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Full text of "Die deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914"






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Die 
Deutfchen Dokumente 
zum Kriegsausbruch 

1914 




Herausgegeben 
im Auftrage des Auswärtigen Amtes 



Diese mit dem Reichsadler versehene 
Sonderausgabe wird ausschließlich für die 
VERTRIEBSSTELLE FÜR NATIONAL-LITERATUR 
in Berlin-Schöneberg, Wexstraße 2, 
hergestellt und allein von ihr in ihren 
eigenen Originaleinbänden vertrieben. 
Durch den Buchhandel ist diese Ausgabe 
nicht zu beziehen. 



Die 

Deutschen Dokumente 

zum Kriegsausbruch 

1914 

Herausgegeben im Auftrage des 
Auswärtigen Amtes 



19 2 1 



DEUTSCHE VERLÄGSGESELLSCHÄFT FÜR POLITIK 
UND GESCHICHTE M. b. H. IN BERLIN W8 



V 



Erster Band 

Vom Attentat in Sarajevo 

bis zum Eintreffen der 

serbifchen Antwortnote 

. in Berlin 

nebst einigen Dokumenten 

aus den vorhergehenden 

Wochen 



19 2 1 



DEUTSCHE VERLAGSGESELLSCHÄFT FÜR POLITIK 
UND GESCHICHTE M. b. H. IN BERLIN W8 



2. Auflage 
31. bis 70. Tausend 

Alle Rechte, besonders das der Übersetzung vorbehalten 

Für Rußland auf Grund der deutsch-russischen Übereinkunft 

Amerikanisches Copyright 1919 by 

Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte 

m.b.H. in Berlin W 8 

Gedruckt in der Reichsdruckerei 



^ROLD B.LEE LIBRARY 

««OHAM YOUNO UNIVBWITV 

PROVO. UTAH 



Das vorliegende Werk 
bildet die vollständige Sammlung der von 

Karl Kautsky 

im Winter 1918/19 zusammengestellten amt- 
lichen Aktenstücke. Sie wurden im Auftrage 
des Auswärtigen Amtes nach gemeinsamer 
Durchsicht mit Karl Kautsky im Dezember 1919 
mit einigen Ergänzungen herausgegeben von 

Graf Max Montgelas und 
Prof. Walter Schücking 



Inhaltsübersicht der vier Bände 



Bandl 

Vom Attentat in Sarajevo bis zum Eintreffen der serbischen Antwortnote 

in Berlin nebst einigen Dokumenten aus den vorhergehenden Woclien 
Vorbemerkungen 

Inhaltsverzeichnis und Zeittafel von Band I 
Aktenstücke Nr. 1 bis 278 

Bandn 

Vom Eintreffen der serbisclien Antwortnote in Berlin bis zum Bekannt- 
werden der russisclien allgemeinen Mobilmachung 

Inhaltsverzeichnis und Zeittafel von Band II 
Aktenstücke Nr. 279 bis 479 

Band 111 

Vom Bekanntwerden der russischen allgemeinen Mobilmachung bis zur 
Kriegserklärung an Frankreich 

Inhaltsverzeichnis und Zeittafel von Band lU 

Aktenstücke Nr. 480 bis 734c 

Band IV 

Von der Kriegserklärung an Frankreich bis z u r Kriegserklärung Österreich« 
Ungarns an RufSland 

Inhaltsverzeichnis und Zeittafel von Band IV 
Aktenstücke Nr. 735 bis 879 

Anhang zu Band IV 

Enthalt u, a. den Dreibundvertrag. den ösferreichisch-ungarisch-rumänischen Bündnisvertrag 
nebst deutscher Akzessionserkiärung, femer Berichte, Telegramme und Telephon- 
gespräche der bayrischen Gesandtschaft in Berlin 



Namenverzeichnis 

Nach Absendern geordnetes Inhaltsverzeichnis 

Verzeichnis der Telegrammnummern 



Vorbemerkungen 



I. Allgemeines 

Im November 1918 erhielt Karl Kautsky von der Volksregierung 
den Auftrag, die auf die Vorgeschichte des Weltkrieges bezüglichen 
Akten des Auswärtigen Amtes zu sammeln und herauszugeben. Die 
Sammlung und Ordnimg des Materials wurde von Karl Kautsky mit 
Unterstützung von Dr. Gustav Meyer Anfang Mai 1919 abgeschlossen. 
Von den anderen Hilfskräften hatte einen ganz hervorragenden An- 
teil an der Arbeit der vom Direktorium der Staatsarchive dem 
Auswärtigen Amt auf dessen Ersuchen zur Verfügung gestellte 
Archivar beim Geheimen Staatsarchiv Dr. Hermann Meyer, dessen 
fachmännische Spuren der Leser überall wahrnehmen wird. Von 
Februar bis Mai arbeiteten noch mit Dr. Richard Wolff und 
Frl. Nora Stiebel, cand. bist. 

Die zeitweise hinausgeschobene Publikation der Akten wurde 
später vom Gesamtministerium dem General Grafen Max Montgelas 
und Professor Dr. Walter Schücking übertragen und Anfang 
September ds. Js. in Angriff genommen. Die Arbeitsteilung zwischen 
beiden war ursprünglich so gedacht, daß Professor Schücking die 
Urkunden vom Morde von Sarajevo bis zur russischen Ge- 
samtmobilmachung, Graf Montgelas die Schriftstücke von diesem 
Ereignisse bis zur Kriegserklärung Englands durcharbeiten sollte. 
Wenn auch in der Hauptsache so verfahren wurde, so stellte sich 
doch heraus, daß aus inneren und äußeren Gründen eine getrennte 
Publikation nach verschiedenen Zeiträumen imtunhch war. Denn 
die diplomatischen Verhandlungen dauern noch über den Zeitpunkt 
der allgemeinen russischen Mobilmachung fort, auch hätte bei einer 
Teilung der Publikation manches Beiwerk doppelt gemacht werden 
müssen. Die beiden Herausgeber haben sich deshalb geeinigt, nach 
einheitlichen Grundsätzen die Arbeit zusammen zu veröffentlichen. 

Niemand wird leugnen, daß die politischen Ereignisse der letzten 
Wochen vor Kriegsausbruch in engem historischen Zusammenhange 
mit der gesamten politischen Weltlage stehen. Infolgedessen wurde 
vom Kabinett Auftrag gegeben, auch die Urkunden zu sammeln, die 
zum Studium der entfernteren Vorgeschichte des Weltkrieges 
erforderlich sind. Die Unterzeichneten konnten es aber nicht für 



XII 

oder nach dem »Konzepte« oder nach der »Entzifferung« des Qiiffrier- 
büros usw., angeführt wird. 

Die Unterschriften sind bei schriftlichen Berichten so wieder- 
gegeben, wie der Absender tatsächhch zu zeichnen pflegte, z. B. 
»v. Bethmann Hollweg, F. Pourtales« ; bei Telegrammen wurde jedoch 
nur der Familienname ohne jeden Zusatz abgedruckt. 



111. Reihenfolge der Aktenstücke 

Für die Reihenfolge der Aktenstücke wurde eine streng 
chronologische Anordnung gewählt. Für alle Nummern, bei denen 
die genaue Zeit der Absendimg vom Auswärtigen Amt zum Haupt- 
telegraphenamt oder der Ankunft im Auswärtigen Amt (Chiffrierbüro) 
bekannt ist, war diese Zeit maßgebend. Dabei ist freiUch zu be- 
rücksichtigen, daß z. B. ein Ziffemtelegramm, das ii" vorm. zum 
Telegraphenamt gesandt wurde, im Entwurf vielleicht schon um lo" 
fertiggestellt war, somit früher als ein um lo" eingehendes Ziffem- 
telegramm entziffert und gelesen sein konnte. Femer kann ein 
dringendes oder ein kurzes Zifferntelegramm, das lo" zur Station 
getragen wurde, später entworfen sein, als ein nicht dringendes 
oder langes Ziffemtelegramm, das erst lo^^ vom Auswärtigen Amt 
abgesandt worden ist. Endlich konnten die Bearbeiter nicht dauernd 
ohne jede Ruhepause im Amt tätig sein, so daß auch manche wich- 
tigen Eingänge stundenlang vmerledigt bleiben mußten. Eine Be- 
rücksichtigung aller dieser Umstände war nicht möghch; ein Versuch, 
darauf einzugehen, konnte die Anordnimg der Reihenfolge leicht 
willkürlich gestalten. Die Herausgeber haben es daher vorgezogen, 
schematisch die Zeiten des Eingangs im Auswärtigen Amt usw. 
und der Absendung von dort zur Grundlage der Reihenfolge zu 
wählen. Bei den Telegrammen usw. des Kaisers waren jedoch die 
Zeiten des Abgangs vom Hoflager oder der Ankunft dort maßgebend. 
Zu beachten ist noch, daß die Abgänge aus Petersburg usw. nach 
osteuropäischer Zeit — i Stunde vor der mitteleuropäischen — die 
aus Paris, London usw. nach westeuropäischer Zeit — i Stunde 
nach der mitteleuropäischen — angegeben sind. 

Aktenstücke, die nicht Telegramme sind, werden im Auswärtigen 
Amt nur mit dem Eingangsvermerk »vorm.« oder »nachm.« versehen. 
Die Einreihung solcher Nummern ist daher, soweit sich nicht aus 
anderen Stücken indirekt weitere Anhaltspunkte ergeben haben, 
nur annähernd genau. Dazu kommt, daß gerade besonders wichtige 
Eingänge oft sofort bearbeitet und erst erheblich später im Journal 
eingetragen und mit Eingangsvermerk versehen worden sind. 



XIII 

IV. Anmerkungen 

Der Umfang der Anmerkungen erklärt sich aus dem Bestreben, 
bei den dem hiesigen Auswärtigen Amt entstammenden wichtigen 
Schriftstücken die ursprüngliche Fassung dort anzugeben, wo es sich 
um materielle Änderungen auch von nur geringfügiger Bedeutung 
handelt. Denn für die entscheidenden Ideengänge der Urheber solcher 
wichtigen Schriftstücke und deren Sinnesrichtung verdient auch die 
ursprüngliche Fassung des Entwurfs Berücksichtigung. Die Nennung 
des Namens desjenigen, von dessen Hand der Entwurf eines politischen 
Dokuments herrührt, ist freilich nur die Feststellung einer äußerlichen 
Tatsache und braucht durchaus nicht zu bedeuten, daß der betreffende 
Beamte auch der wahre geistige Urheber des jeweiligen Schrift- 
stücks ist. Die Möglichkeit liegt nahe, daß, wenn es sich um eine 
nachgeordnete Stelle handelt, der äußere Urheber das Schriftstück 
nach den Weisungen entworfen hat, die ihm von anderer Seite 
erteilt worden waren. Der Entwurf kann aber auch der Niederschlag 
einer gemeinsamen Beratung imd Besprechung mehrerer beteiligter 
Beamten sein. 

Bei Schriftstücken, die schon in früheren deutschen Weißbüchern 
ganz oder teilweise veröffentücht sind, wurde auf die betreffende Stelle 
des Weißbuchs hingewiesen. In dieser Sammlvmg sind alle Dokumente 
ganz wortgetreu mitgeteilt, während bei dem früheren Abdruck zur 
Wahrung des Chiffriergeheimnisses eine allgemein übliche Umstellung 
stattgefunden hatte. Auf die Bimtbücher der anderen Staaten ist 
jedoch nur ausnahmsweise Bezug genommen. 

V. Randbemerkungen 

Von Kautsky sind auch die Randglossen des Kaisers mit in 
den Abdruck der diplomatischen Urkunden aufgenommen worden. 
Welche grundsätzhche Bedeutung ihnen für den Gang der Ereignisse 
beizumessen ist, kann an dieser Stelle nicht untersucht werden. Ge- 
legentlich ergibt sich aus den Akten selbst, daß die Randverfügungen 
zu spät eintrafen, mn für die Entscheidung noch irgendwie verwertet 
werden zu können. In anderen Fällen ergeben die Akten, daß es 
sich um Weisungen handelt, die nicht zui Ausführung gelangt sind. Sehr 
häufig handelt es sich offensichtlich nur um den Ausdruck momentaner 
Stimmungen. Zur Erleichterung der Prüfung, welchen Einfluß irgendeine 
kaiserhche Meinungsäußerung gehabt haben könnte, ist regelmäßig ver- 
merkt, wann das betreffende Aktenstück mit den Randnoten zur amt- 
Uchen Stelle zurückgesandt wurde, oder wann die Noten sonst der zu- 
ständigen Berliner Stelle zur Kenntnis gekommen sind. Die Randbemer- 
kungen des Kaisers und die von ihm bei der Lektüre unterstrichenen 



XIV 

Worte oder Sätze sind durch abweichenden Druck in lateinischer 
Kursivschrift, z. B. Petersburg kenntlich gemacht, während die vom 
Verfasser eines Schriftstückes selbst hervorgehobenen Stellen durch 
Sperrdruck bezeichnet sind. 

VI. Akten der Botschaften, Gesandtschaften 
und militärischen Stellen 

Die Ende September eingeforderten Akten der deutschen 
Botschaft in Wien konnten wenigstens noch soweit verwertet 
werden, daß nach ihnen Unstimmigkeiten zwischen den Entzifferungen 
des Auswärtigen Amts und den Wiener Originalen berichtigt und die 
genauen Ankunftszeiten der von Berlin nach Wien gesandten Depeschen 
mitgeteilt wurden. Wichtig für den Forscher sind die Wiener Akten be- 
sonders deshalb, weil der damalige Botschafter mehrfach die Art der Er- 
ledigung der ihm von Berlin erteilten Weisungen und die Antworten 
des Wiener Kabinetts dazu in kurzen handschriftlichen Notizen ver- 
merkt hat. 

Eine Übersicht der letzten Ereignisse, die von der Botschaft 
in Petersburg gefertigt wurde, war schon frülier von Kautsky in 
den Anhang aufgenommen worden. 

Die von der bayerischen Gesandtschaft in Berlin den 
Herausgebern zur Verfügung gestellten 35 Berichte, Telegramme und 
Telephongespräche sind wegen ihrer Wichtigkeit im Anhang beigefügt. 

Dagegen war eine Bearbeitung der Akten des früheren Kriegs- 
ministeriums und Reichsmarineamts sowie General- und Admiral- 
stabs bei der knapp bemessenen Zeit nicht mögUch, 

VII. Schlußbemerhung 

Die Herausgeber verschließen sich nicht der Tatsache, daß 
erfahrungsgemäß in den Akten nicht alles enthalten ist, was unter 
den beteihgten Personen verhandelt wurde. Es gehört schon in 
innerstaatlichen Angelegenheiten zur Routine der Verwaltimg, daß 
gerade besonders dehkate Angelegenheiten zunächst in Privat- 
briefen zwischen den beteiligten Personen besprochen werden. 
Dieser Brauch, den der Historiker sehr beklagen wird, dürfte aus 
nahehegenden Gründen auch in Angelegenheiten der auswärtigen 
Verwaltung eine bedeutsame Rolle gespielt haben. Solche Privat- 
briefe können sich in die Akten verlieren, brauchen es aber nicht. 
Für die vorhegende Pubhkation haben die Unterzeichneten eine Reihe 
von Privatbriefen in den Akten vorgefunden. 

Sodann spielt heute bei der Behandlung der auswärtigen An- 
gelegenheiten auch das Telephongespräch eine gewisse Rolle ; 



XV 

vgl. hierzu Nr. 441, 465 und 468 sowie Anhang IV. Es ist jedoch 
nicht festzustellen, ob außerdem noch andere Telephongespräche nach 
auswärts geführt wurden. 

Regelmäßige Aufzeichnungen über mündliche Verhandlungen, 
auch über solche zwischen dem Auswärtigen Amt und den fremden 
Diplomaten, haben nicht stattgefunden. Der Inhalt solcher Ver- 
handlungen spiegelt sich freilich häufig in den Weisungen und Be- 
nachrichtigungen an die ausländischen Vertreter Deutschlands. 
Auch ein eigentlicher Tagesbericht wie in dem k. u. k. IVIinisterium 
des Äußeren in Wien wurde in Berhn nicht geführt. Aus den dar- 
gelegten Gründen muß es auch dahingestellt bleiben, ob nicht die 
Lückenhaftigkeit der beim Auswärtigen Amt eingelaufenen mili- 
tari sehen Situationsberichte des Generalstabs aus den kri- 
tischen Tagen sich dadurch erklärt, daß der Inhalt der fehlenden 
Berichte mündlich vorgetragen wurde. 

Abgesehen von diesen Lücken würde sich eine völlige Aufhellung 
aller Vorgänge nur dann erreichen lassen, wenn die ehemals feind- 
lichen Staaten sich entschließen könnten, mit derselben 
rückhaltlosen Offenheit ihre Urkunden dem Publikum 
der ganzen Welt vorzulegen, wie es die deutsche und die 
österreichische Republik getan haben. 



Berhn, Anfang November 1919 

Graf Max Montgelas Dr. Walter Schücking 



Anhang zu den Vorbemerkungen 

Der Hofzug Kaiser Wilhelms ist am 6. Juli 9 ^^ vorm. von Station Wildpark 
nach Kiel abgegangen. (Auswärtiges Amt A. S. 2 1 38/ 1 1. Oktober 1919 vorm.} 

Das Tagebuch des Hoffouriers (Auswärtiges Amt A. 26078/1. Oktober 
1919) verzeichnet weder am 5. noch am 6. Juli eine »Beratung militärischer 
Stellen«. 

Den beiden Flügeladjutanten vom Dienst ist eine Beratung militärischer 
Stellen am 5. oder 6. Juli nicht bekannt (Auswärtiges Amt: A. S. 2140/1 1. Ok- 
tober 1919 vorm. und'A. S. 2167/17. Oktober 1919 vorm.). 

Ferner berichten: 

Freiherr von dem Busse he 
(Auswärtiges Amt A. 27230/16. Oktober 1919) 
»Leider kann ich mich nicht an die Quelle erinnern. Vielleicht 
Müller. Datum der Aufzeichnung könnte möglicherweise meine 
Erinnerung auffrischen. Auch denkbar, daß ich Quelle irrigerweise 
als zuverlässig bezeichnet habe.« 



XVI 



Admiral von Müller 
(Auswärtiges Amt A. 28205/28. Oktober 1919 nachm.) 

Dem Auswärtigen Amt 

• Ich kann nicht der Gewährsmann des Frhr. v. d. Bussche sein. 
Mein Tagebuch enthält nichts über einen solchen Vortrag, der doch 
wohl in den Tagen vom 29. 6. bis 6. 7. 14 (Anwesenheit Sr. M. im 
Neuen Palais vor der Nordlandsreise) stattgefunden haben mußte. 
Am 6. Juli früh hat aber der von Admiral von Gapelle erwähnte 
Vortrag stattgefunden.« 

v. Müller 

Admiral von Gapelle 
(Auswärtiges Amt A. S. 21 39/11. Oktober 191 9) 

Baden-Baden, den 8. Oktober 19 19 

»Am Montag, den 6. Juli 1914, zwischen 7 und 8 Uhr morgens 
erhielt ich als stellvertretender Staatssekretär — Großadmiral v.Tirpitz 
war auf Urlaub — die telephonische Aufforderung, sofort zum 
Kaiser Wilhelm ins Neue Palais zu kommen. 

Ich traf den Kaiser im Garten reisefertig zum Antritt der Nord- 
landreise. Der Kaiser ging mit mir noch eine kurze Zeit auf und 
ab und erzählte mir kurz von den Vorkommnissen am gestrigen 
Sonntag. Er fügte nach meiner Erinnerung dem Sinne nach un- 
gefähr Folgendes hinzu (private oder amtliche Aufzeichnungen hier- 
über aus damaliger Zeit sind wohl nicht vorhanden): Er glaube 
nicht an größere kriegerische Verwicklungen. Der Zar werde sich 
in diesem Falle nach seiner Ansicht nicht auf Seite der Prinzen- 
mörder sjellen. Außerdem seien Rußland und Frankreich nicht 
kriegsbereit. — England erwähnte der Kaiser nicht. — Auf Rat des 
Reichskanzlers werde er, um keine Beunruhigung zu schaffen, die 
Nordlandreise antreten. Immerhin wolle er mir von der gespannten 
Situation Mitteilung machen, damit ich mir das Weitere überlegen 
könne. 

Eine Beratung militärischer Stellen hat nach Vorstehendem in 
Potsdam am 6. Juli nicht stattgefunden, da der Kaiser unmittelbar 
nach der Rücksprache mit mir die Reise nach Kiel antrat. 

Admiral z. D. v. Gap eile 



General der Infanterie von Bertrab 

(Auswärtiges Amt A. S. 2194/22. Oktober 19 19) 

Berlin, den 20. Oktober i9[i9] 

Dem Auswärtigen Amt 

erwidere ich sehr ergebenst, 4aß am 6. Juli 14 S. M. der leiser mich 
persönlich ohne Zeugen über seine Auffassung der durch die Maß- 
nahmen Österreichs geschafiienen Lage orientiert hat, damit ich, 
als damals ältester in Berün anwesender Offizier des Generalstabes 



XVII 

den in Karlsbad weilenden Chef des Generalstabes darüber infor- 
miere. Anwesend waren im Hintergrunde I. M. die Kaiserin, ein 
Adjutant und ein Lakai. Unmittelbar vorher sprach S. M. — offen- 
bar zum gleichen Zwecke mit einem MarmeolHzier, ebenfalls unter 
4 Augen, der sich sofort nach der Besprechung entfernte. Nachdem 
der Kaiser mich entlassen hatte, bestieg er sein Auto zum Antritt 
seiner Nordlandreise. Anordnungen wurden weder während noch 
im Anschluß an die Unterredung getroffen. S. M. betonte sogar, 
daß er es nicht für nötig erachte, bes. Anordnungen zu treffen, 
da er an ernste Verwickelungen aus Veranlassung des Sarajevoer 
Verbrechens nicht glaube. 

V. B er trab. Gen. d. Int. 

Generalleutnant Grat Waldersee 
(Auswärtiges Amt A. S. 2215/25. Oktober 1919) 

Auf die Anfrage vom 23. d. M. ^^^ beehre ich mich Nach- 
stehendes zu erwidern: 

Am Morgen des 8. Juli 1914 teilte mir Generalleutnant von 
Bertrab, Chef der Landesaufnahme, mit, er sei während meiner 
kurzen Abwesenheit vom Chef des Militärkabinetts nach Potsdam 
zu Sr. M. dem Kaiser befohlen worden. Dieser habe ihm zur Mit- 
teilung an den Chef des Generalstabes — General von Moltke weilte 
damals in Karlsbad — eröffnet, daß er, der Kaiser, dem Kaiser 
Franz Joseph zugesagt habe, mit_ der deutschen Macht hinter ihm 
zu stehen, wenn aus dem seitens Österreich-Ungarns geplanten Vor- 
gehen gegen Serbien Verwickelungen entstünden. Irgendwelche 
Befehle oder W^eisungen sind durch die Vermittelung des Generals 
von Bertrab nicht ergangen und auch sonst nicht in Sachen von 
etwaigen Kriegsvorbereitungen an den Generalstab gelangt. 

Es darf hier hervorgehoben werden, daß General von Bertrab 
lediglich in seiner Eigenschaft als rangältester Oberquartiermeister 
nach Potsdam zitiert worden ist und daß er mit Mobilmachungs- 
arbeiten nichts zu tun hatte. 

Der Kaiser hatte inzwischen seine Nordlandsreise angetreten. 
Für mich, der ich den General von Moltke in allen auf den Krieg 
bezüglichen Angelegenheiten vertrat, gab es infolge der Audienz des 
Generals von Bertrab in Potsdam nichts zu veranlassen. Die plan- 
mäßigen Mobilmachungsarbeiten waren am 31. März 19 14 abge- 
schlossen. Das Heer war, wie immer, bereit. 

Noch am 8. Juli abends begab ich mich, nachdem ich mich 
über die Situation orientiert hatte, zu einem Erholungsurlaub aufs 
Land. Auch aus dem Kriegsministerium gingen keine Befehle für 
Vorbereitungen ein und der Generalstab hat weiterhin bis unmittelbar 
vor Kriegsbeginn keinerlei auf den Krieg hinzielende Maßregeln ge- 
troffen. Bald nach mir trat sogar der Chef der II. Abteilung, die 
unter mir die Mobilmachungsangelegenheiten bearbeitete, einen 

Urlaub an. 

Ich kehrte erst, als die stärkste politische Spannung eintrat, 
am 23. JuU nach Berlm zurück. ^^^^ Waldersee 



Aktenstücke L 



XVIII 

Das Zentralamt des Reichswehrministeriums 
(Auswärtiges Amt A 27658/21. Oktober 1919) 
Reichswehrministerium 

Zentralamt Berlin, den 16. Oktober 19 19 

Nr. 165. 10. 19. Z. R. Königin-Augusta-Str. 38/42 

Zu den Schreiben vom 
3. und 4. Oktober 19 

»Zu I. Der ehemalige Kriegsminister, jetzige General der In- 
fanterie z. D. V. Falkenhayn, war vom 10. bis einschließlich 24. Juli 1914 
beurlaubt. Er hat Berlin in Ausführung einer Dienstreise am 
8. Juli 1914 abends verlassen, im Anschluß an die Dienstreise den 
Urlaub angetreten und nach Rückkehr von dem mit der Familie an 
der Nordsee verbrachten Urlaub am 25. Juli 1914 die Amtsgeschäfte 
wieder übernommen. Der Urlaub ist mündlich bewilligt worden; 
eine Kabinettsordre ist hierüber nicht ergangen. 

Zu 2. Am 5. oder 6. Juli 1914 waren keine Offiziere des preu- 
ßischen Kriegsministeriums zu einer dienstlichen Besprechung zum 
Kaiser befohlen.« Wurtzbacher 



Kapitän z. S. Zenker 
^Auswärtiges Amt A 29387, 12. November 1919) 

Berlin, den 8. November 19 19 

Ich bin am 5. Juli 19 14 nach Wildpark befohlen worden, um 
Befehle Sr. M. des Kaisers entgegenzunehmen. Da ich Aufzeich- 
nungen über denVerlauf des Immediatvortrages nicht in m einem Privat- 
besitz habe, so kann ich nur nach dem Gedächtnis Folgendes angeben : 

S. M. der Kaiser teilten mir zur Weitergabe an meine vorge- 
setzte Behörde mit, daß am Mittag des 5. Juli der österreichisch- 
ungarische Geschäftsträger bei ihm angefragt habe, ob Deutschand 
im Falle eines österreichisch-ungarischen Konflikts mit Serbien und 
daraus vielleicht entstehenden Spannungen mit Rußland seine 
Bündnispflichten erfüllen würde. S. M. hätten dies zugesagt, 
glaubten aber nicht an ein Eintreten Rußlands für Serbien, das sich 
durch den Meuchelmord befleckt habe. Auch Frankreich würde 
es kaum zu einem Kriege kommen lassen, da ihm die schwere 
Artillerie des Feldheeres fehle. Wenn also auch ein Krieg gegen 
Rußland — Frankreich nicht wahrscheinlich sei, so müsse seine Mög- 
lichkeit immerhin militärisch ins Auge gefaßt werden. 

Jedoch solle die Hochseeflotte ihre für Mitte Juli angesetzte 
Reise nach Norwegen antreten, wie auch er seine Norwegenfahrt 
planmäßig beginnen würde. 

Meine Frage, ob der auf Urlaub befindliche Chef des Admiral- 
stabes zurückzurufen sei, verneinten S. M. 

Ich habe diese Anweisungen am 6. Juli dem stellvertretenden 
Chef des Admiralstabes, Vizeadmiral Behncke, gemeldet. Welche 
Anordnungen dieser daraufhin erteilt hat, vermag ich nicht anzu- 
geben, da ich als Chef der taktischen Abteilung mit operativen 
und Mobilmachungsangelegenheiten nichts zu tun hatte. 
An das Auswärtige Amt, hier. Zenker, Kapitän zur See 



XIX 



Inhaltsverzeichnis und Zeittafel von Band 1 ' 





Zeit 




Zeit 




Lfde. 

Nr 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 




Stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 










15. Juni 








1 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an den Reichskanzler 




vorm. 


I 


2 






Bericht des Berliner Lokalanzeigers 
vom 14. Juni über einen Artikel der 
BirschewijaWjedomosti 

16. Juni 


— 




1 


3 




nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in London 

20. Juni 


— 


— 


3 


4 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an den Reichskanzler 




vorm 


5 








27. Juni 






5 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an den Reichskanzler 





vorm. 


6 


6 


— 


— 


Der Unterstaatssekretär des Aus- 














wärtigen 
an den Reichskanzler 


— 


— 


y 




1. JuU 




6a 






Der Generalkonsul in Sarajevo 
an das Auswärtige Amt 

2. JuU 


4' 


nachm. 


i) 


6b 


10" 


vorm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Wien . . 


_ 





9 


7 


— 


— ■ 


Der Botschafter in Wien 

an den Reichskanzler 


_ 


nachm. 


10 


8 




— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


7" 


nachm. 


II 



' Datum, Zeit des Abgangs und der Ankunft beziehen sich auf das Auswärtige 
Amt, bei Telegrammen usw. des Kaisers auf das Hoflager. Siehe Vor 
bemerkungen Abschn. III. 



XX 



Lfde. 

Nr. 


des 


Zeit 
Abgangs 


Stunde 


Tageszeit 


9 

10 


— 


— 


11 


— 


— 


12 


— 


— 


13 


— 


— 


H 


— 


— 


14a 


— 


— 


15 


3.S 


nachm. 


16 


5" 


nachm. 


17 


9- 


nachm. 


18 


— 


— 


19 


— 


— 


iga 


— 


— 


20 


— 


— 



Datum und Überschrift 



Zeit 
der Ankunft 



Stunde 



Tageszeit 



3. JuU 

Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 

Der Gesandte in Belgrad 

an den Reichskanzler 

4. JuU 

Der Botschafter in Wien 

an den Reichskanzler 

5. JuU 

Der Gesandte in Belgrad 

an den Reichskanzler 

Der Kaiser von Österreich 

an den Kaiser 

Memorandum der österreichisch 
ungarischen Regierung 

Der Botschafter in Wien 

an den Reichskanzler 

6. JuU 

Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Wien.. 

Der Reichskanzler 

an den Geschäftsträger in Bu 
karest 

Der Unterstaatssekretär des Aus 
wärtigen 

an den Gesandten in Sofia . . . 

7. JuU 

Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 

8. JuU 

Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 

9. JuU 

Der Gesandte in Belgrad 

an den Reichskanzler 

Der Botschafter in London 

an den Reichskanzler 



nachm. 



wie Nr. 13 
nachm. 



nachm. 



nachm. 



nachm. 



XXI 





Zeit 




Zeit 




Lfde. 

Nr. 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 


Stunde 


Tageszeit 




Stunde 


Tageszeit 










Noch: 9. Juli 








at 


i*° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 














an den Geschäftsträger in Bu- 
karest 






42 


22 


i*" 


nachm 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 












an den Gesandten in Sofia 


— 


— 


43 


23 


— 


— 


Aufzeichnung des Staatssekretärs 
des Auswärtigen 






43 


24 




_ 




Der Gesandte in Athen 












an das Auswärtige Amt 


6" 


nachm. 


44 


25 





— 


Der Reichskanzler 














an den Kaiser 






44 


26 




_ 


Der Kaiser 












an den Kaiser von Österreich 


— 


— 


45 








10. JuU 








27 





— 


Der Botschafter in Wien 














an den Reichskanzler 


— 


vorm. 


47 


a8 


~ 


— 


Der Geschäftsträger in Bukarest 
an das Auswärtige Amt 


340 


nachm. 


48 


29 





— 


Der Botschafter in Wien 














an das Auswärtige Amt 


10" 


nachm. 


49 








11. JuU 








30 








Der Botschafter in London 














an den Reichskanzler 


— 


vorm. 


5' 


30a 


Der Gesandte im kaiserlichen Gefolge 








an das Auswärtige Amt 


2'° 


nachm. 


52 


31 


2*0 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 














an den Botschafter in Wien. . . 


— 


— 


52 


3a 


— 


— 


Der Gesandte in Belgrad 










G" 


nachm. 


an den Reichskanzler 




nachm. 


53 


32a 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 








an den Gesandten im kaiser- 














lichen Gefolge 


— 


— 


54 


33 


y" 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 














an den Botschafter in Rom... 


1 


55 








12. Juli 








34 


— 


— 


Der Gesandte in Athen 














an den Reichskanzler 


— 


vorm. 


56 







XXII 





Zeit 




Zeit 




Lfde. 

Nr 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 




Stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 










Noch: 12. Juli 








35 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


12" 


nachm. 


56 


36 


gao 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in London. 


_ 





57 


37 


8° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien... 








58 


38 






Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 

13. JuU 


10" 


nachm. 


58 


39 




nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 

an den Botschafter in Wien und 

den Ges indten in Bukarest (an 

diesen am 14. JuH) 






59 


40 






Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 

14. JuU 


T 


nachm. 


60 


♦^ 


— 


— 


Der Geschäftsträger in Bukarest 
an den Reichskanzler 





vorm. 


61 


41a 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


_ 


nachm. 


6s 


4a 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


3« 


nachm. 


67 


43 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


8" 


nachm. 


68 


44 


10" 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Rom und 
den Geschäftsträger in Buka- 
rest 

15. und 17. JuU 




— 


69 


45 






Der Staatssekretär des Auswärtigen 

an die Botschafter in Wien und 

Konstantinopel 

15. JuU 


— 


— 


70 


46 


— 


— 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 








7» 


47 


jSO 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Rom... 


_ 





72 


48 


4° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in London. 


— 


— 


73 



xxin 





Zeit 




Zeit 




Lfde. 

Nr. 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 


Stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 










Noch 15. Juli: 








49 


— 




Der Botschafter in Wien 

an den Reichskanzler 





nachm. 


74 


50 






Der Botschafter in Wien 

an den Reichskanzler 

16. Juli 


— 


nachm. 


75 


51 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


12' 


vorm. 


77 


52 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


l" 


vorm. 


77 


53 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an den Reichskanzler 





vorm. 


78 


54 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


I** 


nachm. 


81 


55 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


2* 


nachm. 


8« 


56 


6** 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Generaldirektor derHapag 








82 


57 


8»o 


nachm. 


Das Auswärtige Amt 

an den Reichskanzler 


_ 





84 


58 


— 


— 


Der Reichskanzler 

an den Staatssekretär für Elsaß- 
Lothringen 






85 








IT. Juli 






59 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


,20 


nachm. 


86 


60 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


4' 


nachm. 


87 


61 






Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 

18. Juli 


— 


— 


87 


6a 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an den Reichskanzler 





vorm. 


88 


63 


3" 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Geschäftsträger in ßu 
karest 






9' 
9' 


64 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an den Reichskanzler 




nachm. 


65 


~ 




Der Botschaftsrat in Wien 

an den Reichskanzler 


— 


nachm. 


93 



XXIV 





Zeit 




Zeit 




Lfde. 

Nr. 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 


Stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 










Noch: 18. JuU 








66 


— 


— 


Der Geschäftsträger in Bukarest 
an den Reichskanzler 





nachm. 


93 


67 


5^ 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Gesandten im kaiser- 
lichen Gefolge 






95 


68 


— 


— 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 








96 


69 


7" 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Gesandten im kaiser- 
lichen Gefolge 






97 
97 


70 


9'° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 


— 


— 








19. Juli 








71 


— 


— 


Der Botschafter in Konstantinopel 
an das Auswärtige Amt 


2" 


vorm. 


98 


72 


— 




Der Staatssekretär des Auswärtigen 

an den Botschafter in London 

(Privatbrief) 






99 
101 


73 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an den Reichskanzler 




vorrn. 


74 






Der Oberquartiermeister I im Großen 
Generalstabe 
an den Staatssekretär des Aus- 
wärtigen (Privatbrief) 




vorm. 


102 


75 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an den Staatssekretär des Aus- 














wärtigen 








103 
103 


76 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an den Reichskanzler 




vorm. 


77 


1" 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 








104 


78 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


2" 


nachm 


104 


79 


— 


— 


Der Gesandte im kaiserlichen Ge- 
folge 

an das Auswärtige Amt 














4" 


nachm. 


103 


80 






Der Gesandte im kaiserlichen Ge- 
folge 

an das Auswärtige Amt 


4" 


nachm. 


105 



XXV 





Zeit 




Zeit 




Lfdc. 
Nr. 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 


Stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 










Noch: 19. JuU 








81 


— 


— 


Der Botschafter in Konstantinopel 














an das Auswärtige Amt 


9- 


nachm. 


106 








20. Juli 








82 


— 




Der Chef des Admiralstabs der 
Marine 

an den Staatssekretär des Aus- 














wärtigen 








108 


83 


_ 





Der Staatssekretär des Auswärtigen 














an den Botschafter in Wien . . 


— 


— 


108 


84 


12" 


nachm. 


Der Reichskanzler 














an den Kaiser 


— 


— 


109 


85 


12»' 


nachm. 


Der Botschafter in London 














an das Auswärtige Amt 


— 


— 


1 10 


86 








Die serbische Gesandtschaft in Berlin 














an das Auswärtige Amt 


— 


nachm. 


I IG 


87 


— 


— 


Der Botschaftsrat in Wien 

an den Staatssekretär des Aus- 














wärtigen (Privatbrief) 


— 


nachm. 


113 


88 








Der Botschafter in Wien 














an das Auswärtige Amt 


,0 

t 


nachm. 


H5 


89 


8" 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 





— 


115 


90 


9" 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Gesandten im kaiser- 
lichen Gefolge 






1 16 


91 


9" 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 














an den Botschafter in Wien . . 


— 


— 


116 


92 








Der Botschafter in London an das 














Auswärtige Amt 


10»° 


nachm. 


117 








21. Juli 








93 


i" 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Peters- 














burg 


— 


— 


118 


94 





— 


Der Botschafter in Wien 














an den Reichskanzler 


— 


nachm. 


118 


95 








Der Botschafter in Wien 














an das Auswärtige Amt 


— 


nachm. 


120 


96 


— 


— 


Der Admiralstab der Marine 

an den Staatssekretär des Aus- 














wärtigen 


— 


— 


121 



XXVI 





Zeit 




Zeit 




Lfde. 

Nr. 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 


Stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 




^ 






Noch: 21. JuU 








97 


6" 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 








122 


98 


— 


— 


Der Botschafter in Konstantinopel 
an das Auswärtige Amt 


6*0 


nachm. 


122 


99 


— 


— 


Der Botschafter in Konstantinopel 
an das Auswärtige Amt 


7* 


nachm. 


123 


100 


— 


— 


21. und 22. JuU 

Der Reichskanzler 

an die Botschafter in Peters- 
burg, Paris und London 

21. JuU 


— 


— 


124 


101 


6" 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an das Auswärtige Amt 


_ 


_ 


126 


loa 


— 


— 


Der Botschafter in Konstantinopel 
an das Auswärtige Amt 


7" 


nachm. 


126 


103 


~ 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


9" 


nachm. 


127 


104 
105 




— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 

Der Kaiser 

an den Kronprinzen 


9" 


nachm. 


127 
128 








22. JuU 






106 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an den Reichskanzler 


_ 


nachm. 


128 


107 






Entwurf eines nicht abgesandten 
Erlasses des Staatssekretärs des 
Auswärtigen 

an den Geschäftsträger in 
Hamburg 






129 
130 


108 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


2" 


nachm. 


109 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


3.« 


nachm. 


130 


110 


, — 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


3" 


nachm. 


13' 


111 
11a 


6» 


nachm. 


Der stellvertretende Chef des Ad- 
miralstabs 

an das Auswärtige Amt 

Der Staatssekretär des Auswärtigen 

an den Botschafter in Wien . . 





nachm. 


131 

132 



XXVII 





Zeit 




Zeit 




Lfde. 
Nr. 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 


Stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 










Noch: 22. Juli 








113 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


6» 


nachm. 


132 


114 


6" 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Gesandten in Belgrad. . 





— 


133 


»15 


7* 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Reichskanzler 

23. Juli 


— 


— 


'33 


116 


— 


— 


Der Reichskanzler 

an das Auswärtige Amt 


i" 


vorm. 


'34 


117 


— 


— 


Der Botschafter in Kon tantinopel 
an das Auswärtige Amt 


,25 


vorm. 


'34 


118 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


l" 


vorm. 


137 


119 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


9" 


vorm. 


'37 


120 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an den Reichskanzler 


_ 


vorm. 


138 


121 


,♦0 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 














an den Kaiser 





— 


142 


12a 


2*° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Geschäftsträger in Athen 








143 


123 


2*° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Gesandten in Stockholm 








144 


124 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


3'° 


nachm. 


'45 


»25 


3« 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Gesandten im kaiser- 
lichen Gefolge 






'45 


126 


4° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in London 








146 


127 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


4° 


nachm. 


'47 


128 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an den Reichskanzler 





nachm. 


148 


129 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


4*0 


nachm. 


148 


130 


" 




Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


5" 


nachm. 


149 



XXV III 





Zeit 




Zeit 




Lfde. 

Nr. 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 


Stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 










Noch: 23. Juli 








131 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


,so 


nachm. 


150 


132 


— 


— 


Der Kronprinz 

an den Reichskanzler 








15' 


133 


— 


— 


DerGesandte im kaiserlichen Gefolge 
an den Reichskanzler 








15' 


134 






Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 

24. Juli 


10'° 


nachm. 


152 


135 


— 


— 


Der Geschäftsträger in Bukarest 
an das Auswärtige Amt 


l" 


vorm. 


153 


136 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


10" 


vorm. 


153 


137 


— 


— 


Der Gesandte in Belgrad 

an den Reichskanzler 





vorm. 


154 


138 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an den Reichskanzler 





vorm. 


155 


139 


— 


— 


Der Gesandte in Belgrad 

an das Auswärtige Amt 


1" 


nachm. 


156 


140 


1*° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in London 


_ 





•57 


141 


-— 


— 


DerGesandte im kaiserlichen Gefolge 
an das Auswärtige Amt 


,5S 


nachm. 


158 


142 


2» 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 








,58 


143 


3" 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Petersburg 


. 





159 


144 


6*° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Konstan- 
tinopel 






159 


145 


— 


— 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Rom... 


6*5 


nachm. 


160 


146 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


f 


nachm. 


160 


147 


— 


— 


Der Botschafter in Kon tantinopel 
an das Auswärtige Amt 


/ 


nachm. 


i6i 


148 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


3.0 


nachm. 


161 



XXIK 





Zeit 




Zeit 




Lfde. 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 




Stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 










Noch: 24. JuU 








149 


— 


— 


Der Botschafter in Konstantinopel 
an das Auswärtige Amt 


8" 


nachm. 


162 


150 


9- 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 





— 


IG3 


151 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


9" 


nachm. 


164 


15a 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


9" 


nachm. 


.65 


153 


9« 


nachm. 


Der Unterstaatssekretär des Auswär- 














tigen 

an die Botschafter in Paris, 
London und Petersburg .... 


— 


— 


165 


154 


— 


— 


Der Botschafter in Paris 

an das Auswärtige Amt 


10" 


nachm. 


166 


155 






Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 

25. JuU 


11" 


nachm. 


.67 


156 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


12'° 


vorm. 


i68 


157 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


!'• 


vorm. 


169 


158 


— 


— 


Der Gesandte in Belgrad 

an das Auswärtige Amt 


I" 


vorm. 


172 


159 


— 


— 


Der Gesandte in Belgrad 

an das Auswärtige Amt 


2" 


vorm. 


172 


160 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


3*' 


vorm. 


•73 


161 


~ 


" 


Der Botschafter in London 

an den Staatssekretär des Aus- 
wärtigen (Privatbrief) 




_ 


'75 


162 


— 


— 


Der Gesandte in Sofia 

an das Auswärtige Amt 


11" 


vorm. 


177 


163 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


I2*» 


nachm. 


.78 


164 


1° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in London 





— 


.78 


165 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


l" 


nachm. 


179 



XXX 





Zeit 


^ 


Zeit 




Kfde. 

Nr. 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 


■Stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 










Noch: 25. JuU 








166 


— 


— 


Der Botschafter in Paris 

an das Auswärtige Amt 


j50 


nachm. 


179 


167 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


2'* 


nachm. 


180 


168 


3° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Kaiser 





— 


180 


169 


— 


— 


Der Botschafter in Paris 

an das Auswärtige Amt 


3" 


nachm. 


183 


170 


— 


— 


Der Botschafter in Paris 

an das Auswärtige Amt 


3S0 


nachm. 


.83 


171 


4° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 


—— 


— 


184 


172 


— 


— 


Der russische Geschäftsträger 

an den Staatssekretär des Aus- 
wärtigen 




nachm. 


184 


173 


— 


— 


Der Gesandte im kaiseriichen Ge- 
folge 

an das Auswärtige Amt 














4" 


nachm. 


186 


174 


— 


nachm. 


Aufzeichnung des Unterstaatssekre- 
tärs des Auswärtigen 


— 


— 


186 


175 


— 




Der Admiralstab 

an den Staatssekretär des Aus- 
wärtigen 




nachm. 


187 
187 


176 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an den Reichskanzler 


_ 


nachm. 


177 


— 


— 


Der Geschäftsträger in Bukarest 
an den Reichskanzler 


5° 


nachm. 
nachm. 


189 
189 


178 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


179 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


5" 


nachm. 


190 


180 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


5" 


nachm. 


19» 


181 


8° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Gesandten in Kopen- 
hagen 






192 


182 


8» 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Kaiser 


— 


— 


IQ3 









XXXI 





Zeit 




Zeit 




Lfde. 

Nr 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 




Stunde 


Tageszeit 


Stunde Tageszeit 










Noch: 25.JuU 








183 


— 


— 


Der Botschafter in Konstantinopel 
an das Auswärtige Amt 


8" 


nachm. 


194 


184 


— 


— 


Der Botschafter in Konstantinopel 
an das Auswärtige Amt 


9' 


nachm. 


194 


185 


— 


— 


Der Geschäftsträger in Bukarest 
an das Auswärtige Amt 


9' 


nachm. 


•95 


186 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


9" 


nachm. 


•95 


187 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


9" 


nachm. 


196 


188 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


9" 


nachm. 


197 


189 


— 


— 


Der Geschäftsträger in Athen 

an das Auswärtige Amt 


lO" 


nachm. 


197 


igo 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


10" 


nachm. 


198 


191 


lO*» 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Kaiser 


11» 


nachm. 


198 
199 


191a 


Der Botschatter in London 

an das Auswärtige Amt 


19a 


II» 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in London 

26. JuU 


— 


— 


200 


193 


2«» 


vorm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 

an die Botschafter in Rom und 

Wien 


3" 


vorm. 




194 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


201 


195 


— 


— 


Der Geschäftsträger in Cetinje 

an das Auswärtige Amt 


4' 


vorm. 


201 


196 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


4" 


vorm. 


202 


197 


1° 
l" 


nachm. 
nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Kaiser 


— 




202 


198 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Petersburg 


203 


199 


I» 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in London 


— 


— 


203 



XXXII 





Zeit 




Zeit 




Lfde. 

Nr. 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 


Stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 










Noch: 26. JuU 








200 


jS5 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Paris . . . 


— 





204 


201 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


I'* 


nachm. 


204 


202 


3° 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Wien . . 


— 


— 


205 


203 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an den Reichskanzler 


_ 


nachm. 


205 


204 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an den Reichskanzler 


_ 


nachm. 


208 


205 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an den Reichskanzler 





nachm. 


210 


206 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an den Reichskanzler 


_ 


nachm. 


211 


207 


— 


— 


Der Marineattache in London 

an das Reichsmarineamt 





nachm. 


211 


208 


— 


— 


Der rumänische Gesandte in Berlin 
an das Auswärtige Amt 





nachm. 


212 


209 


— 


— 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 

an die Botschafter in Wien und 

Rom 






212 


210 


4- 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 






213 


211 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


3.0 


nachm. 


214 


212 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


6" 


nachm. 


215 


213 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


520 


nachm. 


216 


214 


6" 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 

an den Geschäftsträger in 

Bukarest 






217 


215 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


T 


nachm. 


217 


216 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


f 


nachm. 


218 


217 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


7' 


nachm. 


218 



XXXIU 





Zeit 




Zeit 




Lfde. 

Nr. 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 


Stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 










Noch 26. Juli: 








218 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


7' 


nachm. 


219 


21g 


7" 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Petersburg 


— 





220 


220 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


7" 


nachm. 


221 


221 


7" 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Kaiser 








221 


222 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


8° 


nachm. 


222 


223 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


8° 


nachm. 


222 


224 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


8» 


nachm. 


223 


225 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


9" 


nachm. 


223 


226 


9*° 


nachm. 


Der Unterstaatssekretär des Aus- 
wärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 






224 


227 


9- 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Rom . . 








224 


228 


iü° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 








225 


229 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


10» 


nachm. 


225 


230 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


10» 


nachm. 


226 


331 


— 


— 


Der Kaiser 

an das Auswärtige Amt 


10" 


nachm. 


226 


232 


— 


— 


Der Staatssekretär für Elsaß-Loth- 














rmgen 
an den Reichskanzler 





— 


227 


233 


— 


— 


Entwurf eines nicht abgesandten 
Telegramms des Kaisers 

an den Zaren 






228 


334 






Entwurf eines nicht abgesandten 

Telegramms des Reichskanzlers 

an die Botschafter in Paris, 

London und Petersburg .... 


— 


— 


229 



/Aktenstücke 1. 



XXXIV 





Zeit 




Zeit 




Lfde. 

Nr 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 




Stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 










27. JuU 








235 


— 


— 


Der Botschafter in Paris 

an das Auswärtige Amt 


12^ 


vorm. 


230 


236 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


12^ 


vorm. 


231 


237 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


12*^ 


vorm. 


232 


238 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


I2*= 


vorm. 


233 


239 


,35 


vorm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Rom . . . 





— 


234 


240 


— 




Der Botschafter in Paris 

an das Auswärtige Amt 


,55 


vorm. 


235 


241 


— 


— 


Der Botschafter in Paris 

an das Auswärtige Amt 


j5S 


vorm. 


235 


242 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


2" 


vorm. 


236 


243 


— 


— 


Der König von Griechenland 

an den Kaiser 


f' 


vorm. 
vorm. 


237 
239 


244 


Der Botschafter in Rom 

an den Reichskanzler 


245 


11" 


vorm. 


Der Reichskanzler 

an den Kaiser 






240 


246 


jj30 


vorm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 






241 


247 


1,30 


vorm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Paris... 






241 


248 


1° 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in London . 


_ 





241 


249 





— 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


,28 


nachm. 


242 


250 





— 


Der Gesandte in Kopenhagen 

an das Auswärtige Amt 


,28 


nachm. 


243 


251 




— 


Der Gesandte in Sofia 

an das Auswärtige Amt 


3° 


nachm. 


243 


252 


— 


— 


Der Botschafter in Paris 

an das Auswärtige Amt 


3*° 


nachm. 


244 


253 





— 


Der Botschafter in Petersburg 

an den Reichskanzler 


— 


nachm. 


244 



XXXV 





Zeit 




Zeit 




Ltde. 

Nr. 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 


Stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 










Noch: 27. Juli 








254 


~ 


" 


Der Generaldirektor der Hapag 
an den Staatssekretär des Aus- 
wärligen 




nachm. 


246 


255 






Der Admiralstab 

an den Staatssekretär des Aus- 
wärtigen 




nachm. 


•248 


256 


— 


— 


Der Botschafter in Konstantinopel 
an das Auswärtige Amt 


4- 


nachm. 


248 


257 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


4" 


nachm. 


249 


258 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


4" 


nachm. 


250 


259 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


5" 


nachm. 


251 


260 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


3.S 


nachm. 


252 


261 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


6» 


nachm. 


252 


262 


— 


— 


Der Geschäftsträger in Bukarest 
an das Auswärtige Amt 


7" 


nachm. 


253 


363 


— 


— 


Der Botschafter in Konstantinopel 
an das Auswärtige Amt 


-20 

/ 


nachm. 


254 


264 


— 


— 


Der Verweser des Konsulats Kowno 
an das Auswärtige Amt 


7*° 


nachm. 


254 


265 


— 


— 


Der Botschafter in London 
an das Auswärtige Amt 


3*0 


nachm. 


254 


266 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


8*° 


nachm. 


256 


267 


9° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 








257 


268 


' 


"" 


i^er österreichisch-ungarische Bot- 
schafter 

an das Auswärtige Amt 






257 


26g 


</" 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 




_ 


258 


270 


9" 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Kaiser 


_ 





259 


271 






Antwortnote der serbischen Regie- 
rung auf das österreichisch-unga- 
rische Ultimatum 


— 


nachm. 


25g 



XXXVI 





Zeit 




Zeit 




Lfde. 

Nr. 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 


Stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 










Noch: 27. Juli 








27a 


10° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in London 








265 


273 


10° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Rom . . . 








265 


274 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


10^° 


nachm. 


266 


275 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


10" 


nachm. 


266 


276 


— 


— 


Der Generalkonsul in Warschau 
an das Auswärtige Amt 


11° 


nachm. 


266 


277 


jjSO 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Wien . . 








267 


278 


,jSO 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in London 


— 


— 


268 



Nr. I 

Der Botschafter in Petersburg an den Reichskanzler' 

St. Petersburg, den 13. Juni 1914"^ 

Ew. Exz. beehre ich mich anbei die Übersetzung 
eines soeben in der »Birschewija Wjedomosti« er- 
schienenen bemerkenswerten Artikels zu überreichen, 
der, wie ich höre, vom hiesigen Kriegsministerium 
herrührt und den deuthchen Zweck verfolgt, auf 
Frankreich einen Druck im Sinne der Einführung 
gegen uns! der dreijährigen Dienstzeit auszuüben. 

Der Artikel führt unter der Überschrift »Ruß- 
land ist bereit, Frankreich muß es auch sein« aus, 
Rußland, welches eben erst zur Verstärkung seiner 
Wehrkraft Anstrengungen gemacht habe, wie sie 
noch nie von einem Staate gemacht wurden, sei 
berechtigt, von Frankreich zu erwarten, daß dieses 
ebenfalls seine Armee verstärke, was nur durch 
Einführimg der dreijährigen Dienstzeit mögHch sei. 

F. Pourtalös 



^ Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 15. Juni vorm. Bericht lag dem 
Kaiser vor, von ihm am 15. Juni zurückgegeben. Gemäß kaiserlicher 
Randverfügung vom Chef des Militärkabinetts am 17. Juni an den General- 
stab, von diesem am 25. Juni dem Kriegsministerium mitgeteilt. Die 
Beilage des Berichts wurde dem Kaiser durch das Telegramm des Lokal- 
Anzeigers bekannt, siehe Nr. 2. 



Nr. 2 

Bericht des Berliner Lokal -Anzeigers vom 14. Juni über 
einen Artikel der Birschewija Wjedomosti ' 

Die Mahnung des Verbündeten 

Das ver- 

Telegr. imseres Korrespondenten v. A, ^'^"g^ ^'"<? 
Petersburg, 13. Juni ..^^Ant- 

Der schon erwähnte Artikel der Bir- ""jj/"^ y,^'^'^'''/' 
schewija Wjedomosti, der die Überschrift 
trägt: »Rußland ist fertig, Frankreich 



' Vom Kaiser am 15. Juni zurückgegeben. 



muß ebenfalls fertig sein«, und der direkt 
vom Kriegsminister General Suchomlinow 
inspiriert ist, erregt allgemeines Auf- 
sehen. Der Artikel lautet : 

»Rußland erlaubt sich nicht, sich 
in innere Angelegenheiten eines frem- 
den Staats zu mischen, kann aber 
während einer Krisis des befreundeten 
und verbündeten Staats nicht teil- 
nahmsloser Zuschauer bleiben. Wenn 
das französische Parlament sich be- 
rechtigt fühlt, auf innere Angelegen- 
heiten Rußlands, wie Kriegsbestel- 
lungen, hinzuweisen, die mit gewis.^en 
ökonomischen Vorteilen für die Auf- 
traggeber verbunden sind, so kann Ruß- 
land nicht gleichgültig gegenüber einer 
i-ein politischen Frage, nämlich der drei- 
jährigen Dienstzeit, bleiben, die den Ge- 
genstand eines Zerwürfnisses zwischen 
den Parteien des französischen Par- 
laments bilden.^ Für Rußland gibt es 
in dieser Frage keine geteilte Meinung. 
Rußland tat alles, wozu das Bündnis 
mit Frankreich es verpflichtete, es er- 
wartet mithin, daß sein Verbündeter 
ebenfalls seine Pflicht tue. Es ist 
allbekannt, welche kolossalen Opfer 
Rußland gebracht hat, um das franzö- 
sisch-russische Bündnis auf eine ideale 
Höhe zu bringen. Die Reformen des 
russischen Militärressorts bei der Bil- 
dung der russischen Streitkräfte über- 
treffen alles in dieser Hinsicht Da- 
gewesene. Das diesjährige Rekruten- 
kontingent ist nach dem letzten Aller- 
höchsten Ukas von 450 000 auf 
^80 000 Mann gestiegen imd die 
Dienstzeit um 6 Monate verlängert 
worden. Dank dieser Maßregel stehen 
jeden Winter in Rußland vier Kon- 
tingente Rekruten unter Waffen, also 
eine Armee von 2 ^00 000 Mann. 
Diesen Luxus kann sich nur das 
große, mächtige Rußland erlauben. 



'' So im Text für »bildet«. 



Gott Lob! 



Na ! Endlich haben 
die Russen die Kar- 
ten aufgedeckt! 
Wer inDeutschland 
jet^t noch nicht 
glaubt, daß von 
Russo - Gallien mit 
Hochdruck auf 
einen baldigen 
Krieg gegen uns 
hingearbeitet wird, 
und wir dement- 
sprechende Gegen- 
maßregeln er- 
greifen müssen, der 
verdient umgehend 
ins Irrenhaus nach 
Dalldorf geschickt 

■{u werden ! 
Stramme neueSteu- 
ern und Monopole, 
und diejSooo Nicht- 
eingestellten sofort 
in die Armee und 
Marine hinein! 
W. 



Deutschland verfügt über 880000, 
Österreich über etwa 500 000 und 
ItaHen über etwa 400 000 Mann. Gani 
natürlich also, daß Rußland von 
Frankreich j'jo 000 Mann entartet, wo sollen die 
was nur bei der dreijährigen Dienst- herkommen! 
\eit möglich ist. Es muß bemerkt 
werden, daß diese Vergrößerung der 
Armeen in Friedenäzeiten ausschließ- 
lich eine schnelle Mobilisierung er- 
wirken soll. Rußland schreitet dabei 
noch zu neuen Reformen, zum Bau 
eines gan^^en Netzes strategischer 
Bahnen, :{ur schleunigsten Konten- Mes gegen 
tration der Armee im Kriegsfall. Deutsch- 
Das rvünscht Rußland auch von Frank- l<^nd! 
reich, docli kann es das alles nur 
durchfüliren bei Wahrung der drei- 
jährigen Dienstzeit. Rußland und 
Frankreich wünschen keinen Krieg, quatsch! 
aber Rußland ist fertig, und Frank- 
reich muß es auch sein.« 

Mit diesem durch Fettdruck hervor- 
gehobenen Satz schließt der vielerörterte 
Artikel, aus dem deuthch hervorgeht, 
daß Rußland seine kolossalen Rüstungen 
vor :{wei Jahren laut Abmachimgen mit was mein 
Frankreich begann. Generalstab 

stets behaup- 
tet hat! 



Nr. 3 

Der Reichskanzler an den Botschafter in London^ 



Ganz vertraulich! 
Eigenhändig! 



Berlin, den 16. Juni 1914'* 



Ew. Durchlaucht wird es nicht entgangen sein, daß der, wie 
wir wissen, zutreffend auf den Kriegsminister General Suchomlinow 
zurückgeführte Artikel der »Birschewija Wjedomosti« in Deutschland 
beträchtliches Aufsehen erregt hat. In der Tat hat wohl noch 
niemals ein offiziös inspirierter Artikel die kriegerischen Tendenzen 
der russischen Militaristenpartei so rücksichtslos enthüllt, wie es 
diese Presseäußerung tut. Um den französischen Chauvinismus 

^ Nach dem vom Reichskanzler niedergeschriebenen Konzept. 
2 Abgegangen 16. Juni nachm. 



auf die Dauer stärken zu können, ist er wohl zu plump geschrieben. 
Dagegen sind die Rückwirkungen auf die deutsche öffentliche 
Meinung unverkennbar und bedenklich. 

Waren es bisher nur die extremsten Kreise unter den All- 
deutschen und Militaristen, welche Rußland die planvolle Vorberei- 
tung eines baldigen Angriffskrieges auf uns zuschoben, so beginnen 
sich jetzt auch ruhigere Politiker dieser Ansicht zuzuneigen. Die 
nächste Folge ist der Ruf nach einer abermaligen sofortigen umfang- 
reichen Verstärkung der Armee. Dadurch wird, wie die Dinge nun ein- 
mal bei uns liegen, der Wettbewerb auch der Marine wachgerufen, die 
niemals zu kurz kommen will, wenn etwas für die Armee geschieht. 
Da, wie ich ganz vertraulich bemerke, S. M. der Kaiser sich 
schon ganz in diese Gedankengänge eingelebt hat, besorge ich für 
den Sommer und Herbst den Ausbruch eines neuen Rüstungsfiebers 
bei ims. 

So wenig sich bei der Unsicherheit der russischen Verhältnisse 
die wirklichen Ziele der russischen Politik mit einiger Sicherheit im 
voraus erkennen lassen und so sehr wir auch bei unsern poHtischen 
Dispositionen in Rechnung stellen müssen, daß Rußland noch am 
ehesten von allen europäischen Großmächten geneigt sein wird, das 
Risiko eines kriegerischen Abenteuers zu laufen, so glaube ich doch 
nicht, daß Rußland einen baldigen Krieg gegen uns plant. Wohl 
aber wünscht es, und man wird ihm das nicht übelnehmen können, 
bei einem Wiederausbruch der Balkankrisis, gedeckt durch seine 
umfangreichen militärischen Rüstungen, kräftiger als bei den 
letzten Balkanwirren auftreten zu können. Ob es alsdann zu 
einer europäischen Konflagration kommt, wird ausschließhch von 
der Haltung Deutschlands und Englands abhängen. Treten wir 
beide alsdann geschlossen als Garanten des europäischen Friedens 
auf, woran uns, sofern wir von vornherein dieses Ziel 
nach einem gemeinsamen Plane verfolgen, weder die 
Dreibunds- noch die Ententeverpflichtungen hindern, so wird sich 
der Krieg vermeiden lassen. Andernfalls kann ein beliebiger, auch 
ganz untergeordneter Interessengegensatz zwischen Rußland und 
Österreich-Ungarn die Kriegsfackel entzünden. Eine vorausschauende 
Politik muß diese Eventuahtät bei Zeiten ins Auge fassen. 

Nun liegt es auf der Hand, daß eine erhöhte Tätigkeit der 
deutschen Chauvinisten und Rüstungsfanatiker einer solchen deutsch- 
englischen Kooperation ebenso hinderlich sein würde, wie eine nicht 
dezidierte, den französischen und russischen Chauvinismus im ge- 
heimen begünstigende Haltung des englischen Kabinetts. Auf einen 
seinem Bevölkerungszuwachs entsprechenden Ausbau seines Heeres 
wird Deutschland nie verzichten können. An eine Ei-weiterung des 
Flottengesetzes wird nicht gedacht. Wohl aber wird ganz im 
Rahmen des Flottengesetzes die Mehrindienststellung von Auslands- 
kreuzern, die Armierung und Bemannung der Schlachtschiffe usw. 
dauernd steigende Aufwendungen erheischen. Es ist aber ein großer 



Unterschied, ob solche Maßnahmen als notwendige Folge allmählicher 
ruhiger Entwickelung in die Erscheinung treten, oder ob sie panik- 
artig unter dem Druck einer aufgeregten und von Kriegsbesorgnis 
erfüllten öffentlichen Meinung vorgenommen werden. 

Daß Sir Edward Grey den Gerüchten von einer englisch-russi- 
schen Marinekonvention im Unterhause mit Entschiedenheit ent- 
gegengetreten ist und sein Dementi in der »Westminster Gazette« 
noch hat unterstreichen lassen, ist durchaus erfreulich. Hätten sich 
diese Gerüchte bewahrheitet, und zwar auch nur in der Form, daß 
die englische und russische Marine ihre Kooperation für den 
Fall festlegten, daß in einem zukünftigen Kriege England und Ruß- 
land gemeinsam gegen Deutschland fechten sollten — ähnlich den 
Abmachungen, die England zur Zeit der Marokkokrisis mit Frank- 
reich getroffen hat, — so wäre dadurch allerdings nicht nur der 
russische und französische Chauvinismus stark gereizt worden, 
sondern es hätte auch bei uns eine nicht unberechtigte Beunruhi- 
gung der öffenthchen Meinung Platz gegriffen, die ihren Ausdruck 
in einem navy scare und einer abermaligen Vergiftung der sich 
langsam bessernden Beziehungen zu England gefunden hätte. In- 
mitten der nervösen Spannung, in der sich Europa seit den letzten 
Jahren befindet, wären die weiteren Folgen unübersehbar gewesen. 
Jedenfalls wäre der Gedanke an eine gemeinschaftliche, den Frieden 
verbürgende Mission Englands und Deutschlands bei etwa auf- 
tauchenden Komplikationen von vornherein in verhängnisvoller 
Weise gefährdet worden. 

Ew. Durchlaucht ersuche ich ergebenst, Sir Edward Grey 
meinen besonderen Dank für seine offenen und geraden Erklärungen 
zu sagen und daran anschließend in zwangloser und vorsichtiger 
Weise diejenigen allgemeinen Betrachtungen zum Ausdruck zu 
bringen, die ich vorstehend angedeutet habe. 

Ihrem gefälligen Bericht ^ über die Aufnahme, der Sie bei Sir 
Edward Grey begegnen, sehe ich mit besonderem Interesse entgegen. 

V. Bethmann Hol! weg 

' Siehe Nr. 5. 

Nr. 4 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler^ 

Geheim I Wien, den 17. Juni 1914^ 

Graf Berchtold war nach der Abreise Sr. M. des Kaisers von S. K. u. 
K. Hoheit dem Erzherzog Franz Ferdinand nach Konopischt geladen 
worden. Der Minister erzählte mii heute, S. K. u. K. Hoheit habe sich 

^ Nach der Ausfertigung. 

* Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 20. Juni vorm. Bericht lag dem 
Kaiser vor, von ihm am 21. Juni zurückgegeben, am 22. Juni wieder im Amt 



ihm gegenüber im höchsten Maße befriedigt über den Besuch S. M. des 
Kaisers ausgesprochen. Er habe über alle möglichen Fragen ein- 
gehend mit Sr. M. gesprochen imd durchweg völlige Übereinstimmung 
der Ansichten konstatieren können. 

Der Erzherzog hat dem Grafen Berchtold auch dasjenige mit- 
geteilt, was er unserem Allergn ädigsten Herrn bezüglich der Politik 
des Grafen Tisza, besonders den nichtmagyarischen Nationalitäten 
gegenüber, gesagt hat. Den Rumänen gegenüber habe, wie S. K. u. K. 
Hoheit bemerkt hätten, Graf Tisza zwar schöne Worte gebraucht, 
seine Taten entsprächen aber diesen Worten nicht. Ein Fehler des 
ungarischen Ministerpräsidenten sei es vor allem gewesen, daß er 
den siebenbürgischen Rumänen nicht einige Abgeordnetenmandate 
mehr gegeben habe. 

Graf Berchtold meinte mir gegenüber, er habe schon oft und 
nachdrückhch auf den Grafen Tisza zugunsten größerer Konzessionen 
für die Rumänen einzuwirken versucht. Seine Bemühungen seien 
aber vergeblich gewesen. Graf Tisza behaupte, er sei bereits so 
weit als irgend möglich den Rumänen entgegengekommen. 

Ich werde meinerseits, wie ich dies bisher schon dem Grafen 
Berchtold gegenüber getan habe, der mir gewordenen hohen Vv^eisung 
entsprechend jeden Anlaß benutzen, um auch den ungarischen Minister- 
präsidenten auf die Notwendigkeit der Gewinnung der Rumänen 

hinzuweisen. ' _ , . , , 

von Ischirschky 

er darf durch seine innere Politik, die 
bei der Rumänenfrage auf die äußere 
des Dreibundes Einfluß hat, die letztere 
nicht in Frage stellen. 

Nr. 5 

Der Botschafter in London an den Reichskanzler^- 

London, den 24. Juni 1914^^ 

Ich benutzte meinen heutigen Besuch, um Sir Edward Grey den 
Dank Ew. Exz. für seine offenen und geraden Erklärungen im Unter- 
hause auszusprechen, durch welche er den Gerüchten über ein an- 
gebhches englisch-russisches Marineabkommen entgegengetreten ist. 
Ich knüpfte hieran die Bemerkung, daß Ew. Exz. seine Ausführungen 
um so lebhafter begrüßt hätten, als dieselben nicht unwesentlich 
dazu beitrügen, die Befürchtungen zu zerstreuen, welche namentlich 
in neuester Zeit weite Kreise des deutschen Volkes hinsichtlich unserer 

1 Nach der Ausferügung. 

^ Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts : 27. Juni vorm. 

^ Siehe Nr. 3. 



auswärtigen Lage erfaßt hätten. In erster Linie sei es Rußland, 
welches dieser Beunruliigung und den daraus hervorgehenden Be- 
strebungen für eine weitere Vermehrung unserer Rüstungen Nahrung 
zufülire, und ich könne in dieser Hinsicht ganz besonders auf den 
Artikel der »Nowoje Wremja« verweisen, welcher in Deutschland 
unliebsames Aufsehen erregt hätte. Angesichts der Möglichkeit, 
daß ein Balkankrieg wiederum ausbräche und daß Rußland sich als- 
dann zu einer etwas aktiveren Auslandspohtik entschlösse, erschien 
es uns von größter Wichtigkeit, daß die intime Fühlungnahme, 
welche zwischen uns während der letzten Krise bestand, auch allen 
zukünftigen Ereignissen gegenüber aufrechterhalten bliebe, um auf 
Grundlage gemeinsamer Verabredung einer kriegerischen Politik er- 
folgreich begegnen zu können. Ich wies den Minister ferner darauf 
hin, daß nur durch die Aufrechterhaltung der bisherigen deutsch- 
britischen Intimität, gepaart mit unserer Überzeugung, daß er auch 
in Zukunft bestrebt sein werde, kraft seines weitreichenden Einflusses 
in Paris und Petersburg allen abenteuerlichen Regungen entgegen- 
zutreten, es der Kaiserlichen Regierung möglich sein werde, das auch 
bei uns zeitweise überhandnehmende Rüstungsfieber niederzuhalten 
und den Rahmen der bestehenden Wehrgesetze einzuhalten. Ich 
vermied es dabei absichtlich, auf unser Flottengesetz näher ein- 
zugehen, da ich dieses heikle Thema mit dem Minister seit meiner 
Ankunft in London noch nie berührt habe und er auch es bisher 
sorgsam unterlassen hat, diesen Gegenstand mit mir zu erörtern. 
Der Minister nahm meine Eröffnungen mit sichtlicher Befriedigung 
zur Kenntnis und sagte, daß es ebenso sein Bestreben sei, mit uns 
auch ferner Hand in Hand zu geh.en und allen auftretenden Fragen 
gegenüber in enger Fülüung zu bleiben. Er habe in dieser Absicht 
soeben mit mir die gegenwärtige orientalische Lage besprochen und 
glaube, daß dieser Weg für unsere beiderseitigen Ziele der geeignete 
sei. Was Rußland beträfe, so habe er nicht den geringsten Grund, 
an den friedlichen Absichten der russischen Regierung zu zweifeln. 
Daß Graf Benckendorff hier keine deutschfeindhche Pohtik betreibe, 
brauche er mich nicht erst zu versichern. Kaiser Nikolaus und 
Herr Sasonow sprächen sich stets in friedlichem Sinne Sir George 
W. Buchanan gegenüber aus; nur sei es nicht zu leugnen, daß Herr 
Sasonow den Wunsch hege, gewissermaßen als Gegengewicht gegen 
den festgefügten Block des Dreibundes den Dreiverband etwas kräftiger 
in die Erscheinung treten zu lassen. Was aber den Artikel der 
»Nowoje Wremja« beträfe, auf den ich angespielt hätte, so sei er 
ihm, dem Minister, f überhaupt nicht bekannt. Lacliend fügte er 
hinzu, er habe erst gestern abend einen heftigen Angriff des gedachten 
Blattes gegen Großbritannien zu Gesicht bekommen wegen des per- 
sischen ölab komme ns. Was aber Frankreich anlange, so wisse er 
aus guter Quelle und würde in dieser Auffassung auch durch fremde, 
z. B. amerikanische Nachrichten bestärkt, daß die Franzosen nicht 
die geringste Lust zu einem Kriege verspürten. 



8 

Es bestünden, so sagte mir Sir Edward, keine nicht veröffent- 
lichten Abmachungen zwischen Großbritannien und den Verbands- 
genossen, Er könne mir dies wiederholen, wie er es im Parlament 
erklärt habe, und er freue sich, hinzulügen zu können, daß von ihm 
aus niemals etwas geschehen werde, um diesem Verhältnis eine gegen 
Deutschland gerichtete Spitze zu geben. Er glaube auch, daß in 
den letzten Zeiten bei uns über diese Frage eine befriedigtere Auf- 
fassung Platz gegriffen habe. Er wolle aber mit mir ganz offen sein 
und wünsche nicht, daß ich mich zu irrigen Auffassungen verleiten 
ließe, und möchte daher die Gelegenheit benutzen, um mir zu sagen, 
daß trotz obiger Tatsachen sein Verhältnis zu den beiden Genossen 
nach wie vor ein sehr intimes sei und dasselbe nichts von seiner 
früheren Festigkeit eingebüßt habe. Über alle wichtigen Fragen 
stände er mit den betreffenden Regierungen in dauernder Fühlungnahme. 

Ich dankte dem Minister für seine vertrauensvollen Eröffnungen, 
die er in freundschaftlich-gemütlicher Form vortrug, und erwiderte, 
daß für uns kein Grund vorläge, daran Anstoß zu nehmen, solange 
er seinen mächtigen Einfluß zugunsten des Friedens und der Mäßigung 
zum Ausdruck brächtet L i c h n o w s k y 

* Siehe Nr. 6, Nr. 20 Anm. 3 und Nr. 30 Anm. 3. 



Nr. 6 

Der ünterstaatssekretär des Auswärtigen an den 
Reichskanzler^ 

Berlin, den 27. Juni 1914 

Bei der Unterredung^ ist, wie zu erwarten stand, Lichnowsky 
wiederum völlig von Grey eingewickelt worden imd hat sich von 
neuem in der Auffassung bestärken lassen, daß er es mit einem 
ehrlichen, wahrheitsliebenden Staatsmann zu tun hat. Es wird 
nichts anderes übrigbleiben, als L. einige, natürlich recht vorsichtige 
Andeutungen über uns aus Petersburg zugehende geheime, aber 
unbedingt zuverlässige Nachrichten zu machen, die über das Vor- 
handensein fortdauernder politischer und militärischer Abmachungen 
zwischen England und Franki"eich und über bereits angeknüpfte, auf 
das gleiche Resultat hinzielende Verhandlungen zwischen England_^und 
Rußland keinerlei Zweifel aufkommen lassen^. ycrviroot-TnoTn», 

£j 1 IXl IliC X lli cL 11 11 



' Niederschrift des Unterstaatssekretärs Zimmermann. 

2 Siehe Nr. 5. 

^ Am Rand die urschriftliche Rückäußerung des Reichskanzlers: »Lichnowsky 
kommt Montag 5 Uhr zu mir. Ich möchte vorher die Situation noch ein- 
mal mit Ihnen besprechen. B. H. 27.« 



Nr. 6 a 

Der Generalkonsul in Sarajevo an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm ii Sarajevo, den i. Juli 1914^ 

Heute Nacht ist von Semlin als Tatsache hierher berichtet 
worden, daß 10 bis 12 Verschwörer aus Belgrad unabhängig einer 
vom anderen entsendet worden sind. 

Hier in Sarajevo waren mindestens drei Mordgesellen postiert. 
Mein Vertrauensmann, eine unbedingt zuverlässige Persönlichkeit in 
ve ran tworth eher, ihn allseitig orientierender Stellung, erklärte mir 
auf meine bestimmte Frage als mein Freund, daß er die Reise 
Sr. M. des Kaisers nach Wien auf Grund seiner Kenntnis der Wiener 
Verhältnisse und des Systems der russisch-serbischen Gewalttäter auf 
das allerentschiedenste widerraten müsse. — Ich persönlich trete 
dem nach alledem, was ich hier gehört oder beobachtet habe, be- 
dingungslos bei. 

Die Fahrt nach Artstätte^, das rein deutsch und klein, deshalb 
leicht kontrollierbar sei, soll unbedenklich sein*. 

Dr. Eiswaldt 

^ Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Sarajevo den i. Juli i" nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt I.Juli, 4^ nachm. Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 
1. Juli nachm. 

' So in der Entzifferung für »Artstetten«. 

* Siehe Nr. 6 b. 



Nr. 6b 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Wien' 

Telegramm 107 Berlin, 2. Juli 1914- 

Infolge der aus Sarajevo eingegangenen Warnungen^, von denen 
eine erste übrigens schon aus dem April d. J. datiert, habe ich 
S. M. den Kaiser bitten müssen, die Reise nach Wien aufzugeben. 
Bestimmend war für mich, daß es sich bei dieser Reise nicht um 
einen Akt staatlicher oder poUtischer Notwendigkeit, sondern um 
eine über die Forderungen der Etikette hinausgehende freiwillige 
Bekundung freundschaftücher Gesinnungen handelt, daß der Frevel- 

' Nach dem Konzept von des Reichskanzlers Hand. 
* 10^0 vorm, zum Haupttelegraphenamt gegeben 
» Siehe Nr. 6 a 



10 

tat von Sarajevo anscheinend ein weitverzweigtes Komplott zu- 
grunde liegt, und daß Attentate bekanntermaßen eine suggestive 
Wirkung auf verbrecherische Elemente ausüben. Aus diesen Er- 
wägungen habe ich die Verantwortung für eine nicht zwingende 
Exposition Sr. M. in fremdem Lande nicht übernehmen können. 

Der Öffentlichkeit gegenüber wird die Aufgabe der Reise mit 
körperUcher Indisposition Sr. M. motiviert werden. S. M. wünschen 
indes, daß S. M. dem Kaiser Franz Joseph persönlich die wahre Ur- 
sache mitgeteilt werde. S. M. haben deshalb die nachstehende In- 
struktion für Ew. pp. Allerhöchst selbst niedergeschrieben: 

»An H. V. Tschirschky für S. M. Kaiser Franz Joseph 
S. M. sind durch S. Exz. den Reichskanzler informiert worden, 
daß aus Sarajevo durch Vertrauensleute des deutschen Konsuls 
Sr. Exz. eine Warnung zugegangen sei, die von einer Reise nach 
Wien seitens des deutschen Kaisers abraten. S. Exz. der Reichs- 
kanzler haben daraufhin Sr. M. als sein verantwortlicher Ratgeber 
bestimmt erklärt, die Verantwortung nicht übernehmen zu können, 
und S. M. gebeten, die Reise zu unterlassen. S. M. haben sich den 
Gründen nicht verschließen können und schweren Herzens in tiefem 
Schmerz sich zur Aufgabe derselben entschlossen. S. M. haben den 
k. Botschafter beauftragt, persönUche Meldung sofort an Kaiser Franz 
Joseph zu machen imd auszusprechen, wie schwer der Entschluß ihm 
geworden sei. Einerseits, weil er als Mangel an persönlichem Mut 
ausgelegt werden könnte, andererseits, weil S. M. dadurch verhin- 
dert werde, dem Kaiser tröstend und leidmittragend zur Seite zu 
stehen, sowie auch dem ganzen österreichischen Volke am Tage der 
Trauer nahe sein zu können. Schluß.« 

Ew. pp. ersuche ich ergebenst, diesen Allerhöchsten Auftrag 
schleunigst in geeigneter Form zur Ausführung zu bringen. 

Bethmann Hollweg 



Nr. 7 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler^ 

Wien, den 30. Juni 1914^ 

Graf Berchtold sagte mir heute, alles 
deute darauf hin, daß die Fäden der Ver- 
schwörung, der der Erzherzog zum Opfer ge- 
fallen sei, in Belgrad zusammenliefen. Die 
Sache sei so wohl durchdacht worden, daß 

^ Nach der Entzifferung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Arats: 2. Juli nachm. Entzifferung lag 
dem Kaiser vor, von ihm am 4. Juli zurückgegeben. 



1 1 

man absichtlich ganz jugendhche Leute zur 
Ausführung des Verbrechens ausgesucht habe, 
hoffentlich nicht S^S^^ <^'^ ""^' ^^i^^ere Strafe verhängt werden 

könne. Der Minister sprach sich sehr bitter 
über die serbischen Anzettelungen aus. 

Hier höre ich, auch bei ernsten Leuten, 

vielfach den Wunsch, es ynüsse einmal gründlich 

jeti^t oder nie ynit den Serben abgerechnet werden. Man 

müsse den Serben zunächst eine Reihe von 

Forderungen stellen und falls sie diese nicht 

wer hat ihn da^u ermäch- akzeptierten, energisch vorgehen. Ich benutze 

tigt? das ist sehr dumm! jeden solchen Anlaß, um ruhig, aber sehr 

geht ihn gar nichts an, nachdrücklich und ernst vor übereilten Schritten 

s:Ä-°«T,W^" »'«'■"^"- ^- ^"^"^ ™"^=^ man sich erst 
fw thun gedenkt. Nachher klar darüber werden, was man wolle, denn 
heißt es dann, wenns schief ich. hörte bisher nur ganz unklare Gefülils- 
geht, Deutschland hat tiicht äußerungen. Dann solle man die Chancen 
fÄ,>I^Äir to" irgendeiner Aktion sorgfältig erwägen und sich 
sen! Mit den Serben muß vor Augen halten, daß Osterreich -Ungarn nicht 
aufgeräumt werden, und allein in der Welt stehe, daß es Pflicht sei, 

pvar bald. neben der Rücksicht auf seine Bundesgenossen 

versteht sich alles von die europäische Gesamtlage in Rechnung zu 
selbst, und sind Binsen- ziehen und speziell sich die Haltung Itahens 

Wahrheiten. ^^ Rumäniens in allen Serbien betreffenden 

Fragen vor Augen zu halten. 

van Tschirschky 



Nr. 8 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Ämt^ 

Telegramm 80 Wien, den 2. Juh 1914^ 

Die Blätternachricht, der zufolge hiesige Regierung eine De- 
marche in Belgrad gemacht habe, um von serbischer Regierung 
Untersuchung gegen die Attentäter zu verlangen, ist nicht richtig. 
Bisher sind keinerlei solche Schritte imternommen worden. Ob dies 
später erfolgen werde, hänge davon ab, ob hiesige Untersuchung 
wirkhch gravierendes Material gegen Belgrad ergeben werde. 

Tschirschky 

' Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Wien 6" nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 7** nachm. ; 
Eingangsvermerk : 2. Juli nachm. Bericht vom Auswärtigen Amt am 3. Juli 
telegraphisch den Vertretungen in Rom, Bukarest und Belgrad mitgeteilt, 
io*° vorm. zum Haupttelegraphenamt. 



12 

Nr. 9 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Ämt^ 

Telegramm 8i Wien, den 2. Juli 1914^ 

Habe mich soeben Allerhöchsten Auftrags bei Sr. M. dem Kaiser 
Franz Joseph entledigt, der die Gnade hatte, mich fast eine Stunde 
bei sich zu behalten. S. M. der Kaiser Franz Joseph lassen Sr. M. 
herzHchst für die eingehende Benachrichtigung danken. So tief und 
aufrichtig er bedauere, S. M. nicht hier begrüßen zu können, so 
würdige er andererseits durchaus die zwingenden Gründe, die ein 
Aufgeben der Reise in diesem Augenblick geboten hätten erscheinen 
lassen. Es sei auch für ihn eine Erleichterung, S. M. nicht den 
Zufäüigkeiten einer Auslandsreise ausgesetzt zu wissen. Die War- 
nungen aus Sarajevo und aus Semlin, die auch hier eingelaufen 
seien, seien leider so ernst, daß sie unmöglich hätten unberück- 
sichtigt bleiben können. Freihch hätte er sehr gern S. M. jetzt bei 
sich gesehen, um auch so mancherlei Pohtisches mit ihm zu be- 
sprechen. »Denn ich sehe sehr schwarz in die Zukunft«, sagten S. M., 
»und die Zustände da unten werden mit jedem Tage beunruhigender. 
Ich weiß nicht, ob wir noch länger werden ruhig zusehen können 
und ich hoffe, daß auch Ihr Kaiser die Gefahr ermißt, die für die 
Monarchie in der serbischen Nachbarschaft liegt. Was mich ganz 
besonders beunruJiigt, das ist die russische Probemobilisierimg, die 
für den Herbst geplant ist, also gerade in einer Zeit, wo wir hier 
den Rekruten Wechsel haben. Herr von Hartwig ist ja der Herr in 
Belgrad, und Paschitsch tut nichts, ohne ihn zu fragen.« 

Der Kaiser sprach dann noch eingehend über die politische 
Lage im allgemeinen. Ich darf mir hierüber weiter gehorsamste 
Berichterstattung vorbehalten. 

S. M. der Kaiser Franz Joseph ersuchte mich beim Abschied noch- 
mals, Sr. M. seinen aufrichtigsten Dank für die durch mich erfolgte Mit- 
teilung zu übermitteln. S. M. könne versichert sein, daß er, so schmerz- 
hch ihn das Fernbleiben Sr. M. berühre, es doch als eine Beruhigung 
empfinde, daß der Kaiser die Reise hierher aufgegeben habe. 

S. M. der Kaiser Franz Joseph sah sehr wohl aus. Höchst- 
derselbe meinte zwar, er habe seine Kraft noch nicht wieder in 
vollem Maße wiedergewonnen, doch sei der Appetit gut und er hoffe, 
daß die gute Luft in Ischl, wohin er sobald als möglich zurückzu- 
kehren gedenke — voraussichtlich nächsten Montag — , die letzten 
Spuren der überstandenen Krankheit beseitigen werde^. 

Tschirschky 



^ Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Wien 2. Juli lo^ nachm.; angekommen im Auswärtigen Amt 

3. Juli 12^2 vorm. Eingangsvermerk: 3. Juli vorm. 
ä Siehe Nr. 1 1. 



13 

Nr. 10 

Der Gesandte in Belgrad an den Reichskanzler' 

Belgrad, den 30. Juni 1914* 

Das grauenhafte Attentat in Sarajevo, das 
hier erst in den Abendstunden des 15. /28. Juni 
offiziös bekanntgegeben wurde, wahrscheinlich, um 
der an diesem Tage — dem sogenannten Widowdan, 
Erinnerung an die Schlacht auf dem Amselfeld am 
15. Juni 1389 — abgehaltenen Volksfeier kein allzu 
frühes Ende zu bereiten, hat einen tiefen Eindruck 
in Serbien gemacht. Nicht etwa in dem Sinne, 
daß die Nachricht in den breiten Schichten der Be- 
völkerung das Gefühl besonderer, aus dem Herzen 
kommender Trauer ausgelöst hätte. In dieser Hin- 
sicht kann man höchstens sagen, daß verletzende 
und unziemUche Kundgebungen in der Öffentlichkeit 
unterbheben sind. Sondern weil man hier sofort 
instinktiv fühlte, daß für die von Serben begangene 
Bluttat nicht bloß die Brüder in Bosnien, sondern 
jci das gan^e Serbentum die Verantwortung treffe. 

Nachdem es sich herausgestellt hat, daß beide Atten- 
täter sich bis vor wenigen Wochen in Belgrad auf- 
gehalten haben, der eine, Prinzip, als Handelsschüler, 
der andere, Tschabrinowitsch, als Setzer in der 
Staatsdruckerei, nachdem letzterer offen zugegeben 
hat, seine Bombe, wie seinerzeit der Attentäter in 
Cetinje, aus Belgrad bezogen zu haben, ist die 
Stimmung hier eine recht gedrückte. Zwar bemüht 
man sich, den anstürmenden Verdächtigungen und 
Anklagen dadurch die Spitze abzubrechen, daß man 
auf das Fiasko der früher gegen Serbien in den 
Agramer und Fried Jungprozessen erhobenen Anwürfe 
hinweist und immer wieder betont, wie ungerecht 
es sei, eine ganze Nation für die Untaten einzelner 
Überspannter verantwortlich zu machen. Aber es 
wird schwer sein zu bestreiten, daß das Königreich 
Serbien imd speziell Belgrad mit seiner unge{ügelten 
Presse, seinen fanatischen Omladina -Vereinen und 



Nach der Ausfertigung. 

Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 3. Juli vorm. Bericht lag dem 
Kaiser vor, von ihm am 4. Juli zurückgegeben. Wurde gemäß kaiserlicher 
Randverfügung am 7. Juli den Vertretungen in Wien, St. Petersburg, London, 
Rom, Paris und Bukarest mitgeteilt. 

Aktenstücke I. 4. 



14 



seiner wüsten großserbischen Agitation, einen unver- 
gleichlichen Nährboden für solche exaltierten Ge- 
müter abgibt. 

In dieser peinlichen Situation hat die Regierung 
es für angebracht gehalten, vor allem in möglichst 
geräuschvoller und ostentativer Form ihre Verur- 
teilung der Tat und ihr Beileid zum Ausdruck zu 
bringen. Um die Attentäter wenigstens von ihren 
Rockschößen abzuschütteln, hat sie ein Communique 
veröffentlicht, worin die unseHge Tat in den schärfsten 
Ausdrücken verdammt wird. Ein inspirierter Ar- 
tikel der »Samouprawa« hebt hervor, wie schwer 
dieses Ereignis Serbien gerade in dem jetzigen 
Moment treffe, wo so vielfältige und wichtige Ver- 
handlimgen mit der Monarchie ihrer Lösung ent- 
gegengehen und wo Serbien, der fortwährenden 
Aufregungen müde, nichts sehnücher wünsche, als 
eine Periode ungestörter Ruhe. 

Im Pubükum, das durch offizielle Rücksichten 
nicht gebunden ist, hört man freihch auch andere 
Stimmen. Ganz abgesehen von geschmacklosen 
Vergleichen, wie mit der Tat Teils und der des 
Serben Milosch Obilitsch, der den Sultan Bajasid 
auf dem Amselfeld ermordete und heute noch als 
Nationalheld gefeiert wird, wird darauf hingewiesen, 
wie unbedacht es war, in dem fanatisierten^ Bosnien* 
Manöver abzuhalten und vollends zu einem Zeit- 
punkt, wo der Widowdan empfängliche Gemüter 
immer von neuem mit patriotischer Erregung er- 
fülle. Ein erhebhcher Teil der serbischen Presse 
hat sich zum Echo dieser Stimmungen gemacht 
und spricht sogar von einer Provokation des serbischen 
patriotischen Gefühls^ durch die Abhaltung der 
Manöver. Diese Taktik bezweckt ' natürlich nichts 
anderes, als die Anschuldigungen zu parieren, die 
in der Öffentlichkeit Österreich-Ungarns gegen die 
planmäßig in Serbien betriebene großserbische 
Agitation erhoben werden. 

Die nicht abzuleugnende moralische Mitschuld 
Serbiens an dem Attentat bedeutet eine schwere 
Schädigung des durch die beiden letzten Kriege 
kaum erst wieder gehobenen Ansehens des Landes. 



^ »fanatisierten« vom Kaiser zweimal unterstrichen. 

* Am Rand Fragezeichen und Ausrufungszeichen des Kaisers. 

■' Am Rand Ausrufungszeichen des Kaisers. 



^5 

Dies empfinden auch seine wärmsten Freunde und 

Gönner. So soll mein russischer Kollege auf die 

erste Nachricht von der Katastrophe ausgerufen 

er mußte es ja doch haben: t Esperons qiie ce ne sera pas un Serbe.« 

wissen! „ . 

V. Griesinger 

Nr. II 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler ^ 

Geheim ! Wien, den 2. Juli 1914^ 

Im Anschluß an meine anderweite Berichterstattung^ beehre ich 
mich, über meine heutige Audienz bei Sr. M. dem Kaiser Franz Joseph 
nachstehendes zu melden. 

Der Kaiser kam mir bei meinem Eintritte in sein Kabinett mit 
elastischem Schritte entgegen und forderte mich nach Entgegennahme 
meines Allerhöchsten Auftrages auf, an seinem Schreibtische Platz 
zu nehmen. Der Kaiser sagte dann, die Zeiten seien sehr ernst. 
Er wisse ja nicht, wie lange ihm noch zu leben beschieden sein 
werde, aber er fürchte, in seinen letzten Lebenstagen würde ihm 
keine Ruhe vergönnt sein. Der Kaiser sprach dann über die wachsende 
Gefahr »da unten« und meinte, »ich sehe sehr schwaiz in die Zukunft«. 
Man müsse aber an die Zukunft denken und schon jetzt nach Mög- 
lichkeit Vorsorge treffen. Er hätte sehr gern sich mit unserem Aller- 
gnädigsten Herrn über alle die ihn beschäftigenden politischen Fragen 
ausgesprochen. Nun sei das leider für jetzt unmöglich geworden. 
Statt dessen werde er aber den Prinzen Hohenlohe tunlichst bald 
nach Berlin senden, der mit seinen Anschauungen wohl vertraut sei. 
Er hoffe zuversichtlich, daß mein Kaiser dem Prinzen volles Vertrauen 
entgegenbringen werde, »denn er verdient es«. Er habe den Prinzen 
beauftragt, ganz offen und rückhaltlos mit Sr. M. dem Kaiser und 
dessen Ratgebern zu sprechen. 

Der Kaiser berührte dann die albanische Frage. In Albanien 
gehe es sehr schlecht. Mit den Leuten dort sei nichts zu machen : 
Jeder Albanese sei bestechlich, und auf keinen könne man sich ver- 
lassen. Prinz Wied habe gewiß den besten Willen, aber anscheinend 
sei er nicht der Mann für die ihm gestellte Aufgabe, wobei er aber 
nicht entscheiden wolle, ob ein anderer es besser gemacht haben 
würde. Man habe wohl die Verpflichtung, den Fürsten von Albanien 
so lange wie möglich zu halten und seine persönliche Sicherheit zu 



^ Nach einer bei den Akten befindlichen Abschrift 

* Eingangsvermerk, des Auswärtigen Amts: 4. Juli nachm. Dazu die Notiz: 

11 Vom Unterstaatssekretär persönlich beantwortet«. Die Antwort ist nicht 

bei den Akten. 
2 Siehe Nr. 9. 

4* 



i6 

garantieren. Weiter könne er aber nicht gehen. Die Albaner möchten 
dann sehen, wie sie untereinander fertig werden würden. Österreich 
interressiere nur die Integrität des albanischen Staates. Solange 
diese gewahrt werde, denke man hier an keine Intervention. 

Turkan Pascha scheine auch ein recht übler Herr zu sein, 
der jetzt nun schon zum zweiten Male seinen Fürsten und sein Land 
im Stiche lasse. Daß man ein so übel beleumrmdetes Subjekt wie 
Herrn AHotti von Rom aus nach Durazzo geschickt habe, sei be- 
dauerlich und zeige von der Schwäche der italienischen Regierung. 
Doch sei Marquis di San Giuliano durchaus korrekt, und es gehe ja 
jetzt glücklicherweise entschieden besser im Verhältnis mit Rom. 

Erfreulich sei es, daß die Beziehungen zu Griechenland wärmer 
geworden seien. Mit so vernünftigen Leuten wie die Herren Veniselos 
und Streit werde man gewiß auf diesem guten Wege weiterkommen. 

Wenn er, der Kaiser, auch gewiß nichts für König Ferdinand 
übrig habe, so sei doch Bulgarien ein großes Land und bedeutender 
Entwicklung fähig. Bulgarien sei, außer vielleicht Griechenland, der 
einzige Balkanstaat, der gar keine widerstreitenden Interessen mit 
Österreich habe. Er halte es deshalb für richtig, die Beziehungen 
zu diesem Lande zu pflegen und fester zu gestalten. 

Traurig dagegen sei das Kapitel »Rumänien«. »Ich weiß, daß 
Ihr Kaiser volles Vertrauen zu König Carol hat«, meinten S. M. 
wörtlich. »Ich habe es nicht.« Wenn der König auch versuche, 
sich möglichst gut mit Worten nach allen Seiten hin zu decken, so 
sei er, der Kaiser, doch fest überzeugt, daß der König nicht mehr 
die Kraft habe, sein Land zu führen, sondern er werde von der 
Volksstimmung geführt. Übrigens habe der König ja mit aller 
Deutlichkeit seinerzeit schon dem Prinzen Fürstenberg erklärt, er 
fühle sich nicht imstande, seinen Verpflichtungen dem Dreibunde 
gegenüber nachzukommen. Die von ihm oft gerühmte Politik der 
freien Hand werde notwendig dahin führen, daß er gegen Österreich 
werde marschieren müssen. 

Ein Lichtblick in der sonst so trüben politischen Lage sei die 
Besserung der Beziehungen zwischen Berlin und London, die natur- 
gemäß auch eine günstige Rückwirkung auf die Beziehungen zwischen 
Wien und London zur Folge gehabt hätten. Sir Edward Grey habe 
sich im Laufe der Jahre entschieden in politischer Beziehung zu 
seinem Vorteil verändert, und er glaube, daß die sonst nicht gerade 
brillante Londoner Konferenz doch das Gute gehabt habe, Deutsch- 
land und auch Österreich dem Minister näherzubringen, der unsere 
Politik jetzt wohl richtiger beurteilt wie früher. »Wenn wir England 
nur ganz von seinen Freunden Frankreich und Rußland abbringen 
könnten«, meinte S. M. Ich bemerkte hier, daß S. M. überzeugt sein 
könnten, daß S. M. unser allergnädigster Kaiser, und der Herr 
Reichskanzler auch weiter auf dem bisher mit großer Geduld 
und Beharrlichkeit verfolgten Wege weiterschreiten würden, um 
England mehr und mehr von der Kongruenz unserer Interessen zu 



17 

überzeugen. Ein völliges Abdrängen von seinen jetzigen Entente- 
freunden würde aber wohl in absehbarer Zeit kaum möglich sein. Wir 
müßten mit einer allmählich fortschreitenden Besserung unseres Ver- 
hältnisses zu England uns für jetzt zufrieden geben. Vielleicht 
würden einmal Ereignisse in der Welt eintreten, durc h welche unsere 
Bemühungen rascher zum Ziele geführt werden würden. 

S. M. kam dann zum Schluß nochmals auf den serbischen Nach- 
bar zu sprechen. Die Belgrader Intrigen seien unerträglich. Mit 
den Leuten sei eben im guten nichts anzufangen. S. M. erwähnten 
hier die Stellung, die Herr von Hartwig in Belgrad einnehme, und 
die Besorgnisse, die ihm die russischen sogenannten Probemobilisierungen 
im Herbst, also zu einer Zeit, wo hier die Rekruten eingestellt 
würden und die Armee nicht vollkommen schlagfertig sei, einflößten. 
Er hoffe, daß mein Kaiser und die Kaiserli he Regierung die Ge- 
fahren ermäßen, die für die Monarchie in der serbischen Nachbar- 
schaft lägen. Man müsse, wie gesagt, an die Zukunft denken und 
die Machtstellung der im Dreibund Verbündeten waliren. Ich be- 
nutzte diese Bemerkung des Kai>ers, um auch Sr. M. gegenüber — 
wie ich es in diesen Tagen dem Grafen Berchtold gegenüber sehr 
nachdrückUch bereits getan habe — nochmals daiauf hinzuweisen, daß 
S. M. sicher darauf bauen könne, Deutschland geschlossen hinter der 
Monarchie zu finden, S(;bald es sich um die Verteidigung eines ihrer 
Lebensinteressen handele. Die Entscheidung darüber, wann und wo 
ein solches Lebensinteresse vorhege, müsse Österreich selbst überlassen 
bleiben. Aus Stimmungen und Wünschen heraus, wenn sie auch noch 
so verständhch seien, könne verantwortliche Politik nicht gemacht 
werden. Es müsse vor jedem entscheidenden Schritt sehr genau erwogen 
werden, wie weit man gehen wolle und müsse und mit welchen 
Mitteln das ins Auge gefaßte Ziel zu errreichen sei. In erster Linie 
müsse bei jedem folgenschweren Schritte die allgemeine politische 
Lage erwogen und die voraussichtliche Haltung der anderen Mächte 
und Staaten in Rücksicht gezogen und das Terrain sorgfältig vor- 
bereitet werden. Ich könne nur wiederholen, daß n ein Kaiser hinter 
jedem festen Entschlüsse Österreich -Ungarns stehen werde. S. M. 
stimmten diesen meinen Worten lebhaft zu und meinten, ich hätte 
gewiß recht. 

Der Kaiser erwähnte dann noch, daß der plötzliche Tod des 
Generals Pollio ein herber Verlust für Italien und auch für uns sei. 
»Alles stirbt um mich herum,« sagte S. M., »es ist zu traurig.« 

Der Kaiser sprach dann noch über seine Sommerpläne in Ischl, 
die Aussichten der Hirschjagd und geruhten mich nach fast ein- 
stündiger Audienz in gnädigster Weise zu entlassen. 

Während ich diesen Bericht — zwischen 12 und i Uhr nachts — 
niederschreibe, höreich da-. Johlen und Pfeifen einer großen Menschen- 
menge, die eine Demonstration vor der nahe gelegenen russischen 
Botschaft veranstalten. Zahlreichen Schutzmannschaften ist es soeben 
gelungen, die Demonstranten von der russischen Botschaft abzu- 



i8 

drängen, und nach einer Ansprache, die von jemandem an die Menge 
gerichtet wurde, die ich aber nicht verstehen konnte, zieht die Menge 
soeben ab unter Absingung des »Gott erhalte« und der »Wacht am 
Rhein«. 

von Tschi rschky 



Nr. 12 

Der Gesandte in Belgrad an den Reichskanzler ^ 

Belgrad, den 2. JuH 1914^ 

Wie mir der österreichisch-ungarische Geschäftsträger mitteilt, 
hat er gestern von sich aus an den Generalsekretär im hiesigen 
Auswärtigen Ministerium die Frage gerichtet, was die serbische 
Regierung angesichts der selbst nach den slawischen Blättern auf 
Serbien und Belgrad weisenden Zusammenhänge mit dem Attentat :(u 
deren Ermittelung angeordnet habe. Herr Gruitsch erklärte ihm 
darauf, daß bis jet:{t nichts geschehen sei und die Sache die serbische 
Regierung auch nichts anginge^, und fragte seinerseits, ob der 
Geschäftsträger im Namen seiner Regierung spreche. Herr von Storck 
ist ihm dann sehr deutlich geworden und hat ihm sein tiefstes Be- 
fremden darüber ausgedrückt, daß eine Regierung, die fortwährend 
versichere, mit ihren Nachbarn in korrekten Beziehungen leben zu 
wollen, eine derartige Gleichgültigkeit an den Tag lege. Die Unter- 
redung scheint beiderseits ungemein erregt geführt worden :{u sein 
und hat damit geendet, daß der Generalsekretär sofort mit dem 
Minister des Innern sich ins Benehmen setzte. Es verlautet nun- 
mehr, daß am gestrigen Abend einige Verhaftungen imd Haussuchungen 
in den von den Attentätern seinerzeit bewohnten Quartieren vorge- 
nommen wurden. Auch sollen nähere Ermittlungen darüber im Gange 
sein, welchen Gesellschaften und nationalistischen Vereinen die Atten- 
täter angehört haben, wie sie in den Besit{ der Bomben gelangt 
sind und woher die angeblich bei ihnen vorgefundenen Gelder stammen. 

V. Griesinger 

sehr bezeichnend 



^ Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 5. Juli vorm, Bericht lag dem 

Kaiser vor, von ihm am 13. Juli zurückgegeben, am 16. Juli wieder im Amt. 

Gemäß kaiserlicher Randverfügung am 20. Juli der Botschaft in Wien 

mitgeteilt. 
' Die Worte »jetzt nichts geschehen« und »nichts anginge« vom Kaiser 

zweimal unterstrichen, am Rand zwei Ausrufungszeichen des Kaisers. 



19 

Nr. 13 

Der Kaiser von Österreich an den Kaiser 

Handschreiben ^ 

Ich habe aufrichtig bedauert, daß Du genötigt warst, Deine 
Absicht, zur Trauerfeier nach Wien zu kommen, aufzugeben. Ich 
hätte Dir sehr gerne persönlich meinen herzhchen Dank für Deine 
wohltuende Anteilnahme an meinem schweren Kununer ausgesprochen. 

Du hast mir durch Dein warmes, mitfühlendes Beileid wieder 
bewiesen, daß ich in Dir einen treuen verläßlichen Freund besitze 
und daß ich in jeder ernsten Stunde auf Dich rechnen kann. 

Es wäre mir auch sehr erwünscht gewesen, die politische Lage 
mit Dir zu besprechen; da dies jetzt nicht möglich gewesen ist, 
erlaube ich mir. Dir die anruhende von meinem Minister des Äußern 
ausgearbeitete Denkschrift zu senden, die noch vor der furchtbaren 
Katastrophe in Sarajevo verfaßt wurde und jetzt nach diesem tra- 
gischen Ereignisse besonders beachtenswert erscheint. 

Das gegen meinen armen Neffen verübte Attentat ist die direkte 
Folge der von den russischen imd serbischen Panslawisten betriebenen 
Agitation, deren einziges Ziel die Schwächung des Dreibundes und 
die Zertrümmerung meines Reiches ist. 

Nach allen bisherigen Erhebungen hat es sich in Sarajevo nicht 
um die Bluttat eines einzelnen, sondern um ein wohlorganisiertes 
Komplott gehandelt, dessen Fäden nach Belgrad reichen, und wenn 
es auch vermutlich immöglich sein wird, die Komplizität der serbi- 
schen Regierung nachzuweisen, so kann man wohl nicht im Zweifel 
darüber sein, daß ihre auf die Vereinigung aller Südslawen unter 
serbischer Flagge gerichtete Politik solche Verbrechen fördert, und 
daß die Andauer dieses Zustandes eine dauernde Gefahr für mein 
Haus und für meine Länder bildet. 

Diese Gefahr wird noch dadurch erhöht, daß auch Rumänien, 
trotz des bestehenden Bündnisses mit uns, sich mit Serbien eng be- 
freimdet hat und auch im eigenen Lande eine ebenso gehässige 
Agitation gegen uns duldet, wie Serbien es tut. 

Es wird mir schwer, an der Treue und den guten Absichten 
eines so alten Freundes, wie Carl von Rumänien es ist, zu zweifeln, 



^ Nach der bei den Akten befindlichen offiziellen Abschrift der k. u. k. 
Regierung, die nebst der unten (Nr. 14) abgedruckten Denkschrift am 5. Juli 
von österreichisch-ungarischer Seite dem Unterstaatssekretär Zimmermann 
überreicht worden war. Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 5. Juli. 
Am 6. Juli dem Botschafter in Wien abschriftlich mitgeteilt. Siehe außer- 
dem die Telegramme vom 6. Juli an die Vertretungen in Wien, Bukarest, 
Sofia und Rom Nr. 15, 16, 17 und 33. Siehe auch deutsches Weißbuch vom 
Juni 1919, Anlage V. 3. 



20 

er selbst hat aber meinem Gesandten im Laufe der letzten Monate 
zweimal erklärt, daß er angesichts der erregten und uns feindüchen 
Stimmung seines Volkes nicht in der Lage wäre, im Ernstfalle seinen 
Bundespflichten nachzukommen. 

Dabei fördert die gegenwärtige rumänische Regierung ganz offen 
die Bestrebungen der Kulturliga, begünstigt die Annäherung an 
Serbien und strebt mit russischer Hilfe die Gründung eines neuen 
Balkanbundes an, der nur gegen mein Reich gerichtet sein könnte. 

Schon am Beginne der Regierungszeit Carls haben ähnliche 
politische Phantasien, wie sie jetzt von der Kulturliga verbreitet 
werden, den gesunden politischen Sinn der rumänischen Staatsmänner 
getrübt, und es hat die Gefahr bestanden, daß das Königreich eine 
Abenteurerpolitik treiben würde. Damals hat Dein seliger Großvater 
in energischer zielbewußter Weise durch seine Regierung eingegriffen 
und hat Rumänien so den Weg gewiesen, auf welchem es zu einer 
Vorzugsstellung in Europa und zu einer verläßlichen Stütze aller 
Ordnung geworden ist. 

Jetzt droht dieselbe Gefa'^r dem Königreiche; ich befürchte, 
daß Ratschläge allein nicht mehr helfen werden und daß Rumänien 
nur dann dem Dreibunde erhalten werden kann, wenn wir einerseits 
das Entstehen eines Balkanbundes unter russischer Patronanz durch 
den Anschluß Bulgariens an den Dreibund unmöglich machen und 
andererseits in Bukarest klar und deutlich zu erkennen geben, daß 
die Freunde Serbiens nicht unsere Freunde sein können, und daß 
auch Rumänien nicht mehr mit uns als Bundesgenossen wird rechnen 
können, wenn es sich nicht von Serbien lossagt und die gegen den 
Bestand meines Reiches gerichtete Agitation in Rumänien nicht mit 
aller Kraft unterdrückt. 

Das Bestreben meiner Regierung muß in Hinkunft auf die 
Isolierung und Verkleinerung Serbiens gerichtet sein. Die erste 
Etappe auf diesem Wege wäre in einer Stärkung der Stellung der 
gegenwärtigen bulgarischen Regierung zu suchen, damit Bulgarien, 
dessen reelle Interessen mit den unsrigen übereinstimmen, vor der 
Rückkehr zur RussophiUe bewahrt bleibt. 

Wenn man in Bukarest erkennt, daß der Dreibund entschlossen 
ist, auf einen Anschluß Bulgariens nicht zu verzichten, jedoch bereit 
wäre, Bulgarien dazu zu veranlassen, sich mit Rumänien zu ver- 
binden und dessen territoriale Integrität zu garantieren, so wird 
man dort vielleicht von der gefähi liehen Richtung zurückkommen, 
in welche man durch die Freundschaft mit Serbien und die Annähe- 
rung an Rußland getrieben worden ist. 

Wenn dies gelingt, könnte der weitere Versuch gemacht werden, 
Griechenland mit Bulgarien und der Türkei zu versöhnen, es würde 
sich dann unter der Patronanz des Dreibundes ein neuer Balkanbund 
bilden, dessen Ziel darin bestehen würde, dem Vordringen der pan- 
slawistischen Hochflut ein Ziel zu setzen und unseren Ländern den 
Frieden zu sichern. 



21 

Dies wird aber nur dann möglich sein, wenn Serbien, welches 
gegenwärtig den Angelpunkt der panslawischen Politik bildet, als 
politischer Machtfaktor am Balkan ausge- ehaltet wird. 

Auch Du wirst nach dem jüngsten furchtbaren Geschehnisse 
in Bosnien die Überzeugung haben, daß an eine Versöhnung des 
Gegensatzes, welcher Serbien von uns trennt, nicht mehr zu denken 
ist, und daß die erhaltende Friedenspolitik aller europäischen Mo- 
narchen bedroht sein wird, solange dieser Herd von verbrecherischer 
Agitation in Belgrad ungestraft fortlebt. 



Nr. 14 

Memorandum der österreichisch-ungarischen Regierung^ 

Geheim ! 

Nach den großen Erschütterungen der letzten zwei Jahre haben 
sich die Verhältnisse am Balkan so weit geklärt, daß es nun möglich 
ist, die Ergebnisse der Krise einigermaßen zu übersehen und fest- 
zustellen, inwiefern die Interc'-sen des Dreibundes, insbesondere die 
der beiden zentralen Kaisermächte, durch die Ereignisse tangiert 
wurden und welche S' hlußfolgerungen sich für die europäische und 
Balkanpolitik dieser Mächte ergeben. 

Wenn man die heutige Situation mit jener vor der großen 
Krise unbefangen vergleicht, muß man konstatieren, daß das Ge- 
samtergebnis, vom Standpunkte Österreich-Ungarns sowie des Drei- 
bundes aus betrachtet, keineswegs als günstig bezeichnet werden kann. 

Die Bilanz weist allerdings einige Aktivposten auf. Es ist ge 
langen, als Gegengewicht gegen das Vordringen Serbiens ein selb- 
ständiges albanesisches Staatswesen zu sei äffen, das nach einer Reihe 
von Jahren, wenn seine innere Organisation vollendet sein wird, 
immerhin auch als mihtärischer Faktor in den Kalkül des Dreibundes 
eingestellt werden kann. Die Beziehungen des Dreibundes zu dem 
erstarkten und vergrößerten griechischen Königreiche haben sich all- 
mählich so gestaltet, daß Griechenland trotz seines Bündnisses mit 
Serbien nicht unbedingt als Gegner anzusehen ist. 

Hauptsächhch ist aber infolge der Entwicklung, die zum zweiten 
Balkankrieg gefülirt hat, Bulgarien aus der russischen Hypnose er- 
wacht und kann heute nicht mehr als Exponent der russischen 
PoHtik gelten. Die bulgarische Regierung strebt im Gegenteile an, 
in ein näheres Verhältnis zum Dreibund zu treten. 



^ Nach der bei den Akten befindlichen offiziellen AbscMpt der österreichisch- 
ungarischen Regierung. Siehe auch deutsches Weißläfuch vom Juni 1910 
Anlage V. 4. Mit Nr. 13 am 5. Juli überreicht. 



22 

Diesen günstigen Momenten stehen jedoch nachteilige gegenüber, 
die schwerer als jene ins Gewicht fallen. Die Türkei, deren Interessen- 
gemeinschaft mit dem Dreibunde von selbst gegeben war, und die 
ein starkes Gegengewicht gegen Rußland und die Balkanstaaten 
dargestellt hatte, ist aus Europa fast ganz verdrängt worden und 
hat eine wesentliche Einbuße an ihrer Großmachtstellung erlitten 
Serbien, dessen Politik seit Jahren von feindlichen Tendenzen gegen 
Österreich -Ungarn geleitet wird, und das ganz unter russischem Ein- 
flüsse steht, hat einen Zuwachs an Gebiet und Bevölkerung erreicht, 
der die eigenen Erwartungen weit übertroffen hat ; durch die terri- 
toriale Nachbarschaft zu Montenegro und das allgemeine Erstarken 
der großserbischen Idee ist die MögHchkeit einer weiteren Vergröße- 
rung Serbiens im Wege der Union mit Montenegro nahegerückt. 
Endlich hat sich im Laufe der Krise das Verhältnis Rumäniens zum 
Dreibunde wesenthch geändert. 

Während die Balkankrise somit zu Resultaten geführt hat, die 
an sich schon für den Dreibund keineswegs günstig sind und den 
Keim einer speziell für Österreich-Ungarn unerwünschten weiteren 
Entwicklung in sich schließen, sehen wir andererseits, daß die 
russische und französische Diplomatie eine einheitHche und plan- 
mäßige Aktion eingeleitet hat, um die errungenen Vorteile weiter 
auszugestalten und einzelne, von ihrem Standpunkte nachteilige 
Momente entsprechend zu modifizieren. 

Ein kurzer UberbHck über die europäische Lage läßt klar er- 
kennen, weshalb die Triple-Entente — richtiger der Zweibund, denn 
England hat seit der Balkankrise aus erklärlichen und sehr be 
zeichnenden Gründen eine reservierte Haltung eingenommen — sicli 
mit den zu ihren Gunsten eingetretenen Verschiebungen am Balkan 
nicht zufrieden geben konnte. 

Während die PoHtik der beiden Kaisermächte und bis zu einem 
gewissen Grade auch jene Italiens eine konservative ist imd der 
Dreibund einen rein defensiven Charakter besitzt, verfolgt die Pohtik 
Rußlands wie Frankreichs gewisse, gegen das Bestehende gerichtete 
Tendenzen und ist das russisch -französische Bündnis, als Produkt 
des Parallehsmus dieser Tendenzen, in letzter Linie offensiver Natur. 
Daß die PoHtik des Dreibundes sich bisher durchsetzen konnte und 
der Friede Europas vor Stönmgen durch Rußland und Frankreich 
bewahrt blieb, war auf die militärische Superiorität zurückzuführen, 
welche die Heere des Dreibundes, vor allem Österreich-Ungarns und 
Deutschlands, gegenüber jenen Rußlands und Frankreichs unzweifel- 
haft besaßen, wobei das Bündnis Rumäniens mit den Kaisermächten 
ein hoch zu bewertender Faktor war. 

Der Gedanke, die christUchen Balkanvölker von der türkischen 
Herrschaft zu befreien, um sie dann als Waffe gegen Zentraleuropa 
zu gebrauchen, ist seit altersher der realpoHtische Hintergrund des 
traditionellen Interesses Rußlands für diese Völker. In neuerer 
Zeit hat sich hieraus die von Rußland ausgegangene, von Frank- 



23 

reich verständnisvoll aufgenommene Idee entwickelt, die Balkan- 
staaten zu einem Balkanbund zu vereinigen, um auf diese Weise 
die militärische Superiorität des Dreibundes aus der Welt zu schaffen. 
Die erste Vorbedingung für die Verwirklichung dieses Planes war, 
daß die Türkei aus den von den christhchen Balkannationen be- 
wohnten Gebieten verdrängt werde, damit die Kraft dieser Staaten 
vermehrt und nach Westen hin frei werde. Diese Vorbedingung ist 
durch den letzten Krieg im großen und ganzen erfüllt worden. Da- 
gegen ist nach dem Ausgange der Krise eine Spaltung der Balkan - 
Staaten in zwei annähernd gleich starke gegnerische Gruppen, die 
Türkei und Bulgarien einerseits, die beiden serbischen Staaten. 
Griechenland und Rumänien andererseits, eingetreten. 

Diese Spaltung zu beseitigen, um alle Balkanstaaten oder doch 
die entscheidende Mehrzahl zur Verschiebung des europäischen 
Ejäfteverhältnisses verwenden zu können, bildete die nächste Auf- 
gabe, die sich nach dem Abschluß der Krise Rußland und mit ihm 
Frankreich stellte. 

Da zwischen Serbien und Griechenland ein Bündnis bereits be- 
stand und Rumänien sich mit diesen beiden Staaten wenigstens 
hinsichtlich der Resultate des Bukarester Friedens solidarisch erklärt 
hatte, handelt es sich für die Zweibundmächte im Wesen darum, 
den tiefen Gegensatz Bulgariens zu Griechenland und vor allem zu 
Serbien in der mazedonischen Frage auszugleichen ; ferner, eine Basis 
zu finden, auf welcher Rumänien bereit wäre, ganz ins Lager des 
Zweibundes abzuschwenken und selbst mit dem mißtrauisch be- 
obachteten Bulgarien an einer politischen Kombination teilzunehmen ; 
endlich, wenn möglich, eine friedliche Lösung der Inselfrage herbei- 
zuführen, um eine Annäherung oder den Anschluß der Türkei an 
die Balkan Staaten anzubahnen. 

Über die Gnmdlage, auf weicher sich nach den Absichten der 
russischen und französischen Diplomatie die Ausgleichung dieser 
Gegensätze und Rivalitäten vollziehen und der neue Balkanbund 
aufbauen soll, kann kein Zweifel bestehen. Ein Bündnis der Balkan- 
staaten kann sich unter den heutigen Verhältnisssen, da eine ge- 
meinsame Aktion gegen die Türkei nicht mehr in Betracht kommt, 
nur gegen Österreich-Ungarn richten und nur auf der Basis eines 
Programmes zustande gebracht werden, das in letzter Linie auf 
Kosten der territorialen Integrität der Monarchie allen Teilnehmern 
durch eine staffelweise Verrückung der Grenzen von Ost nach West 
Gebietserweiterungen in Aussicht stellt. Eine Einigung der Balkan- 
staaten auf einer anderen Grundlage ist kaum denkbar, auf dieser 
Basis aber nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern auf bestem Wege, 
zur Tatsache zu werden. 

Daß Serbien unter russischem Druck darauf eingehen würde' 
für den Eintritt Bulgariens in ein gegen die Monarchie gerichtetes 
auf den Erwerb Bosniens und der angrenzenden Gebiete abzielendes 



24 

Bündnis in Mazedonien einen angemessenen Preis zu bezahlen, ist 
wohl nicht zu bezweifeln. 

Größer sind die Schwierigkeiten in Sofia. 

Rußland hat Bulgarien Vorschläge auf der eben erwähnten Basis 
schon vor dem zweiten Balkankrieg gemacht und sie nach dem 
Bukarester Frieden wiederholt. Bulgarien, das offenbar von Verein- 
barungen mit Serbien gründlich abgeschreckt war, hat es jedoch ab- 
gelehnt, auf die russischen Pläne einzugehen, und verfolgt seither 
eine Politik, welche auf alles eher als auf eine friedliche Verstän- 
digung mit Serbien unter der Ägide Rußlands abzielt. Man hat in 
St. Petersburg das Spiel aber keineswegs verloren gegeben. Im 
Innern des Landes arbeiten russische Agenten am Sturze des heutigen 
Regimes, und gleichzeitig ist die Zweibunddiplomatie eifrig bemüht, 
eine völlige Isolierung Bulgariens herbeizuführen, um es hierdurch 
den russischen Angeboten zugänghch zu machen. 

Da Bulgarien nach dem Friedensschlüsse bei der Türkei An- 
lehnung gesucht und gefunden und da sich bei der Pforte anderer- 
seits die Neigung gezeigt hatte, ein Bündnis mit Bulgarien einzu- 
gehen und sich dem Dreibund zu nähern, so ist russisch-französischer 
Einfluß seit einiger Zeit am Bosporus eifrig am Werk, um dieser 
Politik der Türkei entgegenzuarbeiten, letztere zum Zweibund hin- 
überzuziehen und auf diese Art Bulgarien entweder durch völlige 
Isolierung oder durch Einwirkung der Türkei zu einer neuen Orien- 
tierung zu veranlassen. Meldungen aus Konstantinopel, die durch 
die Reise Talaat Beis nach Livadia eine gewisse Bestätigung er- 
fahren haben, besagen, daß diese Bemühungen, wenigstens was die 
Türkei betrifft, nicht ohne Erfolg geblieben sind. Es ist Rußland 
gelungen, durch den Hinweis auf die angeblichen, den klein asiatischen 
Besitzstand bedrohenden Aufteilungspläne anderer Mächte das histo- 
rische Mißtrauen der Türkei von sich abzulenken und mit wirksamer 
Unterstützung Frankreichs, das die Finanznot der Türkei auszunutzen 
verstand, zu erreichen, daß anstatt eines Zusammengehens mit dem 
Dreibimd der Gedanke einer Annäherung an die andere Mächte- 
gruppe von den türkischen Staatsmännern in ernste Erwägung ge- 
zogen wird. 

Auf die Tätigkeit der russischen und französischen Diplomatie 
ist auch die Reise Talaat Beis nach Bukarest zurückzuführen, durch 
welche eine rumänische Vermittlung in der Inselfrage herbeigeführt, 
gleichzeitig aber auch durch die Anbahnung freimdschaftlicher Be- 
ziehungen zwischen Konstantinopel und Bukarest die Einkreisung 
Bulgariens gefördert werden sollte. 

Einstweilen hat sich eine Wirkung dieser Einkreisungsbestrebungen 
auf die bulgarische Politik noch aicht gezeigt, vielleicht deshalb, 
weil man in Sofia noch keinen Anlaß hatte, gegen die Absichten 
der Türkei mißtrauisch zu werden. Jedenfalls ist aber die Erwartung 
Rußlands vollkommen gerechtfertigt, daß eine völlige Isoherung am 
Balkan wie in Europa Bulgarien schHeßlich nötigen würde, seine 



25 

bisherige Politik aufzugeben und auf die Bedingungen einzugehen, 
die ihm Rußland für die Wiederaufnahme in seinen Schutz und 
Schirm auferlegen würde. 

Mazedonien spielt in der inneren und äußeren Politik Bulgariens 
eine proeminente Rolle. Wenn es sich für die dortigen Machthaber 
herausstellen sollte, daß der von Rußland proponierte friedliche 
Ausgleich und das Bündnis mit Serbien der einzige Weg ist, 
wenigstens Teile Mazedoniens für die bulgarische Sache zu retten, 
wird trotz der erlittenen Enttäuschungen keine bulgarische Regierung 
es wagen können, diese Kombination zurückzuweisen. Nur eine 
Aktion, die Bulgarien den russischen Drohungen und Lockungen 
gegenüber das Rückgrat stärkt und das Land vor Isolierung bewahrt, 
könnte verhindern, daß Bulgarien schließlich auf die Balkanbund- 
pläne eingeht. 

Was nun Rumänien anbelangt, so hatte dort die russisch- 
französische Aktion schon während der Balkankrise mit voller Intensität 
eingesetzt, sie hatte die öffentliche Meinung durch erstaunliche Ver- 
drehungskünste und durch geschickte Anfachung der unter der 
Oberfläche stets fortglimmenden großrumänischen Idee in eine feind- 
selige Stimmung gegen die Monarchie hineingetrieben und die aus- 
wärtige Politik Rumäniens zu einer mit seinen Bundespfiichten 
gegenüber Österreich-Ungarn kaum in Einklang stehenden militärischen 
Kooperation mit Serbien veranlaßt. 

Diese Aktion ist seither keineswegs zum Stillstand gekommen, 
sie wurde und wird vielmehr mit allem Nachdruck und mit so ein- 
drucksvollen und demonstrativen Mitteln, wie dem Besuche des Zaren 
am rumänischen Hofe, fortgesetzt. 

Parallel damit vollzog sich ein immer tiefer gehender Umschwung 
in der rumänischen öffentlichen Meinung, und es kann heute nicht 
daran gezweifelt werden, daß viele Kreise der Armee, der Intelligenz 
und des Volkes für eine neue Orientierung Rumäniens gewonnen 
sind, für eine Politik des Anschlusses an Rußland, die sich die 
»Befreiung der Brüder jenseits der Karpathen« zum Ziele zu setzen 
hätte. Es ist klar, daß damit das Terrain für den Eintritt Rumäniens 
in einen etwaigen künftigen Balkanbund in der wirksamsten Weise 
vorbereitet ist. 

Das offizielle Rumänien hat bisher dem Einflüsse dieser populären 
Strömungen und den russisch-französischen Werbungen so weit wider- 
standen, daß von einem offenen Übergang ins Lager des Zweibundes 
und zu einer ausgesprochenen Politik gegen Österreich-Ungarn derzeit 
noch nicht gesprochen werden kann. Es ist aber unleugbar, daß 
in der auswärtigen Politik Rumäniens eine bedeutsame Schwenkung 
eingetreten ist, die — ganz abgesehen von allen Perspektiven auf 
eine künftige, in gleich(r Richtung fortschreitende Entwicklung — 
schon jetzt auf die politische und militärische Situation Österreich- 
Ungarns, ja des ganzen Dreibundes, in beträchtlichem Maße 
zurückwirkt. 



26 

Während nämlich früher, trotz der Geheimhaltung des Allianz- 
verhältnisses, kein positiver Anhaltspunkt vorlag, an der Erfüllung 
der aus dem Akkord mit den Dreibundmächten entspringenden Ver- 
pflichtungen durch Rumänien zu zweifeln, haben kompetente rumänische 
Stellen in letzter Zeit mehrfach die öffentHche Erklärung abgegeben — 
\vogegen die Dreibundmächte infolge der Geheimhaltungsklausel des 
Bündnisvertrages keine Rekriminationen erheben konnten — daß 
der leitende Gedanke der rumänischen Politik das Prinzip der freien 
Hand sei. Ebenso hat König Carol mit der Offenheit, die seiner 
vornehmen Gesinnung entspricht, dem k. und k. Gesandten erklärt, 
solange er lebe, werde sein Streben zwar dahin gehen, daß die 
rumänische Armee gegen Österreich - Ungarn nicht ins Feld ziehe, 
allein gegen die öffentliche Meinung des heutigen Rumänien könne 
er nicht Politik machen, und es sei daher im Falle eines Angriffes 
Rußlands gegen die Monarchie trotz des bestehenden Bündnisses an 
eine Aktion Rumäniens an der Seite Österreich-Ungarns nicht zu 
denken. Um einen Schritt weiter ist — bezeichnenderweise un- 
mittelbar nach dem Zarenbesuche in Constanza — der rumänische 
Minister des Äußern gegangen, indem er in einem Interview unver- 
blümt zugab, daß eine Annäherung Rumäniens an Rußland erfolgt 
sei und daß eine Interessengemeinschaft zwischen den beiden Staaten 
bestehe. 

Das Verhältnis Österreich-Ungarns zu Rumänien ist somit gegen- 
wärtig daduich charakterisiert, daß die Monarchie ganz auf dem 
Boden des Bündnisses steht und nach wie vor bereit ist, Rumänien, 
wenn der casus foederis eintreten sollte, mit ganzer Macht zu unter- 
stützen, daß Rumänien aber sich von den Bündnispflichten einseitig 
lossagt und der Monarchie lediglich eine neutrale Haltung in Aus- 
sicht stellt. Selbst die bloße Neutralität Rumäniens ist der Mon- 
archie nur dru"ch eine persönhche Zusage König Carols garantiert, die 
natürlich lediglich für die Dauer seiner Regierung von Wert ist, 
deren Einhaltung aber überdies davon abhängt, daß der König die 
Leitung der auswärtigen Politik stets vollkommen in der Hand 
behält. Daß dies in Zeiten nationaler Erregung des ganzen Landes 
die Kraft des Monarchen übersteigen könnte, kann um so weniger 
negiert werden, als König Carol sich heute schon auf die Volks- 
stimmung beruft, um die Unmöglichkeit der vollen Erfüllung der 
Bundespflichten seitens Rumäniens zu begründen. Es darf schließ- 
lich auch nicht übersehen werden, daß Rumänien schon heute mit 
dem erbittertsten Gegner der Monarchie am Balkan, mit Serbien, 
durch Bande der Freundschaft und Interessengemeinschaft verknüpft ist. 

Die Monarchie hat sich bisher darauf beschränkt, die Schwen- 
kung der rumärüschen Politik in Bukarest in freundschaftlicher 
Weise zur Sprache zu bringen, sich im übrigen aber nicht veranlaßt 
gesehen, aus dieser immer deutlicheren Kursänderung Rumäniens 
ernste Konsequenzen zu ziehen ; das Wiener Kabinett hat sich hierzu 
in erster Linie dadurch bestimmen lassen, daß die deutsche Re- 



27 

gierung die Auffassung vertrat, es handle sich um vorübergehend 
Schwenkungen, Folgeerscheinungen gewisser Mißverständnisse aus 
der Zeit der Krise, die sich automatisch zurückbilden würden, wenn 
man ihnen gegenüber Ruhe und Geduld bewahrt. Es hat sich aber 
gezeigt, daß diese Taktik ruhigen Abwartens und freundschaftlicher 
Vorstellungen nicht die gewünschte Wirkung hatte, daß sich der 
Prozeß der Entfremdung zwischen Österreich-Ungarn und Rumänien 
nicht zurückgebildet, sondern im Gegenteil beschleunigt hat. Daß 
von dieser Taktik auch für die Zukunft eine Wendung im günstigen 
Sinne nicht zu erwarten ist, dafür spricht schon der Umstand, daß 
die gegenwärtige Situation der »freien Hand« für Rumänien durch- 
aus vorteilhaft imd nur für die Monarchie nachteilig ist. 

Es drängt sich nun die Frage auf, ob Österreich-Ungarn das 
Verhältnis zu Rumänien noch durch eine offene Auseinandersetzung 
sanieren könnte, indem es das Königreich vor die Wahl stellt, ent- 
weder alle Brücken zum Dreibund abzubrechen oder — etwa durch 
Bekanntmachung seiner Zugehörigkeit zum Dreibunde — ausreichende 
Bürgschaften dafür zu geben, daß die aus der Allianz entspringen- 
den Verpflichtungen auch von seiner Seite voll und ganz erfüllt 
werden würden. Eine solche Lösung der Frage, die eine dreißigjährige 
Tradition wieder aufleben ließe, würde sicherlich den Wünschen Öster- 
reich-Ungarns am meisten entsprechen. Unter den gegebenen Ver- 
hältnissen ist es aber leider wenig wahrscheinUch, daß sich König 
Carol oder irgendeine rumänische Regierung, selbst gegen eine even- 
tuelle Erweiterung des gegenwärtigen Bündnisvertrages, dazu bereit- 
finden würde, der herrschenden Volksstimmung zum Trotz Rumänien 
öffentlich als Bundesgenossen des Dreibundes hinzustellen. Ein ka- 
tegorisches aut-aut seitens der Monarchie könnte daher zum offenen 
Bruch führen. Ob es dem deutschen Kabinett durch ernste und 
nachdrückliche Vorstellungen, eventuell verbunden mit einem An- 
erbieten im obigen Sinne, gehngen würde, Rumänien zu einer Stel- 
lungnahme zu veranlassen, die als eine verläßhche Garantie füi 
seine dauernde und volle Bundestreue angesehen werden könnte, 
läßt sich von Wien aus nicht leicht beurteilen, erscheint aber wohl 
gleichfalls als zweifelhaft. 

Unter diesen Umständen kann die MögHchkeit praktisch als 
ausgeschlossen gelten, das Bündnis mit Rumänien wieder so verläßlich 
imd tragfähig zu gestalten, daß es für Österreich-Ungarn das Pivot 
seiner Balkan politik bilden könnte. 

Es wäre nicht nur zwecklos, sondern bei der politischen und 
militärischen Bedeutung Rumäniens eine nicht zu verantwortende 
Sorglosigkeit, die wichtige Interessen der Reichsverteidigung aufs 
Spiel setzen würde, wenn sich die Monarchie gegenüber den in 
Rumänien zutage getretenen Erscheinungen weiterhin mehr oder 
weniger passiv verhalten und nicht ohne Aufschub die erforderlichen 
militärischen Vorbereitungen und politischen Aktionen einleiten 



28 

würde, um die Wirkungen der Neutralität und eventuellen Feind- 
seligkeit Rumäniens aufzuheben oder wenigstens abzuschwächen. 

Der militärische Wert des Bündnisses mit Rumänien bestand 
für die Monarchie darin, daß sie im Konfliktsfalle mit Rußland 
gegen dieses von der rumänischen Seite her militärisch völlig freie 
Hand gehabt hätte, während ein ansehnhcher Teil der russischen 
Heeresmacht durch den Angriff der flankierenden rumänischen Armee 
gebunden worden wäre. Das heutige Verhältnis Rumäniens zur 
Monarchie hätte jedoch, würde jetzt zwischen ilir und Rußland ein 
bewaffneter Konflikt ausbrechen, so ziemlich das Gegenteil zur Folge. 
Rußland hätte nun auf keinen Fall einen Angriff Rumäniens zu 
befürchten und würde gegen Rumänien kaum einen Mann aufstellen 
müssen, während Österreich-Ungarn der rumänischen Neutralität 
nicht ganz sicher und deshalb gezwungen wäre, ein entsprechendes 
Aufgebot an Truppen gegen das jetzt an seiner Flanke befindliche 
Rumänien zurückzubehalten. 

Die bisherigen mihtärischen Vorkehrungen Österreich -Ungarns 
für den Fall eines Konfliktes mit Rußland basierten auf der Voraus- 
setzung der Kooperation Rumäniens. Ist diese Vorraussetzimg hin- 
fäUig, ja nicht einmal eine absolute Sicherheit vor einer rumänischen 
Aggression gegeben, so muß die Monarchie für den Kriegsfall andere 
Dispositionen treffen und auch die Anlage von Befestigungen gegen 
Rumänien in Betracht ziehen. 

PoUtisch handelt es sich darum, Rumänien durch Taten zu 
Deweisen, daß wir in der Lage sind, für die Balkanpolitik Österreich- 
Ungarns einen anderen Stützpunkt zu schaffen. Sachlich und zeit- 
lich deckt sich die zu diesem Zweck einzuleitende Aktion mit der 
Notwendigkeit, gegen die von den Zweibundmächten betriebene Er- 
richtung eines neuen Balkanbundes wirksame Maßnahmen zu ergreifen. 
Das eine wie das andere kann bei der heutigen Lage am Balkan 
nur dadurch erreicht werden, daß die Monarchie auf die schon vor 
einem Jahre gestellten und seither mehrfach wiederholten Anerbieten 
Bulgariens eingeht und mit diesem in ein vertragsmäßiges Verhältnis 
tritt. Gleichzeitig müßte die Pohtik der Monarchie darnach trachten, 
ein Bündnis zwischen Bulgarien und der Türkei zustande zu bringen, 
wofür in beiden Staaten bis vor kurzem noch so günstige Dis- 
positionen herrschten, daß ein Vertragsinstrument, wenn es auch 
später nicht unterzeichnet wurde, bereits ausgearbeitet war. Auch 
in dieser Hinsicht könnte eine Fortsetzung der bisherigen abwartenden 
Haltung, zu welcher sich die Monarchie durch eine viel weiter- 
gehende Rücksichtnahme auf das Bündnis, als sie in Bukarest an 
den Tag gelegt wurde, bestimmen heß, von nicht wieder gut zu 
machendem schweren Nachteil sein. Weiteres Zuwarten und nament- 
lich das Unterbleiben einer Gegenaktion in Sofia würde den inten- 
siven und planmäßigen Bestrebungen Rußlands und Frankreichs 
vollkommen freies Spiel lassen. Die Haltung Rumäniens drängt die 
Monarchie geradezu mit Notwendigkeit dahin, Bulgarien jene An- 



29 

lehnung, die es seit langem sucht, zu gewähren, um den sonst kaum 
abzuwendenden Erfolg der russischen Einkreisungspohtik zu ver- 
eiteln. Dies muß aber eben geschelien, solange der Weg nach 
Sofia und auch nach Konstantinopel noch offen steht. 

Der Vertrag mit Bulgarien, dessen nähere Bestimmungen noch 
eingehender zu prüfen sein werden, wird im allgemeinen natürhch 
so abzufassen sein, daß er die Monarchie nicht in Widerstreit mit 
ihren vertragsmäßigen Verpflichtungen Rumänien gegenüber zu 
bringen vermag. Auch wäre dieser Schritt der Monarchie vor 
letzterem nicht geheim zu halten, da ja darin keine Feindsehgkeit 
gegen Rumänien gelegen ist, wohl aber eine ernste Warnung, durch 
die sich die maßgebenden Faktoren in Bukarest der ganzen Trag- 
weite einer dauernden einseitigen politischen Abhängigkeit von 
Rußlcind bewußt werden könnten. 

Bevor Österreich-Ungarn aber an die in Rede stehende Aktion 
herantritt, legt es den größten Wert darauf, mit dem Deutschen 
Reiche ein volles Einvernehmen herzustellen, und zwar nicht 
nur aus Rücksichten, die der Tradition und dem engen Bundes- 
verhältnis entspringen, sondern vor allem deshalb, weil wichtige 
Interessen Deutschlands und des Dreibundes überhaupt hier mit im 
Spiele sind und weil eine erfolgreiche Walirung dieser in letzter 
Konsequenz gemeinsamen Interessen nur zu erwarten ist, wenn 
der einheithchen Aktion Rußlands und Frankreichs eine ebenso ein- 
heitHche Gegenaktion des Dreibundes, insbesondere Ost erreich- Ungarns 
und des Deutschen Reiches, entgegengesetzt wird. 

Denn wenn Rußland, von Frankreich unterstützt, die Balkan- 
staaten gegen Österreich-Ungarn zu vereinigen trachtet, wenn es die 
bereits erreichte Trübung des Verhältnisses zu Rumänien zu ver- 
tiefen bestrebt ist, so richtet sich diese Feindseligkeit nicht allein 
gegen die Monarchie als solche, sondern nicht zuletzt gegen den 
Bundesgenossen des Deutschen Reiches, gegen den durch seine geo- 
graphische Lage und innere Struktur exponiertesten, Angriffen am 
meisten zugänglichen Teil des zentraleuropäischen Blocks, der 
Rußland den Weg zur Verwirklichung seiner weltpohtischen Pläne 
sperrt. 

Die miÜtärische Superiorität der beiden Kaisermächte durch 
Hilfstruppen vom Balkan her zu brechen, ist das Ziel des Zwei- 
bundes, aber nicht das letzte Ziel Rußlands. 

Während Frankreich die Schwächung der Monarchie anstrebt, 
weil es hiervon eine Förderung seiner Revanchebestrebungen erwartet, 
sind die Absichten des Zarenreiches noch weit mufassender. 

Wenn man die Entwicklung Rußlands in den letzten zwei Jahr- 
hunderten, die stetige Erweiterung seines Gebietes, das enorme, alle 
anderen europäischen Großmächte weit überflügelnde Anwachsen seiner 
Volkszahl und die gewaltigen Fortschritte seiner wirtschafthchen 
Ressourcen und militärischen Machtmittel überbückt und bedenkt, 

Aktenstücke I, 5 



30 

daß dieses große Reich durch seine Lage und durch Verträge vom 
freien Meer noch immer so gut wie abgeschnitten ist, dann begreift 
man die Notwendigkeit des der russischen Pohtik seit jeher 
immanenten aggressiven Charakters. 

Man kann Rußland vernünftigerweise territoriale Eroberungspläne 
gegen das Deutsche Reich nicht zumuten ; trotzdem sind die außer- 
gewöhnüchen Rüstungen und kriegerischen Vorbereitungen, der Aus- 
bau strategischer Bahnen gegen Westen etc. in Rußland sicherhch 
mehr noch gegen Deutschland als gegen Österreich-Ungarn gerichtet. 

Denn Rußland hat erkannt, daß die Verwirküchung seiner, einer 
inneren Notwendigkeit entspringenden Pläne in Europa und Asien 
in erster Linie höchst wichtige Interessen Deutschlands verletzen 
und daher auf dessen imausweichüchen Widerstand stoßen müßte. 

Die PoHtik Rußlands ist durch unveränderhche Verhältnisse 
bedingt und deshalb eine stetige xmd weitausbhckende. 

Die manifesten Einkreisungstendenzen Rußlands gegen die 
Monarchie, die keine WeltpoHtik treibt, haben den Endzweck, dem 
Deutschen Reiche den Widerstand gegen jene letzten Ziele Rußlands 
und gegen seine pohtische und wirtschaftliche Suprematie unmöglich 
zu machen. 

Aus diesen Gründen ist die Leitimg der auswärtigen Politik 
Österreich-Ungarns auch davon überzeugt, daß es ein gemeinscimes 
Interesse der Monarchie wie nicht minder Deutschlands ist, im 
jetzigen Stadium der Balkankrise rechtzeitig und energisch einer von 
Rußland planmäßig angestrebten und geförderten Entwicklung ent- 
gegenzutreten, die später vielleicht nicht mehr rückgängig zu 
machen wäre. 



Die vorHegende Denkschrift war eben fertiggestellt, als die 
furchtbaren Ereignisse von Sarajevo eintraten. 

Die ganze Tragweite der ruchlosen Mordtat läßt sich heute 
kaum überblicken. Jedenfalls ist aber, wenn es dessen noch bedurft 
hat, hierdurch der unzweifelhafte Beweis für die Unüberbrückbarkeit 
des Gegensatzes zwischen der Monarchie und Serbien sowie für die 
Gefährhchkeit und Intensität der vor nichts zurückschreckenden 
großserbischen Bestrebimgen erbracht worden. 

Österreich-Ungarn hat es an gutem Willen und Entgegenkommen 
nicht fehlen lassen, um ein erträghches Verhältnis zu Serbien herbei- 
zuführen. Es hat sich aber neuerhch gezeigt, daß diese Bemühungen 
ganz vergeblich waren und daß die Monarchie auch in Zukunft mit 
der hartnäckigen, unversöhnhchen und aggressiven Feindschaft Serbiens 
zu rechnen haben wird. 

Um so gebieterischer tritt an die Monarchie die Notwendigkeit 
heran, mit entschlossener Hand die Fäden zu zerreißen, die ihre 
Gegner zu einem Netze über ihrem Haupt verdichten wollen. 



31 

Nr. 14a 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler* 

Wien, den 4. Juli 1914' 

Obgleich sich das hiesige Ministerium des Äußern ernstlich be- 
müht, auf die Presse beruhigend einzuwirken und sie von allzu 
scharfen Artikeln abzuhalten, kommt die Erregung, die das ver- 
hängnisvolle Attentat auf den Erzherzog Thronfolger und die Her- 
zogin von Hohenberg zur Folge gehabt hat, immer mehr zum Durch- 
bruch. 

Die Presse weist darauf hin, daß die Fäden der Verschwörung 
unzweifelhaft in Belgrad zusammenhefen, und daß den vom König- 
reich Serbien aus geschürten großserbischen Umtrieben in den süd- 
lichen Gebieten der Monarchie unbedingt ein Ende gemacht werden 
müsse. Die Sprache der serbischen Presse hat nicht dazu beigetra- 
gen, die öffentliche Meinung hier zu beruhigen. Man findet in ihr 
trotz sJler offiziellen Versicherungen, daß man in Serbien das Atten- 
tat außerordenthch bedauere, weil es die Beziehungen zur Monarchie 
vergifte, eine Art Zynismus zwischen den Zeilen. 

Die Bemerkung der offiziösen »Samouprawao, daß das Sara- 
jevoer Ereignis nicht gewaltsam zu einem Streitobjekt zwischen Bel- 
grad und Österreich-Ungarn gemacht werden könne, weil über das 
Ereignis auch die übrige zivihsierte Welt urteilen werde, und daß 
diesem Urteil weder Serbien noch Österreich-Ungarn sich würden 
entziehen können, beantwortet heute das »Deutsche Volksblatt«, 
indem es bemerkt: »Wenn die serbische Presse glaubt, an die ge- 
samte europäische Öffentlichkeit als Richter zwischen uns und Ser- 
bien apeUieren zu müssen, so soll man sich in Belgrad gesagt sein 
lassen, daß wir die Ergebnisse, die die in Sarajevo geführte Unter- 
suchung ergeben wird, als eine Angelegenheit betrachten, die lediglich 
zwischen uns und Serbien zu erledigen sein wird. Wir gestehen 
niemand das Recht einer Einmischung in dieser Sache zu, und wir 
werden sie so erledigen, wie die Ehre und die Lebensinteressen der 
Monarchie es von uns verlangen.« 

Ich möchte nicht verfehlen, darauf aufmerksam zu machen, daß 
ein Artikel wie der der Frankfurter Zeitung vom 3. d. M. (Nr. 182) 
über das Attentat in Sarajevo und die durch dasselbe hervorgerufene 
Spannung zwischen der Monarchie und Serbien hier leicht falsch 
aufgefaßt werden könnte. Die in dem Artikel enthaltenen, an sich 
sehr beherzigenswerten Ratschläge zur Ruhe und Besonnenheit werden 
in der öffenthchen Meinung hier vorläufig wenig Verständnis finden. 

* Nach der Ausfertigung. 

* Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts : 5. Juli nachm. 

5* 



32 

Dazu ist dieselbe, wie auch aus den allabendlichen Demonstrationen, 
die sich gegen Serbien und Rußland richten, hervorgeht, zu sehr in 
Wallung versetzt. Meines gehorsamsten Dafürhaltens sollte 
unsere Presse sich möghchst zurückhalten und es vermeiden, durch 
unerbetene Ratschläge in diesem Augenblicke hier zu froissieren. 

von Tschirs ch ky 



Nr. 15 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Wien* 

Telegramm 113 Berlin, den 6. JuU 1914^ 

Geheim ! 

Zu Ew. Exz. persönhcher Orientierung. 

Der österreichisch-ungarische Botschafter hat Sr. M. gestern ein 
geheimes Handschreiben des Kaisers Franz Joseph überreicht^ das die 
gegenwärtige Lage vom österreichisch-ungarischen Standpunkt dar- 
stellt und die seitens Wien ins Auge gefassten Maßnahmen entwickelt. 
Abschrift geht Ew. Exz. gleichzeitig zu. 

Ich habe heute Graf Szögyeny im Allerhöchsten Auftrag er- 
widert, daß S. M. dem Kaiser Franz Joseph für das Schreiben danken 
lasse und es alsbald persönlich beantworten werde. Unverzüghch 
wolle S. M. indes betonen, daß auch Er sich der Gefahr nicht ver- 
schließe, die Österreich-Ungarn und damit dem Dreibund aus der 
von russischen und serbischen Panslawisten betriebenen Agitation 
drohe. Wenngleich S. M. zu Bulgarien und seinem Herrscher bekannt- 
lich kein unbedingtes Vertrauen hege und naturgemäß mehr zum 
alten Bundesgenossen Rumänien und seinem Hohenzollernfürsten neige, 
so verstehe Er doch, daß Kaiser Franz Joseph mit Rücksicht auf die 
Haltung* Rumäniens und die Gefahr der Gründung eines neuen 
Balkanbundes mit direkter Spitze gegen die Donaumonarchie einen 
Anschluß Bulgariens an den Dreibund herbeizuführen wünsche. S. M. 
werde daher Seinen Gesandten in Sofia anweisen, die hierauf gerichteten 
Schritte des österreichisch-imgarischen Vertreters auf dessen Wunsch 
zu unterstützen. S. M. werde ferner im Sinne der Anregungen des 
Kaisers Franz Joseph Seine Bemühungen in Bukarest einsetzen, um 
König Carol zur Erfüllung seiner Bündnispflichten, zur Lossagung von 

^ Nach dem Konzept. Entwurf von der Hand Zimmermanns, mit einigen 
Änderungen des Reichskanzlers. Siehe auch deutsches Weißbuch vom 
Juni 19 19 Anlage IV. 5. 

25" nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

3 Siehe Nr. 13 und 18 Anm. 4. 

* Im Entwurf ursprünglich: „leider offenbar gewordene Unzuverlässigkeit**, 
vom Reichskanzler geändert in: Haltung. 



33 

Serbien und zur Unterdrückung der rumänischen Agitation gegen 
Österreich-Ungarn zu bewegen. 

Was endhch Serbien anlange, so könne S. M. zu den zwischen 
Österreich-Ungarn und diesem Lande schwebenden Fragen naturgemäß 
keine Stellung nehmen, da sie sich Seiner Kompetenz entzögen. 
Kaiser Franz Joseph könne sich aber darauf verlassen, daß S. M. im 
Einklang mit seinen Bündnispflichten und seiner alten Freundschaft^ 
treu an Seite Österreich-Ungarns stehen werde. 

Bethmann Hollv^eg 

^ Im Entwurf hier folgendes : „unter allen Umständen", vom Reichskanzler 
gestrichen. 



Nr. i6 

Der Reichskanzler an den Geschäftsträger in Bukarest ^ 

Telegramm 33 Berlin, den 6. Juli 1914^ 

Geheim I 

Bitte bei Sr. M, dem König Audienz nachsuchen und sich Ihm 
gegenüber im Namen des Kaisers und Königs in folgendem Sinne 
zu äußern. 

Der Kaiser Franz Joseph habe soeben im geheimen Handschreiben* 
an S. M. den Kaiser und König auf die Gefahren der von russischen imd 
serbischen Panslawisten betriebenen Agitation hingewiesen. Das 
gegen Erzherzog Franz Ferdinand verübte Attentat sei direkte Folge 
dieser Agitation, deren Ziel in Zertrümmerimg der Donaumonarchie 
und Schwächung des Dreibimdes bestehe. Die Gefahr werde, so 
wird in dem Handschreiben weiter ausgeführt, durch die enge Freund- 
schaft Rumäniens mit Serbien, durch die gehässige Agitation in 
Rumänien gegen Österreich -Ungarn und durch die rumänischerseits 
geförderten Bestrebungen Russlands zur Gründung eines neuen Balkan- 
bundes mit direkter Spitze gegen die Donaimionarchie erhöht. Zu- 
dem habe König Carol dem österreichisch-ungarischen Vertreter in 
letzter Zeit zweimal erklärt, daß Er im Ernstfall angesichts der 
erregten und feindlichen Stimmimg des rumänischen Volks gegen 
Österreich-Ungarn seinen Bündnispfiichten nicht werde nachkommen 
können. Kaiser Franz Joseph wünsche daher, Bulgarien an den 
Dreibund heranzuziehen. Ein eventuelles Abkommen mit Bulgarien 
werde er natürlich derartig abfassen lassen, daß es den vertrags- 
mäßigen Verpflichtungen Rumänien gegenüber nicht zuwiderlaufe. 

^ Nach dem Konzept. Entwurf von der Hand Zimmermanns, mit einigen 

Änderungen des Reichskanzlers. 
* 5^^ nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
' Siehe Nr. 13. 



34 

S. M. der Kaiser und König sei, wie dem König Carol bekannt, stets 
in Wien für eine Verständigung mit Serbien eingetreten. Trotzdem 
hätten sich die serbisch-östeneichisch-ungarischen Beziehungen an- 
dauernd verschlechtert. Angesichts des Attentats in Sarajevo, das 
sich offenbar als wohlorganisiertes Komplott und Folge der seitens 
der Regierung in Belgrad geförderten Pohtik der Vereinigung aller 
Südslawen unter serbischer Flagge darstellt, verstehe S. M. der Kaiser 
und König, daß Kaiser Franz Joseph eine Verständigung mit Serbien für 
unmöglich halte und die gegen sein Haus und sein Reich von Serbien 
drohenden Gefahren durch Heranziehung Bulgariens zu paralysieren 
suche. S. M. habe Sich daher damit einverstanden erklärt, daß 
Kaiser Franz Joseph den Annäherungsversuchen Bulgariens an den 
Dreibund Entgegenkommen erweisen lasse. 

S. M. der Kaiser und König bäten König Carol als treuen Ver- 
wandten, Freund und Bundesgenossen, zu erwägen, ob Er angesichts des 
Ernstes der Situation nicht von Serbien abrücken und auch der 
gegen den Bestand der Donaumonarchie gerichteten Agitation in 
Rumänien entgegentreten könnte. S. M. der Kaiser und König legten 
selbstverständhch den allergrößten Wert auf die Erhaltung der herz- 
lichen und vertrauensvollen Bundesbeziehungen zu Rumänien und 
würden, falls S. M. der König es wünscht, darauf bestehen, daß 
ein eventuelles Abkommen Bulgariens mit dem Dreibund nicht nur 
— was selbstverständhch sei — mit den vertragsmäßigen Ver- 
pflichtungen gegenüber Rumänien in Einklang stehe, sondern auch 
ausdrücklich die territoriale Integrität Rumäniens garantiere. 

Über die Ausführung dieser Instruktion bitte ich kurz telegra- 
phisch und eingehend schriftlich zu berichten*. 

Bethmann Hollweg 

* Siehe Nr. 28 und 41. 



Nr. 17 

Der üntcrstaatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten 

in Sofia* 

Telegramm 23 Berlin, den 6. Juli 1914' 

Geheim ! 

Österreich-Ungarn beabsichtigt, den Annäherungsversuchen der 
dortigen Regierung entgegenzukommen und Bulgarien tunhchst dem 
Dreibund anzuschließen ^. Wir haben uns hiermit einverstanden er- 

^ Nach dem Konzept. Entwurf von der Hand Zimmermanns. 
* 9*" nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
' Siehe Nr. 13, 14 und 22 



35 

klärt. Ew. Exz. sind ermächtigt, etwaige diesbezügliche Schritte Ihres 
österreichisch-ungarischen Kollegen auf dessen Wunsch zu unter- 
stützen. 

Der Sachlage wird es entsprechen, wenn bei Betreibung der 
Angelegenheit besonderes Empressement seitens des Dreibunds ver- 
mieden und der an sich auch uns erwünschte Anschluß Bulgariens 
als wesenthch bulgarisches Interesse dargestellt wird. 

Zimmermann 



Nr. i8 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 83 Wien, den 7. Juli 1914'' 

Geheim ! 

Ich wurde heute zu einer Besprechung zwischen Graf Berchtold 
und den beiden Ministerpräsidenten zugezogen, in der Graf Hoyos die 
Berichte des Grafen Szögyeny vorlas, die dieser über die vorläufige 
Antwort Sr. M. nach Lektüre des kaiserlichen Handschreibens und 
des Promemorias sowie über die darauffolgende Besprechung mit 
Ew. Exz. hierher erstattet hat. Außerdem verlas Graf Hoyos eine 
Aufzeichnung, die er über ein Gespräch mit dem Herrn Unterstaats- 
sekretär in gleicher Sache aufgesetzt hat*. 

Zu letzterer Aufzeichnung darf ich bemerken, daß sowohl Graf 
Berchtold, als insbesondere Graf Tisza ausdrückhch hervorgehoben 
wissen wollte, daß alles, was Graf Hoyos in dieser Besprechung mit 
dem Herrn Unterstaatssekretär gesagt habe, nur als dessen rein 
persönliche Auffassung anzusehen sei. (Diese Feststellung bezieht 
sich insbesondere darauf, daß Graf H. geäußert hat, es werde hier 
eine völhge Aufteilung Serbiens ins Auge gefaßt.) 

Graf Berchtold bat mich zugleich im Namen der beiden Minister- 
präsidenten, Sr. M. unserm Allergn ädigsten Herrn sowie Ew. Exz. 
seinen aufrichtigsten Dank für die klare, dem Bundesverhältnis und 
der Freundschaft entsprechende SteUimgnahme zu übermitteln. 

Die Berichte des Grafen Szögyöny entsprachen durchaus dem 
Inhalt des mir hochgeneigtest zugestellten Telegramms Ew. Exz. 
vom 6. d. M., Nr. 113*. 

' Nach der Entzifferung. 

' Aufgegeben in Wien 3^* nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 6^* 
nachm. Eingangsvermerk: 7. Juli nachm. Absatz i mit Ausnahme des 
letzten Satzes und Absatz 3 wurden am S.Juli durch Jagow an den Kaiser an 
Bord der »HohenzoUern« telegraphiert; zum Haupttelegraphenamt 2** nachm. 

» Siehe Nr. 61. 

* Siehe Nr. 15. 



3^ 

An diese Vorbesprechung anschließend findet ein Ministerrat 
statt, der sich heute ausschheßlich mit dem in Bosnien und der 
Herzegowina zu ergreifenden Maßnahmen innerpoHtischer Natur be- 
fassen wird. 

Tschirschky 



19 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 84 Wien, den 8. Juh 1914^ 

Geheim 1 

Nach Schluß des gestrigen offiziellen Ministerrats hat daran an- 
schließend eine Besprechung über die Serbien gegenüber einzimehmende 
Haltung stattgefunden, wobei den bei der Vorbesprechung, zu der 
ich zugezogen war, nicht anwesenden Ministern in großen Zügen 
von der von Sr. M. unserem Allergnädigsten Herrn eingetroffenen 
Antwort Kenntnis gegeben wurde. 

Es haben sich dabei in bezug auf das Vorgehen gegen Serbien 
zwei Strömungen geltend gemacht. Die eine, diejenige des Grafen 
Berchtold und des Auswärtigen Ministeriums, will den Anlaß des 
Vorgehens direkt aus der durch die gesamte serbische Pohtik und 
deren in dem letzten Attentat gipfelnden Wühlereien gegenüber der 
Monarchie geschaffenen Lage herleiten, wälirend die andere, vom 
Grafen Tisza vertreten, es für erforderlich hält, zunächst konkrete 
Forderungen an Serbien zu stellen. Ich habe den Eindruck, daß 
Graf Berchtold den Grafen Tisza als retardierendes Element be- 
trachtet^. Letzterer will seinen Standpunkt noch in einem Memo- 
randum niederlegen, welches Graf Berchtold erst heute abend kurz 
vor seiner Abreise nach Ischl erhalten wird. Graf Berchtold meinte, 
er würde seinem Kaiser, falls sich dieser der Ansicht anschheßen 
sollte, daß zunächst Forderungen an Serbien zu stellen seien, jeden- 
falls raten, die Forderungen so einzurichten, daß deren Annahme 
ausgeschlossen erscheint. 

Graf Berchtold bemerkte noch ganz geheim, daß nach Ehr. Con- 
rad von Hötzendorf 16 Tage für die Mobilmachung gerechnet werden 
müßten. Der Generalstabschef hat, wie Graf Berchtold mir sagt, 

^ Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Wien, den 8. Juli 8^° nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 10'"' nachm. Eingangsvermerk: 9. Juli vorm. Am 9. Juli durch Jagow 
nach Vornahme einiger Kürzungen, telegraphisch dem Kaiser und dem 
Reichskanzler mitgeteilt, zum Haupttelegraphenamt i^^ nachm. 

' Satz »Ich habe — betrachtet« fehlt in Jagows Telegrammen an Kaiser 
und Reichskanzler. 



37 

nochmals auf die entscheidende Bedeutung der Haltung Rumäniens 
für Anordnung und Verlauf der mihtärischen Operationen hingewiesen. 
Der Minister bemerkte noch, er sei nach reifer Überlegung zu 
der Ansicht gelangt, daß es klüger wäre, das beabsichtigte Bündnis 
mit Bulgarien vorerst nicht abzuschheßen, besonders weil sonst 
Rumänien beunruhigt werden würde. Er werde im Gegenteil nach 
Sofia den dringenden Rat gelangen lassen, sich ruhig zu verhalten*. 

Tschirschky 
* Siehe Nr. 21 und 22. 



Nr. 19a 

Der Gesandte in Belgrad an den Reichskanzler' 

Belgrad, den 6. Juh 1914' 

Die schicksalsvollen Ereignisse der vergangenen Wochen haben 
die allgemeine Aufmerksamkeit in so hohem Maße auf die Wirksam- 
keit der sogenannten »Narodna Odbranat (wörthch übersetzt Volkswehr 
hingelenkt, daß eine zusammenfassende Übersicht ihrer Entstehung, 
Organisation, Ziele und Mittel im gegenwärtigen Zeitpunkt von be- 
sonderem Interesse sein dürfte. 

Das Jahr 1908, wo Serbien sich gegen die Annexion Bosniens 
und der Herzegowina durch die Nachbarmonarchie wild aufbäumte, 
aber dann, von Rußland im Stich gelassen, sich mit der Einver- 
leibung dieser »echt serbischen Ländero in Österreich-Ungarn ab- 
finden und sogar vor aller Welt erklären mußte, hierdurch »nicht 
beleidigt zu sein«, hatte der serbischen Volksseele eine nicht ver- 
narbende Wunde geschlagen. Kurz zuvor waren durch den Aus- 
bruch der jimgtürkischen Revolution die Hoffnungen Serbiens auf 
Erwerb von Mazedonien und Altserbien stark verringert worden, und 
die Früchte einer vieljährigen, kostspieligen und opferreichen Propa- 
ganda drohten verloren zu gehen. Die Pohtiker aller Parteien salien 
die Zukunft des Landes auf das Äußerste gefährdet ; sie waren über- 
zeugt, daß Serbien sich nwi mit Einsatz aller Kräfte der Umklamme- 
rung durch den übermächtigen Nachbarn erwehren könne. Damals 
begannen die radikalen Regierungen in Serbien sich ernstlich für 
einen Entscheidlingskampf vorzubereiten und eine Rüstungsanleihe 
nach der andern aufzunehmen. Im Zusammenhang damit trat die 
Idee der Narodna Odbrana in die Erscheinung. 

1 Nach der Ausfertigung. 

^ Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts : 9. Juli vorm. Lag dem Kaiser 
vor. Durch Randverfügung des Kaisers an Kultusminister, Minister des 
Innern und den Polizeipräsidenten von Berlin mitgeteilt. 



3» 

Sie war gedacht als ein patriotisch-nationalistischer Geheimbund, 
der nicht bloß das König-reich Serbien, sondern sämtliche Länder mit 
serbischen Bevölkerungselementen umfassen sollte und bestimmt, das 
Gefühl der Zusammengehörigkeit und Stammeseinheit zu entwickeln 
und zu kräftigen und auf dem so vorbereiteten Boden an der realen 
Durchführung dieser Vereinigung mit aUen Mitteln zu arbeiten. Das 
Schlagwort lautete: »Arbeit an der Befreiung der unterjochten 
Brüder.« In die Leitung des Gebeimbundes, als dessen Ehren- 
präsident der General a. D. Bosidar Jankowitsch, später Komman- 
mandant der Ibardivision im serbisch-türkischen Kriege, fungierte, 
traten Männer der verschiedensten Berufsarten ein : Bccimte, Offiziere 
(insbesondere diejenigen aus der Gruppe der viel besprochenen 
iischwar^en Hand»), Abgeordnete, Kaufleute, Handwerker u. dgl. Ver- 
trauensmänner des Bundes wurden wie für das Innere Serbiens, so 
auch für Südungarn, Bosnien und die Herzegowina, Dalmatien, Alt- 
serbien und Mazedonien bestellt. Aber gewitzigt durch die un- 
angenehmen Erfahrungen, die man mit dem früheren »Jugoslowenski 
Klub« (Südslawischer Verein) in Serbien gemacht hatte, vermied es 
der neue Geheimbund, sich durch schriftliche Festsetzungen der 
Gefahr einer Kompromittierung auszusetzen. Insbesondere wurden 
weder schrifthche Statuten abgefaßt, noch über die Sitzungen schrift- 
liche Protokolle aufgenommen. Die Sitzungen wurden je nach Um- 
ständen und Verabredung bei dem einen oder andern der Vorstands- 
mitglieder abgehalten. 

Man war sich darüber einig, daß vor allem die Jugend mit ihrer 
Begeisterungsfähigkeit für unklare Freiheitsideen gewonnen werden 
mußte. So begann die Narodna Odbrana mit der systematischen 
Verhet:(ung und Fanatisierung der Jugend, namenthch der Schuljugend. 
Im Königreich Serbien eigneten sich treffhch hierzu die Sokol- und 
Duschanow\i- Vereine, in denen mit der großserbischen Agitation 
praktische Unterweisung im Waffengebrauch verbunden wurde. In 
den südslawischen Ländern Österreich-Ungarns, wo derartige öffent- 
liche Verbindungen auf Widerstand der Behörden stießen, bildeten 
sich überall unter den Schülern serbischer NationaUtät geheime 
Konventikel die sich an der Lektüre aus Serbien eingeschmuggelter 
chauvinistischer und auch einheimischer großserbischer Blätter be- 
rauschten. Solcher großserbischer Blätter gibt es in Sarajevo, 
Fiume, Agram die Fülle. In letzterer Stadt ist es z. B. der 
»Srbobran«, ein Organ des kroatischen Landtagsabgeordneten und 
großserbischen Agitators Swetosar Pribitschewitsch, eines Bruders 
des jet^t mit dem Attentat in Sarajevo öffentlich in Verbindung ge- 
brachten serbischen Majors Milan Pribitschewitsch. 

Ihren Zielen entsprechend wendete die Narodna Odbrana ferner 
dem Bandenwesen in der Türkei ihre besondere Aufmerksamkeit zu. 
Sie hat es zwar nicht geschaffen, denn die Komitadjis bestanden 
lange vor ihr, aber sie hat zu ihrer Vermehrung und besseren 
Ausrüstung viel beigetragen. Auf ihre Bearbeitung der Jugend ist 



39 

es mit zurückzuführen, wenn fast täglich Schüler aus den Gymnasien 
und Studenten von der Universität verschwanden, um als Freischärler 
in Makedonien aufyiitauchen, oder wenn junge Offiziere aus der 
Armee austraten und, mit falschen Pässen versehen, nach Altserbien 
gingen. Fragt man, was aus diesen Komitadjis jetzt, nach be- 
endetem Krieg und erobertem Mazedonien geworden ist, so ist die 
Antwort : ein Teil ist vom Staat bei den verschiedensten Betrieben 
(Eisenbahn, Post, Monopol, Zoll, Pohzeiverwaltung) untergebracht, 
wo sie meistens kleine Sinekuren inne haben ; ein anderer Teil 
strolcht arbeitsscheu, und wahrscheinlich von der Narodna Odbrana 
unterstützt, umher, auf eine Gelegenheit lauernd, wieder seine wilden 
Instinkte !{u betätigen. Es hat nicht an warnenden Stimmen gefehlt, 
die auf die Gefahr hinwiesen, jene Komitadjis möchten sich, nun- 
mehr ihre Arbeit in der Türkei beendet war, Bosnien und Südungarn 
zum Feld neuer Tätigkeit aussuchen. 

Was die Mittel betrifft, mit welchen die Narodna Odbrana ihre 
mannigfachen Ziele bestreitet, so appelhert sie in erster Reihe an 
freiwillige Massenbeiträge des Pubhkums. Sie geht dabei von der 
gewiß richtigen Ansicht aus, daß kleine Beiträge, die in Massen 
geleistet werden, ein ungleich ergiebigeres Erträgnis liefern, als ver- 
einzelte größere Spenden. Es wÄrden daher bei gewissen Gelegen- 
heiten und namentlich an dem auf den 15. Juni a. St. fallenden 
St. Veitstage (Widowdan), der der Erinnerung an den Untergang 
des mittelalterlichen Großserbiens in der Schlacht auf dem Amsel- 
feld gewidmet ist, öffentliche Sammlungen in ganz Serbien veran- 
staltet, die regelmäßig höchst respektable Summen einbringen. So- 
dann ist es Brauch geworden, bei letzt willigen Verfügungen die 
Narodna Odbrana mit Legaten zu bedenken, ebenso, zum Gedächtnis 
an verstorbene Famihenangehörige der Narodna Odbrana Beiträge 
zu überweisen. Doch hat es mit diesen freiwilhgen Beiträgen keines- 
wegs sein Bewenden. Oft genug entsendet die Narodna Odbrana 
ihre Vertrauensmänner zu reichen Kaufleuten, Banken usw., auch 
solchen, die, ohne Serben \u sein, mit Serbien in dauernder Geschäfts- 
verbindung stehen, oder, wie man hier zu sagen pflegt, an Serbien 
sverdienent und fordert Beiträge. So wurde mir erst kürzUch ein 
Fall erzählt, wonach ein solcher Vertrauensmann bei der hiesigen 
Filiale der Banque franco-serbe einen Beitrag verlangte und als ihm 
bemerkt wurde, daß die Bank ohne Genehmigung der Pariser Zentrale 
nicht über 100 Fr. beisteuern könne, ausfällig und drohend wurde. 
Der Staat selbst, wenn er gleich, um Verantwortlichkeiten zu ver- 
meiden, darauf halten muß, daß die Narodna Odbrana ihren 
privaten Charakter bewahre, beschränkt sich indes keineswegs auf 
die Rolle eines passiven Zuschauers. Unter harmlosen Titeln si?id 
in das Staatsbudget gewisse Positionen aufgenommen, die der Narodna 
Odbrana :^ugute kommen. Bezüglich der Anschaffung von Flinten 
für Schüler, von Revolvern für Freischärler ist es notorisch, daß 
der Staat sie geliefert hat. Charakteristisch ist, daß als Zentral- 



40 

stelle für die Verausgabung von Staatsmitteln für solche Zwecke und 
die Abrechnung weder das Ministerium des Äußern, noch das Kriegs- 
ministerium, sondern dasjenige für Kultus und Unterricht mitwirkt. 
Mag daher die serbische Regierung noch so sehr ihren Abscheu 
und ihre Entrüstung über die in Sarajevo begangene Bluttat kund- 
geben, mag sie noch so sehr ihre Unschuld beteuern und darauf hin- 
weisen, wie sinn- und zwecklos dieses Verbrechen sei und wie es 
der Sache des Serbentums viel eher geschadet als genützt habe, 
eines kann sie nicht ableugnen. Sie hat die Atmosphäre geschaffen, 
in der solche Explosionen des blinden Fanatismus allein möglich sind. 
In ihrem Lande und unter den Augen ihrer Behörden sind die Elemente 
groß gezogen worden, die Serbien vor der ganzen gesitteten Welt 
bloßgestellt und auf eine Stufe wieder herabgedrückt haben, wie der 
verabscheuungs würdige Königsmord des Jahres 1903. 

V. Griesinger 
sehr gut 



Nr. 20 

Der Botschafter in London an den Reichskanzler* 

Geheiml London, den 6. Juü 1914* 

Ich besuchte heute nachmittag Sir Edward Grey und nahm 
dabei Gelegenheit, die gesamte europäische Lage mit ihm in ver- 
traulichem Tone zu besprechen. 

Zunächst glaubte ich ihn darauf hinweisen zu sollen, daß die 
österreichisch-ungarisch-serbischen Beziehungen durch die Ermordung 
des Thronfolgers eine nicht unbedenkliche Zuspitzung erhalten hätten. 
Man könne es der k. u. k. Regierung nicht verübeln, wenn sie diese 
neue Herausforderung angesichts der Unterstützung, die die Ver- 
schwörer erwiesenermaßen aus Belgrad erhalten hätten, nicht unge- 
sühnt lassen und von der serbischen Regierimg Genugtuxmg verlangen 
würde. Ob imd in welcher Form dies geschehe, sei mir zwar nicht 
bekannt, aber ich glaubte, daß es sich schon jetzt empfehlen würde, 
die Möglichkeit einer Verschärfung der Beziehungen zwischen Wien 
und Belgrad ins Auge zu fassen, damit er, Sir Edward, rechtzeitig 
in der Lage sei, seinen Einfluß in Petersburg dahin geltend zu machen, 
daß von dort auf Serbien im Sinne der Nachgiebigkeit gegenüber 
den österreichischen Forderungen gewirkt würde. 

Sir Edward schien in dieser Richtung noch keinerlei Nachrichten 
erhalten zu haben. Er verkannte jedoch nicht die Gefahr, die die 

1 Nach der Ausfertigung. 

^ Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: g. Juli nachm. 



41 

Lage mit sich bringen könnte, und schien zu begreifen, daß es für 
einen leitenden österreichisch-ungarischen Staatsmann schwer sei, sich 
auf die Dauer aller energischeren Maßnahmen zu enthalten. Er 
versprach mir, auch über diese Frage mit uns in Fühlung zu bleiben, 
enthielt sich aber vorläufig einer bestimmteren Meinungsäußerung. 

Sodann erwähnte ich unter Bezugnahme auf unsere letzte Unter- 
haltung*, daß die gewaltigen Rüstungen Rußlands und gewisse 
andere Anzeichen, wie der Bau strategischer Bahnen, nach meinen 
letzten persönlichen Eindrücken in Berlin nicht verfehlt hätten, dort 
ein gewisses Unbehagen hervorzurufen. Die Stimmung Rußlands 
für uns und Österreich-Ungarn sei zweifellos keine freundhche. 
Diese Tatsachen, verbunden mit dem bosnischen Frevel, hätten bei 
uns eine etwas pessimistische Auffassung der auswärtigen Lage ge- 
zeitigt. Da wir aber überzeugt wären, daß wir uns mit der britischen 
Politik in dem Wunsche begegneten, den Frieden zu erhalten und 
die Gruppen einander zu nähern, so glaubte ich, durch eine Aus- 
sprache mit ihm den beiderseitigen Zwecken zu dienen. 

Sir Edward wiederholte mir ungefähr dasselbe, was er mir erst 
kürzhch gesagt hatte, nämhch, daß ihm keine Anzeichen einer deutsch- 
feindlichen Stimmung in St. Petersburg bekannt seien. Noch weniger 
glaube er an kriegerische Absichten Rußlands, er wolle aber der 
Frage erneut seine Aufmerksamkeit zuwenden und mit mir gelegentlich 
darauf zurückkommen, da auch er den Wunsch hege, über alle 
Fragen der auswärtigen Politik mit uns in Fühlung zu bleiben. 

Zum Schlüsse sagte ich, er müsse mir gestatten, da ich ganz 
offen mit ihm sein wolle und ich es für wichtig hielte, daß er über 
unsere Auffassimgen und Stimmungen genau unterrichtet sei, ein 
etwas heikles Thema in vertraulicher Weise zu berühren. Wir 
wüßten aus seinen Erklärungen, daß geheime Abmachungen pohtischer 
Natur zwischen England und Rußland nicht bestünden. Wir hätten 
selbstverständhch nicht den geringsten Anlaß, an der Richtigkeit 
seiner Worte zu zweifeln, bedauerten aber um so mehr, daß immer 
wieder Gerüchte auftauchten, welche von einer Flotten Verständigung 
zu berichten wüßten, die ein beiderseitiges Zusammenwirken gegen 
uns im Kriegsfalle bezwecke. Ich wäre nicht in der Lage, die 
Richtigkeit dieser Gerüchte zu prüfen, könne mir aber wohl denken, 
daß etwaige Besprechimgen der beiderseitigen Seebehörden nicht in 
den Rahmen politischer Abmachungen und bindender Verträge 
fielen, und daß sie daher mit seinen Erklärungen zu vereinbaren 
wären. In diesem Falle aber glaubte ich ihn darauf aufmerksam 
machen zu müssen, daß derartige Verabredungen notwendigerweise 
dazu beitragen würden, die in Rußland zweifellos bestehende natio- 
nahstische Strömung zu bestärken und andererseits bei uns das Ver- 
langen nach vermehrten Rüstungen zu fördern und der Regierimg 

' Siehe Nr. 5. 



42 

es zu erschweren, den ihm bekannten, den Rahmen der gesetzlich 
festgelegten Aufwendungen überschreitenden Forderungen entgegen- 
zutreten. 

Sir Edward entgegnete, ohne auf die von mir berührte Frage 
eines Flottenübereinkommens näher einzugehen, daß er mir bereits 
vor kurzem gesagt habe, daß kein neues oder geheimes Überein- 
kommen bestünde, daß aber die Beziehungen zu den Verbands- 
genossen nichtsdestoweniger einen sehr intimen Charakter trügen. 
Aus seiner Zurückhaltung und der Bemerkung, daß er mit mir 
noch einmal auf die Angelegenheit zurückkommen wolle, konnte ich 
entnehmen, daß er sich die ganze Frage reifhch überlegen will, ehe 
er mir gegenüber zu meiner Anregung Stellung nimmt. Auf jeden 
Fall hat er eine Fühlungnahme der beiden Marinen für den Fall 
eines gemeinsamen Krieges nicht direkt in Abrede gestellt. Er 
betonte aber auch bei dieser Gelegenheit wieder, daß sein Bestreben 
dahin ginge, die beiden Gruppen einander näher zu bringen und 
dadurch europäischen Verwickelungen vorzubeugen und eine Ver- 
ständigung über alle auftauchenden Fragen zu erleichtern. 

Der Minister stand sichthch unter dem Eindruck meiner Er- 
öffnungen und dankte mir für die offene Aussprache, die sich in 
gewohnter gemütlicher und freundschaftlicher Form vollzogen hatte. 

Lichno wsky 



Nr. 21 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Geschäftsträger 

in Bukarest ' 

Telegramm 34 Berlin, den 9. Juli 1914"' 

Geheim ! 

Nach einer neueren Meldung des k. Botschafters in Wien be- 
absichtigt Graf Berchtold vorläufig nicht, auf den Abschluß eines 
Bündnisses mit Bulgarien zielende Schritte in Sofia zu tun und 
will dort nun zur Ruhe raten. Graf Berchtold hat sich zu dieser 
Haltung durch bundesfreundliche Rücksichten auf Rxmiänien und 
die Erwartung bestimmen lassen, daß Rumänien im Falle eines Kon- 
flikts seinen Bündnispflichten im vollen Umfange nachkommen wird. 

Bitte vorstehendes bei Audienz Sr. M. dem König ebenfalls 
mitteilen. 

Jagow 

^ Nach dem Konzept. Entwurf von Bergens Hand, letzter Satz des 

Telegramms von Zimmermanns Hand beigefügt. 
* i*° nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
^ Siehe Nr. 19 und 28. 



43 

Nr. 22 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten 

in Sofia ' 

Telegramm 25 Berlin, den 9. Juli 1914 2 a 

Geheim! 

Zur persönlichen Information 

Nach Mitteilung des k. Botschafters in Wien beabsichtigt Graf 
Berchtold nicht das geplante Bündnis mit Bulgarien alsbald abzu- 
schließen und will zunächst dort zur Ruhe raten lassen^. 

Jagow 



' Nach dem Konzept. Entwurf von Bergens Hand. 

* i**' nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
^ Siehe Nr. 17 und 19. 

* Siehe Nr. 162. 



Nr. 23 

Aufzeichnung des Staatssekretärs des Auswärtigen^ 

Berhn, den 9. Juli 1914 

Der österreichische Botschafter sprach mir heute im Auftrag 
seiner Regierung den Dank für die entgegenkommende Antwort aus, 
die S. M. der Kaiser und König und der Herr Reichskanzler auf das 
vom Grafen Hoyos überbrachte Handschreiben Sr. M. Kaiser Franz 
Josephs und das Expose * gegeben haben. Von allen zu treffenden Ent- 
scheidungen würde die hiesige Regierung seinerzeit — der Zeit- 
punkt hinge auch noch von dem Ausgang der Untersuchung in 
Sarajevo ab — sofort in Kenntnis gesetzt werden. 

Jagow 



* Von Jagows Hand. Reichskanzler und Zimmermann nahmen Kenntnis 
von der Aufzeichnung; von letzterem am 9., von ersterem am 10. Juli zu- 
rückgegeben. 

* Siehe Nr. 13 und 14. 



44 



Nr. 24 

Der Gesandte in Athen an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 195 Athen, den 9. Juli 1914* 

Ganz streng geheim 1 

Minister der auswärtigen Angelegenheiten sagt mir mit der Bitte 
um Geheimhaltung, griechische Regierung benutze zurzeit ihren ziem- 
lich bedeutenden Einfluß in Belgrad, um dort auf die Milderung 
Gegensätze zwischen Wien und Belgrad hinzuwirken. Auch sei es 
griechischer Regierung zu verdanken, wenn die Frage der Vereinigung 
zwischen Montenegro und Serbien mit Rücksicht auf österreichische 
Empfindlichkeit auf lange Zeit verschoben sei. 

Quadt 



' Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Athen 4" nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 6^' 
nachm. Eingangsvermerk: 9. Juli nachm. Am 11. Juli von Jagow tele- 
graphisch dem Kaiser mitgeteilt, Telegramm aufgegeben in Berlin 
1 1° nachm., angekommen im Hoflager 7^° nachm. 



Nr. 25 

Der Reichskanzler an den Kaiser* 

Hohenfinow, den 9. Juh 1914* 

Ew. M. verfehle ich nicht, in der Anlage* den befohlenen Ent- 
wurf zu Allerhöchstdero Antwort auf das Handschreiben Sr. M. des 
Kaisers Franz Joseph mit dem Anheimstellen huldvoller Vollziehung 
allerimtertänigst zu imterbreiten. 

V. Bethmann Hollweg 



' Nach dem von Jagow gezeichneten Konzept. Entwurf von der Hand 

Bergens. 
■^ Das Konzept ist datiert: Berlin, den 10. Juli 1914, die vom Reichskanzler 

vollzogene, jetzt gleichfalls bei den Akten befindliche Ausfertigung des 

Immediatberichts : Hohenfinow, den 9. Juli 1914. 
^ Siehe Nr. 26. 



45 



Nr. 26 

Der Kaiser an den Kaiser von Österreich^ 

Baiholm, den 14. Juli 1914* 

Mein teurer Freund! 

Mit aufrichtiger Dankbarkeit habe ich es empfunden, daß Du 
in den Tagen, wo Ereignisse von erschütternder Tragik über Dich 
hereingebrochen waren und schwere Entscheidungen von Dir forderten. 
Deine Gedanken auf unsere Freundschaft gelenkt und diese zum 
Ausgangspunkt Deines gütigen Schreibens an mich^ gemacht hast. 
Ich betrachte die von Großvater und Vater auf mich überkommene 
enge Freundschaft zu Dir als ein kostbares Vermächtnis und er- 
bhcke in deren Erwiderung durch Dich das sicherste Pfand für den 
Schutz unserer Länder. Bei meiner verehrungsvollen Anhänglichkeit 
an Deine Person wirst Du ermessen können, wie schwer die Aufgabe 
meiner Reise nach Wien und der mir auferlegte Verzicht auf die 
öffentliche Bekundung meiner innigen Anteilnahme an Deinem tiefen 
Schmerz mich bekümmern mußte. 

Durch Deinen bewährten und von mir aufrichtig geschätzten 
Botschafter wird Dir meine Versicherung übermittelt worden sein, 
daß Du auch in den Stunden des Ernstes mich und mein Reich in 
vollem Einklang mit unserer altbewährten Freundschaft und unseren 
Bündnispfiichten treu an Eurer Seite finden wirst. Dir dies an 
dieser Stelle zu wiederholen, ist mir eine freudige Pflicht. 

Die grauenerregende Freveltat von Sarajevo hat ein grelles 
Schlaglicht auf das unheilvolle Treiben wahnwitziger Fanatiker und 



^ Nach dem Konzept. Entwurf von Bergen gezeichnet, mit Ergänzungen 
und Änderungen Bergens, Zimmermanns und Jagows. Siehe deutsches 
Weißbuch vom Juni 1919, Anlage V, 6. 

^ Die bei den Akten befindlichen Konzepte sowie eine erste, nicht verwendete 
Reinschrift sind undatiert. Das mit dem Immediatbericht d. d. 9. Juli abge- 
sandte Handschreiben erhielt nach seinem Wiedereintreffen im Auswärtigen 
Amt das Datum, das der Kaiser auf dem es ins Hof lager begleitenden Immediat- 
bericht des Reichskanzlers (Nr. 25) niedergeschrieben hat: Baiholm, den 
14. Juli 19 14. Die vom Kaiser vollzogene Ausfertigung des Handschreibens 
wurde von Jagow am 17. Juli an den Botschafter in Wien abgesandt »mit 
dem Ersuchen, es durch Vermittlung der dortigen Regierung an seine 
hohe Bestimmung gelangen zu lassen« ; zwei Abschriften des Hand- 
schreibens, von denen eine für den Grafen Berchtold, die andere für 
die Akten der Botschaft bestimmt war, wurden beigefügt. 

^ Siehe Nr. 13. 

Aktenstüeke I. 



46 

die den staatlichen Bau bedrohende panslawistische Hetzarbeit ge- 
worfen. Ich muß davon absehen, zu der zwischen Deiner Regierung 
und Serbien schwebenden Frage Stellung zu nehmen. Ich erachte 
es aber nicht nur für eine moralische Pflicht aUer Kulturstaaten, 
sondern als ein Gebot für ihre Selbsterhaltung, der Propaganda der 
Tat, die sich vornehmlich das feste Gefüge der Monarchien als An- 
griffsobjekt ausersieht, mit allen Machtmitteln entgegenzutreten. Ich 
verschUeße mich auch nicht der ernsten Gefahr, die Deinen Ländern 
und in der Folgewirkung dem Dreibund aus der von russischen und 
serbischen Panslawisten betriebenen Agitation drohen, und erkenne 
die Notwendigkeit, die südhchen Grenzen Deiner Staaten von diesem 
schweren Drucke zu befreien. Ich bin daher bereit, das Bestreben 
Deiner Regierung, das dahin geht, die Bildung eines neuen Balkan- 
bundes unter russischer Patronanz und mit der Spitze gegen Öster- 
reich-Ungarn zu hintertreiben und als Gegengewicht*, ferner den 
Anschluß Bulgariens an den Dreibund herbeizuführen, nach Tun- 
lichkeit zu fördern. Demgemäß habe ich trotz gewisser Bedenken, 
die in erster Linie durch die geringe Zuverlässigkeit des bulgarischen 
Charakters bedingt werden, meinen Gesandten in Sofia anweisen 
lassen, die diesbezüghchen Schritte Deines Vertreters auf dessen 
Wunsch zu unterstützen. 

Des weiteren habe ich meinen Geschäftsträger in Bukarest be- 
auftragt, sich zu König Carol im Sinne Deiner Anregungen zu 
äußern und unter Hinweis auf die durch die jüngsten Ereignisse 
neu geschaffene Lage die Notwendigkeit eines Abrückens von Serbien 
und einer Unterbindung der gegen Deine Länder gerichteten Agitation 
hervorzuheben. Ich habe gleichzeitig besonders betonen lassen, daß 
ich den größten Wert auf die Erhaltung der bisherigen vertrauens- 
vollen Bundesbeziehungen zu Rumänien lege, die auch bei einem 
eventuellen Anschluß Bulgariens an den Dreibund keinerlei Beein- 
trächtigung zu erleiden brauchen würden. 

Zum Schluß darf ich dem herzhchen Wunsche Ausdruck geben, 
daß es Dir vergönnt sein möge, nach den schweren Tagen durch den 
Aufenthalt in Ischl Erholung zu finden. 

In aufrichtiger Anhänglichkeit 

Dein treuer Freund 
Wilhelm^ 



■* Die Worte »als Gegengewicht« im Entwurf von Zimmermann beigefügt. 

^ Die Worte »In Wilhelm« waren in der abgegangenen Ausfertigung 

vom Kaiser eigenhändig geschrieben. 



47 

Nr. 27 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler ^ 

Wien, den 8. Juli 1914^ 

Die in der gestrigen Abendnummer der »Neuen 
Freien Presse« (Nr. 17911) an der Spitze des Blattes 
erschienene Mitteilung »von besonderer Seite über 
die russische Auffassung von den österreichisch- 
ungarischen Schritten anläßlich des Attentats^« ist, 
wie ich von dem auf der Botschaft verkehrenden 
Korrespondenten der »Neuen Freien Presse« höre, 
von der hiesigen russischen Botschaft inspiiHert. 

Er sei telephonisch auf die Botschaft zitiert 
worden, wo ihn ein Sekretär im Auftrage des Bot- 
schafters empfangen habe. Abgesehen von der vor- 
erwähnten Veröffentlichung sei noch bemerkt worden, 
daß Rußland äner Beeinträchtigung^ der politischen 
Selbständigkeit Serbiens nicht ruhig werde -{usehen 
können. Auf die Frage des Korrespondenten, ob 
die »Neue Freie Presse« auch diese Bemerkung 
aha ! bringen solle, sei ihm verneinend geantwortet worden. 

Wie mir der Korrespondent weiter sagte, habe 
er bei Herrn Benedikt schon seinen Einfluß dahin 
geltend gemacht, damit die »Neue Freie Presse« nicht 
in das während der Balkankrise beliebte Gejammere 
über etwaige russische Angriffspläne verfalle. Der 
heutige Morgenartikel des Blattes war gemäßigt ge- 
halten. 

Ich beehre mich, die vorerwähnte Mitteilung der 
Vollständigkeit halber im Ausschnitt gehorsamst 
beizufügen. 

von Tschirschky 



* Nach der Ausfertigung. 

* Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 10. Juli vorm. Bericht lag dem 
Kaiser vor, von ihm am 13. Juli zurückgegeben, am 16. Juli wieder im 
Amt. Gemäß kaiserlicher Randverfügung am 21. Juli der Botschaft in 
St. Petersburg mitgeteilt. 

' Der Artikel lautete: »Wie uns von besonderer Seite mitgeteilt wird, sind 
in Rußland alle Kreise einig in der Verurteilung des Attentats in Sarajevo. 
Die vielfach in der österreichisch-ungarischen Presse veröffentlichte An- 
schauung, als ob Rußland dagegen protestieren würde, wenn Österreich- 
Ungarn von Serbien eine Untersuchung in Belgrad verlangte, entbehrt 
jeglicher Begründung. Das monarchische Prinzip hat im Zarenreiche so 
starke Geltung, daß es ganz natürhch erscheint, daß Rußland einen solchen 
Schritt Österreich- Ungarns nie mißbilligen würde.« 

6* 



48 

Nr. 28 

Der Geschäftsträger in Bukarest an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 37 Sinaia, den 10. Juli 1914^ 

Geheimen Auftrag ausgeführt^. 

S. M. der König glaubt nicht, daß es möglich sein werde, mit Bul- 
garien in ein Bündnisverhältnis zu treten, da der König schwach 
sei, keine Autorität besitze und die Regierung jederzeit weggefegt 
werden könne. Außerdem sei kein Verlaß auf Bulgarien, und so- 
bald Rußland von Abmachungen Wind bekäme, würde es in Bul- 
garien eine Revolution anzetteln. König sprach dann über all- 
gemeine politische Angelegenheiten. Auf meine schheßlich gestellte 
Frage, wie sich S. M. zu den beiden von Sr. M. dem Kaiser und 
König ausgesprochenen Bitten verhalte, meinte S. M., von Ser- 
bien könne er wohl abrücken, an Serbien läge ihm nicht viel, 
auch könne er auf die Agitation gegen Österreich einwirken, es 
müßte aber in Ungarn Entgegenkommen für die dortigen Rumänen 
gezeigt werden, um ihm dies zu erleichtern. Meine Frage, ob S. M. 
einem Anschluß an Bulgarien abgeneigt wäre, verneinte der König, 
meinte jedoch, im jetzigen Augenblick könne Rumänien nicht sofort 
mit Bulgarien ein Bündnis schließen, vielleicht in einem Jahre; ein 
solches müsse jedenfalls von Österreich und Deutschland in Sofia 
vorbereitet werden. 

Ausführlicher Bericht folgt. 

Waldb urg 



1 Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Sinaia 5^" nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
8*0 nachm. Eingangsvermerk: 11. Juli vorm. Am 1 1. Juli von Jagow mit 
kleinen Änderungen telegraphisch dem Kaiser und dem Botschafter in 
Wien mitgeteilt. Im Telegramm Jagows an Tschirschky nach Mitteilung 
von Waldburgs Depesche der Zusatz: »Bitte vorstehendes dem Grafen 
Berchtold streng vertraulich mitteilen.« Siehe Nr. 35. 

^ Siehe Nr. 16 und 21. 



49 

Nr. 29 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 85 Wien, den 10. Juli 1914^ 

Ganz geheim! 

Über seinen gestrigen Vortrag bei Sr. M. dem 
Kaiser Franz Joseph in Ischl teilt mir Graf Berchtold 
nachstehendes mit: 

S. M. der Kaiser habe mit großer Ruhe die Sach- 
lage besprochen. Zunächst habe er seinem lebhaften 
Dank Ausdruck gegeben für die Stellungnahme 
unseres Allergnädigsten Herrn und der kaiserlichen 
Regierung und geäußert, er sei ganz unserer An- 
da S. M. pro Memo- sieht, daß man jet:{t zu einem Entschluß kommen 
ria etwa 14 Tage müsse, um den unleidlichen Zuständen Serbien gegen- 
^li ist, so dauert ^^^j. ^^^ ^^^^ ^u machen. Über die Tragweite 

„ . ."", "^' eines solchen Entschlusses, fü^te Graf Berchtold 

Das ist doch eigent- , . • , r- ,«• ■■■,,■ 11 

lieh zur Begrün- ^'^^' ^ei sich S. j\I. volhg klar. 

düng des Enischlus- ^^^^ Minister hat hierauf dem Kaiser Kenntnis 

ses selbst eni- gegeben von den zwei Modahtäten, die in bezug 

warfen! auf das nächste Vorgehen gegen Serbien hier in 

Frage stünden. S. M. hätten gemeint, es heße sich 

vielleicht dieser Gegensatz überbrücken. Im ganzen 

hätten aber S. M. eher der Ansicht zugeneigt, daß 

aber sehr! konkrete Forderungen an Serbien zu stellen sein 

und unzweideutig ! bürden. Er, der Minister, woUe auch die Vorteile 
eines solchen Vorgehens nicht verkennen. Es würde 
damit das Odium einer Überrumpelung Serbiens, 
das auf die Monarchie fallen würde, vermieden und 
Serbien ins Unrecht gesetzt werden. Auch würde 
dieses Vorgehen sowohl Rumänien als auch England 
eine wenigstens neutrale Haltung wesentlich erleich- 
tern. Die Formulierung geeigneter Forderungen gegen- 

da^u haben sie Zeit über Serbien bildet gegenwärtig liier die Hauptsorge *, 
genug gehabt und Graf Berchtold sagte, er würde gern wissen, 

^ Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben inWien S^*^ nachm., angekommen imAuswärtigenAmt i o^- nachm. ; 
Eingangsvermerk des Amts: 11. Juli vorm. Am 11. Juli 12^^ nachm. von 
Jagow nach Vornahme einiger Änderungen und mit Auslassung der 

Worte: Gral Berchtold »sagte, er würde gern wissen denke < 

und des vorletzten Absatzes »Der Anregung alarmieren % 

telegraphisch ins Kaiserliche Hoflager mitgeteilt, dortselbst eingetroffen 
10° nachm., Entzifferung vom Kaiser am 12. Juli zurückgegeben, im Aus- 
wärtigen Amt am iG. Juli. 

3 Die VVorte Tschirschkys »bildet die Hauptsorge« von Jagow 

im Telegramm an den Kaiser in »wird erwogen« geiinoert; 

»erwogen« vom Kaiser unterstrichen, am Rand seine Bemerkung: »dazu 
haben gehabt. « 



50 

wie man in Berlin darüber denke *. Er meinte, man 
könne u. a. verlangen, daß in Belgrad ein Organ 
der österreichisch-ungarischen Regierung eingesetzt 
werde, um von dort aus die großserbischen Um- 
triebe zu überwachen, eventuell auch die Auflösung 
der ! von Vereinen und Entlassung einiger kompromit- 

tierter Offi:{iere. Die Frist zur Beantwortung müsse 
möghchst kurz bemessen werden, wohl 48 Stunden. 
Freilich würde auch diese kurze Frist genügen, um 
Hartwig ist todt! sich von Belgrad aus in Petersburg Weisungen zu 
holen. Sollten die Serben alle gestellten Forderun- 
gen annehmen, so wäre das eine Lösung, die ihm 
»sehr unsympathisch« wäre, und er sinne noch dar- 
'dann^lft^'^der^ttr!±ehi^^^ nach. Welche Forderungen man stellen könne, 
sofort da! den muß die Serbien eine Annahme völlig unmöglich machen 

Osterreich unbedingt ... c c 

sofort wiederhaben, um WUruen. 

ind^Mofüafeg%l^'und ^cr Minister klagte schließhch wieder über die 

das Erreichen des Mee- Haltung dcs Grafen Tisza, die ilim ein energisches 

res seitens der Serben -. , oi- ^ r^ t -t^- ^ 

lu hindern! Vorgehen gegen Serbien erschwere. Crrai lisza be- 

Mördern gegen- haupte, man müsse •ogentleman like« vorgehen, das 

über nach dem, was sq{ aber, wenn es sich um so wichtige Staatsinter- 

vor gefallen ist! essen handele und bssonders einem Gegner ime 

Blödsinn. Serbien gegenüber schwerlich angebracht. 

Der Anregung der Kaiserlichen Regierung, schon 
jetzt die öffentliche Meinung in England im Wege 
der Presse gegen Serbien zu stimmen — worüber 
Graf Szögyeny telegraphiert hat — wird der 
Minister gern folgen. Nur müsse dies, seiner Mei- 
nung nach, noch vorsichtig gemacht werden, um 
Serbien nicht vorzeitig zu alarmieren. 

Der Kriegsminister wird morgen auf Urlaub 
gehen, auch Freiherr Conrad von Hötzendorf Wien 
zeitweilig verlassen. Es geschieht dies, wie Graf 
kindisch! Berchtold mir sagte, absichtlich*, nm jeder Beun- 

ruhigung vorzubeugen. 

Tschirschky 

ungefähr wie :^ur Zeit der Schlesischen 

Kriege! 
»Ich bin gegen die Kriegsräthe und 
Berathimgen, sintemalen die timidere 
Parthey allemal die Oberhand hat.* 

Frd. d. Gr. 

* Siehe Nr. 31. 

^ Das »absichtlich« Tschirschkys stand in der Entzifferung des Kaiserlichen 

Hoflagers verderbt als »von possumus«; am Rand dazu zwei Fragezeichen 

des Kaisers. 



51 

Nr. 30 

Der Botschafter in London an den Reichskanzler^ 

Vertraulich! London, den 9. Juli 1914' 

Sir E. Grey ließ mich heute zu sich bitten und gab mir zunächst 
Kenntnis von der Aufzeichnung, die er über unsere Unterredung ^ 
gemacht hatte, die kurz vor meiner Reise nach Berhn und Kiel 
stattfand. Er sagte, er habe seinen damahgen Worten auch heute 
nichts hinzuzufügen und könne nur wiederholen, daß geheime Ab- 
machungen zwischen Großbritannien einerseits und Frankreich und 
Rußland andererseits, welche Großbritannien im Falle eines europä- 
ischen Krieges Verpfhchtungen auferlegten, nicht bestünden. England 
wolle sich vollkommen freie Hand bewahren, um bei festländischen 
Verwickelungen nach eigenem Ermessen handeln zu können. Die 
Regierung habe gewissermaßen dem Parlament gegenüber die Ver- 
pflichtung übernommen, sich in keine geheimen Verbindhchkeiten 
einzulassen. Auf keinen Fall werde bei festländischen Verwickelungen 
die britische Regierung auf selten des Angreifenden zu finden sein. 

Da er mich aber nicht habe irreführen wollen — as I did not 
want to mislead you — , habe er gleich hinzugefügt, daß nichts- 
destoweniger seine Beziehungen zu den genannten Mächten nichts 
von ihrer früheren Innigkeit verloren hätten. Wenn auch also keine 
Abmachungen bestünden, die irgendwelche Verpflichtungen auferlegten, 
so wolle er doch nicht in Abrede stellen, daß von Zeit zu Zeit 
Unterhaltungen (conversations) zwischen den beiderseitigen Marine- 
oder Militärbehörden stattgefunden hätten, und zwar die erste schon 
im Jahre 1906, dann während der Marokkokrisis, als man hier ge- 
glaubt habe, wie er lachend hinzufügte, daß wir die Franzosen 
angreifen wollten. Aber auch diese Unterhaltungen, von denen er 
meist nichts Näheres gewußt habe, hätten durchaus keine aggressive 
Spitze, da die englische Pohtik nach wie vor auf Erhaltung des 
Friedens gerichtet sei und in eine sehr peinliche Lage käme, wenn 
ein europäischer Krieg ausbräche. 

Ich wiederholte dem Minister ungefähr dasselbe, was ich ihm 
schon neuhch gesagt hatte, und gab ihm dann zu verstehen, daß es 
wünschenswert wäre, daß solche militärischen Konversationen auf 
ein Mindestmaß beschränkt bheben, da sie sonst leicht zu uner- 
wünschten Folgen führen könnten. 

Seit unserer letzten Unterhaltung, fügte Sir Edward hinzu, habe 
er sich über die Stimmung, die in Rußland uns gegenüber bestehe, 
eingehend erkundigt und keinen Grund zu einer beunruhigenden 

^ Nach der Ausfertigung. 

^ Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 11. Juii vorm. 

^ Siehe Nr. 5. 



52 

Auffassung gefunden ; er schien auch bereit zu sein, falls wir es 
wünschten, in irgendeiner Form auf die Haltung Rußlands einzu- 
wirken. Auch sei er bestrebt gewesen, für den Fall, daß das Wiener 
Kabinett sich genötigt sehe, infolge des Sarajevoer Mordes eine 
schärfere Haltung gegen Serbien einzunehmen, die russische Regierung 
bereits jetzt für eine ruhige Auffassung und versölmliche Haltung 
gegen Österreich zu gewinnen. Sehr viel würde freilich, so meinte 
Sir Edward, von der Art der etwa gedachten Maßnahmen abhängen, 
und ob dieselben nicht das slawische Gefühl in einer Weise erregten, 
die es Herrn Sasonow unmöglich machen würde, dabei passiv zu 
bleiben. 

Im allgemeinen war der Minister in durchaus zuversichtlicher 
Stimmung und erklärte in heiterem Tone, keinen Grund zu haben 
zu einer pessimistischen Auffassung der Lage. 

Lichnowsky 



Nr. 30 a 

Der Gesandte im kaiserlichen Gefolge an das Auswärtige Ämt^ 

Telegramm 103 Bergen, den 11. Juli 1914^ 

Bei Vorlage des vom Auswärtigen Amt redigierten üblichen 
Glückwunschtelegrammen twurfs für morgigen Geburtstag des Königs 
von Serbien haben S. M. mir befohlen, bei Ew. Exz. anzufragen, ob 
ein solches Telegramm im gegenwärtigen Augenblick notwendig imd 
unbedenklich erscheine^. 

We d e 1 



* Nach der Entzifferung. 

''Aufgegeben in Bergenj 11. Juli li^'' nachm., angekommen im Auswärtigen 

Amt 2^° nachm. Emgangsvermerk: 1 1. Juli nachm. 
' Siehe Nr. 32 a. 



Nr. 31 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter in 

Wien' 

Telegramm 117 Berlin, den 11. Juh 1914 ^ ^ 

Zur Formulierung der Forderungen an Serbien können wir 
keine Stellung nehmen, da dies Österreichs Sache ist. Uns erscheint 



^ Nach dem Konzept von Jagows Hand. 
■^ Zum Haupttelegraphenamt 2*° nachm. 
* Siehe Nr. 29. 



53 

es nur erwünscht, daß Wien genügend Material sammelt, um zu be- 
weisen, daß m Serbien eine großserbische Agitation besteht, welche 
Monarchie gefährdet, damit öffenthche Meinung Europas soweit als 
moghch vom guten Recht Österreichs überzeugt wird. Dies Material 
wäre am besten — nicht getrennt, sondern einheithch — kurz vor 
Stellung der Forderungen bzw. des Ultimatums an Serbien zu 
publizieren *. 

Jagow 
"* Siehe Nr. 40. 



Nr. 32 

Der Gesandte in Belgrad an den Reichskanzler' 

Belgrad, den 8. Juh 19142 

Herr Paschitsch sprach sich mir gegenüber heute 
gelegentlich der Vorstellung des Mihtärattaches 
lange über das Attentat in Sarajevo und die Maß- 
nahmen aus, welche die serbische Regierung im 
Zusammenhang damit und zur Verhinderung weiterer 
anarchistischer Freveltaten zu ergreifen beabsichtigt^. 
Er begann zunächst mit Versicherungen seiner 
tiefsten Entrüstung und seines größten Abscheues 
über die Tat und hob dann hervor, daß man doch 
Blech.'!.'! nicht eine zivilisierte^ Regierung für die Exzesse 
unreifer und überspannter Burschen verantiPortlich 
machen dürfe. Die österreichisch-ungarische Presse 
schieße weit über das Ziel hinaus. Die Über- 
wachung der nation ah sti sehen Vereine und ihrer 
Verbindungen im In- und Auslande stelle der ser- 
bischen Regierung die schwierigsten Aufgaben; die 
demokratisch -freisinnige Verfassung des Landes, 
namenthch auf dem Gebiete des Vereinswcsens und 
der Presse, biete der Regierung nahezu keine Hand- 

' Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 11. Juli nachm. Bericht lag dem 
Kaiser vor von ihm am 20. Juli zurückgegeben, am 23. Juli wieder im Amt 
Kaiser befahl durch Randverfügung Mitteilung an den Botschafter in Wien 
die indessen tatsächlich nicht erfolgt ist. ' 

=» ''beabsichtigte vom Kaiser zweimal unterstrichen. 
"Zivilisierte.! vom Kaiser zweimal unterstrichen. 



54 



habe, und jeder Versuch, die Macht der Regierung 
zu erweitern und ihr ein energisches Durchgreifen 
zu ermöghchen, sei stets noch an dem Widerstand 
der Skupschtina gescheitert. Soweit es in seiner 
Macht, innerhalb der bestehenden Gesetzgebung, 
liege, werde er die Tätigkeit der nationahstischen 
Blech ! Verbindungen streng kontrollieren und alle Elemente 

ausweisen, die hier einen Unterschlupf suchen. Er 
habe sich auch mit dem Kultusminister bereits ins 
Benehmen gesetzt, um durch eine schärfere Kontrolle 
der Schulen und der mit ihnen in Verbindung 
stehenden Turnvereine zu verhindern, daß unver- 
standene politische Theorien in diesen gelehrt und 
verbreitet imd die Jugend mit solchen angefüllt 
und verhetzt werde. Endlich solle der freie Handel 
und Verkehr mit Schußwaffen und Explosivstoffen 
eingeschränkt und strengeren Kautelen als bisher 
unterworfen werden. Eine gesetzliche Regelung 
dieser Materie liege im Projekt bereits vor, sei aber 
von der Skupschtina bis jetzt nicht votiert worden. 

V, Gr ie sin ge r 
Phrasen ! 



Nr. 32 a 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten im 
kaiserlichen Gefolge* 

Telegramm 77 Berlin, den 11. Juli 1914* 

Da Wien noch keinerlei Schritte in Belgrad unternommen hat, 
würde Unterlassung des gewohnten Telegrammes zu sehr auffallen 
und eventuell zu frühzeitige Beunruhigung hervorrufen. 

Befürworte dahei Absendung 2. 

Jagow 



^ Nach dem Konzept von Zimmermanns Hand. 
' 6*^ nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
• Siehe Nr. 30a 



55 



Nr. 33 



Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Rom* 

Telegramm i Berlin, den ii. Juli 1914^ 

Ganz geheim! 

Kaiser Franz Joseph hat an S. M, den Kaiser und König ein 
geheimes Handschreiben gerichtet*, worin die gegenwärtige Lage 
vom österreichisch-ungarischen Standpunkt dargestellt und die Not- 
wendigkeit hervorgehoben wird, energische Maßnahmen gegen die 
von russischen und serbischen Panslawisten betriebene Agitation zu 
ergreifen, die eine Zertrümmerung der Donaumonarchie sowie die 
Schwächimg des Dreibundes erstrebe und das Attentat in Sarajevo 
gezeitigt hätte. 

Wir haben es der österreichisch-ungarischen Regierung überlassen, 
die ihr geeignet scheinenden Schritte zu tim und ihr erforderlichen- 
falls unsern Beistand im Sinne des Bündnisses zugesagt. Wir haben 
uns ferner damit einverstanden erklärt, daß Österreich-Ungarn in 
Verhandlungen mit Bulgarien wegen dessen Beitritt zu unserer 
Bündniskombination tritt. 

König von Rumänien, durch uns über diese Absicht informiert, 
hat sich reserviert, aber nicht ablehnend verhalten. 

Die Untersuchungen, zu denen das Attentat in Sarajevo Anlaß 
gegeben, sind noch nicht abgeschlossen. Die Wiener Regierung 
dürfte die weiteren Entscheidungen nach deren Ergebnis treffen. 

Vorstehendes zu Ew. Exz. rein persönlicher Orientierung. Eine 
Information des Marquis San Giuliano dürfte sich wegen seiner Hin- 
neigung zu Serbien gegenwärtig nicht empfehlen, doch bitte ich, 
ihn auf die maßlose Sprache der serbischen Presse hinzuwei,-en und 
zu bemerken, daß es für Österreich -Ungarn kaum möglich sein 
würde, derartige Provokationen ruhig hinzunehmen. Ferner dürfte 
Marquis San Giuliano vorsichtig darauf vorbereitet werden, daß wir 
eine Annäherung an Bulgarien erwägen, wobei jedoch Gegensatz zu 
Rumänien vermieden werden solle* ^. 

Jagow 



1 Nach dem Konzept. Entwurf Bergens mit Änderungen Jagows. 
^ 9^° nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

2 Siehe Nr. 13. 

* Letzter Satz von Jagow dem Entwurf Bergens angefügt. 
6 Siehe Nr. 38. 



56 



Nr. 34 

Der Gesandte in Athen an den Reichskanzler ^ 



Streng vertraulich! Athen, den 6. Juli 1914^ 

Mein itahenischer Kollege teilt mir streng vertrauHch mit, der 
italienische Botschafter in Petersburg habe einen sehr alarmierenden 
Bericht nach Rom gerichtet über kriegerische Vorbereitungen Rußlands. 
Der Bericht sei sehr eingehend und gehe ins Detail. Erwähnt seien 
auch ungeheure Geldforderungen der russischen Regierung, die in 
einer geheimen Sitzung der Duma oder einer Kommission zu Kriegs- 
rüstungen bewilhgt worden seien ^. 

Quadt 

1 Nach der Entzifferung. 

- Berliner Eingangsvermerk: 12. Juli vorm. Der Reichskanzler hat am 

14. Juli von dem Stück Kenntnis genommen. 
3 Jagow bemerkt dazu am Rande: »Wenn die Nachricht von Petersburg 

nach Rom und von dort nach Athen gegangen ist, muß sie jedenfalls 

schon etwas älteren Datums sein«. 



Nr. 35 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 86 Wien, den 11. Juli 1914^ 

Geheim ! 

Da Graf Berchtold heute abend über Sonntag nach Buchlau 
gefahren, habe Telegramm^ Graf Forgäch ganz vertrauhch mitgeteilt. 
Dieser bittet mich, seinen ganz besonderen Dank Ew. Exz. für den 
Schritt in Bukarest und die Mitteilung zu übermitteln. Die Antwort 
des Königs an unseren Geschäftsträger fand Graf Forgäch über Erwarten 
günstig. Daß König Carol zunächst Bedenken gegen ein Bündnis 
mit Bulgarien geäußert habe, sei ja natürlich. Wertvoll dagegen, 
daß er sich nicht prinzipiell dagegen gestellt und daß er ein Ab- 
rücken von Serbien für tunüch bezeichnet habe. 

Tschirsch ky 

1 Nach der Entzifferung. 

^ Datiert in Wien: 11. Juli, aufgegeben 12. Juli ii^'^ vorm., eingetroffen im 
Auswärtigen Amt 12. Juli 12^* nachm. Am 13. Juli von Jagow nach Vor- 
nahme kleiner Änderungen dem Geschäftsträger in Bukarest »zur persön- 
lichen Information« mitgeteilt, abgegangen 14. Juli 4*^ nachm. 

ä Siehe Nr. 28, Anm. 2. 



57 



Nr. 36 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in London^ 



Telegramm 155 Berlin, den 12. Juli 1914'* 

Geheim ! 

Die Untersuchimg des Mordes von Sarajevo läßt immer deutlicher 
erkennen, daß die geistigen Urheber in politischen und militärischen 
Kreisen Belgrads sitzen. Es besteht die Möghchkeit, daß Österreich 
sich infolgedessen zu ernsteren Maßnahmen gegen Serbien entschließen 
und diese zu allgemeinen Komplikationen führen könnten. Wir 
wünschen unter allen Umständen Lokalisierung des Konflikts^. Hierzu 
ist es nötig, daß die öffentliche Meinung in Europa es ihren Regierungen 
ermöglicht, der Austragung der Differenz* zwischen Österreich und 
Serbien ohne Parteinahme zuzusehen. Es ist daher erforderlich, daß 
auch in der dortigen Presse schon jetzt eine Stimmung geschaffen 
wird, die in dem Attentat ebenso wie seiner Zeit in der Ermordung 
des serbischen Königspaares den Ausfluß einer mit dem Kultur- 
gewissen Europas unvereinbaren politischen Verbrech er moral sieht 
und die es begreiflich erscheinen läßt, daß die Nachbarmonarchie 
sich gegen diese dauernde Bedrohung von serbischer Seite zur Wehr 
setzt. Bitte in diesem Sinne tunlichst ^ auf die dortige Presse ein- 
zuwirken, dabei aber sorgfältig alles vermeiden, was den Anschein 
erwecken könnte, als hetzten wir die Österreicher zum Kriege^. 

Jago w 



' Nach dem Konzept. Entwurf von der Hand des Vortragenden Rats im 
Auswärtigen Amt von Radowitz vom 7. Juli mit Änderungen Zimmermanns 
vom 12. Juli. 

'■^ Zum Haupttelegraphenamt 6^" nachm. 

^ Der Satz »Es besteht Konflikts« von Zimmermann geändert aus 

Radowitz' ursprünglichem Text: »Österreich scheint entschlossen, sich diese 
Gelegenheit zur Abrechnung mit Serbien nicht entgehen zu lassen. Wir 
stehen dieser Auffassung sympathisch gegenüber, wünschen aber einen 
etwaigen Krieg lokalisiert zu sehen.« 

* »Der Austragung der Differenz« von Zimmermann geändert aus Radowitz' 
ursprünglichem: »dem Kampf«. 

^ »tunlichst« von Zimmermann beigefügt. 

^ Siehe Nr. 43 und 48. 



— ^ 

Nr. 37 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien ^ 

Geheim! Berlin, den 12. Juli 1914^ 

Zur streng vertraulichen Orientierung des Grafen Berchtold 

Nach geheimen Nachrichten liegt Rußland und Serbien die 
vertrauliche Information vor, daß Österreich- Ungarn seine Garnisonen 
an serbischer und russischer Grenze unauffällig verstärkt. 

Jagow 

* Nach dem Konzept. Entwurf von der Hand Zimmermanns. 
2 Zur Post gegeben 8*^ nachm. 

Nr. 38 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 2 Fiuggi Fönte, den 12. Juli 1914^^ 

Marquis di San Giuliano sagt mir, daß er sofort nach Ermordung 
des Erzherzogs den italienischen Vertreter in Belgrad beauftragt habe, 
serbischer Regierung sehr dringend zur Mäßigung zu raten. Er glaube 
auch, daß diesem Rat entsprochen werden würde. Für Ausschrei- 
tungen der Presse könne in demokratischen Ländern Regierung nicht 
verantwortlich gemacht werden, österreichische Regierung dürfe sich 
darin nicht ins Unrecht setzen. Übrigens melde heute itaUenischer 
Botschafter in Wien, daß österreichische Regierung keine Befürchtungen 
wegen ernster Komphkation mit Serbien habe. 

In Bulgarien sei nach Meldung italienischen Vertreters in Sofia 
Handstreich gegen König Ferdinand von russischer Partei zu befürchten. 

Flotow 



^ Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Fiuggi Fönte den 12. Juli 7*^ nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt 10 2^ nachm. Eingangsvermerk: 13. Juli vorm. Der letzte 
Absatz »In befürchten« am 13. Juli vorm. von Jagow tele- 
graphisch zur »rein persönlichen Information« dem Gesandten in Sofia, 

die beiden ersten Sätze »Marquis würde« unter dem 13. Juli 

durch Erlaß »Zur persönlichen Information« dem Gesandten in Belgrad 
mitgeteilt. 

^ Siehe Nr. 33. 



59 



Nr. 39 



Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter in 
Wien und den Gesandten in Bukarest* 

Geheim! Berlin, den 13. Juli 1914 

Zu Ew. pp. rein persönl. Information. 

Graf Szögy^ny las mir heute ein Telegramm des Grafen Czernin 
aus Bukarest über eine Audienz vor, die letzterer bei König Carol 
gehabt hat. 

Der König hat danach dem Gesandten gegenüber geäußert: 

1. Er sei gewiß, daß das offizielle Serbien die Mordtat von 
Sarajevo ebenso verdamme wie die übrige Welt, man dürfe die 
Mordbuben nicht mit dem offiziellen Serbien in einen Topf werfen. 

2. Er sei gewiß, daß die serbische Regierung die Untersuchung 
gewissenhaft führen werde, würde es aber begreiflich finden, wenn 
Serbien die Führung der Untersuchung durch österreichische Kom- 
mission nicht zulassen würde. 

3. Er bedauerte die Sprache der serbischen Presse, aber auch 
gewisse Hetzereien der österreichisch-ungarischen Zeitungen. 

Der König wünsche offenbar eine friedhche Lösung der Frage, 
sei aber einer Äußerung über die Stellungnahme Rumäniens im Falle 
eines Konfhkts ausgewichen. 

Im Laufe der Konversation habe der König, auf Äußerungen 
rumänischer Politiker: Bratianus, Marghilomans und Take Jonescus 
bezugnehmend, sich diese zu eigen gemacht, daß nämlich »nach Er- 
mordung des Thronfolgers die Zukunft Österreich-Ungarns dunkel 
erscheine und den Großmächten zu großem Pessimismus Anlaß 
geben müssea. 

Graf Berchtold bittet den Grafen Szögy^ny, bei Mitteilung dieser 
Äußerung des Königs mich daran zu erinnern, daß König Carol sclion 
im Laufe des Winters dem österreichischen Gesandten einmal gesagt 
habe, er würde seine Pohtik nicht gegen die öffentüche Meinung 
seines Landes füliren können. 

Graf Berchtold knüpft hieran pessimistische Ansichten über die 
Haltung Rumäniens, hofft aber doch, daß es noch dem Eingreifen 
unseres Allergnädigsten Herrn gelingen werde, Rumänien beim Drei- 
bimd zu halten. 

* Nach dem Konzept von Jagows Hand. Abgegangen nach Wien, mit Aus- 
lassung des letzten Absatzes, am 13. Juli nachm.; abgegangen nach Bukarest, 
mit vollem Text, am 14. Juli 



6o 

Die Äußerungen des Königs über Österreich -Ungarn lassen sich 
— aus dem Zusammenhang gerissen, wie Graf Czernin sie berichtet — 
schwer beurteilen. Mit der Besorgnis, daß der Tod des Erzherzogs 
im jetzigen Moment für die Monarchie folgenschwer sein kann, dürfte 
der König nicht allein stehen. Daß aber ein so vorsichtiger Politiker 
wie König Carol den österreichischen Gesandten auf die Möglichkeit 
des Zusammenbruchs seines Vaterlandes hat hinweisen wollen, ist 
kaum anzunehmen. Jedenfalls läßt sich aus der Äußerung noch 
nicht ohne weiteres auf die zukünftige Haltung Rumäniens schließen. 

Dagegen läßt sich wohl aus der Art der Berichterstattung über 
diese Äußerung auf einen weitgehenden diplomatischen Dilettantismus 
des Autors schließen. 

Jagow 



Nr. 40 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm Sy Wien, den 13. JuH 1914^ 

s 

Graf Berchtold teilt durchaus die Ansicht Ew. Exz. ', daß die 
Ergebnisse der Untersuchung in Sarajevo nicht im einzelnen, sondern 
Richtung serbischer Politik und ihre Folgen zusammenfassend dar- 
zustellen sein werden. 

Minister ist jetzt selbst überzeugt, daß schnellstes'^ Handeln 
geboten ist. Er hofft morgen mit Tisza über Wortlaut der an 
Serbien zu richtenden Note ins Reine zu kommen, würde diese dann 
Mittwoch, den 15. Juli, dem Kaiser in Ischl unterbreiten, worauf 
dann unverzüglich — mithin noch vor Abreise Poincares — Über- 
gabe in Belgrad erfolgen könnte. 

Tschirschky 



1 Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Wien 13. Juli 3**' nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
7** nachm. Eingangsvermerk: 14. Juli vorm. Der zweite Abschnitt von Jagow 
am 14. Juli 11^^ vorm. telegraphisch dem Kaiser mitgeteilt, dem die Ent- 
zifferung nachmittags nach 5 Uhr vorlag. 

^ Siehe Nr. 31. 

* Die Worte »jetzt selbst überzeugt« und »schnellstes« vom Kaiser zweimal 
unterstrichen. 



6i 



Nr. 41 

Der Geschäftsträger in Bukarest an den 
Reichskanzler ^ 

Ganz geheim! Bukarest, den 11. Juli 1914 ^ 

S. M. der König empfing mich gestern um 
12^/2 Uhr in Sinai a. Ich hatte die Ehre, hierauf 
zur Frühstückstatel zugezogen zu werden, nach der 
sich S. M. noch längere Zeit in Gegenwart des 
Prinzen von Rumänien mit mir über die in der 
Audienz schon besprochenen Fragen unterhielt. 

S. M. hörte meine im Namen Sr. M. des Kaisers 
und Königs gemachten Ausführungen mit lebhaftem 
Interesse an. Bei den Stellen, die von dem Freund- 
schaftsverhältnis zwischen Rumänien und Serbien, 
sowie über die in Rumänien bestehende Agitation 
gegen Österreich -Ungarn handelten, machte S. M. 
eine zustimmende Kopfbewegung. Auch zu den 
Äußerungen, daß Höchstderselbe dem österreichi- 
schen Vertreter letzter Zeit zweimal gesagt habe. 
Er werde im Falle eines Krieges, mit Rücksicht 
auf die österreichfeindliche Stimmung in Rumänien, 
Höchstseinen Bundespflicliten nicht nachkommen 
können, und als ich davon sprach, daß S. M. der 
Kaiser und König in Wien stets für eine Verständi- 
gung mit Serbien eingetreten sei, stimmte S. M. 
beifällig zu. Als von den Bestrebungen Rußlands, 
einen neuen Balkanbund mit einer direkten Spitze 
gegen Österreich -Ungarn zu gründen, die Rede war, 
unterbrach mich Höchstderselbe mit der Bemerkung, 
daß ihm von einer solchen Absicht Rußlands nichts 
bekannt sei. ^ 

Am Schlüsse meiner Ausführungen bemerkte 
S. M. zunächst, Er glaube nicht, daß die serbische 
Regierung mit dem Attentat in Sarajevo in Ver- 

^ Nach der Ausfertigung. Siehe Nr. 16 und 28. 

^ Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 14. Juli vorm. Bericht lag dem 
Kaiser vor, von ihm am 20. Juli zurückgegeben, am 23. Juli wieder im Amt 
Kaiser befahl durch Randverfügung Muteilung an die Botschafter in 
Wien, Rom und Petersburg, die indessen tatsächlich nicht erfolgt ist. 

^ Am Rand Fragezeichen und Ausrufungszeichen des Kaisers. 
Aktenstücke I. j 



62 

bindung gebracht werden könnte. Er habe dies 
auch schon dem Grafen Czernin gesagt und ihn ge- 
fragt, ob man denn in Wien sichere Beweise da- 
für besitze. * 

Hierauf sprach sich S. M., wie ich schon tele- 
graphisch berichtet habe, über die Aussichtslosigkeit 
eines Bündnisses mit Bulgarien aus. Als S. M. da- 
von sprach, daß Rumänien nicht sofort mit Bulgari« n 
in ein Bündnisverhältnis treten könne, wies er auf 
den letzten Grenzzwischenfall, bei dem ein rumäni- 
scher Soldat von einem bulgarischen erschossen 
wurde, sowie darauf hin, daß die Stimmung in 
Bulgarien gegen Rumänien sehr erregt sei. 

S. M. meinte weiter, die Lage sei zwar augen- 
blicklich ernst, doch nicht hoffnungslos. In Wien 
scheine man den Kopf verloren zu haben. Es wäre 
gut, von Berlin aus auf den Ballplatz einzuwirken, 
um der dort herrschenden kleinmütigen Stimmung ^ 
auszuhelfen. Über die politischen Fähigkeiten des 
Grafen Berchtold sprach sich S. M. nicht gerade 
schmeichelhaft aus. Der König tadelte die Organi- 
sation in Bosnien und meinte, man wisse tatsächlich 
heute noch nicht, ob Österreich oder Ungarn dort 
regiere. 

Während S. M. früher die Mißstimmung im 
Lande gegen Österreich-Ungarn als eine Welle, die 
wieder vorübergehen werde, bezeichnet hatte, 
äußerte Er sich gestern dahin, daß die Agitation 
eine ernste sei. Höchstderselbe stimmte mir bei, 
als ich die Ansicht aussprach, dieselbe sei deshalb 
so heftig geworden, weil man hier Österreich für 
schwach halte, und zudem das Selbstbewußtsein in 
Rumänien so außerordentlich gestiegen wäre. Als 
ich erwähnte, daß hier vielfach der Glaube bestehe, 
Siebenbürgen werde in nicht zu ferner Zeit Rumänien 
zufallen, meinte S. M., Er trete dieser Auffassung 
hier scharf entgegen und habe offen ausgesprochen, 
daß Er sich zu einer Eroberung Siebenbürgens 
niemals hergeben werde. Nach der Tafel kam das 
Gespräch nochmals auf diese Frage, wobei der 
König, zum Prinzen Ferdinand gewendet, äußerte: 
»Wir werden das ja nicht mehr erleben. Dein Sohn 
vielleicht.« 

♦ Am Rand Ausrufungszeichen und Fragezeichen des Kaisers. 
' Desgleichen. 



63 

S. M. sprach sich bezüghch Serbiens dahin aus, 
daß man vor allem den gexvissenlosen Preßtreibereien 
entgegentreten müsse; diese trügen die Hauptschuld 
an allem Unheil und hielten die Gemüter in steter 
Erregung. 

Auch in Österreich müsse auf die Presse gewirkt 
werden, damit diese nicht allzu sehr gegen Serbien 
hetze. Sasonow habe Ihm gesagt, Rußland denke 
nicht daran, einen Krieg zu führen, weil es in diesem 
Falle viel zu sehr innere Unruhen befürchten müsse, 
aber einen Angriff Österreichs auf Serbien könne es 
nicht dulden. Bei einem solchen, fuhr der König 
weiter, habe Rumänien keine Verpflichtungen. 

Über Bulgarien bemerkte der König, im Laufe 
des Gesprächs habe sich Sasonow Ihm gegenüber 
derart despektierlich ausgesprochen, daß Er förmlich 
als Verteidiger aufgetreten sei. Der König erörterte 
auch die Frage bezüghch der Stellung Griechenlands 
im Falle eines Bündnisses mit Bulgarien und meinte, 
eine Verständigung zwischen diesen beiden Staaten 
könne nur erfolgen, wenn Griechenland Kavalla 
wieder \urückgäbe. 

Die pohtische Lage hält der König auch beson- 
ders mit Rücksicht auf Albanien für sehr bedenklich. 
Mit Recht Er zeigt sich sehr unzufrieden über die Haltung 
Italiens daselbst. Insbesondere bezeichnete Er es als 
unglaubhch, daß man einen Gesandten wie Aliotti 
dahin geschickt habe. Dieser hätte seinerzeit London 
wegen Falschspielens eiligst verlassen müssen. AHotti 
habe dem Fürsten seinerzeit geradezu gedroht, die 
Truppen zurückziehen zu lassen, wenn der Fürst 
sich nicht auf ein Schiff begebe. 

Um auf die Stimmung in Serbien gegen Öster- 
reich möghchst wirksamen Einfluß nehmen zu können, 
hält S. M. für unbedingt notwendig, daß Schritte 
von Berlin aus in Petersburg^ in diesem Sinne 
gemacht werden. 

Dort müsse man zu verstehen geben, daß es 
sich jetzt nicht mehr lediglich um Rassenstreitig- 
keiten, sondern um sehr wichtige dynastische In- 
teressen handele. Was gestern in Sarajevo geschehen 
sei, könne sich morgen ebenso gut in Petersburg 
ereignen. Man möge daher von Petersburg aus 
ernste Schritte in Belgrad unternehmen. Er, der 



doch! 



Am Rand Fragezeichen des Kaisers. 

7* 



64 



König, sei bereit, auch seinerseits in diesem Sinne 
einen Druck auf Serbien auszuüben. Femer wolle 
Er Seinen Gesandten in Petersburg, der demnächst 
mit der Deputation des dem Zaren verliehenen 
Regimentes nach Petersburg gehen werde, dies- 
bezüghch Instruktionen erteilen. Der König würde 
großen Wert darauf legen, daß eine Demarche 
Deutschlands in dem gedachten Sinne in Petersburg 
erfolge, doch bat er. Ihn nicht als den Urheber der- 
selben zu bezeichnen. Höchstderselbe kamt mehrfach 
auf die Notwendigkeit eines derartigen Schrittes 
zurück und schien sich von einem solchen viel zu 
versprechen. Als ich nach der Frühstückstafel die 
Gelegenheit benutzte, um Sr. M. auftragsgemäß 
von der tiefen Wirkung Höchstseiner kürzlich ge- 
machten Demarche in Athen, die die Erhaltimg des 
Friedens bezweckte, zu sprechen, und dabei den 
Allerhöchsten Randvermerk' auf dem Bericht des 
Grafen Quadt zur Kenntnis brachte, zeigte sich der 
König sichtlich erfreut, und meinte, nun hätte S. M, 
der Kaiser durch eine Demarche in Petersburg 
Gelegenheit, ebenfalls der Sache des Friedens e^nen 
großen Dienst zu erweisen. 

Über weitere Eindrücke, die ich aus meiner Unter- 
redung mit Sr. M, gewonnen habe, werde ich dem- 
nächst berichten.^ 

Waldburg 



' Der Randvermerk des Kaisers findet sich auf folgendem Telegramm des 
stellvertretenden Staatssekretärs an den Kaiser vom 19. Juni: 

Wien, Rom, Bukarest, Ew. M. Gesandter in Athen telegraphiert: 

Stambul, London, Paris, ... ^ 1 • i 1 • r^ • •«»• • 

Petersburg. »Kumamens Schritt, der hier nur Konig, Minister- 

Der König hat uns allen Präsidenten und Minister der auswärtigen Angelegen- 

einen großen Dienst er- heiten bekannt ist, hat ungeheure Wirkung gehabt, und 

wiesen! Wir können -^j^ j^^j^^ Frieden, wenn Türkei weiter vorsichtig handelt, 

thm alle sehr dankbar ^ . ,. , . , " 

sein! VT. *'^'' Ziemlich gesichert. 

der muß scharf \uge- riauptgefahr schien mir darin zu liegen, daß grie- 

redet werden! chische Regierung gegenwärtige Streitfrage mit der 
sehr erfreulich! Türkei mit Inselfrage verquickt und hierin neue Forde- 
rungen betreffend Anerkennung stellen würde. Diese 
Absicht hat entschieden einmal bestanden, scheint aber 
jetzt, wie Streit mir versichert, aufgegeben.« 

AUeruntertänigst 

Zimmermann 
^ Siehe Nr. 66 



65 

Nr. 41 a 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt* 

Wien, den 13. Juli 1914* 

Die Haltung der hiesigen Presse verfolgt sichtlich die vom 
Ballhausplatz inspirierte Tendenz, die öffentliche Meinung nicht 
vorzeitig zu beunruhigen. Zugleich wird aber durch ausführliche 
Reproduktion der serbischen Preßartikel für deren weiteste Ver- 
breitung gesorgt und darauf hingewiesen, daß Serbien durch seine 
Wühlereien, die in dem Attentat auf den Thronfolger gipfelten, allen 
Kredit in Europa verloren haben müsse. So bemerkt die heutige 
Wiener Sonn- und Montagszeitung, daß Europa zum Glück wisse, 
was es von den bewußten Entstellungen, die man jetzt von Belgrad 
aus über die ganze Welt zu verbreiten suche, zu halten habe. Ins- 
besondere werde man in England nicht an die Lüge glauben, daß die 
serbischen Staatsangehörigen der Monarchie in den südlichen Ländern 
unterdrückt worden seien. Die Serben glaubten selbst nicht mehr 
daran, daß das Recht auf ihrer Seite sei. 

In einem anscheinend offiziösen Entrefilet bemerkt dasselbe 
Blatt: 

»Mit Rücksicht darauf, daß die Untersuchung über das 
Sarajevoer Mordattentat noch nicht zum Abschlüsse gelangt ist, sind 
auch alle Kombinationen über Form und Inhalt einer allfälligen 
diplomatischen Aktion Österreich-Ungarns bei der Belgrader Re- 
gierung verfrüht und müßig. Die verschiedenen Meldungen, die 
über Ischler Audienz des Grafen Berchtold in die Welt gesetzt 
wurden, haben eine entschiedene Zurückweisung erfahren und sind 
endlich ganz verstummt. Um so gesprächiger ist man in Belgrad. 
Die serbischen Blätter strengen sich seit Tagen an, Beweise dafür 
zu erbringen, daß die Monarchie keinen Rechtstitel zu irgendwelchen 
Forderungen besitzt, und wehren sich heute schon gegen Zu- 
mutungen, die bisher niemand gestellt hat. Ein besonders voreiliger 
Herr in Konstantinopel, der dortige serbische Geschäftsträger, unter- 
nimmt sogar schon Einschüchterungsversuche für den Fall, als 
Österreich-Ungarn es wagen sollte, mit Serbien einen Streit anzu- 
fangen. Das Treiben der Herrschaften erinnert ganz an den Mann, 
der durch den Wald läuft und vor Angst aus Leibeskräften schreit. 
Er muß sich fortwährend hören, damit ihn die Furcht nicht über- 
wältigt.« 

Die Tendenz, die Äußerungen der Presse noch in Schranken zu 
halten, geht auch aus einer offiziösen Budapester Korrespondenz der 
Wiener Sonn- und Montagszeitung hervor, in der es heißt, daß die 

* Nach der Ausfertigung. 

^ Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 14. Juli nachm. 



66 

Nachricht von der Einberufung eines neuerlichen gemeinsamen 
Ministerrats an maßgebender Stelle als unrichtig bezeichnet werde. 
Die Notwendigkeit eines neuen Ministerrats bestehe nicht, da die 
gemeinsame Regierung bereits über alle Eventualitäten übereinge- 
kommen sei. Die Meldung sei offenbar durch ein Mißverständnis 
entstanden. Graf Tisza beabsichtige nämlich, auf einen Tag nach 
Wien zu reisen, um sich über den Abschluß der Sarajevoer Unter- 
suchung zu informieren, nachdem die Opposition in Ungarn neuer- 
liche Interpellationen über die großserbische Bewegung vorbereite, 
und Graf Tisza seine letzte Rede, falls eine Notwendigkeit bestehen 
sollte, zu ergänzen beabsichtige. 

Auch auf die Börse wird einzuwirken gesucht, die in den letzten 
Tagen sehr stark nachgegeben hatte. In der Presse wird an die 
Großbanken appelliert, deren Pflicht es sei, »sich in die Bresche zu 
stellen, wenn eine eminente Gefahr einer aller Voraussicht nach sogar 
ganz unmotivierten Entwertung drohe. Das Großkapital solle durch 
seine Haltung den Kunden und dem ganzen Markte zeigen, ein wie 
schlechter Berater in schweren Zeiten der Pessimismus sei.« 

Die »Montags-Revue« schreibt: »Die Frage, ob und in welchem 
Umfange eine Mitschuld des offiziellen Serbien an der Tragödie von 
Sarajevo nachweisbar, kann noch nicht abschließend beantwortet 
werden. Gewiß ist aber, daß die Vorgänge und Kundgebungen der 
letzten Tage die ganze Unverfrorenheit und Tollkühnheit der ser- 
bischen Austrophobie enthüllen. 

Man kann es nur billigen, wenn bei den Entscheidungen unserer 
Regierung auch weiterhin jede Voreiligkeit, jedes Nachgeben gegen 
Temperamentswallungen vermieden bleibe. Auch unsere öffentliche 
Meinung muß ihre Ruhe bewahren. Selbst dann, wenn eine diplo- 
matische Auseinandersetzung über das Drama von Sarajevo den 
gleichen Verlauf nähme, wie frühere Diskussionen, in welchen das 
amtliche Serbien uns vorerst durch läppische Ableugnungen ver- 
höhnte und uns schließlich Versprechungen erteilte, deren Ein- 
haltung nicht einen Augenblick ernstlich beabsichtigt war. Niemand 
wird bei uns so naiv sein, von einer in Belgrad veranstalteten 
Forschung nach Mitschuldigen der Mörder konkrete Ergebnisse zu 
erwarten. Auch das Eingehen des Belgrader Kabinetts auf die 
Forderung nach formeller Desavouierung der großserbischen Propa- 
ganda, nach künftiger Unterdrückung dieser Bewegung wäre ledig- 
lich ein diplomatischer Erfolg von sehr geringer greifbarer Be- 
deutung. Nur Tatsachen könnten beweisen, daß man sich in 
Belgrad unter der Wucht eines internationalen Verdikts zu einer 
Umkehr bequemt, die eine wirkliche Klärung des Verhältnisses zu 
Österreich-Ungarn ermöglichen würde.« 

Nach der Mordtat von Sarajevo müsse das Verhältnis Öster- 
reich-Ungarns zu Serbien nur vom Standpunkte des nüchternsten 
Realismus beurteilt und geregelt werden. In Belgrad habe man Ent- 
scheidungen zu treffen, deren Tragweite noch über die sachliche Er- 



67 

wägung einer hochernsten Kontroverse hinausreiche. Es handele 
sich um eine letzte Erprobung der Vernunft und Einsicht der 
Staatslenker Serbiens. Werde die Probe nicht bestanden, so müßte 
die offizielle Politik der Monarchie durch das Beharren bei der bis- 
herigen Methode den unentbehrlichen Rückhalt verlieren. Sie würde 
unverständlich für die Bevölkerung Österreich-Ungarns werden. 

von Tschirschky 



Nr. 42 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 5 Fiuggi Ponte, den 14. Juli 1914^ 

Obwohl Marquis di San Giuliano immer noch erklärt, daß Be- 
richte des italienischen Botschafters in Wien über Serbien nicht pessi- 
mistisch lauten, hat er doch bereits Gutachten des Völkerrechts- 
kundigen Herrn Fusinato über Rechtslage eingezogen und sagt 
mir, nach italienischer Auffassung könne eine Regierung nur wegen 
Verbrechen gegen gemeines Recht, nicht wegen politischer Propaganda 
reklamieren, wenn diese Propaganda nicht zur Tat übergehe^. Er 
fürchte daher, Italien würde österreichische Reklamation nicht unter- 
stützen können, ohne sich in Widerspruch zu tief begründeter Über- 
zeugung des italienischen Volkes und zu liberalen Prinzipien zu setzen. 
Habe erwidert, daß man zunächst überhaupt Inhalt österreichischer 
Reklamation abwarten müsse, daß aber, wenn Konflikt entstehen sollte, 
es sich nicht mehr um juristische Fragen, sondern um politische 
handeln würde. Marquis di San Giuliano bestand aber darauf, daß 
itaüenische Regierung niemals gegen Prinzip der Nationalität an- 
kämpfen könne. Minister will uns anscheinend vorbereiten, daß er 
bei weiterer Komplikation nicht an Seite Österreichs bleiben kann, 
österreichische Regierung wird mit diesem Umstand rechnen müssen. 
Weisungsgemäß habe ich Marquis di San Giuliano in Aussprache 
zwischen Wien und Berlin noch nicht eingeweiht. Minister sagt mir, 
Rußland habe in Belgrad zu Nachgiebigkeit geraten; es werde gut 
sein, wenn alle Regierungen diesem Beispiel folgten. 

österreichischer Botschafter sagt mir ganz geheim, daß in Wien 
Entschlossenheit zu aktivem Vorgehen besteht. 

Floto w 

* Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Fiuggi Fönte 2* nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
5*^ nachm. Eingangsvermerk: 14. Juli nachm. Unter Auslassung der Sätze 

»Weisungsgemäß eingeweiht« und »Österreichischer 

besteht« und unter Beifügung eingehender Erörterungen Jagows am 15. Juli 
dem Botschafter in Wien mitgeteilt (siehe Nr. 46). 

» Siehe Nr. 64 



68 



Nr. 43 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 129 London, den 14. Juli 1914* 

Geheim ! 

Ich habe bereits versucht, in diesem Sinne ^ vertraulich und 
vorsichtig Fühlung zu nehmen, verspreche mir aber angesichts der 
bekannten Unabhängigkeit der hiesigen Presse derartigen Einwir- 
kungen gegenüber nur wenig Erfolg. Es wird schwer halten, die 
gesamte serbische Nation als ein Volk von Bösewichten und Mördern 
zu brandmarken imd ihm dadurch, wie der Lokalanzeiger bestrebt 
ist, die Sympathien des gesitteten Europas zu entziehen; noch 
schwerer aber die Serben, wie eine amtliche Persönlichkeit dem 
Wiener Vertreter des Daily Telegraph gegenüber tut, auf dieselbe 
Stufe zu stellen mit den Arabern in Ägypten und in Marokko oder 
mit den Indianern in Mexiko. Es ist vielmehr anzunehmen, daß 
die hiesigen Sympathien sich dem Serbentiun sofort und in lebhafter 
Form zuwenden werden, sobald Österreich zur Gewalt greift, und 
daß die Ermordung des hier schon wegen seiner klerikalen Nei- 
gungen wenig beliebten Tronfolgers nur als ein Vorwand gelten 
wird, den man benutzt, um den unbequemen Nachbarn zu schädigen. 
Die britischen Sympathien, namentlich aber die der liberalen Partei, 
haben sich in Europa meist dem Nationalitätenprinzip zugewandt, 
bei den Kämpfen der Itahener gegen die österreichische, päpstliche 
oder bourbonische Herrschaft, und haben bei Balkankrisen gewöhn- 
lich den dortigen Slawen gegolten. Sowohl wälirend der Annexions- 
krisis als auch im vorigen Winter bei akuten Fragen neigte die 
hiesige öffentliche Meinung zur Parteinahme für Serbien und Mon- 
tenegro, und es wäre daher damals schwer gefallen, die britische 
Zustimmung zu einem energischeren Vorgehen gegen König Nikolaus 
zu erlangen. 

So sehr man also auch eine unnachsichtige strafrechtliche 
Verfolgung der Mörder begreifen wird, so wenig, fürchte ich, wird 
die öffentliche Meinung dafür zu haben sein, daß man die An- 
gelegenheit auf das politische Gebiet hinüberspielt und sie zum Aus- 
gangspunkt militärischer Maßnahmen gegen ein Volk von Ver- 
brechern macht. In diesem Falle dürfte auch das durch die innere 
Krise bereits geschwächte gegenwärtige Kabinett kaum die Kraft 

^ Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in London 14. Juli 5»^ nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 8*^ nachm. Eingangsvermerk: 15. Juli vorm. 

3 Siehe Nr. 36. 



69 

besitzen, um eine Politik zu unterstützen, die sowohl den ethischen 
Empfindungen der Nation als der Geschmacksrichtung der (liberalen)^ 
Partei widersprächet 

Lichnowsky 

* »liberalen« fehlt in der Entzifferung, da ZifFerngruppe unverständlich, 
s Siehe Nr. 48. 



Nr. 44 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter in 
Rom und den Geschäftsträger in Bukarest* 

Telegramm 4, 36 Berlin, den 14. Juh 1914^ 

Geheim! 

Sollten die Resultate der Untersuchung über den Mord in 
Sarajevo Österreich- Ungarn zu ernsteren Maßnahmen gegen Serbien 
veranlassen, so hätten wir ebenso wie das übrige Europa das größte 
Interesse daran, einen hieraus sich eventuell ergebenden Konflikt zu 
lokahsieren. Dies hängt davon ab, daß die öffentliche Meinung in 
ganz Europa es ihren Regierungen ermögHcht, der Austragung der 
Differenz zwischen Österreich und Serbien untätig zuzusehen. Hierzu 
ist es notwendig, daß auch in der dortigen Presse die Auffassung 
Raiun gewinnt, bei diesem Konflikt handle es sich um eine An- 
gelegenheit, die nur die beiden Beteiligten betrifft. Man könne es 
Österreich nicht verdenken, wenn es sich gegen die stete Bedrohung 
seines Bestandes durch Treibereien im Nachbarlande mit jedem Mittel 
zur Wehr setzt. Die Sympathien der gesamten Kultiu^welt müßten 
in diesem Kampfe auf seiner Seite sein, da es sich darum handele, 
eine Propaganda endgültig zu ersticken, die selbst vor Meuchelmord 
als Kampfmittel nicht zurückschreckt und durch die skrupellose und 
frivole Art ihrer Ausübung einen Schandfleck für die europäische 
Kultur und eine dauernde Gefahr für den europäischen Frieden bilde. 

Bitte in diesem Sinne tunhchst auf die dortige Presse einzu- 
wirken, dabei aber sorgfältig alles zu vermeiden, was den Anschein 
erwecken könnte, als hetzten wir die Österreicher zum Kriege '. 

Jagow 



^ Nach dem Konzept. Entwurf von Radowitz' Hand. 

* Telegramme am 14. Juli 10'^ nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

' Siehe Nr. 47 und 54. 



70 

Nr. 45 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an die Botschafter 
in Wien und Konstantinopel ^ 

Berlin, den 14. Juli 1914 ^ 
Zu Ew. Exz. vertraulichen Information: 

Graf Szögyeny las mir heute einen Erlaß des Grafen Berchtold 
vor, wonach dieser den Markgrafen Pallavicini darüber befragt hat, 
ob seiner Meinung nach die Türkei zum Anschluß an die europäi- 
schen Zentralmächte zu gewinnen wäre. Der Botschafter hat sich 
ungefähr dahin ausgesprochen, daß in Konstantinopel zur Zeit eine 
gewisse Neigung, sich Rußland zuzuwenden, nicht zu verkennen 
wäre. Diese Tendenz werde durch ein reges Mißtrauen gegen Italien 
wegen seiner den Türken verdächtigen Aspirationen in Kleinasien 
noch bestärkt. Zudem seien Rußland und Frankreich in Konstand- 
nopel stark an der Arbeit. Am ehesten würde die Türkei an Öster- 
reich und den Dreibund Anlehnung suchen, wenn die Monarchie 
durch energisches und erfolgreiches Vorgehen gegen Serbien sich 
wieder eine entscheidende Stellung im Balkan sicherte. Hieran an- 
knüpfend, hat Graf Berchtold den Grafen Szögyeny beauftragt, meine 
Ansicht darüber einzuholen, ob es nicht angezeigt erscheine, die 
Türkei schon jetzt zum Anschluß an die Zentralmächte zu bewegen. 

Ich habe erwidert, daß meiner Ansicht nach, die übrigens auch 
von dem k. Botschafter in Konstantinopel geteilt werde, die Türkei 
für die nächsten Jahre wegen ihrer schlechten Armee Verhältnisse nur 
als passiver Faktor angesehen werden könne. Zu einer aggressiven 
Haltung gegen Rußland wäre sie außerstande. Zudem würde sie, 
wenn wir ihr den Anschluß an unsere Gruppe vorschlügen, un- 
zweifelhaft auch ihrerseits Forderungen an uns stellen. Einen abso- 
luten Schutz gegen Angriffe Rußlands auf Armenien z. B. könnten 
wir ihr aber gar nicht gewähren. Ich glaubte, daß die Türkei in 
ihrer jetzigen Lage gar keine andere Haltung einnehmen könnte, 
als zwischen den Mächten hin und her zu pendeln, bzw. sich der 
stärkeren und erfolgreicheren Gruppe anzuschließen. Sollte Rumänien 
fest zum Dreibund stehen und etwa Bulgarien auch an rnisere Gruppe 
Anschluß suchen, so würde das zweifellos auch auf die Haltung der 
Türkei Einfluß üben. Jetzt eine Demarche im Sinne der Anregung 
des Grafen Berchtold in Konstantinopel zu machen, erschiene mir 
zwecklos, wenn nicht — wegen der zu erwartenden und unerfüll- 
baren Forderung von Gegenleistungen — bedenklich. 

Jago w 

^ Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

2 Abgegangen nach Wien am 15., nach Konstantinopel am 17. Juli. 



71 

Nr. 46 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter in 

Wien' 

Geheim! Berlin, den 15. Juli 1914^ 

- Der k, Botschafter in Rom telegraphiert: 

»Obwohl Marquis di San Giuliano diesem Bei- 
spiel folgten«' 

So austrophob im allgemeinen die itahenische öffentliche Meinung 
ist, so serbophil hat sie sich bisher immer gezeigt. Es ist auch 
für mich kein Zweifel, daß sie bei einem österreichisch-serbischen 
Konflikt sich prononziert auf Seiten Serbiens stellen wird. Eine 
territoriale Ausbreitimg der österreichisch-ungarischen Monarchie, 
selbst eine Ausdehnung ihres Einflusses im Balkan wird in Italien 
perhorresziert und als eine Schädigung der Position Italiens daselbst 
angesehen. Infolge einer optischen Täuschung wird angesichts der 
vermeintlichen Bedrohung durch das benachbarte Österreich die in 
Wirkhchkeit viel größere slawische Gefahr verkannt. Ganz abgesehen 
davon, daß die Pohtik der Regierung in Itahen nicht unwesentlich 
von den Stimmungen der öffentlichen Meinung abhängt, so beherrscht 
die obige Auffassung doch auch die Köpfe der Mehrzahl der 
italienischen Staatsmänner. Ich habe bei ihnen jedesmal, wenn 
eine Bedrohung Serbiens durch Österreich in Frage kam, eine 
außerordentliche Nervosität konstatieren können. Durch eine Partei- 
nahme Italiens für Serbien würde fraglos die russische Aktionslust 
wesentlich ermutigt. In Petersburg würde man damit rechnen, daß 
Italien nicht nur seinen Bundespflichten nicht nachkommt, sondern 
sich womöglich direkt gegen Österreich- Ungarn wendet. Ein 
Zusammenbruch der Monarchie würde für Italien ja auch die Aus- 
sicht auf Gewinnung einiger langbegehrter Landesteile eröffnen. 

Es ist daher m, A. nach von größter Bedeutung, daß Wien 
sich mit dem Kabinett von Rom über seine im Konfliktsfalle zu 
verfolgenden Ziele in Serbien auseinandersetzt und es auf seiner 
Seite oder — da ein Konflikt mit Serbien allein keinen casus 
fcEderis bedeutet — strikt neutral hält. Italien hat nach seinen 
Abmachungen mit Österreich bei jeder Veränderung im Balkan 
zugunsten der Donaumonarchie ein Recht auf Kompensationen. 
Diese würden also das Objekt und den Köder für dje Verhand- 



^ Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

• Abgegangen nach Wien: 15. Juli. 

• Hier ist das Telegramm Flotows vom 14. Juli (siehe Nr. 42) unter Aus- 
lassung der Sätze »Weisungsgemäß eingeweiht« und »Öster- 
reichischer besteht« eingefügt. 



72 

lungen mit Italien bilden. Nach unseren Nachrichten würde zum 
Beispiel die Überlassung von Valona in Rom nicht als annehmbare 
Kompensation angesehen werden. Italien scheint überhaupt von 
dem Wunsche, sich auf der altera sponda der Adria festzusetzen, 
zur Zeit abgekommen zu sein. 

Wie ich streng vertrauhch bemerke, dürfte als einzige voll- 
wertige Kompensation in Italien die Gewinnung des Trento erachtet 
werden. Dieser Bissen wäre allerdings so fett, daß damit auch dgr 
austrophoben öffenthchen Meinung der Mund gestopft werden könnte. 
Daß die Hergabe eines alten Landesteils der Monarchie mit den 
Gefühlen des Herrschers wie des Volkes in Österreich sehr schwer 
vereinbar wäre, läßt sich nicht verkennen. Es fragt sich aber 
andererseits, welchen Wert die Haltung Italiens für die österreichische 
Poütik hat, welchen Preis man dafür zahlen will, und ob der Preis 
im Verhältnis zu dem anderwärts erstrebten Gewinne steht. 

Ew. Exz. bitte ich, die Haltung Italiens zum Gegenstand einer 
eingehenden vertrauhchen Rücksprache mit dem Grafen Berchtold 
zu machen und dabei eventuell auch die Frage der Kompensationen 
zu berühren. Ob bei diesem Gespräch die Frage des Trento erwähnt 
werden kann, muß ich Ihrer Beurteilung und Kenntnis der dortigen 
Dispositionen anheimsteUen. 

Die Stellungnalime Italiens wird jedenfalls für Rußlands Haltung 
bei dem serbischen Konflikt von Bedeutung sein; sollte sich aus 
letzterem eine allgemeine Conflagration ei geben, so würde sie auch 
für uns von größter militärischer Wichtigkeit werden. 

Zur Vermeidung von Mißverständnissen bemerke ich noch, daß 
wir dem römischen Kabinett keinerlei Mitteilung über die Verhand- 
lungen zwischen Wien und Berhn gemacht haben, imd daß folghch 
auch die Kompensationsfrage von ims nicht erörtert worden ist. 



V. Jagow 



Nr. 47 



Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Rom ^ 

Telegramm 5 Berlin, den 15. Juli 1914* 

Geheim 1 

Erbitte Dralitnachricht, ob Ew. Exz. zur Beeinflussung dortiger 
Presse Geldmittel benötigen, eventuell welche Summe?' 

Jagow 

1 Nach dem Konzept. Entwurf von Radowitz' Hand. 
^ Zum Haupttelegraphenamt i"* nachm. 
ä Siehe Nr. 44 und 54. 



73 



Nr. 48 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter in 

London* 



Telegramm 159 Berlin, den 15. Juli 19142» 

Geheim 1 

Ich erinnere mit dem Anheimstellen geeigneter Verwertung an 
die Ermordung des Königs Alexander und der Königin Draga sowie 
die Haltung, die sonst öffentliche Meinung wie Regierung in England 
bei diesem Anlaß Serbien gegenüber eingenommen und durch Jahre 
aufrechterhalten haben. Dasselbe System herrscht auch jetzt noch 
in Serbien, dieselben Kräfte dürften auch in der großserbischen 
Agitation wirken*. 

Es handelt sich jetzt um eine eminent politische Frage, um 
die vielleicht letzte Gelegenheit, dem Großserbentum unter verhältnis- 
mäßig günstigen Begleitumständen den Todesstoß zu versetzen. Ver- 
säumt Österreich diese Gelegenheit, so ist es um sein Ansehen ge- 
schehen, und es wird auch tür unsere Gruppe ein noch schwächerer 
Faktor. Da bei den Ew. Durchl. bekannten intimen Beziehungen 
Englands zu Rußland eine andere Orientierung unserer Politik zur 
Zeit ausgeschlossen erscheint, ist es für uns vitales Interesse, die 
Weltstellung des österreichischen Bundesgenossen zu erhalten. Ew. 
Durchl. ist beksinnt, von welcher Bedeutung für uns bei etwaigen 
weiteren Konfliktsfolgen die Haltung Englands sein wird'". 

Jagow 



* Nach dem Konzept. Entwurf von der Hand des Dirigenten der politischen 
Abteilung des Auswärtigen Amtes, Gesandten von Stumm mit Änderungen 
und Ergänzungen Jagows. 

' Zum Haupttelegraphenamt 4° nachm. 
' Siehe Nr. 36 und 43. 

* Der Satz »Dasselbe wirken« von Jagow im Stummschen Ent- 
wurf beigefügt. 

' Die drei letzten Sätze »Versäumt sein wirda von Jagow in 

Stumms Entwurf beigefügt. 
" Siehe Nr. 52. 



74 

Nr. 49 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler * 

Ganz Geheim! Wien, den 14. Juli 1914* 

Graf Tisza suchte mich heute nach seiner Be- 
sprechung mit Graf Berchtold auf. Der Graf sagte, 
er sei bisher stets derjenige gewesen, der zur Vor- 
sicht ermahnt habe, aber jeder Tag habe ihn nach 
der Richtung hin mehr bestärkt, daß die Monarchie 
unbedingt zu einem energischen Entschlüsse kommen müsse^, 
um ihre Lebenskraft zu beweisen und den unhalt' 
baren * Zuständen im Südosten ein Ende zu machen. 
Die Sprache der serbischen Presse und der serbischen 
Diplomaten sei in ihrer Anmaßung gerade:{u un- 
erträglich. »Ich habe mich schwer entschlossen, a 
meinte der Minister, »zum Kriege zu raten, bin 
aber jetzt fest von dessen Notwendigkeit über^^eugt, 
und ich werde mit aller Kraft für die Größe der 
Monarchie einstehen.« 

Glücklicherweise herrsche jetzt unter den hier 
maßgebenden Persönüchkeiten volles Einvernehmen 
und Entschlossenheit ^. S. M. Kaiser Franz Joseph 
beurteile, wie auch Baron Burian, der S. M. noch 
dieser Tage in Ischl gesprochen habe, berichte, die 
Lage sehr ruhig und werde sicher bis zum letzten 
Ende durchhalten. Graf Tisza fügte hinzu, die 
bedingungslose Stellungnahme Deutschlands an der 
Seite der Monarchie sei entschieden für die feste 
Haltung des Kaisers von großem Einfluß gewesen. 

Die an Serbien zu richtende Note sei heute 
noch nicht in ihrem letzten Wortlaut festgestellt 
worden. Dies werde erst Sonntag geschehen. In 
betreff des 2^itpunktes der Übergabe an Serbien 
sei heute beschlossen worden, lieber bis nach der 
wie schade Abreise Poincar^s aus Petersburg zu warten, also 
bis zum 25. Dann würde aber, sofort nach Ab- 
lauf der Serbien gestellten Frist, falls dieses nicht 
unbedingt alle Forderungen annehmen sollte, die 



* Nach der Ausfertigung. 

* Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts : 15. Juli nachm. Bericht lag dem 
Kaiser vor, von ihm am 20. Juli zurückgegeben, am 23. Juli wieder im Amt. 
Gemäß kaiserlicher Randverfügung am 26. Juli dem Generalstab mitgeteilt. 

' »Entschlüsse kommen müsse« zvpeimal vom Kaiser unterstrichen. 

* »unhaltbaren« zweimal vom Kaiser unterstrichen. 

^ »Entschlossenheit« zweimal vom Kaiser unterstrichen. 



75 

Mobilmachung erfolgen. Die Note werde so abge- 
faßt sein, daß deren Annahme so gut wie ausge- 
schlossen^ sei. Es komme besonders darauf an, 
nicht nur Versicherungen und Versprechungen zu 
fordern, sondern Taten. Bei der Abfassung der 
Note müsse, seiner Ansicht nach, auch darauf Rück- 
sicht genommen werden, daß sie für das große 
PubHkum — besonders in England — verständlich 
sei und das Unrecht klar und deutlich Serbien zu- 
schiebe. 

Baron Conrad habe bei der letzten Be- 
sprechung auf ihn einen sehr guten Eindruck ge- 
macht. Er habe ruhig und sehr bestimmt ge- 
sprochen. In nächster Zeit müsse man sich freilich 
darauf gefaßt machen, daß die Leute wieder darüber 
klagen werden, man sei hier unentschlossen und 
\ögernd. Es komme darauf aber wenig an, wenn 
man nur in Berhn wisse, daß dies nicht der Fall sei. 

Zum Schluß drückte mir Graf Tisza warm die 
Hand und sagte : »Wir wollen nun vereint der Zu- 
kunft ruhig und fest ins Auge sehen.« 

von Tschirschky 
na doch mal ein Mann ! 

* »ausgeschlossen« zweimal vom Kaiser unterstrichen. 



Nr. 50 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler^ 

Ganz Geheim! Wien, den 14. Juli 1914^ 

Nachdem mich Graf Tisza verlassen hatte^, bat 
Graf B< rchtold mich zu sich, um mir seinerseits 
das Ergebnis der heutigen Besprechung mitzuteilen. 
Zu seiner großen Freude sei allseitige Überein- 
stimmung über den Tenor der an Serbien zu über- 



* Nach der Ausfertigung. 

^ Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 15. Juli nachm. Bericht lag dem 
Kaiser vor, von ihm am 20. Juli zurückgegeben, am 23. Juli wieder im Amt. 
' Siehe Nr. 49. 



76 



gebenden Note erzielt worden. Graf Tisza sei seiner, 
des Ministers, Auffassung in erfreulicher Weise ent- 
gegengekommen und habe sogar in manche Punkte 
eine Verschärfung hineingebracht. Allerdings habe 
sich in technischer Beziehung die Unmöghchkeit 
herausgestellt, die Note schon am i6. oder i8. in 
Belgrad zu übergeben. Der französische Text würde 
nächsten Sonntag früh 9 Uhr nochmals in einer Be- 
sprechung der Minister definitiv geprüft werden. 
Er werde dann voraussichtlich Dienstag dem Kaiser 
die Note in Ischl unterbreiten. Er stehe dafür ein, 
daß S. M. seine Genehmigung dazu geben werde. 

Es habe Einmütigkeit darüber in der heutigen 
Besprechung bestanden, daß es empfehlenswert sei, 
schade ! jedenfalls die Abfahrt des Herrn Poincare aus Peters- 

burg abzuwarten, ehe man den Schritt in Belgrad 
tue *. Denn es sei wenn möglich zu vermeiden, daß 
in Petersburg bei Champagner stimmimg und unter 
dem Einfluß der Herren Poincare, Iswolsky und der 
Großfürsten eine Verbrüderung gefeiert werde, die 
dann die Stellungnahme beider Reiche beeinflussen 
und womöglich festlegen würde. Es sei auch gut, 
wenn die Toaste noch vor Übergabe der Note er- 
ledigt seien. Es würde also die Übergabe am 
25. Juli erfolgen können* ^. 

Graf Berchtold bat mich, wie dies auch Graf 
Tisza getan, ausdrücklich imd wiederholt, meiner 
Regierung gegenüber keine Zweifel darüber zu lassen, 
daß lediglich die Anwesenheit Poincares in Peters- 
burg der Grund für den Aufschub der Übergabe 
der Note in Belgrad sei, und daß man in Berlin 
vollkommen sicher sein könne, daß von einem Zö- 
gern oder einer Unschlüssig keit hier keine Rede sei. 

Der Minister sagte schließlich, er werde nach 
Feststellung des Textes am Sonntag der Kaiserlichen 
Regierung noch vor der Unterbreitung der Note an 
seinen Kaiser dieselbe zu ganz vertraulicher Kennt- 
nisnahme unverzüghch zukommen lassen. 

von Tschirschky 



* Am Rand Ausrufungszeichen des Kaisers. 
' Siehe Nr. 93, 96 und 108. 



77 

Nr. 51 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 7 Fiuggi, den 15. Juli 1914* 

Marquis di San Giuliano befürchtet, daß Österreich bei Kon- 
flikt mit Serbien territorialen Erwerb plane, den Italien nicht dulden 
könne. Habe erwidert, daß ich glaube, Österreich wolle einfach 
fortgesetzte Bedrohung durch großserbische Propaganda hindern. 
Minister erklärt, solche Verhinderung durch Gewalt sei unmöglich. 
Propaganda würde sich einfach in geheime verwandeln. Es sei 
dringend zu wünschen, daß Österreich sich mäßige. 

Flotow 



1 Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Fiuggi 15. Juli 9*" nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 16. Juli 12' vorm. Eingangsvermerk: 16. Juli vorm. Am 16. Juli 
nachm. von Jagow telegraphisch der Botschaft in Wien mitgeteilt. 



Nr. 52 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 133 London, den 15. Juli 1914' ' 

Geheim ! 

Ich habe bereits versucht, sowohl durch wiederholte Besprechungen 
mit Sir E. Grey, über die ich berichtet, als auch durch vorsichtige 
Fühlungnalime mit der hiesigen Presse für eine günstige Beurtei- 
lung etwaiger sich als notwendig erweisender ernsterer Maßnahmen 
Österreichs gegen Serbien vorzuarbeiten. Sir E. Grey sagte, alles käme 
darauf an, welcher Art etwaige Eingriffe sein würden, keinenfalls 
dürfe eine Schmälerung des serbischen Gebiets in Frage kommen. 
Er hat auch, wie berichtet, sich daraufhin bemüht, in Petersburg 
zugunsten der österreichischen Ansprüche zu wirken. Sollte aber 
in Rußland infolge militärischer Maßnahmen Österreichs eine gewaltig 
erregte Bewegung entstehen, so würde er gar nicht in der Lage sein, 
die russische Politik in der Hand zu behalten und wird schon mit 
Rücksicht auf die Mißstimmung, die gegen England augenblicldich 

^ Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in London 15. Juli 9^° nachm., angekommen im Auswärtigen 

Amt 16. Juli i^^ vorm. Eingangsvermerk: 16. Juli vorm. 
« Siehe Nr. 48. 

Aktenstücke L 8 



78 

in Rußland herrscht, und von der Graf Pourtales zu berichten weiß, 
auf russische Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen müssen. Der 
Minister wird jedenfalls, dessen bin ich gewiß, bei Ausbruch eines 
österreichisch -serbischen Streits sein mögüchstes tun, imi Rußland 
zurückzuhalten. Ich glaube aber nicht, daß er dort, wie etwa in 
Paris, in der Lage ist, das entscheidende Wort zu sprechen*. 

Was aber die hiesige öffentliche Meinung betrifft, so bedauere 
ich, die Ausführungen meines Telegramms Nr. 129* voll aufrechter- 
halten und nachdrückhch vor Täuschungen warnen zu müssen. 
Trotz der Bomben der Mazzinisten, die in der Verfolgung ihrer poH- 
tischen Zwecke kaum zartfühlender waren als die Mitgheder der 
Ochrana und bekannthch auch vor Attentaten auf Allerhöchste und 
Höchste Häupter nicht zurückschreckten, wandte sich die hiesige 
öffentliche Meinung der itahenischen Einheitsbewegung zu, feierte 
Garibaldi hier in überschwenglicher Form. Es gelang damals Öster- 
reich ebensowenig, der itahenischen Bewegung den Todesstoß zu ver- 
setzen wie sich hier Sympathie zu erwerben, und ich bezweifle, daß 
das Serbentum zum Verzicht auf Betätigung seiner nationalen Ideale 
und Hoffnung außerhalb seiner amtlichen Grenzen durch Aufwerfung 
der Machtfrage zu bewegen sein wird. 

Lichno wsky 

* Am Rande die Bemerkung Zimmermanns: »Ich bin vom Gegenteil über- 
zeugt. « 
^ Am Rande die Bemerkung Jagows: »Das ist leider alles richtig.« 



Nr. 53 

Der Botschafter in Petersburg an den Reichskanzler^ 

St. Petersburg, den 13. Juli 1914^ 

Das Attentat in Sarajevo hat zwar auch hier 
einen tiefen Eindruck gemacht, und die Verurteilung 
des schändlichen Verbrechens kam im ersten Augen- 
bhck in weiten Kreisen laut zum Ausdruck. Der 
hier gegen Österreich-Ungarn herrschende tiefe Haß 
machte sich jedoch sehr bald auch bei diesem 



^ Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 16. Juli vorm. Bericht lag dem 
Kaiser vor, von ihm am 20. Juli zurückgegeben, am 23. Juli wieder im 
Amt. Gemäß kaiserlicher Randverfügung am 26. Juli den Botschaften in 
Wien, London und Paris mitgeteilt, am gleichen Tage außerdem noch 
der Botschaft in Rom. 



79 

traurigen Anlaß geltend, und die Entrüstung über 
die an den Serben in der österreichisch-ungarischen 
Monarchie geübte Rache übertönte schon nach 
wenigen Tagen alle Äußerungen der Teilnahme für 
den greisen Kaiser Franz Joseph und sein Reich. 

Die von der hiesigen österreichisch-ungarischen 

Vertretung veranstaltete Trauerfeier fand allerdings 

unter zahlreicher Beteihgung der offiziellen Kreise 

statt. Von Großfürsten erschienen der mit der 

Vertretung des Zaren beauftragte Großfürst Nikolai 

Nikolajewitsch und der Großfürst Boris Wladimiro- 

witsch. Die Minister waren nahezu vollzählig und auch 

die militärische Umgebung des Zaren sehr zahlreich 

vertreten. Abgesehen von dieser äußeren Beteiligung 

war aber von einer aufrichtige?! Teilnahme an der 

Trauer des österreichischen Kaiserhauses jvenig :{ii 

merken. Nicht nur in der Presse, sondern auch in der 

Gesellschaft begegnete man fast nur unfreundlichen 

Er wollte ja immer Urteilen über den ermordeten Er:{her^og unter 

den alten 3 Kaiser- Hinweis darauf, daß Rußland in ihm einen erbitterten 

bund ^ Wiederher- ^^^-^^ verloren habe. Mit Vorliebe wurden Er- 

stellen. ±.r war 2ählungen verbreitet, nach welchen der Erzherzog 

ußf beste AVCilTtd o ' '^ 

auch in seiner eigenen Heimat wenig Freunde ge- 
habt und selbst mit Kaiser Franz Joseph nicht gut 
gestanden habe. 

Sogar Herr Sasonow verweilte, als ich ihn zum 
ersten Male nach dem Attentat sprach, nur kurz 
bei der Verurteilung dieses Verbrechens, während 
er nicht genug Worte der Kritik über das Ver- 
halten der österreichisch-imgarischen Behörden^, 
welche die Ausschreitungen gegen die Serben zuge- 
lassen hätten, finden konnte. Als ich den Minister 
darauf hinwies, daß es begreiflich ersclseine, wenn 
die kaisertreue Bevölkerung in der ganzen Monarchie 
und besonders in Sarajevo infolge der scheußlichen 
Bluttat in hoclsgradige Erregung geraten sei, und 
wenn die Polizei, welcl.e, wie schon die ungenügenden 
Sici.erheitsmaßregeln bewiesen, ansclieinend ihrer 
Aufgabe nicht gewachsen war, den Kopf verloren 
habe, wollte Herr Sasonow diese mildernden Um- 
stände nicht gelten lassen. Er gab vielmehr deut- 
lich zu verstehen, daß nach seiner Überzeugung die 
Beliörden absichtlich der Volkswut die Zügel hätten 
schießen lassen*. Daß es in Bosnien und der 



Rußlands 



' Am Rand Ausrufungszeichen des Kaisers. 
* Desßl. 



8- 



8o 

Herzegowina eine nennenswerte kaisertreue Be- 
völkerung gebe, wollte der Minister nicht :{iigeben''. 
Es könne sich, wie er wegwerfend bemerkte, höch- 
stens um einige Muhamedaner und Katholiken 
Ei! Ei! handeln. Ebenso bestritt Herr Sasonow, daß, wie 
österreichischerseits behauptet werde, das Attentat 
auf ein großserbisches Komplott zurückzuführen 
sei. Jedenfalls sei in dieser Beziehung bis jetzt 
nicht das Geringste bewiesen^ und es sei im höchsten 
Maße ungerecht, die serbische Regierung, die sich 
vollkommen korrekt verhalte, für das Verbrechen 
verantwortlich zu machen, wie es in der österreichisch- 
ungarischen Presse geschehe. Mit demselben Recht 
hätte Rußland wiederholt die französische Regierung 
für Attentate, die auf französischem Boden vorbe- 

warum geschah es reitet und in Rußland verübt wurden, ^ur Rechen- 
nicht? Schaft \iehen können. 

Ich erwiderte dem Minister, man könne, wie 
mir scheine, doch nicht umhin zuzugeben, daß die von 
den Serben seit Jahren in Bosnien und der Herze- 
gowina betriebene und von Serbien aus geschürte 
antiösterreichische Agitation zum mindesten viel 
dazu beigetragen habe, den Plan zu dem verab- 
scheuungs würdigen Verbrechen zur Reife zu bringen. 
Herr Sasonow blieb dabei, daß es sich nur um die 

sagt dasselbe wie Tat vereinzelter unreifer junger Leute handele, 
Pasitsch deren Verbindung mit einem weitangelegten poli- 

tischen Komplott keineswegs erwiesen sei. 

Ich wies ferner darauf hin, daß das Attentat eine 
neue ernste Mahnung an die alten Monarchien ent- 
halte, ihres gemeinsamen Interesses und der gemein- 
samen Gefahren, die sie bedrohen, eingedenk zu sein. 
Herr Sasonow konnte nicht umhin, dieser Bemerkung 
zuzustimmen, es geschah aber mit iueniger Wärme'', 
als ich sonst bei ihm zu finden gewohnt bin, wenn 
die Rede auf die monarchischen Interessen kommt. 
Diese Zurückhaltung ist nur durch den wiversöhn- 
lichen Haß des Mifiisters gegen Österreich- Utigarn 
richtig :rii erklären, einen Haß, der überhaupt hier mehr 

und mehr jedes klare und ruhige Urteil trübt. 
Wir werden, wie ich glaube, mit dieser Erscheinung, 
die auch notwendig auf unsere Beziehungen ^m 

^ Desgl. 

* Am Rand zwei Ausrufungszeichen des Kaisers. 

' »weniger Wärme« vom Kaiser zweimal unterstrichen, am Rand Aus- 
rufungszeichen. 



8i 

natürlich, Rußland zurückwirken muß, noch auf Jahre hin- 
habe ich schon, ^us ^M rechnen haben. Sie ist um so bemerkens- 
werter, als mit der Erbitterimg gegen Österreich 
eine immer xpachsende Überhebung gegenüber der 
habsburgischen Monarchie Hand in Hand geht. 
Alle Äußerungen, die man hier auch in amthchen 
Kl eisen über Österreich-Ungarn hört, zeugen von 
Hochmiith kommt einer gren:{enlosen Verachtung für die dort herr- 
vorm Fall! sehenden Verhältnisse. 

F. Pourtales 



Nr. 54 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Ämt^ 

Telegramm 8 Fiuggi, den i6. Juli 1914 2 3 

Habe bereits innerhalb der der Botschaft mögUchen Grenzen 
Fühlung mit Presse genommen. Darf mir vorbehalten, wegen Geld 
später Antrag zu stellen, wenn nötig. Augenblicklich wegen hoch- 
sommerHcher Abwesenheit aller Vertrauens- und Mittelspersonen 
Geldverwendimg erschwert. Aufgabe überhaupt sehr schwierig, da 
bereits Stimmen laut werden, die mit Rücksicht auf gleichartige 
itahenische Geschichte Bekämpfung serbischen Nationahtätenkampfs 
als unmöglich bezeichnen. 

F 1 o t o w 



^ Nach der Entzifferung. 

» Aufgegeben in Fiuggi lo^o vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 

I** nachm. Eingangsvermerk: 16. Juli vorm. (so irrig statt: nachm.). 
' Siehe Nr. 44 und 47. 



Nr. 55 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 134 London, den 16. Juh 19 14' 

Heutige Times bringt Leitartikel über Österreich und Serbien 
und verurteilt auf das Schärfste herausfordernde Haltung der Bel- 
grader Presse, [die] der serbischen Sache die Sympathien des gebildeten 

* Nach der Entziflerung. 

» Aufgegeben in London ii*' vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 
2* nachm. Eingangsvermerk: 16. Juli vorm. (so irrig statt: nachm.). 



82 

Europas entfremdete. Das Blatt erwartet bereitwilliges Entgegen- 
kommen serbischer Regierung zur Aufklärung des Verbrechens und 
Bürgschaft gegen fernere Unterstützung der revolutionären Bewegung. 
Gleichzeitig warnt das Blatt die Österreicher vor der Befolgung einer 
Politik, wie die militärischen Zeitschriften sie fordern, bei der alles 
zu verlieren und nichts zu gewinnen sei. Die südslawische Frage, 
schwierigste aller österreichisch -ungarischen Probleme, könne niemals 
durch Gewalt gelöst werden oder durch Drohungen. Jeder Versuch 
in dieser Richtung würde vielmehr den europäischen Frieden ge- 
fährden. Die eigene Geschichte lehrt die Monarchie, wohin es führe, 
wenn sie die Politik der ruhigen Selbstbeherrschung verlasse. 

Ich wiederhole meine Auffassung, daß bei militärischen Maß- 
nahmen gegen Serbien gesamte öffentliche Meinung gegen Österreich- 
Ungarn Stellung nehmen wird. 

Lichnowsky 



Nr. 56 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Generaldirektor 

der Hapag ^ 

Ganz geheim! Berlin, den 15. Juli 1914^ 

Sehr verehrter Herr Ballin! 

Entschuldigen Sie, wenn ich mit diesen Zeilen Ihre Badekur 
störe, aber es handelt sich um eine Frage, welche auch Ihr stetes 
Sorgenkind ist, imsere Beziehungen zu England. 

Sie werden die Veröffentlichungen des Berliner Tageblatts über 
gewisse maritime Abmachungen zwischen England und Rußland 
gelesen haben, die ja schließlich zu einer Interpellation im Unter- 
hause und der etwas gewundenen Inabredestellung Greys geführt 
haben. Ich weiß nicht, woher diese Nachricht auch auf den Re- 
daktionstisch Theodor Wolffs geflogen ist, ich wollte ihr zunächst 
auch keinen rechten Glauben schenken, weil sie mir zu sehr im 
Widerspruch zu unseren scheinbar gebesserten Beziehungen, als auch 
zur Abneigung der enghschen Pohtik gegen derai'tige Bindungen zu 
stehen schien. Ich bin der Sache aber natürlich nachgegangen und 
habe — wie ich Ihnen im engsten Vertrauen mitteile — inzwischen 
durch sehr geheime Quellen zu meinem Bedauern feststellen können, 
daß die Nachricht doch ihre tatsächüche Unterlage hat. Lichnowsky 

^ Nach dem Konzept von Jagows Hand. 
^ 16. Juli 6*^ nachm. zur Post. 



83 

hat Grey auf das Tageblatt angeredet, und Grey hat nach einigem 
Zögern die Sache auch nicht ganz in Abrede gestellt. Es ist nun 
aber in Wirklichkeit noch mehr dahinter, als wohl Theodor Wolff 
selbst wissen mag und der gute Lichnowsky glauben möchte. Es 
wird tatsächlich zwischen London und Petersburg über ein Marine- 
abkommen verhandelt, bei dem — dies wieder im tiefsten Ver- 
trauen — von russischer Seite eine weitgehende militärisch-maritime 
Kooperation erstrebt wird. Zum Abschluß sind diese Verhandlungen 
trotz russischen Drängens noch nicht gelangt, zum Teil vielleicht, 
weil Grey durch die Indiskretion des Tageblatts und des offenbaren 
Widerstands bei einem Teil der liberalen Partei in England doch 
etwas zögernd geworden ist. Aber die Russen scheinen sehr zu 
drängen, und wer weiß, was sie als Gegenleistung bieten mögen. 
Grey wird sich schHeßhch wohl doch dem Abschluß nicht wider- 
setzen, falls er nicht im Schöße der eigenen Partei oder des Kabinetts 
auf Widerstand stößt. Er mag sich als Pilatus vor sich selbst 
damit ausreden, daß die Verhandlungen nicht eigentlich zwischen 
den Kabinetten, sondern zwischen den Marinebehörden geführt werden. 
Ich lasse es auch dahingestellt, ob die Engländer mit der ihnen 
eigenen Casuistik mit der Reservatio mentahs verhandeln und ab- 
schließen, im kritischen Moment, wenn es ihnen nicht paßt, nicht 
eingreifen zu wollen, weil ein casus foederis voraussichthch in dem 
Abkommen nicht vorgesehen ist. Wenn nun auch das Abkommen 
nach englischer Auffassung vielleicht in der Luft schweben möchte, 
so würde es doch jedenfalls das Resultat haben, daß die aggressiven 
Tendenzen Rußlands dadurch ganz wesentlich ermutigt werden 
würden. 

Die Bedeutung, die die Angelegenheit für uns haben würde, 
brauche ich nicht näher darzulegen. An eine weitere Annäherung 
an England wäre für uns dann kaum mehr zu denken. Es erscheint 
mir daher sehr wichtig, noch einmal den Versuch zu machen, die 
Sache zum Scheitern zu bringen. Vielleicht würde, wenn die liberale 
Partei nochmals alarmiert oder ein Mitghed des Kabinetts ent- 
schiedene Bedenken dagegen äußern würde, Grey doch noch vor 
dem definitiven Abschluß zurückschrecken. Mein Gedanke war 
nun, ob Sie durch Ihre vielfachen intimen Beziehungen zu maß- 
gebenden Engländern — haben Sie nicht auch solche zu Lord Hai- 
dane? — nicht einen Warnruf über den Kanal gelangen lassen 
könnten. Ich denke mir die Sache etwa so: Sie schreiben, Sie 
hätten in Kiel erfahren, daß die Veröffenthchungen des Tageblattes 
doch ihre tatsächhche Unterlage hätten. Unsere Marinekreise wären 
darüber sehr erregt gewesen, und Sie sähen daraus einen neuen 
unabwendbaren und intensiven naval scare, neue weitgehende Flotten- 
vorlagen entstehen. Auch in der WilheLmstraße hätte man sehr 
lange Gesichter gemacht und sich sorgenvoll gefragt, ob das ganze 
mülisame Werk einer englischen Annälierung nun rettungslos in die 
Brüche gehen sollte. Das Gefühl, daß der eiserne Ring um uns 



84 

sich doch immer enger schheßen sollte, könnte bei der immer 
drohender werdenden Erstarkung Rußlands und den immer aggressiver 
werdenden Tendenzen des Panslawismus schließlich doch einmal 
zu gefährlichen Konsequenzen führen. 

Ob dieser Weg gangbar ist, ob er nützt, weiß ich nicht. Viel- 
leicht können Sie mir einen anderen angeben. Ich meine, man 
darf nichts unversucht lassen, xim die Sache zum Scheitern zu 
bringen. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir Ihre Ansicht 
mitteilen wollten und eventuell, was Sie tun zu können für möglich 
halten. In jedem Fall wäre Eile geboten, damit inzwischen nicht 
der Abschluß erfolgt, auf den Herr Poincar6 in Petersburg wohl 
auch hinarbeitet. 

Mit den besten Wünschen für eine gute Badekur bin ich 

Ihr sehr ergebener 

Jagow 

Nachdem ich dies gestern abend geschrieben, lese ich heute früh 
einen neuen Artikel von Wolff im Berliner Tageblatt. Seine Ge- 
währsmänner scheinen die Dinge doch also auch ernster aufzufassen^ *. 



»Nachdem ich dies aufzufassen«, Nachschrift Jagows in der Aus- 
fertigung, beigefügt am i6. Juli. 
Siehe Nr. 57 und 254. 



Nr. 57 

Das Auswärtige Amt an den Reichskanzler* 

Telegramm 13 Berhn, den 16. Juli 1914* 

Wien durch Erlaß an Tschirschky auf Notwendigkeit einer Ver- 
ständigung mit Italien über Serbien hingewiesen.^ 

Ballin durch Privatbrief nahegelegt, englisch -russischer Marine- 
konvention dturch seine englischen Beziehungen entgegenzuarbeiten. * 

Stumm 

^ Nach dem Konzept von Stumms Hand. Auch die Hohenfinower Ent- 
zifferung befindet sich jetzt bei den Akten. 

* Aufgegeben in Berlin 8^° nachm., angekommen in Hohenfinow 8" nachm. 
ä Siehe Nr. 46. 

* Siehe Nr. 56 und 254. 



»5 



Nr. 58 

Der Reichskanzler an den Staatssekretär für Elsaß- 
Lothringen ^ 

Hohenfinow, den 16. Juli 1914' 

Lieber Graf Roedern! 

Sie werden schon aus der Lektüre der Zeitungen ersehen haben, 
daß die europäische Lage zur Zeit nicht frei von Gefahren ist. Im 
Fsdle eines österreichisch-serbischen Konflikts kommt es vor allem 
darauf an, diese Auseinandersetzung zu isolieren. Wir haben Grund 
anzunehmen und müssen wünschen, daß das zur Zeit mit allerlei 
Sorgen belastete Frankreich alles tun wird, um Rußland von einem 
Eingreifen abzuhalten. Diese Aufgabe wird den heutigen Macht- 
habern in Paris wesentlich erleichtert werden, wenn die französischen 
Nationalisten in den nächsten Wochen keinen Agitationsstoff zur 
Ausbeutung erhalten ; ich habe deshalb in Berlin veranlaßt, daß 
jede Preßpolemik mit Frankreich für die nächsten Wochen nach 
Möglichkeit abgestoppt wird, und möchte Sie bitten, in Straßburg 
ein gleiches zu tun. Es würde sich auch empfehlen, etwa dort 
geplante administrative Maßnahmen, die in Frankreich agitatorisch 
aufgegriffen werden könnten, um einige Wochen zu verschieben. 
Wenn es uns gelingt, Frankreich nicht nur selbst stille zu halten, 
sondern auch in Petersburg zum Frieden mahnen zu lassen, so wird 
das eine für ims recht günstige Rückwirkung auf das französisch- 
nissische Bündnis haben'. 

Mit herzlichen Grüßen Ihr sehr ergebener 
v. Bethmann Hollweg 



^ Nach dem Konzept. Im Entwurf geschrieben vom ständigen Hilfsarbeiter 

im Auswärtigen Amt Legationsrat Dr. Riezler. 
" Abgegangen am 16. Juli. 
' Siehe Nr. 232. 



86 



Nr. 59 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 9 Fiuggi Fönte, den 17. Juli 1914^ 

Erfahrene Zeitungsleiter, mit welchen ich über das österreichische 
Vorgehen in Verbindung getreten, weisen darauf hin, daß es besser 
sei, in den jetzigen leidlich indifferenten Zustand der italienischen 
Presse nicht durch auffälliges Eintreten für Österreich vorzeitig eine 
Polemik zu tragen, da Widerspruch bei heutiger italienischer Stimmung 
gegen Österreich nicht ausbleiben würde. Gelegentlich eingestreute 
vorsichtige Bemerkungen zugunsten Österreichs wurden zugesagt. 
Es wurde mir vertraulich gesagt, daß österreichischer Botschafter 
selbst gewünscht, daß nur etwa laut werdenden Angriffen gegen 
Österreich entgegengetreten werde. 

Wesentlich erscheint mir, auf die von Rom schwer zugängliche 
Mailänder Presse, insbesondere Corriere della Sera, einzuwirken. 
Stelle anheim, wie weit Einweihung und Mitwirkung k. Konsuls 
Mailand angezeigt. 

Im Augenblick dürfte am wichtigsten sein, wenn möglich, auf 
die italienischen Korrespondenten in Wien, insbesondere den sehr 
ungünstig schreibenden Korrespondenten des Giornale d'Italia ein- 
zuwirken. Von dort kommen bisher die einzigen wirklich ungünstigen 
Äußerungen. 

Flotow 



^ Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Fiuggi Fönte 1 1'° vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 
1 2*^ nachm. Eingangsvermerk: 17. Juli nachm. Am 18. Juli von Jagow 
der Botschaft in Wien mitgeteilt, unter Beifügung folgender einleitender 
Bemerkungen (Entwurf von Radowitz' Handj:» Zu Ew. Exz. Information 
und Vervs^ertung gegenüber Graf Berchtold: Der k. Botschafter in Rom 
ist, einem hier geäußerten Wunsch der österreichisch-ungarischen Re- 
gierung entsprechend, ebenso wie die k. Vertreter in London und Bu- 
karest, aufgefordert worden, auf die Presse in einem für Osterreich freund- 
lichen Sinne einzuwirken. Herr von Flotow meldet unter dem 17. d. M. 
folgendes: [folgt obenstehender Bericht unter Weglassung des zweiten 
Absatzes ». Erlaß nach Wien abgegangen am 18. Juli 8*' nachm. 



87 

Nr. 60 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 10 Fiuggi, den 17. Juli 1914^ 

Bei rein theoretischer Erörterung des möglichen österreichisch- 
serbischen Konflikts — denn er ist noch nicht eingeweiht — äußerte 
Marquis di San Giuliano, eine Niederwerfung Serbiens oder gar 
österreichische Annexion könnte ebensowenig wie von Italien auch 
von Rumänien geduldet werden. Ich halte es nicht für ausgeschlos- 
sen, daß er gelegentlich in Bukarest eine Aussprache über den Gegen- 
stand herbeiführt. 

Flotow 



^ Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Fiuggi 2'*' nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
4** nachm. Eingangsvermerk: 17. Juli nachm. Am 18. Juli von Jagow 
telegraphisch der Botschaft in Wien mitgeteilt, mit Auslassung der Worte 

»denn eingeweiht" und folgendem Zusätze: »Da San Giuliano über 

unsere jüngste Demarche in Bukarest nicht informiert ist, habe ich Grafen 
Waldburg angewiesen, auf deren Geheimhaltung hinzuwirken«. Telegramm 
(Entwurf von Bergens Hand, mit Änderungen Stumms und Zimmermanns) 
8^'" nachm. zum Haupttelegraphenämt gegeben. Betreffend Mitteilung 
des Flotowschen Telegramms an den Geschäftsträger in Bukarest siehe Nr. 63. 



Nr. 61 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien ^ 

Geheim! Berlin, den 17. Juli 1914^^ 

Wie Ew. Exz. aus der Verlesung der Aufzeichnung des Grafen 
Hoyos über seine Unterredung mit dem Herrn Unterstaatssekretär 
bekannt ist, hat Graf Hoyos hier geäußert, Österreich müsse Serbien 
vöüig aufteilen*. 

Graf Berchtold und Graf Tisza haben hierzu bemerkt, daß 
diese Außenmg nur die persönliche Ansicht des Grafen Hoyos 
widergäbe, haben sich also mit ihr ausdrückhch nicht identifiziert, 

* Nach dem Konzept von Jagows Hand. 
^ Abgegangen am 17. Juli. 

3 Siehe Nr. 18. 

* In Jagows Konzept ursprünglich geschriebenes »zerschlagen« von ilim in 
»aufteilen« geändert. 



88 

sich aber scheinbar über ihre territorialen Pläne auch nicht weiter 
ausgelassen. 

Für die diplomatische Behandlung des Konflikts mit Serbien 
wäre es von dessen Beginn an nicht unwichtig zu wissen, welches 
die Ideen der österreichisch-ungarischen Staatsmänner über die 
künftige Gestaltung Serbiens sind, da diese Frage von wesenthchem 
Einfluß auf die Haltung Itahens und auf die öffentliche Meinung und 
die Haltung Englands sein wird. 

Daß die Pläne der Staatsmänner der Donaumonarchie durch den 
Gang der Ereignisse beeinflußt und modifiziert werden können, ist 
wohl als selbstverständlich anzusehen, immerhin sollte man annehmen, 
daß das Wiener Kabinett sich doch schon ein allgemeines Bild der 
zu erstrebenden Ziele auch in territorialer Hinsicht gemacht hat, 
Ew. Exz. wollen versuchen, im Gespräch mit dem Grafen Berchtold 
sich hierüber eine Aufklärung zu verschaffen, dabei aber den Ein- 
druck vermeiden, als wollten wir der österreichischen Aktion von 
vornherein hemmend in den Weg treten oder ihr gewisse Grenzen 
oder Ziele vorschreiben. Es wäre uns nur von Wert, einigermaßen 
darüber orientiert zu sein, wohin der Weg etwa führen soll. 

V. Jagow 



Nr. 62 

Der Botschafter in London an den Reichskanzler 1 

London, den i6. Juli 1914 * 

Vom Standpunkt des Grafen Berchtold ist es vollkommen be- 
greiflich, daß er seine durch den Bukarester Frieden stark er- 
schütterte Stellung und den durch den Abfall Rumäniens verminderten 
Einfluß der Monarchie auf dem Balkan dadurch wieder zu heben 
gedenkt, daß er die jetzige verhältnismäßig günstige Gelegenheit zu 
einem Waffengange mit den Serben benutzt. Die leitenden mili- 
tärischen Persönlichkeiten in Österreich haben bekanntlich schon 
seit längerer Zeit dahin gedrängt, das Ansehen der Monarchie durch 
einen Krieg zu befestigen. Einmal war es Itahen, dem der Irreden- 
tismus ausgetrieben, ein andermal Serbien, das durch Kriegstaten 
k la Prinz Eugen zur Entsagung und zu besseren Sitten gezwungen 
werden sollte. Ich begreife, wie gesagt, diesen Standpunkt der 
österreichischen Staatsleiter und würde in ihrer Lage vielleicht schon 
früher die serbischen Win-en dazu benutzt haben, um die süd- 
slawische Frage im habsburgischen Sinne zu lösen. 



^ Nach der Ausfertigung. 

* Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts : 18. Juli vorm. 



89 

Die erste Voraussetzung für eine derartige Politik müßte aber 
ein klares Programm sein, das auf der Erkenntnis beruht, daß der 
heutige Staats- und völkerrechtliche Zustand innerhalb der serbo- 
kroatischen Völkerfamilie, der einen Teil dieser nur durch die Re- 
ligion, nicht aber durch die Rasse gespaltenen Nation dem öster- 
reichischen, einen anderen dem ungarischen Staat, einen dritten 
der Gesamtmonarchie und einen vierten und fünften endlich unab- 
hängigen Königreichen zuweist, auf die Dauer nicht haltbar ist. 
Denn das Bestreben, den geheihgten status quo aus Bequemlich- 
keitsgründen unter allen Umständen aufrechtzuerhalten, hat schon 
oft und so erst bei der jüngsten Balkankrise zu einem völligen 
Zusammenbruch des auf diesen Grundlagen erbauten politischen 
Kartenhauses geführt. 

Zunächst bezweifle ich nun, daß in Wien ein großzügiger Plan, 
der allein die Grundlagen einer dauernden Regelung der südslawischen 
Frage bieten würde, ich meine den Trialismus mit Einschluß Serbiens, 
gefaßt worden ist. Nach meiner Kenntnis der dortigen Verhältnisse 
glaube ich auch gar nicht, daß man in der Lage ist, eine derartige 
staatsrechthche Umgestaltung der Monarchie in die Wege zu leiten. 
Denn es wäre hierzu vor allem der Widerstand Ungarns zu über- 
winden, das sich gegen eine Abtretung von Kroatien mit Fiume 
auf das Äußerste wehren würde. Zur Durchführung eines der- 
artigen Programms felüt es in Wien auch an der hierzu geeigneten 
kraftvollen Persönlichkeit. Man sucht dort vielmehr meist nur den 
Bedürfnissen des Augenblicks zu genügen und ist froh, wenn die 
vielen politischen Schwierigkeiten, die niemals aussterben, da sie 
sich aus der Verschiedenartigkeit der Zusammensetzung des Reiches 
ergeben, so weit behoben sind, daß Aussicht besteht, wieder einige 
Monate fortwursteln zu können. 

Eine militärische Züchtigung Serb-'ens hätte daher niemals den 
Zweck oder das Ergebnis einer befriedigenden Lösung der so über- 
aus schwierigen südslawischen Frage, sondern bestenfalls den Erfolg, die 
mühsam beigelegte orientalische Frage von neuem ins Rollen gebracht 
zu haben, um Österreich eine moralische Genugtuung zu verschaffen. 

Ob Rußland und Rumänien hierbei müßig zusehen und Öster- 
reich freie Hand lassen würden, werden Ew. Exz. besser zu beur- 
teilen in der Lage sein als ich. Nach meinen hiesigen Eindrücken, 
namentlich aber nach den vertraiilichen Unterhaltungen, die ich mit 
Sir Edward Grey gehabt habe, glaube ich, daß meine kürzüch in 
Berlin vertretenen Ansichten über die Absichten Rußlands uns gegen- 
über zutrafen. Sir Edward Grey versichert mir, daß man in Ruß- 
land nicht daran denke, mit uns Krieg führen zu wollen. Alin- 
liches sagt mir mein Vetter Graf Benckendorff. Eine gewisse anti- 
deutsche Stimmung kehre dort von Zeit zu Zeit regelmäßig wieder, 
das hänge mit dem slawischen Empfinden zusammen. Dieser 
Strömung gegenüber bestehe aber immer eine starke prodeutsche 
Partei. Weder der Kaiser noch irgend eine der maßgebenden Person- 



90 

lichkeiten sei antideutsch und seit der Beilegung der Limanfrage sei 
keine ernste Verstimmung wieder eingetreten. Hingegen gab Graf 
Benckendorff oi^en zu, daß ein starkes antiösterreichisches Emp- 
finden in Rußland hestehe. Es denke aber dort niemand daran, 
Teile von Österreich, wie etwa Gahzien, erobern zu wollen. 

Ob angesichts dieser Stimmung es möglich sem würde, die 
russische Regierung beim österreichisch-serbischen Waffengange zur 
passiven Assistenz zu bewegen, vermag ich nicht zu beurteilen. 
Was ich aber glaube, mit Bestimmtheit sagen zu können, ist, daß 
es nicht gelingen wird, im Kriegsfalle die offen th che hiesige Meinung zu- 
ungunsten Serbiens zu beeinflussen, selbst durch Heraufbeschwörung 
der blutigen Schatten Dragas und ihres Buhlen, deren Beseitigung 
vom hiesigen Publikum schon längst vergessen ist und daher zu 
den historischen Ereignissen gehört, mit denen, soweit außer- 
britische Länder in Frage kommen, man hier im allgemeinen weniger 
Vertrautheit besitzt, als bei uns etwa der durchschnittliche Quartaner, 

Ich bin nun weit entfernt, für eine Preisgabe unserer Bundes- 
genossenschaft oder unseres Bundesgenossen einzutreten. Ich halte 
das Bündnis, das sich in dem Empfindungsleben beider Reiche ein- 
gelebt hat, für notwendig und schon mit Rücksicht auf die vielen 
in Österreich lebenden Deutschen für die natürliche Form ihrer 
Zugehörigkeit zu uns. Es fragt sich für mich nur, ob es sich für 
uns empfiehlt, unseren Genossen in einer Pohtik zu unterstützen, 
bzw. eine Politik zu gewährleisten, die ich als eine abenteuerliche 
ansehe, da sie weder zu einer radikalen Lösung des Problems noch 
zu einer Vernichtung der großserbischen Bewegung führen wird. 
Wenn die k. u. k. Polizei und die bosnischen Landesbehörden den 
Thronfolger durch eine »Allee von Bombenwerfem« geführt haben, 
so kann ich darin keinen genügenden Grund erblicken, damit wir 
den berühmten pommerschen Grenadier für die österreichische 
Pandurenpolitik aufs Spiel setzen, nur damit das österreichische 
Selbstbewußtsein gekräftigt werde, das in diesem Falle, wie die Ära 
Ährenthal gezeigt hat, sich als vornehmste Aufgabe die möglichste 
Befreiung von der Berlmer Bevormundung hinstellt. 

Sollte aber wirklich für unsere politische Haltung die Ansicht 
ausschlaggebend sein, daß nach Verabreichung des »Todesstoßes« an 
die großserbische Bewegung das glückliche Österreich, von dieser 
Sorge befreit, sich uns für die geleistete Hilfe dankbar erweisen 
wird, so möchte ich die Frage nicht unterdrücken', ob nach Nieder- 
werfung des ungarischen Aufstandes durch die Hilfe des Kaisers 
Nikolaus und die vielseitige Inanspruchnahme des Galgens nach 
Bezwingung der Ungarn bei Vilägos und unter der Oberleitung des 
kaiserlichen Generals Haynau die nationale Bewegimg in Ungarn er- 
drückt wurde, und ob die rettende Tat des Zaren ein inniges und 
vertrauensvolles Verhältnis zwischen beiden Reichen begründet hat. 

Li chno wsky 



91 

Nr. 63 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Geschäftsträger 

in Bukarest^ 

Telegramm 38 Berlin, den 18. Juli 1914^ 

Geheim ! 

Zur persönlichen Information 

Der k. Botschafter in Rom telegraphiert : 

»Bei rein theoretischer herbeiführt'.« 

Marquis San Giuliano ist weder über Brief Kaiser Franz Josephs 
an unsern Allergn ädigsten Herrn noch über unsere Demarche in 
Bukar^est informiert. Bitte daher dafür zu sorgen, daß die von Ew. H. 
dem König Carol übermittelten vertraulichen Mitteilungen Sr. M. des 
Kaisers und Königs streng geheim gehalten und auch nicht zur 
Kenntnis des dortigen italienischen Vertreters gebracht werden. 

Jagow 

1 Nach dem Konzept. Entwurf von Bergens Hand mit Änderungen Jagows. 

2 3^0 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

' Hier ist das Telegramm Flotows vom 17. Juli (Nr. 60), unter Fortlassung 
der Worte »denn er ist noch nicht eingeweiht«, eingefügt. Die Worte 
»weder über — informiert« von Jagow eingefügt aus ursprünglichem »über 
unsere jüngste Demarche dort nicht informiert« in Bergens Entwurf. 

Nr. 64 

Der Botschafter in Rom an den Reichskanzler^ 

Fiuggi, den 16. Juli 1914 ^ 

Meiner anderweitigen Meldung über die Abfassung eines Rechts- 
gutachtens des Staatsministers Fusinato ^, betreffend den öster- 
reichisch-serbischen Streitfall und die Stellung des Marquis di San 
GiuHano dazu, möchte ich noch hinzufügen, daß der Minister mit 
großer Entschiedenheit den Standpunkt vertrat, Österreich dürfe 
nicht in Belgrad wegen der großserbischen Propaganda reklamieren, 
solange diese Propaganda nicht in Österreich selbst zur Tat über- 
gehe. Die Ermordung des Thronfolgers sei als solche nicht anzu- 
sehen, da sie nicht von einem serbischen Untertan begangen worden 

* Nach der Ausfertigung. 

* Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 18. Juli nachm. Am 19. Juli in 
Abschrift der Botschaft in Wien »zur gefl. vertraulichen Information und 
geeigneten Verwendung gegenüber Graf Berchtold« übersandt. 

* Siehe Nr. 42. 



92 

sei. Wenn Österreich beabsichtige, die serbischen Nation alitäts- 
bestrebungen mit Gewalt zu unterdrücken, so sei es für irgendeine 
italienische Regierung ganz unmöghch, ihr auf diesem Wege zu 
folgen; alle Traditionen^ der Nation ah tätsidee und des liberalen 
Prinzips zwängen Italien, sich von dieser Bahn fernzuhalten. 

Wer mit der Phrasenherrschaft der lateinischen Völker vertraut 
ist, wird nicht verkennen, daß es in der Tat für eine italienische 
Regierung nicht leicht ist, eine andere Haltung einzunehmen. Be- 
reits werden Stimmen laut, die mit Rücksicht auf den gleichartigen 
geschichtlichen italienischen Nationalitätskampf die Bekämpfung der 
serbischen Nationalitätsbestrebungen als unmöglich bezeichnen. Die 
Plattform des österreichischen Vorgehens ist daher für die hiesige 
öffenthche Meinung durchaus ungünstig. Wenn ich den Standpunkt 
des Ministers ziemlich lebhaft bekämpft habe, so geschah es weniger, 
weil ich diesen Standpunkt nicht begriff, als weil ich wünschte, ihn 
indirekt zu einer Andeutung darüber zu bringen, ob er auch im 
Falle ernster europäischer Komplikation dem Bundesgenossen die 
Hilfe versagen würde. Bis zu einer abschließenden Erklärung 
darüber konnte der Minister schon aus dem Grunde nicht gehen, 
weil die österreichischen Forderungen eine Formulierung noch nicht 
gefunden haben. Ich habe aber den Eindruck gewonnen, daß es 
außerordentlich schwer, wenn nicht unmöglich sein wird, Itahen auf 
diesem Gebiete zur Gefolgschaft zu bringen. Es spielen in diese 
Angelegenheit nicht nur die vorliegende akute Frage, sondern vor 
allem auch die hier herrschende Stimmung gegen Österreich und 
auch die eigene psychologische Verfassung des Marquis di San Giuliano 
hinein. Noch vor einem Jahre sahen die Dinge anders aus. Aber 
seit den bekannten Triester Erlassen des Prinzen Hohenlohe ist die 
kaum latent gewordene geschichthche Abneigung gegen Österreich 
allmählich mehr und mehr wieder erwacht, und es ist in der Tat 
schwer, sich augenblickhch eine weitgehende österreichisch-italienische 
Kooperation praktisch vorzustellen. Der Marquis di San Giuhano, 
der die Pflege der Beziehungen zu Österreich als eine Art pohtischen 
Programms seiner Ministerschaft betrachtet hat, ist enttäuscht und 
fühlt sich nicht mehr von der Volksstimmung getragen. Er sagte 
mir noch gestern, er sehe so viele schwarze Punkte für die weitere 
Gestaltung des itaHenisch-österreichischen Verhältnisses, daß er fast 
an einer weiteren Arbeit verzweifle. 

Ich habe ihm an der Hand vieler Gründe gesagt, ich sei auch 
heute noch überzeugt, daß für Itahen das Bundesverhältnis zu 
Österreich die beste PoHtik sei. Zeitweilige Störungen, wie die 
jetzige, müßten überwunden werden. Der Minister meinte, solange 
er noch da sei, wolle er ja auch in diesem Sinne wirken. Aber er 
arbeite ohne große Hoffnung. 

Flotow 

* Ausfertigung irrig: Tradition. 



93 

Nr. 65 



Der Botschaftsrat in Wien an den Reichskanzler 



Geheim! Wien, den 17. Juli 1914^ 

Wie mir Graf Berchtold sagt, soll die Note, welche die an 
Serbien zu stellenden Forderungen enthält, am Donnerstag, den 
23. d. M. nachmittags, in Belgrad überreicht werden '. In dem Wunsche, 
die Angelegenheit möghchst zu beschleunigen, habe man das Datimi 
um einige Tage verfrüht und den Tag der Abreise des Herrn Poincar^ 
aus St. Petersburg hierfür festgesetzt. Man rechnet damit, daß der 
Präsident sich bereits eingeschifft haben würde, wenn die Belgrader 
Demarche in St. Petersburg bekannt werde. 

Der Wortlaut der Note, so sagt mir der Minister, ist noch 
nicht definitiv festgestellt, und es finden noch Verhandlungen mit 
Graf Tisza statt; am Mittwoch, den 22. d. M., soll sie S. M. dem 
Kaiser Franz Joseph zur endgültigen Genehmigung vorgelegt werden. 

Graf Berchtold ließ die Hoffnung durchbhcken, daß Serbien 
die Forderung Österreich -Ungarns nicht annehmen werde, da ein 
bloßer diplomatischer Erfolg hierzulande wieder eine flaue Stimmung 
auslösen werde, die man absolut nicht brauchen könne. 

W. Prz. Stolberg 

' Nach der Ausfertigung. 

' Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts 18. Juli nachm. Ausfertigung 
wurde am 18. Juli an den Kaiser gesandt, von ihm am 20. Juli zurück- 
gegeben, am 23. Juli wieder in Berlin. Abschrift am 18. Juli vom Aus- 
wärtigen Amt an den Reichskanzler geschickt. 

» Siehe Nr. 67 und 69. 



Nr. 66 

Der Geschäftsträger in Bukarest an den Reichskanzler* 

Geheim! Sinaia, den 14. JuH 1914* 

Graf Czemin hatte, wie mir S. M. der König letzten Freitag 
sagte«, tags zuvor bei Höchstdemselben Audienz gehabt. Ob und 
welche Mitteilungen der österreichische Gesandte zu machen hatte. 



' Nach der Ausfertigung. 

a Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 18. Juli nachm. Am 21. Juli der 

Botschaft in Wien mitgeteilt. 
3 Freitag 10. Juli; siehe Nr. 41. 



Aktenstücke I. 



94 

entzieht sich meiner Kenntnis. Meinen Ausführungen gegenüber 
zeigte S. M. weder Überraschung noch Beunruhigung. 

Ich hatte den Eindruck, daß dem Könige, auch abgesehen von 
Höchstdessen Auffassung, daß Bulgarien jetzt nicht bündnisfähig 
sei, auch der augenblickhche Zeitpunkt nicht geeignet erscheine, der- 
artigen bindenden Abmachungen, wie sie Kaiser Franz Joseph vorschlägt, 
näher zu treten. S. M. vertritt vielmehr die Ansicht, daß die 
Veränderungen am Balkan noch nicht zum Abschluß gelangt sind 
und man sich dort augenblicklich in einem Übergangsstadium be- 
fände, das für derartige Abmachungen, die ruhigere Zeiten erfordern, 
nicht vorteilhaft wäre. 

Höchstderselbe hat sich auch darüber nicht spontan ausgespro- 
chen, ob Er von Serbien abrücken und der gegen den Bestand der 
Donaumonarchie gerichteten Agitation in Rumänien entgegentreten 
könnte. Ich hatte mich daher in der Befürchtung, die Audienz 
werde ihr Ende erreichen, bevor mir auf die Bitten unseres AUer- 
gnädigsten Herrn eine Antwort zuteil würde, veranlaßt gesehen, an 
S. M. die Frage zu richten, welche Stellung Sie Allerhöchstdenselben 
gegenüber einnehme. Aus der mir erteilten Antwort war zu ent- 
nehmen, daß der Monarch sowohl von Serbien abzurücken, als auch 
der hier im Lande herrschenden Agitation gegen Österreich-Ungarn 
entgegenzutreten bereit ist. Allerdings knüpft sich an die Gewäh- 
rung der letzteren Bitte die Erwartung, daß in Ungarn das Be- 
streben gezeigt wird, dem Könige diese Aufgabe dadurch zu er- 
leichtern, daß man den dortigen Rumänen gewisses Entgegenkom- 
men erweise. Es unterhegt keinem Zweifel, daß es bei der Aus- 
dehnung, die die österreichfeindliche Stimmung hierzulande nun 
einmal genommen hat, wohl eines Hinweises auf den guten Willen 
der Nachbarmonarchie bedürfen wird, um allmählich eine Beschwich- 
tigung der Gemüter herbeizuführen. Dies dürfte sich ferner schon 
aus dem Grunde empfehlen, weil man wohl darauf gefaßt sein darf, 
daß von französischer und russischer Seite alles geschehen wird, 
um die österreichfeindhche Agitation zu schüren, in der Absicht, 
Rumänien von Österreich und damit vom Dreibund loszulösen. 
S. M. meinte, die Agitation werde über den Sommer wohl zur Ruhe 
kommen, im Winter aber aufs neue entbrennen können. Graf Tisza 
habe einen viel versprechenden Anlauf genommen, um die Frage 
der ungarländischen Rumänen einer Lösung entgegenzubringen ; allein 
es sei leider dabei geblieben. Unterdessen habe sich aach auf un- 
garischer Seite, insbesondere auch in der Presse, eine Agitation 
gegen Rumänien gebildet, die eine Verständigung nur noch erschwere. 

Tatsächlich besteht nunmehr auf beiden Seiten der Karpathen 
eine gereizte Stimmung, die bei jedem Anlaß in der Presse zum 
Ausdruck kommt. Es war sicherlich ein Fehler, daß die österreichisch- 
ungarischen Zeitungen die Aktion des Grafen Tisza mit solcher 
Emphase verkündet haben. Hierdurch sind die Erwartungen, 



95 

die sich hier an dieselbe knüpften, nur noch gesteigert worden. 
Die Enttäuschung aber war eine doppelte, als das gewünschte 
Resultat ausblieb oder doch unbefriedigend erschien. Wenn die 
ungarische Regierung die Führer der Agitation etwa durch ge- 
schickte Verwendung im Staatsdienste mundtot zu machen ver- 
möchte, so würde auch nach Ansicht hiesiger leitender Persönlich- 
keiten viel gewonnen sein. 

Von den Mitteilungen, die ich S. M. gemacht habe, wollte 
Höchstderselbe, wie er mir sagte, auch Herrn Bratianu Kenntnis 
geben. 

Waldburg 



Nr. 67 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten 
im kaiserlichen Gefolge * 

Telegramm 82 Berlin, den 18. Juli 1914^ 

Privat, Geheim! 

Bitte um genaue Angabe der Reiseroute von S. M. S. Hohen- 
zollem vom 23. ab. An dem Tage soll bekanntlich österreichische 
Demarche in Belgrad erfolgen^ — beabsichtigt scheint 48-stündiges 
Ultimatum — und es wird von der Entwicklung der Ereignisse 
abhängen, ob und wann Anwesenheit S. M. hier erforderlich sein 
dürfte. Bitte eventuell Admiral von Müller ins Vertrauen zu 
ziehen, S. M. aber nicht vorzeitig zu beunruhigen. 

Da wir eventuellen Konflikt zwischen Österreich und Serbien zu 
lokalisieren wünschen, dürfen wir Welt durch verfrühte Rückkehr 
Sr. M. nicht alarmieren, andererseits müßte Allerhöchstderselbe er- 
reichbar sein, falls nicht vorherzusehende Ereignisse auch für ims 
wichtige Entscheidungen (Mobilmachung) benötigen sollten. Eventuell 
wäre an Kreuzen in der Ostsee für letzte Reisetage zu denken*. 

Jagow 



^ Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

"^ Abgegangen 5* nachm. 

* Siehe Nr. 65. 

* Siehe Nr. 79. 



96 

Nr. 68 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien ^ 

Berlin, den i8. Juli 1914* 

Graf Szögy^ny hat heute den in anliegender Notiz' angegebenen 
Auftrag ausgeführt. 

Zunächst scheinen die inzwischen bereits dementierten Zeitungs- 
meldungen über Truppen ansammlungen in Bari der tatsächlichen 
Grundlage zu entbehren. Ebenso unwahrscheinhch ist es mir, daß 
ItaUen zu einer Aktion gegen Valona, wenn überhaupt, so ohne vor- 
heriges Benehmen mit Wien schreiten sollte. 

Den von Graf Berchtold gewünschten Schritt in Athen zu tun, 
ist der k. Geschäftsträger daselbst angewiesen worden und der k. Bot- 
schafter in Rom davon behufs Mitteilung an Marquis San Giuhano 
informiert worden. Was jedoch den Vorschlag einer internationalen 
Flottendemonstration und die Besetzung Valonas durch Detachements 
mehrerer Mächte betrifft, so sprechen für mich folgende Gründe da- 
gegen. Falls Valona von den Aufständischen eingenommen werden 
sollte, so würde eine einfache Flotten demonstration kaum mehr ge- 
nügen, um die Räumimg der Stadt herbeizuführen, und es müßte, wie 
nach Graf Berchtold dies offenbar im Auge hat, zur Landung von De- 
tachements und eventuell zimi Kampf gegen die Aufständischen ge- 
schritten werden. Zur Verwendung weiterer Truppen in Albanien 
würden sich aber die Mächte kaum bereit finden. Die Erklärungen 
Sir Edward Greys lassen hierauf mit Bestimmtheit schließen, eben- 
sowenig dürfte auf eine Teilnahme Rußlands oder Frankreichs an 
einer derartigen Aktion zu rechnen sein. Wir selbst wollen unsere 
Truppen nicht zu Kämpfen in Albanien verwenden. Es ist mir daher 
zu meinem Bedauern nicht möglich, Italien eine Anregung zu sug- 
gerieren, der wir dann selbst keine Folge leisten könnten. 

Schließlich möchte ich der Erwägung des Grafen Berchtold an- 
heimgeben, ob eine Beschäftigung Italiens in Valona nicht die öster- 
reichische Aktion gegen Serbien wesenthch erleichtern könnte. Man 
darf sich in Wien — wie ich dies schon an anderer Stelle ausgeführt 
habe — keiner Illusion darüber hingeben, daß ein österreichischer 
Angriff auf Serbien in Italien nicht nur eine sehr ungünstige Auf- 
nahme finden, sondern voraussichthch auf direkten Widerstand stoßen 
wird. Ich halte deswegen eine rechtzeitige Auseinandersetzung des 

^ Nach dem Konzept von Jagows Hand. 
* Abgegangen am 18. Juli. 

^ Das ist eine Mitteilung der k. u. k. Botschaft in Berlin betr. die eventuelle 
Besetzung Valonas durch Italien. 



97 

Wiener Kabinetts mit dem römischen für dringend geboten und 
meine, daß diese wesentlich erleichtert werden könnte, wenn Italien 
mit österreichischer Zustimmung in Albanien engagiert würde. 

Ew. Exz. wollen sich dem Grafen Berchtold gegenüber mit Nach- 
druck in diesem Sinne aussprechen. 

V. Jagow 



Nr. 69 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten im 
kaiserlichen Gefolge^ 

Telegramm 84 Berlin, den 18. Juli 1914* ' 

Zum Vortrag 

Nach Mitteilung der Botschaft Wien wird österreichisch-unga- 
rische Demarche in Belgrad am 23. d. M. erfolgen. 

Jagow 

^ Nach dem Konzept. Entwurf von Zimmermanns Hand. 

• 7^ nachm. zum HaupttelegraphenamL 

• Siehe Nr. 65 und 80. 



Nr. 70 ' 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien^ 

Telegramm 122 Berlin, den 18. Juli I9i4* 

Norddeutsche bringt morgen Bemerkungen zum österreichiscli- 
serbischen Streit, die mit Rücksicht auf europäische Diplomatie ab- 
sichtlich milde gefaßt sind. Das hochoffiziöse Blatt sollte nicht vor- 
zeitig alarmieren. Bitte dafür zu sorgen, daß dies nicht fälschlicher- 
weise als deutsches Abrücken von dortiger Entschlossenheit gedeutet 
wird. 

J ago w 

^ Nach dem Konzept. Entwurf von der Hand des ständigen Hilfsarbeiters 
im Auswärtigen Amt Legationsrats Esternaux mit einigen Änderungen 
von der Hand des vortragenden Rats im Auswärtigen Amt Wirkl. Ge- 
heimen Legationsrats Dr. Hammann. 

'^ gl** nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



98 

Nr. 71 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 349 Konstantinopel, den 18. Juli 19 14* 

Geheim ! 

Von der angekündigten, aber immer wieder hinausgeschobenen 
Demarche Österreichs in Belgrad wird hier bereits als von einer 
nicht recht ernst zu nehmenden Angelegenheit gesprochen. Namentlich 
in den Kreisen der Tri ple -Entente ist man fest überzeugt, daß 
Serbien die papierenen Forderungen Österreichs sämtüch annehmen 
tmd daß dann alles beim alten bleiben werde. Markgraf Pallavicini 
ist sich zwar der Bedeutung des Momentes für die Zukunft des 
Dreibundes wohl bewußt, scheint aber selbst zu bezweifeln, daß man 
in Wien wirklich kraftvolle Entschlüsse fassen werde. Er erhofft 
die Rettung Österreichs weniger von energischen Handlungen seiner 
Regierung als von der Anbahnung neuer Bündnisse und möchte 
deshalb die Türkei über Bulgarien an Österreich anschließen. Ich 
bekämpfe diesen Gedanken lebhaft. Die Türkei ist zweifellos heute 
noch vollkommen bündnisunfähig'. Sie würde ihren Verbündeten 
nur Lasten auferlegen, ohne ihnen die geringsten Vorteile bieten zu 
können. Der Anschluß der Türkei an Bulgarien würde Rußlands 
Gegenstoß in Armenien geradezu provozieren. Die Politik des Drei- 
bundes muß sein, die Türkei bei ihren * und seine Be- 
ziehungen zu ihr so zu gestalten, daß, falls die Türkei nach Jahren 
tatsächlich zu einem Machtfaktor werden sollte, die Fäden nicht 
abgeschnitten sind. Fürs erste kann man der Türkei nur raten, 
jedem politischen Abenteuer fernzubleiben und mit allen Ländern 
gute Beziehungen zu unterhalten. Auch die neutrale Türkei wird 
immer einige russische Korps an der armenischen Grenze festhalten. 

Wangenheim 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Konstantinopel 18. Juli 1 1" nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt 19. Juli 2^" vorm. Eingangsvermerk: 19. Juli vorm. Am 
19. Juli teilt Jagow durch Erlaß dem Botschafter in Wien mit: »Zur 
Information. Der k. Botschafter in Konstantinopel, der von der Pallavicini- 
Berchtoldschen Anregung, die Türkei an unsere Mächtegruppe anzu- 
schließen, nicht unterrichtet war, schreibt in einem Bericht: ,Markgrat 
Pallavicini erhofft die Rettung Österreichs von der Anbahnung neuer 
Bündnisse und möchte festhalten'.« 

» Siehe Nr. 117. 

* Hier fehlen einige Ziflferngruppen ; die Worte »Die Türkei bei ihren und« 
hat Jagow im Schreiben an die Botschaft in Wien gestrichen. 



99 

Nr 72 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 
in London (Privatbrief) ^ 

Berlin, den 18. Juli 19 14 
Lieber Lichnowsky! 

Ihr Urteil über unsere Politik, wie sie Ihr serbischer Bericht* 
enthält, ist mir stets wertvoll, und ich glaube, daß der Reichskanzler 
darüber ebenso denkt. Ich stehe auch nicht an, viele Ihrer Bemer- 
kungen als berechtigt anzuerkennen. Aber wir haben nun einmal ein 
Bündnis mit Österreich : hie Rhodus, hie salta. Auch darüber, ob wir bei 
dem Bündnis mit dem sich immer mehr zersetzenden Staatenge bilde 
an der Donau ganz auf unsere Rechnung kommen, läßt sich dis- 
kutieren, aber ich sage da mit dem Dichter — ich glaube, es war 
Busch — : »Wenn Dir die Gesellschaft nicht mehr paßt, such' Dir 
eine andere, wenn Du eine hast.« Und zu einem vollen Erfolg 
bietenden Verhältnis zu England sind wir leider noch immer nicht 
gekommen, konnten nach allem, was vorausgegangen, auch gar nicht 
dazu kommen — wenn wir überhaupt je dazu kommen können. 

Österreich, welches dmch seine mangelnde Aktionskraft mehr 
und mehr Einbuße an seinem Ansehen erhtten hat, zählt schon 
jetzt kaum mehr als vollwertige Großmacht. Die Balkankrise hat 
seine Stellung noch geschwächt. Durch dieses Zurückgehen der 
österreichischen Machtstellung ist auch unsere Bündnisgruppe ent- 
schieden geschwächt worden. 

Österreich will sich die serbische Minierarbeit nicht mehr ge- 
fallen lassen, ebensowenig die fortgesetzt provokatorische Haltung 
des kleinen Nachbarn in Belgrad. — Siehe die Sprache der serbischen 
Presse — und Herrn Paschitschs. Es erkennt wohl, daß es viele Ge- 
legenheiten versäumt hat, und daß es jetzt noch handeln kann, in 
einigen Jahren vielleicht nicht mehr. Österreich will sich jetzt 
mit Serbien auseinandersetzen und hat uns dies mitgeteilt. Während 
der ganzen Balkankrise haben wir mit Erfolg im Sinne des Friedens 
vermittelt, ohne Österreich dabei in kritischen Momenten zur Passivität 
gezwungen zu haben. Daß wir trotzdem — zu Unrecht — in Öster- 
reich vielfach der Flaumacherei beschuldigt sind, ist mir gleichgültig. 
Wir haben auch jetzt Austria nicht zu seinem Entschluß getrieben. 
Wir können und dürfen aber ihm nicht in den Arm fallen. Wenn 
wir das täten, könnte Österreich (und wir selbst) uns mit Recht 
vorwerfen, daß wir ihm seine letzte MögUchkeit poHtischer Rehabili- 

• Nach einer vom Fürsten Lichnowsky zur Verfügung gestellten Abschrift 
in Maschinenschrift. 

* Siehe Nr. 30. 



100 

tierung verkehrt haben. Dann würde der Prozeß seines Dahin- 
siechens und inneren Zerfalls noch beschleunigt. Seine Stellung im 
Balkan wäre für immer dahin. Daß eine absolute Stabilisierung der 
russischen Hegemonie im Balkan indirekt auch für uns nicht admissibel 
ist, werden Sie mir wohl zugeben. Österreichs Erhaltung, und zwar 
eines möglichst starken Österreichs, ist für uns aus inneren und 
äußeren Gründen eine Notwendigkeit. Daß es sich nicht ewig wird 
erhalten lassen, will ich gern zugeben. Aber inzwischen lassen sich 
vielleicht Kombinationen finden. 

Wir müssen sehen, den Konflikt zwischen Österreich und Serbien 
zu lokahsieren. Ob dies gelingen kann, wird zunächst von Rußland 
und in zweiter Linie von dem mäßigenden Einfluß seiner Entente- 
brüder abhängen. Je entschlossener sich Österreich zeigt, je energischer 
wir es stützen, um so eher wird Rußland still bleiben. Einiges Ge- 
polter in Petersburg wird zwar nicht ausbleiben, aber im Grunde ist 
Rußland jetzt nicht schlagfertig. Frankreich imd England werden 
jetzt auch den Krieg nicht wünschen. In einigen Jahren wird 
Rußland nach aller kompetenten Annahme schlagfertig sein. Dann 
erdrückt es uns durch die Zahl seiner Soldaten, dann hat es seine 
Ostseeflotte und seine strategischen Bahnen gebaut. Unsere Gruppe 
wird inzwischen immer schwächer. In Rußland weiß man es wohl, 
und will deshalb für einige Jahre absolut noch Ruhe. Ich glaube 
gern Ihrem Vetter Benckendorff, daß Rußland jetzt keinen Krieg 
mit uns will. Dasselbe versichert auch Sasonow, aber die Regierung 
in Rußland, die heute noch friedhebend und halbwegs deutsch- 
freundhch ist, wird immer schwächer, die Stimmung des Slawentums 
immer deutschfeindücher. Wie Rußland uns im Grunde behandelt, 
zeigt der vorige Herbst. Während der Balkankrise konnte es uns 
nicht genug danken für unsere beruhigende Einwirkung. Kaum war 
die akute Krise vorbei, begannen die Unfreundlichkeiten — wegen 
Liman usw. Läßt sich die Lokalisierung nicht erreichen und greift 
Rußland Österreich an, so tritt der casus foederis ein, so können 
wir Österreich nicht opfern. Wir ständen dann in einer nicht gerade 
proud zu nennenden Isolation. Ich will keinen Präventivkrieg, aber 
wenn der Kampf sich bietet, dürfen wir nicht kneifen. 

Ich hoffe und glaube auch heute noch, daß der Konflikt sich 
lokalisieren läßt. Englands Haltung wird dabei von großer Be- 
deutung sein. Ich bin vollständig überzeugt, daß die öffentliche 
Meinung dort sich nicht für Österreichs Vorgehen begeistern wird, 
und erkenne alle ihre Argumente in dieser Hinsicht als richtig an. 
Aber man muß tun, was irgend möglich ist, daß sie sicli nicht zu sehr 
für Serbien begeistert, denn von Sympathie und Antipathie bis zur 
Entfachung eines Weltbrandes ist doch noch ein weiter Weg. Sir Grey 
spricht immer von dem Gleichgewicht, das durch die beiden Mächte- 
gruppen hergestellt wird. Er muß sich daher auch klar darüber 
sein, daß dieses Gleichgewicht total in die Brüche ginge, wenn 
Österreich von uns lächiert und von Rußland zertrümmert würde, 



lOI 

und daß das Gleichgewicht auch durch einen Weltbrand erheblich 
ins Wanken gebracht würde. Er muß daher, wenn er logisch und 
ehrlich ist, uns beistehen, den Konflikt zu lokahsieren. Doch nun 
satis superque, es ist i Uhr nachts geworden. Wenn diese Aus- 
führimgen über unsere Pohtik Sie vielleicht auch nicht überzeugt 
haben mögen, so weiß ich doch, daß Sie letztere unterstützen werden'. 
Mit besten Grüßen aufrichtigst der Ihre 

Jagow 
den 19. Juh. 

Eben erhalte ich Ihren Brief vom 17. Die Hauptsache ist durch 
obiges beantwortet. Der Urlaub zunächst eine cura posterior, wegen 
Kolonialabkommen antworte ich demnächst. 

J. 

• Siehe Nr. 161. 



Nr. 73. 

Der Botschafter in Rom an den Reichskanzler* 

Fiuggi, den 16. Juli 1914" 

Der gegen Serbien geplanten diplomatischen Aktion Österreichs 
steht der Marquis di San Giuhano skeptisch gegenüber. Die Aktion 
kann nach der Ansicht des Ministers in keinem Falle zum Ziele führen. 
Auch wenn Serbien sich den österreichischen Ansprüchen füge, d. h. 
wenn es die großserbischen Gesellschaften verbiete und auflöse usw., 
so würde die Agitation eben aus einer öffentlichen eine geheime 
werden. Das werde sogar der Fall sein, wenn Österreich Belgrad 
besetze. Nationale Aspirationen von solcher Kraft können heutzu- 
tage nicht mehr mit Gewalt unterdrückt werden. Es sei der alte 
österreichische Irrtum, an die Allgewalt und Wirksamkeit der Pohzei 
in solchen nationalen Fragen zu glauben. Die itahenische Geschichte 
des vorigen Jahrhunderts liefere dafür ein Beispiel. Die Analogie 
der Lage sei eine so frappante, daß man schon aus diesem Grvmde 
den Italienern keine Sympathie für das österreichische Vorgehen zu- 
muten dürfe. Wenn die serbische Frage überhaupt innerhalb des 
heutigen Bestandes Österreichs gelöst werden könne, so sei es nur 
auf dem Wege möghch, daß den österreichischen Serben ein Interesse 
geschaffen würde, innerhalb Österreichs und bei Österreich zu verbleiben . 

Flotow 

' Nach der Ausfertigung. 

" Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 19. Juli vorm. 



102 



Nr. 74 

Der Oberquartiermeister 1 im Großen Generalstabe an den 
Staatssekretär des Auswärtigen (Privatbrief) ^^ 

Ganz vertraulich! Ivenack, den 17. Juli 1914' 

Lieber Jagow! 

Soeben hat mir mein Adjutant ein Schreiben Kagenecks an mich 
gebracht, in dem er mir auf meine Fragen wegen der militärischen 
Absichten in Wien so gut er kann Auskunft gibt. 

Da General Conrad verreist war, hat Kageneck meine Fragen 
dessen Vertreter, dem General Höfer vorgelegt, den ich als ver- 
ständigen Mann kenne. Diesem zufolge hat man die Absicht, gegen 
Serbien 6 Armeekorps einzusetzen und einstweilen in Gahzien nichts 
zu unternehmen. Sollte Rußland eingreifen, so würde man von 
Serbien loslassen und alles gegen den Hauptgegner einsetzen. 

Das sind vernünftige Ansichten. Ich möchte aber bei dieser 
Gelegenheit meine persönhche Ansicht dahin aussprechen, daß wir 
gut tun, nicht auf eine sehr schleunige Wirkung der österreichischen 
Heeresmaßnahmen zu rechnen, denn : 

1. haben partielle Mobihnachungen immer ihre Haken, 

2. bedarf jedes Loslösen vom Gegner einer gewissen Zeit und 

3. macht man sich in Wien noch keinen Vers davon, wo sich 
die Serben eventuell stellen werden ; geschieht dies, was leicht möghch 
ist, im südHchen Serbien, etwa bei Nisch, so wird die Entscheidung 
hinausgezögert und die weiteren Bewegungen dauern länger. 

General Moltke* denkt am 25. d. M. nach Berlin zurückzukehren. 
Ich bleibe hier sprungbereit^; wir sind im Generalstabe fertig, einst- 
weilen ist von uns ja nichts zu veranlassen. 

Schönsten Gruß. Immer in alter Gesinnung 

der 

Deine 

Waldersee 



1 Nach der Ausfertigung von der Hand des Grafen Waldersee. 

* Von Jagow zu den Akten gegeben. 

' Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 19. Juli vorm. 

* Generaloberst von Moltke, Chef des Generalstabs der Armee, ab 28. Juni 
nach Karlsbad beurlaubt. 

* Waldersee hatte ab 7. Juli Urlaub, den er am 8 Juli abends antrat 



103 

Nr. 75 

Der Botschafter in Rom an den Staatssekretär des 
Auswärtigen ^ 

Fiuggi, den i6. Juli 1914'' 

Besten Dank für Deinen Brief. Ich freue mich, daß Du über 
die Schwierigkeit der hiesigen Situation keine Illusionen hast; ich 
halte die letzten für hoffnungslos, wenn nicht Austria angesichts 
der Gefahr sich zu der klaren Erkenntnis aufrafft, daß, falls es 
etwa territorial irgendetwas nehmen will, es Italien entschädigen 
muß. Sonst fällt ihm Italien in den Rücken. Das ist eine so 
ernste Frage für uns, daß wir erwägen müssen, ob wir nicht be- 
stimmte Abmachungen mit Wien treffen müssen. 

S.[an] G.[iuhano]s Stimmung ersiehst Du aus meinen Berichten usw. 
Es kommt mehr denn je alles auf ihn an, denn Salandra stützt 
ihn nicht wie GioUtti. Sal.[andra] macht kein Hehl aus seinen anti- 
österreichischen Gefühlen, und Merey hat ihn nicht geschickt be- 
handelt. S.[an] G.[iuhano] aber ist pessimistisch, gedrückt, mutlos und 
schwer leidend. 

[Flotow^] 

^ Nach einer von Jagow zu den Alcten gegebenen Abschrift aus einem Privat- 
brief Flotows an Jagow. 

* Abschrift trägt den Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 22. Juli nachm., 
dürfte aber etwa 19. Juli an den Empfänger gelangt sein. 

8 Unterschrift fehlt in der Abschrift ebenso wie die Anrede. 



Nr. 76 

Der Botschafter in London an den Reichskanzler* 

London, den 17. Juh 1914^ 

Die heutige »Westminster Gazette« bringt den beiliegenden Leit- 
artikel über die europäische Lage, der sich durch die ruhige und 
sachliche Erörterung des österreichisch-serbischen Gegensatzes aus- 
zeichnet. Bei den freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem 
Herausgeber Mr. Spender und Sir Edward Grey liegt die Annahme 
nicht fem, daß die Ansichten des Ministers dabei nicht ohne Einfluß 

^ Nach der Ausfertigung. 

* Eingangsvermerk des Ausw. Amts: ig. Juli vorm. Bericht lag dem Kaiser 
vor, von ihm am 27. Juli zurückgegeben. 



104 

gewesen sind, und daß meine wiederholten Besprechungen mit ihm 
dazu beigetragen haben, das Recht Österreichs auf Genugtuung ^u 
berücksichtigen. Aber auch diese regierungsfreundhche Stimme spricht 
die bestimmte Erwartung aus, daß die mltima ration vermieden werde. 

Li chno wsk y 



Nr. 77 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien ^ 

Telegramm 124 Berlin, den 19. Juh 1914 ' 

Ew. Exz, wollen von Graf Berchtold sofortige Mitteilung Wort- 
lauts beabsichtigter Note nach Belgrad und sonstiger Veröffent- 
lichungen erbitten, sobald endgültig festgestellt zur Vorlage bei 
Kaiser Franz Joseph, damit wir rechtzeitig unsere Demarchen bei 
den anderen Mächten vorbereiten können. Vorherige Orientierung 
über wesentlichste Punkte beabsichtigten Vorgehens erwünscht^. 

Jagow 

* Nach dem Konzept. Entwurf von Stumms Hand. 

* i*= nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
ä Siehe Nr. 83, 88 und 103. 



Nr. 78 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 11 Fiuggi Fönte, den 19. Juli 1914^ 

Aus der Umgebung des Marquis di San Giuliano höre ich, daß 
nunmehr sehr pessimistische Berichte des Herzogs von Avarna über 
Serbien eingelaufen sind. Aus einem Gespräch mit Herrn Luzzatti 
entnehme ich, daß Marquis di San Giuhano jetzt die Lage für ernst 
hält. Er selbst vermeidet anscheinend in diesem Augenbhck ein- 
gehende Gespräche mit mir über diese Frage. Die Herren des 



^ Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Fiuggi Fönte 2^^ nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt i'-'*' nachm. Eingangsvermerk: 20. Juli vorm. Unter dem 19. Juli von 
Jagow nach Vornahme kleiner stilistischer Änderungen telegraphisch dem 
Botschafter in Wien mitgeteilt, zum Haupttelegraphenamt gegeben am 
20. Juli 12^° vorm. 



105 

Ministeriums sind auf den Ton gestimmt, Österreich würde sich 
durch zu weit gehende Forderungen ins Unrecht setzen und könne 
dann nicht auf Unterstützimg rechnen. 

Floto w 



Nr. 79 

Der Gesandte im kaiserlichen Gefolge an das 
Auswärtige Amt ^ 

Telegramm ii6 Baiholm, den 19. Juli 1914' ' 

Nach bisherigen Dispositionen Sr. M. soll S. M. S. Hohenzollem 
bis etwa den 30. d. M. in Balholm bleiben, dann eintägiger Aufent- 
halt in Bergen, um Kohlen zu nehmen, dann Rückfahrt Swinemünde. 
Werde jede Änderung melden. 

Wedel 



* Nach der Entzifferung. Auch das Konzept von Graf Wedels Hand be- 
findet sich jetzt bei den Akten. 

' Aufgegeben in Balholm i^^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
4'^ nachm. Eingangsvermerk: 20. Juli vorm. 

' Siehe Nr. 67. 



Nr. 80 

Der Gesandte im Itaiserlichen Gefolge an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 117 Balhohn (»Hohenzollem«), den 19. Juli 1914* 

S. M. bitten Ew. Exz. zu erwägen, ob nicht schon jetzt die 
Generaldirektoren der Hapag und des Norddeutschen Lloyd streng 
vertraulich und unter der Hand durch Gesandten in Hamburg dahin 
verständigt werden sollten, daß am 23. österreichisches Ultimatum 
zu erwarten '. Im Hinblick auf unübersehbare, vielleicht sehr rasch 
eintretende Folgen scheint es Sr, M. wünschenswert, daß die beiden 



* Nach der Entzifferung, Auch das Konzept von Graf G. Wedels Hand be- 
findet sich jetzt bei den Akten. 

'■' Aufgegeben in Balholm i'° nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
4'^ nachm. Eingangsvermerk: 20. Juli vorm. 

^ Siehe Nr. 69. 



io6 

großen Linien beizeiten avertiert werden, um rechtzeitig Dispositionen 
treffen und im Auslande befindlichen Dampfern Ordre erteilen zu 
können *. 

Wedel 

* Jagow gab unter Zustimmung des Reichskanzlers dieser Anregung Folge. 
In einem vom 19. Juli datierten, am 20. Juli 121" vorm. zum Haupt- 
telegraphenamt gegebenen Telegramm an den Reichskanzler teilt er den 
Inhah des Balholmer Telegramms mit und fügt bei: »Ich sehe morgen 
Ballin und werde ihn streng vertraulich orientieren, falls Ew. Exz. nicht 
anders befehlen. Generaldirektor Lloyd müßte dann durch Gesandten Ham- 
burg orientiert bzw. hierher zitiert werden.« Das um 6*" vorm. in Hohen- 
finow eingegangene Telegramm wurde in zustimmender, 11^^ vorm. ab- 
gesandter Depesche (»Einverstanden«) beantwortet. An den Direktor des 
Norddeutschen Lloyd von Plettenberg telegraphierte Jagow am 20. Juli 
nachm.: »Wäre dankbar, wenn Sie in wichtiger Angelegenheit mich 
morgen persönlich aufsuchen könnten. Staatssekretär von Jagow«; Tele- 
gramm 7^ nachm. zum Haupttelegraphenamt. Siehe ferner Nr. 90. 



Nr. 81. 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 352 Therapia, den 19. Juli 1914^ 

Talaat Bei sagte mir, die türkisch-griechischen 
Verhandlungen nähmen guten Fortgang. Die Idee 
der Errichtung eines Süzeränen Fürstentums unter 
einem griechischen Prinzen sei aufgegeben. Dagegen 
sei jetzt eine Art Autonomie unter einem von der 
Türkei und Griechenland gemeinsam zu ernennenden 
Generalgouverneur geplant. Auch das militärische 
Besetzungsrecht solle gemeinsam ausgeübt werden 

' Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Therapia 19. Juli 7^° nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 9I'' nachm.; Eingangsvermerk des Amts: 20. Juli vorm. Am 20. Juli 
von Jagow nach Vornahme einiger Änderungen und Umstellungen und mit 
Auslassung des Absatzes »Prinz Said geführt worden seien« tele- 
graphisch dem Kaiser mitgeteilt, aufgegeben in Berlin 5' nachm., ange- 
kommen im Hollager \i^ nachm., Entzifferung des Hoflagers vom Kaiser 
zurückgegeben 21. Juli, in BerUn eingetroffen 23. JuU. Kaiser befahl durch 
Randverfügung Mitteilung an die Vertretung in Athen. Abschnitte »Talaat 

BeY sagte mir Bündnisantrag annehme« (mit kleiner Änderung) 

und »Großwesir sagte mir ohne Bündnis lösen« waren aber 

schon vorher, am 20. Juli, durch Erlaß dem Geschäftsträger in Athen »zur 
persönlichen Information« mitgeteilt. 



nach dem Vorbild des ehemaligen Regimes im Sand- 
schak. Griechenland bestehe auf Defensivbündnis. 
Er trete dafür ein, daß die Pforte den Bündnisan- 
trag annehme. Früher sei er für Anscliluß an Bul- 
garien gewesen, habe sich aber in Rumänien und 
durch mich überzeugen lassen, daß das Bündnis mit 
Griechenland vorzuziehen sei. Großwesir werde dem- 
nächst zwecks Finalisierung des Übereinkommens 
mit Veniselos in Brüssel zusammentreffen. 

Falls die Türkei mit Griechenland sich verbündet 
und Bulgarien sich inzwischen Österreich bzw. dem 
Dreibimd angeschlossen hat, so könnte der Fall 
eintreten, daß Bulgarien gleichzeitig mit Österreich 
Serbien angreift, wobei Griechenland Serbien Hilfe 
bringen müßte, dann wäre der casus foederis für 
die Türkei gegeben, die ihrerseits gegen den Bundes- 
genossen Bulgariens Österreich, also auch gegen uns, 
marschieren müßte. Dazu würde sie sich aber nur 
entschheßen, wenn das griechisch-türkische Bündnis 
vorher unter den Schutz Rußlands bzw. der Triple- 
Entente gestellt wäre. 

Ich habe heute dem Großwesir unter vorsich- 
tigem Hinweis auf die Möghchkeit einer ernsteren 
Wendung der serbisch-österreichischen Beziehimgen 
richtig. nahegelegt, vor Klärung der Lage keinerlei Bündnisse ^ 

zu finalisieren*. 

Großwesir sagte mir, in der Bündnisfrage habe 
nicht Talaat Bei, sondern er das letzce Wort. Er 
werde zwar mit Veniselos demnächst zusammen- 
keine Einigkeit! treffen, gedenke aber nicht auf den griechischen 
Bündnisantrag einiugehen. Die Inselfrage lasse sich 
voraussichtlich auch ohne Bündnis lösen. 

Prinz Said Hahm bemerkte schheßlich, daß 
die Verhandlungen zwischen Talaat Bei und Venise- 
los in letzter Zeit unter Vermittlung Herrn Dillons 
geführt worden seien. 

Wangenheim 



• »Bündnisse« von Jagow im Telegramm an den Kaiser unterstrichen. 

* Satz »Ich habe heute finalisieren« lautet in Jagows Telegramm an 

den Kaiser: »Es wäre daher angesichts der Möglichkeit einer ernsteren Wen- 
dung der serbisch-österreichischen Beziehungen wohl besser, wenn vor 
Klärung der Lage keinerlei Bündnisse tinalisiert würden.« Dazu die 
obenstehende Randbemerkung des Kaisers. 



io8 

Nr. 82 

Der Chef des Admiralstabes der Marine an den Staats- 
sekretär des Auswärtigen' 

Telegramm (ohne Nummer) Berlin, den 20. Juli 1914 

Der Kaiser haben Flotte folgenden Befehl direkt telegraphisch 
zugehen lassen : 

Baiestrand, von »HohenzoUern«, den 19. Juli 1914" 

»Der Kaiser befehlen Zusammenhalten in Flotte bis zu 25. Juli 
dergestalt, daß sie Befehl zum Abbruch der Reise schnell ausführen 
kann. Einlaufen Norwegen Hafen soll erfolgen dann erst auf be- 
sondere bei dem Kaiser direkt einzuholende Erlaubnis.« Bestätigen. 
Schluß. Auswärtiges Amt von dort benachrichtigen. Bestätigen.' 

von Mueller 

U(rschriftlich) dem Staatssekretär des Auswärtigen Amts zur 
gefälligen Kenntnisnahme sehr ergebenst übersandt. 

F. d. beurl(aubten) Ch(ef) d(es) Admiralst(abes) d(er) M(arine) 
Paul Behncke 

* Nach der vom Admiralstab übersandten Abschrift 

"Telegramm in Baiestrand abgesandt 19. Juli 11" nachm.; Abschrift am 

20. Juli zum Auswärtigen Amt. Eingangsvermerk 20. Juli nachm. 
' Siehe Nr. loi. 



Nr. 83 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien* 

Geheim! Berlin, den 20. Juü 1914' 

Ich nehme an, daß gleichzeitig mit der beabsichtigten Demarche 
in Belgrad eine amtUche Publikation, betreffend den Inhalt der Note, 
das Ergebnis der Untersuchung usw. in Wien erfolgt. 

Für die Behandlung unserer öffentHchkeit wäre es für uns von 
größtem Wert, nicht niu- über den Inhalt, sondern auch über Tag 
und Stunde der Publikation vorher genau informiert zu werden. 
Ew. Exz. ersuche ich eventuell um Drahtbericht '. 

v. J a g o w 

* Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

* Abgegangen am 20. Juli. 

^ Siehe Nr. 77, 88 und Nr. 103. 



109 

Nr. 84 

Der Reichskanzler an den Kaiser ^ 

Telegramm (ohne Nummer) Hohenfinow, 20. Juli 1914* 

Ew. M. muß ich alleruntertänigst melden, daß Seine Kaiserliche 
Hoheit der Kronprinz entgegen den Höchstdemselben erteilten und 
von ihm auch akzeptierten Ratschlägen neuerdings wieder mit tele- 
graphischen Kundgebungen an die Öffentlichkeit zu treten beginnt. 
So hat Seine Kaiserliche Hoheit in der letzten Woche sehr warme 
Zustimmungstelegramme an den Oberstleutnant a. D. Frobenius zu 
der von diesem verfaßten Broschüre »Des Reiches Schicksalsstimde a 
und an den Professor Buchholz in Posen zu einer von diesem in 
Broschürenform vertriebenen Bismarckrede gerichtet. Frobenius weist 
zutreffend auf die schwierige Lage Deutschlands hin, gefällt sich 
aber gleichzeitig in alldeutschen kriegshetzenden Übertreibungen. 
Buchholz benutzt eine von glühendem Patriotismus getragene Huldi- 
gimg vor dem großen Kanzler zu heftigen Angriffen auf die Männer, 
denen Ew. M. verantwortungsvolle Ämter übertragen haben. Beide 
Telegramme sind in der Presse veröffenthcht. Insonderheit dasjenige 
an Frobenius ist von der engüschen, russischen und französischen 
Presse als Zeichen dafür angesehen worden, daß der Kronprinz sich 
in einem Gegensatz zu der PoHtik Ew. M. stelle, und daß er zum 
Kriege treibe. Aus zuverlässiger Quelle weiß ich aber auch, daß in 
den Regierungskreisen der Triple-Entente dieses Hervortreten des 
Kronprinzen als ein bedenkhches Symptom ernste Beachtung findet. 

Ich habe mir erlaubt, Seine K. Hoheit in einem längeren Briefe 
dringend zu bitten, von derartigen Kundgebungen abzusehen, die 
ohne Kenntnis der momentanen politischen Situation imd der diplo- 
matischen Zusammenhänge abgefsißt, nur geeignet seien, die Pohtik 
Ew. M. zu kompromittieren und zu kontrekarrieren. Dabei habe 
ich auf die momentane gespannte Lage ausdrücküch hingewiesen. 
Ich habe keinerlei Sicherheit dafür, daß Seine K. Hoheit diese Bitte 
erfüllt, besorge vielmehr ernstlich, daß Höchstderselbe, wenn jetzt das 
österreichische Ultimatum an Serbien bekannt wird, mit Kundgebungen 
hervortreten möchte, die nach aUem Vorangegangenen von unseren 
Gegnern als gewollte Kriegstreiberei angesehen werden, während es 
doch nach Ew. M. Weisungen unsere Aufgabe ist, den österreichisch- 
serbischen Konflikt zu lokalisieren. Die Lösung dieser Aufgabe ist 
schon an sich so schwierig, daß auch kleine Zwischenfälle den Aus- 

• Nach dem Konzept. Vom Reichskanzler eigenhändig entworfen. 

^ Aufgegeben am 20. Juli 12*^ nachm. 

^ Dazu am Rande der Vermerk der Reichskanzlei: »s. Sehr, des Graf Wedel 

vom 21. 7. er. mit d. Telegr. Sr. Maj. an d. Kronprinzen V. 21. 7. er. s. Tel. 

Sr. KsL H. des Kronprinzen vom 23. 7. 14.« (Nr. 105, 132, 133.) 

Aktenstucke I. I O 



HO 

schlag geben können. Ich wage deshalb die alleruntertänigste Bitte 
auszusprechen, Ew. M. möchten Sr. K. Hoheit durch einen alsbaldigen 
telegraphischen Befehl jegliches pohtisches Hervortreten huldvollst 
untersagen. 

Alleruntertänigst 

V. Bethmann Hollweg 



Nr. 85 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 138 London, den 20. Juh 1914 ^ 

Graf Benckendorff, mit dem ich gestern das Weekend bei Lord 
Lansdowne verbrachte, sagte mir, er kenne mich versichern, daß 
seine mir neulich mitgeteilten Ansichten über unser Verhältnis zu 
Rußland vollkommen den Auffassungen des Herrn Sasonow ent- 
sprächen. Man empfinde es sogar als eine Unbequemhchkeit, daß 
gerade jetzt der Besuch des Herrn Poincare erfolge, habe ihm aber 
nicht abwinken können. In Rußland denke niemand an Krieg, 
die Rüstungen seien ledigHch eine Folge aller übrigen imd der 
gebesserten Finanzen. Es sei daher sehr bedauerhch, daß Miß- 
stimmungen, die völlig unberechtigt seien und wohl nur auf Klatsch 
und falschen Nachrichten beruhten, entstehen könnten. Eine offene 
Aussprache würde wohl am ehesten zum Ziel führen. In Belgrad 
werde nach Möglichkeit abgewiegelt. 

Lichnowsky 

^ Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in London 12=^ nachm., Eingangsvermerk des Amts: 20. Juli 
nachm. 

Nr. 86 

Die serbische Gesandtschaft in Berlin an das 
Auswärtige Amt^ 

Berün, den 20. JuH 1914 " 

Gleich nach dem verabscheuungswürdigen Attentat in Sarajevo 
begann die österreichisch-ungarische Presse die Schuld an dem Ver- 

* Nicht unterfertigte Aufzeichnung der serbischen Gesandtschaft in Berlin. 
^ Eingangsvermerk des Ausvrärtigen Amts: 20. Juli nachm. 



1 1 1 

brechen Serbien und den großserbischen Ideen zuzuschreiben. So- 
wohl die k. Regierung als auch die öffentliche Meinung haben 
dieses Verbrechen auf das Schärfste verurteilt und deutlich 
ihrem Abscheu Ausdruck verliehen. Alle Feste an dem Tage des 
Attentats wurden abgesagt. Die Presse in Österreich-Ungarn hörte 
jedoch nicht auf, schwere Anklagen und Beschuldigungen gegen 
Serbien und großserbische Ideen zu erheben und ganz tendenziöse 
Nachrichten in die Welt zu streuen, wodurch die serbische Presse 
herausgefordert wurde. Die k. Regierung versuchte durch Rat- 
schläge an die serbische Presse dieselbe zur ruhigen Verhaltung 
und nur zu einer notwendigen Abwehr gegenüber den ganz tenden- 
ziösen Nachrichten zu bestimmen. Diese Ratschläge wurden von 
einigen serbischen Blättern, die gar keine Bedeutung besitzen, nicht 
befolgt, da dieselben durch die Verbreitung der unglaublichsten 
Nachrichten und die Tendenz in den Blättern Österreich-Ungarns, 
das Verbrechen politisch gegen Serbien und das serbische Volk aus- 
zunützen, neue Nahrung erfuhren. Die Polemik, die zwischen der 
serbischen und österreichisch-ungarischen Presse entstand, wurde durch 
den Umstand verschärft, daß die österreichisch-ungarische Presse 
gewisse Stellen aus den ganz bedeutungslosen serbischen Zeitungen 
herausgriff und dazu noch verschärfte und der Öffentlichkeit über- 
gab mit der Tendenz, die öffentliche Meinung in Europa zu alar- 
mieren. Die k. Regierung besaß gar keine Handhabe, die Pole- 
mik in der serbischen Presse, die durch die Haltung der öster- 
reichisch-ungarischen Presse hervorgerufen wurde, zum Stillschweigen zu 
bringen, da in Serbien die Pressefreiheit durch die Verfassimg garan- 
tiert ist. 

Die k. Regierung hat sofort die Bereitwilligkeit ausge- 
sprochen, jeden serbischen Untertan, für den die Beweise für die 
Mitschuld an dem Verbrechen in Sarajevo gegeben ^vürden, gericht- 
lich zu belangen. 

Die österreichisch -ungarische Regierung hat bis zu dem heutigen 
Tage der k. Regierung keine Forderungen übermittelt bezüglich 
der Untersuchung und gerichtlichen Belangung irgendwelcher 
Persönlichkeiten. Es wurden nur Angaben über Aufenthaltsorte 
einiger aus dem Priesterseminar in Paveratz relegierten Studenten 
verlangt, welchem Verlangen auch ohne weiteres stattgegeben wurde. 

Die öffentliche Meinung in Österreich-Ungarn und Europa wird 
noch immer durch die Presse-Kampagne gegen Serbien gereizt, und wie 
groß die Erregung ist, geht deutlich aus den Interpellationen einiger 
ungarischer Parteichefs im ungarischen Parlament und der Antwort 
des ungarischen Ministerpräsidenten hervor. Aus den Diskussionen 
ersieht man, daß die Monarchie bei der k. Regienmg Schritte 
zu unternehmen beabsichtigt, — in welchem Sinne und in 
welcher Form ist nicht angedeutet. Wenn man die Erregung der 
öffentlichen Meinung und alles, was geschehen ist und noch geschieht, 
in Betracht zieht, so kann man sich der Befürchtung nicht ver 



112 

schließen, daß nicht vielleicht ein Schritt vorbereitet wird, der 
schlechte Folgen für die nachbarschaftlichen Beziehungen Serbiens 
und Österreich-Ungjirns haben könnte. Diese Befürchtung wird 
noch durch die Diskussionen im ungarischen Parlament bekräftigt. 
Die k. Regierung hat durch ihre Haltung und ihre Arbeit Be- 
weise gegeben, daß sie alles tut, was zur Beruhigung der Ge- 
müter beitragen kann, und was im Interesse der Ruhe imd der guten 
Beziehungen zu allen Nachbarn liegt. 

Besonders war die Sorge der k. Regierung darauf ge- 
richtet, die Beziehungen zu der Nachbarmonarchie, die infolge der 
letzten Kriege kälter geworden sind, zu bessern und inniger zu 
gestalten. Die k. Regierung ist fest davon überzeugt, daß die Lebens - 
interessen Serbiens verlangen, daß der Frieden und die Ruhe auf 
dem Balkan je mehr und länger aufrechterhalten werden, und läßt 
sich nur durch einen solchen Wunsch und solche PoUtik leiten. Die 
k. Regierung befürchtet, daß die erregte öffenthche Meinung 
in Österreich-Ungarn nicht vielleicht einen Anlaß biete, damit die 
österreichisch-ungarische Regierung einen Schritt unternimmt, welcher 
auf eine Erniedrigung Serbiens abzielen würde, welche man seitens 
Serbiens nicht annehmen könnte. 

Die k. Regierung bietet^ daher die k. Regierung, den auf- 
richtigen Willen und Wunsch Serbiens, mit der Nachbarmonarchie 
freundschaftliche Beziehungen zu unterhalten und jedem Versuch 
auf dem serbischen Territorium, der darauf abzielen würde, 
die Ruhe imd Sicherheit in der Nachbarmonarchie zu stören, ener- 
gisch entgegenzutreten, zur Kenntnis nehmen zu wollen. Ebenso ist die 
k. Regierung geneigt, den Forderungen Österreich-Ungarns, die sie 
an die k. Regierung stellen sollte bezüglich der gerichtlichen Ver- 
folgung der Mitschuldigen, wenn es solche geben sollte, entgegenzu- 
konmien. 

Die k. Regierung könnte nur solche Forderungen nicht 
erfüllen, die auch jeder andere Staat, der auf seine Würde und Un- 
abhängigkeit bedacht ist, nicht erfüllen könnte. 

Indem die k. Regierung aufrichtig bestrebt ist, die Situation 
besser zu gestalten und gutnachbarschaftliche Beziehungen mit 
der Nachbarmonarchie zu sichern und zu befestigen, bittet 
sie die ihr freundschafthch gesinnte k. Regierung, diese Er- 
klärungen gütigst zur Kenntnis nehmen und im Sinne der Ver- 
söhnUchkeit, sollte es sich Gelegenheit dazu bieten, gefälligst wirken 
zu wollen*. 



' So im Original für »bittet«. 
* Siehe Nr. 91 und 93. 



Nr. 87 

Der Botschaftsrat in Wien an den Staatssekretär des 
Auswärtigen (Privatbrief) * 

Wien, den 18. Juli 1914" 
Hochverehrter Herr Staatssekretär! 

Gestern war ich bei Berchtold, der mir sagte, daß die bewußte 
Note am 23. d. M. in Belgrad überreicht werden soll. Wie ich 
gestern berichtet habt;, hofft Berchtold, daß die österreichischen 
Forderungen, über die er sich im einzelnen nicht ausließ, von 
Serbien nicht angenommen werden, ganz sicher ist er aber nicht, 
und ich habe aus seinen wie aus Äußerungen von Hoyos den Ein- 
druck, daß Serbien die Forderungen annehmen kann. Auf meine 
Frage, was denn geschehen soUe, wenn die Sache auf diese Weise 
wieder im Sande verlaufe, meinte Berchtold, man müsse dann bei 
der praktischen Durchführung der einzelnen Postulate eine weit- 
gehende Ingerenz ausüben. — Will man hier wirklich eine endgültige 
Klärung des Verhältnisses zu Serbien, wie sie auch Graf Tisza in 
seiner Rede kürzlich als unabweislich bezeichnet hat, so wäre es 
allerdings unerfindlich, warum man nicht solche Forderungen auf- 
gestellt haben sollte, die einen Bruch unvermeidlich machen. Ver- 
läuft die Aktion wieder wie das Hornberger Schießen, und bleibt 
es bei einem sogenannten diplomatischen Erfolge, so wird damit 
die hierzulande schon vorherrschende Anschauung, daß die Monarchie 
zu keiner Kraftäußerung mehr fähig ist, bedenklich befestigt. Die 
Folgen, die dies nach innen und außen haben würde, liegen ja auf 
der Hand. 

Ich habe Berchtold auch gefragt, ob er vor einer eventuellen 
Aktion gegen Serbien mit Itahen Fühlung zu nehmen gedenke, worauf 
er mir sagte, er habe bisher noch kein Wort verlauten lassen 
und beabsichtige auch, die itahenische Regierung vor ein fait accompli 
zu stellen, da sie ihm in puncto Verschwiegenheit nicht ganz sicher 
sei und bei ihrer serbophilen Haltung leicht in Belgrad etwas durch- 
sickern lassen könne. Hierin habe man auch in Berlin Hoyos, mit 
dem dieser Punkt besprochen worden sei, recht gegeben. Dies 
wurde mir auch von Hoyos selbst bestätigt. Darauf habe ich dem 
Minister im Sinne des Geheimen Erlasses vom 15. d. M. — Nr. 911 — ^ 
eindringlich auseinandergesetzt, wie ungeh(.;uer wichtig es uns erscheine, 
daß man sich hier mit Rom über die im Konfliktsfall zu verfol- 



* Nach der Ausfertigung von Stolbergs Hand. 

* Das Schreiben ging v. Jagow persönlich zu, der es schon am 20. Juli nachm. 
beantwortete (siehe Nr. 89) und es erst dann im Amt journalisieren ließ, 
so daß es den Eingangsvermerk vom 21. Juli nachm. trägt. 

' Siehe Nr. 46. 



114 

genden Ziele auseinandersetzt und es auf seiner Seite zu halten 
sucht. Berchtold entwickelte einen großen Optimismus und meinte, 
so niederträchtig könnte doch Itahen als Bundesgenosse nicht sein 
und sich gegen die Monarchie wenden. Ich habe ihm darauf er- 
widert, daß bei einem vorläufigen Konflikt mit Serbien allein das 
Bündnis nicht in Frage komme und Italien sich sehr wohl, wenn 
auch vielleicht nur moralisch, auf Serbiens Seite stellen könnte, daß 
aber dies schon für die Festigkeit des Dreibundes verhängnisvoll 
werden könnte und zweifellos die Aktionslust Rußlands stärken würde. 
Dies leuchtete dem Minister entschieden ein, doch kam er von sich 
aus nicht auf etwaige Kompensationen zu sprechen; auch auf die 
von dem hinzugezogenen Hoyos getane Äußerung, man müsse erst 
jedenfalls den Italienern etwas geben, ging er nicht weiter ein. Da 
der Botschafter schon morgen früh zurückkommt, habe ich es für 
richtiger gehalten, in Details dieser Frage, die doch jedenfalls eine 
Reihe eingehender Unterhaltungen nötig machen wird, von mir aus 
[nicht]* näher einzugehen. 

Dagegen habe ich gleich darauf mit Hoyos ein längeres Ge- 
spräch gehabt, wobei er von sich aus auf die Frage des Trento zu 
sprechen kam und mich fragte, ob man bei uns an diese Kompen- 
sation dächte, was ich bejahte. Er wies dies diurchaus nicht ab, 
verschloß sich vor allen Dingen nicht den Argumenten, daß damit 
der Irredentismus aus der Welt geschafft werden würde. Ich habe 
ilim auch gesagt, daß es sich ja gegebenen Falles um das verhält- 
nismäßig kleine Gebiet des Bistums Trient zu handeln brauche. 
Er nahm alles freundschaftUchst an, erwähnte dann noch als etwaige 
Kompensation für Italien, daß man ihm den Dodekanesos ver- 
schaffen könnte^. Übrigens vertrat er den Standpunkt, daß Italien 
an sich kein Recht auf Kompensationen aus dem Abkommen her- 
leiten könne, da dieses sich nur auf die Türkei bezieht. Ich habe 
ihm aber entgegengehalten, daß in diesem Fall nicht von recht- 
lichen, sondern nur von politischen Gesichtspunkten die Rede sein 
könne, und daß Österreich mit Rücksicht auf das Bundesverhältnis 
alles tun müsse, um Italien um jeden Preis bei der Stange zu 
halten. Schließlich riet ich ihm, sie sollten bei etwaigem Ausbruch 
des Konflikts mit Serbien in Rom erklären, daß sie gar keinen 
Territorialerwerb beabsichtigten, daß sie aber, falls die Ereignisse 
einen solchen nötig machen sollten, Italien in der weitgehendsten 
Weise entschädigen würden. 

Soeben war ich wieder bei Berchtold, der mir sagte, daß 
morgen die Note mit Tisza endgültig festgestellt werden solle, 
und daß sie immer noch je nach den Tagesereignissen (Interview 
Paschitsch, Artikel der »Samouprawa« etc.) modifiziert werde. Hoyos 
sagt mir eben, daß die Forderungen doch derart seien, daß ein 

* »Nicht« fehlt in der Ausfertigung. 
" Siehe Nr. So 



115 

Staat, der noch etwas Selbstbewußtsein und Würde habe, sie eigent- 
hch unmögüch annehmen könne. 

Übrigens ist zwischen dem Botschafter und verschiedenen 
hiesigen Politikern wie Körber, Bacquehem etc. bereits früher öfter 
die Frage des Trento berührt worden, die sich alle sehr verständnis- 
voll gezeigt haben. Auch im Gespräch mit Berchtold ist schon 
einmal das Wort gefallen. 

In aufrichtiger Verehrung 

Ew. Exz. 

gehorsamer 
W. Stolberg 

Nr. 88 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 90 Wien, den 20. Juli 1914*' 

Graf Berchtold, der erst morgen abend Ischl fahren wollte, wird 
sich bereits heute abend dorthin begeben und Note, die heute ge- 
schrieben wird, Kaiser vorlegen. Um möghchst schnelle Mitteilung 
nach Berlin zu ermöglichen, wird er sofort nach Audienz Ministerium 
in Wien telegraphisch anweisen, mir Note zuzustellen, so daß sie noch 
morgen abend nach Berün gehen kann. 

Tschirschky 

' Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Wien i'^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 

4" nachm.; Eingangsvermerk: 20. Juli nachm. 
* Siehe Nr. 77, 83 und 103. 

Nr. 89 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien' 

Telegramm 126 Berün, den 20. Juli 1914' 

Geheim ! 

Auf Privatbrief von Prinz Stolberg*. Endgültiger Überlassung 
des Dodekanes würde sich England stets widersetzen. Diese Schwierig- 
keit ist auch in Rom bekannt. Daher würde dort die österreichische 
Zustimmung zur Überlassung der Inseln allein als vollwertige 
Kompensation kaum erachtet werden. 

J ag o w 

' Nach dem Konzept von Jagows Hand. 
' 8'^ nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
ä Siehe Nr. 87. 



ii6 

Nr. 90 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten 
im kaiserlichen Gefolge^ 

Telegramm 85 Berlin, den 20. Juli 1914** 

Habe heute zufällig hier anwesenden Ballin vertraulich ver- 
ständigt und Direktor des Norddeutschen Lloyd ersucht, mich 
morgen hier aufzusuchen. 

Jagow 



1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

'^ Aufgegeben in Berlin 9^^ nachm., in Balholm angekommen ii** nachm.; 

am 2 1 . Juli erstattete G. Wedel dem Kaiser Meldung. 
^ Siehe Nr. 80. 



Nr. 91 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien^ 

Telegramm 127 Berlin, dejn 20. Juli 1914^ 

Der serbische Geschäftsträger suchte mich heute auf*, um mir 
zu sagen, die serbische Regierung werde alles tun, um die Bezie- 
hungen zu Österreich-Ungarn zu bessern und zu befestigen, sie werde 
jedem Versuch auf serbischem Territorium, der darauf abzielen 
würde, die Ruhe und Sicherheit der Nachbarmonarchie zu stören, 
energisch entgegentreten und den Forderungen der k. u. k. Regierung 
betreffend Verfolgung der Mitschuldigen am Attentat von Sarajevo, 
wenn solche festgestellt werden sollten, entgegenkommen. Sie würde 
nur solche Forderimgen, die gegen die Würde und Unabhängigkeit 
des serbischen Staates gingen, nicht erfüllen können. Die serbische 
Regierung bäte ims, in Wien im Sinne der Versöhnlichkeit zu wirken. 

Ich habe mich darauf beschränkt zu erwidern, daß ich die 
Demarche des Geschäftsträgers in Wien zur Kenntnis bringen würde. 
Im übrigen habe ich den Geschäftsträger darauf aufmerksam ge- 
macht, daß die serbische Regierung bisher, trotz der Langmut und 
der versöhnlichen tmd friedlichen Haltung Österreich-Ungarns 
während der Balkankrise und trotz unserer fortgesetzten dahm- 



' Nach dem Konzept von Jagows Hand. 
- 9'^ nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
^ Siehe Nr. 86 und 95. 



117 

gehenden Ratschläge, nichts getan habe, um ihr Verhältnis zur 
benachbarten Monarchie zu bessern, und daß ich es wohl begreifen 
könne, wenn man jetzt dort energischere Saiten aufzöge. Die 
Forderungen, die Österreich-Ungarn stellen wolle, seien mir nicht 
bekannt. 

Die Demarche des Geschäftsträgers erfolgte offenbar auf Grund 
eines Zirkularerlasses seiner Regierimg, 

Jago w 

Nr. 92 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 143 London, den 20. Juli 1914 * 

Bei meinem heutigen Besuch entnahm ich den Äußerungen Sir 
E. Grej^, daß er den österreichisch -serbischen Zwist vorläufig noch 
optimistisch beurteilt und an eine friedliche Lösung der Frage glaube. 
Er sagte, er habe keine Nachrichten erhalten, die auf das Gegenteil 
hindeuteten. Ich wiederholte bei dieser Gelegenheit, daß ich über- 
zeugt sei, Graf Berchtold werde nach genauer Untersuchung aller 
Vorgänge und an der Hand überzeugenden Materials sich genötigt 
sehen, Genugtuung von Serbien zu verlangen und Bürgschaft für die 
Zukunft, und daß ich hoffte, es werde dem Einfluß Rußlands und 
Englands gehngen, Serbien zur Erfüllung dieser berechtigten Forde- 
rungen zu veranlassen. Er entgegnete, daß alles darauf ankomme, 
welche Form von Genugtuung verlangt werde, und ob dies mit 
Mäßigung geschehe, namenthch aber auch, ob die gegen Serbien er- 
hobenen Klagen auf beweiskräftiger Grundlage geltend gemacht wür- 
den. Auf diese Weise hoffe er, daß der Streit sich werde beilegen 
und begrenzen lassen, denn der Gedanke an einen Krieg zwischen 
europäischen Großmächten müsse unter allen Umständen zurück- 
gewiesen werden. 

Der Minister hat übrigens in Wien erklären lassen, daß der 
neuliche Artikel der »Westminster Gazettea, über den ich berichtet 
habe, nicht von ihm veranlaßt worden sei, da er in Erfahrung ge- 
bracht, daß man ihn dort als Ermutigung z\mi Losschlagen auffasse. 

Li ch n o wsky 

' Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in London 20. Juli 8^ nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 10^ nachm. Eingangsvermerk: 21. Juli vorm. Am 21. JuH tele- 
graphisch dem Kaiser mitgeteilt, Telegramm aufgegeben in Berlin 12** 
nachm., angekommen in Balholm 7^' nachm., Entzifferung am gleichen 
Tage vom Kaiser zurückgegeben. Inhalt durch Erlaß vom 21. Juli nachm. 
auch den Botschaftern in Wien und Rom mitgeteilt. 



ii8 

Nr. 93 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Petersburg ' 

Telegramm ii6 Berlin, den 21. Juli 1914* 

Geheim ! 

Um wieviel Uhr ist am Donnerstag Abfahrt des Präsidenten 
von Kronstadt vorgesehen? Drahtantwort^. 

Jagow 

1 Konzept von Jagows Hand. 

2 i^^ nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
' Siehe Nr. 50, 96 und 108. 



Nr. 94 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler ^ 

Geheim! Wien, den 20. Juli 1914^ 

Ich habe sämtliches mir in bezug auf die Haltung Itahens zum 
österreichisch -serbischen Konflikt zur Verfügung gestelltes Material 
heute in eingehender vertrauhcher Unterredung mit Graf Berchtold 
verwertet und besonders dabei nachdrückUch auf die Wichtigkeit 
hingewiesen, sich über eventuelle Kompensationsansprüche Italiens 
klar zu werden. Dabei habe ich noch besonders betont, daß wir bisher 
in Rom keinerlei Mitteilung über unsere Verhandlungen mit Wien ge- 
macht und selbst verständhch auch die Kompensationsfrage dort 
nicht erörtert haben, welche Bemerkung Graf Berchtold dankend zur 
Kenntnis nahm. 

Ich führte weiter aus, daß es für die künftige Haltung Italiens 
und die dortige öffentliche Meinung wie auch die Haltung Englands 
von ausschlaggebender Bedeutung sein werde, welches die Ideen der 
österreichisch -ungarischen Staatsmänner über die zukünftige Ge- 
staltung Serbiens sind. Wir hätten natürlich als Partner das drin- 
gendste Interesse, hierüber orientiert zu werden. Graf Berchtold 
stimmte dem durchaus bei und sagte, seiner Ansicht nach würde, 



^ Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 21. Juli nachm. Durch Erlaß 
vom 21. Juli dem Botschafter in Rom zur »streng vertraulichen Infor- 
mation« mitgeteilt. 



119 

wie die Dinge lägen, die Kompensationsfrage jetzt überhaupt nicht 
aktuell werden ; in der gestrigen Besprechung sei, besonders auf 
Drängen des Grafen Tisza, der hervorgehoben habe, weder ihm noch 
irgendeiner imgarischen Regierung könne eine Stärkung des sla- 
wischen Elementes innerhalb der Monarchie durch Angliederung 
serbischer Gebietsteile zugemutet werden, beschlossen worden, von 
jeder dauernden Einverleibung fremden Gebietes abzusehen. Hiermit 
würde dann jeder irgendwie stichhaltige Grund für Itaiien, Kompen- 
sationen zu fordern, wegfallen. Auf meine Bemerkung, daß seitens 
Itahens selbst schon die Niederwerfung Serbiens und die damit ver- 
bundene Ausdehnung des Einflusses der Monarchie am Balkan als 
eine Schädigung seiner Position angesehen und möglicherweise zu 
Reklamationen führen würde, meinte der Minister, dieser Standpunkt 
stehe im Widerspruch mit den wiederholten Erklärungen des Marquis 
di San GiuHano, daß Itaüen ein starkes Österreich brauche, schon 
als Schutzwall gegen die slawische Flut. Im übrigen läge bei der 
Operation gegen Serbien der springende Pimkt nicht darin, daß 
Österreich einen Machtzuwachs am Balkan, sondern ledighch ein 
Zurückweisen des slawischen Vorstoßes nach Westen hin in das Ge- 
biet der Monarchie damit beabsichtige. Dies den Itahenem klar zu 
machen, werde wohl gelingen, um so mehr als Itaüen unmöghch bei 
dieser Sachlage einen Grund zu feindlicher Stellungnahme gegenüber 
Österreich werde finden können. Wenn Marquis di San GiuHano 
sage, daß Itahen die österreichischen Reklamationen gegen Serbien 
nicht unterstützen könne, weil sie im Widerspruch ständen mit den 
Nationalitäten- und den liberalen Regierungsprinzipien, so läge doch 
die Sache so, daß eben eine hberale Regierungsmethode in den von 
Serben bewohnten österreichischen Provinzen, die unter österreichischer 
Herrschaft alle Attribute des liberalen konstitutionellen Staates ver- 
liehen bekommen hätten, durch die großserbische Propaganda un- 
möghch gemacht würde. Daß übrigens Itahen das Nation ahtäten- 
prinzip selbst nicht befolge und dessen Hochhaltimg nur von anderen 
verlange, gehe klar aus der Besetzung Libyens hervor, die im 
direkten Gegensatz zu diesem Prinzip als reine Machtfrage die 
Unterjochung einer fremden Nation zum Ziele hatte. Wenn man 
sich übrigens in Rom augenblickhch eine weitgehende österreichisch- 
itahenische Kooperation praktisch nicht vorstellen könne, so läge 
durchaus kein Anlaß zu einer solchen Kooperation vor; Österreich 
verlange weder eine Kooperation noch eine Unterstützung, sondern 
ledighch Enthaltung feindlichen Vorgehens gegen den Bundesgenossen. 

Er werde jedenfalls alles tun, um soweit irgend möglich 
italienische Empfindlichkeiten zu schonen, und er habe schon daran 
gedacht, den Italienern irgend etwas hier im Innern zur Beruhigung 
zu geben. Den letzteren Gedanken habe ich auf das Lebhafteste 
unterstützt und dem Minister zu weiterer Ausgestaltung empfohien. 

Graf Berchtold teilte mir weiter mit, daß auch Herr von Merey, 
der es strikt vermieden habe, mit Marquis di San Giuliano über 



I20 

die serbische Sache zu sprechen, weil er sicher sei, daß jede, auch 
die geringste Andeutung italienischerseits sofort nach Rußland 
weitergegeben und zu Gegenaktionen und Kompensationsansprüchen 
ausgenutzt werden würde, sich über die antiösterreichische und pro- 
serbische Stimmung San Giuhanos und der Itahener keinen Illusionen 
hingebe, aber fest davon überzeugt sei, daß Itahen militärisch und 
innerpolitisch kaum daran denken könne, aktiv einzugreifen. Herr 
von M6rey glaube, und er, der Minister, halte diese Ansicht für be- 
gründet, daß es San Giuliano hauptsächhch darauf ankomme, Öster- 
reich zu bluffen und für sich Schutz vor der öffentlichen Meinung 
Itahens zu suchen. Er habe Anzeichen dafür, daß San Giuliano 
selbst seine russischen Verbindungen in dieser Absicht auszunutzen 
bestrebt sei. 

Herr von M6rey hat vorgeschlagen, aus Rücksicht für Italien, 
damit man dort die Note nicht erst aus den Zeitimgen erfalire, 
diese durch ihn dem Marquis di San Giuhano am gleichen Tage 
wie in Belgrad zur Kermtnis bringen zu lassen; er, der Minister, 
werde diesem Rate folgen. Bei der Wichtigkeit, Italien die Stellung- 
nahme an der Seite Österreichs zu ermöglichen und gleich von 
vornherein jedes Mißverständnis auszuschließen, werde er gleichzeitig 
mit der Übergabe der Note in Rom erklären lassen, daß Österreich- 
Ungarn bei seiner Aktion gegen Serbien keinerlei Gebietszuwachs 
für sich beabsichtige. 

von Tschirschky 



Nr. 95 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 91 Wien, den 21. Juli 1914"* 

Graf Forgäch, der heute den Minister vertritt, bittet mich, 
Ew. Exz. den Dank der k. u. k. Regierung für die freundliche Mit- 
teilung sowie besonders für die Sprache auszudrücken, die Ew. Exz. 
dem serbischen Geschäftsträger gegenüber geführt haben. 

Tschirschky 



' Nach der Entzifferung. 

' Aufgegeben in Wien 4* nachm Eingangsvermerk des Amts: ai. Jak 

nachm. 
3 Siehe Nr. 86 und qi 



121 



Nr. 96 

Der Ädmiralstab der Marine an den Staatssekretär 
des Auswärtigen* 

Berlin, den 21. Juli 1914^ 

Ew. Exz. beehre ich mich unter Bezugnahme auf die gestrige 
Unterredung den Reiseplan des Präsidenten Poincar6 an Bord des 
Linienschiffes »France« zu übersenden^. 

Plan 

Am 15. Juli Einschiffung des Präsidenten auf »Franceo in 
Cherbourg. 





,\nkunft 


Hafen 




Abfahrt 






Cherbourg 


15- 


Juli 7^ na 


20. 


Juli 2^ nachm. 


Kronstadt 


23- 


„ 10 h 


25- 


„ 10^/2*^ vorm. 


Stockholm 


25- 


„ abends 


27. 


i^ nachm. 


Kopenhagen 


28. 


,, nachm. 


29. 


,, 10^/2'^ vorm. 


Kristiania 


29. 


,, nachts 


31- 


4*^ nachm. 


Dunkerque. 







Meine gestrigen mündHchen Angaben berichtigend, bemerke 
ich, daß S. M. Yacht »Hohenzollem« von Balholm bei möglichster 
Abkürzung des Aufenthaltes in Bergen zum Kohlennehmen je nach 
den Verhältnissen Wilhelmshaven oder Cuxhaven bereits in 1^/2 bis 
2 Tagen, Kiel in etwa 2 Tagen erreichen kann. 

F[ür] d[en] b[eurlaubten] Ch[ef] d[es] Adm[iral]st[abes] d[er] Mfarine] 

Paul Behn cke 



' Nach der Ausfertigung. 

^ Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 21. Juli. 

' Siehe Nr. 50, 93 und 108. 



122 



Nr. 97 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien ^ 

Telegramm 129 Berlin, den 21. Juli 1914 ^ ' 

Ew. Exz. bitte ich, der dortigen Regierung Einwirkung auf die 
italienische Presse mit Geld aufzulegen. Sie wollen ferner darauf 
hinweisen, daß es sich empfehlen wird, nach erfolgter Demarche in 
der Presse die nationalen Gefühle der eigenen serbischen Staats- 
angehörigen zu schonen und auf diese Weise zu versuchen, sie für 
eine Lösung der serbischen Frage im österreichischen Sinne zu ge- 
winnen. 

Jagow 



1 Nach dem Konzept. Entwurf von Stumms Hand. 

2 620 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
* Siehe Nr. 128. 



Nr. 98 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 356 Konstantinopel, den 21. Juli 1914* 

Ganz geheim! 

Meinem österreichischen Kollegen ist bereits eine geheime In- 
struktion zugegangen, wie er sich bei Ausbruch eines Krieges der 
Türkei gegenüber zu verhalten habe. 

Wange nheim 



' Nach der Entzifferung. 

•^ Aufgegeben in Konstantinopel 5 Uhr nachm., angekommen im Auswärtigen 

Amt 6*** nachm. Eingangsvermerk: 21. Juli nachm., durch Erlaß vom 22. Juli 

dem Botschafter in Wien mitgeteilt. 



123 

Nr. 99 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 354 Therapia, den 21. Juli 19 142 

Großwesir, Talaat Bei und Enver 
haben meinem österreichischen Kollegen 
gestern übereinstimmend gesagt, es sei 
jetzt für Österreich der letzte Moment 
gekommen, wo es die durch den Balkan- 
krieg erhttenen Einbußen wieder aus- 
gleichen und sein Ansehen als Großmacht 
bei den Balkanvölkem und bei der Türkei 
wiederherstellen könne. Nicht nur Bul- 
garien, sondern auch Rumänien imd die 
na? Türkei würden sich rückhaltlos auf die wir wollen die 

Seite des Dreibundes stellen^, wenn öster- Herren :^ur be- 
das gebe der reich Serbien eine gehörige Lektion gebe, treffenden Stun- 
Himmel. Die Türkei sei im Begriff gewesen, auf ^^ ^''^''" ^^- 
Wunsch Deutschlands und Rumäniens Innern 

gegen ihre bessere Überzeugung mit 
Griechenland ein Bündnis zu schließen. 
Dieses Bündnis werde nicht zustande 
kommen, wenn Österreich durch ener- 
gisches Auftreten Bulgarien an sich kette. 

Markgraf Pallavicini hat aus den 
Gesprächen mit türkischen Ministem den 
Eindruck gewonnen, daß die Triple-En- 
tente, namentlich Rußland, jetzt für das 
griechisch-türkische Bündnis arbeitet. 

Wangenheim 

* Nach der Entzifferung. 

■'' Aufgegeben in Therapia ^^^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
f nachm. Eingangsvermerk: 21. Juli nachm. Am 22. Juli nachm. wurde 

der Abschnitt »Großwesir Lektion gebe« telegraphisch dem Kaiser 

mitgeteilt, dem am gleichen Tage Entzifferung vorlag. Kaiser befahl durch 
Randverfügung Mitteilung an die Botschaft in Wien. Abschnitt »Groß- 
wesir Lektion gebe« wurde am 22. Juli telegraphisch dem Bot- 
schafterin Rom mitgeteilt. Telegramm 10" nachm. zum Haupttelegraphen- 
amt. Derselbe Abschnitt wurde am 22. Juli auch dem Botschafter in 
Wien mitgeteilt. 

' Am Rand Fragezeichen des Kaisers. Der Randvermerk »wir wollen 

erinnern« steht über den Worten »rückhaltlos auf . . .« 



124 

Nr. loo 

Der Reichskanzler an die Botschafter in Petersburg, 
Paris und London^ 

Berlin, den 21. Juli 1914^ 

Die Veröffentlichungen der österreichisch-ungarischen Re- 
gierung über die Umstände, unter denen das Attentat auf den 
österreichischen Thronfolger und seine Gemahlin stattgefunden 
hat, enthüllen offen die Ziele, die sich die großserbische Propa- 
ganda gesetzt hat, und die Mittel, deren sie sich zur Verwirk- 
lichung derselben bedient. Auch müssen durch die bekannt- 
gegebenen Tatsachen die letzten Zweifel darüber schwinden, daß 
das Aktionszentrum der Bestrebungen, die auf Loslösung der süd- 
slawischen Provinzen von der österreichisch-ungarischen Monar- 
chie und deren Vereinigung mit dem serbischen Königreich hinaus- 
laufen, in Belgrad zu suchen ist, und dort zum mindesten mit der 
Konnivenz von Angehörigen der Regierung und Armee seine Tätig- 
keit entfaltet. 

Die serbischen Treibereien gehen auf eine lange Reihe von 
Jahren zurück. In besonders markanter Form trat der groß- 
serbische Chauvinismus während der bosnischen Krisis in die Er- 
scheinung. Nur der weitgehenden Selbstbeherrschung und Mäßi- 
gung der österreichisch-ungarischen Regierung und dem energischen 
Einschreiten der Großmächte war es zuzuschreiben, wenn die 
Provokationen, welchen Österreich-Ungarn in dieser Zeit von selten 
Serbiens ausgesetzt war, nicht zum Konflikt führten. Die Zusiche- 
rung künftigen Wohlverhaltens, die die serbische Regierung damals 
gegeben hat, hat sie nicht eingehalten. Unter den Augen, zum 
mindesten unter stillschweigender Duldung des amtlichen Serbiens, 
hat die großserbische Propaganda inzwischen fortgesetzt an Aus- 
dehnung und Intensität zugenommen; auf ihr Konto ist das jüngste 
Verbrechen zu setzen, dessen Fäden nach Belgrad führen. Es hat 
sich in unzweideutiger Weise kundgetan, daß es weder mit der 
Würde noch mit der Selbsterhaltung der österreichisch-ungarischen 
Monarchie vereinbar sein würde, dem Treiben jenseits der Grenze 
noch länger tatenlos zuzusehen, durch das die Sicherheit und Integri- 
tät ihrer Gebiete dauernd bedroht wird. Bei dieser Sachlage 
können das Vorgehen sowie die Forderungen der österreichisch- 
ungarischen Regierung nur als billig und maßvoll angesehen werden. 
Trotzdem schließt die Haltung, die die öffentliche Meinung sowohl 
als auch die Regierung in Serbien in letzter Zeit eingenommen hat, 
die Befürchtung nicht aus^, daß die serbische Regierung es ablehnen 
wird, diesen Forderungen zu entsprechen, und daß sie sich zu einer 
provokatorischen Haltung Österreich-Ungarn gegenüber hinreißen 



125 

läßt. Es würde der österreichisch-ungarischen Regierung, will sie 
nicht auf ihre Stellung als Großmacht endgültig Verzicht leisten, 
alsdann nichts anderes übrig bleiben, als ihre Forderungen bei der 
serbischen Regierung durch einen starken Druck und nötigenfalls 
unter der Ergreifung militärischer Maßnahmen durchzusetzen, 
wobei ihr die Wahl der Mittel überlassen bleiben muß. 

Ew. pp. beehre ich mich zu ersuchen, sich in vorstehendem 
Sinne Herrn Sasonow* gegenüber auszusprechen und dabei ins- 
besondere der Anschauung nachdrücklich Ausdruck zu verleihen, daß 
es sich in der vorliegenden Frage um eine lediglich zwischen Öster- 
reich-Ungarn und Serbien zum Austrag zu bringende Angelegen- 
heit handele, die auf die beiden direkt Beteiligten zu beschränken 
das ernste Bestreben der Mächte sein müsse. Wir wünschen drin- 
gend die Lokalisierung des Konflikts, weil jedes Eingreifen einer 
anderen Macht infolge der verschiedenen Bündnisverpflichtungen 
unabsehbare Konsequenzen nach sich ziehen würde. 

Ew. pp. wollen Herrn Sasonow ferner auf die ernsten Folgen 
aufmerksam machen, die es für den monarchischen Gedanken haben 
müßte, wenn sich im vorliegenden Falle die monarchischen Mächte 
unter Hintansetzung etwaiger nationaler Sympathien und politischer 
Gesichtspunkte nicht geschlossen auf die Seite Österreich-Ungarns 
stellen sollten, da es gilt, dem vor Verbrechen auch an Angehörigen 
des eigenen Herrscherhauses nicht zurückschreckenden politischen 
Radikalismus, der in Serbien die Zügel führt, einen vernichtenden 
Streich zu versetzen. An dieser Aufgabe ist Rußland in gleichem 
Maße wie Deutschland interessiert. Ich gebe mich der Hoffnung 
hin, daß Herr Sasonow sich dieser Tatsache nicht verschließen wird. 

Einem gefälligen telegraphischen Bericht über den Verlauf 
Ihrer Unterredung werde ich mit Interesse entgegensehen'. 

v. Bethmann Hollweg 



' Runderlaü des Reichskanzlers, gezeichnet von v. Jagow, an die Botschafter 
in Paris, London und Petersburg. Nach dem Konzept. In Maschinen- 
schrift vorliegender Entwurf zuerst von Stumm paraphiert, mit einer formalen 
Ergänzung von der Hand des Vortragenden Rats im Auswärtigen Amt 
Wirklichen Legationsrats Frhn. Langwerth von Simmern und Änderungen 

des Reichskanzlers. Der Abschnitt »Ew. Exz. wollen Herrn Sasonow 

verschließen wird« ging nur dem Botschafter in Petersburg zu. Dieser 
Abschnitt fehlt auch in dem Abdruck des Runderlasses im deutschen 
Weißbuch vom Mai 1915 S. 24, Nr. i, wo der Erlaß vom 23. Juli datiert ist. 

'^ Nach Petersburg am 21. Juli, nach Paris und London am 22. Juli abge- 
gangen. 

•* »schließt die Befürchtung nicht aus« ist vom Kanzler aus >däßt 

befürchten« des Entwurfs geändert. 

* Im Erlaß an Lichnowsky: "Sir E. Grey« im Erlaß an Schoen: »dem der- 
zeitigen Vertreter des Herrn Viviani«. 

' Siehe Nr. 154, 157, lüo. 

Aktenstücke 1. • l 



126 



Nr. loi 

Der Reichskanzler an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm (ohne Nimimer) Hohenfinow, den 21. Juli 1 914'' 

Befehl Sr. M. wegen Zusammenhaltens der Flotte^ bis 25. läßt 
mich besorgen, daß, wenn alsdann Ultimatum abgelehnt ist, auf- 
fälhge Flottenbewegungen vorzeitig von Balholm aus befohlen 
werden könnten. Auf der andern Seite könnte im Falle einer 
Krisis falscher Standort der Flotte verhängnisvoll werden. Da ich 
die Frage militärisch nicht beurteilen kann, wäre wohl Rücksprache 
mit Admiralstab empfehlenswert, um danach durch Graf Wedel ent- 
sprechenden, neben den militärischen auch die politischen Momente 
berücksichtigenden Vortrag bei Sr. M. halten lassen zu können. 

Erbitte Drahtantwort über Ansicht Admiralstabs. 

Bethmann Hollweg 



^ Nach dem Konzept von der Hand des Kanzlers. 

* Aufgegeben in Hohenfinow 21. Juli ö'"*' nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt 7'''^ nachm. Eingangsvermerk: 22. Juli vorm. 
^ Siehe Nr. 82, iii und 115. - 



Nr. 102 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 355 Therapia, den 21. Juh 1914^^ 

Geheim ! 

Großwesir ließ den bulgarischen Gesandten zu sich rufen, um 
ihm vertraulich mitzuteilen, daß er demnächst eine Zusammenkunft 
mit Veniselos haben werde, wobei auch über ein Bündnis verhandelt 
werden sollte. Er sei entschlossen, sich auf kein Bündnis einzulassen, 
möchte aber vor seiner Abreise noch wissen, wie sich Bulgarien beim 
Ausbruch eines österreichisch-serbischen Krieges verhalten werde. 

Wangenheim 



^ Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Therapia 2 1 . Juli 5" nachm., angekommen im Auswärtigen 

Amt y''^ nachm. Eingangsvermerk: 22. Juli vorm. 
' Siehe Nr. 147. 



127 

Nr, 103 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 92 Wien, den 21. Juli 1914* ^ 

Geheim 1 

An Serbien zu richtende Note nebst kurzer Zusammenfassung 
des Ergebnisses der Untersuchung in Sarajevo geht heute abend nach 
Berlin ab. Note wird Donnerstag nachmittag in Belgrad übergeben 
und wird Freitag in den hiesigen Morgenblättern publiziert. 

Die österreichisch -ungarischen Vertreter bei den Signatarmächten 
werden Freitag vormittag den betreffenden Regierungen eine Note 
übergeben, welche Wortlaut der an Serbien gerichteten Note und 
einen Kommentar enthält. Diese an die Mächte gerichtete Note 
nebst Kommentar wird Freitag nachmittag oder Sonnabend früh 

P^^^^^^^i- Tschirschky 

1 Nach der Entzitierung. 

* Aufgegeben in Wien 2 1 . Juli 7^° nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 

92» nachm. Eingangsvermerk: 22. Juli vorm. 
' Siehe Nr. 77, 83 und 88. 

Nr. 104 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 93 Wien, den 21. Juli 19 14* 

Geheim! 

Gestern nachmittag, nach meiner Unterredung mit Graf Berchtold, 

ist Herr von Merey, um möghchstes Entgegenkommen gegen Italien 

zu zeigen, autorisiert worden, dem Marquis di San Giuliano schon 

jetzt im allgemeinen Mitteilung zu machen über die hiesigen Pläne 

Serbien gegenüber und insbesondere anzudeuten, daß die Monarchie 

für sich keinerlei Gebietszuwachs anstrebt. t- u • 1. 1 

Tschirschky 

^ Nach der Entzitterung. 

' Aufgegeben in Wien, 21. Juli 7^° nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
g^^ nachm.; Eingangsvermerk: 22. Juli vorm. Am 22. Juli i^» nachm. von 
Jagow telegraphisch dem Kaiser mitgeteih, mit Auslassung der Worte 
»nach meiner Berchtold«, und mit folgendem Zusatz: »Bericht- 
lich mddet Herr von Tschirschky ferner, daß Graf Berchtold ihm gesagt 
habe, Österreich-Ungarn erstrebe keinerlei serbisches Gebiet, da Graf Tisza 
bestimmt erklärt hätte, daß Ungarn einen weiteren Zuwachs an serbischer 
Bevölkerung nicht vertragen könne« (nach dem Konzept von Jagows Hand). 
Entzifferung dieses Telegramms, das j^ nachm. im Hoflager ankam, lag 
dem Kaiser noch am 22. Juli vor. Telegramm Tschirschkys von Jagow 

am 22. Juli mit Auslassung der Worte »nach meiner Berchtold« 

telegraphisch auch dem Botschafter in Rom mitgeteilt, lo"'" vorm. zum 
Telegraphenamt. 



128 

Nr. 105 

Der Kaiser an den Kronprinzen* 

Telegramm (ohne Nummer) Baiholm, den 21. Juli 1914 

Ich erhalte soeben vom Reichskanzler folgendes Telegramm 2 : 

»Ew. M. muß ich huldvollst untersagen. 

AUeruntertänigst von Bethmann Hollweg« 

Ich appelliere an dein Verständnis dafür, wie außerordentlich pein- 
lich und schmerzlich es Mir sein muß, daß Du trotz Deiner Mir gegebenen 
Versprechungen schon wieder durch Dein Verhalten den Reichskanzler 
zwingst, Mir eine solche Bitte vorzutragen. Ich appelliere ferner an 
Dein Pflicht- und Ehrgefühl als preußischer Offizier, der gegebene Ver- 
sprechen unbedingt zu halten hat, und erwarte mit aller Bestimmt- 
heit, daß Du Dich besonders jetzt bei der Spannung der Lage sowie 
hinfort überhaupt jeglicher politischer Äußerung Dritten gegenüber, 
die nur geeignet sind. Meine und Meiner verantwortlichen Ratgeber 
Politik zu stören, ein für alle Mal enthalten wirst. 

Papa Wilhelm 

1 Von Wedel mit kurzem Begleitschreiben an den Reichskanzler abge- 
sandt. Eingangsvermerk der Reichskanzlei: 25. Juli. 

* Einzufügen wie Nr. 84; siehe Nr. 132, 133. 

Nr. 106 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler' 

Geheim! Wien, den 21. Juli 1914"^ 

Ew. Exz. beehre ich mich, in der Anlage ein Exemplar der von 
der k. u. k. Regierung für die Signatarmächte bestimmten Note vor- 
zulegen 3. Die Note enthält im Wortlaut die am Donnerstag nach- 
mittag in Belgrad zu übergebende österreichisch -ungarische Note 
nebst einem Kommentar. Gleichzeitig hält die k. u. k. Regierung 
zur Verfügung der betreffenden Regierungen eine kurze Zusammen- 
stellung des Ergebnisses der Untersuchung in Sarajevo. 

Bei Übersendung vorstehender Schriftstücke bittet Graf Forgäch 
ausdrücklich, diese als nur zur persönlichen streng vertraulichen 
Kenntnisnahme Ew. Exz. bestimmt zu betrachten, da die kaiserliche 
Genehmigung noch ausstehe, für die allerdings kein Zweifel bestehe'*. 

von Tschirschky 

^ Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 22. Juli nachm. 

' Übersetzung der in französischer Ausfertigung übersandten Note siehe 

Anhang I. 
* Siehe Nr. 113 



129 



Nr. 107 



Entwurf eines nicht abgesandten Erlasses des 
Staatssekretärs des Auswärtigen an den Geschäftsträger 

in Hamburg ^ 

Ganz vertraulich! Berlin, den 22. Juli 1914 

Angesichts des Ausbruchs einer österreichisch-serbischen Krisis 
ist es dringend erwünscht, daß die deutsche Presse rechtzeitig die 
unseren Interessen entsprechende Haltung einnimmt. Das nächste 
Ziel der deutschen Politik würde, wie die »Norddeutsche Allgemeine 
Zeitung« am Sonntag früh angedeutet hat, die Lokalisierung des 
Streites sein. Diese ist zu erwarten, wenn Serbien gegenüber den 
zu erwartenden Forderungen Österreich-Ungarns alsbald einlenkt. 
Andernfalls ist eine Verschärfung der Krisis in Aussicht. Kommt 
es dazu , so müßte unsere Presse zweierlei vermeiden. Es darf 
weder der Eindruck entstehen, daß wir zum Kriege treiben, weshalb 
auch unfreundliche Artikel gegen die Zweibundstaaten möglichst zu 
vermeiden sind, noch daß wir beim Eintritt von Verwicklungen 
Österreich-Ungarn im Stich lassen werden. Unsere mit der Er- 
haltung des Friedens verknüpften großen wirtschaftlichen Interessen 
werden hier nicht außer acht gelassen. Es gibt aber kein besseres 
Mittel, den Krieg zu vermeiden, als daß wir von vornherein unseren 
Platz ruhig und fest an der Seite Österreich-Ungarns nehmen. Wenn 
die öffentliche Meinung in Rußland und in Frankreich sich vor die 
Notwendigkeit gestellt sieht, unter den gegenwärtigen, nicht günstigen 
Umständen den Kampf gegen das Deutsche Reich aufzunehmen, so 
wird es den Regierungen in St. Petersburg und Paris erschwert 
werden, sich in einen österreichisch-serbischen Konflikt zum Nach- 
teil Österreich-Ungarns und des Dreibundes einzumischen. 

Ew. Hochw. ersuche ich ergebenst, am nächsten Freitag 
vormittag, unter Hervorhebung dieses Auftrages, die Lage im 
vorstehenden Sinne mit den Chefredakteuren der Hamburger Nach- 
richten, des Korrespondenten und des Fremdenblatts vertraulich, 
aber nachdrücklich zu besprechen. 

v. Jagow 



■ Nach dem Konzept. Entwurf von der Hand des ständigen Hilfsarbeiters 
im Auswärtigen Amt, Legationsrats Esternaux, datiert vom 20. Juli, 
mit Änderungen und Ergänzungen Hammanns und v. Jagows. Bericht 
wurde indessen kassiert und ging nicht ab. Konzept trägt die Bemerkung 
Langwerths von Simmern vom 22. Juli. »Erl(edigt). Cessat. Wird 
weisungsgemäß von mir mündl. erledigt werden.« 



130 



Nr. io8 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 144 - Petersburg, den 22. Juli 1914^' 

Abfahrt des Herrn Poincar6 aus Kronstadt ist für Donnerstag 
abend 11 Uhr vorgesehen. 

Pourtales 



1 Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Petersburg 12^ nachm., angekommen im Auswärtigen 

Amt 2^1 nachm.; Eingangsvermerk: 22. Juli nachm. 
' Siehe Nr. 93, 96 und 112. 



Nr. 109 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 16 Fiuggi, den 22. Juli 1914^ 

Aus Rom, wohin er sich zur Besprechung mit Ministerpräsiden tem 
Salandra begeben hat, telephoniert mir Marquis di San Giuliano, nach 
erhaltenen Nachrichten betrachte er Lage als äußerst ernst. Er werde 
daher mit Herrn Salandra morgen abend hier wieder eintreffen, um 
Lage mit mir zu beraten. Sollten sich neue Momente ergeben haben, 
die in Diskussion zu verwerten, so darf ich Mitteilung anheimstellen, 
da Gelegenheit zu weiteren Besprechungen mit Ministern wegen 
deren Reisedispositionen in nächsten Tagen unsicher. 

Flotow 



1 Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Fiuggi 2" nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 3" 
nachm. Eingangsvermerk: 22. Juli nachm. 



Nr. HO 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 94 Wien, den 22. Juli 19 14 * 

Geheim ! 

Angesichts der Abreise des Herrn Paschitsch von Belgrad ist 
Baron Giesl angewiesen worden, dort mitzuteilen, daß er Donnerstag 
nachmittag eine wichtige Eröffnimg zu machen haben werde. Sollte 
Paschitsch trotzdem nicht nach Belgrad zurückgekehrt sein, so hat 
Baron Giesl Auftrag, Note dem nächstältesten Minister zu übergeben. 
Baron Giesl ist ferner angewiesen, faUs Antwort nicht befriedigend 
und nicht rechtzeitig erfolgt, sofort mit ganzem Personal Belgrad zu 
verlassen. Hiesiger serbischer Vertreter würde ebenfalls eingeladen 
werden, Wien zu verlassen'. 

Tschirschky 

' Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben im Wien 1" nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 3^* 

nachm.; Eingangsvermerk: 22. Juli nachm. 
' Siehe Nr. 114. 



Nr. III 

Der stellvertretende Chef des Admiralstabs an das 
Auswärtige Ämt^ 

Berlin, den 22. Juli 1914^8 

Wenn mit der Möglichkeit einer unmittelbar bevorstehenden 
Kriegserklärung Englands gerechnet werden muß, so ist vom mih- 
tärischen Standpunkt aus auch mit Sicherheit mit einem Überfall 
unserer Flotte durch die englische Flotte zu rechnen. 

Unsere Flotte darf bei ihrer großen numerischen Unterlegenheit 
dieser Möglichkeit keinesfalls ausgesetzt werden. 

Sobald mit der Möglichkeit des Ausbruchs eines Krieges mit 
England innerhalb von jeweilig 6 Tagen zu rechnen ist, muß daher 
die Flotte zurückgerufen werden. 

Behncke 
Konteradmiral 

' Nach der Ausfertigung von Behnckes Hand. 

• Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 22. JuH nachm. Am 22. Juli tele- 
graphisch dem Reichskanzler mitgeteilt (siehe Nr. 115), am 23. JuH tele- 
graphisch auch an den Gesandten im kaiserlichen Gefolge gegeben (siehe 
Nr. 125). 

' Siehe Nr. 82 und loi. 



132 



Nr, 112 



Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien^ 



Telegramm 130 Berlin, den 22. Juli 1914^ 

Zur schleunigen Verwertung 

Hatte Graf Pourtales nach Programm des Besuches Poincare 
befragt. Derselbe meldet, daß Präsident Donnerstag abend 11 Uhr 
von Kronstadt abfährt. Dies wäre nach mitteleuropäischer Zeit 
9 1/2 Uhr. Wenn Demarche in Belgrad morgen nachmittag 5 Uhr 
gemacht wird, würde sie also noch während Anwesenheit Poincares 
in Petersburg bekannt werden^. 

Jagow 



' Nach dem Konzept von Jagows Hand. 
2 6^ nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
^ Siehe Nr. 50, 93, 96, 108 und 127. 



Nr. 113 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 95 Wien, den 22. Juli 1914^ 

Geheim ! 

Die an Serbien zu richtende Note ist unverändert von Sr. M. 
Kaiser Franz Joseph sanktioniert worden 3. 

Tschirschky 



' Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Wien 3^" nachm., angekommen im Auswärtigen Ami 

6^^ nachm. Eingangsvermerk: 22. Juli nachm. 
' Siehe Nr. 106 



133 



Nr. 114 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten 

in Belgrad^ 

Telegramm 26 Berlin, den 22. Juli 1914** 

Geheim 1 

Wenn österreichischer Gesandter Belgrad verläßt, wollen Ew. Exz. 
Geschäfte und Schutz österreichisch -ungarischer Untertanen über- 
nehmen. 

Jagow 



^ Nach dem Konzept von Jagovs Hand. 

2 6" nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

3 Siehe Nr. no. 



Nr. 115 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Reichskanzler ' 

Telegramm 18 Berlin, den 22. Juli 1914 ' ' 

Admiralstab ist folgender Ansicht : 

»Wenn mit der Möglichkeit zurückgerufen werden*.« 

Daß England sich zu sofortigem Überfall auf uns ent- 
schließen und daß überhaupt europäische Kriegsfrage sich so schnell 
entscheidet, ist sehr unwahrscheinlich. Englische Flotte soll laut 
Mitteilung Admiralstabs am 27. d. M. auseinandergehen und Heimat- 
häfen aufsuchen. Falls unsere Flotte vorzeitig ziuückgerufen würde, 
würde England die seinige zusammenhalten. 

Jagow 



1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

' Aufgegeben in Berlin 7' nachm., angekommen in Hohenfinow 8** nachm. 

' Siehe Nr. loi. 

* Hier ist die Mitteilung Behnckes vom 22. Juli (Nr. in) wörtlich eingefügt. 



134 

Nr. ii6 

Der Reichskanzler an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 3 Hohenfinow, den 22. Juli 1914 ' • 

Ew. Exz. Beurteilung der Gesamtlage, die wohl auch schon den 
mir bisher nicht bekannten Wortlaut der österreichischen Note be- 
rücksichtigt, pflichte ich bei. Ich würde deshalb eine vorzeitige 
Rückberufung unserer Flotte für einen schweren Fehler halten und 
einen entsprechenden Vortrag bei Sr. M. durch Graf Wedel als 
empfehlenswert ansehen. Wofern Sie keine Bedenken haben, bitte ich, 
entsprechendes Telegramm an diesen, eventuell in meinem Namen, 
zu richten. Jedenfeills darf vor dem 27., dem Datum des geplanten 
Auseinandergehens der engUschen Flotte, unsere Flotte keinerlei 
auffällige Bewegungen vornehmen, es sei denn, daß inzwischen un- 
vorhergesehene Ereignisse eintreten*. 

Bethmann Hollweg 

1 Nach dem jetzt bei den Akten befindlichen Konzept von des Kanzlers 
Hand. 

* Aufgegeben in Hohenfinow 22. JuU 11*° nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt 23. Juli 1 2^ vorm. Eingangsvermerk: 23. Juli vorm. 

* Siehe Nr. 1 15. 

* Siehe Nr. 125. 

Nr. 117 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 362 Konstantinopel, den 22. Juli 1914^ ' 

Enver Pascha sagte mir, ich hätte dem Groß- 
wesir auseinandergesetzt*, daß die Türkei bis zur 
Vollendung ihrer militärischen und administrativen 
kann sie nicht! Reorganisation sich auf keinerlei Bündnis einlassen 
Blech! dürfe. Theoretisch sei meine Auffassung durchaus 

* Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Konstantinopel 22. Juli 5^^ nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt 23. Juli 1^5 vorm.; Eingangsvermerk: 23. Juli vorm. Am 23. Juli 
nachm. von Jagow nach Vornahme einiger Änderungen und mit Auslassung 
der Sätze »als die Staaten schwächeren seien« und »Der Groß- 
wesir werde mit Veniselos Rumänien zu Österreich« telegra- 
phisch ins kaiserliche Hoflager mitgeteilt, dortselbst angekommen ii^ 
nachm., Entzifferung des Hoflagers mit den Randbemerkungen des Kaisers 
am 27. Juli in Berlin eingetroffen. 

* Siehe Nr. 71. 

* »ich auseinandergesetzt« von Jagow im Telegramm an den 

Kaiser geändert in: »der Groswesir neige der Ansicht zu.« 



135 

richtig. In der Praxis ergebe sich aber für die 
Türkei die Schwierigkeit, daß sie nur dann in Ruhe 
und Gründlichkeit im Innern reformieren könne, 
wenn sie gegen Angriffe von außen geschützt sei! 
richtig Dazu bedürfe sie des Rückhalts an einer der Groß- 

mächtegruppen. Eine kleine Minorität im Komitee 
sei für ein Bündnis mit Rußland und Frankreich, 
weil ein solches der Türkei schon insofern Sicher- 
heit gewähre, als die Staaten des Dreibunds im 
Mittelmeer die schwächeren seien. Die Majorität 
des Komitees, an der Spitze der Großwesir mit 
Talaat Bei, Halil und ihm selbst, wünschten da- 
und Frankreichs gegen nicht Vasallen Rußlands zu werden und seien 
überzeugt, daß der Dreibund militärisch stärker sei 
als die Entente und bei einem Weltkriege obsiegen 
werde. Er könne mithin erklären, daß die jetzige 
türkische Regierung den Anschluß an den Dreibund 
dringend wünsche und nur, wenn sie von uns zu- 
rückgewiesen werde, schweren Herzens sich zu einem 
Pakt mit der Tripie-Entente entschließen werde. 
Nun sehe das Kabinett sehr wohl ein, daß die 
Türkei gegenwärtig den Großmächten gegenüber 
nicht bündnisfähig sei. Sie verlange daher auch 
nur den Schutz der betreffenden Mächtegruppe für 
ein Bündnis, welches sie selbst mit einem kleineren 
Staate schheße. Zur Zeit beständen für die Türkei 
zwei Möglichkeiten sekundärer Bündnisse : DieAlhanz 
mit Griechenland, die zur Tripie-Entente hinüber- 
leite, und die Alhanz mit Bulgarien, die zum Drei- 
bund führe. Das Kabinett sei daher geneigt, mit 
Bulgarien unter der Bedingung abzuschheßen, daß 
das Bündnis vom Dreibund, mindestens aber von einer 
Dreibundmacht, patronisiert werde. Mit Bulgarien sei 

na also hatten wir ein Bündnisvertrag mit allen Details bereits früher 
doch richtig vereinbart und nur deshalb nicht unterzeichnet 
gerochen. worden, weil Bulgarien ohne Patronan^ des Drei, 
bunds sich nicht dazu habe entschließen können- 
Nunmehr sei infolge der österreichisch -serbischen 
Spannung die Lage kritisch geworden. Der Groß- 
wesir werde mit Veniselos über ein Bündnis ver- 
handeln. Eine Ablehnung des griechischen Antrages 
werde ihm erleichtert werden, wenn für die Türkei 
und Bulgarien die Aussicht bestehe, als Block zu 
dem Dreibund in ein ähnliches Verhältnis zu treten 
[wie] 6 früher Rumänien zu Österreich. Auf den Aus- 

bruch eines Krie ges am Balkan könne die Pforte 

» Hinter »treten« ist in der Entzifferung das Wort »wie« ausgeblieben. 



136 

nicht erst warten. Die gemeinsamen militärischen 

Vorbereitungen müßten sofort getrogen werden. 

Ich erwiderte Enver, daß er mich von der 

Theoreth. richtig Notwendigkeit von Bündnissen für die Türkei nicht 

aber im jetzigen überzeugt habe. Schon die wirtschaftUche Genesung 

Augenblick falsch! ^^^ Türkei werde durch ein Bündnis in Frage ^e- 

mGewinnun ^'t- ^^^^^^' bürden Rußland und Frankreich die Akkords 

Jer Büchse d'e auf ^^^^^^^> wenn die Türkei dem Dreibund beitrete ? 

dem Balkan bereit Schwerer wögen die politischen Bedenken. Als 

ist für Österreich Dreibundmitghed werde die Türkei mit der offenen 

gegen die Slawen Feindschaft Rußlands rechnen müssen. Die türkische 

loszugehen, daher Ostgrenze werde dann der schwächste Punkt der 

ist ein Turko-Bulg. strategischen Aufstellung des Dreibunds und der 

Bündnis mit An- natürhche Angriffspunkt Rußlands sein. Die Drei- 

Schluß an Oster- bundregierungen würden voraussichthch zögern, sich 

reich wohl j" ac- ^^ pflichten zu belasten, für welche die Türkei 

ceptieren ! Das ist , 1 • ^ 1 j /- 1 ■ ^ 

Ovvortunitätsvoli- ^^"^^ noch keine entsprechenden Gegenleistungen 

tik die muß hier (^niubieten habe. Auch die Türkei und Bulgarien 

getrieben werden, als Block seien dem Dreibund gegenüber kaum 

bündnisfähig. Etwas anderes wäre es, wenn dem 

Block auch noch Rumänien beiträte, wofür aber 

zur Zeit wenig Aussicht vorhanden sei. 

Enver Pascha hörte aufmerksam zu, betonte aber 
immer wieder, daß, wenn der Dreibund das bulgarisch- 
türkische Bündnis verhindere, die Triple-Entente- 
Freunde im Komitee Oberwasser bekommen würden. 
Die augenbhckliche kritische Stimmimg macht 
es wenig wahrscheinMch, daß in Brüssel* ein Bündnis 
geschlossen wird. Die Türkei dürfte zunächst ver- 
faute de mieux mit- gyj^^^^Q^^ Bulgarien zu einer Allianz auch ohne 
^unehmm, solange Sanktion durch den Dreibund zu bewegen. Wird 
Teite uTe^htm Bulgarien in den österreichisch-serbischen Konflikt 
bereit sind hineingezogen, so ist es beinahe sicher, daß die Türkei 
nicht neutral bleiben, sondern versuchen wird, über 
West-Thrazien nach Griechenland vorzudringen.' 

Wangenheim 

Einverstanden. Wenn es nicht anders geht, und Stambul 
absolut Bündnis schließen will nunter Patronan:( des 
Dreibundes oder einer Macht desselben«, so soll es doch ruhig 
versuchen, Rumänien und Bulgarien ^usammem^ukriegen 
und sich Österreich !(ur Verfügung stellen. Ich habe nichts 
dagegen. Das ist immer noch besser, als aus theoreth. 
Bedenken die Türkei jur sple Entente drängen. 

« Wegen Zusammenkunft des Großwesirs mit Veniselos in Brüssel siehe 

Wangenheims Telegramm 352 vom 19. Juli, Nr. 81. 
' Siehe Nr. 141 und 144. 



^37 

Nr. ii8 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 145 London, den 22. Juli 1914- 

Sir Edward Grey wird, wie ich vertraulich erfahre, dem Grafen 
Mensdorff morgen erklären, die britische Regierung werde sich be- 
mühen^, ihren Einfluß dahin zur Geltung zu bringen, daß die öster- 
reichisch-ungarischen Forderungen, falls sie gemäßigt seien und sich 
mit der Selbständigkeit des serbischen Staates vereinbaren ließen, 
von der serbischen Regierung angenommen würden. In ähnlichem 

Sinne mit Sir Maurice de Bunsen über die serbische 

Frage zu sprechen**^. 

Lichnowsky 

' Nach der Enuifferung. 

2 Aufgegeben in London, 22. Juli 9" nachm., angekommen im Auswär- 
tigen Amt 23. Juli i^^ vorm.; Eingangsvermerk: 23. Juli vorm. Lichnowskys 
Telegramm wurde von Jagow telegraphisch dem Botschafter in Wien 
mitgeteilt mit dem Zusatz: »Fürst Lichnowsky erhält Instruktion zur 

Regelung zuständen« (siehe Schlußsatz des Telegramms an den 

Kaiser Nr. 121). Am 23. Juli i* nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

" Die Worte »werde sich bemühen« fehlen in der Entzifferung; sie sind 
aus den Akten der Deutschen Botschaft in London oben ergänzt. 

' Siehe den vollen Wortlaut des Lichnowskyschen Telegramms unter Nr. 121. 

* Siehe Nr. 126 und 140. 



Nr. 119 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 17 Fiuggi, den 23. Juli 1914- 

Nach Äußerung San Giulianos hat österreichischer Botschafter 
ihm im allgemeinen österreichische Absichten, gegen Serbien vorzu- 
gehen, mitgeteilt. Note werde hier sofort nach definitiver Fertig- 
stellung mitgeteilt werden. Österreich habe gegenwärtig nicht Ab- 
sicht, Territorium zu erwerben oder Lowtschen zu besetzen. Minister 
nimmt diese Erklärung nicht als dauernde Verpflichtung und ist 



' Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Fiuggi 7*' vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 9^ 
vorm. Eingangsvermerk: 23. Juli vorm. Am 23. Juli von Jagow tele- 
graphisch dem Botschafter in Wien mitgeteilt, Telegramm 2^'^ nachm. zum 
Haupttelegraphenamt gegeben, 8 Uhr abends angekommen auf der Deut- 
schen Botschaft in Wien. 



138 

daher über diesen Punkt nicht ganz beruliigt. Weiterer Erörterung 
wich er anscheinend aus mit der Bemerkung, Ministerpräsident Salandra 
wünsche am Freitag, 24. d. M., die eingetretene Lage in seinem — 
des Marquis di San Giuliano — Beisein mit mir zu erörtern. Der 
Ernst der Situation für Deutschland und Itahen verlange eine solche 
Aussprache. San Giuhano konnte seine Besorgnisse vor übertriebenen 
Forderungen Österreichs nicht verhehlen, die ganz Europa und auch 
italienische öffentliche Meinung gegen Österreich aufbringen würden. 
Er hält das Vorgehen nach wie vor für zwecklos, da man serbische 
nationale Bestrebungen nicht unterdrücken könne. Floto 

Nr. 120 

Der Botschafter in Petersburg an den Reichskanzler* 

St. Petersburg, den 21. Juli 1914^ 
Herr Sasonow, der in der vorigen Woche mehrere 
Tage auf seinem Landgut im Gouvernement Grodno 
verbracht hatte, ist seit seiner Rückkehr von dort 
recht nervös wegen der Beziehungen zwischen Öster- 
reich-Ungarn und Serbien. Er erzählte mir, daß er 
sehr alarmierende Berichte aus London, Paris und 
Rom erhalten habe, wo überall die Haltung Öster- 
reich-Ungarns wachsende Besorgnis einflöße. Auch 
Herr Schebeko, der im allgemeinen ein ruhiger Be- 
obachter sei, melde, daß die Stimmung in Wien 
gegen Serbien immer schlechter werde. 

Der Minister ergriff die Gelegenheit, um seinem 
Groll gegen die österreichisch -ungarische Politik wieder 
in gewohnter Weise freien Lauf zu lassen. Daß Kaiser 
Franz Joseph und auch Graf Berchtold friedliebend 
wären, wollte Herr Sasonow zwar zugeben, es seien 
aber sehr mächtige und gefährliche Einflüsse an 
der Arbeit, die in beiden Reichshälften immer mehr 
an Boden gewännen und die vor dem Gedanken 
nicht zurückscheuten, Österreich in einen Krieg zu 
stüi-zen, selbst auf die Gefahr hin, einen allgemeinen 
Weltbrand zu entfesseln. Man müsse sich mit Be- 
das Bild paßt viel sorgnis fragen, ob der greise Monarch und sein 
besser auf Peters- schwacher Minister des Äußern diesen Einflüssen 
^"^g-' gegenüber auf die Dauer die nötige Widerstands- 

kraft finden würden. 

' Nach der Ausfertigung. 

* Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 23. Juli vorm. Bericht lag dem 
Kaiser vor, von ihm am 27. Juli zurückgegeben. Gemäß k. Randverfügung 
am 30. Juli durch Erlaß den Botschaften in Wien, Rom, London und 
Paris mitgeteilt. 



139 

Früher hätten kriegslustige Elemente, bei denen 
besonders auch klerikale Intrigen eine große Rolle 
spielten, ihre Hoffnungen auf den verstorbenen 
Erzherzog Franz Ferdinand gesetzt. Der Tod des 
Erzherzogs habe sie keineswegs entmutigt, sie seien 
vielmehr diejenigen, welche die gefährhche Pohtik, 
die Österreich-Ungarn gegenwärtig treibe, inspi- 
rierten ^ Die eigentüchen Leiter dieser Pohtik 
seien besonders zwei Männer, deren zunehmender 
Einfluß im höchsten Maße bedenkhch erscheine, 
nämüch Graf Forgäch, der »ein Intrigant der 
Narr selber Herr schlimmsten Sorte« und Graf Tisza, der »em halber 
Sa^onoffü! Narrn sei. 

Ich entgegnete Herrn Sasonow, seine maßlosen, 
gegen die österreichisch -ungarische Pohtik gerichteten 
Vorwürfe schienen mir durch seine allzu großen 
Sympathien für die Serben stark beeinflußt und in 
keiner Weise gerechtfertigt. Man könne billiger- 
weise nicht lunhin, die von dem Wiener Kabinett 
seit dem Attentat in Sarajevo beobachtete maß- 
volle Zurückhaltung anzuerkennen. Es scheine mir 
überhaupt verfrüht, schon jetzt, bevor das Ergebnis 
der Untersuchung über das Attentat vorhege, dar- 
über zu urteilen, inwieweit Österreich-Ungarn be- 
rechtigt sei, die serbische Regienmg für die groß- 
serbische Agitation verantworthch zu machen. Nach 
allem aber, was schon jetzt bekannt sei, könne 
man kaum daran zweifeln, daß die großserbische 
Agitation von Serbien aus unter den Augen der 
i^ serbischen Regierung geschürt werde, und daß 

auch das schändliche Attentat in Serbien vorbereitet 
worden sei. Ein großer Staat könne aber auf die 
Dauer unmöghch an seinen Grenzen eine Propa- 
richiig ganda dulden, durch die seine Sicherheit direkt be- 

droht werde. Sollten daher, wie es allerdings den 
, Anschein habe, durch den Prozeß gegen die Ur- 
heber des Attentates wirkhch Fäden aufgedeckt 
werden, welche von Serbien ausgingen, und sollte 
bewiesen werden, daß die serbische Regierrmg 
gegenüber den gegen Österreich gerichteten Machen- 
schaften eine bedauerhche Konnivenz gezeigt habe, 
so sei die österreichisch -ungarische Regierung zweifel- 
j^ los berechtigt, in Belgrad eine ernste Sprache zu führen. 

Ich könnte mir nicht denken, daß in diesem Falle 
g^t solclie Vorstellungen des Wiener Kabinetts bei der 

• Am Rand Ausrufungszeichen des Kaisers. 



140 



serbischen Regierung dem Widerspruch irgendeiner 
Macht begegnen könnten. 

Der Minister hielt diesen Ausführungen gegen- 
über aufrecht, daß eine Unterstützung der groß- 
serbischen Propaganda in Österreich-Ungarn von 
Serbien aus oder gar von der serbischen Regierung 
keineswegs erwiesen sei*. Man könne für die Taten 
echt Russisch Einzelner nicht ein ganzes Land verantwortlich 
machen. Der Mörder des Erzherzogs sei überdies 
nicht einmal serbischer Untertan. Eine ^roß- 
serbische Propaganda gäbe es allerdings in Öster- 
reich, sie sei aber die Folge der schlechten Re« 
gierungsmethode, durch die Österreich sich von 
jeher ausgezeichnet habe. Ebenso wie es eine groß- 
serbische Agitation gebe, höre man auch von der 
italienischen Irredenta und von der Los-von-Rom- 
Bewegung sprechen. Das Wiener Kabinett habe 
nicht den geringsten Grund, sich über die Haltung 
der serbischen Regierung zu baklagen, diese be- 
Donnerwetter! nehme sich vielmehr vollständig korrekt. 

Ich warf hier ein, es genüge wohl nicht, daß 
die Mitglieder der serbischen Regierung selbst sich 
der Teilnahme an der antiösterreichischen Pro- 
paganda enthielten. Österreich-Ungarn sei vielmehr 
berechtigt, zu verlangen, daß von Seiten der 
serbischen Behörden aktiv gegen die österreich- 
feindhche Propaganda vorgegangen werde, denn die 
richtig Regierung könne sich unmöglich jeder Verantwortung 

für das, was im Lande vor sich gehe, entziehen. 

Nach diesem Prinzip, entgegnete Herr Sasonow, 

müßte Rußland auch die schwedische Regierung 

und Rußland für für die atttirussische Agitation, die seit etwa 

seine Spione, die anderthalb Jahren in Schweden betrieben werde, 

überall auf- verantworthch machen. 



gegriffen werden i 



wäre auch das 
Beste ! 



Ich wies darauf hin, daß es sich in Schweden 
nur um eine pohtische Agitation und nicht wie in 
Serbien um eine Propaganda der Tat handele. 

Herr Sasonow bemerkte darauf, daß diejenigen, 
welche in Österreich einem Vorgehen gegen Serbien 
das Wort redeten, sich anscheinend nicht mit Vor- 
stellungen in Belgrad begnügen wollten, sondern 
daß ihr Ziel die Vernichtung Serbiens sei. Ich er- 
widerte, daß ich immer nur von einem Ziele hätte 
reden hören, nämhch: der »Klärung« des Verhält- 
nisses Österreich -Ungarns zu Serbien. 



* Am Rand zwei Ausrufungszeichen des Kaisers. 



nein! Rußland ja! 
als den Thäter und 
Vertreter des Für- 
stenmordes ! ! ! 



richtig 



ist bereits da! 



er irrt i 



141 

Der Minister fuhr erregt fort, auf jeden Fall 
dürfe Österreich-Ungarn, wenn es durchaus den 
Frieden stören wolle, nicht vergessen, daß es in 
diesem Falle mit Europa :[u rechnen habe. Rußland 
würde seinem Schritt in Belgrad, der auf eine Er- 
niedrigung Serbien[s]5 absehe, nicht gleichgültig zu- 
sehen können. Ich bemerkte, ich vermöchte in 
ernsten Vorstellungen, in welchen Serbien an seine 
völkerrechthchen Pflichten erinnert würde, noch 
keine Erniedrigung [{t^^ erblicken. Herr Sasonow 
erwiderte, es komme darauf an, wie dieser Schritt 
erfolge, auf jeden Fall dürfe von einem Ultimatum 
nicht die Rede sein'. 

Der Minister wies im Laufe des Gesprächs 
wiederholt darauf hin, daß nach den ihm vorliegen- 
den Nachrichten die Lage auch in Paris und London 
ernst angesehen werde, er war dabei sichtlich be- 
strebt, bei mir den Eindruck zu erwecken, daß auch 
in England die Haltung Österreich-Ungarns sehr 
gemißbilligt werde. 
,» Am Schluß der Unterhaltung frug ich Herrn 

Sasonow, was nach seiner Ansicht an dem in der 
letzten Zeit in der Presse viel erörterten angeblichen 
Plan einer Vereinigung von Serbien und Montenegro 
wäre. Der Minister bemerkte, eine solche Vereini- 
gung werde nur von Montenegro gewünscht, welches 
auch den größten Vorteil dabei haben würde. In 
Serbien denke man gar nicht an diese Vereinigung, 
was der verstorbene Herr von Hartwig noch in 
einem seiner letzten Berichte besonders hervor- 
gehoben habe. Höchstens wünsche man auf wirt- 
schaftlichem Gebiet ein engeres Verhältnis mit 
Montenegro, von einer Personalunion wolle man 
aber nichts wissen. 

Herr Sasonow hat seinen Besorgnissen wegen 
der österreichisch-serbischen Spannung auch meinem 
italienischen Kollegen gegenüber Ausdruck gegeben 
und dabei bemerkt, Rußland würde es nicht dulden 
können, daß Österreich -Ungarn Serbien gegenüber 
qm vivra verra! eine drohende Sprache führe oder militärische Maß- 
regeln treffe. »La pohtique de la Russie«, hat Herr 
Sasonow gesagt, »est pacifique, mais pas passivet. 

F. Pourtalös 



' Ausfertigung irrig: Serbien. 

' In Ausfertigung fehlt irrig: zu. 

' »Ulümatum nicht die Rede« vom Kaiser zweimal unterstrichen. 



Aktenstücke L 



142 



Nr. 121 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Kaiser^ 

Telegramm 132 Berlin, den 23. Juli 1914" 

Ew. M. Botschafter in London telegraphiert : 

»Sir Edward Grey wird, wie ich vertraulich er- 
fahre, dem Grafen Mensdorff morgen erklären, die 
britische Regierung werde ihren Einfluß dahin zur 
Geltung bringen, daß die österreichisch-ungarischen 
darüber ^^u befinden Forderungen, falls sie gemäßigt seien und sich mit 
steht ihm nicht pi, d^y Selbständigkeit des serbischen Staats vereinbaren 
das ist Sache S. M. Hgßßn, von der serbischen RegieruBg angenommen 
des Kaisers Frani bürden. In ähnhchem Sinne glaube er auch, daß 
^* Sasonow seinen Einfluß in Belgrad geltend machen 

werde. Voraussetzung für diese Haltung sei aber, 
daß von Wien aus keine unbewiesenen Anklagen 
ä la Friedjung vorgebracht würden, und daß die 
österreichisch -ungarische Regierung in der Lage sei, 
den Zusammenhang zwischen dem ]\Iord von Sarajevo 
ist ihre Sache! mit den politischen Kreisen Belgrads unzweideutig 
festzustellen. Alles hängt von der Art ab, wie man 
in Wien die Note gestalte und von den Ergebnissen 
was ist leichtfertig? der bisherigen Untersuchung. Auf Grund leicht- 
Wie kann Grey so Jertiger Behauptungen sei es jedoch unmöglich, in 
ein Wort über den ßgigrad Vorstellungen zu machen. Ich bemühe mich 
Herrn ''ZTufhen" ^"t^^^^ssen, hier dahin zu wirken, daß man mit 
g r uc i. ;^^(.]^5j(.J^^ g^^f ^j^g berechtigte Verlangen Österreichs 
nach einer Genugtuung und endhchen Einstellung 
der dauernden Beunruhigungen für eine bedingungs- 
lose Annahme der österreichischen Forderungen ein- 
gibt es nicht! tritt, selbst wenn sie der nationalen Würde Serbiens 
nicht vollauf Rechnung tragen sollten. Ich begegne 
Wie käme ich da^u! hierbei der Erwartung, daß es unserem Einfluß in 
was heißninerfütibar? Wien gelungen ist, unerfüllbare Forderungen zu 
üon^it%otd%^&n unterdrücken. Man rechnet mit Bestimmtheit da- 
und müssen^geduckt mit, daß wir mit Forderungen, die ofienkundig den 
Zweck haben, den Krieg herbeizuführen, uns nicht 

^ Nach dem Konzept von Jagows Hand und der Entzifferung des Hof- 
lagers. 

* Aufgegeben in Berlin i*° nachm., angekommen im Hoflager 8^° nachm. 
Entzifferung des Hoflagers traf am 27. Juli im Auswärtigen Amt ein. 
Gleiches Telegramm ging i*° nachm. nach Wien, Ankunft 4° nachm. (nach 
Akten der Deutschen Botschaft in Wien). 



143 

Das ist eine unge- identifizieren würden, und daß wir keine Politik 
heuerliche Britische unterstützen, die den Sarajevoer Mord nur als Vor- 
Unverschiimiheit. ^^and benutzt für österreichische Balkanwünsche und 
Ich bin nicht be- ^^^ ^jg Vernichtung des Friedens von Bukarest. 
5"{v? demKcdser ^^ übrigen hat mir Sir Edward Grey auch heute 
Vorschriften ^über wieder sagen lassen, daß er in Petersburg bestrebt 
die Wahr un^r seiner i^t, im Sinne des österreichischen Standpunkts zu 
Ehre zu machen! wrken. Es hat aber hier nicht angenehm berührt, 
daß Graf Berchtold es bisher ganz auffallend ver- 
mieden hat, mit Sir Maurice de Bunsen über die 
serbische Frage zu sprechen.« 

Ew. M. Botschafter in London erhält Instruk- 
tion zur Regelung seiner Sprache, daß wir öster- 
richtig! Das soll reichische Forderungen nicht kannten, sie aber als 
Grey aber recht interne Frage Österreich-Ungarns betrachteten^, 
ernst und deutlich ^^f ^j-^ ^^^ Einwirkung nicht zustände. * 

gesagt werden ! 
Damit er sieht, daß Alleruntertänigst 

ich keinen Spaß 

verstehe. Grey be- J a g o w 

geht den Fehler, 
daß er Serbien mit 

Österreich und anderen Großmächten auf eine Stuf e stellt! Das ist unerhört! 
Serbien ist eine Räuberbande, die für Verbrechen gefaßt werden muß! Ich 
werde mich in nichts einmischen, was der Kaiser ^u beurtheilen allein befugt 
ist! Ich habe diese Depesche erwartet und sie überrascht mich nicht! Echt 
Brit. Denkweise und herablassend befehlende Art, die ich abgewiesen haben will!^ 

Wilhelm, L R. 

^ Entzitlerung des Hoflagers: betrachten. 

* Siehe Nr. ii8 und 140. 

* Die Randvermerke des Kaisers »Wie käme ich dazu! Ehre zu 

machen« und »richtig! Das soll abgewiesen haben will« wurden 

dem Auswärtigen Amt noch unter dem 23. Juli von Wedel telegraphisch 
mitgeteilt, Telegramme aufgegeben in Baiholm 24. Juli 12^ vorm., ange- 
kommen im Auswärtigen Amt 5^^ vorm. Eingangsvermerk: 24. Juli vorm. 

Nr. 122 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Geschäftsträger 

in Athen ^ 

Telegramm 99 Berlin, den 23. Juli 1914^ 

Geheim ! 

Zur streng vertraulichen Verwertung. 
Spannung zwischen Österreich und Serbien schließt mili- 
tärischen Konflikt nicht aus. Bei einem solchen würde Bulgarien 

* Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

* 2*** nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



144 

Gelegenheit zum Angriff auf Serbien kaum vorübergehen lassen. 
Wie weit Türkei dann ruhig bleiben würde, ist fraglich. Unser 
Standpunkt muß notwendig auf Seiten des verbündeten Österreichs 
sein. Rechtzeitiges Abrücken Griechenlands von Serbien ratsam, 
damit Griechenland nicht in Konflikt hineinbezogen wird. Unter 
genannten Umständen scheint Abschluß eines griechisch-türkischen 
Bündnisses zur Zeit sehr zweifelhaft. Arrangement auf 
anderer Basis, eventuell Vereinbarung über Neutralität daher zu- 
nächst empfehlenswert ^. 

Jagow 



» Siehe Nr 189. 



Nr. 123 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten 
in Stockholm^ 

Telegramm 15 Berlin, den 23. Juli 1914* 

Geheim ! 

Zur Regelung Ihrer Sprache. Allem Anschein nach soll* 
Österreich-Ungarn, welches sich durch die großserbische Agitation 
in seiner Existenz bedroht fühlt, sehr ernste Forderungen in Belgrad 
stellen. Dieselben sind uns nicht bekannt, wir betrachten sie als 
interne Angelegenheit Österreich-Ungarns, auf welche uns Einwir- 
wirkung auch nicht zustehen würde. Falls Serbien Annahme der 
Forderungen verweigert, dürfte ein austro-serbischer Konflikt be- 
vorstehen. Wir wünschen dringend, daß derselbe lokalisiert bleibt. 
Dies wird in erster Linie von Rußland abhängen. Ein Eingreifen 
Rußlands, d. h. ein Angriff desselben auf Österreich würde, wie 
bekannt, für uns casus foederis bedeuten. Sollte es trotz unserer 
auf Lokalisierung gerichteten Bemühungen zur allgemeinen Kon- 
flagration kommen, hoffen wir, daß sich Schweden darüber klar 
wird, welche ernste Stunde auch für sein Schicksal geschlagen hat. 

Jagow 



' Nach dem Konzept von Jagows Hand. 
2 2'**' nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

* Das gleichfalls bei den Akten befindliche Reinkonzept schreibt irrig »soll« 
anstatt des ursprünglich von Jagow niedergeschriebenen »will« 



M5 

Nr. 124 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 146 London, den 23. Juli 1914^^ 

Mein italienischer Kollege sagte mir im Laufe einer längeren 
vertraulichen Unterhaltung, es würde für jede italienische Regierung 
außerordentlich schwer sein, dem Lande gegenüber die Teilnahme 
an einem Kriege zu vertreten, welcher etwa die Eroberung oder 
Austriazisierung Serbiens bezwecke. Italien unterhalte lebhafte 
Handelsbeziehungen mit Serbien und habe gar kein Interesse daran, 
diese durch Österreich vernichtet zu sehen. Der Krieg würde also 
dem italienischen Interesse direkt zuwiderlaufen und wäre daher 
nur zu führen, wenn Österreich entsprechende Gegenleistungen in 
Aussicht stellte. 

Ich möchte bitten, diese Äußerungen als streng vertrauliche 
behandeln zu wollen. 

Lichnowsky 



^ Nach der Entzifferung. 

' Aufgegeben in London i^^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 

3*° nachm.; Eingangsvermerk: 23. Juli nachm. Am 24. Juli S'* nachm. 

von Jagow durch Erlaß dem Botschafter in Wien mitgeteilt. 



Nr. 125 

Der Reichskanzler an den Gesandten 
im kaiserlichen Gefolge^ 

Telegramm 89 Berlin, den 23. Juli 1914^* 

österreichisch-ungarische Note soll heute nachmittag bzw. 
abend in Belgrad übergeben, morgen früh in Wien publiziert 
werden. Ultimatum würde somit den 25., abends, ablaufen. Unsere 
Haltung wird zunächst sein, daß es sich um eine Auseinandersetzung 

* Nach dem von Jagow niedergeschriebenen und gezeichneten Konzept. 
Telegramm wurde im Namen des Kanzlers von Jagow abgesandt. 

* Aufgegeben in Berlin 3^" nachm., angekommen in Baiholm 9^" nachm. 
Die jetzt bei den Akten befindliche Entzifferung des Hoflagers trügt den 
Vermerk von Wedels Hand: »S. M. entspr. Vortrag gehalten. Baiholm, 
23. 7. 14.« Text des Telegramms an Wedel wurde Reichskanzler von 
Jagow telegraphisch nach Hohenfinow mitgeteilt, Telegramm 23. Juli 
3" nachm. zum Hapttelegraphenamt. 

' Siehe Nr. iii, 115, 116. 



146 

handle, welche nur Österreich und Serbien etwas angeht. Erst 
Eingreifen anderer Macht würde uns in Konflikt einbeziehen. Daß 
dies sofort geschieht, namentlich, daß England sich gleich 
zum Eingreifen entschließt, ist nicht anzunehmen. Schon die Reise 
des Präsidenten Poincare, der heute abend Kronstadt verläßt, den 
25. Stockholm, den 27. Kopenhagen, den 29. Kristiania besucht und 
den 31. Dunkerque eintrifft, dürfte alle Entschlüsse verzögern*. 

Englische Flotte soll nach Mitteilung des Admiralstabes den 
27. auseinandergehen und Heimatshäfen aufsuchen. Etwaige vor- 
zeitige Rückberufung unserer Flotte könnte allgemeine Beunruhi- 
gung hervorrufen und namentlich in England als verdächtig er- 
achtet werden, 

Bitte nach Rücksprache mit Admiral von Müller Sr. M. in 
diesem Sinne Vortrag zu halten. Bemerke hierzu, daß Admiralstab 
folgendes Gutachten abgibt: 

»Wenn mit der Möglichkeit einer unmittelbar bevorstehenden 
Kriegserklärung Englands gerechnet werden muß, so ist vom mili- 
tärischen Standpunkt aus auch mit Sicherheit mit einem Überfall 
unserer Flotte durch die englische Flotte zu rechnen. Unsere Flotte 
darf bei ihrer^ numerischen Unterlegenheit dieser Möglichkeit 
keinenfalls ausgesetzt werden. Sobald mit der Möglichkeit des 
Ausbruchs eines Krieges mit England innerhalb von jeweilig 
6 Tagen zu rechnen ist, muß daher die Flotte zurückgerufen 
werden«. B e t h m a n n H o 1 1 w e g 

* Siehe Nr. 50, 93, 96, 108, 112. 

* Das in Behnckes Bericht auf »ihrer« folgende Wort »großen« von Jagow 
hier fortgelassen, siehe Nr. in. 



Nr. 126 

Dar Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in London ^ 

Telegramm 167 Berlin, den 23. Juli 1914 ^ 3 

Die österreichischen Forderungen sind uns nicht bekannt*. 
Wir betrachten die Regelung des österreichisch -serbischen 
Zwischenfalls als eine ausschließhch zwischen den beiden Beteiligten 

^ Nach dem Konzept. Entwurf von Stamms Hand mit Änderungen 
Jagows. Das Telegramm ging gleichzeitig, gekürzt um den ersten Satz 
»Die bekannt«, auch an den Botschafter in Paris. 

2 Telegramm, wie auch das an den Botschafter in Paris, 4^ nachm. zum 
Haupttelegraphenamt. 

3 Siehe Nr. u«. 

* Satz »Die bekannt« von Jagow im Stummschen Entwurf 

beigefügt. 



H7 

zum Austrag zu bringende interne^ Angelegenheit, auf die uns keinerlei 
Einwirkung zusteht, und haben daher auch keinerlei Einfluß auf die 
Entschließungen des Wiener Kabinetts ausgeübt. 

Ew. Durchl. wollen daher auch Ausführung des gestern abend 
dorthin abgegangenen Erlasses^ erst vornehmen, nachdem der Wort- 
laut der österreichischen Note an die serbische Regierung durch die 
Presse bekannt geworden ist. Anderenfalls könnte der Eindruck 
dort entstehen, als ob uns derselbe vorher bekannt gewesen wäre. 

J ago w 



* »interne« von Jagow im Stummschen Entwurf beigefügt. 
^ Siehe Nr. loo. 



Nr. 127 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt^ 



Telegramm 96 Wien, den 23. Juli 1914^ 

Information. I 
5 zu verschieben 

Tschirsch ky 



K. u. k. Regierung dankt wärmstens für Information. Baron 
Giesl ist angewiesen, Übergabe lun eine Stunde zu verschieben ^. 



«_i Nach der Entzifferung. 

'^ Aufgegeben in Wien i^*' nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 

4" nachm. Eingangsvermerk: 23. Juli nachm. 
^ Siehe Nr. 1 12 



Nr. 128 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler ^ 

Geheim! Wien, den 22. Juli 191423 

Habe heute mit Graf Forgäch Notwendigkeit Einwirkung auf 
fremde Presse eingehend besprochen. Was Italien anlange, so hat 
Herr von Merey Vollmacht, jede Summe, die ihm erforderhch 
erscheinen sollte, zu verwenden. Botschafter vertritt bisl;erigen 
Standpunkt, daß es äußerst gefährlich sein würde, jetzt plötzlich 



^ Nach der Entzifferung. 

^ Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 23. Juli nachm. Abs. i »Habe 

machen« am 25. Juli nachm. durch Erlaß dem Botschafter in 

Rom »zur Information« mitgeteilt. 
^ Siehe Nr. 97. 



148 

mit großen Mitteln an italienische Presse heranzutreten. Dies würde, 
wie er glaubt, dort Mißtrauen erwecken und womöglich gegenteihgen 
Effekt haben. Er ist aber nochmals angewiesen worden, Versuche 
zur Einwirkung auf dortige Presse zu machen und jedenfalls nach 
erfolgtem Schritt in Belgrad alles, und mit allen Mitteln, daran zu 
setzen, daß die leitenden Zeitungen die hier gewünschte neutrale 
Stellung der itahenischen Regierung nicht unmöglich machen. 

Graf Czernm in Bukarest hat gleichfalls iilimitierte Summen 
zur Verfügung. Er soll es insbesondere versuchen, den »Adeverul« 
zu kaufen. 

Auch Graf Szäpäry hat gleiche Vollmacht. Er hat aber wenig 
Fühlung mit dortiger Presse, und es würde hier mit besonderem 
Dank erkannt werden, wenn Graf v. Pourtales ihm bei Ausfindig- 
machung von Mittelsleuten an die Hand gehen könnte ^. 

In England sei mit Geld nichts zu machen, dort müsse man 
versuchen, durch sachliche Erörterungen zu wiiken. Graf Mensdorff 
habe auch schon mit Mr. Steed von Times Fühlung genommen, 
der aber leider, nach Momenten besserer Einsicht wieder in seine 
Austrophobie verfallen zu sein scheine. In nächster Zeit würden 
aber von Professor Lammasch, Professor Redlich und Graf v. Lützow 
Artikel in den englischen Zeitungen erscheinen. 

Auf die französische Presse mit Geld einzuwirken, halte man 
hier für aussichtslos. 

Einwirkung auf hiesige Presse, um nach Demarche die nationalen 
Gefühle der eigenen Serben zu schonen, habe ich Graf Forgäch warm 
ans Herz gelegt. Er wird alles mögliche in dieser Richtung tun 
imd ist der tatkräftigen Mitwirkung des Grafen Tisza in dieser Be- 
ziehung sicher. ' ^on Tschirschky 

* Siehe Nr. 143. 

Nr. 129 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 147 London, den 23. Juh 1914^ 

Der ehemalige rumänische Minister Take Jonescu, der augen- 
blicklich hier weilt und mir von meiner Bukarester Zeit her bekannt 
ist, erzählte mir, Herr Sasonow habe dem König Karl bei seinem 
kürzhchen Besuch die bündigsten Erklärungen hinsichtlich der 
russischen Friedensliebe abgegeben. Auch habe der russische Minister 
sich jeder Anregung hinsichtlich eines engeren Einvernehmens mit 

^ Nach der Entzifferung. 

ä Aufgegeben in London 1^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
4*" nachm.; Eingangsvermerk: 23. Juli nachm. 



149 

Rumänien enthalten. Herr Sasonow habe aber in bestimmter Form 
erklärt, daß Rußland einen Angriff Österreichs auf Serbien nicht 
dulden könne. Herr Take Jonescu meint, daß Rußland, falls Öster- 
reich serbisches Gebiet betrete, sich genötigt sehen weide, selbst 
auf die Gefahr einer Niederlage hin, militärisch einzugreifen. Aus 
Äußerungen des kürzlich, und zwar vor dem Attentat in Sarajevo 
in Bukaiest gewesenen Botschafters Markgrafen Pallavicini will der 
rumäniscle Staatsmann entnommen haben, daß Österreich schon 
vor der Ermordung den Krieg gewünscht und auf eine passende 
Gelegenheit gewartet habe, um seine durch die Politik des Grafen 
Berchtold verlorengegangene Stellung auf dem Balkan wiederlier- 
zustellen. Auch er betrachtet die Lage als überaus ernst und gab 
mir zu verstehen, daß Rumänien bei einem neuen Balkankriege 
nicht gleichgültig bleiben könne und den Bukarester Frieden erhalten 
wissen wolle. 

Das Verhältnis zu Österreich bezeichnete Herr Take Jonescu 
als schlecht, der russische Besuch sei dem König CaroP daher unge- 
legen gekommen, er habe ihn aber nicht abweisen können. 

Noch vor 14 Tagen sei Rumänien bereit gewesen, eine größere 
Truppenmacht nach Albanien zu senden, falls jede der Großmächte 
auch nur 100 Mann hinschicken wollte. Ob diese Bereitwilligkeit 
heute noch bestehe, könne er mir nicht sagen. Er glaube nicht, 
daß die aufständische Bewegung in Albanien von serbischer oder 
griechischer Seite genährt werde, sie sei vielmehr von den Jungtürken 
ausgegangen, die glaubten, daß bei neuen Verwicklungen wieder 
etwas für sie abfallen könne. Serbien wisse genau, daß man es 
nicht nach Nordalbanien lassen werde, und ihm sei der Fürst Wilhelm 
lieber wie eine österreichisch-itahenische Besetzung. 

Lichnowsky 

' Entzifferung schreibt zuerst »Karl«, dann »Carol«. 



Nr. 130 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 146 St. Petersburg, den 23. JuU 1914^ 

Die kühle Aufnahme, die Präsident Poincare 
bei seinem hiesigen Besuche gefunden hat, fällt all- 
gemein auf. Die große Teilnahmslosigkeit des 

^ Nach der Entzifferung. 

' Aufgcf^eben in Petersburg 2" nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
5''» nachm.; Eingangsvermerk: 23. Juli nachm. Am 23. Juli von Jagow 
telegraphisch dem Kaiser mitgeteilt, aufgenommen in Berlin 23. Juli 
i !•'* nachm., angekommen im Hoflager 24. Juli 7" vorm.; Entzifferung des 
Hoflagers vom Kaiser am 24. Juli zurückgegeben, am 27. Juli ins Amt 
zurückgelangt. 



150 



Publikums ist wohl teilweise auf die Arbeiterstreiks 
zurückzuführen, die in letzten Tagen große Aus- 
delinung genommen haben. Über die Hälfte hiesiger 
Arbeiter haben Arbeit niedergelegt. Eine Anzahl 
bravo! Zeitungen konnte wegen Buchdruckerstreik während 

Besuchs Poincares nicht erscheinen. Dabei ist es zu 
bedenklichen Ausschreitungen gekommen, bei denen 
Polizei und Kosaken einschreiten mußten. Heute 
nacht fand auf Wyborger Seite, wo Arbeitet Barri- 
kaden errichtet hatten, ernster Zusammenstoß statt, 
bei welchem es, wie offiziell zugegeben wird, 5 Tote 
und 8 Verwundete gab. 

Es wird, wie ich höre, beabsichtigt, gleich nach 
Abreise Poincares gegen Arbeiter schärfer vorzugehen. 

Außer in Petersburg finden gegenwärtig auch in 
anderen größeren Städten Rußlands Streiks statt. 
Sie verdienen als Symptom der in russischen Arbeiter- 
kreisen herrschenden erbitterten Stimmung ernste 
Beobachtung, wenn ihnen auch vorläufig größere 
Tragweite nicht zuzusprechen ist. Im Falle äußerer 
ja Verxuickhmg kö?inten sie immerhin für Regierung 

schwierige Lage schafJen. 

Pour t ales 



Nr. 131 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 97 Wien, den 23. Juli 1914^ 

Graf Szäpary meldet, Präsident Poincare habe ihm gegenüber 
bei neulichem Diplomatenempfang nachdrücklich darauf hinge- 
wiesen, daß Serbien Freunde habe, die es nicht im Stiche lassen 
würden. Diese Sprache sei, wie man mir hier sagt, nicht im Ein- 
klang mit Haltung Herrn Sasonows, der sich sehr ruhig und zu- 
rückhaltend über serbische Angelegenheit ausgesprochen habe. 

Herr Dumaine war gestern im Ministerium. Er hat in den 
düstersten Farben die Gefahren eines Krieges mit Serbien geschil- 
dert, der ein Guerillakrieg von unabsehbarer Dauer werden müsse. 
Dabei hat der französische Botschafter aber betont, Rußland werde 



^ Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Wien i^° nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
5^" nachm. Eingangsvermerk: 23. Juli nachm. Am 24. Juli von Jagow 
telegraphisch dem Botschafter in Rom mitgeteilt, Telegramm 6** nachm. 
zum Haupttelegraphenamt. 



Serbien selbstverständlich seine moralische Unterstützung 
zuteil werden lassen. 

Herr Schebeko ist auf Urlaub abgereist. Bei seinem Ab- 
schiedsbesuch bei Graf Berchtold hat er serbische Angelegenheit 
nicht berührt. 

In heutigen Morgenblättern telegraphisch avisierter Artikel 
der Westminster Gazette, der von Aufrüttelung des slawischen 
Sentiments Rußlands und von »Attackierung eines orthodoxen 
Slawenstaates« seitens der Monarchie spricht, hat hier unangenehm 
berührt. 

• Man ist hier fest entschlossen, sich durch alle Einschüchte- 
rungsversuche nicht irre machen zu lassen. 

Tschirschky 



Nr. 132 

Der Kronprinz an den Reichskanzler* 

Telegramm (ohne Nummer) Zoppot, 23. Juli 1914^' 

Der Inhalt des Telegramms, welches Ew. Exzellenz in der be- 
wußten Angelegenheit an S. M. gesandt haben, hat mich sehr interessiert. 

Wilhelm 



^ Nach einer in der Reichskanzlei gefertigten Abschrift. 

^ Abgesandt Zoppot 23. Juli. Stunde des Abgangs in Zoppot und Zeit des 

Eingangs in Hohenfinow nicht bekannt. 
' Siehe Nr. 84, 105 und 133. 



Nr. 133 

Der Gesandte im kaiserlichen Gefolge an den Reichskanzler* 

Balholm, den 23. Juh 1914 - ^ 

Ew. Exz. beehre ich mich im Anschluß an meinen gehorsamsten 
Bericht vom 21. d. M. zu melden, daß soeben folgendes Telegramm 
bei Sr. M. dem Kaiser und Könige eingegcuigen ist: »Befehle werden 
ausgeführt. Wilhelm Kronprinz.« 

Graf G. Wedel 

^ Nach einer Abschrift der bei den Akten der Reichskanzlei betindlichen 

Ausfertigung. 
^ Abgesandt Balholm 23. Juli. Zeit des Eingangs in Hohenfinow nicht bekannt 
* Siehe Nr. 84, 105 und 132. 



»52 



Nr. 134 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 147 St. Petersburg, den 23. Juli 1914'' 

Graf Szäpäry erzählt mir, daß bei dem Empfang des diplo- 
matischen Korps durch Präsidenten der französischen Republik 
Herr Poincare ihn auf die österreichisch-serbische Spannung ange- 
redet habe. Präsident habe dabei eine Sprache geführt, die in An- 
betracht des Umstandes, daß er sich an einen Diplomaten in einem 
Lande, in dem er selbst Gast war, wandte, Befremden erregen 
mußte. Graf Szäpäry hat daher den Ausführungen des Präsi- 
denten gegenüber kühle Zurückhaltung beobachtet. Poincare hat 
unter Aufwand großer Beredsamkeit Botschafter gegenüber Stand- 
punkt vertreten, daß es nicht angängig sei, eine Regierung für Ver- 
brechen einzelner verantwortlich zu machen. Präsident hat ferner 
bemerkt, er wolle zwar nicht insinuieren, daß Österreich-Ungarn 
nach einem Vorwand suche, um über Serbien herzufallen, er hoffe 
aber, daß Österreich nicht zu schroff gegen diesen Nachbar, »der 
auch Freunde habe«, vorgehen werde. Poincare hat auch taktlose 
Anspielung auf negatives Ergebnis des Prohaskaprozesses ge- 
macht, was Graf Szäpäry zu der Erwiderung veranlaßt hat, daß 
Präsident über die fraglichen Vorgänge nicht unterrichtet scheine. 
Mein österreichisch-ungarischer Kollege glaubt, daß Herr Poincare 
hier zu Konflikt gegen Dreibund hetzt; ich möchte vielmehr an- 
nehmen, daß Äußerungen des Präsidenten auf Anstiften des Herrn 
Sasonow erfolgt sind, der es mit Politik des Bluffs versuchen 
möchte. Jedenfalls hat sich Herr Poincare österreichisch-un- 
garischem Botschafter gegenüber genau derselben Argumente be- 
dient, die Herr Sasonow mir gegenüber in letzten Unterredungen 
gebraucht hat. 

Pourtales 



^ Nach der Entziflerung. 

• Aufgegeben in Petersburg, 23. Juli 5' nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt iqI" nachm.; Eingangsvermerk: 24. Juli vorm. Am 24. Juli 
4" nachm. von Jagow, nach Vornahme einiger stilistischer Änderungen, 
den Botschaftern in Wien, Rom und Paris mitgeteilt. 



153 

Nr. 135 

Der Geschäftsträger in Bukarest an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 41 Bukarest, den 23. Juli 1914^ 

Geheim ! 

Vom Minister der auswärtigen Angelegenheiten, mit dem ich 
von Sinaia hierher reiste, erfahre ich vertraulich, italienischer 
Gesandter habe heute Audienz bei Sr. M. dem König. Italiens Auf- 
fassung gehe nach Baron Fasciotti dahin, daß Österreich Serbien 
unannehmbare Forderungen stellen werde, um nach Ablehnung der- 
selben zum Krieg übergehen zu können. Italienische Regierung 
wünscht, Rumänien möge in Wien vorstellig werden, um zu er- 
reichen, daß österreichische Forderungen für Serbien annehmbar 
gemacht würden. Rumänische Regierung ist, wie Herr Porumbaro 
mir sagte, schon in Belgrad vorstellig geworden und hat eindring- 
lichst zur Nachgiebigkeit Österreich-Ungarn gegenüber gemahnt. 

Waldburg 

* Nach der Entzifferung. 

' Aufgegeben in Bukarest 23. Juli y'^ nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 24. Juli 1'* vorm.; Eingangsvermerk: 24. Juli vorm. Am 24. Juli 
nachmittags von Jagow telegraphisch, nach Vornahme kleiner Änderungen, 
dem Botschafter in Rom mitgeteilt. 

Nr. 136 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 19 Fiuggi Fönte, den 24. Juli 1914^ 

Für erkrankten österreichischen Botschafter hat Botschaftsrat 
hier heute mitgeteilt, daß Note Belgrad übergeben sei und daß sie 
außer Forderung der Unterdrückung panserbischer Bestrebungen 
Frist von 48 Stunden enthalte. Einzelheiten sind nicht mitgeteilt. 
Marquis di San Giuliano hat geantwortet, daß er auf eine so wenig 
eingehende Mitteilung sich nicht äußern könne'. 



^ Nach der Entzifferung. 

' Aufgegeben in Fiuggi Fönte 7^° vorm., angekommen im Ausvv'ärtigen Amt 
10^' vorm.; Eingangsvermerk: 24. Juli nachm. Am 24. Juli von Jagow 
telegraphisch dem Botschafter in Wien mitgeteilt, mit folgendem Zusatz 
Jagows: »Das Wiener Kabinett hat demnach die Ew^. Exz. gemachte Zu- 
sage nicht innegehalten« (nach dem Konzept von Jagows Hand]; Tele- 
gramm an Tschirschky 6*^ nachm. zum Haupttelegraphenamt. Siehe 
Nr. 187. 

' Siehe Nr. 145 



154 

Mir sagte Minister, er fürchte schlechten Eindruck der Frist- 
bestimmung und habe noch in der Nacht durch Ministerpräsidenten 
alle Präfekten anweisen lassen, antiösterreichische Demonstrationen 
zu unterdrücken und Anwerbung etwaiger Freiwilliger zum 
Kampfe für Serbien zu verhindern. Er findet es gegen Geist des 
Dreibunds, in solche Aktion einzutreten, ohne Verbündeten vorher 
zu befragen. 

F 1 o t o w 



Nr. 137 

Der Gesandte in Belgrad an den Reichskanzler* 

Belgrad, den 21. Juli 1914^ 

Die Erregung in der hiesigen Bevölkerung hält an, da man 
noch immer nicht weiß, welche Schritte die österreichisch-unga- 
rische Regierung in der Attentatsaffäre gegen Serbien unternehmen 
wird. Vorläufig hat sich diese nervöse Stimmung in heftigen An- 
griffen der serbischen Presse gegen Baron von Giesl entladen. In 
unqualifizierbarer Weise wird der Gesandte beschuldigt, die am 
12. d. M. in der hiesigen österreichisch-ungarischen Kolonie aus- 
gebrochene Panik selbst heraufbeschworen zu haben, um Serbien 
vor Europa zu kompromittieren. Das mindeste, was diese Presse 
als Genugtuung verlangt, ist sofortige Abberufung, da Baron Giesl 
für Serbien noch gefährlicher sei als der »jesuitische« Graf Forgäch. 
Zum Belege betuft man sich auf ein angebliches Interview, das 
Baron Giesl einem Mitarbeiter des Budapester Blattes »A Nap« 
gewährt haben soll und worin er erklärt, daß alle Vorbereitungen 
zum Massacre der österreichisch-ungarischen Kolonie und zur Zer- 
störung des Gesandtschaftsgebäudes tatsächlich getroffen waren und 
es nur seinem energischen Einschreiten zu verdanken sei, daß die 
Ausführung des höllischen Planes unterblieb. 

Einen besonderen Eindruck hat hier die Haltung der reichs- 
deutschen Presse gemacht durch ihre warme Unterstützung Öster- 
reich-Ungarns und die einmütige Forderung von serbischerseits zu 
gewährenden Garantien gegen die Gefahren der großserbischen 
Agitation. Man scheint in dieser Hinsicht etwas ähnliches wie bei 
den österreichischen Revisionsbestrebungen des Bukarester Ver- 
trages von Deutschland erwartet zu haben und sieht sich nun unan- 
genehm enttäuscht. 

Angesichts der allgemeinen Entrüstung, die sich in der Presse 
aller Kulturnationen kundgibt und insbesondere im Hinblick auf 



1 Nach der Ausfertigung. 

* Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 24. Juli vorm. 



155 

die deutliche und ernste Sprache, welche die englische Presse neuer- 
dings führt, wird Herr Paschitsch es auf keinen Konflikt mit der 
Nachbarmcnarchie ankommen lassen und zu allen Versprechungen 
bereit sein. Seine Stellung ist allerdings wegen der bevorstehenden 
Wahlen und der im Lande entfesselten Agitation eine äußerst 
schwierige. Jedes Entgegenkommen gegenüber der Nachbar- 
monarchie wird ihm von der vereinigten Opposition als Schwäche 
ausgelegt. Dazu kommt, daß die in ihrem Größenwahn und Chau- 
vinismus verblendeten Militärkreise ihn zu Schrofifheiten nötigen, 
die seiner konzilianten Natur sonst ganz entgegengesetzt sind. 
Darauf möchte ich auch das dem Berichterstatter der »Leipziger 
Neuesten Nachrichten« gewährte Interview zurückführen, das nur 
aus innerpolitischen Motiven erklärlich ist. Es soll mittlerweile 
zwar dementiert worden sein, hat aber tatsächlich, wie ich aus 
sicherer Quelle weiß, stattgefunden. 

Je länger Österreich-Ungarn zum Abschluß der Unter- 
suchung über das Attentat in Sarajevo braucht, je länger es 
zögert, mit positiven Forderungen an Serbien heranzutreten, desto 
mehr werden sich die beiderseitigen Beziehungen durch die uner- 
müdliche Preßhetze und die vor nichts zurückschreckende Wahl- 
agitation im Innern des Landes vergiften und desto schwerer wird 
es Herrn Paschitsch werden, sich zu behaupten. 

v. Griesinger 

Nr. 138 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler^ 

Geheim! Wien, den 22. Juli igi4' 

Baron Macchio bittet mich, nachstehendes Ew. Exz. zu 
unterbreiten: 

Nach den Haager Beschlüssen würde die Monarchie gehalten 
sein, evtl. an Serbien eine förmliche Kriegserklärung zu richten. 
Diese Kriegserklärung würde nach vollendeter Mobilmachung, un- 
mittelbar vor dem Beginn der militärischen Operationen, zu 
erfolgen haben. Nachdem der k. u. k. Vertreter in Serbien Be- 
fehl erhalten hat, bei ungenügender Beantwortung der Note mit 
dem gesamten Personal sofort Belgrad zu verlassen, würde die 
Monarchie später, zur Zeit der Kriegserklärung, kein offizielles 
Organ haben, um diese in einwandfreier und sicherer Weise zur 
Kenntnis der sei bischen Regierung zu bringen. Man müßte auch 



^ Nach der Ausfertigung. 
^ Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 24. Juli vorm. 



156 

damit rechnen, daß zu dieser Zeit die telegraphische Verbindung 
zwischen Österreich-Ungarn und Serbien unterbrochen sein 
könnte; auch eine Beförderung durch die Post sei unsicher, und 
der richtige Empfang der Kriegserklärung könnte serbischerseits 
bestritten werden. Desgleichen würde sich die Übergabe der 
Kriegserklärung in Belgrad durch einen besonders zu entsendenden 
Beamten kaum ermöglichen lassen, da die Serben einen solchen 
kaum über die Grenze lassen würden und die Sendung eines »Par- 
lamentärs« vor der eigentlichen Kriegserklärung völkerrechtlich 
nicht statthaft ist. 

Die k. u. k. Regierung fragt deshalb bei Ew. Exz. an, ob die 
k. Regierung es eventuell übernehmen würde, die von Graf Berch- 
told unterfertigte Kriegserklärung von Berlin aus durch den deut- 
schen Gesandten der serbischen Regierung zu übermitteln. Sollte 
die k. Regierung jedoch Bedenken tragen, diese Übermittelung zu 
übernehmen, so müßte irgendein anderer sicherer Weg ausfindig ge- 
macht werden'. 

von Tschirschky 

ä Siehe Nr. 142. 



Nr. 139 

Der Gesandte in Belgrad an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 30 Belgrad, den 24. Juli 19 14^ 

Der österreichische Gesandte hat gestern abend 6 Uhr dem 
Finanzminister Patschu, der den auf Wahlreisen abwesenden 
Ministerpräsidenten Paschitsch vertritt, die Note wegen des Atten- 
tats in Sarajevo übergeben. Sie ist mit 48 Stunden befristet. Der 
Finanzminister nahm die Note, ohne sie zu lesen, entgegen und 
versprach, den Ministerrat heute zusammenzuberufen. Die heutige 
Morgenpresse bezeichnet die Note als sehr scharf und rät der Re- 
gierung zu ablehnender Haltung. 

Griesinger 



* Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Belgrad 12" mittags, angekommen im Auswärtigen Amt 
i3» nachm. Eingangsvermerk: 24. Juli nachm. Am 24. Juli von Jagow 
telegraphisch dem Kaiser mitgeteilt, unter Fortlassung der Worte »wegen 
Sarajevo« und »Sie ist befristet«; Telegramm aufge- 
geben in Berlin -j'^ nachm., angekommen im Hoflager 10=» nachm. Ent- 
zifferung lag noch am gleichen Tage dem Kaiser vor. 



157 



Nr. 140 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in London^ 

Telegramm 168 Berlin, den 24. Juli 1914- ' 

S. M. der Kaiser haben zu Ew. Durchl. Telegramm Nr. 145 zu 

»Ich begegne hierbei der Erwartung Frieden von 

Bukarest"^ 

zu bemerken geruht: 

"Wie käme ich dazu! Ehre zu machen«*. 

Zu meiner Meldung, Ew. Durchl. erhielten Instruktion, wir 
betrachteten Angelegenheit als interne Frage Österreich-Ungarns, 
auf die uns Einwirkung nicht zustünde, haben S. M. bemerkt: 
»richtig! abgewiesen haben will«*. 

Ew. Durchl. werden in Ihren Unterredungen mit Sir E. Grey 
noch darauf hinweisen können, daß die dauernden Beunruhigungen, 
denen Österreich-Ungarn nun schon seit Jahren an seiner Ost- 
grenze ausgesetzt sei, schon wegen der Ungeheuern damit ver- 
knüpften finanziellen Lasten einen Zustand schufen, den auf die 
Dauer von einem kleinen Staate wie Serbien zu ertragen niemand 
einer Großmacht zumuten könne. Diese Verhältnisse seien eine 
direkte Folge der Ermutigung, die Serbien stets bei Rußland, ins- 
besondere bei dessen jüngst verstorbenem Vertreter, gefunden 
habe®. 

Jago w 



' Nach dem Konzept. Entwurt von Stumms Hand. 
'■* i""* nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
^ Siehe Nr. 1 18 und 121. 

* Hier ist die Randbemerkung des Kaisers (Nr. 121J eingefügt; nur ist stan 
»geduckt« das Wort »gestraft« gewählt und statt »dem Kaiser« »dem 
Kaiser Franz Joseph« gesagt. 

* Hier ist die Randbemerkung des Kaisers (Nr. 121), unter Fortlassung des 
Satzes »Serbien ist gefaßt werden muß«, eingefügt. 

* Siehe Nr. 163 

Aktenstücke!. i? 



158 

Nr. 141 

Der Gesandte im kaiserlichen Gefolge an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 128 Baiestrand (»Hohenzollern«), den 24. Juli 1914' 

S. M, der Kaiser und König hält zwar die Ausführungen des 
Frhn. von Wangenheim theoretisch für richtig, ist aber der An- 
sicht, daß im gegenwärtigen Augenblick aus Opportunitätsgründen 
die Geneigtheit der Türkei zu Dreibundanschluß benutzt werden 
muß». 

Wenn daher Stambul absolut Bündnis schließen wolle »unter 
Patronage des Dreibunds oder einer Macht desselben«, so solle es 
doch richtig versuchen, Rumänien und Bulgarien zusammenzu- 
kriegen und sich Österreich zur Verfügung stellen. In diesem 
Sinne soll Wangenheim in Konstantinopel einwirken'. 

Wedel 

^ Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Baiestrand (»Hohenzollern«) 11^ vorm., angekommen im 
Auswärtigen Amt i^** nachm.; Eingangsvermerk: 24. Juli nachm. 

3 Siehe Nr. 117, 144 und 149, Anm. 2. 

Nr. 142 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien ^ 

Telegramm 134 Berlin, den 24. Juli 1914^' 

Es wäre uns erwünscht, wenn Kriegserklärung an Serbien auf 
direktem Wege und nicht durch unsere Gesandtschaft erfolgte. 
Unser Standpunkt muß sein, daß Auseinandersetzung mit Serbien 
interne österreichisch-ungarische Angelegenheit sei, in die uns ebenso- 
wenig wie anderen eine Einmischung zustände, daß wir deshalb 
daher für Lokalisierung des Konflikts eintreten. Erst wenn Ruß- 
land sich einmischen sollte, würden wir in Konflikt hineinbezogen. 
Kriegserklärung durch unsere Gesandtschaft würde aber in der 
Öffentlichkeit, namentlich bei dem mit diplomatischen Gebräuchen 
nicht vertrauten Publikum, Anschein erwecken, als hätten wir 
Österreich-Ungarn in den Krieg gehetzt*. 

J a g o w 

^ Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

- 2' nachm. zum Haupttelegraphenamt, auf der Botschaft in Wien 6'^ nachm. 

angekommen. 
' Siäie Nr. 138 

* Siehe Nr. 206. 



159 

Nr. 143 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter in 

Petersburg ^ 

Telegramm 120 Berlin, den 24. Juli 1914* 

Auf Wunsch österreichisch -ungarischer Regierung^ bitte ich, 
Graf Szäpary bei Auffindung von Mittelsleuten behufs finanzieller 
Einwirkung auf dortige Presse behilflich zu sein. 



Jagow 



' Nach dem Konzept. Entwurf von Stumms Hand. 
a ^ss nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
3 Siehe Nr. 128. 



Nr. 144 



Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter in 

Konstantinopel ^ 

Telegramm 268 Berlin, den 24. Juli 1914^ 

Gesandter Graf Wedel telegraphiert, daß S. M. trotz bestehender 
Zweifel über die Bündnisfähigkeit der Türkei der Ansicht sei ^, daß 
im gegenwältigen Augenblick aus Opportunitätsgründen die Geneigt- 
heit der Türkei zum Dreibund -Anschluß benutzt werden könne. 

Wenn daher Stambul absolut Bündnis schließen wolle »unter 
Patronage des Dreibimds oder einer Macht desselben«, so solle es 
doch richtig versuchen, Rumänien und Bulgarien zusammen zukriegen 
und sich Österreich zur Verfügung stellen. 

In diesem Sinne sollten Ew. Exz. in Konstantinopel einwirken. 
Bemerke hierzu, daß es sich zunächst um Bündnis ad hoc handeln 
würde imd wir natürlich, wie auch Ew. Exz. ausgeführt haben, jetzt 
weitgehende Verpflichtungen nicht übernehmen könnten. 



Jagow 



^ Nach dem Konzept von Jagows Hand. 
^ 6*" nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
' Siehe Nr. 117 und Nr 141. 



i6o 

Nr. 145 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Rom^ 

Telegramm 126 Berlin, den 24. Juli 1914 ^ ^ 

Anheimstelle, Marquis di San Giuliano zu sagen, daß auch wir 
über österreichische Note nicht näher informiert worden sind und 
dies auch nicht sein wollten, weil wir Angelegenheit als interne 
österreichisch-ungarische betrachten. Auch Italien hat seine Bundes- 
genossen bei Anfang des hbyschen Krieges nicht informiert, sondern 
vor fait accompli gestellt. Taeow 



^ Nach dem Konzept von v. Jagows Hand. 
■'' 6*^ nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
ä Siehe Nr. 136. 



Nr. 146 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 99 Wien, den 24. Juli 1914 ^ 

Dem König von Montenegro ist von hier aus gesagt worden, 
Österreichs Vorgehen gegen Serbien richte sich in keiner Weise 
gegen Montenegro. Man sei im Gegenteil davon durchdrungen, daß 
die poHtische Haltung Montenegros gegenüber der Monarchie nicht 
auf eine Reihe mit der Serbiens zu stellen sei. Montenegro habe 
zweifellos gleiches Interesse wie die Monarchie, daß den politischen 
Intrigen und Verschwörungen in Belgrad Einhalt getan werde, und 
man appelliere an seine, des Königs, oft bewährte Weisheit. Der 
König hat die hiesigen Eröffnungen sehr gut aufgenommen und 
Hoffnung ausgesprochen, es werde eine neue Ära guter Beziehungen 
mit der Monarchie anbrechen. 

Man glaubt hier mihtärischerseits jedenfalls nicht mit Monte- 
negro werden rechnen zu müssen. Tschirschkv 



1 Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Wien 5^" nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 7^ 
nachm. Eingangsvermerk: 24. Juli nachm. Am 25. Juli von Jagow nach 
Vornahme kleiner stilistischer Änderungen telegraphisch dem Kaiser und 
dem Botschafter in Rom mitgeteüt, beide Telegramme am 25. Juli ii*" 
vorm. zum Haupttelegraphenamt, Entzifferung des Hoflagers lag noch 
am 25. JuU abends dem Kaiser vor. Durch Erlaß vom ^5. Juli wurde 
Tschirschkys Telegramm im vollen Wortlaut dem Gesandten in Getinje 
mitgeteilt. 



i6i 

Nr. 147 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 365 Pera, den 24. Juli 191423 

Bulgarische Regierung hat auf die türkische Anfrage geant- 
wortet, daß im Falle eines österreichisch-serbischen Konflikts Bul- 
garien nicht eingreifen würde, ohne sich vorher mit der Türkei ver- 
ständigt zu haben. ,,. , . 
=* vVangenheim 

1 Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Pera 2-' nachm., angekommen im Auswärtigen Amt j*" 
nachm. Eingangsvermerk: 24. Juli nachm. Am 25. Juli von Jagow tele- 
graphisch, nach Vornahme kleiner stilistischer Änderungen, dem Kaiser 
mitgeteilt, Telegramm aufgegeben in Berlin 12*'' nachm., angekommen im 
Hoflager lo-* nachm., Entzifferung des Hoflagers lag noch am gleichen 
Tage dem Kaiser vor. Wangenheims Telegramm am 25. Juli telegraphisch 
auch den Vertretungen in Wien und Sofia mitgeteilt, 4^ nachm. zum 
Haupttelegraphenamt. 

^ Siehe Nr. 102. 

Nr. 148 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 148 Petersburg, den 24. Juh 1914 2 

Graf Szapäry hat heute bei Mitteilung der gestern 
in Belgrad übergebenen österreichischen Note Herrn 
Maske! Sasonow verhältnismäßig ruhig gefunden. Minister 

hat zunächst offenbar vermeiden wollen, russische 
Regierung nach irgendeiner Richtimg festzulegen. 
Herr Sasonow hat hauptsächhch auf Eindruck hin- 
gewiesen, den Note nicht nur hier, sondern auch 
Paris, London sowie sonst in Eiuopa machen werde. 
Bei Besprechimg einzelner Punkte der Note hat 
Minister Serbiens Standpunkt verteidigt und u. a. 

' Nach der EntziflTerung. 

" Aufgegeben in Petersburg ö'" nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 8^" nachm. Eingangsvermerk: 24. Juli vorm. ^so irrig statt »nachm.»). 
Von Jagow telegraphisch dem Kaiser mitgeteilt, unter Fortlassung des 

Satzes "Der Hinw^eis nichts zu tun«; Jagows Telegramm, 

datiert vom 24. Juli, in Berlin aufgegeben 25. Juli 12*2 vorm., angekommen 
im Hoflager 25. JuU 9=* vorm. Entzifferung des Hoflagers am 27. Juli in 
Berlin eingetroffen. Pourtales' Telegramm von Jagow telegraphisch 
auch dem Botschafter in London mitgeteilt, unter Fordassung des letzten 

Absatzes »Nach Besuch rufen lassen«; Jagows Telegramm, 

datiert vom 24. Juli, gleichzeitig mit dem an den Kaiser, 24. Juli 1 1 ^ 
nachm. zum Haupttelegiaphenamt. 



l62 

wenn Rußland es geäußert, die Forderung einer Auflösung der Na- 
nicht will! Sonst rodna Odbrana werde Serbien unter keinen Um- 
wohl lieber als ständen annehmen. Der Hinweis des Bot-^chafters 
einen Krieg! ^^j ^jg gemeinsamen monarchischen Interessen der 
konservativen Mächte sowie der Appell an das mon- 
archische Gefühl des Ministers fanden bei Herrn 
Sasonow keinen Widerhall. Das monarchische Prin- 
zip, erwiderte der Minister, habe mit der vorliegenden 
Frage durchaus nichts zu tun. 

Nach Besuch österreichisch - ungarischen Bot- 
schafters versammelte sich Ministerrat. Herr Saso- 
now hat mir daher sagen lassen, daß er mich nach 
demselben werde sehen können. Da Ministeirat 
hoffentlich wird jetzt, 5 Uhr nachmittags, noch tagt, erscheint es 
Pourtal\es] klar, fraglich, ob mich Herr Sasonow noch heute wird 
ernst und gan^ rufen lassen. p« „ . + . 1 A c 

fest sprechen \ ^ Pourtales 

•* Diese Randbemerkung des Kaisers wurde bereits am 25. Juli telegraphisch 
von Wedel dem Auswärtigen Amt mitgeteilt; Telegramm Wedels auf- 
gegeben in Baiestrand (»Hohenzollern«) 12'° nachm., angekommen im 
Auswärtigen Amt 3"* nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. 

Nr. 149 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 364 Therapia, den 23. Juli 19 14* ' 

Markgraf Pallavicini war von seiner Regierung 
beauftragt worden, den Großwesir vor dem Abschluß 

^ Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Therapia 28. Juli 5 ^° nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 8 *^ nachm. ; Eingangsvermerk: 24. Juli vorm. Am 24. Juli von Jagow 
nach Vornahme kleiner stilistischer Änderungen und unter Fortlassung 

der Sätze » Markgraf Pallavicini war schiefe Lage bringen« und 

»Großwesir bemerkte verlange« telegraphisch dem Kaiser mit- 
geteilt, aufgegeben in Berlin 2''' nachm., angekommen im Hoflager y^nachm., 
Entzifferung des Hoflagers mit den Randbemerkungen des Kaisers vom 
24. Juli traf am 27. Juli in Berlin ein. Noch am 24. Juli aber telegra- 
phierte Wedel dem Auswärtigen Amt die oben am Rand wiedergegebenen 
Verfügungen des Kaisers »Eine Ablehnung oder Brusquirung Um- 
ständen abweisen«, Telegramm aufgegeben in Baiestrand (»Hohenzollern«) 
am 24. Juli 9^*nachm, angekommen im Auswärtigen Amt 11** nachm. 
Eingangsvermerk: 25. Juli vorm. Am 25. Juli teilte daraufhin Jagow 
dem Botschafter in Konstantinopel telegraphisch, unter Fortlassung der 
Worte »unbedingt klar« und »gar«, die Randverfügungen des Kaisers 
mit, Telegramm 1" nachm. zum Haupttelegraphenamt. Die vom Kaiser 
durch Randverfügung angeordnete Mittteilung von Wangenheims Tele- 
gramm an die Vertretungen in Wien, Sofia und Athen ist unterblieben. 

• Siehe Nr. 117, 141 und 144. 



163 

eines Bündnisses mit Griechenland zu warnen. Ein 
solches Bündnis werde die Türkei mit Rücksicht 
auf die bevorstehende Änderung des Verhältnisses 
Österreichs zu Bulgarien in eine schiefe Lage bringen. 
Der Großweäir erklärte meinem österreichischen 
Kollegen aufs Bestimmteste, daß er mit Herrn 
Veniselos kein Bündnis verabreden werde, und daß 
Österreich im Kriegsfalle mit derselben Sicherheit 
nous verrons auf die Türkei wie auf Bulgarien rechnen könne, 
hoffentlich Auch Rumänien werde sich nach dei ersten energi- 
schen Handlung wieder dem Dreibund zuwenden. 
Schließlich wiederholte Großwesir dem mir gestern 
von Enver Pascha geäußerten Wunsch, es möge der 
Türkei der förmliche Eintritt in den Dreibund er- 
möglicht werden. Markgraf Pallavicini, der inzwischen 
die Frage mit mir besprochen hatte, entgegnete, 
Quatsch daß ein Bündnis mit der Türkei dem Dreibund 

er soll sie doch erst vorläufig noch :{U große Lasten auferlege. Der 
mal angliedern, das Dreibund könne die Türkei nicht gegen jedermann 
andere findet sich! verteidigen. Großwesir bemerkte hierzu, daß Türkei 
von dem Dreibund ausschließÜch Schutz gegen Ruß- 
land, nicht aber gegen Frankreich imd England 
verlange. Wangenheim 

Sie bietet sich ja direkt an HI Eine Ab- 
lehnung oder Brusquirung wäre gleich- 
bedeutend mit Übergang derselben ifu 
Riisso - Gallien, und unser Einßuß ist 

ein für allemal dahin ! 
Wangenheim soll den Türken sich in 
Be^ig auf Anschluß an j Bund unbe- 
dingt klar entgegenkommend äußern 
imd ihre Wünsche entgegennehmen und 

melden ! 
Wir dürfen sie unter gar keinen Um- 
ständen abweisen. -ty 

Nr. 150 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien ^ 

Telegremim 136 Berlin, den 24. Juh 1914^ 

Italienischer Botschafter mitteilt mir soeben Standpunkt seiner 
Regierung: Itahen will, unter Vorbehalt für Wahrung seiner Aktions- 

' Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

■^ qi' nachm. zum Haupttelegraphenamt gegeben, angekommen auf der 
Botschaft in Wien am 25. Juli 4* vorm. 



164 

freiheit und seiner Interessen auf Grund des Artikels VII des Drei- 
bundvertrages, eine möglichst wohlwollende und freundschaftliche 
Haltung für Österreich einnehmen und ihm keine Schwierigkeiten 
bereiten. Italien will übereinstimmende PoHtik in allen Balkan- 
fragen mit seinen Alliierten machen, dies wäre ilim aber nur möglich, 
wenn es über Interpretation des Artikels VII Gewißheit erhielte. 
Sonst müßte italienische Pohtik auf Verhinderung einer territorialen 
Vergrößerung Österreich -Ungarns gerichtet sein. 

Herr Bollati sagt mir, daß österreichischer Botschafter in Rom 
mitgeteilt habe, Österreich Ungarn erstrebe keine territoriale Ver- 
größerung, könne sich aber diesetwegen nicht binden. 

Nur zu Ew. Exz. persönlicher Information: Streng vertraulich 
sagt mir Herr Bollati, daß ItaHen für den Fall österreichischer Ge- 
bietserweiterung als Kompensation Trento fordern würde, und wenn 
Österreich einen Teil Albaniens nähme, Valona. Letzteres wünsche 
Italien nicht. 

Artikel VII spricht von Regions des Balkans; österreichische 
Interpretation, daß nur türkisches Gebiet in Frage komme, erscheint 
uns daher nicht zutreffend. Außerdem erscheinen mir theoretische 
Streitigkeiten über Vertragsauslegung jetzt deplaciert. Pohtisch zweck- 
mäßige Entschlüsse sind angezeigt. Bitte Ew. Exz., sich in diesem 
Sinne auszusprechen. 

Jagow 



Nr. 151 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 100 Wien, den 24. Juh 1914^ 

Graf Berchtold fährt morgen Mittag nach Ischl, um bei Sr. M. 
anwesend zu sein bei Eintreffen serbischer Antwort. 

Tschirschky 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Wien 7*5 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
Q'^ nachm. Eingangsvermerk: 24 Juli vorm (so irrig statt »nachm.«). 
Am 24. Juli von Jagow telegraphisch dem Kaiser mitgeteilt, 11° nachm. 
zum Haupttelegraphenamt, angekommen im Hoflager 25. Juli 8'^ vorm. 



^^5 

Nr. 152 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 150 London, den 24. Juli 1914^ 

Graf Benckendorff suchte mich auf und sagte mir streng ver- 
traulich, er halte es für kaum möglich, der serbischen Regierung, 
falls sie nicht zu einem Vasallen Österreichs herabsinken solle, die 
Annahme derartiger Bedingungen zu raten. Er glaube nicht, daß 
Rußland hierzu in der Lage sei. Es hieße doch so viel, wie die 
Serben bedingungslos in die Hände Österreichs ausliefern. Das 
würde die öffentliche Meinung in Rußland nicht vertragen. Eine 
solche Note schreibe doch nur eine Regierung, die den Krieg wolle; 
das sei nicht der Ton des Friedens. Sir E. Grey hat bisher nicht 
mit ihm gesprochen. 

Li chnowsky 

' Nach der Entzifferung. 

'•' Aufgegeben in London 24. Juli 6*^ nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 9^ nachm.; Eingangsvermerk: 25. Juli vorm. 



Nr. 153 

Der Unterstaatssekretär des Auswärtigen an die Botschafter 
in Paris, London und Petersburg^ 

Telegramm 162, 169, 122 Berhn, den 24. Juhi9i4- 

In hiesigen diplomatischen Kreisen ist Ansicht verbreitet, daß 
wir Österreich-Ungarn zu scharfer Note an Serbien veranlaßt und ims 
an deren Abfassung beteiligt haben. Gerücht scheint von Cambon 
auszugehen. Bitte ihm nötigenfalls dort entgegenzutreten. Wir haben 
keinerlei Einfluß auf Inhalt der Note geübt und ebensowenig wie 
andere Mächte Gelegenheit gehabt, dazu vor Publikation in irgend- 
einer Weise Stellung zu nehmen. Daß wir, nachdem sich Österreich- 
Ungarn aus eigener Initiative zu scharfer Sprache entschlossen hat, 
jetzt nicht Wien zum Zurückweichen raten können, ist selbst ver- 
ständhch. Österreich-Ungarns Prestige nach Innen und Außen wäre 
im Falle des Zurückweichens endgültig erledigt ^. 

Zimmermann 

^ Nach dem Konzept von Zimmermanns Hand. 
^ Telegramm 9*^ nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
' Siehe Nr. 163, 166, 180. 



i66 



Nr. 154 

Der Botschafter in Paris an das Auswärtige Amt' 



Telegramm 210 



Qiiatsch 



Paris, den 24. Juli 1914^ 

Der den Ministerpräsidenten vertre- 
tende Justizminister, bei dem ich mich 
im Sinne Erlasses 918' aussprach, war 
sichtlich erleichtert von unserer Auf- 
fassung, daß österreichisch -serbischer 
Konflikt lediglich zwischen den beiden 
Beteiligten zum Austrag zu bringen. 
Französische Regierung teile aufrichtig 
Wunsch, daß Konflikt lokalisiert bleibe, 
und werde sich in diesem Sinne im In- 
teresse der Erhaltung des europäischen 
Friedens bemühen. Sie verhehle sicli 
dabei freihch nicht, daß es einer Macht 
wie Rußland, die mit panslawistischer 
Strömung zu rechnen habe, niclit leicht 
fallen könnte, sich vollständig zu des- 
interessieren, namentlich dann, wenn 
Österreich -Ungarn auf sofortiger Erfül- 
lung aller Forderungen bestehen sollte, 
auch solchen, welche mit serbischer 
Souveränität schwer vereinbar oder ma- 
teriell nicht sogleich ausführbar. Fran- 
zösische Regierung finde es selbstver- 
ständlich, daß Serbien in überzeugender 
Weise Genugtuung geben und Bestra- 
fung von Verbrechern und Verhinderung 
von Verschwörungen gegen Österreich- 
Ungarn zusichern müsse. Man habe hier 
auch den Serben geraten, so weit wie 
irgend möglich nachzugeben. Man sei 
hier aber auch der Ansicht, daß öster- 



* Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Paris 24. Juli 8' nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
10^^ nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli vorm. Am 25. Juli von Jagow, mit 

Auslassung des Satzes »bei dem aussprach«, telegraphisch dem 

Kaiser sowie den Botschaftern in St. Petersburg, London, Rom und Wien 
mitgeteilt, Telegramme 11** vorm. zum Hauptteiegraphenamt; auf Bot- 
schaft in Wien angekommen &^ nachm. Telegramm an den Kaiser traf 
am 25. Juli 11''^ nachm. im Hoflager ein; Entzifferung vom Kaiser am 
26. Juli zurückgegeben, am 27. Juli in Berlin angekommen. 

^ Siehe Nr. 100. 



167 

reich-Ungarn gut tue, falls etwa Serbien 

nicht alle Fordeningen sofort erfülle, 

Ultimata erfüllt sondern über einzelne Punkte ^u diskutieren 

man uäer nicht! wünsche, diese Wünsche nicht ohne wei- 

aber man diskutier t teres abzuweisen, vorausgesetzt, daß im 

nicht mehr! uatier ganzen der gute Wille Serbiens nicht 

der Name! ^j^ei/elhaft. das ist er!* 

Schoen 

Verklausuliertes Blech I 
* Dies steht auf der linken Seite. 



Nr. 155 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt* 

Telegramm loi Wien, den 24. Juli 1914* 

gänzlich überßüsstß! Um Rußland gegenüber seine guten Disposi- 

wird Emdruck der , P ^ , /- r tt u^ u i5 j. 

Schwäche erwecken und tionen ^u dokumentieren, hat Lrrai rJerchtola heute 
^^«r^erwS/i^'S^ vormittag den russischen Geschäftsträger zu sich 
Rußilnd sesenüber un- cTQiyf.^Q^ u^ jh^i eingehend den Standpunkt öster- 

bedintit falsch ist, und ^ .,xt ,-,• -i j 

vermieden werden muß. reich-Ungams Serbien gegenüber auseinanderzusetzen. 
^l'7Gä.Ä/£r- Nach Rekapitulierung der historischen Entwicklung 
auf hin den Schritt ^e- (jej- letzten Tahre habe er betont, daß es der Mon- 

than, nun kann er nicht , ., , , , r- i • ••!_ <• 

hinterher quasi \ur Dis- ditcmt fern liege, erobernd Serbien gegenüber aut- 
^ussion gestellt wer den ! ^^^^^^^^ Österreich Werde keinerlei serbisches 

Esel! Den Sand- Territorium beanspruchen. In gleicher Weise sei 

schak muß es in der an Serbien gerichteten Note sorgsam jede 

wiedernenmen, Demütigung Serbiens vermieden worden. Österreich 

sonst kommen die halte strikt daran fest, daß der Schritt lediglich 

Serben an die Adria. ej^g defensive Maßregel gegenüber den serbischen 

Wühlereien zum Ziel habe, müsse aber notgedrungen 

Garantien für ein weiteres freundschafthches Ver- 

' Nach der Entzifferung. — Siehe auch deutsches Weißbuch vom Mai 
191 3, S. 27 Nr. 3. 

"'' Aufgegeben in Wien 24. Juli 8'^ nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 1 1'*'* nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli vorm. Am 25. Juli von Jagow, 
nach Vornahme kleiner Änderungen, unter Fortlassung des Satzes »Ich 

habe Vorstehendes Wirkung versprach«, telegraphisch dem Kaiser 

sowie den Botschaftern in Rom, Petersburg, London und Paris mitge- 
teilt. Telegramm an den Kaiser 12*' nachm., die übrigen Telegramme 
11" vorm. zum Haupttelegraphenamt. Telegramm an den Kaiser 26. Juli 
i2*'> nachm. im Hoflager angekommen, Entzifferung am 26. Juli vom 
Kaiser zurückgegeben, am 27. in Berlin eingetroffen. 



i68 

halten Serbiens der Monarchie gegenüber verlangen. 

die kommt gan^ Es liege ihm weiter fern, eine Verschiebung der 

von selbst und muß bestehenden Machtverhältnisse am Balkan und in 

kommen [.] Osler- Europa herbeiführen zu wollen. Im Gegenteil be- 

reich muß auf dem trachte er den unangetasteten Bestand Rußlands« 

Balkan prdponder- ^j^ notwendigen Faktor der europäischen Politik. 

ant werdenden An- -r^ * ^^. ^ ■, j o • n 

deren kleineren se- ^^ ^^^^^^ glauben, daß es im allgememen euro- 

genüber auf Kosten päischen Interesse liege, den, die Ruhe Europas 

Rußlands- sonst fortgesetzt störenden, serbischen Wühlereien Einhalt 

giebts keine Ruhe, zu tun, und besonders die europäischen monarchistisch^ 

regierten Staaten sollten sich in der Zurückweisung 

der serbischen, mit Revolver und Bomben geführten 

Politik solidarisch zusammenfinden, 

Fürst Kudaschew, der noch keinerlei Weisung 
aus Petersburg erhalten hatte, hat die Ausführungen 
des Ministers ad referendrun genommen mit der 
Zusage, sie sofort Sasonow zu unterbreiten. 

Ich habe Vorstehendes dem Herzog von Avama 
mitgeteilt, der diesen Schritt des Grafen Berchtold 
Rußland gegenüber ausgezeichnet fand und sich 
davon bei Marquis di San GiuHano eine besonders 
gute Wirkung versprach. 

Tschirschky 
schwächlich ! 

2 Zu »Rußlands« die Randbemerkung Jagows: »muß das Rußland heißen? 
Wenn ja, ist das Wort besser auszulassen«. Nachprüfung ergab die 
Richtigkeit der Entzifferung »Rußland«, Wort wurde daher bei der Weiter- 
gabe des Telegramms ausgelassen. Auch im eigenhändigen Konzept 
Tschirschkys in den Akten der Botschaft in Wien steht »Rußlands«. 

* Nach den Akten der Botschaft in Wien ist »Er« zu lesen. 

* Nach den Akten der Botschaft in Wien: »monarchisch«. 



Nr. 156 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 20 Fiuggi, den 24. Juli 1914^ 

In mehrstündiger ziemlich erregter Konferenz mit Minister- 
präsidentem Salandra und Marquis di San Giuliano führte letzterer 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Fiuggi 24. Juli ^^^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
25. Juli i2i°vorm. Eingangsvermerk: 25. Juli vorm. Flotows Telegramm 
am 25. Juli von Jagow, nach Vornahme kleiner Änderungen und unter 
Fortlassung der Sätze »Botschaftsrat nicht sehen kann« tele- 
graphisch dem Botschafter in Wien mitgeteilt, 11^ vorm. zum Haupt- 
telegraphenamt. Betr. Mitteilung des Flotowschen Telegramms an den 
Kaiser siehe Nr. 168. 



169 



aus, daß der Geist des Dreibundvertrags bei einem so folgenreichen 
aggressiven Schritt Österreichs verlangt hätte, sich vorher mit den 
Bundesgenossen ins Einvernehmen zu setzen. Da dies bei Italien 
nicht geschehen sei, so könne sich Italien bei weiteren Folgen aus 
diesem Schritt nicht für engagiert halten. 

Außerdem verlange Artikel 7 des Dreibundvertrags (den ich hier 
nicht habe), daß bei Veränderungen auf dem Balkan die Kontra- 
henten sich vorher verständigten und daß, wenn einer der Kontra- 
henten territoriale Veränderung herbeiführe, der andere entschädigt 
würde. 

Auf meine Bemerkung^ Lebensinteressen Österreichs 

vorliegen. Meine Aufgabe ist dadurch sehr erschwert, daß öster- 
reichischer Botschafter krank im Bett. Botschaftsrat unfähig. 

Marquis di San Giuhano verläßt voraussichtlich 27. nachmittags 
Fiuggi. Erbitte etwaige Mitteilung für ihn für 27. früh, da ich ihn 
dann für 2 bis 3 Tage vielleicht nicht sehen kann. 

Floto w 



' Hier folgte der im Telegramm Jagows an den Kaiser (Nr. 168) wieder- 
gegebene Abschnitt »Auf meine Bemerkung Lebensinteressen 

Österreichs vorliegen«. 



Nr. 157 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 151 London, den 24. JuH 1914^ 

Sir E. Grey heß mich soeben zu sich bitten. 
Der Minister war sichtlich stark unter Eindruck der 
österreichischen Note, die seiner Ansicht nach alles 



* Nach der Entzifferung. 

* Autgegeben in London 24. Juli 912 nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 25. Juli i^*'vorm., Eingangsvermerk: 25. Juli vorm. Am 25. Juli von 
Jagow nach Vornahme kleiner Änderungen und unter Fortlassung der 

Sätze »wie Ew. Exz betonen« und »Auch will man 

der Angriffe«, telegraphisch dem Kaiser mitgeteilt, zum Haupttelegraphen- 
amt 25. Juli 2° nachm., angekommen im Hoflager 26. Juli 3*= nachm. Ent- 
zifferung des Hof lagers am 26. Juli vom Kaiser zurückgegeben, war am 
27. Juli im Auswärtigen Amt. Desgleichen am 25. Juli von Jagow unter 

Fortlassung der Sätze »wie Ew. Exz betonen« und «Von anderer 

Seite der Angriffe« telegraphisch den Botschaftern in Rom, St. 

Petersburg und Paris mitgeteilt, Telegramme 4*^ nachm. zum Haupttele- 
graphenamt. Über gleichzeitige Mitteilung an den Botschafter in Wien 
siehe Nr. 171. 



überträfe, was er bisher in dieser Art jemals^ ge- 
sehen habe. Er sagte, er habe bisher keine Nach- 
richt aus Petersburg und wisse daher nicht, wie 
man dort die Sache auffasse. Er bezweifelt aber 
sehr, daß es der russischen Regierung mögUch sein 
werde, der serbischen [Regierung] * die bedingungs- 
lose Annahme der österreichischen Forderungen 
anzuempfehlen. Ein Staat, der so etwas annehme, 
das wäre sehr er- höre doch eigenthch auf, als selbständiger Staat zu 
wünscht. Es ist kein zählen. Es sei für ihn, Sir E. Grey, auch schwer, 
Staat im Eiirop. -^^ diesem Augenblick in Petersburg irgendwelche 
^'"muberbande'"' Ratschläge zu geben. Er könne nur fw/Jen, daß 
dort eine milde ^ und ruhige Auffassung der Lage 
Platz greife. Solange es sich um einen, wie Ew. 
Exz in dem von mir Sir E. Gray gegenüber ver- 
werteten Erlaß 1055* betonen, lokahsierten Streit 
zwischen Österreich [und]' Serbien handele, ginge 
richtig ihn, Sir E. Grey, die Sache nichts an, anders würde 

die Frage aber, wenn die öffentUche Meinung in 
Rußland die Regierung zwinge, gegen Österreich 
vorzugehen. 

Auf meine Bemerkung, daß man die Balkan- 

richiig Völker nicht mit demselben Maßstabe messen dürfe 

sind eben keine! wie europäische Kulturvölker, und daß man daher 

ihnen gegenüber, das habe schon die barbarische 

richtig Art ihrer Kriegführung gezeigt, eine andere Sprache 

führen müsse, wie etwa gegen Briten und Deutsche, 

entgegnete der, Minister, daß, wenn auch er diese 

dann sind die Auffassung vielleicht teilen [könne,] ^ er doch nicht 

Russeneben auch glaube, daß sie in Rußland geteilt werde. Die 

nicht besser Gefahr eines europäischen Krieges sei, falls Österreich 

das wird sicher serbischen Boden betrete, in nächste Nähe gerückt. 

kommen Die Folgen eines solchen Kriegs zu vier, er betonte 

ausdrücklich die Zahl vier, und meinte damit 

er vergißt Italien Rußland, Österreich-Ungarn, Deutschland und 

Frankreich, seien vollkommen* unabsehbar. Wie 

auch immer die Sache verlaufe, eines sei sicher, 

daß nämlich eine gänzliche Erschöpfung und Ver- 

armmig Platz greife, Industrie und Handel ver- 



^ »jemals« von Jagow im Telegramm an den Kaiser fortgelassen. 

* Zifferngruppe fehlt, von Jagow sinngemäß ergänzt. 

* Am Rand Ausrufungszeichen des Kaisers. 
^ Siehe Nr. 100. 

'' Zifferngruppe fehlt, von Jagow sinngemäß ergänzt. 

* Zifferngruppe verstümmelt, von Jagow sinngemäß ergänzt. 

' »vollkommen« von Jagow im Telegramm an den Kaiser fortgelassen. 



171 

nichtet und die Kapitalkraft zerstört würde. Revo- 
lutionäre Bewegungen wie im Jahre 1848 infolge 
der damiederliegenden Erwerbstätigkeit würden die 
Folge sein^°. Was Sir E. Grey am meisten beklagt, 
neben dem Ton der Note, ist die kurze Befristung, 
die den Krieg beinahe unvermeidlich mache. Er 
sagte mir, er würde bereit sein, mit uns zusammen ^^ 
nutzlos im Sinne einer Fristverlängerung in Wien vorstellig 

zu werden, da sich dann vielleicht ein Anstieg ^'^ 
finden lasse. Er bat mich, diesen Vorschlag Ew. 
Exz. zu übermitteln. Femer regte er an, daß für 
den Fall einer gefährüchen Spannung zwischen Rußland 
und Österreich, die vier nicht unmittelbar beteihgten 
Staaten England, Deutschland, Frankreich und Italien 
ist überflüssig ! Da zwischen Rußland und Ost erreich- Ungarn die Ver- 
Österreich Ruß- mittlung übernehmen sollen. Auch diesen Vorschlag 
land schon orien- bat er mich, Ew. Exz. zu unterbreiten. 
ttert hat, und Grey -r^ ,,. • •,,-,, , ,, 

ja nichts anderes ^^^ Mmister ist sichtlich bestrebt, alles zu tun, 

vorschlagen kann, um einer europäischen Verwicklung vorzubeugen, 
Ich tue nicht mit, und konnte sein lebhaftes Bedauern über den heraus- 
nur wenn Oster- fordernden Ton der österreichischen Note und die 
drücklicT daTum ^^^^^ Befristung nicht verhehlen. 
bittet, was nicht Von anderer Seite wird mir im Foreign Office 

wahrscheinlich^\In gesagt, daß man Grund zur Annahme habe, daß 
tMren- wxdvitcuen Österreich die Widerstandskraft Serbiens sehr unter- 
Fragen konsultiert , ..^ t- 1 r • 1 t- n • 1 

mati Andere nicht. Schatze. Es werde auf jeden I'all ein langwieriger, 

erbitterter Kampf werden, der Österreich ungemein 
Unsinn schwächen und an dem es sich verbluten werde. 

Auch will man wissen, daß die Haltung Rumäniens 
er kann England mehr als ungewiß sei, und daß man in Bukarest 
Persien bringen erklärt hätte, man würde gegen jeden sein, der 

angriffe. 

Lichnowsky 



'" Am Rand Ausrufungszeichen des Kaisers. 

'• Die Worte »mit uns zusammen 1 von Jagow im Telegramm an den Kaiser 
fortgelassen. 

^^ Am Rand Fragezeichen und 2 Ausrufungszeichen des Kaisers. 

'' Der Satz: »Ich tue nicht mit wahrscheinlich« wurde bereits am 

26. Juli von G. Wedel durch Funkspruch über Norddeich dem Auswärtigen 
Amt mitgeteilt; Telegramm abgelassen von Bord der »Hohenzollern • 
26. Juli 1 1'"-* nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 27. Juli 12^ vorm. ; 
Eingangsvermerk des Amts: 27, Juli vorm. 



172 

Nr. 158 

Der Gesandte in Belgrad an das Auswärtige Amt' 

Telegramm 32 Belgrad, den 24. Juli 1914- 

Italienischer Geschäftsträger hat soeben vertraulich erzählt, der 
Kronprinz habe in größerer^ Aufregung seine Vermittlung in Anspruch 
genommen für ein Telegramm an die Königin von Italien, worin 
Höchstdie:^elbe um Hilfe für die Dynastie gebeten wird. 

Die Militärs fordern kategorisch die Ablehnung der Note und 
Krieg. 

Die Mobilisierung ist bereits in vollem Gange. 

Griesinger 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Belgrad 24. Juli u^ nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 25. Juli i*^ vorm.; Eingangsvermerk: 25. Juli vorm. Am 25. Juli von 
Jagow telegraphisch dem Kaiser mit Telegramm 127 mitgeteilt, aufgegeben 
in Berlin 1 1" vorm., angekommen im Hoflager 3^^ nachm.; Entzifferung lag 
noch am gleichen Tage dem Kaiser vor. Am 25. Juli desgleichen teW- 
graphisch den Botschaftern in Wien und Rom mitgeteilt, Telegramme 
i^o nachm. zum Haupttelegraphenamt; auf der Botschaft in Wien an- 
gekommen 9^^ nachm. Von den beiden letzten Abschnitten »Die 

Militärs vollem Gange« am 25. Juli auch dem Generalstab 

Kenntnis gegeben; iMitteilung 8^ nachm. durch Boten abgesandt. 

ä So in der Entzifferung. 



Nr. 159 

Der Gesandte in Belgrad an das Auswärtige Amt' 

Telegramm 31 Belgrad, den 24. Juli 1914* 

Der energische Ton und die präzisen Forde- 
rungen der österreichischen Note sind der serbischen 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Belgrad 24. Juli 9*^ nachm., angekommen im Ausv?ärtigen 
Amt 25. Juli 2^^ vorm. Eingangsvermerk: 25. JuU vorm. Am 25. Juli von 
V. Jagow telegraphisch dem Kaiser mitgeteilt, aufgegeben in Berlin 1 1" vorm., 
angekommen im Hoflager 2^" nachm. Entziff"erung des Hotlagers, vom 
Kaiser am 25. Juli zurückgegeben, war am 27. Juli in Berlin. Desgleichen 
dem Botschafter in Wien mitgeteilt, Telegramm i*** nachm. zum Haupt- 
telegraphenamt, angekommen 7^^ abds. 



173 

travo ! man hatte es den Regierung vollständig Unerwartet gekommen. Seil 
"etraut)^"^ ^ w^»-?«- j^^^^g ^^^^ j.g^g^ ^^^ Ministerrat unter dem Vorsitz 
es scheint S. M. des Kronprinz-Regenten, kann aber ^u keinem Ent- 
hüben sich ge- Schluß kommen. Es wird als unmöglich bezeichnet, 
drückt! innerhalb 48 Stunden die gestellten Bedingungen zu 

Die stolzen Slaven! erfüllen, insbesondere die Punkte 2, 4, 5, 6 Absatz 2. 
in denen eine direkte Einmischung in die Souveräni- 
tät Serbiens erblickt wird. Im Falle des Erlasses 
des Tagesbefehls wird eine militärische Erhebung 
befürchtet. 

Wie ich höre, wird die Verlegung der Regierung 
nach Nisch erwogen. 

Griesinger 

Wie hohl ^eigt sich der gan^e soß. Ser- 
bische Großstaat, so ist es mit allen 
Slavischen Staaten beschaffen ! Nur feste 
auf die Füße des Gesindels getreten! 



Nr. 160 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt ^ 



Telegramm 149 St. Petersburg, den 25. Juh 1914 



:iit 



Hatte eben lange UnteiTedung mit Sasonow, 
in der ich Inhalt Erlasses 592 ^ eingehend ver- 
wertet. Minister, der sehr erregt war und sich 



' Nach der Entzifferung. Siehe auch deutsches Weißbuch vom Mai 19 15, 
S. 27, Nr. 4. 

'^ Aufgegeben in Petersburg i** vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 
3*» vorm. Eingangsvermerk: 25. Juli vorm. Am 25. Juli von Jagow nach 
Vornahme kleiner stilistischer Änderungen und unter Fortlassung der Worte 
»in der ich Inhalt verwertet. Minister« und »aber unter Ver- 
meidung scheinen könnte« telegraphisch dem Kaiser mitgeteilt, 

zum Haupttelegraphenamt 25. Juli 1'^ nachm., im Hoflager angekommen 
26. Juli 5^ nachm. Entzifferung des Hoflagers, vom Kaiser am 26. Juli 
zurückgegeben, war am 27. Juli in Berlin. Pourtales' Bericht am 25. Juli 
desgleichen von Jagow, nach Vornahme stilistischer Änderungen und 

unter Fortlassung der Worte »in der ich Inhalt verwertet. Minister«, 

»und auf welche anspielt», »falls die behaupteten 

erwiesen seien« und »aber unter Vermeidung scheinen könnte« 

den Botschaftern in Wien, Rom, Paris und London mitgeteilt, Telegramme 
2*^ nachm. zum Haupttelegraphenamt; auf der Botschaft in Wien 8'^ nachm. 
eingetroffen. 

^ Siehe Nr. 100. 

Aktenstücke I. 14 



174 



Blech.' 



Das ist Ansichts- 
sache ! 



nicht ^u trennen 



richtig 
panslavistischen 



gan^ bestimmt 
nicht ! 



bravo ! 
gut gesagt 



Seit seiner Ver- 
brüderung mit der 
fran^^ös. So^ialre- 
pub-lik nicht mehr! 



in maßlosen Anklagen gegen Österreich-Ungarn er- 
geht, erklärte auf das bestimmteste, Rußland könne 
unmöglich zulassen , daß österreichisch - serbische 
Differenz zwischen beiden Beteiligten allein ausge- 
tragen werde. Die Verpflichtungen, die Serbien 
nach der bosnischen Krisis übernommen habe und 
auf welche österreichische Note anspielt, seien Europa 
gegenüber übernommen worden, folglich sei die An- 
gelegenheit eine europäische, und es sei an Europa, 
:{u untersuchen *, ob Serbien diesen Verpflichtungen 
nachgekommen sei. Er beantragt daher, daß das 
Dossier über die Untersuchung den Kabinetten der 
sechs Mächte vorgelegt werde ^. Österreich könne 
nicht in eigener Sache Richter und Ankläger sein. 
Sasonow erklärte,, die von Österreich - Ungarn in 
der Note behaupteten Tatsachen könne er in keiner 
Weise als bewiesen ansehen, die enquete flößt ihm 
vielmehr das größste [Mißtrauen] * ein. Er fuhr 
fort, in der rein rechtlichen Frage könne Serbien, 
fplls die behaupteten Tatsachen erwiesen seien, 
Österreich Satisfaktion geben, in den Forderungen 
politischer Art dagegen nicht. Ich weise darauf 
hin, daß es unmöghch sei, die rechtliche von der 
politischen Seite des Falles zu trennen, da das 
Attentat mit der großserbischen Propaganda unzer- 
trennlich verbunden sei. 

Ich versprach, seine Auffassung meiner Re- 
gienmg zu übermitteln, glaubte aber nicht, daß wir 
unserem Verbündeten zumuten würden, das Resultat 
der von ihm geführten Untersuchung noch einem 
europäischen Areopag vorzulegen. Österreich werde 
sich gegen diese Zumutung ebenso wehren, wie 
jede Großmacht es ablehnen müsse , sich einem 
Schiedsgericht zu unterwerfen, wo ihre vitalen Inter- 
essen in Frage ständen. 

Mein Hinweis auf das monarchische Prinzip 
machte auf den Minister wenig Eindruck. Rußland 
wisse, was es dem monarchischen Prinzip schuldet, 
um das es sich hier eben gar nicht handle. Ich habe 
Sasonow sehr ernst, aber unter Vermeidung alles, 
was als Drohung scheinen könnte, gebeten, sich von 
seinem Haß gegen Österreich nicht hinreißen zu 



* Jagow stilisiert im Telegramm an den Kaiser: »und Europa 
untersuchen«; Kaiser unterstreicht die vier letzten Worte. 

* Am Rand Rufzeichen des Kaisers. 

* Zifferngruppe fehlt, Wort von Jagow ergänzt. 



habe zu 



175 

Fürstenmord lassen und nkeine schlechte Sache :{ii verteidigen*. 
Rußland könne sich unmöglich zum Anwalt von 
sehr gut Königsmördern machen. 

Im Laufe des Gesprächs rief Sasonow aus: 

»Wenn Österreich-Ungarn Serbien verschlingt, werden 

na denn ^ii! vvir n-.it ihm den Krieg führen«; hieraus läßt sich 

\'ielleicht schließen, daß Rußland erst in dem Fall 

zu den Waffen greifen würde, daß Österreich auf 

daswillesjascheinis Kosten Serbiens territoriale Erwerbungen machen 

nicht wollte. Auch der Wunsch einer Europäisierung der 

richtig Frage scheint darauf hinzuweisen, daß ein sofortiges 

Einschreiten von Rußland nicht zu erwarten ist. 

Pourtales 



Nr. i6i 

Der Botschafter in London an den Staatssekretär 
des Auswärtigen (Privatbrief) ^ 

London, den 23. Juli 1914^ 
Lieber Jagow! 

Vielen Dank für Ihren Brief vom 18., der mich aber leider 
nicht ganz hat überzeugen können'. 

Allerdings haben wir ein Bündnis mit Österreich, und ich 
möchte gleich wiederholen, daß ich dasselbe für nützlich und sogar 
für notwendig halte, wenn es auch vielleicht den Voraussetzungen 
nicht mehr vollständig entspricht, unter denen Bismarck es abge- 
schlossen hat. B. stand unter dem Eindruck der Gefahr eines 
Revanchekrieges mit russischer Hilfe. Diese Gefahr besteht aus 
bekannten Gründen heute für uns nicht mehr in demselben Maße 
wie damals. Rußlands Interessengebiet hat sich nach Osten ver- 
schoben, wo immer neue Gebiete der russischen Machtentfaltung 
erschlossen werden und immer wieder Fragen auftauchen, die die 
russische Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Ich glaube nicht 
an den russischen Krieg, und zwar schon deshalb nicht, weil es 
doch ganz klar ist, daß Frankreich nur so lange der Vasall Ruß- 
lands bleiben wird und auch England nur so lange anderthalb Augen 
über das russische Vordringen in Asien schließen wird, als wir die 
Aufmerksamkeit beider in erster Linie in Anspruch nehmen. 
Welches Interesse hätte denn Rußland, um den Krieg zumachen? — 
Solange ich mich entsinnen kann, d. h. solange ich mit der Diplo- 

' Nach dem bei den Akten befindlichen Konzept. Niederschrift nach dem 

Diktat des Fürsten Lichnowsky mit Änderungen von seiner Hand. 
- Abgegangen am 23. Juli, Zeit des Eintreffens nicht bekannt. 
' Siehe Nr 72. 

14* 



176 

matie in Fühlung stehe, und das sind nun beinahe 30 Jahre, kann 
ich mich erinnern, daß es hieß, Rußland sei nicht fertig, werde 
aber in einigen Jahren fertig sein, und daß der Generalstab beun- 
ruhigt sei. Und immer war es nicht fertig, wenn diese Jahre 
herankamen, und so wird es auch wohl in Zukunft sein. Ebenso 
habe ich immer wieder die Frage des sogenannten prophylaktischen 
Kriegs erörtern hören. Schon Bismarck stand diesem Gedanken 
sehr skeptisch gegenüber und sagte zu Waldersee und anderen 
Herren Militärs, die ihm die Notwendigkeit des prophylaktischen 
Krieges klar machen wollten, er könne sich ohne Beweise nicht 
überzeugen lassen, und Beweise konnte niemand ihm liefern. Ich 
glaube auch heute nicht, daß wir mit Rußland einen Krieg werden 
fähren müssen, wenn unsere Politik geschickt geleitet wird, am 
allerwenigsten aber glaube ich, daß durch einen prophylaktischen 
Krieg etwas anderes zu erreichen wäre, als daß wir uns bestenfalls 
einen zweiten Nachbarn zum unversöhnlichen Feind gemacht 
hätten. 

Ich möchte aber nicht dahin verstanden werden, als ob ich 
etwa für eine Preisgabe Österreichs oder des österreichischen 
Bündnisses etwa zugunsten einer russischen odet gar einer eng- 
lischen Freundschaft eintreten wollte. Nichts liegt mir ferner. 
Die Erhaltung Österreichs ist für uns von größter Wichtigkeit, nur 
müssen wir bei dem Bündnis der leitende, nicht aber der 
leidende Teil sein. Das Bündnis war doch als eine gegen- 
seitige Versicherung gedacht gegen politische Wetterschäden, 
nicht aber als ein Zusammenschluß zu einer gemeinsamen poli- 
tischen Firma. Wir müssen Österreich zwar schützen, es liegt 
aber nicht in unserem Interesse, es bei einer aktiven Balkan- 
politik zu unterstützen, bei der wir alles zu verlieren und 
absolut nichts zu gewinnen haben. Welche Vorteile ver- 
sprechen Sie sich denn für uns davon, daß das österreichische 
Ansehen auf dem Balkan und sonstwo gestärkt werde? 
Österreichs Bundeswert beruht doch vor allem auf seiner militä- 
rischen Leistungsfähigkeit, nicht aber auf seinem auswärtigen 
Prestige, und unsere Machtstellung ist groß genug, um der Drei- 
bundgruppe auch trotz der diplomatischen Niederlagen des Grafen 
Berchtold Einfluß zu verschaffen. Was würden Sie dazu sagen, 
wenn England oder Rußland die Franzosen zur Wiederbelebung 
ihres doch tatsächlich sehr gesunkenen Ansehens zu einer aktiven 
und gefährlichen Auslandspolitik ermutigte? Gerade die verhält- 
nismäßige Schwäche Frankreichs und die Angst vor uns sind die 
Faktoren, die es veranlassen, sich an England und Rußland anzu- 
schmiegen und sich willfährig zu erweisen. Ähnlich ist es mit 
Österreich; ich will nicht sagen das geschwächte, wohl aber das 
geängstigte Österreich ist für uns ein bequemer Bundesgenosse, das 
Zurückgehen des österreichischen Einflusses auf dem Balkan hat 
sich bisher in sehr vorteilhafter Weise für unsere dortigen wirt- 



1/7 

schaftlichen Interessen geltend gemacht. Wirtschaftlich sind wir 
und Österreich auf dem Balkan Rivalen, und überall tritt dort 
immer mehr und mehr, wie mir erst kürzlich ein leitender Wiener 
Finanzmann klagte, der deutsche Handel in die Stellung ein, die 
früher der österreichische inne hatte. 

Ob man uns in Wien der Flaumacherei beschuldigt, ist doch 
vollkommen gleichgültig; geschimpft wird über uns dort stets, und 
mit der berühmten Nibelungentreue werden wir nachträglich doch 
nur ausgelacht. An den baldigen Zerfall Österreichs glaube ich 
aber ebensowenig wie an die Möglichkeit, der inneren Schwierig- 
keiten durch eine aktive Auslandspolitik Herr zu werden. Das 
südslawische Nationalgefühl und das Bedürfnis, sich zusammenzu- 
schließen, kann durch einen Krieg nicht vernichtet werden und 
wird vielleicht nur umso heftiger in die Erscheinung treten. Durch 
ein aktives Vorgehen Österreichs aber werden gerade die Balkan- 
staaten noch mehr der russischen Hegemonie in die Arme ge- 
trieben, während sie sonst, wie das Beispiel von Rumänien und 
auch von Bulgarien zeigt, die Tendenz haben, sich auf eigene Füße 
zu stellen. 

Was schließlich die Lokalisierung des Streits anlangt, so 
werden Sie mir zugeben, daß sie, falls es zu einem Waffengange 
mit Serbien kommt, dem Gebiete der frommen Wünsche angehört. 
Es scheint mir also alles darauf anzukommen, daß die österreichi- 
schen Forderungen so formuliert werden, daß sie mit einigem 
Druck aus Petersburg und London in Belgrad annehmbar sind, 
nicht aber, daß sie notwendigerweise zu einem Kriege führen ad 
majorem illustrissimi comitis de Berchtold gloriam. 

Lichnowsky 
Nr. 162 

Der Gesandte in Sofia an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 36 Sofia, den 25. Juli 1914 » » 

Geheim ! 

Ministerpräsident sprach mir nach Abschluß 
der Anleihe davon, daß Regierung jetzt gefestigt 
sei und daran gehen könnte, eine eigene politische 



' Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Sofia 12° (ohne nähere Angabe), angekommen im Aus- 
wärtigen Amt 11^^ vorm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. Am 25. Jul 
von Jagow telegraphisch dem Kaiser mitgeteilt, 3" nachm. zum Haupt- 
telegraphenamt, im Hoflager angekommen 11'" nachm. Entzifferung des 
Hoflagers, am 26. Juli vom Kaiser zurückgegeben, war am 27. Juli im 
Auswärtigen Amt. 

^ Siehe Nr. 22. 



lyS 



dann man schnell! Richtschnur zu verfolgen, indem sie Anschluß an 
den Dreibund suche. Ich habe ihm geraten, einen 
konkreten Vorschlag zu machen, worauf er zunächst 
das glaube ich dem König Vortrag gehalten hat, der sehr erfreut 
gewesen ist und ihn beauftragte, ein Projekt aus- 
zuarbeiten. 

Michahelles 



Nr. 163 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 152 London, den 25. Juli 1914^' 

Werde mich entsprechend äußern. Auch hier Auffassung 
verbreitet, daß uns zum mindesten moralische Mitverantwortung 
trifft, da ohne unsere Erm.utigung derartige Note undenkbar wäre. 
Graf Mensdorff weiß auch von entsprechenden Äußerungen Sr. M. 
des Kaisers und Königs und des Herrn Reichskanzlers zu be- 
richten. Gesamteindruck hier geradezu vernichtend, ohne Beteili- 
gung an vermittelnder Aktion wird das Vertrauen in uns und 
unsere Friedensliebe hier endgültig erschüttert sein. 

Lichnowsky 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in London 10*^ vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 
12** nachm.; Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. 

^ Siehe Nr. 140 und 153. 



Nr. 164 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in London ^ 

Telegramm 174 BerHn, den 25. Juli 1914* 

Habe Vorschläge Sir E. Greys Wien mitgeteilt. Da Ultimatum 
heute schon abläuft und Graf Berchtold nach Zeitungsnachrichten 
in Ischl ist, glaube ich, daß Fristverlängerung nicht mehr möglich 
sein wird. 

Jagow 

1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

2 1*' nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



179 



Nr. 165 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 153 London, den 25. Juli 1914^ 

Möchte dringend raten, Vorschlag Sir E. Greys betreffend 
Fristverlängerung nicht abzuweisen, da uns sonst Vorwurf hier 
treffen wird, nicht alles zur Erhaltung Friedens unversucht ge- 
lassen zu haben. Ablehnende Haltung könnte für spätere Stel- 
lungnahme Englands von großem Einfluß sein*. 

Heutige Morning Post, führendes konservatives Blatt, sagt be- 
reits am Schluß eines, Österreichs Vorgehen verurteilenden Arti- 
kels, Note sei Herausforderung Dreiverbands und wolle England 
zwingen sich zu entscheiden, ob es weiterhin an europäischer Poli- 
tik teilnehmen wolle. Trotz häuslicher Zwiste, die britische Nation 
bewegten, werde dieselbe geschlossen hinter Regierung stehen und 
ihren Kurs unterstützen, welcher Art dieser auch sei. 

Lichnowsky 

' Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in London 11*" vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 

i*"' nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. 
^ Siehe Nr. 157. 



Nr. 166 

Der Botschafter in Paris an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 212 Paris, den 25. Juli 1914^» 

Habe gestern bei hiesiger Regierung mit aller Deutlichkeit be- 
tont, daß wir in keiner Weise an österreichisch-ungarischer Note 
an Serbien beteiligt gewesen, wenn wir auch nach deren öffent- 
lichem Bekanntwerden die Forderungen für berechtigt halten. Ich 
hatte auch Gelegenheit, in diesem Sinne auf Presse einzuwirken, 
und bleibe weiter bemüht. 

S cho en 



' Nach der Entzifferung. 

^Aufgegeben in Paris ii^* vorm., angekommen im Auswärtigen Amt i' 

nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. 
' Siehe Nr. 153. 



i8o 

Nr. 167 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 21 Fiuggi, den 25. Juli 1914* 

Obwohl Endergebnis gestriger Unterredung mit Ministerpräsi- 
denten und Marquis di San Giuliano schließlich nicht allzu ungünstig 
ist, habe ich hier doch große Enttäuschung und vorwurfsvolle Haltung 
gezeigt und möchte glauben, daß gleiche Haltung auch Herrn Bollati 
gegenüber angezeigt. Es würde mir Aufgabe erleichtern, die an sich, 
durch gänzliches Versagen österreichischer Botschaft, ohnehin schwer. 
Botschaft ist seit 14 Tagen so gut wie ohne Kontakt mit hier weilen- 
dem Minister. In der Presse ist von ihr absolut nichts geschehen. 
Erst vorgestern hat Botschafter von Wien 300000 Fr. erbeten und 
erhalten. Trotzdem bitte ich, hiervon in Wien nichts zu sagen, da 
Unfrieden mit erkranktem österreichischen Botschafter in diesem 
Augenbhck verhängnisvoll wirken könnte. 

Kann ich, falls Einfluß auf große Blätter möglich, auf 30 bis 
40 000 M. rechnen ? * 

Flotow 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Fiuggi 12'"' nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
2^* nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. 

' Auf diese Frage ergeht an Flotow am 25. Juli 8^ nachm. telegraphisch 
Jagows bejahende Antwort: »Zum Schlußsatz: ja«. 



Nr. 168 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Kaiser^ 

Telegramm 134 Berlin, den 25. Juli 19142 

Ew. M. Botschafter in Rom telegraphiert : 
»In mehrstündiger, ziemHch erregter Unterhal- 
tung mit Ministerpräsidenten Salandra und Marquis 
di San Giuliano führte letzterer aus, daß der Geist 
des Dreibundvertrages bei einem so folgenreichen 

^ Nach der von Jagow abgeänderten und ergänzten Entzifferung des Tele- 
gramms Flotows (Nr. 156J und der jetzt gleichfalls bd den Akten befind- 
lichen Entzifferung des Hoflagers. 

■^ Zum Haupttelegraphenamt 25. Juli 3° nachm., angekommen im Hoflager 
26. Juli nachm., Entzifferung des Hoflagers am 27. Juli vom Kaiser 
zurückgegeben und am gleichen Tage im Auswärtigen Amt eingetroffen. 



i8i 

aggressiven Schritt Österreichs verlangt hätte, sich 
vorher mit den Bundesgenossen ins Einvernehmen 
zu setzen. Da dies bei Italien nicht geschehen sei, 
so könne sich Italien bei weiteren Folgen aus 
diesem Schiitt nicht für engagiert halten. 

Außerdem verlange Artikel 7 des Dreibund- 
vertrags, daß bei Veränderungen auf dem Balkan 
die Kontrahenten sich vorher verständigten und 
wenn einer von ihnen' daselbst einen Gebiets- 
zuwachs erhielte, der andere entschädigt würde. 

Auf meine Bemerkung, daß, soviel ich wisse, 
Österreich ei klärt habe, territoriale Erwerbungen 
nicht zu beabsichtigen, sagte der Minister, daß eine 
solche Erklärung nur sehr bedingt abgegeben 
worden sei. Österreich habe vielmehr erklärt, 
territoriale Erwerbungen jetzt nicht zu beabsichtigen, 
vorbehaltlich später etwa notwendig werdender 
anderer Entschlüsse. Der Minister meinte, man 
werde es ihm daher nicht verdenken, wenn er recht- 
zeitig Vorsichtsmaßregeln treffe. 
es hat in Albanien Der Text der österreichischen Note sei so* 

still mausen wollen aggressiv und ungeschickt abgefaßt, daß die ^ 
und das hat Oster- öffentliche Meinung- Europas und auch die Italiens 
reich verpurrt gegen Österreich sein würden, dagegen könne keine 
Blech! itgtlienische Regierung ankämpfen. 

Nachdem Marquis di San Giuliano an der Hand 
des Dreibund Vertrages mit Energie ausführte, daß 
der Vertrag zum Defensivkrieg verpflichte, daß 
aber Österreich jetzt aggressiv vorgehe, und daß 
dalier Itahen auch im Falle russischer Intervention 
nicht ausgiebig* engagiert sein würde', habe ich 
diesen Standpunkt lebhaft bekämpft und nach 
längerer Diskussion die Erklärung erreicht, daß es 
sich hier wie bei den obigen Erklärungen des 
also Eitelkeit Marquis di San Giuliano nur um prm:^2p/e//e T^a/2rwn^ 
seines Standpunkts handle, die anderweitige Ent- 
schlüsse der itahenischen Regierung nicht aus- 

' »von ihnen« in der Entzifferung des Hoflagers sinngemäß ergänzt an Stelle 

des dortselbst fehlenden »der Kontrahenten« des Jagowschen Konzepts. 
* Hinter »so« in Flotows Telegramm folgendes »unerhört« ist von Jagow 

im Telegramm an den Kaiser fortgelassen. 
'" Hinter »die« in Flotows Telegramm folgendes »gesamte» ist von Jagow im 

Telegramm an den Kaiser fortgelassen. 
^ »nicht weiter« des Flotowschen und demgemäß des Jagowschen Telegramms 

in der Entzifferung des Hoflagers in »nicht ausgiebig« verderbt. 
' Am Rand Ausrufungszeichen des Kaisers. 



l82 

schließe. Ich habe ausgeführt, daß es in diesem 
Stadium nicht darauf ankomme, was später etwa 
^u ^geschehen habe, sondern darauf, im Augenblick 
richtig der Welt die Geschlossenheit und Einheitlichkeit^ 

des Dreibundes :{u :{eigen und alles zu vermeiden, 
was Rußland und Frankreich zu der Annahme der 
inneren Uneinigkeit der Verbündeten führen könne. 
Ich müsse daher dringend bitten, auch auf die 
Presse in diesem Sinne zu wirken. Österreich 
fordere keine Antwort ; man sei also zunächst der 
Verlegenheit überhoben, ihm eine solche zu geben. 
Ich habe schließlich die Zustimmung hierzu erlangt. 

Nach meinem Eindruck ist die einzige Mög- 

der kl. Dieb muß lichkeit, Italien festzuhalten, die, ihm rechtzeitig^ 

eben immer was Kompensationen \u versprechen, wenn Österreich terri- 

mitschlucken toriale Besitznahme oder Besetzung des Lowtschen 

vornehme. 

Ich fand Herrn Salandra einigermaßen ver- 
ständig. Er begriff, daß Lebensinteressen Österreichs 
vorliegen. Meine Aufgabe ist dadurch ^'^ sehr er- 
schwert, daß ^^« 

Herr Bollati hat mir im Auftrage seiner Re- 
gierung erklärt, Italien werde eine möglichst wohl- 
wollende Haltung Österreich-Ungarn gegenüber ein- 
nehmen und ihm keine Schwierigkeiten bereiten, 
müsse aber auf Grund des Artikels VII des Drei- 
bundvertrages Vorbehalt wegen Wahrnehmung seiner 
Albanien Interessen {Kompensationen) und evtl. Aktions- 

freiheit machen. Andernfalls müsse seine Politik 
darauf gerichtet sein, eine österreichische Gebiets- 
erweiterung zu verhindern suchen. 

AUeruntertänigst 



Jagow 



Das ist lauter Qiiatsch und wird sich 
schon von selbst geben, im Lauf der 
Ereignisse 



* Entzifferung des Hoflagers hat »Einheitlichkeit« an Stelle von »Einheit« 
des Flotowschen und demgemäß des Jagowschen Telegramms. 

^ »rechtzeitig« von Jagow im Telegramm an den Kaiser gesetzt an Stelle 
von Flotows »zu rechter Zeit«. 

lö »dadurch« von Jagow im Telegramm an den Kaiser beigefügt. 

11 Hinter »daß« im Flotowschen und demgemäß im Jagowschen Telegramm 
folgendes: »österreichischer Botschafter krank im Bett. Botschaftsrat un- 
fähig« fehlt in der Entzifferung des Hoflagers, da die entsprechende Ziffern- 
gruppe unverständlich war. Siehe Nr. 136. 



■83 



Nr. 169 

Der Botschafter in Paris an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 213 Paris, den 25. Juli 1914'^ 

Hiesige Presse verurteilt fast einmütig österreichische Note und 
erklärt vielfach, daß Österreich-Ungarn offenbar Krieg wolle. Es 
handle sich wohl um eine zwischen Wien und Berlin abgekartete 
Sache. Dabei Hinweis auf gegenwärtige Schwierigkeiten der Triple- 
Entente -Mächte : Ulsterkrise, Arbeiteiunruhen in Rußland, Enthüllun- 
gen im französischen Senat über Rüstungslücken, Abwesenheit von 
Poincar6 und Viviani. 

Unsere Erklärung über Lokalisierung des Konflikts hat großen 
Eindruck gemacht. 

Schoe n 

' Nach der Entzifferung. 
Aufgegeben in Paris i^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
3-* nachm. Eingangsvermerk : 25. Juli nachm. 



Nr. 170 

Der Botschafter in Paris an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 214 Paris, den 25. JuH 19 14 * 

Echo de Paris bringt wesenthchen Teil meiner gestrigen Eröff- 
nung an hiesige Regierung teils zutreffend, teils entstellt, indem es 
meiner Warnung vor Intervention anderer Mächte einen drohenden 
Charakter gibt. 

Quai d'Orsay, bei dem ich wegen Indiskretion und Entstellung 
protestierte, versicliert, an beiden Nachrichten unbeteiUgt zu sein 
und will für Richtigstellung Sorge tragen. 

Ich hatte Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß Minister gestern 
wesentlich meine Eröffnung zutreffend aufgeschrieben hatte. 

Bin bei Presse weiterhin der Legende entgegengetreten, daß 
österreichisch -ungarische Demarche zwischen Wien und Berlin ver- 
einbart. 

S c h o e n 

* Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Paris i'*» nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
3^ nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. 



184 

Nr. 171 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien ^ 

Telegramm 140 Berlin, den 25. Juli 1914^ 

Der k. Botschafter in London telegraphiert: 

»Sir E. Grey ließ mich nicht verhehlen« ^ 

Habe in London erwidert, daß ich Sir E. Greys Vorschläge 
Wien mitteilen würde. Da aber Ultimatum heute abläuft und Graf 
Berchtold in Ischl ist, glaube ich nicht, daß Fristverlängerung 
möglich wäre. 

Jage w 

' Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

^ 4*^. nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

ä Hier ist das Telegramm Lichnowskys vom 24. Juli (Nr. 1 57) unter Fort- 
lassung der Sätze »wie Ew. Exz betonen« und »Von anderer 

Seite der angriffe« eingefügt. 



Nr. 172 

Der russische Geschäftsträger an den Staatssekretär des 

Auswärtigen ^ 

Tres-confidentiel! Berlin, le 12/25 juillet 1914' 

Monsieur le Secretaire d'Etat! 

Comme la demarche que j'ai ä faire aupres de Votre Excel- 
lence revet un caractere d'urgence exceptionnelle, je me decide, mal- 
gre l'obligeance que Vous aurez de me recevoir ä 4 h. 50 m., de 
Vous en soumettre la teneur par ces lignes. 

La note de l'Autriche-Hongrie aux Puissances a suivi d'une 
demi-journee sa demarche ä Beigrade; ceci ote aux Puissances la 
possibilite de deployer tous leurs efTorts pour l'aplanissement des 
difficultes. Aussi, pour faire ce qui est humainement possible afin 
d'eviter les suites incalculables que peuvent avoir en l'occurence des 
actes precipites, le Gouvernement Imperial considere que le Gouver- 
nement de Vienne pourrait avant tout prolonger le terme fixe potu^ 

^ Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 25. Juli nachm. (zum Journal 
am 29. Juli). 



i85 

la reponse serbe. II semble, entre autre, que le Gouvernement 
Imperial et Royal, ayant declare etre dispose a mettre ä la dis- 
position des Puissances les donnees sur lesquelies il fonde son 
accusation, il y aurait Heu de donner ä ces dernieres le temps d'en 
prendre connaissance ce qui leur permettrait, une fois convaincus 
de la justesse de certaines accusations, de donner ä Beigrade les 
conseils necessaires. Le refus de l'Autriche-Hongrie de mettre les 
Puissances ä meme de se faire une opinion raisonnee et fondee sur 
les donnees de l'accusation enleverait ä la communication faite hier 
aux Puissances toute veritable signification. 

Le Gouvernement Imperial ayant prescrit au Charge d'Affai- 
res de Russie ä Vienne d'exposer ä S. E. le Comte de Berchtold les 
considerations qui precedent, me charge d'en informer d'urgence 
le Gouvernement Imperial d'Allemagne, esperant que ce dernier 
saura apprecier les motifs qui ont inspire cette demarche et ne 
refusera pas de donner ä Son Representant ä Vienne les instruc- 
tions necessaires pour obtenir la Prolongation du delai dont il 
s'agit. 

Veuillez agreer, Monsieur le Secretaire d'Etat, l'assurance de 
ma tres-haute consideration. 

A. de Bronewsky 

Übersetzung 
Sehr vertraulich! 

Herr Staatssekretär! 

Da der Schritt, den ich bei Ew. Exz. zu unternehmen habe, außerge- 
wöhnlich dringender Art ist, entschließe ich mich dazu, trotz Ihrer Freund- 
lichkeit, mich um 4^ zu empfangen, Ihnen schriftlich zu unterbreiten, worum 
es sich handelt. 

Die Note Österreich-Ungarns an die Mächte ist einen halben Tag nach 
dem in Belgrad unternommenen Schritt ergangen. Das nimmt den Mächten 
die Möglichkeit, alles aufzubieten, um die Schwierigkeiten beizulegen. Damit 
das Menschenmögliche zur Verhütung der unberechenbaren Folgen geschehe, 
die übereilte Handlungen unter den gegenwärtigen Umständen haben können, 
ist die k. Regierung daher der Ansicht, daß die Wiener Regierung vor allem 
die für die serbische Antwort gestellte Frist verlängern könnte. Da ferner 
die k. u. k. Regierung sich bereit erklärt hat, den Mächten die Unterlagen zur 
Verfügung zu stellen, worauf sie ihre Anklagen stützt, wäre es angezeigt, daß 
den Mächten die Zeit gegeben würde, von diesen Unterlagen Kenntnis zu 
nehmen und ihnen dadurch zu gestatten, wenn sie einmal von der Richtig- 
keit gewisser Anklagen überzeugt sind, in Belgrad die nötigen Ratschläge zu 
erteilen. Die Weigerung Österreich-Ungarns, die Mächte in den Stand zu 
setzen, sich eine wohlbegründete Meinung über die Unterlagen der Anklage 
zu bilden, würde der gestern den Mächten gemachten M» tteilung jede wirk- 
liche Bedeutung nehmen. 

Die k. Regierung hat den russischen Geschäftsträger in Wien angewiesen, 
Sr. Exz. dem Grafen Berchtold die vorstehenden Erwägungen darzulegen und 
beauftragt mich, die k. deutsche Regierung dringend davon in Kenntnis zu 
setzen, in der Hoffnung, daß diese die Beweggründe, die diesen Schritt ver- 



i86 

anlaßt haben, zu würdigen wissen und es nicht ablehnen werde, ihrem Ver- 
treter in Wien die nötigen Anweisungen zu geben, um eine Verlängerung 
der in Rede stehenden Frist zu erlangen. 

Genehmigen Sie, Herr Staatssekretär, die Versicherung meiner vor- 
züglichen Hochachtung. 



Nr. 173 

Der Gesandte im kaiserlichen Gefolge an das 
Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 131 Baiestrand (»Hohenzollern«), den 25.Juli 1914* 

Im Falle einer Verschärfung der Lage und zunehmender 
Spannung zwischen Rußland und uns wünschen S. M. der Kaiser 
und König, daß sofort Vertrauensfrage' an Dänemark und 
Schweden gerichtet wird, und lassen ersuchen, das hierzu Erfor- 
derliche vorzubereiten. 

[G.] V^edel 



^ Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Baiestrand (»Hohenzollern«) 12^^ nachm., angekommen 
im Auswärtigem Amt 4" nachm.; Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. 

^ »Vertrauensfrage« (so Wedels Konzept) fehlte, da Gruppe unverständlich 
in der Entzifferung des Auswärtigen Amts, wurde aber im Amt sinn- 
gemäß ergänzt. 



Nr. 174 

Aufzeichnung des ünterstaatssekretärs des Auswärtigen ^ 

Berlin, den 25. Juli 19 14 

Auf Grund Wolff Nachricht haben S. M. folgenden Befehl 
erteilt an Flotte heute morgen 9,30: 

»Kohlenübernahme beschleunigen, Flotte klarhalten zum Aus- 
laufen.« Victoria Louise und Hansa (Schulschiff, z. Z. in Nor- 
wegen) haben folgenden Befehl erhalten: 

»Seeklarmachen, Dampf ruf für Heimreise. Befehl geheim- 
halten.« 

A [uswärtiges] A[mt] benachrichtigen v. Mueller. 



* Nach Zimmermanns Niederschrift. Eingangsvermerk des Auswärtigen 
Amts: 25. Juli nachm. 



187 

Adm. Stab hat an S. M. fol[gende] N [achricht] gegeben: 
Vertrauensmann Portsmouth meldet heute 12 Uhr mittags, daß 2. 
und 3. englische Flotte Besatzung reduziere bzw. außer Dienst 
stelle. 

Marine-Attache London berichtet: »Dislokation planmäßig, 
soweit ihm bekannt, keine auffälligen Bewegungen«. 

Vorstehendes geht jetzt 6I/2 P- ni. ab an S. M, 

Zimmermann 



Nr. 175 

Der Ädmiralstab an den Staatssekretär des Auswärtigen * 

Ganz geheim! Berlin, den 24. Juli 1914^ 

Ew. Exz. beehre ich mich von nachstehendem Telegramm sehr 
ergebenst Kenntnis zu geben: 

»Admiral — Berlin von HohenzoUern, Baiestrand 

An Flotte ist folgender Befehl gegangen: »Einlaufen Flotte 
Allerhöchst genehmigt.« [in Norwegen] »Beurlaubungen in Nor- 
wegen einrichten auf Möglichkeit der Verkürzung des Aufent- 
haltes. Schluß. Auswärtiges Amt benachrichtigen. 

von Mueller« 

F. d. beurl[aubten] Ch[ef] d[es] Admiralst[abes] 

i.A. 

V o n B ü 1 o w 

Kapitän zur See 



^ Nach der Ausfertigung. 

'■' Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 25. Juli nachm. 



Nr. 176 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler ' 

Wien, den 24. Juh 1914 ^ 

Graf Berchtold las mir die telegraphische 
Meldung vor, die Baron Giesl über seine Besprechung 



* Nach der Ausfertigung. 

* Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 25. Juli nachm. Bericht lag dem 
Kaiser vor, von ihm am 27. Juli zurückgegeben. 



i88 



mit dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Patschu 
behufs Übergabe der Note gehabt hat. Die Unter- 
ledung sei ihm erst nach einigem Zögern seitens 
des Herrn Patschu gewährt worden, der versucht habe, 
ihm mit Rücksicht auf die Abwesenheit des Herrn 
Paschitsch auszuweichen. Sie habe dann punkt 6 Uhr 
in Anwesenheit des Generalsekretärs des Ministeriums 
des Auswärtigen stattgefunden, da Herr Patschu nicht 
französisch spreche. Baron Giesl hat die Note 
nicht vei lesen, sondern sich auf deren Übergabe 
und auf die Bemerkung beschränkt, daß die öster- 
reichische Regierung binnen 48 Stunden eine Ant- 
wort verlange und daß, im Falle diese nicht unbe- 
dingt zustimmend erfolge, er angewiesen sei, mit 
dem gesamten Personal der Gesandtschaft Belgrad 
zu verlassen. Herr Patschu hat gemeint, es würde 
für die serbische Regierung physisch immöglich 
sein, den Ministerrat zusammenzurufen und eine 
Antwort in so kurzer Zeit zu erteilen. Baron Giesl 
hat diese Ausflucht im Zeitalter des Telegraphen 
gilt und des Telephons und angesichts der Größenver- 

hältnisse des serbischen Königreichs nicht gelten 
lassen. Übrigens war, wie Baron Giesl bekannt, 
der Ministerrat bereits um ^ Ulir in Belgrad j^m- 
sammengetreten ^. 

Graf Berchtold sagt mir noch, Herr Dillon, 
der politische Sturmvogel, der überall erscheine, wo 
poH tische Gewitter im Anzüge seien, habe ihn eben 
besucht. Auch bei Graf Hoyos sei er gewesen. 
Man habe ihm sehr eingehend den hiesigen Stand- 
pimkt und die hiesigen Absichten dargelegt, und 
Herr Dillon scheine für letztere gewonnen zu sein. 
Im Anfang habe er allerdings versucht, sich als 
Vermittler zwischen Österreich und Serbien anzu- 
bieten. Darauf sei er, der Minister, aber nicht 
eingegangen, denn er sei fest entschlossen, sich auf 
keinen Handel einiulassen. 

von Tschirsch ky 



Am Rand Ausrufungszeichen des Kaisers. 



i89 

Nr. 177 

Der Geschäftsträger in Bukarest an den Reichskanzler * 

Sinaia, den 20. Juli 1914^ 

Der italienische Gesandte sprach sich mir gegenüber sehr auf- 
geregt über die Haltung aus, die Österreich Serbien gegenüber 
einnehmen werde. Er meinte, es lohne sich für niemanden, einen 
Krieg, der in einen Weltkrieg ausarten könne, heraufzube- 
schwören. Es sei begreiflich, daß Österreich gegebenenfalls in 
Belgrad Genugtuung fordere, allein dieselbe müsse so beschaffen 
sein, daß sie für Serbien annehmbar sei. Sollten kriegerische 
Verwickelungen zwischen Österreich und Serbien ausbrechen, so 
werde Rußland denselben nicht ruhig zusehen können; denn die 
offiziellen Kreise würden durch panslawistische Strömungen zu 
aktiver Teilnahme an denselben gedrängt werden. Italien befände 
sich augenblicklich finanziell nicht in der Lage, einen Krieg zu 
führen. Baron Fasciotti suchte mich immer wieder davon zu 
überzeugen, daß der Schritt Österreichs in solche [n]' Formen 
gehalten werden müsse, daß aus demselben keine Komplikationen 
entstehen könnten. 

W al d b u r g 

^ Nach der Ausfertigung. 

' Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 25. Juli nachm. Am 28. Juli zu- 
folge Randverfügung Jagows durch Erlaß dem Botschafter in Rom mit- 
geteilt. 

' So in der Anfertigung für »solchen«. 



Nr. 178 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 102 Wien, den 25. Juli 19 14' 

Der russische Geschäftsträger ist heute bei Baron Macchio 
erschienen, um ihn im Auftrage seiner Regierung um Verlänge- 
rung der Serbien gestellten 48stündigen Frist zu ersuchen. Fürst 
Kudaschew hat dieses Ansuchen damit motiviert, daß in der Note 

* Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Wien 2'" nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 5° 
nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. Am 25. Juli von Jagow 
telegraphisch dem Kaiser mitgeteilt, 25. Juli 8' nachm. zum Haupttele- 
graphenamt, im Hoflager angekommnn 26. Juli 7" nachm. Entzifferung 
des Hoflagers M-urde vom Kaiser am 26. Juli zurückgegeben. 

AJitenstficke I. 13 



verschiedene Angaben enthalten seien, die einer eingehenden 
Prüfung bedürften, und daß insbesondere den Mächten Zeit ge- 
lassen werden müsse, das in Aussicht gestellte Dossier zu studieren. 
Baron Macchio hat erwidert, er werde dem Grafen Berchtold sofort 
von dieser Mitteilung Kenntnis geben. Er könne ihm aber schon 
von sich aus sagen, daß eine Fristerstreckung ausgeschlossen sei. 
Diese Bestimmung sei nach reiflichster Überlegung und infolge 
gründlicher Kenntnis der stets von Serbien beobachteten Ver- 
schleppungstaktik getroffen worden. Eine Verschiebung bis nach 
Studium des Dossiers würde eine Verschiebung sine die bedeuten. 
Außerdem habe es der k. u. k. Regierung fern gelegen, die An- 
gelegenheit zwischen der Monarchie und Serbien dem europäischen 
Areopag zur Entscheidung vorzulegen. Die Information der 
übrigen Mächte sei lediglich als ein Akt der Courtoisie gegenüber 
diesen anzusehen. 

Tschirschky 



Nr. 179 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 155 London, den 25. Juli 1914^ 

Privat für Staatssekretär v, Jagow 

Ich möchte Sie nochmals auf die Bedeutung des Grey'schen 
Vorschlags der Vermittelung zu vieren zwischen Österreich und 
Rußland hinweisen'. Ich erblicke hierin die einzige Möglich- 
keit, einen Weltkrieg zu vermeiden, bei dem für uns alles auf dem 
Spiele steht und nichts zu gewinnen ist. Ablehnen wir, so wird 
auch Grey sich nicht mehr rühren. Solange wir noch nicht mobili- 
siert, ist die Vermittelung immer noch möglich und eine Beilegung 
des Streites, die für Österreich annehmbar ist. Unsere Ablehnung 
aber würde hier sehr verstimmen, und ich glaube nicht, daß, falls 
Frankreich hineingezogen wird, England gleichgültig bleiben 
dürfte. Ich rate noch einmal dringend dazu, den englischen Vor- 
schlag anzunehmen und dies in Wien und Petersburg bekanntzu- 
geben. 

Lichnowsky 

1 Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in London iP nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 

5^1 nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. 

Siehe Nr. 157, 



igi 



Nr. i8o 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 154 London, den 25. Juli 19 14' 

Habe soeben Sir E, Grey gesehen und Inhalt Telegramms 
Nr. 169' verwertet. Der Minister nahm meine Erklärungen mit 
vollem Verständnis für unseren Standpunkt entgegen. Ohne jede 
Gereiztheit oder Verstimmung und mit großer Ruhe besprach er 
mit mir* abermals die gesamte Lage und schien wieder hoffnungs- 
voller zu sein als gestern, da Graf Mensdorff ihm im Auftrage 
seiner Regierung mitgeteilt hat, daß Österreich nach Ablehnung 
seiner Forderungen zunächst nicht beabsichtige, die serbische 
Grenze zu überschreiten, sondern nur zu mobilisieren. Sir E. Grey 
ist vorläufig noch ohne Nachricht über die in Petersburg gefaßten 
Beschlüsse, rechnet aber mit Bestimmtheit darauf, daß der öster- 
reichischen Mobilisierung die russische folgen werde. Alsdann sei 
seiner Ansicht nach der Augenblick gekommen, um im Verein mit 
uns, Frankreich und Italien eine Vermittelung zwischen Öster- 
reich und Rußland eintreten zu lassen. Ohne unsere Mitwirkung, 
meinte er, sei jede Vermittelung aussichtslos, und könne er allein 
nicht an Russen und Österreicher herantreten. Ob Frankreich mit- 
machen wolle, wisse er noch nicht. Er habe mit Herrn Camben 
gesprochen, aber noch keine Antwort erhalten, und ihm dabei ge- 
sagt, daß er mir den gleichen Vorschlag gemacht habe. Er rechnet 
bestimmt auf die Zusage Frankreichs, obwohl er nicht weiß, wie 
weit dieses schon mit Petersburg verpflichtet ist. 

Der Minister unterscheidet scharf, wie er mir wiederholte, 
zwischen dem österreichisch-serbischen und österreichisch-russi- 
schen Streit. In ersteren wolle er sich nicht mischen, da er ihn 
nichts angehe. Der österreichisch-russische Streit aber bedeute 
unter Umständen den Weltkrieg, den wir im vorigen Jahre durch 
die Botschafterkonferenzen gemeinsam hätten verhindern wollen. 
Europäische Verwickelungen aber seien auch für Großbritannien 
nicht gleichgültig, obwohl es durch keinerlei bindende 
Abmachungen verpflichtet wäre. 

^ Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in London 2^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
5^2 nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. 

' Siehe Nr. 153. 

* Das Gespräch ist inhaltlich auch niedergelegt in einer Verbalnote, die der 
englische Geschäftsträger Sir H. Rumbold am 25. Juli auf Grund eines 
Telegramms Sir E. Greys im Auswärtigen Amt überreichte; vgl. auch das 
englische Blaubuch von 19 14, Nr. 11. 

15* 



192 

Er wolle daher mit uns zusammen wie bisher, so auch jetzt, 
im Sinne der Erhaltung des europäischen Friedens Hand in Hand 
vorgehen, und er hoffe von unserer beiderseitigen Vermittelung, 
der sich wohl auch Frankreich und Italien anschließen würden, 
die Verhütung eines österreichisch-russischen Krieges. 

Was die österreichische Note betreffe, so erkenne er das be- 
rechtigte Verlangen Österreichs nach Genugtuung vollkommen an, 
ebenso das Begehren nach Bestrafung aller mit dem Morde in Ver- 
bindung stehenden Personen, auf Einzelheiten der Note ließ er 
sich nicht ein, schien aber zu hoffen, daß es unserer Vermittelung 
gelingen werde, eine Einigung auch hierüber zu erzielen. 

Ich erachte es als meine Pflicht, Ew. Exz. darauf hinzu- 
weisen, daß die hiesige Regierung meiner Überzeugung nach so 
lange bestrebt sein wird, eine uns freundschaftliche und möglichst 
unparteiische Haltung einzunehmen, als sie an unsere aufrichtige 
Friedensliebe glaubt und an unser Bestreben, Hand in Hand mit 
England an der Abwendung des aufsteigenden, europäischen Ge- 
witters mitzuwirken. Die Zurückweisung seines Vorschlages 
aber, zwischen Österreich und Rußland zu vermitteln, oder eine 
schroffe Haltung, die zu der Annahme berechtigen könnte, daß wir 
den Krieg mit Rußland herbeiwünschen, würde wahrscheinlich 
zur Folge haben, England bedingungslos auf die Seite Frankreichs 
und Rußlands zu treiben. 

Lichnowsky 



Nr. i8i 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten in 

Kopenhagen^ 

Telegramm 25 Berlin, den 25. JuH 19 14'' 

Geheim ! 

Falls etwa Besuch Poincares abgesagt werden sollte, bitte sofort 
dringend drahten^. 

Jagow 



1 Nach dem Konzept von Stumms Hand. 
* 8" nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
' Siehe Nr. 250. 



193 

Nr. 182 

Der Reichskanzler an den Kaiser* 

Telegramm 139 Berlin, den 25. Juli 1914^ 

Unglaubliche ^ Zumu- Der Chef des Admiralstabes der 

""^' Marine teilt mir mit, daß Ew. M. mit 

unerhört!* ist mir gar- j^ücksicht auf ein Wolfftelegramm^ der 
1^M^S^gl::l!Js gI Flotte Befehl zur schleunigen Vorbereitung 
iondten von der Mobil- der Heimreise erteilt haben *. Admiral 

machung in Belgrad! ^^^ p^^^ ^^f^g £^ jyj inzwischen ^ die 
Diese kann Mobil- ,,,, _ ,,,, . . ^ , ■ -r 

machungT^ißiandsnach Meldungen Ew.M. Marme-Attaches m Lon- 
sich liehen ; wird Mobil- don uud des Vertrauensmannes der Marine 
machung Österreichs ^^ Portsmouth Unterbreitet haben, wonach 

nach steh stehen! In die- ,. , •»» • . • i • /•/• ,,• t l ■ 

scm Fall muß ich meine die euglischc Marme keinerlei auffällige ''raucht sie 

Streitmacht lu Lande^ Maßnahmen trifft, viehnehr' die" früher 5,^ 'üt'^bereiu 

Zlmln habTn.^'^lnlTr "^^^S^^^^^^^ Dislokationen planmäßig « Kriegsbereit, 
^-^^^^ -f'Vi 4- ^'^ "'^ Revue 

Ostsee ist kein einziges aUSIUiirt. eben gezeigt hat 

Schiff!! Ich pflege im Da auch die bisherigen Meldungen w„<f L/ mo*~ 

übrigen militärische t^ -kii -n x ^ ta -ti i -»i. 

Maßnahmen nicht nach Ew. M. Botschafters m Loudou erkennen «<?"•'• 
einem Woiffteiegramm lassen, daß Sir E. Grey vorläufig wenig- 
lu treffen, sondern nach ^^^^^ ^^ gjj^g direkte Teihiahme Englands 

der Allgememen Lage . ■^ -fr ■ a 

und die hat der Civil- an emem eventuellen europäischen Krieg* 
kandier noch nicht be- nicht denkt imd auf tunUchst[e] 1° Lokaü- 
^^•"^^- sierung des österreichisch-ungarisch-ser- 

bischen Konflikts hinwirken will, wage 
ich alleruntertänigst zu befürworten, daß 
wenn Rußland woW g^v. M. Vorläufig keine Verfrühte" Heim- 

macht muß meine Flotte . . t^, , , ^ r i ■> lo 

schon in Ostsee sein reise der Flotte befehlen ^^. 

also fähr t sie nachHaus! -r-. . i tt 1 1 

Beth mann -Holl weg 

1 Nach dem Konzept. Entwurf von Zimmermanns Hand. 

^ 25. Juli 8^^ nachm. zum Haupttelegraphenamt, angekommen im Hoflager 

26. Juli 7° vorm. Entziflferung vom Kaiser am 26. Juli zurückgegeben, war 

am 2. August in Berlin. 
' Die Worte »ein« und »-telegramm« vom Kaiser zweimal unterstrichen. 

* »unerhört!« ist über »Wolfftelegramm« stehende Interlinearnotiz. Am 
Rand daneben zwei Rufzeichen des Kaisers. 

* »inzwischen« fehlt in der Entzifferung des Hoflagers. 
' Stand am linken Rand. 

' »vielmehr« fehlt in der Entzifferung des Hoflagers. 

ä » Dislokationen planmäßig« in der Entzifferung des Hoflagers in »Dislokations- 
pläne« verderbt. 

* »europäischen« fehlt in der Entzifferung des Hoflagers, statt »Krieg« steht 
dort »Verfahren«. 

1' »tunlichste« fehlt in der Entzifferung des Hoflagers. 
" »verfrühte« fehlt in der Entzifferung des Hoflagers. 
^^ Siehe Nr. 221. 



194 

Nr. 183 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 368 Therapia, den 25. Juli 1914^ 

Geheim 1 

Markgraf Pallavicini zeigte mir vertraulich ein Telegramm 
seiner Regierung, betreffend Äußerungen des bulgarischen Ministers 
der auswärtigen Angelegenheiten zu Graf Tarnowski, aus denen man 
schließen konnte, daß Bulgarien vorläufig nur seine Neutralität in 
Aussicht stellt. Mein österreichischer Kollege und ich sind der 
Ansicht, daß, solange Bulgarien sich Österreich gegenüber nicht 
formell verpflichtet hat, im Falle Eingreifens einer dritten Macht, 
Österreich Waffenfolge zu leisten, ein etwaiges bulgarisch-türkisches 
Bündnis vollkommen wertlos sein würde. 

Wangenheim 

1 Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Therapia 6^^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
8^^ nachm.; Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. Von Jagow telegraphisch 
dem Kaiser mitgeteilt, zum Haupttelegraphenamt 26. Juli i*" vorm., an- 
gekommen im Hoflager 27. Juli 7^0 vorm., Entzifferung lag noch am 
27. Juli dem Kaiser vor. Wangenheims Telegramm am 26. Juli von 
Jagow durch Erlaß dem Botschafter in Wien, nur zu dessen persönlicher 
Information, mitgeteilt, abgesandt durch die Post 4° nachm., unter Fort- 
lassung des Satzes »Mein österreichischer wertlos sein würde.« 

telegraphisch auch dem Gesandten in Sofia, gleichfalls nur zu dessen per- 
sönlicher Information, mitgeteilt, 26. Juli i*" vorm. zum Haupttelegraphen- 
amt. 

Nr. 184 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 367 Therapia, den 25. Julii9i42 

Herr von Giers, den ich im Vorzimmer des Großwesirs traf, 
sagte mir, die österreichischen Forderungen an Serbien seien, wenn 
nicht berechtigt, so doch begreifUch, mit Ausnalime derjenigen, welche 
eine Tätigkeit österreichischer Kontrollbeamter in Serbien vorsehen. 
Diese Forderung bedeute einen Eingriff in die Souveränität Serbiens. 

^ Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Therapia 6'^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
9^ nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. Am 26. Juli von Zimmermann 
telegraphisch den Botschaftern in Petersburg und Wien mitgeteilt. 
Telegramme 5^ nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



195 

Die Situation sei deshalb ernst. Die Sprache meines Kollegen war 
ruhig und enthielt keine Drohungen. Zum Großwesir hat er kurz 
darauf in einer Weise gesprochen, welche bei ersterem den bestimmten 
Eindruck hervorrief, daß Rußland sich nicht einmischen werde. 

Wangenheim 

Nr. 185 

Der Geschäftsträger in Bukarest an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 42 Bukarest, den 25. Juli 1914* 

Serbischer Geschäftsträger hat hier im Auftrage seiner Regierung 
angefragt, wie sich Rumänien im Falle eines Konflikts zwischen 
Serbien und Österreich -Ungarn verhalten würde. Wie mir Minister 
der auswärtigen Angelegenheiten mitteilt, hat dieser geantwortet, 
Rumänien betrachte Differenzen als lediglich Serbien und Österreich- 
Ungarn angehende und ratet' Serbien, den österreichischen Forderungen 
nachzugeben. Waldburg 

' Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Bukarest 8^° nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
9' nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. Am 26. Juli von Jagow 
telegraphisch dem Kaiser mitgeteilt, aufgenommen in Berlin 26. Juli 
i"* vorm., angekommen im Hoflager 27. Juli 4° vorm. Entzifferung lag 
noch am 27. Juli dem Kaiser vor. Waldburgs Telegramm von Jagow 
desgleichen telegraphisch den Botschaftern in Wien und Rom mitgeteilt, 
Telegramme 26. Juli i^ vorm. zum Haupttelegraphenamt. 

' Schreibversehen für »rät«. 

Nr. 186 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 156 London, den 25. JuH 1914' 

Erhalte soeben folgenden eigenhändigen Brief Sir Edward Greys : 
"I enclose a forecast that I have just received of the Servian reply'. 

^ Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in London 6^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
9^*^ nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. Am 26. Juli teilte Jagow 
dem Botschafter in Wien telegraphisch den Wortlaut des Grey'schen Briefes 
mit, i' vorm. zum Haupttelegraphenamt. Am 26. Juli vermerkt Zimmer- 
mann am Rand der Entzifferung : »Der englische Geschäftsträger ist davon 
unterrichtet worden, daß wir die Mitteilung Sir E. Greys nach Wien 
weitergegeben haben«. 

* Dem Telegramm beigefügt ist der Wortlaut des Telegramms des englischen 
Vertreters in Belgrad Crackanthorpe an Sir Eklward Grey vom 25. Juli, 
Nr. 21 des englischen Blaubuchs von 1914. 



196 

It seems to me that it ought to produce a favourable Impression 
at Vienna, but it is difficult for anybody but an ally to suggest to 
the Austrian Government what view they should take of it. 

I hope that if the Servian reply when received at Vienna corres- 
ponds to this forecast, the German Government may feel able to 
influence the Austrian Government to take a favourable view of it." 

Lichnowsky 

Übersetzung 

■ Anbei den voraussichtlichen Inhalt der serbischen Antwort, der mir so- 
eben mitgeteilt worden ist. Es scheint mir, daß er einen günstigen Eindruck 
in Wien machen müßte, aber es ist schwer für jeden, der nicht Verbündeter 
ist, der österreichischen Regierung nahe zu legen, wie sie diese Antwort 
auffassen solle. 

Ich hoffe, daß, wenn die serbische Antwort bei ihrem Eintreffen in Wien 
diesem voraussichtlichen Inhalt entspricht, die deutsche Regierung es für 
möglich erachten wird, die österreichische Regierung dahin zu beeinflussen, 
daß sie diese Antwort günstig auffaßt. 

Nr. 187 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Ämt^ 

Telegramm 103 Wien, den 25. Juli 1914^ 

Ich habe Baron Macchio heute sehr nachdrücklich darüber zur 
Rede gestellt, warum die mir gegebene Zusage, dem Marquis di San 
Giuliano die Note vor* deren Übergabe in Belgrad durch Herrn 
von Merey mitzuteilen und den österreichisch -ungarischen Stand- 
punkt dabei ausführlich Idarzulegen, nicht eingehalten worden sei. 

Der erste Sektionschef erklärte mir hierauf, der, wie er selbst 
zugeben müsse, »nicht glückliche« Verlauf dieser Sache sei die Folge 
eines Mißverständnisses seitens des Herrn von Merey. Dieser habe 
Nachricht erhalten gehabt, daß Marquis di San GiuHano von Fiuggi 
nach Rom kommen werde, imd habe danach beabsichtigt, dem Mi- 
nister die Note in Rom mitzuteilen. Nun sei der Marquis aller- 
dings nach Rom gekommen, sei aber schon wieder abgereist gewesen, 
als der Botschalter ihn sprechen wollte. Herr von Merey sei dann 
plötzlich erkrankt und habe dann am folgenden Tage erst den Bot- 
schaftsrat nach Fiuggi senden können. So sei die Mitteilimg um 
einen Tag verspätet und nicht durch den Botschafter selbst erfolgt, 
was er, Baron Macchio, lebhaft bedauere. 

Tschirschky 

1 Nach der Entzifferung. 

■^ Aufgegeben in Wien 6^0 nachm., angekommen im Auswärtigen Amt g^^ 
nachm.; Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. Von Jagow, nach Vornahme 
kleiner stilistischer Änderungen, dem Botschafter in Rom mitgeteilt, 26. Juli 
2^* vorm. zum Haupttelegraphenamt. 

* Siehe Nr. 136 Anm. 2. 



197 

Nr. i88 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 104 Wien, den 25. Juli 1914^ 

Baron Macchio teilt mir telephonisch mit : Da in der serbischen 
Antwort mehrere Punkte unbefriedigend, ist Baron Giesl abgereist. 
Seit 3 Uhr nachmittags soll bereits allgemeine Mobilisierung in 
Serbien stattfinden. 

Tschirschky 

1 Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Wien 7^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt g"' 
nachm.; Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. 



Nr. 189 

Der Geschäftsträger in Athen an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 213 Athen, den 25. Juli 1914^ ^ 

Streng vertraulich! 

Minister der auswärtigen Angelegenheiten bittet mich, auf- 
richtigen Dank für die hier stets gern aufgenommenen Ratschläge 
zu übermitteln. Diese seien ernstlich mit Sr. M. dem König be- 
sprochen imd an den heute in München weilenden Herrn Veniselos 
telegraphiert worden, von dem jedoch Antwort noch aussteht. 

Herr Streit sagt mir, daß Griechenland an einem österreicliisch- 
serbischen Konflikt sich nicht beteiligen werde. Er werde dies auch 
in Belgrad erklären, wo Griechenland nicht aufhöre, dringend für 
den Frieden zu wirken. 

Über Haltimg Griechenleuids bei einem eventuellen Eingreifen 
Bulgariens oder der Türkei glaubt Herr Streit sich heute noch nicht 
äußern zu sollen, da diese zu sehr von den Umständen abhänge, 
unter denen dies Eingreifen erfolge. Für Griechenland sei die Er- 
haltung des Bukarester Friedens eine Kardinalfrage; es könne sich 
daher Serbien gegenüber diesbezüglich durch keine Erklärungen 
bloßstellen, die ihm die serbische Freimdschaft kosten könnten. 



' Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Athen 5^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 10^ 
nachm.; Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. 

* Siehe Nr. 122. 



198 

Griechenlands Hauptbestreben sei die Erhaltung des Friedens; 
es werde alles tun, um nicht in einen Konflikt hineingezogen zu 
werden. Streit hat in diesem Sinne heute auch mit türkischem 
Gesandten gesprochen. Ich habe Eindruck, daß man hier der an- 
geregten Vereinbarung über Neutralität, im Hinblick auf die mög- 
liche Gefährdung des Bukarester Vertrags durch Bulgarien, nicht 
wird näher treten wollen. 

Bassewitz 



Nr. 190 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 152 Petersburg, den 25. Juli 1914^ 

Wie ich von meinem itahenischen Kollegen höre, hat er bis 
jetzt noch keine Instruktionen erhalten, die Forderungen der 
österreichischen Note an Serbien zu unterstützen. 

Pourtales 



' Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Petersburg 6^ nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 10^ nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. Von Jagow telegra- 
phisch dem Botschafter in Rom »streng vertraulich« mitgeteilt, 26. Juli 
12" vorm. zum Haupttelegraphenamt. 



Nr. 191 

Der Reichskanzler an den Kaiser^ 

Telegramm 140 Berlin, den 25. JuH 1914^ 

Nach Wiener Nachrichten haben die serbische Regierung, 
König Peter und die Behörden, heute nachmittag ^/gS Uhr Belgrad 
verlassen und sich nach dem Süden zurückgezogen. Da die um 
6 Uhr überreichte Antwort der serbischen Regierung den öster- 
reichischen Forderungen nicht genügt, hat der Gesandte Baron 
Giesl Belgrad verlassen. 

' Nach dem Konzept. Entwurf von Jagows Hand. Der Satz »In Paris und 
London Konflikts« im Entwurf von der Hand des Reichs- 
kanzlers beigefügt. 

* Zum Haupttelegraphenamt 25. Juli 10*^ nachm., angekommen im Hoflager 
26. Juli ii*'* nachm., Entzifferung vom Kaiser am 27. Juli zurückgegeben. 



199 

Präsident Poincare ist heute in Stockholm, eine Änderung 
seiner weiteren Besuchspläne ist bisher nicht bekanntgeworden. 
In Paris und London arbeitet man eifrig auf Lokahsierung des 
Konflikts. 

Alleruntertänigst 

Bethmann Hollweg. 



Nr. 191a 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 157 London, den 25. JuH 1914'' 

Im Anschluß an Telegramm Nr. 156 

Anlage zum Brief Sir E. Greys: 

"Telegram from Mr. Crackanthorpe Beigrade July 25, 1914 

Council of Ministers is now drawing up reply to Austrian note. 
I am informed by Under-Secretary of State for Foreign Affairs that 
it will be drawn up in most concihatory terms and will, in as large 
a measure as possible, meet Austrian demands. Under-Secretary gave 
me a brief summary of projected reply in advance. Consent of 
Servian Government is given in it to the pubhcation of declaration 
in "Official Gazette", and they accept the ten points witli reserves. 
They consent to the dismissal and prosecuting of those officiers who 
can be clearly proved to be guilty, and they have already arrested 
officer mentioned in the Austrian note. They agree to suppress 
Narodna Odbrana. They declare themselves ready to agree to mixed 
commission of enquiry provided that it can be proved that it is in 
accordance with international usage that such a commission should 
be appointed. " 

Li chn o wsky 

Übersetzung 
»Telegramm von Hr. Crackanthoq^e Belgrad, 25. Juli 1914 
Der Ministerrat entwirft jetzt dieAntwort auf die österreichische Note. Ich 
erfahre vom Unterstaatssekretär des Auswärtigen, daß sie in versöhnlicher Form 
gehalten sein und soweit als möglich den österreichischen Forderungen ent- 
gegenkommen wird. Der Unterstaatssekretär gab mir im voraus eine kurze 
Inhaltsangabe der beabsichtigten Erwiderung. Die serbische Regierung stimmt 
darin der VeröfTentlichung einer Erklärung in ihrem offiziellen Organ zu und 
nimmt die zehn Punkte unter Vorbehalten an. Sie stimmt der Entlassung 
und gerichtlichen Verfolgung der Beamten zu, deren Schuld klar nachgewiesen 

* Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in London 6'° nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
11° nachm. Eingangsvermerk: 25. Juli nachm. 



200 

werden kann, und sie hat schon den in der österreichischen Note bezeich- 
neten Offizier verhaften lassen. Sie erklärt sich bereit, eine gemischte Unter- 
suchungskommission zuzugestehen, vorausgesetzt, djiß nachgewiesen werden 
kann, daß die Einsetzung einer solchen Kommission mit dem internationalen 
Brauch in Übereinstimmung steht.« 



Nr. 192 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter in 

London^ 

Telegramm 176 Berlin, den 25. Juli 1914 ^ 

Unterscheidung Sir E. Greys zwischen österreichisch-serbischem 
und österreichisch-russischem Konflikt vollständig zutreffend. In 
ersteren wollen wir uns ebensowenig wie England mischen und ver- 
treten nach wie vor Standpunkt, daß Frage durch Enthaltung aller 
Mächte lokalisiert bleiben muß. Wir hoffen deswegen dringend, 
daß Rußland, bewußt des Ernstes der Situation und seiner Ver- 
antwortung, sich jeden aktiven Eingriffs enthält. Sollte österreichisch- 
russischer Streit entstehen, so sind wir, vorbehaltlich unserer be- 
kannten Bündnispflichten, bereit, mit den anderen Großmächten 
Vermittlung zwischen Österreich und Rußland eintreten zu lassen. 

Jagow 

^ Nach dem Konzept von Jagows Hand. — Vgl. deutsches Weißbuch 

vom Mai 1915, S. 30 Nr. 15. 
* 11^ nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



Nr. 193 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an die Botschafter in 

Rom und Wien^ 

Telegramm 19, 148 Berlin, den 26. Juli 1914 " 

Der soeben zurückgekehrte rumänische Gesandte sagte mir, 
König Carol werde seine Pohtik zum Dreibund nicht ändern. Aller- 
dings hat Gesandter den König noch vor Ausbruch österreichischer 
Demarche in Belgrad gesehen ^. 

Jagow 

1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

2 2" vorm. zum Haupttelegraphenamt. 
* Siehe Nr. 208 — 210. 



201 

Nr. 194 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 153 Petersburg, den 25. Juli 1914' 

General von Chelius meldet für S. M. : 

»Die Truppenübungen im Krasnojelager wurden heute plötzlich 
abgebrochen, die Regimenter kehren sofort in ihre Garnisonen zu- 
rück; Manöver sind abgesagt, die Kriegsschüler wurden heute zu 
Offizieren befördert, statt im Herbst. Im Hauptquartier herrscht 
große Erregung über das Vorgehen Österreichs, habe den Eindruck, 
daß man alle Vorbereitungen zur Mobilmachung gegen Österreich 
trifft.« 

Pourtalös 

' Nach der Entzifferung. — Vgl. deutsches Weißbuch vom Mai 19 15, 
S. 28 Nr. 6. 

2 Datiert: Petersburg, den 25. Juli, aufgegeben daselbst 26. Juli 12*' vorm., 
angekommen im Auswärtigen Amt 32» vorm., Eingangsvermerk: 26. Juli 
vorm. Am 26. Juli vom Reichskanzler durch Funkspruch dem Kaiser 
mitgeteilt, in Berlin zum Haupttelegraphenamt 26. Juli 12^ nachm., an- 
gekommen im Hof lager 27. Juli 4° vorm.; Entzifferung des Hof lagers vom 
Kaiser am 27. Juli im Auswärtigen Amt zurückgelangt. 



Nr. 195 

Der Geschäftsträger in Cetinje an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 17 Cetinje, den 25. Juli 1914 * 

Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten erklärt mir, 
infolge Abwesenheit Ministerpräsidenten sei über die Haltimg 
Montenegros im Falle eines österreichisch-serbischen Krieges keine 
Entscheidung getroffen. Als Privatansicht äußerte er, daß König 
und Regienmg, auch wenn sie neutral zu bleiben wünschten, wohl 
von der öffenthchen Meinung gezwungen werden vvöirden, einzugreifen, 
sobald Österreich in Serbien einmarschiert. Ähnhch soll sich auch 
der König ausgesprochen haben. Stadt und Bevölkerung ruhig. 

Zech 

' Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Cetinje 25. Juli lo^^ nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 26. Juli 4* vorm. Eingangsvermerk: 26. Juli vorm. Am 26. Juli von 
Jagow telegraphisch dem Botschafter in Wien mitgeteilt, Telegramm 
3*" nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



202 

Nr, 196 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 23 Fiuggi Fönte, den 25. Juli 1914^ 

Bei der Bedeutung, welche die hiesige öffentliche Meinung 
Berliner Telegrammen gerade jetzt beimißt, dürfte es angezeigt sein, 
wenn es poHtisch möglich ist, durch Berliner Nachrichten hiesige 
Presse darauf hinzuweisen, daß Österreichs Aktion nicht Territorial- 
erwerb, welcher italienische Interessen an der Adiia gefährden könnte, 
bezweckt, sondern in erster Linie endgültige Klärung des Verhältnisses 
zu Serbien aus innerpolitischen Gründen'. 

Flotow 

^ Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Fiuggi Fönte, 25. Juli 11^ nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt 26. Juli 420 vorm. Eingangsvermerk: 26. Juli vorm. 

' Randbemerkung Hammanns: »Wolff angewiesen, solche Stimmen an 
Agenzia Stefani zu geben.« 

Nr. 197 

Der Reichskanzler an den Kaiser* 

Telegramm 146 Berlin, den 26. Juli 1914^ 

Außer der von General von Chelius gemachten 
Meldung' Hegen über russische Haltung noch keine 
verbürgten Nachrichten vor. Sollte Rußland sich zum 
Konflikt mit Österreich anschicken, beabsichtigt Eng- 
land Vermittelung * zu versuchen und erhofit dabei 
französische Unterstützung. Solange Rußland keinen 
feindlichen Akt vornimmt, glaube ich, daß unsere 
auf eine Lokalisierung^ gerichtete Haltung auch 

^ Nach dem Konzept von des Reichskanzlers Hand. 

^ Durch Funkspruch über Norddeich: In Berlin 26. Juli i Uhr nachm. zum 
Haupttelegraphenamt, angekommen im Hoflager 27. Juli 4 Uhr vorm. Ent- 
zifferung am 27 Juli vom Kaiser zurückgegeben, am gleichen Tage ins Aus- 
wärtige Amt gelangt. 

' Siehe Nr. 194. 

' Die Worte »Österreich anschicken, beabsichtigt Unterstützung« 

lauten in der Entzifferung des Hoflagers verstümmelt und irreführend: 
»Österreich (folgt Lücke) Baron Fredericks beabsichtigt Englands Ver- 
mittlung zu versuchen, und er hofft auf französische Unterstützung«. Das 
Wort »Fredericks« hat der Kaiser unterstrichen und am Rand vermerkt; 
»welcher?« 

* Am Rand Ausrufungszeichen des Kaisers. 



203 

Ruhe ist die erste eine ruhige bleiben muß. General von Moltke ist 
Bürgerpflicht .' Nur heute aus Karlsbad zurückgekehrt und teilt diese 
Ruhe, immer mir Ansicht 

^"^^JJ u-^'"\^"' Erbitte alleruntertänigst Mitteilung, wo und 

hige Mobilmachung t- n/r r j ^ • « j -^ • i -r- »r 

ist eben auch was ^^"^ ^^' ^- ^ ^^^^ steigen «, damit ich Ew. M. 
Neues. ^^^ ^^^"^ Vortrag erwarten darf. 

Alleruntertänigst 

Bethmann Hollweg 

Er soll mich in Berlin erwarten; ich 
komme dorthin, oder Wildpark. 

* Am Rand 2 Ausrufungszeichen des Kaisers. 



Nr. 198 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Petersburg* 

Telegramm 126 Berlin, den 26. Juli 1914^ 

Nachdem Graf Berchtold Rußland erklärt hat, daß Österreich 
keinen territorialen Gewinn in Serbien beabsichtige, sondern nur 
Ruhe schaffen wolle, hängt Erhaltung europäischen Friedens allein 
von Rußland ab. Wir vertrauen auf Friedensliebe Rußlands und 
unsere altbewährten guten Beziehungen, daß es keinen Schritt un- 
ternimmt, welcher den europäischen Frieden ernstlich gefährden 

würde. _ 

Bethmann Hollweg 

^ Nach dem Konzept von des Reichskanzlers Hand. — Vgl. deutsches 

Weißbuch vom Mai 19 15, S. 29 Nr. 12. 
^ i^* nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

Nr. 199 

Der Reichskanzler an den Botschafter in London* 

Telegramm 178 Berlin, den 26. Juli 19 14 ^ 

Dringend ! 

Österreich hat Rußland offiziell erklärt, daß es keinen territo- 
rialen Gewinn in Serbien beabsichtige und seinerseits Bestand des 
Königreichs nicht antasten, sondern nur Ruhe schaffen wolle. Nach 
hier von vertrauenswürdiger Seite eingelangten, aUerdings noch nicht 

* Nach dem Konzept von des Reichskanzlers Hand. — Vgl. deutsches 

Weißbuch vom Mai 1915, S. 29 Nr. 10. 
^ i^^ nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



204 

verbürgten Nachrichten steht in Rußland Einberufung mehrerer 
Reservistenjahrgänge unmittelbar bevor, was einer Mobilisierung auch 
gegen uns gleichkommen würde. Sollten sich diese Nachrichten 
bewahrheiten, so würden wir gegen unseren Wunsch zu Gegenmaß- 
regeln gezwungen werden. Unser Streben geht auch heute dahin, 
den Konflikt zu lokalisieren und den europäischen Frieden zu er- 
halten. Wir bitten daher Sir Edward Grey, in diesem Sinne in 
Petersburg zu wirkend Bethmann Hollweg 

ä Siehe Nr. 21 8. 



Nr. 200 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Paris ^ 

Telegramm 167 Berhn, den 26. Juli 1914^ 

Österreich hat Rußland offiziell erklärt, daß es keinen terri- 
torialen Gewinn in Serbien beabsichtige und seinerseits Bestand des 
Königreichs nicht antasten, sondern nur Ruhe schaffen wolJe^. Die 
Entscheidung, ob ein europäischer Krieg entstehen soll, hängt 
momentan nur bei Rußland. Wir vertrauen auf Frankreich, mit 
dem wir uns in dem Wunsche der Erhaltung des europäischen 
Friedens eins wissen, daß es in Petersburg seinen Einfluß in be- 
ruhigendem Sinne geltend machen wird. 

Bethmann Hollweg 

^ Nach dem Konzept von des Reichskanzlers Hand. 

2 i^^ nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

3 Gleichlautend wie Nr. 199. 

Nr. 201 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 159 London, den 26. Juli 1914^ 

Prinz Heinrich bittet mich, Ew. Exz. zu melden, S. M. der 
König habe ihm den lebhaften Wunsch zu erkennen gegeben, daß 
es der britisch-deutschen Gemeinschaft unter Zutritt Frankreichs und 
Italiens gelingen möge, der so überaus ernsten Lage im Sinne des 
Friedens Herr zu werden. Lichnowsky 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in London ii*^ vorm., angekommen im Auswärtigen Amt i*^ 
nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. Am 26. Juli von Jagow tele- 
graphisch dem Kaiser mitgeteilt, aufgegeben in Berlin, den 26. Juli 7*^ 
nachm., angekommen im Hoflager 27. Juli 7^° vorm., Entzifferung lag 
noch am 27. Juli dem Kaiser vor. 



205 

Nr. 202 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Wien* 

Telegramm 150 Berlin, den 26. Juli 1914* 

Auch der Chef des Generalstabs hält es für dringend erforder- 
lich, daß Italien fest beim Dreibund gehalten wird. Eine Verstän- 
digung Wiens mit Rom ist daher nötig. Wien darf derselben nicht 
mit fraglichen Vertragsdeutungen ausweichen, sondern muß dem 
Ernst der Lage entsprechend seine Entschlüsse fassen. 

Bethmann Hollweg 

^ Nach dem Konzept. Entwurf von Jagows Hand. 

' 3" nachm. zum Haupttelegraphenamt gegeben, 7^" nachm. auf der Bot- 
schaft in Wien angekommen. 

Nr. 203 

Der Botschafter in Petersburg an den Reichskanzler* 

St. Petersburg, den 24. JuH 1914^ 

Nach der Parade in Krasnoje Selo 
und einem Diner auf der »France« hat 
der Präsident der französischen Repubhk 
die Kronstädter Reede gestern abend 
wieder verlassen. Die Herrn Poincare 
hier zuteil gewordene Aufnahme war, 
wie nicht anders zu erwarten stand, eine 
sehr freundhche. Die offiziellen Veran- 
staltungen zeugten von dem Wimsche, 
dem Staatschef der verbündeten Repubhk 
ganz besondere äußerhche Ehren zu er- 
weisen, die offenbar auch darauf be- 
rechnet waren, seiner persönlichen Eitel- 
keit lu schmeicheln. Bei dem Besuch 
zum Beispiel, den Herrn Poincarö von 
Peterhof aus in St. Petersburg machte, 
wurde er nicht allein bei seiner Fahrt 
von Newa-Quai zum Winterpalais, sondern 

' Nach der Ausfertigung. 

* Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts : 26. Juli nachm. Ausfertigung 
wurde dem Kaiser zugeleitet, der durch Randverfügung Mitteilung an den 
Botschafter in Paris anordnete; vom Kaiser am 28. Juli ins Amt zurück- 
gelangt. Bericht wurde am 30. Juli dem Botschafter in Paris mitgeteilt. 
Vgl. deutsches Weißbuch vom Mai 191 5. 

Aktenstücke L l6 



206 



auch bei allen seinen Ausfahrten von 
einer Schwadron Kosaken eskortiert, die 
zu diesem Zwecke ihre scharlachrote 
Uniform, die sonst im Sommer selbst bei 
Paraden nicht angelegt wird, trugen. 

Abgesehen von diesen äußerlichen 
Ehrenbezeugungen, läßt sich nicht sagen, 
daß die dem französischem Gaste hier 
zuteil gewordene Aufnalime eine besonders 
warme gewesen ist. Wer lediglich die 
hiesigen nationalistischen Blätter und 
die überschwenghchen Festberichte der 
sehr zahlreich hier erschienenen franzö- 
sischen Journalisten liest, wird ein sehr 
falsches Bild von der Stimmung gewinnen, 
die während der Tage des Präsidenten- 
besuches hier geherrscht hat. Jeder un- 
parteiische Beobachter muß die auffallende 
Gleichgültigkeit, welche die große Masse 
des Pubhkums dem Besuche gegenüber 
zeigte, konstatiert haben. Selbst an dem 
Tage, an welchem Herr Poincar6 der Resi- 
denz selbst seinen Besuch abstattete, und 
trotz des bei diesem Besuch aufgebotenen 
großen Apparates war von einer besonders 
regenTeilnahme des Publikums ,geschweige 
denn von irgend welcher Begeisterung 
nichts zu merken. Bei der Ankunft des 
Präsidenten und seiner Fahrt die Newa- 
Quais entlang bis zum Winter-Palais 
hatte sich trotz des schönen Wetters 
verhältnismäßig wenig Publikum einge- 
funden, das Herrn Poincar6 nicht nur 
keine Ovationen bereitete, sondern über- 
haupt kaum grüßte. Die auf polizeiliche 
Anordnung dekorierten, aber keineswegs 
besonders reich beflaggten Straßen, durch 
welche der Präsident mit seiner Eskorte 
und einem zahlreichen Gefolge am Nach- 
mittag eine Rundfahrt machte, waren 
durchaus nicht besonders belebt,und nur an 
den Straßenecken erwarteten einige Schau- 
lustige die Vorbeifahrt des Cortege^. 

Am meisten Leben zeigte sich noch 
am Newski-Prospekt, als der Präsident 



' Hinter »Cortege« Ausrufungszeichen des Kaisers. 



207 



das kommt vom 
Bunde der Abso- 
luten Monarchie 
und der Absoluten 
Sojialistischen- 
Sanscuiotten 
Republik ! 



nach den heutigen 
Meldungen des 
Marin eattaches, 

nach Aussage des 
Russ. Afjrin"- 

attac/ies, isi iie im 
Werden ! 



sich am Abend nach dem Diner auf der 
französischen Botschaft nach der Stadt- 
Duma begab. 

Wie ich bereits anderweitig hervor- 
gehoben habe, ist die große Teilnahm- 
losigkeit der Bewohner der Hauptstadt 
während des Besuchs des Herrn Poincare 
ni( ht zum geringsten auf die Arbeiter- 
streiks :{urückiuj Uhren, die während der 
Anwesenheit der französischen Gäste zu 
ernsten Zusammenstößen mit der Poh'zei 
und der Truppe geführt haben. Man 
muß es als eine Ironie des Schicksals 
empfinden, daß zu der gleiclien Zeit, zu 
welcher im Lager von Krasnoje Selo die 
russischen Garden den Ga>t des Zaren 
mit den Klängen der nMarseillaisei<* be- 
grüßten, in den Vorstädten Petersburgs 
die Kosaken auf die Arbeiter einhieben, 
welche dieselbe Marseillaise sangen. 

Als sich gelegenth( h meiner Unter- 
haltungen mit Herrn Sasonow das Ge- 
spräch dem Besuch des Herrn Poincare 
zuwandte, hob der Minister den fried- 
fertigen Ton der gewechselten Trink- 
sprüche hervor. Ich konnte nicht umhin, 
Herrn Sasonow darauf aufmerksam zu 
machen, daß nicht die bei derartigen Be- 
suchen ausgetauschten Toaste, sondern 
die daran geknüpften Preßkommentare 
den Stoff zur Beunruhigung geliefert 
hätten. Derartige Kommentare seien 
auch diesmal ni( ht ausgebUeben, wotei 
sogar die Nachricht des angeblichen Ab- 
schlusses einer russisc h-englischen Marine- 
konvention verbreitet worden sei. Herr 
Sasonow griff die' en Satz auf und meinte 
unwilhg, eine solc:he Marinekonvention 
existiere nur »in der Idee des »BerUner heute noch! 
Tageblattes c( und im Mond«. ^^^'* 

Das von der rus^i'^clien Regierung ^^r^^" • 
über den Besuch des Herrn Poincare in 
der Presse veröffentlichte Communique 
ist in der Anlage gehorsamst beigefügt. 
F. Pourtal^s 



* »Marseillaise« zweimal vom Kaiser unterstrichen. 



i6* 



208 

Nr. 204 

Der Botschafter in Petersburg an den Reichskanzler ^ 

St. Petersburg, den 25. Juli 1914^ 

Die Unterredung, die ich gestern abend mit Herrn Sasonow 
hatte, und über die ich anderweitig schon zu berichten die Ehre hatte', 
drehte sich, nachdem ich dem Minister den Standpunkt der 
k. Regierung entwickelt hatte, zunächst hauptsächUch um die 
Frage der vom Minister befürworteten europäischen Enquete über 
die Konnivenz der serbischen Regierung gegenüber den Treibereien 
der groß-serbischen Propaganda. Herr Sasonow vertrat den Stand- 
punkt, daß die Frage eine europäische sei, da Serbien nach der 
bosnischen Krisis Europa gegenüber Verpflichtungen übernommen 
habe, und daß Europa Serbien nicht der Vergewahigung durch seinen 
mächtigen Nachbarn preisgeben dürfe. 

Ich versuchte, dem Minister zu beweisen, daß es im Interesse der 
dringend erwünschten Vermeidung aller etwaiger weiterer Kompli- 
kationen durchaus geboten erscheine, den österreichisch-serbischen 
Konflikt zu lokalisieren. Ich wies ferner darauf hin, daß nach 
meiner Überzeugung Österreich-Ungarn auf die Zumutung, die 
Untersuchung gegen die Urheber des Attentats von Sarajevo einer 
Superrevision der Mächte zu unterwerfen, niemals eingehen werde 
und auch nicht eingehen könne, wenn es nicht auf seine Stellung als 
Großmacht verzichten wolle. 

Ich machte endlich darauf aufmerksam, daß mir der ganze Vor- 
schlag, die Angelegenheit vor einen europäischen Areopag zu bringen, 
auch abgesehen von der zweifellos zu gewärtigenden österreichischen 
Ablehnung, auch durchaus unpraktisch erscheine, da unbedingt zu 
erwarten sei, daß der allgemeine politische Standpunkt der ver- 
schiedenen Mächte und Mächtegruppen bei der Stellungnahme zu der 
Frage der ausschlaggebende sein werde. Was aber habe ein solches 
»Gerichtsverfahren« für einen praktischen Zweck, wenn sich »die 
politischen Freunde« Österreich-Ungarns auf seine Seite und die 
Gegner auf die Gegenseite stellten? Wer solle in diesem Falle die 
Entscheidung fällen? 

Herr Sasonow war durch diese Argumente nicht von seiner Idee 
abzubringen und bat mich dringend, sie meiner Regierung zu über- 
mitteln. Ich entgegnete, es sei natürlich meine Pflicht, meiner 
Regierung über seine Stellungnahme zu berichten, ich könnte ihm 
aber nicht die geringste Aussicht machen, daß Ew. Exz. diesen, nach 

^ Nach der Ausfertigung. 

* Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 26. Juli nachm. Randnotiz des 
Reichskanzlers: »S. M. vorgetragen: v. B. H. 27. a 

* Siehe Nr. 160. 



209 

meiner Ansicht ganz unpraktischen und auch für Österreich 
demütigenden Vorschlag überhaupt als diskutabel anerkennen würde. 
Herr Sasonow erwiderte sehr verstimmt, er merke allerdings schon 
seit mehreren Tagen, daß wir in der Frage voreingenommen seien 
und unsere Stellungnahme bereits in einer bestimmten Richtung fest- 
gelegt hätten. 

Ich bemerkte darauf, unser Standpunkt sei ein durchaus klarer 
und loyaler. Er werde uns nicht allein durch unsere Pflichten gegen 
unseren Verbündeten, sondern auch durch unser Gerechtigkeitsgefühl 
und vor allem durch unser treues Festhalten an dem monarchischen 
Prinzip diktiert. 

Der Appell an das monarchische Prinzip war Herrn Sasonow 
sichtlich unangenehm. Er stellte sich auf den Standpunkt, daß es 
sich hier in keiner Weise um die Verteidigung monarchischer 
Interessen handele. Rußland, fügte er ärgerlich hinzu, brauche sich 
gewiß, was die Heilighaltung des monarchischen Prinzips betreife, 
keine Lehren erteilen zu lassen. »Und doch«, erwiderte ich, »sollten 
Sie ernstlich prüfen, ob Sie nicht im vorliegenden Falle eine schlechte 
Sache vertreten. Rußland kann unmöglich die Sache des Fürsten- 
mordes verteidigen.« 

Herr Sasonow, der bei diesem Teil des Gespräches immer 
nervöser und gereizter wurde, suchte von diesem Thema abzulenken 
und unter Berufung auf frühere Attentate wieder den Standpunkt zu 
vertreten, daß noch nie Regierungen und Völker für die Taten 
einzelner verantwortlich gemacht worden seien. Ich bemerkte darauf, 
daß es in der neueren Geschichte wohl auch kaum ein Beispiel gäbe, 
daß ein Staat eine verbrecherische Propaganda gegen den Nachbarn, 
wie dies jetzt in Serbien nachgewiesenermaßen geschehen sei, ge- 
duldet habe. 

Herr Sasonow gab darauf zu verstehen, daß ihn die von Öster- 
reich-Ungarn vorgebrachten, »Beweise« in keiner Weise überzeugten; 
er erging sich dabei in den maßlosesten Anklagen und Verdäch- 
tigungen gegen die österreichisch-ungarische Regierung. Diesen in 
größter Erregung vorgebrachten Ausfällen gegenüber konnte ich 
nicht umhin, dem Minister die Befürchtung auszusprechen, daß er 
sich ganz unter der Herrschaft seines unversöhnlichen blinden Hasses 
gegen Österreich befinde, der ihn leider anscheinend für alle anderen 
ruhigen Erwägungen unzugänglich mache. »Haß entspricht nicht 
meinem Charakter,« erwiderte der Minister, »ich hege daher auch 
keinen Haß gegen Österreich, aber Verachtung.« 

Herr Sasonow führte dann aus, daß Österreich-Ungarn nach 
seiner Überzeugung nur nach einem Vorwand suche, um Serbien zu 
»verschlingen« (avaler). »In diesem Falle aber«, fügte der Minister 
hinzu, »wird Rußland mit Österreich Krieg führen.« Es war das 
einzige Mal, daß Herr Sasonow, der sich sonst in seinen Äußerungen 
wenig Zwang auferlegte, eine Anspielung auf die Möglichkeit eines 
bewaffneten Einschreitens Rußlands machte. Ich möchte daraus 



210 

schließen, daß übereilte Schritte in dieser Richtung, trotz der zweifel- 
los in hiesigen Regierungskreisen herrschenden großen Erregung, 
vorläufig nicht zu gewärtigen sind. 

Ich habe dem Minister meine Überzeugung dahin ausgesprochen, 
daß es sich im äußersten Falle nur um eine Strafexpedition Öster- 
reichs gegen Serbien handeln werde, und daß Österreich weit davon 
entfernt sei, an territoriale Erwerbungen zu denken. Herr Sasonow 
schüttelte zu diesen Ausführungen ungläubig den Kopf und sprach 
von weitgehenden Plänen, die Österreich habe. Erst solle Serbien 
verspeist werden, dann werde Bulgarien darankommen und dann 
»werden wir sie am Schwarzen Meer haben«. 

Ich bemerkte hierauf, solche phantastischen Übertreibungen 
schienen mir überhaupt einer ernsten Diskussion nicht wert. 

Mein Gesamteindruck ist der, daß trotz der sehr erregten Stim- 
mung, in der sich Herr Sasonow befindet, er doch vor allem zu 
temporisieren wünscht, und daß dieser Wunsch seinem Vorschlag, 
die Angelegenheit vor den Richterstuhl Europas zu bringen, in erster 
Linie zugrunde liegt. Ein gefährliches Moment der hiesigen 
Situation ist allerdings der leidenschaftliche nationale und besonders 
auch religiöse Haß des Ministers gegen Österreich-Ungarn. 

Die hiesige öffentliche Meinung hat sich bis jetzt dem öster- 
reichisch-serbischen Konflikt gegenüber merkwürdig gleichgültig ge- 
zeigt. Dies dürfte sich allerdings, wie schon die heutige Presse 
zeigt, in den nächsten Tagen ändern. 

F. Pourtales 



Nr. 205 

Der Botschafter in Petersburg an den Reichskanzler^ 

St. Petersburg, den 25. Juli 1914* 

Aus zuverlässiger Quelle höre ich, daß im gestrigen hiesigen 
Ministerrat in erster Linie die Frage besprochen worden sein soll, 
ob die gegenwärtige innere Lnge Rußl.inds derart sei, daß das Land 
äußeren Verwickelungen ohne Beunruhigung in dieser Richtung ent- 
gegensehen könne. Die Mehrzahl der anwesenden Minister soll sich 
in dem Sinne geäußert haben, daß Rußland wegen der inneren Lage 
derartige Verwickelungen nicht zu scheuen brauche. 

F. Pourtales 

* Nach der Ausfertigung. 

' Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 26. Juli nachm. Randnotiz des 
Reichskanzlers: »S. M. vorgetragen, B. H. 27«. 



21 I 



Nr. 206 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler' 

Wien, den 25. Juli 19142« 

Man wird Kriegserklärung gegebenenfalls serbischer Regierung 
telegraphisch oder durch die Post zustellen, zugleich aber davon 
allen Mächten Mitteilung machen, um serbischer Regierung jeden 
Vorwand zu nehmen, nicht unterrichtet worden zu sein. 



von Tschirschky 



1 Nach der Entzifferung. 

' Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 26. Juli nachm. 

• Siehe Nr. 142, die 24. Juli 6'^ nachm. auf der Botschaft in Wien eintraf. 



Nr. 207 

Der Marineattache in London an das Reichsmarineamt * 

Telegramm (ohne Nummer) London, den 26. Juli 19 14' 

Ganz geheim ! 

England beabsichtigt gemeinschaftliche Aktion Deutschland, 
Frankreich, Italien zur Beruhigung Rußland, Österreich-Ungarn. 
König von Großbritannien äußerte zum Prinzen Heinrich von 
Preußen, England würde sich neutral verhalten, falls Krieg aus- 
brechen sollte zwischen Kontinentalmächten. Flotte hat Reser- 
visten entlassen und Mannschaften beurlaubt programmäßig. 

Marineattache 



' Nach einer vom Kapitän von ßülow vom Admiralstab am 26. Juli nachm. 
im Auswärtigen Amt überreichten Abschrift. Zimmermann vermerkt dazu 
noch am 26. Juli: »Der Herr Reichskanzler hat bereits direkt durch 
H. V. B[ülow] davon Kenntnis«. 

• Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 26. Juli nachm. 



2J2 

Nr. 208 

Der rumänische Gesandte in Berlin an das Auswärtige Amt ^ 

Geheim! Berlin, den 1 3. /26. Juli 1914^ 

Die k. rumänische Regierung, welche durch die sich 
überstürzenden Ereignisse in die Lage kommen kann, ihre Bünd- 
nispflichten zu erfüllen, legt den größten Wert darauf, im engsten 
Einvernehmen mit dem Deutschen Reich rechtzeitig derart unter- 
richtet zu werden, daß sie ihrerseits die notwendigen politischen 
und militärischen Maßnahmen treffen, insbesondere die öffentliche 
Meinung des Landes auf die eventuell zu fassenden Entschlüsse 
von größter Tragweite für Rumänien vorbereiten kann. 

In diesem Sinne hat sowohl S. M. der König, als auch der 
Ministerpräsident Bratianu den Unterzeichneten instruiert, wenn 
es auch bei seiner Abreise von Rumänien noch nicht ersichtlich 
war, daß wir so nahe vor dieser Entscheidung standen. 

A. B e 1 d i m a n 

1 Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 26. Juli nachm. Die Mitteilung 
muß jedoch vor Absendung von Nr. 193 erfolgt sein. Siehe auch 
Nr. 209 und 210. 



Nr. 209 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an die Botschafter 
in Wien und Rom^ 

Geheim I BerHn, den 26. Juli 19 14* " 

Der rumänische Gesandte, der soeben aus Heimaturlaub zu- 
rückgekehrt ist und vor wenig Tagen König Carol gesehen hatte, 
sagte mir im Auftrage des letzteren, er werde seine Politik dem 
Dreibund gegenüber nicht ändern. Allerdings hatte Herr Beldiman 
seinen Souverän noch vor der österreichischen Demarche in Bel- 
grad gesprochen, und König Carol hatte ihm gesagt, er bäte, vor 
Eintritt einer kritischen Lage rechtzeitig informiert zu werden, 
damit Er Sich darauf einrichten könne. Herr Beldiman ist aber 
der Ansicht, daß Rumänien, im Falle einer Konflagration, zweifel- 
los seinen Vertragsverpflichtungen nachkommen würde. 

1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 
^ Abgegangen am 26. Juli. 
3 Siehe Nr. 193, 208, 210. 



213 

Trotz der starken, in Rumänien bestehenden Verstimmung 
gegen Österreich-Ungarn wäre das Mißtrauen gegen Rußland doch 
noch stärker, viele einflußreiche Landsleute hätten sich zu ihm in 
dem Sinne geäußert. Das russische Heiratsprojekt sei zunächst 
vertagt, da Prinz Carol dem Gedanken, jetzt schon eine Ehe 
einzugehen, sehr abgeneigt sei. 

Was das Verhältnis zu Bulgarien anlangt, sagte der Gesandte, 
der Haß gegen Rumänien sei in Bulgarien, namentlich in Armee- 
kreisen, zu stark, um jetzt schon eine Besserung der Beziehungen 
bzw. einen Anschluß zu ermöglichen. Die militärischen Grenz- 
konflikte seien wesentlich auf die rumänenfeindliche Stimmung 
des bulgarischen Offizierkorps zurückzuführen. 

J a g o w 



Nr. 2IO 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien^ 



Telegramm 152 Berlin, den 26. Juli 1914^' 

Hiesiger rumänischer Gesandter hat im Auftrage des Königs 
Carol und im Einverständnis mit Bratianu Bitte ausgesprochen, 
behufs Erfüllung Bündnispflichten rechtzeitig derart unterrichtet 
zu werden, daß rumänische Regierung die erforderlichen politischen 
und militärischen Maßnahmen treflfen, auch öffentliche Meinung 
auf die zu treffenden Entschlüsse beizeiten vorbereiten kann. 

Bratianu hat — die hier nicht bekannte — Nachricht erhalten, 
daß Bulgarien Reservisten einberuft und Truppen an rumänischer 
Grenze zusammenzieht. Rumänische Regierung legt naturgemäß 
größten Wert darauf, dafür Garantie zu erhalten, daß von bul- 
garischer Seite nichts zu befürchten, um mit ganzer Macht gegen 
Rußland marschieren zu können. 

Bitte vorstehendes Grafen Berchtold mitteilen und darauf 
hinwirken, daß Rumänien die gewünschten Garantien erhält. 

Jago w 



1 Nach dem Konzept. Entwurf von Bergens Hand mit Änderungen von 
der Hand Stumms und Zimmermanns. 

* 4'^ nachm. zum HaupttelegraphenamL 

* Siehe Nr. 193, 208, 209. 



214 

Nr. 211 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 24 Fiuggi Fönte, den 26. Juli 19 14* 

Marquis di San Giuliano fährt fort, mir zu sagen, daß das 
Vorgehen Österreichs für Italien höchst bedenklich sei, da Öster- 
reich morgen wegen der Irredenta dasselbe Vorgehen gegen Italien 
richten könne. Zu solchen Schritten könne Italien daher nicht Zu- 
stimmung geben. Nach vertraulichen Nachrichten aus Bukarest 
»ei S. M. der König von Rumänien der gleichen Ansicht wegen 
der in Ungarn lebenden Rumänen*. Ich habe dem Minister gesagt, 
daß er nicht Fälle konstruieren möge, die gar nicht vorlägen. 

Den österreichischen Versicherungen, kein serbisches Terri- 
torium zu beanspruchen, glaubt der Minister immer noch nicht. 
Er hält es daher für nötig, Österreich schon bald auf Italiens 
Kompensationsansprüche vorzubereiten. Mit Wien könne er aber 
schwerlich darüber direkt verhandeln. Weder Baron von Merey 
hier, noch der Herzog von Avarna in Wien seien dazu geeignet. 
Überhaupt m.ache das bestehende Mißtrauen zwischen Wien und 
Rom solche Verhandlungen schwierig. Der einzige gangbare Weg 
führte über Berlin. Ich habe ihm gesagt, ich wisse nicht, wie meine 
Regierung darüber denke. Im Augenblick scheine es mir noch zu 
früh zu sein. Der Minister deutete wieder an, ohne Kompensation 
sei Italien gezwungen »Österreich in den Weg zu treten«. 

Marquis di San Giuliano gab mir ein Telegramm des Herrn 
Bollati, wonach der Herr Staatssekretär der auswärtigen Ange- 
legenheiten sich durch die Erklärungen als befriedigt gezeigt habe. 

In vertraulichem Gespräch sagte der Minister, es scheine 
ihm, als wenn die k. Regierung Österreich zu sehr ermutige. 
Ich habe das bestritten und ihm gesagt, wir beschränkten uns 
darauf, unsere Bundespflichten zu erfüllen. 

Überhaupt Presse noch relativ günstig, mit Ausnahme des 
Berliner Korrespondenten des Messagero. Corriere della Sera 
hat abgelehnt, für Österreich einzutreten. 

F 1 o t o w 



^ Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Fiuggi Fönte 3*° nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 5'° nachm. Emgangsvermerk: 26. Juli nachm. Auf der Entzifferung 
der noch am 26. oder 27. Juli geschriebene Vermerk Jagows: »Mit Herrn 
Bollati besprochen«. 

' Dazu die Randbemerkung Zimmermanns: »Fasciotti!« Siehe Nr. 239. 



215 



Nr. 212 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt* 

Telegramm io6 Wien, den 26. Juli 1914' 

Herzog von Avarna hat gestern hier im Auftrage seiner 
Regierung eine Erklärung in nachstehendem Sinne abgegeben. 
Italien müsse sich selbst bei provisorischer Besetzung serbischen 
Gebiets sein Recht auf Kompensationen im Sinne des Artikels 7 
vorbehalten. Im übrigen beabsichtigt die italienische Regierung 
in dem evfentuellen bewaffneten Konflikt zwischen Österreich- 
Ungarn und Serbien eine freundschaftliche und den Bündnis- 
pflichten entsprechende Haltung der Monarchie gegenüber einzu- 
nehmen. 

Graf Berchtold begrüßte diese Erklärung Italiens, bemerkte 
aber, daß man kriegerische Operationen auf serbischem Gebiet 
selbstverständlich nicht als provisorische Besetzung ansehen könne. 
Den ganzen Komplex der mit den italienischen Kompensations- 
forderungen zusammenhängenden Fragen erörtere ich fortlaufend 
mit Baron Macchio und Graf Berchtold und darf mir demnächstige 
Berichterstattung vorbehalten. Ich bemühe mich dabei in erster 
Linie, die hiesigen Stellen dazu zu bringen, die nutzlosen 
theoretischen Erörterungen über Interpretation des Artikels 7 fallen 
zu lassen, wobei mich General Freiherr Conrad von Hötzendorf, in 
dessen Gegenwart ich heute wieder mit Graf Berchtold die Ange- 
legenheit eingehend besprach, unterstützte. Ich betonte, daß es 
darauf ankommt, einen praktisch gangbaren Weg zu finden, zumal 
es keinem Zweifel unterliegt, daß Italien gegebenenfalls doch mit 
Kompensationsforderungen kommen werde. Graf Berchtold ver- 
hielt sich nicht ablehnend, meint aber, die Italiener hätten bereits 
vorweg durch die Besetzung der Inseln, die, mit Ausnahme von 
Rhodos und den ganz dicht daran liegenden Inseln, im Ägäischen 
Meer lägen, eine Kompensation in Händen. 

Tschirschky 



' Nach der Entzifferung. 

• Aufgegeben in Wien 4"* nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
6'^ nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. Am 26. Juli von Jagow 
nach Vornahme kleiner Änderungen und mit Fortlassung des Satzes: 

»zumal es keinem kommen werde«, telegraphisch dem Botschafter 

in Rom mitgeteilt, 27. Juli 12*" vorm. zum Haupttelegraphenamt. 



2l6 



Nr. 213 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 105 Wien, den 26. Juli 19 14' 

Geheim ! 

Graf Berchtold las mir Telegramm des Grafen Szögyeny vor, 
in welchem dieser meldet, daß man in Berlin, um die' Gefahr der Ein- 
mischung dritter tunlichst vorzubeugen, größte Schnelligkeit in 
militärischen Operationen und baldigste Kriegserklärung für nütz- 
lich hielte. Der Minister hatte zur Besprechung über diesen Punkt 
bereits Freiherrn von Hötzendorf zu sich gebeten, der v^ährend 
memer Anwesenheit beim Minister erschien. Ich unterstützte warm 
unseren Standpunkt, der von Graf Berchtold durchaus geteilt wurde, 
beim Generalstabschef. Freiherr von Hötzendorf führte aus, es 
müsse vor allem vermieden werden, mit unzulänglichen Kräften den 
Feldzug zu beginnen. Die ungarischen Korps an serbischer Nord- 
grenze würden ja binnen kurzer Zeit marschbereit sein. Die öster- 
reichische Aufstellung an serbischer Westgrenze werde aber mangels 
genügender Kommunikationsmittel längere Zeit in Anspruch nehmen, 
solange müsse unbedingt gewartet werden. Er rechne darauf, un- 
gefähr am 12. August den allgemeinen Vormarsch beginnen zu 
können. Übrigens würde sich wohl eine formelle Kriegserklärung 
erübrigen, da, wie er sicher annehme, schon in den nächsten Tagen 
feindliche Einbrüche Serbiens an der bosnischen Grenze erfolgen 
würden. 

Tschirschky 



^ Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Wien 4^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
6^ nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. Auf einer Abschrift der 
Entzifferung der Vermerk des Reichskanzlers: »S.M. vorgetragen. B. H. 27.« 
Jagow verfügt Mitteilung der in Tschirschkys Telegramm gemeldeten 
Ausführungen Conrads von Hötzendorf an Generalstab und Admiralstab; 
Conrads Bemerkungen werden nach Vornahme stilistischer Änderungen 
von Zimmermann am 27. Juli diesen Dienststellen und dem Kriegsminister 
mitgeteilt. Mitteilungen 9" nachm. durch Boten abgesandt. 

* So irrig tur »der«. 



217 
Nr. 214 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Geschäftsträger 

in Bukarest ^ 

Telegramm 42 Berlin, den 26. Juli 1914' 

Geheim ! 

Zur Mitteilung. Österreich hat Rußland erklärt, daß es keinen 
Gebietsgewinn in Serbien erstrebe, sondern dort nur Ruhe herstellen 
wolle. Verantwortung für eventuelle Ausdehnung des Konfliktes 
und Störung des europäischen Friedens würde daher allein Rußland 
zufallen, wenn dieses gegen Österreich vorgehen sollte. Wir sind 
ebenso wie England fortgesetzt um Lokalisierung des Konfliktes be- 
müht. Vorgehen Rußlands gegen Österreich würde aber für uns die 
bekannten Konsequenzen haben, wobei wir auf Rumäniens Loyalität 
rechnen. 

Nachrichten aus Rußland lauten ziemlich beunruhigend. 

J a g o w 



1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 
* 6^5 nachm. zum HaupUelegraphenamt. 



Nr. 215 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 159 St. Petersburg, den 26. Juli 1914' 

Von Kollegen erfahre ich, daß Herr Paleologue sich hier dahin 
geäußert, Deutschland treibe zum Konflikt, es handele sich schon 
jetzt nicht mehr um austro-serbischen, sondern um russisch-deutschen 
Konflikt. Habe daher nunmehr durch hiesiges Informationsbureau 
nach Vereinbarung mit meinem österreichischen Kollegen veröffent- 
lichen lassen, daß Nachricht, wonach Österreich von Deutschland ge- 
schoben werde und deutsche Regierung Inhalt österreichischer Note 
gekannt habe, unwahr. 

Pourtales 



' Nach der EntzitFerung. 

2 Aufgegeben in Petersburg 3*^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
7° nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. Unter dem 26. Juli von 
Jagow telegraphisch dem Botschafter in Paris mitgeteilt, 27. Juli i^^vorm. 
zum Haupttelegraphenamt. 



2l8 



Nr. 216 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt* ' 

Telegramm 158 St. Petersburg, den 26. Juli 1914^ 

Militär-Attache bittet mich, nachstehende Meldung Generalstab 
zu übermitteln: 

Halte für sicher, daß Mobilmachung für Kiew und 
Odessa befohlen. Warschau und Moskau fraglich, die 
anderen wohl noch nicht. 

Pourtales 



* Nach der Entzifferung. — Vgl. deutsches Weißbuch vom Mai 1915, 
S. 28 Nr. 7. 

^ Aufgegeben in Petersburg 3*^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
71 nachm. Eingangsvermerk: 26. JuU nachm. Randbemerkung des Reichs- 
kanzlers vom 27. Juli: »S. M. vorgetragen. B. H. 27.« Pourtales' Telegramm 
am 26. Juli 8^° nachm. dem Generalstab mitgeteilt. 



Nr. 217 

Der Botsciiafter in Petersburg an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 157 St. Petersburg, den 26. Juli 1914^ 

Habe Sasonow, mit dem ich eben wieder lange Unterredung 
hatte, heute viel ruhiger und versöhnlicher gefunden. Er betont mit 
der größten Wärme, daß Rußland nichts ferner liege, als Krieg zu 
wünschen, daß es vielmehr bereit sei, alle Mittel zu erschöpfen, um 
denselben zu vermeiden, man müsse durchaus, und er bäte uns 
dringend, dabei zu helfen, eine Brücke finden, um einerseits den 
österreichischen Forderungen, deren Berechtigung er, soweit sie sich 
direkt auf die Verfolgung der Urheber des Attentats bezögen, aner- 

^ Nach der Entzifferung. 

' Aufgegeben in Petersburg 3^^ nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 7^ nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. Unter dem 26. Juli von 

Jagow, unter Fortlassung der Sätze: »Ich habe Ministers 

beizutragen«, telegraphisch dem Botschafter in Wien mitgeteilt, Telegramm 
am 27. Juli 12* vorm. zum Haupttelegraphenamt gegeben. Auf einer 
Abschrift der Entzifferung der Randvermerk des Reichskanzlers vom 
27. Juli: »S. M, vorgetragen. B. H. 27.« 



219 

kenne, Genugtuung zu verschaffen*. Einige Forderungen jedoch*, 
welche direkt Angriffe gegen serbische Souveränität bedeuteten, 
müßten abgeschwächt werden, und er bitte im Interesse des Friedens 
dringend um Mitwirkung aller Mächte, auch Deutschlands, um 
Wiener Kabinett zu einer Milderung einiger Punkte zu bewegen, es 
sei falsch, zu glauben, daß hiesige Politik sich lediglich durch 
»Sympathien« leiten lasse. Für Rußland sei aber das Gleichgewicht 
auf dem Balkan Lebensfrage, und es könne daher eine Herab- 
drückung Serbiens zu Vasallenstaat Österreichs unmöglich dulden. 
Von Vorschlägen über Revision österreichischer Untersuchung durch 
Europa war nicht mehr die Rede. Dagegen scheint Minister Idee 
einer Vermittelung vorzuschweben, bei der Deutschland und Italien 
Rolle spielen könnten. 

Ich habe Sasonow gegenüber besonders betont, daß, wenn Öster- 
reich wirklich, wie er glaube, nach Vorwand suche, um über Serbien 
herzufallen, man jetzt bereits von Beginn österreichischer Aktion 
höre'*. 

Dieser Hinweis schien zur Beruhigung des Ministers beizu- 
tragen. 

Pourtales 



^ In besonderem Telegramm vom 26. Juli, aufgegeben in Petersburg 
26. Juli 5^^^ nachm., Eingangsvermerk des Amts: 27. Juli vorm., bittet 
Pourtales, in dem obenstehenden Telegramm hinter »Genugtuung zu 
verschaffen« die Worte einzuschalten: »Andererseits ihre Annahme 
serbischerseits überhaupt möglich zu machen«. 

* In dem berichtigenden Telegramm vom 26. Juli (siehe Anm. 3I bittet 
Pourtales, das Wort »jedoch« zu streichen. Die Änderungen Pourtales' 
sind in dem Telegramm nach Wien und in der dem Reichskanzler vor- 
gelegten Abschrift der Entzifferung (siehe oben Anm. 2) noch nicht 
berücksichtigt. 

• So in der Entzifferung. 



Nr. 218 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 160 London, den 26. Juli 1914* 

Heute Sonntag niemand im Foreign Office zu sprechen, kann 
daher Auftrag' vor morgen nicht ausrichten. Bezweifle, daß Sir 
E. Grey in der Lage, in Rußland in gedachtem Sinne zu wirken, da 
nach Erscheinen österreichischer Forderungen hier niemand mehr 



^ Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in London 4" nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 7' 
nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. 

• Siehe Nr. 199. 



220 ' 

an Möglichkeit glaubt, Konflikt zu lokalisieren. Daß aus der- 
artigem Vorgehen Österreichs Weltkrieg hervorgehen muß, hat hier 
niemand bezweifelt. Halte Augenblick für gekommen, Vermitte- 
lung im Sinne Sir E. Greys eintreten zu lassen, was allerdings 
wohl zur Voraussetzung hätte, daß Österreich bereit, auf weitere 
Lorbeeren zu verzichten. 

Lichnowsky 



Nr. 219 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Petersburg* 

Telegramm 128 Berlin, den 26. Juli 1914* 

Dringend ! 

Wie bereits in Telegramm Nr. 126' angedeutet, würden vorbe- 
reitende militärische Maßnahmen Rußlands, die irgendwie eine 
Spitze gegen uns hätten, uns zu Gegenmaßregeln zwingen, die in 
der Mobilisierung der Armee bestehen müßten. Die Mobilisierung 
aber bedeutete den Krieg und würde überdies gegen Rußland und 
Frankreich zugleich gerichtet sein müssen, da uns Frankreichs Ver- 
pflichtungen gegenüber Rußland ja bekannt sind. Wir können 
nicht annehmen, daß Rußland einen solchen europäischen Krieg 
entfesseln will. Angesichts der territorialen Desinteressierung 
Österreichs geben wir uns vielmehr der Ansicht hin, daß Rußland 
der Auseinandersetzung zwischen Österreich-Ungarn und Serbien 
gegenüber eine abwartende Stellung einnehmen kann. Den 
Wunsch Rußlands, den Bestand des serbischen Königreichs nicht in 
Frage stellen zu lassen, werden wir umso eher unterstützen können, 
als Österreich-Ungarn erklärt hat, diesen Bestand gar nicht in Frage 
stellen zu wollen. Eine gemeinsame Basis der Verständigung 
dürfte sich hierdurch auch im weiteren Verlaufe der Angelegenheit 
finden lassen*. 

Ew. Exz. ersuche ich, sich Herrn Sasonow gegenüber in vor- 
stehendem Sinne auszusprechen. 

Bethmann Hollweg 

^ Nach dem Konzept von der Hand des Reichskanzlers. Vgl. deutsches 
Weißbuch vom Mai 191 5, S. 5. 

2 71^ nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

3 Siehe Nr. 198. 

* Hier im Konzept des Kanzlers ursprünglich folgendes: »und dann dazu 
beitragen, einer Spannung ein Ende zu machen, die den wahren, auf 
gute Beziehungen angewiesenen Interessen Deutschlands und Rußlands 
widerspricht« von ihm nachträglich gestrichen. 



221 

Nr. 220 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 26 Fiuggi Fönte, den 26. Juli 19 14» 

Kronprinz von Serbien hat an S. M. den König von Italien 
geschrieben, hat aber nur eine höfliche, nichtssagende Antwort 
erhalten. 

F 1 o to w 



1 iNach der Entzifferung. 

» Aufgegeben in Fiuggi Fönte 4' nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
7** nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. Randvermerk des Reichs- 
kanzlers vom 27. Juli: »S. M. vorgetragen B. H. 27«. Flotows Telegramm 
am 27. Juli 7*° nachm. von Jagow telegraphisch dem Botschafter in 
Wien mitgeteilt. 

Nr. 221 

Der Reichskanzler an den Kaiser * 

Telegramm 150 Berlin, den 26. Juli 1914 " 

Wie Ew. M. soeben durch den Ad- 
miralstab gemeldet wird, hat Marine- 
EsgiebteineRuss. Flotte! attache London berichtet, daß englische 
;« rfer o^f5ey wd^yey p^Q^^e Reservisten entläßt, Mannschaften 
'^nfenTRus^- To7pe/o- programmiiQ'ig beurlaubt 3. Im Einklang 
bootsflotiiien, welche hiermit wage ich Ew. M. alle runtertän igst 
T'sutlen'tr'^fn vorzuschlagen. die Hochseeflotte anzu- 
Beiten stehen und die- weisen, Vorläufig in Norwegen zu bleiben*, 
?otrAr;;:ö/!;f';»:ida dies England seine geplante Ver- 
Lehre sein! A/«;ie mittlungsaktiou in Petersburg, das er- 

Flotte hatMarsch Ordre ^l^j^fH^-jj schwankend^ ist, wesentÜch er- Woher ist dat 
nach Kiel und dahin ,.,,.. j 7« entnehmen? 

fährt sie! w. leichtem wurde. ^,„ j^^ ^.^ 

Alleruntertänigst vorgelegten 

Material nicht * 

Bethmann Hollweg 



' Nach dem Konzept von des Reichskanzlers Hand. Notiz des Kanzlers 
für Zimmermann: »Bitte dies Telegramm, falls Sie und Exz. v. Jagow 
keine Bedenken haben, abgehen zu lassen. Eventuell bitte ich um Vor- 
lage eines andern Entwurfs. B. H. 26.« Dazu Zimmermann: »Keine Be- 
denken. Das Tel. ist sofort abzulassen. Z. 26. 7.« 

' Abgegangen durch Funkspruch über Norddeich, aufgegeben in Berlin 
26. Juli 7»* nachm., angekommen in Hoflager 27. Juh 7° vorm. 

' Siehe Nr. 182. 

* Am Rand Ausrufungszeichen des Kaisers, 

' »schwankend« vom Kaiser zweimal unterstrichen; am Rand seine Be- 
merkung. 

• Steht im Original auf der linken Seite. 

Aktenstücke!. >7 



222 



Nr. 222 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 107 Wien, den 26. Juli 1914^ 

Aus den Meldungen des Grafen Szäpäxy hat man hier den 
Eindruck, daß Herr Sasonow* bei Besprechung des österreichisch- 
ungarischen Vorgehens gegen Serbien ängsthch jede Stellungnahme 
Rußlands vermieden, vielmehr nur auf Eindruck in England, Frank- 
reich und Europa hingewiesen hat. Auch der Ausruf Sasonows: 
Wenn Österreich Serbien verschhnge, werde Rußland mit ihm Krieg 
führen, deutet darauf hin, daß Rußland nicht über diplomatische 
Aktion hinausgehen werde. 

Tschirschky 



^ Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Wien G^° nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 8" 

nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. 
' »Herr Sasonow« im Auswärtigen Amt aus ursprünglichem irrigen »Graf 

Szäpäry« der Entzifferung korrigiert 



Nr. 223 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 108 Wien, den 26. Juli 1914^ 

Graf Sz^csen meldet über Unterredung mit Herrn Pichon u. a. 
folgendes : 

Herr Pichon habe gefragt, ob man in Berhn sehr kriegerisch 
gesinnt sei; wenn man in Berlin keinen Krieg wolle, so werde 
Frieden bleiben. Rußland wolle nicht Krieg. Graf Szecsen hat 
betont, daß Deutschland den Konflikt zwischen Österreich-Ungarn 
und Serbien nur als eine, diese beiden Staaten allein angehende 
Sache betrachten und sich von dem Streit fernhalten werde, so- 
lange kein Dritter sich eimnischt. 

Tschirschky 

^ Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Wien 6^° nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 8" 
nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. 



223 



Nr. 224 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt' 

Telegramm 109 Wien, den 26. Juli 1914^ 

Graf Czernin meldet, daß der König von Rumänien ihm gegen- 
über bei Besprechung der serbischen Note einzelne Punkte kritisiert 
habe. Die im Laufe der Unterredung seitens des Grafen Czernin 
zweimal mit Nachdruck gemachte Bemerkung, daß der Dreibund 
mit Riunänien immer stärker sei als seine Gegner, hat der König 
beide Male widerspruchslos entgegengenommen. 

Tschirschky 



^ Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Wien G''* nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
8** nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. 



Nr. 225 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 25 Fiuggi Fönte, den 26. Juli 1914^ 

Marquis di San Giuliano sagte mir mit Beziehung auf den Vor- 
schlag Sir E. Greys zur Vermittelung bei Gefahr eines Konflikts 
zwischen Rußland und Österreich, man müsse ych hüten, etwaige 
Vermittelungsvorschläge Sir E. Greys kurz zruückzu weisen. Nach 
seinem Charakter würde ihn das entmutigen imd auf die andere 
Seite treiben, während seine Mitwirkung jetzt kostbar sei. 

Flotow 



* Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Fiuggi Fönte 4^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
9*" nachm. Eingangsvermerk: 26. JuH nachm. 

•7* 



224 



Nr, 226 

Der ünterstaatssekretär des Auswärtigen an den 
Botschafter in Wien ^ 

Telegramm 156 Berlin, den 26. Juli 1914* 

Zwecks eventueller Verwertung in London wäre Mitteilung er- 
wünscht, in welchen wesentlichen Punkten serbische Antwort auf 
Wiener Note unbefriedigend ausgefallen ist. 

Zimmermann 



^ Nach dem Konzept von Zimmermanns Hand. 

* g^ nachm. zum Haupttelegraphenamt, von dort abgesandt 12*' Mitternacht, 
auf der Botschaft in Wien angekommen am 27. JuU 3^" vorm. Antwort 
der Botschaft in Wien »Mitteilung wird erfolgen« Wien ab 27. Juli 320 nachm., 
angekommen im Auswärtigen Amt 4^2 nachm. 



Nr. 227 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Rom ^ 

Telegramm 20 Berlin, den 26. Juli 1914^ 

Wie Ew. Exz. bekannt, will Rumänien seinen Pflichten nach- 
kommen. Wie mir rumänischer Gesandter vertrauhch sagt, wird 
nur Herr Bratianu immer wieder etwas schwankend durch Sprache 
des itahenischen Gesandten, der sagt, Italien könne sich an Konflikt 
nicht beteihgen und jetzt überhaupt keinen Krieg führen. Es ist 
erwünscht, daß Marquis San Giuliano dem Gesandten Instruktion zu 
korrekter Haltung erteilt. Auch rimiänischer Gesandter in Rom 
muß über ItaUens einwandsfreie Haltung aufgeklärt werden. 

Jagow 



1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 
■^ 9*° nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



225 



Nr. 228 



Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien ^ 

Telegramm 157 Berlin, den 26. Juli 1914' 

Es wäre mir erwünscht zu wissen, wie weit Verhandlungen 
zwischen Wien und Sofia wegen Einbeziehung Bulgariens in den 
Dreibund gediehen sind und ob Abmachungen wegen eventuellen 
Eingreifens Bulgariens für den Fall der Ausdehnung des Konflikts 
bestehen. Drahtantwort ^. 

Jagow 



1 Nach dem Konzept. Entwurf von Bergens Hand. 

' 10" nachm. zum Haupttelegraphenamt gegeben, dort abgefertigt um Mitter- 
nacht, auf der Botschaft in Wien angekommen am 27. Juli 3*' vorm. 
• Siehe Nr. 259. 



Nr. 229 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 162 St. Petersburg, den 26. Juli 1914* 

Wie mir Generalleutnant von Chelius mitteilt, sieht man in 
Kreisen dem Frieden geneigter, monarchisch gesinnter höherer Offi- 
ziere der Umgebung des Zaren als bestes Mittel, Frieden zwischen 
den Großmächten zu erhalten, Telegranmi Sr. M. des Kaisers und 
Königs an Kaiser Nikolaus an^ Dieses Telegramm müßte an 
monarchisches Gefühl des Zaren appellieren und auf schweren Stoß, 
den monarchischer Gedanke durch Mord in Sarajevo erhtten hat, 
sowie auf die den Monarchien im Falle allgemeiner europäischer 
Konflagration drohenden Gefahren hinweisen. 

Pourtalös 



* Nach der Entzifferung. 

' Aufgegeben in Petersburg 8^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
IG* nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. 

• Siehe den Entwurf eines solchen Telegramms Nr. 233. Es ging tatsäch- 
lich nicht ab. Randbemerkung des Reichskanzlers vom 27. Juli zu 
Pourtales' Telegramm: »S. M. will einstweilen keine Depesche an den 
Zaren schicken. B. H. 27.« 



226 

Nr. 230 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 164 St. Petersburg, den 26. Juli 1914^ 

Habe Herrn Sasonow auf die in Kreisen hiesiger fremder 
Militärattaches verbreitete Nachricht angeredet, wonach angeblich 
an mehrere russische Armeekorps der Westgrenze Mobilmachungs- 
order ergangen sei. Ich habe dabei auf große Gefahr solcher Maß- 
regel, die leicht Gegenmaßregeln hervorrufen könnte, hingewiesen. 
Minister erwiderte, er könne mir garantieren, daß keinerlei Mobil- 
machungsorder ergangen, vielmehr im Ministerrat beschlossen worden 
sei, mit einer solchen zu warten, bis Österreich -Ungarn feindliche 
Haltung gegen Rußland einnehme. Daß »gewisse militärische Vor- 
bereitungen, um nicht überrascht zu werden«, schon jetzt getroffen 
würden, gab Herr Sasonow zu. 

PourtaHs 

' Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Petersburg g'** nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 10^ nachm. Eingangsvermerk: 26. Juli nachm. Randbemerkung des 
Reichskanzlers vom 27. Juli: »S. M. vorgetragen. B. H. 27.« v. Jagow ver- 
fügte Mitteilung an den Generalstab. Pourtales' Telegramm, nach Vor- 
nahme stilistischer Änderungen, unter dem 27. Juli dem Kriegsminister 
und dem Chef des Generalstabs mitgeteilt, abgesandt durch Boten am 
28. Juli 1 1^*' vorm. 

Nr. 231 

Der Kaiser an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 134 An Bord Hohenzollem, den 26. Juli 1914^ 

Den Befehl an Flotte zur schleunigen Vorbereitung der Heim- 
reise^ habe Ich nicht auf Grtmd eines Wolfftelegramms erteilt, sondern 
in Berücksichtigung der allgemeinen Lage und möglicher Eventuali- 
täten. Ich war hierzu um so mehr gezvmngen, als Mir ein Situations- 
bericht des Auswärtigen Amtes nicht vorlag, und Ich sogar den Inhalt 
des österreichischen Ultimatimis durch Zeitungsdienst von Norddeich 
und^nicht auf dem Dienstwege erfahren habe. 

* Nach der Entzifferung des Auswärtigen Amts und dem jetzt bei den Akten 
befindlichen von Wedel niedergeschriebenen und vom Kaiser persönlich 
unterfertigten Konzept, das am 2. August in das Auswärtige Amt gelangte. 

* Aufgegeben in Neumünster 7^° nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
lo^^ nachm. 

' Siehe Nr. 182 und 221. 



227 

Abgesehen davon, daß die englische Marine gar keine weiteren 
Maßnahmen mehr zu treffen braucht, da sie, wie die Revue eben 
gezeigt hat, bereits kriegsbereit in ihren Heimatshäfen Hegt, haben 
wir mit russischer Flotte zu rechnen, die, im Falle Rußland gegen 
Österreich mobilisiert, schon allein mit ihren jetzt im Dienst befind- 
lichen Schiffen binnen kürzester Zeit vor unseren Ostseehäfen er- 
scheinen kann. 

Um der möghchen Gefahr zu begegnen, daß Meine in norwegischen 
Häfen weit verstreute Flotte fern von ihrer Basis vom Kriege über- 
rascht werden könnte, habe Ich gestern nachmittag, nachdem Ich 
aus Telegramm 127* erfuhr, daß serbische Mobilmachung bereits im 
vollen Gange sei, Befehl gegeben, daß Flotte nach Beendigung der 
notwendigen Kohlenübernahme sich zusammenziehe und Heimreise 
antrete 5. 

Wilhelm LR. 

* Siehe Nr. 158, Anm. 2. 

* »der notwendigen antrete« in der Entzifferung des Auswärtigen 

Amts verstümmelt in: »der Kohlenübernahme baldig Heimreise antrete« 



Nr. 232 

Der Staatssekretär für Elsaß-Lothringen an den 
Reichskanzler ^ 

Straßburg, den 24. Juli 1914 ^ 

Der Weisung vom 16. d. M.^ entsprechend ist die Straßburger 
Post dahin verständigt worden, daß sie in nächster Zeit Polemik 
gegen Frankreich nicht treiben sollte. Für andere Zeitungen bedarf 
es hier einer derartigen Mahnung kaum. 

Die Affären Hansi und Knüpfler waren bereits erledigt und der 

Erlaß betr. die Rekruten, die Warnung wegen der französischen 

Farben und die vom Auswärtigen Amte gewünschte Mahnung in der 

Straßburger Post an die französischen Offiziere wegen der in letzter 

Zeit häufig vorgekommenen Grenzüberschreitungen waren erfolgt, 

als Ew. Exz. gütiges Schreiben einging. Ich möchte daher annehmen, 

daß für absehbare Zeit keine administrativen Maßregeln erforderlich 

sein werden, die jenseits der Grenze stark interessieren. Sollte 

irgend etwas Neues kommen, soll die gewünschte entsprechende 

Verlangsamung des Tempos bei der Verfolgung der Angelegenheit 

eintreten. _ 

Graf Reedern 

* Nach der Ausfertigung. 

2 Eingegangen in der Reichskanzlei am 26. Juli. 

» Siehe Nr. 58. 



228 



Nr. 233 

Entwurf eines nicht abgesandten Telegramms des Kaisers 

an den Zaren ^ 

I am confident you will agiee with me that the Austro-Servian 
conflict concerns only Austria and Servia and that they should be 
left alone to settle it between themselves. The unscrupulous agi- 
tation that has been going on in Servia for years, has resulted in 
the outrageous crime to which Franz Ferdinand feil a victim, It is 
a common interest of me and you and in fact of all monarchs that 
this crime and all that are morally responsible for it, should receive 
the punishment it deserves. Austria must be allowed a free band 
to take the evil by the root and to wipe out the revolutionary 
movement in Servia which may, by spreading over other countries 
one day threaten your throne as well as mine. The spirit of the 
people that murdered their own king and his wife still governs the 
country. It would be folly and suicidal on our part to do anything 
to spare them the penalty they have incurred^. 

Übersetzung 

Du wirst sicher mit mir darin übereinstimmen, daß der österreichisch- 
serbische Konflikt nur Österreich und Serbien angeht, und daß man es 
beiden Ländern überlassen solhe, diese Angelegenheit unter sich zu regeln. 
Die in Serbien seit Jahren betriebene gewissenlose Agitation hat zu dem 
abscheulichen Verbrechen geführt, dem Franz Ferdinand zum Opfer gefallen 
ist. Es ist mein und Dein und überhaupt aller Monarchen gemeinsames 
Interesse, daß dieses Verbrechen und alle Personen, die moralisch dafür ver- 
antwortlich sind, die verdiente Strafe erhalten. Österreich muß freie Hand 
gewährt werden, das Übel bei der Wurzel zu fassen und die revolutionäre 
Bewegung in Serbien zu ersticken, die auf andere Länder übergreifen und 
eines Tages Deinen wie meinen Thron gefährden kann. Der Geist, der die 
Serben ihren eigenen König und seine Gemahlin morden ließ, herrscht 
immer noch im Lande. Es wäre unsererseits Torheit und Selbstmord, ihnen 
irgendwie die verwirkte Strafe zu ersparen. 



^ Überschrift des in Maschinenschrift vorliegenden Stückes von der Hand 
Stumms: »Entwurf für eine eventuelle Depesche an den Zaren«. Der 
EntAvurf trägt kein Datum ; er ist natürlich nach Eingang von Pourtales' 
Telegramm (Nr. 229) in den späten Abendstunden des 26. oder erst am 
27. JuU niedergeschrieben worden. Abgegangen ist die Depesche nicht,, 
siehe Nr. 229, Anm. 3. 

' Vgl. dazu Nr. 335. 



229 



Nr. 234 



Entwurf eines nicht abgesandten Telegramms 
des Reichskanzlers an die Botschafter in Paris» London und 

Petersburg ^ 

Berlin, den 26. Juli 1914 

Einzelne russische Stimmen betrachten es als selbstverständliches 
Recht und als die Aufgabe Rußlands, in dem Konflikt zwischen 
Österreich-Ungarn und Serbien aktiv für Serbien Partei zu ergreifen. 
Für die aus einem solchen Schritte Rußlands resultierende, europäische 
Konflagration glaubt die »Nowoje Wremja« sogar Deutschland ver- 
antwortlich machen zu dürfen, wofern es nicht Österreich-Ungarn 
zum Nachgeben veranlaßt. Die russische Presse stellt hiermit die 
Verhältnisse auf den Kopf. Nicht Österreich- Ungarn hat den Konflikt 
mit Serbien hervorgerufen, sondern Serbien ist es gewesen, das durch 
eine skrupellose Begünstigung großserbischer Aspirationen, auch in 
Teilen der österreichisch-ungarischen Monarchie, diese selbst in ihrer 
Existenz gefährdet und Zustände geschaffen hat, die schließlich in 
der frevelhaften Tat von Sarajevo ihren Ausdruck gefunden haben. 
Wehrt sich Österreich-Ungarn dagegen, so handelt es lediglich aus 
dem berechtigten Triebe der Selbsterhaltung. Wenn Rußland in 
diesem Konflikt für Serbien eintreten zu müssen glaubt, so ist das 
an sich gewiß sein gutes Recht. Es muß sich aber darüber klar 
sein, daß es damit die serbischen Bestrebungen auf Unterhöhlung 
der Existenzbedingungen der österreichisch-ungarischen Monarchie 
zu den seinigen macht, und daß es allein die Verantwortung dafür 
trägt, wenn aus dem österreichisch-serbischen Handel, den alle 
übrigen Großmächte zu lokalisieren wünschen, ein europäischer Krieg 
entsteht. Diese Verantwortung Rußlands liegt klar zu Tage und 
wiegt um so schwerer, als Graf Berchtold Rußland offiziell erklärt 
hat, es beabsichtige weder serbische Gebietsteile zu erwerben, noch 

^ Entwurf von der Hand des Reichskanzlers. Auf dem Entwurf des nicht- 
abgegangenen Telegramms die Notiz von Stumms Hand: »Cessat«. Dem 
Entwurf folgt, gleichfalls von der Hand des Kanzlers, der Entwurf eines 
Telegramms, das den Botschaftern in Wien, Rom und Konstantinopel 
den vorstehenden telegraphischen Runderlaß im Falle seiner Absendung 
mitgeteilt hätte. Weiter folgt der von Stumm niedergeschriebene nicht 
gezeichnete Entwurf zu dem telegraphischen Erlaß nach London: Was 
ein Sieg Rußlands in einem etwaigen Konflikt und ein allgemeines Vor- 
dringen des Slawentums für das europäische Gleichgewicht sowie für die 
politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Interessen ganz Westeuropas 
bedeuten würde, darüber wird sich die englische Regierung hoffentlich 
nicht im Unklaren sein. 



230 

den Bestand des serbischen Königreichs anzutasten, sondern wolle 
ledigUch Ruhe vor den, seine Existenz gefährdenden, serbischen 
Umtrieben haben. 

Deutschlands Stellung in dieser Krisis ist klar vorgezeichnet. 
Den Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien betrachten 
wir als eine Angelegenheit, die diese beiden Staaten allein angeht 
und die deshalb lokalisiert bleiben muß 2. Da Österreich- Ungarn 
bei seinem Vorgehen vitale Interessen wahrt, ist eine Ingerenz des 
verbündeten Deutschlands ausgeschlossen. Sollte ein akuter Gegen- 
satz zwischen Österreich-Ungarn und Rußland entstehen, so werden 
wir alle Bestrebungen anderer Großmächte auf Vermittelung dieses 
Gegensatzes tatkräftig unterstützen, getreu den Richtlinien derjenigen 
Politik, die wir seit nunmehr 44 Jahren im Interesse der Aufrecht- 
erhaltung des europäischen Friedens mit Erfolg durchgeführt haben. 
Nur gezwungen werden wir zum Schwert greifen, dann aber in dem 
ruhigen Bewußtsein, daß wir an dem namenlosen Unheil keine Schuld 
tragen, das ein Krieg über Europas Völker bringen müßte. 

Ew. pp. ersuche ich ergebenst, bei ihren Unterhaltungen mit 
den dortigen Staatsmännern den Grundton vorstehender Erwägungen 
festzuhalten. 

Bethmann Hollweg 

2 »Den Konflikt bleiben muß« vom Kanzler geändert aus dem 

ursprünglich von ihm Niedergeschriebenen: »Gerade weil wir mit allen 
Kräften bestrebt sind, den Konflikt zu lokalisieren, halten wir uns von 
einer Ingerenz auf die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und 
Serbien, die diese beiden Staaten allein angehen, fern-. 



Nr. 235 

Der Botschafter in Paris an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 220 Paris, den 26. Juli 1914^ 

Der stellvertretende Minister der auswärtigen Angelegenheiten 
versicherte mir, daß unser Appell an Solidarität des Bestrebens um 
Friedenserhaltung hier ungemein wohltuend berühre und gebührend 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Paris 26. Juli 7^° nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
27. Juli 12'' vorm.; Eingangsvermerk: 27. JuH vorm. In der vom Reichs- 
kanzler für den Vortrag beim Kaiser benutzten Abschrift ist der Abschnitt 
»Herr Bienvenu Martin gab ausgegangen« fortgelassen. Rand- 
vermerk des Kanzlers auf dieser Abschrift vom 27. Juli: »S. M. vorge- 
tragen. B.H. 27.« Schoens Telegramm am 27. Juli von Jagow telegraphisch 
den Botschaftern in Wien und Rom mitgeteilt, 8^ nachm. zum Haupt- 
telegraphenamt 



231 

beachtet werde. Er für seine Person sei gern bereit, in Petersburg 
beruhigend einwirken zu lassen, nachdem durch österreichisch- 
ungarische Versicherung, daß keine Annexion beabsichtigt, Vorbe- 
dingung geschaffen sei. Er könne mir allerdings noch nicht förm- 
liche Erklärung namens der französischen Regierung über Modus der 
Einwirkung geben, da er zunächst mit abwesendem Ministerpräsidenten 
in Benehmen treten müsse. ^ 

Der Minister warf persönlichen Gedanken ein, ob nicht auch 
beruhigende Einwirkung in Wien in Frage kommen könne, nachdem 
Serbien anscheinend in den meisten Punkten nachgegeben habe und 
somit Raum für Verhandlungen gegeben. Ich erwiderte, daß mir 
etwaige gemeinschaftliche Vorstellungen der Mächte in Wien mit 
unserer Auffassung, daß Österreich-Ungarn und Serbien allein zu 
lassen, nicht vereinbar scheine. Der Punkt für Einwirkung sei 
Petersburg. 

Herr Bienvenu Martin gab im Laufe des Gespräches vertraulich 
zu, daß der Gedanke Sasonows, wonach nur Gesamtheit der Mächte 
Verhalten Serbiens aburteilen könne, juristisch schwer haltbar sei. 
Minister sprach mir Bedauern aus, daß meine erste Demarche hier von 
Presse vielfach mißdeutet worden, und versicherte, daß Indiskretion 
nicht von Quai d'Orsay ausgegangen. 

Schoen 



Nr. 236 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 161 London, den 26. Juli 1914^ 

Habe soeben Sir A. Nicolson und Sir W, Tyrrell gesprochen. 
Nach hier vorliegenden Nachrichten steht allgemeine Einberufung 
russischer Reservisten nicht bevor, sondern nur partielle Mobili- 
sierung fern unseren Grenzen, Beide Herren erblicken im Vorschlage 
Sir E. Greys, hier Konferenz zu vier abzuhalten, einzige Möglich- 
keit, allgemeinen Krieg zu vermeiden und hoffen, daß es hierbei 
geUngen werde, Österreich volle Genugtuung zu verschaffen, da 

^ Nach der Entzifferung. Siehe Nr. 248. 

* Aufgegeben in London 26. Juli 8^^ nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 27. Juli 12" vorm.; Eingangsvermerk: 27. Juli vorm. In der vom Reichs- 
kanzler für den Vortrag beim Kaiser benutzten Entzifl'erung sind die 

Sätze »und sich in deren Drohungen Österreichs«, »denn 

keine russische verlustig gehen wollte« und »Ich möchte 

dringend zu verlieren hat« gestrichen. Randvermerk des 

Kanzlers vom 27 Juli: »S. M. vorgetragen. S. M. mißbilligten den 
Standpunkt Lichnowskys. B. H. 27.« 



232 

Serbien eher geneigt sein würde, dem Druck der Mächte zu weichen 
und sich in deren vereinten Willen zu fügen als den Drohungen 
Österreichs. Unbedingte Voraussetzung sei aber für Gelingen der 
Konferenz und für Erhaltung Friedens, daß alle militärischen Be- 
wegungen unterblieben. Sei erst serbische Grenze überschritten, so 
wäre alles verloren, denn keine russische Regierung würde dies 
dulden können und zum Angiiff gegen Österreich zu schreiten ge- 
zwungen sein, falls sie nicht ihrer Stellung bei den Balkanstaaten 
für immer verlustig gehen wollte. Sir W. T5n:rell, der Sir E. Grey 
noch gestern abend gesehen hat und von dessen Ansichten genau 
unterrichtet ist, wies mich wiederholt imd mit Nachdruck auf die 
imgeheure Wichtigkeit hin, daß bis zur Erledigung der Konferenz- 
frage serbisches Gebiet nicht berührt werde, da sonst alle Bemühun- 
gen vergebhch und der Weltkrieg unabwendbar sei. Die in Berlin 
erhoffte Lokalisierung des Konflikts sei vollkommen unmöglich und 
müsse aus der praktischen Politik ausscheiden. Gelänge uns beiden, 
Sr. M. dem Kaiser bzw. dessen Regierimg und Vertretern im Verein 
mit Sir E. Grey, den europäischen Frieden zu retten, so seien die 
deutsch -englischen Beziehungen für immerwährende Zeiten auf eine 
sichere Grimdlage gestellt. Gelänge dies nicht, so stehe alles in 
Frage. 

Ich möchte diingend davor warnen, an die Möglichkeit der 
Lokalisierung auch fernerhin zu glauben, und die gehorsamste Bitte 
aussprechen, unsere Haltung einzig und allein von der Notwendigkeit 
leiten zu lassen, dem deutschen Volke einen Kampf zu ersparen, bei 
dem es nichts zu gewinnen und alles zu verüeren hat. 

Sir E. Grey kehrt heute abend zurück. 

Lichnowsky 



Nr; 237 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 162 London, den 26. Juli 1914* 

Wie ich im Foreign Office vertraulich höre, ist die Stimmung 
in Italien nach den dort vorliegenden Nachrichten derart gegen 
eine Beteiligung am Kriege, daß die Regierung es nicht wagen 



^ Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in London 26. Juli 8^^ nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 27. Juli 12" vorm. Eingangsvermerk: 27. Juli vorm. Betr. Mitteilung 
von Lichnowskys Telegramm nach Rom siehe Nr. 273. 



233 

würde, aktiv einzugreifen. Die von Wien aus verbreitete Nachricht, 
Itahen habe seine Zustimmung ausgesprochen und bundesgemäße 
Zusagen gemacht, entspräche nicht den Tatsachen^. 

Lichnowsky 



' Dazu die Randbemerkung Zimmermanns: »Was geht den Botschafter 
Itahen an!« 



Nr. 238 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 163 St. Petersburg, den 26. JuH 1914 ' 

Graf Szäpary hatte heute nachmittag längere Unterredung mit 
Sasonow. Beide Beteiligte, die ich nachher sprach, hatten von 
derselben befriedigenden Eindruck. Die Versicherung des Botschafters, 
daß Österreich -Ungarn keine Eroberungspläne habe und nur endhch 
an seinen Grenzen Rulie halten wolle, hat Minister sichthch beruhigt. 
Zwischen Sasonow und Graf Szapäry ist österreichische Note ruhig 
durchgesprochen worden. Es hat sich dabei herausgestellt, daß 
Sasonow gegen eine Reihe von Punkten keine Bedenken hatte. 
Über einige andere Punkte, sagte mir der Minister, könnte man sich 
vielleicht durch Änderung der Formen der Forderung einigen. Es 
handele sich vielleicht nur um Worte. Österreich stelle einige Zu- 
mutungen, die die serbische Regierung tatsächUch nicht erfüllen 
könne, ohne seine Verfassung zu ändern, was in diesem Augenblick 
nicht möghch. Vielleicht ließe sich aber doch ein Modus finden, imi 
Österreich zu befriedigen, ohne die scharfe Forderung dem Buch- 



1 Nach der Entzifferung. Vgl. deutsches Weißbuch Mai 191 5, S. 27 Nr. 5. 

2 Aufgegeben in Petersburg 26. Juli 10 1° nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt 27. Juli 12" vorm.; Eingangsvermerk: 27. Juli vorm. In 
dem vom Reichskanzler für den Vortrag beim Kaiser benutzten Exemplar 
sind, abgesehen von kleinen stilistischen Änderungen, der Satz »Sollte 
dabei wissen zu lassen« und die Worte »im Sinne meines Vor- 
schlages« fortgelassen. Randvermerk des Kanzlers vom 27. Juli : S. M. 
vorgetragen, v. B. H. 27. Pourtales' Telegramm am 27. Juli von Jagow 
nach Vornahme kleiner stilistischer Änderungen und unter Fortlassung 
der Worte »im Sinne meines Vorschlages« sowie der Sätze »Sollte 

dabei wissen zu lassen« und »Minister bat dasselbe hier 

zu tun« telegraphisch dem Botschafter in London, desgleichen, nach 
Vornahme kleiner stilistischer Änderungen und unter Fortlassung der Sätze 

»Sollte dabei wissen zu lassen« und »Ich habe Eindruck 

dasselbe hier zu tun« telegraphisch dem Botschafter in Wien mitgeteilt, 
Telegramm 180 nach London \2^^ nachm., Telegramm 161 nach Wien 
4^^ nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



234 

Stäben nach zu erfüllen. — Sasonow ist meinem österreichischen 
Kollegen gegenüber auch auf Vermittelungsgedanken gekommen und 
hat Vermittelung des Königs von ItaUen und Englands angeregt. 
Der Minister bat mich dringend, ihm zu sagen, ob ich nicht auch 
irgendeinen Vorschlag machen könnte. Ich erwiderte unter Betonung, 
daß ich zu keinen Vorschlägen ermächtigt sei und daher nur meine 
eigenen Gedanken aussprechen könnte, der folgende Weg schiene 
mir vielleicht gangbar. Falls, wie es nach den Äußerungen des 
Grafen Szapäry nicht ganz ausgeschlossen erscheine, das Wiener 
Kabinett darauf einginge, seine Forderungen in der Form etwas zu 
mildem, wäre vielleicht der Versuch zu machen, mit Österreich- 
Ungarn zu diesem Zweck unverzüglich Fühlung zu nehmen. Sollte 

dabei eine Einigung erfolgen, so ^ Serbien durch Rußland 

geraten werden, die österreichischen Forderungen auf der zwischen 
Österreich und Rußland vereinbarten Basis anzunehmen und dies 
die österreichische Regierung durch Vermittelung dritter Macht wissen 
zu lassen. — Sasonow, den ich nochmals dringend darauf aufmerksam 
machte, daß ich nicht im Namen meiner Regierung spräche, erklärte, 
er wolle sofort im Sinne meines Vorschlages an russischen Botschafter 
in Wien telegraphieren. 

Ich habe Eindruck, daß Sasonow, vielleicht infolge von Nach- 
richten aus Paris und London, etwas die Nerven verloren hat und 
jetzt nach Auswegen sucht. — Minister bat dringend, daß deutsche 
Presse tunUchst beruhigt werden möchte. Er versprach, dasselbe 
hier zu tun. 

Pourtales 

ä Hier fehlt eine Zifferngruppe. 



Nr. 239 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Rom^ 

Telegiamm 22 Berlin, den 26. Juh 19 1422 

Ansicht über Rumänien irrtümlich, beruht offenbar auf tendenziöser 
Berichterstattung des dortigen italienischen Gesandten. 

Wegen Kompensationen muß ItaHen in Wien selbst verhandeln. 

Jagow 

^ Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

* 27. Juli i^^ vorm. zum Haupttelegraphenamt. 

* Siehe Nr. 211. 



235 



Nr. 240 

Der Botschafter in Paris an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 222 Paris, den 26. Juli 1914^ 

Quai d'Orsay scheint aus Umstand, daß Wiener Kabinett sich 
mit serbischer Antwort, obwohl diese weit entgegenkommend, nicht 
begnügt hat, Argwohn zu schöpfen, daß wir treibend hinter Österreich- 
Ungarn stehen und Krieg wünschen. 

Ich bin dieser Meinung nachdrücklich entgegengetreten. 

Schoen 



1 Nach der Entzifferung. 

" Aufgegeben in Paris 26. Juli 9"* nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
27. Juli i^° vorm. Eingangsvermerk: 27. Juli vorm. Randvermerk des 
Reichskanzlers vom 27. Juli: »S. M. vorgetragen. B. H. 27.« 



Nr. 241 

Der Botschafter in Paris an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 221 Paris, den 26. Juli 1914^ 

Aus vertraulicher Rücksprache mit stellvertretendem poHtischen 
Direktor habe bestimmten Eindruck, daß Antwort Viviani lauten wird, 
er sei zu beruhigender Einwirkimg in St. Petersburg bereit, falls wir 
bereit, in Wien, nachdem Serbien fast alle Forderungen erfüllt hatte, 
zu Mäßigung zu raten. 

Schoen 



* Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Paris 26. Juli 9^° nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 27. Juli 1^^ vorm. Eingangsvermerk: 27. Juli vorm. Am 27. Juli 
von Zimmermann telegraphisch dem Botschafter in Wien mitgeteilt, 
7^ nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



336 



Nr. 242 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 165 St. Petersburg, den 27. Juli 1914' 

Militärattache meldet über Gespräch mit Kriegsminister : Sasonow 
hat ihn gebeten, mich über mihtärische Lage aufzuklären. Der 
Kriegsminister gab mir sein Ehrenwort, daß noch keinerlei Mobil- 
machungsorder ergangen sei. Vorläufig würden lediglich Vorbereitimgs- 
maßnahmen getroffen, kein Pferd ausgehoben, kein Reservist einge- 
zogen. Wenn Österreich serbische Grenze überschreitet, werden auf 
Österreich gerichtete Militärbezirke Kiew, Odessa, Moskau, Kasan 
mobilisiert. Unter keinen Umständen an deutscher Front Warschau, 
Wilna, Petersburg. Man wünsche dringend Frieden mit Deutschland. 
Auf meine Frage, zu welchem Zweck Mobilmachung gegen Österreich, 
Achselzucken und Hinweis auf Diplomaten. Sprach dem Minister 
aus, daß man bei uns Würdigung für freundschaftliche Absichten 
zeige, aber auch Mobilmachung gegen Österreich allein als sehr be- 
drohhch ansehen werde. Minister betonte nachdrücklichst imd wieder- 
holt dringendes Bedürfnis und Wimsch nach Frieden. Hatte Ein- 
druck großer Nervosität und Besorgnis. Halte Wunsch auf Frieden 
für aufrichtig, militärische Angaben insoweit für zutreffend, daß 
völlige Mobilmachung wohl nicht angeordnet, vorbereitende Maß- 
nahmen aber sehr weitgehend. Man ist sichtlich bestrebt, Zeit zu 
gewinnen zu neuen Verhandlungen und Fortsetzimg der Rüstungen. 
Auch verursacht innere Lage unverkennbar schwere Besorgnis. Gnmd- 
zug der Stimmimg, Hoffnung auf Deutschland und Vermittelung Sr. M. 

Pourtales 



1 Nach der Entzifferung. — Vgl. deutsches Weißbuch vom Mai 191 5, S. 30 
Nr. 13. 

2 Aufgegeben in Petersburg i" vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 
2^^ vorm.; Eingangsvermerk: 27. Juli vorm. Randvermerk des Reichs- 
kanzlers vom 27. Juli: »S. M. vorgetragen v. B. H. 27.« Pourtales' Tele- 
gramm am 27. Juli von Jagow telegraphisch dem Botschafter in Wien 
mitgeteilt, 9^ nachm. zum Haupttelegraphenamt; am 28. Juli auch dem 
Generalstab, dem Kriegsminister und dem Admiralstab mitgeteilt, abge- 
sandt durch Boten ii^'* vorm. 



237 



Nr. 243 

Der König von Griechenland an den Kaiser 

(Obermittelt durch den Geschäftsträger in Athen an das Auswärtige Amt)' 

Telegramm 218 Athen, den 27. Juli 1914* 

S. M. übergab mir folgendes für S. M. den Kaiser imd König 
bestimmtes Telegramm mit der Bitte, es an die Allerhöchste Stelle 
gelangen zu lassen : 

»Ich danke für das Telegramm Ew. M., welches mir 
die Gelegenheit gibt, falsche Beschuldigungen, die gegen 
mein Land, ergo auch gegen mich erhoben werden, abzu- 
weisen. Unsere Friedfertigkeit ist nicht scheinbar, und ich 
glaube, daß wir in letzter Zeit dies namenthch der Türkei 
gegenüber genugsam bewiesen haben. Die Kriegs Vorräte, 
die wir in unseren Häfen aufstapeln sollen, sind die Vor- 
räte, die wir für den Fall einer Mobihsation brauchen, die 
immer bereit hegen sollten. Durch den Abgang nach den 
Kriegen und durch die Verdreifachung meiner Armee sind 
die Bedürfnisse sehr erhebhch gestiegen. Der Generalstab, 
nach der Bearbeitung des Mobihsationsplanes, dringt seit 
Oktober v. J, auf Ergänzung alles Nötigen. Das Ministerium 
hatte es bis vor drei Monaten versäumt, dann sind aber 
alle Bestellungen gemacht, mit Termin, wenn möghch bis 
Oktober. Außerdem kommen seit Februar die Geschütze 
zur Ergänzung von Feld- und Bergartillerie mit ihrer 
Munition, Gewehre, und dieser Tage sind Festungsgeschütze 
für die Befestigungen von Saloniki, Kavalla imd die Grenzen 
bei Krupp bestellt worden. Daß wir Krankenschwestern 
zurückberufen haben, ist vollständig aus der Luft gegriffen. 
Wenn feurige Patrioten Briefe an griechische Ottomanen 
schrieben mid ihnen Freiheit verheißen, kann ich nicht 
dafür verantworthch gemacht werden, und ich weiß auch 
nichts davon. An einen Angriff gegen die Dardanellen oder 
sonstwo haben wir nie gedacht. Eine abenteuerliche Pohtik 
hegt mir und meiner Regierung ganz fern. Die Regierung 
hat letzte Zeit Beweise ilires Solidaritätsgefühls mit euro- 

' Nach der Entzifferung. 

''■ Aufgegeben in Athen i'** vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 
73» vorm.; Eingangsvermerk: 27. Juli vorm. Am Rand der Vermerk 
des Reichskanzlers: »S. M. vorgetragen. S. M. wünschen Prüfung, ob 
demnächst Antwort erforderlich isL v. B. H. 27.« Betr. Miueilung von König 
Konstanüns Telegramm an den Botschafter in Konstantinopel siehe Nr. 354. 

Aktenstücke I. l8 



238 



päischen Interessen gegeben und sinnt nur auf Frieden 
mit Ehren, den das Land notwendig braucht. Was wir 
erworben, wollen wir wahren und entwickeln. Wir wollen 
keinen Krieg und haben es in der letzten schweren Krise 
bewiesen trotz der furchtbaren Mißhandlungen von Hundert- 
tausenden unserer Konnationalen in Kleinasien. Wir wollen 
nichts von der Türkei. Die Türkei fühlt sich im Gegen- 
satz zu uns wegen der Inselfrage. Wir waren fast zu 
einer Verständigung gekommen, als beinahe alles verdorben 
wurde durch ihre Kniffe. Veniselos soll sich dieser Tage 
in Brüssel mit dem Großwesir treffen, um über den Vor- 
schlag zu verhandeln, den ich vor einigen Tagen Ew. M. 
telegraphierte und den Ew. M. durch meine persönlichen 
Mitteilungen an den Grafen von Quadt kennen. Wir 
können aber nicht mehr als das konzedieren. Die Bitte 
um Unterstützung in dieser Sache wiederhole ich no,ch- 
mals an Ew. M. Wenn diese Frage gelöst ist, wird uns 
nichts mehr von der Türkei trennen, wenn letztere es 
ehrlich meint. Serbien hatten wir Ratschläge erteilt, seine 
Handlungsweise zu mildern. 

Jch kann nicht einsehen, wie die Türkei Österreich 
helfen kann, ohne sich mit Bulgarien zu verbinden. Wenn 
aber Bulgarien sich einmischt, dann entsteht ein Machtzu- 
wachs eines anderen Slawenstaats auf dem Balkan, der der 
Türkei und den nichtslawischen Staaten besonders gefähr- 
lich ist, was den Bukarester Frieden und das Gleichge- 
wicht auf dem Balkan umstürzen würde. Dies wäre unseren 
Interessen sehr gefährlich, ich denke, es \vürde auch den 
deutschen Interessen im Orient widersprechen, und in diesem 
Falle würde ich nicht auf Seite Österreichs gegen die 
Slawen stehen, wie es im Telegramm Ew. M. steht. 

Zum Schluß bitte ich Ew. M., an meine vollste Loyali- 
tät zu glauben als Herrscher, als Kollege und als Mensch, 
und daß ich immer reinen Wein eingeschenkt habe und 
so fortfahren werde. Die anderen müssen mich aber ebenso 
aufrichtig behandeln wie ich sie, namentlich die Türkei. 

Constantina ^ 

Basse witz 



* Siehe Nr. 466. 



239 

Nr. 244 

Der Botschafter in Rom an den Reichskanzler* 

Fiuggi, den 25. Juli 19142 

Bei gestriger Diskussion mit Herrn Salandra und Marquis di 
San Giuliano^, die wiederholt zu scharfen Zusammenstößen zwischen 
dem Marquis di San Giuliano und mir führte, schienen sich auf 
italienischer Seite drei Punkte abzuzeichnen. Erstens Furcht vor 
der öffentlichen Meinung Italiens, zweitens das Bewußtsein militäri- 
scher Schwäche und drittens der Wunsch, bei dieser Gelegenheit 
etwas für Italien herauszuschlagen, wenn möglich das Trentino. 

Die Möglichkeit, daß Italien sich eventuell auch gegen Öster- 
reich wenden könnte, sprach Marquis di San Giuliano nicht direkt 
aus, sie klang nur in leisen Andeutungen durch. Ich habe diese 
Andeutungen nicht aufgegriffen, weil ich es für richtig hielt, eine 
solche Möglichkeit überhaupt gar nicht zuzulassen. Ich habe den 
Eindruck, daß auch die Besetzung rein serbischen Territoriums ein 
derartiges Vorgehen Italiens noch nicht ohne weiteres auslösen würde. 
Es würde nur die an sich schon nicht unverdächtigen Beziehungen 
Italiens zu Rußland verdichten. Dagegen würde ich es für außer- 
ordentlich erwünscht halten, wenn Österreich die Besetzung des 
Lowtschen, namentlicli zunächst, vermeiden könnte. Ist das nicht 
möglich, so muß Österreich vorher hier Kompensationsanerbietungen 
machen. Denn die Besetzung des Lowtschen wird tatsächlich ganz 
Italien alannieren und die Regierung unter Umständen weiter 
drängen als sie will. Man muß bei allen diesen Dingen im Auge 
behalten, daß dieses Kabinett weit weniger stark und daher weit 
weniger widerstandsfähig ist als das Ministerium Giolitti. 

S. M. der König wird nach Lage der hiesigen parlamentarischen 
und demokratischen Verhältnisse nicht in der Lage sein, einen aus- 
schlaggebenden Einfluß auszuüben. 

Wie schon gemeldet, vertrat Marquis di San Giuliano auf Grund 
der Fassung der österreichischen Note mit Nachdruck die These, daß 
das Vorgehen Österreichs gegen Serbien ein aggressives sei, daß daher 
auch alle sich etwa ergebenden Einmischungen Rußlands und Frank- 
reichs den Krieg nicht zu einem defensiven machen würden, und 

* Nach der Ausfertigung. 

^ Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts : 27. Juli vorm. Randvermerk des 
Reichskanzlers vom 27. Juli: »S. M. vorgetragen B. H. 27.«, darunter der 
Vermerk des Kanzlers vom gleichen Tage: »S. M. hält es für unbedingt 
erforderlich, daß sich Österreich mit Italien rechtzeitig wegen der Kom- 
pensationsfrage verständigt. Das soll Herrn von Tschirschky zur Weiter- 
gabe an Graf Berchtold im ausdrücklichen Auftrage S. M. mitgeteih 
werden. B. H. 27." Siehe Nr. 267. 

^ Siehe Nr. 156. 

18* 



240 

daß damit der casus foederis nicht gegeben sei. Ich habe diesen 
Standpunkt schon aus taktischen Gründen lebhaft bekämpft. Vor- 
aussichtlich wird aber Italien an dieser Möglichkeit, zu entschlüpfen, 
festhalten. 

Das Gesamtresultat ist also : Auf eine aktive Hilfe Itahens 
in einem etwa entstehenden europäischen Konflikt wird man schwer- 
Uch rechnen können. Eine direkt feindliche Haltung Italiens gegen 
Österreich dürfte sich, soweit sich heute übersehen läßt, durch ein 
kluges Verhalten Österreichs verhindern lassen. 

Flotow 



Nr. 245 

Der Reichskanzler an den Kaiser^ 

Telegramm 151 Berhn, den 27. Juü 1914^ 

Österreich scheint erst am 12. August in kriegerische Aktion 
eintreten zu können, Serbien sich lediglich auf Defensive beschränken 
zu wollen. Serbiens Antwort auf Ultimatum, deren Wortlaut noch 
nicht zu erhalten war, soll beinahe alle Punkte, auch Bestraf img 
aller Offiziere, annehmen, außer Armeebefehl; Kollaboration nur 
unter gewissen Reserven. Die diplomatische Lage nicht völlig ge- 
klärt. England und Frankreich wünschen Frieden, Italien gleich- 
falls, da Streitfrage unpopulär und angeblich italienische Interessen 
benachteihgt. Rußland scheint nach den neusten Nachrichten noch 
nicht zu mobilisieren und mit Wien Verhandlungen über mäßige 
Modifikation^ der von Serbien noch nicht befriedigten Forderungen 
anknüpfen zu wollen. Wiens Haltung hierzu noch unbekannt. Ich 
habe bei allen Kabinetten sagen lassen, daß wir österreichisch- 
serbischen Konflikt als Angelegenheit betrachten, die ledighch diese 
beiden Staaten angeht, und Rußland auf die Folgen jeder miü- 
tärischen Maßregel, die sich irgendwie gegen uns richtete, mit allem 
Nachdruck aufmerksam gemacht. Die letzten eingegangenen Depeschen 
werde ich Ew. M. auf Station Wildpark überreichen. 

Alleruntertänigst 

Bethmann Hollweg 



* Nach dem Konzept von der Hand des Reichskanzlers. 

'^ Randvermerk des Kanzlers: »Wohl am zweckmäßigsten S. M. bei der 
Durchfahrt durch Wittenberge zuzustellen, falls Hofzug dort hält. Sonst 
auf derjenigen Station, wo letzteres der Fall.« — Telegramm aufgegeben 
in Berlin 1 1'^ vorm., angekommen im Hof lager i^ nachm. EntziflFerung 
vom Kaiser am 27. Juli zurückgegeben. 

' In Entzifferung des Hoflagers »mäßige Modifikation« verderbt in: 
» Mäßigung, Modifikationen . <. 



241 

Nr. 246 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter in 

Wien' 

Telegramm 160 Berlin, den 27. Juli 19 14'' 

Bitte umgehend Text der serbischen Antwort drahten*. 

Jagow 



' Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

* 11** vorm. zum Haupttelegraphenamt, auf der Botschaft in Wien ange- 
kommen 4^ nachm. 
' Siehe Nr. 280. 



Nr. 247 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Paris* 

Telegramm 170 Berlin, den 27. Juli 1914^ 

Wir müssen daran festhalten, daß österreichisch -serbischer Kon- 
flikt lediglich diese beiden Staaten angeht. Wir können dai.er in 
dem Konflikt zwischen Österreich und Serbien nicht vermitteln, wohl 
aber eventuell zwischen Österreich und Rußland. 

Bethmann Hollweg 



* Nach dem Konzept von der Hand des Reichskanzlers. 
^ ii*> vorm. zum Haupttelegraphenamt. 



Nr. 248 

Der Reichskanzler an den Botschafter in London* 

Telegramm 179 Berlin, den 27. Juh 1914* 

Von dem Vorschlage Sir E. Greys, dort Konferenz zu vieren ab- 
zuhalten, hier bisher nichts bekannt*. An einer solchen Konferenz 
könnten wir uns nicht beteiligen, da wir Österreich in seinem Serben- 

* Nach dem Konzept von der Hand des Reichskanzlers. — Vgl deutsches 
Weißbuch vom Mai 19 15, S. 30 Nr. 14. 

* 1° nachm. zum HaupttelegraphenamL 
' Siehe Nr. 236 



242 

handel nicht vor ein europäisches Gericht ziehen können. Sir Ed. Grey 
scheidet, wie Ew. pp. ausdrücklich gemeldet haben, scharf zwischen 
österreichisch-serbischem und österreichisch-russischem Konflikt * und 
kümmert sich um ersteren ebensowenig, wie wir es tun. Unsere 
Vermittlungstätigkeit muß sich auf eventuellen österreichisch -russischen 
Konflikt beschränken^. In serbisch-österreichischem Konflikt scheint 
mir der in Telegramm Nr. [163] « aus Petersburg angegebene Weg 
direkter Verständigung zwischen Petersburg und Wien gangbar. Ich 
bitte deshalb dringend, dort die Notwendigkeit und Möglichkeit der 
Lokalisierung zu vertreten. 

Bethmann Hollweg 



Siehe Nr. 180 Abs. 2. 

Hinter »beschränken« ursprünglich geschriebenes »Ew. pp. Annahme, 

daß Lokalisierung unmöglich sei, ist noch nicht erwiesen« vom Kanzler 

nachher gestrichen. 

Siehe Nr. 238. 



Nr. 249 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 29 Fiuggi Fönte, den 27. Juli 1914^ 

Marquis di San Giuüano äußert einige Hoffnung, 
daß es noch möghch sei, Konflikt zu verhindern. 
Nach seinen Nachrichten — Näheres gibt er nicht 
an — wäre Serbien bereit, die öäterreichischen For- 

Quatsch! derungen anzunehmen, wenn sie von Europa ge- 

stellt würden. Andererseits viürde Rußland nur 
eingreifen, wenn Österreich serbisches Territorium 
dauernd besetzte. Sir Edward Grey wolle die 
ich lasse mich auf Botschafter von Deutschland, Frankreich, Italien 

nichts ein ^nd Rußland zu einer Aktion im Sinne des Friedens 
vereinigen. Hiesige Verlegenheit und Besorgnis ist 
groß, daher unablässige Friedensbemühungen. 

F 1 o t o w 



' Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Fiuggi Fönte 11^ vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 

1^* nachm. Eingangsvermerk: 27. Juli nachm. Entzifferung dem Kaiser 

vorgelegt, von ihm am 28. Juli zurückgegeben. 



243 



Nr. 250 

Der Gesandte in Kopenhagen an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 32 Kopenhagen, den 27. Juli 191423 

Besuch Poincarös ist soeben, zwei Stunden bevor die Ankunft 
erwartet wurde, offiziell abgesagt worden. 

Ran t zau 



' Nach der Entzifferung. 

- Aufgegeben in Kopenhagen 12*^ nachm., angekommen im Auswärtigen 

Amt I ^'^ nachm. Eingangsvermerk: 27. JuU nachm. Entzifferung dem 

Kaiser vorgelegt, von ihm am 28. Juli zurückgegeben. 
' Siehe Nr. 18 1. 



Nr. 251 

Der Gesandte in Sofia an das Auswärtige Amt' 

Telegramm 37 Sofia, den 27. Juli 1914^ 

Ministerpräsident bestätigt mir seine aus Konstantinopel ge- 
meldete Antwort auf türkische Anfrage und erklärt jedermann, daß 
Bulgarien bis auf weiteres strikt neutral bleibt. 

Alle etwaigen Meldungen über Truppen Verschiebungen in Bulgarien 
oder sonstige Vorbereitungen zu einer Mobilisierung sind falsch' und, 
wenn sie aus Bukarest kommen, tendenziös, da rumänischer Kollege 
bei seiner Regierung gegen Bulgarien hetzt. 

Michahelles 



Nach der Entzifferung. 

Aufgegeben in Sofia 1 1 *" vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 3° nachni . 
Eingangsvermerk: 27. Juli nachm. Dem Kaiser vorgelegt, der durch Rand- 
verfügung Mitteilung an die Vertretungen in Wien, Bukarest, Konstanti- 
nopel und Athen anordnete. Entzifferung vom Kaiser am 28. Juli zurück- 
gegeben. Michahelles' Telegramm wurde von Zimmermann am 29. Juli 

dem Botschafter in Wien, der Abschnitt »Ministerpräsident neutral 

bleibt« dem Botschafter in Konstantinopel und dem Gesandten in Athen 
mitgeteilt; Telegramm nach Wien i''^ nachm., Telegramm nach Konstanti- 
nopel und Athen 7°'* nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
Betr. Mitteilung an den Geschäftsträger in Bukarest siehe Nr. 321. 



244 



Nr. 252 

Der Botschafter in Paris an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 223 Paris, den 27. Juli 1914* 

Stimmung hiesiger Presse und Geschäftswelt 
heute etwas hoffnurgs voller, hauptsächlich infolge 
diskreter offiziöser Notiz über meine gestrige Unter- 
redung über Mittel zur Erhaltung europäischen 
Friedens. Presse zwar noch mißtrauisch gegen uns, 
beschuldigt uns aber nicht mehr offen des Treibens 
zum Kriege. Entscheidung über Krieg oder Frieden 
Nein! Allein bei liege jetzt wesentlich bei Berlin. Wenn Deutsch- 
Petersburg! land in Wien, Frankreich in Peteisburg mäßigend 
wirken, könnte Friede erhalten werden. 

Schoen 



' Nach der Entzifferung. 

'^ Aufgegeben in Paris 1^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 3^'' 
nachm. Eingangsvermerk: 27. Juli nachm. Zufolge Randverfügung Jagows 
in Abschrift, unter Fortlassung der Worte »hauptsächlich euro- 
päischen Friedens«, dem Kaiser vorgelegt, von ihm am 28. Juli ins Amt 
zurückgelangt 



Nr. 253 

Der Botschafter in Petersburg an den Reichskanzler * 

St. Petersburg, den 22. Juli 1914' 

In einem vertraulichen Gespräch mit meinem italienischen 
Kollegen, der mir von Beginn seiner hiesigen Tätigkeit an stets 
sehr offen gegenübergetreten ist, brachte ich den Marquis Carlotti 
vor kurzem auf die gewaltige Vermehrung der russischen Streit- 
kräfte und frug ihn, ob er es für angezeigt gehalten habe, bezüglich 
der Ziele, die Rußland bei seinen Rüstungen verfolge, seiner Re- 
gierung gegenüber Besorgnisse zum Ausdruck zu bringen. 



' Nach der Ausfertigung. 

■^ Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 27. Juli nachm 



245 

Der Botschafter antwortete darauf, er habe über die Frage der 
russischen Armeevermehrung seiner Regierung überhaupt keinen 
ausführlichen Bericht geschickt, sondern sich darauf beschränkt, 
die in der letzten Zeit bekannt gewordenen ZilTern der in Angriff 
genommenen Armee- und Flotten-Vermehrung sowie der zu diesem 
Zwecke von der Duma bewilligten Gelder telegraphisch zu melden. 
Er habe dabei, ebenfalls an der Hand der bekannt gewordenen Zif- 
fern, auch darauf hingewiesen, wie sich die Präsenzstärke der 
russischen Armee in drei Jahren gestalten werde, wenn bis dahin 
alle jetzt in Aussicht genommenen Maßregeln zur Durchführung 
gelangt sein würden. Ausführlichere Kommentare habe er an diese 
Meldung nicht geknüpft. 

Die dem k. Gesandten in Athen von seinem italienischen 
Kollegen gemachten Mitteilungen über alarmistische Berichte 
des Marquis Carlotti dürften meines gehorsamen Erachtens 
auf obige Meldung des Botschafters zurückzuführen sein. Viel- 
leicht waren die von Marquis Carlotti genannten Zififern dem italie- 
nischen Vertreter in Athen vorher nicht bekannt, und ist er durch 
die Höhe derselben frappiert gewesen. In dem Umstände, daß 
Marquis Carlotti über diesen Gegenstand einen telegraphischen Be- 
richt erstattet hat, dürfte auch etwas Außergewöhnliches nicht zu 
erblicken sein, da mein italienischer Kollege, wie er mir selbst sagt, 
und wie es, soviel mir bekannt ist, im italienischen diplomatischen 
Dienst sehr viel geschieht, seine Meldungen meist telegraphisch 
schickt und nur ausnahmsweise schriftlich berichtet. 

Bezüglich seiner Ansichten über die russischen Rüstungen 
sagte mir Marquis Carlotti, er glaube nicht, daß Rußland mit 
iigendwelchen Plänen umginge, die dahin gerichtet wären, etwa in 
drei Jahren einen Offensivkrieg zu führen. Dagegen gewinne nach 
seiner Ansicht die Überzeugung hier immer mehr an Boden, daß 
der nicht mehr aufzuhaltende Prozeß des weiteren Zerfalls der 
Türkei sehr bald eine neue Orientkrisis herbeiführen werde. Für 
den Eintritt dieser Eventualität wolle Rußland stark gerüstet sein, 
um bei der bevorstehenden Regelung der durch eine solche Krisis 
entstehenden Fragen ein stärkeres Gewicht als bisher in die Wag- 
schale werfen zu können. 

Diese Ansicht meines italienischen Kollegen deckt sich voll- 
kommen mit der meinigen. Ich möchte nur noch hinzufügen, daß 
ich allerdings nicht umhin kann, in der Verbindung der in der Tat 
sehr bedeutenden Vermehrung der russischen Streitkräfte mit dem 
sich immer mehr zuspitzenden russisch-österreichischen Gegensatz 
eine nicht zu unterschätzende zunehmende Gefahr für den euro- 
päischen Frieden zu erblicken. 

F. Pourtales 



246 



Nr. 254 

Der Generaldirektor der Hapag an den Staatssekretär 
des Auswärtigen ^ 

Geheim! Z. Zt. London (Ritz Hotel), den 24. Juli 1914'' 

Hochverehrte Exzellenz! 

Ich habe also gestern abend bei Haidane mit Sir Edward Grey 
gegessen und habe nach dem Diner Gelegenheit genommen, den 
Herren zu sagen, daß mich die durch die Presse gegangene Nach- 
richt über anglo-russische Flottenverhandlungen insofern unangenehm 
berührt hätte, als ich fürchten müßte, daß die Bestätigung oder auch 
nur die fortgesetzte Verbreitung solcher Nachricht die freundlichen 
Beziehungen zwischen England und Deutschland aufs neue trüben 
könnte, indem man deutscherseits sich vielleicht gezwungen sähe, 
solche neue Situation in Form vermehrter Kriegsschiffbauten zu 
kompensieren. Mich interessiere natürlich intensiv die Frage, ob 
auf die freundschaftlichen Beziehungen, zu deren Herbeiführung 
ich selbst ein Geringes habe tun dürfen, ein Schatten gefallen sei, 
und nicht minder natürlich fühlte ich mich versucht, die indiskrete 
Frage Grey vorzulegen, ob und in welchem Umfange die Nachrich- 
ten über diese anglo-russischen Verhandlungen zutreffend seien; er 
spräche ja nur mit einem Privatmanne und brauche deshalb nicht 
nach einer diplomatischen Abwehr dieser Frage zu suchen; er könne 
die Frage unbeantwortet lassen, wenn sie ihm nicht passe. 

Das Ergebnis meiner Unterhaltung mit Grey und Haidane darf 
ich in folgenden Notizen zusammenfassen: 

I. Grey erklärt, daß die freundlichen Beziehungen, welche 
als ein Ergebnis der damaligen Haidaneschen Mission 
zu betrachten seien, nicht nur im ganzen Umfange un- 
getrübt geblieben, sondern durch die Kooperation von 
Deutschland und England während der Balkanschwierig- 
keiten und durch die anderen inzwischen gepflogenen 
Verhandlungen noch verstärkt seien. 



' Nach der Ausfertigung. 

'^ Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 27. Juli nachm., zum Journal 

2g. Juli. 
^ Siehe Nr. 56 und 57. 



247 

2. Die politische Situation habe sich im Laufe des letzten 
Jahrzehnts ja so gestaltet, daß auch England einer 
Gruppe angehöre, und es sei natürlich, daß von Mit- 
gliedern dieser Gruppe Fragen zur Diskussion gestellt 
würden, deren Verhandlung man nicht ohne weiteres 
ablehnen könne. Wie es England in dieser Beziehung 
mit Frankreich und Rußland gehe, so würde es wohl 
Deutschland innerhalb seiner Gruppe mit Österreich und 
Italien gehen. 

3. Das wolle er mir aber gern erklären, daß keine solche 
Flottenkonvention bestehe, und daß es nicht in Englands 
Absicht läge, in eine derartige Konvention zu willigen. 

Haidane, der sich dem Herrn Reichskanzler herzlich empfehlen 
läßt, unterstrich die Greyschen Erklärungen noch ganz besonders, 
als ich mit ihm noch einige Zeit, nachdem Grey gegangen war, zu- 
sammensaß, und deutete mir an, daß die unruhigen französischen 
Freunde sehr oft aus Gründen interner Natur Fragen in die Öffent- 
lichkeit würfen, die ernsthaft nicht zu diskutieren wären, Grey glaubt, 
daß die Kräfteverteilung, wie sie sich in den beiden Gruppen ergeben 
habe, die glücklichste Garantie für die Erhaltung des Weltfriedens 
oder jedenfalls doch des Friedens zwischen den Großmächten bilde. 
Auf der Hand läge es, daß die starken Rüstungen Deutschlands auch 
die anderen Mächte zu großen Ausgaben und Anstrengungen auf 
dem Gebiet der Rüstungen führen. Das sei natürlich höchst be- 
dauerlich und zweifellos eine starke Belastungsprobe für ein fried- 
liches Zusammenarbeiten. 

Die österreichische Note an Serbien wird hier sehr milde be- 
urteilt. Das hängt zum Teil wohl zusammen mit der gegenwärtigen 
Situation, denn die Ulster-Frage beherrscht die Stunde. Die Herren 
waren gestern abend ganz außerordentlich pessimistisch gestimmt. 

Ich esse heute abend mit Winston Churchill und denke Montag 
nach Cöln zu reisen, wo am 29. und 30. Juli Konferenzen der nord- 
atlantischen Schiffahrtsgesellschaften stattfinden. 

Ich bin, hochverehrte Exzellenz, mit den verbindlichsten Grüßen 

Ihr aufrichtig ergebener 
Ballin 



248 

Nr. 255 

Der Admiralstab an den Staatssekretär des Auswärtigen ' 

Ganz Geheim! Berlin, den 27. Juli 1914» 

1. Nach vertrauenswürdigen Quellen aus Hüll und dem Med- 
way-Gebiet werden dort keine Maßnahmen getroffen, die auf 
Kriegsvorbereitungen schließen lassen. 

2. Ein Agent, dessen Zuverlässigkeit zwar noch nicht erprobt 
ist, der aber einen sehr guten Eindruck macht (Deutscher), meldet: 

Vom Gehilfen des Petersburger Bezirkskommandos ist mir fol- 
gendes bekannt: 

Rußland mobilisiert im stillen, um Serbien gegebenenfalls zu 
unterstützen. 

In Petersburg waren vor ca. 10 Tagen auf dem Bezirkskom- 
mando die Einberufungen für ca. 300 000 Mann und 20 000 Offiziere 
fertig. 

Die Stimmung in Militärkreisen ist nicht für einen Krieg mit 
Deutschland, aber durchaus für einen Krieg gegen Österreich. 

Im Auftrage 
I sendahl 



' Nach der Ausfertigung. 

■^ Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 27. Juli nachm. 



Nr. 256 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 371 Therapia, den 27. Juli 1914^ 

Geheim! 

Privat für den Staatssekretär 

Türkischer Bündnisantrag ist dadurch zustandegekommen, 
daß ich die Bedenken, welche ich bisher dem Großwesir dagegen 
geltend gemacht habe, entsprechend dem peremtorischen Befehl 
habe fallen lassen. Bulgarien ist der Türkei bisher nur mit Redens- 
arten gekommen, ohne positive Vorschläge zu machen. Rußland 
und Frankreich haben sich von ihrer Betäubung noch nicht erholt. 

' Nach der Entzifferung. 

' Aufgegeben in Therapia 1 *^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
4 ^^ nachm., Eingangsvermerk : 27. Juli nachm. 



249 

Es ist aber vorauszusehen, daß von beiden sehr bald energische 
Versuche einsetzen werden, die türkische Regierung einzuschüch- 
tern und sie auf den Anschluß an Griechenland unter Schutz der 
Triple-Entente zu verweisen. Wenn der Türkei kein positiver 
Schutz gegen Rußland gewährt wird, so braucht deshalb die Türkei 
nicht unbedingt an die Triple-Entente verloren zu gehen, obwohl 
die Versuchung, sich unter russischen Schutz zu stellen, dann 
natürlich für die Türken sehr groß wird. Ich glaube aber, daß 
nach unserer Ablehnung die Bulgaren und Türken sich zusammen- 
finden werden, um ä conto des beschäftigten Serbiens mit Griechen- 
land abzurechnen. Damit würde das allgemeine declanchement 
beginnen. Wir haben das Interesse, Bulgarien und die Jungtürken 
festzuhalten, solange der österreichisch-serbische Konflikt lokali- 
siert bleibt. 

Mein Urteil über die Bündnisfähigkeit der Türkei müßte ich 
natürlich berichtigen, wenn die türkische Armee tatsächlich von 
deutschen Offizieren kommandiert wird. Ihr militärischer Wert 
würde sich damit verdreifachen. General Liman sagt mir 
heute, er ....^ sich stark als Führer der sofort ins . . . .* zu 
stellenden 5 türkischen Armeekorps unter allen Umständen jed. 

" stark zu schlagen. Das deutsche Kommando würde 

auch den unschätzbaren Wert haben, daß die Türkei im Kriegsfall 
die übernommenen Verpflichtungen ausführen müßte. 

Wangenheim 

' Zifferngruppe fehlt; im Auswärtigen Amt sinngemäß ergänzt: mache. 
* Zifferngruppe fehlt; im Auswärtigen Amt sinngemäß ergänzt: Feld. 
^ Zifferngruppe unverständlich. 



Nr. 257 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 113 Wien, den 27. Juli 19 14* 

Man hat hier beschlossen, morgen, spätestens übermorgen, offi- 
zielle Kriegserklärung zu erlassen, hauptsächlich, um jedem Inter- 
ventionsverst:ch den Boden zu entziehen. 

Tschirschky 



' Nach der Entzifferung. 

'■* Aufgegeben in Wien 3*^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 4''' 
nachm. Eingangsvermerk: 27. Juli nachm. Ein Exemplar der Entzifferung 
wurde am 27. Juli an den Kaiser geschickt. Tschirschkys Telegramm 
wurde am 28. Juli auch dem Generalstab, Kriegsministerium, Admiralstab 
und Reichsmarineamt mitgeteilt; abgesandt durch Boten 11*' vorm. 



250 

Nr. 258 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 164 London, den 27. Juli 1914=^ 

Sir E. Grey ließ mich soeben kommen und bat mich, Ew. Exz. 
nachstehendes zu übermitteln. 

Der serbische Geschäftsträger habe ihm soeben den Wortlaut 
der serbischen Antwort auf die österreichische Note übermittelt^ 
Aus derselben gehe hervor, daß Serbien den österreichischen For- 
derungen in einem Umfange entgegengekommen sei, wie er es nie- 
mals für möglich gehalten habe ; bis auf einen Punkt, der Teilnahme 
österreichischer Beamter an den gerichtlichen Untersuchungen, 
habe Serbien tatsächHch in alles eingewilligt, was von ihm ver- 
langt worden sei. Es sei klar, daß diese Nachgiebigkeit Serbiens 
lediglich auf einen Druck von Petersburg zurückzuführen sei*. 

Begnüge sich Österreich nicht mit dieser Antwort, bzw. werde 
diese Antwort in Wien nicht als Grundlage für friedliche Unter- 
handlungen betrachtet, oder gehe Österreich gar zur Besetzung von 
Belgrad vor, das vollkommen wehrlos daliegt, so sei es vollkommen 
klar, daß Österreich nur nach einem Vorwand suche, um Serbien 
zu erdrücken. In Serbien solle aber alsdann Rußland getroffen 
werden und der russische Einfluß auf dem Balkan. Es sei klar, 
daß Rußland dem nicht gleichgültig zusehen könne und es als eine 
direkte Herausforderung auffassen müsse. Daraus würde der 
fürchterlichste Krieg entstehen, den Europa jemals gesehen habe, 
und niemand wisse, wohin ein solcher Krieg führen könne. 

Wir hätten uns, so meinte der Minister, wiederholt und so 
noch gestern^ mit der Bitte an ihn gewandt, in Petersburg in mäßi- 
gendem Sinne vorstellig zu werden. Er habe diesen Bitten stets 
gern entsprochen und sich während der letzten Krise Vorwürfe 
aus Rußland zugezogen, daß er sich zu sehr auf unsere und zu 
wenig auf ihre Seite stelle. Nun wende er sich mit der Bitte an 
uns, unseren Einfluß in Wien dahin zur Geltung zu bringen, daß 
man die Antwort aus Belgrad entweder als genügend betrachte 
oder aber als Grundlage für Besprechungen. Er sei überzeugt, daß 
es in unserer Hand liege, durch entsprechende Vorstellungen die 
Sache zu erledigen, und er betrachte es als eine gute Vorbedeutung 
für die Zukunft, wenn es ims beiden abermals gelänge, durch 
unseren beiderseitigen Einßuß auf unsere Verbündeten den Frieden 
Europas gesichert zu haben. 

Ich fand den Minister zum ersten Male verstimmt. Er sprach 
mit großem Ernst und schien von uns auf das Bestimmteste zu 
erwarten, daß es unserem Einfluß gelingen möge, die Frage beizu- 
legen. Er wird auch heute ein Statement im House of Commons 
machen, worin er seinen Standpunkt zum Ausdruck bringt. Auf 



jeden Fall bin ich der Überzeugung, daß, falls es jetzt doch noch 
zum Kriege käme, wir mit den englischen Sympathien und der 
britischen Unterstützung nicht mehr zu rechnen hätten, da man in 
dem Vorgehen Österreichs alle Zeichen üblen Willens erblicken 
würde. Auch ist hier alle Welt davon überzeugt, und ich höre es 
auch aus dem Munde meiner Kollegen, daß der Schlüssel der Lage 
in Berlin liegt und, falls man dort den Frieden ernstlich will, Öster- 
reich davon abzuhalten sein wird, eine, wie Sir E. Grey sich aus- 
drückt, tollkühne Politik zu treiben«. Lichnowsky 

' Nach der Entzifferung. 

'^ Aufgegeben in London i '* nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 4'' 

nachm. Eingangsvermerk: 27. Juli nachm. Betr. Mitteilung von 

Lichnowskys Telegramm an den Kaiser und den Botschafter in Wien 

siehe Nr. 283 und 277. 
^ Abgedruckt im österreichisch-ungarischen Rotbuch I Nr. 25. Französischen 

Text siehe auch Nr. 271. 
^ In der dem Kaiser vorgelegten Abschrift am Rand Fragezeichen des Kaisers. 
» Siehe Nr. 199 und 218. 
" Siehe Nr. 265, 277 und 278. 

Nr. 259 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 114 Wien, den 27. Juh 19142^ 

Bulgarien hat hier wissen lassen, daß es nichts unternehmen 
würde, ohne sich vorher mit Österreich- Ungarn ^^ii verständigen. 
Von hier aus ist Bulgarien energisch bedeutet worden, sich strikt 
neutral zu halten, keine Aktion gegen Rumänien und auch in Ma- 
zedonien zu unternehmen. Rumänische Nachricht, der zufolge Bul- 
garien an rumänischer Grenze Truppen zusammenzieht, hält man 
hier für falsch, sie stammt augenscheinlich von dem rumänischen 
Vertreter in Sofia, Deriissi, der bekanntlich ein schlechtes Element 
sei. Man werde weiter Bulgarien * soviel als irgend- 
möglich Ruhe halten, um Rumänien nicht zu reizen. 

* Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Wien 4" nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 5^^ nachm. ; 
Eingangsvermerk: 27. Juli nachm. Entzifferung am 28. Juli an den Kaiser 
gesandt, der durch Randverfügung Mitteilung nach Bukarest und Sofia 
anordnete, vom Kaiser noch am 28. Juli ins Amt zurückgelangt. Am 28. Juli 
wurde Tschirschkys Telegramm von Jagow den Vertretern in Sofia, 
Bukarest und Konstantinopel »zur vertraulichen Information« tele- 
graphisch mitgeteilt. Telegramme lo'-'^ vorm. zum Haupttelegraphenamt. 

^ Siehe Nr. 210 und 228. 

* Chiffrierbüro hat hier vermerkt: «Gruppe fehlt" Nach den Akten der 
deutschen Botschaft in Wien fehlt jedoch nichts, indes ist anstatt »Ruhe- 
»ruhig« zu lesen. 



252 

Herr Bratianu hat auch hier ersucht, kalmieiend auf Bulgarien 
einzuwirken, worauf ihm energische Einwirkung in diesem Sinne zu- 
gesagt worden ist. 

Graf Berchtold hat Herrn Bratianu sagen lassen, daß, falls 
irgend jemand Rumänien angreifen würde, Österreich- Ungarn sofort 
erklären würde, daß es als Bundesgenosse Rumäniens hinter diesem 
stehe. 

Tschirschky 



Nr. 260 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 31 Fiuggi Fönte, den 27. Juli 1914* 

Habe bis jetzt liier keinerlei Mitteilung oder Andeutung ge- 
macht, daß wir Italiens Kompensationsansprüche in Wien unter- 
stützen oder vorbereiten'. Sobald es zulässig, darf ich Weisung er- 
bitten, da es hier taktisch zur Festhaltung Itahens von Wert. 

Flotow 



* Nach der Entzifferung, 

'^ Aufgegeben in Fiuggi Fönte 5'' nachm., angekommen im Auswärtigen 

Amt 5" nachm.; Eingangsvermerk: 27. Juli nachm. 
^ Siehe Nr. 211, 267 und 287. 



Nr. 261 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 30 Fiuggi Fönte, den 27. Juh 1914^ 

Marquis San Giuhano hat Gesandten Bukarest angewiesen : i. Ru- 
mänische Regierung aufzufordern, in Belgrad zur Nachgiebigkeit zu 
raten, 2. sich mit rumänischer Regierung darüber auszusprechen, daß 

'■ Nach der Entzifferung. 

■^ Aufgegeben in Fiuggi Fönte 2^ nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 6 8 nachm. Eingangsvermerk: 27. Juli nachm. Am 29. Juli von 

Zimmermann, unter Fortlassung des Satzes »Ich darf warnen <• 

telegraphisch dem Geschäftsträger in Bukarest mitgeteilt, 2*° nachm 
zum Haupttelegraphenamt. 



253 

sowohl Italien als Rumänien ein Interesse daran hätten, daß Serbien 
nicht vöüig erdrückt werde. Wenn darüber hinaus Gesandter erklärt 
habe, »Italien könne sich nicht am Konflikt beteihgen« etc., so habe 
er Instruktion überschritten, und er werde ihn zurechtweisen. 

Ich habe den Minister darauf aufmer4csam gemacht, daß mir 
schon Punkt 2 in diesem Augenblick in Bukarest ein bedenkhches 
Gesprächsthema erscheine, das besser unterbliebe. Minister bestand 
aber darauf, daß der Bestand Serbiens für Itahen ein unbedingtes 
Erfordernis sei. Diese Barriere gegen Österreich dürfe nicht ver- 
schwinden. Ich habe im allgemeinen noch einmal Minister gewarnt, 
durch seine Sprache irgendwo Zweifel an der Festigkeit des Drei- 
bunds aufkommen zu lassen ; seinem Zweck, den Frieden zu erhalten, 
würde dadurch nur entgegengearbeitet. Ich darf anheimstellen, auch 
Boilati zu warnen. 

Flotow 



Nr. 262 

Der Geschäftsträger in Bukarest an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 43 Bukarest, den 26. Juli 1914^ 

Minister der auswärtigen Angelegenheiten sagte 
mir soeben, Rumänien werde, falls durch öster- 
reichisch-serbischen Konflikt Bukarester Frieden ver- 
letzt würde, mit Griechenland gemeinsam dagegen 
nur nicht so große Einspruch erheben. Ferner könne Rumänien nicht 
Worte machen! zulassen, daß Bulgarien irgendwie die Rulie störe. 

Waldburg 



* Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Bukarest 26. Juli 9'" (ob vorm. oder nachm., ist nicht an- 
gegeben), angekommen im Auswärtigen Amt 27. Juli y'^ nachm. Ein- 
gangsvermerk: 27. Juli nachm. Entzifferung wurde am 28. Juli an den 
Kaiser gesandt, der durch Randverfügung Mitteilung an die Vertretungen 
in Wien und Sofia anordnete, und gelangte noch am gleichen Tage ins 
Amt zurück. Die Mitteilung nach Wien erfolgte durch lagow am 28 Juli, 
Telegramm 9*** vorm. zum Haupttelegraphenamt; Mitteilung nach Sofia 
unterblieb. 

Aktenstücke L 19 



254 

Nr. 263 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 373 Konstantinopel, den 27. Juli 1914^ 

Griechischer Gesandter hat soeben dem Großwesir mitgeteilt, 
Veniselos sei durch den Ernst der Lage gezwungen, sofort nach 
Athen zurückzukehren, hoffe aber bald einen neuen Zeitpunkt für 
die Begegnung bezeichnen zu können, Prinz Said Hahm hat er- 
widert, daß er Herrn Veniselos jederzeit zur Verfügung stehe. 

Wangenheim 

^ Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Konstantinopel 4^ nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 7'* nachm. Eingangsvermerk: 27. Juli nachm. Entzifferung am 
28. Juli an den Kaiser gesandt, der durch Randverfügung Mitteilung an 
die Gesandtschaft in Athen anordnete; von ihm am 28. Juli ins Amt zu- 
rückgelangt. Am 28. Juli wurde Wangenheims Telegramm in Postziffern 
dem Geschäftsträger in Athen mitgeteilt, abgegangen 9° nachm. 



Nr. 264 

Der Verweser des Konsulats Kowno an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 3 Eydtkuhnen, den 27. Juli 1914* 

Kowno in Kriegszustand versetzt. Bericht folgt. 

Bülow 

' Nach der Entzifferung. 

■^ Aufgegeben in Eydtkuhnen 27. Juli 5^^ nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt 27. Juli y*° nachm. Eingangsvermerk: 27. Juli nachm. Vgl. 
deutsches Weißbuch vom Mai 19 15, S. 28, Nr. 8. 

Nr. 265 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 166 London, den 27. Juli 1914* 

Im Anschluß an mein heutiges Telegramm Nr. 164' möchte 
ich hervorheben, daß von dem Erfolge dieses Schrittes Sir Edward 
Greys unsere gesamten zukünftigen Beziehungen zu England ab- 



255 

hängen. Gelingt es dem Minister in diesem bedeutsamen Augen- 
blick, in dem zweifellos trotz aller inneren Spaltungen die gesamte 
britische Nation hinter ihm steht, durch unser Eingehen auf sein 
Bitten eine weitere Zuspitzung der Lage zu verhindern, so stehe ich 
dafür ein, daß unsere Beziehungen zu Großbritannien auf unabseh- 
bare Zeit den vertrauensvollen und intimen Charakter tragen wer- 
den, der sie seit anderthalb lahren kennzeichnet. Die britische Re- 
gierung, ob liberal oder konservativ, sieht in der Erhaltung des 
europäischen Friedens auf Grundlage des Gleichgewichts der Grup- 
pen ihr vornehmstes Interesse*, und die Überzeugung, daß es ledig- 
lich von uns abhängt, ob Österreich durch eine hartnäckige Prestige- 
politik den europäischen Frieden gefährdet, bringt es mit sich, daß 
jede entgegenkommende Haltung Österreichs als ein Beweis unseres 
aufrichtigen Wunsches, mit Großbritannien vereint einen 
europäischen Krieg zu verhindern, zugunsten unserer Freundschaft 
mit England und unserer Friedensliebe gedeutet werden wird. 

Sollten wir hingegen unseren Sympathien für Österreich und 
der Korrektheit unserer Bundesverpflichtungen eine so weitgehende 
Auffassung zugrunde legen, daß alle übrigen Gesichtspunkte dagegen 
zurücktreten, und sogar den wichtigsten Punkt unserer Auslands- 
politik — unser Verhältnis zu England — den Sonderinteressen 
unseres Bundesgenossen unterordnen, so glaube ich, daß es niemals 
mehr möglich sein wird, diejenigen Fäden wieder anzuknüpfen, 
welche in der letzten Zeit uns verbunden haben. 

Der Eindruck greift hier immer mehr Platz, und das habe ich 
aus meiner Unterredung mit Sir Edward Grey deutlich entnommen, 
daß die ganze serbische Frage sich auf eine Kraftprobe zwischen 
Dreibund und Dreiverband zuspitzt. Sollte daher die Absicht 
Österreichs, den gegenwärtigen Anlaß zu benutzen, um Serbien 
niederzuwerfen (to crush Servia, wie Sir E. Grey sich ausdrückte), 
immer offenkundiger in Erscheinung treten, so wird England, dessen 
bin ich gewiß, sich unbedingt auf Seite Frankreichs und Rußlands 
stellen, um zu zeigen, daß es nicht gewillt ist, eine moralische oder 
gar militärische Niederlage seiner Gruppe zu dulden. Kommt es 
unter diesen Umständen zum Krieg, so werden wir England gegen 
uns haben. Denn die Empfindung, daß der Krieg angesichts des 
weitgehenden Entgegenkommens der serbischen Regierung sich hätte 
vermeiden lassen, wird für die Haltung der britischen Regierung von 
ausschlaggebender Bedeutung sein. 

Lichnowsky 

' Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in London 27. Juli 5* nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 8*° nachm. Eingangsvermerk: 28. Juli vorm. 

' Siehe Nr. 258. 

* Am Rand der Entzifferung die Bemerkung Zimmermanns: »Wo bleibt 
das Gleichgewicht, wenn Österreich-Ungarn zurückweicht!« 

'9* 



256 



Nr. 266 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 165 London, den 27. Juli 1914' 

Allerdings unterscheidet der Minister scharf zwischen öster- 
reichisch-serbischem und österreichisch-russischem Konflikt', d.h. 
er wollte sich in den österreichisch-serbischen so lange nicht ein- 
mischen, als aus demselben sich nicht ein österreichisch-russischer 
entwickelt hatte. Solange es ein österreichisch-serbischer bliebe, 
hielte er sich zurück. Jetzt aber sieht er sich genötigt einzugreifen, 
da daraus ein österreichisch-russischer und somit ein europäischer 
zu werden droht. Der österreichisch-russische läßt sich demnach 
vom österreichisch-serbischen gar nicht trennen, da ersterer auf 
letzterem beruht, und in diesem Sinne sprach auch der Minister 
mit mir. Eine Verständigung zwischen Österreich und Rußland 
beruht auf Beilegung des österreichisch-serbischen Zwistes. Ohne 
diese Beilegung erscheint nach hiesiger Auffassung jeder Vermitt- 
lungsversuch ganz aussichtslos. Wie soll ich für Lokalisierung des 
Konflikts eintreten, wenn hier niemand daran zweifelt, daß durch 
das Vorgehen Österreich-Ungarns ernste russische Interessen auf 
dem Spiele stehen, und daß Rußland sich, falls von uns aus kein 
Druck auf Österreich ausgeübt wird, selbst gegen seinen Wunsch 
zum Einschreiten genötigt sehen wird? Ich errege damit nur hei- 
teres Achselzucken. 

Sollte sich Einigung zwischen Wien und Petersburg nach Tele- 
gramm Nr. 180* auf Grundlage der österreichischen Note erzielen 
lassen unter Vermeidung militärischer Maßnahmen gegen Serbien, 
so wäre alles erreicht, was Sir E. Grey erstrebt. Was er vermeiden 
möchte, ist Österreichs WaflFengang gegen Serbien, weil er von 
diesem Störung europäischen Friedens befürchtet. 

Er bestätigt mir übrigens heute, daß keine russische Einberu- 
fung der Reserven stattfinde. 

Lichnowsky 



^ Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in London 6" nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
8*° nachm. Eingangsvermerk: 27. Juli nachm. 

* Siehe Nr. 248. 

* Siehe Nr. 238, Anmerkung 2. 



257 



Nr. 267 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien^ 

Telegramm 168 Berlin, den 27. Juli 1914^ 

S. M. der Kaiser hält es für unbedingt erforderlich, daß Öster- 
reich sich mit Italien rechtzeitig über Art. 7 und Kompen- 
sationsfrage verständigt. S. M. haben ausdrücklich befohlen, dies 
Ew. Exz. zur Weitergabe an Graf Berchtold mitzuteilen*. 

J a go w 

* Nach dem Konzept von Jagows Hand. 
' 9" nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

* Siehe Nr. 168 und 244 Anm. 2. 



Nr. 268 

Der österreichisch-ungarische Botschafter 
an das Auswärtige Amt^ 

Memorandum 

Berlin, den 27. Juli 1914' 

Die k. serbische Regierung hat es abgelehnt, die Forderungen, 
welche wir zur dauernden Sicherung der von ihr bedrohten vitalsten 
Interessen an sie stellen mußten, zu erfüllen, und so bewiesen, daß 
sie ihre subversiven, auf die stete Beunruhigung einiger unserer 
Grenzländer und deren schließliche Lostrennung aus dem Gefüge 
der Monarchie gerichteten Bestrebungen nicht willens ist aufzu- 
geben. Wir sind dadurch zu unserem Bedauern und sehr gegen 
unseren Willen gezwungen worden, Serbien durch die schärfsten 
Mittel zu einer grundsätzlichen Änderung seiner bisherigen feind- 
seligen Haltung zu zwingen. Daß uns hierbei aggressive Tendenzen 
ferneliegen und daß es ein Akt der Selbstverteidigung ist, wenn wir 

' Nach der nicht unterzeichneten Ausfertigung. 

* Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 27. Juli. Vom Reichskanzler 
am 28. Juli zurück. 



258 

uns nach Jahren der Duldung endh'ch entschließen, den groß- 
serbischen Wühlereien auch mit dem Schwerte entgegenzutreten, ist 
der k. deutschen Regierung wohl bekannt. 

Es gereicht uns zur aufrichtigen Genugtuung, daß wir bei der 
k. deutschen Regierung und bei dem ganzen deutschen Volke 
volles Verständnis dafür finden, daß das nach den Ergebnissen der 
Untersuchung in Belgrad vorbereitete und von dortigen Sendungen 
ausgeführte Attentat von Sarajevo unsere Langmut erschöpfen 
mußte, und daß wir jetzt bestrebt sein müssen, uns mit allen Mit- 
teln Garantien gegen die Fortdauer der gegenwärtigen unleidlichen 
Verhältnisse an unserer südöstlichen Grenze zu verschaffen. 

Wir hoffen zuversichtlich, daß unsere bevorstehende Ausein- 
andersetzung mit Serbien zu keinen weiteren Komplikationen Anlaß 
geben wird; für den Fall, als dies aber dennoch eintreten sollte, 
stellen wir mit Dankbarkeit fest, daß Deutschland in oft erprobter 
Treue seiner Bundespflicht eingedenk sein und uns in einem uns auf- 
gezwungenen Kampf gegen einen anderen Gegner unterstützen wird. 



Nr. 269 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Wien ^ 

Telegramm 167. - Berhn, den 27. Juli 1914^ . 

Marquis San Giuhano sehr besorgt, weil Graf Berchtold auf 
Erklärung des Herzogs Avama wohl bezüglich wohlwollender Haltung 
Italiens seine Befriedigung ausgesprochen, aber wegen Artikel VII 
und Kompensation nichts geäußert hat^. Italienischer Botschafter 
gab mir Kenntnis von Inhalt eines Erlasses, wonach Marquis San 
Giuliano Erörterung über Artikel VII und Kompensation (wenigstens 
im Prinzip) als Vorbedingung für Haltung Italiens hinstellt. Letztere 
könnte sonst direkt antiösterreichisch werden. Halte daher schleu- 
nige Aussprache zwischen Graf Berchtold und Herzog Avarna für 
dringend erforderlich. 

Vertraulich höre ich, daß Italien auch sehr Besetzung des 
Lowtschen befürchtet. 

Jagow 



1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

2 9'" nachm. zum Haupuelegraphenamt. 
' Siehe Nr. 168 und 267. 



259 

Nr. 270 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Kaiser* 

^ Berlin, den 27. Juli 1914^ 

Ew. k. u. k. M. verfehle ich nicht, in der Anlage Abdruck 
der mir soeben vom hiesigen serbischen Geschäftsträger überreichten 
Antwort seiner Regierung auf das österreichisch-ungarische Ultimatum^ 
alleruntertänigst zu unterbreiten. 

Jagow 

' Nach dem Konzept von Zimmermanns Hand. 

2 Abgesandt durch Boten g^*^ nachm. Auf der gleichfalls bei den Akten 
befindlichen von Jagow vollzogenen Ausfertigung der Vermerk von des 
Kaisers Hand: »28. VII. 14«. 

' Das bei der serbischen Gesandtschaft in Berlin eingegangene, die Note 
übermittelnde Telegramm — Belgrad ab 25. Juli j*^ tzu ergänzen nachm.), 
sehr dringend, aufgenommen im Berliner Haupttelegraphenamt 26. Juli 
8^* nachm. — ist bei den Akten des Auswärtigen Amts. Das schlecht leser- 
liche Telegramm wurde vom serbischen Geschäftsträger mit kurzem 
Begleitschreiben im Laufe des 27. Juli — die genaue Stunde hat sich 
nicht feststellen lassen — übergeben und im Amt vervielfältigt. Ein 
Abdruck lag dem Kaiser vor; siehe Nr. 271. Wegen Übersendung der 
serbischen Antwortnote durch Tschirschky siehe Nr. 347. 



Nr. 271 

Antwortnote der serbischen Regierung auf das 
österreichisch -ungarische Ultimatum* 

Le Gouvernement royal serbe a re^u la com- 
munication du Gouvernement imperial et royal du 
10^ de ce mois et il est persuadö que sa r^ponse 
eloignera tout malentendu qui menace de gäter les 

' Nach der vom serbischen Geschäftsträger Dr. M. Jowanowitsch dem Aus- 
wärtigen Amt im Original mit kurzem Begleitschreiben (Eingangsvermerk 
des Ausw. Amts 27 Juli nachm.) überreichten Telegrammausfertigung 
■ siehe Nr. 270) und der jetzt gleichfalls bei den Akten befindlichen dem 
Kaiser zugesandten Abschrift. Der Text des serbischen Blaubuches ist 
zum Vergleich herangezogen. Eine Reihe klemer Verschiedenheiten 
ist jedoch nicht berücksichtigt. 

Das an die serbische Gesandtschaft in Berlin gerichtete, vom 25. Juli 
datierte Telegramm wurde am 26. Juli 8^ nachm. im Berliner Haupt- 
telegraphenamt aufgenommen. Auf der Abschrift oben der Randvermerk 
des Kaisers: »gelesen N. Pal. 28/VII 19 14. W.« 

2 Serbisches Blaubuch: »10/23«. 



200 

bons rapports de voisinage entre la Monarchie hon- 
groise^ et le Royaume de Serbie. Le Gouvernement 
royal est conscient* que les protestations qui ont 
apparu tant ä la tribune de la Skoupchtina nationale 
que dans les d6clarations et les actes de[s] repr6sen- 
tants responsables de l'Etat, protestations qui furent 
coupees court^ par la declaration du Gouvernement 
Serbe faite le i8' mars 1909, ne se sont plus renou- 
velees vis-ä-vis' la grande Monarchie voisine en 
aucune occasion et que, depuis ce temps, autant de 
la part des Gouvernements royaux qui se sont suc- 
ced6 que de la part de leurs organes, aucune ten- 
tative n'a 6t6 faite dans le but de changer l'^tat 
de choses politique et juridique cr66 en Bosnie- 
Herzegovine, 

Le Gouvernement royal constate que sous 
ce rapport le Gouvernement imperial et royal n'a 
fait aucune repr^sentation, sauf en ce qui con- 
cerne un livre scolaire et^ au sujet de laquelle* le 
Gouvernement imperial et royal a re9u une expli- 
cation entierement satisfaisante. 

La Serbie a de nombreuses fois donn6 des 
preuves de sa politique pacifiste^" et mod€v6e 
pendant la dur6e de la crise balcanique, et c'est 
gräce k la Serbie et aux sacrifices qu'elle a fait[s] 
dans l'interet exclusif de la paix europ^enne que 
cette paix a 6t6 preservee. 

Le Gouvernement royal ne peut pas ßtre rendu 
responsable pour des manifestations d'un caractere 
priv^ telle[s] que les articles des journaux et le travail 
paisible des societes, manifestations qui se produi- 
sent dans presque tous les pays comme une chose 
ordinaire et qui echappent en regle g6n6rale au 
contröle officiel, d'autant moins que le Gouvernement 
royal, lors de la Solution de toute une s6rie de 
questions qui se sont presentees entre la Serbie et 
l'Autriche-Hongrie, a montrö une grande prevenance 

' Serbisches Blaubuch: »austro-hongroise«. 

* Serbisches Blaubuch: »a conscience«. 

' Für »qui furent coupees court par la declarationa im serbischen Blaubuch: 
»auxquelles coupa court la declaration«. 

* Serbisches Blaubuch: »18/31«. 

' Serbisches Blaubuch: »vis-a-vis de«. 

* Nach serbischem Blaubuch ist »et« zu streichen. 

' Nach serbischem Blaubuch das Wort: »representation« einzuschalten. 
^'^ Serbisches ßlaubuch: »pacifique«. 



201 

et a r^ussi, de cette fa9on, ä en regier le plus grand 
nombre au profit du progres de[s] deux pays voisins. 
C'est pourquoi le Gouvernement royal a 6t6 p^nible- 
ment surpris par les affirmations d'aprös lesquelles 
des personnes *^ du Royaume de Serbie auraient parti- 
cipe ä la pr^paration de l'attentat commis ä Sara- 
jevo. II s'attendait ä ce qu'il soit^^ invit6 ä colla- 
borer ä la recherche de tout ce qui se rapporte ä 
ce crime et il 6tait pret, pour prouver par des actes 
sonentiere correction, äagir contre toutesles personnes 
k r6gard desquelles des Communications lui seraient 
faites. 

Se rendant donc au desir du Gouvernement 
imperial et royal, le Gouvernement royal est dispos^ 
ä remettre au tribunal tout sujet serbe sans 6gard 
ä sa Situation et ä son rang^^ pour la complicit6 
duquel, dans le crime de Sarajevo, des preuves lui 
seraient foumies, et sp^cialement il s'engage^* ä faire 
publier k la premiere page du «Journal officiel» en data 
du 13/26 [juilletjrenonciation suivante : 

«Le Gouvernement royal de Serbie condamne 
toute propagande qui serait dirigöe contre l'Autriche- 
Hongrie, c'est -ä-dire l'ensemble des tendances qui 
aspirent en dernier lieu k d^tacher de la Monarchie 
au.[stro]-liongroise de[s] territoires qui en fönt partie 
et il deplore sincerement les consequences funestes 
de ces agissements criminels. 

Le Gouvernement royal regrette que certains 
officierset fonctionnaires serbes aient particip^,d'apr6s 
la communication du Gouvernement imp. et royal, k 
la propagande susmentionn6e et compromis par \k les 
relations de bon voisinage auxquelles le Gouverne- 
ment royal s'6tait solennellement engag6 par sa 
declaration du 31^* mars 1909. 

Le Gouvernement qui d^sapprouve et r^fute** 
toute id^e ou tentative dune immixtion dans les 
destin^es des habitants de quelque partie de l'Au- 
triche-Hongrie que ce soit, considere^' de son devoir 



" Serbisches Blaubuch: »sujets«. 

12 Für »ä ce qu'il soit« serbisches Blaubuch: »ä etrea. 

" Satzstellung nach serbischem Blaubuch: »sans egard son rang, 

tout sujet Serbe«. 
" Serbisches Blaubuch: Neuer Absatz, beginnend: «II s'engage specialement 

ä faire publier » 

" Serbisches Blaubuch: »18/31«. 

" Telegramm: »refudie«, Abschrift »refute«; serbisches Blaubuch: »repudie«. 

" Serbisches Blaubuch: »considere qu'il est de son devoir«. 



202 

d'avertir formellement les officiers, les fonctionnaires 
et toute la population du Royaume que dor^navant 
il procedera avec la derniere rigueur contre les 
personn es qui se rendraient coupables de pareils 
agissements qu'il mettra tous ses efforts ä pr^venir 
et k reprimer.» 

Cette enonciation sera portee ä la connaissance 
de l'armee royale par un ordre du jour, au nom de 
Sa Majeste le Roi par S. A. R. le Prince h^ritier 
Alexandre, et sera publice dans le prochain «Bulletin 
officiel de F Armee». 

Le Gouvernement royal s'engage, en outre : 

1° d'introduire des la premiere convocation re- 
guliere de la Skoupchtina une disposition dans la loi 
de la presse par laquelle sera punie de la maniere la 
plus severe la provocation ä la haine et au mepris de 
la Monarchie a.-hongroise ainsi que contre toute 
publication dont la tendance generale serait dirig^e 
contre l'integrite territoriale de l'Autriche-Hongrie. 

II se Charge, lors de la revision de la Constitution 
qui est prochaine, ä faire introduire dans l'article 22 de 
la Constitution, un amendement de teile sorte que les 
publications ci-dessus puissent etre cohfisqu6es ce 
qui, actuellement, aux termes categoriques de l'article 
22 de la Constitution, est impossible. 

2° Le Gouvernement ne possede aucune preuve 
et la note du Gouvernement imperial et royal ne 
lui en fournit non plus aucune que la societ6 «Na- 
rodna Odbrana» et autres societes similaires aient 
commis jusqu'ä ce jour quelque acte criminel de ce 
genre par le fait d'un de leurs membres. N^an- 
moins, le Gouvernement royal acceptera la demande 
du Gouvernement imperial et royai et dissoudra la 
societe Narodna Odbrana et toute autre societe qui 
agirait contre TAutriche-Hongrie. 

3° Le Gouvernement royal serbe s'engage ä 
eiiminer sans delai de l'instruction publique en 
Serbie tout ce qui sert ou pourrait servir k fer- 
menter la propagande contre rAutriche-Hongrie, 
quand le Gouvernement imperial et royal lui four- 
nira des faits et des preuves de cette propagande. 

4° Le Gouvernement royal acceptera de meme 
ä eloigner du service militaire^^ l'enquete judiciaire 
aura prouve qu'ils sont coupables d'actes dirig6s 

'* Hier nach serbischem Blaubuch zu ergänzen: »ceux dont«. 



263 

contre Tinldgrit^ du territoire de la Monarchie a.- 
hongroise et il attend que le Gouvernement imperial 
et royal lui communique ulterieurement les noms 
et les faits de ces officiers et fonctionnaires aux 
fins de la procedure qui doit s'ensuivre. 

5° Le Gouvernement royal doit avouer qu'il 
ne se rend pas clairement compte du sens et de la 
port6e de la demande du Gouvernement imperial et 
royal [tendant k ce] que la Serbie s'engage ä accepter 
sur son territoire la collaboration des organes du Gou- 
vernement imperial et royal, mais il declare qu'il 
admettra la ^" collaboration qui r^pondrait aux prin- 
cipes du droit international et ä la procedure 
criminelle ainsi qu'aux bons rapports de voisinage. 
6° Le Gouvernement royal, cela va de soi, 
consid^re de son devoir d'ouvrir une enquete 
contre tous ceux qui sont ou qui, eventuellement, 
auraient €t€ mel^s au complot du 1520 jum et qui 
se trouveraient sur le territoire du Royaume. Quant 
St la participation de^^ cette enquete des agents 
des autorit^s au.-hongroises qui seraient delegues ä 
cet effet par le Gouvernement imperial et royal, le 
Gouvernement royal ne peut pas l'accepter, car ce 
serait une violation de la Constitution et de la loi sur 
die Gesandtschaft la procedure criminelle. Cependant, dans des cas 
kann ja mit Con- concr^tes ^^ des Communications sur les r6sultats de 
trolle beauftragt l'instruction en question pourraient etre donnees 
werden! aux organes a.-hongrois. 

7° Le Gouvernement royal a fait proc^der, dös 
le soir meme de la remise de la note, ä l'arrestation 
du commandant Voislav Tankositsch; quant ä 
Milan Ciganowitsch qui est sujet de la Monarchie 
a.-hongroise et qui, jusqu'au 15/20 juin, 6tait tmp'oy^ 
(comme aspirant) ä la direction des chemins de fer, 
il n'a pas pu encore etre pris. Le Gouvernement 
imperial et royal est prie de vouloir bien, dans la 
forme accoutumee, faire connaitre le plus tot pos- 
sible les pre^omptions de culpabilit^ ainsi que les 
preuves Eventuelles de leur culpabilitE qui ont 6t6 
recueillies jusqu'ä ce jour par 1 'enquete ä Sarajevo 
aux fins d'enquete[s] ult6rieure[s]. 

S** Le Gouvernement serbe renforcera et 6tendra 
les mesures prises pour empecher le trafic illicite 

" Serbisches Blaubuch: »toute collaboraüon«. 

^ Serbisches Blaubuch: «15/28». 

" Anstatt »ä«. 

** Anstatt »concrets«. 



264 

d'armes et d'explosifs ä travers la fronti^re; il va 
de soi qu'il ordonnera de suite une enquete et 
punira severement les fonctionnaires des fronti^res 
sur la ligne Schabatz Losnitza qui ont manqu6 ä 
leur devoir et laisser passer les auteurs du crime 
de Sarajevo. 

9° Le Gouvernement royal donnera, volontiere 
des explications sur les propos que ses fonctionnaires, 
tant en Serbie qu'ä l'etranger, ont eu[s] apr^ l'atten- 
tat dans des entrevues et qui, d'apres l'affirmation 
du Gouvernement imp. et royal, ont €te hostiles 
envers la Monarchie, d^ que le Gouvernement imp, et 
royal lui aura [communiqu6] les passages en question 
de ce[s] propos, et des qu'il aura d^montrö que les 
propos employes ont en effet 6te tenu[s] par les 10*" 
fonctionnaires, [propos] au sujet de quoi^* le Gouver- 
nement royal lui-meme aura soin de recueillir des 
preuves et convictions. 

10°. Le Gouvernement royal informera le Gouver- 
nement imp. et royal de l'ex^cution de[s] mesures 
comprises dans les points prec^dents en tant que 
cela n'a pas it6 d^jä fait par la presente^* note,*' 
aussitöt que chaque mesure aura 6t6 ordonn^e et 
execut^e.2' 

Dans le cas oü le Gouvernement imp, et royal 
ne serait pas satisfait de cette r^ponse, le Gouverne- 
ment royal serbe, considerant qu'il est de 
l'interet commun de ne pas pr^cipiter la Solution 
de ces questions, est pret, comme toujours, d'accepter 
une entente pacifique, soit en remettant cette 
question ä la decision du tribunal international de 
la Haye, soit aux grandes Puissances qui ont pris 
part k l'^laboration de la declaration que le Gou- 
vernement Serbe a faite le 18/31 mars 1909. 

Eine brillante Leistung für eine Frist von Mos 48 Stunden 
Das ist mehr als man erwarten konnte! 
Ein großer moralischer Erfolg für Wien; aber damit 
fällt jeder Kriegs grund fort, und Giesl hätte ruhig ■ 
in Belgrad bleiben sollen ! Daraufhin hätte ich niemals 
Mobilmachung befohlen! W^ 

*^ So irrig für »dits«. 

'* Anstatt »desquels«. 

" Anstatt »precedente«, 

** Punkt statt Komma, mit folgendem neuen Satze. 

" Statt Punkt steht hier Komma und die folgenden Sätze sind im Serb 

Blaubuch unmittelbar angeschlossen. 
•* Siehe Handschreiben des Kaisers vom 28. Juli 10" vorm, [Nr. 293]. 



265 



Nr. 272 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in London* 

Telegramm 182 Berlin, den 27. Juli 1914* 

Italienische Regierung hat in Wien bundesfreundliche Haltung 
zugesagt und hier entsprechende Mitteilung gemacht. 

Jagow 



* Nach dem Konzept Entwurf von Bergens Hand. 

* 10° nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



Nr. 273 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Rom* 

Telegramm 24 Berlin, den 27. Juli 1914* 

Fürst Lichnowsky telegraphiert: 

•Wie ich im Foreign Office entspräche nicht den 

den Tatsachen«'. 

Bitte dort immer aufs neue darauf hinweisen, daß gerade in 
der Geschlossenheit des Dreibunds nach außen sicherste Gewähr für 
eine seinen Interessen entsprechende Lösimg der Kxisis hegt. 

Jagow 



* Nach dem Konzept. Entwurf von Bergens Hand. 

* 10° nachm. zum Haupttelegraphenamt 

* Hier ist Lichnowskys Telegramm vom a6. Juli (Nr. 237) eingefügt. 



266 

Nr. 274 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 169 Petersburg, den 27. Juli 1914^ 

Militärattache meldet: Schwedischer Konsul Riga berichtet: 
Düna-Münde ist von Minen gesperrt. Im Gebiet von Riga werden alle 
Waggons entladen und der Militärverwaltung zur Verfügung gestellt. 

Pourtalds 

1 Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Petersburg 27. Juli 7^' nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt io^° nachm.; Eingangsvermerk: 28. Juli vorm. Am 28. Juli 
dem Generalstab, Admiralstab, Reichsmarineamt und Kriegsministerium 
mitgeteilt; abgesandt durch Boten 11** vorm. 

Nr. 275 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 170 Petersburg, den 27. Juli 1914^ 

Konsul Kiew meldet, heute nacht Artillerie in westlicher Richtung 
abmarschiert, Kommandeur 11. Kavallerie-Division nach Garnisonort 
Dubno abgereist. Börse stark beunruhigt, sonst öffentliche Meinung 
nicht besonders erregt, die Presse gemäßigt, Streikagitation im Gange, 
Konsulatschutz verstärkt. Pourtal^s 

^ Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Petersburg 27. Juli 7*^ nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt io^° nachm.; Eingangsvermerk: 28. Juli vorm. Am 28. Juli 
dem Generalstab, Admiralstab, Reichsmarineamt und Kriegsministerium 
mitgeteilt, abgesandt durch Boten 11" vorm. Entzifferung am 28. Juli ein 
den Kaiser gesandt. 

Nr. 276 

Der Generalkonsul in Warschau an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 13 Warschau, den 27. Juli 1914^ 

Alle Truppen sind aus den Manövern zurückberufen worden; viel 
Infanterie, außerdem Ulanen auf dem Brester Bahnhof angeblich 
nach Lublin und Kowel verladen ; während der ganzen Nacht auf der 
Brest -Litowsk-Chaussee verkehren hunderte von Militärautomobilen; 
bisher sind keine Reservisten einberufen; gestern flog das Geschoß- 
magazin bei der Zitadelle in die Luft, Brück 

^ Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Warschau 27. Juli 3*^ nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 11° nachm.; Eingangsvermerk: 28. Juli vorm. Am 28. Juli gemäß 
Randverfügung Zimmermanns dem Generalstab, Admiralstab, Reichsmarine- 
amt, Kriegsministerium mitgeteilt, abgesandt durch Boten 11" vorm. 



267 



Nr. 277 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Wien* 

Telegramm 169 Berlin, den 27. Juli 1914^ 

Fürst Lichnowsky telegraphiert soeben ' : 

Sir E. Grey ließ mich soeben kommen und bat mich, Ew. Exz. 
nachstehendes zu übermitteln. 

Der serbische Geschäftsträger habe ihm soeben den Wortlaut 
der serbischen Antwort auf die österreichische Note übermittelt*. 
Aus derselben gehe hervor, daß Serbien den österreichischen 
Forderungen in einem Umfange entgegengekommen sei, wie er es 
niemals für möglich gehalten habe; bis auf einen Punkt, der Teil- 
nahme österreichischer Beamter an den gerichtlichen Unter- 
suchungen, habe Serbien tatsächlich in alles eingewilligt, was von 
ihm verlangt worden sei. Es sei klar, daß diese Nachgiebigkeit 
Serbiens lediglich auf einen Druck von Petersburg :^urück- 
^uf Uhren sei^. 

Begnüge sich Österreich nicht mit dieser Antwort, bzw. 
werde diese Antwort in Wien nicht als Grundlage für friedliche 
Unterhandlungen betrachtet, oder gehe Österreich gar zur Besetzung 
von Belgrad vor, das vollkommen wehrlos daliegt, so sei es voll- 
kommen klar, daß Österreich nur nach einem Vorwand suche, um 
Serbien zu erdrücken. In Serbien solle aber alsdann Rußland 
getroffen werden und der russische Einfluß auf dem Balkan. Es 
sei klar, daß Rußland dem nicht gleichgültig zusehen könne und 
es als eine direkte Herausforderung auffassen müsse. Daraus 
würde der fürchterlichste Krieg entstehen, den Europa jemals 
gesehen habe, und niemand wisse, wohin ein solcher Krieg 
führen könne. 

Wir hätten uns, so meinte der Minister, wiederholt und so 
noch gestern^ mit der Bitte an ihn gewandt, in Petersburg in 
mäßigendem Sinne vorstellig ^u werden. Er habe diesen Bitten 
stets gern entsprochen und sich während der letzten Krise Vor- 
würfe aus Rußland zugezogen, daß er sich zu sehr auf unsere und 
zu wenig auf ihre Seite stelle. Nun wende er sich mit der Bitte 
an uns, unseren Einfluß in Wien dahin zur Geltung zu bnngen, 
daß man die Antwort aus Belgrad entweder als genügend betrachte 
oder aber als Grundlage für Besprechungen. Er sei überzeugt, 
daß es in unserer Hand liege, durch entsprechende Vorstellungen 

* Nach dem Konzept von der Hand des Reichskanzlers. 

* 11"^ nachm. zum Haupttelegraphenamt, dort abgefertigt 28. Juli 12" vorm., 
auf der Botschaft in Wien angekommen 5^ vorm. 

' Siehe Nr. 258 und 258 Anm. 2. 

* Abgedruckt im österreichisch-ungarischen Rotbuch I Nr. 25. Französischen 
Text siehe auch Nr. 271. 

' In der dem Kaiser vorgelegten Abschrift am Rand Fragezeichen des Kaisers. 
^ Siehe Nr. 199 und 218. 



268 

die Sache zu erledigen, und er betrachte es als eine gute Vor- 
bedeutung für die Zukunft, wenn es uns beiden abermals gelänge, 
durch unseren beiderseitigen Einfluß auf unsere Verbündeten den 
Frieden Europas gesichert :^u haben''. 

Ich fand den Minister zum ersten Male verstimmt. Er sprach 
mit großem Ernst und schien von uns auf das Bestimmteste zu 
erwarten, daß es unserem Emfluß gelingen möge, die Frage beizu- 
legen. Er wird auch heute ein Statement im House of Commons 
machen, worin er seinen Standpunkt zum Ausdruck bringt. Auf 
jeden Fall bin ich der Überzeugung, daß, falls es jetzt doch noch 
zum Kriege käme, wir mit den englischen Sympathien und der 
britischen Unterstützung nicht mehr zu rechnen hätten, da man in 
dem Vorgehen Österreichs alle Zeichen üblen Willens erblicken würde. 
Nachdem wir bereits einen englischen Konferenzvcrschlag ab- 
gelehnt haben, ist es uns unmöglich, auch diese englische Anregung 
a limine abzuweisen. Durch eine Ablehnung jeder Vermittelungs- 
aktion würden wir von der ganzen Welt für die Konflagration ver- 
antwortlich gemacht und als die eigenthchen Treiber zum Kriege 
hingestellt werden. Das würde auch imsere eigene Stellimg im 
Lande immöglich machen, wo wir als die zum Kriege Gezwungenen 
dastehen müssen. Unsere Situation ist um so schwieriger, als Serbien 
scheinbar sehr weit nachgegeben hat. Wir können daher die Rolle 
des Vermittlers nicht abweisen und müssen den englischen Vorschlag 
dem Wiener Kabinett zur Erwägung unterbreiten, zimial London und 
Paris fortgesetzt auf Petersburg einwirken. Erbitte Graf Berchtolds 
Ansicht über die englische Anregung, ebenso wie über Wunsch Herrn 
Sasonows, mit Wien direkt zu verhandeln®. 

Bethmann Hollweg 

' Siehe Nr. 265 und 278. 

* Siehe Nr. 4JOO. 

Nr. 278 

Der Reichskanzler an den Botschafter in London^ 

Telegramm 183 Berlin, den 27. Juh 19142» 

In dem von Sir Edward Grey gewünschten Sinne haben wir Ver- 
mittelungsaktion in Wien sofort eingeleitet. Außer dieser englischen 
Anregtmg haben wir überdies Graf Berchtold auch den Wunsch 
Sasonows auf direkte Aussprache mit Wien imterbreitet. 

Bethmann Hollweg 

^ Nach dem Konzept von der Hand des Reichskanzlers. — Vgl. deutsches 
Weißbuch vom Mai 1915, S 31, Nr. 15. 

* 1 1^° nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

* Siehe Nr. 258 und 277. 



Reichsdruckerei, Berlin. 

3524. 21. IIa 3 



Zweiter Band 



Zweiter Band: 

Vom Eintreffen der 

serbischen Antwortnote in Berlin 

bis zum Bekanntwerden der 

russischen allgemeinen 

Mobilmachung 



19 2 1 



DEUTSCHE VERLAGSGESELLSCHAFT FÜR POLITIK 
UND GESCHICHTE M. b. H. IN BERLIN 



2. Auflage 
31. bis 70. Tausend 

Alle Rechte, besonders das der Übersetzung vorbehalten 

Für Rußland auf Grund der deutsch-russischen Obereinkunft 

Amerikanisches Copyright 1919 by 

Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte 

m. b. H. in Berlin W 8 

Gedruckt in der Reichsdruckerei 



Inhaltsverzeichnis und Zeittafel von Band II ' 





Zeit 




Zeit 




I.fde. 

Nr 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 




Stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 










28. Juli 








379 


2° 


vorm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in London 








I 


280 




— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


4" 


vorm. 


2 


281 


— 




Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


4° 


vorm. 


3 


282 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


4- 


vorm. 


4 


283 


5° 


vorm. 


Der Reichskanzler 

an den Kaiser 


— 


— 


5 


284 


— 


— 


Der Geschäftsträger in Cetinje 

an das Auswärtige Amt 


7' 


vorm. 


6 


285 


— 


— 


Der Botschafter in Konstantinopel 
an das Auswärtige Amt 


7" 


vorm 


7 


286 


— 


— 


Der Gesandte in Kristiania 

an das Auswärtige Amt 


330 


vorm. 


7 


287 


9- 


vorm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Rom... 








8 


288 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an den Reichskanzler 





vorm. 


8 


a8g 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

nn Acn Rfirhskanzler 




vorm. 


1 1 


290 


— 


— 


Anlage zum Bericht des Botschafters 
in Petersburg vom 26. Juli: 


wie 


Nr.28q 


12 


291 






Der Militärbevollmächtigte am russi- 
schen Hofe 


— 


vorm. 


•3 







» Datum, Zeit des Abgangs und der Ankunft beziehen sich auf das Auswärtige 
Amt, bei Telegrammen usw. des Kaisern auf das Huflager. Siehe Vor- 
bemerkungen Abschnitt III. 



VI 





Zeit 




Zeit 




l.fde. 

Nr. 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seile 


stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 










Noch : 28. Juli 








292 


— 


— 


Der Botschafter in Paris 




vorm. 


16 


293 


10° 


vorm. 


Der Kaiser 

an den Staatssekretär des Aus- 
wärtigen 






18 


294 


— 


— 


Das Konsulat in Riga 

an das Auswärtige Amt 


11" 


vorm. 


'9 


295 


— 


— 


Der Verweser des Generalkonsulats 
in Moskau 

an das Auswärtige Amt 


ll'" 


nachm. 


'9 


296 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


1* 


nachm. 


20 


297 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


2« 


nachm. 


20 


298 


— 


— 


Der Geschäftsträger in Bukarest 
an das Auswärtige Amt 


3*" 


n;achm. 


21 


299 


3" 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Wien . . 








22 


300 


33s 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Petersburg 


— 


; — 


22 


301 


— 




Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


34s 


n'achm. 


23 


30a 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an den Reichskanzler 





nachm. 


24 


303 


— 


— 


Der preußische Gesandte in Karls- 
ruhe 

an den Minister der auswärtigen 
Angelegenheiten (Reichs- 
kanzler) 
















nachm. 


24 


304 


— 


— 


Der englische Botschafter 

an den Staatssekretär des Aus- 
wärtigen 




nachm. 


25 


305 


— 


— 


Die österreichisch-ungarische Bot- 
schaft 

an das Auswärtige Amt 














— 


nachm. 


26 


306 


— 


— 


Die österreichisch-ungarische Bot- 
schaft 

an das Auswärtige Amt 














— 


nachm. 


27 



VII 



Zeit 
des Abgangs 



tunde Tageszeit 



Datum und Überschrift 



Zeit 
der Ankunft 



tunde Tageszeit 



nachm. 



nachm. 



8*° nachm. 



9° nachm. 



9° 


nachm. 


9° 


nachm. 


9" 


nachm. 


9" 


nachm. 


9" 


nachm. 


9"* 


nachm. 


lO" 


nachm. 




— 



Noch: 28. Juli 

Der Reichskanzler 

an die preußischen Gesandten 
bei den Bundesregierungen . 

Der Reichskanzler 

an den Kaiser 

Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Wien . . 

Der Botschafter in Paris 

an das Auswärtige Amt 

Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 

Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 

Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 

Der Reichskanzler 

an den Botschafter in London 

Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Petersburg 

Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Geschäftsträger in Bu- 
karest 

Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Geschäftsträger in Bu- 
karest 

Der Gesandte in Sofia 

an das Auswärtige Amt 

Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Gesandten in Stockholm 

Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Konstan- 
tinopel 

Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Geschäftsträger in Bu- 
karest 



Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Geschäftsträger in Ceimje 

Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Wien . . 

Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 



nachm 
nachm 
nachm. 

nachm. 



nachm. 



nachm 



^7 
29 

30 
31 
3« 
32 

32 

33 
34 

34 

35 
35 
36 

36 

37 

38 

38 
40 



VIII 





Zeit 




Zeit 




Lfde. 

Nr. 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 


Stunde 


Tageszeit 




Stunde 


Tageszeit 










Noch: 28. JuU 








325 


U36 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Rom... 








41 


326 






Der Botschafter in Wien 

an den Staatssekretär des Aus- 
wärtigen (Privatbrief) 

29. Juli 


— 


— 


41 


327 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


12^ 


vorm. 


45 


328 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


12« 


vorm. 


45 


329 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


12^° 


vorm. 


46 


330 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


12" 


vorm. 


47 


331 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


12" 


vorm. 


47 


332 


— 


— 


Der Zar 

an den Kaiser 




vorm. 
vorm. 


48 
49 


333 


Der Verweser des Generalkonsulats 
in Moskau 

an das Auswärtige Amt 


334 


l" 


vorm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Peters- 
bure 






50 
50 

52 


335 


I*» 


vorm. 


Der Kaiser 

an den Zaren 


2° 


vorm. 


335a 


Der Generalkonsul in Warschau 
an das Auswärtige Amt 


336 


— 


— 


Der Geschäftsträger in Athen 

an das Auswärtige Amt 


2*« 


vorm. 


52 


337 


— 


— 


Der Militärbevollmächtigte am russi- 
schen Hofe 

an das Auswärtige Amt 


3« 


vorm. 


53 


338 




— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


6" 


vorm. 


55 


339 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an den Reichskanzler 






56 
58 


340 


— 


— 


Der Reichskanzler 

an den Staatssekretär des Aus- 
wärtigen 


— 


— 



IX 





Zeit 




Zeit 




L(de. 
Nr 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 




Stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 










Noch: 29. Juli 








341 


12" 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Paris... 


_ 


_ 


59 


342 


12" 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschaher in Petersburg 





_ 


59 


343 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


2" 


nachm. 


60 


344 


" 




DerMüitärbevollmächtigte am russi- 
schen Hofe 

an das Auswärtige Amt 


3.S 


nachm. 


61 


345 


— 




Der Botschafter in Paris 

an das Auswärtige Amt 


333 


nachm. 


62 


346 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


3" 


nachm. 


62 


347 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an den Reichskanzler 


_ 


nachm. 


63 


348 






Der österreichisch -ungarische Ge- 
neralkonsul in Warschau 
an. das Wiener Ministerium des 
Äußeren 




narhm 


64 
65 


349 


— 


— 


Der Große Generalstab 

an den Reichskanzler 






350 


— 


— 


Der Botschafter in Paris 

an den Reichskanzler 


_ 


nachm. 


67 


351 






Der Vortragende Rat im Auswär- 
tigen Amt von Bergen 

an den Staatssekretär des Aus- 
wärtigen 




nachm 


69 
69 


352 


— 


— 


Die österreichisch -ungarische Bot- 
schaft 

an das Auswärtige Amt 




nachm. 


353 


— 


— 


Der englische Botschafter 

an den Reichskanzler 


_ 


_ 


71 


354 


— 


— 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Konstan- 








355 


— 


— 


tinopel 

Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


4" 


nachm. 


72 
72 


356 




— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


5' 


nachm. 


73 


357 




— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


5' 


nachm. 


74 



X 





Zeit 


Lfde. 


des Abgangs 


IVJr 






-tunde 


Tageszeit 


358 


— 


— 


359 


630 


nachm. 


360 


— 


— 


361 


8° 


nachm. 


362 


— 


— 


363 


— 


— 


364 


— 


— 


365 


— 


— 


365a 


— 


— 


366 


— 


— 


367 


— 


— 


368 


— 


— 


369 


— 


— 


370 


— 


— 


371 


9« 


nachm. 


37a 


— 


— 


373 


— 


abends 


374 


— 


— 


375 


— 


— 



Datum und Überschrift 



Zeit 
der Ankunft 



Stunde Tageszeit 



Noch: 29. Juli 
Der Geschäftsträger in Cetinje 

an das Auswärtige Amt 

Der Kaiser 

an den Zaren 

Der Geschäftsträger in Athen 

an das Auswärtige Amt 

Der Reichsl<anzler 

an den Botschafter in Wien . . 

Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 

Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 

Der Botschafter in Konstantinopel 
an das Auswärtige Amt 

Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 

Der Botschafter in Konstantinopel 
an das Auswärtige Amt 

Der Zar 

an den Kaiser 

Der Botschafter in Paris 

an das Auswärtige Amt 

Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 

Der Verweser des Generalkonsulats 
in Moskau 

an das Auswärtige Amt 

Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 

Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Gesandten in Kopenhagen 

Der Große Generalstab 

an das Auswärtige Amt 

Der Reichskanzler 

an den englischen Botschafter 

Prinz Heinrich von Preußen 

an den Kaiser 

Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Gesandten in Brüssel.. 



nachm. 

nachm. 

nachm. 
nachm. 
nachm. 
nachm. 
nachm. 
nachm. 
nachm. 
nachm. 

nachm. 
nachm. 

nachm. 



XI 





Zeit 




Zeit 




Lfde. 

Nr 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 




>tuncle 


Tageszeit 


-»tunde 


Tageszeit 










Noch: 29. Juü 








376 


wie 


Nr. 375 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Gesandten in Brüssel 








98 


376a 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


10'* 


nachm. 


100 


377 


lO" 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Wien . . 








101 


378 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


10" 


nachm. 


101 


379 


— 


— 


Der Geschäftsträger in Bukarest 
an das Auswärtige Amt 


11° 


nachm. 


102 


380 


11» 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Petersburg 








103 


381 


— 


— 


Der Geschäftsträger in Athen 

an das Auswärtige Amt 


11" 


nachm. 


104 


382 


— 


— 


Zwei Artikel des »Daily Chronicle- 
vom 29. JuH 1914 mit Randbemer- 
kungen des Kaisers 






104 








30. Juli 






383 


12" 


vorm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Wien . . 








116 


384 


12" 


vorm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Wien . . 








117 


385 


12" 


vorm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Wien . . 








117 


386 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


12*° 


vorm. 


118 


387 


,.,50 


vorm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Petersburg 


— 


— 


119 


388 





— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


,30 


vorm. 


119 


389 


1" 


vorm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Geschäftsträger in Bu- 
karest 


I** 


vorm. 


120 


390 


Der Zar 

an den Kaiser 


121 


391 


2** 


vorm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Petersburg 





— 


122 


392 


2" 


vorm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Petersburg 


— 


— 


122 



XII 





Zeit 




Zeit 




Lfde. 

Nr. 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 


Stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 










Noch : 30. Juli 








393 


2" 


vorm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in London 








123 


394 


— 


— 


Der Geschäftsträger in Cetinje 

an das Auswärtige Amt 


2" 


vorm. 


123 


395 


2" 


vorm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Wien . . 








124 


396 


3° 


vorm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Wien . . 





— 


125 


397 


3^ 


vorm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Petersburg 








126 


398 


— 


— 


Der Botschafter in Konstantinopel 
an das Auswärtige Amt 


3.0 


vorm. 


127 


399 


6° 


vorm. 


Der Reichskanzler 

an den Kaiser 








128 


400 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


6" 


vorm. 


129 


401 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


7'° 


vorm. 


130 


402 




vorm. 


Randbemerkungen des Kaisers vom 
30. Juli vorm. zum Artikel der 
»Morning Post« vom 28. Juli 19 14: 
„Efforts towards Peace" 






133 


403 


— 


— 


Der Gesandte in Brüssel 

an den Reichskanzler 





vorm 


134 


404 


— 


— 


Der Verweser des Konsulats in 
Kowno 
an das Auswärtige Amt 




vorm. 


135 


405 


— 


— 


Der Botschafter in Konstantinopel 
an das Auswärtige Amt 


10*'» 


vorm. 


136 


406 


11° 


vorm. 


Der Reichskanzler 

9n den Gesandten in Stockholm 


— 


— 


136 


407 


11.5 


vorm. 


Der Reichskanzler 

an den Kaiser 


_ 





137 


408 


II" 


vorm. 


Der Reichskanzler 

an den Kaiser 






138 
139 


409 


II" 


vorm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in London 




_ 


410 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


11" 


vorm. 


140 



XIU 





Zeit 




Zeit 




Lfde. 

Nr. 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 


Stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 










Noch: 30. Juü 








411 


— 


— 


Der Botschafter in Konstantinopel 
an das Auswärtige Amt 


11" 


vorm. 


140 


412 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


12" 


nachm. 


141 


413 


I2*° 


naciim. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Petersburg 








142 


414 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


12'« 


nachm. 


142 


415 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


l" 


nachm. 


'43 


416 





— 


Der Gesandte in Belgrad (z. Z. in 
Nisch) 

an das Auswärtige Amt 


2^ 


nachm. 


143 


417 


2" 


nachm. 


Prinz Heinrich von Preußen 

an den König von England. . . 





— 


144 


418 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


3'° 


nachm. 


'45 


419 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


3,0 


nachm. 


146 


420 


330 


nachm 


Der Kaiser 

an den Zaren 


— 




'47 


421 


~ 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


3" 


nachm. 


.48 


422 


— 


— 


Der Generalkonsul in Warschau 
an den Reichskanzler 


— 


nachm. 


149 


423 






Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an eine Reihe deutscher diplo- 
matischer Vertreter im Aus- 
lande (abgesandt am 30. und 






150 
152 


424 


— 


— 


Der Große Generalstab 

an das Auswärtige Amt 




nachm. 


425 


— 


— 


Aufzeichnung des Unterstaatssekre- 






•53 
'54 


426 


— 


— 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Gesandten im Haag... 








427 


" 


— 


Die österreichisch-ungarische Bot- 
schaft 

an das Auswärtige Amt 


— 


nachm. 


'55 



XIV 





Zeit 




Zeit 




Lfde. 
Nr. 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 


Stunde 


Tageszeil 


stunde 


Tageszeit 










Noch: 30. Juli 








428 






Die österreichisch-ungarische Bot- 
schaft 

an das Auswärtige Amt 




nachm. 


,56 


429 


— 


— 


Autzeichnung des Staatssekretärs 
des Auswärtigen 
für den .Reichskanzler 






157 


430 


— 


— 


Der Botschafter in Paris 

an das Auswärtige Amt 


43» 


nachm. 


158 


431 


4*' 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Konstan- 
tinopel . . . 






158 






432 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


5" 


nachm. 


159 


433 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


5" 


nachm. 


'59 


434 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


5" 


nachm 


161 


435 


— 


— 


Der Botsch;ifter in London 

an das Auswärtige Amt 


5" 


nachm. 


161 


436 


— 


— 


Der Geschäftsträger in Athen 

an das Auswärtige Amt 


6" 


nachm. 


162 


437 


7" 


nachm. 


Der Kaiser 

an den Kaiser von Österreich. . 








162 


438 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


8" 


nachm. 


163 


439 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


8" 


nachm. 


.63 


440 


8" 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Kaiser 






164 
164 


441 


9" 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Wien . . 






442 


9° 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Wien . . 


_ 





166 


443 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


9" 


nachm. 


166 


444 


9- 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in London 








167 


445 






Der Militärbevollmächtigte am rus- 
sischen Hofe 

an das Auswärtige Amt 


10» 


nachm. 


167 



XV 





Zeit 




Zeit 




Lfde. 
Nr 


des Abgangs 


Datum und Überschrift 


der Ankunft 


Seite 




Stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 










Noch: 30. Juli 








446 


— 


— 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


10» 


nachm. 


l6(f 


447 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


10" 


nachm. 


170 


448 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Auswärtige Amt 


10" 


nachm. 


170 


449 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


II» 


nachm. 


171 


450 


u" 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Wien . . 





_ 


172 


451 


~ 


" 


Entwurf eines nicht abgesandten 
Telegramms des Reichskanzlers 
an den Botschafter in Wien . . 






172 


452 


— 


. — 


Der König von England 

an Prinz Heinrich von Preußen 


11'° 


nachm. 


'73 


453 


,,so 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Geschäftsträger in Athen 





_ 


'74 


454 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


!2° 


mitter- 




455 


— 


■ — 


Der Botschafter in Paris 

an das Auswärtige Amt 


12» 


nachts 
mitter- 


•74 


456 


— 


— 


Protokoll der Sitzung des k. preu- 
ßischen Staatsministeriums am 




nachts 


'75 






30 Juli 1914 


— 


— 


'75 
















31. Juli 








457 


1 2** vorm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Rom... 








180 


458 


1 


Der Botschafter in Rom 

an das Auswärtige Amt 


12" 


vorm. 


180 


459 


— 


_ 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


12" 


vorm. 


181 


460 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


12" 


vorm. 


181 


461 


,30 


vorm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Paris... 







182 


46a 


I» 


vorm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 
an den Botschafter in Petersburg 







183 


463 


~ 


~ 


Der Geschäftsträger in Bukarest 
an das Auswärtige Amt 


2» 


vorm. 


183 



XVI 



Lfde. 
Nr. 


Zeit 

des Abgangs 


Datum und Überschrift 


Zeit 
der Ankunft 


Seite 


Stunde 


Tageszeit 


Stunde 


Tageszeit 




464 

• 


2*' 


vorm." 


Noch: 31. Juli 

Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Wien . . 






184 


465 


— 


— 


Der Botschafter in Wien 

an das Ausv^^ärtige Amt 


433 


vorm. 


184 


466 


6" 


vorm. 


Der Reichskanzler 

an den Kaiser 








186 


467 


— 


— 


Der Generalkonsul in Antwerpen 




vorm. 


t88 


468 


— 


— 


Aufzeichnung des Dirigenten der 
politischen Abteilung im Aus- 
wärtigen Amt 




vorm. 


188 


469 


— 


— 


Der Botschafter in London 

an das Auswärtige Amt 


10= 


vorm. 


189 


470 


— 


— 


Die Fürstin Pleß 

an den Kaiser 


10" 


vorm. 


189 


471 


— 


— 


Nicht verwendeter Entwurf eines 
Telegramms des Kaisers 

an den König von Rumänien . . 






190 


472 


10" 


vorm. 


Der Kaiser 

an den König von Rumänien. . 








191 


473 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


,j40 


vorm. 


191 


474 


12° 


mittags 


Der Kaiser 

an das Reichsmarineamt und 
den Admiralstab 






192 
194 


475 


12" 


nachm. 


Der Staatssekretär des Auswärtigen 

an den Geschäftsträger in 

Bukarest 






476 


— 


— 


Der Geschäftsträger in Cetinje 

an das Auswärtige Amt 


12=° 


nachm. 


194 


477 


12" 


nachm. 


Der Kaiser 

an den König von England... 








196 


478 


— 


— 


Der Botschafter in Petersburg 

an das Auswärtige Amt 


j35 


nachm. 


197 


479 


I" 


nachm. 


Der Reichskanzler 

an den Botschafter in Wien . . 




— 


198 



Nr. 279 

Der Reichskanzler an den Botschafter in London* 

Telegramm 184 Berlin, den 28. Juli 1914^ 

Sir Edw. Grey hat ausdrücklich und wiederholt erklärt, daß 
ihn der österreichisch -serbische Konflikt nichts angehe, daß er 
dagegen in einem österreichisch -russischen Konflikt zu vermitteln 
bereit sei und dabei auf unsere Älithilfe rechne. Mit diesem Stand- 
punkt hatten wir uns vollkommen einverstanden erklärt. Jetzt hat 
Sir Edward diesen Standpunkt verlassen und unsere Vermittlungs- 
aktion dahin erbeten, daß Österreich die serbische Antwort als ge- 
nügend oder doch wenigstens als Grundlage für weitere Besprechun- 
gen ansehen möchte^. « 

Das erstere petitum ist unerfüllbar. Wir können Wien im- 
möghch* anraten, die serbische Antwort, die es sofort, und ohne daß 
sie zu unserer Kenntnis gekommen wäre, als ungenügend zurückge- 
wiesen hat, nachträglich zu sanktionieren. Wir sind England sehr 
weit entgegengekommen, wenn wir bezüglich des zweiten petitums 
die Vermittlungsaktion übernommen haben ^. Ich rechne mit Be- 
stimmtheit darauf, daß England diesen unsern entgegenkommenden 
Schritt gebührend einschätzen wird. Ob die serbische Antwort bis 
an die Grenze des Möglichen geht, habe ich noch nicht nachprüfen 
können, da sie erst soeben in meine Hände gelangt ist. Verdächtig 
ist die Tatsache, daß Serbien, noch bevor es seine Antwort übergab, 
mobilisiert hat. Das läßt auf ein schlechtes Gewissen schließen. 



' Nach dem Konzept von der Hand des Reichskanzlers. Ursprünglich vom 
Kanzler geschriebenes Datum 27. Juli, nachher in 28. Juli geändert. 

^ 28. Juli 2*' vorm. zum Haupttelegraphenamt. 

^ Siehe Nr. 258. 

■• »unmöglich« vom Kanzler aus »nicht« geändert. 

° »bezüglich übernommen haben« vom Kanzler geändert aus dem 

ursprünglich von ihm niedergeschriebenen: »in Adaptierung dem veränder- 
ten Standpunkt Sir Edwards folgend, eine Vermittlungsaktion dahin über- 
nommen haben, daß wir Wien den englischen Wunsch, die serbische 
Antwort als Grundlage für Besprechungen anzusehen, zur Erwägung vor- 
gelegt haben.« 

Aktenstücke II. 2 



Die Annahme Sir Edwards, daß es Österreich auf eine Nieder- 
werfung Serbiens abgesehen habe, kann ich um so weniger als zu- 
treffend ansehen, als es Rußland ausdrücklich erklärt hat, es strebe 
keinerlei Territorialerwerb an oder wolle den Bestand des serbischen 
Königreichs antasten, eine Erklärung, die auf Rußland ihren Ein- 
druck nicht verfehlt hat. Österreich will — und dazu hat es nicht nur 
das Recht, sondern auch die Pflicht — Sicherheit dagegen haben, 
daß nicht seine Existenz durch die großserbische Agitation, die 
schließlich in der Freveltat von Sarajevo ihren Ausdruck gefunden 
hat, immer weiter unterhöhlt wird. Das hat mit Prestigepolitik 
oder mit einem Ausspielen des Dreibundes gegen die Triple-Entente 
schlechterdings nichts zu tun •. 

So sehr wir in vöUiger Übereinstimmung mit England und 
hoffentlich in fortgeseztem Zusammenwirken mit ihm nach allen 
Richtungen bestrebt sind, den europäischen Frieden aufrechtzuer- 
halten , so wenig können wir ein Recht Rußlands oder gar der 
Triple-Entente anerkennen, für die serbisclien Umtriebe gegen Öster- 
reich einzutreten. 

Ew. pp. ersuche ich ergebenst, nach diesen Gesichtspunkten 
Ihre Sprache zu regeln. 

Bethmann Hollweg 



Der hier ursprünglich folgende Satz; «Ein Recht Rußlands oder gar der 
Triple-Entente, für die serbischen Umtriebe gegen Österreich einzutreten, 
können wir nicht anerkennen« ist vom Kanzler wieder gestrichen. 



Nr. 280 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt' 

Telegramm 116 Wien, den 27. Juli 1914^ 

Habe sofort persönlich dringend Text der serbischen Note 
erbeten^. Baron Macchio teilte mir darauf mit, daß bei Überbürdung 
der Bureaus es nicht möghch sei, Kopie der umfangreichen Note so 
schnell herzustellen. Immerhin würde das möghchste geschehen, um 
mir noch heute abend Note zuzustellen. 



^ Nach der Entzifferung. 

^ Telegramm, datiert vom 27. Juli, autgegeben in Wien 28. Juli i*» vorm., 
angekommen im AuswärtigenAmt4'' vorm. Eingangsvermerk: 28. Juli vorm. 
^ Siehe Nr. 246. 



Soeben — einhalb zwölf Uhr nachts — geht mir Note mit 
erläuternden Bemerkungen österreichisch - ungarischer Regierung 
gedruckt zu. Da Note nebst Bemerkungen heute abend Presse mit- 
geteilt wird, habe ich, auch mit Rücksicht auf deren Umfang — fast 
sechs Druckseiten — , von deren telegraphischer Übermittelung absehen 
zu sollen geglaubt. 

T s c h i r s c h k y 



Nr. 281 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt' 

Telegramm 115 Wien, den 27. JuH 1914- 

Graf Berchtold suchte mich heute spät abends auf, um mir 
nachstehendes zu melden : 

Hier ist Telegramm von Graf Szäpäry auf Grund Meldung 
Militärattaches eingetroffen, daß Nachrichten sich verdichten, wonach 
Militärbezirke Kiew, Warschau, Odessa, Moskau Mobilisierungsbefehl 
erhielten bei gleichzeitigem Einziehen von Reservisten. Bezirke 
Petersburg und Wilna, wahrscheinlich auch Kasan, hätten Befehl zur 
Vorbereitung Mobilisierung, jedoch ohne Reservisten. 

Chef des Generalstabs ist der Ansicht, daß Moment gekommen 
wäre, falls Bestätigung über russische mihtärische Maßnahmen Berlin 
vorliegt, mit Rücksicht auf wünschenswerte Klarstellung militärischer 
Lage in Petersburg zu erklären, daß in dieser Mobilisierung derartige 
Bedrohung an Süd- und Westgrenze Rußlands vorliegt, daß ent- 
sprechende Gegenmaßregeln ergriffen werden müßten. 

Freiherr Conrad von Hötzendorf ist weiter der Ansicht, daß \oii 
einer solchen Erklärung in Petersburg Rumänien sofort verständigt 
und gegebenenfalls aufgefordert werden sollte, sich der Erklärung 
anzuschließen. Vielleicht wäre dies auch gegebener Augenblick für 
Publizierung Bündnisvertrags mit Rumänien, nachdem Herr Beldiman 
Graf von Szäpäry gegenüber erwähnt hat, daß leitende Kreise in 
Rumänien infolge der jüngsten Ereignisse Mittel und Wege suchen 
zur Veröffentlichung des Vertrags. 

Tschirschky 



* Nach der Entzifferung. 

' Telegramm, datiert vom 27. Juli, aufgegeben in Wien, 28. Juli i" vorm., 

angekommen im Auswärtigen Amt 28. Juli 4° vorm. Eingangsvermerk • 

28. Juli vorm. 



Nr. 282 

Der Botscliafter in Petersburg an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 167 St. Petersburg, den 27. Juli 1914^ 

Habe eben Sasonow Kenntnis von Inhalt der Telegramme 
Nr. 126 und 128^ gegeben. Minister bat mich, Ew. Exz. für beide 
Mitteilungen, die ihm einen sehr guten Eindruck machten, zu danken 
und dabei zu versichern, daß der Appell an unsere altbewährten 
guten Beziehungen warmen Widerhall bei ihm findet und ihn tief 
rührt. Ew. Exz. könnten versichert sein, daß Rußland das Ver- 
trauen in seine Friedensliebe nicht täuschen werde. Er sei bereit, 
in seinem Entgegenkommen gegen Österreich bis zur Grenze zu 
gehen und alle Mittel zu erschöpfen, um Krisis friedlicher Lösung 
entgegenzuführen. 

Nachdem Österreich sein Territorial-Desinteressement erklärt 
und noch keinen feindhchen Schritt gegen Serbien unternommen 
habe, sei nach seiner Ansicht der Augenblick gekommen, durch 
Gedankenaustausch zwischen den Mächten Mittel zu suchen, um 
Österreich »goldene Brücken zu bauen« ; welcher Weg zur Erreichung 
dieses Ziels eingeschlagen werde, sei ihm gleich. Der Wunsch, 
Österreich zu demütigen, liege ihm gänzlich fern. Er bitte aber 
dringend, zu bedenken, daß, wenn diejenigen österreichischen For- 
derungen, die serbische Souveränitätsrechte antasten, erfüllt würden, 
ein revolutionäres Regime ans Ruder kommen werde, das noch 
schlimmer als jetziges sein werde. Ich entgegnete, Serbien werde 
auf jeden Fall einige sehr bittere Pillen schlucken müssen. Auf 
faule Proteste werde sich Österreich wohl nicht einlassen, ob for- 
melle Milderung einiger Punkte möglich, entzieht sich meiner Beur- 
teilung. Auf jeden Fall müsse den Provokationen Serbiens, durch 
welche Europa nun schon zum dritten Male innerhalb fünf Jahren 



^ Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Petersburg 27. Juli 8'" nachm., angekommen im Ausw. 
Amt 28. Juli 4^" vorm. Eingangsvermerk: 28. Juli vorm. Randnotiz des 
Reichskanzlers vom 28. Juli: «S. M. vorgetragen v. B. H. 28. 7.« Auf einem 
der Entzifferung angehefteten Blatt bemerkt der Kanzler zu Pourtales' 
Telegramm: »Es ist mir doch zweifelhaft, ob wir Lichnowsky das 
Sasonowsche Telegramm in extenso mitteilen dürfen. Er erzählt alles an 
Sir Edward in ungeschickter Weise, und dieser könnte noch nachgiebiger 
gegen Rußland werden, wenn er so offenkundig sieht, daß der Draht 
zwischen Berlin und Petersburg durchaus nicht abgerissen ist. Wenigstens 
ist diese Wirkung möglich. Es wird also sehr auf die Form ankommen, 
in der Lichnowskv instruiert wird und in der er mit Sir Edward spricht. 
V. B. H. 28.« 

^ Siehe Nr. 198 und 219. 



vor Schwelle des Krieges gebracht wurde, ein für alle Mal Ende 
bereitet werden, da jetziger Zustand nachgerade für Europa uner- 
träglich geworden sei. Daher sollte auch Europa Österreich bei 
seiner Auseinandersetzung mit Serbien nicht in den Arm fallen. 
Sasonow wollte Hoffnung nicht aufgeben, daß Milderung einiger 
Punkte der an Serbien gestellten Forderungen von Österreich werde 
erreicht werden können. Er bat dringend um unsere Mitwirkung 
in diesem Sinne. Es müsse sich ein Weg finden lassen, imi Serbien 
unter Schonung seiner Souveiänitätsrechte verdiente Lektion* zu 
erteilen. Ich bemerkte dazu, es müßte aber auch für die Zukunft 
Garantie geschaffen werden, daß Serbien sich seinen übernommenen 
Verpflichtungen nicht wieder entziehe. Wenn Serbien als gleich- 
berechtigtes Mitglied europäischer Staatenfamilie behandelt werden 
wolle, mü>se es sich auch als Kulturstaat verhalten. Die Einwen- 
dungen des Ministers gegen diese an Serbien geübte Kritik waren 
heute viel schwächer als vor zwei Tagen, Sprache des Ministers die- 
selbe versöhnliche wie gestern. Mit Bezug auf ersten Teil Telegramms 
Nr. 128 verwies Sasonow auf gestrige Unterredung Majors Eggeling 
mit Kriegsminister^. 

Pourtales 



* Siehe Nr. 323. 

* Siehe Nr. 242; siehe ferner Nr. 300. 



Nr. 283 

Der Reichskanzler an den Kaiser^ 

Berhn, den 27. Juli 1914^^ 

Ew. M. unterbreite ich anbei alleruntertänigst ein soeben ein- 
gelaufenes Telegramm des Fürsten Lichnowsky^. Entsprechend den 
Befehlen Ew. M. habe ich die Anregimg Sir Edward Greys dem 
Grafen Berchtold unterbreitet*. Österreichs Sache wird es sein, 
dazu Stellung zu nehmen. Wollten wir jede Vermittlerrolle a limine 
abweisen, zumal da London und Paris fortgesetzt auf Petersburg 
einwirken, so würden wir vor England und der ganzen Welt als 
verantwortlich für die Konflagration und als eigentliche Kriegstreiber 



' Nach dem Konzept von der Hand des Reichskanzlers. 

^ Randbemerkung des Kanzlers: »Morgen früh mit Boten nach dem Neuen 

Palais«; abgegangen durch Boten 28. JuH 5° 'vorm. 
^ Siehe Nr. 258. Jagov? hatte in einer für den Kanzler bestimmten Notiz 

gefragt: »Soll das Telegramm S. M. vorgelegt werden? Es dürfte S. M. 

wohl kaum vorzuenthalten sein?« 
* Siehe Nr. 277. 



6 

dastehen. Das würde uns einerseits unmöglich machen, im eigenen 
Lande die jetzige gute Stimmung aufrechtzuerhalten, andererseits 
aber auch England von seiner Neutralität abbringen. 

Aller untertänigst 
V. Bethmann Hollweg' 



Nr. 284 

Der Geschäftsträger in Cetinje an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 18 Cetinje, den 27. Juli 1914^ 

Dringend ! 

österreichische Behörden in Cattaro haben 
heute früh sämtliche dort befindlichen Montenegriner 
ausgewiesen. Hiesiger Ministerrat hat es als Gegen - 
maßregel beschlossen, alle in Montenegro lebenden 
Österreicher auszuweisen. Von österreichischen 
Küstenorten werden starke Truppenhäufungen ge- 
meldet. Regierung fürchtet österreichischen Hand- 
streich gegen Lowtschen. König hat österreichischem 
kann er garnicht! Militärattache gesagt, er^ jperde alles tun, um 
Das glaube ihm der Krieg mit Österreich ^u vermeiden. Erregung in 
Deibel Cetinje im Wachsen. Post- und Telegraphen- 

verbindung mit Cattaro vorläufig unterbrochen, 
österreichischer Gesandter bittet Wien zu benach- 
richtigen, daß die Telegraphenverbindung Cetinje— 
Cattaro unterbrochen, und zwar angeblich durch 
österreichische Behörden. Da Montenegro ihn ver- 
hindert, Boten zur Post nach Cattaro zu schicken, 
könne er keine Verbindung mit Wien herstellen. 

Zech 



1 Nach der Entzifferung. 

- Aufgegeben in Cetinje 27. Juli 11^^ nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 28. Juli 7= vorm. Eingangsvermerk: 28. Juli vorm. Entzifferung lag 
dem Kaiser vor, der durch Randverfügung Mitteilung an den Botschafter 
in Wien anordnete; von ihm am 28. Juli zurückgegeben. Zechs Tele- 
gramm am 28. Juli von Jagov^r dem Botschafter in Wien mitgeteilt, 
io^° vorm. zum Haupttelegraphenamt gegeben. 

"^ »er« vom Kaiser zweimal unterstrichen. 



7 

Nr. 285 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 370 Konstantinopel, den 28. Juli 1914 ^ 

Ganz Geheim! 

Großwesir ließ mich soeben zu sich rufen und bat mich, Sr. M. 
dem Kaiser Bitte seines Souveräns zu unterbreiten, Deutschland 
möge mit der Türkei auf kurze Zeit ein geheimes Schutz- und 
Trutzbündnis gegen Rußland schließen und der Türkei damit den 
Eintritt in den Dreibund ermöglichen. Casus soll eintreten, wenn 
Rußland Türkei oder Deutschland bzw. österreicli -Ungarn angreift, 
oder wenn Deutschland bezw. der Dreibund zum Angriff gegen 
Rußland schreitet. Gegen andere Länder als Rußland verlangt die 
Türkei keinen Schutz. In allen internationalen Fragen wie Kapi- 
tulationen, Dette etc. soll alles beim alten bleiben. Türkische Be- 
dingung wäre, daß S. M. der Kaiser die Militärmission im Kriegs- 
fall der Türkei beläßt. Dagegen würde sich die Türkei verpflichten, 
eine Form zu finden, unter der die Oberleitung der türkischen 
Armee und das tatsächliche Kommando V4 Armee beim Ausbruch 
des Kriegs der Militärmission übertragen wird. 

Die Verhandlungen sollen streng geheim geführt werden, auch 
vor den türkischen Ministern. Großwesir bittet mich, mit keinem 
meiner Kollegen vorläufig davon zu sprechen und bezeichnete es als 
»indispensable«, daß auch Mahmud Muchtar Pascha nicht eingeweiht 
würde. 

Wangenheim 



' Nach der Entziti'erung. 

- Aufgegeben in Konstantinopel 28. Juli i*= vorm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt 7-" vorm., Eingangsvermerk: 28. Juli nachm. 



Nr. 286 

Der Gesandte in Kristiania an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 17 Kristiania, den 27. Juli 1914^ 

Besuch französischen Präsidenten Kristiania heute abgesagt. 

Oberndorff 



1 Nach der Entzirt'erung.- 

■ Aufgegeben in Kristiania 27. Juli ii** nachm., angekommen im .Aus- 
wärtigen Amt 28. Juli 8^ vorm. Eingangsvermerk: 28. Juli vorm. Tele- 
gramm lag dem Kaiser vor, von ihm am 29. Juli zurückgegeben. 



8 

Nr. 287 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 

in Rom^ 

Telegramm 25 Berlin, den 28. Juli 1914^ 

Bitte sagen, daß wir italienische Wünsche betreffend Kompen- 
sation insoweit unterstützen, als wir Wien auf Notwendigkeit einer 
Verständigung mit Itahen bereits hingewiesen haben und weiter 
hinweisen ^. 

Jagow 



'■ Nach dem Konzept von Jagows Hand. 
2 g3o vorm. zum Haupttelegraphenamt. 
^ Siehe Nr. 260 und 267. 



Nr. 288 

Der Botschafter in Petersburg an den Reichskanzler^ 

St. Petersburg, den 26. Juli 1914'^ 

Alle hiesigen Blätter besprechen in eingehenden 
Ausführungen den Ernst der durch die Ablehnung 
des österreichischen Ultimatums von Serbien ge- 
schaffenen Lage. 

Der gegenwärtigen Situation widmet die heutige 
»Nowoje Wremja« drei Artikel. Der erste, die 
»österreichische Depesche« überschriebene Artikel 
sucht die in der österreichischen Note enthaltenen 
Hinweise auf die verbrecherische Tätigkeit serbischer 
Offiziere und Beamte zu diskreditieren, und ver- 
gleicht sie mit dem Friedjung- Prozeß. Das Vor- 
gehen Österreichs beweise nur eins, nämlich die 
Absicht, Serbien zu vernichten. Weiter heißt es 
dann, Österreich werde sich ohne das Einverständnis 
j .,, Deutschlands nie da^u entschließen, eine neue und 

öffentliche Verletzung des Völkerrechts ^u begehen. 
Der deutsche Kaiser brauche nur jjjref Worte \u 
sagen, und Österreich werde seine Note \u- 



» Nach der Ausfertigung. 

'^ Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 28. Juli vorm. Bericht lag dem 
Kaiser vor, von ihm am 30. Juli zurückgegeben. 



Nein das war mir riicknehmen^. Dem Kaiser sei bekannt, daß 
nicht bekannt! Rußland Serbien mit seiner ganzen militärischen 
Ich konnte nicht ^acht unterstützen werde, daß der Überfall auf 
7e7''zaTTich auf ^^^'^^^^ ^^" ^'"^'^^ ""'^ Rußland bedeute, sowie, daß 
sZtenZn Banditen ^^''^'■'^^^'''^ und Frankreich dann in den Krieg 
und Königsmör- hmemgezogen werden wurden. 

dem stellen würde, Die moralische Verantwortung für die drohende 

selbst auf die Ge- Vernichtung der eiiropäischen Zivilisation falle auf 
fahr hin einenEurop.Denischla.nd und seinen erhabenen Führer. — 
Krieg pi entfesseln. «Frieden oder Krieg« lautet die Überschrift 

fS^^ft/n gT ^^^ zweiten Artikels. Das Vorgehen Österreichs wird 
'■^ ^5!" ^." darin als Raubzug dargestellt, mit dem zugleich 
Ts^^^Slavisch^'oda- ^^^^' ^^'^ 'i^opi Serbiens hinweg das Schwert gegen 
Lateinisch. Rußland gerichtet sei ; Rußland wisse, daß die Her- 

ausforderung ihm gelte ; Rußland habe das Kriegs- 
gewitter nicht geweckt, es werde aber voll und ganz 
für seine Ehre eintreten. 

Noch habe Österreich Zeit, sich zu besinnen, 
noch habe es Zeit, dem Blutgerichte zu entrinnen. 
Den, der den Krieg beginne, strafe Gott! 

Der dritte Artikel heißt: »Die gegenwärtige 
Lage«. 

Die Antwort auf die Frage, ob wir uns am 
Vorabend eines europäischen Krieges befinden, müsse 
man in Berlin suchen. Wenn Deutschland be- 
schlossen habe, daß es unvorteilhaft sei, weitere 
Kräftevermehrungen des Zweibundes, insbesondere 
Rußlands, abzuwarten, und es für erforderlich halte, 
den Krieg jetzt schon herbeizuführen, würden alle 
Bemühungen der Mächte erfolglos sein. In dem 
Falle sei es zweifellos, daß die unerhörte öster- 
reichische Note unter Mitwirkung Deutschlands 
zustande gekommen sei, daß dieser Schritt, den Krieg 
zu provozieren und Rußland und Frankreich darin 
zu verwickeln, von Deutschland ausgehe. Die dies- 
bezüglichen Nachrichten in diplomatischen Kreisen 
seien aber unbestimmt. Jedenfalls sei, wenn es 
sich um einen Bluff gehandelt habe, die Absicht 
nicht gelungen. Weiter heißt es dann: »Ein fried- 
licher Ausgang ist nur dann möglich, wenn hinter 
dem Rücken Österreichs nicht Deutschland steht, 
das sich entschlossen hat, Krieg zu führen. Dann 
ist alles vergeblich und die Stunde des europäischen 
Kriegs nicht mehr abzuwehren.« 



Am Rand Ausrufungszeichen des Kaisers. 



IG 



Gestützt auf seine Macht und das unerschütter- 
liche Bündnis mit Frankreich sehe Rußland den 
Ereignissen ruhig entgegen. Die Friedensliebe Ruß- 
lands sei bekannt, aber Rußland erkenne seine 
historische Aufgabe und sei bereit, auch die ent- 
scheidendsten Schritte zu tun, die die Ereignisse er- 
fordern sollten. 

Im Gegensatz zur »Nowoje Wremja« steht die 
»Semschtschina«. Sie verurteilt das Ultimatum, 
schreibt aber dann, es sei fern von ihr, Serbien auf- 
zuhetzen. Die russische Regierung sei verpflichtet, 
nach Möglichkeit Serbien zurückzuhalten sowie 
gleichzeitig auf Österreich einzuwirken. Offenbar 
sei die Regierung auch in dieser Richtung tätig. 
Sollte Österreich es auf einen Krieg abgesehen haben, 
so müsse man Maßnahmen ergreifen, um denselben 
zu verhindern, ohne dabei Europa in den Krieg zu 
verv/ickeln. Durch Deutschland oder Italien müsse 
man auf Österreich einwirken. 

Bei einem «allgemeinen Schlachten« würde 
Rußland auch in einen Krieg mit Deutschland ver- 
wickelt werden, den weder Rußland noch die 
Deutschen wollten. »Bis jetzt bestehen zwischen uns 
noch gute Beziehungen, warum sollen die zur Er- 
haltung des Friedens nicht ausgenutzt werden ? « 
Über die Äußerung Suchomlinows, daß alles bereit 
sei, könne man sich ja freuen, aber darum würde 
man in Deutschland vielleicht noch eher auf unsere 
Stimme, Österreich zu beeinflussen, hören. 

Die Nachricht von der ablehnenden Haltung 
Österreichs gegenüber der serbischen Antwort bedeute 
noch nicht, daß Österreich den Einwirkungen 
Deutschlands unzugänglich sein werde. 

Ähnlich betrachtet die »Rjetsch« die Situation. 
»Es scheint,« schreibt das Blatt, »daß ungeachtet 
der Provokation der ,Nowo je Wremja' die äußersten 
Maßnalimen von Deutschland noch nicht beabsichtigt 
sind. Daß die Hoffnung auf einen friedlichen Aus- 
gang oder im äußersten Falle auf eine Lokalisierung 
des Konflikts noch nicht verloren ist, kann man 
aus den von uns wiedergegebenen Nachrichten 
einiger Londoner Handelskreise schließen, welche 
die von England einzimehmende Stellung betreffen. 
England beabsichtige, seine Vermittelung anzubieten, 
deren Zweck darin besteht, die österreichische Note 
in zwei Teile zu teilen, nämlich einen politischen, 
der Gegenstand der Verhandlungen der Mächte sein 



II 

muß und den anderen über die sarajevosche An- 
gelegenheit, die zwischen Österreich und Serbien 
verhandelt werden soll. In diesem Falle handele 
es sich nicht um Verschuldungen Serbiens, es liege 
ein — .Präventiv -Krieg' vor, und dies nicht be- 
merken — heiße den Wald vor lauter Bäumen 
nicht sehen«. 

»Es ist Zeit, ein Ende zu machen«, schreibt 
der »Petersburgski Kurjer«, Für Rußland sei es 
ein Lebensinteresse, daß die slawischen Staaten, die 
eine Seitendeckung für Rußland auf dem Wege 
nach den Dardanellen gegen den »Drang nach dem 
Osten« bilden, nicht unter fremden Einfluß geraten. 
Ein Krieg gegen Österreich und Deutschland würde 
auch unter der russischen Intelligenz populär sein, 
die in Deutschland die verkörperte Reaktion und 
die Wiege des Militarismus sehe. 

Der »Swjet« verlangt die »unverzügliche Mobil- 
machung der russischen Armee«. 

Die »Birshewija Wjedomosti« stellen fest, daß 
Rußlands Antwort auf die »schreiend drohende« 
österreichische Note eine einmütige Unterstützung in 
der ganzen russischen Presse gefunden habe. Das 
Verhalten der russischen Regierung habe gezeigt, daß 
Diplomatie und öffentliche Meinung einen Anschlag 
Österreichs auf das Territorium und die Unabhängig- 
keit Serbiens für durchaus unzulässig halten, 

F. Pourtalds 

Nr. 289 

Der Botschafter in Petersburg an den Reichskanzler* 

St. Petersburg, den 26. Juli 1914^ 

Die am heutigen Sonntag ausnahmsweise erschienene »Wetschernoje 
Wremja« bringt den in Übersetzung gehorsamst beigefügten Artikel. 
Nach den mir seitens eines befreundeten Kollegen mitgeteilten 
Äußerungen des Herrn Paleologue dürfte es keinem Zweifel tmter- 
liegen, daß hinter der »hochautoritativen Person hchkeit« der hiesige 
Französische Botschafter zu suchen ist, 

F, PourtaRs 



* Nach der Ausfertigung. 

- Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 28. Juli vorm. Bericht lag mit 
der Anlage (Nr. 290) dem Kaiser vor, der durch Randverfügung Mitteilung 
an den Botschafter in Paris anordnete, die indessen unterblieben ist; 
vom Kaiser am 30. Juli ins Amt zurückgelangt. 



12 



Nr. 290 

Anlage zum Bericht des Botschafters in Petersburg 
vom 26, Juli 1914 



was denn? Wie 
denn? Dann hätte 
der Zar nicht an 

mich appellieren 
brauchen ! 



an die Fürsten- 
mörder 



Mobilmachung 

leider nein wenn sie 

so fortfahren wie 

bisher 



Wetschernoje Wremja, den 13./26. Juli 1914 

Wir hatten heute Gelegenheit, uns mit einer 
hochautoritativen Persönlichkeit zu unterhalten. 

Von russischer Seite ivar alles gemacht worden, 
damit der Konflikt ^wischen Serbien und Österreich 
keinen großen Umfang annehmen sollte, aber die 
Wiener Regierung hat es nicht für nötig befunden, 
auf die Stimme der Gerechtigkeit zu hören, und hat 
sich anscheinend entschlossen, die Sache unbedingt 
bis zum Kriege zu bringen. 

Die diplomatische Rolle Rußlands Österreich 
gegenüber kann man als abgeschlossen betrachten, 
da das Wiener Kabinett auf die gestern vom 
Fürsten Kudaschew dem österreichischen Minister 
des Äußern überreichte Note negativ geantwortet 
hat. 

Bei einer solchen Sachlage sind meiner Ansicht 
nach die Chancen für einen Krieg erheblich gestiegen, 
und wir befinden uns am Vorabend großer Ereig- 
nisse. 

Die österreichischen Truppen können jede Stunde 
die serbische Grenze überschreiten, und dann erscheint 
die Rolle Rußlands völlig bestimmt und klar im 
Sinne der Erweisung der notwendigen militärischen 
Hilfe. 

Auf Anordnung des Kriegsministers Suchomlinow 
sind gestern die zur Verhütung irgendeiner Kata- 
strophe notwendigen Maßnahmen ergriffen worden. 
Jedenfalls werden unsere Feinde uns nicht über- 
raschen können. 

Was unseren Verbündeten Frankreich und 
unseren Freund England betrifft, so hat es sich 
nach dem erfolgten Meinungsaustausch erwiesen, 
daß wir völlig solidarisch handeln und Hand in 
Hand ein und dieselbe Aufgabe verfolgend vor- 
gehen werden. Es ist möglich, daß die Lage im 
letzten Augenblick durch die Einmischung des 
Königs von Italien gerettet werden kann, aber dafür 
ist nur eine schwache Hoffnung vorhanden. Man 
muß nicht vergessen, daß hinter den Kulissen der 



13 

Schwein! vorsieh gehenden Ereignisse Deutschland steht, das 

augenscheinlich den gegenwärtigen Moment für sehr 
geeignet hält, um mit Frankreich abzurechnen. Die 
Berliner leitenden Kreise erklären offen, daß sie mit 
dem empörenden Betragen Österreichs vöUig sym- 
pathisieren. Ohne eine solche Sympathie würde die 
Wiener Regierung sich nie zu einem Vorgehen ent- 
schließen, das durch keinerlei Tatsachen gerecht- 
fertigt erscheint. 

also der Fürstenmord ist eine Bagatelle 



Nr. 291 

Der Militärbevollmächtigte am russischen Hofe 
an den Kaiser^ 

St. Petersburg, den 13/26. Juli 1914^ 

ivleinem Telegramm von heute nacht^ lasse ich nachstehendes 
alleruntertänigst folgen: 

Gestern war der Kaiser mit der ganzen Suite von morgens 
bis abends zu Besichtigungen in Krasnoje. Der Inhalt der öster- 
reichischen Note war durch die Zeitungen gerade bekannt geworden 
und hat durch den scharfen Ton und zu detaillierten Inhalt große 
Entrüstung hervorgerufen. Im Ministerrat tags zuvor war be- 
schlossen, eine Verlängerung der Frist von Wien zu erbitten. Die 
ablehnende Antwort Berchtolds traf vormittags in Krasnoje ein. 
Bis dahin war die Stimmung im Hauptquartier ernst und unruhig. 
Nach dem Frühstück schlug sie in tiefgehendste Empörung gegen 
Österreich um. Der Kriegsminister, Großfürst Nikolai, General- 
stabschef etc. wurden zum Kaiser gerufen, und es entstand eine 
Unruhe im Lager, die auf wichtige Beschlüsse hindeutete. Bei der 
Nachmittagsbesichtigung wurde bekannt, daß die Lagerübungen 
abends ihren Abschluß finden, die Manöver abgesagt sind und alle 
Truppen zurückkehren. General Adlerberg, der Gouverneur von 
St. Petersburg, verschnappte sich hierbei und sagte zur »Mobilisie- 
rung«. Baron Grünwald, der Oberstallmeister, ein sehr deutsch- 
freundlich gesinnter Herr, saß neben mir beim Diner und sagte, »die 



' Der Chef des Militärkabinetts übersandte das Original des Cheliusschen 
Berichtes dem Auswärtigen Amt; auf Verfügung des Reichskanzlers vom 
28. Juli wurde der Bericht — am 31. Juli — an den Chef des Militär- 
kabinetts zurückgeschickt. 

■■' Nach einer bei den Akten befindlichen Abschrift des Berichts. 

■' Siehe Nr. 194. 



14 

Lage ist sehr ernst; was heute mittag beschlossen ist, darf ich Ihnen 
nicht sagen, Sie werden es wohl selbst bald erfahren ; nehmen Sie 
aber an, daß es sehr ernst aussieht.« Er stieß mit mir noch an mit 
den Worten: »Hoffentlich sehen wir uns in besseren Zeiten wieder.« 
Nach dem Essen kamen drei Herren der Suite einzeln zu mir, ver- 
mutlich im höheren Auftrage, um zu erfahren, ob man in Berlin die 
österreichische Note wohl gekannt und vor Überreichung in Belgrad 
gebilligt habe. Ich konnte nur antworten, daß wohl hierzu kaum 
Zeit vorhanden gewesen sei. Von der Abend-Theatervorstellung bin 
ich fern geblieben, was insofern gut war, als der Kaiser eine lange, 
demonstrative Ovation bekam, die vom Großfürsten Nikolai vor- 
bereitet war. Der Kaiser war sonst ungemein ruhig und ließ von 
einer Erregung nichts merken. S. M. begrüßte mich zweimal mit 
Händedruck ungemein freundlich, aber ohne ein Wort zu sagen. 
Vor Tisch hielt S. M. die beifolgende Ansprache* an die Kriegs- 
schüler und beförderte sie zu Offizieren, was als Ausnahmemaß- 
regel angesehen werden muß, da die Beförderung, wie alljährlich, 
erst später erfolgen sollte. 

Im Lager wurde die Kunde von der Mobilisierung der an der 
österreichischen Grenze stehenden Militärbezirke Kiew und Odessa 
verbreitet. Wenn dies auch unbestätigt ist und durch die strenge 
Zensur, die über die militärischen Maßnahmen verhängt wurde, kaum 
vor einigen Tagen zu erfahren sein wird, hatte man den bestimmten 
Eindruck, daß eine Mobilisierung angeordnet ist. Dies haben wohl 
folgende Umstände veranlaßt: Erstens der Ton der Note, Ruß- 
land fühlt sich hierdurch schwer verletzt; noch nie habe ein Staat 
gegen einen schwächeren eine solche Sprache geführt; Rußland 
müsse seinen Stammesgenossen beistehen und könne nicht dulden, 
daß Serbien zermalmt werde. »Was daraus entsteht, ist uns ganz 
gleich, wir würden mit unserer Geschichte brechen, wenn wir hier 



* Text der Ansprache des Zaren (nach der bei den Akten befindlichen 
Abschrift): »Ich wollte Euch sehen und befahl, Euch zu versammeln, um 
Euch vor dem Euch bevorstehenden Dienste einige Worte zu sagen. 
Gedenket Meines Gebotes: Glaubt an Gott, sowie an die Größe und den 
Ruhm Unseres Vaterlandes. Trachtet ihm und Mir aus allen Kräften zu 
dienen und Euere Pflicht zu erfüllen, in welcher Lage Ihr auch wäret 
und welche Stelle Ihr einnehmen solltet. Begegnet Eueren Vorgesetzten 
mit Ehrerbietung und seid kameradschaftlich gegeneinander, welcher 
Truppe Ihr auch angehören möget, dessen eingedenk, daß jeder von Euch 
als ein Teil Unserer großen Armee einem Vaterlande und seinem Herr- 
scher dient. Verhaltet Euch streng, jedoch gerecht gegen die Euch unter- 
stellten Mannschaften und seid bemüht, ihnen in allem als Vorbild zu 
dienen, sowohl im als außerhalb des Dienstes. Ich wünsche Euch von 
Herzen in allem Erfolg und bin überzeugt, daß jeder von Euch sich unter 
allen Verhältnissen als würdiger Nachkomme Unserer Vorfahren erweisen 
sowie Mir und Rußland ehrenhaft dienen wird. Ich gratuliere Euch zur 
Beförderung als Offizier.« 



15 

einfach gleichgültig zusehen. Österreich hätte Rußland von einer 
solchen Note verständigen müssen ; so aber ist es eine Beleidigung 
einer Großmacht, welche mit Serbien befreundet ist und dieses nicht 
der Willkür Österreichs preisgeben kann.« Dies die Ansicht des 
Kriegsministers. 

Zweitens die Ablehnung einer Fristverlängerung. 

»Rußland hat den guten Willen gezeigt, noch vor Ablauf der 
Frist vermittelnd einzugreifen; die Ablehnung ist ein unerhörter 
Affront Österreichs, das uns behandelt, als wenn wir nicht da wären. 
Unter Anerkennung aller Empörung in Österreich über das Atten- 
tat in Sarajevo durfte es nicht in einer Weise handeln, die allen 
diplomatischen Gepflogenheiten widerspricht. Ein Krieg zwischen 
Österreich und Serbien ist Krieg mit Rußland.« Dies die Ansicht 
der Umgebung des Kaisers. Alle Einwendungen prallten ab, da 
diese Parole ausgegeben war. 

Drittens die Ansicht, daß man in Berlin von der Note Kenntnis 
gehabt und sie gebilligt habe. Letzteres wurde bereits dementiert, 
aber die Annahme hat den Eindruck hervorgerufen, daß nach dem 
Besuch von Poincare, der ein festeres Zusammenschließen Rußlands 
und Frankreichs erzielt habe, vom Dreibund aus der russischen 
Monarchie ein Schlag mit der Faust ins Gesicht versetzt werden 
sollte, und dazu habe man das unglückliche Serbien gewählt, um es 
mit einem Fuß zu zertreten und den Ententemächten die Stirn zu 
bieten. 

Diese drei Faktoren haben eine ungeheure Erregung entfacht. 
Auf der anderen Seite erhoffen die älteren Herrn, wie General 
Fredericksz, der großen Einfluß beim Kaiser hat, eine Vermittlung 
Englands, dessen Desinteressement nach den Erklärungen der 
»Westminster Gazette« ihnen nicht sehr willkommen, aber doch in 
diesem Falle praktisch erscheint. 

Die Besorgnis, einen Krieg führen zu müssen, während in ganz 
Rußland der Aufruhr der Arbeitermassen brennt, steht doch 
manchem höher als das Interesse an Serbien, denn man fürchtet, 
daß die Demonstrationen von mehreren hunderttausend Arbeitern, 
die besonders in Petersburg beinahe revolutionären Charakter trugen, 
auch der Mobilmachung dadurch Eintrag tun könnten, daß man in 
allen großen Städten starke Truppenkontingente zurücklassen muß. 

Gestern abend 6 Uhr lief die Frist der Note in Belgrad ab. Ein 
General der Suite, mit dem ich gerade in Krasnoje im Gespräch 
war, sah nach der Uhr und sagte: »Nun werden wohl die Kanonen 
auf der Donau mit dem Feuer begonnen haben, denn eine solche 
Note kann man doch nur dann absenden, wenn die Kanonen geladen 
sind.« 

Dies ist jedoch nicht geschehen, und Österreich scheint abzu- 
warten. Damit ist wohl die Krisis vorüber, und der Vermittlung 



i6 

sind die Tore geöffnet. Sasonow freut sich, denn die Arbeit der 
Diplomaten, die beinahe aufgehört hätte, kann nun von neuem be- 
ginnen. Hätte Österreich noch gestern abend Belgrad besetzt, wäre 
die Welt vor ein Fait accompli gestellt worden. Ein Tropfen 
serbisches Blut konnte als Sühne angesehen werden, Österreich hatte 
es in der Hand, weiteres Blutvergießen zu vermeiden und in Ver- 
mittlungsvorschläge einzutreten. Die Meinung Rußlands »l'Autriche 
aboie mais ne mord pas« wird nun von neuem Nahrung erhalten. — 
Zum Besuch Poincares bemerke ich noch alleruntertänigst, daß 
der Kaiser, so oft ich es beobachten konnte, ihn sehr kühl und von 
oben herab behandelte, was auch in der ganzen Umgebung auf- 
gefallen ist. Unter den alten Herren im Hauptquartier will man 
überhaupt von der Entente mit Frankreich wenig wissen und neigt 
vielmehr zum Monarchenbund mit Deutschland hin. Dem Kaiser 
selbst ist, wie mir Baron Grünwald sagte, die ganze Franzosen- 
freundschaft unsympathisch, was S. M. oft geäußert haben soll. Der 
Tod des alten Fürsten Meschtschersky, des Herausgebers des »Grash- 
danin«, den S. M. täglich liest, bedeutet hierfür einen großen Ver- 
lust, und die deutschfreundliche Presse hat mit ihm eine ihrer 
wenigen Stützen verloren. In der jetzigen Krisis hätte er ein 
kräftiges Wort gesprochen. 

von C h e 1 i u s 
Generalleutnant und General ä la suite 



Nr. 292 

Der Botschafter in Paris an den Reichskanzler^ 

Paris, den 24. Juli 1914^ 

Bei meiner Unterredung mit dem den Ministerpräsidenten und 
Minister des Äußern vertretenden Justizminister Herrn Bienvenu- 
Martin über den österreichisch-serbischen Konflikt habe ich mit be- 
sonderem Nachdruck hervorgehoben, daß die k. Regierung 
den Streit als eine ausschließlich zwischen den beiden Beteiligten 
auszutragende Sache betrachte und sich der Hoffnung hingebe, daß 
wie sie selbst, so auch die Regierungen anderer Mächte, aufs 
ernsteste für Lokalisierung des Konfliktes bemüht sein werden. 

Die hiesige Auffassung nach den ersten Eindrücken ist Ew. Exz. 
bereits bekannt — eigener Wille zur Nichteinmischung, aber dieser 



* Nach der Ausfertigung. 

■'' Abgegangen 26. Juli; Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 28. Juli vorm 



Wille, wie stets in Balkanfragen, durch Rücksichtnahme auf Ruß- 
land beeinträchtigt. Man hat hier zwar Verständnis dafür, daß das' 
Wiener Kabinett sich durch die serbischen Umtriebe zu einem 
energischen Vorstoß gedrängt gesehen hat, meint aber, daß die Form 
eine unnötig scharfe sei und daß die Forderungen in einzelnen 
Punkten so weit gehen, daß ihre Annahme mit der Souveränität und 
der Würde eines selbständigen Staates nicht vereinbar erscheine. 
In diesem Übermaß der Forderungen liege ein der Erhaltung des 
Friedens nicht günstiges Moment, denn es sei nicht anzunehmen, 
daß Rußland einer derartigen Demütigung eines Slawenstaates 
gegenüber gleichgültig bleiben könne. 

Ich habe meine rein persönliche Meinung geäußert, ich fände 
es begreiflich, daß Österreich-Ungarn nach den mit Serbien seit 
Jahren und in letzter Zeit besonders gemachten schlimmen Erfah- 
rungen die Würde dieses Staates nicht mit dem gleichen Maßstabe 
messe wie diejenige anderer Staaten. Österreich-Ungarn, weit ent- 
fernt, das Feuer an Europa legen zu wollen, erwerbe sich meiner 
Ansicht nach geradezu ein Verdienst um Erhaltung des Friedens, 
wenn es, nachdem vielfache Appelle an die Anstandspflichten des 
serbischen Nachbarn erfolglos geblieben, nun dazu schreite, mit 
starker Hand den nicht nur für seine Integrität, sondern auch für 
den allgemeinen Frieden überaus gefährlichen Brandherd zu er- 
sticken. Im übrigen könne ich nur betonen, daß uns das Wiener 
Kabinett nicht um Rat befragt habe, und daß wir noch weniger es 
zu dem scharfen Schritt in Belgrad veranlaßt haben. Aber nachdem 
seine Forderungen zur öffentlichen Kenntnis gelangt, könnten wir sie 
nur für durchaus berechtigt halten. 

Herr Bienvenu-Martin, der mit auswärtigen Dingen wenig ver- 
traut ist, ließ noch den stellvertretenden politischen Direktor Ber- 
thelot an der Unterredung teilnehmen. Beide suchten von mir zu 
erfahren, ob die österreichisch-ungarische Demarche in Belgrad nur 
als eine ernste Mahnung oder aber als ein Ultimatum aufzufassen 
sei, und ob demgemäß noch Platz für Verhandlungen über einzelne 
der Forderungen, die Serbien schwerlich annehmen könne, bleibe 
oder nicht. 

Ich habe es vermieden, über diesen Punkt auch nur eine per- 
sönliche Meinung zu äußern und nur erneut darauf hingewiesen, 
daß es sich für andere Mächte dringend empfehle, sich jeder Ein- 
mischung zu enthalten, da ein Heraustreten aus neutraler Haltung 
bei dem »jeu des alliances« unabsehbare Folgen haben müßte. 

V. S ch oe n 



Aktenstücke II 



i8 

Nr. 293 

Der Kaiser an den Staatssekretär des Auswärtigen^ 

Neues Palais, 28. VII. 14 10 Uhr V. M.^ 
Ew. Exzellenz 

Nach Durchlesung der Serbischen Antwort, die ich heute 
Morgen erhielt, bin ich der Überzeugung, daß im Großen und 
Ganzen die Wünsche der Donaumonarchie erfüllt sind. Die paar 
Reserven, welche Serbien zu einzelnen Punkten macht, können 
M. Er. nach durch Verhandlungen wohl geklärt werden. Aber die 
Kapitulation demüthigster Art liegt darin orbi et urbi verkündet, 
und durch sie entfällt jeder Grund zum Kriege. 

Dennoch ist dem Stück Papier, wie seinem Inhalt nur be- 
schränkter Werth beizumessen, solange er nicht in die T h a t umge- 
setzt wird. Die Serben sind Orientalen, daher verlogen, falsch und 
Meister im Verschleppen. Damit diese Schönen Versprechungen 
Wahrheit und Thatsache werden, muß eine douce violence geübt 
werden. Das würde dergestalt zu machen sein, daß Österreich ein 
Faustpfand (Belgrad) für die Erzwingung und Durcliführung 
der Versprechungen, besetzte und solange behielte bis t h a t - 
sächlich die petita durchgeführt sind. Das ist auch nothwen- 
dig um der zum ßten Male umsonst mobilisierten Armee eine 
äußere satisfaction d'honneur zu geben den Schein eines Erfolges 
dem Ausland gegenüber, und das Bewußtsein wenigstens auf frem- 
dem Boden gestanden zu haben ihr zu ermöglichen. Ohne dem 
dürfte bei Unterbleiben eines Feldzuges eine sehr üble Stimmung 
gegen die Dynastie aufkommen die höchst bedenklich wäre. Falls 
Ew. Exz. diese meine Auffassung theilen, so würde Ich vor- 
schlagen: Österreich zu sagen: Der Rückzug Serbiens in sehr 
demüthigender Form sei erzwungen, und man g^:atuliere dazu. 
Natürlich sei damit ein Kriegs grund nicht mehr vor- 
handen. Wohl aber eine Garantie nöthig, daß die Ver- 
sprechungen ausgeführt würden. Das würde durch die mili- 
tärische vorübergehende Besetzung eines Theils von Serbien 
wohl erreichbar sein. Ähnlich wie wir 1871 in Frankreich Truppen 
stehen ließen bis die Milliarden gezahlt waren. Auf dieser 
Basis bin Ich bereit, den Frieden in Österreich zu vermit- 
teln. Dagegenlaufende Vorschläge oder Proteste anderer Staaten 
würde ich unbedingt abweisen, umsomehr als alle mehr oder weni- 
ger offen an Mich appellieren den Frieden erhalten zu helfen. Das 
werde ich thun auf Meine Manier, und so schonend für das öster- 

^ Nach dem bei den Akten befindlichen Originalhandschreiben des Kaisers. 

Vgl. dazu die Randbemerkung zur serbischen Antwormote Nr. 271. 
2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts : 29. Juli nachm. 



19 

reich. Nationalgefühl und für die Waffenehre seiner 
Armee als möglich. Denn an letztere ist schon bereits seitens 
des obersten Kriegsherrn appelliert worden, und sie ist dabei dem 
Appell zu folgen. Also muß sie unbedingt eine sichtbare satisfac- 
tion d'honneur haben ; das ist Vorbedingung für meine Ver- 
mittlung. Daher wollen Ew. Exz. in dem skizzierten Sinne einen 
Vorschlag Mir unterbreiten; der nach Wien mitgetheilt werden solP. 
Ich habe im obigen Sinne an Chef Generalstabes durch Plessen 
schreiben lassen, der ganz meine Ansicht theilt. 

Wilhelm 
LR^ 

ä Siehe Nr. 308 und 323. 

Nr. 294 

Das Konsulat in Riga an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 2 Riga, den 28. Juli 1914^ 

Gestern war Einfahrt Hafen wegen Legun^ Kontaktminen bis 
Nachmittag gesperrt, nachher wurde Stettiner Dampfer Regina 
eingelassen. Die Leuchtfeuer sind gelöscht, die Eisenbahnbrücken 
militärisch besetzt, die Truppen aus dem Lager bei KurtenhofT aus- 
gerückt, die Eisbrecher Peter der Große und Zar Michael nach 
Petersburg beordert. Frachtwaggons werden Privaten ver- 
weigert. 

Konsulat 

^ Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Riga 28. Juli, angekommen im Auswärtigen Amt 28. Juli 
11»^ vorm. Eingangsvermerk: 28. Juli nachm. Am 28. Juli dem General- 
stab, Admiralstab, Reichsmarineamt und dem Kriegsministerium mit- 
geteilt, abgesandt durch Boten 5" nachm. 

Nr. 295 

Der Verweser des Generalkonsulats in Moskau an das 
Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 4 Moskau, den 27. Juli 1914^ 

Dringend! 

Spät abends Mobilmachung angeblich im Gange. Es heißt in 
Kiew, Warschau, Wilna. Es reisen fortgesetzt Offiziere aller 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Datiert vom 27. Juli, aufgegeben in Moskau 28. Juli 12^" vorm., ange- 
kommen im Auswärtigen Amt 12'° nachm.; Eingangsvermerk: 28. Juli 
nachm. Am 28. Juli gemäß Randverfügung Zimmermanns dem General- 
stab, Admiralstab, Reichsmarineamt und Kriegsministerium mitgeteilt, 
abgesandt durch Boten 5° nachm. 



20 

Waffengattungen vom Alexander- (Moskau-Brester-) Bahnhof ab. 
Hier wurden gestern Nacht Reservisten erster Husaren einberufen. 
Hiesige Twer-Dragoner haben Befehl, sofort zur Truppe zu stoßen; 
wenn diese abgegangen, nachfolgen. Es heißt, daß hier im ganzen 
drei Regimenter mobilisiert sind. Vermutlich noch die hiesigen 
Kosaken. Siebente Grenadiere noch hier. Stimmung äußerlich 
ganz ruhig, keinesfalls feindselig. Geheimkommission hoher Offi- 
ziere aus Petersburg hat in Erfahrung gebracht, daß Arbeiter 
äußerst feindselig gegen Mobilisierung und entschlossen, diese wo- 
möglich zu verhindern. Diese F.eststellung soll sehr starken Ein- 
druck gemacht haben. Bauern ausschließlich an Ernte interessiert, 
Kaufmannschaft nicht kriegslustig. Polizei hier gilt nicht als ganz 
zuverlässig gegenüber etwaigen Arbeiterunruhen. Truppen von 
Arbeitern streng getrennt gehalten. Botschaft benachrichtigt. 

H a u s ch i 1 d 
Nr. 296 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 172 St. Petersburg, den 28. Juli 1914^ 

Odessa meldet am 27. d.M.: Einziehung vieler Reserveoffi- 
ziere und angebliche Zusammenziehung von sehr viel Artillerie 
im Lager. 

Pourtales 

^ Nach der Entzifferung. 

■'' Aufgegeben in St. Petersburg 12" nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt I* nachm. Eingangsvermerk: 28. Juli nachm. Am 28. Juli dem 
Generalstab, Admiralstab, Reichsmarineamt und Kriegsministerium mit- 
geteilt, abgesandt durch Boten 5'' nachm 

Nr. 297 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 173 St. Petersburg, den 28. Juli 1914^ 

Die Sprache, welche mein italienischer Kollege mir gegenüber 
führt, läßt erkennen, daß man in Rom keineswegs über die Ab- 

1 Nach der Entzifferung. 

^Aufgegeben in Petersburg i^i nachm, angekommen im Auswärtigen 
Amt 2'-*^ nachm.; Eingangsvermerk: 28. Juli nachm. Am 28. Juli 
von Jagow nach Vornahme kleiner Änderungen telegraphisch den 
Botschaftern in Rom (136) und Wien (177J mitgeteilt, Telegramme 
9" nachm. zum Haupttelegraphenamt, dort abgefertigt ii^-'^ nachm., auf 
der Botschaft in Wien angekommen 29. Juli 6<> vorm. 



21 



sichten Österreichs beruhigt, vielmehr sehr mißtrauisch ist, daß 
Österreich doch an territoriale Erwerbungen denke. Marquis Car- 
lotti behauptet, Wiener Kabinett habe bisher vermieden, in dieser 
Beziehung kühne^ Erklärungen abzugeben, die geeignet wären, Be- 
sorgnisse Italiens zu zerstreuen. Bin aufrichtig bemüht, Miß- 
trauen meines italienischen Kollegen, welches vermutlich hier stark 
genährt wird, zu bekämpfen. 



Pourtales 



^ »kühne« der Entzifferung von Jagow in den Mitteilungen nach Rom und 
Wien in »keine« geändert; in Wien entziffert »bündige«. 



Nr. 298 

Der Geschäftsträger in Bukarest an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 44 Sinaia, den 27. Juli 1914^ 

S. M. der König hat Graf Hutten-Czapski zwei Telegramme 
ausi Petersburg und Paris lesen lassen. Nach rumänischem Ge- 
sandten Petersburg hat man dort den Eindruck, daß in Berlin krie- 
gerische Stimmung herrsche. Sasonow wolle Frieden, Kaiser unter- 
stütze ihn bis jetzt, aber einflußreiche panslawistische und serbo- 
phile Partei sei so stark, daß man befürchte, der Monarch könnte 
umgestimmt werden. 

Pariser Gesandter telegraphiert, er habe Eindruck, Regierung 
wünsche für den Augenblick keinen Krieg. 

König sagte ferner dem Grafen, russischer Gesandte habe drei- 
mal dem König gegenüber betont, Mobilisierung Rußlands er- 
strecke sich nur auf österreichische, nicht auf deutsche Grenze. 
König annehme, daß Poklewski ihn dieser Tage amtlich fragen 
werde, was Rumänien tun werde, falls Rußland Österreich angreifen 
würde. König will Gegenfrage stellen, ob Rußland Österreich an- 
greifen werde. 

W a 1 d b u r g 



* Nach der Entzifferung. 

' Aufgegeben in Sinaia 27. Juli, angekommen im Auswärtigen Amt 28. Juli 
3^^ nachm., Eingangsvermerk: 28. Juli nachm. 



22 



Nr. 299 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Wien^ 

Telegramm 173 Berlin, den 28. Juli 1914^ 

Geheim ! 

Militärische Nachrichten über Rußland bisher auch hier nur 
als Gerüchte bekannt und noch nicht bestätigt. 

Auch nach Ansicht Generals von Moltke dürfte kategorische 
Erklärung in Petersburg heute noch verfrüht erscheinen. Doch 
könnte vielleicht Graf Szäpäry unter Vermeidung jeder drohenden 
Form dortige Regierung auf Gerüchte anreden und Konsequenzen 
andeuten. 

Herr Beldiman sagte bei Rückkehr aus Rumänien, daß Ver- 
öffentlichung des Geheimvertrages ohne vorherige Vorbereitung des 
Landes unmöglich schiene. 

Rumänien müsse sich auch, solange Würfel nicht gefallen, 
jeder Provokation Rußlands enthalten. 

Bethmann Hollweg 



1 Nach dem Konzept. Entwurf von Jagows Hand. 

2 320 nachm. zum Haupttelegraphenamt, auf der Botschaft in Wien ange- 
kommen 6° nachm 



Nr. 300 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Petersburg^ 

Telegramm 130 Berlin, den 28. JuH 1914^ 

Zustimme durchaus Ew. Exz. Sprache^ 

Bitte Herrn Sasonow sagen, daß ich ihm für seine Mitteilung 
und versöhnlichen Geist derselben dankbar bin und weiter hoffte, 
daß territoriale Desinteressements-Erklärung Österreichs Rußland 
genügen und als Basis für weitere Verständigung dienen würde. 



Bethmann Hollweg 



' Nach dem Konzept. Entwurf von Jagows Hand. 

2 335 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

3 Siehe Nr. 282. 



23 



Nr. 301 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 171 London, den 28. Juli 1914^ 

Die Mitglieder der hiesigen österreichischen Botschaft, einschließ - 
Uch des Grafen Mensdorff, haben in ihren Gesprächen mit den Mit- 
gliedern der Botschaft und mit mir nie das geringste Hehl daraus 
gemacht, daß es Österreich lediglich auf NiederAA'crfung Serbiens 
ankomme, und daß die Note absichtlich so gefaßt wurde, daß sie 
abgelehnt werden mußte. Als die Nachricht am Sonnabend Abend 
hier von der »Central News« verbreitet wurde, Serbien habe nach- 
gegeben, waren die genannten Herren geradezu niedergeschmettert. 
Graf Mensdorff sagte mir gestern noch vertraulich, man wolle in 
Wien unbedingt den Krieg, da Serbien »niedergebegelt« werden solle. 
Auch erzählten die genannten Herren, man beabsichtige, Teile von 
Serbien an Bulgarien (und vermuthch auch an Albanien) zu ver- 
schenken^. Ich möchte aber dringend bitten, diese Äußerungen nicht 
in Wien zu verwerten, da ich meine freundschaftlichen Beziehungen 
zu Graf Mensdorff nicht aufs Spiel setzen will. Ob die Herren sich 
auch anderen Personen gegenüber in ihren Gesprächen ähnlich äußerten, 
weiß ich nicht, die Annahme dürfte aber nicht unberechtigt sein, 
daß es sich nicht bloß um so harmlose, pädagogische Monita handeln 
sollte, zu denen die mangelhafte Vigilanz des polnischen Schwätzers 
Bilinski den Anstoß gab. 

Ich bin hier stets energisch für den österreichischen Standpunkt 
eingetreten und habe den Herren Sir E. Grey und Sir W. Tyrrell aus- 
einandergesetzt, daß schon der Selbsterhaltungstrieb den Grafen 
Berchtold veranlassen müßte, eine aktive Tätigkeit zu entfalten, da 
er und Österreich sonst in eine unhaltbare Stellung gerieten. Das 
haben sie auch eingesehen, und ich glaube, daß die bisherige objektive 
Haltung der hiesigen Regierung nicht zum geringsten Teil auf unseren 
vertrauensvollen Beziehungen beruht. 

Lichnowsky 



' Nach der Entzifferung. — Siehe Nr. 361. 

■•' Aufgegeben in London 12*^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
3''^ nachm. Eingangsvermerk: 28. Juli nachm. 

2 Dazu die Randbemerkung des Reichskanzlers vom 28. Juli: »Diese Zwei- 
deutigkeit Österreichs ist unerträglich. Uns verweigern sie Auskunft über 
ihr Programm, sagen ausdrücklich, daß die Ausführungen des Grafen Hoyos, 
welche auf eine Zerstückelung Serbiens hinausliefen, rein private gewesen 
seien, in Petersburg sind sie die Lämmer, die nichts Böses im Schilde 
führen, und in London spricht ihre Botschaft von Verschenkung serbischer 
Gebietsteile an Bulgarien und Albanien.« 



24 

Nr. 302 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler * 

Wien, den 27. Juli 1914'' 

Gestern abend fanden vor hiesiger italienischer Botschaft leb- 
hafte Kundgebungen für Italien statt. Bei den in später Nacht- 
stunde vor dem Rathaus erfolgten Kundgebungen der Menge wurde 
neben österreichischen und deutschen patriotischen Liedern auch 
die italienische Hymne Marcia Reale gesungen. Wie mir Graf 
Stürgkh vertraulich mitteilt, sind diese Kundgebungen für Italien 
von ihm veranlaßt worden. 

Bei der Gelegenheit habe ich den Ministerpräsidenten gefragt, 
ob er der Idee nähergetreten wäre, Italien eine Freundlichkeit in 
der hiesigen inneren Politik zu erweisen. Graf Stürgkh sagte mir, 
er sei dabei zu prüfen, auf welchem Wege die italienische Universi- 
tät baldmöglichst aktiviert werden könne. 

von Tschirschky 

^ Nach der Entzifferung. 

* Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 28. Juli nachm. Am 31. Juli 
nach Vornahme kleiner Änderungen dem Botschafter in Rom mitgeteilt. 



Nr. 303 

Der preußische Gesandte in Karlsruhe an den Minister 
der auswärtigen Angelegenheiten (Reichskanzler) ^ 

Karlsruhe, den 27. Juli 19 14" 

Angesichts der bedrohlichen politischen Lage erlaubte ich mir, 
telegraphisch den vorläufigen Verzicht auf meinen Urlaub nach 
Cowes zu melden. 

Sollten Ew. Exz. meine Anwesenheit in England indessen für 
erwünscht halten, weil ich dort durch viele einflußreiche Freunde 
vielleicht nützlich wirken könnte, so wäre ich jederzeit bereit abzu- 
reisen. 

Von der Haltung Englands hängt es jetzt zweifellos vornehm- 
lich ab, ob der Krieg lokalisiert bleibt. Ergeht von London eine 
entschiedene Warnung nach Petersburg und Paris, so wird man 
sich dort kaum in das Abenteuer eines großen Krieges stürzen. 



^ Nach der Ausfertigung. 

' Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 28. Juli nachm. 



25 

Es rächt sich bitter, daß unsere Politik in der Vergangenheit 
die guten Beziehungen zum Britischen Reiche nicht zu wahren 
wußte und seit dem Frieden von Schimonoseki das englische Miß- 
trauen oft geradezu hervorgerufen hat. Das war unbedingt zu ver- 
meiden, unsere früheren verantwortlichen Staatsmänner tragen eine 
schwere Verantwortung in dieser Beziehung. Wir hatten es 
meines Erachtens in der Hand, die Entente mit den Zweibund- 
mächten zu verhüten und uns und dem Dreibund die Freundschaft, 
zum mindesten die wohlwollende Neutralität der Briten, zu er- 
halten, 

Straßendemonstrationen provokatorischer Art sind hier bis 
jetzt nicht vorgekommen. Vor einigen Zeitungsredaktionen und 
KafTeehäusern haben radaulustige Leute die Wacht am Rhein und 
Deutschland über alles gesungen, aber von einer gerüchtweise aus 
Mannheim gemeldeten feindlichen Kundgebung vor dem dortigen 
russischen Konsulat ist dem Minister des Innern nichts bekannt. 
Die Großherzogliche Regierung wird solche aufreizenden Kund- 
gebungen mit aller Energie verhindern. 

Fast die gesamte Presse und öffentliche Meinung tritt dafür 
ein, daß wir gegebenenfalls verpflichtet sind, Österreich unsere 
Hilfe zu gewähren, aber ehrliche Begeisterung für einen Krieg zum 
Schutze des beinahe halbslawischen Bundesgenossen besteht nach 
meinen Wahrnehmungen nicht. 

Auf Italiens tatkräftige Unterstützung rechnet im Grunde hier 
niemand. 

V. Eisendecher 



Nr. 304 

Der englische Botschafter an den Staatssekretär 
des Auswärtigen^ 

Berlin, July 27, 1914^^ 
Aide Memoire 

Sir Edward Goschen has been instructed by Sir Edward Grey 
to ask His Excellency Herr von Jagow whether he would be disposed 
to instruct the German Representative in London to join with the 
Representatives of Italy and France and Sir Edward Grey in a Con- 
ference to be held in London at once in Order to endeavour to find 
an issue to the present complications. With this view, the Represen- 

^ Nach der Ausfertigung. 

' Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 28. Juli nachm. 



26 

tatives at Vienna, St. Petersburgh and Beigrade should, in Sir 
Edward Grey's opinion, be authorised, in informing the Government 
to which they are accredited of the above Suggestion, to request 
that, pending the results of the Conference, all active military 
Operations should be suspended. 

Übersetzung 

Notiz 

Sir Edward Goschen ist von Sir Edward Grey beauftragt worden, 
S. Exz. Herrn von Jagow zu fragen, ob er geneigt wäre, den deutschen 
Vertreter in London anzuweisen, mit den Vertretern Italiens und Frank- 
reichs und Sir Edward Grey an einer Konferenz teilzunehmen, die sofort in 
London abzuhalten wäre und danach trachten müßte, einen Ausweg aus 
der gegenwärtigen verwickelten Lage zu finden. Zu diesem Zweck sollten 
nach Ansicht Sir Edward Greys die Vertreter in Wien, St. Petersburg und 
Belgrad ermächtigt werden, die Regierung, bei der sie beglaubigt sind, von 
der obigen Anregung zu benachrichtigen und zu beantragen, daß alle aktiven 
militärischen Operationen aufgeschoben werden, bis ein Ergebnis der Kon- 
ferenz vorliegt. 



Nr. 305 

Die österreichisch-ungarische Botschaft 
an das Auswärtige Amt^ 

[Berlin, den 28. Juli 1914^] 

Graf Berchtold hat die bündigsten Versicherungen seitens der 
bulgarischen Regierung erhalten, daß Bulgarien sich unbedingt neu- 
tral verhalten werde. Trotzdem Graf Berchtold dies S. M. König 
Carol und die rumänische Regierung wissen ließ, kommt sowohl 
S. M. wie Herr Bratianu dem Grafen Czernin gegenüber immer 
wieder darauf zurück, daß, den ihnen zugehenden Nachrichten zu- 
folge, Bulgarien aggressive Tendenzen verfolge, was ganz aus- 
geschlossen ist. 

Nachdem Graf Berchtold überzeugt ist, daß der deutsche Ge- 
sandte in Sofia auch in der Lage ist, seiner Regierung zu melden, 
daß die bulgarische Regierung sich ruhig verhalten werde, so er- 
sucht mich Graf Berchtold, dem Herrn Staatssekretär anheim- 
zugeben, ob nicht auch er in diesem Sinne beruhigend bei Sr. M. 
König Carol und Herrn Bratianu einwirken möchte^. 



1 Nach der Ausfertigung. Nicht unterzeichnet. 

^ Eingangsvermerk des Auswärtigem Amts: 28. Juli nachm. 

^ Siehe Nr. 316 



27 

Nr. 306 

Die österreichisch-ungarische Botschaft 
an das Auswärtige Amt' 

[Berlin, den 28. Juli 1914^] 

Graf Berchtold hat aus Sofia die Meldung erhalten, der bul- 
garische Ministerpräsident habe unserem Gesandten gesagt, bul- 
garischer Gesandter in Belgrad telegraphiere, montenegrinischer 
Vertreter hätte diesem gegenüber geäußert, Montenegro würde mit 
Serbien kooperieren. 

Auftragsgemäß beehrt sich die k. u. k. Botschaft die 
k. deutsche Regierung neuerlich zu ersuchen, nach Tunlichkeit auf 
König Nikolaus und die montenegrinische Regierung wegen Beob- 
achtung Neutralität einwirken zu lassen. 

Es wäre dankenswert, wenn deutscher Vertreter hierbei auf 
unsere Geneigtheit hinweisen würde, daß wir bereit seien, den auf 
die Festigung seiner Dynastie und die Wohlfahrt seines Landes 
zielenden Wünschen des Königs Entgegenkommen zu bekunden'. 

' Nach der Ausfertigung. Nicht unterzeichnet. 

2 Am 28. Juli von Baron Haymerle im Auswärtigen Amt überreicht. Ein- 
gangsvermerk des Amts: 28. Juli nachm. 
^ Siehe Nr. 322. 

Nr. 307 

Der Reichskanzler an die preußischen Gesandten bei den 
deutschen Bundesregierungen ^ 

Vertraulich! Berlin, den 28. Juli 1914^ 

Euer pp. wollen der Regierung, bei der Sie beglaubigt sind, 
folgende Mitteilung machen: 

Angesichts der Tatsachen, die die österreichisch-ungarische Re- 
gierung in ihrer Note an die serbische Regierung bekanntgegeben 
hat, müssen die letzten Zweifel darüber schwinden, daß das Attentat, 
dem der österreichisch-ungarische Thronfolger und seine Gemahlin 
zum Opfer gefallen sind, in Serbien zum mindesten mit der Kon- 

^ Nach dem in Maschinenschrift vorliegenden Konzept mit handschrifüichen 
Änderungen Jagows. Siehe deutsches Weißbuch vom Mai 1915, S. 25, Nr. 2. 

"^ Am 28. Juli auf verschiedene Weise den Gesandtschaften in Darmstadt, 
Karlsruhe, München, Stuttgart, Dresden, Weimar, Oldenburg und Hamburg 
übermittelt. Am 30. Juli auch den auswärtigen Missionen — mit Aus- 
nahme von Paris, London und Petersburg — »zur Regelung Ihrer Sprache« 
unter Weglassung des ersten und letzten Satzes mitgeteilt. 



28 

nivenz von Angehörigen der serbischen Regierung und Armee vor- 
bereitet worden ist. Es ist ein Produkt der großserbischen Be- 
strebungen, die seit einer Reihe von Jahren eine Quelle dauernder 
Beunruhigungen für die österreichisch-ungarische Monarchie und 
für ganz Europa geworden sind. 

In besonders markanter Form trat der großserbische Chau- 
vinismus während der bosnischen Krisis in die Erscheinung. Nur 
der weitgehenden Selbstbeherrschung und Mäßigung der öster- 
reichisch-ungarischen Regierung und dem energischen Einschreiten 
der Großmächte war es zuzuschreiben, wenn die Provokationen, 
welchen Österreich-Ungarn in dieser Zeit von Seiten Serbiens aus- 
gesetzt war, nicht zum Konflikt führten. Die Zusicherung künftigen 
Wohlverhaltens, die die serbische Regierung damals gegeben ' hat, 
hat sie nicht eingehalten. Unter den Augen, zum mindesten unter 
stillschweigender Duldung des amtlichen Serbiens, hat die groß- 
serbische Propaganda inzwischen fortgesetzt an Ausdehnung und 
Intensität zugenommen. Es würde weder mit der Würde noch mit 
ihrem Recht auf Selbsterhaltung vereinbar sein, wollte die öster- 
reichisch-ungarische Regierung dem Treiben jenseits der Grenze 
noch länger tatenlos zusehen, durch das die Sicherheit und die In- 
tegrität ihrer Gebiete dauernd bedroht wird. Bei dieser Sachlage 
müssen das Vorgehen sowie die Forderungen der österreichisch- 
ungarischen Regierung als gerechtfertigt angesehen werden. 

Die Antwort der serbischen Regierung auf die Forderungen, 
welche die österreichisch-ungarische Regierung am 23. d. M. durch 
ihren Vertreter in Belgrad hat stellen lassen, läßt indessen erkennen, 
daß die maßgebenden Faktoren in Serbien nicht gesonnen sind, ihre 
bisherige Politik und agitatorische Tätigkeit aufzugeben. Der öster- 
reichisch-ungarischen Regierung wird demnach, will sie nicht auf 
ihre Stellung als Großmacht endgültig Verzicht leisten, nichts 
anderes übrig bleiben, als ihre Forderungen durch einen starken 
Druck und nötigenfalls unter der Ergreifung militärischer Maß- 
nahmen durchzusetzen. 

Einzelne russische Stimmen betrachten es als selbstverständ- 
liches Recht und als die Aufgabe Rußlands, in dem Konflikt zwischen 
Österreich-Ungarn und Serbien aktiv für Serbien Partei zu er- 
greifen. Für die aus einem solchen Schritte Rußlands resultierende 
europäische Konflagration glaubt die Nowoje Wremja sogar Deutsch- 
land verantwortlich machen zu dürfen, wofern es nicht Österreich- 
Ungarn zum Nachgeben veranlaßt. Die russische Presse stellt hier- 
mit die Verhältnisse auf den Kopf. Nicht Österreich-Ungarn hat 
den Konflikt mit Serbien hervorgerufen, sondern Serbien ist es ge- 
wesen, das durch eine skrupellose Begünstigung großserbischer 
Aspirationen auch in Teilen der österreichisch-ungarischen Monarchie 
diese selbst in ihrer Existenz gefährdet und Zustände geschaffen 
hat, die schließlich in der frevelhaften Tat von Sarajevo ihren Aus- 
druck gefunden haben. Wenn Rußland in diesem Konflikt für 



29 

Serbien eintreten zu müssen glaubt, so ist das an sich gewiß sein 
gutes Recht. Es muß sich aber darüber klar sein, daß es damit die 
serbischen Bestrebungen auf Unterhöhlung der Existenzbedingungen 
der österreichisch-ungarischen Monarchie zu den seinigen macht, 
und daß es allein die Verantwortung dafür trägt, wenn aus dem 
österreichisch-serbischen Handel, den alle übrigen Großmächte zu 
lokalisieren wünschen, ein europäischer Krieg entsteht. Diese Ver- 
antwortung Rußlands liegt klar zutage und wiegt um so schwerer, 
als Graf Berchtold Rußland offiziell erklärt hat, es beabsichtige, 
weder serbische Gebietsteile zu erwerben noch den Bestand des ser- 
bischen Königreichs anzutasten, sondern wolle lediglich Ruhe vor 
den seine Existenz gefährdenden serbischen Umtrieben haben. 

Die Haltung der k. Regierung in dieser Frage ist 
deutlich vorgezeichnet. Die von den Panslawisten gegen Österreich- 
Ungarn betriebene Agitation erstrebt in ihrem Endziel, mittels der 
Zertrümmerung der Donaumonarchie, die Sprengung oder 
Schwächung des Dreibundes und in ihrer Folgewirkung eine völlige 
Isolierung des Deutschen Reiches. Unser eigenstes Interesse ruft 
uns demnach an die Seite Österreich-Ungarns. Die Pflicht, Europa, 
wenn irgend möglich, vor einem allgemeinen Kriege zu bewahren, 
weist uns gleichzeitig darauf hin, diejenigen Bestrebungen zu unter- 
stützen, die auf die Lokalisierung des Konfliktes hinzielen, getreu 
den Richtlinien derjenigen Politik, die wir seit nunmehr 44 Jahren 
im Interesse der Aufrechterhaltung des europäischen Friedens mit 
Erfolg durchgeführt haben. Sollte indes wider Erhoffen durch ein 
Eingreifen Rußlands der Brandherd eine Erweiterung erfahren, so 
würden wir, getreu unserer Bundespflicht, mit der ganzen Macht des 
Reiches die Nachbarmonarchie zu unterstützen haben. Nur ge- 
zwungen werden wir zum Schwerte greifen, dann aber in dem 
ruhigen Bewußtsein, daß wir an dem Unheil keine Schuld tragen, 
das ein Krieg über Europas Völker bringen müßte. 

V. Bethmann Hollweg 



Nr. 30S 

Der Reichskanzler an den Kaiser^ 

Berlin, den 28. Juli 1914^ 
Ew. M. 
melde ich alleruntertänigst, daß ich die befohlene 
Demarche^ in Wien telegraphisch habe machen 



' Nach der Ausfertigung von der Hand des Reichskanzlers. 

'^ Auf dem oberen Rand die Bemerkung des Kaisers vom gleichen Tage: 

»Einverstanden, irß'- N.-M. 28. VII. iqi4. W.« 
^ Siehe Nr. 293 und Nr. 323, die offenbar vor Nr. 308 entworfen war. 



30 

müssen, da es keine regelmäßige Zugverbindung 
mit Wien mehr gibt. 

Dieser Demarche wird es nach meinem ehr- 
furchtsvollen Dafürhalten entsprechen, wenn Ew. M. 
nunmehr doch die Gnade haben wollten, ein 
Telegramm an S. M. den Zaren zu richten. Ein 
solches Telegramm würde, wenn es dann doch noch 
zum Kriege kommen sollte, die Schuld Rußlands 
in das hellste Licht setzen. Einen -Entwurf dazu 
wage ich alleruntertänigst anzuschließen*. Graf 
Pourtales ist angewiesen, Herrn Sasonow zu sagen, 
daß Ew. M. bestrebt seien, Wien zu einer offenen 
Aussprache mit Petersburg mit dem Ziele zu ver- 
anlassen, Zweck und Umfang des österreichischen 
gut Vorgehens in Serbien in unzweideutiger und hoffent- 

lich Rußland befriedigender Weise klarzulegen. 
Die inzwischen erfolgte Kriegserklärung ändere 
daran nichts^. 

Alleruntertänigst 

V. Bethmann Hollweg 

* Siehe Nr. 335. 
^ Siehe Nr. 315. 

Nr. 309 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Wien^ 

Telegramm 172 BerUn, den 28. Juli 1914^ 

Hatte Graf Pourtales angewiesen, Herrn Sasonow auf unaus- 
bleibhche Konseqnenzen feindlicher russischer Maßnahmen gegen 
uns aufmerksam zu machen, andrerseits ihn aber auch darauf hin- 
zuweisen, daß die, vom Grafen Berchtold an russischen Geschäfts- 
träger abgegebene Erklärung über territoriales Desinteressement 
Rußland genügen und es von Eingreifen abhalten müsse. Wir 
glaubten, daß damit Basis für Verständigung gefunden sei, und 
hofften auch im Hinblick auf unsere traditionellen Beziehungen, 
daß Krieg erspart bhebe. Hierauf telegraphiert Pourtales: 

»Habe Sasonow Kennmis von Inhalt der Telegramme gegeben. 
Minister versöhnliche vsrie gestern'.« 

V. Bethmann Hollweg 

^ Nach dem Konzept. Entwurt von Jagows Hand. 

^ 4^° nachm. zum Haupttelegraphenamt, aut der Botschaft in Wien um 

7^5 nachm. angekommen 
' Hier ist Pourtales' Telegramm vom 27. Juli (Nr. 282) mit Fortlassung des 

Satzes »Mit Bezug Kriegsminister « eingefügt. 



31 

Nr. 310 

Der Botschafter in Paris an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 227 Paris, den 28. Juli 19142 

Hatte gestern dem Unterstaatssekretär Ferry eröffnet, daß wir 
nur zwischen Wien und Petersburg vermitteln können. Ferry warf 
Gedankenvermittlung der vier nicht unmittelbar beteiligten Mächte 
ein. Ich gab rein persönlicher Ansicht Ausdruck, daß dabei jede 
Art von Druck auf Wien sowie förmhche Konferenz zu vermeiden wäre. 

Heute Unterredung mit stellvertretendem Minister, der mir 
sagte, Frankreich habe Vorschlag Sir Edward Greys zugestimmt, 
Ew. Exz. hätten im Prinzip angenommen, aber bezüglich Form Vor- 
behalte ähnHcher Art gemacht wie ich gestern persönlich. Minister 
meint, über diese Formfragen sei leicht hinwegzukommen. Haupt- 
sache sei der erfreulicherweise allseitig vorhandene gute Wille und 
schleimiges Handeln. Hier denkt man sich als erste Etappe der 
Vermittlungsaktion, Österreich-Ungarn zu Mäßigung bei militärischen 
Operationen zu raten und Garantien der Mächte für Sühne und 
Wohlverhalten Serbiens zu bieten. Ich habe erneut persönlich an- 
empfohlen, den berechtigten Bedürfnissen und Empfindlichkeiten 
Österreich-Ungarns gebührend Rechnung zu tragen. 

Schoen 

' Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Paris 2* nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
4^° nachm. Eingangsvermerk: 28. Juli nachm. Am 29. Juli von Zimmer- 
mann telegraphisch den Botschaftern in London, Petersburg, Wien und 
Rom mitgeteilt, Telegramme (187, 138, 182, 140) 8^'° nachm. zum Haupt- 
telegraphenamt, auf der Botschaft in Wien angekommen 29. Juli ö"* vorm. 



Nr. 311 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 118 Wien, den 28. Juli 1914^ 

Kriegserldärung ist heute 11 Uhr telegraphisch an serbisches 
Ministerium des Auswärtigen abgegangen. 

Tschirschky 

' Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Wien 4'" nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
6^^ nachm. Eingangsvermerk: 28. Juli nachm. Ein Exemplar der Ent- 
zifferung am 28. Juli an den Kaiser gesandt. 



32 



Nr. 312 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 119 Wien, den 28. Juli 1914^ 

Graf Berchtold bittet mich, auch mit Bezug auf Schlußsatz 
dortigen Telegramms 167 ^, Ew. Exz. nochmals nachdrücklichst zu 
versichern, daß Österreich-Ungarn keinerlei Absicht habe, Lowtschen 
zu besetzen, falls Montenegro nicht Neutralität gegenüber Monarchie 
verletzt. 
^ Tschirschky 



^ Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Wien 4*^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 

yi'* nachm. Eingangsvermerk: 28. Juli nachm. 
' Siehe Nr. 269 



Nr. 313 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 120 . Wien, den 28. Juh 1914^ '' 

Geheim ! 

Graf Berchtold dankt Ew. Exz. verbindlichst für Mitteilung 
englischen Vermittelungsvorschlags und wird demnächst der k. Re- 
gierung Antwort zukommen lassen. Der Minister bemerkt schon 
jetzt, daß, nach Eröffnung der Feindsehgkeiten seitens Serbiens und 
der inzwischen erfolgten Kriegserklärung, er den Schritt Englands 
als zu spät erfolgt ansehe. 

Tschirschky 



1 Nach der Entzifferung. — Vergleiche deutsches Weißbuch vom Mai 19 15, 
S. 31 Nr. 18. 

2 Aufgegeben in Wien 4^^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
72» nachm. Eingangsvermerk: 28. JuH nachm. Telegramm lag dem Kaiser 
vor, von ihm am 29. Juli zurückgegeben. Die durch k. Randverfügung 
angeordnete Mitteilung an den Botschafter in London ist unterblieben 

•^ Siehe Nr. 277 



33 



Nr. 314 

Der Reichskanzler an den Botschafter in London' 

Telegramm 185 Berlin, den 28. Juli 1914* 

Wenn die britische Regierung in der Erhaltung de? europäischen 
Friedens auf Grundlage des Gleichgewichts der Gruppen ihr vor- 
nehmstes Interesse erblickt, so wird sie uns nicht zumuten können, 
in imserer vermittelnden Tätigkeit so weit zu gehen, daß wir Österreich- 
Ungarn direkt zur Nachgiebigkeit gegenüber Serbien zu zwingen^ 
suchen. Wir würden damit zur Untergrabung der Großmachtstellung 
Österreich-Ungarns und zur Verändenmg des europäischen Gleich- 
gewichts zuungunsten des Dreibxmdes beitragen. Wir sind aber weit 
entfernt, in dem österreichisch-serbischen Konflikt eine Kraftprobe 
zwischen den beiden europäischen Gruppen zu sehen. Wir betrachten 
das österreichisch-ungarische Vorgehen ledighch £l1s Mittel, die uner- 
träglich gewordenen serbischen Provokationen, die innerhalb von fünf 
Jaliren bereits zum dritten Mal den Frieden Europas emsthch ge- 
fäJirden, endgültig zu beseitigen. Hieran ist unseres Erachtens Europa 
gleichmäßig interessiert * . 

Wü: setzen übrigens auch in St. Petersburg nachdrücklich unsere 
Vermittelungsbemühungen fort und hoffen auf Erfolg. Zu Ew. Durchl. 
hege ich das Vertrauen, daß Sie Sir Edward Grey unsern Stand- 
punkt verständlich machen werden. 

Bethmann Hollweg 



' Nach dem Konzept. Entwurf Zimmermanns mit einer Änderung Jagows. 

2 8*" nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

' »zwingen« von Jagow aus Zimmermanns ursprünglichem »bewegen« 
geändert. 

* Hinter »interessiert« ursprünglich von Zimmermann niedergeschriebenes: 
»Im übrigen beabsichtigt Österreich-Ungarn keineswegs Serbien nieder- 
zuwerfen, es vill nicht seinen Bestand antasten, sondern ihm nur die 
wohlverdiente Lektion erteilen und sich Garantien für seine eigene Ruhe 
für die Zukunft verschaffen« nachträglich von ihm selbst wieder ge- 
strichen. 



Aktenstücke II. 



34 

Nr. 315 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Petersburg^ 

Telegramm 131 Berlin, den 28. Juli 1914'' 

Wir sind fortgesetzt bemüht, Wien zu einer offenen Aussprache 
mit Petersburg mit dem Ziel zu veranlassen, Zweck und Umfang des 
österreichischen Vorgehens in Serbien in unanfechtbarer und hoffent- 
lich Rußland befriedigender Weise klarzulegen. Die inzwischen er- 
folgte Kriegserklärung ändert hieran nichts 3. 

Bethmann Hollweg 



1 Nach dem Konzept von der Hand des Reichskanzlers. — Vgl. deutsches 
Weißbuch vom Mai 19(5, S. 31 Nr. 16. Siehe Nr. 343, 345 und 357. 

* 90 nachm. zum Haupttelegraphenamt. In gleichzeitig abgesandten Tele- 
grammen teilt der Kanzler den Botschaftern in Wien (176), London (186) 
und Paris (171) sein Telegramm an Pourtales im Wortlaut mit. Auf der 
Botschaft in Wien angekommen am 29. Juli 6" vorm. 

* Nachträglich vom Kanzler hier angefügter Zusatz: »Absehen von 
russischer Mobilmachung würde unsere Bemühungen wesentlich erleichtern« 
ist nachher von ihm wieder gestrichen worden. 



Nr. 316 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Geschäftsträger 

in Bukarest^ 

Telegramm 45 Berlin, den 28. Juli 1914* 

Herr Beldiman hat hier Besorgnis rumänischer Regierimg ztmi 
Ausdruck gebracht, daß Rmnänien in voller Erfüllung Bündnispflichten 
durch aggressives Vorgehen Bulgariens behindert werden könnte. 

Bitte König Carol und Herrn Bratianu mitteilen, daß die 
bulgarische Regierung dem Grafen Berchtold die bündigste Ver- 
sichervmg gegeben hat', sich unbedingt neutral verhalten zu wollen. 
Buch nach den Berichten des k. Gesandten in Sofia bestehen in 
Bulgarien keine gegen Rumänien gerichteten Tendenzen. Zu Be- 
unruhigungen dürfte demnach in dieser Hinsicht kein Anlaß vorliegen. 

Jagow 



^ Nach dem Konzept. Entwurf von Bergens Hand. 
* 9** nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
' Siehe Nr. 305. 



35 



Nr. 317 



Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Geschäftsträger 

in Bukarest' 

Telegramm 44 Berlin, den 28. Juli 1914^ 

Bitte über Haltung dortiger Presse gegenüber Konflikt zwischen 
Österreich - Ungarn und Serbien fortlautend evtl. telegraphisch be- 
richten und insbesondere beobacliten, ob Abrücken von Rußland 
erkennbar. 

Jagow 



' Nach dem Konzept. Entwurf von Bergens Hand. 
2 9° nachm zum Haupttelegraphenamt 



Nr. 318 

Der Gesandte in Sofia an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 39 Sofia, den 28. Juli 1914^ 

Hiesige Regierung hat keinerlei schriftliche 
Neutralitätserklärnng abgegeben. Der Minister- 
präsident hat meinem serbischen Kollegen ebenso 
wie mir mündhch erklärt, Bulgarien werde neutral 
bleiben. 

Gestern hat russischer Gesandter dem Minister- 
präsidenten vorgeschligen, alle Balkanstaaten müßten 
einen neuen Balkanbund schließen, um Serbien zu 



Nach der Entzifferung. 

Aufgegeben in Sofia 5° nachm., angekommen im Auswärtigen Ami 
g^^ nachm.; Eingangsvermerk: 28. Juli nachm. Entzifferung lag dem Kaiser 
vor, der durch Randverfügung Mitteilung an die Vertretungen in Wien, 
Athen und Konstantinopel anordnete. Das dem Kaiser vorgelegte Exemplar 
der Entzifferung gelangte am 29. Juli ins Amt zurück. Bereits am 28. Juli 
war Michahelles' Bericht den Vertretungen in Wien, Konstantinopel und 
Bukarest telegraphisch mitgeteilt worden (Telegramme (178, 276, 47) 11*" 
nachm. zum Hauptteiegnphenamt); am 29. Juli wurde er auch dem Bot- 
schafter in Rom mitgeteilt (139); 8" nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



36 



unterstützen. Der Ministerpräsident hat kur:{ ab- 
gut gelehnt und bemerkt, Bulgarien werde zugunsten 

Serbiens keinen Finger rühren. 

Griechischer Kollege hat dem Ministerpräsi- 
denten erklärt, sein Land brauche Ruhe, könne 
daher Serbien nicht helfen und halte sich trotz 
gut seines Bündnisvertrags für nicht verpflichtet dazu. 

Mi chahelles 



Nr. 319 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten 
in Stockholm ^ 

Tel^ramm 18 Berlin, den 28. Juh 1914^ 

Geheim ! 

Schwedische Neutralitätserklärung würde voraussichtlich etwaige 
anderweite Stellungnalime Schwedens später erschweren. 

Jagow 



1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

2 9'^ nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



Nr. 320 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Konstantinopel * 

Telegramm 275 Berlin, den 28. Juli 1914 ^ 

Geheim ! 

S. M. ist mit Vorschlag des Großwesirs einverstanden. Der Ver- 
trag wäre auf folgender Grundlage abzuschließen : 

1. Beide Mächte verpflichten sich zur Beobachtung strenger 
Neutrahtät in dem gegenwärtigen Konflikt zwischen Österreich- 
Ungarn und Serbien. 

2. Sollte Rußland in den Ejrieg aktiv militärisch eingreifen tmd 
damit für Deutschland der casus foederis gegenüber Österreich -Ungarn 
gegeben sein, so tritt auch für die Türkei der casus foederis ein. 



^ Nach dem Konzept. Entwurf von Zimmermanns Hand. 
2 ^30 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



37 

3- Deutschland beläßt die Militärmission im Kriegsfall der Türkei. 
Die Türkei stellt die tatsächliche Ausübung des Oberkommandos 
durch die Militärmission sicher'. 

4. Deutschland garantiert der Türkei gegenüber Rußland ihren 
gegenwärtigen Besitzstand. 

5. Der Vertrag gilt für den gegenwärtigen österreichisch-ungarisch- 
serbischen Konflikt und die sich daraus eventuell ergebenden inter- 
nationalen Verwicklungen. Er tritt, falls es aus Anlaß dieses Kon- 
flikts nicht zu einem Krieg zwischen Deutschland und Rußland 
kommt, ohne weiteres außer Kraft. 

Ich ermächtige Ew. Exz. entsprechende Verhandlungen mit Groß- 
wesir einzuleiten. Über Ihre bisherigen Unterredungen mit Groß- 
wesir hat Markgraf Pallavicini eingehend nach Wien berichtet. Um 
strengste Diskretion in Zukunft sicherzustellen, bitte ich, auch Ihrem 
österreichisch-ungarischen Kollegen gegenüber vorläufig nichts über 
Ihre Verhandlungen mit Großwesir verlauten zu lassen*. 

Bethmann Hollweg 



In dem von Zimmermanns Hand geschriebenen Entwurf eines — nicht 
abgegangenen Immediatberichtes (des Kanzlers) an den Kaiser, der die 
Artikel des vorgesehenen Vertrages mit der Türkei im allgemeinen wie 
obenstehend autlührt, lautete Artikel 3: »Für die Dauer des Krieges über- 
nimmt die deutsche Militärmission das Oberkommando über die türkische 
Armee«. Am Rande dieses Entwurfes der Vermerk des Reichskanzlers 
vom 28. Juli: »S. M. ist mit der hierneben entworfenen Grundlage ein- 
verstanden, — Mir ist zweifelhaft, ob Nr. 3, so apodiktisch gefaßt, für 
die Türkei annehmbar ist. Vielleicht genügt eine Formel, die die tal- 
säch liehe Ausübung des Oberkommandos durch die Militärmission 
sicherstellt«. Zimmermann änderte daraufhin für den Entwurf des Er- 
lasses an Wangenheim den Artikel wie obenstehend ab. 
Siehe Nr. 411 und 508. 



Nr. 321 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Geschäftsträger 

in Bukarest ^ 

Telegramm 46 Berlin, den 28. Juli 1914 ^ 

Zur Verwertung. 

Herr Beldiman hatte mir Herrn Bratianu zugegangene Nach- 
richten mitgeteilt, denen zufolge Bulgarien Reservisten einberufe und 
Truppen an rumänischer Grenze zusanunenzöge. 



' Nach dem Konzept. Entwurf von Bergens Hand. 
' 9^0 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



38 



Hierzu telegraphiert Herr Michahelles : 

»Alle etwaigen falsch und tendenziös '.« 

In gleichem Sinne berichtet der k. Botschatter in Wien. 

Jagow 



^ Hier ist der zweite Abschnitt von Michahelles' Telegramm vom 27. Juli 
(Nr. 251) bis zum Worte »falsch« unter Beifügung der Worte »und ten- 
denziös« hinter »falsch« eingefügt. 

Nr. 322 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Geschäftsträger 

in Cetinje ^ 

Telegramm 15 Berlin, den 28. Juli 19142 

Äußerungen des montenegrinischen Vertreters in Belgrad zufolge 
soll Montenegro eine Kooperation mit Serbien beabsichtigen^, 

Bitte unter Geheimhaltung der Herkunft dieser Nachricht, aber 
anknüpfend an diesbezügliches Gerücht dem Könige und dortiger 
Regierung Unterstützung unserer auf Lokalisierung des Konflikts 
gerichteten Bestrebungen sowie Neutralität dringend anempfehlen. 
Ew. Hochw. wollen hinzufügen, daß Österreich-Ungarn bereit ist, den 
auf die Festigung seiner Dynastie und die Wohlfahrt seines Landes 
hinzielenden Wünschen des Königs entgegenzukommen, 

Österreich-Ungarn hat Mächten erklärt, daß es keine territo- 
rialen Erwerbungen in Serbien erstrebe*, 

Jagow 

' Nach dem Konzept. Entwurf von Bergens Hand. 
' 9*° nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
' Siehe Nr. 306, 

* Siehe Nr. 198, 199, 200 und 476, 

Nr. 323 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Wien ^ 

Telegramm 174 Berlin, den 28. Juli 1914^ ^ 

Dringend ! 

Die österreichisch-ungarische Regierung hat Rußland bestiimnt 
erklärt, daß sie an territoriale Erwerbungen in Serb.en nicht denkt*. 

' Nach dem Konzept. Entwurf von Stumm diktiert und von ihm hand- 
schriftlich korrigiert. 

^ 10*^ nachm. zum Haupttelegraphenamt. Auf der Botschaft in Wien ange- 
kommen am 29. Juli 4^" vorm. 

* Siehe Nr. 293 und 308. 

* Siehe Nr. 198—200. 



39 

Dies stimmt mit der Meldung Ew. Exz. überein, daß weder die 
österr. noch die ungarischen Staatsmänner die Vermehrung des 
slawischen Elements in der Monarchie für wünschenswert halten. 
Hiervon abgesehen hat uns die österreichisch-ungarische Regierung 
trotz wiederholter Anfragen über ihre Absichten im Unklaren ge- 
lassen. Die nunmehr vorliegende Antwort der serbischen Regierung 
auf das österreichische Ultimatum läßt erkennen, daß Serbien den 
österreichischen Forderungen doch in so weitgehendem Maße ent- 
gegengekommen ist, daß bei einer völlig intransigenten Haltung der 
österreichisch-ungarischen Regierung mit einer allmählichen Abkehr 
der öffentlichen Meinung von ihr in ganz Europa gerechnet werden muß. 
Nach den Angaben des österreichischen Generalstabs wird ein 
aktives militärisches Vorgehen gegen Serbien erst am 12. August 
möglich sein. Die k. Regierung kommt infolgedessen in die 
außerordentlich schwierige Lage, daß sie in der Zwischenzeit 
den Vermittlungs- und Konferenzvorschlägen der anderen Kabinette 
ausgesetzt bleibt, und wenn sie weiter an ihrer bisherigen Zurück- 
haltung solchen Vorschlägen gegenüber festhält, das Odium, einen 
Weltkrieg verschuldet zu haben, schließlich auch in den Augen des 
deutschen Volkes auf sie zurückfällt. Auf einer solchen Basis aber 
läßt sich ein erfolgreicher Krieg nach drei Fronten nicht einleiten 
und führen. Es ist eine gebieterische Notwendigkeit, daß die Ver- 
antwortung für das eventuelle Übergreifen des Konflikts auf die 
nicht unmittelbar Beteihg^en unter allen Umständen Rußland trifft. 
In der letzten Unterredung Herrn Sasonows mit dem Grafen 
Pourtales hat der Minister bereits zugegeben, daß Serbien die »ver- 
diente Lektion« erhalten müsse^. Der Minister stand überhaupt 
dem österreichisclien Standpunkt nicht mehr so bedingungslos ab- 
lehnend gegenüber wie früher. Es liegt hiemach die Schlußfolgenmg 
nicht fem, daß die russische Regiemng sich auch der Erkenntnis 
nicht verschließen wird, daß, nachdem einmal die Mobilisierung der 
österreichisch-ungarischen Armee begonnen hat, schon die Waffen- 
ehre den Einmarsch in Serbien erfordert. Sie wird sich aber mit 
diesem Gedanken umsomehr abzufinden wissen, wenn das Wiener 
Kabinett in Petersburg die bestimmte Erklärung wiederholt, daß 
ihr" territoriale Erwerbungen in Serbien durchaus fernliegen, und 
daß ihre militärischen Maßnahmen lediglich eine vorübergehende 
Besetzung von Belgrad und anderen bestimmten Punkten des 
serbischen Gebietes bezwecken, um die serbische Regierung zu 
vöUiger Erfüllung ihrer Forderungen und zur Schaffung von Garan- 
tien für künftiges Wohlverhalten zu zwingen, auf die Österreich- 
Ungarn nach den mit Serbien gemachten Erfahrungen unbedingt 
Anspruch hat. Die Besetzimg sei gedacht wie die deutsche Okku- 
pation in Frankreich nach dem Frankfurter Frieden zur Sicher- 



' Siehe Nr. 282. 

® So im Konzept für »ihm« 



40 

Stellung der Forderung auf Kriegsentschädigung. Sobald die öster- 
reichischen Forderungen erfüllt seien, werde die Räumung erfolgen. 
Erkennt die russische Regierung die Berechtigung dieses Stand- 
punktes nicht an, so wird sie die öffentliche Meinung ganz Europas 
gegen sich haben, die im Begriffe steht, sich von Österreich abzu- 
wenden. Als eine weitere Folge wird sich die allgemeine diplo- 
matische und wahrscheinlich auch die militärische Lage sehr wesent- 
lich zugunsten Österreich-Ungarns und seiner Verbündeten verschieben. 
Ew. pp. wollen sich umgehend in diesem Sinne dem Grafen 
Berchtold gegenüber nachdrücklich aussprechen und eine entsprechende 
Demarche in St. Petersburg anregen. Sie werden es dabei sorgfältig 
zu vermeiden haben, daß der Eindruck entsteht, als wünschten wir 
Österreich zurückzuhalten. Es handelt sich lediglich darum, einen 
Modus zu finden, der die VerwirkHchung des von Österreich-Ungarn 
erstrebten Ziels, der großserbischen Propaganda den Lebensnerv zu 
unterbinden, ermöglicht, ohne gleichzeitig einen Weltkrieg zu ent- 
fesseln, und wenn dieser schließlich nicht zu vermeiden ist, die 
Bedingungen, unter denen er zu führen ist, für uns nach Tvmlich- 
keit zu verbessern. 

Drahtbericht.' Bethmann Hollweg 



' Siehe Nr. 377 und 388. 

Nr. 324 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige AmtV 

Telegramm 121 Wien, den 28. Juli 1914^ 

Graf Berchtold bittet mich nachstehendes zu 
Ew. Exz. Kenntnis zu bringen : 

»Nachdem dem seitens Sr. M. unseres Allergnä- 
digsten Herrn ausgedrü( kten Wunsch.e entsprechend 
Graf Szögyeny noch bis über den 18. August auf 
seinem Posten in Berlin belassen worden ist, und 
Graf von Szögyeny selbst um Urlaub vom 19. August 
an gebeten hat, würde dessen Nachfolger Prinz 
Hohenlohe am 20. August in Berlin zur Übernahme 



^ Nach der Entzifferung. 

* Wien ab 6^* nachm., Auswärtiges Amt an 28. Juli 10'° nachm. Eingangs- 
vermerk: 29. Juli vorm. Entzifferung lag dem Kaiser vor, von ihm am 
29. ans Amt zurück. Der Unterstaatssekretär telegraphierte am 30. Juli 
nach Wien: »Auf Telegramm Nr. 121. Dispositionen Sr. M. genehm. 
Zimmermann.« (Telegramm Berlin 199.) 



41 

des Postens eintreffen. Der Minister bittet dies 
ja Sr. M. dem Kaiser und König alleruntertänigst unter- 

breiten und anfragen zu wollen, ob diese Dispo- 
sitionen AllerLöchstdemselben genehm sein würden.« 

Tschirschky 



Nr. 325 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Bottchafter 

in Rom^ 

Telegramm 137 Berlin, den 28. Juli 1914« 

Der k. Botschafter telegraphiert : 

»Graf Berchtold bittet mich Ew. Exz. nochmals 

verletzt«^. 
Wir suchen in Montenegro auf Neutralität hinzuwirken, auch 
Wien hat uns hierum dringend gebeten. 

Jagow 



1 Nach dem Konzept von Jagows Hand. 
3 1 1^5 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
3 Hier ist das Telegramm Tschirschkys vom 28. Juli (Nr. 312) eingefügt. 



Nr. 326 

Der Botschafter in Wien an den Staatssekretär 
des Auswärtigen (Privatbrief) ' 

Geheim! Wien, den 26. Juh 1914^ 

Lieber Herr v. Jagow 1 
Besten Dank für Ihr freundliches Seh reiben von gestern, betreffend die 
itahenische Kompensationsfrage. Ich kann Sie versichern, daß niemand 
mehr als ich von der absoluten Notwendigkeit überzeugt ist, Italien 



.2 



i Nach der Ausfertigung von Tschirschkys Hand. 

a Zeit des Eingangs in Berlin nicht bekannt, zum Zentralbüro des Aus- 
wärtigen Amis gelangt erst am 9. Februar 1915. 



42 

fest beim Dreibund zu halten, und daß ich mit Beharrlichkeit und 
äußerster Festigkeit alles nur Mögliche tue, um die Leute hier zu 
bewegen, aus ihrem unnützen Streit mit Italien über die Au'^legung 
des Artikels VII heraus und zu praktischen Entschlüssen zu bringen. 
Aber die Österreicher werden immer Österreicher bleiben. Hochmut 
und Leichtsinn gepaart sind nicht leicht und nicht schnell zu über- 
winden! Ich kenne sie genau. Sie haben mein heutiges Telegramm^ 
erhalten, wonach Avarna hier erklärt hat, die italienische Regierung 
werde in dem eventuellen bewaffneten Konflikte zwischen der 
Monarchie und Serbien eine freundschafthche und den Bündnispflich- 
ten entsprechende* Haltung einnehmen. Avarna hat mir das heute 
selbst bestätigt und mich versichert, Itahen denke nicht daran, vom 
Dreibund abzuspringen. Ich habe dieses Thema — auch wegen der 
Kompensationen — wiederholt und eingehend ganz vertraulich mit 
meinem guten Freunde Avarna durchgesprochen, der ja von San Giuliano 
über alle Gespräche mit Flotow auf dem laufenden erhalten wird. 
Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren — und ich habe Grund 
zu der Annahme, daß Avama den gleichen Eindruck hat — daß 
San Giuliano durch die Sprache, die er Flotow und Berlin gegenüber 
führt, versucht, auf dem Wege über Berlin seine neutrale Haltung 
im österreichisch -serbischen Konflikte möglichst teuer zu verwerten. 
Das, was Avama aus Rom erhält, klingt immer viel ruhiger als das, 
was uns gesagt wird, und die letzte, oben angeführte Erklärung des 
römischen Kabinetts ist ein neuer Beweis dafür. So ist es zu er- 
klären, daß man in Berlin über die günstige^ Haltung Italiens über- 
rascht ist. 

Das hindert nun allerdings keineswegs, daß mit allen Mitteln, 
besonders auch in unserem Interesse, dahin gearbeitet werden muß, 
endlich in der Kompensationsfrage zu einem praktisch gangbaren 
Auswege zu gelangen. Ich habe gestern auf Grund des Telegramms 
Nr. 136* zunächst Baron Macchio bearbeitet, um auch durch diesen 
auf Berchtold zu wirken. Ich habe ihm vorgehalten, daß es San 
Giuliano nicht zu verdenken sei, wenn er sich mit der österreichischen 
Erklärung, keinen Gebietszuwachs zu beabsichtigen, nicht beruhigt, 
da diese in nicht bindender Weise erfolgt sei. Österreich solle end- 
lich den theoretischen Streit über die Auslegung des Artikels VII 
fallen lassen. Übrigens gäbe ich ihm zu bedenken, daß Deutsrhland 
nicht die hiesige Auffassung teile. Es müßten praktische Entschlüsse 
gefaßt werden, denn man kann doch hier nicht im Zweifel sein, daß 
Italien gegebenenfalls sicher mit Kompensationsforderungen kommen 
werde, wenn man auch hier theoretisch deren ernsthche Begründung 
leugne. Baron Macchio war auch so weit zuzugeben, daß die Er- 



' Siehe Nr. 212. 

* Am Rand Fragezeichen Jagows. 

^ Desgleichen. 

® Siehe Nr. 150. 



43 

örterungen über die Auslegung des Artikels VII zu nichts führen. 
Auch darüber sei er sich klar, daß Österreich Kompensationen an 
Italien werde geben müssen, wenn es selbst sein Gebiet erweitere. 
»Nur können die Italiener nicht verlangen, daß wir die Kompensationen 
aus unserem eigenen Fleische schneident fügte er hinzu. Das Trentino 
wird der alte Kaiser — und auch die Militärs — wohl niemals her- 
geben. Eine Möglichkeit könnte ich mir nur nach einem großen 
siegreichen Kriege denken, falls Österreich völlig carte blanche am 
Balkan erhalten sollte. Wenn die Italiener glauben, das Trento 
gegen eine kleine Gebietserweiterung Österreichs am Balkan einzu- 
tauschen, und womöglich noch Valona — das sie ja allerdings, wie 
ich glaube, ehrlich rücht gern haben woUen — zu bekommen, so 
täuschen sie sich, und wir sollten, wie mir scheint, diese Illusionen 
in Rom zerstören. Stolberg, den ich in der Kompensationsfrage 
auch bei Hoyos vorgeschickt habe, der zur Zeit den größten Einfluß bei 
Berchtold bat, hat aus seinen Besprechungen ganz den gleichen Ein- 
druck erhalten. 

Ich habe, wie Sie aus meinem heutigen Telegramm' ersehen 
haben, heute auch mit Berchtold und General von Conrad diese 
Frage besprochen, und meine sehr bestimmte Erklärung, daß man in 
der Auslegungsfrage Deutschland hier nicht auf seiner Seite habe, 
machte besonders auf Conrad ernsten Eindruck. Das Schlimme ist, daß 
die hiesige Lesart betreffend ArtikelVII noch vom sogenannten »großen« 
Aehrenthal herstammt, der ganze Bände von Rechtsgutachten zu 
ihrer Begründung hat verfassen lassen *, und Berchtold sich scheut, 
dieses »Vermächtnis« seines berühmten Vorgängers preiszugeben. 
Conrad, der solche Skrupel nicht hat, sah auch ein, daß man den 
Italienern etwas geben müsse, und er bemerkte ganz vertraulich, er 
habe nichts dagegen, wenn man die Itahener einlüde, Montenegro zu 
besetzen. Ich habe diese Bemerkung in mein amtliches Telegramm 
nicht aufgenommen, weil sie ihm so in der Unterhaltung entfuhr, 
und er wohl nicht darauf festgenagelt zu werden wünschte. 

Sowohl Maccliio als Berchtold und Conrad habe ich als rein 
persönhche Ansicht den Vorschlag gemacht, sie sollten Italien gegen- 
über erklären — und zwar ohne Berufung auf Artikel VII, um iliren 
theoretischen Standpunkt nicht aufgeben zu müssen — daß Öster- 
reich das Recht Italiens auf Kompensationen für den Fall anerkenne, 
daß die Monarchie ihr Gebiet am Balkan erweitere. Auch Avama 
fand diesen Ausweg gut. Mehr kann Italien nicht verlangen, denn 
im Dreibundvertrag steht meines Wissens nichts darüber, wo diese 
Kompensationen liegen sollen oder wie groß sie sein müssen. Das 
müssen die Verhandlungen dann ergeben. Übrigens hat Avarna 
jetzt Instruktion, mit Berchtold die Kompensationsfrage direkt zu 
besprechen. Ich würde es für sehr nützhch halten, wenn Österreich 



' Siehe Nr. 212. 

^ Am Rand Ausrutungszeichen Jagows. 



44 

schon vorher obige Erklärung abgeben würde, denn auch in Rom 
scheut man sich vor direkten Verhandlungen, weil man eine Einigung 
in der Frage der Auslegung des Artikels VII für ausgeschlossen hält 
und nur Verschärfung der Reibungen erwartet. 

28. Juli. Ich habe ge-.tern erneut i^/gstündige Unterredung 
mit Graf Berchtold und Graf Forgäch über die Frage gehabt, wobei 
ich so entschieden gesprochen habe, wie es überhaupt nur möglich 
ist. Zum Schlüsse rief Graf Berchtold aus: »Ich sehe die Situation 
ganz klar, ich bin Shylock, der auf seinem ScJiein besteht und doch 
nichts ausrichtet«. Ich glaube in dieser Unter.edung erreicht zu 
haben, daß man hier jetzt die Initiative zu einer Besprechung mit 
Italien ergreifen wird. 

Als ich nach Hause kam, besuchte mich Avarna. Dieser machte 
mir, unter Berufung auf unsere persönliche Freundschaft und mit 
der dringenden Bitte ihn nicht zu verraten, nachstehende 
Mitteilung. Er habe die Instruktion erhalten gehabt, die Kom- 
pensationsfrage hier zur Sprache zu bringen, sei aber heute ange- 
wiesen worden, dies nicht zu tun, weii man in Rom dadurch ledigUch 
Reibungen befürchte, die man vermeidt-n wolle. Gleichzeitig hat er 
durch San Giuliano ein Telegramm an BoUati zur Kenntnis erhalten, 
worin dieser beauftragt wird, in Berlin darauf zu dringen, daß die 
Kompensationsfrage in Wien durch uns betrieben werde. — Ich habe 
Avarna gesagt, daß ich auf Befehl meiner Regierung mit allen 
möglichen Mitteln die Lösung der Frage in italienischem Sinne hier 
betriebe. 

Heute frühstückten Graf Berchtold und Graf Forgäch bei mir. 
Letzterer sagte mir, nach meiner gestrigen Unterredung mit Graf 
Berchtold und ihm sei beschlossen worden, unseren Vorstellungen 
Rechnung zu tragen^. Inzwisch- n habe eine Unterredung zwischen 
Ew. Exz. und Graf Szögyeny stattgefunden, in welcher Ew. Exz. 
einen inhalthch ganz gleichen Vorschlag für eine hier abzugebende 
Erklärung gemacht hätten wie ich neulich^". Man habe diesen 
Vorschlag nunmehr angenommsfu- Am heutigen Nachmittag las mir 
Graf Forgäch den Erlaß vor, den er in die>er Sache an Graf Szögyeny 
richtet, und der den ganzen Hergang der Verhandlungen eingehend 
schildert. Graf Szögyeny wird diesen Erlaß Ihnen vorlesen. Hoffent- 
lich wird die hiesige Erklärung nun den Italienern genügen ! — Wie 
mir Graf Forgäch sagte, hat sich Herr von Merey bis zum letzten 
Moment gegen jedes Eingehen auf die italienischen Forderungen 
gewehrt^^, die er als chantage bezeichne. — Die Hauptsache ist, 
daß die Sache mit einer Überklebung des Risses zwischen Wien und 
Rom durch uns für jetzt beigelegt ist — hoffentlich wenigstens — 
und daß der Dreibund intakt dasteht. 

9 Siehe Nr. 328. 

^° Dazu die Randbemerkung Jagows: »Unsinn!« 
** Am Rand Jagow: »na ja!« 



45 

Verzeihen Sie die Länge dieses Schreibens. Es war nicht in 
diesem Ausmaße mtentioniert ; es hat sich »historisch« in die Länge 
gezogen. ^^-^ herzlichen Grüßen 

stets Ihr aufrichtigst ergebener 
von Tschirschky 

Graf Berchtold ist in sehr guter Stimmung und stolz auf die 
zahlreif hen Glückwunsch -Telegramme, die ihm aus allen Teilen 
Deutschlands zugehen I 

Nr. 327 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 123 Wien, den 28. Juli 1914' 

österreichisches Generalkonsulat Odessa meldet: Mobili- 
sierungsbefehl für Militärbezirk Odessa, Kiew, Warschau er- 
gangen, aber noch nicht publiziert. 

Tschirschky 

' Nach der Entzifferung. 

^ Aut^gegeben in VVien 28. Juli 9*^ nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 2y. .lull 12^ vorm. Eingangsvermerk: 29. Juli vorm. Gemäß Rand- 
verfügung Zimmermanns am 29. Juli dem Generalstab, Admiralstab, Reichs- 
marineamt und Kriegsministerium mitgeteilt, abgesandt durch Boten 10'* 
vorm. 

Nr. 328 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 122 Wien, den 28. Juli 1914^ 

Habe Allerhöchsten Auftrag' sofort zur Kenntnis 
des Grafen Bercbtold gebracht. 

Iniolge meiner noch gestern in anderthalb- 
stündiger sehr ernster Unterredung mit Graf Berchtold 



' Nach der Entzifferung. 

'^ Aulgegeben in Wien 28. Juli 9'" nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 29. Juli i.i'-* vorm. Eingangsvermerk: 29. Juli vorm. Ent- 
zifferung lag noch am 29. Juli dem Kaiser vor, gelangte am gleichen 
Tage von ihm ins Amt zurück. Vermerk des Reichskanzlers vom 30. Juli 
nach Kenntnisnahme der Randbemerkungen des Kaisers: »sehr merk- 
würdiger Inhalt des Randvermerks S. M. v. B. H.« — Abschnitt »Infolge 

meiner beibehalten m erde« von Tschirschkys Telegramm wurde 

nach Vornahme kleiner Änderungen am 29. Juli von Jagow telegraphisch 
dem Botschafter in Rom mitgeteilt, 1 1" vorm. zum Haupttelegraphenanit 
gegeben. 

^ Siehe Nr. 267. 



46 

und Graf Forgäch gemachten dringenden Vor- 
stellungen sind beide zu der Überzeugung ge- 
kommen, daß diesen Rechnung getragen werden 
müsse. Graf von Szögyeny erhält heute ausführ- 
lichen Erlaß, in welchem nachstehender Auftrag an 
Baron von Merey zur Kenntnis Ew. Exz. mitge- 
teilt wird: 

»Wie bereits Herzog von Avarna gegen- 
über erklärt, liegen territoriale Erwer- 
bungen durchaus nicht in unserer Absicht. 
Sollten wir uns aber dennoch wider 
Erwarten gezwungen sehen, zu einer nicht 
als nur vorübergend anzusehenden Okku- 
pation serbischen Gebiets zu schreiten, so 
sollen sie doch o-leich sind wir bereit, für diesen Fall mit Itahen 

machen.' in einen Meinungsaustausch zu treten. 

Auf der anderen Seite erwarten wir 
von ItaHen, daß das Königreich den Ver- 
bündeten in den zur Erreichung seiner 
Ziele nötigen Aktionen nicht hindert, viel- 
mehr uns gegenüber die in Aussicht ge- 
stellte bundesfreundüche Haltung unent- 
wegt beibehalten werde.« 
Graf Forgäch las mir den ganzen Erlaß vor, 
den Graf von Szögy6ny Ew. Exz. gleichfalls in extenso 
zur Kenntnis bringen soll. 

Tschirschky 

Admiral Haus — Österr. Ob. Comd. der Flotte — hat meinem 
Marine Attache als gan^ geheim mitgetheüt, daß ihm von 
Wien aus eröffnet worden sei, man habe mit Italien sich 
dahin verständigt, daß es Österreich jreie Hand in Serbien 
lassen solle 
und Italien dafür in Albanien freie Hand erhalte. 

W. 

Nr. 329 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 125 Wien, den 28. Julii9i4» 

Graf Szecsen berichtet, englischer Botschafter Sir Francis 
Bertie habe ihm gesagt: 

1 Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Wien 28. Juli 10" nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 29. Juli i2"> vorm.; Eingangsvermerk: 29. Juli vorm. Ein Exemplar 
der Entzifferung wurde am 29. Juli an den Kaiser gesandt. 



47 

Aktives Eingreifen Rußlands würde Teilnahme Deutschlands 
und Frankreichs zur Folge haben. 

England würde zusehen, müßte aber, wenn Frankreich von 
Vernichtung bedroht, eingreifen. 

Tschirschky 
Nr. 330 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 124 Wien, den 28. Juli 1914* 

österreichisches Generalkonsulat Kiew meldet am 27.: Auf 
den südöstlichen Bahnen wurde Zustand außerordentlichen Schutzes 
verkündigt und Einstellung des Güterverkehrs von morgen an vor- 
gesehen, aber noch nicht verordnet. Kiew Militärlager vollkommen 
geräumt. Truppen teils in die Winterquartiere eingerückt, teils 
am Bahnhof bereitgestellt. 

Tschirschky 



Nach der Entzifferung. 

Aufgegeben in Wien 28. Juli 9*^ nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 29. Juli 12^ vorm. Eingangsvermerk: 29. Juli vorm. Gemäß Rand- 
verfügung Zimmermanns am 29. Juli dem Generalslab, Admiralstab, Reichs- 
marineamt und Kriegsministerium» mitgeteilt, abgesandt durch Boten lo'* 
vorm. 



Nr. 331 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 126 Wien, den 28. Juli 1914' 

österreichisch-ungarischer Militärattache Petersburg meldet 
am 27.: Vorbereitende Mobilisierungsmaßnahmen im europäischen 
Rußland werden ähnlich wie Kriegsminister gestern Kollegen 
gegenüber erwähnte, jedoch ohne spezielle Ausnahme gegenüber 
deutscher Grenze. 

Tschirschky 



' Nach der Entzifierung. 

"Aufgegeben in Wien 28. Juli 10*' nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 29. Juli 12^ vorm. Eingangsvermerk: 29. Juli vorm. Gemäß Rand- 
verfügung Zimmermanns am 29. Juli dem Generalstab, Admiralstab, Rcichs- 
marineamt und Kriegsministenum mitgeteilt, abgesandt durch Boten 10" 
vorm. 



48 

Nr. 332 

Der Zar an den Kaiser * 

Telegramm (ohne Nummer) Peterhof Palais, den 29. Juli 1914* 

Sa Majeft6 l'Empereur 

Neues Palais 

Am glad you are back. In this most 
serious moment I appeal to you to help 
me. An ignoble^ war has been declared 
to a weak country. The Indignation in 
Russia shared fully hy me is enormous*. 
I foresee that very soon I shall be 
overwhelmed by the pressure brought 
upon me and be forced to take extreme 
measures which will lead to war. To try 
and avoid such a calamity as a European 
war I beg you in the name of our old 
friendship to do what you can to stop 
worin besteht your allies^ from going too far. ally! 

Nicky • 

Eingeständnis der Schwäche seiner selbst, und Versuch die Verantwortung mir :fu- 

^uschieben. 
Das Telegramm enthält eine versteckte Drohung! und einem 
Befehl ähnliche Aufforderung dem Allierten in den Arm ^u fallen. Falls 

Ew. Ex^. mein Telegramm gestern Abend 
abgesandt haben, muß es sich mit diesem gekreuzt haben. 
Wir werden nun sehen, wie das meine wirkt. 
Der Ausdruck »ignoble war« läßt nicht auf monarchisches Solidaritätsgefühl 

beim Zaren schließen, sondern auf eine 
panslawische Auffassuvrg; d. h. die Sorge vor einer cap- 
itis diminutio auf dem Balkan im Falle Osterr. 
Erfolge. Diese könnten ruhig in ihrer Gesamtwirkung erst 
abgewartet werden. Es ist später immer noch Zeit 

^ Nach der Niederschrift des Telegraphenamts. Hat sich gekreuzt mit Nr. 335. 

^ Aufgegeben in Peterhof, Palais 29. Juli 1° vorm., aufgenommen im 
Telegraphenamt des Neuen Palais 29. Juli i^'' vorm. Auf dem Telegramnni 
die Bemerkung des Kaisers: »N. Pal. 29. VII. 1914 7^" vorm.« 

* »ignoble« vom Kaiser zweimal unterstrichen, dahinter Ausrufungszeichen 
des Kaisers. 

* »enormous« vom Kaiser zvi'eimal unterstrichen. 

* »allies« vom Kaiser dreimal unterstrichen. 

" Vgl. deutsches Weißbuch vom Mai 191 5, S. 34, Nr. 22 II. Antwort siehe 
Nr. 359. 



49 

!^iim Verhandeln und eventl. :[wn Mobilmachen, wo^u jet^t 
gar kein Grund für Rußland ist. Statt uns die Sommation 
fM stellen, den Alliierten ^u stoppen, sollte S. M. sich an den 
Kaiser Fran:( Josef wenden und mit ihm verhandeln, 
um die Absichten S. M. kennen f» lernen. 
Sollten wir nicht Copien der beiden Telegramme an 
S. M. den König nach London ^ur Information gesandt 
werden ? Die So^^en machen Antimilit. Umtriebe in den 

Straßen, das darf nicht geduldet werden, Jet^t auf keinen Fall; im Wieder- 
holungsfalle werde ich Belagerungszustand proklamieren und die Führer 

samt und sonders tutti quanti einsperren lassen. 
Loebell und Jagow dahin instruieren. Wir können iet^t keine Soj. Propa- 
ganda mehr dulden ! 

Wilhelm. 

Übersetzung 

Ich bin froh, daß Du zurück bist. In diesem äußerst 
ernsten Augenblick wende ich mich an Dich um Hilfe. 
Ein unwürdiger Krieg ist an ein schwaches Land erklärt 
worden. Die Entrüstung in Rußland, die ich völlig teile, ist 
ungeheuer. Ich sehe voraus, daß ich sehr bald dem auf 
mich ausgeübten Druck erliegen und ge^^wungen sein 
werde, äußerste Maßnahmen zu ergreifen, die ^{wn Kriege 
führen werden. Um ein solches Unheil wie einen euro- 
päischen Krieg zu verhüten, bitte ich Dich im Namen 
unserer alten Freundschaft, alles Dir Mögliche zu tun, um 
Deinen Bundesgenossen davon ^urück^^uhalten, ;fM weit ju 



worin besteht das? 



gehen. 



Bundesgenosse! W. 



Nr. 333 

Der Verweser des Generalkonsulats in Moskau an das 
Auswärtige Amt^ 

Telegramm 5 Petersburg, den 28. Juli 1914^ 

Nachmittags Mobilisierung lortschreitet. 

Von vielen Seiten Werden Einberufungen gemeldet. Zwei Quellen 
melden Truppentransporte von der Wolga speziell Kasan. Wolga- 
schiifahrt stark damit befaßt. Nach Gerüchten werden auch vom 
Kaukasus Truppen nach Westen vorgenommen. Frachtverkehr von 
Moskau westlich amtlich auf die Hälfte beschränkt. Jaroslawler' 

^ Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Petersburg 28. Juli 7^° nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt 29. Juü i^^ vorm. Eingangsvermerk: 29. Juli vorm. Auf An- 
ordnung Bergens vom 2g. Juli am 30. Juli dem Generalstab, Admiral- 
stab, Reichsmarineamt und Kriegsministerium mitgeteilt, abgesandt durch 
Boten 8° vorm. 

' In der Entzifferung irrig »Jaroslowler«. 

Aktenstücke II. 5 



50 

Regiment hierher verlegt, Flieger hier mobilisiert. 1500 Mann und 
352 Pferde (Artillerie)? werden in den nächsten Tagen erwartet. 
Botschaft benachrichtigt. Empfangsbestätigung wäre wertvoll*. 

Hauschild 

* Telegraphische Empfangsbestätigung an Generalkonsulat Moskau, am 
29. Juli 8° nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



Nr. 334 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Petersburg ^ 

Telegramm 132 Berlin, den 28. Juli 1914' 

Bitte nachstehendes Telegramm Sr. M. des Kaisers an den 
Zaren auf schnellstem Wege an seine Adresse zu befördern. 

Bethmann Hollweg 

Folgt die Anlage.' 

1 Nach dem Konzept von der Hand des Reichskanzlers. 

2 29. Juli 1*^ vorm. zum Haupttelegraphenamt. 
^ Siehe Nr. 335. 

Nr. 335 

Der Kaiser an den Zaren • 

Telegramm (ohne Nummer) Berlin, den 28. Juli 1914^ 

It is with the gravest concern that I hear of the impression 
which the action^ of Austria against Servia is creating* in your country. 
The unscrupulous agitation that has been going on in Servia for years 
has resulted in the outrageous crime, to which archduke^ Franz 
Ferdinand feil a victim. The spirit that led Servians to murder" 

^ Nach dem Konzept. Entv^^urf von Stumms Hand; darauf der Vermerk des 
Reichskanzlers: »Erbitte sofortige Abschrift an mich (für S. M.) v. B. H. 28.« 
Diese, gleichfalls bei den Akten befindliche Abschrift des Stummschen Ent- 
wurfs erfuhr zahlreiche Änderungen von des Kaisers Hand. Auf dem 
oberen Rand die Bemerkung des Kaisers: »28. VII. 10 h. 45 m. N. M.« 
Hat sich gekreuzt mit Nr. 332, Vgl. deutsches Weißbuch vom Mai 191 5 
Seite 33, Nr. 22 I. Vgl. femer Nr. 233. 

2 Zum Haupttelegraphenamt am 29. Juli !'••• vorm., siehe Nr. 334 Anm. 2. 

^ »action« vom Kaiser aus »proceedings« des Stummschen Entwurfs geändert. 

* Kaiser: »is creating« statt Stumms »are producing«. 

^ »archduke« vom Kaiser beigefügt. 

^ «that murder« vom Kaiser geändert aus »of the people that 

murdered« Stumms. 



51 

their own king and his wife still dominates' the country. You will 
doubtless agree with me that \ve both, you and me, have a common 
interest as well as all Sovereigns to insist that all tlie persons morally 
responsible for the dastardly murder should receive their deserved 
punishment. In this case politics play no part at all. 

On the otlier hand I fully understand how difficult it is for you 
and your Government to face the drift of your public opinion. There- 
fore, with regard to the hearty and tender friendship which binds us 
both from long ago with firm ties, I am exerting my utmost influence 
to induce the Austrians to deal straightly to arrive to a satisfactory 
understanding with you^, I confidently hope you will help me in 
my efJorts to smoothe^ over difficulties that may stiU arise. 

Your very sincere and devoted friend and cousin 

Willy lö 

Übersetzung 
Mit der größten Beunruhigung höre ich von dem Eindruck, den das 
Vorgehen Österreichs gegen Serbien in Deinem Lande hervorruft. Die ge- 
wissenlose Wühlarbeit, die seit Jahren in Serbien am Werke war, hat schließ- 
lich zu dem abscheulichen Verbrechen geführt, dem Erzherzog Franz Ferdi- 
nand zum Opfer gefallen ist. Der Geist, der die Serben zu Mördern ihres 
eigenen Königs und seiner Gemahlin machte, herrscht noch im Lande. Du 
stimmst sicher mit mir darin überein, daß wir beide, Du und ich, sowie alle 
Souveräne ein gemeinsames Interesse daran haben, darauf zu bestehen, daß 
alle für diesen feigen Mord moralisch verantwortlichen Personen ihre ver- 
diente Strafe erhalten. In diesem Falle spielt die Politik keinerlei Rolle. 
Andererseits verstehe ich vollkommen, wie schwierig es für Dich und 
Deine Regierung ist, den Strömungen Eurer öffentlichen Meinung entgegen- 
zutreten. Im Hinblick auf die herzliche und innige Freundschaft, die uns 
beide seit langem mit festem Bande verbindet, biete ich daher meinen ganzen 
Einfluß auf, um Osterreich zu veranlassen, durch sofortiges Handeln zu einer 
befriedigenden Verständigung mit Dir zu kommen. Ich hoffe zuversichtlich, 
daß Du mich in meinen Bemühungen unterstützen wirst, die Schwierigkeiten, 
die noch entstehen können, zu beseitigen. 

Dein sehr aufrichtiger und ergebener Freund und Vetter 

Willy 

• Kaiser: »dominates« statt Stumms »rules«. 

*" "You will doubtless understanding with you" vom Kaiser ge- 
ändert aus Stumms : "I have no doubt you will agree witli me that it is a 
common interest of you and me and, in fact, of all monarchs, that all that 
are morally responsible for the outrage should receive the deserved 
punishment. Politics ought to be left out entirely in this case. But I 
quite understand the difficulty of your position and your Government 
in the face of your public opinion and considering the ties of heartiest 
and tenderest friendship that bind us together, I am doing my utmost 
to get Austria to come to a straight and piain understanding with you." 

' Kaiser: »to smoothe« statt Stumms: "by smoothing«. 
^" »Willy« vom Kaiser beigefügt. 

5* 



32 



335 a 

Der Generalkonsul in Warschau an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 14 Warschau, den 28. Juli 1914^ 

Reichsbank wegschafft Goldvorrat, entgegennimmt Wechsel auf 
polnische Plätze nur unter Vorbehalt. Bahnen stehen unter mili- 
tärischer Leitung, Truppentransport fortdauert. Intendantur weg- 
schafft Vorräte. 

Brueck 



1 Nach der Entzifferung. 

■^ Aufgegeben in Warschau 6^" nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 

29. Juli 2° vorm. Am 29. Juli i*^ nachm. dem Generalstab, Admiralstab 

Reichsmarineamt und Kriegsministerium mitgeteilt. 



Nr. 336 

Der Geschäftsträger in Athen an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 220 Athen, den 28. Juli 1914^ 

Erfahre, daß bulgarischer Gesandter Herrn Streit erklärt hat, 
Bulgarien werde im österreichisch-serbischen Konflikt neutral 
bleiben^. 

Bassewitz 



^ Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Athen 28. Juli 9" nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
29. Juli 2*^ vorm.; Eingangsvermerk: 29. Juli vorm. Am 29. Juli von Jagow 
telegraphisch dem Geschäftsträger in Bukarest mitgeteilt, 10'"' vorm. zum 
Haupttelegraphenamt. 

* Siehe Nr. 381. 



53 



Nr. 337 

Der Militärbevollmächtigtc am russischen Hofe an das 
Auswärtige Amt* 



Telegramm 174 



das war 
:u erwarten 



kann sich Öster- 
reich nicht darauf 
einlassen 



das ist die Sorge, 
die mich erfüllte 
nach Durchlesung 
der Serbischen Ant- 
wort 



Königs- u.Fürsten- 
mörder ! 



St. Petersburg, den 28. Juli 1914^ 

Für S. M. 

Fürst Trubetzkoi aus der Umgebung 
des Kaisers äußerte sich heute zu mir wie 
folgt : Nachdem nunmehr die Antwort 
Serbiens veröffentlicht ist, muß man den 
guten Willen Serbiens anerkennen, den 
Wünschen Österreichs voll und ganz nach- 
zukommen, sonst hätte Serbien nicht in 
so freundnachbarHchem Ton die unerhört 
scharfe Note Österreichs beantwortet, 

sondern sie einfach ' Die 

beiden strittigen Punkte konnte Serbien 
nicht einfach annehmen ohne Gefahr 
einer Revolution imd will sie einem 
Schiedsspruch* unterbreiten. Dies ist 
durchaus loyal, und Österreich würde 
eine schwere Verantwortung auf sich 
nehmen, durch eine Nichtanerkennung 
dieser Haltimg Serbiens einen euro- 
päischen Konflikt heraufzubeschwören. 
Als ich erwiderte, die Verantwortung 
fiele auf Rußland^, welches doch außer- richii" 
halb des Konfliktes stände, sagte Fürst 
Trubetzkoi : Wir lieben die Serben gar 
nicht, aber sie sind unsere ständischen ^ 
Stammesgenossen und wir können unsere 



1 Nach dem für den Kaiser hergestellten und von ihm am 29. Juli an das 
Auswärtige Amt zurückgesandten Exemplar der Entzifferung. 

2 Aufgegeben Petersburg 28. Juli, angekommen im Auswärtigen Amt 29. Juli 
3'^ vorm. 

^ Ziflferngruppe unverständlich. 

'' Dazu am Rand Fragezeichen und Ausrufungszeichen des Kaisers. 

° »richtig« steht im Original am rechten Rand. 

^ »slawischen II dreimal vom Kaiser unterstrichen. 



54 

nnll es nicht.' Brüder"^ nicht im Stiche lassen, wenn 
es ihnen schlecht geht. Österreich kann 
sie vernichten, und das können wir nicht 
zugeben. Ich erwiderte, daß Österreich 
keinen Strich Landes erwerben, sondern 
nur Ruhe vor ihnen haben wolle. Er 
antwortete, Krieg ist Krieg, und die 
Übermacht Österreichs kann es zer- 
malmen, was nachher kommt, ist doch 
nicht abzusehen. Wir hoffen bestimmt, 
daß es nicht zu dem furchtbaren, auto- 
matisch folgenden Zusammenstoß der 
Großmächte kommen wird, wobei Ozeane 
von Blut vergossen werden, sondern 
aas sind Phrasen glauben, daß der Deutsche Kaiser dem 
um die Veraut- verbündeten Osterreich einen wohl- 
wortung auf mich meinenden Rat geben wird, den Bogen 
^Hf schieben das ^-^j^^ ^^ überspannen, den guten Willen 
Serbiens mit den gegebenen Ver- 
sprechungen anzuerkennen und die Mächte 
Blödsinn oder den Haager Schiedsspruch ^ die 

strittigen Punkte entscheiden zu lassen. 
Die politische Leitung in Österreich be- 
dürfe des Rates, denn der Kaiser sei 
zu alt, um solchen Moment noch klar 
zu beurteilen, der Thronfolger zu un- 
erfahren, und Graf Berchtolds Schwäche 
habe man hier in Petersburg zur Genüge 
kennengelernt. Er fügte noch hinzu: 
Der größere Freimdschaftsdienst ist oft- 
mals der gute Rat, eine Sache nicht zu 
tun. Die Rückkehr Ihres Kaisers hat 
uns alle sehr beruhigt, denn wir vertrauen 
Sr. M. und wollen keinen Krieg, auch 
Kaiser Nikolaus nicht. Es wäre gut, 
ist erfolgt! wenn sich die beiden Monarchen ein- 
Ob eine Verstän- Ynal telegraphisch verständigen, 
digung erfolgt, ist j^-^g jgt die Ansicht emes der ein- 

mtr pveifelhaft fl^ßj-eichsten Männer des Hauptquartiers 
und wohl die Ansicht der ganzen Um- 
gebung. 

C h e 1 i u s 



■^ »Brüder« zweimal vom Kaiser unterstrichen. 

" "Haager Schiedsspruch« zweimal vom Kaiser unterstrichen. 



55 

Nr. 338 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 177 St. Petersburg, den 28. Juli 1914* 

Sasonovv versuchte heute, mich davon zu überzeugen, daß 
Serbiens Antwortnote tatsächlich alles enthalte, was Österreich von 
Serbien verlangen könne. Wenn daher Österreich die Note als 
unbefriedigend erkläre, so beweise es, daß es Krieg unter allen Um- 
ständen wolle. Ich lehnte Diskussion über Note freundlich, aber 
entschieden ab, unter Hinweis auf bekannten deutschen Stand- 
punkt, daß Angelegenheit ausschließlich austro-serbisch sei. Mi- 
nister appellierte dann wieder an meine Mitwirkung, um 
k. Regierung zur Teilnahme an Vermittelungsaktion zu bewegen. 
Ich entgegnete, alles für etwaige Entschließungen meiner Regierung 
in dieser Richtung wichtige Material hätte ich Ew. Exz. bereits 
übermittelt, insbesondere über den Wunsch Sasonows berichtet, 
einen Weg zu finden, um unter tunlichster Schonung serbischer 
Souveränitätsrechte berechtigten österreichischen Forderungen Ge- 
nugtuung zu verschaffen. Mehr könnte ich nicht tun. Ob meine 
Regierung den Sir E. Greyschen Vorschlag wegen Konversationen 
zu vieren annimmt, wüßte ich nicht, sicher aber sei, daß das 
schlechteste Mittel, Deutschland zur Teilnahme an Mediation zu 
bewegen, das von der hiesigen Presse eingeschlagene eines Ver- 
hetzungsversuchs zwischen Österreich und Deutschland sei. Alle 
plumpen Manöver, um zwischen uns und Österreich Mißtrauen zu 
säen, seien von vornherein zum Scheitern verurteilt und könnten 
der Sache des Friedens nur schaden. Minister werde daher gut 
daran tun, solchem Vornehmen zu steuern. Habe Minister ferner 
auf uns zugegangene zuverlässige Nachrichten hingewiesen, die 
keinen Zweifel ließen, daß militärische Vorbereitungen im Gange 
sind, die über das hinausgehen, was Kriegsminister unserem Militär- 
attache gesagt habe. Ich könne mir dies nur dadurch erklären, 
daß Chefs der Militärbezirke in den von ihnen angeordneten Maß- 
nahmen vielleicht weitergingen, als hier beabsichtigt werde. Jeden- 
falls sehe ich mich genötigt, von neuem mit dem allergrößten Ernst 
auf die Gefahr hinzuweisen, die im gegenwärtigen kritischen Augen- 
blick daraus entstehen könnte, daß weitgehende militärische Vor- 
bereitungen getroffen würden. Auf meine Bitte haben sich mein 
italienischer und englischer Kollege bereit erklärt, Sasonow eben- 
falls diese Gefahr vor Augen zu halten. 

Pourtal^s 



* Nach der Entzitl'erung. 

•* Aufgegeben in Petersburg 28. Juli 8^'^ nachm., angekommen im Aus- 
wartigen Amt 29. Juli 6^^ vorm. Eingangsvermerk: 29. Juli vorm. 



56 



Nr. 339 

Der Botschafter in Petersburg an den Reichskanzler^ 

St. Petersburg, den 27. Juli 1914^ 

Auf dringenden Wunsch des Militärattach6s, 
Majors von Eggeling, welcher ausführhche Meldungen 
über die militärische Lage möglichst bald nach Berün 
gelangen lassen möchte, schicke ich heute abend den 
Feldjäger an die Grenze mit der Weisung, sofort 
hierher zurückzukehren. 

Da mir bis zum Schluß der Expedition nur 
wenig freie Zeit übrig bleibt, muß ich mich darauf 
beschränken, Ew. Exz. kurz über die hiesige Situation 
und Stimmung zu berichten. 

Seit gestern ist in der Haltung des Herrn 
Sasonow eine ganz auffallende Änderung eingetreten, 
die auch von meinen Kollegen konstatiert wird. Die 
Erklärung, daß Österreich-Ungarn keine territorialen 
Erwerbungen beabsichtigt und unsere entschiedene 
Zurückweisung der Insinuation, als hätten wir in 
der Absicht, einen Konflikt heraufzubeschwören, 
Österreich-Ungarn angestiftet, hat hier eine sicht- 
dann muß dieMobil- liehe Beruhigung- hervorgerufen. 
machwig eingestellt Ebenso atmet man erleichtert auf, daß bereits 

werden. beinahe 48 Stunden vergangen sind, seitdem die un- 

befriedigende Antwort Serbiens an Österreich- Ungarn 
erfolgte, ohne daß man von einem Einrücken Öster- 
reichs in Serbien gehört hat. Man hatte hier offen- 
bar bestimmt damit gerechnet, daß eine Weigerung 
Serbiens, die Forderungen Österreichs zu erfüllen, den 
unmittelbaren Ausbruch der Feindseligkeiten zur 
Folge haben werde. 

Herr Sasonow ist jetzt sichtlich bemüht, einen 
Ausweg zu finden. Er erkennt neuerdings sogar die 
Berechtigung des österreichischen Vorgehens gegen 
Serbien im Prin:{ip an, gibt sich aber immer noch 



^ Nach der Ausfertigung. 

2 Abgegangen am 27. Juli, Eingangsvermerk des Ausv/ärtigen Amts: 29. Juli. 
Am 30. Juli an den Kaiser gesandt, der durch Randverfügung Mitteilung nach 
Wien, London und Paris anordnete, die indessen unterblieben ist; vom 
Kaiser am 31. Juli ins Amt zurückgelangt. 



Nein ! 



;« 



das war selbstver- 
ständlich 
wie kindisch! 



sehr bezeichnend 
und richtig! 



gut 



bl 

der Hoffnung hin, daß Österreich-Ungarn sich bereit 
finden könnte, seine Forderungen in der Form ettuas 
lu mäßigen. Ich habe dem Minister gesagt, ich 
könnte ihm in dieser Hinsicht gar keine Aussichten 
eröffnen und ihm nur raten, falls er aus seinen Kon- 
versationen mit Graf Szäpäry Hoffnungen zu schöpfen 
glaube, sich direkt nach Wien ^u wenden. 

Seit der gestrigen Unterredung des Ministers 
mit meinem österreichisch-ungarischen Kollegen ist die 
hiesige Regierung offenbar bestrebt, die Situation 
als gebessert hinzustellen und im Sinne der Beruhigung 
zu wirken. Die Presse hat offenbaj das mot d'ordre 
erhalten, unsere Erklärung, daß wir Österreich- 
Ungarn nicht angestiftet hätten, als beruhigendes 
Symptom \u besprechen. 

Aus Bankkreisen erfaiire ich, daß die deutliche 
Besserimg in der Stimmung der heutigen Börse auf 
Einwirkung der Regierung zurückzuführen ist. Reichs- 
bank und Finanzministerium haben zu diesem Zwecke 
bei der Börse interveniert. 

Die Unterredung, zu welcher der Kriegsminister 
den Militärattache, Major von Eggeüng, gestern 
abend eingeladen hat, sollte ebenfalls offenbar dem 
Zwecke der Beruhigtmg dienen. 

Im allgemeinen ist von Kriegsbegeisterung hier 
wenig \u merken, und der Regierung dürfte es in 
diesem Augenblick schwer^ werden, \u behaupten, 
daß sie von der öffentlichen Meinung debordiert ^ 
werde. 

Der Durchmarsch der aus dem Lager von 
Krasnoje Selo zurückberufenen Truppen durch die 
Straßen wird, wie ich mich selbst überzeugt habe, 
vom Publikum mit der größten Teilnahmslosigkeit 
betrachtet, ohne daß jemand auch nur daran denkt, 
dem Militär Ovationen zu bringen. 

Spät in der Nacht soll es allerdings zu einigen 
nationaHstischen Manifestationen auf dem Newski 
Prospekt gekommen sein. Im allgemeinen aber ge- 
winnt man den Eindruck, daß die Stimmung ge- 
drückt ist. 



3 »schwer« vom Kaiser zweimal unterstrichen. 
* »debordiert" vom Kaiser zweimal unterstrichen. 



5« 



Heute nacht ist es auch anscheinend wieder 
zu Zusammenstößen mit der Arbeiterbevölkerung ge- 
kommen. Etwas Bestimmtes darüber zu erfahren, 
ist schwierig, da keine Nachrichten über diese Vor- 
gänge mehr veröffentlicht werden dürfen. Es war 
aber deutlich zu hören, daß in einem vom Zentrum 
der Stadt entfernten Viertel längere Zeit hindurch 
geschossen ypurde. 

F. Pourtales 



Nr. 340 

Der Reichskanzler an den Staatssekretär des Auswärtigen * 

Berlin, den 29. Juli 19 14 

Ist nicht doch noch ein Telegramm nach Wien notwendig, 
in dem wir scharf erklären, daß wir die Art, wie Wien die Kompen- 
sationsfrage mit Rom behandelt, für absolut ungenügend ansehen 
und die Verantwortung, welche sich daraus für die Haltung Italiens 
in einem etwaigen Kriege ergibt, voll Wien zuschieben? Wenn an 
dem Vorabend einer möglichen europäischen Konflagration Wien in 
dieser Weise den Dreibund zu sprengen droht, gerät das eesamte 
Bündnis ins Wanken. Die Erklärung Wiens, daß es sich im Falle 
dauernder Besetzung serbischer Gebietsteile mit Italien benehmen 
werde, steht überdies im Gegensatz zu seiner [-en] in Petersburg 
bezüglich seines territorialen Desinteressements abgegebenen Ver- 
sicherungen. Die in Rom abgegebenen Erklärungen werden mit 
Sicherheit in Petersburg bekannt. Eine Politik mit doppeltem 
Boden können wir als Bundesgenossen nicht unterstützen. 

Ich halte das für notwendig. Sonst können wir in Petersburg 
nicht weiter vermitteln und geraten gänzlich ins Schlepptau Wiens. 
Das will ich nicht, auch nicht auf die Gefahr, des Flaumachens be- 
schuldigt zu werden. 

Falls keine Bedenken Ihrerseits, bitte ich um schleunige Vor- 
legung eines entsprechenden Telegramms 2. 

V. Bethmann Holl weg 



' Bei den Akten befindliche Aufzeichnung von der Hand des Reichskanzlers. 
^ Siehe. Nr. 361. 



59 

Nr. 341 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Paris ^ 

Telegramm 172 Berlin, den 29. Juli 1914^ 

Dringend ! 

Nachrichten über französische Kriegsvorbereitungen mehren 
sich'. Bitte dortige Regierung darauf anreden und darauf aufmerk- 
sam machen, daß wir uns durch derartige Maßnahmen zu Schutz- 
maßregeln gezwungen sehen würden. Wir müßten »Kriegsgefahr« 
proklamieren, was zwar noch nicht Mobilisierung und keine Einbe- 
rufungen bedeute, aber immerhin Spannung erhöhen würde. Wir 
hofften fortgesetzt auf Erhaltung des Friedens. 

Bethmann Holl weg 



' Nach dem Konzept. Entwurf von Jagows Hand. Vgl. deutsches Weiß- 
buch vom Mai 19 15, Seite 32 Nr. 19. 

''■ \i^ nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

^ Von den Situationsberichten, die der Große Generalstab vom 27. Juli bis 
I.August 1914 täglich erstellt hat, sind die Berichte vom 27. und 28. Juli 
nicht in den Akten des Auswärtigen Amts. Vgl. hierzu deutsches Weiß- 
buch vom Juni 1919, Anlage II, kleine Ausgabe Seite 73 und 74, große 
Ausgabe Seite 52; Situationsbericht vom 29. Juli siehe Nr. 372. Außerdem 
war am 27. Juli eine telegraphische Meldung des Gesandten in Bern ein- 
getroffen (Bern ab 27. Juli i*° nachm., Berlin Auswärtiges Amt an 
3" nachm.), »daß französisches 14. Korps Manöver abgebrochen und 
Garnison zurückgekehrt. Romberg.« Vgl. deutsches Weißbuch vom Mai 
1915, Seite 28 Nr. 9. 



Nr. 342 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Petersburg ' 

Telegramm 134 Berlin, den 29. Juli 1914* 

Bitte Herrn Sasonow sehr ernst darauf hinweisen, daß weiteres 
Fortschreiten russischer Mobilisierungsmaßnahmen uns zur Mobil- 
machung zwingen würde, und daß dann europäischer Krieg kaum 
noch aufzuhalten sein werde'. 

Bethmann Holl weg 

' Nach dem Konzept. Entwurf von Stumms Hand. 
" 12"* nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
•' Siehe Nr. 378 und 401. 



6o 



Nr. 343 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 183 St. Petersburg, den 29. Juli 1914^ 

Dringend! 

Inhalt der Telegramme Nr. 130 und 131* soeben bei Sasonow 
verwertet. Sie machten sichtlich guten Eindruck. Minister be- 
merkte aber, es seien leider bis jetzt keine Anzeichen vorhanden, 
daß Wien darauf eingehe, Weg direkten Gedankenaustausches mit 
St. Petersburg zu beschreiten.* Herr Schebeko, der in diesem Sinne 
Weisungen erhalten habe, melde noch nichts von Unterredungen mit 
maßgebenden Persönlichkeiten, ebenso erkläre Graf Szäpäry, keine 
Instruktionen zu haben. Es müsse daher an gutem Willen Öster- 
reichs gezweifelt werden. 

Überdies habe Österreich acht Korps mobilisiert, und diese 
Maßregel müsse als zum Teil gegen Rußland gerichtet angesehen 
werden. Daher sehe sich Rußland ebenfalls zur Mobilmachung der 
Militärbezirke an österreichischer Grenze genötigt. Der betreffende 
Befehl werde heute gegeben werden. Als ich gegen diese Maß- 
regeln die allerernstesten Bedenken erhob, suchte mich Minister 
davon zu überzeugen, daß in Rußland Mobilmachung noch lange 
nicht wie in westeuropäischen Staaten Krieg bedeute, russische 
Armee würde eventuell Wochen hindurch Gewehr bei Fuß stehen 
können, ohne Grenze zu überschreiten. Rußland wolle, wenn irgend 
möglich, Krieg vermeiden. Ich erwiderte, diese Erklärungen be- 
ruhigten mich nicht. Die Gefahr jeder militärischen Maßregel liege 
in Gegenmaßregeln der anderen Seite. Der Gedanke liegt nahe, 
daß die Generalstäbe der eventuellen Gegner Rußlands die Karte des 
großen Vorsprunges über Rußland in Mobilmachung nicht würden 
aufgeben wollen und auf Gegenmaßregeln drängten. Ich bitte 
dringend, diese Gefahr zu bedenken, Herr Sasonow beteuerte noch- 
mals feierlich, daß gegen uns nicht das Geringste geschehe. Ich er- 
widerte unter Betonung, daß mir jede Drohung fernliegt, unsere 
Bündnisverpflichtungen gegen Österreich seien ihm bekannt. 

Pourtales 

^ Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Petersburg, 2g. Juli, i^^ nachm., angekommen im Aus- 
wärtigen Amt 29. Juli, 2^^ nachm.; Eingangsvermerk: 29. Juli nachm. 
Betr. Mitteilung an den Kaiser siehe Nr. 39g. In der »Norddeutschen 
Allgemeinen Zeitung« vom 26. Februar 1916 ist Pourtales' Telegramm irrig 
vom 28. Juli datiert. 

^ Siehe Nr. 300 und 315. 

* Siehe hierzu und zum Folgenden auch Nr. 385. 



6i 



Nr. 344 

Der Militärbevollmächtigte am russischen Hofe an das 
Auswärtige Amt^ 

Telegramm 184 St. Petersburg, den 29. Juli 1914^ 

Für S. M. 

In Umgebung Kaisers war man noch 

gestern voller Hoffnung auf friedliche 

Lösung, heute nach der Kriegserklärung 

hält man einen allgemeinen Krieg für 

fast unvermeidlich, während man vor 

Erscheinen der Antwortnote Serbiens für 

den Gedanken Verständnis zeigte, daß 

Österreich berechtigt sei, von Serbien 

Genugtuung zu verlangen, ist man nun- 

diese Auslegung mehr nach Ablehnung der nach hiesiger 

war ^u befürch- j^nsicht sehr entgegenkommenden Ant- 

'^"- wort Serbiens der Überzeugimg, daß 

Österreich mala fide gehandelt hat, den 

Krieg sucht und will. 

Dies hat die Stimmung sehr zu- 
gunsten Serbiens gehoben, welches gegen 
das schroffe und ungerechte Vorgehet! 
Österreichs zu schütten, Rußland für seine 
Pßicht halte, ungeachtet der schweren 
Folgen, welche hierdurch einti-eten wer- wie ist das mög- 
den. Man mll keinen Kriegt und möchte ^'^^h ^i'^"" '"f" 
ihn noch vermeiden und bedauert, daß entschlossen ist 
doch wir l^ es keiner Macht gelungen ist, öster- '^. '^" . ^^^^" 
reich von dem gefahrvollen Schritt ab- , . , , ^ ^ 
\uh alten. ^ 

Chelius 



^ Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Petersburg 2^" nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 3'° nachm. Eingangsvermerk: 29. Juli nachm. Entzifferung lag dem 
Kaiser vor, von ihm am 30, Juli ins Amt zurückgelangt. 

* »will keinen Krieg« vom Kaiser zweimal unterstrichen. 

* Im Original auf der linken Seite. 

* »doch wir!« vom Kaiser zweimal unterstrichen. 



62 



Nr. 345 

Der Botschafter in Paris an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 228 Paris, den 29. Juli 1914* 

Der stellvertretende Minister der auswärtigen Angelegenheiten, 
dem ich vertraulich von unseren Bemühungen Kenntnis gab, von 
Wien Äußerung zu erlangen, die zur Beruhigung von St. Petersburg 
benutzt werden könnte*, erblickt hierin erfreulichen Beweis unseres 
guten Willens zur Vermeidung der Erweiterung des, Konflikts, Er 
meinte, es wäre gut, wenn wegen erregender Rückwirkung in Ruß- 
land blutige Ereignisse in Serbien vermieden werden könnten. 
Rußland habe eben deshalb Serbien geraten, Belgrad zu räumen. Ich 
erwiderte, wir könnten Österreich nicht in den Arm fallen. Auf 
die Frage des Ministers, ob für späteren Zeitpunkt Zurückkommen 
auf Gedanken von Sir E. Grey möglich, antwortete ich ausweichend. 

Minister wäre dankbar, über Erfolg unserer Bemühungen auf 
laufendem gehalten zu werden, um eventuell an Beruhigung von 
St. Petersburg teilnehmen zu können. 

S ch o en 



' Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Paris i*° nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
333 nachm. Eingangsvermerk: 29. Juli nachm. 

3 Siehe Nr. 315, Anm. 2. 



Nr. 346 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 127 Wien, den 29. Juli 1914* 

Graf Berchtold hatte heute eine längere, sehr freundschaftliche 
Unterredung mit Herrn de Bunsen. Letzterer hat betont, daß England 
lediglich Interesse an Aufrechterhaltung europäischen Friedens 



' Nach der Entzifferung. 

•^ Aufgegeben in Wien 1^ nachm., angekommen im Auswärtigen ' Amt 
33« nachm. Eingangsvermerk: 29. Juli nachm. 



63 

habe und selbstverständlich alles versucht, um diesen zu erhalten. 
An Serbien habe England keinerlei Interesse, auch keine Sympathien 
für die Serben. 

Graf Berchtold hat dem britischen Botschafter eingehend aus- 
einandergesetzt, daß es gerade Serbien sei, das mit seiner unver- 
antwortlichen Politik den dauernden Frieden Europas gefährdet, 
und daß es im eigensten Interesse Europas liege, daß der Störenfried 
Serbien einmal gründlich zur Ruhe verwiesen werde. Er, der Bot- 
schafter, sei zwar noch nicht lange hier, aber er würde doch schon 
genügenden Einblick in hiesige Verhältnisse erhalten haben, um 
beurteilen zu können, daß sich die Monarchie im Stande der Ver- 
teidigung gegen die serbischen Wühlereien befinde, und daß die 
treibenden Kräfte für die österreichische Aktion viel tiefer lägen als 
in der einen oder anderen Forderung der Note. Er, der Minister, 
bitte ihn, dies seiner Regierung möglichst klar darzulegen. 

Irgendwelche bestimmten Vorschläge hat de Bunsen nicht ge- 
macht. Die Unterhaltung habe sich ganz allgemein gehalten, und 
der Botschafter habe mit sichtlichem Verständnis seine, des 
Ministers, Ausführung angehört. 

Tschirsch ky 



Nr. 347 

Der Botschafter in Wien an den Reichskanzler ^ 

Wien, den 28. Juli 1914'' 

Ew. Exz. beehre ich mich, unter Bezugnahme auf Vorgänge 
anliegend den Text der serbischen Antwortnote' nebst Anmerkungen 
zur geneigten Kenntnisnahme gehorsamst zu unterbreiten. 

von Tschirschky 



Nach der Ausfertigung. 

Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 29. Juli nachm. 
Die Übersetzung der Note mit dem Kommentar der Wiener Regierung 
liegt den Akten bei, sie ist wiederholt veröffentlicht: »Norddeutsche All- 
gemeine Zeitung« vom 29. Juli 1914, deutsche Weißbücher vom August 
1914 und Mai 1915 S. 14 — 21. Französischen Text ohne Kommentar siehe 
Nr. 271. 



64 



Nr. 348 

Der österreichisch-ungarische Generalkonsul in Warschau 
an das Wiener Ministerium des Äußern^ 

Telegramm Szczakowa, 27. Juli 1914^ 

Wegen Unsicherheit des Telegraphen sende hiermit Duplikat 
meines vormittägigen Telegramms Nr. 6 durch sichere Person. 

Im Laufe des gestrigen Tages vollzog sich Abbruch der 
Manöver und Zusammenziehung sämtlicher Truppen in der Stadt 
sowie große militärische Konferenz unter Teilnahme sämtlicher 
Generale. Abends wurde größeres Artilleriekontingent, wie es 
heißt eine Brigade, auf dem Wiener Bahnhof einwaggoniert. Vom glei- 
chen Bahnhof gingen nachts sieben Züge hauptsächlich mit Sappeuren 
zur Bewachung der Brücken usw. ab. Bisher hat, wie ich aus 
Stichproben konstatiere, Einberufung von hiesigen Reservisten 
noch nicht stattgefunden, was allerdings auch im russisch- 
japanischen Krieg erst später geschehen ist. 

Diese Nacht erfolgte Explosion von einem oder mehreren 
Pulvermagazinen auf der Zitadelle. Brand währte über fünf 
Stunden, mehrere Menschenopfer. Schaden sehr bedeutend, je- 
doch nach Umfang der Verwüstungen in Umgebung zuerst gemeldete 
Explosion sämtlicher Pulverkammern unwahrscheinlich. Offiziell 
wird als Ursache Blitzschlag angegeben. 

Soeben erhalte ich Nachricht, daß auf der Hauptpost Bomben- 
explosion. Mehrere Verwundete, Urheber unbekannt. 

Soeben erfahre, daß heute morgen litauisches und wol- 
hynisches Regiment am Wiener Bahnhof einwaggoniert. 

Baron A n d r i a n 



Nach der Entzifferung. 

Dem deutschen Botschafter in Wien von der dortigen Regierung zur 
Verfügung gestellt und von ihm am 28. Juli mit Depeschenkasten übersandt. 
Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 29. Juli nachm. Das Telegramm 
ist in Szczakowa am 27. Juli 10"* nachm. abgegangen und in Wien am 
28. Juli 9" vorm. eingetroffen. 



65 



Nr. 349 

Der Große Gcneralstab an den Reichskanzler^ 

Berlin, den 29. Juli 1914' 
Zur Beurteilung der politischen Lage 

Es ist ohne Frage, daß kein Staat Europas dem Konflikt 
zwischen Österreich und Serbien mit einem anderen als wie 
menschlichen Interesse gegenüberstehen würde, wenn in ihn nicht 
die Gefahr einer allgemeinen politischen Verwickelung hineinge- 
tragen wäre, die heute bereits droht, einen Weltkrieg zu entfesseln. 
Seit mehr als fünf Jahren ist Serbien die Ursache einer europäischen 
Spannung, die mit nachgerade unerträglich werdendem Druck auf 
dem politischen und wirtschaftlichen Leben der Völker lastet. Mit 
einer bis zur Schwäche gehenden Langmut hat Österreich bisher 
die dauernden Provokationen und die auf Zersetzung seines staat- 
lichen Bestandes gerichtete politische Wühlarbeit eines Volkes er- 
tragen, das vom Königsmord im eigenen zum Fürstenmord im 
Nachbarlande geschritten ist. Erst nach dem letzten scheußlichen 
Verbrechen hat es zum äußersten Mittel gegriffen, um mit glühen- 
dem Eisen ein Geschwür auszubrennen, das fortwährend den 
Körper Europas zu vergiften drohte. Man sollte meinen, daß ganz 
Europa ihm hätte Dank wissen müssen. Ganz Europa würde auf- 
geatmet haben, wenn sein Störenfried in gebührender Weise ge- 
züchtigt und damit Ruhe und Ordnung auf dem Balkan hergestellt 
worden wäre, aber Rußland stellte sich auf die Seite des verbreche- 
rischen Landes. Erst damit wurde die österreichisch-serbische An- 
gelegenheit zu der Wetterwolke, die sich jeden Augenblick über 
Europa entladen kann. 

Österreich hat den europäischen Kabinetten erklärt, daß es 
weder territoriale Erwerbungen auf Kosten Serbiens anstreben 
noch den Bestand dieses Staates antasten wolle, es wolle den un- 
ruhigen Nachbar nur zwingen, die Bedingungen anzunehmen, die es 
für ein weiteres Nebeneinanderleben für nötig hält, und die Serbien, 
wie die Erfahrung gezeigt hat, trotz feierlicher Versprechungen 
ungezwungen niemals halten würde. Die österreichisch-serbische 
Angelegenheit ist eine rein private Auseinandersetzung, für die, 
wie gesagt, kein Mensch in Europa ein tiefergehendes Interesse 
haben würde, das in keiner Weise den europäischen Frieden be- 
drohen, sondern im Gegenteil ihn festigen würde, wenn nicht Ruß- 



Randvermerk des Reichskanzlers : » Vom Generalstab übergeben v. B. H. 29.« 
Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 29. Juli, 

Aktenstücke II. 6 



66 

land sich eingemischt hätte. Das erst hat der Sache den bedroh- 
lichen Charakter gegeben. 

Österreich hat nur einen Teil seiner Streitkräfte, acht Armee- 
korps, gegen Serbien mobilisiert. Gerade genug, um seine Straf- 
expedition durchführen zu können. Demgegenüber trifft Rußland 
alle Vorbereitungen, um die Armeekorps der Militärbezirke Kiew 
und Odessa und Moskau, in Summa zwölf Armeekorps, in kürzester 
Zeit mobilisieren zu können und verfügt ähnliche vorbereitende 
Maßnahmen auch im Norden, der deutschen Grenze gegenüber und 
an der Ostsee. Es erklärt, mobilisieren zu wollen, wenn Österreich 
in Serbien einrückt, da es eine Zertrümmerung Serbiens durch 
Österreich nicht zugeben könne, obgleich Österreich erklärt hat, daß 
es an eine solche nicht denke. 

Was wird und muß die weitere Folge sein? Österreich wird, 
wenn es in Serbien einrückt, nicht nur der serbischen Armee, son- 
dern auch einer starken russischen Überlegenheit gegenüberstehen, 
es wird also den Krieg gegen Serbien nicht durchführen können, 
ohne sich gegen ein russisches Eingreifen zu sichern. Das heißt, 
es wird gezwungen sein, auch die andere Hälfte seines Heeres 
mobil zu machen, denn es kann sich unmöglich auf Gnade und Un- 
gnade einem kriegsbereiten Rußland ausliefern. Mit dem Augen- 
blick aber, wo Österreich sein ganzes Heer mobil macht, wird der 
Zusammenstoß zwischen ihm und Rußland unvermeidlich werden. 
Das aber ist für Deutschland der casus foederis. Will Deutschland 
nicht wortbrüchig werden und seinen Bundesgenossen der Ver- 
nichtung durch die russische Übermacht verfallen lassen, so muß es 
auch seinerseits mobil machen. Das wird auch die Mobilisierung 
der übrigen Militärbezirke Rußlands zur Folge haben. Dann aber 
wird Rußland sagen können, ich werde von Deutschland ange- 
griffen, und damit wird es sich die Unterstützung Frankreichs 
sichern, das vertragsmäßig verpflichtet ist, an dem Kriege teilzu- 
nehmen, wenn sein Bundesgenosse Rußland angegriffen wird. Das 
so oft als reines Defensivbündnis gepriesene französisch-russische 
Abkommen, das nur geschaffen sein soll, um Angriffsplänen 
Deutschlands begegnen zu können, ist damit wirksam geworden, 
und die gegenseitige Zerfleischung der europäischen Kulturstaaten 
wird beginnen. 

Man kann nicht leugnen, daß die Sache von Seiten Rußlands 
geschickt inszeniert ist. Unter fortwährenden Versicherungen, daß 
es noch nicht »mobil« mache, sondern nur »für alle Fälle« Vor- 
bereitungen treffe, daß es »bisher« keine Reservisten einberufen 
habe, macht es sich soweit kriegsbereit, daß es, wenn es die Mobil- 
machung wirklich ausspricht, in wenigen Tagen zum Vormarsch 
fertig sein kann. Damit bringt es Österreich in eine verzweifelte 
Lage und schiebt ihm die Verantwortung zu, indem es doch Öster- 
reich zwingt, sich gegen eine russische Überraschung zu sichern. 
Es wird sagen: Du Österreich machst gegen uns mobil. Du willst 



67 

also den Krieg mit uns. Gegen Deutschland versichert Rußland, 
nichts unternehmen zu wollen, es weiß aber ganz genau, daß 
Deutschland einem kriegerischen Zusammenstoß zwischen seinem 
Bundesgenossen und Rußland nicht untätig zusehen kann. Auch 
Deutschland wird gezwungen werden, mobil zu machen, und wieder- 
um wird Rußland der Welt gegenüber sagen können: »Ich habe den 
Krieg nicht gewollt, aber Deutschland hat ihn herbeigeführt.c So 
werden und müssen die Dinge sich entwickeln, wenn nicht, fast 
möchte man sagen, ein Wunder geschieht, um noch in letzter 
Stunde einen Krieg zu verhindern, der die Kultur fast des gesamten 
Europas auf Jahrzehnte hinaus vernichten wird. 

Deutschland will diesen schrecklichen Krieg nicht herbei- 
führen. Die deutsche Regierung weiß aber, daß es die tiefge- 
wurzelten Gefühle der Bundestreue, eines der schönsten Züge deut- 
schen Gemütslebens, in verhängnisvoller Weise verletzen und sich 
in Widerspruch mit allen Empfindungen ihres Volkes setzen würde, 
wenn sie ihrem Bundesgenossen in einem Augenblick nicht zu Hilfe 
kommen wollte, der über dessen Existenz entscheiden muß. 

Nach den vorliegenden Nachrichten scheint auch Frankreich 
vorbereitende Maßnahmen für eine eventuelle spätere Mobilmachung 
zu treffen. Es ist augenscheinlich, daß Rußland und Frankreich 
in ihren Maßnahmen Hand in Hand gehen. 

Deutschland wird also, wenn der Zusammenstoß zwischen 
Österreich und Rußland unvermeidlich ist. mobil machen und bereit 
sein, den Kampf nach zwei Fronten aufzunehmen. 

Für die eintretendenfalls von uns beabsichtigten militärischen 
Maßnahmen ist es von größter Wichtigkeit, möglichst bald Klarheit 
darüber zu erhalten, ob Rußland und Frankreich gewillt sind, es 
auf einen Krieg mit Deutschland ankommen zu lassen. Je weiter 
die Vorbereitungen unserer Nachbarn fortschreiten, um so schneller 
werden sie ihre Mobilmachung beendigen können. Die militärische 
Lage wird dadurch für uns von Tag zu Tag ungünstiger und kann, 
wenn unsere voraussichtlichen Gegner sich weiter in aller Ruhe 
vorbereiten, zu verhängnisvollen Folgen für uns führen. 



Nr. 350 

Der Botschafter in Paris an den Reichskanzler' 

Paris, den 28. Juli 1914' 

Im Laufe einer Unterredung mit dem stellvertretenden Minister 
des Äußern habe ich einfließen lassen, es sei befremdend, daß der Ge- 



* Nach der Ausfertigung. 

' Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 29. Juli nachm. 

6* 



68 

danke, daß wir treibend hinter Österreich-Ungarn stehen und damit 
verantwortlich würden, wenn aus dem österreichisch-serbischen ein 
allgemeiner Konflikt werden sollte, nicht nur in der französischen 
Presse zum Ausdruck komme, sondern auch in den Köpfen von hoch- 
stehenden Persönlichkeiten zu spuken scheine, die besser belehrt 
sein sollten, und in deren Munde derartige Insinuationen unheilvoll 
wirken können. Ich wollte nicht deutlicher werden, glaube aber, 
daß Herr Bienvenu-Martin mich verstanden hat. Er meinte, die 
Presse beschuldige uns nicht, Österreich-Ungarn direkt vorwärts zu 
schieben, sondern nur, unseren Verbündeten nicht zurückzuhalten. 
Es sei eben schwer anzunehmen, daß Österreich-Ungarn so vorge- 
gangen, wie geschehen, wenn es nicht unseres, Rückhaltes sicher ge- 
wesen, womit er selbstverständlich nicht andeuten wolle, daß unserer 
Versicherung, daß wir von dem Wortlaut der österreichischen Note 
nicht vorherige Kenntnis gehabt, nicht unbedingter Glaube beizu- 
messen sei. Aber Tatsache sei, daß wir von vornherein erklärt, daß 
wir das Vorgehen und die Forderungen Österreich-Ungarns billigten, 
und jetzt auch nicht geneigt schienen, unseren Verbündeten auf dem 
beschrittenen Wege, der zu schweren Komplikationen führen könne, 
aufzuhalten. Ein maßvolles Verhalten Österreich-Ungarns sei aber 
Vorbedingung für eine erfolgreiche Vermittelungsaktion. Das beste 
Mittel zur Vermeidung eines allgemeinen Krieges sei die Ver- 
hinderung eines lokalen. Er meine daher, daß sich die Vermittelung 
zunächst das letztere Ziel setzen und Österreich-Ungarn durch die 
Zusicherung von Bürgschaften für Serbiens Sühne und künftiges 
Wohlverhalten zu beruhigen suchen sollte. 

Ich habe dem Minister erwidert, wir könnten nach alledem, 
was Serbien seit seinem Versprechen vom Jahre 1909 gegen die 
Doppelmonarchie unternommen habe, ohne von derjenigen Macht 
zurückgehalten zu werden, die das Prinzip der europäischen Auf- 
sicht aufstelle, nur verständlich finden, daß Österreich-Ungarn sich 
jetzt Recht und Ruhe, die ihm nicht gegeben worden, erzwinge. Wir 
hätten uns in seinen Streit mit Serbien nicht eingemischt, keinerlei 
Einfluß auf seine Entschließungen genommen und könnten dies auch 
jetzt nicht tun. Weiteren gefährlichen Folgen des Konfliktes wäre 
vorgebeugt, wenn alle Mächte sich zu gleicher Haltung wie wir 
entschließen wollten. Wir hätten von vornherein erklärt, daß die 
Lokalisierung des Konfliktes das ernste Bestreben der Mächte sein 
müsse. Demgemäß würden wir uns an Bemühungen zur Ver- 
hinderung einer allgemeinen Konflagration beteiligen, vorausgesetzt, 
daß sie nicht darauf abzielen, Österreich-Ungarn gegen seinen Willen 
an der Verfolgung seiner nur zu sehr berechtigten Forderungen zu 
hindern. 

V. S c h o e n 



69 



Nr. 351 

Der vortragende Rat im Auswärtigen Amt von Bergen 
an den Staatssekretär des Auswärtigen^ 

Berlin, den 29. Juli 1914* 

Herr Beldiman, den ich möglichst auf dem laufenden halte, er- 
suchte mich heute, Ew. Exz. die dringende Bitte zu wiederholen, 
seine Regierung rechtzeitig zu informieren, wenn die Ereignisse zum 
Kriege drängen sollten. Seine Regierung braucht unbedingt einige 
Tage, um die Parteiführer und die öffentliche Meinung auf eine 
Aktion gegen Rußland vorzubereiten. 

V. B[ergen] 

* Aufzeichnung in Maschinenschrift, paraphiert von Bergen. 
^ Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 29. Juli nachm. Jagow nahm 
von der Mitteilung noch am 29. Juli Kennmis. 



Nr. 352 

Die österreichisch -ungarische Botschaft 
an das Auswärtige Amt^ 

Berlin, den 29. Juli 1914^ 

Obwohl Herr Sasonow ebenso wie der russische Kriegs- 
minister unter Ehrenwort versichert hat, daß eine Mobilisierung 
in Rußland bisher nicht angeordnet wurde, trifft Rußland dennoch 
nach übereinstimmenden Nachrichten aus Petersburg, Kiew, War- 
schau, Moskau und Odessa umfangreiche militärische Vorberei- 
tungen. Auch hat der russische Kriegsminister dem k. deut- 
schen Militärattache gegenüber bemerkt, daß die gegen Öster- 
reich-Ungarn gelegenen russischen Militärbezirke (Kiew, Odessa, 
Moskau und Kasan) in dem Falle mobilisiert werden würden, als 
unsere Truppen die serbische Grenze überschritten. 

Der Chef des k. und k. Generalstabes hält es nun für unbe- 
dingt geboten, ohne Verzug Klarheit darüber zu gewinnen, 

* Nach der Ausfertigung. Ohne Unterschrift. 

^ Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts : 29. Juli nachm. Am Rand ver- 
merkt Jagow, daß der Reichskanzler Kenntnis gehabt hat. 



70 

ob wir mit starken Kräften gegen Serbien marschieren können 
oder unsere Hauptmacht gegen Rußland zu verwenden haben 
werden. Die Entscheidung dieser Frage bedingt die ganze Anlage 
des Feldzuges gegen Serbien. Wenn Rußland die erwähnten 
militärischen Bezirke tatsächlich mobilisiert, wäre es unerläßlich 
(schon mit Rücksicht auf die große Bedeutung des Zeitgewinnes 
für Rußland), daß sowohl Österreich-Ungarn als der ganzen 
Situation nach auch Deutschland sofortige weitestgehende 
Gegenmaßregeln ergreifen. 

Baron Conrads Ansicht erscheint Grafen Berchtold höchst 
beachtenswert, und derselbe glaubt daher, das Berliner 
Kabinett dringend ersuchen zu müssen, dem Gedanken näherzutreten, 
ob nicht Rußland in freundschaftlicher Weise aufmerksam gemacht 
werden sollte, daß die Mobilisierung obiger Bezirke einer Drohung 
gleichkomme und, falls sie zur Tat werde, sowohl seitens der 
Monarchie als vom verbündeten Deutschen Reich notwendigerweise 
weitestgehende militärische Gegenmaßregeln herausfordere. 

Graf Berchtold ist der Ansicht, daß ein solcher Schritt, um 
Rußland das eventuelle Einlenken zu erleichtern, vorerst allein von 
Deutschland unternommen werden sollte; doch wären wir natürlich 
auch bereit, den Schritt zu zweien zu machen. 

Eine deutliche Sprache erschiene Grafen Berchtold in diesem 
Augenblick als das wirksamste Mittel, um Rußland die ganze Trag- 
weite eines drohenden Verhaltens zum Bewußtsein zu bringen. 

Da ferner nach den dem Berliner Kabinett zugekommenen 
Nachrichten aus Bukarest in Rumänien günstige Dispositionen be- 
stehen, wären dieselben vielleicht zu benützen, um auch von Ru- 
mänien her einen Druck auf Rußland auszuüben. 

Zu diesem Zweck, meint die k. u. k. Regierung, sollten der 
Österreich-ungarische und der k. deutsche Gesandte in Buka- 
rest unverzüglich angewiesen werden, an König Carol mit dem Er- 
suchen heranzutreten, sei es durch eine von Rumänien auszufüh- 
rende Demarche in Petersburg (eventuell auch durch ein geheimes 
Telegramm des Königs Carol an Kaiser Nikolaus) oder durch 
öffentliche Bekanntgabe des Bündnisses offen zu erklären, daß im 
Falle einer europäischen Konflagration Rumänien an der Seite des 
Dreibundes gegen Rußland kämpfen wird. 

Um ihrem Zweck zu entsprechen, müßte diese Klarstellung bis 
spätestens i. August erfolgen. 

Die k. u. k. Regierung glaubt bestimmt annehmen zu dürfen, 
daß die maßgebenden Faktoren des Deutschen Reiches angesichts 
des für beide Reiche bedrohenden Verhaltens Rußlands diesen 
Vorschlägen ihre Zustimmung nicht versagen werden. 



71 



Nr. 353 

Der englische Botschafter an den Reichskanzler^ 

Sir Edward Goschen has been instructed by Sir Edward Grey 
to express to the Imperial Chancellor bis thanks for the confidence 
which His Excellency has shown, a confidence which Sir Edward 
Grey much appreciates and will respect in accordance with the Chan- 
cellor's wishes. If the Imperial Chancellor can succeed in inducing 
the Austro-Hungarian Government to give the Russian Government 
assurances which will satisfy the latter and to abstain from going 
so far as to come into collision with Russia "we shall all join 
together in gratitude that the peace of Europe has been preserved". 
The Chancellor may rely upon His Majesty's Government continuing 
to omit no opportunity of working for peace. 

Übersetzung 

Sir Edward Goschen ist von Sir Edward Grey beauftragt worden, dem 
Reichskanzler seinen Dank für das Vertrauen auszudrücken, daß S. Exz. 
bewiesen hat. Sir Edward Grey schätzt dieses Vertrauen hoch und wird 
dementsprechend die Wünsche des Kanzlers berücksichtigen. Wenn es dem 
Reichskanzler gelingt, die österreichisch-ungarische Regierung zu bewegen, 
daß sie der russischen Regierung Zusicherungen gibt, die diese letztere befrie- 
digen, und daß sie weitgehende Schritte vermeidet, die zu einem Konflikt 
mit Rußland führen, »werden wir alle vereint dafür Dank sagen, daß der Friede 
Europas erhalten wurde«. Der Kanzler möge sich darauf verlassen, daß Sr. M. 
Regierung fortfahren wird, keine Gelegenheit vorübergehen zu lassen, um 
für den Frieden zu arbeiten. 



' Nach der Ausfertigung. Ohne Datum, aber offenbar die Ausrichtung des 
Auftrages im englischen Blaubuch Nr. 77 vom 29. Juli. Der Reichskanzler 
hat noch am 29. Juli Kenntnis genommen. Am 30. Juli vnarde die Mit- 
teilung von Zimmermann ans Zentralbureau zurückgegeben, nachdem auch 
Jagow sie gelesen hatte. Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 
30. Juli nachm. 



72 



Nr. 354 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter 
in KonstantinopeP 

Berlin, den 29. Juli 1914* 

Ew. Exz. gefl. telegraphischer Bericht betr. griechische Rüstungen 
gegen die Türkei ist auf AUerh. Befehl unter Geheimhaltung der 
Quelle teilweise zur Kenntnis Sr. M. des Königs von Griechenland 
gebracht worden. Dieser hat hierauf nachstehendes Telegramm, das 
ich Ew. pp. zur gefälhgen persönhchen Information mitteile, an S. M. 
den Kaiser gerichtet: 

»Ich danke für das Telegramm wenn letztere es 

ehrlich meint !^« 

V. Jagow 



^ Nach dem Konzept. 

^ Abgegangen am 29. Juli. 

' Hier ist der Abschnitt »Ich danke für wenn letztere es ehrlich 

meint« von König Konstantins Telegramm (Nr. 243) nach Vornahme 
kleiner Änderungen und unter Fortlassung des Satzes »Die Bitte um 
Unterstützung nochmals an Ew. M.« eingefügt. 



Nr. 355 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 176 London, den 29. Juli 1914^ 

Bei meinem heutigen Besuch auf dem Foreign Office hatte ich 
eine kurze Unterredung mit Sir W. Tyrrell, der nach Sir E. Grey und 
angesichts der geringen Bedeutung Sir A. Nicolsons heute zweifellos 



1 Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in London 2^" nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
4^* nachm., Eingangsvermerk: 29. Juli nachm. Am 29. Juli von Jagow, 
nach Vornahme stilistischer Änderungen und unter Fortlassung der Worte 

»und angesichts Nicolsons«, telegraphisch dem Botschafter in 

Rom (141) mitgeteilt, g^ nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



73 

die einflußreichste und unterrichtetste Persönlichkeit dort ist. Er 
gab mir wiederum zu verstehen, daß nach ihren Nachrichten der 
Dreibund die Probe eines Weltkriegs nicht bestehen würde. Er 
wisse, daß Italien sich an einem wegen Serbien ausgebrochenen 
Weltkrieg nicht beteiligen würde, und wir sollten uns durch anders 
lautende amtliche Nachrichten nicht täuschen lassen. Ich vermute, 
daß diese Auffassung auf der Berichterstattung Sir Renel Rodds be- 
ruht, und ich hatte nicht den Eindruck, daß Sir W. T5n:rell sie er- 
funden hat, um uns einzuschüchtern. 

Lichnowsky 
Nr. 356 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt' 

Telegramm 128 Wien, den 29. JuH 1914^ 

Über seine heutige Unterredung mit Schebeko teilte mir Graf 
Berchtold mit, daß der russische Botschafter sehr konzihant in der 
Form gewesen, innerüch aber scheinbar ziemhch erregt gewesen sei, 
denn er sei kreideweiß gewesen. Der russische Botschafter hat 
ungefähr die gleiche Sprache geführt wie Sasonow dem Grafen 
Szäpary gegenüber, er hat davon geredet, daß sich wohl noch ein 
Modus finden Heße, imi beide Teile, Österreich und Serbien, zu be- 
friedigen. Der Minister hat dem freundschafthch entgegengehalten, 
er, der Botschafter, werde wohl in den letzten Tagen die Stimmimg 
der Bevölkerung in Wien und in der Monarchie beobachtet haben 
imd daraus ersehen haben, daß ein weiteres Paktieren mit Serbien 
für jede österreichisch-ungarische Regierung ganz unmöglich geworden 
sei, sie würde einfach hinweggefegt werden. Schebeko habe dann 
noch weiter, aber mit wenig innerer Überzeugung, mit dem Be- 
merken, daß er die Stimmung hier ja begreife, den Faden des 
Versuchs weiterer Pourparlers mit Serbien weiter gesponnen, ohne 
aber bestimmte Anträge oder Wünsche zu äußern. Die ganze 
Unterhaltung sei in freimdschaithchem Ton geführt worden. 

Tschirschky 



^ Nach der Entzifierung. 

^ Aufgegeben in Wien 2" nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 5'nachm., 
Eingangsvermerk: 29. Juli nachm. Für die Mitteilung an den Botschafter 
in Petersburg lag Entwurf Bergens vom 29. Juli vor, Mitteilung ist dann 
aber nicht erfolgt. 



74 



Nr. 357 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt' 

Telegramm 174 London, den 29. Juli 1914* 

Habe soeben mit Sir E. Grey gesprochen, der die Lage überaus 
ernst beurteilt. Den unangenehmsten Eindruck hat auf ihn ein 
gestriges Telegramm Sir Maurice de Bunsens gemacht, wonach Graf 
Berchtold Vorschlag Sasonows, Graf Szäpäry zu ermächtigen, mit 
ihm in Besprechungen des serbisch-österreichischen Streits einzu- 
gehen, unbedingt abgelehnt habe. Minister betrachtet auch heutigen 
direkten Gedankenaustausch zwischen Wien und Petersburg für den 
gangbarsten Weg, fragte mich aber, was geschehen soll, wenn, wie 
es nach dem Wiener Telegramm den Anschein habe, die Besprechun- 
gen zusammenbrechen. Ob wir alsdann in der Lage seien, irgend- 
einen Vorschlag zu machen? Er habe die Konferenz der hiesigen 
Botschafter angeregt, die uns nicht als gangbar erscheine, wir hätten 
die Vermittlung zu vieren aber angenommen, und er würde froh 
sein, wenn wir in der Lage wären, irgendeinen Vorschlag zu machen. 
Ich sagte, wir betrachteten den österreichisch-serbischen Zwist als 
eine Angelegenheit, in die wir uns nicht hineinmischen wollten, wir 
könnten auch Österreich keine Demütigungen zumuten. Österreich 
tue nur das, was es tun müsse, um an seiner Grenze Ruhe und Ord- 
nung zu schaffen. Das sei auch gleichzeitig ein Interesse des euro- 
päischen Friedens. Auch beabsichtige Österreich keinen territorialen 
Erwerb, sondern nur die Herstellung erträglichen Zustandes. 

Er entgegnete, er begreife vollkommen, daß Österreich nicht 
gedemütigt werden dürfe, davon könne nicht die Rede sein. Er 
hoffe, daß sich ein Ausweg finden lasse, der es Österreich ermögliche, 
volle Genugtuung zu bekommen, ohne daß es Rußland zumute, ruhig 
zuzusehen, bis Österreich an das äußerste Ende seiner kriegerischen 
Unternehmungen gelangt sei. Das wäre gleichbedeutend mit einer 
Demütigung Rußlands, die letzteres unmöglich hinnehmen könne. 



' Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in London 2® nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
5' nachm.; Eingangsvermerk: 29. Juli nachm. Betr. Mitteilung von 
Lichnowskys Telegramm an den Botschafter in Wien siehe Nr. 384. 



75 

Ich entgegnete, daß eigentlich Serbien Rußland direkt nichts an- 
ginge, und Rußland um so weniger Anlaß habe, sich in diesen grenz- 
nachbarlichen Streit einzumischen, als Österreich Serbien nicht zu 
annektieren beabsichtige. 

Er entgegnete, daß es ohne Annexion auch eine Form gebe, die 
Serbien in einen Vasallenstaat Österreichs verwandeln würde. Das 
könne und werde Rußland niemals mit ansehen. Rußlands Stellung 
bei der orthodoxen Christenheit stände auf dem Spiel. Er ließ hier- 
bei den Gedanken fallen, ob es denn nicht möglich sei, über die 
Ausdehnungen der militärischen Operationen Österreichs und über 
die Forderungen der Monarchie eine Verständigung herbeizuführen ? 

Aus den heutigen Ausführungen des Ministers entnahm ich 
von neuem, daß man hier fest davon überzeugt ist, wie ich mich 
wiederholt beehrt habe, Ew. Exz. zu berichten, daß ohne die Bereit- 
willigkeit Österreichs, in eine Erörterung der serbischen Frage ein- 
zutreten, der Weltkrieg unvermeidlich sein wird. 

Sir E. Grey ließ hierbei halb im Scherz die Bemerkung fallen, 

man könne nie wissen, welche Häuser bei einem derartigen Brand 

unversehrt bleiben würden, jetzt rüste sogar schon das kleine 
Holland. 

Der Minister war sichtlich erfreut über meine Mitteilung, daß 
Ew. Exz. bisher mit gutem Erfolg bestrebt gewesen sind, zwischen 
Wien und Petersburg zu vermitteln' und erklärte sich zu jeder Be- 
teiligung bereit, die Aussicht auf Erfolg verspräche. 

Ich bat den Minister von neuem, in Petersburg vor übereilten 
Entschlüssen zu warnen und namentlich zu verhindern, daß dort 
eine allgemeine Mobilmachung Platz greife, die auch unsere Grenze 
berühren würde. Die Folgen müßten unabsehbar sein. Der Mi- 
nister versprach mir wiederum, in diesem Sinne zu wirken und dafür 
zu sorgen, daß die Köpfe möglichst kühl bleiben. 

Schließlich teilte mir der Minister mit, daß der serbische Ge- 
schäftsträger in Rom dem Marquis di San Giuliano erklärt habe, 
daß, unter der Voraussetzung gewisser Erläuterung der Art der Be- 
teiligung österreichischer Agenten, Serbien geneigt sein würde, auch 
die Artikel 5 und 6 der österreichischen Note, mithin also alle For- 
derungen, zu schlucken. Da nicht anzunehmen wäre, daß Österreich 
sich in direkte Unterhandlungen mit Serbien einlassen würde, 
könnte die Sache durch Vermittelung der Großmächte als Rat an 
Serbien gelangen. Marquis di San Giuliano meint, daß auf dieser 
Grundlage sich eine Einigung erzielen lassen könne. Vor allem 
aber wünsche der Minister die unverzügliche Aufnahme der Bespre- 



' Siehe Nr. 314; vgl. auch Nr. 323. 



76 

chung. Sir E. Grey hat Marquis di San Giuliano an die Wiener und 
Berliner Kabinette verweisen lassen, da er ohne deren Zustimmung 
nicht in der Lage sei, Besprechungen aufzunehmen. 

Schließlich teilte mir der Minister ein Telegramm Sir George 
Buchanans mit, wonach russisches Ministerium der auswärtigen 
Angelegenheiten den fremden Preßvertretern mitgeteilt haben soll, 
daß, da Unterhandlungen zwischen Wien und Petersburg ergebnis- 
los verlaufen seien, Rußland sich genötigt sehe, Betreten serbischen 
Bodens durch österreichische Truppen als Kriegsfall zu betrachten. 

Lichnowsky 



Nr. 358 

Der Geschäftsträger in Cetinje an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 19 Cattaro, den 28. Juli 1914^ 

Höre aus sicherer Quelle, daß gestriger Ministerrat folgendes 
beschlossen hat : Die Ausweisung der Montenegriner Cattaro, die dort 
erfolgte Beschlagnahme montenegrinischen Privateigentums sowie die 
Sperre der Telegraphenünien durch die Österreicher bedeuteten Maß- 
nahmen, gegen die Montenegro, solange der Krieg nicht erklärt sei, 
protestieren müsse. Sollte Österreich Serbien trotz hier für ausrei- 
chend erachteter Antwort Krieg erklären, würden dem österreichi- 
schen Gesandten seine Pässe zugestellt werden. In diesem Falle 
würde Montenegro Verteidigungsstellung einnehmen, eventuell ser- 
bischer Armee zu Hilfe kommen. Lowtschen-Garnison ist verstärkte 

Zech 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Cattaro 28. Juli, angekommen im Auswärtigen Amt 29. Juli 
5" nachm. Eingangsvermerk: 29. Juli nachm. Am 30. Juli von Jagow, nach 
Vornahme kleiner stilistischer Änderungen, telegraphisch dem Botschafter 
in Wien mitgeteilt, 10** vorm. zum Haupttelegraphenamt, 11*" vorm. ab- 
gefertigt, um 3*^ nachm. auf der Botschaft in Wien eingetroffen. 

3 Siehe Nr. 394. 



/ / 



Nr. 359 

Der Kaiser an den Zaren ^ 

Telegramm (ohne Nummer) Berlin, den 29. Juli 19 14* 

I received your telegram^ and share your wish that peace 
should be maintained. But as I told you in my first telegram*, I 
cannot consider Austria's^ action against Servia an "ignoble" war". 
Austria knows by experience that Servian promises on paper are 
whoUy unreüable. I understand its action must be judged as tren- 
ding to get füll guarantee that the Servian promises shall become 
real facts. This my reasoning is borne out' by the Statement of 
the Austrian cabinet that Austria does not want to make any terri- 
torial conquests at the expense of Servia. I therefore suggest that^ 



* Der deutsche Entwurf von Jagows Hand, der dann in englischer Über- 
setzung dem Kaiser vorgelegt wurde, lautet: »Habe Dein Telegramm er- 
halten und teile mit Dir den Wunsch nach Frieden. Aber wie ich schon 
in meinem ersten Telegramm ausführte, kann ich in der österreichischen 
Aktion gegen Serbien nicht einen ,ignoble war', sondern nur eine ge- 
rechte Strafexpedition erblicken. Daß sie nicht mehr ist, beweist die von 
dem Wiener Kabinett Deiner Regierung abgegebene Zusicherung, daß 
Österreich keinen territorialen Gewinn in Serbien anstrebt. Ich glaube 
deshalb, daß es Dir unter dieser Garantie möglich sein wird, dem ser- 
bisch-österreichischen Konflikt zuzuschauen, ohne die Welt in einen der 
fürchterlichsten Kriege zu stürzen. Eine direkte Verständigung zwischen 
Dir und Wien halte ich für möglich und erwünscht, und will ich sie gern 
unterstützen. Russische Mobilisierungsmaßregeln gegen Österreich könnten 
aber set the house in flame und müßten auch mich in die schwierigste 
Lage bringen.« Den englischen Entwurf hat der Kaiser wesentlich ge- 
ändert und ergänzt. 

* Auf dem vom Kaiser geänderten englischen Entwurf oben der Rand- 
vermerk von des Kaisers Hand: »N. Pal. 29. VII. 14 6^° N.M.« Das Tele- 
gramm wurde dann von Potsdam aus offen abgesandt. 

' Siehe Nr. 332. 

* Siehe Nr. 335. 

^ »Austria's« vom Kaiser aus »the Austria« des Entwurfs geändert. 

® Hier folgendes »Austria knows real facts« vom Kaiser beigefügt. 

Das hinter »facts« zunächst von ihm Niedergeschriebene hat er wieder ge- 
strichen, ebenso das im Entwurf hinter »ignoble war« zunächst folgende: 
»It is an expedition in order to punish Servia. « 

' »This out« vom Kaiser aus ursprünglichem »That it is not 

more is clearly proved« des Entwurfs geändert. 

^ »I therefore suggest that« vom Kaiser aus ursprünglichem »I think that 
given this guarantee« des Entwurfs geändert. 



78 

it would be quite* possible for Russia^° to remain a spectator of ^* 
the austro-servian conflict without involving^^ Europe in^' the most 
horrible war she ever witnessed. I think a direct understanding 
between your Government^* and Vienna possible and desirable and 
as I already telegraphed to you, my Government is continuing its 
exertions to promote it. Of course military measures on the part 
of Russia which would be looked upon by Austria as threatening 
would precipitate a calamity we both wish to avoid and jeopardize 
my Position as mediator which I readily accepted on your appeal 
to my friendship and my help^*. 

Willy" 

Übersetzung 

Ich habe Dein Telegramm erhalten und teile Deinen Wunsch nach Er- 
haltung des Friedens. Allein, wie ich Dir in meinem ersten Telegramm ge- 
sagt habe, kann ich Österreichs Vorgehen gegen Serbien nicht als einen 
unwürdigen Krieg ansehen. Österreich weiß aus Erfahrung, daß serbische 
Versprechungen auf dem Papier gänzlich unzuverlässig sind. Meiner Ansicht 
nach ist Österreichs Aktion dahin zu beurteilen, daß sie volle Bürgschaft da- 
für zu schaffen anstrebt, daß die serbischen Versprechungen auch wirklich 
zur Tat werden. 

Diese meine Auffassung wird bestätigt durch die Erklärung des öster- 
reichischen Kabinetts, daß Österreich nicht beabsichtigt, irgendwelche terri- 
torialen Eroberungen auf Kosten Serbiens zu machen. 

Ich rege daher an, daß es für Rußland durchaus möglich wäre, bei dem 
österreichisch-serbischen Konflikt in der Rolle des Zuschauers zu verharren, 
ohne Europa in den entsetzlichsten Krieg zu verwickeln, den es je gesehen hat. 

Ich halte eine direkte Verständigung zwischen Deiner Regierung und 
Wien für möglich und wünschenswert und, wie ich Dir schon telegraphiert 
habe, setzt meine Regierung ihre Bemühungen fort, diese Verständigung zu 
fördern. Natürlich würden militärische Maßnahmen von selten Rußlands, die 
Österreich als Drohungen ansehen würde, ein Unheil beschleunigen, das wir 
beide zu vermeiden wünschen, und meine Stellung als Vermittler gefährden 
die ich auf Deinen Appell an meine Freundschaft und meinen Beistand bereit- 
willig übernommen habe. 

^ »quite« vom Kaiser eingefügt. 

'° »Russia« vom Kaiser aus »you« des Entwurfs geändert. 

11 »of« vom Kaiser aus »in« des Entwurfs geändert. 

12 »involving« aus »driving« des Entwurfs geändert. 

1^ »in« vom Kaiser aus »into« des Entwurfs geändert. 

1* »your Government« vom Kaiser aus »you« des Entwurfs geändert 

1^ »and as I already my help« vom Kaiser geändert aus ursprüng- 

lichemText des Entwurfs »and am quite ready to promote it. But mobilisation 

of your army against Austria could set the house on fire and would 

bring myself into the most difficult position«. 
1^ Vgl. Deutsches Weißbuch vom Mai 1915 S. 34 Nr. 22. III. — Siehe auch 

Nr. 366. 



79 



Nr. 360 

Der Geschäftsträger in Athen an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 221 Athen, den 29. Juli 1914^ 

Streng vertraulich! 

Minister Streit hat anscheinend aus französischer Quelle stammende 
Nachrichten, daß Österreich in Unterhandlungen mit Bulgarien und 
der Türkei stehe ^. Er zweifelt jedoch an der Richtigkeit derselben, 
da dies der deutschen Pohtik entgegengesetzt wäre, und da Österreich 
erst vorgestern Griechenland eine Sympathieerklärung abgegeben habe. 

Bassewitz 



^ Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Athen 2^^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 6*° 
nachm. Eingangsvermerk: 29. Juli nachm. Der erste Satz des Telegramms 
von Jagow »geheim« dem Botschafter in Konstantinopel mitgeteilt, 30. Juli, 
9*^ vorm. zum Haupttelegraphenamt. 

' Siehe Nr. 512. 



Nr. 361 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Wien ^ 

Telegramm 181 Berlin, den 29. Juh 1914^ 

Fürst Lichnowsky telegraphiert: 

»»Die Mitglieder unberechtigt sein«^ 

Diese Äußerungen der österreichischen Diplomaten müssen als 
Reflexe neuerer Wünsche und Aspirationen erscheinen. Ich betrachte 
die Haltung der dortigen Regierung und ihr tmgleichartiges Vor- 
gehen bei den verschiedenen Regierungen mit wachsendem Befremden. 



* Nach dem Konzept. Entwurf von Bergens Hand mit Änderungen von 

der Hand Stumms und Jagows. Siehe Nr. 340. 
" 8*^ nachm. zum Haupttelegraphenamt gegeben. 
' Hier ist Lichnowskys Telegramm vom 28. Juli (Nr. 301) mit kleinen 

Änderungen und unter Fortlassung der Sätze »Als die Nachricht 

niedergeschmettert« und »daß es sich nicht bloß Beziehungen 

beruht« eingefügt. 



8o 

In Petersburg erklärt sie territoriales Desinteressement, uns läßt sie 
ganz im unklaren über ihr Programm, Rom speist sie mit nichts- 
sagenden Redensarten über die Kompensationsfrage ab*, in London 
verschenkt Graf Mensdorff Teile Serbiens an Bulgarien und Albanien 
und setzt sich in Gegensatz zu den feierhchen Erklärungen Wiens 
in Petersburg^. Aus diesen Widersprüchen muß ich den Schluß 
ziehen, daß die in Telegramm Nr. 83* mitgeteilte Desavouierung des 
Grafen Hoyos für die Galerie bestimmt war, und daß die dortige 
Regierung sich mit Plänen trägt, deren Geheimhaltung vor uns sie 
für angezeigt hält, um sich auf alle Fälle der deutschen Unter- 
stützung zu versichern und nicht durch offene Bekanntgabe einem 
eventuellen Refus auszusetzen. 

Vorstehende Bemerkungen sind zunächst' zu Ew. Exz. persön- 
licher Orientierung bestimmt. Den Grafen Berchtold bitte ich nur 
darauf hinzuweisen, daß es sich empfehlen würde, einem Mißtrauen 
gegen seine über die ® Integrität Serbiens den Mächten ® abgegebenen 
Erklärungen vorzubeugen. Ich bitte ihn auch darauf aufmerksam 
zu machen, daß die Instruktion an Baron Merey ItaHen kaum be- 
friedigen kann ^**. 

Bethmann Hollweg 



* Der Abschniu »In Petersburg Kompensationsfrage ab« lautete 

im Bergenschen Entwurf: »In Petersburg wird die Friedensschalmei ge- 
blasen, den Bundesgenossen gegenüber glaubt die österreichisch-ungarische 
Regierung sich verschlossen zeigen zu müssen; uns verweigert sie jede 
Auskunft über ihr Programm, Rom eine Antwort auf die berechtigte Frage 
nach der Interpretation des Art. VII des Dreibundvertrags«. Mit den Ände- 
rungen Stumms lautete er kürzer: »In Petersburg wird die Friedens- 
schalmei geblasen; uns läßt sie ganz im unklaren über ihr Programm, 
Rom speist sie mit nichtssagenden Redensarten über die Kompensations- 
frage ab«. Daraus entstand dann der endgültige Entwurf Jagows. 

^ »in Petersburg« von Jagow beigefügt; ursprünglich hinter »Wiens« fol- 
gendes »die territoriale Integrität Serbiens wahren zu wollen« des 
Bergenschen Entwurfes von Jagow gestrichen. 

6 Siehe Nr. 18. 

^ »zunächst« von Stumm aus ursprünglichem »lediglich« Bergens geändert, 
vom Reichskanzler unterstrichen, das Wort fehlt in der Entzifferung der 
Wiener Botschaft. Dagegen sind dort die Worte »zu Ew. Exz. persön- 
licher Orientierung« unterstrichen. 

^ »einem Mißtrauen gegen seine über die« von Jagow aus ursprünglichem 
»einer Umdeutung seiner bezüglich der« Bergens geändert. 

' »den Mächten« von Jagow beigefügt. 

'° »Ich bitte befriedigen kann« von Jagow beigefügt. 



8i 

Nr, 362 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 179 London, den 29. Juli 1914* 

Aus Journalistenkxeisen höre ich, daß angeblich ein Einver- 
nehmen zwischen England und Itahen erzielt worden sei, wonach 
Italien versprochen habe, im Falle eines europäischen Krieges nichts 
gegen England zu unternehmen und umgekehrt^. 

Lichnowsky 

' Nach der Entzitferung. 

' Aufgegeben in London 5" nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
8'^ nachm. Eingangsvermerk: 29. Juli nachm. Unter dem 29. Juli von 
Jagow telegraphisch de n Botschafter in Rom mitgeteilt, 30. Juli 3*' vorm 
zum Haupttelegraphenamt. 

3 Siehe Nr. 458. 



Nr. 363 

Der Botsciiafter in Rom an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 149 Rom, den 29. Juli 1914^^ 

Auf weitere Vorhaltungen sagte mir Marquis di San Giuliano 
heute ziemlich ernst, Österreichs Vorgehen sei gegen Italiens Inter- 
essen, solange Österreich nicht Artikel sieben Dreibundvertrags als 
fortbestehend anerkenne^, solange Österreich nicht Kompensationen 
für Fall territorialer Besitznahme in Serbien gewähre. Solange könne 
Italien daher auch nicht an Österreich volle* diplomatische Unter- 
stützung gewähren. Hinsichtlich der Kompensation halte er an An- 
sicht fest, daß direkte Verhandlungen mit Wien zum Bruch führen 
würden. Es sei daher nötig, daß Berlin diese Verhandlungen wenig- 
stens einleite. Auf jeden Fall lehne er ab, mit Baron von Merey 
darüber zu verhandeln. Das sei sicherer Bruch. Er habe auf meine 
dringenden Vorhaltungen bis jetzt alles vermieden, was eine direkte 
Stellungnahme gegen das die italienischen Interessen vertretende^ 

* Nach der Entzifferung. 

''■ Aufgegeben in Rom 6^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 8" 
nachm.; Eingangsvermerk: 29. Juli nachm. Die zwei ersten Abschnitte 

»Auf weitere Besetzung herbeizuführen«, und die drei letzten 

Sätze »Zwischen Baron v. Merey Sinne einzuwirken« von 

Jagow nach Vornahme kleiner Änderungen am 29. Juli dem Botschafter 
in Wien mitgeteilt, 30. Juli, 9*^ vorm. zum Haupttelegraphenamt. 

* Siehe Nr. 150, 156, 168, 212, 326. 

* »volle« im Telegramm Jagows an den Botschafter in Wien gestrichen. 
' So in der Entzifferung 

Aktenstücke II. 7 



82 

Vorgehen Österreichs sei, aber die Zeit dränge sehr, denn es nahe 
der Moment, wo man sich hier entscheiden müsse, ob man diplo- 
matisch für oder gegen Österreich gehen wolle. 

Hinsichtlich des Lowtschen sehe er schwarz. Die österreichische 
Militärpartei wolle absolut den Berg haben und werde jeden Zwi- 
schenfall als Vorwand benutzen, um die Besetzung herbeizuführen. 

Ich habe in Gemäßheit Telegramms Nr. 25* geantwortet, daß 
wir Italiens Wünsche in Wien schon unterstützten, und den Minister 
nochmals sehr dringend gewarnt, nicht in diesem Augenblick eine 
Uneinigkeit des Dreibunds zu enthalten ', die Rußland zur Ein- 
mischung veranlassen könne. Minister meint, Rußland werde nicht 
sowohl durch Italien als wie durch eventuelles zu weit gehendes Vor- 
gehen gegen Serbien bestimmt werden. Ich habe hier nach Kräften 
und ohne österreichische Unterstützung Presse bisher zurückgehal- 
ten, glaube aber gleichfalls, daß klare österreichisch-italienische Aus- 
sprache auf die Dauer unumgänglich ist. Ich möchte auch glauben, 
daß wir gewisse Dienste dabei leisten müssen. Zwischen Baron 
V. Merey und Marquis di San Giuliano geht es schlecht. Beide sind 
krank und überreizt. 

österreichischer Botschafter ist sehr heftig gegen Kompen- 
sationen an Italien und sucht auf Graf Berchtold in diesem Sinne 
einzuwirken. 

Fl otow 

^ Siehe Nr. 287. 

' So in der Entzifferung. 



Nr. 364 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 379 Therapia, den 29. Juli 1914^ 

Türkischer Botschafter Rom meldet: 

Italien bleibt aus innerpolitischen Gründen vorläufig unent- 
schieden. Deutschland wünscht absolut den Krieg. 

Wangenheim 

^ Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Therapia i'^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
8^* nachm. Eingangsvermerk: 29. Juli nachm. Von Jagow telegraphisch 
dem Botschafter in Rom mitgeteilt, 30. Juli 10^" vorm. zum Haupttele- 
graphenamt. 



83 

Nr. 365 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 185 St. Petersburg, den 29. Juli 1914^ 

Sasonow, der mich eben zu sich bitten ließ, mitteilte mir, daß 
das Wiener Kabinett auf den ihm von hier aus geäußerten Wunsch, 
in direkte Besprechungen einzutreten, mit kategorischer Ablehnung 
geantwortet habe*. Es bleibe somit jetzt nichts anderes übrig, als 
auf Sir E. Greyschen Vorschlag von Konversation zu vieren zu- 
rückzukommen. Minister betont von sich aus, daß ihm dabei def 
Gedanke, Österreich-Ungarn zuzumuten, sich einer Art von euro- 
päischem Schiedsgericht zu unterwerfen, fernliegt, er suche nur 
nach Mitteln, um aus gegenwärtiger Schwierigkeit herauszukommen, 
und klammere sich dabei an jeden Strohhalm. Ich habe erneut er- 
widert, daß mir Stellungnahme meiner Regierung zu Sir E. 
Greyschen Vorschlag nicht bekannt sei, daß ich aber nicht umhin 
könne, russischen Mobilmachungsbefehl, falls derselbe wirklich un- 
mittelbar bevorstehe, für schweren Fehler zu halten, solange hier er- 
klärt werde, daß man wirklich den ernstlichen Wunsch habe, fried- 
liche Lösung zu finden. Sasonow stellte unmittelbar bevorstehende 
Mobilmachung nicht in Abrede, meinte daraufhin, daß Rußland zu 
diesem Schritt von Österreich gezwungen sei, daß aber Mobil- 
machung noch lange kein[en] Krieg bedeute. 

Pourtales 

* Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Petersburg 6^° nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 8" nachm. Eingangsvermerk: 29. Juli. Betr. Mitteilung von Pour- 
tales' Telegramm an den Botschafter in Wien siehe Nr. 396. 

^ Siehe Nr. 397. 

Nr. 365 a 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt * 

Telegranmi 380 Therapia, den 29. JuH 19 14' 

Von Militärmission: 

Türkischer Mihtärattach^ Petersburg meldet russische Mobili- 
sierung. 

Bezirk Warschau : 6., 14., 15., 19., 23. Korps. 

Moskau: Grenadierkorps, 5., 13., 17., 25. Korps. 

Kiew : 9., 10., 11., 12., 21. Korps. 

Odessa: 7., 8. Korps. 

* Nach der Entzifferung. 

' Aufgegeben in Therapia i^° nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
8*" nachm. Am 29. Juli lo" nachm. dem Generalstab, Admiralstab, Reichs- 
marineamt und Kriegsministerium mitgeteilt. 

7* 



84 

Für diese vier Bezirke wird Mobilisierung mit Reservisten- 
einziehung vorbereitet. Für Militärbezirk Wilna und Petersburg 
Mobilmachungsvorbereitung ohne Reservisteneinziehung. 

Türkischer Konsul Batum telegraphiert: Hier Belagerungs- 
zustand. Gouverneur hat mohamedanischem Chef erklärt, Krieg 
sei mögHch, Mobilmachungsorder für Kaukasuskorps noch nicht 
ergangen. 

Türkischer Mihtärattache Paris und türkischer Konsul Rostow 
melden übereinstimmend, daß Kaukasuskorps im Kriegsfalle an 
rassischer Westgrenze verwendet werden würden. In Aserbeidschan 
stehen zur Zeit lo ooo Mann russischer Truppen, welche im Kriegs- 
falle gegen die Türkei südüch von Urmia gehen sollen. 

Wangenheim 



Nr. 366 

Der Zar an den Kaiser^ 

Telegramm (ohne Nummer) Peterhof Palais, den 29. Juli 1914 ^ 

Thcinks for your telegram conciliatory and 
friendly. Whereas official message presented to- 
day by your ambassador to my minister was con- 
veyed in a very different tone^, Begj^ow to explain Nanu! 

this divergencjr. It would be right to give over 
the Austro-servian problem to the Hague Confe- 
rence'^. Trust in your wisdom and friendship. 

Your loving Nicky^ 
Danke gleichfalls 

Übersetzung 
Danke für Dein versöhnliches und freundschaftliches 
Telegramm. Dagegen war die heute von Deinem Bot- 
schafter meinem Minister übergebene offizielle Mitteilung 
in einem ganz anderen Ton gehalten. Bitte Dich, diese 
Verschiedenheit auf^^uklären. Es würde sich empfehlen, Nanu! 

das österreichisch-serbische Problem der Haager Konferenz 
vorzulegen. Vertraue auf Deine Weisheit und Freundschaft. 

Dein Dich liebender Nicky 
Danke gleichfalls 

' Nach der Niederschrift des Telegraphenamts. Siehe Nr. 359. 

* Aufgegeben in Peterhof Palais 8^ nachm., aufgenommen im Neuen Palais 
8*2 nachm. 

3 Siehe Nr. 342 und 378. 

* Am Rand rechts Ausrufungszeichen des Kaisers. 

' Vgl. deutsches Weißbuch vom Mai 191 5, S. 35, Nr. 22, IV. Weiteres Tele- 
gramm siehe Nr 390. 



85 



Nr 367 

Der Botschafter in Paris an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 229 Paris, den 2g. Juli 1914^ 

Herr Viviani stellt militärische Vorsichtsmaß- 
regeln^ nicht in Abrede, betont aber geringen Um- 
kindischa fang und ganz diskrete Ausführung. Von Mobil- 
machung sei man weit entfernt. Er würde es nicht 
beunruhigend finden, wenn unsererseits gleiches ge- 
schieht. BedauerHch würden allerdings * Maßnahmen 
unsererseits sein wegen alarmierender Wirkung auf 
öffentliche Meinung. Das beste Mittel, um dem 
wenn er doch Wien vorzubeugen, würde er in möglichst beschleunigter 
^um Antworten Betreibung der Vermittelungsaktion sehen, gleichviel 
bringen wollte jn welcher Form. Auch Viviani will Hoffnung auf 
Erhaltung des Friedens, den man hier aufrichtig 
wünschte, nicht aufgeben. 

Schoen 



1 Nach der Entzifferung. 

'^ Aufgegeben in Paris G^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 9'* 
nachm., Eingangsvermerk: 29. Juli nachm. Randvermerk des Reichskanzlers 
vom 30. Juli »Kriegsminister und Generalstab müssen wohl benachrichtigt 
vperden. v. B H. 30«, daraufhin, auf Anordnung Jagows, diesen Stellen am 
30. Juli mitgeteilt, abgesandt durch Boten 4^'^ nachm. Abschrift der Ent- 
zifferung von Schoens Telegramm am 30. Juli an den Kaiser gesandt, 
am I.August ins Amt zurückgelangt. 

3 Dazu am Rand Fragezeichen des Kaisers. 

* Dazu der Vermerk Jagows: "fehlt offenbar ein Wort wie weitergehende«. 
Auf Jagows Anordnung wurde dieser Vermerk auch den oben (Anm. 2) 
genannten militärischen Stellen mitgeteilt. In der für den Kaiser herge- 
stellten Abschrift ist direkt »weitergehende« beigefügt. 



86 



Nr. 368 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 178 London, den 29. Juli 1914* 

Das stärkste und Sir E. Grey ließ mich soeben noch- 

unerhörteste Stück ^als^ zu sich bitten. Der Minister war 
Engl. Pharisäer- vollkommen ruhig, aber sehr ernst, und 
thums dasichjege- ^^ ^ ^nj^h mit den Worten, daß die 
sehen! Mit solchen x • i_ • i. -j. o 

Hallunken mache ^^ge sich immer mehr zuspitze. Sasonow 
ich nie ein Flotten- ^abe erklärt, nach der Knegserklarung 

~äbkommcn! nicht mehr in der Lage zu sein, mit trot^ Appells 
Österreich direkt zu unterhandeln und ^^^ Zaren 
damit bin ich außer hier ^ bitten lassen, die Vermittelung ^" "^'^ä.'* 
Cours geset^^t. wieder^ anzunehmen. Als Voraussetzung 
für diese Vermittelung betrachtet die 
russische Regierung die vorläufige Ein- 
stellung der Feindsehgkeiten. 

Sir E. Grey wiederholte seine bereits 
gemeldete Anregung, daß wir uns an 
einer solchen Vermittelung zu vieren, 
die wir grundsätzlich bereits angenommen 
hätten', beteihgen sollten. Ihm persön- 
lich schiene eine geeignete Grundlage für 
gut eine Vermittelimg, daß Österreich etwa 

nach Besetzung von Belgrad oder anderer 
haben wir seit Ta- WöXze seine Bedingungen kundgäbe 8. 
gen bereits ^w er- Sollten Ew. Exz. jedoch die Vermittelung 
reichen versucht übernehmen, wie ich heute früh in Aus- 
umsonst! 

^ Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in London 6^^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
9^2 nachm. Eingangsvermerk: 29. Juli nachm. Abschrift der Entzifferung 
lag dem Kaiser vor, der darauf vermerkte: » ^o. VII. 14 i Uhr N. M.« Die 

Abschnitte »Sir E. Grey Feindseligkeiten« und »Sodann 

sagte Verständigung gewählt« am 30. Juli dem Generalstab, 

Admiralstab, Reichsmarineamt und Kriegsministerium mitgeteilt. Siehe 
Nr. 407. 

ä Siehe Nr. 357. 

* »Steht im Original links am Rand«. 

^ »hier« vom Kaiser zweimal unterstrichen. 

® »wieder« vom Kaiser zweimal unterstrichen. 

' Der Satz »die wir hätten« fehlt in der dem Kaiser vorgelegten 

Abschrift von Lichnowskys Telegramm. 

8 Vgl. 293, 323 und 439. 



87 

sieht stellen konnte', so wäre ihm das 
Anstatt der Ver- natürlich ebenso recht. Aber eine Ver- 
mittelg. ein ernstes mittelung schiene ihm nunmehr dringend 
Wort an Peters- geboten, falls es nicht zu einer euro- 
burg u. Paris, daß päischen Katastrophe kommen sollte. 
England ihnen nicht 

hilft würde die Si- Sodann sagte mir Sir E. Grey, er 

tuation sofort be- hätte mir eine freundschafthche und 
ruhigen. private Mitteilung zu machen, er wünsche 

nämhch nicht, daß unsere so herzlichen 
persönhchen Beziehungen und unser 
intimer Gedankenaustausch über alle poli- 
tischen Fragen mich irreführten und er 
aha! Der gemeine möchte sich für später den Vorwurf ^^^ bleibt/ 
Täuscher.'.' [der]^*^ Unaufrichtigkeit ersparen. Die 
britische Regierung wünsche nach wie vor 
d. h. wir sollen mit uns die bisherige Freundschaft zu 
Osterreich sitzen pflegen und sie könne, solange der Kon- 
lassen urgemein flikt sich auf Österreich und Rußland be- 
und mephistophe- schränke, abseits stehen. Würden u^ir^^ 
lisch! aber recht ^Ij^j. j^^^ Frankreich hineingezogen, so 
"^"^* sei die Lage sofort eine andere und die 

britische Regierung würde unter Uni' 
sind schon gefaßt ständen sich \u schnellen Entschlüssen ge- 
drängt sehen. In diesem Falle lyürde es 
d. h. sie werden uns nicht angehen, lange abseits :^u stehen 
anfallen und ^u warten, »if war breaks out, it 

will be the greatest catastrophe that the 
World ever has seem. Es hege ihm fern, 
irgendeine Drohung aussprechen zu wollen, 
er habe mich nur vor Täuschungen und 
"Zr-^'S/ fah% '''^' "'°' ^^"^ Vorxmtrfder Unaufrichtig- ^än^n^k 
trotjdem gewesen ^^^^ bewahren wollen und daher die Form mißglückt 
bis in seine let^^te einer privaten Verständigung gewählt ^2. 

Sir E. Grey fügt noch hinzu, die 

wir auch! Regierung müsse auch mit der öffent- 

neukreierten!^^ liehen Meinung rechnen; bisher sei die- 



" Der Satz »wie ich konnte« fehlt in der dem Kaiser vorgelegten 

Abschrift des Telegramms. 
10 »der« fehlt in der Entzifferung des Auswärtigen Amts, 
ii »wir« vom Kaiser zweimal unterstrichen. 
" Siehe die Randbemerkungen des Kaisers zu Nr. 382 und 401 sowie den 

kaiserhchen Brief Nr. 474. 
'* Interlinearbemerkung, über »öffentlichen« stehend. 



88 

wenn sie will kann selbe im allgemeinen für Österreich günstig 
sie die öffentliche gewesen, da man die Berechtigung einer 
Meinuns wenden . ^ . i • a. > 

und dirigieren, da gewissen Genugtuung anerkenne, jetzt 

ihr die Presse un- aber fange sie an, infolge der öster- 
bedingt gehorch\i\ reichischen Hartnäckigkeit vollkommen^^ 

umzuschlagen. mit Hilfe der 

Meinem italienischen Kollegen, der ° " 
mich soeben verläßt, hat Sir E. Grey ge- 
sagt, er glaube, falls die Vermittelung 
angenommen werde, Österreich jede mög- 
liche Genugtuung verschaffen zu können, 
ein demütigendes Zurückweichen Öster- 
reichs käme gar nicht mehr in Frage, da 
die Serben auf alle Fälle gezüchtigt imd 
unter der Zustimmung Rußlands genötigt 
werden würden, sich den österreichischen 
Wünschen unterzuordnen. Österreich 
könne also auch ohne einen Krieg, der 
den europäischen Frieden in Frage stelle, 
Bürgschaften für die Zukunft erlangen. 

Lichnowsky 



England dekouvriert sich im Moment wo es der Ansicht ist, daß 

wir im Lappjagen eingestellt sind und so ^u sagen erledigt! 

Das gemeine Krämergesindel hat uns mit Diners und Reden 

^u täuschen versucht. Die gröbste Täuschung, die Worte des Königs 

für mich an Heinrich : » We shall remain neutral and try 

to keep out of this as long as possiblen Grey straft den König 

lügen, und diese Worte an Lichnowsky sind der Ausfluß des bösen 

Gewissens, daß er eben das Gefühl gehabt hat uns getäuscht ^u haben. 

Zudem ist es tatsächlich eine Drohung mit Bluff verbunden, um 

uns von Osterreich loszulösen und an der Mobilmachung :^u hindern 

und die Schuld am Kriege zuzuschieben. Er weiß ganz genau, daß 

wenn er nur ein einziges, ernstes, scharfes abmahnendes Wort in Paris 

und Petersburg spricht und sie zur Neutralität ermahnt, beide sofort 

stille bleiben werden. Aber er hütet sich das Wort auszusprechen, sondern 

droht uns statt dessen! Gemeiner Hundsfott! England allein trägt 

die Verantwortung für Krieg und Frieden nicht wir mehr! Das muß auch 

öffentlich klargestellt werden. 

W. 



^* Am Rand Fragezeichen des Kaisers. 



89 

Nr. 369 

Der Verweser des Generalkonsulats in Moskau 
an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 6 Moskau, den 29. Juli 1914^ 

Eigentliche Mobilmachung nach eingehenden Informationen 
anscheinend bisher hier nicht erfolgt. Erhalte Nachrichten durch 
Mittelsperson von Flügeladjutanten Swetschin, daß Moskau in den 
nächsten Tagen mobilisiert werden soll. Dieselbe Quelle mitteilt 
nach Angabe Sekretärs Mobilisierungsabteilung Moskau -Kursk- 
Bahn, daß diese Waggons für Transporte der Jahrgänge 1905 bis 
1908 bereit halten soll. Gestern abend soll Mobilmachungsorder 
gegeben sein. Gerüchte treten sehr bestimmt auf. Auch anderer 
zuverlässiger Gewährsmann hat Mitteilung von Absicht der Mobil- 
machung für nächste Tage erhalten. Man spricht schon von morgen. 
Anscheinend aber allgemeine Nervosität wegen Verhaltens der Ar- 
beiter; Botschaft benachrichtigt. Sehr gute Quelle bestätigt soeben 
Mobilmachung für morgen. H a u s c h i 1 d 

^ Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Moskau 5^* nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
9'" nachm., Eingangsvermerk: 20 Juli nachm. Am 29. Juli 10^" nachm. dem 
Generalstab, Admiralstab, Reichsmarineamt und Kriegsministerium mit- 
geteilt. 

Nr. 370 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 186 St. Petersburg, den 29. Juli 1914^ 

Militärattache meldet auch für Generalstab: 
Generalstabschef bat mich zu sich und eröffnete mir, er komme 
soeben von S. M., Kriegsminister habe ihn beauftragt, mir noch- 
mals zu bestätigen, daß alles geblieben sei, wie Minister mir vor 
zwei Tagen mitgeteilt. Er gab mir in feierlichster Form Ehren- 
wort und bot schriftliche Bestätigung an, daß bis zur Stunde drei 
Uhr nachmittags nirgends Mobilmachung, d. h. Einziehung eines 
einzigen Mannes oder Pferdes erfolgt sei. Er könne sich für Zu- 
kunft nicht verbürgen, aber nachdrücklichst bestätigen, daß S. M. 
in den atrf unsere Grenze gerichteten Fronten nach wie vor keine 
Mobilisierung wünscht. 

^ Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Petersburg 29. Juli 7" nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 9*^ nachm.; Eingangsvermerk: 30. Juli vorm. Am 29. Juli dem 
Generalstab, Kriegsministerium, Admiralstab und Reichsmarineamt mitgeteilt. 



90 

Hier liegen vielfache Nachrichten über erfolgte Einziehung von 
Reservisten in verschiedenen Reichsteilen, auch Warschau und 
Wilna, vor. Bei hiesigen Truppenteilen sollen nach glaubwürdigen 
Nachrichten Pferde eingestellt sein. Ich hielt deshalb dem General 
vor, daß seine Eröffnungen mich vor ein Rätsel stellen. Er erwi- 
derte auf Offiziersparcle, daß solche Nachrichten unrichtig seien, 
allenfalls hie und da falscher Alarm. 

General gab Truppenverschiebungen zu Grenzschutz zu. Das 
seien Maßnahmen, die nicht von ihm ressortierten und lediglich aus 
Vorsicht getroffen würden. 

Er unterstrich nochmals strenge Scheidelinie zwischen den 
gegen Österreich und gegen Deutschland gerichteten Bezirken und 
nahm von den ersteren ausdrücklich den Kaukasus aus. 

Bei nochmaliger Betonung der Friedensliebe (?) ließ General 
durchblicken, als ob man auch im Falle eines Krieges keine Offen- 
sive (?) beabsichtige. 

In Anbetracht der zahlreichen und positiven Nachrichten über 
erfolgte Einziehungen muß ich das Gespräch als Versuch der Irre- 
führung über Umfang der bisherigen Maßnahmen halten. Odessa 
meldet 28. nachmittags: Dortige Truppen sollen zum großen Teil an 
österreichische Grenze gesandt sein, ebenso drei Regimenter aus 
Kischinew. Rumänische Grenze entblößt. 

Kiew meldet heute mittag: 8. Eisenbahnbataillon dem 7. ge- 
folgt mit Feldbahnmaterial, Infanterieregiment 166 vorgerückt. 
Von Artillerie soll nur eine kriegsstarke Batterie zurückgeblieben 
sein. Mobilisierung militärischer Bezirke Kiews dort heute 
erwartet. 

27. abends 16. Husaren von Riga nach Libau abbefördert. 

Pourtales 



Nr. 371 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten 
in Kopenhagen ^ 

Telegramm 26 Berlin, den 29. Juli 1914* 

Geheim! 

Zur Information und Regelung Ihrer Sprache für den Fall eines 
Kriegsausbruchs. 

Wir haben von Anfang an Konflikt zwischen östÄreich und 
Serbien als Angelegenheit aufgefaßt, welche ni:r diese beiden Staaten 

^ Nach dem von Jagow gezeichneten Konzept. Randvermerk des Reichs- 
kanzlers vom 27. Juli: »S. M. ist mit nebenstehender Instruktion einver- 
standen, hält aber ihre Absendung nicht für dringlich«. B. H. 27. 

* Erst am 29. Juli 9** nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



91 

angeht. Unsere Bemühungen sind daher fortgesetzt auf die Lokali- 
sierung des Konflikts gerichtet. Sollte jedoch Rußland für Serbien 
Partei nehmen und Österreich angreifen, so wäre für uns der casus 
foederis gegeben und eine allgemeine Konflagration unvermeidlich. 
Die Frage der Erhaltung des Friedens hängt daher allein von Ruß- 
land ab. 

Bei einer europäischen Konflagration haben wir keinerlei Ab- 
sichten, den Bestand des dänischen Staates zu gefährden. Die 
Kriegsereignisse könnten aber ohne unser Wollen und Zutun ein 
Übergreifen der Operationen in die dänischen Gewässer zur Folge 
haben. Dänemark muß sich des Ernstes der Situation bewußt werden 
und darauf gefaßt sein, welche Stellung es gegebenen lalls ein- 
nehmen will. 

Jagow 



Nr. 372 

Der Große Generalstab an das Auswärtige Amt* 

Berhn, den 29. Juli 1914* 

3. Bericht 

Nachrichten bis 29. Juli 4" nachm. 

Österreich 

Den Oberbefehl gegen Serbien hat der Erzherzog Friedrich über- 
nommen. Gegen Serbien werden i. Kav.-Div. (Temesvar) zu 36 Esks. 
imd 10. Kav.-Div. (Budapest) zu 30 Esks. mobil gemacht. Die 
gesamte Mobilmachung verläuft fast ohne Störung, nur ein Mangel 
an Landfuhrwerk soll sich bei Aufstellung der Trains im Bezirk des 
Vn. A.-K. (Temesvar) fühlbar machen. Das III. A.-K. wird mit nur 



* Nach der vom Generalstab übersandten Vervielfältigung. Der i. und 
2. Bericht vom 27. und 28. Juli sind nicht bei den Akten des Auswärtigen 
Amts. Siehe Anmerkung 3 zu Nr. 341. 

* Eingangsvermerk: 29. Juli nachm. Hat Zimmermann, Jagow und dem 
Reichskanzler vorgelegen, vom Reichskanzler am 31. zurück. 



92 

39 Batl. aufgestellt, die Gesamtstärke der Armee wird sich nun- 
mehr auf rund 400000 Mann ermäßigen. Der Mitrowitzer Save- 
übergang soll ohne Kampf in österreichische Hände gefallen sein. 
Die Donaimionitore stehen versammelt bei Neusatz. Die Flotte liegt 
bei Sebenico vereinigt. Landsturm ist bei sämtlichen acht Armee- 
korps aufgerufen. 

Serbien und Montenegro 

Soweit aus der Presse ersichtÜch, Lage wie folgt : Die Truppen 
südhch Semendria gehen morawaaufwärts zurück, an der Donau ver- 
bleiben nur schwächere Kräfte, darunter Landsturm. An der unteren 
Drina bei Lesnitza und südhch sind starke Freiwilligenabteilungen 
in der Bildung begriffen. Kleinere Feuergefechte entwickelten sich 
an beiden Flüssen. Die Hauptgruppen der serbischen Westfront bei 
Valjevo nnd Uschitze werden verstärkt. Von Novibasar her sollen 
Teile der neugebildeten Ibar-Division zum Lim marschieren und Teile 
bis Priboj an die Grenze vorgeschoben haben. Dieser linke serbische 
Flügel hat Verbindung mit dem rechten Flügel der Montenegriner, 
der in Stärke einer Brigade mit Artillerie in Gegend Plevlje gemeldet 
wird. Je ein bis zwei weitere Brigaden sollen am Rjegos und bei 
Grahovo versammelt sein. Der Lowtschen wird weiter verstärkt. 
Die montenegrinischen Hauptkräfte scheinen um Niksitsch versammelt 
zu werden. König und Regierung begaben sich nach Podgoritza, 
wo ein höherer serbischer Offizier eintraf. Das serbische Haupt- 
quartier scheint zunächst in Nisch zu bleiben. Der serbische General- 
stabschef soll entgegen den Pressemeldungen nicht freigelassen sein. 
Über Wien werden lunfangreiche Desertionen serbischer Soldaten ge- 
meldet, die mit ihren Waffen auf ungarischem Gebiet ankommen und 
über mangelhafte Verpflegung klagen sollen. Nach einer Äußerung 
des bulgarischen Gesandten soll auch in Nisch Mangel an Nahrungs- 
mitteln herrschen. 

Griechenland 

Es wird bekannt, daß Bündnisvertrag sich nicht auf Unter- 
stützung Serbiens gegen Österreich bezieht. Griechenland will neutral 
bleiben. Presse und Bevölkerung gegen Österreich gesinnt. 



Rumänien, Bulgarien 

Nichts Neues. 

Türkei 

Türkei will Neutralität zunächst wahren, fürchtet aber Anfang 
August einen griechischen Flottenüberfall (??). 



93 

Belgien 

Armee wird durch Einziehung von drei Jahrgängen von 55 000 
auf IOC 000 Mann gebracht. Einziehung dieser Reserven ist befohlen. 
Grenzdienst soll verschärft werden. Belgien will Einfall der Franzosen 
wie Deutschen verhindern ; entsprechende Maßnahmen : Armierung 
der Werke, Vorbereiten der Kunstbauten zur Sprengung usw. 

Holland 

Die Mobilmachung wird vorbereitet, die wichtigsten Maas- und 
Yssel-Übergänge miHtärisch besetzt. Forts werden besetzt und armiert, 
Verpflegung anscheinend reichhch. 

Frankreich 

1. Grenzgebiet. Grenzschutzübungen. Erhöhte Tätigkeit. 
Kraftwagen sollen bei Audun, Longuyon vmd Longwy bereitstehen. 
Mihtärischer Bahnschutz durchgeführt. Arbeit an Rampen. Tele- 
phonverkehr zwischen Paris und Deutschland heute stellenweise unter- 
brochen. Eisenbahnmaterial zurückgeführt. In Toul und Epinal 
keine Waggons für Handel mehr hergegeben. Armierung der Bel- 
forter Forts im Gange. 

2. Im Innern. An Strecke Paris-Herbesthal Bahnbewachung 
imd Abstellung zahlreicher leerer Züge festgestellt. Auf Kasernen - 
höfen in Paris 28. Juli Feldfahrzeuge bemerkt. Keine allgemeine 
Reservisteneinziehung. Höchstens Einziehung jüngsten Jahrgangs 
möghch. — Oberstl. Dupont, Chef 2. Abt. Genst., sprach Verwun- 
denmg über geringe Schutzmaßregeln Deutschlands aus. Nur bei 
Metz seien Vorbereitungen festgestellt, die von denen seitens der 
Franzosen weit übertroffen würden. — Kriegsbegeisterung im Lande 
nicht vorhanden. Flotte bleibt bei Toulon. Französische Presse 
ergeht sich teilweise in Schmähungen über Deutschland. — 
Eine Störung der telephonischen Verbindung mit der Feste Kaiserin 
bei Metz wird auf äußere Einwirkung zurückgeführt. 



England 

Offiziere und Mannschaften vom Urlaub zurückbeordert, eine 
Maßregel, die bei geringster politischer Spannung einsetzt. Die 
I. Flotte nahm Kriegsmaterial auf bei Portland. Eine U-Boot- 
Flottille ist unbekannt ausgelaufen. Die 2. Flotte, in den Heimat- 
häfen, füllt ihre Mannschaftsbestände auf. Marineschulen sind ge- 
schlossen. Die Probemobilmachung der 2. Division Aldershot war 
schon längere Zeit in Aussicht genommen. 



94 

Italien 

Ist durch Eisenbahnerstreik, die lybischen und albanischen An- 
gelegenheiten stark in Anspruch genommen, hofft aber, die Eisen- 
bahner befriedigen zu können, sichert Österreich freie Hand in Serbien 
zu, verlangt dafür freie Hand in Albanien. Die Haltung der nord- 
italienischen Presse war heute etwas serbenfreundlich. 



Rußland 

Zur Verstärkung der überall mobilisierten Grenzwache sind 
Truppen verschiedener Waffengattungen herangezogen worden, an 
einzelnen Stellen, z. B. Tschenstochau, Alexandrowo, Wirballen, auch 
Pioniere, anscheinend Sprengkommandos. Der militärische Grenz- 
und Bahnschutz scheint im ganzen Grenzgebiet durchgeführt. Der 
Ausspruch der Mobilisierung im Militärbezirk Wilna und Warschau 
immer noch nicht bestätigt. Reservisten noch nicht in größerer 
Zahl einberufen. Pässe nach einzelnen Meldungen nicht mehr erteilt. 
Anweisung an die Reservisten, sich bereitzuhalten, soll ergangen 
sein. Pferde aushebungen von einzelnen Stellen an der Grenze ge- 
meldet. (Es kann Sicherheitsmaßnahme oder Requisition für die 
Mobilisierung der Grenzwache sein.) Rollendes Material wird überall 
bereitgestellt. Güter wurden an der ganzen preußisch-russischen 
Grenze nicht mehr angenommen. 

Im besonderen : Infanterie -Regimenter iio und iii mit Artillerie 
und einem Dragoner- Regiment stehen bei Wirballen, Grenze von 
westlich Suwalki bis Scliirwindt stark besetzt. Truppen gemeldet : in 
Ratschki (alle Waffen, ohne Stärkeangabe) ; bei Schtschutschin Kavallerie 
und Infanterie ; von Ostrolenka im Marsch zur Grenze (ohne Stärke- 
angabe); in Mlawa (Teile des Infanterie-Regiments 8 und 29 aus 
Warschau) ; bei Bschetz (südwestlich Wlozlawek) alle Waffen, mehrere 
Regimenter (?). 

Minensperre Dünamünde wird bestätigt, zweimalige Öffnung 
täglich, Leuchtfeuer gelöscht. Die Schären, zwischen Helsingfors und 
Hangö für Handelsschiffe gesperrt, Leuchtfeuer gelöscht, Bojen ent- 
fernt. Schiffahrt nach Petersburg ungehindert. 

Die offiziöse Presse hält serbische Antwort für ausreichend, 
glaubt Rumänien auf Seite des Dreibimdes suchen zu müssen. 

gez. V. Griesheim 
Für die Richtigkeit: 

V. Bartenwerffer, 
Major 



95 

Nr. 373 

Der Reichskanzler an den englischen Botschafter^ 
(mündlich) 

Berlin, den 29. Juli 1914* 

Unsere Bemühungen gehen fortgesetzt auf Erhaltung des 
Friedens. Sollte durch einen russischen Angriff auf Österreich und 
die hieraus für uns resultierenden Bündnispflichten zu unserem 
größten Bedauern doch eine europäische Konflagration unvermeid- 
lich werden, so hoflfen wir, daß England Zuschauer bleiben wird. 
Soweit wir die englische Politik beurteilen können, würde sie mit 
Rücksicht auf das europäische Gleichgewicht eine Zerschmetterung 
Frankreichs nicht zulassen wollen. Letztere wird aber von uns 
keineswegs beabsichtigt. Wir können dem englischen Kabinett — 
voraussätzlich dessen neutraler Haltung — versichern, 
daß wir selbst im Falle eines siegreichen Krieges keine territoriale 
Bereicherung auf Kosten Frankreichs in Europa anstreben. Wir 
können ihm ferner zusichern, daß wir die Neutralität und Integri- 
tät Hollands so lange respektieren werden, als diese von unseren 
Gegnern respektiert wird. Was Belgien betrifft, so wissen wir 
nicht, zu welchen Gegenoperationen uns die Aktion Frankreichs in 
einem etwaigen Kriege nötigen könnte. Aber vorausgesetzt, daß 
Belgien nicht gegen uns Partei nimmt, würden wir auch für diesen 
Fall uns zu einer Versicherung bereit finden, wonach Belgiens Inte- 
grität nach Beendigung des Krieges nicht angetastet werden darf. 

Diese eventuellen Zusicherungen erschienen uns als geeignete 
Grundlagen für eine weitere Verständigung mit England, an der 
unsere Politik bisher dauernd gearbeitet hat. Die Zusicherung 
einer neutralen Haltung Englands im gegenwärtigen Konflikt would 
enable me to a general neutral ity agreement in the future of which 
it would be premature to discuss the details at the present moment*. 

^ In Maschinenschrift vorliegender, von Jagow paraphierter Entwurf mit 
handschriftlichen Änderungen des Reichskanzlers; vgl. engl. Blaubuch 1914 
Nr. 85, siehe ferner Nr. 497. 

• Randvermerk des Reichskanzlers vom 31. Juli: »Nebenstehende Er- 
klärung habe ich am 29. Juli dem Botschafter Sir Edward Goschen münd- 
lich gemacht, v. B. H. 31. 7. 14.« Die Erklärung wurde nach dem 
englischen Blaubuch spät abends gemacht. 

• Im Entwurf folgte hinter »Konflikt«: »und die Inaussichtnahme eines all- 
gemeinen Neutralitätsvertrages für die Zukunft würden wir mit einer 
Flottenverständigung beantworten können«. Der Reichskanzler strich das 
und schrieb dafür: »würde uns die Möglichkeit schaffen, einen allge- 
meinen Neutralitätsvertrag für die Zukunft in Aussicht zu nehmen. Ich 
kann mich über die Details und die Basis eines solchen Vertrages natür- 
lich heute nicht näher äußern, da ja England dabei sich über die ganze 
Frage äußern würde.« Auch dieses strich dann der Kanzler und wählte 
den englischen Text »would enable moment«. 



96 



Nr. 374 

Prinz Heinrich von Preui^en an den Kaiser^ 

Kiel, den 28. Juli 1914 

Mein lieber Wilhelm! 

Anliegend übersende ich Dir einen Brief von Sophie, den sie 
mich bat. Dir mit sehr herzlichen Grüßen zuzustellen; ich traf sie 
und Mossy am vergangenen Sonntag bei Zander Münster in Mairs- 
field. — 

Als die Pressenachrichten reichlich alarmierend lauteten, und 
ich die Bestätigung Deiner Heimreise erlangte, entschloß ich mich 
kurzer Hand meinen Aufenthalt in England abzubrechen, um auf 
meine hiesige Basis zurückzukehren, auf welcher ich mich, wie Dir 
bereits telegraphiert, zu Deiner Verfügung halte, bis die Ereignisse 
sich geklärt haben. — 

Vor meiner Abreise von London, und zwar am Sonntag 
morgen hatte ich, auf mein Ansuchen, eine kurze Unterredung mit 
Georgie, welcher sich über den Ernst der augenblicklichen Lage 
vollkommen im Klaren war und versicherte, er und seine Regierung 
würden nichts unversucht lassen, um den Kampf zwischen Öster- 
reich und Serbien zu lokalisieren, deshalb habe seine Regierung den 
Vorschlag gemacht, Deutschland, England, Frankreich und Italien, 
wie Du längst weißt, möchten intervenieren, um zu versuchen, Ruß- 
land im Zaume zu halten, er hoffe, daß Deutschland in der Lage 
sein werde, trotz seines Bündnisverhältnisses zu Österreich, diesem 
Vorschlag beizutreten, um den europäischen Krieg zu vermeiden, 
dem wir, wie er sagte, näher seien als je zuvor; er sagte weiter 
wörtlich "we shall try all we can to keep out of this and shall 
remain neutral." — Daß diese Äußerung ernst gemeint war, davon 
bin ich überzeugt, ebenso wie davon, daß England anfangs auch 
neutral bleiben wird, ob es dies jedoch auf die Dauer wird können, 
darüber kann ich nicht urteilen, hege aber meine Bedenken, wegen 
des Verhältnisses zu Frankreich. — 

Georgie war sehr ernst gestimmt, folgerte logisch und hatte 
das ernsteste und aufrichtigste Bestreben, dem eventuellen Welt- 
brand vorzubeugen, wobei er stark auf Deine Mithilfe rechnete. 
Den Inhalt der Unterredung teilte ich Lichnowsky mit, mit der 
Bitte, diesen dem Kanzler zu übermitteln. Wie ich jetzt durch 
Karpf erfahre, hat sich das in London zur Freude vieler verbreitete 
Gerücht, wonach Du den französischen Präsidenten auf Deiner 
Heimfahrt gesprochen haben solltest, nicht bestätigt; man war be- 

' Nach der Ausfertigung; zum Bureau des Auswärtigen Amts gelangte sie 
erst im Januar 1919. 



97 

reits geneigt, eine solche Begegnung als Friedensgarantie hinzu- 
nehmen. Im übrigen war von einer Erregung im öffentlichen Leben 
in London nichts zu spüren, was wohl dem Umstände zuzusprechen 
sein dürfte, daß der »weckend« seine Rolle spielte, den sich ein 
Land, welches geographisch so günstig gelegen ist wie England, 
wohl leisten kann. — 

Lichnowsky, mit dem ich noch am Sonntag zusammen war, hat 
mich der loyalen und aufrichtigen Gesinnungen Sir Edward Greys, 
gelegentlich der augenblicklichen Krise, des neuen versichert. — 

Hierüber hinaus kann ich nichts berichten, da mein Aufenhalt 
in England nur von Sonnabend früh bis Montag früh dauerte. 

In Gedanken in dieser sorgenvollen Zeit bei Dir, Verbleibe ich 
mit herzlichem Gruß, 

Dein treu gehorsamer Bruder 

Heinrich 



Nr. 375 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten 

in Brüssel 

Berlin, den 29. Juli 1914' 

Die diesem Erlaß beigefügte Anlage ersuche ich Ew. Hoch- 
wohlgeb. ergebenst, sicher verschlossen aufzubewahren und erst zu 
eröffnen, wenn Sie telegraphisch von hier aus dazu angewiesen werden. 

Den Empfang dieses Erlasses und der Anlage wollen Sie mir 
telegraphisch bestätigen ^. 

V. Jagow 



^ Nach dem Konzept. Entwurf von Stumms Hand, am 29. Juli von Stumm 
und Zimmermann paraphiert. 

' Am 29. Juli mit einem verschlossenen Kuvert als Anlage (siehe Nr. 376) 
durch Feldjäger abgesandt. Das Schreiben Nr. 375 ist als Erlaß 88, die 
Anlage Nr. 376 als Erlaß 87 bezeichnet. 

* Der Gesandte in Brüssel bestätigt den Empfang am 30. Juli in einem 
Telegramm an das Auswärtige Amt, aufgenommen im Berliner Haupt- 
telegraphenamt 30. Juli 2" nachm., präsentiert im Auswärtigen Amt 
3'* nachm. 

Aktenstücke H. ö 



g8 



Nr. 376 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten 

in BrüsseP 

Berlin, 29. Juli 1914^ 

Der k. Regierung liegen zuverlässige Nachrichten vor über 
den beabsichtigten Aufmarsch französischer Streitkräfte an der 
Maasstrecke Givet-Namur. Sie lassen keinen Zweifel über die 
Absicht Frankreichs^ durch belgisches Gebiet gegen Deutschland 
vorzugehen. 

Die k. Regierung kann sich der Besorgnis nicht erwehren, 
daß Belgien trotz besten Willens nicht imstande sein wird, 
ohne Hilfe einen französischen* Vormarsch mit so großer Aussicht 
auf Erfolg abzuwehren, daß darin eine ausreichende Sicherheit gegen 
die Bedrohung Deutschlands gefunden^ werden kann. Es ist ein 
Gebot der Selbsterhaltung für Deutschland, dem feindlichen Angriff 
zuvorzukommen. Mit dem größten Bedauern würde es daher« die 
deutsche Regierung erfüllen, wenn Belgien einen Akt der Feindselig- 



^ Nach dem Konzept. Der Chef des Generalstabs v. Moltke übersandte dem 
Auswärtigen Amt unter dem Datum des 26. Juli den von ihm selbst nieder- 
geschriebenen »Entwurf zu einem Schreiben an die belgische Regierung« 
(Eingangsvermerk: 29. Juli nachm.). Der Entwurf wurde von Stumm ge- 
ändert und mit einem Nachtrag versehen, das Ganze wurde nicht als Mit- 
teilung an die belgische Regierung, sondern als Erlaß an den Gesandten 
in Brüssel gerichtet. Konzept ist von Stumm, Zimmermann und dem 
Kanzler paraphiert, das Mundum wurde von Jagow unterzeichnet. — Be- 
züglich der vom Gesandten in Brüssel auf Anweisung Jagows später am 
Text vorgenommenen Änderungen siehe Nr. 648. Siehe auch Nr. 375. 

'^ Auf dem Konzept der Vermerk von Stumms Hand: »Mundiert v. Gf. 
Mirbach. Ab 29. abends durch k. Feldj. [äger].« In einer gleichfalls bei 
den Akten befindlichen Abschrift ist das Datum von Stumm geändert in 
2. August; darunter der Vermerk von Stumms Hand: (»Veröffentlichung 
am 8. August durch Wolffbureau«). 

2 Hinter »Frankreichs« im Entwurf des Generalstabs in Klammer folgendes 
(»nach Vereinigung mit einem englischen Expeditionskorps«) von Stumm 
gestrichen. 

* »französischen« aus »französisch-(englischen)« des Generalstabs von Stumm 
geändert. 

^ Generalstab hatte »erblickt« statt »gefunden«. 

^ Daher »statt« des Generalstabs: »aber«. 



99 

keit gegen sich darin erblicken würde, daß die Maßnahmen seiner 
Gegner Deutschland zwingen, zur Gegenwehr auch seinerseits 
belgisches Gebiet zu betreten. 

Um jede Mißdeutung auszuschließen, erklärt die k. Regierung 
das Folgende: 

1. Deutschland beabsichtigt keinerlei Feindseligkeiten gegen 
Belgien. Ist Belgien gewillt, in dem bevorstehenden Kriege Deutsch- 
land gegenüber eine wohlwollende Neutrahtät einzunehmen ', so ver- 
pflichtet sich die deutsche Regierung beim Friedensschluß® nicht 
nur Besitzstand und Unabhängigkeit des Königreichs in vollem Um- 
fang zu garantieren, sie ist sogar bereit, etwaigen territorialen^ Kom- 
pensationsansprüchen des Königreichs auf Kosten Frankreichs^" in 
wohlwollendster Weise entgegenzukommen. 

2. Deutschland verpflichtet sich unter obiger Voraussetzung das 
Gebiet des Königreichs wieder zu räumen, sobald der Friede ge- 
schlossen ist. 

3. Bei einer freundschafthchen ^^ Haltung Belgiens ist Deutsch- 
land bereit, im Einvernehmen mit den k. Belgischen Behörden 
alle Bedürfnisse seiner Truppen gegen Barzahlung anzukaufen und 
jeden Schaden zu ersetzen, der etwa durch deutsche Truppen ver- 
ursacht werden könnte. 

Sollte Belgien den deutschen Truppen feindhch entgegentreten, 
insbesondere ihrem Vorgehen durch Widerstand der Maasbefestigungen 
oder durch Zerstörungen von Eisenbahnen, Straßen, Tunneln oder 
sonstigen Kunstbauten Schwierigkeiten bereiten, so wird Deutschland 
zu seinem Bedauern gezwungen sein, das Königreich als Feind zu 
betrachten. In diesem Falle würde Deutschland dem Königreich gegen- 
über keine Vei pflichtungen übernehmen können, sondern müßte die 
spätere Regelung des Verhältnisses beider Staaten zueinander der Ent- 
scheidung der Waffen überlassen. 

Die k. Regierung gibt sich der bestimmten Hoffnung hin, daß 
diese Eventualität nicht eintreten, und daß die k. Belgische Regierung 
die geeigneten Maßnahmen zu treffen wissen wird, um zu verhin- 
dern, daß Vorkommnisse wie die vorstehend erwähnten sich ereignen. 
In diesem Falle würden die freundschaftlichen Bande, die beide 



^ »Deutschland gegenüber einzunehmen« von Stumm geändert 

aus ursprünglichem »auf die Seite Deutschlands zu treten«. 

* Die Worte »beim Friedensschluß« von Stumms Hand beigefügt. 

' »territorialen« von Stumms Hand beigefügt. 

*° »auf Kosten Frankreichs« von Stumm beigefügt an Stelle von »auf territorialem 
Gebiet« des Generalstabs. 

^* Hinter »freundschaftlichen« im Entwurf in Klammer folgendes : »[oder einer 
wohlwollend neutralen]«, später gestrichen. 

8* 



100 

Nachbarstaaten verbinden, eine weitere und dauernde Festigung 
erfahren ^^. 

Ew. Hochwohlgeb. wollen umgehend der k. Belgischen Regierung 
hiervon streng vertraulich Mitteilung machen und sie um Erteilung 
einer im zweideutigen Antwort binnen 24 Stunden ersuchen ^^ Von 
der Aufnahme, welche Ihre Eröffnungen dort finden werden, und 
der definitiven Antwort der k. Belgischen Regierung wollen Ew. 
Hochwohlgeb. mir umgehend telegi^aphische Meldung zugehen lassen ". 

V. Jagow 



*^ Der Abschnitt »Die k. Regierung erfahren« lautete im Ent- 
wurf des Generalstabs: »Die deutsche Regierung gibt sich der Hoffnung 
hin, daß die k. Belgische Regierung alle letzterwähnten Vorkomm- 
nisse im eigenen Interesse zu verhindern wissen wird. Die gegenwärtige 
Krisis würde dann dazu beitragen, die altbewährten freundschaftlichen 
Beziehungen beider Nachbarstaaten dauernd zu befestigen«. 

" Der Generalstab hatte unter dem Entwurf die Bemerkung beigefügt: 
»Eine unzweideutige Antwort auf dieses Schreiben muß innerhalb 24 
Stunden nach Überreichung erfolgen, widrigenfalls die Feindseligkeiten 
sofort eröffnet werden«. 

" Der Satz: »Von der Aufnahme zugehen lassen« im Konzept 

von Stumms Hand nachträglich mit Bleistift beigefügt. 



Nr, 376 a 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt' 

Telegramm 180 Petersburg, den 29. Juh 1914^ 

Folgendes hier nicht entzifferbares Telegramm, um dessen Ent- 
zifferung und Mitteilung hierher gebeten wird, aus Warschau hier 
eingegangen : 

Alle Truppen aus Manöver zurückberufen, teilweise an öster- 
reichische Grenze abgegangen. 

Pourtalös 



^ Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in Petersburg 'y^s vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 
10'* nachm. Vom Chiffrierbureau nach Peterburg weitergegeben. Am 
30. Juli 8^ vorm. dem Generalstab, Kriegsministerium, Admiralstab und 
Reichsmarineamt mitgeteilt. 



lOI 



Nr. 377 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Wien^ 

Telegramm 189 Berlin, den 29. Juli 1914* 

Erwarte umgehende Erledigung des Erlasses Nr. 174 '. 

Bethmann Hollweg 



1 Nach dem Konzept von der Hand des Reichskanzlers. 

* lo** nachm. zum Haupttelegraphenamt, dort abgefertigt 11" nachm.; an- 
gekommen auf der Botschaft in Wien 30. Juli 6^ vorm. 

' Siehe Nr. 323. Schon vorher war f.m 29. Juli lo^* nachm. an die Botschaft 
inWien offen ( 186] telegraphiert worden : » Sofort Drahtantwort, ob Telegramm 
Nr. 174 von gestern dort angekommen. Auswärtiges Amt.« Dieses Tele- 
gramm ist nur bei den Akten der Botschaft in Wien. Siehe ferner Nr. 388. 



Nr. 378 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 187 Petersburg, den 29. Juli 1914* 

Habe soeben Herrn Sasonow befohlene Mitteilung gemacht' 
imd dabei betont, daß es sich nicht um eine Drohung, sondern um 
freundschaftliche ]\Ieinung handele. Minister, der Mitteilung sehr 
erregt entgegennahm, erwiderte, er werde Sr. M. dem Kaiser Nikolaus 
Meldung erstatten. 

Dem Grafen Szäpary hat Herr Sasonow zugegeben, daß Mobil- 
machung bevorstehe, imd hinzugefügt, es werde mit Mobilmachimgs- 
befehl »note explicative« veröffentlicht werden, die darauf hinweisen 
werde, daß Mobilmachung nicht als Absicht russischer Regienmg, 
Krieg zu führen, aufzufassen sei, sie vielmehr nur Zustand bewaff- 
neter Neutralität herbeiführen solle. 

Pourtales 



' Nach der Entzifferung. 

* Aufgegehen in Petersburg 8° nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
10" nachm. Eingangsvermerk: 29. Juli nachm. 

* Siehe Nr. 342. 



I02 



Nr. 379 

Der Geschäftsträger in Bukarest an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 49 Sinaia, den 29. Juli 1914 ^ 

Geheim! 

S. M. der König empfing mich heute morgen, sogleich nachdem 
ich um Audienz gebeten hatte. Höchst derselbe wiederholte die mir 
gestern gemachten Mitteilungen und fügte hinzu, es sei wohl mög- 
lich, daß jetzige Regierung in Bulgarien ruhig bleiben würde, allein im 
Augenblick eines Konflikts würde diese von Rußland weggefegt werden, 
und Bulgarien ginge dann sofort ins russische Lager über. König 
wies nochmals darauf hin, daß Bulgarien gut gerüstet sei und die 
Stimmung hier im Lande eine Unterstützung Österreichs sehr er- 
schweren werde. Inwieweit man auf Zuverlässigkeit Bulgariens bauen 
kann, entzieht sich natürhch meiner Kenntnis. Ich habe Sr. M. 
gegenüber geäußert, es könnte doch darauf hingewirkt werden, die 
öffentliche Meinung in Österreich freundlichem Sinne zu beeinflussen. 
Die Lage des Königs wird gegebenenfalls eine sehr schwierige sein. 
Daher geht sein Wunsch dahin, Österreich möge den Krieg rasch 
beendigen und maßvoll sein. Er meint, Deutschland könne in diesem 
Sinne auf Österreich einwirken, wie er es schon getan habe. In 
einem Telegramm, das König heute an Kaiser Franz Joseph, der 
ihm Kriegserklärung angezeigt hatte, gesandt hat, heißt es : »Ich 
hege den Wunsch, daß das von meinem Lande mit so viel Opfern 
erworbene Gleichgewicht auf der Balkanhalbinsel unberührt bleiben 
möge.« 

Kaiser von Rußland hat heute König Telegramm gesandt als 
Antwort auf sein Telegramm, in dem er für freundhche Aufnahme 
der Deputation des rumänischen Regiments dem Zaren dankt. Das- 
selbe enthält folgenden Passus : »Je ne doute pas que notre amitie 
personnelle facilitera notre coUaboration pour saufgarder^ si possible 
la paix ä cette heure grave.« Von beiden Telegrammen hat S. M. 
der König mir vertraulich Kenntnis gegeben. 

Waldburg 



^ Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Sinaia 29. Juli 7" nachm., angekommen im Auswärügen 

Amt 11" nachm.; Eingangsvermerk: 30. Juli vorm. 
^ So in der Entzifferung für »sauvegarder«. 



103 

Nr. 380 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Petersburg^ 

Telegramm 139 Berlin, den 29. Juli 1914* 

Dringend! 

Russische Mobilmachung an österreichischer Grenze wird, wie 
ich annehme, entsprechende österreichische Maßregel zur Folge haben. 
Wieweit dann die rollenden Steine noch aufzuhalten sind, ist schwer 
zu sagen, und ich fürchte, daß friedhche Absichten Herrn Sasonows 
dann nicht mehr verwirklicht werden können^. Um, wenn möglich, 
drohende Katastrophe noch* abzuwenden, wirken wir in Wien darauf- 
hin, daß die österreichisch -ungarische Regierung in Bestätigung ihrer 
früheren Versicherung^ Rußland noch einmal formell erklärt, daß ihr 
territoriale Erwerbungen in Serbien fernliegen und ihre militärischen 
Maßnahmen lediglich eine vorübergehende Besetzung bezwecken, lun 
Serbien * zur Schaffung von Garantien für künftiges Wohlverhalten 
zu zwingen. 

Gibt Österreich-Ungarn eine solche Erklärung ab, so hat Ruß- 
land alles erreicht, was es will. Denn daß Serbien die »verdiente 
Lektione erhalten müsse, hat Herr Sasonow Ew. Exz. gegenüber 
selbst zugegeben. 

Wir erwarten daher, daß Rußland, falls unser Schritt in Wien 
Erfolg hat, keinen kriegerischen Konflikt mit Österreich herbeiführt'. 

Ew. Exz. wollen Sich in vorstehendem Sinne eingehend Herrn 
Sasonow gegenüber aussprechen. 

Drahtbericht 8. Bethmann Hollweg 



1 Nach dem Konzept. Entwurf von Rosenbergs Hand mit Änderungen 
von der Hand Jagows. Siehe Nr. 343. 

2 II* nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

3 »Russische verwirklicht werden können« von Jagow geändert 

aus Rosenbergs ursprünglichem: »Der russische Botschafter hat hier heute 
mitgeteilt, daß Rußland morgen gegen Österreich mobilisieren wird. 
Wie Ew. Exz. und dem dortigen Kabinett bekannt, würde ein derartiger 
russischer Schritt von uns alsbald mit entsprechenden Mobilmachungs- 
maßnahmen beantwortet werden müssen.« 

* So Jagow anstatt Rosenbergs: »Um die dann wohl unvermeidliche 
Katastrophe wenn möglich noch in letzter Stunde.« 

* Jagow: »früheren Versicherung« anstatt Rosenbergs »bereits vorliegenden 
Versicherungen nicht nur uns, sondern auch.« 

* Hier zunächst folgendes »zur Erfüllung der österreichischen Forderungen 
und« von Jagow gestrichen. 

' »keinen herbeiführt« von Jagow aus Rosenbergs ursprüng- 
lichem »die geplante Mobilisierung unterläßt« geändert. Rosenbergs 
hinter »unterläßt« folgender Satz: »Die Verantwortung für die Folgen 
einer trotzdem vorgenommenen Mobilmachung würde ausschließlich 
Rußland treffen« von Jagow getilgt. 

* Siehe Nr. 421. 



■■ra 



104 

• Nr. 381 

Der Geschäftsträger in Athen an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 222 Athen, den 29, Juli 1914* 

Vertraulich ! 

Gemeldete Erklärung^ des bulgarischen Gesandten ist nicht in 
offizieller Weise erfolgt, doch hat Herr Streit davon Akt genommen. 

Griechische Regierung will Nachricht von einem Bericht des 
bulgai-ischen Generalstabs an die bulgarische Regierung haben, der 
feststellt, daß Bulgarien stark genug sei, imi mit seiner Armee gegen 
Rumänien zu kämpfen und gegen serbische und griechische Banden 
Kample zu organisieren. 

Bassewitz 



^ Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Athen 29. Juli 8" nachm., angekommen im Auswärtigen 

Amt 11" nachm.; Eingangsvermerk: 30. Juli vorm. 
^ Siehe Nr. 336. 



Nr. 382 

Zwei Artikel des >^ Daily Chronicle« vom 29. Juli 1914 
mit Randbemerkungen des Kaisers^ 

What War Will Mean. 

The real danger for Gt. Britain. beides in unserer 

By Sir Harrv Johnston, G. C. M. G. ^''^^^^ ^^^^ ^ö- 

bend besprechen 

At the time these lines are being unter Abdruck 

written the fate of all Europe, of the 

British Empire, of Asia, and of Africa 

hangs in the balance. Is a quarrel between 

Austria-Hungary and Servia to spread 

rapidly into a war between Germany and 

Austria on the one band, and Russia on 

the other, with the Balkan States taking 

this side er that? And, more terrible 



1 Zeitungsausschnitt vom Auswärtigen Amt dem Kaiser zugesandt, Eingangs- 
vermerk des Amts: 20. Juli; vom Kaiser am 31. Juli ins Amt zurück- 
gelangt. 



105 



still for US across the British Channel, is 
this war to involve the longfthreatened 
revenge of France for her defeats in 
1870, the invasion of Belgium and 
Luxemburg, and, perhaps, Holland, and, 
finally, a world-war of the British 
against the German Empire and its 
allies? 

The least blunder of our diplomacy 
and statecraft, the least persistence in 
any miscalculation of forces which may 
have taken place may involve our peoples 
in a struggle by sea, land, and air out of 
which, even if we come victorious, we 
shall be incredibly maimed and im- 
poverished. Moreover, our very victory 
as the Partisans of Teuton or of Slav, 
or the ally of France (and consequently 
of Russia) may upset the balance of 
power in Europe or Asia to our great 
disadvantage. 

How Britain is Situated. 

As things stand we have no interests 
at stake in this clash of ambitions 
between the Powers of Central and of 
Eastern Europe. We are friends with 
both — with, I should say, all — parties. 
The prosperity of Russia stimulates 
British commerce ; the prosperity of Ger- 
many and of Austria-Hungary, similarly, 
is good for British and for British Im- 
perial trade. Our commercial dealings 
with Servia are on the up-grade. We 
should like to see all participants in the 
great renaissance of Eastern Europe 
happy and contented and satisfied as to 
their ambitions. But if they are not, and 
are about to resort to the arbitrament of 
arms to ad just their claims, well, it 
should be no concern of ours provided it 
did not lead to two developments-the 
aggrandisement of Russia in Europe or 
the defeat of France by Germany, with 
a consequent German irruption into Bel- 
gium and Holland. 



io6 

What has provoked the present 
crisis? The intrigues of Russia with res 

Servia. Russia, in her unfaltering 
determination to gain free access to the 
Mediterranean, has intrigued with Ru- 
mania and, above all, with Servia and 
Montenegro for the last 20 years, in 
Order to stay the southward march of 
the Austrian Empire. Bulgaria she now 
regards as a negligible quantity; Ru- 
mania, Servia, Montenegro and Albania 
constitute the chain of vassal States she 
would like to bring within her sphere of 
influenae as an effectual barrier to any 
eastward advance of Teutonic authority. 
With these brought under her financial 
and diplomatic control, any German 
plans of raihvay or colonial adventure in 
Asia Minor and Mesopotamia would 
wither like a limb separated from its 
main arteries by a tight ligament. 

Intervention of France. 
Where does danger for Great Britain 
lie in this Teutonic conüict with the 
forces of Slavdom? In the intervention richtig 
of France. France, like every other gut 

Power, ourselves included, is perfectly 
selßsh in her policy. Her thoughts are 
concentrated mainly on revenge for 
1 870-1 and the recovery of Alsace-Lor- 
raine. That is the only reason she has 
allied herseif with Russia. If she can yes 

take Germany at a disadvantage she 
may recover all or part of her lost 
provinces. She is indifferent to the 
other consequences of a German defeat 
endlich ein ehr- (and in all this talk about Austria-Hun- so habe ich es 
lieber Brite! g^ry, Germany is the protagonist we all ^^^^^ aufgefaßt 
have in view), careless as to whether or 
not it may mean a Russian advance 
through Lapland to the North Sea and 
an enfeeblement of Sweden, a Russian 
annexation of Asia Minor, and an 
advance to the Persian Gulf. 

Supposing France gets the worst of 
a struggle with Germany. It will mean 



107 



a German control over Belgium and 
Holland, and a disastrous Strategie aha! 

Position for Great Britain on the shores 
of the North Sea. Or if France is 
victorious, and consequently Russia 
likewise, a dangerous elimination of 
Teutonia from the balance of power, and yes 

an ultimate dnel between Britain and 
Russia for the control of Asia. The 
real danger in this medley of problems 
is the Franco-Russian Alliance. But for bravo .' 
that unhappy fact there really might 
have been a Franco-British Alliance; 
shecan! but will there may yet be if our diplomacy can, at 
they the last critical moment detach France 

from the ambitions of Russia, and leave 
that Power entirely to herseif, to decide 
whether she has more to gain in fighting 
a coalition of Sweden, Germany, Italy, 
hervorragend! Austria, and Bulgaria (with Turkey 
possibljy superadded), or in disinter- 
esting herseif from the affairs of the 
Balkan Peninsula, resting content with 
the enormous share of Europe she 
already po-sesses, and applying her 
energies, warlike and administrative, to 
the control and colonisation of half Asia. 

Britain's First Line of 
D e f e n c e. 

In that last capacity, as this civil iser 
of Armenia, Northern Persia, Tur- 
kestan, Mongolia, Siberia and Man- 
churia she has already gained over the 
Virtual concurrence of Great Britain; 
and her efforts there and their already 
patent results (especially in Central 
Asia) have won from British travellers 
and writers emphatic praise. 

The safety, integrity, and prosperity 
of France, the independence of Belgium, 
Holland, and Luxemburg constitute 
British interests of the first order. They 
are our first line of defence. This is 
why the Franco-Russian Alliance is an 
object of intense dislike and uneasy richtig 
suspicion to all far-seeing men and 



io8 

women on this side of the English 
Channel; for its provisions may at any 
moment drag France — and hehind her, 
Britain — into quarreis between Slav, 
Teuton and Magyar in the Near East 
which do not concern either the French sehr richtig 
or ourselves; except that both Powers 
ausgezeichnet would suffer grievously in their 
interests if Russia seated herseif on the 
Byzantine throne. 

Duty of Avoiding European Conüict. 
By Francis W. Hirst. 

I notice that the Yellow Press is 
screaming for war. It says that if 
France and Russia mobilise we ought to 
mobilise too. If they fight we ought to 
fight too. Parliament has been solemnly 
informed that we are under no obliga- but Grey has in- 
tion of a military or naval kind either formed us that 
to Russia or to France. No British (/" ^^ ^elp our 
int er est is involved. It is difficult even -^^^'^^> England 
to fix our individual sympathies. y^iU attack usü 

If the Afghans had been seeking a 
greater Afghanistan at the expense of 
India, and had assassinated a Prince and 
Princess of Wales in the streets of 
Peshawur, I am not sure that the vocal 
part of the British nation would not 
have called for a march to Candahar. 
And I am quite certain that in that case 
Austria would have raised no protest. 
Then what, I would ask, is Mr. Churchill 
doingf What possible ground can bravo! 
there be for a mobilisation of the ßeetf 
Was it a mere outburst of meddlesome 
Chauvinismf 

This is not Our Quarrel. certainly not 

My object in writing to you at this 
moment is to urge the prime duty of 
maintaining right throughout this awful 
crisis an attitude of strict neutrality. 
This is not our quarrel; nor would the 
entrance into it of Russia, Germany, 
France or any other State give any 
British Government any moral right to 



I09 



Spill British blood or to spend British gut 

treasure in a war whose only intelligible 
purpose would be the destruction of 
civilisation in Western Europe. If four 
millions of Russians and Servians are 
to be flung against four millions of 
Germans and Austrians that should be 
enough. If the military furies drag 
fifteen hundred thousand Frenchmen 
and an equal number of Italians into the 
conflict that would supply three million gut 

more reasons why Britain should 
remain at peace. 

In the City one is glad to learn — 
and I believe the same is true of business 
men all over the contry — that one opinion 
prevails. "It is no concern of ours" is richtig 
the general cry. The greatest of British 
interests is peace. The folly and 
wickedness of fighting for Russia 
against Germany are not less clear than aha! 

the folly and wickedness of fighting for 
Germany against France. 

Ten Millions a Day. 

In any case we shall suffer. The X^^- 

appalling losses of such a war — which 
might cost in wealth alone anything up 
to ten millions Sterling a day — will 
be spread over the whoie world, and 
will fall heavily enough upon London, 
which Supports the delicate fabric of 
international credit. 

The main hope just now — as a 
great banker said to me a day or two 
ago — is the dearth of money. Every 
great Continental State is living on 
capital or credit. The extreme ünancial 
weakness of Russia and France may 
give their rulers pause, may save them 
from ruin and bankruptcy. 

But the empty treasuries of Vienna 
and Beigrade have not prevailed over 
the war fever. Financial prudence has 
not been able to restrain racial feuds or 
the cravings of military ambition. We, 
too, must beware. All the members of 



HO 

our ruling classes are not responsible 

and sober-minded people. The makers 

of war material are far more powerful 

than most of us suspect. A cunning 

and unscrupulous Press is at work on yes 

behalf of war. All that Cobden and 

Morley have taught is in danger of 

being forgotten. If the war spreads and 

we are entangled, great finance houses, 

great merchants and manufacturers will 

go down like ninepins. Capital will 

perish. Mills will dose. Shops will 

empty. Orders for advertisements will 

cease. 

Employment will drop and wages 

fall. Then insurance funds will run dry 

in a few weeks or months, and perhaps 

(who knows?) the working classes, das sind also die 

hitherto so loyal and patriotic, will turn Stimmen der 

savagely against the powers that be. Let öffentlichenMei- 

ausge^eichnet us all, whatever our party, stand """J ^1^ ^'"^-^ 

tosether and do what we can to avert ^ r- / i 
, ? . , •. ^« Lichnowsky 

this crowning calamity. getrieben! 

bravo! Das ist ja das 

genaue Gegen- 
teil! Entweder 
hat er geblufft 
oder grob ge- 
logen ! 

Übersetzung 

Was ein Krieg bedeuten wird. 
Die wirkliche Gefahr für Großbritannien. Beides in unserer 

Von Sir Harry Johnston, G. C. M. G. ■P''"*^ *^'"' 'o6e«rf 

besprechen unter 

Während des Schreibens dieser Zeilen Abdruck. 

hängt das Schicksal ganz Europas, des bri- 
tischen Reichs, Asiens und Afrikas in der 
Schwebe. Soll ein Streit zwischen Österreich- 
Ungarn und Serbien sich rasch zu einem 
Krieg zwischen Deutschland und Österreich 
auf der einen und Rußland auf der anderen 
Seite erweitern, während die Balkanstaaten 
diese oder jene Partei ergreifen? Und was für 
uns diesseits des britischen Kanals noch furcht- 
barer ist, soll dieser Krieg die seit langem 
angedrohte Rache Frankreichs für seine Nieder- 
lagen im Jahre 1870, soll er den Einfall in 
Belgien und Luxemburg und vielleicht in 



II I 



Holland und schließlich einen Weltkrieg des 
britischen Reichs gegen das deutsche Reich 
und dessen Verbündeten nach sich ziehen? 

Der geringste Fehler unserer Diplomatie 
und Staatskunst, das geringste Festhalten an 
irgend einer vielleicht angestellten falschen 
Bewertung der Kräfte, kann unsere Völker 
in einen Krieg zur See, zu Lande und in den 
Lüften verwickeln, aus dem wir — selbst 
wenn wir die Sieger bleiben — unsagbar j^ 

geschwächt und verarmt hervorgehen werden. 
Zudem könnte gerade unser Süg als Bundes- 
genosse des Teutonen oder Slawen oder als 
Verbündeter Frankreichs (und folglich Ruß- 
lands) das Gleichgewicht der Mächte in Europa j^, 
oder Asien i^u unserm großen Nachteil stören. 

Die Lage, in der sich England 
befindet. 

Wie die Dinge liegen, stehen bei diesem 
Zusammenprall ehrgeiziger Bestrebungen der 
Mächte Zentral- und Osteuropas keine Inter- 
essen unsererseits auf dem Spiel. Wir sind 
mit beiden — ich möchte sagen mit allen — 
Parteien befreundet. Der Wohlstand Ruß- 
lands fördert den britischen Handel; der 
Wohlstand Deutschlands und Österreich- 
Ungarns ist gleichfalls günstig für den Handel 
von Großbritannien und den des britischen 
Reiches. Unsere Handelsbeziehungen mit 
Serbien sind im Aufstieg begriffen. 

Wir würden es gerne sehen, daß alle, 
die an der großen Wiedergeburt von Ost- 
europa teilnehmen, glücklich und zufrieden 
sind, und daß die Wünsche ihres Strebens 
erfüllt werden. Wenn das jedoch nicht der 
Fall ist, und wenn diese Völker sich an- 
schicken, ihre Forderungen mit Waffengewalt 
durchzusetzen, nun, so ginge uns dies nichts 
an, vorausgesetzt, daß es nicht zu den fol- 
genden zwei Entwickelungen führen würde: 
zur Vergrößerung Rußlands in Europa oder 
zur Niederlage Frankreichs durch Deutsch- 
land mit einem darauf folgenden deutschen 
Einbruch in Belgien und Holland. 

Was hat die gegenwärtige Krise hervor- 
gerufen? Die Intrigen Rußlands mit Serbien: J'^ 
Rußland hat in seinem nicht wankenden Ent- 
schlüsse, einen freien Zutritt zum Mittelländi- 
schen Meer zu erlangen, während der letzten 
20 Jahre mit Rumänien und vor allem mit 
Serbien und Montenegro intrigiert, um das 



112 

Vordringen des österreichischen Kaiserreichs 
nach Süden zu verhindern. Es betrachtet 
Bulgarien jetzt als völlig bedeutungslos. 
Rumänien, Serbien, Montenegro und Albanien 
bilden die Kette von Vasallenstaaten, die es 
als wirksame Schutzwehr gegen ein Vordrin- 
gen teutonischer Macht nach Osten in seine 
Einflußsphäre bringen möchte. Wenn diese 
Balkanstaaten in finanzielle und diplomatische 
Abhängigkeit von Rußland gebracht wären, 
so würden alle deutschen Pläne, Kolonial- 
unternehmen in Kleinasien und Mesopotamien 
absterben wie ein Glied, das durch einen fest- 
gespannten Verband von seiner Lebensader 
abgeschnürt ist. 

Die Einmischung Frankreichs 

Wo liegt bei diesem teutonischen Konflikt 
mit den slawischen Mächten die Gefahr für 
Großbritannien? In der Einmischung Frank- richtig. 

reichs. Wie jede andere Macht, wir selbst 
mit eingeschlossen, ist Frankreich in seiner 
Politik vollkommen selbstsüchtig. Seine Ge- ^w^- 

danken konzentrieren sich hauptsächlich auf 
die Rache für 1870/71 und auf die Wieder- 
gewinnung von Elsaß- Lothringen. Dies ist 
der einzige Grund, warum es sich mit Ruß- 
land verbündet hat. Wenn es ihm gelingt, 
Deutschland in eine ungünstige Lage ^u bringen, ,a 

so kann es vielleicht seine verlorenen Pro- 
vinzen ganz oder teilweise wiedererlangen. 
Die anderen Folgen einer deutschen Nieder- 
lage sind ihm gleichgültig {und in all diesem 
endHchem ehrlicher ganzen Gerede über Österreich-Ungarn ist 

Brite! Deutschland der Hauptfaktor, den wir alle so habe ich es stets 

im Auge haben), mag nun diese Niederlage aufgefaßt. 
einen russischen Vormarsch durch Lappland 
nach der Nordsee und eine Schwächung 
Schwedens, eine russische Annexion Klein- 
asiens und einen Vormarsch :[um persischen 
Golf bedeuten. 

Nehmen wir an, daß Frankreich in einem 
Kampf mit Deutschland den kürzeren ziehe. 
Dies würde eine deutsche Vorherrschaft über aha! 

Belgien und Holland und eine unheilvolle 
strategische Lage für Großbritannien an der 
Nordseeküste bedeuten. Oder wenn Frank- 
reich und folglich auch Rußland Sieger bleiben, 
eine gefährliche Beseitigung deutschen Ein- 
flusses aus dem Gleichgewicht der Mächte ja 
und letzten Endes einen Zweikampf ^wischen 
Großbritannien und Rußland um die Herr- 



113 



Schaft über Asien. In diesem Gemisch von 
Problemen liegt die wahre Gefahr in dem 
französisch-russischen Bündnis. Ohne diese bravo! 

unglückselige Tatsache wäre vielleicht ein 
französisch-britisches Bündnis wirklich zu- 
stande gekommen; es kann noch jetzt zu- 
stande kommen, wenn unsere Diplomatie in 
diesem letzten kritischen Moment Frankreich 
sie kann! aber will von den ehrgeizigen Bestrebungen Rußlands 
*•* loslösen kann, so daß die letztere Macht voll- 

ständig auf sich selbst angewiesen bleibt und 
zu entscheiden hat, ob es von größerem 
Vorteil für sie ist, wenn sie gegen eine Ko- 
hervorragend! alition von Schweden, Deutschland, Italien, 
Österreich und Bulgarien (zu der möglicher- 
weise die Türkei noch hinzukommt) den 
Kampf aufnimmt, oder wenn sie sich von 
den Angelegenheiten der Balkanhalbinsel fem 
hält, sich mit dem ungeheuer großen Teil 
Europas, den sie schon besitzt, zufrieden 
gibt und ihre kriegerische und administrative 
Tatkraft der Beherrschung und Kolonisierung 
halb Asiens widmet. 

Englands erste Verteidigungslinie 
In der Eigenschaft als Kulturträger in 
Armenien, Nordpersien, Turkestan, Sibirien, 
in der Mongolei und Mandschurei hat Ruß- 
land sich die Mitwirkung Großbritanniens im 
Prinzip schon gesichert, und Rußlands Be- 
strebungen auf diesem Gebiet und deren schon 
offenkundige Ergebnisse (besonders in Zentral- 
asien) sind von britischen Reisenden und 
Schriftstellern äußerst lobend hervorgehoben 
worden. 

Die Sicherheit, Integrität und Wohlfahrt 
Frankreichs, die Unabhängigkeit Belgiens, 
Hollands und Luxemburgs stellen britische 
Interessen von allererster Wichtigkeit dar. 
Sie sind unsere erste Verteidigungslinie. Aus 
diesem Grunde empfinden alle weitblickenden 
Männer und Frauen auf dieser Seite des 
Kanals gegen das französisch-russische Bünd- 
nis eine intensive Abneigung und betrachten 
es mit argwöhnischem Unbehagen, denn seine 
Bestimmungen können in einem beliebigen 
Augenblick Frankreich — und nach ihm Eng- 
land — in Streitigkeiten zwischen dem Slawen, 
Teutonen und Magyaren imnahenOstenh\nem- 
reißen, die weder Frankreich noch uns etwas sehr richtig 
angehen, außer insofern als die Interessen 
ausgezeichnet! beider Mächte schwer geschädigt würden, wenn 
Rußland den Thron von By^'^nz bestiege. 

Aktenstücke IL 9 



114 



Die Pflicht, einen europäischen Konflikt 

fM vermeiden. 

Von Francis W. Hirst 

Ich bemerke, daß die gelbe Presse nach 
Krieg schreit. Sie behauptet, daß, wenn 
Frankreich und Rußland mobil machen, wir 
auch mobil machen müssen. Wenn diese 
Mächte kämpfen, müßten wir auch kämpfen. 
Dem Parlament ist feierlich gesagt worden, 
daß unsererseits keine das Heer oder die Grey hat unsjeaock 
Marine betreffende Verpflichtung «;^^er /?u^--g^2f aÄ;! 
land noch Frankreich gegenüber besteht. Es ^,y^^ ^^„„ ^,y „„_ 
stehen keine britischen Interessen auf dem seren Verbündeten 
Spiel. Es ist sogar schwer zu sagen, welcher helfen!.' 
Partei die Sympathien des einzelnen gehören. 

Wenn es die Afghanen nach einem 
Großafghanistan auf Kosten Indiens gelüstet 
hätte, und wenn sie einen englischen Thron- 
folger und seine Gemahlin in den Straßen 
von Peshawur ermordet hätten, so weiß ich 
nicht, ob die Schreier im britischen Volke 
nicht einen Vormarsch nach Candahar ge- 
fordert hätten.^^ Und ich weiß sicher, daß in 
diesem Falle Österreich keinen Widerspruch 
erhoben hätte. Ich frage also, was tut Mr. 
Churchill? Welcher mögliche Grund kann bravo! 
für die Mobilmachung der Flotte bestehen? 
War es ein bloßer Ausbruch von überge- 
schäftigem Chauvinismus ? 

Dies ist nicht unser Streit. gewiß nicht 

Wenn ich in diesem Augenblick schreibe, 
so bezwecke ich damit, auf die vornehmste 
Pflicht: die Aufrechterhaltung strenger Neu- 
tralität während der ganzen Krise, dringend 
hinzuweisen. Dies ist nicht unser Streit, auch 
das Eingreifen Rußlands, Deutschlands, Frank- 
reichs oder irgendeines anderen Staates 
würde keiner britischen Regierung irgendein gut 

moralisches Recht geben, englisches Blut ^u 
vergießen oder englisches Gut in einem Kriege 
i^u verschleudern, dessen einziger erkenn- 
barer Zweck die Vernichtung der Kultur 
von Westeuropa sein würde. Wenn vier 
Millionen Russen und Serben gegen vier 
Millionen Deutsche und Österreicher losge- 
lassen werden, so sollte dies genügen. Wenn 
die Kriegsfurien i 500 000 Franzosen und 
eine gleiche Anzahl von Italienern in den 
Konflikt hineinziehen, so würde das weitere gut 



115 



drei Millionen Gründe abgeben, warum Eng- 
land Frieden halten sollte. 

In der City — und ich glaube, daß das- 
selbe von allen Geschäftsleuten im ganzen 
Lande gilt — vernimmt man mit Freuden, 
daß nur eine Meinung vorherrscht. Der all- 
gemeine Ruf ist: «Das geht uns nichts an.» richtig 
Das größte der englischen Interessen ist der 
Friede. Es ist ebenso wahnsinnig und frevel- 
haft für Rußland gegen Deutschland :^u kämp- aha 
fett, wie für Deutschland gegen Frankreich. 

Zehn Millionen täglich 

In jedem Fall werden wir leiden. Die fa 

erschreckenden Verluste eines solchen Krieges, 
der allein an Geld bis zu lo Millionen Pfund 
Sterling täglich kosten kann, werden die ganze 
Welt umfassen und schwer genug auf London 
lasten, welches das ^arte Gefüge des inter- 
nationalen Kredits stützt. 

Wie mir ein großer Bankier neulich sagte, 
setzt man seine Hoffnung jetzt hauptsächlich 
auf die Geldknappheit. Jeder große Staat des 
Kontinents lebt von Kapital oder Kredit. Die 
ungeheuer große finanzielle Schwäche Ruß- 
lands und Frankreichs kann vielleicht die 
Herrscher dieser Länder zurückhalten und 
sie vor Ruin und Bankerott retten. 

Jedoch die leeren Kassen von Wien und 
Belgrad konnten das Kriegsfieber nicht be- 
siegen. Finanzielle Klugheit war nicht im- 
stande, Rassenfehden und die Begehrlichkeiten 
militärischen Ehrgeizes zu hemmen. Auch 
wir müssen auf der Hut sein. Nicht alle 
Angehörigen unserer herrschenden Klassen 
sind Leute, die sich ihrer Verantwortung 
bewußt sind und nüchtern denken. Die 
Unternehmer der Kriegsindustrie sind weit 
mächtiger als die meisten von uns argwöhnen. 

Eine hinterlistige und gewissenlose Presse ja 

ist am Werke im Interesse des Krieges. Alle 
Lehren Cobdens und Morleys sind in 
Gefahr vergessen zu werden. Wenn der 
Krieg sich ausbreitet und wir in ihn ver- 
wickelt werden, so werden große Finanz- 
häuser, Großkaufleute und Industrielle 
wie die Kegel fallen. Das Kapital wird :[u- 
grunde gehen, die Fabriken den Betrieb ein- 
stellen, die Läden leer stehen, die Aufträge 
für Annoncen aufhören. 

Die Arbeitslosigkeit wird zunehmen und 
die Löhne fallen. Dann werden auch die Fonds 

9* 



ii6 



der Versicherungsgesellschaften in wenigen 

Wochen oder Monaten aufgebraucht sein und 

vielleicht werden dann (wer kann es wissen?) Das sind also die 

die arbeitenden Klassen, die bisher so loyal Stimmen der öffent- 

und patriotisch waren, sich in wilder Wut ^'^''^T ^"«""S'' ^'^ 

• \jT6Y XU Cl€f 

gegen die jetzigen Machthaber wenden. Drohung an Lieh- 

Laßt uns alle, welcher Partei wir auch nowsky getrieben, 
ausgezeichnet angehören, !{iisammenstehen und unser Mög- ^^^"JqI l^teü^ 
liebstes tun, diese größte aller Kalamitäten Entweder hat er 
abzuwehren. geblufft oder grob 

gelogen, 
bravo ! 



Nr. 383 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Wien* 

Telegramm 188 Berlin, den 29. Juli 1914^ 

Zu Ihrer Information imd Verwertung. 

S. M. der Kaiser hat gestern abend das nachstehende Tele- 
gramm an den Zaren gerichtet: 

"It is with friend and cousin Willy 3." 

Mit diesem Telegramm hat sich ein Telegramm* des Zaren ge- 
kreuzt, in dem dieser die Vermittelung Sr. M. anruft. Auf dieses 
Telegramm hat S. M. heute abend mit nachfolgender Depesche ge- 
antwortet : 

"I received my help, Willy V 

Bethmann Hollweg 



* Nach dem Konzept von des Reichskanzlers Hand. 

* 30. Juli 1210 vorm. zum Haupttelegraphenamt. 

* Hier ist Nr. 335 eingefügt. 

* Siehe Nr. 332. 

' Hier ist Nr. 359 eingefügt. 



117 

Nr. 384 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Wien* 

Telegramm 190 Berlin, den 29. Juli 1914* 

Fürst Lichnowsky telegraphiert : 

»Habe soeben zusammenbrechen« »Sir E. Grey 

teihe mir ferner mit, daß der serbische Besprechungen 

aufzunehmen« '. 

Bitte Grafen Berchtold vorstehendes sofort * mitteilen und* hin- 
zufügen, daß wir ein derartiges Nachgeben Serbiens als geeignete 
Basis für Verhandlungen ansehen* auf Grund einer Besetzung ser- 
bischen Gebietsteils als Faustpfand. 

Bethmann Hollweg 

1 Nach dem Konzept. Entwurf von Bergens Hand mit Ergänzungen und 
Änderungen Jagows und des Reichskanzlers. Siehe Nr. 432 

8 30. Juli 1 2^ vorm. zum Haupttelegraphenamt. Angekommen auf der Bot- 
schaft in Wien 30. Juli »früh« (ohne Angabe der Stunde). 

' Hier sind die zwei Abschnitte aus Lichnowskys Telegramm vom 29. Juli 
(Nr. 357) mit kleinen Änderungen eingefügt. 

* »sofort« vom Kanzler in Bergens Entwurf beigefügt. 

6 »und Faustpfand« von Jagow dem Bergschen Entwurf angefügt. 

* »daß wir ansehen« vom Kanzler aus ursprünglichem »daß 

erschiene« Jagows geändert. 

Nr. 385 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Wien* 

Telegramm 187 Berlin, den 29. Juli 1914' 

Rußland hat mitgeteilt, daß es Kasan, Kiew, Moskau, Odessa 
mobilisiert, weil Österreich 8 Korps mobilisiert habe, und diese Maß- 
regel zum Teil als gegen Rußland gerichtet angesehen werden müsse '. 

^ Nach dem Konzept. Entwurf von Jagows Hand. Ein erster von Rosenberg 
geschriebener Entwurf war von Jagow gestrichen worden. Rosenbergs 
Entwurf hatte gelautet: »Der russische Botschafter hat hier heute mit- 
geteilt, daß Rußland morgen gegen Österreich mobilisieren wird. Um 
Rußland mit einer derartigen Maßnahme vor aller Welt ins Unrecht zu 
setzen, erscheint es uns dringend geboten, daß das dortige Kabinett ohne 
Verzug in Petersburg und bei den übrigen Großmächten die von uns 
empfohlene Erklärung abgibt. Unser Rat bezweckt kein Flaumachen, 
sondern lediglich eine Verbesserung unserer moralischen Position vor der 
öffentlichen Meinung Europas.« 
■ * 30. Juli 12^ vorm. zum Haupttelegraphenamt, abgefertigt 4^° vorm., an- 
gekommen auf der Botschaft in Wien 6° vorm. 
' Siehe Nr. 343. 



ii8 

Russische Mobilisation bedeute aber noch keineswegs wie in 
Westeuropa den Krieg, russische Armee könne lange Zeit Gewehr 
bei Fuß stehen, ohne Grenze zu überschreiten, Beziehungen zu Wien 
seien nicht abgebrochen, und Rußland wolle, wenn irgend möghch, 
Krieg vermeiden. Wir haben Petersburg darauf aufmerksam gemacht, 
daß Mobilisation wahrscheinhch österreichische Gegenmaßregel hervor- 
rufen würde und Stein dadurch ins Rollen kommen könnte. 

Rußland beschwert sich, daß Unterhaltungen weder durch Herrn 
Schebeko noch durch Graf Szäpäry Fortlauf genommen hätten. Wir 
müssen daher, um allgemeine Katastrophe aufzuhalten oder jeden- 
falls doch Rußland ins Unrecht zu setzen, dringend wünschen, daß 
Wien Konversationen gemäß Telegramm Nr. 174* beginnt und fortsetzt. 

Bethmann Hollweg 
* Siehe Nr. 323. 



Nr. 386 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 130 Wien, den 29. Juli 1914^ 

Mein russischer Kollege besuchte mich soeben. Er sagte, die 
Situation sei sehr kompliziert. Car la Russie se voit dans la necessitd 
de mobiliser. 4 Militärbezirke — er glaube Moskau, Odessa, Kiew, 
Kasan — würden mobilisiert. Das, was er mir sage, sei offiziell 
und werde übrigens auch in Berlin mitgeteilt. 

Seinen sonstigen Ausführungen war noch zu entnehmen, 
daß seiner Ansicht nach eine Lokalisierung des österreichisch- 
serbischen Konfhkts unmöghch erscheine. Rußland fühle sich in 
seiner Stellung als Großmacht bedroht, infolge des Vorgehens Öster- 
reichs gegen Serbien. 

Ich habe mich im Sinne der Telegramme Nr. 172 ' und Nr. 176 * 
ausgesprochen und besonders auf das von Österreich erklärte terri- 
toriale Desinteressement hingewiesen. Herr von Schebeko meinte 
aber, so eine Erklärung habe gar keinen Wert. 

Mein französischer Kollege besuchte mich hierauf. Wie dieser 
mir sagte, hat Herr von Schebeko ihm kurz vorher die gleiche Mit- 



* Nach der Entziflferung. 

2 Aufgegeben in Wien 29. Juli 7 ^^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 

30. Juli i2*<* vorm.; Eingangsvermerk: 30. Juli vorm. 
' Siehe Nr. 309. 

* Siehe Nr. 315 Anm. 2. 



119 

teilung gemacht, die ihn einigermaßen befremdet habe, da Herr 
von Schebeko 24 Stunden vorher eine ganz andere Sprache geführt 
habe. Rußland, meinte er, habe eine kriegerische Aktion Österreichs 
gegen Serbien überhaupt verhindern wollen. Nachdem diese jetzt 
nicht mehr zu verhüten sei, antworte es mit der Mobilisierung. 
Eine Lokalisierung halte er jetzt nicht mehr für durchführbar, wenn 
man auch sicherlich weiter für dieses Ziel arbeiten müsse. 

Tschirschky 



Nr. 387 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Petersburg* 

Telegramm 140 Berlin, den 29. Juli 1914* 



Mit dem gestern durch Ew. pp. vermittelten Telegramm Sr. M.^ 
an den Zaren hat sich das nachfolgende Telegramm des Zaren gekreuzt : 

»Am glad too far. Nicky«.* 

Dieses Telegramm hat S. M. heute abend durch folgendes direkt 
abgeschicktes offenes Telegiramm beantwortet : 

»I received my help. Willy«. ^ 

Bethmann Hollweg 

^ Nach dem Konzept von des Reichskanzlers Hand. 

* 30. Juli 12^ vorm. zum Haupttelegraphenamt. 
' Siehe Nr. 335. 

* Hier ist das Telegramm des Zaren an den Kaiser vom 29. Juli (Nr. 332) 
eingefügt. 

* Hier ist das Telegramm des Kaisers an den Zaren vom 29. Juli (Nr. 359) 
eingefügt. 



Nr. 388 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt' 

Telegramm 133 Wien, den 29. Juli 1914* 

Auftrag ausgeführt'. Graf Berchtold dankt für Anregung. 
Minister ist bereit, Erklärung wegen territorialen Desinteressements, 

1 Nach der Entzifferung. 

• Aufgegeben in Wien 29. Juli u"" nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 

30. Juli i^ vorm.; Eingangsvermerk: 30. Juli vorm 
' Siehe Nr. 323 und 377. 



120 

die er bereits in Petersburg und durch hiesigen russischen Vertreter 
abgegeben hat, nochmals zu wiederholen. Was die weitere Erklärung 
bezüghch militärischer Maßnahmen anlangt, erklärte sich Graf 
Berchtold außerstande, mir sofort Antwort erteilen zu können. 

Trotz Vorstellung über Dringlichkeit der Sache habe ich bis 
heute abend keine weitere Mitteilung erhalten*. 

Tschirschky 



* Siehe Nr. 407. 



Nr. 389 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Geschäftsträger 

in Bukarest^ 

Telegramm 51 Berün, den 29. Juli 1914^ 

Geheim! 

Dinge spitzen sich dadurch zu, daß Rußland heute Mobilisierung 
von Kasan, Kiew, Moskau, Odessa angeordnet hat. Österreich wird 
kaum umhinkönnen, hierauf seinerseits auch gegen Rußland zu mobi- 
lisieren. Vielleicht wäre Konflikt noch durch Schritt Rumäniens in 
Petersburg, eventuell direktes Telegramm des Königs Carol an Kaiser 
von Rußland aufzuhalten, in welchem rumänische Verpflichtung klar- 
gelegt wird'. 

Freundschaftliche Telegramme zwischen Sr. M. dem Kaiser und 
Kaiser Nikolaus sind gewechselt worden, bisher aber ohne posi- 
tives Ergebnis. 

Jagow 



^ Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

* 30. Juli i*^ vorm. zum Haupttelegraphenamt. 

' Siehe Nr. 463. 



121 

Nr. 390 

Der Zar an den Kaiser* 

Telegramm (ohne Nummer) Peterhof, Palais, den 30. Juli 1914* 

A Sa Maiest6 l'Empereur 

Neues Palais 

Thank you heartily for your quick answer. 
Am sending Tatischtschew this evening with instruc- 
tions. The military measures which have noiu^ come 

*) into force^ were decided ßve days^ ago for reasons 

of defence* ort account of Austrias'' preparations^. 
I hope from all my heart that these measures ivont 
in any way interfere with yoiu: part as mediator 
which I greatly value. We need your strong pres- 

no! sure on Austria * to come to an understanding tyith us. 

Nicky 
nein davon ist gar keine Rede!!! 

*)Österreich hat ja nur im Süden gegen Serbien eine 

Theilmobilmachung gemacht. Daraufhin hat der Zar — wie hier von ihm offen 
'~~~~ zugegeben 

yvi[r\d — milit. Measures, which have now come into force, gegen Osterreich 

und uns getroffen 
und ![war schon vor 5^° Tagen. Es ist uns also um fast eine Woche voraus. 
~ Und diese 

Maßregeln seien !{ur Vertheidigung gegen Austria, das ihn gar nicht an- 
greift!!! 
Ich kann mich nicht auf Mediation mehr einlassen, da der Zar der sie anrief 
zugleich heimlich mobilgemacht hat, hinter meinem Rücken. Es ist nur ein 

Manöver y 
um uns hin:(uhalten imd den schon gewonnenen Vorsprung ^u vergrößern. 

Mein Amt ist aus\ 
W. 

* Nach der Ausfertigung des Telegraphenamts im Neuen Palais. Vgl. deutsches 
Weißbuch im Mai 1915 Seite 35, Nr. 22 VI. Dort ist das Telegramm von i" 
nachm. datiert. Siehe auch Nr. 359 und 366. Siehe ferner Nr. 413. 

* Aufgegeben in Peterhof Palais i^o vorm., aufgenommen im Telegraphenamt 
des Neuen Palais i** vorm. Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 
30. Juli nachm. 

' »now« vom Kaiser zweimal unterstrichen. 

* »force« zweimal vom Kaiser unterstrichen. 

' »five« dreimal, »days« zweimal vom Kaiser unterstrichen. 

* »defence« zweimal vom Kaiser unterstrichen. 
' »Austria« zweimal vom Kaiser unterstrichen. 

^ Am Rand links Ausrufungszeichen des Kaisers. 

' Die Worte »strong Austria« zweimal vom Kaiser unterstrichen. 

10 »5« zweimal vom Kaiser unterstrichen. 



122 

Übersetzung 

Danke Dir herzlich für Deine schnelle Antwort. Sende heute abend 
Tatischtschew mit Instruktionen. Die militärischen Maßnahmen, die jet^t in 
Kraft getreten sind, wurden vor 5 Tagen zum Zwecke der Verteidigung wegen 
der Vorbereitungen Österreichs getroffen. Ich hoffe von ganzem Herzen, 
daß diese Maßnahmen in keiner Weise Dein Amt als Vermittler stören 
werden, das ich sehr hoch anschlage. Wir brauchen Deinen starken Druck 
auf Österreich, damit dieses zu einer Verständigung mit uns kommt. 



Nr. 391 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Petersburg* 

Telegramm 141 Berlin, den 29. Juli 1914* 

Auf das durch Ew. Exz. Vermittelung dem Zaren zugestellte 
Telegramm^ hat der Zar folgende Antwort erteilt: 

"Thanks for your friendship. 

Your loving Nicky*" 

Bitte Ew. pp. durch sofortige Aussprache mit Herrn Sasonow 
angebhchen Widerspruch zwischen Ihrer Sprache und dem Telegramm 
Sr. M. aufzuklären. Der Gedanke der Haager Konferenz wird natür- 
lich in diesem Fcdle ausgeschlossen sein. 

Bethmann Hollweg 

1 Nach dem Konzept von der Hand des Reichskanzlers. 

2 30. Juli 2*^ vorm. zum Haupttelegraphenamt. 

3 Siehe Nr. 387. 

* Hier ist das Telegramm des Zaren an den Kaiser vom 29. Juli (Nr. 366) 
eingefügt. 

Nr. 392 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Petersburg* 

Telegramm 142 Berlin, den 30. Juh 1914^ 

Bitte Herrn Sasonow sagen, daß wir weiter vermitteln ; Voraus- 
setzung ist jedoch einstweiliges Unterbleiben jeder FeindseUgkeit gegen 
Österreich seitens Rußlands. 

Bethmann Hollweg 

^ Nach dem Konzept. Entwurf von Jagows Hand, 
a 265 vorm. zum Haupttelegraphenamt. 



123 

Nr. 393 

Der Reichskanzler an den Botschafter in London* 

Telegramm i88 Berlin, den 30. Juli 1914^ ' 

Bitte Sir E. Grey für seine offene Erklärung danken und ihm 
sagen, daß wir in Wien weiter vermitteln und dringend zur Annahme 
seiner Vorschläge raten. 

Bethmann Hollweg 



* Nach dem Konzept. Entwurf von Jagows Hand. 
2 2^5 vorm. zum Haupttelegraphenamt. 
' Siehe Nr. 368 und 418. 



Nr. 394 

Der Geschäftsträger in Cetinje an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 20 Cattaro, den 29. Juli 1914^ ' 

Im gestrigen Ministerrat scheint ruhigere Richtung Oberhand 
gewonnen zu haben. Minister der auswärtigen Angelegenheiten hat 
italienischem Kollegen gesagt, trotz Nachricht über Beginn der Feind- 
seligkeit[en] in Serbien würde Regierung vorläufig den Gang der Er- 
eignisse abwarten und in ihren Beziehungen zu Österreich keine 
Änderung eintreten lassen, auch bis auf weiteres dem Gesandten seine 
Pässe nicht zurückstellen*. Allgemeine Mobilisierung angeordnet. 

Zech 



^ Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Cattaro 29. Juli 5° nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 30. Juli 2^* vorm.; Eingangsvermerk: 30. Juli vorm. Am 30. Juli dem 
Generalstab, Admiralstab, Reichsmarineamt und Kriegsministerium mit- 
geteilt. 

8 Siehe Nr. 358. 

* So in der Entzifferung. 



124 

Nr. 395 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Wien* 

Telegramm 192 Berlin, den 30. Juli 1914* 

Dringend ! 

Der k. Botschafter in London telegraphiert*: 

»Sir E. Grey ließ mich soeben nochmals zu sich bitten. Der 
Minister war vollkommen ruhig, aber sehr ernst, und empfing mich 
mit den Worten, daß die Lage sich immer mehr zuspitze. Sasonow 
habe erklärt, nach der Kriegserklärung nicht mehr in der Lage zu 
sein, mit Österreich direkt zu unterhandeln und hier bitten lassen, 
die Vermittelung wieder aufzunehmen. Als Voraussetzung für diese 
Vermittelung betrachtet die russische Regierung die vorläufige Ein- 
stellung der Feindseligkeiten. 

Sir E. Grey wiederholte seine bereits gemeldete Anregung, 
daß wir uns an einer solchen Vermittelung zu vieren, die wir 
grundsätzlich bereits angenommen hätten, beteiligen sollten. Ihm 
persönlich schiene eine geeignete Grundlage für eine Vermittelung, 
daß Osterreich etwa nach Besetzung von Belgrad oder anderer 
Plätze seine Bedingungen kundgäbe. Sollten Ew. Exz. jedoch die 
Vermittelung übernehmen, wie ich heute früh in Aussicht stellen 
konnte, so wäre ihm das natürlich ebenso recht. Aber eine 
Vermittelung schiene ihm nunmehr dringend geboten, falls es nicht 
zu einer europäischen Katastrophe kommen sollte. 

Sodann sagte mir Sir E. Grey, er hätte mir eine freundschaft- 
liche und private Mitteilung zu machen, er wünsche nämlich nicht, 
daß unsere so herzlichen persönlichen Beziehungen und unser 
intimer Gedankenaustausch über alle politischen Fragen mich 
irreführten und er möchte sich für später den Vorwurf [der] Un- 
aufrichtigkeit ersparen. Die britische Regierung wünsche nach wie 
vor mit uns die bisherige Freundschaft zu pflegen und sie könne, 
solange der Konflikt sich auf Osterreich und Rußland beschränke, 
abseits stehen. Würden wir aber und Frankreich hineingezogen, 
so sei die Lage sofort eine andere und die britische Regierung 
würde unter Umständen sich i^u schnellen Entschlüssen gedrängt 
sehen. In diesem Falle würde es nicht angehen, lange abseits fu 
stehen und ^^i warten, »if war breaks out, it will be the greatest 
catastrophe that the world ever has seenv. Es liege ihm fern, 
irgendeine Drohung aussprechen zu wollen, er habe mich nur vor 
Täuschungen und sich vor dem Vorwurf der Unaufrichtigkeit 
bewahren wollen und daher die Form einer privaten Verständigung 
gewählt. « 

^ Nach dem Konzept. Entwurf von Jagows Hand. — Vgl. Bethmanns Rede 
im Reichstagsausschuß am 9. November 1916 (Nordd. Allg. Ztg. 10. No- 
vember 1916). 

2 265 vorm. zum Haupttelegraphenamt, auf der Botschaft in Wien »mittags t 
angekommen. 

3 Siehe Nr. 368. 



125 

Wir stehen somit, falls Österreich jede Vermittelung ablehnt, 
vor einer Conflagration, bei der England gegen uns, Italien und Ru- 
mänien nach allen Anzeichen nicht mit uns gehen würden und wir 
2 gegen 4 Großmächte ständen. Deutschland fiele durch Gegnerschaft 
Englands das Hauptgewicht des Kampfes zu. Österreichs poütisches 
Prestige, die Waffenehre seiner Armee, sowie seine berechtigten An- 
sprüche Serbien gegenüber, könnten durch Besetzung Belgrads oder 
anderer Plätze hinreichend gewahrt werden. Es würde durch De- 
mütigung Serbiens seine Stellung im Balkan wie Rußland gegenüber 
wieder stark machen. Unter diesen Umständen müssen wir der Er- 
wägung des Wiener Kabinetts dringend und nachdrücklich anheim- 
stellen, die Vermittlung zu den angegebenen ehrenvollen Bedingungen 
anzunehmen. Die Verantwortung für die sonst eintretenden Folgen 
wäre für Österreich und uns eine imgemein schwere*. 

Bethmann Hollweg 
* Siehe Nr. 434, 437, 440, 441, 450, 464, 465, 468 und 482. 



Nr. 396 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Wien ^ 

Telegramm 193 Berlin, den 30. Juli 1914^ 

Graf Pourtal^ telegraphiert: 

»Sasonow mitteilte mir Krieg bedeute« '. 

Diese Meldung steht nicht im Einklang mit der Darstellung, 
die Ew. pp. in dem Verlauf der Unterredung des Grafen Berchtold 
mit Herrn Schebeko gegeben haben. Anscheinend Hegt Mißver- 
ständnis vor, das ich aufzuklären bitte. Wir können Österreich- 
Ungarn nicht zumuten, mit Serbien zu verhandeln, mit dem es im 
Kriegszustand begriffen ist. Die Verweigerung jeden Meinungsaus- 
tausches mit Petersburg aber würde schwerer Fehler sein, da er 

^ Nach dem Konzept. Entwurf von Stumms Hand, mit Änderungen und 
Ergänzungen Jagows und des Reichskanzlers. — Vergl. Bethmanns Rede 
im Reichstag am 19. August 1915. 

• 3° vorm. zum Haupttelegraphenamt, abgefertigt 4*** vorm., aut der Bot- 
schaft in Wien angekommen lo Uhr vorm. 

' Hier ist Pourtales' Telegramm vom 29. Juli (Nr. 365) nach Vornahme 
einiger Kürzungen, insbesondere Fortlassung der Worte »und klammere 

Strohhalm«, »daß mir Stellungnahme bekannt sei« 

und »falls derselbe bevorstehe«, eingefügt. 



126 

kriegerisches Eingreifen Rußlands gradezu provoziert, das zu ver- 
meiden Österreich-Ungarn in erster Linie interessiert ist*. 

Wir sind zwar bereit, unsere Bündnispflicht zu erfüllen, müssen 
es aber ablehnen, uns von Wien leichtfertig und ohne Beachtung 
unserer Ratschläge in einen Weltbrand hineinziehen zu lassen. Auch 
in itaüenischer Frage scheint Wien unsere Ratschläge zu mißachten*. 

Bitte sich gegen Graf Berchtold sofort mit allem Nachdruck 
und großem Ernst aussprechen*'. 

Bethmann Hollweg 



* Hier folgte in Stumms Entwurf zunächst der Satz: »Bitte sich gegen 
Graf Berchtold mit allem Nachdruck in diesem Sinne aussprechen«. Der 
Satz, in dem Jagows Hand hinter »Nachdruck« noch die Worte »und 
großem Ernst« einfügte, wurde dann wieder getilgt. (Siehe aber unten 
Anm. 6.) 

^ Abschnitt »Wir sind mißachten« im Entwurf von Jagows Hand 

beigefügt. 

* Der letzte Satz lautete zuerst, von Jagow geschrieben: »Bitte sofortige 
Ausführung«. Der Reichskanzler strich die beiden letzten Worte und 
schrieb dafür »sich gegen aussprechen«. (Siehe auch oben Anm.4). 

' Siehe Nr. 448; dazu auch Nr. 433. 



Nr. 397 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Petersburg* 

Telegramm 143 Berlin, den 30. Juli 1914 * 

Ablehnimg Wiens, in Besprechimgen einzutreten, muß vor imserer 
letzten Demarche in Wien erfolgt sein, über deren Erfolg Meldung 
hier noch aussteht*. 

Bethmann Hollweg 



1 Nach dem Konzept. Entwurf von Jagows Hand. 

2 36 vorm. zum Haupttelegraphenamt. 
ä Siehe Nr. 365 und 449. 



127 



Nr. 398 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 382 Therapia, den 29. Juli 1914^ 

Seit Beginn der Krisis hat Markgraf Pallavicmi mir die ge- 
heimsten Aus- und Eingänge seiner Botschaft — selbst Telegramme 
mit Vermerk »selbst entziffern« — mitgeteilt. In der Bündnisfrage 
war Zusammenarbeit schon dadurch geboten, daß Großwesir, abge- 
sehen von seinen letzten Positionen, selbst immer mit uns beiden 
verhandelte. Ich glaube nicht, daß ein Bündnis ohne Beteiligung 
Österreichs zustande kommen kann, denn die Pforte wird sich auf 
eine Allianz bloß für die Dauer der jetzigen Krisis keinenfalls ein- 
lassen. Es wäre der Fall denkbar, daß Rußland nicht Österreich, 
sondern die Türkei angreift^, in welchem Falle wir Rußland den 
Krieg erklären müßten, ohne daß für Österreich casus foederis ein- 
träte. Es ist daher nicht unbedenklich, Österreich von jetzt an 
ganz im Dunkeln zu lassen. Markgraf Pallavicini würde mir mein 
Schweigen übelnehmen, besonders wenn er auf anderem Wege — 
etwa durch den Großwesir — erfährt, daß ich hier verhandele. 
Sobald eine Basis zwischen Großwesir und uns gefunden ist, würde 
ich bitten, mich zu einer vertraulichen Mitteilung an Pallavicini zu 
ermächtigen *. 

Beginn der Verhandlungen voraussichtlich heute abend. 

Wangenheim 



* Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Therapia 29. Juli, 7* nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 30. Juli, 5*" vorm. Eingangsvermerk: 30. Juli vorm. 

' Dazu der Randvermerk des Reichskanzlers: »richtig. Auch ich hatte schon 
darauf aufmerksam gemacht.« 

* Siehe Nr. 320, 411 und 431. 



128 



Nr. 399 

Der Reichskanzler an den Kaiser * 

Demnachhat der Zar mit seinem Berlin, den 29. JuÜ 1914=^ 

Appell an meine Hilfe einfach Co- ■««■ -i-, • r^ 

mödie gespielt und uns angeführt! Ew. K. U. K. M. Botschafter in St. PetCtS- 

Jn^AfX'ftS^SaTii^^S bürg meldet in dem alleruntertänigst beige- 
mobiimacht! w. fügten Telegramm ^^ daß Herr Sasonow ihm 

Darauf muß ^ich^ auch mobil yon einer Mobilisierung Rußlands gegen 
die schon am 24ivh begonnen Österreich Mitteilung gemacht hat. Dem- 
'^ entsprechend hat auch der hiesige russische 

Botschafter heute hier mitgeteilt, daß Ruß- 
die Garden auch vermuthiich land Kieu^, Kasan, Odessa und Moskau * mo- 
bilisiere, dies aber keineswegs den Krieg be- 
deute, die diplomatischen Beziehungen zu 
Österreich auch nicht abgebrochen würden. 
Gegen Deutschland wäre keinerlei Mobilisation 
erfolgt ^. 

Ich habe sofort Ew. M. Botschafter in 
Petersburg telegraphisch angewiesen, den russi- 
sie ist nach dem Telegramm schcu Minister auf die wahrscheinüchen Konse- 
Tragen 7efohV'7iVamq"en^en dieser Mobilisierung gegen Öster- 
24ten gleich nach überrei- reich hinzuweisen Und ihn zu ersuchen, so- 
S.^ Aho il^e^ehl der Zar lange die Verhandlungen mit Wien, bei denen 
to? ^^?£teÄ? "^E^h^'bei ^'^ vermittelten, forthefen, jeden kriegeri- 
seinem ersten Telegramm aus- schen * Konflikt mit Österreich zu vermeiden. 

drücklich gesagt, er werde vor- 
aussichtlich gezwungen werden 

Maßregeln ergreifen :iu müssen y. BcthmanU HollwCg 

die ^u einem Europ. Kriege o 

führen würden. Also damit 
nimmt er die Schuld auf sich. 
In Wirklichkeit waren die Maß- 
regeln aber schon in vollem Gang und er hat mich einfach belogen. Die Sendung Tatischeffs 
und der Wunsch ich möge mich durch seine Mobilmachungsmaßregeln nicht in meiner Mediator- 
Rolle stören lassen sind kindisch, und lediglich darauf berechnet uns auf den Gänsedreck if« 
führen ! Ich sehe meine Vermittelungsaktion als gescheitert an, da der Zar statt ihre Wirkung 
loyal abzuwarten hinter meinem Rücken, ohne mir eine Andeutung ^u machen bereits mobilisiert 
hatte! W. 

^ Nach dem Konzept (Entwurf von Jagows Hand) und der jetzt gleichfalls 
bei den Akten befindlichen Ausfertigung des Immediatberichts. 

* Abgesandt durch Boten 30. Juli 6<^ vorm. zur sofortigen Vorlage. Kaiser- 
liche Randbemerkung auf der Ausfertigung: »N. Pal. 30. VII. 14 7 Uhr 
V. M.« Ausfertigung noch am 30. Juli vom Kaiser in das Auswärtige Amt 
zurückgelangt, wo am gleichen Tage der Reichskanzler, Jagow und 
Zimmermann von den Randbemerkungen des Kaisers Kenntnis nahmen. 

' Siehe Nr. 343. 

* »Moskau« vom Kaiser zweimal unterstrichen. 

' Am Rand Fragezeichen und Ausrufungszeichen des Kaisers. 

* Unter »kriegerischen« drei Ausrufungszeichen des Kaisers. 



129 



Nr. 400 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt » 

lelegramm 132 Wien, den 29. Juli 1914*' 

Soeben geht mir Erklärung der k. u. k. Regierung folgenden 
Inhalts zu: 

Zu englischem Ersuchen, k. Regierung möge ihren Ein- 
fluß beim Wiener Kabinett dahin geltend machen, damit dieses 
die Antwort aus Belgrad entweder als genügend betrachte oder 
aber als Grundlage für Besprechungen annehme, macht k. u. k. Re- 
gierung zunächst darauf aufmerksam, daß serbische Antwortnote keines- 
wegs, wie Sir E. Grey anzunehmen scheine, eine Zustimmung zu allen 
hiesigen Forderungen mit emer einzigen Ausnahme impliziere, daß 
vielmehr in den meisten Punkten Vorbehalte formuliert seien, welche 
Wert der Zugeständnisse wesentlich heratxirücken. Ablehnung be- 
treffe aber gerade jene Punkte, welche einige Garantie für faktische 
Erreichung des angestrebten Zweckes enthielten. 

Die k. u. k. Regierung könne ihre Überraschung über die An- 
nahme nicht unterdrücken, als ob ihre Aktion gegen Serbien Ruß- 
land imd den russischen Einfluß am Balkan treffen wolle, denn 
dies hätte zur Vorraussetzung, daß die gegen die Monarchie gerichtete 
Propaganda nicht allein serbischen, sondern russischen Ursprungs 
sei. Österreich-Ungarn sei bisher vielmehr von der Auffassung aus- 
gegangen, daß das offizielle Rußland diesen der Monarchie feindlichen 
Tendenzen fern stehe, und richte sich seine gegenwärtige Aktion aus- 
schließhch gegen Serbien, wälirend seine Gefühle für Rußland, wie 
Graf Berchtüld Sir E. Grey versichern könne, durchaus freund- 
schaithch seien. 

Im übrigen müsse k. u. k. Regierung darauf hinweisen, daß 
.^ie zu ihrem lebhaften Bedauern nicht mehr in der Lage sei, zu 
der serbischen Antwortnote im Sinne der englischen Anregung 
Stellung zu nehmen, da im Laufe des hier gemachten Schrittes 
Kriegszustand zwischen der Monarchie imd Serbien bereits einge- 
treten und serbische Antwortnote demnach durch Ereignisse bereits 
überholt gewesen sei. 

Die k. u. k. Regierung macht weiter darauf aufmerksam, daß 
serbische Regierung noch vor Erteilung ihrer Antwort mit Mobih- 
sierung vorgegangen ist, und daß sie auch nachher drei Tage ver- 



' Nach der Entzifferung. 

■•' Datiert vom 29. Juli, aufgegeben in Wien 30. Juli ß** vorm., angekommen 
im Auswärtigen Amt 30. Juli 6"" vorm.; Eingangsvermerk: 30. Juli nachm. 
' Siehe Nr. 277. 



Aktenstücke 0. 



130 

streichen ließ, ohne Geneigtheit kundzugeben, Standpunkt ihrer 
Antwortnote zu verlassen, worauf österreichischerseits die Kriegs- 
erklärung erfolgte. 

Wenn im übrigen das englische Kabinett seinen Einfluß auf 
die russische Regierung im Sinne der Erhaltung des Friedens 
zwischen den Großmächten und der Lokalisierung des Österreich- 
Ungarn durch die jahrelangen serbischen Umtriebe aufgezwungenen 
Krieges geltend zu machen bereit sei, so könne dies die k. u. k. 
Regierung nur begrüßen. 

Tschirschky 



Nr. 401 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 189 Petersburg, den 30. Juli 1914^ 

Dringend! 

Hatte eben mit Sasonow, der mich um Mitter- 
nacht rufen ließ, i72Stündige Unterredung. Zweck 
des Ministers war, mich zu überreden, bei meiner 
Regierung Teilnahme an Konversation zu vieren 
zu befürworten, um Mittel ausfindig zu machen, 
ist die Russ. Mobil- Österreich auf freundschaftlichem^ Wege zu he- 
machung ein wegen, die Souveränität Serbiens antastenden For- 
freiindschaftlicher derungen fallen zu lassen*. Ich habe lediglich 
Weg?! Wiedergabe der Unterredung zugesagt und mich 

auf den Standpunkt gestellt, daß mir jeder Ge- 
dankenaustausch sehr schwierig, wenn nicht im- 
möglich scheine, seitdem sich Rußland zu dem ver- 
richtig hängnisvollen Schritt der Mohilmachung ent- 
schlossen habe. Rußland verlange von uns Öster- 
reich gegenüber dasjenige zu tun, was Österreich 
Serbien gegenüber vorgeworfen werde, nämlich 
sehr gut Eingriff in seine Souveränitätsrechte. Nachdem 



' Nach der Entzifferung. — Teilweise veröffentlicht im deutschen Weißbuch 
vom Jahre 1915 S. 7. 

2 Aufgegeben in St. Petersburg 4^'^ vorm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 7'° vorm. Eingangsvermerk: 30. Juli vorm. Abschrift der Entziffe- 
rung, unter Fortlassung des Abschnitts »Habe aus Äußerungen fest- 
bleibt«, am 30 JuH an den Kaiser gesandt, der auf dem Rand oben ver- 
merkt: »7 h. abds.« Abschrift am i. August ms Amt zurückgelangt, Reichs- 
kanzler, Jagow und Zimmermann nahmen am i. August von den Rand 
bemerkungen des Kaisers Kenntnis. 

^ »freundschaftlichen« vom Kaiser zweimal unterstrichen. 

* Am Rand Ausrufungszeichen und Fragezeichen des Kaisers. 



Österreich durch Erklärung seines territorialen 
Desinteressements, welches seitens eines im Kriege 
befindlichen Staats sehr viel bedeute, versprochen 
habe, auf russische Interessen Rücksicht zu nehmen, 
gut! sollte man die österreichisch-ungarische Monarchie 

jetzt ihre Regelung mit Serbien allein regeln 
lassen. Beim Friedensschluß werde immer noch 
Zeit sein, auf Schonung serbischer Souveränität 
zurückzukommen. Ich habe sehr ernst hinzuge- 
fügt, daß die ganze austro-serbische Angelegenheit 
augenblicklich gegenüber der Gefahr europäischer 
ja. Konßagration in den Hintergrund trete. Ich habe 

mir alle Mühe gegeben, die Größe dieser Gefahr 
dem Minister vor Augen zu führen. Sasonow war 
Blödsinn! Diese nicht davon abzubringen, daß Rußland Serbien 
Sorte von Politik nicht im Stich lassen könne. Keine Regierung 
birgt die ernstesten würde ohne ernste Gefahren für die Monarchie eine 
Gefahren filr den solche Politik hier führen können. 
Zaren in Sich! ^^ ^^ufe der Unterredung wollte Sasonow 

Widerspruch zwischen Telegramm Sr. M. des Kai- 
aha! Wie ich es sers und Königs an den Zaren^ und Ew. Exz. tele- 
schon vermuthete! graphischer Weisung Nr. 134° konstruieren. Ich 
bin dem bestimmt entgegengetreten und habe 
darauf hingewiesen, daß, selbst wenn wir schon 
noch nichts erfolgt mobil gemacht hätten, der Appell meines Aller- 
gnädigsten Herrn an die gemeinsamen Interessen 
richtig der Monarchen mit dieser Maßregel nicht in 

Widerspruch stehen würde. Die Mitteilung, die 
ich ihm heute nachmittag'' im Auftrage Ew. Exz. 
gemacht hätte, sei keine Drohung gewesen, sondern 
eine freundschaftliche Warnung unter Hinweis 
auf die automatische Wirkung, die hiesige Mobil- 
maclumg infolge deutsch-österreichischen Bünd- 
nisses bei uns hervorrufen tnüsse. Sasonow er- 
klärte, daß Rückgängigmachung des Mobil- 
machungsbefehls nicht mehr möglich^ sei, und daß 
Das war eine Theil- österreichische Mobilmachung daran schuld sei. 
mobilmachung von Habe aus Äußerungen Sasonows Eindruck, daß 
6 Corps pi be- Allerhöchstes Telegramm Wirkung auf Zaren 
grem^,tem Zweck! ^-^^^^ verfehlt hat, fürchte aber, daß der Minister 
eifrig bemüht ist, daran zu arbeiten, daß Zar fest- 
bleibt. D * 1 ' 

Pourtales 



^ Siehe Nr. 359. 

^ Siehe Nr. 342. 

^ Gemeint ist der 29. Juli. Siehe Nr. 378. 

' »nicht mehr möglich« vom Kaiser dreimal unterstrichen. 



132 

Wenn Mobilmachung nicht mehr rückgängig zu machen ist — was 
nicht wahr ist — , warum hat dann überhaupt der Zar meine Vermitt- 
luim S Tage nachher angerufen ohne die ErLassung des Mobilmachungs- 
befehles zu erwähnen?! Das zeigt doch klar, daß die Mobilmachung ihm 
selbst übereilt erschienen ist und er hinterher zur Beruhigung seines 
erwachten Gewissens pro Forma diesen Schritt bei uns that, obwohl er 
wußte, daß er zu nichts mehr nutze sei, da er sich nicht stark genug 
fühlt, die Mobilisierung zu stoppen. Leichtsinn und Schwäche sollen die 
Welt in den furchtbarsten krieg stürzen, der auf den Untergang Deutsch- 
lands schließlich abzielt. Denn das läßt jetzt für mich keinen Zweifel 
mehr zu: England, Rußland u. Frankreich haben sich verabredet — unter 
zu Grunde Legung des casus foederis für uns Osterreich gegenüber — 
den österreichisch-Serb. Konflikt zum Vorwaad nehmend gegen uns den 
VervichtuTigskrieg zu führen. Daher Gregs zynische Bemerkung an 
Ltchaowsky »solange der Krieg auf Rußland und Österreich beschränkt 
bleibe würde England still sitzen, erst wenn loir uns und Frankreich hln- 
einmischten würde er gezwungen sein aktiv gegen uns zu werden [«j. 
D. h entweder wir sollen unseren Bundesgenossen schnöde verrathen und 
Rußland preisgeben — damit den SBund sprengen oder für unsere Bundes- 
treue von der spel Entente gemeinsam überfallen und bestraft werden, wo- 
bei ihrem Neid endlich Befriedigung wird uns gemeinsam total zu rui- 
nieren. Das ist in nuce die wahre nackte Situation, die langsam und, 
sicher durch Edward VII. eingefädelt, fortgeführt, durch abgeleugnete Be- 
sprechungen Englands mit Paris und Petersburg, systematisch ausge- 
baut; schließlich durch Georg V. zum Abschluß gebracht und ins Werk 
gesetzt wird. Dabei wird uns die Dummheit und Ungeschicklichkeit 
unseres Verbündeten zum Fallstrick gemacht. Also die berühmte »Ein- 
kreisung4( Deutschlands ist nun doch endlich zur vollsten Thatsache ge- 
woiden, trotz aller Versuche unsrer Politiker und Diplomaten sie zu 
hindern. Das Netz ist uns plötzlich über dem Kopf zugezogen und ho[h]n- 
lächelnd hat England den glänzendsten Erfolg seiner beharrlich durch- 
geführten pure antideutschen Weltpolltlk , gegen die wir uns machtlos 
erwiesen haben, indem es uns isnllrt ivi Netze zappelnd aus unserer. 
Bundestreue zu Österreich den Strick zu unserer Politischen und öko- 
nomischen Vernichtung dreht. Eine großartige Leistung, die Bewunde- 
rung erweckt, selbst bei dem,, der durch sie zu Grunde geht! Edward VII. 
ist nach seinem Tode noch stärker als Ich, der ich lebe! Und da hat es 
Leute gegeben[,] die geglaubt haben, man könnte England gewinnen oder 
beruhigen, durch diese oder jene kleinen Maßregeln!!! Unablässig, un- 
nachgiebig hat es sein Ziel verfolgt, mit Noten, Feiertagsvorschlägen, 
scares, Haidane etc. bis es soweit war. Und wir sind Ins Garn gelaufen 
und haben sogar das Einertempo im Schiffbau eingeführt in rührendet 
Hoffnung England damit zu beruhigen! ! ! Alle Warnungen, alle Bitten 
meinerseits sind nutzlos verhallt. Jetzt kommt der Engl. sog. Dank dafür! 
Aus dem Dilemma der Bundestreue gegen den ehrwürdigen, alten Kaiser 
wird uns die Situation geschaffen, die England den erwünschten Vorwand 
giebt uns zu vernichten, mit dem heuchlerischen Schein des Rechtes, 
nämlich Frankreich zu helfen wegen Aufrechterhaltung der berüchtigten 
balance of Power in Europa, d. h. Ausspielung aller Europ. Staaten zu 
Englands Gunsten gegen uns! Jetzt muß dieses ganze Getriebe schonungs- 
los aufgedeckt und Ihm öffentlich die Maske christlicher Friedfertigkeit 
in der Öffentlichkeit schroff abgerissen werden und die Pharisäische 



133 

Friedensheuchelei an den Pranger gestellt werden!! Und unsere Consuln 
in Türkei und Indien, Agenten etc. müßen die ganze Mohamedan. Welt 
gegen dieses verhaßte, verlogene, gewissenlose Krämervolk zum wilden 
Aufstände entflammen; denn wenn wir uns verbluten sollen, dann soll 
England wenigstens Indien verlieren. 

W. 



Nr. 402 

Randbemerkungen des Kaisers vom 30. Juli vorm. 

zum Artikel der "Morning Posf ' vom 28. Juli 1914: 

"Efforts towards Peace" ^ 

The only possible way to ensure or enforce peace is 
that England must teil Paris and Petersburg — its allies — to remain 
quiet, i. e. neutral to the Austro-Servian conflict, then Germany can 
remain quiet too. But if England continues to remain silent or to 
give lukewarm assurances of neutrality; that would mean encou- 
ragement to its allies to attack Austro-Germany. Berlin has tried 
to mediate between Petersburg & Vienna on the appeal of the Zar. 
But H. M. silently had already mobilised before the appeal; 
so that the mediator — Germany — is placed "en demeure" & his 
work becomes illusory. Now only England alone can stop the 
catastrophe by restraining its allies, by clearly intimating that — as 
Sir E. Grey declared — it had nothing to do with the Austro-Servian 
conflict, & that if one of its allies took an active part in the strife 
it could not reckon on the help of England. That would put a stop 
to all war. King George has communicated Englands intention to 
remain neutral to me by Prince Henry. On the other band the 
Naval StafiF have this morning — 30. VII. — received a telegram frora 
the German Military attache in London, that Sir E. Grey in a pri- 
vate conversation with Prince Lichnowsky, declared, that if Ger- 
many made war on France, England would immediately attack Ger- 
many with its fleet! Consequently Sir E. Grey says the direct con- 
trary to what his Sovereign communicated to nie through my brother 
& places his King in the position of a double tongued liar vis-ä-vis 
to me. 

William I. R. 

The whole war is plainly arranged between England, France 
and Russia for the annihilation of Germany, lastly through the con- 
versations with Poincar^ in Paris and Petersburg, & the Austro- 

' Zeitungsausschnitt vom Auswärtigen Amt dem Kaiser zugesandt, der seine 
Randbemerkungen am 30. Juli vorm. niederschrieb, von dort ins Amt 
zurückgelangt. Reichskanzler und Jagow nahmen am 30. Juli von den 
Randbemerkungen des Kaisers Kenntnis. 



»34 

Servian strife is only an excuse to fall upon us! God help us in this 
fight for our existence, brought about by falseness, lies and poiso- 
nous envy! 

Übersetzung 

Die einzige Möglichkeit den Frieden zu sichern oder sogar zu er- 
zwingen, besteht darin, daß England seinen Verbündeten, Paris und Peters- 
burg, sagen muß. sich ruhig, das heißt neutral gegenüber dem österreichisch- 
serbischen Konflikt zu verhalten. Dann kann auch Deutschland ruhig bleiben. 
Fährt England )edoch fort, Stillschweigen zu beobachten oder lauwarme 
Neutralitätsversicherungen zu geben, so würde das heißen, daß es seine Ver- 
bündeten ermutigt, Österreich-Deutschland anzugreifen. Auf die Aufforderung 
des Zaren hat Berhn versucht, zwischen Petersburg und Wien zu vermitteln. 
Doch schon vor seiner Autforderung hatte S. M. in der Stille mobil gemacht, 
so daß der Vermittler — Deutschland — »en demeure« versetzt und seine 
Aufgabe illusorisch wird. Jetzt kann nur England allein die Katastrophe 
aufhalten, indem es seine Verbündeten zurückhält und ihnen deutlich zu 
verstehen gibt, daß es, wie Sir E. Grey erklärte, mit dem österreichisch- 
serbischen Konflikt nichts zu tun hat und daß, im Falle einer seiner 
Verbündeten sich aktiv an dem Kampf beteiligte, er nicht auf Englands Hilfe 
rechnen könnte. Dies würde jeden Krieg verhindern. König Georg hat mir 
Englands Absicht, neutral zu bleiben, durch Prinz Heinrich übermittelt. Da- 
gegen hat der Admiralstab heute morgen 30. VII. ein Telegramm von dem 
deutschen Militärattache in London erhalten, daß Sir E. Grey in einer pri- 
vaten Unterredung mit Fürst Lichnowsky geäußert habe, daß, wenn Deutsch- 
land gegen Frankreich Krieg begänne, England sofort mit seiner Flotte 
Deutschland angreifen würde. Folglich sagt Sir E. Grey genau das Gegen- 
teil von dem, was sein Herrscher mir durch memen Bruder mitteilte, und 
versetzt dadurch seinen König mir gegenüber in die Lage eines doppel- 
züngigen Lügners. 

Der ganze Krieg ist offensichtlich zwischen England, Frankreich und 
Rußland zur Vernichtung Deutschlands abgemacht worden. Zuletzt durch 
die Besprechungen mit Poincare in Paris und Petersburg, und der österreichisch- 
serbische Konflikt dient nur als Entschuldigung, um über uns herzufallen! 
Gott helfe uns in diesem Kampf um unsere Existenz, der durch Trug und 
Lug und giftigen Neid zustande gebracht worden ist. 

Nr. 403 

Der Gesandte in Brüssel an den Reichskanzler^ 

Brüssel, den 28. Juli 1914^ 

Der österreichisch -serbische Konflikt hat die öffentliche Mei- 
nung hier stark beunruhigt, und nur der Umstand, daß es bisher 
zu offenen Feindseligkeiten zwischen den Streitenden nicht ge- 

^ Nach der Entzifferung. 

^ Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 30 Juli vorm. Bericht lag dem 
Kaiser vor, der durch Randverfügung Mitteilung an Generalstab an- 
ordnete; vom Kaiser über Generalstab am i. August ins Amt zurück- 
gelangt. 



135 

kommen, läßt die Hoffnung zu, daß weitere den europäischen 
Frieden ernstlich gefährdende Konsequenzen vermieden werden 
können. 

In offiziellen Kreisen verhält man sich ruhig abwartend, wie 
ich aus einer Unterhaltung mit Herrn Davignon entnehmen konnte, 
und rechnet mit der Möglichkeit, daß es dem Einfluß Deutschlands 
und Frankreichs in Wien bzw. St. Petersburg vielleicht gelingen 
werde, die erhitzten Gemüter zu beruhigen. 

Irgendwelche nennenswerte Vorbereitungen für eine Mobilisierung 
der belgischen Armee sind bisher noch nicht getroffen worden, außer 
daß die Urlaubsbewilligungen an Offiziere imd Mannschaften rück- 
gängig gemacht worden sind. Unter der Hand wird man allerdings 
wohl aUe Vorbereitungen treffen, damit im Notfalle die Mobili- 
sierung glatt vonstatten geht. 

von Below 



Nr. 404 

Der Verweser des Konsulats in Kowno 
an das Auswärtige Amt^ 

Kowno, den 29. Juh 1914 

Die Garnison von Kowno, die vor der Krise zum größten Teil 
im Lager von Murawjow bei Kowno lag, hat dieses verlassen. Die 
Infanterieregimenter 109, iio und iii sind nach der deutschen 
Grenze zu abmarschiert. Wo sie ihre Quartiere genommen haben, 
habe ich nicht ermitteln können. Die dritten Dragoner sind nach 
Georgen bürg verlegt. Somit steht zur Zeit nur Artillerie in der 
Festung Kowno. 

Der Festungskommandant Grigorjew hat seinen Urlaub unter- 
brochen und ist am Montag, den 27. d. M., hierher zurückgekehrt. 
Die Kommandantur hat die Verwaltung des Elektrizitätswerkes über- 
nommen. 

Die Fabriken setzen ihre Arbeit fort. 

Von Streikunruhen ist hier nichts bemerkt worden. Bei einem 
soeben bei der hiesigen Filiale der Unionbank gemachten Versuch, 
2 000 Mark Vorschuß für die Konsulatskiisse zu erheben , wurde dem 
Konsulatsbeamten mitgeteilt, daß sie gegen Quittungen auf die 
Legationskasse, wie überhaupt auf derartige Quittungen, keine Aus- 
zahlungen mehr leiste. Ich habe daher den Beamten, der diesen 
Bericht nach Eydtkuhnen bringt, beauftragt, 3000 Mark bei einem 
dortigen Bankhause zu erheben. 



' Nach der Ausfertigung. 

^ Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 30. Juli vorm. Am 31. Juli dem 
(ieneralstab und Kriegsministerium mitgeteilt. 



136 

Ich beehre mich, gehorsamst zu bitten, die Legationskasse hier- 
von zu verständigen. 

Die k. Botschaft in St. Petersburg ist von dem Inhalt dieses 
Berichts kurz telegraphisch verständigt worden. Eine Abschrift des 
Berichts für diese Behörde füge ich mit dem Anheimstellen der 
gelegentlichen Übermittelung gehorsamst bei. 

von Bülow 



Nr. 405 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 386 Therapia, den 30. Juli 1914' 

Großwesir sagte mir, der griechische Gesandte habe ihm soeben 
die Bitte Veniselos vorgetragen, die abgesagte Zusammenkimft nun 
doch stattfinden zu lassen. Er habe München als Ort der Be- 
gegnung gewählt und werde am 31. d. M. über Triest dorthin ab- 
reisen. Über das Bündnis könne während seiner Abwesenheit mit 
Talaat Bei" weiter verhandelt werden. 

Wangenheim 



1 Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Therapia 12-'^ vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 
10** vorm. Eingangsvermerk: 30. Juli nachm. EntzilTerung am 30. Juli 
an den Kaiser gesandt, am i . August ins Amt zurückgelangt. 



Nr. 40'S 

Der Reichskanzler an den Gesandten in Stockholm^ 

Telegramm 20 Berhn, den 30. Juh 1914^ 

Ganz vertraulich 

Wir haben Anlaß zu der Annahme, daß sich England sehr 
schnell auf Seiten des Zweibundes an Krieg beteiligen wird. Vor- 
behalt der Bewegungsfreiheit in schwedischer Neutrahtätserklänmg 
für den Fall englischen Eingreifens daher dringend erforderüch. 

Bethmann Hollweg 



* Nach dem Konzept von des Reichskanzlers Hand. 

* ii** vorm. zum Haupttelegraphenamt. 



137 



Nr. 407 

Der Reichskanzler an den Kaiser* 

Berlin, den 30. Juli 1914^ 

Von Ew. M. Botschafter in London traf diese 
Nacht das alleruntertänigst beigefügte Telegramm^ 
ein*. Ew. M. Botschafter in Wien hat gleichfalls 
diese Nacht gemeldet, daß er den Vermittelungs- 
auftrag Ew. M. bei Graf Berchtold ausgerichtet, trotz 
Drängens aber bis Mitternacht keine definitive Ant- 
wort erhalten habe^. Ich habe ihn unter Hinweis 
auf die vermutliche englische, italienische und rumä- 
nische Haltung angewiesen, eine sofortige Erklärung 
des Graten Berchtold zu verlangen *, damit diese 
Episode in der einen oder anderen Form abge- 
schlossen werden könne. Dabei habe ich darauf auf- 
merksam gemacht, daß jede Erklärimg Wiens an 
Petersburg über Zweck und Umfang der österreichi- 
natürlich ja sehen Aktion gegen Serbien die Schuld Rußlands 
nur vergrößern und vor der gesamten Welt öffentlich 
dokumentieren würde. Die im Telegrarrmi des 
Fürsten Lichnowsky wiedergegebenen englischen Vor- 
• schlage habe ich dem Grafen Berchtold zur ernsten 
Erwägung unterbreitet. 



' Nach dem Konzept. Entwurf von Jagows Hand mit Änderungen des 
Reichskanzlers. Auch die an den Kaiser gesandte Ausfertigung befindet 
sich jetzt bei den Akten. 

■■* Ausfertigung 1 1 " vornn. zur Unterschrift an den Kanzler abgegangen, um 
von dort aus durch Automobil an den Kaiser gesandt zu werden ; Rand- 
vermerk des Kaisers auf der Ausfertigung: »Abgang 1.30 M. V. M. 
30. VII. 14 W.u (»V.M.« irrig statt »nachm.«). Ausfertigung gelangte am 
30. Juli an den Kanzler zurück, der wie auch Jagow und Zimmermann 
noch am 30. Juli von den k. Randbemerkungen Kenntnis nahm. 

■' Siehe Nr. 368. 

* Von dem Jagowschen Entwurf hat der Kanzler nur den ersten Satz 
stehen lassen, alles andere gestrichen und dafür die Sätze »Ew. M. Bot- 
schafter« bis zum Schluß des Berichts beigefügt. In Jagows Entwurf war 
auf »Telegramm ein« gefolgt: »Ich habe darauf sofort das gleichfalls ehr- 
erbietigst angeschlossene Telegramm an Ew. M. Botschafter in Wien 
abgesandt und Ew. M. Botschafter in London beauftragt, Sir E. Grey (für 
seine Offenheil zu danken und ihm) zu sagen, daß wir in Wien weiter 
vermitteln und zur Annahme seiner Vorschläge geraten haben.« 

6 Siehe Nr. 388. 

* Siehe Nr. 395. 



138 

Sollte England sich stark machen, Österreich 
die von ihm in Aussicht gestellten Erfolge'' zu 
sichern, so würde darin eine mögliche Satisfaktion 
Österreichs Hegen. 

Alleruntertänigst 

V. Bethmann Hollweg 

Inzwischen ist heute Morgen ein Telegramm des Marine Attaches in 

London eingelaufen, in dem mitgetheilt wird, daß Sir E. 

Grey an Lichnowsky im Privatgespräch gesagt habe, daß, falls wir gegen 

Frankreich :;um Kriege kämen, England 
uns umgehend, sofort ^ur See mit seiner Flotte angreifen 
werde t.r für der Liehe Gegenmaßregeln, soweit sie unauf- 
fällig gemacht werden können gegen Überfälle pp. (a la Port Arthur) 
sind bereits im Gange. Ich wundere mich, daß Lichnowsky 
noch nichts gemeldet hat. W. 



^ »Erfolge« vom Kaiser unterstrichen, am Rand Fragezeichen des Kaisers. 

Nr. 408 

Der Reichskanzler an den Kaiser^ 

Berlin, den 30-. Juli 1914^ 

Ew. M. darf ich für die Übersendung des Telegramms Sr. M. des 
Kaisers von Rußland' meinen ehrerbietigsten Dank aussprechen. 
Gleichzeitig wage ich Ew. M. vorzusch agen, noch ein Telegramm 
folgenden Inhalts an den Zaren zu senden : 

»Dein Telegramm habe ich mit Dank erhalten, die Sprache 
meines Botschafters kann nicht im Widerspruch mit dem Inhalt 
meines Telegramms gestanden haben. Graf Pourtales sollte Deine 
Regierung auf die Gefahren und schweren Konsequenzen einer Mobih- 
sierung aufmerksam machen, das gleiche habe ich Du in memem 
Telegramm gesagt. Österreich hat nur gegen Serbien mobibsiert, 
wenn Rußland, wie es jetzt geschehen, gegen östei reich mobil macht, 



^ Nach dem Konzept. Entwurf von Jagows Hand. Auch die wieder ins 
Auswärtige Amt zurückgelangte Ausfertigung befindet sich jetzt bei den 
Akten. 

2 Abgesandt am 30. Juli 11*^ vorm. In der Ausfertigung oben der Rand- 
vermerk des Kaisers: 30. VII. 14 i Uhr V. M. W. (gemeint ist 1° nachm.), 
links am Rand der von ihm niedergeschriebene englische Text des Tele- 
gramms (Nr. 420J. 

' Siehe Nr. 390. Siehe aber auch Nr. 366. 



^39 

so wird die Mediatorrolle, die ich auf Deine Bitte übernommen 
hatte, gefährdet, wenn nicht unmöglich gemacht. Bei Dir allein 
liegt augenblicklich die Schwere der Entscheidung.« 

Da auch dieses Telegramm ein besonders wichtiges Dokument 
für die Geschichte werden wird, so möchte ich alleruntertänigst 
empfehlen, daß Ew. M. in demselben — solange die Wiener Ent- 
scheidung aussteht — noch nicht zum Ausdruck bringen, daß Aller- 
liöchstdero Mediatorrolle bereits aus ist. 

Alleruntertänigst 

V. Bethmann Hollweg 



Nr. 409 

Der Reichskanzler an den Botschafter in London ^ 

Telegramm 191 Berlin, den 30. Juh 1914^ 

Meine Hoffnung, daß auf Grund Grey'scher Vorschläge Ver- 
mittelimg noch möglich ist, wird aufs ernsteste durch russische 
Mobilisation gegen Österreich und französische Kriegsvorbereitungen 
in Frage gestellt. Österreich wird schwerlich umhinkönnen, russische 
Mobilisierung mit entsprechender Maßnahme zu beantworten. Unsere 
Lage wird dadurch und insonderheit durch die französischen 
Rüstungen äußerst kritisch. Aufforderung von uns an Frankreich 
Vorbereitungen einzustellen, könnte kaum anders als in Form 
Ultimatums gestellt werden. Das könnte nur vermieden werden, 
wenn es Grey gelingt, Freinkreich zu bewegen, mit seinen Maß- 
nahmen sofort einzuhalten. Grey müßte sich ferner stark machen, 
bei Rußland Annahme der Bedingungen seines Vorschlags durch- 
zusetzen, ferner russischen Aufmarsch gegen österreichische Grenze 
zu verhindern^. 

Bethmann Hollweg 



1 Nach dem Konzept von des Reichskanzlers Hand. 

2 ii3o vorm. zum Haupttelegraphenamt. 
' Siehe Nr. 435. 



140 

Nr. 410 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 191 Petersburg, den 30. Juli 1914^ 

Dringend ! 

Mobilmachung umfaßt Militärbezirke Kiew, Odessa, Moskau, 
Kasan, Kosakenheere Don, Kuban, Terek, Astrachan, Orenburg, Ural. 

Außer für die Mobilmachung der Flotte sind für die Militär- 
bezirke Warschau, Wilna, Petersburg keine Einberufungen befohlen 

Pourtales 



' Nach der Entzifferung. 

"^ Aufgegeben in Petersburg 1 1" vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 
11«) vorm. Eingangsvermerk: 30. Juli nachm. Telegramm wurde dem 
Generalstab, Admiralstab, Reichsmarineamt und Kriegsministerium mit- 
geteilt. 



Nr. 411 

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt ' 

Telegramm 385 Therapia, den 30. Juh 1914^^ 

Großwesir nimmt Punkt i bis 4 an, bezeichnet aber Punkt 5 
als völüg uneinnehmbar. Zunächst sei es unmögüch, den Zeitpunkt 
zu fixieren, zu welchem Sicherheit dafür eingetreten sei, daß es aus 
Anlaß des österreichisch-serbischen Konflikts nicht zu einem Kriege 
zwischen Deutschland und Rußland kommen werde. Ein solcher 
Krieg könnte als Nachwirkung eines österreichischen Erfolges über 
Serbien auch nach i bis 2 Jahren eintreten. Es sei von der Türkei 
nicht zu verlangen, daß sie sich jetzt für Deutschland engagiere, 



1 Nach der Entzifferung. 

'^ Angekommen im Auswärtigen Amt 11^" vorm.; Eingangsvermerk: 30. Juli 
nachm. Am Rand ist am 30. Juli von Zimmermanns Hand vermerkt: 
»Falls wir den Türken im gegenwärtigen Augenblick nicht entgegenkommen, 
treiben wir sie m. E. in die Arme der Gegner. Ich glaube, daß wir unter 
den gegebenen ernsten Verhältnissen uns auf eine Vertragsdauer bis 1918 
— Ende der Mission Liman — einlassen, in diesem Falle aber unbedingt 
auch Österreich-Ungarn als zweite Vertragsmacht zum Abschluß zuziehen 
sollten.« 

■^ Siehe Nr. 320 und 508. 



141 

dann aber, wenn Rußland sich an der Türkei für ihre dreibund- 
freundhche Haltung rächen wolle, auf sich selbst angewiesen bleibe. 
Wir müßten die Türkei auch vor den möglichen Konsequenzen 
ihres Anschlusses an Deutschland schützen. Wenn er früher von 
einer kürzeren Dauer des Vertragsverhältnisses gesprochen habe, so 
sei damit gemeint gewesen, daß nicht ein ewiger Vertrag oder ein 
solcher von sehr langer Dauer geschlossen werde. Beide Mächte 
müßten den Wert des Veitragsverhältnisses natürlich zunächst inner- 
halb eines kürzeren Zeitraums ausprobieren. Er habe an eine 
7 jährige Dauer gedacht, sei aber äußersten Falles bereit, den Vertrag 
mit dem Kontrakt General Limans, also bis Ende 1918 laufen zu 
lassen. Es sei nur logisch, wenn er darauf bestehe, daß Deutsch- 
land, welches mit der Mission Limans Vorschub mihlärischer 
Reformen wolle, die Garantie dafür überneiime, daß die Tätigkeit 
Limans nicht durch einen russischen Angriff unterbrochen werde. 

Wangenheim 



Nr. 412 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 190 Petersburg, den 30. Juli 1914* 

Bei der Unterredung von heute nacht' kam Sasonow immer 
wieder darauf zurück, wir seien die einzigen, die Österreich jetzt 
noch aufhalten könnten. S. M. der Kaiser und König braucht nur 
ein Wort zu sagen, und man werde auf ihn hören. Ich habe darauf 
erwidert, daß es äußerst heikel sei, einer Großmacht, die sich ent- 
schlossen habe, für eine gerechte Sache zu den Waffen zu greifen, 
in den Arm zu fallen. Wir würden dabei riskieren, unsere Be- 
ziehungen zu unserem Nachbarn ernstlich zu trüben und seine für 
uns selbst äußerst wertvolle Stellung als Großmacht zu untergraben. 
Eine solche Politik könne man Deutschland angesichts allgemeiner 
Lage nicht zumuten. Daß S. M, der Kaiser und König und Aller- 
höchstseine Regierung es in Wien an guten Ratschlägen nicht hat 
fehlen lassen, sei bekannt. Es sei jetzt an Rußland, die ihm durch 
die Erklärung auf diese Weise diskret gebaute Brücke zu betreten. 
Herr Sasonow erwiderte schroff: »Diese Erklärung kann uns nicht 
genügen.« 

' Nach der Entzifferung. 

■■' Autgegeben in Petersburg g*' vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 

12" nachm., Eingangsvermerk des Amts: 30. Juli nachm. 
* Siehe Nr. 401. 



142 

Rußlands vitale Interessen verlangten nicht nur Schonung 
territorialer Integrität Serbiens, sondern auch, daß Serbien nicht 
durch Annahme der seine Souveränitätsrechte antastenden öster- 
reichischen Forderungen zu Vasallenstaat Österreichs herabsinke 
Serbien dürfe kein Buchara werden. 

Pourtales 



Nr. 413 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Petersburg ^ 

Telegramm 146 Berlin, den 30. Juli 1914' 

Diese Nacht ist bei Sr. M. das nachstehende Telegramm des 
Zaren eingetroffen: 

"Thank you hearlily understanding with us. Nicky •^" 

S, M. bekunden mir fortgesetzt seine lebhafte Anerkennung 
der Festigkeit und des Geschicks, mit der Ew. pp. in der gegen- 
wärtigen Krisis agieren. 

Bethmann Hollweg 



^ Nach dem Konzept von des Reichskanzlers Hand. 
2 12*° nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

' Hier ist das Telegramm des Zaren an den Kaiser vom 30. Juli (Nr. 390 
eingefügt. 



Nr. 414 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 152 Rom, den 30. Juli 1914^ 

Marquis di San Giuliano erklärt fortgesetzt zu wissen, daß bei 
Ausbruch eines allgemeinen europäischen Krieges England am 
Krieg teilnehmen und auf Seite Rußlands und Frankreichs stehen 
werde. 

F 1 o t o w 



1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Rom 11" vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 12' 
nachm. Eingangsvermerk: 30. Juli nachm. Am 30. Juli dem Generalstab, 
Admiralstab, Reichsmarineamt und Kriegsministerium mitgeteilt. 



143 

Nr. 415 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 134 Wien, den 30. Juli 1914^ 

Herr Dumaine hat dem hiesigen Vertreter der Agence Havas 
gesagt, Cambon habe seinerzeit aus Berlin nach Paris gemeldet, 
daß Deutschland Österreich-Ungarn zum Krieg gedrängt habe. 
Diese Meldung sei während der Anwesenheit des Herrn Poincare in 
Petersburg von Paris aus dorthin weitergegeben worden. 

Tschirschky 



1 Nach der Entzifferung. 

'^Aufgegeben in Wien 11^ vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 
i" nachm. Eingangsvermerk: 30. Juli nachm. Am 31. Juli von Zimmer- 
mann telegraphisch den Botschaftern in Paris und Petersburg mitgeteih, 
io2s vorm. zum Haupttelegraphenamt. 



Nr. 416. 

Der Gesandte in Belgrad (z. Z. in Nisch) an das 
Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 7 Nisch, den 28. Juli 1914'' 

Für Generalstab 

Die österreichische Kriegserklärung Dienstag* nachmittag in 
Nisch bekanntgemacht. Stimmung im Heere und Volke gedrückt. 
Die Mobilmachung im vollen Gange, sehr langsam, da Serbien durch- 
aus unvorbereitet. Empfindlicher Gewehrmangel. Oberbefehlshaber 
und Hauptquartier noch nicht bekannt. Als Armeeführer werden 
genannt Misitsch, Stephan Stephanowitsch, Bojowitsch. Popo- 
witsch. 

Böhm 
Griesinger 

^ Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Nisch 2S. Juli 7'" nachm , angekommen im Auswärtiger 

Amt 30. Juli 2*45achm. Eingangsvermerk: 30. Juli nachm. Ein Exempl:. 

der Entzifferung wurde sofort an den Generalstab gesandt. 
3 28. Juli. 



144 

Nr. 417 

Prinz Heinrich von Preußen an den König von England* 

Telegramm (ohne Nummer) Berlin, den 30. Juli 1914* 

His Majesty the King, Buckingham Palace London 

Am here since yesterday, have informed William of what you 
kindly told me at Buckingham Palace last Sunday who gratefully 
received your message. 

William, much preoccupied, is trying his utmost to fulfiU 
Nickys appeal to him to work for maintenance of peace and is in 
constant telegraphic communication with Nicky who to-day con- 
firms news that military measures have been ordered by him equal 
to mobilisation, measures which have been taken already five days 
ago. 

We are furthermore informed that France is making military 
preparations, whereas we have taken no measures, but may be 
forced to do so any moment, should our neighbours continue which 
then would mean a European war. 

If you really and earnestly wish to prevent this terrible 
disaster, may I suggest you using your influence on France and 
also Russia to keep neutral, which seems to me would be most 
useful. 

This 1 consider a very good, perhaps the only chance to main- 
tain the peace of Europe. 

I may add that now more than ever Germany and England 
should lend each other mutual help to prevent a terrible cata- 
strophy, which otherwise seems unavoidable. 

Believe me that William is most sincere in his endeavours to 
maintain peace, but that the military preparations of his two 
neighbours may at last force him to follow their example for the 
safety of his own country which otherwise would remain 
defenceless. 

1 have informed William of my telegram to you and hope you 
will receive my informations in the same spirit of friendship which 
suggested them. 

Henry 



' Vgl. deutsches Weißbuch vom Mai 1915, S. 44; siehe auch Nr. 452. 

* Das auf Telegrammformular geschriebene und von der Hand des Prinzen 
Heinrich unterzeichnete Telegramm lag dem Kaiser vor, der darauf ver- 
merkte: »Gelesen. W. 30. VII. 14. 12 h 15 min.« Telegramm ging dann 
dem Reichskanzler zu, der sofortige offene Absendung verfügte; Telegramm 
2^° nachm. zum Haupttelegraphenamt. 



145 

Übersetzung 

Bin seit gestern hier, habe das, was Du mir so freundlich in Buckingham 
Palace am vorigen Sonntag gesagt, Wilhelm mitgeteilt, der Deine Botschaft 
dankbar entgegennahm. 

Wilhelm, der sehr besorgt ist, tut sein Äußerstes, um der Bitte Nickys 
nachzukommen, für die Erhaltung des Friedens zu wirken. Er steht in 
dauerndem telegraphischen Verkehr mit Nicky, der heute die Nachricht be- 
stätigt, daß er militärische Maßnahmen angeordnet hat, die einer Mobilmachung 
gleichkommen, und daß diese Maßnahmen schon vor fünf Tagen getroffen 
wurden. 

Außerdem erhalten wir Nachrichten, daß Frankreich militärische Vor- 
bereitungen trifft, während wir keinerlei Maßnahmen verfügt haben, wozu 
wir indessen jeden Augenblick gezwungen sein können, wenn unsere Nach- 
barn damit fortfahren sollten. Das würde dann einen europäischen Krieg 
bedeuten. 

Wenn Du wirklich und ernstlich wünschest, dieses furchtbare Unheil zu 
verhindern, darf ich Dir dann vorschlagen. Deinen Einfluß auf Frankreich 
und auch auf Rußland dahin auszuüben, daß sie neutral bleiben. Das würde 
meiner Ansicht nach von größtem Nutzen sein? 

Ich halte dies für eine sichere und vielleicht die einzige Möglichkeit, 
den Frieden Europas zu wahren. 

Ich darf hinzufügen, daß jetzt mehr denn je Deutschland und England 
sich gegenseitig unterstützen sollten, um eine furchtbare Katastrophe zu ver- 
hindern, die sonst unabwendbar erscheint. 

Glaube mir, daß Wilhelm in seinen Bestrebungen um die Aufrechterhal- 
tung des Friedens von der größten Aufrichtigkeit ist. Aber die militärischen 
Vorbereitungen seiner beiden Nachbarn können ihn schließlich zwingen, zur 
Sicherheit seines eigenen Landes, das sonst wehrlos bleiben würde, ihrem 
Beispiel zu folgen. 

Ich habe Wilhelm von meinem Telegramm an Dich unterrichtet und 
hoffe. Du wirst meine Mitteilungen in demselben freundschaftlichen Geiste 
entgegennehmen, der sie veranlaßt hat. 

Heinrich 



Nr. 418 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 183 London, den 30. Juli 1914^ 

Habe Sir E. Grey sofort brieflich verständigt'. Halte Berlin 
für geeigneter als London zur Vermittelung einer Einigung 
zwischen Wien und Petersburg, da Sir E. Grey weniger mit ganzer 
Frage vertraut, auch weniger Einfluß in Wien besitzt und ich lang- 



' Nach der Entzifferung. 

■■* Aufgegeben in London 11" vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 

3'° nachm.; Eingangsvermerk: 30. Juli nachm. 
^ Siehe Nr. 393. 



Aktenstücke II. 



146 

wierige Verhandlungen hier voraussehe, namentlich falls Bot- 
schafterkonferenz stattfinden sollte. Graf Mensdorflf auch zu 
ängstlich und ohne Einfluß in Wien oder eigene Initiative. Des- 
halb könnten doch Greysche Anregungen als Unterlage dienen. 

Lichnowsky 



Nr. 419 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 154 Rom, den 30. Juli 1914^^ 

Wie Ew. Exz. bekannt, macht Marquis di San Giuliano kein 
Hehl daraus, daß er das Vorgehen Österreichs gegen Serbien als 
Angriffskrieg betrachtet, und daß Italien daher nach Dreibundver- 
trag nicht verpflichtet sei, an einem sich aus diesem Krieg ergeben- 
den allgemeinen Weltkrieg teilzunehmen. Auch die Verletzung des 
Artikels 7 des Dreibundvertrags entbinde Italien von der Pflicht 
der Gefolgschaft. Auf meine Bekämpfung dieses Standpunktes 
erwiderte er stets beharrlich: »Ich sage nicht, daß Italien schließ- 
lich nicht teilnehmen wird; ich konstatiere nur, daß es nicht 
verpflichtet ist teilzunehmen.« Es wird immer klarer, daß 
die italienische Absicht dahin geht, bei dieser Gelegenheit etwas 
für Italien zu erreichen, und es ist also die Frage zu prüfen, ob es 
bei der augenblicklichen Lage politisch zweckmäßig erscheint, ihm 
einen Vorteil in Aussicht zu stellen. Alle italienischen Deduk- 
tionen über Artikel 7 des Dreibundvertrags laufen m. E. auch auf 
dieses Ziel hinaus. Die Entscheidung wird bei Österreich liegen. 
Leider ist der österreichische Botschafter heftig gegen jede Kon- 
zession an Italien und hat gestern eine scharfe Aussprache mit 
Marquis di San Giuliano gehabt^. 

F 1 o t o w 



1 Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Rom 11" vorm., angekommen im Auswärtigen Amt 3* 

nachm.; Eingangsvermerk: 30. Juli nachm. 
^ Vgl. Nr. 363 und 428. 



147 



Nr. 420 

Der Kaiser an den Zaren ^ 

Telegramm (ohne Nummer) Berlin, den 30. Juli 1914^ 

Best thanks for telegram^. It is quite out of the question that 
my ambassadors language could have been in contradiction with 
the tenor of my telegram. Count Pourtal^s was instructed to draw 
the attention of your government to the danger & grave conse- 
quences involved by a mobilisation; I said the same in my telegram 
to you. Austria has only mobilised against S e r v i a & only a 
p a r t of her army. If, as it is now the case, according to the 
communication by you & your Government, Russia mobilises 
against Austria, my role as mediator you kindly intrusted me with, 
& which I accepted at you[r] express prayer, will be endangered if 
not ruined. The whole weight of the decision lies solely on you[r] 
Shoulders now, who have to bear the responsibility for Peace 
or War. 

Willy 

Übersetzung 

Besten Dank für Telegramm. Es ist ganz ausgeschlossen, daß die Sprache 
meines Botschafters mit dem Inhalt meines Telegramms in Widerspruch ge- 
standen haben könnte. Graf Pourtales war angewiesen, Deine Regierung auf 
die Gefahr und die ernsten Folgen einer Mobilmachung aufmerksam zu 
machen. Das gleiche sagte ich in meinem Telegramm an Dich. Österreich 
hat nur gegen Serbien mobil gemacht und nur einen Teil seines Heeres. 
Wenn, wie es jetzt nach Deiner und Deiner Regierung Mitteilung der Fall ist, 
Rußland gegen Österreich mobil macht, so wird meine Vermittlerrolle, mit 
der Du mich gütigerweise betraut hast, und die ich auf Deine ausdrückliche Bitte 
übernommen habe, gefährdet, wenn nicht unmöglich gemacht werden. Das 
ganze Gewicht der Entscheidung ruht jetzt ausschließlich auf Deinen Schultern, 
sie haben die Verantwortung für Krieg oder Frieden zu tragen 



^ Nach dem vom Kaiser niedergeschriebenen Konzept. — Vgl. deutsches 
Weißbuch vom Mai 191 5, Seite Nr. 22, V. Siehe Nr. 408. 

2 Das vom Kaiser niedergeschriebene Konzept gelangte an den Reichs- 
kanzler, der nach Kenntnisnahme sofortige offene Absendung des kaiser- 
lichen Telegramms an den Zaren in Peterhof Palais verfügte. Von der 
erfolgten Absendung an den Zaren machte er dem Kaiser telegraphisch 
Mitteilung und teilte den Wortlaut des kaiserlichen Telegramms an den 
Zaren auch dem Botschafter in Petersburg telegraphisch mit; Telegramm 
des Kaisers an den Zaren und Telegramm des Kanzlers an den Kaiser 
3^ nachm., Telegramm (148J an Pourtales 5'° nachm. zum Haupttele- 
graphenamt. 

* Siehe Nr. 366 und 390. 



148 

Nr. 421 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 192 Petersburg, den 30. Juli 1914^ 

Eben mit Sasonow gemäß Weisung Telegramms Nr. 139^ ge- 
sprochen. Minister wiederholte seine Erklärung von heute nacht*, 
daß Versicherung des territorialen Desinteressements Österreich- 
Ungarns Rußland nicht genügen könne. Andere Politik könne er 
jetzt nicht vertreten, ohne Leben des Zaren zu gefährden. Ich bat 
Sasonow, indem ich vorausschickte, daß ich Erfüllung seiner Wünsche 
durch Österreich für aussichtslos hielte, mir dieselbe [n] nochmals selbst 
schriftlich zu formuheren und dabei im Auge zu behalten, daß, wenn 
überhaupt noch Aussicht auf friedliche Lösiulg bleiben sollte, er sich 
durchaus auf irgendein Kompromiß einlassen müsse. Minister 
schrieb darauf folgendes nieder: 

»Si l'Autriche d6clare qu'en reconnaissant que son conflit avec 
la Serbie a assume le caractere d'une question d'interet europeen, se 
d^clare prete ä 61iminer de son Ultimatum les points qui portent 
atteinte aux droits souverains de la Serbie, la Russie s'engage ä 
cesser tous preparatifs militaires^.« 

Wenn auch diese Forderungen kaum annehmbar sein dürften, 
so doch bemerkenswert, daß Sasonows Niederschrift kein Wort von 
dem Verlangen sofortiger Einstellung österreichischer Strafexpedition 
enthalte. Auf meinen Vorschlag aber, daß Rußland sich vielleicht 
zufrieden erklären könnte, wenn Österreich gewisse Zusicherungen 
in dem hier gewünschten Sinne für den Friedensschluß abgebe, 
wollte Minister nicht eingehen. 

Pourtal^s 



' Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Petersburg i^ nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 3^2 nachm. Randvermerk von der Hand des Reichskanzlers vom 
30. Juli: »Welche Punkte des österreichischen Ultimatums hat Serbien 
überhaupt abgelehnt? Meines Wissens doch nur die Teilnahme öster- 
reichischer Beamter an den Gerichtsverhandlungen. Österreich könnte 
auf diese Teilnahme verzichten unter der Bedingung, daß es bis zur Be- 
endigung der Verhandlungen Teile Serbiens mit seinen Truppen besetzt 
hält.« Darunter Zimmermanns Aktennotiz: »Durch mündlichen Vortrag 
erledigt.« 

3 Siehe Nr. 380. 
■* Siehe Nr. 412. 

s Der Wortlaut stimmt mit dem von Grat Pourtales in seiner Schrift 
»Am Scheidewege zwischen Krieg und Frieden« S. 52 mit geteilten Fak- 
simile überein. Siehe dazu auch Nr. 469 zweiter Absatz. 



149 

Übersetzung der Formel Sasonows 
[Möglichst wörtlich] 

Wenn Österreich erklärt, daß es in Anerkennung des Umstandes, daß 
sein Streitfall mit Serbien den Charakter einer Frage von europäischem In- 
teresse angenommen hat, sich bereit erklärt, aus seinem Ultimatum die 
Punkte zu entfernen, die den Souveränitätsrechten Serbiens zu nahe treten, 
so verpflichtet sich Rußland, alle militärischen Vorbereitungen einzustellen. 



Nr. 422 

Der Generalkonsul in Warschau an den Reichskanzler * 

Warschau, den 29. Juli 1914* 

Rußland befindet sich bereits in vollständiger Vorbereitung 
zum Kriege. Aus dem, was bisher bekannt geworden ist, geht mit 
ziemlicher Klarheit hervor, daß Polen nach dem alten Plan von 
den russischen Truppen geräumt wird, sogar die mit solcher Hast 
ausgebauten Festungen Nowogeorgiewsk und Segrsche, ferner Pul- 
tusk und Ostrolenka. Die gegen Deutschland operierenden Truppen 
versammeln sich zwischen Lomscha und Kowno den Njemen entlang, 
während die gegen Österreich bestimmten Truppen sich bei Lublin 
und Kowel versammeln. Daneben besteht noch eine Truppenansamm- 
lung bei dem Lager von Skierniewitsche, anscheinend als Deckung 
für die Truppen, die längs der nach Deutschland führenden Linien 
aufgestellt sind. Die Kalischer Linie und die Warschau-Wiener 
Bahn sind ganz mit Infanterie und Sappeuren besetzt, die unter 
dem Bahnkörper Minen legen. Anscheinend sollen alle nach dem 
Innern führenden Linien zerstört werden. 

Auch die anderen Linien stehen unter militärischer Leitung; 
sämtliche Bahnbeamte mußten sich schriftlich verpflichten, ihren 
Posten nicht zu verlassen. Die Weichselbahn soll morgen mobili- 
siert und der Frachtverkehr auf der Bahn vollständig eingestellt 
werden. 

Die Bestände der Intendantur sind bereits vollständig ver- 
packt und sollen demnächst nach Smolensk abgehen. Die Offiziers- 
damen sind bereits gestern großenteils abgereist. 

Die Reichsbank hat mit wenigen Ausnahmen die Diskontierung 
von auf Polen lautenden Privatwechseln eingestellt, nur die 
Wechsel der Banken und einiger größerer Institute werden noch 



' Nach der Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 30. Juli nachm. Bericht am 
31. Juli unter Rückerbittung dem Generalstab übersandt, der Kenntnis- 
nahme unter dem i. August vermerkte, am 2. August ins Amt zurück- 
gelangt. 



150 

angenommen. Wenn diese Maßregel wegen des skrupellosen jüdi- 
schen Elements, das auf jede Weise Geld zu machen versucht, eine 
gewisse Berechtigung hat, so ist doch ein vollständiger Zusammen- 
bruch des hiesigen Handels vorauszusehen. Schon jetzt finden im 
weiten Umfang Zahlungsverweigerungen statt. So hat einer der 
größten Eisenhändler, der auf drei Millionen geschätzt wird, dem 
Eisensyndikat »Prodameta« erklärt, daß er alle Bestellungen 
annulliere und nicht zahlen werde. 

Brück 



Nr. 423 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an eine Reihe deutscher 
diplomatischer Vertreter im Ausland^ 

Vertraulich! Berlin, den 30. Juli 1914'' 

Angesichts der Tatsachen, die die österreichisch-ungarische 
Regierung in ihrer Note an die serbische Regierung bekanntgegeben 
hat, müssen die letzten Zweifel darüber schwinden, daß das Atten- 
tat, dem der österreichisch-ungarische Thronfolger und seine 
Gemahlin zum Opfer gefallen sind, in Serbien zum mindesten mit 
der Konnivenz von Angehörigen der serbischen Regierung und 
Armee vorbereitet worden ist. Es ist ein Produkt der groß- 
serbrschen Bestrebungen, die seit einer Reihe von Jahren eine Quelle 
dauernder Beunruhigungen für die österreichisch-ungarische Mon- 
archie und für ganz Europa geworden sind. 

In besonders markanter Form trat der großserbische Chauvi- 
nismus während der bosnischen Krisis in die Erscheinung. Nur der 
weitgehenden Selbstbeherrschung und Mäßigung der österreichisch- 
ungarischen Regierung und dem energischen Einschreiten der 
Großmächte war es zuzuschreiben, wenn die Provokationen, 
welchen Österreich-Ungarn in dieser Zeit von seiten Serbiens aus- 

1 Nach dem bei den Akten befindlichen, am i. August nach Tanger ab- 
gesandten, am 17. August aber als unbestellbar zurückgekommenen metallo- 
graphierten Erlaß an den Geschäftsträger in Tanger. Vgl. deutsches 
Weißbuch vom Mai 191 5, S. 25, Nr. 2. 

2 Der Erlaß wurde gesandt am 30. Juli nach Rom (Botschaft), Brüssel, Haag, 
Sofia und Mexiko, am 31. Juli nach Konstantinopel, Madrid, Washington, 
Athen, Bern, Bukarest, Kopenhagen, Kristiania, Lissabon, Luxemburg, 
Stockholm, Bogota, Caracas, Havanna, Lima, Port au Prince, Santiago, 
La Paz, Teheran, Bangkok und Kairo. Das für Guatemala bestimmte 
Exemplar des Erlasses ging am 1 1 . August nach Washington ab. Be- 
züglich des Inhalts des Erlasses vgl. auch Nr. 100. 



gesetzt war, nicht zum Konflikt führten. Die Zusicherung künfti- 
gen Wohlverhaltens, die die serbische Regierung damals gegeben 
hat, hat sie nicht eingehalten. Unter den Augen, zum mindesten 
unter stillschweigender Duldung des amtlichen Serbiens, hat die 
großserbische Propaganda inzwischen fortgesetzt an Ausdehnung 
und Intensität zugenommen. Es würde weder mit der Würde noch 
mit ihrem Recht auf Selbsterhaltung vereinbar sein, wollte die 
österreichisch-ungarische Regierung dem Treiben jenseits der 
Grenze noch länger tatenlos zusehen, durch das die Sicherheit und 
die Integrität ihrer Gebiete dauernd bedroht wird. Bei dieser 
Sachlage müssen das Vorgehen sowie die Forderungen der öster- 
reichisch-ungarischen Regierung als gerechtfertigt angesehen 
werden. 

Die Antwort der serbischen Regierung auf die Forderungen, 
welche die österreichisch-ungarische Regierung am 23. d. M. durch 
ihren Vertreter in Belgrad hat stellen lassen, läßt indessen er- 
kennen, daß die maßgebenden Faktoren in Serbien nicht gesonnen 
sind, ihre bisherige Politik und agitatorische Tätigkeit aufzugeben. 
Der österreichisch-ungarischen Regierung wird demnach, will sie 
nicht auf ihre Stellung als Großmacht endgültig Verzicht leisten, 
nichts anderes übrig bleiben, als ihre Forderungen durch einen 
starken Druck und nötigenfalls unter der Ergreifung militärischer 
Maßnahmen durchzusetzen. 

Einzelne russische Stimmen betrachten es als selbstverständ- 
liches Recht und als die Aufgabe Rußlands, in dem Konflikt 
zwischen Österreich-Ungarn und Serbien aktiv für Serbien Partei 
zu ergreifen. Für die aus einem solchen Schritte Rußlands resul- 
tierende europäische Konflagration glaubt die »Nowoje Wremja« 
sogar, Deutschland verantwortlich machen zu dürfen, wofern es nicht 
Österreich-Ungarn zum Nachgeben veranlaßt. Die russische Presse 
stellt hiermit die Verhältnisse auf den Kopf. Nicht Österreich-Un- 
garn hat den Konflikt mit Serbien hervorgerufen, sondern Serbien 
ist es gewesen, das durch eine skrupellose Begünstigung groß- 
serbischer Aspirationen, auch in Teilen der österreichisch-ungari- 
schen Monarchie, diese selbst in ihrer Existenz gefährdet und Zu- 
stände geschaffen hat, die schließlich in der frevelhaften Tat von 
Sarajevo ihren Ausdruck gefunden haben. Wenn Rußland in 
diesem Konflikt für Serbien eintreten zu müssen glaubt, so ist das 
an sich gewiß sein gutes Recht, Es muß sich aber darüber klar 
sein, daß es damit die serbischen Bestrebungen auf Unterhöhlung 
der Existenzbedingungen der österreichisch-ungarischen Monarchie 
zu den seinigen macht, und daß es allein die Verantwortung dafür 
trägt, wenn aus dem österreichisch-serbischen Handel, den alle 
übrigen Großmächte zu lokalisieren wünschen, ein europäischer 
Krieg entsteht. Diese Verantwortung Rußlands liegt klar zutage 
und wiegt um so schwerer, als Graf Berchtold Rußland offiziell er- 
klärt hat, es beabsichtige weder serbische Gebietsteile zu erwerben 



152 

noch den Bestand des serbischen Königreichs anzutasten, sondern 
wolle lediglich Ruhe vor den seine Existenz gefährdenden serbischen 
Umtrieben haben. 

Die Haltung der k. Regierung in dieser Frage ist deutlich 
vorgezeichnet. Die von den Panslawisten gegen Österreich- 
Ungarn betriebene Agitation erstrebt in ihrem Endziel mit- 
tels der Zertrümmerung der Donaumonarchie die Sprengung oder 
Schwächung des Deibundes und in ihrer Folgewirkung eine völlige 
Isolierung des Deutschen Reiches. Unser eigenstes Interesse ruft 
uns demnach an die Seite Österreich-Ungarns. Die Pflicht, Europa, 
wenn irgend möglich, vor einem allgemeinen Kriege zu bewahren, 
weist uns gleichzeitig darauf hin, diejenigen Bestrebungen zu 
unterstützen, die auf die Lokalisierung des Konflikts hinzielen, ge- 
treu den Richtlinien derjenigen Politik, die wir seit nunmehr 
44 Jahren im Interesse der Aufrechterhaltung des europäischen 
Friedens mit Erfolg durchgeführt haben. Sollte indes wider Er- 
hoffen durch ein Eingreifen Rußlands der Brandherd eine Erweite- 
rung erfahren, so würden wir getreu unserer Bundespflicht mit der 
ganzen Macht des Reichs die Nachbarmonarchie zu unterstützen 
haben. 

Ew. pp. bitte ich, vorstehende Mitteilungen zur Regelung 

Ihrer Sprache zu benutzen, 

V. J a g o w 

Nr. 424 

Der Große Generalstab an das Auswärtige Amt^ 

Meldung des Militärattaches Paris, ab 9^2 vormittags 
Gestern abend und jetzt in Paris Ruhe. Meldung Janensch und 
hiesige Eindrücke bestätigen 29. 7. nachm. schon gemeldete Auf- 
fassung, daß in militärischen Maßnahmen vorläufig Abschluß und 
keine Steigerung, örtliche Sicherung der Kunstbauten je nach An- 
ordnung der örtlichen Behörden verschieden umfangreich, in und um 
Paris anscheinend aus Angst vor Sabotage besonders stark. In 
Paris Reservisten nicht einberufen. Kürassierregimenter in 
Kasernen. Güterverkehr mindestens teilweise im Gange. Gestern 
erteilte Antwort von Viviani an Botschafter scheint im ganzen 
richtig. Gemeldete Äußerung des Oberstleutnants Dupont vom 

28. 7.2 ist wohl Großtuerei. _ ^ . , . 

gez. V. Griesheim 

Für die Richtigkeit. 

von B a r t e n w e r f f e r 

Major 

^ Generalstab übersandte Abschrift der Meldung des Militärattaches in Paris. 

Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 30. Juli nachm. 
' Vermutlich ist die Äußerung in Nr. 372 (Frankreich 2. Im Innern) gemeint. 



153 



Nr. 425 

Aufzeichnung des ünterstaatssekretärs des Auswärtigen* 

Berlin, den 30. Julii9i4 2 

Mitteilung des österreichisch-ungarischen Botschafters 

Graf Szäpary hat Instruktion über Aussprache mit Herrn 
Sasonow erhalten, die sich dahin zusammenfassen läßt, daß Weni 
bei seiner Aktion gegen Serbien keinerlei territorialen Erwerb beab- 
sichtigt und auch die selbständige Existenz des Königreichs keines- 
wegs vernichten' will. Das Wiener Vorgehen richte sich überhaupt 
nicht gegen das Serben tum, sondern die Wien bedrohende von Belgrad 
ausgehende subversive Propaganda. 

Die Mobilisierung der acht Korps habe selbstverständlich keine 
feindliche Absicht gegen Rußland, sondern sei natürlich einem Gegner 
wie Serbien gegenüber, das 400 000 Mann ins Feld stellen kann. 

Schebeko ist in gleichem Sinne von Graf Berchtold informiert. 
Wien bittet, daß auch Graf Pourtales sich in diesem Sinne gegenüber 
Sasonow äußern möge. 

Zimmermann 



^ Von Zimmermanns Hand. 

^ Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 30. Juli nachm. Am Rand der 
Vermerk von Zimmermanns Hand: »Ersuchen um Mitteilung nach Peters- 
burg erledigt durch Verfügung zu A. 15239. Z. 30/7.« Siehe Nr. 433 Anm. 2 
und Nr. 444 Anm. 2. 

' »vernichten« von Stumm durchstrichen, darüber geschrieben von seiner 
Hand: »in Frage stellen«. 



154 



Nr. 426 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten 

im Haag^ 

Ganz Geheim Berlin, den 30. Juli 1914^ 

Ew. Exz. ersuche ich ergebenst, die Anlage^ dieses Erlasses ver- 
schlossen sicher aufzubewahren und erst zu eröffnen, wenn Sie hierzu 
besondere Weisung erhalten. 

Den Empfang dieses Erlasses bitte ich mir telegraphisch zu 
bestätigen*. 

Jagow 



1 Nach dem Konzept. Entwurf von Stumms Hand am 29. Juli nieder- 
geschrieben. 

2 Am 30. Juli mit einem verschlossenen Kuvert als Anlage durch Feld- 
jäger abgesandt. Vgl. Nr. 375. 

ä D. i. Abschrift von Jagovi's Erlaß an den Gesandten in Brüssel vom 29. Juli 
(Nr. 376). In dem vom Generalstabschef v. Moltke eingereichten, von 
ihm selbst niedergeschriebenen Entwurf einer Mitteilung an die belgische 
Regierung (siehe Nr. 376, Anm. i) steht unter dem Entwurf der Ver- 
merk von Moltkes Hand: »Abschrift an die Regierung der Niederlande 
mit Begleitschreiben (Anlage).« Die von Moltke beigefügte gleichfalls von 
ihm selbst niedergeschriebene Anlage lautet: »An die niederländische 
Regierung. Die deutsche Regierung beehrt sich, der k. niederländischen 
Regierung in der Anlage Kenntnis von einem Schreiben zu geben, das 
von hier aus an die k. belgische Regierung gerichtet worden ist. 

Gleichzeitig erklärt die deutsche Regierung, daß in dem bevorstehenden 
Kriege die Neutralität der Niederlande in vollem Umfange deutscherseits 
gewahrt werden wird. Sollten aus dem südlichen Teile der Provinz 
Limburg Grenzüberschreitungen gemeldet werden, so wolle die k. 
Regierung versichert sein, daß es sich nur um Versehen kleinerer Ab- 
teilungen handeln kann, denen deutscherseits sofort entgegengetreten 
werden wird. 

Die k. Regierung glaubt sich der Hoffnung hingeben zu dürfen, daß 
das Königreich der Niederlande eine Deutschland wohlwollende Neutra- 
lität bewahren und damit die nahen freundschaftlichen Beziehungen 
beider stamm- und blutsverwandter Länder neu befestigen wird.« Da- 
runter der Bleistiftvermerk von Moltkes Hand: »Würde erst abzuschicken 
sein, nachdem die Antwort Belgiens eingetroffen ist. v.M.« 
* Telegraphische Empfangsbestätigung durch den Gesandten im Haag vom 
Berliner Haupttelegraphenamt aufgenommen 31. JuU 9^° nachm., präsen- 
tiert im Auswärtigen Amt 10^° nachm. 



155 

Nr. 427 

Die österreichisch -ungarische Botschaft an das 
Auswärtige Amt^ 

Berlin, den 30. Juli 1914* 
Notiz 

Graf Berchtold hat soeben von Herrn von Tschirschky die Mit- 
teilung erhalten, daß derselbe vom russischen Botschafter erfahren 
hätte, daß die Militärbezirke von Kiew, Odessa, Moskau und Kasan 
mobilisiert würden. Rußland fühle sich in seiner Ehre als Groß- 
macht gekränkt und zur Ergreifung entsprechender Maßnahmen ge- 
nötigt. Auch unsere galizischen Korpskommanden bestätigen die 
russische Mobilisierung, und dieselbe wurde auch, wie der k. u. k. 
Militärattache meldet, von Herrn Sasonow dem k. deutschen Bot- 
schafter gegenüber nicht mehr geleugnet. 

Graf Berchtold, welcher die k. u. k. Botschaft beauftragt hat, 
dies zur Kenntnis der k. deutschen Regierung zu bringen, setzt 
hinzu, daß, wenn die russischen Mobilisierungsmaßnahmen nicht 
unverzüglich eingestellt werden, unsere allgemeine Mobilisierung aus 
militärischen Gründen unverzüglich veranlaßt werden muß. 

Die k. u. k. Regierung hielte es als letzten Versuch zur Hintan- 
haltung eines europäischen Krieges für wünschenswert, daß unser 
und der k. deutsche Vertreter in Petersburg, eventuell auch in 
Paris, ungesäumt angewiesen werden, in freundschaftlicher Weise 
den dortigen Regierungen zu erklären, daß eine Fortsetzung der 
russischen Mobilisierung in Deutschland und Österreich von Gegen- 
maßregeln gefolgt sein müßte, welche unausbleiblich ernste Konse- 
quenzen nach sich ziehen würden. 

Selbstverständlich wird sich die k. u. k. Regierung in ihrer 
kriegerischen Aktion gegen Serbien nicht beirren lassen. 

Unter Einem ergeht Weisung an die k. u. k. Botschafter in 
Petersburg und Paris, die vorerwähnte Erklärung abzugeben, sobald 
ihre deutschen Kollegen analoge Instruktionen erhalten haben 
werden'. 

Die k. u. k. Regierung meint, es der k. deutschen Regierung 
überlassen zu sollen, ob Italien von diesem Schritt zu ver- 
ständigen wäre. Der k. u. k. Botschafter in Rom hat für alle Fälle 
eine Abschrift unserer bezüglichen Weisung erhalten, um, sobald an 
den k. deutschen Botschafter ein gegenständlicher Auftrag ergehen 
sollte, die italienische Regierung zu informieren. 

1 Nach der nicht unterzeichneten Ausfertigung. 

2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Annts: 30. Juli nachm. 
^ Siehe Nr. 429. 



156 



Nr. 428 

Die österreichisch-ungarische Botschaft 
an das Auswärtige Amt^ 

Berlin, den 30. Juli 1914^ 

Notiz 

Auszug aus einer Weisung des Grafen Berchtold an Herrn 
von Merey in Rom ddo. 28. Juli : 

»Ich habe dem italienischen Botschafter erwidert, daß 
unser Streitfall mit Serbien nur dieses und uns angehe, daß 
wir an keine territorialen Erwerbungen dächten, eine Be- 
setzung serbischen Gebietes daher nicht in Frage komme. 

Auf den Wunsch Herzogs von Avarna, hierüber eine 
bindende Erklärung zu erhalten, entgegnete ich, dies sei aus 
dem Grunde nicht möglich, weil derzeit natürlich nicht vor- 
auszusehen sei, ob wir nicht gegen unseren Willen durch 
den Verlauf der Kriegsereignisse gezwungen werden 
würden, serbisches Territorium okkupiert zu halten. Bei 
normaler Abwickelung sei dies allerdings nicht zu er- 
warten, da wir absolut kein Interesse hätten, die Zahl 
unserer serbischen Untertanen noch zu vermehren. 

Ew. Exz. wollen hiervon Marquis di San Giidiano Mit- 
teilung machen und hinsichtlich der auf Art. VII des Drei- 
bundvertrages abgeleiteten Kompensationsansprüche noch 
bemerken: 

Wie bereits Herzog von Avarna gegenüber hervor- 
gehoben, liegt die Erwerbung von serbischem Territorium 
durchaus nicht in unseren Absichten, sollten wir uns aber 
dennoch gezwungen sehen, zu einer nicht als nur vorüber- 
gehend anzusehenden Besetzung serbischen Gebietes zu 
schreiten, so sind wir bereit, für diesen Fall mit Italien in 
einen Meinungsaustausch über eine Kompensation einzu- 
treten. 

Andererseits müssen wir von Italien erwarten, daß es 
den Verbündeten in seiner Aktion nicht behindern, vielmehr 
seine in Aussicht gestellte bundesfreundliche Haltung uns 
gegenüber unentwegt beibehalten werde. 

1 Nach der nicht unterzeichneten Ausfertigung. 

^ Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 30. Juli nachm. 



157 

Für Ew. Exz. persönliche Kenntnisnahme füge ich 
hinzu, daß ich mich zu diesem Entgegenkommen ent- 
schlossen habe, weil es sich gegenwärtig um ein großes 
Spiel handelt, welches an sich mit bedeutenden Schwierig- 
' keiten verbunden und ohne festen Zusammenhalt der Drei- 
bundmächte gänzlich undurchführbar wäre. 

Vorstehendes auch zur entsprechenden Verwertung 
gegenüber Ihren Kollegen vom Dreibunde.« 

Graf Berchtold, welcher diese k. u. k. Botschaft beauftragt hat, 
vorstehendes zur Kenntnis der k. deutschen Regierung zu 
bringen, hat den Eindruck, daß an manchen Stellen in Itahen [an] Kom- 
pensationen auf Kosten unserer Gebiete mit italienischer Bevöl- 
kerung, speziell etwa des Trentino, gedacht werde. 

Graf Berchtold erklärt demgegenüber auf das ausdrücklichste, 
daß die Frage einer Loslösung irgendeines Teiles der Monarchie nicht 
einmal zur Diskussion gestellt werden dürfe". 



Vgl. Nr. 419. 



Nr. 429 

Aufzeichnung des Staatssekretärs des Auswärtigen für den 

Reichskanzler^ 

Berlin, den 30. Juli 1914^ 

Der österreichische Botschafter teilt mir im Auftrag seiner Re- 
gierung soeben 3 mit, daß, wenn die russischen Mobilmachungsmaß- 
regeln nicht ungesäumt eingestellt würden, Österreich-Ungarn unver- 
züglich zur allgemeinen Mobilmachung schreiten müsse. Als letzten 
Schritt, um den Frieden Europas zu erhalten, schlage Graf Berchtold 
vor, daß der deutsche und österreichische Vertreter in St. Petersburg 
und evtl. auch in Paris angewiesen würden, dort in freundschaftUcher 
Weise zu erklären, daß die Fortsetzung der russischen Mobilmachimg 
Gegenmaßregeln in Deutschland und Österreich-Ungarn zur Folge 



' Niederschrift von Jagows Hand. 

'^ Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 30. Juli nachm. Am Rand der 
Nachtragsvermerk von Jagows Hand: »Dem Grafen Szögyeny habe ich 
mitgeteilt, daß wir den Schritt in Petersburg nicht mitmachen könnten, 
da wir in den letzten Tagen schon in dem genannten Sinne »freund- 
schaftlich« gesprochen hätten und dies nicht wiederholen könnten. Eine 
erneute Aussprache unsererseits könnte nur ein Ultimatum sein. Österreich 
müsse den Schritt allein tun.« 

^ Siehe Nr. 427. * 



158 

haben würde, die zu ernsten Konsequenzen führen müßten. Die 
k. u. k. Botschafter in Petersburg und Paris erhalten Weisung, eine 
diesbezüghche Erklärung abzugeben, sobald ihre deutschen Kollegen 
die entsprechende Weisung erhalten haben. 

Graf Berchtold stellt anheim, ob Itaüen eine diesbezügliche Mit- 
teilung gemacht werden soll*. Ich habe dem Grafen Szögyeny ge- 
antwortet, daß ich erst Ew. Exz. sprechen müßte, ehe ich ihm Be- 
scheid geben könnte. 

J[agow] 

* Siehe Nr. 442. 

Nr. 430 

Der Botschafter in Paris an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 231 Paris, den 30. Juli 1914^ 

Ton hiesiger Presse heute selbstbewußt infolge Überzeugung, 
daß im Kriegsfall bestimmt auf englische Hilfe zu rechnen. 
Delcasse soll geäußert haben, englische Flotte könne Deutschland 
aushungern. Presse meint vielfach, Friedenschancen liegen jetzt 
wesentlich darin, daß angesichts festen Zusammenhaltens der Triple- 
entente Krieg für Deutschland zu gewagtes Spiel. 

S c h o e n 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Paris 1° nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
4^5 nachm. Eingangsvermerk: 30. Juli nachm. Gemäß Randverfügung 
Jagows am 30. Juli dem Admiralstab mitgeteilt, abgesandt durch Boten 
9^^ nachm. 

Nr. 431 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an 
den Botschafter in Konstantinopel^ 

Telegramm 284 Berlin, den 30. Juli 1914^ 

Mit streng vertraulicher Mitteilung an Markgraf Pallavicini 
einverstanden, sobald Ew. Exz. aus Unterhandlung mit Großwesir 
Überzeugung gewonnen haben, daß Türkei auf skizzierten Vorschlag 
im wesentlichen eingeht*. 

Jagow 

1 Nach dem Konzept. Entwurf von Zimmermanns Hand. 

2 4*5 nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
^ Siehe J>Ir. 398. 



159 

Nr. 432 
Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Ämt^ 

Telegramm 136 Wien, den 30. Juli 19 14'' 

Auftrag ausgeführt'. Graf Berchtold hat de Bunsen gegenüber 
nur Besprechung serbisch-österreichischen Streites mit Rußland ab- 
gelehnt, ist aber, wie anderweit gemeldet, bereit, alle Österreich und 
Rußland direkt tangierenden Fragen mit letzterem zu besprechen. 

Daß mit Annahme Artikel 5 und 6 der österreichischen Note 
diese dann in ihrer Gänze angenommen sei, sei ein Irrtum, da Serbien 
auch in verschiedenen anderen Punkten Vorbehalte gemacht habe. 
Die integrale Annahme der Forderungen der Note sei für hier, 
solange friedliche Austragung des Konfliktes zwischen Serbien und 
Monarchie noch in Frage stand, genügend gewesen. Jetzt, nach Ein- 
tritt des Kriegszustandes, müßten die Bedingungen Österreichs natur- 
gemäß anders lauten. 

Tschirschky 

^ Nach der Entzifferung 

" Aufgegeben in Wien 3^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 

5^'* nachm. Eingangsvermerk : 30. Juli nachm. 
' Siehe Nr. 384. 



Nr. 433 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt^ 

Im Hinblick auf die Jelegramm 135 Wien, den 30. Juli 1914'' 

kolossalenjet^t ver- 
öffentlichten russi- Berchtold und Graf Forgäch' haben gebeten, 
sehen Rüstungs- nachstehendes mitzuteilen: Infolge unserer mit 
maßnahmen ist das j^^nk aufgenommenen gestrigen Anregung* ist an 
es, /^'"^y„^ ' ^' Qj-af Szäpäry Instruktion ergangen, Konversation 

^ Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegebenin Wien 2^° nachm., angekommen imAuswärtigenAmt5^^ nachm. 
Eingangsvermerk: 30. Juli nachm. Lag dem Kaiser vor, von ihm am 
31. JuU ins Amt zurück. Von den Randvermerken des Kaisers nahmen 
Jagow und Zimmermann am 31. Juli, der Reichskanzler am i. August Kennt- 
nis. Tschirschkys Telegramm vpurde am 30. Juli nach Vornahme kleiner 
Änderungen von Jagovp den Botschaftern in London und Petersburg mit- 
geteilt, 9*0 nachm. zum Haupttelegraphenamt. Siehe Nr. 444 und dortige 
Anm. 3. 

^ Die Worte »und Graf Forgäch« hat Jagow in den Mitteilungen des Tele- 
gramms nach Petersburg und London fortgelassen. 

* Siehe Nr. 323 und 377. Dazu auch Nr. 396. 



i6o 

jetift erst! mit Herrn Sasonow zu beginnen. Graf Szdpary 
ist ermächtigt, die Note an Serbien, die allerdings 
durch Kriegszustand überliolt sei, dem russischen 
Minister gegenüber zu erläutern und jede Anregung, 
die weiter noch von russischer Seite erfolgen sollte, 
entgegenzunehmen sowie über alle, direkt die 
gut österreichisch-russischen Beziehungen tangierenden 

Fragen mit Sasonow zu besprechen^. 

Wenn russische Regierung Aufstellung von 
8 Korps als für den serbischen Feldzug militärisch 
zu weitgehende Maßregeln bemängeln zu sollen 
glaube, so habe Graf Szapäry den Auftrag, falls 
Sasonow von sich aus" hierauf zu sprechen käme, 
zu sagen, daß diese Truppenstärke gegenüber einer 
serbischen Armee von 400 000 Mann hiesiger 
militärischer Auffassung entspräche. 

Graf Berchtold wird heute Schebeko zu sich 
bitten und ihn im gleichen Sinne sprechen. Außer- 
dem wird der Minister dem russischen Botschafter 
sagen — und zwar hat sich Graf Berchtold in 
meiner Gegenwart die betreffenden folgenden Punkte 
notiert — , daß der Monarchie Territorialerwerbungen 
in Serbien durchaus fern lägen, und daß sie nach 
wann soll der ein- Friedensschluß lediglich vorübergehende Besetzung 
treten? serbischen Gebiets bezwecke, um die serbische Re- 

Faustpfand gierung zur völUgen Erfüllvmg ihrer Forderungen 
und zur Schaffung von Garantien für künftiges 
Wohlverhalten zu zwingen. Au für et k mesure 
Serbien die Friedensbedingungen erfülle, würde Räu- 
mung serbischen Gebiets durch Monarchie erfolgen. 

Tschirschky 

Also so ziemlich mein Vorschlag 

akzeptiert und so gehandelt, wie ich es dem Zaren als meineAnsicht tele- 
graphiert habe, 
gut 



Vgl. auch Nr. 448, das Antwort auf Nr. 396 ist. 



i6i 

Nr. 434 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 137 Wien, den 30. Juli 1914^ 

Auftrag nachdrücklichst ausgeführt^. Graf Berchtold wird nach 
Einholung der Befehle des Kaisers Franz Joseph umgehend Antwort 
erteilen *. 

Tschirschky 



' Nach der Entzifferung. 

'^ Aufgegeben in Wien 5^^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 5*® 

nachm.; Eingangsvermerk: 30. Juli nachm. 
' Siehe Nr. 395. 
* Siehe Nr. 437, 440, 441, 450, 464, 465, 468 und 482. 



Nr. 435 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 184 London, den 30. Juli 1914^ 

Habe soeben mit Sir E. Grey in obigem ^ Sinne gesprochen. 
Er sagt, er könne mir versichern, daß die Franzosen ihren ganzen 
Einfluß in Petersburg im Sinne einer friedlichen Entwicklung geltend 
machten. Auch sei nach hiesigen Nachrichten bisher lediglich die 
Einberufung der Urlauber an der deutschen Grenze erfolgt. Eigent- 
liche Kriegsvorbereitungen, wie Einberufung der Reservisten, seien 
nicht erfolgt. Er wird übrigens heute nachmittag mit Cambon 
sprechen und hat mich nochmals zu sich bestellt, um mir das Er- 
gebnis mitzuteilen. 

Was die russischen Rüstungen betrifft, so wird er versuchen, 
im gewünschten Sinne durch Graf Benckendorff heute noch zu wirken. 

Der Minister hofft zuversichtlich, daß es der vermittelnden 
Tätigkeit Ew. Exz. gelingen werde, eine Einigung herbeizuführen, 
und will auch in Petersburg im Sinne seines Vorschlages wirken. 
Zu einem Vertrauten hatte er heute früh gesagt, daß, wenn es dem 



' Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in London 4*^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
5^° nachm. Eingangsvermerk: 30. Juli nachm. Nach Vornahme kleiner 

Änderungen und unter Fortlassung der Sätze »Er wird übrigens 

mitzuteilen« und »Zu einem Vertrauten zu verhindern,« dem 

Generalstabe, Admiralstabe, Kriegsministerium und Reichsmarineamt mit- 
geteilt, abgesandt 31. Juli i^^ vorm. 

* Siehe Nr. 409. 

Aktenstücke II. 12 



l62 

deutsch -englischen Zusammenwirken diesmal gelänge, den Frieden 
zu retten, so glaube er, daß unsere Beziehungen für alle Zeiten 
sichergestellt seien, und daß es ihm in Zukunft glücken werde, 
durch entsprechenden Einfluß auf seine Genossen die Wiederholung 
ähnlicher Krisen zu verhindern. 

Lichnowsky 



Nr. 436 

Der Geschäftsträger in Athen an das Auswärtige Amt* 

Telegramm 223 Athen, den 30. Juli 1914* 

Bulgarischer Gesandter hat hier heute offizielle Neutrahtäts- 
erklärung Bulgariens abgegeben. 

Basse wit z 



1 Nach der Entzifferung. 

' Aufgegeben in Athen 2° nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 6*' 
nachm., Eingangsvermerk: 30. Juli nachm. Entzifferung lag dem Kaiser 
vor, der durch Randverfügung Mitteilung an die Vertretungen in Wien, 
Bukarest und Belgrad (Nisch) anordnete, am 31. Juli ins Amt zurückgelangt. 
Bassewitz' Telegramm am i. August 10* nachm. telegraphisch den Ver- 
tretungen in Wien, Bukarest und Belgrad mitgeteilt; der Gesandtschaft in 
Bukarest war es von Jagow außerdem bereits am 30. Juli nachm. tele- 
graphisch mitgeteilt worden. Siehe Nr. 453. 



Nr. 437 

Der Kaiser an den Kaiser von Österreich * 

Telegramm (ohne Nummer) Neues Palais, den 30. Juli 1914 * 

Die persönliche' Bitte des Zaren, einen Vermittlungsversueh 
zur Abwendung eines Weltenbrandes und* Erhaltimg des Welt- 
friedens zu unternehmen, habe ich nicht ablehnen zu können ge- 

* Nach dem Konzept. Entwurf von Jagows Hand. In der dem Kaiser 
vorgelegten Abschrift dieses Entwurfs Ergänzungen von des Kaisers Hand. 

* Reichskanzler sandte »den befohlenen Entwurf« mit Immediatbericht an 
den Kaiser und schlug direkte Absendung vom Neuen Palais aus vor. 
Bei der jetzt bei den Akten befindlichen Ausfertigung des Immediatbe- 
richts von der Hand des Kaisers der Vermerk: »N. P. 30. VII. 14 empfangen 
7 h. N. M. Telegramm 7.15 Min. N.M. abgesandt. W.«, auf dem Entwurf von 
seiner Hand der Vermerk: »30. VII. 14. 7 h. 15 Min. abgesandt. W.« 

' »persönliche« von der Hand des Kaisers beigefügt. 

* »Abwendung eines Weltenbrandes u[nd]« vom Kaiser beigefügt. 



163 

glaubt und Deiner Regierung durch meinen Botschafter gestern und 
heute Vorschläge unterbreiten lassen. Sie gehen unter anderem da- 
hin, daß Österreich nach Besetzung von Belgrad oder anderer Plätze 
seine Bedingungen kundgäbe. Ich wäre Dir zu aufrichtigem Dank 
verpflichtet, wenn Du mir Deine Entscheidung möglichst bald zu- 
gehen lassen wolltest^. 

In treuer Freundschaft 

Wilhelm 

' Siehe Nr. 395, 434, 440, 441, 450, 464, 465, 468 und 482. 



Nr. 438 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 187 London, den 30. JuH 1914' 

Sir E. Grey sagt mir soeben, britische Flotte sei die Ostküste 
entlang gegen Norden in die schottischen Häfen gefahren. Das jeder 
Mobilmachung vorausgehende vom Foreign Office ausgehende strained 
relations sei noch nicht erfolgt'. Solange wir nicht mobil machten, 
würden es auch die Franzosen nicht tun, auch nicht England. 
Cambon habe ihm versichert, die Franzosen machten auch nicht 
mehr wie wir es täten ; es würden lediglich gewisse Vorsichtsmaß- 
regeln getroffen. 

Lichno wsky 

' Nach der Entzifferung. 

■^ Aufgegeben in London 5" nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
8** nachm.; Eingangsvermerk: 30. Juli nachm. Dem Generalstab, Kriegs- 
ministerium, Admiralstab und Reichsmarineamt mitgeteilt, abgesandt durch 
Boten 31. Juli 12" vorm. 

» Siehe Nr. 484. 

Nr. 439 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 189 London, den 30. Juh 1914^ 

Sir E. Grey zeigte mir soeben Telegramm an Sir George Buchanan', 
worin er ihn anweist, imsere Anregung zu imterstützen, in Be- 
sprechungen über Verständigung sich einzulassen, falls Osterreich 

* Nach der Entzifferung. 

* Aufgegeben in London 6'° nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
8*' nachm.; Eingangsvermerk: 30. Juli nachm. 

* Siehe Nr. 460. 



164 

einwillige, nach Besetzung gewisser Grenzorte Feindseligkeiten einzu- 
stellen. Auf meinen Wunsch ist hierin vom österreichischen Ulti- 
matum überhaupt nicht mehr die Rede, sondern lediglich von Unter- 
handlungen über die Serbien aufzuerlegenden Lasten und Ver- 
pflichtungen. Die dem Grafen Pourtales erteilte und vom Grafen 
Benckendorff hier übermittelte Antwort des Herrn Sasonow über 
Umwandlung des Ultimatums bezeichnete ich dem Minister als un- 
annehmbar und hielte es daher für praktischer, das Wort Ultimatum 
überhaupt nicht mehr zu erwähnen. 

Der Minister war vollkommen ruhig und schien noch nicht alle 
Hoffnung aufgegeben zu haben. 

Lichnowsky 

Nr. 440 

Der Reichskanzler an den Kaiser^ 

Telegramm (ohne Nummer) Berlin, den 30. Juh 1914^ 

Antwort aus Wien wird frühestens morgen mittag hier sein, da 
Graf Tisza erst morgen früh in Wien eintrifft^. 

Alleruntertänigst 
V. Bethmann Hollweg 

1 Konzept von des Reichskanzlers Hand. Dazu auf angefügtem Blatt der 
Vermerk des Kanzlers vom 30. Juli: »Es ist wohl notwendig, daß ich an- 
liegendes Telegramm an S. M. sende? Wenn keine Bedenken, bitte ich 
es expedieren zu lassen.« 

2 8^^ nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

3 Siehe Nr. 395, 434, 437, 441, 450, 464» 465» 468 und 482 Reise Tisza's 
siehe Nr. 465 Abs. 4. 



Nr. 441 

Der Reichskanzler an den Botschafter in Wien' 

Telegramm 200 

Dringend! Berhn, den 30. Juli 1914^ 

Wenn Wien, wie nach dem telephonischen Gespräch Ew. Exz. 
mit Herrn von Stumm anzunehmen, jedes Einlenken, insonderheit 
den letzten Grey 'sehen Vorschlag (Telegramm Nr, 192) ^ ablehnt, ist 

^ Nach dem Konzept von des Reichskanzlers Hand. 

2 90 nachm. zum Haupttelegraphenamt gegeben, am 31. JuH 3° früh in Wien. 

* Siehe Nr. 395. 



165 

es kaum mehr möglich, Rußland die Schuld an der ausbrechenden 
europäischen Konflagration zuzuschieben*. S. M. hat auf Bitten des 
Zaren die Intervention in Wien übernommen, weil er sie nicht ab- 
lehnen konnte, ohne den unwiderlegHchen Verdacht zu erzeugen, daß 
wir den Krieg wollten. Das Gelingen dieser Intervention ist aller- 
dings erschwert^, dadurch daß Rußland gegen Österreich mobilisiert 
hat. Dies haben wir heute England' mit dem Hinzufügen mitge- 
teilt, daß wir eine Aufhaltung der russischen und französischen 
Kriegsmaßnahmen in Petersbiu-g und Paris bereits in freundUcher 
Form angeregt hätten, einen neuen Schritt in dieser Richtung also 
nur durch ein Ultimatum tun könnten, das den Krieg bedeuten 
würde. Wir haben deshalb Sir Edward Grey nahegelegt, seinerseits 
nachdrücklich in diesem Sinne in Paris und Petersburg zu wirken, 
und erhalten soeben seine entsprechende Zusicherung durch Lich- 
nowsky'. Glücken England diese Bestrebungen, während Wien alles 
ablehnt, so dokumentiert Wien, daß es unbedingt einen Krieg will, 
in den wir hineingezogen sind, während Rußland schuldfrei bleibt. 
Das ergibt für uns der eigenen Nation gegenüber eine ganz unhalt- 
bare Situation. Wir können deshalb nur dringend empfehlen, daß 
Österreich den Greyschen Vorschlag annimmt, der seine Position in 
jeder Beziehung wahrt. 

Ew. Exz. wollen sich sofort nachdrücklichst in diesem Sinne 
Graf Berchtold, eventuell auch Graf Tisza gegenüber äußern. 

S. M. hat heute abend nachstehendes Telegramm an den Kaiser 
Franz Joseph gerichtet : 

»Die persönliche Bitte des Zaren lassen wolltest«*. 



V. Bethmann Hollweg 



* Im Entwurf des Kanzlers folgte hinter »zuzuschieben« zunächst: »Dann 
aber kommen wir der eigenen Nation gegenüber in eine unhaltbare Lage«; 
der Kanzler hat den Satz dann gestrichen, um ihn weiter unten in ähn- 
licher Form aufzunehmen. 

^ Vor »erschwert« zunächst vom Kanzler niedergeschriebenes »aufs Äußerste», 
hinter »erschwert« zunächst niedergeschriebenes »wenn nicht gefährdet«, 
von ihm wieder gestrichen. 

* Siehe Nr. 409. 
' Siehe Nr. 435. 

* Hier ist das Telegramm des Kaisers an den Kaiser Franz Joseph vom 
30. Juli (Nr. 437J eingefügt. Siehe auch Nr. 434, 440, 450, 451, 464, 465, 
468 und 482. 



i66 

Nr. 442 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter in 

Wien' 

Telegramm 201 Berlin, den 30. Juli 1914^ 

Graf Szögyeny hat hier gemeinsame Demarche in Petersburg 
und Paris beantragt, in der unsere Botschafter freimdschaftlich auf 
Folgen der russischen Mobilmachung hinweisen sollten. Habe Graf 
Szögyeny erwidert, daß, nachdem wir in den letzten Tagen bereits 
entsprechend in Petersburg und Paris gesprochen hätten, wir nicht 
nochmals gleichen Schritt tun könnten'. Wir bäten daher Österreich, 
Demarche allein zu machen. Wir raten auch Rom zu informieren. 

Jagow 

i Nach dem Konzept von Jagows Hand. 
* 9" nachm. zum Haupttelegraphenamt. 
^ Siehe Nr. 427 und 429. 

Nr. 443 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt' 

Telegramm 139 Wien, den 30. Juü 1914^ 

Zur Frage des Verhaltens hiesiger Regierung gegenüber unseren 
Vorstellungen wegen itahenischer Kompensationsansprüche war mir 
seinerzeit gesagt worden, die Formulierung der nach Rom gegebenen 
Instruktion sei auf Grund in Berlin gewährter Aussprache erfolgt. 
Ich habe nicht unterlassen, der Sache auf den Grund zu gehen und 
erhielt auf meine bezügliche Frage Einsicht in Telegramm des Grafen 
Szögyeny vom 27. d. M., das nachstehenden Wortlaut hat : 

»Herr v. Jagow ist mit der von Ew. pp. italienischem Bot- 
schafter erteilten Antwort (Ew. Exz. Telegramm von gestern) völlig 
einverstanden und findet es ganz angezeigt, daß Hochdieselben 
vorerst über die Interpretation des Artikels VII in keine Ausein- 
andersetzungen eingegangen seien. Trotzdem ist Staatssekretär der 
Meinung, daß Hochdieselben schon jetzt, und zwar ohne Berufung 
auf Artikel VII ausdrücklich der italienischen Regierung erklären 
sollten, falls eine, nicht als nur vorübergehend anzusehende Okku- 
pation serbischen Gebiets gegen unseren Willen doch als unver- 
meidliche Verfügung erachtet würde, würden Ew. Exz. mit einer 
Kompensation (ohne irgendwelche Angabe über ihren Umfang) an 
Italien einverstanden sein. 

'■ Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Wien 7^0 nachm., angekonamen im Auswärtigen Amt 9^ 
nachm.; Eingangsvermerk; 30. Juü nachm. 



167 

Herrv. Jagow meinte, ebenso wie auch Herr Zimmermann, 
durch eine derartige Erklärung würde Italien, das fortwährend in 
diesem Sinne hier Vorstellungen macht, beruhigt werden.« 

Tschirschky 
Nr. 444 

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Botschafter in 

London* 

Telegramm 192 Berlin, den 30. Juli 1914^ 

Zur vertraulichen Mitteilung 

Der k. Botschafter in Wien telegraphiert : 

»Berchthold hat gebeten erfolgen »^ 

Das Telegramm bezieht sich auf unsere frühere Anregung 
direkter Besprechungen zwischen Wien und Petersburg und zeigt 
so viel Entgegenkommen Wiens, daß wir hoffen, daß England in 
Petersburg auf gleiches Entgegenkommen und namentlich auf Ein- 
stellung seiner Kriegsmaßnahmen wirken wird. 

Jagow 

* Nach dem Konzept von Jagows Hand. 

2 9^ nachm. zum Haupttelegraphenamt. 

^ Hier ist das Telegramm Tschirschkys vom 30. Juli nach Vornahme 
kleiner Änderungen (vgl. Nr. 433) eingefügt Siehe ferner Nr. 323, 377, 388, 
448, 489. Gleichzeitig wurde das Telegramm (als 149) an den Botschafter 
in Petersburg mitgeteilt. 

Nr. 445 

Der Militärbevollmächtigte am russischen Hofe an das 
Auswärtige Amt^ 

Telegramm 195 Petersburg, den 30. Juli 1914* 

Für S. M. : 
Fürst Trubetzkoi sagte mir gestern, als er 
die sofortige Übermittelung des Telegramms Ew. M. 
an Kaiser Nikolaus veranlaßte : »Gottlob ein Tele- 

' Nach der Entzifferung. — Vgl. deutsches Weißbuch vom Mai 191 5, S. 32, 
Nr. 20. 

■^ Aufgegeben in Petersburg 5*'' nachm., angekommen im Auswärtigen 
Amt 10* nachm. Eingangsvermerk: 30. Juli nachm. Entzifferung lag dem 
Kaiser vor, am 31. Juli ins Amt zurückgelangt. Reichskanzler, Jagow 
und Zimmermann nahmen am 31. Juli von den kaiserlichen Randbemer- 
kungen Kenntnis. — Zu Absatz 2 siehe auch Nr. 505. 



i68 

gramm Ihres Kaisers, aber ich fürchte, es ist zu 
spät.« Soeben sagte er mir, daß das Telegramm 
tiefen Eindruck auf den Kaiser gemacht habe, aber 
er könnte leider nichts mehr ändern, denn die 
Mobilisierung gegen Österreich war befohlen, und 
Sasonow hat wohl S. M. davon überzeugt, daß ein 
Zurückweichen nicht mehr möglich sei. Ich sagte 
ihm, diese frühzeitige Mobilisierung gegen Österreich 
in einem lokalen Kriege desselben mit Serbien trage 
nunmehr die Schuld an unabsehbaren Folgen, denn 
die Antwort Deutschlands hierauf sei wohl gegeben, 
und Rußland trägt die Verantwortung trotz der 
Zusicherung Österreichs, keinerlei territoriale Er- 
werbungen in Serbien zu beabsichtigen. Als er 
Quatsch! Unver- meinte, solchen Zusicherungen Österreichs /rönwe wrt« 
schämtheit hier nicht mehr glauben, entgegnete ich, dann sei 
später Zeit, mit Österreich darüber abzurechnen. 
Österreich habe nicht gegen Rußland, sondern gegen 
Serbien mobilisiert, und es sei kein Grund für Ruß- 
land, hier sofort einzugreifen. Ferner sagte ich, die 
Redensart Rußlands, wir können unsere Brüder in 
Serbien nicht im Stich lassen, versteht man in 
Deutschland ?2icht mehr nach dem furchtbaren Ver- 
brechen V071 Sarajevo. Er führte schließlich als 
aha! Auf alle Fälle einzigen Grund noch die langsame Mobilmachung 
Zeit gewinnen und in Rußland an, ich hatte aber den Eindruck, daß 
fertig vor uns sein ! er im Grunde überzeugt war, daß Rußland zu eilig 
gehandelt habe. Als ich ihm sagte, er möge sich 
das erwartet er nicht wundern, wenn die deutsche Streitmacht mo- 
nichtü? bihsiert werde, brach er entsetzt ab und sagte, er 
müsse sofort nach Peterhof. 

Großfürst Nikolai Michailowitsch sagte mir im 
Klub, er habe Nachrichten, die belgische Armee 
Blech! sei mobilisiert, denn Belgien habe einen Bündnis- 

vertrag mit Frankreich; ich führe es an, obgleich 
der Großfürst viel redet, was er nicht verantworten 
kann. Die Stadt Petersburg ist mit Ausnahme 
einiger Demonstrationen ruhig, da starke polizeiliche 
Vorkehrungen getroffen sind bei der österreichischen 
und deutschen Botschaft. 

In Kreisen ^, wo man durchaus 

freundlich gesinnt ist, erhofft man eine Einigung 
Deutschlands mit Rußland auf Grund von Gar an - 



3 Lücke in der Entzifferung. Nach einer Abschrift bei den Akten der 
deutschen Botschaft in Petersburg ist zu lesen: »des Klubs«. 



169 

hat ja Osterreich tien Deutschlands gegen eine Vergrößerung öster- 
bereits erklärt reichs nach dem Krieg mit Serbien bzw. gegen ein 
völliges Zertrümmern des letzteren, was ich ohne 
Kommentar wiedergebe. 

Bezüglich der Mobilmachung sagten mir höhere 
Offiziere im Klub, daß ein Eingreifen oder Auf- 
halten derselben in Rußland bei den enormen Ent- 
fernungen unausführbar sei und nur Verwirrung 
hervorrufe ; außerdem sei in Rußland iivischen dem 
Beginn der Mobilisierung und dem Anfang des 
Krieges noch ein großer Schritt, der noch immer 
zur friedlichen Auseinandersetzung benutzt werden 
könnte. 

Ich habe den Eindruck, daß man hier ans 
Angst vor kommenden Ereignissen mobilisiert hat 

richtig so ist es ohne aggressive Absichten und nun erschreckt ist 
darüber, rvas man angerichtet hat. 

Chelius 



Nr. 446 

Der Botschafter in Rom an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 156 Rom, den 30. Juli 1914^ 

Marquis di San GiuHano ist sehr alarmiert über Nachricht, daß 
die direkten Verhandlungen zwischen Österreich und Rußland abge- 
brochen seien. Es sei keine Frage mehr, daß Rußland zt:m Krieg 
bereit sei, und daß England an ihm teilnehmen werde. SachHche 
Differenz zwischen Rußland und Österreich sei aber ganz gering, 
nachdem Österreich erklärt habe, keine Absichten, Territorium zu 
erwerben, zu haben. Es handelte sich darum zu wissen, was denn 
eigentlich nun Österreich wolle, imd dann in Petersburg anzufragen, 
ob Rußland österreichische Absichten zulassen könne. Es sei absolut 
nötig, daß die k. Regienmg mit Wien in Verbindung trete, nicht 
um Österreich zur Nachgiebigkeit zu bewegen, sondern nur, 
um die österreichischen Absichten und Forderungen festzustellen*. 
Dann könnten die anderen Mächte, hauptsächhch England, aber 
auch Italien, auf dieser Basis in Petersburg verhandeln, um euro- 
päischen Krieg zu vermeiden. 



^ Nach der Entzifferung. 

^ Aufgegeben in Rom 7^° nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 10* 

nachm.; Eingangsvermerk: 30. Juli nachm. 
' Siehe Nr. 457. 



Habe erwidert, daß russisch-österreichischer Abbruch wahr- 
scheinlich durch russische MobiHsierung herbeigeführt und mir be- 
greiflich scheine. Minister meinte, das schUeße weitere Verhand- 
lungen nicht aus. 

Vertraulich. Herr BoUati berichtete, kais. Regierung habe 
sich — entgegen ihrer früheren Annahme — überzeugt, daß Ruß- 
land und England am Krieg teilnehmen würden. 

Floto w 



Nr. 447 

Der Botschafter in London an das Auswärtige Amt ^ 

Telegramm 191 London, den 30. Juli 1914* 

Einziger friedhcher Ausweg hegt nach meiner und hiesiger Auf- 
fassung darin, daß Graf Berchtold durch uns veranlaßt wird, zu 
erklären, er sei mit Rücksicht auf europäischen Frieden und die 
Wünsche seiner Verbündeten bereit, sich mit bisherigen Erfolgen 
vorläufig zu begnügen, miÜtärische Operationen einstweilen einzu- 
stellen und sich durch unsere Vermittlung mit Sasonow über Serbien 
aufzuerlegende Bedingungen zu unterhalten, falls russische Regierung 
weitere Rüstungen an österreichischer Grenze unterläßt. Habe in 
diesem Sinne auch mit österreichisch-ungarischem Kollegen gesprochen. 

Lichnowsky 

Nach der Entzifferung. 
2 Aufgegeben in London 7*^ nachm., angekommen im Auswärtigen Amt 
10^5 nachm., Eingangsvermerk: 30. Juli nachm. 



Nr. 448 

Der Botschafter in Wien an das Auswärtige Amt^ 

Telegramm 141 Wien, den 30. JuH 1914^ 

Habe Graf Berchtold wegen des Widerspruchs zwischen meiner 
und Herrn Schebekos Meldung über des letzteren Unterredung mit 
dem Minister interpelhert^. Graf Berchtold bemerkte, es hege in 

1 Nach der Entzifferung. 

2 Aufgegeben in Wien 8**> nachm. , angekommen im Auswärtigen Amt t o^* nachm. 
Eingangsvermerk: 30. Juli nachm. Am 31. JuU, nach Vornahme kleiner 
Änderungen, von Jagow telegraphisch dem Botschafter in London »zur 
Verwertung« mitgeteit, 2'^ vorml. Zum HaupttelegraphenamL 

' Siehe Nr. 396. 



171 

der Tat, wie Ew. Exz. annehmen, ein Mißverständnis, und zwar au 
russischer Seite vor. Herr von Schebeko sei davon ausgegangen, 
daß Graf Szäpäry mit Sasonow eine freundschafthche Unterredung 
gehabt habe, auch über die Note an Serbien, und habe daran an- 
knüpfend geäußert: »ce serait utile de continuer cette conversation«. 
Hier habe er, der Minister, allerdings bemerkt, daß Graf Szäpäry 
wohl ermächtigt gewesen sei, »Erläuterungen« zu der Note zu geben, 
daß er es aber bestimmt ablehnen müsse, über die einzelnen Punkte 
der Note an Serbien — deren Berechtigung usw. — zu diskutieren. 
Hieraus habe Herr Schebeko wohl abgeleitet, daß Österreich über- 
haupt nicht mit Rußland reden wolle. 

Diese Folgerung sei um so weniger berechtigt gewesen, als 
Herr Schebeko dann im Laufe der Unterhaltung weiter geäußert 
habe: »nous pourrions aussi causer de nos propres affaires«, und er, 
der Minister, sich dieser Anregung gegenüber durchaus nicht ab- 
lehnend verhalten habe. 

Nachdem er, Graf Berchtold, auch schon durch Graf Szäpäry 
von diesem Mißverständnis Meldung erhalten und gleichzeitig imsere 
dringende Anregung erfolgt sei, in Konversation mit Rußland einzu- 
treten, habe er Graf Szäpäry sofort entsprechende Instruktion 
erteilt (chiffr. Telegramm Nr. 135)*. 

Tschirsch ky 

* Siehe Nr. 433. 



Nr. 449 

Der Botschafter in Petersburg an das Auswärtige Amt * 

Telegramm 197 Petersburg, den 30. Juli 19 14 2 

Telegramme 142^ und 143* eben bei Sasonow verwertet, Minister 
sagte zu, daß Ru