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Full text of "Die Deutschen Mundarten"

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DEUTSCHEN MIINDARTEIII. 



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500/ 
Vierteljahrsschrift -7% 

^"^ Ja. 5 

DICHTUNG, FORSCHUNG UND KRITIK. 



Herausgegeben 



Dr. G. Karl Prommann. 




Fünfter Jahrgang. 



NÖRDIilKTGEN. 

Verlag der C. H. Beck'schen Buchhandlung. 

18 5 8. 



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„Ganz richtig ist der Gedanke, dafs der Unterricht in der Volksschule von der gesproche- 
nen Mundart auszugehen hat. Die gesprochene Mundart ist die eigentliche Muttersprache des 
Schülers; mit ihr ist er aufgewachsen, und sie ist das ursprüngliche Organ seiner Gedanken 
und Empfindungen. Es wird deshalb die Aufgabe der Volksschule sein, den Schüler, soweit er 
sich überhaupt an der Schriftsprache betheiligen soll, von seiner Mundart ziir Schriftsprache 
hinüberzuleiten." 

Budolf von Baumer. 
(Der Unterricht im Deutschen, S. 102 s.) 






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Inhalt 

des fünften Jahrgangs. 



Seite 

üeber die verstärkenden Zusammensetzungen im Deutschen. Von Dr. L. Tobler 
in Aarau 1. 180. 302 

Bildliche Redensarten, Umschreibungen und Vergleichungen der siebenbürgisch-säch- 
sischen Volkssprache; mit Erläuterungen. Von Prof. Jos. Haltrich in Schäfs- 
burg 30. 172. 324 

Mundart in und um Fallersieben. Von Prof. Dr. H. Hoff mann von Fallersieben 
in Weimar 41. 145. 289 

Stehende oder sprichwörtliche Vergleiche aus der Grafschaft Mark; mit Anmerkun- 
gen. Von Friedrich Woeste in Iserlohn 67. 161 

Niederdeutsche Ausdrücke für „trunken sein", zumeist aus dem Kreise Iserlohn. 
Von demselben 67 

Einige lexikalische Bemerkungen, veranlafst durch Stürenburg's ostfriesisches Wör- 
terbuch. Von demselben 75 

Beiträge zur KenntniCs der Mundart der Stadt Iglau. Von Heinr. Karl 
Noe 201. 310. 459 

Nachträge aus Tirol zu Schmeller's baierischem Wörterbuche. (Fortsetzung.) Von 
Prof. Joh. Bapt. Schöpf in Bozen 217. 331. 433 

Beiträge zum niederdeutschen Wörterbuche. Von Fried r. Woeste in Iserlohn . 345 

Zum Consonantismus der siebenbürgisch - sächsischen Mundart. Von Prof. Joh. 
Mätz in SchäJfeburg 361 

Zur Erklärung einiger verschollener Wörter der älteren Schriftsprache. Von Jos. 
Thaler, Pfarrer, in Kains 369 

Kürzere Mittheilungen: Bobelatschen. Von Anton Kohl in Prag. — Zu Zeit- 
schrift II, 38. 221. Von Fried r. Woeste in Iserlohn. - Zu Zeitschrift III, 
359, 4 u. 378. Von Fr. Latendorf in Neustrelitz. — Blan, wolan. Von 
K. G ö d e k e in Celle. — Ausgewichen ! Von Prof. G. Brückner in Meiningen 
und dem Herausgeber. — Anfrage. Von Fr. Woeste in Iserlohn 373 

Einiges Bemerkenswerthe aus der hennebergisch - fränkischen Mundart: XVI. Die 
Zurufe zum Lenken der Zugthiere. — XVII. Unorganisches n vor vocalisch an- 
lautenden W^örtern, — XVIII. Wie man Substantivendungen durch Verba aus- 
drückt. — XIX. Die verschiedenen Ausdrücke für Ameiße (mit einem Zusätze 
des Herausgebers). Von G. Friedr. Stertzing in Neubrunn 449 

Lexicalisches im Anschlüsse an Weinhold's Beiträge zu einem schlesischen Wörter- 
buche. Von Ignaz Petters in Leitmeritz 472 

Mundartliches aus Vorarlberg: I. Eigen thümliche , die verschiedenen Gesundheits- 
verhältnisse betreffende Ausdrücke und Redensarten. — II. Eigenthümliche, auf 
die Vieh- und Alpen wirthschaft bezügliche Wörter und Redensarten: 1. Thiere. 
2. Erzeugnisse. 3. Geräthschaften. Von Dr. Jos. Vonbun in Schruns . . . 479 



W ^ Inhalt. 

Literatur. 

Seite 

Fortsetzung und Ergänzungen zu P. Trömel's Literatur der deutschen Mundarten. 
Vom Herausgeber 77. 233. 378. 490 

Döntjes un Vertellsels in Brookmerlander Taal, von Fooke Hoissen Müller. 
Harm un d' dur' Tied, 'n Kummedistük van EnnoHektor 78 

Norddütsche Stippstörken un Legendchen, von Ludw. Schulmann. Von Dr. 
J h. Müller in Nürnberg 86 

Schlesische Gedichte von Karl v. Holt ei. Mit einem Glossar von Dr. Karl 
Weinhold. Vom Herausgeber 88 

Deutsche Weihnachtspiele aus Ungarn, von Karl Jul. Schröer. Von E. Hek- 
tor in Nürnberg 91 

Alpensagen. Volksübcrlieferungen aus der Schweiz, aus Vorarlberg etc., von Theod. 
Vernaleken. Von demselben 92 

Die Sagen Vorarlbergs, von Dr. F. J. Vonbun. Vom Herausgeber 234 

Beitrag zu einem Wörterbuche der deutschen Mundarten des ungrischen Berglan- 
des, von Karl Julius Schröer. Vom Herausgeber 235 

Der Wäldler. Gedichte in der Mundart des baierischen Waldes von Jos. Max. 
Schuegraf. Vom Herausgeber 380 

Erklärung der schwierigem dialektischen Ausdrücke in Jerem. Gotthelfs gesammel- 
ten Schriften, von Alb. v. Rütte. Vom Herausgeber 382 

De Herr Professor. Idyll aus dem Züribiet von Aug. Corrodi. Von -E. F. und 
dem Herausgeber 383 

Zom Zilljes gale Erbes mit Huitzelbreh geschmälzt etc. Vom Herausgeber .... 385 

Fritz Hofmann's Qu4ckbrünnl4. Volksdichtungen in nordfränkisch -Koburger 
Mundart. Von G. Friedr. Stertzing 491 

Gedichte in trierscher Mundart von Ph. Laven. Von E. Hektor in Nürnberg . 495 

Wörterbuch der niederdeutschen Mundart der Fürstenthümer Göttingen und Gru- 
benhagen etc. von Georg Schambach. Von demselben 496 

Spreekwoordenboek der Nederlandsche taal etc. door P. J. Harrebomöe. Von 
demselben 497 

Zukünftiges 238 

Sprachgcschichtliche Wünsche in Bezug auf die Herausgabe der deutschen Reichs- 
tagsakten. Von Prof. Rudolf v. Raumer in Erlangen 239 

Nekrolog Clrk Heinr. Stürenburg's. Von E. Hektor in Nürnberg 92 

Viktor Kästner, ein siebenbürgisch- sächsischer Dialekt- Dichter 386 

Mundartliche Dichtungen und Sprachproben. 

Volkslieder in siebenbürgisch -sächsischer Mundart; mitgetheilt von Prof. Schuler 
v. Libloy in Hermannstadt 94. 391 

Sprachliche Erläuterungen. Vom Herausgeber 97. 392 

Sprachproben ans dem Möllthale im Herzogthum Kärnten und in Zillerthaler Mund- 
art. Von Matth. Leier in Berlin und Dr. J. E. Waldfreund in Innsbruck . 99 

Sprachliche Erläuterungen. Vom Herausgeber und Dr. J. E. Waldfreund in 
Innsbruck 103 

Sprach probe aus Münchendorf in Niederösterreich; mit Anmerkungen. Von Joh. 
Wurth, Schullehrer, in Münchendorf 107 

Kinder- und Volksreime aus dem Elsafs. Von Prof. Aug. Stöber in Mülhausen 111 

Sprachliche Erläuterungen, Vom Herausgeber 114 



Inhalt. tV 

Seite 

Mülhauser Mundart. Von Fr. Otte in Mülhausen 116 

Anmerkungen. Von Prof. Aug. Stöber; mit Zusätzen vom Herausgeber . . . .116 
Hagenauer Mundart. Mitgetheilt von Prof. Aug. Stöber; mit Anmerkungen vom 

Herausgeber 117 

Gedichte in Nürnberger Mundart. Von Karl Weifs, Kunstdrechsler, in Nürnberg 118 

Sprachliche Anmerkungen. Vom Herausgeber 120 

Sprachproben in Iglauer Mundart. Von Alois Salomon in Wien 121 

Anmerkungen von A. Salomon; mit Zusätzen vom Herausgeber 124 

Mundartliches aus dem Egerlande und seiner Umgebung. Von Anton Kohl in 

Prag 126 

Sprachliche Erläuterungen. Vom Herausgeber 129 

Die Sechsämter -Mundart. Von J. W. V. Seybold, Lehrer, in Thierstein . . . 130 

Sprachliche Erläuterungen. Vom Herausgeber 132 

Pommersche Mundart. Von Th. Odebrecht, Kreisgerichtsdirektor, in Berlin . . 133 

Sprachliche Erläuterungen. Vom Herausgeber 134 

Uebertragungen in rugianisch - niedersächsische und in Salzunger Mundart. Von 

Th. Odebrecht in Berlin und Prof. G. Brückner in Meiningen 135 

Sprachliche Erläuterungen. Vom Herausgeber 136 

Bauernsitte und Cultur in der Mark; mit Worterklärungen. Von Fr. Woeste in 

Iserlohn 136 

Rheinfränkische Mundart; mit Erläuterungen. Von Fr. Woeste in Iserlohn 138. 277 

Ostfriesische Mundart. Von C. Tannen in Bremen 141 

Sprachliche Erläuterungen. Von E. Hektor in Nürnberg und dem Herausgeber . 143 
Ostfriesische Kinder- und Ammenreime. Gesammelt von C. Tannen in Bre- 
men 144. 272 

Sprachliche Erläuterungen, Vom Herausgeber 144. 274 

Volkslieder aus Kärnten. Von Anton Stanfel in Wien 243 

Sprachliche Erläuterungen. Vom Herausgeber 252 

Sprachproben aus dem Kanton Aargau. Von Prof. E. C. Rochholz in Aarau . . 256 

Sprachliche Erläuterungen. Vom Herausgeber 257 

Oberschwäbische Mundart. Von A. Birlinger in Tübingen 259 

Sprachliche Erläuterungen. Vom Herausgeber 262 

Lieder in fränkisch-hennebergischer Mundart; mit Anmerkungen. Von Joh. Friedr. 

Stertzing in Neubrunn 262 

Kinder- und Volksreime aus Meklenburg. Von Friedr. Latendorf in Neustrelitz 282 

Sprachliche Erläuterungen. Von F. Latendorf und dem Herausgeber 286 

Oberösterreichische Mundart. Von K. Ad. Kaltenbrunner in Wien 392 

Sprachliche Erläuterungen. Vom Herausgeber 393 

Alemannische Gedichte. Von Dr. Kaspar Hagen zu Hard bei Bregenz .... 393 

Sprachliche Erläuterungen. Vom Herausgeber 396 

Dialekt der Stadt Schaflfhausen. Von F. Zehender, Pfarrer und Lehrer, in Schaff- 
hausen 397 

Sprachliche Erläuterungen. Vom Herausgeber 403 

Alemannische Sprachprobe. Von L. F. Dorn, Pfarrer, in Wil 404 

Sprachliche Erläuterungen. Vom Herausgeber 406 

Südböhmische Sprachprobe: Mundart von Oberplan. VonMatth. Pangerl in Prag 408 

Sprachliche Erläuterungen. Vom Herausgeber 410 

Salzunger Mundart. Von Prof. G. Brückner in Meiningen 410 

Sprachliche Erläuterungen. Vom Herausgeber 411 



VI Inhalt. 

Seite 

Niederrheinische Mundart des Kreises Grevenbroich. Von Montaniis 412 

Sprachliche Erläuterungen. Vom Herausgeber 414 

Zwei Volkslieder aus der Gegend von Iserlohn; mit Anmerkungen. Von Fr. Woe- 

ste in Iserlohn 416 

Aeltere Sprachprobe aus Clausthal auf dem Harze. Von Dr. Reinhold Köhler, 

Bibliothekar, in Weimar 420 

Sprachliche Erläuterungen. Vom Herausgeber 422 

Niederdeutsche Sprachprobe des 17. Jahrhunderts. Von K. Schiller in Schyrerin 423 

Sprachliche Erläuterungen. Vom Herausgeber 425 

Niederdeutsche Thiersprüche ; mit Anmerkung. Von Fr. Latendorf in Neustre- 

litz 426 

Niederdeutsche Sprichwörter. (Fortsetzung.) Von Dr. A. Lübben, Gymnasialleh- 
rer, in Oldenburg 427. 522 

Sprachliche Erläuterungen. Vom Herausgeber 430. 525 

Presburger Sprachproben, nach dem Leben aufgezeichnet; mit sprachlichen Anmer- 
kungen. Von K. J. Schröer, Professor, in Presburg ... 501 

Siebenbürgisch - sächsische Volkslieder im Kaisder Dialekt. Mitgetheilt von Ste- 
phan Theil in Hermannstadt 506 

Sprachliche Erläuterungen. Vom Herausgeber 509 

Volkslieder aus Niederösterreich. Mitgetheilt von Jos. Mar. Wagner in Wien . 509 

Sprachliche Erläuterungen. Vom Herausgeber 611 

Schwanke in der Mundart des westlichen Fichtelgebirges 512 

Sprachliche Erläuterungen. Vom Herausgeber 517 

Rheinfränkische Mundart: Gedichte von Wilh. v. Waldbrühl in Elberfeld . . . 517 

Sprachliche Erläuterungen. Vom Herausgeber ....519 

Verbesserungen und Zusätze 628 

Alphabetisches Verzeichnifs der in diesem Bande erläuterten Wörter, Sprachformen 
u. 8. w. Vom Herausgeber 629 



Berichtierungen Bum vierten Bande. 

S. 660, Z. 4 ▼. 0. lies Fenntrrli statt Fen.ite.rl. 

„ — ^ 10 ▼. o. 1. virav^.Tziij st. viravirzig. 

y, 662, j) 9 T. o. streiche da« ? hinter Schneideriatich. 



Beiträge 

zu diesem Bande haben geliefert ; 

Birlinger, Anton, Dr., Alumnus des Priesterseminars in Rot- 
tenburg. 

Brückner, Georg, Professor an der E-ealscliule in Meiningen. 

Dorn, L. F., Pfarrer, in Wil. 

Gödeke, Karl, in Celle. 

Hagen, Kaspar, Dr., prakt. Arzt, in Hard bei Bregenz. 

Haltrich, Jos., Gymnasialprofessor, in Scbäfsburg. 

Hektor, Enno, Sekretär des german. Museums in Nürnberg. 

Ho ff mann von Fallersleben, Heinrich, Dr., in Weimar. 

Kaltenbrunner, K. Ad., Directorialadjunct der k. k. Hof- 
und Staatsdruckerei in Wien. 

Kohl, Anton, in Prag. 

Köhler, Beinhold, Dr., grofsherz. Bibliothekar, in Weimar. 

Latendorf, Friedrich, in Neustrelitz. 

Lex er, Matthias, z. Z. in Berlin. 

Lübben, Aug., Dr., Gymnasialprofessor, in Oldenburg. '■ 

Mätz, Joh., Gymnasialprofessor, in Schäfsburg. 

Müller, Joh., Dr., Conservator der Alterthumssammlung des 
german. Museums. 

Odebrecht, Th., Kreisgerichtsdirektor, in Berlin. 

Noe, Heinr. Karl, Gymnasialprofessor, in Venedig. 

Pangerl, Matthias, in Prag. 

Petters, Ignaz, Gymnasiallehrer, in Leitmeritz. 

Baumer, Bud. v., Dr., üniversitätsprofessor, in Erlangen. 

Rochholz, E. C, Professor, in Aarau. 

Salomon, Alois, in Wien. 

Schiller, K., Gynmasiallehrer, in Schwerin. 



VIII Beiträger. 

Schöpf, Job. Bapt., Gymnasialprofessor, in Bozen. 
Schröer, K. Jul., Gymnasialprofessor, in Presburg. 
Schuler v. Libloy, Friedr., o. ö. Professor an der Eechts- 

akademie in Hermannstadt. 
Seybold, J. W. Y., Lehrer, in Thierstein. 
Stanfel, Anton, in Klagenfurt. 
Stertzing, G. Friedr., Candidat der Philologie, in Neubrmm 

bei Meiningen. 
Stob er, Aug., Professor am Collegium zu Mülhausen im 

Elsafs. 
Tannen, C, Buchhändler, in Bremen. 
Thal er, Jos., Pfarrer zu Kains bei Meran. 
Theil, Stephan, in Hermannstadt. 
Tobler, L., Dr., Professor, in Aarau. 

Vonbun, Jos., Dr., prakt. Arzt, zu Schruns in Vorarlberg. 
Wagner, Jos. Maria, in Wien. 
Waldfreund, J. E., Dr., jn Innsbruck. 
Weif 8, Karl, Kunstdrechsler, in Nürnberg. 
Woeste, Friedrich, in Iserlohn. 

Wurth, Jos., Schullehrer, zu Münchendorf bei Laxenburg. 
Zehender, F., Pfarrer und Lehrer, in Schaff hausen. 
Zetter, Georg (Friedr. Otte), zu Mülhausen im Elsafs. 
Zuccalmaglio, A. W. v. (Wilh. v. Waldbrühl), in Elberfeld. 
Zuccalmaglio, Vincenz (Montanus), in Grevenbroich. 



Feber die yerstärkeiiden Zusammensetzungen 
im Deutschen. 



Von Dr. L. Tobler in Aarau. 



Einleitung. 

Wo zur Bezeichnung eines Begriffs ein Wort nicht ausreicht, bietet 
sich als nächste Hülfe die Zusammensetzung; es raufs einen tieferen 
Grund haben, wenn gewisse Sprachen, wie die lateinische und ihre 
Tochterspracheu, von diesem Mittel beschränktem Gebrauch machen als 
z. B. die griechische und deutsche. (Wir reden hier von Zusammen- 
setzung im gröfsern Mafsstab, welche Wörter von selbständigem und 
festem Begriff untereinander, nicht mit blofsen Partikeln verbindet.) 
Jener Grund möchte, neben der Rücksicht auf Kürze und Gefügigkeit 
der Worte für die Rede, theilweise darin liegen, dafs die Composition 
ihre Bestandtheile nicht immer zu einem ganz klaren Gesammtbegriff 
verschmelzt und fast nothwendig den ursprünglichen Sinn des einen oder 
andern alteriert, wovor Sprachen, die ihrer nationalen Anlage nach mehr 
auf Verständigkeit als auf Tiefe des Gemüthes, mehr auf scharfe Son- 
derung als auf reiche Combination der Begriffe ausgehen, einen natür- 
lichen Widerwillen haben mögen. Die deutsche Composition insbeson- 
dere führt neben lautlicher Veränderung der Wörter (Grimm's Gramm. II, 
406) eine Reihe von Veränderungen der Bedeutung mit sich : 1) Bei 
der Zusammensetzung von Subst. mit Subst. hülsen manche erste Wörter 
ihren besondern Begriff ein und verstärken blofs im Allgemeinen die 
Bedeutung der zweiten Wörter; Grimm, Gramm. II, 542, 7. -- 2) Auch 
das zweite Wort geht in einigen Fällen aus der sinnlichen Bedeutung 
in eine allgemeine, abstracto über; Grimm, II, 543, 11. Aehnlich ist 
es, wenn 3) manche zweite Wörter, je lebloser und abstracter ihre Be- 
deutung wird, im Geschlecht scliwanken. Gr. II, 545, 14. — 4) Auch 
bei der Zusammensetzung von Subst. mit Adjectiv werden erste und 
zweite Wörter leblos; Gr. II, 579, 5. 6. — Ebenso 5) bei der von Ad- 

1 



o l'ebcr die vcrstiirkenden Zusammensetzungen. 

jectiv mit Adj. Gr. 11, 666, 5. — 6) Ein an zweiter Steile stehendes 
Substantiv kann durch blofse Composition Adjectiv werden; Gr. II, 

666, 6, a; umgekehrt verwandeln sich Adjectiva in Substantiva; Gr. II, 

667, 8. — 7) In der altern epischen Dichtersprache waren einzelne 
Ideenverbindungen so geläufig, dafs zuweilen das erste und zweite Wort 
ohne merkbare Aenderung des Begriffs ihre Stelle wechseln; Gr. II, 
547. — 8) Die ältere Sprache zeigt auch viele Pleonasmen, wodurch 
gewisse Begriffe nachdrückhcher bezeichnet werden; Gr. II, 442, 4, a 
und 547. 

Alles dies sind Erscheinungen, welche beweisen 1) dafs der Zu- 
sammensetzung überhaupt eine begriffsändernde (abstufende, verflüchti- 
gende) Kraft beiwohnt; 2) dafs die Zusammensetzung oft gebraucht wird 
nicht so fast, um aus zwei Begriffen einen neuen zu erzeugen, als um 
von zwei' Begriffen den einen durch den andern zu verstärken. Durch 
Schwächung auf der einen Seite wird also hier wirklich Verstärkung 
auf der andern, durch theilweise Abstraction imd Leblosigkeit anderwei- 
tige höhere Belebung und Individualisierung gewonnen, und ein weit- 
verbreitetes Naturgesetz, vne viele andere, als auch in der Sprache 
gültig erwiesen. 

Während wir nun gesehen haben, dafs in gewissen Fällen das 
zweite Wort es ist, das einen das erste irgendwie modificierenden 
Sinn annimmt, wird formliche Verstärkung vorzüglich durch Abstract- 
werden des ersten Worts erreicht, und es ist dies auch dem Wesen 
der Zusammensetzung überhaupt angemessen. In weitaus den meisten 
Fällen ist ja die Zusammensetzung so zu denken, dafs vor das den 
eigentlichen Begriffsinhalt bildende zweite Wort das erste als nähere 
Bestinunung tritt, und es ist das merkwürdige hiebei eben nur das, dafs 
das seiner ursprünglichen Function nach individuellere erste Wort diese 
seine Natur bis auf einen gewissen Grad ablegen und fast in ihr Gegen- 
theil verwandeln kann. Das ist der Gegenstand unserer folgenden Be- 
trachtung, dem hiemit sein Zusammenhang mit den verwandten Er- 
scheinungen und auf dem allgemeinen Boden derselben seine gebührende 
Stelle angewiesen ist. 

Die nächste Anregung zu der vorliegenden Arbeit war eine im 
ersten Jahrgang dieser Zeitschrift, S. 229 — 38, erschienene Abhand- 
lung von Prof. Brückner „über den Volkssuperlativ im Hennebergi- 
schen". Ihm entlehne ich einen grofsen Theil seines schätzbaren Ma- 
terials. Da aber viele verstärkende Zusammensetzungen, welche er als 



Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. ^ 

hennebergisch anführt, aucli andern Mundarten und selbst der Schrift- 
sprache angehören, oder fast unwillkürlich auf ähnliche, jenem weitern 
Gebiete zuständige führen, so lag es nahe, den Gesichtskreis dahin aus- 
zudehnen. Da ferner Brückner seine Data weder in alphabetische noch 
reale Ordnung gefafst und die Spracherscheinung zwar mit einigen 
allgemeinen Bemerkungen begleitet, aber in keinen w^eitern Zusammen- 
hang gestellt, für die Erklärung einzelner Composita und Wörter vol- 
lends gar nichts gethan hat, so ist es wol nicht ganz unnöthig und un- 
verdienstlich, seine Arbeit auch in diesen Hinsichten zu ergänzen. In- 
dem ich also einerseits das Material durch Hinzufügung der hieher ge- 
hörigen Composita aus den Verzeichnissen der Grimm'schen Grammatik, 
aus dieser Zeitschrift und aus Anderem, was mir theils lebendiges Be- 
wufstsein der Schweizer Mundart, theils Leetüre älterer und neuerer 
Schriftwerke an die Hand gab, zu vervollständigen suchte, war es ander- 
seits mein Bestreben, die Zusammensetzungen nach den Wortarten und 
innerhalb derselben alphabetisch zu ordnen und sowol das Einzelne als 
die Erscheinung im Ganzen möglichst zu erklären. 

Ausgeschlossen sind von unserer Betrachtung 1) Composita, welche 
gar keine Verstärkung enthalten, wie auf dem Brückner'schen Verzeich- 
nifs: schachmatt, leutstutzig, wetterlaunisch, männertoll (?) , blutröhlich, 
vierschrötig, wasserschlündig, donner-, mannschlächtig (?), leut-, menschen-, 
lichtscheu, altklug, maulfaul, feuer-, hand-, wetterfest. Zweifelhaft sind 
manche Composita der Farbe und Dimension bezeichnenden Adjectiva, 
wo das erste Wort oft nur ein ganz bestimmtes Mafs, eine ganz be- 
stimmte Farbe, nicht eine absolute Steigerung anzugeben scheint, wie 
wir sie bei den andern Adjectiven suchen und finden. Zuzugeben ist 
aber, dafs auch diese Zusammensetzungen im concreten Fall der Rede 
verstärkenden Sinn annehmen können, indem jenes bestimmte Mafs, 
jene bestimmte Farbe für den jedesmal fraglichen Gegenstand das Ge- 
wöhnliche oder Erforderliche überschreiten kann. 2) Composita mit Par- 
tikeln, deren ich zwar keine wüfste als die mit ur- und über-, weil 
diese schon abstract sind, es nicht erst durch Zusammensetzung werden. 
(Lat. per- prae-, griech. 7T€qi-). 

Nicht ausgeschlossen sind „uneigentliche'' Zusammensetzungen, so- 
weit sie offenbar den Werth von eigentlichen haben, oder eher „unor- 
ganische" (in der Form) heifsen sollten (vgl. Grimm, Gr. 11, 409), in- 
dem zuweilen die Flexion nomina propria oder Personificationen zu ver- 
rathen, manchmal auch geradezu die Stelle des Bindevocals zu vertreten 

1* 



4 Ueber die verstäikenrlen Zusammensetzungen. 

scheint, überhaupt aber eine scharfe Grenze zwischen eigenthcher und 
uneigentlicher Composition in den Mundarten noch schwerer festzuhalten 
ist als in der Schriftsprache. 

In den Verzeichnissen sind Composita, welche mehrern Dialecten 
oder Mundarten unter sich oder mit der nhd. Schriftsprache gemein 
sind, nur in euier, wo möglich in der nhd. Gestalt angesetzt. 

I. Verzeichnifs verstärkender Zusammensetzungen. 

A. Nach dem ersten Wort: 

a) Substantiv (einigemal zweifelhaft). 

Vorbemerkung: Aus dem folgenden Verzeichnifs sind ausge- 
schlossen viele Substantiva, welche zwar ebenfalls verstärkend mit einem 
Adjectiv verbunden werden, aber theils nur einen engen Kreis dieser 
Anwendung haben, theils kein weiteres Interesse und keine Schwierig- 
keit der Erklärung bieten, da sie meist der rein sinnlichen Sphäre an- 
gehören und durch unmittelbare einfache Vergleichung ihrem Adjectiv 
beigegeben sind. Manche davon kommen übrigens auf dem Verzeichniis 
nach dem zweiten Worte vor. Dagegen sind in dieses Verzeichnifs, 
der Kürze wegen, gleich mit aufgenommen worden solche Zusammen- 
setzungen, wo auch der zweite Theil Substantiv ist, wälirend unsere 
übrigen Verzeichnisse nur Adjectiva als zweites Wort zeigen. Jene Zu- 
sammensetzungen mit Substantiv als zweitem Wort haben weder durch 
ihre Anzahl, noch Bcschaftenheit Anspruch darauf, als Ausnahmen in 
einem besondern Verzeichnifs aufgeführt zu werden; das erste Wort, 
auf das es uns doch bei unserer ganzen Betrachtung zunächst ankom- 
men nmfs, verhält sich in ihnen nicht anders als da, wo das zweite Wort 
Adjectiv ist, und sie dienen im Gegentheil nur zur Verdeutlichung und 
Bestätigung der Gebrauchsweise des ersten Worts auch vor Adjectiven. 
Es mag nicht ohne Interesse sein, diejenigen ersten Wörter aufzusuchen, 
welche ein Substantiv als zweites Wort nach sich haben können. Es 
sind, aus dem folgenden Verzeichnisse anticipiert: ans, blitz, diet, don- 
ners, enz, erde, fatzen, hageis, beiden, himmels, höllen, haupt, hexen, 
huuds, inuin, cheibe, chetzers, kreuz, Hut, magen, mord(s), ragin, sau, 
welt(s). Dazu etwa noch blutschelm, gottsschand, sündengeld, und drei 
altnord. mit gin, wenn dieses als Subst. zu betrachten ist. Bei sin- ist 
dies noch zweifelhafter; wir haben es also hier nicht mitgerechnet. 



Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. U 

Ebenso erz, das wenigstens seinem Ursprung nach schwerlich Subst. 
ist. Auch tausends- konnte nicht mit den andern zusammengestellt 
werden. Die Zahl dieser ersten Wörter schmilzt also sehr zusammen; 
die ältere Sprache hat blols : ans, diet, gin (?), Irmin, Hut, magen, ragin, 
sin(?), weit, (von denen diet, liut, weit nicht einmal rein verstärken- 
den Charakter tragen), die spätere hochd. Schriftsprache kaum ein ein- 
ziges. Die überwiegende Mehrzahl der Fälle gehört den Mundarten 
und scheint auch hier später, roher, weniger festgewurzelt, schon wegen 
der meistens unorganischen oder uneigentlichen Form der Zusammen- 
setzung. Dazu kommt, dafs diese selben ersten Wörter, von den Mund- 
arten sonst als Flüche gebraucht, in der Zusammensetzung nur sehr 
abstract verstärken, und vor Substantiven sich noch weniger als vor 
Adjectiven in eine bestimmte Erklärungsweisc fügen wollen. Alle diese 
Gründe lassen es wol als gerechtfertigt erscheinen, wenn wir die frag- 
lichen Zusammensetzungen, die sonst nirgends recht Platz haben, im 
Folgenden gelegentlich unterbringen. 

ans (deus) als erster Theil in vielen Eigennamen, nach Grimm (Gr. II, 
447) „wol blofs verstärkend'^ , aufserdem In altn. as-megin, robur 
divinum, eximlum. Vgl. got, innln, ragln. 

a'r-god, ags. perbonus; aer nach Gr. II, 561 „vielleicht =r aes", Erz, das 
aber mit dem verstärkenden erz- (s. unten) ursprünglich nichts zu 
schaffen hat, so dafs der Einklang zufällig und nichts beweisend 
wäre. EttmüUer nimmt ser =i prius, ante, erklärt aber „prae ceteris" 
bonus. Doch scheint diese Erklärung annehmbarer als die erste, 
nur müfsten wir also aer als Partikel ansetzen und insofern aus die- 
sem Verzeichnifs streichen. 

auga-zoraht, -sinnig, altn. augllös = augenscheinlich, -klar; Gr. II, 
550. Die Erklärung ist: so deutlich, dafs es In die Augen springen 
mufs, oder: wie wenn es vor Augen stände. 

bäum- stark, -fest, -hoch(?); vgl. Schweiz, bäumig ::i^ grois wie ein 
Baum. 

b ein -dürr, -fest, -hart. 

bickel-fest, -hart. Bickel heifst (s. Grimm, Wörtb.) Hacke, Knöchel; 
bickelfest könnte also auch bedeuten: so fest, djifs es mit der Hacke 
ausgehauen werden mufs, oder nicht ausgehauen werden kann. Grimm 
vergleicht nagelfest, was selbst mehrfacher Auslegung fähig ist. Die 
Parallele beinfest spricht für die Bedeutung Bickel rr: Knöchel, 



X Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. 

Würfel, Stein, und entscheidender noch ist das nebenstehende bickel- 
hart, der Sprachgebrauch „Stein und Bein" und zum „Bickel ge- 
froren''. 

blitz-blau (auch gleichbedeutend blitschblau; Z. I, 141, 12. III, 130); 
blitzroth; -schnell. Vor Subst. Blitzhexe, -kerl. Am klarsten ist 
bhtzschnell; in blitzroth kann blitz allenfalls auch von der Farbe 
verstanden werden; blitzblau aber (und die Nebenform Witsch scheint 
hier nicht ohne Bedeutung) geht schon in den Sprachgebrauch über, 
den blitz vor Subst. zeigt. Hier ist es nämlich das fluchende und 
aus Verwünschung auch in blofs unbestimmte Steigerung übergehende 
blitz, wovon Z. 11, 504. 540. — Schmeller I, 241 nennt blitz eine 
den Übeln Sinn verstärkende Vorsylbe, und fuhrt als Beispiele an: 
blitzblaue Milch (d. h. sehr schlechte), blitzdumm, -liederlich. Vgl. 
donners-. 

blut-arm (dies schon mhd.), -jung, -fremd; -sauer, -schwer, -wenig. 
Grimm II, 551 erklärt „blutarm r= nichts als das leben habend; 
blutjung trr nur erst das blut habend; blutfremd, bis aufs bl. ; blut- 
sauer = blut, Schweifs und arbeit kostend." Im Wtbch. gibt er 
noch blutschelm = homo petulans, und bespricht den Gebrauch von 
blut interjectional betheuernd (potz blutl =: Gottes blut u. s. w.), 
ferner == mensch, besonders in Verbindung mit jung, und die Eedens- 
art: keinen blutigen heller haben = ganz arm sein, für deren Aus- 
legung unter anderm auch blutarm, -wenig zugezogen werden. Vgl. 
Z. in, 176, 28. 193, 124. Alle diese Gebrauchsweisen von blut 
sind bei der Erkläi*ung obiger Zusanmiensetzungen in Anschlag zu 
bringen, und die von Grinun gegebenen Umschreibungen lassen sich 
wol hören; doch ist vielleicht nicht allzusehr ins Einzelne zu gehen, 
sondern anzunehmen, dafs blut- überhaupt das Innerste, den Quell 
aller Lebendigkeit bezeichnete und so gebraucht werden konnte wie 
kern-, grund-; oder es gehört blut-, wie mord- und die meisten der 
von Naturerscheinungen hergenommenen Flüche, zu den nur unbe- 
stimmt, aber mächtig die Phantasie oder das unmittelbare Lebensge- 
fühl aufregenden und darum zur abstracten Steigerung dienlichen 
Wörtern; auch die Annahme, dab blut-, durchaus nur als das be- 
theuemde blut (sc. Christi) zu fassen sei, findet Unterstützung an 
dem ähnlichen kreuz-. 

bock -steif, -still. Unter Bock kann sowol das Thier, als das ihm in 
Steifheit der Beine nachgebildete Geräth gemeint sein. Vgl. Z. IV, 4. 



Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. 7 

boden-fest, -hart; Schweiz, auch bodebös, -lustig u. a. Z. IH, 303. 
IV, 112, 59. Für diesen abstractern Gebrauch, bei dem wir als 
mythischen Hintergrund höchstens Identität mit Erde, aber nicht mit 
Budda — Wuotan — Budhli (Rochholz' Sagen I, 160) zulassen 
möchten, vgl. grund- und für die auch sonst feststehende Verbindung 
von Grund und Boden die kräftige Schweiz. Redensart: si' in 
Grundzbode-n-ine schaeme ;=: sich vor Scham in die Erde verkrie- 
chen, jedenfalls: sich „gründlich" schämen. 

bor- führen wir aus Gr. II, 550 f. hier an nur um es auszuschliefsen. 
Denn theils geht dieses bor über die Bedeutung admodum hinaus 
ins nimis hinein, so dafs es selbst für unsern Zweck „zu viel" wird, 
theils ist die substantivische Natur auch dieses Wortes zweifelhaft: 
es scheint uns eine Partikel und, wie das mit ober zusammengehörige 
über, zur Bezeichnung des Ueberflusses und üebermafses verwandt. 
Bor in bor-kirche, bor-scheune, bor-bühne bezeichnet den obern Theil 
dieser Gebäude, vielleicht mit Erinnerung an den zu Grund liegen- 
den Verbalstamm als den durch Stützen „getragenen, gehobenen" 
(bern, buren), den untern Theil „überragenden" (borzen) ; Z. IV, 208. 
Borvoll, das Grimm ohne weiteres aus Stalder anführt, und das dieser 
selbst zzz borzetvoll, d. h. ragend (schweiz. auch g-raglet) voll er- 
klärt, kann auch geradezu = übervoll gesetzt werden. Für bor 
als Adverb spricht auch noch das von Stalder angeführte borschle- 
geln, die Füfse emporheben, von Pferden. Aehnliches Schwanken 
zwischen Subst. und Partikel oder zwischen substantivischem, adjecti- 
vischem und verbalem Ursprung der letztern finden wir bei sin-, 
vielleicht schon bei gin-. Vgl. Z. II, 96, 39. 

butz -finster, so finster, wie es für das Treiben der Kobolde nöthig ist; 
henneb. pöpelnacht. 

br an t- mager, -schwarz. Das erstere mufs bedeuten: wie ausgebrannt, 
bis aufs Gerippe. 

diet (Volk): diotpuruc, civitas magna; dietdegen, volksberühmter Held; 
dietzage, feig ins Jedermanns Augen ; alts. thiodscatho, summus latro; 
ags. theodiicetere, summus hypocrita; altn. thiodhagi, celebris artifex; 
-skald, insignis poeta, -räd, Optimum consilium; thiödmaerr, illustris; 
thiodgod? Zu thiodscatho vgl. lantscado, nhd. Gaudieb. Grimm II, 
479. Es ist nicht zu übersehen, dafs die Verstärkung, welche Sub- 
stantiven aus diesem vorgesetzten diet- erwächst, etwas anderer Art 
ist als bei den übrigen. Sie ist auf einen engern Kreis sittlicher 



8 Ueber tlie verstärkenden Zusammensetzungen. 

Eigenschaften beschränkt und keine unmittelbare, sondern erst von 
dem Umfang, in dem die Eigenschaft sich geltend macht, auf ihre 
Intensität zurückweisend. Doch führen wir diese Zusammensetzungen 
hier auf, weil sie der altern Sprache eigenthümlich und geläufig 
sind, wie die parallelen mit cyne, liut, weit, irmin(?). 

donners-, Schweiz, vor Subst. und Adj. verwünschend und rühmend. 
Siehe die Vorbemerkung, blitz-, und weiter unten die übrigen Flüche, 
zunächst erde-. 

ei chel- frisch, -ganz, -gesund. Ein hübscher Zug älterer Naturan- 
schauung! Wir bemerken nur noch, dafs gesund und ganz in der 
altern Sprache noch mehr als jetzt gleichbedeutend sind, nach Wacker- 
nagel sogar gleichen Ursprungs. Vgl. zu sin-. 

cnz- bezeichnet östreichisch vor Subst. etwas sehr grofses, ungeheures: 
enz- fisch, enz-kerl, -lümmel. Das adj. enzisch, entrisch bedeutet: 
ungeheuer, unheimlich; ahd. antisk, antiquus, endirsk, barbarus, alie- 
ims (zu ander?). Entweder ist enz- zu erklären aus der bei Subst., 
Adj. und Adv. gewöhnlichen Zusammensetzung mit end- oder ends-, 
wobei dieses den Begriff des Entscliiedenen, Vollendeten, Auffallen- 
den, Ungeheuren andeutet (altn. endilangr, endlos lang; Dietr. Gloss. 
z. altn. Lcseb.) oder, und das ist wol noch vorzuziehen, aus dem 
alten Wort ant, ent, Riese; Z. n, 339 f. III, 191, 81. Auch das 
Wort Riese- selbst finden wir unten als Verstärkung gebraucht, und 
der mythische Charakter der Riesen stimmt vollkommen dazu. 

erde-: henncb. erdenschwarz, erdiuiid. Auch andere Mundarten zeigen 
erde- in diesen Verbindungen, aber gewöhnlich noch verstärkt durch 
vorgesetzte andere Verstärkungswörter. Iliedurch wird es zweifel- 
haft, ob erdenschwarz einfach zu erklären sei: schwarz wie Erde, da 
ohnehin das Schwarz der Erde niclit entschieden genug ist, um ty- 
pisch zu sein. Wahrscheinlich ist erde- schon in erdenschwarz, 
wie jedenfalls in erde-müd (schweiz. auch erdevil, erdeg-nueg 
und and.) und in den gehäuften Formeln: grunderdebös , -falsch, 
toderdefeind, branderdemager, -schwarz, hunderdemüd, schlag-, tod-, 
steinerdcmüd eines jener allgemeinern Verstärkungswörter wie him- 
mel, hölle, weit, got, irmin, ragin und die noch abstractern, 
obwol ursprünglich ganz concreten und ebenfalls von kosmisch-mythi- 
schen, halb persönlichen Mächten getragenen, noch später in Flüchen 
kräftigen Namen einzelner Naturerscheinungen (blitz, donner, hagel, 
Stern). Erde bezeichnet also in dieser Verbindung nicht das Element, 



Ueber die versläikentlen Zusammensetzungen. 9 

auch nicht die blofsc Oberfläche des Bodens, sondern den Weltkörper 
in seiner göttlichen Ganzheit, als Sinnbild des Umfassenden, gewaltig 
Grofsen. Zu bemerken ist hier nur noch (und es ist dies charakte- 
ristisch), dafs gerade diese allgemeinern Verstärkungswörter, so er- 
schöpfend und hoch gegriffen sie scheinen, am meisten das Bedürf- 
niis zeigen, sich selbst wieder durcheinander zu verstärken oder 
mit concreter verstärkenden zu verbinden. Gerade ihre Unbestimmt- 
heit und Weite ist es, wodurch sie der Phantasie, die sie beleben 
sollen, nicht genügen; je weiter sie ausholen, um so bälder erschö- 
pfen sie sich selbst und sinken ins Nichtssagende herab. Und da 
nun doch durch blofse wüste Häufung von Kraftwörtern dieser Uebel- 
stand nicht gehoben, sondern im Gegcntheil in seiner ganzen GröXse 
bloisgestcllt wird, so scheinen die Mundarten mit nicht unrichtigem 
Gefühl bisweilen sich auf eine von den vielen Hyperbeln zu be- 
schränken, wodurch die Erklärung in Fällen wie „ erdenschwarz '^ 
leicht irregeführt wird. 

erz- vor Subst. und Adj. bedeutet das Erste, Vorzüglichste, Vollendete 
in der Art des zweiten Wortes; z. B. Erzschelm, erzgrob. Ob dieses 
erz- als Subst, oder als was es sonst zu betrachten sei, ist nicht aus- 
zumachen; das griech. «p/t-, aus dem es germanisiert ist, trägt eher 
verbalen Charakter. Mit dem Subst. Erz, Metall, ist es kaum in 
Verbindung zu bringen, selbst nicht in der Form blofser Anlehnung. 
Erz- = äg/i- war durch viele Titel allgemein üblich, während Erz 
z=z Metall vielen Mundarten noch jetzt unbekannt sein mag. 

fatzen-, eig. Fetzen, abgerissenes Stück, wird in fränkischen Mund- 
arten in Zusammensetzungen verstärkend gebraucht: e fatzenkarl, 
fatzenfraed z=: grofser Bursche, grofse Freude; adj. fatzenmafsig, un- 
geheuer. Z. T, 141, 13. II, 276, 15. III, 176, 12. Glossar zu Grü- 
bel und 'Wcikert. Das Wort scheint eigentlich nicht so fast das 
Grofse als das Ungefüge zu bezeichnen. 

feder- leicht, -still, -weich, -wild. Federstill nach Stalder von einer 
ganz windstillen Wasserfläche, wo kein Lüftchen sich regt (also auch 
keine Feder sich bewegt?); federwild =: wild harumflatternd , wie 
eine Feder im Winde? oder wie Vögel? 

finger-nackt, mhd. vingerzam. Zum erstem wird zu vergleichen sein 
das mhd. hendeblöz (s. unt.). Vingerzam wird sich beziehen auf das 
verti-auliche Verhältnifs, in dem Sprache und Volksglaube zu den 



10 Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. 

Fingern und diese unter sich stehen, worüber nachzusehen Grimm 
Wtbch. unter Daum; Rochholz, alem. Kinderl. S. 99 u. f. 

fuchs-roth, -wild, fischgesund, -stumm. 

gin (hiatus); ags. ginfäst, firmissimus; altn. ginheilagr, sacrosanctus; 
ginregin heiisen die Götter, s. ragin; ginfaxi (welches Pferd heLfet 
so?). Dietr., a. a. O. gibt noch ginvserda, wahrscheinlich für gin- 
faerda, groJfee Gefahr? und da für gimstein (gemma) auch ginnstein 
geschrieben wird, so ist nach Grimm II, 552 „gin vielleicht == stein 
zu erklären." Das pafst allenfalls vor die Adjectiva, vor die Subst. 
wenig. Wir stehen an einem schwierigen Worte. Seine Wurzel 
ist jedenfalls das auch sonst merkwürdige ginnan, worüber Grinmi 
Wtb. unter beginnen, Haupt's Zeitschr. YIII, 17. Diefenbach, goth. 
Wörtb. — Die Grundbedeutung des Verbums ist spalten intr., 
gähnen, klaffen. Davon das altn. Subst. gin, rictus oris. Ob es 
auch vom gähnenden Abgrund gesagt wurde, ist mir unbekannt, steht 
aber zu vermuthen aus dem „ginnunga gap", der kluft der klüfte, 
dem Chaos der nordischen Mythologie (Grimm, Myth. 525.). gin 
könnte hiernach, mit mehr oder minder deutlicher Beziehung auf 
jene mythische Vorstellung, gebraucht worden sein wie unser gleich 
unten folgendes grund-; ginheilagr wäre = hochheilig, denn hoch 
und tief sind W echselbcgriffe , ginregin wären die aus dem Chaos 
geborenen Göttergewalten. Noch richtiger gehen wir vielleicht, wenn 
wir statt des Begriffs der Tiefe den der Weite zu Grunde legen, 
der im Verbum noch eigentlicher enthalten ist. Ags. gin heifst: wide, 
ample (Thorpe), und wir können in unsern Zusammensetzungen ent- 
weder dieses Adjectiv annehmen, oder eine daraus entstandene Par- 
tikel, wenn nicht, wie bei bor (oben) und bei sin (unten) die An- 
nahme des Verbalstammes selbst zulässig ist. Ginregin wären dann 
die „weithin herrschenden", ginheilagr =: überall verehrt. Doch 
bleiben wir besser bei dem allgemeinern Begriff des Ungeheuern 
ohne bestimmte Dimension stehen. Eine dritte Möglichkeit wäre der 
Begriff des Uranfänglichen, wofür sich zwar jener mythologische 
Hintergrund, weniger aber das hochd. „beginnen" darbietet, das dem 
altn. fremd i^ 

got- kommt verstärkend vor im ahd. gotewuoto, tyrannus, mhd. gote- 
leit, goteliep := maxime invisus, — carus. Letzteres heifst auch gote- 
wert. Das -e in gote- ist nicht Dativflexion, sondern der aus -a 
gesunkene Bindevocal. Die neuern Mundarten sagen uneigentlich 



Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. 11 

oder unorganisch: gottsjämmerlich, -erbärmlich; gottseinzig (gotzig) 
— ureinzig (vgl. allgozsam, alle mit einander), gottsschand =3 sehr 
grofse Schande, s. unt. Weltschande; gottschändig = überaus schänd- 
lich. Vgl. Z. I, 135, 4. II, 432, 2. III, 325. 346. Schmeller II, 83 
führt noch an: gottsöberst (r=r alleroberst?) und zur Erklärung des 
verstärkenden Gebrauchs die Redensart : auf der Gottes Welt nichts. 
Es ist also bei diesen Zusammensetzungen nicht wie bei mhd. gotes- 
arm zz: von Gott verlassen, was nur uneigentlich und sehr lose ver- 
bunden ist, ein förmliches Constructionsverhältnifs anzunehmen, son- 
dern Gott- steht in dem vageren Sinne, von dem oben bei erde- 
die Rede war, mit dem Begriff der Totalität. Gottserbärmlich läfst 
sich noch erklären: dafs sich Gott erbarmen möchte; Gottsschand 
= eine Schande vor Gott (und Menschen) ; die andern FäUe entziehen 
sich dieser Auflösung, 
grund-fest, -gut, -treu, -brav, -gescheid, -bös, -falsch. 

haar-gleich, -scharf. Letzteres bezeichnet entweder: scharf, d. h. fein, 
wie ein Haar, oder: bis aufs Haar, d. h. bis aufs Kleinste; haar- 
gleich, mir nur als Schweiz, bekannt, bedeutet: ganz gleich, ent- 
weder: gleich bis aufs H., oder: wie ein Haar dem andern. 

hagel(s) wird Schweiz, gebraucht wie donners- und die andern Flüche; 
s. blitz, erde. In hageldick, hagelvoll mag Vergleichung mit der 
Naturerscheinung selbst walten. 

haut -satt, -offenbar = bis auf die Haut, vom Innersten bis ins Aeufserste, 
also gänzlich. Auch hautnass, hautarm glaube ich schon getroffen 
zu haben oder bilden zu können, letzteres nach Analogie von blutarm. 

hechel-derb, -dick stehen beide auf dem Brückner'schen Verzeichnifs. 
Ich führe sie hier an als seltener und eigenthümlich; vielleicht ist 
aber das erste Wort als Verbum zu betrachten, denn schwerlich ist 
gemeint: dick, derb, wie eine Hechel, sondern: zum Hecheln. 

hendebloz oder hemdeblöz? Nib. 1066, 3. Grimm (Pfeiflfer's Germ, 
n, 300) will hemdeblöz lesen wegen Gudr. 1654. Die Erklärung 
ist dann natürhch: blofs bis aufs Hemde, im blofsen Hemde. Für 
die andere Lesart spricht die Redensart: bloz sam ein hant, Iwein 
3236, und die Parallele „fingernackt". An sich ist beides möglich, 
auch der Nib. -Stelle gleich angemessen; möglich auch, dafs beide 
Ausdrucksweisen nebeneinander üblich waren und durch ihren Gleich- 
klang ineinander flössen. 



12 Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. 

herz- gut, -lieb. Ersteres auch uneigentlich herzensgut, ist rr: von 
Herzen, von Grund aus gut; herzlieb = herzlich, innig geliebt; ahd. 
herz-blidi =: seelenfroh, s. unten, 

beiden- vor Subst. brauchen die Mundarten ungefjihr wie enz- für 
etwas Ungeheures : heidengeld, -lärm. Z. I, 141, 9. II, 276, 15. 504. 
Es steht aber auch vor Adjectiven; z. B. heidenschwer = verdammt, 
verflucht schwer. Entweder ist mit „beiden-" das Unbändige, Un- 
gefüge einer heidnischen Vorzeit bedeutet, oder es ist, mit bestimm- 
terer, vielleicht ausschliefslicher Beziehung auf Ungläubigkeit , als 
christlicher Fluch zu betrachten, wie vielleicht oben blut und jeden- 
falls kreuz (unten). 

himmel-schön, -weit, -hoch, -angst, -trürig (schweiz. ; vgl, himmel- 
schade, wie jammerschade fast adjectivisch). Die ältere Sprache hat 
(ags.) heofonbeorht, -torht (lucidus), etwa zu vergl. unserm himmel- 
blau, wo es mehr als die blofse Farbe die Lichthelle malt. Vor 
Subst. steht himmels wie erde nur als Fluch vor Flüchen, also nur 
in den rohesten Tönen selbst der Mundarten (Erdehagel, Himmels- 
dunner!). Himmelweit, -hoch sind messende Vergleichung ; bei him- 
melschön denkt man schon nicht mehr blofs an die äufsere Schön- 
heit des Himmelszeltes, sondern auch an die dahinter verborgenen 
Herrlichkeiten einer höhern Welt des Glaubens; himmcltrürig er- 
innert an gottserbärmlich und zeigt das Wort auf abstracter Stufe, 
wie wahrscheinlich auch hiimnelangst, wenn dabei nicht an ein ICin- 
stürzen des Gewölbes oder vom Himmel kommende Strafgerichte 
gedacht ist. 

höllen -bitter, -heifs, -reich, -sauer, -weit, -schwer, z* wider (höchst 
widrig, III, 188, 32). Auch vor Subst. brauchen es die Mundarten, 
wie beiden-; z, B, ein Höllcngcld = schrecklich viel Geld; Z. II, 
276, 15. In „höllenweit'' kann die Vorstellung von der tief unter- 
irdischen Localität der Hölle mitklingen (Gegensatz: himmelweit, 
-hoch); höllenheifs kann sich auf das Höllenfeuer (mundartlich auch 
=z sehr grofises Feuer) der christlichen Mythologie beziehen ; höllen- 
reich mag Nachklang der altheidnischen Idee sein, wonach die Hölle, 
d. h. die Unterwelt, reich ist als der Schoofs der Erde, aus dem alle 
Fruchtbarkeit emporkeiint, der aber, nach der bekannten Doppelseitig- 
kcit dieses Begi'ifFs, die Schätze des Lebens auch wieder in sich 
zurückschlingt und vorbirgt, daher die Verwandtschaft von JIXovTog 
und JlXovTCJV, der Beiname iroXvÖäyfiojv des "AiÖtjg und ähnl. In 



Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. 1 3 

hüllenbitter, -sauer, -schwer mag wol aucli. noch die allgemeine Auf- 
fassung der Hölle als des Ortes des Todes (heidn.) und der Qual 
(christl.) insoweit mitwirken, dafs sich das Wort leicht mit den Be- 
griffen des Unangenehmen verbindet; aber schon hier geht die Zu- 
sammensetzung aus dem Verhältnifs wirklicher Vergleichung in jenes 
abstractere über, wovon schon bei erde-, beiden-, himmel- u. a. 
die Rede gewesen. In Höllengeld ist daher hölle nur entweder als 
kosmische Macht überhaupt mit dem Begriff unbestinmiter Gröfse, 
oder als christlicher Fluch zu fassen. Altn. helbhndr, das Grimm 
II, 558 aus dem Subst. helblinda (coecitas fatalis) folgert, ist mir nicht 
recht deutlich, scheint aber mythologisch gefärbt, entweder: blind 
(dunkel) wie Hei, oder: von ihr mit Bhndheit geschlagen. Vgl. noch 
das dreibeinige bhnde Rofs Heb Rochholz, Sagen I, 199. 

haupt- vor Subst. bezeichnet in der niedrigem Umgangssprache zu- 
weilen wie erz- eine Eigenschaft in ihrer höchsten Potenz, doch 
meist mit komisch ironischem Sinn; z. B. ein Hauptkerl =:= ein vor- 
züghcher, prächtiger, mit der in Kerl selbst liegenden Unbestimmt- 
heit zwischen guter und schlimmer Bedeutung. Die schon in der 
altern Sprache vorkommenden Composita wie hauptstadt, haupt- 
schuld sind nicht eigentlich verstärkend gedacht, mögen aber die- 
sen spätem Gebrauch mit angebahnt haben. 

hexen-lust, -frsed, sehr grofse Lust, Freude; Z. II, 276. Hexe gehört 
in die Kategorie von enz-, beiden-, hölle-; es ist kosmisch mythische 
Macht oder Fluch. 

hunds-dürr, -mager, -kalt, -müd, -schlecht, -elend, -erbärmhch, -karg, 
-sauer, -toll, -gemein, -übel. Mundartlich als Fluch vor andern Flü- 
chen (Hunds -dunner, -chetzer) wie hageis-, donners-, cheibe-; s. zu 
hinnnel. Die Bedeutung des hunds- vor Adjectiven ist zweifelhafter. 
Am einfachsten wäre, an der Hand aucli des sonstigen Sprachge- 
brauchs, hund als das sprichwörtlich gemeine Thier des gewöhn- 

- liehen Lebens zum Träger aller möglichen schlechten Prädicate zu 
machen; für hundstoll ist dieser Anspruch doppelt naheliegend; 
vgl. übrigens noch unten pudel. In der Gesellschaft der Menschen 
war der Hund, so sehr man gewisse Eigenschaften des Hausthieres 
und einzelner Individuen zu rühmen Grund hatte, in der That zu 
allen Zeiten schlecht angesehen. Die Mythologie aber kennt zwar 
nicht eine gute, doch eine andere, bedeutsamere Seite des Thieres. 



j4 Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. 

Der Hund ist ein unreines, aber eben darum auch geisterhaftes, ge- 
spenstisches Thier. Er erscheint als Begleiter (später Stellvertreter) 
Wuotans, auch des Hermes und Indras der urverwandten Sage (vgl. 
besonders Kuhn in Haupts Zeitschr. VI, 117 ff.) und in vielen Local- 
sagen, wofür ich der Kürze wegen nur auf die mir nächstliegenden 
Schweizersagen aus dem Aargau v. Rochholz (s. die Inhaltsverzeich- 
nisse und Sachregister dieses stoff- und beziehungsreichen Werkes) 
verweise: S. XXXII ff. des zweiten Bandes zeigt, wie mannigfach 
das Wort „hund^ auch sonst in Zusammensetzungen und Redens- 
arten vorkommt, obwol ich die doii; versuchte Verbindung desselben mit 
dem Zahlwort hund und die von budel- mit Wuotan-Buddha (I, 159) 
nicht beiziehen möchte, wenigstens nicht hieher. Für unsern Zusam- 
menhang genüge, dafs auch hund- jenen unter scheinbarer Gemein- 
heit altmythischen Zauberhauch ausströmenden Namen höherer Mächte 
beigezählt werden zu können scheint, wenn für einige der verstärken- 
den Adjectiva wie hunds-kalt, -müd, -karg, -sauer nicht wie allen- 
falls für hundsmager und die Synonyme von schlecht die gewöhn- 
liche Anschauung ausreichen sollte. Vgl. Z. III, 360, 7. IV, 4. 104, 19. 
irmin-, Nebenform erman. Dieses räthselhafte Wort findet sich, wie 
noch manche dieses Verzeichnisses, zunächst in zahlreichen Eigen- 
namen, aus denen aber zur Aufhellung der ursprünglichen Be- 
deutung nichts zu entnehmen ist. Eigennamen sind ja gewissermalsen 
Appellativa im ganz eigentlichsten Sinn dieses Wortes, sowie umge- 
kehrt, wenn wir uns die Entstehung der Sprache geschichtlich den- 
ken wollen, die jetzt sogenannten Appellativa ursprünglich insge- 
sanmit wahre Nomina propria der Dinge sein mufsten (weil ja nicht 
die Gattung, sondern Individuen benannt wurden). Ebendarum kann 
aus Eigennamen, wenn sie auch im Alter über die Gemeinnamen 
hinaufzureichen scheinen, der Sinn der letztern nicht erschlossen, viel- 
mehr mufs für Entstehung und Gebrauch gewisser Wörter als Eigen- 
namen schon ein ziemlich ausgedehnter, vielseitiger, lebendiger, wo 
nicht eher schon abgelebter Gebrauch derselben als Appellativa vor- 
ausgesetzt werden; auch ist ja bekannt und an zahlreichen Beispielen 
deutlich genug, wie lose, mit wie vager Bedeutung zusammengesetzte 
Eigennamen im Deutschen gebildet wurden. Wir geben also die 
appellativen Zusammensetzungen mit irmin- mit nur versuchsweiser 
oder mit der herkömmlichen üebersetzung, um zunächst den Umfang 
des Gebrauchs zu überschauen, und schreiten nachher mit Hülfe der 



Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. 15 

Mythologie, der das Wort jedenfalls angehört, zu bestimmterer Deu- 
tung desselben, irmensül, das bekannte Heiligtlium der Sachsen, 
gewöhnlich übersetzt: colimma altissima, universalis; Ettmüller: mundi 
fulcrum, mit Beziehung auf Yggdrasils askr, den Weltbaum der nor- 
dischen Mythologie. Ahd. noch irmingot, nach Wackern. „Gott alles 
Volkes". (?) ags. eormengrund (terra) eormencyn (genus humanum), 
eormenläfe, divitise permagnae relictse (Ettm.), eormenric (Erd-, Welt- 
reich?), eormenstrynd (progenies mundana), alts. irminman (Erden- 
mensch?), irmindiot (Erdenvolk?), altn. iörmungandr (serpens maximus, 
der die Erde umschliefsende Ocean als Schlange), iörmunrekr (bos juga- 
lis bei Grimm, taurus permagnus bei Ettm.; rekr ist mir noch undeut- 
licher als iörmun-), iormunthriotr : Erdwicht, Riese, Dietrich. Grinrni 
(Mythol.: Helden) nimmt an, dafs dem allgemein verstärkenden irmin 
eine persönliche Bedeutung, mit entsprechender Form uneigentlicher 
Zusammensetzung , zu Grunde liegen konnte , und dafs insbesondere 
die Irmensäule dem sie verehrenden Volke das Bild eines bestimm- 
ten Gottes gewesen sei. Aus einer Stelle Widukinds und aus noch 
fortdauernden Ortsnamen macht er weiterhin bis zur Evidenz wahr- 
scheinlich, dafs die alten Sachsen einen Gott Irmin hatten, dessen 
Idol eben die Säule war, und dafs dieser Gott =:z Hermes -Wodan, 
oder dessen Sohn, und vom Stammhelden Irmino vielleicht zu unter- 
scheiden sei. Es wird noch angeführt der Irmineswagen (das Stern- 
bild des Wagens) und die Irminstrasse (Milchstrasse) als an den Him- 
mel versetzter Wagen und Weg eines mit Iring (Erich, Rigr = 
Heimdallr, Odins Sohn) naheverwandten Halbgottes Irmin. Diese 
Deutung von irmin auf ein götthches Wesen wird unterstützt durch 
das, was Grimm in der Geschichte d. d. Sprache, wo er von den 
Hermunduren als zum Stanrni der Hermionen gehörig handelt, und 
an den betreffenden Stellen der Mythol. bemerkt, dals im Altn. die 
Götternamen tyr und thor als begrifferhöhende Präfixe gebraucht 
werden, „tyr" bezeichnet „Gott" überhaupt, ursprünglich, seiner Ur- 
verwandtschaft nach, den himmlischen Lichtglanz, tyvar und tyrar 
(beide auch mit i) heifsen Götter und Helden, ags. tir (hchd. Zier) 
splendor, decus, gloria, wird verstärkend gebraucht, und das sinn- 
verwandte bealdor, auch Name des Lichtgottes, bedeutet hinter Geni- 
tiven des Plural princeps, dominus überhaupt. Ganz ähnlich finden 
wir unten noch tag, rag in und haben wir bereits oben ans, got, 
himmel, blitz, donner gefunden, so dafs von dieser Seite gegen 



jg Ueber die verstärkenden Zusaminensetzungen. 

die Grimni'sche Auffassung von irmin nichts einzuwenden ist. Da- 
gegen erheben sich anderweitige Bedenken. Zugegeben, dafs ein 
Gott Irmin existiert habe (obwol sein Wesen weit weniger durch die 
nur unvollkommene Aehnlichkeit seines Namens mit Hermes, als 
durch den beiden Gottheiten gemeinsamen Säulencult einigermafsen 
aufgehellt würde), so pafst doch diese Bedeutung unter den obigen 
Zusammensetzungen blofs zu Irmensul und scheint auch nur im Hin- 
blick auf dieses von Grimm aufgestellt, ja selbst hier wird sie zwei- 
felhaft, da auch Grimm die Irmensäule auf den Weltbaum und die 
von ihr ausgehenden Wege auf die Himmelsgegenden bezieht, wo- 
durch wir weit über einen blofscn Halbgott und selbst über Wodan 
hinaus auf ein viel allgemeineres, aber um so dunkleres göttliches 
Urwesen zurückgewiesen werden. Fassen wir irmin auch nicht als 
Name eines bestimmten Gottes, sondern zn Gott überhaupt und in 
diesem Sinne verstärkend, so erscheinen immer noch nicht so fast 
irmingot als die andern Composita bedenklich, weil in mehreren der- 
selben das zweite Wort nicht eine appellative, so unbestimmt zu 
steigernde Eigenschaft, sondern ein einzelnes selbst halbgöttliches 
Wesen bezeichnet, (-thrlotr, -gandr). eormengrund, -ric, irminman, 
-diot scheinen nur die Gesammtheit, Allheit zu bezeichnen, wofür wir 
oben auch got- gebraucht fanden. Hören wir also eine andere Er- 
klUrung. Wackernagel (schweiz. Mus. I, 118 f.) sagt: „Name eines 
Gottes ist irmin nie gewesen; wahrscheinlich liegt der Begriff Volk 
darin : Ermanarich r= Theodorich, Irmandegan r=r Diotdegan, Liutolt. 
In Zusanmiensetzung mit Appellativen bezeichnet irmin wie diot, 
liut, volc das Allgültige, Ausgezeichnete. Irmindeot ist eine 
pleonastische Composition wie karlman, meginchraft, degenkint, wo 
der vordere Ausdruck, veraltet und verdunkelt, durch den geläufigem 
hintern aufgefrischt wird. Den gleichen Sinn hat das in Eigennamen 
eben so häufige, ala-, vgl. Alarich = Ermanrich, Theoderich ; Alaman 
= alts. irminman. Das aus irman abgeleitete Arminius wird be- 
deuten was die Ableitungen der Synonymen von irnun; thiuda und 
drauhts; thiudans, truhtin =. König, als Mittelpunkt des Volkes.'' 
Es läfst sich nicht läugnen, dafs aucli diese Deutung einem Theil 
unserer Zusammensetzungen Genüge thut und dafs für sie spricht 
die von W. selbst angeführte Parallele mit diot, liut, volk; sie schei- 
tert aber an denselben Fällen Avie die Grimm'schc, und es wk'd er- 
laubt sein eine dritte zu versuchen. Köne, zum Heliand S. 377, 



üeber die verstärkenden Zusammensetzungen. Iij" 

nimmt irmin als Adjectiv, und zwar als ursprünglich Supcrlativ- 
bildung von der Partikel ir, (er, ar, ur-), welcher er die Bedeutung 
,vor^ zuschreibt, so dafs irmin eigentlich ==: TTQÖfiog, primus, vorderst, 
erst (mit dem es sogar lautlich vermengt wird!) dann: höchst, all, 
ganz, voll bedeuten soll. Diese Erklärung leidet an Formfehlern 
und begrifflichen Kühnheiten; wir führen sie nur an, weil sie durch 
die behauptete und an sich nicht bestreitbare Möglichkeit einer schon 
ursprünglich allgemeinern Bedeutung und vielleicht auch adjectivi- 
scher Natur (Ettm. setzt eormen geradezu = terrestris und hat die 
Stelle: ofer ealne yrmenne grund) des Wortes irmin uns überleitet 
zu einer eigenen Erklärung, welche wir, mit gebührender Beschei- 
denheit und Unterwerfung gegenüber den beiden ersten Autoritäten, 
hier zum Schlüsse noch vorzubringen wagen. Uns scheint für alle 
Zusammensetzungen mit irmin- am besten und glcichmäfsig zu passen 
die Annahme, dafs die eigentliche Bedeutung des ersten Wortes sei: 
Erde oder Welt. Im besondern führen wir dafür noch an ags. 
eordcyn =: eormencyn, genus humanum, den ebenfalls verstärken- 
den Gebrauch von erde- und weit- und nicht am wenigsten das 
Wesen der Irmensäule und Irmenstrafse als irdischer Abbilder kosmi- 
scher Verhältnisse. Der Begriff des Grofsen, Allgemeinen, Gesamm- 
ten entwickelt sich so am einfachsten. Als Stamm des Wortes wäre 
ero, gr. ^p«, anzusetzen, wovon zunächst irm Erweiterung wie erd, 
und in, an die von Grimm S. 156. 170 behandelte Ableitung wäre. 
Von doppelter Ableitung m-n, welche er S. 402 läugnet, scheint 
doch S. 175 ein Fall angenommen. Da übrigens 1) auch schon ein- 
fache Ableitung irgend eine Modification des Stammbegriffs enthalten 
mufs, 2) die Ableitung an, in mehrmals persönliche Begriffe und 
darunter Nomina propr. bildet, 3) die oben dargelegten Gründe ein 
hinter irmin- steckendes göttliches Wesen wahrscheinlich machen, 
4) dieses doch aus ebenfalls schon angedeuteten formellen und sach- 
lichen Gründen nicht leicht Wuotan sein kann, so lassen sich viel- 
leicht beide Ansichten bis auf einen gewissen Punct vereinigen, wenn 
wir an Thuisko, den deus terra editus, denken. Zu diesem Prädicat 
pafst weniger Grimms Ableitung des Namens von tiv, Himmel (ob- 
wol auch Uranus Sohn der Gäa ist), dagegen sehr gut die von 
Wackernagel (Haupt's Zeitschr. VI, 15 ff.), wonach Thuisco, schwache 
Subst. Bildung zu ahd. zuisc (zwiefach), eines der doppelgeschlech- 
tigen Urwesen ist, von denen alle Kosmogonieen anheben. Ob nun 

8 



Ig Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. 

Irmin eine irgendwie personifizierte Erde als scliüpfcrische Urmaterie, 
etwa nach Art des Riesen Ymir, oder ob es Thuisco selbst, oder 
seinen Sohn Mannus bezeichnete, lassen wir, da überhaupt an scharfe 
Begriffsbestimmungen hier nicht zu denken ist, auf sich beruhen; 
es lag nur daran, möglichen Zusammenhang zwischen mythologischer 
und appellativer Bedeutung von irmin nachzuweisen, und dadurch 
die Alterthümlichkeit und Prägnanz unserer Zusammensetzungen zu 
erklären. Will man, jenen Zusammenhang aufgebend, durchaus auf 
den Namen eines Gottes sich beschränken und soll dieser ein Kriegs- 
gott sein, so liegt Eor, Er immer noch so nahe als Hermes, sofern 
nämlich die Sylbe min sich dann etwa als patronymische Ableitung 
rechtfertigen hefse. Setzt man vollends Er =: Pleru, so gewinnt 
man das anlautende h mancher hieher gehörigen Namensformen, das 
aber sonst nur als römischer Zusatz betrachtet wird. Weit verbrei- 
teten Cultus eines alten Gottes und Helden Irmen, in mancherlei 
Namensformen, offenbar auch mit Herman vermischt, und zum Hei- 
ligen wie zum Teufel geworden, zeigt auch Rochholz, Sagen I, 
252 — 56. Es wu'd dort auch der Name einer Pflanze irmanloup an- 
geführt und zum Beleg des schon von Widukind bezeugten Gebrau- 
ches von irmin „in lobendem oder tadelndem Sinne" mehreres In- 
teressante aus jetzigen Mundarten beigebracht, woraus zwar nicht 
die ursprünghche, aber altheidnische und schon früh verdunkelte 
Bedeutung des Wortes ersichtlich ist. Weitern ethnologischen Zu- 
sammenhang von Irmen mit Armenien u. s. w. ahnt Grimm, Gesch. 
d. d. Spr. 572. 
katz-angst (s. Verzeichn. nach d. zweiten Worte), -hagelvoll (schweiz., 
s. zu sau-), kitz-katze-grob (henneb. s. unt. c). 

cheib, eigentlich Aas, besonders todtes Pferd, bedeutend, wird in der 
Schweiz als Schimpfname, sodann, wie die andern Flüche, in Zu- 
sannnensetzung steigernd gebraucht, zunächst: verwünscht, verflucht, 
aber wie diese auch rühmend, z. B. cheiboschSn. Ob die verfluchende 
Bedeutung des Wortes auf heidnische Pferdeverehrung zurückgehe 
(vgl. z. B. Rochholz, II, 24 ff.), mag hier unentschieden bleiben. Vgl. 
unten sau-. 

chetzers- wird in Schweiz. Mundart gebraucht wie das vorige; in der 
Erklärung wird es sich zunächst an beiden-, hexen- anschliefsen. 

kern- fest, -gut, -gesund, -treu; zu erklären wie grund-. 



Ueber die verstäikenden Zusammensetzungen. §9 

k in d -jung, in der altern Sprache r= blutjung-; kinderleicht. Als Syno- 
nym von Kind führen wir hier an altn. barn-gödr, -teitr, gutmüthig, 
froh wie ein Kind. 

kreuzrgut, -schwer, -allein, -lahm, -toll, -brav, -krumm, -dumm, -wild, 
-fidel, -wohl, -giftig, -arm. In kreuzlahm könnte der gleichnamige 

1 Körpertheil, in kreuzkrumm die verdrehte Gestalt gemeint sein; in 
den übrigen Fällen ist kreuz nur als christhches Symbol der Be- 
theuerung zu verstehen, wie älter nhd. lichnam vil. Als Fluch steht 
es auch vor andern Flüchen. 

kr öte- weich, -breit. In krutsch- krötevoll ist die Erklärung schwierig. 
Die von Grinun II, 560 verstehe ich nicht. Die Schweizer Mundart 

;. kennt „ehret'"' in der Redensart: „o ganzi chrot vol", wo es aber 
auch mit hund-, hagel- und andern Kraftwörtern vertauscht werden 
kann. In anderer Verbindung liegt darin, freilich auch nur für die 
unbestimmtere, rohere Weise der Mundart, der Begriff des eng Zu- 
sammengedrückten, den auch chrütz enthält, mit welchem kröte im 
Verhältnifs onomatopoetischer Reduplication stehen könnte. Für das 
unmittelbare Gefühl erregt die Kröte eben so sehr den Eindruck des 
verächtlich Kleinen als des unheimlich Aufschwellenden, und beides 
scheint sich auch im Sprachgebrauch zu mischen. Die Sage weifs 
von sehr grofsen Kröten und betrachtet sie als göttliche Thiere, in 
mancherlei Verwandlungen ; s. Rochholz, Sagen, Sachregister, besond. 
I, 341 — 4. Wenn für krötevoll nicht die natürliche Anschauung, 
wie in krötebreit, und gerade die Parallele dieses Wortes ausreicht, 
so kann kröte dort in der unbestimmtem, weniger vergleichenden 
als ausrufenden Weise verstärken wie hund- und andere Thier- 
namen, bei denen die gewöhnliche Vorstellung mit mythischen Ele- 
menten versetzt ist. 

cyne-, ags. (genus, nobilitas) ist vielleicht verstärkend in cyne-god, 
-röf, vgl. oben thiod-göd, -maerr, und das folgende, vielleicht aber 
z;u übersetzen: nobilis gente. 

Hut (volk) bildet mit Substantiven einige Zusammensetzungen gleicher, 
nur unsicher verstärkender Bedeutung, wie oben das synonyme diet 
und unten weit-; ahd. liutmäri, -pari, -zoraht bedeuten: publicus; 
nhd. leutkund, -fremd. 

lamm -fromm, -jung (henneb.). 

magan (megin) bedeutet schon für sich allein Kraft; magenchraft also 
majestas, makan-nötduruft (sunmia necessitas), magensül (maxima 

2» 



20 Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. 

columna), m. wetar (turbo), m. werch (magniücentia), alts. megintliiof 
(trifurcifer), ags. mägenbyrden (summum onus), m. corder (ingens 
turba), m. ras (ing. impetus), m. stän (ing. lapis), altn. meginhaf (oce- « 
anus), m. hyggia (magnus animus), m. tir (magna gloria); Adjectiva: 
ags. mägenfäst, -heard, -röf, -sträng. Die beiden letztern Adj. wer- 
den auch mit „mägnes'^ als getrenntem Genitiv verbunden, so dals 
vielleicht auch mägen- die Qualität, nicht die Quantität, bezeichnet. 
Vor Subst. steht magan, schon von Haus aus Abstractum, ganz ad- 
jectivisch. 

maus-still, ■ todt, -nafs, -hoch (letzteres negativ verstärkend, wie laus- 
grols). Mausstill meint schwerlich : still wie eine Maus, sondern so still, 
dafs man eine Maus hört, oder: dafs die Mäuse sich hören lassen. In 
maustodt scheint maus bildliche Bezeichnung des Kleinsten (vgl. die 
Formel: Mann und Maus; auch Z. II, 234) und zu erklären: bis auf 
das Kleinste, d. h. gänzlich. So läfst sich denn auch mausstill auf- 
lösen in : so still, dafs man nicht das Geringste, auch nicht eine Maus, 
hört. Mausnafs könnte eher vergleichend gedacht sein („wie eine ge- 
badete Maus'^, Z. III, 354) mit Beziehung auf den glatten Strich des 
Maushaares, ähnlich dem eines soeben aus dem Wasser kommenden 
Thieres oder Menschen, wo Haare oder Kleider platt am Leibe an- 
Megen. Vgl. Z. IV, 4. 

man- könnte gewissermafsen, etwa wie diet, liut, weit, verstärkend, mit 
dem Sinn von „Jedermann" stehen in ahd. manaluomi und dem noch 
dunklern man-dwari (wenn so abzutheilen ist), beide mansuetus be- 
deutend. Grimm II, 553. Diefenbach, goth. Wtb. I, 207. Nhd. ent- 
spräche: menschenfreundlich, leut-selig. „Menschenmöglich", meist in 
negativem Zusammenhang, bedeutet irgend möglich; menschen all ein 
s. mutter-. 

mord- vor Subst. wie beiden-, höllen- und die Flüche; z. B. Mords- 
kerl, Mordspectakel. In den mhd. Adjectiven mort-gir, m.rseze, m. 
grimme ist mord als Objectscasus, nicht verstärkend, zu fassen. Da- 
gegen steht es abstract in: mordbös, -schwer, -lieb, -hübsch, -scharf, 
-sauer, -gern, -schön, -viel, -sehr, und ist hier, wenn es nicht mit 
mort de Dieu! zusammenhängt, wahrscheinlich zu nehmen wie blut 
(oben) und tod (unten) als Beispiel einer auffallenden, Sinne oder 
Gemüth stark erregenden Erscheinung. Vgl. Z. 11, 192. 276, 15. III, 
134. 185, 32. 194, 182. 547, 36. 

mutter-, am bekanntesten in mutter -allein, und hier noch verstärkt 



Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. 2| 

durch menschen-, seelen- (entstellt selig-), beide gleichbedeu- 
tend und sich gegenseitig erklärend. Schwedisch: mol-ensam, still- 
mol-ene, wie auch mutterstill gesagt wird. Aufserdcm kommt noch 
vor: mutternackt, mnl. moeder- baren -naect. Fangen wir mit dem 
letzten an, so haben wir dafür (wenn nicht an Vermischung mit dem 
adj. bar = nackt, zu denken ist) zur Erklärung das mhd. muoterbarn 
=r Menschenkind, und die franz. Redensart : nu comme quand il sor- 
tit du vcntre de sa mere, und bei dieser eigentlichen Verglcichung 
könnte man stehen bleiben. Auch engl, bellynaked könnte = mo- 
thernaked sein und es in diesem Sinn bestätigen. Für mutter (-men- 
schen, -Seelen) -allein bietet die ältere Sprache ahd. gumönö ein, (von 
allen Menschen verlassen, oder: einzig unter den Menschen?), mhd. 
alters-eine (auf der weit [weralt z=. alter] allein, oder: weltverlassen?). 
Vgl. oben: gotesarm, gottseinzig. Der Sinn ist jedenfalls, wie ihn 
Grinun 11, 556 formuliert : verlassen von jeder Seele, jedem Menschen, 
den die Mutter geboren hat. Dabei erscheint aber als ursprüngliches 
Verstärkungswort Seele und Mensch; erst vor diese tritt nochmals 
steigernd mutter hinzu, und wir haben einen Fall wie schon oben bei 
erde-. Von mehrern verbundenen Verstärkungswörtern konnte, 
nachdem sie eine Zeit lang in ihrer Verbindung geläufig und abstrac- 
ter geworden waren, allmählich oder mitunter das eine wegbleiben. 
So nehmen wir mutterall ein als Abkürzung aus mutterseelenallein, 
wie anderseits im mundartlichen bluttselnackig (Z. III, 177) mutter 
verloren gegangen ist, ohne das doch kein Sinn möglich ist. Nach- 
dem endlich mutter vor allein in diesem Grade abstract geworden, 
konnte es auch vor nackt (wo zwar diese Erklärung nicht nothwen- 
dig ist) und vor still (wo eine andere kaum möglich scheint) so ge- 
setzt werden, wie manche andere Verstärkungswörter vor eigentlich 
unpassende Adjectiva. Davon noch später. Mutterallein z=z vaterlos, 
blofs bei der Mutter lebend, und mutterstill = still wie Mutter und 
Kind in ihrem innigen Zusammen, scheint gesucht und frostig, und in 
mutter-maus-still ist doch mutter gewifs abstract. Vgl. Z. IV, 113, 70. 
277, 18. 
nagel-neu, -fest, und gleichbedeutend nie t- neu (mhd. nitniuwe, recens a 
clavo, Grimm II, 572 ist doch wohl dasselbe?), henneb. niedfest, oft 
verbunden : niednagelfest, während nagelneu verstärkt wird durch vor- 
gesetztes funkel, feuer, span, Splitter. Niet- und nagelfest kann füg- 
lich nur bedeuten: wie mit Nägeln befestigt. Schwieriger ist zu be- 



22 Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. 

stimmen, was niet und nagel (engl, spik and span) vor neu bedeu- 
ten. Steht nagel für den kleinsten Theil, also in der Zusammen- 
setzung rr: gänzlich? (dafür spricht das stellvertretende span und 
Splitter) oder denkt man an den Glanz neu eingeschlagener Nägel, 
wovon der Gegenstand funkelt ? 
pudel -nackt, -nafs, beidemal mit der Nebenform puttel, gibt Grimm II, 
572. Rochholz I, 159: pudelwohl (kerngesund); auch: p. dick, was 
das bremische Wörtb. als „so besoffen, dafs man nicht mehr recht 
gehen, sondern nur puddeln, d. h. wie kurze, dickbeinige Personen 
und Thiere wackeln kann'^ erklärt. Als Verstärkung findet sich: pu- 
delhageldick. Wir stehen hier an einem dunkeln Worte, wobei den 
Mundarten, wie oft, Verschiedenes in einen ihnen selbst nicht recht 
deutlichen, daher auch von der Erklärung nicht ganz nachzuweisen- 
den Totaleffect zusammengeflossen scheint. Nehmen wir Pudel zu- 
nächst in der bekanntesten Bedeutung, von der Speeies des Hunds- 
geschlechts, so liefse sich pudelnackt beziehen auf die Sitte, die Pu- 
del bis auf die Haut zu scheeren, pudelnafs darauf, dafs sie oft, ihre 
Kunstfertigkeit zu beweisen, ins Wasser geschickt werden und dann 
so herauskommen, wie oben bei mausnafs geschildert worden. Auch 
pudelwohl liefse sich allenfalls, mit Beiziehung von pudelnärrisch (Z. 
ni, 649, 10) noch deuten auf das lustige Gebaren des Thieres; pu- 
deldick fände höchstens an dem dicken, krausen Plaar desselben einen 
V'ergleichungspunkt. Alle diese ohnehin unbefriedigenden Annahmen 
übersehen die nd. klhigendcn Nebenformen puddel, puttel, die das 
brem. Wörtb., nach einem in diesem Dialect häufigen Cousonanten- 
wechsel, ■= purrel setzt (z. B. purrelrund) und erklärt durch: kur- • 
zes, dickes Ding. Dadurch werden wir geführt auf die Wortfamilie, 
welche Grimm im Wörtb. unter butt, buttc, butze behandelt, und auch 
mit bottich und bodeu in Verbindung bnngt. Z. IV, 336 f. Als 
durchgehende Grundbedeutung erscheint bei allen hieher gehörigen 
Wörtern die schon vorhin angegebene der kurzen und dicken Ge- 
stalt, meist von Gefäfsen, aber auch von Pflanzentheilen und leben- 
digen Wesen. Auch Rochholz, II, XXXIV — V, führt an: Pudel =: 
Milchgefäfs, Bauch (schwciz.), nd. paudel = Schachtel, Eimer, Büch- 
se; putt, Topf; aber in seinem dortigen, schon oben bei hund ange- 
führten Zusammenhange hat er mehr das Thier als mythisches, in sei- 
ner Vermischung mit dem Zahlbegriff hund im Auge, und indem er 
den Ausdruck „Pudclmuttcr'* für die Göttin Berhta, die Erscheinung 



Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. 23 

des "wilden Jägers und vieler Gespenster als Pudel u. a. dgl. erwähnt, 
will er in „budelwohl, -dick, bödeln (zechen), bodavil, budewinzig" 
den alten Buddlia-Wuotan durchschimmern sehen. Boda — bude sind 
aber offenbar unser boden- (oben); bödeln erklärt sich aus budel =: 
Gefäfs, ebenso budelwohl, -dick als Wirkung jener Thätigkeit. Nun 
fügt sich aber auch nals und nackt, jenes an Pudel = Gefäfs, dieses 
an Pudel =: kleines dickes Kind ; oder es steht pudel vor diesen zwei 
Adjectiven, vielleicht auch vor den beiden andern, in dem abstractern 
Begriff, den dick in manchen Redensarten zeigt, = viel, \gl. dick- 
satt und mild, dicke = oft. Ganz ausschliefsen möchten wir auch das 
Thier nicht, zumal da hund, wie andere Thiernamen, auch von Ge- 
räthschaffcen gesagt ward und die Volkssprache seltnere Ausdrücke an 
geläufigere und sonst schon beziehungsreiche anzulehnen hebt, obwol 
dabei oft kein eigentlicher Sinn, sondern mehr onomatopoetisches 
Spiel stattfindet. Auf diesem Umwege, aber nicht durch Namensver- 
wandtschaft oder auch nur Klangähnlichkeit mögen dann zuletzt bei 
pudel- auch mythologische Vorstellungen mitspielen. 

puus-gladd, -wakker (brem. Wtb.), sauber wie eine Katze; Z. 111,499. 
Mit katze selbst finde ich keine Zusammensetzung, denn kitz- katze- 
grob (henneb.) scheint nur onomatopoetische, zugleich ab- und anlau- 
tende Formel (wovon später, vielleicht auch oben: krutsch - kröte), 
oder Anlehnung an Kotze, grobes Tuch (vgl. Z. 111, 192, 83). 

ragin (regin, rein), eigentlich: consilium, auctoritas, so im goth. als Ap- 
pellativ, raginön (regere), ragineis (tutor) scheint doch besonders von 
den Göttern gebraucht und von da her (divinus =z eximius, altn. re- 
ginkunr) in den abstracten verstärkenden Sinn gerückt zu sein, wie 
ans, got und die Namen höherer Mächte überhaupt, obwol es auch, 
wie das synonyme und darauf reimende magin unmittelbar von der 
appellativen Bedeutung aus dazu gelangen konnte. Der Bedeutung 
nach stellt sich, nach Graff, das Wort dem lat. regere, skr. rax (ser- 
vare, tueri), der Form nach auch skr. ragh (lucere), rägh (potentem 
esse), rcij (splendere), räjan (rex) zur Seite. Grimm vermuthet Zu- 
sammenhang mit regen, ragen. Diefenbach führt noch an Schweiz, 
regi (Zucht, Ordnung), bair. registab (Richtscheit). Grundbegriff der 
Wurzel scheint: ausstrecken (recken, richten, reichen), was dann eben 
so gut von den Strahlen des Lichtes (auch des Regens in seiner ge- 
raden Bewegung?), als von dem oft damit verglichenen Herrschafts- 
stabe gelten konnte, überhaupt von jeglicher Kraftäufserung. Regin 



24 Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. 

lieifsen altn. ille Götter selbst, die herrschenden Gewalten; regangi- 
scapu, alts. decreta fati. In der menschlichen Sphäre haben wir die 
Ausdrücke altn. reginthing (comitia) und das altfränk. nicht ganz si- 
cher hieher gehörige raginburgii (Urtheilende?). Die blois verstär- 
kenden Zusammensetzungen sind: alts. reginscatho =: thiodscatho 
(oben), reginthiof = mcginthiof (ob.), ags. regenveard (vir fortis), altn. 
reginfiöll (montes altissimi), r. diup (immensa profunditas). Vor Adj. : 
alts. reginblind (noch Schweiz, regenblind z::z kurzsichtig) läfst undeut- 
lich, ob die ursprüngliche Bedeutimg war: von der Gottheit geblen- 
det (vgl. helblind, ob.) oder nur: in hohem Grade blind, oder, mit 
Annäherung an die Urbedeutung der Wurzel, :=z starblind, wenn die- 
ses zu starren (rigere) gehört. Ags. regenhard (praedurus); nhd. 
reintaub, -toll, -voll (zufällig zusammenkhngcnd mit rein, das als Ad- 
verb auch „ganz'' bedeutet), regenfrei. 

riesen-grofs, -fest, -treu, auch letzteres nicht abstract = sehr treu, son- 
dern vergleichend: treu, wie die Riesen in der Sage erscheinen. 

sau- hat verstärkende Bedeutung in folgenden, nur den Mundarten und 
der gemeinen Umgangssprache eigenen Zusammensetzungen : Sau- 
glück ( Schweiz, auch Hofs glück), d. h. sehr grofses GL, Saukälte, 
sehr empfindliche K. (vgl Z. III, 189, 51. 360, 7. IV, 4); sauwolil, 
-dumm, -grob. Sau und Rofs sind, wie die meisten Thiere, im Volks- 
glauben dämonisch, d. h. altheilig und später gespenstisch. Fro's Eber, 
Wuotan's Schimmel sind bekannt genug. Jener wühlt noch Glocken 
auf (Rochh. alem. Kinderl. 61), dieser ist als Heiligen- und Kirchen- 
rofs geblieben (Aarg. Sag. I, 199. 369), Säue faliren im wilden Heer 
(H, 187), und bei Sauglück wäre, da diese Thiere ursprünglich se- 
genbringende sind, solche mythische Beziehung allenfalls noch ge- 
denkbar. Es fragt sich aber hier, wie oben bei hund (und auch für 
katze brauchte man um solche Deutung nicht verlegen zu sein, denn 
sie ist das Thier der Frouwa, später wetterverkündend und hexen- 
haft, Rochh. Sag. I, 156 f.), ob nicht dieselbe Naturanschauung, die 
einst die Thiere als Symbole der Götter erscheinen liefs, auch nach 
dem Untergang dieses Standpunktes noch in liinlänglichem Malse 
fortdauere, um verstärkende Zusammensetzungen mit Thiernamen 
nicht blofs fortzupflanzen, sondern zu erzeugen. Bei den Adjectiven 
wenigstens scheint dies unzweifelhaft; sie beziehen sich auf Eigen- 
schaften, die die alltäglichste Anschauung des Thieres darbietet, und 
athmen durchaus keinen hohem Duft. Auch vor Glück können Rofs 



lieber die verstärkenden Zusammensetzungen. 25 

und Sau einfach als erste beste Beispiele vou grörsem Thieren, etwa 
noch mit dem Nebenbegriff des Ungefügen, genommen sein. 

Seelen -gut, -froh, d. h. vom Grund, bis zum Grund, im Grund der 
Seele. Vgl. oben herz-. Offenbar ist dieses seelen- ein anderes 
als das ganz abstracte, von dem oben bei mutter- die Rede gewe- 
sen, und doch mögen beide auf einander eingewirkt haben. 

sin- nach Grimm II, 554 Subst. r= robur, vis, verwandt mit „Sehne*', 
in der Composition verstärkend oder Dauer ausdrückend. In sina- 
werpal, sinawel (teres), mhd. sin -hol, concavus, wird sin die völlige 
Rundung ausdrücken, die allerdings nur das räumliche Gegenbild der 
zeitlichen perennitas und darum so oft deren Sinnbild ist. Sinvluot 
ist: grofse, w^eitverbreitete , allgemeine; die Entstellung „Sündflut'' 

• rechtfertigt sich gewissermafsen durch das ebenfalls verstärkende 
sünd (s. unten). Ags. sinceald, frigidissimus, sindream, jubilum as- 
siduum ; sin-dolh, vulnus magnum, sin-here, exercitus permagnus, 
sin-gal, jugis, perpetuus, sin-htvan, conjunctissimi, conjuges, sin-niht, 
tiefe, dunkle Nacht (nach unserer unten folgenden Erklärung von 
„sin" könnte man auch „mitternacht vergleichen), sin-rseden, sin- 
scipe, conjugium, altn. si-friör, perennis, singrün, immei'grün, si-lettr, 
levissimus, velox, si-malugr, loquacissimus. Diese Composita, beson- 
ders die zuerst genannten, in denen sin- das gleichmäisig Fortlau- 
fende oder von allen Seiten Con vergierende der Wölbung, und die 
Bildungen sinhivan, sinrseden, -scipe, in denen es offenbar nicht 
Stärke oder Dauer, sondern nur den Begriff des Zusammen ausdrückt, 
weiterhin die von Grimm selbst als mit sin nahe verwandt angeführ- 
ten goth. sinteins (continuus), altn. si (perpetuo, so auch ags. sin vor 
partic. praes.), ahd. simblum (semper, dat. plur. eines Subst. wie sim- 
bles genit. sing., ags. simble dat. sing.), goth. sineigs, longaevus, 
sinista (major natu) lat. semper, senex; ferner skr. sana, alt, gr. ivog 
(vorjährig, veraltet, auch in ivr] xai v^a\ lat. semel, simul, simplex, 
singuli, endhch noch das Zahlwort Sv und die Partikel ä^a (öjU-) 
avVy sama-, alles dies führt auf den Grundbegriff der Einheit, des 
Zusammen, der zunächst auf räumlich-zeitliche Continuität angewandt 
w^erden und von da aus leicht zu allgemein verstärkendem Sinn sich 
entwickeln konnte. Aehnlicher Hergang erscheint am lat. con-, wel- 
ches vielleicht auch lautlich dem gvv^ jedenfalls aber dem deutschen 
ga- (älter gan), ge- entspricht. Con- steht wie ga- vor Verben in 
unbestimmt verstärkendem Sinn; ga, ge hat aber insbesondere die 



26 Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. 

Bestimmung erhalten, am Verbmn die verstärkenden Modificationcn 
der Dauer und Vollendung (gotli. auch der Zukunft, Kuhn, Zeitschr. 
IV, 187 ff.) auszudrücken (Grmim, Gr. II, 748. 843). Soll nun sin 
nicht Partikel, auch nicht, was oben bei gin als möglich angenom- 
men wurde, Adjectiv oder Verbum, sondern wirkliches Substantiv sein, 
so wäre doch für dieses nach dem Vorigen nicht die Bedeutung 
„Kraft", sondern eher „Dauer" anzusetzen; denn auch die „Sehne" 
wird nicht nach ihrer (zunächst unwahrnehmbaren) Kraft, sondern 
nach ihrer Gestalt benannt, d. h. mit dem alten „sinnen" (tendere, 
ire) ebenso verwandt sein wie ida (vena, Hnea; Ader), altn. idull, 
continuus, mit (ithan) = skr. at, ire. „Sinnen", welches vdr in 
der That als Verbalwurzel unsers sin- anzusehen haben, wird von 
Graff auf skr. sad(h), ire, zurückgeführt, indem n und d beide nur 
Erweiterung (der Wurzel si, binden?) scheinen; vgl. auch senden 
als caus. zu sinden. Von da fällt Licht auf die Form sin^vluot und 
noch weitere Verwandtschaft. Diefenb. (II, 199) führt an die merk- 
würdige Nebenform sider-grün = singrün, und nach dem dortigen 
Zusammenliang wird auch goth. seithu, sero, thana-seiths, amplius, 
eig. tardius, posterius, ahd. sid, Nebenform sint (seit), ags. sid, am- 
plus (vid and sid, weit und breit; Z. III, 180), ahd. sito, laxe, engl, 
schott. side (lang fliefsend, herabhangend), anderseits (nach Diefenb. 
II, 212) auch goth. sainjan (zaudern, sich verspäten), amlid. seine 
(tardus, segnis), senen (marcere, languere), aus dem Lat. vielleicht 
noch sinere, sinus, hieher gehören; nur geht in diesen Wörtern der 
Grundbegriff zeitlichen Verlaufes zum Theil auf Schwäche statt auf 
Stärke hinaus. 

schneckenfett; engl, snail-slow (langsam). 

sne-blanc, -dicke (rahd.), nhd. schneeweifs, henueb. schneeblind (geblen- 
det wie von einer Schneefläche?) 

sonnenklar, altn. sölbiartr. 

Spiegel -blank, -glatt, -hell, -lieht (mhd.). 

Splitter- nackt, -neu mufs bedeuten: bis aufs Kleinste; dort wird „Split- 
ter" durch „Faden", hier durch „Span" ersetzt und insofern erklärt, 
Z. II, 43 steht aber auch (nd.) splitterdull (toll), was nur durch un- 
eigentliche, ganz abstracte Nachahmung jener ersten Formeln zu erklä- 
ren ist. Span erscheint noch in spandünn, hier rein vergleichend. 

spott-leicht, -schlecht, -wolfeil, Schweiz, häufig; „ein Spott" heilst: et- 
was Geringfügiges, Tadelhaftes ; spöttisch : sclilecht. Z. III, 45. 325. 



lieber die verstärkenden Zusammensetzungen. 27 

steiii-alt, -hart, -todt, -grob, -blindr (altn.), ston-still (alteiigl.), stein- 
dürr, -treu, -reich, -stark, -alber, -müd, -weh (schweiz. = ohnmäch- 
tig). Stein-hart, -dürr, -stark sind unmittelbare Vergleiclmng mit dem 
Stein als Mineral. Der Stein ist aber auch Vertreter der leblosen 
Natur überhaupt, daher sind: steintodt, -blind, -still, -weh schon et- 
was abstracter. Steinalber geht aus der Sphäre der Lebendigkeit 
in die der Geistigkeit über. Steinalt bezieht sich auf die über allen 
Unterschied der Zeiten hinaus liegende Natur der Steine ; steintreu 
auf ihre damit verbundene Un Veränderlichkeit und Festigkeit; bei 
beiden erinnert man sich an die in der Mythologie mehrfach hervor- 
tretende Verwandtschaft des Steinreiches mit den Riesen (und ersten 
Menschen). Steinmüd kann den Grad der Müdigkeit meinen, wo man 
die Glieder schwer wie Steine fühlt. Steinreich heifst, wer so viel 
Geldstücke hat als Steine sind. In steingrün (henneb.) scheint stein- 
abstracte Nachahmung der andern Compositionen. 

Stern- erscheint zwar auch einzig vor Adjectiven: -allein, -voll, öfter 
aber in Verbindung mit andern Verstärkungswörtern, z. B. sternha- 
geldick. An eigentliche Vergleichung ist kaum zu denken. Die 
grofse Zahl der Sterne spielt zwar ohne Zweifel mit ; aber eben diese 
ist es, die das Wort, wie die vielen andern Namen imposanter Na- 
turerscheinungen und kosmischer Mächte, als unbestimmt abstracte 
Verstärkung gebrauchen liefs, wie für sich allein (mit vorgesetztem 
„potz'^) als Ausruf und Fluch. Es gilt also das oben bei erde- Be- 
merkte. 

stock -finster (-nacht), -dumm, -satt, -blind, -still, -dürr, -fremd, -nackt, 
-steif, -stumm, -todt. Bei stockfinster denkt Grimm an Stock = Ge- 
fängnifs, und es ist dagegen nichts einzuwenden, als dafs in fast al- 
len übrigen Fällen Stock nicht in jener Bedeutung, sondern als 
„Stück Holz*^, d. h. wie Stein als Inbegriff der unbelebten und un- 
geistigen Natur, in stock -satt, -fremd, -nackt vielleicht auch ganz 
abstract, als blofse Nachahmung der zahlreichen mit passenderem 
Sinn übhchen Fälle zu nehmen ist. Stockdürr wird ganz eigentlich 
gemeint sein; stockblind läfst, vermöge der activ- passiven Bedeutung 
von blind, auch stockfinster erklären als: dunkel wie es im undurch- 
*^ichtigen Holze sein mufs. Zu bemerken ist auch die henneb. Ne- 
benform stick-, welche auf „ersticken" weist. Stock -fremd läfst 
sich der Abstraction entheben, wenn man erklären darf: fremd wie 
einen Stock (d. h. unerfahrenen Menschen) alles ansieht. Bei stock- 



*»p 



28 Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. 

nackt mag man an einen der Blätterbekleidung beraubten Strunk 
oder Klotz denken; behauene Weidenstöcke erscheinen in der Ent- 
fernung oder Dämmerung oft wie Menschen, Stock und Stein, diese 
allergewöhnlichsten Erscheinungsformen der Materie in ihrem plum- 
pen, ungefügen, der menschlichen Vorstellung und Arbeit am mei- 
sten Widerstand entgegensetzenden Wesen, gewinnen eben durch 
diese Undurchdringlichkeit und verborgene Kraft etwas Dämonisches, . 
Zauberhaftes, so gut wie die Thiere durch ihre eben so geheimnii's- 
volle Lebendigkeit, und das mag der tiefere Grund des abstract ver- 
stärkenden Gebrauchs ihrer Namen sein. 

stro-dicke, stroh-dumm. 

sünd-wüest (häfslich), os Sündogeld (sehr viel Geld); so sagt man in 
der Schweiz, Sündwüest ist noch eigentliche Vergleichung und als 
solche wol bemerkenswerth : häfslich wie die Sünde, In Sündegeld 
ist Sünde christlicher Fluch wie oben beiden-, höllen- u, a, 

tausend (s)-, Schweiz, tüsigs-, vor Subst, und Adj. und jedenfalls Fluch, 
Nach Z. II, 504. III, 251, 127 sollte man dieses „tausends'^ für eines 
der verkappten Ersatzwörter von „Teufel" halten. Es könnte nicht 
befremden, am Sclilufs dieses Verzeichnisses auch noch ihn, der, als 
letzter Ersatz aller altheidnischen Mächte, dem Volksglauben in man- 
nigfachster Gestalt bekannt ist, in Gesellschaft der Verstärkungswör- 
ter anzutreffen ; auch soll theilweise Einmischung von Namen und 
Vorstellung des Teufels in tausends- nicht geradezu abgeschnitten 
sein. Aber näher liegt doch, scheint uns, tausend als grofse runde 
Zahl und schon dadurch imponierende Erscheinung zu fassen, wie 
aus andern Gebieten mord-, sau-, stern- und noch unten weit-. 
Für die erste Auffassung spricht das genitivische s, das wie bei ha- 
geis, donners u, ähnl, auf ein irgendwie zu Grund liegendes per- 
sönhches Wesen deutet; für die zweite der Umstand, dafs tausend 
oft mit folgendem (oft nur euphemistisch verschwiegenen) Fluche ge- 
setzt wird, was freilich nicht ausschliefst, dafs tausend dort selbst 
schon euphemistische Milderung für Teufel sei. Letzteres finde ich 
in unverhüllter Gestalt und verstärkender Bedeutung nur in teufels- 
wild. 

tag-: altn, dä-fridr (schön wie der Tag), dä-samlegr (praeclarus), dag- 
sannr (evidens), da-vann (eximius). Hier hat tag noch seine ur- 
sprüngliche Bedeutung Licht; doch ist auch schon der abstracte Ge- 
brauch angebahnt, der in da-gödr (perbonus), dd-litill (perparvus), 



Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. 29 

dä-vakr (celerrimus) hervorbricht; letzteres läfst sich übrigens durch 
mythologische Personification auf eigentliche Vergleichung zurückfuh- 
ren. Steigernde Bedeutung scheint da auch in den von Grimm II, 
451 unter dag angeführten altn. Subst. zu haben. 

tod-blafs, -krank, -müd, -reif, -satt, -feind; mhd. : tot-arm, -bleich, -ma- 
ger, -stum, -trüebe, -vinster; vgl. auch engl, dead-drunk, dead-duU, 
und die Redensarten: sterblich verliebt, tödtliche Langweile (auch 
tod- langweilig), Schweiz. Sterbens -satt, -müd. Todblafs ist: blafs wie 
der Tod, wie im Tod, wie zum Tod; tod -krank, -müd, -reif, -satt, 
-mager lassen nur die letztere Umschreibung zu. Tot -stum, -trüebe, 
vinster neigen sich wieder zu einfachem »wie*^ ; die beiden letztern 
lassen auch abstracte Bedeutung von tod zu, sofern Tod als äufser- 
ste Spitze des Lebens, als Vollendung und Abschlufs desselben, leicht 
an die Begriffe „höchst, gänzlich'^ streift. Dasselbe mag in tod -feind, 
tot -arm der Fall sein. Todfeind heilst: feind bis zum Tod in dem 
Sinne, dafs tödtlicher Hafs mit dem Gegner auf Leben und Tod 
kämpft, seinen Tod wünscht und erst damit gestillt wäre; tötarm 
mochte heiisen, wem der höchste Grad von Armut den Tod als notli- 
wendige Folge oder einziges, vielleicht gar erwünschtes Rettungsmit- 
tel erscheinen liefs. „Todtenstille" ist eine so gänzliche Stille wie 
im Reich oder in einer Versammlung der Todten. (So viel Worte 
braucht die nachhinkende Analyse, um den Sinn einer kurzen, kräf- 
tig verwachsenen Zusanmiensetzung — doch nicht zu erschöpfen!) 

weit-, urspr. weralt (aetas hominum, vgl. die schöne Welt, die ge- 
lehrte Welt, alle Welt u. franz. monde = Leute), zeigt demgemäfs 
in der altern Sprache ähnliche Zusanamensetzungen wie diet und 
liut: ags. voruldsceame, infamia, öffentliche Schande, vor aller Welt; 
voruldstrüdere , publicus grassator; voruldthegn ; mhd. weltzage, ein 
Feigling in Jedermanns Augen, s. diet-. Nhd. weltfremd := Jeder- 
mann, ganz fremd; s. liut. Vgl. auch alters -eine (oben unter mut- 
ter-) und Redensarten wie: wer in aller Welt. In Weltskerl hat 
Welt die Bedeutung des kosmischen Ganzen und ist zu vgl. erde- und 
das Z. II, 246 behandelte Ulem (üSlj;) der Judensprache, = Welt, 
Weltall; Menge. Ahd. woroltchraft , hohe Kr. 

Wetters- vor Subst. und Adj. wie die andern von Naturerscheinungen 
hergenommenen Flüche, also nicht blofs : wettersg'schwind (g-schwind 
wie-n-en Wetterleich, Blitz), sondern auch wetters-nett, -vil, -g-schid 
(Schweiz.). Vgl. Z. IV, 251, 21. 



30 Bildliche Redensarten etc. der sieb. -sächs. Volkssprache. 

wunder-. In der alten Sprache finde ich es rein verstärkend nur im 
alts. wundarquäla (summum supplicium). Vor Adj. steht es schon 
ahd. = sehr, mhd. auch in der Form wunderw-, welche Grimm als 
Adjectiv (= wunderin) erklärt, Erklärung bedarf es hier weiter nicht, 
auch keine Beispiele. Wunder kann vor alle Adjective ohne Unter- 
schied treten; es ist von Haus aus abstract und immer aufzulösen 
durch: ziun Verwundern, was Schweiz, (in der Form: zum [ene] 
Wunder) häufiger ist als die Zusammensetzung. 

(Schlufs folgt.) 



Bildliche redensarteii, Umschreibungen und ver- 

gleichungen 

der siebenbürgisch- sächsischen Volkssprache. 

Von Professor Joseph Haltrich in Schäfsburg. 



Seit Jahren schon im verein mit mehreren freunden mit Sammlun- 
gen zu einem Idiotikon *) der siebenb. - sächsischen Volkssprache beschäf- 
tigt, wendet der einsender unter anderm auch vorzügliches augenmerk 
auf die im volke lebenden Sprichwörter und bildlichen redensarten. Wenn 
die spräche überhaupt der treueste Spiegel des Innern menschen ist, so 
sind es in ihr insbesondere die Sprichwörter und bildlichen redensarten, 
welche das geistige leben eines Volkes in den mannigfaltigsten beziehun- 
gen am ungezwungensten darstellen. Es spricht sich in denselben ent- 
weder eine aus der unmittelbarsten anschauung gewonnene, oder aus 
dem altüberlieferten bildungscapital geschöpfte Weisheit aus, die durch das 
frische und lebendige ihrer form überrascht. Vorwiegend ist in diesen 
volksthümlichen redensarten ein derb heiterer, oft humoristisch satirischer 
zug, wovon die hier **) mitgetheilten proben aus der sieb. -sächs. Volks- 
sprache (in Schäfsburger mundart) auch einen beweis abgeben werden. 



•) In nächster zeit werden beitrage zu einem idiotikon der sieb. -sächs. Volkssprache 
von schul rath J. Karl Schuller in Hermannstadt nach der anläge der beitrage etc. 
von Weinhold erscheinen. 
**) Eine auswahl -von Sprichwörtern hat "Wilh. Schuster, director des evang. Unter- 
gymnasiums in Mühlbach, seiner demnächst in druck erscheinenden sammlang 
von mundartlichen Volksliedern zugefügt. 



Bildliche Redensarten etc. der sieb.-sächs. Volkssprache. Sl 

Es sind aus der grolsen fülle, welche das leben tagtäglich bietet, nur 
wenis-e; doch werden auch diese schon hinreichen. 

Die begrilFsverwandten ausdrücke sind in dieser Zusammenstellung 
unter eine nummer gebracht. 

1. Et äs e maschines ( maschinenmäfsig J kont { Kunde J, — kärl. (Er 

ist sehr grofs.J 
Et äs ener, wa e jeang gebdrg (ein junges Gebirge). 

2. Et äs ener, wa e bäfel (Büffel, = plump J. 
Et äs e plump sack. 

Et äs en helzerä Johannes (= steif und plump J. 

3. Et äs ener aus er ich gehän (aus einer Eiche gehauen, ■=: stark u.festj. 

4. Et äs en däck dobbesch. (Er ist'^dick.J 

5. E höt en geat (gutj kratzewetz. (Er ist starhnasig.) 

6. E äs nor glidslank, — spänelänk (sehr klein). 
Em kän en änt schäp (in die Tasche) stechen. 

7. Et äs e feferkegd (Pfefferkorn, z=z klein und munter). 
Et äs en schnök, — en schnäfels, — en ömes (Ameise). 

8. Et äe nor esi e stäppen (Stopfen, Stöpsel, =z klein und schwach). 
Et äs nor esi e ropenzögel (Baupenzagel). 

Et äs nor esi e zisemisig kärl. 

9. Se äs hiesch wa der dag. (Sie ist schön.) 

10. Et äs wä en äppel (Äpfel, =z voll und rothwangig). 
Et äs e blüsängel (Blasengel, Posaune7iengel). 

11. Se äs garstig wä de nucht. (Sie ist häfslich.) 
Se äs weifs wa en röw (Bähe). 

Et äs en hiesch (hübsch) medchen: won et an höf git, dinken de 
hienen (Hühner), et wer* nöcht en sprängen äf de stängen zem 
schiefen. 

Se äs hiesch wa e ferschel. 

Se äs hiesch wa e birreschoasselt. 

Se äs hiesch zem kängdofspenen. 

Se äs uewen (oben) wä en p6, eangden (unten) wä en ki"ö (Krä- 
he; r=z oben geputzt, unten häfslich). 

12. E s^gt (er sieht) an de plänzegorten. (Er schielt.) 
E segt dem kiser (Kaiser) aussem länd. 

E segt an de schiele wänkel (scheler Winkel). 
Et äs e schilzmikuk (Schieler). 

13. E höt det hienesähn (Hühnersehen, = er ist kurzsichtig). 



32 Bildliche Redensarten etc. der sieb.-sächs. Volkssprache. 

14. E sdgt aus wä 't liewen fioie das Leben, = gesund, hlühe)id). 

15. E s^gt aus wa de deir zegt (thewe Zeit, = schlecht). 

16. E git wa eangder der ierd (hinter der Erde, =: sehr betrühtj. 

17. Et äs e kattner. fEs ist ein rüstiger, stattlicher Kerl.J 
Et äs dner vun der sprätz (SpritzeJ. 

18. E sdgt aus, wä won em sclildp durch e gesint hat. (Er sieht schwach, 

krankhaft aus.) 
Et äs e schlepscheifser. 
E äs stärk wä der blesch essig. 

19. Et äs e limgekel, — e limhoken. (E^ ist ein matter, schläfriger 

Mensch.) 
Et äs e lotz, — e lepsch. 
Et äs e lofs-mich, ich-lorsen-dich-uch (lasse mich, ich lasse dich auch). 

20. Et äs e lergesch (langer, lümmelhafter Kerl). 
Et äs e flänkesch. 

21. Et äs en zopak. (Es ist ein weinerlicher Kerl.) 
Et äs en zoalorsch. 

22. Et äs en epert. 

23. Se git (geht) wa en p6 (Pfau, = stolz und aufgeputzt). 

24. Dät äs en blesch kirch. (Er hat buntgestreifte Kleider an.) 

25. E hot geld wä mäst (Mist, = er ist reich). 
E hot spen (Sj)äne = Geld). 

E schwämt an de fänengen (Pfennige). 

E hot fäneng wä der heangd fli (wie der Hund Flöhe, d. i. viele). 

E fiert (fährt) mät siesen (mit sechsen). 

26. Dem kälwt uch en uefsen (Ochse, z=z er hat Olück). 
Df (der) hot det schwing (Schwein) um zogeh 

Dl hot det gläck um zappen (Zipfel). 

27. Di kä (kann) sich de grün waschen (tvischen), — det mdl läken 

(das Maul lecken; z= der hat's gut getroffen, namentlich durch 
Heirathj. 

28. Se koche nor um seängtog ( Sonntag j bä fltsch (bei Fleisch, mit 

Fl.; = sie sind arm). 
Se koche bä wasser wä de orem Idgd (arme Leute). 
Se hun 't feir äfm hierd wä de Zegunen (Zigeuner). 
E git (geht) hi döwreng (Tagewerk, Taglohn). 
E arbet an de gafs. 
E äs öfgebrät (abgebrannt). 



Bildliche Redensarten etc. der sieb.-säcLs. Volkssprache. U 

E äs wä nie fanger (wie mein Finger, =■ hlofs, armj. 

E drit (trägt) seng siwe pelsen ängde mät sich wli der sclinäken- 

huern (Schnecke). 
E äs reell wä e känter. 
E hot nichen zegt, 

29. Di hot den heangd (Hund) um zogel. (Es geht immer rückioärts 

mit ihm.) 

30. Et äs e gedännert (e gewäddert) kont, — kärl, — ort (Art; =z ein 

pfiffiger Kunde, KerlJ. 
Di kan mi wä (mehr als) brit (BrodJ essen. 

31. Di höt krin. (Der ist gescheid.) 

Di hot et am kldne fänger (im kleinen Finger). 

32. Di äs mät fulsfätt (Fuchsfett) geschmiert. (Er ist verschlagen, sehlau.) 
Di hot de fuTs (Fuchs), — det fuXsemänte am; e stächt am fufs. 
Di äs geschegt (gescheid) wä der deiwel (Teufel). 

Di äs äf alle vären, äf alle segten (Seiten) beschlöen (beschlagen). 

33. Et äs e hcht k^gd, — e licht feanken (Funken ; :rr es ist ein schlech- 

ter Kerl). 
Et äs e licht kärl, säg (sieh') em äf de mis! 
Et äs e licht stäck flisch (Fleisch). 
Et äs e licht heangd (Hund), — e licht fei, e licht stränk (Strang, 

Strick). 

34. Et äs en wärlturz. (Er ist ein grundschlechter Kerl.) 

35. Et äs en Tocki, — en Tockefläcker. (Es ist em dummer Kerl.) 
Et äs e Muta, — en Tulemuta. 

Et äs e belesch (Blödkopf) , — e Bdleschdierfer (Beleschdorfer). 

E äs vu Fugresch (von Fogarasch), — vu Rmnmes (von Rams).\x, 

Et äs en turrebredler (Thurmknehler). 

Et äs e Gepesch, — e Mäku, — en zeiku. 

E äs mät der scheagebirst (Schuhbürste) geschöfsen. 

E äs vuer de st^re (Stime) geschlön (geschlagen). 

E äs äf 't hiwd (auf den Kopf) gefallen. 

E äs net bä trifst (bei Trost). 

Et fSlt em e rädchen (Bädchen). 

E äs net fär (nicht weit) mät gewiest (gewesen). 

36. Et äs e käppenärro. (Es ist ein närrischer und lustiger Kerl) 

37. Et äs e pustig kärl. (Es ist ein wüster Kerl.) 
Et äs e Serw (ein Serbe). 



34 Bildliclie Redensarten etc. der sieb.-sächs. Yolkssprache. 

38. Et äs en örtlich koiit, — kärl. fEs ist ein sonderbarer Mensch.) 
Et äs e späig kräst (ein spafsiger, närrischer Christ). 

39. Et äs en akig fecJcigJ kärl. fEs ist ein abstofsender Mensch.) 

40. Et äs e greclig kont. (Es ist ein rauher und spitzer Kunde.) 

41. E äs glat wa en olket (Aal). 

42. E äs e wällmädig kont. 

43. Et äs en huesesclieifser, — e gätchesclieifser (feiger, ängstlicher 

Kerl). 

44. E liüt sich nit (Noth; =:: er geniert sich). 
E figt ffeigt) sich. (Er ist feige.) 

E äs gor geschumerig. 

45. Et äs e granzängdig kärl. (Er ist hämisch, schadenfroh.) 
Et äs e Gräsnäk. 

46. E sdgt (sieht) wa won e int frefse wil. (Er blickt scharf und fin- 

ster drein.) 
E sdgt grafs (grafsj wa en dännerwädder. 

47. E s6gt wa droa dach renwädder (drei Tag Regenwetter ; = er ist 

düster und trübgestimmt). 
E macht e karfretuggesicht (Charfreitaggesicht). 

48. E äs grow wa e Pälescher. (Er ist sehr grob.) 
Et äs e grumpes, — e klöz. 

49. Dl dräwt (trübt) ndmentern det Walser. (Er ist still und friedliebend.) 

50. Et äs e mansch wä e geat stäckelche brit (wie ein gut Stückchen 

Brod; = er ist ein sehr guter Mensch). 

51. Em (man) kän en am (um) de kldne fänger wackeln. (Er ist sehr 

gutartig.) 

52. Di let (läfst) uch hülz ä,f sich hän. (Der ist überaus geduldig.) 

53. De lucfleis' (Lobläuse) frefsen en. (Er ist eingebildet in Folge er- 

haltenen Lobes.) 
De ire (Ohren) wofsen (wachsen) em. 

54. E dinkt, e hat äsen härrgott un der däcker zin (Zehe; ■=: er ist 

stolz). 
E dinkt, hi wer et (er wäre es). 
E drit (trägt) de nös* hi (hoch). 
E stänkt (stinkt) vuer hifert (Hoffart). 
Et äs en htfertschäfs (Hoffartsschifs). 
Et äs en ännätz gröal (unnützer Greuel), — c stülz gro^l, — en 

äfgepeackt (aufgepackt) groal. 



Bildliche Redensarten etc. der sieb. -sächs. Volkssprache. 3ft 

55. E mächt sich gäm porrig. (Er ist aufgdflaseti.) 
E mächt sich gärn patzig. 

E bhest sich äf. 

56. De höwer (Haber) kekt (sticht) en. (Er ist iibermütldg im Glück 

und Wohlleben.) 

57. Dät äs e kokesch (Hahn; = er ist keck und zanksüchtig). 

58. E höt e gesicht aus läder, — aus feängdsuelen. (Er ist schamlos.) 
E höt niche (kein) gesicht. 

Et äs e Zegun (Zigeuner) , — en Zegänän (Zigeunerin). 

59. Di nit (nimmt) sich en knärl mi (mehr) er aus wä ändern. (Der 

ist dreist). 

60. Di gew (gäbe) uch seng hämd vum leiw. (Er ist höchst freigebig.) 

61. Di grei\si; (greift) net gärn an 't schäp (Tasche; r= der ist geizig). 
Et äs e getzkrögen (Geizkragen). 

62. Et äs e Tatter, — en (eine) Tatter. (Er ist munter, thätig.) 

63. Dät äs in (eine) wa en gech (Geige; = sie ist immer lustig). 
Di äs ängden (immer) äf der hochzet. 

64. Et äs en klin Bisäkes. (Es ist ein schlimmes Kind.) 

65. E git (geht) gärn an de kirch, wo em (man) mät gläsern leökt 

(läutet; = er ist ein Säufer). 
E git gäm dör (dahin), wo Äser härrgott de händ eraus räkt (d. i. 

iits Wirthshaus). 
E git gärn zem ziger (Zeiger). 
Di w^rd* (würde) uch de krin (Krone) versoffen [auch verspillen), 

wen e kiser wer*. 
E sdft wä e loch. 
Q>Q. Di schäckt alles durch de gorgel. (Er ist ein grofser Prasser.) 
Seng üge seng näkest satt. (Seine Augen sind nie satt.) 

67. Et äs en kram. (Er ist schmutzig.) 

Et äs e seamögen (Saumagen) , — e sealäder. 
Et äs e kneisthibes. 

68. Se höt e geat schleifes. (Sie hat ein gutes Mundwerk.) 
Se höt en geat m^lbritscheft. 

Se äs net ze länzem kun (gekommen), wä em (man) de mcler 

(Mäuler) ausdilt. 
Et äs en brätsch, — en brätschel. 
Det mel git er (das Maul geht ihr) wä der int (Ente) der örsch. 



36 Bildliche Redensarten etc. der sieb.-sächs. Volkssprache. 

69. Sc liüt en zeang (Zunge) wä e schwiert (Schwert; =z sie hat einen 

losen Mund). 
IQ. E bot nemestern (Niemand) äst (etwas) ze befielen. (Er ist eiii 

armer, hedeutungsloser Mensch.) 

71. Em dinkt, e kent- net äf tnt (eins) zielen (zählen; =: man sieht ihm 

7iichts an). 

72. E äs net drdcli (trocken) Iiängdern iren (hinter den Ohren) en wäll 

schin (schon) (Er ist naseweis) 

73. E liöt et faustdäck hängdern iren. (Er ist ein verdrehter Kerl, dem 

nicht zu trauen ist) 

74. E segt (sieht) wä en gestöchä gis (Geifs; =: er ist verlegen). 

75. Et wid (wird) alles ze efsig, äf wat se sdgt (sieht; =r sie sieht sauer 

drein). 

76. E segt wä en schliddenteilselt (SchlittendeicJisel; z=z er blicht garstig). 
11. E segt wä en kea (Kuh) weder e noa duer (ein neues Thor; z=z er 

sieht dumm drein). 
E sdgt wä e käkü vun der Wila. 
Et äs e melöfen. 

78. E höt um ängd (am Eide) fü (feil; = er ist der Letzte). 

79. E wunt (wohnt) um ängd. (Er ist arm, oder: ein Walach) 

80. E hot en termen (Eigensinn) wä en uessen (Ochs), — e bäfel 

(Büfel). 

81. E äs e kripesnäser (ein Krebsnieser; r= er ist ein Spintisierer). 
E hirt (hört) de kripes (Krebse) näsen (niesen). 

82. Dät äs scnges vöter se sän. (Er sieht ihm ganz ähnlich.) 
T>i\t äs ärcr motter är duechter. 

E {od. 86 ) äs em [od. er) aus den üge (Augen) gesclinidcn. 

83. Et äs en schlamp. (Es ist eine schmutzige, plumpe Person.) 

84. Et äs en reklich dim. (Es ist eine schmucke, nette Dirne) 

85. Et äs en träckes (Stotterer). 

86. E äs föl (faul) wä de ierd (Erde; = er ist sehr faul). 
E äs i6\ wä der heangd (Hund). 

E äs e f^l ÖS (Aas). 

87. Et äs e ros Gottes, — en iesel, — en heangd, — c schwing 

(Schwein) etc. 

88. E äs dich (doch) nor eangdcrm (unterm) zebng (Zaun) här. (Er 

ist nur von niederer Herkunft.) 



Bildliche Redensarten etc. der sieb. -sächs. Volkssprache. J^ 

89. Ech bän dich uch net vum mästtupes (Misthmifen ; r= ich hin von 

gute?' Herkunft). 

90. Et äs dner, di fderj am geld l^cht flügt; = er ist ein Advokat). 

91. E r^cht nö (naclij weilirüch. (Er ist ein Katholik.) 

92. Se (sein) voter fiert (fährt) mät dem pleag (Pflug; ■=. er ist ein 

Bauemsohn). 

93. De rea Idgd (rauhen Leute, d. i. Walachen). 
De reaschächtigen (rauhschaftigen). 

Se dron (tragen) werbes (Bindschuhe). 
Da, ä (in) brötfänne (Bratjpfannen) gon. 

94. Et äs en nochtegol, da feile (Füllen) fräfst. (Es ist ein Wolf.) 

95. Et äs en blesch dauw (walachische Taube, d. i. Rabe). 

96. Et äs en blesch nochtegol (d. i. ein Frosch). 

97. Et äs blesch minz (walachische Münze, d. i. Lüge.) 

98. T>i macht gärn de furz zem dänner. (Es ist ein Aufschneider.) 

99. Di äs wa der furz an der lätär (Laterne; = er ist unstät, Hans 

überall). 

100. Di äs iwer en Juden. (Er ist ein grofser Betrüger.) 

101. Peterselg fil (feil) hälden. fKeine^i Tänzer bekommen.) 

102. An de gäfs gon. (Zur Geliebten gehn.j 

103. Emestern (Jemanden) iwern durpel gon (=z ihn besuchen). 

104. Et höt geade wieg (gute Wege; = es ist Alles in Ordnung). 

105. E päfst (lauert) äf de mülterhüf. (Er wartet gespannt auf Et- 

was). 

106. E zecht (zieht, schleppt) grimpes (Klötze; = er schnarcht). 

107. Derhim brädigen. (Daheim brüten; = immer zu Hause sitzen.) 

108. Stroße bän; jermert bän (bauen; =: Jahrmärkte besuchen.) 

109. De färr (Pfarrer) äf de klekner (Glöckner) säzen (setzen; = eine 

bessere Speise auf eine schlechtere folgen lassen). 

110. Ech wäll der äst (Etwas) hosten (husten) 1 — äst flüren! — äst 

molen I (Daraus wird nichts.) 
En flür (Flöte)! en pelz (Pflaume)! en matsch (Zwetschke)! en 
heangsmätsch (Hundszwetschke)! en kätzebirrestil ! 

111. Sich un emeste gäcken (jucken, reiben; trr sich mit Einem zu 

schaffen machen). 

112. Emesten dämmen (überwinden; =z Jemanden niederdrücken). 

(Schlufs folgt.) 



38 Bildliche Redensarten etc. der sieb.-sJiclis. Volkssprache. 



Erläuterungen. *) 

2. helzer'd Johannes. Ob dies wol nicht auf jenen (menschlich gestalteten?) hölzernen 
'block sich beziehen dürfte, welcher vormals am Johannistage verbrannt wurde? 
Vgl. Grimm's mythologie, s. 593 f., auch Z. III, 356. Der Johannistag wird auch 
jetzt noch in vielen sächsischen gemeinden Siebenbürgens, wenn auch ohne die ehe- 
maligen feuer, doch streng und abergläubisch gefeiert. — Oder ist der vergleich nur 
ganz allgemein von einer hölzernen figur hergenommen? Vgl. Grimm, Reinh. s. 
XCIV: grob wie ein hölzerner pfaffe. 

4. dobbesch, dicker kerl; vgl. dobbe, walachisch rr trommel. 

5. Jcratzeicetz , die gurke, walach. kraztawetz. 

6. sch'dp, tasche, magyar. seb; vgl. unten, Nr. 61. 

7. schnäfels, auch schnoh, schnake, gelse; in Mühlbach heifsen schn'dfels die jucken- 
den frostbeulen. 

8. esi e, sst a, (al)so ein, solch ein; Z. IV, 281, 7. — sisemisig , kleinwinzig; dann 
auch : ein mensch mit schwacher, dünner stimme ; ein zimpferlicher kerl. Z. III, 131 
u. Keinwald I, 201. II, 147: henneb. zeiselich, zinserlich; unterfränk. zeifs, zeif selig, 
zart, schmächtig, Schm. IV, 287; vgl. auch österr., bair., schles., westerw. zeiaen, 
zausen, rupfen (besond. wolle), ahd. zeisan, mhd, zeisen, ags. taesan, niederd. 
tasen etc. Höfer, III, 312. Schmeller a. a. O. Weinhold, 108. Schmidt, 338 f. 

11. hiesch, hübsch; henneb., fränk. husch; Z. II, 415, 113. III, 406, 50. — ferschel, 
schrecksei, scheuche ; v. sächs. erferen, erschrecken (transit. u. neutral) ; Z. IV, 409, 
54. — birreschoaselt, birnenscheusal, Vogelscheuche. — h'dngdöfsjpenen, das kinder- 
abgewöhnen; zu kängd vgl. Z. IV, 406, 1; ofspenen (mhd. spenen, säugen, ab- 
spenen, entwöhnen, spünne, mutterbrust etc., nhd. abspenstig), von der mutter- 
milch entwöhnen. Schm. III, 566. Grimm, I, 123. — pö, pfau; Z. II, 546, 2. 

12. planzeg orten , m. , pflänzch engarten planze wird im sieb. -sächs. ausschliefslich ge- 
braucht von den setzpflänzchen von kraut, kohl, kohlraben etc. In manchen gassen 
der sieb. -sächs. städte waren ehemals und auf sächs. dörfern finden sich hie und 
da noch jetzt vor den häusern kleine gärtchen abgeschieden, wo diese pflänzchen 
gezogen werden. Der vergleich ist also hergenommen von einem, der in der gasse 
geht und nicht gerade vorwärts sieht, sondern seitwärts blickt. 

17. katiner, m., soldat, magyar. katona; ferner liegt ahd. hadu (Grimm's gramm. II, 
460; mythol. 204), krieg. — aprätz, f., spritze; auch die Koburger mundart sagt 
scherzhaft: des is d md bei der sprütz-n für: ein gewandter, tüchtiger, brauchbarer 
mann; ebenso am Rhein: „ein mann bei der spritze" (Hörn, rhein. dorfgesch., Zun- 
derbuchs, 8. 66). 

18. wa — hat, wie wenn man schUp (der aus dem schlepkraut , rainfarren, gekochte 
klebrige saft zum überstreichen von polstern und betten ; vb. schlepen) durch ihn ge- 
seihet (stnen, seihen) hätte. — blesch, walachisch; ebenso unten, bei 24. 

19. g^kel, spielpuppe (wol mit gaukeln zusammenhängend); limgehel, lehmpuppe. — 
limhohen, lehmhaken. — lepsch mag aus der Verkürzung von (Phiilipp entstan- 
den sein und sich an läppe, läppisch, lapach etc. (Z. II, 32. 562, 1. III, 252, 249. 
303. 394, 32. IV, 175) angelehnt haben Ebenso wird lotz zwischen dem namen 
Lotz, Lutz (z= Ludwig) und dem mhd. lotze (Ben. MUr. I, 1044) liegen. 



*) Mit Zusätzen vom Herausgeber. 



Bildliche Redensarten etc. der sieb -sächs. Volkssprache. Jf^ 

20. Urgesch, lümmelhafter lehrjunge ; ebenso fl'dnkesch (vgl. flankieren, sich hangend be- 
wegen, schlendern, Schm. I, 589). 

21. zopäk, Sonderling, von kindern gebraucht. — zoalorsch, heularsch (verächtlich für 
weinerlicher mensch); vgl. zäunen, fletschen, greinen, weinen, Schm. IV, 263 f. 
Z. m, 100. 392, 4, 2. 523, 32. 

22. dpert ist vielleicht zu epesch, äbich, mhd. abec, ebic (vom adv. abe), verkehrt, lin- 
kisch, zu ziehen; s. Z. III, 336 f. 

24. blesch, walachisch (wie oben, 18); hier auf den buntfarbigen anstrich mancher wa- 
lachischer kirchen bezogen. 

25. Auch Österreich. (Castelli, 229), bair, (Schm. III, 565) und koburgisch steht bild- 
lich: „späne haben" für „geld besitzen". 

26. zogel, m., zagel , schwänz; Z. I, 263. 

27. grün, Schnurrbart; mhd. gran, Ben. Mllr. I, 565. Z. IV, 194. 

28. döwreng , tagewerk; ähnliche bildungen: hantwrenk od. hanfrenh, handwerk; Mr- 
ßch, kirchhof; stietorich, stegreif. — pelsen, pflaumen; seng sitae p., seine sieben 
Sachen, alle seine habe; bair. seine sieben zwetschken, Schm. IV, 310. — ängde, 
immer; Z. IV, 281, 14. — nichen zigt, keine zeit; Z. IV, 281, 13. 407, 12. 

31. krtn, meerrettig, bair. kr^n, kre', kref, russ. ehren, böhm. kren etc. Schm. II, 387. 
Z. III, 93. IV, 175. Vgl. das bair. „9n kre' mach9, sV 9n kre gibm*^ , sich ein 
ansehn geben. 

33. Itcht, schlecht; Z. IV, 285, 142. — «i?«, ob von müs, muskel :r: fleisch? hier be- 
zeichnet es die finger. 

34. urz, wol zu urzen, plur., übriggelassenes futter, verworfenes, unrath Z. IV, 195. 
III, 338. w'drltv/rz, weltsunrath, vgl. oben S. 29. 

35. turrehrSdler , in Hermannstadt: bastoabredler , von bredel, prügel, knüttel. — Qe- 
pesch, Oep, Jacob. — Mäku, ? — zeiku, eichelheher. 

40. e gredig kont, ein grätiger künde, ein rauher u. spitziger, daher schwer umgäng- 
licher mensch ; s. Z. II, 348. 
42. w'dllmadig (willmuthig) gutgelaunt, zum muthwillen hinneigend. 

44. geschumerig (geschämerig), zum schämen geneigt, henneb. sehdmerig ; Z. II, 461. 

m, 131. 

45. granzängdig , grünzahnig; liegt darin eine Umbildung aus greinen, greingen, grin- 
sen, murren etc. Z. II, 96, 28. Zu zängd, zahn, s. Z. II, 553, 111. III, 188, 38. 

46. int, eines, jemand; Z. IV, 283, 67. 

48. Fdlescher, einwohner von Palosch, einem orte acht stunden östlich von Schäfsburg, 
von Walachen bewohnt. — grumpes, dicker klotz; vgl. österr. grampes, grampus, 
der diener des heil. Nicolaus als Schreckgestalt für die kinder, popanz; Schm. 11, 
110. Höfen, I, 313. Castelli, 148. Tschischka, 189. Lor. 53. 

49. nemesi und nement, niemand. 

55. sich porrig machen, sich erheben, aufblasen; vgl. der igel pörselt sich. Wol zu 
bor, boren etc. Z. H, 96, 39. III, 384; vgl. ahd. parran, rigere, Graflf, III, 155. — 
patzig, aufgeblasen zum zerspringen ; auch österr., bair., fränk. batzdt, bätzig, wich- 
tig, grofsthuerisch , si' patzen, prahlen; Schm. I, 228. Z. IV, 69. 483. Grimm, I, 
1160. In diesem worte berühren sich batzen, kleben, zusammenhangen, barzen, 
hervorstehen (Schm. I, 204. Grimm, I, 1141) und sich brotzen, sich aufblähen, broi- 
zig (Schm. I, 274. Grimm, II, 407). 

66. keken, stechen ; henneb., fränk., schwäb. gicken, koburg. gtken, stechen ; froschgiker, 
ein schlechtes messer. Schm. II, 25. Schmid, 230. Reinw. I, 50. 

57. kokesch, hahn; vgl. gockel, engl, cock, franz. coq; Z. IV, 316. 



40 Bildliche Redensarten etc. der sieb -sächs. Volkssprache. 

59. knärl, knödel, klofs; Z. II, 317. 555, 8. 

62. Tatter, eigentlich volksname (wie Serw, Serbe, oben 37). Ein sächs. spruch sagt: 

der Türk uch der Tatter 
dSt woren zwin gevatter. 
Vgl. Schra. I, 462 Zamcke zu Brant's narrensch. s. 327. Z. III, 327. 

63. Bisäkes. J. K. Schuller: „Zur sieb. -sächs. Mythologie", vorgelesen in der Repser 
generalversammlung des Vereins für sieb, landeskunde, bezieht ee auf einen eKen- 
artigen geist: agez, mittellateinisch Agazio, ahd. akiso, egiso zr schrecken. 

66. näkesi, nie; Z. IV, 284, 104, 

67. hrum, sau; irisch crain; Z. IV, 194. — kneisthibes, schmulzkuchen ; hieist, schmutz, 
henneb. kniest, hess. kneist; Reinw. I, 94.; hibes, kuchen, Schweiz, häbi. Z. IV, 
194. Stadler, II, 7. 

68. schleifes, schleifwerk, hier für mund. — mSlbriUcheft, maulbereitschaft, flinker mund, 
Zungenfertigkeit; Z. IV, 283, 72 (wo der druckfehler zu verbessern ist). — lanzem, 
langsam, spät. — brätsch, brätschel, f., Schwätzerin; vgl. das lautmalende bratsck, 
blaisch, Grimm, II, 312. 

72. drSch, trocken; Z. IV, 415, 39. 

74. gts , geils ; gtsken , kleine geifs ; daneben ist von ziege das doppeldiminutiv z'dckel- 

chen üblich. — ieifselt, deichsei; henneb. deistel, koburg. deisiel, deixtel; Z. 11, 

496. Grimm, II, 908. 914. 

77. Wtla oder Weila, ein sächs. dorf im kreise Bistritz. — melofen, m., ein mauloffen, 
maulsperrer; vgl. maulaffe und gtnaffe., Z. II, 32, 8. 

78. Die zünftigen handwerker haben an Jahrmärkten ihre platze beim feilhalten nach 
einer bestimmten Ordnung, der jüngste meister am ende. Daher bezeichnete obige 
redensart ursprünglich nur den jüngsten meister, oder den pfuscher, der hinter die- 
sem feil hatte. Jetzt wird sie meist bildlich gebraucht von einem, der in zerrütte- 
ten Vermögensumständen sich befindet. 

79. Am ende des dorfes wohnen meist die ärmern leute, oder in sächs. Ortschaften die 
mit der zeit zugewanderten Walachen. 

83. schlamp, f., schmutzige person; Z. II, 469. III, 11. 176. 459. 

84. reklich, nett, sauber; henneb. renklich ( mhd. reineclich); Z. IV, 195; nümb. 
rentli, s. glossar zu Weikert. 

85. träckesen, stottern; trocken, Irockeln, irocksen, zögern; Z. III, 48, 26. 

87. ros gilt sieb.-sächs. allgemein für pferd, färt wird selten gebraucht; rö« Gottes, d.i. 

esel; s. Z. III, 189, 51. 
89. dich, doch, steht häufig für: ja. — tupes, häufen; tipesen, häufen. 
93. reaschächtig , von reo, rauh, und Schacht, schaft, stiefelröhre (n. Z. U, 96, 41). — 

toerbes, bindschuh (sandale) der Walachen. 
103. dirpel, thürpfahl, d. i. schwelle; Z. IV, 284, 106, auch 128, 19. 
108. mülterhüf, der maulwurf; mdlterhüfen , maulwurfshügel. Vgl. Z. II, 91, 28 und 

Müller - Weitz , 159: mothovel, m. , der maulwurfshügel und der maulwurf selbst; 

ebenso bei Schmidt, 113: molterhaufe ; dagegen niedrd. multhöp, maulwurfshügel, 

mulworp, maulwurf, Brem. wb. III, 199. 
110. flür, eine pfeife aus weiden; vb. flüren, pfeifen. Auch in Koburg: ich will dar 

was hust, — wos pfeuf, — was mol; u. a. m. Vgl, die verneinenden, verweigern- 
den redensarten des Unter -Elsafses in Z. III, 14. 
111- gäcken, jucken. Vgl. „sich an einem reiben". 



Mundart in und um Fallersleben. '41 



Mundart in und um Fallersleben. 



Noch als Student in Bonn, Ostern 1821, stellte ich zusammen, was 
ich bis dahin über die Mundart meiner Heimat gesammelt hatte, und 
liels es in Spiel's Vaterländischem Archiv *) drucken. Das damahge 
Vorwort zeigt, dafs ich von richtiger Ansicht ausgieng; es beginnt: „Fol- 
gender Versuch eines Eingebornen liefert die Wörter genau nach der 
Aussprache in der einfachsten Schreibung, und so viel als möglich er- 
schöpfend nach den in seiner Gegend damit verbundenen Begriiffen. Nur 
solche Wörter sind aufgenommen, welche sich entweder nur in der Nach- 
barschaft und sonst nirgends so, oder in anderer Bedeutung anderwärts 
finden, so dafs also nur ein Viertheil von dem reichen Schatze einer 
binnen fünf Jahren entstandenen Sammlung gegeben wird.'' Leider war 
der Druck von unsäglichen Druckfehlern entstellt, was auch meine nach- 
herigen „Berichtigungen" im Neuen Archiv 4. Bd. S. 158 nur theilweise 
gutmachen konnten. Andere Studien und Reisen hinderten mich, mei- 
nen Plan weiter zu verfolgen: ich wollte nämlich noch zwei Abtheilun- 
gen hinzufugen, eine Sammlung von Redensarten und Sprichwörtern, und 
eine Laut- und Formenlehre. Da nun jetzt die Mundarten sich einer 
besondern Zeitschrift erfreuen und viel Theilnahme dafür erwacht ist, 
so habe ich meine alte Arbeit wieder vorgenommen und ich gebe sie 
jetzt, bereichert und berichtigt, zugleich mit einer kleinen Lautlehre, 
wie sich nämlich die hochdeutschen Laute zu unsern niederdeutschen 
verhalten. Die Schreibung habe ich so einfach eingerichtet, dafs sich 
jeder bald damit vertraut machen kann. Weniges wird zum Verständ- 
nisse genügen. 

Jeder nicht bezeichnete Vocal in einer Stanunsilbe vor einfachem 
auslautenden Consonanten oder zwei inlautenden Consonanten ist kurz : 
Glas, Snigge, Klmider. Jeder nicht bezeichnete Vocal in einer Stamm- 
silbe vor einfachem Consonanten ist lang; es fällt aber in diesem Falle 
die Bezeichnung weg : Kleder von Klet, selbst wo in unflectierten Wör- 
tern der Vocal kurz ist: Olase von Glas. Das lange e in den Stamm- 
silben ist inmier ein helles e, also leben, nicht leben (wie im Hochd.). 
Für i habe ich das dem Nd. in frühem Jahrhunderten übliche y beibe- 



*) -i. Bd. 1821. S. 171 — 189. und 5. Bd. S. 1--31. 

3* 



42 Mundart in und um Fallerslebcn. 

halten. Die Dlplithoiigen a o u sind lang, ä ö ü kurz. 9 ist das dem 
Hochd. fehlende weiche s und wird gesprochen wie das nl. z und frz. z. 
Weimar, 1. November 1857, 

Hoffmanu lon Fallersleben. 



Zur Lautl ehre. 

Vocale. 

1. a, das geschärfte, wird gesprochen wie das hochd. in Hand, nur 
vor r tont es wie e, arg wie erch (en ergen Kerel). Dagegen ' 
schwebt das gedehnte a zwischen a und o, mehr sich dem o nä- 
hernd. 

2. a, in einsilbigen Wörtern geschärft, wird, wenn das Wort wächst, 
gedehnt: das Grab — Oraf, Grabe, das Dach — Dak, DaJce, das 
Bad — Bat, Bade, das Rad — Rat, Rade, der Scldag — Slach, 
Siage, der Tag — Dach, Dage, das Glas — Glas, Glase, das Gras 
— Gras, Grase, das Fafs — Fat, Fate, das Blatt — Blat, Blade 
(daher im Hochd. „vom Blade singen'^). 

.3. a r=r ä: der Hanmiel — Hamel, die Goldammer — Goldamer, m., 
der Hammer — Hamer, die Kammer — Kamer, fassen — faten, 
lassen — taten, das Pflaster — Piaster. 

4. a vor r =r ä: der Marder — Märte, f., die Barte — Bare, die 
Karte — Karte, der Garten — Garen, die Karre — Kare, der 
Sparren — Sparen. 

5. a =r e: der Nagel — Negel, die Nase — Nese, Zahn — Ten. 

6. a =r 6 : alt — olt, kalt — kolt, Wald — W6ld, die Falte — Fol'e, 
halten — holen 

7. a = u als Ablaut in folgenden zwei Wörtern: gewachsen — ewus- 
sen, gewaschen — ewuschen. 

8. ä rr: e nur in schalen — schellen, zählen — teilen, erzählen — ve7'- 
tellen. 

9. au, mhd. ou =r 6: der Glaube — Globe, das Lauch — Lok, der 
Kauf — Kop, der Lauf — Lop, das Auge — Oge, die Lauge — 
Loge, der Saum — 8dm, der Traum — Drom, der Zaum — Tdm. 

au jedoch rr: 6 in kaufen, taufen — kopen, dopen. 
10. au, nihd. ü =r ü: die Schraube - Schrube, die Taube — Dube, 
die Traube — Drube, schnauben — snuben, der Bauch — Buk, 



Mundart in und um Fallersleben. 43 

der Brauch — Brük, der Strauch — Strük, der Bauer — Euer, 
der Brauer — Bruer, die Mauer — Muer, das Schauer (Regen- 
schauer) — Schuer, der Haufe — Hupen, saufen — siLj)€7i, saugen 
suc/en, rauh — rw, faul — fül, das Maul — Mül, der Daumen — 
Dumen, die Pflaume — Plume, der Schaum — Schüm, der Alaun 

— Alün, braun — h7mn, der Zaun — Tun, die Graupe — Grupe, 
die Raupe — Bupe, sauer — sur, lauern — luven, trauern — tru- 
ren, das Haus — Hiis, die Laus — Lus, die Maus — 3Iüs, der 
Straufs — Strüfs, die Braut — Brut, die Haut — Hut, das Kraut 

— Krüt, der Laut — lAt, die Raute — Bute. 

IL e vor r m e: fern — feren, gern — geren, die Ernte — Ernte, 
der Kerl — Kerel, der Kern — Keren, lernen — leren, der Stern 

— Steren, der Ernst — Mmst, der Herr — Here, der Sterz — 
Stert. 

12. e :=: e nur in die Quecke — Qiieke. 

13. e = i nur in der Mensch — Minsch, die Schnecke — Snigge. 

14. e =: e: brechen — hreken, rechenen — reken, sprechen — spre- 
hen, stechen — stehen, essen — eten, fressen — freten, messen — 
meten, besser — heter. Vergessen dagegen vergelten. 

15. e = ä nur in gehen — gdn, stehen - stdn. 

16. e mitunter ein helles e: geben — gehen, leben — lehen, nehmen — 
nemen, die Erde — Er'e, werth — wert. 

17. e, mhd. e, e, ae =rr ei: sehen — seien, geschehen — escheien, wehe 

— wei, drehen (mhd. draejen) ~ dreien, wehen (mhd. wajjen) — 
loeien, zehen (10) — teine. 

18. ä, mhd. ae = ei: krähen — kreien, mähen — meien, nahen — neien, 
säen — seien, lauten mhd. kraejen, maejen, nsejen, saejen. 

19. ei, mhd. i = y: das Blei — I^lyt der Brei — Bry, der Leib — 
Lyf n., das Weib — ^yf^ bleiben — hlyhen, schreiben — schry- 
ben, treiben — dryben, der Teich (piscina) — Dyk, die Kreide — 
Kryde, die Weide (salix) — Wye, der Schneider — Snyder, die 
Seide — Syde, die Pfeife — Pype, der Zweifel — Twybel, greifen 
grypen, der Zweig — Twych, die Feige — Fyge, die Geige — Gy- 
ge, neigen — nygen, schweigen — swygen, steigen — stygen, die 
Pein — Pyn, der Schein — Schyn, das Schwein — Swyn, das Eis 

— Ys, leise — lyse, der Preis — Prys, die Speise — Spyse, die 
Weise (modus) — Wyse, weise — wyse, das Eisen — Ysen, der 
Fleiis — Flyt, reiCsen — ryten, weit — loyt, die Seite — Syte. Nur 



44 » Mundart in und um Fallersleben. 

in wenigen Wörtern i für y: heilig- — hillich, leicht — licht, die 
Beichte — Bichte, weifs (albus) — wit, dreifsig — drittich. 

20. ei, mhd. ei = ei : die Heide — Ilei'e, die Weide (pastus) — Wei'e, 
das Seil — Seil, das Bein — Bein, der Stein — Stein, heils — heit, 
die Reise — Reise. Zuweilen e : das Kleid — Klet, die Seife — 
Sepe, der Streifen — Strepen, der Schweifs — Swet, die Meise — 
Mese, und e : Meister — Mester und Eimer — Emmer. 

21. eu, mhd. ü, iu =r n: die Seuche — Suhe, der Heuchler — Huch- 
ler, das Feuer — Fuer, der Teufel — Dübel, das Zeug — Tuch, 
die Keule — Kule, die Scheune — Schune, die Scheuer — Schure, 
die Schleuse — Sluse, heute — hüte, Leute — Lue, der Beutel 

— Budel, deuten — duen, das Kreuz — Kruz. 

Zuweilen ü: die Leuchte — Lüchte, der Leuchter — Lüchter, 
der Freund — Frünt. 

Heu, mhd. höuwe und houwe — Hau. 

In einigen Wörtern ist das cu r= ü : die Eule — Ule, die Beule 

— Bule, heulen — huleji. 

22. i = e und e : die Bh-ke — Berke, die Kirche — Kerke, der Trich- 
ter — Trcehter, die Milch — Melk, gestrichen — estrehen, gewichen 

— eweJcen, geschliffen — eslepen, gekniffen — ekneppen, die Birne 
Bere, der Zwirn — Tweren, gebissen — ehetten, gerissen — eret- 
ten, geschissen — eschetten, geschmissen — esmetten, geschnitten — 
esn^'en, gestritten — estrten. 

23. ie, mhd. i =: e: geblieben — eblehen, geschrieben — eschreben, ge- 
trieben — edreben, sieben — seben, gemieden — emeden, gekriegt 
(mitteld. gckrigen) — ehregeoi, geschwiegen — estregen, gestiegen — 
estegen, das Spiel — Spei, der Stiel — Stet, viel — vel, ziln, zielen 
(ä. Spr. zeugen) — telen, gepriesen — epresen, gewiesen — eicesen. 

24. ie, mhd. ie = ei : der Dieb — Deif, lieb — leif, der Brief — Brdf, 
tief — deip, dienen — deinen, das Bier — Beier, das Thier — 
Deiert, giefsen — geiten. Nur e in Spiefs — Spet, und in folgen- 
den Wörtern =: ü : schieben — schuheoi, riechen — ruhen, schliefsen 

— sluten. 

25. o = u: die Kartoffel — Kartuff el, der Pantoffel — Pantuffel, toll 
dul, voll — ful, die Rolle — Bulle, die Wolle — Wulle, der Wolf 

— Wulf, die Nonne — Nunne, die Sonne — Sunne, die Tonne — 
Tunne, der Schöpfen — Schuppen, der Tropfen — Druppen, dop- 
pelt — dubbelt, der Rost (aerugo) — Euat. 



Mundart in und um FaUersleben. 45 

26. o =: 6, vor r : der Dorn — Boren, das Hörn — Hören, das Korn — 
Koren, der Sporn — S^poren, der Zorn — Toren (auch Thurm — To- 
ren), der Mord — Mort, der Nord — N6i% fort — fort, der Ort — 
Ort, das Wort — Wort, die Pforte — Porte, die Sorte — Sorte. 

Ferner in den Partieipien gebrochen — ehrohen, gerochen — ero- 
ken, gesoffen — esopen, gesprochen — esproken, geschossen — escho- 
ten, verdrossen — verdroten. 

27. 6 m : hohl — hollich, die Kohle — Kolle, der Honig — Honnick. 

28. u =: o: die Mulde — Molle, der Schnupfen — Snoppen, das Ku- 
pfer — Kopper, durch — dorch, die Furcht — Forcht, der Wurf 

— Worp, die Burg — Borcli, kurz — kort, er mufs — mot, die 
Nufs — Not, die Butter — Botter, 

29. ü, mhd. uo ::=i au : zu — tau, die Kuh — Kau, das Buch — Bank, 
das Tuch — Dauk, fluchen — flauken, rufen — raupen, der Krug 

— Krauch, der Pflug — Plauch, der Pfuhl — Faul, der Stuhl —.- 
Staul, die Blume — Blaume, das Huhn — Haun, thun — dau7i, 
das Moor (mhd. muor) — Mauer, die Schnur — Snauer, der Fufs 

— Faut, das Blut — Blaut, die Fluth — Flaut, der Hut — Haut, 
der Muth — Ma/ut. Out und Wuth bleiben unverändert, nur selten 
hört man gaut. 

30. ü, mhd. uo =z eu: die Buche — Beuke, das Fuder — Feit er, 
suchen • — seuken. 

31. ü, mhd. uo = o: gesucht — esocht. 

32. ü =r: ö : kürzen — körten, stürzen — stöi'ten, der Schlüssel — Slöt- 
tel, die Schüssel — Schöttel. 

33. ü, u,. mhd. ü r=: o : die Küche — Koke, das Füllen — Folen, die 
Mühle — Mole, die Thur — Dor. 

34. \\, mhd. üe =r eu: die Ri^be — Reuhe, müde — meue, pflügen — 
pleuge7i, frfih — freu, die Brühe — Breue, die Mühe — Meue, grün 

— greun, führen — f euren, rühren — reuren, schnüren — sneuren, 
spüren — speuren, süfs — seut, wühlen — weiden. 

Consonanten. 
Liquidae. 

35. 1 schwindet in als — as, welche — wecke. 

36. n schwindet in fünfzehn — f oftein, der fünfte — foft^, nein — ne, 
die Gans — Oaus, uns — üsch. 

37. r schwindet vor s: barsch — hasch, garstig — gastrich, bersten — 



45 Mundart in und um Fallersleben. 

basten, die Gerste — Gasten, m.., die Hirse — Hese, First (Dach- 
first) — Festje, die Borsten — Bosten, die Horst — Host (bei F. 
lieifst ein Holz die Bokhost), der Mörser — Moser, Schorstein, 
Schornstein — Schostein , die Bürste — Böste, der Durst — Dost, 
die Wurst — Wost; ebenso vor s: dreschen — döschen, die Brust 

— Bost (niederl. derschen, borst). 

Labiales. 

38. pf anlautend immer p, in- und auslautend pp: Pfund — Punt, Ho- 
pfen — Hoppen, Knopf — Knop, Pfropfen — Proppen ; nur Trumpf 

— Trumf. 

39. b inlautend sehr weich gesprochen, sich dem w nähernd: geben, le- 
ben, seben, teuben. 

40. b auslautend = f : das Grab — Graf, halb — half, das Kalb — Kalf^ 
das Laub — Lof, der Staub — Stof, bleib — l>lyf> gib — gif. 

41. b verdoppelt sich hin und wieder: der Tauber — Debber, die Le- 
ber — Lebber, der Nebel — Nebbel, der Giebel — Gebbel, der Ho- 
bel — Höbbel, übel — öbbel. 

42. bs = ft: der Krebs — Kreft, die Erbse — Arfte. 

43. b schwindet in einigen Wörtern ganz : falbe — fdl, gelb — gel, 
mürbe — mor, die Schwalbe — Swaleke, Huf- eisen — Hau-ysen, 
du gibst — du gist. 

44. f inlautend zuweilen = bb: dem Hofe — Hobbe, der Schiefer — 
Schebber, der Stiefel — Stebbel. 

45. if =; p : der Affe — Ape, der Pfaffe — Pope, raffen — rapen, 
die Waffen — Wapen, treffen — dr^pen, offen — open, hoffen — 
hopen, getroffen — edropen. 

Linguales. 

46. t schwindet inlautend mitunter nach r: der Garten — Garen, ge- 
sprochen nicht zu unterscheiden von Garn — Garen, die Barte — 
Bare, warten — loareti. Dann noch auslautend in folgenden Wör- 
tern: der Habicht — Habik, die Axt — Exe, der Amt -mann — 
Am-man, die Erd-beere — Ar-beere, der Saft — Sap, nicht — nich, 
er ist — is, sonst — süs. 

Es fällt auch vor 1 aus, worauf sich dann dieses verdoppelt, in: 
die Kälte — Külle, die Schelte — Schule. 

47. tt = dd: bitten — bidden, die Mitte — Midde, der Schlitten — 



Mundart in und um Fallersleben. 47 

Slidden, schnattern — snaddem, Gevatter — Fadder, dagegen Sat- 
tel — Sadel. 

48. d ist sehr weich und schwindet inlautend öfter: dem Bade — Bae, 
die Gnade — Gna'e, dem Rade — Rae, dem Rathe — Rae, laut 

— lue; nach den Liquiden immer, wobei sich denn 1, m und n ge- 
wShnhch verdoppeln : dem Felde — Felle, dem Gelde — Gelle, dem 
Bilde — Bille, die Gilde — Qille, dem Schilde (clypeo) — Schule, 
wilde — wille, dem Golde — Oolle; ich wollte — ik wol, wir woll- 
ten — wy wol'n, Falte — Fol'e, die Mulde — Molle, der Gulden 

— Güllen, die Schulden — Schullen; dem Hemde — Hemme; die 
Hände — Hanne, die Wände — Wanne, die Binde — Binne, der 

* Blinde — Blinne, die Linde — Linne, die Rinde — Ritme, dem 
Winde — Winne, die Winde (trochlea) — Winne, finden — ßnnen, 
der Binder — Binner, die Kinder — Kinners, die Rinder — Rin 
ner, der Schinder — Schinner; die Erde — Fr'e, dem Herde — 
Her'e, die Herde — Her'e, die Beschwerden — Beswer'en, die Pferde 

— Pere, werden — wer'en, Worte — Wor'e. 

49. Durch den Ausfall des d wird praes. und praeteritum in den schwa- 
chen Verben gleich : ik arheie und ik arhei'e für arheide, ich arbeite 
und ich arbeitete; ikfeure und ikfeur'e i\\r feurde, ich fahre und ich 
fuhr; ik wone und ik won'e für loonede, ich wohne und ich wohnte. 

50. d verdoppelt sich dagegen auch wieder in mehreren Wörtern: die 
Feder — Fedder, die Fledermaus — Fleddermüs, der Hederich — 
Hedderik, das Leder — Ledder, ledig — leddich, predigen — pred- 
digen, die Leiter — Ledder, nieder — nedder, wieder — wedder, 
Boden — Bodden, Smadder, Snodder. 

5L d im Auslaut durchweg t: Pferd — Pert. 

52. z anlautend m t: die Zange — Tange, der Zapfen — Tappen, die 
Zecke — Teke, zehen — tewie, zehren — teren, das Zeichen — Tei- 
ken, die Zeit — Tyt, das Zelt — Telt, das Zeug — Tuch, der 
Zeuge — Tuge, das Zimmer — Timmer, das Zinn — Ten, der Zoll 

— Toi, die Zunge — Tunge, der Zweifel — Twybel, der Zweig — 
Twych, zwölf — twölhe. 

53. tz inlautend = tt: die Katze — Katte, die Ratze — Ratte, setzen — 
setten, die Motze — Matte, die Hitze — Hüte, die Grütze — Grütte. 

54. z auslautend =:: t : das Netz — Net, das Holz — Holt, stolz — stolt. 

55. z auslautend nach n jedoch =: s : ganz — gans, der Kranz — Krans, 
der Schwanz — Swans, der Tanz — Dans, der Prinz — Prins. , 



4g Mundart in und um Fallersieben. 

56. s an- und inlautend sanft, wie das franzosische s zwischen zwei Vo- 
calen, wird in der Vordoppelung scharf gesprochen wie das hochd. 
hassen: Bussen (Busen), Bessert (Besen). 

57. Daneben besteht noch ein dem Hochd. völlig fremdes doppelt c: 
Eccel, ducceln, höcceken, jpucceln. 

Gutturales. 

58. ck inlautend mitunter = ^^x die Hecke — Hegge, die Schnecke — 
Snigge, die Brücke — Brügge, flücke — flügge, die Mücke — Mügge, 
der Bücken — Rügge. 

59. g vor a, 0, u wie das hochd. g, vor e und i wie j. Im Augment 
ge- schwindet es ganz und hinterläfst nur ein e: geddn wird eddn, 
und dies e verbindet sich im'^ Sprechen mit jedem vorhergehenden 
Worte: ih hebbet-edän; hehbik datt-edänf ik hehbet gistern-eddn; 
dat hast du- eddn ', ik harret nich-eddn. 

60. g verdoppelt sich oft : sagen — seggefi, der Egel — Eggel, das Segel 

— Seggel, legen — leggen, der Schwein-igel — Sivyn-eggel, der Riegel 

— Keggel, das Siegel — Seggel, der Ziegel — Teggel, der Bügel — 
Böggel, der Fhigel — Flöggel, der Hügel — Höggel, der Zügel — 
Töggel, der Vogel — Föggel, hoher — högger, die Luge — Logge. 

61. g auslautend immer = ch : Tag — Dach, mag — mach. 

62. ch in- und auslautend :=. k: das Fach — Fak, der Drache — 
Brake, machen — maken, der Bauch — Buk, die Sache — Sake, 
das Lauch — Lok, wachen — wak&ti, das Blech — Blek, das Pech 

— Bek, brechen — breken, sprechen — spreken, rechenen — re- 
ken, stechen — steken, der Koch — Kok, das Loch — Lok, der 
Knochen — Knoken, das Buch — Bauk, der Fluch — Flauk, das 
Tuch — Dauk, der Wucher — Wauker. 

63. ch findet sich in krachen, lachen, die Wache, zechen, die Woche. 

64. chs r=: ss: die Achse — Asse, die Brachse — Brasse, m., der Dachs 

— Dow (ä. Spr.), der Flachs — Flas, n., das Wachs — Was, wach- 
sen — wassen, die Hachse — Hesse, sechs — sesse, drechseln — 
dresseln, wechseln — tvesseln, die Deichsel — Dyfsel, der Ochse — 
Osse, der Fuchs — Fos, die Büchse — Bitsse; nur Buchsbaum — 
Buschbom. 

65. ch schwindet in Nachbar — Naber, nach — na, nichts — nist, 
Furche — For'e. 



Mundart in und um Fallersieben. 4,9 

A. 

Abc. Die Abcschützen werden von den groJfsern Kindern wol geneckt 
mit den Spottreimen: 

Abel de Katte leip in Site; 
asse wedder ruter kam, 
harsen witten Kittel an. 
Beim Lesenlernen: 

Abq! wecken Schelmen bist du! 

e 

Akerken, n., Eichhörnchen, Brem. Wb. I, 299. 

Antje, Mych-antje, f., Ameise. Z. II, 134. III, 561. IV, 130, 52. *) 

ätsch, Ausdruck der Verhöhnung: wenn jemand getadelt oder gestraft 
wird für etwas, was er nicht hätte thun sollen. Die Kinder pflegen 
dann bei dem ätsch! ätsch! mit dem rechten Zeigefinger einige Male 
über den linken zu streichen. 

aisch, adj., 1. gefährlich, schKmm: dat is aisch Wedder; dat issen aisch 
Dink, z. B. bei einer Wunde; 2. böse: nim dik vor den innacht, dat 
issen aischen Kerl ! Auch gebraucht man , wie im Hochd. häfslich, 
aisch für unartig: du aiscJie Junge! Vgl. Z. II, 135. IV, 270, 47. 

AI. dl-feulich, adj., anzufühlen wie ein Aal, von einem Menschen, dem 
nicht zu trauen ist. 

al-bot, alle-bot, adv., 1. jedesmal: dat sechte allebot; 2. immer: mannich- 
faken, aber man nich allebot, zuweilen, aber nur nicht immer. Vgl. 
Schütze, Holst. Idiot. I, 140. Z. I, 292, 35. III, 228, 25. 

Ale, f., Mistjauche. Vgl. Z. III, 378. 

Alender, m., Alant, Cyprinus cephalus L., vom Karpfengeschlechte. ^'^^i 

Alhorn, Keilkenhusch, Fliederbusch, sambucus. ^ 

alldrt, adj., flink, behende. 

ampeln, sik, sich aus etwas Unsicherm oder Gefahrvollem herausarbeiten, 
als aus einer Lage Korn, Banse Heu oder einem Haufen Wasen 
(Reisig). Ampeln heifst auch das unruhige Hin- und Herbewegen klei- 
ner Kinder mit Händen und Filifsen. Vgl. Brem. Wb. I, 15. 

Aj)rilschicken. Am 1. April necken sich die Kinder mit vergeblichem 
Hinschicken, Nachfragen, oder auch Zuhören und Zusehen. So ist 
es ein gewöhnlicher Witz, jemanden zu einem Kaufmanne oder Apo- 



*) Die Verweisungen auf diese Zeitschrift sind Zusätze des Herausgebers. 

4 



50 Mundart in und um Fallersleben. 

tlieker zu senden mit dism Auftrage: hole mih mal forren Dryer 
Miigge7ifet! oder: ungehrente Asche! Kehrt nun der Eilbote vergeb- 
lich zurück, so stimmt die ganze Apriljugend den Hochruf an: 
April! April! April! 

inan kannen duinmen Nan'en schicken wo man teil! 
Arische, f. In dem alten Braunschw. Mummenllede heifst es : 
Him'ik mach de Föggel fangen, 
Droßeln, Arischen, Finken. — 
Grau-artsche, Hänfling. — Gel-arische, ebenfalls ein Sing- und Zug- 
vogel, grSfser als der vorige. — Arische, im Scherz, kleiner Schnaps- 
buddel. 
auiern, schreien wie Truthühner. Vgl. Z. II, 85, 29. III, 266, 2, 1. 

B. 

bäkern, einen Siok, einen frisch geschnittenen gnlnen Stock in die Glut 

e 

halten, dafs der Bast abspringt und das Aufsere sich hie und da 
briunt. — sik ophakern, sich allmählich aufwärmen beim Ofenfeuer. 
Vgl. Z. IV, 179. 

Bank, f., Reihe behackter Kartoffeln. 

ballern, klopfen, dafs es weithin tönt; dann jem. prügeln. 

Banse, f., der Raum hinter der Seiten wand in der Scheune zimi Aufbe- 
wahren der Getreidegarben; bei Frisch Wb. I, 60: Banze. Vgl. Z. 
II, 44, 39. IV, 164. — Köm hangen, das Getreide in der Banse un- 
terbringen. 

hebern, beben. 

Bere, f., Ar-bere, Erdbeere. — Bik-bere, Heidelbeere. Wenig davon un- 
terschieden ist die Maur-bere, Moorbeere, gemeine Drunkelbeere, 
Vaccinium uliginosum L. Die Frucht hat jedoch weifsen Saft und 
gilt fiir giftig. — Gichi-bere, die schwarze Johannisbeere. — Jehans- 
bere, Johannisbeere, Ribes. — Krons-bere, Preifselbeere, Vaccinium 
vitis Idaea L. In der altern Spr. Krön der Kranich. — Stik-bere. 
Stachelbeere. 

beunen, ein hölzernes GefSfs, das in der Sonne losgetrocknet ist, ins 
Wasser stellen oder damit füllen, damit es quillt und wieder dicht 
wii'd. 

beuten, an -beuten, Feuer anmachen. Z. IQ, 365. 



Mundart in und um Fallersieben. §1 

hystern, umheriiTen, ohne sich zurecht finden zu können. — verbysterty 
der nicht weiTs wohin; verlegen. Vgl. Z. II, 423, 1. IV, 204. 488. 

Blanke, f., blinkende, glänzende Fläche. So sagt man, wenn die Wie- 
sen überschwemmt sind: dat is man eine Blanke. Vgl. Z. IV, 262, 

n, 8. 

Bhxfferte, die grolsen blechartigen Silberstiicke, sonst auch wol Blekka])- 
pen genannt. Vgl. Frisch Wb. I, 103: Blappert. Z. IV, 111, 52. — 
Auch heiXsen so die gefüllten Nelken, wenn sie aufplatzen, und grofse 
lautbellende Hunde. 

Harren, laut weinen: de Kinner hlarret. Z. II, 122. 286. III, 42, 27. 
IV, 323. 332. 358, 6. 

hlaumen, blühen: ach, wat hlaumet de Borne sau ful! 

Blek, n., Beet, ein bestinamter abgestochener Fleck Erdreichs. 

blennen, schelten, besonders von der Herrschaft wider die Dienstboten. 

Bloksberg. Auch unsere Gegend hat mit vielen andern gemein den Glau- 
ben an heimliche Weiberzusammenkünfte auf dem Gipfel des Brockens. 
In der ersten Mainacht ziehen die Weiber auf Besenstielen, Ofenga- 
beln, Grepen und Forken zum Bloksberge hinauf, wie es abgebildet 
ist im Mildheimischen Noth- und Hülfsbüchlein. Selbst Mädchen neckt 
man am Morgen früh : na, histe 6k hüte Nacht oj^jpen Bloksberg ewest ? 
Hierauf bezieht sich auch der Spottreim der Kinder, welcher zuwei- 
len Kutschern und Knechten, wenn sie ihre Pferde anschirren sollen, 
vorgedudelt wird: 

Jehan, sjpan an! 
drei Katten vorran, 
drei Muse vorrop, 
na'n Bloksberge ropl 
Auch sagt man von einem weiten Wege : dat is ja na'n Bloksberge 
hennel obschon man den Brocken auch bei uns sieht, — und ver- 
wünscht Menschen und Dinge, so einem zur Last werden, immer nach 
dem Bloksberge. 

blubbern, während des Trinkens Blasen im Getränk machen, dann auch 
so sprechen, dafs der Speichel mit zum Munde herauskommt. Bei 
Richey: blubbern oder flubbem, unbedachtsam und unanständig daher- 
plaudern. 

Bo-klaus, m., Weihnachtspopanz, durch den die Kinder vor'm Christ- 
abende bald beruhigt, bald geschreckt werden, dän. Julebuk. — Auch 



52 Mundart in und um Fallersieben. 

gehen die Junggesellen zur Fastnachtzeit in die Spinnstuben, um die 
Madchen ilberraschend zu erschrecken oder zu belustigen. 

Böggel, m., Bügel. — Stych-höggel, Steigbügel. 

bonehen, ein Kinderspiel: Kinder werfen mit Bohnen nach einer Grube; 
wessen Bohne zuerst hinein kommt, erhält den Einsatz; jeder Mit- 
spielende setzt nämlich vorher eine Bohne. 

hören, heben. Vgl. Z. II, 96, 39. III, 384. 

Börker, m., Bötticher. 

Bort, n., ein hölzernes Gestelle mit Querbrettern, worauf man Teller, 
Schüsseln, Töpfe, und dergleichen Küchen- oder anderes Geräthe 
stellt und legt. Z. HI, 427, 58. 

Botel, m., kleiner Junge. Bei Richey 126 ein Knüppel, der den Hun- 
den angehängt wird, und daher die Redensart: en Botel vam Jun- 
gen, ein kleiner, kurzer Junge. 

hok-heister, hok-oher scheiten^ kopfüber schiefsen, Kinderbelustigung, bre- 
misch heisterkoj) scJieten, hamb. heusterpeiister. 

holzen, von Katzen, sich begatten, im Brem. Bolze, Kater, im Waldeck. 
de Bolz. Z. II, 316. III, 495. 499. 

ho(kln, kegeln. Vgl. Z. II, 84, 18. III, 394, 36. IV, 43. 

Botter. Botter-hlaume, f., die Kettenblume, Leontodon taraxacum, aus 
deren hohlen Stengeln sich die Kinder Ketten machen. — Botter- 
föggel. m., der Schmetterling, gewohnlich der Kohlweifsling. - Bot- 
ter- swerhe, -siverme. eine hölzerne runde Butterbüchse, wie sie Tag- 
lohner, M.lher und Holzhacker in die Arbeit, auch wol Knechte über 
Feld mitnehmen. 

Brätje, f., getrocknete oder gedörrte Apfel- oder Birnenschnitte. — Brdt- 
jen, Mz., trockenes Obst. 

Brytem, m., hciiser Dunst 

hruden, hrven necken. Z. II, 394, 82. 

Brüsche, f.. Beule vor'm Kopfe, mhd. brüsche. 

Bruse, f., blecherne Giefskanne. 

hucken, an -hucken , dasselbe was an-lütjen. 

Büttel, die Endung von 21 Ortschaften in dem Theile des Amtes Gif- 
horn, welcher der Papendyk genannt wird. Deshalb nennt man denn 
auch alle diese Dörfer die Büttel und sagt wol, wenn man Geschäfte 
halber dorthin mufs: ik mot in de Büttels, oder in de Büttelye gan. 
Büttel, das altsächs. bodl, ags. botl, praedium, domus, Grimm, Wb. 
II, 581. 



Mundart in und um Fallersleben. 5g 

bullern, dumpf tonen, krachen, wie Donner, Kanonenschüsse, nl. hulderen. 
Z. IV, 32. 

hulrich, adj., unsanft in seinem ganzen Wesen und hastig; dann auch: in 
der Arbeit darüber wegeilend. — Buller -jdn, m., der etwas mit Ge- 
räusch und Lärm verrichtet. 

Buken, m., kleine runde Rasenerhohung in der Wiese oder Heide. Vgl. 
Z. in, 41, 26. IV, 133, 94. 479. 

bummel- bammeln, den Esel lauten. Vgl. Z. IV, 27. 

bumps! Ausruf bei einem Schlag, Knall, Krach. Z. IV, 359, 26. 

Bunke, m., kleiner Junge. Z. IV, 212. 

but, adj., böse aussehend. Vgl. Z. II, 512, 20. IV, 29. 

Imtten, adv., draufsen. Z. II, 41, 9. 43, 12. III, 267, 3, 2. IV, 132, 86. 

Butze, f., ein Bretterverschlag unter der Treppe mit einer Bettstelle. 
Im Brem. altes baufälliges Haus, elende Hütte, Brera. Wb. I, 177. 

». 

Dach. Wäl-dage, i^beraus hübsche Tage, an denen es einem recht wohl 
ist: hei wet sik vor Waldage gär nich te laten. — Wei-dage, Kop- un 
Tene-weidage, Kopf- und Zahnschmerzen. Z. IV, 2. 

daken, schlagen. — af-daken, abpriigeln. Vgl. Z. IV, 444. 

Damp, dampich-syn, Engbrüstigkeit, Asthma, womit besonders ältere Land- 
leute geplagt sind. 

Debber, m., Tauber, Duffer bei Richey. Z. II, 217. 286, 34. 494. 

degen. verdegen, verhehlen, verbergen, verstecken. Z. IV, 338. 

deger, adv., sehr: dat is deger gut: vgl. Brem. Wb. I, 190. 221. 

Dele, f., die Hausflur, der Vorplatz ; dann auch die Dreschtenne. — Del- 
duben, alte Weiber, die frei mitessen in den Gesindestuben und dafür 
den Mägden einen Dienst abnehmen, als Wasserholen, Melken, Mes- 
ser- und Gabelputzen u. dgl. Sie wissen der Herrschaft nach dem 
Maule zu reden und sich überall geschäftig zu zeigen. Mit Recht 
heifsen sie D., denn diese fressen auf der Diele ihr Futter und schaf- 
fen gar wenig Nutzen. Vgl. Z. II, 568, 69. 

demmiken, kleinen Damm machen in der Gosse, — gewohnliches Kin- 
dervergnügen. 

Deppel, m., runde Mütze ohne Schirm. - ' 

dichten, verdichten, verdächtig scheinen, nicht gut vorkommen : et hat mih 
verdicht. 

dik- drehisch, adj., dickfellig, dickhäutig. 



54 Mundart in und um Fallersleben. 

Dyker, m. Bles-dyker, kleine wilde ungeniefsbare Entenart ;- sie unter- 
scheidet sich von den gewohnlichen Enten noch besonders durch das 
wei/se Schildchen (den Blessen) auf dem Kopfe. — Kron-dyher, zum 
Geschlechte der Enten gehörend, hat einen kronenartigen Büschel 
Federn auf dem Kopfe. 

Dyrker, m., Dieterich, Nachschlüssel. 

docken, ein Dach mit Strohbüscheln (Docken) dicht machen, ditmarsisch 
wypen. Z. II, 206. 

dogen, taugen. Nist dogen, krank sein: de Euer secht man Einmal de 
Wärheit: wanner hei krank is, sechte: ik doge nist (ich tauge nichts). 

Dose-hartel, m., ein dameliger Mensch. — dosich, adj., taumelig, schläfrig. 
Vgl. Z. m, 228, 14. IV, 338; über Bartel III, 315. 

Döt-leger, m., ein schwankender, moorichter Sumpfgrund, der gruniiber- 
wachsen den Wanderer täuscht, versinken läfst und todtet. 

Brake, m., 1. der Drache; 2. der papierne Drache der Kinder; 3. der 
Hirschkäfer, Lucanus cervus ; 4. der Enterich und 5. eine Stern- 
schnuppe, eine feurige Kugel, die kometenartig sprühend, aber schnel- 
len Fluges durch die Luft zieht. Fuerdrake, half Part! mufs man 
rufen, wenn der Drache zieht, dann thut er einem nichts; läfst auch 
wol eine Speckseite durch den Schornstein fallen ; auch stehe man ja 
halb unter freiem Himmel und halb unter der Dachtraufe,! 

Dresen, der Ladentisch, worin die Geldschublade. Ahd. tri so, mhd. 
trise, vom roman. tr^sor, lat. thesaurus. 

drummeln, drömmeln, im Zustande des Halbschlafens Halbwachens sein. 
Z. in, 372. IV, 544, 51. 

drucceln. in-dnicceln, einschlummern: hei was inne-drticcelt. — op-dmc- 
celn, aus dem Schlummer erwachen. Z. III, 283, 106. 

Brüst. In Brüsten liggen, besinnungslos daliegen in Folge eines Unfalls. 

Bube. Bübeker, m., Taubenliebhaber, Taubenzüchter. 

Bdker, m., Teufel. Vgl. Z. IH, 129. 252, 243. 

Bünnige, f., die Schlafe, der dünnste Theil des Kopfes. Z. II, 124. III, 
16. 445. 

Bus, m., der Daus, das As im Kartenspiele. 

Bmcel-deirt, n., närrischer Mensch. 

E. 

Eine, f., die Granne, die Spitze der Ähren mancher Getreidearten, zu- 
mal der Gerste; in andern Gegenden Eä,m£, Eie. 



Mundart in und um Fallersieben. 55 

ein-donich, adj., eint5nig, — so sagt man von einem Menschen, der sich 
von dem nun einmal Angenommenen in Sitte und Gewohnheit nicht 
abbringen läfst. 

elbisch, adj., kopfkrank, besonders von Schafen, wenn sie am Hirnwurm 
leiden ; dann auch von Menschen, soviel als : im Kopfe verwirrt, när- 
risch. Wenn Kinder sich unter einander nach dem Alter fragen, so 
heilst es oft statt elf Jahr ethisch: na, den war sie ^a halle elhisch. 

Enke, m., junger Knecht; ein Junge, der den Knechten bei der Arbeit 
hilft. Frisch, Wb. I, 228. a. Z. II, 183, 3. 

Erpel, m., Enterich. 

F. 

Faddersche, f., Gevatterin. Z. IV, 139, 8. 351; über -sehe s. Z. II, 285, 
24. III, 134. 281, 75. IV, 237, 4, 1. Um das Froschgequake nach- 
zuahmen, sagt man: 

Faddersche! Faddersche! 
gif mik en Stücke Brot! — 
Morgen geh ik et dik 6k. :|: 

feren. sik verferen, sich erschrecken. Z. III, 286, 12. 425, 29. 

ferich, adj., von einem Geschwur oder einer Wunde, wenn sie so schlimm 
geworden sind, dafs keins gut mehr heilen will. 

Ferste, Feste, Festje, f., First, der Dachrücken, mhd. diu vir st. — Fer- 
sten- steine, Hohlziegel zur Deckung der First. 

feutjen. til-feutjen, mit den Fiifsen zucken, von Thieren, wenn sie im 
Sterben liegen, dasselbe, was hamburgisch tal-poten, bei Richey 304. 

Ficke, f., jede Tasche in der Mannskleidung. Z. III, 42, 35. 284, 129. 

FÜ-kule, f., Schindanger. Vgl. Z. IV, 273, 141. III, 365, 14. 

fimmelich, finzelich, adj., schwierig, z. B. Linsen verlesen dat is ne ßm- 
melige Arheit. Vgl. Z. IV, 167. II, 78, 6. 

ßngriken, die Finger abwechselnd bewegen und damit bogenartig die 
Oberfläche eines Gegenstandes berühren, wie es manche Kranke zu 
thun pflegen. 

Finkel -Jochen, m., Branntwein. Im Brem. Wb. I, 374 wird es erklärt: 
Fenkooljuchen, Fenchelbranntwein. Wahrscheinlich ist es weiter nichts, 
als das rotwälsche gefünkelter Joham. 

Fymie, f., ein regelmäfsig aufgeschichteter Haufen Brennholz. Bei Richey 
55 Farn (ffir Fadem), Klafter. Z. II, 43, 21. 



56 Mundart in und um FaMersleben. 






ßtjen, qf-ßtjen, mit einem Gänsefittig abkehren. 

Flabhe, f., ungewöhnlich grofser Mund, dasselbe auch Flän-snute, U 
Z. III, 273, 7. 365, 15. 

flaschen, gelingen, gut von Statten gehen, gewohnlich in der Redensart: 
et wil nich ßaschen. 

Flause. f., Luge in der Absicht, jemanden ^gu tauschen. Vgl. Weigand, 
Wb. I, 347. Z. n, 342. HI, 133. IV, 547, 1. 

Flet-a7igel, m., ein Mensch von grobem, flegelhaftem Benehmen. 

fleutjen gän, davonlaufen: hei ginh fleutjen, hei toch de Rythose an, wie 
das dän. han gik floiten. Z. IV, 131, 62. 

Flirtje, f., feiner, durchsichtiger Kleiderstoff; daher Flirtjen- stät, Flitter- 
staat. Vgl. Brem. Wb. I, 424. 

flyen, nl. vlyen, mhd. vlewen. — op-flye7i, in Ordnung bringen, zu- 
recht machen; auch putzen: dat Mähen har sik recht oppeflyet. Vgl. 
mein Glossarium zum Reineke 218. 

Flot, n., flos lactis. Rahm, Sahne. — af- flöten, abrahmen. 

Flüchtjen, n., eine scharfzugespitzte, durch zwei Leinenläppchen gleich- 
sam befiederte Pinne oder Zwicke für das Püst- oder Blasrohr. Diese 
zwei Läppchen sind viereckig, werden an ihren Enden aufgefäsert 
( opperebhelt ) und auswärts um den Knauf der in der Mitte durchge- 
steckten Pinne mit einem Fädchen befestigt. Vgl. Richey 64. 

Flunk, m., Flügel; scherzhaft auch Arme und Beine: hei hö?'re dik 
licht en Flunk afslän könt, er hätte dir leicht einen Ai-m abschlagen 
können. Z. III, 278, 6. 

Fore, f., Furche. Rathsel: 

Wat sit in de Foren 
un spitzet de Oren ? 

Forke, f., Heugabel, hat zwei lange eiserne Zinken. Z. II, 43, 8. 392, 
11. III, 42, 28. 281, 59. 

fücheln, falsch spielen, im Kartenspiel betrugen. Z. IV, 262, III, 10. 

fudichkani Ausruf zu beschämen und zu verhöhnen, wie das dfm. fy dig 
an I Übrigens hSrt man bei uns nie fu dick an ! Vgl. Brem. Wb. 
I, 384. 

fumfeien. verfumfeien, etwas verderben, in der Arbeit nicht recht machen, 
nachlässig behandeln: dei Oar'en is verf umfeiet , der Garten ist ver- 
wildert, ohne Pflege geblieben. Un eigentlich : etwas so weglegen, dafs 
man es nicht wiederfinden kann : hebbicket dik nich esecht, du söst 
von my7i Knitteltuch hlyben — nu hastet mik verfuvnfeiet, un 6k myn 



Sprichwörtliche Vergleiche aus der Grafschaft Mark. ^«J 

Kluen un niynen Tweren. Anderswo in anderer Bedeutung, s. Brem. 

Wb. I, 467. Z. III, 374. 
fummeln, ßmmeln, im Finstern tappen, befühlen. 
fucceln, ficceln, leise etwas mit den Fingern berühren, leise wiederholent- 

lich darauf herumfahren, krauen; bremisch fiseln, Brem. Wb. I, 396. 

1^ Fortsetzung folgt.) 



Stehende oder sprichwörtliche vergleiche 

aus der grafschaft Mark. 

Von Friedr. "Woeste in Iserlohn. 



1. Dat ^eid (geht) ächtgrä's as da häna ( hahn) krassad. 

2. Hai geid af (gelit ab) as wanng (wen7i er) l^a'r (leder) freätan hädda. 

3. Dai häld an as en krüapal (krilppel) am wdäga. 

4. Dai es änkuaman (angelaufen) as da süaga im jeudonheusa. 

5. Hai suhd et an as da gous 'at wdä'rlüchtan. 

6. Hä arbed (arbeitet) as en peärd (pferd). i 

7. So arm assa lob (Hiob). 

8. So banga as -na hitta; — as eärftan im potta (topfe). 

9. Dai keikad (guckt) so barmheärtich , as wan cum da haunar (hiih- 
ner) 'at bräud (brotj affreätan hän (hätten). 

10. D^äm geid da bärd fbart) as dar hitta ta Micheila (Michaeli); — 
as wan hä fan dar ännakafuat freätan häddo. 

11. Dai keiked (gucket, schaut) so bdärmlik, as wan eäm da buatar 
(butter) war* fam bräu'a fallan. 

12. Hai heäd beifälla as en äld hdus. 

13. So bakand as en buntan rui'an (hund). 

14. So basuäpan (besoffen) as en beist (vieh). 

15. Hai biawad as en äspanläuf; — as -na dissal. 

1 6. So bittar assa galla ; — assa raut ; — assa • weärmaud. 

17. So blä as -na wiawalta. hiamalblä. 

18. So blank as en spaigal (spiegel). spaigelblank. — as -na tinna. . ■ 

19. Du sas graünan un blaüan (blühen) as -na buatarblauma in dar 
maimond. 

20. Dat blenkad as da panna op giasseid. 

4* 



58 Sprichwörtliche Veigleiche aus der Grafschaft Mark. 

21. So blind as en Hessa. 

22. Hä blöd (hlutet) as -na süaga. 

23. Dat es bräud (hrot) assa kistgkaukgn. 

24. So brümmas (knürras) as -na buatarsoppa. 

25. So bunt as -na ekstar; — as -na feihmolla; as -na hiakstar; — 
as da Libbarhdusar kdärka ( kirche zu Liberhausen). 

26. So däud as 'na meus. mdusadäud. — as -na hucka. huckandäud. 

27. Hä däud as da dulla. Du däus garäda as Gahänsakan (Hänschen) 
da har (herr; — d. i. anmaßend). 

28. Dai es dartüskan as da ^ula feulej tüskan dan kraigan (krähen). 

29. So dik as -na süaga; — as -na tmmmelta. huckadicka. bummal- 
dicka; faldicka; hiomalhägaldicka ; kan^unandicka ; sneppandieka ; stäi-- 
nandicka ; stüärtadicka. 

30. Dat es en dingan as en bäufiast. 

31. So draiga assa pulwar. Da lampa (dat holt) es so dräiga as Sünta- 
Klas (St. Nikolasj innar fuat (hintere). 

32. Dai druänad as 'na kau (kuh), da melk wör'an (werden) wel. 

33. So duir (teuer) as in dar apteika. brandduir. 

34. So duistar as in dar katta; — im kattanbalga; — im kaubalga; — 
im sacka. stiakaduistar. 

35. Du büs jüst as da Duiwal un sina gräutamäu'ar. 

36. So dum as 'at ächtarsta (hinterste) enna fan dar kau; — as en iasal 
fesel); — as -na kuasa; — as en kuikan (küchleinj; — as en 
stokfisk. 

37. So fäka as da rui'a am st^ärta wiamald. 

38. Hä fäld drüäwar hdar as da bok üäwar da häwarkista. 

39. So fallad as da brädb^äran ; — as da Däud üäwar da kau ; — as 
da flaigon. 

40. So falsk as galganholt; — as -na hucka. 

41. So fasta (fest) as Balwa; - as Düäp-m; — assa eisarn un stal 
(stahl). 

42. So fein as Bessam-Gahannas, hä kend sik seiwar nit; — as en ga- 
mjilod bild; — as en här (haar) oppam koppa; — assa harp^udar 
( haarjmder). 

43. Hä keikad so fardraitlik (verdrießlich) as -na buatarsoppa (vgl. 
ohen 24). 

44. Hai forgenk as en käulstrunk ; — as en päut (pfütze) wätar ; — assa 
stihi füär dar sunna. 



Sprichwörtliche Vergleiche aus der Grafschaft Mark. 50 

45. So fet as da karl am üärgal; — as en snägal ( Schnecke). So fet 
atta (daß es) gliiärd; — hottold; — atta kwabbald. kwabbalfet; 
snägolfet; spekfet. pännokanfet. 

46. Dat gäran (garnj es so feul assa dreita; - assa mist. dreitafeul. 
Hai es so feul atta stinkad. 

47. Sau fial (ful) as grand an dar sei; — as här op dar katta (om 
rui'an, am hunde). 

48. Sau flätsich as 'na hucke. 

49. Dai flaukad (ßuchet) as en kuäldröiwar. 

50. Hä es drüäwar hear as da fos üäwar da hennan. Et es garade as 
da fos im weinfat. 

51. So fräu as Hänsakan taum dansa; — as en kuckuk. 

52. So freid assa mostard; — assa rindleä'r (rindlederj. 

53. Hä friatad (frißt) med as Braükars rui'a. 

54. So from as en lam. Hä suihd (sieht) so from eut (atbsjy as wan 
hä noch nui en weätarkan (wäßerlein) flaumad hädda. 

55. Hä fruisad (friert) as en wittan rui'an; — as en sneidar. 

56. Dat küamad ^äm füär as dar kau da keärmissa (kirmesse, kirch- 
weihej. 

57. Dat es ja en fuir (feuerj, as wan it (ihr) en o^san brä'on wollan. 

58. Dat sittad säu ful as kaf an dar wand. 

59. So gail assa käul (kohl) im gär'an; — as spek. 

60. So gau as -na duäla; — assa Paits. 

61. So geäl assa gold; — assa dukätangold; — as -na kwalstar. gold- 
geäl. safrangeäl.; 

62. Dat geid assa gasmeärd; — assa wamma -na katta düär da dreita 
jägad; — as wan dar Duiwal 'na katta fuksad. Da frau da geid 
as -na gäus da 'at ai nit los wer'an kan. Dai geid dardüär as da 
kau düär dan niawal. Suh suh! da gdid däh^är as da rü'a nä dar 
hochtid. D^äm geid at as dam undüanigan gella, dat es ümmar da. 

63. Uasa (unsere) kinnar sind nit so garaist as da kinnar in dar stad. 

64. Hä es so gesgikt as en iasal om preumanbäuma. 

65. Hä mäkad en gasichta, as wan da katta duanarn h^rd; — as wan 
da katta seuor leckad; — as -na össiga katta. 

6Q. So gasund as en fisk (fisch) im wäter. 

67. Dai heäd en gawiatan as en mällarsak. 

68. Dat es so gawis as dat twei mal twei feir sind; — as füär dar 
Weärmingsar peu'ta da m^una opgöid. 



50 Sprichwörtliche Vergleiche aus der Grafschaft Mark. 

69. So g'iftich as -ng hiicko; — "na ottor; — 'na spinna. .1?? .(' 

70. So glat as en spaigol. spaigalglatt. Vgl. oben 18. 

71. Hü glcikad (gleicht) eäm, as wan hä 'ma dut dar meula kruäpan war. 

72. So graün assa gras, grasgraün. 

73. So graut as en Huina (Hüne, riesej. 

74. Dat heäd he im griapa (griffe) as da b^ädalar (hettlerj da leus. 

75. So greis as -na hucka. 

76 So gruäf as bäunansträu (hoJinenstrohJ. 

77. Hai es so guad as da Däud (tod), dai häld dan einan as dan annam. 
däudguad. 

78. So hännich as en hültan (hölzern) näpkan (näpfchen). 

79. So harda as en knuakan; — as en st^in. astügahard. knuakanhard. 
steinliard. 

80. So heit as im bakuäwan fhackofen). 

81. So hungarich as -na smachtlappa. 

82. Da heäd -na ila, as want int hau sol; — as want eäm int hau 
rdäganda. Hai es so eilich as en sleipstliin, da in siawan jär nit 
sm^ard es. 

83. Et fäld eäm in as dam rui'an 'at meigan. 

84. So käl as 'na keärkanmdus (vgl- rattankäl). 

85. So käld assa eis; — as en fuärsk; — at et bit; — at et swa't es. 
eiskäld. fingarkäld. swat'käld. wätarkäld. 

86. Dat es en kärl as da gräuta Guäd fan Saust; — as wanna ^ut (aus) 
dar habaüka hocht war; — as en hai'an f6ih; — as en hültan Heär- 
guad. — as en fua't in dar löchta. — as en molkantäiwar ( d. i. 
ein hnirps). 

87. Dat es, as wan da kau "na Ulbarta sluikad. 

88. Deän ken-ik so guad as wan -k "na in dar kcipa drdagan hädda. 

89. Hai keikad as da katta düärn bessam; — as da katta, da int häk- 
sal sgit ( d. i. verlegen). 

90. Dat sid kinnar as 'et ingasatta (eingesetzte) gawichta. 

91. So klär as da sunna; — assa wätar; — assa wuärstasoppa (tvurst- 
suppe). sunnankhir. 

92. Hai kränad sik as 'na hucka an dar mistgaffal; — as en sgrdut- 
hänan. 

93. So krank as en haun (huhnj. 

94. So krum as en flitsanbuägan ; — as en pothakan (topf haken , hahlj. 

95. Hä küamad 'rdut ( heraus J as da ^ula ^ut dan st^ukan. Du küa- 



Sprichwörtliche Vergleiche aus der Grafschaft Mark. 61 

mes as köstors kau, da was drai däg9 nam reagen heim kuaman. 
Et küamod sik as dam ossgn da mdälko (milch). 

96. Hai kui'ard (sjpricht) med sik seiwar as da witta Dei'ark (Dietrich). 

97. Hä es so ful (voll) kumpalmenta (complimente) as da bok ful 
küataln. 

98. Dat sasta (sollst du) lachan as en b^m-, da tanpeina heäd. 

99. Ik hewa di so laif as da rui'a dan daif. 

100. Dai läipad darümma as da katta lim dan hlitan brei. Dai Ikipad 
äuk med as 'at hiamd im a'sa (arschj. 

(Schlufs folgt.) 



Anmerkungen. *) 

Bevor das volk jene zusammengesetzten Wörter ausprägt, von welchen Z. I, 229 ff. 
unter der Überschrift „Volkssuperlative" gehandelt ist, bildet und verwendet es verglei- 
che, wie sie vielen jener Zusammensetzungen zu gründe liegen. Von diesen stehenden 
Sprüchen gilt in höherem grade, was als frische und lebendigkeit der volkssuperlative 
gerühmt werden kann. In den niederdeutschen mundarten mangelt es zwar nicht an 
jenen volkssuperlativen, aber ungleich häufiger bleibt man bei der ursprünglichen aus- 
drucksweise. Sprichwörtliche formein, welche derartige vergleiche enthalten, finden sich 
von mancherlei art. Am seltensten sind die, wie nr. 103, mit vergleichendem fü'dr [inr\ 
gebildeten. Die vorliegende mitteilung beschränkt sich nahezu auf diejenigen, in wel- 
chen as, assa, at (als, wie) vorkommt ; von andern, z. b. mit dat^ at (daß), sind nur ei- 
nige aufgenommen. Viele solcher vergleiche werden im höchsten altertume wurzeln, 
weshalb manche beim etymologisieren als hülfsbeweise gelten können, vgl. Mswan as en 
äspsnläuf, käld as en fuärsJe. In andern erhielten sich Wörter, die der mundart sonst 
schon abhanden, vgl. aksharn, fudddJc, tinn9, widwelia. Noch andere beziehen sich auf 
geschichtliche Verhältnisse, die gekannt sind, z. b. Balw&, Düäp-m, oder auf personen 
und vorfalle, von welchen kundschaft mangelt, z. b. witt9 Dtark, Beshm - Oahannss, 
Patts. Viele dieser spräche sind nicht ohne wert für die einsieht in das leben des 
volkstammes, dem sie angehören. 
1. ächfgrars, hinterarsch, rückwärts. — hän9, m., ahd. hano. Wie hier, so wahrt das 
nd. nicht selten in subst., adj. und adv. die alte vokalische endung, wenngleich 
abgeschwächt; namentlich gehören hieher die subst. fem. auf ung9, ongs, inga. — 
Icrashn, kratzen, vgl. Z. III, 261, 41 u. 561. Die verlautung, wahrsch. tt — ts — ss, 
stand bei manchen Wörtern schon im mnd. auf der dritten stufe, vgl. spisse fzz spitse), 
acies, proelium; stenrisse (zz si^nritse), spelunca, 4 b. d. könige edid. Merzdorf; 
ferner verrussen (zz verratsen) d. i. versnellen, zu ostfr. rat, rasch, Schüren Chr. 
206, 224, siehe nr. 94. 

4. 8Ü9g9, f., Schwein überhaupt, pl. snsge; agg. sugu; mwestf. söge, pl. soecje; vgl. 
Soest. Dan. von der ketter namen, v. 19, Z. IV, 27. 312, 

5. gcms, f,, gans, schon ags. gos, vgl, lat. (h)anser. In alten zeiten muß aber auch der 



*) Mit Verweisungen vom Herausgeber. 



62 Sprichwörtliche Vergleiche aus der Grafschaft Mark. 

name des männcliens (ganid) für beide geschlechter gegolten haben , wie ganta bei 
Plin. H. N. X, 22 lehrt. Z. IV, 315; vgl. II, 84, 10 für den ausfall des n; durch- 
aus ähnlich bania — bosa. — wdarlüchtan, wetterleuchten. Die asp. ch hat bei uns 
im laufe der zeit Verkürzung des vorstehenden langen vocals bewirkt. 

8. hitta, ziege, westl. Mark: hipp9, vgl. das hessische hitz, Gr. gesch. d. d. sp. I, 36, 
wornach htft9 das im anlaut verschobene kitii sein muß. hippa tritt dafür ein nach 
einem nicht seltenen mutenwechsel. Z. III, 262, 63. IV, 312. — eärfts, f., mnd. 
arvete, erbße; Z. II, 180, 13. Vgl. unsere redensart; da eärftan syrechsn zz auf die 
kochenden erbßen kaltes waßer gießen, damit sie weich werden. — sgrechan, sprin- 
gen und springen machen, vgl. heuschrecke. 

9. barmhiärtich , kläglich, vgl. Grimm, WB. u. Z. IV, 236, 38. 483. — haun, n., pl. 
haunar, huhn, verlautet aus altem huon, huan. 

10. Zu Michaelis bekommt das vieh freiere weide. Unsere hirten singen an diesem 
tage: MicheiU iir eil9, fan daga es Micheila , nu hreig ik oh min suamargeld, nu 
kan ik haiVan (hüten"!, ba tk we-l (will)! — ännakan -fuat, entenbürzel. ännska ist 
assimiliert aus 'dndekd, was gewöhnlich durch ^i'Ks, ptla ersetzt wird; bräuchlicher 
sind die masc. ännark (für änderik, entrich) und andfudgsl. Z. III, 131. 501. IV, 
316. 287, 427. 

11. bi'drmlik, erbärmlich, zum erbarmen, kläglich; vgl. zu 9. 

12. bifallan, einfallen; bifal, einfall ; beide mit doppelsinn. Für hüs wird in diesem 
Spruche auch backds, d. i. bakhüs, backhaus, gesagt. Große bauern haben ihren 
backofen immer in einem besonderen kleinen hause, dessen übrige gelaße zuweilen 
an eine taglöhnerfamilie vermietet werden. 

13. rui'9, hund; Z. III, 263, 87. 268, 19. IV, 271, 64. 

15. biswan, beben, zittern, alts. bibon, bivon. — äspdnläuf, n., espenblatt. lauf, ags. 
leaf, engl, leaf, galt im mnd. häufiger als jetzt für blatt. Die Angelsachsen wer- 
den das eä nahezu so ausgesprochen haben, wie der entsprechende diphthong hin 
und wieder noch bei uns lautet, nämlich eä. äspa , f., ags. äspe. Das so auffal- 
lende merkmal , welches unser Sprichwort ausdrückt, könnte schon in dem werte 
äspd stecken. In der tat legt unser ßüderl. loVg-toisp» (weidenwispe zz espe) die 
Vermutung nahe, daß der bäum in der ältesten zeit: waspi oder wispi geheißen 
habe, Wörter, welche mit wispsln, loispslich, ital. vispo, bewegung ausdrücken. — 
dishl, f., distel, vgl. card. nutans. 

16. raut, m., ruß, ahd. ruoz, nach Grimm wahrsch. zr goth. hrot. — weärmaud, m., im 
Volmetal: wi'drmöi, wermut, ahd. werimuot; vgl. Z. IV, 261, 9. 

17. bla, blau, aus altem bläw mit verstummtem w, wie gra aus gräw (grau). — wid- 
weU9, f , vermutlich ein blauer käfer (oder Schmetterling: wimmal, Warburg), da 
wiawal rr wiabal nr wiamal, ags. vibil, in pden-wiamal und pe'drra-wiabal vorkommt, 
welche wörter den großen mistkäfer bezeichnen. Vgl. Z. IV, 269, 18. 258, II, 2. 
III, 378. 

18. Unna, f., wahrsch. zinnernes geschirr, kommt sonst nicht vor. 

19. aas, sollst; Z. III, 552, :',7; vgl. 27: däus, thust; 35: bus, bist; 95: Ttüamas, 
kommst. — graünan, grünen. — buatarblaum» , butterblume, caltha palustris und 
ranunculus. — maimond, f., maimonat: vgl. holl. maand, femin. 

20. giasseid, genseid, gianseid, jenseit; op g. zz up gensyt. Seib. W. Urk. nr. 511. 
Vgl. Z. II, 423, 41. IV, 130, 41. 478. 

21. Vgl. nr. 139 und die redensarten: drop dropl et es en Hesse zz drop drop ! et es 
en äuros'se (auch äurhäna). Die erstgenannte mag auf den hader der Chatten und 
der westfälischen stamme zurückweisen. 



Sprichwörtliche Vergleiche aus der Grafschaft Mark. 10} 

22. blöd, blutet, zu Hau an; blodd9 ; blöd; vgl. ir etzliche blöden alse swen, Hagen, 
köln. reimchr. 

23. kisiakaukan, kistekuchen. — brümmas, hnürras, brummig, knurrig, mürrisch; vgl. 
unten 43. 

25. ekstsr, eäkstar, f., elster; Z. II, 393, 56. - feihmolh, f., bunter molch. Wie man 
sieht, versteht das volk den sinn des alts. feh nicht mehr, molla, molch, ahd. mol, 
mhd. molle, könnte mit unserm mol, m., molh, f., maulwurf, engl, mole, ein und 
dasselbe merkmal ausdrücken. — hidkstar, f., häher, wo! n hag-eksiar, syn. ma'kol- 
wa, berg. marklöf, markolf ; Z. II, 393, 56. III, 372. Die femininendung -ster auch 
bei bülstar, fluäkstar, heistar, kwalstar. — Zu: as da L. ke'drka vgl. das siebenb.- 
sächs. äs an blesch kirch oben s. 32, 24 u. anm. 

26. hucka, f., kröte; Z. III, 263, 75. Zu huckand'dud vgl. pogg-död, Z. IV, 131, 68. 
Mause und kröten schlägt der Süderländer tot, wo sie sich blicken laßen; frösche 
dagegen finden bei ihm mehr gnade, als bei den sumpfländern ; mithin kein /«- 
arska - d'dud. 

27. wie der tolle tun zr sich dumm stellen, far l'Indiano. - Gahänsakan vgl. Z. III, 
560 u. unten 42. 

28. Vgl. Z. I, 275, 34. dartüskan, dazwischen; Z. II, 262, II, 7. 

29. trummelia, hier vielleicht ^i irumma, trommel ; sonst ist trummeüa eine kleine apfel- 
förmige birne. irummeln zz sich rollen, tombolare, purzeln; trummeUkop , purzel- 
baum ; Z. IV, 268, 4. Der Altenaer liebt ein hucka dicka ßeis ; vgl. zu 26 u. oben 
s. 19. — bummaldicka u. s. w. gehört in die märkische methyologie (s. unten i ; 
bummeln, baumeln; bummalheärman , bummler. 

30. dingan, dingas, n , ding. — bäußast, m., bofist, wahrscheinlich aus bo und fist zu- 
sammengesetzt, ßast, m., ist bauchwind, Schleicher, zum y erb fisian ; feist zu hd. 
pfeisen; Z. 11, 241. III, 7. kdkalfista, ein naßes holz, welches an den herd gelegt 
pfeiset. Der gedrückte bofist fistad \pfciset). In b6 vermute ich ein mit lat. bufo, 
ital. bofta verwantes wort. So heißen ja auch die pilze überhaupt bei uns huckan- 
staüla (krötenstühle; vgl Z. III, 5001. 

31. Man vgl. noch: dräiga i trocken, dürr; Z. III, 372. 424, 2) dat et rappald; rappal- 
dräiga ivgl. rapp-ldörr, Z. II, 192, 26). Znfuat, d. hintere, vgl. Z. III, 400. IV, 
13. — rappaln, klappern, steht im mutenwechsel mit raiteln, raßeln ; vgl. to rap. 

32. druanan, dröhnen, stöhnen, vom dumpfen gebrüll des rindviehs; vgl. nord. drynja, 
mugire. Sinnverwant ist mechtan. 

33. brandduir ist zu verstehen wie sältarich (salzig) ir sehr teuer. Engl, brandnew 
wird dagegen wie unser funkalnir/ga zu faßen sein. 

34. duistar, dunkel, alts. thiustri aus thunstri für thinstri, ahd. dinstar. Zwischen die- 
sen Wörtern und hd. finster findet der bekannte Wechsel von anlaut. th und f statt. 
Vgl. finster wie in der kuh, Auerb. — stiaka duistar, hell, stikdonker, bei Hans Sachs : 
stickfinster "zz stockfinster, stiaka ist ags. sticca, stock. Vgl. oben s. 27. 

36. kuasa, f. {zz kussa für kwissa), altes mutterschaf, dann altes tier überhaupt; vgl. 
ags. cvissan, terere, also .ovis trita. Z. IV, 226. Verwant sind kwiasal (zz kioissal)^ 
alte nonne; kuasal, unreinliche alte; adj. kuasalich; verb. kuasaln. 

37. fdka, oft; daß es dat. plur , zeigt deutlich: tho 80 vaken (vicibus); Z. IV, 277, 43; 

wiamaln, wimmeln, sich bewegen, wedeln; vgl. Z. IV, 269, 18; das locale und al- 
tertümliche „an" statt des sonst den Instrumentalis ersetzenden „mit-* (med) auch sonst, 
z. b. hä wiamelda an dar unnarmSula (Unterkiefer i, von einem besprechenden, der 
nur murmelt. 



.g4 Sprichwörtliche Vergleiche aus der Grafschaft Mark. 

38. der bock (ags. häfer) gehört zum haber (alts. havaro^. Da unser häwar weiblich, 
so hört man hier zu lande auch in hd. rede meist „die haber". 

39. bradbehrdn, bratbirnen. bear, f., ags. berige, woraus engl, berry, wird nicht aus 
pirum, sondern aus bari [zz basi) entstanden sein. Im sinne von beere nimmt es 
in compositis bei uns gewöhnlich die form berts (z. b. ka'sberts) an, die fruchte des 
Weißdorns heißen aber meälbSurgri. Das Sprichwort meint kleine, zum dörren be- 
stimmte birnen, die man recht reif werden läßt. — ßaifj9, f., ags. fleöge, fliege, 
setzt alts. fliuga, fliaga voraus. 

40. Balve, ein köln. Städtchen an der ostgränze der ehem. grafschaft Mark. — In 
Dü'djj'm, Dortmund, liegt andeutung des altern Dortman, Throtman. 

45. üärffdl, n., orgel, mnd. oergel, n., holl. orgel, n. — snagel, Schnecke; Z. III, 262, 
60. — gliuirsn, schimmern, glühen (ohne feuer), von glühwürmern, faulem holze. 
Verglichen mit büargn (rz burian) fordert es ein altes glurian , aus starkem gleran 
entspringend; vgl. Z. III, 377. — hottein, hottsn, gerinnen, v. süßer milch; hot, 
pl. hottsn, geronnene süße milch; vgl. hd. hotzeln ( schrumpfen l Wenn ein gewis- 
ser mürber schiefer hottanstMn genannt wird, so wollte das volk wol die coagulatio 
{neptunische bildung) bezeichnen. — att9 zu dat he, daß er. — hwabbeln, von 
Jewabbsl, fetter hervorschwellender körperteil; adj. Itwabbglich ; vgl. altn. qvab. Zu 
Albringwerde nennt man die wachtel: kwabbglfet. hwabbal gehört zu den Wörtern, 
welche in andern mundarten die anlautende guttural abgeworfen haben ; Z. III, 538, 
39; vgl. wabbdln, wabbdl, wabbsUch; kwäs9 — wasen ( reisbündel ) ; kv>idJc9 — ags. 
vicce ( sorbus auc. ) ; kwelld — well u. a. m. 

46. vgl. they 'sc. the breeches) are as rotten as dirt [dreitd, dreck; Z. III, 260, 22. 261, 
48). Tristr. Shand. 8, 214. Da, feul zunächst wol mürbe (wiü«?", sjorok; \g].f{ilböm, 
ags. fulanbeam, von mehreren holzarten, deren jüngere zweige leicht brechen), dann 
verrottet [rüätsk, engl, rotten), und endlich stinkend bedeutet, so halte ich hinzu 
faildn (stinken'i. Wie nun däip9n, taufen, sich zu deiipdn, tauchen, stellt, so fäilan 
zu altem fiulan, fol, welches die quelle des adj. feul sein wird. 

47. Vür ßal (viel) wird oit ful gesagt; vgl. berg. /ö7, westmärk. /«ö/. — grand, m., 
grober sand, zu altem grindan (malen); abgeleitet ist fjränn9n (grend9n): 1] von 
qrand reinigen. So mußten die umwohner der zwangmühlen jährlich einmal den 
mühlengraben „grenden" ; 2) grand freßen, von hühnern. — Unsere mundart kennt 
nur sei (see), f., kein meer ; daher auch die composita : Iibb9r8ei rr ahd. lebarmeri ; 
seiniH'ls, meeramsel. meärr^äk, mirreak, meerrettich, gehört zu mSar, pferd. 

48. ßäisich, häßlich, ein in Iserl. überaus häufiges wort, wird, wie lapsich für lapjpisk, 
poliisich für politish , aus flättük oder flatUk entstellt sein ; sein anlautendes f ist 
für ein verhärtetes w zu halten; vgl. ags. vlsetan, foedare. 

49. Die kohltreiber ( kohlenvertreiber) in den mark, steinkohlendistricten gelten für vir- 
tuosen im fluchen. An die bei Firm. I, 366'' gegebene probe mögen sich hier zwei 
andere reihen. Pastor. Nun, flucht doch nicht, mein freund ! — Kohltr. Nei, fiar, 
swearen un flauksn dau ek nich ; mä hol mek 6iwich un ditoich d9r Döüwal, do 
kual9n aid quodl — Du junge, an ddäm ek so füöl (viel) aiöck9 kaput g9hau0n 
heffe as büinio in minsm bdargs städ (stehen), ek wol (wollte), dat hunnerd düsend 
qlaintigd döüwdh k&m9n un di so daip9 in dd urde trampeld9n as de'drtich ( drei- 
ßig) hdsen in draihunn9rd jaren loupen könd ! 

50. Dem zweiten spräche muß ein verschollenes tiermärchen zu gründe liegen. 

51. fräu, froh. Wie der kuckuk durch seinen ruf erfreut, mag er selbst auch der frohe 
heißen; vgl. as gay as a lark. 



Sprichwörtliche Vergleiche aus der Grafschaft Mark. Q5 

52. freid, scharf, zäh, alts. wreth ; vgl. Köne zum Hei.,' 633. — mostdrd, m, senf; Z. 
lY, 30. 

53. Verstehe: als ein stärkerer hund sich über den korb hermachte, in welchem das 
fleisch für den herrn war. Man sagt dies von bankbrüchigen, die vorher noch et- 
was der masse zu entziehn und für sich auf die seite zu bringen wißen. 

54. nui aus 7ii für nie, nio zz ni iu; so wird i in unsern mundarten häufig zu ui. — 
flauTtian, trüben; y^awrw, trübe, vom waßer. /für w ; Radi. II, 274: wlömst. Vgl. 
dän. flom, flutwaßer. 

57. bman, braten; braid ; bru9n; vgl. ra'an (raten), sya'on (zinsen, ertrag geben), 
syra'dn (schroten), blassn (blasen), latan (laßen). 

58. haf, n., gewöhnlich Icäwd, f., spreu; vgl. ags. ceaf, ahd. cheva. Z. II, 120. IV, 31. 

59. gail, 1. fett; 2. üppig (vom Wachstum); 3. libidinosus ; alts. gel, ags. gäl. Da un- 
sere erste redensart zu Rheda lautet: so y'dggl as ''dt mous im yardn^ so steht zu 
vermuten, daß dem gail ein altes gagil zu gründe Hege, wie neben ags. gäl ein 
gägl und gagol in gleicher bedeutung vorkommt. Wir hätten demnach hier eine 
sehr alte Schmelzung des g (durch j) zu i, wie später aus hägel das engl, hail, aus 
aw. hagil das süderländische ha'sl geworden ist. 

60. gau, nicht zu verwechseln mit gau^ schnell (Z. III, 25. 376), bedeutet klug, schlau; 
daher gaudaif (gaudieb) und vielleicht gauner. Wahrscheinlich steht gau für glau, 
wie paisa für plasia; hat ja auch ags. gleav die bedeutungen beider, unseres glau 
und unseres gau. — duäla, f., dohle. 

61. gedl, gelb: alts. gelo. — hwalstdr^ f., die grüngelbe baumwanze, engl, knolster; 
vgl. hchd. qualster (zäher schleim) und qualle. 

62. gasmeard, geschmiert. — niswal, f., nebel. — undilanich, nicht taugend; düanich 
für duegendich, zu dvagen, taugen; eine bildung wie lebendig vom ptc. lebend. 

63. d. h. so knapp, karg genährt, garaisi, ptc. von raisan , hier wie engl, to raise rr: 
surgere facere, dann fig. aufziehen, erziehen. 

64. prewmQ, f., pfraume, häufiger pflaume; nach lat. prunum. 

65. sür, n., eßich, von sür, sauer. — ösöich, öchsig, den ochsen begehrend: da kau es 
össich; hier im scherz von der katze. 

66. mällar, n., (zz: mäldar), malter. Id leidet assimil., nicht aber It, wie denn z. b. 
kein mensch bei uns höller für hölter (hölzer) sagen würde. 

68. Wermingsen, eine bauerschaft östlich von Iserlohn. — peiCta, iserl. für parta, pforte. 
— meuna , f., für müna, mond. 

69. gifttch, böse, zornig; Z. III, 188, 33. — huclce, kröte; s. oben zu 26. — otter, f., 
natter. 

71. meula , f., maul, auch von menschen statt des wenig bräuchlichen mund; vgl. nr. 

37. — kruäpen, gekrochen; Z. III, 251, 75. 
76. vgl. Z. III, 356. 360. gruäf, grob, bildet den gegensatz zu fein. Vom (buttan) 

benehmen des menschen gebraucht, ist es wol nur nachahmung des hd.; doch nennt 

man gewisse Charaktere feina med gruawa opsleage — gruawa stemma ist richtig; 

man halte dazu to speak gruffly. 

78. hännich (für händich), 1. handlich, bequem; 2. zur band gehend, dienstfertig; vgl. 
ahd. hantlich, engl, handy. Z. IV, 227. 

79. hnuakan, m., knochen. — astüga hard, sehr hart; von holz, acker. Das wort 
scheint aus asstüga für as stude (wie ein pfost) zusammengefloßen, vgl. ags. studu, f., 
postis, columna. Im kr. Iserlohn trit selten ein g oder h für d auf (Z. III, 100. IV, 
281, 5): funkl'dun, fundlohn; manga mande ; mengal (für mandil), gröbs; ungarn 
(für undern, Z EI, 338), unterstündchen halten. 

5 



ßß Spricliwörtliche VergleicTie aus der Grafschaft Mark. 

80. heit, heiß; vgl. et es so heit dat dd kaWn hidsed. bidsdn (zu bisaan), wild rennen, 
vom rindvieh; Z. lY, 204. 488. 

81. smachtlapp9, hungerleider. lappa dient in Zusammensetzungen zur bezeichnung ei- 
nes verächtlichen menschen; vgl. sgandlapf-a , smeurlappd. laps, f., ist, wie dän. 
laps, zzz laffe; lapsich, läppisch. 

83. meigen, pissen; Z. II, 134. III, 561. IV, 130, 52. 

85. vgl. „trinke bruderscliaft mit den kalten fröschen," W. Müller, dopp. vateri. — Das 
gewis uralte attribut des frosches weiset auf die ableitung vom ptc. des verbs friu- 
san, frieren. Ein anderes auffälliges merkmal, das hüpfen, lieferte in Westfalen 
I Nieheim) den namcn höpper (frosch). — at et bit , daß es beißt. — wätdrhäld, 
naßkalt. 

86. „der große Gott von Soest" ist ein dort im münster verwahrtes wundertätiges bild, 
angeblich Karls des großen patengeschenk an Wittekind. Die form Saust verlangt 
altes Suasat (urk. Suosat, Sosat) ~ proprium; vgl. Köne zum Hei. 402. — ha- 
baük^ , hagbuche. — hocht, gehauen; aus haugsd, ptc. von fiaugan, muste durch 
lautabstufung regelrecht hocht entstehen. — haVsti (zu haidon) , alts. hethin, ver- 
nunftlos, brutus, wird nur mit dir und feih verbunden. Davon haidd, m., paganus, 
zigeuner. — fua't, fuhrt, m., furz; fuärtdn, farzen. — löcht9, f., leuchte; löchtan, 
leuchten. — mollcdntäiw9r, m., anderwärts molksntäiwsnsr, m., (molkenzaubererl ist 
bei Iserlohn der gewöhnliche name eines Schmetterlings; Z. IV, 268, 5. 

87. älbert9, erdbeere. — sluiked, schluckt, zu sleuJcdn ; släuh; sluakan. 

88. keip9 , f. , kiepe , tragkorb für den rücken ; vgl. Z. II, 44, 32. So im Süderlande ; 
auf dem Hellwege bezeichnet es auch einen flachen armkorb. drSagen, getragen, 
zu drSugan. 

89. bessern, m., besen; ags. besma. — sgit, scheißt, zu sgeitdn; sgeit; sgi9t9n. 

92. sik kr&nan, langen hals machen, sich in die brüst werfen, sich breit machen; vgl. 
krukrand, kranich; kränsn, m., liahn am faße, an der kaffeekanne. Vgl. nr. 26. — 
s'greuthanen , truthahn; Z. III, 266, 2, 1. 

94. ßiis9nbuagan, m., bogen, von welchem flitsan (pfeile) geschoßen werden. Z. II, 124 

236. ni, 285, 131. Pfeil heißt bei uns rmr pU ; ßitss aber wird noch figürl. ge- 
braucht in : dumm9 ßits9n, allerlei flit89n im kopp9 hew9n. flits9 entstand aus fiitt9, 
jetzt flU9, lanzette. Neben flitt9 gab es wol ein flikke, woraus ital. freccia und franz. 
fleche sich bildeten. 

95. 8teuk9n, m., stammrest eines baumes; vgl. hd. stauch, stauchen =r muff, nach der 
ähnlichkeit, und verstauchen, Steifigkeit verursachen, wie unser stuik, steif, hart- 
näckig, beweiset. Vgl. Z. H, 171, 68. 

96. kui'srn, sprechen; Z. III, 350. IV, 241, 2. 

97. kü9t9l, m., excrement, vgl. hd. kot; Z. III, 431. 261, 48. siehe nr. 109. 

98. Zu dem accusativ (dativ) bei lachen vgl. die ähnliche Verbindung des hd. zür- 
nen. tänpein9, f, Zahnschmerz; so koppein9, ar9npein9, Uifpting. — smeärt, schmerz, 
ist in solchen Zusammensetzungen ungebräuchlich. 

99. laif, lieb. — daif, m., dieb. 

100. Iäip9d, lauft, zu läup9n. — brei, m., lautete wol ursprünglich brtg, wie ags. brtg 
neben briv vorkommt, brtg ist noch jetzt in Rheda gebräuchlich. Vgl blig zz blei. 
Der zweite spruch geht auf unwillkommene, geringgeschätzte begleiten 



Niederdeutsche Ausdrücke für ^trunken sein". |J7 

Niederdeutsche ausdrücke für „trunken sein'', 

zumeist aus dem kreise Iserlohn. 

Von Friedr. Woeste in Iserlulm. *) 



Statt hier zu ordnen, wie Körte (Sprichwörter) es versuchte, laiSe 
ich meine methyologica lieber alphabetisch aufeinander folgen. Wer den 
ausdruck versteht, erkennt meist auch den grad der trunkenheit, den er 
bezeichnen soll. Man wird in dem, was hier geboten ist, nicht so viel 
witz und guten humor gewahren, wie in Lichtenberg's und Körte's 
samlungen. Natürlich! Diese niederdeutschen ausdrücke sind wol gro- 
(ienteils unter dem nebel des fusels gewachsen, der schon im 16. jahrh. 
ein fluch unserer berge war. Schon damals übte der „mountain dew^ 
eine solche anziehung auf die bürger der freiheit Altena, dap obrigkeit- 
liche Satzung dort den schank beschränken muste. „Thom elfften,'' 
heijit es im statutarrechte , „wan jemandt gebrannten wyn feile heift, 
den sali hey nycht tappen ader verkoipen under metten myssen sermo- 
nen und gottzdiensten, oick nymande so vyle tappen, dat hey dairvan 
druncken oder vuU werde; allet by peenen der fryheit broecke.^ 

Vorbemerkung. Man lese e := ei, i rr: ei (ui), ö :== äu (eäu), 
ü r= ^u, ü =z: ui. 
Hai es 

1. ofnahrand, angebrant. Man riecht ihn also; zugleich anspielung auf 
brantwein und hreändr (säufer). Vgl. Z. IV, 208. 

2. dnasguatan, angeschojien, d. i. aufgeregt wie ein angescho,5enes wild. 

3. hddwdsdld, betäubt, dussehn (weiches ss, wofür mark, ds) drückt den 
zustand von Schlummer, träum, betäubung und Schwindel aus.. Vgl. 
ags. dysig (stultus); engl, dizzy; Lessing's dusseln = träumend 
gehn. Unser dudsa (dussdj ist schelte für ein weibsbild, dem es an 
leiblicher und geistiger wackerheit mangelt. Zusammenhang mit 
disdn, rennen, wurzel d-s, nach dem bei nr. 61 gesagten. Z. III, 
228, 14. 

4. hdniawdld, benebelt, niawal, nebel; idw =: iww; die doppelung rührt 
aus dem bestreben kurzes i fest zu halten; ? goth. nibls. alts. 
nebal. 



*) Mit Verweisungen auf diese Zeitschrift vom Herausgeber. 

/ 6» 



(i§ Niederdeutsche Ausdrücke für „trunken sein". 

5. hdrüskdd, berauscht; vgl. nr. 56. ,. 

6. hdsuäpdJi, besoffen; sv/pdn, sop. 

7. hummdldicTcd, baumeldick; nr. 120. 

8. dichd, dick. Man beachte das d! • 

9. driläiodr, drüber. 

10. drunhdn, trunken; drinkdn, drank (driink). 

11. dudnd, eng, voll; vgl. IV, 272, 122. 

12. half elwdn, halb elf. ? nach nr. 14 gebildet. 

13. lialwdr drümvdr, halb drüber. 

14. halwdr sidwdn, halb sieben. Wäre hier sidwdn =z trans, wie in Sie- 
benbirgen? bedeutete unsere redensart trans mare, d. i. halb über- 
gefahren, halb im totenreiche? vgl. half sea's over. 

15. liimmdlhugaldickd ; volkssuperlativ. 

16. khnüvandickd , kanonendick. 

17. Idüppdldickd , hnüppdldickd , knütteldick. nr. 69. Z. III, 283, 107. 

18. recht knuhhelich, steif wie ein knuhbdl, knubhdn, d. i. knorren. Z. 
II, 320, 18. 

19. kniil, gefüllt, voll; Z. III, 283, 107; bekant als studentenwelsch. 
Es passt zum knollenfudsel (kartoffelbrantwein), doch nicht daher zu 
leiten. Ausdrücke des schalles tragen sich auf fülle, menge über; 
vgl. mark, knal (knal, schlag) in : hai h^äd sik an gudddn knal op- 
sgeppdd; berg. ebenso : dn goddan puf ', ähnlich mark, aw giiddan stach; 
dazu franz. beaucoup. 

20. kiidtaldickd ; vgl. unser sprichw. : med d^äm ged et fan ddr sgUdtal 
(schü(3el) oppdn küdtal (excremente; Z. III, 261, 48). 

21. rdcht malum, recht schlecht. Warum neutr. von malus, sagt viel- 
leicht nr. 124. Doch was genusregeln für saufnickel! — Der bei 
ostfr. molum versuchten ableitung von fAtölvg komme wenigstens zu- 
gute, da[i ein o mega zum nd. alpha werden kann: taks =z d'üJKog, 
ttäxog (podex). 

22. 7iat, nät, na(5; ebenso madidus; vgl. 98. 

23. 6k nit mär n'öchtdrn (nüchtern). 

24. parat, fertig; sc. das schwein; paratus. 37. 39. 

25. smlich, selig; alts. sälig, mnd. sälich. ^ä ist ä-brechung durch fol- 
gendes i. 

26. selfanndr, selbander, d. h. er und der ihn führen mu(3. 

27. sgef, schief; das hd. hat falschen auslaut. 

28. sgef wickdld, schief gewickelt; anderwärts =z verkeiirter ansieht. 



Niederdeutsche Ausdrücke für „trunken sein". Q9 

29. sgichar, trunken; judenwelsch v. IDtt'". 

30. smearich, schmierig, d. i. schmeichelnd; zu smeardn, schmeicheln, Z. 
IV, 226; bekantlich erzeugt sich diese neigung durch ein gewisses 
ma(3 geistigen getränks in manchen naturen; vgl. 42. 

31. »nepjpandickd , sclmepfendick ; wie so? nr. 20; oder hat sne])])d, wie 
engl, snipe, noch andere bedeutung? 

32. star9ndickd, sterndick; volkssuperlativ. 

33. st^f, steif; hd. f nicht im rechte ? i 

34. strak, gerade, steif; Z. IV, 139, 6. 

35. stüärtadicka , dick zum stürzen. 

36. sicdt, schwarz. Der Germane trinkt sich schwarz, der Franzmann 
greis (se grise) ; — der Germane errötet über und über, der Franz- 
mann bis an die äugen; — dem Germanen geht der regen nur bis 
auf die haut, dem Franzmann aber bis auf die knochen, u. s. w. 

37. terecJitd, zm-echt, sc. der Schweinigel; vgl. 24. 

38. faldickd, dick zum fallen; einige gedanken vernünftiger als nr. 35. 

39. feddich (iür f erdig), fertig; vgl. 24. 37. 

40. fet, fett, sc. das schwein. 

41. ful, voll, s. oben das Altenaer Statut. 

42. zartlik, zärtlich; tart für zart ist selten. Vgl. 30. 

Hai es 

43. dn best, ein vieh; Mst, n., lat. bestia; Z. III, 494. 

44. 'nd südga, eine sau. 

45. dn rechtan ßwed (Schwede); Z. IV, 139. 

46. dn swin, ein schwein. 

47. dn swinidgal. 

48. dn feärkdn, ein schwein. fe'äi'kdn, n., wiewol diminutiv, bezeichnet 
doch nur selten ausschließlich das kleinere schwein, s. am ende 
(grabschr.). Für hd. ferkel (zu varah) haben wir ßakdl fßckdlj, 

feärkskdn u. a. Wörter. Z. IV, 313. 
Hai es in 

49. ddn boiidti, in den bohnen, d. i. seiner geisteskräfte nicht mehr mäch- 
tig. Die redensart bezeichnet auch geistesabwesenheit ohne rausch ; 
vgl. er ist mit seinen gedanken im gerstenfelde. 

50. im dampd, im dampfe; vgl. 58. 

51. im, dudsdl, im dussel; vgl. 3. 

52. im gosdliidTUdl, im gänsehimmel; sonst = ohnmächtig; vgl. hi dar 
(JOS sin und (j6sd7i = ohnmächtig sein; in dar gos sin = zerstreut 



70 Niederdeutsche Ausdrücke für „trunken sein". 

sein. Z. III, 366, 18. MögKcli, dap gds hier aus god oder Gwodan 
verderbt worden; vgl. indes auch: im zi'dn hidmdl sin, kr. Altena. 

53. im hurra, im hurra; vgl, 57. 

54. im xwdr, im eifer; wol misverstandenes franz. ivre, ebrius. 

55. im ried f? riatj, in dulci jubilo, in floribus. Es dürfte schwer sein 
zu entscheiden, ob dieser ausdruck stamme von 

ritdn, also = ri(o und zusammenhängend mit angeri(3en, saucius vino; 
oder von 

riddn, also = ritt, vgl. hä Mäd dn riad (lustige fahrt) yü^aV; oder ■=. 
ags. hrid, fieber; oder =: 

goth. vrithus, caterva, grex, für welches wort im mwestf. wraedt 
(für wrad) ■=. ags. vräd verwendet wird, vgl. Seib. quellen I, 112; 
oder endlich ein writh = flos. Zu diesem letzten vgl. Stürenburg 
ostfr. wb. s. V. ritt, der ein ritt =r. froschlaich, afr. rith, aufführt. 
Das verstehe ich aus ags. vridjan (crescere, fiorere) und glaube ei- 
nem nd. writh (blume, laich) in folgendem den taufschein geben zu 
können. Mit bestimter hinweisung auf froschlaich lehren unsere 
bauern : loan dd erst3 hlaumd fdrfrusdd, dan gidd et dn siecht frojar. 
An der Ruhr nennt man die scharen ziehender fische, welche zum 
laichen in die bäche aufsteigen: o^iddfiskd, was ich jetzt lieber aus 
lorith (blume, laich), als aus writh, caterva, verstehe. 

56. im 7'vskd, im rausche. 

57. im sturm3, in heftiger aufregung; vgl. unser: et ged stürm (adv.); 
hä arbed stürm. 

58. im swdm9 (■==. swademja), im schwadem; vgl. 50. 

59. im stoet, im schwei(5; vgl. 50. 58. 

60. im swiifudl, im Schwindel; vgl. stoim^lich, schwindlig, ags. svima, 
svämjan. Vgl. 61. 

61. im süsä, im saus. Wörter, welche die verwanten zustände des Schla- 
fes, der ohimiacht und des starken rausches ausdrücken, entspringen 
häufig aus einem verb der bewegung. Das scheint sonderbar. Man 
bedenke aber, da(5 diese ausdrücke eine empfindung bezeichnen sol- 
len, welche nicht selten den Übergang aus dem bewusten zustande 
in den bewustlosen vermittelt. Dahin gehört die der schaukelnden 
bewegung; weshalb man diesen mittelzustand bei kindern durch wie- 
gen künstlich hervorzurufen pflegt. In den schlaf fallen, in Ohn- 
macht fallen drücken mehr aus als das wirkliche leibhche hinsinken. 
Rausch und saus bezeichnen noch etwas anderes als den lärm der 



Niederdeutsche Ausdrücke für „trunken sein". 71 

Zechbrüder. Märkisches bdswaugan (ohnmächtig werden) ist ags. 
svögan (mit geräusch umherfahren). Neben svima (deliquium) steht 
svämjan (rotari, circumagi). släpan ist im gründe eins mit sväpan 
(to sweep), mindestens rührt es geradezu aus slaip, dem prät. von 
sleipan (schleifen, gleiten), vgl. nr. 3. — Beiläufig ist zu bemerken, 
da[5 sitsä auch wiege bedeutet; ich denke, nach dem reime: süs9, 
ninnekdn, süsa, worin ich nicht blo(5 nach slap, hinnekdn, släjj ein 
süsdn := schlafen annehme. Sonst kann, wie man es hier gedeutet 
hat, süsan auch singen sein, da dessen antecedens sisan uns sisesang 
und dädsisas hinterla(3en hat^ worin ein leises summendes singen 
ausgedrückt sein dürfte, wie ja auch sisgn ein leises zischen be- 
zeichnet. 

Hai heäd 

62. sih endn dnawiskdd (angewischt). 

63. endn am ar (ohr). 

64. dan halg ful. 

65. tefidl Ungar (unter) da halkan (m hiian, zimmerdecke) kiekan (ge- 
blickt), sc. beim hinter die binde giefSen. 

66. dan hast (fig. für haut; Z. ni, 369, 4) ful 

67. sik hahdmald, sich beschmutzt; auch eigentlich. Erklärung aus hel- 
hdmal, glockenhammel, leithammel, fig. auch schmutzhammel, leidet 
die form nicht. Ich denke an die w^urzel h-m (bedecken); daher 
dann: mit kot bedecken und fig. sich besaufen; vgl. nr. 115. 

68. sik hakleädard, sich beschmutzt (eclabousse). Wir haben auch he- 
kl^ätarn, westm. hakladdarn; vgl. holl. bekladden; kladde, concept, 
Schmutzschrift, da devTva heäd sek hakladdard, von einem gefallenen 
mädchen. Kleätarjpot (kotlache), ortsbez. in Deilinghoven. Kletter- 
polsch, mw. name. Unser wort liefert ein beispiel für die unor- 
dentliche lautverschiebung der dentalen. 

69. sik haknüpjpald, sich steif getrunken ; vgl. 17. 

70. sik hanöchtard. Keine Ironie 1 kein ernüchtert! Das reflexiv bedeu- 
tet sonst im guten sinne: genießen, sich etwas zu gute tun. he- ist 
also privatives. 

71. sik haslahhard, sich verunreinigt. Dieser begrif liegt in der compos. 
mit ba-. Das einfache slabharn bedeutet: fallen la(3en, freilich am 
häufigsten mit bezug auf die speisen und getränke, die man eben 
genie(k. Z. II, 285, 7. in, 133. IV, 288, 451. 

72. sik hasm^ard, sich beschmiert. 



"72 Niederdeutsche Ausdrücke für „trunken sein". 

73. sik basmücbld, sich besudelt. Rührt südein aus swüdeln z=z smü- 
delnl — smüddl ist schmutzige person, smüdalich, schmutzig. Of- 
fenbar lehnt unser verb an smitan und hd. schmutz. Also wieder 
ein beispiel für die Unordnung der dentalen. 

74. hüärssdld, gebürstet, ss assimil. aus st. Vgl. rachenputzer = schnaps 
(Z. III, 13), auch: saufen wie ein bürstenbinder. Z. III, 358, 1. 

75. dan huttan (leih) ful. 

76. te daipa (zu tief) int glas kidJcan. 

77. dat dirJcan (tierchen) saihan. Geht das auf das pathologische tiere- 
sehen fertiger säufer? 

78. dan Duwdl fid. Der sauffceufel will sein gereich haben. 

79. ganaug, genug; alts. ginuog. 

80. sin ganaigd, sein genüge; alts. ginuogi. Der umlaut von au lautet 
bei uns ai und aü, wie der hd. umlaut von u nicht blo(5 ü sondern 
auch i ist. Ich ziehe ai als die ältere form vor; im mw. schrieb 
man dafür oi , weil gewisse au durch 6 bezeichnet wurden, ai als 
umlaut von au ist uralt, da die prät. aller goth. stf. verba der laut- 
reihe ei-ai (für älteres ui-ai) dasselbe darbieten. Diese lautreihe 
ist aber nichts anderes als umlautung der lautreihe iu-au. 

81. gdwis al (schon) an glas tahruhkan. tahreakan, zerbrechen. Z. IV, 139. 

82. gläsaf-na ogan, gläserne äugen. 

83. sik de guargal (gurgel) waskan. 

84. sik enan gunt (gegönt); günndn, gunta, gund. 

85. an Mkaii. ? vgl. 125. 

86. an harhul, einen haarbeutel. 

87. te lioga opbüard, zu hoch aufgehoben. Z. II, 96, 39. III, 384. 

88. a7i itam; lat. item. 

89. sih enan kniapan (gekniffen). 

90. kopphia, kopfschmerz. 

91. sik man koft (gekauft). 

92. wuat in dar krona (=: schädel, köpf). Vielleicht erinnert es an eine 
andere corona; vgl. es da platta f kröne J sgüäran, dan es 'n^ häiwad- 
sünna (hauptsünde) hüaran; oder: Har, usa kalf wel nit süpan! — 
Äi, derna, ga un lat 'nto da platta sgearanl 

93. wuat im krül (scheitelhaur) ; von zorn und rausch, hälunsk lül (sehr 
berauschendes hier, vgl. Fischart, Garg.) dat stigad iäm (einem) int 
krül. Vgl. Z. IV, 440, 5. 

94. te fid fam kuartan (kurzer = brantwcin). 



Niederdeutsche Ausilrücke für „trunken sein". ^8 

95. sina ladunga (ladung). 

96. wuät op de lampd nuo/nwn (genommen). 

97. sih dd ndsd bdguatdn (begoßen). 

98. nät9 hem, na[5e fü(oe; vgl. 22. 

99. enan am niiasdl (nase); nüssal (weiches ss) r:r engl, nozzle. 

100. sih eion jpackdd (gepackt, gefapt). 

101. ddn pansdn (wanst; Z. IV, 482) ful. 

102. te fidl pickdld (getrunken), nd. Ickal geht zuweilen in folge der 
elision in cM über; so wichler für wickeler. pichahi darnach ■=: 
pickehn, zu pickdl (mark, pidkdl), engl, pickle =z pöckel; also = 
einmachen; Zusammenhang mit packen? Vgl. Z. IV, 217. 

103. te ßdl fidkdld. Dabei sei bemerkt, da(5 mir nur „Jiai kan fidkdhi =: 
saufen" überliefert ist. Ist das ein pickdln mit verschobenem an- 
laute ? Vgl. ßckd, tasche, und das obsc. fickdn. Oder steht fiekdln 
für ßrkdln, anderw. verkeln =: schlagen? (Z. III, 365, 13. IV, 14. 
262.) Oder endhch wäre es ableitung von fiekdl (fickdlj , ferkel? 

104. op en rad lä'dn, auf ein rad (also schief) geladen, ladn, alts. hla- 
dan, ist jetzt häufiger schwf. Vgl. 106. 107. 

105. sad, säd, satt. 

106. sgef lad, schief geladen; Z. II, 75, 16. IV, 360, 29. 

107. sgef oppackdd, schief aufgepackt. 

108. dd sgianpipan (schienbeine) dv^nd (voll). — pipd. röhre ; Z. 85, 29. 

109. dd sgidnptpan ful. 

110. '7id snid (schnitte) nuämdn; Z. IV, 139. 

111. üöwdr cfo siiüar (schnür) Tiavjan; Meinerzhagen. Iserl. snäur — 
hocht 

112. 971 klatTidn spits koft; vgl. er hat einen spitz; bei uns hd. : er hat 
eine spitze. 

113. wuat im stöpsdl, etwas im oberstübchen. stöpsal sonst nur das ge- 
stopfte am strimipf u. dgl.; oder = stoppan, proffen, tuark d. i. 
korkstöpfel. 

114. swtniagald; vgl. 47. 

115. sik taudecked, sich zugedeckt; vgl. 67 u. Z. IV, 48. 

116. uwnan (unten) ut drunkdn. 

117. tefial, zuviel. 

118. dan klaiiwn fingar basaihen, sc. der beim überheben des trinkgla- 
ses ins äuge fällt. 

119. enan (sc. rausch) weäg. 



74 Niederdeutsche Ausdrücke für „trunken sein". 

Hai 

120. hümald, baumelt, bümdln, hummdhi, bommdln, sich hin und her be- 
wegen, wie der hommdl (klöpfer) einer glocke; vgl. berg. 'röm 
homrwln, umherlaufen, hd. bummeln, bummler. Z. IV, 27. 

121. kan op ddn heudn nit mär stan. 

122. es ok al (schon) in der ewigdn lampd w4äst. ? ewige lampe =: 
schenke, wo, wenn die löbliche polizei gewähren läfit, der gaste 
wegen die ganze nacht hindurch die lampe brennt. 

123. mdkdd m-stridkd, macht m-striche; vgl. 127. 

124. wät (wei[5) nit mär of liä männekdn ader wiwekdn es. Mag also 
wol malum heißen; vgl. 21. 

[125. sgapdr (schäfer), hold ddn hdkdn an! sc. um zu stützen. So sagt 
man bei Unna, wenn ein trunkener vorbeirudert. Aber vielleicht 
ist hier hdkdn ein sonst veralteter tiername, etwa bock (zu hecen, 
hoyken, hockd, hoekd)! sicher ist wol aus unserm jpolliackd ein 
tiername hackd zu ziehen, so gut wie ein solcher in den gleichbe- 
deutigen jpolhämdl und pontäckdl steckt.] 

126. ged selftweddd (selbzweite); vgl. 26. 

127. kan nit oppdm sgramd gan. sgi'äm, m. = schramme, dürfte wie 
jamar (Jammer) im a den richtigen vocal bewahrt haben; vgl. altn. 
scräma. 

128. suhd ddn hiamdl füärn düddlsak an. 

129. suhd de hilgen 3 küduingd füär spitshauwdn an. 

130. suhd ddn hiamal füärn twegroskdnstilckd an. 

131. suhd da kattd füärn lulink an. lulink, m., sperling, eigentlich klei- 
nes geschöpf, vgl. ags. lytling. Z. III, 494. IV, 31. 

132. wackdld. 

SchUe(5lich wollen wir den söfling begraben sein lafien und zwar 
hinter der kirche. Seine grabschrift lautet: 

Hir liod bogräwon Pöitor ächtor dar kdärkan: 

in siner jügand wasso on fdärkon, 

in sinam ällar wasso an swin; 

min Guäd, bat mach hä nü wuäl sin! 



Lexikalische Bemerkungen zu Stürenburg's ostfr. Wb. ^5 

Einige lexikalische bemerkungen^ 

veranlagt durch 

Stürenburg's ostfriesisches Wörterbuch. 

Von Priedr. Woeste in Iserlohn. 



1. Delskdn, geräusch machen, toben (Stürenb. 32, a.). 

unser mark, delskdn und delstdrn gilt nur vom niedertreten und zerwüh- 
len eines bettes, eines heu- oder strohhaufens. Darnach zu urteilen, 
scheint das merkmal „geräusch" unwesentlich und obige erklärung min- 
destens mangelhaft. Das wort hängt zusammen mit dal, deäl (nieder); 
Z. n, 511, 9. III, 26. 

2. Kars, rockschoß (Stürenb. 102, b). 

Hier wird auf gälire verwiesen. Das wort erinnert aber an unser hackdn- 
kurrHtB (hurreits wol für karreitaj, spottende bezeichnung des snvpjpdls 
oder frakrocks. Karreita ist dän. karre et (kutsche); demnach dürfte 
kara nichts anderes sein, als unser kär, f., karre. Da(5 kinder die hin- 
terherfahrenden rockschö(ie karre nennen, ist wol natürlich. 
„Der von Stürenbm'g angedeutete kinderreim lautet: 

N. N. du min llvstes kind 

Fat achter an min kara, 

Un wenn de kara stücken breckt. 

Denn ligg'n moi meisjes all in dreck." 

E. Hektor. 

3. Nit klak qf smak, geschmacklos (Stürenb. 108, b). 

Im Bergischen gilt: nit räk qf smäk = ohne wohlgeruch und Wohlge- 
schmack, insipidus. Bei Iserlohn: nit klak noch smak, ähnlich wie im 
Ostfr. Offenbar ist der letztere ausdruck tautologisch. Smak, die Wur- 
zel von schmecken, ist ursprünglich schallwort und demnächst auf das 
gierige, hörbare e(?en angewendet. Diesem schallworte hat man in un- 
serer redensart ein zweites (klak) hinzugefügt. 

4. Kiilhän, penis (Stürenb. 127, a). 

Ohne zweifei hängt damit folgender beispielspruch aus dem Bergischen 
zusammen: „Do an nöüan äs kills hän!^ Kül (culus) scheint den dop- 
pelsinn von fot (culus und cunnus, Z. III, 262, 70. IV, 470, 29. 12) zu 
enthalten. Ist kuithän [kuiihdn, westf. f. n.) ein synonymum? Es scheint 



yj Lexikalische Bemerkungen zu Stürenburg's ostfr. Wb. 

SO, wenn man unser kuit (unterste hölilung' eines netzes, sackes, strum- 
pfes) vergleicht. 

Dürfte nicht auch an eine anspielung auf künhän (wälscher hahn; 
Z. III, 2QQ) gedacht werden? D. Herausg. 

5. Kütjanhlik, Wachtel (Stürenb. 127, b). 

Zu Brackel bei Dortmund lautet der wachtelschlag: „küjpkdn hlik, küp- 
kdn hlik, kauwau!^ Darin liegt wieder ein beispiel für Verwechselung 
der tenues, zugleich für den möglichen Zusammenhang von kuj^jpd [kü^ppd 
=: kufe) und kuttd (cunnus). Blik ist blank, sichtbar, blo[5; vgl. de 
hlicka ars. — Die Wachtel hei^t in der grafechaft Mark : wachtelta ( He- 
mer), wacheltd (Brackel), kwalihalfet (Albringwerde). Zu Hemer ruft 
sie: „smet mi nit! = wirf mich nicht!'' zu Albringwerde: „wak (? mak) 
di wak! =z mach dich wach!" 

Vgl. Z. III, 39, 37, wo vielleicht auch Kütjenblik statt Putjenblick 
zu lesen ist. D. Herausg. 

6. Matsfot, tölpel (Stürenb. 147, a). 

Darin ist fot nicht fu[5 (was ja fot hei[5t;, sondern culus, podex, wie 
borg, fot, mark. fudt. Aehnlich bezeichnet unser hürdnfuat ein tölpeli- 
ges bauermädchen ; man vgl. auch hundsfot und hoU. bedelaars. Außer- 
dem gibt es ein berg. matsfotsd, als schelte für eine dirne; ferner ein 
einfaches berg. fotsd, mark, fudtsa, ebenfalls schelte für mädchen. fotsa, 
fudtsd ist cunnus. Mats bedeutet schon für sich „einfältiger mensch*. 
Daß es aus Matthias oder Matthäus verstümmelt, ist wahrscheinlich, da 
ja auch andere vornamen, namcnthch Kläs, allein schon „dummer mensch" 
bezeichnen. Ein vollständiges analogon ist: hansarsch. Nachträghch 
fällt mir hier noch ein, daß in einer anekdote bei d'Oxenstirn pensdes 
I s. V. raillerie „matsfotsen (druck: Mahf....) von Dresden" wahrschein- 
lich im sinne unseres kwdterfudt, kwäterbüksa, kwäterkuntd vorkommt, 
wo kwdtern ■=. einfältig reden. 

7. Otrig, faulig, schmutzig (Stürenb. 165, a). 

Wie es scheint, bestätigt das wort meine Vermutung, daß ottdr, schlänge, 
fischotter, ottarlaige, fauler schiefer, hd. ottorbaum, erle (deren zweige 
leicht brechen), eine dem begrifte faul (= verrottet, mürbe, stinkend, 
schmutzig) gleichbedeutige wurzel haben. Vgl. auch: stinkad as -na 
ottdr. 

8. Schabhlunter •=. schuhhdjak, lump (Stürenb. 210, b). 

Was zu diesem werte beigebracht ist, scheint ungenügend; vgl. dagegen 
Z. IV, 504 f. 



Liter.'xtur der deutschen Mundarten. "yy 

9. SchievdliTbg , art groper äpfel (Stürenb. 217, a). 

Auf die frage nach der etjmologie diene: sgiwd (scheibe) ist flachrun- 
der körper. Sgiwdlink heijit bei uns, und mit recht, nur der zwibel- 
apfel, der wenigstens hier zu lande keine „gro^e" sorte vorstellt. 

10. Schldnsmäte , schlagfertig (Stürenb. 218, a). 

Mdta hat hier nichts mit maat (geno(5e) zu schlaffen; es ist unser mat9, 
passend, fähig, bereit, nahe, recht; vgl. Mradnsmata , mannbar, huhns- 
matd, dem weinen nahe, mündkdsmätd, mundrecht, sgüdtmatd, schu(5recht 
(ä, la portee), st^ärwansmatd , dem tode nahe. 



Literatur. 

Portsetzung und Ergänzungen zu 

P. Trömers Literatur der deutschen Mundarten. 



48c. Album des litterarischen Vereins in Bern (Bern, 1858. 8.). Ent- 
hält einige Stücke in Berner u. Solothurner Mundart u. „zur Cha- 
rakteristik des bernischen Dialekts" von Prof. Friedr. Zyro. 

106 d- J. M. Schuegraf. Der Wäldler. Gedichte in Mundart des bay- 
erischen Waldes. Würzburg, 1858. 8. 

196a. Einiges zur Lautlehre u. dem Idiotikon der Nürnberger Mundart 
findet sich in (Truckenbrot's) Nachrichten zur Geschichte der 
Stadt Nürnberg, I. Bnd. (Nürnb. 1785), S. 147 — 174. 

200a- Grübel's sämmtliche Werke etc. Lief. 10 u. 11 (Sclilufs). Nürn- 
berg, 1857. 8. 

211 f- Ein Kränzchen Gedichte in Nürnberger Mundart. Gesammelt aus 
den Schriften mehrerer Dichter der Vergangenheit, sowie der Ge- 
genwart. Ausgewählt V. Fritz Wildner. Nürnb. (1858). 8. 64 Stn. 

217b. J. G. Wagner's Geschichte von *6chmalkalden (1846. 8.) ent- 
hält auf S. 422 — 434 einige Gedichte und eine Sammlung von 
Idiotismen der Schmalkalder Mundart. 

230b. Bürgerliches Zwiegespräch im Binger Dialect, in dem Volks -Bo- 
ten (Beilage zum Binger Intelligenz -Blatt), 1850, Nr. 25. 

380a. Ludw. Schulmann. Norddütsche Stippstörken und Legendchen. 
2. Aufl. Hildesheim, 1854. 16°. 168 Stn. 

417 a. Centralblatt für die rheinisch-westfähschen Enthaltsamkeitsvereine, 



f^ ' Literatur der deutschen Mundarten, 

1847. Nr. 25. (Enthält einen niederd. Brief über die Enthaltsam- 
keitssache V. Fr. Wo est e.) 4 Spalten. 

422b. Fritz Reuter. Onkel Jakob und Onkel Jochen. Lustspiel in 3 
Ä-Cten. Blücher in Teterow. Dramatischer Schwank in 1 Act. 
Greifswald, 1857. 

422c. Fritz Reuter. Kein Hüsung. Greifswald, 1857. 

422 <i. A. W. En poa Blomen ut Anmariek Schulten ehren Goahren. 
Herausgeg. v. Fritz Reuter. Greifswald, 1857. 

444 i. Joseph Haltrich. Aufforderung zu Vorarbeiten für ein Wör- 
terbuch der siebenbürgisch - deutschen Volkssprache, in den Blät- 
tern für Geist, Gemüth u. Vaterlandskunde; Kronstadt, 16. Dec, 
1857. Nr. 51. 



1. Döntjes un Vertellsels in Brookmerlander Taal, de verbreedste Ost- 
freeske Mundart, von Fooke Hoissen Müller. Berlin, 1857. 8. 
158 Stn. 

2. Harm un d' dur' Tied; 'n Kummedistük van Enno Hektor. Au- 
rich, 1857. 8. 35 Stn. 

Wo eine Mundart, zur Schriftsprache erhoben, für die Bildung ge- 
wonnen werden soll, mag es ihren Vertretern immerhin erlaubt sein, 
sowol selbstschöpferisch aufzutreten, als verwandte, schon fertige Spra- 
chen zum Vorbilde zu nehmen und von ihnen zu borgen. Wer hinge- 
gen eine Mundart, die ihre Blüthezeit hinter sich hat und von einer 
herrschenden Sprache immer weiter zurückgedrängt wird, zu literarischen 
Zwecken verwenden will, kann sich nicht zu ängstlich an das Gegebene 
halten, sei es, dafs schriftliche Denkmäler eine solche Mundart vor gänz- 
lichem Untergange bewahren und zum Gegenstande des Studiums ma- 
chen sollen, sei es, dais es auszusprechen gilt, was keine andere Spra- 
che so getreu wiederzugeben vermag; woraus indes keineswegs folgt, 
dafs nicht zu loben sei, wer einer hintangesetzten Mundart, insonders 
für Erzeugnisse der Dichtkunst, die edelste Seite abzugewinnen sucht. 
Und dieses Lob muls man dem Verfasser von Nr. 1 in vollem Mafse 
zuerkennen, sofern er, jede Rohheit ausschliefsend, überall in den 
Schranken des Anstandes verbleibt. Nur Schade, dafs er dabei über 
die Schranken der Mundart zu sehr hinausgesprungen ist. 

Gleich auf dem Titel begegnen wir dem Wort „verbreedste'', das, 
willkürlich nach „verbreitetste" gebildet, in der Mundart nicht vorkommt. 



Literatur der deutschen Mundarten. ^ 

Bildungen solcher Art bringt fast jede Seite, und es ist daher nicht all- 
zuwahr, wenn es auf dem Titel heifst, das Büchlein sei „in Brookmer- 
lander *) Taal'^ verfafst. Sollten wir, den Beweis dieser Behauptung 
zu führen, etwas zu ausführlich werden, so mag, was dem Werklein zu 
viel geschieht, der Kenntnifs der Mundart zu Gute kommen, und über- 
dies gilt es, einmal an einem Muster -Beispiel zu zeigen, mit welcher 
Vorsicht mundartliche Dichtungen der Neuzeit als sprachliche Quellen 
zu benutzen sind, wo dem Forscher die betreffende Mundart nicht völ- 
lig geläufig ist. 

Der Döntjes- Verfasser ist freilich so auffallend verfahren, dafs er 
nicht leicht Jemand für sein Brookmerländisch einnehmen wird. So 
stofsen wir auf folgende Fremdlinge: Garnison, Scepter, Souper, Ban- 
kett, toasten, Revenue, sou verain, Rival, Projekte, Park, Ideen, Akt, 
Korsaren, Vision, Session, radikal, Staaten generaal, Signor inglese, 
Yankee, pohtsk-arkadisk (!), Sibylla (die Mundart hat Stdbill- für: al- 
tes, böses Weib), by Herkules! etc. — und auf nachstehende Wörter, 
die dem Brookmerlande kaum weniger fremd sind: stier, welk, letzte, 
goldig, wenig (im südwestlichen Ostfriesland kommt weinig vor), lahm 
(für lom oder lam, spr. lamm), schön, ehren werth, gedrückt, versiegelt, 
entgegen, entlang, nicht doch, statt (auch statts), drängt, senkt, rasselt, 
ringt, zagt, schwenkt, bückt, schwingen, verdrängen, Ecke, Klippen, 
Senner, Gletscher, Hiebe, Hang, Wächter, Schelle, Gedenkbild, Dolche, 
Bär, Hörer, Sitzung, Gegner, wackre Wahl, Fee, Elfen, Nixen, Meer- 
maid, etc. 

Am zahlreichsten aber, wie oben berührt, ist die Menge der will- 
kürhch aus dem Hochdeutschen übertragenen Ausdrücke. Zwar wird 
bequem übersetzt mit twaar und twars, und während Maienzweige 
zu Maientwieg (plur. !) wird, verwandelt sich Oelzweig in Oeljetack, 
ein Wortgeschöpf, das dem Plattdeutschen noch befremdlicher ist, als 
dem Hochdeutschen etwa ein „Gel-Ast* sein würde. 

Hier zum Belege noch eine Blumenlese solcher nicht platt -deutscher, 
sondern deutsch -platter Wortgebilde, deren keines der jetzigen Volks- 
sprache angehört, wenn auch eines oder das andere in früherer Zeit 
einmal gebräuchhch gewesen sein mag: Daadkraft, Myrthengröti, Twee- 
liicht (ostfries- platt: twedunhem), Frölen, Gelachter, Egg (die Egge 
heilst eid'), Tweespoldigkeit , Hemath, Beisgenoote, Schoonheit {schön be- 



*) Brookmerland ist der alte Name eines mittlem Theils von Ostfriesland. 



gO Literatur der deutschen Mundarten. 

deutet nicht mehr schön, sondern rein), Droomgedanke (!), Gönner- 
wark, N^etbruuk (von Niefsbrauch), Furtschritt, Hartleed (von Herze- 
leid), Siegesteeken, Oogstralil, Aadem (statt dm), v/pgeschörtet (von auf- 
geschürzt), gestegen, tagen (von zogen, statt trukken), vertagen (von 
verzogen, statt vertrukken), scheen (von schien), överwoog, erleven (statt 
hileven) , erstreden, padverlaaren (1), terrunnen, ujperstahn, oogenhlen- 
dend, harthedwingend , lianderingend, maclit'gern, verganglyk, ridderlyk, 
vrolyk, leevlyk, uprecht, allerschoonste (s. o. ScJioonheit) , leevdevull, en 
jeder, inmidden, 't sy , en lastig Eenerlee, hy waaken Sinnen, (wach 
heifst in der Mundart wakker) etc. 

Diesen deutsch -platten Bildungen schliefst sich eine Reihe von platt- 
deutschen Wörtern mit hochdeutschen Beugungsformen an: Wulken, 
(statt wulkens), Parlen (st. parrdls), Knechte (st. knechten), döchter 
(st. dochters), Kleeren (st. kler, des Versmaises halber), heider, keenen 
Dag, hörer twee, Dodes starven, hedaardern Sinnes, van allen beiden, 
mit en gefangnen Soldaten, etc. 

Willkürlicher noch nimmt sich die Wahl folgender Vocabeln aus : 
Loofje (Dimin. von Laube?), Mierendropp (Ameisenhaufe, -trupp?), 
Dwargje (Zwerglein) und Dwarfen (Zwerge), wahr de (werthe), iip- 
richtje, druuve (trübe), Oaade (Gattin), murrein, Meeresswalw , geest- 
hef allen (begeistert?). 

Ob auch die nachfolgenden, uns unbekannten Ausdrücke hieher zu 
rechnen, wagen wir nicht zu entscheiden: Ungedaante ( IJngethüm ? ), 
weilang (fj, degger (dagerf), vergauden (vergoldeten?), verdaan (ver- 
gebens?), Kdbus (wol statt kdiuf, Kabuse), lachjet (lächelt?), ruusjen 
(scheint von rüsjd, Unruhe, gemacht zu sein), in de Mau (S. 128, Arm 
in Arm? Mau heilst sonst Ärmel). 

Einige solcher und andere Mifsbildungen, wie : Oeschacht (Geschlecht?)., 
Ilagehöe (Ilagelhöe), Werschag (w^rslag — Wetterschlag?), schuupsterts 
(slüpstkrts), Plaat (pldts) mögen Druckfehler sein, deren wir in dem 
Büchlein von 157 Seiten nicht weniger als 30 gezählt haben und deren 
Berichtigung fehlt; — etwas miXslich für ein mundartliches Werk. 

Seltsam nehmen sich unter den modern zugestutzten Ausdrücken 
einige ziemlich veraltete aus (abgesehen von einzelnen schon oben vor- 
gekommenen, die als solche mögen betrachtet werden können): meene 
Mee7ite (Gemeinde), hilken (heiraten), eisken (heischen, fordern), icht 
(irgend), vergadert (versammelt), Tover (Zauber), teen und tuen (ziehen), 
— Ausdrücke, die dem Volksmunde schwerlich noch sehr geläufig sind. 



Literatur der deutschen Mundarten. ^ 

Nicht blos durch willkürliche Bildungen, sondern auch durch falsche 
Anwendung an sich plattdeutscher Wörter wird gegen die Mundart ge- 
sündigt. Das Meer heilst dem Ostfriesen See, der Landsee aber Meer 
(mer oder mar), wogegen der Verfasser überall Meer für See gebraucht. 
Den Meeresgrund nennt er Baam (Boden), welches Wort doch nur für 
Fufsboden gebräuchlich ist ; MuH (zerbröckelter, zerriebener Torf) nennt 
er auch den Kiessand, und Schaft gebraucht er ganz unostfriesisch für 
den weiblichen Schatz. Hartslag (Herz, Lunge und Leber eines ge- 
schlachteten Thieres, besonders in der Verbindung kop un hartslag) 
nimmt sich als Uebersetzung von „Herzschlag" komisch aus ; auch stimmt 
es den Ostfriesen nicht sonderlich ernst, wenn er liest: 
Et is so still j as floog der 
En Engel dort Oemack; 
denn Oemack ist als Gemach nur — das heimliche. 

W^ider die Mundart verstofsen weiter folgende Ausdrücke: överhoopt 
( das t ist hochdeutsch , sofern das Wort für „ überhaupt " steht ; 
över- (äöver-, dver-hopt würde heifsen: mehr als gehäuft), se weten 
Raads (das s wegen des Reims), Beest- un Zägen-veh, hinn un hüten, 
mothhartig, kleen (für klein), Naal (statt Nätal), Orööt (statt grotnis), 
Advocat (st. avkät), dei't (st. deat), ter- (für zer-, st. to-), Haff (st. 
hef), apparten, leideii, (für leiten, st. leden), Schüür lang, vor Oog 
(st. vor ögen), up Jagd, in Hörn, in Daad, an Footen (wo der be- 
stimmte Artikel nicht fehlen dürfte), u. a. m. 

Das Volk kennt keinen groote Fritz, wol aber de olle Fritz (kurz: 
d- oll' Fritz), und es ist nicht erlaubt zu sagen: 't sali uns needoon, 
waar nu sien Oööse gaan, da die stehende Redensart lautet: so wit gdnt 
sin gos' nich (das geht über seinen Horizont), und man ein solches 
Volkswort nicht beliebig dreh'n und deuteln darf. Auch durfte S. 58 
von Wolden, womit doch offenbar Wälder gemeint sind, nicht die Rede 
sein, da Ostfriesland, zumal Poldergegenden, längst weder das Wort, 
noch die Sache mehr hat. 

Willkürlich wie die Wortbildung ist auch die Orthographie. Wir 
gehen an der wunderlichen Schreibung : Vlefs (Flasche), Vräde, Mündtje, 
seyt (säet) vorbei und wollen auch von den ungebührlichen Lautver- 
doppelungen kein Aufhebens machen ; aber rügen müssen vdr den Man- 
gel aller Consequenz. Was soll man dazu sagen, wenn beliebig buch- 
stabiert wird: na und naa, dar und daar, kamt imd kaamt, schwoor 
und smarten, für und vor, Fro, twee und Lüh, drog und froog, levt 

6 



82 Literatur der deutschen Mundarten, 

und wewt, frömt und kold, Oööse und schön, Orasplaatz und Plaats, 
dun fdünj und Buur, Puss fpüsfj und Fufs, Akt und Packt, Vlood, 
Foot und Moth, Twieg und Twyg, gemacklik, gefährlick und ridderlyk. 
Stärker noch zu rügen ist die gänzlich wider die Aussprache verstos- 
sende Schreibung. So ist nirgend (aufser einmal, wo es in den Reim 
pafste) die Assimilation berücksichtigt, indem man liest: under, sünder, 
olden, Sölder, geduldig, während doch gesprochen wird; unner, sünner, 
ollen, Söller, gedülUg; auch spricht man nicht Becknung, sondern r^k- 
nung, oder vielmehr rdk'n, nicht Dieskje, sondern diskje, nicht söttjes, 
sondern sotjes, nicht Nee drof, sondern Ne darof. Wo an ein Gärtlein 
gedacht wurde, war nicht Tüntje (Tönnchen), sondern TüUntje (tuntje, 
gewöhnlicher tüntje) zu schreiben, und kumm man schreibt man richti- 
ger kmti an (wolan). Der Laut äö ist überall mit ö bezeichnet, ohne 
dafs über die Aussprache etwas gesagt wäre. 

Des Versmafses halber macht der Dichter aus tax ein einsilbiges 
tai, wogegen er Minsk und Rival aus gleichem Grunde zu Minske und 
Rivale dehnt. Wo man Runn- und Orund spricht, reimt und schreibt 
er Rund und Grund, wie er denn auch groot und Mood' reimt. 

Betrachten wir die Satzbildung des Verf., so finden wir sie nicht 
brookmerländischer, als die Wortbildung, üeberall, wie leider bei so 
manchem plattdeutschen Dichter, stofsen wir auf hochdeutsche Wendun- 
gen und Redensarten, hochdeutsche Denk- und Ausdrucksweise. Kein 
Ostfriese sagt: et segt, et kumt, etc., da dieses et (es) gar nicht mehr 
existiert und in der Regel durch 't vertreten wird. Will man dieses 't 
vollständig ausdrücken^ so sagt man dat aber niemals et. Wenig Brook- 
merländisches findet sich in Ausdrücken wie: duftend van Pomade, be- 
geerende Familien, Königin des Dages, betvehrt bet an de Tannen, de 
Scepter winkt, he senkt sien Wapen, dat ligt to Aller Schau, singt et 
blied (blid'J uut gröönen Twyge^i, de Dau upt Bruutpad dunkelt, u. a. m. 
und weniger noch in folgenden Versen: 

Dat Mörgenroth, de Sänne 
Hör leefste Kamermaid, 
(das Morgenroth, der Sonne Lieblings -Kammermädchen) 
Bens de Oeest, de beiden schafft 
Dübbelt Leven, Dübbeikraft. 
und unzähligen andern. 

Nicht selten sogar überflügelt der Verf. in der Kühnheit der Aus- 
drucksweise manchen hochdeutschen Dichter. Schwerlich wird Jedem 



Literatur der deutschen Mundarten. 9g 

die Möglichkeit der Bilder nachstehender Verse in Brookmerlander Taal 
einleuchten : 

De Daadkraft, de man wehrt van 't Wark, 

Döskt iedel Stroh, of seyt Venyn (Gift). 

De Werelthandel , Benz, is 

De Puls van 't Minskheitblood. 

Geld! — de gleinig Hellfüürslacke, 
Oeile Dung up Satans Moor. 

Un sööter gleed (gled'J de Strom 
Van Denken un Verlangen 
In 't stille Meer van Droom. 
Aehnlicher und stärkerer Beispiele liefse sich mühlos noch eine reiche 
Anzahl zusammenlesen. 

Zum weitem Nachtheil der mundartlichen Dichtung hat der Ver- 
fasser, statt, konnte er einmal der Vorbilder nicht entrathen, ans Volks- 
lied anzulehnen, vielmehr offenbar Freiligrath, diesen modernen, un- 
volksthümlichen Dichter, zum Muster genommen. So begegnen wir 
z. B. den Freiligrath'schen Ausrufen Seht daarl Herr Gott! und andern 
Ausrufsätzchen seiner Manier : 

De Diek reet! — 'T is Soltwater! 
Een Rönnen naa sien Polder! 
Sömmermiddnacht I u. s. w. 
Besonders lebhaft aber scheint dem Verf. das „Banditenbegräbnifs'' vor- 
geschwebt zu haben, da in dem Liedercyclus, der die gröfsere Hälfte 
des Buches einnunmt, nicht blos das Versmafs jenes Gedichtes meisten- 
theils angewandt ist, sondern auch dessen Ton und Farbe häufig zum 
Vorschein kommt, wie z. B. deutlich in den Versen: 
Tein Dragers under d' Barve, 
Se kamt dat Bruutpad lang. 
Selbst Freiligrath's kühnes Abbrechen der Zeilen ist nachgeahmt; 
Woll all naa dem dat Geld in 
Patriziertasken klingt. 
Doch der Versbau kümmert uns weniger, und so wollen wir denn auch 
auf Vers -Endungen vne: de knapp, Stolt gar kein grofses Gewicht le- 
gen, sondern nur im Allgemeinen erwähnen, dafs die schwülstige, ge- 
zwungene, mitunter dunkle Ausdrucksweise keineswegs durch gewandte 
Behandlung des Verses erträglicher gemacht wird. > .,,, 

6» 



84 Literatur der deutschen Mundarten. 

Was die Stoffe betrifft, so ist allerdings das Bestreben sichtbar, der 
Mundart angemessene zu wählen, obwol auch hier die Gränze nicht ein- 
gehalten wird. In dem erwähnten Cyclus, einer Art lyrischen Romans 
(die kleinere Hälfte des Buches besteht aus Gedichten und Liedern ver- 
mischten Inhalts), wird ein Bauer jenes störrigen, hochfahrenden, aber 
kräftigen Schlages, der in Ostfriesland nicht selten angetroffen wird, zu 
schildern versucht, was dem Verf. hin und wieder nicht übel gelingt. 
Wenn er aber diesen Bauer, Weltschmerzes halber, nach der Schweiz 
und Italien reisen, tiefsinnige Reflexionen machen, hochtönende Gesprä- 
che führen und sogar ä la Hamlet Notizen ins Denkbuch schreiben läfst, 
so wird dem Brookmerländer Bauerthum zu viel zugemuthet. Nicht 
minder gegen das Costüm ist es, wenn er einen ostfriesischen Matrosen 

sagen läfst: 

en Stücksken Rheiderland 

Uut Ävendrood un Daak (Nebel) gespunnen. 

Und das Gedicht an die Sängerin Fro Herrenburger-Tuczeck so wenig, 
als manches andere, hätte in der Mundart verfafst werden sollen. 

Trotz der vielen Ausstellungen, die wir gemacht haben, wollen wir 
den guten Willen des Verfassers, seine Heimat zu feiern und die Mund- 
art zu heben, der überall durchschimmert und denn auch einiges Schöne 
und Gute zu Tage fördert, durchaus nicht verkennen. Der Dichter, 
obwol lange von der Heimat entfernt, hält sich in vaderlandsken Din- 
gen noch de sülve olde und wol gar für ostfreesker as Ostfreesen, und 
wenn trotzdem, und obgleich ihm, einem Doktor und Professor, nicht 
wol unbekannt sein konnte, dafs auch die Mundart ihre Gesetze hat, ihm 
seine Absicht im Ganzen so wenig gelungen ist, so mag man schliefsen, 
wie selten überhaupt die mundartlichen Dichtungen sein mögen, auf de- 
ren sprachliche Treue und Reinheit man sich verlassen kann. 

Doch der Verf. ist ohne Schuld. Seine „aus angeborner, bis ans 
Ende treu bewahrter Anhänglichkeit an das liebe Heimatland entspros- 
senen Dichtungen" wurden nämlich nach seinem Tode erst dem Druck 
übergeben. Fand der Herausgeber es einmal so dringend, sie zu ver- 
öffentlichen, so hätte er wenigstens verbessernde Hand anlegen und, da 
er sie nicht ausschliefslich für den Kreis der Landsleute bestimmte, sie 
durch sprachliche Erläuterungen dem gröfsern Publikum zugänglicher 
machen sollen; obwol wir uns von Dichtungen der vorliegenden Art, 
seien sie nun mit Erklärungen versehen oder nicht, für das Interesse der 
Mundart so wenig als für das der Poesie groisen Gewinn versprechen. — 



Literatur der deutschen Mundarten. g5 

Zu diesen Dichtungen bildet Nr. 2 den vollkommensten Gegensatz. 
Ward dort der Flug zu hoch genommen, so wird hier dagegen mit 
Holzschuhen über die Gasse gepoltert und nicht erst zugeschaut, ob auch 
gefegt sei. Der Aesthetik wird übel dabei, es ist wahr; aber der Mund- 
art ist wenigstens kein Zwang angethan, 

Sobald eine Mundart in der allgemeinen Achtung so weit gesunken 
ist, dafs man sich ihrer zu schämen anfängt, kann es nicht ausbleiben, 
dafs sie auf immer enger werdende und tiefer liegende Kreise sich zu- 
rückzieht, und so mit ihren Sprechern die Fähigkeit verliert, für eine 
edlere, höhere Gefühls- und Gedankenwelt als Dolmetscherin zu dienen. 
Wird sie dann auch in weitern und höhern Kreisen noch gesprochen, 
so entlehnt sie hier von der Sprache, die sich der Bildung bemächtigt 
hat, und verliert auf diese Art bald ihren angebornen Charakter. So 
hätten wir denn auf der einen Seite Rohheit und Versunkenheit, auf 
der andern Gemischtheit und Verbildung. Für welche Seite nun soll 
die Literatur sich entscheiden ? für die , wo die rohern , obwol echtem, 
oder für die, wo die edlern, aber weniger echten Stoffe sich vorfinden? 
Im Interesse der Sprachforschung ziehen wir jene allerdings vor, und 
in diesem Betracht mag dem Verf. von Nr. 2 verziehen werden, dafs 
er die nämliche Wahl getroffen; aber gleichwol geben wir durchaus 
nicht zu, dafs er, unbeschadet der mundartlichen Treue, der Schönheit 
und Wohlanständigkeit nicht gröfsere Zugeständnisse habe machen kön- 
nen, und es nicht zu vermeiden gewesen sei, uns den rohesten Materia- 
lismus in der rohesten Form zu bieten. Wer nicht in den Kreisen, wel- 
chen er das „Kummedistück" entnommen, vollkommen heimisch ist, wird 
es schwerlich lesen können, ohne zuvor zwischen sich und das Heftlein 
zur Milderung der Atmosphäre einige Tropfen eau de Cologne double 
gebracht zu haben. 

Der Verf. nennt es ein Kummedistück, hat es dadurch aber keines- 
wegs zu einem Kunstwerk erhoben. Abgesehen von allem Andern, 
schliefst schon das Mifsverhältnifs der Theile, der Mangel an einem rech- 
ten Schwerpunkt alle Ansprüche auf künstlerischen Werth aus. Offen- 
bar hatte der Verf. blos die Absicht, seinen Landsleuten in der derb 
hingeworfenen Zeichnung eines egoistischen, übermüthigen Bauern - Em- 
porkömmlings , den die Theurung bereichert hat, der indes zu humori- 
stischer (nur zu versteckter) Selbstpersiflage vordringt und nicht ganz 
so schlimm sein mag, als er sich gibt, einen lehrreichen Spiegel vorzu- 
halten, und durch Auftragen greller Local- Tinten das Bild einem ge- 



86 Literatur der deutschen Mundarten. 

wissen Publikum desto annehmlicher zu machen. Dies mag auch der 
Grund sein, weshalb nichts gethan ist, das Verständnifs solchen Lesern 
zu vermitteln, die mit der Mundart nicht vertraut sind. Nicht einmal 
auf die abweichende Aussprache des Juden, der in dem Stück eine groise 
Nebenrolle spielt, ist aufmerksam gemacht, und auch die Orthographie, 
obwol erträglicher als bei Nr. 1, kann die Wissenschaft nicht befriedi- 
gen. In Betracht, dafs die Piece als mundartliche Sprachprobe nicht 
ohne Werth ist (schon der Umstand, dafs sie in Prosa geschrieben ist, 
kommt der Mundart zu Gute; beim besten Willen von der Welt läfst 
sich in Prosa nicht so arg sudeln, als in Versen), und einzelne Figuren 
derselben als getreue Abbilder der Wirklichkeit ihr ein gewisses kultur- 
historisches Interesse verleihen, hätten wir gewünscht, dafs eine sprach- 
erklärende Zugabe ihr zu weiterer Verbreitung den Weg gebahnt haben 
möchte. Wir ersuchen den Verfasser, diesen Wink nicht unbeachtet zu 
lassen für den Fall, dafs er das vorliegende Stück mit einer Reihe ver- 
wandter, früher von ihm geschriebener, einmal gesammelt herauszugeben 
beabsichtigte. 



Norddütsche Stippstörken und Legendchen. Von Ludw. Schulmann. 
Zweite Auflage. Ilildesheim, 1858. Verlag der Finckeschen Buch- 
handlung (G. F. Schmidt). 16°. 168 Stn. 

Der Beifall, den das sauber ausgestattete Büchlein gefunden hat, 
bekundet sich durch die zweite Auflage. Nach unserer Ansicht verdient 
es diese beifällige Aufnahme. Stippstörken sind, nach der eigenen Er- 
klärung des Verfassers in den zugegebenen „Erläuterungen", Histörchen, 
Märchen; wir fügen hinzu, es verbinde sich mit dem Worte noch der 
Begriff des Humoristischen und „Schnurrigen". Legendchen bezeich- 
net „unbeglaubigte Geschichten". Am Besten erhellt die Bedeutung des 
Worts aus der gemeinen Redensart: Mak meck neine Legendchen vor, 
d. h. flunkere mir Nichts vor, mache mir keinen Wind vor. Die neun 
unter diesem Titel gebotenen Erzählungen bewegen sich sänuntlich auf 
Stadt - oder Stifthildesheimschem Boden ; das erste Stück bildet zu den 
folgenden gleichsam die Einleitung. Der friindliche Schaulmester Ma- 
thias Hahnenkamm ist der Held, dem der Verfasser seine Stippstörken 
und Legendchen in den Mund legt, dem er sie nacherzählt. Derselbe 
beginnt mit einem sagenhaften Stoff*e. Jener Glaube nämlich, wonach 
die übermäfsigen Thränen der Mutter dem gestorbenen Kindlein im Grabe 



Literatur der deutschen Mundarten. fjlf 

keine Ruhe lassen, wird hier umgekehrt, indem de wüte Frue wegen der 
übertriebenen Trauer ihrer überlebenden Kinder nicht ruhen kann. Dat 
Schaudüwels-Krüze knüpft in freiester Weise sich an eine hildesheim- 
sche Oertlichkeit, resp. an einen noch heute vorhandenen Stein. Ob dem 
Segger Oennekold und dem Smet von Hassen (Harsum bei H. ) volks- 
thümliche Ueberlieferungen zu Grunde liegen, ist mir unbekannt. Da- 
gegen ist Hödehen der bekannte, vorzugsweise mit der Winzenburg zu- 
sammenhängende Kobold, und de Twargeslöcker befinden sich in der 
That in der Nähe unserer Stadt. In dem Stücke Up7i steilen Stig wird 
der wilde Jäger, Hackelberg, eine hier gleichfalls populäre Schreck- 
gestalt, vorgeführt. Schliefslich folgt ein Schwank: Mit Lachen segt 
mant Dütsch. 

Den Inhalt im Einzelnen näher anzugeben, gestattet der Raum nicht. 
Der Stoff ist oft kümmerlich; um so besser zeigt sich des Verfassers 
Talent der Darstellung. Oft ist jener nur der äufsere Träger, um dem 
Leser eine Masse von Sprichwörtern und sprichwörtlichen Redensarten? 
von volksthümlichen Wendungen, Reimen und Räthseln in angenehmer 
und durch die Erzählung klarer Deutung mitzutheilen. In allen diesen 
Ingredienzien tritt der Charakter des Plattdeutschen hell zu Tage und 
die Verbindung derselben durch das Band der Erzählung ist da am will- 
kommensten, wo diese sich im leichten Flusse hält und in unmerklicher 
Absichtlichkeit fortbewegt. Am gelungensten scheint uns das Schaudü- 
wels-Krüze, dann zum Theil de Smet von Hassen. Jener 'Erzählung 
sind eine Menge von Räthseln und Reimen eingefügt, für deren Mit- 
theilung sich Jeder dem Verfasser zu grofsem Danke verpflichtet füh- 
len wird. 

Indem die Stippstörken und Legendchen auf hildesheimschem Boden 
sich bewegen, sollte man erwarten, der Verfasser hätte sie hildesheim- 
sche nennen müssen. Er nennt sie aber allgemein norddütsche, wie uns 
scheint; der Sprache wegen Die hildesheimsche Mundart ist, wie wir 
schon früher in dieser Zeitschrift gelegentlich ausgesprochen haben, ziem- 
lich unrein und der Verfasser schuf sich darum mit umsichtiger Benutzung 
des brauchbaren Heimischen ein etwas idealisiertes Plattdeutsch. Rück- 
sichtlich eines allgemeinern Verständnisses ist dies nur zu billigen. Aber 
doch hätten wir dabei noch Eins zu wünschen. Der Verfasser hätte die 
Lautbezeichnung, wie auch Länge und Kürze schärfer fassen sollen. Es 
kommt uns seltsam vor, wenn er schreibt En'e, Wunen, Früne, Hän'e 
bal'e u. s. w., als ob das d in diesen Wörtern ausgefallen wäre, da es 



gg Literatur der deutschen Mundarten. 

doch einfach nur assimiliert ist. Nicht assimiliert dagegen ist z. B. das 
t in OVen, hier ist es wirklich ausgeworfen ; der - Laut dieses Wortes 
ist lang, während dort die Vocale kurz sind ; — aber der Verfasser deu- 
tet den Unterschied nicht an. Bisweilen verdoppelt er ferner den Con- 
sonanten, um den vorhergehenden Vocal zu kürzen; manchmal jedoch 
unterläfst er es auf Kosten der Consequenz. Bisweilen ist sogar das- 
selbe Wort an verschiedenen Stellen verschieden geschrieben ; z. B. S. 20 
lesen wir hadde und harre für hatte. 

Wir machen den Verfasser auf diese kleinen Flecken seines Büch- 
leins mit dem Wunsche aufinerksam, dafs er bei der zweiten Gabe, der 
wir mit herzlichem Verlangen entgegensehen, dieselben als leicht ver- 
meidlichc auch vermeiden möge. 

Dr. Müller. 



Schlesische Gedichte von Karl von Holte i. Mit einem Glossar von 
Dr. Karl Weinhold. Dritte vermehrte Ausgabe. Breslau, Verlag 
von Ed. Trewendt. 1857. 8. 274 Stn. 

Karl V. Holtei's schlesische Gedichte, die nun schon in einer drit- 
ten (die erste erschien 1832, die zweite 1850), abermals vermehrten 
Ausgabe vorliegen, bedürfen der Empfehlung nicht mehr: sie haben 
längst und auch auTserhalb Schlesiens die wohlverdiente Anerkennung 
gefunden. Ueberdies hat diese neue Ausgabe noch eine ganz besondere 
Empfehlung für sich: das von Prof. W^einhold, dem rühmlichst bekann- 
ten Verfasser der „Beiträge zu einem schlesischen Wörterbuche", ausge- 
arbeitete Glossar (S. 249 — 274). 

Gleichwohl kann ich nicht umhin, hier für eine spätere neue Aus- 
gabe des trefflichen Buches einen dringenden Wunsch auszusprechen. 
Er betrifft die Schreibweise. Fürchte ja keiner der Leser, dafs ich jetzt 
dem Hrn. Verfasser der schlesischen Gedichte das für diese Zeitschrift 
aufgestellte mundartliche Lautsystem anrathen wolle. nein! Dasselbe 
wäre für Bücher wie das vorliegende, die mehr der Unterhaltung be- 
stimmt sind, eben so unzweckmäfsig, als es für ein zunächst der wissen- 
schaftlichen Forschung gewidmetes Werk unentbehrlich ist. Diese 
meine Ansicht habe ich wol zur Gnüge an der neuen Ausgabe der bei- 
den Nürnberger Volksdichter Grübel und Weikert dargelegt, wo die 
Schreibweise so einfach und klar als möglich gehalten, daneben aber, 



Literatur der deutschen Mundarten. fjj^ 

zum Zwecke gelehrter Betrachtung, ein grammatischer AbrLfs und ein 
Glossar mit genauer Lautbestimmung beigegeben wurden. Dasselbe hätte 
ich nun, wenn auch nicht in gleicher Ausdehnung wie dort, so doch ei- 
nigermafsen in dem so schön ausgestatteten Buche und gegenüber dem 
gründlich ausgearbeiteten Glossar zu finden gewünscht, und gewils, viele 
Leser desselben, nicht blos die sprachforschenden, werden diesen Wunsch 
mit mir theilen, wie ja auch Hr. Prof. Weinhold in der Einleitung zu 
seinem Glossar die Erklärung abgibt, dafs er „an der Schreibweise der 
Gedichte keinen Theil habe'^, da der Hr. Verfasser, um den Fremden 
die ursprüngliche Wortgestalt leichter kenntlich zu machen, verschiedene 
Mittel, namentlich Theiluiigsstriche und Apostrophe angewendet, die er 
auf seinem philologischen Sessel nicht zu billigen vermöge. 

Und fürwahr, es ist des Guten hiebei nur zu viel geschehen, so 
dafs der Leser mehr gestört und irregeführt, als im Verständnisse ge- 
fördert wird. Oder, wer wird es vertheidigen wollen, wenn der Hr. Ver- 
fasser bei eintretender Schärfung einer im Hochdeutschen langen Sylbe 
nicht nur, — was schon genügen könnte, — das Dehnungszeichen (e, 
h) wegnimmt und hie und da, doch nicht regelmäfsig, den Consonan- 
ten verdoppelt, sondern zum Ueberflusse hier, wie auch im umgekehr- 
ten Falle eintretender Dehnung bei Vereinfachung des Consonanten, das 
störende Zeichen des Apostrophs anbringt? wie z. B. in Kri'g, hli'b, li'f, 
ni', si'st (siehst), ti'f; i'm, i'n. i'r, i'r'r (ihrer), i'nn (ihnen), t'tit u. t'utt 
etc.; ferner in Man, Mandel (Männlein), gewan', kan, ran, san, soV, 
wiV , from , Oot' , glit\ sat' u. a. m. 

Der beliebte Apostroph wird aber noch unpassender, wie überhaupt 
bei fast jedem, selbst im Hochdeutschen ganz gewöhnlichen Wegfall ei- 
nes Buchstaben [Tags, Gutt's, ält'stes etc.), so auch da angewendet, wo 
es sich nicht blofs um einen Ausfall, sondern mehr noch um einen tie- 
fer greifenden Lautwechsel handelt, so dafs durch dieses Zeichen die ur- 
sprüngliche Form des Wortes nicht nur nicht kenntlicher, sondern eher 
noch dunkler wird, wie in a, er, a, ein, a'm, einem, an'n, einen, a' 'nn, 
er einen (!), 'a , den, se, sie, sem, seinem, mem, meinem etc. Nicht 
selten verirrt er sich dabei an die unrechte Stelle (Boost, Bosheit, war- 
sche, warst du, t'ust 'de, thust du, 'em, ihm etc.), ja selbst in Formen, 
wo er etymologisch gar kein Recht hat, da von einem Ausfall nicht die 
Rede sein kann, als in 'uf, 'uff, auf (mhd. üf), hie' (mhd. hie), meh' 
(mhd. me), tar (mhd. tar v. türren), su'st (mhd. sus, sust), lei't (mhd. 
lit aus liget), wir'scht, (d. i. wirst), eh' kunträr (franz. au contraire), fer- 



90 Literatur der deutschen Mundarten. 

ner in eh'h, ehe, zun sich, zu sich, dafs d' i'r, dafs du ihr, in der Vor- 
sylbe d'er- für er- und dar- und sonst noch oft. 

Für all diese und andere ähnliche Erscheinungen der Mundart (z. B. 
/ für pf in 'ferd, 'flaumen, 'fif etc.; p für in- und auslautendes pf in 
Appel, kloppen, abge'fluckt, Kup etc.) hätte die einfache Aufstellung all- 
gemeiner Regeln, wie deren einige Ilr. Prof. Weinhold in der Einlei- 
tung zu seinem Glossar als einen „kurzen Schlüssel zu den Lautverhält- 
nissen" vorausgeschickt hat, vollkommen genügt. 

Von so manchen ganz unrichtig gesclu-icbenen Formen, welche sich 
hie und da eingeschlichen, will ich schweigen, und nur noch ein Wort 
von dem zweiten Hauptmangel reden, an welchem Hrn. v. Holtei's mund- 
artliche Orthographie leidet: von der Ungleichmäfsigkeit in der Durch- 
führung. All jene Wunderlichkeiten und Schwerfälligkeiten möchten 
sich noch ertragen lassen, wenn sie nur in allen Fällen gleichmäfsig an- 
gebracht wären, so dafs ihnen ein gewisses System zu Grunde läge, an 
das der Leser sich allmählich gewöhnte. Allein dem ist nicht so; viele 
Längen und Kürzen der Mundart sind ohne jene Bezeichnung geblieben, 
und durch die oft wechselnde Schreibweise gleicher Formen, ja eines 
und desselben Wortes in ein und derselben Verbindung wird der Leser 
nur noch mehr verwirrt und oft getäuscht. So begegnen wir z. B. den 
vier Schreibweisen 'a, 'a, d und a für „den", ebenso d und a für „er" 
und „ein", eh-h- und eh-'h (ehe), der und der für die Vorsylbe er-, 
9e und se (sie), suste und suste (sonst), Äwp' und Kupp, Kopf, nackigt 
und nackicht etc. ; ferner der Form schick' ber'n neben wull bern, sa-g 
(sah) neben siech. 

Möge der Hr. Verfasser aus dieser Beurthöilung seiner trefflichen 
Gedichte, die gerade auf der Seite, welche er bei dieser neuen Ausgabe 
noch mehr ins Auge gefafst, tiefer in das Büchlein eingedrungen, nur 
die gute iVbsicht ericennen, demselben nützlich zu werden. In gleich 
freundlichem Sinne stehe ich auch nicht an, für das Glossar, das ja „dem 
Nichtschlesier das Verständnifs erleichtern soll," den Wunsch der Ver- 
vollständigung laut werden zu lassen, zu (Jessen Begründung ich hier 
nur einige der Lücken andeuten will, die zum Theil die „Beiträge zu 
einem schles. Wörterbuche" (Wb.) ergänzen; als: Artvffel, S. 48 (neben 
Kartuffel, S. 108) ; balde, sogleich (Wb.), S. 7 ; bangen, verlangen, S. 48 ; 
drehnich, schwindelig (Wb.), S. 4; einkommen, einfallen, S. 51; Flappe, 
Mund (Wb.), S. 9; gejirre, hurtig (W^b. 20b), S. 11. 16. 107; Oesetzl, 

Absatz im Buch, Spruch, S. 59; kcdlaschen, prügeln (Wb.), S. 20. 34. 

\ 



Literatur der deutschen Mundarten. 91 

86. 99; Krate, Kröte, Mädchen (vgl. Wb. 48b), S. 53. 58. 79; Kutsche, 
m., Kutscher, S. 46. 47, 51; leimten, leinen (Dial. 75), S. 3; madig, f, 
S. 39. 66 ; malkern, mit den Händen drücken ( Wb. ) , S. 5 ; paffen, mit 
den Lippen schmatzen (Wb. 7*^), S. 107; schlampampen, lüderlich sein 
(vgl. Wb. schlampen), S. 11; schwanen, ahnen, S. 86. 101; Schwiemel, 
Schwindel, S. 64; meiner Sechse! meiner ßieben! betheuernde Verglim- 
pfungen für „Seele", S. 99. 33. 52; si'st De, siech! verstärktes sieh! 
(Wb.), S. 3. 39. 80; turkeln, taumeln, turhlig, S. 64. 47; verhloscn, sich, 
ausschnauben, S. 40; verleichte, vielleicht, S. 25; u. a. m. 

So glaube ich Hrn. Prof. Weinhold am besten den aufrichtigen Dank 
bethätigt zu haben, zu dem ich meines Theils mich ihm verbunden er- 
achte für so manchen „nutzbaren Honigseim", den er, wie schon oft, 
so auch durch diese Arbeit in reichem Mafse mir geboten. 

Der Herausgeber. 



Deutsche Weihnachtspiele aus Ungern. Geschildert und mitgetheilt 
von Karl Julius Schröer. Wien, Keck und Compagnie. 1858. 
8. Vni u. 220 Stn. 

Diese in mehr als einer Beziehung interessanten Weihnachtspiele ha- 
ben, nach des Herausgebers Angabe, arme Leute wahrscheinlich im 16. 
oder mindestens in der ersten Hälfte des 17. Jahrh. aus Oberösterreich, 
Steiermark oder noch weiter her nach Ungarn gebracht. Fast durchaus 
in volksmäfsiger Reinheit und grofser Vollständigkeit erhalten, fand er 
sie, von Vater auf Sohn mündlich und in Abschriften überliefert, im 
Dorfe Oberufer bei Presburg, wo sie jetzt noch aufgeführt werden. Die 
Sprache erinnert an das kirchliche und weltliche Lied des 15. u. 16. 
Jahrb., zum Theil auch an Hans Sachs. Einzelnes, namentlich was der 
Teufel spricht, fällt mehr ins eigentlich Mundartliche. Die unter dem 
Text befindlichen Noten enthalten auch einzelne sprachliche Erläuterun- 
gen. Was das reichhaltige, jedem Freunde der Volksliteratur zu em- 
pfehlende Buch, das u. A. auch für die Geschichte der deutschen Schau- 
spielkunst von besonderer Bedeutung ist, noch weiter enthält, gestatten 
Raum und Tendenz unserer Zeitschrift nicht des Näheren darzulegen. 

E. Hektor. 



02 Nekrolog. 

Alpensagen. Volksüberlieferungen aus der Schweiz, aus Vorarlberg, 
Kärnten, Steiermark, Salzburg, Ober- und Nieder - Oesterreich. Von 
Theodor Vernaleken. Wien, L. W. Seidel. 1858. 8. XX u. 
436 Stn. 

„Mit der Mundart ändert auch der Mythencharakter'' sagt der Her- 
ausgeber in der Vorrede. Dieser Ausspruch, seine Richtigkeit vorausge- 
setzt (die wir übrigens nicht anzweifeln), zeugt allein schon für die In- 
nigkeit der Wechselbeziehungen zwischen Mythe und Mundart und die 
Wichtigkeit der Verbindung beider miteinander. In der That, wenn 
irgendwo die Mundart zu literarischen Zwecken verwendet werden darf, 
so ist es bei der Sage der Fall; hier ist ein buchstäblich genaues Auf- 
zeichnen des Erzählten von gröfster Bedeutung, von doppeltem Interesse. 
Nach dem Vorgange der Gebr. Grimm ist ein Verfahren der Art auch 
da imd dort, obwohl ungenügend, beobachtet worden. Einzelne mund- 
artliche Proben gibt denn auch der Autor der „Alpensagen'', einer in 
jeder Hinsicht vortrefflichen Sammlung, Proben namentlich aus Appen- 
zell, Glarus, dem Grofs-, dem Klein thal und dem Bregenzerwalde, und 
aufserdem mancherlei der Mundart angehörende Verse, Reime und ein- 
zelne Ausdrücke. Den weniger verständlichen Wörtern ist eine deutsche 
Uebersetzung beigegeben. 

E. Hektor. 



Nekrolog. 



Dem Autor des „ostfriesischen Wörterbuchs" in eben diesem Werke 
erst vor kurzem auf dem Gebiete der deutschen Mundarten zum ersten 
Male und nicht ungern begegnend, haben wir heute schon den Tod die- 
ses Mannes zu berichten. Cirk *) Heinr. Stürenburg, k. hannov. 
Rath, Kammerconsulent, Ritter des Guelfenordcns etc., 1799 zu A urich 
in Ostfriesland geboren, starb daselbst am 11. Januar d. J. nach viel- 
fachen Leiden. Frühgereift, indem er schon im 17. Jahre die Univer- 



*) Der ostfr. Name Cirk, wahrscheinlich aus Cyriakus gekürzt, war in älterer Zeit 
sehr verbreitet. Gleichen Ursprungs ist der Name des ostfr. Fürstenhauses Cirk- 
86 na (d. h. des Cirk Sohn). 



Nekrolog. gi^ 

sität bezog, im 20. als Rechtsanwalt thätig und im 21. verheirathet war, 
verlieis ihn gleichwohl nie die Frische des Geistes und eine unermüd- 
liche Strebsamkeit, wobei er nach den verschiedensten Seiten hin eine 
fast unbegreifliche Thätigkeit entfaltete. Denn obwohl er, in seinem 
engern Vaterlande der gesuchteste und anerkannt tüchtigste Jurist, von 
seinen ßerufsgeschäften fortwährend dringlich in Anspruch genommen 
war, fand er dennoch Zeit, auf nicht wenigen Gebieten der Wissen- 
schaft und Kunst (wir nennen vor Allem die Naturwissenschaften, die 
Tonkunst und das weite Feld der Literatur) sich heimisch zu machen, 
und zwar auf eine Weise, dais er mit Manchem hätte wetteifern kön- 
nen, der die Bebauung eines dieser Gebiete sich zur Lebensaufgabe ge- 
macht. Durch kühne Unternehmungen, besonders im Landbau, schuf 
er sich für alle Zeit ein rühmliches Andenken unter seinen Landsleuten. 
Das ehrendste Denkmal aber seiner Vaterlandsliebe und seines wissen- 
schaftlichen Strebens hinterliefs er uns in seinem „ostfriesischen Wörter- 
buch", einem Werke, das man nur mit Ehrfurcht in die Hand nehmen 
kann, wenn man bedenkt, dafs er es nicht nur seinen spärlichen, anfeer- 
dem den vielseitigsten Strebungen gewidmeten MuTsestunden abringen 
muTste, sondern demselben auch noch gerade während der Zeit seines 
Leidens die aufopferndste Thätigkeit weihte. Dieses Werk, ein würdi- 
ger Beschlufs seiner verdienstvollen, nur zu früh geendeten Laufbahn, 
lag ihm am Herzen, wie kein anderes; wenigstens sollte er noch die 
Freude erleben, es vollendet, gedruckt und anerkannt zu sehen. Ge- 
böte der Raum dieses Blattes uns nicht Enthaltsamkeit, so hätten wir 
noch Manches zum Ruhme des Mannes zu erwähnen; so vor Anderem, 
wie er strebsamen Talenten gern aufmunternd und helfend unter die 
Arme griff. Indes wird das Gesagte hinreichend darthun, wie sehr der 
Verlust eines solchen Mannes, dessen Verdiensten wir einige Worte des 
Nachrufs schuldig zu sein glaubten, zu beklagen ist. 

E. H. 



94 Dichtungen und Sprachproben. 



Miiiidarüiche Dichtungen und Spracliproben. 



Volkslieder in siebenbürgisch- sächsischer Mundart. '') 

Mitgetheilt vom Prof. Schüler V. Libloy in Hermannstadt. 

I. üialekt im ehemaligen Grorssebeuker Stuhle. 

Liebchens Grab. 

Hegt Gör un desem Dach, 
Do ech ä~ menjes Vöoters Göorten lag, 
List- sich 9 Nästchen vun enom Büm, 
Dät mir menj Herzgeläwtchen nüm. 

e' jang Herr den Amschwung nüm, 5 

Bäs dat hia ba da Frjl Motter küm, — 
„Frä Motter gehiwt, Frä Motter menj, 
Wuar hu~ se gedön det Herzgeläwt menj?'' 

Frä Motter gelawt, Frä Motter menj, 

Wuar hu~ se gedön det Herzgeläwt menj?" — 10 

„„Ech hun ät gedön an 't Bakesheus, 

Wo ät säl gtan da Semmel öreus.*'" 

„Frä Motter gelawt, Frä Motter menj, 

Wuar hu~ se gedön det Herzgeläwt menj ?'' — 

„„Ech hun ät gedön an 't Letschewheus, 15 

Wä ät säl gian de Wcnj ereus."" 

„Frä Motter geliwt, Frä Motter menj, 

Wuar hu~ se gedön det Herzgeläwt menj ?" — 

„„Ech hun ät gedön an 't Ldchanheus, 

Wo ät säl stechen den diuden Körper eus.''" 20 



*) Wir verweisen hier in Rücksicht des siebenb.-sächsischen Volksliedes auf das so- 
gen. Bistritzer Album (s. Z. IV, 368, 444 b ), welches einige dahin gehörige werth- 
volle Beiträge enthält. D. Herausgeber. 



Siebenbürgisch - sächsische Mundart. 95 

Do fangen da Klöken vu sich sälwst un zagön, 
At kangd- sä nemest stall mäche ston, 
Sä gengen günzer Dach- uch Nuacht*, — 
Doch am word se Law nemi gebruacht 

At wast- uch nemest, wat dö geschäch; 25 

Do geng me~ jang Herr un desem Dach, 
Und nüm en Hächen za biader Hdund, 
Gräw, bäs hia de g5unz lard amwaund, 

Bäs dat hia küm äff a seigden Daach, 

Bäs dat en Zer de aiinder schlaag, 30 

Bäs dat hia küm äff en gehobelden Dill, — 

„Ei, fnigat Hdrz, ei, wer* ich bä dir!'^ 

II. Draller nialekt. 

At woul' a Medchen fra affstön 

Und woul' gor fra am Riusen gon, 

Do hegenden am zwiav Gang-n wäi(Jögadön: 

Dar Jrst-, dia he(J ät stall ston; 

Dar zwet- argraif ät un der wäi[5en Haund, 5 

Hia liat ät, do ät Riusen ßund; 

Hia liat ät aingder an Laind versprait, 

Do wör a~ Bat mät Riusen üwersprait. 

Se laögen do do geunz leiing Nüacht, 

Net aint hüat un da Morgen gedüacht. 10 

„Ai, haw- ech da Schliä{5el, diar dan Doch affschld[5t, 

Ech watl an wiarfen, do dat Wä(5er um döfstev fl^(5t." 

III. Girtler Dialekt. 
Der Abschied. 

Ach, Schiden! äch, Schiden! wier hot dech erdocht, 

Dat tä menj Harz an Träuren huast bröcht? 

Ach, Träuren I ach, Träuren 1 wonni nist tä an Omgd-? 

Wonn äserin Birrebüm Riusen broingd. 

Ach Riusen broingd hia nömmermi, 5 

Hia broingd nor Blemcher wai(5 wä Schni. 



96 Dichtungen und Sprachproben. 

Ech sätzt* menjem Voater zwo Rlusen äff dan Däsch: 

„Ir harzer menjer Voater, hält-t ir ech nor fräsch ; 

Ech säl aweg und me[5 derfunn, — 

Nor Gott wi'd wäf5en, wonn ech wedder kunn*." 10 

Ech sätzt* menjer Motter zwo Riusen an leren : 
;,Ir harz menj Motter, wia säl ech no kieren? 
Ech säl aweg und me[5 derfunn, — 
Nor Gott wi'd wäfSen, wonn ech wedder kunn*.'' 

Tä harzer menjer Braäder, wol lichten denj Scheiwenl 15 

Wol gären wil ech noch bä dir bleiwen; 

Ech säl aweg und me[5 derfunn, — 

Nor Gott wi'd wä(5en, wonn ech wedder kunn-." 

Tä harz menj Säster, wol wäi^ äs denj Waund ! 

Gäw tä mir nä zam letzte Mol denj Haund; 20 

Ech säl aweg und me(5 derfunn, — 

Nor Gott wi'd wä[5en, wonn ech wedder kunn-," 

Wonn ech nä kunn- bä der Fremden ärren Däsch, 

Wol bald wi'd -m sprechen: „Staund äff! nett mi ä(5.* 

Wonn ech nä kunn* bä der Fremden ärren Hiard, 25 

Wol bald wi'd *m sprechen: „Uch dett best tä nett wiart!'' 

Des Fremden senj Med äs uch gor grow, — 

WS säl ech bleiwen an desem Hof? 

Do ech nä kunn* äff dett hm Birkerdg 

Wör all menj Triust uch M5at aweg; 30 

Ech säl aw^g und meß derfunn, — 

Nor Gott wi'd wä(5en, wonn ech wedder kunn*.* 

Do ech nä kunn* bä da Stadder Strdch, — 

„Ir harz menj Motter, gedünkt och u möchl 

Gedünkt u~ m^ch, wä ^ch un ech, 35 

9SU wi'd ech Gott gian dett Hemmelrech, 

Dett Hemmelrech, da wiarte Stadt, 

Wo all menj Träuren äs ausgeklöat. 



Siebenbürgisch - f ächsische Mundart. 



IV. Liebchens Grab. 







en Fen-ster hin 



och wlurf* zwß addel Rtsker 
Zorn liixien Fenster hinaus, — 
At hat menj Harzläv trofen, 
Dät ät jo starwen mudst*. 

Woor sul 9m ät nä begruawen ? 5 
A senjes Vöters ßimgorten griu[i; 
Wät wöass ofF senjem Grdv? 
Gär Dästeln üch Donnerkriokt. 

Wät stäungd zä senjen Hivden? 
Ät stäungd ian gäldän Schräft; 10 
Wät war dorän geschriwwen? 
Dai irst dai Troi am Haus. 



Wät stäungd zä segjen Setchen? 
At stäungd zwe Bimcher ziiort; 
Dät trst dät dräug dät Mäschket, 15 
Dät ünder dai Nägeltcher. 

Wät stäungd zä senjen Fe(3en? 
At sprätzt ia Brängtchen kal; 
Dorännen fliu[5en zwe Flitzker, 
Dai driwen zw^ Milleräd. 20 

Dät irst dät mal dät Mäschket, 
Dät ünder dai Nägeltcher, 
Dät Mäschket mal sich be^er, 
Dia Nägeltcher noch vil beper. 



Sprachliche Erläuterungen 

vom Herausgeber. 

I. Liebchens Grab. 1. hegt, hegt, heute. — Q6r, n., Jahr; Z. II, 566, 13. lU, 547, 
1. 560. — 2. ä menjes V. O., in meines Vaters Garten. — 3. list, löste. — 9 Näst- 
chen, ein Aestchen ; Z. IV, 117, 1. 537, III, 6. — 4. menj, meng, mein; gen. 
menjes. — nüm, nahm. 
6. hig, er, wie niederd. hei, he;>Z. IV, 281, 27. 407, 15. — 8. wuar, wohin, unten 
IV, 5 wodr; mhd. war. — huse, hun ae, haben sie. — det, niedrd. dat, das; ebenso 
et, ät, 9t, -t, es; Z. IV, 407, 15. 281, 1. 

11. Bakesheus, n., Bäckerhaus. — 12. gt9n, geben. — eretis, heraus; Z. FV, 177, 3. 
407, 47. — 

15. Letschew, Letschewheus , n. , Wirthshaus, gehört wol zum alten Leit, n. , mhd. lit 
(goth. leithu, ahd. lidu), geistiges Getränke, wovon auch abstammen: Leitgeb, 
Schenkwirth, verleitgeben, ausschenken, Leithaus (umgedeutet in Leuthaus), Wirths- 
haus, Leithäuser, Leuthäuser (auch noch Familienname), Wirth, und das meist in 
Leikauf, Leihkauf umgebildete Leitkauf, womit, wie durch das mehr norddeutsche 
Weinkauf (ndd. wtnkop), der den Kauf befestigende Trunk oder das statt dessen 
gereichte Darangeld, Gönnegeld bezeichnet wird. Schm. III, 520 ff. — Wenj, 
m., Wein. — 

7 



98 Dichtungen und Sprachproben. 

19. LSch9nheu8, n., Leichenhaus. — 20. diud, todt. — 

22. nemesi, niemand; Z. IV, 285, 156. — ucfi, auch, und; Z. IV, 281, 3. 407, 13. — 

am, ihm. — se Law, sein Lieb, Liebchen. — nimi, nicht mehr; Z. III, 226, 14. - 
27. Rächen, eine kleine Axt, Hacke. — ze b. H., zu beiden Händen. — 28. graw — 

amweund, grub, bis er die ganze Erde umwandte. — 
29. e seigden Daach , e. seidenes Tuch. — h'ds — schlaag, bis dafs eine Zähre die andere 

schlug, der andern rasch folgte. — Dill, Diele, Brett. — 
n. 1. wouV , wollte. — fra, frühe. — am Blusen, um (nach) Rosen. — 3. Gang'n, 

Jungen, Knaben. — üggdön, angethan, bekleidet. — 4. stall, still. — 6. d6 — feund, 

da (d. i. dahin, wo) es ßosen fand, ebenso nachher, Z. 12; — eine schon der mhd. 

Sprache geläufige Zusammenziehung. — 7. aingder, unter; Z. IV, 406, 1. 407, 7. — 

8. Laind', Linde. — verspreit, ausgebreitet. — 9mt, eines; Ygl. oben I, 32: tniget. 
in. Der Abschied einer Dienstmagd vom Vaterhause. 

2. tä, du; Z. IV, 408, 21. 

3. wounnt-Oingd, wann nimmst du ein Ende; Z. III, 400, 81. — 

4. daer, unser; Z. IV, 412, 20. — Birrebüm, m., Birnbaum; Z. III, 620, 2. — Biuae, 
f., Rose; oben II, 1. 

7. D'dsch, m., Tisch. — 8. harz, herzig, lieb. — 9. eweg, 9weg, hinweg, fort; Z. 11, 
287, 67. III, 133. — 11. an leren, in die Erde? auf den Fufsboden? Darf da- 
bei auch an Eren, Hausflur (Z. III, 227, 9. 364. IV, 171), oder noch lieber an mhd. 
gere, m., Schoofs (Bon.-Mllr. I, 499. Schm. II, 62. Z. 11,217. III, 460), gedacht werden? 
15. wol, wie. — Scheiwe, f., Scheibe, wol für Wange? — 

19. Säster, f., Schwester; ndTd. Süster, Z. IV, 355. — Wgund, f.. Wand, wie Hound =: 
Hand, steht hier bildlich, wofür? — 

20. nä, nun, jetzt. — 

24. em, dm, -m, man; Z. IV, 407, 12. — net mt äß, nicht mehr ifs. — 26. uch— wisrt, 
auch das bist du nicht werth. 

27. Med, f., Magd, aus der mhd. Zusammenziehung meit für maget (Ben. -Mllr. II, 1. 
Z. I, 299, 4, 4). — gröw, grob. — „Oft dienen nämlich in städtischen Familien 
noch wallachische oder ungarische Mägde, denen gegenüber sich die Sächsin 
für besser hält und auch wirklich ist." Seh. v. L. — 

29. y,det hin BirlcerSg , das hohe B. , ein Bergrücken, von welchem herab man, von 
Grofsschenk kommend, zuerst Hermannstadt erblickt. Aus dem ehemaligen Qrofs- 
ßchenker Stuhle dienen viele sächsische Mägde in dieser Stadt. So ist wol unser 
Lied im Volksmunde entstanden und hat sich namentlich auch in dem benachbar- 
ten, näher an Hermannstadt liegenden ehemals Leschkircher Stuhle verbreitet." 
Seh. V. L. — Triust, m., Zuversiclit, Vertrauen, Hoffnung, wie mhd. vgl. Z. IV, 189. 
— Moat, m., Muth. — 

35. ech, 9ch, euch, — 36. 98Ü, also. — gt9n, geben. — ausgekl69t, ausgeklagt, zu Ende 
geklagt. — 

IV. Liebchens Grab. 1. zwS addel Bisher, zwei edle Röschen. — 2. hiu, hoch. — 
3. Jlarzldv, Herzliebchen. — 

5. w69r, wohin; s. oben, zu I, 8. — 7. wuess, wuchs; Z. II, 204. — 8. Donner- 
Tcriokt, n. , Donnerkraut, tanacetum vulgare; Z, IV, 262, 11. — 9. z'd s. Htvden, 
zu seinen Häupten, an der Kopfseite. — 13. Seichen, Seiten. — 15. Muschket, 
n., Muskate. — 16. Nageltcher, pl., Nelken; Z. IV, 111, 56. — 18. ia Brängtchen 
käl, ein Brünnchen kühl. — 19. FlUzher^ Flöfschen, Bächlein; bair. Flötz, Schm. 
I, 696. - 



„, Möllthaler Mundart. 99 

Sprachproben aus dem MöUthale im herzogtmn Kärnten. *) 

Mitgetheilt von Matth. Lexor. 

1. Gass'lrcime. 

1. 

Saggrische menscher, häps gär ka" maul? 
Oder seips zum roden z'faul? 
Oder häps öper z-viel knod-l gö[J*n, 
Dä(5 önk die rod* is versö(5*n? hopl 

2. 

Kim i's mit'n glosernen wag-n~, 

Tat* a gearn um 9" nächhörbig frag'if ; 

Kriech* iiber stual und bönk*; 

Hop! saggrische menscher, hoajSt-s wol da ban önk? 

3. 

Saggera 1 wie i' hän gültere geträg'n~, 
Hämps- g-wöllt wözstuane liäb'n; 
Wie i' hän wözstuan- geträg*n~, 
Hämps* g* wollt gültere häb*n, — hopl 

4. 

Saggrische menscher, häps ka~ loater? 

Der himmel is hoater, 

Der wäsen is gruan, 

Die menscher sent a' nit alle gleich schuan; 

a~ toal hämp an köpf wie a kösl, 

a~ toäl an ärsch wie a dreijarigs rösl, 

a~ maul as wie a~ töntoar, 

Dk[h der toifl g6arn fliecht dervoar, 

a~ toal sent grnan, a~ toal sent geal, 

a~ toal sent gär wie en ausgärbets kirschnerfeal, 



*) Nachstehende dialectproben , deren mitteilung ich dem hrn. Alois Egger, der- 
zeit lerer am k. k. akad. gymnasium in Wien, verdanke, sind nicht ganz rein 
in der Möllthaler mundart gehalten; besonders laufen pinzgauische formen 
mit unter, als: grearat, dorst, bestien, gin, sttn, ef, g-herst, g'werst. Auch das 
oi in loitf hedoit, sehoüer, groiß ist nicht der Möllthaler mundart eigen; ob 
auch pinzgauisch, kann ich nicht verbürgen. 

7* 



100 Dichtungen und Sprachproben. ^ 

a~ toal sent hölwänget, 

9~ toal sent fächzäntet, 

Und wenn mä" uöne wollt- hab-n, 

Muost' mä~ erst en pfarrer gin £räg'n~. 

5. 
D- weiberleut- hämp mi' uanewögs saggrisch gearn, 
Weil i' alleweil änhöb- raucher und zoteter z-wear'n. 

6. 
Bin a' weit umer gTöast mei~ häntierung fuorn, 
Da hän i' mi' äbgöb-n mit menscherkuriern. 
r spring* au|i'n auf die sträjS, 
Is Q haus unter'n dach, 
Hat uane g'jämmerst und g*rearst, 
Hat mi' eini begearst. 
Aft bin i' ei'ch'n und hän ir eingöb-n 
Und bin q bifSl dabei g'lög*n~; 
Aft hat sie wol g-schwint g'sägg, 
So guatn ärz biet- sie nie köän g-hap. 
Aft hat'S mir dorst ä' niemer taugg, 
Aft hän i' mi' um on ändern händ-1 umg-schaugg, 
Aft hän i' ftichs- und häs-ndröck brät-n, 
Da is mir da- mederetät saggrisch krät-n: 
Z-äbenst hän i' an ält-n weibern eingöb*n, 
Z-märgens is der taix-1 afn öf-n g-lög-n; 
Da hat deachter da ganze weit g-lächt, 
Dä[S i' so Q saggrische mederetät hän g-mächt. 
Mit meiner mederecin hän i' nö' niemp b-schi[i-n 
Hop! saggrische bestien! heitel weps mein gaj5-lreim öper wol 

wijJm? ha? 



II. Die seiidrln In Wild'iitux. *) 

a. MöUthaler Mundart. b. Zillerthaler Mundart. 

r gea amäl auf Zell hinab, I' gang amäl ga Zell hinä, 

An suntig a~ der frue; 'n sunntäg 9n all dar finla; 

*) Dieses Lied ist nicht nur im ganzen Zillerthale, sondern mit sprachlichen Ver- 
änderungen auch im Unterinnthale , ja selbst aufserhalb der Grenzen Tirols, wie 



Möllthaler und Zillerthaler Mundart. 



m 



Da warn a wois-n loite da, — 
I' acht- drauf, was s- denn tuan. 
Aft hämps- 9 groipes schoilerg-loit, 5 
I' hän nit g'wi(3t, was 's ding bedoit, 
So hiet-n mi' bald derschröckt, 
Hän lei 'an gründ aufkröckt. 

Aft bleib* i' no' a wienig stin, 
Und han lei g-16st und g-schaut; 10 
Da loit' do hob-n an ei~chi z* gin, — 
I' hän mi' schier nit traut. 
Drin sent sa auseinander g-loffn, 
Dorst und da uans ei~ch'n g-schloffn 
Ei~ der groiß'n hütt-, 15 

Und i' war in der mitt*. 



Da hütte war von schotter g-mächt 
Und kraffle drinn, wöä[i was; — 
Wer Oper sellne ding- dardächt? 
Wie wunderla is das! 20 

Uander mit der längen lump*n 
Hat wei^e stäber ungezunt-n — 
Und darzua ban tag ! 
Grad zuegean tuats wie 's mag. 

Aft hämps* a groißes schoilergloit*, 25 
Hän g-muant, es kämen küa, 
Hän nit g'wijJt, was 's ding bedoit-t, — 
Da g*wös*n bin i' nia. 
Aft sent a droi pfent fuari g*lofF*n, 
Hän nit g*wi[5t, wo s* her sent 
g'schloff'n, 30 

Ei~ der pfoat, - — i' wött*, 
Sa sent just aus 'n bött. 



Da wär*n schua~ viel laate da, — 
r dächt*: „was wöll*n denn dia?'' 
Aft häms* gr6ä(5a schell*n g-läatet, 
r hu~ nit g'wist, was das bedäatet, 
Hat* mi' gär schier darschröckt, 
Hu~ gräd 'n grind aufkröckt. 

Aft blieb i' noch a boipe stia", 

I' hu~ gräd g*16st und g*schaut; 

Da läate höf*n u~ ei~cha gia~, — 

I' hu' mar kam getraut. 

Aft hänt sa ausanändar g*lofF*n 

Ist 's oane dort und 's oane dähi" 

g*schlofF'n 
Ei~ dar gröap*n hütt-, 
Und i' blieb ei~ dar mitt*. 

Da hütte war vo~ schott*n g-mächt 
Und g'raffl drinn, w6a[S was; — 
Wear öppar solle ding* ardächt? 
Wia wundarlach ist das! 
Oa~r hat mit 'ar längen lunt*n 
Wei(5e stöbe ü~gezund*n — 
Wundacht mi', bam tag! 

Es geat hält ziia wia*s mag. 

» 

Aft häm sa mear a glogge g*läatet, 
Hu g*moa't, as kommen kua, 
Hu~ mear nit g*wöst, was das bedäa- 
tet, — 
Da g*wös*n bin i' nia. 
Aft hänt drei fürchar g*loflf*n, 
I' w6ä(5 nit, wo se heär hänt g*schloflf*n, 
Ei~ dar pfoat, — i' wött*, 
Sa hänt gräd hear von bött. 



z. B. im Salzburgischen, verbreitet. Da uns zufällig zu gleicher Zeit eine dem 
Hrn. Dr. J. E. Waldfreund zu Innsbruck durch einen Zillerthaler, Hrn. J. 
Berger, mitgetheilte Aufzeichnung in Zillerthaler Mundart vorliegt, so stellen 
vfir diese der des Möllthales zur Seite. 



102 



Dichtungen und Sprachproben. 



Aft hob'n sa ze prum-ln an, 
Sa hämp sa' bückt und g-nöagg, 
A nieder, was ar prum-ln kän, 35 
Und uns hämps- d- arsch herzöagg. 
Er dar heach fängt- s an ze kirn, 
Uander hat „julaison !'' g*schrir-n, — 
Wän decht das laisan-g-schröa 
Nit war*, war* i' no' froa. 40 

Aft hat ar no' an schr5a getan, 
Da[5 alle loit* hämp g'herst; 
Er d* heach hat oaner an wispler tan. 
Das ding hat nit läng g'werst; 
Aft is ar gähling gar wökg'loffn 
Und is in öane krautpr^nt* g'schloff-n, 
Er graint a ganze stunt- 
Und hudelt uns wie d- hunt*. 

Z'löst hat ar no' recht fein getan, 
Si' bückt und herrisch g-noagg, 50 
Er schaugg da loitle alle an. 
Hat sön da gula zoagg, 
Sei~ schuasterkapl hergeri[5-n. 
Durch da loite fürchi g-schmijS-n, 
Aft ist ar fürchi krönnt 55 

Und wäscht an bräntwein d* hent*. 



Aft geat schuan wid-r das glögg'ln an, 
Das gaugg'ln und das tuan ! 
Aft ei~ dar heach hat 's füst* getan, 
Bald still, bald groi(5, bald kluan ; 60 
Aft sent da zwöa klüanem knoch-n 
Zu d*n groi(5ern zuach'n kroch-n, 
Hämp sa' bückt und g'nöagg, 
Hämp uns 'n fuajJbod'n zöagg. 



Aft hof nt sa a geprumm-1 ii~, 
Häm gab'lt und häm zoagt, 
A niadar prumm-lt was ar kü', 
Uns ham s* 'n ach fiirzoagt. 
Ei~ dar heach hat "s u~g*höbt kiarn, 
Ear hat allweil „läason ! " g'schrian, — 
Wenn das läason-g'schroa 
Decht gar war-, war* i' froa. 

Aft hat ar mear an schroa gatü~, 
Aß alle läat" häm g'heacht. 
Und ei~ dar heach hät-s wisplar tu", 
Und das hat oftar g-weacht; 
Gähleng ist ar gar fuchtg-loff-n 
Und ist an ar krautbrent- g'schloff-n, 
Ear grei~t a ganze stund* 
Und hud'lt uns wia d* hund*. 

Z'löst hat ar gär fei~ gatü~ 
Gehuckt und hearasch g-noägt, 
Ear schaut da laate alle ü~, 
Und hat uns gular zoagt, 
Hat d' schusterkäppa heargeri[5*n 
Und ist durch d* laate durcha- 

g'schmiß-n, 
Ist äft mear furchar krennt 
Und wäscht mit brombei" d* händ*. 

Af öaöiäl geat mear 's gränglen ü', 
Und 's glögg'lwerch und 's tosT, 
Und an dar heach hät-s fdchz* gatö~. 
Still, laut, und groaß und klöa"; 
Aft hänt da zweaT klüanan knoch*n 
Gleim zum groa(5*n ziiacha krochen, 
Ear hat so' bückt und g-nöligt, 
'n vöarmas heargazöagt. 



Aft hät-s hält no' a weil geg'wcrst, 65 Das ding hat noch a boißo g-weacht, 
r woji[J nit, wie ma~ "s nennt, 1' woaji nit, wia mach-s nennt. 



MöUthaler und Zillerthaler Mundart. 103 

Äft hat ar göp-n und trunk-n erst, Äft hat ar noch gezeacht ameacht, 

Aft geat das g-jöad zan ent*: Aft giong das joad zu end- : 

Er tat sa' no'mal ummgr kearn, Ear tat so' noch umme kearn, 

Und sägt, mir soUt-n uns bald Und zoagt, miar söll-n uns weitar 

schearn, 70 schearn. 

Er nimp den fuchsschwöaf hear, Ear nimmt an fuchsschwänz hear, 

Und löap uns niama mear. Und loapt uns nimmar mear. 



Sprachliche Erläuterungen 

vom Herausgeber. 

I. Oaß'Ireime, Lieb-, Lob- oder Spottlieder, die nächtlicher Weile vor dem Kammer- 
fenster eines Mädchens etc. gesungen werden. Schm. 11, 72 ; vgl. gaß-l gen, Z. III, 
470. IV, 77. 

1. saggrisch, Adj. u. Adv., gebildet aus dem Ausruf des Zorns und Unwillens: Saggra ! 
(s. unten Nr. 3), einer Verglimpfung für: Sacrament! Schm. III, 197. Z. III, 465. 
IV, 501, 7. — menscher , plur. das mensch, mädchen, geliebte; Z. II, 567, 44. 
111,393,3. IV, 177. 475. 548,13.— seips, seid ihr; ebenso: haps, habt ihr; Z. IV, 
501, 1. — Oper, etwa; Z. III, 103. — Knbd-l, Mehlklofs; Schm II, 371. — önk, enk, 
euch; Z. III, 20. 452. — versitz'n, sitzen oder stecken bleiben, ausbleiben; Schm. 
III, 301. — 

2. Nächhörhig, f., Nachtherberge, nächtliches Obdach. — bsn önk, bei euch. — 

3. Gülter, Golter, m. , Bettdecke; mhd. kulter, gulter, lat. culcitra, roman. coultre, 
cutre, cotre, ital. coltre; Ben.-Mllr. I, 899. Schm. II, 44. Z. II, 348. III, 109. - 
hämps', haben sie. — 

4. Loater, f., Leiter; ebenso hoäter, heiter, Toal, Theil, etc. — Wasen, m., Rasen; 
Schm. IV, 170. — Kösl, m. , Kessel. — Bös-l, n., Röfschen. — Töntoar, n., Ten- 
nenthor, Stadelthor, — hölicänget, hohlwangig; vgl. Schm. IV, 116: holwangen. — 
fächzantet, mit grofsen Eckzähnen versehen; Z. II, 340. III, 188, 38. — U9ne, 

eine; ebenso unten II, 60: kludn, klein; Z. lU, 97. 331. 

5. U9newögs, überall; adv. Fortbildung des accusati vischen „einen Weg", bair. a9ne' 
Weg, einen Weg (wie den andern), dennoch, Schm. IV, 45; vgl. Z. III, 138: 
ünewak, unausgesetzt. — zotet, zottig. — 

6. unter, umher, herum. — g-rearst, d. i. greart, geweint, v. rear'n, Z. IV, 502, 27. 
Ueber dieses nach r eingeschaltete s vgl. Z. III, 99 und nachher: hegearst, dorst; 
vgl. auch II, b, 3 : hast, hart. — eini, d. i. einhin, hinein, auch ei'ch'ii, ei'chi, ei'chl 
(unten II, 11, 14); vgl. Z. IV, 500, 6. - äft, hernach, dann; Z. III, 194, 174. — 
g'sägg , gesagt, Z. III, 106; ebenso: ghap, taugg, umg'schaugg etc. — Mederetät, 
f., Mithridat; Z. III, 471. — krät-n, gerathen. — z'Abenst, des Abends; Z. IV, 
118, V, 2. — Taix-l, m., Teufel; Z. III, 104. — deachter, doch; Z. III, 173, 149. 
399, 5. — niemp, niemand. — Bestie, Mädchen (pinzgauisch). — heitel, nun, jetzt; 
Schm. II, 2.54. — weps, werdet ihr; wie oben I, 1: seips. — 

II. Die Sennerin in Wildentux. Zu Sendrin vgl. Z. II, 567, 53. — 2. Suntig, 
Sonntag; Z. III, 460. — 3. a Wois'n, ein Wesen, d. i. eine Menge, sehr viel; 
Schm. IV, 174. — 5. äft, hernach, dann; s. oben, bei I, 6. — Schoilerg'loit , n., 



104 Dichtungen und Sprachproben. 

Schellengeläute, v. Schoüer, n., im Lesach. Dialecte Tschelder, Tschaider, f., schlecht 
tönende (Kuh)glocke ; Z. IV, 3. 453; vgl. unten bei b. — 8. Zu lei, freilich, vgl. 
Z. m, 309 f. 328. — '3w Oründ, den Grind, d. i. den Kopf; s. unten bei b. — 
außcröckt, aufgereckt, erhoben; vgl. 55 krennt, gerennt; I, 6 krat-n. Vgl. Z. III, 
108. — 10. g'löst, gehorcht, gelauscht; Z. II, 95, 8. III, 313. -- 11. efchi, ei' che, 
hinein ; oben I, 6. Ebenso 29 fuari, und 54 fürchi, hervor ; 62 zu9ch'n, hinzu. — 

14. dorst, dort; oben I, 6. — uana, eins, jemand; uander, einer, 21 ; 8. oben I, 4. — 

15. ei', in, nach, mhd. in, adv. ein, hinein; Z. III, 93. — „Hüti', MiW ; diese Apo- 
cope ist ebenfalls nicht dem Möllthaler, sondern dem Pinzgauer Dialecte eigen." L. — 

17. Schotter u. Kraffle, s. unten bei b. — 18. wöuß was: wie woäß wie (ich weifs 
nicht wie; Z. III, 217) das Unbeschreibliche, Aufserordentliche in seiner Art, so 
bezeichnet woaß was das Unaussprechliche der Sache nach; ähnlich dem fränk. 
wos w&ß ich, w&r w&ß woa u. a. — 19. seller, jener; Z. UI, 545. IV, 221. - dar-, 
er- s. Z. I, 123. — 20. wunderla, wundarlach, zum Verwundern, wunderbar. — 
21. Lump'n, f., aus Lunt-n, Lunte, assimiliert, nach Z. III, 101. — 'i'2. üngezunfn, 
angezündet, starkes Partie, eines schwachen Verbums ; Schm. §. 950. — 23. darzua, 
dazu, obendrein. — hdn, bam, beim. — 

26. hm, (ich) habe, mhd. ich hän; hamjos', haben sie, mhd. habent sie; Z. III, 101. — 
29. pfent, behende, rasch; Z. IV, 486. — 31. Pfoat, f., Hemde; Z. IV, 486. — 

34. buck-n, bücken, unten 50; Z. IV, 498. — g'rioagg , geneigt, herzoagg , hergezeigt 
(unten 50. 52), schaugfj, schaut, nimp, nimmt, loap etc. mit Abfall des t, wie oben 
bei I, 6. — 37. kirn, kirr'n, durchdringend schreien, kreischen, fränk. kerr'n, 
niederd. giren; Z. III, 404, 7. IV, 144, 369; vgl. unten bei b. — 38. julaison! 
laisani aus kyrie eleison! verderbt. — g'schrir'n, geschrien, wie schon mhd. Z. III, 
99, 128. 8. Hahn, mhd. gramm I, 55. — 39. deckt, doch; Z. IV, 329. — 

42. g'herst, gehört, g-werst, gewährt; s. oben I, 6. — Wispler, m.. Pfiff, durchdringen- 
der Ton; Schm. IV, 191. Z. III, 393, 3. — tan, tu, gethan, neben getan, g9tu, 
unten 49. — 45. gähling, adv. zu gdch, jählings (mhd. gaeliche); endlich, zuletzt; 
Z. III, 190, 63. Im Lesachthal wird gleichbedeutend angalschen — wol aus dem 
mhd. adverbialen Dativ (in, en) allen gäben oder dem genit. allen gähes verderbt; 
Ben. -Mllr. I, 454 — gebraucht. — 

46. Krautprent , KrautbrenV, Krautbrengg, f., Krautbottich, worunter hier die Kanzel 
verstanden wird; Z. IV, 495. -- 47. grainen, zanken; Z. II, 84, 27. — 48. hudeln, 
rücksichtslos und hart behandeln; Schm. II, 153. Z, III, 376. 

49. z-löst, zlöst, zuletzt; Z. III, 218, 13. IV, 277, 44. — 60. herrisch, städtisch, vor- 
nehm ; Z. III, 45, 19. — 52. sön, ihnen. — Qula, f., s. unten bei b. 

58. gaugg'ln, heftige Bewegungen machen; Schm. II, 24. — Füst, Fist, m., Gedärm- 
wind, Blähung, mhd. vist; Ben.-Mllr. III, 331. Schm. I, 577. Z. U, 341. V, 63, 30. 
60. kludn, kliTan, klein (s. oben zu I, 4), Compar. klüaner. — 62. zuech'n, zuhin, 
hinzu; s. oben zu 11. — 

65. geg'werst, gewährt, mit Verdoppelung des participialen Augments. — 68. öjoad, n.. 
Gejage, mhd. jeit, f., gejeide, n., aus jagete, gejagede hier zr die Hetze, lärmen- 
des Hin- und Wiederlaufen; Schm. II, 264. — locipn, übrig lassen, dalassen, 
dulden; Z. III, 307. 458. ^ 

b. Zillerthaler Mundart,*) — 1. gang, Imperfect zu gia. Der Zillerthaler bedient 



*) Diese Erläuterungen sind, bis auf einige Zusätze des Herausgebers, vom Hm. 
Einsender. Sie beziehen sich nicht blos auf die Zillerthaler, sondern auf die 
Unterinnthaler Sprechweise im Allgemeinen. 



MöUthaler und Zillerthaler Mundart. 105 

sich beim Erzählen fast durchaus des Imperfects statt des sonst üblichen Perfects. — 
g9 zuweilen auch gö, vor Vocalen gön lautend, gen, nach; z. B. gön Innsprugg, 
oder: gö (gs) iSprugg gea; gön Alm gea, (im Sommer als Senner) auf die Alpe 
gehn (Alpach); gö Tal a od. gö Tal äwaus springe, zu Thal (abwärts) springen; 
iatz geat Als gön Agend, (gegen Ende, Abgang) dd' Welt, sagen alte Leute. — Im 
ßrixen-, Leuken- und Pillerseethal , bei Kitzbühl und St. Johann findet sich die 
Ortsbestimmung auf die Frage wohin? gar oft ohne die Partikel g9 ; z B. gest 
Kopfstoaf gehst Du nach Kufstein? gest Senaghansf gehst Du nach St. Johann? — 
3. schua', schön, wird aufser seiner gewöhnlichen Bedeutung auch adverbialiter ge- 
braucht zum Ausdruck der Steigerung eines Adjectiv- oder Verbalbegriffs. So sagt 
man z. B. von einem zurückgelegten Wege, der einem zu lang gewesen, mit Be- 
tonung von schua' : Nu, d'/ Wog is schua' weit g-wös'n! Ein recht grofser Mann 
ist schua' groß, ein durch seine Höhe ausgezeichneter Baum schua hoch. In diesen 
Fällen liegt der Accent in eigenthümlicher "Weise auf schua (schbd). Wird er da- 
gegen auf's Adjectiv gesetzt, so ändert sich die Bedeutung, und schbd groß, schbd 
hoch, mit dem Ton auf groß, hoch, würde anzeigen, dafs der Mensch eine schöne, 
gefällige Gröfse, der Baum eine schöne Höhe habe. Dasselbe gilt, wenn das schbd 
sich auf ein Verb bezieht. Der is schbd g-loff'n, mit Betonung und Dehnung des 
schbd, hat eine Bedeutung, wie etwa: er ist sehr gelaufen. Wird auf g'loff-n mehr 
oder doch ebenso viel Ton gelegt wie auf schbd , so heifst es : der ist auf gefällige 
Weise gelaufen. — Es wäre gewifs nicht blofs von philologischem, sondern auch 
von ethnologischem Interesse, die verschiedenen, in den Dialecten gangbaren Stei- 
gerungs-, Vergröfserungs-, "N'erkleinerungs- etc. Formeln zu sammeln. Unsere deut- 
sche Büchersprache ist in dieser Beziehung wohl eben nicht reich und hinter der 
italiänischen zurück. Anders aber ist dies in der Volkssprache; hier nur noch ein 
paar Beispiele dafür. Oleim (fleim, dleim; Schm. II, 92), Adj., heifst eigentlich 
hart, fest; stoa dleim sehr fest; adverbialisch bedeutet es „eng an etwas" (s. unten 62), 
figürlich: geizig, hartherzig; gleimalat (dleimalat) nun drückt eine Fortdauer oder 
Annäherung zum Geizig-, Hartherzigsein aus. — Hascht (d. i. hast, hart; Z. IV, 
501, 5 u. oben zu I, 6) bedeutet oft „schwer", so: da' haust hascht, der wirth- 
schaftet schwer (Schm. II, 241. Z. IV, 285, 49); da' haust haschlalat aber hat den 
Sinn: der wirthschaftet einigermafsen (oder: immerfort) schwer. In Thalgau und 
auch sonst im Salzburgischcn setzt man einem Adj. die Silbe a (an) vor, um die 
Annäherung zur betreifenden Eigenschaft anzudeuten; als: der is ä'schiach, agroß, 
der grenzt an's Häfsliche, an's Grofse, — 

Schell'n, plur. v. Schelle, f., Kuhglocken aus Blech mit eben nicht harmonischem 
Ton. Unterabtheilungen sind: Goasschell'n , kleine Schellen für Ziegen; Qr"is- 
sehell'n, mittelgrofse Schellen, welche den Rindern auf die Weide angehängt wer- 
den; Tuschscheltn , allergröfste Gattung von Schellen, die man nur bei der Fahrt 
zu und von der Alpe den schönsten Kühen umbindet. Es werden mit der Schelle 
manche Vergleiche gemacht; z. B. von einer grofsen Erdbeere heifst es: das is a 
Zapf-n as wia-r-a Tuschsche(l) (Alpach); und grofse Birnen werden mit Bezug auf 
Tuschschellen Tuschbia'n geheifsen. Zudem heifst man eine grofse Schelle oder 
was damit verglichen wird: a Qlungg'l (Dlungg'l) , ein Name, der ohne Zweifel 
verwandt ist mit den Verben: glanggln (dlangg'ln), glengga'n, (dlengga'n; bei 
Schm. II, 359: ManJeen, JclenJcen, Henkeln, kienkern), sich in herabhängender 
Stellung und dabei in Bewegung befinden. Ein herabhängendes Seil, das vom 
Winde bewegt wird, das thut hin und hea' dlengga'n. Daher wird dlengga'n, 
umma'nandlengga'n, wie schlenz'n und sein verwandtes hochd. schlendern, auch ge- 



106 Dichtungen und Sprachproben. 

gebraucht für: herumvagieren, die Zeit todtschlagen, und Dlenggard' , m. , ist ein 
vagierender, leichtsinniger, unordentlicher Mensch. (Alpach.) — 7. hat; conj. imperf., 
hätte. — 8. Grind, m., Kopf; Z. III, 526, II. Ein Wiegenlied, das zuweileii im 
Scherz gebraucht wird, lautet: 

Haia, pumpaia, 
Du groapkopfet's Kind, 
Wenn-s-d- nit bH(l)d einschläfst, 
Aft schlag i' da' zon Grind. (Alpach.) 
Statt: „der hat einen grofsen Kopf" gilt der Ausdruck: da' hat an Grind loia-r-a 
Holzschlögl, oder: wia-r-a Waßa'schaf. Ein Schimpf, dessen ich mich nur noch 
theilweise entsinne, heifst ungefähr so: Dm is oana' ! Füaß- wia dö Bo'nla'n 
(Bodenläden) , Büag (Schenkel) wia dö Zwirmfa'n (Zwirnfaden) , EnM (Knöchel) 
wia dö Zentnstoa, Knia wia dö Trifta' wanna' (Getreideschwingen) , an Bauch 
wia-r-a Müah'kübl, an Grind wia-r-a Heusta'L — Andere volksthümliche Be- 
nennungen menschlicher Glieder sind: da' Ileßjfda'god, d' He(l)fdd' godkapp , da' 
Schnupfa', da' Schnupfetza' für die Nase; dö Knmp'l, die Knöchel an der Hand. 
Die fünf Finger heifsen: da' Daum (Dam), da' Spizlecka', da' Groa/s, da' Mächla' 
(wohl vom Anstecken des Mäch'lrings, des Vermählungsrings) und da' Klöd. — 
9. a boiße (unten 65), ein Bifsl, e. wenig; Z. III, 323. — 13. hä^it, (sie) sind; vom 
üebergang des s in h s. Schm. §. 951 und Z. III, 107. — 

17. SchoWn, m., Käsestoff. Schm. III, 416. Höfer III, 112, — Einer von jenen vielen 
Schwänken, welche über die Bewohner der höchsten Ausläufer des Zillerthals im 
Unterinnthaler Volksmunde leben, sagt, es sei einmal ein solcher herausgekommen 
in's Hauptthal. Beim Anblick der Kirche von Meierhofen habe er ausgerufen: 
Saggara seäle ! latz woaß V deckt, wo sa 'n Schotten hi'thoan, den sa bei uns drin 
alleweil hol'n — 18. G'raff'l, Kraff'l, m. , fast gleichbedeutend mit G'rümp'l, 
Krümp-l, allerlei unnütze Geräthschaften. Schm. III, 59. — 23. wundacht, (es) 
wundert; Üebergang des r in eh s. Z. III, 99. Vgl. unten: g-heacht, gehört; g'toeacht, 
gewährt; fuchtg-loff'n, fortgelaufen; Fache, Farz; mach-s, man es; gezeacht, gezehrt. 

24. wia'8 mag, wie's nur immer kann. — Im Aipach lautet ein Spruch, der ausdrückt, 
dafs es bunt hergehe: Da geafs zua wia an Krauthau oder: wia an Rofahim(l). — 
Zuaged deutet ebendaselbst mancherlei Zustände an; z. B. in einem Hause, worin 
bunt gewirtschaftet wird, cZa geat's zua; wird im Wirthshaus getanzt, so geat's zuä; 
blitzt und donnert es, so sagt man: äva' wia's hrad iaz zuageat! — 29. fürchar, 
d. i. fürher, hervor. — 

34. gab'ln, im Alpach goab'(l)n, verschiedene Bewegungen machen, besonders mit den 
Händen. — 36. Ach, m., der Hintere. — 

37. hirn, lautmalendes Verb, womit hier das Tönen der Orgel bezeichnet wird. Aehn- 
lich ist sich da'ki'na ; es bedeutet das Husten, das entsteht, wenn von Speisen etwas 
in die Luftröhre kommt. Hast da' da'kintf sagt man zu den kleinen Kindern; 
kätzda ! katzda ! katzda! oder blofs: kdtz! katz! kätz! (Alpach). — 

25 Gular, m. , gewöhnlich in der Redensart: Oan a Oular zoag'n, welches im Ziller- 
thal bedeuten soll: gegen einen den Zeigfinger warnend erheben, wobei man ge- 
wöhnlich sage: gular, gular! Im Alpach dagegen sagt jener Ausdruck: einem die 
gekreuzten, etwas in die Höhe gehobenen Arme vorhalten, was so viel heifst 
als: du bist ein Narr! Diese Geberde wird mit dem Ausruf: gu(l)a, gu(l)a! be- 
gleitet, oder mit einem gedehnten, mit hoher Stimme gesprochenen gul Dieses gu! 
oder guflja! wird im Unterinnthal und im Salzburgischen Gebirg auch als sonstige 
Ausrufspartikel gebraucht, grolJsentheils um einen mäfaigen Unwillen über die Dumm- 



Niederösterreichische Mundart. J^ly 

heit eines andern auszudrücken, sei es dessen, mit welchem, oder auch dessen, von 
welchem gesprochen wird. — 

54. durchgeschmiß'n , schnell und flott hindurchgegangen; schmeißn, dahd' schmeiß n be- 
zeichnet ein rasches Dahergehen. — 56. Brombei', m., Branntwein. — 

57. Gränglen, sonderbares Ceremoniel. — 59. Fachz-, plur., Fürze; vgl. oben zu 23. — 
61. Knoch-n, m., Knabe, Bursche, drückt bald das Kräftige, bald auch etwas Ver- 
ächtliches aus; an Enzknoch-n (Z. III, 191, 81), a saggarescha' Knoch-n, ein tüch- 
tiger Bursche. — 62. gleim, knapp, eng; s. oben bei 3. — 64. Voarmas, m., das 
Frühmahl, Frühstück; — in der zweiten Sylbe liegt entweder das mhd. mäz, n., 
goth. mats , m., engl, meat etc., Speise (Schm. II, 626. Ben.-MUr. II, 90), oder 
das gleichbedeutende mhd. inuos (wovon Gemüse etc. Schm. II, 635. Z. IV, 113, 2). 

66. maehs, d. i. mar •«, man es; a. oben zu 23. — 67. gezeacht, im übrigen Unter- 
innthal zeascht oder zöscht, Partie, von zeUrn, zehren, essen. Zu einem Gast, dem 
man etwas aufwascht, aufwartet, vorsetzt, sagt man: zeav a bißl öppas. (Alpach). 
Zearung, Mahl, z. B. dö Tofnzearung. — ameacht, in andern Gegenden ameascht 
(amea'^tj, adv. , am ersten, zuvor. — Joäd, n. , die Hetze; bei a, 68. 



Sprachprobe aus Münchendorf in Niederösterreich. 

Mitgetheilt von Joliann Wtirth, Öchnllehrer daselbst. 

Herr Rudolf von Raumer hat in einem Briefe an den Heraus- 
geber dieser Zeitschrift (Jahrg. 1857, S. 390 abgedruckt) den Wunsch 
ausgesprochen, dafs Mundartproben gerade so mitgetheilt werden möch- 
ten, d. h. mit e])en den "V\^örtern und Satzgefügen, wie sie von den be- 
treffenden Personen gegeben werden. Diesem Wunsche nachzukommen, 
bringe ich hier ein Märchen, welches mir von einem eilfjährigen Bau- 
ernmädchen im Orte erzählt wurde. Ich habe alles so geschrieben, wie 
es aus ihrem Munde gekommen ist. 

»^ G * s c h i c h t . 

a'mäl is q Schuosda' g'wes*n, dea' häd 9 Waib und fimf Kinda' 
g-häbt. 's Waib und di Kinda' häm in Schuasda' so g-schläg~n, so das 
da' Schuasda' ganz va'zagt wäa'; und ea' häd a~n Graiza' g noma"^ und 
is zun KaufmaT gan~ga~, und häd si' um den Graizor a~n Graiza 'sdrig 
käffifc, und häd si' in Wald auflienga~ wol*n. Und wia-r-a' so g^inga" 5 
is, da is eam an Engd bigeg~nd und häd zu eam g'sagt, wo-r-a' hrged? 
Und hiaz häd da' Schuasda' g-sagt: „wo solt i' hfge"! aufhenga~ dua-r-a' 
mi' in Wald, wal a' mi' voa' Va'zwaiflung nid mcar ausken." Hiaz häd 
dar Eng-1 g-sagt: „das muasd du nid däa~; i' gib dar in be|3t.n Rad, du 
gesd zu den Ald-n hi~, enta'n Miar, in ara ^drohiddn wond a', und 10 



108 Dichtungen und Sprachproben. 

wänst* hrkimst, da wia'd Qn Ofa~ sde", und auf den Ofa" wio'd & Dlsch- 
duoh sai , das nimst d* und gesd häam domid, und wiast* dohäam bist, 
da nimst da 's Dischduah und d^ggst as aufm Disch auf und sagst drai- 
mäl: Disch'l, d^gg di'! Da wio'd si' 's Disch-l deggo" mid äla'händ 

15 ^bais-n. Und da' Schuosdar is richti' hi~gango", und häd 's Dischdush 
g'noma", und is in ora Wia'tshaus gan~ga~. Da häd a' 's da' Wia tin 
da'zöld, was a' fiar a~ Dischduah häd; und häd si' a~ Zima' g^'m la(J-n, 
und da häd a' 's Dischduah g-noma~ und häd -s aufm Disch aufbräadd 
und häd draimäl g-sagt: Disch-l, degg di'! und 's Disch-l häd si' deggt, 

20 und äla'händ Sbais-n wäa'n drauf. Da häd d- Wia tin bain Fenstar aini- 
g-schaud und häd si' denkt, wän a' schläffa~ ged, da wül i' ainige' und 
wül eam 's Dischduah nema~. Und wia-r-a' schlafFa" gän~ga~ is, so is 
d- Wia'tin aini und häd 's Dischduah g-noma~ und häd eam an ända's 
aini ge'm. Und wia-r-a' häam kema~ is, so häd a' zu sai~n Waib und 

25 Kinda'n g.sagt: „hiaz geds hea', hiaz häma' z* 4^-n und z- dringa~ g-mua'!" 
und häd 's Dischduah aufbräadd und häd draimäl g-sagt: Disch-l, degg 
di' ! 's Disch-l häd si' äwa' nid deggt. Da san di Kinda' iwar eam hea'- 
g-fal-n und häman so g-schlag"n, das a' wida' ganz va'zägt wäa', und is 
widarum in Wald und häd si' widarum aufhenga" wol-n. Da is widarum 

30 dar Eng-1 kema~ und häd g-sägt, wo-r-a' hi^ged? Und da' Schuasda' 
häd g-sagt: „wo solt i' den hrge~? aufhengo" dua-r-a' mi' in Wald.'' 
Und hioz häd dar Eng-1 g-sägt: „wäarum den?" und hiaz häd da' Schua- 
sda' g'sägt: „wal i' aso ä~kema~ bi~ und häb draimäl g-sagt: Disch-l, 
degg di'! und 's Disch-l häd si' nid ddggt; und hiaz san di Kinda' hea'- 

35 g-fäl-n und ham mi' so g-schlagn, das i' wida' ganz va'zagt bi~ woa'n." 
Und dar Eng-1 häd g-sägt: „hesd as nid da' Wia'tin g'sägt, so wua'd-st- 
dai~ Dischduah no" hä'm. Und hiaz giw i' dia' no' in bd[Jt-n Rad: du 
gest zu den Ald-n wid-rum hi', da wia'd an Es-1 an da' Diar abunt-n 
sai", und den nimst und gest häam damid; und wänst- zu eam draimäl 

40 sägst: Es-1, fäa'tz Dugäd*n! so wia'd a' Dugäd-n fäa"tz-n." Und da' 
Schuasdar is hrgärfga", und häd in Es*l g-noma~, und is widar in's 
Wia'tshaus gän~ga~; da häd a' -s da' Wia'tin da'zöld, und häd si' o~ Zima' 
ge'm läp-n, und is min Es-1 aini gänga~ und häd zun Es-1 draimäl g-sagt: 
Es-l, fäa'tz Dugäd-n I und dar Es-1 häd Dugäd-n g-fäa'izt, was Bläz häd 

45 g-häbt. Und da häd d* Wia'tin ä' wid-rum bain Fenstar aini g-schaud 
und häd si' denkt, wän a' schläfFa~ ged, wül i' ainig^ und wül eam 
den Es-1 w^gnema~, und a~n ända'n dafiar ainigc'm. Und wia-r-a' schlaffa~ 
gan~ge~ is, so is di Wia'tin ainigän^ga" und häd in Es-1 g-noma~, und häd 



Niederösterreichische Mundart. jpg^ 

eom QU ändo'n ainigd'm. Und wla da' Schuosdo' häam kema" is, so 
liäd o' zu sarn Waib und Kinda'n g*sagt: „hiez weo'd-ts seg"n, was i' 50 
hab; hiez nemts 9 Budd-n und hälts os auf!" Und da' Schuasda' bäd 
draimäl g-sagt: Es-1, faa'tz Dugäd-n! Dar Es*l häd äwa' käani Dugäd-n 
g-fäa'tzt. Und hiaz san di Kinda' iwa' 'n Schuasda' hea'g-fal-n und hämen 
so g'schläg~n, das da' Schuasda' ganz va'zagt wäa', und had sl' wid-rum 
aufhenga~ wohn in Wald. Und hiaz is dar Eng-1 widTum kema~ und 55 
häd g-sägt: wo-r-a' hrge~ will? Und da' Schuasda' häd g-sagt: „wo 
solt i' den hfge"! aufhenga~ dua-r-a' mi' in Wald.*' Und dar Eng-1 häd 'M 
g-sägt: „wäarum den?** und da' Schuasda' häd g-sägt: „wal i' aso akema~ 
bi" und häb draimäl g-sägt: Es-1, fäa'tz Dugäd-n! und ea' häd käani 
Dugäd-n g-fäa'tzt; und da häm mi' di Kinda' widar ä'g-schläg""n , das i' 60 
ganz va'zägt bi woa'n.'' Und dar Eng-1 häd g'sägt : „hesd as nid da' 
Wia'tin g'sägt, so hesd dai~ Sächa" no~ ; und hiaz giw i' dia' no~ in be[5t-n 
Rad: du gest zu den Äld-n hr; wänst hT kirnst, da wia'd a~ Briafdäsch-n 
lig~n, und d6 nimst; und wänst- draimäl sägst: Rehament aus da' Briaf- 
däsch-n I so wiä'd a~ Rehament Soldäd-n aus da' Briafdäsch-n aujJa' kema". 65 
Und wänst as hast, so gest zu da' Wia'tin hr und bigea'st dai~ Sächa~; 
und wän s- da' -s nid gd'm wül, so sägst draimäl: Rehament aus da' 
Briafdäscli-n 1 und da wia'd a" Rehament aus da' Briafdäsch-n kema~ und 
wia'd di Wia'tin recht ä'schläg~n, und da wia'd s- da' das Sächa" glai' 
g^'m.* Und da' Schuasdar is hi~gän~ge~, häd di Briafdäsch-n g-noma~ und 70 
is in's Wia'tshaus hr, und häd va~ da' Wia'tin sai~ Säclie" bigea'd. D- 
Wia'tin häd -s laug~na~ wohn, und häd g-sägt: „i' häb s- nid!'' und da' 
Schuasda' häd g-sägt: na~, ^s häbts mai~ Sächa~! und d- Wia'tin häd 
g-sägt: na~, i' häb dai~ Sächa~ nid! hiaz häd da~ Schuasda' g-sägt: Re- 
hement aus da~ Briafdäsch-n, und schläh d- Wia'tin so ä', das s- ma' mar 75 
Sächa~ gibt! und di Soldäd-n san au[Ja'kema~ und häm d- Wia'tin so 
ä'g-schlägn, das s- bidd häd; und si häd g'sägt, ea' sol s- nua' ge~ lä[5*n, 
und si wia'd 's Dischduah glai' brin^ga" und in Es-1 ä', und si häd eam 
-s brächt. Und wia-r-a' -s g-häbt häd, so häd a' g-sägt: „Rehament in 
di Briafdäsch-n !" und d- Soldäd-n san widar aini. Hiaz häd a' sai~ 80 
Sächa" g-noma" und is häam gän~ga~. Und wia-r-a' dahäam wäa*, so 
häd a' zu sai~n Waib und Kinda'n g-sägt : „hiaz geds hea' mit ara Budd-n! 
und s6 san hrgänga" mit ara Budd-n. Hiaz häd da' Schuasda' draimäl 
g-sägt: Es-1, fäa'tz Dugäd-n! und dar Es-1 häd Dugäd-n g-fäa'tzt, was 
Bläz häd g-häbt. Und 's Waib und di Kinda' häm si' va'wunda't und 85 
häm an g-lobt. Hiaz häd a' 's Dischduah aufd^ggt und häd draimäl 



110 DicMungen und Sprachproben. 

g'sägt: Disch-1, degg di'I'' und äla'händ Sbais-n wäo'n d-rauf. Und hiaz 
häm S8 si' hrg'setzt und häm ge(5'n. Wio s* g-mua' gdß'n häm g'häbt, 
so häd q' g'sagt: „hiaz häw i' no" was!'' und eo' had draimäl g-sägt: 

90 ^jRehament aus da' Briöfdäsch-n, und schlag s* recht ä'!'' und die Sol- 
däd-n san au(Ja' kenia" und häm 's Waib und di Kindo' so ä'g'schlag~n, 
das s" bidd häm; und eo' häd g-sägt: „Rehoment in di Briofdäsch-nl'^ 
und d- Soldäd-n san widar aini. Se häm si' von Es'l recht Dugäd-n 
fäa'tz-n lä[i'n, und san so raih woo'n, das s- gäor o~ Haus käfft häm, 

95 und se häm gliggli' und z'frid-n g-lebt. 



Anmerkungen. *) 

9 Oschicht. Eine Geschichte, so nennt das Volk jede Erzählung, sei es die einer 
wirklichen Begebenheit, oder die einer Sage, eines Märchens, eines Schwankes. Ob- 
wohl dieses „Geschichten" -Erzählen beim Volke immer seltener wird, so ist doch das 
Interesse daran bei demselben nicht erloschen; es fehlen nur die Versammlungen, wie 
sie einst zu einer Zeit, wo noch die Spinnstuben waren, stattfanden. Ganz kleine Zu- 
sammenkünfte finden wohl bei uns noch statt, so z. B. beim Federnschleifsen , beim 
Speckschneiden, und nur diesen Zusammenkünften ist es zu -verdanken, dafs noch einige 
solcher Ueberbleibsel unserer Vorältern bis auf diese Zeit gerettet sind ; denn da werden 
die „Geschichten" erzählt und die Lieder gesungen, die nie an ihrer Schönheit verlie- 
ren und ewig jung bleiben, daher auch bei Grofs und Klein Wiederhall finden. 
4. Qraizo' ^drig , m., Kreuzerstrick, ein Strick, der nur einen Kreuzer kostet. 
6. Mfft, gekauft, von haffs, kaufen. Z. I, 226 ff. u. unten 23. 24. 26. 30. 36. 51 etc. 

wia-r-o', wie er, mit eingeschaltetem r zwischen zwei Vokalen. Z. III, 392, 3, 9. 

187, 29. 173, 132. Vgl. unten 8. 28. 63. 

6. higig'nd, begegnet. Die Vorsilben be- und ge- lauten in der Volkssprache häufig 
bi- und gi- ; z. B. bigea'n, bigra'm, bischweo'n etc. Qibug't, Qiduld, Gidango etc. 

7. hioz, jetzt; Z. IV, 244, 16. Manche Erzähler, besonders Kinder, haben dieses Wort 
immer im Munde. Sie wollen dadurch gleichsam der Erzählung mehr Lebendig- 
keit geben. — rfwa-r-a' mf, thu' ich mich. Das i' (ich) wird oft zum tonlosen s'; 
besonders nach Verben, die nebst dem Nominativ auch den Dativ und Accusativ 

. der Person haben, z. B. ge-r-e' d9' , geh' ich dir; wäß't »' rf»', wart' ich dir; 
hau-r-9^ di\ hau' ich dich; 8chau-r-9^ m9' , schau' ich mir; wal a' mi', weil ich 
mich; 8U9h e' di\ such' ich dich, etc. 

8. sV auskeng' , sich auskennen (in einer Gegend oder Sache), etwas nach allen Ge- 
sichtspunkten kennen, orientiert sein; Schm. II, 304, Gast. 64. Lor. 16. 

9. däo', städtisch da, thun. — in, den; Z. III, 288, 6. — Bad, Rath. 

10. enio'n Mi9', über dem Äieer, jenseits des Meeres; ent'n, drent'n, drüben; ?ie9rentn,' 
hüben, diesseits; Z. IV, 244, 1. — in 9r9' Sdrohiddn, in einer Strohhütto; Schm. 
§. 769. Z. III, 128. Ich habe bemerkt, dafs ein nach den Präpositionen, die den 
Dativ oder den Accusativ fordern, bei uns immer in dieser Form vorkommt; z. B. 
bain 9r9n Schmid; zun 9r9' Subbm; in 9r9n Haus; — um »ron Ma ; fi9r 9r9' gu9di 



♦) Mit Zusätzen vom Herausgeber. 



Elsä&ische Mundarten. ||| 

Lmtoad; dv»'h sr^' Hatis; also in allen Geschlechtern. Vgl. unten Z. 16. 83. -^ 
w6nd 9% wohnt er ; häufiger wird für wohnen loschirn gebraucht. 

11. wänsi-, wenn du; ebenso unten 39. Schm. §. 722. Z. III, 240, 111; s. unten 12: 
wi9st' , wie du. 

12. häam, heim, nach Hause; dQhäam, daheim, zu Hause. 

17. d9'zöld, erzählt, oft für „gesagt«. Z. II, 432, 67. 

18. aufbrägdd, aufgebreitet; s. oben zu 5. 

20. aini, hinein; ebenso 21. 23. 24. 43. 48 ff. Z. IV, 637, IV, 8. 

25. geds Aea', geht her; Z. IV, 244, 13. — hcimd', haben wir, aus han ma' =: ha ma' ; 
vgl. 28: havwn, haben ihn, — g-mus'' , genug, neben gnu9\ 

33. 9S0 ist in der Schriftsprache schwer wiederzugeben ; am nächsten steht es dem be- 
tonten „so" oder „also". Z. IV, 241, 5. 281, 7. — akema', ankommen; i' bf a]eem9~, 
ich bin angekommen, mir ist Uebels widerfahren. Grimm, Wb. I, 384, 3. 

36. head, hättest. F hed, du hesd, es' hed; mia' hed'n, es hedds, se hed'n. — wu9'd-8t, 
würdest. 7' wu9'd, du wua'dst, ea' wu9'd; mid' wu9'd"n, 6a tcua'd'ta, ae wu9'd'n. 

40. foä'tz'n, scheifsen; Schm. I, 568. 

43. min, mit dem, aus mid d-n, mid'n. 

44. wäa Blaz häd g'habt, so viel deren Raum hatten ; „was Blaz hud" ist eine beliebte 
Wendung unserer Volkssprache. 

46, had aV denkt, hat (bei) sich gedacht; Z. III, 208, 49. i' deng, denke, denged, 
dächte, hai> denkt, habe gedacht, hed denkt, hätte gedacht, wj'a' d&ng9 , werde den- 
ken, wi9'' denkt häm, werde gedacht haben. 

50. we9'd'is, werdet ihr; nemta, nehmt (ihr); vgl. oben zu 25. i' wi9\ du wig'at, 69' 
1019' d; mi9' we9''n, ea we9'dta, ae we9^n. — aeg'n, sehen. 

51. Buddn, f., Butte, Rücken -Traggefäljs. Schm. I, 224. — hälta 9a, haltet sie; auch 
hältsia, wobei ia (9s) für sie steht wegen der Anlehnung an das vorangehende s. 
Vgl. Schm. §. 727. u. Gramm, zu Grübel §. 104, f. 

60. a' achlag'n, abschlagen, als Verstärkung von schlagen, wie hochd. abprügeln; ebenso 

69. 75. 77. 91. 
62. Sach9', n., Sache, Besitz. Schm. III, 187 f. Z. IV, 224, 
64. lig'n (spr. ling\ liegen; Schm. §. 472 f. Gramm, zu Grübel §. 63. — de, die, diese; 

von de9' , dieser; de, diese; dm, dieses. — Beh9ment, Regiment. 
66. bige9'st, begehrst; s. zu 6. 
73. ea häbta, ihr habt; Z. III, 452. 

76. auß9' , (ausher), heraus; Z. III, 325. 

77. ge' luß-n, gehen lassen, in Ruhe lassen. 

93. recht drückt verstärkend den Begriff der Menge aus: viel; recht Dugadn, recht 
Q'dld, recht Scha'n, recht A9'w9d. 



Kinder- und Volksreime aus dem Elsafs. *) 

1. 

Dort unde, dort obe, wo 's Wa(5er Dort steht eChapeziner,hetd-Chutte 
ablauft, verkauft, 

*) Aus der zweiten, sehr vermehrten Ausgabe des Elsäfsischen Volksbüch- 
leins, das der Einsender zum Drucke bereitet. 



112 



Dichtungen und Sprach proben. 



Het 's Bete verge[5e, het 's Noster 

uffg'henkt, 
Het d" Schlurbe abzöge, isch de Maidle 

no'g'rennt. 

(Pfirt.) 

2. 
Mueder, was choche m-r z- Nacht? 
„Nudle, a[i -s donneret un chracht!" 
Mueder, bim Säliment ! 
D* Nudle sin ganz verbrennt, 
Sin unde un obe so schwarz, 
•s mag si ke Hung un ke Chatz. 

(Pfirt.) 

3. 
Gigerigi-Hahnl 

•s wann alle Maidele Männer hänl 
(Mülhausen.) 

4. 
Theresele, Theresele, 
Mach 's Kuchedirle zul 
Wie danze denn die Maidele, 
Wie danze denn die Büewele, 
Wie klebbre - n - ihri Schu^h 1 

(Riedisheim.) 

5. 
•s fangt e Büewele 's Rauche - n - a~, 
'S meint, 's du^t "m wie -me Ma~. 
Du dunderschiajJiger Labbibua! 
Sug" am e Zipfele Läwerwurst, 
•s isch bejier f ürr h junger Burst ! 

(Riedisheim.) 

6. 
Reim Taiischcii. *) 
U(3gedfischt, blibt geduscht, 
Dreimol üwwer 's Rothhüss, 



Dreimöl üwwer d* Rhi~, 
D-rnö isch 's widder di". 

(Gebweiler.) 
7. 
D-r Häberle isch e-n-alte Mann, 
Er dräit e Rock mit Schelle, 
Wenn er üwwer d- Ga[5e geht, 
Düen e d- Hund ä~belle. 
Haberle, kumm, 
Schlag* mT die Drumm, 
Füehr- m-r mi Kindle-n-im Wägele 

'rum! 
Füehr- m*r -s fin 'rum, 
Un wirf m-r -s nitt um, 
DafJ i' nitt um mi klein-sKindle kumm ! 
(Niederentzen.) 
8. 
Wo bin i' d-r lieb ? 
„Im Herzhfisele, 
Un ^ Riagele drä~, 
A[5 d- Lieb nimm* use kä~. 

(Heilig-Kreuz.) 
9. 
Beim Scliiienlon der Weideiipfeifen. 
Hai Wide -n- ab, häi Wide-n-ab! 
Mach* kg so langi Schnatze, 
Un wenn i' doch nitt gige kä~, 
Se kann i' doch no ratze. 

(Münsterthal.) 
10. 
Suri Holzäpfeler, 
Stialeler drä", 
Freu* di', mi Schätzele, 
Mu^sch au darv6~ hä~ I 

(Münsterthal.) 



In Heilig - Kreuz bei Kolmar sagen die Kinder: „Wenn d- •« widder witt (willst), 
mueach (mufst du) d' Stadt Born uff 'ot Meine Finger um d- Welt ^grum drdje;" 
oder: „Dusch, Dusch, ghandelt, Dreimöl um, d' Hill ^srum g'wandelt l" 



Elsäfsische Mundarten. 



'4n 



11. 

Mi Schotz isch e Schmidt, 
Un gebrennt isch t nitt, 
Er lö(5t si' nitt brenne, 
No kennt niT -ne nitt. 

(Kochersberg.) 
12. 
Under der Roseheck 
Huckt e Woldbrueder, 
Wenn 'r e schen-s Meidel sieht. 
Locht "r wie 's Lueder. 

(Kochersberg.) 
13. 
r wei[5 , was i' weij5 : 



D* Supp isch kocht! 
Blöüröli blöü! 
Wer het sie kocht? 
Blöüröü blöü ! 
D- Saldatefrau! 
Blöüröü blöü ! 
Sie ij3t sie au' ! 

(Strafsburg.) 

17. 
Gest' simmerr fische gange, 
'S isch as au' geröde: 
Hammerr e verreckte Schnider 

g-fange, 
Hammerr -ne gebröde. 



Im Schneider isch der Bock verreckt, Als der Schnider gebrode war, 



Jetz ritt er uff der Gaip. 

(Strafsburg.) 
14 
Dem Schornsteiufeger. 

Kaminfejer, 

Steckeledräjer, 

Ziwwelebinder, 

Lochschinder ! 

(Strafsburg.) 
15. 

Bech, Bech, Birste! 

D- Schuehmacher meine, sie sin Fir- 
ste; 

HoUe, holle! 



Hammerr -ne welle-n-e(5e, 
Fiohrt der Deifel e Muck*) d'rzua, 
Die het de Schnider g-frefie. 

(Hagenau.) 

18. 
Der Schneider un die Laus, 
Die fordre-n-enander 'oraus; 
Un war der Floh nitt darzwische 

g'sprunge, 
Se war min Schneider um 's Lewe 

kunome. 

(Hagenau.) 

19. 
So lieb als mir das Lewe- n -isch, 



Sie sin doch nummelütterBechknolle! So lieb isch mir min Schatz, 

(Strafsbu rg. ) Un wenn min Schatz au' g*storwe-n- 
] 6. isch. 

Beim Rappell- Schlagen. Se liewi' noch de Platz. 
Blöüröü blöül (Hagenau.) 



*) Vgl. Ziska u. Schottky, österr. Volkslieder, S. 31: „Schneider und Ziege", wo 
es am Schlufs heifst: 

„Fi'dh't da' Daif'l d' Kalz dahear, 
Hnd 'n Schnaida' ff'/re^s'n." 

8 



114 Dichtungen und Sprachproben. 

20. Vatter un Mugder, 

K^nnt m'r dö üwwer Ndcht bliwe? Schwester un Bruader, 

^Wie viel sinn •r?'' Driitt un Drett, 

Nurr unseri Paar : D- Elsbeth un d- Kätt, 

Ich un Er, Un der klein Buo mit 'm Hindel 

Schwojer un Schwär, Bringt noch siwwe-n-im Bindel. 
Mülhausen im Ober-Elsafs. (Hagenau.) 

Aug. Stöber. 



Sprachliche Erläuterungen 

vom Herausgeber. 

1. JVosier, Nüster, m., Rosenkranz, von Pater noster. — Schlurhe, plur., Pantoffel, ab- 
getretener Schuh; auch Schlürfen, Schlarpfen, Schlarpen, Schlarrjen, Schlurgen, 
Schlorker, Schlarren, Schlorren, niederd. Slarpen, Slarren, Slurren, Slushen, Sluffen, 
vom lautmalenden schlarfen, schlarpfen etc., schleppend einhergehen. Schra. III, 
457. Schmid, 464. Stalder II, 324. Castelli, 243: schlapfn. Loritza, 114: schlaipfen. 
Brem. Wb. IV, 816. Schütze, 114. Richey, 260. Dähnert, 428. Stürenb. 224. Müllen- 
hoff z. Q. Z. II, 393, 64. IV, 135, 136. 

2. Sdliment, Glimpfwort für Sacrament. Vgl. Z. IV, 463. — llung, m., Hund. „Die 
Verbindungen and, end, ind, und gehen im Sundgau, wie auch im Kochersberg 
und westlich und nordwestlich davon, bis ans Gebirge, in ang , eng etc. über." 
Stöber. Vgl. Z. IV, 262, II, 5. 281, 5. 406, 1. — 

3. wann, wenn, aus dem wänt der Bauernsprache, (sie) wollen ; mhd. wellent; im 
Unterelsafs: welle. Z. III, 209, 82. 

5. "me, aus dms, dem mhd. eime für eineme, einem; Z. IV, 271, 70. — Dunderschisß, 
Donnerschofs , als Glimpfwort; daher: zuem D.! du D.! und das adjectivische 
dunderschigßig, verdammt, verwünscht. Z. II, 503. IV, 441. — Lappi, dummer, 
auch vorwitziger, plumper Geselle ; Z. III, 394, 32. IV, 175. — Burst, m., Bursehe; 
Z. III, 358 f. IV, 213. 

6. üßgedmcht, ausgetauscht. — d-rnö, ddrnö, darnach. — 

7. Für Huberle hört man auch Eckerle, ursprünglich wo! eine mythische Persönlich- 
keit. — drdit, trägt, wie mhd. treit; Z. III, 401, 15. — 

8. aß, dafs; Z. III, 324. — nimm, nimmer; Z. III, 209, 130. 226, 40. — me, heraus; 
Z. III, 488. IV, 251, 11. — 

9. hai, haue; im Sundgau: h6i, höü. — Schnalze, Schnarze, geschlitzte Zweigtheile; 
vgl. Schm. III, 501: Schmäizlein, Zweig, Reis; schn'dtzeln, klein schneiden. Stal- 
der 11, 340. — giga, geigen. — ratze, kratzen (auf der Geige), franz. racler. 

10. Holzäpfeler. „Die Pluralendung — ler ist dem Münsterthal, sowie Kolmar und sei- 
ner nächsten Umgebung eigen; sie wird jedoch meistens nur bei Diminutiven an- 
gewandt." Stöber. — muesch, (du) mufst. 

11. loßt, läfst. „Im Kochersberg sinkt a durchgängig zum 6 herab." St. — „brenne, — 
Anspielung auf den Gebrauch, dem Herdvieh ein Zeichen aufzubrennen, oft das 
des Dorfes, damit man es, besonders in den mehreren Ortschaften gemeinschaft- 
lichen Waldweiden, erkenne." St. — -ne, ihm; ebenso 17. Z. IV, 546, IV. 

12. wie '« Lueder, verstärkender Ausdruck: sehr, heftig; Z. IV, 502, 24. 



Elsäfsische Mundarten. 



115 



13. im, dem; s. Gramm, zu GrüLel §. 26, d. 

14. Ziwwele, f., Zwiebel, ital. cibolla; Stalder II, 470. 

15. numme, nur; Z. IV, 118, IV, 8. — lilüer, lauter, nichts als; Z. III, 308, 1. 

17. gest, ffesisre, gestre, gesteri, gestern. — simmerr, sind wir (tiin-mgrj, durch Anleh- 
nung und Angleichung, wie nachher hammerr, haben wir. — 9s, uns. 

18. liumme, gekommen, ^^ot einem Guttural fällt das Participial- Augment oft weg; 
doch sagt xü&n'. (jdkocht, wie auch gabutzt, gglöüe etc." St. 

20. sinn'r, seid ihr. — Schwhjer, Schwager; Sundgau: Schwogh'r, Kolmar : Schwöjer. 
— Schwär, m., Schwiegervater, aus mhd. sweher; Schm. III, 547. — Drutt, Ger- 
trude. — Dreit, ? — Käit, Käthe. — siwtoe, sieben. 



Mülhauser Mundart. 
Der Hans uff der Kiiwe. 



Nei", was isch das firr e Läwe 
Un Gragele, Gott verdon! 
Wenn hit* alle d'haime bläwe, 
Luff' i' doch zuam Kilweblon! ' 
Wo "s e Dünzle gitt in Ehre, 5 
ün e Glesle gueder Wr, 
Wo se 's Jützge nitt verwehre, 
Isch der Hansi gärn derbi. 

Vivat! d- Here Kilweknawe 
Solle läwe un ighr Schatz! 10 

Denn 's Land ufFun 's Ländle - n - äwe, 
Gitt 's kei' schenre Kilweblatz! 
An de Stange wäje d* Fahne, 
Ganz mit Bändel schameriert, 
Un mit Blüame sin durane 15 

D- Drem* un 's Gländer üsstafiert. 

Uff 'm G'rist dert owe sitze 
D* Musikante frank un frei, 
Un wenn die 'ne Dänzle fitze, 
Kunnt -s vo sälwer Eim in d- Bei ? 20 
D- Gigke duet d-r Balzer striche, 
Un der Hans blöst 's Klaren^tt, 
Un der Döni suocht sis gliche 
Uff 'm Kunderbass , i' wett- 1 



W^o-n-i' under de Franzose 25 

Siwe Johr Saldat bi~ g'si 

Un mit mine rothe Hose 

Bis in Affrik kumme bi~, 

Ha-n-i' mängkmöl, wit \o d'haime, 

No' der Kilwe 's Hairaweh g-hä' ; 30 

's isch mi~ F'raid g'si d-rvo~ z* trai- 

me, — 
Ach, i' dank* no' bitte drä~! 

Vivat hoch! dö bin i' wider, 
G'sund un busper, Gott sei -s dankt ! 
Gr^dele, gäll de hasch sider 35 
Mängkmöl no'-n-em Hansi b-langt? 
Wenn de bi de Maidle z* Kelte 
An der Spuole g-sä^e bisch, 
Un vom Liebster sälte, sältc 
Nur e Briefle kumme isch? 40 

Kumm, merr wann jetz Dreie mache, 
Wil i' wider d'haime bi~ 

e 

Iwer 's Johr, — de brüchsch nitt 

z'lache ! 
L^merr d* Kilwe Kilwe st! 

e 

Iwer 's Johr, do bisch mi~ Wiwle, 45 
Un um das Zit sitsch, i' wett*, 
8» 



116 Dichtungen und Spracbproben. 

Tschuggerigk im enge Stiwle Wähii; 's nurr noch e kleiner Rung* 

Ani e kleine Kinderbett. Frisch, ihr Here Kilwepfiffer, 

No-n-e Dänzle-n-oder zweil 
Wann 'S drum hit* no' brofediare, GredelC; jetz gitt -s e Schliffer, 55 
Wil meiT ledigk sin un jung, 50 Gimmerr d- Hand un lipf- di~ Bei"! 
Bis merr 's Kihverächt verhöre 

Mülhausen im Ober-Elsafs. Fr. Otte. 



Anmerkungen 

von August Stöber. ■') 

Hans auf der Kirchweihe. — Kilwe, in der Bauernspraehe Kilb, Kilbe, Kirchwei- 
he; Stalder, II, 99. Tobler, 103. Z. I, 258. 11, 415, 114. III, 18. IV, 244, 11. Im 
XJE. (d. i. Unter - Elsafs ) : Mefsdi, Meschdi [zr: Mefstag). 

2. Gragele, lautes Durcheinander, Schreien und Jauchzen ; nicht Zanken, wie Z. II, 465 
u. III, 268, 15. 301. Dieses Wort erinnert an das griech. xpauyafw, subst. xQavyi^. 
— Oot verdon ! Glimpfform für: Gott verdamm 1 hier jedoch blos betheuernd: wahr- 
lich! (Gott verdamme mich, wenn es nicht wahr ist!) Vgl. Z. II, 502. 

3. hif, heute, im UE. ; Mite (Z. 32), SG. u. OE. — d'haime, daheim. — bläwe, blei- 
ben würden ( Conditionalis ) , ebenso : Ivff- i' , liefe ich ; beide Formen sind nur im 
Sundgau gebräuchlich. 

4. Küwebldn, m., Kirch weihplan. Plön, Plan, Ebene, Platz. Z. II, 275, 14. 

5. gitt, gibt; ebenso 12. 55. 

7. Jützge, UE. Jügse, n.. Jauchzen; Z. II, 653, 137. III, 45, II, 14. 272, 34. IV, 113, 70. 

9. Jlere (mit geschlossenem, langem e), plur. , Herren; sonst im Elsafs: llerre, — 

Kilweknawe, Kirchweihbursche, welche das Kilbrecht gesteigert, die Musikanten 

nebst dem Tanzplatze u. s. w. gemiethet haben und dafür das Tanzgeld einnehmen. 

11. äwe, abwärts, hinab. — 13. wdje, wehen, rahd. wajjen. 

14. »chameriert, franz. chamarrd, bunt verziert, ausgeschmückt, sonst auch: verliebt. 

15. durane, aus dur, dure, durch, u. one, hin (Z. III, 486 ff.), durciihin, überall, — 
in der Schweiz (Stalder, I, 328), im obern Baden (vgl. Hebel) und im Sundgau 
gebräuchlich. 

16. Drem, plur. v. Drom, m., Balken, mhd. dram, drämen, drim, dremel; Ben.-MUr. 
I, 391. Z. IV, 447. Dr'dmmel, im Elsafs figürlich ein grofser, starker Geselle. 

19. fitze, hinfitze, mit Leichtigkeit und Gelingen thun; er isch g fitzt, er ist herausge- 
putzt; e Fitzer, sowol Einer, dem etwas gelingt, der es meisterhaft macht, als Ei- 
ner, der sich herausputzt ; fitze heifst auch leicht schlagen, z. B. mit einer Peitsche, 
Kuthe; Z. H, 276, 24. 

20. Eim, Einem, mhd. eime. — kun7it •«, kommt es: im Infin. u. Partie, erscheinen 
die beiden m wieder. 

21. Balzer, Balthasar. — 23. Döni, Anton. Das i ist Diminutivendung, die im Sund- 
gau nur an die Vornamen gehängt wird, als: Ousii, August, Edi, Eduard, Ilansi 
(s. 8. 36) und Schangi, Johann. An Gattungsnamen ist die Diminutivform -le : 

*) Mit Zusätzen vom Herausgeber. 



Elsäfsische Mundarten. ^40^ 

Bdimle, Bäumchen, Biewle, Bübchen, u. s. w. ; in Kolmar im Plur. -ler : Maidler 'r 
im UE. -ele oder -el: Biewele, Biewel ; Maidele, Maidel. 

23. ais gliche, seines gleichen. — 26. g-si, gewesen; Z. IV, 118, IV, 2. 

28. Affrik, von den Soldaten aus dem franz. Afrique, erst seit der Besitznahme- Alge- 
riens, eingeführt; sowie jetzt bei ihnen und beim Volke nicht Krimm. sondern 
durchweg Krimme gesagt wird. 

34. busjper, frisch und fröhlich, munter; Z. II, 285, 18. IV, 468. 

35. gäll, auch gell, gelt, nicht wahr? Z. II, 83, 6. 171, 46. 346. 563, 11. III, 173, 130. 
— de hasch, du hast. — sider, UE. zitter, seither; Z. III, 214, 21. — b'lange, 
Verlangen tragen, sich sehnen; Z. II, 469. III, 342. IV, 205. 

37. Kelte, Abendverein auf dem Lande, besonders Spinnstube; Z. IV, 12. 

41. merr wann, wir wollen, ebenso 49; Z. V, 114, 3. — Driie mache; auf dem 

Lande hat jede Tanzreihe drei Tänze: zwei Walzer und einen Hopser, oder in 

neuerer Zeit eine Polka. 
43. brüchach, du brauchst. — 44. lemerr , lassen wir, von 16, lassen. 
46. Zit, das, Zeit. — sitsch, sitzest (du). — 47. tschuggerigh, schauderhaft; frostig, kalt. 
49. brofediare, franz. profiter, benützen. 

52. Bung, m., unbestimmte kurze Zeit; Schraid, 442. Stalder, II, 292. Tobler, 373. 
56. gimmerr, gib mir. — Hpf'^ lüpfe, hebe; Z. II, 562, 6. III, 314. — di' Bei', deine 

Beine. 



Hagenauer Mundart. 
Mamsell und Jungfer. 

Bruchstück eines Gesprächs zwischen drei Mädchen von 8 bis 10 Jahren, auf der 
Hagenauer Promenade, von einem Spaziergänger hinter dem Hage belauscht. 

Das kleinste Mädchen. D- Mamselle sinn rieh un d- Jungfere sinn arm. 

Das gröfste Mädchen. A bah! -s gitt au' armi Mamselle. Awer d* 
Mamselle gehe nitt in de Wald forr Holz ze hole, sie hole ken Was- 
ser am Brunne, un wasche nitt uiF der Britsch; sie koche un spinne 
nitt, gehn nitt in de Stall forr d- Eaeh- ze melke un schaffe nitt 5 
uff'm Feld. 

Das kleinste M. Ja, was mache sie denn? 

Das gröfste M. Was sie mache? D* arme Mamselle stricke, flicke 
Strimpf, naje un h^jle; d* riche sticke, lese, spiele Klavier, un gehn 
au' am Werda' spatziere, wenn 's sehen Wetter isch, 10 

Das mittlere M. D* Mamselle gehn uff de Bäl, d- Jungfre uff dö 
Danz; d* Mamselle gehn ins Kamedie un rede Franz^sch; d* Jung- 
fere gehn in d* Kirch un redde liewer Ditsch. 

Das älteste M. Jo, un d- Mamselle welle- n-alli Madamme wäre, awer 
d- Jungfere nurr Wtwer. 15 



118 



Dichtungen und Sprachproben. 



Das kleinste M. Ich wei(J es be^er als ihr! Die, wo scheni Kleider 
mit Krinoline noch der Mode dräüe, sin Mamselle, un die, wo gering 
gehn, sinn Jungfere. 
Das mittlere M. Her dol do war jo min gro[5 Schwester am Sunda' 
20 e Mamsell un am Werda' e Jungfer! 

(Hagenauer Anzeigeblatt). 



Anmerkungen 

vom Herausgeber. 

4. forr — ze beim Infinitiv: um — zu; ebenso 6. — 4. Britsch, f., eigentlich das 
Brett, auf welchem die Wägche geschlagen (gebritschl) wird, dann die Waschbank über- 
haupt. Vgl. Grimm, Wb. II, 393. — 9. nhje, nähen. — Mjle, bügeln. — 10. Wer- 
da', m., Werktag, wie 19: Sunda', Sonntag; vgl. Z. III, 460. — 14. wäre, werden. — 
16. wo, welcher, e, es, unbiegsame Relativpartikel; Z. III, 207, 22. — 17. drdüe, 
tragen. 



Gedichte in Nürnberger Mundart. 

Von K. Weifs, Kunstdrechsler, in Nürnberg. 

I. An meine Rrehbank. 

Su st^ih- i' halt von freih bis Nacht Wäu -s klingt und singt, däu stimmt 

An dir, du leiba Drechs-lbenk ; mar doch 15 

Du haust mi' wül oft meid scho" G-wiis vuller Freud-n ä' mit ei~. 

g-mächt, 

Dochhäust-mi'g-freut,sulängi'denk-. Und oft, wenn hi der Ärbet i' 

Scho~ zöubracht hob* di ganze Nacht, 

Ja, wenn i' halt an dir thou §teih 5 Und -s haut der ]Mond, di Sternlä 

Und dreh* mei~ Perldmutter glatt, zamm 

Däu höh* i' a~ Vergncig~n oft Su freundli' mir durch 's Fenster 

Und herrli'ä Gedank-n g-hatt. g-lächt, — 20 

Däu werd der Drehbcnkpfost-n mir Däu wdrd 'smgrwunderli'zo Mouth; 

Zon allerscheinstm Bouclr^nbam, 10 Denn Bilder zeig~n nau vorbei 

Wäu d- Vug'l singa prächti' draf, A[5 meiner leib-n Kinderzeit, — 

Und Alles is mor wei ä~ Triim. Ach Gott, es ko" nix scheiner sei! 



r sing' halt nau' mei* Leidlä d', 
Natiirli', 's kö" nit änderst sei": 



Sü g^ngä mar di Stunden 'rum, 25 
Da[5 i' '8 oft gäor nit glab*n kö", 



Nürnberger Mundart. 



m 



Und weret- i' ä' no' su meid-, 
I' denket- wärli' nimmer dro". 



Hob- Ärbet i' und bin i' g-sund, 35 
Bin i' der allerreichstä M6~, 



Drum hob- i' di' halt gäar su georn, Und brauch- mi' vur kan gr6u(5-n 
Denn du hilfst mir a[3 jeder Näuth ; 30 Herrn 

Su lang- i' no' an dir k6~ steih, Nit z-buck-n um an Gnad-ng-halt, — 

Däu hob- i' g-wifs mei~ Stücklä Des Bi^ilä, wos i' brauch-~n thou~, 



Bräud. 



Verdein- i' durch mei~ Ärbet bald. 40 



Näuch den wäu si' su Mancher Und singä will i', bis derzou 

sehnt, Der Audem endli' mir vergeiht 

Däu denkt ja gäar mei~ Herz nit Und bis des Röd, des i' hob- dreht, 

dro", Zo göuter Letzt a' stillä steiht. — 

II. Der reiche Mann. 



In Freihjauh-r wäor-s, a" Tög su 

schei", 
Vur's Thür hob- i' gröd- meiß-n geih~; 
Di Vüg-1 höb-n lusti' g-sunga 
Undaf waarn alliKnosp-n g-sprungä. 
Die Sunnä haut d' prächti' g-schinä, 5 
Da(5 i' heit- bald vur Freud-n grinä. 
Dau hob- i' g-seufzt : „wöi d- reich-~n 

Leut- 
Doch g-neip-n könnä eiz dei Freud* !" 
Und wei i' no' su denk-n thöu 
Und geih- dorbei schei~ langsam 

zöu, 10 

Däu kummt darher a" reicher M6~; 
No', denk- i', der is glückli' dro", 
Und wäll i' -n kennt hob-, sog- i' 

glci' : 
„Der Tög, Herr, könnt- nit scheiner 

sei"". 
Sie höb-n -s äf der Welt doch 

schei", 15 

Könnä alli Tög- spazeiarn geih 
Und brauch-n si' kä Bijilä z- grämä, 



Wäu S" wos fiir'n andern Tög her- 

nehmä." 
„Eiz gcngä S'!*^ sacht der mürrisch 

draf, 
„Wos hob- i' vo~ de'n Rummäg-lafI 20 
I' b-sinn- mi' eiz gröd hr ä her, 
Mit weichern G'schäft wos z- mach-n 

war*: 
Däu fällt mar 's Beiarbräuä ei~, — 
Des, man- i', könnt- 'as Best* no' 

sei"; 
Doch is der Hopf-n sündli' theuer 25 
Und 's Hülz, — mar braucht jo 

gräupi Feuer. '^ — 
Sü haut der eizä fortä tliöu~; 
r sog- glei': „Läu^-n S' mi' in Röuh 
Und bräuä S- Beiar, su viel als S' 

mog~n, — 
Mir is däu weiter nix drö~g-leg-~n.^ 30 
Hob- näu Ade ganz freundli' g-sacht; 
Doch, wei I' fort waar, hob* i' g-lacht; 
Gott, hob- i' denkt, du bist doch 

gout! 



120 Dichtungen und Sprachproben. 

Der Alles scher erricht-n thout! Doch den, wau du ä~ Herz haust 
Den gist- a~ Herz und den i' Geld, 35 geb-n. 

Daß än-8 ersetzt, wäu 's ander Der lebt doch g'wifs des scheinsta 
fehlt; Leb-n. 



Sprachliche Anmerkungen 

vom Herausgeber. 

I. An meine Drehbank. — 1. Ueber hält vergl. Z. IV, 285, 152, 

2, Drechs-lbenlc , f., Drehbank. Benh ist, wie Wend und Ilend, die alte, aus dem 
beumlauteten Genitiv und Dativ Sing. (mhd. diu hant, der hende; diu want, der 
wende; diu banc, plur. die benke) bis in den Nominativ vorgedrungene Form. 
Ygl. Z. II, 288, 2. Gramm, zu Griibel, §. 12. 88, d. 

4. SU läng- i' denk-, so lange ich mich erinnere; Z. II, 205 IV, 341. Griibel I, 47,2. 
II, 53, 4. 166, 3. Weikert, 45, 2. 

7. Ueber den nasalierenden Laut des durch Vocalausfall entstandenen g-n vgl. Grü- 
be!, §. 63. 

8. herrWd, herrliche. Der Wegfall des ch u. g im Auslaut (r, ich; mi\ mich; präch- 
ti' , nathrW , nau' etc.) findet bei den Adjectiven auf -lieh u. -ig oft auch inlau- 
tend statt. Griibel, §. 56, d. u. 62, b. 

II. wau— draf, worauf; Grübel, §. 106, d. — wäu, wo, nach mhd. wä; das. §. 14, a. 

18. natC, hernach, dann, aus mhd. nach und neben der Präpos. näuch; Grübel §. 13. 
Z. II, 83, 7. 423, 57. - ä', auch; Z. II, 76, 2, 3. III, 89. 

14. änderst, Adv.. anders; Z. II, 404, 11. 

19. zamm, zusammen, allesammt; Z. III, 172, 21. 

22. zeign, ziehen; Grübel, §. 65, a. — vorbei, vorbei; das. 22. 

25. gSngd, (wir u. sie) gehen, nach ursprünglichem gangen (mhd. wir gangen, gengen 
neben gän, gen) gebildet; Grübel, §. 98, 1. Schm §. 952. 

26. ga9r, gar, gewöhnlich zweisylbig wegen des r; ebenso 29: gedrn; 11, 1: Jau9r, 
Jahr: «r<W, war. Vgl. Grübel, §. 52, a. 

27. wcret-, d. i. werdete = würde. Ueber den Ausfall des d vgl. Z. II, 191. III, 98. 
Grübel, §. 58; über die in schwacher Form für die Bedeutug des Conditionalis ge- 
bildeten Conjunctive Prät. der .«üdbairischen u. österreichischen Mundarten vgl, Z. 
I, 288, 11. II, 84, 14. 90, 11 u. Giübcl, §. 97, a; ebenso unten: denket-, dächte. — 
wärlV, werrli, wahrlich, nach mhd. wserliche, doch mit Kürzung des ». 

33. nduch den wau, wornach ; Grübel, § 104, i. 
38. buck'n, bücken, beugen; Z. IV, 498. 
42. Audem, m., Athem, mhd. atem. 

II. Der reiche Mann. 6. grinö, Ptc. v. alten 8t. Vb. greind, weinen; Z. 11, 84, 27. 
96, 28. IV, 34. 
8. eiz, eizn, eiae^, jetzt; Z. I, 131, 11. 

20. Bummag'l&f , n.. Umherlaufen: aus rumma i::: rummer, d. i. her -um -her (Z. III, 
193, 133. Grübe], §. 87, c) u. GlÄf-, n., Gelaufe, oftmaliges Laufen; Z. III, 526, 6. 
Grübel, §. 86. 

21. hi' d her, hin und her. Ueber d, und, in formelhaften Verbindungen s. Z. IV, 553, 9. 

22. mit uelchern, mit welchem: die starke Endung -er iet hier mit dem Pronomen so 



Iglauer Mundart. 



m 



verwachsen, dafs sie als Flexion noch die schwache Form hinter sich nimmt. Vgl. 

Schm. § 831. 
25. mndli', sündlich; hier verstärkend: gar sehr, überaus. Vgl. aünd-niheuer (Grübel, 

I, 43, 2. 251), Sünd-ngeld, Sünd-npreis (das. I, 243. II, 146, 5). Z. V, 28. 
27. fortd thdu, fortan gethan, d. i. fortgefahren. Zu fortd vgl. Z. IV, 121, 27; zum 

Partie, thou vgl. Z. II, 112. IV, 325. Grübel, §. 88, h. Stalder, Dial. 175. 
30. däu — dro', daran; Z. III, 541, 2. 549, 10. Grübel, §. 106, d. 
33. denkt, gedacht; Z. III, 208, 49. Schm. §. 959 Anm. *. Grübel, §. 99, a. 
35. ffist- , gibst du; Grübel, §. 53, b. 
36 toäu, wo, als Relativum; Z. III, 207, 22. 



Sprachproben in Iglauer Mundart. 

Von Alois Salomon in Wien. 

1. H ä m w e. 

Br schd" walt g-rast und g-wan- Na~, maiheo'ts, da bin-a' g'speo'nt. 



Hab schd" vil städ-ln g'seg~n, 
Hab* oft am sti'6 'rum g-rända't, 
Br ach im wäld schd" g*leg""n. 

Doch nii~, des mü(3-a' säg"!!, 
Und 'S is a' ganz g*wis: 



Hab- dopp-lte tagmersch* gTnächt, 
Hab- wirkle' da ea'st latrf-n g-lea'nt, 
Br g'loffn tag und nacht. 20 

Und wi -g' hab- 'na gfag'tua'n g'seg"n, 
Na~, maihea'ts, d^s waa' a~ fraid*, 
r waß net wi--s ma' so is g-scheg~n, 



*s hat ma' imma' in d- hämat zög^n, Ja, g-wänt häw-a' voa' lauta' fraid*. 
Wenn*s mar d' gut gänga~ is. 



*s hat ma' just net 's hamwe plagt, 
Awa' imma' hät*s ma' penzt: 10 

Ge hami ge ham! hat ana' g'sagt, 
So hat'S ma' imma' g*stenzt. 

Na~, hä\v-a'-ma' denkt, des derfst* 

ndt ta , 
Es is ja nö' kd jäa' : 
Und hab' g'waa't, häb's dö' ndt ta . 15 
Awa' wi des jäa' wäa' gaa', 



Alias wäa' am ält-n flek, 25 

Und doch wäa' 's ma' nai 
•s wäa' als wear-a' an tag ea'st weg, 
Und doch wäa's aT jäa' scho" va'bai. 

So bin-a' gwända't in mai's väta's 

haus, 
Und ge ^' wirkle' nimma' 'arauß. 30 
Denn 's is wäa', und is glai' d- not 

an grest'n: 
Iwarall is gut, — dahamt an b(?st'n. 



2. Ä lidl zu den sticki, was di hairisclrn müsikanln bai ans spil'U. 

Aufg'rewellt ! aufg'rewellt I Bring-ma'-'s noch ä~. 

Nur imma' vorä~, Halts enk z-sämm, hälts enk z'sämm! 5 

Häm-m'r-ä~ geld, h'm-m'r-a~ geld 's daua't nimma' läng. 



122 



Dichtungen und Sprachproben. 



M»-'l, kumm! tanz-mo' noch 

A~ breckal 'grum, 

D- fai-ramt is so glai' da, 

Did'ldum dum ! 

Dunai dai, dunai dai! 

Did'ldum dum! 



15 



10 



D- fid'l schrait, mia' haun drai", 

•s bläschpament schnurrt. 

Mü(5 jezt in d- städ 'orai", 

Drum geg~n-mo' fua't. 

H?dts enk z'sämm, hälts enk z'sämm! 

•s dauo't nimma' läng. 



3. In w a 1 d. 



In wäld bin-o' hält gäa' so gea'n, 
In wäld , da is mai~ fraid*, 
Ich tu so gea'n di* vega'-ln heo'n 
Di lib'm klan lait*. 

Und wenn -9' so in wäld tu lig~n, 5 

Und schau- in him*l 'orauf, 

Da sich- - o' d • veg9' - In sing9~d 

flig~n, 
Da bin -9' ganz wolauf. 



Ganz fraindle' schaun d* blim9'-ln 

drai' 
Als mecht'n s* re'n mit mig' ! 10 
Selbst d' tänn9 stet net stumm dabai, 
Nagt d* est* '9runt9' zu mi9'. 

Es rieht und tut lewende' we9'n, 
AII9S näng9t und wait, 
Drum bin -9' hält in wäld so geg'n, 15 
Drum is in wäld mai~ fraid*. 



4. A' m a r z c 1 i d. 

Wig'd 'S denn nö' netfrüjag' weg'n? Wig' scho" noch ä~ wälläl wäg't-n, 

•s wig'd an scho~ angst und häng, Es ligt ja noch dg' sehne, 10 

Hat m9~ glai' 'ng wintg' geg'n, A~g"raimt sain noch d* baim in gäg't-n 

J^tz daug't t an scho~ z' lang. Ganz dirr is noch d* alle. 

Drau[vt'n mecht-g' scho~ g^g'n sain, 5 Drum, lib's früjäg', kumm* nu9' bald, 

In feld und wäld 'rum ge, LäfJ d* veg*ln luste' sing9~. 

Wenn sehe" tot* dg' gugug schrain, Fink-n schlagen in jed*n wäld, 15 

Da huppgt*-9' in d* hch*. Des wig'd uns fraid*n bringg~. 

5. GSld macht sorg'ii. 



Wenn-g' recht vil geld tet* häb*m, 
Trinkgt*-g' gn wai~, 
Wail-g' äwg' kan*s tu hab*m, 
Schau* - g' net finstg' drai~. 



Wail-g' äwg' kans tii hab'm, 
Kän-g' 'S do' a' g*rat*n. 



Wenn-g' recht vil geld tet* häb*m, 
Mecht*-g'-me' net plagen, 10 

Wenn-g' recht vil geld tet* hSb*m, 5 Wail-g' äwg' kan*s tu häb*m, 
E(Jgt*-9' gn brät*n, Tü-g'-*s hält dg'träg~n. 



Iglaiier Mundart. 1S3 

Wenn-a' recht vü geld tet* häb-m, Wenn -g' recht vil geld tet* hab'm^ 

rärat--o' mit via'n, Wijigt- net, wo auj3. wo ai~, 

Wail-a' äw9' kän-s tu häb*m 15 Gut, dä,f5-o' jetz kan-s tu häb'm. 

Ge-o' z" fup spazio'n. Häw-a' doch kä~ sorgarai. 20 

6. Da' vögl Tschea'tsch. 

's gogsch'n "wao' schö" von jehea' fia' d* burga' ä~ frald; imma' 
häb'm s* scho" "no sunntag net da'wäa't'n kinna", und wenn a' da waa' 
saln s- schö~ um zwa mit da' gogsch am buk-1 au^ da' stad gänga", und 
•s hat no' net graut, häbm s' schö~ aufg'richt g'hibt. 

Amäl is hält a' so aT gogscha' in wäld g-leg~n, hat sa' sai~ gfaifal 5 
g'raucht und wi ä~ haft'lmächa' auf jed-s v6ga'-l acht geb-m. Da sägt 
auf amäl ana' hinta' im: „güt-n möring!" ea' schaut sa' g-schwind um 
und sigt an dirr-n, groß-n kea'l. „Gut'n moring!", s^gt-a' a", und schaut- 
sa"-*n von ommot-n biß unt-n ä~, und, denkts enk, ea' hat an gfea'dfü(3 
g'häbt. Da hat dea' glai' den sauwa'n vög'l da'kennt, wäa' äwa' gäa 10 
n^t da'schellt, denn a" echta' gogscha' fircht sa' a vorn taif-1 net* Da' 
länge s^tzt sa" nächat zu im ins gras und fragt- -n, uw-a' scho" vil 
g-fanga' hat, was -s fia' veg-ln in dem wäld gibt, und unta'schidle's än- 
da's zaig, wi hält schtT imma' d* vog'lfanga' mit z'sämma~ diskaria'n. 
Unsa' gogscha' is im ka äntwoa't schulde" blib*m, hat imma' mea' gu- 15 
rasche krigt, und z-letzt sain s* so wait kumma~, dä[5 s* mit anända' g-strit'n 
häb*m, wea' be[ia' alle veg-ln kenna' tet*. Auß den strait is ä~ wett 
woa'n. Da' vog'lfänga' hat g'sägt, ea' mecht in acht tag-n zu im kum- 
ma~ und do wia'd ea' im an vög'l zaig^n, wenn da' schwäa'za den vög'l 
kennt, so g'hea't im sai~ seh, wenn a'-'n äwa' net kennt, so muß -a' -im 20 
an säk geld bringa~. Nächat hat da' gogscha' "na akkoa'd mit sain ai- 
gen~ blüt unta'schrib*m, und da' taif-1 is sain weg waita' gänga* und hat 
sa' denkt: den sai~ s^l häw-a' schö" ganz g-wis. Da' gogscha' äwa' hat 
sa' denkt: wennst- a' da' schwäa'ze laibhäfte bist, dich krig-a" doch 
drä~. Wi da' gogscha' z- haus kumma" is, hät-a' sain lait-n niks g-sägt ; 25 
am sibmt-n tag äwa', wi--s nacht is woa'n, hät-a' sain waib alias da'zelt 
und ach g-sägt, wi-a' "na taif-1 ä~schmia'n will. Jetz hät-a' sai"^ waib 
hea'g-numma~ und hät-s- ösa ganz mit hene' ai~g-schmia't und mit älla'- 
händ feda'n besteckt: hä~feda'n, zaiska'lfeda'n und kräfeda'n, murka'lfe- 
da'n, gfaufeda'n, stilitz-n- imd gänsfeda'n, — alias wäa' durchanända'. 30 
Vornt-n an kop hät-a' ia' an schop g-mächt und an schnäwl ä~glaimt, 



124 Dichtungen und Sprachproben. 

SO wi -na d- grenas-n hab-m, nua' vil grdpo'. In älla' frü is sch6~ do 
taIf-1 da g-west und hat sch6~ g-mat, da[5-a' wido' A~ sei da wischt hat. 
Dea' zaigt im 'na vog-l, da' schwäoza schaut --na ä~ : „Sakka'Iöt! ä~ via'- 

35 fußiga' vö'gl! des häw-a' mai~ lebtag nct g-seg^n; solchane feda'n ! n«", 
des is ä~ miräk-l!'' Ea' hat net g-wist wi-a' drä~ is, hat simalia't und 
nächdenkt, daß im da' schwdji an da' stia'n g-stänna' is, hat sa'-'n von 
voa'nt-n und hint-n ä~gschaut, äwa' net megle', so an vog-l hät-a' no' 
net g'seg'n g-häbt* Nä^ sägt da' gogscha', ä" hälwe stund- laß- enk no' 

40 zait, awa' nächat is -s gäa'. Awa' dea' hät-sa'--n imma' noch ämäl 
ä~g*schaut und imma' nächsimalia't, und je lenga'-*s daua't hat, desta mia' 
hät-a'-sa' gifft, z-letzt g'flucht und g-schimpft; äwa' alias wäa' umasunst, 
— ea' hat hält den v6g"l net da 'kennt. Wi d- hälwe stund* va'bai wäa', 
sägt da' gogscha': „Nä, jetzt g-sch wind! kennts--n, äwa' net?" Da' taif-l 

45 hät-sa' schreckle' g-fukst, hat äwa' miß'n naT sag~n- „Nä, jetzt geschwind 
mitn geld 'arau(J!" sägt da' gogscha'. Ob dea' hat welln, äwa' net, den 
säk geld, den hät-a' mi(3-n bringa" und nächat ea'st hat im da' gogscha' 
g-sägt: „Jctz mia'kts-enk-sa's, des is da' vög-1 Tschea'tsch-" Drauf is 
da' taif'l ä'g-fäa'n und hat an firchta'le'n g'stänk z-rucklä(5*n Awa' da' 

50 gogscha' hat g-maTt: „Des tut niks! heringeg~n häw-e' 's geld und häw-a' 
'na taif'l ag'sclimia't, do kämma~ 'na g'stänk sch6~ de'träg~n. 



Anmerkungen. *j 

1, Heimweh. Es bezieht sich dis lied auf die sitte, daß jeder handwerksgeselle we- 
' nigstens ein jar in de' fremd zugebracht haben muß. 

3. am (rz af ^m), auf dem. — 'rumrända'nj eigentlich: durch unruhiges ligen das 
bett in Unordnung bringen : '« bett z'ränd9'n ; hier bezeichnet es das unbequeme li- 
gen auf bloßem stroh. Vgl. koburgisch : rankern, unruhig sitzen oder ligen; bair. 
ranken, ranken, Schweiz, ranggelen, ränggelen, sich strecken, dehnen. Schm. III, 
111. Stalder, 11, 257. Weinh. 7G. Z. II, TM. III, 133. Vgl. auch ranzen bei Schm. 
III, 115. Höfer, III, 15. Castelli, Reinwald u. a. m. — 4. äc/*, a' (vor Conson., 
unten: 6. 8 etc.), auch; Z. II, 7G, 2, 3. 
5. nä', nein. — 9\ inclinierendes ich, ebenso: 13. Vgl. «»', mich (7. 9. 10. 12 etc.), 
m»' , mir (13. 23. 26 etc.), vor Voc. mar; 8. — 7. zog'n, gezogen. Wegfall des 
participialen ge- nach der Z. I, 22G ff. aufgestellten Regel; vgl. S. i). 13. 15. 
6.', 5. 10 etc. 

10. penz'n, durch unaufhörliches bitten beschwerlich fallen, zudringlich bitten; Z. IV, 
485. — 12 sienz-n, forttreiben; Z. II, 238. 

13. ^", thun u. gethan (15.). — 14. Ja»', n., Jahr; — Einschaltung eines 9 auch vor 
verstummendem r («/o»', hea'ts, g'8pe9'ni, g-le9'nt, h', e9'^t etc.); Qrübel, §. 52, a. 



*) Mit Zusätzen und Verweisungen vom Herausgeber. 



Iglauer Mundart. ilM 

17. maihea'si, maihea'ts, maihe9'n8' (in höflicher anspräche) dienen zu vertraulichen be- 
teuerungen und -werden ser häufig angewendet; 8. unten: 22. Der zweite teil ist 
offenbar das vb. hören, der erste mag das possessiv mein sein, das oft in anre- 
den und ausrufungen elliptisch gebraucht wird: mai'ltw9' , hea'si! Z. III, 465. 93. 
537, 25. IV, 105, 26. 245, tl7. — spea'ns', schnell laufen; wol mit dem hochd. 
sporn verwant. 

21. 'n9, den, aus gekürztem '?z vocalisch gestützt (4, 3. 0> 33, 41. 53. 78; ebenso: na, 
ihn, 6, 49. 53). Grübel, §. 26. d. 

30. 'arauß, heraus (vgl. 2, 8. 3, 6. 12 etc.); Z. III, 140. IV, 117, 3. 408, 29. 409, 47. 

— 32. dahdmt, daheim, zu hause; Z. II, 404, 11. III, 105. 

2. Ein liedchen zu dem musikstück, das die bäurischen musikanten bei 

uns spilen. — Dises liedchen ist angepafst auf ein tanzstück, das die bauern 
bei iren tanzunterhaltungen nebst vilen andern spilen. Die bäurische musik (d' bai- 
rische müsik) besteht auß meren dreisaitigen geigen und einem bafs, dem sogenann- 
ten bläschpament, und wird von dem Städter, besonders dem gewerbsmann, an sonn- 
und feiertagen, oder bei andern gelegenheiten ser gern besucht. 

1. rewell-n, lärm machen (vgl. aufgeigen, aufspilen); romanischen Ursprungs, — 
eine mischung, wie es scheint, aus se rebeller (von lat. rebellis, aufrurer), aufrur 
machen, u. reveiller, erwecken (reveille, wecktrommel) ; Z. III, 193, 146. — 3. ham- 
m'r-a g., haben wir geld. Ueber den gebrauch des a beim teilbegriffe s. Grü- 
bel, §. 102, b. u. unten: 5, 2. 6. — 5. Der zuruf hälts enk z'samm! ergeht ser oft 
bei gesellschaftlichem beisammensein als aufmunterung an die gaste und bedeutet 
so vi! als: „dauert fest aus!" — enk, euch; Z. III, 452. 

7. Mä'Z, mädel, mädchen. — 8. d' breckdl, ein wenig; Z. IV, 211. — 9. Farramt, m., 
feierabend, überhaupt: ende, garaus. 
14. Bläschpoment , n., der bafs, villeicht auß blasinstrument verderbt (etwa mit ab- 
sichtlichem anklang an blarament, lärm; Z. IV, 537, IV, 10), indem auch die gro- 
ßen blasinstrumente , wie das bombardon, so genannt werden, so daß von einem 
wirklichen blasinstrument dise bezeichnung auch auf den bafs übertragen wurde. 

3. Im wald. — 10. re'w, reden, wie oben: Mk'l, mädel, wea'n, werden, etc. — 14. 

ndngat, nahe; Z. III, 329. 

4. Ein märzlied. — 5. dravßfn, draußen; Z. III, 175, V, l. II, 404, 11. III, 105. 

— 8. hupp9t--9, hüpfte ich; Z III, 252, 191. 

9. wi9\ (ich) werde, mhd. wirde; Z. III, 393, 5. — d' wdlldl, ein weilchen. — 11. 
a'graimt, mit reif (mhd. rim, ags. isl. hrim, engl, rime, hell, rym, schwed. rim) 
überzogen; Schm. III, 86. Höfer, III, 25. Tschischka, 204. Loritza, 106. Castelli, 
215. Vgl. brem. Wb. III, 498. 

5. Geld macht sorgen. — 2. trinket', tränke; ebenso: 6. eßat-, äße; \i.. faraV, füh- 

re; 18. wißaf, wüßte. Vgl. oben: S. l20. — S. g-rafn, (gerathen), entrathen, ent- 
behren; Z. III, 108. 523, 26. IV, 501, 8. — 18. m^o avß, wo ai, wo irgend hin; 
Grimm, wb. I, 819, 3, 4. — 20. Sorgarai, f., viles sorgen; über die nominalbil- 
dung auf ei s. Schm. §. 1033. 

6. Der vogel Tschertsc h. — Dise sage hat unsere stadt mit mehreren Ortschaften 

in Mähren, wo cechisch gesprochen wird, gemein. Schon der name deutet auf 
fremden Ursprung. Er stammt offenbar von dem böhm. cert, welches wort „teu- 
fel" bedeutet. Die böhmische sage kennt aber das wort Tschertsch selbst nicht. 
1. gogsch'n, vogelfangen; die gogsch, 1) Vogelfang: 2) alles, was man zum behuf des 
Vogelfangs vom hause mitnimmt, z. B. lockvögel, leimtasche, gabel etc. z. 3.; gog- 
acha'f Vogelfänger, z. 5; gogach'l, der han. Der stamm diser Wörter scheint dem 



126 Dichtungen und Sprachproben. 

böhmischen kokos, kokes, han, entnommen zu sein, wenn er auch zum teil zu 
dem sonst in Deutschland allgemein verbreiteten gockel stimmt (Z. III, 109. lY, 5-1). 
3. zwä,, zwei ur. — am, auf dem. — 4. aufnchVn, das zum zweck des Vogelfanges 
nötige herrichten, ursprünglich von dem aufstellen der gabel, dann aber auch von 
dem belegen der tränke mit leimruten und von anderen arten des Vogelfanges ge- 
braucht. — 5. gfaifal, n., pfeifchen; ebenso: {). g/ed'dfüß; 30. fffaufeda'. — 9. om- 
msfn id. i. oben-9t-en\, oben; Z. I, 290, 3. II, 404, 11. Vgl. unten 31. 38: rornfn, 
vo9'nt'n, vorne. — S). d'enkts tiik, denket euch, eine beliebte einschaltung; Z. 11,90, 3. 

— 11. da'sch'ellt, erschrocken; mhd. erschollen, durch lärm aufschrecken. — 12. wd- 
ch9t, hernach, ebenso: 21. 40. 47; vgl. Z. II, 422, 66. III, 135. 176, 13. — 14. mit 
z'sammd, mitsammen, mit einander; Schm. III, 243. — diskeria'n, sich unterhal- 
ten; Z. III, 194, 159. — 15. guraache, mut, franz. courage. — 24. wennst, wenn 
du; Z. III, 107. 176, 15. 240, Hl. — 27. a'schmto'n, anschmieren, d. i. betrügen; 
Schm. III, 474. Grimm, wb. I, 446. — 28. ös» ganz, (also ganz; Z. lY, 241, 5), 
ganz und gar; Schm. III, 183. — hen9\ honig, bair. honig ; Schm. II, 202. Z. II, 
520. — 2i). Federn vom han (ha'J, zeisig (zaisks'lj, der krähe (kra), dem indian 
{murha'l; vgl. Z. III, 266, 2, 1. u. murkeln, murksen, undeutlich reden; Weinh. 63), 
pfau, ßtiglitz und der gans. — 32. grenss, m., krünitz, kreuzschnabel ; Z. lY, 170. 
Höfer, I, 332. Nemnich, II, 452. — 34. sakks'lot! verglimpfung für sacrament! Z. 
II, 506. — 35. solchane, solche; Schm. §. 831 u. oben, S. 120, 22. — 36. 41. sime- 
lis'n, nachsinnen; Z. lY, 276, 5. — 39. laß- enk, d. i. läß-d'-enk, lasse ich euch. — 
42. gifft, d. i. gegiftet, geärgert; Z. III, 188, 33. — aws', (aberi, oder (Schm. I, 10. 
Holtei, schles. Ged.), wie umgekehrt: oder für „aber" steht [Z. II, 235); ebenso: 44. 

— 45. g-fuksl, geärgert; Weinh. 24. Z. lY, 262. III, 10; yg\. fuckdg (Z. III, 131), 
fuchswild. — 48. mid'kt8-enk-89s, merkt euch's; dem •«, es, ist des wollauts wegen 
ein stützendes s9 vorgeschoben, oder dem enk ein s angetreten; Schm. §. 715. 726. 

— 49. tCg'ßtö'n, abgefaren, weggegangen. — zrucklaß'n scheint der oben (I, 7) 
angefürten regel zu widersprechen; allein das participiale g- ist mit dem vorange- 
henden ck verschmolzen. — 50. heringeg'n, hingegen, statt dessen; bair. österr. her- 
entgegen, koburg. h'erngeg-n. Schm. II, 20. f. Gast. 169. Lor. 63. 



Mundartliches au{5 dem Egerlande und seiner Umgebung. 

Von Anton Kohl in Prag. 

In der neuesten zeit, besonders seit den wirren des jahres 1848, 
hat die producierende kraft des volkes auf dem gebiete der diclitung und 
des sanges in meiner heimat, dem nordwestlichen Böhmen, sehr nach- 
gela[5en. Das eigenthche Volksleben, das ehedem manch schönes blüm- 
lein poesie zur blute gebracht und edle keime in der jugend brüst ge- 
legt, hat sich mehr und mehr verloren vor dem eindringen und Umsich- 
greifen vornehmtunwollender kleinstädterei und unpassenden modewesens. 
Zwar sind die von alters her üblichen Zusammenkünfte der jugend in 
spinnstuben und dergl. nicht ganz verdrängt, aber bedeutend au|%eartet. 



Mundartliches aus dem Egerlande. majf 

An die stelle des witzes und der gesunden naturanschauung, der Heiter- 
keit und gemütlichkeit, die mäj3igen mutwillen nicht aupselilo[5, ist meist 
frivolität und schmutz getreten; die gespräche wimmeln von zoten und 
schlüpfrigen reden, woran es gegenwärtig auch das schöne geschlecht 
nicht mehr fehlen lä|3t; und was noch als gesang au,5 dem munde des 
Volkes komt, trägt gewöhnlich nur zu deutlich den stämpel der ange- 
deuteten Umwandlung an sich. Erbärmliche gajJenhauer hört man oder 
nichtssagende gesänge eines hirtenjungen, welchen letzteren meist ein 
mislungener Jodler als finale angehängt wird. AufJerdem drängen sich 
schon auffallend österreichische und steirische Schnadahüpfel ein, zum 
grojien teile gleichen Inhaltes mit den einheimischen. Denn, hat der 
wanderbursch in der fremde auch gar nichts weiter gelernt, — einige 
Schnadahüpfel sind ihm doch hängen geblieben, und er tut sich nicht 
wenig darauf zu gute, diese daheim einzubürgern. Es ist traurig, ein 
solches urteil über seine heimat fällen zu mü|5en, aber wahr ist es. 
Möge die zukunft zum be^iern es wenden. Ich habe mich nun bestrebt, 
unter dem vielen schlechten etwas halbwegs erträgliches zu finden, aber 
der mangel an zeit lie[S meine ausbeute nur gering werden. Es sind 
einige tschumparliedeln (vgl. Z. III, 159. 171. 176, 1. IV, 73), die ich 
mir während der osterferien in meiner Vaterstadt Schlaggenwald auf- 
zeichnete und unten folgen la[5e. Beiträge auj5 dem eigentlichen Eger- 
lande, wo spräche, sang und sitte verhältnismä(5ig reiner und volkstüm- 
licher als anderswo im nordwestlichen Böhmen sich erhalten haben, ein- 
zusenden, will ich seiner zeit mich bemühen, da unvorgesehene hin- 
dernisse mir längeres verweilen an ort und stelle für diesmal nicht ge- 
statteten. 

1. 3. 

Zwaa antla am wäjJa' Dea"" mit "n schwärz-n frack, 

schwimma hinngwida*", dea"" haut ka~ geld in sack, 

und wenn glei' mei" schätz beis is, di8''*n mit 'n rund*n hout, 

kinnt a'' denna"" wida"". dia''*n bin i gout. 

2. 4. 

Dia'"'n boub'n dia'-n i niat möch, du schwärzauchata, 

dea"^ kinnt ma"^ älla töch, gelt, eiza tauch* i' da"", 

dea"" ma"" in h^rz-n leit, ghlt, ßiza wä""* i' da"" recht, 

ach, dea' is weit. wenn i' di' nur mecht*. 



138 



Dichtungen und Spiachproben. 



Wenn 's maidl o kirch'n wa'*, 
's herz 9 altar, 
mecht" i' o pfarra"' 6ä~, 
sieb-n odar acht jär. 

6. 
Durt ugb'n aif diorn bergla, 
däu steit a wei(5 haus, 
däu feiart mef vätto'' 
mefn kämmorwog'n 'rauß. 

7. 
Du herzich's traut-s schätzorl, 
ghi, gimmo' der batscharl, 
gimma'' dei" rechta hend (händ), 
San mar bekennt (bekannt). 

8. 
Durt uab'n afF dia''n bergla, 
wau da"" fink sua schör singt, 
dau tanzt a kappazina', 
dafJ d* kutt'n in d- heich springt. 

9. 
Mei~ schätz is a schmid, 
eisenkloppa"^, 
9 r^chta"" flänkiera"", 
o mad-lfoppa''. 

10. 
Am sunnta is kirrwa, 
dau gei i' zan tanz, 
däu kwäckeln mei~ hiasla, 
däu sthi i' in glänz. 

11- 

Siah«, siah', siah*, siah*, 
dei' kital geit fiiar. 



zeih* 'S affi, zeih* 's unti, 
äffar tanz* i' mit dia''. 

12. 
„MäidaT, wäu hast* denn dei~ hei- 

ratsgout ? 
mäida'l, wäu hast* denn dei~ bett?'' 
„Druawan am buad-n in eck, in. 

eck, 
wäu di schwärz* heina hT legt.** 

13. 
Am frei bin i' gänga 
in Elbiagna'' grund, 
und an fläuch hob* i' g'fanga 
wei an jfleischhäckershund. 

14. 
„Drei woch*n näuch äustarn, 
däu geit da"" schnei weg, 
däu heiart mei~ schätzarl, 
äffa"" hob* i' an dreg." 

„Ei läup si nur heiarn, 
wos haut si dafüa~, 
a stub'n volla"" kinna"", 
an rotzich'n müa~*" 

[Ib. 

Hopsa, räuta mutz*n, 
am sunnta gei i' hutz*n, 
zan fensta"" ei'^ gutz*n, 
zan mäidla am frei. 

16. 
Ei, lustig 1 kuräschil 
drei federn am hout, 
sann unsar drei bröidar, 
und käna"" tout gout. 



Mundartlichem aus dem Egerlande. |§9 

Sprachliche Erläuterungen 

vom Herausgeber. 

1. Zwaa Äntl9, zwei Entlein. — am = afm od. aff'n, auf dem (den); ebenso: 12. 13. 
17. — hinnswidd'^, hin und wieder; 9, d, und, in formelhaften Verbindungen; Z. I, 
285, 1, 12. IV, 553, 9. — denna^ , dennoch; Z. IV, 340. 

2. dia^n B., denjenigen Burschen, durch Attraction für : de9^ B., di9^n € n. m. Ebenso 
koburgisch: den Borsch, den ich net m6g, d&r etc. — Die Form di9''n für di9n, 
dem, den, scheint nicht sowohl durch blofse Einschaltung eines r (Schm. §. 635) 
entstanden zu sein, als vielmehr durch Anfügung der Flexion an die volle Form 
des Nominativ, also zz der-em, der-en. Vgl. Schm. 769*. 831. u. oben, S. 120, 
II, 22. — leit, liegt; Z. IV, 258, H, 2, 18. 

4. gelt, nicht wahr? Z. II, 83, 6. — eiza , jetzt; oben S. 120, II, 8. — wa""-, wäre; 
ebenso: 5. — Eine Modification dieses Liedes vgl. Z. III, 117. 

5. Maidl, Maidlein, Mädchen; vgl. 15. u. MaidaH, 12. — sa , sein. 

6. U9b-n, sprich u9m, oben. — feiart, führt =; fährt; Schm. I, 547. Grübel, §. 29, a. 
— Kammeno8g-n', m., Brautwagen; Schm. II, 288: „der Wagen, auf welchem die 
Ausfertigung der Braut, besonders zur Möblierung der ehelichen Schlaf- Kammer 
gehörig, und unter anderm namentlich in einem Bette sammt Bettstatt, und in ei- 
nem grell - bemalten Kasten oder Schrank bestehend, unter den richtenden Augen 
der weiblichen Nachbarschaft feierlich in das Haus des Bräutigams geschafft wird." 

7. gei, gehe; Z. HI, 194, 158. — gimmgr, gib mir. — Batscherl, n., Händchen (lieb- 
kosend); Schm. I, 302. vgl. Z. IV, 69.483.— ESnd, f., Hand; s. oben, S. 120, 
I, 2. — aan mar, sein wir. 

9. Flankier»'', m., flott und unstät herumschweifender Bursche. Schm. I, 589. Höfer, 

I, 226. Z. n, 342. flankieren, flang gen, herumschlendern; Stalder, I, 377. Hebel. 
Vgl. auch flandern bei Schmid u. Tobler. — Mad-lfopp9'' , m., Mädchennecker; Z. 

II, 552, 30. 

10. KirriD9, f.. Kirchweihe; Z. I, 258; vgl. IV, 244, 11. — kwacheln, quackeln, wackeln; 
Wechsel zwischen qu u. w: Quelle — Welle, quabbeln — wabbeln etc. 

11. /war, vor, hervor. — affi, auf hin, hinauf, wie unti, hinunter; Z, IV, 406, 4. 244, 
25. — affer, d. i. after z= hernach, dann; Z. III, 194, 174. 

12. Hein9, f., Henne. — M', hin, 

13. am Frei, auf den Frei, d. i. Besuch des Liebchens; Schm. I, 611 : die Frey, Freyei, 
Freit. Vgl. Z. H, 415, 134. HI, 135; unten 15. — Flauch, m.. Floh; mhd. vloch. 
Z. IV, 54. — heiarn, heiraten, auch koburgisch so; mhd. hien, hijen, hiwen, Ben.- 
MUr. I, 695. 

14. d9fü9, davon. — MÜ9~, m., Mann. 

15. raut, roth; Grübel, §. 14, — Mutz'n, f., Mütze. — hutz-n gen ßommen, sein), auf 
Besuch gehen etc. Schm, II, 260. Vgl. hoßen gehn, ausgehen; Schm. U, 251. Z. 
n, 520. — gutz'n, gucken, lauschen; Z. II, 423, 50. 



130 



Dichtungen und Sprachproben. 



Die Sechsämter -Mundart. '-^) ' 

Von J. W. V. Seybold, Lehrer, in Thierstein. 

I. Das Tliiersteincr Sclilofsberg-Mäniileiii. 

In alt-n Schluä(3 däu druäm am Berg, Näu' haut ä,' sich mit KInnä n balkt, 15 

Däu haut sinst tüchti' g'haust a" Däu harn di Boum ihn oft durch- 
Zwerg; g- walkt. 

Eä' haut, suÄ wei di Alt-n s6g~n, 

A~ aschafarbi's Röckl trog'n. ^* ^^^^* ^^ ^' ^^^~ ^^n Bettä'n 

g'schlupft 

Sä~ Bart woä' wei[5 als wei da Und haut di Leut- ban Häuan g-rupft, 

Schnei, 5 Näu haut a' 's Zoudeck «' weck 

Sä~ G'sicht is g-wes-n niät recht scher trog ~n 

Sä~ Mal woä' gräu(3 und d- Aug~n Und z-letzt di Thuä' mit G'walt zou- 
woä'n kloä~, g-schl6g~n. 20 

Und z- loäTk woä' d* Nös-n ä' ffid' 'n 

^Q^'f Wenn -s suä recht stillä woä' bä 

Nacht, 

IsAinä kam i~d- Burg ei~g-schmeckt, Däu haut a 's Veich in Stöl läus- 

Sä haut -n glei' da' Zwerg da- g-macht; 

schreckt: 10 Bai mit nä Hü~d, bal mit da' Katz 

Vul ^taub und Schüt haut eä' Ain Haut eä' in Finstä'n g-hat sä~ Hatz. 
g'macht, 

Näu'häutdä'Schling-ldrfibä'g-lacht. ^' ^^pf' und d- Schüss-1 ham wos 

g-spia't, 25 

Und haut ä' g-hat di Leut- vä'triem, G-mai^t haut mä', Alias wiä'd g-ru- 

Sä is ä' doch in Schluä(i niät bHem ; — niert ; 



*) Die südöstlichen Theile des Fichtelgebirgs werden gewöhnlich die Sechsämter 
genannt, weil ehedem in den sechs Bezirken Weifsenstadt, Kirchenlamitz, Hohen- 
berg, Thierstein, Selb und Wunsiedel selbständige Aemter bestanden. In den 
\ier letztgenannten Ortschaften und deren nächsten Umgebungen herrscht eine 
eigenthümliche , breit und kräftig klingende Mundart, welche die Bewohner die- 
ses Theils des Fichtelgebirges in den Ruf der Derbheit gebracht hat. Am un- 
verfälschtesten wird die Sechsämter -Sprache, welche grofse Aehnlichkeit mit der 
Nürnberger und Oberpfälzer Mundart, wie auch mit jener des Egerlandes und 
des böhmischen Qerichtsbezirkes Asch zeigt, in dem Landgerichtsbezirke Selb 
gefunden. Wunsiedel hat schon Varianten; in Kirchenlamitz, besonders aber in 
Weifsenstadt, ist der Sechsämter -Dialekt gröfsten Theils der reineren, mehr hoch- 
deutschen Aussprache der Bayreuther Gegenden gewichen. S. 



Sechsämter - Mundart. 



131 



Doch, wenn mA' z- freüh g-schwind In alt-n Sckluä(5, däu druäm am Berg, 

näuch haut g's^hä, Däu haut ä' bal da'kratscht 'nä 
Däu woa' käin Stücklä G'schir wos Zwerg; 

g-schehä. G'schwind haut ^' -n fest bän Bainän 

packt 

Bai haut ä' 'n Leut-n vä~ da SchrÖg-~n, Und in in gr4u(5-n Ranz-n g-sackt. 40 
Bai äs da' Olmä' 's Bräud wek 

trog'n, 30 Und eizä wollt" da' Zwerg recht 

Und immä' hf g-leckt haut ä' -s geä'n 

däu, Sud frumm als wei ä~ Betzdl wßä'n, 

Wäu grod mä g-hat haut g-sehä Doch al sä~ Be'oln und sä G-riäd, 

näu'. Des hilft -n äs 'na Ranz-n niäf. 

Z-letzt kreikt ma' 'n Ü'foug tüchti' Kam wöä' da' Fdl-nhäuä' zölt, 45 

sot; Sä trekt ä' 'n Zwerg weit fürt in 
Däu kinnt da' Fal-nhauä' grod-, Wold, — 

Deän klackt mä' nu sä leibä Näut, 35 Dort hockt ä' eizä ganz älläi~ 

Und dßä' wäip äf da' §tell* an Räut. Und se~ät si' z-ruck äf Theiä'stäi~. 

II. Schnaderliüpfeln. *) 



Häim seil i' geih, däu seil i' bleim, 
Meinä' Moutta' seil i' d- Erdöpf-1 

reim; — 
Häim geih* i' niät, däu blei' i' niät, 
Meinä' Mouttä' rei' i' d- Erddpf 1 niät. 

Rewinzälä, Rewinzälä 5 

Senn Summ-r und Wintä' greif; — 
Und wenn di Mai'lä heia'n thoun, 
Näu' s^nn sie nimma' scheü~. 

Gestä'n is di Fösna t g'west, 
Hai~t is da' Aschä'mibä; — 10 

Mai'al, wennst- käin Tanzä' kreikst, 
Geih- häim und leg- di' nieda'. 



Da' Pumpänt'l sitzt hintä' 'n Stö'l, 
Flickt sei~ Huäs-n, haut käin Fö'n; 
Wart* i' thou -s da' Moutta sog-~n, 15 
Daß du flickst und haust käin 
Fö'n. 

O du dräeckätä' Klei, 

•s thout miä' jnä~ Herzäl weih-, 

Wenn i' bän Thu'lä steih 

Und koä- niät ei? 20 

„Ei~läuä thou- i' di' niät, 

Du bist mä~ Schozäl niät, 

Geih- neä' widä' ^äim, widä' häim, 

Geih- neä' widä' häim.'' 



*) Die Volksgesänge der Sechsämter haben meist nur einen Vers, auf den stets 
ein Jodeln folgt, das als Hauptsache erscheint. S. 

9* 



132 



Ei, häit* i' 'S denn denkt, 

Da[5 'S di Lei' äsüa krankt, 

Däj3 Ainä,' 'nä An'an 

Sä, Schozäl 6'fängt. 

Si hamm ma 's 6'g-fangä, 

Si hamm mi" drümm bracht, 



Dichtungen und Sprachproben. 

25 



30 



I' ho' mi' scha" wida' 
CT ä~ Anrä äi' gemacht. 

^pinnräl, dräh-I Spinnriil, dräh-! 
Spinnräl, um dräh-! 
Haust miä' scha~ gestä'n draht, 35 
Dräh- mä' hait- ä'. 



III. Spn'ichwürtliche Redensarten. 

1. Latz da' Welt la'n Läf, — und da Kätz 1 Bü'änsteig". 

2. Ei' heiä't d- Fläig- oi da' Bettstell kreich-n . 

3. -s haut an Fo'n. — 's haut Muck-n. 

4. Ed' haut -s ban Zouschnei'n va'sehä. 

5. -s is niät af sein Mist g-wachs-n. 

6. D^ä' lebt wei da' Vü'äl im Ho~äftsämä. 

7. Eä' haut an Zoä'n sä gräu(5 wei ä~ Haus. 

8. Eä' steckt wei d- Kriät untä' da' Eg-~n. 

9. Ed* wiä'd "nä F6[5 bal nä Bü'än ä(iig-stäu(3-n hom. 

Krähengeschrei. 

Erste Krähe: V wäi(5 ä~ Pfä', i~ Pfä', ä~ Pfä'. 

Zweite Krähe: Wäu? wäu? wäu? 

Erste Kr.: Z Waltischüäf, z- Waltischüäf f Walther shofj. 

Zweite Kr.: B6ä~dnr, b6ä~dur, b6ä~dür f beindürr J. 



Sprachliche Erläuterungen 

vom Herausgeber. 

I. Das Thiersteiner Schlofsberg-Männlein. 1. Schludß, n., Schlofs; ebenso: 
drudm, droben; sud, so, etc. — däu, da; ebenso: haut, hat, näu, nach, Hdttd', 
Haar, etc. Grübe!, §.13. — dm zz afm, auf dem. — 2. sinst, aünst, sonst, ehe- 
mals. — tüchti' ; vom Abfall des g und ch s. Qrübel, §. 62, a. u. vgl. aachdfa/rbi\ 
fflei', nau' etc. — 3. ed\ inclinierend a", er; Einschaltung eines d vor r (Grübel, 
§. 52, a), welches auslautend meist verstummt : wod\ war, fiiÄ\ für, dd', der, da'-, 
er-, vd'-, ver-, Häud', Haar, etc.. — wei, wie; ebenso: Veich, Yieh, hreikt, kriegt; 
Grübel, §. 38. — sog'n (sprich einsylbig: söng), sagen; über den nasalierenden 
Laut dieses g'n vergl. Grübel, §. 63 u. unten: Aug'n achlog'n. — 4. aschdfarbi', 
aschenfarben ; vgl. Grübel, §. 11, f. — trog'n, getragen; Abfall des participialen 
ge- 8. Grübel, §. 97, b und unten: bliem, balkt, e$lt etc. 



Pommersche Mundart. 133 

6. nidt, nicht; Z. 11, 405, 6, 1. — 7. gräuß, grofs; Grübel, §. 14; ebenso: Braud, 

Brod, laus, los, etc. — 8. loale, lang; Grübel, §. 64. — ä', auch. 
9. schmech'n an einen Ort, ihn kaum erst betreten haben; Schm. III, 464. — 10. dd'- 
schreckt, erschreckt; Grübel, §. 60. Z. I, 123. — 12. nau', (nach), hernach, dann; 
Z. n, 423, 57. 

15. mit Kinnd'n, mit Kindern; Z. II, 46. — bdlki, gebalgt, geprügelt; Z. IV, 67. Grü- 
bel, §. 64, vgl. lod'h, lang, g'lecM, gelegt, Tcreikt, kriegt, TelacTct, klagt. — 16. durch- 
walken, durchprügeln; Z. LEI, 368, 60. 

17. zdn, zu den; Grübel, §. 42. — Bettd'n, d. i. Bettern, Grübel, §. 89, b. — 19. Zou- 
deck, Bettdecke, auch koburg. als Neutrum; Schm. I, 355: die Zuedeck. 

23. mit 'nd zz mit '«, mit dem; vgl. 38: 'na, den; da ''nd, aus dem; II, 27. HI, 9. — 
Hud, Hund; Ausfall des inlautenden n (Grübel, §. 71); vgl. lod'k. — 24. Eatz, f., 
Hetze, Jagd. 

29. Schrog'n, Schrägen, hier als Femin. Vgl. Z. IV, 283, 95. — 30. Olmd', f., Schrank, 
namentlich Küchen- oder Speiseschrank, auch Almer, Älmar, aus mittellat. almaria 
für armarium, wovon aJtfranz. aumalre (armoire). Schm. I, 49. Stalder, I, 96. Hö- 
fer, I, 23. Castelli, 47. Loritza, 11. Weinh. zu Holtei, 249. Schmid, 18. — 32. 
wdu — Mau', wo man soeben nachgesehen (gehabt) hat. 

38. dd'krä.tsch-n, aufspüren, ertappen; Z. II, 84, 20. 

43. Be'dln, n., Betteln, dringliches Bitten; vgl. Mai''el, MaiHa, Mädchen, Sto^l, Stadel, 
Fd''n, Faden, LeV , Leute, Spinnrdi'l. — 48. sed't, sehnt. 

II. Schnaderhüpfeln. — 4. rei' T, reibe ich; Abfall des auslautenden b, wie in 

bleV etc. Grübel, §. 53. — 5. Bewinzdld, Rapunzeln (d. i. rapunculus), Valeriana lo- 
custa; koburgisch: Schofmdlld, Schafmäulchen (?). — 7. heid'n, heiraten; auch ko- 
burg. heiern, nach nihd. hien, hijen, hiwen. — 9. FosndH, Fasnacht; Schm. I, 568 f. 
— Äschd'mibd, m., Aschermittwoch. — 13. PumpdnVl, m., Pumpernickel; vgl. Z. 
in, 373. IV, 337. — 17. dr&eckdt, dreieckig. — 21. ei'laud, einlassen. — 23. ned', 
nur; Z. IV, 238, 6, 7. — 26. Lei', Leute. — dsüd, also; Z. HI, 250, 54. — 28. 
o'fangd, abfangen, wegschnappen. — 32. «t' a£ mach'n, sich anhin (hinan) machen, 
annähern, anschliefsen ; Z. IV, 244, 25. 

III. Sprüchwörtliche Redensarten. — 1. latz, lasset. — Bü'dnsteig-, f., Boden- 
stiege. — 2. Er ist superklug. — heid'n, hören. — o'd, an. — 3. Es hat seine Schwie- 
rigkeiten, Hindernisse. — Muck-n s. Z. U, 562, 3. — 4. Er hat's vom Anfang an 
nicht wohl bedacht. — 6. Ho'dftsämd, m., Hanfsamen. — 8. Er ist in sehr mifs- 
licher Lage. — Krtdt, f., Kröte. — ^g'n, f., Egge. — 9. dßi, hinaus; Z. III, 45, 16. 

Krähengeschrei. P/ä', m., Pferd; Z. IV, .306. Grübel, §. 58. 



Pommersche Mundart. 

Von Th. Odebreeht, Kreisgerichtsdirektor, in Berlin. 

An Dr. 6. N. Bärmann 

vor sin Haten med Professer Flörke. *) 

Lät man Professers präten. Ik heff lesen 
Van süre Drüwen 6ns en olles Wiirt; 

*) Im J. 1825 etwa griff Professor Flörke in Rostock die plattdeutsche Mundart in 
einem Zeitblatt mit Uebertreibungen heftig an. Dr. Bärmann in Hamburg nahm 



134 Dichtungen und Sprachproben. 

Wo se verweigt sünd, werd de Sproak noch wesen, 
So -n Hilligdom grsdlt uns de Schol nich fürt. 

De Klukscrs schulln in egncn Krimkram kesen, 5 

Vor unsern frien Snak sind se versürt, 

Se weten man, wat dodig is, to Aren, 

Wat unner't Volk lävt, känen se nich ihren. 

Se mägen hoch van hoge Saken schriwen, — 

Wi snakken platt, doch geiht -t van Hart to Hart 10 

Un is recht makt, de Tid uns to vcrdrlwen; 
Se weten anners nich as witt un »wart, 

Un wovan kümmt dat vele swoare Kiwen, 

As dat, wat se nich kennt, de Fedder klarrt! 

En Spräkwurt seggt: „min Schoster, blif bi'm Lesten!" 15 

Et nömt van all de Kloken wol de mesten. 

Gods Lohn! dat du in't Tüg di' leggt so kräsig 

ün unse Volk bewehrt so -n diires Got; 
Du bist en olle Fechter un nich läsig, 

Wo SassensprSäk du suhst in Watersnoth 20 

Hol! di', as zund, uck ümmeto so brasig. 

Wo ens de See drauht, nich so -n lütte Sot. 
Wier ik nich to Berlin, wier* ik in Pamern, 
Wull ik Achtrimels mihr tosam di' hamern. ' 



Sprachliche Erläuterungen 

vom Herausgeber. 

Baten, n., Hassen, Streiten. Vgl. Z. IV, 351. — 1. lat, lasset. — man, nur; Z. H, 
392, 2h. — ■praten, reden, schwatzen; Z. IH, 432, 272. — 2. mre Drüwen, sauere 
Trauben. — ens, einmal; Z. IV, 262, UI, 7. — 3. tco, wenn. — verweigt, ver- 
wehet. — wesen, sein. — 4. grollen, schreien, brüllen, mürrisch reden ; Z. UI, 282, 
87. — 5. Elukser, m., Klekser, schlechter Schriftsteller. — Krimkram, m., Wust, 
durcheinander geworfene, ungeordnete Sachen. — H. Sndk, m., Rede, Geplauder, 
Scherz; vgl. 10: snakken, plaudern. Z. UI, 425, 14. — 8. unner^t, unter dem. — 
ihren, ehren. 



seine Muttersprache sehr warm in Schutz und stellte im weitern Verlaufe des un- 
erquicklichen Streites die Behauptung auf, er halte die plattdeutsche Mundart zu 
jeder Versart geeignet, sogar zu ottave rime, obwohl er den Versuch noch nicht 
gewagt habe. Dies veranlafate mich zu obigem Versuche. 



Rügener und Salzunger Mundart. 



135 



10. 



17. 



Hart, n., Herz. — 12. witt un swart, weifs und schwarz, d. h. schreiben (um zu 
schreiben). — 13. Mwen, keifen, streiten; Z. II, 567, 43. — 14. wat — kennt, was 
sie nicht kennen; Z. III, 42, 27. — klarren, schlecht schreiben, sudeln; Dähnert, 
232. Z. III, 28. V, 71, 68. 

kr'asig, kresig, kräftig, muthig; Dähnert, 252. Schütze, I, 345. — 29. lasig, lässig, 
säumig, träge; Dähnert, 265. — 21. holl dt', halte dich. — zund, jetzt; Z. I, 285 
II, 140. 170,3. — brhsig, stark, von Gesundheit strotzend; Dähnert, 53. Vgl. Mül 
lenhoff z. Qu. : brasi, keck, herausfordernd im Aussehen, besonders von kleinen Men 
sehen. Schütze, I, 147: hrasig, stolz. — 22. lütt, klein; Z. I, 274, 11. — - Söt,ra. 
Ziehbrunnen, mhd. sot, angels. seäd, altfries. säth. Dähnert, 443. Brem. Wb. IV 
909. Stürenb. 249. Schm. III, 202. 



üebertragungen des Liedes „Der zudringliche Bursche". 

(s. Zeitschr. II, 72.) 



a) Riigiaiiisch - uiedersächsisch. 

Wat geiht do vor min Kamer vor? 
Wat geiht do buten ? sar se. 
Man nich so lud, du Bölkegor! 
Ik bün jo buten ! sar he. 
Glik pack" di' fürt van mine Dor! 5 
De Lud' hurn Lärmen, sar se. 
Ik beber vor Küll, o lat mi' dör! 
Heff doch Erbarmen! sar he. 

Du klimmst nich 'rin, du moest nich 

'rin 
Hest schef jo laden ! sar se. 10 

O lät* mi' man en bäting 'nin! 
Ik do ken Schaden! sar he. 
Wo werd bi Nacht denn as en Def 
In't Hüs sik sliken? sar se. 
Mi' hett to di' jo bröcht de Lev 15 
Un werd nich wiken! sar he. 



b) Salzuuger Muudart. 

Bä(J rat sich vor min Kemmerche? 

Bä[5 ra't sich drui(5e? sükse. 

Se schwf doch stöll, all Krischersche! 

Ich bin ju hui[5e ! süke. 

Glich pack* dich fürt vun miner Thor ! 

Di Lit* horn-s warzig! sükse. 

Käst- mi Geklapper närt derhor? 

Sei doch barmherzig! suke. 

De kömmst not 'rin, de derfst not 

"rin! 
Hast kroumb geläde ! sükse. 
Ach, lä|5' mich närt e bö(5che 'nin! 
Ich thu kenn Schade! süke. 
Bar Wort da bie e Dieb bei Nacht 
Ins Huis sich schliche? sükse. 
Di Lieb, di hat mich hergebrächt 
ün wort not wiche! süke. 



Se würr'n van Mül to Mül mi' dregen, Ich wir' vun Müil ze Müil geträin, 

Wo ik di' rin nam*! sar se. Bann ich dich 'rin nem*! sükse. 

O ne ! ik will 't ken Minsch nich seg- Ach ne ! ich wer's kenn Mensche 

gen, säin, 

Wo ik man 'nin kam* ! sar he. 20 Bann ich närt 'nin kern* ! süke. 



136 • Dichtungen und Sprachprofcen. 

Et l^t sikj wo du swigen künnst, Es ließ* sich ju, sill* das gescheh, 

De DSr- uprigeln, sar se. Di Th6r ufMgel, sükse. 

Du leveDirn, wat wist* noch sünst? Dou Herzekeint, bä(5 wiste me? 

Min Mül hett -n Rigel ! sar he. Mi Muil hat Sigel ! süke. 

Berlin. Th. Odebrecht. Meiningen. G. Brückner. 



Sprachliche Erläuterungen 

vom Herausgebei". 

a) Rügener Mundart. De drifftige Seil, der zudringliche Bursche. Seil, Geselle, 

Bursche, veraltet und meist in tadelndem und spottendem Sinne gebraucht, wie: 
du olle Seil, du zudringlicher Bursche. Dähnert, 421. Brem. Wb. IV, 749. — 
drifftig, v. driven, treiben: drängend, eifrig, flott, muth willig; Dähnert, 88. Stü- 
renb. 38. Brem. Wb. I, 250. — 1. buten, draufsen; Z. V, 53. — 3. man, nur; Z. 
n, 392, 25. — Bölkegor, von bölken, blöken, schreien (Z. III, 552, 33), und Gor, 
Kind (Dähnert, 157. Brem. Wb. II, 528. Krüger, 55. Schütze, II, 53. Richey, 78). — 
lebern, beben, zittern; Krüger, 49. Schütze, I, 75. — Küll, f., Kälte, aus Kulde, 
Külde; Z. 11, 123. Richey, 115. Brem. Wb. II, 838. — 10. sehe/ laden hebten, be- 
rauscht Bein; Z. V, 73, 106. — 11. en b'düng, ein bifschen. — 17. se würr-n, sie 
würden. — 18. 20. wo, wenn. 

b) Salzunger Mundart. — 1. baß, was; Z. II, 74, 1. III, 266, 2. IV, 241, 2. — 

ruH, regt; Z. II, 74, 2. — 3. all Krischersche, alte Kreischerin; Z. IV, 237, 4, 1. — 
6. warzig, wahrlich; Z. I, 287, 2, 17. IV, 117, III. — 7. 11. 20. näri, nur. — 
d9rhbr, erhören, d. i. anhören. — 17. wir'', würde. — 23. wiste, willst du. 



Bauernsitte und cultur in der Mark. 

Eine erinnerung aus dem ersten viertel dieses Jahrhunderts 

von Friedr. Woeste in Iserlohn. 

1. 

Achtor min fädors wuoningo — ma haud mär däwkos üawor da 
biaka ta gan — da liad an büarnhuaf, da het Mölhnghof. Da was an 
hüs med -ma stroudäka, dat was grain fan ältardum un stond gans duana 
bi un unnar 'ma ungahuar dickan dikolbouma, ddän hed sa äwar sinnar 
ddär tid awahocht. In düam hüsa wuandan dätamälan 1&', da hellan dät 
in ^äran briikan un mainungan noch röcht med dar ällan weld. Hin- 
nark un Melchar-Di'ark, so heddan ddäm bür sina süana, da hof ma 
mär ta bakikan, un wissa möchtan (Täm an d^än jungas dära här, un 
bu sa da drüagan, opfallan. Dan saihd, sa han sa glad un gdäl lank 



Märkische Mundart. 137 

horunnorhangon ; fuäran awar wären S9 netta wätorpas afsnf an, jüst fan 10 
^ingm är bit ant annera, un sou dat noch an lük fan dar steirna med 
här badeckad bleif. 

Düt dachta mi, as Ik laus: ;,Habebat (rusticus) capillum in fronte 
satis süperbe tonsoratum, crines reliquos sicut haristas dependentes." 
Caesar, dial. mirac. V, 5. 15 

2. 

Dai selftiga bür hadda ok tw^i swarta ru'ans, da waran so wuat 
iniddalgrout un fan deär böisan ärd, da — wek löiwan — fan älingas 
bi US ta hus es, ma suhd ar büawan bi Luansged noch al fri wuat mär. 
Düssa ru'ans wäran füar us kinnar fäka wuat lästich, wan fi an far- 
flüagan haun of -na klüngeliga pila in d^äm hüawa wi'ar saikan möch- 20 
tan. Einan was fan d^än ru'ans, un dat was ink de frcchsta, dai 
hadda — weit dar Duanar ! — niinan näman, ik wel seggan Fritz. As nu 
düssa selftiga swarta Fritz op sin lesta fan Doudas weägan afgän was, 
da kiVarda de Müalankhiiaweska ümmar mär med groutar badraifnis fan 
eäma un naimada 'na nu annars as eäran „seäligan'^ Fritz. Mal oppan 25 
dach sag* sa tiagan ^ära näbarska: „Jeä, faddarska, as ussa seäliga Fritz 
noch l^aweda, da kon ik fam hüawa gän un latan da hüsdilar mär ua- 
pan; eät kwäm mi wissa nümmas früamdas 'rin, äwar nü — o Här!" — 
und da da' da äJla tagga an daipan söcht. -na tagga was at, dat segg-k 
u mär ; sgennan kon sa sou mestarlik , daffi undüaniga jungas sa gärna 30 
op dai melodigga brächtan; fi höftan ja mär med -ma steina an eära 
ni'anduar ta smitan, dan kwäm sa wissa 'rüt, as da üla ütan stükan, un 
sganta, un eära baidan ru'ans hülpan med. 



Worterklärungen. *) 

I. wuaningg, f., wohnung. — haud, braucht; unten: hof, brauchte; hößen, brauchten; 
Z. IV, 270, 43. — mär, nur (westl. Mark); Z. IV, 423, 7. — däwJc9s, eben (westl. 
Mark). — 2. bi9]c9, f., bach; Z. II, 208. 237. IV, 164. 261, 7. — lidd, Uegt, — 
het, heißt. — 3. grain, grün. — ällsrdum, altertum, alter. — du9n9, dicht; Z. IV, 
272, 123. — 4. hed, haben. — sinn9r, seit; Z. IV, 271, 85. — 5. aw9hocht, ab- 
gehauen. — dat9mal9n, dazumal. — helUn, hielten. — 6. bruk, brauch, gebrauch, 
sitte. — 7. heddan, hießen. — hof, brauchte; s. oben zu 1. — 8. b9ktk9n, be- 
gucken, betrachten. — wiss9, gewis, sicherlich. — möcht9n, musten ; Z. IV, 272, 90. 
— e'dm, einem. — junggs, jungen, knaben. — har, haare. — 9. bu, wie ; Z. II, 95, 



•) Mit Verweisungen vom Herausgeber. 



138 Dichtungen und Sprachproben. 

12 u. IV, 241, 2. — drvagsn, trugen. — saihd, seht. — 10. fo,ar9n, vom. — tooL- 
tarpah, horizontal, wagerecht; Stürenb. 326. — afsnVgn, abgeschnitten. — 11. ar, 
n., ohr. — bii, bis (biß), — 9n lük, ein wenig; Z. I, 274, 11. — sieirn9, f., stirn. 

— 12. biet/, blieb. — 13. mi denkdd, ich erinnere mich; Z. IV, 341. — laus, las, 
( neben las). 

16. dai selftigs, derselbige; vgl. unten 23 u. Z. III, 268, 17. — ru''9ns, hunde (über- 
haupt); hund ist wenig bräuchlich; Z. III, 263, 87. — so wuat, (so was), ziem- 
lich; Z. IV, 476. — 17. midddlgroutj mittelgroß. — weh löiwdn, will ich glauben; 
Z. IV, 273, 140. — fan dlinggs, von alters her; Z. IV, 271, 79. — 18. suhd, sieht. 

— ar, ihrer, deren. — büawsn bi L., oben bei Lüdenscheid. — noch al fri wuat, 
noch ziemlich viel. — 19. fäke, oft; Z. IV, 63, 37. — louat, was, etwas. — fi, 
wir. — f9rfluag9n, verflogen. — 20. haun, huhn. — o/, oder. — klüngelich, lum- 
pig, aber auch (nach Vümmd Müngdln): wer bummelt, nicht zu rechter zeit oder 
gar nicht nach hause komt; Stürenb. 113. — pUs oder pilld, f., ente; Z. IV, 258, 

II. 316. — saikdn, suchen. — 21. ink, euch; vgl. Z. IV, 271, 81. — 22. wdit der 
Dudner l weiß der donner! (häufiger ausruf). — 23. op sin lestd, zuletzt; Z. IV, 272. 
122. — fan Doudas weagdn afgan, sterben — eine redensart, die auch im mnd 
häufig vorkomt und an den persönlichen Tod erinnert. — 24. kü'arda, sprach; vgl 
unten 24 u. Z. IV, 269, 10. — de Müglenkh., die frau MöIIinghof; so schon im mw 
z. b. Ludolveske (frau Ludolf), urk. v. 1320; vgl. Z. IV, 132, 78. — bsdraifnis 
betrübnis. — 25. naimedd, nannte. — nv>, nie. — seälich, selig; das ä des alts 
sälig ist unter einfluß des folgenden i zu eä gebrochen. — 25. mal oppen dach 
einmal des tages. — 26. sag'', sagte. — nabdrskg, nachbarin. — fadd9rskd , gevat- 
terin. — 27. lutsn, laßen. — 28. kwäm, kam. — nümm9s, niemand; vgl. neymes 
(spr. naimes), Briloner urk. v. 1432 (Seib.); Z. IV, 270, 45. — fr'd9rndas, fremdes; 
alts. fremithi (für framithi), ableitung aus fram (engl, from); neben fram muß es 
ein frum gegeben haben; davon nd. /romeofe, ]. früdmda. — 29. tagga, f., zänki- 
sches weib, zu taggen, zanken. — daip, tief. — söcht, m., seufzer, zu söchien 
(zz altwestf, suftian), seufzen; Z. IV, 276, 5. — dat segg'k v, mär, das sage (ver- 
sichere) ich euch nur; ein häufiges flicksei in der bauernconversation. — 30. sgen- 
nan, eigentlich schänden, bedeutet: schelten, schimpfen, keifen; Z. IV, 182. Schm. 

III, 370. — mesterlik, meisterlich, von mester (mit kurzem e) aus lat. magister. — 
dafß, daß wir. — undüdnich, nicht taugend, los; Z. III, 262, 67. — ghrne, gem. 

— 31. ^ höftan, wir brauchten. — 32. nVanduar, niedentür, die große tür am bauern- 
hause. — smiten, werfen. — üle, f., eule. — stüken, m., baumstumpf, bes. fau- 
ler, hohler. — 33. sgante, schimpfte. 



Rheinfränkische mundart. 

Von Velbert im Bergischen. *) 

I. Tiermarcheu. 1 

1. En- schwalv on an* maisch*. — En- schwalv on on* m^sch- 
di wärden ens gans güed fröngd on kämen üwardin dat nest tasämen. 1 

♦) Nach mündlicher mitteilung des hm. W. Bleekmann von Velbert. 



Rheinfränkische Mundart. 139 

ta bänan on tasämon daren ta wonan. Datt d^ädan sa dan auch. As 
'at hus fä'dig wulir, fänkt da mansch* an, sech wat för da wengter hinein 
ta siiakan. Di echwalv bekömmard sech nit dröm. As äwar da masch' 5 
dat suhd, seiht so: du mots hölpan, dat wir wat för de wengtar band. 
O, seiht di schwalv, däför brük* ech nix; eär da wengtar kömd, trek- 
ech fä'd. Da we'd di m^sch* geftig on seiht: nu sästa auch nit mär en 
'at nest, on lat da schwalv auch nit -ardn. Di schwalv seiht nix, fänkt 
äwar om flek an dat nest tau ta schleiwarn. As di massch* gans enga- 10 
mürd es, we'd at er dach wat warm daren, se röpt dar schwalv tau, sa 
söülar dach opan mäken. Di schwalv seiht äwar: du wols ja 'at nest 
allein han, on etsig hestat ja allein; wat wosta meär! 

2. Nafühsonnawolf. — Na fühs on na wolf haddan sech ens 
na pot fäl fät en da wach geschlept. As da wolf schilpt, fret da fühs 15 
dat fät. Awer sina kompaneisman we'd widar wackerich on sühd, dat 
da pot, da sa tasäman gamüst haddan, ledig wuär. Da seihta för da 
fühs : du mots dat fät gafreton han ! Nä, seiht da fühs, das nit war ; dat 
saustü wal gadän han! Si käbbaln sech an tidlank dröm, bis dat dam 
fühs ^nfäld, dat 'at fät am füar schmeilt. Da seihta tom wolf: nu söUa 20 
wir at wal 'arüt krigan, wc at gafreton hcd: wir mäkan an für an on 
legan us med dar fot för 'at fiir, on we dan 'at fät gafreton hed, dem 
schmeilt at on kömd dan hengan 'arüt. Da wolf es dämed tafredan, 
weil he gans sechar weit, dat he at nit gadän hed. Da ward e fuar 
angomakt, on sa leihton sech med dar fot för dat fiir. Bi dar wärmdan 25 
fäld da wolf en da schlap. Sina kompaneisman da weit, dat nach an 
betschan fät em pot es, kratst at 'arüt on schmeärd dam wolf dat öm 
dan hengarsgtan 'röm. As dat fät anfänkt ta schmdiltan, maktan wacka- 
rich: nü, seihta, lät dech ens bakikan! — 6, wat sen ech! dech kömd 
ja 'at fät hengan 'arüt gakwollen. On da wolf mot ^ngastän, dat he 30 
dat fät gafretan h6d. 

II. Zwergsage. 

Dat hengstamännekan. — En bür kömd ens op dan äular on 
suhd an hengstamännekan, dat hed an kä'n-odar op dar schäular on 
kwerkt, äs wän et schwär ta drägan häd. De bür balacht an üt on 
seiht: dat sal auch wat nötsan, dat du mech e pär kä'nschas 'arop- 35 
schleps. Op eimäl es dat männeken fk'd. S6id dar tid fengd da bür, 
dat sina kä'nhäup alla dag- klendar we'd on am 6ng' so klein, dat he 
denkt; ech sin dach -non domman düwal gawest, dat ech dat männekan 



140 Dichtungen und Sprachproben. 

ütbolacht han. He palst op, öm em to sägon, et söül dach ophuäron 
40 on em fargewan. Enniga dag- darnä, äs 'at hengstomännekan glaubt, et 
häd ganocht weggadrägon, hüärdan ot op, on sdid dar tid liat et nix 
mär fan sech sen. 



<■;: 



Erläuterungen. 

I. 1. Eine schwalbe und ein Sperling. — moBSch, anderwärts möschg, f., Sper- 
ling, holl. musch; Z. IV, 195. — ward, ward, ward9n, wurden. — 2. ens, einmal. — 
gans, ganz; anlautendes g ist in dieser mundart sehr weich, beinahe j. — Jea- 
man, kamen, zu lcÜ9m9n, prät. Team, ptc. g9kÜ9m9n. — 3. darin, darin. — di'ddan, 
taten, zu don, prät. diäd, ptc. g9dän. — äs, als. — 4. fotdig, fertig. — icuär, 
war. — wengi9r, winter. — hinein, zusammen; Z. III, 551, 6. — 5. su9lc9n, suchen, 
prät. säuht, ptc. g9säuht. Bergisches äuht oder ouht entspricht märkischem ocht: 
däuht9r rz doehi9r, engl, daughter: säuht zr sochtg, engl, sought. Es entspricht 
ferner dem mark, oft (ocht), uß (ucht) : gläuht zz glofte (glaubte) 5 hläuht = Muß 
oder klucht (gespaltenes holz, zange); läuht zz locht, lucht (luft). Bergisches eihi 
und eiht entsprechen märkischem icht, echt, acht, agt: kneiht r= Tenecht, engl, knight; 
leiht — lecht (licht) und licht (leicht); weiht zr wecht (mädchen); hreiht zz brach- 
t9 ; leiht zz lagta (legte); neiht zz nacht, engl, night; schleiht9n zz slaeht9n; seiht 
zz 8agt9 ; schmeiht zz smacht. — äwsr, aber. — 6. suhd, sieht, zu sen, prät. sag, 
ptc. g9sen; präs. ech sin, du svhst, he suhd, wir sind, göt sind, se send. — seiht, 
sagte, zu säg97i. Diese 3. prät. wird auch statt der 3. präs. gebraucht. — du 
raots, du must, zu möddan; präs. ech mot, he mot, wir mödd9n; prät. ech mos, du 
most, he mos, wir most9n. — hölpgn, helfen. — hand, haben, zu han; präs. han, 
hest, hed, pl. hand; prät. had, hadst, had, pl. haddsn. — 7. iär, ehe. — trek; 
ziehe; Z. II, 551, 11. — 8. fö'd, fort. — geßig, böse; Z. V, 65, 69. — sastd für 
saust du, sollst du; s. unten I, 2, 19. Z. V, 62, 19. — 9. Icet, läßt. — -arin, her- 
ein. — 10. om fleh, auf dem fleck, sofort. — tau schleiw9rn, zuschmieren; vergl. 
schleiw9rlüd , mauerleute, nach mark, schelte: drikswalß9n. — in(j9mürd, einge- 
mauert. — 11. wai, etwas. — röpt, ruft, zu röpdn; der laut dieses 6 (=: uo) liegt 
zwischen ü und ö. — 12. söühr, sollte ihr. — 13. itsig, itzt. — hest9t, hast du es. — 
W08t9, willst du. — meär, mehr. 

I. 2. Ein fuchs und ein wolf. — föhs, fuchs; vgl. dähs, flähs, wdhs, wähhn. — 

15. pot fäl f'dt, topf voll fett. — en d9 wach, auf die seite. — fret, frißt. — 

16. wack9rich, wach. — 17. gamüst, gemaust. — ledig, leer. — sdgan för, sagen 
zu. — 18. das zz dat es. — 19. saustü, sollst du. — wal, wol. — sech k'dbbgln, 
mit Worten zanken; auch mark., in Iserlohn gibt es eine käbb9l-gash9; oberd. Jfctp- 
peln; Schm. H, 316. Schmid, 268. Reinw. I, 79. TL, 70. Stalder, I, 98. — 20. schmiilt, 
schmilzt, zu schmeilten, prät. schmault, ptc. gaschmäultan ; vgl. feild (feld), giilan 
für giild9n (gelten, kaufen). Der hier sichtbare einfluß der liquidalverbindung auf 
den vorstehenden vokal auch in westf. mundarten (z. b. zu Rheda) und im Engli- 
schen. — seiht9, sagte er. — 21. sölla wir, sollen (werden) wir. — we, wer. — 
22. fot, f., hintere; Z. V, 63, 31. — 23. heng9n, für hendan (hindan), hinten. — 
24. weit, weiß, zu wiaisn. — 26. lUhtan, legten, zu legan. — w'drmde, f., wär- 
me; Z. rv, 127, 10. — 27. betschan, bißchen; das hier auftretende s ist ein eupho- 
nisches, erzeugt beim übergange der diminutivendung -Äien zu -chan (genauer -g9n)'f 



Ostfriesische Mundart, \4] 

heiksn würde so wenig eins hervorrufen, wie mark. bistJon. seh hat in berg. mund- 
arten eine weiche ausspräche. — schmeärd, schmiert. — 28. hengersgig, hinterste; 
8g sehr weiches seh (franz. j). — maktsn, macht er ihn. — 29. beMh9n, begucken, 
prät. beJehk, ptc. b9liidk9n ; Z. III, 432,292. — engastan, eingestehn; präs. ech stän, 
prät. ech stong, ptc. gdstanggn. 
II. Der zwerg. Dieselbe sage von Landhausen bei Iserlohn in meinen volksüberl. 
p. 41 ; auch im kreise Altena ist sie verbreitet. — 33. hengatamännakgn, hinzemänn- 
chen; Grimm, myth. 471. HengstQ steht wol für Heng89 zz Ilends9, d. i. Hendrik, 
Heinrich; Velbert hat Hena für Hinz, Heinz. Zwerge {tweark, Landhausen und 
Albringwerde ) und erdmännchen (Iserlohn) fallen in dieser sage mit den hausgei- 
stern zusammen. Bei Velbert wohnen die hengst9m'dnnek98 in felsklüften, wie die 
twiarka, eirdm'dnnek9s , sgänh6ld9n und huin9n des westfälischen süderlandes. — 
ditter, m., anderwärts olhr, bodenraum; in der Mark hört man nur (wahrscheinlich 
entlehnt) das verbum ollorn oder an olJarn opsmitan für: dem balken (boden) einen 
estrich von lehm geben. Da einfaches oder doppeltes 1 in der vorliegenden mund- 
art keine vokalverlängerung wirkt, so muß das zweite 1 der form oU9r aus d assi- 
miliert sein. Das zu grund liegende wort ist also entweder alder (vgl. häuhn z= 
haldan), oder ulder (vgl. schäuler iz schulder). Beide formen dürften auf die ger- 
manische Wurzel al führen, die auch im lat. alere steckt. Derselben wurzel gehö- 
ren die süderl. Wörter äul, fruchtbarer ackerboden, und äuls9, ackerboden, der zum 
roggen benutzt wird. An ein verstümmeltes solarium (söUer) ist bei ollar nicht zu 
denken, weil der von arium gezeugte umlaut fehlt, auch söller selbst für die kam- 
mern des zweiten Stocks im gebrauch ist. — 33. ka'n-odar, komähre; odar bedeu- 
tet außerdem ader, mark. addr. ödar so wenig, wie mark, ar, n. , (n: ohr und 
ähre) kanii bei fehlendem umlaute auf ön altes ahir zurückgeführt werden. — 
8chäul9r, f., mark, agulhr, schulter. — 34. iicerfcsw, keuchen, stöhnen; wol ein stär- 
keres, lauteres mecht9n (mark.). In Berg und Mark bedeutet sonst kwerkan einen 
widerlichen quäkenden laut hervorbringen. — ütb9lach9nf auslachen. — 35. nöt- 
89n, nützen. — kck'nachas, körnlein; vgl. oben 27. — 36. 84id, seit. — 37. ka'n- 
häup, kornhauf. — klendgr, kleiner, ebenso rendar, reiner =: mark, klennar, ren- 
nar. Wir haben hier wahrscheinlich, wie in keldar für keller, das umgekehrte der 
assimilierung. So können in alten zeiten liquidalverbindungen Id, Ith, nd, nth aus 
geminaten (11, nn) erwachsen sein. — am eng-, am ende. — 38. ech sin, ich bin. 
— 39. Söul, sollte. — ophuär9n, aufhören. — 40. ennig9 dag-, einige tage. — 
«Zamä, darnach, nachher. — gläuht, glaubte. — 41. ganocht, genug. — hüärdan, 
hörte. — lidt, ließ. 
Iserlohn. 3^. Woeste. 



Ostfriesische Mundart. 

Häl- ö ver ! 

Da ferman steit an 't ower «Suh-, hört hei man „häl-overl« 5 

un markt up elken lüt. — van güntsit, is hgi klär, 

„Wat süht dei leie Jebchen un as -n pil van d- flizbog* 

van däge munter ütl*' seo schüt dat bebt, nli' war?*' 



142 



Dichtungen und Sprachproben. 



Seb segt verwunnert Jan -6m, 
dei nä bi 't fenster sit, 10 

un markt neit, dat sin dochter 
sük wiskt 'n trän van 't lid. 

Lei Jeochen lurt up Anna, 
Jan-omkes Greitje schreift. 

Mi dücht, in beider harten 15 

is ebb- un flebt der leifd*. 



Dei ferman sins dat pukkert, 
un heoger wast dei flebt; 

sin Anna blivt seb lange, 
hei Word bedrükt teo mebt. 

Sei har hum segt, bet ävend 
wul Wesen sei an 't fer, 

hei sul man gebd uppassen, 
wen s6i „hdl-over!" rßr. 

Dat wäter sügt h^i wassen, 
sin angst wast mit dei flebt, 

hei steit un start henover — 
dar rog' sük noch gin febt. 

Jan -6m ligt al tcb bedde, 
snurkt as ein sägemol ; 

hei 'S möi, dei olle stakkert, 
sin hart is old un k61. 



Up disk dei döcht in d* lampe 

wil ütgän seb un seb, 
dei olle klok dei tiktakt, 35 

•t geit al up twalf nr teo. 

„'t is middemacht'', segt Grditje, 
„•t is tid, dei flebt is h6bch. 

Wat slöpt hei deip, dei oUel 
Un doch nßit deip genebg." 40 
Bremen. 



Ein trän falt öt hör oge, 
teb trekt sei dei gardin, 

püst't üt dat lücht, as wul s6i 
versläpen sülvst hör pin. 



Dei nacht dei was seb rüig, 
dei man seil stil sin strek, 

deb slek as -n spok nä 't 5 wer 
fein wicht verweint un bleik. 



45 



Dar starr- in d- släp verbistert 

dei ferman, of sei queim-, 50 

hum was, as of -n „häl-6ver!" 
20 hum schüddel öt sin dröm. 

Un as h6i sük vermünner, 

kreig hei -n baldäd-gen schrik — 

hei hört in 't wäter pülsken 55 

un Süchten nä bi sük. 



25 „Häl - over ! « h5rt hei reren 
van güntsit fast tebglik, 
un nä bi sük noch einmal 
wer suchten jammerlik. 

„Das Anna!" rert hei gresig, 
30 dan smit hei sük henin, — 

dat wäter trekt sin kringen, 
as sm6st du -n stön derin. 



60 



Dei Emse wör as altid 
holt stßvig ebb- un fleöt; 

am morgen bi dei fere 
dar Stent -n ollet hiebt. 

Am morgen bi dei fere 
dar schreift -n junge dern ; 

dei Emse spSlt sin bulgens 
in d- sei nä wit un fern. 

C. Tannen. 



65 



70 



Ostfriesische Mundart. |43 

Sprachliche Erläuterungen 

von E. Hektor und dem Herausgeber. 

Die Mundart dieser Ballade, wie einiger früheren aus Leer mitgetheilten Stücke, 
gehört dem südlichen Ostfriesland an, während die von E. Hektor gebrachten die 
Mundart des nördlichen Ostfriesland wiedergeben. Was in diesem ä, ist dort ö, e 
bricht sich in ei (mit ei bezeichnet, zum Unterschiede vom Diphthong ei), ö in eb, für 
ä und e tritt überall e ein und äö wird o. Dem Hochdeutschen gegenüber stellt sich 
das Lautverhältnifs wie folgt heraus : 

Ostfriesl. Hochd. 

nördl. südl. 

a o o 

e ei ie, ei 

ö eo öj ö, au 

a, e e S, e, ie 

äö o ^) "> ie etc. 

Eine weitere Eigenthümlichkeit der südlichem Mundart besteht darin, dafs sie die En- 
dungen beizubehalten liebt, die man im Norden meist verschluckt, z. B. bedd9, bedd' ; 
ffedde, ff od' etc. 

Hol' über! zieh' über! Zuruf an den Fährmann. Vgl. Stürenb. 163, 80. Z. HI, 
272, 14. IV, 138. 273, 166. 
1. bwer, Ufer (Z. IH, 37), ein Wort, das dem nördl. Ostfriesland mit der Sache fehlt. 
Der Rand von dep (n.. Tiefe, Fahrwasser; Z. II, 423, 18), graft (Graben, Teich; 
Z. IV, 278, 48), toff, togslot (Abzugsgraben; Stürenb. 285), slot (kleinerer Graben; 
Z. IV, 288, 398) heifst dort Tcant, z. B. alotsTcant, graftskant. Vgl. Z. III, 282, 98. 
— elk, jeder; Z. IH, 425, 16. IV, 478. — 3. aüht, abwechselnd mit sügt (25), sieht. 
Jedchen, Joachim. Hier als Vorname; leie Jedchen sonst für Träger, Fauler über- 
haupt (vgl Z. III, 1), V. lei, leu, loi, träge, faul; Stürenb. 135. Z. IV, 277, 17. — 
4. van däge, heute; Z. IV, 139, 8. 
6. güntstt, jenseit; Z. II, 423, 42. V, 62, 20. — klar, hell, rein; vollendet, fertig; 
Stürenb. 108. Z. IH, 281, 67. — 7. pU, m., pfeil. — flizboge, m., Armbrust; Z. III, 
285, 131. Stürenb. 57. — «ei' war (zz nett to.), nicht wahr; «ei', vollst, neit, da- 
für nördl. «i', «icA, nicht. 
9. seo segt, so sagt. — Wegen des angehängten 6m s. Z. IV, 356. — 12. lid, Augen- 
lid; Z. II, 540, 105. Stürenb. 138. Grimm, Wb. 807. 
14. 70. schrei/t, schreit, weint; Stürenb. 234. Z. IH, 288, 15. — 15. 16. Zu hochdeutsch, 
was durch das in dem eben berührten Aufsatze (Z. IV, 348 ff.) in Betreff des Man- 
gels an Ausdrücken für Gefühle der Liebe u. dergl. Gesagte entschuldigt wird. 
17. dei ferman «m«, dem Fährmann seines (verstehe: Herz), das des Fährmanns (vgl. 
Z. III, 432, 293). — pukkern, schlagen, klopfen; Z. HI, 367, 44. Stürenb. 186. — 
21. har für hadd; hatte; Z. II, 539, 90. — hum, ihm; Z. IV, 276,3. Stürenb. 92a.— 
bet ävend, bis Abend. — 22. an ''t/er, an der Fähre, Ueberfahrtsstelle ; Stürenb. 
50». — 24. rSren, schreien; Z, IV, 134, 124. 
25. waasen, wachsen; 18 u. 26 : wast, wächst; Z. II, 49. III, 261, 41. — 28. rbg-, 

regte. — gin, kein; Z. III, 286, 14. 
29. cZ, schon; Z. IV, 277, 16. — 30. sägemol (nördl. sS^'m'döl'n) , Säge-, Sohneide- 
mühle. — snurken, schnarchen; Stürenb. 231. — 31. möi, müde. — stakkeri, Aus- 
druck des Mitleids für einen Schwachen, Leidenden (Stürenb. 261: v. atakk, steif, 
gelähmt, schwach), gebildet wie : gäpert, Gaffer, dikkert, glüpert (von glüpen, heim- 



144 Dichtungen und Sprachproben. Ostfriesische Mundart. 

tückisch anblicken, lauern), setier t {-n dikken aeitert, ein Stämmiger, Untersetzter), 
stüpert (Hemmnifs) u. v. a. 

34. aeö un aeo, beinahe, nahezu. — 35. Moh, Wanduhr; Z. 11, 420, 22. Stürenb. 112.— 
tiktaken, lautmalend für den Pendelschlag; Stürenb. 282. — 36. iwalf wr, zwölf 
Uhr. — 41. hör, pron. poss. , ihr; Z. III, 286, 2. — 42. iedtrehken, zuziehen; Z. 
n, 551, 11. — 43. ütpüaten, ausblasen; Z. II, 318, 8. Stürenb. 188. — 46. man, 
Mond; Z. IV, 238, 7. — seilen, segeln; Stürenb. 243. — 47. aUk, schlich. — 
spbk, n., Spuk, Gespenst; Stürenb. 254. — wicht, n., Mädchen; Z. IV, 133, 92. 
Stürenb. 329. — 49. in d- alap verbUtert, schlaftrunken; Stürenb. 308. Z. V, 51. 

53. vermünnern, ermuntern (aus dem Schlaf); Z. III, 280, 34. — 54. haldadig, gewal- 
tig, sehr grofs; Stürenb. 9b. — 55. pülaken, plätschern; Z. IV, 34. Stürenb. 186. — 
56. aüchten, seufzen; Z. IV, 276, 5. Stürenb. 272. 

60. wer, aus weder zusammengezogen : wieder ; ebenso 65. — 61. das :ir dat ia, das ist. — 
gresig, gräfslich ; Stürenb. 74». Z. III, 288, 13. — 62. smit, (schmeifst) , wirft, 
stürzt; 64: ameat, würfest. Z, IV, 130, 41. — 63. kring , m., Kreis, Ring; Z. II, 
77, 5, 14. 

65. dei J^mse, der Flufs Ems. — wer, wieder. — aMd, immer; Z. IV, 130, 61. 478. - 
66. holt, hält. — stetig, atlwig, steif, fest, standhaft; Stürenb. 260. — 68. atennen, 
stöhnen, ächzen; Stürenb. 263. Z. III, 374. — bleod (t), blöder, Ausdrücke des 
Mitleids für Arme, Schwache; vgl. mhd. blöde, auch Z. III, 176, 28. Stürenb. 20. 
Grimm, Wb. II, 138. 173, 8. 

71. aphlt, ohne Unterschied für „spült" und „spielt"; dagegen nördlich unterschieden 
durch aphlt und späölt (auch spült). — bulge, f., Welle, Woge; altnord. bylgia, 
mhd. bulge (zum starken Vb. bilge, balc, gebolgen, aufschwellen ; Ben.-MUr. I, 124), 
engl, billow, dän. böige, schwed. bölja. Stürenb. 27. Grimm, Wb. II, 511. 



Ostfriesische Kinder- und Ammenreime. 

Gesammelt von C. Tannen in Bremen. 

1. 2. 

Heifsa, sünte Pikkedrat! Heüsa, Sünte-Martinilüchtl 

Hei ji geld, dann weit ik rät, Dat is -n wäre kinderklügt, 

Kop -n örtjes kerse Un dat is in November, 
Un stek dei heile Sünte -Märten in Andernäst is Sünder- Kläs 

brand. Un dat is in December. 
Hurol hurol 

(Fortsetzung folgt.) 
Sprachliche Erläuterungen vom Herausgeber. 

1. Pikkedrat, Pechdraht. — hei ji, habt ihr. — ortje, '/i Stüber, eine ostfriesische 
Kupfermünze, die vor einigen Jahren aufser Gang gebracht wurde; nördlich oriß, 
östlich brken. Z. in, 40, 7. IV, 144, 349. Stürenb. 169. — kerae, Kerze. 

2. Mügi, Lust, Spafs ; Stürenb. 113: klucht, klücht, klüfft. — andemdat, demnächst, 
später. — Sünder -Kläa, Sanct Nicolaus (6. Decbr.); Stürenb. 272. 



Mundart in und um Fallerslebeti. ^45 

Mundart in und um Fallersieben. 

( Fortsetzung. ) 



gallern, tüchtig prügeln. Z. III, 366. 

O ander , m., Gänserich. Z. III, 501. 

Oare, m., Eierstock beim Federvieh. \ 

gaster7i, dem rohen Brotteige, ehe er gebacken wird, eine braune Rinde 
verschaffen, indem man ihn ringsum mit Wasser benetzt und in den 
Ofen schiebt, worin noch an den Seiten das Feuer brennt: dat Brot 
hat 7wch nich egastert. gassein Brem. Wb. II, 489 und V, 377. — 
Oaster-kanJcen, HaUer-kavken, m., ein langer, schmaler, dünner Brot- 
teig, der noch während das Feuer im Backofen brennt gar gebacken 
wird. 

Gause-her für Gause-hor (d. i. Gänsehuter), Gänsehirt. So auch Swy- 
ne-her. Vgl. Z. II, 391, 8. III, 259, 9. 

Gepsche, f., der Raum in den hohl an einander gelegten Händen. 

Gygel oder Viggelyne, f., Geige. 

gygeljunkjunk , Geigenlaut. Kinderreim: 
Gygdgygeljunkßink ! 
Spelman dei wil sterben. 
Gebeten betten Kes un Brdt, 
taten nich verderben! 
Daher junkßmken, auf der Geige spielen. 

Glaseker, m., Glaser. 

glat, adj., schmuck, schön geputzt. — sik glat maken, sich putzen. 
Man hört auch wol dafür glant, wozu das frz. galant gefuhrt ha- 
ben mag. 

Glicceke, f., die Schurrbahn. — glicceken, glandern. Z. II, 513, 22. 

glosen, glimmen. — an-glosen, von selbst anglimmen, anbrennen. Z. 
III, 377. 

glu, adj., glühend, leuchtend: glue Kolle, glue Ogen. — glue, adv. ; glue 
kyken, mit funkelnden Augen sehen, wie die Katzen in der Dun- 
kelheit. — glüstern, dasselbe. 

glupsch, adj., heimtückisch. Z. II, 423, 102. IV, 288, 396. 

10 



146 Mundart in und um Fallcrsleben. 

Onatte, f., kleine Art Mücken, die sehr stechen und in der feuchten 

Haut kleben bleiben. 
gnaulen. begnaulen, jemandem etwas mifsgönnon, namentlich Speisen, 

und sich dann verdriefslicli darüber äursern. 
gneiren, gierig nach etwas verlangen. 

Gössel, n., junges Gänschen, wenn es noch keine Federn hat. Z. V, 69. 
grabbeln, mit den Fingerspitzen sanft begreifen; sanft kratzen. 
grasen, et graset mik, es schaudert mich, wenn man eirie Gänsehaut 

bekommt. Z. III, 288, 13. 
Grausen, f., Mz., die Spitzen der aufgehenden Kornsaat. 
grapschen, schnell zusammen raffen. 

Greben, f., Mz., Grieben, ausgebratenes Schweinpflaumenfett. 
Grepe, f. Mes-grepe, Mistgabel, hat drei eiserne Zinken. Z. II, 43. 
grüf -lachen, hohnisch lachen, brem. grijf -lachen, Brem. Wb. II, 541. 
gruccehi, gricceln, schaudern vor Kälte : et gruccelt mik. Z. III, 288. 
Günte, Güntje, f., Schnabel an einem Gefafse. 
gaste, adj., von Kilben, unträchtig. Z. III, 496. 

H. 

Haber -stel, n., hölzernes Gestell um die Sense beim Habermahen. 
Hängeis, Hosenträger. 
Haller - kauken s. Gaster -kauken. 

Hase, de Hase bruset, wenn der Abendnebel im Sommer auf Wiesen 
und Brüchen emporsteigt imd in der Ferne sichtbar wird. Im Brem. 
de Hase brouet, Brem. Wb. II, 602. Z. II, 403, 27. 
Hasen -brot nennt man das Brot, das man Kindern mitzubringen pflegt, 
wenn man heimkommt von einer Reise oder einem Spaziergange. 
Da heifst es denn : dat hebb ik en Hasen abbenome^i. Die Kinder 
glauben es und es schmeckt ihnen besser als jedes andere Stück Brot. 
Haseken, Jagdspiel der Kinder. Der Jager mit seinen Hunden ruft: 
Haseken, Haseken, verstik dik! 
wen de Hunt kumt, dei bit dik, 
wen de Jager kund, dei schüt diki 
ha-hüt! ha-hüt! ha-hüt! 
Er stSfst so ins Hörn, die Hasen entfliehen, er setzt ihnen mit den 
Hunden nach. — ha-supl d. i. Hase up! Ruflaut hinter einem aus 
dem Lager springenden Hasen. 
Hau-ysen, n., Hufeisen. 



Mundart in und um Faltersleben. I417 

Haun, n., Huhn. — Hauner - swerhe , f., ein Kraut, das man gern den 
C an arien vögeln ums Bauer hängt, bei Friscli Wb. II, 473 Huhner- 
scherb oder Serb, alsine, Hilhnerbifs. 
Haut, m., Hut, dagegen Hut, die Haut. — HeiUjer, m., Hutmacher. 
Heie, f., Heide, erica; das Land, wo viel Heide wächst. — Heitjer, m., 
der Bewohner der Heide, auf der rechten Seite der Aller. — de 
Heitjer hrumt, sagt man, wenn nordwärts fiber der Heidegegend 
schwarze Wolken stehen; de Heitjer lacht, et gift morgen gut Wed- 
der, wenn ebenda der Himmel hell ist. — Heit-snucke, f., das kleine 
Heideschaf mit braunfarbigem groben Fliefse und kleinen krummen 
Hörnern. Bei Frisch Heide -schnake! — Dat de Heie icackelt! Aus- 
ruf der Verwunderung. 
Heile -hart, m., Storch. Die Kinder singen: 
Heilebärt im Neste, 
hring mik ne lütje Swester! 
Heilebärt du Luder, 
hri7ig mik en lütjen Bruder. 
Ferner : Heilebärt du Lankbein, 
ivanner wuttu wechtein? 
wen de Roggen rypet, 
wen de Muse pypet, 
wen de Wagen stille steit, 
wen de Plauch te Felle geit, 
den sau wil ik ivechtein. — 
Heilebärts-blaume , f., die gewöhnliche gelbe Wasseriris, iris palustris. 
Heier, m., kleiner Fischteich, worin die Brut gehegt oder gröfsere Fi- 
sche auf einige Zeit verwahrt werden. 
Hese-grütte, f., Hirsegrütze, im Brem. Herse-gorte. 
Hester, m. , junger Eichbaum, der erst angepflanzt ist. 
hibbeln, im Arbeiten schnell darüber hineilen, gleichsam darüber hin- 
hobeln (höbbelnj, etwas nicht ordentlich machen. — hibbelich, adj., 
flüchtig in seinem Thun und Treiben. 
hik- kacken, sik, sich zanken, kicken, im Brem. mit dem Schnabel hacken, 

picken, Brem. Wb. 11, 630. 
Hille, f., die Raufe. Vgl. Z. II, 540, 130. 
kille, adj., hurtig. Z. I, 274, 9. II, 43, 5. 194. 

Hinrik. roen Hinrik, rother Heinrich, wilder Sauerampfer. \ 

kisl kis! Zuruf den Hunden, um sie zu hetzen, Z. IV, 34. 

10* 



148 Mundart in und um Fallersleben. 

Höhhel, m., der Hobel. 

höcceken, ganz gelinde frieren, dafs sich liber dem Wasser eine ganz 
dünne Eisrinde bildet und das nasse Erdreich eine harte Kruste be- 
kommt: et hat man ehöcceket, dat Water is oherehöcceket. 

Ho-grehe, m., ursprünglich Go-greve (Frisch Wb. I, 324. b.), bei der 
frühem hannov. Verwaltung der Unterbeamte , der die Befehle und 
Bescheide des Amts den Dorfschulzen zustellen mufste. — Ho-me- 
ster , m., Hofmeister, der Oberaufseher der Knechte und Magde auf 
grofsern Gutern, gleichsam der ünterverwalter. 

Holt. Höltje-appel, m. , die Frucht des wilden Apfelbaums. 

Hop -hei, m., Lärm. Hop-h^i maken, viel Lärm über Kleinigkeiten ma- 
chen, im Brem. Behei, Brem. Wb. I, 73. Z. III, 267, 2. IV, 349. 

Hucke, f., op de Hucke nemen, auf die Schulter nehmen. — in de Hu- 
cke sitten, gekauert, mit gebogenen Knien sitzen, hocken, Z. II, 44. 

huddern, vom Federvieh, die Küchlein unter die Flügel nehmen, sie zu 
wärmen. Vgl. Brem. Wb. V, 388. 

Huln, Hüllen, m., emporstehendes Büschel Haare oder Federn. Als es 
Mode war, das Haar hoch emporgestrichen zu tragen, sagte man: 
hei hatten Huln. Eine Ente mit einem Büschel auf dem Kopfe, 
heilst ne hullige Ante. Auch henneb. die Hülle, Hühner- oder En- 
tenkuppe, Reinwald's Henneb. Idiot. I, 69. 

Hunk-hüä, n., Kernhaus der Apfel und Birnen. Z. II, 125. 

Huppüpper- geselle, m., Wiedehopf. 

jr. 

jachtern, aus Lust sich herum jagen, raufend und balgend. 

Jdr-marcht, n. Am Jahrmarktstage pflegt man seinen Bekannten, 
Freunden, Verwandten und Gehebten das Jahrmarkt zu kaufen, 
— eine dem zu Beschenkenden erwünschte oder angenehme Klei- 
nigkeit. An wen der Bewillkommnungsruf: prost Jdrmarcht ! ergeht, 
mufs zuerst kaufen, und der Beschenkte schenkt dann in der Regel 
wieder. Kinder suchen den ganzen Tag über ihr prost J. anzu- 
bringen. 

jagen, verjagen, erschrecken. 

janfen, Kleinigkeiten stehlen. 

jappen, schnappen. Z. II, 423, 23. 284, 126. 

jaulen, vor Schmerzen laut und anhaltend heulen, besonders von Hun- 
den, wenn sie gebissen sind oder geprügelt werden; dann von Kin- 



\ 



Mundart in und um Fallersleben. |49 

dern, kläglich thun, und von Erwachsenen, eine feine, weinerliche 
Stimme haben. Z. III, 114. 

Jesche, wol Giersche, f., ein Kraut mit schirmartiger weifser Bluthe, 
wächst viel in Gärten, Hecken, Ackern. Im Brem. Wb. II, 500 Ger- 
seln, bei Frisch I, 350 Gierisch , Gisch, Gysch; in Thüringen heilst 
es Strenzel. 

Jest, m., Hefen, auch der Schaum des Bieres. Z. III, 531, 32. 

jokeln, langsam in einer Sache sein, gewöhnlich langsam fahren. 

jüche7i, jauchzen. 

ju ! Antrieb der Pferde , auch ju hu ! 

Jumfer, Libelle, im Brem. Her er, Brem. Wb. 111,483. — Jumfer smy- 
ten, ein flaches Steinchen so auf's Wasser werfen, dafs es mehrmals 
aufhüpft ehe es untersinkt. An Weihern und Teichen ergötzt sich 
unsere Jugend damit und sucht sich im Kringe smyten zu libertreffen. 
Die Redensart ist hergenommen von der Libelle: sie berührt wie 
der schräg geworfene Stein flüchtig den Wasserspiegel. 

I. ¥. 

ichtens, irgend. Z. IV, 140, 14. 272, 94. 

Ilk, m., Iltis. Z. II, 319, 15. 

Yser-menniken. Kinder spielen dies Spiel in Obstgärten und Weidich- 

ten. Jeder Theilnehmer hütet seinen Baum. Ein Kind aber geht 

umher und sucht, singend: 

Ysermenneken in Ysen, 
ik kan kein Ysen ßnnen, 

sich einen Baum. Wahrend nun die andern Kinder ihre Bäume 

tauschen, mufs dies suchende durch Schnelhgkeit den Besitz einem 

Weg- oder Zueilenden abgewinnen, und letzteres wandelt dann als 

Ysermenneken umher. 
ys-dronich, adj., hartnäckig, einer der sich von seinem Vorhaben nicht 

abbringen läfst. 

H. 

kaddeln, ungeschickt schneiden, bremisch katten, Brem. Wb. II, 753. 

kakeln, von Hiihnern, gackern, von Kindern, undeutlich reden, wenn 
sie zu sprechen anfangen. Z. 11, 43. III, 425, 11. 

kalbern, tändeln, aber auf eine läppische, unziemliche Weise. Z. IV, 358. 

Kamp, m., ein mit einer Hecke eingefriedigtes Feld, das auch als Gar- 
ten benützt werden kann. Z. I, 114. 



1 50 Mundart in und um Fallersleben. 

Kamills -geblute, n. , (bei den Bauern), Zimmetbhithe. 

Karten- spei. Die franzosischen Karten werden auch genannt: Herzen zzz 

coeur, Kreuz rrr trefle, Ruten ■:^ carreau und Schuppen =r pique. 
Karioeü, m., (bei den Bauern), Kümmel. 
hasch, adj., frisch, gesund. 

kästen ! Ausruf beim Versagen des Gewehrs. — Kasten Däkstein sagt man 
statt des N. N. in Formularen, oder wenn die Person unbekannt blei- 
ben soll, oder schon aus dem Gedächtnisse des Erzfdilers entschwun- 
den ist. » 
Kater, m., die gesammelte Luft unter dem Eise, wodurch das Eis weifs 
erscheint. Kater jagen oder maken — ein Kindervergnfigen, sie 
blasen nämlich durch ein Loch im Eise Luft hinein. 
kauen. 7ia-kaueti, nachsprechen. 

Keilke, f., Fliederbeere, Frucht des Fliederstrauchs (Keükenhusch, Äl- 
horn). Die Kinder brauchen sie als Lockspeise an den Sprenkeln, 
um Rothkehlchen zu fangen. Man bereitet auch Mus daraus : Keil- 
ken-'maus, n. — Keilke heilst auch die Bliithe; sie wird eingesam- 
melt, getrocknet und als Thee (der bekannte Fliederthee !) verwendet. 
Kempe, m., der Eber. 

kibheln, kabbeln, zanken: ole Kibbeltryne! 2. II, 567, 43. III, 28. 
Kiffe, f., kleines schlechtes Wohnhaus, verächtlich, nl. kuf, Hurenhaus. 
Ky -Jacken, n., das Aufschreien der Gänse, besonders der eingesperrten. 
Kinker-Utschen, Flitterstaat, dann auch unnützes Thun und Treiben. 
Kiccerlink, m., Kieselstein. 

Kinneken -g eist, m., Septempunctata. Die Kinder setzen sich diesen klei- 
nen Käfer, der sieben schwarze Punkte auf seinen rotlien Flugei- 
decken hat, auf die Hand und singen: 

Khmeken-geist, fleich op! 
ßeich ten hohen Himmel op, 
bringen Korf ful Krengel mit, 
dik ehien, niik einen, 
den andern Kinnern gär keinen! 
Kywit, m., der Kibitz. Die Kinder singen: 
ityt^j-^ Kywit, 100 blyb ikß 

in Brummelberenbusch; 
da sing ik, da ßeutj ik, 
da hebbik myne Lust, 
klak! Ausruf, wenn ein breiter, weicher Körper niederfällt. 



Mundart in und um Fallersleben. 151 

KlacJce, f., eine Kuh, verächtlich, von klacken, kacken wie die Kuh. 
— Rant-klacke, f., eine Kuh, die sich in ihrem Kothe gewälzt hat, 
der dann an den Seiten hangen geblieben und trocken geworden 
ist. Im Brein. nennt man ein altes Weib aus Verachtung e?i olden 
Rani, s. Brem. Wb. III, 432. 

klamen. verklamen, vor Kälte erstarren. 

Klap-hüsse, f., ein Stück Fliederholz, V^ Fufs lang und ausgehöhlt, in 
welches man mittelst eines Stempels einen feuchten Pfropfen von 
Werg (Hede), Flachs oder Papier treibt bis oben hin und dann ei- 
nen zweiten hinterdrein, wodurch dann ein Knall (dattet klappet) 
hervorgebracht wird. — klap-portjen, oft, meist ohne Ursache zur 
Thnre hinausgehen und hereinkommen, bei Richey kotern, aus- und 
einlaufen wie die Hunde. — Klap-pot-smyten, n., das Topfwerfen 
vor den Thiiren der Braut und des Bräutigams am Polterabend, dem 
Abend vor der Hochzeit. — klappern, mit einer Klapper die Vogel 
vom reifen Getreide scheuchen. Arme Kinder thun dies für Geld 
und begleiten ihr Geklapper mit einem lauten Turrrrhurrrr ! 

Klater, m., Zeugfetzen. Klatern, Mz., werden scherzhaft auch die fetzen- 
artigen Franzen des Kleides genannt. Z. IV, 134, 112. 

Klatsch, m., Schlag mit der flachen Hand, dafs es klatscht. 

Kleber, m., Klee. Der Fund eines vierblättrigen Kleeblatts deutet auf 
Glück, eines fünf blättrigen auf Unglück. 

kleckern, sik heldeckern, sich beschmutzen. 

kleen. Ankleen, das Ausschmücken der Leichen, die zur Schau ausge- 
stellt werden. Beides geschieht zwar jetzt weniger als ehedem; kleine 
Kinder aber schmücken noch gern ihre todten Gespielen mit Krän- 
zen, flechten eine Flitterkrone, und streuen und pflanzen Blumen 
auf's Grab. Auch siebet man noch auf den Dorfkirchhofen die fri- 
schen Gräber Friihverstorbener , besonders der Bräute, mit Kreuz 
und Krone besteckt und mit Blumen bepflanzt. Solche Ehrenkränze 
und Kronen hängt man auch in der Kirche auf, um an heiliger 
Stätte sich zugleich geliebter Todten zu erinnern. 

kleien, krauen; auch mit den Händen in etwas wühlen: in Drecke kleien. 

klinken, under- klinken, sich unterfassen, Arm in Arm gehen. 

Klyse, f., Klette, nl. klis. Vgl. Weigand Wb. I, 594. 

Klitsch -klatsch, m., leeres Geschwätz. 

klonen, langweihg und kläglich sich über etwas auslassen. 

Kluen, n., Knäuel Garn, Zwirn oder WoUe. Z. II, 223. 



152 Mundart in und um Fallersleben. 

klütern, etwas thim in der Ackerwirthschaft, was man nicht versteht, 
wenn z. B. die Knechte am Wagen, Schlitten und Pfluge etwas zu- 
recht machen wollen. 

Klump, m., Mz., Klumpe, Klofs von verschiedenen Speisestoffen. Brdt- 
jen un Klumpe, Backobst mit Kartoffel- oder Mehlklßfsen, ein be- 
liebtes Gericht. Z. II, 317. 

Klunder, m., Kamm mit Beeren: Wyndruhen- , Jehansheren-Klunder; 
dann Obst, das dicht an einem Zweige an einander hangt, als Kir- 
schen, Zwetschen, Apfel, Birnen u. dgl. In Pommern Drummel, 
im Brem. Kluster, Brem. Wb. II, 615 ; henneb. liispel. 

Klimg - klanker , f., eine Schaukel von zwei Stricken, die zwischen zwei 
Pfosten oder Bäumen befestigt werden, mit einem Sitzbrette in der 
Mitte. Auch machen sich die Kinder der Hirten und Landleute aus 
herabhangenden unten verknüpften Weidenzweigen eine lebendige 
Schaukel, die ebenfalls Klung - klanker heifst. 

Klüt, m., Klofs. — klütern, mit Schneebällen werfen, Schneebällen. 

knabhern, nagen, bei Richey knahbeln. 

Knagge, m., eine grofse Scheibe Brot. 

Knirßks, m., kleiner unansehnlicher Kerl. Vgl. Brem. Wb. II, 828. 

knitteln, Strümpfe stricken. — Knittel- sticken, m., Stricknadeln. 

Knitter -golt, n., Flittergold. 

knojen, grobe Arbeit verrichten. 

Knol, m., Flegel, grober Mensch. Z. III, 192, 91. 

Knöpken, n., Kinderspiel mit Knöpfen, eben so gespielt wie das Pen- 
niken. 

hiupperich syn, so gebacken oder gedörrt sein, dafs es im Zerbrechen 
oder Zerbeifsen ein Geräusch gibt, knappert. Die Braunschweiger 
Marktweiber rufen so den Landmann zu ihrer Bude: Na, Vedder, 
kome mal her! echte bronswyksche Pöppernötte, 6k rechte knujyiierige ! 

Koben, m., Swyne-koben, Schweinstall. 

koddeln. verkoddeln, nicht rein waschen, so dafs das Zeug durch das 
Waschen eigentlich nur noch schlechter wird. 

köddem, koren, kareti, schwatzen, plaudern. Z. 111,350. 552, 7. IV, 241, 2. 

Kölsche, f., Kohlstrunk, Kohlstannn ohne Blätter. 

kor-fretsch, adj., lecker. 

Kor -wagen, ein offener Wagen mit drei oder vier Sitzen, worauf sich 
die Mitfahrenden alle leicht unterhalten können. Deshalb sollte man 
glauben, das Kor kSme von ob. koren; keinesweges. Das Wort ist schon 



Mundart in und um Fallersleben. 4ft8 

früher den Sprachforschern schwierig gewesen. Kilitaen sagt; „koorde- 
waghen. Sarracum, vehiculum trusatile, sive trusile: vehiculum baiu- 
lorum, quo onera subvectant, ä hoorde . i . restis, quod restibus traha- 
tur. Allis körte -waghen . q. d. breve vehiculum, et kruy-waghen . i , 
trusatile vehiculum, quae postrcma etymologia verisimillima et usita- 
tissima." Im Teuthonista: „craid- Wagen. Cirsum, si . Moniga, ge." 

Koter, m. , schlechter, häislicher Hund. 

Köttel, m. , der kugelartige Koth der Thiere: ScMp-, Per-, Hunne-, 
Muse-Köttel Z. III, 431, 204. IV, 358, 7. 

Korn-toiif, n., und dei Bonehok, zwei Schreckgestalten, die im wogen- 
den Korne ihren Aufenthalt haben sollen. Wenn Kinder ins Feld 
laufen, sich Klatschi-osen und Kornblumen zum Kranzflechten zu ho- 
len, so macht man ihnen mit jenem Popanz bange, damit sie nicht 
zu weit ins Getreide gehen und Schaden anrichten. 

Krabbe, n., das Kind, liebkosend und im Unwillen so genannt. 

krabbeln, kriechen, sich bemühen fortzukommen. Z. II, 393, 51. 

Kracke, f., altes abgelebtes Pferd, auch hamb. Richey 137. Vgl. Wei- 
gand Wb. I, 629. Z. III, 493. IV, 307. 

Krain-oge7i, Bik-beren , jetzt auch wol Ileile-beren, Heidelbeeren. 

Kraus -föggel , m., Krammets vogel. 

Krauch, m. , Krug, Dorfschenke. 

Kraus, m., Krug, Trinkgefafs. Z. II, 541, 178. III, 42, 33. IV, 144, 339. 

kregel, adj., lebendig, frisch, beweglich. Ein Madchen sagte von einer 
Wanduhr, die gut ticktackte: dat issen kregel Ditik! 

Kreike, f.. Krieche, eine Art kleiner Pflaumen, die fiir veredelte Schle- 
hen gelten (nl. kriek, die Kirsche, cerasus). 

krjeiden, laut rufen, bölken, vorzuglich von Fuhrleuten gesagt, die den 
ganzen Weg hin bald mit ihren Pferden, bald mit sich selbst laute 
Unterhaltung pflegen. 

kribbelich, adj., Kribbel-kojp, m., der sich leicht ärgert und zankt. 

krymich, adj., die Geruchs- und Sehnerven so angreifend, dafs man in 
Nase und Auge eine reizbare Wirkung verspürt, nieset und thranet, 
als nach Senf, Merrettig, Zwiebeln, Flaschenbier und Käse. 

Krokel, f., Knitter im Papier, in seidenen Stoffen. — verkrokeln, zer- 
knittern, zerknauschen, nl. kreukelen. 

Krop, n., das Vieh. 

kruckelich, adj., schief und krumm. 

krupen, kriechen. Z. II, 540, 131. III, 251, 75. 279, 25. IV, 438, 18. V, 65, 71. 



154 Mundart in und um Fallersleben. 

hrucceln, rascheln. t 

Kusel, m. , Kreisel. — Brum-kusel, Brummkreisel, Mönch. — Kusel, 
auf dem Kopfe, wo die Haare im Kreise um einen Punkt gewach- 
sen sind. — Kusel auch Strudel im fliefsenden Wasser. — Kusel- 
wint, m. , Wirbelwind. 

kutjebütjen, Tauschhandel machen. Vgl. Brem. Wb. II, 902. 

Kül, m., belaubter Zweig, Mz. Külle. 

Kulk, m., ein stehender tiefer, hin und wieder mit Gras und Schilf be- 
wachsener Sumpf; ein gewohnlicher Sumpf heilst Pump oder Paul. 

Kulk-rabe, m., die grofste Art Raben, die man zjihmt und sprechen lehrt. 

Kidpen, f., grofse Augen, Glotzaugen. — kulpsen, die Augen weit auf- 
reifsen. 

kungeln, von Dienstboten, Sachen der Herrschaft an Andere weggeben, 
um sich daffir Dienste leisten oder allerlei Gefälligkeiten erweisen 
zu lassen. 

Kurve, f., Spinnrad. 

kurrich, adj., lebendig, munter, mit der Neigung an Andern sein Miith- 
chen zu kühlen. So mag's auch wol Bürger gemeint haben : Es war 
mal ein Kaiser, der Kaiser war kurrig, und nicht wie W eigand Wb. 
I, 653 erklfirt: „leicht zu kirren, zutraulich." 

li. 

Lämmiken, n., ein rundes blechernes Lämpchen mit einem Fufsc, es 
wird statt Talglichtes in die Leuchte gesteckt. Von den beiden Oeff- 
nungen darin heilst die eine, wodurch der Docht gezogen wird, dat 
Müdderken. 

lartjen. verlm'tjen, verbringen, verschwenden, als Geld u. dgl. 

lech, adj., schlecht, b6se ; dann auch kränklich. Z. IV, 277, 17. 

Lechde, f., ein zwischen Kornfeldern liegender Rain zu Wiesenwachs 
oder sonstiger Nutzung. 

leiich. oher -leiich , adj., überflüssig. 

Leksche, f., ein buntes Bild, in der Mitte gewöhnlich eine Darstellung 
aus der biblischen oder Heiligengeschichte, das man als Zeichen (um 
die lectio, Lection wiederzufinden) oder als Zierat ins Buch legt. 

Loke, m., träger Mensch. -;j^-. 

lopsch, adj., läufisch. 

Lok, n. , Lauch. — Hüs-lok, Hauswurz, sedum, engl, houseleek. 

Lone, f., ein junger Baumschöfsling, gewöhnlich wenn er im Gehege stehet. 



Mundart in und um Fallereleben. «Mft 

Lop Garen, m., ein länglich gewundenes Stück Garn, wie es vom Has- 
pel genommen und zusaninien geschürzt ist; es gehören dazu 10 Ge- 
binde. 

Lork, n. , Kröte. Auch Schimpfwort. 

lös gehen, einen Lehrling zum Gesellen machen. Der neue Geselle mufs 
dann den Meistern und Altgesellen eine irdene Pfeife und Tabak rei- 
chen, und darf selbst mitrauchen. 

lunschen, übellaunig sein. 

lütjen, ein Kleines bekommen, jungen, nur von Thieren gesagt. 

Lt(Jfe, f., ein längliches Brotchen mit zwei ßutzen; es wird aus unge- 
beuteltem Weizenmehl ohne Sauerteig bereitet. 

Lulei, m. , einer der trage und nachlässig einherschleicht. 

Lungerdei, m., Faulenzer. 

Lurre, f., falsches Vorgeben, Luge. 

lütjen. anlütjen, anbucken, anlehnen, sich sanft mit dem Haupte an die 
Schulter eines andern legen, wie Kinder es gerne thun: lütje mal 
an, myn Sonken! 

m. 

Marreik. m., Merrettig. 

Märte, f., 1. Marder, 2. Alp. Auch pflegt man Menschen, deren Au- 
genbrauen zusammengewachsen sind. Märten zu nennen, weil sie 
nach dem Volksglauben im Verdachte stehen, zur Nachtzeit den 
Schlafenden das Alpdrücken zu verursachen. 
Märten, der Tag des heil. Martinus, 10. November. Am Abend gehen 
die Kinder in die Häuser und singen: 
Märten, Märten Here! 
Appel un de Beren, 
Nötte ^t ik gerenl 
Lät't uns nich sau lange stän, 
teilt noch en Hüs wider gän. 
Gewöhnlich erhalten sie Nüsse, Apfel, Birnen u. dgl. 
matschen, zwischen weichen Sachen unsanft mit den Händen umher- 
fahren und sie zerdrücken. Z. IH, 468. 
Meje, f., Meth. 'Tis Meje! sagt man, wenn der Bienen vater fimmekerj, 
nachdem er die Bienenstöcke ausgenommen, im Spatherbst Scheiben- 
und geprefsten Honig und frischen Meth feil hat. An diesem Tage, 
wozu ein Sonntag bestinamt wird, versammelt sich die erwachsene 



156 Mundart in und um Fallersleben, 

Jugend zu Tanz und Gelag im Dorfkruge, wozu sich auch Fremde 
einfinden; so in Sandkamp, Ehmen und den benachbarten Aller- 
dörfem. 

Metjen, Sommermetten, der fliegende Sommer, unser lieben Frauen Fa- 
den. Vgl. Brem. Wb. IV, 799. 

meuen, hemeuen, reuen, gereuen: et hat mik bemevet. 

mickein, ganz besonders klein schreiben, so dafs die Handschrift hin und 
wieder unleserlich ist. 

Mische, f.. Düngerstelle. 

Myst, m., dicker Nebel, nl. mist. — mystich, adj., nebelig. 

Mor-hraen, m., das weiche Rückenstück von einem Schlachtviehc, Mür- 
bebraten. 

motten, begegnen: hei hat mik nich emot, er ist mir nicht begegnet. 

molich, adj. (schles. teig), wenn das Obst überreif ist und in P\aulnifs 
ilbergehen will. 

Muer, f., schwarzes dickaufsteigendes Gewölk: da steit 7ie Muer! 

Museken - pry ster , m., einer der in Kleinigkeiten zu pünktlich und weit- 
laufig ist. 

Mul-hret, n., das Stürzbrett am Pfluge, welches die losgerissene Erde 
herumwirft. — hemillen, mit der Hacke Erdhaufchen machen um 
Garten- und Feldgewächse, als Kartoffeln. Vgl. Z. II, 91, 28. 

mulstrich, adj., muffig, wenn etwas durch Feuchtigkeit einen Übeln Ge- 
ruch und Geschmack angenommen hat. 

mummeln, mummeln, ohne Zahne kauen. Z. III, 472. 

munkeln, heimlich mit einander reden ; dann auch vom Wetter, trübe 
sein, wenn es mehr zum Regnen sich neiget. Z. II, 29. 502, 3. 

Munster, n., Zeugmuster, dan. Monster. 

mucceln, nicht recht rein waschen. 

muten, herüt- muten, sich herausmausern, körperlich kräftig und stärker 
werden nach uberstandener Krankheit. Vgl. Z. III, 465. 469. IV, 4. 

Naber, m., Nachbar. — Nabersche, f., Nachbarin. Z. III, 271, 1. 
nager, adv., näher. 

Nakedei, m., der mit nichts als einem Hemde bekleidet ist. 
nemt, niemand. Z. V, 98, 22. 

Nest-kuddel, n., Nestkuchlein ; dann auch das jüngste Kind einer Fa- 
milie. 



Mundart in und um Fallersleben. fH^f 

Nickel, n., (Schimpfwort) nichtsnutzige gemeine Dirne. Z. III, 373. 
nype, adv., unverwandt, scharf und starr die Augen auf etwas richtend. 

Z. I, 275, 3, 8. Ein Lied beginnt: 

Hänschen sat im Schostein, 
flicke syne Schau, 
kam en loacker Mähen her, 
sach sau nype tau. 
7iipper, adj., schmuck, hübsch angekleidet. 

nyschyrich (d. i. nys-gierich), adj., neugierig, nl. nieuwsgierig. 
Nisse, f., an Frachtwagen das lange Holz, das, mit den Lünsen (L5hn- 

sen. Lohnen) verbunden, oben an den Leitern befestigt wird. 
nöckern, mit nichts zufrieden sein und immer seine Unzufriedenheit laut 

werden lassen. 
nolen, zaudern, trSdeln, nl. neutelew, auch langweilig erzählen, nicht 

aufhören können, von einer und derselben Sache zu reden. Vgl. 

neteln, Brcm. Wb. III, 233. Z. IV, 365. 507. 508. 
Nöccel, m., verkohlter Ansatz am brennenden Dochte, Dieb. 
Nucke, Tücke, wie das dän. Nykke: hei hat Nucke, er ist heimtückisch, 

ihm ist nicht zu trauen. Z. II, 541, 175. 
nmi-abent, nun -dach, adv., vor einigen Abenden, vor einigen Tagen; 

vor Kurzem. 
nucceln, undeutlich reden, nicht mit der Sprache heraus wollen oder 

können. Im Brem. Wb. III, 252: 1. mit der Nase worin herumwfih- 

len, etwas durchstänkern, und 2. zauderhaft arbeiten. Z. IV, 258. 

O. 

«• e e 

Ose, f., das Ohr: Haken un Ösen. Im Brem. Eseken, Brem. Wb. I, 319. 

e e 

Bei Richey 84 soll Oseken = Ogesken, Augen, sein! 
Ofsel, n., Branntweinsraafs : e^i grot half Ofsel :=:z y^ Quartier; eti lütjet 
half Ofsel z=z '/g Quartier. 

P. 

packeien. an-packeien, angeben, besonders dem Lehrer etwas hinter- 
bringen. 

Page, bei Richey 179 ein schlechtes Pferd. Bei uns nur in Zusammen- 
setzungen: Kol-page, f., der Mistkäfer, der schwarzglänzende KS- 
fer, der sich im Pferdekoth aufhält, Scarabaeus stercorarius L. — 
Oyr-page, f., besonders von Kindern, einer der immer haben will. 









1 58 Mundart in untl um Fallersleben. 

Paggelune, f., Pfau. 

palen, vi- palen, auskernen, Erbsen und Bohnen aus den Hülsen nehmen. 

patjen, durch Wasser, wässerigen Sclmee, Sclimutz in kurzen schnellen 
Schritten gehen. — patschen, durchs Wasser gehen, dafs es klatscht. 

pauen, von Kindern, laut und klaglich weinen. 

pechern, jemandem etwas zudringlich abbitten, abbetteln. 

peken, pichen. Zum Nachsprechen ; 't tvas mal en Pape, de peke synen 
Pot; 't tvas mal en Kok, de koke synen Bok. Sau peke Pape Pot, 
sau koke Kok Bok; sau peke de Pape de Pötte, sau koke de Kok 
de Böcke. 

pellen, af -pellen, die Haut von gekochten Früchten, besonders von 
Kartoffeln abziehen, daher Pel-kartuffeln. 

pemmeln. verpemmeln, mit unnützen Dingen die Zeit verbringen. 

Penniken, n., ein Kinderspiel. Jedes Kind wirft einen Pfennig an die 
Wand und gewinnt den Pfennig, welchen es von seinem niederge- 
fallenen Pfennig aus spannen d. h. mit ausgerecktem Finger berüh- 
ren kann. Wer gewinnt, wirft so lange nach den übrigen, bis es 
einen Fehlwurf thut, dann folgt sein Nebenmann. 

Pye, f., Nachtrock der Kinder von grobem Wollenstoffe. Vgl. Richey 369. 

Pingst-osse, m., ein fetter Ochse, der mit Blumengew^inden geschmückt 
einige Tage vor Pfingsten von den Metzgern zur Schau umherge- 
führt wird, damit die staunenden Bürger Appetit bekommen. 

pinken, hämmern wie die Schmide, auch Feuer anschlagen. Z. H, 124. 
\pyren, einen Bratenknochen, gebratenes Geflilgel abklauben, oder von 
einem Kuchen bald hier bald da einzelne Stückchen abbröckeln und 
wegessen. 

pyrken, wenig und ohne Appetit essen. 

pirlen, tropfen weis herabfallen. 

Pitje-su oder Su-pitje, ein kriegerisches Ballspiel, wo immer der mit 
dem Balle geworfen werden kann, der ihn fallen läist oder ausge- 
sendet hat. 

Pytsche, f., schlangenartiger Fisch, der in seinen Windungen einer Peit- 
sche gleicht. 

pladdern, stark regnen, so dafs man den Tropfenftill hftrt. — verplad- 
dern, das Wasser vergeuden, verschwenderisch damit umgehen — 
pladder-nat, plitschen-pladder-nat, so durchnäfst, dafs man tropft. 

planschen, in oder mit dem Wasser plätschern. 



Mundart in und um Pallersleben. |5^ 

Plennich, m., Dickbauch. 

plinken, die Augenlider oft und schnell auf und zu bewegen vor Schwä- 
che oder Mattigkeit. 

j)lyven, mit etwas geschlossenen Augenwimpern nach etwas sehen. 

Flocken, m., kleines Stück Brot, Fleisch und dgl. 

plotern, in seiner Arbeit, in seinem Handwerke keinen guten Fortgang 
haben, nicht recht vorwärts kommen. Davon Plot€rei\ 

Flump-kule f^ richtiger Pumjp-kule) , f., Rohrkolbe. Dann die Redens- 
arten: 7nit de)' Plump- kide komen, mit der Plump-kule drin slaen, 
grob drein fahren, mit der Thiu- ins Haus fallen. Brem. Wb. 111, 345. 

Plunnen, m., der Lumpen. — Pliinneii, m., der Lappe, Flicken. 

plunschen, ins Wasser fallen, dafs man es hört. 

Pok, m., kleiner schwächlicher Mensch. Vgl. das engl, pack, dan. pog, 
schwed. püki; Grimm Myth. 284. 

Polk, n., ein junges Schwein von Einem Jahre. Vgl. Bolk bei Frisch 
Wb. I, 65. b. 

Pollen, m., Kopf: an^n Pollen slaen, an den Kopf schlagen; überhaupt 
alles Kopfartige, was einem Kopfe gleicht. 

Pof-licker, m., der nächste Finger am Daumen. Kinderreim: 
Lütje Finger, Ooldinger, 
Golddmer, Potlicker, 
Luseknicker. 
J]twas anders im Bremischen, s. Brem. Wb. I, 393. 

Pracher, m., Bettler. 

prdtjen, reden, gewohnlich in einer fremden, unverständlichen Sprache, 
wol entlehnt aus dem Nl. , wo praten plaudern ist. Z. III, 432, 272. 

prik, adj., vom Fleisch, fest und fett. 

prickeln, mit einem spitzen oder spitzigen Dinge stechen : de Wost prickeln. 
Auch von der Sonne sagt man : de Su7ine prickelt sau, sticht so. 

prilleken, einen weichen Stoff zwischen den Händen rollen und runden. 
Daher Prilleke, f., das bekannte Fastnachtsgebäck, das anderswo 
KJrapfen, Krappel, in Berlin Pfannkuchen genannt wird. 

Prötjer, m., Grofsthuer. — Prot hehben, grofs Wort haben. 

prötteln, brodeln, kochend aufwallen, besonders wenn die Speise aus 
dem Kochen gekommen ist und noch nachbrodelt. Z. IV, 336. 

pruddelich, adj., unsauber. 

prünen, schlecht nShen. 



160 Mundart in und um Fallersieben. 

prummeln, unordentlich zusammenlegen, Zeug und ähnliche Stoffe. 

Pump, ra., Sumpf. — Pump-kvle, i., Rohrkdlbe, typha. Vgl. Plump. 

Punneggel, m., kleiner Kerl. 

pupen, pedere. 

puppern, beben, besonders vom starken Herzschlagen: my7i Herte pu- 
per'e vor Angst. 

purren, nl. porren, mit etwas Spitzem berühren, dann reizen; auch her- 
umwühlen : mit'n Fingern in de Nese purren. 

purtjen, crepitum ventris emittere, li5rbarer als pupeti. 

pucceln, geschäftig sein ohne fertig zu werden. Vgl. posein, Brem. 
Wb. III, 353. 

pustern, flüstern. 

Pütjen, Putjen, n., Liebkosungswort an ein Kind oder kleines Thier. 

putjen, in kurzen schnellen Schritten gehen. 

Putt^nnie, f., Päonie. 

putzig, adj., spafshaft; seltsam, wunderbar. 

quabbehi, von Fett strotzen. Z. II, 210. 

quackehi, schwatzen. — Quackelye, f., Geschwätz. — verquackeln, un- 
nütz vei*wenden. 

Quaddel, f., die kleine runde, oft schmerzhafte Erhöhung auf der Haut, 
die in Folge eines Mücken- oder Fliegenstichs oder durch Nessel- 
brennen entsteht. 

quadderich, adj., unangenehm sufslich schmeckend. 

quaddern. Alles durch einander mengen, besonders Speisestoffe. — ver- 
quaddern, auf diese Weise etwas vergeuden. 

quasen. verquasen, vergeuden. Auch vom Vieh, wenn es das Futter 
umherwirft und zertritt: wat quaset de Kaul 

quatsch, adj., verdreht, närrisch, nl. dwaas: en quatschen Kerl! 

Queder, m., der breite gurtartige Saum an Hosen und Unterröcken, am 
Rhein Bund, in Thüringen Koller. Vgl. Quarder bei Richey 199. 

Queue, f., Rind (nur auf den Dörfern noch gangbar), dRn. qvie, schwed. 
qwiga. 

Quese, f., Schwiele an der Hand. — Quesen-kop, m., ein verdrehter 
und eigensinniger Mensch. Vgl. Brem. Wb. V, 443. 

Quirlefix, m., einer der sehr beweglich und unruhig ist, sich flink wie 
ein Quirl dreht. H^. 



SprichwÖitliclift Vergleiche ans der Grafschaft Mark. 

Qvicceke, f., zwei zusammengewachsene Zwetschen, bremisch Twesken, 

Zwillinge. Brem. Wb. V, 138. 
Qvitscher, f., Frucht der Eberesche, des Vogelbeerbaums. Vgl. Frisch 

Wb. 11, 79. 

( Fortsetzung folgt. ) 



Stehende oder sprichwörtliche vergleiche 

aus der grafschaft Mark. 

Von Priedr. Woeste in Fserlohn. 
(Schlufs zu S. 61). 



101. Dd lampa brignd fhrenntj, as wan en j^udan buärstan war. 

102. Nit so langa as en haun en karn oppickad. 

103. Hä lät sina blagan läupan füär häson un fösso; — füär hau un 
füär sträu. Dat lät, as wammo -no klucht op da süago hängad 
(liad). Dat lät eäm garäda as -nar süaga, da sichtan wel. 

104. Hä 16xwad as en kaneinakan ( kanincheiij so saüta; — as da l^us 
im sguärwad; — as im Preistar-Gahannes-lanna (Priester- Johan- 
nes - lande). 

105. Ik sin (hin) et so leid füherdrüßig ) as 'at st^inardrdagan. 

106. So licht (leicht) as -na fea'r (feder). 

107. Du lias (liegst) garäda as en kawaleir (cavalier) in dar sg^afkär 
(scMehkarren) ; — as en prins in dar mistk^ula. 

108. So lochtich as -na älla ; — as -na fuärskafuat (froscJihintere). < • 

109. Dat lud (lautet) garäda, as wan da kau innan learnan (ledernen) 
emmar sgit. — as wan da zi'a oppan breäd küatald. 

110. Hä lühuärkad as "na sü'a, da sichtan ha^rd. 

111. Hä luigad, as wan-t gadrucht war. 

112. Dai heäd en mag an as en saldatantornistar. 

113. So mägar as en rui'an. rui'anmägar. 

114. Dai mäipad as -na brdud (braut). (!;>'*! uiI 

115. So maü'a as en peärd. 

116. Hai geid med as da smiad f'an Bcilafeld. (Mitgegangen, mitgefan- 
gen, mitgehangen.J 

117. Dat mes (meßer) snid, as en däud rui'a bit. Vgl. 131. — Dat mes 
snid, ma kön dar op na KöUan rei'an. 

U 



I ß2 Sprichwörtliche Vergleiche aus iler Grafschaft Mark. 

118. Dai h^äd 'at mdul uäpan, as wan et brei rc^agendo. 

119. So nat as -no katta ; — as mist. drüppolnat, mistnat; herg.: 
klätschnät. 

120. So neisgirlch as 'na hitta. 

121. So raina oppa as -na streipa spek. Da birigan wassod op as 'at 
holt im beärga. 

122. Hä maut sik plagan as en rui'a. 

123. Hai kwam ta plassa as da rui'a ta Kalla f Kalte bei Iserlohn). 

124. So plat as en ald äbeibauk fd. h. nicht platt J ; — as en panna- 
kaukan. Vgl Z. IV, 123, 68. 

125. So räud assa fuir; — as en fuirmuisar ; — as -na kriafta. blaud- 
räud. fuirräud. räusanräud. 

126. Hä raüpad, as wanna im Bälwar wälla (Balver waldej stönna; — 
as wanna oppam Breloh stönna. 

127. Et reagend, as wan't dar geld fan kriaga ; — asae wan*t med mol- 
lan güata fgößej. 

128. Sa reird assa bradbearan. 

129. So rund as -na kuagal ; — as en pannakaukan. 

130. So säuta (süß) assa huänich; — as en nüatkan (nüßchen); — as 
•na nuatakeirna ; — as sweinefaüta. 

131. So sgarp as en däud rui'a bit: — as -na finita; — assa mostard 
(senf). 

132. Dai sgeämad sik as en beddameiger. 

133. So sgeif as de w^äg nä Aken (Achen); — as -na bricka. 

134. Dai sgend as en kiatalläppar; — as en wannanflicker. 

135. Dai sgickad sik so prächtich dartau, as da iasal taum figgeleinan- 
streikan. 

136. Da sgraiad, as wan hä 'na klemma am st^ärta hädda; — as en 
l^ärspecht; — as wan ^äm en mes im halsa staka; — as en 
pinkstfos. 

137. So sgr^äf as en raigar; — as en rui'a; — as -na spiatmdus; — 
as en t^un. 

138. Dai sitted sik im lechta as en holskanm^äkar. Dai sitted as -na 
m^us im mdäldüppan. 

139. Dai släd (schlägt) darna as da blinna näm (nach dem) düppan; — 
as da blinna nä dan flaigan. Hai släd drop as op äld eisarn; — 
as en Hessa. 

140. Hai shi'pad as en fos; — as da kumückan. 



Sprichwörtliche Vergleiche aus der Grafschaft Mark. |g)^ 

141. Dai heäd mar sleaga kriaggn as en iosol in Unna. 

142. So smächterich as 'na keärlonmeus; — as en rui'a; — as en wuIf. 

143. Dat smeltad assa buatar in dar sunna. 

144. Dat es jüst, as wamma -na smiala int balkanhuäl hängad. 

145. Dai smit (schmeißt) darmed lim sik as Seiracli med dan sprüakan. 

146. Hä snarrada um sik as 'na biataltiawa. 

147. Hai spalkard as en krankan hanan, da sik in dar hei'a fartüadard 
heäd. 

148. Hä speird sik as en hiakabikramar; — as -na Jiucka oppar mist- 
gaiFel; — as 'na katta im knapsacka; — as wan kaisars katta sina 
nichta wfir*. 

149. Hai spiggad as -na hucka. 

150. Hai springad as en heärtabok. 

151. Ec stä as op heitan kuälan. Da steid da as buatar in dar sunna ; 

— as en meulop. 

152. Hä es so stark as en bäum, bäumstark. 

153. Hä heäd sina säkan stald (gestellt) as en sgaranslipar äna stein. 

154. Hä stiald as 'na räwa, ma maut däm de liänna wäran. 

155. So stif as en bok; — klos; — stok ; — stam. 

156. So stille as en niusakan. 

157. Dat stinkad as en äs. Hä stinkad as en bok; — huap; — fud- 
dak; — ottar; — uitarbok. 

158. Feddar richtop ! hä geid so strak, as wan hä 'na pilhacka (lä'astok) 
sluäkan hädda. Hä geid strak tau as -na stadkau. 

159. Hai heäd -na struäta as wan sa med dialan besguätan war*. 

160. Dat es as wamma dar süaga en güllan halsband ümmadäud. 

161. Dat es so sür at at geard; — at at krit. kritsür. 

162. Dai suhd in da loclit ( luftj as en fuagalfänger. 

163. Dai suipod (säuft) as wanna en stiawalsgacht im halsa hädda. 

164. So swart as -na kuäla; — en muitar; — -na hucka; — en pot; 

— nit wuät. 

165. Dai kan swemman as -na bleian fuagal ; — "na bl^ian pilla. 

166. Ik swetta (schwitze) as en pöärd. 

167. Dat es so täh assa rindl^är. 

168. So trag (stif) as en äkshärn. 

169. Et tuhd hir as im flaudkastan (flutkasten an der waßermiihle). 

170. Hä suhd üt as wan hä kaina drai tellan kön, man hä h^äd sa 
dubbaldicka ächtar (hinter) dan aran; — as wan ^ärftan op sinem 

11* 



164 Sprichwörtliche Vergleiche aus der Grafschaft Mark. 

gasichta duärskan waron (— blatternarbig; vgl. Körte, sprichw.)-^ — 
as 9t eiwiga leawan (rr gesund)'^ — as da elfto Duwol {-sz:. schwarz)\ 
— as wan da Elwan daräno waron {^ elend) ; — as da Däud fan 
Ipan (Neipan ; r=: entsetzlich dürr und elend)] — as wan hä bast 
knägeda; — as en pötkan ful mfisa (vgl. Körte); — as en pötkan 
ful DiWals; — as wan sa -na med dar tanga im a'sa packed hän; 
as da duira teid; — as 'at willa ftir f^^ blühend). 

171. Hä genk darmad ümma as da Duiwal med dar boksheud (— r sehr 
übel)] — as de süaga med dam bdädalsacka. Et geld um as 'at 
potsgrappan. 

172. Hä es so unliag, as wan hä an hitkan (zicMein) slachtad hädda; — 
as -na klukhcnna med einam kuikan (hücMeiyi). 

173. Dat es so unmüagalik as dat ma ema ällan iasal kan 'at dansan 
laran; — as wamma 'na maikdäwarta füär -na hämarassa (ham- 
merachsej spannen wol un sa sol da treckan. 

174. So wackar as 'na eima. 

175. Dai hdäd an ward as an gräutkarl ; — an lindkramar. 

176. Dai wässad as an kaustdärt; — as reipa g^ärsta (verstehe: zur 
erde, zur ärnte, zum todej. 

177. Dat fäld weäg (fällt wegj as dam kappazeinar (hapuziner) da 
harbuil. 

178. So wdälich as en füalan (füllen), dat sa med aiar fäu'erd hed. 

179. So weik assa buator; — as an molfellekan; — as -na plüma. 

180. So wit as 'na düwa ; — asse snei ; — as da wand. 



Anmerkungen. *) 

103. blagg, kind; Z. III, 266, 2, 2 u. unten nr. 122. — füär, (für) — als wie. Ver- 
gleichendes vor auch im mnd. z. b. Herf. KB (Wig. Arch. II, 38): vor sinen 
weldener — als der, der ihm gewalt getan; Schiiren shr. p. 125: wardt voir ein 
greve gehuldet; Soest. D p. 111: se will nit lenger vor Jungfer gan. — /ös«9, 
fuchse. — l'dt, läßt, sieht aus; zu latsn, von wlitan, stamm: wlat. — hlucht, f., 
r= kluft, aus Jcläiw9n; Z. I, 299, 4, 7. Es bedeutet bei uns: a) ein gespaltene« 
holz, dessen sich die kinder bedienen, um büschel mit heidelbeeren zum beque- 
meren heimtragen hineinzustecken; b) felsenspalt, erdspalt; c) im Lüdensch. eine 
große herdzange, die man dort aber kluft (nicht klucht) nennt. Wer es einmal 
gesehn hat, wie hirtenbuben bei ihren herbstfeuern sich eine zange bereiten, in- 
dem sie ein elastisches heiz an einer seite spalten, der wird kluft (zange) ganz 



*) Mit Verweisungen vom Herausgeber. 



Sprichwörtliche Vergleiche aus der Grafschaft Mark. |^5 

natürlich finden; vgl. auch ahd. kluft, forceps. — . liad r= liegt und legt. — sich- 
t9n rr si/ff>u, sieben; ags. siftan ; unser sisf, n., ~ ags. sife, sieb. Die nächste 
quelle des wortes liegt in unserm stf. stj)97i rr durchsickern, wovon auch sip9n, n., 
rr boden, wo überall waßer wie durch ein sieb hervordringt, quellenreiches eng- 
tal ; vgl. Z. 111, 262, wo ohne meine schuld ein sinnloses „man" in den satz ge- 
kommen ist. 

104. saüt9, süß, verlautet aus awestf. suäti (suoti) zz ags. swete, engl, sweet. — sguär- 
wad, sguärw9l, sguärf, m., schorf, kratze, aus altem scirfan, ags. sceorfan, kratzen ; 
vgl. hd. schürfen, schürf, schorf. — Ueber den sagenhaften priester Johannes und 
sein wunderreiches land vergl. Gödeke, d. dicht, im mittelalter, 867. 

105. steindr - dre'igan , steinetragen. siein, plur. steinar, im alts. stenos, wofür es wo! 
mundartlich ein stenas, stenar gab, so daß s in r übergieng. 

106. licht, leicht, ahd. lihti, bedeutet erst gering, schlecht, dann leicht. Seine nächste 
quelle ist lihan oder livan, aus dessen (leivan) prät. laiv goth. laian gebildet ward; 
Wurzel: hlav, hlah. 

107. keul9, f., grübe, höhle, mit unverschobenem anlaute; vgl. hüal-bar (wühleber), so 
schilt man kinder, die das bett verwühlen. hüaUn ist höhlen, wühlen. Letzte 
quelle des wortes die gräcogerm. wurzel kal, lautverschoben die germanische hal; 
kal und hal (versetzt kla, hla) bedeuteten als uradjectiv-substantiva : 1. hohles, und 
weil das hohle hallt (schallt) 2. schallendes; sodann als urverba ( präteritopräsen- 
tia): 1. hohl sein, 2. schallen. Vgl. Z. IV, 273. 141. 415, 60. 

lochlich für loftich, luftig, dann: hochfahrend, absprechend, endlich: munter, 
aufgelegt. Die wurzel ist hlap (fuhr in die höhe), wozu unser laufen (eigentlich 
vom heben der beine) gehört. Da bei jedem schritt und Sprung ein auf und nie- 
der vorkommt, so konnten verba, welche heben und senken, steigen und sinken 
ausdrückten, für die begriffe des gehens und laufens verwendet werden. Mit recht 
hat Köne z. Hei. an mehreren stellen für das alts. sigan (eigentl. sich senken) die 
bedeutung gehen behauptet. 

109. emmer, m., eimer, aus cnbar, wie tiiwsr aus twibar; Z. II, 96, 39. — kÜ9tdln, 
von hü9t3l, kot; Z. III, 261, 48. 

110. luhuärkdn, im Lüdensch. zz lustdrn, lauschen, eigentlich aufmerksam, verwundert 
horchen ; lü ist wahrscheinlich alts. Hut, worüber Köne z. Heliand 3565 nachzu- 
lesen ist. Ihm beistimmend führe ich noch an : berg. lüit, in : eh ward es lütt, 
ek hardan lüit op ; anders verwendet in: lüsaggd —. clair seme (kr. Altena), Uut- 
saigdd (kr. Iserl.). Von diesem liut stammt leutsr, lauter, alt. hlütar od. hluttar. 

111. luigdd, lügt; laigan, laug, lüägon *). Daß die wurzel dieses Zeitworts verhüllen, 
einwickeln, bedeutete, beweiset unser mark, ligga , windel, welches aus der um- 
lautenden modific. von liugan, d. i. leigan, laig, stammen muß. — gddrucht, ge- 
druckt, zu drücksn (n drucken); cht ist lautverschoben aus ck[e]d, eine erschei- 
nung, welche auch die engl, lautlehre häufig zeigt, z. b. leaved wird left. Zum 
sinne dieses Sprichwortes vergleiche : litera non erubescit. 

113. rui'9, m., hund, rüde; Z III, 263, 87. 268, 19. IV, 271, 64. 

114. mäipan, nicht recht einbeißen wollen, geziert eßen, maulen, von mappa, mund; 
Z. III, 261, 44. 

115. maiVe^ müde, aw. muathi. 

117. d'dud für d'du'an; auch bei masc. bleibt das adj. zuweilen unflectiert. — hit, beißt; 
bitdn, beit, biatan, was umlautende modification von biutan ist, wozu unser baital 



*) so schreibe ich jetzt genauer als bisher. 



\QQ Sprichwörtliche Vergleiche aus der Grafschaft Mark. 

(meißel) und ags. biotui (hammer) gehört, wie Ettmüller diesen Zusammenhang längst 
ausgesprochen hat; vgl. ags. lex. 303. 

120. neisgirich, neugierig; Z. III, 278, 7. IV, 127, 7. 273, 149. — hiüd , f., ziege; Z. 
V, 62, 8. 

121. streipa , f., und streipdn, m., streif, schmales langes stück. 

123. t9 pla'ssa ku9m9n, dafür gewöhnlich t9 pah's9 ku9m9n rr übel anlaufen; vgl. m. 
volksüberl. 88, 163 u. Z. III, 431, 209. 

125. fuirmuisar nennt man ein kind mit dicken, starkgeröteten lippen und wangen; 
vgl. so rot wie ein feuerdieb (Auerb. dorfg. ). Darnach wäre mvsar zz mauser, 
was nicht angeht, denn mauser würde ineusJr lauten. Der feuerdieb wird halt ein 
misverständnis mundartlicher form sein. Das dän. rödmusset, ital. muso, franz. 
rauseau scheinen germ. Wörter, verderbt aus müth, engl, mouth, n\nnä \ fuirmuis9r 
gilt also zunächst von der röte der lippen. Es könnten hier noch zwei Wörter in 
betracht kommen, die ich aber lieber nach engl, to muse und mark, mvisern deu- 
te, nämlich: dukmuissr (vgl. übrigens Z. III, 283) und klamnisar (grübler). Das 
kla, wofür auch, nach liquid entausch, ein kna gehört und gefunden [knabestern ~ 
klabastern, scheveclöt) wird, bedeutet lebhaft. Es hängt mit ahd. klao (unserm 
fflau, z. b. ik h&r9 nit glau op dem luchiergn ars) zusammen. Ich finde bei uns 
dieser merkwürdigen wörter folgende: klahast9rn zz recht hörbar laufen, zu basan, 
j. ias9ln; klabuistdrn zz klamuts9rn, mit erforschung einer sache lebhaft beschäf- 
tigt (busy^ sein; kladeistarn nr lebhaft, stark laufen, zu deisati, umlautende modi- 
fication von diussn (einem schallverbum). Wurzel: das oder thas. -- A;r«9/Vy, f., und 
kridft, m., krebß, mnd. crevet. 

126. Bälver wald, eine stunde östlich von Iserlohn. — Breloh, berg im kr. Altena. 

127. Vgl. urceatim pluit und: es regnet, wie wenn es mit becken göße. molle, f., rr 
mold9 (mulde), vgl. Firm. V. -St. I, 20''. -- güsta, göße, zu gaUan, gäut, guat9n. 
Eine merkwürdige begriffsentwickehing zeigt dieses wort, giuta, gaut ist (breite) 
modification der modification gita, gat (abl. conj. I und 11), aus dem urpräterito- 
präsens gat. 

128. reiran, in menge fallen (Z. III, 261, 35), sogar: de kau reird fan me'dlkd. Das 
schwachf. verbum stammt zunächst aus reis, dem prät. von reisen, worüber Köne 
z. Hei. vortrefliches sagt. — bmdhearan, bratbirnen, kleine birnen, trummelten. 
Unser behr entstand so: basi ward bari, dann bari, dann durch a-brechnng b^ar. 
In den fehmverhandlungen ist oft vom stuhle unter dem berbome die rede. Da 
ist kein bearb'dum (birnbaum), sondern ein bdarbäutn (beerbaum, weißdorn) ge- 
meint, der die meälbehrdn trägt. Unser bdar, f., birne, ist also mit nichten dem 
lat. pirum entlehnt, sondern das urdeutsche basi. 

huänich, n., honig; vgl. ags. hunig, n. — keirna , f., kern. Das et in dieser 
läge entspricht der goth. brechung ai, und hin und wieder spricht man in West- 
falen auch kairns, stairud (stirn), haü-n (hirn), hair'' oder hairda (hirte). 
131. Vgl. nr. 117. — fleU9, f., — ßtei9, laßeisen, lanzette; es steht iür ßitt9 {d. \. flit9) 
n aw. wliti , welches Köne vortreflich mit blitz übersetzt hat. wliti muß bedeu- 
tet haben: a) schein, glänz, blitz; b) pfeil (flitaa) ; c) lanzette; d) geeicht (antlitz); 
e) idee, Vorstellung, grille, whim (ßits9, vgl. aberliiz). Es zeigt alle drei genera 
und dürfte das dem verbalstamme wlat zu gründe Hegende adjectivsubst. wlit sein, 
Wlit oder wlid ! sagte der Urgermane und bezeichnete die vorübergehende erschei- 
nnng des glanzes, blitze«; ein solches wort gehörte zu den ältesten bedürfnissen 
seiner spräche. — mostord, m., mostrich, senf, soll vom weinmoste benannt sein 
(Z. IV, 30). Mir scheint das wort, auch lt. mostarda, franz. moütarde, so germa- 



Sprichwörtliche Vergleiche aus der Grafschaft Mark. 1()7 

nisoh wie engl, custard, speise der koste (des festes, zu kiusan, unserm kaisen). 
Eierkäse (custard) ist nämlich, wie unsere pfingstgebräuche schließen laßen, die 
altwestf. heidnische festspeise. 

132. aik sgeämm, sich schämen. — beddsmeigsr, bettseicher. Die wurzel des verbs 
meigdn, meig zü mingere, wird mah sein und ist, der natur der sache nach, eine 
der verbreitetsten, auch der hebr. plur. 0*^, waßer und semen virile, stammt aus 
dieser wurzel. Z. V, 66, 83. 

133. sgeif, schief, altn. skeifr. Das echthd. scheib leitet sich aus dem prät. des umlau- 
tenden verbi skiban =: ? sich auf abschüßiger ebene fortbewegen; vgl. berg. sgib- 
behn (rollen). Begriflich parallele bildungen sind unser sleik (obliquus) aus slican 
und sUip (obliquus, diagonal) aus slipan. Vgl. Grimm, gesch. d. d. spr. II, 993. — 
bricka, f., krumme, ein krummes holz, an welchem Schlachtvieh aufgehängt wird. 

134. s'gennifn (sgend9n), schimpfen, schelten; sgant9, sgand. Z. IV, 182. — UatdU'd'pp^r, 
keßelflicker; l'dppdr zu lappan, ahd. labjan, reficere. — wan, m., wanne oder 
schwinge zum reinigen des getraides. 

135. därtau, dazu; taum, zum. — figgdleine, f., violine, geige. 

136. stedrt, m., schweif; Z. II, 641, 153. — learspecht: was bedeutet lehr in diesem 
werte? leder kann es nicht sein. Bei Soest ist das ganze name der fledermaus; 
aber wie begreift sich da specht? — pmkst/os, pfingstfuchs. Die redensart setzt 
einen alten pfingstbrauch voraus, über welchen in m. volksüberl. s. 27 vermutet 
ward. 

137. sgredf, mager; vgl. Z. II, 319, 12. IV, 262, 21. — raigar, m., ags. hrägra, 1) rei- 
her; 2) stock um die kohlen aus dem backofen zu scharren. — spidtmüs, Spitz- 
maus; spi9t, n., ::z spit, ist alth. spiz und bedeutet spieß. Derselbe grund, der 
unsere märkischen i vor einfachem consonant nötigte in is auszuweichen, der hat 
auch im ahd. formen wie spioz (aus spiz) geschaffen, hat noch früher im go- 
thischen die ablautende conjug. V aus c'onjug. I oder II erzeugt. — 
teun, zäun. 

138. hohkanme'dkar , holzschuhmacher. — me'dldiipp9n, mehltopf; Z. III, 260, 18. 

139. Das topfschlagen, ein altes mark, spiel, - eisern, n., eisen, bewahrt das r des 
alts. isarn. Vgl. mhd. iser, n., eisen, besonders verarbeitetes. Ben. -Mllr. I, 757. 

141. Unna am Hellwege ist wegen seiner esel sprichwörtlich. 

142. smächterich, hungrig, zu smacht, hunger. 

143. smeltsn, schmelzen; smolt, smoltdn. 

144. smiale, smielid, f., rr smih, schmeele, ist eins mit lat. milium. Vermutlich spra- 
chen es die alten miljum, woher ital. miglio. Unser deutsches 1 muß da, wo 
es einfach hinter kurzem vocale stand, in alten zelten eine ähnliche 
ausspräche gehabt haben, die es beinahe den doppelconsonan ten 
gleichstellte. Dies ist der grund, warum aus der ablaut. conjug. II nur we- 
nige mit 1 auslaut. stamme in die conjug. V und IV gelangten, sich aber nicht 
darin hielten, sondern durch eine organische Umwandlung des il in ill und weiter 
in ild in die erste ablautreihe zurücktraten, wie ich das namentlich von sila aus 
der wurzel sal, glaube: seila — silla — silda und lautverschoben silta. Zu 
schmeele vgl. Z. II, 287, 88. Für den sinn des Sprichwortes vgl. nr. 87. 

146. 8narr9n, hier n 8naw9n, snappgn, schnell den köpf bewegen, um zu beißen. Es 
braucht hier keine consonantenverwechslung angenommen zu werden, denn in der 
wurzel snar lagen die begriffe bewegung und schall, wie dies schon das mark. 
anar, schnell, lehren kann. — bi9i9lti9W9, bißige hündin ; bi9t9l zz bital, von ittan ; 
vgl. düngaldensty düngedienst, weärhdldach, Werktag, wiakdldaiik, %vischtuch, u. a. — 



Igg Sprichwörtliche Vergleiche aus der Grafschaft Mark. 

ti9W9, auch tifte (durch lautabstufung'l, rund, teve, hündin, hd. zaupe; Brem. wb. 
V, 57. Dieses wort ist derselben wurzel wie täiw9n, mnd. toven, aufhalten. 
Man sagt auch : taiweska tt9W9 rz hündin , die sich überall aufhält. 

147. spalk9rn, zappeln. — hei''e, f., zr hed9, werrig; Z. IV, 130, 42. — sik fortürdarn, 
sich verstricken, verwickeln; rd "zz dd. Vgl. tüddar, strick nni pfähl zum halten 
der weidenden kuh ; in Nordjütland tödder geradezu kuhkette; engl, tether. 

148. sjjeiran, sperren; aufgehobene geminate wird durch vocalverlängerung ersetzt, wie 
umgedreht aus einem langen vocale vor einf. conson. ein kurzer mit doppelter 
consonanz entstehen kann ; z. b. für den zweiten fall : spiggan aus spigan m spi- 
wan, denn das prät. ist speig. Der erste fall ist häufiger, z. b. gasgir, geschirr, 
faru'duran, verworren, strafan, mw. straffen, wa/al, waffel. Auch in der altern spr. 
kommt dergleichen vor: woren für worren steht mw. , etwas später werwind für 
wirrwind, Wirbelwind. — hiakal, f., hechel. — hucka, f., kröte; Z. V, 63,26, Bei 
Schmeller Hei. 61. soll die glosse „huc bubo" wol heißen: huc bufo. — gaffsl, f., 
gabel, ags. gaful. — knapsak, zu knappan, knacken, harte speisen beißen. Das 
anlautende fc zr h ; daher süderl. auch nappan. 

149. spiggan, speien; prät. speig, spiggeda, spuchta ; ptc. spuggan, spiggad. Die wurzel 
spaw ist ein naturlaut. Dies verb zeigt recht den Zusammenhang der abl. reihen 
V und IV. spiggan, speig rr ags. spivan, späv muste umgelautet werden aus spiu- 
van, spauv. Aus diesem letztern blieb das ptc. spuggan und das schwache spiichta. 
Zu diesem verb gehört engl, spawn (froschlaich, rogen), worin dieselbe Vorstellung 
liegt, welche sich in unserm fuärska - güäwelsha ausspricht: güäwaln, berg. göbbeln, 
wird vom vomieren kleiner kinder gesagt. Iluckan-spigga ist sonst kuckuksspei- 
chel genannt; man schrieb also den cicadenschaura der kröte zu. 

150. heärtabok, hirschbock; sonst heißt der hirsch bei uns Iiirls, ahd. hiruz. Ileärt 
entspricht genau ags. heort, heorut. 

151. meulop, maulauf zz. yian-op, umgedeutet in maulaffe, ginaffe (Z. IV, 553, 29. 
V, 40, 77); vgl. hans-op, eine gewisse kinderbekleidung, klem-op, kapuzincr- 
kresse , ^^M^ - op , hirschhornsalz, wip-op, Schneider. 

152. siellan, stalta, stald; ebenso sgellan (schälen), sik snellaii (sich beeilen), tellan (zäh- 
len); vgl. hre'dnan, branta, brand ; sgennan, sganta, sgand u. a. Die endung ta 
für da ist folge der inlautenden anlehnuug an 1 und n ; im letzten beispiele aber 
ist das t aus d - d entstanden. Das a dieser präterita darf nicht auffallen. Es 
rührt aus dem zu grund liegenden st. prät. und hat im präsens nur dem e platz 
gemacht, so steht alts. tellian für talian. 

154. ate'dlan, stehlen, stal oder staul, stuälan. Seltene, unregelmäßige formen, wie ataul, 
haben für die sprachwißenschaft wert, wie misbildungen der naturkörper für die 
naturgeschichte. Dieses staul muß eine alte form sein. p]s lehrt uns, aus dem 
präterit. stal ward einmal ein präs. stala gebildet, an welches sich das prät. stual 
{zz stuol) reihte (abl. conj. III). Kein wunder! auch stuol (stuhl) gehört hieher, 
denn stehlen und stellen sind aus einer wurzel. — räwa, rabe, ist m. und f. — 
wäran, beobachten: so noch häufig, z. b. dat kind ward mm da äugan im koppa, 
schlägt kein äuge von ihm ab. In der westl. Mark mischen sich wär^an zz. war- 
dan und wäran. Das alts. wäron bedeutete 1) intrans. bleiben, dauern (währen), 
daraus entwickelte sich 2) (als ein manere circa aliq. rem) ein transit. ausdauern 
bei einer sache, welches entweder in leiblicher und geistiger aufmerksamkeit be- 
steht rr beobachten, oder sich in äußerer handlung kundgibt zi ausführen, voll- 
bringen. Wie wäran, hüten, sik wäran, sich hüten, mit 2) zusammenhängt, be- 
greift- sich. 



Sprichwörtliche Vergleiche aus der Grafschaft Mark. 169 

155 stif , bteif; das f in diesem worte auch ags. altn. und engl. Schon dies läßt ver- 
muten, daß hd. steif im unrechte ist; das wort staf (stab) entfernt jeden zweifei. 
In folgenden modificationen kommt die würzet staf vor: l) stifan, staf, wozu: 
aiaf (stab), stiften; 2) stiufan, stauf, wozu: staif ('zz stiuf) in staiffader (Stief- 
vater) und s<Ma/(8tof); 3) steifan, staif, woraus «<?/ und stiawich. — bok, balken, 
der als feste unterläge für etwas dient; zwei arme, welche die seitliche befesti- 
gung gewähren, wurden mit den hörnern des bockes verglichen; daher sägrjbok, 
snidbökskan. — kloh, m., klotz, ist nicht etwa entlehntes und verderbtes hd., 
sondern eine in unserer raundart geltende Verschiebung des t in s ; ebenso laus, 
loß. 

157. äs oder ast, n., aas. Eine herleitung des wortes von itan, at (eßen) lehne ich ab; 
denn a) unserm sprichw. zufolge muste es dem naturmenschen näher liegen, das 
cadaver nach dem gestanke, als nach den hinzueilenden aasfreßern zu benennen; 
— b) das ags. und westf. unterscheiden deutlich eine ableitung von itan von ei- 
nem Worte, welches cadaver ausdrückt: man sehe ags. ät n: mw. ät (Selb, westf. 
urk. nr. 540: athkuven für ätkuven, träberkübel ) , osnab. aut (zi: ät), mark, (irt 
(mit eingesch. r 3; drabba) ; dagegen ags. ses, unser as, ast. Folglich ist nh. aas 
dem alten äz gegenüber in vollem rechte. Wir werden uns nun wol as (zi äs) 
wie ätem (unser am) au«; contraction entstanden denken, äs in ä-s zerlegen, und 
das ä etwa iz: aa oder aha .setzen müßen. Ein verb riechen, (Übeln) geruch ver- 
breiten, muß zu grund liegen. — huap, m., für hup, Wiedehopf. Wer Wiedehopf 
rr holzhüpfer erklärt, von dem möchte man glauben, er habe diesen kuckukskü- 
ster nie zur messe singen hören. Lat. upupa redupliciert, wie der vogel selbst, 
sein hup ! Unsere kinder bereiten eine den ton des vogels in etwas nacliahmende 
bastpfeife, welche sie auch hup oder huppeltd nennen. — fuddak, m., dürfte nach 
berg. fulk (z^ fulUk, fiilek) mit fül stinkend zusammenhangen. Was das wort 
speciell bedeutet, weiß ich nicht, da es mir nur mark, und berg. in der vorlie- 
genden redensart aufgestoßen ist. — ottdr, m., flußotter; f., schlänge. Nach unserm 
Spruche darf vermutet werden, dieser tiername, so wie ottar in olt9r-laig9 (faules, 
d. i. mürbes gestein), ja selbst uitar (für uttir) in uitdrbok, enthalten, gleich dem 
Worte fid, beziehlich die begriffe des mürben und stinkenden. Z. V, 76, 7. Was 
in unserer zeit manche können, nämlich tiere (kreuzottern, katzen) wittern, das 
traue ich unsern Urgermanen noch eher zu und erinnere bei otter an den griech. 
st. O^ in oöcor^a. — uitsrbok bedeutet sonst auch zwitter, wobei man an euter, 
ovSa^, denken muß, dann aber hätte das wort im nd. ein d erhalten müßen. 

158. feddsr richtop rz vetter gradauf! — sirak, gerade; vgl. streckan zz strakjan. — 
pilhack», pfeilhacke, Spitzhacke. — slükan, verschlucken; släuk, sluäkan. Die um- 
lautende modif. dieses verbs ist slikan, schleichen. Die wurzel slak, slah, slav be- 
deutete langsame bewegung; man vgl. engl, to slacken, unser: da slikkeddt sik zz 
da gieng's langsam, slikd, f., ist regenwurm; slikdn also auch kriechen. Aus sli- 
ken konnte sich organisch slikkan und weiter almkan (slincan) entwickeln, wie es 
ags. vorhanden ist. Es trat natürlich in die durch auslautenden doppelcons. kennt- 
liche modif. 2 (abl. conj. I). Dies mag ein beispiel für die entstehung 
mancher verbalstämme aus einfachem wurzeln sein. — kau, aus awestf. 
kua (kuo), kuh, pl. kaü9, kaie, kögga. Aus dem aw. pl. koii ward mw. keye 
(Dortm. zollreg. v. 1350), was man wol sicher schon kaia sprach; eben so leicht 
konnte aus koii, koji, koje ein kögga (köln. süderl.) entstehen. Wie früh schon 
die mundartliche umkehrung des ua (uo) in au vorkommt, zeigt schau [zz schuo, 
schö), schuh, bei Seib. W. U, nr. 916 (ao. 1416). Das mw. und nw. kais, 



170 Sprichwörtliche Vergleiche aus der Grafschaft Mark. 

worin ai umlaut von au, macht die umlautung des goth. prät. slauk 
(modif. 6) in slaik (raodif. 7) begreiflich. 

159. siruäta , f., kehle, it. strozza. Die ältere form des wertes war wol sthrote ; nach 
abfall des s stellte sich fürs ags. throte (engl, throat), ahd. droza heraus. Ähnlich 
gehören strenge (für sthrenge) und nd. dreng9l (d. i. threngel), streäf (n sthr^äf) 
und drenf (=r threäf) zusammen. — bssguatsn, ptc. von bdagaitan, beschießen, 
vgl. Grimra, WB. 

161. gearan (abl. conj. II), von der sauren gährung. Wir haben in der Mark eine dop- 
pelte form: stf. geardn (Limburg) und schwf. geirsn (Iserl.). Das letztere ent- 
springt aus dem prät. de.s westf. gtrdn (abl. conj. IV). Es leitet sich von ifhiran 
— b9geir9n, begehren. — Jcrit, schreit, von kritan, kreit, schreien, weinen; vgl. 
sgit, cacat, von sgitan. krttaür also schreiend sauer, sehr sauer, wie oberd. kirr- 
sauer. Ebenso Hunsr. kritze groh, sehr grau, ritze rot, schreiend (grell) rot. 
Wie man schreiend von affectionen des gesichtsinnes sagt, so durfte es noch eher 
vom geschmacksinne gebraucht werden. Zu kritan haben wir noch kritswalws, 
schreischwalbe, turmschwalbe, und krifraisan, schreikrämpfe der kleinen kinder. 
Krttan steht für grit9n und ist umlautung des alts. griotan, welches unter 
den reduplicierenden verben die anomalie zeigt, daß es nicht, wie 
sonst geschieht, sein präsens aus dem prät. von gritan, also grai- 
tan, contrah. grätan bildet, sondern das präsens des mutterverbs 
griuta, geschwächt griote, beibehält. 

163. stiawal, m. , bewahrt den weichen laut des ital. stivale, aus aestivale. Der plur. 
alidwalii ist gegen die hd. regel, daß masc. auf el den plur. nicht mit n bilden. 
In Westfalen darf es schon als ein zeichen vorzüglicher sprachlicher ausbildnng 
gelten, wenn jemand beim hd. reden genau den plur. stiefel spricht; etiwal oder 
stiwaln hört man von den meisten, auch übrigens gebildeten leuten; ebenso wird 
man wülwe, aber nicht wölfe aussprechen hören. — sgacht, m., zz sgaft. Ist es 
Stange oder stamm der gewächse, so schließt es sich unentlehnt an lat. scapus; 
bezeichnet es, wie hier (stiefelschacht), eine gewisse höhlung, so ist es eine Über- 
tragung des bergmännischen Schacht. Sgacht (puteus) ist, wie der Wechsel von f 
in ch lehrt, ein nd. wort; das engl, zeigt noch die reine form in: to sink a shaft. 
Den näclisten und sichersten anspruch auf sgaft macht unser süderl. sgaffen, was 
nicht etwa hd. schaffen, sondern specieller ausdruck ist für das graben und häm- 
mern , welches die myth. bergmännchen in den bergwerken tun. Es ist unent- 
lehntes griech. oxccjiteiv; deutsche wurzel skaf. Ich will hier bemerken, daß der 
größte teil unserer ausdrücke für bergbau und hüttenwesen niederd. ursprünglich- 
keit zeigt, wie denn ja auch in unserm gebirgslande sich spuren finden, welche 
auf einen mehr als tausendjährigen bergbau hindeuten. 

164. muitdr scheint mit mutta (sau; Z. III, 40, 6. 497) zusammenzuhängen; vgl. drek- 
muitdr. Man hüte sich, mutta an nhd. mutter (muotar) zu halten. Unser sprichw. 
deutet auf ein tier, welches sich im kote wälzt. — swa/rt ist in der Volkssprache 
oft TT. schmuzig. Auskunft scheint unser «t'ifc mütan (zz. sik muttan) zu ge- 
ben, denn das wird von hühnern gesagt, die sich im staube wälzen. — aa nit 
tcuät, wie nicht etwas, dient, um jede beliebige eigenschaft superlativisch auszu- 
drücken. 

166. stcemman, schwimmen; awum (atcomj, awummsn. — bleian, bleiern; vgl. ateinan, 
hültsn. — pilh , f., oder pJie, bei kindern pil-'dnta, ente, dürfte aus dem lockruf 
pil pil, der nach dem laute der jungen gebildet ist, entspringen, wie unser tük- 
akeriy hühnchen (vgl. tukhainken; Z. III, 501), nach dem tone der lockenden (mark. 



Sprichwörtliche Vergleiche aus der Grafschaft Mark. \t\ 

tockendsn) ghicka ; nennen ja auch die Ungern eine henne tik, tyuk. Z. III, 261, 
55. IV, 316. V, 62, 10. 

167. tah, auch tag, zäh; ags. tseg, ahd. zähi. 

168. trag, ahd. trägi , steif, zähe, dann träge. Die wurzel trah , trag ist erweiterung 
von tah, tag; daher auch die begrifsverwantschaft. — äkshurn, n., kommt nur in 
dieser, aber bei uns allbekannten redensart vor. Es kann nicht ~ oihn-harn, 
ochsenhorn, sein Ich habe gedacht, wie das volk hier in seinen redensarten noch 
den äur-oshn nennt, so müße das ak Schmelzung des alten alk, eich, elentier 
sein ; analog ist urönkan für alräunchen, oude für aide in der Soester .«chrae. Die 
lautlehre des nieder!., engl, und franz. bietet beispiele der 1- Schmelzung in fülle. 
— Gehört zu tinserem äkshurn etwa auch das ocherhorn in der zeitschr. f. kul- 
turgesch. 1858, s. 239. 

170. dublidldick9 , doppeldick (Z. III, 554, 6), daneben dincdldicks , gedrückt dick (zu 
duweti, berg. deü9n), und drubbdldicka, traubendicht. — elft9 Dvwdl mag aus El- 
wdn-Dvwal, Elbeteufel, rühren; man vgl. übrigens unser: dat es am eJftan twia- 
bn rr das ist zu toll, geht über alle körbe. Elwsn^ Elbe, werden hier nur in 
der vorliegenden redensart genannt, da sie sonst von den Sgä- oder Sgän- Hol- 
dan, oder aber von den Eirdm'dnn9käs vertreten sind; sie müßen aber unter je- 
nem namen ehedem hier so wohl bek.mnt gewesen sein, wie am Nieder -Rheine. 
Vgl Z. I, 184 und Grimmas myth. — Ipan ist Ypern, wo ein scheusliches Stand- 
bild des Todes war ; so belehrt mich Körte , spricbw. Neipan hat das vorherge- 
hende n angezogen, wie in unsern ortsnnmen (bei Westig) nambe'drg für ambeärg 
(hügel), nttsnbrink für das ältere urk. it^nbrink (jfewhügel) vorkommen. Auch in 
Koburg und selbst noch in der Schweiz (Tobler, 283: ussieh wie dar Tod vo-n- 
Ipera, todtenblafs aussehen) nennt dieses Sprichwort den Tod von Ypern, in Nürn- 
berg dagegen den „Töud von Forchdm" (Forchheim, zwischen Erlangen und Bam- 
berg). — knägan, nagen, alts. cnagen; k steht altertümlich für h, daher der abfall 
im hchd. Man vgl. zu diesem worte Köne, Hei. 2616; auch Z. III, 366, 31. 33. — 
tcilla (wilde) fuir, wild feuer, rotlauf, rose, balla-r'dusa (balu rr böse), engl, wild 
fire. Aber auch wilde, toll - ausgelaßene mädchen nennt man bei uns willa-fuir. 

171. Die erste redensart weiset ins deutsche beiden tum zurück. Beiläufig sei daran er- 
innert, daß im mittelalter westf. eigenleute, wenn sie außerhalb der familia do- 
mini heiraten wollton, geben musten „eyne gude buckes huet" (? statt eines bock es 
zum opfer für Thunar), vgl. urk. von 1451 in Wig. arch. II, p. 420. — sgrap- 
pan, auch agrabhsn, kratzen, schaben; scherz: de potsf/räböar (verstehe: löflfel, 
meseer) küand nit innan hiamal. Z, IV, 286, 419. 

172. unliag für unliadich, unledig, beschäftigt, sorgenvoll. Der spruch enthält eine Iro- 
nie auf das „much ado about nothing". — hitka, s. oben zu 120. 

173. keäwarta, aus dem masc. (vgl. ags. ceafor, käfer) durch das feminine ia moviert, 
während dieses ta sich sonst an feminina mit den liquidalausgängen 1, r, m oder 
auch an collectivneutra hängt. Sonst haben wir heawa, f., und keuicek, m., für käfer. 

174. wackar, munter, tätig, als adv. rasch, schnell: kuam wackar ! — eima , ima 
(zu imma), auch imta, f., biene. Z. IV, 268, 3. 

175. gräutkarl, großkerl, d. i. kerl, der viel vorstellt. Dem westf. kurl, Iserl. keirl, wel- 
ches an einigen orten noch ganz gothisch kairl gesprochen wird, liegt nicht etwa 
karl (charal ) , sondern kirl , ags. ceorl zu gründe. Es liegt eine parallele in hd. 
kerl: gern und westf. karl: garna oder kairl: gairna. Ebenso haben wir starna, 
steirna, stairna "m stirn u. a. ähnliche. Im ags. bezeichnet ceorl einen gemein- 
freien bauer. Im westf. hat es hin und wieder noch die Urbedeutung: familien- 



172 Bildliche Redensarten etc. der sieb. -sächs. Volkssprache. ' 

vater als versorger (bräudsü'drgdr). So hörte ich eine ehefrau (aus der gegend 
von Bochum), welche zärtlich von ihrem manne mit dem ausdrucke „mindn karl" 
redete. Vgl. Z. IV, 133, 92. — lindkram^r, bandkrämer, hausierer ; lind, n, pl. 
lindar (linnar); vgl. ags. linde, n., balteus, zona (also urspr. wol aus lindenbast 
verfertigt), holl. lint, band ; unser lindlaisk, bandliesch. Z. II, 553, 89. III, 556, 56. 
IV, 262, II, 17. 

176. wasiad, wächst. — kauste'drt, kuhschwanz. — Im Soest. Dan. p. 97: he will sik 
betern als de ripe gerste. 

177. buil ZI budal, beutel. 

178. weälich, wohlig, ausgelaßen, feurig, mutig; a-brechung wie in seälich zz. aits. sä- 
lig. Vergl. alts. wala, berg. wal (wohl); ableitung: ice'dlggn, ausgelaßen sein. 
Firm. V. -St. gibt aus Rügen: so wuhlig as en piert. — f'du'arn m fäud^rn, füt- 
tern, mnd. vodern, von voder (futter), welches ableitung ist vom alts. fuodian, 
jetzigem märkischen fai'dn (fausn), foddd, fod. 

179. weik, weich, zu wikan. Das weiche weicht dem drucke. — mülfelldkdn , maul- 
wurfsfellchen ; Z. V, 63, 25. — plüma, nwih plvmd, f., flaumfeder. 

180. snei, anderwärts snai, schnee; auslautendes ei steht hier also für goth. ai. Ebenso 
könnten wir rei für goth. hraiv (cadaver) haben, welches als ree im mw. reerouf 
(leichenberaubung d. i. raubmord) vorhanden; aber wir haben, bis auf die abgef. 
Spirans h, in unserm reiwa oder raiwa-sträu (leichcnstioli) und ütreiwan oder üt- 
raiwon noch den ganzen goth. stamm. Im berg. reit (reü-etdn, leichenmahl) scheint 
das w geschmolzen; diese ableitung gefällt mir bej3er als die von reilan (trauern); 
im übrigen aber bemerke ich, daß ahd. hriuwan (muttermodif. zu hriwan, hraiw) 
wol selbst ursprünglich nichts anders bedeuten wird, als die trauer oder klage um 
den toten. Vgl. noch goth. hraivadubo, klagtaube. 



Bildliche redensarteii, iimschreibungeii und ver- 

gleichiiiigen 

der siebenbürgisch - sächsischen Volkssprache. 

Von prufessor Joseph Haltrich in Schälsburg. 
(Fortsetzung zu S. 38). 



113. Ausdrücke für schlagen (vgl. Z. III, 365 ff. u. IV, 41 ff.J: Eme- 
sten gäcken (Jemanden jucken); — patzen ( LautmalendJ ; — plat- 
schen (lautm.J; — verbran f verbrennen J ; — durchwalken; — 
durchbloTin; — verarbeden; — an de ärbet nien ( nehmen J; — liigen 
f laugen J; — an de lüg nien; — zichnen, dat et mer f Mähre) 
git; — zwibbeln, bäs e wasscr hischt f heischt J; — dreschen; — 
dreschäkeln ; - zemfrscheln ; — zegräscheln. Emestem (Einem) 
det Mödwescher wope weisen (afdrUcken). Emestem lichten (leuch- 
ten); — de pelz vergrezen (versengen); — int versäzen (Eins 



Bildliche Redensarten etc. der sieb. -sächs. Volkssprache. |73 

versetzen); — den stüb aus dem toppert klopen; — den toppert 
kalfatern; — de käche versalzen; — de bache versalzen; — en 
de härzkel f Herzgrube J längen, dät der mon änesch^ngt f hinein 
scheint); — näckebirre gien (gehen); — nutsche (Kopfnilfse) gien. 
— Emeste knufaien. — Af enem danzen. — Epesch verston. 

114. Enem ndm s<^clie griweln. i 

115. Enem äf der nös danzen (drumeln). 

116. Enem äst (Etwas) cangder de nos räcken. 

117. Enem äst äfräpsen (auf rülpsen). 

118. Sicli en dräft (THeb, Anlauf) nien (nehmen). 

119. Sich an de stiewrich (Stegreif) säzen. (Sich zusammennehmen.) 

120. Ast un de gris (grofs) klok hen (hängen; r:: Etivas ausposaunen). 

121. Durch gochstäke (JocJistecken) rieden. (In unverständlichen Bil- 

dern reden.) 

122. E ried är siwen (ihrer sieben) an de sack (zesummen). 

123. E ried \va e beach (Buch; =rr Er redet klug). 

124. E lecht (lügt) wa gedreackt. 

125. E ried äf barg (auf Borg; r= er redet Unsinn). 

126. Der zwirn git eni aus. (Es fehlt ihm an Stoff zum Beden.) 

127. ICnem wich oar schielen (uieiclie Eier schälen; =z ihm schön thun). 

128. Ene kran (krauen). Det schweng (Schwein) mofs em kran. ^i 

129. E git (geht) wa der tost (Dachs) äm't loch. (Er geht nicht 

recht dran). 
E git am (um) den elter (Altar) (a^nbages machen). 

130. Et git wä't Wasser. (Es geht gut, fliefsend.) 
Et git un (an) em schnarchen (Schnürchen). 

131. Dät äs zem katölesch wärden. 

132. Zem bechtsteal gön. (Cotifirmiert werden; zum heil. Abendmahl 

gehen.) -^i l 

133. Et äs em n^t gebättert (gebuttert; = es gefällt ihm nicht). 

134. Et äs em net am de liewer (Leber; =: er ist übel gelaunt). 

135. Ze wäfser wärden. 

136. E zickt (schlägt) äf den efsig. 

137. A brode loan. 

138. Emesten zem drege brit (trockenen Brot) g'drn hun (haben; t= ihn 

sehr lieb haben). 

139. Se gön wS de heangd (Hunde) ke Blösenderf (gen, nach Blasen- 

dorf; = einer nach dem andern, im Gänsemarsch). -..i 



174 Bildliche Redensarten etc. der sieb. -säclis. Volkssprache. 

Se gon wa de Zegunen af de Margreti. 

140. Se fallen driw (drüherj wa de Maldierfer an 't (ins) hömelbrit. 

(Sie greifen zu.) 
Se fällen driw wa de Rumeser an den ägersch. 

141. E liewt wä en liorgescli (:=:z sehr gut). 
E liewt wä äser liärrgott ä Paris. 

Se liewen wä de schweng am äker. 

142. E stit dö wä en ofgeliese wängert (ein abgelesener Weingarten ; ~ 

theilnahmlosj. i 

143. Se seng aus ^nem dig (Teig; ■=: gleich). 
Se seng aus cnem lim (Lehm). 

Et as in deiwel (ein Teufel). 
Et äs kätz wä mitz. 

144. Et äs fedel (ferl, Fiedel) enes hülz (=. gleich schlecht). 

145. Se blosen an i loch (z=. halten zusammen). 
Se zän un enem strank. 

Se Ken (hangen) zesummen wä Mälderf mät Hinderf. 

146. Et äs wä en idemsländ. (Fr sieht sehr dürftig aus.) 

147. Grifs fgrofses) geschifs mächen. (Viel Aufhebens machest.) 

148. E grifs plärrement afschlon (aufschlagen). 

149. Et äs wä an er judeschil (z:^ voll Lärm u. Getöse). 
Et äs wä an em beibes. 

150. An de monscheng (MondscheinJ teanken (tunken; =:= nichts zu es- 

sen haben). 

151. Sich lais* (Läuse) an de pelz mächen. (Sich unnöthig zu schaf- 

fen machen.) 

152. Dät brät (brennt) mich n^t (r=i geht mich nichts an). 
Dät kratzt mich net. 

153. E bot kängd (Kinder) wä ärgelflüren. (Er hat viele Kinder, de- 

ren eines immer kleiner als das andere ist.) 

154. E segt änen (hinein) wä der heangd än't koches (Kochhaus, Kü- 

che; = er sieht sich behutsam umj. 

155. J] lift wä won en der heangd hat- gebässen. (Er läuft sehr.) 
E z^cht wä e geschloän heangd. 

E lift wä won e schwierz (Schwärze) hat* gesöfen. 
E lift wä won et hängder (hinter) em brä (brenne). 

156. E äs froa (frei) dervue wä Abraham vun Zdndersch. 

157. An 't äld eise kun (ins alte Eisen kommen; = werthloser werden). 



Bildliche Redensarten etc. der sieb. - sächs. Volkssprache. "IftS» 

158. Et äs en ald schmieregrifs f Schmier grofsmutter , ==: Hebamme J. 

159. E lacht wa der däpiier (Töpfer), won e ämstälpt (umivirft; v. ei- 

nem, verzioeifelten, tragikomischen Lachen). 

160. Enem krästäg (ChristtagJ machen. (Einen aus dem Dienst ent- 

lassen). 
Enem det krästbrit (Christbrot) glen (geben). 
Enem de krästscheage ( Christschuhe J gien. 

161. Di kit vun him. (Der kommt v. daheim; zizz er ist tvohlv ersehen J. 

162. Ementerm äst äfpelzen. (Jemandem Ettoas aufpelzen; ■==. ihn zum 

Besten haben.) 
Ementern ulennen (anlehnen). 
Ementern bezwegen (betrügen). 
Ementern iwern lefel halbieren. 

163. Emestern äbröken (änteänken, einbrocken, eintunken z=z verklagen, 

in Etwas hineiyibringen). 
Emestern beschmieren (beschimpfen). 

164. Enen af dem saure bar (Bier) bekun (bekommen; z= ihn ertappen). 

165. Gänk (gehe), rofs, oder de hast (hättest) farr (Pfarrer) sele (sol- 

len) wärden. (Ich kann dir nicht helfen.) 

166. Et mofs gön, mer sil (soll) et am loch 6f brechen (abbrechen). 

167. Sich kämmerheftig (kummerhaft , elend) durchmurken. 

168. Ast an de käp (Uauchfang) äfschreiwen. (Auf die Zahlung ei- 

tler Schuld verzichten.) 
Ast un de kierz (an die Kerze) schreiwen. 

169. Ementern äst schreiwen, däte (dafs er) sich et net eangdern (unter 

den) spägel wit hen (hängen; z=z derb schreiben). 

170. Se hiren (folgen) wä de schweng am renwädder (im Regenwetter; 

=; sie folgen schlecht). 

171. Se schlofen (soffen, saufen) wä de ratzen. 

172. De fligel ementern stutzen. 

173. De fligel he (hangen) lofsen. 

174. Sich de härner öflüfen (ablaufen). 

175. Se nuscheln nor esi. (Sie sind nicht hungrig.) 

Se sdng heangrich wa des meiner s^ng hienen (wie des Müllers 
seine Hühner). 

176. Verstand (Verständigung) ubäden (anbieten); — unien (annehmen); 

— dränken (trinken). 



17ß Bildliche Redensarten etc. der sieb.-sächs. Volksspraclie. 

177. Läft- dich! — rom* (räume) dich! — hief (hebe) dich! — pack* 

dich! (Gell fort!) 

178. Nom (nimm) der deng siwe pelsen en zech (ziehe, gehe). 

179. Baste mad (bist du müde), se nom der de feis* äf de rück (HückenJ. 

180. Emesten den dommen (Daumen) äf 't üg (Auge) dräcken. 

181. Et äs wS en trope wäfser äf en hifse stin. 

182. E keangt ndt „ba" sprechen. (Er war ganz verdutzt.) 

Et bliw em ndt int (eins) ; — net e krdzer (Kreuzer) Um schäp. 
Det vöteräser (Vaterunser) entfal em. 
E verwäfst (verwufste) sich ndt. 

183. Ast än't drech (ins Trockne) brängen (zzz versorgen). 
Ast an 't deankel (Dunkel) brängen (z=:z verzehren). 

184. Se kämen der ierde schwer. 
Se kämen wa en hölwädder. 
Se kämen wa de tören. 

Se kämen mät dem dreack (Druck). 
Se kämen mät der kläft (Kluft). 

185. E schnarrt äf. (Er sprang auf.) 

186. Terle gon. (Neben die Schule gehen.) 
Medle (merle) gon. (Zivecklos herumgehen.) 

187. E äs äf de gäfs kun (auf die Gasse, z:^ um Haus und Hof, Ver- 

mögen, gekommen). 

188. E wunt un der zdl (an d. Zeile, rr: hat kein eignes Haus). 

189. E kam mät dem kläpel (Klilpfel, Stock) an 't länd. (Er hatte nichts.) 
E kam mät dem bindel (Bündel, Felleisen, auch: mät dem toaser, 

Tornister). 

190. Et äs deankel wä an em uefsen (Ochsen; =z sehr duiikel). 

191. Et äs worem wä an em bäckuewen (Backofen; = sehr warm). 

192. Et stit em wä wen et ndt sdng (sein) wer. (Es steht ihm schlecht ; 

V. Kleidern.) 

193. De nos stit em ndt derno. (Das versteht er nicht.) 

194. Dät se (sind) fäneng (Pfennige, Geld) an de mor (Koth) ge- 

schmäfsen (Geld unnöthig ausgeben). 

195. E dänt wä Iläller am Weifskirch. 

196. E höt e (ihn) gärn wä der heangd de kläpel (Stock). 
E höt e gärn wä de kätz det stöcheisen. 

197. E höt ndt de spändirhuesen un. (Er schenkt nicht.) 
E äs net vu Schink, 



Bildliche Redensarten etc. der sieb. -sächs. Volkssprache. l'J'Y 

198. E äfst wa en drescher (t=. viel). 

E äfst wä är siwen (ihrer sieben; vgl. Nr. 122 J. 

199. Et äs net aller dag seangtog f Sonntag J. 

200. Pespern wa de Schäser iwer de bäcli fz= laut sprechen). 
Pcspern wä de Halwelagner iwer de Keakel. 

201. Wich f weich) wä des bäschef seng birren. 

202. Dernö (darnach, dann) geade nocht, Schefsbrigl (Dann ist's aus.) 

203. Seng är vil dertaus? (Sind ihrer viele dravfsen, =: ist es kaltf) 

204. Enem zearieden wä em kränke röfs (:= sehr zureden). 

205. Enem eangder de zangd* (Zähne) kun. 

206. Enem am möge hun (im Magen haben). 

207. Goch- den heangd aufsen (jage den Hund hinaus, d. i. putze 

d. Licht). 
Goch* de riwer eweg (jage den liäuber — am Licht — hinweg). 

208. Di scbnezt (putzt) mät der Arkeder lächtscher (:= m. d. Hand). 

209. Di äst (ifst) mät der foafhärniger gäfel (mit der fünfhörnigen Oa- 

hel, d. i. mit den Fingern). 

210. As derwel te host, i (ehe) der britsporer (oder: der sträkfofs^ iwer 

dich kit (hommt; ■=. ehe du stirbst). 

211. De nos (Nase) stit der schläm (schief; =z du lügst). 

212. Der Remncr Misch kit ! (Der Riemer Michael, d. i. die Peitsche, 

kommt !) 

213. De gris zin wiegen. (Die grofse Zehe bewegen; = sein Verlangen 

leise kund geben.) 

214. Em fangd (findet) ängden (immer) en dir (Thüre, =z Ausweg). 

215. Et hot alles uch seng hekelchen. 

216. Sich vcrsprigeln (ausbreiten, = sich unnöthig über etwas aufhalten). 

217. Sich stiweln (stiefeln, d. i. eilen). 

218. Enem det noa j6r (d. neue Jahr) öfgewännen. (Herr werden über 

Jemanden.) 
Enem färr seng. (Einem Pfarrer sein, =: Herr über ihn sein). 

219. Gor ze kegden. (Oanz u. gar, vollständig). 

220. Enem de grängd (Orind, Kopf) äfkratzen (■= ihn scharf hernehmen). 

221. E höt iwel zängd*. 

K E lacht iwern heangszänd (Hundszahn; =z er lacht hämisch). 

(Schlufs folgt.) 



12 



J78 Bildliche Redensarten etc. der sieh.-sächs. Volkasprache. 

Erläuterungen. *) 

113. patzen: vgl. Z. IV, 42, 3. 50, 8. 69. 134, 126. 483 u. Schröer's soeben erscliiene- 
nen „Beitrag zu einem Wörterbuche der deutschen Mundarten des ungarischen 
Berglaiides", s. 33. — platschen: vgl. Z. IV, .333 u 42, 11. Schröer, 37 ». — 
durchwalken: Z. III, 368, 60. — durchhhJän: Z. II, 413, 26. IV, 42, 9. Schröer, 
37b. _ zwibheln: Z. IV, 48, 67. — dreschen: Z. III, 265, 5. IV, 44, 24. 345. 
Schröer, 45. — dreschäkeln : Z. IV, 44, 25. Schröer, 45. — zemirscUehi, zermör- 
sern, zerstofsen. — zegr'dscheln, zerrascheln, zerreiben. — Medwescher wöpe, Me- 
diascher Wappen, scherzweise für: die flache band. — toppert, m., der hosenhin- 
tere; schles. dups, m., podex, v. poln. dupa; Weinh. 16. Schröer, 47: die duppe. 
— käche, f., suppe, aus der das fleisch beim auftischen nicht herausgenommen 
wird. Der allgemeinere sächs. name für suppe ist läwcnt. — htiche, m., Speck- 
seite, rücken; Grimm, wb. I, 1061. Schröer, 31. — knufaien, wol zu knuffen 
(Z. III, 366, 31. 32) gehörig; vergl. auch das koburg. kumfeien (etwa conficere? 
oder für pum/eien, fumfeien? Z. V, 56), — epesch, unrecht, verkehrt (Z. III, 
337. IV, 194); also rr falsch verstehen, was im gleichen sinne gebraucht wird. 

114. nöm, nach dem. — suche, pupille, wahrscheinlich aus dem Pron. sa, sie, schwer- 
lich zz sehchen (v. sehen). — griweln, grübeln, greifen. 

137. ä hröde loan, im brodem liegen, wird zunächst von scheintodten gebraucht, dann 
von zerstreuten. Zu brodem, m., dampf, dunst, betäubung, s. Grimm, wbch. II, 
291 u. 396. 

139. Margreii, einer der siebenb. haupljahrmärkte am Margarethentage. 

140. Maldierfer, der Maldorfer; Maldorf, ein sächs. dorf. — hemelbrit, himmelbrot, Ob- 
laten. — Rumeser , von Rumes, auch Rams, einem sächs. dorfe. — agersch, Sta- 
chelbeere; österr. ägrua, ägres, f. (auch n., wol mit anlehnung an „gras"). Hö- 
fer, I, 9. Tech. 151. Idiot. Austr. 2. Loritza, 9. Castelli, 39. Nemnich, II, 1160. 
In der älteren spräche bezeichnet agraß, agrest, m., einen 'aueren saft aus unrei- 
fen trauben oder anderem obst (Grimm, wb. I, 190. Ben.-Mllr. I, 13), nach mit- 
tellat. agresta (aus lat. acer, franz. aigre), wovon auch ital. agresto, span. agraz, 
portug. agra90, prov. agras, altfranz. aigret, aigrat, walach. agrisi, welche sowohl 
die unreife traube, den Säuerling, als den daraus gewonnenen saft (franz. verjus) 
bedeuten. Diez, roman. wb. 8. Die geschichten, worauf diese vergleichungen sich 
beziehen, sind mir nicht bekannt. 

141. horgeschy ein altes geldstück, 17 kr. im werth ; doch mag das wort hier etwas an- 
deres bedeuten. — w'u aser härrgott ä Paria: vgl. Z. III, 394, 55. — am aker, 
in der eichelmast, in den eichein (Z. IV, 194. II, 44, 37). Vgl. das collective 
ackeram, akram, äckerich, geäcker, n, , Schweiz, achervm, acherand, acherig , f., 
österr. akeram, akram, ägräm, m. , welches in der älteren spräche, wie das goth. 
akran (ags. äcern, engl, acorn), die frucht der eiche und buche bezeichnete. Grimm, 
wb. I, 173. Schm. I, 25. Stalder, I, 87. Höfer, I, 17. Tsch. 150. Gast. 39. 

143. mitz, f., katze; Z. III, 473. IV, 117, 1. 238, 6, 3. 

145. Maldorf ist durch eine brücke mit Holmdorf verbunden. 

146. idemsland, eidamsland (oder Adamsland?). 

148. plärrement, lärm, geschrei; Z. IV, 414, 30. 537, IV, 10. 

149. beibes, bienenkorb; Z. IV, 285, 174. 
153. ärgelflüren, Orgelpfeifen; Z. V, 40, 110. 



*) Mit Zusätzen vom Herausgeber. 



BiMliche ße«lensarten etc. der sicb.-säclis. Volkssprache. 179 

156. loa Ahraham von Zendersch : Zcnflersch, ein sächs. florf ; vielleicht mag ein sächs. 
schulamts - oder pfarrcandidat namens Abraham die amtssteile daselbst, nach der 
er gestrebt, nicht erhalten haben. Es ist mir keine erzählung darüber bekannt. 

166. »wer, wenn gleich, ob auch; Z. IV, 412, 26. 

167. durchmurken, durcharbeiten; murken, murksen, morkeln, morkseln, auch mursen, 
murzen, stückweise arbeiten, schneiden, sprechen etc. (vgl. mhd. murc, raurz, nhd. 
morsch; fränk. murk, Schweiz, mürggeli, brocken, bis.sen). Höfer, II, 274. Lo- 
ritza, 91. Weinh. 63. Schm II, 617. Schmid, 395. Stalder, II, 222. cimbr. 
wbch. 148: morsch, mozzato ; abe morschen, mozzare. Z. II, 465 III, 435 b. 

175. nuscheln, wählerisch suchen; Z. IV, 508. 

177. läfien, aufheben, erheben; Z II, 541, 142. 562, 6. III, 314. IV, 194. 

178. deng siwe pelsen, deine sieben zwetschken (sachen, — habe); Z. V, 39, 28. 
182. schäp, tasche; Z. IV, 413, 5. — 183. drech, trocken; Z. V, 40, 72. Schröer, 45. 

184. tören, heuschrecken ; vgl. holl. tor, käfer. — kläfi, kluft, schwärm; hess. klopp, 
bund; vgl. Z. III, 475. IV, 194. 

185. äf schnarren , ausspringen (mit geräusch), vom lautmalenden schnarren, snarren, 
schnerren, snirren, überh. geräusch machen; murren, brummen, neben snar, snarre, 
hurtig, geschwind; Brem. wb. IV, 881 ff. Mllr.-Weitz, 217. Schm. DI, 494. Stal- 
der, II, 340. Vgl. hchd. schnurren. 

186. ierle gön, thörlein gehn, wird local in Schäfsburg von kindern gesagt, die zum 
thor auf die sogenannte ligebank (lügebunk) gehen, medle gon : ob „den mädeln 

•^ nachgehen" oder als merle gon, „amseln fangen" (Z. IV, 52), ist ungewifs. Im 
sächsischen heifst aber die amsel leister. 

195. Haller 'dm Weifskirch gilt local in Schäfsburg u. bezieht sich auf Weifskirch, eine 
stunde von Schäfsburg, das dem grafen Halber gehörte. Die sage in Schäfsburg 
geht, der erste bcsitzer Haller habe als abgeordneter der stadt den ort für Schäfs- 
burg von dem fürsten erbitten sollen, habe ihn aber für sich erbeten. 

196. stöcheisen, n., fouer- oder Schüreisen, von stochen, schüren (zu stechen, stochern). 

197. Auch in Koburg heifst es: Er hol heiV nett seine ^pendierhos'n a, und: Er is net 
von Oä.bnhaus'n. 

200. pespern, flüstern; Z. III, 133. 282, 99. Vgl. auch Reinw. I, 119. Schmidt, 138. 
Weinh. 70. Grimm, wb. II, 47. -- Schaas und Hallwelegen sind dörfer und die 
grofse Kockel (Keakel) ein flufs im kreise Hermannstadt. 

201. des b'dsehef seng hirre, des bischofs (seine) birnen ( verglimpfung für merda), be- 
zieht sich auf ein geschichtchen. 

205. Zu zangd-, zahne, vgl. Z. III, 188, 38 u. unten 221. 
208. Erkeden, Erked, ein dorf im bezirke Schäfsburg. 

210. derwel, während, so lange als (bis); Z. II, 244. III, 214, 6. 328. — briisporer, 
brotsparer, steht, wie atrakfofs ( streckefufs ; vergl. Grimm, myth. 812), als ver- 
glimpfung für den tod. In Koburg antwortet man auf die neugierige Frage: W&r 
is gsstorb-nf ausweichend: Der spär9sbröd (Spare -das -Brot). 

211. schläm, krumm, schief; — die ursprüngliche bedeutung unseres hchd. schlimm 
(Weigand, synon. 1645; mhd. slim, holl. slim; vgl. franz. tort aus tortus). Frisch, 
II, 199c. Schm. m, 448 f. 510 (schlemmig, schlems). Stalder, II, 328 f {schlem- 
men). Tobler, 388. Schmid, 466. Höfer, III, 94 (schlems). Tsch. 208 (schlems, schrems). 
Lor. 116. Gast 261. Weinh. 84. 87. Reinw. I, 142. II, 111. Mllr.-Weitz, 212. 
Brem. wb. IV, 830. 695 (slimm u. schremj. Berndt, 121. Z. III, 448. 

216. hekelchen, doppel diminutiv , häkchen, Schwierigkeit, anstofs. 

12» 



J8Q Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. 

Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen 
im Deutschen. 

Von Dr. L. Tobler in Aaran. 
( Schlufs zu S. 30. ) 



b) Erstes Wort Adjectiv. 

Zunächst an unser Hauptverzeiehnifs, welches die zahlreichsten, in- 
teressantesten und edelsten Zusammensetzungen enthält, scliliefsen wir 
hier ein viel kleineres und unwichtigeres, nämlich von solchen Zusam- 
mensetzungen, wo auch das erste Wort Adjectiv ist. Hieraus läfst sich 
schon zum voraus absehen, was wir finden werden. Gemäfs der begriff- 
lichen Natur des Adjectivs überhaupt ist es auch in der Verstärkung 
entweder sinnlich concret und dann auf wenige Fälle beschränkt, oder 
ursprünglich schon abstracter und daher allgemeinerer Anwendung fähig, 
oder es ist zweifelhaft, ob einige, gewöhnlich als adjectivische Zusam- 
mensetzungen geschriebene Fälle nicht in freies syntactisches Verhältnifs 
aufzulösen, das Adjectiv also als Adverb zu fassen sei. Mit der Er- 
klärung der Zusammensetzungen werden wir hier, aus dem bereits an- 
gedeuteten Grunde, wenig zu thun haben. Es kann, nach der Natur 
des Adjectivs, von appositionell vergleichendem und präpositioneil stei- 
gerndem Verhältnifs nur in noch uneigentlicherem Sinne die Rede sein, 
als dies schon beim Substantiv der Fall ist. Wenige der folgenden Zu- 
sammensetzungen lassen sich wirklich in gangbare oder daneben geltende 
Redensarten mit „wie", „bis zu" oder dgl. auflösen; die meisten tragen 
mehr den Charakter blos pleonastischer Juxtaposition, wenn sie nicht alle, 
auch die von concreter Qualität ausgehenden, als Adverbia, folglich 
mehr von Seite der Quantität und des Grades zu betrachten und der 
nachher aufzuführenden Erscheinung beizuzählen sind, zu der sie jeden- 
falls den Uebergang bilden. Ich sichte die hieher gehörigen Zusammen- 
setzungen ungefähr nach den im Vorigen besprochenen Kategorieen und 
verzichte auf weitere Strenge der Anordnung. 

1. blind -voll, (stern-) blind -dick. Bhnd hat in vielen, von Grimm 
im Wtb. unter diesem Wort angeführten Gabrauchsweisen den Sinn von 
„verstopft''. Demnach könnten obige Zusammensetzungen auch von Sa- 
chen gebraucht werden; ich kenne sie aber blos von betrunkenen Men- 



Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. |g| 

sehen, wobei blind in eigentlicher Bedeutung. Verlust oder momentane 
Schwächung des Gesichtssinns bedeutet, bitter-bös. — blutt-jung, 
-nackt. Ueber blutt ist nachzusehen Grinun, Wörtb. und Z. III, 177. 
IV, 207. Es bezeiclmet das erste mal „weich'', das zweite „blofs'^, kann 
aber beidemal mit dem Subst. Blut (s. oben, S. 6) in dessen entspre- 
chenden Zusammensetzungen verwechselt oder vertauscht werden. — 
dick-satt. Auch dick allein kann „satt" bedeuten. — süttig (siedend)- 
heifs, furzündig-roth, beide Schweiz. — engl, dead-drunk, dead-dull. 
vgl. oben tod-. winzig- klein, Schweiz, auch munzig-chli, stelle ich 
hiehcr und nicht zu der Classe der adverbialen, weil man, wenigstens 
Schweiz., auch chli-munzig sagt, wo chli jedenfalls Adj. ist. winzig er- 
klärt Weigand auch etymologisch n: wenig, munzig ninmit Rochholz 
als lautliche Nebenform von winzig; münzen heifst aber Schweiz, auch: 
vorkosten, d. h. beim Speisen der kleinen Kinder jeden Bissen oder 
Löffel zuerst zum eigenen Munde führen, um ihn in Beziehung auf 
Gröfse, Wärme und Weiche zu untersuchen und zu präparieren, ehe 
man ihn dem Kinde in den Mund schiebt. Hiernach könnte munzig be- 
deuten: so klein, als bei dieser Operation vorkommt, so viel, als man 
füglich dem Kinde auf einmal beibringen kann. Von anderer Seite ist 
auch min, minus etc. in Anschlag zu bringen. — wind-schief hat mit 
dem Subst. „Wind" nichts zu schaffen, sondern enthält das mit schief 
synonyme Adjectiv „wind", mundartlich winsch, ■= verkehrt, goth. in- 
vinds, Sachs, inwid, (vielleicht mit winster ::= link) zu winden gehörig. 
— Offen -kundig. — wild -fremd. — biester-frei. wild und biester, 
sinnverwandt, nähern sich schon der Grenze adverbialen Gebrauches 
(s. unt); über biester s. Grimm Wörtb. u. Z. II, 423, 1. III, 266, 4. 
In nl. pür-naect, pürstekenblind", steckt schwerlich das entlehnte purus, 
pur, rein, ganz, sondern pürn^ct ist Nachbildung von pürblind und die- 
ses =: engl, poreblind = starblind, vom verb. pore, stieren (starren), 
henneb. bippig-gäl (gelb) verstehe ich nicht, wenn es nicht nach Ana- 
logie von schnetterweifs (s. unt.) von beppe =: mund, (Z. II, 463) 
als Ueb ertragung vom Gehör auf das Gesicht, erklärt werden darf. Ich 
stelle noch, weil es anderswo nicht unterzubringen, hieher: sieben-, 
neun gescheid, nach der Z. III, 359 gegebenen Erklärung. 

2. Abstracten Sinn haben schon ursprünglich die Adjectiva all und 
voll. Beispiele ihres Gebrauchs in Zusammensetzung vor andern Ad- 
jectiven s. Grimm, Gr. II, 627. 650. 652. Für den verstärkenden Ge- 
brauch von all ist noch hinzuzunehmen die freilich nur uneigentliche 



^82 Ueber die verstärkenden Zusammensetzangen. 

und nur vor bereits bestehenden Superlativen stattfindende Verstärkung 
mit aller- (genit. plur.) schon in der altern Sprache, und der älter nhd. 
Gebrauch von alles, aller als elliptischer Fluch, wovon Grhnni Wörtb. 
das Nähere. Ueber all auch noch zu vgl. Rochh. Sag. II, 189. ags. 
ful- vor Adj. ist geradezu gleich deren Superlativ. S. 651 führt Grimm 
an den dem Altn. eigenen Gebrauch des Adjectivs bradr ebenfalls = 
dem Superlativ. In brädbeitr (acutissimus) u. a. blickt die ursprüngliche 
Bedeutung von brädr (citus) noch durch; völlig abstract scheint es in 
bradfeitr, pra;pinguis; bradreidr (vehementer iratus) entspricht etwa un- 
serm „jähzornig'', aber dieses ist zu erklären: jähzorn-ig, nicht: jäh- 
zornig. 

3. Schon oben ist gesagt worden, dafs die nunmehr unter 1 und 2 
aufgezählten Adjectiva sich auch als Adverbia auffassen lassen. Dafs 
auch dann noch die Annahme wirklicher Zusammensetzung möglich bleibt, 
zeigt hochheilig, hoch würdig ; hochschwanger, hochroth (nur diese ohne 
verstärkenden Sinn), und so lassen sich mehrere der oben (1) angeführ- 
ten Fälle als Zusammensetzungen mit Adverb als erstem Wort recht- 
fertigen. Wie nahe aber der Uebergang zur Annahme getrennter 
Adverbien liegt, erhellt aus einer Erscheinung, welche zwar, weil 
nicht Zusammensetzung darbietend, eigentlich nicht in den Kreis unse- 
rer Behandlung gehört, aber doch in denselben, und wol am füglich- 
sten hier, aufgenonmien wird, da sie für Erklärung nicht blofs diescjs 
zweiten, sondern auch des ersten Verzeichnisses von entscheidender Be- 
deutung ist. 

Schon Brückner ninmit neben dem in seinem Vcrzcichnifs (Z. I, 
230 — 5) enthaltenen „Volkssuperlativ" einen zweiten an, durch verstär- 
kende Adverbien, und gibt S. 236 — 7 von diesem Gebrauch spre- 
chende Beispiele und eine im Wesentlichen ganz richtige und genügende 
Erklärung. Indem wir von dieser Grundlage auch hier ausgehen und 
darauf verweisen, suchen wir doch 1) den dort gebotenen Stoff durch 
weitere, aus andern Theilen dieser Zeitschrift und aus der Schweizer- 
sprachc insbesondere entnommene Beispiele zu vermehren, 2) die so 
entstandene ziendich reiche Samndung alphabetisch zu ordnen, 3) diese 
Art der Verstärkung mit der durch Zusammensetzung bewirkton in 
näheres Verhältnifs zu setzen. Die im Folgenden aufzuzählenden Ad- 
verbien sind auch abgesehen von dem Zusanunenhang dieser Abhandlung 
bemerkenswerth und lehrreich als Beispiele der auch ohne Zusanmien- 
setzung, gleichsam nach einem allen Elementen der Sprache immanen- 



Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. 183 

ten Naturgesetz oder -trieb erfolgenden Absehwächung und Yergeisti- 
gung, resp. Erweiterung und Verengeioing, der Wortbedeutungen. Kaum 
bietet die Spraclie für einen andern Begrift' so viele metaphorische Sy- 
nonymen, als fiir den freilich in seiner Abstractheit sonst unausdi'ück- 
baren Begrifi" „sehr''. Dieses Wort selbst bedeutet ja eigentlich j,schmerz- 
lich" (vgl. versehren u. Z. lY, 142, 335.) und ist selbst das erste Bei- 
spiel des fraglichen Vorgangs. Fiir „sehr" braucht schon die Schrift- 
sprache, wo es allein (resp. vor Vei'ben) steht, tropische Ersatzwörter 
wie : recht, tüchtig, wacker ; zahlreicher sind die von ^n Mundarten fiir 
alle Arten der Steigerung von Adjectiven gebrauchten, aus der sinn- 
lichen und geistigen Sphäre entlehnten Adverbia, als: 

secht, nd., sehr, stark, tüchtig; Z. II, 134. — arg, henneb. z. B. 
arg froh, üeber die ältere, reichere Bedeutung dieses Adj. s. Grimm 
Wtb. — bäuniig, Schweiz., gewaltig, etc. — banni, nd., (uu-)bän- 
dig. — b ister, holl., sehr, überaus; eig. iiT, wüt, trübe. Z. II, 423. — 
bedroevt (garn), gar zu (gern); Z. 11, 428, 104. — einzig, z. B. 
schön, (Schweiz.). — entsetzlich und seine Synonymen, z. B. furcht- 
bar schön, schrecklich gut. — ewig, Schweiz.; vgl. das schon oben 
bei Welt- angeführte hebr. ulem, da oSij? auch „Ewigkeit* bedeutet 

— fast, mhd. vaste, sehr, eig. fest, stark; vgl. valde. — fein, fein - 
lieh, schön ;"sehi-, überaus. (Z. L 299. 11, 341. IV, 102, 9.) — nihd- 
verre (nhd. fern), verbunden mit so =: sehr. — flädig, sehr, außer- 
ordentlich; eig. ganz und gar (Z. II, 553. III, 271, 3) und noch ur- 
sprünghcher: rein, sauber. — frei, als Adv. =^ sehr; auch: wol, ganz, 
geradezu. Z. II, 343. III, 227, 5. 324. Da dieser Gebrauch beson- 
dere auch schweizerisch ist, so vergleichen wii* noch den ebenfalls schwei- 
zerischen des aus dem Französ. entlehnten librement in: alles liber- 
ments z:^ alles zusanunen, rein, gar alles. — glänzend, sehr; Z. III, 325. 

— grässlich und die Synonymen: grausig, grausam, grimmig. 
Wie man sagen kann : o grüsami fröud, eine selir grofse Fr., so auch : grü- 
sam lieb, gern, gut, schön. Z. I, 134, 2. IV, 330, 28. - grob (grün), 
henneb. — gut (lang, keck, satt), henneb. — hart, schon amhd. == sehr, 
und so noch Z. II, 518. IV, 269, 23. 285, 149; vgl. xägru. — häss- 
lich, sogar vor „schön''; henneb. — heil, urspr. ganz, besond. nd. 
hei wol, hei krank; Z. 11, 267, 22. — hübsch (kalt), henneb. — 
höllisch (fromm), henneb. — lästerlich, lasterhaft, z. B. vieL 
mächtig, als adv. wie gewaltig = sehr, überaus, kann auch hinter 
das Adj. treten, behält aber den Ton, z. B. grolsmächtig , nicht: gröfs- 



Ig4 Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. 

mächt -ig; auch Schweiz. (Vgl. oben bei m unzig.) Z. III, 536, 2. IV, 
245,113. — meineidig: Z. III, 172, 49; auch Schweiz. — mordialisch, 
s. oben, S. 20: mord. — närrisch, wol nur vor „verliebt, lustig**, 
wie sterblich, tödtlich vor: verliebt, langweilig. Viel weitern Um- 
fang hat rasend; noch mehr das henneb. schwin, seh wen, (geschwind, 
urspr. überhaupt: stark, wie „bald, schnell"; Z. I, 237. 285, 1, 7. II, 
46. 277, 19. 239, 7, 14. — ) vor: langsam, hübsch, garstig, heil's, kalt, 
gut etc. — ungeheuer, oft hyperbolisch für „sehr'* und immer noch 
vorzuziehen dem "platten „ungemein" der höflichem Sprache. — nd. 
unklug, sehr, stark (Z. II, 134), gehört mit närrisch, rasend, etc. 
zusammen. — verdammt, verflucht und die Synon, gottlos, heil- 
los etc. stellen sich mit meineidig, lasterhaft zu dem im ersten 
Verzeichnifs häufig vorkommenden Gebrauch der Flüche zu unbestimm- 
ter Steigerung. Ich führe hier noch an das mir nur als Schweiz, be- 
kannte verwent = sehr, überaus. Es muls eigentlich bedeuten: ver- 
dreht (von wenden) und wird, wie die ähnlichen vertrackt, ver- 
zwickt, wol urspr. besonders vor „schwer", dann aber vor beliebigen 
andern Adjectiven gebraucht. — will (wild), henneb., vor hübsch, 
schön; vgl. bister. Die Redensart well tun ^rz sich kläglich, betrübt 
(s. oben bedroevt) geberden (Z. III, 543), dient zur Beleuchtung des 
Zusammenhangs zwischen der ursprünglichen und der abgeleiteten Be- 
deutung von sehr (s. oben). — wolten (wol tan), stattlich, ansehn- 
lich, beträchtlich, sehr; woltle, demin. =i ziemhch. Z. III, 175, V, 3. 
328. IV, 456. — wüthend, mundartl. wüotig, wie rasend, wild, banni; 
vgl. auch toll ■=. hübsch, stattlich, altn. geysilangr. 

Als Anhang und Parallele stelle ich noch die concreten Ausdrücke 
zusammen, in denen die Mundart, zum Thcil auch die Schriftsprache, 
den dem „sehr" nahe verwandten, auch in obigen Ausdrücken oft mit 
ihm zusammenfallenden Begriff „ganz" umschreibt: glatt (geradezu, 
schlechtweg; Z. II, 346. III, 81. 239, 7. IV, 415, 42), heil, klein 
(III, 239), lauter (11, 85, 32), nett (III, 44), rein, rund, sauber; 
vgl. oben: feinlich, flädig. Offenbar ist die Anschauung der Reinheit 
allenthalben zu Grund liegend und vorwiegend, und bemcrkenswerth ist, 
daü, wie klein ursprünglich und im altern Deutsch die Bedeutung von: 
fein, zierlich, rein (engl, clean) hat, so umgekehrt Schweiz, rein, nicht 
so fast „sauber", sondern: fein, klein (gekörnt) bezeichnet. 

Von dieser Abschweifung lenken wir zu unserm eigentlichen Gegen- 
stand zurück durch die einfache Bemerkung, dafs alle oben als verstär- 



Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. <lf85 

kencle Adverbia aufgeführten Adjectiva irgend eine entschiedene concen- 
trierte Art von Kräftigkeit, in der geistigen oder natürlichen Sphäre, 
bezeichnen, die einen allgemeiner, die andern individueller, so dafs ein 
durchgehender Parallelismus derselben mit den verstärkenden Substanti- 
ven unsers ersten Verzeichnisses hervortritt. Den dortigen Flüchen fin- 
den wir hier entsprechend die oben unter „verdammt" zusammengestell- 
ten; zu ewig verglichen wir ebenfalls schon Welt und nehmen noch 
sin dazu; gewaltig, mächtig stellen sich neben magin, ragin; un- 
geheuer neben enz; entsetzlich, schrecklich, grausam neben 
mord, tod. Ja mehrere der verstärkenden Substantiva werden durch 
angehängtes -mäfsig von der Volkssprache zu Adjectiven und Adver- 
bien gestempelt für dieselbe Function; fatzen-, sau-, beiden-, höllen-, 
cheibamäfsig. Fast alle jene Adverbien verbinden, wie die Substantiva, 
mit unläugbarer Kraft hyperbolischen Charakter, schweifen ins Mafslose 
und eignen eben darum nur der Volkssprache; wichtiger aber ist uns, 
dafs durch diese Erscheinung bestätigt und erläutert wird, was wir schon 
bei den einzelnen Substantiven zur vorläufigen Erklärung beigefügt ha- 
ben, dafs nämlich eben die Volkssprache um Mittel der Steigerung gar 
nicht verlegen ist, sondern friscli aus dem- Leben der ganzen Schöpfung 
herausgreift, was irgend durch Otfenbarung (resp. Mangel) von Natur- 
kraft oder sittlichem Wertlie über den Positiv der Gewöhnlichkeit her- 
vorragt, und so mit einem Schlage das Concreteste in die Abstraction 
erhebt. 

c) Erstes Wort Verbum. 

Unser Verzeichnifs zu vervollständigen, haben wir noch diese dritte 
Art von verstärkender Zusammensetzung. Grimm will höchstens in „star- 
blind'' einen Fall davon erkennen ; die Mundarten zeigen aber deren 
mehr, wenigstens die hennebergische nach dem Brücknerschen Verzeich- 
nifs, auf welches ich mich allerdings hier fast ausschliefslich stütze, ob- 
wol ich viele der bezüglichen Zusammensetzungen nicht ganz verstehe 
und manche davon weniger begrifflich verbal als onomatopoetisch auf- 
fassen möchte. So viel ist auch hier im voraus klar : Das Verbum geht 
gemäfs seinem grammatischen Wesen in Zusammensetzung überhaupt 
nicht ein nach seinem spezifisch verbalen Character, sondern nur, so- 
fern es, als blofser Verbalstamm genommen, mit dem Subst. und Ad- 
jeetiv den „Begriffswörtern" angehört und neben seinen, der prädicati- 
ven Fvmction dienenden Flexionsformen im Infinitiv und Participium 



186 Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. 

Formen besitzt, durch welche es an der Natur der Nomina Theil hat. 
Demgemäls ist das Verbum in allen nachstehenden Zusammensetzungen 
entweder als blofser Begriffsstamm, oder als substantivischer Infinitiv, oder 
als adjectivisches Particip zu denken. Oft ist es in der That am besten 
durch das Particip präs. (blendwcifs, funkelroth) oder durch das Part, 
prät., etwa noch mit vorgesetztem „wie", aufzulösen („pumpsatt" neben 
„gepaukt satt" und vielen Part. prät. vor „voll", wo vielleicht keine 
förmliche Zusammensetzung zu behaupten ist; schlagmüd = wie wenn 
alle Glieder zerschlagen wären). Zuweilen kann die Erklärung zwischen 
substantivischem Infinitiv mit „(bis) zu" und Partie, schwanken (stick- 
satt und stink-satt, klingdürr, krachsauer, bettelarm) ; andere jMale ist der 
Infinitiv das einzig Denkbare (brechübel, hechelderb, scheifsangst, frefs- 
gern). Am schwersten scheint, eine Grenzlinie zu ziehen zwischen wirk- 
lich begrifflichen und blofs lautlichen Verstärkungen. Wir stellen diese 
letztern, als unbestimmte Kraftwörter verdächtigen, ans Ende und zu- 
sammen mit offenbar ablautenden und onomatopoetischen Formeln, da- 
mit beide einander nothdürftig erklären mögen. Die übrigen Fälle lie- 
Jsen sich nur ungefähr nach den oben schon mit Vorausnahme eines 
Theils der Beispiele angenommenen Kategorieen ordnen. 

stinkfaul, -satt (letzteres wird bedeuten: satt bis zum Ekel; dane- 
ben: sticksatt =: bis zum Ersticken voll, stickfinster s. oben, S. 27 
stock-), stech-, krach-, kirr -sauer (kirr- wol zu ahd. kerran, stridere, 
also fast = krach und wol nicht die einzige Uebertragung vom Gehör 
auf den Geschmack, jedenfalls gar nicht unpassende Bezeichnung des ge- 
mischten Gefühls beim Zerbeifsen saurer Früchte; Z. V, 170, 161. kla- 
(kleb-)süfs. glotz-gäl wird ein grelles Gelb bezeichnen, vor dem der Blick 
gleichsam starrt (glotzt, Z. II, 423, 55), oder das dem Blicke „schreiend" 
entgegentritt („die Farbe glotzt"), giefsgäl, ebenfalls henneb., möchte 
wol zu giefsen gehören und an die Vergleichung mit gegossenem Schmalz 
(vgl. Güfslein bei Schm. II, 76) oder Wachs (vgl. wachsgelb) erinnern, 
brusswarm, wol zu brutzeln, braten, wedelarm ist wol eher substanti- 
visch; Schm. IV, 22 gibt: wadel =z wehende Wärme, Dampf, u. bair. 
wächelwarm. schnitzweich, so dafs man es leicht schnitzen kann? ähn- 
lich, aber noch unpassender, scheint schableicht, hecheldcrb wurde schon 
oben, S. 11, angeführt, funkelroth, -neu. henkangst, als ob man ge- 
hängt werden sollte? (auf was für einer Anschauung beruht das dane- 
benstehende : hörnerangst ? ist es aus hirnangst entstellt ? vgl. hirn-dumm, 
-scheUig, -täppig, -töbig). bettelwinzig wird eher substantivisch sein 



Ueber die verstärkt-nden Zusammensetzungen. 'llW 

(der Bettel, werthlose, geringe Sache, Grimm, Wb. I, 1727; vgl. franz. 
petit aus petitus). frefslicb. blendweifs. schwappel-, schlotterfett, muck- 
froinm. piep -still (d. h. doch wol: nur leise dünne Töne von sich ge- 
bend, wie die jungen Vögel; Z. III, 134). ruppskahl (wie gerupft?), lun- 
ncr-(loder-)loh; Z. II, 79. altn. glöbiartr (glühend hell), geysilängr, 
von geysa, wüthen? rackertodt gehört jedenfalls zu dem Verbalstamm 
racken, recken =: ausstrecken, und bezeichnet entweder verreckt (der 
eigentliche Ausdruck von todten Thieren), oder kommt zunächst von 
Racker, abgeniergeltes Geschöpf, rackern, sich abschinden; rack, als Adj., 
straff, und der Begriff des Steifen, Starren erscheint auch im henneb. 
(zaun)rackendürr, wo racken = rahen, Stange, sein kann. Als hübsches 
Beispiel der übrigens überaus häufigen Vermischung der Walu*nehmun- 
gen des Gesichts und Gehörs führen wir hier noch an : altn. skiallraudr, 
-hvitr (hellroth, -weifs) zu skella, schellen? schnetterw^eii's, schon oben 
bei „bippig-gal" angeführt, wäre eben solche Uebertragung von der 
Schnelligkeit der Tonschwingungen (schnattern) auf Lichtschwingungen ; 
ebenso bippig zu beppern (?). Verbaler Natur sind endlich noch hen- 
neb. jjockel-, knopper-, schnapphart („hasshart" verstehe ich nicht), süd- 
nafs (zu sudeln; sucknafs ist wol subst. suck = Sau; gonkelnafs ist mir 
unverständlich) und mehrere Zusammensetzungen mit den zweiten Wör- 
tern -heifs und -kalt in Brückner's Verzeichnifs. 

Mehrere der bisher angeführten ersten Wörter nähern sich schon 
jenem unbestimmtem, mehr lautlich als begriflt'lich verstärkenden Charak- 
ter. Noch mehr, doch noch nicht von aller Bedeutung verlassen, tritt 
dieser hervor in: patsch -w^eich, -nafs (patschen, in weichem Elemente 
schlagen; Z. IV, 216; daneben auch schon die ablautende Formel: pfitsch, 
Z. II, 236. 467). platz-nacht, -finster, -roth (platzen =: bersten, brechen, 
mit Knall, also wol auch auf Lichteffecte übertragbar. Die Nacht bricht 
herein, wie der Tag an; bei platzroth denken wir insbesondere noch 
an das mit „brechen'' nahe verwandte mhd. brehen, leuchten. S. Grimm 
Wörtb. unter brechen, bracht und brast. Zu letzterm wird „platzen'' 
lautlich gehören, also mit „bersten" wirklich verwandt sein, pritschbreit, 
etwa = breit geschlagen; britschen, ferire; Z. IV, 211. 496. Grimm, 
Wb.). Es kann aber auch, wie bei platz-, mu* der klatschende Ton 
und allgemeinere Verstärkung drin liegen; denn man sagt auch britsch- 
nafs, neben ablautendem frisch-, träschnafs (Z. III, 343). rasseldürr 
hätte sich bei der vorigen Abtheilung anführen lassen, denn das Dürre 
rasselt ja wh'klich. Aber in „(schnurr) rasselkrumm" haben wir doch 



188 Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. 

weniger Sinnesmetapher als Lautverstärkung, und wenn ,, prasselhart '^ 
sich wieder den obigen Compositen mit -hart nähert, (indem die Härte 
oft aus dem Schall des angeschlagenen Körpers erkannt wird), so zei- 
gen doch die in der Bedeutung mit rasseln identischen klipper und 
rippel (Z. II, 192), welche nicht blos vor „dürr'*', sondern jenes auch 
vor „klein", dieses vor „schwarz" gestellt werden, dais wir hier aus dem 
Bereich der begrifflich bedeutsamen Verstärkung in den der blos laut- 
lichen eingetreten sind. Der Ablaut i + a, auch in klipperklappcr, rip- 
pelrappel, wie überhaupt im Deutschen und Romanischen (Diez in Hö- 
fer's Zeitschr. III, 397) besonders häufig zur Wortbildung gebraucht, 
erscheint auch noch in kitz-k atze -grob, doch ohne dafs hier, wie bei 
klipper und rippel, das zweite Glied mit a ein schon bestehendes 
wirkliches Begriffswort wäre, also rein onomatopoetisch. Dasselbe gilt 
noch von einer letzten Formel, nur dafs hier an die Stelle der Redu- 
plication mit Ablaut Abwandlung des einsylbig und im Laut i verhar- 
renden Wortes durch consonantische Modification tritt, von denen in ver- 
schiedenen Mundarten und vor verschiedenen (jedoch sämmtlich Farbe 
bezeichnenden) Adjectiven bald diese, bald jene gilt, blitschblau wurde 
schon oben (S. 6) als Nebenform von blitz- angeführt, kitz-, kitsch-, 
klitz-, klitsch-, gelten vor: grau, blau, roth, wie es scheint, ziemlich pro- 
miscue. Nach Z. II, 31 wäre als Grundform kitz anzunehmen; vor 
„roth" erscheint auch ritz- und vor „blau" Schweiz, chnitsch- (Stalder 
knüst-), wobei zunächst an chnütschen (ahd. knistjan, knusjan; Z. III, 
133 f.), quetschen, zermalmen, gedacht werden mag, (chnitsch -blau also 
etwa r= blau gequetscht, geschlagen), aber wahrscheinlich nur eine Va- 
riation jenes Veretärkungsthemas vorliegt. Die verstärkende Wirkung 
selbst scheint zu beruhen auf der Verbindung eines kurzen Vocals mit 
scharfen, besonders zischenden und sausenden Consonanten; die Art der 
Verstärkung aber ist im lautlichen Gebiet ganz dasselbe, was im begriff- 
lichen bei den blofs abstracten, besonders den aus Naturerscheinungen 
hergenonmienen Kraftwörtern und bei den verstärkenden Adverbien. 
Wie dort oft eigentlichem Verständnifs durchaus widerstehende Wörter 
zusammengerückt werden durch den im ersten Wort enthaltenen Be- 
griff der Kraft, so hier durch die mit gar keinem, oder nur sehr va- 
gem Begriff verbundene Lautkraft. Nirgend wol stehen die beiden 
Elemente, in deren Verbindung das Räthsel aller Sprache Hegt, so 
schroff isoliert und doch auch wieder so polarisch verwandt nebeneinan- 
der; Onomatopöie und Begriffsmetapher, Anfang und Ende der Sprach- 



Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. "^619 

Schöpfung, grenzen hier in Mitte der Sprachgeschichte dicht an- 
einander, j 

B. Verzeichnifs nach dem zweiten Wort. 

Der Vollständigkeit wegen und zur Erleichterung des Nachschlagens 
geben wir unsern Stoff auch in dieser umgekehrten Ordnung. Um je- 
doch nicht allzu weitläufig zu werden und um besonders unnöthiges Wie- 
derholen abzuschneiden, setzen wir folgendes fest : 1) Dieses zweite Ver- 
zeichnifs hat besonders den Zweck, Zusammensetzungen, die auf dem 
ersten nicht gegeben wurden, weil das erste Wort entweder ganz leicht, 
oder nur selten war, hier nachzuholen und, wo es nothwendig, zu er- 
klären. 2) Der Kürze wegen verweisen wir, wo es möglich ist, auf das 
Brücknersche Verzeichnifs (B.) und bezeichnen die beiden Columnen je- 
der Seite desselben durch a und b. Mit G. bezeichnen wir die Compo- 
sita, die wir aus Grimms Gramm, hinzunehmen; mit S. diejenigen meist 
schweizerischen, die in jenen zwei Quellen nicht enthalten sind. 

-alber: stein-. G. 

-allein: B. 233, b. Als mehrfache Verstärkungen führt G. noch an: 
muttermenschen-, mutterseelen - (selig), mutterstein - allein ; österr. 
steinbeinmutterseligerallein. 

-alt: runzel- (henneb.), stein-. 

-angst: B. 235, a. dazu S. chatz- angst, wahrscheinlich aus der Re- 
densart: eim d- chatz da puggel üf jaga, ihm bange machen (vgl. 
Stalder), und diese von dem prickelnden Gefühle der Angst, das 
den Körper durchschauert wie eine den Rücken herauf kletternde 
Katze. (?) Vgl. Z. V, 57, 8. 

-arm: B. 233, a, 4. G. tot -arm (mhd.), kreuz -arm. henneb. spend- 
arm, das umgekehrte „bettelarm." Kirchenarm: so dafs man der 
kirchlichen Wohlthätigkeit zufällt, oder: arm wie eine Kirchenmaus. 

-beorht: heofon- (ags.); gaglbiartr, instar cygni lucidus, glo-, söl- 
biartr (altn.). 

-bitter: B. 230, b. Z. V, 57, 16. G. vinterbiter (ags.). „eiterbeissig« 
wol rr: etterbessig, B. 234. 

-blank: spiegel-, sneblanc (weifs, mhd.) Z. V, 57, 18. 

-blafs: henneb. todten-, leichen-. 

-blau: B. 231, b. Z. V, 57, 17. S. chnitschblä, worüber, wie über 
kitz-, blitschblau oben: S. 188. 



\ 90 Ueber die verstärkpnden Zusammensetzungen. 

-bleich: asch-, wachs-, kas- ((Istr.), stüche- (Schleier, Schweiz. Z. IV, 5), 
Windel- (bair.), tod-, 

-blind: B. 234, b; dazu G. reginblind (alts. und noch Schweiz.; s. oben 
S. 24) altn. steinblindr, helbl. (?), nnl. pürstekenbl. (so dafs man kei- 
nen Stich sieht?) engl, sandbl., high-gravelbl. (wie wenn man Sand 
in den Augen hätte?) purbl., porebl., welches letztere G. erklärt: 
bhnd as stone; es ist aber zunächst verbal (s. ob. S. 181.). 

-bloz: hcnde- (hemde-), s. oben, S. 11. 

-bös: B. 234, b; dazu: mordböse. 

brav: grund-, kreuz-. 

-breit: B. 235, b; krötebreit s. ob. S. 19; pritschbr. ob. S. 187. 

-derb: hechel- (henneb.). 

-dick: B. 235, a u. b. Z. V, 58, 29; dazu G. sne-, strodicke (mhd.). 
S. schlegeldick, kribeldick, Z. III, 251 (verbal). Zu den ein bestimm- 
tes Mafs ansetzenden und daher nur relativen Verstärkungen gehört 
noch fingersdick: Z. III, 251. 

-dumm: B. 233, b — 234, a; dazu noch: kuhdumm, kreuzdumm. 

-dünn: spändünn (henneb.). 

-dürr: B. 232, a; dazu G. stock-, bein-, kies-, sand-, steindürr, und häu- 
fend: zaunhagel-, zaunmarterdürr. Verbale s. 188. 

-eben: S. topfeben, so dafs ein Topf (mhd. Kreisel; Z. III, 272, 10) 
darauf gehen kann. 

-einzig: gotts-; s. oben, S. 11. 

-elend: hunds-. — -erbärmlich: gotts-, hunds- (!). 

-falsch: grund( erde) -falsch. faul: B. 234, a. Z. V, 59,46. 

-feind: B. 235, a. 

-fest: B. 232, b. 234, a u. b. Z. V, 58, 41 ; dazu G. bäum-, bein-, boden-, 
grund-, mauer-, eisen-, faust-, felsen-, kern-; ags. gin- (gim?), mä- 
gen-, eardfäst; altn. bly-, bü-, hüs-, timbr-fastr. 

-fett: B. 232, a. G. schnegel- (ahd. snegil = vomex, mucco? Z. V, 
59, 45), schlotter -fett. 

-finster: B. 232, a. Z. V, 58, 34. 63, 34. 176, 190. G. totvinster (mhd.), 
butz-f. (Myth.), stockmauerfinster. Verbale S. 186. 187. 

-frei: regen-, vogel-, biesterfrei (herrenlos, wild; s. ob. S. 181. 183. u. 
Gr. W^tb.). 

-fremd: land-, leut-, weltfr. (?), wildfr., stockfr. — dä-fridr (altn.), 
schön wie der Tag. 

-frisch: eichel-, kern-. — -fromm: lamm-, muck-. Z. V, 59, 54. 



Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. |i||| 

-gelb: B. 231, a. Z. V, 59, 61. bippig-gäl, oben, S. 181; gruselgäl, 

Z. II, 31. 
-gerad: kerze-, schnür-, Schweiz, auch bolz- (Pfeil), 
-gesund: kern-, eichel- (wie sonst eichelganz), ecker- (auch Buch- 

nufs), fisch-, hecht-. 
-gescheid: grund-; sieben-, neungesch. Z, 111,359. 
-giftig (=: bös, zornig; Z. III, 188.): gänse-, hühner-; kreuz-. Z. 

V, 60, 69. 
-glatt: Spiegel-; nd. pusgladd, sauber wie eine Katze. Z. V, 60, 70. III, 499. 
-gleich: S. haargleich; Z. V, 11. 
-grob: sau-, sack-; kotzen- (grobes Tuch; Z. III, 192, 83). kitz-katze- 

grob, B. 232, b; s. oben, S. 188. 
-grofs: riesengrols. Z. V, 60, 73. 
-grün: B. 231, b. Z. V, 60, 72. 
-gut: B. 234, b. G. grund-, kern-, kreuz-, seien-; ags. argod, cynegod 

(? nach Ettm. heifst dies nur „nobilis"; und so vielleicht auch altn. 

thiodgodr); altn. dä-gödr (perbonus), barng. (dasselbe, oder: pueris 

mitis ?) G. 
-hart; B. 232, b. Z. V, 60, 79. 66, 79. G. boden-, fels-, kiesel-; ags. mU- 

gen-, regenheard; fyr-, irenh. ; mhd. stahelherte. altn. berhardr, gall- 

hardr scheinen verbal, 
-heilig: hoch-; altn. gin-heilagr. 
-heifs: B. 232, b; meist verbal, wie auch Schweiz, süttigh. (für siedend); 

glut-, Ofen-. G. Z. V, 60, 80. 66, 80. 176, 191. 
-hell: B. 231, a; dazu: licht-, Spiegel-, kerzen-, sonnenhell. G. 
-hoch: B. 235, b; dazu: bäum-, berg-, himmel-, thurmhoch. G. 
-jämmerlich: gotts-. 
-jung: blut-, lammj. ; mhd, kindjunc. 
-kahl: ratten-, ruppskahl; B. Z. V, 60, 84. 
-kalt: B. 232, b. Z. V, 60, 85. G. schnek., gletschk. (schweiz. = henneb. 

glitzerk., oder: wie das Eis der Gletscher?), eiszapfenk. (hess.); engl. 

clay-cauld (kalt wie die Erde?); altn. hroUkaldr (hrollr, horror), 

hrim- (pruina; Z. V, 125, 4, 11). 
-karg: hunds-; B. 233, b. — -klar: Z. V, 60, 91. sonnen-, äugen-, 
-klein: B. 235, a. Zu „winzig"- noch das ob. S. 181 besprochene Schweiz. 

munzig-. 
-krank: tod-, Sterbens-; vgl. altn. fiörsiukr. (lebensgefährlich). Z. V, 

60, 93. 



192 Ueber die verstärkenden Zusammensetfciingen. 

-krumm: B. 234, b. dazu G. mhd. sichelkrump ; afrs. craulcrum (Kräuel, 
Gabel mit Haken). Z. V, 60, 94. 

-lahm: kreuz-, lendeii-. 

-lang: B. 235, b. G. altn. end-läng-r, gcysi-1., perlongus. 

-lauter: zinnlauter (H. Sachs); ags. glUs-hluttor. G. 

-leer: kreideleer, das letzte Wort des B. Verz., ist mir unklar; ob Kreide 
als in sich durchaus gleichförmige Substanz Bild der Leerheit, oder 
ob diese Zusammensetzung abstracto Nachahmung von „kreideweifs'' 
sein kann? 

-leicht: federleicht; schableicht (henneb., mir unklar); altn. lauflettr; nhd. 
noch: vogelleicht und (trop.) kinderleicht; Schweiz, spottl. 

-lieb: frefs-, herz-1. ; mhd. gote-liep und gote-leit. 

-licht: mhd. spiegellicht; afrs. döm-liacht (taghell zum Gericht halten?); 
altn. aug-liös, manifestus. 

-loh: lichterloh. lunner-(loder-)loh. Z. II, 79, 15. III, 404, 12. 

-lustig: boden-, kreuzlustig. Z. IV, 111,59. 

-lüttj: luerl., „ganz klein"; v. lur, ahd. lüdra, Windel. Müllenh. Gloss. 
z. Quiokb. Z. IV, 421, 12. 

-mager: mhd. tot-; henneb. hunde-, schv^'^z. brand(erde)-. Z. V, 161, 
113. 162, 137. 

-mser (berühmt): liutmari, altn. thiodmaerr. 

-möglich: schwz. menschen -m. rr irgend m. 

-müd: B. 233, a. G. steinmüd (östr.). Z. V, 161, 115. 

-nacht: B. 231, b — 232, a. 

-nackt: G. afrs. stok-naken. mhd. nadel-nacket. mnl. pürnsect (s. ob. 
S. 181). nhd. fadem-, fasel- (Faser), finger-, mutter-, pudel(putte])-, 
Splitter-, stabel- (starrend? sonst mir unverständlich); und die Häu- 
fungen: Splitter -fasel-, pudel-stabe-, muttersei-, blut(blutt, Gr. Wtb. 
und Z. III, 177) -sei nackig. 

-nafs: B. 233, a. über die dortigen Verbalen s. ob. S. 187. Dazu G. 
mausnafs, pudel(puttel)-, tropf-, nd. missnat (mist, Nebel ?), slik- (Leim). 
S. bachnafs; fletschnai's, fledernafs, ungefähr = pfatschnals. Z. V, 
162, 119. 

-neu: B. 233, b. G. mlid. nitniuwe (recens a clavo, doch wol = nhd. 
nietneu), sporn., fiuwern. (letzteres wird bedeuten: frisch aus dem 
Feuer genommen); engl, brand-new; nhd. spanneu; altengl. spik-new 
wird mit schwed. sping-spängande ny, nnl. spik-spelder-nieuw un- 
gefähr die Bedeutung von nagelneu haben. Z. II, 43 steht als nd. 



Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. ||^S 

auch : splitternie. Als Häufungen führt G. noch an : feuer-nagel-neu, 
span-nagel-neu. 

närrisch; pudel-. Z. III, 549, 10. 

■reich: höllen-, stein-; Schweiz, hurdrich ist nicht mit Stalder auf hört 
=rr Schatz zurückzuführen, sondern auf das auch bei ihm (II, 64) 
verzeichnete fem. hurd, amhd. hurt, nd. hord (nhd. Hürde), Lager 
zur Aufbewahrung des Obstes, Pferch, beides aus Flechtwerk, „hurd- 
rich" ist ein Bauer, der alle „bürden", d. h. also alle Vorrathskam- 
mern (allenfalls auch Viehställe) voll hat. 

■roth: B. 230,b — 231, a. G. klatsch-, platzroth; s. ob. S. 187 f., wo auch 
altn. skiallraudr als „schallend (grell) roth" erklärt wurde; glutr., zot- 
telr. (?), mhd. hitzerot. Häufungen : blasfeuerroth (blas, Feuerbrand) ; 
Schweiz, fiurzündigröt. Z. V, 162, 125. 

■rund: kugel-, huller- (dasselbe). Z. V, 162, 129. 

• samlegr: altn. da- (praeclarus). — dä-sannr (evidens). 

-satt: B. 235, a; dazu: haut-s., Sterbens-, tod-satt. 

-sauer: B. 230, 1) 233, b (trop.). G. mhd. krßnsür (Rettig), „kirrsauer" 
wurde schon ob. S. 186 erklärt. Etwas ähnliches scheint „krisauer** 
(schreiend), Rochh. al. Kindl. p. 149; trop.: hunds-, höllen-, blut-, 
mordsauer. Z. V, 163, 161. 170, 161. 

-schade: wird, wie nacht, mit Verstärkungen adjectivisch gebraucht: 
Jammer-, himmelschad. 

-scharf: haar-, messer-, mord-. Z. V, 162, 131. 

-schief: wind -seh. s. ob. S. 181 u. 162, 133. 167, 133. 

-schlecht: hunds-, grund-. 

'Schnell: pfeil-, sporn-, vogel-, wind-. 

-schön: G. ags. älfsciene (elfenschön); bild-, engel-, himmel-, michblut-, 
morgen -. 

-schwarz: B. 231, b. Z. V, 163, 164. 

-schwer: berg-, blei-; trop. blut-, kreuz-, mord-. 

-sinnig (ahd.): oug-s. (augenscheinlich). 

-slow (engl.): snail-slow. 

-stark: bäum-, stein-, riesen-. G. Z. V, 163, 152. 

-steif : B. 234, a. dazu G. stocksteif. Z. V, 163, 155. 168. 

-still: B. 234, a. G. mutterstill, feder-, (schweiz.) grab-, bäum- (noch 
verstärkt durch vorgesetztes „bickel"-), stein-, „still" bedeutet bald: 
lautlos, bald: feststehend. Z. V, 163, 156. 

-streng: alts. meginstreng, mhd. meinstrenge (fortissimus). 

13 



194 Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. 

-stumm: mhd. tot-stum; nhd. fisch-, stock-. 

-süfs: B. 230, a. G. mhd. liehtsüeze, lüfte-s. ; schlafsüfs (Fischart). Z. 
V, 162, 130. 

-taub: rein (regin)- taub. — altn. barn-teitr (froh wie ein Kind). 

-theuer: sünden-, brand-, brenn-; Z. V, 63, 33. 121,25. 

-tief: mhd. verchtief (von tödtlicher Wunde); grab -tief (Fischart). 

-todt: B. 234, a. Z. V, 58, 26. G. racker-, mausracker-, stock-, stein-, 

-toll: B. 233, b; dazu: rein (regin) -toll; engl, dead-dull; nd. splittern- 
duU (bitterböse). 

-tömr: gall-tomr, altn., tönend leer. 

-traurig: schw. himmeltrürig. 

-treu: G. trölltryggr, altn. (treuherzig wie die Riesen); felsen-, grund-, 
kern-, stein (bein)-. 

-trocken: salz- (henneb.), stein- (schweiz.). 

-trüebe : mhd. tot-. 

-trunken: engl, dead-drunk. s. noch voll. 

-übel: B. 233, b. — dä-veenn, altn. (eximius). 

-voll: B. 235, b. Wenn man die dortigen Participia als in wirkliche 
Zusammensetzung eingetreten betrachten soll, so sind noch andere 
Bildungen dieser Art hinzuzunehmen aus Z. II, 192. III, 189. Auch 
schwz. trüblet voll, StaJd. I, 311. Grimm hat: blind-, hagel-, sack-, 
spund-, sternvoll ; gehäuft : blitz-, blindsternhagelvoU. — krutsch-krö- 
tevoU s. ob. S. 19; rein (regin) -voll; altn. fleytifullr (ad summa la- 
bra plenus). Vgl. Z. V, 68, 15—17. 20. 69, 31. 32. 35. 

-warm: B. 232, b. G. brühwarm; norweg. anglevarm (von frisch gefan- 
genen Fischen), echt national, wie Schweiz, kuhwarm. Z. V, 176, 
191. 

-weh: schw. steinweh (ganz ohnmächtig). 

-weich: B. 232, a. G. blt- weich, mhd. (das Blei hier als flüssig, dage- 
gen oben fest); federweich, windelw. ; mhd. lideweich, nhd. glied- 
weich, nd. ledewek (biegsam wie ein Glied?) Z. V, 164, 179. 

-weifs: B. 231, a; dazu: stüchew., Z. III, 530, 9. G. hagel-, mehl-, 
milchweifs; altn. bäl- (pyra), blik- (nitor), Hn- (byssus), skiall (s. ob. 
S. 187) -hvttr. Z. V, 164, 180. 

-weit: B. 235, b. G. mhd. eilen-, vensterwit; (sperr) angelweit (offen). 

-wenig: blutwenig. 

-wild: B. 234, b. G. feder-, hirsch-. 

winzig: klein -w.; s. ob. S. 181. 



Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. ^Wtk 

-wohl: kreuz-, sau-. Z. III, 360, 7. V, 164,. 178. 
-wüest: sündw. (schwz.). 
-zam: vinger-zam, mhd. 

-zoraht (ahd. splendidus) : augazoraht, manifestus, liutz., publicus; aga. 
heofontorht. 

II. Erklärung der verstärkenden Zusammensetzungen 

im Allgemeinen. 

Dem Versuche, die verstärkenden Zuzammensetzungen in gewisse 
Kategorieen einzuordnen und darnach zu erklären, mufs dieselbe Ver- 
wahrung vorausgeschickt werden, die Grimm bei seiner Zurückführung 
der Zusammensetzung überhaupt auf präpositionelle, casuelle und appo- 
sitioneile Verhältnisse wiederholt ausspricht, dafs nämlich in diesen Ka- 
tegorieen keineswegs der innerste Nerv des Sprachtriebes, die wahre Ge- 
nesis seiner Producte blofs gelegt, sondern nur unserem Epigonen - Ver- 
stand eine Handhabe dargeboten werden soll, womit er ihm sonst unbe- 
greifliche Gebilde der sprachschöpferischen Phantasie und Naturlogik 
einigermafsen sich zurechtlegen mag. Auch Brückner läfst seinem Ver- 
zeichnifs eine kurze Systematik oder Eintheilung vorangehen, indem 
er folgende Arten des Volkssuperlativs unterscheidet: 1) das erste Wort 
ist ein Object, in dem sich der Inhalt des Adjectivs als höchster, reinster 
Gegenstand für die Anschauung darstellt; z. B. grasgrün. 2) Es wird 
im ersten Wort das Ziel angeschaut, wohin der Inhalt des Adjectivs 
gesteigert werden kann; z. B. todmüd. 3) Es wird die Verstärkung 
des adjectivischen Inhaltes durch die Wirkung des ersten Wortes ge- 
wonnen." Das letztere scheint mir ungenügend ausgedrückt; es sind 
damit gemeint die Fälle , wo das erste Wort abstract ist. Da nun rein 
casuelles Verhältnifs mit einziger Ausnahme etwa von „seelen- allein*, 
das sich auch präpositional auflösen läfst, im ganzen Umfang unserer 
Zusammensetzungen nirgends auftritt, und da anderseits die Abtheilun- 
gen 1 und 2 bei Brückner offenbar den beiden übrigen Kategorieen 
Grimms entsprechen, so nehmen wir eben diese beiden, appositio- 
nelles und präpositionelles Verhältnifs, an, unterscheiden aber beim 
ersteren von der weitaus zahlreichsten Art concret-individueller 
Vergleichung die abstract -allgemeine als besondere Classe, weil es 
uns bei unserer ganzen Arbeit um diese zwar seltneren, aber um so 
merkwürdigeren Fälle vornehmlich zu thun war. Wir haben also im 

13* 



J96 Ueber die verstärkenrlen Zusammensetzungen. 

Ganzen ebenfalls drei Kategorieen, nur setzen wir an die Stelle des ca- 
suellen Verhältnisses, das wir in unserem Bereich nicht vorfinden, das 
abstracte, welches zwar von Grimm bei den betreffenden Wörtern sei- 
ner Verzeichnisse und in den nachträglichen Bemerkungen dazu her- 
vorgehoben, aber nicht als förmliche Kategorie angenommen wurde, wie 
denn auch das Material dazu nicht vollständig vorlag. Appositionelle 
und präpositionelle Verhältnisse finden bei den verstärkenden Zusammen- 
setzungen so offenbar statt, dafs neben manchen derselben, die wir durch 
Constructionen mit »bis", „wie" erklären, aufgelöste Redensarten mit 
eben diesen Partikeln bestätigend und gleichbedeutend herlaufen. Bei 
einigen müssen appositionelles und präpositionelles Verhältnil's zusammen- 
genommen und zur Erklärung ganze Sätze gebraucht werden, die doch 
den genauen, oft aber auch vagen Sinn und die kräftige Kürze der 
Zusammensetzung weder zu erschöpfen, noch zu ersetzen vermögen. 
Oft schwanken auch die beiden ersten Arten nicht blos unter sich, son- 
dern auch zur dritten hinüber, so dafs einzelne erste Wörter auf den 
Grenzscheiden der drei Kategorieen stehen, oder theilweise durch zwei, 
ja durch alle drei hindurchgehen. Dieser Umstand läfst es als ein an 
sich fast unmögliches, jedenfalls höchst schwieriges und undankbares Ge- 
schäft erscheinen, die im Allgemeinen wohl gültigen Kategorieen, d. h. 
die denselben äquivalenten Constructionsweisen , durch alle einzelnen 
Fälle durchzuzwängen; und da wir, was sich ohne Gewaltthätigkeit ge- 
gen Gefühl und Verstand allenfalls in erklärender Auflösung versuchen 
läfst, bei den einzelnen Wörtern der Verzeichnisse gröfstentheils schon 
beigebracht haben, so beschränken wir uns hier füglich auf eine kurze 
Uebersicht dessen, was früher sporadisch bemerkt werden mufste. 

1. Präpositionales Verhältnifs. Es kommt hier in Betracht, 
in weitaus den meisten Fällen, die Präposition „bis", „bis zu"; so bei 
den ersten Wörtern: blut, haut, grund (?), boden, kern (?), maus (?), 
Splitter, (fasel, nadcl), nagel (?), tod, haar. 

Bei „diet, hut, weit, menschen, äugen" läfst sich vor, für annehmen. 

Bei „herz, seelen" (-gut) denkt man sich: von Grund, im Grund 
des H.; auch die Zusammensetzungen mit grund- selbst sind der Aus- 
legung „von Grund aus" fäln'g, welche aber nur die Kehrseite von 
„bis" ist. kern- läfst sich auch denken als im Kern; ebenso: hirndumm, 
lendenlahm, „licht-, tag-, kerzenhell", wenn dies wirklich Verstär- 
kungen sind, gehören mehr zur Vergleichung mit „wie". Das Adv. lich- 
terloh ist als genitivische Fügung (hchter Lohe) zu erklären. 



Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. Wtf§ 

Zum ^bis" tragen wir noch nach: runzelalt, spundvoll, altn. fley- 
tifuUr. Auch gehören dazu die meisten der verbalen Bildungen, wozu 
noch nachzuholen das altn. galltömr (tönend leer), „muck-, piepstill'' 
werden zu erklären sein: so dafs nichts muckst, piept; „butzfinster'' 
ähnlich: so dafs man sich vor B. fürchten mufs. Vgl. maus-, federstill, 
topfeben, wunder- heifst ebenfalls: so dafs man sich verwundern mufs; 
spott- =z zum Spotten, bildschön kann heifsen: zum Abbilden schön, 
so schön, dafs es abgebildet zu werden verdient, oder: schön, wie ein 
Bild (das die Naturschönheit immer noch übertrifft). Im letztern Falle 
gehört es zum Folgenden. In allen Fällen des präpos. Verhältnisses 
wird Ziel oder Grad der Eigenschaft unmittelbar, durch das erste 
Wort selbst, angegeben. 

2. Appositionen vergleichendes Verhältnifs: a. concret indi- 
viduelles. 

Hier erfolgt jene Angabe nicht unmittelbar, sondern durch eine 
dazwischengeschobene Vergleichung, mit einem Gegenstand aber, in 
welchem die Eigenschaft in ihrer höchsten, oft spezifisch typischen Vol- 
lendung erscheint, so dafs er selbst das Ziel oder den Grad in sich dar- 
stellt und eine eigentliche Nennung desselben überflüssig macht. Dieses 
scheinbar compliciertere, in der That aber sinnlich lebendigste Verhältnifs 
ist offenbar auch das beliebteste und häufigste, für die Erklärung mit 
keinen weiteren Schwierigkeiten verbunden. Wir können unmöglich die 
ganze Masse der dazu gehörigen Fälle aus den Verzeichnissen nochmals 
hieher setzen, sondern beschränken uns auf die üebersicht der ersten 
Wörter und eine Auswahl aus dem zweiten Verzeichnifs. Durch einfa- 
ches „wie" erklären sich die Zusammensetzungen mit : bäum, bein, bickel, 
blitz (-schnell), bock, boden (-fest, -hart), brand, eichel, fisch, feder, 
finger, fuchs, himmel (-schön, -weit, -hoch), hölle (?), hund (?), kind, 
maus (?), mutter (-nackt), nagel (-fest), pudel, sau, schnee, Spiegel, 
sonne, stein, stock, tag, tod, vogel. Aus dem zweiten Verzeichnifs: 
sämmtliche Composita von: -bleich, -blafs, -bitter, -dick, -dumm, -dürr 
(mit Ausnahme der verbalen), -faul, -fest, -fett, -finster, -gerad, -ge- 
sund (ausgen. kern-?), -giftig, -grob, -hart, (ausgen. die verbalen), 
-hell, -hoch, -jung, -kalt (mit Ausn. der verbalen), -krumm, -lang, 
-leicht, -lauter, -mager, -nafs (ausg. d. verb.), -neu (ebenso), -rund, 
-roth, -sauer (ausg. d. verb.), -schnell, -schön, -schwarz (ausg. rippel-), 
-schwer (blei-, berg-), -stark, -steif, -still, -stumm, -süfs, -treu (fel- 
sen-, stein-), -voll (hagel-, sack-), -warm, -weich, -weifs (ausg. d. 



]98 Ueber die verstärkenden ZusammenBetzungen. 

verb.), -weit, -wild. Dazu die einzelnen: spandünn, spinnefeind, rat- 
tenkahl, messerscharf, hummeltoll, salztrocken, fingerzahm u. a. m. 

3. (2, b). Abstractes Verhältnifs. 

Als Vorstufe steht diesem das präpositionelle näher als das apposi- 
tioneile, wenigstens dem Begriffe nach; denn einige, ja vielleicht gar 
alle Fälle der Abstraction sind zu erklären aus ursprünglicher Verglei- 
chung, deren Gegenstand aber im Lauf der Zeiten und des häufigen 
Gebrauches seine concret individuelle Farbe so weit verlor, dafs nur 
noch der Zweck, nicht mehr der Grund der Verstärkung an ihm haf- 
ten blieb, wodurch er also zum blofsen directen Mittel derselben her- 
absank und eben insofern der präpositionellen Unmittelbarkeit sich an- 
nähert. Von einer Auflösung durch grammatische Construction kann 
hier nicht mehr die Rede sein, vielmehr stellen wir gerade diejenigen 
Zusammensetzungen unter die Kategorie der abstracten, die sich in keine 
der sonstigen Erklärungsweisen fügen wollen. Sie erscheinen von der 
einen Seite als sehr innige, von der andern als sehr lockere, wie sie 
denn auch zwischen eigentlicher und uneigentlicher Form schwanken; 
sie neigen nach der ersteren Richtung, sofern sie einen untrennbaren, 
nach der andern, sofern sie doch nicht den bestimmten, runden, eigen- 
thümlich neuen Begriff enthalten, den sonst eigentliche Composition er- 
zeugt, sondern in einem gewissermafsen mechanischen, äufserlichen, eben 
„ abstracten ** Nebeneinander verharren. Bei 1 und 2 blickt durch den 
allerdings auch schon vorwiegend quantitativen Charakter der Zusam- 
jnensetzung doch die qualitative Grundlage derselben hindurch, und es 
findet mehr oder weniger eine Mischung und Durchdringung zweier eben- 
bürtiger Bestandtheile Statt ; hier aber bringt das erste Wort nichts an sich 
Selbständiges zum andern hinzu, sondern ist blos präfigiertes Zeichen ei- 
ner nicht wirklich vollzogenen, sondern in in commensur abier Weise zu voll- 
ziehenden Steigerung der in sich selbst gleich bleibenden Qualität. Diese 
schärfste Begriffsbestimmung, wonach solche erste Wörter fast den Werth 
blofser Partikeln (wie etwa das nhd. ur-) erhielten, gilt freilich nicht von 
allen in gleichem Grade; schon oben ist bemerkt worden, dafs mehrere hier 
unter 3 aufgeführte Wörter auch unter 1 und 2 vorkommen, also noch 
Spuren ihrer concretern Gebrauchsweise an sich tragen und zum Theil 
nur bis an die Schwelle der abstracten reichen; den tiefem, mythisch 
oder christlich religiösen Hintergrund, auf dem der abstracte Gebrauch 
bei andern beruht, haben wir im Einzelnen schon angedeutet und kom- 
men noch einmal darauf zurück. Die Wörter selbst sind: blitz, blut. 



Ueber die verstärkenden Zusammensetzangen. #99 

boden (?), donner, enz, erz, erde, fatzen, gm, got (und Namen einzel- 
ner Götter), hagel, beiden, himmel (-angst, -trürig), böllen, hexen, haupt, 
bund (?), irmin, keib, ketzer, kreuz, magan, mord, ragin, sau (?), sin, 
stein, stock (diese beiden vielleicht auch ganz in 2 unterzubringen), 
Stern, sünde, tag, tod, weit, weiter. 

III. Schlufsbemerkungen. 

Sehen wir von den nur individuell verstärkenden Zusammensetzun- 
gen ab, deren die ältere Sprache wol ebensoviel, oder noch mehr, als 
die spätere besessen haben mag; sehen wir aber auch in Bezug auf 
die allgemein verstärkenden ab von dem Umstand, dafs manche hieher 
gehörige Zusammensetzungen der alten Sprache in ihren Denkmälern 
nicht leicht vorkommen konnten, oder mit ihnen verloren sein mögen, 
so zeigt eine Vergleichung der vorhandenen mit denen der neuern Spra- 
che folgendes Resultat: 

1. Die abstract verstärkenden Zusammensetzungen der altern Spra- 
che sind an Zahl geringer, nämlich nur die mit: ans, got, (thor, tyr), 
magan, ragin, diet, gin, liut, irmin, weralt, sin, tag, tod, wunder. 

2. Sie zeigen alle einen edeln, ernsten Charakter. 

3. Die spätere Sprache scheint die, ursprünglich schon den einfa- 
chen Wörtern inwohnende, sinnliche Vollkraft, als sie zu schwinden be- 
gann, durch Zusammensetzung wieder auffrischen oder stützen gewollt 
zu haben, indem sie die Namen auffallender, aber allgemein bekannter 
Aeufserungen gewaltiger Naturkraft oder dämonischer Macht, Namen 
von Gegenständen allgemeiner Verehrung oder allgemeinen Absehens, 
jedenfalls Namen von die Phantasie und das Gemüth irgendwie lebhaft 
erregenden Erscheinungen, ohne spezifische Beziehung auf den Inhalt 
des zweiten Wortes, oft selbst mit Schwanken zwischen guter und übler 
Bedeutung, nm' als Exponenten eines unbestimmten Gröfse- oder Kraft- 
verhältnisses, jenem vorsetzte. Die so entstandenen Producte leiden 
(imd das gilt auch von den weniger zahlreichen der älteren Sprache) 
an einer gewissen Unbestimmtheit; sie nehmen in der spätem Sprache 
überhand, besonders in den gemeinern und roheren Weisen derselben; 
sie zeigen hier zwar eine gesunde, oft bezeichnende Kraft, gehen aber 
von der Derbheit oft bis zu komischer Plumpheit und Ueberladung und 
charakterisieren sich auch schon rein sprachlich als wem'ger gediegen 
bald durch die Form blos uneigentlicher Zusammensetzung, bald durch 



200 Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen. 

nur onomatopoetische, oder ganz uneigentliche Bedeutung, endlich durch 
willkürliche, lockere Häufung der Verstärkungswörter. Diese letztere 
verlangt noch einen besondern Rückblick. Sie findet am meisten Statt 
bei den Adjectiven: allein, bös, dick, dumm, dürr, fest, müd, nackt, 
finster, nafs, neu, todt, voll, roth, schwarz, weifs. Auch die Häufungs- 
wörter sind, wie die Adjectiva selbst und die einfachen Verstärkungs- 
wörter, bald von concreter, bald von abstracter Art; von den ersteren 
z. B. nietnagelfest, fuchsfeuerroth. Nicht leicht allein, sondern meist 
nur in Häufung mit andern und dann ganz abstract und fast sinnlos, 
auch unter sich in keiner nothwendigen Folge kommen vor : hagel, erde, 
stern. Ueberhaupt bewährt sich an dieser ganzen Erscheinung der un- 
gemeine Hang der Sprache, besonders der späteren, welche im Grunde 
darauf allein angewiesen ist, zu Neuschöpfung nach blos äufserer Ana- 
logie, welche freilich nicht immer von glücklichem Instinct und richti- 
gem Mals geleitet wird und die verlorene Unmittelbarkeit weder zu er- 
reichen, noch zu ersetzen vermag. 

In den ersten und zweiten Wörtern unserer Verzeichnisse sind fast 
alle Gebiete des Daseins vertreten: das der specifischen Materie, das 
der animalischen Vitalität und das Sittliche des Geistes und Gemüthes; 
dennoch wurde vollständige Aufzählung alles hieher Gehörigen weder 
erstrebt, noch erreicht. Das hier gesaromelte Material dürfte aber ge- 
nügen, die Art und Weise dieses Sprachtriebes nach den verschiedenen 
Seiten seiner möglichen Wirkung darzustellen. Schwerlich kommen in 
den Mundarten noch andere reine VerstärkungsM^örter vor ; concretere 
dagegen und mehr nur vergleichende mag jede Mundart noch manche 
eigen haben, ja immerfort noch neu schaffen, und die ersten Wörter 
unseres Verzeichnisses mögen noch auf manche zweite, die wir nicht ver- 
zeichnet haben, angewandt werden. Des Suchens wäre also kein Ende, 
und es lohnte sich wol eher der Mühe, den schon vorliegenden Stoff 
einmal zu sichten und abzurunden, als nur immer neuen aufzuhäufen, 
wozu die deutsche Sprachwissenschaft ohnehin Neigung genug hat. 
Schätzbarer wären Parallelen aus andern Sprachen gewesen; ich finde 
aber deren keine. Den romanischen Sprachen fehlt die dazu nöthige 
Leichtigkeit der Zusammensetzung überhaupt, vielleicht aber auch der 
Geschmack daran; die alten Sprachen scheinen, eben als solche, das 
Bedürfnifs noch weniger empfunden, oder es durch ihre häufige Anwen- 
dung des absoluten Superlativs befriedigt zu haben. Tiefere Kenntnifs 
der Volkssprache würde jedoch vielleicht Anderes finden. Homer liebt 



Beiträge zur Kenntnifs der Mundart der Stadt Iglau. 20| 

einige einfache Kraftwörter, welche vom Begriflf des Göttlichen ausge- 
hen, und braucht sie in sehr weitem, fast in dem Umfang unserer deut- 
schen Verstärkungen : isQÖg, äußgööiog, SsGir^aioq. Sonst liegt auf sei- 
nen Prädicaten die Thaufrische des Sprachmorgens, die noch keiner Zu- 
that bedarf. Die gewöhnliche Sprache zeigt zahlreiche Zusammensetzun- 
gen mit TTUv (ro), rrolv, rgig, welche, wie die deutschen mit all, voll, 
hoch, schon von Anfang allgemeiner und partikelhafter sind. 

Die einfachste, natürlichste Art des Superlativs ist Wiederholung 
des Wortes selbst. Grimm (Gramm. II, 665) führt von dieser Art an 
aus der altern Sprache: selpselpo, wiltwilde. „Es entspringt daraus eine 
Verstärkung des Begriffs, der die häufige mhd. Umschreibung des Su- 
perlativs durch den Positiv und Comparativ (lieber denne liep, bezzer 
denne guot) vergleichbar ist. — Im Russischen wird, zwar ohne Com- 
position, aber zu demselben Zwecke, das Adjectiv im Instrumentalis 
wiederholt: tschernim tschernii (schwarz -schwarz)." Die Kindersprache 
kennt wol allenthalben Bildungen wie: schön -schön, g'schwind - g-schwind ! 
Syntactische Figuren wie: „der Held der Helden, die Schönste der 
Schönen" sind rhetorisch - poetisch und liegen ohnehin über die Grenze 
dieser Abhandlung hinaus. — 



Beiträge zur kentnis der mundart der Stadt Iglan. 

Von Heinrich Karl Noe. 



An der böhmisch -mährischen grenze, aber noch zu Mähren gehö- 
rig, ligt Iglau, inmitten einer deutschen Sprachinsel, die mit der einen 
hälfte nach Böhmen, mit der andern nach Mähren hineinreicht. In di- 
ser deutschen Sprachinsel kann man ganz deutlich dreierlei mundart un- 
terscheiden: 1. den Iglauer stadtdialekt, d. h. die mundart der bewoner 
der Stadt Iglau, 2, den Iglauer bauerndialekt, die mundart der Iglau 
zunächst gelegenen Ortschaften, und 3. die mundart des nördlichen drit- 
teils der erwänten Sprachinsel, welche gegend und mundart von den 
Iglauern „das Pachterische" genannt wird. Diser dritte dialekt ge- 
hört, so vil ich davon zu hören gelegenheit hatte, mer zu den schle- 
sischen mundarten als zu den östreichisch - bairischen , wozu der Iglauer 
Stadt- und bauerndialekt gehören. Der unterschid zwischen den beiden 



202 Beiträge zur Kenntnifs der Mundart der Stadt Iglau. 

letztern, obwol sie auf gleicher grundlage stehn, ist besonders durch 
die dem bauerndialekte eigentümliche vergröberung der vokalverhältnisse 
ein zimlich bedeutender, so dafs der städter oft mit mühe nur den bau- 
ern verstehen kann ; es wird die schwirigkeit des Verständnisses noch 
erhöht durch dialektische verschidenheiten im bauerndialekte selbst. Wie 
eine solche verschidenheit zwischen dem Stadt- und bauerndialekte mög- 
lich, wird erklärhch, wenn man bedenkt, dafs die 20000 einwoner Iglaus 
au(5schlie(Slich gewerbsleute sind, im geraden gegensatze zu der auf- 
schließend ackerbau treibenden landbevölkerung. Was den Iglauer 
Stadtdialekt selbst betrifft, so findet er sich in seiner vollen eigentüm- 
lichkeit nur bei den tuchmach ern, welche den hauptbestandteil der ge- 
werbsleute und der einwonerschaft Iglaus bilden, indem aller gewerb- 
liche verker in Iglau sich in der tuchmanufactur vereinigt. Den Iglauer 
Stadtdialekt nun sollen dise blätter behandeln, und zwar will ich zuerst 
die laut- und Wortverhältnisse unsers dialektes geben und dann ein klei- 
nes idiotikon folgen laßen. Es versteht sich von selbst, dafs es sich da- 
bei nur um das unserm dialekte eigentümliche, von der Schriftsprache 
abweichende handelt. Ich betrachte meine darstellung zugleich als einen 
beitrag zur nähern kentnis der süddeutschen dialekte, jedoch kann ich 
das genaue Verhältnis unserer mundart zum östreichischen dialekte nicht 
angeben, da ich letztern vil zu wenig kenne, um da stichhaltige schlüße 
ziehen zu können. 

I. Die lautverhältnisse. 

A. Die vokale: 
1. Die kurzen vokale. 

1. a, der kurze, dem o sich nähernde mischlaut zwischen a und o; 
ä =: mhd. a: Ihchn, mäch-n, zhnd, zan, bäch-n, backen, schhttn, 
flhmma, spännd" , khpp-n, katz, kratz-n, schwhlm, schwalbe, gfhff, 
pfaffe, khlt, g'whlt, sphltn, hbls, hd'm, dhdm, mhrch, mark, 
schhrf, schlhngd, achwhngd' , gfbmd, pfand, schwänz, fiaks, gflh- 
t «fe', pflaster, rhstn, mäa'b, mürbe, äsH, assel. 

a = mhd. ä: dhcht, docht, Ihß-n, strhß-n. 

a =r mhd. o findet sich nur vor r und entsteht durch weiche voka- 
lische ausspräche des r: dha'f, hh^'g^n, vd'dhd'hm, g'fhrcht-n, khah, 
khan, sha'gn, wba't (warte und wort), ha't (art und ort); doch 
' schreibe ich lieber od'. 



Beiträge zur Kenntnifs der Mundart der Stadt Iglau. 203 

a und a, der kurze reine a-laut. Für disen reinen laut, der, wo 
er gesprochen wird, immer wie d lautet, setze ich a, wenn auch 
im mittel- oder neuhochdeutschen demselben ein a-laut oder des- 
sen Umlaut entspricht, d dagegen, wo er au(i andern lauten ent- 
sprungen ist. Er ist im ganzen vil weniger verbreitet als das h. 

a z:^ mhd. a: daxhttnd, akalln, ansingen, hante' , starr, hokstarr, 
brack'n, tata, mama, watschlnaß, und in einer reihe von fremden 
Wörtern: antn, ente , faadln, faseolus, matdre, eiter, kassa, klaa, 
kafe. 

a = mhd. se: raß, mhd. raeze. 

a - - mhd. e, also nichteintreten des umlauts ; klachd, g-hdck, kamp'l, 
kämm, kratz'l, packs-l, päckchen, schlankd, vagabund, hafH, 
hax'n, fu(5, tantdrei, zarr-n. 

d =. mhd. ei: zdga', zeiger, zdchd'n, zeichnen, sdff'n, seife, aldch'n, 
abbetteln, adch'n, seichen, dehn, eiche, durchwdchl'n , durchprü- 
geln, abldch'n, abbleichen, d, ein, hdtz'n. 

e, der kurze helle und scharfe e-laut: 

^ = mhd, e: fest, h4tt, l4ff'l, h4ck, bäcker, d^ck- , eck, schm4ck'n, 
wdtt'n, s4tz"n, schdtz'n, b^fSa', 4ße', ejiich, Uscifn, k4lt'n, 4ü'n, zäl'n, 
schmilz'n, Mcht. 

e =. mhd. e: schnM, schwistd'. 

e ^=z mhd. ö: die pluralia heck', steck', rick' , frisch' licka ; die di- 
minutiva hUchl (vom mhd. bloch), knepp'l, knöpfchen, tripp'l, 
tröpfchen, zepp'l, zöpfchen, lich'l, löchlein, viga'-l, vögelchen. 

e rr mhd. oe: hech'n, höhe, grißa' , ristrn, scMß'l, schoße. 

e ■=. mhd. i, in den ableitungen auf -e, -en {-z=. in) und -e (= -ig, 
-ich); da aber dise silben nicht betont sind, so schreibe ich ein- 
fach e: g'stänvpe, birnmel, klivnpare, geklimper, hecken, bäckerin, 
bur garen, n4.te , nötig, /i^cÄ^e', erzürnt, trawe , unglickle'. 

d', der kurze getrübte e-laut. 

e zzz. mhd. e: glepp'n, kleben, grehß, kreb(J, stech'n, well'u, volunt, 
treff'n, leck'n, vd'geß'n, g'seß'n, meß'u, stel'n, mel'n, melden, f^ld, 
weit, sted'n, stem, vddea'h'm, verderben, he'd'wea'g, herberge. 
fea'sch'n, ferse, ßechtn, dresch'n. 

e =. mhd. e: gest (plur.), fremd. brennS , hennd, ken')}^ , rentva, 
schn'eck' , steck'n, feß'l, fäßchen, held, krenk'n, resch, rest, werz'n, 
Warze, die plur. hend', gens' , ze7id'. 

S = mhd. ö : ea'fo', örter, deafd', dörfer, wea'td', Wörter, mecht', möchte. 



204 Beiträge zur Eenntnils der Mundart der Stadt Iglau. 

e =z mhd. i in brenga, kerschVn, kirsche. 

e = mhd. ü in derf'n. 

e = mhd. e in e'date. 

e =z mhd. i in klepp'n. 

e rr mhd. ei in emmd , eimer, 

5. 9, ein zwischen a und e ligender kurzer laut, immer unbetont, meist 

au(5 einem flexions-e entspringend. 
.' 9 =z: mhd. e: wolh, sunna, springa, nenn», vata', rmitt», valian, ver- 
lieren. 

9 = mhd. a in davo, dafid', dafür, aso, also, 'arum, herum (mhd. har 
neben her), 'arauß, heraus, ms, man. 

a = mhd. nhd. ei in hirwa\ kirchweihe, ärwat, arbeit, amaß'n, ameise. 

a = mhd. uo in wia'mat, wermut. 

6. i, der kurze reine mittel- und neuhochd. i-laut: 

i rrr mhd. i: ripp'n, sich'l, sicka' , g'witta' , hiß, stimm', schwimme, 
rinnd, apinna, zipp'l, zipfel, schick'n, wild, stia'n, hia'k'n, spAnga, 
stink'n, ring, winia' , toind, grind, Scabies, schrift, mischn, stiftn. 

i =: mhd. ie: krich'n, krich'l, prunus, schiß'n, spiß'n, licht. 

i ■=: mhd. e in schia'm, scherben, hilf, schmia'z'n (infin.). 

i nr mhd. e: fia'mB , färben, ia'm^' , ärmer, ia'ga' , ärger, wixa'n, 
wächsern, irw'l, ärmel, hia'td', härter, kia'z'n, kerze, ia'ma", erben, 
ia'btdl, erbteil, mia'k'n, merken, atia'k'n, stärken; hirbst, herbst. 
Man siht, dafs wol das nachfolgende r, vertreten durch das a, 
dise Veränderung von e in i hervorruft; man findet aber auch 
ating'l. 

i = mhd. ü. Unsere mundart, wie überhaupt die bairisch - östrei- 
chische, kent das mittelhd. und neuhd. ü nicht; diser laut wird 
immer i gesprochen. Ich gebe einige beispile: knitvl, dirr, dinn, 
ahnippn, anknüpfen, glick, hittn, kias-n, wirk'n, atia'z'n, sturz- 
deckel, ßd'at, aind- , sünde, schißd, achliß'l; — rick'l, röcklein, 
tipp'l, töpfchen, kia'niga' , körniger, hilza'naa, hölzernes, tricka'n, 
trocknen, deuten auf die mittelhd. formen diser Wörter mit ü. 

i z=z mhd. üe: bichea, buchenes, tich'l, tüchlein, 6icÄ*Z, büchlein, 
griß'n, miß'n, aiß, fiß\ 

7. o, der kurze reine o-laut. 

o = mhd. o: wochn, wolla , klopp'n, hoff-n, g'aoff'n, g'holf'n, gold, 

oka, koch'n, g'atoch'n. 
= mhd. 6: groß'a (grozez), schoß-n (schöze). 



Beiträge zur Kenntnlfs der Mundart der Stadt Iglau. 205 

8. u, der kurze reine u-laut: 

u =: mhd. u: sumia, zupp-n, gfund, stump, truck'n, krump, lump-l, 

lunge, Sprung, luft, fuks, busch-n, busch, brüst, lust. 
u = mhd. o: g-nutnms , kurnnva , fud'm, wulk'n. 
u ■=. mhd. ü (u): bruchn, brücke, druchn, hupp'n, hüpfen, buck'n, 

luck'n, lücke, ruck'n. 
u = mhd. uo: hust, husten, buch'n, buche, such'n , futtd' , mutta'. 

2. Die langen vokale. 

1. a, die länge des mischlautes h: 

a r=: mhd. a: schmal, stal, namd, ram, hoT, han, 7wa~, mann, spa", 
span, gawl, gabel, awd' , aber, grab, nawl, nabel, tag, klag', 
back, sprach, stag'l, stahl, lan, laden, bad, vätd' , schäz, glas, 
Jiäs, gal' , galle, 7iar. 

a -=: mhd. o in wana" , wonen. 

a rr mhd. ä; mäl'n, pingere, quäl, haa' , jäd' , sama, amt, abend, 
ta , getan, schlaf, na-'l, nadel, ätn, atem, rät, spät, maß, äs, 
cadaver, bläs'n, mäs'n, cicatrix, drat, drat, gnäd, mäg'n, mohn. 

ä nz mhd. 6: käd' (köd'), chor, räd' (röd'J, ad' (od'J. 

ä =r mhd. uo in tä~, tun. 

2. ä, länge von a, und f^, länge von ä: 

ä =: mhd. a: hdm'l, hammel, ämd, amme, g'sdmle, gemisch. 

d ■=: mhd. e, nhd. ä: ei'fd'-ln, einfädmen, V9 hätschln, verhätscheln. 

d =z mhd. ä: wdwa, altes weib, trdm, balken. 

d ■=z mhd. ae: kds, dran, drehen, stdd, still, krdrwl, taberna. 

a = mhd. ei, eine durchgreifende regel mit ser wenig außnamen: 
klikd, nii , wvich, blAch, r&f, mhd. reif (im gegensatz zu reif, 
mhd. rif), f^m, l»m, lern, schwAß, finkm^s', ar, ei, sAtn, saite, 
zwvk,, tsd, sa,h' , hsim, wAnB , rtinig'n, g-md~, st»', t»g, br»t, 
schÄdwhßd', wdz, weizen, ha,[!), Idst, der leisten, nmnd, boT, g'schrd, 
hds'r, schwdf, rd" , rain und rein. 

Ä z=z mhd. i in wdl, weile. 

d = mhd. iu in nhchtal, nachteule. 

ä =r mhd. ou (ü) : tAm'ln, taumeln, aßdn, abflauen, schAb, bund stroh 
(ahd. scoup), A', auch. 

a =: mhd. öu in strA, streu, knAl, knäuel. 
.Az=: mhd. uo in mAm, mume. 

3. i, die länge von ^: 



206 Beiträge zar Kenntnifs der Mundart der Stadt Iglau. 

i r= mhd. e: hib'm, legn, id'lma, rid', ri'n, reden, ^s'l, kit-n, 

bi'-l, bettlein. 
^ = mhd^ e: Sh'm, eben, degn, lede' , ledig, pihz, pelz. 
i rr: mhd. ö in viga'-l, vögelein. 
i rr mhd. ü in k^e' , könig, m^gle , möglich. 
e = mhd. e: kle, sehne, we, iwe , ewig, 8&>, z^gn, zehe, schlegn, 

Schlehe, ste~ , ich stehe, gi" , ich gehe. 
e r= mhd. ae in aele , selig, gnide\ gnädig. 
i •=. mhd. ce in bis, nete' , nötig, se'chzenlitiga', ein durch tribener 

mensch, id', trestn. 
^ = mhd. ei, manchmal in kl^' , kleiner (comp.). 
4. i (sonst auch e), die länge von e: 

^ =: mhd. e: g^l, gelb, md, b^\ bär, Ubm, Ihoa' , leber, whjod\ 

weher, r^gn, regen, s^gn, segen, w^, stdg, pdch, ßdk, f^da', 

brät, wddd' , wetter, bes-n, Ids'n, bktn, gebeten, gS" (infin.), atf, 

stehen (infin.). 
^ nrz mhd. a in das, das (dises). 
i ■=. mhd. ae: schw^\ jäch, jäh, nä'n, nähen, Ud' , 16r, mäa'-l, mär- 

chen, achäd' , schere, spä", späne, g-sprdch, lautmäre, offenkundig. 
ä =z mhd. oe: hda'n, hören, red'n, röre, 3ehd~, 
ä = mhd. e: schä'-l, schädel, bU'-l, blättlein, hämdd, hemd. 
6. i, die länge von i : 

i ■= mhd. i: vÜ, Um'l, scMm-l, gspil, stb, sibm, stifl, Ug, ich lige, 

rig-l, strtg-l, ioig~n, stich, strik, sich-, sehe, schmid, ß'-l, fidel, 

trU, siz, sitz, schliz. schlitz, spiz, spitz, g-wis, wis'l. 
i z::=. mhd. e in bri'-l, brettchen, jja'w, gären, schwid'n. 
i = mhd. e; bh'-l, beerlein, kia'n. keren, blMg-l. 
I r=L mhd. ü: mü-, Mwl, kübel, iwl, übel, <?a', sV , söne. 
i =: mhd. t in paradis. 
i =z mhd. ie: kni, wi, bh' , stid' , rima , dind' , kfholz, dih, scMbm, 

ßwd, fiber, bign, krig , flig~n, zig'l, Ud, griß. 
i =:z mhd. üe: bli'n, blühen, glvn, glühen, grin, grün, ria'n, rüren, 

fh'n, füren, hf-l, hünlein, trib, mid, griwd'-l, grübchen. 
i ■= mhd. 86 in hid'-l, härchen. 
6. $, die länge von dem reinen o: 

6 — mhd. o: 6bm, löb'm, kof, grob, h&ivl, öf-n, bdgn, vdg-l, z$p, 

zopf, sehop, top, b^n, boden, h$a'n. 



BeitrSge zur Kenntnifs der Mundart der Stadt Iglau. %^ 

6 = mhd. 6: hdch, roch, roh, strd, flöch, floh, frdch, froh, Idch, 
tod, brot, lot, n6t, röt, groß, g'schldß, schoß, rös'n, trost, klöst»'. 
7. ü, die länge von u: 

ü z=z mhd. u: stubm, ßüg, sürm' , schüß, bükrl, 

ü .-=: mhd. ü: lüg, lügn, lügen, entspricht dem nhd. 

ü =r mhd. ü in natür. 

ü z= mhd. uo: kü' , rück', ruhe, schüch, frü', schul', stül, blüm», 
bü\ bube, sü" , son, grüb'm. krüg, g'nüg, gflüg, pflüg, buch, 
gut, blüt. V 

ü m mhd. üe in rüb-m, rübe. 

3. Die diplithonge. 

1. ai, die gleichmäßige Verbindung von a und i zu einem laute, gleich 

dem neuhd. ei -laute. 

ai ■= mhd. i: blai, drai, hairat, frai. zwaig, schnaib'm, schneien, 
schnai'n, schneiden, faü', ail', zail', laia'käst'n, faid'n, laim, raim, 
schlaim, mai~, dai", saiT, grain^', weinen, lai~mpt, leinwand, pain, 
schain9~ , schwai" , wai , blaib'm, laib, gfaif'n, agraimt, bereift, 
gaign, staign, taich, faign, feige, raiVn, saitn, seite, fraithof, 
raifi'n, schmaiß'n, flaiß, waiß, ais, ais'n, baicht etc. 

ai =: mhd. ei: aid, haid', paganus, kaisd , flaisch, gaist, maist. 

ai rr: nhd. i in fimaiß, anais, Katrain, Katharina. 

ai ■=: mhd. iu : nai, trai, haie, schaid', staid', taid', faid', naine, neun, 
hai'-l, beutel, kraiz, kraitd', kräuter, lais', lause, maia-, mause, taifl, 
daitsch, faicht, faistling, fäustling, fraind, zaig' , zeuge. 

ai =r mhd. öu: gai, gäu, hai, staiwd'-l, stäubchen, yraic?*. 

2. das ganz neuhochdeutsche au: 

au =r- mhd. ü : maid, saul, faul, maua', sau»', traitd', gßaumd, pflaume, 
räum, daumd, braun, haub'm, sawv»' , taub'm, hauf'n, sauf'n, 
bawn, bauch, braut, kraut, strauß, maus, hlaun. 

au ■=: mhd. ou : tau, frau, hawn, schawn, bäum, säum, träum, zäum, 
ataub, aug. 

Bemerkungen zum vokalismus. 

1. Unsere mundart kent demnach folgende kürzen: h, a und d, 4, 
e, 9, i, o, u; längen: a, d und d, i, ^ fej, t, 6, ü; diphthonge: ai, au. 
Es feien ir also folgende mittelhochdeutsche laute: ö, ü, 6, üe, iu, ou, 
öu, uo, ie. Es wirkt wol manchmal ein nachfolgendes 1 verdumpfend 



208 Beiträge zur Kenntnifs der Mundart der Stadt Iglau. 

auf ein vorhergehendes i oder e; allein di(i sind ser seltene fälle und 
können durchaus nicht einem ü oder ö gleichgestellt werden. Ebenso 
sind die durch die weiche vokalische au [5sp räche des r in unserm dia- 
lekte hervorgebrachten diphthongartigen laute, wie z. b. in dia' , durch- 
au(5 nicht den reinen mittelhochdeutschen diphthongen an die seite zu 
stellen und können keineswegs den mangel an solchen in unserer mund- 
art ersetzen. 

2. Ist au(5 den dargestellten Verhältnissen der laute unserer mund- 
art zu den mittelhochdeutschen ersichtlich, da[5 sich im ganzen keine 
durchgreifende regel aufstellen lä(5t. Die wenigsten au^namen finden 
sich beim Übergang des mhd. i in ai, des mittelhochd. ei in ä und a, 
und des mhd. ü in au. Am verworrensten sind die Verhältnisse der 
e- laute. 

3. Grojien einflu(J auf vorangehende vokale übt ein nachfolgendes 
r au[J, hauptsächlich villeicht durch die schon erwänte vokahsierung des- 
selben; man siht es am deutlichsten beim Übergang von mhd. o in a, 
und mhd. e und e in i. Auch findet man nie ein e oder e vor einem r. 

4. Von überauß grojJer Wichtigkeit sind die konsonanten in bezug 
auf das Verhältnis von länge und kürze der vokale. Doppelkonsonanz 
bewirkt immer schärfung des voranstehenden vokals. Wird die doppel- 
konsonanz aufgehoben, so tritt länge des vokals ein: schliz, stz, saz, 
koj), stok; dagegen: schlitz'n, sitz'n, setz'n, k^pp'l, steck'l. Tritt zu einem 
einfachen konsonanten ein anderer hinzu, so wird der vokal geschärft: 
hn,ß, hei(5 und hei[5e, hdß'ti, hei(5en, haß-s hrod; ich flig, ^d fligt. Aus- 
fall von konsonanten bewirkt natürlich auch länge: hett, he-l. Jedoch 
mu(i man auch auf außnamen gefaßt sein, da die volksmundart selten 
eine regel ganz durchfürt. 

5. Abfall von konsonanten bewirkt auch in den ableitungsendungen 
eine Schwächung des vokals, z. b. dickat, dickicht, w^garat, wegericht, 
traure, traurig ; aber a traurig's mdd'l, da' Uw^ndige taif'l und da' vd^'l 
is n4t m^' l^dnde. 

6. Was das flexions-e bctrifiit, so fällt es in der regel auß: est, 
gest', eß-n, laufen, träff'n, g-stohn; ebenso fällt das e bei der vorsilbe ge- 
und bei -el au[i: g'spilt, vog'l, stiehl; -er ist ininfer rr: a' : dhafa', tisch- 
la' ; -en nach m, n und ng wird nicht zu '7i sondern a : g-nunrnva , g'spun- 
na, gsunga. 

. ' ! ,7. Was endlich den umlaut betrifi't, so wird man in unserm dialekt 
konsequenz vermissen. Unsere mundart wert sich gegen den umlaut 



Beiträge zur Kenntnifs der Mundart iler Stadt Iglau. 309 

nicht so ser wie manche der süddeutschen dialekte. Bei der dekhnation 
ist der umlaut vil consequenter durchgedrungen, aber bei der ableitung 
tritt häufiges schwanken zwischen umlaut und nichtumlaut ein: Afalte, 
einfältig, g-scliäfte, geschäftig, eifa-l'n, raß, stddl, kastl, tvaßd'n, hand'l, 
klach'l, tstäd zeigen keinen umlaut, dagegen hört man : kapp-l und kepp'l, 
käppchen, kräg9-l und kr^ga'-l, kräglein, lodga-l und wdgd'-l, wägei- 
chen, steng'l und stangd, stänglein, Id'nd, ein kleiner laden, lä'-l und 
l^'-l, eine kleine lade, gaßd und geß'l, gä[5chen, u. a. m. 

B. Die konsonanten. 
1. Die flüjiigeii. 

Li. 

L hat durchgehends einen reinen laut, wenn es am anfang einer 
silbe steht, oder wenn im ein vokal vorausgeht. Nur wenn es durch 
au j5 fall eines e in enge Verbindung mit dem voranstehenden konsonan- 
ten gebracht wird, bekommt es einen unreinen laut, z. b. eng'l, händ'ln, 
fhck'l, Mm'l. 

Bei den diminutivis hat l den nicht legierten laut (Schmeller §. 529), 
was durch den au[Jfall von konsonanten bewirkt wird; z. b. md'-l, mäd- 
chen, std~-l, steinchen, vegd'-l, vögelchen, tvaiwd'-l, weibchen, hri'-l, brett- 
chen, m^d'-l, märchen, fingd'-l, brtdd'-l, brüderchen. 

Nirgends wird l abgeworfen; nur statt also hört man die beiden 
formen aso oder dso und äsa oder be(5er osa, dsa. Das erste ist das ge- 
wönliche so, z. b. d^s is net aso; das zweite wird in unserm dialekte 
nur vor adjectiven gebraucht, z. b. 6s9 ganzd' , ganz so wie er ist. 

Uebergang von l in r findet statt in kristid', sturp'ln, stolpern. 

B. 

Das r hat in unserer mundart eine ser gelinde ausspräche. Man 
kann einen wirklichen r-laut nur unterscheiden, wenn das r am anfang 
der Wörter, vor ch oder zwischen zwei vokalen steht, z. b. rot, brdt, 
lautm^re, g'rüre, zusammengerürtes zeug, kirchn. Sonst wird es immer 
unvollständig vokalisch ausgesprochen, indem man an seiner stelle ein 
9 oder a hört; mia\ wad\ whd'n, werden, stdd'bm, sterben, wua'm. Di- 
ses d ist nur der ansatz zum r; der eigentliche r-laut kommt nicht zur 
ausspräche ; daher man das zeichen für abgefallenes r mit vollem gründe 
setzen muS« 

Völliger auSfall von r findet statt in hd'h, (herb) böse gegen jemand. 

14 



210 Beiträge zur Kenntnifs der Mundart der Stadt Iglau. 

Von einem euphonischen r haben wir ein einziges beispil in g'schr^'n, 
und selbst dises wird fast verwischt. 

Uebergang von r in / findet statt in mäa'wl, "marmor, bälwid'n, bar- 
biern, malta' , mörtel. 

M, 

Das m wird ganz rein one nasalen nachklang gesprochen. 

Schwächung des ableitenden m tritt ein in tud'n und atn, atem. 

Statt der im neuhochdeutschen eingetretenen gemination des m hat 
hie und da unsere mundart noch das frühere mp erhalten ; z. b. krump, 
kamp'l, hänndkämp, hanenkamm, wämp'n. 

mf =z mhd. ff in gamfdrd, kampfer, mhd. gaffer. 

m geht über in w in irwl, ärmel, mäonvl, marmor (Schmeller, 
§. 318), ebenso auch md , wir. 

m fällt ganz au^ in e'd'wd'l, marmorsteinchen (Schmeller, §. 561), hi'- 
h^'-l, himbeere. 

TS. 

Das einfache unverbundene n wird nie nasaliert. Nasalierung des 
n tritt nur bei der Verbindung desselben mit g ein; ng hat in unserm 
dialekte sowol im in- als im au[Jlaut durchaujJ nasalen laut; es heißt 
immer singd, langa, stängd, nie sin-gd, län-gd, stän-g9, und sing, lang, 
häng lauten immer wie sin, län, hän. Auch gn hat im au(ilaut immer 
den nasalierten laut, z. b. sagn, tragn, Ugn, lügn, hogn, Ug~n. 

Im au(31aut wird n gewönlich abgeworfen: a, an, m», ich meine, 
w?.cr, mal', dai", saiT, schd, g^", stf, fa, fane, schwm, wat", 1c&, kein, 
n&, nein, schf, schön, l», ich lehne (mhd. leine), ha, M , hin, W, biene 
und bin, spä", hltST, klein, ddvo", davon, rai', pfanne. 

Abfall des n findet auch beim infinitiv und beim participium prae- 
teriti starker verba statt, jedoch nur in dem falle, wenn dem -en ein m, 
n oder ng vorausgeht, z. b. g'nwmmS, h'sunnd, h'sinvia, spinnB, spanns, 
springd, g'sungd". 

Auch in den fremden Wörtern auf -ion und -on wird das auslau- 
tende n abgeworfen: milliö, natio, passio, batalid, bataillon. 

Im inlaute wird n auch ser häufig ausgeworfen, besonders bei Wör- 
tern, welche ableitungen von solchen Wörtern sind, die das n außwer- 
fen; z. b. 8ehwai-l,ff-l, fänlein, rai'-l, gmitt, gemeint, gwvi't, geweint, 
gl&t, gelent, hf-l, hünlein. 

Stetiger außfall des n findet auch in dem außgang des partic. prae- 
sentis statt; z. b. hrünnSd, hockSd, tragd'd, trächtig. 



Beiträge zur Kenntnifs der Mundart der Stadt Iglau. . 2H 

Im anlaut wird n abgeworfen in ~est, nest, ~ad9 , natter. 

Doch muß ich bemerken, dap dise au(Jfälle des n keinen nasalieren- 
den einflu(S auf den vorhergehenden vokal ausüben; es soll daher auch 
bei allen solchen fällen das zeichen ~ nur den au(3fall eines n andeuten. 

Was einschiebungen von n betrifft, so findet sich eine solche im 
anlaut bei ndchkatz'l, eichhörnchen, nig-l, igel. Im inlaut wird es manch- 
mal zur Vermeidung des Zusammenstoßes zweier vokale eingeschoben : 
mdne, meine ich, kane, kann ich, hin4, bin ich, wine, wie ich, sten4, stehe 
ich, getie, gehe ich, tüne, tue ich. Bei den ersten drei beispilen wäre 
es fast nur ein widereintreten eines abgeworfenen n (Schmeller §. 608). 
Unsere mundart unterläßt es aber ebenso häufig, das n einzuschalten, 
und man sagt ganz gut: ste-e, tü-e, g^-e, M-e, ka-e. 

Wenn n vor m zu stehen kommt, so geht es in m über; z. b. wem- 
ma' , wenn wir, oder es fällt ganz auß: welma' , wollen wir, schnaimd, 
schneiden wir. Jedoch kann das nicht von dem nasal -n gelten: sagn- 
ttvd , sagen wir. 

Vor lippenlauten geht n in m über: fimfe, vd'nwmft, zukumft. In 
hanäf, hanf, wird der Übergang des n in m durch den zwischen n und 
/ tretenden vokal verhindert, üebergang des n m. m vor Zungenlauten 
findet sich in bims-n, binse, pems'l, pinsel, laitnamt, lieutenant. 

Trit n hinter h, so verschmelzen beide zu m; z. b. grüm, grübe, 
l^m, leben, salm, salbe, sted'm, sterben, ham, haben, amd, abend, schwälm, 
schwalbe, haum, haube, glaum, glauben, huchstam, buchstabe (Schmeller 
§. 576); doch schreibe ich lieber hm, um den leser nicht irre zu leiten. 
Wie bedeutungsvoll bei diser Verwandlung das n ist, zeigt sich in einem 
Worte wie fid'm^, färben, wo h doch zu m wird, wenngleich kein n son- 
dern nur ein auß -en entsprungenes -a~ folgt. 

Endlich ist noch der Übergang von gn in m in aumblick, augen- 
blick, und der von ng in mp in lumpd, lunge, zu erwänen; nd wird zu 
nn in g'stänna , gestanden, g'funna , gefunden. 

2. Die stummen konsonanten. 

a. Die lippenlaute B. P. PF. F. V. W. 

B. 

Es hat im allgemeinen den reinen weichen laut beibehalten. Die 

weiche außsprache des h bewirkt auch den Übergang desselben in w, 

sobald es zwischen zwei vokale zu stehen kommt; z. b. häwa', rauwa', 

stewa'n, stöbern, wbjod\ hewam', hebamme, 'driw9\ herüber. Diser über- 



2J2 Beiträge zur Kenntnif? der Mundart der Stadt Iglau, 

gang von b in w trit auch dann ein, wenn dem b ein l oder r voraus- 
geht und ein vokal folgt; z. b. selw^' , selber, häd'we9'g, herberge, bal- 
wira, barbier, /rZi^ja'. felber, sted'w9t' . ich stürbe; ebenso, wenn ein vo- 
kal oder r vorausgeht und ein l nachfolgt; z. b. höwl. hobel, neivl, 
schid'wl (scherbchen), bezeichnung eines kleinen tellerartigen geschirres. 
In f wird jedoch b in letztem falle verwandelt in knöf'l. knoblauch, 
zwtfl, dauf'l, daube, schrauf'n, schraube. Durch harte ausspräche ver- 
anlagter Übergang von b in 'pp findet statt in Tclepp'n, kleben. 

Spuren von einem früheren, dem stamm angehörigen w, in unse- 
rer mundart nz Z>, finden sich in spaibm, speien, spaibt, speit, schnaiht, 
schneit, schnaibm, schneien, blab, blau. 

Vor m geht b auch in m über; z. b. gimrm's, gib mir es, hemma'i 
auf, hebe mir es auf 

In buhu, uhu, scheint das b so vorgesetzt wie n in nig-l. 

Abfall von b findet statt in bu , bube, gd' , gelb, Id'kuck, Wzeltn9\ 
lebkuchen, lebzelter, und in a , ab-, mit auSname des einzigen abßa'n, 
abführen. 

P. 

Es ist ein charakteristischer zug unserer mundart, wie überhaupt 
der östreichisch-bairischen, da^ das Verhältnis der tenuis zur media vil- 
fach, ja man kann fast sagen durchgehends , verwischt ist. So ist es 
auch beim p der fall. Es hat selten den im zugehörigen harten laut, 
sondern entweder einen zwischen hart und weich schwebenden, oder den 
völlig weichen laut. Letzteres ist besonders im anlaut der fall; man 
spricht immer: behz, bad, blätPn, bwmp-n, babia' statt pelz, par, platte, 
pumpen, papir. Ich werde jedoch, sowie auch bei g statt k, mich im- 
mer an die neuhochdeutsche Schreibung halten, und bitte daher den le- 
ser, sich des gesagten dann erinnern zu wollen. 

Einen etwas härteren laut hat das p am ende der Wörter, als ge- 
mination und in der Verbindung mit liquiden im inlaut; z. b. köp, köpf, 
hupp'n, hüpfen, stämp-n, stampfen. 

PF. 

In unserer mundart findet sich, wie im schlesischen (Weinhold, gr. 
73), kein einziges pf. 

Im anlaut wird pf immer zu gf; z. b. gfann9, pfanne, gfard, gfäff-, 
gfau, gf^'d, pferd, gfingst'n, gflanz-n, pflanze, gfund, gßug, gfoatn, 
gfvd'sch'n, pfirsich. 



Beiträge zur Kenntnifs der Mundart der Stadt Iglau. %\% 

Im au(51aut ist pf immer p; z. b. köj) top, zöp, schöp, krnp, strump, 
hramp, stump (vgl. Weinhold, gr. 73. Schmeller §. 618). 

Im inlaut ist pf vaeisi pp: z. b. klopp-n, stopp'n, liupp'n, hüpfen, 
tipp-l, töpfchen, kroppat, kropfig, azepp-n anzapfen, teppa', töpfer, zipp'l, 
zipfchen, stepp'l, (stopfel) stöpsel, zepp-l, zöpfchen, akiiipp-n, anknüpfen, 
4pp'l, apfel, ei'schepp-n einschöpfen, tropp'n. tropfen (Weinhold, gr. 73). 
In/ wandelt sich pf im inlaut bei folgenden Wörtern: dämfmel, dumfe, 
dumpfig, schimfan, kUmfna' ; ff statt pf hört man in kiffl statt kipfl. 

F. V. 

Von einem unterschiede einer härtern und einer weichern labial- 
aspirata, wie in z. b. die schlesische mundart kennt (Weinhold, gr, 74), 
weiß unser dialekt nichts; / und v stehen auf gleicher stufe und sind 
bezeichnungen für eine und dieselbe, eher weich als hart zu sprechende 
labialaspirata. 

Eine vergröberung des f- lautes sehen wir in einigen Wörtern, wo 
dem ursprünglichen f ein g vortrit; z. b. gßeoina , weinen, gfenig'l, 
fenchel. 

Das V in fremden Wörtern wird bald wie/ au(5gesprochen, wie z. b. 
in ßsitid'n, fexid'n, fazirat oder wie w, z. b. in 'arumioagia'n. wagabund. 

Die Wörter leps-n. lefze, und iveps'n, wespe, erinnern uns an die 
mittelhochdeutschen formen derselben (lefse, wefse), zeigen also einen 
Übergang des / in p. 

1¥. 

Diso Spirans konmit ursprünglich nur am anfang der Wörter vor, 
im au|31aut nie und im inlaut nur ser selten, wie in g'schiouriob, ge- 
räuschvolles gedrängc von menschen, g'milwa, zusammengelegenes stroh, 
und in fällen, wo w auß ursprünglichem h entstand. 

Uebergang von lo in m findet sich in wenigen Wörtern : lai'mat, 
leinwand, ma', wir, schwalm, schwalbe (mhd. swalewe). Vgl. Weinhold, 
gr. 75. Schmeller §. 685. 

Vom euphonischen w, von dem Schmeller §. 686 so vile beispile 
aufzält, findet sich in unserer mundart kaum eine spur; man hört nur 
manchmal Jesuwit. 

b. Die Zungenlaute D. T. Z, S. Sz. Seh. 

». 

Das d wird im ganzen rein gesprochen, nur im anlaut und außlaut, 
vor und nach andern konsonanten bekommt es einen zwischen hart und 



214 Beiträge zur Kenntnifs der Mundart der Stadt Iglau. 

weich stehenden mischlaut. Man siht die weifche auj5sprache des d am 
deutlichsten dann, wenn es zwischen l und n, r und n, und zwischen 
einen vokal und n oder l zu stehen kommt, wo es dann ganz verklingt ; 
z. b. hö'n, boden, lan, laden, fan, faden, schnai'n, schneiden, mel'n, 
melden, wed'n, werden, ai'lan, einladen, lai'n, leiden, ban, baden. Förm- 
liche abwerfung findet statt in wid' , werde. 

Vor t geht d auch in t über, und dise gemination bewirkt auch zu- 
gleich schärfung des vorau(5stehenden langen vokales; z. b. bätt, geba- 
det, von ban, schätt, schadet, von schan. 

Im anlaut fäUt d ab in den tonlosen formen des artikels : 's, 'n, 
das, dem, den. 

Ueber iindd, eher, sihe Weinhold, gr. 76, wo auch weitere stellen 
citiert sind. 

Merkwürdig ist der Übergang von c? in Z in ßlibus statt fidibus, und 
des c? in 5 in kraibm statt kreide. 

T. 

Berürungen zwischen tt, t und d kommen häufig vor, insofern als 
tt oder t in d übergeht; z. b. br^d, had, hat, schnid. rid {in B,n rtd, in 
einem fort), städ, stadt, städ, langsam, trid, doda', dotter, schnädd'n, wdda'. 
In andern vereinfacht sich blo(5 das tt in t; z. b. Mt-n, scklH-n, vata', 
zitd'n. Wenn ein tt oder t auf dise weise in d übergeht, so kann es 
auch so wie das d ganz verklingen; z. b. b^'-ln, betteln, be-l, bettlein, 
bW-l, blättlein, brd'-l, brettchen, ki-l, kittel, bai'-l, beutel, bai'-ln, beu- 
teln, seht -In, schütteln, ze-l, zettel. 

Abgeworfen wird t in is', ist, haip-l, häuptel, drdhawpat, drehhäup- 
tig, mark', markt, äl'bäch-n, altgebacken, lai'kauf, leitkauf. 

Hinzugefügt wird t in destwegn, deswegen, ända'st, anders, nist'n, 
niesen, äst-l, assel, k4ßt-l, ke(Jel, ked'schtn, kirsche, semft, senf, dahamt, 
daheim, nacht, darnach; ebenso hört man zwischen n und seh in der 
doppelkonsonanz nsch immer ein t; z. b. mentsch, päntsch'n, mäntsckn, 
wuntsch, trantscMd'n, ze'trantsch'n (vgl. Schmeller §. 680). 

Zu bemerken ist auch Übergang von t \n k \n fanka'l, ein aufge- 
wecktes kind (vgl. Schmeller, I, 543). 

K. 

Das z hat ganz dieselbe au(idenung wie im neuhochdeutschen. In 
unserem dialekte wechselt z nie mit andern konsonanten, außer ein ein- 
ziges mal erweicht es sich zu ß: hed'npilß'n, herrnpilz. 



Beiträge zur Kenntnifs der Mundart der Stadt Iglau. 815 

Sa. 
Zwischen ß und s besteht in der ausspräche keine verschidenheit. 
Ich werde jedoch ß da gebrauchen, wo es nach der historischen Schreib- 
weise hingehört. 

S. 
S wird im ganzen mild gesprochen, wo es rein gesprochen wird. 
Im anlaut tönt s in konsonanz Verbindungen aspiriert wie seh; z. b. 
skläv, ^j>a, sie, spil'n. Eine au(5name davon macht mirhstemp'l , offen- 
bar merk-stempel, da das wort die bedeutung von merkzeichen hat, aus- 
gesprochen jedoch immer wie mirks-tempd, als ob es mit tempel in Ver- 
bindung stünde. Auch in- und auslautend findet dise aspiration des a 
statt und zwar 1) nach r: hid'sch, sowol =: mhd. hirz, hirsch, als auch 
=2 mild, hirse, hirse, fed's'n, ferse, gßa'fn, pfirsich, hasamd' dirvd, ver- 
derbt au(J gehorsamer diener, mtdsTid', mörser, dtta'st, i-d'ist, erst, fi9'st, 
ged'st'n, gerste; 2) in der Verbindung mit p; z. b. hasp'l, räspd, Käsp9\ 
fispd'n; 3) in ämsch'l und drosch'l statt amsel und drossel; 4) in Ver- 
bindung mit t zu st nur dann, wenn dem st ein r vorausgeht, und auch 
da nicht, wenn das st der flexion angehört; man sagt daher immer nur 
ßd'st, heged'st, nie ßd'st, bege'd'st, (du) fürst, begerst. 

Seh. 
Seh hat in unserer mundart durchgehends harten laut. 
Vortretendes seh findet sich in schwurwln, wirbeln (vgl. Weinhold, 
gr. 82). Anlautendes seh wird in tseh verschärft in tsehacha', tsehaeha'n, 
schachern. Im inlaut findet sich dise Verschärfung bei der konsonanz- 
verbindung nseh, von der schon gesprochen wurde. 

Nach t trit eine vergröberung des s zu ach ein in der verbalablei- 
tung -es, -en: motsehn, rotseh'n, rutschen, wätseh'ln; dagegen in hunzen 
(z=z hundsen) bleibt s stehn (Weinhold, gr. 82). 

c. Die kellaute G. K, Ch. H. J. 

C 

Im anlaute hat g immer den reinen weichen laut; eine einzige auS- 
name bildet kdwisch statt gawisch, welches der östreichisch-bairische dia- 
lekt hat (vgl. Schmeller, II, 9). 

Im auSlaut hat g aber meist den härtern, dem eh nahestehenden 
laut; z. b. hea'g, tag, säg (imperat.), g'nüg, krüg, aug, wdg (subst.), st^g, 
zaig', ßüg, Mg', ich lige, lüg', laug'. Reines g haftet im außlaut nur 
nach l, wie in halg und in w^g (adv.). Ueber ng sihe oben bei N. 



2 I ({ Beiträge zur Kenntniüa der Mundart der Stadt Iglau. 

Auch im Inlaut wird g in den meisten fällen zu Ij; z. b. vng'l. küg'l, 
täg'l, tegel, keg'l.jägd, läge'; nur bei einem nachfolgenden n findet di- 
ser Übergang nicht statt, sondern es entsteht die nasalierung g~n, von 
der schon oben gesprochen wurde. Verhärtung von g in k trit ein in 
schlink-n, schlucken, und den davon abgeleiteten gschlink. eingeweide, 
schlank-l, vagabund, schlunk. Aujifall des g ist nur in sc?de , schlage 
(dagegen der sing, schlag), und in stiliz, stiglitz. 

H. 

K hat im ganzen den reinen laut; nur im anlaut in Verbindung mit 
den liquiden hat es den weichen g-laut, so da[i also kr, kl, kn ganz so 
gesprochen werden wie gl, gr, gn. Wenn ich daher auch klej^p-n, 
klägn, kräg'-n schreibe, so ist immer glejjp'n, glagn, gräg-n zu sprechen. 
Eine änliche erweichung des A; in ^ trit auch im inlaute ein beim worte 
enig'l, enkel, wo offenbar die trennung der konsonanz durch den dazwi- 
schen tretenden vokal dise erweichung bewirkt. 

Aspiration des k in ch findet sich in märch, mark, bäch'n backen, 
und werch, werk (in den vilen mit werch zusammengesetzten Wörtern j. 

Au(Sfall des k trit ein in kale, kalk, unA f^d'-l. ferkel. 

eil. 

Es hat immer den reinen laut; von einem scharfen ch, wie es ei- 
nige süddeutsche dialekte kennen, keine spur. 

Uebergang von ch zu k findet statt: 1) in Verbindung mit s: wäks, 
oks, wiks-, hakä'n (mhd. hehse), 2) in kika'n, kichern. 

Ch fällt ab in: ine', mich, d^' , dich, s^' , sich, kirwd', kirch weihe, 
glai', gleich, m'(le\ milch, no' , noch, ne't, nicht, rau'fang, rauchfang, ko"- 
Uff'l, kochlöfifel, tummächd' (hier wird das ausgefallene ch durch Verdop- 
pelung des m ersetzt) und in den adjectiven auf -W und -dt (-lieh u. 
-icht). In schich, scheu, ist das ch wurzelhaft; dagegen m faichfälta' , 
feifalter, ist ch unorganisch eingeschoben. 

H. 

Der reine laut des h findet sich nur im anlaut ; im außlaut lautet h 
immer ch: j^ch, schüch, roch, vich, rüch, ruhe, wech, weh. Im inlaut 
geht das wurzelhafte h, besonders in verbis, in g über : zegn, zehe, s^gn, 
sehen, sigst, sihst, schlegn, schiebe, aaign, weihe, med'gn, mohrrübe, 
schlag n, laign, leihen; dagegen aber heist es zen, zehn, obwol das h 
wurzelhaft. In stäg'l, stahl, fand erst ein Übergang von h in g und 
wegen des nachfolgenden l Übergang von g in g statt. Im inlaute geht 
h in ch über bei den subst. und adj., deren nominativ sing, schon ch 



Nachträge aus Tirol zu Schraeller's bair. Wörterbuche. 9^ 

für h zeigt : vichd', röchs, rohes ; das gilt auch, von den abgeleiteten sol- 
cher substantiva und adjectiva; z. b. hech-n, höhe. Im anlaut fäUt h 
weg in den mit „her'' zusammengesetzten adverbien : 'drum, 'drauß, 'dfid, 
'drunta\ 'ertwa'. Im au[51aut findet abfall des h nur in kirwa', kirch- 
weihe, statt. Im anlaut trit h vor vokale in: huläna', uhlane, haidexl, 
eidechse, Mhfänt, elefant, lielf"nb& , elfenbein, höwlattn , oblate. 

J. 
Ueber J ist ser wenig zu sagen, außer, daß hier der Wechsel zwi- 
schen g und j zu erwänen ist, der sich aber nur in einem einzigen worte 
findet, nemlich in jid'n, gähren, und in dem davon abgeleiteten ^'ea'wi, 

germ, hefe. 

(Schlufs folgt.) 



Nachträge aus Tirol zn Sehmeller's baierischem 

Wörterbnche. 

Von Prof. Job. Bapt. Schöpf in Bozen. 
(Fortsetzung zu Z. IV, 457). 



E. 

* ^, ^/ interj. des Eckeis und Abscheues bei Kindern. 

i, ehe: 1. conjunct., ivör, häufiger nur: vor, vaar, ehe, bevor; (Schm. 
I, 634); 2. präpos. edem, ohnehin; e, ea (Innth.), früher, ehmals; 
eazeit'n, vor Zeiten (Unt. Innth.; Z. III, 337); dnt-^, dntoe, 
(u — ) zuvor, ehemals (Pu.st. Pragraten), dieses zweifelsohne nur 
e =r ender, endd' (s. Schm.); 3. postposition. Ehe ist noch allge- 
mein gangbar in der Verbindung mit dem: äm-^a (dem- 6); äm- 
iadnj dm-^arst, vorher, früher; ohnedies; soeben: dar isch gräd 
dmda da gwe'n, er war soeben hier; i mudß dmea äß-n, vorerst 
mufs ich essen. 4, Adverb, emals, vor und e, evör. Comparat. 
ender, eandar, iand'r, ian'r, eher, lieber; soeben, vor kurzem 
(Z. II, 339. lU, 252, 190); Superl. iandast, ianast, ehest, dm 
iandasten, iduigstn, am ehesten. — Adject. Superl. dm-hrst, vor- 
erst; z' erst, z' earst, z- earst'n, zum ersten, vor allem; all'rearst, 
vor allem (mhd. alrest; alerst, zehrest; vgl. ßen.-Mllr. Wb. ^r). 
Z. n, 90, 4. ni, 194, 170. 393, 4. 

e, fem., 1. Ehe. In der tir. L. O. v. 1603 öfters: eegenosse; eelich bei- 

wonung; eeberedung; eemensch; eevolk (Z. IV, 110, 51); eegemächt; 

14« 



218 Nachträge aus Tirol zu Schmeller's bair. Wörterbuche, 

eewürt u. a. m. 2. Satzung, Recht, Vertrag, Oswald Leg. p. 45: 
^und swur drey ayd in haydnischer ee" (vgl. Ben.-Mllr. Wb. ewe). 
Noch in Zusammensetzung: ehaft, gesetzlich, vertragsniäi'sig; eJialt. m., 
Dienstbote; Z. II, 339. 469. Die ehaftsttiding, die jährlich an be- 
stimmtem Tage stattfindende öffentliche Versammlung der Gemein- 
deglieder, meist unter dem Vorsitze einer obrigkeitlichen Person. 
Diese auch anderwärts bekannte Benennung (vgl. Schm. 1,4. Schmid, 
153) ist im ehemaligen Burggrafenamte (Meran) üblich; in Mais, 
Ulten u. a. heifsen diese öffentlichen Conferenzen dorf recht, in 
Vinschgau landspraehe (in Oesterreich hantAding)-^ s. Schm. tai- 
ding. — Die vormals üblichen Ehaften, Gerechtsamen der Hand- 
werker u. dgl., heifsen nun Gerechtigkeiten. Unee (ä. Spr.), aufser- 
eheliches Verhältnifs; di&; tirol. Pol. 0. v. 1603 bestimmt Mafsregeln 
gegen jene, „so an der unee sitzen und uneeliche leichtfertige Bey- 
wonung" pflegen. Die ivilde ed des jetzigen Volkes in Tirol be- 
zeichnet das nämliche. Nach Schmeller's scharfsinniger Erörterung 
dürfte auch das bekannte egdrt, edgdrt (e -garten), öder oder für 
Weidezwecke ungepflügt gelassener Grund (Schm. II, 69. Höfer, 
I, 179. Schmid, 12. Z. IV, 40. 202), und egdrtmann, egdrthdnsl 
(Etschl.) hieher zu stellen sein. Letzteres bezeichnet eine bizarr 
gekleidete, wie eine vogelscheuch aussehende Figur, die ehmals in 
den Faschingstagen unter lautem Jubel herumgezogen ward und 
vom begleitenden Volke Liebkosungen, Zurufe und Huldigungen 
aller Art empfieng. Sollte diese Figur nur den Hüter des Feldes 
vorstellen? oder war es der allbekannte treue Ekart, der Warner 
vor der wilden fartf (vgl. Grimm. Myth. 523 ff.) 

4b, ow, 4h-n, f., Mutterschaf, ovis; engl. ewe. Schm. I, 1. Ilöfer 1,173; 
Umjperow, Schaf mit Jungen (Ob. Innth.). Ein Hirtenjunge von 
Pmtz rief zu einem Hügel hinan: der sdll iSmpdrow df d-r huppe 
döhd ist dn umhrs luedar, vermuthlich weil das Schaf den Jungen 
das Beste wegfrafs. 

* ebdm, edhAm, m., Epheu; cimbr. Wb. ea-pom. Höfer, III, 219. 

4hen, adj. und adv., gleich: hr isch sei" vatar av^ und 4hdn, oder: sei' 
rechts Ebenbild, er sieht ihm ganz gleich; gerade: hundert guld'n 
ibdn; glatt, plan: telhr-4bdn; die 4bne, die Thalsohle im Gegen- 
satz zum Berg; z'^bndr erd, im Erdgeschofs, zueben der Erde; ge- 
legen, bequem, gefällig: d4s ist mar 4ben oder uniben; dn unib'ns 
m4nsch, mit dem sich nicht wohl auskommen lälst; vgl. Nibel. 888: 



Nachträge aus Tirol zu Schraeller"s bair. VVörterbuche. 219 

sin ros truoc in ebene; ahd. eban, goth. ibns. — In tadelndem 
Sinne nennt man wohl auch einen zu genauen Menschen gar zu 
ehdn, da er alles haarscharf ausebnan will. Schm. I, 11. Schmid 
154. Rixner, I, 120. Z. II, 284. III, 192, 121. IV, 166. 

ehenweichtag , Neujahrstag. ebndchten, (Pust.) Fest der Verkündigung 
Maria; (vgl. Schmid, 172: ewigtag). Gl. v. 1363: „geben auf Ti- 
rol an dem Ehemveichtag des Suntags, do man zalt 1363 jar." 
Ehen ist die taxus baccata, L., auch eihen genannt (vgl. Höfer, 
III, 219), eine zu kirchlichen Feierlichkeiten noch jetzt besonders 
gesuchte Fichtengattung. Vocab. v. 1663 : ibenbaum vel eibenbaum, 
fagus; vgl. oben tdhdm. Schm. I, 12. 

^gg, n. , das Eck, die Ecke. Ein länglicher Gipfel oder Vorsprung ei- 
nes Berges oder der schmale, senkrechte Bergabhang selbst heilst 
egg, so das stelzere'gg, das grasegg u. a. Cimbr. Wb. eck, dim. eg- 
gele, Anhöhe. Daher das ^gg , eck in den Namen verschiedener 
auf einer Anhöhe stehender Schlösser; vgl. Höfer, I, 173. — Beim 
Kegelspiele ist der 4gg, d. h. der an der Spitze stehende Kegel, 
der vorzüglichste. Etwas ausegkelen, sorgfältig überdenken und be- 
rechnen. Schm. I, 25. — Z. III, 339. 463: egg. 

eid, Ausspr. aid, ädd, m., Eid; eidschwür od. eitelschwür, schwur, leicht- 
sinnig gemachte Betheuerung; meiiiaddl meinach! mdnädding! Be- 
theuerungsformeln. Schm. I, 27. Die „aitsweren^ (alt. Spr.), die 
Geschwornen bei Gerichte, lieber das Ceremoniell des feierlich 
abgelegten Eides in alten Zeiten hier nur eine Gl. von 1435: 
„N. hat an steender stat ein gestabten (d. h. feierlichen, vorgesag- 
ten) aid leiplichen gesworen mit aufgerauhten Vingern.'^ Z. III, 
172, 49. 

eis, n., wie hchd. Die eiszägkl, Eiszapfen; cimbr. Wb. aiszockela. Die 
berühmten Eislöcher bei Kaltem sind ein grofses Steingerölle in 
Folge eines Bergsturzes mit Alpenvegetation und bei heifsestem 
Sommer kühler Temperatur. Das röbeis oder rögeis s. Schm. rob; 
hiebei führt letztere Aussprache auf die Vergleichung mit rogen, 
regen, gr. Qßco, lat. ruo. Höfer, III, 41. 

eisen, n., wie hchd. 1. Bande, Fesseln: in banden und eisen; 2. Bügel- 
stahl: das eis'n icarm machen'., 3. Fufseisen; daher: einem die eisen 
ahziehn im Scherz für: einem im Tode „die See! aussegnen.*' Das 
eisenhüetl, aconithum napeUus L. — Höfer, I, 177. Schmid, 162. 
Schm. I, 120. 



220 Nachträge aus Tirol zu Schmeller's bair. Wörterbuche, 

eitel, adj., Schm. blöd, schwach, unwohl im Magen: miar ist eitel, oder: 
ich habe einen eitlen mag'n. Vgl. Schm. sich eiteln. 

* elen, edlen, vb., (Vinschg.) heulen, laut weinen. Man dürfte (mit 

Thaler) wohl an lat. ejulare denken, wenn nicht etwa öd, ödelen 
(spr. eäddlen'^ s. öd) vorzuziehen ist. 
4lht, n., Elend; Verbannung; Elend, Jammer; Unser herr im elht, Bild, 
Figur des Ecce homo. Für Mitleid, Erbarmen in der RA.: miar 
Tcimmt 's eilet, eilet, adj., elend, jammervoll; krank; gedrückt. Der 
alte Begriff: fremd, verbannt, noch im Salve Regina: „wir eilen- 
den Kinder Evas, exules filii Hevae." In einer Gl. v. 1386 heifst 
das Pilgerhaus „die eilen herberge.'' Schm. I, 43. Schmid, 163. 
Rixner, 137. 

* Met, adv., (Ulten) sehr, aufserordentlich ; er ist elht reich. Vgl. Hö- 

fer, I, 179, der es vom alten eilen (vis) ableitet, wogegen es 
Schm. I, 44 auf erlich zurückführt. Dasselbe gilt von elld, (Unt. 
Innth.) hurtig, geschwind, wobei die Aussprache ob allerdings auch 
auf eilig denken lälst, wogegen in: M'n essen, Mn arbeiten das 
mhd. eilen, Kraft, vorzuwalten scheint. 
elbet, (Vinschg.) weifslich; das elb-schäf. Schm. I, 48. Höfer, I, 178. 
Z. 339. lat. helvus; ahd. elo. 

* eh, m., (Zillerth.) isel (Unt. Innth.), Unrath, Auskehricht, (Köfler 

vergleicht gr. dvg, Moder, Hefe), Gras, Streu u. dgl, auf nicht be- 
wachsenem Boden, Z. III, 337. — Schm. I, 122: üsel, favilla. 

emer, ^mper, m., Gefäfs für Flüssigkeiten; Eimer, Mafs; ahd. eimpar. 
Schm. I, 54. Höfer, I, 27, welcher zwischen amper und emer un- 
terscheidet und beide auf lat. amphora zurückführt. 

int, int'n, enthalb, enterhalh, jenseits; herentn, herentewerts , hierseits; 
vgl. die treffliche Erklärung dieses Ausdrucks in Z. II, 139. — 
Die interwässerer heiisen die jenseits eines Baches oder Flusses 
Wohnenden. Gl. v. 1320 besagt: „daüs die heifsen entenpruckhen, 
die an der gassen stehent, da man in uf gehen Hötting geet, zum 
Stadtgericht Ynsprugg gehörent." Die entferner sind die Leute jen- 
seits des Ferners, im Bezirk Reute. Brandis Gesch. 1456: „in kai- 
nem unserer Lande enhalh des Arl und Vem." Gl. v. 1330: „en- 
halben und dishalben der Ets." „enunt des griezes." — Adjecti- 
visch: der, die, das entrige, entere, drentige; superl. entrigste. — 
z- enterst drentn, ganz weit, am fernsten jenseits. Schm.^I, 68. 



Nachträge aus Tirol zu Schmeller's bair. Wörterbuche. 9H 

Höfer, I, 183. Schmid, 165. Z. II, 139. 339. 563, 41. III, 457. 
521, 5. IV, 244, 1. 

end, ent, n., Ende; da toill kdn ent herghn, die Sache kommt nicht zu 
Ende. 2. Ort; an allen enden. Tir, L. O. v, 1603: „an den en- 
den, da er die handtierung treibt, soll er der adelsfrayheit nit ge- 
niefsen." 3. ent, pl. enter, die Reste von Bändern, Tuch u. a. 
(s. Höfer, I, 180); „schauts, da hän i nö d schens endtl,'' heifst 
es wohl im Tuchgewölbe. Hierauf dürfte sich auch das in alt. Sehr, 
öfter vorkommende „end und gebänd" (s. Schm. I, 77) beziehen. 
Das unend vgl. un. — endlich, endli; RA. endli und endli, d. h. 
nach langem Sehnen und Warten. 

engel, m. , angelus. Das engdamt oder Rorate, auch das güldene amt 
genannt, in der Adventzeit täglich am frühesten Morgen gesungene 
Messe. Das schutzengelemei' , Abendgebetlein der Kinder, mit den 
Worten beginnend: heiligs schutzengele mei , lafs mich dir hefölen 
sein. Ein engele nennt man wohl auch freundlich ein gestorbenes 
Kind. Der engel des herrn oder der englisch grueß: das Ave Ma- 
ria, das die Glocke täglich dreimal verkündet. Der bläseng-l im 
Scherz: ein fettes, aufgedunsenes Kind; engel, n., (Zillerth. ) die 
Narcisse ; engelsteinl, n., der Frühlingssafran und der gem. Schwertl 
(gladiolus communis, L.). 

em in inzmensch, enzkerl u. dgl. dürfte sich wohl am natürlichsten aus 
goth. ans, Balken, erklären, woraus auch der enß'n, enßhaum, Trag- 
balken bei Brücken, da in Tirol ausschliefslich enz, niemals mt 
(ags. ent, ungeheuer) gehört wird; vgl. dagegen Höfer I, 181, 
Schm. I, 88. Daneben hört man auch: unenz-mensch, unenz-thier, 
d. h. sehr grofs, ungeheuerlich. Bezüglich des noch üblichen enßn, 
oder enßhdm hier nur noch eine Gl. v. 1330 (aus Vinschg.): „der 
enspawm soll haben an der lenge 8 claffter und an dem wipphel 
einen schuech." „swer sich saumpt an den enspaum oder an den 
schüren (vgl. Schm. schür, c) ist dem gericht verfallen.'' Z. II, 
339. III, 191, 81. V, 8. 

enzian, m., gentiana. Alt. Gartenb. : „Efitian dienet wider pestilenz 
und allen gifft dem menschen und vich." Der enzeler, d. h. Brannt- 
wein. Z. II, 340. 

er, f., Ehre; Verehrung; Ansehen, Ruhm. RA. einem an er oder (plur.) 
eran anthun ; er tat' mar nit die ir im, ddß sr mi grüaßdV ; der im- 
tag, Hochzeit- oder Primiztag (s. d.); Ehrgefühl: er im leib häbn; 



222 Nachträge aus Tirol zu Schmeller's bair. Wörterbuche. 

daher: wner (adject.) sem, keine Rücksicht kennen (vgl. ob. 41)). — 
Einem etwas eren oder vereren, alt. Spr., eine irung thun, ein Ge- 
schenk, wenn auch ein gesetzliches, verabreichen. — Adject. Zu- 
sammensetz.: erhar, erberl (Hafling), schüchtern, geschämig; wie 
hchd., besonders: schamhaft, züchtig; erlös, erhs, wie hchd., beson- 
ders von Gefallenen; erlich, crh, erld, adj., wie hchd.; adv. ziem- 
lich, stark, sehr: heut hast erh trunkdn, d. h. mehr als genug; (in 
Pust.) beinahe, fast : erld d jar, beinahe ein Jahr. Vgl. Z. II, 339 : 
earla. — Auch Formen wie : emhäft, ersäm, ernfest, wie auch : ern- 
mann, ernmäl, ernämt u. a. kommen im Dial. vor. 
erdn, 4drn, f., Erde ; edn (U. Innth.), erd (Pass.) ; z. B. era träg-n, Erde 
tragen (vgl. eren, arare); df d' erd stell'n, auf den Boden. — Com- 
pos. erdepf'l, edrepf-l, kartoffel; edrbar, edrpar, f., Erdbeere; erdrd, 
erdrd, n., Erdreich, Boden, Z. III, 462 ; erdhdmmerl, n., Holzwurm 
(Unt. Innth.), der wie eine Uhr tdgkelt, erbib-n, erbim, m., Erdbe- 
ben. Brandis, Gesch. v. 1626: anno 1347, 27. Jan. war ain er- 
schröcklicher weit und breit gehörter Erdjndem (vgl. bidemen)] 4r- 
pfen, erpfrig, (ob. Etschl.) braun, erdfarbig; — Mrddhn, vb., einen 
erdigen Geruch geben. — Schm. I, 103; Höfer, I, 184; Z. II, 420, 
28; Schmid, 168. 

* erken, vb., (Unt. Innth.) scheu, schüchtern sein etwas zu nehmen ; (Köf- 

1er vergleicht gr. lat. doxeco, arceo; es dürfte aber eher an mhd. 
arc, karg, sparsam, geizig, zu denken sein; vgl. Schm. arg). 

&w'l, m., s. arm. 

esal, ds'l, m., wie hchd. — Du islter ^al, (Pust.) Ausruf des Staunens 
oder der Verwunderung, besonders beim Gewahrwerden eines Feh- 
lers ; dieser Ausdruck ist selbst im Gespräche mit Vornehmen nichts 
Seltenes. — einen auseslen oder durchislen, schimpfen; die es'lbank, 
Schandbank in den Schulen ; die is'lprüfung, das Examen der Schwä- 
chern; die is'lbrugk, die bekannte geometrische Figur, fast in allen 
Sprachen so genannt; 4s'lmdßig, adv., sehr, stark; ^s'lodr, Eselohr; 
Bug im Blatte des Buches, Verbiegen der Spitzen desselben. 

* 4ß, öß, f., (ü. Innth.) Feuerherd auf den Alpen; Esse. 

4ßen, vb., wie hchd. — das 4ß-n, ißet, Speise; d Lauts 4ß'n, gute Mahl- 
zeit; tißig , adj., leicht, gut zum essen; Appetit habend; vißig und 
g'fraßig, (Pass.) im Essen nicht wählerisch und heikel ; — sich übar- 
4ß-n, zu viel essen; s. abdß'n, so viel essen, dafs es zum Eckel 
wird; imterSß-n, auch auüser der zum Mahl bestimmten Zeit essen. 



Nachträge aus Tirol zu Schmeller's bair. Wörterbuche. S^S 

— d&sfür^ß-n, Voressen, s. Schm. I, 119. — eßend pfand, s. Schm. 
I, 317. 

<%«, n., Nest; Lager; estgagk, n., (ob. Etsch.) Ei. Z. III, 520, 5. 

Etsch, f., Flufs; lat. Athesis, it. Adige; mhd. Etise, Etis, Ets. Das deut- 
sche Etschland war 1704 in Ober- und Unteretsch, jenes mit 8, die- 
ses mit 10 Gerichten, eingetheilt; daher das Volk noch Ober- und 
Unterland unterscheidet. Das Etschthal hiefs früher gemeinigheh 
das Land an der Etsch, daher noch: das Etschland, und im Inn- 
thale schlechthin : das land. woher : ländtvein, landfrüchte, landtrau- 
ben u. a. Der MscJiländer im Scherze: der Wein. 

* 4tt, Ott, (Pass.) Füllwort: 1) doch, denn, etwa, doch wohl, halt; es ist das 
aus echert zusammengezogene mhd. eht, et, 6t, das die Bedeutung 
„blofs, nur'' hatte und wohl auch öfter einen einzelnen Begriff her- 
vorhob und verstärkte, wie : daz ist et unerwendet, sprach der küene 
man ; Nib. 1669. — 2) gewöhnlich, öfter, bisweilen : er geat ött zum 
loidrt; hier wohl das alte ete (s. Gramm. III, 57) in eteswie öfters, 
et-ie, et-iemai; s. Schm. I, 127. Z. III, 329; vgl. III, 175. 

hvig, edwig, adj., ewig; zeitig und edwig, hier und jenseits. Das edwig 
lischt, das vor dem Tabernakel immer brennt; mhd. ewic von goth. 
aivs, ahd. ewa, aevum, Ewigkeit. Z. II, 339. 

extrd, adv. und adj., besonders: an exträwei' ; an exträhopf, der seine 
besondern Launen hat; absichtlich, mit Vorsatz: des tva i grad ex- 
tra nit. Z. III, 194, 167. 400, III, 1. 

F. 

*fabes-, föbes-, foibes-, pfabesbletzen, Blätter des Alpenampfers, rumex 
alpinus, L. 

Fabritt, f., Fabrik; dat. rcc. fäbrittn; der fäbritteler, Fabrikarbeiter. 

fachen, schw. verb., fangen, ahd. fähan. RA. einem eine fach-n, d. i. 
eine Ohrfeige geben; d&r fachzant, f acher, hervorstehender Eckzahn. 
Z. II, 340. V, 103, 4. — ddrpfachdn, empfangen, begrüfsen ; der ddr- 
pfach, Grufs; änfach-n, änfängdn, adv., nach und nach, allmählich, 
endlich; Z. II, 568, 67. III, 215, 17. 

fad-n , m., wie hchd. RA. d4s hat -n fad-n , das geht schwer ; es bricht 
mar ddr fadn, d. h. die Geduld. — dim. das f^dale; eifvkdlen, ein- 
fädeln. RA. eine Stimme, ein Ton u. dgl., so Tcludg, tvie ä seid-n- 
f&dele. 

fäim, m., Schsium ; fäimen, schäumen. Schm. I, 531. — der ahfäam, Ab- 



224 Nachträge aus Tirol zu Schmeller's bair. Wörterbuche. 

schäum, fig. Auswurf. Vocab. v. 1663 : abgefeimbter Mensch, astu- 
tus;yVm, m., (Pust.) Schmalz. Z. II, 340. 
fäk, fem. und masc, Schwein, fig. unsauberer Mensch ; s. Schm. I, 562 : 
„fark. Aus lat. porcus, ahd. vurah, fark, (mittellat. bacco, Mast- 
schwein, wozu die backen, s. Schm. I, 143. Höfer, I, 234), wie der 
Maak, Flufs in Südtirol, aus lat. Isarcus. — dim. fäkl, n.; fäklen, 
vb.. Junge werfen. — Z. II, 340. III, 322. 498. 521, 22. IV, 158. 
313. RA. einen ßxk machest, einen Schmutzflecken, Klecks im Bu- 
che oder auf dem Papiere machen; eine ungeschickte Handlung be- 
gehen ; hei't hast ömäl wider an fak'n g'macht, einen dummen Streich 
gespielt ; fäkiscK unsauber ; vgl. fläkisch, Schm. I, 584. — L. O. v. 
1603 verordnet bezüglich „der Weisaten, desgleichen der Sterbrin- 
der und Bettfacken". Vgl. Schm. bei. 

* fäkeln, fägk'hi, vb., (Vinschg.) grofse Schneeflocken werfen ; vgl. Schm. 

I, 110. Schmid, 175. Z. III, 132. 218. 

f&len, schw. vb., fehlen, mhd. feelen, vom fr. faillir (Z. III, 214, 21. IV, 
167). RA. es fAlt eäm, d. h. im Kopfe ; da fdlt si nix, das ist aus- 
gemacht; Z. III, 214, 21. — ßkl, irrig, falsch; davon: ftdgeäii, fM- 
schieß'n u. a. Das feljar, Mifsernte, in altern Schriften fäl Jar, 
mißrätiges Jar. (L. O. v. 1603. Brandis, Ehrenkr. S. 191); der fAler, 
Fehler, dafür lieber: bok, Schnitzer. 

fällen, st. vb., {cony fidl, fallet- ; part. gfäll'n). Hier nur einige beson- 
dere Anwendungen: yaZ?e/i, d. h. in ein Laster, daher die gfäll'na, 
das entehrte Mädchen; — sinken im Preise: der rogg-n ist um an 
zwädnz'gdr g fallen] — ausfällen, vergessen; — beifällen, einfallen. 
Das hifälht, malum caducum. Einem das fallend üebel wünschen, 
war einst eine arge Verwünschung. (Gl. v. 1445; das vallentubel; 
vocab. V. 1663: faUent übel, St. Valentins Plage.) Höfer, I, 196. 
Schm. I, 522. fällett, zum Falle bringen; im Ringen zu Boden 
werfen. 

fälsch, adj., wie hchd. falsch, lat. falsus; die filackn, das Falschsein; 
2) unwillig, böse: er hat ihn fälsch g-macht oder derfelscJd; 3) links, 
verdreht : fälsch iß'n, mit der Linken essen ; fälsch Mrschaun, schie- 
len , fälsch anlegen , ein Kleid verkehrt anziehen. Schm. I, 529. Z. 
III, 278, 11. 

* fälsch, n., (Pust.) das vornjährige, auf dem Felde überwinterte Gras 

im Frühjahr. 

* falzen, schw. vb., (Ehrwald) mit Begierde nach etwas schauen und es 



Nachträge aus Tirol zu Schmeller's bair. Wörterbuche. 225 

ZU erhalten streben. Wohl vom fälz'n, d. i. Locken des Auerhahns 
im Frühling, wo man die Falzjagden anstellt. 

fangen, st. vb., ahd. fangon. RA. einem eine fangen, s. facJidn. Anfän- 
gen, d. i. eine Wirthschaft zu führen. Die fenhnuß, Gefängnifs. 
Ueber das adverbiale anfangen vgl. ob. fo^chen und Z. III, 215, 17. 
— Brandis, Gesch. v. 1623: „\n fanhlicher betrückhung, mit rün- 
ger speis." In der antiqua Bajuvariorum lex ist unter den körper- 
lichen Verletzungen auch der infanc, d. i. Handanlegung, aufge- 
führt. — Schm. I, 539. Schmid, 176. 

^ fanglm, f., Hexe, ünholdin; die loildfanghä, Waldhexe (Ob. Innth.). 
Schm. I, 543 : fdnkdl. 

färb, f., Farbe: dschfärw; äfärw; hluetfärw , Gl. v. 1753: „gestalten 
dann annoch blutfarbe Masen daran zu sechen seynd;" erjpfer, erd- 
farbig (Pass.) — RA. der wei~ ist guet in der färh, dunk'l in der 
färh = gutfarbig , dunkelfarbig ; kei~ tropf -71 färh afm g- sieht, sehr 
bleich aussehend. — fdrhehi, vb., ein gewisses Kartenspiel; färhl, 
n., Kartenblatt ; ydr 6 5 eÄ;e/mew, eingestehen; ye'rJ-?*, vb., färben; den 
wein ferh'n, ihn durch s. g. Lagrein dunkel machen. Die Lein- 
wand, das Tuch, welches nicht gutferhig , d. i. farbhaltig, sondern 
äf erbig ist, ferbt, läfst von der Farbe. — Ahd. varawa, mhd. varwe, 
var; vgl. lat. pareo. 

faren, st. vb., wie hchd. — auffar'n, d. i. zur Alpe mit dem Vieh; aus- 
far-n, (ünt. Innth.) mit Hin- und Herreden ausforschen ; /arew, sich 
benehmen, hochfahren, daher: die fart, stolze Weibsperson; uin- 
merfar-n, herum vagieren, daher: diov faret (in Ob. Innth. der fdrlig) 
schuestdr, der ewige Jude ; derfar-n, erfahren. Mit einem far'n, aus- 
kommen, sich vertragen: -s isch d gaudi, wie si mitdnänddr far-n 
(oder: g- schaff -n). Der far er, rasche Bewegung der Hand; Zug im 
Brettspiele : in drei farer ist dr schachmatt. Der landfarer , Fuhr- 
mann, der ins Südtirol fährt; Landstreicher. Das gfdr und g-reit, 
lautes Herumfahren ; einem übers maul far-n, einen derben Verweis 
geben. — Brandis, Gesch. v. 1632: „die ist noch vor der zeit des 
Beilögers mit Tod verfarn." Nicht zu diesem Verb (mhd. varn), 
sondern zum mhd. vären, nachstellen, gehört unser nhd. Gefahr, 
mundartlich: gfar, n., wovon allsgfar (Ob. Innth. en alts gfdrts), 
ungefähr, Schm. I, 550; auf wag und gfar, a rischio. 

fart, f.. Fahrt. Die wild fart oder /wer, die wilde Jagd, das wüthende 
Heer (s. Grimm, Myth. 515), fig. grofser Lärm; dsiS, fdrtl (Zillerth.), 

15 



226 Nachträge aus Tirol zu Schmeller's bair. Wörterbuche. 

das f^rt (Stanzerth.), Ladung Heu oder Streu zum Tragen auf dem 
Rücken (Schmid, 179: daQ fahrt; Höfer, 1,198: das fdrtel). Äuf- 
färttag, Auff arten, Fest Christi Himmelfahrt (Brandis Gesch. v. 1624 : 
„detto nach auffarten"); hirfärt, Walfahrt; hirf4rtn; hirferter (— u); 
tir. L. O. V. 1603: „pilgräm und kirchferter." — Unter ainer färt, 
unter einem Male (so auch tir. L. O. Bl. 129). — fertig, wie hchd. ; 
ringfertig, leicht, unbeschwert (Gl. v. 1526: „die ringfertigen [d. i. 
Truppen] haben sich der bösen gebirgt beklagt." — 7 jähr. Wan- 
dersch. v. 1753 : „da kam ein blaumontirte, ringfertige Bauren-Com- 
pagnie"); rlchtf^rtig, adj., richtig, unverdächtig (tir. L. O. v. 1603: 
pfinnige, unrechtvörtige Schwein, auch gesälcht Schweinen Fachen 
oder Flaisch, das nit rain sey," sollen nicht ins Land gebracht wer- 
den) ; adv., sehr, stark : rechtfertig oder rechtschaffen trinken, drein- 
schlagen etc. Schm. I, 565. 

* fvtseln, vb., (Unt. Innth.) einzeln auflesen, z. B. gefallenes Obst; vgl. 
fäjSen. 

fasig, (Ehrwald) selten, wenig. Schmid, 182. Schm. I, 568. Zu ahd. va- 
son, suchen? 

fasnächt, f., selten : der fäsching. Die Benennungen der einzelnen Tage 
sind beinahe dieselben, wie bei Höfer, I, 199. Dafs fasnächt (mhd. 
vasenaht, fasnächt) zu einem fasen (woher vielleicht nhd. faseln, in- 
sanire), nicht aber zu fasten gehöre, ist um so wahrscheinlicher, als 
der letzte Donnerstag in der Fafsnacht der unsinnige pfinztig , oder 
nur der unsinnige heifst. Höfer, I, 199 hält es zu fasen, f atzen, fa- 
cetias habere; vgl. auch Schmid, 182: fasel, faseln. RA. eine rechte 
fasnächt, eine närrisch -komische Handlung; jubelnder Tumult, un- 
sinniges Spiel. Z. III, 460. 

fäßen, schw. vb., wie hchd. RA. der wird's fäß-n! d. h. eine Rüge, 
Strafe erhalten; eine fäß-n, d. h. Ohrfeige, Maulschelle; — auffäß-n 
(Pust.), z. B. Milch, Suppe, d. i. essen. 

faß, n., als Geschirr und Maafs; da.s faßt, Fälschen. — RA. des is d rechts 
weifäß = Säufer. — der fäßer, (Zillerth.) Fafsbinder. Schm. 

fasten, schw. vb., Schm. I, 537. RA. fästn, ddß di ripp'n hrach'n, oder : 

, wie ä Kärthäuser, u. a. — dde fäst'nspeis, wozu besonders die fä- 
sVnhnodl, fästnsupp'n und nebst den mancherlei Nudeln, Ki-apfen 
und Kuchen die s. g. fäst'nbrez'n gehören, die selbst zu einer Speise 
verkocht werden, die sodann fästnhrez'nsupp heilst. - — Was die 
mittfäst'n sei, erhellt aus Gl. v. 1370: „geben an Meran am Mittichen 



Nachträge aus Tirol zu Schmellere bair. Wörterbuche. 25*7 

vor dem Suntag. so man singet Letare, ze mitter Vasten." (Schm, 
II, 651.) Welche Sitte dem mir blos als Scherz bekannten Spru- 
che ; die Fasten theilen, wie auch : die Woche theilen, — zu Grunde 
liege, s. in Grimm's Myth. 452 ff, — Die qnatemmerfast'n (vgl. tem- 
mer) einst frönfasten geheifsen. Die fast'npredig ist noch jetzt gro- 
fsentheils eine Exempel -Predigt (s. Schm.). 

föstidi, m., Verdrufs ; Lärm, Unruhe ; (Schm.) it. fastidio. Brandis Gesch. 
V. 1626: „was werden in (dem Kaiser Max) die Venedigischen Un- 
ruhen fir fastidi nit causieret haben.'' — ^Machts kad sell'n fästi- 
dil^ ruft auch die Mutter den schreieaiden Kindern zu. 

faul, adj., matt, müde, träge, schläfrig. „Faule Jcinder legt ma ins b^tt." 
Die föMl-n. Schläfrigkeit. — Die faidd, Platz um die Sennhütte, 
wo das Vieh sich lagert, gehört wol hieher. (Köfler führt auch gr. 
TtavXa, Ruhe, Rast, an.) — Die faulischheeren, Beeren des Vogel- 
beerbaumes ; vgl. Höfer, I, 200. — fmden, vb., in Fäulnifs bringen ; 
ausfäulen, das Faule herausnehmen; die tir. L. O. v. 1603: „wann 
der paumann außfeylen und wimmen will." — Z. III, 111. 

faxen, pl., Späfse, Possen, (s. Schm. fachsen und f atzen, welch letzteres 
aus lat. facetiae, it. fazio, Possenreifser. Vgl. Höfer, II, 202. Schmid, 
183. Z. II, 341.) RA. nix aß (als) fäx-n und ränt im, hopf hab'n. — 
Gl. V, 1753: „den^ate- oder Schmaufs -Poeten Martialis.'^ 

fechten, st. vb. (part. g fochten), zanken, streiten : die müdß'n alleweil ep- 
pds zun f echt n habm; trachten, streben (s. Schm.); von einem Ding 
angfocht'n werden, oder anfechtung habn; die anfechtung, tentatio. 
Ueber die RA. fechtn gehn, herumfechten oder schnallendruchen, 
viaticum petere, vgl. Schm. I, 509. Höfer, I, 203. 

fider, f., (Ob. Innth. feddrd). Die huifMer, die krumme Spielhahnfeder 
auf dem Hute rauflustiger Burschen; trutzf^der, dasselbe; (s. Schm. 
Z. m, 525, 13.) Daher die RA. einem 's f4derl herabthun, es mit 
ihm aufnehmen, ihn demüthigen. — In die federn gehn, in den fe- 
dern sein, d. h. im Bette. — feder, f., (Jägerspr.) Schweif des Wil- 
des. Das federspil; f^derwilpret, Wildgeflügel, als: Auerhähne, Reb-, 
Haselhühner u. dgl. — Schlofs Tirol O. v, 1505: „das vöderspil zu 
fachen und die RaijSgejaid sammt dem vöder Willpredt zu bejagen 
und zu fachen." Gloss. v. 1663 : federwilpi'et , vogelwilpret, schna- 
belweyde. 
*fech9t,feächet, adj., buntscheckig; sommersprossig; die fechen, (Innth.) 
Sommersprossen, Finnen im Gesicht (auch merlen); v. ahd. feh, 



228 Nachträge aus Tirol zu Schmeller's bair. Wörterbuche. 

mhd. vech. (Schm. I, 518.) Früher für Pelzwerk (Z. III, 393, 4); 
die tir. Pol. O. v. 1603 verbietet „gemainen Burgern . . . Fachen, 
Marder und ander kostbare Fuetter zu tragen." „Fechaoammen, 
Fechwerk,^ das. — Auch die Bedeutung „mit Finnen" scheint nicht 
ganz fremd gewesen zu sein; so in Gl. v. 1574: „er ist fehet unter 
dem gesicht;'' vgl. Schmid, 187. — Vielleicht ist das in Vorarlb. 
und um Reutte übliche ff chl, fei, Mädchen, besser hieher zu stel- 
len ; vgl. Schm. födel. 

* fegl'n, vb., (verächtl.) auf einem Saiteninstrumente spielen, fidein; der 
fegler, schlechter Musikus.; vgl. fidein und fegen. 

feif alter, pfeif alter (Pass.); weif alter; zwif alter, m., Schmetterling, ahd. 
vivaltra. Schm. I, 506. Z. IV, 54. 

* feigen (es einem), vb., Ausdruck, den einer dem andern, einem Wurfe 
oder Schlage entgehend, zuruft (in Passeier); z. B. du triffst mi 
nit, i feig ddrs! d. h. ich bin sicher, du erreichst mich nicht. Soll 
dieses nur das bekannte „Feige zeigen", far le fiche, sein ? (vgl. Hö- 
fer, I, 205), oder dürfte man Fee, Fei, Feige (s. Z. III, 46) zur Er- 
klärung herbeiziehen? 

fein, fei', adj., wie hchd.; angenehm, gefällig, z. B. vom Wetter, von 
der Wohnung u. dgl. ; artig, liebevoll, von Personen (in diesen Be- 
deutungen auch bei Oswald v. Wolkenst.). — Bisweilen ironisch ; 
des ist d feine g-schiclit' ! du bist d fei'r 1 wie hchd. auch sauber in 
ähnlichen Fällen gebraucht wird. — fein, adv., gar, sehr, ja, recht ; 
fei' sidt, hübsch stille; fei~ grädß, sehr grofs; besonders im Unt. 
Innth. wird fei~ in den mannigfaltigsten Verbindungen gebraucht: 
gib fei~ acht! fei~ langsam! fall fei" nit in d' lahn! er haVn fei 
(d. h. tüchtig) tächi'lt\ vgl. Schm. I, 534. Das minder übliche 
feindle (Z. II, 341) gehört ebenfalls hieher; vgl. Schmid, 188. Hö- 
fer, I, 207. Z. I, 299, 2, 8. IV, 102, 8. 

fdren, schw. vb., müssig gehn: der /etrar, Faulenzer, Z. IV, 185; um- 
merfeir'n, ohne Beschäftigung herumgehn ; /giref , unbeschäftigt; un- 
benutzt (s. Schm.). — Feirab'nd, Feierabend; Schlufs der Arbeit; 
iez laß -mar feirab'nd, hören wir zu arbeiten auf, fig. mit dem ist 
bald feirab'nd, mit diesem (Kranken) wird es bald aus sein. Z. V, 
125, 9. — Aev feirum (Pass.), Feierabend. Unter den Feiertagen 
(feirti'J unterscheidet das Volk die feirti par excellence , d. h. die 
um Weihnachten, Ostern und' Pfingsten, die s. g. gebötnen (hie und 
da komisch genug: verbotnen) oder Mrrenfeirti, und die äbbrachtn 



Nachträge aus Tirol zu Schmeller's tair. Wörterbuche. 2i9 

(abgewürdigten) oder haudrnfeirti'. Vgl. tir. L. O. v. 1603. VIT. B. 

Z. rV, 211. — die feirtigs, adverbial, an den Feiertagen. Schm. 

I, 552. 
* feivn, vb., (Ehrwald) eilig gehen; schau, dear feirt moer! — Vielleicht 

zu feuern? 
*fel€r, m, (Etschl.), sonst feibar, Weide, salix alba, mhd. velewer. Z. 

m, 174, 246. Cimbr. Wb. velar-wit. 
*fehik"n, f., Art Nachen, Kahn; mttllat. u. ital. feluca, frnz. felouque 

(v. arab. folk, Schiff; Diez, roman. Wb. 142). Siebenj. Wand. v. 

1753: „um 8 Uhr bestiegen wir die feUicken.'^ 
* f4nich, m., Hirse; L. O. v. 1603: „süvchj fänich, Hirsch oder Prey." 
fenchl, m., anethum foeniculum L. ; harnfenchl, phellandrium mutte- 

lina, L. ; auch madaun genannt. 
ferch, n., die rothe Ruhr, der weifse Flufs. Im herigst, wenn d- hutzen 

sein, kriegen d' kinder gedrn 's ferch. Köfler leitet es vom ungar. 

verhas, dyssenteria, ab. — Schmid, 178. 
'^ fergkl , fi'rkale , jf^rkl , n., Gestell zum Tragen von Heiligenstatuen, 

oder diese selbst (s. Schm.); (Pass.) Gestell, womit man auf dem 

Kopfe Heu, Garben u. dgl. trägt; lat. ferculum. 

* fdrndtsch-trauhe, Gattung süfser, besonders zum Essen gesuchter Trau- 

ben; die edelfdrndtsch. Der ferndtsch -wein, aus solchen Trauben 
bereitet. Gl. v. 1526 sagt: „da sind si (die Deutschen) gelagert an 
ainem ort, da die gucten Famatzer-wein wachsen, Ganart genannt." 
Ital. vernäccia, eine Art Wein und die Traube und Weinstock dazu 
(in Toscana); vgl. auch Höfer, I, 237: fortiatscher. 

* fersch-n, fdärsch'n, f., Ferse (s. Schmid, 190). — Leb. d. heil. Heinrich 

V. Bozen, 1712: „N. hatte die verschen für, und die zechen ruck- 
werts." — RA. einen lieber bei der Ferse, als bei den Zehen se- 
hen, d. i. einen lieber gehen, als kommen sehen. 
* feschgen, schw. vb., (ob. Etschl.) 1) fegen, sich reiben, wie das Vieh 
an einem Baume u. dgl. ; 2) langsam thun, herumsuchen ohne recht 
zu arbeiten, nie mit etwas fertig werden. Vgl. unt. fetzeln, fitzeln, 
oder vielleicht besser Höfer, I, 202: faxen, f^xen, vexare. 
fesel, adverbial, in der RA, käd fes'l, käd fesele, gar nichts, nicht im 
mindesten, von mhd. vese, Balg des Getreidekornes, Spreu. Aehn- 
lich wurde die Negation im mhd. ausgedrückt: niht ein blat, stro, 
\ spriu, ei, nuz u. a. Bei Oswald v. Wölk, öfter: nit ain vesen, 



230 Nachträge aus Tirol zu Sohtneller's bair. Wörterbuche. 

Auch fetzl, fetzele (vgl. fetzen) hat dieselbe Bedeutung. Vgl. Kuhn. 
Zeitschr. II, 76. — Z. II, 78, 13. II, 341. III, 522, 11. 

fex, m.. Blödsinniger; Spafsvogel, Possenrei/ser. „Der Sälzhu7'ger-, Stei- 
rerfex, le cretin: die fegJcin, Blödsinnige; (Unt. Innth.) liederliche 
Weibsperson (vgl. frz. faquin, it. facchino, Wicht, Schelm). Höfer, 
I, 202. Schm. I, 510. Z. II, 341. III, 186, 5. 

fetzen, vb., 1) hauen, schneiden (s. Schm.); 2) mingere, woher die pö- 
belhaften Schelten ; fetztrog, fetzhäch'l; fitzdndl, fetzdnddr. Cimbr. 
Wb. fetzen. (Köfler führt ungar. viz, urina, an.) RA. sich schä- 
men, wie ein hettfetzer. 

fetzen, m., wie hchd., Stück, Lumpen; (verächtl.) Kleidungsstück (vgl. 
it. pezzo, pezza); ein ßtzl, fetzl, fetzdle, ein wenig; s. oh. fesel. — 
fetzeln, fitzeln, dim. vb. von fetzen (s. Schm.), in kleine Stücke schnei- 
den , klein zerschneiden ; vgl. hchd. zerfetzen und unten filzten. 

* ßd-l, f., Geige, mhd. üdele ] fidlen, vb., geigen, meist im lustigen Sin- 
ne; vgl. ob. fegl-n u. Schm. fighen. Z. II, 551, 12. 

ftdli, n., (Ob. Innth., Paznaun, Reutte) schwäb. Hinterer (v.fud, Schmid, 
207. Schm. I, 513), in Dux : fut, m. — In Reutte fragte ein Lehrer 
den Schulknaben: Was thut man, sobald man aufsteht? Antwort: 
's ströd aus de fidli kratze. Z. IV, 470, 29. V, 63, 31. 

* figgn, plur., gedörrte Birnen, Feigen u. dgl., was: kletzen, hutzeln; lat. 
ficus. Vgl. Schm. feigen, holzfeigen. 

figg'n, vb., mit der Ruthe einen kleinen Schlag fschmitzer, figger) geben ; 
2) jucken, beifsen (Ob. Innth.); wenn -s di figg9t, so rangg, wenn 
es dich juckt (anficht), so kratze (mache dir's anders); 3) seltener: 
reiben, fegen. Schmid, 192. Vocab. v. 1663 : abficken, abreiben. — 
Z. III, 365, 13. IV, 44. 

filz, m., Haarboden; daher filzen, kämmen ; j^ZzZaws, Kopflaus; _^^sÄ:ämpi 
oder filzer (vgl. nätbr), Filzkamm. Vgl. Höfer, I, 216. 

filz, f., (Unt. Innth.) Moorgrund, unangebauter, wüster Ort; engl, filth, 
subluvies. Schm. I, 530. Cimbr. Wb. filz, Moor. 

* filaun, m., Art Pflug; roman. in Graubünden: ^laww, Hinterpflug. 

fimf, fünf RA. alle fimf grad sei" läßn, sich wenig kümmern ; es bei 
der Sache bewenden lassen. Du kannst mi fimfdrlen! nar hast 
um st^xe fei'rab'nd, abweisende Formel wie : du kannst mir den Ho- 
bel blasen, du kannst mich gern haben (seil, a posteriori) und ähn- 
liche. — der fimf er, Banknote im Werth von 5 fl. C. M. 

fimnden, (Paznaun) flimmern. Schm. 



Nachträge aus Tirol zu Schmeller's bair. Wörterbuche. 231 

finänzer, findnzeler, m.., Finanzbeamter, Einnehmer (meist verächtlich, so 
dafs nicht unklar der alte Begriff von „Kniffen in Geldsachen '^ 
durchleuchtet). S. Adelung: finanz; Rixner, 177. Schm. I, 534. 

find'7i, st. vb., (conj. fand'; ptc. g'fund'n). — Etwas find-n, ironisch fiir 
mausen, stehlen. RA. bei einer zufälligen Entdeckung : findt ja oft 
ä blinde hinnr d wädzkerwl. — ddrfind'n, entdecken, aufdecken; er- 
dichten. — der fund, üblicher im Plural : die fint- , Kniffe , Kunst- 
griffe. L. 0. V, 1603 : „sollen alle gevärliche, listige fiindt und prac- 
tiken hindan gesetzt werden." — findig, adj., erfinderisch, spitzfin- 
dig. — findet, n., Fallhölzchen zum Mäusefangen, kleine Falle (viel- 
leicht dieses von lat. findere, spalten). — Schm. I, 537. 

finger, m. ; ^A. länge finger mach'n oder finget-len, stehlen, heimlich 
nehmen. 

* finnig, p finnig, geil, unlauter, brünstig; cimbr. Wh.finneJc. L. O. 1603: 
pfinnige, unrechtvörtige Schwein. Gl. v. 1663 hat: finnig schwein, 
porcus grandinosus, lentiginosus. S. Adelung: Finne. 

*firm, n., (Pass.) Abwurf bei Thiergeburten. 

firmen, vb., 1) wie hchd. — 2) die Reben beschneiden. Schm. 

firmes, m., (Dux) Monstranze, Ostensorium. 

* firstel, n., (ünt. Innth.) Last, die einer trägt. Vgl. hchd. first, culmen. 

fisch, m., wie hchd. — Schi. Tirol O. v. 1505 unterscheidet: „edl- und 
weisfisch, '^ und zählt als in der Etsch vorkommend auf: carplein, 
hausen, ferch, höchten, lagrindl, tolben, pfrillen, äschen, gräfl, gründl. 
Die Tir. L. 0. v. 1603 nebst diesen noch : rutten, närfling, prächsen, 
nasen, sleyen, alten, ha(51en, asch, eschling, huochl. Vgl. dazu Hö- 
fer, I, 219. Fischer (nach ob. Gl.): „zin[5- und schefffischer (die 
auch Kähne gebrauchen durften); seegen- (s. Höfer, I, 222) und 
grienvischer." Daselbst über die Art zu fangen: „mit seegen, reust- 
nez (Garn), rachnez (oder rachern),' mit ruetten und thauppl, mit 
muschgäten, waaten und Peeren.'' Fischenz (ä. Spr.), Recht zu 
fischen; L. 0. v. 1603: „so ainer Gejaid, Vischenzen, Robaten 
braucht und übet.'' 

fisjpern, dim. fisperlen, ein kleines Geräusch mit stillem Reden machen, 
flüstern. Z. HI, 133. 282, 99. 302. Höfer, I, 225. Schm. I, 573. 

flader, f., Maser im llo\z\ fiaderholz. Schm. 1,585. 

fläk'n, vb., (verächtl.) liegen ; sich fiuhn, niederliegen (vgl. ags. vläk, re- 
missus, tepidus v. vlacian). — fiäkisch, unreinlich, unsauber (scheint 
sich vßii fäk zu berühren; s. d.); frz. flaque, Pfütze. 



232 Nachträge aus Tirol zu Schmeller's bair. Wörterbuche, 

* flaken, plur., süfses Kohlkraut, das man, ehvor es angerichtet wird, ge- 
sotten zerquetscht. (Köfler: gr. (fldoo, quetschen, und cpaKäxgog, 
kohlkopfähnlich ?) 

fländern, hin und her bewegen; herumfländern, müssig herumschweifen; 
wegfiändern, hinausfländern , wegreiJsen, hinauswerfen. Vgl. ;pflen- 
dern. — Schmid, 194. Z. II, 51. 

flänTc'n , fl^nk-n , m., 1) Fetzen, weghangendes Stück; d flenk-n fleisch; 
vom g'wänd hengeii die flenhn dweh. Schm. I, 589. Z. II, 342. Hö- 
fer, I, 226. — fläoikier-n, bewegen, müssig herumschweifen. 

*flätschet, adj., flach, platt gedrückt oder geschlagen (engl, flat, platt); 
für plat' sehet. Vgl. Z. II, 342 : flutsehen, stark regnen. 

flausen, fausen, pl., sonderbare Einfälle, Grillen, Launen; — einem die 
flaus'n austreih'n; einem flaus'n vormächn. Z. II, 342. IV, 547, 1. 
V, 56. Adelung. 

flbchien, fledchnen, schw. vb., flüchten. Brandis, Gesch. 1626: „geschähe 
auch, das ein paumann sein liaab fürbas ^ecÄ^e^." Das.: „ime das 
Schloss mit allem Gezeug, varender Hab, geflechnetem Guet zu über- 
antworten.'' Gl. 1703: „den geflechneten Schaz.'' Schm. I, 587. 

fleisch, n., wie hclid. — g-weicht's fleisch bekömmt man um Ostern (s, 
weich-n)] grüdn und selch -fleisch; L. O. v. 1603: flaisch grün und 
digen soll zu failem kauff an offnen platz gefürt werden." — RA.: 
von fleisch fälVn, mager werden; fleischhrock'n, fleischtüivi, grofser, 
dicker Mensch ; das aufsteiget fleisch, de erectione membri. — Schm. 
I, 593. 

*fl^kn, f., Brett, Bohle (Etschl.); cimbr. Wb. vlek; flek-n lig-n, im Zim- 
mer den Boden legen ; Tir. L. O. v. 1603 : „halb träm und flocken. 
zu messen." Z. II, 342. — der flek, Stück Zeuges; hrustflek, Weste 
(vgl. tuch)\ Schmutzflek ; flekdt, beschmutzt; voll Finnen und Male; 
ahd. flechot; kutt-lflek', pl., Kaidaunen. Vgl. Kuhn, Ztschr. I, 416. 

flengk'n s. flänk'n. 

*fleß, fleuß, adj., seicht, untief (s. Schm. I, 592: flössen); eben; mhd. 
fleze , platea ; schmal , eng ; fleäßer w^g. Z. II, 342. Vgl. flöß. 

*flett-n, fletsch, fletsch' n, f.. Blättchen, Schnittchen von Rüben u. dgl.; 
flettlen, solche Schnittchen machen (ob. Etsch.). Vgl. flutschet, Schm. 
I, 594: gefletter. — Die fletsch' n, (verächtl.) breiter, unförmlicher 
Mund. Vgl. Höfer, I, 230: fletschmaid. Z. I, 285, 1, 17. 

flieeh-n, st. vb., fliehen, und hie und da Aussprache für: fliegen; der 
vog'l fliecht. Im Sinne von fliehen besonders als Imperativ: fliech 



Literatur der deutschen Mundarten. MS 

fort! weg da! flticht, f., Fläche, die man an Gegenständen obenhin 

übersieht (technischer Ausdruck für Zimmerleute u. a.), Richtung 

nach der Schnur. 
*ßingk, adj., wie hchd. flink, behend; sauber, hübsch, gutgewachsen: 

ein ßingker hue. 
*ßins-n, f., Maulschelle, Ohrfeige; (Pust.). d ßins-n außglügkhn, einen 

Schlag auf den Kopf geben. Z. II, 342. Vgl. ßums. 
(Fortsetzung folgt.) 



Literatur. 

Fortsetzung und Ergänzungen zu 

P. Tröuiers liiteratur der deiitscheii Mundarten. 



47 «1 Schweizerische Monatsschrift des litterarischen Vereins in Bern 
(Nr. 1—5. Schaff hausen, 1858. kl. 2\) enthält Gedichte, Volks- 
lieder, Sprichwörter etc. in Mundarten der Schweiz. 
55a- Alb. von Rütte. Erklärung der schwierigeren dialektischen 
Ausdrücke in Jeremias Gotthelfs (Albert Bitzius) gesammelten 
Schriften. Berlin, 1858. 8". VIII u. 103 Stn. 

113 f. Die sagen Vorarlbergs. Nach schriftlichen u. mündlichen Ueber- 
lieferungen gesammelt u. erläutert von Dr. F. J. Vonbun. Inns- 
bruck, 1858. 8«. Vm u. 152 Stn. 

309 g Norddeutsche Sagen, Märchen u. Gebräuche aus Meklenburg, Pom- 
mern, der Mark, Sachsen, Thüringen, Braunschweig, Hannover, 
Oldenburg u. Westfalen. Aus dem Munde des Volkes gesammelt 
u. herausgeg. v. A. Kuhn u. W. Schwartz. Leipzig, 1848. 8". 
(Enthält einige Sagen etc. in Mundart nebst Erklärung mancher 
volksthündichen Bezeichnungen. ) 

309h Zwei plattdeutsche Gedichte aus dem 15. Jahrb., mitgetheilt von 
G.G. F. Lisch (mit Uebersetzung U.Erläuterungen) in den Jahr- 
büchern des Vereins für meklenb. Gesch. u. Alterthumsk. XXII 
Jhg. (1857), 268-272. 

420 b. Empfang des Prinzen Friedr. Wilhelm v. Preufsen u. der Prin- 
zessin Victoria in Dortmund, Gedicht im Dortmunder Dialekt, — 
enthalten im Dortmunder Kreisblatt, 1858, Nr. 20. 

16* 



234 Literatur der deutschen Mundarten. 

441a. Johann Genersich. Versuch eines Idiotikons der Zipser Spra- 

;. che — in Schedius' Zeitschrift von u. für Ungern ; V. Bd. (1803), 

S. 31 — 37. 94—102. 142 — 158; nebst Nachtrag : VI. Bd. (1804), 
S. 295 — 316. 347 — 364. 

441b- Ernst Lindner. Der Karfunkelturm oder Teikels Sun von 
Schlosz. E zepsersches Gedicht von Lendner's Ernst in Keisen- 
markt. 1854. 

442e Karl Julius Schröer. Beitrag zu einem Wörterbuche der deut- 
schen Mundarten des ungrischen Berglandes. (Aus dem November- 
hefte des Jahrganges 1857 der Sitzungsberichte der philos.-histor. Classe 
der kais. Akademie der Wissenschaften [XXV. Bd., S. 213] besonders ab 
gedruckt.) Wien, 1858. 8^. 62 Stn. (A bis IL) 



Die sagen Vorarlbergs. Nach schriftlichen und mündlichen Überlie- 
ferungen gesanmielt und erläutert von Dr. F. J. Vonbun. Innsbruck, 
Verlag der Wagnerischen Buchhandlung. 1858. 8^. VIII u. 152 St. 

Seinen vor elf Jahren, (Wien, 1847) mehr als Probe erschienenen 
„ Volkssagen aus Vorarlberg " läfst der um die Sagenforschung seines 
Heimatlandes auch sonst noch verdiente Herausgeber im vorliegenden 
Bändchen eine reichere, nach dem Inhalte geordnete Sammlung von 
102 Nummern in zwei Hauptabschnitten (I. Märchen, S. 1 — 80, Nr. 
1 — 74; IL Sagen u. Legenden, S. 81 — 120, Nr. 75 — 102) folgen, de- 
ren manche zuvor schon in dieser Zeitschrift, wie in der Zeitschrift für 
deutsche Mythologie u. Sittenkunde von ihm mitgetheilt worden. Der 
grofse Werth, den diese gut gewählten Stücke an und für sich haben, 
wird nicht nur durch erläuternde Einleitungen und Anmerkungen, son- 
dern vornehmlich auch noch dadurch erhöht, dafs sehr viele derselben, 
namentlich im ersten Abschnitte, in dem ihnen eigenthümlichen und dar- 
um wohlanstehenden Gewände der vorarlbergischen Volkssprache auf- 
treten. Dadurch hat dieses Buch noch eine ganz besondere sprachliche 
Bedeutung erhalten, die um so gröfser ist, als der Herausgeber für die 
genaue Niedersetzung der mundartlichen Erzälilungen sich in den Haupt- 
punkten der für diese Zeitschrift aufgestellten Lautbezeichnung bedient 
und das System derselben nebst einigen Angaben über Sprache und Ab- 
stammung der Bewohner Vorarlbergs in einem kurzen Vorworte (S. lU 
bis VI) vorausgeschickt hat. Ueberdies ist auch noch zur Erleichterung 
des Verständnisses dem Buche ein Glossar (S. 121 — 152) angehängt, 



Literatur der deutschen Mundarten. 235 

das zumeist (theils mit^ theils ohne Verweisung) an Erörterungen dieser 
unserer Zeitschrift sich anschliefst. 

Soll gerade von dieser Seite, mit welcher Hrn. Dr. Vonbun's em- 
pfehlenswerthe Sammlung auch in das Gebiet unserer Zeitschrift ein- 
greift, hier noch ins Weitere geredet werden, so möchte ich nach der 
dankbaren Anerkennung so reicher Belehrung und einiger Berichti- 
giuigen (vgl. sirma mit Z. III, 219, 14; 7iomma mit Z. III, 530, 4) nur 
auf so manche Lücken, welche uns beim Gebrauche des Glossars be- 
gegnet, aufmerksam machen, damit sie uns der sorgsame Herausgeber 
bei einer folgenden Auflage ergänzen möge. So fehlen z. B. aha (es 
einem) gleichthun, S. 13, 4 v. u.; cTsto', stille halten, stehen bleiben, 8, 

8, 2; hodadtmkel, sehr dunkel, '2Q (vgl. Z. V, 7); higotts, bei Gott, wahr- 
lich, 7,2; dardür, dadurch, 9,24; ehbanamol [^= jättanaviol), hie und 
da, 13, 5 V. u. ; fältele, n., Thürklinke, 9, 7 ; lierzkäferle, n., Liebkosewort, 

9, il \ joclifärer , 13, 1 v. u. ; lusterla, lauschen, forschen, 10, 2 (Z. III, 
303); ohercho, bekommen, 26; oberdert, hinüber, jenseits, 9, 14; schnapj)- 
sack, m., 28; schrof-n, m., Felswand, 17, 8 v. u. (Z. IV, 500, 4); vödele, 
n., Hintere, 9, 20 (Z. III, 400, IV, 13. IV, 470, 29. V, 63, 31); worchat, 
f., Wahrheit, 9, 1 v. u. ; zägerle, n., Zeigefinger, 8, 8, 2 v. u. ; zvapronga, 
zugebracht, st. ptc, (nach ahd. prinku, prank, prunkan), 35, u. v. a. m. 

Auch hinsichtlich der Etymologie bleibt hie und da etwas zu wün- 
schen übrig (z. B. zu hacha, f., vgl. mhd. bache, m. , Speckseite, auch 
Schm. I, 143. Stald. I, 122 etc.; zw. fora, vermuthen, mhd. varen, nach- 
stellen, lauern, vgl. üsag'for; zu gretzga, plur., Z. IV, 244, 10 u. kriss; 
zu jetz und de, Z. IV, 329, II, 4 u. etzeda, u. a. m.), sowie überhaupt, 
dafs eine sorgfältige Correctur viele sinnstörende Druckfehler beseitigen 
und die Einführung der dem u entsprechenden Typen a und 6 (oder 
96 und OB, wie sie im Texte stehen) einer gerade bei dieser Mundart so 
nahe liegenden Verwechselung des ae und oe mit aa und 09 vorbeugen 
möge. Der Herausgeber. 



Beitrag zu einem Wörterbuche der deutschen Mundarten des ungrischen 
Berglandes. Von Karl Julius Schröer. [Aus dem November- 
hefte des Jahrganges 1857 der Sitzungsberichte der philos. -histor. 
Classe der kais. Akademie der Wissenschaften (XXV. Bd. S. 213) 
besonders abgedruckt.] Wien. Aus der k. k. Hof- u. Staatsdruckerei. 
In Commission bei Karl Gerold's Sohn, Buchhändler der kais. Aka- 
demie der Wissenschaften. 1858. gr. 8^ 62 Stn. (A— H.) 



236 Literatur der deutschen Mundarten 

„Eine Gesellschaft von Menschen bringt innner in ihrem geistigen 
Hausrath ein lebendiges Urkundenbuch mit sich, das oft dauerhafter und 
treuer ist als jedes andere: ich meine die köstlichen Heimats-Güter der 
Sitte, Sage, des Märchens, des Liedes und der Mundart." — Von die- 
ser richtigen Ansicht geleitet, hat der Verfasser vorliegenden Buches, 
wenn auch blos aus der Ferne und von wenigen Hülfsmitteln unterstützt, 
seine Untersuchung über die „noch völlig unerledigte Frage um die Hei- 
mat und den Ursprung (der Bewohner) einiger seltsamer deutscher Sprach- 
inseln des ungrischen Berglandes begonnen, die ihrer ganz eigenen 
Mundarten wegen von den Gelehrten einmal für Quaden oder Longo- 
barden, ein andermal für Gepiden und Gothen, die noch heute das alte 
Gothisch sprechen sollen, gehalten werden.*' Und es ist ihm gelun- 
gen, jene nebelhaften Vorstellungen zu zerstreuen und zu der Ueber- 
zeugung zu gelangen, dafs „die Grundlage der höheren Cultur jener 
Gegenden demselben herrlichen deutschen Stamme vom Niederrhein zu 
danken ist, der für Siebenbürgen von solcher Bedeutung werden sollte: 
nur dafs er hier, auf einem gröiseren Gebiet ausgebreitet, mitten unter 
Fremden mannigfaltig den fremden nationalen Einflüssen erlegen ist und 
als Nation keinen gemeinsamen Halt finden konnte, während dem seine 
Brüder, die Sachsen in Siebenbürgen, einen Staat im Staate bilden durf- 
ten und auf kleinerem Räume mit einander in Verbindung blieben." 

Viele Beispiele, namentlich auch in Ortsnamen, werden beigebracht, 
aus welchen noch „Spuren des Zusammenhanges der Zips und der un- 
grischen Bergstädte mit dem Niederrhein einerseits, mit Siebenbürgen 
und den VII commimi anderseits" zu erkennen sind. Diesem ursprüng- 
lichen (mitteldeutschen) Elemente des Niederrheinischen (=:r Siebenbür- 
gischen) haben sich in den ungrischen Mundarten später durch Einwan- 
derung und Verkehr andere umbildend verbunden, und zwar bei der 
Zipser Mundart das Thüringische, Meifsnerische, Schlesische, bei der 
Gründener (in den südlichen und westlichen Colonieen) das rein ober- 
deutsche Element aus Oesterreich, Steiermark, Kärnten, Krain, Tirol, 
wodurch „eine Verschiedenheit zwischen Zipserisch und Gründnerisch 
herbeigeführt wurde, eine Spaltung, die wohl durch die politische Tren- 
nung der XIII Zipser Städte während ihrer Verpfändung noch beför- 
dert wurde. ** 

Indem Hr. Prof Schröer diese Ergebnisse seines Forschens in an- 
spruchsloser Weise, nur „als eine Anregung, die vielleicht bei jenen ih- 
res Ursprungs so wenig gedenkenden deutschen Vorposten einen Gelehr- 



Literatur der deutschen Mundarten. 99ff 

ten erweckt, der die reichen Schätze, die da zu finden sind, heben will,'' 
im Eingänge seiner Schrift (S. 1 — 26) veröffentlicht, hat er sich gewifs 
schon gerechten Anspruch auf unseren Dank erworben ; doch mehr noch 
dadurch, dafs er zugleich Veranlassung genommen, den aus verschiede- 
nen, für jene Untersuchung benutzten Quellen erwachsenen, nicht unbe- 
trächtlichen Wortvorrath jener Deutschen des ungrischen Berglandes in 
ein Idiotikon zusammenzustellen, von welchem uns hier die erste Ab- 
theilung (S. 29 — 62) vorliegt, welche die Buchstaben A — H mit Ein- 
schlufs von P und T umfafst. Bei dieser Wörtersammlung sind auch 
Bemerkungen über Vocalismus und Consonantismus und Mittheilungen 
über Sitten und Gebräuche mit eingereihet; auch fehlt es nicht an Ver- 
gleichungen verwandter mundartlicher Erscheinungen. 

Möge uns hier nur noch vergönnt sein, zum Zeichen der dankba- 
ren Freude, mit welcher wir dieses neue, sehr erwünschte Hülfsmittel 
für dialektische Forschung sofort erfafst, ein paar Bemerkungen anzu- 
reihen, die uns beim raschen Durchlaufen des Inhaltes hie und da auf- 
gestol'sen. 

S. 33«: Paschen. Nicht bei Stalder (schweizerisches Idiotikon), son- 
dern bei Schmid (schwäbisches Wörterbuch) ist das von Schmeller ange- 
führte schwäbische BotscheL Schwein, auf S. 51 unter Bätze zu finden. 

S. 40»: Brief. Die unter diesem Worte aus Schmeller I, 255 ci- 
tierle Redensart: „/ häd di Bridf von Tanzn!'-' für: ich mag nicht 
tanzen, was frag' ich nach dem Tanzen, wird von Grimm (Wörterb. II, 
423, 3) unter Brühe (Bru) gestellt und als eine jener bildlichen ver- 
stärkenden Verneinungen (verstehe: die werthlose Brühe im Gegensatz 
zur eigentlichen Speise als Fischen, Klöfsen etc. = gar nichts) erklärt, 
die schon im Mittelhochdeutschen nicht selten waren und deren die Volks- 
sprache noch so manche kennt und immer neue bildet (vgl. Z. II, 78, 6). 

Auch bei Grübel, aus welchem unserem Schmeller (vgl. Gramm. 
S. 478) jenes Beispiel vorgeschwebt haben mag, lautet diese Redensart 
in I, 23, 5 der neuen Ausgabe: „Häit' die Bröih von Tmiz'n i!^ und 
ebenso II, 88: „/ ober hält' die Bröih dervoh.^ 

Eine umdeutende Anlehnung dieses Brüh' an Brief mag zunächst 
durch den Anlaut der meist auf dieses Wort folgenden Präposition von 
veranlafst worden und in Gegenden entstanden sein, wo li wie i ge- 
sprochen wird. Nach derselben mag auch folgende Stelle Weise's (bei 
Grimm, Wörterb. II, 380, 8} zu erklären sein: „Ich habe gleichwol die 
Briefe nicht davon, dafs ich deine Berenheuterei ertragen soll.^ 



238 Literatur der deutschen Mundarten. 

Allein auch dieses mehr oberdeutsche Brühe scheint uns nicht in 
die ursprüngliche Form dieser Redensart zu gehören, sondern eine Um- 
deutung des niederd. Brue, Spott (v. bruen, hruderi, necken, plagen; Z. 
II, 394, 8. Grimm, Wb. II, a. a. O. u. 425, 2, c. Brem. Wb. I, 147) zu 
sein, welches durch die Nebenform Brude, Brud bei Dähnert, 57 und 
Schütze I, 169 (Ik wet de Brude davon; ik schev mi de Brude darum; 
da lief ik de Brud vun) eine besondere Bestärkung erhält, wie auch 
durch den Umstand, dafs diese Redensart im Niederdeutschen fast all- 
gemein, aufserdem aber nur noch in niederrheinischen (Müller -Weitz, 27. 
Schmidt, 38), hennebergischen (nach mündlicher Mittheilung; doch nicht 
bei Reinwald) und fränkischen Mundarten (z. B. Münchberg, "Würzburg, 
Nürnberg) und zuletzt wieder in verhochdeutschter Form eben bei jenen 
ungrischen Bergvölkern als ein weiteres Zeugnifs für ihre niederrheini- 
sche Abkunft erscheint. 

S. 40 a: Zu hritsch, fort, dessen Deutung treffend scheint, verglei- 
che man Z. IV, 118, 10. 

S. 48 a: Türpel. Dieses als ein kostbares Zeugnifs für die gemein- 
same Herkunft der ersten Zipser und Siebenbürger bezeichnete Wort 
ist nunmehr auch in unserer Zeitschrift (IV, 128, 19: drüjjpel-^ 284, 106: 
dirpel; V, 40, 103) zu finden. Es begegnet übrigens auch bei Stürenb. 
39. Schütze, I, 262 (drümpei) u. bei Müller -Weitz, Aachener Mundart, 
34 in der Umstellung Dölper, aus welcher sich dann die Redensarten 
„über den Tölpcl werfen (stofsen"; vgl. Schmidt 256) und „über den 
Tölpcl fallen" (r=:; mit der Thüre ins Haus fallen) als Verdrehungen er- 
klären. Der Herausgeber. 



Zukünftiges. 



Der Ausschufs des historischen Vereines für Steiermark in Gratz 
hat im April d. J. einen gedruckten „Aufruf zu einer Sammlung 
der steirischen Volkslieder und Volksreime" zunächst an die 
deutschen Steiermärker, dann aber auch an deren windische Landsleute 
gerichtet, um dieselben zu veranlassen, Alles, was von Volksliedern und 
deren Singweisen, Volksreimen etc., die ihrem Begriff und Wesen nach 
genauer bestimmt werden, im Munde des Volkes noch fortlebt, sei es 
ganz oder nur als Bruchstück, niederzuschreiben und an den Ausschufs 



Literatur. 339 



einzusenden, damit dann dieses geistige Gemeingut, geordnet und kritisch 
gesäubert, dem ganzen Lande im Druck übergeben werden könne. 



Sprachgeschichtliehe Wünsche in Bezug «^uf die Her- 
ausgabe der deutschen Reichstagsakten 



von 
Rudolf von Baumer. 



Unsere Zeitschrift hat es zwar zunächst nur mit den deutschen 
Volksmundarten an sich zu thun. Aber eine der wichtigsten Seiten der 
mundartlichen Forschung bildet das Verhältnis der Mundarten zur Schrift- 
sprache, und zwar in doppelter Weise. Erstens nämlich ist ja die Schrift- 
sprache selbst hervorgegangen aus den Mundarten. Denn, mag man 
über die Entstehung der gegenwärtigen deutschen Schriftsprache denken, 
wie man will, mag man ihre Ursprünge in mancher Beziehung mit 
Recht noch so tief zurückführen in die schriftlichen Aufzeichnungen des 
Mittelalters, immer kommt man bei weiterm Zurückgehen auf einen Punkt, 
wo die schriftliche Aufzeichnung hervorgeht aus der gesprochenen Mund- 
art. Zweitens aber ist es eine wesentliche Seite an der Untersuchung 
der Volksmundarten, zu verfolgen, wie die mehr und mehr festgestellte 
Schriftsprache wieder zurückwirkt auf die gesprochenen Mundarten. 

Unter allen Fragen der deutschen Sprachforschung ist kaum eine 
von gröfserem Interesse und schwererem Gewicht als die Frage nach 
der Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache. Aufser der grofsen 
geschichtlichen Wichtigkeit, welche die neuhochdeutsche Schriftsprache 
besitzt, hat auch für die Sprachforschung selbst 'gerade die Entstehung, 
Ausbildung und Verbreitung dieser Sprache einen besondern Werth, 
weil sich in der Lösung dieses Problems fast alle die Fragen vereini- 
gen, die das Verhältnis der Schriftsprache zu den Mundarten betreffen. 
Wie verhält sich die neuhochdeutsche Schriftsprache, die Sprache Lu- 
thers, zur früheren hochdeutschen Gemeinsprache, zum Mittelhochdeut- 
schen? Begnügen wir uns hier, die Lautverhältnisse, die Flexionen 
u. s. w., wie wir sie bei Luther vorfinden, zusammenzustellen mit den 
mittelhochdeutschen des dreizehnten Jahrhunderts, so hat die Sache frei- 
lich keine allzu grofse Schwierigkeit. Aber das ist nicht die Frage, von 
der wir reden. Diese Frage ist vielmehr: Wie ist die mittelhochdeut- 



240 Literatur. 

sehe Sprache des dreizehnten Jahrhunderts in die neuhochdeutsche des 
sechzehnten umgewandelt worden? Oder anders ausgedrückt: In wel- 
cher Weise sind die Formen der Schriftsprache des sechzehnten Jahr- 
hunderts an die Stelle der mittelhochdeutschen getreten ? Bricht der 
Zusammenhang mit dem Mittelhochdeutschen ganz ab? Ist eine andere 
Mundart an der Stelle des Mittelhochdeutschen zur Schriftsprache erho- 
ben worden? Oder hat sich das Neuhochdeutsche aus einer Mischung 
von Mundarten zur Schriftsprache herausgearbeitet? Und wenn dies letz- 
tere, wo und wie hat diese Mischung stattgefunden? Ist sie unabhän- 
gig vom Mittelhochdeutschen, oder bildet nicht vielmehi* die schriftliche 
Gemeinsprache der früheren Zeit, so weit eine solche da war, die Grund- 
lage, welche in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters durch das 
Eindringen mundartlicher Formen des östlichen und mittleren Deutsch- 
lands zur neuhochdeutschen ist umgestaltet worden? Und wie ist es zu- 
gegangen, dafs gerade diese Mischung den Sieg davongetragen hat? 
Was hat ihr das Uebergewicht verschafft über alle anderen Formen, 
namentlich über die im südwesthchen Deutschland immer noch fortle- 
benden mittelhochdeutschen? Man hat sich gewöhnt, den Grund dieser 
Erscheinung in Luthers Sprache und der Kirchenreformation zu suchen. 
Aber so gewaltig und über alle anderen hervorragend auch Luthers 
Sprache war, so überzeugt man sich doch bald, dafs die Entstehung 
und Ausbreitung der neuhochdeutschen Schriftsprache noch in ganz an- 
deren Umständen wurzelt als in der Sprache und dem Einflufs Luthers. 
Denn erstens ist die neuhochdeutsche Sprache in allem wesentlichen 
schon vor dem Auftreten Luthers vorhanden, und zwar nicht etwa blofs 
als Sprache der sächsischen Kanzlei, aus welcher sie Luthers Schriften 
über die anderen Länder Deutschlands ausgebreitet hätten, sondern als 
gemeinsame Schriftsprache für einen grofsen Theil Deutschlands. Zwei- 
tens aber zeigt sich auch die Ausbreitung dieser neuhochdeutschen Ge- 
meinsprache in unzähligen Fällen völlig unabhängig von Luthers Ein- 
flufs *). Müssen wir also zuvörderst ganz absehen von Luther, so fragt 
sich: Wo haben wir die Entstehung des Neuhochdeutschen und die 
Gründe seines Uebergewichts zu suchen? 

Gewifs haben, wie bei allen derartigen Erscheinungen, sehr man- 
nigfaltige Umstände zusammengewirkt, um zuletzt zu dem grofsartigen 
und überraschenden Ergebnis zu führen. Man wird diese Umstände 



Vgl. Zarncke's Commentar zu Brant's Narrenschiflf S. 276. 



• Literatur. 

alle, jeden in seiner Art, in Anschlag zu bringen haben. Aber ich 
glaube, mich nicht geirrt zu haben, wenn ich die kaiserliche Kanzlei und 
die deutschen Reichstage *) als eine der wesentlichsten Zeugungsstät- 
ten der neuhochdeutschen Gemeinsprache und als die Hauptursache ih- 
res Uebergewichts bezeichnet habe **). Man mufs sich dabei nur vor 
MiTsverständnissen hüten. Erstens nämlich ist natürlich nicht die Rede 
von dem Machen einer neuen Sprache, sondern es handelt sich nur von 
der Umgestaltung der früheren Gemeinsprache, so weit eine solche schon 
im dreizehnten Jahrhundert vorhanden war, und von dem Einflufs, wel- 
chen die Mundarten in dieser Beziehung bei der Behandlung der Reichs- 
geschäfte geäufsert haben. Zweitens aber darf man nicht eine völlige 
Gleichheit in den Aufzeichnungen erwarten, vielmehr nur eine immer 
gröfsere wechselseitige Annäherung, die aber doch schon vor Luthers 
Auftreten so weit gediehen ist, dafs die Reichssprache in allen ihren 
Spielarten sich als eine Gemeinsprache abhebt von den eigentlichen 
Volksmundarten des Gebietes, auf welchem sie gilt. Das Vordringen 
der Formen, welche auf diese Art zu einer gemeinsamen Reichssprache 
verwuchsen, wird nicht wenig gefördert durch die neu erfundene Kunst 
des Bücherdrucks. Der Bücherdruck bildet gewissermafsen eine zweite 
Quelle der neuhochdeutschen Gemeinsprache. Aber dafs auch im Bü- 
cherdruck schon im 15. Jahrhundert die neuhochdeutschen Formen als 



*) Ich fasse die kaiserliche Kanzlei und die deutschen Reichstage zusammen, um 
dadurch die Wechselwirkung, in welcher beide standen, zu bezeichnen. Sicher- 
lich hat die Sprache der kaiserlichen Kanzlei auf die allmähliche Feststellung der 
Reichssprache den wesentlichsten Einflufs gehabt. Andererseits wird sie bei dem 
beständigen Verkehr mit den anderen Kanzleien und den häufigen Reichstagen 
des 15. Jahrhunderts eine nicht geringe Einwirkung von Seite der Uebrigen er- 
fahren haben. Man kann hier bei der Stellung, die Friedrich der Weise gegen 
das Ende des 15. und im Beginn des 16. Jahrhunderts einnahm, besonders an 
Chursachsen denken. Demnächst auch an Churmainz, indem Reichskanzlei und 
kaiserliche Kanzlei sich immer mehr gegeneinander abgrenzten , bis dann durch 
die Wahlkapitulationen seit Leopold I. dem Erzbischof von Mainz die Besetzung 
aller Stellen am Haupt-Reichs-Archiv ausdrücklich vorbehalten wurde. Die Stel- 
lung von Mainz zur schriftlichen Aufbewahrung der Reichstagshandlungen u. s. w. 
ist höchst interessant; aber man wird sich zu hüten haben, nicht Verhältnisse 
späterer Jahrhunderte auf frühere Zeiten zu übertragen. 
**) Vgl. die Darstellung in meiner Schrift: Ueber deutsche Rechtschreibung, Wien 
1865, S. 95 -100. Dazu: Der Unterricht im Deutschen, 3. Aufl. Stuttgart 1857, 
S. 21 fg. Pfeififer's Germania 1856, II. S. 160 fg. — Das deutsche Wörterbuch 
der Gebrüder Grimm und die Entwickelung der deutschen Schriftsprache, Wien 
1858, S. 26 — 29. 

* 16 



242 Literatur. « 

„rechtes gemeines Deutsch" das Uebergewicht erhielten, das wird seine 
Ursache nicht blofs darin gehabt haben, dafs ein Theil der Schriftsteller 
des 14. und 15. Jahrhunderts sich dieser Formen bediente, auch nicht 
darin allein, dafs Nürnberg und Augsburg zwei Hauptdruckstätten für 
deutsche Bücher waren, sondern vorzüglich auch darin, dafs diese For- 
men es waren, die in den Reichsakten durchdrangen. Erst wenn diese 
Thatsachen gehörig festgestellt sind, wird sich untersuchen lassen, in 
welchem Mafs Luther zur Ausbreitung der Reichssprache überhaupt und 
insbesondere zum theilweisen Sieg der obersächsischen Spielart der 
Reichssprache gewirkt hat. 

Aus der voranstehenden Darlegung ergibt sich nun auch, welche 
Forderungen wir an die beabsichtigte Veröffentlichung der deutschen 
Reichstagsakten stellen müssen. Vor allem ist der buchstabengetreue 
Abdruck der zu Grunde liegenden Handschrift unerläfslich, 
wenn die Veröffentlichung für die Sprachforschung Werth haben soll. 
Will man vorkommende Abbreviaturen im Druck auflösen, so mufs man 
seiner Sache gewifs sein, dafs man dies der Sprache der Handschrift 
entsprechend thut. Jedenfalls aber ist auch über solche Abweichungen 
von der Vorlage in der Einleitung genaue Rechenschaft zu geben, da- 
mit der Sprachforscher weifs, wo er die Handschrift, wo den Heraus- 
geber vor sich hat. Alles weitere Zurechtrücken würde den wesent- 
lichsten Werth, den diese Veröffentlichung für die Sprachforschung hat, 
zerstören. Zweitens ist die Herkunft der abgedruckten Handschrift, wie 
sich auch aus sachlichen Gründen von selbst versteht, genau anzugeben. 
Sehr erwünscht würde jede etwa auffindbare Mittheilung über Herkunft 
und Schicksale des Schreibers sein. Wo aber mehrere Handschriften für 
einen und denselben Akt vorliegen, da sind sie ja nicht in der Weise 
zu mischen, dafs das charakteristische Gepräge beider verloren geht. 
Vielmehr ist die eine buchstabengetreu abzudrucken, und die Ergänzun- 
gen und Berichtigungen der anderen gleichfalls buchstabengetreu hinzu- 
zufügen. Von besonderem Werth für die Sprachforschung würde es sein, 
wenn man in den Einleitungen ein und dasselbe, wenn auch nur kürzere 
Stück aus den verschiedenen Handschriften buchstabengetreu mittheilte. 

Geht man auf diese Weise zu Werke, so wird sich bald zeigen, 
vrie bedeutend der Gewinn dieser Veröffentlichung für die Geschichte 
der deutschen Schriftsprache und ihres Verhältnisses zu den Mundarten 
«ein wird. 



Dichtungen und Sprachproben. Kämtnerische Mundart. 



«M 



Mundartliche Diehtnngeii nnd Sprachproben. 



Volkslieder aus Kärnten, 

gesammelt im oberen Drauthale bei Villach von 
Anton Stanfel. 



A lüstigar bua 

bin i' -s ällweil g-wes-n, (u— ) 
und ba'n wirt af der tfxr 
is za'n äberles-n. (u— ). 

2. 
A schneie hät's g'schnib-n 
in mittn sümmar, (u— ) 
und hiaz kennt ma die tj'ittlan 
um's häusl ümmar. (o— ) 

3. 
Aufasteig-n, einarred-n 
kann m-rs kä mansch varwir*n ; 
eineleg-n, zuobabä^, 
was schäd-t denn das. 

4. 
Bist a sch^an-s diandl, 
bist a fein-s diandl, 
aber mei" diandl bist 's nit; 
hast a liabs tän, 
hast a kreimts tän, 
aber mei~ tän hast "s nit. 

5. 
Ahna-wäßerhi frische wä[5erln, 
oubn häter und unt*n truab ; 
und älma-diondlan kreimte diandlan, 
kälte händlan und wärme liab*; 
aber städta'-diandlan fälsche diand- 

lan, 
wärme handlan und gär kä liab*. 



Diendle, deV stoulz 
und dei~ houchmuatig-s tan, 
wernt di' ä' amäl g-roi'n, 
wann du bleibn werst allän. 

7. 
Das diandle is mein, 
aber mein allän nit, 
und wänn-s mein allän war-, 
war- i' häkla darmit. 

8. 
Hab' woul amäl aufag-jauzt 
übar die älm, 

und hiaz häb* i' die sakrische 
höbang zua zäln. 

9. 
Schean seint se wol, 
die hoachbergar menschar, 
aber sikrisch weit aufe 
za'n brent'lfenstar. 

10. 
Fert-n und hoier 
und fruaher a jär 
hän i' mei~ diandl gfouppet, 
hiaz nimmt sie's erst war. 

11. 
In sümmar wäxt lab und gras, 
ällderla kraut; 

i' bin nia ba an diandl gleg-n, 
hSn mi' nit traut. 

16* 



244 



Dichtungen und Sprachproben. 



12. 
Diandle, willst- mein sein, 
mua(Jt m-r treu bleib'n, 
das sakrische umraarschmir'n 
kann i' nit leid-n. 

13. 
W^g"n an diandl traurig sein, 
das war- a schänd : - 
dräh* m'r glei' ummadum, 
räch- aner andern die händ. 

14. 
Da steig- i' nit aufe, 
da is nit mei~ schätz, 
da is lei is sege diandl: 
„der da entar kinimt, hät-s." 

15. 
Das diandle is jung, 
und i' ä nit gär alt, 
und i' tua-s nit varfuar-n, 
aber gern han i' s hält. 

16. 
Hat mi' 's diandl varlä{i-n, 
wia lädig bin i', 
wßr' a weibl aufnehmen, 
das wert trauern für mi'. 

17. 
A lustigar bua 
war- i' wol af der weit, 
und an schneid hät-s nia g-fehlt, 
lei älbang an geld. 

18. 
Alleweil, alleweil 
gßat-s asou zu9 : 
wann i' soullt- heirat-n, 
stirbt mr der bua. 

19. 
Diandle, was fält dr, 
was tuat d-r d^nn w§, 



däj3 du allemal wänst, 
wann i' einspännen ge. 

20. 
Diandle, ste auf, ste auf! 
mäch- mr dei~ turle auf, 
träz- mi' nit gär sou läng, 
kannst mi' ja schoun. 

21. 
Die sönndrin af der älm 
hat a hSrz wia a schwälm: 
hat a klä schneie g-schnib-n, 
hat sie äher gc trib-n. 

22. 
Wann sonn- und mond steat, 
und die weit untargeat, 
und die Trag auferinnt, 
nächar liab- i' di' g-schwind. 

23. 
Das w^gle is ränig, is stänig, 
der weg is z-schmäl ; 
i' g6 zua mein diandlan aus lautar 

^gäll 
heunt das letzte mal. 

24 
Die sönndrin af der älm, 
de koucht a guat-s muas 
und sie braucht gär kän roudl, 
sie ruart mit 'n fua[i. 

25. 
H6, bua, gß nit sou laut! 
brezlt der boudn ; 
bist a tälketar narr, 
hast die schua nit auszoug-n. 

26. 
Mei~ schätz is a houlzknecht, 
er hakt, daß -s lei klingt, 
dä(3 die schät'n van der frät-n 
zua mein fönstar herspringt. 



Kärntnerische Mundart 



»16 



27. 
Wia 'S epper nächar war-, 
wann der bua rauschig war*, 
und 's diandl ä' nit niacht, 
und war kä liacht. 

28. 
Der tänzboud-n is lükat, 
das diandle is klän, 
und wann 's mr varschlüpfat, 
was tat' i' allän? 

29. 
Hän wol amal g*raänt, 
i' wer' trauern schier, 
aber es kummt nir nar alleweil 
lustigar für. 

30. 
Oub"n af der älm 
is a läk'l, mächt eis; 
weg*n an diandel traurig sein, 
war* mr was neu's. 

31. 
Wann du mi' nit magst, 
han i' a' kein zoarn, 
und i' bin wegui deinar 
nit aufzügelt woar'n. 

32. 
Der kaisar hat einarg*schrieb"n, 
er brauchat' soldät'n, 
die digndlan häm au(Jeg*schrieb*n, 
se könnt'n kän g'rät-n. 

33. 
Das nächt'l is stoukfinstar, 
die digndlan seint schean, 
wermer staudach änzünd'n, 
wert g'liochtar ba'n gean. 

34. 
Hän mi' nix gekeit, 
kei* mi' nouch nit gär viel, 



wann mi' lei in der nächbarschäft 
kä digndl will. 

35. 
Ba'n tänz*n is 's lüstig, 
ba'n aufg^b'n is touU, 
und i' wa(J nouch liadlan 
an bükelkoarb vouU. 

36. 
Tänz-n und prähn 
und die spilleut* nix zahn, — 
van die ligdlan aufgeben 
können die spilleut- nit leb'n. 

37. 
Zwa diandlan liab*n, 
das muaßt du meid*n, ( u — ) 
sünstar mua(5t du dei"" herzl 
vanänder schneid-n. (o-) 

38. 
E als i' di' varlä{5', 
e läfJ" i' 's leb-n, 
und soullt" i' mei~ bluat 
ba an tröpflan hergeb-n. 

39. 
Hab" a schean-s biabl g'liabt, 
hat die muatar gekriegt; 
was sie epper nächar wert säg-n, 
wann i' an toulpätsch wer' häb'n. 

40. 
Bin ä' woul a bauer, 
hän an groa(5'n schouck kiia, 
se geant alle jär galt, 
lei die kuadirn* nia. 

41. 
Zwä biablan liab'n, 
das is m'r a g'späs, 
und ouft äne kriogt kän, 
de in foartel nit wä[5. 



346 



Dichtungen und Sprachproben. 



42. 
Daß der wäld finstar is, 
mächent die bliss-n, 
dä(3 das diandl mir äng-hert, 
derf niomänd wif5-n. 

43. 
Diandle, nfx, nix! 
mit dir is heunt ntx ; 
hast a roat's kitterl ä,n, 
du bist a schiks. 

44. 
Za'n kfrchtäg, za'n järmärkt 
is mei~ diondl schean, 
aber das hät's, an schiachen brauch, — 
häm will'S nie gean. 

45. 
Das diandle hat m-r d'liab- aufgsägt 
nächt'n ba'n herd, 
und i' hän woul g-soullt trauern, 
is aber nit wert. 

46. 
Das diandle is launig, 
was han i' ihr getan, 
schlägt die äuglan varuntar 
schaut mi' niemar an. 

47. 
Hän bränntwein getrunkn 
a fräkele vouU, 
bin nix rauschig woar-n, 
aber lustigar woul. 

48. 
Senn-rin af der ahn 
mächt van heu ane bälm, 
wirft se äbe af mi' 
soullt* bald aufegean i'. 

49. 
Die knappen seint läppen, 
hat kaner kä göld. 



hämt a stüb'n voull kindar, 
kä trdd af'n feld. 

50. 
In köpf voullar pinkl 
und 's g-sicht voullar bluat; 
i' geh glei' zua mein diondl, 
is äll's wiodar guot. 

51. 
He, diondl, das bitt* i' di', 
trauern tuo nit um mi', 
trauern die sög-n leut-, 
de uns häm z*keit. 

52. 

Seiraar drei bauernsun-, 
aner mächt zoukelschien-, 
äner mächt stiefelwlx, 
und i' kann nix. 

53. 
Heunt is der letzte tag, 
mürg-n wer' i' wändern; 
heunt schlaf i' nouch ba dir, 
mürg-n ba an ändern. 

54. 
Mei' diondle is saubar 
in sünntägg'wandlan, 
va lautar liab* fippern 
die ffiortuchbändlan. 

55. 

Deine köulschwärzen aug'n, 
der gilbelet's här, 
dei~ klän vardrät-s herz, 
das varffioret" mi' gar. 

56. 
Han a diondl za'n tänz-n, 
is aber nit mein, 
und seits m-r nit launig, 
wänn-s ^nkar soullt- sein. 



KärntneriBche Mundart. 



S47 



57. 

Und das gamsl af der fels-nwänd 
hat an g*fährlich-n stand, 
segnan digndlan geat-s krätasou 
de mör buebnan hämt. 

58. 
Diandle, sei g-scheid, 
gib in leikaf hintar, 
geh nit äbe za'n se, 
is lei kalt in wintar. 

59. 
I woa(3 nit, plunkert die gIouck*n, 
oder troupfazt die schoutt'n, 
oder müngazt die kug, 
oder jauchzt gär mei~ bua. 

60. 
Is lüstigste leb*n 
is büsarlen geb'n, 
aber lüstigar is, 
wann der löffel voull is. 

61. 
Väter, wann werts m'r denn geb'n 

das hämatle? 
väter, wann werts mT*s umschreiben ? 
is diondle wänt her wie a grämatle, 
ledig mäg's ä' niomar bleiben. 

62. 
Das steirische tänz-n 
kann nit a-n-iadar. 
i' kann-s seibar nit recht, 
aber meine bruadar. 

63. 
Is nix mit'n kerschbäm, 
der gleim ba'n weg steat, 
steigt a-n-ladar bua aufe, 
der hintar und für geat. 

64. 
Wann i' mei~ diöndl häls-n tua 



drückt sie die aüglan zua 

und wert ganz stat, 

glei', wann s- einschlafen tat*. 

65. 
Es is weitar woul währ, 
ba der liab* is der seg"n, 
wann der ane bu9 geat, 
kummt der ändere z-weg-n. 

66. 
I' lä(5 di' nit einar, 
zua mir af die hill, 
mechst die ganze nacht plaudern, 
i' wi[5et* nit viel. 

67. 
Wann i' af mein Loummelsberg kir- 

chen geh*, 
ziag* i' mein loud-nen rouck an, 
wann i' mei~ diandl in der kirch-n 

s%- 
schau i' kän heiligen mer an. 

68. 
Frau Wirtin, mächts räting, 
wie viel kimmt af an ? 
das diandle is schläfrig, 
gang- gern häm. 

69. 
I' mecht* gern singen, 
bring* nix aufar van hals, 
seint äll*s z*schmäle reidlan, 
varwickelt si' äll*s. 

70. 
Wann du mi' willst liab'n, 
muaßt du di' varstell'n, 
rnua^t in leut-n nit äll*s säg"n, 
wann s* di' ausfrätscheln wöll*n. 

71. 
Grüa(5 di' Goutt! grüa{5 di' Gouttl 
is a sclüan*s woart; 



248 



Dichtungen und Sprachproben. 



aber pfiat di' Goutt ! niemar kern-, — 
das säg- i' hart, 

72. 
Is digndle hat m-r d- iiab* au%-sägt, 
gräd- af an eil-, 
i' han woul g-soullt trauern, 
hän aber nit der weil. 

73. 
Wannst- mei' digndl willst sein, 
mua[5t sein vonllar tück-, 
mua[St nit alleweil herschau-n, 
glei' manchmal an blick. 

74. 
Häm die leut- nit a ding 
mit die bauerntöchtar, 
und die klän keuschlar-diandlan 
seint kän kreuzar schlechtar. 

75. 
Lüstig und kreuzfidel 
und a ring-s g-muat-, 
und niei~ diandl müe[5t- a sou sein, 
wann i' än-s biet-. 

76. 
Wann du mi' willst liab-n, 
muapt- frugr aufstean, 
mua(5t a kreuz entar mäch-n 
und kirfarten gean. 

77. 
Mei" schätz is a müllner, 
a ständlpeckar, 
und er is m-r nouch Kebar, 
als a tintnleckar. 

78. 
Wann i' wischp-1 , wann i' schrei-, 
und 's diondl hert mi' nit glei', 
und da ßoull i' varstean, 
dä(3 i' weitar mua(5 gean. 



79. 
Wann du a diandl willst liab'n, 
mua(5t- in fruoling aniang-, 
is nix mit der wintarliab-, 
dauert nit läng. 

80. 
Was nützt m-r das nächtl, 
war- leisemar tag, 
wann du aufspirr-n nit geäst, 
und i' eine nit mag. 

81. 
Hab- i' nächt-n bist-n g-hert, 
hintarn zäun, 

wann i' nouch amäl bist-n her*, 
nachar geh- i' schau-n. 

82. 
Das digndle war- rar, 
wann sie nit asou war-, 
wann sie -s hämla' dartuat-, 
is a-n-iadar bu8 guat. 

83. 
Kaf- m-r mei' diandl ab, 
mir is es fäl, 

der mir zwä kreuzar gibt; 
beut- nouch an tal. 
1' wer- dir-s woul beut-n 
nouch länger als a jär 
wännstu nachar nit zalst, 
nachar schenk* i' dir-s gar. 

84. 
Mei~ biable is g-wändert 
in's wähsche länd, 
und hioz bin i' mit kan ändern 
in Kärnt-n bekannt. 

85. 
Wann i' lei amäl kränk bin, 
wer' glei' wiedar g-sünd. 



Kärntnerische Mundart. 



Nf 



wann i' 's wei^e haus sig-, 
und in scheaket-n hünd. 

86. 
Diandle, weg'n deinetwegen 
wag' i' 'S mei" leib und lebn, 
wag- i' 'S mei~ geld und guat 
und inei~ jung's blu9t. 

87. 
A schneie hät's g-schnib*n 
i' wä(5 nit, wie brät; 
mir is nix um das diandl, 
um die woart* is m-r lad. 

88. 
Alleweil, alleweil 
geat's asou zuo: 
wann i' soullt* tanz-n gean, 
hän i' kän schua. 

89. 
Diandle, wie g-fällt d-r der neue bua? 
g-fällt er d'r woul oder nit? 
„hiaz amäl g'fiillt er m-r freilig woul, 
aber wie läng, wä(5 i' nit." 

90. 
Mer diondle is oub*n, 
wou die Drau aber rinnt, 
und was nützt m-r's denn oub"n, 
wänns aber nit kimmt. 

91. 
Diandle, mei~, mei~! 
mua[5t nit gär asou sein, 
wann du gär asou bist, 
is mei~ hergean umsist. 

92. 
Bin a kläner bua i', 
kann in gängbam nit g-Iäng-, 
hän die bäuTin gebet*n 
dä(J sie aufspirrn is gäng*. 



93. 

Wann i' säg- : ste auf, ste auf! 
zagst m-r die feig-n, 
und in sünntäg is kirtig, 
kannst- ä' dahäm bleib-n. 

94. 
Diandle, was fält d-r? 
schaust aus, wie die mältar, 
die äuglan tief drin, 
seit i' niemar dein bin. 

95. 
Diandle, nä, na! 
muajSt di' nit übarnehm-, 
seint wol hübschere, feinere, 
ä' nouch z- bekemm. 

96. 
Hast m-r kän wein gezält, 
ällweil glei' moust, 
und i' lä(i- di' stean ba'n bett, 
traurigar toust. 

97. 
Der pfärrar hat g'sägt, 
das brent'ln war- sünd", 
und die köchin sägts änderst, 
weil er seibar ouft kimmt. 

98. 
Heirat-n tua i' nit, 
is m-r nouch zfrua, 
wärmstan brauch- i' kän, 
kalt is m-r nie. 

99. 
Schau, schau, wie-s regnen tuat, 
schau, schau, wie-s goi(3t, — ba der 

nacht ; 
schau, schau, wies wäjier ba'rt 
dach aber floißt. 

100. 
Der nix tanzt und nix prält 



250 



Dichtungen und Sprachproben. 



und sein diandJan nix zalt 
und hat denna kä geld, 
is a kreuz af der weit. 

101. 
Du mei" liab-s Süsele, 
gib niT a büsele, 
gibst m-r lei an-s a klän-s, 
liabar gär kän-s. 

102. 
Mei'^ diondle is saubar 
van fu9ß bis za'n koupf, 
af'n hals hät's a wimmerl 
af s jär wert a kroupf. 

103. 
Af der FMdnizer ahn 
hän i' seufzerlan g'sät, 
sein alle aufgängen, 
wänn's nar reif'n nit tat'. 

104. 
I' sig- schoun, i' wa(5 schoun, 
du hast mi' nix gern, 
wer' 's häusl varkäfn, 
und ansiedier wer'n. 
Wer' änsiedler wer'n 
af n bergle dort oub'n, 
und das diondl, das mi' gern hat, 
wert si' aufe verloub'n. 

105. 
Is diondl hat sl' kränkt, 
däp 'S niT a büsl hat g-schenkt, 
wänn-8 di' gär asou drückt, 
gib d*r's glei' wieder zTÜck. 

106. 
Und der bauer mit'n steck'n, 
und die bäurin mit'n stäb; 
und wänn'8 immer sou war-, 
kems br^nteln gean ab. 



107. 
Wann i' wt^et", dä(S "s währ war-, 
dä[5 mei~ schätz a narr war*, 
sou lie(5 i' ihn stean, 
war- er reich oder schean. 

108. 
Die leut', de tuont red-n, 
i' war* vouUar schüld-n; 
hän nouch ausg'liachnes geld 
ba an halben güld*n. 

109. 
Mua(5t nit zückarsua[J tan, 
wänn-s van herz*n nit geat, 
i' bin nit das diondl, 
das dein sinn nit varsteat. 

110. 
Bin a lüstigar bua, 
bin a Kärntnar lei -lei, 
und wou a schean-s digndl is, 
is a Kärntnar darbei. 

111. 
Oub-n af der älm, 
tuamt die gamslan scherzen; 
wou kä eifersucht is, 
is kä liab- in herz-n. 

112. 
Lustig is bua sein 
ba hiozigar zeit, 
sein die diandlan spottwoulfel, 
drum kriagt m'r s- sou leicht. 

113. 
Alhs wouUt' i' liabar tän, 
schlSf-n kann i' nit allän; 
wann i' allän schlafn mua(5, 
das is mei" bua(5. 

114. 
Ba der Itnd-n bin i' g*sc(5'n, 
ba der Itnd*n sitz* i' gern, 



Kärntnerische Mundart. 



üt 



durt kann i' mein schean diandl 
ihr schwärs herz kloupfn hern. 

115. 
Du fläxhärat-s digndl, 
i' häb di' sou gern, 
i' künnt- wög'n dein fläx 
gl ei' a spinnrädl wer'n. 

116. 
Drei diandlan liab'n 
kann i' af a har, 
än-s Hab* i', än*s foupp* i', 
än's heirat* i' gär. 

117. 
Das biable af'n berg, 
und das digndle af'n länd, 
und was mua[5 das ding sein, 
daß die liab* sou weit g'längt. 

118. 
Das diandle hat schwärze aug*n 
wie die kriställ-n, 
und kam, dä(i i' s* g'seg'n hän, 
häm se m'r g-fäll-n. 

119. 
Das diondl is kathoulisch, 
und i' bin varschrieb'n ; 
wer'm-r scapulier und die betschnuar 
woul wegtän ba'n lieg-n. 

120. 
Foupp*, foupp' mi' nar, 
van dir nimm* i'-s an, 
du werst mi' sou läng foupp'n, 
bis i'"s seibar guat kann. 

121. 
Hast g'sägt, werst mi' liab-n, 
häst's ä' nit getan, 
pfui, schäm* di', sou luag'n, 
steat d-r ä' nit guat an. 



122. 

Is schoun aus, is schoun gar, 
is schoun alles varbei, 
und da lieg-n die trimraer 
van der liab*, van der treu. 

123. 
Und wann m-r s* ä' wiedar 
künnt* z-sämmenstück-n, 
is doch nix m^r sou guat, 
weil die natlan drück-n. 

124. 
I' thät" di' woul liab'n, 
aber säg"n derfst's nit, 
wänn-s die leut* amäl wiß-n, 
nächar mag i' di' nit. 

125. 
Je hechar die älm, 
desto küalar der wind, 
und je scheanar das diandl, 
desto klänar die sünd*. 

126. 
Mei~ schätz is a bräuer, 
er braut a guot's hier, 
und er schläft nit in bräuhaus, 
er schläft lei ba mir. 

127. 
Sou schean, als wie du bist, 
sou schean bin i' a', 
und wei(5 und roat bist du nit, 
brauji bin i' ä'. 

128. 
Um ä diandl traurig sein, 
is m-r kän er-; 
die weit is ka huanersteig-n, 
diandlan gibt-s mer. 

129. 
Wou is der weg übar'n bäch, 
i' m^cht" mein diandlan nach, 



252 



Dichtungen und Sprachproben. 



ihr is sou lad um mi', — 
und mir um sie. 

130. 
Wia mua(5 es denn sein, 
dMJS du mi' niemar magst, 
da (5 du in weg und steg 
lei zuo mir nit darfrägst? 

131. 
Wann der monat schean scheint, 
und die sternlan glitz*n, 
d?i sig- i' mei~ diandl 
ba'n f^nstar sitz-n. 

132. 
Bist a schean's diondl du, 



muajit an schean buab'n häb*n, 
bin all-s z-weni' schean für di', 
han-s schoun g-hert säg'n. 

133. 
Schean blau is der himmel, 
und schean hell sein die stern-, 
d-rum ham die buab'n 
die schean* diandlan sou gern. 

134. 
Und w.-mn-s wettert, wänn-s dün- 

nert, 
wann die blitzlan zück-n, (u-) 
da mecht* i' mei~ diandl 
an's herzl drücken, (u— ) 



Sprachliche Erläuterungen 

vom Herausgeber. 

1. i' •«, ich es. Solch ein pleonastischer Gebrauch des es, der schon im Mittelhochd. 
in ähnlicher Weise begegnet (vgl. Grimm, IV, 222), ist in oberdeutschen Mundar- 
ten nicht selten. Vgl. unten 4. 86. 

2. g'schnib'n, geschneiet; Ptc. Prät. des mundartlich, wie das mhd. sniwen, noch stark 
gebeugten schneiwen, schneib'n; ebenso 21. 87. Vgl. Schm. III, 480. Z. III, 240, 
3, 12. - hias, jetzt; unten 8. 84. 89; adj. higzig, 112. Z. IV, 537, I, 1. — ma, 
man. — vmmar, umher, herum; Z. III, 174, 200. 

3. einarredn, hineinreden; Z. III, 193, 133. — varwir-n, verwehren, verbieten, hin- 
dern. „Für das ähnlich lautende hochd. „verwirren" werden Umschreibungen oder 
andere Ausdrücke gebraucht; wie z. B. vom Garn: varrid'n.'* St. — Vgl. Schm, 
III, 54: reiden, st. Vb. , wenden, drehen, flechten; ags. vridhan, mhd. riden. — 
zu9bdbaß, eine adverbiale Steigerung nach mhd. Weise (Grimm, III, 214) durch an- 
gehängtes baß, besser, wie noch das veraltete /«röop. Schm. I, 205. — zusba, zu9W9, 
d. i. zu -her, herzu. 

4. di9ndl, n., Dirne, Mädchen, Geliebte; Z. III, 172, 16. — tä7i, neben tuan, Infin., 
thun (unten 109. 113. 119. Schm. I, 419), hier als Subst. das Benehmen; ebenso: 
6. — kreimt, d. i. gereimt, gereimt, passend, angenehm; vgl. unten 5. 

5. älma-wäßerln, pl., Alpenwässerchen, d. i. Quellen, Bäche, Seen etc. auf der älm, 
Alpe (unten 8. 21. 24. 30. 103. 125). — häter, hoater, heiter, hell. — atädta'- 
diandlan, pl., Städter -Mädchen. 

6. wernt, (sie) werden, wie mhd. werdent. — o', auch. — g-rorn, gereuen. — al- 
lati, allein. 

7. hakla, heikelig, wählerisch; Z. II, 514. 

8. aufgjauz'n, hinaufjauchzen (Z. III, 114), steht hier für brenfln (Z. HI, 470. IV, 496 
u. unten 97), wobei das Jodeln und Jauchzen wesentlich ist. — sakrisch, ver- 



Kämtnerische Mundart. 3ftS 

wünscht, verflucht; ebenso 12; auch sikrisch (s. 9); Z. III, 185, 32. 523, 47, V, 103, 
1. — hebang, f., Hebamme. „An einem Orte hörte ich auch änkele in derselben 
Bedeutung." St. 
9. menschar, pl. v. mensch, n., n diandl, Geliebte. — brenVlfenstar, n., das Fenster, 
durch welches der Bursche zum nächtlichen Besuche der Geliebten einsteigt; s. 
oben zu 8. 

10. fert-n, im vorigen Jahre (Z. II, 341), wie hoier, aus mhd. hiure (d. i. ahd. hiü 
järü; Z. II, 137), in diesem Jahre, heuer. 

11. lab, n., Laub. — alldBrla, allerlei. — han, (ich) habe; ebenso: 29. 31. 34 etc. 
Z. V, 104, 26. — traut, Ptc. ohne ge- (vgl. 25. 105), getraut; Z. I, 226. 

12. ummarschmir'n , herumschmieren, jedem Mädchen schön thun, jeder Schürze nach- 
laufen; Schm. III, 474. 

13. drah', (ich) drehe. — tjl^i) (so) gleich, schnell. — ummadum, um und um. — räch', 
(ich) reiche. 

14. aufe, hinauf. — lei, nur, blos; eben, halt; ebenso: 17. 26. 34. 40. 68. 85. 110. 
126. 130; Z. III, 309. Vgl. auch Jac. Grimm in Pfeiffer's Germ. III, 48. — is aege, 
das solche, ein dergleichen; unten 51. 57. Schm. III, 183. — is, das; unten 60. 61. 
72. 105; Z. IV, 653, 1. — entar, eher; Z. II, 339. V, 217. Schm. I, 3. 

16. lädig, leidig, leidvoll, betrübt; Schm. II, 436. — wer\ (ich) werde: unten 29. 39. 
— aufnemen, dingen. 

17. schmeid , f., Muth; Z. III, 174, 204. — älbang, d. i. allewege, immer; Z. 111,207, 
28. IV, 61. 

19. wänst, weinst. — t' ge einspannen, ich bin im Begriff einzusp. ; vgl. Z. III, 328. 

20. träzn, tratz'n, tr'dtz'n, necken; Z. FV, 448. 

21. senndrin, f., s. Z. II, 667, 63. — achwälm, f., Schwalbe. — Md, klein, wenig. — 
äher, abher, herab; Z IV, 261, 11. 

22. die Trag, der Drauflufs. — aufsrinnt, aufwärts (aufi) fiiefst. — naehar, nachher, 
hernach; unten 27. 81. 83. 124. Z. IV, 36. 

23. ränig, rainig, abhängig, v. ran, m., Rain, abhängiger Feldrand; Schm. III, 93. — 
stänig , steinig. 

24. muas, n., gekochte Speise, besonders für Kinder. Schm. II, 637. Z. IV, 113, 2. — 
roud'l, m., Quirl, Rührlöffel; vb rodeln, rollen, kugeln; rütteln, rühren; röcheln. 
Schm. in, 67. 

26. brez'ln, knarren, knistern; Z. IV, 496. — tälket, ungeschickt, einfältig; Z. IV, 443. 

26. achät'n, pl., Späne, Abfälle beim Hauen (Jclieb-n), Hobeln, auch wohl Sägen des 
Holzes; Schm. IH, 414. — frafn, f., Holzschlag; Z. II, 342. 

27. epper, etwa, unten 39. — rauschig, berauscht. — niecht, nüchtern; Schm. II, 675. 

28. lükat, lückig, voll Lücken, Löcher. — v ar schlupf aP, verschlüpfete (Condit. ), hin- 
einkröche, fiele. — 30. läM, n., eine kleine Lache, Pfütze. 

31. weg'n deinar, deinetwegen. — aufzügelt, auferzogen; Schm. IV, 237. 

32. einar, einher, herein (in unser Land). — g'räVn, entrathen, entbehren; Z. V, 126, 6, 8. 

33. ataudach, n., Gesträuch, Gestrüpp; Schm. III, 616. — g-liachi, licht, hell. 

34. keien, (sich) kümmern, betrüben; Z. III, 399,49. 

35. aufgeb-n. Wenn die Paare zum Tanzen bereit stehen, singt der Vorsänger o peap- 
perlisd'l, worauf die Musik einfällt und der Tanz beginnt; vgl. 36. — toull zz lu- 
stig und kreuzfidel. — bukelkoarb , m., Rücken tragkorb. 

37. sünatar, sonst; Z. II, 77, 26. — vanänder, von einander, entzwei. 
39. krieg-n, streiten, zanken (greinen); Schm. II, 383. — toulpäiach, m., Tölpel, träger, 
dummer Mensch. 



254 Dichtungen und Spraohproben. 

40. schouck, m., Haufen, Menge; Schm. III, 320. — gälty unfruchtbar; Z. II, 845. 

41. foartel, m., Vortheil, Kunstgriff; an f. hab'n, etwas am rechten Orte anzugreifen 
wissen. Schm. I, 440. 

42. blhs-n, pl., Tannen- und Fichtennadeln; Z. IV, 334. 492. 

43. scMks, f., Nachtschwärmerin, lüderliche Dirne; Castelli, 242. Lor. 113. 

44. Mrchtäg, m., Kirchweihe; Z. III, 18. lY, 244, 11. — schiach, mhd. schiech, zag- 
haft, scheu; unschön, unrecht; garstig, scheuslich; Schm. III, 339. Höfer, III, 82. 
Gast. 241 etc. — häm, heim. 

45. nacht n, gestern Abends; unten 81. Z. III, 180, 2. 

46. launig, verdrüfslich , schmollend; unten 66. Schm. 11, 470. — raruntar, (vor sich) 
nieder. 

47. frakele, n., ein halbes Seidel; Z. II, 342. IV, 450. — nix, nicht; unten 100. 104. 
Z. IV, 272, 94. 

48. lälm, m., Ballen, Ball; Schm. I, 173. 

49. läppen, pl., blöde, unbeholfene Leute; Z. III, 394, 32. — harnt (rahd. habent, hänt), 
(sie) haben. — träd, n., Getreide; Z. IV, 553, 21. 

50. pinhl, m., Geschwulst von einem Schlage, Beule; Z. IV, 488. 

51. die seg-n, diejenigen; s. zu 14. — z'keit, entzweit; von keien, werfen (vgl. hchd. 
Zerwürfnife); Z. II, 90, 13. 

52. seimar, sind wir. — swi, pl. v. sün, Sohn, wofür auch bit9 steht, wie disndl neben 
toachtar. — zoukel, bair. zucket, f., Holzschuh, dessen Uebergeschirr aus Schienen 
(schien-) von Legföhren geflochten ist ; ital. zoccolo, griech. r^öxagov. Schm. IV, 226. 
Z. IV, 56. 

53. wändern, aus dem Dienst treten (v. Dienstboten); Schm. IV, 99. Das auszieg'n 
aus einer Wohnung heifst auch plündern (Schm. I, 335), in Iglau zöckem. 

54. fippern, sich schnell hin und her bewegen, zittern, beben; Schm. I, 507. — fvar- 

tuchhandlan, pl., Schürzenbandchen ; Z. lU, 140. 

55. gilbelet, gelblich. 

56. seita, seid (ihr); Z. IV, 601, 1. — launig, s. zu 46. — enkar, euer; Z. II, 244. 
m, 452. 

57. segnan, s. zu 14. — krätaaou, gerade (al)BO, mit Anlehnung an das beliebte oikrat, 
dkrat, accurate (s. Z. II, 431, 61), wie: ja äkrat ( — u), ja! gerade so, wie du 
glaubst, oder wünschest (spöttisch), und: akrät recht, gerade recht. 

68. leikaf, m., Drangeid; Z. V, 97, 15. — fiintargib-n , zurückgeben. 

59. plünkern, lautmalend v. der Viehglocke. — troupfaz-n, tröpfeln; Schm. I, 498. — 
schoutt-n, pl., s. Z. V, 106, 17. — müngaz-n, brummen, murren; vgl. Schm. II, 600. 
Z. II, 562, 3. 

60. büsarlen, pl., Küfschen ; unten 101. 105. Z. III, 171, 10. 

61. wSriti, werdet ihr; vgl. 56. — hdmatle, n., eigentl. Dimin. v. Heimat, dann: das 
väterliche Gut; Z. IV, 543, I, 1. — wänt scheint das zu Z. III, 187, 31 besprochene 
wanen, abnehmen, verderben, zu sein. — grdmatle, n., Dimin. v. gruemat, Grum- 
met; Z. II, 279, 61. 

62. a-n-tadar, ein jeder; unten 63. 82. Z. 11,414, 104. 

63. gleim, hart, dicht, nahe; Z. V, 105, 3. 

64. hals'n, umarmen. — atät, still, ruhig; Z. III, 192, 85. — glei^ wann, gleich als wenn. 
66. z'weg'n, zuwege, d. i. herbei, herzu; Z. II, 568, 62. 

66. einar, einher, herein. — hill- , f., Hülle, hier Bettdecke; Schm. H, 174. 

67. zi»g' i\ ziehe ich; i' atg', ich sehe (mhd. sihe); unten 85, • — louden, adj., v. gro- 
bem Tuch; Z. II, 18. m, 313. 



Eärntnerische Mundart. 25ft 

68. rating, Rechnung; v. raten, raiten, berechnen; Schm. III, 153. Höfer, III, 9. Lor. 104. 

69. aufar, auf her, herauf; vgl. 3. 32: einar ; 2: ummar ; 14: aufe; 90: aber. — reid- 
lan, pl., Dimin. v. reid-n, f., eine geschickte Bogenwendung des Wagens, um einer 
Ecke etc. auszuweichen (a reid-n mach'n) ; v. vb. reidn, wenden, drehen (vgl. ob. 3). 
Schm. m, 64. Höfer, III, 29. Lor. 106. 

70. in, den, wie oben 14: is, das; ebenso 92. 93. 130. — ausf rätschein , ausfragen, 
ausforschen; Z. II, 343. IV, 158. Höfer, I, 241. Tsch. 184. Lor. 44. Gast. 131. 
Schröer, 52. 

71. Zu grüaß dC Ooutt! u. pßat (behüte) di' Q.l s. Z. III, 346. 

72. grad af an eil-, in der EUe, sehr eilig. — der weil (genit.) hab'n, Zeit haben; 
Z. II, 244. 

73. wännsf, wenn du; unten 83. Z. V, 126, 24. — tuck, m., nicht sowohl in der übe- 
len Bedeutung des nhd. Tücke, als vielmehr: schlaues, kluges Benehmen. Ben.- 
MUr. m, 126. 

74. ding, hier im Sinne v. sach, wes'n (wes'ns) -zz Wichtigkeit, Aufheben. — mit die; 
Z. III, 240, 3, 1. — Tceuschlar, m., Kleinhäusler (v. keusche, Iceische, f., Hütte; wen- 
disch haisha)., der sich vom Bauern dadurch unterscheidet, dafs er nur '/i huab'n 
(Hufe) und darunter an Grundbesitz hat. Höfer, II, 124. Tsch. 185. Lor. 73. 
Gast. 178. 

75. kreuzfidel, überaus vergnügt; Z. V, 19. — ring, leicht, beweglich; auch klein, ge- 
ring; wie mhd.; Schm. III, 110. Tsch. 206. Lor. 107. Gast. 220. Stalder, II, 277. 
Tobler, 364. cimbr. Wb. 160. 

76. entar, eher; oben zu 14. — Mrfart, aus kirchfart, hirchfert, f., Wallfahrt; vb. Mr- 
f arten, Urchferten. Schm. II, 327 f. Tsch. 187. Lor. 73. Gast. 182. Z. III, 17. V, 226. 

77. müllner, wie mhd. mülnsere (ahd. mulinäri), m., Müller; Schm. II, 568. Z. V, 175, 
175. — peck'n, schlagen, klopfen; Z. IV, 484. 

78. wischp-ln, wisp-ln, lispeln; Z. III, 393, 3. V, 104, 42. 

80. leisemar, eben so gut, aus gleichsömsere, wie kob. &tnsg9schmSi' aus ebensö- 
msere; Z. HI, 311. — eine, hinein. 

81. nächt-n s. zu 45. — hist-n, bst! pst! (das Zeichen zum Aufmerken) rufen; Grimm, 
n, 48, 457. Schm. I, 300. Stalder, I, 236: psisen. Vgl. lis-n, zischen, lispeln; 
Tsch. 163. Gast. 85. — nachar s. zu 22. 

82. rar, gut, vortrefflich; Z. IV, 502, 32. — asou, also, so (wie sie ist); oben 57, un- 
ten 88. 91. Z. IV, 241, 5. — hamla\ heimlich. 

83. föl, feil. — beut-, (ich) borge; Z. IV, 484. Grimm, I, 1403. 

84. wäliich, welsch, italienisch; vgl. Z. 111,462. 

85. stg' s. zu 67. — scheahet, scheckig, gefleckt; Schm. III, 318. 

90. aber, (abher), herab; s. zu 69. 

91. wiet" / 8. Z. III, 465. 537, 25. — umsist, umsonst. 

92. gangbdm, m., der Tragbalken des Ganges, der um das erste Stockwerk vieler Bau- 
ernhäuser herumläuft. — g-lang'n, erlangen, erreichen. 

93. feig'n, f., der Daumen, bei geschlossener Faust zwischen Zeige- und Mittelfinger 
durchgesteckt, — ein Zeichen der Verhöhnung, des Unwillens. Ebenso ital. far le 
fiche, frnz. faire la figue, span. dar higas, böhm. fjk ukazowati. Höfer, I, 205. 
Schm. I, 515. Lor. 41. — Mrtig , m., Kirchtag, d. i. Kirchweihe; s. zu 44. 

94. mdltar, f., zubereiteter Kalk, Mörtel, ital. malta; sonst als neutr. u. masc. Z. III, 
466. V, 210. 

96. glei\ gleich, hier: blos. — toust, m., dummer Mensch; vgl. Z. IV, 342. Schm. I, 
403: dostet. 



256 Dichtungen und Sprachproben. 

97. brent-ln, bei der Geliebten nächtliche Besuche machen; s. oben zu 8. 9 u. unten 
106. — änderst, s. Z. V, 120, 14. 

98. wärmstdn, m., Wärmstein; vb. ddrwirmen, erwärmen. 

99. „Die Aussprache goißt, floißt, dem alten geußt, fleußt entsprechend, findet sich 
nur in ^iner Gegend (um Greifenburg); sonst hört man gießt, fließt.'^ St. 

100. denna, dennoch; Z. III, 173, 149. — 101. büsele, s. zu 60. 

102. wimmerl, n., kleiner scharfer Ausschlag, Hitzblätterchen. Höfer, III, 297. Tsch. 
215. Lor. 143. Gast. 266. Schm. IV, 76. 

109. zückarsiidß, überaus suis; tnsuoß, von süfslichem, fadem Geschmack. 

110. Zu a K. lei-lei vgl. Z. III, 309. — 112. hiazig , jetzig, gegenwärtig; s. zu 2. 
116. fläxharaf, flachshaarig, blondgelockt; Z. III, 174, 221. 

116. foupp'n, necken, zum Besten haben; oben 10, unten 120. Z. V, 129, 9. 

1 1 9. varschrieh'n zz protestantisch. „ Diese Benennung rührt wahrscheinlich von der 

von den Bekennern der neuen Lehre unterschriebenen Augsburger Confes- 

sion her." St. 
123. nätlan, plur., die Nähtchen. — 124. nachar, dann; s. zu 22. 
131. Monat, m., Mond; Schm. II, 584. — 132. älls, immer; Z. IV, 244, 2ö. 
134. wettern, stark und anhaltend regnen, sich als Gewitter (wetter) entladen; daher 

bildlich: heftig lärmen und zanken. Stalder, II, 448. Schmid, 521. Cimbr. Wb. 

111. Lor. 143. 



Sprachproben aus dem Kanton Aargau. 

Von Professor E. C. Rochholz in Aarau. 

1. Die gestohlene Geifs. 

Mundart der Hallwiler Seegegend. 

Einist het e Bür imene and-re e Gai[J g'stohle und het si i sin Chel- 
1er ab'ä t6~ und dßrt si g-füret und g-molchä. Do hän aber die Nach- 
berslüt* alliwil öppes g'hSrt meckerä bi dem Bür, und hänt vo der 
g-stohlnig Gai(5 g-munklet und hänt au' de Bür drüber biredt; der aber 
5 het g-seit, er g'hori selber au' scho-n-es Zitli öppis i sim Hüs, und 
das mfi9[i- g-wüls es G'spönst sJ. Wie aber d- Lüt- gäng das Meckerä 
wieder g-hort lumt, hänf si g-seit: Da' het do' no' nie öppis Labigs i 
sim Hüs g'hä, da isch öppis gangä, öppis chrumbs, mir wend nä ver- 
zeigä. Dds hat der Bür aber no' rechtzitig inne worde, und ob 's 

10 G-richt üf d- Ilüssuochig het cho chönne, got er i sin Chellcr, sticht 
die Gai(5 ab, treit si üfe i d- Stubä, und d- Frau leit si i d* Wiegä, 
deckt si hübschli' zua und föht a~ wiegä. Es got net lang, so chömrae 
die Höre vom G-richt und suochä 's ganz Hüs üs, ob si nüt chönntä 
findä. Z'letzt gönt si au' i d- Stübä und fraget die zweü Chind, wo 

15 dinnä sind, und frogä drüf d- Frau, worum si au' alliwil gaum-, 's Chind 
i der Wiegä schrei ja net. „Jo, seit die Frau, das tüsigs- Chind föht 



Aargauer Mundart. j^ 

ä~ z- bnilä, SO wie-n-i' höre wäglä !" Und do sin die Manna' wieder 
abzögä und hent nüt g-fundä. Chüm sin si zum Hüs dü(3ä, so seit der 
Mä~ zum Wib: jetz sin si dü(J und fürt, mer wend d- Gaiß waidli'- 
waidli' üßna und go-ge chochä ! Und so mache si -s. Aber es isch öp- 20 
per dene Manne nö'g-schliche und het -ne g-seit, si sötte no' einis cho 
go lüge. Und do gönt si üf der G'stell z-ruck i's Hüs i'e, und d- Frau 
stot just i der Chuchi und tuat en sch5ne Bitz vo der Gai(J über. Und 
drüf hänt si di Chind üf d- Site g-nö und apartig g-frogt: „Loset, hänt 
er keis Häli, hänt er nit öppen es chiis-chlis Häli im Hüs?" „Nei, sägä 25 
die, mer hänt ekeis, mer hänt nummä es Didi i da Wiegä, das macht 
gäng maäa! und do hets der Vatter hüt abg'stoche. 

Jetze hänt d- Richter die Sach scho recht g-wü[5t, hänt d* Lüt 
g-faj5t, und der Mann und sis verloges Wib hant mfia[5e laufe zwo 
Stunde Wegs a~ das Ort, wo mo si z'sämme ithö~ hat. 30 

2. Der Pfauoeiikuclieii beim Leicheumalil. 

Aarauer Mundart. 

Es isch emol e Frau g-si und dere isch ihre Mä~ g-storbe. Do het 
sie am gliche Tag, wo-n-er hat solle begrabe werde, e grofse Pfann- 
totsch g-macht. Bi der Bigräbnufs, wo der Todtegräber de Mä~ is Grab 
aba g'16 het, sind noch alle Verwandten ums Grab ume g-stande und 
hent grusli' briegget, und au' d- Frau het ihres Fiirtuch vor d- Auge 35 
g-hä- und — briegget, meinet Ihr? J6, das hätt* sie allweg solle tuo, 
wenn sie e rechte Frau g*si war- und ihre Mä~ liob g*ha hätt*. Aber 
nei~, grad *s Gegeteill Under dem Fürtuch, wo sie für d* Auge g-no 
het, a(J ma hätt- solle glaube, sie brieggi, het si de Pfanntotsch ver- 
borge g-hä, wo sie vorane het deheime g*macht g'hä, und het e g-gefse, 40 
one ap die andere Lüt öppis g-seh hent. Und allemol, wenn sie wie- 
der e Mumpf-1 abbijSe het, het sie dezua g-seit: „O, das isch ietz au' 
ne guate! e so eine ha-n-i' ietz au' miner Labtige no' ni' g-ha; eh, das 
isch ietz au' ne guate !" und denn hent d- Lüt- g-meint, sie säge, sie 
heig- gar e guate Mä" g'hä, aß sie ekei beßere me chönnt- übercho. 45 



Sprachliche Erläuterungen 

vom Herausgeber. 

1. eintat, einst; Z. IV, 646, 24. Stalder, Dial. S. 225. — imene, einem; Z. IV, 546, 1. 
— 2. abä, hinab; entg. ü/e, 11. — tS", gethan. — füra, füara, bair. fösren, fwa- 

17 



258 Dichtungen und Sprachproben. 

ren, durch Futter [für, füsr, f., im Gegensatz der Weide) ernähren, füttern; vb. 
neutr. nahrhaft (fürig , fi'iarig , fvarig , g'fvrig) sein; ahd. fuorön, mhd. vuoren u. 
diu vuore ; vgl. frnz. feurre, fourrage, fourrier etc. Schm. I, 556. Stald. I, 404. Tobl. 
206. Schmid, 209. Höfer, I, 252. Lor. 45, Zarncke zu Brant, S. 341. Z. II, 492». 

— 3. öppes, etwas; Z. 111,323. 440 *. — hänt, (sie) haben. — 4. gsiohlnig : über 
die adj. Bildungssylbe -ig vgl. Schm. §. 1034. — munheln, heimlich reden; Z. II, 
29. 562, 3. — 6. es, neutr., ein; Stalder, Dial. 90. 102. — g'dng , d. i. gängig, 
1) adj. gangbar, üblich; geläufig; 2) adv. immer; ebenso unten 27. Stald. 1,422. 
Z. III, 82«, — 7. /«%, lebendig; Stald. II, 161. Z. III, 294b. Schm. II, 412. — 
8. es isch öppis gang'd, es ist etwas vorgegangen. — mir wend n'd terzeigä, wir 
wollen ihn anzeigen: zu mir wend vgl. Z. III, 209, 82 u. Stald. Dial. 140; zu nä 
Z. 111,209,103. 288,19.— 9. ob, ehe; Tob. 160. — 10, -ig — -ung; Z, III, 532, 72, 
Stald. Dial, 73. — 11. ireit, trägt, leit, legt; Z. V, 114, 7. — 12. hübschli\ artig, 
fein; sanft, sachte: Schm. II, 142. Stald. 68. Z. III, 291 b. — fdht ä' w., fängt an 
zu w. — 14, Chind, plur,, wie mhd, diu kint ; Stald, Dial. S. 77. — 15, gaumä, 
Acht haben, hüten, namentlich das Haus, die Kinder; mhd. goumen, ahd, goum- 

jan. Stald, I, 430. Z, lU, 82» : gaume, curare parvulos. Schm, II, 47. Höfer, I, 277. 
Lor. 48, Schmid, 223. — 16. Tvsigs-, Verglimpfung für Teufel (vgl. ei der Tau- 
send!), oft verstärkend gebraucht, Z. IV, 20», V, 28. 1,299,4, 3. — 17. hrula, brül- 
len; (von Menschen) laut heulen; Stald. 1,234. Tobl. 82». — hbra, aufhören; Z. 
II, 569, 70. III, 289 b, — wüglä, vdegen; subst, die Wäg, Wäge, Wägen, Wdgle, 
Wiege, Stald, II, 427. Schmid, 512. Schm. IV, 38, Z, IV, 149«, - 19. waidW- 
waidW, verstärkende Wiederholung: schnell - schnell ; vgl. unten 25. Z. I, 299,4, 5. 
V, 201. — 20. vßna, ausnehmen. — go-ge (gehen), umschreibend: Z. III, 218, 10. 

— öpper, jemand. — 21. «e, ihnen; Z. IV, 117,2. — sötte^ sollten; Z. 111,209, 
122. — «o' einig, noch einmal. — 22. lüge, schauen; Z. III, 184, 17. — i'e, hin- 
ein; Z. IV, 329, 10. — 23. Biiz, m., Bissen, Stück, Brocken; Z. IV, 253, 88. II, 
368». — {ibertü9 (nämlich über das Feuer), Speisen zusetzen; Stald I, 279. — 
24. ap artig , v. frnz. ä part, bei Seite, besonders; Schm. I, 295, — Idsei, höret; 
Z. II, 95, 8. III, 313. — 25. keis, neutr., kein; s. oben es, ein, u, unten sie, sein. — 
Eäli, n., Kosenamen für junge Ziegen u, Schafe; Z, IV, 311, Stald, II, 14, TobJ, 
261», Schmid, 258. Z. III, 87'> (lies: oves). — 26. ekeis, keines; unten 45, Z. 
II, 490», — nummä, nur; Z. V, 115, 15, — 30, itfo, einsperren; Z. III, 293, a, 

2) 31. dere, dieser (dat. fem,); Z, IV, 121, 44. — 33. Tötsch, m., eine Art Kuchen; 
Stald. I, 269. Schm. I, 405. Tobl, 143. Schmid, 117. Z. III, 11, 10, IV, 17 b. — 
34, ab9 g'lo , hinabgelassen, — 35 grmW , sehr, heftig; mhd. griusliche, griken- 
liche, Grausen ( gros) erregend. Z IV, 330, 28. — briegge, weinen ; Z. III, 342. IV, 
210. — Fwrtuch, n., Schürze; Z. III, 140. — 36. allweg, auf jeden Fall, allerdings; 
immer; Z. 111,342. Tob, 23, — 39, aß, dafs; Z. V, 114, 8. — 40. vorane, vorhin; 
Tob, 200», Z. IV, 147b, — 42. Mumpf-l, f., ein Mundvoll, dim. Mümpfeli\ vb, 
mumpfeln, mit vollem Munde essen, dim. mümpfelen, Stückchen weise essen. Z, II, 
192,111,435, Stald, II, 219, Tob. 326, Schmid, 394, Schm. II, 576, Höfer, II, 273. 

— 43. miner Läbtige, adv. genit., meine Lebtage, mein Leben lang; Stald, II, 162, 
Z, II, 285, 8, III, 294b. _ 45. sie heig- , sie habe; Z. III, 86. 207, 21. Stald, 
Dial. 130, 



Oberschwäbische Mundart. 



9M 



O b e r s chw äbis che Mundart. 

Mitgetheilt von A. Birlinger in Tübingen. 

1. D*r bläb 

Häu-n-i' a" blabo Storka 

G'saa~ uf ääna Wisa stäü", 

I' hau" gmaat -s sei' mer Buala 

Väar's Mich'l's Toni's, Plaudermann's 

Greth-l's 
Hau' na" liaäßQ stilla stau". 5 



Stork. 

Vaar's Mich'l's Toni's, Plaudermann's 

Grgth-1's 
A~ stolzar Reitor na'. 20 



Ach Gott, wio ka~-n-i' stillo stau ? 
Häu^-n-i', sieh', no' käa~ Gras. 
Sag- du häb-st di' g-snitta 
Vaar's Mich'l's Toni's, Plaudermann's 

Greth'l's 
Dea" Fingar halba rä'. 10 

Ach Gott, wia ka~-n-i' luagal 
Stät's miör so nbal a"; 
Veil liabar wett- i' sprecha 
Vaar's Mich-l's Toni's, Plaudermann's 

Greth'l's 
Dear Reiter war' mei" Mä~. 



15 



Ei Müotar, liaba Müotar! 
Was geist mar für an Rat? 
Es lauft m-r alle Morg-n 



Ei Dochtar, liaba Döchtar, 

Daa" Rät, dHa~ gib* i' diar: 

La[5' du daa" Reitar läufa 

Väar's Mich'l's Toni's, Plaudermann's 

Greth'l's 
Bleib' du d^s Jar bei miar. 25 

Ei Müotar, liaba Müotar, 

Daar Rät, däar ist et guat; 

Däar Reit'r i^t m-r liabar 

Väar's Mich'l's Toni's, Plaudermann's 

Greth'l's 
As du und all* dei~ Guat. 30 

Ist diar daar Reitar liabar 

As i' und äu' dei~ Guat, 

So naam* du deina Kleidla zamm 

Väar's Mich'l's Toni's, Plaudermann's 

Greth'l's 
und züch' däam Reitar zua. 35 



D'r blä (bläh*) Stork scheint ein uraltes Volkslied zu sein, denn 
schon Fischart kannte es. Siehe Pfeiffer's Germania, I, S. 335, Anm. 
Vgl. Z. IV, 95, 69. Auch August Stöber in seiner hübschen Monogra- 
phie „der Kochersberg, ein landschaftliches Bild aus dem Unter -El- 
safs" (Mülhausen, 1857) erwähnt dessen. Seite 48 sagt er: „Ein ande- 
rer wahrscheinlich sehr alter Volkstanz, der bis in die Althanauischen 
Ortschaften um Buchs weil er vordrang, ist der blaue Storken, eine 
Art von Singtanz, der anfangs wenigstens dem langsamen gravitätischen 
Menuet nahe kömmt. Ich selbst sah ihn einmal in Buchsweiler von ei- 
nem altern Verwandten zum allgemeinen Ergötzen der Gesellschaft mit 

17» 



2(50 Dichtungen und Sprachproben. 

höchst possierlicher Gravität aufführen. Tanz und Lied beginnen mit 
den Worten: 

Hon err dd hlou9 Storkd nit g'sän? 
Fischart hat ihn ebenfalls gekannt; gelegentlich einer Tanzweise sagt 
er: in einer wisen von deren das Blaw Storkenlied lautet." 

Ich selbst hörte den bläha Storka in Wurmlingen und in Hirschau 
bei einer Metzelsuppe; in der Spinnstube soll er besonders häufig ge- 
sungen worden sein. Jüngere wissen nicht mehr viel davon ; dagegen 
eine grofse Freude bezeugten die Alten, wenn ich sie bat, ihn nur zu 
singen, indem ich dadurch allerliebste Jugenderinnerungen auffrischte. 
Auf ein altes Volkslied zu denken veranlafste mich der „köstliche" Re- 
frain bei jeder Strofe. Es ist sicher, bei solchen Refrains geht man sel- 
ten, fast nie irre, wenn man dem Liede ein höheres Alter zuschreibt. 
Ob gegenwärtiger Text der überall bräuchige, bezweifle ich. Der An- 
fang könnte es bestätigen; aber Fischart, der wahrscheinlich den alther- 
gebrachten Text kennen mochte, gibt blos die Anfangsworte an. Es 
könnte leicht sein, dafs gegenwärtiger Text ein anderer als der ur- 
sprüngliche wäre mit Beibehaltung des Refrains des ursprünglichen, oder, 
dais das Lied das ursprüngliche und der Refrain aus einem andern Liede 
genommen wäre, was beim Volksliede hie und da vorkommt. Das steht 
fest, den alterthümlichen, naturwüchsigen Ton des Volksliedes kann man 
nicht bestreiten. Der eigenthümliche Refrain scheint ein possenhafter 
zu sein, was bei vielen Volksliedern begegnet. Andere Arten von Re- 
frains, zum Liede gar nicht gehörend, müssen die Farbe tragen, die im 
Liede vorherrschend ist und ihm einen gewissen frischen Charakter ver- 
leihen. Ein ebenso kurioser Refrain findet sich in einem Liede von Uh- 
land's Sammlung, S. 682. Die alten skandinavischen, dänischen, schw^e- 
dischen Volkslieder sind reich an solchen refrainartigen Einschiebseln. 

2. Altes Passion sgebct. 

Aus Kührdorf bei Horb. 

Da Jesus das Kreuz 'naustragt, zittert Alles, was an ihm war. 
Pilatus sprach: warum zitt*rest du so sehr? 
Jesus: Ich zitt-re wie alle Menschen sehr. 
Herr Gott Vater, was ist am heiligo Palmtag? 

Ausg-ritta wia a" demftt'ger K5nig. 5 

Herr Gott Vater, was ist am heiligg Quontag? 

Eing-ritta wia a~ dömi^t'ger König. 



Oberschwäbische Mundart. |^f 

Herr Gott Vater, was ist am heiliga Erchtag? 

A~ weiser Profet. 
Herr Gott Vater, was ist am heilig9 Mittwoch? 10 

Verräta und verkauft deana faltscho Judo um 30 Silberling. 
Herr Gott Vater, was ist am grnang Däu""stig? 

A~ kränker Leib, wolfärtige Speis. 
Herr Gott Vater, was ist am heiliga Charfreitig? 

A~ täudter Mä", sieht a~ NeämäTd mai d-rfur ä~. 15 

Herr Gott Vater, was ist am heilige Charsamstig? 

A~ Wää|58k6an9tl8 ; Maria d-r Muoter Gottis ihre Auga verlaura waare. 
HeiT Gott Vater, was ist am heilige Aostartag? 

Uferstandg vo~ deam Grab; ist wieder waara a~ stark'r Ma ; sieht a' 
Neämä^d mai d'rfur ä~. 
Herr Gott Vater, was hast hint'r d-r g*län~? 20 

Die dri Ding* sind wol getan": 
's i'st dia Beicht, 

's and-r äu~ser liaba Frau zä'tar Leib, 
's dritt- 's häalig Oel. 
Hätt- i' näu~ ään Mensch, dear misr des G'bet all- Dag* in d*r Char- 
woch* drimal sprach*, dear thät* verlai(5 dri Sail9: 25 

d' e'st sein Vater, 
d- andar seV Muoter, 
d* di'itt' war* aäga sei? 
Dia dri Saila sottet verlai[5t sei~ 

Aus d-r Pei~, 30 

Nimma drei~. Amen. 

Dieses Passionsgebet ist nicht rein nach der Mundart der Gegend, 
woher es rührt, abgefafst, weil es nicht anders existiert. Es ist ein ur- 
altes Familienvermächtnifs, das durch wiederholtes Abschreiben Schrift- 
und Umgangssprache in buntem Durcheinander darbietet. Zu Anfang 
ist die Schriftsprache vorherrschend. Solche Erzeugnisse gibt es unter 
dem Volke sehr viele. Der simple Volksverstaud wufste sehr gut, dafs 
für Erzeugnisse höherer Art, wie für Gebete, Kirchenlieder, religiöse 
Reime, die Mundai-t nicht genüge; darum der Versuch, die Schriftspra- 
che alle Augenblicke anzuwenden. Ganz an die Schriftsprache sich zu 
halten , war der Zunge nicht zusagend und der Verbreitung hinderlich ; 
daher solche volksthümliche Geisteserzeugnisse in diesem Gewände. 



262 Dichtungen und Sprachproben. 

Quontag ist hier der Montag, weil der Tag gleich nach dem Sonn- 
tag aufgezählt wird. Auch alte Leute in dieser Gegend wissen noch, 
dafs man statt Montag Quontag sagte. Quontag ist aber eigentlich der 
Mittwoch, wie sich der Name auch noch in Gmünd erhalten als Quom- 
tag, Guotentag (Wuotan-, Guodantag). An diesem Tage geht in Gmünd 
Niemand auf die Reise, Kindbetterinnen machen nicht ihren ersten Aus- 
gang. „Vgl. Haltaus. Jahrzeitb., 42, 45. Frisch, 1, 385 «. 669 a. Schm. II, 583.'' 

Erchtag für Dienstag war noch bei älterer Leute Gedenken in Rohr- 
dorf und Umgegend bräuchig. Auch die Formen Erchdinstag. wo das 
Verständnifs von Erch verloren gegangen und die Uebersetzung beige- 
fügt wurde, und Ostererchtag begegnen uns hier. Vgl. Z. III, 460. 

Wahßdhodndth . Waizenkörnlein, — ein wunderschönes Bild. Waaße- 
kodnh ist die regelmässige Diminutivform für Waizenkorn. Daneben 
gibt es Formen auf -ath und -emh; so statt Ladh (v. Laden) Ladamh, 
Lademh; von Faden Fademh etc. 

Das Augd verläunf waard ist mir nicht recht verständlich; jeden- 
falls ist es der Ausdruck der höchsten Trauer; vielleicht „Christus ihr 
Auge, Augapfel, ist im Grab verschlossen und für die Mutter gleichsam 
verloren.'' 

Sprachliche Erläuterungen 

vom Herausgeber. 

1) Der blaue Storch, blab' , flectierte Form v. bla, blau, wie mhd. bläwer etc. aus 

blä; vgl. Z. III, 104. — 1. häu-n-i\ habe ich; das abgefallene n (»"' hau, mhd. 
ich hän, neben habe; vgl. Z. V, 253, 11) tritt vor dem folgenden Yocale wieder ein. 
— 2. stau, stehen, mhd. stän, sten. — 6. na, ihn; Z. III, 288, 19. — 10. ra", her- 
ab. — 13. veil, viel. — wett C, wollte ich; Z. IV, 644, V. — 17. gei^t, gibst (du), 
nach mhd. gist; Z. III, 175, II, 42. — 20. na\ nach. — 27. et, nicht; Z. I, 292, 7. 
II, 340. — 30. as, als ; Z. IV, 99. — 33. zamma, zusammen; Z. V, 120, 19. 

2) Altes Passionsgebet. 11. deana, denen, alte erweiterte Form des Dat. Plur. Vgl. 

Z. III, 451. IV, 238, 6, 4. — 15. mai, mehr. — 25. 30. verlatß, erlösen; Z. IV, 
101,7. — 30. sottet, (sie) sollten; Z. IV, 104, 19. — 32. nimme drei, nimmer drein. 



Lieder in fränkisch -hennebergischer mundart. 

Mundart des dorfes Jüchsen. 
1. Sei me gilt. 

D6 agö s^nn so veigelblöe, Ich guckt de' nei schue vil ze vi) 

O Ricke, g^ me' nert ze nöe, On kö nu nimme*, bie ich wil. 



Fränkisch- hennebergische Mundart. 



363 



Du harzemedle, sei me' gut, 5 

On bann de -{5 bist, se blei me' gut; 
On bann de -(5 bläist, se warn me' 

gut, 
Miig -(J giä, bie -(5 wil, nach varn 

me' gut! 

So weit di sonn on himmel get. 
So weit de(5 velt vol blumme stet, 10 
Hob- ich noch ke bie dich gesie, 
Hot me' noch k6 gevalle mie. 
Du harzemedle, sei me' gut, 
On bann de 'ß bist, se blei me' 
gut; 



On bann de -(i bläist, se warn me' 
gut, 15 

Mag -[S giä, bie (5 wil, nach varn 
me' gut! 

Du bist nu emäl al me lüest 
On, bi-n ich traurig, al m^ trüest: 
Mfigst du mich niert, se mu{5 ich starp 
On mu(5 mit leip o siel verdarp. 20 
Du harzemedle, sei me' gut, 
On bann de -(5 bist, se blei me' gut; 
On bann de -(5 bläist, se warn me' gut, 
Mug -(5 giä, bie -(J wil, nach varn 
me' gut! 



2. Der m^ es döe. 



Es dann der me schu döe, me schätz. 
Es dann der me schu döe? 
Ja, warzig! ha ^s eigerockt. 
Der himmel es so bloe. 

Di blumme won schu blue, me 
schätz, 5 

Di blumme won schu blue: 
Bie farpt def5 toi sich doch so bont, 
Bie wört der wält so grue! 

Huer nar di larche s^ng, me schätz, 
Hiier nar die larche s^ng! 10 



Bie froe sich dl vogelich, 
Ar frot ^s niert gereng. 

On bann sich alle(5 fr8t, mh schätz, 
On bann sich alleß fröt, 
Se söufz ich, dann du host me 
lang 15 

Ke freundlich wüert gesot. 

Ich ho de nis getüe, m^ schätz, 
Ich ho de nis getüe; 
Der me macht allejS frodig zont, 
Mach du mich doch ä früe ! 20 



3. Ue|5 schuippisch medle. 



No, börschle, baß hot '(5 dann ver nüet ? 
Bie rüese s^nn d^ backe rüet, 
Host schwarze äge bie di schlie. 
Bist husch von köpf biß of di zie ! 
Baß steste dort, ge här e winc, 5 
Du mugst mich, ober när e winc; 
On bin ich kom de rächt e winc, 
Se biste mi ze schlacht e winc! 



Eß git d^sw^ge ken verdrüeß, 
Di hep 6s klh, deß l^t nert grüeß, 10 
Du köntst me' quRres här gebliem. 
Bann nar en annerer schu kiem! 
Baß steste dort, ge här e winc, 
Du mugst mich, ober nar e winc; 
On bin ich kom de rächt h winc, 15 
Se biste mi ze schlacht e wind 



264 



Dichtungen und Sprachproben. 



4. Bai'ii, du i^rfelsi nie. 



Barp, du gefeist me' warlich 
Vil mte bie süst ni^ pfarlich 
On, Barb, ich bi de warzig gut 
Noch mie bie annre karlich ! 
Als vüermö vüer ich durch di weit 5 
On soch di medlich alle, 
Doch ke git '(5, die me' so gefeit 
Bie du me' host gefalle. 



Zu allen teufein vuer ich gleich 
Om so en ^ngel wege; 10 

Ich mucht gor nert in'(5 himmelreich, 
Bann dich di hei wür hege. 
Barp, du gefeist me' warlich 
Vil mie bie süst me pfarlich 
On, Barb, ich bi de warzig gut 15 
Noch mie bie ann're karlich ! 



5. V e r e H II e r i ii g. 



Arst vüer ich stolz vornhi mit pfär 
On dann mit uesse hdnnedrei : 
Ich docht me' niert, da(5 '[5 so soll war. 
Doch wor me' 'P, bie (5 nu wur, ke pei. 
Damufger noch ging -[5 ball mi ku 5 
On Endlich mit en äsel goer; 
So nach o nach most üene mu 
Halt allefi durch di gorgel vöerl 

Nu hob ich, bie 6 jäder wefi, 
Ke hörnle on ke schwänzle mie, 10 
K^. hüe, ke gäns, ken hont, ke gt{i, 
Ba ^s so eppe[i schu geschie ? 
Doch bin ich e geschickter mo, 
E(S blie m' in hals ke hörn, ke hoer, 
On doch most über zong* o z6 15 
Me vihle durch di gorgel voer. 

Mit haut o hoer lief 6n mich nei 
De(5 fädervih, dejJ klawevih, 
Nach moste häw o schaufei bei 
On fort ging a]le(5 rth vor rih. 20 



Schif on gesch^rr vüer mit den wS, 
Der pflüc mit grennel, säch on schoer, 
Der schupkarn kam zel^tzt gezo 
On woll ach durch di gorgel voer. 

Mit wis* o wält, mit rang- o re 25 
Wurn al me hüep zu flesch o blüet, 
E gruep güet mocht ich korz o kl6, — 
O güet, bie schmockste me so güet! 
Ich vüert mö sach gor harrlich nau(5 : 
Bie häb o güet vergange woer, 30 
Most zum beschlüe(5 noch höf o haus 
Bie alleß durch di gorgel voer. 

Do(S wor e rächt verennering, 
De(5 labe brocht ich blüe(S devo, 
On bann -ß nar noch emoel so ging, 35 
Garn möcht ich'ß noch emoel esö. 
Doch dof5 kh riseklomp ich wüer, 
Doß wonnert mich vo joer ze joer, 
Ich lie|5 doch warzig, vüer of vüer, 
So vil schue durch di gorgel voer 1 40 



6. Der lustig drassler. 

W61 mücht mich garn so moncher On so mit ket- on ^tröck öni- 

jong, schlong 

Doch k^ner wor, dar mtch bezwong Es bie der lustig drassler. 



Fränkisch - hennebergische Mundart. 



265 



Me harz wor hart, he droet me' "P a, 5 
He drasselt ai di ecke ra, 
On wal e most vil mu mit ha, 
Gehuert -ß mit rächt den drassler. 



Ich gä mich ün als arbetslue, 
Dann semme' alle bede früe; 



10 



Der räichst borsch ^s m' e hölmle 

strüe, 
En edelste me drassler. 
So lang barkei di quilich gen 
On näbet dörnern rueslich sten, 
Ja, ömmer wört me treu mich sen 15 
Dan liebe lust'ge drassler! 



7. So weit ewac. 



Brom gingste noch Amerika, 
Brom gingste dann so weit ewac? 
Bar ko de dann nu trüest gega,'^ 
Du zöchst eile so weit ewac. 
Dort brouchste doch gewist e frä, 5 
Dort nbern meär so weit ewac, 
On garn mitgange wer ich a, 
Wer'P noch emöel so weit ewac! 



Mit heule ej3 ich nu me brüet, 
Dann du bist jo so weit ewac, 10 
Me harz läidt kommer, angst o nüet 
On flöugt de noch so weit ewac. 
Blech senn me backe, nimme' rüet. 
Du nuemst se mit so weit ewac, 
On har get ömmer mie der tuet, 15 
Je mie de gest so weit ewac! 



8. Haus bell au ß. 



A 

Hans Obenau[5, nie mo, Hans, 
Brom geste dann zum hier? 
Ich het dich noch so garn, Hans, 
Bann döß arst nimme' wier. 
Eß 6s von di rächt garstig, Hans, 5 
Blei monchmäl nar devo 
On laß de frä nert stats alle, 
Hans Obenauß, me mo ! 



10 



Hans Öbenauß, me mo, Hans 
Ich wil de' hier jo breng : 
Ge nar nert wider fort, Hans, 
Süst muß me harz zerspreng. 
Ich schaff me', geste onig, Hans, 
Halt ach gesellschaft 6, 
Dann blei du ouß, so lang de wist, 15 
Hans Öbenauß, me mo I 



Sprachliche anmerkungen. 

Ueber J (ich sen {Jüsse, Z. IV, 236 zu 3, 2) vgl. Z. II, 79. 399. III, 222 und herrn 
Professor G. Briickner's fleißiges und gründliches werk „Landeskunde des Herzogthums 
Meiningen" (2 theile, Meiningen, 1851, 1853) II, 177 fg., worauf ich nachträglich noch 
verweisen will hinsichtlich der dörfer Bibra (Z. I, 281 ff. II, 72 ff.) ebend. 11, 179 ff., 
Exdorf (Z. II, 396 ff.) II, 257 f., Neubrunn (Z. I, 283 fg. U, 167 ff. 267 ff. III, 401 ff.) 
II, 175 fg., ßitschenhausen (Z. III, 220 ff.) II, 174 fg., Wölfershausen (Z. IV, 230 ff.) 
II, 178 fg., Obermaßfeld (Z. II, 407 ff. III, 539 fg.) II, 164 fg. und Queienfeld (Z. II, 
398) II, 217 fg. 



266 Dichtungen und Sprachproben. 

Die Jüchsener mundart zeichnet sich hauptsächlich durch einen hohen, gequetsch- 
ten und quäkenden e- oder ä-laut aus, der mit weitgeöffnetem munde, mit tief gesenk- 
ter und nn die untere zahnreihe angelegter Zungenspitze, mit hinten gegen den gaumen 
etwas aufgekrümmter zunge und dadurch verengerter kehlritze gesprochen wird, so daß 
er oben am gaumen hervorzukommen scheint. Diesen laut, um die zeichen nicht un- 
nöthiger weise zu vermehren, bezeichnen wir hier wie schon früher, wo in den anmer- 
kungen gegenwärtige mundart vergleichungsweise angeführt ward, wenn er lang und ge- 
dehnt ist, durch e mit fetterer schrift (früher zuweilen auch eh) und, wenn er kurz und 
geschärft ist, durch e mit gewöhnlicher schrift. Außerhalb Jüchsen findet sich der laut 
im Jüchsegrund selten, nur in einigen Wörtern, z. b. halmetsche, hetsche, tetscke, ■petsche, 
kerbeische , hetsche, letsche u. s. w. (in der Neubrunner und andern mundarten ist mit- 
unter e zr ä angewandt worden, als her, wer, ber für : her, werden, wer, also für einen 
andern als unsern jetzigen laut), hauptsächlich aber im Werragrund, nämlich unterhalb 
der Stadt Meiningen in Wasungen (z. b. rechning := rechnung) und oberhalb derselben 
schon einzeln in Obermaßfeld , besonders dann in Einhausen und Belrieth , selbst noch 
in Vachdorf und Leutersdorf, femer am Thüringer wald im kurhessischen Henneberg 
als Steinbach -Hallenberg (z. b. schlecht, recht, kriecht in Schlacht, rächt, knacht in 
Jüchsen) und endlich an der Rhön in Wiesenthal (z. b. schwelmle, kenner, lenner, 
schwenn zz schwölmle, kinner, lenner, schwenn in Jüchsen, d. i. schwälbchen, kinder, 
länder, schwind := sehr). In betreff der höhe des klänge verhält sich e, ä: fe rr e: 6. 
Vgl. auch Z. I, 279. Unser laut nun in Jüchsen entspricht: 1) mhd. i, a in Bibra und 
Exdorf, ä in Neubrunn und Ritschenhausen, z. b. &e, me, de, se rz ba, ma, da, sa B. E. 
zz bä, m'd, da, sä N. R. m mhd. bi, min, din, sin oder a in B. und tonlosem e in 
E. N. R., z. b. rogele, eckerle, handle zr vbgela, eckerla, hündla B. rz rbgele, äckerle, 
handle E. N. R. ~ mhd. vogelin, eckerlin, hundelin, wobei noch zu bemerken ist, daß 
die silbe le etwas accentuirt wird und zwar bekommt in mSnnle, rhesle die erste den 
hochton und die andere den tiefton; 2) mhd. e (aus älterem i gebrochen), e in N., S 
in B. E., z. b. eße, treffe, breche zz üße, treffe, breche N. =z e/3a, triff a^ brecha B. rr 
eße, treff'e, breche E. :=: mhd. ezzen, treffen, brechen; 3) mhd. e, nämlich a) aus älte- 
rem a gebrochen, e in N. und 6 in B. E., z. b. beßer, zeletzt, wetze, kreftig =z beßer, 
zeleizt, wetze, kreftig N. R. rz bißer, zeliizt, witza (witze), kriftig B. E. n: mhd. baz, 
bezzer, laz, zelezzest, wezzen, kreftic, und b) tonlos in den flexionsendungen der subst., 
adj. und verba (aus älterem a, i, u, o gebrochen), a in B., tonlos in E. N. R. , z. b. 
Sache, schünne, kuese, kuste zz sacha, schünna, küsa, kusta B. zz sache, schüne, küse, 
kuste E. N. R. zr mhd. sache, schoBne (en), kosen, koseten, wobei als merkwürdig nicht 
zu übergehen ist, daß in Jüchsen dies e der endung sowie oben das le der diminutiva 
und in Bibra das a nebst la weniger (oder selten) unter den mannspersonen als unter 
den weibsleuten, den bewahrerinnen alles alterthümlichen , angetroffen wird; endlich 
4) mhd. ei, ^, ^ in E. B. und a, ä in N. R., z. b. b^, e, flSsch, e, ke (enclit. k, kh), 
heße, weß, hesche, schede, schedte, brete, brUte ~ be, e, flesch, e, ke (encl, 4, a. ke, ka), 
hißa, wiß, hescha, scheda, schidta. breta, britta B. und tonloses e für a der endung E. 
zz ba, a, flmch, a, ka (encl. ä, kä), hnße, w'dß, hasche, schade, schadte, brate, brätte 
N. R. ZI mhd. bein, ei, fleisch, ein, (de)kein, heizen, weize, heischen, scheiden (schei- 
deten), breiten, breiteten. 

1) Sei mir gut. 1. äge, äugen, Z. H, 77, 23. — ainn, sind, das. 46. 50. 353; assi- 
miliert, wie unten annerer 3, 12, ann''re 4, 4. 16, hinnedrei 5, 2, grinnel 5, 22, 
verinnering 5, 33 , wonnert 5, 38 , soll 6, 3 , ball 5, 6 , woll 5, 24. — veigelbloe, 
veigelesbloe , veilchenblau, von veigele, n., tirol. \eiele (Z. IH, 461), mhd. vtol. 



Fränkisch - hennebergische Mundart. 267 

2. Bicke, Micke (Bicka B.), Fridericke. — c/e — nöe, gehe mir nicht zu nahe. 

3. guckt, prät. von gucke, Z. III, 227, 5. — nei, hinein. — sehue (ti und e kurz, letz- 
teres dem ersteren leicht angeschleift), schu, schon, vgl. Z. II, 403, 26. Beide 
formen wechseln, s. unten 2, 1. 5. 3, 12. 5, 12. 40. 

4. nhnme'i nicht mehr, s. Z. II, 405, 2. u. hier noch 7, 13. 8, 4. — Zu bie (hier 1, 4. 8. 

2, 11. 3, 2. 3. 4, 2. 5, 4 u. s. w.), wie, Z. II, 74, 1. 495; bann (hier 1, 5. 6. 2, 13. 

3, 12. 4, 12, 5, 35. 8, 4), wenn, Z. II, 74, 1. 399, 3. III, 226, 2 ; baß (hier 3, 1, 5), 
was, bar (hier 7, 3), wer, Z. II, 74, 1, III, 226, 14, und bä (hier 5, 12), wem, Z. 
II, 74, 1 ; sowie bröm (hier 7, i. 2. 8, 2), warum, Z. III, 232, 23. 405, 28, und hü, 
bu, wo, buher, buht, buzü, buvd, wo-her, -hin, -zu, -von u. s. w. vergl. ähnliches in 
der Eisenacher mundart, Z. III, 549, 13, und in der Salzunger bi, II, 281, 50; haß 
282, 74. 78; bär 284, 154; bann 284, 155; dann in der märkischen bai (wer), III, 
254, 8. 14. 255, 15. 27. 266, 2. 489, 7. 559; bat (was) 257, 67. 72. 258, 97. 266, 2. 
488, 1. 559; biu (wie) 256, 40. 266, 2, oder bu 489, 3. 4. 8, oder hü 559. ha {wo) 
256, 49. 257, 69. 559, oder ha 488, 2. 489, 10. 11 und noch bärümme (beröm, bröm, 
warum) 489, 6; hierauf in der schlesischen her (wir) III, 253, 288. 418, 521; fer- 
ner in der Gottscheer bene (wenn) II, 182, 1 und endlich in der Vicentiner benn 
IV, 240, 10 f. 

5. harzemedle (ho/rzemedla B., horzemedle E., herzemadle N.), n., herzensmädchen, d. i. 
sehr liebes und theueres mädchen, in der traulichen spräche; so auch: harzemo, 
-fra, -k4nt, -schazele etc. 

6. 80 (hier 4, 8. 10. 5, 3. 6, 3) mit nachdruck, und enclitisch so (hier 1,1. 2, 4. 7. 8. 
5, 12. 28. 6, 1. 7, 2. 8, 3) oder in nachsätzen se (hier 1, 6 f. 19. 3, 8) und sogar 
ze (könnte z. b. hier 2, 15 auch stehn), so. Vgl. Z. II, 171, 50. 190, 8. III, 215, 13. 
229, 10. blei, bleib, u. bläist, bleibst, III, 544, 7. warn me' gut, werden wir gut 
(ßc. einander), d. i. werden wir uns lieb haben (das me' in „blei me' gut" ist en- 
clit. ^ mi , mir ). 

8. nach, enclit, nach a) präp. nach und b) adv. hernach (so 1,8. 5, 7. 19). Die Jüch- 
sener mundart hat für mhd. ä, a in der regel 6, o, a, schwankt aber zuweilen in 
die Neubrunner, welche dafür a, ä, a besitzt, daher obige formen. Neben diesen 
aber kommen noch vor noch (s. 7, 12) und enclit. noch (s. 7, 1) in beiden bedeu- 
tungen wie oben. — varn me' gut, fahren wir gut, d. h. dann geht unsere angele- 
genheit oder unsere liebe wol von statten. Vgl. unten zu 4, 5. — giä, gie, gehn. 
11. geste, gesehen, Z. II, 79, 2 und 12. mte, (4, 2. 4. 6, 10. 7, 15), mehr, ebend. 79, 1. — 
hob, hot (2, 17. 3, 1. 5, 9) u. ha (6, 7) zeigen ähnliche Schwankung wie ob. unter 8. 

17. tuest J. E. {lüst N. ), m., die lust. 

18. über bt-n (3, 7. 5, 13) s. Z. II, 75, 7. — irüest {irüst N.), ra., trost. 

19. „willst oder liebst du mich nicht, so muß ich sterben — verderben." Ueber mv,ge 
vgl. Z. II, 78, 5 und niert, wozu ne7-t (1,2) die enclitica, nicht, ebend. 405, 6, 1. 

20. siel J., seal B., seäl, aeel N., f., seele, goth. saivala, ahd. sela, mhd. sele, hoU. ziel, 
dän. siael, siel, schwed. själ, engl. soul. 

2) Der mai ist da. me [me E. B., «i« N. R. W.), m., mhd. meie, meige aus lat. majus. 

1. dann a) denn (2, 1. 15. 3, 1. 7, 2. 10) und b) dann (6, 2. 6, 10. 8, 15), Z. III, 226, 2. 

3. ja, enclit. jd J. N. R., j6 und jo (7, 10) J. B. E. , ja (6, 15) und ja bei allen: ja. 
Vgl. dän. ja, jo, schwed. ja, jo, ju, hell, ja, engl, yea, yes, mhd. ja, jü. — war- 
zig (4, 3. 5, 39) J. B., werzig N. R. und worzig E., adv., wahrhaftig, gewifs, in 
Wahrheit, bei betheuerungen , neben warlich (vgl. 4, 1. 3), werlich, worlich, wahr- 
lich. — ha, ha J. mit E. B. W. R. und häufiger he, he, e ( s. 6, 6) J., ha, h'd, he, e 
N. R., er, vgl. Z. II, 75, 9. 400, 12. 95, 13. 395, 3. III, 229, 1. IV, 230, 10. ~ eige- 



268 Dichtungen und Sprachproben. 

rockt, eingerückt, eingezogen (wie ein feldherr mit dem heer), vgl. J. Grimm's d. 
myth. 722 ff. rocke, präs. rock, prät. rockt, part. gerockt, schw. rückuml. verb. 

5. won aus wollen (1. 3. pl. präs.) zusammengezogen, wie mhd. wen aus wellen, wein: 
Schwann 1167. Silv. 3579, und went aus wellerit : Hadloup hgg. v. L. Ettmüller 
XXII, 4, 7. XXIII, 1, 5. u. ö. 

9. larche, larche [lorche E., lercha B., lerche N.), f., lerche, ahd. lerahha, lerihha, ags. 
läverce, läferce, engl, larh, mhd. leriche, lerche, dän. lerke, schwed. lärka. Ueber 
des Wortes ableitung vgl. man J. Grimm's Reinhart fuchs p. 370, 3. Z. IV, 31. — 
sSnge, seng, geseng {senge u. s. w. N., singa u. s. w. B.), präs. seng, prät. song {sang N., 
sung B. E.), part. gesonge [gesänge N., gesunge E., gesunga B.), st. v., singen. 

12. „ihre freude ist nicht klein oder gering," d. h. sie ist groß oder sehr groß. Man 
drückt sich hier oft wie mhd. bei positiver meinung negativ aus, z. b. daß es goer 
kä gereng modle, das mädchen ist schon groß, ziemlich oder sehr groß. 

15. lang (6, 13), Z. IV, 235, 9. 

17. nis, nichts, Z. II, 399, 3. — geiüe {getoe N.), gethan. 

19. zont, jetzt, Z. II, 140. 170, 3. 405, 8. 

20. ach (5, 24. 8, 14) oder a (7, 7) und enclit. ach oder a (hier): auch, Z. II, 76, 2, 3. 
191, 13. III, 89, 5. — früe {frü N.), adj., froh. 

3) Das schnippische mädchen. 1. no, na, nun, Z. II, 401, 9. III, 172, 21. — 

börschU, Z. 11,400, 18. — nüet {nüt N.), f-, noth. 

2. rüese {rüse N.), f., dim. ruesle {rusle N.), pl. rueslich (6, 14), n., rose. — rüet (rüt), 
adj., roth. 

3. achwöerz, flectiert schwarzer, s. Z. III, 225, 7. Unsere mundarten haben für meh- 
rere adj. doppelte formen, eine unflectierte oder einen nominativ bei den verben 
sein und werden, dann eine flectierte mit umlautenden vocalen, z. b. grüeß (unten 
v. 10), gru'eßer, gru'eß (unten 5, 27) und comp, größer {grüß, grußer, größer N.); 
kle, kienner {kle, kUnner E. B., kl'a, Männer N. R.), klein; schue, schünner (schbe, 
schöenner F,.)f schön; blüeß, blueßer {blüß, blußer 1^.), h\o^; frisch, fr escher, frisch; 
rosch, röscher, rauh (von flachs, garn und linnen besonders); tief, tiffer; heß, heßer 
{heß, heßer E. B., haß, h'dßer N. R.), heiß; kalt, kaller, comp, keller (kSller, källerj; 
weit, w älter ; mte, menner (mea, minner B., meä, männer), mehr u. s. w. — schlie, 
8g. und pl. (hier), f., schlehe, u. zie (ebenso), f., zehe, schlea, zea B., achleä, zeä 
N. — husch, hübsch. 

.5. „was stehst du dort, geh her ein wenig." Ueber winc s. Z. II, 78, 9. 

6. zu muge vgl. oben zu 1, 19. — när u. enclit. nar (2, 9. 3, 12. 8, 6. 11), nur, Z. 
II, 401, 9. 

7. kam, kaum. — 8. achlacht, schlecht, gering, unbedeutend. Vgl. Z. III, 229, 2. 

11. quarea J. B. W., quarea N. R., adverbialer gen. von qudr, quar (quer): auf quere, 
schräge od. auch verkehrte weise, z. b. der kern kam me quarea in hals (der kern 
kam mir verkehrt in den hals), und mit den verben des sehens auch scheel (so 
hier), schielend. — här blleme, verstohlen her blicken, vgl. Z. III, 404, 9. 

12. kiem, käme, vgl. Z. III, 223, 2. 

4) Barbara, du gefällst mir. 1. Barp, Barb, dim. Barble [Borp, BorbleE., Bärp, 

Bärble N.), Barbara. Unsere mundarten sprechen anlautendes und, wenn das fol- 
gende wort mit einem consonanten beginnt, auch auslautendes b ganz hart wie p, 
inlautendes aber und, wenn ein vocalisch anlautendes wort folgt, auch auslautendes 
80 weich, daß es sich von w gar nicht unterscheidet, daher v. 1 „Barp, du** und 
V. 3 „Barb, ich*^. Nach diesem gesetz sind alle seither mitgetheilten stücke zu lesen. 
2. aüst, sonst, ehedem, Z. II, 407, 16. — pfoLr (b. unten 3, 1. in N. j»/»r) nur plur. und 



Fränkisch -hennebergische Mundart. 269 

dim. pfarle, pl. pfarlich {pfarla B., pforle E., 'pf'drle N.), pferd. — bie, nach com- 
parativen: als, vil mie bie, viel mehr (wie) als. 

4. karle, pl. karlich [korle, pl. horlich E., herle, pl. kerlich N.), m., bursche, kerl, dän., 
schwed. karl. Ein seltsames wort mit diminutiyform und ohne diminutivbedeutung, 
dabei raascul., während alle unsere diminutiva neutra sind. Zuweilen auch mit 
sächs. pl. karls (korU, kerh). 

5. vam, voer, gevöer (5, 8), präs. vöer , veärst, veärt, varn (1, 8), vart, vam, prät. 
vüer (4, 5, 5, 1. 21) und conj. vuer (v. 9), part. gevarn, fahren. Vgl. Z. ü, 172, 23. 
IV, 237, 27. — rüermo, fuhrmann. 

10. iö en, so einen, solchen. Vgl. Z. III, 215, 13. 229, 10. 282, 98. 

11. mvchty möchte, ebend. 225, 24. 

12. „wenn dich die hölle würde hegen," d. i, einschliefsen, 

5) Veränderung. 1. arst (orst, ^'''stj , erst, anfangs. — vornM, vornhin, vornweg, 
voraus. — pfär s. oben 4, 2. 

2. uess, pl. uesae [oesa, oesse Queienfeld, Z. II, 398 nr. II, 1, und uss, usae N., ebend. 
5,49), m., ochse. — hennedrei, hintendrein, hinterher, hintennach. 

3. dacht, neben dächt, dachte; daß und daß (v. 37), dfiß, doß (8, 4) und enclit. doß 
(v. 33. 38) neben daß, daß, dieses, toi u. tal, thal (2, 7), macht u. prät. ind. mocht, 
mächt u. conj. möcht (v. 36), moecht, macht, machte u. s. w., vgl. oben 1,8. — war, 
werden (1, 8), prät. wü'er (v. 37), wur (v. 4), wivrn (v. 25) und conj. wür (4, 12), 
Z. III, 224, 4. 

4. wor u. wüer (v. 37), war, s. Z. II, 407, 11. III, 231, 10. 

5. 6. damvtig, demvtig N., adj.; thsel, isel N., m., und v. 9 jader, jeder N., wie atats, 

steta N. 8, 7. 
7. üene, ohne, s. Z. II, 407, 4. III, 543, 2. üne in N. und ebenso bei Meran in Ti- 
rol, III, 328. 

10. „kein hörnchen und kein Schwänzchen mehr," bezeichnung für : nicht ein einzig 
stück vieh. 

12. bä, wem, s. 1, 4. — eppeß, etwas, Z. II, 353. — geschie, geschehen, vgl. oben 1, 11. 

14. blie, blieb, blei, bleibe (8,6.15), Z. 111,544,7. — hder, haar (näml. v. vieh), s.v. 17. 

15. „und doch mußte über zunge und zahn mein vieh durch die gurgel fahren," d. i. 
der werth davon. 

18. Unter federvieh begreift man gänse, hühner, tauben u. unter klauenvieh och- 
sen, kühe, Schafe, ziegen, schweine. 

19. haioe, f., haue, hacke, mhd. houwe, howe, schw. f., dazu häwe (hiep, gehäwe), st. 
v. hauen, mhd. houwen, howen, ahd. hauwan st. v. — nach s. oben 1,8. — be 
(ba, b'd), präp., bei, und bei, adv., herbei, herzu. 

20. rth, i., reihe (mhd. rihe): rih vor (ver) rih, reihenweise, reihe um reihe, nach 
der reihe. 

21. achtf o geacherr, schiff (alles ackergeräth) und geschirr. — wo, pl. wo, m., wagen. 

22. pfiüc, pl. pfluc, m., mhd. pfluoc, pflüg. — grennel (Z. II, 46), m., grendel, grin- 
del, der pflugbaum, ahd. krintil, mhd. grintel, ags. grindel (repagulum, pessulus); 
J. Grimm's d. myth. s. 222. Ilaupt's zeitschr. III, 377». — aach, n., sech, pflug- 
meßer: „Ligo, sech". Admont. voc. in Haupt's Z. III, 375». — acho'er , n., schar, 
pflugeisen: „Vomer, waginso t scaro", ebend. 381''. Vorarlb. wä^ese, Z. II, 668, 62, 
u. bei Hebel: „Zum broche brächt er d- wägeae, zvm, meihe brücht er d' aägeae." 

23. achupkarn J. B. W. , achupkorn E. u. schupkern N. R. , m. , schiebkarren. — gezb, 
gezogen. — kam seltener, küem gewöhnlicher, s. Z. III, 223, 2. 

24. äch, s. oben 2, 20. 



270 Dichtungen und Sprachproben. 

25. mit wW o wält, mit wiesen und wald. mit rang'' o re, mit rangen und rainen, vgl. 
s. 234, 2. 238, 5, 10. 

26. hüep, pl. hüep, dat. hüebe, f., stück landes von gewissem maße oder auch mehrere 
stücke in verschiedenen flurtheilen liegend und ein geschloßenes ganze bildend, 
hübe oder (wie man oft fälschlich gedruckt und geschrieben findet, mit niederdeut- 
scher form) hufe, mhd. huobe, schw. f.; J. Grimm's d. rechtsalterthümer s. 535. 
mit habe, st. f., zu haben, possidere (vgl. hab v. 30). In Neubr. hup, pl. hup, hü, 
hu, besonders in der Verbindung hü lands, hu lanns, hüben landes, z. b. hä hat 
vier hu lanns. Die hüben führen alle namen und zwar die ihrer ursprünglichen 
anbauer oder besitzer, deren familien oft längst dahingeschwunden sind. So gibt 
es hier eine Stertzings-, Seiferts-, Unraths-, Thors-, Kreßenhube u. s. w., von de- 
nen die ursprünglichen besitzer alle ausgestorben sind biß auf die beiden erstem, 
aber noch während des dreißigjährigen krieges lebte hier ein Hans Unrath. Wird 
ein acker von der hübe getrennt und vereinzelt, so sagt man: hä 6s außgehüpt, hä 
h vo der hüb Tcomme, wird dagegen ein einzelner mit oder wieder mit der hübe 
verbunden, so heißt es : hä wärt eigehüpt, hä 6s zur hüp komme. 

Die mundart von Jüchsen hat üe und die von Neubr. ü für mhd. uo, so blüet 
zz. bluot, n., hüet rr huot, m. , grüeß rr gruoz, m., füeß zz fuoz, m., rüem ~ 
ruom, m., aber auch Schwankungen, als güet (v. 28. 30) und gut (1, 5), adj. u. subst. 
n. =: guot, sowie pßüc, s. oben 22. Vgl. noch vü'er (v. 39), f., := fuore, vüer 
(oben 4, 5) zr vuor. 

27. grueß, groß, s. oben zu 3, 3. — mocht, machte, oben zu v. 3. 

28. schmecke, präs. schmeck {schmeck N. R. , schm6ck B. E. ), prät. schmockt (B. E. J., 
schmäckt N. R. J.), conj. schmockt (schmoeckt) u. part. geschmockt (geschmäckt), schw. 
rückuml. v., schmecken. 

29 ff. förn, fver , gefver, präs. vuer, pl. rörn, xuert, vorn und conj. vii'er, prät. vvert, 
conj. vuert, part. gefuert, führen, mhd. füeren. — aach, f., angelegenheit, ding, 
vgl. Z. IV, 224. — harrlich, in N. herrlich. — nauß, hinaus, durch, ans ende. — 
hab, f., habe, vgl. anm. zu v. 26. — beschlüeß, m., beschluß, abschluß. 

36. eso, also (vgl. ds6, asö , asü , Z. II, 92, 47. III, 44, 11. 250, 54), ebenso. — gam 
(gorn, gern), gern. 

37. rtseklomp (rUeklämp), m., riesenklumpen, d. i. außerordentlich oder über die maßen 
dick. Das rise- verstärkt wie enz-, Z. II, 339. III, 191, 81. V, 24. 60, 73. 

39. warzig s. zu 2, 3. — vvör of vüer, führe auf führe, eine führe um die andere. 
6) Der lustige drechsler. — drassler, m., und drosseln (v. 6), schw. v., drechseln, s. 

Z. II, 49, 203 fg. 
1. mucht, prät. mochte, u. conj. mvtcht (4, 11), präs. mUg (1, 8. 19. 3, 6), s. Z. III, 

226, 24. — jong, ebend. 226, 3, 1, 

3. „mit ketten {kete, f.) und stricken {stric, pl. 8tr6ck, m.) umschlang." 

4. es, als, Z. Ill, 405, 19. 

ö. harz, n,, hart, adj., J. B. W., horz, hört E., herz, hert N. R. — dredwe, driä, ge- 
dreä, präs. dreä (w, p), pl. dreäwe, prät. drdet, conj. drbet, part. gedrßet, schw. 
V., drehen u. drechseln, mhd. drsejen, Z. III, 400, 13. — a, ab. 

6 f. ra, herab. — wal, weil, Z. III, 404, 16. — mit, adv., damit, mit (7, 14) u. präp, 
(v. 8). Vgl. zu 6, 19. 1, 8. 

9. gd, gebe, gegä (7,3), geben. — ün, ihn. — arbetslüe, arbeitslohn. 

10. s6mme', sind wir, Z. II, 353. — frue oben zu 2, 20. 

11. h hölmle s^tru6 (e hvalmle ^irüj, ein hälmchen stroh zr gar nichts, vgl. Z. II, 78, 6. 
7. 8. 18. 16. 



Fränkisch - hennebergische Mundart. j^j 

13. harJcei [harhei, berkei N.), adv., bergein, bergab. -^ qull (sg. pl.), f., u. dim. quile, 
pl. quilich, n., quelle, quöl, quäl, Z. II, 237. IV, 181. brunnenqual, v. Erlach's 
Volkslied. II, 44. „Ich trinke gern aus dem frischen quall," Göthe's ged. I, 448. 
Opitz in Zachariä's und Eschenburg's auserles. stücken masc. I, 254 und neutr. 94. 
144. 194. 228. 247. 

14. nabet, präp. u. adv., neben. Vgl. Z. 11,276, 21. 404, 11. III, 135; n'dbet 436; der- 
nebet 213, 3. — 15. sen, sehen. 

7) So weit hinweg. Zu ewac vgl. Z. II, 78, 21. 287, 67. III, 133. 407, 132. 

1. bröm 8. zu 1, 4. — noch und noch (v. 12), nach, s. zu 1, 8. 

2. 3. dann, denn, s. zu 2, 1. 

6. gewist, adv., gewiss, und adj. zuverläßig, daher e gewisser mo, irgend ein bestimm- 
ter, und e gewister mo, ein zuverläßiger mann. Es gehört, wie näbet oben 6, 14, 
zu den bildungen auf -et, -t, worüber gesammelt ist Z. II, 404, 11 u. III, 105 fg. 
aus Tirol. Hier eine fernere Zusammenstellung: ingst II, 287, 71; älsi 286, 65; 
erJcnst 288, 150; kumt nert 499; eppet 84, 12. 423, 53; nischt 281,59. 61. nist 174, 
34 f. nischte III, 252, 150; ibest ib. 135. II, 285, 20; schu7it, schont 286, 52. 325. 
432, 90. schönt 490; schund III, 250, 6: nochert 135. 176, 13. närt 539, 99. der- 
nächet 229, 4. nacJiert, naehet II, 499; änderst 425, 29. III, 105. annerst 547, 26: 
einest wie änderst 11,490; fungst, fongst, fängst 275, 5. 400, 14. III, 135; selbert, 
selberst, selbst, sulvest, sülrest, sülst 186, 55. seift 268, 17; btnäst 425, 18; frinet 
225, 2, 1; derneunert, hebet, immet, isset (aus mhd. ihtes wie niss, nis aus nihtes, 
vgl. II, 49. 399, 3), näbet 135; sali, dahiert 547, 13. 26. salte 419, 619: dengerst, 
dennecht, denne't, dennest, denget, dengest, de'cht, decht 173, 149. dengast 239, 93. 
döcht 321. dechtert, decht 399, 5. 219, 13. dechterst 105; nebert, neumert, namert 
217, 5; sidert, sSbert 214, 21; nahet 329; zämmet 533, 109; hialzt 193, 154; draußi 
45 zu n, 2; hSmdi 214, 26. dahemat 400, 15. 219, 14. dahu'it II, 186, 16; gunt, 
günd, günt, gint II, 139 210, 8. 423, 41. III, 552, 3 u. süst 406, 49. 11,407, 16. — 
brouchste n: brauchst de, brauchst du. — fi'di frau, Z. 11, 401, 3. 

6. meär [mear B.), n., meer. 

8. n6ch (s. 8, 3) betont, und noch enclit. (man darf dies wörtchen nicht mit der präp. 
u. dem adv. noch, noch, nach, verwechseln, s. zu 1 , 8) : noch. Ich komm noch emöel, 
ich komme noch einmal (wenn ich erst einmal an demselben tage an dem orte ge- 
wesen bin), noch emäl [emol, wenn schon mehrere mal), noch cemäl [emol E. B., 
emäl J. : nur noch ein einziges mal, zum letzten mal) und 7ioch emäl {emol, vielleicht 
zukünftig einmal werde ich kommen). So fein wissen die mundarten durch ver- 
schiedene betonung und ausspräche die bedeutung zu schattieren und zu unter- 
scheiden. 
11. kommer, m. , 1) kummer, mhd. kumber, aus franz. comble, lat. cumulus; dazu: 
kömmernis, bekömmernis, f, bekommer, m., bekömmering, f., kömmerlich, adj., körn 
mern, be-, ver-, schw. v. , und 2) pl. kömmer (jenes ohne pl.), f., kammer, aus 
mhd. kamere, f., ahd. und lat. camara. — 12. ßöugt, fliegt. 
14. ndme, näm, genäm, präs. näm, nimst, nimt, näme, namt, name u. conj. nam, prät. 
nüem {nüam B., noem E. N. R.) und conj. nuem (nuam, nbem), genumme {genum- 
ma B.), st. V., nehmen. 

8) Hans Obenaus. 3. noch so garn, noch einmal so lieb, vgl. zu 7, 8. 
4. arst 8. zu 5, 1. — wier, enclit. wir (7, 7. 8.), wäre, vgl. zu 5, 4. 

6. garstig J. B. W. , gorstig E. und garstig N. R., garstig, unschön, unfein etc. 

6. dev6 (6, 34), davon, hinweg, weg. 

7. elld {am, ein E. B., all'a, ella N. R. W.) u — : allein. 



272 



Dichtungen und Sprachproben. 



10. bringe, hreng , gebreng (E., brenga, bringa B. , brenge N. R.), präs. bring (bring, 
breng), prät. brockt (5, 34. B. E.) und brächt (vgl zu 1, 8. 5, .3. N. R.) od. conj. 
brächt, brmcht, part. gebrocht, gebrächt, schw. v., bringen. Zu den drei formen 
des Infinitiv: 1) blue (2, 5), hege (4, 12), sen (6, 15), 2) atarp (1, 19), seng (2, 10), 
war, xotr (5, 3. 8) u. 3) gel.Uem (3, 11), gega (7, 3). Vgl. Z. II, 79, 12. 190, 9. 
286, 30. III, 123 ff. 541, 3. 

12. mst^ sonst, ob. 4, 2. 7, 5. — zerspringe, zer^yring , zerspringen, conjugiert durch- 
weg wie singe 2, 9. 

13. gesie onig , gehst du aus, weg, ins wirthshaus oder in gesellschaft. Ueber onig s. 
Z. III, 228, 13. 

14 ff. ö, an. „Dann bleib du aus, so lang du willst, H. O., mein mann!" 

Q. Friedr. Stertzing. 



Ostfriesische Kinder- und Ammenreime, 

gesammelt von C. Tannen in Bremen. 
(Schlufs von S. 144.) 



3. 
Heifsa, Sünte- Märten! 
Dei keojen drägen dei starten, 
Dei ossen drägen dei horens, 
Klokken drägen dei torens, 
Torens drägen dei klokken, 
Möi meisjes drägen dei rokken. 
Dei wichter sünd viletjes, 
Dei drägen dei golden ketjes; 
Dei junkse sünd van hundeblSmen, 
Dei meoten dei wichter dei ners üt- 

seonen. 

4. 
Kippe — kappe — kßgel, 
Sünte -Märten vogel, 
Sünte -Märten dikke buk 
Stekt sin ners teo't fenster üt, 
Rep van Elileije! 
Sin väder durt hei -t neit seggen, 
Krigt -n pukkel vnl schellen, 
Sin meoder durt hßi -t neit klagen, 
Krigt -n pukkel vul schlagen; 
Dar boven wönt dei rike man, 
D6i uns wal wat gewen kan, 



Appels un 6k peren, 

Noten et ik geren; 

Gewt uns wat, gewt uns wat! 

Lät uns neit teo lange stän, 

Wi meot nog n dorke wider gän. 

5. 
Sünter-Kläs, geod heilig man, 
Trek- din gollen tabberok an, 
Rit dermit nä Amsterdam, 
Van Amsterdam nä Spanjen, 
Häl- Appels van Oranjen, 
Peren van Granaten ; 
Ri over alle Straten, 
Gef dei lütjen kinner wat, 
Gef dei gröten -n schüp in't gat. 
Mit -n pär gollen ringen. 
Dar lät h5r mit springen. 
Mit -n pär gollen kneopen 
Dar lät h6r mit leopen, 
Mit -n pär gollen kränzen 
Dar lät hör mit danzen. 

6. 
Kippe — kappe — kente, 
•k hebb- all- min geld up rente, 



Ostfriesische Mundart. 



^n 



•k hebb' "t all* verterd, 
Mit sadel un perd, 
Mit töm un bit, — 
Gef mi •!! örtje 
Un -n metwu'st mit. 

7. 
•k hebb- seo lang mit dei rummel- 

pot leopen, 
•k hebb* gin geld, um breod teo keo- 

pen; 
Potbakkerei, potbakkerei! 
Gef mi -n örtje, dan gä -k nä dei 

Höi, 
Dan ga 'k nji dei smid, 
Dei farvt min potje wit. 

8. 
Sünter-Klds, du geode bleot! 
Gef mi -n stükje sükkergeod, 
Neit teo v61 un neit teo min, 
Smit mi -t man teon schöstein 'rin. 

9. 
„Greitje, Greitje, spinst du neit?'^ 
„„J^, vdder! borst du 't neit? 
Dat weil geit snur-snarl''" 
Appelke drei. 
Drei um -n ort 
Un dat geit na dei wäterpört. 
Dei wjtterport was teogeslöten, 
Dar was Greitje dorgekropen. 
Lät uns in dei keller krüpen, 
Lät uns all dat bcir upsüpen. 
All dat beir is Wittekastein 
Dar quam jüffrau Gläsebein 
Mit dei bummels in dei oren, 
Dit's vorwar gin stikkeldoren ! 
Gris, grau. 
Bunt, blau, 
Dat kätje se van mau, mau, mau. 



10. 
„Kükülüku! du reode hane, 
Lein- du mi din spörentjcs." 
„„Wo wit wult du dermit riden?^*' 
„Van liir na Lammerdiden 1 '^ 
As ik in Lamraerdiden quam, 
Do sat dei keo bi't für un span, 
Dat kalf lag in dei weig- un san(g), 
Dat katje karmde botter. 
Dei fleddermüs, dei f6gde -t liüs 
Mit hör vergüUen flogeis, 
Dei swalfkes dreogen dei drek derüt 
All nä dei bürenschure, 
Dat beir wul hör versuren, 
Dei büren würen drunken, 
Sei danzden up dei klumpen, 
Dei klumpen würen glat, 
Do laggen sei all mitnanner up't gat. 

11. 
Antje Neister, 
Tom un teister, 
Teister un töm, 
Sädel un bom, 
Bom un sädel, 
Fis un fädel, 
Fädel un fis, 
Steol un dis, 
Dis un steol, 
Wäter un peol, 
Peol un wäter, 
Kat un käter, 
Kater un kat, 
Dei dßi müs upfrat. 

12. 
„Nu het et regent un is nat, 
Nu is min man neit hen nä de stad. 
Min man is teo hüs, min man is teo hüs, 
Min man, min leven manl'' 
18 



■ü«* 



274 



Dichtungen und Sprachproben. 



„„Frau, wat singst du där?^" 

„Kan ik nöit singen wat ik wil ? 

Ik krig- ja sünst min kind ncit stil : — 

Min man is teo hüs, min man is teo hüs, 

Min man, min leven man! 

Du büst jo 'n wären dummerjan, 

Kanst du den gin duts(cli) verstän ? 

Nu Iiet et rcgent un is nat, 

Nu is min man neit hen na de stad." 

13. Spottrcini auf Johann. 
Jan, span anl 
Twöi katten voran, 
Tw^i hunde vorup, 
Jan, dubberubberup ! 

14. Spottreim auf einen Böttcher. 
Küper, küper, rund um't vat 
Haut sin wif mit sleif vor't gat. 

15. 
Wenn der Kuckuck sein „Kuckuck !" 
hören läfst, antworten ihm die Kin- 
der mit: „Eierdeif!'^ (Eierdieb). 
16. Auf einen Somnierkäfer. 
Sünneküken, fleig upl 
Breng* mJ morgen moje wer. 

Dieser Reim wird so lange wie- 
derholt, bis der Käfer auffliegt. 

17. Auf eine Schnecke. 
Titeltakel ! holt van hakel I 
St^k din veir pär hörens üt, 



Wult du s- neit ütsteken, 
Wil -k din hfiske breken. 

18. Weun^s zu regnen anfängt. 

Schürrcgen blad, 
Mak* mi neit nat, 
Mak* alle lütjen kinder nat. 

19. Beim Abzählen. 

Min vader let ins -n old wägenrad 

beslän, 
Nu rä' mal, wo vol tengcls dat där- 

teo gän? 

Die Kinder haben einen Kreis 
geschlossen, und eins derselben zählt 
mit der ersten Silbe des vorstehen- 
den Heimes, bei sich anfangend, von 
rechts nach links herum, mit dem 
Zeigefinger jedes berührend. Auf 
die letzte Silbe antwortet das davon 
betroffene Kind eine Zahl, gewöhn- 
lich : twolf (zwölf). Dann fängt der 
Zähler wieder bei sich mit ein an 
und zählt von rechts nach links bis 
zur angegebenen Zahl (zwölf) fort. 

20. Buchstabierscherz. 

A, bei, ceil 

Dei katte löpt in d- snei, 
As sei w§r herüt quam, 
Har sei witte potjes an. 



Sprachliche Erläuterungen 

vom Herausgeber. 

Stinte - Märten , Sanct Martin (Stürenb. 272), -wird auch die von Papier gemachte 
Laterne genannt, mit der die Kinder am Martinstagc (10. Nov.) ihren Umzug hal- 
ten. Diese Laterne wird so gomaclit: man nimmt einen Bogen Schreibpapier, 
schneidet denselben oben ein, wodurcli eine Franzenkante entsteht, die umgelegt 
wird, beklebt den Bogen mit bunten Bildern und legt die beiden Enden zusam- 



Ostfriesische Mundart. 27.J 

men, nimmt alsdann einen Stamm vom braunen Kohl, Strunk genannt, höhlt den- 
selben oben aus, um eine Kerze darein zu setzen, und befestigt darum den wie 
oben angegeben zubereiteten Bogen. Eine andere Benennung dafür ist kipp-Tcapp- 
hagel (Stürenb. 117) und eine andere Art ist das slingcrlücht, das die gröfste Aehn- 
lichkeit mit einem Klingbeutel hat und, an einem Stiel oder einem Band getragen, 
beständig durch die Luft in einem Kreis geschlagen wird ; daher denn auch die 
Benennung (von slingern, slindern, schlendern, schleudern; Stürenb. 221. Z. III, 30. 
IV, 268, 7). Zur Herstellung des slingerlücht werden aber auch Rüben, Gurken 
etc. verwandt, die ausgehöhlt werden Hier in Bremen gelten die Kinder damit 
Ende August und singen dazu: 

(Wie) Sonne, Mond und Sterne 

Leuchten die Laterne. 

Wer die Freude will erleben, 

Mufs ein'n Stummel Licht ausgeben, 

Oder einen Groten 

In die kleinen Poten. C. Tannen. 
Jceojen, Kühe; Z. III, 494. — starten, wol von siert, sthrt, Schwanz; Z. II, 541, 
1.53. — ossen, Ochsen; Z. III, 33. 495. II, 49. — horens, Hörner. — törens, Thür- 
me. — möi, schön; Z. IV, 29. Stürenb. 152. — meisjes, Mädchen; Z. IV, 431, 5. — 
wichter, Mädchen; Z. V, 144, 47. — vUeijos, Veilchen (nach C. Tannen's Angabe), 
welche bei Stürenb. 317 viölkes heifsen, während derselbe (S. 54), übereinstimmend 
mit E. Hektor, aufführt: Jilette, Nelke, dianthus, — wahrscheinlich so genannt von 
der violetten Farbe. — junkse^ Jungen, Knaben. — hundeblbme , an vielen Orten 
auch pardehlome, Löwenzahn, leontodon taraxacum. — ners, nars, podex; Z. IV, 
135, 134. Stürenb. 156. — seonen, sönen, sünen, küssen; Z. IV, 288, 461. Stü- 
renb. 249. 

4. lük, Bauch. — „rej? ran Elileije, rief E. — Dieses ran vertritt gewissermafsen die 
Stelle eines Doppelpunktes oder Anführungszeichens ; ebenso : ik segg- van ja und 
in dem Tanzliedchen : „Ik sedder (zz segg' der) van Jdlk, ik sedder ran Jäbk, ik 
sedder van Jäbk, std stil! d. h. ich sage: Jacob, stehe still!" E. Hektor. — Vgl. 
Stürenb. 307: van, 3. — durt, darf, Stürenb. 41. — schelle, Schelte, Tadel; Z. IV, 
33. _ böven, oben; Z. II, 394, 85. — peren, Birnen; Stürenb. 171 a, vgl. Z. IV, 204. 
— nbten, Nüsse. — toi meot, wir müssen. — dbrke, Thürchen. 

5. trek-, ziehe; s Z. 11,551, 11. — tabberok, m., langes, mit vielen Falten versehenes 
Kleid, Amtsrock, Chorrock, Talar; mittellat. tabardum, mittelgriech. rafindgiov, ital. 
tabarro, span portug. tabardo, franz. tabard, kymr. tabar, mhd. tapfart, engl, ta- 
bard, hoU. tabbaard, Mantel, Staatsrock, Waffenrock, Z. II, 239. Diez, roman. 
Wb. 338. Ben.-Mllr. III, 14. Frisch, II, 362. Diefenbach, glossar. lat.-germ. 570. 
Scherz, 1611. Brem. Wb. IV, 2. Schütze, IV, 242. Stürenb. 274. Z. II, 239. — 
rit, reite. — ZM<je, klein; Z. IV, 126, 1. — -n schilp inH gat, einen Stofs oder Fufs- 
tritt in (vor, auf) den Hintern; schilp, oberd. schubb (Schm. III, 312. Z. II, 134); 
gat. Loch (Z. II, 393, 52). Stürenb. 236. 66. — kneope, Knöpfe. — leopen, laufen. 

6. kippe, Nebenform v. kappe, Mütze (Stürenb. 107), dem sich kente zum alliterieren- 
den Wortspiel anreihet. — töm, Zaum. — bit, Gebifs; Stürenb. 18. — metwu'st, 
f., Wurst aus mei (f. u. n. ; auch plur. metten und met-göd), d. i. gehacktem 
Schweinefleisch (von welchem, nach dem Brem. Wb. , das Fett abgesondert ist); 
vgl. holl. met, schwed. mat, v. niederd. matsken, oberd. metzen, schneiden, schlach- 
ten (Z. II, 191, 18), oder besser zu goth. mats, ahd. mhd. maz, ags. mete, engl, meat 

18* 



276 Dichtungen und Sprachproben. 

etc., Speise, Fleisch. — Brem. Wb. III, 152. Richey, 162. Schütze, III, 96. Strodt- 
mann. 136. Dähnert, 305. Krüger, 61. Müllenh. z. Q. Stürenb. 149. unten 280, 7. 

7. lieber rummelpot , Kumpel- oder Lärmtopf, s. Z. III, 556, 73 u. vgl. auch Stürenb. 
206. — poibaTckerei , f., Töpferei, Steinzeugfabrik ; poihakher , potker, m., Töpfer; 
vgl. Z. II, 318, 6. III, 40, 4. Stürenb. 182. — Ilei, ein Ort an der holländischen 
Grenze. — potje, n., Töpfchen. — wit, weifs. 

8. min, klein, wenig, gering (goth. mins, ahd. mhd. min, nhd. minder; vgl. lat. mi- 
nus); Brem. "Wb. 111,162. Schütze, 111,100. Richey, 163. Dähnert, 307. Strodtm. 
137. Stürenb. 150. — schöstein, m., Schornstein; Z. 111,41,25. Stürenb. 232. 

9. Greitje, Gretchen, Margaretha ; Z. 111,552,5. 373. 175,274. — weil, n., Spinnrad, 
Z. III, 286, 1. Stürenb. 327: wel. — ort, m., ein Viertel (Stüber, Thaler, Gulden 
etc.); Z. V, 144, 1. — pori, pörte, f., Pforte, Thor; Z. III, 280, 52. — krvpen, 
kriechen; Z. V, 65, 71. — wittekaatein ist ein unverständlicher, wahrscheinlich ver- 
derbter Ausdruck, etwa für wittekarswein, Weifskirsch wein? — quam, kam; Z. IV, 
263, 19. 269, 22. — jüffrau, jüffrd, verheiratete Frau, Madame; Stürenb. 99. Z. III, 
272, 2. — bummel, Ohrring; v. bummeln, baumeln, hängen u. schwanken; Stürenb. 
27. Z. IV, 27. — dii 's, dies ist. — stikkeldoren , m.. Stechdorn, Distel. — grU, 
grau; Z. III, 279,22. — Mtje, n., Kätzchen. — van mau, vgl. oben zu 4. 

10. kükülüku, schreinachahmender Name des Hahns in der Kindersprache; Z III, 501. 
IV, 358, 6. — lein', lehne, leihe. — spörentjes, kleine Sporen. — wo wit, wie weit; 
Z. III, 279, 18. Stürenb, 334. — Lammerdiden^ Lombardei; Stürenb. 131. — keo, 
Kuh, wie oben 1. — kalf, Kalb. — „Es mag uns hier vergönnt sein, auf eine An- 
sicht des Hrn. Strackerjan in Z. III, 495 weiter einzugehen. Indem wir damit über- 
einstimmen, dafs tut etwas Vertrauliches unbestimmt ausdrückt, möchten wir die 
Worte : du büst vorn sin tut lieber so verstehen : du bist Vaters Hühnchen. Tut, 
iutje heifst wenigstens bei uns „Hühnchen" und kommt mit kalf zusammen nicht 
vor, wohl aber tipkalf, was aus tittkalf entstanden sein möchte. Auch heifst das 
Kalb in der Kindersprache tip und wird mit diesem Worte gelockt." C. Tannen. 
Vgl. Stürenb. 291. Z. II, 540. — „Karmde, Prät. von ? Bei mir hiefse das Prät. 
kam (zzkarnd) von kamen (sprich iam-n), buttern {kar(n)melk, Buttermilch; Stü- 
renb. 103. Z. III, 424, 4); der ganze Vers lautet in meiner Gegend: „de kat de kam 
de botter," d. h. sie reinigte {k'dmd' , kämmte) die Butter von Härchen etc., was 
sonst mit einem Messer geschieht, von der Katze aber passend mit ihren Krallen 
beschafft werden kann." E. Hcktor. — swaljke, Schwalbe, weist deutlich auf die 
ursprüngliche Diminutivform dieses Wortes hin; Z. 111,432,269. — klumpe, Holz- 
Bchuh; Stürenb. 113. — gat, n., Loch, Hinterer; s. oben bei 5. 

11. Antje, Aennchen. — neister, Näherin; Z. IV, 132, 78. Stürenb. 159. — tom, Zaum. 
— feister, nach Stürenb. 279: ein Werkzeug zum Reinigen des Hauses, wovon 
dann teistern, eifrig reinigen, herumwirthschaften ; rauh behandeln, stofsen u. schla- 
gen. Hier erwartet man dem Sinne nach eine Bezeichnung für einen Theil des 
Pferdegeschirres etc. Könnte das Wort vielleicht Peitsche bedeuten ? — böm, Baum, 
hier: Deichsel. — ßs, iür ßsk, Fisch; Stürenb. 317. — fädel, ? — etwa von Fa- 
den, fädeln? Neben „Fisch" könnte es auf die Angelschnur zu deuten sein. — dis, 
Tisch. — peol, m., Pfuhl, Pfütze; holl. poel, engl, pool, dän. schwed. pöl. Stü- 
renb. 181. Müllenh. z. Qu. 

12. het et regent (spr, kettet), hat es geregnet. — nat, nafs. — dummerjdn, Dummkopf, 
Einfaltspinsel, wol aas „dummer Johann" zu erklären; vgl. Z. III, 1 ff. Stürenb. 42. 

13. twei, zwei. — vbrup, vorauf, voran. 

14. küper, Küper; v. küpe (vgl. lat. cupa; franz. coupe, cuve; engl, coop, cove, keeve; 



Rheinfränkische Mundart. 



277 



auch hochd. Kufe, Kilbel, Kopf), f., rundes hölzernes Gefäfs, Bottich; davon: kü- 
pen, Fässer binden; bildlich: Walilstinimen erschleichen (durch Rundumlaufen bei 
den Bürgern; vgl. lat. ambire) ; Stürenb. 129. Z. II, 44, 32. — sleif, grofser, gewöhn- 
lich hölzerner Kochlöffel; Stürenb. 220. Z. IV, 129, 34. 

16. sünnekvhen, Sonnenkäfer, coccinella; auch lev -engelke; Stürenb. 273. — moje wer, 
schön Wetter; Z. I, 277, 14. 

17. titeltakel, Name für die Schnecke; Stürenb. 282: tieketake, die Tellerschnecke oder 
das Posthörnchen, planorbis corneus. — hdkel, Zaun; vgl. Stürenb. 80: hakelwark. 

19. ins, einmal, einst; Z. III, 278, 4. — rä\ rathe. — wo vbl, wie viel. - tengel, Na- 
gel; Stürenb. 279 f. 

20. wer, wieder. — harr', hatte; Z. II, 539, 90. — potje, n, Pfötehen, Diminut. von 
p6t,pote; Stürenb. 181. 



Rheinfränkische mundart 

von Eckenhagen, an der südwestgrenze der grafschaft Mark. 
Mitgethcilt von Friedr. Woeste in Iserlohn. 



1. Wiegenlied. 

Sü sü, Sen~gen! 
den~ moder hest Kattren~gen, 
den~ fader es an gräwar bür, 
wanna kömd dan suhta sür. 
3. Tierlie«Ier. 
a. An die fle der maus. 
Flädormüs, 
\vä kömsta 'rüs? 
US dorn äldan hüs 'orüs? 

b. An den niarienkäfer. 
Sommarfü'glggn, flüg- ford! 
öwan hion ädar an gan hian, 
wä at besta käran es. 

c. An das huhn. 

He he, Kattarlisl 

wat deste in men^gam häf ? 

du plökst mer al da blümgar af, 

dat es mer fil za gräf. 

3. Abzählreime, 
a. Eins zwei drei fir, 

wer pesst mer en das bir? 

dat ded dat dicka fetta dir. 



b. Et flog an g^äl gos üawar us hüs, 
di sa'ata ki ka büs. 

4. Blindekuh. 

Blen~da küh, ich lai'a dech. — 

Wähen? — 

Nä Düssaldärp. — 

Wat sal ich da? — 

Görta frefian. — 

Ich han ja genen läffal ! — 

Dan gä freß' drita ! 

5. Regeiilied. 

Ra'na, rä'na, (t)röpgan! — 
et rä'nd mer op men~ köpgan, 
et ra nd mer en men" beianfas ; 
müäran wer' ich düarnas, — 
düarnas wer' ich net, 
so lan~g- lew ich net. 

ft. Beereulied. 

Piwik piwik I zäl hiär, 
wer sen körfgen fal heäd 
bes owan an di henka; 
da wöUamas med badrenkan. 



278 



Dichtungen und Sprachpioben. 



7. liied beim bastlösen. 

Rura, rüra, pifgoni 
woltu nag net las gän? 
müäran kömd den~ metsgan, 
stecht dech en derT hertsgan. 

8. Frag- und antwort-lieil. 

Tup tup tup — wä es deiT fäder? 

jj „ „ — Z9 Eckanha'an. 

„ „ „ — wat det9 da? 

„ „ „ — de zi'on hiVon. 

„ „ „ — wat sollan de zi'an ? 

„ „ „ — de milch *) gi'on. 

„ „ „ — wat sal de milch? 

„ „ „ — de keifgar dreif- 
kon. 

„ „ „ — wat sollen de ken~g- 
er? 

» » n — ^^' spa!n opliäsan. 

„ „ „ — wat sollon despten? 

„ „ „ — de sgen kan kächan, 

„ „ „ — wat sollan de sgen~- 
ken? 

„ „ „ — de herran e(5an. 

„ „ „ — wat sollan de her- 
ran? 

„ „ „ — de ken~gar liäran. 



Tup tup tup — wat sollan de ken~g- 
ar? 
» » » ~ cn dan hiamal 
spren~gan. 

9. Rätsel. 

a. Eiszapfen. — Heifger usam hüsa 

hän~gd an känklefüse; 
w5n de liwa sann- sgen~d, 
usa känklafüsa krisgt. 

b. Ei. — Hüppalgan, püppalgan op 

dar ban~d, 
hüppalgan, pöppalgan än~ger 

dar ban~d; 
et es gen man en Bräbari", 
da hüppalgan püppalgan ben~g- 

an kan. 

10. Beispielsprüche. 

a. „Wat dag net äl düar mensgan- 
hän~ ga macht kan wer'an!" hattar 
jüd* gasa'ad, da hattan sau gasihan. 

b. Dar knäd sä'ad : „de jugand es 
lästig," da war em*at ken~d üs dar 
köatsa (kipa) gafallan. 

c. „ Gaträffan ! " hattar man gasa'ad, 
da hattar dar frau an ou' üs dam käp 
gawarfan. 



Anmerkungen. **) 

Die vorstehende sprachprobe ist möglich genau aus dem munde des fräuleins Minna 
Isenhart ***) zu Eckenhagen (preuß. Rheinprov. ) niedergeschrieben. 

Zur ausspräche beachte man: e =: mittellaut zwischen i und e; o =r mittell. zw. 
u und o, z. b. in sommer, ford; ö :=: mitteil. zw. ö und ä, z. b. in kömd, köpgan; 



*) Daß der mundart eigentlich melka gebührt, lehrt dortiges säumelka, kettenblume, 

leontodon taraxacum. 
**) Mit Verweisungen vom Herausgeber. 
***) Vgl- udnhard, die an unsern dorfwegen wuchernde verbena officinalis mit lilafar- 
benen bluten, die herba sacra der Kömer. 



Rh einfränkische Mundart. 279 

ü rr mitteil. zw. ü und ö, z. b. in ü9W3r, hüppalgdn ; . u rr mittell. zw. u und 6, z. b. 

in hlumgdr; ' in n"g bezeichnet stark nasales ng; ' in auslautendem n" nasales n mit 

schwachem g ; ~ in n d den nasalen laut ngd, worin das g ebenfalls schwach klingt, z. b. 

band (bank). 
1. sü, sü! vgl. Z. V, 70, 61. — smg9n, vielleicht Rosinchen; man erwartet Mndgdn, 
kindchen. — den, dein. — hest, heißt. Wo ich hier e geschrieben habe, stände 
beßer e mit einem nachklingenden ganz kurzen i. — gruwor, grober. — wannd, 
wann er. — auhtd sür, sieht er sauer, finster (drein). Wie entstand suhd, Iserl. 
suihd? Aus urgermanischem sihvan (sehen) ward bei den Gothen saihvan, bei den 
Sachsen in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung teils auch saihvan, wor- 
aus des Hei. sehvan, teils aber durch erweiterung des i siuhvan, woraus nach ge- 
wöhnlichem südwestf. verlaufe siahan, dann durch Umstellung des stammvocals das 
heutige saihan hervorgieng. siuhvan lieferte in 3. sing, siuhvith, durch ausstoß des 
v (w) und eine von dem folgenden i gewirkte umlautung das jetzige suihd, ver- 
dichtet sihhd. Ebenso ist es mit suik (suh), goth. saihv. Mit siuhvan (saihen) war 
die breite modification 6 geschaffen; ihre formen sind aber bis auf das präsens und 
den imper. untergegangen; doch subst. gasuih (mark.) und gdsuhna (berg.) zz ge- 
siebt erhielten sich. In Iserl. mundart fällt das prät. seäug, dessen laut nur ein 
geübtes ohr von seäug (sog) unterscheiden kann, dem klänge nach wieder in mo- 
dif. 6, obgleich däu hier nur die unter dem einfluße des gh stehende potenzierte 
Verlängerung des kurzen a ist (a, a, ä, eäu). 
2 a. US, aus, goth. us (oder üs). — äld, alt. Hier war a nicht einmal durch doppelte 
consonanz geschützt. Eine parallele zeigt die Verbindung ind, welche der Englän- 
der zu aind, der Westfale (teilweise, z. b. in Rheda) zu eind dehnt, vgl. to find 
mit westf. speind i^spind ir Vi müdde) und feinndn (^z feindan), finden. — ''orüs, 
heraus; Z. III, 140. IV, 117. 409, 47. 

2 b. föalgan, vögelchen. — Man, hin ; vgl. mark, hisnna für altsächs. hinnan. — angdn 

(zz undanj, unten; vgl. Z. IV, 281, 4. 

2c. Kattarlis, Katharina Elisabeth. — desta, tust du; ich dun, du dest, er ded ; mer 
dün, er düd, se dun; vgl. unten 3a. — mengam, meinem. — plökst, pflückst. — 
mer, mir. Vgl. meine volksüberlief. p. 5. 

3a. ded, tut; neben alts. duot gab es schon damals eine umgelautete form doit (duot, 
duat, daut ; dait, doit). Die alte umlautform ist das mark, daid, von andern daüd 
gesprochen; aus ihr entstand durch Verdichtung ded (welche ein deid, deid ver- 
mittelte ). 

3 b. ge'dl gbs, mark, geäla gäus, gelbe gans, emraerling. Wie kam das schon ags. gos, 

wie das hchd. gans, zum auslautenden s neben des Plin. (H. N. X, 22) deutschem 
ganta, dem lat. anat für hanat in anas, dem mark, ganta (gansert)? In der mark, 
mundart spricht sich eine alte lautverschiebung des t zu 8 aus, z. b. in glana zu 
glinta glant, welches sich aus glita entwickeln konnte, in Mos (klotz) und vielen 
andern beispielen. Sie ist vermutlich älter als die hchd. des t in z, da ihr schon 
anser (für hanser) angehören mag. — Ü9w9r, über. — us ohne flexion = unser; 
Z. IV, 138, 1. — sd'ata, sagte. Vgl. m. volksüb. p. 9. 
4. lai^s, leite. — gört», grütze; mark, gü'drtd, versetzt aus gruti, grutti. — ich han 
(zu ich haban) zeigt in seinem n das geschwächte m des ahd. hapem. — gen, kein ; 
Z. m, 286, 14. — Vdffal, löffel, ist nach ahd. lafil regelmäßig; hchd. löffel eine 
ausnahmform wie öpfal (äpfel). Mark, liapal führt auf entsprechendes lapil und er- 
innert an die verwantschaft mit lippe (vgl. snuadsr-liapal, rotzlöffel), wie lafil an 
lefs (lefze). Man vgl. das analoge hchd. pökel, welches dem nd. entlehnt ist und 



280 Dichtungen und Sprachproben. 

mark, pidkdl (— pakil) lautet. Ob daher to pickle? Vermutlich liegt ein verb. pi- 
kan, pak, wovon packen, zu gründe. Wahrscheinlich haben unsere bauerfrauen 
lange vor Willem Bökel zu Biervliet ihre butter in salzlake eingemacht und diese 
lake, -wie noch jetzt, butterpekel (bwtdrji)i9lc9lj genannt. — ga, geh. — drita, f., 
dreck, von drttdn, dreit, cacare; Z. V, 64, 46. 
6. rcCna, regne. — tröpgen, tiöpfchen. — bSia, berg. 5«a, mark, higgo und in comp. 
bi {bi-mour, bi-ker, alts. bi-kar); beidn-fak ist bienkorb, bi-ker oder bi-han; Z. 

IV, 54, 484. 285, 174. - müärdn, mark, märdn und muärgsn, morgen. — wer\ 
werde. — du9r, durch, mark. duär. Im letztern ist durch das zweite u des alts. 
thuruh der umlaut, durch r die brechung bewirkt. Wie verhalten sich die deut- 
schen thuruh, durch, zum goth. thairh? Goth. thairh ist gebrochen und elidiert aus 
thirah, worin die vocale ans Umtausch rühren. Nieder- und Hochdeutsche erbten 
das alte tharili , woraus thariuh durch vocalerweiterung , tharüh durch contraction, 
tharuh durch acccntwechsel und denselben begleitende Verkürzung, thuruh durch 
vocalassimilierung wurden. — lavg- , lange. Goth. iaggs ward früher geschrieben 
laggvs (longus); daher goth.-sächs. laggv, woraus das adverb. langwu, geschwächt 
langwo, im Hei. (Cot.) geschrieben languo, endlich lange und lange. 

6. piwik ist in der Mark nebeniorm von piwit (engl, pewit) und klioit, kibitz. Be- 
greiflicherweise drücken diese nanien die stimme des vogels aus. — zäl Mär, zolle 
her, gib her. zälhn zu zäl, zoll, ags. toll. Dies muß aus einem alten ptc. tulans 
entweder bei tila, tal oder tiula, taul entspringen, hängt also mit taljan (teilen, 
zählen) zusammen. — fäl, voll. — henka, f., henkel. — wöUsrnds r= wolhn mer (wir) 
us; mer, wir, zeigt die nahe verwantschaft von w und m, für deren tausch wol 
alle germ. dialecte beispielc aufzuweisen haben. Z. II, 192, 20. III, 549, 21. — sech 
b9drenk9n, ist nicht sich betrinken, welches zu Eckenhagen mit tr im stamme ge- 
sprochen wird ; vermutlich ist hier r eingeschoben und sech hedenkdn rzL sich bewir- 
ten; vgl. mark, triätsr (theater), vielleicht auch drubbdldickd für dubbdldick9 ; Z. 

V, 171, 170. 

7. pifgdn, pfeifchen. — woltu :z: altf. wultu, willst du. — las n lus, los; dieses las, 
Lüdensch. luäs, berg. las führen sämtlich auf kein goth. laus. — meisgdn, messer- 
chen, vom berg. und westmärk. mets, contrahiert aus mezas, welches man aus meti 
(alt. mati, zerschnittene speise, besonders fleisch, viande) und sahs zusammenge- 
floßen glaubt. Mati, goth. mats, hat den namen vom zerschneiden, zerlegen (ge- 
nau der heutige begrif von met =: fleischstücke, aus denen man meiwürste macht); 
mitan, mat kann nicht bloß meßen, es muß auch zerlegen, zerschneiden bedeutet 
haben, wie lat. metiri und metere modificationen eines und desselben zeitw. sind. 
Das goth. reduplicativum maitan, maimait setzt ein meitan, mait, wovon mark. 
meit, n., und mit9, weiter ein miutan, maut und schließlich mitan, mat voraus. 
Aus miutan (6) oder mitan (2) ist mark, muta zz ital. mozzo übrig geblieben; mi- 
tan, mat (3) lautet jetzt märkisch: mcätan, mat, md'dian. Vgl. oben 275, 6. 

8. Vgl. Firmenich, v. st. I, 425 und m. volksüberl. 16. — det9, tut er. — zV9, ziege. 
— Äw'sn rr hudan, hüten. — gVon := givdn; das vor v oder w nicht haltbare kurze 
1 ward hier zu «, in mark, mundart zu i9. Eine mark. urk. von 1554 zeigt schon 
er8chi9n9n, vertiogan; eine and, von c. 1550: hhton, liavarn, siocherD, krisgann, er- 
liattan ; eine dritte wahrt noch 1603 das kurze i in: bika (j. biokd), giban (j. gis- 
W9n) , galibdrt (j. goUaword), goschribdn (j. sgriatosn). Viele hchd. ia sind solche 
er Weiterungen des i vor schwachem consonanten. Unwißenheit sah darin echte 
form und man hört westfälische oder berg. personen, die das i in gibt nicht lang 
genug zu ziehn wißen. — ken'gar, kinder. — opli'dsan, auflesen. Der schütz, den 



ßheinfränkische Mundart. J8?'l 

s dem kurzen vocale bot, war noch geringer als der des v vor w; daher die ver- 
schiedenen vocalerweiterungcn in le'dsan und gi3ic9n. — liärdti, lehren; Iserl. lei- 
rdn, anderwärts auch lair9n, hat besser die goth. grundlage laisjan bewahrt, könnte 
dabei freilich z. b. einen kreiß beschrieben haben: laisjan, laizjnn, lairjan, lerjan 
oder lärjan, liar9n, lamn, leirdn. 

9a. h'eng9r zz hinder, hinter. — känkl9fvs9, mark. kunTc9lftiS9 (wofür auch kuckdldiiss, 
huckdlküse) ; kunholfusd muß in unserm rätsei für den echten ausdruck gelten, kun- 
kal, Spinnrocken, mit. conucula, soll von lat. colus stammen. Haben die Deutschen 
spinnen und kunkel von den Römern entlehnt und dann gar dies latein als kunkel- 
lehen in ihr altes recht gesetzt? Wenn kwinhelte (kreiselbeere, preiselbeere), der 
alte mark, familienname Quinke, ags. vince (scheibe, winde), deutsch, winkel nicht 
auch etwa romanisch sind, so wollen wir kunkdl zu kwinkan (mit abgefallener gut- 
tural wincan) zz. winden, stellen. Ich kenne personen, die regelmäßig kw statt kl 
sprechen; das lehrt mich in klinkan nicht bloß bcgrifs-, sondern auch stammver- 
wantschaft auffinden. Dahin gehören ahd. gaklankjan, winden, drehen; mark, sik 
klankdn, sich krümmen, winden-, klanhd flas; klankd (biegung) im weag9 ; klankich, 
gekrümmt; Minko am strumpf; klunkd, klecks; hchd. kl unker. Kunk9l bezeichnet 
eigentlich, wie in unserm rätscl, nicht die spindcl mit dem flachs, sondern die auf- 
gewundene klanka, die diesh *) ; /«sa, im ml. füsa (stamen), Spindel, gehört zu 
alts. füs, {f&nk. funs, schnell. Wir verweisen daher den artikel „fuseau, vgl. fuser, 
lat. fusus von fundere" unter die irrtümer der romanischen etymologik. — säntid, 
sonne; also u zwei halbe töne gesunken, während die Westfalen zwei stunden von 
Eckenhagen noch 8unn9 sprechen. — sgcn'd, scheint; ebenso mark, sgind, von sgi- 
nsn. Wenn syncope doppelconsonanz erzeugt, so vermag sie den vorstehenden vo- 
cal zu kürzen; nur nicht überall. — Zu Eckenhagen sagt man immer krisg9n (krei- 
schen), stf. prät. kresg9, ptc. kresgyn, für weinen; weder wendn, noch auch wie im 
mark, huldn. Letzteres ist auch teilweise im berg. das gebräuchlichste wort. — Vgl. 
zu diesem rätsei ztschr. für d. myth. III, 180. 
9b. band, bank. Ich halte zu dieser form das Plettenbcrgsche bänt9 (worin td laut- 
recht für d9, in folge der anlelinung an n), gclag, lustbarkeit, dorfball ; es ist alts. 
benki, mensa, convivium. So wird denn auch wol der deutsche Ursprung des mhd. 
bankcn, baneken wahrscheinlich sein; vgl. Ben. -Müller, I, 84. — bängan, binden; 
also das ei, wie oft, mit einem fäßchen verglichen. Vgl. ztschr. f. d. myth. III, 183 
und m. volksüberl. 14. 

10a. haWr, hatte der. — gssa'dd, gesagt. — gdsihan, gesehen. 

10b. knäd, individuum einer topfkrämerfamilie. — lästig, lustig; vgl. oben sänne. — 
kmd, kind. — ködts9, f., tragkorb für den rücken, syn. von kip9, vgl. fränk. köiza. 
Es gehört zu einer sippe im anlaut unverschobener wörtcr, welche mit xvro(; und 
xucj zusammenhangen. 

10c. Ol*', äuge. — käp, köpf. 



Nachdem obiges geschrieben, fällt mir ein, daß das betrügerische umgehn der 
Wahrheit kwinkdldäns» bei uns heißt. Dies hwinkdl ist unser kunkel; vgl. win- 
kelzüge machen und kunkalfüaan zz betrügerisch verwirren. 



282 



Dichtungen und Sprachproben. 



Kinder- und Volksreime aus Meklenburg, 

Mitgetheilt von Friedr. Latendorf in Neu-Strelitz. 



I. Wiegenlieder. 



1. 



Balämming, bcil 
Dat Lämming lep in't Holt, 
Dat stöt sich an dat Stöckeken, 
Dünn der cm weh sin Köppeken, 
Dünn sar dat Lämming : bä ! 

Balämming, ba! 
Dat Lämming lep in't Holt, 
Dat stöt sich an det Stencken, 
Dünn der em weh sin Beneken, 
Dünn sar dat Lämming: bal 

Balämming, bä! 

Dat Lämming lep in't Holt, 

Dat stöt sich an dat Strukeken, 

Dünn der em weh sin Bfikeken, 

Dünn sar dat Lämming : bä ! 

Vgl. Sinirock's Kinderbuch, S. 54 Fir- 
luenich, I, 54. 

2. 

„Bükoking, bA! 

Wovon büst du so ruh?" 

Ik bün so ruh, ik bün so glatt, 

Ik bün de Bükö üt de Stadt. 

Bükoking, bul 

Vgl. Simrock, S. 80. 

3. 

Bük5king, bü I 
Worum kürast du nö? 
Wirst du gistern Abend klimen. 
Wir* uns Fiking mit di gän. 
Bükoking, bü! 

4. 
Bükoking von Halle ! 
Steit in unsen Stalle 



Ene schone bunte ko. 

De hürt uns lütt Hannchen to. 

Vgl. Firmenich, a. a. 0. Raabe, plattd. 
Volksbuch, 171. 



Hottapirding, für- na' d' Stadt, 
Act- di' Melk un Semmel satt. 
Bring- min Miking 6k wat. 
„Wat sali ik er denn bringen?" 
Appel, Rosinen un Kringel, 
Pär rode Schö mit goUen Ringen, 
Dar sali s* up danzen un springen. 

6. 

Süse, lewe Suse, wo brüset de Wind ! 

Kumm- her, lütt gris Farken 

Un weg' mi dat Kind. 

„Ik will di -t woll wegen, 

Dat is nich min egen, 

Ik will di -t 6k wegen. 

Sali tummeln un flogen. 

7. 
Hüppel de püppel de Dal entlank, 
Ik hurt den Kukuk h6sten; 
Ik dacht-, dat wir- min Karlamann, 
Dat wir- de lütte Drossel. 

8. 
Backa, backa Koking, 
Binnen in is soting, 
Buten üt is small, 
As 'n Koken wasen sali. 
Schüv- in'n Aben, schüv- in'n Aben ! 
De Bäcker hat sin Frü slägcn 



Meklenburger Mundart. 



383 



Mit den Schiiwer up dat Liw, — 
Ach , wo schiigt dat arme Wiw ! 
Vgl. Firmenicli, I, 55. Raabe, 170. 

9. 
Suse, lewe Suse! 
Wo wänt de Peter Kruse? 
In de Peterziljensträt, 



Wo de glatten Jungfern gan, 
Dar de fülen Slüngels stän; 
Dar is de Botter mit Läj)eln äten 
Un dat Geld mit Schapeln maten,- 
Där wänt de Peter Kruse. 
Vgl. Simrotk, a. a. 0. S. 58. 



II. Tanzlieder. 



10. 



Danz* mit de Brut, danz* mit de Brut; 
De Slachter sturt sin Dochter üt. 
Mit de Läwer, mit de Lung-, 
Mit de polsche Ossentung*. 

11. 
Juchheissafidum ! 
Den Spillmann sin Jung, 
Den Spillmann sin Dirn, 
De kann god maschiren. 
Den Spillman sin Sädelpird 
Is nicli -n Däler wirt. 

12. 
Gos, Gos up de Dal 
Un Ganten därbi! 
Uns Vatterbrorersäen 
Stund up den Stubenba'en 
Mit de lange Pip, — 



Pipendanz, Rosenkranz, 

Mit de lange Pip*. 

Vgl. (las aus E. M. Arndt mitgetheilte 
Tanzlied in Z. III, 5. 

13. 

Dat deit he nich, dat deit he nich, 

Nä anner Makens geit he nich. 

Aufser diesen Worten scheint auch sonst 
zu der Melodie des Schottisch öfter impro- 
visiert zu werden. 

14. 

Unse Katt* hat s^bcn Jungen ; 

Dat hat Nawcrs Kater dän. 

Nimm den Kater, 

Smit- 'n in't Wäter, 

Dat he nich mir katern kann. 

Zur Melodie des Siebensprunges, eines 
Tanzes, der mir nicht aus eigener Anschau- 
ung oder Uebung bekannt ist. 



III. Glocke ugclä Ute. 



15. 



De Köster löpt den Damm entlank. 
Den Dam-m, den Dam-m, den Dam-m, 
De körte Frü de will he nich. 
De lang-, de lang-, de lang-. 

16. 
Bim, bam, balö, 
Klocken gan to FräloAV. 
,Wer isdöd?'' 



Ollermann, 

De de Kost nich biten kann. 

17. 
Bim, bam, beier, 
Köster mag ken- Eier. 
„ Wat mag he denn ? " 
Speck inne Pann-. 
-Dat -s -n ollen Leckermann." 



284 



Dichtungen und Sprachproben. 



IV. T h i e r 

18. Otter (Ärrer, Adder). 
Ik stak*, ik stak* up Lerrer, 
Wat ik stak-, dat wa d woll werrer. 

19. Schlange (Slang-). 
Ik stak", ik stak* unnod, 
Wat ik stak*, dat stak* ik fürts to Dod. 
20. Blindschleiche (Blendling). 
Wenn ik so göd Sehn künn*, as ik 
hfiren künn*, verschont* ik nich dat 
Kind inne Weg*. 

21. Gänse auf dem Marsch. 
Zugschliefsende Gans : Elitsch,Elitsch, 

is de Krog noch wit? 
Zugführende Gans: Ilalv Mil*, halv 

Mil*. 
Chorus: Ach Gott, ach Gott! ach 
Gott, ach Gott! 

Aus Below bei Wescnbcrg. 
Ebendaher die folgenden Thiersprüche, 
während ich alle andern Sprüche und Lie- 
der gebornen oder ansässigen Userinern 
(aus einem etwa y^ Meilen siidwestl. von 
Neu-Strelitz belegenen Dorfe) verdanke. 

22. Gänse auf derHaferstoppel. 
Ditting nehm* ik mi un datting 

nimst du di (in infinitum). 

23. Junge Gänse(^öö5seZ^ vor Erd- 

schollen (BrakJdüten). 
Ach Gott Jesus, wo (wie) kam* -k 
hier&wer. 
24. Krähen. 

A. Wet As, wet As. • 

B. Wür? wür? 

A. Achter'n Barg, achter'n Barg. 

B. Issa wat an ? issa wat an ? 

oder : 
Knäkenbi?Knäkenbi? 



s |) r li c h e. 

A. Hut un Knaken, Hut un Knäken ; 

oder: Ja, ja! 

Und an Ort und Stelle: 

B. Talg, Talg; beide: klär Talg. 

A. Pul* av, pul* av. 

Vgl. Simrock, a a. 0. S. 140; auch Z.- 
V, 132, 

25. Frösche (GronjagerJ. 
M;n Kind is dod ; — min 6k ; — un 
nü, un nü. 

26. Ferkel. 

Ik wull, dat *k nich gebürn wir*, 
gebürn wir; — un ik, un ik, un ik. 

27. Katze. 
Ik sitt* so nau. 

28. Dialog zwischen Katzen. 

A. Miessen, 

Ik sali dt 6k grüfsen von Tiessen. 

B. Wür Wasser? 

A. Achter'n Dürnbusch satter. 

B. Denn m8 *k fürt. 

29. Mücke. 

In dem Summen der Mücke hört 
unser Landmann die Worte : Fründ 
(Freund), Fründ, und wird im Schlafe 
gestört, „wenn se so um inen rüm- 
f runden. ^ 

Die Laute der 

30. Bremse 

aber deuten wir hochdeutsch : Hast 
du den Kuhhirten nicht vernommen 
(vernomm) f 

31. Rohrsperling. 
K3rl, Karl, Karl, Karl! 
Kik-, kik-, kik-I 



Meklenburger Mundart. 



385 



Wecker, wecker, wecker, wecker? 

De dick, de dick, de dick. 

Oder derber: 

Varrer, Varrer! kik-, kik*, kik* ! 

Krav, krav; j*k, j^k. 

Futer mi de Dirn; füter mi de Dirn. 

Wecker, wecker? 

De dick, de dick, 

32. Maus und Krähe. 

K. Kumm* rüt (heraus). 

M. Nß, du bitst mi. 

K. Verwähre nich, verwähre nichl 

So wiederholt; die Maus kommt endlich 
aus dem Loche heraus und büfst ihr Ver- 
trauen mit dem Tode. 

M. Bedenk- din Ed (Eid) 1 bedenk- 

din Ed! 

K. Dat acht- ik nich. 

Ein altes, oft variiertes Thema; die äl- 
teste mir bekannte ähnliche Fabel bei He- 
siod, Opp. 200 ff. 



33. Barsch und Rothauge. 

o o 

Gu'n Abend, Frü Abendblank 1 
Schünn Dank 6k , Herr Andres ! 
Herr Andres, dat is -n Mann, 

o 

De Frü Abendblank nennen kann; 
Gistern begegnet mt de Slicker- 

dörch's-Rür, 
De schüll mi vor nä rotröckige 

Hür; 
Dat hat mi ärgert. 
Oder : 

o 

Gu'n Abend, Jungfer Blanken 1 
Schünn Dank, Prinz Karl üt Engel- 
land! 
Dat is de Mann, 

De de Jungfrau grufsen kann; 
iliwer de Langhals, de Smalback, de 
Kik'-in't-Rür, 

o 

De schüll mi gistern Abend v6r nä 
rotogte Hur. 

V. Leberreime. 

Jetzt nicht mehr so üblich, als sie es vordem auf Landhochzeiten gewesen sein müssen. 



34 
De Lawer is von -n Hakt, un nich von 

nh Fleg-. 
All de lütten Bürjungs liggen inne 

Weg-. 
Mit Muh- wa'den se gröt. 
MitdePitsch-verdenens-sicherBröd. 
God wa'd er 6k därto verhelpen 
Un wa'd er -n lütten Jungen schenken. 

35. 
De Lawer is von -n Hakt, un nich 

von -n Sten. 
Ik bün man noch lütt un klcn, 
Un doch masgen s- mi girn up'n Danz- 

platz sehn. 



36. 
De Lawer is von -n Hakt, un nich 

o 

von -n AI. 
Min Rock is mi all so kahl ; 
Un wer mi will frigen, 
De m§t mi geben -n nigen. 
Un wer mi dat nich kann hellen. 
Denn l^t he mi gän in min ollen. 

37. 
De Lawer is von -n Hakt, un nich 

von -n H6n. 
Hi\t drogt min Jungfer Swester de 

Irenkrön*. 
Min Swäger is de Brudijam, 
Darum bün ik em 6k nich gram. 



26<j Dichtungen und Sprachproben. 

Als jugendlich frische Worte eines Mädchens an ihrem eigenen Hochzeittage, 
die jetzt als würdige Matrone von Enkeln umspielt wird, wähle ich : 

38. 
De Läwer is von -n Hakt, un nich von nä Knopnadel. 
De dit Jär frigt, mot ächter Jär dopen läten. 



Sprachliche Erläuterungen 

von F. Latendorf und dem Herausgeber. 

1. Bälämminff, Kosename des Schafes, besonders in der Kindersprache, gebildet nach 
dem Geschrei dieses Thieres: bä ! ba ! ma ! etc. Z. III, 498. IV, 33. Grimm, \Vb. 
I, 1055. Ebenso unten 2 ff.: Bdltbkinrj, Ilottapirdirig , Kbking. Ueber die, schon 
der älteren, besonders nordischen Sprache, wie noch heute den niederdeutschen 
Mundarten (Meklenburg, Pommern u. a.), eigene Diminutivbildung auf -ing , die 
sich nicht nur an Eigennamen (unten 3: FiTcing , Sophiechen, 6: MiMng, Marie- 
chen; ebenso: Buding, Rudolf, Miling, Emilie, Henning, Heinrich, etc.) u. Adjec- 
tive (s. unten 8: sbting , 22: ditting , datting), sondern „selbst an imperative und 
andere Redetheile anfügt," vergleiche man Grimm's Gr. III, 683. Höfer's Zeitschr. 
I, 319. Hoffmann's v. F. hannoversches Namenbüchl. S. XIII f. Müssäus, plattd. 
Sprachlehre, 20. — lep, lief. — stöt, stiefs. — dunn^ dann, da. — der, that, shr, 
sagte; Z. II, 419, 4. III, 261, 59. 

2. Bükoking, Dimin. v. Biikd, Kosename der Kuh; Z. IV, 358, 6. 

3. wirst, wir', wärest, wäre, — uns, unser, wie oben, S. 279, 3 b: tu. — Fiking, 
8. oben zu 1. — gan, (ge)gangen. 

4. hurt — tö, gehört zu (an). — lütt, klein; Z. IV, 126, 1. 

b. Hottapirding, Kosename des Pferdes (pirdj, wie oberd. Hottopf errlä , vom Zuruf 
hott! Z. II, 520. — für-, fahre; Gramm, zu Grübel, §. 29, a. — 6k, auch. 

6. wo, wie; ebenso 8. Z. III, 279, 18. — tummeln, tümeln, taumeln, sich drehen, tan- 
zen; Brem. Wb. V, 128. 

8. backa, backe; über dieses, namentlich den Imperativen angehängte, in unserer 
Mundart noch weiter greifende -ä vgl. Kosegarten, Wb. 12; auch unten 24: issa. — 
Kbking, Diminut. v. Koken, Kuchen; noch näher der Kindersprache ist die Form 
Kbker Kbka, — wie Oger von Og, Auge, Diimer von Dum, Daumen, Bäschapa- 
kes für Schdpkea, Schafkäse, u. die Namen Muter, Helmuth, Päuler, Paul. — bin- 
nen in, innen drin, wie buien üt, aufsen draufs; Z. V, 53. — schiiv, schiebe. — 
Aben, m., Ofen. — Schitwer, m., Backschaufel. — schrtgt, schreit; Z. III, 288, 16. 
Für die letzten beiden Verse hört man auch: Mit den Schvwer up den Kop, Dat 
86 aar: du Hundsfott! sowie für das Ganze eine an das hochd. „Backe, backe, 
Kuchen" (Simrock, a. a. O., 6) sich anschliefsende Form (Raabe, a. a. O., 170). Vgl. 
Mannhardt's Zeitschr. f. d. Myth. III, 237. — „Slagen : städtisches Plattdeutsch ist 
achlagen, wie schwärt, schwarz, und die verwandte Aussprache des st in sehten für 
8te7i etc. Unsere Landleute aber haben, was freilich das Vorurtheil des Städters 
in der Regel nicht weifs, oder doch nicht beachtet, der gröfsern Mehrzahl nach die 
richtigere (nicht aspirierte) Aussprache des alten sl, sw, st beibehalten. Dies zu- 
gleich als Berichtigung der Angabe in Z. I, 270. Hinsichtlich der unrhythmischen 
Form der sechsten Zeile sei bemerkt, dafs mich mein Gedächtnis schon vor Ein- 



Meklenburger Mundart. j^*? 

sieht von Raabe's Volksbuch (a. a. O.) auf: de Bäcker hat sin Frü jo schlafen oder 
geschlagen zurückführte; ich habe aber meine Erinnerung nicht gogen die hier allein 
entscheidenden Stimmen geltend machen wollen. — Sonst findet sich die Beibehal- 
tung des ge- regelmäfsig in adjectivischer Weise, als : den ganzen vtgeslagenen Dag 
geist du umher, — dick geseigtes (gesäetes) Kvrn neben : de Klock hat ütslMgen, — 
du hast dat Kvrn to dick seigt; ebenso: dat 's 'n gepackten Kirl, ein starker, un- 
tersetzter Mann. Aber auch aufserdem heifst es: ütgegan un mi nich mal den 
Mund to giinnen, ök nich 'n Starbenswttrt gesegt ! wat soll ik nu woll mit di 
mackenf und in unveränderter Fassung immer: ik bün jo up''n Lann tagen un ge- 
bürn, — de lütt Jung suht 6k grad vt as wie iit den Deg gewöltert, — dat Kled, 
de Fisch is s6 un so gelacht (beschaffen); letzteres nach Dähnert (S. 150; vgl. 481) 
freilich ein Adjectivum, jedenfalls eine Verbalbildung (s. Brem. Wb. V, 59: teke- 
nen). Vgl. übrigens Z. II, 177." Latendorf. 
9. „Peter Kruse ist ein auch sonst sprichwörtlich gebrauchter Name; vgl. das auch 
in meiner Heimat bekannte Räthsel vom Maulwurf bei Simrock, Räthselbuch, Nr. 
419. — Den Namen „Petersilienstrafse" führt auch eine Nebengasse von Neu-Stre- 
litz im Volksmunde." L. 
10. ütsturen, aussteuern. — Ossentung' , f., Ochsenzunge. 

12. Güs, f., Gans, u. Gant, die männliche Gans, vgl. Z. II, 391, 8. III, 501. V, 61, 5. 
145. — Pip-, f.. Pfeife; Z. IV, 144, 303. 

13. deit he, thut er, geit he, geht er, klingen fast wie deita, geiia; s. Z. II, 177, 1. 

14. Naiver, Nachbar. — dan, gethan. — katern steht hier für das Begatten {ranzen, 
Z. IV, 314) des Katers. 

16. y,Fraloio, vielleicht mit Anklang an das meklenburgische Friedland (Fruland); dem 
entsprechend der Reim bulö.'* L. 

17. beier, wol mit Bezug auf beiern, jene eigene Art von Geläute durch blofses An- 
schlagen mit dem Klöppel an die Glocke, während bimbam das eigentliche Läuten 
durch Schwingen der Glocke (Grimm, Wb. II, 30) bezeichnet. Vofs zu s. Idyllen, 
II, 22. Grimm, Wb. I, 1368. Dähnert, 31. Schütze, I, 87. Krüger, 49. Stürenb. 13. 
Hennig, 23. Bock, 4. Mllr. -Weitz, 12. — Zu diesem weitverbreiteten Spruche 
vgl. Mannhardt^s Zeitschr. f. d. Myth. UI, 177, auch Firmenich, I, 56. 

18. 19. „Beide Sprüche begegnen auch in der Weise, dafs ersterer der Schlange, letz- 
terer der Otter beigelegt wird, wie überhaupt beide Thiere in der Wirklichkeit oft 
verwechselt werden. Nach Kosegarten (niederd. Wb. 9 ^) ist Adder die kleine, gif- 
tige Kupferotter oder Kreuzotter, coluber berus. Gegenüber der von ihm aus Pom- 
mern mitgetheilten sprichwörtlichen Anwendung der Worte : de adder steckt unnöd, 
doch wen se steckt, steckt se to död auf Zornesausbrüche gereizter Menschen, hat 
sich in unserem Spruche die ursprüngliche Fassung erhalten." L. — Lerrer, Le- 
der, wie werrerj wieder. — wa'd, wird; vgl. 36: wa'den, werden, wa'd, wird. — 
fürts, fürt, fut, fort; sofort, augenblicklich; Stürenb. 63. Krüger, 54. 

21. „As ik huren künn- steht des rhythmischen Parallelismus halben anstatt des streng 
logischen : as ik huren kann. Aber das euphonische Element der Sprache ist, wenn 
auch nicht unabhängig von dem logischen, doch daneben wegen seiner freieren Be- 
weglichkeit einer selbständigen Beachtung in hohem Grade werth. Noch entschei- 
dender zeigt sich das Uebergewicht des Rhythmus in dem holsteinischen Spruche: 
Kunn- ik hören, kunw ik sen, Biten wull ik dbr en Flintensten (Müllenhoff, Sa- 
gen, 479), wo die ersten Worte gewifs nicht der Blindschleiche das Gehör abspre- 
chen sollen." L. 

21, „Elitsch, ein auch sonst sprichwörtlich gebrauchter Name, wie oben (9) Peter Kruse. 



288 Dichtungen und Spracliproben. Meklenburger Mundart. 

Für die Wechselbeziehung der Benennungen von Menschen, wie Thieren und Pflan- 
zen, -vgl. insbesondere auch Simrock's Räthselbuch." L. 

22. Zu ditting , dies, und datting , das, jenes, vgl. oben zu 1. 

23. Qössel, n., junge Gans ohne Federn; Z. V, 146. 

24. wet für ik wet, ich weifs. — wir, wör und war, wo (mhd. war, wä, wo; war, wo- 
hin; vgl. hoU. waar, nhd. warum, worin), auch: vielleicht, etwa, wie mhd. et-wä. 
Vgl. unten 28. — achter, hinter, nach; ebenso 28 u. 38: achter Jar, iiber's Jahr, 
nach einem Jahre. Z. IV, 144, 347. — issa wat an, ist etwas dran; über issa 
vgl. oben zu 8. — Knaken bi, Knochen dabei. — afpülen, abkneipen, abzausen; 
\. pulen, pulen, klauben, kneipen; zupfen, rupfen, zerren; stochern, graben; vgl. 
ags. pulljan, engl, to pull. Brem. "Wb. III, 372. Dähnert, 363. Krüger, 64. Müllen- 
hoff z. Q. Stürenb. 186. Schütze, 240. Richey, 194. Hennig, 197. 

27. nau, genau, knapp, auf der Kante; Z. II, 552, 41. 

28. Miessen, aus 3£ies verlängert, Rufname der Katze; Z. IV, 314. Dähnert, 506. — 
Tis, Abkürzung aus Matthias; Dähnert, 486. Ueber das -en vgl. Z. III, 47, 4. 273, 
27. — Ueber die Inclination in wasser, war er, satter, safs er, vgl. Z. II, 177. 

31. ktk', guck', schau'; Z. V, 141, I, 29. — wecker (zr: welker), welcher, wer. — Var- 
rer, Gevatter, aus Vadder (vgl. oben 18: Lerrer, werrer u. a. m.); Brem. Wb. I, 330. 
Stürenb. 307. Z. IV, 139, 8. 350. 

32. „verwahre ist wol blos euphonische Verlängerung von verwahr rr fürwahr, welches 
mit unserem ver- oder vorweniger , um so weniger, und den oberd. verlieb, verbei 
u. a. zu vergleichen ist." L. — Oder steht dieses verwahre im Sinne des hochd. 
verneinenden und abwehrenden „bewahre" (elliptisch aus: Gott bewahre mich; vgl. 
behüte. Grimm, Wb. I, 1763)? 

33. „Slicker-dörch''s-Bvr soll, wie mir gedeutet wurde, den Hecht bezeichnen, wol nicht 
als Schleicher (Sliker), sondern als den durch's Rohr sich windenden, schlängeln- 
den. Manche Fischarten sind freilich sonst, insbesondere der länglich schmale Wi- 
ting, Witk (kleine Weifsfisch, cyprinus alburnus , Nemnich) als Slicker dbrch de 
üus- verrufen. — Diese erstere Fassung habe ich aus dem Munde einer Greisin; 
die andere, die ich einer Frau mittleren Alters (aus Userin) verdanke, scheint, 
wenn sie auch rhythmisch nicht so abschliefst, doch anderes Ursprüngliche gerettet 
zu haben." L. — schüll, schalt. — for nä, für eine; ebenso bei 34 u. 38: von nä, 
von einer. — rotbgte Ilur, rotliäugige Hure. Bemerkenswerth ist es, wenn es auch 
nicht so strenge hieher gehört, dafs das Rothauge [Rödög, gekürzt Boddo, cyprinus 
erythrophtlialmus) neben Barsch, Plötze etc. nicht für besonders schmackhaft gilt; 
daher das Sprichwort: wenna süs niks is, is Boddo ök gSd Fisch. 

34. 5. er, ihr; verstehe: der jungen Frau, an welche (beim Hochzeitschmause) der Le- 
berreim gerichtet ist; daher auch wol mit directer Anrede derselben ein di, dir, 
stehen kann. 

36. frigen, freien, heiraten; ebenso: 38; Z. IV, 24. II, 42. ~ nige, neu; Z. IV, 138, 8. 
268,2. — hallen, halten; Z. 111,424,9. 

37. „Vielleicht eine unvollständige Ueberlieferung ; wenigslens vermifst mein Ohr den 
rhythmischen Abschlufs." L. 

38. Knbpnadel, f., Stecknadel; Brem. Wb. 11,829. Dähnert, 244. — dopen, taufen; 
vgl. Z. II, 652, 61. 



Mundart in und um Fallersleben. 

Mundart in und nm Fallersleben. 

Von Prof. Dr. H. HofTmann von Fallersleben in Weimar. 
(Schlufs V. S. 161.) 



R. 

rd-hraken, Lärm machen, besonders wahrend der Arbelt: hei rabrahet 
den gansen üteslagenen Dach. Im Brem. rabacken; Brem. Wb. III, 
413. 

rackeln, an einem Schlosse, Riegel, Schieber u. dgl. hin und her dre- 
hen und rütteln, um sie zu öffnen, so dafs es grofsen Lärm macht. 
Vgl. wricken, Brem. Wb. V, 298 u. räcker in Z. IV, 410, 71. 

racken. an-racken, zubereiten und zukochen: in Ammans Huse wert 
mal anneracket! Anstalt gemacht zur Bewirthung der Gäste 1 — op- 
racken, rein machen, z. B. die Stube. 

Racker. Blau-racker, m., die Mandelkrähe, Coracias garrula, weil sie 
ihr Nest mit Koth und Unrath ausschmiert. 

Räl, m., Raden, bekanntes Unkraut im Korne. Vgl. Rade im Brem. 
Wb. ni, 420. 

Range, f., ein junges Mädchen, das viel mit den Jungen auf der Strafse 
herumläuft. Im Brem. ein ringfertiger Bube, Brem. Wb. III, 432. 

Ranken, m., ein grofses Stück Brot. Vgl. Z. II, 237. 

Ranze, f., dickes Vieh; dann Alles, was ein plumpes Wesen hat. 

Rap-snabel, m., Gelbschnabel, vorlaut, vorwitzig, Naseweis — hergelei- 
tet von den jungen Vögeln, deren Schnäbel gelbumrändet sind. Rap, 
Raps, die bekannte gelbbh^ihende Ölpflanze. 

raren, laut weinen. Vgl. reren, raren: Z. IV, 134, 124. V, 103, 6. 

ratsch! Ausruf beim Zerreifeen von Zeug und dem ähnlichen Stoffen. 
Z. IV, 410. 

rebheln, auffäsern; reff ein, Brem. Wb. III, 464. Z. V, 56. 

Reggel, m., Riegel. 

Reif. Hau -reif, n., das grofse Tau, welches der Länge nach über den 
beladenen Heuwagen gezogen wird, um das Heu festzuwinden. Sonst 
bedient man sich statt dessen des Heubauras. 

reine, adv., ganz und gar, schier: dei Buddel is reine ful. Auch ver- 
gleichend gebraucht : hei sach reine sau swart üt as de Duhel, ebenso, 
ganz so schwarz wie der Teufel; Z. V, 24. Oftmals steht es auch 

19 



290 Mundart in und um Fallersleben. 

betheuernd für wahrlich, gcwiTs: hei is reine besopen, sUs dabei hei 
sau nich. Auch bedeutet es mit hinzugefügtem weg unfehlbar, z. B. 
du krist reinewech Prügel, wen du na Hüs kumst; oder geradezu, 
und zwar meist in bedingenden Sätzen: da hörr ik mik nu reine- 
wech opjpesettet, Aör/ Alles stilleswegen. Dies reinewech und reineüt 
stimmt uberein mit dem schwed. rent af und rent ut, sowie auch 
rent daselbst so viel heifst als ganz und gar: hon ar rent galen, sie 
ist ganz und gar verrückt. 

Reit, n., Stuhlrohr; Z. IV, 144, 303. — Keitstok, m., spanisches Rohr. 

Rekel, m., grober, ungeschliffener Mensch. 

Kels, m., Schafgarbe. 

renzeln. af-renzeln, tüchtig Bescheid sagen. 

Rye, f., (verhoch deutscht Riede), Wassergraben. — Molen-rye, der 
Graben, der das Wasser der Mfdile zufuhrt und später wieder auf- 
nimmt. Vgl. Frisch Wb. II, 118. 

Rik, m., lange Stange. Scherzweise ein langer, schlanker Mensch. Z. 
II, 540, 110. 

Ringelrosenkrans heifst der Tanz, den die Kinder im Freien auf Angern 
und Kirchhöfen, zur Frfdilingszeit besonders, anstellen. Sie fassen 
sich alle an und tanzen im Kreise herum, indem sie singen: 
Uingelringelrosenkrans ! 
nfiük en Dans, 
set dik oppe Wye, 
spinne fyne Sye (Seide) 
assen Ilär, assen SndrJ 
Jumfer Marie, set dik dal! 
Kickerickih ! 
Beim letzten Worte setzt sich Alles nieder. 

rynschen Slidden, m., ein anständiger einspänniger Personenschlitten, 
hinten mit einem Sitz für den Kutscher, rynschen, mit einem solchen 
Schlitten fahren. Es ist dabei weder an den Rhein noch ^n Oe- 
räusch zu denken : es sind rigcsche Schlitten, weil sie, wie das Brem. 
Wb. IV, 818 richtig bemerkt, aus Riga in Liefland zu uns herüber- 
gekommen sind. Darauf weist auch die hamburgische Benennung 
rusche Siegen bei Richey, 219. 

Risch, n., Riedgras. 

Robe, /., die Kruste iibcr einer Wunde, die anfängt zu heilen; hamb, 
Rave, Richey, 207. 



Mundart in nnd um Pallersleben. 2#1 

rogen, ruliren: roge dat nich an! hei kan sik nich rogen. — Möge mik 
mal einer an! sagen die Knaben, wenn man ihnen mit einem An- 
griff droht. 

Runks, va.j grofser Tisclilerhobel, durch zwei Arbeiter gefuhrt; ferner 
ein roher Mensch. Vgl. Z. II, 237. 

ruppich, adj., lumpig gekleidet, dann auch unanständig im Benehmen. 
Z. III, 131. 

Husch, n., ein im Heue versteckt liegendes Nest Apfel und Birnen, damit 
sie gilben und — zugleich vor etwaigen Liebhabern verwahrt sind. 
Im Bremischen Heide, s. Brem. Wb. II, 612. 

russeln, rucceln, rauschen, rasseln. Ein Wiegenlied beginnt: 
Eia popeia wat ruccelt im Stro? 

sachte, adv., wol : dat geit noch sachte an; sau vel isset sachte wert. Z. 

III, 285, 136. 
Sake, f., oft für Ursache gebraucht: dat is de Sake. 
Sarge, f , die inwendige Bretterbekleidung der Thuren und Fenster, die 

Zarge; Frisch, Wb. II, 465a. 
Schanne, f., Achseltragholz mit kleinen Ketten oder Stricken, woran die 

Eimer gehängt werden, meist nur zum Wasser- und Milchtragen. 
schä-toolkich, adj., schattenwolkig, wenn der Himmel mit zerstreuten 

Wolken bezogen ist. Jenseit der Aller sagt man dafür: hawen- 

schaich, himmelschattig, brem. hewenschemig. Brem. Wb. II, 629. 
Schaper, m., Schifer. De Schaper hot, der Schäfer hiitet, sagt man, 

wenn kleine weifse Wolken am Himmel ziehen, was gutes Wetter 

andeuten soll. Vgl. Z. III, 485. 
Schare, f., Elster. 

schaustem, Schuhe machen, in -schaustem, Geld zusetzen. 
Schebe, f., der hartfaserige Abfall von Flachs und Hanf, dän, skeve, 

skiseve. Brem. Wb. V, 649. 
schenken, op- schenken beim Ballspiel, den Ball dem ßallschläger zum 

bequemen Schlage zuwerfen. 
Schetterreier , m., ein Kind, das sich oft bekackt. Im Bremischen heifst 

der Reiher Schyt-reier, weil er beim Auffliegen seinen Unflat fallen 

läfst; s. Brem. Wb. III, 466. 
Scheulers. Am Neujahrstage gehen zu F. sechs Schfder von Haus zu 

Haus und singen geistliche und weltliche Lieder, gut und schlecht, 

19» 



292 Mundart in und um Fallersleben. 

je nachdem sie sich dieselben eingeübt haben. Oft t5net der Gesang 
nur schlecht zweistimmig, indem fünf grqf singen und einer Jyn. Sie 
fuhren zwei blecherne Büchsen mit sich. Die doppelten milden Ga- 
ben, so sie bekommen, werden in die eine Büchse für den Rector 
gethan, in die andere für sie. In manchen Häusern singen sie für 
jedes Familien -Mitglied je ein Lied, und ist es zu Ende, mahnt die 
klappernde Büchse zur Beisteuer. 

Schule, f., Schelte: hei hat SchilV ehregen. 

schynen, so heifs sein, dafs man in einiger Entfernung die Hitze ver- 
spürt: dei übe schynet recht, der Ofen sprüht. 

Schobben, sik, sich an etwas reiben. 8chubbe-jak, m., der sich bestän- 
dig in seiner Jacke schobbet, ein Lump. Z. IV, 129, 25. 

schofel, adj., schlecht: schofel Tuch, en schofelen Kerel. 

Schör-bok, m., ein Kraut, aus dessen schildartigen grünen Blättern im 
Fruhlinge Salat bereitet wird. Seine glänzend -gelbe Blume heilst 
Speigel- blaume. 

schrinnen, schmerzen, besonders an der Haut, wenn man sie äufserlich 
verletzt hat. 

Schucks, f.. Zucke, ein Brunne mit einer Wasserpumpe, gewohnlich 
Pumpe, Plumpe genannt, 

schuddern, frösteln bei nafskaltem Wetter. Z. IV, 184. 

Schuer, n., Schuppen, Schirmdach, Schauer. Z. IV, 27. 

schulfem. af- schulfern , abblättern, sich in kleinen Theilen ablösen; im 
Brem. af- schelfern. Brem. Wb. IV, 631. 

schulden, ein Gefäfs mit Flüssigkeit so schwankend tragen oder halten, 
dafs leicht etwas i^berschüttet. 

schummerich , adj., dämmerig. Z. III, 375. 

schunnich, adj., abgetragen, abgenützt: en schunnich Klet; dann Alles, 
was sein früheres Ansehen verloren hat. 

Schuppen, m., Spaten im deutschen, Pique im franzosischen Kartenspiel. 
Z. n, 179, 32. 

schurich, adj., vor Wind und Wetter geschützt, wie unter einem Schauer 
oder sonst einem Obdache; behaglich, wenn man aus der Kälte in 
die Wärme kommt. 

schurren, hinabgleiten, rutschen mit Geräusch: dat Olas is vonnen Disch 
eschurret. Brem. Wb. IV, 721. 

Seifsei, f., Sense. Z. II, 123. 

Sek, n., Voreisen am Pfluge, Pflugsech. 



Mundart in und um Fallersleben. 293 

Selen- tuch n., Pferdegeschirr zum Ziehen. . 

Seiler, m., Trödler, Kleiderseiler. 

Sinke, f., eine sanft abschüssige Vertiefung des Erdbodens, was sonstwo 
Delle (Z. II, 511, 9) heilst. 

syt, adj., niedrig. 

Slach-laken, n., das grofse Laken, welches über den Frachtwagen ge- 
schlagen wird, scMesisch die Flaue. 

slackern, regnen und schneien zugleich. 

Slammetje, f., unordentliches, schmutziges Frauenzimmer, bei Richey 260 : 
„Slammatje , eine faule und plauderhafte Schleppschwester." Im 
Brem. auch der fliegende Sommer; Brem. Wb. IV, 799. 

Slaps, m., ein hochaufgeschossener, linkischer Mensch. 

Slartje, f., ein Frauenzimmer, das tr.ige ist und nachlässig einhergeht. 

Sleif, m., grober Tölpel, vielleicht von dem sich im Dan. erhaltenen 
"Worte slov, dumm, stumpf, was zwar den NebenbegriiF plump und 
grob nicht in sich zu fassen scheint. Sleif auch jeder grofse höl- 
zerne Löffel; daher die doppelsinnige Redensart: kopt jy Sleib' 6k 
Leppel? Z. IV, 129,34. 

Slenker, f., Schleuder. Vgl. Z. III, 226, 5. 

Slepe, f., Hungerharke, ein grofser, breiter Ziehrechen, womit man, wenn 
die Garben abgefahren sind, nachharkt, um die in den Stoppeln zu- 
rückgebliebenen Ähren zu sammeln. — Slepe auch eine Weibsper- 
son, die lotterig einherschleicht. 

sUckerich, adj., glitschigdreckig. Anderswo noch Slik, Dreck, nl. slijk. 

slickern, auf Handschlitten sich fahren über dem gefrorenen beschnei- 
ten Dreck. 

Slink, n., Brunneneinfassung. 

Slippe , f. , Schürze , nur noch in den Redensarten : ne Slippe Jul und 
hvlt de Slippe op, wenn man einem etwas in die Schürze thun will. 

Sloks, m., ein Mensch ohne alle Lebensart. Vgl. Frisch, Wb. II, 186 b. 

Slue, f., Hülse, die ausgekernte Schale der Erbsen, Wicken, Bohnen, 
die grüne Schale der Wallnüsse, die feine Haut der Fruchtkerne, 
der Zwetschen u. dgl. 

sluren loten, etwas hingehen, laufen lassen, ohne sich weiter darum zu 
kümmern. So wird scherzhaft das grofse L. S. unter den Verord- 
nungen, das loco sigilli, gedeutet: La« Sluren oder La< Slyken. 
Z. IV, 135, 136. 

Sluk, m., Schnaps: geben Se mik mal en lütjen Slukl 



294 Mundart in und um Fallersieben. 

Slunschen, f., alte Toffeln; auch die Kaidaunen, das Gelümmel, was die 
Metzger feil haben. 

Slurren, f., alte Toffeln, die so ausgetreten sind, dafs sie nachschlürfen. 
Z. IV, 135, 136. 

smuddelich, adj., unsauber, schmierig: en smuddeligeti Kerel. Z. V, 72, 73. 

snaddern, schnattern, schwatzen. — Snadder - tasche , f., Schwätzer. Z. 
II, 464. III, 299. IV, 158. 

snakern, snokern, umherschnüffeln, in alle Winkel kucken, lüstelnd nach 
Efswaaren umherspiiren ; dann auch ohne sonderlichen Appetit von 
allerlei Speisen etwas essen. Vgl. Brem. Wb. IV, 896. 

snakisch, adj., 1. possierlich, 2. wunderbar, auffallend. Die Ableitung 
dieses Wortes von Schnaken, einer kleinen Mücken- oder Sumpf- 
schlangen-Art, oder von schnacken, snaken, garrirc, loquacem esse — 
sind schnakisch genug; s. Brem. Wb. IV, 874 und Frisch, Wb. II, 
210 c. Vielleicht gäbe das engl, snag den richtigen Weg zur Ablei- 
tung? Z. IV, 263,23. 

änee, Snede, f.. Schneide; Gränze eines Ackerlandes, Wiesengrundes 
oder Gehölzes, durch Steine, Büsche, Pflöcke, auch wol Gräben be- 
zeichnet. Brem. Wb. IV, 891. 

Sny, m., Schnee. — Slap-sny, m., Schnee, der bald nach dem Nieder- 
fallen schmilzt. — Sny-blaume, f, fliegender Sommer, Anzeige des 
Winters oder zunächst bald erfolgenden Schnees. 

snicken. versnicken, Jiindern Aten komen, den Athem verlieren. So sagt 
man : hei söl sik ja versnicken , wenn einer zu hastig trinkt. 

snicker, adj., reinlich und nett im Anzüge. 

Sniggen-hüs, n. Wenn die Kinder ein Schneckenhaus finden, erheben 
sie folgenden Singsang: 

Sniggenhüs, krü/p (krieche) herrüt! 
stik dyne veir fyf Finger ütl 
wenne dat nich daun wut, 
toil'k dyn IIüs mit Steinen simften, 
dyn ole Hüs, dyn nye IIüs, 
du verdamte Sniggejihüs! 
Die Schnecke kriecht gewohnlich hervor, ordentlich als ob sie die 
harte Drohung vernälmie, und sie bleibt leben; sonst wird ihr Häus- 
chen gegen einen Stein geworfen. 

Snip (7 und Bube), Snap (8 und Dame), Snur (9 und König), Baselo- 
rum (10 und As) — Kartenspiel. Jedem Spieler wird eine gleiche 



Mundart in und um Fallersieben. 



Zahl Kurten zugctlieilet, und dann wirft jeder nach der Reihe je 
eine Karte in obiger Ordnung auf die zuletzt ausgespielte. Wer den 
letzten Bascloruni behält, wird bestraft: er mufs bis zu Ende des 
nächsten Spiels eine Klemme auf der Nase tragen. 

snurren, Kleinigkeiten auf eine anständige Weise von den Nachbaren 
erbetteln, Obst, Nüsse u. dgl. 

snurrichy adj., seltsam, wunderlich, possierlich (nicht eben, wie das Brem. 
Wb. IV, 902 meint, was schlecht und seltsam klinget oder aussieht): 
en snurrich Wedder, ne snurrige Geschichte, en snurrigen Kerel. 

Snute, f. hegröt-snuten, xihar etwas viel unnütze Worte machen. Z. IV, 
132, 85. 

Sjmlk, m., Lärm: hei maket vel Sjmlk, viel Wesen, Wirrwarr. 

sjpalken, mit etwas unvorsichtig umgehen, das leicht gefährlich werden 
kann : mit dem Gewer, mit dem Fuer spalken. 

Sj)är-büsse, f., eine irdene Büchse mit kleinem Einschnitte, worein die 
Kinder ihr Geld legen. Ist die Büchse voll und soll Geld an den 
Mann gebracht werden, so wirft man sie entzwei. — Spdr-meimiken, 
n., ein Lichtknecht, worauf man die Enden der Talglichter steckt, 
um sie vollends abbrennen zu lassen. Dähnert, 360: Profitken. 

Sparren, (von Vögeln) den Schnabel öffnen, um Nahrung einzunehmen. 
Kyke mal, dd Vöggel sj/arret al ! sagt man, wenn der Vogel so groDs 
ist, dafs er von den Alten gefüttert werden kann. 

Spelje, f., gelbe Pflaume von der Form der Zwetschen; auch bremisch, 
s. Brem. Wb. IV, 94L Z. IV, 68. 

Spet-wörgel, m., der Neuntodter, lanius, weil er junge Vogel und Kä- 
fer auf die Dornen spielst, weshalb er auch anderswo Dorndreher 
heifst. 

Spyker, m., Speicher, ein Nebengebäude eines Bauernhofes, worauf die 
Eltern, nach Abgabe ihres Hofes an die Kinder, ihr Altentheil ge- 
nieisen. 

spülen, verlieren : hei hat den Prozess espilt. — verspillen, von Kühen, 
zu früh kalben, so dafs das Kalb, wenn es zur Welt kommt, ge- 
wöhnlich schon todt ist oder doch bald darauf stirbt. 

Spyre, f., Spyrken, n., ein kleines Theilchen eines Dinges: ik hebbe 6k 
nich en Spyrken davon egetten. Z. III, 284, 113. 

spirlich, adj., mager, dünn und zierlich; ein spirlicher Mensch heifst 
auch wol ein Spirlefix. 

spytsch, adj., spöttisch. Z. III, 281, 73. 



296 Mundart in und um Fallersleben. 

Spuckt, m., eine kleine, magere und schwächliche Gestalt. 

Spur -mutze, f., eine Mütze, welche Bürger -Frauen und Madchen sonst 
bei feierlichen Gelegenheiten zu tragen pflegten, besonders des Sonn- 
tags in der Kirche. Es war ein theuerer Kopfputz ! Eine solche 
Mütze mit der Gold- und Blumenstickerei, welche umschlossen wird 
von einem zwei Ellen breiten, in Falten gelegten emporragenden 
Striche von Gaze, von feinen Spitzen besetzt, und mit dem hinten 
herabhangenden Atlasbande — kostete wol 9 — 10 Thaler. 

Stake, m., Stange, langer Stock. Von Kindern, die schlecht schreiben, 
sagt man: 

Haken un Staken kan ik tool maken; 
Ulen un Kreien kan ik wol dreien. 

Steke, f , das fette Fleisch vom Bauche des Schweins, das gekocht zu 
Knackwürsten verwendet oder in viereckige Stückchen (Flocken) ge- 
hackt in die Rothwurst genommen wird. Vgl. Richey, 290. 

sterndtsch. op-sternätsch, adj., widerspenstig und eigensinnig zugleich. 
Vgl. absdndt: Z. II, 432, 130. 

Stert, m., Sterz, Schwanz. Z. 11, 541, 153. — Glim-stertje, f., oder Glinv- 
stertjen, n., Johanniswürmchen, Cantharis nocticula. — Kust-stertje, 
f., ein rostgrauer Vogel, so grofs und schlank wie das Rothkehlchen 
und Rothschwänzchen, baut meist in Scheunen. — Wip-stertje oder 
Wagen -stertje, f., Bachstelze, Motacilla alba, weil sie mit dem Sterz 
immer wippet ; dän. Vippestiert. Z. II, 286, 40. — Wip-stertje scherz- 
haft auch ein Frauenzimmer, das oft des Tages das Haus verläfst, 
um mit der Nachbarschaft zu schwatzen. 

Stybe, f., Stärke zur Wäsche. 

sticke -düster, adj., stockfinster. Z. V, 27. 63, 34. 186. III, 219, 16. 

Stidde, f., Stätte, Stelle: hei kan nick von der Stidde. 

Styfel, f. Arßen-st\jfdn, Ilainbuchenzweige oder sonstiges Reisig, oft 
nur einige Fufs hoch, um daran die Erbsen hinauf zu leiten. — Bo- 
nen-styfeln, lange geschälte Tannenstangen zur Leitung der Bohnen. 

Stip-stortje, f., Märchen oder märchenhafte Erzählung, ein altes Geschicht- 
chen, das man gern anhört, aber doch nicht glaubt. Z. V, 86. 

Styper-negel, kleine Nägel, die unter die Stiefel- und Schuhsohlen ge- 
schlagen werden. 

stoben, in Dämpfen kochen lassen, dämpfen. Estobete Kartuff ein, Kar- 
toflfeln, die erst geschält und dann in Dämpfen gekocht werden. 



Mundart in und um Fallereleben. 297 

stockein. af-siockeln, das Obst auf dem Baume so lange mit einem Stocke 
bewegen, bis es herabfällt. 

Stöbhern, staubartig regnen oder schneien. Vgl. Z. III, 91. 

stokern, in alle Winkel sehen, überall umherforschen. 

stoppehi, Federn ansetzen, von allem Geflügel gebraucht. 

Straufen, f., Strümpfe ohne Füfslinge, abgeschnittene Strümpfe, bei Celle 
und Hannover Siephasen. 

Strentje, f., Sprützbüchse, gemeiniglich von ausgehöhltem Flieder. Damit 
sprützen — strentjen. 

Strote, f., Gurgel : ik hebhe wat inne Strot ekregen, ich habe mich ver- 
schluckt. 

strulle7i, pissen, strahlenweise hervorsprützen , dafs man es hört, beson- 
ders von Kühen. Ygl Brem. Wb. IV, 1071. Z. IV, 130, 45. 

Stücke, n., heilst insbesondere das grofse Stück Brot mit und ohne But- 
ter, welches Kindern zur Morgen- oder Vesperzeit gereicht wird. 

Stü7ischen, n., ein kleines hölzernes Gefafs mit einer Handhabe, beim 
Waschen, Kälbertränken u. dgl. gebraucht. 

Stuke, f., Wurzelstock. — Sinken -förster, scherzweise, ein Forstbeamter 
niederen Ranges und geringen Einkommens. 

Stummel, Stümpel, m., abgeschnittenes Endchen, als Stümpel Wost, Licht. 

Süch-titjen, n., Biensaug, taube Nessel. 

Sül, m.. Schwelle. Z. IV, 30. 

sütjen, adv., sanft. 

Swaleke, f., Schwalbe. Z. HI, 432, 269. IV, 276, 13. 

Swareken, f., die weichen Schwarten vom Schweinfleisch. 

Sioen, m., Schweinhirt. 

Sweppe, f., Peitsche. Z. III, 283, 108. 

swip, adj., flink. 

swyren, sich in den Kneipen herumtreiben, um zu trinken und zu spie- 
len, i*iberhaupt eine unordentliche Lebensweise führen, nl. zwieren, 
dän. sviire. — Sivyrhraur , m., einer der in Saus und Braus lebt, 
dan. Sviirebroder, nl. zwierbol. Z. IV, 360, 29. 

swirtjen, umherschwärmen. 

swogen, erbärmlich klagen; vgl. Richey, 302; auch anhaltend und zum 
Ekel Anderer meist über unbedeutende Dinge sprechen. 

Swuksche, f., gnine Gerte. 

Swurz, m. , ein kleines Seitengewehr, im Scherz so genannt; auch wol 
ein Frack, Wedelrock. 



298 Mundart in und um Fallersleben. 

T. 

Tacke, f., Hündin. 

Tacken, m., verdorrter Zweig. — Ys- tacken, Eiszapfen. 

takeln, af- takeln, ein Schiffsausdruck, der sich ins Land verloren hat: 

dat Mäken takelt af, ihre Schönheit nimmt ab. 
Tal, m-, bösartiges Geschwür an den Fingern. 
Taleke, f., Dohle, monedula. 

Taps, m., täppischer, ungeschickter, plumper Mensch. Z. II, 402, 21. 
tärtsch, adj., zimpferlich bis zur Albernheit, dasselbe was Tärt-lappe, m. 

Vgl. Z. IV, 444. 
Tasche, f., KlajJ-tasche, die in Folge eines Insectenstichs verkrüppelte 

Zwetsche, die taschenartig wächst und dann verdorrt und abfällt, in 

Thüringen Schnur gike. Vgl. Z. III, 348. 
Tehe, m., Hund, oft nur im Unwillen so genannt, altnl. teve. Z. II, 134. 

III, 499. 
Tegen, m., der Zehnten, af-tegeii, abzehnten. 
tegen, bei den Böttichcrn, die Rinde, den Bast vom Holze mit einem 

scharfen flachen Eisen, das zwei hölzerne Handhaben hat, abziehen. 

Die Bank, worauf das geschieht, lieifst Tege-hank. 
tei, adj., zähe. Z. II, 201. 

Teke, f., Zecke, Ilundelaus. Vgl. Brem. Wb. V, 47. 
l^elch, m.. Zweig, auch mhd. zeich, st. m., und zeige, schw. m. ; s. Fund- 
gruben, I, 399. Z. 11,44. 123. 
teilen, verteilen, erzählen. Wifsbegicrigen Kindern erzahlt man oft in 

diesen befriedigenden Reimen : 

Et was en mal en Man, 
dei har keinen Kam, 
da ginke nd'n Marchte 
un kofte sik einen, 
da harre einen. 

Ik wil jük wat verteilen 
von Peiter Sjiellen, 
kan byten, kan bellen, 
kan alle Ajypel ajschellen. 

Et was en mal en man, 
dei harrene Kau, 
dei Kau harren Kalf, 



Mundart in und um Fallersleben. 

da wast Verteilen half, 
dat Kalf harrene Snute, 
nu ist Verteilen ute. 

Ter-neitmiame, m. , Spitz- oder Scheltname. 

teubeti, warten, nl. toeven, dän. tove. Tevf tevf! Drohung, besonders 
wenn Kinder etwas thun wollen, oder gcthan haben, was sie nicht 
thun sollen. Z. IV, 34. 

Tiffe, f., Hündin, oft ebenso verächtlich und vieldeutig wie Petze und 
Tache. Z. III, 499. 

tippen, bei den Landleuten, mit dem mittelsten Finger auf den Tisch 
ticken, zur Begleitung des Willkomm: sy Oot, Brauer! oder Prost! 
beim Trinken. Es ist dabei wol üblich, dafs der, dem zugetrunken 
wird, wenn er den Grufs nicht erwiedert, ein Glas zum Besten ge- 
ben mufs. 

tobhehl, hinter einander und in Masse einhergehen. 

Tobel-kype, f., ein aus Ilolzspan geflochtener Tragkorb mit einem Deckel, 
( Tobel wol das hchd. Zuber ) , worin Taglohner, Fuhrleute und Rei- 
sende Lebensmittel mit sich fÄhren. 

toclcehi, hinterher zuckeln, von Kindern, wenn sie i^iberall mit hingehen 
wollen und die Mutter im Gehen am Kleide zupfen oder festhalten. 

tocicen, ziehen. Wäsche tocken, Wäsche schlichten, ehe sie gerollt, ge- 
mangelt wird. — Wulle, Flas, Per-hare tockeii, Wolle, Flachs, Rofs- 
haare auflockern. — üt-tocken, ausziehen, ausreifsen, und dann, wie 
dieses im Hochd., davonlaufen. Z. II, 201. 

Ton, m., die Zehe. Dei grote Ton, die grofse Zehe. 

Tost, m. , Quast, auch ein Büschel Haare. 

Trane, f., oder dat Spör, Wagengeleise. 

trecken, ziehen (in allen Bedeutungen). Z. IV, 35. 271, 84. 

Trül, Tril, m., jedes schlechte Getränk. Vgl. Brem. Wb. V, 117. 

Trudle. Ole Trulle, altes, hülf loses Weib. 

trullen, seltener trulen, rollen. Z. III, 41, 17. IV, 450. 

Tubbejus (verdorben aus Tobias), ein närrischer, verdrehter KerL 

Tubben, ein hölzernes Gefafs. 

Tücke -bode, m., Irrlicht, ein Bote, der den Wanderer neckt und in die 
Irre fuhrt, wenn er aus der Ferne dem hellen Scheine folgt. 

turen, langsam und zwecklos umherwandeln: hei hat den gansen Dach 
umhereturt. Brem. Wb. V, 63. Vgl. Z. III, 282, 85. 

tulen, bei den Haaren zupfen. 



300 Mundart in und um Fallersleben. 

turren, surrend fliegen, von Vögeln und Käfern. 

Turtje, f., eine alte, schwache Frau, die nicht mehr gehen kann; auch 

alte Jungfer. Vgl. Brem. Wb. V, 133. 
Twetje, f., ein enges Gäfschen; hamb. Twyte, Richey, 319. 

11. 

e 

ütsche, f., Frosch. 

üle, f., der Nachtfalter. — Ulen-lok, n., die Oeffnung oben an der Gie- 
belseite, wo die Sparren schliefsen. Der darunter liegende Balken 
heilst ülen-balke. 

wabbelich, adj., vom Fleisch, fett und beweglich herabhangend. Z. II, 
210, 4. III, 283, 108. V, 187. 

Wäsche, f., Base, Cousine. 

Wake, f., Wuhne, ein ins Eis gehauenes Loch, welches offen gehalten 
wird, um Wasser zu schöpfen oder um den Fischen Luft zu ver- 
schaffen. 

wanne I o weh ! Wiegenlied : 

Huller de buller de Wagen de brikt, 
de Pere sint versunken 
in den deipen Pumpe. 
Wanne wo wene de Kutschenknecht! 
wanne wo flauke de Junker! 
Wanne! wanne! gewöhnlich Unglück ahnender Ausruf: wanne! wan- 
ne! 100 sallet dik noch gdn! 

Wasen, Mz., Reisig, WeUenholz. Z. II, 43, 27. III, 367, 35. 

wecke, welche, einige: wecke wollen hen nat Fuer, wecke nich. 

Welle, f., Haber -welle, dünne Brühe von Habergrütze. 

weltern, wälzen. Z. II, 193 ; vgl. II, 392, 28. 

We-winne, f., eine feine, rothlich blühende Winde, die bei feuchtem 
Wetter das junge Korn liberspinnt und erstickt: dei verdamte We- 
winne betrekt dat ganse Koren. 

Wym, m., Behälter. — Hau7ier-wym, Huhnerstall. ■ — Fleisch- wym, ein 
in der Küche oberwärts vom Rauch durchzogener Raum, mit Quer- 
stangen, woran Speckseiten, Schinken und Würste räuchern. Z. III, 
40, 11. 

Wipper - menneken , n., ein länglich rundes Stückchen weiches Holzes 
oder Flieder -fAlhom-JmaxkeSf das angemalt und mit einem Nagel 



Mundart in und um Fallersleben. i|0.| 

oder Pechkfigelchen oben versehen ist, so dafs es sich wie ein Pur- 
zelmännchen immer auf den Kopf stellt, wenn die Kinder es auf- 
richten. 

wip-fappen, sik, sich schaukeln oder wippen auf einem Brette, Balken 
oder Heubaume. 

Wyren, m., Draht, ahd. wiara. Z. III, 551, 32. 

Wysche, f., Wiese. Z. IV, 268, 1. 

toitjen, weifsen, mit Kalk anstreichen. Vgl. Z. IV, 34. 

Wochen-hlat, n., ein steifer Pappbogen mit einer Malerei, auch wol mit 
allerlei Versen, bei armen Leuten nur ein Stück Tapete, w^ird um 
den Rocken gewunden zum Festhalten des Flachses. Z. II, 512, 19. 

Wölpe, Mz., junge Hunde. 

Wolper-mei, m., eine wilde Rose mit mattgrunen wohlriechenden Blät- 
tern. Auch durch die Blutlie unterscheidet sie sich von der gew5hn- 
lichen Hagerose. 

worens, irgendwo. 

Wost, f., Wurst, Mz. Wöste. — Brdt-ivost, rohes Schweinfleisch ge- 
hackt, etwas gewürzt, in Därme gestopft und nachher in der Pfanne 
gebraten. — Bregen- wost, Gehirnwurst, wird aus rohem Schweiu- 
fleisch und Gehirn bereitet, wozu man auch wol noch Semmel thut. 
— Orüt-wost, Buchweizengrütze mit Fleisch und Fett in Därme ge- 
stopft. — Knap-wost, Wurst vom weifsesten und fettesten Schwein- 
fleisch, das zuvor gekocht und gehackt ist. — Lehher-wost, Wurst 
von zuvor gekochter und gehackter Leber mit einem Zusätze von 
Fett und Fleisch und etwas Gewürz. — Met -wost, aus Mettgut, dem 
feinsten magern rohen Fleische. Z. V, 275, 6. Zu den Mettwür- 
würsten nimmt man dünne Därme, zu den Slak-wösten dicke. Beide 
Arten im Handel gewöhnlich, aber fälschlich Cervelatwurst genannt, 
ital. Cervellata, Gehirnwurst. — Pyp-wost, Blutwurst. Man nimmt 
dazu die dicksten Därme, die einen pfeifenartigen Auswuchs haben. 
Gewohnlich thut man noch eine gekochte Schweinzunge hinein. — 
Pot-wost, Topfwurst, eine Mischung von gekochtem Schweinfleisch, 
Fett, Blut und Va Buchweizengrütze, wird in Schalen gefüllt, spä- 
ter ausgeschnitten und in der Pfanne mit Fett gebraten. — Röt- 
wost, Blutwurst. — Smör-wost, aus rohem Fleisch bereitet mit einem 
geringen Zusatz von Semmel, nachher in einer Brühe von Bier und 
geriebenem Brote mit etwas Kümmel geschmort. — Zicceken-wost, 
Saucissewurst, Saucissechen. 



302 Nachträge zu den verstärkenden Zusammensetzungen und Redensarten. 

wrangen, ringen. Vgl. Z. V, 124, 3, 

wreschen. op-wreschen, beim Sommerkorn, aus den Schwaden kleine Hau- 
fen machen. 

wringen, üt-wringrn, die Wäsche ausringen, die nasse Leinwand drehen, 
um das Wasser herauszubringen, nl. ebenfalls wringen. 

Wunder - pepper , m., Nelkenpfeffer. 

Z. 

Zihhe, f., Schafmutter. 

Ziehe, f., Ziege. 

Zyleke, f., affectiertes Frauenzimmer. 

ziccen, zischen. Z. IV, 36. — Zicce-mennehen, n,, ein kleines aus an- 
gefeuchtetem Schiefspulver geformtes Kegelchen, das oben mit trocke- 
nem Pulver bestreut wird und dann angezündet zischet und sprfdiet. 
Pommerisch Smede-hneclit, bei Claudius Petermännchen. 



Nachträge zn den verstärkeiuleii /nsaminensetzungeii 

und Redensarten. 



Von Dr. L. Tobler in Aarau. 



1. Adjeetivische : 
sunder- drückt in Compos. (Grimm, Gramm. II, 766 — 7) zwar zunächst 
und vornehmlicli eben Absonderung, daher auch Verkehrtheit aus 
und berührt sich insofern mit selb-, eigen-, altn. ser-; doch bedeu- 
tet es auch das Eigenthümliche, Selbständige, sich Auszeichnende 
nach seiner guten Seite und erreicht in einigen mhd. Zusammen- 
setzungen, besonders bei Wolfram, den qualitativ steigernden Begriff 
von eximius, exquisitus. Auch die Bedeutung des Verkehrten, z. B. 
in ahd. sundarguot, ags. sundorhälig (pharisaeus; vgl. altn. sergodr, 
arrogans, einthyckr, sapiens, der sich allein — weise — dünkt, cin- 
sinna, eigensinnig) läfst sich auf Uebermafs zurückführen, nämlich auf 
eingebildetes, oder auf Uebermafs von Einbildung, Selbstsucht, Ei- 
gendünkel. — Nhd. ist „besonders" steigerndes Adverb in objecti- 
vera Sinne. 

Aehnlich geht (Grimm, II, 953) der in ein- liegende Begriff von 
Singularität nicht blols in den von Unbicgsamkeit, Starrheit, sondern 
auch von Vortrefflichkeit über, etwa in folgenden Fällen : 



Nachträge zu den verstärkenden Zusammensetzungen und Redensarten. 303 

ein-dmu&dil (ahd., einzig in seiner Art); altn. einbani (percussor insig- 
nis), einmuna (praeter omnes memorandus) , einheri (heros egregius; 
einheriar, divi). Blols steigernd steht ein in altn. einhardr (perdu- 
rus), einsaer (perspicuus). Hier mag noch erwähnt werden der Ge- 
brauch des altn, ser (sibi) mit vorgesetztem fyrir, at, ä (an und für 
sich) zur Bezeichnung angeborner oder zur Natur gewordener, meist 
vorzügh'cher, Eigenschaften. 

2. Von Partikeln, die wir übrigens von der Aufzählung ausschlös- 
sen, wäre aufser durch und über mit ihren lat. und griech. Aequivalen- 
ten noch zu nennen gewesen die Präpos. ex, ^x, welche, wie das deut- 
sche Präfix er- und aus- etwa in „Ausbund" (von Tugend), „ausge- 
machter Schelm", mehrfach die Innigkeit oder Vollendung eines wer- 
denden Zustandes und insofern eine gelinde Verstärkung bezeichnen. 
Bei excelsus, exaggerare, exsuperare kann man noch an die räumliche 
Erhebung aus der umgebenden Fläche denken; in ex -acerbare, -agi- 
tare, -cruciare, -horrescere, -pavescere, -optare bezeichnet ex- das tief 
Innerliche oder Gänzliche, einen hohen Grad der Gemüthserregung. 
Aus dem Griech. sei erv\^ähnt: i^xXevxog, '^xnixQoq; ixSiy/aVy ^xörogiov- 
aO^ai, ^^-af^eX^co, -ai'ayxä^w, -avSgcCTroöiCco, -anaräv, und viele mit 

3. Aus den romanischen Sprachen konnte, wenn streng auf verstär- 
kende „Zusammensetzung" gehalten werden sollte, nichts beigebracht 
werden; da wir aber schon in der Abhandlung jene Grenze überschrit- 
ten haben, um aus weiter Wurzelverbreitung die Mächtigkeit jenes Sprach- 
triebes darzulegen, so wird es nicht unangemessen sein, hier einige 
Wortverbindungen und Redensarten nachzuholen, mit denen die 
Romanen ganz denselben Zweck erreichen, wie wir mit unserer Zu- 
sammensetzung, wobei also auch dieselbe „innere Sprachform" zu Grunde 
liegen wird. 

Aus der italienischen Volkssprache theilt mir mein Bruder Fol- 
gendes mit: 

a) acqua di Dio (sehr gutes Wasser), tavola di paradiso (sehr gutes 
Essen), intrigo del diavolo (sehr schlimme Verwicklung). 

b) innamorato marcio (rasend, eig. faul, verliebt), a tuo marcio dispetto 
(zu deinem faulen Aerger, dir zum Trotz), a marcia forza (mit al- 
lem Zwange), torto marcio (vollständig unrecht) ; „sterblich verhebt" 
heifst auch noch innamorato fracido (letzteres ebenfalls eig. i=r faul) ; 
cotto spolpo (eig. gekocht abgezehrt), molle fradicio (durch und durch 



304 Nachträge zu den verstärkenden Zusammensetzungen und Redensarten. 

nafs ; fradicio eig. ebenfalls : faul ). Die mit innamorato verbundenen 
Wörter für „faul" entsprechen ganz unserm adverbialen „sterblich", 
es ist gemeint: bis zum Verfaulen, sich Auflösen; vgl. perdite amare, 
perire bei Plautus und Terenz. Auffallend ist nur, dafs die Verstär- 
kung, freilich Adjectiv, hinter das verstärkte Wort tritt. 

c) Gewaltsame Superlative: un solo solissimo error (Gioberti; deutsch 
allenfalls : ein allereinzigster Irrthum), senza nessunissimo ajuto (ohne 
die geringste, eig. keinste Hülfe; hiebei noch zu bemerken die dop- 
pelte Negation, wovon unten), assaissime persone (sehr viele Leute), 
per tempissimo (sehr früh, substantivischer (!) Superlativ von per 
tempo, bei Zeiten), massimissimo (äufserst grofs, unorganischer Pleo- 
nasmus der Form, während in den ersten Beispielen die Schranke 
des Begriffs gesprengt wird). Eigenthümlich ist noch, obwol nicht 
ohne Parallele im Deutschen, der Ausdruck „eziandio" ==: sogar, nach 
Diez, Wbch. 400, aus etiam deus und zu vergleichen mit anderen 
Concessivpartikeln, wie: avvegna dio che- (adveniat deus quod), ma- 
cari dio che- {yaxdgis deus quod-), altvenetian. quanvis deo, und mit 
dem deutschen, unbestimmt erweiternden, vor pron. interrog. das lat. 
suffigierte -cunque, goth. -hun ersetzenden Gott geb, worüber Z. 
III, 347 und die dortigen Citate nachzusehen. 

d) Statt intrigo del diavolo (oben) läfst sich auch sagen: diavolo d'in- 
trigo. Dies führt uns auf eine auch im Französ. und Deutschen 
übliche Construction, welche, an sich schon merkwürdig und fast an 
den im Hebräischen das Genitivverhältnifs umkehrenden „Status con- 
structus" erinnernd, auch als Verstärkungsformel aufgefafst werden 
kann. Französisch läfst sich sagen: un diable d'homme (ein äufserst 
bösartiger, zu allem fähiger Mensch), sogar: une diable d'afFaire (ein 
verteufelter, schwieriger Handel); ital. malora di vecchia (ein widri- 
ges altes Weib); span. aquel perro del aquel Cid (romanz. del Cid, 
106); franz. noch: chienne de porte, fripon de valet u. a. Nun er- 
innert uns, wenn nicht unsere eigene Mundart es uns lehrte, III, 
421, 14 dieser Zeitschrift (vgl. IV, 134, 111 u. 245, 78), dafs dieser 
Gebrauch eines durch von mit einem folgenden verbundenen Sub- 
stantivs, scheltend und concreter statt eines Adjectivs, auch auf deut- 
schem Boden einheimisch ist, wenn schon walirscheinlich aus Frank- 
reich herübergekommen: daif vam wulf, eig. wölfischer Dieb, dann 
umgekehrt: diebischer Wolf; liimmel vam jungen, spitzbamoe vam 
karl. Diese kräftig sinnliche Redeweise läfst sich wol noch in andern 



Nachträge zu den verstärkenden Zusammensetzungen und Redensarten. 3Ö5 

Mundarten nachweisen oder nachbilden; sie scheint zwischen den bei- 
den Begriffen gleichsam ein VerhältnijGs natürlicher Abstammung des 
ersten vom zweiten zu setzen, wie sich Eigenschaften der Erzeuger 
den Kindern mittheilen, oder der Charakter der Gattung und Spe- 
cies in den individuellen Exemplaren modificiert erscheint. In den 
semitischen Sprachen, die ihre zahlreichen bildlichen Ausdruckswei- 
sen oft noch viel weiter herholen, wird der Besitzer einer Eigen- 
schaft bald als deren „Sohn'', bald als „Vater'' bezeichnet. Wir brau- 
chen aber nicht einmal so weit zu gehen, — unsere eigene Sprache 
liefert uns die Ausdrücke : Mann des Todes, Kind des Unglücks, 
mhd. Wunsches kint, saelden barn; ags. earfodmecg, aerumnosus, mi- 
ser; hildemecg, bellator (mecg =: goth. magus, puer). Sollten auch 
diese letztern Ausdrücke von den obigen merklich verschieden und 
zu deren Erklärung jedenfalls unnöthig scheinen, sie durften doch, 
schon weil ihnen offenbar eine gewisse Verstärkung inwohnt, hier 
beiläufig eine Stelle finden. 
4. Nachdem wir einmal die Grenze der Verstärkungen durch Zu- 
sammensetzung so weit überschritten haben, drängen sich noch zwei Er- 
scheinungen heran, beide den modi der verstärkenden Wortverbindung 
beizuzählen, die erste überdies ausschliefslicher als die bisherigen und 
als die andere dem deutschen Sprachgebiet angehörig. Wir meinen 
die durch Alliteration, Assonanz, Reim, Synonymie oder sprichwörtlichen 
Gebrauch verbundenen, aufserdem noch durch das gleichstellende „und" 
verknüpften Wortpaare, von denen manche mehr Erweiterung, be- 
stimmende oder schmückende Ausführung, andere aber wirkliche Ver- 
stärkung mit sich führen. Sammlung dieser Formeln kann hier nicht 
unsere Absicht sein ; sie ist an andern, hinlänglich bekannten Orten, z. B. 
auch in dieser Zeitschrift II, 36—39. 221 — 231. III, 142, geschehen. 
Wir führen nur einige, vielleicht weniger bekannte, als Beispiele an: 

Dem Z. II, 422, 78 angeführten grüs un müs vergleicht sich das 
Schweiz, atübis und rübis = Alles bis aufs Letzte, besonders in Verbin- 
dung mit „aufessen, wegfegen" {stübis zu Staub, rübis nur onomatopoe- 
tisches Reimwort dazu); weder gix no gax (reden, zu sagen wissen) =: 
gar nichts (blofse Onomatopöie); fix und fertig sein (mit Arbeit oder 
Zurüstung); wind und weh =z ängstlich beklommen, ganz betäubt, ver- 
legen, hilflos (nach Stald. wind zu winnen = leiden?); butz und benz 
=z rübis und stübis ] üs und ä (aus und an), z. B. bei entscheidenden 
Würfen im Kegelspiel (vgl. drauf und dran); für nüt und aber nüt r= 

20 



306 Nachträge zu den verstärkenden Zusammensetzungen und Redensarten. 

vor nix un wedder nix, Z. III, 284, 119; mit rugg und buch (mit Rücken 
und Bauch, d. h. mit aller Macht) sich wehren gegen etwas; hinne und 
vorne nüt wüsse =z rein nichts wissen, aber auch =r von allen Seiten, 
bei jeder Gelegenheit (z. B. einem schmeicheln). 

5. Schon unter 4 fanden wir einige „verstärkende Negatio- 
nen". Es ist keine Frage, dafs das, was man so nennt und was auch 
Grimm (III, 726 &.) unter dieser Aufschrift behandelt, in unsern erwei- 
terten Zusammenhang gehört. Förmliche „ Zusammen setzung*^ findet 
zwar hier eben so wenig statt als bei den vorigen Erscheinungen; da- 
gegen mehrfach ein Zusammenschieben und Zusammenwachsen, oder 
eine fast äquivalente Untrennbarkeit zweier Wörter im Gebrauch. Und 
was die Hauptsache ist: Ursprung und Wirkung dieser Constructionen 
sind ganz dieselben wie bei der verstärkenden eigentlichen Composition; 
sie gehen hervor aus dem Drang der lebendigen Sprache, das an sich 
Abstracteste an einer concreten Einzelheit zu individualisieren und für 
die Anschauung zu erhöhen. Noch mehr : wir finden hier dieselben zwei 
Stufen wie in unserm Compositions-Verzeichnifs: ein concreteres, locke- 
reres und auf eine engere Sphäre beschränktes Zusammensein und -wir- 
ken von zwei Wörtern, und ein festeres, in seiner Anwendung allge- 
meines, im Gehalt abstractes. Endlich stofsen wir hier, wie schon un- 
ter 3, auf einige Wörter, die auch in unserm Compositions-Verzeichnifs 
stehen, und das ist noch ein starker Beweis für die wirkliche Zusam- 
mengehörigkeit dieser Erscheinungen. — Bemerkenswerth ist, was die 
Sache selbst anlangt, dafs (wie natürlich schon Grimm gesehen hat) von 
den starken Verneinungen einige, als Begriffe eines Minimums, es schon 
an sich sind und des Zutretens der Negationspartikel nicht bedürfen, an- 
dere nicht ohne diese wirken, und eine dritte Art zwar ursprünglich die 
Negation neben sich verlangen und zeigen, später aber sie fahren las- 
sen und selbst darstellen. Damit hängt zusammen, was jedoch des Nä- 
hern in die Syntax gehört, dafs in gewissen Fällen (wo das Verbum des 
Hauptsatzes eine Negation involviert) im abhängigen Satze positive Wör- 
ter an der Stelle und mit der Kraft der sonst erwarteten negativen ste- 
hen. Die ebenfalls hier eingreifende Betrachtung der zwei- und mehr- 
fachen Negation, der verschiedenen Grundsätze der Sprachen liinsicht- 
lich der Werthung jener Häufung ist auch von Grinun schon angestellt; 
aus Kuhn, Zeitschr. f. vgl. Sprachf. VI, 309 — 15, entnehme ich nur das 
Neue, dafs auch die slavischen Sprachen dem deutschen Grundsatz hul- 
digen : duae (vel plurcs) negationes fortiter negant, und dafs insbeson- 



Nachträge zu den verstärkenden Zusammensetzungen und Redensarten. 307 

dere das Polnische die Häufung von vier sich unter einander nicht auf- 
hebenden Negationen so leicht erträgt, wie das Griechische. 

Indem wir in Absicht auf Form und Gebrauchsweise der Negatio- 
nen auf Grimm, Gramm. III, 34—37. 5] f. 64 f. 218 f., für das Ver- 
zeichnifs der Verstärkungen und die Vergleichung mit verwandten Spra- 
chen auf S. 721 — 740. 743 — 750 verweisen, beschränken wir uns dar- 
auf, Einiges, was Grimm nicht in den Zusammenhang der „verstär- 
kenden Negationen" gestellt hat, dahin zu ziehen und auch seine Auf- 
zählung dieser letztern selbst durch eine Reihe von meist aus dieser 
Zeitschrift entnommenen Fällen zu ergänzen. 

Schon die Verbindungen mit ie- ahd. eo- (goth. aiv, unquam, adv. 
acc. von aivs, Zeit, Ewigkeit, aevum), also auch mit dem negativen nie- 
möchten wir verstärkende nennen. Man vergleiche „jemand, jemals" 
mit den weniger einschliel'senden aliquis, rig, (ttcö) nore; nie-man ist 
gewifs ausschli eisender als ne-(ho)mo und ovdslg, dem wir das adjecti- 
vische nihein an die Seite zu setzen haben. 

-wiht wird auch von Grimm unter den Verstärkungen aufgeführt, 
doch mit der Annahme, dafs es eigentlich „böser Geist'' bedeute und 
von dieser Seite her, wie välant, tiuvel, zur Bezeichnung der Nichtig- 
keit werde, „wiht" bedeutet aber gewifs ursprünglich : geschaffenes We- 
sen überhaupt, was dann leicht einerseits auch auf leblose Dinge über- 
tragen, anderseits auf eine bestimmte Art von „Geistern" eingeschränkt 
werden konnte. Die negative Kraft von wiht beruht wol eher auf dem 
allgemeinen Begriff des Lebendigen als auf dem des Dämonischen ; denn 
die „Geister" sind doch in der mythologischen Anschauung nicht so 
schlechthin „das Nichtige"; es gibt auch gute „Wichte", und wenn der 
deutsche Sprachgebrauch „Wind" ebenfalls als Symbol des Nichts setzt, 
neugriech. hinwieder ave^oq den Teufel bedeutet, so ist dort „Wind" 
als einzelner, machtloser Hauch, hier als wilder Sturm gedacht. Der 
Unterschied des substantivisch concreteren ni-wiht von dem abstracter 
adverbialen nio-wiht ist von Grimm hinreichend festgestellt, übrigens in 
unserm Zusammenhang weniger bedeutend. Wir bemerken nur noch, 
dafs die von allen andern Sprachen abweichende Stellung des nhd. 
„nicht" seinen ursprünglich blofs verstärkenden Charakter noch jetzt 
beweist. 

Verstärkungen mit -ein liegen sehr nahe; denn diese Zahl ist ja 
der Grenzposten gegen das Reich des Nichts und stark versucht, selbst 
dahin überzulaufen. Dem Hochd. fehlt die adjectivische Verbindung des 

20* 



308 Nachträge zu den verstärkenden Zusammensetzungen und Redensarten. 

ein mit dem negativen Präfix, oder es ist wenigstens von dem den nörd- 
lichen Dialekten zustehenden nein = nullus blofs das neutrale „nein" 
der Antwort übrig. Zu dem bereits angeführten nih-ein (nec-unus) 
haben wir die Parallele, vielleicht Nachbildung, des romanischen negun 
(it. nissuno, sp. ninguno). Das provenzal. degun (aliquis), wenn es nicht 
blofs lautliche Variation von negun ist, findet seine Stütze in dem doch 
selbst seltsamen ahd. thih-ein, dehein, welches, wenn die Nebenform 
n oh- ein unorganisch, also die sonst nicht unpassende Annahme eines 
doli (tamen) im Gegensatz zu noh = nee unmöglich ist, nur als Ueber- 
setzung des sih-ein in die andere Person zu begreifen, jedoch als blofs 
äufserliche Nachahmung nicht zu rechtfertigen ist. Das altn. hat neben 
ein-gi, dessen Neutrum ecki, eig. = nihil, in die Bedeutung des ur- 
sprüngl. auch blofs die einfache Negation verstärkenden non (:=; ne 
unum) übergeht, noch mangi, in der Bedeutung =: nie-man, nur dafs 
-gi (goth. -hun) verallgemeinerndes Suffix ist — und das negative Prä- 
fix davor erloschen ist; aufserdem nockr, aus nac (nee) hvar. 

Wir hätten oben zur Unterstützung des verstärkenden Gebrauchs 
von aiv noch das goth. suns-aiv (statim), halis aiv ffAÖyigJ beibringen 
können; doch ist die Function des aiv in diesen Verbindungen, wie in 
ahd. sar-io, weniger deutlich. Dafs in alts. grurio wieder dasselbe io 
stecke, ist an sich und im Zusammenhang der Stellen Hei. 223. 11624 
(Köne) unwahrscheinlich; noch mehr, dafs das -io an Substantiven und 
Imperativen (hilfio, mordio etc.), oder gar das Imperativische Suffix -ä 
jenes zeitliche io seien. Ich halte die letztern für rein interjectionaler 
Natur. Dagegen müssen wir doch wieder an jenes aiv anknüpfen, um 
einige noch übrige Verstärkungen zu erklären : ahd. eocoweri, ubique, 
io gi war, quohbet (weri = goth. hvaruh?); mhd. iergen, aus ie-wer- 
gen, ahd. huergin z=: goth. hvarhun, nhd. irgend; ferner: ahd. eo-n-er, 
uspiam, d. h. eo in eru (dat. von era, Erde), mhd. iener, mit Negation 
und eingeschobenem d: niendcr, Schweiz, niene = nirgends (mhd. nur 
stärkeres „nicht"). Die zunächst zur Erklärung der Form des Wortes 
dienliche Parallele: eonaltre rr: eo in altre (unquam in sevo) ist uns um 
so erwünschter, als wir „alter", ohnehin synonym von eo (ew), bei den 
verstärkenden Zusammensetzungen bereits fanden, und auch von dem 
dritten, ebenfalls schon in den frühern Verzeichnissen vorgekommenen 
Synonym „weit" hier die Verbindungen anführen können: mhd. zer 
werlde nie, nie in aller Welt, zu keiner Zeit, mnd. newerlde (nunquam) 
neben dem räumlichen : so war werlte, ubicunque locorum. — Endlich 



Nachträge zu den verstärkenden Zusammensetzungen und Redensarten. 309 

führen wir noch an: io-mer, unquam, eigentlich beschränkt auf die Zu- 
kunft, wie das entsprechende franz. ja-mais neben anc, onques von der 
Vergangenheit (vgl. ja-dis zu nie-tac, nun quam). Als der engere Sinn 
von ie-mer in dem weitern von ,,semper" sich so weit verdunkelt 
hatte, dafs er durch ein pleonastisches iemer-me aufgefrischt werden 
konnte und mufste, wurde auch das sonst auf die Vergangenheit be- 
schränkte einfache ie auf die Zukunft ausgedehnt. 

Zu dem Verzeichnisse in Grimm's Gramm. III, 728 f. 748 f. ist 
nachzutragen und im Einzelnen zu bemerken: 

Minimalwerthe: kein (alter) Hund; kein Dreck (auch: ein Dreckl 
bei barscher Abweisung der Rede eines andern =r nichts von dem!), 
ein Schweifs (Zarncke z. Brant's Narrenschiff, S. 299), keine Spur ; nicht 
die Laus (burschikos, überdies Bestätigung der Grirmn'schen Erklärung 
von: nicht ein medel = Made, nig een sür = siro, Milbe; 733, 16), 
keine Feige (engl. I do not care a fig for-, it. no vale un fico, span. 
no dar por una cosa dos higas; lat. ciccum non interduim. Plaut, rud. 

II, 7, 22, eig. Hülse des Granatkerns). Das griech. ygv bedeutet doch 
wahrscheinlich nicht: das Schwarze unter dem Nagel (Grimm, a. a. O. 
748), sondern hat seine Parallele an unserm: kein mucks (machen =r 
sich ganz still halten), ni muck of mack (keinen Laut; Z. III, 284, 
126). 

kan uart, kein Ort, =: nirgends (henneb., Z. H, 76, 3, 10); kom e 
röckle, kaum einen kleinen Ruck, eine kürzeste Frist (das. 17). Eben- 
daselbst S. 78 stehen eine ganze Menge Diminutiva, um den Begriff 
„ganz klein wenig" möglichst scharf und concret auszudrücken (bemer- 
kenswerth ist, dafs dieser Hang zu zärtlicher Verkleinerung sogar das 
(substantivische) Adjectiv „wenig" ergreift, von dem das henneb. die 
unorgan. Diminutivform „e winkle'^, das schwäb. und Schweiz. : „e wen- 
gele" bilden); d fesl, ein wenig; kaa fisl, nit ein vesen, gar nichts, Z. 

III, 522 (vesa, siliqua, Bohnenhülse) ; "n spir, Spitze, Halm, Z. HI, 284 ; 
grdndl, ein wenig, eig. Härchen, Z. II, 347 (vgl. haar- in Compos. Z. 
V, 11), nit es chidli (bern.). Spänchen, Z. II, 372, ka keidl (tiroL), keine 
Spreu, Z. HI, 324, koan stich, Z. III, 45 („stich" überhaupt als kleiner 
Punkt, franz. point, Schweiz, nur in der Verbindung: „k. st. sehen", 
wenn es ganz dunkel ist; fr. n'y voir goutte), hitzl (Z. HI, 340) „kaum, 
bei Mais und Gewicht", für Bützel, DIm. von Butz, Stumpf (s. Grimm, 
Wörtb.) und sich berührend mit dem viel aUgemeinern hitzel ■=. biß'l, 
bifschen. 



310 Beiträge zur Kenntnife der Mundart der Stadt Iglau. 

Von Weglassung der Negation (vgl. die Composita von „nackt" 
auf unserm Verzeichniis, Z. V, 192) gibt ein Beispiel Z. III, 543: hä 
labe, Betheuerung: beim Leben, wahrhaftig, auch: hä leihe; dann, mit 
Negation und zuletzt auch ohne diese, verwahrend. 

Statt „ Teufel "■ steht in allen hieher gehörigen Redensarten auch 
„Schinder" (Henker?); einige Redensarten mit diesem Wort s. Z. 
III, 444: d's Schinders vili = maxima copia (ebenso sagt man in der 
Schweiz: s Tufels Verdrufs ■=. ärgster Verdrufs), dafs es dem Schinder 
droh möcht grüse =r im höchsten Grade entsetzlich. Das franz. Wör- 
terb. zeigt noch die Phrasen: faire le diable ä quatre, wüthen wie der 
lebendige, leibhaftige Teufel und zwar in Thiergestalt ; en diable =z fort, 
extremement, z. B. frapper en d. (heftig), menteur en d. ; komisch ver- 
stärkt noch in: il l'a frappe en diable et demi! diablement = excessi- 
vement; diabolique, äufserst schlecht. Mit „wie der Tevfel" kann auch 
bei uns jede beliebige Thätigkeit oder Eigenschaft gesteigert werden. 

Führen wir endlich noch an, dafs manche Hauptwörter zum Behuf 
der Steigerung gewisse stehende Beiwörter vor sich annehmen , wie : 
eine ganze Menge, der schwarze Hunger, das nackte Leben, am heiter- 
hellen Tag, kein rother Heller u. a., dazu die eigenthümlich schweize- 
rischen: e glbckestünd, d. h. eine ganze, volle Stunde, bis zum Schlag; 
alle g'schlag'nen mal, d. h. so oft die Glocke oder Uhr den betreffen- 
den Zeitpunkt angibt (? vgl. Z. III, 216, 34. V, 287, 8), — so sind wir 
wol an der äufsersten Grenze unserer Aufgabe angelangt 



Beiträge zur keutnis der muiidart der Stadt Iglau. 

Von Heinrich Karl Noe. 

(Fortsetzung.) 



II. Die flexionsverhältnisse. 

1. Das Substantiv, 
a. Das starke. 

In vorhinein mu(J bemerkt werden, da(3 der genitiv in unserer mund- 
art, wie in östreichisch-bairischen dialekten überhaupt (Schm. §. 873; 
vgl. Z. II, 78, 15. 29. in, 432, 293. IV, 126, 5. 554, II, 1), ser selten 
vorkommt, sondern gewönlich durch den dativ des eigentlich in den ge- 



Beiträge zur Kenntnifs der Mundart der Stadt Iglau. 311 

nitiv zu setzenden hauptwortes und durch das entsprechende possessiv 
umschrieben wird, z. b. 'n mvistd' sai haus. Der genitiv pluralis kommt 
nie vor, der genitiv singularis nur in einigen stabilen Wendungen, wie: 
7nais vat9s haus, »7is tdls, maistn Ms, rechtd' hatid, dd' ictil, haiting 
tags, glicklichd' ivais. Da nun auch das flexions-e des dativs männlicher 
und sächlicher hauptwörter durchgehends wegfällt, so bleibt uns also 
fürs männliche und sächliche hauptwort im singular keine flexion, von 
den endungen des plurals bleibt uns nach dem regehnäfsigen abfall des 
e des nominativs und accusativs (welches nur nach ng, m, nn haftet) 
nur die flexion des dativs, nemlich 'n, und wenn man bedenkt, dafs die 
gewöhnlich den dativ regierenden präpositionen mit dem accusativ con- 
struiert werden, so erleidet auch dadurch die au[3denung des gebrauchs 
des dativs und das vorkommen von dativischer flexion im plural einen 
bedeutenden eintrag. 

Durch den abfall des flexions-e im plural verschwindet bei vilen 
Wörtern ein unterschid zwischen singular und plural, in andern muß der 
umlaut, der mit ser seltenen außnamen von unserer mundart festgehal- 
ten wird, einen unterschid zwischen singular und plural bewirken. Zur 
Unterscheidung des plurals vom singular dient ferner das dem neuhoch- 
deutschen -er entsprechende -9, und das dem -e entsprechende -9, wel- 
ches mit -d' ganz zusammenfällt. 

Es gliedern sich also die substantiva in bezug auf die bildung des 
plurals folgenderma(3en : 

1. solche, wo singular und plural gleich ist: fisch, schif, flek, kni, gfedd, 
schaf, rvkf, schüch, kaisd' , monat, süma' , wundd', galgn, ädm. 

2. solche, die den plur. von dem sing, durch den umlaut unterschei- 
den; eine bedeutende reihe: sf, söne (sing. sC), wid'm-, würmer, 
hind', hunde, k^j)]^-, köpfe, krig-, krüge, traim-, träume, zenP, zäne, 
wegn, wägen, t^' , tage, mais', mause, etc. 

3. umlautslose mit der pluralendung -d' m neuhochdeutsch -er: gai- 
std\ kindd', br^td', waiwa', vichd', mentscha' (plur. vom neutr. mentsch, 
magd), mennd'. Ein reines -er oder -r vilmer blieb in ar; eier, 
haften, dente sich aber zugleich auf den singular auß, so da(3 ar 
ei und eier bedeutet. 

4. imilautende mit disem -a' = -er: wea'td', Wörter, decha', dächer, 
r^dd', räder, etc. 

5. pluralbildungen auf -d, entsprungen au(3 -e: hännd, häne, hhlma, 



312 Beiträge zur Kenntiüfs der Mundart der Stadt Iglau. 

halme, dinga, dinge, schwamma, schwämme, baima, bäume, trite, tritte, 
hemddd, hemden, b^ttd, betten. 

b. Das schwache. 

Die endung ist, wie im neuhochdeutschen, -en oder eigentlich -'n, 
da das e durchgehends außfällt. Bei den schwachen männlichen haupt- 
wörtern hat der nominativ keine endung; bei den schwachen weiblichen 
hauptwörtern, die in der Schriftsprache auf - e ausgehen, hat sich in un- 
serm dialekte das -n der obliquen endungen auch auf den nominativ 
auf5gedent, und durch den ganzen singular die schwache deklination bei- 
behalten, während die neuhochdeutsche Schriftsprache bei disen femini- 
nis die schwache flexion auf den plural beschränkte. Wir sagen daher : 
stig'n, supp'n, ea'hß'n, gruhm etc. statt stiege, suppe, erb[5e, grübe etc. 
Nur nach n und ng hat das e in gestalt von d festgehalten, z, b. stangd, 
sunna; und in einigen wenigen ist es ganz abgefallen, wie in fraid'. 
Von disen und denen auf -a wird weiter unten noch die rede sein. 

Auch diejenigen wenigen männlichen Wörter der Schriftsprache, die 
im nominativ auf -e endigend im genitiv schwache und starke deklina- 
tion vereinigen, denen das --n auch auf den nominativ au(5 und fallen 
daher in dieselbe reilie wie die oben erwänten feminina auf --w; es sind 
folgende: funh'n, gedank'n, glaubm, haufn, wiU-7i, frid'n (aber auch 
frid'), buchstabm. In nama, sama, brunna bewirkte das vorhergehende 
m und n crhaltung des e =z: 9; der plural ist dem singular gleich, nur 
nama hat mit umlaut n^ma. Vgl. Schm. §. 849 ff. Gramm, zu Griibel, 
§. 88, a. 

c. Das gemischt flektierte. 

Die mischung von starker und schwacher deklination geht auf zwei- 
erlei art vor sich : 
1. im singular flexionslosigkeit, im plural schwache flexion. Dazu ge- 
hören alle masculina auf -el {--Ij und -er (-a'), z. b. kamp-l, vetta'; 
alle feminina auf -el f-'lj und -er f-a'J, z. b. kuclvl, ada ; alle fe- 
minina, die schon im neuhochdeutschen kein -e haben, und die, bei 
denen das -e von unserer mundart abgeworfen wird, z. b. zait, 
katz', red', klag', schul' , fraid' ; die neutra auf -el f-'lj und die 
Wörter au'g' und oa' (plur. augn und 6a'n)\ und einige feminina mit 
umlaut im plural: krhft, kunst, angst, not, plural: kreßrn, kinstn, 
engstn, net'n. 



Beiträge zur Kenntnifs der Mundart der Stadt Iglau. 313 

2. im singular -d, im plural -dii. Dazu gehören nierere feminina, wie: 
stangd, zungd, sunna, gfanna, plur. sthngdn, zungan, gfannan, hlumdn. 

Geschlecht der liauptwörter. 

Als beigäbe zum Hauptwort will ich gleich einige bemcrkungen über 
das geschlecht der substantiva machen, obwol sie, streng genommen, 
nicht unter die darstellung der flexionsverhältnisse gehören. Im ganzen 
macht unser dialekt nicht so vile geschlechtsfeler wie andere süddeut- 
sche dialekte (vgl. Schm. §. 881. Z. IV, 475). Mit dem neuhochdeutschen 
verglichen, ergeben sich folgende fülle: 

1. masculina werden zu femininis: hust, husten, rotz'n, rotz, hea'npils'n, 
herrnpilz ; 

2. feminina werden zu masculinis : aschn, asche, fua'm, form, hia'sch, 
hirse (mhd. hirse masc), mHwoclv (wie auch hochd. der mittwoch), 
ratt', zwif'l, schneck' (mhd. snecke masc), hrot, kröte; 

3. feminina zu neutris:ya~, fane (mhd. vane masc); 

4. stand-n ist femin. wie das mhd. stände, wärend das nhd. Ständer 
mascul. ist; 

5. zaig hei(5t, wenn es mascul. ist, ein stofF zu einem kleide, wenn es 
neutr. ist, eine gerätschaft. 

2. Das adjectivum. 

Von der deklination der adjectiva ist im ganzen nur wenig zu sa- 
gen. Unterschid zwischen starker und schwacher flexion besteht natür- 
lich und zwar mit den endungen der Schriftsprache, nur da(5, wie ge- 
wönlich, das stumme e in den au(5gängen wegfällt; z. b. hrafs, ganza, 
ganz's, groß-n; eine au[5name davon ist, da[5 das einfache -e der flexion 
immer stehn bleibt, z. b. des große haus, di brnte gäß'n, brave lait'. 
Von einem genitiv ist beim adjectiv noch weniger die rede als beim Sub- 
stantiv; er kommt nie vor. Der dativ des masc und neutr. singul. von 
starker flexion geht immer auf -n au(J, z. b. jed'n faul'n bübm, jedem 
faulen hüben. 

Von der bildung und flexion des comparativs und Superlativs ist 
nichts zu sagen; sie ist wie in der Schriftsprache; nur lautet das -est 
des Superlativs immer -ast, z. b. brdtdst, Mbschdst. Zu erwänen ist der 
Superlativ mdd'st neben meist. Uebrigens wird das st des Superlativs nie 
wie st gesprochen. 



314 Beiträge zur Kenntnifs der Mundart der Stadt Iglau. 

In die syntax eigentlich gehörig ist eine bemerkung, die ich hier 
anfügen will; sie betrifft die auch manchmal in der Schriftsprache vor- 
kommenden, aber im dialekte allgemein verbreiteten au (Jdrucks weisen wie 
volh' baimd, volh' hlümdn und änlichcr zur bezeichnung der fülle an et- 
was. Schmeller (gr. §. 751**) meint, das -er in voller sei ursprüng- 
lich der genitiv plur. oder genitiv sing, femin. vom artikel gewesen, so 
da(5 also voller bäume hie[5e voll der bäume; wenn man aber auch 
voller wa(5er, voller wein finde, so lige das darin, da[5 die ganze 
form späterhin blofi adverbial genommen wurde. Richtiger jedoch ist 
jedenfalls dise au(Sdrucksweise als rest der frühern konstruction der prä- 
dicativen adjectiva anzusehen, so daß also das -er der au(Jgang des mas- 
cul. sing, ist, z. b. dd' wald is volh' haimd, da' gartn volh' rds'n. Das 
Verständnis diser redeweise aber verschwand, und der gebrauch dersel- 
ben dente sich auch auf das feminin, und neutrum au[5, z. b. d' kid'ch'n 
is volh' lait' , des dodf is volh' dibm. Dise anwendung von mascul. 
flexion bei femin. hauptwörtern findet sich auch, wenn man sagt : d' frau 
selwd , die frau selbst. Z. III, 188, 33. 

3. Das zalwort. 

"Was die formen und arten der zalwörter betrifft, so sind sie wie in 
der Schriftsprache; nur ist zu bemerken, da(5 die distributiva nicht mit 
j e gebildet sind, sondern durch das doppelte, durch und verbundene car- 
dinale ausgedrückt werden, z. b. zioA und zwtk, drai und drai. 

Die flexionsverhältnisse der cardinalia sind folgende: 

1. Artikel: d (d), d (d), d (dj. substantivisch: dnd', mie, titis. 

dn, dn^' , dn. tin, »na', »w. 

an, d (dJ, d (a). aw, »ne, eins. 

2. zw», zw»n, ziv». 

3. drai, drain, drai etc.; jedoch wird flexion nur angewendet, wenn 
die zalwörter substantivisch stehen, selbst in fällen, wo die Schrift- 
sprache keine flexion gebraucht; z. b. 's hat siioane g-schlagn, 's is 
hhlwa elfe. Dise flexion geht aber nur bi(5 zu zwanzig. 

4. Das pronomen. 
a. Pronomen personale. 

Es ist in vorhinein zu bemerken, daß es für die meisten endungen 
doppelte formen gibt, wie im italienischen, französischen und sla vischen, 



suffig. e . 


Plur. mid , 
unsd . 


suffig. ma\ 


suffig. md\ 


uns. 




suffig. me . 


uns. 




suffig. at. 


Plur. es, 

enkd. 


suffig. ts. 


suffig. da. 


enk. 




suffig. de . 


enh. 





Beiträge zur Kenntnifs der Mundart der Stadt Iglau. 315 

d. h. eine längere, regelmäßig grammatische form, und eine au(5 diser 
verkürzte, im gewönlichen reden angewendete form, wärend die erste 
betonte form nur dann angewendet wird, wenn ein gewisser nachdruck 
der rede auf dem pronomen ligt, z. b. bei gegensätzen und bei präpo- 
sitionen. Diser unterschid ist im singular be[5er durchgefürt als im plu- 
ral und findet sich sowol beim persönlich ungeschlechtlichen als auch 
beim persönlich geschlechtlichen fürwort. Man kann mit recht nach 
Schmeller's Vorgang die abgekürzten formen die suffigierten nennen. 

Persönlich ungeschlochtUclies pronomen. 

1. person: Sing. ich. 

maind' 

mich, 

2. person: Sing, du, 

daind'. 

d%d\ 

dich, 

3. person : Sing, und plural. — 

saind' (?). 

sich, suflF. se. 

sich, suff. se. 
Bezüglich des plurals der zweiten person ist es allbekant, da[5 wir 
hier eine alte dualform haben (vgl. goth. jut?, igqara, igqis, igqis). Z. 
II, 90, 3. III, 452. IV, 245, 64. V, 138, 21. 

Was die suffigierten formen betrifft, so erklärt sich ir entstehen ser 
leicht durch den abfall des auslautenden konsonanten, wodurch zugleich 
der vokal abgeschwächt wurde; nur -st und -ts sind eigentlich die fie- 
xionsendungen der 2. person sing, und plur. des Zeitworts. Wenn man 
sagte: w^m g'heastf so wurde das -st des Zeitworts als flexion und als 
ersatz für das au[igela[5ene pronom. person. ja für dises selbst genom- 
men, und so sagt man nun auch: w^m-st g'Md'st, wo-st bist, wenn-ts 
kennts, ddn-ts wellts, daß -st mechst. Z. V, 126, 24. 

Persönlich geschlechtliches pronomen. 
Sing. ^' , suff. d. si, suff. S9, ds. (esj 's, suff. 's, ds. 

saina'. ird' (ia'J. saina'. 

im, suff. im. ia\ im, suff. im. 

in, suff. na f'nj. si, suff. s', as. fdsj 's, suff. 's, as. 



316 Beiträge zur Kenntnifs der Mundart der Stadt Iglau. 

Plur. si, suff. S9, S\ 

ind' (ser selten ira'). 
ina. 

si, suff. s', ds. 

Bei der höflichen anrede wird, wie in der Schriftsprache, der plur. 
vom gesclilechtlichen personalpronomen verwendet; nur ist dabei zu be- 
merken, dai's dann die dativform auch für den accusativ gebraucht wird; 
z. b. ich hob' Ind g-seg~7i. Vgl. gramm. zu Grübel, §. 104, e. 

Verbindungen von ungeschlechtlichen und geschlechtlichen persön- 
lichen fürwörtern, wie deren Schmeller, gr. §. 726 anfürt, finden sich 
auch bei uns, z. b. unsan, uns in, imna, im in, unsds, uns es, 7nd's, mir 
es, ims, im es. 

b. Possessivum. 

Die possessiva werden, wie bekant, vom genit. sing, des persönli- 
chen fürworts gebildet. Es entstehen so folgende adjectivische Posses- 
sivpronomina: mai~, dar, sai", id\ unse , €7ikd' , ind'. Wir sehen hier 
einen unterschid, den die Schriftsprache nicht hat, nemlich, daß für die 
3. person des weiblichen geschlechts im singular und für die 3. person 
plur. zwei verschiedene formen sind, da ja auch für den genitiv singul. 
femin. und für den genitiv plur. zw^ei verschiedene formen bestehen. 
Nur sei hier bemerkt, dafs ich mit Schmeller's ansieht (gr. §. 744) nicht 
einverstanden sein kann, als sei ina' au[5 einem personale und possessiv 
zusammengesetzt, nemlich aus in ir zzz inen ir. Nach unserm dialekt 
mu(5 man einzig und allein die ableitung dises possessivs vom genit. plur. 
ind' annemen, da wir au (5 drucksweisen, wie sie Schmeller anfürt : im sein 
vater und änliche, nicht kennen. Der genitiv ind selbst aber ist eigent- 
lich die dativform, die so auch auf den genitiv sich ausdeute. 

Vom adjcctivischen possessiv wird das substantivische durch an- 
hängung von -ig gebildet: mainig, dainig, sainig, unsrig, enhrig, iTWrig. 
Es können aber auch die früher angegebenen possessiva mit der schwa- 
chen flexion substantivisch gebraucht werden : d^' is da maine. 

Die flexion der possessiva ist ganz regelmäßig wie bei den adjecti- 
ven. Ich setze ein beispil an : 

starke flexion : singul. mai~, mai', mai". 

mais, maii\3', mai's ff). 

main, maina', main. 

main, mai~, mai". 



Beiträge zur Kenntnifs der Mundart der Stadt Iglau. ^^ 

plural maine. 

main. 
maine. 
schwache flexion : singul. maine, maine, maine. 

main, main, main etc. 

c. Artikel, demonstrativiim, relativum. 

Wie im mittelhochdeutschen und selbst auch in der Schriftsprache, 
dient eine und dieselbe form für artikel, demonstrativum und relativum. 
Da aber auf dem demonstrativ und relativ immer der ton ligt, vv^ärend 
der artikel immer tonlo^ ist, so bildete sich für den letzteren eine kür- 
zere form au(3, wärend dem demonstrativ und relativ die vollere blieb. 



Artikel. Sing, dd, 


d-, 


's. 


plur. 


d: 




('s, 


dd'. 


'sj. 




— 




'n, nd, 


da. 


'n. 




'n, 


nd. 


'n, nd, 


d', 


's. 




d- 




Demonst. und relativ. Sing. 


dh\ 


dt, 


des. 




plur. dt. 




— 


dera, 


— 




— 




dem. 


der fdera), dem. 




dendn. 




d^n, 


dl, 


des. 




di. 



Die demonstrativformen diser und jener kennt unsere mundart 
gar nicht. Handelt es sich darum, die begriffe derselben genau auszu- 
drücken, so sagt man ded' da und dkd' dud't (der da und der dort). 

Derjenige und welcher kommen auch nie vor; man sagt immer: 
d^d mensch, dh' gut leht oder was gut lebt (derjenige mensch, welcher 
gut lebt); wems gMd't, ded' wird se meVn; di loocli'n, was kummd zvid'd. 
Hier wird also das interrogativ statt des relativs gebraucht und zwar 
der nominativ was für alle drei geschlechter. 

Zu den demonstrativen sind auch noch zu zälen: selwd, selbst, sel- 
ivigd', selbiger, dd'selwe und da'selwige, solicJid und solind\ solcher. 

d. Interrogativum. 

So wie als relativ nie welcher gebraucht wird, so auch nicht als 
interrogativ; dises wort ist unserer mundart fremd. Für das adjectivi- 
sche fragende welcher sagen wir immer: was ßd And', dne, dns? 
Auch sagt man den plural davon : was fid' »ne f Es fällt auf dise weise 
der begriff von quis mit dem von qualis zusammen. 



318 Beiträge zur Kenntnifs der Mundart der Stadt Iglau. 

Das unbestimmte interrogativ loed, was fw^m, wkn und was) kennt 
unsere mundart natürlich auch und gebraucht es wie die Schriftsprache. 

e. Unbestimmtes })ronomen. 
Statt jemand und etwas wird immer lo^a' und was gesagt. Nur 
ser selten hört man jemand. Andere unbestimmte fürwörter sind : jedb', 
kvind' , kdmentsch, niemand, änd' , irgend einer. 

5. Das verbum. 

Die durch den ablaut in das deutsche zeitwort hereingebrachte so 
überaup wichtige mannigfaltigkeit der verschidenen Zeitformen verschwin- 
det in unserm dialekte, wie überhaupt in den oberdeutschen östlichen 
mundarten, vilfach. Einmal feien unserem dialekte eine menge von ar- 
ten der Zeiten, nemlich 1) der conjunctiv des präsens, 2) der indicativ 
des Präteritums (einzige au(3name iväa', war), 3) der conjunctiv des per- 
fectums, 4) der indicativ des plusquamperfectums, 5) der conjunctiv des 
futurums. Dann aber niu[5 auch bemerkt werden, da^ von den starken 
Zeitwörtern nur ein schwacher conjunctiv mit dem laut des präsens ge- 
gildet wird, so daß also die bedeutung des ablauts in unserer mundart 
vilfachen schaden litt. 

a. Starkes verbum. 

Wir haben hier nur das präsens und das particip des präteritums 
zu betrachten, weil, wie schon erwänt, das präteritum indicativi und auch 
der conjunctiv davon mit starker bildung wegfällt. Die klassen stellen 
sich nun so : 

I. klasse. Nach unserm dialekte fallen sowol die früher reduplicie- 
renden verba, als auch die, welche Weinhold die übergangsklasse von 
den reduplicierenden zu den ablautenden Zeitwörtern nennt, eben wegen 
des mangels des unterscheidenden präteritums, in eine klasse zusammen. 

a) die früher reduplicierenden Zeitwörter: 

ä. : h,. fäll', hält', spält, sälz', schmälz', fang' : g'fäll'n, g'hältn, gspält'n, 

g'sälz'n, g'schmälz'n, g'fänga. 
ä: a. brät', rät', blas", brät'n, g'rät'n, bläs'n. 
ä: k. laß', schlaf: läfS'n, g'schläff'n. 
fi: k. hdß': g'hdß'n. 
au: o. lauf: g'lqff'n. 
o: 0. stoß': g'stoß'n. 

b) die übergangsklasse von den reduplicierenden zu den ablauten- 
den Zeitwörtern: 



Beiträge zur Kenntnifs der Mundart der Stadt Iglau. 

ä: ä. häch: häcTvn, wäks' : g-tväks'n, wasch- : g-wasclvn. 

ä: ä. fad': g'faa'n, grab", grah'n, lad", g'lan, mal': g'mal'n. 

II. klasse: i, i, e, e: e, e. 

i: e. gib", gdb-m, steh': g'segn, trit' : trM'n, lig' : g-legn. 

i: e. siz': g'se'ß'n, tß' : geß'n, vd'giß': vd'geß-n, friß- : g-freß'n. 

i: e. bitt: bet'n. 

e : e. les' : g'Us'n. 

e : e. meß' : g'meß'n. 

III. klasse: i, i, e, d, e: o, 6 (u). 

i: o. cb'schrick': dd' schroch'n, hilf': g'holfn, gilt", golt'n, wirf : g'worfn, 

stirb': g'storbm, fireht : g'foreht'n, vd'bitt: vd'bot'n. 
i: 0. brieh' : broeh'n, stich': g'stoeh'n, trtf : troff'n, stil' : g'tol'n. 
i: 6. befil" befol'n, schwid' : g'sehwod'n. 
e: 0. facht: g'focht'n, flecht' : g'flocht'n, drasch', droseh'n. 
4i : 0. schmilz' : gschmolz'n. 
e: 6. weg': g-wogn, heb': g'hobm. 
i : u. nimm: : g'numma. 

IV. klasse : i : u. zwing' : zwunga, find' : g'funna, rinn' : g'runna, 
schwimm': g'schwumma', trink': trunh'n, etc. 

Y. klasse: ai: i, i. spaib': g-spibm, blaib': blibm, raib' : g-ribm, 
schlaich' : g'schlich'n, gfaif: gfiff'n, baiß' : biß'n, etc. 

VI. klasse : i (au) : o, 6. schib' : g'schobm, big' : bogn, krich' : hroch'u, 
rieh: g'roch'n, sauf: g'soff-n. 

Bemerkungen. 

Im allgemeinen ist zu bemerken, daß bei allen verbis, die in der 
1. pers. präs. einen langen und im participium präteriti einen kui'zen 
vokal haben, jener lange vokal sich eben nur in der 1. pers. präs. und 
im sing, des Imperativs findet, weil dise beiden in unserm dialekt durch- 
weg keine flexion haben. Der stamm aller diser verba geht entweder 
auf ß oder eh oder f au(J, bei welchen drei konsonanten jedes hinzutre- 
ten von einem andern konsonanten schärfung des vorhergehenden vokals 
bewirkt, z. b. tch schlaf, ea' schläft; laß-, läßts; ich brich', mta' brech'n. 
Bei den andern Zeitwörtern, die in 1. pers. des präsens und im partic. 
prät. langen vokal haben, trit Schwächung des langen vokals im präsens 
nur vor t und st ein und meist bei den auf gutturale und labiale endi- 
genden Stämmen; z. b. du schibst, ^s gsegts, ir sehet, fö' ligt, so auch 
ich siz', du sitzst. 



320 Beiträge zur Kenntnifs der Mundart der Stadt Iglaü. 

Besonders für die I. klasse zu bemerken ist, da(5 unsere mundart in 
der 2. und 3. person sing. prUs. nie den umlaut gebraucht; z. b. du 
schläfst, ed blast, du backst. 

Ferner stellt unsere mundart, wie die Schriftsprache, lan, onerare, 
und ailan, invitare, zusammen und gebraucht das zweite, ursprünglich 
schwache zeitwort ebenfalls stark. 

Bei der II. und III. klasse ist bezüglich der brechung zu bemer- 
ken, daß sie nie in der 1. pers. präs. eintrit, wenn sie nicht auch in der 
2. und 3. statt findet; daher immer: ich gib', sich', nimm', iß' etc. Wenn 
im sing. präs. keine brechung eintrit, so trit sie auch nicht ein im sing, 
des imperativs. Brechung findet sich also nur im plur. des präs. und 
imperativs und im infin. präs. In folgenden Zeitwörtern findet brechung 
durchs ganze präsens statt: les'n, meß-n, fechtn, ßecht'n, dresch'n, 
schm^lz'n. 

b. Scliwaches verbum. 

Die von unserm dialekte schwach gebrauchten Zeitwörter sondern 
sich folgendermaßen: 

a) Ursprünglich starke, von unserm dialekte schwach gebrauchte 
verba: sj)änne, scMd'n, lesch'n (intrans.), bell'n, melh'n hat auch manch- 
mal g'melkt, ablächn, abbleichen (intrans.), hawn, ruf'n, fragn, hebm 
hat auch manchmal g-hebt] 

b) schwache verba one umlaut: araumS, abauTm, vd'saumja, trau- 
m3, druck'n, ruck'n, buchn, drd'n'^ 

c) mit umlaut: azepp'n, ai'stenJcd'n, krenk'n, s4tz"n, lait'n, läuten, 
schell'n, Ugn] dazu gehören auch die im neuhochdeutschen rückumlau- 
tenden Zeitwörter brennd, kennS, renna, nennS, g'wend, die in unserm 
dialekte nie den rückumlaut haben. 

üebergang der starken in die schwache conjugation findet sich ganz 
deutlich darin, da(i von den starken verbis ein schwacher conjunctiv des 
Präteritums mit dem laut des präs. infin. gebildet wird; z. b. Ugdt', bre- 
chat', laufat'. Vgl. Schm. gr. §. 960 f. Z. III, 174, 187. Gr. zu Grübel 
§. 97, a. 

Die flexionsendungen. 

Da die starken und schwachen Zeitwörter kein präteritum indicativi 
haben, die starken Zeitwörter einen schwachen conjunctiv prätcriti bil- 
den, so sind die flexionsendungen für die starke und schwache conjuga- 
tion biß aufs particip des präteritums dieselben; nemlich: 



Beiträge zur Kenntnifs der Mundart der Stadt Iglau. )Wi1 



Präs. 


indicat. 


sing. 


— 


Conjunct. 


. prät. sing. 


-Qt- 








-st 








-dst 








-t 








-9t 






plur. 


-■n (dJ 
-ts 
--n (aj 






plur. 


-dPn 

-dtS 

-dt'n 


Präs. 


imperat. 


sing. 


— 


Particip. 


präsentis 


-dd 






plur. 


-ts 


Part. 


prät. stark 


--n fej 


Präs. 


infinit. 




--n (d) 


r 


n 


schwach 


-t. 



Die übrigen zusammengesetzten zeiten, die unsere mundart ge- 
braucht: indicat. futuri, indicat. perfecti, conj. plusquamperf. , futur, ex- 
actum werden so wie in der Schriftsprache gebildet. 

Bemerkungen zu den flexionsend un gen und über das ge-. 

1. So wie das personale pronomen 2. person einen Überrest von 
altem dual zeigt, so ist auch der au(3gang der 2. pers. plur. der Zeit- 
wörter ein Überrest von der gothischen dualendung, welche ebenfalls auf 
-ts au^gieng. 

2. Das e der flexionsendungen wird durchweg abgeworfen; nur bei 
der endung -en wird nach n, m und ng das n weggeworfen und es haf- 
tet dafür das e in der gestalt von d; z. b. nennd, kummd, singd (vgl. 
auch Weinhold, gr. 127). In dem au(5gang des präter. conj. jedoch, 
könnte man sagen, hat unsere mundart mer Selbstbewußtsein des früher 
zur Unterscheidung der schwachen verba karakteristischen bildungsvokals 
erhalten als die Schriftsprache, indem sie das dem frühern bildungsvokale 
entsprechende e beibehält und das der flexion angehörige e durchweg 
abwirft, ganz im gegensatz zum neuhochdeutschen. Vgl. Schm. gr. 
§. 915. 

3. Stämme auf d und t werfen das t vor ts auj5; z. b. hads, hits. 

4. Das -'n der 1. pers. plur. wird wie im mittelhochdeutschen bei 
unmittelbarer anlenung des pronomens person. abgeworfen, z. b. laßnva', 
mißmd\ s^tzma', }ielfmd\ dagegen aber hei[Jt es singd md', stengdma, ste- 
hen wir. Gr. zu Grübel §. 70, e. 

5. Das präter. conj. wird ser häufig umschrieben, aber immer nur 
mit mecht' oder tet' , nie mit würde. 

6. Das ge- des partic. präter. lautet immer g--, fällt jedoch ser 
häufig ganz weg: glaubt, kumma, bet-n, brächt, be'-lt, gebettelt, miß-n, 

21 



322 Beiträge zur Kenntnifs der Mundart der Stadt Iglau. 

krenkt, zeit, taut, dmht, druckt, troff-n. Vgl. Z. I, 226 fF. V, 124, 7. 
Gr. zu Grübel §. 97, b. 

c. Anomale vor ha. 
1. Sain. 
Präs. indic. hi~, bist, h; sain, saids, sain. 
Präter. indic. wad', wäast, wäd' etc. 

conj. tve^, loh'st, wea ; wh'n, wh'ts, ic^d'n. 
Imperativ, sai, saids. 
Partie, prät. g-wes'n. 

2. Miß-n. 

Präs. indic. muß, must, muß; miß-n, mißts, miß-n. 
Prät. conj. mist, mist, mist ; mist-n, mists, mistn. 
Partie, prät. miß-n. 1 4 ^j ; r » -i 

3. De9f-n. 

Präs. indic. ded'f, dedfst, dedf; ded'f'n, diidfts, d'ed>'f-n. 
Prät. eonj. ded'f dt-, dedfdst etc. 
Partie, prät. ded'f'n. 

4. Kinnd. 

Präs. indic. ka, käst, ka ; kinn^ (kennaj, kents, kinnS' (kenna). 
Prät. conj. kenndt-, kenP (kint-, kunt'J. 
Partie, prät. kinnd. 

5. Megn. 

Präs. indic. mag, magst, mag; mcg~n, megts, megn. 
Prät. conj. m^cht- etc. 
Partie, prät. megn. 

6. Wiß-n. 

Präs. indic. wv^ß, wäst, wdß; tviß-n, wißts, wiß'n. 

Prät. eonj. wist' fwißdt'), wißdst, wißdt; wißdt'n, wißets, wißdt'n. 

Partie, prät. g'wißt. 

7. Soll-n. 
Präs. soll; prät. conj. sollt'; partic. prät. soll-n. 

8. Well-n. 
Präs. indie. will, willst, will; well-n, welts, well-n. 
Prät. conj. wolt' etc. 
Partic. prät. well'n. 

9. Brengd" oder bringa. 
Präs. bring'] prät. conj. brecht; part. prät. brächt. sußg ■; 



Beiträge zur KenntnilB der Mundart der Stadt Iglau. 323 

Das ZU bringen gehörige denken wird regelmäXsig schwach con- 
jugiert. 

10. n\ 

Präs. indic. tu, tust, tut; tun, tüts, tun. ^ 

Prät. conj. tet , tetst, teP; tetn, tits, tet'n. 
Imperat. tu, tüts. 
Partie, prät. ta". 

11. Hab'm. 
Präs. indic. hob', hast, hat; hab'm, häbts, hab'tn. 
Prät. conj. het , hdst, het; heVn, hets, htfn. 
Imperat. hob-, häbts. 
Partie, prät. g-häbt. 

12. G^\ 
Präs. indic. ge, gest, get; gengd, gets, genga. 
Prät. conj. gengdt- (gingdt-J, gmgdst etc. 
Imperat. ge, gets. 

Partie, prät. gdnga. 

13. St^\ 

Präs. indic. ste, stest, stet; stengf, stets, stengd. 
Prät. conj. stengdt etc. 
Imperat. ste, stets. 
Partie, prät. g'stänna. 

14. Wed'n, werden. 
Präs. indic. ww' , wia'st, wia'd; wea'n, we'd'ds, wea'n. 
Prät, conj. wudr'df, wudr'dst etc. 
Imperat. wia', wed'ds. 
Partie, prät. woa'n. 

Bezüglich des gebrauchs der einzelnen anomalen verba wurde schon 
früher bemerkt, da(S zur Umschreibung des conj. präter. immer unecht' 
nie würde (wuardt') gebraucht wird. Ebenso dient auch tet zur Um- 
schreibung des conj. präter., wie überhaupt das Zeitwert tun (ta) in un- 
serm dialekte eine weite au(5dehnung hat, indem es meist auch zur Um- 
schreibung des präsens dient, z. b. cfo' brüda' tut schraibm, s tut rengB 
(regnen), mai muttd' tut koeh'n. 

(Schlufs folgt.) 



324 Bildliche Redensarten etc. der sieb. -sächs. Volkssprache. 

Bildliche redensarten, nmschreibiingeii und ver- 

gleichungeii 

der siebenbürgisch- sächsischen Volkssprache. 

Von Professor Joseph Haltrich in Schäfsburg. 

(Schlufs zu s. 177.) 



222. Na (Nu), glatt teä (gerade du) wi'st (loirst) det kreokt (Kraut) 

fätt machen (t=. der Sache den Ausschlag geben). 

223. Et git mer gedröl (schlecht, knapp). 
Et git mer un (a7i). 

224. Na, wat det elend! (Warum nicht gar! etc.) 

225. E hot e geat iiäntrcnk (Hantierung, Handioerk; =:: sein Geschäft 

trägt Etwas ein). 
Seng kotzke (Handlung) git. 
Et stänkt, äwer et drit (trägt, erträgt, trägt ein). 

226. "ch wiüj net, bän ich gekocht äwer gebroden (z=z woran ich hin). 

227. -ch wifs n^t, äs et der Peter (Peter) äwer der Pal (Paul; = wer 

es ist). 

228. Em schäckt en vum Pontius zem Pilatus (-=2 von Einem zum Andern). 

229. Nea (nun) git der kätz 't hör 6f. 

230. Ast (Etwas) äf der gäfs (eängderm zeöng, unterm, Zaun) äfklau- 

wen (auflesen). 

231. Sich det m^l (Maul) ken (gegen) äst wäzen (wetzen). 

232. De f^fs' (Füfse) eängder enes sengen däsch hen (unter Jemandes 

Tisch hängen, ^=z von Einem leben; besonders von Kindern in 
Beziehung auf die Eltern). 

233. Dät breocht (braucht) hörnen (Gehirn). 

234. E höt sich um schiläck (an der Schulecke) gewäzt. 

E höt studirt — an den Hälvelägner wdgden (in den Halvelagener 
Weiden). 

235. Dor (dahin) sätzen (sitzen, sich setzen), wor de breokt sätzt. 

236. Vum röfs äf de kea, vun der kea äf 't schwing (Schwein), vum 

schwing äf den heängd (Hund) kun (kommen). 
Aus dem trog än't schäf, aussem schäf än't välpes. 

237. Hülz an de bäsch (Wald) drön (tragen; ■= Unnöthiges ihun). 
Wäfser an de bräunen (Brunnen) dron. 

238. Dät äs wäfser äf s^ng mü. 



Bildliche Redensarten etc. der sieb.-ßächs. Volkssprache. $J5 

239. Et päfst derzea wa, der igel zem orschwasch. (Es pafst schlecht.) 

240. De kätz am sack kifen (kaufen). 

241. Der späs gewäfit e loch. 

242. Emestem den täxt (de levite) liesen. (Einen ausschelten.) 

243. E länk läwent driw mächen. (Orofses Gewäsche über etwas machen.) 

244. Emestem klore weng (Wein) äschinken. ;t^ 

245. E mächt allerhand kosnoten (Umstände). 

246. Emestem en klöz zwäschen de fefs* schmeifsen. 

247. E äs am patsch (am pädrich, im Oewirr). 

248. De murre ( Mohrrühen) wore sauer. T*^t 

249. Dät äs zä gälden (zehn Gulden) uch an thurn. 

250. Enem den hobel (den däder, Dotter) ausblosen. 

251. Sich stifker (Stiihchen, d. i. Grillen, unnütze Gedanken) mächen. 

252. Emesterm fädern äfstechen. 

253. Dät sdng (sind) eägelöcht oar (ungelegte Eier). 

254. Iwer dät hun (hahe7i) de hune (Hähne) gekret. 

255. E hat en geät nös-. 

E ruch sich de broden. 

E markt- wä,t de birre (Birnen) gälden. 

E wäfst* am wdvel (um wieviel, welche Stunde) et wor. 

256. Seng heökt fil dron (seine Haut feil tragen] =: sein Lehen wagen). 
2b7. Enem äf den zänd (Zahn) falen (fühlen). 

258. Enen rdgden (reiten). 

259. Af den aide kiser (alten Kaiser) los liwen. 

260. Zwäschen zwin (ztoeien) stalen an de mor (Moor, Koth) sätzen, 

261. E sängt (singt), dät sich de gis* (Geifsen) fröa (frei, los) reifsen. 

(Er singt schlecht.) 

262. Te host schläm gelädden. (Du bist betrunken.) 
Te bäst äf dem hülzwig. (Du irrest.) 

263. E hot en mögen mät em auszeag (Auszug, Schublade ; r= er ifst 

viel). 

264. Se mögen verdrit (verträgt) alles wä en zantscheir (Zehntscheuer; 

er hat einen guten Magen). 

265. Dät wer' net vuer menge (meinen) mögen. 

266. Net mäch der ämsäst (umsonst) det m^l gärz. 

267. Emesten en fli (Floh) än't ir (Ohr) säzen. 

268. Et gehirt derzea wä der schwänz zem heangd (Hund; ■=. er ist 

nothwendig damit verbunden). 



3r26 Bildliche Redensarten etc. der sieb.-säch«. Volkssprache. 

269. An äst (Etwas) ersofe sdng (ersoffen sein; z=z tief darin stecken). 
An äst bäs iwer de ire stechen. 

270. Gott der harr llwt noch. (Es ist noch nicht Alles aus.) 

271. E wunt an er gäfs, wo de heangd- ämkiren (^=. am mifsersten 

Ende einer Sackgasse). 

272. E wunt an er gäfs, wo em 't brit (wo man das Brot) mät dem 

zwire (Zwirn) schndgt (schneidet; d. i. wo man Paluhes ifstj. 

273. E jormert (Jahrmarkt), äf den em (man) am ^If ze schnei (bald) 

und am zwelf ze länzem (langsam, spät) kit (kommt). 

274. Dat äs vuer de kätz (z=i zu wenig). 

Dat äs wa won em gtt (geht) en brängt näst (nichts). 

275. Tea bäst e stattlich kärl, hängder dir äs nemest. 

276. Dat äs klor, wa. scheagewix (Schuhwichse; iron. r:r dunkel). 

277. Af det dach (Dach) klopen. (Anspielung m,achen.) 

278. Nä em sal nor rechnen I (Seht einmal!) 

279. Enem de steäl räcken (Einem den Stuhl rücken; seine Stellung ge- 

fährden). 

280. E äs frängd mät em aus der siwenter schärsei. (Er ist ein ent- 

fernter Anverwandter.) 

281. Der wängd (Wind) git. (Es tvird gelogen.) 

282. Mät dem grifse lefel eisen. (Zu einem Mahle geladen sein.) 

283. Det harz z^dert (zittert) em wa em gimpel (oder: gieleng, Gold- 

ammer). 

284. De schwänz änzan. (Sich zurückziehen.) 

285. E l^cht, dat sich de ierd (Erde) bigt. (Er lügt stark.) 

286. E kit (kommt) eangder de hoch (Hag; = sterben). — E kit eäng- 
der den schierleng. — E kit eangder den otch (Attich). — E kit 
eangder den drasch (hohes Oras). — E kit an de lim (Lehm). -^ 
E beifst än't gras. — E loat (liegt) iwer iern (Fufsboden). — E 
löat af der länker bänk. — E löat §a,ngderm spägel (unter'm 
Spiegel). — E äs mät did (Tod) ofgegJingen. — E hot sich ge- 
dreakt (gedrückt, entfernt). — E äs ofgekrätzt (abgekratzt, abge- 
gangen). — E zdcht (zieht) mät dillen (Dielen). — Der däschler 
hot em de rok gemächt. — E wit de kukuk nemi (nicht mehr) 
hire kreischen. 

287. E äs Matthe um lezten. (Es ist am Ende mit ihm.) 

288. Et hot det stärfklid un. (Von zerbrechlichen Sachen in den Hän- 

den der Kinder.) 



Bildliche Redensarten etc. der sieb. -sächs. Volkssprache. SS7 

289. Ech gon n^t aursen aus deser stuw bäs em mich net mät de felsen 

det väderst drit (trägt; -zu ich will in dieser Stube sterben). 

290. Ast äf de länk bänk lofsen (z=z bis zum Tode verschieben). 

291. Do äs de laus an de grängd (Grind) kun (gekommen). 

292. Dat seng am braf de kripes. 

293. Aft hierdäk (das Herd- eck, die Herd- ecke) schlön. (Min Gericht, 

Essen, herbeizaubern.) 

294. Mät de goasen (Oänsen) am procefs seng (sein; = die Barthaare 

bekom/men). 

295. Da mefse sich äst schäldig seng. 

296. Wierk (Werg) um roken hun (haben). 

297. Mdng schwiger (Schwieger) liwt noch. ( Wenn man irgendwo zu 

einer Mahlzeit eintrifft.) 

298. Hot n^t äs (unsere) katz de wäzsttn (Wetzstein) verluern? (Wenn 

man ohne rechten Grund einen Besuch macht.) 

299. Der wängtcr höt verkälwt. (Wenn der Winter zu streng angefan- 

gen, plötzlich aber gelinder wird.) 

300. Der knifelsträcker kit (kommt). 

301. Et brat (brennt)! et brät! 

302. Net leogd (läute) dem deiwel {oder: dem heangd) äf de lech 

(Leiche). 

303. Lot sän (Lafst sehen), wi (iver) sterwt det irst? 

304. Göt (Geht), giet de katzen hoa (Heu)! 
Got, strigelt de puika (Indianer)! 

305. Got, brängt (bringt) mer de zebngscherl 

306. E hot dem did (Tod) noch emol e britchen (Brötchen) gegien. 

307. Am dät (Darum) wälle mer es det brit net äf zwo s^gte (Seiten) 

schmieren (nicht üppig leben; z. B. bei Aussicht auf eine unge- 
wisse Erbschaft gebraucht). 

Zeitbestimmungen. 

1. Frühjahr. An ausdägen. — Am de Gärgendäg (Georgstag). — 
Won der schni zegit. — Won et gran (grün) wi't. — Won der kukuk 
kreischt. — Won de schwälwe kun (kommen). — Won de blßsch nöch- 
tegöle sängen. 

2. Sommer. Won em an de kirschebeangert z^cht (zieht). — Won 
em böd (badet). — Won em kukurutz drist (hackt). — Am Ären (Ernte). 
— Won der heangd (Hund) de zeang (Zunge) he let (hangen läfst). — 



328 Bildliche Redensarten etc. der sieb. -sächs. Volksspraolie. 

Am de Gehännesdäg (Johannistag). — Won em sich äf't hiwt (aufs 
Haupt) trit (im Schatten nämlich). 

3. Herbst. An ändägen. — Am de Mächelsdäg. — Won em list 
(Weinlese hält). — Won de schwälwen zän, — Won der bäsch (Wald) 
ddr wi't (dürr wird). 

4. Winter. An de länken ewenden (Ahenden). — Won em schweng 
öfdit (abthut, schlachtet; auch:) won em wurst mächt, — Won em schlidde 
fiert. — Won em bam uewen [Ofen; afm hierd) sätzt, — Am den Thu- 
mesdäg (Thomastag). — Am de geschwueräne montug (geschworenen 
Montag). — An Zegunewängter (Zigeunerwinter); am spirkel. 

Nach bedeutenden Jahrmärkten: Am de Margrethi. — Am den 
Nisner (Nösner, Bistritzer) jormert u. a. m. 

5. Es wird Tag. Der (hemels)"w6gen stit äf der teilselt (Deichsel). 

— Der dägstärn äs erauskun (herausgekommen). — Der dag fet sich 
(fängt sich). — Der dag enzangt (entzündet) sich. — De hunne (Hähne) 
krßn schi (schon) läng. — Em hirt de millen nemi (nicht mehr) klap- 
pern. — Em hirt det wier ( Wehr, bei der Mühle) nemi rauschen, 

6. Tageszeiten. De sän stit äf zan, zwdlf, dröa. — Et äs am de vesper. 

7. Es wird Abend. De sän git himen (heim). — De sän git schie- 
fen. — Der N. bäsch (Wald) brät (brennt). — De vigel zän an de 
bäsch, — De l^gd* (Leute) ku vum feld, — De hierde (Heerden) kun. 

— Em leokt (läutet) noklok (Nachtglocke). — Der owendstärn äs äf- 
gegängen, — De starre kun eraus, 

8. Alt sei7i. E hot vil wängter (Wieder) iwerliewt. — E hot vilmol 
de bäsch grän wärde sän. — E hot vil scheagen (Schuhe) zeräfsen. 

9. Uralt sein. E äs alt wä de Keakel, — E äs alt wä en stigifs. 

10. Lange Zeit, Bäs do (dahin) wi't noch vil wafser an der bäch 
(Keakel) owe fldfsen. — Bäs do wärden noch vil kroen (Krähen) ärsch- 
gewännen (bekommen). 

IL Vor langer Zeit. Anno Tdkli. — Anno n^ng (neun), dea di 
däck schni fll. — Et äs esi (also, so) läng här, dät et schin (schon) 
nemi wor äs, 

12. Längst abgethan, geschehen. Dät äs zejörig (vorjährig) schni, — 
Dät äs alt kreokt (Kraut). 

13. Nie. Won de Keakel äfenzoa fielst, — Af den däg nö (nach) 
Räpes (Keps). — Af den gorrefoastäg. — Won de kätz en oache (EiJ 
liegt. — Won der deiwel am wöar (Weiher, Teich) ers^ft. 



Öildliche Bedensarten etc. der sieb.-bächs. Volkssprache. ^20 

Sprachliche Erläuterungen 

vom Herausgeber. 

222. glatt, gerade; Z. IV, 415, 42. — kreoU, n., kraut; Z. IV, 261, 1. Diese redens- 
arl begegnet überall im südlichen Deutschland ; im nördlichen fast ebenso : Dat 
will den kdl nig fett mähen. Brem. wb. II, 837. Schütze, II, 318. Dähnert, 248. 
Richey, 133. 

223. gedröl, knapp, enge; vgl. ndrd. drall, fest gedrehet. Brem. wb. I, 239. Schütze, 
I, 245; vgl. mhd. gedroll (v. drillen, drehen, runden; Ben.-Mllr. I, 391). 

226. äwer, oder; Z. V, 126, 42. 

235. breoU, f., braut; Z. IV, 281, 26. ^ 

236. schäf, n., schaff; Z. III, 15. 463. — välpes, n., fOUfafs, d. i. mistkorb; vgl. beibes 
— bienenfafs; Z. IV, 285, 174. 

242. Zu de levite liesen vgl. Z. III, 365. 

243. lawent, Buppe; Z. V, 178, 113, — driw , drüber. 

247. am patsch, in der patsche, im koth ; vgl. patschen: Z. IV, 216. 

250. Vgl. Z. IV, 205: blasen. 

262. schlüm, schief, krumm; Z. V, 179, 211. 

264. Auch in Koburg: tiei' mög'n is wie d z&htstSd'l ( zehntstadel , wo alle feldfrüchte 
sich zusammenfinden). 

266. gä7-z ist wol das bei Müller -Weitz 63 verzeichnete gatz (garz), bitter. 

272. Palukes, paleokes, maisbrei ; s. Z. IV, 285, 166. Ueber die entstehung des namens 
palukes besteht eine volkssage, welche Müller in seinen siebenb. sagen, s. 133, 
erzählt. 

275. Vgl. Z. II, 285, 26: für die katz, umsonst, vergeblich. 

'280. frängd, befreundet, verwandt; Z. IV, 350. — aus der siwenter schäfsel, aus der 
siebenten schüssel ; vgl. das alemannische: us d'r siebeta suppe a tunke in Z. III, 
303 u. bei Tobler 159: „aus der neunten suppe ein tünklein". — Darf bei diesem 
bildlichen ausdrucke an eine verkehrung des alten sippe (Verwandtschaft, nahe 
oder ferne) und an die sieben (neun) stufen oder grade derselben gedacht wer- 
den? Vgl. Grimm, rechtsalterth. 468. 

286. Zu lern, fufsboden, vgl. Z. IV, 98. III, 11. — Auch die Koburger mundart ge- 
braucht abkratzen (abgehen; Grimm, wb. I, 64) vorzugsweise für „sterben", und 
kennt ebenso die redensart : er hart d'n guekuch nimmer achrein. Vgl. Grimm, 
mythol. 640 ff. — nemi, nicht mehr; Z. IV, 281, 7. 

287. Matthe vm, lezten (kapitel), ganz am ende, findet sich in Ober- u. Niederdeutsch- 
land. Schm. II, 646. Castelli, 198. Bernd, 170. Schütze, III, 85. Bürger (die 
Weiber v. Weinsberg): „Und wann's Matthä' am letzten ist." Schütze (a. a. o. ) 
bemerkt: „Die Jesuiten brauchten vormals den ausdruck von Lutheranern." Mir 
fällt dabei jene stelle aus Luther's kl. katechismus beim sacrament der taufe ein : 
„Da unser Herr Christus spricht Matthäi am letzten: Gehet hin in alle weit" etc. 

289. aufsen (d. i. aus-hin), hinaus; Z. III, 457. — det räderst, das vorderste, (mit 
den füfsen) voran ; vgl. koburgisch : z'hinder^t z'vörderst { aus : d's h. d's v. oder : 
zu V.}, mit dem hintertheile voran, verkehrt. — Zu bemerken ist auch der ge- 
brauch der negation im nachsatze. 

292. Zu dieser sprichwörtlichen redensart vgl. Z. IV, 284, 119. 

295. Auch in Koburg sagt man zu jemanden, dem man kurz nach einander wiederholt 
begegnet ; Msr müfs'n uns wos schuldig sei, 

21» 



330 Bildliche Redensarten etc. der sieb. -sächs. Volkssprache. 

296. „Namentlich von einem vater, der viele noch unversorgte kinder hat, heifst es: 
„E sal noch nit si'drwen, e höt noch vil wierk um rdken." H, 

298. da, unser; vgl. das unflektierte niederd. us: Z. V' 279, 3b. 

299. rerhälwen, verkalben, (v. d. kuh) das kalb zu früh, zur unzeit bringen. 

300. hnifelstr'dcher, knopfstricker. Bildlicher ausdruck für : der schlaf stellt sich ein, — 
bezogen auf das häufige ausreiben der äugen. Vgl. das ähnliche bild vom Sand- 
mann: Z. III, 286. 

302. So ruft man kindern zu, die im sitzen die beine hin und her schleudern. In Ko- 
burg : d'n hund z9 gröh l'dutn ; in Nürnberg : der katz' in taudt'n läuVn ( Wei- 
kert, ausw. s. 240). 

303. „So heifst es, wenn beim brennen eines lichtes die um den docht geschmolzene 
talgmasse abzurinnen droht; man beobachtet dann, auf vs'essen seite sie abfliefat." H. 
— det irsi, das erste, als der erste, zuerst; vgl. oben 289: det väderst. 

304. So wendet man sich scherzhaft an kinder, sie damit fortzuweisen. 

305. zeongscher, zaunschere, eine grofse schere zum beschneiden der hecke, hier scherz- 
haft: zum abschneiden oder beschneiden einer grofsen lüge. 

306. Er hat sich mit dem tode, der als böte erscheint (Grimm, mythol. 799 ff.), durch 
ein brötchen, den üblichen botenlohn, abgefunden; er ist ihm mit mühe ent- 
ronnen. 

Zeitbestimmungen. 1. an ausdägen, in den austagen, endtagen des ausgehenden 
frühlings, nach Stalder, I, 258 [aus-tage, der ustig, umgedeutscht in hüstage, haus- 
tage, wobei Stalder an hausen, sparen, denkt). Grimm, wb. I, 995. Z. IV, 145 b : 
uatage, tempus vernum. — Damit ist zu vergleichen: der auswärts , die zeit (um 
lichtmesse), da das jähr auswärts geht [wenn's nausw'drts gdtt, Koburg), d. h. ge- 
gen den Sommer hin; entgegen: ändäge, eintage (s. unten 3), der einwärts, der 
herbst. Schm. I, 117. IV, 161. Höfer, I, 51. Loritza, 19. Castelli, 67. Vilraar, 
hess. wb. (in d. zeitschr. des ver. f. hess. gesch., IV), 52. Grimm, wb. I, 1009. 
1011. Gottscheer mundart: in auisbart, im frühling. — de blesch nöchtegöle, die 
walachischen nachtigallen , scherzh. für: die frösche, Z. V, 38, 18. 
2. kirschebeangert, m., kirschenbaumgarten — kuhruz, m., türkischer weizen, mais, 
ein walachischer name: gugoritza. Höfer, II, 179. Loritza, 79. 

4. Zu spirkel, einer besonders am Rhein gewöhnlichen benennung des monats Februar 
(mnl. sporkcl, holl. sprokkelmaand), bei deren ableitnng zunächst an das niederd. 
sprick, spricke, sprickel, spräk, sprok, n., dürres reisholz (engl, sprig, vgl. sprock, 
spröde, zerbrechlich, schwed. spricka, zerbrechen; Brem. wb. IV, 973. Dähnert, 
454. Schütze, IV, 178. Stürenb. 255. Strodtmann, 226. Hennig, 260. Z. II, 135. 
IV, 129, 26), gedacht werden könnte. Vgl. Grimm, gesch. d. d. spr. 84. 87. 88 
u. 90. Frisch, IT, 312 c. Müller- Weitz, 231 f. Schmidt, 227 f. Z. III, 373. 

5. teißelt, f., deichsei; Z. IV, 40, 74. 

9. Keakel, Kockel, ein flufs im kreise Hermannstadt; Z. V, 179, 200. — attgia, f., 
steingeifs, gemse; Z. IV, 409, 54. 

10. hoch, bach, als femin. vgl. Z. V, 137, 2. — otoe rr übe, dbi, hinab. 

11. Tikli, d. 1. Emmerich graf v. Tökely, der im j. 1690 mit hilfe der Türken zum 
fürsten von Siebenbürgen ausgerufen, aber bald (1691) wieder vertrieben wurde. — 
Vgl. das koburgische : Än7}9 Sitia, wie dar grdfae wind ia gangd. 

13. äfenzoa, d. i. auf-hin-zu, aufwärts. — „gorreföaatäg, gurrenpfingsttag. " H, — Zu 
gorre vgl. Z. IV, 282, 44. 



Nachträge aus Tirol zu Sohmeller's bair. Wörterbuche. 331 

Nachträge aus Tirol zu Schiueller's baierischem 

Wörterbuche. 

Von Prof. Joh. Bapt. Schöpf in Bozen. 
(Fortsetzung zu S. 233.) 



'^ flitterle, n., auch: flotter, flutter, flutterle, (Etschl.) kleiner Flitter, Flin- 
der; (Kinderspr.) Schnietterling ; frei ausgehängte dünne Holzspäne 
zum Verscheuchen der Vögel. Z. III, 521, 6. IV, 167. 

*flitschj f., 1) Flügel; hei der flltsch nemen; 2) (Etschl.) Hülsen der 
Maiskolben ; 3) (Unt. Innth.) Schelte auf eine Vagabundin. S. Schm. 
I, 594; flitscheu, flattern; die fletten. Z. II, 208. 342. 

flöch, flädch, m., Floh, plur. j^eöcA*; flaachen, Flöhe fangen; aflaachen, 
fig. einem derb das Capitel lesen. Schm. Z. IV, 54. 

*fl6cbr, m., (U. Innth.) jäh abstürzendes Gewässer; das von Brunnen- 
röhren abtröpfelnde Wasser. Vgl. Schm. fludern. 

flödern, lodern; s. Schm. — Gl. v. 1504: die ursach und verlauff dises 
kriegs, welcher sehr heftig aufgebronnen, aber in kurzer Zeit wie- 
der verflodert, ist in der historia nachzusehen. (Tir. Alman. f. d. J. 
1804.) Schmid, 196. 

'*Fldr, Florl, m., Florian. 

flöß, flddß, m., Flofs (s. Schm.); der fledßer, Flöfser, Ruderknecht. — 
fledß'n, vb., spülen; Holz triften; Brandis, Gesch. v. 1626: „befind 
sich, das ein khünd in ainer wiegen, darauf ein khaz gesessen, aus 
Passeyr herausgeflößt worden.'' Vgl. ob. fleß. — Höfer, I, 233 : 
flötzen. 

*fl6schet, (ob. Etsch.) aufgedunsen, dickleibig; vgl. flatsch. 

* flottem, (ob. Etsch.) im Winde sich hin und her bewegen, wie Laub; 
zittern : er hht vor furcht an hend und füeß gflottert. 2) sprudeln, 
wie siedendes Wasser oder Brei (Schm. fluttern). 

flüg, f., 1. Flügel; fig. Arm, Aermel. RA. bei der flüg pach-n, einen 
ergreifen, flüg kriegen, derb fortgeschafft werden. — In der alt. 
Spr. flügel = Aermel. Leb. des hl. Heinr. v. Bozen, 1712: „über 
selben schlechten Rock ein Mantel mit flügel oder Erbl von Schul- 
tern hangend trüge er.'' Gl. 1570: „mit ledigen Ermein, glaub, es 
seye, wie man deutsch sagt, ledige flügeln." Schm. I, 587. Höfer, 
I, 235. Z. III, 354. 



332 Nachträge aus Tirol zu Schmeller's bair. Wörterbuche. 

^flums'n, f., Schlag, Ohrfelge; flums-n, einen schlagen (bes. auf den Kopf). 
Vgl. flins; pluins. 

fochez, f., (allgem.) grofses Weizenbrod, das um Ostern und Weihnach- 
ten nebst andern Speisen geweiht wird ; (Philipp Hainhofers Bericht 
V. 1628: „in der kirchen die österfladcn, ayr, lämblein und andere 
Speisen zu weihen.") Weinhold (deutsche Frauen) leitet das viel- 
fach mifsdeutete Wort (vgl. Schmid, 198) von focus ab; it. focaccia; 
cimbr. vochenze. 2) (Unt. Innth.) jedes schlecht gebaxjkene Brod. 

*fochd, f., (Vinschgau) Weibsperson, auch in gutem Sinne. Vgl. Schm. 
I, 518: föhin, vulpecula. Schmid, 198: vohle, fechel. 

* folt, f., (das.) ein auf Stützen ruhendes Dach, Vorhaus vor einem Kel- 
ler. Vgl. mittellat. avolta, franz. voute, Schwibbogen; lat. fulta v. 
fulcio. 

ß)n, m. (Vorarlb.), p^em (Ob. Innth.), aus lat. favonius: Südwind, Föhn; 
Rixner:/om. Z. III, 209, 73. 

fopp'n, vb., necken, zum Besten haben; d\n\. föpplen, kleine Stichreden 
geben; vgl. Ilöfer, I, 236; 2) (Unt. Pust.) prahlen, sich brüsten. — 
Schm. Z. II, 404, 2. 552, 3. III, 302. V, 129, 9. 

f6rm9s, införmas, n., (Pust. Pass.) Frühstück ; Jause zwischen dem Früh- 
stück und dem Mittagmahle, Vormittagessen; yerh. förmsz'n, för- 
mas'n] cimbr. vormaiz, invormaiz; s. haizen. Das Wort scheint ähn- 
lich dem Schweiz, immes, z'immes r= Imbifs, z* Imbifs, aus vor-imbifs 
gebildet zu sein. Schm. I, 209 ; dagegen II, 626 u. Z. V, 107, 64. 

forß, f. u. m., Kraft, fr. force, it. forza. RA. sein fors in 4pp9s siz'n, 
etwas par force durchsetzen, sich in einer Handlung gefallen; er 
hat sein forß im schimpf 'n, sifst kann er nix, d. h. seine starke 
Seite. Z. III, 272, 21. 284, 116. 

foz, f., 1) Maul der Thiere, fozmaul; 2) (verächtl. ) der Menschen; 
3) Maulschelle. RA. eine foz anhängen, einen schelten ; auf den 
Mund schlagen, foz-n, vb., schmählich auszanken, schlagen: hast 
gheärt, wie ern hat hMrgfoztf Z. IV, 45. Der fozring, Schlag- 
ring. Das föz'l, kleiner, niedlicher Mund; du herzigs föz-l, sagt 
wohl der Liebhaber zum Mädchen, ohne auf die ursprünglich ob- 
scöne Bedeutung des Wortes zu denken. Vgl. Z. II, 342: foutze, 
ferainal, von ahd. fuotjan ; Höfer, I, 237. Schm. fauzen. Im Persi- 
schen heifst fos der Mund (Köfler). Pöbelausdrücke für foz, foz'n 
sind überdies: die geffe, gosch, hleff, murfl, prutsch, prieh, mum'l 



Nachträge aus Tirol zu Schmeller's bair. Wörterbuche. 

mvngk, prätsch , fr^ß , g'frifi, triel u. a. , die an ihrem Orte zu su- 
chen sind. 

fragen, schw. vb., (conj. fragaV und frieg- , gleichsam aus unorgan. ind. 
frueg) ; nng- fragt (meist starke Form : ungfragter), ohne gefragt zu 
sein ; überfragt sein , auf eine Frage keine Antwort wissen ; — das 
gfrAg', Gefrage, unnöthiges Fragen ; ym^Zew, kleine Fragen stellen 
(vgl. frAtschlen); der fragner, pfragner, Viktualienhändler, Krämer 
(s. Schm.); tir. L. O. v. 1603. 

*frögker, m., (ob. Etschl.) verächtl. : Feigling, Memme; vgl. frdk. 

frögkdle, n., Getränkmafs, halbes Seidel od. Achtel der Mafs. Tir. L.O. 
V. 1603: „trinke! oder fräckele." Vgl. lat. fractio. Z. II, 342. IV, 
450. V, 254, 47. 

* fraidig , fi'äddig , adj., (Etschl., Innth.) zornig, unwillig; Begriffsüber- 
gang aus mhd. freidic, trotzig, übermüthig; (Unt. Innth.) noch : yrcf3- 
dig, prahlerisch; s. Rixner, 195. 

*frak, m., wie hd. ; fig. herrischer Geck; (verächtl.) Herr. 

*frdngkd, adv., (Etschl.) it. franoo, wirklich, in der That, ganz und gar; 
i wh9ß mar frdngkd nimm9r z'helfn. Auch hört man öfter: frtingk- 
Id: er ist fränghlä da, d. h. wirklich. Z. III, 331. Vgl. yV-et. 

fransn, franz-n, pl., wie hd. — Gl. v. 1753: „die Bandier glänzten mit 
goldenen Blumen und Fransen." Die frans'n am Kleide, die zerris- 
senen, weghängenden Theile, die losen Fäden, daher : fräns'n, afran- 
sn, vb., zerzausen, diie fi'üns'n wegnehmen; fadenscheinig werden. 

'^frdtt€7i, vb., (Pass.) leicht klieben (vom Holze); frätten, pl., Splitter, 
kleine Späne; vgl. it. fratto für franto, von frangere, brechen; lat. 
fractus. Z. II, 342 : frdte, Holzschlag. IV, 168. V, 253, 26. 

fr»tschlen, vb., neugierig fragen, ausforschen; das frwitschelweib, neugie- 
rige Alte; Ilöckerweib, Oebstlerin. Tir. L. O. v. 1603 enthält ein 
Verbot für „fürkauffer. Lädier, Frätschler und dergleichen Perso- 
nen.« Vgl. fragner. — Höfer, I, 241. Schm. I, 622. Z. II, 343. 
IV, 158. V, 255, 70. 

frau, f., wie hd. ; auf dem Lande die Gemahlin eines „heßern^ oder „her- 
rischen"; dim. da,s frauele, kleine Frau; das fratienzimmer (nicht 
sehr volksüblich), ursprünglich der Frauen Wohnung, später alle 
darin wohnenden Frauen, endlich die einzelne Frau, das Fräulein 
bedeutend (vgl. Z. II, 23); das zweite u. a. in Phil. Hainhofer's Be- 
richt V. 1628: „hat das frauenzimmer aufgewartet, zu tisch gedient, 
credenzt, fürgeschnitten, speisen auf- und abtragen," (am Hofe Leo- 



334 Nachträge aus Tirol zu Schmeller's bair. Wörterbuche. 

pold d. Frommen zu Innsbruck). — unser liehe frau, Mutter Got- 
tes ; frauentag, Festtag Maria, der grddß oder hasch frauentag, Ma- 
ria Himmelfahrt (s. Schm. und Höfer); das y^öiZe, auf dem Lande 
jedes „französisch" gekleidete Mädchen (auch in die ital. Volksspra- 
che eingedrungen); Jungfer, f., Kammerzofe, Kindsmagd bei Vor- 
nehmen; — frauenschüechl oder stiefmütterl , n., viola tricolor, L. ; 
frauenhar, n., thesium alpinum, L. ; frauenzopf, m., rhodiola rosea, L. 
Mehreres bei Höfer, I, 243. Z. III, A61 : frauenküelalen , frauen- 
schüechlen. 

*frei, adv., sehr, stark, tüchtig: /rei eß-n, viel;/m arhdt'n, stark ;yrei 
rkdvn, d. h. ohne Unterlafs ; er hafn frei (derb) ausgreint. (Etsch- 
land, bes. Bozen.) - Schm. I, 606. Z. II, 343. III, 227, 5. 324. 

frdmd, adj., ahd. fremidi (zu fram); — die fr^md' , fremde Länder, 
Ausland ; in der fremd' gen, wandern (von Handwerksgesellen) , ins 
Ausland arbeiten gehn, (von Maurern, Hirten u. dgl., die sich wäh- 
rend des Sommers im Beich dauß'n ihr Brod verdienen, und oft 
mit einem hübschen Sümmchen, nicht selten aber auch mit verkehr- 
ten Grundsätzen, vor Beginn des Winters heimkehren). — frem- 
den, frommen, (von Kindern) scheu sein. Schmid, 202. 

fr^ß'n, st. vb., (fraß-, freßdt' ; gfrißn), mhd. vrezzen, aus verezzen. — 
die freß', fr4ß-n, (verächtl.) Mund, Gesicht. RA. ausgfreß-n hab'n, 
in Ungnade gefallen sein. Das fr4ßdt (fressende, seil. Uebel), Krebs ; 
das gfriß , häfsliches Gesicht ; — der fraß, Vielesser ; Vielesserei : 
fraß und füllerei, mhd. fräz, m. ; gfrdßig, adj., vielessend; aßig 
und gfrAßig, was sich gut essen läfst; das gfrAß, Speisen (auch 
im guten Sinne); Unrath, Staub. Schm. I, 616 f. 

fritten, schw. vb., in der Arbeit hart fortkommen, sich ohne Erfolg viel 
abmühen; Aer frHter, armer, unbehilflicher Mensch, Stümper ; /rf^<- 
terei, f., Stümperei; Schm. I, 620, Höfer, I, 244. Z. II, 343. 
Vgl. ahd. ags. frehton, hart verdienen; ital. fretta, Eile, Hast. 

friern (Unt. Innth. /We«*w), st. vb. — Die gfrurst, gfrürst, das Ge- 
frorensein; Frost, Gefrieren; Eis. — gfrkr'n, darfrer'n, schw. vb., 
durch Kälte, Frost wehe thun, gefrieren machen ; gfrerte füeß\ — 
Schm. I, 617. Höfer, I, 246. 

*frigelen, pl., kleine geriebene Teigmassen ; frigelsupp', f., solche Suppe. 
Cimbr. W. frigeln, reiben; ital. fregare, lat. fricare. Schmid, 205; 
fricken. Z. III, 522, 43. vgl. IV, 128, 15. 288, 407. 

frisch, adj., munter, lustig: ä frisciwr lue; kühl: frischkdler. RA. iez 



Nachträge aus Tirol zu Schmeller's bair. Wörterbuche. 

steü i frisch, nach dem ital. star fresco, (Etschl. ) übel daran sein, 
in Verlegenheit gerathen sein. — frisch'n, vb., frisch machen; ei- 
nen Stutzen frischen oder fristen, das Rohr, den Lauf säubern, neu 
polieren. — afrisch'n, abkühlen; eißnsch-n, in kaltes Wasser thun, 
z. B. Blumen. — Die frisch- , summerfrisch-, Landlust der Städter 
im Sommer; d^e frischleut , solche, die jene benützen. Schon bei 
Trojer, Chron. b. 1648: „wo die Statt Bozen ire refrigeria oder 
frischen halten." (Ueb. diesen Sommeraufenthalt auf dem Gebirge 
vgl. Steub, drei Sommer in Tirol.) — frischling, n., junges Schwein 
(Schm.); (Pust. Wind. Matrei) Lamm, (Pregratten) Mutterschaf; 
vgl. Grimm, Myth. 31: vrischinc, porcellus, agnus ; cimbr. Wb. 
vrischong, Schafbock. 

früe, adv. ; die früe, früeg-n, Frühe ; in aller früe, summo mane. Cimbr. 
Wb. : af aller vrüge ; — die früeälm, auf die zuerst getrieben wird ; 
mhd. vrüeje, vrüege. 

*früe, f., Uhr (Unt. Innth. Kitzbichl). 

frucht, f., Frucht; Getreide, Z. II, 407, 3; die früchv, pl., Obst; — 
das frücht-l, Junge, an dem kein Mahnen fruchtet, böser Knabe. 
Z. III, 18. 

fruetig, adj., munter, lebhaft, bes. vom Vieh: ä friietigs stierle, kälhle; 
von Personen, namentlich Kindern, bezeichnet es überdies gute An- 
lage, Frische des Geistes: ä recht fruetige gitsch; ist in d'r schuel 
weitaus d' Mrstd; mhd. fruot, ahd. frot zu goth. frathjan, sapere. 
Vgl. Höfer, I, 248. Schmid, 206. Z. II, 343. III, 96. Davon: 

fruetli, fruetld, adv., gleich, ohne Umstände, mit Entschiedenheit, end- 
lich. „ Wenn d' mi nit m,ägst, so schaw mi fruetld gar nimmar 
an." — 

frilmmen, anfrümmen, bestellen; sich Stiefel, Kleider anfrümmen lassen, 
d. h. anmessen. Schm. I, 612. — Sich hefrümmen, (ob. Etschl.) 
aus einer Sache Nutzen schöpfen; goth. frumjan, mhd. vrümen. 

frutillen, pl., die harten Samenkörner der canna variab. L., die als Kü- 
gelchen zu Rosenkränzen gesucht sind. Vgl. Höfer, I, 249. 

fuchs, flg. rothhaariges Pferd oder jedes andere Thier; Person mit fuchs- 
farbigem Haare und Barte; Goldmünze. — fuchsjagen, bekanntes 
Brettspiel ; — fuchswild, fuchsteuf Iwild, sehr böse, zornig. — fuchs'n, 
vb., necken, plagen: diese Axheii fuxt mi; das Zugvieh stark an- 
treiben; heimlich entwenden, geschickt sich zueignen. (Schm.) — 
fuchset, fuchsfarbig; falsch; fuchser, pfennigklieher , Geiziger (vgl. 



336 iJachtrage aus Tirol zu Schmeller'ß bair. Wörterbuche. 

fuchs, Goldmünze). RA. des hät'n fuchs gsech-n, das geht sehr 
schwer, läfst sich nur mit Mühe zu Stande bringen; vgl. oh. fuch- 
sen 1) — Höfer, I, 250. Schm. I, 508. Z. UI, 185, 42. 193, 142. 

IV, 263. 

*füddr, fäder, füderle, adv., (Etschl.) hinweg, fort, weg, vorwärts; 
füdet^ geh-n {wgh futtern), Schmäh- und Scheltworte ausstofsen, zor- 
nige Mienen und Geberden machen ; stinken. — Auch Osw. v. 
Wölk, h&t fuder, fort; cimb. Wb. vuder; Z. 11,343. 111,91. 279, 
17. 280, 33. 

fueß, m., wie hd. B,A. füeß- mach-n, eilen, davonlaufen; einen fuaßlen, 
ihn (ob nun durch Fufstritte oder nicht) davonjagen; der fu^ßimärsch, 
derber Fufsstofs ; auf den letzten fiidß-n gehn, in extremis esse (auch 
im sittlichen Verstände). — blekfueßet, barfufs ; dollfueßet, mit Dick- 
füfsen; — da.s fuaßhänkl, Schemel. — Höfer, I, 255. Schm. I, 571. 
Schmid, 211. 

fuer, f., Fuhre; Benehmen, besonders tolles, ungebührliches Benehmen; 
vgl. fort; — unfuor, ausgelassene Aufführung; Lärm, Tumult. In 
der tir. P. O. v. 1603 wird „utifuor, rumor und palgen" auf den 
Kirchweihen streng untersagt. L. O. v. 1499 : „ungefüer und Un- 
lust anfachen." — höLlenfuer, ungeheurer Lärm. — fuevn, schw. vb., 
(Pass.) eine Sache handhaben ; etwas derfuern, mit etwas zu Stande 
\omxnen \ fuerle , adj. und adv., behend, flink. — gefüerig , g'füeri, 
gfüerli, adj., bequem; von Personen und Thieren : behend, hurtig, 
anstellig. Vgl. mhd. vuore; Z, III, 197, 16. Höfer, 1,252. Schm. 
I, 556. 

fuir, foir, foid, n., Feuer, ahd. fiur u. fuir. — das loild fuir, Blitz; 
Gl. V. 1753: „ein soldat wurde von dem wilden feur erschlagen." 
— die f euer statt, ehmals: Behausung. Landlibell K. Max. v. 1511: 
„die sollen sich der fewrstat halben miteinander verainen .... doch 
soll kain fewrstat für ain gantze fewrstat gerait werden under an- 
derthalb guldin reinisch." Brandis, Gesch. v. 1626; „a. 1455 ward 
dem H. Friedrich von yeder Feuerstat ain gülden Steuer bewilligt." 
Gl. 1330: „als oft eine freige Fewrstat ist in dem gericht." Die 
hreidenfeuer (ä. Spr.) s. kreiden. In der tir. Land - Zuzugs - Ordn. 

V. 1704 werden die feurschützen von den Scheibenschützen unter- 
schieden. — Das sanfjohänsfui/r , dergleichen noch jetzt am Feste 
des Täufers Johannes ringsum auf den Anhöhen angezündet werden 
(vgl. holepfannfeuer.) — fuirn, vb., in Brand setzen; dreinschla- 



* 



* 



Nachträge aus Tirol zu Schmeller's bair. Wörterbuche. 337 

gen ; fvir geh'n, (vgl. füder) ; fuirig, adj., feurig ; die fuirig plättn, 
Höllenofen, Hölle. — Schm. 1, 553. Höfer, I, 213. Z. HI, 462. 
fuimöglen, (Ehrw.), sonst hurnöglen, vrneglen, vom Prickeln der Nä- 
gel vor Kälte ; vgl. Schm. I, 100 ; uriglen. Z. I, 258. 
fu7idieren, (Pass.) aussinnen, sondieren; fundare. 

funken, m. — das fünkel, füngkale, Bifschen ; ä füngkdle 4ssen ; d füng- 
kele weiter gen, ein klein wenig. — fungkdz'n, funkeln, schimmern. 
Schm. Z. IV, 245, 54. 

für, adv., vor; vorüber, vollendet; s. Schm. — dafür; ddrfür können: 
er kann nit ddrfür, daß . . . fürd', fürdr, fürcher, fürher, hervor: 
füri' , fürchi' , vor, nach vorne hin, iüvhm •, fürscM , vor sich, vor- 
wärts; der fürschigang, Fortgang, Von andern Compos. hier nur 
noch wenige : füraus , adj. und adv., besonders, vorzüglich: ä für- 
aus gwdter bue, d fürausigdr hue; hinfüro, hinfüran, in der Folge, 
von nun an, fürder; Gl. v. 1525: hinfüran; Brandis, Gesch. v. 
1626: yetzt und hinfüran; fürkäufler (vgl. kauf)', fdrlieb, fürlieb, 
vorlieb ; /arM^-Z, für übel (nehmen); ,fürtzicht^, tir. L. O. v. 1603: 
Verzicht. — Schm. I, 553. Höfer, I, 254. Z. II, 85, 35. 343. III, 
327 f. 405, 23. V, 104, 11. 106, 29. 

füri, f, lat. furia; Raserei, wüthendes Benehmen; tolle Person, zorni- 
ges Weib, bring mi nit in d' füri; du wilde füril — In aller 
füri, in rasender Hast. 

furgkl , furgl , f, Gabelzaun; (Leutasch) Loch, das man zum Absondern 
des Pechs in den Baum macht; gabelförmiger Gebirgsübergang in 
Pusterthal (zwischen Olang und Enneberg); lat. furca. Z. IV, 321. 

furm, m., Form, Aussehen, Anschein ; unfurm, f., jede üble Eigenschaft, 
jeder Fehler, besonders eine Unart an Personen; pl. unfürnv. Du 
kannst deine malefiz-ufUrm: n& nit läßn, bist schd an ältdr es'l; 
ir ist voll üßlrm-. Schmid, 211. Schm. I, 563; 

füseln, füslen, tändeln, langsam thun. Kleinliches treiben; d füsler oder 
fusler ist, wer kleine, undeutliche Schrift macht; wer beim Kegeln 
die Kugel nur langsam hinausgleiten läfst, wer langsam, ohne rech- 
ten Ernst arbeitet u. dgl. — faselet, adj., dünn, kleinlich ; /wsZeret 
oder füsehverk, schlechte, unbrauchbare Arbeit ; füs-lobß, schlechtes, 
kleines Ohst ; füs-lvich, verkümmertes Vieh; (ygi. püsele). Schm. 

* futtern, schw. vb., zornig sein, fluchen, schelten; Z. 11,279,3. 343. 
Ton fr. foudre; vgl. ob. füder und das Schimpfwort fut (Schm, 

22 



338 Nachträge aus Tirol zu Schmeller's bair. Wöfterbuche. 

I, 513), woraus hundfutt (?) und andere arge Verunglimpfungen. 
Schmid, 207. Höfer, I, 256. 

*futze, futze! interj., spöttischer Ausruf der Kinder, Sehnippe (Ob. Pust.). 
Vgl. fut, fotze bei Schm. I, 581. 

V. 

vätter, väter, vatar, m. ; 's vaterl wird der Familienvater traulich sowohl 
von Kindern als Dienstboten genannt ; das vätdrl, das Häftlein, Häk- 
lein, das ins mudttdrl eingreift (vgl. Schm. II, 160). — himmlvat'r, 
himmltdtä ( Kinderspr. ) , Gott. — g-vatter, Gevatterin; weibl. g-vät- 
terin; g-vättersleut , die beiden Gevattern sammt ihren Angehörigen. 
— vvitarlen, vb., dem Vater in seinen Sitten nachfolgen ; ihm gleich- 
sehen. 

ver-, Vorsilbe. In Tirol unüblich für er- und zer-, daher nie: verreijSen, 
verdrucken, sondern: ddrreiß-n, ddrdruch'n, zerreifsen, zerdrücken; 
nie verzählen, verlernen, sondern: ddrz., ddrl. (vgl. Schmid, 190). 
Intensives, Verstärkung ausdrückendes ver-, und zwar mit dem Be- 
griff: hinein, durch und durch: vernarrt (hd. verliebt), verlumpet, 
vermaint (verhext), verlogen, verseßen (auf etwas), versoffen, ver- 
saut, sich verschwören, verlachen, vergeben (davon: vergift), u. a. 
(vgl. Z. 11,85,36); weg, fort: verthun, verwichsen (sein Habe; Z. 

II, 90), verruckt (im Geiste), verhauen, verdammen, vertuschen; 
auseinander, zu nichte: verwerden, verderben, verhören (Schm. ver- 
hergen), verlegen (Obst); vgl. zer-. — Anstatt „für'': versehen (ei- 
nen Kranken), vertreten (für einen auftreten), vernicht (daher hd. 
vernichten), verübl, vernarrti haben (einen) u. a. — Vgl. Grimm, 
Gr. II, 859,^. 

*verdailen, verdodl'n, (ob. Etschl.) eine Art Weintrauben; ital. verdo- 
lina. 

*vemdtsch, Art Traube, it. vemaccia; s. oh. fernätsch. 

Vesper, f., Vesper, auf dem Lande an höhern Festen und deren Vor- 
abenden gewöhnlich gesungen; v^sperrosenkranz, Abends gebeteter 
Rosenkranz, vespern, vb. , flüstern, murmeln; halblaut beten; vgl. 
ßspern. 

vich, n., Vieh, ahd. fihu, feho = lat. pecus. RA. leben, wies liebe vich, 
zum 4ß-n gen, wie's liebe vich, d. h. ganz unchristlich. — vichl, n., 
kleines Vieh, einzelnes Stück: die vichdiam oder vicherin^ Vieh- 
magd, Stalldirne. — vtchmdßig, adj., adv., vielunäfsig, d. i. sehr, 



Nachtläge aus Tirol zu Schmeller's bair. Wörterbuche. 339 

gewaltig, stark (so auch: es'lmdßigj. Ueber Viehnamen vgl. unt. 
Namen, vichzng'l, m., Viehzucht (s. zügeln). 

vil, adj. u. adv., viel; sovl, so viel; fähig, im Stande: er ist nit sovl 
aufz'sthi; sovl und sovl, für Nennung einer bestimmten Zahl; 
sovl, adv., so, gar so: sovl fleißi, it. tanto; wievl, wie viel: wievl 
ist'S? wie viel ühr ist es? — der wievlte, wievielte. 

vög-l, m., Vogel; fig. Finne, kleines Geschwür; dim. vögele. — g-späfs- 
vog'l, lustiger vog'l, wie hd. — Gefügel, (ä. Spr.) Geflügel. Tir. 
L. O. V. 1603 verbietet „alles Raisgejaid, weil von Ostern bis 
St. Jakobitag alles gefügll in der bruedt." — Die vogdhütt' , vog'l- 
tenn', f. Vogelheerd, vgl. roccolo; vög'lsteig- , f., Käfig. 

volk, n., wie hd. ; — die Inwohnerschaft eines Hauses ; volk, dim. völk-l, 
n., im ironischen Sinne: saubere Leute; des is ä volk! sagt die 
Mutter tadelnd von ihren Kindern. Im mhd. völklin, die gemeinen 
Leute. 

voll, adj., berauscht, ganz betrunken. Im ludus de ascens. Dom. (Pro- 
gramm V. Innsbruck, 1852) sagt einer: ich war frue und spat vol. 
er ist voll (voller) läus'. — völlig, adv., nie im Sinne des hd. gänz- 
lich, vollends, sondern immer nur: beinahe, fast; i bin völli hin; 
er war völli z'sjjdt kemnva. Auch adjectivisch : des ist ä völlig's 
wunder, so zu sagen, beinahe ein Wunder. — Die vollen, völl-n, 
Fülle, Vollheit: ab'r heut ist in d'r kirch ä völl-n! d. h. eine Fülle 
von Menschen. Das maulvoll, Bissen, Schluck; hatidvoll, hamp/'l; 
nasvoll, Prise Tabak. Schm. I, 627. Z. III, 188, 33. 

von, Prädikat des Adels: er ist d hedr von, d. h. adelich. Vor dem 
pronomen pers. : von-eöm, vun idr; suffigiert: vmwn, vmiar; vüm- 
nvar (von mir). Zeitliche Partikel: vu kindheit au , a puero; vun- 
alters; vun-e, von ehe. Schm. I, 630. 

vor, väar, adv. — grad vaar, eben, zuvor; ddrvaar , davor, zuvor. Ad- 
jectivisch: der vädrige, vorige, vädrdere, vordere, voedere, z. B. di 
voedere woch , vergangene Woche. — väamdcht, vorgestern. — 
vorchet (Passeier), vorher. — vaartl, m., Vortheil ; pl. vddrtl. Schm. 
I, 634. — vormdsn s. ob. fbrmds. 

vricht, vrücht, n,, für vergicht, Gichter, Convulsionen der Kinder ; Schm. 
I, 600. 

gabel, f., ahd. gabala, hohe, schroffe Spitze zu den Seiten eines engen 
Felseneinschnittes; gvibdle, n., äufserster Schöfsling an den Reben; 



340 Nachträge aus Tirol zu Schmeller's bair. Wörterbuche. 

der auf dem Schiefsrohr behufs des genauem Messens angebrachte 
Einschnitt, woher die RA.: einen df d- gäbl nemdn, auf d-r mugk 
hab'n (s. d.), einen scharf beobachten. Die adamsgahdl, scherzwei- 
se: zwei ausgestreckte Finger; aufgabeln, mit oder ohne Absicht 
bekommen (bes. v. unangenehmen Dingen üblich); s. Schmid, 213. 
Schm. II, 9. 

gdbig, gubich, gsibisch, adj., verkehrt; fig. ungeschickt, schlimm: d gsi- 
bischer köpf eigensinniger, launiger Mensch. Die gabige hant., der 
gAbige schudch u. dgl., die linke Hand, der verkehrte Schuh. Vgl. 
Kuhn, Ztschr. II, 54 : gabsch. Schm. : abich. Z. III, 337. IV, 58. 

gdch, adj. u. adv., jähe; hastig, plötzlich; allmählich, nach und nach. — 
Die verschiedenen Anwendungen dieses Wortes mögen folgende 
Beispiele darthun: gach sterb'n, unversehens; gach sein, rasch, ha- 
stig, plötzlich erzürnt (jähzornig) sein ; mhd. gäbe, ahd. gähi. Z. III, 
190, 63. 252, 206. — gack, gdling , gvtchling, ingvkchn. g»ch7ist, 
plötzlich; noch häufiger: endlich, bald, allmählich; Gl. v. 1580: geh- 
Imgen. — tirgdligst. (Pass.) plötzlich, — die g»ch', Eile, Hast: in 
der ga.ch , allsgiichs. Schm. II, 28. — gtich'n , vb. , eilen ; sich ver- 
gdchn, übereilen ; unbesonnen reden oder handeln. — die gtkchwind', 
pl., Schneetiefen, Schneeweben; stürmisches Schneegestöber; goT- 
zoind, m., (Innsbruck) Sturmwind. 

gaden, m., Geraach, Vorrathskammer, Speisekammer; in den Almen der 
Ort, wo die Alpenerzeugnisse aufbewahrt werden; Stockwerk. — 
Letztere Bedeutung war einst üblicher, als jetzt; Brandis, Gesch. v. 
1626: „der Wcndenstain (in Bozen) zerklob unzt an den vierten 
Gaden.^ Gl. v. 1753 : „das Closter hat vier Qaden."' zergad'u s. un- 
ter Z. — Schm. II, 15. Schmid, 213. Z. II, 344. IV, 102, 10. Hö- 
fer, I, 257. 

* gader, f., plur. gadem, Sehne, zäher Strang im Fleische; vgl. auch 
zadern, RA. zädern und gadom^ sehniges Fleisch. Schm. II, 17 hat 
goder, Gurgel, Schlund, fleischige Haut unter dem Kinn. 

* gädln, m., (Pust.) Hund; närrischer Mensch; vgl. Z. II, 347. III, 325. 
IV, 52. die ghale, freies, freches Weib; göale, adj., abgeschmackt, 
fade, geil. Ilöfer, I, 260. Schm. II, 30: gail. 

gädß, f., Geifs, Ziege; Weibchen der Gemse, des Rehes; das gadßkrdk, 
Ziegenvieh. Die Namen der Ziegen vgl. unter namen. — Gl. v. 
1426: „eisen ze versmieden und zu vier gaisfüefsen zu machen." 
Vgl. Schm. II, 73. 



Nachträge aus Tirol zu Schmeller's bair. Wörterbuche. 341 

gdff, g»fn, f., die hohle Hand; Gartenbuch v. 16. Jhdrt. : „zwo gro(5e 
Gäffm voll Meel.« Z. II, 345. IV, 322. In U. Innth. heilst gauffe 
jedes der hohlen Hand ähnliche Gefäfs. (Köfler: hebr. rjS.) 

* gägen, gage, goglen, (Ob. Innth.) gestikulieren, mit den Füfsen zappeln 

(von Kindern); vgl. Schm. II, 24: gaughen. Schmid, 214. Z. I, 262. 
II, 190, 5. V, 104, 58: g&kVn, gaugg-ln. 

gagkdle, n., (Kinderspr.) Ei, vom gaglc, gagh der Henne. Vgl. Schmid, 
214: gagen. Z. II, 468. IV, 317. 553, 1. 

"^ gagJcelöarn. vb., 1) kindisches Spiel treiben; 2) seine Arbeit langsam 
verrichten; faulenzen; (ob. Etschl.) die f/agklerei, das gägklwerch 
(s. Schm. gaugken), Spielerei, närrische Handlung. 

gagk'n, cacare; Schm. II, 24. — der qag-l, dim. gdgdle, n., 1) Excre- 
mente kleinerer Thiere; gddsgag'l, hundsgag-l; 2) (im Scherze) klei- 
ner Mensch, Zwerg. Zu beachten wäre hiebei auch: Kugel und 
gäghale; vgl. cimbr. Wb. kagela. 

* ga^gkern, gvtTgk'n, vb., (Etschl.) widerwärtig schreien, wie die Henne, 

besonders von Kindern; das gegvCgk, Geschrei; die gviTgk (Vinsch- 

gau), die Nase. Vgl. guegkern. 
"^gägkes, m., Cocos; gägkesbet, f., Paternoster mit Kügelchen f grollen) 

aus der Cocosnufsschale ; vgl. Höfer, I, 258. 
gägkez'n, gigkez'ti, vb., gracillare; stammeln, stottern; der gägkezer, Stamm- 
ler. Leb. des hl. Heinrich v. Bozen, 1712: „N. hatte die Sprach 

verlohren bis auff das Oagetzen.^ 
gdiggern, (Pust.) zweifeln, schwanken. 
*gnl, gdll, (Unt. Innth.) schlüpfrig; (in Pass.) gel/, glatt, glänzend, 

schlüpfrig, wie Eis oder die innere Seite der Baumrinde; mhd. gelf, 

glänzend. Vgl, Schm. gelfen. 

* galant, (Oetzth.) adv., sehr, viel; adj. : gut, günstig; (Ob. Innth.) hübsch; 

z. B. ä gdlänt's stierl. 

* gälfe, f., (Pust.) Getreidemafs, etwas weniger als ein Vierung; L. O. v. 
1603: „stär, galfan, mütlin, gut abgefächt und verzaichnet." Vgl. 
Schm. II, 33 : galhai. 

g allen , vb., schallen; galm, m., lauter Schall, Schrei; geirrten, (Pass.) 
schreien; gehnezer, (Pust.) Wehruf. Vgl. Rixner, 205. Schmid, 216. 
Schm. II, 29. Z. III, 336. 532, 62. IV, 168. 

gämern, vb., (Unt. Innth.) das Haus hüten, namentlich während des Got- 
tesdienstes ; Schm. II, 47. Z. V, 258, 15. 



342 Nachträge aus Tirol zu Schmeller's bair. Wöiterbuche. 

gampen (vgl. unt. gumpen), lustig springen, hüpfen; gampeln, sich im 
Scherz herumbalgen ; gämp, f., lustige Dirne ; gämpig, verliebt. Vgl. 
Osw. V. Wölk, gam, lustig; mhd. gemelich. — Wahrscheinlich mit 
gampen hängt der gämper oder die gämpe (Ob. Innth.) zusammen, 
d. i. der Platz um den s. g. pfärrer auf den Almen, wo das Vieh 
zur Nachtzeit eingesperrt ist. 

gdmß, gtimes, plur. gdms'n, (Oetzth. gdmdzlen), f., Gemse. — gdmsjägkl, 
m., (im Scherz) Satan; der gdmsbart, s. Schm. ; juncus trifidus, L., 
die Simse; gämswurz, f., arnica scorpioides, L. , der Löwenzahn; 
gämsgras, n., juncus Jaquini. Vgl. Höfer, I, 266 ff. Schm. II, 49. — 
gams'n, lustig hüpfen; vgl. gampen. 

* gand, gann, f., collectiv gänddch, n., SteingeröUe in Folge eines Berg- 

sturzes, Haufen abgerollter Steine ; cimbr. Wb. ganda, ganna. An 
einem solchen SteingeröUe liegt das Schleis Gandeck bei Kaltem. 

— gantig, (Pass.) adj., steinig, rauh. Z. IH, 331. 

ga,nen, (Unt. Innth.) günen, ganstern, plur., Funken ; auch die volle Form : 
gdndstern (ahd. ganastra) kommt vor ; s. Z. II, 345. III, 462. Höfer, 
I, 270. Schm. 

* gdngka, f., gdngki, m., (Ob. Innth.) eine lange, hochgewachsene Person ; 

vgl. Schm. gaunkel u. Z. III, 132. 

*gdngJcer, gdngkerl, (in Pass.) gdngherling, Teufel, böser Geist. Vgl. 
das um Presburg vorkommende tschankerl, schlimmes Wesen (Pro- 
gramm der Ob. Kealsch. v. Presb. 1855, S. 22. Z. IV, 452); Schm. 
fankerl. Das Wort gehört nach Schm. zu gan, Funke. Vgl. Hö- 
fer, I, 270. Vocab. 1663: kanker, Spinne. Z. II, 345. III, 109. 

*gdngln, (Kinderspr.) angeln; die gdngl, Biene, Wespe. 

^ gank, gang, m. (Oetzth.), das gdngdli (Ob. Innth.), Abtritt (Etschl. die 
Tiütv). — Compos. mit gang: fürschigäng, Fortgang; umgang, ummi- 
gäng, Procession; Trojer, Chron. v. Bozen, 1648: „wann der umb- 
gang für ist" ; auf gang , Aufwand ; umniergang , herumschleichende 
Krankheit nicht gefährlicher Art; durchgang, Leibesöffnung. Vgl. 
gen. gdngklen, (Samth.) zu gehn anfangen, wie die Kinder. Vgl. 
Z. III, 132. 

ghns, f., wie hchd.; RA. mit den gänsen auf die weide gehn; zum gen8- 
brunnen trinken gehn u. dgl. für: arm sein; vgl. Z. III, 12. 361, 1. 

— gänsen, kokettieren; ghns, f., Kokette; gdnsig und gdzig, zie- 
rerisch. 

*gdnsUng, (Etschl.) unzerschnittene, kleine Rübe fürs Vieh; zu ganz? 



Nachträge aus Titol zu Schmeller's bair. Wörterbuche. ä4ä 

*gäntelle, f., eine Art Gemeinwiese, die im Frühling den Schafen, im 
Herbste den Kühen zur Weide überlassen wird; vielleicht zu gand 
(s. ob.), da sie meist am Bache sind und steinigen Boden haben. 

gänter, m., 1) Unterlage für die Fässer u. dgl.; s. Schm. — 2) (Pass.) 
Gefäfs, Butte, worin man Flüssigkeiten auf dem Rücken trägt; vgl. 
Z. II, 345. 

* gdntsch, adj., (Pass.) stolz, trotzig, wild; vgl. Schm. ganz, 3. 

* gdrdi, f., (Innth.) Garde, Leibwache; Nationalgarde; fr. garde. 

* gärk'n, gargk'n, gärgker, plur. (ob. Etsch.) Stangen, woran die Leim- 

ruthen gesteckt werden. 

* gärhl-n, gorhl'n, (Pass.) ungeschickt, mit ungeberdiger Stellung zu Bo- 

den fallen; vgl. schwarghl-n. 

garrez-n, knarren; ächzen, krächzen; dann: laut schreien (ünt. Innth.); 
daher der garrezer, (im Scherz) kleiner Schreier, Kind; vgl. mhd. 
garren, pfeifen, kirren, rauschen, schreien. Andere Formen sind: 
gurrez'n, g'schurrez'n; vgl. Schm. gur; Z. II, 346: gerraz'n. Schmid, 
221 : garren. 

gärt', f., Gerte ; (Ob. Innth. Vinschg.) der Stab, mittelst dessen die bren- 
nende Harzscheibe beim Scheibenschlagen (vgl. Z. II, 233) fortge- 
schleudert wird. 

garten, m., wie hchd. ; der weigdrt, Weingarten, wei'gdrtholz; hhdgdrt, 
traulicher Besuch, davon: liädgdrt-n, sich traulich unterreden, un- 
terhalten; Z. III, 530, 7. IV, 252, 76. 32L 329. gdrtlm, vb., den 
Garten bestellen; Gl. v. 1753: „ist zu merken, da(J um diese Zeit 
herum unsere Brüder anfangen zu gärtlen." — „Ueber die gart- 
knechte, so sich auf die gardt legen" . . . die gartende, hausie- 
rende, streichende knecht" (L. O. v. 1603) ; vgl. Schm. II, 68. Rix- 
ner, 208. 

* gärz'n, pl., (Etschl.) junge Rebschosse; zu gärt, Gerte? 

gajS, f., dim. gdßl, Gasse. — gaßenldf-n; die ehmals übliche militäri- 
sche Züchtigung; lig. etwas Hartes unternehmen; — gdßlen, vb., 
oder ins gdßl g^i z=z fensterlen; vgl. Schm. Z. II, 346. III, 470. 
IV, 77. V, 103, 1. 

*gdsselen, plur., (Etschl.) kleine, zweirädrige Wägelchen. 

* angässen einen, (Vinschg.) anhetzen, antreiben. Wahrscheinlich nur 

Wechsel mit h: anhassen, anhussen. Schm. II, 253. 
*gdsprig, m., (bes. in Pust.) Gerste; Gerstensuppe. 
gast, m., 1) wie hchd.; 2) Schelte auf einen Menschen; abscheulich, 



344 Nachträge aus Tirol zu Schmeller's bair. Wörterbuche. 

häfslich. In dieser Bedeutung sticht wol das ursprünglich feind- 
liche (hostis) dieses Ausdrucks hervor, wenn es nicht etwa nur als 
garst, gartig, engl, ghastly zu nehmen ist; vgl. Schmid, 222: ga- 
stig, häfslich. 

* gätell, (Etschl.) biegsam, elastisch, weich, wie Leder, Gerten und dgl. 

Vgl. Schm. II, 80: gättlich, conveniens. Z. I, 299, 3, 1. III, 
538, 46. 

* gdtzig, adj., geschäftig, flink ; schwatzhaft, besonders von jungen Weibs- 

personen gebräuchlich; vgl. Schm. gatzen, schnattern. Z. 1,285, 1, 19. 

* gauder, m., Truthahn, Z. IV, 54; vgl. hauder: Z. H, 85, 29. III, 

266, 2, 1. 

* gauge, f., (Zillerth.) Dyssenterie; Durchfall; s. ob. gdgken. 
*gaugken, auch ganzen, vb., schreien wie ein Esel; (Pass. ülten); die 

gaugkd , überlästige Schreierin ; das gegaugk. — Einen ä'gaugken 
(Hall), durch Stichreden zum Besten haben, spotten. Vgl. ob. 
g^gkern und kauzen. 

* ganz, (Vinschg.) verkümmertes, schlechtes Vieh; — ganz, f., dim. 

gäuzl, Mütze von Filz oder Leder; weibliche gemeine Kopfbe- 
deckung im ünt. Innth. ; seltener: katze; vgl. kauz. 

*Gdd'dl, f., Gertrud. Z. III, 329. IV, 156: Ged'dd, Gea'dl. 

geb-n, (conj. ga,b- od. gehdt, seltener: gieb' , part. g4b-n). Hier nur ei- 
nige, von Schm. nicht aufgeführte Bedeutungen. — abgib-n, (sich), 
ellipt. mit einem schlechten Leben, (von Dirnen); überg4bn, (mit 
dem Ton auf der ersten), sich erbrechen; vergaben (einen), ihn ver- 
giften; in der ä. Spr. mit dem Dativ. So in Gl. v. 1445: „damit 
dem hertzog von Oesterreich vergeben werdt*;" z'sämgebn, copulie- 
ren, vermählen; Brandis. Gesch. 1626: „Bischof Cristoff von Brü- 
xen hat sie (Max und Bianca) zusamm geben f eing^b-n, einem Arz- 
nei reichen, wie einnemdn z— Medicin nehmen. 

* gebds, göbes (Etschl.), göbse (Ob. Innth.), f., weites, aber niedriges 

Milchgeschirr von Böttcherarbeit, nur auf den Sennalmen behufs der 
Aufbewahrung und des leichtern Rahmens der grofsen Milchmenge 
im Gebrauche. 

g^bnacht, in Ob. Innth. gönacht, Neujahr; in d- gönacht gian, einem das 
Neujahr anwünschen (ag'winnen). In Unt. Innth. hingegen, wie 
bei Schm., Weihnachten. Die Ableitung s. bei Schm. 

gegkäl interj. des Abscheues bei Kindern; s. Schm. II, 24: gägkeln, 
cacare. 



Beiträge zum niederdeutschen Wörterbuche. ^fA 

geigen, \h., wie hchd. Die RA. sich heimgeigen lassen, sich derb abwei- 
sen, bespotten lassen, erinnert an einen in Ob. Innth. (Zams) noch 
jetzt bestehenden Brauch, wonach diejenigen, die auf einer der zwei 
Gemeindealmen eine grörserc Quantität von Alpenerzeugnissen ge- 
wannen, den andern, minder GlückHchen zur Nachtzeit grofse Geigen 
auf die Häuser malen. — Der geiger, eine Art Käfer (Etschl). — 
Einem eines geigen oder auf geigen, scherzhaft abweisende Formel. 



Beiträge zum niederdeutschen wörterbuche. 

Von Friedrich Woeste in Iserlohn. *) 



H. 

Anlautendes h im niederdeutschen stimmt meist mit dem hochdeut- 
schen. Wie in diesem, mu(5 es verschiedene laute der nichtgermanischen 
sprachen vertreten, oft das g (p) des hebräischen. Zuweilen kann aus 
orientahschen sprachen der beweis geführt werden, wie grundverschie- 
dene Stämme im deutschen in eine form zusammengefallen sind, sei es 
durch Störung der lautverschiebung, oder dadurch, daß unsere spräche 
unfähig geworden ist, gewisse lautliche unterschiede auszudriickeu, die 
andern leicht und geläufig sind. Ein hieher gehöriges beispiel bietet das 
deutsche 'h-n, sofern es hebr. k-n und g-n entspricht; vgl. unten Hennd. 

Südwestf. mundarten zeigen zuweilen anlautendes h, wo es dem nhd. 
in denselben oder verwanten Wörtern fehlt. Dahin gehören: hai, er, 
hampelta, ameijie, harkd =; hraJcd, rechen, häwdrrüt, afterraute, häwdr- 
äschd, eberesche, häwdrhlawd, afterklaue, Heärman, Irmin, heirnidtdl, ei- 
ternepel. Vgl. Z. III, 110. V, 217. Ferner bieten sich beispiele dar für 
den Wechsel von h und s (z) in hulwdrn, schluchzen (aus altem hwili- 
wan) neben mlwdm, zulwdrn, auch zulfarn (aus altem swiliwan und swi- 
libhan); — huppdn, hoppdn, sich rückwärts bewegen, neben huppdn, wel- 
che zu den wurzeln hw-p, sw-p, w-p (volvere, flectere) gehören. Noch 
ist anzumerken, da(J anlautendes h in st (hümmel — stümmalj oder in 
sk, seh (heilig — schellig) zuweilen seine nächsten verwanten hat. Vgl. 
Z. III, 107. V, 106, 13. 



*) Mit Verweisungen vom Herausgeber. 

28* 



346 Beiträge zum niederdeutschen Wörterbuche. 

1. liaggdn, hai, taggon, taggd, tarrdn, tangd. 

Sik taggdn (sich zanken), taggd (zänkerin), täggeriggd (gezänk) sind 
bei uns häufig vorkommende Wörter; vgl. Z. V, 138, 29. Wir haben 
aber auch die durch reim und emphatisches verhalten ausgezeichnete for- 
mel liaggdn un taggdn. Anders als so gebunden hörte ich haggen nie. 
Es steht indes in einem sprichworte bei Körte : de sich det dages haggeti, 
liegen H nachts unner den plaggen (tüchern). Aus einem adj. hag ist un- 
ser hai (gehäpig, ha(5end) erklärlich. Es scheint mir dies das engl, hag 
(hexe), worin ich kein abgekürztes hagtisse sehe. Für haggan, wie für 
taggdn, ist mehr als ^ine lautrechte erklärung möglich. Beachten wir, 
da[5 man zu Rheda statt sik taggdn — sik tarrdn sagt, und die dortige 
mundart auch harrd für haddd (hatte) gewährt, so mu(5 man versucht 
sein, hier den in manchen gegenden so häufigen Übergang des d in g 
zu finden. liaggdn wäre also hadddn, was mit ags. headhu (krieg) und 
hd. hader zusammenhangen könnte. Ich gebe indes dem guttural den 
Vorzug und stelle haggdn als hagön zu hagjan, welches ahd. hakjan 
(mordere) entspricht. 

Ebenso könnte man meinen, taggdn sei nr tadddn für taden, ta- 
dön; dieses aber =; twadön von twa, wie ein mwestf. twiden, in zwist 
sein (bei v. St. westf. gesch.) auf twi führt. Aber auch hier mu(5 die gut- 
tm-alform festgehalten werden. Taggdn schlieft sich an goth. tagr (zäh- 
re, d. i. die beizende) und die griech. wurzel JAK. Es heißt also wie 
haggdn eigentlich beißen, so daß man behaupten könnte, in haggdn und 
taggdn walte ursprünglich nur ein emphatischer oder dialectischer unter- 
schied. Nehmen wir an, im altwestf. lag eine dem 8äxv€iv entsprechende 
form tagnön vor, so konnte daraus tangdn *) und taggdn entstehn. Bei- 
des war der fall. Für forceps setzte sich tangd fest, für zanken tag- 
gdn **). Im hd. verschob sich tangd ungenau in zange (für zanka), 
tangdn aber richtig in zanken. Neben tangd gibt es auch ein mwestf. 
tanger (mordax), Soest. Dan. 176. 

2. Hanvpdl, ampdl, hampdln, hammd, invpi, imd. 
Die wurzeln h-mp und -mp fallen zusammen, wie ampdl neben 
hampdl lehrt. Ihr grundbegrif ist der der bewegung, namentlich der 

*) Da» in roman. sprachen so häufige ng für geschriebenes gn erläutert den her- 
gang. So war goth. juggs (jung) vorher ein jugns, juhns, woraus sich lat. juve- 
nis erklärt, da v ein h vertreten kann. 
**) Wahrscheinlicher ist, daß nur tangsn, zanken, lang» aus tagnön, unser taggsn 
dagegen aus kürzerem altwestf. tagon rührt. 



Beiträge zum niederdeutschen Wörterbuche. 9^ 

Schenkel- und armbewegung, woraus dann der begrif des krümmens und 
des arbeitens folgt. Voraus gieng eine kürzere wurzel ham (am), wel- 
che als gam in dem hebr. mit 1 weiter gebildeten S^y (arbeiten) sich 
zeigt; es entspricht griech. xdiAveiv. Zu der weitergebildetcn wurzel 
hamp gehören für den begrif „bewegen": hamma, f (für hampd), arm 
oder grif einer sense; ags. hamme (= hampe), Schenkel, daher engl, 
ham; ital, gamba, bein; franz. jambon; unser hampdln, sich hin und her 
bewegen, daher hampdlman, gliederpuppe ; humpdln, sich hinkend fort- 
bewegen; vgl. Z. 111,132. V, 49: ampeln. Der begrif „krümmen" ist 
in xäfXTTTnv und vielleicht auch in '/m^tti] (raupe), doch weiset unser 
rupe, welches wahrscheinlich zu krüpen (kriechen) gehört, auf fortbewe- 
gung. Noch fallen hieher: engl, hampcr, unser JdmpJiamp =: verwor- 
rener knoten, verstiickung, verwickelte sache ; Z. II, 230. Wer die Wahr- 
heit durch allerlei winkelzüge zu verstecken sucht, der macht einen 
himpliamp op dd ualiehhrükd. Daher heijSt uns auch hampdln oder ham- 
pdllianndl driwDn einen handel treiben, bei welchem es überall auf be- 
trug abgesehn ist. An den begrif „arbeiten" reihen sich unsere ham- 
pdln, heämpdln, angestrengt arbeiten, was besonders auch von der ge- 
schlechtsarbeit (Soest. Dan. 116) gilt: dai junge Jcärl hampdld sik gans 
af\ dd lulingd heämpald oppdm dakd. Hampdl, m., hämpelkdn Ist daher 
penis. Man kann nun zweifelhaft sein, ob unsere hampdl, hamjyeltd, am- 
pdl, ampeltd, hämpdltd, amei(5e, wie griech. äftTTi], ein sich viel bewegen- 
des oder kriechendes, oder aber ein arbeitendes inscct ausdrücken. Viel- 
leicht stammt auch imjn, immd, ims (biene) in derselben bedeutung aus 
einem stf. impan m himpan, wie sich ja diese lautreihe in unserm himp- 
hamp ausspricht. Auf die nahe verwantschaft der wurzeln h-nk, -nk, 
so wie anderseits 1-mp, 1-nk werde hier nur hingedeutet; vgl. Lampe 
(episch) = hase. 

3. Hapo, happa, hippd, ccqtti] , hrabhan. 

Nach Grimm ist ahd. happa assimiliert aus harpa == üqtti]. Unsere 
mundart liefert eine probe auf die richtigkeit seiner erklärung. Das a 
in unserm hapd, f. (eine art sichel zum strauchhauen ; vgl. Schm. II, 221 : 
die heppen), ist nur dann zu begreifen, wenn die form hirpa zu gründe 
liegt, entsprechend lett. zirpe (gesch. d. d. spr. I, 105). Hirpa muste 
altwcstf. (wie goth.) zu hai'rpa werden. Die brechung ai pflegt vor ge- 
wissen ausgängen sich zu erhalten (z. b. hai'dn ■=. von werrig), oder ei 
(stdirndj und später ä zu werden. Fiel nun noch, wie vor consonanten 



348 Beiträge zum niederdeutschen Wörterbuche. 

gewöhnlich *) ist, das r aus, so mustc die form hei'pd oder hapd übrig 
bleiben. Natürlich ist das mundartliche hii^pd nichts anders als hirpe 
mit assimiliertem r. Unsere wurzcl harp, an welche sich äQndt.(x} und 
rapio schliej5en, erscheint als hebr. wurzel garbli in "y^V (räuberisches in- 
sect) und ^yiJ (rabe); hrabhan (rabe) ist daher mit nichten „ein rufer", 
wohl aber ein üqttu^, rapax. 

4. Hdr, heiräuk, liearhrand, Mar. 

Im Süden unserer Ruhr streicht eine zum teil aus grauem mürben 
tonschiefer bestehende hügelreihe, deren einzelne anhöhen auf verschie- 
denen stellen nicht Ilärd, sondern Här genant werden. Die Henier- 
Här hei[5t in einer urk. des 16. jhrh. Harr, f. Dasselbe kurze a, wel- 
ches sich nach dem verlautungsgesetze für die ältere form schon von 
selbst versteht, dürfte nun auch dem urk. Ilara im norden der Rulir, wo 
es einen Ilärstrang und eine Werler-Här gibt, gebühren. Hara scheint 
aus einem stf. hafran (sich erheben, hoch sein) zu stammen. Vergleicht 
man das hebr., so bietet sich sofort ein "in (berg), dessen anlaut aber 
schon verschoben ist; passender scheint ")1J7, erwachen, eigentlich sich 
erheben, aufstehn. 

Weiter gehört hieher hirrd-tirra im volksreime, wenn hirra, wie 
ich vermute, himmelshöhe ausdrückt. Tirra braucht, wie so häufig, nur 
emphatischer zusatz zu sein ; es kann darin indes auch ein zweiter name 
für himmel stecken. Man erwäge nämlich unsern hirtenruf MickMb Tir 
eib! worin Michael den Tir (Ziu) ins christliche übersetzt,**) das eih 
aber wol für heib (vgl. alts. helag) steht. Tir steckt auch in Tir -61 
(für Tir -loh), dem namen eines isolierten hügels bei Iserlohn. 

Ferner entspringt aus hairan ein Mir, ebenfalls höhe, himmel. Ich 
entnehme es dem compos. heiräuk, wie man zu Hemer den höhen - oder 
heerrauch nennt. Aus Mirräuh muste ein r ausfallen. Heir oder har 
sind aber lautrecht ■= goth. hai'r (hir). Mag die wirkliche natur des 
heerrauches immerhin ein heicn (brennen) voraussetzen, der name hö- 
henrauch spricht für meine erklärung, ebenso die auffa[5ung des volkes, 
welches der gegend des torfbrennens ziemlich fern wohnt. 

Wenn aber neben heiräuk auch höäräuk vorkommt, und die na- 
men des feurigen drachen Märhrand und h^awdnhrand sind, so kann 

*) Nicht immer; z. b. in harda, bard u. a. wird r nicht verschluckt; manche laßen 
überhaupt das vor consonantcn stehende r hören. 
**) Das wäre ein beßeres verfahren als jenes unten bei Hirmin getadelte. 



Beiträge zum niederdeutschen "Wörterbuche. $49 

dieses hear dasselbe altwestf. hair sein, sofern sich hier der einflufi der 
composition , die ein ei in ^d, 4ä verwandelt (=r: umdreht), geltend ge- 
macht hat, was in heiräuk unterblieben war. Vielleicht aber ist dieses 
h4ar, m., das folgende wort. 

Unser aus hari unter dem einflu[5e des i und r *) verlautetes hear 
mu(5 au(5er der abgeleiteten bedeutung — multitudo, cxercitus, vgl, menge 
für häufen, ital. monte — auch die grundbedeutung hohe (wie hara) 
gehabt haben. Wir unterscheiden nämlich von liHrd (herd) die höhe 
über dem herde und nennen sie hear. Weil der zunächst dahin zie- 
hende rauch bei fehlendem Schornsteine seinen weitern weg nach der 
dehle oder in die an die küche sto(5ende und höher liegende rauchkammer 
nimmt, so hei[5t auch die letztere hmr. 

5. Uarst, hcirloh, heru, **) harne. 

Harst, m., (meist ha' st gesprochen) bezeichnet weniger gebratenes 
fleisch, als fleisch von geschlachteten tieren überhaupt. Das wort er- 
scheint jetzt seltener allein, gewöhnlich in den Zusammensetzungen : pot- 
ha'st oder i^othah (eine mw. urk. hat den fn. Potharst) und jpanhast 
oder panha'h (gehacktes fleisch mit mehl oder graupen vermischt). Ahd. 
harstjan, ags. hearstjan (fleisch braten) sind erst von unserm subst, ab- 
geleitet. Ich vermute ein älteres harast aus der wurzel h-r, der au(5er 
der grundbedeutung flie(5en und gie(5en (hebr. ^!J?|') auch die besondern 
bcdeutungen: harnen, b]utvergie(5en, schlachten, opfern zustanden. An 
die begriff"e gie(5en, harnen schloß sich ferner der von inire aliquam 
(berg. en den hulc pessdn) und weiter coire; daher goth. hors, nhd. hu- 



*) Alte spur dieser verlautung ist hieri und ierid (für hierid, legio) in der Coton. 
abschrift des Heliand. 
**) Der Coton. Heliand rührt nicht von einem ags. Schreiber; er würde sonst sicher 
eine nicht kleine zahl ags. formen aufweisen. Man darf daher die vorkommen- 
den anklänge ans ags. dreist für Provinzialismen des sächsischen Schreibers hal- 
ten. Dahin gehören auch die vorhin erwähnten hieri und hierid. Sie lehren 
uns, daß man in altsächsischer zeit (dahin gehört die hdschr.) ein gebrochenes a, 
wenigstens vor r, nicht e sondern als wirklichen brechungsdiphthong aussprach 
(vgl. oben hecer). Dieses ie hatte sicher ein größeres zeitmaß, als a. Gebrochene 
a sind freilich später meist zu hellen kurzen e (e) geworden. Anders ist es mit 
den durch folgende r, h, bh, g angegriffenen i. Von diesen ist zu halten, daß sie 
der Sachse, wenn er sie auch mit e bezeichnete, doch diphthongisch, oder als 
lange e aussprach und daß sie deshalb mindestens eben so richtig von uns mit e 
als mit e ausgedrückt werden dürfen. Wie wäre es sonst begreiflich, daß der- 
gleichen e im ältesten mwestf. als derbe ey vorkommen; vgl. unten nr. 17. 



350 Beiträge zum niederdeutschen Wörterbuche. 

ren. Un verschoben blieb der anlaut im ags. gor, eigentlich urina und 
sanguis, woher engl. göre. So ist denn goth. hairus, alts. heru (gla- 
dius), aus dem präs. haira, eigentlich der blutvergie(5er , schlächter; — 
harast das geschlachtete, schlachtfleisch; — unser hdrloh wear wetter 
ohne regengü[5e, trockenes wetter; — haruc, harug eine Schlacht- oder 
opferstelle. 

6. IIeälw4äg, hidlwdäg. 

So wird der bekannte Hellweg zwischen Ruhr und Lippe, im kr. 
Iserlohn die milchstra(5e, hin und wieder auch der not- oder totenweg 
genannt. 

Da ci vor gewissen endungen, namentlich auch im ersten teile ei- 
nes compositi (z. b. Heärguad für Heirguad) brechung in eä, ea erlei- 
det, so kann Ileälweäg stehn für Heilweäg, welche form sich im mw. 
wirklich findet. Heil aber, wenn es nicht Ml (integer) sein soll, konnte 
nur aus hali entstehen; vgl. feil, Jul =: fali (feil). Mithin kann Heäl- 
zoeäg sein : 

a. der trockene oder ausgebrannte weg ; nach heil, gewöhnlich hol =z 
hali, trocken. Vielleicht darf man hebr. n7p (am feuer rösten) 
vergleichen. Diese erklärung würde zu einer mythe von der milch- 
stra[5e passen. 

b. der hohe weg, bergweg; nach hali (höhe, berg); vgl. hebr. Tr^V 
aufsteigen, sich erheben. Auf die alte landstra(5e pafst dies wenig, 
gut auf die milchstraße. 

c. der weg zum Hali oder Hei ; nach hilan (hehlen) ; vgl. hebr. üj^ 
verbergen. Pafst auf die notwege und nach neueren forschungen 
auch auf die milchstra(Se. 

Zu Hemer und Iserlohn hört man fast nur Hidlw4ag. Das bedeutet 
entweder 

a. den weg zur Hell (für Hella, Halja); ia compensiert die aufgeho- 
bene geminate; oder 

b. den hill- oder hell weg d. i. den hohen oder den hellen weg ; vgl. 
swidl ==: ags. swell. 

Wahrscheinlich verdient die form Hialwiag den vorzug; zugleich 
stützt sich die vorliegende demonstration auf die lautverhältnisse des krei- 
ses Iserlohn. Meine ansieht ist nun : der Hellweg als notweg ist der 
weg zur Hella; der Hellweg als milchstraße kann dieses sein, aber auch 
eben gut der hohe und der helle weg; der Hellweg zwischen Ruhr und 



Beiträge zum niederdeutschen Wörterbuche. $51 

Lippe hei(Jt, entsprechend der Volksüberlieferung, deshalb so, weil ein 
alter feldherr (das volk sagt Karl der große) hier einen heerweg durch 
die Wälder lichten lie[i 

Sollte unser Hidlwds-ldh bei Klusenstein (vgl. nr. 8) ein verstüm- 
meltes HiaUceägs -loh , jenes Hiärwds-knap und Hiärwds-kamp (Essel- 
len, Aliso 211) dasselbe sein? beides den ort oder die nähe einer alt- 
heidnischen grabstätte bezeichnen ? 

7. Hiärd^n. 

Haben unsere hausfrauen mehl von „gekienener'^ kornfrucht, wel- 
ches verbacken werden soll, so pflegen sie in dem waßer, das zum ein- 
mengen dient, ein glühendes eisen oder glühende eichenkohlen zu lö- 
schen: das nennen sie heärdan (härten). Eä ist hier eine durch folgen- 
des i gewirkte, aber durch r diphthongisch erhaltene brechung des a: 
hardjan, alts. herdian ; vgl. hebr. y^V stark werden. 

8. Hiärman, Armin, Hirman, Irmin. 

H^ärTUdn bezeichnet uns: 

a. ausgezeichnetes, großes; daher k^ärspdls-Märmdn = die gröste 
blutwurst. 

b. den Cheruskerfürsten Armin, d. i, Hairmin == den großen, divum. 
Die römische form beweiset, was auch sonsther wahrscheinlich ist, 
daß ai und äi in der ausspräche gleich waren ; der ton lag auf a ; 
vgl. wärwulf =: wairwulf. 

c. den Vornamen Hermann. Er kann rühren aus Hairman = Hir- 
min; oder aus Hariman, dann brechung durch folgendes i, erhal- 
tung des diphthongs durch r und Umstellung desselben in folge 
der composition. 

d. den gott des himmels, nach heidnischer theologie = Hairmin oder 
Irmin. Daß unser Heärman diesen noch bedeute, drückt sich un- 
bestritten in der redensart aus : Du mains ok, ussa H^ärguäd hedda 
Hiärman, nei loär di, hat het laiw9 Hardl was einen gegensatz 
von heidnischer und christlicher sinnesart bezeichnen soll. Eine 
weniger durchsichtige redensart ist: Du mains ok, iiasd Hiärguad 
heddd H^ärmdn un sätd oppdm prümBnboumd. Ein eigentümliches 
walten Hirmins wird in folgenden redensarten ausgesprochen: Es 
Heärman hi dif Di Mäd H^ärmBn wual in dar plägd! So ruft 
man dem ermüdeten und rastenden zu. Dem faulpelz sagt man: 



352 Beiträge zum niederdeutschen Wörterbuche. 

Hä, du hiäs wühl Il^ärman oppdm nackdn! Man vgl. ahd. hirmjan 

(ruhen). 
Zu Karls des Franken zeiten war Hirmins bild gewis ein besudeltes; 
aber statt es zu waschen und den leuten zu sagen : „So sieht er ver- 
nünftig aus ! So ist euer llirrain kein anderer als der unsere : liebe her- 
ren sind sie beide !" statt dessen fand man es bequemer, den sächsischen 
Hirmin in den kot zu treten und seine anhänger mit blutgesetzen zu ver- 
folgen, trotzdem da(5 sich doch mit Hirmin sitten vertrugen, denen ge- 
genüber die Christenheit sich schämen muste; vgl. Beda H. Eccl, So 
ist es denn 

e. begreiflich, wie durch die tätigkeit beschränkter priester Hirmins 
name zum ausdrucke des gemeinen und verächtlichen : hummalheär- 
men =: schlechtes pferd (Z. HI, 372); Ileärmdn sal dd jungd hai- 
tdn: hai sal ächtdr dB kaia! ja zur bezeichnung eines kothaufens 
[Märmen =: excrementum) wurde. 

f. Auch der Ziegenbock heipt so. Mitunter hat ein Iserlohner, der 
den taufnamen Hermann führte, nicht Hiärman genannt sein wol- 
len und gesagt: De hok het Heärmenl Z. Hl, 372. Es ist wol 
glaublich, da(5 der epische namen Heärrmn dem bocke zugefallen 
ist, weil er in Thunars gesellschaft erscheint. Thunar aber war 
natüi'lich ein himmelsgott, ein Hirmin; vgl. Simrock, mythologie. 

Universalis ist eine sehr einseitige Übersetzung des altepischen hir- 
min. Das wort ist compositum und zu zerlegen in hir-min (vielleicht 
durch vocalassimilierung aus hir-man entstanden, so dafs Hirman, Her- 
man die ältere form ist). Hir, zu der oben unter här abgehandelten 
sippe gehörend, steht für hiri und entspricht griech. aqiy egi in compo- 
sitis. Min oder man schlie[it sich an das alte präteritopräsens man *) 
(denken, vernünftig sein). Min oder man ist adj., wie wir in Westfa- 
len noch ein anderes adj. min (stamm des lat. minor, minus) haben. 
Wie konnte man götter und menschen episch be(5er bezeichnen, als wenn 
man sie die hochdenkenden, die eminent vernünftigen nannte I So mu[5te 
hirman, hirmin allmählich ganz den sinn des epischen ötog, divus an- 



*) Hebt. r\^JD (dividere, nunaerare). Sind denn Abrahams vorfahren zu irgend ei- 
ner zeit ein handelsslamm gewesen ! So ist es kein wunder, daß seine späten en- 
kel dies in so ausgezeichneter weise wieder geworden sind. Art läßt von art 
nicht. Geistige und leibliche züge der vorfahren kommen in den spätesten en- 
keln wieder zum Vorschein, wie in mir Westfalen das mitleid bei der schmäh- 
lichen behandlung unseres Hiriman. 



Beiträge zum niederdeutschen Wörterbuche. 

nehmen, ja dergestalt seine durchsichtigkeit einbü(5en, da(5 man es auch 
auf andere gegenstände als götter und menschen anwendete. Hirmin 
ward für sich allein zum namen des himmels (goth. himins == hirmins), 
vgl. sub divo, bezeichnete demnächst aber auch den herrn des himmels 
Tir (Ziu), Huanir, später Thunar und vielleicht auch Gwodan. Als epi- 
sches bestimmungsattribut konnte es dann ausgezeichnet, allumfajJend, 
allgemein ausdrücken. 

Wie entstand die form Il4ä7'mdnf Das eä {^i ia) ist das ags. eo 
(=1: iä, ia), Umsetzung oder zweite brechung; also Umsetzung von ai in 
Hairmin. 

Bei uns gibt es manche örtlichkeiten, die man auf Hirminscult be- 
ziehen könnte. So liegt ein Hermesland (urk. ) bei Iserlohn, mitten 
im gebirg, wo verschiedene pfade zusammenlaufen, berüchtigt als spük- 
ort, von der sage als wüste burgstelle bezeichnet, aber ohne derartige 
trümmer. So gibt es bei Hagen eine stelle, welche das flurbuch Her- 
mesloh nennt. Der forscher hat sich aber mit dergleichen sehr in acht 
zu nehmen. Wie im norden der Lippe (vgl. nr. 6j zwei örtlichkeiten 
erst als Hiärmeshnap und Hiärmeskamp aufgefa(5t, nachher aber zu Hi- 
ärwdsknap, Hiärwdskamp (? durchaus) berichtigt wurden, so ward dem, 
der dies schreibt, unlängst ein mit steingeröll bedeckter platz im Klusen- 
steiner felde, wo der Überlieferung nach hirten sonst alte gebrauche fei- 
erten, zuerst Hermesloh genannt von einem freunde, der mit hd. ohre 
gehört hatte, bei weiterer nachfrage kam ein Heärwdsläuh zum Vorscheine, 
und schlie(51ich erklärten die nächstwohnenden, der platz habe immer 
Hialwdsläuh gehei(5en. 

Späterer nachtrag. — Christlichen ui'sprungs und zur herab- 
setzung des alts. heidentums gebildet ist unsere redensart : Deäm Ica-mma 
wis mäkan, U9S9 Heärguäd hedda Heärmdn. Wichtiger ist folgende, wor- 
auf ich erst in diesem jähre aufmerksam geworden bin: Heäd di Heär- 
rmn 'dt mül tausmeärdf So sagt man im kr. Iserlohn dem begegnenden 
bekannten, der es unterläßt, „tageszeit zu bieten," wie dies landessitte 
fordert. Offenbar berechtigt dies, wie jenes „TIdästa Heärman om nackan?" 
unsern Hirmin dem Hermes zu vergleichen; man erwäge 'Egfxrjg iireiq- 
ijX&e *). Man vergleiche aufierdera den ägypt. Harpocrates, dessen auf 
schweigen deutenden finger Plutarch schön, aber gewis unzureichend er- 
klärt hat. 



*) Die deutsche redensart „Es flog ein engel durchs zimmer" wird hier in Iserlohn 
häufig durch „Et genk en polizeidainsr dü'drt aal (dü'dr de 8tüäw9)" ersetzt ! ! 

23 



354 Beiträge zum niederdeutschen Wörterbuche. 

Damit scheint Grimm's annalime, Hirmin sei Gwodan, also auch zr: 
Hermes, neue stütze zu erhalten. 

Indessen am ende mag es sehr überflü(iig sein, zu streiten, ob Hir- 
min ein Gwodan, ein Thunar und was sonst von bekannten germani- 
schen göttern gewesen sei. War er Gwodan, wenn auch ein kriegeri- 
scher, oder Thunar, warum führte er nicht einen dieser namen, die ge- 
wis zu Karls des Großen zeiten noch ganz volksmä[5ig waren ! Eine ein- 
zelgottheit steckt aber in Hirmin ; wie könnten ihn sonst unsere sprüche 
dem Herrgott, dem lieben Herrn entgegenstellen ! Das rätsei dürfte sich 
am leichtesten lösen, wenn wir, auf die alte deutung von Hirmin fü- 
gend, in ihm eben den Deus universalis sehen, der, über den parti- 
culargöttern stehend, die wichtigsten cigenschaften derselben in sich ver- 
einigte. Standen unsere vorfahren so auf der schwelle des monotheis- 
mus, hatten sie in Hirmin einen vernünftigen gottesbegrif, ein bejieres 
als Gwodan, Thunar etc., dann begreift sich auch eher der hartnäckige 
widerstand, den sie einem rohen Christentum entgegensetzten, das ihnen 
mit feuer und schwert aufgedrungen ward. 

9. Ileäsdln, hirse, rissdl, rüssdln. 

Unserm Mäsdln (sich schütten vor lachen) scheint ein altes hairsil- 
jan vorausgegangen zu sein; vgl. alts. hrisian, goth. hrisjan, ags. hrist- 
lan. Die Versetzung des r (vgl. horse) findet sich auch im verwanten 
hd. hirse. Die wurzel hr-s, der diese Wörter angehören, hat zahlrei- 
che spröden getrieben, weil die begriffe der erschütterung, der bewe- 
gung, des fallens und steigens eng zusammenhangen. Sie lieferte die 
namen für gegenstände, welche leicht bewegt werden, z. b. au(5er der 
hirsenrispe (hirsi), für die haarnadel fhrisilj, den gewandfetzen, der flat- 
tert (flaaddrdj: rissdl, riasdl (riasdln un hidsdlnj; selbst in reis (hris) 
schläft der grundbegrif nicht. Eng an ihn schliefst sich unser inissdln 
(schütteln, rütteln). Anderes sehe man unter hriosan, hrisan nach. Die 
Wurzel hr-s steht in naher verwandschaft mit hr-dh (ags. hrädh, schnell, 
hridhjan, fcbricitare, ja hehr. "IIP nennt den schnellen wilden esel, ona- 
ger). Wie ridere dem Römer lachen heißen konnte, lehrt unser hir- 
siljan. 

10. Il^cJwn, hucJidln, hHgdn. 

Mit husten, mark, haustan, altwestf. hwuastan, ags. hvostan, deren 
s aus h entstanden scheint, gehört zu derselben wurzel unser Mchan, 
keuchen (Z. 11, 134; vgl. IV, 34: hechezen, wiehern, u. HI, 329). Die 



Beiträge zum niederdeutschen Wörterbuche. 5^5 

form erklärt sich völlig taus Iiahjan (? — - hwahjan, spirare, vgl. wehen), 
vgl. Usch9 (lachse) aus laski. Anderwärts sagt man hachdn; das ist 
hahön. Zu der nämlichen wurzel gehört au(5er hd. hauchen und keu- 
chen auch berg. huchdln, frequent. aus hühon. Dieses huchdln con- 
struiert sich mit y,na wat^ in der bedeutung adspirare ad aliquam rem, 
sich nach etwas sehnen, z. b. such ens, dat kenkd hüchdld na den Mar- 
schdn! Da nun ein mark, heigan op und heigdn na ganz dasselbe aus- 
drückt, so steht zu vermuten, da(3 die letzteren im g zweimal der laut- 
verschiebung entgangen sind. Heigdn, aus dem prät. von higan, schliefst 
sich an ags. higjan (niti, tendere), setzt ein hiugan voraus, dessen ante- 
cedens higan die alts. hugi (spiritus, mens) und huggian (cogitare) ge- 
liefert hat. 

11. Hei' 9, ]iaid7i, herrich. 

Unser hei'd, f. (= hHdd), werrig (vgl. Z. ni, 428, 204. IV, 130, 42. 
V, 168, 147), lä(5t sich nicht anders begreifen, als wenn wir eine i-bre- 
chung (aij vor r annehmen. Im adj. hai'dn (-- Jiaidan), von werrig, hat 
sich das alte ai vollkommen bewahrt. Wir erhalten so ein altwestf. 
hairda, welches genau dem ags. heorda entspricht. Ein vermutetes ags. 
hearda (für heorda) ist abzuweisen. Dap es aber dem heorda voraus- 
gieng, versteht sich von selbst, da ags. eo = eä := ^a rrr ia =r ai. Mit 
gutem rechte aber wird heorda zu heard (hard) gestellt, da nicht allein 
beide gleicher abkunft aus h-rd sind, sondern auch heorda, Mi'd, be- 
griflich die härtere, stärkere faser bezeichnet. „Hai'dn lukan es fästdr 
assa flehhd7i.^ Hen-ich in unserm „larikherrich ßas" wird wahrscheinlich 
von andern richtiger heärich gesprochen; es führt lautrecht auf altes 
hairdig. 
■ 12. Hdirnidtal, Mistar, hast, heyst, ästar u. a. 

Gegenüber ahd. heitirnezila (eiterneßel), mark, heirniatal (rrz heidir- 
netila) steht ein oldenb. heddarnettdl (Golschm. volksmed. 122) im anlaute 
unverschoben, übrigens dem nd. leddar neben hd. leiter zu vergleichen. 
Unser gegenständ fordert für heddar und heidar eine wurzel, welche 
brennen ausdrückt, vgl. brennne(5el, Urtica. Man fällt daher sogleich 
auf eine nd. wurzel h-d, griech. x-d', so da[5 die Vermutung nahe liegt, 
dem atd-io mü[Se ein x abgefallen sein, worauf auch nicht allein der 
wahrscheinliche Zusammenhang mit xaico, ahd. heie, sondern auch der 
entsprechende abfall des h bei ahd. eit (feuer), nd. eddar (eiter) hindeu- 
ten. Man erhält so den deutlichsten beweis, da(3 die Wörter eddar und 
eiter eigentlich heddar und heiter lauten sollten. Vgl. Z. II, 318, 4. 

23* 



356 Beiträge zum niederdeutschen Wörterbuche. 

Ebenso scheint es der begrif zu fordern, da(S wir einem stf. hidan 
unser liHstdr, f., mhd. heister, m., franz. hetre *) zuweisen. Wie Urkun- 
den (z. b. Iserl. 1695: eichenheistern; vgl. Z. II, 124, 7. V, 147) und 
der heutige gebrauch in Oldenburg (wol auch hie und da bei uns **) 
lehren, ist die beschränkung des wortes auf buche dem begrilFe unwe- 
sentlich und nur dadurch entstanden, da[5 für den herd buchenholz dem 
eichenholze weitaus vorzuziehen ist. Wesentlich ist nach mhd. und heu- 
tigem gebrauche das merkmal „jünger bäum" (den jemand nach hause 
tragen kann). Das führt auf den gegensatz von brennholz und bauholz. 
Ich sehe nun in heistar einen bäum, der (buche) und wie er (jung) am 
häufigsten zu brennholz gefällt wird, wobei die gelegentliche Verwen- 
dung des Wortes für anderes junges brennholz nicht ausgeschlo(5en wer- 
den kann. Das s der form entspringt aus d. Wie das mhd. (Ben.-Mllr. 
I, 656) und der alte ortsname Heistras (mit jungen bäumen bestanden) 
lehren, war das wort st. m. 

Wahrscheinlich gehören zu derselben wurzel h-d unser mark, hast, 
m. (brand): in ddn hast läupdn =rr anbrennen, hästerich oder hasterich, 
angebrannt, brandig. Dieses hast könnte mit hd. hast (eile) zusammen- 
fallen, wiewol wir dafür hast, f., sagen. Einen einwand kann weder vo- 
cal, noch begrif begründen, vielleicht aber das abweichende genus. In 
der quantität des vor st liegenden vocals pflegt einige willkür zu her- 
schen, wie hästerich, hästerich, ebenso j>lästar (pflaster), hästdr (knicker 
von alabaster) zeigen. Des abweichenden genus wegen möchte unserm 
hast ein altes hast unterzulegen sein, welches aber ursprünglich eben- 
falls brand ausdrückte. Brand, glut kann leicht auf ungestüm, eile, hef- 
tigkeit, groll übertragen werden. Wir dürfen daher auch ags. haest (vio- 
lentus) zzz mwestf. heyst (für haist, hast) bei Seib. W. Urk. 719 und 



*) Man sieht, daß die Franken, welche wort und begrif einführten, vorher nicht zwi- 
schen nadelholzungen saßen. 
**) Castorff, in der zweiten hälfte des vor. jahrh. hochverdienter rector zu Schwelm, 
gab einst einem großen schüler ( bauernsohn und seges verberum) auf: „Morgen 
bringst du mir aus eurem walde eine gave eiche (graaaiko) mit !" — Nach der 
schule sagen die kameradcn zu dem beschränkten jungen : „Weiatu oh, wat ds 
rektäur heffan weif* — n^^h «o recht nich." — »Ah, du dumms junga / h'd wel 
"n9 aikanhiistar." — „Ah aäu !" — Tags drauf schleppt Klas mit seiner heister 
in die stadt und stellt sie draußen an die wand des schulhauses. Als nun der 
rector den burschen nach dem stocke fragt, den er mitbringen sollte, versetzt 
dieser: „J$A maind9, et sol 'n9 aikenhMsior sin, da heffik ok medgabracht ; mär 89 
wol nich in da Bgauh gan, da he/ ek 89 d9r(tüt9n an d9 wand gaatald." 



Beiträge zum niederdeutschen Wörterbuche. 357 

weiter ml. astus (? astus), ital. astio (groll) hieher ziehen. Im goth. haifst 
ist das f für eingeschoben zu halten. 

Noch wage ich dieser wurzel anzureihen : ästdr , m. , platter stein 
(=z ? altem astir) für liästdr, woraus ahd. astrih (estrich). Da(i hastir 
eigentlich den platten stein bezeichnet, der dem herdfeuer zur unterläge 
dient, lehrt altfrz. aistre, franz. ätre; hastir ist daher wesentlich herd- 
stein; könnte lat. atrium für astrium, hastriura stehen? 

Heit, heiß, und was damit zusammenhängt, ist nur durch Unordnung 
der lautverschiebung von der wurzel h-d getrennt worden. Aus dem 
hebr. können wurzeln T\V (üni-'), DD (0^3, gold), 13 (1'i'T'?, funke), 
aus dem chald. ü^fl, sommer, verglichen werden. 

13. Heisäpan, gäpdn, dpa, gaffard, (jaffal. 

Heihäpan, stark keuchen (auch münst. Firm. I, 291 b), ist zusammen- 
gesetzt aus dem adv. heis, heiser (zu hisan, laufen, als consequens; vgl. 
hase und hissa \^hisa\ Z. IV, 35], pferd, beide oursores) und äpan. Aus 
apa, uap oder ipa, ap mu(5 ein schwachf. apön (den mund öfnen) ent- 
sprungen sein und unser äpan (Z. IV, 129, 32) geliefert haben. Einfach 
ist es nur noch in gäpan (= gähnend den mund öfnen; Z. III, 284, 126. 
376) vorhanden. Von dem alten gapan (hiare, klaffen) stammen auch 
lautrecht unser gaffal (gabel) und gaffard (der maulaffen feil hat; vgl. 
Z. V, 143, 31. II, 541, 169). Oäpich (hians) bedeutet uns unverständig, 
unvernünftig. Erwägen wir dazu, da(5 dpa im mwestf. seltener einen 
wirklichen äffen, als einen narren bezeichnet (d. i. einen dunmien men- 
schen, der verwundert das maul aufsperrt und über die dinge, die er 
vor äugen hat, nichts zu sagen wei(J; vgl. Z. V, 40, 77), so darf wol 
nicht gezweifelt werden, da(3 apa (simia), der von haus aus ein unver- 
nünftiger gaffer und gaffard ist, seine wurzel in dem aus gapan verstüm- 
melten apan hat. Vgl. ySjTrog, hebr. r]1p. Da hebr. yf^p wahrscheinlich 
aus dem indischen entlehnt ist, so darf noch ?]?, höhlung, gew. hohle 
band, so wie H-?; krümmen, verglichen werden. 

14. Hella, heilich, hei, hilh; schellig. 
Unser westf. Hella, f., ist nicht blo[5 alts. Hella, HeUia, goth. Halja, 
höUe, zu helan, was der hebr. wurzel gal entspricht (in D^J^^, verbergen, 
mit abl. D). Für die sehr häufigen ortsbezeichnungen dieses namens 
kann nur zuw^eilen die bedeutung halja passen; so etwa für die Totan- 
hella fDäuanhelbJ, einen hof bei Veserde im Lüdenscheidschen. Bei den 



358 Beiträge zuin niederdeutschen Wörterbuche. 

übrigen Helbn wird ein anderes wort zu gründe liegen. Die hohen 
Helldn werden nach ags. und engl, hill zu verstehen sein. Eine solche 
Helh ist z. b. die hohe Nordhelb im kr. Altena. Andere Helhn, na- 
mentlich bei Sundwig (felsenmeer), bei Balve, eine im kr. Altena sind 
statten uralten bergbaus, von denen sich die Sundwiger als gewaltige 
pinge auszeichnet. Hier pafste ein haldi, präcipitium. Es ist indes auch 
denkbar, da(5 diese pingen vom material benannt sind ; neben goth. hallus 
(fels) kann es ein altwestf. halli gegeben haben. Dafür könnte sprechen, 
da[5 ein an die Sundwiger Ilellg stoßender höhlenreicher kalksteinhügel 
der Halheärg heij3t, was lautlich nur von hallus (fels) herzuleiten ist, wie 
jenes compos. auch im schwed. gebräuchlich. Hallus (fels) führt frei- 
lich wieder auf hallen (schallen oder auf h-1, hoch sein). Noch andere 
Helbn sind ehemalige wäldcr; für sie scheint hallen (schallen) die er- 
klärung zu geben. 

Woran nun schließt sich unser heilich (auch helsk), welches man 
von geplagten tieren gebraucht, die wütend werden oder ausreißen ? Im 
mw. hütet sich daher das verb helf/en (belästigen, plagen), Seih. W. Urk. 
463, im nhd. behelligen; vgl. Grimm, d. wb. I, 1335. Nach haldi, 
präcipitium, ließe sich ein haldig, präceps, denken, da sich indes schon 
ein mhd. hellec, ein späteres hellig findet, und schellec (vgl. Kläden in 
V. d. Hagen's Germ. VH, 352) dieselbe bedeutung zeigt, so mü(5en wol 
die wurzeln h-1 und sc-1 sich vertreten und neben dem begriffe des 
Schalles auch das ausgedrückt haben, was den schall erzeugt: die schnelle 
bewegung. So kommen wir zu unserem adv. hei (celeriter), westf. hilb, 
welches hie und da zu hilde *) geworden ist (Z. V, 147). Die entspre- 
chende lat, Wurzel k-1 zeigt sich in celer, die hebr. in S|?, leicht, schnell. 

15. Henna, Hund , Hein, Hinna, Haunjdr. 

Wie P^ttmüller im ags. wb. richtig ansetzt, gab es einst ein hiunan 
(haun), bedecken, und, wie sich gleich zeigen wird, auch ein altwestf. 
hanan (huan) in derselben bedeutung. Es muß also ein stf. hinan vor- 
ausgegangen sein. Mindestens verwant ist dieses hinan mit himan. Man 
erinnere sich hier der Vermutung Grimms (myth. 496), daß Hiuni wol 
aus Hiumi entstanden sein möge, und vgl. den Wechsel der wurzeln s-m, 
8-w, s-n. Daß indes die n-form von hohem alter ist, lehrt unverkenn- 



*) Man vergl zu diesem übertrit des zweiten 1 unser hillä, f., boden über dem stalle 
{^unndrhalkdn ; Z. V, 147), mit holl. hild, keller u. holl. kelder, stall u. dän. stald. 
So giengen einst wo! wurzeln mit auslautendem 1 zunächst in 11, dann in Id über. 



Beiträge zum niederdeutschen Wörterbuche. 359 

bar die hebr. wurzel gan in |3Xf, wölke ; vgl. |33, beschützen (bedecken). 
Stf. hiunan konnte weiter zu huinan, heinan, hinan umgelautet werden. 
Diese verschollenen verba nun scheinen mir die quelle von Hüne und 
Hein, während Hinna, Hennd aus hinan, Haundr aus hanan hervorgien- 
gen. Alle hier genannten subst. fordern den begrif bedecken. Mit 
ausnähme von Haxmdr sind in ihnen angehörige des totenreichs bezeich- 
net, welche die erde bedeckt. Unsere gespenster, als wiedererschei- 
nende tote (revenants), mischen sich in der volkssage offenbar mit zwer- 
gen, kobolden und riesen. Ostfries, henns in hennd -Med ist toter. Die 
Hunan des südlichen Westfalens werden zwar meist als riesen, aber zu- 
weilen doch auch als höhlenbewohnende zwerge gedacht. Dazu passen 
dann nach einer seite hin die hünanhedd^n (grabstätten aus grauer Vor- 
zeit) und das Munankleid (totenkleid). Verbanden sich dunkle erinne- 
rungen an die von Germanen verdrängten Kelten mit dem anschauen 
der zum teil großen hunanheddan, so muste sich wol die sage von Hu- 
nan als riesen bilden. An henna wird sich ahd. hinna (? kobold) schlie- 
(5en; ob auch hennd, Soest. Dan. 66: Nu is den Duitsken lool hekaimt 
dal henne is ein gek (narr) genannt'? Von freund Hein versteht sich 
die Sache von selbst. 

Da(5 altwestf. hana, huan nicht blo(3 canere (hebr. |^p und ^1p) be- 
deutete, lehrt unser fluch : IIau7idr - wear ! der durchaus ein Dudndr - weär ! 
vertrit. Wenn ich hau7idr (hühner) vergleiche, so finde ich, daß die 
altwestf. form Huanir lauten muste; das ist aber genau altn. Honir. 
Dieser nordische Poseidon muste natürlich im binnenlande ein beherscher 
des Wolkenmeeres, ein verpeh]y€QeTa Zevg sein. Das pafst treflich zum 
hebr. pV wölke. Und wie den alten fluch Ilaunar-weär das Du^nar- 
w4ar meist *) verdrängt hat, so muß Huanir einst von Thunar verdrängt 
worden sein. Vgl. Simrock myth. über Honir. 

Zur Wurzel h-n, hebr. g-n gehören vielleicht unser deutsches gau- 
ner und ital. ingannare. 

16. Heukdn, heuk, huk, huckd. 

Aus der wurzel h-k (sich krümmen) entspringt unser stf. h^ukdn. 

Es ward aber beschränkt auf das gekrümmte sitzen (hocken); daher 

Mukdy f., hockende Stellung (Z. V, 148), huckd, f., alts. huc, kröte (Z. 

V, 63, 26. 168, 148), hukstdm, sich hockend fortbewegen (Z. IV, 269, 10). 



*) Doch im munde der Iserlohner fabricker noch häufig genug. 



360 Beiträge zum niederdeutschen Wörterbuche. 

Dazu und zum folgenden vgl. man das hebr. J)^V, sich beugen (krüm- 
men), und das mit 2 abgeleitete ^*p^, hiigel. Aus der weitern "bedeu- 
tung, welche hiukan einst hatte, erklären sich unsere heuk und huk. 
HruJc, m., hiigel, erscheint in: et genk üäw^r huika im struik?. Wenn 
in derselben redensart statt des reimhaften huika bisweilen huiga fpl. von 
heug) gesagt wird, so erinnert letzteres an mhd. houg, houk und nhd. 
hügel. Heuk, m., geschwollener zapfen, mu[5 mit hetik. hiigel, eins sein. 
Huk, m., bedeutet winkcl, innere seite der ecke; es gehört der west- 
märk. und bergischen mundart an. Vgl. helgol. hük, angel ; Z. III, 32. 
17. Hidwdlschd; heyvemoder. 

Hidwdlsckd ist hebamme (Schwelm). Es stammt vom altwestf. hab- 
jan =; alts. hebbian, heffian, goth. hafjan, heutigem hidwdn (heben). 
Man vgl. im hebr. die verwantcn wurzeln IV {"^V, schwelle), P)!^ ^'^.V, hü- 
gel) und 33 (i^?^? hoch sein). 

Für unser Ividwdn aus habjan gab das folgende i die a-brechung, 
die quantität des i ist (als i) durch w (= b) bedingt. Mit bezug auf 
das vorliegende subst. ist nun entweder anzunehmen, von unsern alten 
sei der ehemann als hhwd (d. i. hebel, heber) = man-midwife gedacht, 
und davon Mowslschd (hebamme) abgeleitet worden ; — oder wir müjien 
das 1 in diesem werte für euphonisch und eingeschoben halten, wie in 
düngaldenst, wiskdldank und m. a. Nach der letzten annähme wäre 
dann habiska, hebiska die alte form. Folgen wir dagegen der ersten 
Vermutung, so erhalten wir habiliska, hebiliska. 

Bei habiliska ist wol ein wort über die endung -iska am orte. Be- 
kanntlich hängt man in Westfalen überall -skd, - schd an den namen 
des mannes, um das weib zu bezeichnen; vgl. Z. 11,285,24. III, 134. 
281, 75. IV, 132, 178. 237, 4, 1. V, 138, 24. 26. Dieser brauch lä(5t sich 
schon in Schriftdenkmälern des 14. jh. nachweisen, wo die endung zu- 
weilen noch -esce geschrieben wird. Ihn, wenn er auch seltener vor- 
kommen mochte, für noch älter zu halten, dürfte eben nicht gewagt 
scheinen, da auch die adjectivendung isk in älterer zeit vorwiegend auf 
personen- und völkernamen fiel. Aber was ist denn dieses isk, iska? 
Am natürlichsten und leichtesten ist die antwort : Es bedeutet mann und 
weib. Dem redet das gewis primitive tt'^K und ni£*N *j neben dem Isco 
und Askr unserer beiden- und schöpfungssagen das wort. 

*) Die auffaßung der Genesis, die männin sei vom manne, ist richtig, trotz der form 
tt'JK, die eben nur (wie ein sund aus sud) ans tt^N gefloßen war. Ueberdies 



Zum Consonantisnius der sieb. -sächs. Mundart. ^ 

Das mwestf. bietet für hebamme ein heyvemoder (Seib. W. Urk. 
853 ). Dabei bemerke ich : Da[5 es einst ein stf. hiban , hab gab , ist 
nicht blofJ der analogie gemä(J, sondern wird durch heban (himmel) und 
alts. hevön, heben, gefordert. Beide Wörter sind lautlich nicht anders 
zu begreifen, als durch die annähme, da(5 b im altwestf., wie ein r, auf 
vorausgehendes i brechend einwirkte. Altsächs. heban ist also, falls wir 
nicht diphthongisch zu sprechen haben, aus haiban verdichtet, weshalb 
ihm der * gegeben werden darf, ebenso hevon aus hai'vön. Der Ags. 
pflegte ai umzusetzen und da auszusprechen, was er dann unbeholfen eo 
schrieb. Der Westfale machte es bei einigen Wörtern ähnlich : ihm ward 
ai zu ia, 4a, iä, 4ä\ bei andern behielt er ai, schrieb mw. ei, ey auch 
wül e (nw. ei, ä, zuweilen auch ai gesprochen). So ist denn das ey 
in heyve die alte i-brechung von haiban oder schwachf. haibon (hevon). 

18. Holwd, solive, siil. 
Unser sül (schwelle; vgl. Z. 11,43, 1. 111,30. 263, 89. 562. IV, 30) 
entstand aus swelli, welches mit goth. suljan (gründen) zur wurzel sw-1 
gehört. Daneben scheint es ein swillwa, suliwa gegeben zu haben, wor- 
aus franz. solive gebildet ward. Aus der verwanten gleichbedeutigen 
wurzel hwl dagegen gieng ein paralleles hwiliwa, huliwa hervor, wel- 
ches als hülwe im mhd. morast, aber als holwa , f., bei uns den grund- 
balken des daches (also wieder eine schwelle) bezeichnet. Der abstand 
der bedeutung in diesen beiden letzten Wörtern verschwindet, wenn wir 
erwägen, wie aus der grundbed. der wurzeln sw-1, hw-1 (hohl sein) 
auf das wühlen in der erde und weiter auf kot übergeleitet wurde. 



Zum Consonantismus der siebenbürgiscli- sächsischen 

Mundart 



Von Joh. Mätz in Schäfsburg *). 



I. Die liquiden: 1, r, m, n. 
1 

läfst ein j nachtönen in maljd, mild, waljd, wild, fäljd, faltet, scholjd, 
schilt. 



tat dem ersten redactor der mythe gewis kein zahn mehr weh, als der erste 
punctator sein punctum ins C setzte. 
*) Mit Zusätzen und Verweisungen vom Herausgeber. 



362 Zum Consonantismus der sieb. -sächs. Mundart. 

li geht über in lg in: Ulgen, Lilien, pdtersdg, Petersilie. 

1 geht in nasales w über in mängz, Milz; in n im Worte zappen, Zipfel; 

wird z in seier zig, säuerlich; vgl. auch heszig, häfslich. 

r. 

Altes r ist erhalten in der vorsilbe dar-, da- (der-, dbr-J: derha, dabei, 
derdurch, derhim, daheim, dermät, dervun, derzea (vgl. Z. III, 128. 
136. 250, 64); ebenso in wärlt, Welt (mhd. werlt; Z. IV, 195); da- 
gegen 

verschwindet r in: di, der, welcher, hi, hie, er, i (mhd. e), eher, äsen, 
unsern, maschiren, mi (mhd. me), mehr (aber mirMt), wid (neben 
wird); vgl. Z. III, 127. V, 209; ferner häufig in der Silbe zer-, so: 
zedr allen, zewäddern etc. Z. I, 123. 

r wird zu s in Infinitiven, wie himpesen, hämmern, u. a. m. ; 

wird 1 in balbiren und märwel, Marmor. Vgl. Z. III, 98. V, 210; 

wird n in zinten, Zentner, zegunnen, Zigeuner; vgl. auch hienen, Hühner; 

wird versetzt in hdrlen, brüllen; vgl. Z. III, 127 u. öfter; 

läfst ein e nachlauten in : dorent,, Darm, goren, Garn, worem, warm, orem,, 
arm; dagegen: der armen, der Arm (doch in Compos. wieder orem: 
orembrast, Armbrust, etc. neben ärmband, Armband). Vgl. Z. V, 43. 

■11 

steht, wie im Mittelhochd. , für neuhochd. n in: fadem, bodem, biessem, 
Besen (Z. IV, 410, 82), wosem, Rasen; 

assimiliert sich in hrffel, armvoU; vgl. Z. II, 192, 45; 

läfst ein altes e nachtönen in sumet, Sammt, vom mhd. samit; 

tritt an in müdem, Miethe; 

verschwindet dagegen in kmi, kommen, kit, kommt (Z. IV, 408, 29), 
nien, nehmen; 

wird im An- und Inlaut zu w in wäspelz, Mistel, märwel, Marmor, mor- 
weln, murmeln. Vgl. Z. III, 100. V, 210. 

n 

hat oft nasalen Laut, so: ming, mein, di^ng, dein, si^ng, sein und sind, 
wing, Wein; besonders bei folgendem d-Laut, wie: bangde7i, bin- 
den, angden, unten, häng den, hinten, sang den, Sünden, sängd, seit 
(aus mhd. sint; Z. IV, 281, 5), Ä^-df (altes heint, mhd. hint; Z. II, 
518. IV, 104, 18), vorige Nacht. 

Altes n haftet in turn, Thurm, mhd. turn. 

n wächst als An-, In- und Auslaut an, oder hat sich aus der älteren 
Sprache erhalten in: nast, Ast, meiner, Müller (vgl. Z. V, 255, 77), 



Zum Consonantismus der sieb.-sächs. Mundart. §^ 

remner, Riemer, smen, seihen, zin, Zehe; ferner in Mnenrj (ahd. cu- 
ninc), König, fäneng (mhd. pfenninc), Pfennig, reneng, Rettig, dow- 
reng, Tagwerk, Jiantreng, Handwerk; auch in der 1. Pers. Präs. Sing, 
tritt, namentlich vor Vocalen (Z. III, 206, 5. 281, 6. 391, 1 etc.), ein 
71 ZU : ich liewen, lebe, arheden, arbeite ; doch sind hier die Präterito- 
präsentia ausgenommen, als: ich terf, iväll, seil, meß etc.; 

fehlt als Anlaut in arcifs, Narcisse; häufig als In- und Auslaut, so: äm- 
sas (nach mhd. umbe sus ; Z. IV, 329, II, 5i, umsonst, boa (mhd. bie ; 
Z. II, 209), Biene, es, uns, äse, unser, es, em, en, eines, einem, einen 
(als Artikel; dagegen ^es etc. als Zahlwort), em, man, fär (mhd. 
verre), fern, foaf, fünf, göas, Gans, ist, einst (Z. IV, 410, 91), loas, 
Linse, nä, nein, 7iea, nun, verneaft, Vernunft, zöas, Zins; endlich auch 
in der Vorsilbe U7i-, an- (Z. IV, 283, 93), wenn sie nicht vor Zun- 
genlauten (d, t, z) oder Vocalen steht, als: übläk, Anblick, ügien, 
angeben, etc.; dagegen: undinken, Andenken, unträtt, Anti'itt, unzi- 
gen, anzeigen. Vgl. Z. III, 126. V, 45, 36. 210. 

ng verschwindet in foasten, Pfingsten, höast, Hengst. 

Laren, lernen (auch lehren), ist das alte und noch niederd. leren; Z. 

III, 383. 

n assimiliert sich in hirren, Birnen, womtner f-=z won mer), wenn wir. 

II. Die muten. 

1 . Die labialen: b , p , p f , f , v , w. 

b. 

b wird als In- und Auslaut regelmäfsig zu lo aufgelockert (s. Z. IV, 

406, 4), so: gaw, gab, dreiwen, treiben, lieioen, leben, law, Liebe 

(doch zweibel, Zwiebel, verschieden v. ziveiioel, Zweifel); als Anlaut 

etwa in Wetti, Barbara. Dagegen wird es 
zu p verschärft anlautend in panTcert, puklich, pursch, puschen, Busch, 

Blumenstraufs, pähetäl, pajaz, pila, Spielball, pischköt, puket; als In- 

und Auslaut in: ierper, Erdbeere, kripes, Krebs, uepes, Obst, repp, 

Rübe; 
zu / in häfel (~ hubel, s. Z. II, 552, 36. III, 47, 11), Hügel, gäffel, 

Gabel, 
b (niederd. w; Z. III, 367, 47) wächst zu in brarigen, ringen (doch nur 

körperlich; sonst rangen)', dagegen 
fällt es weg in gien, geben (auch mhd. gen neben geben, Z. IV, 282, 

45), him (mhd. hän), haben, giel (mhd. gel), gelb, hiesch, hübsch (Z. 

IV, 409, 44), mär (mhd. mar, flect. marwer), mürbe; 



364 Zum Consonantismus der sieb. -sächs. Mundart. 

assimiliert sich in : gitt, gibt, ämmes (aus mhd. imbiz, i'mbiz), Essen, nur 
als Compos. üblich in: mättag ämmes, owendümmes, Mittag- u. Abend- 
essen. 

Für nhd. b steht das ursprüngliche g in debg, Daube ( Schweiz, dauge, 
holl. duig, ital. doga, franz. douve etc.; s. Diez, roman. Wbch. 125). 

P« 

p erweicht zu h in zabheln, zappeln; zu w in Mwd, Haupt (Z. IV, 409, 

62). Kopf kennt unser Dialekt nicht, aufser in kepen, köpfen (auch 
kop, hölzerne Wasserkanne); wir sagen ebenso MwdichzaVat , Kopf- 
salat, wie hitodsach etc. ; vgl. Z. II, 44 ; 

verhärtet zu pp in roppen, Raupen; 

wird nach m eingeschaltet in himpesen, hämmern, u. a. 

pf. 

pf bleibt selten rein; nur auslautend wie kämpf, dJampf, und in Ablei- 
tungen: kämpf er, empfangdsem, empfindsam; 

wird anlautend zu ^ in: pärch. Pferch, pier sehen, Pfirsiche, pil, Pfühl, 
Polster, pläken, pflücken, pleäg, Pflug, plänzen, Setzpflänzchen (sonst 
ßänzen', Z. V, 38, 12), p6, Pfau, pol, Pfahl, wovon dirpel (Thürpfahl, 
s. Z. V, 238 ), Schwelle ; im Inlaut : hoppen (hüpfen), zuwerfen (BaU, 
Stein etc.), und hapesen, schäpen, schöpfen, stoppen, stopfen, zappen, 
zapfen; im Auslaut: kröp, schöp, zop etc.; 

wird anlautend auch zu / in fäff, Pfaffe, fänn, fand, fdrd, Pferd, föä- 
sten, Pfingsten, yarr, VfarreVyfäneng, Pfennig, überhaupt Geld; feangd, 
Pfund, feif fdl, Pfeil, f4Uer, Pfeiler, fefer, Pfefffer, flicht, flöster, föst, 
Pfosten. 

f erweicht zu w in: awer, Eifer, eawer, Ufer, 4lw, eilf, schiwer (Schie- 
fer), Span, Splitter, schwieicel, Schwefel, siwer (mhd. seiver, bair. 
saifer; Schm. III, 203), Geifer, stiwel, Stiefel, deiwel, Teufel, uewen, 
Ofen; 

wird zu h in hartes, barfufs, heihes, Bienenfafs, Z. IV, 285, 174; 

zu p in plom, Flaum (aus mhd. pflüme; Schm. I, 329), plomig, flaumig, 
plodern, flattern (Z. IV, 409, 48), dagträp (aus altem Dach tropf; 
Schm. I, 499), Dachtraufe. 

w behält meist seinen reinen Klang; 
wird h in hlesch, walachisch; 

wird m in mer, wir (vgl. Z. V, 280, 6. II, 496), schmänken, schwenken 
(Z. IV, 409, 62); 



Zum Consonantismus der sieb.-sächs. Mundart. 

fällt aus in hantreng, Handwerk (mittelst der Uebergänge hantwrek, hant- 
wreng), säster, Schwester (Z, V, 98, III, 19), mättog, Mittwoch (Z. 
III, 471). 

2. Die lingualen d, t, z, s. 
d. 

d hat als Anlaut vielfache Neigung zur Verhärtung, so: fc, du, teifselt, 
Deichsel, terf, Dorf, topein, doppeln, tost, Dachs, totein, düten, duten, 
treifsig (aber droa, drei), tukaten, tum, tuzend. 

Altes d hat sich erhalten in zand, Zahn; s. Z. V, 179, 205. 

d tritt nach niederd. Weise (Z. IV, 127, 10) hinzu in Ungd, Länge, 
iewend, Ebene, etc.; vgl. auch unter t; 

fehlt dagegen in en, und, mon (nach mhd. mäne; s. Z. IV, 411. V, 144, 
46), Mond, uerneng, Ordnung, sMg, sind (Z. V, 114, 2); 

wird versetzt in nöld, Nadel; s. Z. IV, 37. 

t. 

t strebt in hohem Mafse an- und inlautend zur Erweichung, besonders 
in Verbindung mit Lippenlauten und gedehnten Selbstlauten , so : 
toälden, gestälden, walten, gestalten, da, dag, Tag und Dach, dänz, 
dauw, Thau, Taube, däppen, Topf, dar, Thier, däsch. Tisch, d4f, 
tief, dean, thun, deir , theuer, deiwel, Teufel, dtd, Tod, dig, Teig, 
difen, taufen, du, Theil, dir, Thür, draw, trübe, dreanken, trunken, 
driw. Trieb, dron, tragen, duechter, Tochter, duer, das Thor (aber 
tir, tirhit, der Thor, Thorheit), düw, taub, etc.; im Inlaut: haden, 
hüten, wäder, Wetter, mädem, Miethe, meadig , muthig; gead, gut, 
hlead, Blut; 

tritt gern als Auslaut an nach Zungen- und Lippenbuchstaben, so : hätzt, 
Hitze, spätzt, Spitze, grefst, Gröfse, net, Nähe (vgl. Z. IV, 127, 10), 
ferner: kontert, Hollunder, kampelt, Tümpfel, ofselt, Achsel, tofelt, 
Tafel, tofst, Dachs, dräft (Trieb), Anlauf, verlaß nien, fürlieb neh- 
men ; dagegen 

fehlt t in: hregem, Bräutigam, äs, ist, amen (mhd. ärnen ; Z. IV, 283, 
93), ernten, antwern, antworten, in den Präteritis, wül, wollte, sül, 
sollte, hast, hattest, und hinter einem d: lid, leitet, schod, schadet, 
licJtt, leuchtet, etc.; 

wird zu k als An-, In- und Auslaut: kampelt, Tümpfel, mankel, Man- 
tel, tank, Dinte, zMich, zeitlich; s. Z. III, 554, 7 u. unten bei k. 

tt, auch t und d, wird rr (vgl. Z. II, 419, 4. V, 288, 31) in bärrlen, bet- 
teln, kärrel, Kittel, knärrel, Knödel, märrl (d. i. Model), Kleidermu- 



366 2um Consonaritismus der sieb. -sächs. Mundart. 

ster, schärvl, Schädel, scherrlen, schütteln, wärrel, Wedel, verzärr- 
len (verzetteln), verlieren; dagegen motter, voter bewahren ihr t. 
tt wird n in reneng, Rettig (?). 

z tritt zu 1 in : wäspelz, Mistel, scJiilzen, schielen; 

wird t in täschen, zwischen (neben zwäschen, Z. IV, 408, 65). 

tz wird zu tsch: zejilätsche^i , zerplatzen, etc. 

Das alte s ward nicht verdrängt vom späteren r in hasen, küren, wäh- 
len, verlasen, verlieren (aber verlueren, wie mhd. verlorn), was, ne- 
ben wor), war, fräsen, frieren (Subst. auch de frir neben det fräsen, 
das Fieber). 

s wird im Auslaut zu t, wenn es einem mhd. j (=::r (5) entspricht, also 
namentlich in neutralen Formen, als : et, es, det, das, dM, dieses, dät, 
dafs, dat, das(jenige), wät, was, int, eins, g4nt, jenes, ändert, anders 
(aber adv. anders, mit altem genitivischen s), granet, grünes, w4lt, 
welches, etc. 

s tritt ein in Zusammensetzungen, wie : oasdäder, Eidotter, oasweis, Ei- 
weifs, und in der verbalen Bildungssilbe -sen, wo es oft hochd. r 
entspricht: speoksen, spucken, trepsen, tropfen, tröpfeln, himpesen, 
hämmern, klipesen, kleben, impesen, leisen Laut hören lassen, sich 
mucksen (so gegen Kinder: uch net geimpest!), sich hetimpesen, sich 
betrinken. 

s fehlt, wie im Mittelhochd., in: salt, sollst, wält, willst, etc.; 

wird verschärft zu z in: zalat, Salat, senz, Sense, ziger, Seiger; zu seh 
in nischeln, näseln, durch die Nase reden; 

assimiliert sich in derr, dieser (neben d<?ser), wie mhd. dirre; 

wird nach r gewöhnlich aspiriert (s = seh), so: anders, irst, bin/t, fer- 
set, Schrecksal, Scheuche (v. erferen, erschrecken; Z. V, 38, 11), etc. 

SS wird tsch in nutschen, Nüsse. 

st wird zu tt zusammengezogen : e Utt, er läfst (mhd. Mt, laet, aus l^yet) ; 
zu sp in tväspelz, Mistel. 

In licht, schlecht (z. B. lichter Jcärl), ist wol nicht Abfall des seh, son- 
dern das hochd. leicht (Z. IV, 285, 142. V, 39, 33. 165, 106) anzu- 
nehmen; schlicht, meist üblich für schlicht, grade, gilt bisweilen auch 
für schlecht. Ebenso ist in hirz, Hirsch, nur die mhd. Form hir^, 
hirz bewahrt. 



Zum Consönantismus der sieb.-sächs, Mundart. 369" 

3. Die gutturalen: g, k, ch, h, j. 

g verhärtet zu k (vgl. Z. II, 497. V, 133, 15. 216) in: k^, kegen, gen, 
gegen, üktich ener (jeglicli einer), jeder, klok, Glocke, kluk, Gluck- 
henne, kuken, gucken (niedere!. Mken^ Z. V, 141, I, 29), stränk, länk 
räumlich; jedoch zeitlich: läng; dagegen 

erweicht es zu einem j -ähnlichen Laut in brängen, bringen, sängen, sin- 
gen, dangen, dingen (im Prät. aber: sängeii, dangen etc., sangen, 
dangen etc.), und verschwindet endlich ganz in: dron, tragen, hege- 
nen, begegnen, Mn, hängen, klon, klagen, loan, liegen, ren. Regen, 
son, sagen, schlön, schlagen, nirest (mhd. nieren), nirgend, med, 
Magd. Vgl. Z. III, 262, 60. 272, 27. IV, 139, 8. V, 216. Ander- 
seits wird 

g gern eingeschaltet zwischen n und d ; z. B. frangdern (verändern), hei- 
raten (Z. IV, 281, 25), hängdern, hindern, eängden, unten, greangd, 
Grund, weangden, Wunden, mecingd, Mund, heangd, Hund, keangden, 
konnten, etc. Z. IV, 406, 1. 407, 7. 

g assimiliert sich in morren, morgen (wol nach mhd. morne, morn, s. 
Z. II, 413, 34, aber als Subst. morgen, morgeldft etc.), und l^en, 
leugnen. 

g verschwindet in ed, Egge (aus eide, welches schon mhd. für und ne- 
ben egede, egde steht; vgl. Z. II, 419, 3. Im Quickborn: ei, f., bei 
Stürenb. 46 : eide). 

b. 

k erweicht zu g in gremel, Krümchen, und regelmäfsig in der Silbe -get, 
-keit, vor welcher zugleich ein anderer k-Laut schwindet, als: h%- 
derget, Heiterkeit, seleget, Seligkeit, bangeget, Bangigkeit, münschle- 
get, Menschlichkeit; dagegen 

verschärft es sich zu ch in heochen, hocken, stechen, stecken (Z. IV, 416, 
62), sowie es in nicken (von mhd. nichein etc. Z. IV, 281, 13. 407, 
12 ) , kein , beibehalten wurde ; 

wird tch in wieltchen, welken. 

k tritt hinzu anlautend in knogen (Z. V, 171, 70), nagen, knägeln, na- 
geln; sowie vor ein auslautendes t, besonders nach ed [-zz nhd. au, 
äu, ei), als: breökt. Braut, hebkt. Haut, kreökt, Kraut, leokt. Laut 
und läutet, meokt, Mauth; dagegen: bat, baut, hat, haut, trat, traut, 
etc. Vgl. Z. IV, 281, 26. 407, 12; 

fehlt in Ufter, Klafter (Z. IV, 408, 26), mört, Markt. Vgl. Z. V, 216; 



3()8 Zum Consoüantismus der sieb.-sächs. Mundart. 

wird bisweilen zu t, namentlich in der Kindersprache, wie tlinzig , tin- 
zig . klein, winzig (vgl. nordböhm. klintschig , 7a. II, 31), tUdchen, 
Kleidchen. Vgl. Z. IV, 257, auch III, 109. 

dt. 

ch wird zu g erweicht in: dag, Dach, heag , Buch; 

zu k in: sähen, suchen, schnörken, schnarchen, sowie im diminutiven 
-chen, namentlich, wenn es an f und w antritt (Z. IV, 407, 12); als: 
maisken, Mäuschen, stucken, Stübchen; dagegen bleibt ch hinter Vo- 
calen und den übrigen Consonanten: k4lchen, Grübchen, Mmchen, 
Bäumchen, stinchen, Steinchen, dirchen, Thürchen, Iddchen, Lädchen, 
duschen. Töpfchen, etc., also auch in den Doppeldiminutiven auf -el- 
chen, wie: stäkeichen, Stückchen, Binkelchen. Bänkchen, bügelchen, 
Büchlein. 

ch fällt aus in Zusammensetzungen mit noch, nach, als: nödrön, nach- 
tragen, ferner in nober, Nachbar, hi, hoch (aber Compar. hicher, hö- 
her), krezen, krächzen, wimmern, net, nicht, wel, welch (Z. IV, 410, 
78), sol ^ner. solch einer, wie auch vor der Endsilbe -get (s. oben 
bei g); 

wächst zu in schnirch (Schnur), Schwiegertochter; 

assimiliert sich vor folgendem s, z. B. : bifs, Büchse, y^/s, Fuchs, ofselt, 
Achsel, siefs, sechs, teifselt, Deichsel, uefsen, Ochs, tofst, Dachs, 
wiefsel, Wechsel, wöfs, Wachs, wöfsen, wachsen. Vgl. Z. II, 49. 204. 
V, 48, 64. 

Ii. 

h verdichtet sich auslautend zu g (nach mhd. ch) in sag, sah, geschäg, 
geschah, sch'eag, Schuh (mhd. sach, geschach, schuoch ; s. Z. IV, 408, 
22); zu ch in such, sieh', z^ch, zieh', möch (aus mhd. mage; Z. III, 
465), Mohn. Vgl. Z. HI, 110. V, 216. 

h ist, wie im Niederd. und den nordischen Sprachen, vorgetreten im 
Worte U, hie, er; vgl. Z. II, 75, 9. IV, 281, 27. V, 287, 13; 

-verschwindet in Zusammensetzungen mit -haus, wie: küfes, Kaufhaus, 
bäkes, Backhaus, rotes, Rathhaus, etc.; ferner in glän, glühen {gla- 
nig, glühend), blan, blühen, flan, fliehen, man, mühen (mhd. glüejen, 
blüejen, müejen etc.); endlich in der Silbe -heit im Worte krinkt, 
Krankheit. Vgl. Z. III, 111. 

h verschwindet ferner regelmäfsig beim Adverbiura her, wenn es in Zu- 
sammensetzungen den Hochton verliert, als: draf, dräm, dran, draua. 



Zur Erklärung einiger verschollener Wertet. ^$)$ 

drbä, driw, dröw, arun, drvuer, herauf, -um, -in, -aus, -bei, -über, 
-ab, -an, -vor; mit Betonung dagegen: hierkun, herkommen, etc. 

Ebenso wird ein angehängtes -hin inclinierend zu -en: äffen, ännen, 
aufsen, durchen, owen, vnnen, auf-, ein-, aus-, durch-, ab-, an -hin, 
d, i. hinauf etc. (Z. IV, 408, 27), auch Mmen, nach Hause (Z. IV,, 
416, 57); aber hiweisen, hinweisen, etc. 

h wird zu p in sich zipern, sich ziehen, besonders von Blumen, so: zi- 
perhrännen, Ziehbrunnen. 

J- 

j wird zu ch geschärft in cha, ja (Z. II, 192, 38); zu ^ in: ge, jäh, gech 
(Jauche), Krautsuppe, genner, jener, gaken, jucken, göch, Joch, gor, 
Jahr, gögen, fortjagen (aber: jogd, jagen, Jagd etc.), Gehann, Jo- 
hann, als Zuname und in Zusammensetzungen, wie Oehannesdag ; 
aber als Taufname: Johann, Johannes und üblicher Hans, Hannes. 
Vgl. Z. III, 547, 1. 

j, eingeschaltet zwischen 1 und d, s. oben bei 1; dagegen fäUt es ab in 
den Ableitungen von je (mhd. diphthongisches ie, welches in ä, ä, e 
übergeht): äJclich iner (jeglich einer), jeder, ä länger ä lawer, je 
länger je lieber, etzt, jetzt (auch enzet, itzt; Z. IV, 282, 35), ebenso 
in ämg.nd femendj, jemand, ämöls, jemals, die dem Nhd. nachgebil- 
det sind, wofür übhcher ^est (Z. IV, 285, 156. 408, 19) und äkest 
stehen. 



Zur erkläriiiig einiger verschollener Wörter der 
älteren Schriftsprache. 

Von Joseph Thaler, Pfarrer, in Kains bei Meran. *) 



1. Auf lauchen. Diesem veralteten, bereits in Z. 11, 28 u. 249 be- 
sprochenen Worte dürfte in den Tiroler mundarten wol am richtigsten 
das verb. aluchn (:= ablucken, aufdecken) entsprechen. Dasselbe 
stanmat von luch, n., deckel, wovon auch zualuck'n, bedecken, sei es 
mit einem deckel, einer bettdecke, oder einem kleidungsstücke. Ebenso 
bedeutet aluck-n: die bedeckung wegnehmen; z. b. den hafen, das bett, 
den leib, die füise u. dgl. aluchn (aufdecken, entblöfsen). Damit scheint 



^) Mit Zusätzen vom Herausgeber. 

24 



3'^0 Zur Erklärung einiger verschollener Wörter. 

das alte auflauchen gleichbedeutend und mithin ursprünglich dasselbe 
wort zu sein. Vgl. Schöpf, d. deutsche volksmundart in Tirol, s. 36. 
Schm. II, 432 f. 

2. Mallgrei, benennung von bauernhöfen bei Bozen und im Ei- 
sakthale. Den ersten theil dieses namens hat bereits prof. Job. Bapt. 
Schöpf in Z. II, 233 f. ganz richtig vom mittellat. mall um oder mallus, 
dem ahd. mahal, concio, pactio, foedus (davon auch mälstatt = gerichts- 
stätte, mälbote =r: gerichtsbote u. a. m. Ben.-Mllr. II, 19) abgeleitet. 
Den zweiten theil (greij ist er geneigt nur für eine collectivbildung zu 
halten, mithin das wort als mailerei, d. i. gerichtsgemeinde, zu deuten, 
indem das g in mallgrei nur euphonistisch sein dürfte. Schreiber dieses 
ist jedoch der meinung, dafs grei in Verbindung mit mall wol als malli- 
curia zu erklären sei, welches im munde des volkes erst zu mallcurei 
und endlich zu malgrei wurde. Dafs curia im latein des mittelalters 
auch einen bauernhof bedeutete, wird durch viele Urkunden bestätigt. 
Demnach sind die 12 malgreien bei Bozen nichts anderes, als 12 zum 
Bozen er gerichtsbezirke (mallum) gehörige bauernhöfe (curiae). 

Uebrigens kommt das wort grei, m., im Etschlande auch in der 
bedeutung „zweiräderiger leiterwagen" vor (Z. III, 331), wahrschein- 
lich, wie hchd. karren, vom lat. carrus. Davon führen wol mehrere 
berghöfe, wo man nur solche wagen gebrauchen kann, den eigennamen 
Greit oder Gereit, urkundlich auch Kareit (=: carretum)? 

3. Drischiwel , thürschwelle. Dieses wort erscheint auch in einer 
1509 geschriebenen dorfordnung von Schenna bei Meran „über saltnerei 
(feldhut), dorfrecht und ehaft" (gesetzliches herkommen). Wenn eine 
gemeindeversammlung, ehehaft teidigung u. dgl. zu halten ist, soll der 
dorfknecht am tage zuvor jedem besitzer es ansagen. Trifft er einen nicht 
zu hause, so soll er drei steine auf die drischubel legen, und damit soU 
er geboten sein. Vgl. Z. I, 252. II, 245. III, 344 u. IV, 346. 

4. Meritsch, f. — In der nämlichen Schennacr dorfordnung heilst 
es weiter: wenn der zu bietende eine meritsclien habe, dann sei der 
dorfknecht nicht schuldig, bis zu dessen hause zu gehen, sondern könne 
die drei steine auch nur bei der meritschen legen. Die bedeutung die- 
ses Wortes ist mir nicht klar ; auch gibt die hiesige landessprache keinen 
aufschluXs darüber. 

In den im schlösse Schenna aufbewahrten injurienstreitschriften 
oder eigentlich schmähbriefen (bei 30 an der Zahl) zwischen den rittern 
Hans V. Lichtenstein u. Markhard von Embs aus dem j. 1408 kommen 



Zur Erklärung einiger verschollener Wörter. 371 

folgende veraltete und, so viel mir bekannt, auch in den Tiroler mund- 
arten erstorbene bezeichnungen vor : 

5. Haclier, m., henker, wie mhd. hahsere, häher, von bähen, hän- 
gen; Ben.-Mllr. I, 610. So wirft der Lichtensteiner dem Embser 
unter anderem vor: „Du forchst dich, du wurdest von deiner mörderei 
und deubstahl wegen dem haclier an einen strick geantwurt. " Vgl. 
Schm. II, 166. 

6. Malatzkla^perl und Klipj)erlklapj)erl begegnen als Schimpfnamen 
in folgenden stellen: „Dafs du, Hans von Lichtenstain , von dem Pie- 
dermann flochest, und liest ihn bei dir fachen und hattest nicht so viel 
herz, dafs du . . . — so zeigst du dein ritterschaft , wie du ein ritter 
bist; man scholt dir (Vinschgauer Mundart für „dich") billeich einen 
malatzhlapperl^ etc., worauf der Lichtensteiner unter anderem erwidert: 
„Nu schreibst du mir von klipjperl-klapperl , — du sollt wifsen, dafs 
ich meine rittersporen ritterleich und mandleich als ein frummer ritter 
geführt han und bin nie schantleich noch schalkich, noch keiner mei- 
nes geschlechts nie aufgehangen oder gemalt bei den rittersporn als du 
von deiner grofsen bosheit wegen bist etc. Druck den brief nit unter, 
wann (denn) ich sein ein abgeschrift hab. Geben am samstag nach 
sand Ulrichs tag anno 1408.'' 

Liegt in klipjperl, kla^perl beziehung auf den klappernden degen, 
oder auf den buschklepper und Strauchdieb ? — „Da malatz (mhd. malätes, 
malades, maletsch, malaz, malz; Ben.-Mllr. II, 28. Diez, roman. 
wbch. 213. Frisch, I, 637*) sowohl den aussatz, als den aussätzigen 
bezeichnet, so wäre malatz-klapperl gleichbedeutend mit der siechenklap- 
per, jenem warnenden klapperwerkzeuge in der band der sondersiechen, 
und bedeutete hier, wie auch sonst, bildlich einen schwatzhaften, ruhm- 
redigen menschen, einen maulhelden. In Koburg sagt man von einem 
Schwätzer: sei maul g^tt wie ä siecJfnklipp'n u. nennt überdies verächt- 
lich ein taschenmesser, dessen feder lahm geworden, so dals die klinge 
hin und her schlottert: d siech'nklipp'n." D. herausgeber. 

7. Mispell, unstreitig ein hundsname, wenn ritter Hans dem Mark- 
hard vorwirft : „Dais du ein verzagtes herz in deinem leichnam hast .... 
das mag man dabei prüfen, da wir beid auf dem feld beieinander waren, 
mit geleicher wehr, und du den zagel (schweif) senktest als eine arme 
mispell, der du bist, wann du nicht änderst kannst, wann (aufser) bel- 
len." Demnach wäre mispell von bellen abzuleiten. 

24* 



372 ^^^ Erklärung einiger verschollener Wörter. 

„Dieses wort ist das mhd. mistbelle, schw. m. u. f., hund auf ei- 
nem bauernliofe, von seinem gewölmlichen lager so genannt. Ben.- 
Mllr. I, 126. Frisch, 80 u. 665. Schmid, 387.'' D. h. 

8. Ouderein, adj., bedeutet wol stoff zu einem gewissen zeuge. Die 
betreffende stelle lautet: „Du (Markhard) sollest wissen, wie du mani- 
gen frommen herrn ritter und knecht, stadtburger, kramer, kaufleut, 
pilgrim wider ehr und wider Gott beraubt und ermordt hast .... dafs 
du dein brief, dein aid, noch insigel nicht gehalten hast, und wie du 
dem münzmeister bei der nacht zween rock, ein gudrein und ein fuchs- 
ein, deublich ze Botzen hast lassen auswerfen.'' 

„Dieses Adj. gudrein mag wol für kudrein (kuderin) stehen und 
entweder zu Mder, werg (s. Z. in, 115. IV, 109, 44), oder besser 
noch, weil dem fuchsein entsprechend, zu kuder, edelmarder, Steinmar- 
der (Frisch, I, 553) zu ziehen sein." D. h. 

9. Fleisch verkaufen, eine mit unserem „seelen verkaufen" (=: men- 
schen verrathen) gleichbedeutende redensart: „Darnach mahne ich dich 
(Hans. V. Lichtenstein) an fleischverkaufen, das du ze Reif (Roveredo) 
gethan hast, dais du die frummen leut' verriethest, dafs sie gefangen 
wurden." 

10. Aufgenesteln^ aufnesteln, aufbinden, anheften mittels einer schnür 
oder riemen {nestel; Z. III, 401, 17). Der v. Embs schreibt dem Lich- 
tensteiner: „Darnach mahne ich dich, dafs du von Zams flochst bis gen 
Innsbrugg, dafs du die hohen nicht torst (getrautest) aufgenestlen." 

11. Feld geben, zeit und ort zum kämpfe oder auch zur Verhand- 
lung eines rechtsstreites gestatten und bestimmen. — „Ich gib — so 
schreibt der Embser an den Lichtensteiner — der sach ein kurz end, 
wann ich dann nicht räumen will, und bitt meinen gnädigen herrn her- 
zog Friedrich (mit der leeren tasche) als fast, als ich gethan hab und 
noch thu, dafs er uns feld und geleichen schirm geh, ausgenommen, 
was unser beider leib gen einander vollbringen müge; da will ich dich 
dann weisen mit meinem leib auf deinen malatzen (s. oben 7) hals al- 
les, das ich dir verschrieben hab, dafs das wahr ist" etc. 

Wir fügen diesen mittheilungen noch bei : 

Einige volksthuniliciie redviisart«!! aus Tirol. 

Den hund darschläg-n, das dreschen enden. Wer da von den dre- 
schern den letzten streich gethan, der hat d-n hund darschläg-n und wird 
verlacht. 



Kürzere Mittheilungen. 373 

Die wacht'l verjag'n, den getreideschnitt enden, wodurch die Wach- 
tel aus dem acker gänzlich verscheucht wird. 

Dreck scMah-n, am Johannis-sonnewendfeste, dem dinz-ltage (Z. IV, 

343) der hirten, als der letzte auf die weide treiben, wodurch einer sich 

als den säumigsten und trägsten verräth. 
Redensarten mit „gehen": 

hirch'ti gian, die kirche, den gottesdienst , besuchen. 

in waisat gian, der Wöchnerin einen besuch machen und ihr das übliche 
geschenk, die weisat, bringen. Schm. IV, 180. 

einem ins gai (gäu, gau, landbezirk) gian, ihm in seine rechte eingrei- 
fen. Schm. II, 3. 

afs gafs-l gian, nächtliche besuche bei der geliebten abstatten, fensterin. 
Z. III, 470. IV, 77. V, 103, 1. 

mit d'n krag'n gian, mit der haiskrause gehen, d. i. um die gevatter- 
schaft bitten u. als vater des täuflings mit zur kirche gehen. Vor 
200 Jahren trugen in Tirol auch bauern, statt des heutigen seiden- 
flors, bei feierlichkeiten eine haiskrause. 

mit di schütz'n gian, als landesvertheidiger ins feld ziehen. 



Kürzere Mittheiluiigen. 



Bobelatschen. 

Von Anton Kohl in Prag. 

Auf Seite 245 und 247 des 2. Jahrganges der Zeitschrift wird als 
fränkischer idiotismus das wort bobelatschen angeführt und demselben ein 
fremder Ursprung zugesprochen. Letzterer ansieht folgend, hat herr 
Petters es erklärt als aus dem cechischen povidati entstanden (Z. III, 
502). Nun wäre wol der Übergang von d in 1 nicht ohne weitere ana- 
logieen im indoeuropäischen sprachencomplexe ; doch, glaube ich, wird 
es nicht nötig sein, für unser wort erst in der fremde nach erklärungen 
herumzusuch en . 

Bobelatschen selbst kommt im Egerlande und seiner Umgebung nicht 
vor, würde aber, wenn es vorkäme, nach dem lautsysteme der mundart 
bobdlatsch'n hei[Jen. Analysieren wir das wort, so erscheint es als ein 
compositum, dessen zweites glied latschen hinlänglich bekannt ist. Vgl. 
Z. III, 134. 307. 503. Nun findet sich im nordwestlichen Böhmen auch 



374 Kürzere Mittheilungen. 

ein Zeitwort habd^n in der bedeutung „albern herreden, schwatzen", das 
auch anderwärts sich zeigt; so Z. II, 235 pappern, II, 280, 18 pappern, 
papperln, II, 463 hapern, gebaper, hapieln, bapler, bäpeln u. s. w. Dar- 
aus aber folgt, da[J bobelatschen eben nichts anders ist, als eine tautolo- 
gische Zusammensetzung aus hapern oder hapern und latschen, also nichts 
weiter bedeutet als hapernd latschen. Die mundart hat dies zusammen- 
gezogen, natürlich ohne um grammatische regeln sich zu kümmern. 



Zu Zeitschr. II, 38. 221. 

Kudeln ist mit hamb. (auch südmärk.) hudln, d. i. kugeln, zusam- 
mengestellt worden. Wäre kudelen ==: kugeln, so hätte die Iserlohner 
mundart gewis ein hudgehn dafür; sie bietet aber hudderdn (d. i. hudde- 
ran) =:z kläglich aussehn, sich krank zeigen, besonders von ticren. Da- 
zu trit ein adj. hudderich (hudderich) z=:. elend aussehend, kränklich, 
dann aber auch =: struppig, wirr (von haaren). Die letztere bedeu- 
tung scheint aufschlu[5 zu geben, warum kuddehn von hünern, die sich 
im staube wälzen, gebraucht wird. Daran schlieft sich (mit mutenwech- 
sel) das südmärkische hudhehn (d. i. kuhhehn), ebenfalls von wühlen- 
den und in folge dessen struppig aussehenden hünern. Weiter fällt hic- 
her das westmärkische und bergische kubhelich, kränkelnd, besonders 
von fieberanfällen. Ein subst. kudddn steckt in maikudddn, einer krank- 
heit, von welcher junge ziegen im frühjahre befallen werden. Noch 
gibt es ein süderländisches kudgdn fkuggdnj, kränkeln, mit dessen g es 
sich aber verhalten mag, wie mit imgdr für unddr, hengdr für hindar. 

Die bisherigen aufstellungen zeigen, da[5 ein anderer begrif als der 
der wälzenden bewegung vorwiegt. Da nun die in den westfähschen 
formen erscheinende oder angedeutete geminate, wie in zahlreichen an- 
dern fällen, aus dem bestreben rührt, kurzen vocal festzuhalten, so dür- 
fen wir wol eine wurzel kwath oder, nach belieben, kwith, be[5er aber 
kwad oder kwid ansetzen, deren sinn „widrig, hä(51ich sein" gewesen 
sein mag. Aus derselben entsprangen, außer den obigen formen, in der 
lautreihe id, ad: ags. cvead (kot), in ad, uad: ags. cödh (krankheit), 
in eid, aid: schwachf. ags. cvidh an (klagen), und nach einem mehr vor- 
kommenden übergange des th oder d in n [m] vielleicht auch unsere 
stf. kwinan und kwiman^ kränkeln, krankhaft oder verkümmert aussehn 
(Z. IV, 274, 169), woher dann weiter küm (? kwimo), kaum, a pena, 
kwn (? kwimi), engbrüstig, und kummar rühren. In die zuletzt ge- 



Kürzere Mittheilungen. 875 

nannte lautreihe gehört auch nd. hwad (= altem kwad), böse, schlecht, 
welches dem ags. cvead formell gleichzustellen die lautregel verbietet. 
Vielleicht dürfen auch küder und die mhd. küte, kiutel (Z. III, 115), 
sofern sie schlechtes, abfall bezeichnen, hier angereiht und unter die 
noch nicht aufgeführte lautreihe iud, aud gesetzt werden. 

Allen diesen formen dürfte im nd. ein echtes d zustehn, so da[5 die 
ags. dh auf unterbliebener lautverschiebung beruhen; die Unregelmäßig- 
keit der lautverschiebung für th und d ist bekannt genug. Ich halte so- 
nach dafür, da(S die obigen Wörter mit alts. quethan sämtlich nicht zu- 
sammenhangen. 

Da d zuweilen in s übergeht (vgl. huddehn und btidsebn, wühlen), 
welches letztere schon mw. als boeseln vom maul würfe gilt, so könnte 
obigem kuddehn auch noch ein kudsehn, unreinlich sein, entsprechen. 
Dazu gehören dann: kudsdl, f., unreinliches frauenzimmer, und kudselich, 
unreinhch. Vgl. Z. V, 63, 36. 

Somit erschiene bei dieser sippe ein Wechsel von d, b, g, s, n und 
m. Es fällt nur auf, dajJ nicht auch r vertreten ist, da in unserer ge- 
gend strichweise rr häufig für dd auftrit. 

Iserlohn. F. Woeste. 



Zu Zeitschr. III, 359, 4 u. 378. 

Auch bei uns heißt ein Naseweiser nagenklok und in noch derbe- 
rem Bilde neben klökscMter auch nagenscMter : dat 's "n rechten nagen- 
schiter. 

Ich würde demnach in neunklug, das ich hochdeutsch noch nicht 
gehört habe, blos an die verstärkende Bedeutung der Zahl denken, eine 
Rücksicht, worüber Grimm, Wb. II unter drei, dreimal, dreiXsig etc. 
nachzusehen ist. 

Inzwischen vergleiche ich: Dat 's doch nagenmal to dull! wo oft 
sdk't (r=. sali ik et) de noch seggen? und glaube selbst, außer Neun- 
auge, Neuntödter (NägenmörrerJ auch das Substantivum Nagenkne (sper- 
gula arvensis und pentandra nach Bell) heranziehen zu können. 

Adel nennen auch wir einen Pfuhl, adelpütt eine Mistpfütze. Wenn 
daher Sanders unter Berufung auf Schütze (vgl. auch Kosegarten, I, 102. 
103) behauptet, im Plattdeutschen sei Addel, Mist, durch den Vocal von 
Adel, nobilitas, und dem gleichlautenden Wort für Fingerwurm (para- 
nitium, lies: panaritium) geschieden, so gilt das von unserer gemeinsa- 



376 Kürzere Mittheilungen. 

men Heimat Meklenburg-Strelitz nicht; für uns lauten alle drei Wör- 
ter Adel. Vgl. das Wortspiel : du kanst di jo ball adeln laten, wo adeln 
das hochd. adeln und zugleich „in die Mistpfütze werfen'' bedeutet 
Aehnliches s. bei Kosegarten, 

Neustrelitz. Fr. Latendorf. 



Blan, wolan. 

Den Gebrauch der Partikel hlan für wolan, den Zarncke zu Brant's 
Narrenschiffe, S. CXXXVIII ff., auf einen einzigen Autor des 16. Jhrh. 
in Stra[5burg zu beschränken geneigt war, wies Jac. Grimm im Wörter- 
buche II, 62 und später in meiner Ausgabe Gengenbach's S. 609 in all- 
gemeinerer Verbreitung am linken und rechten Rheinufer bei Schrift- 
stellern des 15. bis 17. Jhrh. nach. Wie in hlan w zu b geworden, 
wurde bei Jodocus Eichmann wurken zu burken und bei G. Wickram 
(verlorn. Sohn, 1540. Fb) wolauf zu belauf: 

Das gilts, bolauff, glick vff mein syt. 
Leonh. Culmann aus Crailsheim, seit 1522 Rector in Nürnberg, verfa(ke 
1539 ein Spiel vom Sünder, der zur Buße bekehrt wird; darin begeg- 
net (C. 8 a, Vers 881) die Partikel blan, jedoch nur einmal in der leb- 
haften Rede Lucipers: 

Botz , ich main , das er do stehe ? 

Nain, nain, ich hab gefeit gar weyt. 

Wie wenn irs ja, wie wenn irs seyt? 

Schütteln den köpf, wollen nicht dran. 

Blan, ichs ein wal lenger sparn kan. 
In dem merkwürdigen Spiele von Magelona, das ein Student verfaß- 
te, Georg Spalatin bevorwortete , Joh. Gigas mit lateinischen Versen 
schmückte und Michel Blum (in Leipzig) 1539 druckte, fand ich blan 
in der alten bei Eichmann vorkommenden Form belan fünfmal: 

1. Ehr hat was für, was gilts, belan, 
Ehr wirt etwas zu schaffen han. A 6 ». 

2. Du wirst mir komen, was gilts, belan, 

Es wird sich heben ein weidlich schlan. B iij ». 

3. Belan , so ziehen wir halt darvan. C 8 b. 

4. Belan, so wollen wir im also thu. D ij a. 

5. Belan, solchs nu balt geschieht. D 8 ». 



Kürzere Mittheilungen. 377 

In demselben Spiele, das euch: mich; son (filius): haben; mein: 
heim; zeit: ligt; kan: faren; freude: erlaube(n) reimt, begegnet das zur 
Vermeidung des Hiatus zwischengeschobene n mehrfach als Suffix der 
Präposition bei und einmal hinter zu: wilt hein uns sein Eiijb; bleib 
lein uns AS» und A 8 b ; hein euch sein C iiij a ; bin bein euch E iij a ; 
du hast hei7i uns macht E iij » ; weil ich hdn euch gewesen E iij a ; ich 
setz ZU71 euch vertraun D » *). Es verdiente nachgesehen zu werden, ob 
diese n und helan sich auch in dem Augsburger Nachdrucke des Spie- 
les vom J. 1540 zeigen, von dem ein Exemplar in der Wiener Hofbi- 
bliothek aufbewahrt wird. 

Celle. K. Gödeke. 



Ausgewichen! 

Der Ruf der Kinder, womit sie beim Schlittenfahren in der winter- 
lichen Zeit die ihnen entgegenkommenden Personen zum Ausweichen 
auffordern, ist an und für sich ein einfacher Begriff und doch bildet der- 
selbe schon auf kleinen Bezirken die mannigfaltigste Ausdrucksweise in 
Form und Ton. Am Thüringer Walde lautet der Ruf fast von Ort zu 
Ort anders. So hört man in Eisenach: schariöt! in Marksuhl: us! in 
Tiefenort: schariöt! lichta! in Salzungen: ussd wa (Weg)! in Schweina: 
hajond ! bajondweck ! in Liebenstein : ussd bün (Bahn) ! in Wasungen : uis» 
we! uisd lichte! in Meiningen: wach! aus! in Eisfeld: aus-n wag! in 
Meschenbach: ausgdriss-n! in Rudolstadt: ausgdwiclvn ! in Krannichfeld : 
ausgdweicht ! 

Meiningen. G. Brückner. 

Dieser Mittheilung füge ich zunächst hinzu den Ruf der Koburger 
Jugend beim Schlittenfahren , oder beim Rutschen auf dem Eise : ausd 
licht! (aus dem Lichte! vgl. oben Wasungen und Tiefenort) auch ausd 
mei licht! und zuweilen, in Reimanklang umgebildet, mit einer dem frü- 
heren Geschlechte noch verständlichen persönlichen Anspielung: ausd 
mei Hausai dann die gleichbedeutenden Rufe aus verschiedenen Gegen- 
den Deutschlands, so viel ich deren zunächst um mich her erfragen 
konnte; als: in Nürnberg aus! seltener das oberpfälzische djSi! (beim 
Hätscheln, d. i. Rutschen auf dem Eise: hebriö!)', ebenso in Ansbach 



*) Vergl. bei Grübel, I, 9: zon an Först-n; zon an Andern; femer Z. II, 338, 6: 
han in», bdn im; auch Z. III, 101. 173, 147. D. Herausgeber. 



378 Literatur der deutschen Mundarten. 

(Mittelfranken), Dillingen (Schwaben) und am Oberneckar: aiis! des- 
gleichen in Oberfranken; aus! in Unterfranken (Würzburg, üfFenheim): 
aus! auch ausg-wickn! weich (weicht) aus! in Wien: auf! { auf g' schaut!) 
in Ratzeburg: hdn üt (Bahn aus)! oder (wol mit scherzhafter persön- 
licher Anspielung): Zietn hdn üt! in Westfalen: (ga) üt'n weg! in Schles- 
wig (Angeln): war- di' ! oder: ut de wech! und endlich in Ostfriesland, 
wo die Natur des Landes das Schlittenfahren versagt hat, beim Schlitt- 
schuhlauf: hän dpen (Bahn offen)! Der Herausgeber. 



Anfrage. 

Was bedeutet netteböven (netzbuben)? und warum hie[5 ein gewisses 
gesindel so ? 

Stürenb. ostfr. wb. : obsol. netteböven „spitzbuben mit masken (netzen), 
vielleicht ein ironisches Wortspiel, vgl, nett." 

Seib. westf. urk. nr. 996; netzhouen, die der begynen- und bo- 
venkönig aus der grafsch. Arnsberg treiben soll. Glossar: „ärztliche 
marktschreier." 

Mnl. fascic. temp. 179 verso; „Omtrent dese tyt (c. 1324) stont 
daer op bouen in den lande een die hem seinen noemde te wesen een 
coninck der Armleder dese vergaderde veel lichts volcks van nette boeuen 
rustiers bedelaers etc. Ende versloech al die joden tot allen plaetzen" etc. 

Die Deutung bei Stürenburg mag richtig sein; ob aber auch netze 
als masken dienten? die erklärung aus nett schlägt fehl. 

Seibertz' deutung, wol nur aus dem vermeintlichen contexte ge- 
raten, dürfte falsch sein. 

Iserlohn. p. Woeste. 



Literatur. 

Fortsetzung und Ergänzungen zu 

P. TrümcPs Literatur der deutschen 91uudarten. 



65a. August Corrodi. De Herr Professer. Idyll aus dem Züribiet. 

Winterthur, 1858. Kl. 8«. 212 Stn. 
179a- Ignaz Petters, Beitrag zur Dialekt -Forschung in Nord-BcJh- 
men. Aus dem Leitmeritzcr Gymnasial -Berichte 1858. Leitmeritz, 
1858. 40. 16 Stn. 



Literatur der deutschen Mundarten. 379 

195a. (Oberfranken.) Die Waunsiegler Aufkläring oder der Prozefs 
in Kloaidaschrank. E dramatisch Gedicht in Waunsiegler vorneh- 
mer und gmoainer Mundart. Verfafst und allen Waunsiegla Wai- 
ban und Moaidlen gewippent ven Hans Heinrich va da Broaiten- 
gais. Waunsiegel, 1833. kl. 8". 22 Stn. 

200 c- (G. F. ß.) Ankunft des Volks -Dichters Griibel in Elisium; und 
dessen Gespräche im Schatten -Reiche der Todten mit seinem Col- 
legen dem uralten Nürnbergischen Volks -Dichter Hanns Sachs. 
Ein allegorisches Gemälde der Vor -Zeit und für die Nachwelt. 
Nürnberg, 1809. 8«. 

212b. Reinwald. Etwas über hennebergische Spracheigenthümlichkei- 
ten; — in Bundschuh's fränk. Mercur, 1795. S. 310. 

214c- August Schleicher. Volkstümliches aus Sonneberg im Meinin- 
ger Oberlande. Weimar, 1858. 8". XXV u. 157 Stn. (Mit Mu- 
sikbeilagen. ) 

232b. Zom Zilljes gale Erbes mit Huitzelbreh geschmälzt. Eine Antho- 
logie humoristisch -sarkastischer Originalien aus Fulda's lustiger 
Vergangenheit. Erseht Traktäment. Fulda, 1858. kl. 8°. 32 Stn. 

239 f. J. Löhr. Drei Blimcher aus Frankfort. Hanau, 1857. 8°. 

250 <i- Ph. Laven. Gedichte in trierischer Mundart. Mit angehängtem 
Glossar. Trier, 1858. 8°. XXXVII u. 291 Stn. 

309c. Edmund Höfer. Wie das Volk spricht. Sprichwörthche Re- 
densarten. Dritte vermehrte Auflage. Stuttgart, 1858. kl. 8°. VIII 
u. 112 Stn. 

342a. E. Förstemann. Zur Bedeutungslehre der Danziger Mundart. 
Aus den Neuen preufs. Provinzial- Blättern a. F. Bd. III. (1853) 
abgedruckt. Königsberg, 1853. 8°. 10 Stn. 

352a- Schwerin, F. Vöggel -Sproak un Snak oder was die Vögel 
klein und grofs im Frühjahr in der Altmark singen und sagen. 
In plattdeutsche Reimverse gebracht. Neuhaldensleben, 1858. S*'. 

391b. RSding's poet. Schilderung eines in Hamburg im August 1791 
stattgehabten Tumultes findet sich unter der üeberschrift : „Ein 
vaterstädtischer Tyrtäus" im Freischütz, Jahrg. 1857, Nr. 33. 

392a. H. F. Ziegler. Sammlung dittmarsischer Wörter. Hamburg, 
1755. 8°. 



380 Literatur der deutschen Mundarten. 

Der Wäldler. Gedichte in der Mundart des bayerischen Waldes von 
Jos. Max. Schuegraf. Würzburg, 1858. 8°. XVI u. 131 Stn. 

„Nicht als Dichter, sondern als ein für sein Stammland begeisterter 
Wäldler" will der Verfasser vorliegender „Lieder, Bilder und Sagen" 
beurtheilt sein, die zunächst den Charakter der Wäldlersprache (d. h. 
der Mundart des bayerischen Waldes, — ^jjenes Dreieckes am linken 
Ufer der Donau, dessen Grundlinie von der Mündung des Regenflusses 
in die Donau bei Stadtamhof bis zur österreichischen Grenze unterhalb 
Hafnerzell reicht, während die Nordspitze an der Schwarzach bei Klo- 
ster Schönthal ausläuft," oder, genauer genommen: der ehemaligen Graf- 
schaft Cham), „soweit uns solche noch urthümlich erhalten ist," veran- 
schaulichen sollen. Er will uns dadurch „den bayerischen Wäldler nach 
Sprache, Art und Wesen naturgetreu zeichnen," und, wenn auch da- 
bei seine Verse an Darstellung, Humor und Witz jenen Gedichten, die 
seit Jahren in altbayerischem Dialekte, zu welchem ja auch die Wäld- 
lersprache gehört, erschienen sind, nachstehen, so sollen sie doch vor 
diesen, die gerne dem hochdeutschen Stile sich nähern und oft hoch- 
deutsche Wendungen und Reime bieten, in Reinheit des Dialekts ihren 
Vorzug haben. 

Wie weit diese Absicht dem Verfasser gelungen, mögen Andere be- 
urtheilen, denen jene Mundart genauer bekannt ist; doch will mich be- 
dünken, als sei auch er vom Einflüsse des Hochdeutschen nicht ganz 
frei geblieben, namentlich in Ellipsen und Inversionen, die nicht selten 
begegnen. Oder sollten Auslassungen der Hülfsverba und anderer Wör- 
ter, Participialconstructionen und Wendungen wie : Da Lukas moant, 
ean seng duart soll (S. 93; vgl. S. 20, 9 u. 11. 22, 1. 42, 1 u. 3. 79, 
1 V. u. etc.) der Wäldlersprache gerecht sein? Was Stoff und Geist 
dieser Gedichte angeht, so ist derselbe fast durchgängig ein volksthüm- 
licher, ja, er sinkt zuweilen, wie in den Gedichten auf S. 16. 17. 41. 
61. 91, bis zu jener Stufe des Volkswitzes herab, die man Gemeinheit 
nennt. 

Behufs genauer Darstellung der eigenthümlichen, oft schwierigen 
mundartlichen Laute hat Hr. Seh. in seiner Schreibweise, über die er 
in der Vorrede (S. X — XV) kurze Rechenschaft gibt, ziemlich das 
rechte Mafs gehalten und mehrere passende Unterscheidungen, nament- 
lich durch Anwendung des Apostrophs, eingeführt. Doch hätte hie und 
da noch ein Weiteres zu leichterem Verständnisse geschehen können, 



Literatur der deutschen Mundarten, • 381 

wie z. B. durch die auch aus äufseren Gründen richtigere Scheidung 
des 's für sie, das und es in s' für ersteres und in 's für die beiden 
letzteren, die wieder in der Weise von einander gehalten werden konn- 
ten, dafs jenes (wie auch einige Male geschehen, z. B. 's Feuia, S. 33, 8 ; 
's Ken, S. 105) mehr dem folgenden Substantiv, dieses mehr dem vor- 
angehenden Worte, wie in der Aussprache, so auch in der Schrift sich 
anlehnte. Dagegen hätte das alte duale s der Verbalflexion ( S. 1 : ees 
hoht's, wij'st's, ihr habt, wifst, daneben richtig: saouchts\ vgl. Zeitschr. 
IV, 501, 1) besser ohne Apostroph, und statt ma, d'a, der Kürzung aus 
mia, dia (mir, wir, dir), richtiger ma, da (unterschieden v. ma, man, 
da, der) gedruckt werden sollen. 

Schliefshch noch ein paar Worte über das den Gedichten ange- 
hängte „Wörter -Verzeichnifs" (S. 113 — 131), welches fast durchge- 
hends nur eine einfache Glosse zu den mundartlichen Wörtern und For- 
men gibt. Dafs der Verf. sich dabei nicht weiter, namentlich ins Gebiet 
der Etymologie, verstiegen, ist nur gut zu heifsen; denn an der einzi- 
gen Stelle, wo er es versuchte, ist es ihm mifslungen, wenn er (S. 121) 
unser echt deutsches kreina, schreien, zanken (vom mhd. grtnen ; Zeitschr. 
II, 84, 27 u. a.), an das franz. crier (ital. gridare = lat. quiritare) weist. 

Während das Glossar gar manche Wörter aufzählt, die auch ein 
norddeutsches Auge auf den ersten Blick erkennen und verstehen wird, 
und selbst Wiederholungen bringt (vgl. Arwa mit S. 25 Note), fehlen 
ihm dagegen nicht wenige (ich zähle über 50), die zum Theil selbst 
der oberdeutsche Leser ohne besondere Erklärung nicht versteht, wie 
z. B. auskenna, si, sich zurecht finden, 79, 15; heut'ln, schütteln, 75, 4; 
hrimsln, nach Brand riechen, 37, 6; engg, euch; 31, 1 etc.; g' stimmt, 
geneckt, gefoppt, 23, 12; Heuert, f., Heirat, 74, 11; Kolm, f., Kalbe, 
48,4; heim Plunda, verglimpfend für: beim Dunna (Donner), 72,8; 
Uuarsch, ? 91, 12; schmatz n, schwatzen, 61, 7. 92, 2; schütz n, schwin- 
gen, 72, 13; um(a)nand, hin und her, 69. 96; ürlauba, m., beurlaub- 
ter Soldat, 73,20; vantweng, deswegen, 82,4; voiat, (d.i. wo'-mf), ver- 
irrt, 20, 12; vopoantj ? 102, 8; Voraßetz, m. , Hausflur, 17, 14; a vo- 
woafs se ned (v. sich verwifsen), er kommt nicht zu Besinnung, 71, 5; 
wurscht'ln, Würste machen, schlachten, 79, 19 u. v. a. m. 

An manchen Stellen endlich stimmt die Schreibweise des Glossars 
nicht zusammen mit der der Gedichte. So steht hier: Züll, Ziel, zoing, 
zeigen, zfrien, zufrieden, füra, hervor, denat, dennoch, trad'ln, drehen, 
u. a. m. — dort (richtiger) : Zül, zoang, zfrin, vüra, dennat, drad'ln etc. 



382 Literatur der deutschen Mundarten. 

Möge der Hr. Verf. aus diesen Bemerkungen erkennen, dafs mir 
seine Gedichte als ein beachtenswerther Beitrag zur Kenntnii's seines 
heimatlichen Dialektes einer gründlichen Durchsicht nicht unwerth er- 
schienen. Der Herausgeber. 



Erklärung der schwierigem dialektischen Ausdrücke in Je- 
remias Gotthelfs (Albert Bitzius) gesammelten Schriften. 
Zusammengestellt von Alb. von Rütte, Pfarrer. Berlin, Jul. Sprin- 
ger. 1858. 8«. VHI u. 103 Stn. 

Die zahlreichen, durch gesunden Humor und eine wahre und leben- 
dige Schilderung des Volkslebens ausgezeichneten Schriften des vor we- 
nigen Jahren verstorbenen Pfarrers (zu Lützelflüh im Emmenthal) Al- 
bert Bitzius, die er unter dem Namen Jeremias Gotthelf hat er- 
scheinen lassen, haben sich einen grofsen, über ganz Deutschland aus- 
gedehnten Leserkreis erworben. Der auch in der Sprache bewahrte 
volksthümliche Anstrich der zuerst erschienenen Bände gibt denselben 
noch einen besonderen Reiz, dessen die späteren, wie auch die zweite 
Ausgabe von jenen, entbehren, da sie der Verfasser auch den Nicht- 
schweizern mundgerecht zu machen sich bestrebte. Besser, wenn er das 
echt nationale Gewand beibehalten, daneben aber dem allgemeineren 
Verständnisse durch erläuternde Anmerkungen oder ein einfaches Glos- 
sar nachgeholfen hätte, eine Zugabe, die auch so nicht entbehrlich ge- 
worden und uns darum jetzt in dem vorliegenden, der Gesammtausgabe 
von Bitzius' Werken sich anschliefsenden Wörterbuche von der Hand 
eines Freundes des Verstorbenen geboten wird. 

Diese Arbelt, deren Verdienst alle Freunde von Jer. Gotthelfs 
Volksschriften dankend anerkennen werden, sollte nach dem richtigen 
Plane des Verfassers durchaus nicht eine tiefer eingehende sprachliche, 
sondern nur ein Hülfsmittel zum besseren Verständnisse jener Schriften 
werden. Daher war Kürze und Beschränkung vor Allem nöthig, die 
jedoch hinwiederum nicht zu weit greifen durfte, so dafs z. B. bei den 
eigenthümlichsten Ausdrücken, die zumeist im Zusammenhange ihre Er- 
klärung finden, ein bestimmter Verweis auf die treffende Stelle der 
Schriften nicht unterlassen wurde. 

In der Schreibweise der bald rein mundartlichen, bald mehr dem 
Hochdeutschen angcbildeten Wortformen mufste sich der Verf. natürlich 
an Bitzius getreu anschliefsen ; wir dürfen also über das , was wir in 



Literatur der deutschen Mundarten. 38S 

dieser Hinsicht zu wünschen hätten, nicht mit ihm rechten. Dagegen 
wollen wir ihm nicht verhehlen, dafs wir die einfache Bezeichnung 
der Länge und Kürze der Sylben, wie sie in vielen Fällen gegeben ist, 
allgemein durchgeführt, auch hie und da, wo nöthig (z. B. in persche, 
polete u. a.) zur Erleichterung des Verständnisses die Hervorhebung der 
Tonsylbe und in unkenntlichen Zusammensetzungen fneheushoJi =r nebe- 
us-hahj die Bildung des Wortes angedeutet wünschten. 

Zuweilen ist es dem Schweizer begegnet, dafs er sich zur Erläute- 
rung eines Wortes eines dem Nichtschweizer eben so unverständlichen 
mundartlichen Ausdrucks bedient ; so z. B. wenn er S. 38 die Redens- 
art: vore Haag use kommen (vor den Hag, Gehege, Gehöfte hinaus 
kommen, d. h. Hab und Gut verlieren) mit dem neutralen aushausen 
(zu hausen, wirthschaften, aufhören; vgl. Stalder, II, 27) und dem mehr 
activen vergeltstagen (jemandes Habe gerichtlich versteigern lassen ; Stal- 
der, I, 241) erklärt, oder auf S. 66 dem raue ein fauchen (von Katzen)" 
an die Seite stellt, und also ungewifs läfst, ob das Schnurren der sich 
anschmiegenden Katze ( wie bei Schmeller, III, 1 ) , oder ob ihr klägli- 
ches, weinendes Geschrei in der Brunstzeit (vgl. Stalder 11,263: räu- 
le7i), oder endlich jener dem Niesen ähnliche Laut der Katze dem Hunde 
gegenüber (vgl. pfuchzen, pfauzen; Schm. I, 307) gemeint sei. Freilich 
gibt an beiden Stellen das beigefügte Citat den weiteren Aufschlufs. 

Beim Durchlesen dieses ziemlich umfangreichen Bändchens ist uns 
aufs Neue fühlbar geworden, wie die Volksmundarten, vorab die alter- 
thümlichen der Schweiz, so manches Goldkorn, das der Schriftsprache 
verloren gegangen, treu bewahrt und gar viele naturgemäfse Bildungen 
hervorgebracht haben, durch welche der neuhochdeutsche Sprachschatz 
bereichert, ja nicht selten ein ungefüges Fremdwort entbehrt werden 
könnte. Auch von diesem Gesichtspunkte aus erhöhet sich das Verdienst 
des hier besprochenen Schriftchens. Der Herausgeber. 



De Herr Professer. Idyll aus dem Züribiet von August Corrodi. 
Winterthur, Druck u. Verlag der Steiner'schen Buchhandlung. 1858. 
8°. 212 Stn. 

In dem vorliegenden Gedichte ist die echte Züricher Mundart wie- 
dergegeben und zwar mit allen Nuancen, die besonders auf dem Lande 
vorkommen mögen. Es sind vielleicht mehrere Ausdrücke da und dort, 
die auf kleinere Ortsgebiete hinweisen, für welche dann das Büchlein 



384 Literatur der deutschen Mundarten. 

noch sein besonderes Interesse haben kann. Sehr hervortretend zeigt 
sich darin die Abweichung desJZüricher Schweizerdeutschen von der ale- 
mannischen Mundart Plebel's. Ungeübtere Ohren finden gewöhnlich beide 
ganz ähnlich, doch schon in den angehängten Worterklärungen unseres 
Idylls treten die stärksten Verschiedenheiten hervor. Uebrigens hat in 
der Schweiz jeder der deutschen Kantone seinen besondern Dialekt, der 
sich vorzüglich in Betonung, in der Länge oder Kürze der Sylben, wie 
in eigenthümlichen Wörtern und Ausdrücken kenntlich macht. Der Zü- 
richer wird augenblicklich den Berner, den St. Galler, den Thurgauer 
u. s. f. erkennen, wie umgekehrt. 

Schon früher hat sich der bekannte Jac. Stutz, ungefähr dem näm- 
lichen Gebiete angehörig, das unser Verfasser zum Schauplatz seiner 
Dichtung gewählt hat, vielfach in dieser Mundart hören lassen; allein 
der Vorwurf der meisten seiner Sachen, obschon für das Volk geschrie- 
ben, war häufig zu derb, den edleren Geschmack fast beleidigend, so dafs 
die Freude daran gestört war. 

Um auf die Fabel unseres Idylls selbst zu kommen, so finden wir 
den Titel nicht ganz passend, und zwar darum, weil „de Herr Profes- 
ser" nicht entschieden die Hauptrolle, sondern in Bezug auf Handlung, 
Schilderung der Gemüthszustände, den Anfang der Erzählung ausgenom- 
men, eine sehr bescheidene Nebenrolle spielt, statt dafs er, wie man un- 
willkürlich erwartet, als humoristische Person den bleibenden Mittelpunkt 
des kleinen Liebesromans bilden sollte. Die Hauptperson „Anneli*' 
wünschte man, um mehr Interesse an ihrem Schicksal zu gewinnen, et- 
was anziehender, mehr nach ihrem innern Gemüthsleben geschildert. Ge- 
sprächsweise, Redensarten der handelnden Personen sind übrigens äufserst 
wahr und charakterisieren das Landvolk, das noch nicht im Alpengebie- 
te, sondern mehr im ansteigenden Gebiete des Kantons Zürich, gegen 
das obere Ende des Zürichsees zu, lebt und webt, ganz getreu. 

E. F. 

Wir können nicht umhin, dieser, von schweizerischer Hand geschrie- 
benen Beurtheilung noch ein paar Worte vom sprachlichen Standpunkte 
aus hinzuzufügen, und zwar über das dem Gedichte angehängte Glossar 
(S. 200 — 212). In Beziehung auf dasselbe erklärt der Verfasser in sei- 
ner kurzen Einleitung (S. 197 — 199), dafs es „durchaus keinen Anspruch 
weder auf Vollständigkeit, noch auf G enauigkeit mache, denn sonst wäre 
es zum Buch angeschwollen, da den des Dialektes gänzlich Unkundigen 



Literatur der deutschen Mundarten. 

ja jedes Wort hätte erklärt werden müssen. Solche werden aber dies 
Büchlein überhaupt nicht lesen." 

Da wir jedoch diesem Idyll, das uns ein liebliches Bild schweizeri- 
schen Lebens entfaltet, recht viele Leser auch aufserhalb seines Vater- 
landes wünschen, so hätten wir schon um dieser willen gerne, wenn auch 
nicht jedes sprachlich merkwürdige Wort (deren haben wir uns aus dem 
Büchlein über 600 angemerkt), so doch die unverständlicheren kurz er- 
läutert gesehen. So aber fehlt im Glossare gar manches Wort, das wir 
auch in den Idiotiken von Stalder, Tobler und Schmidt (Idiot. Bernense 
in dieser Zeitschr. II — IV) vergebens gesucht, ja einige, über die selbst 
geborene Schweizer uns keinen genügenden Aufschlufs zu geben ver- 
mochten. Andere sind ungenau oder unrichtig erklärt. 

Möchte dieser Wunsch von unserem wackeren Dichter bei seinem 
Winteridyll : „De Herr Vikari'', dessen Erscheinen in nahe Aussicht ge- 
stellt ist, nicht unbeachtet bleiben! Der Herausgeber. 



Zom Zilljes gale Erbes mit Huitzelbreh geschmälzt. Eine 
Anthologie humoristisch - sarkastischer Originalien aus Fulda's lustiger 
Vergangenheit. Erseht Traktäment. Fulda, Verlag von Aloys Maier. 
1858. Kl. 8". 32 Stn. 

Mit diesem Heftchen, welches ein gröfseres (De Huzet, die Hoch- 
zeit) und ein kleineres Gedicht (die gemischte Ehe) in Fuldaer Mund- 
art enthält, eröffnet der Verleger desselben eine Sammlung poetischer 
Erzeugnisse auf dem Boden seiner engeren Heimat, welche in gleicher 
W^eise wie das vorliegende und in Zwischenräumen von 3 — 4 Monaten 
je nach Eingang passenden Stoffes, zu dessen Einlief erung er in dem bei- 
gedruckten Prospectus ganz besonders einladet, erscheinen wird. Einem 
Bande von 10 Bogen soll ein „Fuldaisch -Hochdeutsches Wörterbuch", 
nach dem vorliegenden Stoffe zusammengestellt, beigegeben werden. 

Wir wünschen diesem Unternehmen, das uns die genauere Kennt- 
nifs einer bisher noch wenig bearbeiteten Mundart vermitteln soll — 
diese wichtigere Aufgabe möge der Herausgeber, der damit zunächst 
„die gute, alte, urgemüthlich humoristische Zeit vor Augen führen" will, 
ja nicht aufser Acht lassen I — vor Allem einen guten Fortgang und 
hoffen, auf eine eingehendere Besprechung desselben später zurückzu- 
kommen. Der Herausgeber. 

25 



386 liiteratur der deutschen Mundarten. 

Viktor Kästner, 

ein siebenbürgisch - sächsischer Dialektdichter. 

Unter dieser Ueberschrift hat Eugen v. Trauschenfels in dem „Oe- 
sterreichischen Morgenblatte für Kunst, Wissenschaft, Literatur und ge- 
selliges Leben" (1858, Nr. 46 — 49) eine kurze Biographie jenes am 
29. Aug. V. J. verstorbenen reichbegabten Dichters erscheinen lassen, 
dessen Verlust wir ganz besonders als den eines eifrigen Förderers die- 
ser Zeitschrift*) zu beklagen haben. Die anziehende Schilderung eines, 
leider! nur zu kurzen Dichterlebens, die wir hier mitzutheilen uns ge- 
drungen fühlen, wird gewifs bei den Freunden der „Deutsclien Mund- 
arten'^ Theilnahme erwecken. 

„Viktor Kästner war der dritte Sohn des dermaligen ev. Pfar- 
rers in Neudorf J. D. Kästner und verlebte seine erste Jugendzeit in 
dem romantischen Dorfe Kerz, woselbst sein Vater zur Zeit seiner Ge- 
burt die Seelsorge ausübte. Hier mag der in frischem Lebensmuth über- 
sprudelnde wilde Knabe seine ersten poetischen Eindrücke erhalten ha- 
ben. Die Umgebung ist sehr geeignet auf Geist und Gemüth zu wir- 
ken. Kerz, eine deutsche Sprachinsel mitten unter romanischen Dör- 
fern, zeigt noch das kernhafte deutsche Wesen der alten Sachsenkolo- 
nien; mit frischer Thatkraft seiner Bewohner verbindet sich der tiefan- 
hängliche Sinn für althergebrachte Ordnung und Sitte. Im Dialekte 
klingt noch manch uraltdeutsches Wort und mahnt mit der bezeichnen- 
den Fülle seiner Naturlaute an ein Leben, das frisch und frei den Tö- 
nen in Wald und Flur zu lauschen gewohnt gewesen ist. Die stolzen 
Ruinen der ehemaligen Abtei mit ihren hohen Bogen, Hallen und Fen- 
stern umgürten als Hof- und Gartenmauer das Pfarrhaus. Der fort- 
währende Anblick dieser schönen üeberreste eines von Bäumen und 
Buschwerk umklammerten großartigen Denkmals der Sachsengeschichte 
mufste fragende und bildende Träume in der jungen Seele erwecken, 
— Die erste literarische Arbeit, mit der Viktor Kästner vor die Oef- 
fentlichkeit trat, war auch eine Zusammenstellung der bekannten histo- 
rischen Daten über die Kerzer Cistercienser Abtei und der sich an die- 
selbe knüpfenden Sagen, die er zuerst im Hermannstädter Zweigverein 
des Vereins für siebenbürgisch e Landeskunde vortrug und dann in dem 
Beiblatt der „Kronstädter Zeitung" den „Blättern für Geist, Gemüth 
und Vaterlandskunde" 1851 — 2, S. 137 ff. veröffentlichte. — 



*) Vergl. Z. IV, 397 flf. 



Literatur der deutschen Mundarten. Mt 

Die hohe Karpathenkette mit den stolzesten Riesenkuppen unserer 
südlichen Grenze umsehliefst das Längenthal des Altflufsgebietes, in des- 
sen Mitte Kerz liegt. Bald tosen wilde Gebirgsbäche von den Bergen 
herab in die langsam dahin rollenden gelben Fluten des Alt, bald rie- 
seln sie langsam daher, und ihr klarer, reiner Wasserspiegel zeigt die 
buntesten Kieselsteine. Viktor Kästner hatte Vieles von einem sol- 
chen Bache an sich. Heftig auflodernd und jähzornig, besonders in sei- 
nen Jüngern Jahren, toste er oft wie der Wassersohn der Berge; aber 
wenn sich das Unwetter gelegt, zeigte seine klare, reine Seele das bunte 
Farbenspiel seines lebhaften Geistes, das Edelgestein seines Herzens. 
Die erstere Eigenschaft hatte ihm bei seinen Freunden den Spitznamen 
„Käsperchen" zugezogen. Von kleiner Statur, zart gebaut, aufseror- 
dentlich lebhaft und jederzeit schnell erregt war Käsperchen als Studio- 
sus ein gar herzlieber Kamerad, — und wenn man auch dann und wann 
den absichtlich hervorgerufenen Zorn zum ergötzlichen Scherze mifs- 
brauchte, wufste doch jeder, dafs kaum irgend Einer an Geisteskraft 
und Treue der Gesinnung dem kleinen Teufelchen gleiche. 

Sein älterer Bruder Heinrich (jetzt k. k. Bezirksvorsteher in Pui) 
nahm den wohlthätigsten Einflufs auf Viktor. Seine ruhige Besonnen- 
heit und seine warme, innige Freundschaft hat nicht wenig zur Charak- 
terbildung des jüngeren Bruders beigetragen. 

Die ersten Versuche in Dichtung und sprachlicher Forschung fal- 
len in die früheste Jugendzeit V. Kästners, Die Schulen brachten es 
mit sich, dafs Jeder den Versbau pflegen mufste. Wer von uns, die 
der Zeit vor dem in's Leben treten des Organisations- Entwurfs für die 
Gymnasien angehören, hätte nicht schon im 13. oder 14. Jahre auf dem 
Parnafs gesündigt? Diese poetischen Sünden hatten — was man auch 
dagegen einwenden mag — ihre guten Seiten, man erlangte mindestens 
eine gewisse Gewandtheit im Ausdruck, ward Herr der Sprache. 

In den sechs Jahrgängen des Cötus *), welchem Viktor Kästner 
angehörte, gab es talentvolle Sänger. Die besten von ihnen, Joseph 
Marlin und Karl Kirchner, sind dem Verewigten in das unerforschliche 
Jenseits vorangegangen. Es war damals ein strebsamer Sinn in der Ju- 
gend; Wetteifer belebte Freunde und Genossen, In den Arbeiten pro 
certamine litterario senkte sich der Schullorbeer oft auf das Haupt des 



•) Cötus nennt man an den ev. Gymnasien im Sachsenlande die Gesammtheit der 
Schüler des Obergymnasiums und Seminars. 

26* 



388 Literatur der deutschen Mundarten. 

frühe sich auszeichnenden Pfarrerssohnes von Kerz. Seine erste Dich- 
tung, welche durch den Vater in die Hände geisthcher Amtsgenossen 
gekommen war und lebhaften Beifall erhielt, war die „Weinlese." An 
ein anderes Gedicht: „An mein Tintenfafs" erinnerte sich sein Lehrer, 
der jetzige Gymnasialdirektor in Hermannstadt, J. Schneider, mit be- 
sonders rühmlichem Lobe noch in späteren Jahren. Viktor selbst liebte 
es nicht, seine poetischen Sachen mitzutheilen. Er scheute die Beur- 
theilung und obgleich für das Lob nicht eingenommen und niemals es 
erwartend, war ihm doch jeder Tadel zuwider. — Mit seinen Genossen 
war er allbefreundet, am meisten aber mit seinem älteren Bruder Hein- 
rich, der auch allein wirklichen Einflufs auf ihn ausübte. Seine Lehrer 
liebte er, fühlte sich aber blos zum Professor der Geschichte und Lite- 
ratur, dem Nestor der heimischen Kunst und Wissenschaft, dem derma- 
ligen k. k. Schulrath J. C. Schuller, der es, wie kein zweiter, verstan- 
den hat und versteht, die Jugend zu wissenschaftlichem Streben anzure- 
gen, mit dem Triebe der Nacheiferung hingezogen. 

Nach in Hermannstadt vollendeten Gymnasialstudien machte Vik- 
tor Kästner die Rechtsstudien an der juridischen Fakultät ebenda in den 
Jahren 1845 bis 1847 mit ausgezeichnetem Erfolge durch, ohne dafs je- 
doch irgend ein Fach sein Lieblingsfach gewesen wäre ; er blieb der 
Muse ti'eu — doch wie einer „Liebe, von der Niemand Etwas weifs." 
In der späteren Zeit der Dienstjahre liefs der amtliche Beruf wenig 
Zeit und Stimmung zu dichterischem Schaffen. Die Vorgesetzten er- 
kannten bald die ebenso schnelle als verläfsliche Arbeitskraft und betrau- 
ten den jungen Beamten mit schwierigen Arbeiten, besonders wenn sprach- 
liche Gewandtheit erforderlich war. Anfänglich war Viktor Kästner 
nach dem damals gewöhnlichen Dienstgange bei der politischen Natio- 
nalbehörde als Kanzlist eingetreten *) , trat aber vor etwa fünf Jahren 
in die finanzielle Amtssphäre über, wo er bald zum Koncipistcn und 
Bezirkskommissär vorrückte und jetzt gerade, zum Sekretär vorgeschla- 
gen und warm empfohlen, mit Sicherheit auf ein weiteres Avancement 
rechnen durfte, nachdem er schon während der letzten Jahre als Prä- 
sidial - Sekretär verwendet worden war. Sein Chef, Graf Beldi, rühmte 
dem Todten mit tiefempfundenen Worten nach : „Er habe mit ihm seine 
rechte Hand verloren." 



*) In dieser Zeit entstand auch sein schönes humoristisches Lied im Dialekt „Der 
Komitial- Kanzlist." S. diese Zeitschr. Jahrg. IV, 404 f. 



Literatur der deutschen Mundarten. 

Erst seit dem Jahre 1850 gelang es namentlich der theilnehmenden 
Zuspräche des Hrn. Schulrathes Schuller unsern den Freunden längst 
bekannten Volksdichter zu bewegen, seine Arbeiten in die OefFentlich- 
keit kommen zu lassen. Das erste von ihm veröffentlichte Gedicht im 
Dialekt, mit einer kurzen, trefflich geschriebenen Einleitung über die 
Eignung unseres Dialekts zur Poesie, findet sich in den ersten Nummern 
des Beiblattes zum „Siebenbürger Boten" Jahrg. 1851, und ist dieselbe 
schöne Ballade „Am Alt, am Alt, am gelben Alt," welche in der Syl- 
vestergabe des genannten Herrn Schulrathes „über die Herkunft der 
Sachsen" abgedruckt ist. 

Seitdem las Viktor Kästner im Hermannstädter Zweigverein für 
siebenbürgische Landeskunde, auch in der Generalversammlung zu Reps 
auf Verlangen mehrere seiner Gedichte, so namentlich: Die Herbstfä- 
den, der Gebirgssee, der Weihnachts- und Neujahrsmann u. a. m. Sie 
sind alle im Dialekt abgefafst, und spiegeln ganz und gar Volks- und 
Naturleben unter den Deutschen in Siebenbürgen. Die meisterhafte 
Behandlung der Sprache, technische Gewandtheit im Versbau, mehr 
noch tiefsinnige Erfindung zeichnen diese Dichtungen aus. Oft sind sie 
neckisch, oft haften sie an Kleinem, doch inmicr stehen sie mitten in 
volksthümlicher Anschauung, welche nur durch die dichterische Seele 
veredelt erscheint. — 

Sein vertrauter Umgang war in den letzten Jahren auf die Freunde 
Jakob Raneicher, B. Eugen Salmen, Sam. Simonis und Fr. Schuler von 
Libloy beschränkt. 

Ende August des v. J. erkrankte der Dichter. Nur vierzehn Tage 
hütete er das Zimmer, nur vier Tage das Bett. Die lebensgefährliche 
Nackengeschwulst Anthrax machte seinem jungen Leben im 31. Jahre 
seines stillbescheidenen Daseins ein Ende. — Am Grabe rühmte die geist- 
liche Rede die Tugenden des so früh Dahingeschiedenen, wie er als 
Gatte und Vater, Bruder und Sohn, Freund und Volksgenosse, als evan- 
gelischer Christ und als Staatsbeamter die Pflichten jeglichen Lebens- 
kreises auszufüllen verstanden habe — ja er war uns Allen, die wir ihn 
kannten, sehr theuer, sein Gedächtnifs wird ewig in uns fortleben. 

Seit vier Jahren glücklich verheiratet mit einer Pfarrerstochter des 
Unterwaldes, Pauline Simonis, welche, selbst eine arme Waise, nur durch 
die ausgezeichneten Eigenschaften anspruchsloser häuslicher Thätigkeit 
und sinnigen Verständnisses den sie zärtlich liebenden Gatten vollkom- 



390 Literatur der deutschen Mundarten. 

men zu befriedigen vermochte, war Kästner erst wenige Wochen vor 
seinem Tode zum zweiten Mal Vater, diesmal einer Tochter, geworden. 

Bei späterem Wachsthum beinahe über Mittelgröfse gediehen, war 
der schlanke Körper voll sehnichter Nerven, fest die Hand und langge- 
streckt die Finger. Die etwas vorgebeugte Haltung des Oberleibs schien 
nicht von der engen Brust, wohl aber von der unermüdeten Hast des 
rasch sich Bewegenden herzurühren. In dem länglichen Gesicht zuckte 
oft Nase und Mund im spitzen Winkel; blondes Haar umschlofs dicht 
und einfach gescheitelt das mehr bleiche, als geröthete Antlitz, welchem 
die zwei lebhaft sprühenden schwarzen Augen das Gepräge des geisti- 
gen Lebens gaben. 

Viktor Kästner hinterliefs, aufser einer druckfertigen Sammlung 
von Gedichten in siebenbürg.-sächsischer Mundart von Her- 
mannstadt, für deren Herausgabc sein würdiger Vater zu sorgen über- 
nommen hat, noch sächsische Sprüche und Redensarten, sowie 
ein Idiotikon, das er wissenschaftlich auszuführen gedachte. Letzteres 
verdankt, wie mir Victor selbst an einem unvergefslich schönen Abend 
einst erzählte, seine erste Anlage einer langwierigen Krankheit, in der 
er, ein geschickter Zeichner, der auch eine ganz gute Karte von Sie- 
benbürgen entworfen hat, neben anderem Zeitvertreib für seine Schwe- 
ster das Alphabet einem Stickmuster nachzeichnete, und damit diese Ar- 
beit denn doch nicht gar so eintönig und geisttödtend sei, auch die ihm 
eben beifallenden mundartlichen Worte den einzelnen Buchstaben bei- 
fügte. 

Eifriges Bibelstudium und Vergleichung unseres Dialekts mit den 
niederrheinischen und niederländischen Sammlungen von Simrock, Fal- 
lersleben und A. beschäftigte ihn in den letzten Wochen. Das Letzte, 
woran er noch Antheil zu nehmen vermochte, war drei Tage vor seinem 
Tode die anmuthige Skizze des Schäfsburger Gymnasiallehrers F. Fro- 
nius : „Die Kindstaufe in den dreizehn Dörfern" im Album für die Bi- 
stritzer Abgebrannten („Aus Siebenbürgens Vorzeit und Gegenwart"), 
die ihm ein Freund vorlas; die Uebersetzung eines türkischen Gedichtes 
von Hammer -Purgstall wollte er nicht hören. — Am 29. August 1857 
Mittags war er nicht mehrl 

Was Viktor Kästner vorzugsweise Anspruch auf eine hervorra- 
gende Stelle in unserer Literaturgeschichte verschafft, ist mehr noch, als 
der poetische Werth seiner Dichtungen, der keineswegs gering ange- 
schlagen werden darf, der Umstand, dafs er zuerst es gewagt, seine 



Dichtungen u Sprachproben. Siebenb. - sächs. Mundart. 



9tß 



Leier in den Tönen unseres als unnielodisch verschrieenen Dialekts und 
zwar durch alle Tonarten erklingen zu lassen und durch seine Dichtun- 
gen ein«n vollen Beweis für die Eignung der siebenbürgisch-sächsischen 
Mundart zu poetischer Behandlung aller im Bereich der Dichtkunst ge- 
legenen Stoffe hergestellt hat, während nach den vor ihm angestellten 
Versuchen dieselbe fast nur für launige Themen geeignet schien. Seine 
Vorgänger waren meist nur Gelegenheitsdichter, Viktor Kästner ist 
der erste siebenbürgisch - sächsische Dialekt- und Volksdichter,'' 



Muiidartliclie üiclitimgeu und Sprachprobeii. 



Siebenbürgisch - sächsisches Volkslied. '^) 

Mitgetheilt von Priedr. Schüler V. Libloy in Hermannstadt. 

Des jungen Burschen Tod. 

(Im Groföschenker Dialekte.) 



Hochdeutsche üebertragung. 



9t wor 9n meur mät marvelanstin 
und mät diar ruider zagein; 
dorangder log ä gang kniocht, 
wor äff dan duid gefongen, 
siwwenhangdertliufternandariord-,5 
bä notern lich ba schlongen. 
„Ach sän, galäfster sän9 meng, 
wol hart hast taa ggfongen!'' — 
„„Ach motter, goläfste motter 

meng, 
got hinn, bitt noch igst am me lia- 

ven.'^" 10 

„Irr harren, irr harren vun der 

röthesburg, 
giat mir des kniacht se liaven ; 
mer wallen ech gian dröahängdert 

gälden 
wol am des kniocht se lioven. 



Es war eine Mauer mit Marmorstein 
und mit den rothen Ziegeln ; 
darunter lag ein junger Knecht, 
(der) war auf den Tod gefangen, 
siebenhundert Klaftern in der Erde, 
bei Nattern und bei Schlangen. 
„Ach Sohn, geliebtester Sohn mein, 
wie hart bist du gefangen!'^ — 
„„Ach Mutter, geliebteste Mutter 

mein, 
geht hin, bittet noch einmal um mein 

Leben.«« — 
„Ihr Herren, ihr Herren von der 

Röthesburg, 
gebt mir des Knechts sein Leben; 
wir wollen euch geben dreihundert 

Gulden 
wohl um des Knechts sein Leben. 



*) Weit verbreitet. 



392 



Dichtungen und Sprachproben. 



Da galdan käten, am den hals hio 

drit, 15 

da huat hio net gestiulen : 
ot hüt em sa geschinkt on zuert gang 

frä 
ze Presburg äff der schuil." 
„„Mer -wallen nicher droahängdert 

gäldcn 
wol am des kniocht se lioven; 20 
göt liiom ! gut hiam ! broingt o gräng- 

seden doach, 
dat mir cm seng ügen bain- 

den."" 
„Net baind, net baind mer meng 

brem ügen, 
dat cch de walt ammschäen; 
och sehäon sa amm üch nemmermi 25 
met mengen brcmcn ügen. 



Die goldene Kette, (die) um den Hals 
er trägt, 

die hat er nicht gestohlen: 

es hat ihm sie geschenkt eine zarte 
junge Frau 

zu Presburg auf der Schule." — 

„ „ Wir wollen keine dreihundert Gul- 
den 

wol um des Knechtes sein Leben ; 

geht heim ! geht heim ! bringt ein 
I. nt grünseiden Tuch, 

Dafs wir' ihm seine Augen verbin- 
den.''« — 

„Nicht bindet, nicht bindet mir meine 
braunen Augen, 

dafs ich die Welt umschaue; 

ich schaue sie um und nimmermehr 

mit meinen braunen Augen." 



Sprachliche Erläuterungen 

vom Herausgeber. 

1. Mdrvelanstin, m., Marmorstein; Z. V, 362. — 3. dorangder, darunter; Z. V, 362. 
367; vgl. unten 5. 7. 21 etc. — gang, jung; Z. V, 98. II, 3. 369. — Knidcht, m., 
Knabe, Jüngling, wie ags. cniht, mhd. kneht (aus ahd. knähan, erzeugen, erkennen. 
Weigand, Synon. Nr. 478); Schm. II, 369. Brem. Wb. II, 821. Stürenb. 115. — 5. Liuf- 
ter, Löfter, Klafter; Z. IV, 408, 26. V, 367. — 6. üch, und; Z. V, 98, 22. — 8. w6ll, 
welch, was für; Z. IV, 410, 78. — tea, te, du; Z. IV, 282. 407, 16. — 10. »a«<, ein- 
mal; Z. IV, 410, 91. — 11. llotheshurg, f., das Rathhaus. — 12. gi9t, gebt; Z. V, 363. 
— des Kv.'se U9ren: über diese Fügung s. Z. III, 461. IV, 126, 5. V, 179, 201. — 
15. 16. hi9, er; Z. IV, 407,16. V, 97, 6. — drit, trägt; Z. V, 367. — 19. nicher, kein; 
Z. IV, 407, 12. — 21. hidm, heim; Z. IV, 283, 09. — 23. örem, braun, namentlich von 
Pferden gebraucht; in Hermannstadt briong, bei Mediasch brebng, brong, bei Bolkatsch 
breung. 



Oberösterreichische Mundart. 

Von K. Ad. Kaltenbrunner in Wien. 
Alacli* 's Kreuz! 

„Buo, wannst- schläffd gest, Mach- fein 's Kreuz, tuo böten, 



Und von Bött aufstcst 



Lafs' di' not läng noten I" 



Oberösterreichische und alemannische Mundart. 



393 



„Schau-, an Gottes Sög-n 5 

Is ja Allssänt g*lög*n ; 
War'st- Schorf z'schläfri', — nächä 
Muefst* äs 's Kreuz do' mächä!" — 



Wann in Freithof drinngt 
D- Muotter mahnä künnat* ! 



20 



Hör nu' d- Muatter röd-n, 
Wie-r-i' kloan bi~ g'wön; 
wie hat'S 's guat Mviotterl 
G'moant für mi' und 's Brüodcrl! 



10 



Bi~ äft grofser wor'n, 

Und, statt 's Geldal z-spärn, 

Spät in Wirtshaus g-sössan, 15 

Hän~ — auf's Kreuz vergösson. 

War not g*schög~n, i' wött*, 
Stand* nu' sie bei'n Bött, — 



„ Geh-, mäch- 's Kreuz ! " säg-~n d- Leut- 
Hiotzt oft, — schone Freud*! 
So ä Rod- is hanti'. 
Mächt mi' wikl und granti'. 

„'s Kreuz, mein^ Liebar, mäch-!" 25 
Hoafst: Verspielt is d- Säch- ! 
Mäch- na" 's Kreuz glei' drubar, — 
Bleibt da' sunst nix iibar ! 

Denk- mär oft bei mir: 
Dös is d- Straf- dafür, 30 

Dafs mä' d-Kreuz, dö röchtan, 
Not vergössan möchtan. 



Sprachliche Erläuterungen 

vom Herausgeber. 

1. wannst', wenn du; Z. V, 316. — 4. noten, wie mhd., nöthigen, drängen, zwin- 
gen. Schm. II, 719. Höfer, U, 294. Stalder, II, 244. Rütte (Erklär, der schwierigen 
Ausdrücke in Jerem. Gotthelfs ges. Schriften), 62. Schmid, 408. — 6. Allssänt, Alles 
zusammen (vgl. mhd. sant aus sament, samet, u. Schm. III, 274); Schm. I, 42. Gast. 
47. Z. II, 92, 53. — 10. wie-r-V, als ich; Z. III, 187, 29. 392, 3,25. — g-wön, ge- 
wesen; Z. III, 105. 187, 27. — 13. aft, hernach, dann; Z. V, 103, 6. — 16. hän, (ich) 
habe; Z. V, 104, 26. 279, 4. — vergöfs-n auf — , s. Z. III, 185, 34. - 17. war, (es) 
wäre. — g-schög'n, geschehen; Z. V, 216. — 18. stand', stünde. — Freithof, m., Kirch- 
hof; Z. III, 392, 17. — drinnst, drinnen; Z. IV, 244, 5. — künndt- , könnte; Z. III, 
174, 187. — 21. mäcfi '« Kreuz! ein sprichwörtlicher Ausdruck, der in Vers 26 ff. seine 
Erklärung findet. — 22. hidtzt, jetzt; Z. IV, 244, 16. — hdnti% schneidend, beifsend, 
bitter; Z. II, 616. IH, 191, 76. — grdnti\ unwUlig, zornig; Z. U, 347. IH, 328. — 
31. md' zz mar, inclinierendes mir, wir; Z. III, 271, 6. V, 280, 6. 



Alemannische Gedichte 

von Dr. Caspar Hagen zu Hard bei Bregenz. 

1. Jak und Minele. 

Bis an hag zum brünnele „GeUb- dar Gott sin beste~ seäge", 

Git den Jak sf Minele b-hüat- da' Gott uff alla weäge~, 5 

's g-leit voll schmerz und w6; siah da' nimmame'!" 



a»n 



Dichtungen und Spracliproben. 



Trürig gat vum höamatort 
Jak als wanderbürschle fort, 

schönt no' vielmäl um ; 
Winkt no' mit sim schwarze hüat, 10 
mit sim schnupftuach, rot wig blüat, 

lang, lang, still und stumm. 

Lustig roret 's brünnele, 
glänzt im äbe'dsünnele, 

glitzgeret wia gold. 15 

's Minelc händ schwarze mäne 
bald mit bar- und krüz und fane 

nffd kirchhof g-hoUt. 

Tif, tif dund in Flandere 
g'ruabet Jak vum wandere, 20 

wit vum vaterhüs. 



mit so mengem kammerad 
uff 'ma schlachtfeäld als soldat 
schaT a güat- wil* üs. 

Meäddele, schlaf- wol und lind! 25 
tröst- dg' Gott, du engelkind! 

's rosle deckt da' züa. 
Tram- vu~ schona, schona stunda 
i~ dim stille bettle dunda 

vu~ dim treue buo ! 30 

Wo-n-or hat am brünnele 
abschied g-nä vum Minele 

volla' löad und we, 
kunnt köa blüomle öam vöär 's g-sicht, 
siaht ma' koa vergifsmeinnicht, 35 

wachst koa hälmle mi'. 



II. Der Reutliiiger Wein. 

Z- Reutlinge~ im Schwäbeland T der freie richsstadt siaht 
ist as allad lustig g'si~^; hüs und gasse festle d-ri~; 

z' finde~ ist de't allerhand, unserm held vöär allem biatt 
brave mädlen, wack-re' wr. z-erst der rät an humpe" wf 



15 



Dafs, so wit a kämmet stät, 5 

eppamäle 6' im jär 
nit all's feit und nit all-s g-rät-t, 

ist a sprüchle alt und war. 

„Prinz Eugeni kunnt i' d- stadtl'' 

hoal'st-s amäle det und da; 10 
jung und alt und magistrat 
löuft dem edle rittar nä'. 



UfF oan kraftzug wird er giert 
mit -ma „hoch !" uff stadt und land; 

doch de" zweite" humpe" wert 

prinz Eugeni mit der hand: 20 

„Nä, i' dank-, hochwisa' rät! 

Trink* , wer will , uff unser wol ! 
Liaber stürm- i' äne gnäd- 

d- festung Belgrad nächamäl!'' 



III. Karl V. In Nürnberg. 

Mit rofs und trofs ist Karl der fünft- und Durers hüs vergifst er nit. 5 

in Nüareberg amäle g'st"; T künstlers weär'statt löuft an 
Ma' präsentiert am alle zünft-; schwänz 

er nimmt a ding in öuge~schi~, vu~ gräfe' und baräne" mit. 



Alemannische Mundart. 



Vertieft i' sine arbät ganz 
voar siner Staffelei da stät 
der malar, schaffet überwandt 10 
just a 'ma grofse g*mald-, und lät 
de~ pemsel falle~ uss'ar hand. 
Vu~-n-alla grofsa pemsel, die 
um d' majestat versammlet sind, 
nti, nimmt se' wager kolmer d* mua, 15 
und buckf se' nach '9m kleine^ 
g'schwind. 



Da hebt e seäll der kaiser üf 

und seit, wia d* schranze' müle 

wend, 
des herrli' wort begeistert druf : 
„So lut*, wia-n-ihr sind, macht am 

end- 20 

der kaiser zche" i-nar stund, 
a~ oam tag nach 'em dutzad wol; 
an Albrecht Durer aber kunnt 
i~ tausend jare" nu' amal!" 



IV. Kaut'maiiii und Bäuerlein. 



D- heugabel uff 'or achsel gat 
a bfirle neäb' gr heufughr heär 
zum alte~ stadttöur üsse, lät 
da lustig trappe~ sine meär* 
As sight bi'n letsta huser duss 5 
a nette b'hüsung, nagelneu; 
an herr, hemdermlig, stät vorhuss 
und luaget, wio 6' 's weätter sei. 
Mr bürle, wunderig, schout hf, 
siaht g*schriebe~ uff ar tafel dick : 10 
^Karl Spengele, quincaillerie.'' 
As hebt si~ rofs an ouge'blick 



und fragt de~ herre~: ,was ist da? 
des kogewort verstand i' nit." 
„Kennst- d- Nüarcbergerwar ? i' 

hr 15 

uff lager alls, was d* brüchst und 

Witt-" 
„ Jetz lös- ma' doch l" rüaft 's biirle, 

„ihr? 
Denn händ ars nach 'ar schönste 

wäl. 
Wenn des ist, nu , so gemmar fögr 
d- heugabel da a fugtteräl!" 20 



V. Aus der Knabeuweit. 



An g-niglet volle nufsbamm stät 
amäle i~ -ma güatle. 
A g-rollets schualerbüable gät 
vorbei und su9cht a rüotle. 

As pfift a g-sätzle, luoget üf, 5 

sight d- bilza abar lällc~. 
Da packst a pär I denkt Peter d-rüf, 
i' hätt- schä~ lang gern wolle". 

Zieht uss 'om hag a brügele 

und wirft, so händ-s die krotta, 10 



d- nuss bruselet du9r d- äst, — je, je ! 
und fallet nach 'a notta. 

Und wia-n-as üf liest, was as kä", 
so siaht as volla' schreäcke~ 
schä~ allbereits hert uff am da 15 
de' büre~ mit dem steäcke~. 

Und üf, flink duar 'a hag, fort, fort, 
g-rad wio der blitz, färt Peter. 
„Pst, bü^ble! lös-, nu' uff a wort!'' — 
Mr büable löuft all g'n6ter. 20 



396 Dichtungen und Sprachproben. 

Dermrrügftfründle: „Du! los-, du!" Mf Peterle lacht geg' gm hf — 

und winkt am uss 'a hage": der buckel lult-s it bisse" — ; 

„He, büable! los-! so wart- doch nu'! „A so a büable, wia-n-ih bi', 

I' muaJJs dar eppas sage'." des brucht no' nit all-s z- wisse"!" 



Sprachliche Erläuterungen 

vom Herausgeber. 

I. Jak, Jakob, — 5, da', dich. — 13. röre, röhren, stark fliefsen; Schm. III, 121: 
reren, rbren, wol eine Anlehnung des mhd, reren, fallen (risen) lassen, an das hochd. 
Röhre. Höfer, HI, 43. — 15. glitzgere, glitzern, funkeln; vergl. Z. IV, 330, 35. — 
16. hand, (wir, ihr, sie) haben, wie mhd. hänt aus habent; unten IV, 18. — Mäne, 
plur. V. Ma, Mann. — 18. uffa — ufn, auf den; Z. IV, 245, 88. — 19. dund, dunda, 
da unten; Z. II, 172, 31. 40. — g-ruahe, mhd. geruowen, ausruhen; Schm. III, 3. 
Schmid, 439. — 25. lind, mhd. lint, weich, sanft; Schm. II, 479. Stalder, II, 173 etc. 
— 32. g'nö, genommen. 

II. 2. allad, immer; Z. IV, 544. III, 5. — gsi, gewesen; Z. IV, 250, 2. — 5. Käm- 
met, auch Kami, n., Kamin, Schornstein; Z. IV, 329, II, 6. — 6. eppamale, etwa ein- 
mal, manchmal; vgl. Z. II, 353. — 6, auch; Z. IV, 252, 46. — 6. grbte, gerathen, 
gelingen. — 10. deH, aus dert, dort; Z. II, 563, 21. III, 47, 3. 

ni. 6. We'dr' ^iait , f., Werkstätte, wofür unseren neumodischen Künstlern das we- 
niger sagende frnz. atelier (vgl. atteler, anschirren, zurüsten; Diez, rom. Wb. 733) bes- 
ser gerällt. — 11. a 'mxi, an einem,, a "nar, f., an einer (Z. 21), a "nam, n., an ei- 
nem; Z. III, 214, 11. 216, 4, 2. 218, 10. — lat, läfst; Z. HI, 219, 14. - 12. Pemsel, 
m., Pinsel; ahd. pensil, mhd. pensei, v. lat. penicillus (dimin. v. penis, Schwanz), Haar- 
büschel, wovon auch franz. pinceau, ital. pennello, engl, pencil, schwed. pensei. Schm. 
I, 285. Höfer, II, 314. Die figürliche Bedeutung dieses Wortes: einfältiger, unselbstän- 
diger Mensch (Zeile 13) leitet Weigand (Synon. Nr. 2265) aus dem Begriffe des Geführt- 
werdens durch Andere her. — 12. ufa'ar H., aus der H. ; über 'am, 'ar, inclinierendes 
dem, der, vgl. Z. HI, 104 u. unten: 16. 22. IV, 1. 2. — 15. tcäger, wager, wegarle, 
fürwahr, wahrlich, — ein Ueberrest des mhd. waeger. Comp. v. wsege (v. wegen; vgl. 
gewogen), vortheilhaft, gut. Schm. IV, 40. Höfer, III, 273. Stalder, II, 428. Schmid, 
513. Cimbr. Wb. 110: begor, besser. Z. IV, 149, — 17, », ihn. — s'dU, selbst; Z. II, 
353. — 18. müle, maulen; Z, III, 468. — wend, (sie) wollen; Z. V, 258, 8. 

rv. 3. üfse, hinaus: Z. III, 45, 16. — Me'dr, f., Mähre, schlechtes Pferd; Z. IV, 
307. — 7. vorhufs, vorhaufsen, davor. — 8. luage, schauen; Z. HI, 184,17. — 10. ar, 
ar (Z. 2), einer (dat. fem.), an Consonanten angelehnt; bei Vocalen nar (s. oben zu III, 
11). — 12, heben, halten, anhalten; Z, IV, 501, 10. — 14, Kogewort, n,, Luderswort; 
Z, in, 304. — 16. Witt, (du) willst; Z. HI, 209, 82. — 17. löse, hören, horchen; Z. 
V, 104, 10. — 19. gemmar, aus gend msr, gebt mir, v. ge'd, geben; Z. III, 532, 61. 

V. 1. g-niglet voll, übervoll (Nachtrag zu Z. V, 194), wol zu niggelen, wackeln, 
rütteln (Stald. II, 239); vgl. bair. nackeln, nockeln, Schm. II, 676. 678. — 2, Oitatle, 
n,, Gütchen, bes. Wieslein, v. Ouat, Grasboden; Z. IV, 643, I, 10. — 3. g'rollet, kraus- 
lockig. — 5. Gsätzle, n., Absatz eines geschriebenen oder gedruckten Stückes, Strophe 
eines Gedichtes etc. Schm. lU, 295. Z. V, 90. — 6. Silza, plur. v. Bilze, f., die 
äufsere, grüne Schale der Wallnufs. — abar lalle, herabzüngeln (mit geborstenen Scha- 
len); Stalder, H, 153. — 7. packet, packst du, nimmst du. — 10. hand's, haben es. — 



Mundart der Stadt Schaffhausen. 397 

Krotta, pl. V. Krott, f., Kröte; auch für ein Kind gebraucht; Z. IV, 471, 36. — 11. brii- 
sele, rauschend durch die Zweige (hrqfs; Schm. I, 265. Grimm, Wb. II, 399) fallen. — 
12. nach 'a notta, nach Noten, d. i. derb, tüchtig; ebenso in Koburg, namentlich: durch- 
prügeln noch Nöi'u. — 15. hSrt, hart, dicht, nahe. — 20. g-nhter, Comparativ v. gnot, 
geschwind, sehr; Z, III, 213, 5. — 24, e-ppas, etwas. — 26. it, nicht; Z III, 526, 26. 
Grimm, gramm. III, 738. — hifse, gebissen, gejuckt. 



Dialekt der Stadt Schaflfhausen. 
Das Steckenpferd, 

eine Betrachtung von P. Zehender in Schaffhausen. 

Es hat en jede Mensch si Steckepferd ! 
Da isch ka Frog-; i' glaub* es stif und fest, 
Und 'S gilt für Jung und Alt, für Arm und Rieh, 
Für's Bettlervolch, für's Künigs Majestät: 
Es hat en jede Mensch si Steckepferd! 5 

Und wers nid glaubt, geh* Acht en Augeblick, 
r leg's ihm üs mit dutlichen Exemple. 

Do sieh-n-i' z-erst en alte Zuripfarrer, 
r meine, ab der Landschaft: wifsi Hör- 

Umchränzed ihm die hohi, ernsti Stirne, 10 

Und üs den Auge strahlt en milde Glanz. 
De' rümt em Morge fn^sh, noch eh d* Frau Pfarrer 
De Kaffi bringt, si Pfifli flifsig üs 
Und putzt de Pfifechopf und blost dur's Rohr, 
Und endlich stopft er-s mit Bidocht, zündt's ä~ 15 

Mit Zundel; denn er isch-s sid Altem g'wohnt; 
D- Zündhölzli hat er nie recht m8ge schmöcke — 
So sa't er selber — und jez tribt er ernsthaft 
Die dicke blaue Wulke vor sich her 

Und schaut ano no' mit innigem Vergnfioge. 20 

Er brächt- um Alles nid e Täfsli abe. 
War- nid si Tubakpfifli i~ der Or'ning. 
Und wenn er z* Nacht bim Glasli alte Wi 
Im Lehnstuahl sitzt und spröchet mit der Frau 
Vun alte Zite und vum liebe So", 25 

Und was er acht 6' tribi z- Ziiri' inne, 



Dichtungen und Spracbproben. 

So muofs 'es Tubakpfifli liob und werth 

Mit chräftige Düfte sini Wort- bigleite. 

Und wemmen erst em Samstig z- Obid sieht 

Mit lange Schritte üf und ab spaziere 30 

Im Garte — allweg* lernt er a~ der Bredig, 

A Wort um's ander, wie's die rechte mached — 

So rnuafs es Tubakpfifli mitspaziere, 

Und hett" er*s nid, er war- en g'schlag*ne Mä~, 

Er chönt em Suntig druf ka Bredig hä~! 35 

Und wett- sich eine' lustig mache drob, 

r ruaf ihm zug: „Min guate Fründ, hasch g-hört. 

Es hat en jede Mensch si Steckepferd! 

Vergunn-s ihm nid! Glaub', -s isch uf Ehr ka Sund! 

Wer weifs, ob me' bi dir ka gröfsers findt!'' 40 

I' kenn* e Jumpfere im Bernerbbiet, 
Jung isch si numme, aber doch no' artig; 
r netti Löckli wicklet si so süber 
Die silberwifse Hör-, und ihri Bäggli, 

Si bluahed allewil no' vu frischem Roth, 45 

Als chämi d- Färb vum gliche Molermeister, 
Der alli Johr im Herbst d- Kapännerli 
So herzig färbt, — die tribt e b-sundri Kunst 
Und si versteht si ussem Fundement. 

De meinsch, 'es Hoggle öbbe und 's Brodiere? 50 

Wit g-fehlt! Selb würd* i' nid so ästimiere! 
Nei, 's Chuachlibache I — Gang em Ostermentig, 
Oder a der Pflngste, oder em Sylvester 
Am Hus verbi, so stigt dar halt en Duft 
Dur d' Nasen üf, so fi~, so suöfs und zart, 56 

Als säfsisch unter Pomeranzebäume 
Im Land Italia; — und hasch 'es Glück 
Und ladt si di' zum Kaffi i~, — potz Weltl 
So lauft dor 's Wasser ganz im Mül d-ringum, 
Schu wenn d- no' vor der Stubethure stohsch. 60 

De Tisch siehsch volle Brätzle und Makrönli 
Und Müllerrädli und wer weifs wa me! 
Jez wenn d- ara witt en rechte G'falle thua^ 



Mundart der Stadt Schaffhausen. 399 

So schlag so tapfer wie-n-en Dröscher drr! 

Denn luogt si di' mit helle -n- Auge -n-ä~ 65 

Und denkt bi-n-ihre selbst: ;,Hä, isch nid wehr? 

Es bacht doch Niemert d- Chuochli so wie du !" — 

Und wenn d* Frau Schwöster oder e Frau Bäsi 

Visite hat, so stoht si schü" vor Tag 

Am Würkbrett, schafft am Teig und 's Meitli muafs 70 

De Ofe füre, und vor -s Ummis isch, 

So stöhnd die schönste Chüochli fertig do, 

Goldgäl und rösch, — ka Tadeli isch drä~I 

Und z" Obid ziered si e schöni Blatte. 

Wenn 's Niemert weifs, 's chä~*s jede licht errothe, 75 

Wem so süperbi Chuochli g-rothe. 

Und goht e Wuche ganz V9rbi, 

Dafs si nid chönti hülfrich si 

Mit ihrer Kunst, so — glaub* mers nü'l — 

So isch si gar nit woll im Lü~. 80 

Sobald si aber wieder Chii9chli bacht, 

Isch uf der Stell guot Wetter g-macht. 

Du denksch bi dir und lachisch g*wüfs dabi: 

„Das muais e curjosi Jumpfern si!'' 

Doch glaub* mer: Ville isch si lieb und werth, — 85 

•s hat halt en jede Mensch si Steckepferd! 

Vergunn's ere nid! 'es Chuochle isch ka Sund! 

Wer weifs, ob me' bi dir ka gröfsers findt! 

Und witers kenn* i' no' en alte Herr 
r selber Stadt, wo De', de' 's Schwizerland 90 

Erschaffe hat zum schönste Land der Welt, 
Zum Rhistrom sa't : „Rechtsum und vorwärts marsch I 
Nimm jez di Weg alsgmach gu Holland abe 1 
Doch mach mer unterwegs kan Rhifall me! 
D- Schaffhüser söllid das aparti hä~ 95 

Vor allem andre Volch" — i~ selber Stadt, — 
Si isch nid arm, — -s chönt Manche, wo drin wohnt. 
Mit aller G'walt die Zisli nid verbrösle. 
Die -n- er i'zücht vu sine Millione; 
Doch isch si 6' nid gizig, — z* Hampflewis 100 



400 Dichtungen und Sprachproben. 

Streut Manche drin vum volle Ueberflufs 
Q ( Si redlich Theil gern unter d* Armuath üs — 

, Churz', z' Basel kenn- i~ en komode Herr, 

Der hat si Lebelang nu' wenig g-wiifst 

Vu"" Sorg und Müoh um's täglich Brot, es hat 105 

Sin Grolspapa e prächtig stattlich Hüs 
y) : Und Cheller drin mit manchem volle FaJs 

Voll alte Wr em Papa hinderlü~, 

Und de' 'em So~; dem isch si groisti Freud, 

Sei'S am Giburtstag, sei's am Namistag, 110 

En grofse Chranz vu~ Vettere -n -und Base 
,V Z' versammle um sin Tisch, und was de' Tisch 

Nu träge mag, das stellt er üf: Bastete, 

Fasane, Zunge, Turten und Confekt 

Und Basler Leckerli gar z* Hüfewis, 115 

Und alle goht er selbst mit guotem Beispil 

Voran und weifs die beste Möckli z'schätze. 

Je besser -s aber sine Gäste schmeckt, 

Je tufer si i's Glasli schaued und 

Si G'sundheit trinked, desto fröhlicher 120 

Strahlt über d* Tafle hi~ si heiter G'sicht. 

Drum hat er en ganz bsundere Instinkt, 
I Usz-witt*re, wele Zuckerbeck und wele 

Scharcütier im Grofs* und Chline Basel 

Die beste Blatte wüfsi z-fabriziere ; 125 

Und mit Husfraue chan er stundelang 

I~ gründlich tiife G'sproche dischgeriere. 

Doch wo-n-er hört vü" armer Lüte Noth, 

Do goht si mildi Hand vu" selber üf: 

Er luoget dar en Thaler, en Dugote 130 

Nid ä~, er git en \n mit grofser Freud. 

Drum, sa't mar öbbert vu~ dem Basler Herr: 
. [ „r thät- mi schSme, wenn i' da' Schleckmül war," 

So säg" i': Er isch mor ammeg lieb und werth; 

•8 hat halt en jede Mensch si Steckepferd! 135 

Er isch dobi doch guot und liebrich g-sinnt; 

Gib Acht, dafs me' bi dir ka gröfscrs findtl 



Mundart der Stadt Schaffhauseti. 401 

Und endlich hä-n-i' In ere liebe Stadt 
Vu altehrwürdige Sitte- n-und Gebräuche 
E wackeri Hüsfrau kennt: die alte Zite 140 

Mit ihrem Glanz hat si no g-sehe und 
1~ sidenem Kleid, i~ vornehmer Visite 
Isch si an manchem Spiltisch g'sesse, manchmol 
Mit halbem Herze bloXs; — e nobli Art 
Und öbbis no' vu~ adeligem Stolz, 145 

Das hat mi' all mit b'sunderem Respekt 
Vor selber Frau erfüllt. En weiche Lehnstuohl, 
De* Basler Volksbot und e Basler Chätzli, 
E guati Brülle no', mit diese Dinge 

Hat si in ihre stille alte Tage 150 

Sich vilmol tröst-t. Doch chunt no' Eins derzua 
Und uhni das wir* ihr a~ dieser Welt 
Gar manches Bluomli abg'welkt und erstorbe. 
Sobald de' Zeiger uf der Stubenuhr 

Uf's Fufi zuQruckt, luoget si vum Buach 155 

Biswilen uf und loset, ob uf der Laube 
No' nid en wohlbikannte Tritt erschalli. 
Und wie si iTgiduldig ebe will 
Vum Lehnstuahl sich erhebe, luag', so bringt 
'es Meitli en altlächt viereckig G'stell 160 

Mit g'schweifte Fugise, stellt's ab nebe'm Tisch, 
Und uf de warme Gluate singt im Chessel 
*es süttig Wasser. — ;,Sch6neri Musik 
Git's kani für e ruahig Fraueg-muath 

Us alter Zit'^ — so denkt si, holt bidächtig 165 

'es silberi Chrüagli und di g*m61et Theebüchs 
Mit sammt den alte Tassen ufsem Chaste, 
Und grad, als gab's en seltne Zaubertrank, 
So mifst si 's Theechrüt mit erfahr-nem Blick, 
Schutt 's süttig Wasser drä~, stellt d- Tassen umme, 170 

Holt d* Zuckerbüchs, verschnidt 'es Brot, — manchmol 
Sind Weggli oder Simmering parät, 
Im Fall si d" Fritig-Cumpenie erwartet. 
Und wenn si merkt üs uralter Erfahring, 
De' Thee hei zöge, wie -s si' g-hort, so sitzt me' 175 

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Dichtungen und Sprachproben. 

An Tisch, die ganz Famili — und no' me 

Als Thee und Milch, als Sinmiering und Weggli 

(>M Erquickt 'es G'müoth das liebrich traulich G'spr8ch. 

Denn, wie wenn alli edle guate Geister 

Verschlösse warid i~ dem Wundertrank, 180 

Der duftig üs em Silberchruagli strömt, 
So gufst er e ganz üfserordetlich 

öij Behaglich G'fuohl in alli Fraueg*muather. 

Und bringt de' Tag e widrig Aergernuis, 
Stöhnd uf der Stirne Wulke vu Verdruis, 185 

Und 'S singt de' Theechessel si g-wöhnlich Stück, 
So zuhed sich allsgmach die Wulke z-rück, 

• '..! Und duftet denn de' Trank üs voller Tasse, 

So weiTs me' sich in Friede wieder z-fasse; 
Und isch di letzte Tasse leer, 190 

So lit de' VerdruTs im tfifste Meer, 
Wie d- Sunn- am Himmel d- Hüsfrau strahlt: 

<".-']' So hat de Thee e Wunderg-walt. 

Drum, wer der brave Frau de Thee verwehrt. 

Bedenk-, -s hat jede Mensch si Steckepferd I 195 

Und so eins macht no' sanft und fröhlich g-sinnt: 

Gib Acht, dafs me' bi dir ka grofsers findt! 



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So git-s vil Steckepferd' no' i~ der Welt, 
Und d- Mensche gäbid's nid um Guat und Geld; 
Sie sattled-s flifsig jede Tag üf's neu 200 

Und blibed bis zur letzte Stund ihm treu. 
Und wer o' meint, me' wüssi nünt devü~, — 
Wa gilt'S, me' würd' ihm doch dehinder chü~! 

Drum lebst du gern im Friede, wies si' g'h6rt. 
So lofs' du Jedem gern si Steckepferd, 205 

So lang'S en nid uf unerlaubte Wege 
Mit List und G'walt will i's Verderbe trage. 
Fahr nid grad dri~ mit Spott! Gnuog hesch jez g'h6rt: 
'S hat halt en jede Mensch si Steckepferd, 
Und 's Best* isch, wenn debi sich Jede b'sinnt, 210 

Ob me' bi-n-ihm nid noch e grofsers findt. 



Mundart der Stadt Schaffhausen. 403 

Sprachliche Erläuterungen 

vom Herausgeber. 

8. 8ieh-n-i\ sehe ich. — Zimpfarrer, Züricher Pfarrer. — 10. umchrämed, um- 
kränzen; über diese Endung s. Z. III, 42, 27. 193, 125. 320. 651, 12 u. unten: 32. 45. 
72. 95. 119. 180. 199 ff. — 12. rümt üs, räumt aus, reinigt. — 16. Zundel, m., Zun- 
der, Feuerschwamm; Schm. IV, 269. — 20. ene, ihnen. — 34. spräche, plaudern, wie 
mhd. sprächen, schw. Vb.; Schm. III, 585. Höfer, III, 165. Stalder, II, 385. Rütte, 78. 
Schmid, 503. Z. IH, 298. IV, 15. - 26. acht, echt, etwa, wol; Z. III, 207, 25. Ueber 
die zweifelhafte Abstammung dieser schon im 12. Jahrh. begegnenden u. im 13. Jahrh, 
sehr häufigen Partikel (et, eht, ot, oht) Tergl. Grimm, Gr. III, 286 f. Wbch. I, 167. 169, 
aber auch ßuff's Etter Heini, S. 215, 1287 u. Adam, S. 195, 514, — d\ o\ auch; Z. HI, 
439; unten 203. — 29. wemmen zz wenn md' sn, wenn man ihn. — 31. allweg', je- 
denfalls; Z. V, 258, 36. — 36. wetf, wollte; Z. V, 262, 13. — 37. hasch, hast (du); Z. 
II, 562, 5. IV, 546, HI; vgl, unten: 50. 56, 60, 61. 83 etc. — 39. vergunnen, mifsgön- 
nen; Zamcke zu Brant's Narrensch. S. 389, — 41, Jumpfere, f., Jungfrau. — numme, 
nicht mehr; Z. III, 320, — artig, was eine Art hat, hübsch etc.; Grimm, Wb, I, 573, — 
47. Kapännerlif Kampanierapfel, ein kleiner, hochrother Winterapfel mit kurzem Stiel, 
franz. court-pendu u. capendu. Corrodi, de H. Professer, S. 97 : Campanner. — 48. her- 
zig, lieblich, nett; Stalder, H, 40. — 50. Hbggle, n.. Häkeln. — öbbe, etwa. — 
59, d'ringum, ringsum ; vgl, ggringsum, kringsum, zringsum. Schm. III, 109, — 62, Mül- 
lerradli, ein gewisses Backwerk. — wa me, was mehr; so unten 203: wa gili's. — 
63. 87. ere, ihr (dat. fem,), aus dem verlängerten ir9r gekürzt. — hä, eine dem Schwei- 
zer sehr beliebte Partikel, sowohl zur Frage, als in (bejahender) Antwort. Schm. II, 127. 
Z, H, 109. IV, 477. Corr., Prof. S. 45. 86. 88. 91 etc. — 67. hache, backen; Z. IV, 66, — 
Niemert, Niemand; Stalder, II, 237 u. unten 75, — 70, 160, Meitli, Magd. — 71. vor, 
bevor, ehe ; Z, IH, 325. IV, 252, 41. — Ümmia, d. i. Imbifs (Immes), Essen, gewöhnlich, 
wie hier, Mittagessen, Mittagszeit. Z. V, 332, Stald, II, 68. Schm. I, 209, Schmid, 299. 
Lauth, d. german, Runen - Fudark, 147, — rösch, ausgebacken, dürr; Z, IV, 6. — Ta- 
deli, n., Dimin. v. Tadel, m., Mangel, Fehler; Z. IV, 442. Die Koburger Mundart ge- 
braucht in diesem Sinne u, angelehnt an Tadel ihr Unt&deld, n. , welches jedoch ur- 
sprünglich als Untatelein, TJ'tÖ.del, n., zu Untat, f, , Makel, gehört. Schm, I, 461. 
Reinw. I, 178, Schmid, 117. — 74. Obid, m., Abend. — 80. Lü, m., Laune, besonders 
heiterer Sinn; Z. H, 510, 4. HI, 296. IV, 253, 105, — 87. ChUdchli, n., das Kuchen- 
backen. — 93. gu, nach, gen; vgl. gon bei Geiler v. Kaisersb. Schm. H, 51. — abe, 
hinab. — aparti, besonders, für sich allein; Z. V, 258, 24. — 97. Zhli, Dimin., Zins- 
chen. — verbrösle, verbrausen, verprassen; Brösel, m., eine gute Mahlzeit. Stald. I, 
231. — i'züchi, einzieht. — 100. z' Hampflewia, ganze Hände