlich pathe- 
tischen Eindruck. Weniger gilt dies von einer Szene 
»Gerettet« des N. Friedrich und so gar nicht von den 
wirklich sinnigen »Friedensklängen«, einer Holzstatuette 
des O. Placzek. Ansprechend ist auch »Unsere Kuh« 
von E. Schmidt-Kestner. Lebhaft bewegt sind die 
Tiere an dem »Zierbrunnen« von R. Kübart. Das 
einzige rehgiöse Werk ist hier von M. Wiese »Christus 
auferstanden«, sorgfältig durchgearbeitet, nicht traditions- 
brüchig. Bildnisse kamen u. a. von R. Felderhoff 
(ein würdig und zugleich charakteristisch gehaltener 
Albert Niemann), von B. Stolzer und — ein Kinder- 
büstchen — von Bruno Wendel. Am eigenartigsten 
aber sind wohl die — sagen wir: Sinnporträt »Ursus« 
und der »Der Wille« von A. Lesnick. Eine Keramik 
»Familie« ist von H. Christlieb; sie stellt in kräftig 
vereinfachten Flächenformen drei Affen dar. 

In einen künftigen Höhengang weisen am ehesten 
Tafelwerke. So die interessante Zusammenarbeitung 
alter und neuer Motive in einer Gedenktafel von 
C. Starck: »Viktoria am Grabe eines gefallenen Hel- 
den«. Sodann die Plakettenkunst. Es kamen Medaillen 
und Plaketten (in Silber, Bronze und Eisen) von Paula 
V. d. Hude, meist Porträts enthaltend .gut, wenn auch 
nicht sehr eigenkräftig), sowie Bildnisplaketten »Susing« 
des M. Schausz und besonders »Prof. Adolf von Hilde- 
brand. (Bronze) des W. Lobach. Am beachtenswer- 
testen aber ist hier C. Riese hke mit Eisengüssen: 
Medaillen (»Arbeiter« und »Kriegsmedaillen«); jene 
rechteckig, diese rund. Wie wirkungsvoll versteht der 
Künstler das »Hineinkomponieren«; wie lebendig setzen 
sich die Formen der Darstellung in dem doch lediglich 
einlinigen Rande forti Sowohl die jetzige Gedenkzeit 
wie auch der stetige Erinnerungsbedarf de: christlichen 
Kunst weist gebieterisch auf den Wert einer reich- 
licheren Pflege der Plakcttenkunst hin. 

2. SECESSION HERBST 1917 
"T^ie ältere, Corinthsche Secessiousgruppe brachte im 

letzten Cuarlal 1917 ihre 31. Ausstellung. Ihre kleinen 
Räume zwingen selbst eine geringe Zihl von Werken 
zur Aufeinanderhäufung, aber auch zur Auseinander- 
reißung von Verwandtem. Das verstärkt noch den Ein- 
druck oder Anschein, daß all dies nur ein Vorspiel sei, 
obwohl die bei diesen Secessionisten noch vorspielbaf- 
tigere Graphik diesmal fehlt. Malererei und Bildhauerei 
herrschen allein. Einige Werke sollen noch später nach- 
kommen. 

In der Plastik scheinen die fast karikaturhaft über- 
spannten Formen von Lehmbruc k Schule zu machen. 
Dies sogar bei einem Eignen wie Fr. Metzner, beson- 
ders in einem Torso »Empfängnis«, während eine Bild- 
nisbüste von ihm wieder mehr in zusammengehaltenen 
Formen spricht. Eine Mädchenbüste von Ulli erinnert 
gleichfalls an den erstgenannten. Das Bemerkenswerteste 
ist wohl daß der Maler P. Scheu rieh diesmal als 
Bildhauer kommt, und zwar hauptsächlich mit zwei 
kleinen Figurengruppefl voll von gesteigerter Rokokozier: 
»Mohr und Mädchen« sowie »Apollo und Daphne«, wo- 
bei der Apollo allerdings mehr an Moderne i\s an Antike 
gemahnt. Auch Bildnishüsten fallen günstig auf, insbe- 



BERLINER AUSSTELLUNGEN 



sondere die der RicardaHuch von P. Peter ich und die 
des Carl Hauptmann von E.Mo eller. Der alte Fehler, 
daß Plastiken zu tief aufgestellt werden, heeintr.rchiigt 
die Wirkung einer >Penthesileai von J.Lampel, dieauch 
an ihrem verbesserten Platze noch benachteiligt ist. 

Die secessionistischen Anläufe zu religiösen Darstel- 
lungen oder vielmehr zu ihrer Beniäczung im Dienste 
von figuralen, luministischen, koloristischen Spitzfindig- 
keiten sind diesmal kaum fortgesetzt. In diesem Typus 
hält sich an icheinen deine » Taufe < (Christi durch Jjhinnes) 
von K.Caspar, die zwar im Katalog auch abgebildet 
steht, jedoch nicht eingesendet worden ist, sowie eine 
leidliche Figurenspiel- und Gelbrot-Scene' > Verspottung 
Christi« von Fr. Schaeffler. Der Letztere wird in 
einem »Paulus vonCorinthc so unverständlich, daß man 
nicht viel mehr als irgend etwas Forciertes herausbe- 
kommt. Auch eine geradezu finstere Stimmung eignet 
diesen und sonstigen biblischen Darstellungen, als müßte 
ihrer Welt alles Lebensfrische oder gar Glorienreiche 
fehlen. 

Retrospektives kam diesmal nur durch ein Herren- 
porträt von \V. Leibl. Seine skizzige Vereinfachung 
steht allerdings doch etwa einem Reniissaneemeister 
noch näher als modernen Abkürzungen und Einseitig- 
keiten. 

Über solche hinaus führt uns einj Gruppe von Ge- 
mälden des E. Bischoff-Culra, der nun auch in fland- 
rischer Erde ruht; und über seine eigenen bisherigen 
Leistungen reichen diese seine letzten hinaus. Abgesehen 
von ein paar Kriegsbildern, die von Nahestehenden als 
ein besonderer Fortschritt gelobt werden, erfreut beson- 
ders die ostpreußische, heimatinnig; Schlichtheit im 
Verein mit einer Farbenfrische, deren Heiterkeit und 
Frohstimmung vornehmlich in dem Bildnis ein€s durcli 
blühende Landschaft schreitenden Dichters zu Herzen 
geht. Im übrigen stehen auch bei ihm Farbenstiramun- 
gen voran: die graue eines »Auswanderers«, die lila- 
graue vom »Oitzopaß«, die gelbrote eines belgischen 
»Fischmarktes«; dazu das gelbgrüne und gelbgraue 
Hügelgelände einer »Heimkehr von der Arbeit« und 
die besonders eindrucksvolle Stimmung eines »Verlas- 
senen Dorfes«. 

Altbekannte nehmen wieder Hauptstellen ein. Voran 
L. Corinth mit einem »Kain«, bei dem sich zwar von 
einer »schmutzigen« Milweise sprechen läßt, der aber 
jedenfalls einen kräftigen Schwung nicht nur in dem um 
den Totschläger flatternden Raben entfaltet; und ein 
schreibender »Berlichingen« ist gerade das, was jener 
Künstler auch ü^er derbe Außenformen hinaus zu leisten 
vermag. — E. Oppler interessiert diesmal am ehesten 
durch zwei Interieurs; eine »Fensternische« und eine 
(Munkäczer) Synagoge. — H. Krayn führt eine Reihe 
seiner Arbeiterbilder zu dem Wandgemälde eines Schmie- 
dewerkes fort, das für einen Fabrikraum bestimmt 
ist. — Daß der gewiß sehr tüchtige K. Hagemeister 
im jungen Eifer von manchen überschätzt wird, können 
liier ein paar derb-pastose Meeresbilder noch eher als 
frühere Ausstellungsstücke zeigen. — Vom Forte zum 
Piano leiten abermals sinnige Taunaslandscliaften des 
Ph. Frank. 

Nun aber das, wis dem Darchwanderer der Aus- 
stellung am meisten auffallen und am ehesten eine Zu- 
kunftshoff"nuag geben kannr die Künste des Abstufens 
in der Farbengebung und ihre spezielle Bät.\tigung in 
der Wiedergabe von Blattwerk u. dgl. Sein Grün zieht 
sich durch die ganze Ausstellung hindurch. Als es der- 
einst die junge Secession gegenüber dem »akademischen« 
Braun kennzeichnete, besaß es unseres Erinnerns mehr 
eine frisch-blä'jliche Abstufung; jetzt waltet darin Gelb- 
liches vor. Und diese Färbung zeigt fast immer Schat- 
tierungen, Schwellungen u.dgl. 

Im Dienste von Kompositionsphantasien steht die 



besagte Weise am eigenartigsten bei Br. Kraus köpf. 
Mehr als eine interessante Episode in der Kunstgeschichte 
werden aber hoff'entlich gerade diese phantastischen 
Kombinationen von Blättern und blattähnlichen Tüchern, 
von Töpfen, Figuren usw. nicht bedeuten, mögen sie 
nun eine »Beweinung« oder »Der sterbende Vater« sein. 
Wie sich in einem Stilleben desselben Künstlers das 
Blattgrün schattiert, so schattieren sich Orange-Farben 
in einem Frauenakt von f. Hut her; und wie in einem 
»Park'i des Erstgenannten die Blätterfarbe sich schwellt, 
so breiten sich in einem »Stilleben« von W. Kohlhoff 
solche Schwellfarben wieder über Blättern und Tüchern 
aus und werden in einem Gemälde »Häuser« desselben 
zur flächigen E-scheinung wackeliger Lichter. 

Vom Gelblichen geht es weiter zum Ro;, beispiels- 
weise durch die Rotgelbstimmung der »Gladiolen« von 
J. Oppen heilt) er zur Rotstimmung des ».\ngrifl'i» von 
A. Propp. Eine gar laute Zusammenstellung von Rot 
Grün Blau bringt H. Gerson in einem »Park«, eine 
Farbenphantasie mit vorherrschendem Rot »Haus aus 
Soest« Chr. Rohlfs, eine Ma;htlichtstimmung »Sol- 
datenquartier« und eineRegenstinimung »Kohlenhaufen« 
A. Schinnerer. Zu-ück zu einem naturkräftigen, nicht 
in Flächen zeritreuren, vielmehr kompakten und satten 
Braun führt ein Frauenakt von A. Schlawinski. 

An feiner Kleinmilerei fehlt es gleichfalls nicht. So 
besonders bei den Altbewährten: C. Strathmafin, 
speziell in einem »Bachenwald«. und beLM. A. Stre- 
mel in ».\stera und Bücher«. Diesem ähnlich, wenn 
auch nicht ebenso vornehm fein, malt Fr. Westen- 
dorp ein Pariser Stadtbild und einen Nordseestrand. 
Zu einer Zierlichkeit in gutem Sinn wird solche Fein- 
malerei in einem »Eislauf« von H.Dahmen — wenngleich 
nicht heranreichend an ein ähnliches Bild von O p pler. 

Auf eigentümliche Weise werden schwärzlich-grüne 
Flächenstücke in einander geschoben in einer »Balkan- 
landschaft' von Fr. Heckendorf. Neben der Rotbraun- 
stimmang einer ebenso geformten »Landschaft am 
.Mirmararaeer« und den etwas forcierten Figuren und 
Gesichtern in »Gestrandet« zeigt derselbe zwei gut 
einfach geformte Porträts mit skizziertem Landschafts- 
hintergrund, deren eines eine türkische Mutter mit 
Kind darstellt. 

Bildnisse sind auch sonst zahlreich. Am eigenartig- 
sten hat wohl Br. Krauskopf in seinem Frauenporträt 
mit scharf ernstem .\usdruck eine altmeisterlich schwarz- 
braune Licht- und Dunkelwirkung entfaltet. Frisch und 
freudig hell malt H. E. Linde- Wa Ith er eine »Mutter 
mit Tochter«, in ähnlich frischer Weise R. F. K. Scholtz 
eine »Dame im Reitkleid«, und einfach flott E.Spiro 
einen »Flirt«, der aber doch schon etwas an Journal- 
illustration gemahnt. Ein bläßhches Dunkelbräunlich 
läßt Knabenporträts u. a. von O. Ph. W. Stein nicht 
leicht gegen schärfere Farbengebungen aufkommen. 
Mit .\nteil verweilt man etwa noch vor »Künstlerin mit 
Töchterchen« der Charl.Berend, vor einem Generals- 
bildnis des L.V.König, vor dem konzentrierten Gesichts- 
ausdruck eines »Lesenden« vonj. Oppenheimer, vor 
einem Selbstbildnis des H. Reifferscheid und wohl 
besonders vor einer zwar skizzigen, aber doch auch 
sinnvertieften »Schwester« des K. Tillgner — anderer 
leidlicher und unleidlicher Bildnis werke nicht zu gedenken. 

Landsch.iftliches kam außer früher^enanntem wenig. 
Arn ehesten sind noch Münchener Stadt- und Garten- 
bilder von .\. Purtscher zu nennen — einem der nicht 
wenigen Münchener, die hier mitgehen. Auch »Flaches 
Lind« von Else Mögelin verdient noch Nennung ob 
eines Lebens der Öde. 

Anscheinend also flaut das übermäßige Interesse für 
Landschaftsbilder allmählich ab, wandelt sich zu einem 
für Figuren werk, speziell sogar zu einem Vordrängen 
von gruppigen, zappeligen, verdrehten oder sonstwie 



BERLINER AUSSTELLUKGEX 



mehr oder minder unnatürlichen, vorlauten Leibern oder 
Figürchen J. Pascin ist darin auch schon vor seinem 
jetzigen >Frauenbadt bekannt; C. Schwalbach geht 
mit > Sebastian« und »Klagende Frauen« ähnliche, doch 
ernstere Wege. Das Überspannen bis zur Unverstand- 
lichkeit stellt uns vor eine Art Vexirbild in dem »Drachen- 
töter« von E. Klosso wski. 

Das wohl Bedeutendste, das uns in den letzten Jahren 
die Secessionswelt gebracht hat : die Kunst von W. Jaec- 
kel, -Wuchtige Gestalten mit weitlinigen Landsclialten 
zu einem monumentalen Gesamteindruck zu vereinigen, 
läßt diesmal noch ein Stück von sich in dem Weitblick 
einiger Landschaftsbilder erkennen ; wie da ein kalkiger 
Boden hier einen kleinen See umschließt oder dort zu 
einem freundlichen kleinen Hintergrundstück blicken 
läßt, das ist jedenfalls ein cigenkünstlerisches Schauen. 
Umfassender aber kehrt jenes »Monumentale« von 
Jaeckel in einem Herrenbildnis von E. Waske wieder, 
dessen Figur eine Grün- und Orangelandschaft kräftig 
überschneidet. Derselbe Waske, anscheinend ein be- 
sonderer Liebling der Secessionsfreunde, uns durch seine 
natürliche Innigkeit und Erhabenheit in gutem Gedächt- 
nis, breitet eine Blau- und Grün-Stimmung mit einem 
Gelb und Rot von Sonnenstrahlen in einer >Elbland- 
schaft« u.a. sowie eine anziehende Orange- und Rot- 
Stimmung in einem »Am Strande« bezeichneten weib- 
lichen Porträt aus. Man vergleiche aber mal jenes Elbebild, 
insonderheit sein Gezwungenes in Farbe und Form mit 
der Feinkunst des benachbarten Stillebens von S tremel , 
und man wird uns wohl versteiien. wenn wir in Der- 
artigem eher als in Anderem ZukunftshofFnungen sehen. 

3. ISONZO- AUSSTELLUNG 
A llzu viele solche Kriegsbilder-.-Vusstellungen wie meist 
bisher dürfen doch wohl nicht mehr stattfinden; die 
Gefahren für unsere Kunst, vorerst für die Geschmacks- 
udJ Urteilihöhe der Empfänger, sind zu groß. Helfen 
muß man sich dadurch, daß man derlei für nicht mehr 
nimmt, als es eben ist. Das gilt besonders von der 
Ausstellung, welche das K. und K. österreichisch- 
ungarische Kriegspressequartier mit Werken 
seiner »Kriegsmaler« und »Kriegsbildhauer« in der Ber- 
liner Königl. Akademie der Künste Dezember und 
Januar 1917/18 veranstaltet hat. 

Sie will Berichterstattung sein, mit dem Nachdruck 
auf Tatsächlichem und UrkundHchem, kurz auf dem 
Objekt. Subjektives kommt hauptsächlich dadurch hin- 
ein, daß man sich in einem persönlichen Feldirontkreis 
heimisch fühlt. Nicht die öiterreichischungarische 
Kanst soll hier vertreten sein, sondern das große Isonzo- 
erlebnis mit seiner landschaftlichen Eigenheit, .aller- 
dings kommt von dieser kein überzeugend einheitlicher 
Eindruck zustande. Von der psychologischen Vertiefung 
gar, die uns früher Dettmann U.A. gegeben haben, 
findet sich hier wenig; selbst die aufreibende Tragik 
der Abwehrkämpfe tritt hinter eine verhältnismäßig ge- 
mütliche Ruhe zurück. Dagegen zeigt sich die gut 
handwerkliche saubere daalitätsarbeit einer tüchtigen 
Zeichnung und Erzählung. 

Unser Versuch, daraus doch noch das zu »retten«, was 
sich künstlerisch retten läßt, gelingt am ehesten bei der 
Plastik. Em fast überraschend naturgeborener Realismus 
lebt in der mannigfachen Kleinplastik (Broöze) von Frdr. 
Gornik. Namentlich Gesichtsausdruck und Körper- 
haltung von Wachposten geben diesen .»Kugenblicks- 
prägangeo etwas trotz geringen Formates monumental 
Den'<würdiges: so »Wache an der Adria«, »Verregneter 
Sappäurpoitent, »Verlassenes Wassertragtier«, »Sanitäts- 
hund .Asta mit seinem Führer« u. dgl. m. Daneben mag 
die großflächige Darstellung eines mantelumhüllten 
»Landsturmmannes auf Wachei von A. Schloß ge- 
nannt sein; sodann ein »Verwundetentransport« von 



Frz. F rang es, eine »Schleichpatrouille« u. a. von 
C. M. Schwerdtner und zwei Porträtbüsten von 
K. S. Strobl. 

In der Malerei fällt das Bildnis nur quantitativ auf, 
und etwa noch durch den diesen Heerführern usw. 
eigenen Ernst, der wohl mehr dem Interesse der Künst- 
ler an nüchterner, meist harter Objektivität als den 
Persönhchkeiten selbst entspringt. .\m lebendigsten 
erscheinen die Porträts des .■\. Janesch; und auch seine 
sonstigen Bilder geben anschauliche .Charakteristiken: 
ein »Feindhcher Flieger in Triebt«, ein schlichter »Bos- 
nischer Tragtierführer«, mehrere Höhenstellungen u. dgl. 
Daneben können noch H. R. V. Bouvard, J. Jost und 

— aquarellierend — R. Konopa für ihre Bildnisse auf 
kunstfreundliches Interesse rechnen. 

Im übrigen setzt hier die Malerei, zumal die land- 
schaftliche, ihren Ehrgeiz nicht gerade in die Farbig- 
keit. Etwas Grau-Mattes liegt über den meisten die- 
ser Bilder, beispielsweise über der »Feldhaubitzen- 
niunitionskolonne in Biwak« von N. Schattens tei n, 
der auch leidUche Porträts bringt. Eine interessante 
Farbigkeit zeigt am ehesten L. F. Graf in seinem 
'Kavernengeschütz« und in der flockig lockeren Mal- 
weise von Landschaften W'ie »Pferde im Walde bei 
Zagreic« u. a. Ein auf Fernwirkung berechnetes Grün 
waltet bei Rippl-Ronai, eine gute Ineinanderarbeitung 
von Blau und Grün bei J. Vavpotic. Ins Großkleck- 
sige versteigt sich am ehesten Fr. Frank mit seinen 
»Kavernenbohrern«, einem auch von A. Horowitz 

— in Tempera — behandelten Gegenstand. Die alt- 
bewährte alpine Künstlerschaft von J. Engel hardt 
sieht sich in dieser Umgebung gar fein an, mit einem 
Aquarell »Schloßhof in Duino^. 

Immer wieder überwiegt das eigentlich Zeichnerische. 
So besonders bei F. Pamberger, der mit seinen 
Aquarell- und Temperabildern sowie seinen Zeichnungen 
engeren Sinnes beinahe einen ganzen Saal einnimmt. 
Seine Hauptarbeit gilt der Stadt Görz, ihren Zerstörun- 
gen, ihrer stillen Wehmut; »Ursulinerinnenkloster« und 
Kirche »Piazzutta« sind besonders eindringlich wieder- 
gegeben. In Breitformaten entfaltet er Ansichten von 
Schlachtfeldern. Seine Formensprache bevorzugt Klein- 
elemente, wie sie auf eine allerdings individuellere 
Weise wieder O. Laske verwendet (»Militärarbeiten im 
\\"alde«\ Gleichfalls zeichnerisch ragt A. Pock mit 
seinem Gemälde »Kommandant einer alpinen Rettungs- 
station« und seinen gezeichneten Offiziersponräts hervor. 

Mannigfache Lindschaftscharakteristiken zeigt K. F ah - 
ringer, vornehmlich durch sein Guaschebild vom Ein- 
schlag einer italienischen Granate; dazu seine »Marine- 
schnellfeuergeschütze am Km« u.a. Als nett erscheinen 
Aquarelle von K. Kostial wie z. B. »Kirch'.; in Dorn- 
berg«. Ein ganz eigenes Stoffgebiet hat mit eigenem 
Geschick J. v. Diveky erschlossen, indem er Arbeiten 
aus der Artilleriewerkstätte Laibach in markanten Zeich- 
nungen darstellt. Die »ideale Komposition« ist durch 
ein lithographisches »Gedenkblatt« von D. Pauluzzi ver- 
treten (das für wohltätige Zwecke in Auflagen mit ver- 
schiedenem Text ausgegeben wird); eine kleine Schil- 
derung desselben Künstlers »Zur Front« interessiert 
durch ihre Flächenformen. 

Graphik weiteren Sinnes sind vor allem die vielen 
Bleistiftzeichnungen. Pastell ist »Kobdil« von E. Pu- 
chinger. Getönt ist die landschaftliche Heimarbeit 
-Monte Sabotino Drahtseilbahn« von F.Gold; das all- 
gemeinere zeichnerische Geschick lebt auch in seinem 
»Volltreffer in Salcano« u. a. Von Bildnissen seien 
die des V. Hammer hier als ganz besondere Beispiele 
einer sachlichen Einfachheit und harten Nüchternheit 
nachgetragen. Prägungsvoller erscheint das Hötzendorf- 
porträt des M. Vadasz. Eine flotte Vereinfachung hand- 
habt Frz. Windhager mit seiner »Carrette« und 



HYAZINTH HOLLAND t — WILHELM TRUBNER 



seinen »Typen«. AdriaSchlachtschiffe zeichnet A. v. Ku- 
binyi. Ins Großstrichige, mit einer kräftigen Über- 
schneidung, geht G. Maröti in seinem »Kriegsmaler«. 

Graphische Blätter engeren Sinnes sind neben jener 
Gedenkhlatt-Lithographie nur spärlich gekommen. Außer 
einer >Granate von Tolmein« des erwähnten Laske 
wurde die Radierung benützt zu Darstellungen »Unsere 
neue Gefechtslinie Monte St. Gabriele« von E. L. Ba- 
ranski und jAus dem zerschossenen Schloß Dunio« 
von C. R. Wagner, ohne daß da ein Gegensatz gegen 
andere Zeichnungsarten bemerkenswert wäre. — 

Es ist immerhin mehr als eine komische Maus, was 
da dem Kreißen der Berge entsprirrgt. Und der alte 
Satz, daß die Zeiten sicli und wir uns mit ihnen ändern, 
gilt im allgemeinen auch hier. Fragt sich nur, ob dem 
Toben der Natur- und Geisteselemente künstlerisch 
Neues entkeimt. Vielleicht dies, daß wir wieder »sehen« 
lernen? Aber längst besitzt und vertritt und prägt jeder 
Künstler sein Sehen. Doch anders sieht, wer seinem 
Eigenauge, anders, wer dem Gegenstande treuer 
sein will. Wenn eine solche Gegenstandstreue der 
Kriegsgewinn für die Kunst sein -wird, so bewährt sich 
dann auch an ihr der tiefernste Scherz, den ein neuestes 
Kriegsbuch als Motto trägt: >Parturiunt montes .... et 
nos mutamur in illis«. 

HYAZINTH HOLLAND ^ 

"NJach langem Todeskampf, den das gesunde Herz aus- 
fechten mußte, starb für seine Freunde nicht uner- 
wartet am Sonntag, den 6. Januar, am Morgen um loUhr, 
Hyazinth Holland. Als im letzten Augustheft dieser 
Zeitschrift (S. 516 ff.) zu seinem 90. Geburtstag der ihm 
wesensverwandte, jetzt auch heimgegangene Max Fürst 
Leben und Schaffen Hollands zeichnete, mußte dieser 
sich schon auf das Krankenlager legen, das er bei fort- 
geschrittener Arterienverkalkung nicht mehr verlassen 
sollte. 

Was uns Holland war, wies Fürst nach. Schwer 
fällt es aber nicht, dem damals vorzüglich Gesagten 
noch einiges beizufügen, denn das Leben Hollands war 
reich, ausgefüllt von emsiger Arbeit und Fleiß. Fast 
71 Jahre, seit der Absolvierung des Gymnasiums 1847 
bis in die letzten Sterbewochen hinein, arbeitete der 
Gelehrte. Die Exaktheit, Gründlichkeit und Gediegenheit 
seiner Forschung, die in der »Christlichen Kunst« mehr- 
fach niedergelegt ist, sind berühmt, die Produkte wahre 
Schulbeispiele, wie der Kunstgelehrte arbeiten soll. Die 
alte, mit Berthold Riehl in München ausgestorbene 
Schule, die sich nicht mit .\sthetizismus begnügte, son- 
dern aufgebaut war auf einer gründlichen Kenntnis der 
Geschichte, verliert mit Holland einen der typischsten 
Vertreter. Holland, der in Würzburg ein ehrenvolles 
Diplom als Dr. phil. erworben hatte, ging von der Ger- 
manistik, der deutschen Mythologie und Altertumskunde 
aus, wozu ihn Gelehrte wie E. von Lasaulx, Fr. Streber, 
A. Schmeller und vor allem sein schon am 29. Juni 185; 
verstorbener Freund Dr. J. W. Wolf anregten. Sein 
Name ward bald so bekannt, daß ihm König Maxi- 
milian II. die Ausarbeitung einer »Geschichte der alt- 
deutschen Dichtkunst in Bayern« übertrug. Der Plan 
nahm den jungen Gelehrten lange Jahre in Anspruch. 
Die auf ihn gebauten Hoffnungen vereitelte der Tod 
des Mäzen. Noch einmal wandte sich ein kunstsinniger 
Herrscher, König Ludwig IL, um Rat an ihn und betraute 
ihn mit wissenschaftlichen Elaboraten und der Anfer- 
tigung eines umfangreichen Projekts, alle Gemächer des 
Schlosses Schwanstein mit malerischem und plastischem 
Schmuck auszuzieren und die dazu benötigten Künstler 
in Vorschlag zu bringen. Die erlreuliche und nicht leicht 
zu bewältigende .\ufgabe löste Holland mit vielem Takt 
und zur vollen Befriedigung des in seinen immer neuen 



Plänen eilig drängenden königlichen Bauherrn. Der 
großzügige Plan, einen langen Gang mit Bildern aus 
der Gudrun durch Th. Pixis, den Frauenpalast mit Kom- 
positionen aus dem Leben der heiligen Landgräfin 
Elisabeth von Thüringen durch Ed. von Steinle, das 
Ritterhaus durch Szenen aus dem Epos St. Jörg der 
Reinbot von Turne durch Aug. Spieß und ein Gemach 
mit Nibelungenlandschaften im Stile von Fr. Preller durch 
Adalbert Waagen schmücken zu lassen, kam nicht zustande. 

Der persönliche Umgang mit Malern, den seine Künst- 
lermonographien, wie die in den von der .\llgemeinen 
Vereinigung für christliche Kunst herausgegebenen Heften, 
die »Kunst dem Volke«, über Horschelt, Richter, Schwind, 
Spitzweg, die Adams, zu besonderem dokumentarischem 
Wert stempeln, namentlich aber mit dem Grafen Pocci, 
brachte ihn früh zur Kunstschriftstellerei. Wenig bekannt 
ist im übrigen, daß Franz von Pocci 1855 Hollands 
»Minneheder« mit Randzeichnungen versah und im näm- 
lichen und folgenden Jahr mit ihm uuter dem Pseudo- 
nym »Reding von Biberegg« die zwei Bändcheu »Altes 
und Neues« herausgab. Die bildende Kunst fand schon 
im ersten selbständigen Werk, der »Geschichte der 
deutschen Literatur« besondere Berücksichtigung. Der 
erste 1853 erschienene Band fand leider keine Nachfolger. 

Trotz größter wissenschaftlicher und schriftstellerischer 
Tätigkeit, die Max Fürst schilderte, wußte Holland zur 
Lehrtätigkeit Zeit zu finden. Ihm, als dem Neffen des be- 
rühmten Pädagogen und Organisators der höheren Unter- 
richtsanstalten zu Neresheira, Salzburg, Neuburg und des 
Kgl. Erziehungsinstituts Albertinum in München, eignete 
das pädagogische Talent, das auch aus seinen in den 
»Jugendblättern« enthaltenen Erzählungen für die Jugend 
spricht. In den Jahren 1854 und 55 leitete er die .Aus- 
bildung der Söhne des Grafen Arco-Valley, von 62 bis 
65 den wissenschaftlichen Unterricht der Prinzessin The- 
rese, die ihn auch an ihre Nichten, die Prinzessinen 
Adelgunde, Maria und Mathilde empfahl. Die Übernahme 
der Lehrtätigkeit ermögUchte dem 38 jährigen 1865 die 
langersehnte Ehe mit dem hochgebildeten Frl. Maria von 
Schmid-Kochheim. Eine ehrenvolle Tätigkeit entfaltete 
Holland auch am Hofe des Herzogs Dr. Karl Theodor 
und der Prinzessin Gisela von Bayern. Der Dank, den 
ihm seine ehemaligen Zöglinge bewahren, kam an diesen 
Tagen seiner Jubiläen und während seiner Krankheit 
zum sinnfälligen Ausdruck. Die Teilnahme galt nicht 
allein dem Lehrer, sie wurde auch gezollt dem präch- 
tigen Charakter, der edel und gut, ehrlich und ohne 
Falsch war. Seine wissenschaftliche Tätigkeit fand .Aner- 
kennung durch die Ernennung zum Ehrenmitglied der 
Kgl. Akademie zu Antwerpen und des Historischen Ver- 
eins von Oberbavern. Eine besondere Freude bereitete 
ihm auch die Verleihung der Ehrenbürgerurkunde der 
Heimatstadt des Parzivaldichters Wolfram von Eschenbach. 

Holland starb in seinem Heime in der Arcostraße, 
das er mit seiner Gattin vor 53 Jahren erstmals betreten 
hatte und das er wegen der umgebenden Erinnerungen 
nicht verlassen wollte, bis ihn der Tod hinausrief. Es 
war ein stilles Gelehrtenheim, angefüllt mit Kästen, Kisten 
und Schachteln, die sein wertvolles .Archiv bargen, des- 
sen Kostbarkeiten uns durch den Willen ihres Besitzers 
in der Hof- und Staatsbibliothek erhalten bleiben. Es 
bedurfte dieses Vermächtnisses nicht, um den Namen 
Holland für dauernd wach zu halten, w. Zils-Münchcn 

WILHELM TRÜBNER f 

A/Tit ihm scheidet eine unsrer stärksten Künstlerpersön- 
''' lichkeiten aus dem Zeitlichen. Am Christtag haben 
sie ihn zur ewigen Ruhe gebettet. Trotz seiner sieben- 
undsechzig Jahre ist ihm der Pinsel auf der Höhe seines 
Schaffens aus der Hand gefallen. Sein Weg ging immer 
aufwärts und die weiterfördernde Erfüllung seiner Kunst 



GEMÄLDE VON SCHUMACHER — VERMISCHTE NACHRICHTEN 



schien nicht unterbrochen werden zu können: darum 
schlägt der Tod auch diese gewaltige Bresche in den 
engsten Kreis deutscher Meister. Wer die ungewöhnliche 
Sicherheit und Schlagkraft des meisterlichen Striches 
verstehen will, mag die staunenswerte Vollkommenheit 
der Jugendwerke sehen. >Ex ungue leonem.« Das ist 
ganz Trübner, der Trübner, der als Janus zwischen den 
vorangegangenen und gegenwartigen, j.-i einem großen 
Teil der noch kommenden Kunst vermittelt. Er ver- 
bindet die alte Tradition und Technik mit der neuen 
Kunst zu einer glücklichen Synthese, er verarbeitet die 
im Kampf errungenen Probleme und stellt die Ergeb- 
nisse auf. sichern Grund. In dem, was er uns war und 
ist, hinterläßt er der deutschen Kunst ein köstliches 
Erbe, die Schulung. Er ist so fest und mannhaft in 
seiner Kunst, daß sein scharf begrenzter Pinselstrich 
Zeichnung, Form und Farbe vereint und somit alles 
Experiment überwindet. Darin ist er universell und 
ein würdiger Verwalter des ihm von den größten deut- 
schen Meistern des 19. Jahrhunderts Kanon, Feuer- 
bach, Leibl und Thoma überkommenen Pfundes. 
Er ist ein klassischer Vertreter der reinen Malkunst, 
keiner seiner Zeitgenossen malte im eigentlichen 
Sinne besser als er. Sein Etappengebiet ist um- 
fassend, und trotzdem war er beherrscht genug, aut 
Schritt und Tritt sich selbst zu suchen und zu finden: 
im Einfachen und darum Großen. Der Mensch in 
seiner Umgebung und die Landschaft. Beides Porträts 
von durchdringender Seelen- und Farbenglut; nicht 
aufdringhch, verhalten eher und deshalb bleibend. Er 
ist ein deutscher Klassiker in seiner künstlerischen 
Festigkeit und Rundung und er wird einer bleiben, 
weil er darin vom selben Schlag, Geist und Können 
ist wie die ganz großen Deutschen aus verschiedenen, 
wenn auch auseinanderliegenden Jahrhunderten. 

O^car Gehrig 

EIN NEUES GEMÄLDE VON PHILIPP 
SCHUMACHER 

pur die Herz-Jesu- Kirche zu Horde (in Westfalen) hat 
Philipp Schumacher (.München) ein Kriegserinnerungs- 
gemälde geschaffen. Das Kirchengebäude ist ein moderner, 
im romanischen Stile gehaltener Bau von monumentaler 
Wirkung im Stadtbilde und edeln, großzügigen Verhält- 
nissen in seinem Innern. In einer flachen, rundbogigen 
Nische über dem im südlichen Querschiffarme stehenden 
Seitenaltare wird Jas neue Gemälde seine Aufstellung 
finden. Die Beleuchtung dieses Platzes erfolgt durch 
farbige kleinere Fenster und durch die große Rosette 
des Giebelfeldes. In Abhängigkeit teils von diesen Be- 
dingungen, teils von der Notwendigkeit, weithin sicht- 
bare, voUtönige Wirkung zu tun, bedurfte das .'Altarbild, 
für welches die gegebene Wandnische eine Höhe von 
4'/3 m vorschrieb, kräftiger, einfacher Behandlung der 
Linien und Flächen, starker, leuchtender Farben. Inhalt- 
hch war verlangt, daß das Gemälde das Heldentum der 
gefallenen Krieger feiere, dabei aber mit Rücksicht auf 
den .\ltar die Persönlichkeit des hl. Joseph, als des 
Schützers und Fürbitters der Sterbenden, ganz besonders 
zur Geltung bringe. — Die Komposition ist streng und 
feierlich, dabei doch voll Leben und Bewegung. In der 
Mittelachse des Bildes sieht man die allerh. Dreifaltigkeit; 
sie ist in der seit dem Mittelalter häufigen, formal groß- 
artig wirkenden, geistig vertieften Auffassung dargestellt, 
für welche die Bezeichnung »Gnadenstuhl« üblich ist: 
Gottvater, den Gekreuzigten mit beiden Händen lialtend, 
davor die schwebende Taube des hl. Geistes. Zur rechten 
Seite dieser Gruppe knien auf Wolken die Kiiegsschutz- 
heiligen Mauritius und Georg, zur Linken die hl. Bar- 
bara, neben und hinter ihr St. Klara, die Schutzpatronin 
der Stadt Horde. Rechts zu Füßen des gekreuzigten 



Heilandes ist der durch den Lilienstengel in seiner Rech- 
ten kenntlich gemachte S. Joseph ins Knie gesunken. 
Er blickt zu Jesus auf, der ihn gnadenreich anschaut, 
und deutet mit der Linken vor sich auf die Gestalten 
mehrerer sterbender Krieger hernieder, die er dem Hei- 
lande fürbittend empfiehlt. Von links schweben zwei 
Cherubim herab, um den Gefallenen goldene Kränze zu 
bringen. Den Himmel erfüllen Scharen von Engeln: auf 
Erden sieht man im Hintergründe brennende Ortschaften; 
scharf zeichnet sich vor den Flammen der Umriß einer 
zerstörten Kirche ab. Unterhalb dieses Hauptbildes zieht 
sich ein schmaler Horizontalstreifen hin, der auf blauem 
Grunde die in Goldbuchstaben geschriebenen Worte 
zeigt: Heiliger Joseph, Patron der Sterbenden, bitte für 
uns. L'nterhalb dieses Streifens zeigt die Predella in der 
Mitte die Darstellung des Todes St. Josephs, daneben 
rechts und links, durch romanisierende blaue Pleiler 
begrenzt, die von Engeln gehaltenen Wappen Preußens 
und der Stadt Horde. — Ausdruck und Haltung der über- 
irdischen wie der irdischen Gestalten sind bedeutsam 
und ergreifend; besonders sind die Köpfe des Heilandes 
und St. Josephs, sowie des einen sterbenden Soldaten 
voll Tiefe und sprechender Schönheit. Zu der Großarfig- 
keit der Wirkung trägt wesentlich auch die Behandlung 
der Farbe bei. Sie entwickelt sich von unten nach oben, 
vom Feldgrau durch leuchtendes Grün (der Wolken) zu 
dunkelm Blau. Der brandrote Streuen des fernen Feuers 
durchquert diese Farben. Von ihnen stechen krättig die 
übrigen ab: die Fleischfarbe des Gekreuzigten, die hellen 
Ge\vänder der Engel, der rote Mantel Gottvaters, der 
goldfarbene Mantel und das violette Kleid St. Josephs, 
die goldenen Nimben usw. Die Farbengebung der 
Predella ist (außer bei den Wappen) absichtlich zurück- 
haltend und sanft, um die Wirkung des Hauptbildes 
desto stärker hervortreten zu lassen. — Es ist anzuer- 
kennen, daß die Stadt Horde den Auftrag für ihr Kriegs- 
erinnerungsgemälde in die Hände eines christlichen 
Künstlers ersten Ranges gelegt hat. Möchte der ausge- 
zeichnete Erfolg auch andere Gemeinden und Behörden 
zu solchen Entschlüssen anregen. üociing 



VERMISCHTE NACHRICHTEN 

Joseph Albrecht hat nun im Auftrage des Herrn 
Pfarrers und Dekans Max Buchmayr in Wittislingen 
bei Dillingen noch ein zweites Kriegsbild abgeliefert. 
Das erste, für eine Seitenwand in der Kirche, das wir 
in Heft 2 als Sonderbeilage abbildeten, zeigt Frauen, 
Mutter und Kinder der Krieger, wie sie bei der schmerz- 
haften Mutter Trost und Hilfe suchen, während im Hin- 
tergrunde vor der Ortschaft Wittislingen 'Frauen den 
Pflug handhaben und die Ernte einbringen. Das zweite 
Gemälde ist dreigeteilt. Den größeren Mittelteil nimmt 
die Darstellung der Seelenleiden und Todesangst Jesu 
am Ölberge ein. Die Seitenbilder veranschaulichen die 
Kämpfer im Feld inmitten der Schrecken des Krieges: 
links kämpfende Soldaten im Schützengraben, rechts die 
Pflege \'ervvundeter und Sterbender, im Mittelgrund das 
Toben der Schlacht und am schaurigen Horizont bren- 
nende Ortschaften. 

Ihre Erlaucht die Gräfin Julie von Quadt-Isny 
auf Schloß Moos stiftete 200900 .Mark zur Erbauung 
einer kathoHschen Kirche in .\schach. — Die hervorra- 
gend schöne protestantische Kirche daselbst wurde von 
Geheimrat von Thiersch erbaut, das gräOiche Schloß 
stammt von dem ebenfalls hervorragenden Architekten 
Professor Franz Zell. 

Jakob Bradl, Direktor der Schnitzschule in Ober- 
ammergau, lieferte letzten Dezember 1917 in die Pfarr- 



VERMISCHTE NACHRICHTEN — BÜCHERSCHAü — MITTEILUNG 



kirche zu Allmendingen ii Heiligenfiguren (Brustbilder) 
in Relief für die Brüstung der Empore. Für diese Kirche 
malte er auch 2 Wandbilder: Die Anbetung der Hirten 
und die Auferstehung. 

Professor Waldemar Kolmsperger (München) 
malte für die Kirche in Siegsdorf (Oberbayern) ein Seiten- 
altarbild mit der Darstellung des Herzens Jesu. 

Joseph Kiener, Kgl. Gymnasialprofessor für Zeich- 
nen in Eichstätt, starb am 7. Februar nach längerer 
Krankheit. Er war ein feinfühlender Zeichner und Radierer. 

Bauamtsassessor Gottfried Frey in Schweinfurt 
erhielt 1917 die Kgl. Ludwigsmedaille in Silber für 
Kunst und Wissenschaft in Anerkennung seiner Tätigkeit 
als Bauleiter der II. oberfränkischen Heil- und Pflege- 
anstalt Kutzenberg. 

Dresden. — Die Diözesan Gruppe Sachsen der 
Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst hielt am 
29. Januar im Kathol. Gesellenhaus zu Dresden eine Ver- 
sammlung ab, an der Ihre Königl. Hoheiten der Prinz 
und die Frau Prinzessin Johann Georg in Begleitung 
von Gräfin Montgelas und Hauptmaun v. d. Busch teilnah- 
men. Außerdem waren noch erschienen der hochwst. Herr 
Bischof Dr. Löbmann, Erlaucht Graf Schönburg, Mitglied 
der Ersten Kammer, Kammerherr Freiherr von Schön- 
burg-Thammenhain und zahlreiche Damen und Herren- 
Den Vorsitz führte Hofkaplan Prälat Klein, der nach 
einer kurzen Begrüßung und einer Darlegung des Zweckes 
der Deutschen Gesellschaft für christlichen Kunst einen 
kurzen Vortrag hielt über die Stellung der Kirche zur 
Kunst, worin er nachwies, daß die Kirche stets eine 
Förderin der Kunst, ja gewissermaßen die Mutter der 
schönen Künste gewesen ist. Dann hielt Herr Architekt 
Robert B. Witte-Dresden den Hauptvortrag über 
»Wege zur christlichen Kunst«. Der Redner konnte 
seine Ausführungen auf ein umfangreiches Wissen und 
seine reichen Erfahrungen stützen und er wußte seinen 
Behauptungen auch den erforderlichen Beweis folgen 
zu lassen. Daher fehlte dem Vortrag nicht das große 
Interesse, das solchem Thema gebührt. Nach einem kur- 
zen Schlußwort fand die Tagung ihr Ende. Möge sie 
ihren Zweck erfüllt haben. Wie wir hören, wird der 
Vortrag des .Architekten Robert B. Witte, der sich vor 
allem auch mit praktischen Vorschlägen zur Hebung 
der christlichen Kunst befaßt, demnächst als Broschüre 
erscheinen. 

Hermann Board f. — Am 21. Februar starb zu Düs- 
seldorf der Sekretär der dortigen Kunstakademie und 
Konservator ihrer Kunstsammlungen, Professor Dr. Her- 
mann Board. Der Tod Boards fällt mitten in die Reor- 
ganisationspläne der rheinischen Kunstschule, an deren 
teilweiser Verwirklichung er regen Anteil hatte. Direktor 
Fritz Röber hat mit Board eine seiner tatkräftigen Stüt- 
zen bei den durch den Krieg aufgeschobenen Plänen ver- 
loren. .Auch der christlichen Kunst stand Board nahe. 
So war die Ausstellung im Jahre 1909 sein Werk. Noch 
im November sprach er mit mir über die .Abfassung 
einer Monographie, die Eduard von Gebbardts Schaffen, 
mit dem er sich schon des öfteren und gern befaßt hatte, 
schildern sollte. Diese Veröffentlichung wie jene über die 
Geschichte der Akademie in ihrem Jubiläumsjahr 1919 
müssen jetzt von anderer Hand vollendet werden. Pro- 
fessor Board war am 13. Oktober 1867 zu Essen geboren 
und hatte sich nach eingehenden Kunst- und kunst- 
wissenschaftlichen Studien an der Technischen Hoch- 
schule zu Charlottenburg sowie den Universitäten Bonn, 



Straßburg und Heidelberg der Architektur zugewandt. 
Neben seinem Amte widmete er sich erfolgreich dtr 
Kunstschriftstellerei. z. 

Georg Kau (München) malte im verflossenen Win- 
ter ein Hochaltarblatt >Mariä Himmelfahrt« für die Pfarr- 
kirche zu Deu tsch- Kamit z in Oberschlesien. Das 
Gemälde bildet in seiner festlichen Farbigkeit einen 
wirksamen Anziehungspunkt in dtr vollständig reno- 
vierten Barockkirche. Bei der Komposition beiücksich- 
tigte der Künstler den Umstand, daß der untere Teil 
des Bildes stark vom Tabernakel überschnitten wird. 

Professor Georg Papperitz (MüncHtn), der 
hauptsächlich als Bildnismaler sich einen Namen machte, 
starb am 26. Februar. Er war am 5. .August 1846 zu 
Dresden geboren. Eine Würdigung des Künstlers mit 
.Abbildungen verötfentlichten wir im 2. Jahrgang, S. 266 ff. 

Architekt Theodor Schnell (Ravensburg) er- 
hielt vom König von Württemberg den Titel: Professor. 

Kaiserbüste. — Im Auftrage der Stadt Düsseldorf 
hat der bekannte rheinische Bildhauer Professor Fritz 
Coubi liier eine Kolossalbüste S. M. des Deutschen 
Kaisers geschaffen, die im großen Kaisersaale der Städti- 
schen Tonhalle zu Düsseldorf AufsteUung finden soll. 
Der großen Zeit entsprechend, ist der Herrscher ernst 
und einfach aufgefaßt, ein Werk, welches sich würdig 
den großen Arbeiten des Künstlers zur Seite stellt. 
Professor Coubillier ist bekannt durch die reckenhaft 
geschaflene Ritteihgur des Grafen Wolf von Burg zu 
Schloß Burg, Wupper, seiner Tritonengruppe am Königs- 
platz zu Düsseldorf und den großen Industriebrunnen 
vor dem Kunstpalast zu Düsseldorf, der duich die 
meisterhalt modellierten Figuren besonders hervortritt. 

BÜCHERSCHAÜ 

* 

.Altfränkische Bilder i 9 i 8. Mit erläuterndem 
Text von Professor Dr. Th. Henner, Würzburg. Verlag 
der Königl. Universitätsdruckerei H: Stürtz A. G., Würz- 
burg. Preis M. 1.50. 

Die beliebten »Altfränkischen Bilder« können im näch- 
sten Jahr auf das viertelhundertjährige Erscheinen zurück- 
blicken. Der vorliegende 24. Jahrgang, textlich und illu- 
strativ gediegen wie die Vorgänger, enthält namentlich 
einen über den engeren Heimatrahmen interessierenden 
.Aulsatz überTheodor von Dalberg, dervor 100 Jahren 
am 22. .August starb und durch seine Würde als letzter 
Dompropst des alten adeligen Domstiftes, in der er 
1797 als Domizellar eingetreten war und durch eine Stif- 
tung von 66000 rt. an die Universität zur Zeit seines 
i^ectorats zu Würzburg enge Beziehungen aulweist. Die 
übrigen Bilder und .Aufsätze gelten der Universitätsstadt 
am Main, u. a. auch dem ins 15. Jahrhundert reichenden 
Franziskaner-Minosten Kloster. z. 

MITTEILUNG 

Die bestehenden Vorschriften über den Papierbezug 
nötigen uns, bis auf weiteres den bisherigen Umfang 
der Zeitschrift einzuschränken. In vorliegender Lieferung 
sind die Hefte für März, April und Mai vereinigt. Im 
Juni erscheint die Doppelnummer für Juni und Juli. 
Im .August gelangt die Doppelnummer für August und 
September zur .Ausgabe. Im nächsten Jahrgang, ab 
Oktober, hoffen wir die Hefte wieder monatlich ver- 
senden zu können. 



Für J;e Redakti 



für cnristlkhc Kunst, GmbH. 



BEILAGE 



B. SCHMITT. — CHR. KUNST UND PRESSE. — WIENER KUNSTBRIEF 



BALTHASAR SCHMITTS GEBURTSTAG 

Bildhauer Balthasar Schmitt, Professor an 
der Kgl. Akademie der bildenden Künste 
zu München, beging am 29. Mai den 60. Ge- 
burtstag. Unter den Gratulanten befand sich 
auch die Vorstandschaft der Deutschen Ge- 
sellschaft für christliche Kunst, welcher der 
Gefeierte viele Jahre angehörte. Über sein 
bisheriges hervorragendes Schaffen für die 
kirchliche wie auch für die Profankunst be- 
richteten wir ausführlich im VIII. Jahrgang 
der »Christlichen Kunst« (S. 33 — 64). Auch 
in den Jahresmappen der D. G. f. ehr. K. ist 
der Künstler mehrfach vertreten. 

CHRISTLICHE KUNST 
UND PRESSE 

Auf S. 135 (Jubiläumsheft der D. G. f. ehr. K.) 
drückten wir den Wunsch aus, es möchte 
künftig dahin kommen, daß Ausstellungen und 
alle Angelegenheiten christlicher Kunst nach- 
drückliche Beachtung finden und aus den 
christlich gerichteten Tagesblättern kunst- 
schädliche Anzeigen verschwinden, dafür aber 
regelmäßige Berichte über das christliche 
Kunstleben erscheinen. Nun begegnen wir zu 
unserer Freude in Nr. 114 des Bayerischen 
Kurier vom 25. April einer Ankündigung, 
die wir um ihrer Wichtigkeit willen hier 
folgen lassen. 

»Als Äquivalent für die Berichte der Aus- 
stellungen, die bekanntlich sozusagen aus- 
schließlich profane Kunst umfassen, gedenken 
wir in Zukunft über die christliche Kunst, 
die durch befristete Bestellungen von Aus- 
stellungen fast ausgeschlossen ist, kurze No- 
tizen über erhaltene Aufträge zu bringen, aber 
auch bei bedeutenderen Werken bei Fertig- 
stellung kurze Besprechungen. Wir wollen 
dadurch das Interesse, das Verständnis und 
die Kenntnis von christlicher Kunst und christ- 
lichen Künstlern vermitteln und stärken. Zu 
diesem Zwecke bitten wir die Künstler, unse- 
ren Kunstreferenten von ihrer Seite aus durch 
Hinweise nach Möghchkeit zu unterstützen, 
da wir sonst dieser notwendigen Aufgabe 
nicht in umfassender Weise gerecht werden 
können.« 

Möchte dieses \'orgehen des Bayerischen 
Kurier, das z.T. in der »Augsburger Post- 
zeitung« bereits geübt wird, von recht vielen 
Blättern übernommen werden und möchten 
sich diese Zeitungen Mitarbeiter sichern, die 
für eine zuverlässige Durchführung des Ge- 
dankens Gewähr leisten. Einsendungen von 
unberufener Seite, die nicht selten nur ver- 



kappte Geschäjtsanzeigen sind, können schäd- 
licher wirken als ungeeignete Ankündigungen 
im Inseratenteil, die jedermann sofort als das 
erkennt, was sie sind. Auch kurzsichtiger 
Lokalpatriotismus darf nirgends dem hohen 
Ziel der Förderung nur des Besten überge- 
ordnet werden. s. St. 

WIENER KUNSTBRIEF 

DIE HERBST- AUSSTELLUNG IM KÜNSTLERHAUS 

— DIE AUSSTELLUNG DER AaUARELLISTEN — 

ALBRECHT-DÜRER-BUXD— ÖSTERREICHISCHER 

KUNSTVEREIN - KLEINE AUSSTELLUNGEN 

Nach der üblichen Pause ist die Genossenschaft 
der bildenden Künstler Wiens zum Herbst 
wieder in Aktion getreten und man kann glücklicher- 
weise sagen, daß deren Auftreten ein recht zufrieden- 
stellendes geworden ist. Wenn auch die aus Kriegsur- 
sachen räumliche Einschränkung noch immer offensicht- 
lich ist, zeigt die Beschickung dieser Ausstellung trotzdem 
eine Reichhaltigkeit, daß man des ersteren Ümstandes 
kaum bewußt wird. Wie immer im Künstlerhause ist 
das Porträt hervorragend vertreten, die ersten Namen 
Wiens treten fast ausnahmslos in die Erscheinung. Im 
Vordergrunde der unermüdliche ewig jung — auch in 
seiner Kunst — bleibende Meister An gel i mit zwei Bild- 
nissen, in denen sein ebenso großes, wie vornehmes 
Können sich aufs neue betätigt. Temple, Rauchin ger, 
Probst, S ch arf, Ivanovits, Schiff, MarieRosen- 
thal und Anna Welt erzielen mit ihren neuen Schöp- 
fungen lebhafte Bewunderung. Von den Landschaftsmalern 
wandelt Alexander Rothau g in seinen bewährten 
klassischen Gefilden, überall seinen ausgezeichneten feinen 
Geschmack von neuem bekundend. Von überaus zarter 
Stimmung ist Curr^'s »Sommerliche Landschaft«, die un- 
bewußt an gute französische Vorbilder erinnert. Ranzo- 
nis »Alte Häuser am Fluß< ist räumlich und zeichne- 
risch vorzüglich gestahet, auch Gaighers ».Alte Garten- 
treppe« verrät warme Empfindung. Ein außergewöhnlich 
interessantes Landschaftsbild, das besonderen Genuß 
bereitet, ist Konrad Meindls »Resideuz des Sultan 
Mulaj Hafids in Tanger'. ; über diesem Bild liegt selbst- 
geschaute heiße afrikanische Sonne. .Auch Lynch of 
Towns Gemälde »Aus Brügge und Utrecht«, sind von 
großem koloristischem Reiz, nicht minder Bouvards 
»Blick auf die Donau von Dürnstein aus<, Kerlenskys 
»Herbstabend am Bisamberg bei Wien«, Ranzonis 
Bilder aus dem alten Nürnberg, Gel', ers »Marktbild 
aus Krems«. In, die gleiche Kategorie sind noch zu 
zählen: »Wintertage in Tirol« von Prinz, Karlin- 
skys ostgalizische Heimatbilder, Pembergers Motive 
aus dem Murtal, Onkens stimmungssatter Hintersee. 
Zwischen Historie und Genre besteht ein Grenzgebiet, 
das beiden Kunstgattungen — oder keiner von ihnen 
gehört. So ist es schwer, die stark individualisierten 
Zigeunerstudien, den »Rumänischen Hirten« von Lar- 
win, den feinen Akt »Jugend« von Veith oder die 
»Vogelpredigt des heiligen Franziskus« von Zerritsch 
als Sittenbilder zu bezeichnen, während sie sieb in die 
Geschichtsmalerei natürlich noch weniger einreihen 
lassen. Auf dem Gebiet der Genremalerei leisten durch- 
wegs Gutes Karl Fischer-Köystrand (Gustel von 
Blasewitz), Ivo Sauger (Kriegsgefährten), Julius von 
Blaas (Glückliche Eltern), Strecker (Die Näherin — 
Der Hollerbusch), Windhager (Erikai, Hausleith- 
nerundOttoNowak (.Motive aus Alt -Wien), T h e o d . 
von Blaas (Holländische Mädchen) und noch viele 
andere, deren .Aufzählung der Raum verbietet. Von Blu- 



Die christliche Kunst. 9/1C. Juni 1918 



WIENER KUNSTBRIEF 



menstücken sind hervorzuheben die Sachen von Susanne 
GranitschundSchreyer, Wichera.EllavonRein- 
öhljGech.Karpellus.ErnstPayer, Theresevon 
Mor,Ameseder, Margarete Strasser, Schuster. 
Von Stilleben seien Auers »Uhr« und die prächtigen 
Leistungen von Köpf und Hörwarter nicht vergessen. 
Das Tierstücli ist nur durch zwei Bilder vertreten, Lilly 
Charlemonts muntere, farbenfrohe >HiJhner< und die 
echt gemalten >Ziegen« von Zerritsch. Aus der ver- 
hältnismäßig ansehnlichen Zahl der Radierungen seien 
hervorgehoben : die wertvollen Architekturblätter von 
Michalek und Hermine Ginzkey, von letzterer die 
Michaelskirche in prachtvoller Durchführung. Ebenso 
schön wie technisch wirksam ist auch Emil Singers 
Blatt >Die Karlskirche«, ein Lob, das auch auf die Ra- 
dierung »Der Hochaltar der Peterskirche« angewendet 
werden kann. Eine individuellere Note im künstlerischen 
Schaffen und Können verdienen die wirkungsvolle Zeich- 
nungHeßhaimers » Hungernde Muhammedaner bei der 
Brotverteilung in Skutari«, sowie Ivo Sa ligers »Kriegs- 
gefährten« (Ritter und Tod), auch die Radierungen von 
Eckhardt imd Trauner sind recht anerkennenswert; 
man merkt ihnen die Freude an der graphischen sub- 
tilen Arbeit an. 

Die Plastik, insbesonders die Porträtplastik ist dieses 
Mal sehr gut vertreten. Canzianis in Relief gehaltenes 
Porträt Papst Benedikt XV. ruft starken Eindruck hervor, 
auch seine übrigen Porträtbüsten zeigen den stets 
gewissenhaften Künstler, der seine reiche Begabung in 
jedem neuen Werk erweist. Caineros Michelangelo- 
Kopf ist eine schätzbare Leistung. Lewandowsky 
und Stephan Schwartz allegorisieren in ihren fein 
gearbeiteten Bronzen den Frieden ; mit einer im Material 
wundervoll behandelten Marmorbüste präsentiert sich 
— irren wir nicht, — zum ersten Male, der Agramer 
Bildhauer Ivo Simonivic. Bildhauer Zenitsch bringt 
eine Porträtbüste seines Sohnes, des Malers, Alexan- 
der Svoboda eine Reiterstatuette Kaiser Franz Josephs. 
Erwin Pendls holzgeschnitzte Porträtstatuette der Grä- 
fin von Meran ist eine Überraschung, aber eine hoch- 
erfreuliche. Abgesehen von Meister Zelezny und 
Hermann Klotz, welch letzterer bekanntlich die präch- 
tige Mariengruppe für den Hauptaltar in der Leopolds- 
kirche zu Floridsdorf schuf, von dem die »Christliche 
Kunst« in diesem Heft eine Abbildung bringt, ist die 
Holzskulptur in Wien zur Rarität geworden. Um so 
mehr ist anzuerkennen, daß sich Erwin Pen dl als 
Dritter im Bunde nunmehr in so charakteristischer und 
wirkungsvoller Art einführt. Gornik, Stundl, Kaan, 
Endstorfer, Winkler, Six, Hackstock ergänzen 
das fein abgestimmte Gebiet der Plastik, das mit der 
Erwähnung des imponierenden »Stiers polnischer Rasse« 
des Bildhauers Kasimir von Chudzinski abgeschlos- 
sen sei. Die Medailleurkunst ist nur in ganz wenigen 
Stücken vertreten, von denen Thiedes Gußmedaille 
des Generalobersten von Köveß mit dem Lovcen auf 
der Rückseite als eine sehr feine und künstlerische Ar- 
beit hervorgehoben werden soll. Alles in allem eine 
recht genußreiche Ausstellung, die man mit Befriedigung 
fühlend und schauend genießen kann. 

Auf die Herbstausstellung folgt unmittelbar die Aus- 
stellung des Wiener Aquarellisten-Klubs, in 
der man eine Wandlung wahrzunehmen glaubt, die sich 
hier vollzogen hat ; die Säle haben nicht den Charakter 
einer Überfüllung oder eines Bilderladens, von dieser 
Gefahr wußte sich die neue Ausstellung der Aquarelli- 
sten zu bewahren. Es ist Frische, Lebendigkeit, Abwechs- 
lung, wohin man auch seine Blicke wenden mag, kurz, 
die Ausstellung ist eine der wertvollsten, die bisher von 
dieser Künstlervereinigung geboten wurde. Sie ist es 
schon durch die Folge wunderbarer Arbeiten von Karl 
Sterrer, die den ganzen Mittelsaal einnehmen und ein 



künstlerisches Ereignis von ungewöhnlich hohem Rang 
darstellen. Sterrer ist ein Künstler von drängender 
Schaffenskraft, ein Gestalter, der die gebotene Möglich- 
keiten von Kreide und Wasserfarbe erweitert, und 
nach neuem Ausdruck ringt. Er ist ein Zeichner von 
vorzüglicher Treffsicherheit. Völlig ins Großzügige geht 
er mit seinen eindrucksvollen, ganz aus dem Innern 
herausgestalteten Bildnissen. Eine Prachtkomposition ist 
eine Zeichnung aus den Kriegsjahren: Eine Mutter sitzt, 
die Kinder an sich drückend, auf dem Pflug, den Sol- 
daten, zum Schutz und zur Abwehr bereit, umgeben. 
Diesem würdig zur Seite steht das Temperabild »Heim- 
kehr«. Ein bärtiger Krieger kehrt aus dem Felde heim 
zu seiner Frau, den Mantel über den Schultern, dessen 
leer niederhängender Ärmel Trauriges verkündet. Die 
Kinder verbergen sich scheu hinter der Mutter. Ohne 
alles Pathos erzählt, wirkt die Szene trotzdem tief er- 
greifend, besonders in ihrem Gegensatz zu der Umge- 
bung, dem Ufer des sonnigen Bergsees, mitten im 
prangenden Grün. Mit einer großen Anzahl hübscher 
und sympathischer Motive ist Rudolf Konope vertre- 
ten. Er besticht durch die duftigsten Mittel seiner Charak- 
teristik, durch die zarten Stimmungen seiner Landschaf- 
ten und Interieurs. 

Das Oktogon der linken Seitengalerie enthält den 
schönen Zyklus des verstorbenen Malers Karl Karg er: 
Entwürfe zur Ausschmückung der Herz -Jesu -Kirche in 
Graz, die seine besten Schüler zur Ausführung brachten. 
Welch weiten Weg hat der sympathische, heute noch 
unvergessene Künstler zurückgelegt von der »Bahnhof- 
halle«, die ihm seinen ersten bedeutenden Erfolg in der 
Heimat brachte, und diesen Blättern, in denen nazareni- 
sehe Elemente sich mit der warmen Empfindung des 
im Grunde wienerischen Künstlers verschmolzen. Die 
großen alten Kirchen hatten oft eine Sammlung aller 
zu ihrer Baugeschichte gehörigen Zeichnungen und 
Schriften, Rechnungen und Entwürfe. In eine solche 
Sammlung der Grazer Herz-Jesu-Kirche gehörten wohl 
die vorliegenden 25 Blätter, die das Andenken des ver- ' 
dienstvollen Künstlers in uns Lebenden wieder wach- 
rufen. Sterrer und Karger sind, wie gesagt, die zumeist 
hervortretenden Meister der Ausstellung, das übrige, 
so gut das meiste auch sein mag, bildet gewissermaßen 
nur eine mehr oder minder stilvolle Ergänzung. Der 
Gerechtigkeit wegen sollen aber die hauptsächlichsten 
Künstler noch aufgeführt werden: Gorgon (Landschaf- 
ten), Jungwirt h (Blumenstücke),Ve i t h (Porträts),R o t h- 
aug und Hampel (Märchen- und Naturstimmungen), 
Ameseder (Genrebild), W. V. Krausz (Porträt des 
Sultans), Fahringer (Kriegsskizzen), Windhager 
(Studien), H e s s 1 (Belvedere), ferner Herschel,Else 
Schwarz, Trauner, Supp antsch itsch, Marie 
Egner, Tomec, Maßmann, Prinz, Charlemont, 
Köpf, Jetsche, Delitz, Jamine Horowitz, Curry, 
Ad. Karpellus, Graner, Strauch, ohne daß die 
in dieser Aufzählung Fehlenden etwa minder gewürdigt 
sein sollen. Vieles Geschmackvolle lockt in diesen Räu- 
men zur näheren Betrachtung, die aber einem späteren 
Besuch vorbehalten bleiben muß. Die von Richard 
FreiherrnvonDraschegewidmetenvierEhren- 
preise wurden den Malern Karl Sterrer und Ru- 
dolf Konopa für ihre Gesamtwerke, Karl Fahringer 
für ein Guaschegemälde »Kriegsbild aus der Südwest- 
front« und Sigmund Walter Hampel für die aqua- 
rellierte Federzeichnung »Joseph Haydn komponiert die 
Volkshymne« zuerkannt. 

Auch in der Ausstellung des Albrecht-Dürer- 
bundes bei Wavra ist manches recht Schöne und 
Sehenswerte anzutreffen. Im großen Saale fällt Filkula 
als vielseitiger und geschickter Maler auf Seine Winter- 
und Vorfrühlingslandschaften sind sehr wirksam, seine 
Porträts, abgesehen von dem charakteristischen Bildnis 



NEUE WERKE VON J. ALBRECHT, TH. BAIERL, HIERL-DERONCO 



des Oberbaurats Baumann, weniger glücklich. Auch 
Rottonara und Petrides haben sich mit guten Ar- 
beiten eingefunden. Eine recht tüchtige Kraft scheint 
Hans Bertle zu sein, der in seinen Porträts Gcschmacls 
und brillante Technilc verrät. Stimmungsvolle Land- 
schaftsbilder bringen des weiteren Theodor von 
Ehrmanns, Gustav Flith, Peter Grab winkler, 
Josef Hermann, Köberl und Lorenz. AuchGöt- 
zinger, der neben Landschaftlichem interessante Inte- 
rieurs bringt, und Erwin Hubert, ein junger, vielver- 
sprechender Künstler, der zumeist seine Motive aus dem 
Lande am Nil und von den Balearen holt, seien ihrer 
vornehmen Malweise halber anerkennend erwähnt. An- 
sprechende Temperabilder sind von dem im vorigen 
Jahre verstorbenen Maler Muss er ausgestellt, Probst 
ist mit einem holländischen Genrestück »Großmutter 
und Enkelin« überaus ansprechend vertreten; Paul 
Hansa, Leo Reinhardt und Ella vonReinohl- 
Werner sind Stillebenmalerinnen, die alle, jede in 
ihrer Weise, Werts'olles zu bieten haben. Larsen 
bringt eine farbenfrohe Skizze »Wiesenfestt, Hermann 
Schmid gefällige Architekturen. Die Radierungen von 
Benesch und Emma Löwenstamms, die virtuo- 
sen Zeichnungen Dusch aneks im Verein mit denjeni- 
gen AlfredBeiers,Paulavon Stacks (Radierungen), 
Bern hard S teiners, Kaplan, Klara Sulzer, Karl 
Höfner kommen durchweg zur verdienten Geltung. 
Ausgezeichnet ist in dieser Ausstellung die Plastik 
vertreten, wenn auch nicht an Zahl, so doch an 
qualitativem Wert, was ja um so erfreulicher wirkt. 
Zelezny hat in einer überlebensgroßen Dürerbüste den 
Versuch gemacht, ein Kompromiß zwischen dem Ideal- 
bild, das uns Dürer selbst in mehreren seiner Porträts 
überliefert hat, und dem Porträt zu schaffen, das wir 
von der lange nach des Meisters Tod ausgegebenen 
Denkmünze her kennen. Der Künstler bringt außerdem 
ein rejht liebenswürdiges Porträt des kleinen Kronprin- 
zen Otto (in Elfenbein), ferner eine Porträtbüste des 
Malers Filkuka und virtuose Holzschnitzereien, wie wir 
sie von ihm stets gewohnt sind. Andreas Kögler, 
ein Schüler Meister Hellmers, zeigt in einem Kniestück 
des Malers Götzinger, sowie in mehreren Porträtplaketten 
sein starkes Können. Auch die Kainzstatuette Franz 
Gills (als Franz Moor) fällt angenehm auf, ebenso 
verdienen die Kleinplastiken Sau tners lobend genannt 
zu werden. Daß die Aussteller im Katalog in alphabe- 
tischer Reihe angeführt sind, und nicht in der Reihen- 
folge, wie sie sich in ihren Gemälden an den Wänden 
befinden, ist für die Orientierung nicht gerade förderlich, 
hoffentlich wird dies das nächste Mal vermieden werden. 
Bessere Leistungen als gewöhnlich bietet auch 
die Ausstellung des Österreichischen Kunst- 
vereins. In der Hauptsache sind es alte, bewährte 
Künstler, aber auch einige jüngere Namen. Am interessan- 
testen dürfte Amadeus Dier sein, ein Künstler von 
starker Phantasie und Gestaltungsgabe, doch sind seine 
Motive in ihrer gar zu ursprünglichen Form nicht nach 
jedermanns Geschmack. Viele Anziehungskraft erweist 
Karl Lorenz mit seinen an Schindler erinnernden 
frohen Landschaften. Die alten holländischen Mühlen 
Andreas vonZüUichs, Rudolf F ritbchs Winter- 
tag, die sonstigen Landschaften Enzingers, Helms, 
Eders, Hansas, Scnmidts und M. vo n Wen gers, 
ebenso die Stilleben von Annie Sattler-Seiger- 
schmidt und Andreas Devays sind durchwegs 
Proben von Arbeiten, die hervorgehoben sein sollen. 
Blumenstücke und Früchte, meist recht gut in Stimmung 
und Kolorit, geben Grete E is enkolb - Flo rian, 
Marianne Goet h, Frau S toegem an n -Bohrer, 
Joseph Rainer und Sigismund Fürst. Erwin 
Pen dl glänzt in bewährter Virtuosität mit einem Bilde 
der Wiener Votivkirche. Von Theodor Weiser sind 



stimmungsvolle Radierungen zu sehen, auch Alfred 
Iwasek zeigt viel Gutes. In einem Saale sind mehrere 
ältere Meister, in der Hauptsache Franzosen und Eng- 
länder ausgestellt. Richara Riedl 



NEUE WERKE VON JOSEPH ALBRECHT, 
TH. BAIERL UND HIERL-DERONCO 

p"ür die Barockkirche des Dörfleins Freidling (bei Moos- 
burg) hat der Maler Joseph Albrecht ein kleines 
im gleichen Stile gehaltenes Altarwerk geschaffen. Der 
Stipes ist mit einem gemalten Antependium geschmückt; 
über der Mensa, oberhalb der Leuchterstufe, die mit 
dem von vergoldeten Ornamenten umgebenen baye- 
rischen Wappen geschmückt ist, erhebt sich der in 
schlichter Linie gezeichnete zweiflügelige Aufsatz; er 
endet in einem abgerundeten Giebel, dessen ornamen- 
tale Bekrönung mit Weiß und Gold gefaßt und mit 
bunten Blumen geziert ist. Das den Mittelteil des Auf- 
satzes einnehmende Gemälde zeigt die schmerzhafte 
Muttergottes mit einem Schwerte im Herzen. Sie steht 
mit über der Brust gekreuzten Armen, in der rechten 
Hand ein weißes Tüchlein haltend, ruhig da und bhckt 
den Beschauer ernst und traurig an. Ihr Uniergewand 
ist hellblau, darüber legt sich in großen, einfach fließen- 
den Falten ein roter Mantel mit breitem, ornamentier- 
tem Saume; das Haupt trägt eine goldene Krone. 
Rechts neben der Muttergottes kniet ein trauernder 
kleiner Engel mit blauen Flügeln; er hält eine Tafel, 
auf der die Worte geschrieben stehen: >lhr alle, die 
ihr vorübergeht, schaut ob ein Schmerz gleich meinem 
Schmerze«. Der Boden, auf den die Muttergottes tritt, 
ist ein Acker, ein Pflug steht hinter ihr. Weiter im 
Hintergrunde, der durch Wälder begrenzt wird, sieht 
man Wiesen, in der Ferne das Dorf Freidling mit sei- 
ner Kirche. Darüber spannt sich der blaue Himmel 
aus. Das schlichte Bild macht mit dem Ernste seiner 
Auffassung und der volkstümlichen Kraft seiner schö- 
nen, harmonischen Farben tiefen und ergreifenden Ein- 
druck. An den Mittelteil fügen sich, durch breite Mes- 
singscharniere mit ihm verbunden, die Flügel. Jeder 
zeigt auf einer mit Lambrequin behängten Stufe einen 
gelben Blumenkrug mit einem machiigen, stilisierten 
Rosensträuße darin. Darunter ist die Schrift verteilt: 
»Heilige Maria« — »Bitt für uns«. Werden die Flügel 
geschlossen, so sieht man ihre Außenseiten überdeckt 
mit einem grünlichen Vorhange; zwei Engelköpfe lugen 
aus den Falten hervor, in der Mitte befindet sich das 
von Strahlen umgebene Namenszeichen Maria. Das 
Antependium ist gobelinartig behandelt. In der Mitte 
seiner Fläche befindet sich ein hochovales Medaillon- 
bild, dessen gelber Rahmen oben eine rosengeschmückte 
•Dornenkrone trägt. Das Bild stellt die Halbfigur der 
Himmelskönigin dar, die sich aus Wolken zu einem 
gefallenen Krieger herniederneigt, um ihm einen Lor- 
beerkranz aufs Haupt zu setzen. Die kühle Färbung 
des Bildes — Tiefblau, Graugrün, verschiedenes Braun — 
steht in kräftigem Gegensatze zu der Teppichfläche des 
Antependiums; sie zeigt auf weißem Grunde regel- 
mäßige Reihen stiHsierter blauer und roter Tulpen, 
gelber Sonnenblumen und roter Nelken samt dem zu- 
gehörigen Laube. Alle vielfarbigen Teile des Altares 
kommen zu lebhafter Geltung durch das Dunkelgrün 
der konstruktiven und einrahmenden Holzteile. In dem 
(von Albrecht ausgemalten) hellfarbigen Innern der 
Kirche wird dieses Werk kräftige Schmuckwirkung tun. 
In seiner wahrhaft volkstümlichen Auffassung und Durch- 
führung paßt es vorz.üghch für eine kleine bayerische 
Dorfkirche. 

Der Anlaß dazu, daß die Gemeinde den Altar ge- 
stiftet hat, erhellt aus einer an der Evangehenseite in- 



DIE ESTENSISCHEN SAMMLUNGEN IN DER NEUEN K. K. HOFBURG IN WIEN 



nerhalb eines geraalten schlichten Rokokorahmens an- 
gebrachten Inschrift. Sie gih dem Gedächtnisse eines 
Soldaten aus Freidling, eines der vielen, die in diesem 
Kriege mit dem furchtbaren Worte »vermißt^ in die 
Verlustliste eingetragen sind. Ein Altar als Kriegser- 
innerungszeichen ! Welch ein Beweis von wahrer Fröm- 
migkeit, von der Innigkeit des Verhältnisses dieser Land- 
leute zu Gott ! Welch ein vorbildliches Verhalten nach 
religiöser wie nach patriotischer Seite hin! Beidem 
wußte jene Gemeinde nur dadurch zu genügen, daß 
sie nach ihren Mitteln das Beste, Schönste, Wertvollste 
erwählte, das sie sich vorstellen konnte, ein Werk der 
wirklichen, nicht der Scheinkunst, ein Gedenkzeichen, 
das dem lebenden Geschlechte und Jahrhunderten der 
Zukunft wahres äußeres und inneres Genüge schaffen 
muß. Dringend wäre zu wünschen, daß diese Auf- 
fassung immer weiteren Boden gewänne! 

In Brakis Kunsthaus zu München war im April eine 
' Glasmalerei ausgestellt, zu der Theodor Baierl den 
Entwurf geliefert hatte; die Ausführung war durch die 
Hofglasmalerci F. X. Zettlet erfolgt. Das Werk maß 
etwa einen Meter in der Breite, etwas mehr in der 
Höhe und war oben halbkreisförmig geschlossen. Es 
zeigte einen mit Lampions erleuchteten Garten, dessen 
Gebüsche reich mit violetten Blüten geschmückt waren, 
den Hintergrund bildete der tief violettblaue Nacht- 
himmel. \'on diesen Dingen hoben sich mit starker 
Leuchtkraft die Figuren eines tanzenden Paares ab, ein 
anderes Paar saß plaudernd daneben am Boden, vorn 
rechts sah man zwei Damen, Unks einen Flötenspieler 
und einen Geiger, sämtlich gleichfalls auf der mit Blumen 
bestreuten Erde sitzend. Die Auffassung der Figuren 
und Gruppen war durchaus maßvoll, hielt sich frei von 
jederlei Pikanterie. Die Komposition vermied mit Glück 
die Gefahr, in den Charakti^r des Tafelgemäldes zu ver- 
fallen, und wahrte die Flächigkeit der Glasmalerei trotz 
des Versuches, mittels perspektivischer Verkleinerung 
der plaudernden Gruppe die Vertiefung des Raumes 
anzudeuten. Die Umrisse der Glasscheiben waren groß 
und kräftig. Angewandt war Antikglas, stellenweise 
mit geätzten Überfangschichten. Doch waren gebrochene 
Töne im ganzen selten. Unter den Farben führten die 
warmen die Vorherrschaft. Man sah braun, rosa, violett, 
sehr reichlich kam feuerrot vor, zu dessen Benutzung 
besonders die Fräcke der Männer Gelegenheit boten. 
So wirkte das Ganze trotz eines gewissen Ernstes und 
einer Herbigkeit, die sich zumal in den Gesichtern der 
meisten Personen kund gaben, lebhaft und festlich. 

\/ier Werke des Professors Hierl-Deronco waren kurze 
Zeit beim Münchener Kunstverein ausgestellt. Eins war 
eine Skizze zu dem in der Münchener K. Residenz be- 
findlichen Gemälde, welches darstellt, wie S. M. König 
Ludwig III. am 19. Juh 191$ in der Allerheiligen-Hof- 
kirche dem päpsthchen l^Juntius Frühwirt das Kardinals- 
Birett überreicht. Die vom erhöhten Standpunkt aufge- 
nommene Komposition zeigt den historischen Vorgang, 
der sich im Altarraum der Kirche vollzog. Vor dem auf 
dem Thronsessel sitzenden Könige kniet der Nuntius, 
seitwärts der päpstliche Legat Mons. Schioppa. Mehrere 
Gruppen hoher weltlicher und geistlicher Persönlich- 
keiten, in der Ausführung des Gemäldes sämtlich porträt- 
ällnhch, sind im Vorder- und Hintergrunde Zeugen des 
feierhchen Aktes. Das Bild ist figurenreich, ohne den 
Eindruck der ÜberfüUtheit zu machen. Gut gelungen 
ist die Verteilung der Farbenmassen, die sich mit dem 
Kolorite des Raumes zu lebhafter Harmonie vereinigen, 
ferner die Wirkungen der von künstlichem Lichte durch- 
fluteten Luft. — Die andern drei Gemälde waren Bildnis- 
werke. Ihr gemeinsames, äußeres Kennzeichen ist satte 
Färbung, bei der die verschiedenen Tönungen von starkem 



Rot die Vorherrschaft behaupten. Bei zweien dieser 
Gemälde ergab sich die Anwendung dieser Farbe aus 
dem Gegenstande. Es sind die lebensgroßen Porträts 
des Kardinals, Erzbiscliofes von München-Freising Fran- 
ziskus von Bettinger und des Kardinals Rafael Merry 
del Val. Das erstere Bild ist 1915, das letztere 1915 
gemalt. Die Wirkung des Rot ihrer Gewänder wird 
vermehrt durch die Wahl von dunklem Rot für die 
Hintergründe, auch für Nebendinge, z. B. für ein Buch, 
das der Kardinal del Val in der Hand häh: zu kräftiger 
Belebung dienen die weißen Partien: die Spitzen, das 
Pelzwerk, deren Farbe wieder von allerlei Reflexen des 
Rot durchflimmert ist. Dazu gesellen sich das Gold und 
die Edelsteinfarben von Schmuckstücken. Beide Kardinäle 
sind stehend in ganzer Figur dargestellt. Kardinal von 
Bettinger ist ein wenig nach rechts gewandt, das Ant- 
litz mit dem auf den Beschauer gerichteten Blick sanft 
nach derselben Seite geneigt. Der Mantel ist über den 
linken Arm geworfen und fließt hernieder bis zum Fuß- 
boden, der mit einem rot und gelb gemusterten Teppich 
belegt ist. Hell leuchtet das Rot des Gewandes, leichte 
rotviolette Reflexe schimmern in dem kräftigen Muster 
der weißen Spitzen. Hinter dem Kardinal ist dessen 
Sessel zu erkennen. Blumenornamente beleben den 
Hintergrund. Das Porträt des Kardinals Merry del Val 
zeigt den Dargestellten mit leichter Wendung nach links, 
in der Linken hält er sein Birett, mit der gegen die. 
Brust gezogenen Rechten das erwähnte, mit Silber ge- 
schmückte Buch. Das Antlitz hat sanften Ausdruck, 
besonders charakteristisch wirken die mit tiefen Schatten 
unterlegten, vergeistigten Augen, über denen sich starke 
dunkle Augenbrauen wölben. In der Malerei des Gewand- 
stoffes macht sich die Schilderung des Moirees bemerk- 
bar. Durch die Spitzen schimmert das Rot des Gewandes. 
Das Rot des Hintergrundes zeigt einen leichten Stich 
ins Blaue. — Das dritte Bildnis (Kniestück), das porträtistisch 
am besten gelungene, ist das Sr. Majestät des Königs 
Ludwig III. Er sitzt im Zivilanzug, mit dem Orden des 
Goldenen Vließes geschmückt, auf einem roten Sessel, 
der vergoldete Verzierungen zeigt. Der Körper hat 
Wendung nach links, das am besten gelungene Gesicht 
ist nach vorn gerichtet, ohne den Beschauer anzusehen. 
Das Weiß des Bartes, die in der Linken gehaltenen 
Handschuhe und der mit feinen Reflexen von Rot 
schimmernden Hemdbrust geben mit dem Schwarz des 
Anzuges, den Goldteilen des Sessels und dem dunkeln 
Rot des Hintergrundes einen sehr vollen Einklang. Das 
Bild ist 191 5 entstanden. Docring 

DIE ESTENSISCHEN SAMMLUNGEN IN 
DER NEUEN K. K. HOFBURG IN WIEN 

r^ie Estensischen Sammlungen stammen aus dem 
'-^ 18. Jahrhundert und wurden in dem Schlosse Catajo 
bei Padua %'on dem damaligen Schloßherrn Marchese Tom - 
maso degli Obizzi begründet. Dieses herrliche Schloß 
ging nun nebst seinen Sammlungen im fahre 1806 in 
den Besitz der Este-Modena-Linie über. Schon von 
dem letzten Herzog von Modena, Franz V., wurde ein 
Teil dieser Kunstschätze nach Wien gebracht und im 
Palais Modena in den fünfziger Jahren aufgestellt. In 
den neunziger Jahren ließ der verstorbene Erzherzog 
Franz Ferdinand den Rest nach Wien kommen, wo 
er, teils im Palais in der Beatrisgasse, teils im Belvedere 
zur Aufstellung gelangte. 

Alle diese Schätze wurden nun, nach der 
Vollendung des Museumstraktes der neuen 
Hofburg in diesen überführt, wodurch die Samm- 
lungen geradezu herrHche Räume erhalten haben. Es 
sind Millionenschätze, die da in den geraumigen Sälen 
von kunstwissenschaftlichen Fachmännern nach den 



AUSSTELLUNG DER MÜNCHENER JURYFREIEN 



modernsten Prinzipien zur Aufstellung gelangen. Sämt- 
liche gehören dem reichen Kunstbesitz des Kaiserhauses 
an. \'on den im Laufe der Jahrhunderte aufgehäuften 
Kunstobjekten wurde nur das Erlesenste neuaufgestellt. 
Alles übrige wurde ebenso wie die Reisetrophäen des 
Erzherzogs Franz Ferdinand in Depots gegeben. Die 
Sichtung und Auswahl der Objekte sowie die Her- 
stellung der \'itrinen, ebenso die Aufstellung der Kunst- 
gegenstände hat eine Unsumme intensivster Arbeit von 
Jahren in Anspruch genommen. 

Durch das geräumige Vestibül gelangt man zunächst 
in eine drei Stock hohe, mit buntem Glas gedeckte 
Säulenhalle, in der hoch oben Korridore herumführen. 
In dieser Halle sind größere antike Skulpturen unter- 
gebracht. Im ersten Stockwerk, in dem die Wanderung 
durch die neun hohen und breiten Säle beginnt, denen 
noch verschiedene Kabinette angegliedert sind, findet 
man die prächtigen Objekte mit größter Raumver- 
schwendung, aber überall zweckdienlich und mit feinstem 
künstlerischem Geschmack aufgestellt. Es soll nach 
modernem Prinzip eben keine Überladung der Säle 
stattfinden, jedes einzelne Kunstwerk soll mög- 
lichst unbeeinflußt durch ein anderes für sich 
allein künstlerisch genossen werden können. 
So sieht man beispielsweise an einer langen Wand nur 
fünf Skulpturen auf entsprechenden Postamenten. Die 
Wände sind etwas über die halbe Höhe mit braunen 
Tapeten überzogen, über deren Rand sich in strahlendem 
Weiß hoch die Decke hebt. 

Die Sammlungen umfassen mittelalterliche Skulpturen, 
hauptsächlich venezianische, wertvolle Gemälde, kost- 
bare Bronze-Majolika- und Porzellanstücke, Skulpturen 
der Renaissance, eine überaus umfangreiche Musik- 
instrumentensammlung aus dem i6., 17. und 18. Jahr- 
hundert, in der sich u.a. eine lautenartige Zither befindet, 
die von der heimlichen Gattin des Erzherzogs Ferdinand, 
Philippine Welser, im 16. Jahrhundert verwendet wurde, 
ferner eine Anzahl kunstgewerblicher Gegenstände aus 
verschiedenem -Material, Elfenbein- und Holzschnitzereien, 
farbenprächtige Gobelins sowie griechische und römische 
Skulpturen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß diese im 
wahren Sinn des Wortes unschätzbare Sammlung noch 
im Laufe dieses Jahres dem Publikum zugänglich gemacht 
werden kann, die Drucklegung des Kataloges, der ein 
kostbares, vierbandiges, mit den künstlerischen Abbil- 
dungen sämtlicher ausgestellten Gegenstände geschmück- 
tes Kunstwerk darstellt, hat bereits begonnen und wird 
trotz aller in gegenwärtiger Zeit nur zu reichlich vor- 
handenen technischen Schwierigkeiten rüstig weiter- 
geführt. F^icharJ Riedl 



DIE FRÜHJAHRSAÜSSTELLUNGEX DER 
MÜNCHENER „JURYFREIEN" 

pine im März eröffnete Gemäldeausstellung der „Jury- 
freien" ging in ihrem Umfange nicht über das gewohnt 
gewordene, bedauerlich und fast unverständlich geringe 
Maß hinaus. Die Anordnung unterscliied sich von der- 
jenigen früherer Ausstellungen dadurch, daß man statt 
einer Mehrzahl von Künstlern nur eine kleine Schar — 
im ganzen 1 5 Maler — herangezogen und diesen Gelegen- 
heit zur Vorführung von Sondergruppen gegeben hatte. 
Anerkannt darf werden, daß die meisten IJrauchbares, 
vereinzelte auch recht Gutes boten : mehrere andere 
erbrachten das Gegenteil des Bel'ähigungsnachweises. 
Diese mögen es als Beurteilung auffassen, daß ich ihrer 
keine Erwähnung tue. Ich dürfte mich schwerlich in 
der Annahme täuschen, daß auch in Zukunft kein Anlaß 
dazu vorliegen wird. — Unter denen, die für eine ernst- 
hafte Besprechung in Betracht kommen, befinden sich 
verschiedene, denen man in diesen Ausstellungen schon 



wiederholt begegnet ist. Zu ihnen gehört der Land- 
schafter A. Glatte. Seine Arbeiten zeichnen sich durch 
gesunde Naturbeobachtung aus; die Farbe ist kräl'tig, 
gelegentlich sogar interessant, gut ist die Behandlung 
von Licht und Luft. Erwähnt sei ein > Bauernhaus in 
Schwaben« mit überzeugend gegebenem Sonnen- und 
Schattenspiel auf frisch grüner Rasenfläche. Weniger 
als mit seinen Landschalten vermag Glatte mit einigen 
Bildnissen zu sagen. — Richard Söhn-München 
brachte eine Anzahl von Studien, in denen sich zumeist 
mit der Landschaft interessante Architekturen vereinigten. 
Tüchtige Zeichnung und kräftiger Vortrag zeichnen diese 
.arbeiten aus. Die Aquarelltechnik liegt dem Künstler 
bisher besser als die Ölmalerei. — Marie Keller- 
Hermann (Etzenhausen) bot eine größere Anzahl von 
Blumenmalereien. Ihre Bilder sind gut komponiert; 
die Wirkung wird bisweilen durch die ungebrochene 
Leuchtkraft der Farben in ihrer \'ornehmheit beein- 
trächtigt; wo die Malerin die Neigung für dergleichen 
zu beherrschen weiß, erreicht sie Erfreuliches. So in 
einem kleinen Bilde mit Feldblumen, einem anderen 
mit Veilchen usw. Von einigen Landschaf'ten der- 
selben Dame erschien mir besonders ein in feinen grauen 
und grünen Tönen gegebenes Bauernhaus beachtens- 
wert. — Paul Kaemmerer - G eiselgasteig ist 
bedeutend als Aktzeichner, sowie als Darsteller von 
Volkscharakterfiguren. Seine Bleistiftstudien über der- 
artige Themata gehörten zum Wertvollsten, was die 
Ausstellung bot. Sehr hübsch war auch eine Malerei 
„Mädchen im Sonnenschein" nicht ohne poetischen 
Reiz ein „Morgennebel im Isartal". Zu seinem Schaden 
strebt Kaemmerer aber auch nach Erfolgen auf dem 
Gebiete der großen romantischen und heroischen Szenen- 
malerei. Hier überschätzt er seine Begabung, die inner- 
halb ihrer natürlichen Grenzen recht Tüchtiges zu bieten 
vermag. — Eine Sammlung von Aquarellen des Mün- 
cheners E. D a r g e n zeigte Studien nach landschaftlichen 
und Architekturmotiven. Das zeichnerische Element führt 
die Vorherrschaft, ohne der Wirkung der vollen und 
doch zurückhaltenden Farbe Eintrag zu tun. Zu den 
interessantesten Stücken gehörte ein in feinem, hellem 
Graugrün gehaltenes, großstilisiertes Blatt >Auf dem 
Kreuzberge in der Rhön«; Interesse erregten auch Studien 
von Rothenburg, von Ratzeburg mit seiner alten Kirche 
und etliche andere .'\rbeiten. — Starke Farbenstimmungen 
fanden sich in den Park- und Waldbildern A. von 
Pelczynskis, dessen Art sich allmählich abklären 
zu wollen scheint. — Ein Zug ins Große herrscht in 
den Blumenmalereien von A. M. Böttcher-Beck; 
starke Gegensatze der Farbe sind mit gutem Stilgefühl 
durchgeführt. — Die Winterlandschafttn von Richard 
Braun-Seeshaupt zeichnen sich durch feine Behand- 
lung des Lichtes und durch gute Schneem'alerei aus. — 
Joseph Rolf Knoblochs Landschaften zeigten die 
bei diesem Künstler gewohnte Kraft, bedeutende Stili- 
sierung und poetische Durchdringung der Motive. Farben 
und Lüfte, besonders auch die Wasserspiegelungen sind 
voll Naturwahrheit. Ein »Frühnebel im Moor« sei wegen 
seiner Stimmung, eine Studie »Am AUacher Wäldchen« 
wegen ihrer interessanten Färbung hervorgehoben. — 
C. Wit tek - M ün ch en stellte außer einer Anzahl 
duftiger Landschaften ein paar gut komponierte Gruppen 
französischer und russischer Gefangener aus und erwies 
sich damit als tüchtiger Menschenschilderer, der um 
der Wahrheit willen gelegentlich auch vor der Häßlich- 
keit nicht zurückschreckt. 

Dieser Ausstellung folgte im April eine solche von 
Erzeugnissen der Graphik. Etwa 45 Künstler hatten 
sich mit einer zehnfach so großen Anzahl von Zeich- 
nungen, Radierungen, Steindrucken, Holz- und Linoleum- 
schnitten u. dgl. beteiligt. Der durchschnittliche Wert 
des Dargebotenen war anzuerkennen. Bemühen um 



26 



AUSSTELLUNG BADEN-BADEN — WIENER TOTENSCHAU 



Brauchbarkeit, Ausdrucksfähigkeit, ästhetisches Genügen 
der verschiedenen Techniken trat bei vielen Werken 
deuthch hervor. Von übermodernen Phantastereien und 
Unmöglichkeiten hielt man sich durchweg fern, bot 
allerdings andrerseits auch nur Weniges, was im guten 
Sinne über gewohnte Art hinausging. Auch gegen- 
ständUch sah man nur wenig Neues — man müßte 
denn ein paar Stücke von ganz besonderer Laszivität 
ausnehmen, die der Ausstellung zum iMakel gereichten. 
Arbeiten solcher Art wären für öffentliche Schau noch 
vor nicht langer Zeit unmöglich gewesen, aber in unseren 
Tagen scheint leider alles einen Freibrief zu besitzen, 
was sich irgendwie anmaßen kann, zur Kunst in Be- 
ziehung zu stehen. Sieht man solche Versuche, mit 
verwerfHchen Mitteln äußerliche Wirkungen zu erzielen, 
so fühlt man fast eine Regung, sich mit den Expres- 
sionisten und Kubisten zu versöhnen, über ihre Graphik- 
Ausstellung habe ich unlängst an dieser Stelle berichtet. 
Mögen sie noch so unglaubliche Formen wählen, so 
suchen sie doch — wenigstens vielfach — nach Aus- 
sprache tiefer Gedanken und beschäftigen sich in diesem 
Streben besonders gern auch mit religiösen Thematen. 
Von dergleichen ist bei den »Juryfjreien« keine Rede. 
Weitaus das meiste geht hier den gewöhnlichen, platten 
Weg. Es gibt ja Ausnahmen. So die aus herber, 
frischer Auffassung hers'orgegangenen Holzschnitte (nach 
Motiven des Grimmelshausenschen Simphcissimus) von 
Karl Schmidt-Wolfratshausen. Oder die geist- 
vollen Federskizzen zu Szenen und Figurinen der Sollner 
Puppenspiele von M arie-Janssen- .Solln. Gute Er- 
findung zeigen auch die fein gezeichneten Exhbris von 
J. Bieber kraut. Das starke Talent Else Winter- 
felds tritt in ihren radierten Studienköpfen noch 
deutlicher hervor als in ihren, bei den ijurytreien« 
häufig ausgestellt gewesenen Malereien, in denen sie 
noch mit der Herausarbeitung einer großwürfigen Farben- 
technik kämpft. Bemerkenswertes boten einige ."Aquarelle 
von E. Dargen und Arbeiten von Hüben Hagler. 
Technisch nicht uninteressant waren einige Schwarz- 
weißblätter (Landschaften) von Ferdinand Nockher. 
Jenseits der durch diese Künstler gezogenen Grenze 
ließ das Interesse nach. F. Scherers Kraftandeutungen 
auf dem Gebiete der farbigen Landschaftsskizze er- 
scheinen mir allzu äußerlich. Die Tierstudien von 
Ad. Ziegen mey er, Cl.Nielßen und andern, die Land- 
schaften von t G. Hammer-Schmidt, E. E. Heide- 
mann, W.Funk, die hübschen Frauenköpfe (Kohle- 
zeichnungen) von M. Nast und anderes vermochten 
zu gefallen, ohne doch tiefere Anteilnahme zu erwecken. 
Paul Kaemmerer erreichte auch bei dieser Gelegen- 
heit Erfolge nur mit seinen Aktstudien. Docring 



DEUTSCHE KUNSTAUSSTELLUNG 
BADEN-BADEN 1918 

Vur alljährhch festgesetzten Stunde hat auch diesmal 
^ der Kunsttempel an der Oos seine Pforten geöffnet. 
Freilich wob sich heuer über das Ganze ein schatten- 
gleicher Schleier im schmerzlichen Gedenken an den 
Heimgang zweier heimischer Größen und lebendigster 
Förderer gerade dieser für Süddeutschland so charak- 
teristischen Jahresschau: Trü b ne r und Schoenleber 
sind nicht mehr. Wie zum Abschied grüßen uns die 
paar Werke aus letzter Zeit auf ureigenem Boden, wo 
ihnen mehr noch als sonstwo die köstlichen Güter un- 
vergessen bleiben, die sie uns als freischaffende Künstler 
und als Lehrmeister übermittelt haben. Auch der Land- 
schafter Gustav Karapmann, dessen Verdienste um 
die Neubelebung der Graphik in Angliederung an den 
Karlsruher Künstlerbund allgemein bekannt sind, ist 
im Verlauf des letzten Jahres heimgegangen. 



Das Gesamtbild der Ausstellung ist das gewohnte; 
ein Überwiegen der Kunst aus der engeren badischen 
Heimat, wobei jedoch die Kunst aus dem Reiche mit 
Ausnahme der rhemischen und der des deutschen Nord- 
ostens, so zu Worte kommt, daß man von einem Spiegel- 
bild des deutschen Kunstschaffens mit seinen vielen 
Hauptvertretern, die heute auf dem Markte und im 
Besitz hei uns Allgemeingut geworden sind, reden kann, 
Die flotte, prickelnde Berliner Graphik mit Lieber- 
mann, Orlik,Paeschke, Kainer, E. R. Weiüu. a. 
saftige oder beschauliche Münchener und Dresdener 
Malerei — Ha y eck, L. Liebermann, Schinnerer, 
Steppes, Oberländer sowie Dorsch, ünger — 
sind Fortis im Verlauf der ganzen Reihe wie die farbigen 
und kompositioneilen Studien der Stuttgarter mit Alt- 
herr voran oder wie die meisterlich drauflosschaffende 
neue Generation der Karlsruher Künstlerschaft, neben der 
Abgerundetheit der Alten, deren Namen wir kaum zu 
nennen brauchen und denen gegenüber sich immer deut- 
licher die neueren als mehrgesichtige Gruppe abheben. 
Und hiervon hatten sich seinerzeit die fraglos stärksten 
Talente um Trübnergeschart, alle die wir dabei heute eigen- 
willig sich ihren Stil auf soUder Grundlage erringen sehen 
mit Hermann Goebel, diesem gottbegnadeten Be- 
herrscher des Pinsels, an der Spitze ; Grimm, Sprung, 
W a 1 1 i s c h e c k, wir kennen sie genügend. Auch Versuche 
stellen wir hier fest; Bilder verschiedenster Art, als zu 
deutliche Anleihen verschiedenerorts erkennbar, jeweils 
von einer Hand. Verwöhnte Jugend, wenn auch ent- 
schiedene Begabung ; ich denke an Mannheim. 

Die Plastik; sie ist innerhalb des Gesamtrahmens, 
man darf wohl sagen, gebührend vertreten nach Art 
und Menge. Ihr Repräsentant ist diesmal Schreyögg, 
dem man eine Sonderausstellung eingeräumt hat. 

Oscar Gehrig 

WIENER TOTENSCHAU 

GUSTAV KLIMT. LEOPOLD HOROVITZ. 
WILHELM LIST. HAERDTL. 

Gustav Klimt, zweifellos einer der im Auslande 
bekanntesten modernen Meister Wiens, ist am 6. Fe- 
bruar l.J. an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben. Mit 
ihm wurde ein starker, überragender Kunstwille, um den 
ein heftiger Kampf getobt, der ebenso überschwenglich 
gefeiert wurde, wie heftig geschmäht, der Mittelpunkt 
einer eigenen neuen Richtung zu Grabe getragen. Klimt, 
ein gebürtiger Wiener, hat als Schüler von Julius Berger 
und von Laufberger an der Wiener Kunstgewerbeschule 
studiert und mh seinem jüngeren Bruder Ernst und mit 
Franz Matsch sozusagen ein Triumvirat gebildet, das 
zuerst mit den Deckengemälden für das Reichenberger 
Stadttheater die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zog. 
Später wurden die drei jungen Künstler nach Rumänien 
zur Ausschmückung des Königsschlosses Pelesch bei 
Sinaia berufen, ferner zur Ausführung eines Decken- 
gemäldes in der Lainzer Villa der Kaiserin Elisabeth, 
sowie der Deckengemälde im Stiegenhause des K.K. Hof- 
burgtheaters. Gemeinsam mit Matsch fühlte Gustav 
Klimt die herrlichen Kompositionen im Foyer des Wiener 
Kunsthistorischen Museums aus. 

Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Klimt haupt- 
sächlich bekannt durch die Schaffung der drei Plafond- 
gemälde für den Festsaal der Wiener Universität : Philo- 
sophie, Medizin und Jurisprudenz. Zehn Jahre arbeitete 
der Künstler an diesen Bildern, die aber durch eine 
eigenartig freie, dem gegebenen Gegenstand wohl wenig 
angepaßte Auffassung Stürme der Entrüstung erregten 
und deren Übernahme von der Universität abgelehnt 
wurde. Der Künstler brachte diese leidige Angelegen- 
heit erst durch seinen Verzicht nach und nach zum 



VERMISCHTE NACHRICHTEN 



Verstummen. Die Deckengemälde selbst gingen in den 
Besitz des Freiherrn von Wittgenstein über. Außer einer 
Reihe von Frauenbildnissen schuf Klimt in dieser Zeit 
für Nikolaus Dumba seine prächtige „Musik", seine 
,,Judith". Einer späteren Zeit gehört der dekorative Fries 
an, den Klimt für die Ausstellung von Klingers Beet- 
hoven malte, ebenso die „Drei Lebensalter" und die 
prächtigen ornamentalen Entwürfe für das Stockletsche 
Haus in Brüssel. Eine seiner schönsten Schöpfungen 
ist das bekannte Bild aus der Biedermeierzeit: Schüben 
am Klavier. Auch als Landschaftsmaler fand Klimt vollen 
Erfolg. Seine stimmungsreichen, stark dekorativ an- 
mutenden Landschaften sind fast ganz auf koloristische 
Effekte gestellt, sie zeigen das eigentümliche, neivöse 
Flimmern, die schweigsame, schwermütige Unruhe, die 
für den Künstler so überaus charakteristisch ist. .\n 
Anerkennung, besonders im Auslande, hat es ihm nicht 
gefehlt. Die höchsten Preise, die internationale Aus- 
stellungen in Paris and Rom zu vergeben hatten, wurden 
Klimt zuerkannt und der Deutsche Künstlerbund hatte 
in der von ihm erworbenen Villa Romana bei Florenz 
eines der Ateliers nebst einem Jahresstipendium dem 
Künstler zur Verfügung gestellt. Schon längere Jahre 
zog sich Klimt aus der Öffentlichkeit zurück und mied 
jeden geselligen Verkehr. In seinem stillen Atelier lebte 
der Einsame ganz seiner .Arbeit, für die er keinerlei 
Beachtung vonseiten der Öffentlichkeit mehr wünschte. 

Ein reiches künstlerisches Leben fand auch seinen 
Abschluß in dem Tode des Malers Leopold Horo- 
vitz, dessen Schöpfungen, vielfach reproduziert, meist 
freudiges, gemütreiches Behagen auslösten. Horovitz, 
der seine ersten Lorbeeren 'an der Wiener K.K.Aka- 
demie der bildenden Künste erwarb, in Paris sich weiter 
ausbildete, war ein hervorragender Porträtist und Genre- 
maler. Seine Bilder wurden häufig im „Salon" aus- 
gestellt, und machten ihn bald zu einem der meist- 
beschäftigten Künstler. Im Jahre 1870 reiste 'er nach 
Warschau behufs Beschaffung von Modellen für sein 
großes Gemälde „Gedenktag der Zerstörung Jerusalems", 
das er 1873 vollendete und das in der damals statt- 
gefundenen Wiener Weltausstellung der Öffentlichkeit 
übergeben wurde. Das Bild erregte große Bewunderung 
und wurde vom Kupferstecher Doby als Kunstvereins- 
blatt für Wien und Budapest gestochen. Von seinen 
zahlreichen Gemälden, die er außer Porträts schuf — 
Horovitz malte fast die gesamte polnische Aristokratie — , 
seien erwähnt: „Die Erstgeborenen", ein Gemälde, 
das mit dem Bildnis der Fürstin Sapieha den ersten 
großen Ehrenpreis erhielt und vom Herzog von Sachsen- 
Koburg angekauft wurde ; „Der Schullehrer", „Der 
Philosoph", „Der Maler als Kocli", „Der harmlose Krieg" 
und viele andere. Horovitz erhielt in Wien die große 
goldene Medaille, im Pariser Salon, in München, in 
Berlin die goldene Medaille. Seine Porträts des Kaisers 
Franz Joseph, eines davon ein Geschenk für die Königin 
Viktoria von England, wie auch das im Auftrage des 
greisen Monarchen posthum geschaffene Bild der Kaiserin 
Elisabeth erregten das größte Interesse. Kaiser Franz 
Joseph verlieh ihm als .Anerkennung sowohl den Orden 
der Eisernen Krone wie das Ehrenzeichen für Kunst 
und Wissenschaft. Der Künstler, der ein Alter von 
achtzig Jahren erreichte, hinterläßt einen Sohn und eine 
Tochter, welche die Begabung ihres Vaters, der auch 
ihr Lehrer gewesen ist, geerbt haben. Sein Sohn hat 
sich als Radierer bereits vielseitig hervorgetan, seine 
Tochter in den Ausstelluiigsn im Künstlerhaus wieder- 
holt durch ihre Bilder viel Beachtung gefunden. 

Ferner entschlief am 9. Februar der in weiteren Kreisen 
bekannte Maler Wilhelm List im 54. Lebensjahre. 
Er war seinerzeit Mitglied der Künstlergenossenschaft, 
dann der Secession, endlich der Klimt-Gruppe. Seine 



durchweg fleißig gemalten, von großem koloristischem 
Reiz zeugenden Bilder bewegen sich inhalthch meist in 
der vorstehend erwähnten modernen Richtung, die 
natürlich geteilte Beurteilung findet. 

Am 16. Februar starb der akademische Bildhauer 
Hugo Haerdtl. Er wurde weiteren Kreisen bekannt 
durch seine recht wertvollen Arbeiten für die restau- 
rierte Schottenkirche, die K.K.Hof-Museen, das K. K. 
Hof burgtheater, die Universität, das Anatomische Institut 
und das Parlamentsgebäude. Ricji 



VERMISCHTE NACHRICHTEN 

Franz Simm f. Im Septemberheft 191 6 dieser Zeit- 
schrift widmeten wir der Persönlichkeit Franz Simms 
und seinem Schaffen, gestützt auf die im wiederholten 
Umgang gesammelten EinbHcke eine reich illustrierte 
Abhandlung. Am 25. Februar 1918 standen wir an 
seinem Grab. Ein Schlaganfall hatte selbst für seine 
Freunde nur allzu unvorbereitet drei Tage zuvor dem 
anscheinend kraftvollen und ungebrochenen Leben ein 
frühzeitiges Ende gesetzt. Welches .Ansehens und welcher 
Liebe sich Simm erfreute, kam in den Gedächtnisreden 
an seinem Grabe zum Ausdruck. Der amtierende Geist- 
liche verwies darauf, was schon vor zwei Jahren hier 
geschehen, daß Simm als ein ernster Mann und Künstler, 
der nicht ohne positiven Gehalt durchs Leben ging, 
der christhchen Kunst nicht fern stand. Wenn er auch 
nur wenig in ihr aktiv tätig war, so genügte seine 
positive Lebensanschauung, von der bei seinem posi- 
tivem Können indirekter Nutzen ausstrahlte. Für das, 
was über den eleganten Empiremaler, den scharf charak- 
terisierenden Zeichner zu sagen übrig bleibt, ver\veisen 
wir auf des vor zwei Jahren Gesagte. Simras Tod. 
bedeutet gerade in der jetzigen gärenden Zeit, in der 
Männer der künstlerischen Beherrschung von Pinsel und 
Griffel mehr denn je vonnöten sind, für die Münchner 
und deutsche Kunst viel. Kaum sechs Jahre hatte Simm 
den Tod seiner Gemahlin, der damals ebenfalls erwähn- 
ten Malerin Marie Maver, aus Bozen, übertrauert. 

w. z. 

Eichstätt, Kiener-. Ausstellung. — In den Tagen 
vom 12. bis 26. Mai 191 8 wurde der künstlerische Nach- 
laß des verewigten Herrn Gymnasialprofessors Josef 
Kiener (geb. 1856 zu Schwarzenfels, Öberpfalz, — 
gest. 7. Februar 1918 zu Eichstätt) in den Räumen 
unseres schönen BibHothekgebäudes (ehem. fürstbischöfl. 
Sommerresidenz) zur Ausstellung gebracht. Der Nachlaß 
besteht aus einer ansehnUchen Reihe von Ölgemälden, 
Aquarellen, Radierungen und Zeichnungen aller .Art. 
Interessenten werden auch die Studien- und Skizzen- 
bücher im vollen Umfang zugängHch sein. Das Haupt- 
interesse dürften außer stimmungsvollen Motiven aus der 
Juralandsch.ift und dem Eichstätter Gebiete die zahllosen 
Kinderszenen und Studien in Anspruch nehmen, die 
ja Kieners Ruf auch als Illustrator am w-eitesten ver- 
breitet haben. Erst die Fülle dieses Nachlasses gewährt 
einen EinbUck in das unendlich fleißige Schaffen des 
stillen, bescheidenen Meisters und läßt zugleich erkennen, 
wieviel schöne Pläne und Entwürfe seine Seele erfüllten. 
Leider mußten sie größtenteils unausgeführt bleiben, 
Opfer, welche der Meister der Pflichttreue des uner- 
müdlichen Lehrers gebracht. — — Die christliche 
Kunst wird über den Künstler einen illustrierten Auf- 
satz veröffentlichen. 

Zwei neue Denk^näler an der Wiener Uni- 
versität. — Im Arkadenhofe der Wiener Universität 
wurden in der letzten Zeit zwei neue prächtige Denk- 
mäler aufgestellt. Eines derselben galt dem verblichenen 
Gelehrten Professor Dr. Leopold Oser. Es ist 



28 



BÜCHERSCHAU 



von Bildhauer Karl Wollek ausgeführt und besteht 
aus einem anderthalb Meter hohen grauen Marmorsockel, 
auf dem die naturgetreue Büste des Verstorbenen in 
weißem Marmor ruht. Die Inschrift lautet: . Leopold Oser, 
Professor der internen Medizin 1858 — 1900«. Das zweite 
Denkmal ist dem Andenken des Staats rechtslehrers 
Dr. Karl Theodor von Sternegg geweiht, von 
Bildhauer Edmund Klotz-Fecht geschaffen. R. 

Bau einer katholischen Frauen- Friedens- 
kirche zu Frankfurt a.M. — Um ein Denkmal zur 
Erinnerung an den Weltkrieg zu erachten, das den 
späteren Jahrhunderten bekunden soll, mit welcher Liebe 
und Treue die katholischen deutschen Frauen und 
Jungfrauen ihrer Gefallenen gedenken, haben mehrere 
Frauenorganisationen den Bau einer katholischen Frauen- 
Friedenskirche beschlossen, die in einer armen Vorstadt- 
gemeinde (West) zu Frankfurt a. M. errichtet werd'en soll. 

Kaiser-Franz-Joseph-Denkmal fürWien. Im 
Wiener Rathause haben in jüngster Zeit vertrauliche Be- 
sprechungen stattgefunden, die der Errichtung eines 
Kaiser-Franz-Joseph-Denkmals nach dem Kriege 
gegolten haben. V'eranlaOt wurden diese Beratungen 
durch ein Projekt des Professors Friedrich Oh- 
mann, das jetzt der Öffentlichkeit übergeben wurde. 
Der Künstler plant für das im großen Stile herzustel- 
lende Denkmal eine architektonische Anlage mit Einbe- 
ziehung der Votivkirche. Die Kosten aber würden sich 
auf nicht weniger als neun Millionen Kronen belaufen. 
In den Hallen und Arkaden der Anlage soll durch Bil- 
der, Reliefs und Statuen das Zeitalter des Kaisers von 
1848 bis 1916 mit besonderer Beziehung auf die Ent- 
wicklung der Stadt Wien zur Darstellung gelangen. 
Das Projekt Ohmanns würde den Malern und Bildhauern 
Wiens reiche Gelegenheit zu bedeutenden Aufgaben 
bieten. Auch die vielumstrittene Platzfrage für das Denk- 
mal wäre der Lösung zugeführt: der Platz vor der 
Votivkirche. Kirche und Park kämen in Verbindung 
mit der architektonischen Anlage, deren Mittelpunkt die 
Figur des Kaisers, im Thronsesscl sitzend, bildet. Maß- 
gebende Persönlichkeiten der Gemeinde Wien haben 
nunmehr das Projekt Ohmanns einer näheren Besichti- 
gung unterzogen. Anderseits wird von vielen Künstlern 
und einflußreichen Kunstkreisen die Ausgestaltung des 
Platzes vor der Kaiserlichen Hofburg empfohlen. An 
Stelle des gegenwärtigen Burgtores soll das Kaiser- Franz 
Joseph -Denkmal treten, das dann dem prächtigen Maria 
Theresia -Denkmal von Zumbusch gewissermaßen gegen- 
über zu stehen käme. Der letztere Plan dürfte, künst- 
lerisch und architektonisch gedacht, vor dem Projekte 
Ohmanns manchen Vorziig haben. R. 

Münchener Kunstausstellung im Glas- 
palast 1918. — Sie wird von der Münchener Künstler- 
genossenschaft im Verein mit der Münchener Secession 
veranstaltet. Die Jury wird getrennt ausgeübt von einer 
durch die Künstlergenossenschaft gewählten Kommission 
und von dem Ausschuß der Secession. Die Werke der 
genannten Künstlergruppen werden in getrennten Räu- 
men mit eigenen Eingängen ausgestellt. Die Ausstellung 
dauert vom i.Juli bis Ende September, je nach Um- 
ständen noch in den Oktober hinein. 

Ferdinand Hodler starb am 19. Mai im Alter von 
65 Jahren m Genf. Er ist am 14. März 1853 zu Gurtzelen 
im Kanton Bern geboren. 

Für Herrn Pfarrer Martin in Baden-Baden 
malte AlbertFigel eine Ma Jonna als Friedenskönigin. 
Das Kunstwerk bleibt im Privatbesitz des Auftraggebers. 



Donauwörth. — Die pädagogische Stiftung Cassia- 
neum in Donauwörth ließ durch die dortigen Domini- 
kanerinnen ein Meßgewand nach einem Entwurf von 
Augustin Fächer (München) ausführen. 

Ellwangen. — Die kleine Stadt Ell wangen ( Württbg.) 
besitzt seit einigen Jahren eine hübsche Altertumssamm- 
lung, die im Schloß untergebracht ist. .^uch unterhält 
sie eine ständige Ausstellung von Werken zeitgenössischer 
Kunst. Über die Stiftskirche hielt Herr Generalkonser- 
vator Dr. Georg Hager (München) anläßlich eines Mu- 
seumskurses am 15. Mai einen begeisternden Vortrag. 



BÜCHERSCHAU 

Marie EHenrieder als Künstlerin. Von Frau 
Klara Siebert. Verlag Herder, Freiburg. M. 2.40. 

Man sollte der Biographie eines Künstlers immer alle 
von ihm existierenden Bildnisse mitgeben. Daß das 
schöne Buch Klara Sieberts sich auf die Wiedergabe 
des einen jugendlichen Selbstporträis Marie Ellenrieders 
beschränkt, ist im Interesse des Lesers zu bedauern, den 
^ie warme Schilderung der Biographie zu lebhafter 
persönlicher Teilnahme erregt. Auch die Werke der 
EHenrieder sind für solche Monographie zu sparsam 
ausgeteilt, das Werkchen ruft gebieterisch nach einer 
Ergänzung und Vervollständigung. Der Text des Buches 
ist von klassisch gedrungener Einfachheit und erschöpft 
seinen Gegenstand trotzdem. Liebevolles Eingehen und 
herzliches Verständnis der edelen Madonnenmalerin 
aus der Schule der Nazarener ist ihm nicht abzu- 
sprechen. Das Zeitmilieu ist in knappen Strichen klar 
gezeichnet, nirgends eine Spur des Überflüssigen. Wir 
haben es mit einem tiefinnerlichen Frauentalente zu tun, 
dem Fürstengunst und gütiges Interesse, dem Lehrer 
und Mitstrebende den Weg ebneten, dessen Kämpfe 
und große Erlebnisse im Bereich der Seele sich voll- 
zogen, dessen künstlerische Signatur aus Gewissen- 
haftigkeit, Anmut und Wahrhaftigkeit besteht. Rom, 
München, Florenz, Assisi Perugia waren die entschei- 
denden Erlebnisse der Emporstrebenden. Von mitleben- 
den Künstlern gewannen der verklärte Overbeck den 
nachhaltigsten Einfluß auf ihr Schaffen. 

Neben reizvollen und feinen Porträts gelangen ihr 
entzückende Kinderstudien. Ihre Engel wetteifern an 
zarter Schönheit mit denen des Fiesole. Als Mensch 
erscheint die EHenrieder hebenswürdig, gütig, wohltätig. 
Klara Siebert zieht eine Parallele zwischen dem Schaffen 
der Malerin und dem der Dichterin Annette von Droste. 
Das erinnert an die herrhche Vergleichung Hermann 
Grimms, in welcher er Savonarola und Fiesole einander 
gegenüberstellt. Auch bei den zwei großen Frauen die 
große Verschiedenheit der Temperaments. Daß die 
Droste, die häufige Bewohnerin der Meersburg, und die 
Konstanzer Künstlerin nie zusammentrafen, scheint aller- 
dings fast unbegreiflich, noch unbegreifhcher ist, daß 
die EHenrieder, die in den Memoiren von A. v. Rings- 
eis erwähnt wird, nie mit der Baseler Malerin und Kon- 
vertitin, der späten Muse Brentanos, Emilie Linder, 
bekannt ward. Das Kongeniale der beiden frommen und 
hochbegabten Frauen fällt beim ersten Blick ins Auge. 
Überhaupt welch ein leuchtender Kreis katholischer 
Frauen zu Anfang des 19. Jahrhunderts: Emilie Linder — 
Bettina Brentano, Apollonia Diepenbrock, Marie EHen- 
rieder, Annette von Droste, Luise Hensel usw. und doch 
wie gering im Ganzen der seelische Zusammenschluß 
und die gegenseitige künstlerische Förderung. 

M. Herbert 



Für die Redakli 



Gc5cllschaft für 



;tliche Kunst, GmbH. 



BEILAGE 



WIENER KUNSTBRIEF 



WIENER KUNSTBRIEF 

Die Frühjahrs-Ausstellungen der Genossen- 
schaft der bildenden Künstler und der Se- 
cession. Religiöse Kunst im Stift Kloster- 
neuburg. Verschiedenes. Versteigerungalter 

religiöser Kunst im Dorotheum. 
A m 50. April gelangte die diesjährige Frühjahrs- Aus- 
Stellung im Künstlerhause zur Eröffnung. Die Aus- 
stellung zeigt einen äußerst friedlichen Charakter und 
nur die eine oder andere Skizze vom Kriegsschauplatz 
deutet auf die Ereignisse hin, die sich in der Welt ab- 
spielen. Bildnis und Landschaft beherrschen wie immer 
das Feld und die bekannten Vertreter dieser Kunstgat- 
tungen haben sich in gewohnter Weise eingestellt. Keine 
neuen Persönlichkeiten, keine neuen Ideen, nichts, was 
weder in gutem nocli im schlechten Sinne Anlaß gäbe, 
sich nach dem Besuche mit dem Werke oder seinem 
Urheber eingehender zu beschäftigen, kein Anlali zu 
Lobeserhebungen, kein Grund zum Tadel, vieles sogar 
recht gut. Die religiöse Kunst ist nur ganz vereinzelt 
anzutreffen, so in Walters >Das Christkind als 
Erlös ert, in etwas gesuchter Manier der Frührenais- 
sance gemalt, und in einigen Plastiken, von welchen 
die Gipsentwürfe >Die sieben Schöpfungs- 
tage« für die in Kupfer treibung ausgeführte Bekrönung 
des Hauptlüsters der Kirche in Floridsdorf von Bild- 
hauer Edmund Klotz besonders hervorzuheben sind. 
Von dem gleichen Künstler wurde auch der prächtige 
Hochaltar dieser Kirche mit der Madonna und Herzog 
Leopold nebst seiner Gemahlin geschaften, der in Heft 7 
des Jahrgangs 1916 in einer Kunstbeilage unserer Zeil- 
schrift zur Wiedergabe gelangte. An Strassers poly- 
chromem »Bischof« muß die mühevolle Klein- 
arbeit bewundert werden, die er diesem auch als Ganzes 
recht würdigen Kunstwerk angedeihen ließ. 

In der J üb iläums- Auss t ellun g der »Seces- 
sion«, der 50. Bilderschau, herrscht im allgemeinen die 
Landschaft vor. Was diese Ausstellung im großen ganzen 
bietet, zeigt keinen irgendwie gearteten Wendepunkt 
im künstlerischen Leben dieser Vereinigung. Nach der 
Jugend mit ihren revolutionären Bestrebungen, nach 
einer Ausstellung expressionistischer Experimente sind 
nun die Angelangten wieder versammelt, die zur Klar- 
heit und zu einer Zusammenfassung ihres Könnens sich 
durchrangen und die jetzt in uns ein Verwundern auf- 
kommen lassen, daß auch ihre Anfänge von Kampf und 
Widerständen begleitet sein mußten. Wohl ist hier noch 
Kunst aus dem Lebendigen der Zeit heraus, immer 
noch sucht der eine oder andere nach einem neuen Weg, 
den meisten aber ist bereits ein mehr oder minder kon- 
servativer Zug eigen; die diesjährige »Secessions« -Aus- 
stellung schließt auch einen Gast in sich, den obdach- 
losen H a g e n b u n d. 

Im Hauptsaal dominiert Egger-Lien& mit seinen 
»Stürmenden Soldaten«. Mehr als die heroische 
Geste und als jede Verherrhchung des Heldentums gibt 
uns dieses Bild Seele und Wesen des Krieges. Es hat 
die große, lapidare Handschrift dieses Künstlers, die 
Kraft eines Hochgebirgsmenschen, eines dramatischen 
Gestalters. Im übrigen gibt es viele schöne Landschafts- 
bilder und Interieurs von Harlfinger, Grom-Rott- 
mayer, Nowak, Kah r er, Joset S t oigne r , Wei- 
dinger, Alfred Pöll, Roux, Gelli ene gger, 
Jettmar, Thiemann, P autsch und anderen; auch 
auf plastischem Gebiet ist manche gute Arbeit zu finden, 
so von Barwig und Stemolak. Auch die rehgiöse 
Kunst hat einige recht anerkennenswerte Schöpfungen 
aufzuweisen. Vor allem Friedrich König, der in 
seinen Christus- und Heiligenbildern innig-reli- 
giöse Stimmung hervorruft, fast ein ebenso guter lyri- 
scher Poet wie Maler. Die einfachen religiösen 



Szenen Liebenweins weisen eine hohe Vollendung 
der Darstellung auf. Das Ecce homo von Friedrich, 
ein »Christus über das Seh lac h t l'el d schrei- 
tend« hinterläßt eine tiefe Wirkung. Auch der »gra- 
phische« Teil der Ausstellung ist sehr zufrieden- 
stellend vertreten und interessante Buchschmuck- 
Entwürfe wie Einbände geben dem Fachmann wie 
Laien ein übersichtliches Bild über den foitschreiienden 
guten Geschmack, der sich auf diesem Gebiete erfreu- 
licherweise feststellen läßt. Prächtige Farbenholz- 
schnitte von Thiemann, vorzügliche Arbeiten von 
Martin, eines Schülers von Professor Schmutzer, sowie 
einzelne kunstgewerbliche Gegenstände ver- 
vollständigen den guten und gediegenen Eindruck, den 
diese Jubiläums-Ausstellung hinterläßt. 

Eine Gemälde- und Antiquitäten- Auktion, 
die in künstlerischer Hinsicht weit über das üblich 
Gebotene hinausreicht, veranstaltete das Kunsthaus 
Albert Kende. Drei Original-Gemälde von 
der HandvonAntonvanDyck, darunter ein Chri- 
stus am Kreuz, betrauert von Maiia, Johannes 
und Magdalena. Dieses Bild weist die Stilnierkmale 
der mittleren Schaffenszeit des großen Flamen, das ist 
etwa 1650, auf. Sein herrlich leuchtendes Kolorit, die 
wundervolle Modellierung des ('hristuskörpers mit seiner 
trefflich zum .Ausdruck gebrachten, eingetretenen Schlaff- 
heit der Muskeln, lassen es als eines der prachtvollsten 
Bilder seiner Zeit erscheinen. Ferner bot diese Auktion 
eine hervorragend schöne Kreuzigung von Pieter 
Brueghel und zwei süddeutsche Altarllügel 
um 1500, wohl unter dem Einflüsse Michael 
Pachers entstanden, des weiteren zwei Kirchen- 
Interieurs des Schweizers Stöcklin; d.iß hier- 
lür auch entsprechende Preise erzielt wurden, ist wohl 
überllüssig festzustellen. 

Eine ebensogroße wie künstlerisch bedeu- 
tungsvolle Überraschung bot .sich demjenigen 
Besucher des berühmten Stiftes Klosterneu- 
burg, der in jüngster Zeit das von dem kunstsinnigen 
Markgrafen Leopold gestiftete Münster betrat. Em 
großer Künstler Ahösterreichs wurde der Vergangen- 
heit entrissen: Das Altarwerk Matthias Steinls, 
das sich seit Jahrzehnten in Rumpelkammer und Dach- 
boden befand. An der gleichen Stelle, wo ein in die 
Architektur des Hochaltar baues widersinnig eingepreßtes 
Marmortabernakelgehäuse in grellem Widerspruch mit 
dem großartigen Saulenwerk und den gewaltigen Statuen 
stand, erhebt sich nun ein B aroc k taber n akel, der 
in der Reihe ähnlicher österreichischer und ausländi- 
scher Werke seinesgleichen wohl nicht so leicht linden 
dürlte. Hatte schon eine andere Schöpfuiig des Meisters 
nach langer Ruhe in Schutt und Staub vor einigen 
Jahren seinen ihm vom Künstler vorherbestimmten Ehren- 
platz bekommen — es war dies der predigende 
Christus auf dem Kanzeldeckel der Stifts- 
kirche — , so ließ man nun auch diesem Werke volle 
Gerechtigkeit widerfahren. 

- Die letzte der dies] ährigen Kunstversteige- 
rungen, die im Dorotheum vor dessen Sommer- 
pause stattfindet, wird eine dei interessantesten sein, die 
jemals in Wien stattfand. Es ist die Sammlung Franz 
Thill, die zum ^'erkauf gelangt. Sie enthält nämlich, 
was in Wiener Sammlungen mit Ausnahme der be- 
rühmten Kreuzensteiner- Sammlung des Grälen Hans 
Wilczek und der Sammlung Figdor nur sehr selten zu 
finden ist, vorzugsweise Werke der romanischen und 
gotischen Zeit, h aup tsächl ich »Ki rch I i che Kun st» 
sowie Arbeiten der Früh- und Hochrenaissance. Werke 
des 10. und 11. Jahrhunderts sind zahlreich vertreten. 
In der ungefähr tausend Nummern zählenden Samm- 
lung gibt es vorzüglich Werke der kirchlichen- 
Innenkunst, Kreuze, Kelche, Monstranzen, Reliquien- 



Die christliche Kui 



DIE KUNST DEM VOLKE — EIN BILD DER PATRONA BAVARIAE 



Ne 



behälter, Holzbildwerke, Kirchengewänder, Elfenbein- 
schnitzereien, Plaketten und Medaillen, Werke byzanti- 
nischer, deutscher, italienischer und niederländischer 
Maler des 15 — 18. Jahrhunderts, Arbeiten in Holz, Perl- 
mutter usw. Zu 'den wertvollsten Werken gehören ein 
Altarl'lügel aus dem Anfang des 16. Jahrhun- 
derts, eine süddeutsche Arbeit, prächtige Kirchen- 
ge wander aus dem 15. und 16. Jahrhundert, 
eine Holzgruppe, darstellend die Kreuzabnahme 
(eine niederösterreichische Arbeit aus dem ]6. Jahr- 
hundert), eine Gruppe von Plaketten — 14 Stück — 
mit Darstellungen aus dem Leben Christi, 
wahrscheinlich Augsburger Arbeit um 1550, auch sonst 
viele seltene Schaumünzen, Bronzeplastiken verschie- 
denster Art, kurzum eine Vereinigung von Kostbarkeiten 
von fo selten großem Umfang, wie sie das Auge des 
Sammlers sonst nur sehr sporadisch finden dürfte. 



DIE KUNST DEM VOLKE 
DER DOM ZU KÖLN 
Von Dr. A. Huppertz 

[eben der Malerei, die andauernd die erste Stelle be- 
hauptet, und der bisher weniger zum Wort gekomme- 
nen Plastik, tritt in der > Kunst dem Volke« neuerdings die 
Baukunst stärker hetvor. Den älteren Heften über die 
mittelaherlichen und nachmittelalterlichen Kathedralen ist 
eine Monographie über die deutsche Burg gefolgt. Nach 
dieser haben die Schriften über die Dome von Bamberg, 
Mainz und Worms die Aufmerksamkeit wieder auf die Herr- 
lichkeiten alter deutscher Kirchenarchitektur gelenkt. Daß 
jetzt schon nach kurzem Zwischenraum eine Mono- 
graphie über den Kölner Dom herausgekommen ist, be- 
weist das Vorliegen eines bestimmten Planes, der darauf 
ausgehen dürfte, die Geschichte der deutschen kirch- 
lichen Baukunst an einer Auswahl ihrer wertvollsten 
Schöpfungen darzulegen. Man darf der Idee gerne zu- 
stimmen und ihr rasche Verwirklichung wünschen. 
Werden diese Hefte vielleicht auch nicht den weiten 
Verbreitungskreis finden, wie die Mehrzahl der die 
Malerei behandelnden, so haben sie doch ein Recht auf 
Anerkennung ihres Unterrichtswertes,, auf den hier nach- 
drücklich hingewiesen sei. Auch die Verfasser der Hefte 
weiden sich ihn als das wesentlichste Moment vor 
Augen halten müssen; der ästhetische Genuß tritt ihm 
gegenüber in den Hintergrund. Trotz der Knappheit 
der Texte braucht kein .-Knlaß versäumt zu werden, um 
Aufklärung und Belehrung auch über Einzelheiten zu 
geben. Je mehr da.'on, um so dankbarer werden die 
Scliriften begrüßt werden. Mit diesen Worten sollen 
die \'erdienste des vorliegenden Hefies in keiner Weise 
geschmälert werden. Im Gegenteil, es ist als eine gute 
Leistung anzuerkennen, die das Wichtigste, was über 
ein so außerordentlich großes Thema zu sagen war, 
enthält und es in angenehm lesbarem Vortrage dar- 
bietet. Die 81 sorgfältig ausgewählten und bestens nach- 
gebildeten Illustrationen liefern ausreichende Anschauung. 
Im Texte hätte noch auf einzelnes hingewiesen werden 
dürfen, was übergangen worden ist. So namentlich auf 
den Einfluß und die Bedeutung der niederländischen 
Nachbarschaft, die sich bei einer Anzahl von Piastiken 
(z. B. dem Agilolphusaltar, dem Croyschen Epitaph usf.) 
deutlichst zu erkennen gibt. Bei der Darstellung einer 
Kirche in dem Evangeliar des Hillinus hätte auch am 
.Schlüsse des Heftes festgehalten werden müssen, daß 
die .Annahme, die dort dargestellte Basilika sei der alte 
Kölner Dom, doch nicht mehr als Vermutung ist. Von 
derlei Einzelheiten abgesehen, sind die Darlegungen des 
Verfassers wissenschaftHcli unanfechtbar, klar und über- 
sichtlich. In allen wichtigen Zügen wird die lange Ge- 
schichte des Kölner Domes berichtet. Die des jetzigen 



Gebäudes beginnt mit dem 1248 für den Bau gefaßten 
Beschlüsse; die einer Domkirche zu Köln überhaupt be- 
reits ein Jahrtausend zuvor, vielleicht schon am Ende 
der apostolischen Zeit. Karl der Große sah den Kölner 
Dom an der gleichen Stelle stehen, wo der jetzige zum 
Himmel ragt. In romanischer Zeit war er vermutlich 
eine doppelchörige, viertürmige Basilika, die sich, mehr- 
fach hergestellt, bis an die Grenze der gotischen Epoche 
hielt und infolge der 1164 erfolgten Überführung der 
hl. drei Könige eine der berühmtesten deutschen Wall- 
fahrtsstätten war. Den Neubau des jetzigen Domes be- 
gann Meister Gerhard. Bis ans Ende des 15. Jahr- 
hunderts ging die Ausführung langsam vorwärts, stockte 
dann gänzlich, wurde erst im 19. Jahrhundert wieder auf- 
genommen und 1880 zu Ende gebracht. An die aus- 
führhche SchiWerung dieser Entwicklung schließt sich 
der Beschrieb des Domes in allen seinen wesentlichen 
Teilen, dann der seiner Kunstschätze: Altäre (von denen 
der Klarenaltar der berühmteste ist), Churgestühle, 
Malereien, Plastiken, Glasgemälde usw. Ausführlich ge- 
schildert wird endlich die Schatzkammer. Sie birgt 
Kostbarkeiten von unermeßlichem Werte. So vor allem 
den hochberühmten Dreikönigsschrein des Meisters Ni- 
kolaus von VerduD, von dem auch die herrliche Altar- 
tatelim Stiltezu Klosterneuburgstammt. Das Abbildungs- 
material begleitet die Ausführungen des Textes. Als be- 
sonders hervorragend erweisen sich auch diesmal wieder 
die Photographien der Berliner K. Meßbildanstalt. Wer 
den Kollier Dom nicht mit eigenen Augen gesehen hat, 
muß von seiner Schönheit auch im Bilde hingerissen 
sein. Wieviel mehr der, welcher das Glück hat, ihn zu 
kennen, in den von dem Verfasser hochgepriesenen 
Standen der großen gottesdienstlichen Feiern in ihm 
zu weilen. Aber auch, wie es mir mehr denn einmal 
beschieden war, im Dunkel frühester Morgenstunde, 
wenn nur hier und dort in dem mächtigen Räume die 
Kerzen eines Seitenaltars flimmern und durch das tiefe, 
vom feinen Silberschall der Meßglöcklein durchzitterte 
.Schweigen die Geister unvergleichlicher Vorzeit ge- 
heimnisvoll zu unseren Herzen sprechen. 

Dr. F. Hileenrolh 



EIN BILD DER PATRONA BAVARIAE 

T^aß die Himmelskönigin als Beschützerin Bayerns ver- 
ehrt wurde, laßt sich aus dem Anfange des 17. Jahr 
hunderts nachweisen. Diese Verehrung zur kirchlichen 
Einrichtung und einen bestimmten Festtag dafür ein- 
geführt zu haben, geholt zu den Taten des Papstes 
Benedikt XV. Die in dieser Weise gesteigerte Vereh- 
rung macht es leicht verständlich, daß die Aufmerksam- 
keit des katholischen Bayernvolkes sich jetzt auch mehr 
denn früher den bildlichen Darstellungen der Schützerin 
zuwendet. München besitzt aus älteren Zehen etwa zwei, 
beides ausgezeichnete Kunstwerke. Das eine ist die an 
der Westfront der K. Residenz in einer Nische aufge- 
stellte Figur der Mutter Gottes, die andere steht 
auf der Säule, die den Marienplatz schmückt. Dichtester 
Verkehr der Großstadt umwogt sie und doch wird 
dieses Meisterwerk der Bildnerei und des Bronzegusses 
von den wenigsten Vorüberziehenden beachtet. Die 
Gesellschaft für christliche Kunst hat sich das Ver- 
dienst erworben, die edle Schönheit dieser Bildsäule 
durch Herausgabe einer in Gravüre ausgeführten Ab- 
bildung zum ersten Male eigentlich bekannt zu machen. 
Das treffüche Gelingen des Bildes darf um so mehr an- 
erkannt werden, als die photographische Aufnahme in- 
folge des hohen Standplatzes der Figur nur unter be- 
trächtlichen Schwierigkeiten möglich gewesen sein kann. 
Sie behauptet jenen seit dem Jahre 1638, nachdem sie 
zuvor über dem Hauptaltare der Frauenkirche gestanden 



VER\USCHTE NACHRICHTEN 



war. Der Entwurf stammt offensichtlich von einem 
Meister ersten Ranges, höchst wahrscheinlicli von dem 
seit dem Ende des i6. Jahrhunderts als Hof bildhauer 
in München tätigen Pieter de Witte (Peter Candid), als 
Gießer des Werkes kann schwerlicli ein anderer in Be- 
tracht kommen als der Weilheimer Hans Krumper. Die 
bronzene, zu wiederholten Malen vergoldete Figur ist 
2,25 m hoch und i m breit, und steht auf dem gleich- 
falls, bronzenen Kapital der aus rotem Marmor gefer- 
tigten Säule. Hoheitvoll, feierlich ist die Haltung der 
heiligen Jungfrau, lebhaft und feurig die des göttlichen 
Knaben. In seiner Bewegung meldet sich das Heran- 
nahen des B-irock, während die der Marienligur noch 
die abgeklärte Ruhe der reinen Renaissancekunst auf- 
weist. Wunderschön ist der Fluß der Falten des unter 
der Brust gegürteten Gewandes, nicht minder die An- 
ordnung des Mantels, der, von den Schultern herab- 
fließend, über das deutlich sichtbare Knie des (rechten) 
Spielbeines emporgeraflt ist und hinter dem auf dem 
linken Arme sitzenden Kinde seinen Halt findet. Ent- 
zückend ist die Bewegung des aufgerichteten rechten 
Unterarmes, dessen Hand mit überirdischer Leichtig- 
keit das Zepter emporhält. Herilich mild und edel 
ist der .\usdruck des .\nthtzes. Von dem schönen be- 
krönten Haupte fließen lange volle Locken sanft über 
die Schultern hernieder. Die Lebhaftigkeit des Kindes 
bildet zu dieser Ruhe Gegensatz und Ergänzung. Wäh- 
rend der Oberkörper sich ein wenig nach links dreht, 
ist der liebliche Kopf nach der entgegengesetzten Seite 
gewandt ; die Beine üherkreuzen sich vor dem rechten 
Schienbein, so daß die Linie des rechten Unterschenkels 
nach links verläuft und der Wendung des Kopfes das 
Gegengewicht hält. Dierechte Hand istsegnend erhoben, 
die Linke trägt die Weltkugel. Prachtvoll ist das korin- 
thische Kapital, auf dem die Bildsäule steht: es ist auf 
dem Kunstblatte mit zu sehen und dient auch hier dem 
ästhetischen Zwecke, der Figur gewissermaßen festen 
Halt für das Auge zu verleihen. Zur besonderen Bei- 
gabe dient dem schönen, recht zum Wandschmucke 
geeigneten Blatt ein zweistrophiges Gedicht als Unter- 
schrift. 

VERMISCHTE NACHRICHTEN 

Preisausschreiben. Die Kath. Gesamtkirchenver- 
waltung München eröffnet imter den in München 
wohnenden katholischen Architekten einen Wettbewerb 
zur Erlangung von Entwürfen für die neue St. Martins- 
kirche in München-Moosach. Die Unterlagen (Lageplan 
und Bedingungen) können im Baubüro der Kath. Ge- 
samtkirchengemeinde München, Nvmphenburgerstr. 38/I, 
Seitenbau gegen eine Gebühr von 2 Mark bezogen werden. 
Für Preise und zum .Ankauf nicht preisgekrönter Ent- 
würfe stehen 9000 .Mark zur Verfügung. Die mit Preisen 
bedachten oder angekauften Entwürfe gehen in das 
Eigentum der Kath. Gesamtkirchengemeinde München 
über. Endtermin für die Einsendungen ist der 31. .\ugust 
191 8, mittags 12 Uhr. 

S. Kgl. Hoheit Prinz Johann Georg von 
Sachsen erwarb aus dem Nachlaß des Historienmalers 
Max Fürst (München) kürzhch dessen geistvollen Zyklus 
>Die sieben Wone Jesu am Kreuze«. 

Maler Georg Kau (München) ist zurzeit mit einem 
Kreuzweg für seine Heimat Neuß beschäftigt. Auch 
hat er ein Herz-JesuBild in Arbeit. 

Leonhard Thema malt gegenwärtig zwei Seiten- 
altarbilder für die neue St. Antoniuskirche zu Ingolstadt 
und zwei Seitenaltarblätter für Kinsau bei Schongau. 



Karl Maria Samberger, der geist\'olle Vater Pro- 
fessor Leo Sambergers, ein feinfühliger Musiker, starb 
am 15. Juni im 97. Lebensjahre. Mehrere Meisterbild- 
nisse seines Sohnes verewigen seine Erscheinung. 

Architekt Franz X. Bommel (München) erhielt 
für seine Leistungen auf dem Gebiete der Baukunst das 
Verdienstkreuz des Ordens vom hl. Michael mit der 
Krone. 

Zum70.Geburtstag desWien er Kupferstechers 
Professor Viktor Jasper. Am 30. März beging der 
Meister des Kupferstichs in Österreich, Kaiserlicher Rat 
Professor Viktor Jasper, seinen 70. Geburtstag, zu 
dem ihm Glückwünsche in Hülle und Fülle zuteil wurden. 
Behörden und künstlerische Korporationen, nicht zu 
mindest seine vielen früheren Schüler wetteiferten, dem 
gefeierten Künstler zu diesem Gedenktage ihre Aner- 
kennung und Verehrung darzubringen. Wenn Viktor 
Jasper auf seine künstlerische Laufbahn zurückbhckt. so 
darf er sich mit Recht gestehen, der Kunst in ihren viel- 
seitigsten Verzweigungen wichtige Dienste geleistet zu 
haben. War es doch »seine< Kunst, die den Kupfer- 
stich, als er fast in Vergessenheit zu geraten schien, 
in seiner österreichischen Heimat wieder zu Ehren brachte 
und in einer großen Reihe her\'orragender Stiche dessen 
Schönheit vor Augen zu führen verstand. Sein Haupt- 
werk >Das Altarsgeheimnis« nach Albrecht 
Dürer ist eine der bedeutendsten Schöpfungen, die aul' 
dem Gebiete des Kupferstichs vollendet wurden. Von 
außerordentlicher Wirkung sind auch seine Stiche >Der 
heilige Sebastian« nach Andrea Montagna, die 
>Sante Justina« nach Moretto, der Porträtstich 
Kaiser Maximilians 1. nach Albrecht Dürer, 
das Bildnis einer alten Frau nach Waldmüller; 
ebenso wertvoll sind Jaspers Zeichnungen des Hol- 
beintisches für die Stadtbibliothek in Zürich, die 
künstlerischen Aufnahmen und Radierungen 
des figuralen Schmuckes im Schlosse Stern 
bei Prag, sein Kopf des Zeus von Dodona nach 
dem Bronze-Original im Wiener Antikenkabinett. Sehr 
bekannt wurde der Künstler auch durch die große An- 
zahl von Porträtstichen berühmter Zeitgenossen aus dem 
Gebiete der Kunst wie Tilgner, Kaspar von Zurabusch, 
Waldmülkr, Feuerbach, Prof Kundmann, Gabriel Max, 
Munkaczy, Führich, Ludv,ig Richter, Canon, Defregger 
und anderen. Aber nicht nur als Gr?phiker, auch als 
Maler genießt Jasper einen wohlbegründeten Ruf; seine 
stimmungsvollen BUder aus dem W'ener Wald zieren 
die Sammlungen fast aller bedeutenden Wiener Kunst- 
freunde. In jüngster Zeit malte der Küastler für die 
allbekannte Gnadenkirche in Mariazell ein großes Altar- 
bild >Die heilige Dreifaltigkeit«, das in seiner 
würdigen, dem erhabenen Motiv angepaßten .'Ausführung 
als ein tüchtiges Werk bezeichnet werden muß. 

Jaspers Können wurde von den Behörden anerkannt 
durch seine Ernennung als Restaurator an die k. k. Ge- 
mälde-Galerie sowie seine Berufung als Lehrer an die 
k. k. Graphische Lehr- und Versuchsanstalt wie auch 
an die k. k. Staatsgewerbeschule in Wien zur Führung 
des kunstgewerblichen Kurses. Rieai 

Nürnberger Kunst in Leipzig. Im Leipziger 
Museum bt eine Ausstellung Nürnberger Künstler, ver- 
anstaltet von der Nürnberger Kunstgenossenschaft, er- 
öffnet worden. Es ist das erstemal, daß Nürnberger 
Künstler den Boden rein lokaler Veranstaltungen ver- 
lassen und vor die breitere Öffentlichkeit treten. Dieser 
Schritt steht in innigem Zusammenhang mit dem Auf- 
schwung, den das Nürnberger Kunstleben in den letzten 
Jahren infolge der Tätigkeit des Albrecht-Dürer Vereins 
— es sei nur an die vorjährige Ausstellung österreichi- 



VERMISCHTE NACHRICHTEN — BÜCHERSCHAU 



scher Künstler erinnert — genomtnen hat. Auch in 
das werktätige Schäften der heimischen Künstler ist 
frisches neues Leben eingezogen. Die Ausstellung ist 
die erste größere Äußerung der Wandlung, die im 
Innern der Kunstgenossenschaft vor sich gegangen ist 
und gewinnt damit die Bedeutung einer Kundgebung. 
Die Ausstellung umfaßt rund 250 Werke der Malerei, 
der graphischen Künste und der Plastik und gibt in 
ihrer bunten Einzelschattierung, die jeden achtbaren 
Künstler mit geringen, in den Zeitverhältpissen begrün- 
deten Ausnahmen zu Wort kommen läßt, ein zusammen- 
fassendes Bild des derzeitigen Standes der auf dem 
sicheren Grunde der Kunst der Alten aufbauenden, 
durchaus fortschrittlich gesinnten neuzeitlichen Nürn- 
berger Kunst. Die Aussiellung, welche von Nürnberg 
aus eingerichtet und der Eigenart ihres Inhalts ent- 
sprechend gehängt wurde, erlebte, wie die große Zahl 
der Ankäufe bereits am Eröffnungstage dartut, einen 
vollen Erfolg. 

Die Neuerwerbungen der S taatsgalerte in 
Wien. Von besonderem Interesse sind die in den letzten 
Jahren erworbenen Schätze aus den vergangenen Jahr- 
hunderten, welche gerade auf dem Gebiete der 
religiösen Kunst ganz hervorragende Werke 
aufweisen. Hierher gehört eine > Marter des hei- 
ligen Thiemo< von einem Wiener Meister des 
15. Jahrhunderts, >(^hristi Abschied von den 
Frauen< von Wolf Huber aus dem Jahre 1519, 
des ferneren zwei bisher unbekannte Bilder — die 
-Vorder- und Rückseite eines Teiles eines 
»Altarwerkes« von Michael Fächer, gleichfalls 
aus dem 1 5. Jahrhundert, die den Tiroler Meister 
glänzend repräsentieren. Ein ganz wundervolles Werk 
ist auch die >M adonna« eines noch älteren 
Meisters, der südböhmischen .Malerschule. 
Markig und von würdevoller Beseelung eine »Anbe- 
tung der heiligen drei Könige« von einem Nord- 
tiroler. Von einer großartigen Einfachheit im Auf- 
bau, die Schlichtheil ist hier zur Feierlichkeit erhoben, 
— aus der gleich alten Epoche — sind auch d i e 
plastischen Werke steierischer und Tiroler 
Holzfiguren, u. a. eine steinerne »Pietä«. Der größte 
Teil der Neuerwerbungen besteht natürlich aus W erken 
des neunzehnten Jahrhunderts. Was dieses künstlerisch 
hervorbrachte, davon gibt uns eine kleine Wanderung 
von Marceo Daumier und Cezanne bis zu den Strö- 
mungen, die noch die Kunst unserer Tage beherrschen, 
einen Beweis. KicinrJ KicJl 

Ausstellung türkischer Maler in Wien. Ein 
Ereignis von besonderer künstlerischer Eigenart bildet 
für Wien die überaus interes.sante »Ausstellung türki- 
scher Malen im Festsaal der Universität auf 
dem Franzensring, deren Ertrag dem Roten Halbmond 
und dem Roten Kreuz zugute kommt. Es sind durch- 
weg ganz schätzbare Leistungen. In der Hauptsache 
haben sich auch die türkischen Gäste ganz der Schule 
des Abendlandes angeschlossen, so daß ihre Sonderheit 
mehr oder minder nur in den Sujets hervortritt, r. 

Eine neue Wiener Kunst Vereinigung. Zu 
den alten bekarmten Wiener Kunstvereinigungen hat 
sich nunmehr eine »neue« gesellt: »D i e Bewegung«, 
ein Name, der nach den verschiedensten Seiten hin ge- 
deutet werden kann. Ein Kreis junger und gewiß auchstreb- 
samer Talente hat sich zusammengeschlossen, um der 
Öffentlichkeit etwas näher bekannt zu werden, da ja 
die Förderung von außen her doch viel zu wünschen 
übrig läßt. Die neue Vereinigung ist keine himmel- 



stürmende neue Schule noch sonst etwas dergleichen, 
sondern einfach ein Kunstverein, der tüchtigen Persön- 
lichkeiten den Weg durch das dornenvolle künstlerische 
Dickicht zu bahnen sucht Die erste Ausstellung 
der »Bewegung« bei Ken de läßt immerhin jet/t 
schon manches Gute erwarten. Neben einigem Kadi- 
kalisrpus auch viel Poetisches; Landschaft, Portiät, Siill- 
lehen, auch Graphik, alles ist reichlich vertreten, so daß 
sie sich von den übrigen .Ausstellungen nicht sonderlich 
unterscheidet. r. 

Maler Rudolf Hausleithncr und Maler Rudolf 
Fuchs in Wien f. Gerade an seinem 78, Geburts- 
tage verschied der vielgesuchte Porträt- und Genre- 
Maler Rudolf Hausleithncr. Er war eines der ältesten 
Mitglieder der Genossenschaft bildender Künstler Wiens, 
als Künstler wie auch als Mensch in gleichem Maße 
geschätzt. Seine Werke sind in den meisten öffentlichen 
Galerien und in last jeder bedeutenderen Privatsamm- 
lung vertreten. Ferner starb im 50. Lebensjahie der 
Maler Rudolf Fuchs. Vor einiger Zeit zum Militärdienst 
einberufen, zog er sich ein Herzleiden zu, dem er jetzt 
in einem Reservespital erlegen ist. Bekannt wurde er 
durch seine »Madonna«, die speziell in Wien in sehr 
vielen Häusern zu finden ist. Kaiser Franz Joseph er- 
warb seinerzeit das prächtige Gemälde »Frohsinn«, das 
anläßlich seiner Ausstellung in Wien viel bewundert 
wurde. 

BÜCHERSCHAU 

Ulmer Kunst von Dr. Julius Baum. XXXll Seiten. 
8°. Stuttgart und Leipzig 191 1, Deutsche Verlagsanstalt. 

Nicht an Kunstgelehrte, sondern an die Kreise des 
kunstfreundlichen Laienpublikums wendet sich dieses 
im Auftrage des Linier Lehrervereines verfaßte Buch 
des bekannten Erforschers der schwäbischen Malerei 
und Plastik. Gerade die Ulmer Kunst bedurfte schon 
lange einer derartigen, volkstümliche Zwecke verfolgen- 
den Bearbeitung, denn trotz der ausgezeichneten Eigen- 
schaften ihrer Werke war sie doch allzu wenig bekannt 
und gewürdigt. Abhilfe zu schaffen unternimmt der 
ebenso verstandliche wie wissenschaftlich gründliche 
Text; er beschränkt sich auf das Notwendigste, ver- 
meidet es, auf Streitfragen und Hypothesen einzugehen 
und weist diejenigen, welche sich hierfür interessieien, 
auf die Fachliteratur hin. Ein wichtigster Zweck der 
Baumschen Darlegungen ist, erläuternd auf die Ai'bil- 
dungen (96 Tafeln und viele Textillustrationen) liiizu- 
weisen. Dieses Bildermaterial genügte freilich bei wei- 
tem nicht, um alles zu zeigen, was dessen wert gewesen 
wäre ; es mußte also von Architekturbildern, sowie .luch 
von der Wiedergabe mehrerer Werke Umgang genom- 
men werden, die bereits anderweitig brauchbar veröffent- 
licht sind. Dafür aber erscheint eine Reihe wichtigster 
Bilderzyklen von Ulnier Herkunft in schöner Vollstän- 
digkeit und vortreffliclier Wiedergabe. Man sieht Mult- 
schers Wurzacher und Sterzinger .-Mtar, Schüchlins Hoch- 
altar von Tiefenbronn, Stockers Knöringer Altar, Zeit- 
bloms Kilchsberger und Bingener .Mtarwerke, den Ulmer 
Wengenaltar, die Altäre von Eschach, Heerberg und 
.Vdelberg, Schaffners Hutzaltar im Ulmer Münster und 
den Wettenhausener Altar, Einzelfiguren des älteren 
Syrlin und vieles andere Wertvolle, welclies sich teils 
noch am alten Orte, teils in auswärtigen Sammlungen 
befindet. Der Überblick reicht chronologisch von der 
Grundsteinlegung des Ulmer Münsters bis zur Renais- 
sance. Dem trefflichen Werkchen, welches noch dazu 
recht wohlfeilen Preis hat, darf weite Verbreitung ge- 
wünscht werden. Docring 



Für die Redakti 



■tlich : S. Siaiidh 



xLi-j der Gesellschaft für christliche Kunst, GmbH, 
iliche in München 



N Die Christliche Kunst 

7810 

C48 

Jg.U 



PLEASE DO NOT REMOVE 
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