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Die deutsche Revolution
ihr Ursprung,
ihr Verlauf und ihr Werk
Von Eduard Bernstein
1. Band:
Geschichte der Entstehung und ersten
Arbeitsperiode der deutschen Republik
1921
Verlag Gesellschaft und Erziehung, G. m. b. H.
Berlin-Fichtenau
Die deutsche Revolution
Geschichte der Entstehung und ersten
Arbeitsperiode der deutschen Republik
Von Eduard Bernstein
1921
Verlag Gesellschaft und Erziehung, G. m. b. H.
Berlin-Fichtenau
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' OCT 1 2 WZ
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Vorwort . 5t
1. Kapitel. Einleitung . 7
2. „ Die Reichsleitung vor der Revolution .... 9
3. „ Der Anbruch der Revolution 14
4. „ Regierung und Sozialdemokratie von Anfang Oktober bis
zum 9. November 1918 19
5. „ Der 9. November 1918 in Berlin 29
6. „ Die erste Gestalt der deutschen Republik ... 40<
7. „ Die Revolution in den Einzelstaaten 51
8. „ Kämpfe von Sozialisten gegen Sozialisten ... 65
9. „ Der erste Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte
Deutschlands 83
10. „ Der Matrosenaufstand in Berlin Weihnachten 1918 . 100
11. „ Der Austritt der unabhängigen Sozialdemokraten aus
dem Rat der Volksbeauftragten 122
12. „ Der Kommunistenaufstand in Berlin [vom Januar 1919 128
a) Das Einheitskabinet der Mehrheitssozialisten und
sein Programm 128
b) Der Fall Eichhorn und der Beginn des Aufstandes 131
c) Wie es in der Regierung aussah. Gustav Noske
militärischer Befehlshaber 142.
d) Die Vermittlungsversuche und ihr Fehlschlagen 145
e) Die Straßenkämpfe und die Rückeroberung des
Vorwärtsgebäudes 156.
f) Mißhandlung und Erschießung von Gefangenen 158
g) Die Zurückeroberung des Polizeipräsidiums, der
Zusammenbruch des Aufstandes . . 161
13. „ Die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg 165
14. „ Die allgem. Zustände in den ersten Monaten der Republik 172
a) Die Rolle der Arbeiter- und Soldatenräte . 172
b) Die Leistungen der Republik für die Arbeiter 175
c) Schwierigkeiten der Auslandspolitik der Republik 180
d) Die bürgerlichen Parteien und die Republik . 188
15. „ Die Wahlen zur Nationalversammlung, der Abschluß der
ersten Periode der Revolution . . . . 195.
Alle Rechte der Übersetzung vorbehalten.
Copyright 1921 by Verlag Gesellschaft und Erziehung,
Berlin-Fichtenau.
Vorwort.
Die deutsche Revolution hat eine eingehende geschichtliche Darstellung
ihres Verlaufs bis zur Zeit noch nicht zu verzeichnen. Ihre bisherige Literatur
besteht aus zusammenfassenden Beschreibungen ihrer Entstehung und ersten
Entwicklung, aus Schriften über bestimmte Vorgänge oder das Wirken be-
stimmter Personen in ihrem Verlauf, aus kritischen Abhandlungen über die
Politik ihrer Parteien, aus Schriften über Prozeßverhandlungen, aus amt-
lichen und nichtamtlichen Berichten und Kundgebungen verschiedener Art
und sonstigen Urkunden der Regierung und Parteien. Vieles davon ist
anerkennenswert sachlich gehalten, anderes von tendenziöser Parteilichkeit,
die vor grober Fälschung der Tatsachen nicht zurückschreckt, in manchen
Berichten, insbesondere in den Berichten der Untersuchungskommission der
preußischen Landesversammlung über die verhängnisvollen Unruhen in Ber-
lin vom Januar 1919 wird ein höchst wertvolles Material dargeboten, doch
ist auch dieses nur zum Teil erst systematisch verarbeitet — kurz, es ist
eine ansehnliche Zahl von Veröffentlichungen zur Geschichte der Revolution
vorhanden, aber eine umfassendere Geschichtsarbeit über sie fehlt noch.
Die vorliegende Arbeit nun will diese Lücke für die Geschichte der
ersten Periode der Revolution ausfüllen. Sie ist von dem Wunsch diktiert,
diese Periode, die von dem Ausbruch der Revolution bis zur Wahl der Ab-
geordneten für die verfassunggebende Nationalversammlung reicht, also den
wesentlichen Teil der Regierung durch den Rat der Volksbeauftragten um-
faßt, in systematischer Anordnung des Stoffes so eingehend zur Darstellung
zu bringen, wie dies im Rahmen eines immer noch mäßig umfangreichen
Buches möglich ist. Es handelt sich um die Vorführung einer Periode, in
der die deutsche Republik ersteht und ihren Inhalt zu bestimmen sucht, dabei
aber von Kämpfen heimgesucht wird, die für die Gestalt, welche sie schließ-
lich erhalten hat und für ihre ganze innere und äußere Politik von höchst
verhängnisvoller Rückwirkung gewesen sind. Um diese Kämpfe hat sich aber
in unserer schnell lebenden Zeit schon ein ganzer Legendenkranz gewoben,
so daß nicht nur das Verhalten der an ihnen beteiligten Parteien und Personen
verschiedentlich ganz falsch beurteilt, sondern auch ihre Natur und Bedeutung
vollkommen falsch eingeschätzt werden. Man beschäftigt sich mit ihnen in
der Regel nur unter dem Gesichtspunkt des Einwirkens bestimmter Per-
sönlichkeiten, wobei man je nach der Parteistellung, die man selbst ein-
nimmt, den einen oder den andern die Verantwortung zuschiebt und allen-
falls noch auf die taktischen Gesichtspunkte hinweist, von denen die handeln-
den Persönlichkeiten, außer von ihren Leidenschaften und persönlichen Vor-
urteilen, sich leiten ließen. Tatsächlich aber hat es sich bei ihnen um das
Ringen zweier grundsätzlich verschiedener Auffassungen des Sozialismus
und der sozialen Entwicklung gehandelt, die durch die ganze sozialistische
Bewegung der Neuzeit sich verfolgen lassen, aber nur den wenigsten der
Kämpfenden in ihrer tieferen geschichtlichen Bedeutung voll zum Bewußt-
sein kommen. Vielmehr stellen sie sich den meisten eben nur in der Gestalt
von Fragen des taktischen Verhaltens oder der jeweilig praktischen Methode
dar, zu denen sie dann auch lediglich als Praktiker Stellung nehmen, wobei
größere oder geringere Einsicht in die erkennbaren Zusammenhänge und
Möglichkeiten den Ausschlag geben. Die Aufgabe des politischen Geschichts-
schreibers -ist es jedoch, die den praktischen Kämpfen zugrunde liegenden
tieferen Gegensätze zu ermitteln und behufs deren richtiger Bewertung zur
Anschauung zu bringen.
Wenn im vorliegenden Buch gestrebt wurde, nach dieser Maxime zu
verfahren, so ist darum das Moment der persönlichen Verantwortungen in
ihm doch durchaus nicht unberücksichtigt geblieben. Im Gegenteil muß ich
auf den Vorwurf gefaßt sein, sie wiederholt schärfer hervorgehoben zu
haben, als es mit der Unparteilichkeit des Historikers zu vereinen sei. Aber
nach meiner Ansicht braucht diese Unparteilichkeit nicht weiter zu gehen, als
das Gebot der Wahrheit in Betracht kommt. Die Geschichtsschreibung darf
nicht der Parteistellung des Schreibers zuliebe mit den Tatsachen willkür-
lich umspringen. Ihnen gegenüber muß sie objektiv sein, von ihnen darf sie
nichts übertreiben und nichts Wesentliches verschweigen. Dagegen ist ihr
nicht untersagt, den Handlungen gegenüber das individuelle Urteil zum Aus-
druck zu bringen, wie es dem politischen Standpunkt des Schreibers ent-
spricht. Dies Buch ist nicht parteilos. Es behandelt Vorgänge von zu ein-
schneidender Bedeutung für das Schicksal des eignen Volkes wie der Völker
überhaupt, als daß der Verfasser es mit seinem politischen Gewissen für
vereinbar gehalten hätte, mit seinem Urteil über Personen, die bei ihnen
Verantwortung auf sich geladen haben, hinter dem Berge zu halten. Ich
habe mich bemüht, gerecht zu sein, ich habe aber keinen Wert darauf ge-
legt, es allen recht zu machen. Ich schildere Miterlebtes, an dem ich als
Mitkämpfer beteiligt war. Nicht so sehr im Vordergrunde, als daß ich ver-
sucht sein könnte, in diesem Buch vom eignen Tun zu sprechen. Aber so
sehr mit meinem ganzen Fühlen und Denken an ihm interessiert, daß ich
nicht alles, was in diesen Kämpfen gefehlt wurde, wo das Schicksal eines
ganzen Volkes, wo die Gestaltung der eben errungenen Republik und die
Bedingungen ihrer gesunden Fortentwicklung auf dem Spiele standen, als
mir selbst geschehen mitempfunden hätte. All das damals Durchlebte ist
mir beim Niederschreiben dieses Buches erneut vor die Seele getreten, und
so mag man es verstehen, warum es an verschiedenen Stellen subjektiver
ausgefallen ist, als andre Arbeiten des Verfassers.
Ein in der Folge erscheinender Band soll die Periode der verfassung-
gebenden Nationalversammlung und dasjenige daran Anschließende behan-
deln, dessen Vorführung erforderlich ist, um den Titel des Ganzen zu recht-
fertigen, der eine Geschichte des Ursprungs, des Verlaufs und des Werks
der deutschen Revolution verspricht.
Berlin-Schöneberg, im März 1921.
i Eduard Bernstein.
Einleitung
Das deutsche Kaiserreich der Hohenzollern brach zusammen. Die
Macht, die bei seiner Erstehung Geburtshilfe hatte leisten müssen, die Po-
litik von Blut und Eisen, ward sein Totengräber. Zu einer gewaltigen
Machtstellung hatte es sich entwickelt. Die politische Einheit, die Nieder-
reißung aller wirtschaftspolitischen Grenzpfähle im Innern und eine nur
zeitweilig unterbrochene Politik der Handelsverträge mit der Klausel der
Meistbegünstigung hatten sich der Entwicklung seiner Industrie und seines
Handels äußerst förderlich erwiesen. Aus dem einst armen Deutschland
war es, wie seine Nationalökonomen gerade in den Jahren 1912, 1913,
1914 mit Stolz ausrechneten, das »reiche Deutschland« geworden. Die
Helfferich, die Steinmann-Bucher und Kollegen wiesen nach, daß Deutsch-
lands Nationalreichtum der Summe nach den der Deutschland einst darin
so überlegenen Westmächte England und Frankreich teils erreicht und
teils sogar schon übertroffen hatte. Nicht minder machtgebietend stand es
auf militärischem Gebiet da. Es hatte seine Kriegsflotte treibhausmäßig
auf eine Höhe gebracht, die nur noch von der des Inselreichs Großbritan-
nien übertroffen wurde, und seine Landmacht war zwar der Ziffer nach von
der Rußlands, der wirklichen Leistungsfähigkeit nach aber von der keines
Landes übertroffen. Mit einem gewissen Recht hatte daher, soweit wenig-
stens Mittel- und Westeuropa in Betracht kamen, der dritte der Hohen-
zollernkaiser eines Tages das stolze Wort aussprechen können, daß ohne
den Willen Deutschlands »kein Schuß in Europa fallen« werde. Dies
Machtbewußtsein ward ihm jedoch zum Verhängnis.
Es liegt außerhalb des Rahmens dieser Arbeit, die Triebkräfte zu
analysieren, die im Juli 1914 den Ausbruch des Krieges herbeigeführt haben,
der sich dann zum Weltkrieg ausgewachsen hat. Das Eine darf aber als
unbestreitbar festgestellt werden: wenn auf Seiten der Regierenden Deutsch-
lands der entschiedene Wille vorhanden gewesen wäre, es nicht zum
Krieg kommen zu lassen, dann wäre dieser auch tatsächlich vermieden
worden. Aber dieser Wille fehlte eben. Das Machtbewußtsein war zum
Machtdünkel geworden. Wilhelm II. von Hohenzollern bildete sich ein, in
solchem Maße Herr über Krieg und Frieden zu sein, daß er ungestraft ge-
wissermaßen Kriegslizenzen ausstellen dürfe, wie man Jagdüzenzen aus-
stellt: dieser Krieg — der Krieg Österreich-Ungarns wider Serbien — darf
sein, und wehe dem, der sich in ihn einmischt! Das war das Motto für
das Verhalten des kaiserlichen Deutschland in den schicksalsschweren Juli-
tagen 1914, und weil das übrige Europa sich nicht bis soweit ihm fügen
wollte, nahm es einen gemeldeten Grenzzwischenfall zum Anlaß, den Krieg
zu erklären, der den größten Teil Europas in Brand gesetzt und den Zu-
sammenbruch der drei Kaiserreiche des europäischen Festlands herbei-
geführt hat. 7
Selbst wenn man auf Grund seiner Beteuerungen Wilhem II. von der
Schuld freisprechen will, den Krieg gewollt zu haben, und den Mangel
eines mit voller Bestimmtheit handelnden Willens wird man ihm vielleicht
zuzubilligen haben, wird damit seine Verantwortung für den Krieg noch
lange nicht aufgehoben. Sogar die noch gar nicht übermäßig anspruchvolle
Ethik der Religionsgemeinschaften erklärt denjenigen, der einen Mord ver-
hindern konnte und nicht verhindert hat, für mitschuldig an ihm. Mit der
Größe der Macht aber wächst die Größe der Verantwortung. Es ist Wil-
helm II. weder subjektiv noch objektiv mit der Erzwingung seines Rück-
tritts Unverdientes geschehen.
Seine Verantwortung wird auch dadurch nicht gemindert, daß sich
seine Regierung im Laufe des Krieges wiederholt zu Friedensverhandlungen
bereit erklärt hat. Denn allen diesen Erklärungen fehlte dasjenige Element,
das sie im Angesicht des zu Anfang Geschehenen wirkungsvoll hätte machen
können: das Bekenntnis zur Pflicht des Gutmachens. Wilhelm II. wollte im-
mer nur einen solchen Frieden, der ihm erlaubt hätte, als Sieger heimzu-
kehren. Man erinnere sich seines Erlasses an die deutsche Armee bei
Gelegenheit des Friedensangebots vom Dezember 1916: »Als Sieger habe
ich den Gegnern den Frieden angeboten.« Selbst wenn man auf der
Gegenseite damals zu Friedensverhandlungen bereit war, hätte, wie die Re-
gierenden Englands, Frankreichs usw. nun einmal beschaffen waren, diese
Sprache genügt, die Bereitschaft zu ertöten.
Mit dieser Feststellung soll natürlich das Verhalten der Staatsmänner
der Gegenseite noch nicht für gerechtfertigt erklärt werden. Es handelt sich
indes hier nicht um das Abwägen des Schuldkontos der europäischen Mächte
gegeneinander. Es handelt sich um die Verantwortung Wilhelm II. und seiner
Regierung dem eigenen Vohk gegenüber. Sie wußten, mit wem
sie es zu tun hatten, welche Auffassungen in den maßgebenden Kreisen der
Gegner obwalteten, und mußten daher, wenn sie aufrichtig ihrem Volk die
Fortsetzung des verheerenden Krieges ersparen wollten, ihre Sprache und
ihre Vorschläge diesem Zweck unterordnen. Das ist aber bis zum Schluß
n i c ht geschehen. Und zwar nicht nur deshalb nicht geschehen, weil per-
sönliche Eitelkeit sich dagegen sträubte, sondern auch deshalb nicht, weil
das System es nicht erlaubte. Aus den Ludendorff und Genos-
sen, die den Krieg noch in die Länge zogen, nachdem sich schon unzwei-
deutig gezeigt hatte, daß er nicht zu gewinnen war, sprach das System,
dessen Träger sie waren. Um dieses Systems willen, von dem sie wußten,
daß seine Existenz an das Herausgehen als Sieger aus dem Krieg gebunden
war, setzten sie zuletzt das Schicksal der. ganzen Nation aufs Spiel. Nur
ein radikaler Bruch mit ihm hätte dieser das bittere Ende ersparen können.
Dazu hat sich aber keiner der Staatsmänner aufschwingen können, die
nacheinander das Ruder des Reiches in die Hand nahmen. Die Bethmann-
Hollweg, die Michaelis, die Max von Baden wollten das System ohne seine
Logik und sind an diesem Widerspruch gescheitert. Die Ludendorff, Tirpitz
usw. waren die stärkeren Logiker und brachten das Kaiserreich zum Schiff-
bruch. Aus Siegen hervorgegangen, mußte es untergehen, als diese aus-
blieben. Deutschland als Einheit konnte aber nur erhalten bleiben, wenn
diejenige soziale Macht die Liquidation in die Hand nahm, die ihrer ganzen
Natur und Überlieferung nach jenen radikalen Bruch bedeutete — die So-
zialdemokratie.
8
II.
Die Reichsleitung vor der Revolution,
Gehen wir in kurzen Umrissen die Ereignisse durch, die zur Revo-
lution der Novembertage 1918 geführt haben.
Im Juli 1918 brach die Angriffskraft, im August 1918 auch die Wider-
standskraft der deutschen Westarmee zusammen. Versuche, sie durch Ver-
kürzung der Frontlinie wieder herzustellen, schlugen fehl. Die Soldaten
waren durch keine Beruhigungsapparate mehr über den wahren Stand der
Dinge hinwegzutäuschen. Anschaulich, wenn auch etwas zu impressioni-
stisch schildert die Rückwirkung der Erkenntnis von der zunehmenden Ver-
besserung der Lage und Ausrüstung der gegnerischen Truppen auf die Gei-
stesverfassung der deutschen Soldaten der Redakteur der Berliner Volks-
zeitung Dr. Karl Vetter, in seiner Flugschrift »Ludendorff ist schuld«, ruhiger,
aber darum nicht weniger eindrucksvoll ist es dargelegt in der Schrift von
Otto Lehmann-Rußbüld »Warum erfolgte der Zusammenbruch an der West-
front?«, die eine vom Verfasser dem General Ludendorff übermittelte »Denk-'
schritt eines deutschen Landwehrmannes« enthält. Der deutsche Soldat sah,
wie immer neue Nachschübe an kampfesfrischen Mannschaften die Truppen-
zahl auf der Gegenseite steigerten, immer neue leichtbewegliche Tanks deren
Artillerie verstärkten, immer neue Fliegerschwärme ihr die Überlegenheit im
Luftkampf sicherten, und büßte im entsprechenden Maße den Glauben an die
Möglichkeit eines Sieges oder selbst nur andauernden Durchhaltens ein.
In der dadurch erzeugten und durch die Unregelmäßigkeiten und oft heraus-
fordernden Ungleichheiten in der Verteilung der Kost noch gesteigerten Miß-
stimmung bedurfte er keiner Beeinflussung durch Agitatoren, um die Über-
zeugung zu gewinnen, daß die Weiterführung des Krieges zweckloses Auf-
opfern von Menschen sei. Da er sie aber gewonnen hatte und doch sehen
mußte, daß die zwecklos gewordenen Opfer gebracht wurden, mußte er um
so mehr veranlaßt sein, denen ein geneigtes Ohr zu schenken, die ihm die
Notwendigkeit eines gründlichen Wandels in den politischen Einrichtungen
seines Landes, die Beseitigung eines Systems predigten, das diese Opfer
forderte.
Daß eine sozialistisch-revolutionäre Agitation im Heere stattfand, soll
nicht geleugnet werden. Hatten doch die Militärbehörden selbst für eine
solche gesorgt, indem sie immer wieder Leute, die sich zu Hause wegen
solcher Agitation mißliebig gemacht hatten, um sie zu strafen, eingezogen
und an die Front geschickt hatten. Kein Wunder daher, wenn die in solcher
Weise Gemaßregelten an Ort und Stelle ihren Kameraden gegenüber aus
ihrer Gesinnung kein Hehl machten und auf sie in revolutionärem Sinne
einzuwirken suchten. Aber der großen Zahl der Mannschaften gegenüber
waren das doch zu wenige, um irgend etwas Wesentliches ausrichten zu
können, wenn sie nicht Verhältnisse antrafen, die ohnehin den Soldaten den
Glauben an die ihnen von oben mit ganz anderen Mitteln der Bearbeitung
verkündeten Losungen und damit zugleich die Neigung nahmen, willenlos
dem Hagel feindlicher Geschütze sich auszusetzen. In England hat es die
ganze Zeit des Krieges über eine sehr eifrige Propaganda gegen den Krieg
und den Kriegsdienst gegeben, die sich ziemlich frei bewegen konnte und
durch die öffentlichen Verhandlungen gegen die vielen Kriegsdienstverweigerer
weithin bekannt wurde. Und doch hat sie nicht verhindert, daß die eng-
lischen Truppen im allgemeinen genau so ihrer soldatischen Pflicht nach-
kamen, wie sie es getan hätten, wenn jene Agitation nicht gewesen wäre.
In allen Ländern ist der Soldat zumeist Fatalist, der nur davonläuft, wenn er
eine Sache für vollständig verloren hält. Der Krieg ist für Deutschland nicht
verloren worden, weil die Soldaten infolge von Aufstachelung versagten,
sondern die Soldaten versagten schließlich, weil sie den Krieg für verloren
erkannten.
Daß sie darin nicht fehl sahen, geht übrigens klar aus den Aussagen
der obersten Heerführer Ludendorff und Hindenburg vor dem Untersuchungs-
ausschuß der Nationalversammlung hervor. Beide erklärten, im Winter
1916/17 auf Übergang zum uneingeschränkten Tauchbootkrieg bestanden zu
haben, weil er »die einzige Möglichkeit« bot, den Krieg zu gewinnen. Darin
lag das Eingeständnis, daß, wenn dieser Tauchbootkrieg sein Ziel verfehlte,
der Krieg überhaupt nicht zu gewinnen war. Mitte 1918 war aber kein
Zweifel mehr möglich, daß der Tauchbootkrieg seinen Zweck nicht erfüllt
hatte und nicht erfüllen konnte. Ja, Amerika hatte eine Truppenmacht mit
voller Ausrüstung über den Ozean gebracht, wie es 1916 von seiten der
deutschen Heeresleitung für ganz unmöglich erklärt worden war. Deutsch-
lands Verbündete dagegen, die Türkei, Bulgarien, Österreich-Ungarn, waren
entkräftet — wie sollte da eine Möglichkeit bestehen, den Krieg noch länger
auszuhalten? Er war verloren, und seine Fortführung das Verzweiflungs-
spiel eines bankerott Gewordenen, der in der Hoffnung auf irgend weichen
außer aller vernünftigen Berechnung liegenden Glückszufall noch das Letzte
opfert. Das Letzte, das waren hier Menschen von Fleisch und Blut, die
sahen, wie die Sache stand, und nicht gleich Steinen im Spiel zu handhaben
waren. Die Auflösung des Heeres riß ein. Einzelne Truppenteile hielten
bestimmte Positionen mit Zähigkeit fest, aber die Verfügung über das Ganze
glitt der Heeresleitung aus den Händen, und den völligen Zerfall mit der
dann unausbleiblichen vernichtenden Niederlage vor Augen sandte sie am
24. September den Oberst Heye an die Reichsregierung mit der Meldung,
daß sie für die Armee nicht mehr bürgen könne, es müsse schleunigst
Waffenstillstand geschlossen werden.
Nachträglich haben die Herren erklärt, sich damals in der Abschätzung
der Lage an der Front getäuscht zu haben, die Widerstandsfähigkeit sei
noch nicht erschöpft gewesen. Das spricht aber höchstens gegen ihre Fas-
sungskraft, beweist aber nichts gegen die Tatsache der deutschen Niederlage
und die Schuld der Ludendorff und Genossen, daß es zu dieser verheerenden
10
Katastrophe kam. Waren sie es doch gewesen, die ihren ganzen Einfluß
dafür aufgeboten hatten, jede Friedensaktion zu vereiteln, welche es Deutsch-
land ersparen konnte, seine Existenz von militärischen Zufällen abhängig
zu machen. Denn mehr als Spekulation auf den Zufall hätte die Verlängerung
des Krieges nicht geheißen. Alle berechenbaren Machtfaktoren ließen den
Sieg der Gegenseite als unvermeidbar erscheinen. Es handelte sich nur
noch um die Möglichkeit eines Aufschubs, der die Blutkosten des Krieges
vermehrt, das Endergebnis für Deutschland aber lediglich zum Schlimmeren
gestaltet hätte.
Der heimischen Regierung blieb, als die Meldung der Heeresleitung ihr
überbracht wurde, nichts übrig, als die geforderten Schritte zu tun. Die
Forderung war ihr, wie der damalige Reichskanzler Max von Baden es in
dem Manuskript einer vor der Badischen ersten Kammer zu haltenden Rede
geschildert hat, geVadezu als ein Ultimatum vorgelegt worden.
Er hatte nämlich der Heeresleitung vorgeschlagen, zunächst einmal ein
detailliertes Programm von Kriegszielen Deutschlands zu veröffentlichen,
welches der Welt die Übereinstimmung mit den vom Präsidenten Wilson
verkündeten Grundsätzen klarlegen solle, und dazu zu bemerken, daß Deutsch-
land bereit sei, für diese Grundsätze schwere nationale Opfer zu bringen.
Das ging aber den Militärs nicht schnell genug. Ihnen brannte das Feuer
auf den Nägeln.
»Die militärischen Autoritäten erwiderten mir darauf«, heißt es in dem
Schriftstück, »auf die Wirkung einer solchen Kundgebung könne nicht mehr
gewartet werden; die Lage an der Front fordere binnen 24 Stunden ein
Waffenstillstandsangebot.« (Abgedruckt u. a. bei Ferd. Runkel, die deutsche
Revolution, S. 54.) Noch belastender ist folgende Aufzeichnung des Reichs-
kanzlers Graf Hertling, die dessen Sohn, der Rittmeister Graf Karl von
Hertling, veröffentlicht hat:
»Am 1. Oktober 1918 sprach Hertling über seinen Nachfolger mit dem
Kaiser, der sich für Max von Baden noch nicht entschließen konnte. Da
trat unangemeldet Ludendorff ins Zimmer und fragte sofort höchst erregt:
»Ist die neue Regierung noch nicht fertig?«, worauf der Kaiser ziemlich
barsch erwiderte: »Ich kann doch nicht zaubern!« Darauf Ludendorff:
»Die Regierung muß aber sofort gebildet werden, denn das Friedensangebot
muß noch heute heraus.« Der Kaiser: »Das hätten Sie mir vor 14 Tagen
sagen sollen!«
Man ermesse danach, welche Stirn dazu gehört, jetzt hinterher die
Schuld für die ermutigende Wirkung des Waffenstillstandsangebots auf die
Militaristen und Hetzpatrioten der Gegenseite auf die Zivilregierung und die
Revolution abzuschieben.
Max von Baden war kurz vorher der dritte Nachfolger Bethmann Holl-
wegs im Kanzleramt geworden. Der Dritte innerhalb eines Zeitraumes' von
fünfviertel Jahren. Auch das kennzeichnet die Haltlosigkeit der inneren
Zustände des Deutschen Reichs.
Im Sommer 1917 hatte sich Bethmann Hollweg zum Rücktritt genötigt
gesehen. Nicht daß die Reichstagsmehrheit, die in der Kriegszielfrage von
ihm abwich, ihn gestürzt hätte. Gestürzt ist er, weil sie ihn gegen seine
Widersacher von rechts nicht mehr stützen zu können erklärte, nachdem er
11
einer von ihr vereinbarten Kundgebung für einen Frieden ohne Annexionen
nicht hatte zustimmen wollen oder auch können. Die damaligen Vorkomm-
nisse waren für die Zustände im kaiserlichen Deutschland überaus bezeich-
nend. Bethmanns Sturz wurde von den nur eine Minderheit des Reichstags
bildenden Konservativen und Rechtsnational-Liberalen betrieben, mit den
Leitern von Heer und Marine, denen dieser in keiner Weise antimilita-
ristische Staatsmann »zu schlapp« war, als Hintermänner. Im Reichstag
aber hatten Mehrheitssozialisten, Zentrumspartei und fortschrittliche Volks-
partei eine Koalition gebildet, die die Herbeiführung eines Ausgleichfriedens
auf ihre Fahne geschrieben hatte. Ihr leitender Geist war der Zentrums-
abgeordnete Mathias Erzberger, der zur Überzeugung gekommen war, daß
Deutschlands Bundesgenossen vor dem Zusammenbruch standen, Deutsch-
land allein aber den bis zum äußersten entschlossenen Gegnern auf die
Dauer nicht werde standhalten können, und der nun den Kampf gegen die
Kriegsverlängerer mit der gleichen Energie führte, mit der er ursprünglich
auf deren Seite gekämpft hatte. Ob eine rückhaltlose Zustimmung der
Reichsregierung zur Kundgebung der Koalition damals den Frieden herbei-
geführt hätte, kann man bezweifeln, sie ließ für diesen Zweck noch zu
wünschen übrig. Sicher aber ist, daß ihre von der Militärpartei durch-
gesetzte Ablehnung Deutschlands Schicksal besiegelt hat.
Unmittelbarer Nachfolger Bethmanns wurde nicht ein Mann nach der
Wahl der Reichstagsmehrheit, sondern der von den Militärs ausgesuchte
Frömmling Dr. Michaelis, der den Gegensatz zwischen den von ihm erstreb-
ten Kriegszielen und der Kundgebung der Mehrheit des Reichstages mit
der Erklärung zu übertuschen suchte, er könne jene akzeptieren —
wiederholen wir es wörtlich »wie ich sie auffasse.« Das hatte aber nur
gefehlt, um sie im Lager der Gegner Deutschlands gründlich zu diskredi-
tieren. Aber auch die Reichstagsmehrheit ließ sich, da die Lage immer ernster
wurde, mit solchen Zweideutigkeiten nicht lange hinhalten. Nach vier Mo-
naten mußte Michaelis abtreten und wurde durch den der Zentrumspartei
angehörigen Grafen Hertling ersetzt, dem es an parlamentarischer Gewandt-
heit nicht mangelte, der aber das Kunststück nicht fertig bekam, die deutsche
Politik so zu leiten, daß sie unzweideutig den in der Kundgebung der Reichs-
tagsmehrheit niedergelegten Grundsätzen entsprach. Die Zwitternatur der
Reichspolitik erhielt unter ihm schon kurze Zeit nach seinem Amtsantritt
durch den Friedensschluß von Brest-Litowsk eine grelle Beleuchtung, deren
Eindruck durch keine Dialektik verwischt werden konnte. Er wurde viel-
mehr noch dadurch verstärkt, daß die Militärpartei den Rücktritt des zum
Staatssekretär für das Äußere berufenen Freiherrn von Kühlmann durch-
setzte, nachdem dieser sich ihr durch die Bemerkung mißliebig gemacht
hatte, daß der Friede nicht durch die Waffen allein zu erzielen sei. Da
es jedoch der Mehrheitskoalition an der Entschlossenheit fehlte, die Ernen-
nung eines Kanzlers zu erzwingen, der seine Aufgabe nicht bloß darin er-
blickte, nach Wunsch auszudeutende Erklärungen abzugeben, konnte sich
Hertling solange im Amt halten, bis es zu spät war. Ein kranker Mann, der
seinen Rücktritt nicht lange überleben sollte, nahm er seine Entlassung, als
die deutsche Westarmee schon in vollem Rückzug begriffen war. An seine
Stelle trat der Prinz Max von Baden, der für einen sehr liberalen Politiker
und aufrichtigen Gegner aller Annexionspläne galt, aber kaum, daß er sich
dem Reichstag als ein solcher vorgestellt hatte, dadurch zu einer für den
12
Friedensschluß unmöglichen Person wurde, daß ein kurz vorher von ihm an
den Prinzen von Hohenlohe geschriebener Brief bekannt wurde, worin er
sehr anders lautende Ansichten und Absichten geäußert hatte.
Die Armee im fluchtartigen Rückzug, dessen üble Folgen für das Land
die Heeresleitung noch dadurch steigerte, daß sie weite Gebiete, die sie auf-
geben mußte, schleunigst in Wüsteneien verwandelte, ein Kaiser im Auf-
bruch, auf den die Nation nicht mehr hörte, und dessen Absetzung die
Sieger zur Vorbedingung jeder Friedensverhandlung gemacht hatten, ein
Kanzler im Amt, dessen Worte nicht mehr für voll genommen wurden —
so standen die Dinge, als ein durch ein wahnsinniges Unternehmen der
Flottenleitung verursachter Aufstand der Marinetruppen die politische Revo-
lution zum Ausbruch brachte.
13
III.
Der Anbruch der Revolution
»Man hat uns belogen und betrogen«. Das waren die Worte, die
der konservative Parteiführer von Heydebrand verzweifelnd ausgerufen haben
soll, als sein Fraktionskollege Graf Westarp, dem der stellvertretende Reichs-
kanzler von Payer nebst je einem Vertreter der anderen Parteien in einer
schnell einberufenen vertraulichen Konferenz die Hiobspost vom Zusammen-
bruch der Armee mitgeteilt hatte, diese der Fraktion überbrachte. Mit
größerem Recht als der weiland ungekrönte König und seine Freunde konnte
und kann es die breite Masse des deutschen Volkes von sich sagen. Wie
sie über die Entstehung des Krieges und seinen Verlauf während dessen Dauer
systematisch belogen und betrogen worden ist, so auch noch heute. Und
zwar sind es Parteigenossen des Herrn von Heydebrand, die jetzt in diesem
Lügenfeldzug das Maßloseste leisten. Noch immer wird dem deutschen
Volke in Flugschriften aller Art vorgeflunkert, daß Deutschland 1914 von
boshaften und neidischen Gegnern heimtückisch zum Kriege »g ezwun-
g e n« worden — manche lügen noch frecher und behaupten rundweg über-
fallen worden sei. Noch immer wird ihm der Krieg so geschildert, als
ob deutscherseits nur Siege erfochten und höchstens gelegentlich zu weit
vorgedrungene Truppen aus strategischen Gründen »zurückgenommen« wor-
den seien. Nicht nur in der 1915 bei Reclam erschienenen »Kriegschronik«
des Generalmajors Metzler wird die mehrtägige große Schlacht an der
Marne, die zu den entscheidenden Schlachten der Weltgeschichte gehört,
auf diese Weise vollständig verschwiegen, auch in der im November 1919
erschienenen Broschüre des Geheimen Studienrates Jaenicke »Weltkrieg,
Revolution, Verfassung« wird der ununterrichtete deutsche Leser mit folgen-
den unwahren Redensarten über die Tatsache der am 12. September 1914
beendeten gewaltigen Niederlage der Armee des deutschen Kronprinzen hin-
weggetäuscht (die Sperrungen sind von mir. Ed. B.):
»Aber die deutschen Armeen hatten sich zu weit von ihren Ver-
sorgungsquellen entfernt. Sie mußten daher an der Marne umkehren,
zumal sie hier an der Besatzung von Paris und anderen Reserven Joffres
starken Widerstand fanden. Sie machten nach siegreichen Rück-
zugsgefechten erst hinter der Aisne und Oise halt.«
In ähnlicher Weise wird der Ausgang wichtiger Seegefechte ins Gegen-
teil umgedeutet. Vom Treffen am Skagerak (31. Mai 1916), das damit endete,
14
daß die deutsche Flotte unter dem Scnutze des Nebels das Feld räumte,
heißt es: »Die Engländer verkündeten ihre offenbare Niederlage aller Welt
als einen großen Sieg!« Tatsächlich war das Umgekehrte geschehen. Die
englische Führung hatte zuerst nur freimütig ihre Verluste an Schiffen ge-
meldet und sich jeder Bemerkung über Sieg oder Niederlage enthalten,
während die deutsche einen glänzenden Erfolg meldete und solange behaup-
tete, kein einziges großes Schiff verloren zu haben, bis an die norwegische
Küste getriebene Trümmer sie nötigten, den Verlust des Schlachtschiffes
»Pommern« einzugestehen.
Mit solchen falschen Darstellungen kann man aber nur begrenzte Wir-
kungen erzielen. Am ehesten versagen sie gegebenenfalls bei den Truppen.
Dort spricht sich die Wahrheit naturgemäß schneller herum als in der Zivil-
bevölkerung. Wie in der Landarmee selbst erkennt man mit Herbstanbruch
1918 in den Reihen der Marinesoldaten, daß der Krieg verloren ist, daß
jedes Angriffsunternehmen nutzloses Opfern von Menschen bedeutet und
den notwendigen Friedensschluß widersinnig verzögert. Die Kunde, daß die
Leitung der Marine es auf eine neue Seeschlacht im größten Stil ankommen
lassen will, um zum mindesten den Engländern den Verlust eines möglichst
großen Teils ihrer Flotte zu verursachen, bringt gegen Ende Oktober 1918
die Besatzung der bei Kiel stationierten deutschen Kriegsschiffe in große
Erregung und veranlaßt am 28. Oktober die Besatzung des Linienschiffes
»Markgraf« zur ersten größeren Auflehnung. Sie verweigert das Ankerlich-
ten und verhindert durch Besetzen der Windemaschinen das Auslaufen des
Schiffes. Als andre Schiffe durch den Nordostseekanal nach Cuxhaven und
von dort nach dem Jahdebusen geleitet werden, bemächtigt sich der Mann-
schaften gleichfalls die Überzeugung, es handle sich um einen Verzweif-
lungsstreich, der nur Menschenverluste und Verschlimmerung der Friedens-
bedingungen zur Folge haben könne. Auf einem Schiff nach dem anderen
wiederholt sich die Weigerung auszufahren. Noch ist es indes keine revo-
lutionäre Bewegung. Die Besatzungen verschiedener Schiffe haben folgen-
den Entschluß gefaßt und bekannt gegeben:
»Greift der Engländer uns an, so stellen wir unsern Mann und ver-
teidigen unsere Küsten bis zum äußersten, aber wir selbst greifen
nicht an. Weiter als bis Helgoland fahren wir nicht. Andernfalls wird
Feuer ausgemacht.«
So sprechen keine Aufrührer. Allerdings hatte es auf einigen Schiffen
schon im Jahre vorher Kundgebungen von Matrosen gegeben, die sich der
unabhängigen Sozialdemokratie zurechneten, und brutal genug waren sie un-
terdrückt worden, um den Opfern der Repression die Sympathien der Kame-
raden zuzuwenden. Aber diese Agitation hatte doch nur erst Minderheiten
erfaßt und wäre nicht imstande gewesen, zur allgemeinen Revolte zu führen,
wenn nicht auch sonst sich reichlich Stoff zu solcher aufgehäuft hätte und
durch Repressionsmaßnahmen zum Entflammen gebracht worden wäre.
Am 30. und 31. Oktober erfolgt auf verschiedenen Schiffen unter Nicht-
beachtung des obigen Beschlusses der Befehl zum Ankerlichten und wird
jenem gemäß mit dem Herausreißen der Feuer unter den Kesseln und anderen
Maßnahmen beantwortet, welche eine kriegerische Aktion unmöglich machen.
Es erfolgen von Seiten der Vorgesetzten Zurechtweisungen und Drohungen,
die auf einigen Schiffen zu Verhaftungen in größerem Maßstabe sich steigern.
IS
Ganz besonders werden mit solchen Massenbestrafungen in Wilheimsharen
das Linienschiff »Großer Kurfürst« und in Kiel, wohin das dritte Geschwader
zurückbefohlen war, das Linienschiff »Friedrich der Große« bedacht. Dies
bringt das Ventil zum Platzen.
Am Sonntag, den 3. November 1918, findet in Kiel auf dem großen
Exerzierplatz eine von Tausenden Marineangehöriger besuchte und sich dann
zu einem großen Zug formierende Protestversammlung statt, welche nach
Anhören leidenschaftlicher Reden die Freilassung der Verhafteten fordert. Der
Zug wird auf dem Marsch zur Marinearrestanstalt von bewaffneten Maaten
und Applikanten angehalten, die ihn zum Auseinandergehen auffordern. Auf die
Weigerung hin, dem Folge zu geben, wird scharf geschossen. Acht Personen
werden getötet, 29 verwundet, die anderen ergreifen die Flucht, und — am
nächsten Tage, den 4. November, ist die ganze Marine in Aufruhr. Offiziere,
die sich den Matrosen zu widersetzen versuchen, werden mißhandelt; auf
dem Linienschiff »König«, das die Kriegsflagge führt, kommt es zum Schießen,
wobei der Kommandant des Schiffes fällt, und um die Mittagszeit sind die
Matrosen die Herren aller Schiffe wie auch des Hafens, und die ganze Gar-
nison von Kiel schließt sich ihnen an. Eine Abteilung Husaren, die von dem
Hamburger Vorort Wandsbeck entsandt worden ist, die Aufrührer zur Ruhe
zu bringen, muß umkehren.
Nun wird ein Soldatenrat gebildet, und dem Gouverneur von Kiel, der
in einem Erlaß die Matrosen aufgefordert hatte, ihm ihre Wünsche zu unter-
breiten, wird nach Beratung im Gewerkschaftshaus ein Programm radikaler
Forderungen vorgelegt, von denen die wichtigsten lauten:
»Freilassung sämtlicher Gefangenen und politisch Inhaftierten. Voll-
ständige Rede- und Preßfreiheit. Sachgemäße Behandlung der Mann-
schaften und Aufhebung der Grußpflicht. Volle Anerkennung des Arbeiter-
und Soldatenrates. Offiziere, die sich mit seinen Maßnahmen einverstan-
den erklären, sollen willkommen sein, andere haben den Dienst ohne An-
spruch auf Versorgung zu quittieren. Unterlassung aller Schutzmaßnahmen
mit Blutvergießen. Die Maßnahmen zum Schutz des Eigentums trifft der
Arbeiter- und Soldatenrat. Das Ausfahren der Flotte hat unter allen Um-
ständen zu unterbleiben.«
Der Gouverneur erklärt sich mit einem Teil der Forderungen einver-
standen und verschiebt die endgültige Antwort bis zum Eintreffen der auf
telegraphisches Ansuchen entsandten und schon auf dem Wege befindlichen
Regierungsvertreter. Es sind dies der zum Staatssekretär ernannte Demo-
krat Haußmann und der Sozialdemokrat Gustav Noske. Das Ergebnis der
mit den Genannten gepflogenen Beratungen ist der Entschluß, die Forde-
rungen zu bewilligen. Seine Bekanntgabe wird mit allgemeinem Jubel auf-
genommen. Nach Annahme der Forderungen verpflichten sich die Matrosen,
unbedingte Ordnung aufrechtzuerhalten, und willigen in eine Bekanntmachung
ein, die verkündet, daß jeder, der beim Plündern betroffen wird, auf der
Stelle standrechtlich zu erschießen ist. Haußmann kehrt nach Berlin zurück,
Noske erhält Arbeitszimmer im Stationskommando eingeräumt und wird auf
Wunsch der Arbeiter faktischer Gouverneur von Kiel. Tags darauf, am
5. November, tritt die Arbeiterschaft Kiels in den allgemeinen Ausstand und
bildet Arbeiterräte, denen sich die schon gebildeten Soldatenräte anschließen.
Die Stadt des größten deutschen Kriegshafens wie dieser selbst ist in den
16
Händen des Proletariats. Zur Vervollständigung des Ausschusses werden von
den Arbeitern zwei Führer der Unabhängigen, die Reichstagsabgeordneten
Haase und Ledebour nach Kiel berufen.
Und die Lawine kam in Fluß. Noch am gleichen Tage fahren Kriegs-
fahrzeuge unter der roten Fahne in Hamburg und Lübeck ein, die sich der
Erhebung anschließen. In Lübeck geht die öffentliche Gewalt ohne Blut-
vergießen in die Hände des Soldatenrats über, in Hamburg kommt es schon
am Abend des 5. November nach einer Massendemonstration zu Gunsten
der Kieler Beschlüsse zu einem Zusammenstoß mit dem Militär, bei dem
geschossen wird. Am 6. November wird ebenfalls in Hamburg vom Militär
auf einen Zug in den allgemeinen Ausstand getretener Werftarbeiter, der
dem Gebot zum Umkehren nicht Folge leistet, mit Maschinengewehren ge-
schossen, wobei 9 Tote auf dem Platze bleiben. Eine Massenkundgebung,
Plünderung der Waffenläden, Erstürmung und Ausraubung der in Altona
gelegenen Waffenkammer ist die Folge.
In Lübeck gibt der Soldatenrat am Abend des 5. November den Über-
gang der öffentlichen Macht in seine Hände in folgendem Aufruf bekannt:
»Seit heute Abend ist Lübecks Macht in unseren Händen. Wir
erklären hiermit, daß mit unserer Sache den Kameraden an der Front
wie hier in der Heimat gedient ist. Es mußte mit den korruptiven Zu-
ständen und der militärischen Diktatur von gestern gründlich auf-
geräumt werden. Der Zweck unserer Sache ist sofortiger Waffen-
stillstand und Friede. Wir bitten die Bevölkerung Lübecks, größte
Ruhe zu bewahren. Es wird von uns nichts unternommen, was die
Betriebe zur Aufrechterhaltung der Ordnung stören könnte. Es geht
alles seinen alten Gang. Wir erwarten von der Bevölkerung bereit-
willige Mitwirkung. Wir können feststellen, daß diese Umwandlungen
der militärischen Dinge in Lübeck unblutig verlaufen sind und hoffent-
lich weiter verlaufen werden. Wir warnen vor Ausschreitungen, Plünde-
rungen und Diebstahl werden mit dem Tode bestraft. Die Lebensmittel-
verteilung bleibt in den Händen der Zivil Verwaltung.«
Der Soldatenrat.
Nicht ohne Zusammenstoß mit Militärs, aber dank dem Übertritt der
Mannschaften ohne Blutvergießen, tritt noch am gleichen Tage Bremen dem
Aufstand bei. Die militärische Gewalt geht an eine Kommission über, die
aus dem Garnisonältesten, zwei Offizieren und vier Vertretern der Mann-
schaften besteht, so daß die letzteren in ihr die Mehrheit haben. Daneben
wird ein Arbeiterrat gebildet.
Am folgenden Tage breitet sich die Bewegung nach Westen — Han-
nover, Braunschweig, Köln usw. und nach Süden aus, der Hauptstadt Berlin
zu. Ehe sie diese erfaßt, sind Magdeburg, Leipzig, Dresden im Aufstand.
Ganz Nordwest gerät in die Hände der Arbeiter- und Soldafenräte.
Noch ist es aber keine zusammenfassende, auf die Änderung des Gan-
zen der Verfassung des Reichs gerichtete Revolution, wenngleich es in den
Reihen der Kämpfer an Leuten nicht fehlt, die bewußt auf dieses Ziel los-
steuern. Keine Massenbewegung vollzieht sich ohne solche Elemente. Der
Anstoß zu ihnen geht immer zunächst von einzelnen aus, die, sei es auch
nur der Eingebung eines Augenblicks folgend, im gegebenen Zeitpunkt die
Parole ausgeben, die nun plötzlich von Mund zu Mund läuft und die Geister
entflammt. Wenn nachträglich die verschiedenen sozialistischen Fraktionen
über ihr Verdienst an der Erhebung streiten, so werden sie alle ein Stück
Recht haben. Sie hatten alle erkannt, daß es beim alten Stand der Dinge
2 17
nicht bleiben konnte und verbreiteten jede in ihrer Art diese Erkenntnis unter
ihren Anhängern. Ohne dies wäre die Allgemeinheit der Bewegung unmög-
lich gewesen. An den meisten Orten waren die Mehrheitssozialisten die bei
weitem stärkere Verbindung, war ihr Einfluß auf die Arbeiterschaft so groß,
daß jede Aktion, gegen die sie sich gestemmt hätten, an diesem Widerstand
gebrochen wäre. Warum er unterblieb, zeigt ein Blick auf die Vorgänge im
Reichstag und der Regierung in den Wochen seit dem Eintreffen der Ver-
zweiflungspost des großen Generalstabs.
Daß die Matrosen richtig gesehen hatten, bestätigt der aus Regierungs-
stellen unterrichtete Mehrheitssozialist Friedrich Stampfer in seiner Gedenk-
schrift »Der 9. November« (Berlin 1919, Vorwärts - Buchhandlung). Er
schreibt dort:
»Später stellte sich heraus, daß die Matrosen recht gehabt hatten,
wenn sie an den harmlosen Charakter der angeblichen Manövrierfahrt nicht
glaubten. Es war beabsichtigt gewesen, die Flotte bei Helgoland hinter
einer Sperrkette von U-Booten aufmarschieren zu lassen, um die Englän-
der, herauszulocken und den U-Booten Gelegenheit zum Angriff auf sie zu
geben. Der Plan zu einer Seeschlacht großen Stils! Und dieser Plan war
erdacht worden und sollte ausgeführt werden, nachdem Deutschland unter
lebhafter Beteuerung seines Abscheus vor weiteren nutzlosen Opfern um
Waffenstillstand und Frieden ersucht hatte! Die Urheber dieses
soldatisch tapferen aber politisch idiotischen und verbrecherischen Planes
versicherten später treuherzig, sie hätten dadurch, daß sie die ungebrochene
Macht der deutschen Flotte zeigten, Deutschlands Stellung bei den Waf-
fenstillstands- und Friedensverhandlungen — verbessern wollen.«
Tatsächlich hätte die Ausführung des Planes selbstverständlich die ent-
gegengesetzte Wirkung gehabt, sie hätte die Bedingungen für Deutschland
noch verschlechtert. Die Rückwirkung der den gleichen Gedankengängen
entsprungenen Versenkung der bei Skapa Flow internierten deutschen Kriegs-
schiffe hat das zur Genüge bewiesen. Mit Recht heißt es daher bei Stampfer
weiterhin :
»Die Mannschaften bewiesen vielmehr gesunden Menschen-
verstand und politischen Instinkt, indem sie ihre Beteiligung
an der geplanten Abschiedsvorstellung mit großer Energie ablehnten.
Wenn es wahr ist, daß jedes Recht an seinem offenbaren Mißbrauch seine
Grenze findet, so war das Befehlsrecht der Vorgesetzten hier an dieser
Grenze angelangt.«
Die Revolution war Notwendigkeit geworden.
18
IV.
Regierung und Sozialdemokratie von Anfang
Oktober bis zum 9. November 1918.
Wie die Meinungsverschiedenheiten in der Sozialdemokratie Deutsch-
lands hinsichtlich des Verhaltens im Kriege zu deren Spaltung geführt haben,
muß in dieser Schrift als bekannt vorausgesetzt werden. Die Wirkung der
Spaltung war gewesen, daß derjenige Flügel der Sozialdemokratie, der sich
für gebunden hielt, der Reichsleitung die Kriegskredite zu bewilligen, da-
durch in eine zweideutige Stellung ihr gegenüber geriet. Er konnte ihr die
Mittel zur Kriegsführung nicht bewilligen, ohne seiner gegen ihre Methoden
der Kriegsführung gerichteten Kritik die Wirkungskraft zu entziehen, wodurch
diese Kritik einen Stich ins Unreale erhielt. Von den Gegnern der Kriegs-
kreditbewilligung wiederum wurde ein Teil zu Gegnern der alten sozialdemo-
kratischen Politik überhaupt und nahm die Überlieferungen der unmittelbar
auf den politischen Umsturz gerichteten blanquistischen Bewegung auf. Die
Kluft zwischen den Kreditbewilligern und den Kreditverweigerern erweiterte
sich. Diese aber, deren linker Flügel zu Ostern 1917 sich als Partei
der unabhängigen Sozialdemokratie konstituiert hatte, zerfielen in Sozial-
demokraten und Anhänger des blanquistisch-revolutionären Spartakusbundes
oder der gleichfalls antireformistischen Gruppe Internationale.
Nicht nur im Reichstag, sondern auch im Lande selbst waren die Kredit-
bewilliger damals die große Mehrheit. Sie verfügten über mehr als drei-
viertel der sozialdemokratischen Zeitungen — teils vom Anfang des Konflikts
an, teils durch Ausnutzung des Kriegszustandes zur Übernahme von in den
Händen der Opposition befindlichen Organen — und konnten so auf die Ar-
beiter ohne Unterlaß in ihrem Sinne einwirken, während die Opposition nur
in einzelnen Wahlkreisen über eigene, obendrein von der Zensur arg drang-
salierte Blätter verfügte und in der Hauptsache auf die unterirdische Propa-
ganda angewiesen war, was beiläufig nur dazu beitragen konnte, für kon-
spirative Tendenzen Stimmung zu machen.
An Erklärungen zu Gunsten eines Verständigungsfriedens hatten es die
Mehrheitler von Anfang an nicht fehlen lassen. Doch konnten diese auf die
Sozialisten der Ententeländer keinen Eindruck machen, solange sie nur Be-
gleitmusik waren zur Bewilligung von Kriegskrediten an eine Regierung,
in der jene nicht mit Unrecht die Urheberin des Krieges erblickten. Ebenso
ging es mit den Reden für einen solchen Frieden, die der redegewandte
Führer der Mehrheitssozialisten, Philipp Scheidemann, vom Sommer 1916 ab
2* 19
in großen Versammlungen hielt und dann als Broschüren veröffentlichte.
Auch von ihnen gilt das Obengesagte, daß sie im gegnerischen Lager nicht
für wahr genommen wurden. Mehr Beachtung fand die parlamentarische
Aktion für den Frieden, welche die Mehrheitssozialisten im Verein mit der
Zentrumspartei und der fortschrittlichen Volkspartei im Juli 1917 unternahmen.
Aber auch diese Aktion verfehlte ihre Wirkung, mußte sie verfehlen, weil sie
nicht von einem so starken Druck auf Wilhelm II. begleitet war, daß dieser
unmöglich das lächerliche Zwischenspiel mit Herrn Michaelis, dem Reichs-
kanzler nach dem Herzen der Heeresleitung, dem Reichstag bieten durfte.
Warum auch dessen Nachfolger Graf Hertling nicht der Mann war, die gegne-
rischen Mächte davon zu überzeugen, daß die Herrschaft der Militaristen in
Deutschland ausgespielt sei, ward im vorigen Kapitel bemerkt. Zu dem
mit allen schönen Erklärungen vom Rechtsfrieden in Widerspruch stehenden
Frieden von Brest-Litowsk kam unter seiner Kanzlerschaft das zweideutige
Spiel mit der Ukraine, das die Möglichkeit eines allgemeinen Friedens-
schlusses immer weiter hinausschob, ward zuhause der Belagerungszustand
verschärft und aus Furcht vor den Konservativen die fällig gewordene Wahl-
rechtsform für Preußen solange von neuem vertagt, bis der Zusammenbruch
der Westarmee und die bestimmten Erklärungen der Regierungen der Entente
sowie des Präsidenten Wilson, unter keinen Umständen mit einer Regierung
Wilhelms II. Frieden zu schließen, eine revolutionäre Situation in Deutsch-
land schufen. Durch in erster Linie gegen die Entente gerichtete Veröffent-
lichungen der bolschewistischen Regierung Rußlands aus den zarischen Ge-
heimarchiven war auch Wilhelm II. so bloßgestellt, daß er international ge-
radezu unmöglich geworden war. Sein mit Nicolaus II. zur Zeit des rus-
sisch-japanischen Krieges geführter Briefwechsel, wo er den Zaren gegen
das gleichzeitig umschmeichelte England aufzustacheln suchte, ward all-
gemein als Beweis einer selbst für Personen in seiner Stellung seltenen Dop-
pelzüngigkeit aufgenommen.
Um die Situation zu verbessern, nahm Hertlings Nachfolger im Amt,
Prinz Max von Baden, Anfang Oktober 1918 neben Vertretern der fortschritt-
lichen Volkspartei und der Zentrumspartei auch zwei Mehrheitssozialisten in
sein Kabinett auf, nämlich Gustav Bauer als Staatssekretär für ein einzu-
richtendes Reichsarbeitsamt und Philipp Scheidemann als Staatssekretär ohne
besonderes Amt (»ohne Portefeuille«). Indes täuschte er sich, wenn er ver-
meinte, dadurch den Thron retten zu können. Die beiden Sozialdemokraten
hatten zwar in Übereinstimmung mit ihrer Fraktion den Eintritt in die Re-
gierung lediglich von der Verpflichtung dieser auf ihr Friedensprogramm, so-
wie von der Ausgestaltung der Reichs Verfassung im Sinne der Erhebung
der Volksvertretung zur ausschlaggebenden Macht, der radikalen Demokrati-
sierung des Wahlrechts und ähnlichen Reformen abhängig gemacht, die mit
einer konstitutionellen Monarchie noch zur Not vereinbar waren, und ver-
legten ihre Tätigkeit demgemäß in erster Linie darauf, die schnellste Er-
zielung des Waffenstillstandes und der Ausarbeitung der betreffenden Gesetz-
entwürfe und deren parlamentarische Erledigung zu erwirken. Es war aber
klar, daß es sich für sie nicht um die Sicherung des Thrones oder der Dy-
nastie, sondern nur um die Rettung des deutschen Volkes und die schleunige
Herbeiführung des Friedens handelte. Als Wilson im Laufe des Oktober 1918
rundheraus zu verstehen gab, daß mit Wilhem II. kein Friede gemacht werden
würde, ertönte daher zunächst in der sozialdemokratischen Mehrheitspresse
20
immer energischer der Ruf nach dessen Rücktritt; und als dieser auf
sich warten ließ, richtete Scheidemann Ende Oktober ein Denkschreiben an
den Reichskanzler, worin er ihm eingehend darlegte, daß der Verzicht Wil-
helms II. auf die Krone unerläßlich geworden sei, solle Deutschland nicht
verderblichster Zerrüttung anheimfallen. So leicht war jedoch der Hohen-
zoller nicht zum Rücktritt zu bewegen. Die unmittelbare Wirkung des Schrei-
bens war vielmehr nur die, daß Wilhelm II. am 30. Oktober 1918 Berlin ver-
ließ und sich ins große Hauptquartier begab, wo er sich gesichert glaubte.
Vorher hatte er noch — am 28. Oktober — den in den Reichstags-
sitzungen vom 22. bis 26. Oktober beratenen und zum Beschluß erhobenen
Gesetzentwürfen über die volle Parlamentarisierung der Reichsregierung die
verfassungsmäßig notwendige Unterschrift gegeben. Zugleich hatte sich die
sozialdemokratische Mehrheitsfraktion durch den Hinweis auf die Gefahr,
daß eine Erzwingung des Rücktritts Wilhelms II. eine Gegenbewegung in
den Einzelstaaten hervorrufen und Deutschland in anarchische Zustände ver-
setzen könne, dazu bewegen lassen, die Frage der monarchischen Spitze
noch zurückzustellen. Einig aber war man darin, daß die Tage der Kaiser-
schaft Wilhelms II. gezählt seien, und daß dessen Sohn Wilhelm erst recht
unmöglich geworden sei. Im Hauptquartier zu Spaa angelangt, erklärte Wil-
helm II. seinerseits dem Minister Drews, der ihm nachgereist war, um ihm
von Scheidemann's Denkschrift Mitteilung zu machen, sein Rücktritt würde
die Auslieferung Deutschlands an die Entente bedeuten und furchtbare Zer-
rüttung nach sich ziehen, er könne es daher nicht verantworten zurückzu-
treten, sondern werde in seinem Amt verharren. In den oberen Militärkreisen
wiederum spielte man mit der hirnverbrannten Idee, mit Hilfe zuverlässiger
Truppen erneut zum Widerstand überzugehen, da Deutschland »noch nicht
besiegt« sei. Für ein solches Unternehmen wäre natürlich das Wort Hazard-
spiel noch zu mild gewesen. Verbrecherischer Wahnsinn war das rich-
tige Wort.
Der Aufstand der Marinemannschaften und die sich an ihn anschließen-
den Erhebungen in den Hafenstädten machten nun durch alle derartigen
Pläne kopflos gewordener Militärs einen dicken Strich. Sobald sie in ihrem
Umfang und Charakter erkannt wurden, was freilich einige Tage dauerte,
da der noch unter militärischer Zensur stehende Telegraf zuerst nur sehr ab-
geschwächte Meldungen über sie brachte, fanden sie im Lande allerorts in
der Arbeiterschaft stärksten Widerhall. Wie nur natürlich, regten sich mit
besonderem Eifer die Mitglieder des Bundes der Spartakusgruppen und die
mit ihnen in Verbindung stehenden radikaleren Elemente der unabhängigen
Sozialdemokratie.
Der Spartakusbund hatte am 7. Oktober 1918 in Gotha eine Konferenz
abgehalten, auf der er sich für die Politik der russischen Bolschewisten —
diktatorische Regierung durch Arbeiter- und Soldatenräte — entschied und
allerorts für die Bildung solcher Räte zu arbeiten beschloß. Obwohl an Mit-
gliedern nicht sonderlich stark, war er unter den gegebenen Umständen doch
ein beachtenswerter Faktor. In gespannter Situation kann auch eine kleine
Minderheit, der ein bestimmter Wille und eine gute. Dosis Entschlußkraft
innewohnen, eine erhebliche Wirkung ausüben. An letzteren Eigenschaftei
fehlte es den meist jugendlichen Spartakusanhängern nicht, und da sie an
verschiedenen Orten von Bedeutung vertreten waren und ihnen nun eine
bestimmte Aktion vorgezeichnet war, die alsbald in die Wirklichkeit um-
21
gesetzt werden sollte, wird man ihre Einwirkung auf den Ausbruch der Re-
volution und die ersten Äußerungen der aufgebotenen Massen nicht als un-
wesentlich einschätzen dürfen. Gewiß ist die bolschewistische Doktrin nur
der Phrase nach marxistisch, im Wesen aber blanquistisch. Indes die blan-
quistische Auffassung ist, wie Schreiber dieses schon 1899 in der Schrift
»Die Voraussetzungen des Sozialismus« dargelegt hat, nicht in allen Punkten
falsch. Sie hat unter bestimmten Voraussetzungen für begrenzte politische
Zwecke ihre Richtigkeit, und auf Grund ihrer unternommene Aktionen
haben daher auch manche Erfolge zu verzeichnen gehabt. Hier aber waren
für eine solche Aktion alle Voraussetzungen gegeben.
In Karl Liebknecht, den die neue Regierung am 21. Oktober aus dem
Zuchthaus befreit hatte, zu dem ihn das Reichsmilitärgericht im Jahre 1916
für dieselbe Handlung verurteilt hatte, wegen deren ein Jahr darauf dem
nun gleichfalls befreiten Wilhelm Dittmann nur Festungshaft auferlegt ward,
hatte der Spartakusbund einen Führer von außergewöhnlicher Energie und
Arbeitskraft. Auch die gleichfalls aus der Schutzhaft freigegebene Rosa Luxem-
burg stellte ihm ihre Dienste zur Verfügung. Geldmittel, die zum Teil zum
Ankauf von Waffen verwendet wurden, flössen ihm durch die Berliner Bot-
schaft der Bolschewistischen Regierung Rußlands zu. Überhaupt hatte diese
Botschaft große Summen aufgewendet, eine revolutionäre Propaganda in
ihrem Sinne in Deutschland zu fördern. Es wurden durch ihre Kuriere in
Rußland in deutscher Sprache gedruckte Aufrufe und Flugschriften, die zur
Revolution aufforderten, in Deutschland eingeschmuggelt und an Mittels-
personen behufs Aushändigung an Spartakisten und andere revolutionäre
Sozialisten versandt. Die Tatsache kam dadurch an den Tag, daß am 4. No-
vember 1918 am Anhaltischen Bahnhofe in Berlin einem gerade ankommen-
den dieser Kuriere eine mit solcher Literatur angefüllte Kiste infolge eines
Stoßes zur Erde fiel und platzte, wobei der Inhalt, darunter zu Attententaten
und Terror auffordernde Flugblätter, zum Vorschein kam.
Da nach dem geltenden Völkerrecht die den Botschaftern und ihrem
Personal zugesicherten Privilegien — die sogenannte Exterritorialität — zur
Gegenbedingung die Verpflichtung haben, sich jeder Einmischung in die in-
neren Angelegenheiten des Gastlandes streng zu enthalten, nahm die Re-
gierung die nunmehr amtliche Feststellung des schon wiederholt in bürger-
lichen Blättern zur Sprache gebrachten Zuwiderhandelns gegen jene Ver-
pflichtung zum Anlaß, den diplomatischen Verkehr mit der bolschewistischen
Regierung abzubrechen. Dem Botschafter Joffe und seinem Stab wurden so-
fort die Pässe eingehändigt, sodaß sie am 6. November 1918 Berlin verließen.
Von Moskau aus hat Joffe etwas später Erklärungen veröffentlicht, in denen
er die ihm vorgeworfenen Handlungen in der Hauptsache zugab und es als
sein Verdienst rühmte, auf diese Weise am Sieg der inzwischen in Deutsch-
land ausgebrochenen Revolution mitgewirkt zu haben. An diese Feststel-
hingen knüpfte er Bemerkungen, die so verstanden werden konnten und
auch dahin ausgelegt wurden, daß führende Mitglieder der unabhängigen
Sozialdemokratie von ihm Gelder zu gleichen Zwecken, das heißt zur kon-
spirativen Organisierung der Revolution erhalten hatten. Davon war indes
nur soviel richtig, daß Gelder, die der am 10. November Volksbeauftragter
gewordene Emil Barth Mitte Oktober in seiner Eigenschaft als besonders
tätiges Mitglied revolutionärer Gruppen von deutschen Gesinnungsgenossen
für den Ankauf von Waffen erhalten hatte, in der Tat von Joffe herrührten und
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Barth darum gewußt hat. Joffe's einige Tage später abgegebene Erklärung,
daß er am Abend vor seiner Abreise aus Deutschland, das heißt am Abend
des 5. November 1918, dem Mitglied der Unabhängigen Sozialdemokratie
Oskar Cohn, der Rechsbeistand der russischen Botschaft gewesen war,
150 000 Mark und 150000 Rubel zur »Förderung der Revolution« gegeben
habe, ward von diesem mit dem Bemerken rückhaltlos bestätigt, er habe
gemäß seiner Überzeugung, daß die Parteien der sozialistischen Internatio-
nale einander unterstützen müßten, das Geld »gern entgegengenommen« und
»seinem Zweck, die Verbreitung des Gedankens der Revolution, zugeführt«,
mit den zum Ankauf von Waffen gegebenen Summen habe das jedoch nichts
zu tun. Dem von Joffe als Mitwisser genannten Vorsitzenden der Unab-
hängigen Sozialdemokratie Hugo Haase gegenüber konnte ersterer dagegen
nur aufrecht erhalten, daß er mit ihm politische Gespräche geführt und ihm
politisches Material zu Reichstagsreden geliefert habe, was Haase um so eher
zuzugeben in der Lage war, als er selbst schon öffentlich davon gespro-
chen hatte.
Der Vorstand der Unabhängigen Sozialdemokratie veröffentlichte am
10. Dezember 1918 in dem Organ der Partei eine Erklärung, deren ent-
scheidende Stelle wie folgt lautet :
»Die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands hat schon
vor Monaten, längst vor der Revolution, beschlossen gehabt, Gelder, die
aus russischen Quellen herrühren könnten, zurückzuweisen, da sie stets
die Auffassung vertrat, daß aus fremden Staaten stammende Mittel nicht
in den Dienst der Parteipropaganda gestellt werden sollten. Die Partei
hat diesen Beschluß dann kürzlich noch einmal erneuert. Wir müssen die
Unterstellungen des Herrn Joffe aufs Entschiedenste zurückweisen, die nur
dazu dienen können, der sozialistischen Bewegung in Deutschland Schwie-
rigkeiten zu bereiten und die Durchsetzung ihrer Ziele zu behindern.«
Damit sei die Sache für die Partei selbst erledigt, es sei nur noch
Sache der von Joffe genannten Personen, zu dessen Behauptungen Stellung
zu nehmen.
Grundsätzlich muß zu der Angelegenheit folgendes bemerkt werden:
Es gibt keinen politischen Sittenkodex, der einer Partei verbietet, von
einer ausländischen Bruderpartei Unterstützungen anzunehmen. Wie weit
sie darin gehen will, bleibt ihrem eigenen Schicklichkeitsgefühl überlassen.
Gründe der Reinlichkeit des politischen Lebens und der guten internationalen
Beziehungen der Völker sprechen jedoch dafür, hierin sich auf Beiträge für
die Propaganda von Ideen und die Unterstützung Verfolgter zu beschränken
und, wo nicht zwingende Notwendigkeiten dagegen sprechen, das, was man
tut, öffentlich zu tun. Wie die Sozialdemokratie die Geheimdiplomatie und
die geheimen Machenschaften, Aufwiegeleien und so weiter des alten Systems
verwirft, so muß sie sich selbst Öffentlichkeit ihres Handelns zum Gebot
machen und von Konspirationen in anderen Ländern Abstand nehmen. Die
deutsche Revolution ist ohne die mit russischem Gelde angeschafften Waffen-
lager gekommen. Diese konnten, da man solche Lager nicht lange verborgen
halten kann, nur dazu verleiten, die bewaffnete Erhebung zu einem Zeit-
punkt schon zu versuchen, wo sie mangels der nötigen Stimmung der Volks-
masse mit Fehlschlag geendet hätte. Auch ist der Mißbrauch der völker-
rechtlichen Ausnahmestellung von Botschaftern und Botschaftsmitgliedern zur
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Finanzierung und Anzettelung von Konspirationen im Gastlande aus all-
gemeinen Gesichtspunkten zu verwerfen. Die Sozialdemokratie hat das Völ-
kerrecht, das internationale Gesetz für die guten Beziehungen der Nationeii
zu einander, nicht nach rückwärts, sondern nach vorwärts zu entwickeln,
Treu und Glauben zwischen den Nationen nicht zu untergraben, sondern
zur höchsten Wahrheit zu machen. Es ist eines der dunkelsten Kapitel in
der Geschichte des Bolschewismus, daß maßgebende seiner Führer unbedenk-
lich über die elementarsten Grundsätze des internationalen Sittengesetzes sich
hinweggesetzt haben, wenn sie dadurch ihre Zwecke zu fördern meinten.
Daß, wenn man in diesen Dingen gewisse Schranken durchbricht, es schließ-
lich hinsichtlich des Zuwiderhandelns gegen Treu und Glauben keinen Halt
mehr gibt und, was man erst nur kapitalistischen Regierungen antat, nun
später auch demokratischen und sozialistischen Regierungen gegenüber prak-
tiziert wird, wenn sie nicht nach Wunsch handeln, haben unter anderen
Österreich und Ungarn erfahren müssen. Genutzt hat es der Arbeiterklasse
nirgends, es hat nur dazu beigetragen, die Korruption der Moral und die Miß-
achtung des Menschenlebens international zu verschärfen. Obendrein ist es
zweierlei, ob eine Partei einer anderen von ihren eigenen Mitgliedern auf-
gebrachte Mittel zuwendet oder Staatskassen zu diesem Zweck schröpft.
Im Oktober und in den ersten Novembertagen 1918 hatte die Agitation
der Spartakusleute in Deutschland um so eher Erfolge zeitigen können, als
auch die Presse der Mehrheitssozialisten eine immer revolutionärere Sprache
anstimmte. Aus der Weigerung Wilsons und der Entente, mit einer Re-
gierung Wilhelms II. zu verhandeln, zog sie mit anerkennenswerter Schärfe
die politischen Folgerungen. Einige Provinzblätter, geführt von der »Frän-
kischen Tagespost« in Nürnberg, die sich allerdings etwas freier bewegen
durfte als damals der am Sitz der Militärzensur erscheinende »Vorwärts«,
machten den Anfang und forderten die Absetzung Wilhelms II. Noch schien
dies Vorgehen so unerhört, daß bürgerliche Blätter voller Entrüstung Protest
erhoben und Einschreiten der Militärbehörden verlangten. Diese hatten indes
schon ihr Selbstvertrauen eingebüßt und zauderten, in der sozialdemokratischen
Partei aber mehrten sich die Rufer und fanden bald im »Vorwärts« einen
Mitstreiter, der sich der zu leistenden Aufgabe in vollem Maße gewachsen
zeigte. Kaum jemals vorher hat er in Leitartikeln von großer politischer
Schärfe und Überzeugungskraft das Gebot der Stunde für das deutsche Volk
so eindringlich dargelegt als in jenen Tagen. Sein Absatz stieg denn auch
in kurzer Zeit bis zu einer Höhe, daß er zeitweilig das verbreitetste Blatt
Berlins war. Unter dem Einfluß seiner Artikel ward es der breiten Volks-
masse klar, daß die Frage nunmehr so stand: entweder das deutsche Volk
oder Wilhelm II. Mit Entsetzen wurden die Leiter der Militärzensur dessen
inne und versuchten durch ein Verbot der weiteren Behandlung dieser Frage
in der Presse die Hohenzollern-Krone zu retten. Da schrieb Ph. Scheide-
mann am 28. Oktober 1918 den schon erwähnten Brief an den Reichskanzler,
worin er als Mitglied des Kabinetts und im Namen der sozialdemokratischen
Partei selbst die Abdankung Wilhelms II. forderte; er erhob gleichzeitig Pro-
test gegen die Eingriffe der Militärzensur in das Recht der freien Meinungs-
äußerung und verlangte Abhilfe. Der gerade bettlägerige Kanzler bat um
einige Tage Aufschub, weil er zunächst mündlich mit Wilhelm II. über diese
Frage verhandeln wollte, wozu es jedoch, da jener nun schleunigst ins Haupt-
quartier verschwand, nicht mehr gekommen ist.
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Dann trafen die Nachrichten von der Bewegung unter den Mann-
schaften der Marine im Reichskanzleramt ein. Wie im dritten Kapitel mit-
geteilt, entsandte die Regierung am 4. November den demokratischen Staats-
sekretär Haußmann und den sozialdemokratischen Abgeordneten Gustav
Noske nach Kiel, mit den Aufständischen zu verhandeln. Die Abgesandten
konnten aber dort nur den Sieg dieser letzteren feststellen, als deren Ver-
trauensmann Noske in Kiel zurückbleibt und die Funktionen des Gouverneurs
übernimmt. Am 6. November fassen der nach Berlin einberufene Partei-
ausschuß und die Reichtagsfraktion der Mehrheitssozialisten nach längerer
Beratung einstimmig folgende Entschließung:
»Fraktion und Parteileitung fordern, daß der Waffenstillstand ohne
jede Verzögerung durchgeführt werde. Die Fraktion und der Parteiaus-
schuß fordern weiter die Amnestie für militärische Vergehen und Straffrei-
heit der Mannschaften, die sich gegen die Disziplin vergangen haben.
Sie fordern unverzüglich Demokratisierung der Regierung sowie der Ver-
waltung Preußens und der anderen Bundesstaaten. Die Reichstagsfraktion
und der Parteiausschuß beauftragen die Parteileitung, dem Reichskanzler
mitzuteilen, daß die Fraktion und der Partei ausschuß den von der Partei-
leitung in der Kaiserfrage unternommenen Schritt entschieden billigen und
unterstützen und eine schnelle Regelung dieser Frage fordern.«
Diese Forderungen werden der Regierung übermittelt, angesichts der
Unschlüssigkeit im Hauptquartier und des dadurch bedingten Zauderns des
Reichskanzlers wird Tags darauf, am 7. November nachmittags 5 Uhr diesem
von der Parteileitung der Mehrheitssozialisten durch Ph. Scheidemann fol-
gendes Ultimatum zugestellt:
Die sozialdemokratische Partei fordert,
1. daß die Versammlungsverbote für heute (die vom Oberkommando
2. daß Polizei und Militär zur äußersten Zurückhaltung angehalten
verfügt waren) aufgehoben werden,
werden,
3. daß die Preußische Regierung sofort im Sinne der Reichtagsmehr-
heit umgestaltet wird,
4. daß der sozialdemokratische Einfluß in der Reichsregierung ver-
stärkt wird,
5. daß die Abdankung des Kaisers und der Thronverzicht des Kron-
prinzen bis zum 8. November mittags bewirkt werden. Werden
diese Forderungen nicht erfüllt, so tritt die Sozialdemokratie aus
der Regierung aus.
Mit Ausnahme der beiden konservativen Fraktionen samt Anhang er-
kannten auch die bürgerlichen Parteien an, daß der Rücktritt Wilhelms II.
unabweisbar geworden war, und ließen das den Reichskanzler wissen. Dieser
bietet dem Kaiser seine Entlassung an, da auch er die Abdankung für not-
wendig halte und nicht Kanzler bleiben könne, wenn der Kaiser anderer
Meinung sei. Er wird aber von jenem veranlaßt, noch einige Tage im Amt
zu bleiben, bis dessen Entscheidung gefallen sei, was in kürzester Frist
geschehen werde. Offenbar hatten Wilhelm II. und seine Leute von den
Vorgängen in den Hafenstädten Kunde erhalten und wollten erst abwarten,
ob die Flut weiter steigen oder sich noch einmal verlaufen werde. In der
25
Tat gelang es, durch den Hinweis darauf, daß der Abschluß des Waffenstill-
standes vor der Tür stehe und durch einen Regierungswechsel einen Auf-
schub erleiden könne, die Führer der Mehrheitssozialisten zu bewegen, ihren
Austritt aus der Regierung und die Frist ihres Ultimatums wegen Rücktritt
des Kaisers und Verzicht des Kronprinzen auf einige Tage zu verschieben.
Ein vom 8. November datierter Aufruf von Parteivorstand und Reichstags-
fraktion teilt dies den Parteigenossen und der breiten Arbeiterschaft mit.
Er stellt fest, daß ein Teil der an die Regierung gestellten politischen For-
derungen erfüllt seien, weist auf die unvermeidliche Verzögerung des Ab-
schlusses des Waffenstillstandes hin und fährt dann fort:
»Deshalb haben Parteivorstand und Reichstagsfraktion die gestellte
Frist bis zum Abschluß des Waffenstillstandes verlängert, um erst das
Aufhören des Blutvergießens und die Sicherung des Friedensschlusses her-
beizuführen.
Sonnabend Vormittag treten die Vertrauensmänner der Arbeiter er-
neut zusammen.
Arbeiter! Parteigenossen! Es handelt sich also nur um einen Auf-
schub von wenigen Stunden.
Eure Kraft und Eure Entschlossenheit vertragen diesen Aufschub.
Der Vorstand der sozialdemokratischen Partei Deutschland?
und die Reichstagsfraktion.«
Aber die Flut war im Steigen und ließ sich durch nichts mehr auf-
halten, der Aufstand rückte der Hauptstadt fast stündlich näher. In Mün-
chen und in Braunschweig war sogar schon die Republik verkündet. Als
am Abend des 8. November noch keine bestimmte Antwort aus dem Haupt-
quartier vorlag, erklärten die sozialdemokratischen Mitglieder der Regierung
— neben Bauer und Scheidemann waren zuletzt noch Ed. David, August
Müller und Robert Schmidt in diese berufen worden — ihren Austritt, und
die Parteileitung der Mehrheitssozialisten, die sich in dieser Zeit in enger
Fühlung mit den Berliner Funktionären der Partei und anderen Vertrauens-
leuten der Arbeiterschaft gehalten hatte, versammelte diese noch am gleichen
Abend zu einer Beratung der Frage um sich, ob ein weiteres Warten noch
angängig sei. Die Antwort fiel verneinend aus. Es ward beschlossen, wenn
am Morgen des 9. November die Abdankung noch nicht erfolgt sei, den
Generalstreik zu verkünden, zu dessen Leitung auch sofort ein zwölfgliedriger
Ausschuß gewählt wurde.
Auch die Leitung der Unabhängigen Sozialdemokratie und die Vertrau-
ensmänner des Spartakusbundes trafen Vorkehrungen für Massenerhebungen.
Die letzteren verfügten, wie oben mitgeteilt, über Waffen, zu deren Ankauf
ihnen von bolschewistischer Seite Gelder zugewandt waren, und die man
an geeignet erscheinender Stelle aufbewahrt hatte, um sie gegebenenfalls im
Kampf mit der bewaffneten Macht des alten Regimes zu verwenden. Sie
gingen indes dabei ihre eigenen Wege, wie sie ihnen das Vorbild der Bol-
schewisten vorzuschreiben schien. Ähnlich behielt sich die Unabhängige
Sozialdemokratie eigene Aktionen vor. Versuche, wenigstens die beiden
sozialdemokratischen Fraktionen zu gemeinsamem Vorgehen in der Friedens-
frage zusammenzubringen, waren kurze Zeit vorher fehlgeschlagen.
Diese Versuche waren im Sommer 1918 ausgegangen von der Orts-
verwaltung Berlin des deutschen Metallarbeiterverbandes und knüpften an
26
eine politische Streikbewegung an, die Ende Januar 1918 in Berlin wie auch
an anderen Orten Deutschlands zum Zweck der Beschleunigung des Friedens
ausgebrochen war, aber von der Polizei mit Aufgebot von Militär noch hatte
unterdrückt werden können. Um in den Fabriken den endlosen Streitereien
zwischen den Anhängern der beiden sozialdemokratischen Parteien wegen
der Gründe des Mißerfolges jener Streikbewegung eine Grenze zu setzen,
beschloß die Ortsverwaltung, an die Leitung der beiden Parteien wegen einer
neuen, die Gesamtheit der Arbeiter umfassenden Demonstration heranzu-
treten. Am 13. Juli ward mit dem Parteivorstand der Mehrheitssozialisten,
am 29. Juli mit der Parteileitung der Unabhängigen Sozialdemokratie ver-
handelt. Bei beiden stieß man auf grundsätzliche Bereitwilligkeit, an der
Organisierung und Leitung einer Massenaktion für den Frieden und die de-
mokratischen Volksrechte sich zu beteiligen, doch erwies es sich als un-
möglich, die beiden Parteien zusammenzubringen. Als nach etlichen Vor-
verhandlungen am 29. August 1918 an den Partei vorstand der sozialdemo-
kratischen Partei die schon vorher (am 29. Juli) der Parteileitung der Unab-
hängigen vorgelegte konkrete Frage gerichtet wurde, ob er gegebenenfalls
bereit sei, sich an die Spitze einer solchen Aktion zu stellen, antwortete er
durch seinen Vorsitzenden Fritz Ebert:
»Nach Auffassung des Parteivorstandes muß zum Herbst unbedingt
etwas geschehen, um die Friedensfrage und die Wahlrechtsfrage zu för-
dern, jedoch sollen erst alle parlamentarischen Mittel erschöpft werden.
■ Um eine solche Aktion nicht von vorn herein illusorisch zu machen, ist
es unbedingt notwendig, daß die Vorverhandlungen für streng vertraulich
erklärt werden. Es dürfen also auch keine Flugblätter hinausgehen, auch
nicht solche ohne Unterschrift. Ist die Sache reif, dann muß ein Aufruf
mit Namensnennung »und Beifügung des vollen Titels an die Massen des
Volkes gerichtet werden.«
Die Leitung der Unabhängigen, der dieser Bescheid von den damit be-
auftragten Mitgliedern des Metallarbeiterverbands Gustav Heller und Wil-
helm Siering überbracht worden war, antwortete unterm 18. September
1918, nach ihrer Auffassung könnten sich
»nur solche Körperschaften an einer derartigen Waffenaktion beteiligen,
die eine rein proletarische Politik, d. h. den rücksichtslosen Klassenkampf
zur Beseitigung des Regierungssystems und zur Herbeiführung des Frie-
dens betreiben wollten und das durch Erfüllung nachfolgender Voraus-
setzungen bestätigten :
1. Ablehnung von Kriegskrediten jeder Art.
2. Verzicht auf Beteiligung an einem Block mit bürgerlichen Par-
teien,
3. Zurückziehung der Mitglieder politischer und gewerkschaftlicher
Organisationen aus Regierungsämtern.«
Auf diese Bedingungen erklärten die Mehrheitssozialisten nicht ein-
gehen zu können. Neue Kriegskredite würden entweder bloße Entmobil-
machungskredite sein oder dadurch nötig werden, daß die Gegner den Krieg
fortsetzen und auf deutschen Boden tragen wollten, obwohl Deutschland
Wilsons Bedingungen restlos angenommen habe. Die Partei habe das große
Opfer gebracht, Mitgliedern den Eintritt in die Regierung zu gestatten, um
zu einem baldigen Frieden zu gelangen, da ohne die Sozialdemokratie ein
27
solcher nicht zustande zu bringen sei.*) Zu ihrer Zurückziehung liege zur-
zeit keine Veranlassung vor. Die Forderungen der Unabhängigen könnten
nur so aufgefaßt werden, daß diese die Verhandlungen unter allen Umstän-
den zum Scheitern bringen wollten.
Die Unabhängige Sozialdemokratie beantwortete diese ihr übermittelte
Erklärung am 26. Oktober 1918 mit einem längeren Schreiben, das an der
ganzen Politik der Mehrheitssozialisten bittere Kritik übte und unter anderem
die Behauptung, daß das Verbleiben der Sozialisten in der Regierung im
Interesse der Erzielung eines Friedens geboten sei, für nicht stichhaltig er-
klärte. Nach Empfang des Schreibens beschloß die Kommission der Metall-
arbeiter einstimmig, ihre Bemühungen als gescheitert anzusehen. »Die Kom-
mission bedauert«, endet ihr Beschluß, »daß es ihr nicht gelungen ist, in
den beiden für die Arbeiterklasse so überaus wichtigen Fragen (Friede und
Wahlreform) eine Einigung herbeizuführen, und sieht daher ihre Aufgabe als
erledigt an.«
So standen sich die Parteien der Sozialisten Deutschlands am Vor-
abend der Revolution voller Mißtrauen und Bitterkeit gegenüber.
*) Wie Philipp Scheidemann in seiner Schrift »Der Zusammenbruch« (Berlin,
Verlag für Sozialwissenschaften) erzählt, hatten u. a. er, Otto Landsberg und
Fr. Stampfer in der Fraktionssitzung der Mehrheitssozialisten, in der die Frage
des Eintritts in die Regierung zur Entscheidung kam, scharf gegen den Eintritt
gesprochen, waren aber überstimmt worden, weil in der Fraktion die Meinung
überwog, daß die Partei dem Lande das Opfer zu bringen habe. (Scheidemann,
a. a. O. S. 174/177.)
28
V.
Der neunte November 1918 in Berlin.
»Remember, remember, the fifth of November — « Gedenket, ge-
denket des fünften November!
Dieser Ruf, mit dem in England die Kinder am 5. November den Jahres-
tag der Endeckung der großen Pulververschwörung vom Jahre 1605 ausrufen,
kann nun in Deutschland ein Gegenstück erhalten. Einen Ruf, der einer
Sache von ganz anderer Bedeutung gelten würde, als der Errettung eines
Königs und seines Parlaments vom politisch aussichtslosen Anschlag einer
kleinen Bande religiöser Fanatiker. Für Deutschland ist der 9. November
1918 der Geburtstag der demokratischen Republik, das heißt, der Selbst-
regierung seines Volkes.
Schon der Vormittag brachte die Entscheidung. Spät um Mitternacht
des 8. November hatte noch der Staatssekretär Dr. Solf den Vorsitzenden des
Vorstands der Mehrheitssozialisten Fritz Ebert angerufen und sich erboten,
sofort ins Hauptquartier abzureisen, um die Kaiserfrage zur Entscheidung zu
bringen. Die Antwort aber war gewesen, er könne sich die Mühe sparen^
es sei jetzt zu spät. Der folgende Vormittag werde den Generalstreik
sehen.
Und so geschah es. Am Morgen des 9. November um acht Uhr früh
traten der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Mehr-
heitssozialisten) und die Berliner Vertrauensmäner noch einmal zusammen,
um den entscheidenden Entschluß zu fassen. Die Besprechung war kurz.
Da vom Hauptquartier noch immer keine zufriedenstellende Erklärung ein-
gelaufen war, kam man ohne viel Reden überein, nicht länger zu warten,
sondern die Arbeiter ohne Verzug zum Generalstreik aufzurufen und mit der
Parteileitung der Unabhängigen Sozialdemokratie in Verbindung zu treten.
Sendboten eilten nach allen Richtungen, den Beschluß in den Fabriken kund-
zutun. Bis zur Frühstückspause waren gemäß ausgegebener Weisung die
Arbeiter in den Fabriken verblieben. Nun folgten sie, die großen Elektri-
zitätswerke und Maschinenfabriken voran, bereitwillig der Parole: »Heraus
aus den Betrieben! Auf die Straße!« Waren doch auch von Seiten eines
aus unabhängigen Sozialisten und Spartakusleuten zusammengesetzten Revo-
lutionsausschusses, der in fast allen großen Fabriken Berlins seine Vertreter
hatte, Handzettel folgenden Inhalts in den Betrieben und auf der Straße zur
Verbreitung gelangt:
29>
Arbeiter, Soldaten, Genossen!
Die Entscheidungsstunde ist da! Es gilt der historischen Aufgabe
gerecht zu werden.
Während an der Wasserkante die Arbeiter- und Soldatenräte die
Gewalt in Händen haben, werden hier rücksichtslos Verhaftungen vor-
genommen. Däumig und Liebknecht sind verhaftet.
Das ist der Anfang der Militärdiktatur, das ist der Auftakt zu nutz-
losem Gemetzel.
Wir fordern nicht Abdankung einer Person, sondern Republik!
Die sozialistische Republik mit allen ihren Konsequenzen.
Auf zum Kampfe für Friede, Freiheit und Brot.
Heraus aus den Betrieben!
Heraus aus den Kasernen!
Reicht Euch die Hände.
Es lebe die Republik.
Der Vollzugsauschuß des Arbeiter- und Soldatenrates.
Barth, Brühl, Eckert, Franke, Haase, Ledebour, Liebknecht,
Neuendorf, Pick, Wegmann.
Von dieser Seite hatte man schon am 4. November die Erhebung ins
Werk setzen wollen, dann aber den Termin um einige Tage hinausgeschoben,
während deren die Polizei von dem Vorhaben Kenntnis erhielt und verschie-
dene Verhaftungen, zuletzt — am 8. November — die von E. Däumig vor-
nahm. Auf die Nachricht von dieser waren die Vertrauensleute — die revo-
lutionären Obleute — schleunigst zusammengetreten, hatten beschlossen, nun
nicht länger zu zaudern, und den vorstehenden Aufruf vereinbart, dessen Stil
die Eile verrät, in der er abgefaßt worden war. Er war unter den gegebenen
Verhältnissen natürlich nur geeignet, die Bereitwilligkeit der Massen noch
zu steigern.
Ungeheure Züge bildeten sich, die mit roten Fahnen dem Stadtinnern
zuströmten und die großen Verkehrsstraßen durchzogen. Berlin füllte sich
mit Massen, denen gegenüber selbst einer ihrer Truppen sicheren Regierung
die Lust zum Widerstand vergangen wäre.
Aber solche Truppen gab es für die Regierung Wilhelms II. nicht.
Der neue Oberbefehlshaber in den Marken, General von Linsingen, und der
Polizeipräsident von Berlin hatten es an Sicherheitsmaßnahmen verschieden-
ster Art nicht fehlen lassen. Das Rathaus war stark mit Polizei besetzt.
Hauptpost und Telegraphenamt hatten militärische Besatzung, das königliche
Schloß war abgesperrt, an wichtigen Stellen wurden Maschinengewehre
aufgefahren, reichlich Militär war in der Hauptstadt zusammengezogen, da-
gegen der Eisenbahnverkehr vom Norden und Nordwesten her, wo der Auf-
stand siegreich war, vollständig eingestellt. Indes was halfs? Abgesandte
der Sozialdemokratie, die nach den Kasernen zogen, mit den verschiedenen
Regimentern zu verhandeln, erhielten überall die Zusicherung, daß man unter
keiner Bedingung auf das Volk schießen werde. Von dieser Stimmung der
Truppen unterrichtet, ließ sich der Reichskanzler von einer an ihn entsandten
Deputation leicht zu einem Erlaß bewegen, der in einer Extra-Ausgabe des
Vorwärts wie folgt bekannt gegeben wurde:
30
»Es wird nicht geschossen!
Der Reichskanzler hat angeordnet, daß seitens
des Militärs von der Waffe kein Gebrauch gemacht
w e r d e.«
Ein weiteres, vom Vorwärts herausgegebenes Flugblatt lautete:
Generalstreik!
Der Arbeiter- und Soldatenrat von Berlin hat den Generalstreik be-
schlossen. Alle Betriebe stehen still. Die notwendige Versorgung der Be-
völkerung wird aufrecht erhalten. Ein großer Teil der Garnison hat sich
in geschlossenen Truppenkörpern mit Maschinengewehren und Geschützen
dem Arbeiter- und Soldatenrat zur Verfügung gestellt. Die Bewegung
wird gemeinschaftlich geleitet von der Sozialdemokratischen Partei Deutsch-
lands und der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.
Arbeiter, Soldaten, sorgt für Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung,
Es lebe die soziale Republik!
Der Arbeiter- und Soldatenrat.«
Das Flugblatt eilte in etwas den Tatsachen voraus. Die Leitung der
Unabhängigen Sozialdemokratie war am Vormittag des 9. November nicht zu-
sammengetreten und hatte auch nicht herangezogen werden können. Die an
den Reichskanzler entsandte Deputation bestand aus den mehrheitssozia-
listischen Abgeordneten Fritz E b e r t, Philipp Scheidemann und Otto
Braun und den mehrheitssozialistischen Mitgliedern des. Zwölferausschusses
Fritz Brolat und Gustav Heller. Sie begab sich in die Reichskanzlei,
wo der Reichskanzler und die übrigen Kabinettsmitglieder gerade Sitzung
abhielten, und ward alsbald vorgelassen. Ebert als Sprecher der Deputation
eröffnete den Herren, das arbeitende Volk wolle jetzt seine Geschicke selbst
in die Hand nehmen. Es wisse die ungeheure Mehrheit der Bevölkerung
hinter sich und sei entschlossen, die volle Demokratie zur Verwirklichung
zu bringen. An einen erfolgreichen Widerstand der Regierung sei nicht zu
denken, ein großer Teil der Garnison sei bereits zum Volk übergegangen.
Auf die Frage des Kanzlers an Ebert, ob er glaube, die Aufrechterhal-
tung der Ordnung verbürgen zu können, antwortete dieser mit ja. Der
Kanzler teilte nun mit, daß nach einem soeben eingegangenen Telegramm
der Kaiser zurückgetreten sei, und nach kurzer daran sich anknüpfenden Be-
sprechung erklärten die Kabinettsmitglieder insgesamt gleichfalls ihren Rück-
tritt, und Max von Baden trat seine Befugnisse als Reichskanzler in aller
Form an Fritz Ebert ab. Die Tatsache wurde von letzterem in folgendem
Wortlaut der Öffentlichkeit bekannt gegeben:
»Mitbürger! Der bisherige Reichskanzler Prinz Max von Baden hat
mir unter Zustimmung der sämtlichen Staatssekretäre die Wahrnehmung
der Geschäfte des Reichskanzlers übertragen. Ich bin im Begriffe, die
neue Regierung im Einvernehmen mit den Parteien zu bilden, und werde
über das Ergebnis der Öffentlichkeit in Kürze berichten.
Die neue Regierung wird eine Volksregierung sein. Ihr Bestreben
wird sein müssen, dem Deutschen Volke den Frieden schnellstens zu
bringen und die F r e i h e i t, die es errungen hat, zu befestigen.
31
Mitbürger! Ich bitte euch alle um eure Unterstüt-
zung bei der schweren Arbeit, die unser harrt. Ihr wißt, wie schwer der
Krieg die Ernährung des Volkes, die erste Voraussetzung des politischen
Lebens, bedroht.
Die politische Umwälzung darf die Ernährung der Bevölkerung nicht
stören. Es muß die erste Pflicht aller in Stadt und Land bleiben, die Pro-
duktion von Nahrungsmitteln und ihre Zufuhr in die Städte nicht zu hin-
dern, sondern zu fördern.
Nahrungsmittelnot bedeutet Plünderung und Raub mit Elend für alle.
Die Ärmsten würden am schwersten leiden, die Industriearbeiter am bitter-
sten getroffen werden.
Wer sich an Nahrungsmitteln oder sonstigen Bedarfsgegenständen
oder an den für ihre Verteilung benötigten Verkehrsmitteln vergreift, ver-
sündigt sich aufs schwerste an der Gesamtheit.
Mitbürger! Ich bitte euch alle dringend, verlaßt die Straßen, sorgt
für Ruhe und Ordnung!
Berlin, den 9. November 1918. Der Reichskanzler
Ebert.
Soweit Wilhelm II. als wollende Persönlichkeit in Betracht kam, war
die Mitteilung von seinem Rücktritt eine fromme Vorwegnahme kommender
Ereignisse. Tatsächlich hatte er sich noch zu nichts entschlossen, sondern
suchte noch immer nach Möglichkeiten, sich und seiner Dynastie die Krone
zu retten. In der Erkenntnis, daß längeres Zögern die Situation nur ver-
schlimmern könne, hatte Max von Baden ein Telegramm, das eine halbe
Zusage enthielt, für voll ausgelegt. Wie sein Erlaß durchblicken läßt, hoffte
er auf diese Weise, wenn nicht für Wilhelm Vater und Sohn, so doch viel-
leicht für ein anderes Mitglied der Familie Hohenzollern die Krone zu retten.
Das sollte nun freilich vergebene Liebesmühe sein.
Von der Deputation der Mehrheitssozialisten eilten Scheidemann und
Otto Braun in den Reichstag zurück. Die andern waren gerade im Begriff,
das Gebäude der Reichskanzlei zu verlassen, als sie auf die eben in es ein-
getretenen Abgeordneten der Unabhängigen Sozialdemokratie Oskar C o h n,
W. D i 1 1 m a n n und Ewald Vogtherr stießen. Sie machten ihnen von
dem Geschehenen Mitteilung, und Ebert schlug ihnen vor, es solle ein zu
gleichen Teilen aus Mehrheitlern und Unabhängigen zusammengesetztes
Kabinett gebildet werden, dem Mitglieder der bürgerlichen Parteien der Linken
als Fachminister zur Seite stehen könnten; Deutschland solle als Republik
mit tiefgreifendem sozialistischen Programm und dem Ziel der Erstellung
einer sozialistischen Republik ausgerufen werden. Damit erklärten sich die
genannten Abgeordneten grundsätzlich einverstanden, setzten aber hinzu,
daß sie keine Vollmacht hatten, eine ihre Partei bindende Abmachung zu
treffen, sondern dies dem Zentralvorstand überlassen müßten. Sie schlugen
für diesen eine Bedenkzeit bis Nachmittag vier Uhr vor, worauf die andern
willig eingingen.
Das Anerbieten von Ebert und Genossen an die Unabhängigen hat auf
eine gerechte Würdigung Anspruch. Als es gemacht wurde, hatten die Mehr-
heitssozialisten nicht nur im Lande die übergroße Mehrheit der sozialistischen
Arbeiter hinter sich, selbst in Berlin war ihnen die Unterstützung der Mehr-
32
heit des sozialistischen Proletariats noch sicher. Da war es ein Beweis
großer Einsicht in die Erfordernisse des Augenblicks und ein Beispiel ver-
söhnlichen Entgegenkommens, daß sie von jedem Gedanken einer Verteilung
der Stellungen im Kabinett nach den Stärkeverhältnissen der Reichstagsver-
tretung oder der Mitgliederzahl der sozialistischen Parteien ohne weiteres Ab-
stand nahmen und der organisatorisch noch sehr viel schwächeren sozia-
listischen Rivalin die gleiche Zahl Mitglieder der Regierung anboten die sie
für ihre Partei beanspruchten. Auch unterließen sie jeden Versuch ihr
hinsichtlich der Auswahl der Vertreter Bedingungen zu stellen. Auf die Frage
Oskar Cohns: »Wie denken Sie über den Eintritt noch weiter links stehender
Sozialisten in das Kabinett? Ich will ganz offen reden: wie denken Sie über
den Eintritt von Karl Liebknecht?« antwortete Ebert: »Bitte, bringen Sie
uns Karl Liebknecht, er soll uns angenehm sein. Von Personenfragen machen
wir die Bildung der Regierung nicht abhängig.« Trotzdem stieß ihr An-
erbieten m der Leitung der Unabhängigen Sozialdemokratie keineswegs auf
einhellige Annahme.
Mittlerweile rückte der Nachmittag heran. Auf dem Platz vor dem
Reichstag hatten sich ungeheure Züge von Arbeitern und Soldaten, denen
sich ein nicht minder zahlreiches gemischtes Publikum zugesellt hatte mit
wehenden roten Fahnen und Plakaten, auf denen die Worte »Frieden! Frei-
heit! Brot!« standen, aufgestellt, eine unabsehbare singende und rufende
Menschenmenge. Vor sie tritt an einem Fenster des Reichstags Philipp
Scheidemann, gibt ein Zeichen, das Ruhe eintreten läßt, und verkündet dann:
»Mitbürger! Arbeiter! Genossen!
»Das monarchische System ist zusammengebrochen. Ein großer Teil
»der Garnison hat sich uns angeschlossen. Die Hohenzollern haben ab-
»gedankt. Es lebe die große deutsche Republik! Fritz Ebert bildet eine
»neue Regierung, der alle sozialdemokratischen Richtungen angehören
»Dem Mihtäroberbefehlshaber ist der sozialdemokratische Abgeordnete
»Göhre beigeordnet, der die Verordnungen mit unterzeichnen wird- jetzt
»besteht unsere Aufgabe darin, den vollen Sieg des Volkes nicht beschmut-
»zen zu lassen, und deshalb bitte ich Sie, sorgen Sie dafür, daß keine
»Störung der Sicherheit eintrete. Sorgen Sie dafür, daß die Republik die
»wir errichten, von keiner Seite gestört werde. Es lebe die freie deutsche
»Republik!«
Nachdem schon an verschiedenen Stellen der Ansprache stürmische
Beifallsrufe die Ankündigung unterbrochen hatten, löste der Schlußruf brau-
sende, sich immer wiederholende Hochs aus, denen dann erneutes Absingen
sozialistischer Lieder folgte.
Im Reichstag selbst hielten nun die beiden sozialdemokratischen Frak-
tionen Sonderberatungen ab, um zu dem Vorschlag der Bildung eines pari-
tätischen Kabinetts Stellung zu nehmen, und bejahendenfalls ihre Vertreter
»n diesem zu bestimmen. Die große Mehrheitsfraktion brauchte dazu keine
lange Zeit. Sie erklärte sich ohne Zaudern mit dem Vorschlag einverstanden
und ernannte zu ihren Vertretern im Kabinett die beiden Vorsitzenden der Par-
tei Fritz Ebert und Philipp Scheidemann, der eine als Sattler, der
andere als Schriftsetzer aus der Arbeiterklasse hervorgegangen, und den als
Juristen hochgeschätzten Otto Landsberg. Alle drei seit Jahrzehnten
Mitglieder der Sozialdemokratie.
3 33
Nicht so einfach spielten sich die Dinge in der Leitung der Unab-
hängigen Sozialdemokratie ab, die, Vorstand und Reichtagsfraktion, im Sit-
zungszimmer der letzteren sich versammelt hatte. Hier stieß schon der bloße
Gedanke eines Zusammenarbeitens mit den von den MehrHeitssozialisten aus-
gewählten Personen auf den leidenschaftlichen Widerspruch eines Teils der
führenden Parteivertreter, dessen energischster Sprecher Georg Ledebour
war. Nach ihm und Gleichdenkenden waren die Führer der Mehrheitler, die
Ebert, Scheidemann, Landsberg und Genossen, Verräter am Sozialismus,
mit denen man unter keinen Umständen eine Regierung bilden dürfe. Diese
Leute müßten von vornherein abgelehnt werden. Das hätte nun faktisch die
Ablehnung der Zusammenarbeit mit den Mehrheitlern überhaupt geheißen.
Denn die Partei der Unabhängigen konnte diesen um so weniger Vorschriften
über die Auswahl ihrer Vertreter machen, als gerade ihre Wortführer stets
auf das Schärfste den Standpunkt vertreten hatten, daß die Partei bei Ent-
sendung von Mitgliedern in eine gemischte Kommission unter keinen Um-
ständen von Außenstehenden sich in die Auswahl hineinreden lassen dürfe.
Auch hätten die Mehrheitler sich schwerlich die Ablehnung ihrer anerkann-
testen Führer gefallen lassen. Ein Teil der Unabhängigen trat deshalb dafür
ein, daß der Grundsatz des Selbstbestimmungsrechts der Parteien in bezug
auf die Auswahl ihrer Vertreter festgehalten werden müsse und nur das
Grundsätzliche der Kabinettsbildung den Gegenstand der Verhandlung zu
bilden habe. Die Debatte darüber nahm viel Zeit in Anspruch, sodaß Send-
boten der Mehrheitler, die erfragen sollten, ob man zu einer Entscheidung
gekommen sei, wiederholt unverrichteter Sache den Rückzug antreten mußten.
Indes endete sie mit einem Sieg der letzteren Anschauung. Als man darauf
dazu überging, das politische Grundprinzip der neuen Republik zu erörtern,
nahm der kurz vorher mit einigen seiner Anhänger ins Zimmer getretene
Karl Liebknecht das Wort und diktierte dem Schriftführer der Fraktion fast
befehlenden Tones die Worte: »Alle exekutive, alle legislative, alle richter-
liche Gewalt bei den Arbeiter- und Soldatenräten.« Er hatte am Nachmittag
an der Spitze seines Anhangs auf dem Berliner Schloß die rote Fahne auf-
ziehen lassen und von einem Fenster des Schlosses herab an die unten ver-
sammelte, Kopf an Kopf gedrängte Menge eine revolutionäre Ansprache ge-
halten, die jubelnden Beifall fand und endlose Hochs auslöste. Jetzt folgte
auf seine Worte zunächst eine seltsame Pause. Keiner schien ihm rückhalt-
los zuzustimmen, keiner sich mit ihm in eine Debatte einlassen zu wollen.*)
Noch war diese nicht wieder aufgenommen, als Philipp Scheidemann, der
Hauptsprecher der ob des langen Wartens immer ungeduldiger werdenden
Mehrheitler, begleitet von Brolat und Heller selbst in das Fraktionszimmer
der Unabhängigen kam und an diese halb vorwurfsvoll die Frage richtete:
»Seid Ihr nun endlich zu einem Entschluß gekommen?« Man sagte ihm,
es handle sich noch um die grundsätzlichen Bedingungen des Zusammen-
arbeitens. Auf die weitere Frage, ob denn ein Vorschlag vorliege, ward ihm
die Niederschrift des Liebknecht'schen Diktats gereicht. Er betrachtete sie
*) Der Schreiber dieses kann hier eine persönliche Bemerkung nicht unter-
drücken. Ich hatte bis dahin trotz weitgehender Meinungsverschiedenheiten
zwischen uns viel Sympathie für Karl Liebknecht gehabt. Als er aber in der
geschilderten Weise der Partei das Bolschewistensystem aufzudiktieren sich an-
schickte, zuckte es mir wie ein Blitz durch den Kopf: >Er bringt uns die
Konterrevolution.«
34
lange und sagte dann in fast väterlichem Tone: »Ja, aber Leute, wie denkt
ihr euch denn das?« Liebknecht antwortet schroff, es müsse sein, und es
entspann sich eine Diskussion zwischen ihm, den zur Linken der Partei
zählenden unabhängigen Arbeitern Emil Barth und Richard Müller einerseits
und Scheidemann, Brolat und Heller andererseits. Aus der Tatsache, daß
die gemäßigteren Mitglieder der Unabhängigen Sozialdemokratie schwiegen,
schlössen die Mehrheitler, daß die Partei für die Unterhandlung absichtlich
ihren linken Flügel vorgeschoben hatte, um den rechten zu entlasten. So u. a.
Friedrich Stampfer in seiner Denkschrift »Der 9. November« (Berlin, Buch-
handlung Vorwärts). Das ist aber, wie man sieht, durchaus irrig. Die ge-
mäßigten Mitglieder der Partei schwiegen, weil sie Liebknecht nicht bei-
pflichten konnten, ihm aber auch nicht vor andern entgegentreten mochten,
bevor nicht die Parteileitung unter sich zu einer bestimmten Stellungnahme
gelangt war.
Mit welchem Bescheid schließlich Scheidemann und seine Begleiter
zur Mehrheitsfraktion zurückkehrten, ersieht man aus der Antwort, die der
Parteivorstand dieser um 8^2 Uhr abends dem Vorstand der Unabhängigen
Sozialdemokratie zugehen ließ. Sie lautet:
»Von dem aufrichtigen Wunsche geleitet, zu einer Einigung zu ge-
langen, müssen wir unsere grundsätzliche Stellung zu Ihren Forderungen
klarlegen.
Sie fordern:
1. Deutschland soll eine soziale Republik sein. Diese For-
derung ist das Ziel unserer eigenen Politik, indessen hat darüber das Volk
durch die konstituierende Versammlung zu entscheiden.
2. In dieser Republik soll die gesamte exekutive, legis-
lative und jurisdiktioneile Macht ausschließlich in den Hän-
den von gewählten Vertrauensmännern der gesamten werktätigen Bevölke-
rung und der Soldaten sein.
Ist mit diesem Verlangen die Diktatur eines Teils einer Klasse ge-
meint, hinter dem nicht die Volksmehrheit steht, so müssen wir diese
Forderung ablehnen, weil sie unseren demokratischen Grund-
sätzen widerspricht.
3. Ausschluß aller bürgerlichen Mitglieder aus der Regierung.
Diese Forderung müssen wir ablehnen, weil ihre Erfüllung die
Volksernährung erheblich gefährden, wenn nicht unmöglich machen
würde.
4. Die Beteiligung der Unabhängigen gilt nur für drei Tage als
ein Provisorium, um eine für den Abschluß des Waffenstillstands fähige
Regierung zu schaffen. Wir halten ein Zusammenwirken der sozialistischen
Richtungen mindestens bis zum Zusammentritt der Konstituante für er-
forderlich.
5. Die Ressortminister gelten nur als technische Gehilfen des
eigentlichen und entscheidenden Kabinetts. Dieser Forderung stimmen
wir zu.
6. Gleichberechtigung der beiden Leiter des Kabinetts. Wir sind für
die Gleichberechtigung aller Kabinettsmitgleder, indessen hat die konsti-
tuierende Versammlung darüber zu entscheiden.«
Da der nach Kiel entsandte und auf der Rückreise befindliche Vor-
sitzende des Vorstands und der Fraktion der Unabhängigen Hugo Haase
3* 35
noch nicht in Berlin eingetroffen war, die Parteileitung aber ohne ihn eine
so wichtige Entscheidung nicht treffen wollte, mußte die Beantwortung dieses
Schreibens auf den nächsten Tag zurückgestellt werden. Während all dieses
in den Sitzungszimmern vor sich ging, flutete draußen und in den anderen
Räumen des Reichstags noch das Leben einer im Zustand der ersten Lebens-
äußerung befindlichen Revolution. Wichtige öffentliche Gebäude, darunter
das Postamt und das Telegraphenamt wurden von Sozialisten besetzt, andere
unter Bewachung genommen. An verschiedenen Stellen der Hauptstadt kam
es auch zu Schießereien, die ernstesten davon in der Umgebung kaiserlicher
Schlösser. Aus dem oberen Stock des der Ostseite des Berliner Schlosses
gegenübergelegenen Marstalls wurden gegen 6 Uhr abends plötzlich Schüsse
auf die vorübergehende Menge abgefeuert und forderten ihre Opfer. Mit
Maschinengewehren bewaffnete Soldaten und Zivilisten erzwangen nach kur-
zem, aber schwerem Kampf, bei dem es mehrere Tote gab, den Eingang,
fanden aber beim Vordringen keine Besatzung vor. Sie mußte sich aus
irgendeinem unbekannten Ausgang geflüchtet haben. Noch mehr Tote gab
es, als aus dem Gebäude der ehemaligen Königlichen Bibliothek und dem
Gebäude der Universität, das eine neben, das andere gegenüber dem am
Opernplatz gelegenen Palais, auf Passanten geschossen wurde und im An-
schluß daran sich ein erbittertes Gefecht zwischen Belagerern und Besatzung
entwickelte. Wieviel politischer Fanatismus und wieviel nervöse Über-
reizung oder mißverstandene Aufträge mit diesen und anderen Zwischen-
fällen gleicher Art zu tun gehabt haben, ist unaufgeklärt geblieben. Von irgend-
welchem militärischerseits organisierten Widerstand war keine Rede. Die in
Berlin weilenden militärischen Befehlshaber folgten der vom abgetretenen
Reichskanzler ergangenen Weisung und ließen es ruhig geschehen, daß auch
das Kommandanturgebäude und das Gebäude des Polizeipräsidiums von So-
zialisten besetzt wurden.
Es war das Beste, was sie tun konnten. Hatten doch die Truppen der
Berliner Garnison sich vorbehaltlos auf die Seite der Revolution gestellt.
Voran das Kaiser-Alexanderregiment und das vierte Jägerregiment, die in der-
selben Kaserne lagen, bei deren Einweihung Wilhelm II. am 28. März 1901
jene Rede gehalten hatte, in der er zu den Soldaten sagte :
»Wie eine feste Burg ragt eure neue Kaserne in der nächsten Nähe
»des Schlosses auf. Das Kaiser Alexander-Regiment ist berufen, gewisser-
»maßen als Leibwache Tag und Nacht bereit zu sein, um für den König
»und sein Haus, wenn es gilt, Leben und Blut in die Schanze zu schlagen.
»Und wenn jemals wieder in dieser Stadt eine Zeit wie damals (Anspielung
auf den 18. März 1848) kommen sollte, eine Zeit der frechen Auflehnung
»gegen den König, dann, davon bin ich überzeugt, wird das Regiment
»Alexander alle Unbotmäßigkeit und Ungehörigkeit wider seinen König-
»lichen Herrn mit dem Bajonette zu Paaren treiben.«
Die »Burg« war noch da, aber die Besatzung hielt es nicht für ihre
Aufgabe, als Leibwache gegen das Volk sich zu betätigen. Ziemlich spät am
Abend, gegen ^lAO Uhr, kamen die gewählten Arbeiter- und Soldatenräte
im großen Sitzungssaal des Reichstags zu einer ersten und großen Sitzung
zusammen. Sie wird von Emil Barth, der zum Vorsitzenden gewählt wird,
mit einer feurigen Ansprache eröffnet, die den siegreichen Aufstand des Ber-
liner Proletariats feiert und der Berliner Garnison Anerkennung und Dank dafür
ausspricht, daß sie sich auf die Seite des Volkes gestellt und durch ihr Ver-
36
halten der Revolution einen fast unblutigen Sieg gesichert habe. Es wird
beschlossen, am folgenden Tage vormittags 10 Uhr in allen Fabriken Berlins
Wahlen für den Arbeiterrat und in allen Kasernen und Lazaretten Wahlen
für den Soldatenrat regelrecht vorzunehmen. Auf je 1000 Arbeiter und Ar-
beiterinnen sollte ein Mitglied des Arbeiterrats und auf jedes Bataillon oder
entsprechende Formation ein Mitglied des Soldatenrats gewählt werden, und
die Gewählten sollten am Nachmittag behufs Wahl der provisorischen Re-
gierung zusammentreten.
Vom provisorischen Arbeiter- und Soldatenrat, der in einem der Kom-
missionszimmer des Reichstags ständig versammelt war, war außer dem auf
Seite 31 abgedruckten folgender Aufruf ausgegeben worden:
I.
Bürger! Arbeiter!
Zur wirksamen Durchführung der revolutionären Bewegung ist Ord-
nung und Ruhe nötig.
Die Bevölkerung wird dringend gebeten, Straßen auflaufe zu
unter lassen und nach Eintritt der Dunkelheit die Straße zu meiden.
Die Groß-Berliner Magistrate arbeiten in Übereinstimmung mit dem
Arbeiter- und Soldatenrat.
Die Groß-Berliner Schutzmannschaft hat sich in den Dienst des
Volkes gestellt.
Lebensmittelautos und städtische Autos dürfen
nicht angehalten werden.
Die Lebensmittelversorgung Groß-Berlins darf
nicht gestört werden. Die Lebensmittelvorräte und Lebensmittel-
karten-Verteilungsstellen unterstehen dem Schutze des Volkes. Sämtliche
gemeinnützige Einrichtungen, wie Gas-, Wasser- und Elektri-
zitätswerke, Sparkassen und andere öffentliche Kassen, ebenso
die Verkehrsmittel werden ebenfalls dem Schutze des Volkes unterstellt.
Der Volksausschuß zum Schutze der gemeinnützigen Einrich-
tungen von Groß-Berlin wird diese Einrichtungen durch Beauftragte be-
schützen. Die geschützten Einrichtungen werden durch Plakate kenntlich
gemacht.
Die Beauftragten sind mit roten Armbinden mit dem Aufdruck
»Volksausschuß« versehen. Sie führen außerdem Legitimationskarten. In
ihrer Tätigkeit werden sie durch Abgeordnete des Arbeiter- und Soldaten-
rats unterstützt.
Die Bürgerschaft wird gebeten, die Beauftragten des Volksausschusses
in ihrer Tätigkeit zu unterstützen.
Berlin, den 9. November 1918.
Der Bevollmächtigte
des Reichskanzlers und des Ministers des Innern
Paul Hirsch.
Der Volksausschuß
Eugen Ernst. Sassenbach. Leid.
Der Soldatenrat
Baumann, Gelberg, Hertel.
Gewerkschaftskommission Berlin und Umgegend
Körsten. 37
Außerdem erschien in der Nummer des »Vorwärts« vom 10. November
1918 folgende Bekanntmachung:
»Lebenswichtige Betriebe dürfen nicht streiken.
Es haben sich gestern eine Anzahl Gewerke dem Generalstreik an-
geschlossen, die nicht streiken dürfen, wenn nicht dadurch die gesamte
Existenz der Berliner Bevölkerung auf das allerschwerste gefährdet wer-
den soll. Um eine Fortdauer dieses Zustandes, der zu den schwersten
Übelständen führen und eine Katastrophe heraufbeschwören würde, zu
verhindern, hat der Arbeiter- und Soldatenrat folgende Bestimmungen er-
lassen, die hiermit der Arbeiterschaft zur Kenntnis gebracht werden.
Es dürfen nicht streiken:
1. Handels-, Verkehrs- und Transportgewerbe (insbesondere sämt-
liche Kutscher und Fahrer der Spedition, Lager. Lebensmittel und
Kohlen).
2. Lebens- und Genußmittelbranche (insbesondere
Fleischer, Bäcker, Brauer, Restaurationsbetriebe (außer Cafes).
3. Lebenswichtige Staats- und Gemeindebetrie-
b e (insbesondere Gas, Wasser, Elektrizität, Kanalisation, Stra-
ßenreinigung, Müllabfuhr und ähnliche).
4. Haus- und Pflegepersonal (auch Hauspersonal) der
Krankenhäuser, Pflege- und Heilstätten.
Der Arbeiter- und Soldatenrat.
Hieran anschließend ward in den »Vorwärts« vom 10. November 1918
noch folgende Anzeige in starken Lettern eingerückt:
Organisatoren gesucht!
Personen, die imstande sind, die Aufsicht über gemein-
nützige und städtische Betriebe aller Art zu übernehmen,
werden dringend gesucht.
Wer hierzu bereit ist, möge sich auf dem Büro seiner Organisation
melden.
Der Arbeiter- und Soldatenrat.
Dem gleichen Zweck wie dieses Inserat diente der nachstehende, eben-
falls im »Vorwärts« vom 10. November 1918 veröffentlichte Aufruf:
Arbeiter ! Mitbürger !
Die Unterzeichneten sind im Auftrage ihrer Organisationen und im
Einvernehmen mit der Stadtverwaltung zu einem »Volksausschuß« zum
Schutze der gemeinnützigen Einrichtungen von Groß-Berlin zusammen-
getreten. Der Ausschuß wird die gemeinnützigen Einrichtungen, die
im Interesse des Volkes ihre Tätigkeit schützen müssen, durch Be-
auftragte bewachen lassen.
Solche Anlagen sind u. a.
die Aufbewahrungsstelle für die Lebensmittelvorräte,
die Lebensmittelkartenverteilungsstellen,
die Volksküchen,
die Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke,
die Sparkasse und andere öffentlichen Kassen,
die Verkehrsmittel.
Diese Einrichtungen sind auf jeden Fall sicherzustellen. Die Be-
völkerung wird gebeten, die von uns Beauftragten in Ausübung ihrer
38
Schutzmaßnahmen zu unterstüzen. Das Militär ist aus den städtischen
Betrieben zurückgezogen, im Vertrauen darauf, daß das Volk sein Be-
sitztum schützen wird.
Für den Verband sozialdemokratischer Wahlvereine Berlins und
Umgegend.
Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands.
Karl Leid. Dr. Kurt Rosenfeld. Mathilde Wurm.
Für die sozialdemokratische Partei Deutschlands Bezirk Groß-Berlin
Eugen Ernst. Theodor Fischer. Hugo Pötzsch.
Für die Gewerkschaftskommission Berlins und Umgegend
Alwin Körsten. Eugen Brückner. Hermann Mietz. Ernst Schulze.
Ludwig Hodagg.
Für den Verband der deutschen Gewerkvereine Hirsch-Duncker
(Berlin und Umgegend)
Franz Neustedt. Ed. Jordan.
Für das Kartell der christlichen Gewerkschaften:
Tränert.
Für die Berliner Stadtverwaltung:
Der Magistrat, Wermuth.
Aus all diesen Kundgebungen ersieht man, wie sehr am Tage der Re-
volution in der Arbeiterschaft Berlins der alte sozialdemokratische Geist
vorherrschte, den die Begründer der deutschen sozialistischen Arbeiterbe-
wegung ihr eingeimpft hatten; wie sehr die siegende Arbeiterschaft und ihre
Vertreter darauf bedacht waren, der Revolution selbst im stürmenden Klas-
senkampf den Charakter einer entschiedenen Kulturbewegung zu bewahren;
wie sehr sie von dem Gedanken getragen waren, auch in der Revolution
müsse auf Wohl, Sicherheit und Recht der Nichtkämpfenden die größte
Rücksicht genommen werden, und daß die Revolution, indem sie neuem
Recht die Bahn bricht, sich rein halten müsse von Zugeständnissen an die
Qeister der wilden Unordnung und einer niederen Instinkten Ausdruck geben-
den Willkür.
39
VI.
Die erste Gestalt der deutschen Republik.
Kein besserer Zeuge für den überwältigenden Eindruck der Erhebung
vom 9. November 1918 in Berlin als die Leitartikel der Berliner Zeitungen
vom 10. November. Selbst die Organe der äußersten Rechten wagten nicht,
ihr rückhaltlos die politische Bedeutung für die Neugestaltung Deutschlands
abzusprechen, sondern beschränkten sich darauf, die Tatsachen zu verzeich-
nen und etlichen Vorbehalten Ausdruck zu geben.
So schrieb die streng konservative Kreuzzeitung resigniert:
»Alle Elemente des Volkes, die an dem Staat und der Gesellschafts-
ordnung festhalten wollen, werden geschlossen zusammengehen müssen,
um, wenn möglich, ein Chaos zu verhindern.«
Welcher Staat und welche Gesellschaftsordnung gemeint seien, hielt das
Blatt für weise im Unbestimmten zu lassen und tröstete seine Gesinnungs-
genossen mit einer Anweisung auf die Zukunft:
»Die Konservativen müssen die Saat ausstreuen, aus welcher dereinst
den kommenden Geschlechtern des deutschen Volkes ein besseres Los
erwachsen soll, als es uns und unsern Kindern beschieden ist.«
Die agrarisch-konservative »Deutsche Tageszeitung« erklärte sich mit
dem Vorschlage einverstanden, so rasch als möglich Wahlen für eine ver-
fassunggebende deutsche Nationalversammlung vorzunehmen.
»Die Regierungsgewalt«, schrieb sie, »kann dauernd nur von einer Re-
gierung ausgeübt werden, die ihr Mandat von dem auf ordnungs-
mäßigen Wege einwandfrei festgestellten Mehrheitswillen des deutschen
Volkes empfangen hat.«
Womit das Gottesgnadentum grundsätzlich schon preisgegeben war.
Die nationalistische »Tägliche Rundschau« stellt in ihrer Freude, daß
die Revolution sich so frei von Ausschreitungen der Gewalt gehalten, den
Arbeiter- und Soldatenräten das Zeugnis aus, daß es falsch sei, deren Herr-
schaft, wie bisher geübt, bolschewistisch zu nennen. Man sei ehrlich bemüht
gewesen, Ordnung und Disziplin aufrecht zu erhalten; und so sei »der Auf-
forderung Eberts zur Mitarbeit der Andersgesinnten, um das Volk vor Bruder-
krieg, Hungersnot und Anarchie zu bewahren, Folge zu leisten.«
Die Organe der fortschrittlichen Volkspartei, der Linken der bürger-
lichen Demokratie, und der katholischen Zentrumspartei drückten ihre Freude
über den im Ganzen so unbefleckten Verlauf der Revolution aus und traten
40
gleichfalls für die baldige Berufung einer verfassunggebenden Nationalver-
sammlung ein.
Drei Blätter hatten über Nacht anscheinend ihren Charakter geändert.
Der einzige Einbruch in private Rechte, der am 9. November verübt worden
war, betraf einige Preßorgane der Hauptstadt und entbehrte nicht eines ge-
wissen Humors. Was hatte am Tage der Revolution aus den Zeitungen
werden sollen, die bis dahin die offiziösen Mundstücke der abgesetzten Re-
gierung gewesen waren? Sie konnten nicht in dieser Eigenschaft weiter
erscheinen. Sie konnten aber, selbst wenn ihre Herausgeber dies wollten,
auch nicht sofort als Offiziöse der neuen Regierung sich präsentieren, da eine
solche ja noch garnicht zustande gekommen war, man noch nicht genau
wußte, wie diese nun aussehen werde. Und so benutzten eine Anzahl So-
zialisten den Umstand, daß die Republik wohl da war, aber ihre Form noch
nicht gefunden hatte, sich — die einen der bisher oberoffiziösen »Nord-
deutschen Allgemeinen Zeitung«, die andern — Sozialisten spartakistischer
Richtung — des mehr gelegenheitsoffiziösen »Berliner Lokal-Anzeiger« vor-
übergehend zu bemächtigen. Die Abonnenten der »Norddeutschen Allge-
meinen Zeitung« erhielten am 10. November 1918 ihr Blatt mit dem Titel
DIE INTERNATIONALE
früher : Norddeutsche Allgemeine Zeitung«
und einem sozialdemokratischen Inhalt. Der Leitartikel »An die Arbeit!«
überschrieben, feiert die vollzogene Umwandlung als eine solche »von so
großer Gewalt und Bedeutung, daß wir sie in ihren Wirkungen noch garnicht
ausmessen können«, und läuft in den Satz aus:
»Wir grüßen die Freiheit, wir grüßen die sozialistische
Republik Deutschland mit dem Ruf, der ein Gelöbnis ist :
Hoch die Republik!
Hoch die Internationale!«
Ohne Änderung des Titels erhielt einen ausgesprochenen sozialdemo-
kratischen Inhalt die im Ullsteinschen Verlag herausgegebene »Berliner All-
gemeine Zeitung«, ein für diejenigen Elemente, die nur ganz bescheidene
Mittel für Zeitungen ausgeben können, berechnetes, namentlich in den kleinen
Ortschaften im Umkreise Berlins verbreitetes Blatt, während die vielleicht
dreimal so stark verbreitete »Berliner Morgenpost« des gleichen Verlags und
die auf ihn übergegangene »Vossische Zeitung«, das Organ der liberalen
Gelehrten und gewisser Handelskreise Berlins, unbehelligt blieben. Ebenso
die sehr verbreiteten Organe des Mosse'schen Verlags »Berliner Tageblatt«
und »Berliner Volkszeitung«.
Ganz anders mit dem vom Scherl-Verlag herausgegebenen »Berliner
Lokal-Anzeiger«.
Schon am 9. November erschien in später Abendstunde eine Nummer
dieses Blattes unter dem Titel:
»DIE ROTE FAHNE.«
Ehemaliger Berliner Lokal-Anzeiger —
2. Abend-Ausgabe.«
Sie brachte an der Spitze des Textes die Mitteilung:
»Die Redaktion des »Berliner Lokal- Anzeigers« ist von Vertretern des
revolutionären Volkes (Spartakus -Gruppe) besetzt. Die Redaktions-
führung ist damit an die Leitung der Genossen übergegangen.«
41
Der Inhalt jedoch ist im allgemeinen im üblichen Ton des Blattes ge-
halten, sodaß man sieht, daß der größte Teil schon gesetzt war, als die
Spartakus-Leute sich seiner bemächtigten. Nur eine mit großen Lettern fett-
gedruckte Querzeile über der »ersten Seite« »Berlin unter der roten
Fahne«, eine etwas weniger groß gesetzte Querzeile darunter »Polizei-
präsidium gestürmt« — 650 Gefangene befreit — »Rote Fahnen am Schloß«
und eine Anzahl von Berichten über die Vorgänge in Berlin verraten im
Ton die Parteinahme für die Revolution, ohne jedoch die besondere Tendenz
der Spartakusgruppe demonstrativ zum Ausdruck zu bringen. Aus dem Be-
richt über den Sturm auf das Polizeipräsidium ist der erste Absatz wichtig.
Er lautete:
>In den Nachmittagsstunden zogen bewaffnete Trupps in Kraftwagen
mit Umzügen durch die Stadt. In der Nähe des Halle'schen Ufers
wurden aus einem
geheimen Waffendepot
Gewehre verteilt, und nun begann die Rundfahrt, die zweifellos gut
organisiert war.«
Das deutet auf eines der Waffenlager hin, zu deren Bildung die Bolsche-
wisten Geldmittel beigetragen hatten.
Wesentlich deutlicher spricht die Morgennummer des Blattes vom
10. November 1918 die Sondertendenz aus. Sie trug den gleichen Titel
»Rote Fahne« und hat an der Spitze des Textes folgende Ankündigung:
»Zur Beachtung.
»Der seitherige »Lokal-Anzeiger« wurde von uns erst in später Abend-
stunde übernommen, sodaß wir zur Füllung des Blattes eine Reihe
bereits gesetzter Mitteilungen aufnehmen mußten, die also nicht in der
Form dargeboten sind, wie wir die Dinge und Ereignisse darzustellen
beabsichtigen. Von morgen ab wird dies anders werden.
Die Redaktion der »Roten Fahne«.
Organ der Spartakus - Richtung.«
War hier die Aneignung des bürgerlichen Blattes als eine dauernde
in Aussicht gestellt, so enthält der Text des Blattes neben Mitteilungen und
Aufrufen, die der Einheit der sozialistischen Arbeiterschaft im Kampf Aus-
druck geben, auch solche, die der neuen sozialdemokratischen Regierung
schon den Krieg ankündigen. An den — im einfachen Petitsatz gedruckten —
Aufruf Eberts, der dringend mahnt, »alles zu unterlassen, was die für die
Ernährung der Bevölkerung nötigen Zufuhren gefährden könne, die Straßen
zu verlassen und für Ruhe und Ordnung zu sorgen«, ward in größeren Let-
tern und Fettdruck die folgende Notiz gefügt:
»Wir fordern im Gegenteil dazu auf, nicht die Straßen zu verlassen,
sondern bewaffnet zu bleiben und in jedem Augenblick auf der Hut
zu sein. Die Sache der Revolution ist nur in den Händen des Volkes
sicher. Die Aufforderung des vom gestürzten Kaiser neugebackenen
Reichskanzlers verfolgt nur den Zweck, die Massen heimzusenden, um
die alte »Ordnung« wieder herzustellen. Arbeiter, Soldaten, bleibt auf
der Hut!«
Ein »Arbeiter und Soldaten« überschriebener Aufruf fordert diese zu
»ganzer Arbeit« und zu Mißtrauen gegenüber denen auf, »die von
Reichskanzler- und Ministerstellen herunter glauben, Eure Geschicke lenken
zu dürfen.« Zur Erlangung des Ziels der Arbeiter sei es notwendig, daß
das Berliner Proletariat in Bluse und in Feldgrau erkläre, folgende Forde-
rungen mit Entschlossenheit und unbezähmbaren Kampfwillen zu verfolgen:
42
1. Entwaffnung der gesamten Polizei, sämtlicher Offiziere
sowie der Soldaten, die nicht auf dem Boden der neuen Ordnung
stehen; Bewaffnung des Volkes; alle Soldaten und Proletarier, die
bewaffnet sind, behalten ihre Waffen.
2. Uebernahme sämtlicher militärischen und zivilen Behörden und
Kommandostellen durch Vertrauensmänner des Arbeiter- und Sol-
datenrates.
3. Uebergabe aller Waffen- und Munitionsbestände sowie aller Rüstungs-
betriebe an den Arbeiter- und Söldatenrat.
4. Kontrolle über alle Verkehrsmittel durch den Arbeiter- und Sol-
datenrat.
5. Abschaffung der Militärgerichtsbarkeit; Ersetzung des militärischen
Kadavergehorsams durch freiwillige Disziplin der Soldaten unter
Kontrolle des Arbeiter- und Soldatenrates.
6. Beseitigung des Reichstages und aller Parlamente sowie der be-
stehenden Reichsregierung; Uebernahme der Regierung durch den
Berliner Arbeiter- und Soldatenrat bis zur Errichtung eines Reichs-
Arbeiter- und Soldatenrates.
7. Wahl von Arbeiter- und Soldatenräten über ganz Deutschland, in
deren Hand ausschließlich Gesetzgebung und Verwaltung liegt.
Zur Wahl der Arbeiter- und Soldatenräte schreitet das gesamte
erwachsene werktätige Volk in Stadt und Land und ohne Unterschied
der Geschlechter.
8. Abschaffung aller Dynastien und Einzelstaaten; unsere Parole lautet:
einheitliche sozialistische Republik Deutschland.
9. Sofortige Aufnahme der Verbindung mit allen in Deutschland be-
stehenden Arbeiter- und Soldatenräten und den sozialistischen
Bruderparteien des Auslandes.
10. Sofortige Rückberufung der russischen Botschaft nach Berlin.
Von einigen, allen Sozialdemokraten gemeinsamen Forderungen ab-
gesehen, ist dies das spezifische politische Programm des russischen Bolsche-
wismus. Ein Muster von Anträgen der Spartakusgruppe, die in allen Ver-
sammlungen von Betrieben, Soldatenräten usw. zu stellen seien, fordert die
»unverzügliche Wiederherstellung der deutschen Beziehungen zu der rus-
sischen Sowjetrepublik, dem siegreichen Vortrupp der Weltrevolution«, und
daß »neben den andern neuesten und tapfersten Genossen in das Prä-
sidium des zentralen Arbeiter- und Soldatenrates Deutschlands oder einer
andern sich bildenden Körperschaft dieses Ranges die Genossin Rosa Luxem-
burg entsandt wird«.
Dann heißt es weiter:
»Arbeiter und Soldaten ! Eine Jahrtau Arbeiten übernahm der ittsabgeordm
L. Brunn er (M) und Paul Hoffmann rtj) als Beigeordneten.
Die Ernennung Adolf Hoffmanns, de ter der freireligiösen
und dessen Reden nicht
lern Berl ttümlichen grammatilo nitzern g
sind. :-.eftige P
der Geistlichkeit und der akademisch gebildeten Lehrerschaft hervor. Dem
•• 51
ward mittels Ergänzung durch den wissenschaftlich gebildeten unabhängigen
Sozialisten M. Baege Rechnung getragen. Der Name des Ministeriums wird in
Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbil-
dung abgeändert, und am 27. November durch Verfügung dieses Mini-
steriums die geistliche Ortsschulaufsicht für Preußen
aufgehoben und den Kreisschulinspektoren übertragen. Hin-
sichtlich anderer Reformen stellten sich bald Meinungsverschiedenheiten
zwischen Hänisch und Hoffmann über Weg und Methode ein. Über die
Schwierigkeiten der Verwaltung der andern Ämter weiterhin.
b) BAYERN.
Der zweitgrößte Bundesstaat Deutschlands war in der Revolution dem
Reich und Preußen vorangegangen. Hier hatte bis 1918 die Mehrheitssozial-
demokratie fast unbestritten die Geister in der Arbeiterschaft beherrscht.
Nur in München hatte der dort sich als freier sozialistischer Schriftsteller
mühsam durchschlagende hochbegabte Kurt Eisner als Gegner der Kriegs-
politik der Mehrheit eine Gemeinde von gleichgestimmten Sozialisten um
sich gesammelt, die zwar nicht sehr zahlreich, aber um so rühriger war und
von ihrer eifrigen Propagandatätigkeit nicht abließ, als Eisner im Frühjahr
1918 wegen einer Rede, die er auf einer der damals in ganz Deutschland
abgehaltenen Demonstrationen für eine Friedensaktion gehalten hatte, behufs
Aburteilung wegen Aufforderung zum Hochverrat in Untersuchungshaft ge-
steckt wurde. Eisner hatte, dies sei beiläufig bemerkt, von der im engeren
Kreis seiner Freunde lebhaft von ihm verfochtenen Überzeugung durch-
drungen, daß von führenden Sozialisten große Opfer der Person gebracht
werden müßten, um das Volk zum energischen Widerstand gegen die Kriegs-
politik der Regierung und die imperialistischen Parteien anzufeuern und zu
ermutigen, in der Absicht, ein Beispiel zu geben, bei jener Rede alle Rück-
sichten auf die Staatsanwaltschaft und Militärzensur beiseite gelassen, so
daß seine Verurteilung zu sehr schwerer Strafe mit Sicherheit in Aussicht
stand. In den Oktobertagen 1918 auf freien Fuß gesetzt, nahm er sofort seine
Agitation mit Feuereifer wieder auf und ward jetzt von den Massen, unter
denen die Anhänger der extrem radikalen Spartakusgruppe eine sehr rege
Werbetätigkeit entfalteten, als ihr erster Wortführer anerkannt. Als sodann
die Nachrichten vom Aufstand in Kiel in München einliefen, fanden sie dort
die Stimmung zur Revolution reif, und Eisner, der einen bis zur Weltfremd-
heit gehenden Idealismus mit starkem Sinn für praktisches Vorgehen verband,
war umsichtig genug, trotz der tiefen Meinungsverschiedenheiten, die zwischen
ihm und den Führern der Mehrheitssozialisten obwalteten, nun den Parteistreit
nach Möglichkeit aus der Bewegung fern zu halten. Eine Riesendemon-
stration, die am 7. November 1918 auf der Teresienwiese in München statt-
fand, hatte neben ihm den einflußreichsten Führer der Mehrheitssozialisten
Münchens, Erhard A u e r, zu einem der Hauptredner. Ihre Worte wurden mit
der denkbar größten Begeisterung aufgenommen, die Stimmung war von Grund
aus revolutionär, und mit Jubel ward eine von Eisner entworfene Reso-
lution angenommen, in der es zu Anfang hieß:
»Das deutsche Volk weiß sich eins mit allen Völkern Europas in dem
Willen, die Zukunft der Welt durch einen allgemeinen Bund des Rechts
und der Freiheit sicherzustellen, und sieht der Erfüllung des vom Präsi-
denten der amerikanischen Union verkündeten Weltfriedens mit Ver-
trauen entgegen.«
52
Es werden daran anschließend folgende Forderungen aufgestellt: So-
fortiger Rücktritt des Kaisers und Verzicht des Thronfolgers. Vereidigung
des Heeres auf die Verfassung, Beseitigung aller Bestimmungen aus den Ver-
fassungen, welche die volle Demokratisierung Deutschlands hemmen. So-
fortige Ergreifung aller Maßnahmen, welche die Ordnung, Sicherheit und
Ruhe bei der Heimbeförderung der Truppen verbürgen, umfassende soziale
Fürsorge, Maßnahmen für die Notleidenden, Arbeitslosenversicherung, acht-
stündiger Arbeitstag.
Dann heißt es weiter:
>Nur durch rascheste Erfüllung dieser Forderungen 'kann den durch
den wahnwitzigen Krieg heraufbeschworenen politischen und sozialen
Zersetzungsgefahren gesteuert, dem Volksstaate und der Volksregierung
eine für das deutsche Volk und für die Weltkultur segensreiche Ent-
wicklung gesichert werden.
Alle Teilnehmer geloben feierlich, die Durchführung dieser Forde-
rungen mit Rat und Tat, nach bestem Wissen und Gewissen, wo es
nottut, auch um den Preis persönlicher Opfer, zum Wohle des Ganzen
zu. fördern, im Geiste der politisch-sozialen Verantwortung und Selbst-
zucht. Besonnenheit, Energie und der eigenen Kraft bewußfe Ruhe
sind die einzig den Erfolg verbürgenden Kampfmittel der aufsteigenden
Arbeiterklasse.
Der Beschluß ist von der Parteileitung sofort der bayrischen Re-
gierung zuzuleiten.«
Nach Schluß der Versammlung zogen die Demonstranten in gewaltigem
Zug durch die Stadt, wobei sie ihrer Stimmung auf die mannigfachste Weise
Ausdruck gaben. Waffenläden werden gestürmt und geplündert, die Resi-
denzwache entwaffnet, vor dem Residenzschloß »Nieder mit dem Kaiser!
Hoch die Republik!« gerufen, aus den Kasernen werden die Soldaten her-
ausgeholt, die sich dem Zug anschließen, die Insassen des Militärgefäng-
nisses werden befreit. Zum Schluß wird das Landtagsgebäude besetzt und
im Saal der Abgeordneten ein Rat der Arbeiter, Soldaten und Bauern ge-
wählt mit Kurt Eisner als ersten Vorsitzenden. Er hält bis in die Nacht
hinein Sitzung und beschließt, Bayern zur Republik zu erklären. Ein Auf-
ruf, der dies verkündet, enthält unter anderen die folgenden Sätze :
>Bayern ist fortan ei n Frei staat. Eine Volksregierung,
die von dem Vertrauen der Massen getragen wird, soll unverzüglich
eingesetzt werden. Eine konstituierende Nationalversammlung, zu der
alle mündigen Männer und Frauen das Wahlrecht haben, wird so schnell
wie möglich einberufen werden. Eine neue Zeit hebt an. Bayern will
Deutschland für den Völkerbund rüsten. Die demokratische und
soziale Republik Bayern hat die moralische Kraft, für Deutschland einen
Frieden zu erwirken, der es vor dem Schlimmsten bewahrt.
Der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat wird strengste Ordnung
sichern. Ausschreitungen werden rücksichtslos unterdrückt. Die Sicher-
heit der Person und des Eigentums wird verbürgt. Die Soldaten in
den Kasernen werden durch Soldatenräte sich selbst regieren und die
Disziplin aufrecht erhalten. Offiziere, die sich den Anforderungen der
veränderten Zeit nicht widersetzen, sollen unangetastet ihren Dienst
versehen.
Wir rechnen auf die schaffende Mithilfe der gesamten Bevölkerung.
Jeder Arbeiter an der neuen Freiheit ist willkommen. Alle Beamten
bleiben in ihren Stellungen. Grundlegende soziale und politische Re-
formen werden unverzüglich ins Werk gesetzt. Die Bauern verbürgen
sich für die Versorgung der Städte mit Lebensmitteln. Der alte Gegen-
satz zwischen Land und Stadt wird verschwinden. Der Austausch der
Lebensmittel wird rationell organisiert werden.«
53
54
Nach einem Mahnwort an die Arbeiter und Bürger Münchens, dem
Großen und Gewaltigen, das in diesen schicksalsschweren Tagen vor sich
gehe, zu vertrauen und daran mitzuwirken, daß sich die unvermeidliche
Umwälzung »rasch, leicht und sicher« vollziehe, jedes Menschenleben hei-
lig zu achten, schließt der Aufruf mit den Worten:
>Der Bruderkrieg der Sozialisten ist für Bayern beendet. Auf der
revolutionären Grundlage, die jetzt gegeben ist, werden die Arbeiter-
massen zur Einheit zurückgeführt. Es lebe die bayrische Republik! Es
lebe der Friede! Es lebe die schaffende Arbeit aller Werktätigen !<
Ein im gleichen Geist gehaltener Aufruf an die ländliche Bevölkerung
Bayerns, der außer von Eisner auch von dem Leiter einer demokratischen
Bauernvereinigung, Ludwig Ganghofer, gezeichnet ist, enthält folgende be-
merkenswerten Sätze:
»Der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat betrachtet es als die erste
und größte Aufgabe, dem Volke den heißersehnten Frieden zu bringen,
und ist zum Zwecke der Einleitung von Friedensverhandlungen mit den
Ententemächten in Verhandlungen getreten.
Noch ist aber die Gefahr nicht vorüber. Der Arbeiter-, Soldaten-
und Bauernrat lehnt es zwar ab, die nationale Verteidigung durchzu-
führen, er wird aber unter allen Umständen den Grenzschutz aufrecht
erhalten, damit das Leben und Eigentum der bayrischen Bevölkerung
geschützt und erhalten bleibt.
. . . Bauern! Die Lebensmittel in den Städten sind durch verkehrte
Maßnahmen der bisherigen Militär- und Zivilverwaltung knapp. Wir
fordern euch auf, die neue Regierung sofort durch rege Lebensmittel-
lieferung in die Städte zu unterstützen, denn nur dadurch ist diese in
der Lage, die Massen zu beherrschen und Hungerkrawalle mit unaus-
bleiblichen, unseligen Folgen für das flache Land hintanzuhalten.
Beamte, Bürgermeister und Landarmee! An euch ergeht die Auf-
forderung, für Ruhe, Ordnung und Sicherheit im Lande zu sorgen und
die Amtsgeschäfte in der bisherigen Form auszuführen.
Nicht zerstören wollen wir, sondern wieder aufbauen.«
Am 8. November legte Eisner vor einer zweiten Sitzung des Arbeiter-
und Soldatenrats die Liste der neuen Regierung vor. Die Ansprache, in
der er dies tat, ist so bezeichnend für die Denkweise dieses Mannes, der in
jenen Tagen den größten Einfluß auf die erregten Volksmassen genoß, daß
es angezeigt erscheint, einige der wesentlichsten Stellen aus ihr wörtlich
wiederzugeben.
Nach einer Darlegung der Gründe, die gegen jeden weiteren Aufschub
der Aktion sprachen, heißt es:
>Bayern ist ein freier Staat. Das bayrische Volk genießt
die ireieste Selbstbestimmung. Eine konstituierende Natio-
nalversammlung wird in Zeiten ruhigerer Entwicklung die end-
gültige Verfassung Bayerns festlegen. Heute herrschen in diesem Par-
' lament die elementaren Triebkräfte der breiten Volksmassen selbst. In
dieser heutigen Sitzung wird es uns obliegen, nun die neue Entwicklung
zu ordnen. Wir werden Ihnen vorschlagen, eine Regierung zu bestäti-
gen, einer Regierung Ihr Vertrauen zu schenken, die dann Ihnen ver-
antwortlich jederzeit die Geschäfte Bayerns führen wird. Diese Regie-
rung ist nicht einseitig gedacht nach den Vorschlägen und den Ver-
ständigungen, die inzwischen stattgefunden haben. Sie wissen, daß bei-
nahe seit Kriegsbeginn die sozialistischen Arbeitermassee in heftigem
Kampfe der Meinungen gegen einander standen. Dieser Kampf gehört,
für Bayern wenigstens, der Geschichte an. Denn die Massen haben
Bayern befreit, und auch die Richtung, die Menschen wie mich bekämpft
hat, akzeptiert diese Befreiung' als eine unabänderliche revolutionäre
Tatsache, und damit sind wir nicht durch ein Kompromiß, sondern inner-
lich zusammengewachsen. Ich hoffe, daß unser bayrisches Beispiel über
unsere Grenzen hinaus wirken wird.
Zum Schlüsse möchte ich Ihnen die Namen derer nennen, die die
provisorische Regierung bilden werden. Wir haben mit einer Ausnahme,
obwohl manches dagegen sprach, die alte Teilung der Ministerien bei-
behalten. Wir haben nur ein neues Ministerium geschaffen, das schon
längst in der Luft lag, ein Ministerium für soziale Angelegenheiten. Der
Grund, warum wir die nicht ganz glückliche Teilung der Ministerien
beibehalten haben, ist der, daß wir die Beamten, auf deren freudige
Beihilfe und Mitwirkung wir rechnen, daß wir diesen Beamten, deren
Los in der Demokratie sicher ganz anders sein wird als bisher, nicht
erschweren wollten, sich in die neuen Zustände hineinzufinden. Die
Namen, die wir Ihnen vorschlagen, sind:
Das Ministerium des u ß e r n und damit das Präsidium über-
nimmt als Symbol des revolutionären Ursprungs dieser Regierung der,
der vor Ihnen jetzt steht. Für das Vizepräsidium und für da»
K u 1 tusministerium ist J. Hoffmann in Aussicht genommen.
Das Ministerium für militärische Angelegenheiten —
wir werden kein Kriegsministerium haben, sondern ein Ministerium für
militärische Angelegenheiten — wird Roßhäupter übernehmen; es
ziemt sich für die demokratische Regierung, daß ein Zivilist die Leitung
der militärischen Angelegenheiten übernimmt.
Das Ministerium des Innern, heute eine der wichtigsten Ange-
legenheiten, wird, wenn Sie einverstanden sind, Au er übernehmen. Ick
höre Widerspruch und >Nein!«, aber wenn wir entschlossen sind, den
Weg gemeinsam zu gehen, so ist auch das ein Symbol. Darum emp-
fehle ich Ihnen die Wahl Auers.
Den Verkehr soll ein Mann übernehmen, der einst in einer der
lächerlichsten politischen Komödien in diesem Hause versank, Heinrich
von Frauendorfer.
Das Justizministerium wird mit einem bewährten Sozial-
politiker — das ist kein Widerspruch, die Justiz ist wohl als eine Form
der Sozialpolitik zu betrachten — besetzt, mit Herrn Timm.
Die undankbarste aller Aufgaben soll, und daran ist vielleicht eine
Abneigung gegen die Professoren mit Schuld, Herrn Professor J a f f e
zufallen, nämlich das Finanzministerium.
Endlich wird — wieder als eine Fanfare des revolutionären Ur-
sprungs — ein an der Erhebung beteiligter Mann, ein einfacher Arbeiter
ohne Amt und Würden, Herr Unterleitner, das neue Ministe-
rium für soziale Verhältnisse übernehmen.
Eine Stellung, die in dieser gärenden Zeit sehr wichtig ist, die Poli-
zeiobrigkeit der Hauptstadt der neuen Republik, wird in den Händen
wieder eines Arbeiter- und Soldatenrates liegen, in den Händen des
Herrn Steiner, der schon seit gestern eine segensreiche Tätigkeit als
Aufsicht im Polizeipräsidium versieht. Er gehört zu den tüchtigsten
und charaktervollsten Personen unserer revolutionären Erhebung.
Sie sehen, wir sind nicht einseitig. Wir haben weder Richtungen
bevorzugt, noch haben wir bürgerliche Fachmänner ausgeschlossen. Ich
»lochte glauben, daß dieses Ministerium sich zu einer Körperschaft ent-
wickeln wird, in der alle Männer Platz haben, gleichviel welcher Vor-
bildung und Herkunft, in der alles tätig sein kann, was uns nach Cha-
rakter, Wissen, Energie, Gesinnung fruchtbare Arbeit leisten kann. Ich
bitte Sie, zu uns, die wir in stürmischer Zeit dieses Opfer bringen, Ver-
trauen zu haben, in einer Zeit, in der wir Ihnen kein Paradies ver-
sprechen können, in der alle Verhältnisse verzweifelt erscheinen. Ich
sage also: schenken Sie uns und unserem vergänglichen und proviso-
rischen Ministerium das Vertrauen, das wir um der Sache willen ver-
dienen, nachdem wir uns bereitgefunden haben, an diese Stelle zu treten,
55
wenn Sie damit einverstanden sind. Wir gehen dunklen Tagen entgegen,
vielleicht den furchtbarsten Tagen, die seit Jahrhunderten uns beschieden
gewesen sind. Aber ich bin der festen Ueberzeugung, daß aus diesem
Meer von Blut und Zerrüttung dennoch eine neue Welt, eine hellere
und reichere und freiere Welt erstehen wird, und die politische Um-
wälzung, die wir hier erlebt haben und die wir verteidigen — wir haben
dazu einen Soldatenrat, der diese neue Freiheit verteidigen wird — ich
sage, daß diese politische Umwälzung ein Vorklang ist auf jene soziale
Umgestaltung, die nach dem Frieden die heiligste und unaufschiebbarste
Angelegenheit internationaler Arbeit sein wird.
Damit begrüße ich das erste Parlament der bayrischen Republik und
bitte Sie, Vorschläge zu machen für die Konstituierung des Präsidiums.<
Nach Anhören der Ansprache wird der Arbeiter- und Soldatenrat als
revolutionäres Parlament mit einem aus Mehrheitssozialisten, unabhängigem
Sozialisten und Demokraten zusammengesetzten Präsidium konstituiert. Prä-
sident wird der Mehrheitssozialist Franz Schmitt, Vizepräsident der un-
abhängige Sozialist Fritz Schröder und zweiter Vizepräsident der Demo-
krat und Pazifist Dr. Ludwig Q u i d d e. Die vorgeschlagenen Minister
werden mit Ausnahme Erhard Auers einstimmig, dieser letztere, gegen den
die Spartakusleute stimmen, mit überwiegender Mehrheit gewählt. Von
Brüssel aus legt am 10. November der Kronprinz Rupprecht gegen die revo-
lutionäre Neuordnung Verwahrung ein und fordert die Entscheidung durch
eine konstituierende Landesversammlung, dagegen sendet König Ludwig III.,
der am 8. November mit seiner Frau im Automobil München verlassen hatte,
vom Schloß Anif im bayrischen Krongut Salzburg aus folgende Verzichts -
erklärung an die Regierung:
>Zeit meines Lebens habe ich mit dem Volk und für das Volk ge-
arbeitet. Die Sorge für das Wohl meines geliebten Bayern war stets
mein höchstes Streben.
Nachdem ich infolge der Ereignisse der letzten Tage nicht mehr in
der Lage bin, die Regierung weiter zu führen, stelle ich allen Beamte»,
Offizieren und Soldaten die Weiteraraeit unter den gegebenen Verhält-
nissen frei und entbinde sie des mir geleisteten Treu-Eides.
Anif, den 13. November 1918. i Ludwig.
Der Ministerrat beantwortete das Schreiben noch am gleichen Tage
mit einem Erlaß, der von dem Thronverzicht des Königs Kenntnis nahm
und dem König und seiner Familie den unbeschränkten Aufenthalt in Bayern
freistellte, sofern sie sich verbürgen, »nichts gegen den Bestand des Volks-
staates Bayern zu unternehmen«. Proteste des Präsidiums der bayrischen
Abgeordnetenkammer und der Vorsitzenden der bürgerlichen Parteien gegen
die Beiseiteschiebung der Kammer bleiben wirkungslos, im übrigen geht das
Wirtschaftsleben, nachdem die Regierung bekannt gegeben hatte, daß sie
keinerlei Beschlagnahme von Bank- und Sparkassenguthaben beabsichtige,
bis auf weiteres ruhig seinen Gang. Eine Verordnung des Ministers für
militärische Angelegenheiten vom 11. November, welche die Angehörigen
des Besatzungsheeres auffordert, ihre bisherigen Dienstaufgaben weiter zu
erfüllen, wird am 12. November durch folgende Verfügung des Soldaten -
rats München ergänzt:
»Soldaten! Am 12. November treten gemäß übereinstimmendem Be-
schluß des Soldatenrates München und des Ministers für militärische
Angelegenheiten, Roßhäupter, auch die bisherigen Offiziere und sämt-
liche Beamte ihren Dienst wieder an.
Soldaten ! Die Demobilmachung beginnt nun in den nächsten Tagen.
56
Die Offiziere kommen in guter Absicht und auf Befehl des Ministers
Roßhäupter, um die vielen Hunderttausende von Kameraden der Front
zu versorgen und in die Heimat zu entlassen! Die Offiziere komme»
nicht als Eure Vorgesetzte wie früher, sondern sie kommen als Soldaten,
die zum Wohl unseres Volkes arbeiten wollen. Ihr seid nicht verpflichtet,
die Offiziere zu grüßen, weder in noch außer Dienst. Was auch von
den Offizieren angeordnet wird, kann nur im Einverständnis mit einem
von Euch gewählten Kasernenrat angeordnet werden. Seid überzeugt,
daß Euer Soldatenrat aufs strengste darüber wachen wird, daß die Offi-
ziere ihre Befugnisse nicht überschreiten! Der Soldatenrat München
ermahnt die Offiziere, sich in jedem Augenblick des neuen Geistes des
freien Volksstaates Bayern bewußt zu bleiben, die Achselstücke abzu-
legen und nach einmal vollzogener Tatsache ebenso fruchtbare Arbeit
zu leisten, wie sie Tag und Nacht seit dem Sieg der Revolution von de»
Soldaten zur Sicherung der Ordnung geleistet worden ist. Soldaten!
In allernächster Zeit werdet Ihr hören, wie Euer Soldatenrat Euere un-
veräußerlichen Rechte gesichert hat. Habt Vertrauen in uns! Den freien
Volksstaat kann uns niemand mehr entreißen.«
An die Erhebung in München hatten sich ähnliche in Nürnberg, Augs-
burg, Regensburg und andern Städten Bayerns geschlossen, die den Opti-
mismus, der aus diesem Aufruf spricht, gerechtfertigt erscheinen ließen. Die
erste Enttäuschung brachten dagegen die Meldungen über die Deutschland
auferlegten Waffenstillstandsbedingungen. Ihr gab ein von Eisner unter-
zeichneter Aufruf des Ministeriums des neuen Volksstaates an die Regie-
rungen und Völker Amerikas, Frankreichs, Englands und Italiens sowie ai
die Proletarier aller Länder Ausdruck, der die Begeisterung schildert, mit
der das Volk die Republik verkündet habe, und dann fortfährt:
»In diesem Augenblick stürzt auf die junge Republik Bayern die
Veröffentlichung der Waffenstillstandsbedingungen der alliierten Mächte
herein. Alle Hoffnungen, die wir durch den Erfolg der Revolution hegen
durften, sind damit zerstört. Die neue Republik wird, wenn diese ent-
setzlichen Bedingungen unabänderlich sein sollten, in kurzer Zeit Wüste
und Chaos sein.«
Das dürfe nicht geschehen. Die demokratischen Völker dürfen nicht
wollen, daß die revolutionäre Schöpfung der deutschen Demokratie durch
die Schonungslosigkeit der Sieger vernichtet werde. Jetzt sei »die Stunde
gekommen, wo durch einen Akt weitblickender Großmut die Versöhnung der
Völker herbeigeführt werden könne«. Der Völkerbund könne »niemals wer-
den, wenn er beginnt mit der Ausrottung des jüngsten Gliedes demokratischer
Kultur. Wir beschwören Euch, die Regierungen, wie die Völker, in einer
Tat erhabener Selbstüberwindung die für alle verhängnisvolle Liquidierung
des Weltkrieges in gemeinsamer Arbeit der Sieger und Besiegten zu unter-
nehmen.«
Der Aufruf fand bei denen, an die er gerichtet war, keinen Widerhall.
Es muß allerdings bemerkt werden, daß Eisner die Waffenstillstandsbe-
dingungen später etwas anders beurteilt hat, als es auf Grund der erste«
Depeschen der deutschen Unterhändler geschehen war, und gegen diese
wegen ihrer Berichterstattung scharfe Angriffe richtete.
c) SACHSEN.
Nachdem im letzten Drittel des Oktober Verhandlungen zwischen dem
leitenden Minister und den Parteien des Friedensblocks wegen Neubildung
des Ministeriums durch Hereinnahme von Vertretern dieser Parteien statt -
57
gefunden und zu dem Ergebnis geführt hatten, daß am 1. November u. and.
zwei Mehrheitssozialisten, die Abgeordneten F rä ß d o r f und H e 1 d t in
das Ministerium eintraten, schlug schon am 8. November die Revolutions-
welle auch auf Sachsen über. In Leipzig, der Zentrale der unabhängigen
Sozialdemokratie Sachsens, finden an diesem Tage Massenumzüge von Ar-
beitern und Soldaten statt, nötigen das Generalkommando zur Kapitulation,
besetzen die Post und entwaffnen die Polizei. Die Soldaten wählen in den
Kasernen einen Soldatenrat, für die Arbeiterschaft verhandelt mit diesem
ein aus der Ortsleitung der unabhängigen Sozialdemokratie gebildeter Ar-
beiterrat, als dessen Wortführer der Reichstagsabgeordnete Fritz Geyer
und der Schriftsteller L i p i n s k i auftreten. Ein engerer Ausschuß aus bei-
den Räten bildet die eigentliche Vollziehungsbehörde. Die Nachricht von
dieser erfolgreichen Erhebung hat noch am gleichen Abend Massenversamm-
lungen und Umzüge an anderen Orten Sachsens zur Folge. In der Haupt-
stadt Dresden, wo die alte sozialdemokratische Partei stark vertreten ist,
wird in der Nacht vom 8. auf 9. November ein großenteils aus Anhängern
dieser bestehender vorläufiger Arbeiter- und Soldatenrat gebildet, der die
Leitung der Garnison Dresden an sich nimmt, woraufhin noch in derselben
Nacht der König mit Familie Dresden verläßt und sich auf eines seiner ent-
legenen Schlösser zurückzieht. Am 9. November bilden die unabhängigen
Sozialdemokraten ihrerseits einen Arbeiter- und Soldatenrat mit einem radi-
kalen Programm und bringen das Generalkommando und andere öffentliche
Gebäude in ihre Gewalt. Indes findet am späten Abend nach längeren Unter -
Handlungen eine Einigung der beiden sozialdemokratischen Körperschaften
statt. Ein vereinigter revolutionärer Arbeiter- und Soldatenrat wird gebildet,
ruft noch in der Nacht vom 9. auf den 10. November die Republik für
Sachsen aus und beschließt folgende Proklamation:
»An das sächsische Volk ! Der König ist seines Thrones ent-
setzt. Die Dynastie Wettin hat aufgehört zu existieren.
Die Erste Kammer ist aufgelöst. Auch die Zweite Kammer besteht
nicht mehr.
Die Staatsministerien, die im Einverständnis mit dem Vereinigten
revolutionären Arbeiter- und Soldatenrat die Geschäfte provisorisch
weiterführen, haben sofort Neuwahlen auf der Grundlage des allgemeinen,
gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts für Männer und Frauen
ausgeschrieben. Es lebe die soziale Republik Sachsen!«
Im Laufe des 10. November findet im Zirkus Sarrasani eine vom ver-
einigten revolutionären Arbeiter- und Soldatenrat einberufene große Versamm-
lung der Vertrauenspersonen usw. der Dresdener Arbeiterschaft statt. Sie
nimmt mit freudigster Erregung die vom Unabhängigen Fleißner vorgetragene
Schilderung der vollzogenen Ereignisse, sowie eine Reihe Ansprachen von
Vertretern der Bewegung aus beiden Lagern entgegen. Am Schluß der Ver-
handlung ziehen Soldaten und Arbeiter zum Schloß und hissen dort die rote
Fahne auf. Verhandlungen mit dem Minister des Innern Dr. Koch, an den
zugleich mit der Ankündigung, daß die bisherigen Minister ihres Amtes ent-
hoben seien, die Anfrage gerichtet wird, ob er bereit sei, im Interesse der
geregelten Lebensmittel- usw. Versorgung einstweilen persönlich sein Mi-
nisterium weiter zu verwalten, haben das Ergebnis, daß der Minister zwar
erklärt, nicht länger im Amt bleiben zu können, als seine Kollegen, da das
ganze Ministerium einen einheitlichen politischen Auftrag habe, dagegen das
Versprechen abgibt, die Beamtenschaft aufzufordern, unter dem neuen Voll-
58
Ziehungsausschuß ihre Arbeiten v/eiter zu versehen. Ein von ihm in diesen»
Sinne abgefaßter und am 12. November veröffentlichter Aufruf an die Be-
amten stellt in der Einleitung fest, daß der über sämtliche Machtmittel des
Staates verfügende vereinigte revolutionäre Arbeiter- und Soldatenrat er-
klärt habe, daß er unbeschadet aller geplanten politischen Umwälzungen
die öffentliche Sicherheit und die Versorgung des Landes mit Ernährungs-
mitteln und Rohstoffen aufrecht zu erhalten entschlossen sei, betont, daß es
sich hierbei um die wichtigsten Erfordernisse der Stunde handle und richtet
»im Einverständnis mit dem Gesamtministerium an alle Beamte und An-
gestellten« des Ministeriums des Innern die dringende Aufforderung, auf
ihren Posten auszuharren und ihre Pflicht zu erfüllen«. Mehr als je müsse
»in diesen schweren Tagen das Wort gelten: Über Alles das Vaterland.«
Tags darauf, am 13. November, geht dem Arbeiter- und Soldatenrat
vom gleichen Minister ein Schreiben zu, daß der König auf den Thron ver-
zichtet und alle Offiziere, Beamte ihres Treu-Eides entbunden habe, und am
14. November wird ein diese Ankündigung wiederholender Aufruf vom Ge-
samtministerium veröffentlicht. In Anknüpfung daran, daß der König dem
Wunsch Ausdruck gegeben habe, die Beamten mögen auch unter der ver-
änderten Regierungsform fortfahren, mit all ihren Kräften dem Vaterland zu
dienen, erklären die Minister sich bereit, im Interesse der öffentlichen Ord-
nung die ihnen anvertrauten Ämter weiter zu verwalten »insoweit und so-
lange ihnen dazu die Möglichkeit bleibt.«
Inzwischen ist von Beauftragten der Arbeiter- und Soldatenräte yo:
Dresden, Leipzig und Chemnitz folgender Aufruf vereinbart worden und
wird gleichfalls am 14. November veröffentlicht:
>An das sächsische Volk!
Das kapitalistische System hat seinen Zusammenbruch erlebt. Die
bürgerliche monarchische Regierung ist gestürzt. Das revolutionäre
Proletariat hat die öffentliche Gewalt übernommen. Sein Ziel ist die
sozialistische Republik. Verwirklichung des Sozialismus heißt : Verwand-
lung der kapitalistischen Produktion in gesellschaftliche ; Enteignung des
Privateigentums an Grund und Boden, Berg- und Hüttenwerken, Roh-
stoffen, Banken, Maschinen, Verkehrsmitteln u. s. w., Umwandlung der
Warenproduktion in sozialistische, Uebernahme der Produktion durck
das Proletariat. Aufgabe der sozialistischen Regierung ist, die Revo-
lution fortzusetzen und zu steigern bis zur völligen Ueberwindung der
herrschenden bürgerlichen Klasse. Verwirklichung der Republik heißt,
absolute Herrschaft des Willens der Arbeiterklasse, Beseitigung der
Knechtschaft in jeder Form, allgemeine Volksbewaffnung zum Schutze
der Errungenschaft der Revolution, Abschaffung aller Arten des arbeits-
losen Einkommens, Trennung der Kirche vom Staat, Abschaffung aller
bürgerlichen Gerichte. Die republikanische Regierung Sachsens hat die
besondere Aufgabe, die Liquidierung des sächsischen Staates herbei-
zuführen und die einheitliche sozialistische deutsche Republik zur Tat-
sache zu machen.
Die Beauftragten der Arbeiter- und Soldatenräte von Dresden,
Leipzig und Chemnitz:
Schwarz. Neuring. Fleißner. Rühle. Geyer. Lipinski. Seeger.
Heckert. Fellisch.«
Die Mehrzahl der Unterzeichner gehören teils der Unabhängigen So-
zialdemokratie und teils der kommunistischen Partei an, und den Geist dieser
Parteien atmet denn auch die Phrasierung des Aufrufs. In ihm, sowie in
einem ebenfalls am 14. November veröffenlichten Protest der Vertreter der
59
Arbeiter- und Soldatenräte der drei genannten Städte gegen die Verfügung
der Reichsregierung, wonach das Vorgesetztenverhältnis der Offiziere zu de«
Mannschaften bis auf weiteres bestehen bleiben soll, kündigt sich bereits die
Wiederauflösung der eben erst zustande gekommenen Einigung der Sozia-
listen an. In Dresden und Chemnitz, wo die Anhänger der Mehrheitssozial-
demokratie die große Masse der Arbeiter hinter sich hatten, hatten Erstere
sich mit den Unabhängigen auf eine paritätische Zusammensetzung des
Arbeiter- und Soldatenrats geeinigt, in Leipzig aber, wo die Unabhängigen
über die Macht verfügten, hatten diese nicht nur die Parität, sondern jede
Berücksichtigung der Mehrheitssozialisten abgelehnt. So verfügten sie den«
im Revolutionsrat der drei Städte über die Mehrzahl der Stimmen und er-
zielten es, daß dessen Beschlüsse zumeist den Stempel ihres Geistes trugen.
Dies Übergewicht zeigt sich auch bei der Verteilung der Ministerien des
neuen Freistaats. Am 15. November ward den einer Entscheidung über ihre
fernere Stellung harrenden Ministern erklärt, es sei für ihre weitere Tätigkeit
»kein Rahmen vorhanden«, sämtliche Ministerplätze würden aus den Reihen
der Revolutionsparteien besetzt werden. Dies geschah in der Gestalt, daß
ein aus sechs Personen bestehender Rat der Volksbeauftragten ernannt
wurde, der zugleich das Gesamtministerium, bzw. das Kabinett bildete. War
hierbei die Parität nicht zu umgehen gewesen, so wurden die politisch ein-
flußreichsten Ministerien Mitgliedern der unabhängigen Sozialdemokratie zu-
geteilt, nämlich das Innere und Äußere an L i p i n s k i, die Finanz an Fritz
Geyer, das Militärwesen an F 1 e i ß n e r. Den Mehrheitssozialisten wur-
den das Kultus- und Unterrichtswesen — Bück; die Justiz — Georg
Gradnauer und das Arbeitsministerium — Schwarz überwiesen. Das
Ministerium gab in einer vom 16. November datierten Bekanntmachung die
einstweilige Regelung der Aufgaben und Befugnisse der örtlichen Arbeiter-
und Soldatenräte bekannt, wonach diese zu allen Sitzungen der Bezirksaus-
schüsse hinzuzuziehen waren und die Ausführung der Verordnungen der
Zentralregierung durch die örtlichen Verwaltungen zu kontrollieren hatten,
und entwickelte am 18. November in einem Aufruf an das sächsische Volk
sein eigentliches Regierungsprogramm. Im Gegensatz zu dem oben ab-
gedruckten Aufruf des Vereinigten revolutionären Arbeiter- und Söldenrats
ist diese umfangreiche Ansprache durchaus nüchtern gehalten. Nach Fest-
stellung der vollzogenen Umwälzung der öffentlichen Gewalt kennzeichnet
sie die Aufgabe der neuen Regierung dahin:
>Das Land über die großen Schwierigkeiten der gegenwärtigen Lage
hinwegzuführen, die demokratischen Errungenschaften sicherzustellen
und wirtschaftliche Umgestaltungen nach sozialistischen Grundsätzen zu
verwirklichen. Die Arbeiterklasse braucht nicht nur politische Rechte,
sondern auch die Befreiung aus ökonomischer Bedrückung, die in vol-
lem Umfang nur der Sozialismus bringen kann . . .
. . . Die Regierung will in Uebereinstimmung mit der neuen Reichs-
leitung wirken. Sofern Anordnungen der Reichsleitung unseren Beifall
nicht finden, werden wir unsere Auffassungen dagegen geltend machen.
Die von der Reichsleitung mit Gesetzeskraft erlassenen Verfügungen
werden wir für Sachsen durch Vorschriften ergänzen, denen gleichfalls
Gesetzeskraft zukommt.«
Nach Entwicklung eines Arbeitsprogrammes, das in keinem Punkt die
Absicht überstürzten Vorgehens durchblicken läßt, schließt der Aufruf mit
den Worten:
60
>Zur Ueberleitung aus dem Kriege zum Friedensstand und zum neuen
Aufbau des Wirtschaftslebens bedarf es des Aufgebots aller Kräfte. Vor-
nehmlich haben die Organisationen der Arbeiterklasse ihr Aeußerste»
einzusetzen, um der Schwierigkeiten Herr zu werden. Nur so kann das
Gespenst des Hungers gebannt und eine bessere Zukunft angebahnt
werden. Schwer ist die Not der Zeit. Jeder tue seine Pflicht. Ist die
gefahrvolle Uebergangszeit überstanden, dann wird das deutsche Volk
vermöge der unvergänglichen Kräfte, die in ihm leben, in demokratisch-
sozialistischer Entwicklung sich zu neuer Blüte entfalten. Vorwärts!
Aufwärts!«
Offensichtlich war dieser Aufruf ein Kompromißwerk, in dem die Punkte
unerörtert blieben, hinsichtlich deren zwischen den beiden in der Regierung
vertretenen Parteien, wie in der Frage der Bildung einer neuen Volksver-
tretung, ernsthafte Meinungsverschiedenheiten bestanden. Damit war aber
schon die Dauer des erträglichen Zusammenarbeitens ernstlich in Frage ge-
stellt.
d) WÜRTTEMBERG.
Nachdem am 6. November das amtierende Ministerium von Weizsäcker
seine Entlassung erhalten hatte und am 7. November ein neues radikal ge-
richtetes Ministerium unter dem Vorsitz des demokratischen Volksparteilers
Liesching und mit Hinzuziehung des Sozialdemokraten Dr. Hugo Lindemanj
gebildet worden war, gibt tags darauf ein aus Vertretern der Mehrheits-
sozialisten und der vereinigten Gewerkschaften Württembergs gebildeter
Ausschuß eine Erklärung bekannt, die das folgende erheblich weitergehende
Programm von unverzüglich aufzustellenden Forderungen aufstellt:
>Die Durchführung der republikanischen Staatsverfassung. — All-
gemeines, gleiches, geheimes, direktes Wahlrecht in Reich, Staat und
Gemeinde auf der Grundlage der Verhältniswahl für alle über 20jährige»
Staatsangehörigen. — Abschaffung der Ersten Kammer und aller auf
Besitz und Geburt ruhenden Vorrechte. — Neuwahl der Parlamente. —
Schleunige Herbeiführung des Friedensschlusses, Abrüstung und Auf-
lösung des stehenden Heeres. — Sofortige Aufhebung des Belagerungs-
zustandes und der Zensur. — Freilassung aller aus politischen und dis-
ziplinaren Gründen inhaftierten Zivil- und Militärpersonen. — Aufhebung
der Hilfsdienstpflicht. — Durchführung aller von den Gewerkschaften
verlangten Maßnahmen für die Uebergangswirtschaft, sowie des sozia-
listischen Programmes von Partei und Gewerkschaften. — Tilgung der
Kriegsschulden durch restlose Erfassung der Kriegsgewinne und große
allgemeine Vermögensabgabe.«
Am 9. November erscheint gewissermaßen als Antwort hierauf eil
Aufruf des neuen Ministeriums, der ankündigt, daß der König in Überein-
stimmung mit dem Ministerium die Einberufung einer konstituierenden Ver-
sammlung angeordnet habe, deren Aufgabe sein soll, dem Lande »eine de»
Bedürfnissen der neuen Zeit genügende Verfassung zu geben«. Der König
spreche aus, daß seine Person »niemals ein Hindernis einer von der Mehr-
heit des Volkes geforderten Entwicklung sein wird.« Aber diese Erklärung
und die an sie angeknüpfte »dringende Mahnung und Bitte, in diesen Tagen
der schweren Not des Vaterlandes Besonnenheit zu bewahren, um Ruhe und
Ordnung zu schaffen, konnten den revolutionären Drang der Massen nicht
aufhalten. Beide sozialdemokratische Fraktionen halten am frühen Vormit-
tag auf dem Platz vor dem Schlosse unter gewaltigem Zulauf Demonstrationen
ab, und während drinnen die Minister vereidigt werden, sprechen draußen
die Volksredner schon von der Republik. Dann formieren die Versammelten
61
sich zum Zug durch die Stadt, und kaum hat sich dieser in Bewegung ge-
setzt, so dringen Soldaten in das königliche Palais, erklären den König für
abgesetzt und ertrotzen das Niederholen der königlichen Standarte. Ein Ar-
beiter- und Soldatenrat wird gebildet, Verständigung zwischen den zwei
sozialdemokratischen Fraktionen erzielt, auf Grund deren eine neue provi-
sorische Regierung zustandekommt, die aus vier Mehrheitssozialisten —
W.Bios (Auswärtiges), B. Heymann (Kultus und Unterricht), H. L i n d e-
mann (Arbeit) und H. M a 1 1 u t a t (Justiz), zwei unabhängigen Sozialistei
— A. Crispien (Inneres) und Thalheimer (Finanz) sowie dem der
Spartakusrichtung zuneigenden Sozialisten Schreiner (Krieg) besteht.
W. Bios und Artur Crispien teilen sich in den Vorsitz.
Ein von dieser Regierung veröffentlichter Aufruf sagt in den erste«
Sätien :
>An das württembergische Volk! Eine gewaltige, aber glücklicher-
weise unblutige Revolution hat sich heute vollzogen. Die Republik
ist erklärt.
Eine neue Epoche der Demokratie und der Freiheit bricht an, die
alten Gewalten treten a*b, und das Volk, das die Revolution bewirkt hat,
übernimmt die politische Macht.
Seine nächste Vertretung bildet der aus den freien Gewerkschalten,
der sozialdemokratischen Partei und dem Arbeiter- und Soldatenrat be-
rufene Arbeitsausschuß, dem sich General von Ebbinghaus mit seinem
Offizierkorps zur Durchführung der erforderlichen Maßnahmen zur Auf-
rechterhaltung der öffentlichen Sicherheit zur Verfügung gestellt hat.
Die genannten Körperschaften werden geeignete Fachleute für die Fort-
führung der Verwaltungsgeschäite heranziehen ohne Rücksicht auf ihre
politische und religiöse Gesinnung.
Die Regierung ist provisorisch und betrachtet es als ihre erste Auf-
gabe, e i n e konstituierende Landesversammlung auf
Grund der in unserem Programm bekanntgegebenen Wahlrechlsforde-
rungen vorzubereiten.«
Nachdem der Arbeiter- und Soldatenrat in seiner Sitzung vom 10. No-
vember die so zusammengesetzte Regierung bestätigt hatte, erfährt sie Tags
darauf die Neubesetzung einiger Posten. Sie macht sie in einer neuen
Kundgebung in folgenden Sätzen bekannt:
»Die provisorische Regierung hat ihr in der Kundgebung vom 9. No-
vember gegebenes Versprechen erfüllt, geeignete Fachleute für die Fort-
führung der Verwaltungsgeschäfte heranzuziehen, ohne Rücksicht auf
deren politische oder religiöse Gesinnung. Es sind in die Regierung
neu' eingetreten die Herren ß a u m a n n für das Ernährungswesen,
Kiene für die Justiz, Liesching für die Finanzen.«
Und weiter heißt es daselbst:
»Das Verkehrswesen bieibt dem Ministerium des Auswärtigen unter-
stell!. Die obersten fachmännischen Leiter bleiben für die Eisenbahnen
der Präsident der Generaidirektion der Staats-Eisenbahnen, Staatsrat
S t i e 1 e r, für das Postvvesen der Präsident der Generaldirektion der
Posten und Telegraphen, Metzger.
Diese Gestaltung der Dinge ist erfolgt im Einvernehmen mit dem
Arbeiter- und Soldatenrat.«
Danach sind der dem Spartakusbund angehörige unabhängige Sozialist
Thalheimer und der Mehrheitssozialist Mattutat aus der Regierung ausge-
schieden, die nun nicht mehr eine rein sozialistische Regierung ist. Von den
neu ernannten Mitgliedern gehört Baumann der nationalliberalen Partei, Kiene
62
dem Zentrum und Liesching der fortschrittlichen Volkspartei an. Am glei-
chen Tage, dem 11. November, erläßt der Aktionsausschuß der vorläufigen
Arbeiterräte einen Aufruf zur Wahl endgültiger Räte auf Grund zugleich ver-
öffentlichter Bestimmungen. Die Wahlen ergeben zumeist Mehrheiten der
alten sozialdemokratischen Partei. Die bürgerlichen Parteien veröffentlichen
Erklärungen, wonach sie sich unter gewissen Vorbehalten dem neuen Zustand
der Dinge unterwerfen und ihre Bereitwilligkeit zur positiven Mitarbeit
aussprechen. Der König läßt am 16. November durch seinen Kabinettschef
der vorläufigen Regierung mitteilen, daß er alle Personen, die sich durch
ihren Diensteid zu Treue und Gehorsam gegen ihn verpflichtet haben, von
dieser Verpflichtung freigesprochen haben will. Das wird aber nicht für ge-
nügend befunden, und am 30. November erklärt der König seinen Verzicht
auf den Thron und nimmt den Titel eines Herzogs von Württemberg an.
Sein an das Württembergische Volk gerichteter Abschiedsgruß lautet:
»An das Württemberger Volk! Wie ich schon erklärt, soll meine
Person niemals ein Hindernis sein für die freie Entwicklung der Ver-
hältnisse des Landes und dessen Wohlergehen.
Geleitet von diesem Gedanken, lege ich mit dem heutigen
Tage die Krone nieder.
Allen, die mir in 27 Jahren treu gedient oder mir sonst Gutes er-
wiesen haben, vor allem auch unseren heldenmütigen Truppen, die durch
vier Jahre schwersten Ringens mit größtem Opfermut den Feind vom
Vaterlange ferngehalten haben, danke ich aus Herzensgrund, und erst
mit meinem letzten Atemzuge wird meine Liebe zur teuren Heimat und
ihrem Volke erlöschen.
Ich spreche zugleich hierbei im Namen meiner Gemahlin, die nur
schweren Herzens ihre Arbeit zum Wohle der Armen und Kranken im
bisherigen Umfang niederlegt.
Gott segne, behüte und schütze unser geliebtes Württemberg in
alle Zukunft! Dies mein Scheidegruß!
Bebenhausen, den 30. November 1918. W i 1 h e 1 m.«
Gleichzeitig veröffentlicht die vorläufige Regierung im Württember-
gischen Staatsanzeiger folgende, auch von dem unabhängigen Sozialdemo-
kraten Crispien unterzeichnete Erklärung:
»Die provisorische Regierung nimmt den Thronverzicht des Königs
entgegen. Eine Thronfolge im Sinne des § 7 der württembergischen
Verfassungsurkunde ist nach den durch die Umwälzung vom 9. Novem-
ber geschaffenen Verhältnissen ausgeschlossen.
Die provisorische Regierung dankt im Namen des Volkes dem
Könige, daß er in allen seinen Handlungen von der Liebe zur Heimat
und zum Volke getragen war und daß er durch seinen freiwilligen Ver-
zicht dazu beigetragen hat, die Bahn für die freiheitliche Entwicklung
zu ebnen. Das württembergische Volk vergißt nicht, daß der König
mit seiner Gemahlin in Werken der Nächstenliebe stets edel und hilf-
reich gehandelt hat.«
Damit hatte auch in Württemberg die Abschaffung des monarchischen
Regierungssystems die Anerkennung des gesetzlichen Trägers dieses Systems
erhalten.
Ähnlich wie in Sachsen und Württemberg vollziehen sich die Umwäl-
zung der Staatsform und die Bildung provisorischer, auf Arbeiter und Sol-
datenräte gestützter sozialistisch-republikanischen Regierungen in den übrigen
63
deutschen Bundesstaaten. Die Fürsten, von denen verschiedene sich auch in
sozialistischen Kreisen persönlicher Sympathie erfreuten, suchen zunächst
durch Entgegenkommen an das Verlangen nach Neuordnung der Dinge die
Regierungsform zu retten, leisten aber dann ohne Versuch eines Wider-
standes überhaupt auf den Thron Verzicht. Ebenso nehmen in den
Hansastädten Ausschüsse von Arbeiter- und Soldatenräten die Regierung
in die Hand. Die sozialdemokratischen Parteien gehen hierbei zusammen.
Aber es ist nur ein durch den Druck der Umstände, verschiedentlich sogar,
wie in Berlin, von der Masse erzwungenes Zusammenwirken. Die Gegen-
sätzlichkeiten in bezug auf die Kampfmethoden sind keineswegs behoben
und werden von seilen der nun eine fieberhafte Tätigkeit entfaltenden An-
hänger der Spartakusgruppe eifrigst rege erhalten.
§4
VIII.
Kämpfe von Sozialisten gegen Sozialisten.
So klar es für jeden Sozialisten sein mußte, daß der gute Fortgang der
Revolution vom gefestigten Zusammenarbeiten der sozialistischen Fraktionen
abhing, da auf sie die politische Macht übergegangen war, so schwer er-
wies es sich in der Praxis, dieses Zusammenarbeiten in dem erforderten
Grade und auf die nötige Zeitdauer zur Wirklichkeit zu machen. Wohl
darf man sagen, daß bei der großen Mehrheit der führenden Mitglieder der
beiden sozialdemokratischen Fraktionen es am guten Willen hierzu nicht
mangelte. Aber mit diesem guten Willen allein war es nicht getan, solange
nicht auch wenigstens in bezug auf die wichtigsten Fragen der zu beobachten-
den Haltung und der zu ergreifenden Maßnahmen grundsätzliche Übereinstim-
mung erzielt war. Hieran fehlte indes, wie sich bald zeigte, so mancherlei,
und die erste Wirkung war, daß, ganz besonders im Reich, wie die Re-
publik Deutschland noch hieß, die Arbeiten des Rats der Volksbeauftragten
ungemein schleppend vonstatten gingen und den Persönlichkeiten, die ihn
bildeten, wenig Befriedigung gewährten. Man stand sich drei gegen drei
gegenüber, war also bei Meinungsverschiedenheiten von Gruppe gegen
Gruppe auf sich lange hinziehendes Unterhandeln angewiesen, um überhaupt
einen Beschluß zu erzielen, und mußte, wo ein solcher nicht zu erzielen war.
manche zur Entscheidung stehende Angelegenheit aufs Unbestimmte hinaus
unerledigt lassen.
Der Krieg und die Verschiedenheit der Stellungnahme in diesem hatten
eben doch auf die Seelen so tiefe Eindrücke zurückgelassen, daß es manch-
mal scheinen mochte, als stünden sich die Vertreter grundverschiedener
Lebens- und Gesellschaftsauffassungen gegenüber. Die Mehrheitssozialisten
hatten in bezug auf die spezifisch nationalen Fragen, einschließlich der Frage
des Heerwesens, sich der Auffassung der bürgerlichen Parteien ziemlich stark
angenähert, die Unabhängigen wiederum einen intransigenteren Standpunkt
gewonnen als vor dem Kriege. Die ersteren waren zu größeren Zugeständ-
nissen an bürgerliche Interessen geneigt als vordem, die letzteren um so
mehr veranlaßt, über solche sich hinwegzusetzen, als ihre mit spartakistischen
Elementen durchsetzte Anhängerschaft im Lande ungeduldig auf radikale
Maßnahmen drängte.
Indes wäre es, da man auf beiden Seiten sich der großen Verantwor-
tungen durchaus bewußt war, doch wohl mit der Zeit zu einer ziemlichen
Annäherung der Standpunkte gekommen, wenn nicht Agitationen von außen
dafür gesorgt hätten, daß eines Tages die Gegensätze im Gegenteil sich zu
5 65
verschärfen anfingen. Ganz besonders verhängnisvoll wurden der jungen
Republik auf der einen Seite die Mißgriffe des auswärtigen Amtes und der
deutschen Waffenstillstandskommission in der Behandlung der durch die
harten Forderungen der Entente geschaffenen Sachlage, auf der anderen
Seite die Streitigkeiten über die Aufgaben und Vollmachten der Arbeiter-
und Soldatenräte, wie sie durch die wühlende Hetzarbeit der vom Bolsche-
wismus erfaßten Elemente sich zu verhängnisvollen Zusammenstößen zu-
spitzten.
Bei Besetzung der Posten in der Republik hatte man das Amt des Staats-
sekretärs des Auswärtigen in den Händen des Ministers Solf gelassen, der
sich unter der Regierung Wilhelms II. als tüchtiger und modernen Auf-
fassungen nicht unzugänglicher Kolonialminister bewährt hatte und von dem
man wußte, daß er Gegner der kaiserlichen Kriegspolitik gewesen war.
Ebenso beließ man dem Zentrumspolitiker Mathias Erzberger das Amt
des Unterstaatssekretärs im auswärtigen Amt und übertrug ihm die Ver-
tretung der Regierung bei den Waffenstillstandsverhandlungen in Spaa.
Beide Persönlichkeiten begingen jedoch in der Behandlung dieser letzteren
Frage zunächst große Fehler. Man wird es ihnen nicht zu hart anrechnen,
daß sie im ersten Augenblick über die Schwere der Bedingungen der Entente
die Fassung verloren, und konnte nichts dagegen einwenden, daß sie gegen
diejenigen davon, die ihnen ungeheuerlich und mit den Ankündigungen der
leitenden Staatsmänner der Allierten und insbesondere des Präsidenten Wil-
son in hellem Widerspruch stehend erschienen, Protest einlegten und das
Urteil der öffentlichen Meinung der Kulturwelt anriefen. Aber sie über-
schritten darin wiederholt das Maß dessen, was vernünftigerweise vertreten
werden konnte, und stellten Forderungen als unerhört und mörderisch hin,
die zwar sehr drückend waren, aber, wie die Forderung der Auslieferung von
5000 Lokomotiven als Ersatz für die aus Belgien und Frankreich weggeführte
gleiche Zahl, doch einer Berechtigung nicht entbehrten und innerhalb eines
etwas verlängerten Termins auch ohne ernsthaften Schaden durchgeführt
werden konnten. Außerdem begingen sie auch die Taktlosigkeit, immer wie-
der Wilson gegen seine Alliierten anzurufen, wodurch diese nur um so mehr
gereizt wurden, Wilsons Stellung im Rat der Sieger aber sehr erschwert ward.
Auch schwächten sie die Eindruckskraft ihrer Proteste dadurch selbst ab,
daß sie kaum einen Tag verstreichen ließen, ohne deren Zahl um einen
neuen zu vermehren. Alles das schuf eine sehr unangenehme, der Republik
abträgliche Stimmung. Die Nationalisten höhnten, man sehe jetzt, wie ver-
kehrt es gewesen sei, den Erklärungen der Politiker der Entente Glauben zu
schenken, daß ihr Kampf nur dem deutschen Imperialismus, nicht aber dem
deutschen Volk gelte. Im sozialistischen Lager aber forderten Wortführer
der Unabhängigen einen Personenwechsel, während leitende Mitglieder der
Mehrheitler vor einem solchen zurückschreckten, wobei sie sich hinsichtlich
Erzbergers auf dessen unleugbar große Sachkunde berufen und schließlich
auch auf einige von ihm erwirkte kleine Zugeständnisse hinweisen konnten.
Der Gegensatz kam öffentlich zur Sprache auf der Reichskonferenz
der neuen Regierungen der jetzt Freistaaten genannten deutschen Einzel -
Staaten, die am 25. November 1918 in der Reichskanzlei zu Berlin statt-
fand. Die Zusammenkunft wurde durch eine angemessene Ansprache Fritz
Eberts eröffnet, worauf die Herren Solf und Erzberger Bericht gaben über
die Waffenstillstandsbedingungen und die Aussichten des Friedensschlusses.
66
Ihre Darlegungen klangen überaus pessimistisch. Übereinstimmend erklärten
sie, daß von Seiten der Entente das Schlimmste zu gewärtigen sei, wenn nicht
bald eine von der Nation auf Grund von Wahlen anerkannte Regierung
gebildet werde, die einen Präliminarfrieden schließen könne. Nachdem sie
geendet, nahm der neben ihnen sitzende Kurt Eisner als Vertreter Bayerns
das Wort und hielt eine auch im Ton außerordentlich scharfe Anklagerede
gegen sie. Ihre Tätigkeit könne nur als gegenrevolutionär bezeichnet wer-
den und schädige Deutschland schwer. Es zeige sich, daß die Verhandlungen
mit den Alliierten nicht durch Leute geführt werden dürfen, die irgendwie
zum alten System gehört hatten. Mit andern Worten, sie müßten unbedingt
den Platz räumen. Die Rede wurde auf Seiten der Mehrheitler sehr un-
angenehm empfunden. Drei ihrer Redner, Fritz Ebert, Wolfgang Heine und
Otto Landsberg, traten Eisner entgegen, wobei sie insbesondere Erzberger
in Schutz nahmen, während Solf weniger Verteidigung fand. Er legte denn
auch in der Tat bald darauf sein Amt nieder und wurde auf Vorschlag Hugo
Haase's durch den Grafen Brockdorff-Rantzau ersetzt, bis dahin deutscher
Gesandter in Kopenhagen, aus dessen während des Krieges nach Berlin ge-
sandten Berichten eine klare Erfassung der Situation und freimütige Kritik
der Kriegspolitik sprachen.
Die Konferenz beschäftigte sich dann weiter mit der von einigen radi-
kalen Mitgliedern (Geitner-Gotha, Merges-Braunschweig) verfochtenen Idee,
unbekümmert um die Frage des Friedens an die Durchführung des Sozialis-
mus heranzugehen und bis diese vollzogen sei, die Herrschaft der Arbeiter-
und Soldätenräte aufrecht zu erhalten, bezw. von der Wahl einer National-
versammlung abzusehen. Die Anwälte dieser Idee blieben jedoch mit ganz
vereinzelten Stimmen in der Minderheit. Außer Vertretern der Mehrheits-
sozialisten sprachen auch die namhaftesten Vertreter der unabhängigen So-
zialdemokratie — die Haase, Eisner, Crispien — gegen sie. Mit großer Mehr-
heit wurden vielmehr die folgenden von Ebert vorgeschlagenen Sätze als Zu-
sammenfassung des Ergebnisses der Besprechung angenommen:
>1. Aufrechterhaltung der Einheit Deutschlands ist dringendes Ge-
bot. Alle deutschen Stämme stehen geschlossen zur deutschen Repu-
blik. Sie verpflichten sich, entschieden im Sinne der Reichseinheit zu
wirken und separatistische Bestrebungen zu bekämpfen.
2. Der Berufung der konstituierenden Nationalversammlung wird
allgemein zugestimmt, ebenso der Absicht der Reichsleitung, die Vor-
bereitungen zur Nationalversammlung möglichst bald durchzuführen.
3. Bis zum Zusammentritt der Nationalversammlung sind die Arbeiter-
und Soldatenräte die Repräsentanten des Volkswillens.
4. Die Reichsleitung wird ersucht, auf schleunige Herbeiführung des
Präliminarfriedens hinzuarbeiten. «
Einstimmig nahm die Konferenz ferner nach sehr eindrucksvollen Re-
feraten der Staatssekretäre Wurm vom Reichsernährungsamt, Dr. Koeth vom
Demobilmachungsamt, August Müller vom Reichsarbeitsamt und Eugen
Schiffer vom Reichsschatzamt folgende Resolution an:
>Um das wirtschaftliche Leben Deutschlands aufrechtzuerhalten, die
ungestörte Versorgung des Landes mit Lebensmitteln und Rohstoffen aus
dem Ausland zu sichern und die deutsche Volksrepublik im In- und
Ausland kreditfähig zu erhalten, ist das Fortarbeiten aller Banken, Spar-
kassen und sonstigen Kreditinstitute auf der bisherigen Grundlage und
in der bisherigen Form unbedingt erforderlich. In Übereinstimmung
5* 6?
mit den Vertretern der deutschen Einzelstaaten erklärt daher die Reichs-
regierung, daß jeder Eingriff in die geschäftliche Tätigkeit der Kredit-
anstalten zu unterbleiben hat.«
Nicht ohne ein Gefühl der Wehmut liest man nachträglich die Dar-
legungen Schiffers über die Finanzlage der Republik. Was er dort als äußerst
bedenklichen Stand der Finanzen hinstellte, mutet uns nun, noch nicht zwei
Jahre später, fast als ein Idealzustand an. Indes zeigten sich doch damals
schon deutlich genug die Gefahren an, welche den Haushalt der Republik
bedrohten, und so forderte denn Schiffer noch mit stärkerem Nachdruck als
seine Vorredner die schleunige Einberufung der Nationalversammlung. Er
entwickelte ein Steuerprogramm, das in bezug auf radikales Anfassen der Ge-
winne und des Besitzes schon so ziemlich die ganze spätere Erzbergersche
Steuergesetzgebung vorwegnahm und daher selbst auf der Linken der Kon-
ferenz Beifall erntete. Aber er setzte hinzu, daß die Durchführung dieses
Programms auf tausend Schwierigkeiten stoßen werde, wenn für es nicht die
gesetzliche Grundlage geschaffen sei. Ohne eine solche würde es nament-
lich ganz unmöglich sein, Wirksames gegen Kapitalsflucht und Steuerscheu
auszurichten.
Ebenso klangen auch die Schlußworte Eberts, die auf die Notwendig-
keit von Arbeit und Selbstzucht für die gedeihliche Entwicklung der Repu-
blik hinwiesen, in einen Ruf nach der Nationalversammlung aus.
In bezug auf diese Frage gingen jedoch die Meinungen der beiden
sozialdemokratischen Fraktionen hinsichtlich des Termins noch ziemlich weit
auseinander. Bei den Mehrheitlern war man für möglichst baldige Aus-
schreibung von Wahlen, ein bei der Masse der Berliner Unabhängigen ein-
flußreicher Flügel, dessen entschiedenster Sprecher Georg Ledebour war,
wollte dagegen den Termin möglichst weit hinausschieben. Gar nicht zu
reden von den Anhängern des Spartakusbundes, die als gelehrige Schüler
der russischen Bolschewisten Gegner jeder auf Grund allgemeiner Wahlen
gebildeten Gesetzgebungs- und Verwaltungskörper waren.
Der Spartakusbund bildete in jenem Zeitpunkt noch einen Flügel der
Unabhängigen Sozialdemokratie. Er war während des Krieges aus An-
hängern der äußersten Opposition der sozialdemokratischen Partei erstanden,
der ein regelmäßig erscheinendes, geheim verbreitetes Blättchen mit Spar-
takus gezeichneten Artikeln als geistiges Verbindungsglied diente, und hatte
nach diesen, zum großen Teil von Karl Liebknecht herrührenden Artikeln
seinen Namen gewählt. Opposition innerhalb der von Hugo Haase, Wilhelm
Dittmann, Georg Ledebour und andern geführten Opposition hatte er zuerst
die Spaltung der sozialdemokratischen Partei propagiert, und unter seiner
Mitwirkung war diese Ostern 1917 auf einer in Gotha abgehaltenen Kon-
ferenz von Gegnern der Kriegspolitik der Partei dadurch zustande gekom-
men, daß mit 76 gegen 44 Stimmen der Zusammenschluß der Opposition
zu einer eigenen, sich Unabhängige Sozialdemokratie nennenden Partei be-
beschlossen wurde.
Hugo Haase, der dieser Sonderbildung widerraten hatte, sich aber dann
dem Mehrheitsbeschluß unterwarf, hatte am Schluß der Konferenz an die dem
Spartakusbund angehörenden Delegierten die Mahnung gerichtet, die be-
schlossene Parteiorganisation nicht, wie vom Delegierten Heckert und an-
deren schon unter der Hand herumgegeben worden war, lediglich als »schüt-
zendes Dach für die bequemere Betreibung ihrer Sonderzwecke« zu be-
68
nutzen, sondern nun auch gute Parteigenossenschaft zu üben. Er hatte aber
damit keine nachhaltige Wirkung erzielt. Die Spartakusleute suchten die
Mitgliedschaften der neuen Partei im Sinne ihrer, auf revolutionäre Er
hebungen abzielenden Agitation zu bearbeiten, und betrieben, wo ihnen das
nicht gelang, nach wie vor ihre eigene Propaganda. Dies namentlich, nach-
dem in Rußland die Bolschewisten zur Herrschaft gekommen waren und,
nach Abschluß des Friedens von Brest-Litowsk, in Berlin eine Gesandtschaft
mit Joffe als Chef errichtet hatten. Unter den verschiedensten Formen
flössen ihnen von Joffe Unterstützungen zu, mit Hilfe deren sie im größeren
Stil systematisch die Vorarbeit für aufständische Bewegungen betreiben und
schließlich zum Ankauf von Waffen übergehen konnten. Dem darüber im
vierten Kapitel dieser Schrift (S. 22) Mitgeteilten sei noch folgendes Stück
aus dem in der Freiheit vom 15. Dezember 1918 abgedruckten Funkspruch
des nach Moskau zurückgekehrten Joffe wiedergegeben:
»Auf die Erklärung der Herren Volksbeauftragten Emil Barth und
Hugo Haase erkläre ich zunächst, daß ich allerdings ein lächerlicher
Konspirator und in der illegalen Organisation der russischen sozial-
demokratischen Partei 15 Jahre lang umsonst tätig gewesen wäre, wenn
ich in meiner streng illegalen revolutionären Tätigkeit in Berlin so ge-
handelt hätte, wie es den beiden Herren darzustellen beliebte.
Es versteht sich von selbst, daß ich die zum Ankauf von Waffen
bestimmten Geldbeträge nicht unmittelbar an Barth aushändigen konnte,
da dieser Herr ein Neuling in der Arbeiterbewegung war und mir kein
großes Vertrauen einflößte. Ich mußte vielmehr als Mittelsperson solche
Genossen auswählen, die auf mein Vertrauen mehr Anspruch und deren
Namen besseren Klang in der Arbeiterbewegung hatten. Es war jedoch
Herrn Volksbeauftragten Barth ganz genau bekannt, daß die mehrere
Hunderttausend Mark, die er, wie er selbst zugibt, von den deutschen
Genossen erhalten hatte, letzten Endes von mir stammten. Mir gegen-
über hat er dies bei unserer von ihm erwähnten Zusammenkunft, vier-
zehn Tage vor Ausbruch der Revolution, bestätigt, als er sagte, er wisse
ganz genau, wo diese Gelder ihren Ursprung hätten.«
Ihrerseits nahmen die Spartakusleute mit der materiellen Hilfe schritt-
weise auch die politische Doktrin der Bolschewisten an. Auf einer am
7. Oktober 1918 in Gotha abgehaltenen Reichskonferenz beschloß der Spar-
takusbund überall in Deutschland die Bildung von Arbeiter- und Soldaten-
räten zu betreiben. Der Beschluß fand die rückhaltlose Zustimmung und
Unterstützung Karl Liebknecht's, der nach seiner am 21. Oktober 1918 durch
Philipp Scheidemann erwirkten Freilassung aus dem Zuchthaus die Führung
des Spartakusbundes übernahm. Wir haben gesehen, wie er am Abend des
9. November 1918 versuchte, die Fraktion der Unabhängigen Sozialdemo-
kratie auf das bolschewistische Programm der Rätediktatur festzulegen, in
der »Die Rote Fahne« betitelten Nummer des Berliner Lokal-Anzeiger vom
10. November 1918 die Arbeiter Berlins aufforderte, es zu ihrem Programm
zu machen, und in der großen Versammlung der Arbeiter- und Soldatenräte
Berlins vom Abend des 10. November 1918 in diesem Sinne auftrat, wie je-
doch entgegen dem von seinen Anhängern gestellten Antrag, den Vollzugsrat
der Arbeiter- und Soldatenräte so zusammenzusetzen, daß auf eine Mehr-
heit im Rat für jenen Plan gehofft werden konnte, dieser vielmehr paritätisch
aus Unabhängigen und Mehrheitssozialisten zusammengesetzt wurde, worauf
Liebknecht für sich und die abwesende Rosa Luxemburg jede Wahl in den so
zusammengesetzten Vollzugsrat ablehnte.
69
Dieser Verzicht sollte aber nicht heißen, daß die beiden und der Spar-
takusbund sich dem Mehrheitsbeschluß zu unterwerfen und bis auf weiteres
passiv zu verhalten gedachten. Im Gegenteil, mit Eifer verlegten sie sich
nun auf eine Agitation, die den Zweck hatte, die von jener Versammlung
sanktionierte paritätische sozialistische Regierung der neuen Republik zu
sprengen — die »Scheidemänner«, wie das Wort ging, das heißt die Mit-
glieder der Mehrheitssozialdemokratie, aus ihr hinauszutreiben. Daß, wenn
der Plan in Berlin gelang, dies angesichts der Stärke der Mehrheitssozia-
listen im Lande Deutschland in den Zustand der Anarchie mit allen ver-
heerenden Folgen einer solchen hätte stürzen müssen, kam für Karl Lieb-
knecht und seine Parteigänger nicht in Betracht. Eine starke Unbekümmert-
heit um die Folgen seines politischen Tuns war ja auch sonst Liebknecht
eigen. Sie war die psychologische Ursache der großen tragischen Schuld,
die er in jenen Tagen auf sich lud.
Der Politiker, und insbesondere der Führer einer Massenbewegung,
nimmt mit seinem Tun und Lassen eine Verantwortung auf sich, bei der die
gute Absicht allein nicht genügt, jede Schuld für üble Wirkungen auszu-
schließen. Vom Führer kann und muß man verlangen, daß er sich ernsthaft
und gründlich die Wirkungen von Aktionen überlegt, zu denen er oder seine
Partei den Reiz verspüren, ehe er sie anordnet und gutheißt. Im Grunde
kann man sogar den kategorischen Imperativ aufstellen: der Führer muß
wissen — nämlich eben, welches die wahrscheinlichen Folgen seiner Anord-
nungen sein werden. Weiß er das nicht, so war er nicht zum Führer berufen
und lud schon dadurch eine Schuld auf sich, daß er die so verantwortungs-
volle Rolle des Führers übernahm, ohne ihr gewachesn zu sein. Treffend
führt der Karl Liebknecht in dessen Wollen sehr nahestehende radikale
Ethiker Magnus Schwantje in seiner Schrift »Sollen wir jede sogenannte
ehrliche Überzeugung achten?« (Berlin 1920, Verlag Neues Vaterland) aus,
daß selbst ein Mensch, der Gutes wollte und sich in dieser Absicht schwere
Opfer auferlegte, aber tatsächlich, weil er falsche Mittel anwandte oder die
Folgen seines Tuns nicht voraussah, Schaden bereitete, nicht auf den Irrtum
hin von Schuld freizusprechen sei. »Denn«, schreibt Schwantje sehr rich-
tig, »es ist ja möglich, daß er nur deshalb sich in der Wahl der Mittel irrte
und die Folgen seines Tuns nicht erkannte, weil er sich nicht ge-
nügend bemühte, die richtigen Mittel zur Erreichung seines guten
Zweckes zu finden, oder daß seine guten Absichten vermischt waren mit
egoistischen Neigungen, welche die Unbefangenheit seines Nachdenkens
trübten (a. a. O. S. 4 und 5). Egoistische Neigungen brauchen aber nicht
notwendig auf materielle Vorteile gerichtet sein, sie liegen auch vor, wo
Menschen gewohnt sind, ohne Rücksicht auf die Wirkung auf andre wahl-
los ihren persönlichen Empfindungen und Eingebungen zu folgen.
Der Spartakusbund setzte sich vornehmlich aus jungen Leuten ohne
Erfahrung und politisches Urteil zusammen, denen sich nach dem Sieg der
Revolution exaltierte und unzufriedene Elemente der verschiedensten Art
zugesellten. Er hatte in einer Anzahl von Fabriken Berlins seine Vertrauens-
leute, und diese nebst den Vertrauenspersonen seiner sonstigen Sektionen
hielten gemeinsame Sitzungen ab und machten die in diesen Sitzungen ge-
faßten Beschlüsse mit der Unterschrift »die revolutionären Obleute« bekannt,
ohne daß die große Masse der Berliner Arbeiterschaft über die Mandate und
die Zusammensetzung dieser revolutionären Obleute Genaueres erfuhr.
70
Nicht wenige Arbeiter wurden auf diese Weise irregeführt. An ihre so
gemischte Anhängerschaft aber richteten Karl Liebknecht und andere Führer
des Spartakusbundes in der nach Räumung des Lokal-Anzeigers von ihnen
herausgegebenen Zeitung »Die Rote Fahne« in überaus heftigen Artikeln
den Ruf, sich zum Kampf wider die eben geschaffene Regierung der Repu-
blik zu rüsten. An ihrer Spitze zog Liebknecht unter Rufen, die zum Sturz
der mehrheitssozialistischen Mitglieder der Regierung aufforderten, durch
die Straßen, wo die Regierungsgebäude liegen, und an sie teilten er und
Freunde schließlich Waffen aus. Wohin sollte, wohin mußte das führen?
Konnte es anderes als blutige Kämpfe zwischen Sozialisten zum Schaden für
die Republik zur Folge haben? Diese Frage stellte am 24. November 1918
Kurt Eisner an Liebknecht, als er zur Reichskonferenz der einzelstaatlichen
Regierungen nach Berlin gekommen war, und hielt ihm in zwei Stunden
währender eindringlichen Unterredung vor, wie schwer er sich an der großen
Sache, die auf dem Spiele stehe, versündige, wenn er fortfahre, in der ge-
schilderten Weise zu agitieren. Aber so wenig wie andere konnte Eisner
Liebknecht bewegen, von der Art seiner Agitation Abstand zu nehmen.
So trat denn eines Tages die unvermeidliche Folgewirkung ein. Schon in
der Nacht vom 21. Nov. 1918 versuchten nach einer Versammlung, in der Lieb-
knecht gesprochen hatte, einige von dieser kommende Hitzköpfe, denen selbst
der linksunabhängige Polizeipräsident Eichhorn nicht radikal genug erschien,
einen Angriff auf das Polizeipräsidium, wobei sie einen Polizisten erschossen,
doch konnte der Versuch ohne sonstiges Blutvergießen abgewehrt werden.
Blut floß dagegen am Abend des 6. Dezember 1918. Es ist der Tag, an dem
Nachmittags ein konfuses Mitglied des Soldatenrats, der Feldwebel Fischer,
angestachelt durch einen als Skandaljournalisten bekannten Deutsch-Ameri-
kaner, namens Martens, und zwei jüngere Aristokraten aus dem Auswär-
tigen Amt, mit Bewaffneten in eine Sitzung des Vollzugsrats der Arbeiter-
räte eindrang und ihn, der sich allerhand Gegner gemacht hatte, für ver-
haftet erklärte, während ein Feldwebel Spiro an der Spitze von Soldaten
vor die Reichskanzlei zog, Fritz Ebert herausrufen ließ und ihn im Namen
der inzwischen angesammelten Menge aufforderte, sich zum Präsidenten der
Republik ausrufen zu lassen. Ebert gab im Angesicht der in allerhand Zu-
rufen sich ergehenden Menge die hinhaltende Antwort, er müsse die Sache
doch erst mit seinen Kollegen vom Rat der Volksbeauftragten besprechen,
und ordnete die sofortige Freisetzung des Vollzugsrats an, womit der durch
seine Hirnlosigkeit harmlose »Putsch« sein Ende nahm. Aber er hatte sein
böses Nachspiel.
Vielleicht nicht ganz zufällig war er zur gleichen Zeit in Szene gesetzt
worden, wo im Norden und Nordosten Berlins vom Spartakusbund veran-
staltete Versammlungen von Deserteuren, Kriegsbeschädigten, Urlaubern und
Arbeitslosen stattfanden. In diesen Versammlungen besonders leicht zu un-
überlegten Aktionen erregbarer Elemente, für die eigene Organisationen und
»Räte« geschaffen worden waren, ward die Nachricht von der vermeint-
lichen Aufhebung des Vollzugsrates verkündet und versetzte, durch die Red-
ner entsprechend kommentiert, die Teilnehmer in nicht geringe Wut. Man
beschloß, sofort zu Gegendemonstrationen überzugehen, erwirkte sich vom
Polizeipräsidenten Emil Eichhorn die Erlaubnis zu, wie behauptet wird,
unbewaffneten Umzügen und setzte diese ins Werk. Noch ehe aber
die Trupps sich formiert hatten, war dem Soldaten Krebs, Mitglied des
7f
Soldatenrats der Kommandantur, von einem Mitglied des Soldatenrats
Berlin telefonisch gemeldet worden, die Teilnehmer an den Deserteur-
versammlungen beabsichtigten nach Schluß der Versammlungen Demon-
strationen zu veranstalten, »um ihre Forderungen mit Waffengewalt durch-
zusetzen«. Krebs berichtete dies pflichtgemäß der Kommandantur, an deren
Spitze der Mehrheitssozialist Otto Wels stand, und diese, an die kurz vorher
die Nachricht von der versuchten Aufhebung des Vollzugsrat gelangt war,
so daß sie glauben mußte, es gleichzeitig mit einem Putschversuch von rechts
und von links zu tun zu haben, gab, da ihr von der Abmachung mit dem
Polizeipräsidenten nichts mitgeteilt worden war, den Befehl, die Straßen
nach dem Regierungsviertel, durch welche die Züge der Demonstranten gehen
wollten, abzusperren. Da die Hauptversammlung der Spartakusleute in
den Germaniasälen in der Chausseestraße im Norden Berlins stattfand, wur-
den Truppen des in der gleichen Straße kasernierten Regiments der Garde-
füsiliere (im Berliner Volksmund Maikäfer genannt) mit der Ausführung des
Befehls beauftragt.
Der aus den Germaniasälen ausrückende Zug, der sich durch die, die
Chausseestraße kreuzende Invalidenstraße nach dem Westen zu bewegen
wollte, ließ sich ohne ernsthaften Widerstand zum Auseinandergehen be-
wegen. Anders dagegen ein Zug, der von einer in den Sophiensälen in der
dem nördlichen Zentrum zugehörenden Sophienstraße abegehaltenen Ver-
sammlung vom Oranienburger Tor her durch das südliche Stück der Chaus-
seestraße gegen die Invalidenstraße hin vorrückte. Er wurde, an dieser an-
gelangt, ebenfalls von Gardefüsilieren angehalten und zum Auseinandergehen
aufgefordert, widersetzte sich jedoch, und so kam es zu einer Schießerei,
der nicht weniger als 16 Tote, 12 Schwerverwundete und eine Anzahl
Leichtverwundeter zum Opfer fielen. Wer den Befehl zum Schießen ge-
geben hat, beziehungsweise auf welcher Seite zuerst zum tätlichen Angriff
übergegangen wurde, ist nicht festgestellt worden. Die Soldaten, die strengen
Befehl hatten, nur im Fall äußerster Notwehr von der Waffe Gebrauch zu
machen, behaupteten, es sei zuerst aus den Reihen der Demonstranten auf
sie geschossen worden, und da auch sie Verwundete hatten, liegt das nicht
außer dem Bereich der Möglichkeit. Tatsächlich hatte Polizeipräsident Eich-
horn diesen Demonstranten Waffen aushändigen lassen. Natürlich ist es
auch möglich, daß im Wortwechsel mit den Demonstranten einer der Sol-
daten den ersten Schuß abgegeben hat.
Das traurige Ereignis rief nicht geringe Erregung hervor. Alle die-
jenigen, denen an der Festigung und fortschreitenden Entwicklung der demo-
kratischen Republik lag, konnten es nur auf das Tiefste beklagen. Dieses
Empfinden brachten denn auch die Presse der bürgerlich-republikanischen
Parteien und die Organe der Sozialdemokratischen Partei zum Ausdruck.
Die bürgerlichen Blätter fügten hinzu, daß es zu diesem Schießen wahr-
scheinlich nicht gekommen wäre, wenn die Regierung eine wohlorganisierte
Schutzmacht hinter sich hätte und unzweideutig zu erkennen gäbe, daß sie
fest entschlossen sei, Krawallen mit ihr zu begegnen. Umgekehrt schoben
die Führer der Spartakuspartei sofort alle Schuld für den Zusammenstoß auf
die Sozialdemokraten in der Regierung. So schrieb die Rote Fahne vom
7. Dezember 1918:
»Arbeiter! Soldaten! Genossen! Vierzehn Leichen liegen auf dem
Pflaster Berlins! Wehrlose, friedliche Soldaten, durch feigen Meuchel-
72
mord niedergemacht! Zieht zur Verantwortung die Schuldigen dieses
blutigen Verbrechens! Fegt hinweg von der Regierung die wahren
Schuldigen, die infamen Hetzer, die Verführer der unaufgeklärten Sol-
datenmasse, die Wels, Ebert und Scheidemann mit Genossen! Ihre
Namen sind jetzt zum Schlachtruf der Gegenrevolution, zum Feldzeichen
der Anarchie und des Brudermordes, zum Banner des Hochverrats an
der Revolution geworden! Energie! Geschlossenheit, Festigkeit! Es
gilt zu handeln! Das blutige Verbrechen muß geahndet, die Verschwö-
rung der Wels— Ebert — Scheidemann muß mit eiserner Faust nieder-
gemacht, die Revolution gerettet werden. Nieder mif den Wels — Ebert —
Scheidemann und Genossen! Die ganze Macht an die Arbeiter- und
Soldatenräte! Ans Werk! Auf die Schanzen! Zum Kampf! Nieder
mit den blutbesudelten, feigen Veranstaltern des Putsches! Hoch die
Revolution!«
Umgekehrt machte der »Vorwärts« das »gewissenlose Treiben der
Spartakusleute« und die »ungeheure Erbitterung von neun Zehnteln der Ber-
liner Soldaten gegen dieses Treiben« für den blutigen Zusammenstoß ver-
antwortlich. Die Behauptung, die Regierung lasse auf das Volk schießen,
lehnte er im voraus mit der Bemerkung ab, in der Chauseestraße habe
»Volk auf Volk« geschossen, denn die Soldaten, die versicherten, daß sie
sich tatsächlich in der Notwehr befunden hatten, seien »schließlich doch auch
Volk«. Das Organ der Unabhängigen, die »Freiheit«, schrieb zuerst mehr
im Sinne der »Roten Fahne«, daß die Militärbehörden, welche die Soldaten
auf die Straße geschickt hatten, vor allem für das Blutvergießen verant-
wortlich zu machen seien, und forderte »rücksichtslose, schleunige Unter-
suchung und exemplarische Bestrafung der Schuldigen, aller Schuldigen«.
Daneben schob sie einen Teil der Schuld auf die vom Vorwärts und der
bürgerlichen Presse gegen Liebknecht und dessen Anhänger angeblich be-
triebene »Hetze«. Eine arge Umkehrung des Sachverhalts. Denn soweit
hier Hetze vorlag, war sie zumeist nur das Echo der unablässig in der
Roten Fahne betriebenen Aufstachelung der Arbeiter zum gewaltsamen Sturz
der Regierung. Aber die Freiheit befand sich in einer Zwischenstellung, in
der sie glaubte, sich den Einfluß der rabiateren Elemente dadurch
sichern zu können, daß sie ihre Sprache möglichst der der äußersten Linken
anpaßte. Tatsächlich förderte sie jedoch dadurch um so mehr, die Arbeit dieser
letzteren, während sie von ihnen selbst nur Hohn erntete.
Diesmal blieb es jedoch nicht dabei. In der Abendausgabe ihrer Num-
mer vom Montag, den 9. Dezember 1918 brachte die »Freiheit« eine Notiz,
in der sie mit Genugtuung feststellt, daß die Spekulation der bürgerlichen
Presse auf einen, aus Anlaß der Vorgänge vom 6. Dezember sich einstel-
lenden Konflikt zwischen dem Kabinett, d. h. dem Rat der Volksbeauf-
tragten, und dem Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte sich als trüge-
risch erwiesen habe. In der am Sonnabend, dem 7ten stattgehabten Aus-
sprache seien »alle schwebenden Fragen geklärt« worden.
insbesondere sei festgestellt worden,« sagt die Notiz, »daß Ebert
und Scheidemann von dem Putschversuch nichts gewußt haben und
durch ihn überrascht worden sind. Man darf erwarten, daß durch diese
Aussprache eine gemeinsame Basis gefunden worden ist, auf der ein
ersprießliches Zusammenarbeiten der revolutionären Behörden, der Re-
gierung und des Vollzugsrats, erfolgen wird.«
Diese Richtigstellung war selbstverständlich nicht nach dem Geschmack
der Roten Fahne. In ihrer Nummer vom 10. Dezember schrieb sie:
73
»Das unabhängige Organ triumphiert also und jubelt, daß die an-
gebliche Hoffnung der Bourgeoisie auf den Konflikt zwischen dem
Kabinett und dem Vollzugsrat, lies: zwischen den Scheidemännern und
den Unabhängigen, schnöde enttäuscht worden sei. Die »Freiheit« trium-
phiert darüber, daß die Scheidemänner und die Unabhängigen sich
wieder ausgesöhnt haben!
Die 14 Leichen in der Chausseestraße, der Freitagsputsch, war nur
ein vorübergehendes Wölklein auf dem blauen Himmel der Harmonie
zwischen den Haase-Leuten und den Organisatoren des gegenrevolu-
tionären Umsturzes und des Blutbades. In den Armen liegen sich beide,
und die »Freiheit« verkündet freudestrahlend, daß »eine gemeinsame
Basis gefunden worden sei«, auf der »ein ersprießliches Zusammen-
arbeiten« zwischen den Unabhängigen und den Scheidemännern erfolgen
werde!
Und das sagt dieselbe »Freiheit«, die jene Zuschrift des Mitglieds
des Soldatenrats Hermann Gräber abgedruckt hat, worin protokollarisch
nachgewiesen ist, daß Ebert von A bis Z über den Putsch informiert
war und daß er das betreffende Protokoll seinem Haase unter-
schlagen hat.
Das sagt dieselbe »Freiheit«, die die Erklärung von Wels über die
Abriegelung der Chausseestraße abgedruckt hat, worin Wels geständig
ist, den Befehl zum Blutbad gegeben zu haben.
Das sagt dieselbe »Freiheit«, die das weitverzweigte gegenrevolu-
tionäre Komplott der Wels — Märten geschildert hat.
Das sagt sie in dem Moment, wo gegenrevolutionäre Offiziere an der
Spitze aufgehetzter Fronttruppen nach Berlin einmarschieren, um »Ord-
nung zu machen«.
Nach alledem können wir die »gemeinsame Basis«, die für das »er-
sprießliche Zusammenarbeiten« zwischen den Unabhängigen und den
Scheidemännern »gefunden« sei, klipp und klar formulieren.
Diese »gemeinsame Basis« heißt:
geflissentliche Vertuschung der eigentliche Quelle gegenrevolu-
tionärer Verschwörungen,
bewußte Irreführung der Massen über die wahren Schuldigen des
Blutbades vom 6. Dezember,
systematische Betreibung der politischen Korruption und der
weiteren Hetze gegen den Spartakusbund,
mit der schließlichen Erdrosselung der Revolution als Endergebnis.
Dies die »gemeinsame Basis«. Sie steht auf einem blutigen Funda-
ment. Die Haase — Ebert reichen sich jetzt die Hand über den vierzehn
Leichen in der Chausseestraße.
Wir wiederholen : was vor dem 6. Dezember politische Prin-
zipienlosigkeit war, ist nach dem 6. Dezember politische Ehr-
losigkeit.«
So wenig Otto Wels, wie aus dem Vorhergesagten ersichtlich ist, den
Befehl zu einem Blutbad gegeben hatte, so wenig besagt der Bericht des
Soldatenratsmitglied Hermann Gräber, auf den die Rote Fahne sich beruft,
daß Ebert überhaupt von dem Putschversuch unterrichtet war. Gräber er-
zählte da nur, daß, nachdem die Marine-Landwehr-Abteilung, der er an-
gehörte, am 6. Dezember von einem gewissen Echtmann aufgefordert worden
war, sich an einer bewaffneten Aktion zur Verhaftung des Vollzugsrats,
Beseitigung der Regierung Haase und Ausruf Eberts zum Präsidenten zu
beteiligen, er und einer seiner Kameraden sich im Auftrage der Abteilung
in die Reichskanzlei begeben hatten, um dem Rat der Volksbeauftragten von
dem Plan Mitteilung zu machen. Sie hatten aber, da gerade Kabinettssit-
zung war, nicht vorgelassen werden können.
»Wir gaben da«, heißt es in Gräbers Bericht, »den ganzen Plan den
Privatsekretären Moser und Brecht zu Protokoll, worauf Moser erwiderte,
74
zu dem Volksbeauftragten Ebert zu gehen. Wir hatten da noch ungefähr
eine Stunde gewartet, als der Bescheid kam, anscheinend von Ebert,
daß eine friedliche Demonstration geplant sei, geschlossen für
die Regierung Ebert — Haase einzutreten, und man legte
uns dort nahe, daß es auch erwünscht sei, daß wir Landflieger uns
daran beteiligend
Gräber erzählt weiter, er habe darauf auf telefonischem Wege noch
einmal sich zu vergewissern gesucht, ob die Demonstration, von der Echt-
mann ihnen gesagt, bewaffnet oder unbewaffnet sein solle, und als er eine
Anwort erhielt, die auf das Erstere schließen ließ, dies dem vorerwähnten
Sekretär Moser mitgeteilt, der ihm dann sein Ehrenwort gab, er würde ver-
anlassen, daß auch die Garde-Pioniere unbewaffnet kämen.« Tags darauf
habe er, Gräber, über alle diese Dinge mit dem Volksbeauftragten Haase
verhandelt, und diesem habe Ebert auf dessen Anfrage bekundet, von dem
allen nichts gewußt zu haben.
Danach geht aus dem Bericht des Gräber hervor, daß dieser ver-
mutete, der Bescheid, den ihm der Sekretär Moser gab, rühre von Ebert
her. Er weiß nichts Genaues, von wem der Bescheid ausging, er weiß
auch nicht einmal, ob Moser überhaupt den durch eine Kabinettssitzung
gebundenen Ebert habe sprechen und ihm das Protokoll habe vorlegen kön-
nen. Und diese, vorsichtig jeder bestimmten Anschuldigung Eberts sich
enthaltende Aussage wird von der Roten Fahne umgedeutet in den »pro-
tokollarischen Nachweis, daß Ebert von A bis Z über den Putsch informiert
war« und seinem Kollegen Haase das betreffende Protokoll »unterschlagen«
habe. Damit noch nicht zufrieden, bekam das Blatt es fertig, in der gleichen
Nummer weiterhin zu schreiben: »Ebert, der Gewaltmensch, die Hände noch
triefend vom Blutbad in der Chausseestraße« ....
Die »Rote Fahne« trug am Titel die Angabe: »Schriftleitung Karl Lieb-
knecht und Rosa Luxemburg«. Beide Genannten verfügten über die Bil-
dung, die uns genau die Tragweite unserer Worte beurteilen läßt, und Lieb-
knecht als geschulter Jurist konnte unmöglich darüber im Unklaren sein,
daß jene Deutung der Erzählung des Fliegers Gräber der schlimmsten So-
phistik gleichkommt, die von der Rechtslehre als unehrenhaft verworfen
wird. Es ist um so weniger möglich, hier gutgläubigen Irrtum anzunehmen,
als kein auch nur leidlich vernünftiger Zweck auszufinden ist, um dessent-
willen Ebert hätte veranlaßt sein können, den »Putsch« der Spiro und Ge-
nossen zu begünstigen. Dieser Putsch mußte, auch wenn er zunächst glückte,
womit aber noch gar nichts außerhalb Berlins erreicht war, Ebert in die denk-
bar unangenehmste Lage bringen. Indes hatte selbst nach der Erzählung des
Gräber in der Reichskanzlei der Sekretär Moser ihn aufgefordert, samt Ka-
meraden die Regierung Ebert-Haase leben zu lassen. Die Darstellung
der Roten Fahne war ein Gewebe von Unwahrheiten, von der Absicht
diktiert, einen möglichst großen Teil der Arbeiterschaft Berlins gegen die
Vertreter der Sozialdemokratischen Partei in der Regierung aufzustacheln.
Leider blieb diese Art des politischen Kampfes nicht ohne Erfolg.
Durch fortgesetzte Wiederholung der Anschuldigung gelang es, einer wach-
senden Zahl von Angehörigen der Arbeiterschaft die Meinung beizubringen.
es habe wirklich ein mit Vorwissen Eberts unternommener Putschversuch
gegen die radikalen Sozialisten vorgelegen und Wels habe gewissenlos, wenn
nicht mit Vorbedacht, auf unbewaffnete Demonstranten schießen lassen. Im-
75
mer mehr Unzufriedene liefen der »Partei Liebknecht« zu, m deren Versamm-
lungen die wildesten Verwünschungen der »verräterischen Scheidemänner«
ertönten.
Es geschah zu jener Zeit, daß der Schreiber dieses einer ihm bekann-
ten russischen Sozialistin, die sich Liebknechts Gruppe zugesellt hatte, beim
zufälligen Treffen auf der Straßenbahn bittere Vorbehalte über deren Trei-
ben machte, das nach allem politischen Ermessen nur Unheil stiften könne.
Die Angeredete begegnete meinem Vorhalten mit dem Hinweis auf das täg-
liche Wachstum der Anhängerschaft Liebknechts, worauf ich ihr zurückgab,
der Zulauf beweise in Zeiten so starker Gärung gar nichts für die Richtig-
keit einer Agitation. Ohne uns verständigt zu haben, hatten wir uns schon
getrennt, als die Genossin noch einmal auf mich zutrat und leise mit be-
wegter Stimme zu mir sagte: »Sie wissen gar nicht, was für Vorschläge
uns alles gemacht werden, wir sind oft selbst entsetzt!«
Sie sagte mir damit nichts, was mich überraschen konnte. Jede ex-
treme Agitation zieht alle Arten von Menschen an, die aus irgend einem
Grunde ihr seelisches Gleichgewicht verloren haben und nun je nachdem
in den phantastischsten oder den brutalsten Plänen sich ergehen. Es war
der Stolz der Gründer der Sozialdemokatie, diese mit dem geistigen Rüst-
zeug ausgestattet zu haben, das sie gegen den Einfluß solcher Desperados
wetterfest mache. Jedes Heraustreten einer Gruppe aus den von ihnen vor-
gezeichneten Bahnen mußte aber jenen Elementen ein zunehmend stärkeres
Gewicht in deren Rat verleihen. Wenn also immerhin nicht alle auf Un-
schädlichmachung der Mehrheitssozialisten abzielenden Vorschläge von Fa-
natikern und Abenteurern die Zustimmung von Liebknecht und Genossen
fanden, so blieb darum doch das Leitmotiv ihrer Agitationsarbeit, aus den
mit dem Gang der Revolution Unzufriedenen ein Heer von Exaltierten her-
anzubilden, das imstande sein würde, in einem gegebenen Zeitpunkt der
Verwirrung durch Anwendung von Gewalt sich in den Besitz der politischen
Macht zu versetzen. Für eine auf diese Bahn gelenkte Bewegung gibt es
aber, sobald es zur Aktion kommt, keinen Halt.
Dazu ist es nun freilich in Berlin nicht gekommen. Wie sehr man
dieser Möglichkeit aber sich näherte, sollte sich bald zeigen. Am 14. De-
zember 1918 fanden in Berlin die Delegiertenwahlen zu dem auf den 16. De-
zember angesetzten allgemeinen Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte
Deutschlands statt. Von Seiten der Gegner des Fortbestandes der sozial-
demokratischen Koalition und der von dieser eingeschlagenen Politik war
begreiflicherweise alles mögliche aufgeboten worden, die Wahl von Oppo-
sitionsleuten zu erwirken, wobei sie sich aber weniger an Tatsachen hielten,
als daß sie die von ihnen Bekämpften der schnödesten Absichten bezieh -
teten. Ein Beispiel ist der Kommentar, mit dem die Rote Fahne die Be-
kanntgabe der vorläufigen Tagesordnung des Kongresses begleitete. Diese
Tagesordnung lautete:
1 . B e r i c h t e
a) des Vollzugsrates. Referent : Richard Müller;
b) des Rats der Volksbeauftragten. (Referent wurde W. Ditt-
mann.)
2. Nationalversammlung oder Räteverfassung? Referent: Cohen-
Reuß, Korreferent: Da um ig.
76
3. Sozialisierung des Wirtschaftslebens. Referent: H i 1 f e r d i n g;
(Korreferent sollte Rosa Luxemburg sein, sie lehnte aber mit
der Begründung ab, wenn vorher schon die Frage der National-
versammlung erledigt sei, würde ihr Referat keinen Zweck mehr
haben.)
4. Wirkung des Friedensschlusses auf die innere Lage der Republik.
Referent : L e d e b o u r.
5. Wahl des Vollzugsrats der Arbeiter- und Soldatenräte.
Dazu schrieb die Rote Fahne in ihrer Nummer vom 10. Dezember:
bezeichnend an dieser Tagesordnung ist zweierlei: Erstens die
Formulierung des Zentralproblems der Revolution als einer Alternative:
Nationalversammlung oder Räteverfassung. Hier wird wenigstens offen
zugestanden, daß die Nationalversammlung mit der Vernichtung der A-
und S-Räte und ihrer politischen Rolle gleichbedeutend ist.
Zweitens die Tatsache, daß nur der Vollzugsrat einer Neuwahl
durch das Reichsparlament der A- und S-Räte unterzogen werden soll.
Das politische Kabinett, die Herren Ebert— Haase, die ihre Macht genau
aus derselben Quelle empfangen haben, wie der Vollzugsrat, nämlich
vom Berliner A- und S-Rat, denken nicht daran, sich der Bestätigung
oder Neuwahl durch das Organ der A- und S-Räte des ganzen Reiches
zu unterziehen! Ebert— Haase dünken sich ü b e r dem Reichsparlament
der Arbeiter und Soldaten Deutschlands stehend! Der Zentralrat der
A- und S-Räte wird von den Scheidemännern seiner obersten ent-
scheidenden Macht beraubt, ehe er noch zusammengetreten ist. Und
diese Leute reden von »Demokratie«!
Wollen sich die A- und S-Räte ganz Deutschlands diesen Anschlag
auf ihre politische Macht gefallen lassen?«
In Wirklichkeit war die Tagesordnung nicht von der Regierung Haase-
Ebert, sondern von dem Berliner Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldaten-
räte aufgestellt worden, in dem die Unabhängigen das Übergewicht erlangt
hatten. Daher denn auch von den bestimmten Referenten nur einer —
Cohen Reuß — der sozialdemokratischen Partei, alle andern aber der Partei
der Unabhängigen entnommen waren. Die Wahl eines Vollzugsrats hatte
auf die Tagesordnung gesetzt werden müssen, da der Berliner Vollzugsrat
nur vorläufig auch das Amt des Vollzugsrats für die Arbeiter- und Soldaten-
räte von ganz Deutschland ausgeübt hatte, ein solcher überhaupt erst zu
wählen war. Und drittens hieß die Fragestellung Nationalversammlung oder
Räteverfassung nicht, ob überhaupt Arbeiter- und Soldatenräte sein, son-
dern ob sie ausschließlich Deutschland regieren sollten. Nichts anderes
konnte das Wort Räteverfassung bedeuten. In jeder Hinsicht besteht der
Kommentar der Roten Fahne aus der Wahrheit widersprechenden Verdäch-
tigungen. Der genauer Zusehende mußte das ohne weiteres herausfinden,
es gab aber genug Leute, die sich durch diese Dialektik beeinflussen ließen.
Trotzdem verhinderte sie nicht, daß die Delegiertenwahlen in Berlin
noch eine Mehrheit für die Sozialdemokratische Partei ergaben. Es wurde
auf Grund von Listen nach dem Verhältniswahlsystem gewählt, und es er-
hielten Stimmen bei den Arbeiterräten
die Liste der sozialdemokratischen Partei 349
die Liste der Unabhängigen 281
die Liste der freien Berufe 79.
77
Noch etwas günstiger für die alte Sozialdemokratie fielen die Wahlen
bei den Soldatenräten Berlins aus. Dort erhielt ihre Liste 204, die der Un-
abhängigen aber nur 121 Stimmen.
Das war indes immer noch wenig gegen den Ausfall der Wahlen im
übrigen Deutschland. Sie ergaben dort, wie sich auf dem Kongreß zeigen
sollte, insgesamt eine Mehrheit für die alte Partei gegenüber den Unab-
hängigen von mehr als 8 zu 1.
Am Tage vor dem Zusammentritt des Kongresses fand in Berlin in den
Pharussäien die Generalversammlung des Verbands der Unabhängigen So-
zialdemokraten Berlins statt. Sie hatte zu den Fragen Stellung zu nehmen,
die dem Kongreß zur Entscheidung vorlagen und in deren Mitte die Frage
der Einberufung einer Nationalversammlung stand. Daß Meinungsver-
schiedenheiten in bezug auf sie im Lager dieser Partei obwalteten, ist schon
weiter oben (S. 68) entwickelt worden. Es war über sie in der Fraktion
der Unabhängigen zu keinem Ausgleich gekommen, so daß man sich schließ-
lich auf den Rat des Verfassers dieser Schrift dahin geeinigt hatte, den Ent-
scheid dem Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte zu überlassen. Das
legte Hugo Haase, der das einleitende Referat über die politische Lage hatte,
der Versammlung dar. Er bekannte sich selbst zur Ansicht derer, die mit
den Wahlen bis zum Monat März 1919 warten wollten, drückte aber die
Befürchtung aus, daß der Kongreß sich für den Vorschlag entscheiden werde,
den Wahltermin schon auf den 19. Januar anzusetzen, was er für zu früh
hielte. Sollte es geschehen, so werde man sich jedoch dem fügen müssen,
denn die Nationalversammlung sei eine unabweisbare Notwendigkeit und
die Partei müsse alles tun, möglichst stark in ihr vertreten zu sein. Wie viel
in Berlin noch daran fehle, habe das Ergebnis der Wahl der Delegierten
der Arbeiterräte zum Kongreß gezeigt, das in erschreckendem Maße hinter
den Erwartungen zurückgeblieben sei. Die Partei könne unmöglich die
Politik der Spartakusleute mitmachen, und energisch müsse sie sich dagegen
auflehnen, daß die Spartakusleute eine Organisation in der Partei bildeten,
um diese von innen heraus zu bekämpfen. Er habe schon 1917 auf der
Konferenz von Gotha — siehe S. 68 — dagegen protestiert und wiederhole
jetzt, daß er es für besser halte, wenn Unabhängige und Spartakusleute sich
trennten.
Ihm trat Rosa Luxemburg, die das Gegenreferat hatte, mit scharfen
Angriffen auf seine Politik entgegen, die nach ihrer Darstellung die Nieder-
lage in Berlin verschuldet hatte. Sie erklärte es für unerhört, daß die Unab-
hängigen nicht unmittelbar nach den Vorgängen des 6. Dezember aus der
Regierung ausgetreten seien, und legte der Versammlung eine. Resolution
vor, welche diesen sofortigen Austritt und die sofortige Übernahme der
ganzen politischen Macht durch die Arbeiter- und Soldatenräte, die Aus-
stattung des Vollzugsrats dieser mit der höchsten Staatsgewalt forderte und
die Einberufung der Nationalversammlung als gegenrevolutionär ablehnte.
Nachdem verschiedene Redner für und gegen gesprochen hatten, unterlag
diese Resolution mit 195 gegen 485 Stimmen, die auf eine Resolution ent-
fielen, welche die Organisation der Wahlen für die Nationalversammlung
für die wichtigste politische Aufgabe der Partei erklärte, die sich als die
Trägerin der Revolution und ihre vorwärtstreibende Kraft betrachte und ge-
willt sei, alle sich daraus ergebenden Pflichten zu erfüllen.
78
Eine fast einstimmig angenommene Zusatzresolution sprach sich gegen
jedes Zusammengehen bei der Wahl mit den Mehrheitssozialisten aus.
Die Auseinandersetzung Haase-Luxemburg war das Vorspiel zu einem
noch schärferen Zusammenstoß zwischen Unabhängigen und Spartakisten
auf dem Tags darauf eröffneten Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte.
Zum Verständnis der sich dort abspielenden Kämpfe sei noch folgendes
bemerkt.
Zwischen dem Rat der Volksbeauftragten und dem Berliner Vollzugs-
rat hatten sich allmählich starke Reibungen eingestellt. Der Vollzugsrat,
der laut Übereinkunft aus den ersten Tagen der Revolution als vorläufiger
Zentralrat der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands amtieren sollte, hatte
diesem Amt eine sehr weitgehende Deutung hinsichtlich seiner Rolle als
Instanz für die politische Kontrolle des Rats der Volksbeauftragten gegeben.
Durch Hinzuziehung von Vertretern aus andern Teilen Deutschlands hatte er
seine Mitgliederzahl von 26 auf 45 erhöht und eine Zusammensetzung er-
fahren, in der die Parteigänger der äußersten Linken zu immer stärkerer
Geltung kamen. Er glaubte eine Art Zensur über die einzelnen Maßnahmen
des Rats der Volksbeauftragten ausüben zu sollen und das Recht zu haben,
seinerseits über dessen Köpfe hinweg Verfügungen treffen zu dürfen, die
nach Ansicht der Volksbeauftragten deren Aufgabenkreis zugehörten. Das
hätte selbst bei Übereinstimmung in den Hauptfragen der Politik zu Miß-
helligkeiten führen müssen, hatte aber, da an dieser vieles fehlte, um so mehr
gegenseitige Gereiztheit zur Folge.
Einen Streitgegenstand bildete unter anderem die Frage der Aufsicht
über das wirtschaftliche Gebahren der örtlichen Arbeiter- und Soldatenräte.
Diese bewährten sich keineswegs gleichmäßig. An einer ganzen Reihe von
Orten haben sie der Republik durch Ausübung einer wohlorganisierten Kon-
trolle über öffentliches Gut (Läger von Kriegsmaterial und dergleichen) höchst
wertvolle Dienste geleistet. An andern Orten aber arteten sie in kostspielige
Klubs aus, in denen vielerlei geredet, aber wenig Vernünftiges getan wurde,
vielmehr durch Einmischung in Angelegenheiten der örtlichen Verwaltung,
von denen man nichts Rechtes verstand, allerhand Schaden angerichtet
wurde. So gab es denn viele Klagen über die Vergeudung öffentlicher
Mittel und ruinöse Eingriffe in die Gemeindeverwaltungen durch die Ar-
beiter- und Soldatenräte, und wenn es dabei auch an bösartigen Übertrei-
bungen nicht fehlte, die dann von der Presse der Feinde der Republik
geflissentlich verallgemeinert wurden, so beruhen doch nicht alle Anklagen
auf Unwahrheit und mußte sich die Regierung und insbesondere die Finanz-
verwaltung veranlaßt sehen, die Finanzgebarung der Räte genauer unter die
Lupe zu nehmen und nicht jeder von dieser Seite an sie gelangenden Geld-
forderung ohne weiteres Folge zu geben. Das schuf bei den Räten vielfach
eine Oppositionsstimmung gegen die Regierung, die dem Vollzugsrat, der
jener gegenüber als Anwalt der Räte agierte, sehr zugute kommen mußte.
Unliebsame Reibungen. hatten sich auch zwischen der Regierung und
den in Berlin weilenden Abteilungen und Vertretern der Marinetruppen ein-
gestellt. Abgesehen von den Matrosen und Seesoldaten, die in den Tagen
der Novembererhebung nach Berlin gekommen waren, waren auch Mitte No-
vember auf Wunsch des Berliner Stadtkommandanten Otto Wels 600 Mann
Marinemannschaft von Cuxhaven nach Berlin entsandt worden und zum Teil im
alten Königsschloß, in der Hauptsache aber im früher kgl.Marstall untergebracht
79
worden. Sie nahmen den Titel Volksmarinedivision an und sollten eine Art
Reservetruppe der Republik bilden, da man sich auf Grund der in Kiel ge-
machten guten Erfahrungen auf sie besonders verlassen zu können glaubte.
Es kam aber umgekehrt. Da das Schloß große Werte barg, mußten sich
die dort hausenden Mannschaften einschränkenden Vorschriften unterwerfen,
die von ihnen unangenehm empfunden wurden und sie um so mehr der
Bearbeitung durch Oppositionselemente zugängig machten, als sie in ihrer
Mehrheit politische Neulinge und den konfusesten Vorstellungen über den Sinn
der ihnen gepredigten revolutionären Schlagworte ausgesetzt waren. Un-
genügende politische Durchbildung beherrschte auch eine etwas später in
Wilhelmshafen abgehaltene Konferenz von Delegierten der verschiedenen
Soldatenräte der Marine, die damit endete, daß ein aus 53 Mitgliedern be-
stehender Zentralrat ernannt wurde, der den Namen »Oberster Marinerat«
annahm und den Auftrag hatte, die Kontrolle über die Vorgänge in der Ma-
rine zu üben und die einheitliche Leitung sowie die Reform der Marine
in die Hand zu nehmen. Er siedelte nach Berlin über, richtete sich im
Reichsmarineamt ein, bildete dort aus seiner Mitte Unterabteilungen für die
verschiedenen Arbeitsgebiete des Amts und griff wiederholt selbstherrlich
in dessen Verwaltung ein, was naturgemäß in den Reihen der eingeschulten
Beamtenschaft nicht geringe Erregung hervorrief und allerhand Verwirrung
im Betrieb des Amts zur Folge hatte.
Als Gustav Noske, damals noch Gouverneur von Kiel, Anfang De-
zember 1918 vorübergehend von Kiel nach Berlin kam und in seiner Eigen-
schaft als Beigeordneter des Marineministeriums an einer Sitzung dieses ober-
sten Marinerats teilnehmen wollte, ließ der Vorsitzende erst darüber ab-
stimmen, ob Noske überhaupt der Sitzung beiwohnen dürfe, was genehmigt
wurde., Man verhandelte über die Machtbefugnisse des Rats, und es wurde
vorgeschlagen, der Rat solle als »Parlament der Marine« tagen, das selbst-
ständig alle Marineangelegenheiten regle, nach eignem Ermessen seine Be-
schlüsse fasse und es der Regierung überlasse, sich mit ihnen abzufinden
oder nicht. Dem Einw r and Noskes, daß dem Rat kein Recht zustehe, in die
Vollziehungsgewalt der Regierung einzugreifen, ward von einem Mitglied
entgegengehalten, der Rat handle aus eigenem, revolutionärem Recht als
oberste Instanz der Marine. Noske, der dies in seiner Schrift »Von Kiel bis
Kapp« (Berlin, Verlag für Politik und Wirtschaft) erzählt, fügt hinzu, daß
er in der Minderheit geblieben sei und darauf die Sitzung verlassen habe.
Unzweifelhaft hatte er in der Sache Recht, in dieser Weise war die
Demokratisierung der Verwaltung nicht durchzuführen. Auch hatte, wie
Noske an anderer Stelle der Schrift anführt, der Rat der Volksbeauftragten
vorher ihm erklärt, daß er von dem Wirken des 53er Rats nichts wisse, die
Schaffung einer solchen Körperschaft keineswegs billige und ihm anheim-
gegeben, danach zu verfahren. (A. a. O. S. 49.)
Eine andere Frage ist es jedoch, ob Noske in der Auseinandersetzung
mit dem 53er Rat denjenigen Ton angeschlagen hat, den die allgemeine
Lage erforderte. Er schreibt selbst, daß ein Teil der Mitglieder verständige
Leute waren, andern mußte man die politische Unerfahrenheit zugute halten,
und so kam es darauf an, weniger auf das politische Recht zu pochen, als
auf die politische Notwendigkeit zu verweisen, was stets ermöglicht, in die
Zurückweisung unberechtigter Ansprüche ein versöhnendes Moment hinein-
80
zutragen. Daran scheint es aber Noske fehlen gelassen zu haben, sodaß
diese Auseinandersetzung dazu beitrug, der regierungsfeindlichen Agitation
unter den Marinemannschaften neuen Zündstoff zuzuführen. Gelang es
dieser Agitation auch nicht, den Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte,
von dem man nach dem Ergebnis der Delegiertenwahlen im Lande draußen
voraussehen konnte, daß die Oppositionselemente in der Minderheit sein
werden, auseinanderzusprengen, so erreichte sie doch soviel, ein größeres
Aufgebot von Demonstranten gegen ihn aufzubringen, als man ihr zugetraut
hatte und auch der Stärke ihrer grundsätzlichen Anhängerschaft entsprach.
II
IX.
Der erste Kongreß der Arbeiter- und Soldaten-
räte Deutschlands.
Die große Rückwirkung, die der Kongreß der Arbeiter- und Soldaten -
rate auf den weiteren Verlauf der Revolution gehabt hat, und der Einblick,
den sein bewegter Verlauf in das Qewoge der Ideenkämpfe in der Revo-
lution gewährt, lassen es für angezeigt erscheinen, bei ihm etwas länger zu
verweilen.
Etwas über 500 Vertreter von Arbeiter- und Soldatenräten hatten sich
zur Tagung des ersten Parlaments der deutschen Revolution, wie der Kongreß
genannt worden war, am 16. Dezember 1918 in dem für ihn belegten preu-
ßischen Abgeordnetenhaus zu Berlin eingefunden. Doch wurden schließlich
Äur 442 Mandate für gültig anerkannt. Die erste Sitzung ward am genann-
ten Tage Vormittags 10 Uhr mit Begrüßungsansprachen von Richard Mül-
ler für den Berliner Vollzugsrat und Fritz E b e r t für den Rat der Volks-
beauftragten eröffnet. Der Kongreß wählte ein aus einem Mehrheitszozia-
listen — Le inert- Hannover — einem unabhängigen Sozialisten —
Seeger - Leipzig — und einem Soldatenvertreter — Gomolka — pari-
tätisch zusammengesetztes Büro, — lehnte aber in zweimaliger Abstimmung
den von einigen Delegierten gestellten Antrag, Karl Liebknecht und Rosa
Luxemburg als Gäste mit beratender Stimme zu den Sitzungen hinzuzu-
ziehen, mit erdrückender Mehrheit ab. Diese Mehrheit war augenscheinlich
durch den Umstand hervorgerufen, daß die von Liebknecht und Rosa Luxem-
burg redigierte »Rote Fahne« am Morgen in fetten Buchstaben einen Aufruf
an die Berliner Arbeiter gebracht hatte, der diese in irreführender Sprache
zu einem Demonstrationsstreik aufforderte. Er lautete nämlich:
>Heute Montag große Massendemonstration! Arbeiter Berlins! Ge-
nossen! Heraus aus den Betrieben! Es gilt den Zentralrat der Arbeiter-
und Soldatenräte Deutschlands würdig zu begrüßen. Es gilt den ent-
schlossenen revolutionären Willen des Berliner Proletariats zum Aus-
druck zu bringen. Heraus auf die Straße!«
Während danach der mit den Verhältnissen unvertraute Arbeiter glauben
konnte, es handle sich wirklich um eine Kundgebung für den Kongreß, war
dem Kenner der Sachlage ohne weiteres klar, daß hier ganz etwas anderes
im Schilde geführt wurde. Denn keine der großen politischen Organi-
sationen der Arbeiter, keine Gewerkschaft hatte mit dieser Demonstration
irgend etwas zu tun. Sie war hinter dem Rücken der berufenen Leiter
82
dieser Organisationen verabredet — offenbar um eine möglichst große Zahl
von Arbeitern für eine Sache ins Feld führen zu können, die ihnen fern lag.
Bis zu einem gewissen Grade ist das denn auch gelungen. Teils durch
Überredung, teils aber schon durch Anwendung von Zwangsmitteln erreich-
ten es die Spartakusleute, daß in einer Anzahl großer und mittlerer Betriebe
die Arbeit am Vormittag des 16. Dezember 1918 eingestellt wurde und eine
nach vielen Tausenden zählende Menge sich in der Siegesallee im Tiergarten
zusammenfand, wo sie zum Zug durch die Stadt sich formierten, der auf
dem Wege zum Abgeordnetenhaus noch allerhand Zuwachs erhielt, sodaß
er schließlich zwar nicht 250 000 Personen, wie dann die Rote Fahne schrieb,
wohl aber 50 bis 60 000 Personen gezählt haben mag. Von dem Gesims
des Abgeordnetenhauses herab hielten Paul Levi und Karl Liebknecht An-
sprachen an die Menge, nun mit offener Kriegserklärung gegen die »Scheide-
männer« und die Nationalversammlung. »Vor dem Abgeordnetenhaus, als
Liebknecht vom hohen Gesims an die Menge sprach,« hieß es Tags darauf
in der Roten Fahne, »wie jubelten da die Massen jedem seiner Worte zu,
wie brausten da die Hochs auf die soziale Revolution, auf die Macht der
Arbeiter- und Soldatenräte, wie dröhnten da die Rufe »Nieder mit den Schei-
demännern!« Das war die Stimme des arbeitenden Volkes Berlins.«
Letzteres war, wie sich bald zeigen sollte, eine arge Übertreibung.
Aus verschiedenen Fabriken liefen Verwahrungen der Arbeiter dagegen ein,
daß sie gegen die Nationalversammlung hatten demonstrieren wollen.
Eine von den Leitern der Demonstranten an den Kongreß entsandte
Deputation unterbreitete diesem, wie der Obmann der Deputation erklärte,
^im Auftrage der revolutionären Arbeiterschaft Berlins, die heute demon-
striert, und zwar in einer Anzahl von mindestens 250 000 Menschen (leb-
hafte Ohorufe) folgende Forderungen«:
1. Deutschland eine freiheitliche, sozialistische Republik.
2. Die ganze Macht den Arbeiter- und Soldatenräten.
3. Der vom Zentralrat ernannte Vollzugsrat ist das rechte Organ der
Gesetzgebung und Exekutivgewalt, so daß auch die Volksbeauftragtert
vom Vollzugsrat zu ernennen und abzusetzen sind.
4. Beseitigung der Volksbeauftragten Ebert— Haase.
5. Energische Durchführung aller zum Schutze der Revolution erforder-
lichen Maßnahmen durch den Zentralrat, vor allem Entwaffnung der
Gegenrevolution, Bildung der roten Garde.
6. Aufruf des Zentralrats an die Proletarier aller Länder zur Bildung
von Arbeiter- und Soldatenräten und zur Weltrevolution,
Die Punkte 4 und 5 wurden von der Mehrheit des Kongresses mit
stürmischen Protestrufen beantwortet, die sich am Schluß wiederholten.
Als sich der Lärm gelegt hatte, erklärte der Vorsitzende Leinert der
Deputation, sie möge den Arbeitern draußen erklären, daß der Kongreß die
Forderungen zur Kenntnis genommen habe und in seinen Verhandlungen
darüber entscheiden werde.
Damit war dieser Zwischenfall im Saal erledigt. Draußen zog ein
Teil der Demonstranten, nachdem ihnen Bericht über die Verlesung der
Forderunge erstattet worden war, nach dem Friedrichshain zum Begräbnis-
platz der Märzgefallenen von 1848.
So übertrieben der Jubelruf der Roten Fahne über den Umfang der
Demonstration war, so war sie immerhin berechtigt, sich eines Erfolges des
Spartakusbundes zu rühmen. Gleichviel, mit welchen Mitteln er erzielt
6* 83
und wie sein Wert für die Gesamtbewegung einzuschätzen war, so war es
Joch eine nicht abzuleugnende Tatsache, daß dem Rufe des Bundes Massen
von Arbeitern gefolgt waren, wie man sie nicht erwartet hätte, und das
konnte auf seine Anhänger nur ermutigend wirken. Die Mehrheit der Men-
schen unterliegen in Volksbewegungen einem Gravitationsgesetz, das sie
dorthin zieht, wo die größte Masse sich ansammelt. Für viele Tausende
gefühlsmäßig urteilender Arbeiter hatte der Spartakusbund an Ansehen ge-
wonnen.
Er gab denn auch seine Sache durchaus noch nicht verloren. Am 18. De-
zember erschien eine von ihm ausgehende, einige fünfzig Personen zählende
Deputation von neuem im Abgeordnetenhaus und verlangte vom Kongreß
Einlaß und Gehör, widrigenfalls 250 000 Arbeiter die Arbeit niederlegen
würden. Obwohl der Kongreß mit mehr ais 400 gegen noch nicht ein Dut-
zend Stimmen beschloß, sie nicht zu empfangen, da er nicht bloß für Berlin,
sondern für ganz Deutschland tage und seine Zeit nicht vergeuden wolle,
drängte sie sich mit Fahnen und Schildern in den Sitzungssaal, und als
der Vorsitzende Leinert nach einigem Wortwechsel sie unter Hinweis auf
den gefaßten Beschluß ersuchte, im Interesse der gemeinsamen Sache der
Arbeiterklasse den Saal zu verlassen, legte ihr Sprecher Haller, ohne von
ihm das Wort erhalten zu haben, mit einer Ansprache an den Kongreß los,
die von diesem mit stürmischen Zurufen um Ruhe beantwortet wurde, sodaß
seine Stimme übertönt wurde, was er und einige seiner Begleiter mit um so
lauteren Gegenrufen beantworteten. Um der peinlichen Szene ein Ende zu
bereiten, schlug Leinert schließlich vor, noch einmal eine Ausnahme zu
machen und dem Sprecher zum kurzen Vortrag des Anliegens der Depu-
tation das Wort zu geben. Dieser begann mit der Erklärung, es handle
sich hier um ein Revolutionsrecht, auch in der französischen Revolution
haben wiederholt die Tribünen in die Beratungen des Konvents eingegriffen,
und verlas dann von neuem die schon am 16ten überreichten Forderungen
als die »von 250 000 Arbeitern«. Er fügte hinzu, das bedeute natürlich
»Nieder mit der Nationalversammlung und alle Macht den Räten«, und wollte
noch weiterreden, ward indes vom Vorsitzenden mit dem Bedeuten unter-
brochen, der Kongreß werde die Forderungen zur Kenntnis nehmen und müsse
nun darauf bestehen, daß seine Arbeiten nicht weiter gestört werden. Unter
einem Wortwechsel mit den Delegierten Barth und Ledebour und mit Rufen
wie »Auch hier herrscht die Reaktion«, »hier werden nicht die Arbeiter-
interessen vertreten«, entfernte sich die Deputation, und wenn auch bei den
außerhalb des Saales versammelten Spartakusleuten noch kräftigere Ver-
wünschungen über den Kongreß ertönten und Karl Liebknecht nach einigen
Berichten ausrief, es sei »Zeit mit dem ganzen Unfug des Kongresses ein
Ende zu machen«, nahm man doch von einem erneuten Aufgebot der Mas-
sen Abstand. Nun, wo der Zweck von vornherein klar gewesen wäre,
sprach alle Wahrscheinlichkeit für einen großen Mißerfolg.
Eine andere Störung erfuhr der Kongreß aus den Reihen der Soldaten.
In der Sitzung vom 17. Dezember erschienen am Nachmittag etwa 30 Sol-
daten mit Schildern der nach ihrer Angabe von ihnen vertretenen Regimenter
im Sitzungssaal, stellten sich hinter der Rednerbühne zu beiden Seiten des
Präsidentensitzes auf, worauf ihr Sprecher vor das Rednerpult trat und als
einstimmigen Beschluß einer Versammlung der Soldatenräte und militärischen
Formationen von Berlin« folgende Resolution verlas:
84
>Wir stehen nach wie vor der jetzigen Regierung, also der Regie-
rung, auf deren Programm als endgültige Ziele die Ziele einer sozia-
listischen Republik stehen, zur Verfügung. Die Kameraden der Marine
sind die ersten Träger und Schützer der Revolution, ihre Anwesenheit
»t deshalb unbedingt erforderlich. Die Soldatenräte beantragen bei
dem Kongreß, folgenden Dringlichkeitsantrag sofort zum Beschluß zu
•rheben:
1. Der oberste Soldatenrat, zusammengesetzt aus gewählten Dele-
gierten aller deutschen Soldatenräte, übt die Kommandogewalt über alle
Truppen des Heeres aus, analog bei der Marine.
2. Die Rangabzeichen aller Dienstgrade sind verboten. Alle Offi-
ziere sind zu entwaffnen. Das Verbot der Rangabzeichen und aller
Dienstgrade tritt für die heimgekehrten Truppen in Kraft, nachdem die
Niederlegung der Waffen in den Kasernen erfolgt ist.
3. Für die Zuverlässigkeit der Truppenteile und die Aufrechterhal-
tung der Disziplin sind die Soldatenräte verantwortlich.«
Die Abordnung bitte, über diese Resoiution als Dringlichkeitsantrag
sofort zu beschließen. Der Vorsitzende Seeger (Unabhängiger) erklärt dies
für untunlich, und auch ein Delegierter der Frontsoldaten, Dorrenbach, der
im übrigen den Heimattruppen den freundlichen Gruß jener ausspricht und
sie versichert, daß er und seine Kameraden nach Möglichkeit für ihre In-
teressen eintreten werden, bittet sie, von sofortiger Beschlußfassung über
ihre Resolution Abstand zu nehmen, da sie Punkte enthalte, die reiflich über-
legt werden müßten. Dem widersprechen die Unabhängigen Heckert und
Ledebour, und die Bemerkung des Letzteren, es handle sich besonders darum,
die Matrosen gegen die vom Volksbeauftragten Landsberg gegen sie in Szene
gesetzte Hetze in Schutz zu nehmen, ruft stürmische Proteste der Mehrheits-
sozialisten hervor. Es entsteht ein minutenlanger Lärm, und eine ungeheure
Erregung, die sich nicht legen will. Eine große Zahl von Mehrheitssozia-
listen verlassen auf Vorschlag ihres Fraktionsvorsitzenden Severing den
Saal, um Sitzung abzuhalten, und werden beim Hinausgehen von Pfuirufen
der Radikalen und lauten Verwünschungen der jeder Überlegung verlustig
gegangenen Soldaten im Saal und auf den Tribünen begleitet. Nachdem
der Lärm eine Weile gedauert, versucht der Vorsitzende der Unabhängigen
Sozialdemokraten Hugo H a a s e durch vermittelnde Worte Ruhe zu schaffen.
Er erklärt die beiderseitige Erregung für verständlich und verspricht den
Soldaten, daß ihr Antrag schnellstens erledigt werden solle. Als er aber hin-
zufügt, daß dies doch nicht ohne vorherige Aussprache geschehen könne,
ertönt sofort lärmender Widerspruch der Soldaten. Selbst ein Vorschlag,
den Antrag im Hinblick auf die Unmöglichkeit der Weiterführung der Sitzung
am nächsten Tage als ersten Punkt der Tagesordnung zu verhandeln, wird
von ihnen für Verschleppung erklärt, die sie sich nicht gefallen lassen könn-
ten, und auch von Georg Ledebour in großer Erregung bekämpft. Er wird
aber vom Vorsitzenden Seeger unter andauernden Protesten der Soldaten
zur Abstimmung gebracht und gegen eine kleine Minderheit angenommen,
worauf wieder die äußerste Linke großen Lärm anstimmt, der Vorsitzende
schnell die Sitzung schließt, die Soldaten teils die Fäuste ballen und teils
die mitgebrachten langen Stöcke drohend schwingen und der Saal sich nur
langsam leert.
Über Nacht beruhigten sich die Geister, und in der Sitzung vom 18.
Dezember zeigte sich die Soldatenabordnung wesentlich nachgiebiger. Es
war bekannt geworden, daß mindestens ein Teil ihrer Mitglieder das Regi-
85
ment, das sie zu vertreten angaben, gar nicht hinter sich hatten, auch wandten
sich verschiedene Delegierte der Frontsoldaten gegen ihr Auftreten und wie-
sen nach, daß ein Teil ihrer Forderungen in der Provinz schon durchgeführt,
andere aber schon aus technischen Gründen nicht von heute auf morgen
durchzuführen seien. So erklärten sie sich denn zum Verhandeln bereit, und
eine zur Beratung ihres Antrags gewählte Kommission kam, wie ihr Bericht-
erstatter, der Volksbeauftragte Hugo Haase, am Nachmittag mitteilen konnte,
zu einstimmig angenommenen Beschlüssen, denen dann auch der Kongreß
gleichfalls einstimmig beipflichtete. Die wichtigsten davon sind:
>1. Die oberste Kommandogewalt über Heer und Marine üben die
Volksbeauftragten unter Kontrolle des Vollzugsrates aus.
2. Als Symbol der Zertrümmerung des Militarismus .... wird die
Entfernung aller Rangabzeichen angeordnet und das außerdienstliche
Waffentragen verboten.
3. Für die Zuverlässigkeit der Truppenteile und die Aufrechterha'-
tung der Disziplin sind die Soldatenräte verantwortlich. Vorgesetzte
außer Dienst gibt es nicht mehr.
4. Die Soldaten wählen ihre Führer selbst. Frühere Offiziere, die
das Vertrauen der Mehrheit ihres Truppenteils genießen, dürfen wieder-
gewählt werden.
5. Die Abschaffung des stehenden Heeres und die Errichtung dtr
Volkswehr sind zu beschleunigen.«
Damit war diese Angelegenheit formell erledigt. Erwähnt sei hier
nur noch, daß in der Diskussion auch Gustav Noske in seiner Eigenschaft
als Beigeordneter das Wort hatte und sich gegen die aufgestellte Be-
hauptung wandte, daß er mit den Plänen des sich oberster Marinerat nen-
nenden 53er Ausschusses einverstanden sei. Der Ausschuß verwende einea
großen Teil seiner Zeit mit politischen Fragen, und dabei komme die prak-
tische Arbeit des Marineamts zu kurz. Unerträgliche Verschleppung wich-
tiger Angelegenheiten finde statt. Dinge, die die Waffenstillstandsverhand-
lungen zur See betrafen, seien tagelang unerledigt geblieben, weil ein Mit-
glied des Ausschusses, dessen Unterschrift erforderlich gewesen, drei Tage
lang nicht im Amt erschien. Dem sekundierte der Delegierte Pf äff vom
Soldatenrat Kiel. Auch er und seine Genossen, führte er aus, hielten den
Apparat von 53 Köpfen für den Ausschuß als viel zu groß, sie hätten über-
haupt von ihm noch keine Direktiven erhalten, sondern alles aus eigner
Initiative gemacht. Sie haben die Offiziere als beratende Beiräte für die
Soldaten hinzugezogen und stellten sie an die richtige Stelle.
Der Stadtkommandant von Kiel tue nichts ohne ihre Zustimmung, und
sie haben zu Noske das Vertrauen, daß er sich vom Admiral nicht über den
Löffel barbieren lasse. In der Sitzung vom 19. Dezember wies dagegen
ein Mitglied des 53er Ausschusses Noske's Bemerkungen als unzutreffend
zurück und erklärte, über die Verminderung des Ausschusses habe die Marine
zu entscheiden und nicht dieser Kongreß. Eine eigenartige Auffassung,
deren Logik die Selbstherrlichkeit des einzelnen Organs über den Gesamt-
körper bedeutete, die aber die obwaltende Verwirrung der Geister erkennen
läßt und anzeigt, wessen sich die Republik im Konfliktfall von dieser Seite
gewärtigen mußte.
Dies die in den Kongreß von außen hineingetragenen Zwischenfälle.
Die Debatten über seine die Tagesordnung bildenden ,Fragen standen
fast durchweg unter dem Zeichen des Kampfes der vom Spartakusbund be-
m
einflußten äußersten Linken der Sozialdemokratie wider die sozialdemokra-
tische Regierungskoalition, bezw. der radikalen Mehrheit des Berliner Voll-
zugsrats wider das Kabinett der Republik. Vollzugsrat wider den Rat der
Volksbeauftragten — das war die Signatur des Streites, der an die heftigen
Kämpfe erinnert, die in Frankreich wiederholt zwischen dem Stadthaus von
Paris und der Zentralregierung gespielt haben. Er wurde eingeleitet mit dem
Bericht des Vorsitzenden des Vollzugsrates Richard Müller über dessen Tätig-
keit. Müller, der lange Jahre Führer der Opposition in der Ortsgruppe
Berlin des Deutschen Metallarbeiter-Verbands gegen dessen Leitung ge-
wesen war, entwickelte in der Revolution einen Zug zum Fanatiker. In
einer Sitzung des Vollzugsrats hatte er ausgerufen, nur über seine Leiche
gehe der Weg zur Nationalversammlung, was ihm bei seinen Widersachern
den Spottnamen Leichenmüller eintrug. Sein Referat, das er mit den Worten
einleitete, es sei ihm unmöglich, den Bericht objektiv zu geben, war eine
leidenschaftliche Anklage gegen den Rat der Beauftragten. Er beschuldigte
diesen, dem Bestreben des Vollzugsrats, die Errungenschaften der Revo-
lution sicherzustellen und in die Praxis zu überführen, bei jeder Gelegen-
heit Widerstand entgegengesetzt zu haben, und klagte ihn an, daß er nichts
getan habe, das reaktionäre Element in den Reichs- usw. ämtern durch auf
dem Boden des Neuen stehende Personen zu ersetzen. Ebenso stehe es mit
der Heeresleitung und Heeresverwaltung. Die zurückgekehrten Frontsoldaten
habe man nicht auf die sozialistische Republik, sondern nur auf die Repu-
blik schlechthin, nicht auf den Vollzugsrat, der doch die Souveränität des
Volks durch die Arbeiter- und Soldatenräte darstelle, sondern auf den Rat
der Volksbeauftragten vereidigt. Des weiteren beschwerte er sich bitter
über die heftigen Angriffe, die in Versammlungen und der Presse gegen
den Vollzugsrat geschleudert worden seien, der sich durch Mitglieder aus
dem ganzen Reich ergänzt habe, jetzt statt aus 26 aus 45 Mitgliedern be-
stehe, und sich als oberste Reichsbehörde konstituiert habe, um Putsche
gegen die Errungenschaften der Revolution zu verhindern. Die besagten
Angriffe gingen zum großen Teil von Militärs aus, die von Soldatenräten
in den Vollzugsrat gewählt worden waren, von diesem aber, weil sie sich
— insbesondere der Hauptmann Colin-Roß — durch Eigenmächtigkeiten und
Umtriebe lästig machten, an die Luft gesetzt worden seien. Man habe die
unsinnigsten Gerüchte über angebliche Vergeudung von Geldmitteln durch
den Vollzugsrat in Umlauf gesetzt, von 800 Millionen Mark gefaselt, während
seine ganzen Ausgaben in sechs Wochen sich auf 500 000 Mark beliefen,
einschließlich der Kosten für Reisen, um Verschleuderung von Millionenwerten
an Heeresgut usw. zu verhindern. Der Putsch vom 6. Dezember sei die
Frucht dieser Verleumdungen gewesen, über ihn habe es erregte Ausein-
andersetzungen mit dem Rat der Volksbeauftragten wegen dessen Verhalten
bei diesem Anlaß gegeben, denn der Putsch kam von rechts, der von links
sei nicht so schlimm gewesen. Die Urheber des Putsches von rechts seien
vom Vollzugsrat ermittelt und festgesetzt worden, aber man habe sie alle
wieder in Freiheit gesetzt, den Hauptschuldigen, einen Hauptmann Lorenz,
direkt auf Verlangen des Kriegsministers. Der Vollzugsrat habe wiederholt
gefordert, daß Dr. Solf und Eduard David, die versucht haben, Deutschlands
Unschuld am Weltkrieg nachzuweisen, aus dem Auswärtigen Amt entfernt
würden, sei aber immer wieder auf den Widerstand des Rats der Volks-
beauftragten gestoßen, so daß die komprommittierten Beamten den größten
87
Teil des belastenden Materials verbrennen konnten. Mit natürlichen und
unnatürlichen Gegnern hatte so der Vollzugsrat zu kämpfen gehabt, und nun
übergebe er das Schicksal der Revolution dem Kongreß mit dem Wunsche,
daß es diesem gelingen möge, die Errungenschaften der Revolution zu sichern
und weiter auszubauen.
Noch während Müller sprach, waren die Abgesandten der Spartakus-
Demonstration erschienen und hatten sofortiges Anhören verlangt, wodurch
die Rede eine Unterbrechung erfuhr und erst nach Abfertigung der Ab-
gesandten fortgesetzt und zu Ende geführt werden konnte. Alsdann ward
dem Mitglied des Vollzugsrats Maynz das Wort gegeben zur Erstattung von
dessen Kassenbericht. Laut diesem waren dem Vollzugsrat insgesamt Mit-
tel im Werte von rund 650 000 Mark zugeflossen, davon 450 000 Franken
in Schweizer Banknoten, für die damals 620 000 Mark erlöst wurden. Die
Gesamtausgaben für Tagegelder, sachliche Kosten, Agitation und Propaganda
beliefen sich auf rund 614 000 Mark. Maynz bestätigte Richard Müllers
Angabe, daß dieser für sich persönlich nichts beansprucht und entnommen
habe, und bemerkte weiter, daß der Vollzugsrat gegen den umfangreichen
Apparat, der zumeist von den soldatischen Mitgliedern verursacht worden
sei, energische Maßnahmen ergriffen und bis zum 14. Dezember das Haus
einigermaßen gesäubert habe.
Für den Rat der Volksbeauftragten sprach zunächst dessen Mitglied
W. Dittmann von der Unabhängigen Sozialdemokratie. Er wies von einigen
der Behauptungen Müllers nach, daß sie teils unrichtig und teils unbegründet
waren. Dem Minister Solf sei das Entlassungsgesuch genehmigt worden,
nicht Ed. David, sondern Karl Kautsky und Max Quarck seien mit der
Prüfung der Akten im Auswärtigen Amt beauftragt und Kautsky Iiabe
keinerlei Anzeichen entdeckt, die auf Vernichtung von Akten schließen ließen,
er erkläre vielmehr, weit mehr gefunden zu haben, als er erwartet hatte.
Der Hauptmann Lorenz sei freigelassen worden, nachdem eine vom Voll-
zugsrat selbst eingesetzte Untersuchungskommission von drei Juristen ein-
stimmig auf Freilassung erkannt hatte. Auf das Sachliche der Polemik
übergehend, legte Dittmann dar, daß der Rat der Volkbeauftragten zumeist
unter dem Zwange unerbittlicher Notwendigkeiten, den Folgen des Krieges
und der durch diesen geschaffenen Lage gehandelt habe. Deutschland brauche
so bald wie nur möglich den Vorfrieden und dann einen schnellen end-
gültigen Frieden. Das sei die erste Voraussetzung der Wiederherstellung
des durch den Krieg zerrütteten, ganz auf ihn eingestellt gewesenen Wirt-
schaftslebens. Die Umstellung der Wirtschaft auf den Frieden sei aber eine
äußerst schwierige und unproduktive Arbeit, es fehle an den nötigsten Roh-
stoffen, in den Eingeweiden des Volkes wühle der Hunger, nie sei für eis
Volk und seine Regierung eine verzweifeltere Situation vorhanden gewesen.
Daher könne die Sozialisierung nur mit Vorsicht ins Werk gesetzt werden,
sie werde aber dort in Angriff genommen werden, wo Industrie und Be-
triebe dafür reif seien. Eine Kommission namhafter Volkswirtschaftler sei
mit dem Auftrage eingesetzt worden, die Frage zu prüfen und entsprechende
Vorschläge zu machen. Dann entwickelte Redner das Steuerprogramm der
Regierung, verwies auf ihre sozialpolitischen Verordnungen, die Festsetzung
des Achtstundenarbeitstags, der Erwerbslosenfürsorge usw. und setzte hinzu,
erst nach der Übergangszeit werde der Sozialismus sich voll entwickeln
können. Die Reichtümer, die die Arbeiter geschaffen, seien zum größte«
88
Teil nicht mehr da, die Arbeiter seien bisher die Enterbten gewesen und
seien es auch jetzt, sie müßten erst wieder neue Werte schaffen, ehe sie
zu Wohlstand kommen würden. Daran könne keine Regierung etwas ändern.
Die Arbeiter müßten alles tun, die Produktion in Gang zu halten. Jeder
Streik richte seine Spitze gegen sie seibst. Große Schwierigkeiten mache
die Entmobilisierung, bis sie aber durchgeführt sei, müsse die oberste Heeres-
leitung im Amte bleiben und Disziplin gehalten werden, die aber nicht mü
Kadavergehorsam zu verwechseln sei. So sei das darauf bezügliche Tele-
gramm der Regierung an die oberste Heeresleitung, das Müller gerügt hatte,
zu verstehen. Gewiß herrsche noch bei vielen Offizieren ein reaktionärer
Geist und gar manche seien konterrevolutionär gesinnt. Aber die über-
wältigende Mehrheit der Soldaten wolle keine Konterrevolution. Die Re-
gierung sei daher zwar wachsam in bezug auf Putschversuche, jedoch nicht
überängstlich. Der Belagerungszustand sei aufgehoben, volle Preßfreiheit
sei verkündet, mögen die Gegner von rechts und links die Regierung noch
so sehr angreifen, sie werde darum doch sich gegen jede Unterbindung der
Preßfreiheit wenden. Die Regierung habe das freieste Wahlrecht der Welt
eingeführt, um dem Proletariat seinen Einfluß auf die Geschicke der Repu-
blik dauernd zu sichern. Einstimmig habe sie schon am 12. November die
Einberufung einer konstituierenden Nationalversammlung in Aussicht gesteht,
wenn jetzt der Ruf der Reaktionäre nach einer solchen viele Arbeiter in bezug
auf sie kopfscheu mache, so müsse sie aus einer ganzen Reihe von Gründe«
darum doch kommen. Gewichtige Gründe sprächen gegen eine zu frühe
Einberufung der Nationalversammlung, ebenso gewichtige gegen ein zu
langes Hinausschieben. Die Regierung habe sie alle ernstlich erwogen und
sich schließlich auf den 16. Februar 1919 als den Wahltermin geeinigt, über
den der Kongreß nun endgültig zu befinden habe. Jetzt gelte es für das
Proletariat, zu gemeinsamem Kampf gegen die bürgerlichen Parteien Schul-
ter an Schulter zusammenzustehen und kein Atom von Kraft im Bruderkampf
zu vergeuden.
Die durchgängig im versöhnlichen Ton gehaltene Rede erntete nameiu-
lich bei den Mehrheitssozialisten stürmischen Beifall, während ein Teil der
eigenen Parteigenossen des Redners sich jeder solchen Kundgebung ent-
hielt.
In der Diskussion über die Berichte sprachen sich die meisten Redner
gegen den Berliner Vollzugsrat aus. Er fand lebhafte Verteidiger nur i«
den Delegiertenn Braß (Remscheid), Wegmann (Berlin), Hecker (Chemnitz)
und Georg Ledebour (Berlin), welch letzterer in seinen Angriffen gegen den
Rat der Volksbeauftragten Müllers Kritik noch in den Schatten stellte.
Einen unbeschreiblichen Lärm rief er dadurch hervor, daß er das Regierungs-
mitglied Ebert wegen der Antwort, die dieser am 6. Dezember den demon-
strierenden Soldaten gegeben hatte, ein Schandmal der Regierung nannte.
Gegen eine Bemerkung Dittmanns, daß man Revolutionen nicht machen könne,
stellte er fest, daß er und ein Teil seiner Freunde schon seit 1916 die Re-
volution vorbereitet hatten, und teilte mit, daß am 2. November 1918 in einer
Sitzung ihres Revolutionsausschusses alle Teilnehmer bis auf Haase und
noch einen der Meinung gewesen seien, daß man am 4. November los-
schlagen müsse. Am Abend des gleichen Tages sei in einer neuen Sitzung
dann noch Dittmann an Haase's Seite getreten, während Karl Liebknecht
seine Putschtaktik empfahl, die wiederum er, Ledebour, bekämpft habe.
89
So sei die Sache infolge der voii den Flaumachern ausgehenden Hem-
mungen auf mehrere Tage verschleppt und den Ebert-Scheidemann Gelegen-
heit gegeben worden, nun ihrerseits die Sache in die Hand zu nehmen. B;s
zum Ausbruch der Revolution seien Scheidemann und dessen Freunde die
Nutznießer des Belagerungszustandes gewesen und jetzt seien sie die Nutz-
nießer der Revolution.
Vom Rat der Volkbeauftragten nahmen in dieser Diskussion noch Otto
Landsberg, Emil Barth und Fritz Ebert das Wort. Ersterer verteidigte dei
Rat gegen eine Reihe der Anklagen Müllers und begründete die Beanstandung
der Geldforderungen des Berliner Vollzugsrats, Barth überraschte seine Kol-
legen im Rat der Volksbeauftragten durch eine gegen sie gerichtete Philippika.
Er warf ihnen vor, daß sie in Fragen der Entmilitarisierung Deutschlands
viel zu zaghaft vorgingen, in Fragen des angeblich notwendigen Grenz-
schutzes im Osten und im Westen den Militaristen viel zu sehr freie Hand,
sich von ihnen viel zu willkürlich mitspielen ließen. Er stellte den Antrag,
wonach jetzt energisch eingegriffen, jeder Grenzschutz, der nicht zur Em-
mobilisierung notwendig sei, sofort im Osten und im Westen aufgehoben
werden müsse. Alle Offizere müßten sofort bei der Ankunft in die Garni-
son entlassen, die älteren und kranken gegen Ruhegehalt, die jungen gegen
Gewährung von Mitteln zur Erlernung eines bürgerlichen Berufs. Ebert
erwiderte, wenn Barth geglaubt habe, seine Kollegen im Kabinett zum Gegen-
stand von Angriffen machen zu sollen, dann sei es wohl seine Pflicht ge-
wesen, sich vorher mit ihnen ins Benehmen zu setzen. Was er vorgetragen
habe, seien zum Teil Dinge, über die im Kabinett einstimmig Beschluß ge-
faßt worden sei, über andere stehe die Entscheidung noch aus. Die Re-
gierung habe für schnellste Zurückführung der Truppen und für die Siche-
rung großer Lebensmitteltransporte Sorge zu tragen gehabt, und das habe
bestimmte militärische Schutzmaßnahmen unvermeidlich gemacht. In der
Frage von Sicherheitsmaßnahmen im Westen, die vielfach von Genossen und
Soldaten verlangt würden, liegen nur erst Vorschläge der Heeresleitung vor,
betreffs deren die Regierung diese um genauere Auskünfte ersucht habe
und der Antwort entgegensehe. Ein Beschluß sei überhaupt noch nicht ge-
faßt. Könne man da Barth's Vorgehen als gerechtfertigt erachten? Es
gefährde das Zusammenarbeiten im höchsten Grade, und er, Ebert, müsse
seinen engeren Freunden vorbehalten, zu entscheiden, ob sie, wenn nicht
Bürgschaften gegen solche Vorgänge geschaffen werden, überhaupt noch in
der Lage seien, weiter mitzuarbeiten.
Ebert hatte mit zurückgehaltener Bitterkeit gesprochen, aber seine
Schlußbemerkung rief um so größere Erregung hervor, von allen Seiten
meldeten sich Redner zum Wort, was den Vorsitzenden Leinert zu der Auf-
forderung an die Delegierten veranlaßte, sich in Fraktionen zu gruppieren,
damit eine systematische Anordnung der Rednerliste stattfinden könne. Zur
Zeit gebe es neben den zwei sozialdemokratischen Fraktionen noch die
Fraktion der Soldaten und die Fraktion der Demokraten.
Hier setzte die oben beschriebene Unterbrechung durch die Soldaten-
deputation ein, die zur Verlegung der Sitzung auf den folgenden Tag führte.
An diesem, dem 18. Dezember, wurden zunächst die Anträge der Soldaten
diskutiert, die erneute Abordnung der Spartakusleute abgefertigt und die
Schlußreden von Müller und Dittmann entgegengenommen. Müller vertei-
digte den Berliner Vollzugsrat gegen die Angriffe, die in der Diskussion
90
gegen ihn erhoben worden waren, und hielt seine Angriffe auf den Rat der
Volksbeauftragten aufrecht, Dittmann wies diese Angriffe zurück, betonte
gegenüber Ledebour, daß dessen Vorwürfe gegen Ebert schon in einer ge-
meinsamen Sitzung von Vollzugsrat und Rat der Volksbeauftragten zurück-
gewiesen worden seien, in der von 35 Mitgliedern des Vollzugsrats nur 5
für Ledebours Antrag auf Amtsentsetzung Eberts gestimmt hätten, erklärte
mit Bezug auf Barth's Vorwürfe, daß die Regierung den Militärs genau auf
die Finger sehe, und befürwortete dann von neuem und mit Nachdruck den
festen Zusammenhalt der Sozialisten über alle ParteidifTerenzen hinweg.
Bei der Abstimmung wurde ein Antrag des links-radikalen Sozialisten
Braß-Remscheid, sofort alle Maßregeln zur Entwaffnung der Gegenrevolution
zu ergreifen, angenommen, die andern von radikaler Seite gestellten Anträge,
darunter der Antrag Barth, aber abgelehnt. Zu erwähnen ist, daß einer dieser
Anträge unter dem Namen Levine-Essen eingebracht war, das heißt den
Bolschewisten Levine zum Urheber hatte, der später in dem Kommunisten-
aufstand in München eine Rolle spielte. Der Antrag erklärte, daß die Tätig-
keit der Volksbeauftragten auf die systematische Vernichtung der Macht der
Räte hinauslaufe und dadurch der Stärkung der Gegenrevolution diene.
Mit großer Mehrheit wurde gegen die Anträge der Radikalen folgender
Antrag der Mehrheitssozialisten Lüdemann und Genossen angenommen:
»Die Reichskonferenz der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands,
die die gesamte politische Macht in Deutschfand repräsentiert, überträgt
bis zur anderweitigen Regelung durch die Nationalversammlung die ge-
setzgebende und die vollziehende Gewalt dem Rat der Volksbeauf-
tragten. Der Kongreß bestellt ferner einen Zentralrat der Arbeiter- und
Soldatenräte, der die Ueberwachung des deutschen und des preußischen
Kabinetts ausübt. Ihm steht das Recht der Berufung und Abberufung
der Volksbeauftragten des Reiches und, bis zur endgültigen Regelung
der staatlichen Verhältnisse, auch der Volksbeauftragten Preußens zu.
Zur Ueberwachung der Geschäftsführung in den Reichsämtern werden
von dem Rat der Volksbeauftragten Beigeordnete der Staatssekretäre
bestellt. In jedes Reichsamt werden zwei Beigeordnete entsandt, die
aus den beiden sozialdemokratischen Parteien zu entnehmvn sind. Vor
Berufung der Fachminister und der Beigeordneten ist der Zentralrat
zu hören.«
Obwohl der Beschluß dem Zentralrat der Arbeiter- und Soldatenräte
damit ein sehr weitgehendes Kontrollrecht über die Volksbeauftragten zu-
sprach, erblickten die radikalen Unabhängigen und Kommunisten doch in
ihm eine so große Verkürzung der Machtbefugnisse der Räte, daß sie wieder-
holt Versuche machten, das nach ihrer Ansicht Verlorene durch Anträge
auf genauere Interpretation seines Sinnes und neue Anträge zurückzugewin-
nen. Die Handhabe dazu bot ihnen der zweite Punkt der Tagesordnung:
Erörterung der Frage Nationalversammlung oder Rätesystem.
Sie wurde durch das Referat des Mehrheitssozialiten Max C o h e n-
Reuß und das Gegenreferat Ernst D ä u m i g s eingeleitet. Das erstere war
außerordentlich sorgfältig durchgearbeitet und machte einen tiefen Eindruck.
Es begann mit einer umfassenden Schilderung all der Schwierigkeiten im
Innern und nach außen, mit denen die deutsche Republik zu kämpfen habe
und derer sie nicht Herr werden könne, wenn sie nicht schleunigst der ein-
gerissenen Desorganisation ein Ende mache. Das aber sei nur möglich durch
die Nationalversammlung. Im Augenblick sei »die Politik die Voraussetzung
ftfr die Ökonomie« geworden, eine geregelte Produktion in Deutschland nur
91
möglich durch die Nationalversammlung, die dem Lande eine Verfassung
gebe und das Reich zusammenhalte. Die Arbeiter- und Soldatenräte drück-
ten immer nur einen Teiiwillen des Volkes aus, niemals den Willen des
ganzen Volkes. Wer sich für die Diktaturtheorie auf Karl Marx berufe,
verkenne den Geist seiner Lehre. Der Sozialismus könne nicht durch Ge-
walt dekretiert werden, er sei ein organischer Entwicklungs- und Umbil-
dungsprozeß. In Rußland habe man das Pferd am Schwanz aufgezäuni.
Die Furcht, daß die Nationalversammlung keine sozialistische Mehrheit er-
• halten werde, wenn nicht vorher sozialisiert worden sei, sei durchaus un-
begründet, je eher die Wahlen zur Nationalversammlung stattfänden, um so
günstiger würden sie für den Sozialismus ausfallen. Die Sozialdemokratie
brauche auch die Unterstützung nennenswerter bürgerlicher und intellek-
tueller Kreise, deren Einfluß man nicht unterschätzen dürfe. Ein Streik dieser
Elemente würde den Zusammenbruch und den Einmarsch der Ententetrup-
pen bringen, auf eine Revolution in den Ententeländern sei vorläufig ganz
und gar nicht zu rechnen. Die Arbeiter- und Soldatenräte seien besser als
ihr Ruf, sie mögen mehr Geld als nötig ausgegeben haben, aber sie habe»
dafür Milliardenwerte gerettet. Die Aufgaben der Nationalversammlung
könnten sie dagegen nicht erfüllen, indes neben ihr fortbestehen und gute
Arbeit leisten. Unter stürmischem Beifall und Händeklatschen bittet Redner
die Versammlung, seinem Antrag zuzustimmen, der die Ansetzung der Wahlen
zur Nationalversammlung schon auf den 19. Januar 1919 fordere. Mit der
Mahnung, bis zum Wahltag unermüdlich für den Sozialismus zu werben,
schloß die Rede, der erneuter und lang andauernder Beifall folgte.
Der von ihr geschaffenen Stimmung gegenüber hatte der Gegenreferent
Däumig keinen leichten Stand. Einleitend drückte er sein Bedauern aus
fiber den philiströsen Verlauf der Versammlung und erklärte, daß diese durch
ihre jubelnde Zustimmung zur Forderung der Nationalversammlung ein
Todesurteil gegen das Rätesystem gefällt habe, das aber trotzdem lebe«
werde, denn es sei die gegebene Organisationsform der modernen Revo-
lution. Zwar stoße es noch auf viele Vorurteile bei den eigenen Klassen-
genossen der revolutionären Arbeiterschaft, aber ihm gehöre die Zukunft.
'Wie das parlamentarische System historische Notwendigkeit der bürgerlichen
Demokratie gewesen sei, so sei das Rätesystem die gegebene Ausdrucks-
"form der sozialistischen Gesellschaft. »Als Sie Cohen so lebhaft applaudier-
ten, der die Nationalversammlung und den nahen Wahltermin forderte, da
haben Sie Ihr eignes Todesurteil gesprochen«, rief Redner der Versammlung
zu und erging sich in Ausmalung der üblen Wirkungen, welche die Ein-
berufung der Nationalversammlung zur Folge haben werde. Sein Gegen-
antrag forderte, unter allen Umständen an dem Rätesystem als Grundlage der
sozialistischen Republik festzuhalten, »und zwar derart, daß den Räten die
höchste gesetzgebende und Vollzugsgewalt zusteht«, die Ausarbeitung eines
allgemein gültigen Wahlsystems für die Arbeiter- und Soldatenräte und
Bauernräte Deutschlands, die Ausschreibung auf Grund dieses Systems vo«
Wahlen zu einem Nationalkongreß der Arbeiter- und Soldatenräte Deutsch-
lands, der die Entscheidung über die künftige Verfassung Deutschlands zu
fällen habe. Bis dahin solle ein Zentralrat von 53 allen Teilen Deutschlands
zu entnehmenden Delegierten von Arbeiter- und Soldatenräten die höchste
Kontrollinstanz des Rats der Volksbeauftragten und der Reichsämter bilden.
Nachdem in der Debatte Redner für und gegen die Einberufung der
Nationalversammlung gesprochen hatten, forderte Lipinski von der Unab-
hängigen Sozialdemokratie zur Geschäftsordnung genaue Aufklärung, was in
dem beschlossenen Antrag Lüdemann, der eigentlich zu diesem Punkt der
Tagesordnung gehöre, unter parlamentarischer Überwachung der Volksbeauf-
tragten durch den Zentralrat zu verstehen sei. Namens der Volksbeauf-
tragten gibt Hugo Haase (unabhängig) folgende Erklärung ab:
»Unter parlamentarischer Bewachung versteht der Rat der Volks-
beauftragten, daß alle Gesetzentwürfe dem Zentralrat vorgelegt, und alle
wichtigen Gesetzesvorlagen mit ihm beraten werden. Er hält es für
ganz ausgeschlossen, daß bei dieser Regelung Zerwürfnisse zwischen
ihm und dem Zentralrat entstehen können. Es muß in dieser revolu-
tionären Periode rasch auf gesetzgeberischem Wege gearbeitet werden.
Sollte in irgend einem Falle es nicht zu einer Übereinstimmung kommen,
dann darf ein Vakuum nicht entstehen, sondern es muß dann der Rat
der Volksbeauftragten selbst entscheiden können, solange er das Ver-
trauen des Vollzugsrats hat, der ihn ja jederzeit abberufen kann.«
Geyer (unabhängig) fordert Unterbrechung^der Sitzung, da diese Aus-
kunft ihm und Freunden nicht genüge; sie müßten Gelegenheit haben, sick
in der Fraktion über die veränderte Situation auszusprechen. Der Antrag
wird jedoch abgelehnt, worauf Braß-Remscheid seine Gesinnungsgenossen
auffordert, den Saal zu verlassen und sich darüber schlüssig zu machen, ob
sie noch weiter an den Verhandlungen teilnehmen könnten. Während die
Spartakusleute und der größere Teil der Unabhängigen den Saal verlassen,
nimmt Hugo Haase noch einmal das Wort zur Sache selbst.
Der Vorsitzende der Fraktion der Unabhängigen führt aus, es sei zwar
im Rat der Volksbeauftragten Einstimmigkeit darüber, daß die National-
versammlung einzuberufen sei, aber über ihren Zweck herrschen noch Mei-
nungsverschiedenheiten. Die Fragestellung Nationalversammlung oder Räte-
system sei falsch, denn die Räte würden auch nach Einberufung der Natio-
nalversammlung ihre Bedeutung behalten. Die Gründe, die man für die
sofortige Einberufung der Nationalversammlung ins Feld geführt habe, seien
schon durch die Tatsachen als irrig widerlegt worden, überaus triftige
Gründe sprächen vielmehr dagegen, daß man den Termin sehr früh ansetze. In
den besetzten Gebieten könne nicht gewählt werden, ein großer Teil der
Soldaten könne noch nicht wählen, ein andrer großer Teil wisse noch gar
nicht, worum es sich bei der Wahl handle. »Das Schicksal der jungen
Republik darf nicht in den Händen unaufgeklärter Wähler ruhen.« Ein
großes Aufklärungswerk sei noch zu verrichten — vor allem bei den Frauen,
die nun zum ersten Mal wählen. Im Verlauf der vielfach mit Beifall auf-
genommenen Rede legte Haase scharfen Protest dagegen ein, daß die Polen.
ehe noch die Entscheidung über die Gebietsabgrenzung gefallen sei, in Ge-
bieten wählen ließen, die noch zu Deutschland gehörten.
Von den nach Haase sprechenden Delegierten traten namentlich Ver-
treter von Soldatenräten für baldmöglichste Vornahme der Wahlen ein. Des-
gleichen der Volksbeauftragte Scheidemann. Er erklärte sich gegen ein
dauerndes Bestehen der Arbeiter- und Soldatenräte, es würde »den absolut
sicheren Untergang von Handel und Industrie, den Ruin des Reichs und
unabsehbares Elend für unser Volk« bedeuten. Wenn das ganze Volk die
Verantwortung mittragen soll, dann müsse es auch mitbestimmen können.
In einer so verzweifelten Lage könne eine Klasse gar nicht allein die Ver-
antwortung tragen. Übrigens seien selbst in Berlin diejenigen, welche die
93
Wahlen verschieben wollen, in der Minderheit, sie machten nur mehr Spek-
takel als die andern. »Wir bedanken uns für die täglichen Spazierfahrten
mit Maschinengewehren, wir wollen keinen Bürgerkrieg, wir wollen Arbeit,
Frieden und Brot unserem Volk sichern und damit auch die Errungenschaften
der Revolution.«
Die letzten Worte, die auf die Umzüge anspielten, die von den Spar-
takusleuten unter Karl Liebknechts Führung alltäglich den Bewohnern der
Hauptstadt dargeboten wurden, wurden wieder von der Mehrheit mit stür-
mischem Beifall aufgenommen. Dann wurden, nachdem noch die Referenten
in Schlußworten ihren Kritikern geantwortet hatten, in der Abstimmung der
Antrag Geyer und Genossen, den Wahltermin auf den 16. März 1919 anzu-
setzen, mit allen gegen 50 Stimmen, der Satz im Wahlgesetzentwurf der
Volksbeauftragten, der als Wahltermin den 16. Febr. 1919 einsetzte, mit
allen gegen eine etwas größere Minderheit abgelehnt, dagegen der Antrag
Cohen, die Wahlen schon am 19. Januar 1919 vorzunehmen, mit rund 400
gegen etwa 50 Stimmen angenommen. Über den Antrag Däumig fand auf
Antrag der Unabhängigen namentliche Abstimmung statt. Sie ergab 98 Stim-
men für und 344 dagegen, der Antrag war abgelehnt.
Ein Antrag Geyer, der den von Haase interpretierten Satz in der Re-
solution Lüdemann so fassen wollte: »Der Zentralrat hat das volle Recht
der Zustimmung oder Ablehnung von Gesetzen vor ihrer Verkündung«, wird
von Ebert mit folgenden Worten als für die Volksbeauftragten unannehm-
bar bezeichnet:
»Wir stehen vor Schwierigkeiten, wie sie noch kein hochentwickel-
tes Land vor sich gesehen hat. Sollen Sie überwunden werden, so muß
der Regierung ein gewisses Maß von Bewegungsfreiheit bleiben Es
muß ein einheitlicher Wille durch das ganze Land gehen, vor allem muß
die Zentralinstanz schnell arbeiten können. Das dem Zentralrat ein-
geräumte Recht, die Mitglieder der Regierung abzuberufen, schließt jede
Willkür der Regierung aus und gibt ihm die absolute Sicherheit, daß
alle Träger der Regierungsgewalt das Vertrauen ihrer Beauftragten be-
sitzen müssen. Damit können Sie sich genügen lassen . . . Uns fehlen
die Rohstoffe und Nahrungsmittel. Nur schnellstes Handeln kann beim
Auftreten wichtiger Fragen uns retten. Müßten wir zu jedem Gesetz
die Zustimmung des Zentralrates einholen, so wäre das um so unmög-
licher, als heute alles, was sonst durch Verordnung des Bundesrats oder
der Reichsämter bestimmt wurde, durch ein Gesetz gemacht werden
muß. Wir müssen z. B. auf telefonische Anfragen der Waffenstillstands
kommission sofort die schwierigsten Entscheidungen fällen. Unsere
Freunde von den Unabhängigen erklären gleich mir, daß wir, wenn der
Kongreß dem Antrag Geyer zustimmt, die Verantwortung unmöglich
weiter tragen können. Was auf dem Gebiet des Zusammenarbeitens
mit dem Zentralrat geschehen kann, das soll geschehen, aber die Exe-
kutive und Legislative muß in den Händen der Volksbeauftragten
liegen.«
Das habe der Kongreß Tags vorher beschlossen, und die Volksbeauf-
tragten seien, wenn er dies jetzt umkehre, nicht willens, die auf ihnen ruhende
Verantwortung zu tragen. Es sei das keine Drohung, sondern lediglich
Ausdruck ihrer ihnen durch die Erfahrung eingeprägten Überzeugung, und
zwar auch die der Vertrauensleute der unabhängigen Sozialdemokratie.
Trotz dieser mit großem Ernst abgegebenen Erklärung traten die radi-
kalen Unabhängigen Rechtsanwalt Obuch und Volksbeauftragter Barth noch
scharf für den Antrag Geyer ein. Obuch's Rede schloß mit den V/orten:
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»Hinter der Argumentation von der Erschwerung der Gesetzgebung und
Verwaltung steckt etwas anderes. Proletarier seid auf der Hut! Haltet fest
an Eurem Recht!« Barth führte aus, daß der Antrag Geyer angenommen
werden müsse, um das Vertrauen der Massen wieder zu gewinnen. Dem
gegenüber beantragt Lüdemann namens der sozialdemokratischen Frak-
tion, es bei der Erklärung Haase's bewenden zu lassen, worauf Volks-
beauftragter Landsberg noch einmal auseinandersetzt, daß, wenn der Rat
der Volksbeauftragten arbeitsfähig sein solle, der Antrag Geyer unannehm-
bar sei.
Auf Antrag von unabhängiger Seite, der große Lärmszenen verursacht,
wird namentliche Abstimmung über die Anträge Geyer und Lüdemann be-
sehlosen. Ihr Ergebnis, das am folgenden Tage bekannt gegeben wird, ist
290 Stimmen für den Antrag Lüdemann, 115 Stimmen für den Antrag Geyer.
Es verbleibt demnach bei der Interpretation Haase's über das Verhältnis von
Vollzugsrat und Volksbeauftragten.
Inzwischen ist in der Fraktion der Unabhängigen auf Betreiben Lede-
bours und entgegen dem dringenden Rat Haase's der Beschluß gefaßt wor-
den, sich an der Wahl der Mitglieder des beschlossenen Zentralrats der
Arbeiter- und Soldatenräte überhaupt nicht zu beteiligen, und der Unab-
hängige Braß teilt dies dem Kongreß mit. Es werden infolgedessen nur
die auf der Liste der Sozialdemokratischen Partei verzeichneten Personen
in den auf 27 Mitglieder normierten Zentralrat gewählt, nämlich:
Robert Leinert (Hannover), Georg Mayer (Ostfront), Hermann Wäger
(Ostfront), Hugo Struve (Westfront), Emil Pörschmann (Westfront), Max
Cohen (Heimat), Max Pfaff (Marine), Müller (Berlin), Heinrich Zwesta
(Nürnberg), Heinrich Schäfer (Köln), Hermann Kahmann (Dresden),
Fritz Herbert (Stettin), Walter Lampel (Hamburg), Albert Stuber (Eß-
lingen), Richard Kater (Karlsruhe), Wilhelm Knoblauch (Darmstadt),
Gustav Heller (Berlin), Karl Prokesch (Münden), Karl Zörgiebel (Köln),
Karl Bethge (Freiburg), Fritz Voigt (Breslau), Heinrich Kürbig (Ham-
burg), Otto Sydow (Brandenburg), Albert Grzesinski (Kassel), Max König
(Dortmund), Fritz Faß (Westfront), Robert Kohl (Ostfront).
Mit der Wahlenthaltung der Unabhängigen war die Stellung ihrer Par-
teimitglieder im Rat der Volksbeauftragten auf das Schwerste kompromittiert.
Sie legte es den Haase und Genossen sehr nahe, nun ihrerseits zurück-
zutreten. Wenn sie das nicht taten, so brachten sie damit der Sache der
Republik ein Opfer, was der neugewählte Zentralrat auch dadurch anerkannte,
daß er ihr Mandat gar nicht erst in Frage stellte.
Von unabhängiger Seite — Geyer-Leipzig — ward noch beantragt, da
der Kongreß sich gegen alle separatistischen Bestrebungen erklärt und die
Wahl zur Nationalversammlung schon auf den 19. Januar angesetzt habe,
möge beschlossen werden, daß Wahlen zu den Landtagen überhaupt nicht
mehr erfolgen sollen. Gegen ihn wird jedoch darauf hingewiesen, daß in
einigen Staaten solche Wahlen schon stattgefunden haben, auch würde seine
Annahme nur die Wirkung haben, den Wahlkampf zu zersplittern und den
bürgerlichen Parteien eine in breiten Volkskreisen zugkräftige Parole zu
liefern. Er wird dann auch gegen eine kleine Minderheit abgelehnt.
Das Referat Rudolf Hilferdings über die Sozialisierung des Wirtschafts-
lebens, das den nächsten Gegenstand der Tagesordnung bildete, läßt sich
kennzeichnen als eine sachkundige Darlegung des Weges, den die Soziali-
sierung rationellerweise gehen müsse, nämlich bei der schon monopolistischen
95
Charakter tragenden Produldion der Kohle und der Massenartikel der Schwer-
industrie anfangen und dann schrittweise weitergehen. Dadurch gewinne
man auch starken Einfluß auf das Bankkapital, während die sofortige Sozia-
lisierung der Banken bei der zerrütteten Lage des deutschen Wirtschafts-
lebens, das erst wieder aufzubauen sei, sich nicht empfehle. Nur einzelne
Zweige des Bankwesens seien dazu geeignet. Wenn man aber nur ein-
zelne Gruppen von Unternehmungen sozialisiere, sei die Entschädigung der
Unternehmer nicht zu umgehen, was durch Gewährung von Staatsrenten
geschehen könne. Auf dem Lande sei nur der Großgrundbesitz zur Sozia-
lisierung geeignet, an die übrige Landwirtschaft komme man durch das
Getreidemonopol heran. Jedenfalls brauche das Sozialisieren Zeit, eine po-
litische Revolution mache sich verhältnismäßig leicht, die Ersetzung einer
Wirtschaftsform durch eine andere sei dagegen ein langwieriger Prozeß, die
Revolution könne da keine Wunder wirken. Indes sei ja auch das deutsche
Proletariat in der Lage, warten zu können, da es den Achtstundentag habe
und sich in einer Periode steigender Löhne befinde. Inzwischen sollen die
Arbeiter die Sozialisierungsfrage nicht als eine Lohnfrage betrachten, sondern
als die Verwirklichung eines sozialen Ideals, die das systematische Zu-
sammenwirken aller Sozialisten erfordere. Mit dem Geist dieses Ideals
müssen die Sozialisten die Menschheit erfüllen.
Der Vortrag erntete lebhaften Beifall, an dem sich namentlich die
Fraktion der Mehrheitssozialisten beteiligte. Aus ihren Reihen ward auch
in der anschließenden Diskussion vorwiegend in seinem Sinne gesprochen.
Die Delegierten Möhlich-Dortmund, Berten-Düsseldorf, Schreck-Bielefeld und
andere betonten energisch, daß es sich bei der Sozialisierung um ein Werk
handle, das ein organisches Vorgehen erfordere, zunächst also durch Be-
triebskontroüe und ähnliche Maßnahmen vorzubereiten sei. Im Gegensatz
dazu forderten Emil Barth und andere unverzügliche Sozialisierung, die
schon aus dem Grunde nötig sei. daß es sonst unmöglich sein werde, die
Arbeiter in den Betrieben zu halten.
Nach einem kurzen Schlußwort Hilferdings, worin dieser noch einmal
vor der Annahme warnt, daß die Sozialisierung nun auch sofort eine Bes-
serung der materiellen Lage der Arbeiter bringen werde, und hinzufügt, daß
sie sogar unter Umständen von den Arbeitern Opfer verlangen werde, da man
heruntergewirtschaftete Betriebe würde übernehmen müssen, die nicht sofort
hohe Löhne zahlen könnten, wird mit großer Mehrheit ein Antrag Lüdemann-
Severing angenommen, der die Regierung beauftragt, unverzüglich mit der
Sozialisierung aller dazu reifen Industrien, insbesondere im Bergbau zu be-
ginnen. Ebenso findet ein von unabhängiger Seite gestellter Antrag An-
nahme, der für den Bergbau Mindestlöhne und den Achtstundentag mit Er-
rechnung von Einfahrt und Ausfahrt forderte. Desgleichen ein Antrag der
Soldatenfraktion auf baldigen Erlaß eines Heimstättengesetzes und Förde-
rung der Heimstättenbewegung durch eine Notverordnung.
Ein ganz anderes Schicksal hatte dagegen ein Autrag der Soldatei-
fraktion, der einen Zusammenschluß der beiden sozialdemokratischen Frak-
tionen und insbesondere die Bildung einer gemeinsamen sozialdemokra-
tischen Kampffront im Wahlkampf forderte. Er führt zu Sturmszenen, die
alles in dieser Beziehung auf dem Kongreß schon Vorgefallene in Schat-
ten stellen.
96
Zunächst empfiehlt der Unabhängige Seeger-Leipzig, den Antrag über-
haupt nicht zur Abstimmung zu bringen, da der Kongreß nicht für ihn zu-
ständig sei, und der Mehrheitler Severing-Bielefeld erklärt sich damit ein-
verstanden. Dem widerspricht der Mehrheitler Sicker (Frankfurt), und das
Mitglied der Soldatenfraktion Heitmann-Königsberg begründet nun deren
Antrag. Folgendes nach dem Bericht des Vorwärts vom 21. Dezember 1918
seine Aufnahme.
Heitmann (Soldatenfraktion) tritt in lebhafter Rede für den Antrag
ein.
Die Soldaten haben kein Verständnis für den Bruderkampf, auch soweit
sie die Kriegspolitik Scheidemanns verurteilen. Jetzt nach Beendigung
des Krieges liegt gar kein Grund mehr zu einer Spaltung wegen der
Kriegspolitik vor. So denken Millionen von Soldaten. Die
Unterschiede sind gar nicht mehr so groß. Not und Elend müssen so
schnell wie möglich beseitigt werden. Im Kampf gegen den Kapitalis-
mus können wir uns den Luxus des Bruderkampfes nicht mehr erlauben.
In diesem historischen Augenblick sollten sich die beiden Parteien
wieder zusammenschließen. (Lebhafter Beifall. — Lärmende Kund-
gebungen gegen die Mehrheitssozialisten bei den Linksradikalen und
den Tribünenbesuchern.) Das ist die Folge, wenn wir nicht einheitlich
in den Wahlkampf ziehen. (Demonstrativer Beifall bei der Mehrheit.)
Dem Soldatenredner, der unter anderem noch bemerkt hatte, daß der
Gegensatz zwischen Haase und Liebknecht größer sei als der zwischen
Haase und Ebert, stimmt der Mehrheitler Kahmann-Dresden zu, anders Georg
Ledebour. Er erklärt das, was der Antrag wolle, für gut und schön, es
sei aber nicht in der vorgeschlagenen Weise zu erzielen.
»Im Zusammenarbeiten mit den Arbeitern müssen wir sie für den von
uns betriebenen entschiedensten Sozialrevolutionären Kampf gewinnen,
aber nicht Verschmelzung oder gemeinsame Listen, wie auch Dittmann
empfohlen hat. (Dittmann: »Nein, das habe ich nicht, ich habe nur
die Notwendigkeit des gemeinsamen Kampfes des Proletariats betont. —
Gegenruf aus der radikalen Ecke: Mit Scheidemann?) Mit Ebert, Scheide-
mann und Landsberg, den Hauptschuldigen daran, daß der Kapitalismus
den Krieg überleben konnte, in ein Kabinett einzutreten, war der schwerste
Fehler unserer Freunde von der U.S.P. (Stürmischer Beifall bei den
Radikalen. Lebhafter Widerspruch der Mehrheit.) Die Überrumpelung
durch Lüdemann und die Vergewaltigung durch diese unaufgeklärten
Leute (Redner weist auf die Soldaten, neue stürmische Beifalls- und
Widerspruchskundgebungen), die noch unter der Verhetzungspsychose
leiden, beweisen, daß die Zeit für die Einigung erst da ist, wenn
auch diese unaufgeklärten Leute den Sinn der Revolution erkannt haben.«
(Stürmischer Widerspruch der Mehrheit, großer Beifall bei den Radi-
kalen, Rufe von dort und von den Tribünen: man muß die Volksverräter
hinausschmeißen.)
Der nächste Redner ist der Volksbeauftragte Scheidemann. Kaum er-
scheint er auf der Tribüne, so erhebt sich ein furchtbarer Lärm. Radikale
Delegierte brechen in unaufhörliche Beschimpfungen, wie Lump, Schuft,
Kriegshetzer usw. gegen ihn aus und werden dabei von den Besuchern auf
der Tribüne unterstützt, die teils dazwischen schreien, teils auf Hausschlüs-
seln, einige sogar auf mitgebrachten Straßenjungenpfeifen ein Pfeifenkonzert
anstimmen, was die Mehrheitssozialisten mit entrüsteten Gegenrufen und
mit stürmischen Begrüßungen Scheidemanns sowie anhaltendem Händeklat-
schen beantworten. Nur mühsam kann Redner sich verständlich machen,
denn kaum daß er einige Worte gesprochen, so beginnt auch schon der Lärm
7 97
von neuem. Er anerkennt die guten Absichten des Antrags der Soldaten-
fraktion, stellt aber die Unmöglichkeit fest, auf diesem Kongreß in eine rein
parteipolitische Auseinandersetzung einzutreten; hier sei objektives Urteil un-
möglich. Alle Bemühungen nach dieser Richtung haben nur das Gegenteil
von dem erzielt, was sie wollten.
Rufe der Radikalen im Saal und auf den Tribünen: Erst muß Scheide-
mann weg, weg mit Scheidemann!
Scheidemann: In einer halben Stunde gehe ich ohnehin zum Essen,
(Große Heiterkeit und neuer Lärm.) Der Erfolg des Einigungsantrags
war diese Auseinandersetzung und die letzte Rede Ledebours. Heraus-
gekommen ist höchstens eine neue Zuspitzung der gegenseitigen Ab-
neigung. Es zeigt sich nur wieder, daß so manche Genossen, statt
den Kapitalismus zu bekämpfen, lieber die Arbeiterschaft auseinander-
sprengen «
Der Lärm steigert sich jetzt durch Auseinandersetzungen im Saal
zwischen Mehrheitlern und Unabhängigen zu unbeschreiblicher Intensität,
so daß Scheidemann nach einigem Warten erklärt, trotz seines guten Organs
auf den Kampf mit den Schreiern zu verzichten. Er tritt mit den Worten
von der Tribüne ab:
>Die Antwort, die Sie von mir nicht hören wollen, werden Ihnen am
19. Januar die deutschen Arbeiter geben.«
Erneuter Sturm, worauf der Soldatendelegierte Lampel namens seiner
Fraktion deren Resolution mit der Erklärung zurückzieht, er bitte seine
Freunde von der West- und Südwestfront, das, was sie in Berlin gesehen,
dort bekannt zu geben, damit die Kameraden die Antwort darauf geben
können, und eine weibliche Delegierte, Frau Lau, fordert in bewegten Worten
die Delegierten auf, die Zeit bis zum Wahltag zur unablässigen Agitation
für den Sozialismus auszunutzen, und endet mit einer erneuten Mahnung
zur Einigkeit. Doch wird eine Anregung der revolutionären Fraktion Lauf-
fenberg und Genossen, wieder in die Diskussion über den Einigungsantrag
einzutreten, vom Kongreß abgelehnt. Ein Antrag der Unabhängigen Frak-
tion, die diplomatischen Beziehungen zu Sowjetrußland unverzüglich wieder
aufzunehmen, wird mit großer Mehrheit dem Rat der Volksbeauftragten
überwiesen. Es kommen noch zwei dem Kongreß übersandte Proteste ent-
gegengesetzter Tendenz zur Verlesung, und dann wird dieser vom Vorsitzenden
Leinert mit einer kurzen Ansprache geschlossen, die in die Worte ausläuft:
>Nicht Auflösung, sondern Hinaufführung des deutschen Volkes und
Deutschlands zur höchsten Kultur, zu Glück und Freude wollen wir,
damit es auch die Liebe zur Arbeit, zur Arbeit nicht für Kapitalisten,
sondern für sich selbst gewinnt. Das revolutionäre sozialistische Deutsch-
land, die geeinte sozialistische Republik Deutschland lebe hoch!«
Und mit Ausnahme eines Teils der Radikalen stimmen die Delegierten
in ein dreimaliges Hoch ein.
Noch am gleichen Tage konstituiert sich der vom Kongreß gewählte
Zentralrat der Arbeiter- und Soldatenräte und wählt zu seinen Vorsitzenden
Leinert-Hannover, Cohen-Reuß, Hermann Müller-Berlin, zu Schriftführern
Wäger-Ostfront und zum Kassierer Schäfer- Köln. Eine Besprechung mit
dem Rat der Volksbeauftragten über die Durchführung der vom Kongreß
angenommenen Anträge ergibt Übereinstimmung in allen wesentlichen Punk-
ten. Die Zusammensetzung des Rates wird unverändert belassen.
Aber das betraf nur die Personen. Die Position der zwei Gruppen,
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aus denen er sich zusammensetzte, zu einander hatte sich bedeutsam ver-
schoben. Während den drei Mitgliedern aus der Mehrheitssozialdemokratie
nun der ganze Zentralrat Deckung bot, war den drei Mitgliedern aus der
Unabhängigen Sozialdemokratie durch die von Ledebour und Gleichgesinn-
ten erwirkte Enthaltung der Unabhängigen bei der Wahl des Zentralrats die
parteigenössische Deckung in diesem entzogen, sodaß sie gewärtigen muß-
ten, nunmehr bei der ersten ernsthaften Meinungsverschiedenheit überstimmt
zu werden.
Einstweilen freilich herrschte in beiden Gruppen der gute Wille vor,
solange es irgend angehe, an der Zusammenarbeit im Rat festzuhalten. Die
Mitglieder der Mehrheitssozialdemokratie im Rat begriffen, von welchem
Wert es für die Sache der Republik sei, daß ihre Leitung sich den Massen
nicht als die Vertretung einer einzelnen Fraktion darstelle, und das loyale
Verhalten der Haase und Dittmann auf dem Kongreß ließ erhoffen, daß die
kollegialische Verbindung zum mindesten doch vielleicht bis zum Zusam-
mentritt der Nationalversammlung vorhalten werde. Die genannten Unab-
hängigen und auch Emil Barth aber hielten es für ihre Pflicht, im Rat der
Volksbeauftragten solange auszuharren, als es ihnen möglich blieb, ihre Auf-
fassung dort mit Erfolg geltend zu machen.
>Indem man auf die Wahlbeteiligung verzichtete«, schrieb das Organ
der Unabhängigen, die »Freiheit«, in ihrem Artikel über den Kongreß
mit Bezug auf die Haltung der Unabhängigen, »begab man sich eines
wichtigen Mittels . . . auf die künftige Politik einzuwirken und brachte
überdies die der Unabhängigen Partei zugehörigen Volksbeauftragten
in eine schwierige Lage. Sie werden es künftighin sehr viel schwerer
haben als bisher, ihren Einfluß geltend zu machen und die Politik der
Regierung in sozialistischem Sinne vorwärts zu treiben. Ganz auf eine
Einwirkung innerhalb der Regierung zu verzichten, auch die Mitarbeit
im Rat der Volksbeauftragten einzustellen, wie von dem linken Flügel
des Kongresses auf eine Mitwirkung im Zentralvollzugsrat verzichtet
wurde, kann aber nicht als Ziel erscheinen. Die bisherige Entwicklung
hat gezeigt, daß unsere Genossen im Rat der Volksbeauftragten wohl
mit Hemmungen zu kämpfen haben und nicht alle ihre Wünsche durch-
zusetzen vermochten, daß aber ihr Einfluß doch auch nicht wirkungs-
los blieb. Ein Hinausgehen könnte nur dazu beitragen, die revolutionäre
Energie der Regierung noch weiter zu schwächen und bürgerlichem
Einfluß Tür und Tor zu öffnen.«
Der »Vorwärts« aber hatte schon Abends vorher von den Unabhängigen
geschrieben: »Sie sagen, sie seien nötig, um die Sozialdemokratie vorwärts
zu treiben. Wir bezweifeln das, wollen uns aber das Vorwärtstreiben gern
gefallen lassen, wenn es von innen heraus geschieht, und so allein kann
es, soweit es überhaupt nötig sein sollte, wirksam sein.«
Und in seiner Nummer vom 21. Dezember schrieb er mit Bezug auf
den letzten Tag des Kongresses:
»Auch dieser Tag hat gezeigt, wie wenig heute noch Sozialdemokraten
verschiedener Gruppen von einander trennt. Hilferdings kluges Referat
über die Sozialisierung hätte auch von einem »Rechtssozialisten«,
ebenso gehalten werden können. Wo in der Debatte von einander ab-
weichende Aleinungen zutage traten, zeigte sich doch, daß man sich
auf einer gemeinsamen sachlichen Grundlage befand.«
Das klang alles recht hoffnungsvoll, doch sollte in Wirklichkeit das
Zusammenarbeiten im Rat der Volksbeauftragten keine zehn Tage mehr an-
dauern.
7* 99
Der Matrosenaufstand in Berlin
Von Weihnachten 1918.
Es lag in der Natur der Sache, daß das Ergebnis des Kongresses der
Arbeiter- und Soldatenräte in den Reihen derjenigen Sozialisten Berlins,,
welche der Regierung Ebert-Haase mißtrauisch oder entschieden oppositio-
nell gegenüberstanden, mit großem Mißvergnügen aufgenommen wurde.
Ganz besonders unangenehm mußte es die radikaleren Elemente des Ber-
liner Vollzugsrates berühren. Denn dieser war nun seines Mandats als
führendes Organ der auf dem Boden der Revolution stehenden Arbeiter und
Soldaten Deutschlands entkleidet, in der Rgierung aber war die Position der
gemäßigten Sozialisten ganz wesentlich gestärkt. Wohl unterwarf sich, wie
anerkannt werden muß, der Vollzugsrat loyal dem seine Position ändernden
Beschluß des Kongresses. In einer von Max Cohen und Hermann Müller
im Auftrage des neugewählten Zentralrates und Brutus Molkenbuhr und
Richard Müller im Auftrage des Vollzugsrates gezeichneten Bekanntmachung
ward unter dem 21. Dezember 1918 der Wechsel der Funktionen mit dem
Zusatz bekannt gegeben, daß alle vom Vollzugsrat ausgestellten Vollmachten
und Legitimationen mit dem 28. Dezember ihre Gültigkeit verlieren und fortan
Vollmachten für Angelegenheiten des Reiches und Preußens vom Zentralrat,
Vollmachten für Berliner Angelegenheiten vom Vollzugsrat der Arbeiter- und
Soldatenräte Groß-Berlins ausgestellt . würden. Aber die Gährung in den
Gemütern dauert fort und wird vom Spartakusbund und dessen Agenten in
jeder Weise geschürt. Als am 21. Dezember die bei dem Zusammen-
stoß vom 6. Dezember gefallenen Arbeiter in feierlichem Zug zu Grabe ge-
tragen wurden, nahm Karl Liebknecht dreimal das Wort und beschuldigte
jedesmal in schärfsten Ausdrücken die Männer der Regierung, daß sie allein
die Schuld an der Schießerei und dem Tode der Gefallenen trügen. In
seiner Nummer vom 22. Dezember weist der »Vorwärts« das zurück und
schreibt :
>Wir wollen die freie demokratische Ordnung der Republik. Lieb-
knecht hetzt mit Lügen zum Bügerkrieg und klagt dann über die
Opfer, die doch nur die Opfer seines eigenen gewissenlosen
Treibens sind. Er ist nicht zur Vernunft zu bringen. Auf die
Vernunft, die Besonnenheit, den Gerechtigkeitssinn der Berliner
Arbeiter aber hoffen wir!«
Diese Eigenschaften waren auch sicherlich in hohem Grade vorhanden.
Aber es wirkten Faktoren der verschiedensten Art zusammen, das Vertraue»
100
in den guten Willen und die Umsicht der vom Spartakusbund mit beson-
derem Eifer bekämpften Personen in der Regierung zu erschüttern. Auch
geschah nicht alles, was nötig war, die Arbeiterschaft über die Bedeutung
der in die Massen geworfenen Schlagworte aufzuklären.
Mitte Dezember 1918 hatte der Spartakusbund ein Manifest veröffent-
licht, in dem er seine Politik und seine Ziele programmatisch darlegte. In
einer, den lapidaren Sätzen des kommunistischen Manifests nachgebildeten
Sprache mischt es Anklänge an dieses letztere mit rein blanquistischen
Schlagworten und Stücken aus den Kundgebungen und Verordnungen der
Bolschewisten in einander. Da heißt es zum Beispiel, nachdem der erstrebte
Gesellschaftszustand kurz als Kommunismus skizziert worden war:
»Als Uebergang zu diesem Gesellschaftszustande ist die bewaffnete
Herrschaft der Arbeiterklasse notwendig.
Unter der Herrschaft der Arbeiterklasse liegt alle bestimmende und
ausführende Gewalt in den Arbeiter- und Soldatenräten und ihren
Vollzugsausschüssen. Die oberste Gewalt haben der Reichskongreß
der Arbeiter- und Soldatenräte und sein Vollzugsausschuß.
Wahlrecht zu den Arbeiter- und Soldatenräten darf nur die arme
arbeitende Bevölkerung haben. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht
regieren.
Unter der Herrschaft der Arbeiterklasse wird das Eigentum der
Kapitalisten an den Produktions- und Verkehrsmitteln beseitigt. Alle
Banken, die Herzen des kapitalistischen Wirtschaftssystems, und in-
dustriellen und Verkehrsbetriebe werden von der Arbeiterschaft in
Besitz genommen.
Unter der Herrschaft der Arbeiterklasse wird bei der Verteilung
der Lebensmittel zuerst die arbeitende Bevölkerung ausreichend versorgt.
Um die Preßfreiheit für die Arbeiterschaft unbedingt zu verwirk-
lichen, werden Papier- und Betriebsstoff beschlagnahmt und der Ar-
beitet schaft zur Verfügung gestellt.
Als militärische Stütze ihrer Herrschaft schafft sich die arbeitende
Bevölkerung eine kommunistische Garde, bestehend aus Arbeitern und
Soldaten.«
Und in einem »Gebot der Stunde« betitelten Abschnitt wird entwickelt:
>Die Herrschaft der Arbeiterklasse ist nur erreichbar auf dem
Wege der bewaffneten Arbeiterrevolution. Die Kommunisten sind ihre
Vorkämpfer.
Diese wird kommen, denn das Bürgertum setzt sich zur Wehr,
und die Arbeiterklasse wird nur zu wählen haben zwischen Knechtung
durch das Bürgertum und ihrer Herrschaft über das Bürgertum.
Die von der jetzigen Regierung vorbereitete Nationalversammlung
würde ein Organ der Gegenrevolutionäre zur Erdrosselung der Arbeiter-
revolution werden. Ihr Zustandekommen muß mit allen Mitteln ver-
hindert werden.«
Damit war, wenn Worte noch einen Sinn haben, der gewalttätige
Kampf zur Niederhaltung aller nichtspartakistischen Elemente, die Vergewal-
tigung der ausführenden Organe der Republik proklamiert. Zum Überfluß
folgt auch bald darauf der dem literarischen Arsenal des Blanquismus ent-
nommene Satz: »Das Bürgertum bereitet sich zum Bürgerkrieg vor. Es will
ihn«, und wird an diese, in jenem Augenblick jeder tatsächlichen Unterlage
entbehrende Behauptung der Aufruf geknüpft:
Wir rufen daher der Arbeiterschaft zu: Haltet Euch bereit! Or-
ganisiert Euch, der Kampf für die Schaiiung des offenen Weges zum
Kommunismus steht nahe bevor. Tragt den revolutionären Geist in.
die Arbeitermassen!«
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Allerdings heißt es dann weiterhin plötzlich:
>Die proletarische Revolution bedarf für ihre Ziele keines Ter-
rors. Sie haßt und verabscheut den Menschenmord. Sie
bedarf dieser Kampfmittel nicht, weil sie nicht Individuen, sondern
Institutionen bekämpft.«
Schon der gleich darauf folgende Abschnitt »Maßnahmen zur Siche-
rung der Revolution« enthält jedoch Bestimmungen, die, wie die Verhin-
derung der eben erst von dem Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte
beschlossenen Wahlen zur Nationalversammlung, nach Lage der Dinge ohne
Terror und blutigen Kampf garnicht durchführbar waren. Gleich der erste
Satz verkündet:
Entwaffnung der gesamten Polizei, sämtlicher Offiziere, sowie der
nicht proletarischen Soldaten, Entwaffnung aller Angehörigen der herr-
schenden Klassen.«
Es wird einem schwer zu glauben, daß eine so geistig begabte und
wissenschaftlich gebildete Person wie Rosa Luxemburg an diesem ebenso
konfusen, wie demagogisch hetzerischen Machwerk mitgearbeitet haben
kann. Zumal das Programm der wirtschaftlichen Maßnahmen eine hoch-
gradige Unkenntnis der elementarsten Erfordernisse des Wirtschaftslebens
eines Industriestaates wie Deutschland verrät. Eines freilich muß man ihr
zugute halten: als Frau und obendrein Ausländerin hatte sie in Deutschland
das Arbeiten von Gesetzgebung und Verwaltung immer nur von außen ken-
nen gelernt, von deren Innenbetrieb dagegen keine klare Vorstellung, wie
ihr auch das organische Triebwerk wirtschaftlicher Unternehmungen und
seine funktionellen Lebensbedingungen gänzlich unbekannt sein mußten. Bei
alledem hätte ihr doch nicht und noch weniger einem Karl Liebknecht, der
in der Gesetzgebung und Verwaltung tätig gewesen war, die Tatsache ent-
gehen können, daß der Versuch der Umsetzung dieses Manifestes in die
Praxis Deutschland in den Zustand einer mörderischen und verheerenden
Anarchie versetzen mußte. Nicht voraussetzen aber konnte man diese Ein-
sicht bei den vielen politisch ungeschulten Elementen, die sich damals
plötzlich in die politische Bewegung hineingezogen sahen, und da es immer
deutlicher sich zeigte, daß große Teile dieser Elemente von der Dialektik
des Manifestes bestochen wurden, war es nicht überflüssig, dessen inneren
Widersprüche und die verderbliche Natur seiner Weisungen dem Volke in
klarer, verständlicher Sprache in Flugschriften eindrucksvoll darzulegen. Das
ist aber nicht geschehen. Man hat wohl in allgemeinen Bemerkungen die
Tendenzen bekämpft, denen es Ausdruck gab, aber es für überflüssig ge-
halten, sich näher mit ihm zu befassen, offenbar, weil man sicher zu sein
glaubte, daß die große Mehrheit der Arbeiter und Soldaten sich von ihm
nicht zu Torheiten hinreißen lassen würden. Nichts pflegt sich aber in Zei-
ten allgemeiner Gährung schwerer zu rächen, als die Unterschätzung einer
an die Leidenschaften appellierenden Minderheit. Man muß in solchen Zeiten
stets gewärtig sein, daß Augenblicke eintreten, wo die besonnenen Elemente,
wie das in ihrer Natur liegt, durch Passivität unzuverlässig werden und
die von der Leidenschaft zur größeren Aktivität hingerissenen Elemente die
Straße beherrschen und eine Stoßkraft erhalten, die ihre ziffernmäßige Stärke
weit übersteigt.
Eine Probe davon lieferte der Matrosenaufstand in den Weihnachts-
tagen 1918, der kaum drei Tage nach dem Auseinandergehen des Kongresses
102
der Arbeiter- und Soldatenräte ausbrach und zu einem blutigen Straßeu-
kampf zwischen Regierungstruppen und Matrosen nebst Spartakusleuten
führte. Angesichts der für die weitere Entwickelung der Republik so ver-
hängnisvollen Rückwirkungen dieses Zusammenstoßes scheint eine ausführ-
liche Darlegung seiner Ursachen und seines Verlaufs angezeigt.
Die Beziehungen zwischen der Regierung und der in Berlin statio-
nierten sogenannten Volksmarinedivision hatten sich von Tag zu Tag un-
befriedigender gestaltet. Zum Teil waren die Ursachen unpolitischer Natur.
Über tausend Matrosen waren in den Räumen des großen, vordem kaiser-
lichen Marstall gegenüber dem alten Königsschloß untergebracht, und ein
Teil davon übte Wachdienst in letzterem selbst, das in seinen Prunkgemächern
allerhand Kunstgegenstände von großem Werte barg. Von diesen Wert-
sachen, deren Eigentumsverwaltung dem Finanzministerium unterstand,
kamen bald eine ziemliche Anzahl abhanden, sei es, daß unter den Ma-
trosen selbst Personen waren, die der Verführung zur Aneignung von öffent-
lichem Gut nicht Widerstand leisten konnten, sei es, daß von den vielen
Besuchern, die nunmehr in den den Matrosen zugewiesenen Räumen aus und
ein gingen, etliche die Gelegenheit zu wilden Requisitionen benutzten.
Massen gestohlenen Guts wurden in Kähnen, die an der Wasserseite des
Schlosses anlegten, verschleppt. Als die Diebstähle sich häuften, drang
das Finanzministerium immer stärker auf Änderung. Die Vertrauensmänner
der Matrosen zeigten auch den guten Willen, Abhilfe zu schaffen, doch er-
wiesen sich die nun getroffenen Schutzmaßnahmen als unzulänglich, es
fanden trotz ihrer immer wieder Entwendungen statt. Unter dem 12. Dezem-
ber 1918 unterbreitete der Finanzminister Hugo Simon, Mitglied der Unab-
hängigen Sozialdemokratie, dem Staatsministerium eine Denkschrift, die ein
unverzügliches Einschreiten, rasche und vollständige Entfernung der Ma-
trosendivision aus Schloß und Marstall forderte. Der Abschub. heißt es da,
müsse »unvermutet und plötzlich geschehen, damit keine Gelegenheit mehr
bleibt, geraubte Gegenstände, die sich in den Quartieren sicher noch be-
finden, wegzuschaffen.« (Elftes Aktenstück des Urkundenbandes der Unter-
suchung der preußischen Landesversammlung über die Januar-Unruhen 1919.)
So ward denn von Seiten der Regierung der Beschluß gefaßt, die Marine-
division zunächst aus dem Schlosse zu entfernen. Da letztere nun in bezug
auf Unterbringung und örtliche Bewegung der Stadtkommandantur unter-
stand, war es Aufgabe der letzteren, an deren Spitze der Mehrheitssozialist
Otto Wels stand, über die Einzelheiten der Räumung des Schlosses mit
den Matrosen in Verhandlung zu treten.
Bei diesen herrschten aber ganz andere Anschauungen und Wünsche
vor. Die Volksmarinedivision hatte vielmehr bei der Regierung den Antrag
gestellt, ihre Stärke zu erhöhen, sie aus dem Verband der Marine auszu-
scheiden und als ständige Truppe der unter Leitung von Wels in Bildung
begriffenen und etwas höher gelöhnten Republikanischen Soldatenwehr in
Berlin anzugliedern. Als die Matrosen nun erfuhren, daß im Gegenteil die
Stärke der Division auf 600 Mann verringert werden und sie das Schloß
ganz räumen solle, rief das bei einem Teil von ihnen nicht geringe Miß-
stimmung hervor, die von radikalen Elementen weidlich geschürt wurde.
Zwar hatte Wels, nachdem ihm vom Volksbeauftragten Ebert, der in der
Regierung die militärischen Angelegenheiten besorgte, der Auftrag geworden
war, sich behufs Ausführung des erwähnten Beschlusses mit der Volks-
103
marinedivision in Verbindung zu setzen, von dieser das Versprechen erwirkt,
dem Beschlüsse gemäß zu verfahren, und es waren auch an zwei aufein-
ander folgenden Tagen zusammen 90 Mann entlassen worden. Dann aber
machten sich andere Einflüsse geltend. Es wurden keine weiteren Entlas-
sungen gemeldet, und die Matrosen blieben im Schloß. Wie sich später
herausstellte, war bei ihnen die Meinung verbreitet worden, die maßgebende
Entscheidung über ihr Verbleiben liege nicht bei dem Volksbeauftragten,
sondern beim Berliner Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte, dessen
Zusammensetzung sich nach der radikaleren Seite hin entwickelt hatte. So
erklärt sich das Auftreten der Matrosendeputation auf dem Kongreß der
Arbeiter- und Soldatenräte (siehe voriges Kapitel), wie überhaupt die wil-
lige Aufnahme der spartakistischen Schlagworte auch bei den Matrosen.
Inzwischen wurde deren Löhnung fällig und Wels erhielt am 21. Dezember
von der Regierung den Auftrag, ihnen 80 000 Mark auszuzahlen, aber
erst, nachdem sie das Schloß geräumt und ihm sämtliche Schlüssel über-
geben haben würden. Anstatt der Räume im Schloß wurden ihnen Räume
in dem diesem östlich gegenüber gelegenen Marstall angewiesen, gleich-
zeitig aber verfügt, daß, entsprechend einer am 13. Dezember zwischen der
Kommandantur und der Volksmarinedivision getroffenen Abmachung, vom
1. Januar 1919 ab nur noch für 600 Mann Löhnung gezahlt werden würde.
Der Zahlungsbefehl der Regierung lautete wörtlich:
Berlin, den 21. Dezember 1918.
Der Rat der Volksbeauftragten weist die Stadtkommandantur an, dem Volks-
marinerat den Betrag von 80000 (achtzigtausend) Mark zu zahlen, indessen erst
nach Räumung des Schlosses und Herausgabe aller Schlüssel an die
Stadtkommandantur. Vom 1. Januar 1919 ab werden die Zahlungen nur
noch für 600 Mann geleistet gemäß der Vereinbarung zwischen der Stadtkommandan-
tur und dem Vorsitzenden des Zentralrats (53er Ausschuß) der Marine vom 13. d. Mts.
gez.: Ebert, Haase, Landsberg, Barth, Dittmann, Scheidemann.«*)
Wels ließ das die Führer der Matrosen wissen, und sein Adjutant, Leutnant
Anton Fischer, bestellte sie auf Sonntag, den 22. Dezember Vormittags
11 Uhr behufs näherer Rücksprache auf die Kommandantur. Sie kamen
aber nicht, sondern beschlossen, unter Umgehung von Wels noch einmal an
den Rat der Volksbeauftragten heranzutreten.
Das taten sie am Montag, den 23. Dezember. Das Mitglied des Voll-
zugsrates Thost und 2 Mitglieder des Marineausschusses erchienen gegen
12 Uhr in der Reichskanzlei und erklärten, als ihnen ein Protokoll der von
Wels mit ihren Vertretern über die Räumung des Schlosses und die Ver-
ringerung der Division gepflogenen Verhandlungen vorgelegt, es sei dies kein
gemeinsam aufgesetztes Schriftstück, sondern eine einseitige und zum Teil
unzutreffende Darstellung der Besprechungen, erhoben aber in der Haupt-
sache keine ernsthaften Einwände mehr, sondern gaben sich, nachdem Ebert
in aller Ruhe die Differenzpunkte mit ihnen durchgesprochen hatte, an-
scheinend mit der Zusicherung zufrieden, daß diejenigen Matrosen, die die
Entlassung treffen würde, nach Möglichkeit der Republikanischen Sicher-
heitswehr eingereiht werden sollten, und versprachen dafür zu wirken, daß
*) Man beachte den von uns unterstrichenen Zwischensatz dieser von allen
Volksbeauftragten unterzeichneten Weisung. Nur unter Berücksichtigung seiner
ist eine gerechte Beurteilung des Zusammenstoßes möglich, den ihre Innehaltung
zur Folge hatte.
104
nunmehr die Matrosen gutwillig das Schloß räumen und gegen Ablieferung
der Schlüssel die Löhnung in Empfang nehmen sollten. Alle sonstigen Dif-
ferenzpunkte sollten nach dem Fest »am 27. Dezember« in gemeinsamer Sit-
zung durchberaten werden. Thost und seine Begleiter richteten das aus. Statt
aber nun, wie es dem Reglement entsprach, in der nur fünf Minuten von
dem Schloß entfernten Kommandantur die Sache abzuwickein, brachte der
von den Matrosen zu ihrem »Kommandanten« gewählte sehr radikal auf-
tretende ehemalige Leutnant Dorrenbach mit einem Trupp bewaffneter Ma-
trosen die große Kassette, welche die Schlüssel enthielt, unter Umgehung
der Kommandantur zur Reichskanzlei in das Zimmer des ihm gleichgesinnten
Volksbeauftragten Emil Barth. Da laut der Verteilung der Funktionen im
Kabinett nicht dieser, sondern Fritz Ebert die militärischen Angelegenheiten
zu besorgen hatte, hätte Barth zum mindesten die Matrosen an jenen ver-
weisen müssen. Statt dessen läutete er Wels an, teilte ihm mit, daß die
Kassette mit den Schlüsseln bei ihm abgeliefert worden sei, und forderte
ihn auf. nunmehr den Vertretern der Matrosen die Löhnung auszuzahlen.
Wels antwortete, in dieser Weise sei die Sache nicht zu erledigen, die
Schlüssel seien laut Verfügung der Volksbeauftragten bei ihm abzuliefern.
Darüber gab es zwischen ihm und Barth einen Wortwechsel am Fernsprecher,
wobei die Matrosen in Barths Zimmer hörten, was dieser Wels sagte, aber
nicht, was Wels ihm antwortete. Barth schildert in seiner Schrift »Aus
der Werkstatt der Revolution« die Unterhaltung wie folgt:
Wels: »Nein, das geht nicht! Die müssen mir die Schlüssel
selbst bringen, sonst gibts keinen Pfennig. Jetzt habe ich sie in der
Hand.«
Ich: »Menschenskind, mach doch keinen Unsinn und rede kein
Blech, die Schlüssel sind hier, und Du kannst sie ja, wenn wir ent-
schieden haben, wer sie aufbewahrt, abholen. Die Matrosen sagen, sie
hätten sie hierher gebracht, weil, wenn sie nach der Kommandantur
gegangen wären, es leicht zu unliebsamen Zusammenstößen hätte führen
können. Du weist doch selbst, welcher Beliebtheit Du Dich bei ihnen
erfreust, und es wäre doch jedenfalls das denkbar Bedauerlichste, wenn
es 24 Stunden vor Weihnachten durch den einen oder anderen Un-
besonnenen zu irgendwelchen unliebsamen Zusammenstößen käme!«
Wels: »Das ist mir ganz gleich. Ich muß die Schlüssel haben,
ehe ich das Geld herausgebe. Ich habe die Verantwortung.«
Ich: »Aber nun erlaube einmal, wenn ich Dir sage, ich übernehme
die Verantwortung, dann muß Dir das doch genügen. Also zahle, ja?«
Wels: »Nein. Deine Verantwortung genügt mir nicht, wenn es
Ebert sagt, dann ja.«
Ich: »Zum Donnerwetter nochmal! Jetzt kann ich wirklich ver-
stehen, daß kein Mensch mit Dir verhandeln kann, ohne sich mit Dir
in den Haaren zu liegen! Du sprichst mir nolens volens die Ver-
trauenswürdigkeit ab. Wenn die Matrosen nicht hier ständen, würde
ich Dir etwas anderes sagen. Doch das eine merke Dir. Ebert ist kein
Jota mehr und keine Jota weniger als ich. Wir sind sechs Volksbeauf-
tragte mit völlig gleichen Rechten. Ich habe mir wahrlich noch keine
Sekunde etwas darauf eingebildet, Volksbeauftragler zu sein. Aber hier
hört es denn doch auf. Also ich übernehme die Verantwortung, und
Du gibst das Geld!«
Wels: »Ich wollte Dich nicht beleidigen. Aber Ebert hat das
Militärische. Wenn er mir also sagt: Zahle, dann kann ich zahlen, aber
wenn Du es sagst, dann bleibt mir immer die Verantwortung.«
Ich: »Na gut! Ich schicke jetzt die Matrosen zu Ebert, dann mag
doch er, wenn es mir nicht möglich ist, die Sache zu regeln, weil Du
mir die Berechtigung absprichst, sie regeln. ^ Schluß.
105
»Ihr habt ja gehört, was ich sagte«, erklärte nach seiner Dar-
stellung Barth den Matrosen, »geht zu Ebert, der klingelt bei Wels
an, dann ist die Sache erledigt.« Und er fährt fort:
»Die Matrosen waren nun begreiflicherweise ärgerlich, schimpften
und fluchten und zogen mit ihrer Bundeslade ab.«
Von Unabhängigen und Spartakisten ist Wels für das nun Folgende
verantwortlich gemacht worden. Man sprach von bürokratisch-starrem
Eigensinn, ohne den es nicht zur Zuspitzung des Konfliktes und dem daran
sich anschließenden Blutvergießen gekommen wäre. Aber bei Berücksich-
tigung der damaligen Umstände wird man das Verhalten von Wels begreif-
lich genug finden. Er hatte die von allen Volksbeauftragten unterzeichnete
Weisung erhalten, die Löhnung nur nach Ablieferung der Schlüssel an die
Kommandantur auszuzahlen. Davon auf einen Anruf von Barth hin abzu-
weichen, mußte ihm um so weniger angezeigt erscheinen, als nur wenige
Tage erst verstrichen waren, seit dieser durch sein Auftreten auf dem Räte-
kongreß sogar seine Kollegen aus der Unabhängigen Sozialdemokratie im
Rat der Volksbeauftragten auf das Peinlichste überrascht hatte. Er gehörte
zum linken, spartakistisch gerichteten Flügel der Unabhängigen, ebenso der
obengenannte Dorrenbach. Von dieser Seite aber wurde schon in Versamm-
lungen laut der Austritt der Unabhängigen aus dem Rat der Voiksbeauf-
tragten gefordert, während im Organ der Spartakisten selbst immer rück-
haltloser die gewaltsame Beseitigung der Regierung Ebert-Haase gepredigt
ward. Wenn also Dorrenbach in Widerspruch mit der von der Regierung
getroffenen Verfügung Wels geflissentlich überging und die Schlüssel bei
Barth abgab, der amtlich mit der Sache nichts zu tun hatte, so mußte das
den Ersteren stutzig machen, und Barths Aufgabe als Regierungsmitglied,
das die Verfügung mit unterzeichnet hatte, wäre es gewesen, Dorrenbach
das Ungehörige seines Verhaltens klar zu legen und ihn zu ermahnen, ord-
nungsgemäß zu verfahren. Ohne Einhaltung einer gewissen Ordnung und
Disziplin kann kein Gemeinwesen bestehen, sie sind in der Revolution nicht
weniger notwendig als im gewöhnlichen Verlauf der Dinge.
Barth handelte anders. Daß er es in keiner schlimmen Absicht tat,
kann man ihm ruhig glauben. Aber kein Leser seines Buches kann sich des
Eindruckes erwehren, daß er von einem hochgradigen Selbstgefühl besessen
war, das krankhaft genannt werden muß, und ihn der Fähigkeit beraubte,
Andersdenkende objektiv zu beurteilen, über die Möglichkeiten der Revo-
lution aber sich in verhängnisvollen Illusionen wiegte. Nach einem, im Vor-
wärts am 28. Dezember 1918 gegebenen Bericht von Wels über diese Vor-
gänge, hat letzterer am Schluß des Gespräches Barth aufgefordert, die Ma-
trosen zu Ebert zu begleiten. Weshalb Barth das nicht tat, ist schwer er-
sichtlich. Nachdem er einmal die Matrosen empfangen und gesehen hatte,
in welche Erbitterung sie seine, vor ihnen am Fernsprecher geäußerten
Bemerkungen versetzt hatten, mußte es ihm nahe genug liegen, die aufgereg-
ten Leute nicht schlechthin sich selbst zu überlassen. Nach seiner eigenen
Darstellung hatte er sich so ausgedrückt, daß sie annehmen mußten, es liege
eine bloße Schikane von Wels vor. Darin und daß er nichts tat, selbst
die Sache ins richtige Geleise zu bringen, liegt die größere Verantwortung
für das nun Folgende und seine schlimmen Nachwirkungen.
Wie Barth die Dinge weiterhin schildert, sind die Matrosen von ihm
zu Ebert gegangen, hatten diesen nicht in seinem Amtszimmer noch sonst
im Hause gefunden und, schreibt er,
106
>das bedeutet für die Matrosen, daß sie das Geld nicht bekomme»
konnten. Da sagten sie sich, nun sind wir seit 3 Tagen von Pontius
zu Pilatus gelaufen, jetzt haben wir es satt. Gingen munter zur
Wache — das waren ebenfalls Matrosen, die noch keine Löhnung er-
halten hatten — und sagten: besetzt die Reichskanzlei und die Tele-
fonzentrale, bis ihr von uns weitere Nachricht bekommt. Die Volks-
beauftragten zu verhaften, war nicht ihre Absicht, sondern nur die Ab-
sperrung, bis sie auf der Kommandantur ihr Geld geholt hätten. Aber
daß es zur Absperrung der Reichskanzlei, zum Blutvergießen vor der
Kommandantur usw. kam, das war lediglich die Schuld Eberts und
Landsbergs.«
Es ist nicht die Aufgabe dieser Arbeit, Schriften, wie die Barthsche,
im einzelnen polemisch zu behandeln. Der vorstehende Satz und namentlich
die Schlußzeilen lassen die Folgerungsweise Barths und die tendenziöse Art.
wie der ehemalige Volksbeauftragte die Beweggründe von Leuten auslegt,
mit denen er Streit hatte, zur Genüge erkennen. Daß die Matrosen und ihr
Führer Dorrenbach Ebert im ganzen Haus gesucht haben sollen, bevor sie
den geschilderten Gewaltakt begingen, klingt schon deshalb höchst unwahr-
scheinlich, weil sie Ebert sofort fanden, nachdem sie die Telefonzentrale
besetzt und die Wache, wie angegeben, instruiert hatten. Er war in seinem,
nur 50 Schritt von seinem Amtszimmer entfernten Wohnzimmer, wo er und
Landsberg ihr Mittagsmahl einnahmen, als sehr bald nach dem Vorgang in
Barths Zimmer zwei voll ausgerüstete Matrosen bei ihnen eintraten und den
beiden Volksbeauftragten eröffneten, sie und Kameraden hätten von ihrem
Kommandanten Dorrenbach den Befehl erhalten, die Tore der Reichskanzlei
zu schließen, niemand in das Gebäude hinein und keinen aus ihm heraus
zu lassen, sowie die Telefonzentrale der Kanzlei besetzt zu halten, bis die
anderen Kameraden bei der Kommandantur angelangt sein würden, um dort
die Erfüllung ihrer berechtigten Forderungen durchzusetzen. Mit andere»
Worten, daß die Regierungsmitglieder in der Reichskanzlei eingesperrt und
vom Telefonverkehr mit der Außenwelt abgeschlossen seien. Ebert veran-
laßte nun seinen Sekretär nachzusehen, welche Volksbeauftragten sonst
noch im Hause seien. Der einzige davon, den dieser antraf, war Emil Barth.
Dieser schreibt, daß der Beamte, als er zu ihm kam, ihn gebeten habe, so-
gleich zu Ebert zu kommen. Er, Barth, habe daraufhin mit dem gerade
bei ihm weilenden Unterstaatssekretär von Möllendorf eine neue Zusam-
menkunft verabredet und dann Ebert aufgesucht, in dessen Zimmer außer
Landsberg nun auch Scheidemann und der Unterstaatssekretär Baake, der
Chef der Reichskanzlei, saßen. Ebert sei, als Barth eintrat, im Zimmer hin
und her gelaufen. Hören wir Barth weiter:
»Sie schauten mich alle vier ganz perplex an, ich sie auch.«
»Sie ließen mich doch rufen«, sagte ich zu Ebert.
Ebert: »Ich? Nein!«
Ich: »Nanu, machen Sie doch keine Witze! Krüger war doch
bei mir!«
Landsberg: »Ja, Kollege Barth, wir wollten nur sehen, ob Sie uns
Gesellschaft leisten.«
Ich: »Gesellschaft leisten?«
Landsberg: »Ja, wissen Sie denn von nichts? Von garnichts?«
Ich: »Na, sprechen Sie doch nicht in Rätseln!«
Landsberg: »Na, dann will ich Ihnen die Mitteilung machen, daß
wir außerordentlich erfreut sind, daß Sie uns in unserer Gefangenschaft
Gesellschaft leisten.«
Ich: »Was? Gefangenschaft? Seit wann machen denn Sie Witze?«
107
Landsberg: >Ich sehe, Sie wissen wirklich von nichts, ich werde
es Ihnen also erklären. Wir sind von den Matrosen verhaftet. Von
unserer eigenen Wache. Kein Mensch darf das Haus verlassen und
die Telefonzentrale ist gesperrt. Sie sind also unser Schicksalsgenosse.«
Ich: »Machen Sie doch keinen Unsinn. Haben Sie Telefon hier?
Nein? Na, da will ich mal von meinem Zimmer telefonieren. Davon
muß ich mich selbst überzeugen, bevor ich es glaube.«
»Ich ging nun in mein Zimmer, nahm den Hörer, und auf die Er-
klärung, die Leitung ist gesperrt, sagte ich dem Betreffenden, er solle
keinen Unsinn machen, ich müsse Verbindung haben. Darauf wurde
ich verbunden.«
Gleichzeitig, erzählt Barth weiter, habe auf dem zweiten der in seinem
Amtszimmer befindlichen Fernsprecher der Vorsitzende des Soldatenrates
Potsdam, Klawunde, angeläutet und ihm mitgeteilt, daß soeben einige Regi-
menter Infanterie und Kavallerie, die schon seit dem Morgen alarmbereit
lagen, nach Berlin verladen worden seien, wie es heiße, auf Veranlassung
der Regierung, um einen Spartakistenputsch niederzuschlagen. Ob das
richtig sei? Barth habe es für Unsinn erklärt, wer an Blutvergießen am
Weihnachsabend denke, sei verrückt. Er habe sodann Klawunde auf-
gefordert, sein Möglichstes zu tun, um die Abfahrt von Truppen nach Berlin
zu verhindern, sei darauf zu Ebert zurückgegangen und habe gefragt, wer
diese Anweisungen in Potsdam gegeben habe. Die Antwort sei. gewesen:
»Wir wissen von nichts!« Als er aber Ebert aufgefordert habe, sofort bei
allen militärischen Stellen anzurufen, Auskunft zu erbitten und Gegenbefehle
anzuordnen, habe dieser geantwortet, es ginge nicht an, dauernd einer Hand-
voll Elemente preisgegeben zu werden, sie können nicht dauernd auf einem
Pulverfaß sitzen. Mit diesen Zuständen müsse ein Ende gemacht werden.
Er, Barth, habe dagegen protestiert, und nach einigem Wortwechsel habe
Ebert ihm versprochen zu veranlassen, daß keine Truppen mehr von Pots-
dam kämen und ankommende zurückgeschickt würden. Von 6 Uhr Abends
ab sei dann Kabinettssitzung gewesen, in der Ebert und Genossen jedes
Zurückkommen auf die Matrosenangelegenheit mit der Begründung bekämpft
hätten, daß diese erledigt sei, Arbeitsminister Bauer habe die Verordnung
über Tarifverträge, Arbeiter- und Angestelltenausschüsse und Schlichtung von
Arbeitsstreitigkeiten vorgelegt und begründet, alle Gegenanträge Barths seien
mit fünf gegen seine Stimme abgelehnt und dann sei mit der gleichen Mehr-
heit die endgültige Berufung des Grafen Brockdorff-Rantzau zum Leiter des
Auswärtigen Amtes beschlossen worden. Obwohl Ebert und Genossen mitt-
lerweile erfahren hätten, was inzwischen auf der Kommandantur vorgegangen
sei, hätten sie in der Sitzung kein Wort davon gesagt, und auch Dittmann
und Haase seien — obwohl Barth sie auf den Ernst der Situation aufmerk-
sam gemacht und ihnen seine Bedenken dargelegt habe, sofort nach Been-
digung der Sitzung fortgegangen, ohne ihm zu sagen, wohin. Freilich habe
er sie auch nicht darnach gefragt.
Diese Erzählung ist zum größten Teil unrichtig. Weder war Scheide-
mann an jenem Nachmittag in der Reichskanzlei gewesen, noch hat am
genannten Tage die geschilderte Kabinettssitzung stattgefunden. Auch Haase
und Dittmann waren den ganzen Nachmittag und Abend außer dem Hause,
das erst ganz spät von der Matrosenwache freigegeben wurde. Freilich
waren die zwei Volksbeauftragten der Sozialdemokratischen Partei rjieh*
so von der Außenwelt abgeschlossen, wie Dorrenbach und Genossen ver-
108
meinten. Es gab eine diesen unbekannt gebliebene direkte telefonische Ver-
bindung mit der in Kassel sitzenden Obersten Heeresleitung. Dem General
Gröner, der dieser damals vorstand, hatte Ebert daher mitgeteilt, daß er
und Landsberg gefangen gehalten würden, und ihn ersucht, Anordnungen
zu treffen, um nötigenfalls ihre Befreiung militärisch zu erzwingen.
Vorher hatte er, was Barth und die andern Schilderer jener Vorgänge
aus dem Lager der halben oder ganzen Spartakisten verschweigen, noch einen
Versuch gemacht, eine gütliche Beilegung zu erzielen. Durch die Matrosen-
wache hatte er die Matrosen im Schloß aufgefordert, noch einmal Vertreter
zu ihm zu entsenden. Dem war entsprochen worden. Dorrenbach erschien
mit zwei Begleitern, und es ward von neuem verhandelt. Die begleitenden
Matrosen zeigten starke Geneigtheit, den eindringlichen Ermahnungen Eberts
Folge zu geben. Dorrenbach aber blieb störrisch, und so verlief die Unter-
redung ergebnislos, das aber hieß unter den gegebenen Umständen Ver-
schlimmerung der Situation. Daher die Aufforderung Eberts an Gröner.
Noch auf eine andere Weise hatte ersterer mit der Außenwelt in telefonische
Verbindung treten können. Man erinnerte sich, daß von der Reichskanzlei
über verschiedene Höfe ein Weg ins Reichsamt des Auswärtigen führt, und
der war ebenfalls nicht besetzt. So war es möglich, schließlich auch den
Stadtkommandanten Wels von der Besetzung der Reichskanzlei und der
Sperrung ihrer Telefonzentrale zu unterrichten. Wels hatte, wie er in einem
sehr schmucklosen, aber gerade darum Vertrauen erweckenden Bericht im
Vorwärts vom 28. Dezember 1918 darlegte, nach dem Telefongespräch mit
Barth angenommen, daß letzterer seiner Aufforderung gemäß die Matrosen
zu Ebert geführt habe,, und nun auf Weisung von diesem gewartet. Sie kam
aber nicht, und als ihm dann nach vielen vergeblichen Anrufen endlich auf.
Umwegen gemeldet wurde, daß das Gebäude von rebellischen Matrosen be-
setzt sei, die niemanden hinein noch heraus ließen, hat er sich in die benach-
barten Quartiere der republikanischen Soldatenwehr und anderer Regie-
rungstruppen begeben und veranlaßt, daß von dieser Seite aus Mannschaften
zur Reichskanzlei entsandt wurden. Er ist dann zur Kommandantur zurück
geeilt und wollte diese gleich nachher wieder verlassen, um selbst die Trup-
pen in der Wilhelmstraße zu beaufsichtigen, als ihm beim Heraustreten aus
dem Haus Matrosen mit Dorrenbach an der Spitze entgegentraten und ihn
dadurch am Fortgehen hinderten, daß sie erklärten, mit ihm unverzüglich
verhandeln zu müssen. Man ging darauf in sein Zimmer, wo Wels zu-
nächst die Frage an Dorrenbach richtete, wie er denn dazu gekommen sei,
die Reichsregierung gefangen zu setzen. Dorrenbach gab eine auswei-
chende Antwort. Auf die nächste Frage von Wels, wo nun die Schlüssel
seien, ob Barth sie noch habe oder sie Ebert übergeben seien, ward ihm
erwidert, sie seien zur Zeit wieder im Schloß. Er gab darauf zurück, dann
könne er auch die achtzigtausend Mark nicht auszahlen, ohne sich mit dem
ihm ausdrücklich von der Reichsregierung gewordenen Befehl in Wider-
spruch zu setzen. Mittlerweile waren immer mehr Matrosen ins Zimmer
eingedrungen, alles schrie durcheinander, und es herrschte wüster Lärm, als
plötzlich von der Straße her Schüsse ertönten, die von der Gegend der etwa
hundert Schritt schrägüber gelegenen Universität herkamen. Wels sprang,
schreibt er, auf den Balkon der Kommandantur, vor der sich große Massen
Matrosen angesammelt hatten und schrie in der Richtung nach dem, von
Sicherheitsgardisten besetzten Zeughause: »Feuer einstellen, nicht schießen.
109
es wird verhandelt!« Der Ruf sei weitergegeben und darauf das Feuer ein-
gestellt worden. Leider war damit das angerichtete Unheil nicht behoben.
Was war unten vor sich gegangen?
Gegen 6 Uhr abends waren von zwei Seiten her, nämlich südlich von
der in die Straße Unter den Linden einmündenden Charlottenstraße und der
zwischen Opernhaus und Kronprinzenpalais in den sogenannten Franz-
Joseph-Platz einmündenden Oberwallstraße, und nördlich von der Schloß-
brücke her verschiedene hundert bewaffnete Matrosen in Trupps vorge-
drungen, hatten Ketten gebildet, welche die Straßen von Unter den Linden
her bis zum Lustgarten absperrten, während mehrere hundert andre vor der
Kommandantur Aufstellung nahmen, d. h. diese umzingelten. Darauf traten
auch der von Wels unterrichtete Soldatenrat der im Kronprinzenpalais unter-
gebrachten republikanischen Soidatenwehr, sowie die gleichfalls von Wels
alarmierten, im Zeughaus, dem Gebäude der ehemaligen Königlichen Biblio-
thek und im Palais Friedrich Wilhelm (das einstige Palais von Wilhelm I.)
befindlichen Sicherheitsgarden in Aktion. Die Führer dieser Abteilungen
rückten mit Maschinengewehren sofort auf die Straße und brachten die Ge-
wehre dort in Stellung. Gleichzeitig wurden die Soldatenräte der Berliner
Garnison telefonisch verständigt und sandten auf Lastwagen je eine Kom-
pagnie Soldaten nach der Kommandantur. Ebenso wurden von der Kom-
mandantur selbst aus zwei Panzerwagen mit Maschinengewehren, sowie
mehrere gefechtsmäßig eingerichtete Personenwagen herausgesandt, die in der
Oberwallstraße Stellung nahmen. Alle diese Regierungstruppen, wenn man
sie so nennen darf, enthielten sich jedoch jedes Angriffs gegen die Matrosen,
und auch diese hüteten sich, eine Schießerei zu beginnen.
Eine solche setzte aber ein, als von der Charlottenstraße her ein Last-
wagen, der nicht zur Kommandantur gehörte, in die Straße Unter den Lin-
den einfuhr, dort in der Richtung auf die Kommandantur zu umbog und, ohne
daß der Führer die Zurufe der Postenketten der Matrosen beachtete, seine
Fahrt fortsetzte. Dies veranlaßte die Matrosen, durch deren Kette der Wagen
kindurchzufahren versuchte, aus ihren Karabinern ein Schnellfeuer auf ihn
zu eröffnen, das wahrscheinlich nur aus Schreckschüssen bestand, da nie-
mand durch es verletzt ward. Dagegen veranlaßten die Schüsse die Besat-
zung eines Panzerwagens, der gerade in diesem Augenblick ebenfalls von
der Charlottenstraße her in die Straße Unter den Linden einbog, schleunigst
ein ernsthaftes Schnellfeuer auf die vor der Kommandantur postierten Ma-
trosen zu eröffnen, durch das einer von ihnen getötet und drei schwer ver-
letzt wurden. Dies rief unter den ohnehin erregten Matrosen eine ungeheure
Erbitterung hervor. Eine Anzahl von ihnen drang, die Karabiner auf dem
Rücken, unter dem Ruf »Nieder mit Wels« durch Tür und Fenster in die
Kommandantur ein. Ins Amtszimmer von Wels gelangt, überhäuften die Ein-
dringlinge diesen mit Schimpfworten und Drohungen, und einige von ihnen
hätten ihn am liebsten auf der Stelle gelyncht. Es war ihm gerade noch
möglich, auf einen telefonischen Anruf des General Lequis von der Garde-
schützenkavallerie zu antworten, er sei in der Kommandantur eingeschlossen
und könne von ihr aus nichts unternehmen, er bäte den General, von seiner
Stelle aus das Nötige zu veranlassen. Dann sah er sich von Matrosen um-
ringt, die von ihm unter fortgesetzten Drohungen die Auszahlung der 80 000
Mark sowie die schriftliche Erklärung forderten, daß die Volksmarinedivision
als dauernd in Berlin stehender Truppenteil anerkannt sei. Zu letzterem ver-
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stand er sich nicht, erklärte sich dagegen bereit, das Geld auszuzahlen, in der
Hoffnung, dadurch die Wütenden zum Abzug zu bewegen. Das ging indes
nicht in Erfüllung. Es wurde weiter und stärker getobt, wobei Persönlich-
keiten den Ton angaben, die nie mit der Arbeiterbewegung etwas zu tun ge-
habt hatten, und schließlich erklärte man Wels, dessen Adjutant Fischer
und den Sekretär der Kommandantur Dr. Bongartz für »Gefangene« und
zog mit ihnen von der Kommandantur nach dem Marstall, um sie dort in
Gewahrsam zu halten oder, wie einige schrien, »abzuurteilen«. Auf dem
Transport wurde Wels von verschiedenen der ihn umzingelt haltenden Ma-
trosen, zu denen sich nach seinem Bericht auch Sicherheitsmannschaften
des Polizeipräsidenten Eichhorn gesellt hatten, in überaus brutaler Weise
mißhandelt. Während Fischer und Dr. Bongartz verhältnismäßig bald frei-
gelassen wurden, ward er in der Dunkelheit von Quartier zu Quartier ge-
schleppt, darunter die Geschäftsstube des Schlosses, wo der stellvertretende
Kommandant der Volkmarinedivision, Radtke, ein Mitglied der unabhängigen
Sozialdemokratie, sein Bestes tat, die Matrosen von Gewaltakten gegen ihn
abzuhalten. Er ward dafür von einem der »wilden« Matrosenführer in
Gegenwart von Wels angeschrien, er hafte dafür, daß dieser nicht lebend
heraus käme, andernfalls würde jener dem Radtke selbst eine Kugel durch den
Kopf schießen. Da er sah, daß er im Augenblick an Ort und Stelle nichts
ausrichten könne, begab sich Radtke in die Kommandantur und besprach mit
Leutnant Fischer die Situation. In der Zwischenzeit ward Wels in einen zu
eb'ener Erde gelegenen Verschlag eingesperrt und ihm gesagt, er solle mit
dem Leben abrechnen. Nach Radtke's Rückkehr ward er auf dessen Ver-
anlassung .wieder in einem wohnlichen Raum untergebracht, und Radtke
erklärte den Matrosen, es sei eine Verständigung erzielt worden, Wels sei
nur noch als in Schutzhaft befindlich zu betrachten.
Es war nämlich am späten Abend noch folgendes geschehen. Bald
nachdem durch die Besatzung des Panzerautos die Schüsse auf die Matrosen
abgegeben worden waren und ihre Opfer gefordert hatten, waren Trupps
der erbitterten Matrosen zur Reichskanzlei gezogen und hielten die in dieser
noch anwesenden Regierungsmitglieder von neuem gefangen. Dann aber
waren Trupps der Berliner Garnison und der republikanischen Soldaten-
wehr angerückt, die Regierung gegen die Matrosen zu beschützen. Zu
diesem Zweck nahmen sie vor der Kanzlei demonstrativ Stellung, enthielten
sich jedoch jedes Angriffes auf die Matrosen, und auch diese nahmen nun eine
abwartende Haltung ein. Eine Kommission des Fünfer-Ausschusses der repu-
blikanischen Soldatenwehr mit Brutus Molkenbuhr an der Spitze begab sich
zum Volksbeauftragten Ebert, teilte ihm mit, daß diese Wehr und ebenso der
größte Teil der Truppen der Berliner Garnison das Vorgehen der Matrosen auf
das schärfste mißbilligten und nicht gesonnen seien, den Putsch ruhig hin-
gehen zu lassen, sie seien bereit, wenn nötig, Wels mit Gewalt zu befreien.
Ebert ermahnte zu besonnenem Vorgehen, damit Blutvergießen vermieden
i erde, die Regierung hoffe durch Verhandeln mit der Matrosendivision den
befangenen ohne solches freizubekommen. Molkenbuhr und die anderen
Mitglieder der Deputation setzten sich darauf mit dem Soldatenrat der
republikanischen Soldatenwehr ins Einvernehmen, dann fuhr Molkenbuhr
zum Marstall und leitete die Verhandlungen der Soldatenwehr mit der
Volksmarinedivision ein. Sie wurden in der Reichskanzlei vor Ebert und
Landsberg, zu denen sich dann auch Barth gesellte, fortgesetzt und hatten
111
eine Verständigung dahin zur Folge, daß Garnisontruppen und Matrosen
gleichzeitig nach verschiedenen Richtungen von der Reichskanzlei abzogen,
sodaß dieser nur die übliche Schutzwache verblieb. An die abziehenden
Truppen richtete Ebert folgende Ansprache:
»Ich will im Augenblick auf die Vorgänge nicht eingehen, die sich
heute abgespielt haben, ich will nur die Tatsache feststellen, daß die
Regierung eine Zeitlang im Reichskanzleigebäude durch ihre eigene
Wache festgehalten wurde und niemand das Haus verlassen durfte.
Die Telefonzentrale war besetzt, sodaß alle Telefongespräche unmöglich
waren. Später ist es mir gelungen, die Matrosen zu bewegen, abzu-
ziehen.
Wir haben weiter festgestellt, daß die Matrosen das Haus ver-
ließen. Gleichzeitig müssen aber auch die anderen Truppen jetzt fort-
gehen. Ich bitte Sie, alles zu tun, um ein Blutvergießen zu
vermeiden. Wir haben in diesem Kriege so viel Blut vergossen,
daß es einfach Wahnsinn wäre, noch neues Blutvergießen herbei-
zuführen, wofür niemand die Verantwortung übernehmen könnte. Ziehen
Sie also in Ihre Quartiere.«
Das war nach zehn Uhr abends vor sich gegangen. Um elf Uhr ward
von der Reichskanzlei in Schloß und Marstall telefoniert und angefragt, ob
Wels nun auf freiem Fuß sei. Die Antwort lautete verneinend. Um zwölf
Uhr nachts geschah das gleiche mit dem gleichen Ergebnis. Ebenso um ein
Uhr. In der Zwischenzeit hatte die Regierung Truppen, deren Anmarsch
von Potsdam her gemeldet wurde, zum Zurückgehen veranlaßt. Endlich
nach ein Uhr rief Radtke vom Schloß her an und teilte mit, daß Wels noch
immer von erbitterten Matrosen in Gewahrsam gehalten werde. Auf die
Frage, ob Wels in Lebensgefahr sei, antwortete Radtke, im Augenblick sei
das nicht der Fall, aber man könne im Angesicht der Stimmung der Ma-
trosen nicht für dessen Leben bürgen. Das klang so ominös, daß Ebert
nach Besprechung mit den noch in der Reichskanzlei weilenden Landsberg
und Scheidemann den Kriegsminister Scheuch anrief, ihn von dem Ge-
schehenen in Kenntnis setzte und ersuchte, das Nötige zur Befreiung von
Wels und zur Unterwerfung der Matrosen zu veranlassen.
Es soll hier nichts vertuscht und beschönigt werden. Diese Aufforde-
rung war. in doppelter Hinsicht, militärisch und politisch, ein verhängnis-
voller Schritt: militärisch, weil durch sie die Auftraggeber ein Stück der
Verantwortung für die Maßnahmen auf sich luden, welche die Militärs nun
trafen, politisch, weil sie ohne Hinzuziehung der Volksbeauftragten von der
Unabhängigen Sozialdemokratie geschah und schon dadurch geeignet war,
das ohnehin sehr gespannte Verhältnis zu dieser noch zu verschlechtern.
Man vergegenwärtige sich jedoch die Situation. Die Regierung stand
einer unverkennbaren Rebellion gegenüber. Und zwar nicht, wie Barth und
andere es hinstellen, einer Rebellion, die lediglich aus einem »Dummen-
jungenstreich« politischer Kinder erwachsen war. Gern kann man dem zu-
stimmen, daß die Mehrzahl der Matrosen nicht genug von der Politik ver-
standen, um die politische Tragweite ihrer Schritte voll ermessen zu können
und zu begreifen, daß, wer in der Weise, wie sie es getan, die elementarsten
Pflichten der Disziplin mit Füßen tritt, unter allen Regierungsformen die
gewaltsame Unterdrückung selbst herausfordert. Aber die Matrosen handelten
unter der Anleitung eines Führers, der als ehemaliger Offizier keinen Augen-
blick darüber im Zweifel sein konnte, was das ganze Treiben bedeutete.
Dorrenbach ist später von Militärs unter Umständen erschossen worden,
112
angesichts deren der Ausdruck feiger Mord nicht zu scharf erscheint. Das
kann aber kein Grund sein, über die große politische Verantwortung, die er
in jenen Tagen auf sich geladen hat, mit abschwächenden Worten hinweg-
zugehen. Wenn man, so schwer selbst dies fällt, immer noch die Möglich-
keit zuläßt, daß sein Verfahren am Nachmittag mit der Schlüsselkassette und
der Abschließung der Reichskanzlei lediglich von einer Aufwallung des
Augenblicks eingegeben war, so ist eine solche Annahme mit Bezug auf die
am Abend ins Werk gesetzte Umzingelung der Kommandantur und die
darauf folgende Erpressung an Wels eine Unmöglichkeit. Da war, wie das
zur gleichen Zeit erfolgte Anmarschieren der Matrosen in Trupps von ver-
schiedenen Seiten her dartut, nach einem vorbedachten Plan gehandelt wor-
den, der zweifelsohne auf Dorrenbach zurückgeht. Welchen Einfluß dieser
damals auf die Matrosen in der Marinedivision ausgeübt hat, geht aus den
Aussagen der im Mai 1919 im Prozeß Ledebour verhörten Zeugen Alpers
und Milewski hervor, die zu jener Zeit der Marinedivision angehört hatten.
Bemerkenswert ist da namentlich, daß beide hervorhoben, Dorrenbach habe
fast nie vor den Matrosen als Körperschaft seine Absichten dargelegt, son-
dern stets nur mit Einzelnen verhandelt. So darf man annehmen, daß die
große Mehrzahl der Matrosen tatsächlich auch an jenem Abend von keinem
Plane wußten. Als Ergebnis eines solchen aber, als abgekartetes Spiel
mußten die vor und in der Kommandantur erfolgten Vorgänge Ebert und
Kollegen erscheinen. Und klar ist, daß die Erregung, die sie bei ihnen her-
vorgerufen hatten, sich noch gewaltig steigern mußte, als in der Nacht an-
fänglich stundenlang gar keine Auskunft über das Schicksal zu erhalten war,
das Wels im Schloß bevorstand, und dann jene in ihrer Unbestimmtheit
erst recht beunruhigende Mitteilung Radtkes einlief. Den an einen so wich-
tigen und zugleich gefährlichen Posten gestellten Mitkämpfer, den die Rote
Fahne in fast jeder Nummer ob des Zusammenstoßes am 6. Dezember den
Massen als Bluthund denunziert hatte, schnellstens aus dieser Lage zu be-
freien, mußte ihnen in jenem Augenblick als dringendes Pflichtgebot er-
scheinen. Damit verbunden war aber die Aufgabe, die rebellierenden Ma-
trosen dazu zu bringen, dem doch einstimmig gefaßten Beschluß der Re-
gierung gemäß endlich das Schloß zu räumen. Wie die Dinge lagen, war
nicht zu erwarten, daß dies ohne Heranziehung von Regierungstruppen zu
erwirken war. Nicht das war daher das Bedenkliche, daß erneut das Mi-
litär angerufen wurde, wohl aber, daß den militärischen Befehlshabern kein
Sozialist als Berater zur Seite gegeben wurde, der wußte, wie man mit so-
zialistisch orientierten Arbeitern umzugehen hat.
So handelten denn die Militärs, »wie sie es verstanden«. Vorher hatte
sich noch folgendes abgespielt.
Bald nachdem Radtke Ebert den obenerwähnten Bescheid gegeben
hatte, überkamen ihn, Milewski und gleichgesinnte Mitglieder der Ma-
trosendivision im Angesicht des Tobens eines Teils der Matrosen ernsthafte
Befürchtungen, daß diese doch Wels ums Leben bringen würden. In diesem
Empfinden beschlossen sie, einen Politiker heranzuziehen, der bei der radi-
kalen Arbeiterschaft besonderes Ansehen genoß, und da dies von Georg
Ledebour ihrer Ansicht nach zutraf, läuteten sie mitten in der Nacht bei ihm
an, und nachdem er zugesagt, holten einige von ihnen ihn im Automobil
zum Marstall ab. An Ort und Stelle angelangt, sprach Ledebour eindring-
lich auf die Wütenden unter den Matrosen ein, die immer wieder riefen:
8 113
»Wels wird nicht freigegeben, der wird erschlagen«, und erreichte es nach
vielem Hin und Her, daß sie schließlich sich bereit erklärten, unter be-
stimmten Bedingungen Wels freizugeben. Nach der Schilderung, die Lede-
bour in seinem Prozeß von den damaligen Vorgängen gibt, ist dann auf
dessen Vorschlag eine Kommission gewählt worden, die mit der Regierung
über diese Frage verhandeln sollte, und der außer ihm selbst auch Dorren-
bach angehörte.
Ehe es zu dieser Verhandlung kam, erfolgte jedoch das Eingreifen
des Militärs gegen die Matrosendivision. Der Kriegsminister Scheuch hatte
dem Generalleutnant Lequis von der Gardeschützenkavallerie die Ausführung
des ihm von Ebert gewordenen Auftrags übertragen, und Lequis hatte gegen
morgen des 24. Dezember den größten Teil des in und um Berlin lagernden
Militärs für den etwa notwendig gewordenen Kampf aufgeboten. Bei Tages-
grauen glich die Straße Unter den Linden, heißt es im Bericht einer bürger-
lichen Zeitung,
>einem riesigen Heerlager. Von allen Seiten rückten die Kompagnien,
zum Teil zu Fuß, zum Teil auf Lastwagen, von den Soldatenräten ge-
führt, heran. Die Mannschaften waren sturmmäßig, d. h. mit Stahl-
helm, Tornister und aufgepflanztem Seitengewehr ausgerüstet. Die
Potsdamer Division rückte geschlossen mit ihrer Artillerie heran, die
Mannschaften mit Handgranaten am Koppel. Der Stab der Regierungs-
truppen war im Palais des alten Kaisers (Wilhelm I.) und im Prin-
zessinnen-Palais eingerichtet. Hier traten die Führer der Mannschaften
zusammen und man beschloß noch einen letzten Versuch zur Ver-
ständigung zu machen.«
Worin bestand aber dieser Versuch zur Verständigung? Hören wir
den Bericht weiter:
>Es wurde eine Abordnung von 5 Mann nach dem Marstall ge-
schickt. Um sieben Uhr fünfzig trafen die Abgeordneten mit weißer
Fahne dort ein, wurden von den Matrosen in Empfang genommen und
zum Soldatenrat geführt. Die Führer der Soldatenwehr erklärten kurz
und bündig:
»Wir verlangen völlige Ergebung der Matrosen, denen ihre be-
rechtigten Forderungen sofort erfüllt werden sollen. Binnen zehn
Minuten haben alle im Marstall und Schloß befindlichen Matrosen sich
unbewaffnet auf dem (zwischen Marstall und Schloß befindlichen) Schloß-
platz aufzustellen. Wir geben zehn Minuten Bedenkzeit. Wenn nach
dieser Frist nicht die weiße Fahne gezogen wird, werden wir Schloß
und Marstall mit Artillerie beschießen.«
Nun, das war kein Versuch einer Verständigung, sondern weiter nichts
als eine schroffe Aufforderung zur unterwürfigen Kapitulation. Und da die
Ansprache obendrein von einem noch bartlosen jungen Leutnant im üblichen
Leutnantston abgegeben wurde, konnte sie keine andere Wirkung haben, als
die Matrosen von neuem aufs äußerste zu reizen. Die Militärs aber hatten
es mit dem Schießen sehr eilig. Um 7 50 war die Abordnung bei den Ma-
trosen gewesen, hatte, wie es in einem anderen Bericht heißt, den Marstall
mit Maschinengewehren gespickt vorgefunden, und da die Matrosen in einem
begreiflichem Trotzempfinden die weiße Fahne nicht heraussteckten, ward
Punkt 8 Uhr an die Truppen das Zeichen zum Losschlagen gegeben. Hören
wir den zitierten Bericht weiter:
»Um %8Uhr waren alle Zugänge zum Schloßplatz und zur Schloß-
freiheit abgesperrt. Da die Matrosen die Gebäude nicht gutwillig ver-
ließen, begann um 8 Uhr heftiges Feuer. Die Truppen hatten am
114
Schinkelplatz zwei, am Werderschen Markt und an der Oberwallstraße
mehrere Maschinengewehre aufgestellt. Die Matrosen traten den
iruppen mit 5 Maschinengewehren und einem schweren Geschütz ent-
gegen Darauf ließ der Kommandant der Garde-Kavalleriedivion Oberst
v. Tschirschky und Bogendorff, die Artillerie abprotzen; auf der Schloß-
brucke vor dem Schloß und am Werderschen Markt wurden je ein
Geschütz von 10,5 cm aufgestellt. J
»Der erste Schuß auf das Schloß saß zwischen den Fenstern des
ersten Stockes und riß ein Loch von mehreren Metern Umfang; das
Maschinengewehr, das dort aufgestellt war, ging in Trümmer. Weitere
Schusse sitzen im Erdgeschoß in der Höhe des weißen Saales Die
A?d en H Rr °^ T ° re u Si o d ,, arg beschädi St> die Steinarbeiten vernichtet
a h ^ot? 191 - 1 " 180 ! 16 BaIkon des Schlosses, von dem der Kaiser im
August 1914 seine Ansprache hielt, ist arg mitgenommen.
»Gleichzeitig begann die Beschießung des Marstalls vom Werder-
üST* "m 1 5?' AUS u den Fenstern ^ssen die Matrosen mit ver-
steckten Maschinengewehren auf die heranrückenden Truppen. Auch
aus der Franzosischen Straße, in die das Garde-Kürassier-Regiment mit
leichten Geschützen eingerückt ist, wird die Beschießung verstärkt Der
Feuerkampf wogte bis zehn Uhr hin und her; dann trat eine Pause ein
Aus einem Fenster des Marstalls wurde eine Fahne geschwenkt dfe
man zuer st für eine List der Matrosen hielt, die Truppen auf größere
KLn er P anZ i!' OCken - / ,8 „ dn , e Abordnu "g der Matrosen vSdSS
Marstall erschien, wurde das Feuer vollkommen eingestellt. Von der
Franzosischen Straße kommt der Kommandant der Kavallerie-Brigade"
Oberst v. Tschirschky mit einem Regierungsvertreter in einem Kraft-
wagen; vorn ein Soldat auf dem Bajonett seines Gewehres ein™ weiße
«Ä- V °A T A m * MarS ! a11 h ^ U d f r Kraftwagen und Oberst v. TschirechK
und sein Adjutant treten ein. Nach einer Viertelstunde kommen sie
eine weiße Fahne voran, wieder heraus, umgeben von dem Verhand-
IU a n h gSa H U8S M U . ß der Matrosen. Die Verhandlungen schienen zur Ueber-
£rii,£n ^osendivision geführt zu haben, denn kurz nach zehn Uhr
verließen erst einzelne Matrosen, dann ganze Trupps das Marstall-
gebaude ohne Waffen. Auch ein Teil der Truppen J£| sich nunmehr
zurück und kurz nach elf Uhr war der Abmarsch allgemein" nUnmehr
Es war nämlich inzwischen der Rat der Volksbeauftragten zu einer
Sitzung zusammengetreten und hatte beschlossen, das Militär zum Einstel-
len der Schießerei zu veranlassen. Emil Barth schildert in seiner schon
zitierten Schrift, die von der Tendenz beherrscht ist, alle Schuld an dem
Blutvergießen auf die Volksbeauftragten der Mehrheitssozialisten abzuwälzen
die hierauf bezüglichen Vorgänge wie folgt: ^uwdizen,
es I^Sj^SuS'^ Und S,S 6r de " Kriegsminister hatte, gab
a- Evft; »Guten Morgen, Exzellenz. Hier Ebert. Es wird uns eben
die Mitteilung daß auf das Schloß und den Marstall ein Angriff der
Gardekavallerieschützen-Division stattfände. Da uns von der AnlelLen-
heit nichts bekannt ist, möchte ich Sie doch im Auftrage des gesamten
HaR */*' f .. ist P einstimmiger Beschluß des Kabinetts, und wir bitten
d^ßjoforUlie^Feindseligkeiten eingestellt werden und verhandelt wird"
Ebert: »Ich danke.«
Es kam nun Tost vom 53er Ausschuß der Marine, der um Aus-
stellung einer Bescheinigung oder Vollmacht bat, um zwischen beiden
Parteien verhandeln zu können. Nach anfänglichem Widerstand Lands-
bergs bekam er sie Dann kamen Cohen als Vorsitzender des Zentral
rats und Richard Müller als Vorsitzender des Berliner Vollzugsrats und
baten ebenfalls um Vollmachten zum Verhandeln. Auch sie bekamen s?e
115
Darauf kamen die Mitglieder vom 53er Ausschuß vom Jade-, Elbe-
und Kieler Gebiet, um Auskunft zu holen, wie das kam und wer die
Schuld trägt, damit sie die Matrosen von Wilhelmshaven, Lehrte, Ham-
burg und Kiel zum Schutze ihrer Kameraden aufrufen könnten.
Allen erklärte Ebert, genau wie uns, daß er selbst völlig überrascht
sei und keine Auskunft geben könne, aber auf schnellste Aufklärung
dringen würde.<
Die Sitzung der Volksbeauftragten nahm ihren weiteren Verlauf, wäh-
rend Cohen, Müller, Thost und die Matrosen sich in die Universität be-
gaben, wo die von Ledebour in der Nacht angeregte Besprechung stattfand.
An ihr nahm von Militärs der Generalleutnant von Hoffmann teil, mit dem
und anderen Militärs Ledebour, laut seiner Erzählung in der Gerichtsver-
handlung vom 20. Mai 1919 schon persönlich Rücksprache genommen hatte.
Er und seine Genossen fanden, berichtet er, bei Hoffmann ein »durchaus
anerkennenswertes Entgegenkommen«, sodaß ein befriedigender Vergleich
zustande kam.
»Es wurden die berechtigten Forderungen der Marinedivision auf
Auszahlung' der Löhne bewilligt. Die Matrosen erklärten sich bereit,
das Schloß zu räumen, das die Marinedivision außer dem Marstall
besetzt hatte, und Generalleutnant Hoffmann erklärte sich auf unsere
Anregungen hin bereit, ohne daß die Volksmarinedivision daran gedacht
hatte, diese Forderung zu stellen, seine Truppen aus Berlin zurück-
zuziehen.«
Da diese Besprechung stattfand, n ac h d e m Ebert namens der Re-
gierung den Kriegsminister aufgefordert hatte, das Schießen einzustellen, war,
was Ledebour freilich nicht wissen konnte, von einem besonderen Ent-
gegenkommen des Herrn von Hoffmann kaum noch die Rede. Weder hatte
dieser einen Auftrag oder ein Recht, die Auszahlung der Löhne an die Ma-
trosen zu bewilligen, noch lag eine Veranlassung dazu vor, da die Bewil-
ligung längst von Seiten der Regierung erfolgt war. Überhaupt scheinen
einige Militärs in jenen Tagen eine recht zweideutige Rolle gespielt
zu haben. Sie gaben der Aufforderung, das Nötige für die Räumung des
Schlosses und die Befreiung von Wels zu tun, die krasseste Ausdeutung.
Wurden sie aber wegen der Schießerei zur Rede gestellt, so erklärten sie,
was sie täten, geschehe ganz gegen ihren Wunsch im Auftrag der Regierung,
an den sie gebunden seien. Sie haben dadurch viel dazu beigetragen, das
Mißtrauen der Sozialdemokraten der zwei Richtungen gegen einander zu ver-
schärfen.
Von der andern Seite sorgten die Spartakisten dafür, daß der Kampf
nicht sofort sein Ende fand.
Der zitierte bürgerliche Bericht, der mit den Berichten sozialistischer
Blätter mit Bezug auf das Tatsächliche in der Hauptsache übereinstimmt,
fährt fort:
»Aber die Ruhe hielt nicht lange an, und die Veranlassung zu den
neuen Kämpfen, die sich bis zum Abend hinzogen, scheint das offene
Eingreifen des Spartakusbundes gewesen zu sein. Untätig war die
Liebknechtgruppe allerdings auch bis dahin nicht gewesen. Bereits
um 9 1 /* Uhr war es am Lustgarten und im Hofe des Schlosses zu
einem Kampf zwischen Regierungstruppen und Spartakusbund ge-
kommen. In der Nähe der Börse hatten sich etwa 300 mit Revolvern
bewaffnete Spartakusleute angesammelt, die mit einer Tafel »Nieder die
Regierung! Alle Macht dem Proletariat!« die Postenkette an der Börse
durchbrochen hatten und nun gegen das Schloß vorstürmten. Am
116
Lustgarten gelang es ihnen, dem dritten Zug der Potsdamer Ulanen
zwei Maschinengewehre zu entreißen. Unter lautem Gejohl drangen
sie nun über den Lustgarten durch das Portal 4 in "das Schloß ein
und versuchten die Posten auf! dem Schloßhof zu überrennen. Die
Regierungstruppen hatten ^den Vorfall jedoch schon bemerkt. Eine
Kompagnie drang von der Kommandantur aus in das Schloß ein
während Mannschaften der Sturmtruppen im Schloß die Treppen
hinabeilten und sich den Spartakusleuten entgegenwarfen, die bereits
begonnen hatten zu plündern. Ein Führer der Soldatenwehr forderte
die Eindringlinge auf, sofort das Schloß zu räumen, ehe er den Befehl
zum Feuern gebe. Als die Eingedrungenen jedoch Miene machten
sich zur Wehr zu setzen, drangen die Soldaten mit gefälltem Bajonett
auf sie ein. Unter lautem Schreien flüchteten die Plünderer und ver-
teilten sich über den Schloßplatz, von wo sie von den dort aufgestellten
Posten weiterbefördert wurden.«
Die in den letzten Sätzen enthaltene Identifizierung der Spartakisten mit
den Plünderern ist natürlich von der Presse der Ersteren und den ihnen
nahestehenden Blättern scharf zurückgewiesen worden. Sie hat als tatsäch-
liche Unterlage auch lediglich den Umstand, daß, nachdem einmal die Posten-
kette durchbrochen war, den Spartakisten allerhand sonstiges Straßenvolk
nachrückte, darunter zweifelsohne auch unsauberes Element, das jede Ge-
legenheit zu Plünderungen und dergleichen zu benutzen sucht.
Dies war aber nicht der einzige Ubelstand, den das Durchbrechen
der Postenkette im Gefolge gehabt hat. Der, wie bemerkt, dem radikalen
Flügel der unabhängigen Sozialdemokraten angehörige damalige Polizeipräsi-
dent von Berlin, Emil Eichhorn, nahm, als das Schießen im Gange war,
Veranlassung, die ihm zur Verfügung stehenden Sicherheitsmannschaften mit
Revolvern bewaffnet mit dem Auftrage auszusenden, dem Übergreifen des
Kampfes auf die andern Stadtteile entgegenzuwirken. Von diesen Sicher-
heitsmannschaften nun nahm ein erheblicher Teil für die aufständischen Ma-
trosen Partei und kam ihnen in Trupps zu Hilfe, indem er den Regierungs-
truppen in den Rücken fiel oder sich zwischen sie drängte und ihre Angriffs-
kraft lähmte. Im Lager der Regierungspartei sah man darin eine von Eich-
horn geflissentlich organisierte Unterstützung der Aufständischen, zumal die
später von ihm als gänzlich unwahr zurückgewiesene Behauptung gemel-
det wurde, daß er außerdem auf dem Hof des Polizeigebäudes Waffen an
Spartakisten habe austeilen lassen, und so griff eine Erbitterung gegen Eich-
horn Platz, die kurze Zeit danach zu noch blutigeren Kämpfen führen sollte.
Das unmittelbare Resultat war ein für die Matrosen günstiges. In den Reihen
der Regierungstruppen war infolge der Durchsetzung mit Zivilpublikum
Demoralisation eingerissen, ein Teil wäre zur Fortsetzung des Kampfes nicht
zu haben gewesen, andere hatten sich sogar unter dem Einfluß der Bear-
beitung durch Spartakusleute und gleichgesinnte Elemente bewegen lassen,
zu den Aufständischen überzutreten. Aber auch bei diesen war die Kampfes-
lust gewichen.
Infolge all dieser Vorgänge erhielt die schließlich zustande gebrachte
Vereinbarug eine solche Gestalt, daß sie von den einen als Kapitulation
der Matrosen, von anderen als Kapitulation der Regierung vor den Ma-
trosen hingestellt wurde. Sachlich erhalten die Matrosen zwar nichts, was
ihnen nicht schon wiederholt vonseiten der Regierung grundsätzlich zuge-
sichert worden war, doch wird von jeder Untersuchung nach den Urhebern
und Schürern des Aufstandes und Bestrafung solcher Abstand genommen
Folgendes der Wortlaut der Abmachung: 117
1. >Die Volksmarinedivision verpflichtet sich, sofort das Schloß zu
verlassen, wenn der Vertrag vom 18. Dezember durchgeführt xrird.
Darnach hat die Matrosendivision Anspruch auf Büroräume im Marstall.
2. Die Matrosen werden der republikanischen Soldatenwehr an-
gegliedert, die dem Befehl der Kommandantur untersteht. Die Form
der Angliederung bleibt einer späteren Vereinbarung vorbehalten.
3. Die Matrosen verpflichten sich, in Zukunft nicht wieder an
Aktionen gegen die Regierung teilzunehmen. Meinungsverschieden-
heiten sind stets auf dem Verhandlungswege durch die zuständigen
Stellen zu erledigen. Die Division des Generalkommandos Lequis wird
sofort zurückgezogen. Die Alarmbereitschaft der Berliner Truppen und
der Matrosendivision wird sofort aufgehoben. Die Matrosen und Sol-
daten gehen in ihre Quartiere zurück. Der Kommandant Wels its
sofort freizulassen.«
Erst einzeln und dann in Trupps verlassen nun die Mehrheit der
Matrosen den Marstall. Sie hatten neun Tote verloren, und ganz erheblich
größer noch war die Zahl ihrer schwer Verwundeten. Dazu kamen noch
etliche 20 Tote und doppelt soviel Verwundete aus den Reihen ihrer sparta-
kistischen und sonstigen Parteigänger. Die Regierungstruppen verzeich-
neten 2 Tote und 2 Verwundete.
Es ward nun der Verkehr wieder frei gegeben, und Massen Volks
strebten die Linden herauf dem Schauplatz der Kämpfe zu. Allerhand An-
sprachen werden vor improvisierten Haufen gehalten, die meisten davon im
Sinne der radikalen Opposition. Über den Charakter einer Ansprache, die
gegen 12 Uhr Georg Ledebour vor der Universität von einem Bierwagen
herab gehalten hat, gehen die Berichte auseinander. Die einen schildern sie
als zur Ruhe mahnend, andere als hetzerisch. Die Wahrheit wird auch hier
in der Mitte liegen. Nach seiner eigenen Darstellung hat Ledebour die An-
sprache an die vor der Universität während der oben geschilderten Ver-
handlungen harrende Menge auf Wunsch von Offizieren der Gardeschützen-
division gehalten, um neuen Zusammenstößen vorzubeugen, und daß er zum
Auseinandergehen ermahnt hat, wird auch von anderer Seite bestätigt. Das
schließt aber nicht aus, daß er diese Rede mit scharfen Ausfällen auf die
Mehrheitssozialisten in der Regierung gewürzt und, wie es in einer Reihe von
Berichten heißt, dafür gesprochen hat, daß die Matrosen ihre Waffen be-
halten sollten. Sehr scharfe Reden gegen Ebert und Genossen hielten er
und andere noch am Abend, und in einer Zusammenkunft der revolutio-
nären Obleute wird immer stürmischer der Austritt der Unabhängigen aus
der Regierung gefordert. Sie wären Verräter an der Revolution, wird er-
klärt, wenn sie noch länger mit den »Mordbuben« in einer Regierung säßen.
Die Luft ist mit Konfliktstoff überladen. Am nächsten Tage, dem
eigentlichen Weihnachtstag, besetzten am Nachmittag Spartakusleute, radikale
Mitglieder der Matrosendivision und Gleichgesinnte, die sich von einem De-
monstrationszug abgesplittert hatten, unter gewaltsamer Verdrängung der vor
dem Vorwärtsgebäude aufgestellten Wachen die Lokalitäten des Vorwärts,
der am Morgen einen Artikel gebracht hatte, worin das Verhalten der aufstän-
dischen Matrosen und die Schuld der zur Widersetzlichkeit hetzenden Hinter-
männer scharf gekennzeichnet worden war. Ein einstweiliger Redaktions-
stab wird eingesetzt und ein Flugblatt gedruckt, das mitteilt, der bisherige
Vorwärts, das »lügnerische Reptil«, das im Verein mit der bürgerlichen
Presse bemüht sei, das Proletariat um die Früchte der Revolution zu bringen,
werde von nun als »Roter Vorwärts« erscheinen und dem Volk »die heiß
118
ersehnte Wahrheit verkünden«. Als die Redakteure am 26. abends auf die
Redaktion kamen, ward ihnen bedeutet, sie hätten dort nichts mehr zu
suchen, das dem revolutionären Berliner Proletariat vor zwei Jahren geraubte
Blatt sei diesem wieder zurückgegeben und der Chefredakteur Friedrich
Stampfer wird, als er gegen diesen Gewaltakt Einspruch erhebt, in den Mar-
stall in Haft gebracht.
Inzwischen hatten Verhandlungen zwischen leitenden Persönlichkeiten
der beteiligten sozialistischen Parteien und der Regierung begonnen. Der
Polizeipräsident Eichhorn war eingeschritten und hatte zunächst die Räu-
mung der Druckerei des Vorwärts erwirkt, und schließlich entschied sich
eine Versammlung der revolutionären Obleute und Vertrauensleute unter dem
Einfluß führender Vertreter der Unabhängigen Sozialdemokratie dafür, daß
der Vorwärts wieder freizugeben sei. Doch mußte sich die Redaktion ver-
pflichten, an der Spitze der ersten von ihr herausgegebenen Nummer fol-
gende Erklärung zu veröffentlichen:
>Die Versammlung der revolutionären Obleute und Vertrauensleute
Groß-Berlins, 26. Dezember 1918, hat volles Verständnis für den Groll
der Arbeitermassen, der am 25. Dezember zur Besetzung des »Vorwärts«-
Unternehmens geführt hat. Der ungeheuerliche Rechtsbruch, der vor
2 Jahren gegen die Berliner Arbeiterschaft begangen wurde, wird heute
um so aufreizender von der revolutionären Arbeiterschaft empfunden,
als der >Vorwärts« in der letzten Zeit in der schamlosesten Weise alle
ehrlichen und entschieden revolutionären Kreise sowie die Volks-
marinedivision beschimpft hat.
Die revolutionären Obleute halten daher die den »Vorwärts«-Leuten
erteilte Lektion für wohlverdient, aber sie halten das Vorgehen gegen
den »Vorwärts« nicht für den gegebenen Anlaß, den umfassenden End-
kampf gegen die offene und verkappte Gegenrevolution aufzunehmen.
Die Versammlung der revolutionären Obleute empfiehlt daher die
Aufgabe der Besetzung des »Vorwärts«-Gebäudes. Sie verpflichtet sich
alle Kräfte einzusetzen, die revolutionäre Entwicklung weiterzutreiben
und den Kampf für den Sozialismus zu Ende zu führen. In diesem
Kampf ist selbstverständlich eingeschlossen der Kampf gegen die Re-
gierung Ebert und deren Lakaien im »Vorwärts«.
Die Versammlung der revolutionären Oble^e erkennt das Recht
der Berliner Arbeiterschaft auf den »Vorwärts« an. Sie ist der Meinung,
daß die »Vorwärts«-Angelegenheit in dieser revolutionären Epoche so-
fort vom Vollzugsrat der Groß-Berliner Arbeiterschaft in diesem Sinne
geregelt werden muß.
Die revolutionären Obleute und Vertrauensleute
der Großbetriebe Groß-Berlins.
Die Erklärung erschien in der Morgenausgabe des »Vorwärts« vom
27. Dezember 1918, und die Redaktion ließ ihr dort unmittelbar eine kurze
Notiz folgen, in der sie sagt, sie habe aus den Erklärungen der Kommission
der revolutionären Obleute »die Überzeugung gewonnen, daß die Besetzung
des Vorwärts weder von ihnen noch von der Leitung des Spartakusbundes
veranlaßt worden ist.«
Dann aber folgt ein Artikel »Der Standpunkt der Redaktion«, worin
diese sachlich scharf, aber in ruhiger Sprache ihren Standpunkt darlegt.
»Es wäre unser gutes Recht«, heißt es da, »Kraftworte mit Kraft-
worten zu erwidern.« Wir beschränken uns darauf, Tatsachen richtig
zu stellen — . . . Wir sollen die ehrlich revolutionären Kreise in
schamloser Weise beschimpft haben. Wir halten diejenigen Kreise für
»ehrlich revolutionär«, die an den Errungenschaften der Revo-
i l 119
lution festhalten. Die größte Errungenschaft der Revolution ist, daß
das ganze Volk künftig selbst über seine Geschicke entscheiden soll.
Versuche, ihm dieses Recht vorzuenthalten, die Wahlen zur National-
versammlung zu vereiteln, halten wir für konterrevolutionär und nur
der äußersten Reaktion dienend. Solche Versuche — ebenso wie der
tolle Plan, die gegenwärtige Regierung gewaltsam durch eine Regierung
Liebknecht-Rosa Luxemburg zu ersetzen, die nur ein paar handvoll
Arbeiter hinter sich hätte — beschwören die Gefahr des Bürgerkriegs
herauf. Denjenigen aber, die mit dem Bürgerkrieg spielen, werden wir
immer wieder sagen, daß sie Verderber des Volkes sind, und wir werden
immer wieder unseren Genossen raten, das Selbstbestimmungsrecht des
Volkes nach allen Seiten hin bis zum äußersten zu verteidigen. Wenn
wir dabei auch scharfe Worte gebrauchen sollten, so mögen diejenigen,
die es angeht, nicht zu empfindlich sein, sie nehmen ja — siehe
oben! — auch auf die Empfindlichkeiten anderer keine Rücksicht. —
>Der >Vorwärts« bleibt, was er gewesen ist, das Zentralorgan der
Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, das keiner anderen Kontrolle
als jener der eigenen Parteiinstanzen unterworfen ist, seine Redaktion
bleibt unverändert, ebenso seine Gesinnung. Sein Recht aber, frei "
seine Meinung sagen zu dürfen, wird er hoffentlich im revolutionären,
republikanischen Deutschland kein zweites Mal noch besonders zu ver-
fechten brauchen.«
Das letztere sollte sich nicht bewahrheiten. Die Art, wie im Jahre
1916 der Parteivorstand der damals noch nicht gespaltenen sozialdemokra-
tischen Partei den »Vorwärts« der in Berlin vorherrschenden Opposition aus
der Hand nahm, hält der Schreiber dieses auch heute noch nicht für korrekt.
Es ist aber fraglich, ob das Blatt, das ja nicht nur Organ der Berliner Partei-
mitgliedschaft, sondern zugleich Zentralorgan der Gesamtpartei war, bei der
Praxis des mit unbegrenzten Vollmachten über die Presse ausgestatteten
Oberkommandos in den Marken als Organ der die Kriegspolitik der Partei be-
kämpfenden Opposition überhaupt hätte am Leben erhalten bleiben können, und
ob eine beide Teile befriedigende Lösung damals überhaupt noch möglich
war. Die Frage war zudem im Dezember 1918, nachdem beide Fraktionen
sich eigene Organe in Berlin geschaffen hatten, die Unabhängigen die »Frei-
heit« und die Spartakusleute »Die Rote Fahne«, im Grunde nur noch für
das retrospektive Urteil von Bedeutung. In einer Sondernotiz stellte Friedrich
Stampfer fest, daß er am 9. November 1918 einigen namhaften Unabhängigen
den Vorschlag gemacht habe, eine neue Vereinbarung über die Redaktion
des Blattes zu treffen. »Die Unabhängigen gingen darauf nicht ein,« schreibt
er, »sondern zogen es vor, ein eigenes Blatt zu gründen, womit, richtig er-
wogen, den beiderseitigen Interessen wohl am besten gedient war.«
In der gleichen Nummer des »Vorwärts« veröffentlichten die drei der
Fraktion der Mehrheitssozialisten zugehörenden Volksbeauftragten ihren Be-
richt über die Kämpfe vom 23. und 24. Dezember, wie diese sich von ihrem
Standpunkt aus darstellten. Ein überaus eindrucksvolles Schriftstück, das in
markigen Sätzen die oben geschilderten Vorgänge zuammenfaßt, welche den
blutigen Zusammenstoß zur Folge gehabt hatten und aus dem mit zwingender
Beweiskraft zwei Tatsachen hervorgehen: erstens, daß bis zu dem Augen-
blick, wo in der Nacht vom 23. bis 24. Dezember die Meldung aus dem
Schloß kam, daß für das Leben Wels nicht mehr gebürgt werden könne, die
Regierung trotz wiederholter Provokation ihr Bestes getan hatte, Gewaltakte
zu verhindern und mit den Matrosen zu einer gütlichen Vereinbarung zu
kommen, und daß zweitens Dorrenbach und seine Hintermänner jedesmal,
wenn eine solche Verständigung erzielt war, durch ihre Aktionen neue Kon-
120
flikte heraufbeschworen hatten. Der Bericht hebt hervor, daß die Führer der
Volksmarinedivision, die mit der Regierung verhandelten, die Einigkeit herstel-
len wollten und dies nach dem Straßenkampf aufs neue durch die Zusicherung
bewiesen haben, »sich an keinerlei Aktion mehr gegen die Regierung zu be-
teiligen.« Wer aber wollte es nicht zu Frieden und Zusammenarbeit kom-
men lassen, wer habe es verstanden, »jeden Vertrag zu einem Blatt Papier
zu machen«? Und ohne Karl Liebknecht zu nennen, wird auf dessen Trei-
ben mit folgenden Worten hingewiesen:
>Die sind es, und die klagen wir an, welche Tag für Tag unseren
Genossen in der Regierung alle Verbrechen angedichtet haben. Die
kein anderes Wort mehr kennen als »Bluthund«, und selbst im Blut
waten! Die angeblich für die Revolution kämpfen und nichts anderes
wollen als Vernichtung, Anarchie, Terror! Denen die russische
Wüste und ihr hungerndes Volk noch nicht genug sind, die noch eine
Wüste anstreben: Deutschland! Die Weltrevolution predigen und nur
eines erreichen werden: Weltuntergang!«
Und der Bericht schließt mit den Worten:
>Genossen! Hier habt ihr den Bericht über die Handlungen Eurer
Vertrauensmänner in der Regierung. Ihr müßt das Urteil sprechen,
denn durch Euer Vertrauen heißen wir Volksbeauftragte! Wenn Ihr
uns Entlastung erteilt, müßt Ihr aber noch ein Weiteres tun!
Ihr müßt uns Macht schaffen! Es gibt keine Regierung
ohne Macht! Ohne Macht können wir Euren Auftrag nicht aus-
führen, ohne Macht sind wir jedem preisgegeben, der verbrecherisch
genug ist, für den eigenen jämmerlichen Ehrgeiz seine Kameraden und
ihre Waffen zu mißbrauchen !
Wollt Ihr die Deutsche sozialistische Republik? Wollt Ihr, daß
Eure Parteigenossen in Eurem Auftrag die Regierung führen ?
Wollt Ihr, daß wir für Euch so schnell wie möglich Frieden
schließen und für die Lebensmittelzufuhr sorgen ? Dann helft
uns, der Regierung eine Volksmacht zu schaffen, daß sie ihre Würde,
ihre Entschlußfreiheit, ihre Tätigkeit gegen Anschläge und Putsche
schützen kann.
Der 24. Dezember hat uns ungeheure Werte an Volksvermöge«
und Volksansehen gekostet. Noch ein solcher Tag, und wir verlieren
den Rang eines Staates, mit dem man verhandelt und Frieden schließt!
Eine Regierung, so sagte Genosse Ebert zu den Vertretern der
Volksmarinedivision, die sich nicht durchsetzen kann, hat auch keia
Recht auf Existenz ! Helft Ihr dies Recht verteidigen ! Jeder Mann ein
Kämpfer für dies Recht!«
Prinzipiell hätten auch die Vertreter der unabhängigen Sozialdemokra-
tie das unterschreiben können. Infolge einer anderen Fragestellung fanden
sie aber die Begründung eines Entschlusses, kraft dessen der von Dorren-
bach und Genossen angestiftete Matrosenauftand den Erfolg hatte, dem Zu-
sammenarbeiten der beiden soziademokratischen Parteien in der kritischen
Periode der Revolution ein Ende zu bereiten.
121
XI.
Der Austritt der unabhängigen Sozialdemokraten
aus dem Rat der Volksbeauftragten.
Die Volksbeauftragten aus der Unabhängigen Sozialdemokratie sahen
begreiflicherweise die Vorgänge vom 23. und 24. Dezember mit andern
Augen an, als ihre Kollegen aus den Reihen der Mehrheitssozialisten. Emil
Barth war, wie wir gesehen haben, mit seinen Sympathien auf Seiten des
Dorrenbach gewesen. Dittmann und Haase hatten die kritischen Vorgänge
vom 23. und 24. Dezember nicht mit durchgelebt, dagegen von Barth dessen
sehr subjektiv gefärbten Bericht darüber gehört, ohne seine Richtigkeit so-
fort in allen Punkten nachprüfen zu können. So erklärten sie denn den in der
Nacht vom 23. Dezember von Ebert in Übereinstimmung mit Landsberg und
Scheidemann dem Kriegsminister behufs Rettung von Wels gegebenen Auftrag
für einen durch die damalige Sachlage nicht zu rechtfertigenden Schritt. Als die
Angelegenheit am 27. Dezember in einer gemeinsamen Sitzung von Volksbe-
auftragten und Zentralrat zur Verhandlung kam, platzten die Geister ziemlich
heftig aufeinander. Barth hielt eine förmliche Anklagerede gegen die drei
Mehrheitssozialisten, denen er, wie er in seiner Schrift ausführt, vorbedachtes
Hinarbeiten auf den blutigen Zusammenstoß und systematisches Belügen der
Kollegen vorwarf. Haase und Dittmann würden wahrscheinlich weniger ge-
neigt gewesen sein, ein ähnlich hartes Urteil zu fällen, wenn sie nicht gerade
in jenen Tagen über Fragen der deutschen Ostpolitik und der Auflösung des
Heeres mit Ebert und Genossen in scharfen sachlichen Gegensatz geraten
wären. Die Letztgenannten wollten in Deutschland noch eine Truppenmacht
zurückbehalten, die gegebenenfalls stark genug wäre, die Deutschen in den
Ostprovinzen und im Baltikum gegen Polen einerseits und die Bolschewisten
andererseits mit Waffengewalt zu schützen, und auf der andern Seite waren
sie bereit, der obersten Heeresleitung verschiedene Zugeständnisse inbezug
auf Umfang und Zeitmaß der Durchführung der Beschlüsse des Rätekon-
gresses über Abschaffung der Rangabzeichen usw., zu machen. Die unab-
hängigen Volksbeauftragten lehnten es dagegen schroff ab, irgend eine kriege-
rische Aktion auch nur als möglich in's Auge zu fassen, verwarfen insbeson-
dere den Gedanken irgend einer solchen Aktion gegen Sowjet-Rußland und
bestanden auf strikte Durchführung der die Militärfragen betreffenden Be-
schlüsse des Rätekongresses. Am Schluß der Sitzung formulierten sie ihren
Standpunkt in folgenden acht Fragen, die sie dem Zentralrat zur Beantwor-
tung übergaben:
122
»1. Billigt es der Zentralrat, daß die Kabinettsmitglieder Ebert,
Scheidemann und Landsberg in der Nacht vom 23. zum 24. Dezember
dem Kriegsminister den in keiner Weise begrenzten Auftrag erteilten,
mit militärischer Gewalt gegen die Volksmarinedivision in Schloß und
Marstall vorzugehen?
2. Billigt der Zentralrat das am Morgen des 24. Dezember von den
Truppen des Generalkommandos Lequis mit nur 10 Minuten befristete
Ultimatum, sowie die Artilleriebeschießung von Schloß und Marstall?
3. Erklärt sich der Zentralrat für die sofortige, strikte Durch-
führung der vom Kongreß der Arbeiter- und Soldaten-Räte gefaßte«
Beschlüsse über die Abschaffung der Rangabzeichen und das Unter-
sagen des Waffentragens außerhalb des Dienstes für die Offiziere im
Heimatheer?
4. Billigt es der Zentralrat, daß die oberste Heeresleitung in einem
vertraulichen Telegramm an die Heeresgruppe Ober-Ost erklärt, sie
erkenne diese Beschlüsse der Arbeiter- und Soldatenräte nicht an?
5. Billigt der Zentralrat die von den Kabinettsmitgliedern Ebert,
Scheidemann und Landsberg befürwortete Verlegung der Reichs-
regierung von Berlin nach Weimar oder einem anderen Orte Mittel-
deutschlands?
6. Billigt der Zentralrat, daß statt der völligen Demobilmachung
des stehenden Heeres nur eine Reduzierung desselben auf den Friedens-
stand unter Zurückhaltung und eventueller Auffüllung der beiden Jahres-
klassen 1897 und 98 stattfindet?
7. Steht der Zeutralrat mit uns auf dem Standpunkt, daß die Re-
gierung der sozialistischen Republik sich militärisch nicht schützen
kann und darf auf die Generalität und die Reste des auf dem Kadaver-
gehorsam aufgebauten, alten, stehenden Heeres, sondern nur auf
eine nach demokratischen Grundsätzen aus Freiwilligen zu bildende
Volkswehr?
8. Ist der Zentralrat dafür, daß die Sozialisierung der dafür reife»
Industrieen durch gesetzgeberische Akte sofort in Angriff genommen
wird ?«
Nach dreistündiger Beratung brachte der Zentralrat seine Antwort, der
er seinerseits zwei Fragen an die unabhängigen Volksbeauftragten angefügt
hatte. Dies die Antworten auf die Fragen der Unabhängigen:
»l.'^Die Volksbeauftragten haben lediglich den Auftrag erteilt, das
Nötige zur Befreiung des Genossen Wels zu veranlassen. Das ist aber
auch .erst geschehen, nachdem den drei Volksbeauftragten von dem
Führer der Volksmarinedivision mitgeteilt worden ist, daß er für das
Leben des Genossen Wels nicht mehr garantieren kann. Das billigt
der Zentralrat.
2. Die zweite Frage beantwortet der Zentralrat mit: Nein.
3. Der Zentralrat steht auf dem Standpunkt, daß die auf dem Kon-
greß gefaßten Beschlüsse durchzuführen sind. Der Rat der Volks-
beauftragten wird beauftragt, die Ausführungsbestimmungen alsbald vor-
zulegen.
4. Die vierte Frage wird mit Nein beantwortet.
Zu den Fragen 5, 6 und 7: Der Zentralrat kann diese Frage»
ohne vorherige eingehende Erörterungen mit dem Rat der Volks
beauftragten nicht beantworten.
8. Der Zentralrat wünscht in allernächster Zeit von der für die
Vorbereitung der Sozialisierung eingesetzten Kommission einen Vortrag
über den Stand ihrer Arbeiten zu hören. Er ist der Meinung, daß die
Sozialisierungskommission in Ausführung der Beschlüsse des Kongresses
der Arbeiter- und Soldatenräte so schnell wie möglich positive Vor-
schläge über die Sozialisierung der dazu reifen Betriebe (insbesondere
des Bergbaues) macht.«
' 123
Die an die Unabhängigen gestellten Fragen lauteten:
>Sind die Volksbeauftragten bereit, die öffentliche Ruhe und
Sicherheit, insbesondere auch das private und öffentliche Eigentum
gegen gewaltsame Eingriffe zu schützen?
Sind sie mit den ihnen zu Gebote stehenden Mitteln auch bereit,
ihre eigene Arbeitsmöglichkeit und die ihrer Organe gegen Gewalt-
tätigkeiten, ganz gleich, von welcher Seite sie erfolgen sollten, zu
gewährleisten?«
Nach kurzer Zeit ward die gemeinsame Sitzung wieder eröffnet, und
Hugo Haase gab für sich, Barth und Dittmann folgende Erklärung ab:
»Wir treten aus der Regierung aus und begründen diesen Schritt
in folgender Weise:
1. Das Blutbad vom 24. Dezember ist dadurch verschuldet, daß
die Volksbeauftragten Ebert, Scheidemann, Landsberg dem Kriegs-
minister den unbegrenzten Auftrag zu militärischer Gewaltanordnung
gegeben haben. Zur Befreiung des Stadtkommandanten Wels war ein
solcher Auftrag weder nötig noch zweckdienlich. Das Leben von
Wels wurde gerade durch eine Kanonade auf das Gebäude, in dem er
sich selbst befand, auf das Höchste gefährdet. Der militärische Angriff
erfolgte außerdem erst 7 Stunden, nachdem dem Kriegsminister der
Auftrag erteilt war, also zu einer Zeit, wo, wenn Wels's Leben wirklich
bedroht war, mit seiner Unversehrtheit kaum noch gerechnet werden
konnte.
»Die Volksbeauftragten Ebert, Scheidemann und Landsberg haben
während dieser ganzen Zeit keinen Schritt getan, um die Ausführung
ihres Auftrages, der einer Blankovollmacht gleichkam, zu überwachen.
Wir können es nicht verantworten, daß einem Vertieter des alten
Gewaltsystems die Verfügung über das Leben der Mitmenschen nach
seinem Belieben übertragen wird. Der Weg der Verhandlungen, der
schließlich zum Ziel geführt hat, hätte in keinem Stadium der An-
gelegenheit verlassen werden dürfen.
Im Gegensatz zu dieser unserer Auffassung hat der Zentralrat das
Verhalten von Ebert, Scheidemann und Landsberg in dieser Frage
gebilligt.
2. Wie gefährlich der dem Kriegsminister gegebene Auftrag gewesen
ist, ergibt sich schon daraus, daß der Zentralrat die Art der Ausführung
des Auftrages selbst in Beantwortung der Frage 2 ausdrücklich hat
mißbilligen müssen.
3. Die Antwort auf die Frage 3 befriedigt uns ebenfalls nicht, da
sie nicht die sofortige und strikte Durchführung der vom Kongreß der
Arbeiter- und Soldatenräte gefaßten Beschlüsse verlangt, sondern ledig-
lich die Aufforderung zur alsbaldigen Vorlage von Ausführungsbestim-
mungen enthält.
4. Unsere Fragen zu 5, 6 und 7 sind von entscheidender Bedeutung
für die Führung der inneren und auswärtigen Politik im Geiste der
Revolution. Da der Zentralrat die Beantwortung dieser grundlegenden
Fragen trotz der eingehenden Erörterungen, die sie in der Verhandlung
gefunden haben, hinausschiebt, so werden die Errungenschaften der
Revolution nach unserer Überzeugung auch hierdurch gefährdet.
5. Die Beantwortung der Frage wegen der vom Kongreß der Ar-
beiter- und Soldatenräte geforderten sofortigen Sozialisierung der dazu
reifen Industrien sichert durchaus nicht die Verwirklichung der Ab-
sichten des Kongresses.
6. Da wir hiermit aus der Regierung ausscheiden, haben wir die
an uns als Volksbeauftragte gestellten Fragen nicht mehr zu be-
antworten.«
Schwerlich wird jemand bei genauer Prüfung der Sätze den so schwer-
wiegenden Schritt des Austrittes aus der Regierung für genügend begründet
finden. Bei Punkt 1 wird völlig außer Betracht gelassen, daß Ebert und
124
Genossen in jener Nacht in einer Zwangslage sich befanden, und daß sie
nicht annehmen konnten, der Kriegsminister werde so widersinnig handeln,
wie von dessen Untergebenem, dem General Lequis gehandelt worden ist. Tat-
sächlich hat, wie Barth selbst erzählt, Herr von Scheuch, als Dittmann ihm
Tags darauf in einem Gespräch die Lächerlichkeit vorhielt, auf ein Haus mit
Kanonen zu schießen, um einen darin befindlichen Mann zu befreien, erregt
geantwortet, er habe einen derartig unsinnigen Auftrag weder erhalten
noch gegeben. Hätte er einen solchen erhalten, so hätte er ihn ob
seiner Unsinnigkeit und Zweckwidrigkeit rundweg abgeschlagen.« (Barth,
a. a. O. S. 118.) Es lag eine sträflich widersinnige Ausdeutung des Auf-
trages vor, und die hatte der Zentralrat unumwunden mißbilligt. Die Sätze
3, 4 und 5 unterstellen, daß die Antwort auf die dort berührten Fragen
keine Minute Aufschub vertrug, was sicherlich nicht der Fall war, und der
unter 6 angegebene Grund, warum die Fragesteller die vom Zentralrat an sie
gerichtete Frage nicht zu beantworten hätten, wird nur als ein verlegenes
Ausweichen betrachtet werden können.
Triftigere Gründe für den Austritt ihrer Partei aus der Regierung gäbe»
die Volksbeauftragten der Unabhängigen Sozialdemokratie in einer in der
»Freiheit« vom 29. Dezember 1918 veröffentlichte Erklärung. Dort wird dar-
gelegt, daß die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Regierung in wich-
tigen Fragen der inneren und äußeren Politik sich zunehmend gesteigert
hätten. Die Vertrauensseligkeit der Mehrheitssozialisten gegenüber der ober-
steh Heeresleitung habe sie dazu geführt, deren Vorschläge meist unbesehen
anzunehmen, wodurch die Macht der alten Militärgewalt von neuem gestärkt
worden sei. Das Zögern der Mehrheitssozialisten gegenüber verschiedenen Zu-
mutungen der obersten Heeresleitung in bezug auf Grenzschutz im Westen,.
Zurückhaltung und Aufstellung zweier Jahresklassen bei der Demobilmachung,
Frondieren in Sachen Abschaffung der Rangabzeichen und Verbot von Waf-
fentragen außer Dienst habe bewirkt, daß jene »in ihrem Angriff immer
kühner wurden und die gesamten Offiziere gegen die Beschlüsse des Kon-
gresses der Arbeiter- und Soldatenräte, denen die Regierung zugestimmt
hatte, und damit auch gegen die Regierung aufputschte.«
Es wird dann auf die Vorgänge am 24. Dezember hingewiesen und
erklärt, daß »der Zentralrat, in den die Unabhängigen auf dem Kongreß
keinen Vertreter entsandt hatten«, in seiner Antwort auf die ihm vorgelegten
Fragen Ebert, Scheidemann und Landsberg gedeckt habe, obwohl diese durch
ihren Auftrag an den Kriegsminister die ungeheure Kanonade gegen Schloß
und Marstall, sowie das Blutvergießen verschuldet haben.« Damit sei »der
politische Moment gekommen, in dem die Unabhängigen aus der Regierung
austreten mußten.«
>Die Unabhängigen standen kurz vorher vor der Frage«, heißt es
weiter, »ob sie allein die Regierung übernehmen wollten. Dazu wären
sie nur in der Lage gewesen, wenn sie sich auf einen Zentralrat hätten
stützen können, der ihre Anschauungen in allen wesenlichen politischen
Fragen teilte. Denn jeder Regierung fehlt die Existenzgrundlage, wenn
die Gewalt, von der sie selbst ihre Macht herleitet, die sie jederzeit
abberufen kann, in den Grundanschauungen anders denkt, als sie selbst.
Die weitere Entwicklung der inneren und äußeren Politik wird die vor-
handenen Schwierigkeiten für die neue Regierung sicherlich vermehren.
Läßt sie sich dazu verleiten, die Rolle des starken Mannes, die sie so
unglücklich begonnen hat, weiter fortzuführen, so wird das zu Kämpfen
mit unübersehbaren Folgen innerhalb des Volkes führen.«
125
Darin lag grundsätzlich viel Wahres. Die Frage ist nur, ob irgend etwas
an der Lage dadurch gebessert wurde, daß die Unabhängigen aus der Regie-
rung ausschieden. Sie konnten in dieser zum mindesten vieles von dem ver-
hindern, was sie für schädlich hielten, denn man stand sich 3 zu 3 gegen-
über und war übereingekommen, daß Stimmengleichheit bei einem Antrag
oder Vorschlag deren Ablehnung bedeute, und in der Einleitung ihrer Er-
klärung heben sie selbst hervor, daß trotz der großen Verschiedenheiten in
den Grundanschauungen zwischen ihnen und den Mehrheitssozialisten ein
kollegiales Zusammenarbeiten bestanden habe. »Alle Beteiligten« heißt es da,
»hatten das Bestreben, die ihnen zugewiesene Aufgabe zu erfüllen und zu
diesem Zweck alle persönlichen Reibungen zu vermeiden. »Es sei auch ge-
glückt, das Zusammenarbeiten von dem erbitternden Moment persönlicher
Vorwürfe frei zu halten.« Hierzu hätte noch bemerkt werden können, daß,
wenn es große Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Gruppen gab,
so doch nicht minder große Übereinstimmung in bezug auf die positiven
Aufgaben der Republik. Es ist bemerkenswert, daß in dieser letzteren Hin-
sicht die Erklärung keine ernsthafte Beschwerde erhebt, und in der Tat war
in den sechs Wochen Zusammenwirkens ein tüchtiges Stück grundlegender
Reformarbeit geleistet worden. Nein, der wahre Grund der Unmöglichkeit für
die drei Unabhängigen, in der Regierung zu verbleiben, lag anderswo. Er
lag in der Tatsache, daß ihnen in der eigenen Partei jeder Rückhalt für
solches Zusammenarbeiten abhanden gekommen war, bei dem es nun ein-
mal ohne gegenseitige Zugeständnisse nicht abgeht. Die Partei war phy-
sisch, d. h. in bezug auf Anhang im Volke, zu schwach, selbst die Regierung
in die Hand zu nehmen, und sie war moralisch zu schwach, die Selbst-
entsagung üben zu können, welche die Teilnahme an der Regierung jeder
Partei auferlegt und die in einer revolutionären Situation ganz besonders er-
forderlich ist. Es fehlte den drei unabhängigen Volksbeauftragten keineswegs
nur die Deckung durch Parteigenossen im Zentralrat, es fehlte ihnen, was
noch weit wichtiger war — denn der Zentralrat bestand ja doch aus Sozia-
listen, die keineswegs bloße Nachläufer der drei Mehrheitssozialisten in der
Regierung waren, — an Verständnis in der eigenen Partei für die wirkliche
Lage draußen im Lande und die aus ihr sich ergebenden politischen Not-
wendigkeiten. Schließlich aber, und das war vielleicht das Entscheidende,
obwohl Haase und Genossen wahrscheinlich sich das nicht selbst eingestan-
den: der Zusammenstoß mit den Dorrenbach folgenden Matrosen war nur das
Vorspiel eines sich immer deutlicher abzeichnenden Zusammenstoßes mit
Karl Liebknecht und dessen wachsender Gefolgschaft. Über die Möglichkeit,
den Ersteren zu vermeiden, konnte man verschiedener Meinung sein. Daß
aber mit Karl Liebknecht und dessen Verbündeten, die nach bolschewistischem
Muster und wahrscheinlich auch mit bolschewistischer Unterstützung arbei-
teten, der gewaltsame Zusammenstoß eines Tages unvermeidlich werden
würde, konnte sich niemand verheimlichen, der deren Treiben offenen Auges
verfolgte. In solcher Situation auf der Seite der die dann notwendige Re-
pression übenden Regierungsgewalt stehen zu müssen, das war eine Per-
spektive, die auch andere mit Grauen erfüllen konnte.
Unverkennbar war aber zugleich, daß der Austritt von Haase und Ge-
nossen aus der Regierung diese Gefahr außerordentlich steigerte. Er er-
schwerte die Lage der jungen Republik im Innern und nach außen. Dem
Ausland gegenüber beraubte er die Regierung desjenigen Elements, das wegen
126
seiner Haltung im Kriege ihm die größte Bürgschaft für den völligen Bruch mit
den Überlieferungen des Kaisertums bieten konnte. Im Inland entzog er ihr
die Sicherung gegen das Mißtrauen derjenigen radikalgesinnten Volkskreise,
die unter anderen Umständen bereit gewesen wären, sie auch gegen jeden
Ansturm von links her zu verteidigen. Menschlich läßt sich der Schlag, den
die drei Unabhängigen der Republik durch ihren Austritt aus der Regierung
versetzten, verstehen und zum mindesten entschuldigen. Politisch bedeutete
er eine unrühmliche und verderbliche Kapitulation vor Spartakus.
In den Tagen der Jahrswende 1918/1919 hielt in Berlin der deutsche
Spartakusbund eine Konferenz ab, auf der er sich unter Annahme eines
politischen Programms, das der bolschewistischen Doktrin angepaßt war, als
Kommunistische Partei Deutschlands konstituierte. Die von 114 Teilnehmern,
darunter 83 Delegierte, besuchte Zusammenkunft beschloß nach sehr leb-
hafter Diskussion mit 62 gegen 23 Stimmen an den bevorstehenden Wahlen
zur Nationalversammlung sich nicht zu beteiligen, sondern den Wahlkampf
zu einer starken Agitation gegen die Wahl und den Parlamentarismus aus-
zunutzen. Zu denen, die für die Wahlbeteiligung eingetreten waren, gehör-
ten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Aber trotz ihrer eindringlichen
Reden blieben sie, wie man sieht, in recht schwacher Minderheit, und man
muß sagen, daß die Gegner der Wahlbeteiligung, zu denen auch der bis-
herige Reichstagsabgeordnete Otto Rühle zählte, die stärkere Logik für sich
hatten. Die Arbeiter zum Wählen in eine Kammer aufrufen, die man in
jeder Hinsicht verwirft, wäre der ärgste Widerspruch gewesen. Größere
Logik hatte Rosa Luxemburg, als sie in einer Rede über die politische Theo-
rie der neuen Partei ausführte, für deren Begründung müsse man auf das
Kommunistische Manifest zurückgreifen. Denn im Manifest ist der Bruch
seiner Verfasser mit der Doktrin des Blanquismus nur erst halb vollzogen.
127
XII.
Der Kommunistenaufstand
im Januar 1919.
n Berlin
a) Das Einheitskabinett der Mehrheitssozialisten und sein
Programm.
Nach dem Rücktritt der unabhängigen Sozialdemokraten aus der Re-
gierung wählte der Zentralrat die Mehrheitssozialisten Paul Lobe, Gustav
Noske und Rudolf Wissell, alle drei aus der Arbeiterklasse hervorgegangen,
zu Volksbeauftragten.
Paul Lobe, ursprünglich Schriftsetzer und dann Redakteur, war in
der nichtsozialistischen Welt außerhalb seines Wirkungsorts Breslau noch
wenig bekannt, erfreute sich aber in Breslau wegen seines bei aller sach-
lichen Entschiedenheit urbanen Auftretens auch in nichtsozialistischen Kreisen
großer Achtung. Er lehnte mit der Begründung ab, daß er sich der Stelle
in der Regierung nicht gewachsen fühle und in seiner Heimatprovinz nötiger
zu sein glaube. Von ruhigem Urteil, ausgeglichenem Temperament und ge-
winnendem Wesen wäre er in mancher Beziehung ein nützliches Gegenstück
gegen den zweiten der neugewählten Volksbeauftragten gewesen.
Dieser, Gustav Noske, ursprünglich Holzarbeiter und später Ge-
meindevertreter, Schriftsteller und Reichstagsabgeordneter, hatte sich schon in
seinem öffentlichen Wirken als eine Mischung von nüchternem Urteil, Gegner-
schaft gegen die Phrase und Neigung zu militärischer Denkart bekannt ge-
macht, schon lange vor dem Kriege durch Äußerungen in diesem Sinne sich
heftige Angriffe vonseiten des radikalen Flügels der Sozialdemokratie zu-
gezogen, die er nicht gerade sanft zu erwidern pflegte. In Kiel hatte er sich
nach seiner Wahl zum Gouverneur als guter Organisator und tatkräftiger
Leiter von Massen bewährt, auch manche Barschheit im Auftreten, die ihm
als geborenen Brandenburger anhaftete, durch überzeugende Begründung
seiner Maßnahmen im Rat der Mannschaften übersehen zu machen verstan-
den. Dabei ermangelte er aber doch jener Selbstbeherrschung, die in kri-
tischen Situationen ein notwendiges Requisit des Führers ist.
Rudolf Wissell, von Hause aus Maschinenbauer und dann Gewerk-
schaftsleiter und Arbeitersekretär, hatte schon in dieser Tätigkeit und als
Parteimann die geistige Begabung und die Fähigkeit rascher Einarbeit in
gestellte Probleme an den Tag gelegt, die er später als Parlamentarier und
Minister betätigen sollte. Musterbeispiel des bildungsfreudigen Proletariers
128
unserer Zeit, ist er nicht frei von einem Hang zum Grübeln und doktrinärer
Starrheit.
Da für Loehe kein Ersatzmann gewählt wurde, blieb der Rat der Volks-
beauftragten fortan auf fünf Mitglieder beschränkt. Bei der Neuverteilung
der Arbeitsgebiete im Rat ward Ebert das Innere, Landsberg das Finanz-
wesen, Noske Heer und Marine, Scheidemann das Auswärtige und Wisseil
die Sozialpolitik zugeteilt.
Der Zentralrat zeigte den Regierungswechsel in einem Aufruf an die
»Arbeiter, Soldaten, Bürger und Bürgerinnen der deutschen sozialistischen
Republik« an, der mit den Worten begann:
> In schwerster Stunde wenden wir uns an Euch. Die von der un-
abhängigen sozialdemokratischen Partei bestellten Volksbeauftragten
haben die Regierung verlassen. Die Fortführung und Sicherstellung
der neuen Revolution liegt nunmehr allein in den Händen der alten
sozialdemokratischen Partei.«
Wie man auch zu den politischen Fragen der Gegenwart stehen möge,
heißt es weiter, es könne jetzt nur Eines geben, die Schaffung einer arbeits-
fähigen Regierung, welche dem deutschen Volk vor allem Friede und Brot
bringen, die Errungenschaften der Revolution sichern und die Einheit des
deutschen Volkes aufrecht erhalten müsse. Der Zentralrat werde für die
Erledigung der damit verbundenen Aufgaben seine ganze Kraft einsetzen.
Vorbedingung hierfür sei aber:
> unbedingte Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit,
die Verhinderung gewaltsamer Eingriffe in das private und öffentliche
Eigentum, die Wiederaufnahme einer geregelte» Produktion, die durch
die Unterbindung der Kohlenförderung auf das schwerste gefährdet ist.«
Im Ruhrgebiet brachen nämlich schon Streiks aus, bei denen Agenten
der Bolschewisten ihre Hand im Spiele hatten, und ebenso arbeiteten solche
im sächsisch-thüringischen Braunkohlenrevier und anderen Teilen Deutsch-
lands für die Organisierung von Streiks und Aufständen. Wie später fest-
gestellt wurde, hat die bolschewistische Regierung Rußlands damals Mil-
lionen Geldes für den Zweck aufgewendet, Deutschland in einen Zustand in-
nerer Zerrüttung zu versetzen, der die Proklamierung einer Räterepublik nach
ihrem Muster ermöglichen sollte.
Ein besonderer Aufruf des Zentralrats an die Soldaten ist im gleichen
Sinne gehalten, wie der an die Bevölkerung im allgemeinen. Aus ihm sei
folgendes Stück zitiert:
»Soldaten, Ihr müßt uns helfen! Wir kennen nur den freiwilligen
Gehorsam freier Männer. Wer unserer Sache nicht aus Überzeugung
dienen kann, der mag gehen. Wer aber Soldat bleibt, der muß wissen,
daß die Heue Reichsregierung die höchste Behörde der deutschen Re-
publik ist und daß jedermann, der Waffen trägt, ihr als der obersten
Kommandogewalt Treue schuldet. Die Regierung will nichts als die
Freiheit und Wohlfahrt des Volkes. Die sollt Ihr schützen helfen!
Wenn Ihr entschlossen seid, die freiheitliche Ordnung der Republik
nach allen Seiten zu schützen, wird sie niemand anzutasten wagen.
Darum seid der großen Sache der deutschen Volksrepublik treu! . . .
Wenn wir nicht Ordnung halten, müssen wir verhungern! Rettet durch
selbstgewollte Disziplin die Errungenschaft der Revolution und unser
Volk vor dem drohenden Untergang.«
Den gleichen Geist atmet ein Aufruf, mit dem die neue Regierung dem
deutschen Volk ihre Umgestaltung anzeigte. Es heißt darin:
9 129
»Die lähmende Zwiespältigkeit ist überwunden. Die Reichs-
regierung ist neu und einheitlich gebildet. Sie kennt nur ein Gesetz
des Handelns: über jede Partei das Wohl, den Bestand und die Un-
teilbarkeit der deutschen Republik! Zwei Mitglieder der sozialdemo-
kratischen Partei sind auf einstimmigen Beschluß des Zentralrates an
Stelle der ausgeschiedenen drei Unabhängigen eingetreten: Noske und
Wissell. Alle Mitglieder des Kabinetts sind gleichberechtigt. Vor-
sitzende sind Ebert und Scheidemann.
Und nun an die Arbeit! Im Innern gilt es: die Nationalversammlung
vorzubereiten und ihre ungestörte Tagung sicherzustellen, für die Er-
nährung ernstlich Sorge zu tragen, die Sozialisierung im Sinne des
Rätekongresses in die Hand zu nehmen, die Kriegsgewinne in der
schärfsten Form zu erfassen, Arbeit zu schaffen, Arbeitslose zu unter-
stützen, die Hinterbliebenenfürsorge auszubauen, die Volkswehr mit
allen Mitteln zu fördern und die Entwaffnung Unbefugter durchzusetzen;
nach außen: den Frieden so schnell und so günstig wie möglich durch-
zuführen, die Vertretungen der deutschen Republik im Ausland mit
neuen, von neuem Geist erfüllten Männern zu besetzen.«
Das sei in großen Zügen das Programm der Volksbeauftragten bis zum
Zusammentritt der Nationalversammlung. Wie sie dies nun auf den ver-
schiedenen Gebieten der sachlichen Regierungsgeschäfte erfüllt haben, soll
im Zusammenhang mit einem Überblick über das ganze Werk der Revo-
lution in der Periode der Volksbeauftragten geschildert werden. In diesem
Kapitel handelt es sich zunächst nur um die Darstellung der Kämpfe in
Berlin bis zum Vorabend der Wahlen zur Nationalversammlung.
Der Austritt der drei Mitglieder der Unabhängigen Sozialdemokratie
aus dem Rat der Volksbeauftragten hatte zur unmittelbaren Folge, daß mit
drei Ausnahmen auch die dieser Partei angehörenden Staatssekretäre, Unter-
staatssekretäre und Beigeordneten ihre Ämter niederlegten. Die Ausnahmen
waren Ed. Bernstein (Reichsschatzamt), Karl Kautsky (Auswärtiges Amt) und
Emanuel Wurm (Reichsernährungsamt). Die Genannten hatten zwar gleich-
falls ihre Ämter der neuen Regierung zur Verfügung gestellt, doch blieben auf
deren Vorschlag Kautsky wegen seiner Archivarbeit und Wurm, weil nicht
sofort ein geeigneter Ersatz zur Verfügung war, noch einige Wochen im Amt
und Eduard Bernstein verwaltete das seine noch bis Ende Februar 1919. Er
war, um ein Beispiel für die nach seiner Überzeugung notwendige Wieder-
vereinigung der beiden sozialdemokratischen Parteien zu geben, kurz vorher,
ohne aus der unabhängen Sozialdemokratie auszuscheiden, der Mehrheits-
sozialdemokratie beigetreten. Als ihn später ein Beschluß der erstgenannten
Partei die zweifache Mitgliedschaft unmöglich machte, entschied er sich für
die Zugehörigkeit zur Mehrheitssozialdemokratie mit der Begründung, daß
die Maxime von deren inneren Politik ihm die für die junge Republik einzig
richtige erscheine.
In den ersten Tagen des Januar 1919 legten ferner die der Unab-
hängigen Sozialdemokratie angehörenden Mitglieder der preußischen Regie-
rung Dr. Graf Arco, Dr. Breitscheid, Ad. Hofer, Adolf Hoffmann, Paul Hoff-
mann, Dr. Kurt Rosenfeld, Hugo Simon und Heinrich Ströbel ihre Ämter
nieder. Sie begründeten dies damit, daß sie sofort nach dem Rücktritt von
Haase und Genossen aus der Reichsregierung sich mit jener solidarisch er-
klärt hatten und daß eine Auseinandersetzung, die sie sodann mit dem Zen-
tralrat hatten, sie überzeugt habe, daß mit diesem ein Zusammenarbeiten
für sie unmöglich sei. Der in der Begründung dem Zentralrat gemachte
Vorwurf, daß er einen »revolutionsfeindlichen Standpunkt« einnehme und die
130
Entscheidung über die wichtigsten Fragen der Revolution verzögerte, ward in
einer offiziösen Notiz der Deutschen Allgemeinen Zeitung als den Tatsachen
widersprechend erklärt.
Noch am Tage bevor sie ihre Ämter in der Regierung niederlegten,
hatten indes die Unabhängigen Adolf Hoffmann, Kurt Rosenfeld und Hein-
rich Ströbel noch gemeinsam mit ihren mehrheitssozialistischen Kollegen
Otto Braun, Paul Hirsch und Eugen Ernst folgende Verfügung gegen
übertriebene Lohnforderungen der Arbeiter unterzeichnet :
»Die Lohnbewegung unter der Arbeiterschaft hat in letzter Zeit nach
Art und Umfang eine Entwicklung angenommen, die die schwersten Be-
fürchtungen erwecken und weite Gebiete der Gütererzeugung zum Er-
liegen bringen muß. Die beklagenswerte, aber unvermeidliche Folge
kann nur Arbeitslosigkeit, Hunger und Elend sein. Die Betriebe des
Staates unterliegen in dieser Beziehung den gleichen wirtschaftlichen
Bedingungen wie die privaten. Weder Bergbau und Eisenbahn noch
alle übrigen Staatsbetriebe können es längere Zeit ertragen, daß ihre
Ausgaben die Einnahmen übersteigen. Diese Gefahr ist aber bereits
in bedrohlichem Maße eingetreten. Es wird deshalb zur gebieterischen
Pflicht der Staatsregierung, dem Anwachsen der Lohnausgaben über das
Maaß des Erträglichen hinaus mit Festigkeit entgegentreten. Die Herren
Fachminister werden daher ersucht, an sie herantretende Lohnforde-
rungen zwar mit aller Würdigung der jetzigen Bedürfnisse der Arbeiter-
schaft, aber auch sorgfältig dahin zu prüfen, ob nicht durch die Be-
willigung den in Frage kommenden Betrieben Lasten auferlegt werden,
die sie nicht ertragen können, ohne zu erliegen, und die somit die ge-
samte Finanzgebarung des Staates gefährden. In diesem Falle sind die
Forderungen zurückzuweisen.
Berlin, den 2. Januar 1919.
Die preußische Regierung:
Hirsch. Ströbel. Braun. Ernst. Adolf Hoffmann. Rosenfeld. <
Mit dem Austritt der Unabhängigen aus der Regierung änderte sich
aber auch in dieser Frage deren Stellungnahme. Statt auf Stärkung der
inneren Festigkeit io der Republik, wirkte sie im Sinne einer Schädigung
des Einflusses der Regierung. Dies vor allem war es, was den Austritt von
Haase und Genossen aus dem Rat der Volksbeauftragten zu einem Schick-
salsschlag für die junge Republik machte. Aus einer Mitarbeiterin für deren
Aufbau wurde die unabhängige Sozialdemokratie bald und auf lange Zeit
mehr oder weniger Helferin derer, die das Gegenteil betrieben. Zunächst
freilich versuchten die ruhiger urteilenden Führer der unabhängigen Sozial-
demokratie eine Art Mittelstellung einzunehmen und handelten danach bei
einem Zusammenstoß, der sich nur wenige Tage nach dem Regierungswechsel
einstellte und eine der blutigsten Episoden in der Geschichte der Revolution
eröffnete. Es war dies der Aufstand der Kommunisten in der zweiten
Januarwoche 1919.
b) Der Fall Eichhorns und der Beginn des Aufstands.
Das einzige Mitglied der unabhängigen Sozialdemokratie, das dem Bei-
spiel von Haase und Genossen nicht gefolgt war, war deren Parteigenosse
Emil Eichhorn, dem in den Novembertagen der Auftrag zur Übernahme der
Leitung des Berliner Polizeipräsidiums zugefallen und vom Vollzugsrat be-
stätigt worden war. Obwohl er von Natur durchaus kein Gewaltmensch
ist und im Auftreten wenig Herausforderndes an sich hat, war Eichhorn schon
9* 131
wiederholt mit Vertretern der Zentralregierung in Konflikt geraten und ward
ki den Reihen der Mehrheitssozialdemokratie mit großem Mißtrauen als
Schrittmacher des extremen, auf eine gewaltsame Proklamierung der revo-
lutionären Diktatur des Proletariats hinarbeitenden Flügels der Berliner Op-
position betrachtet. Man wußte, daß er seit dem Sommer 1918 einen Teil
der abgekürzt »Rosta« genannten Telegrafen-Agentur geleitet hatte, die in
Berlin den Nachrichtendienst der Bolschewisten besorgte und aus bolsche-
wistischen Mitteln gespeist wurde. Man hatte erfahren, daß die ihm unter-
stellte Sicherheitspolizei zu einem Teil von Vertrauensmännern der soge-
nannten revolutionären Obleute geführt wurde, und stellte es ihm auf Rech-
nung, daß diese Sicherheitspolizei beim Matrosenaufstand von Weihnachten
1918 zugunsten der aufständischen Matrosen den Dienst versagt hatte. Auch
ward behauptet, daß Eichhorn am 24. Dezember 1918 Vormittags 1500 Ar-
beiter der Schwarzkopfschen Maschinenfabrik mit Waffen behufs Unterstüt-
zung der Matrosen ausgerüstet hatte. Letzteres wird von Eichhorn in seiner
unter dem Titel »Eichhorn über die Januar- Ereignisse« vom Verlag »Freiheit«
herausgegebenen Schrift entschieden in Abrede gestellt, damals aber wurde
es geglaubt, wie denn überhaupt in so erregter Zeit die kämpfenden Parteien
in bezug auf Handlungen von Parteigängern der Gegenseite ganz außer-
gewöhnlich leichtgläubig zu sein pflegen. Fest steht jedoch, daß Eichhorn
für die Regierung ein durchaus unsicherer Kantonist war. Seine Auffassung
von den Aufgaben der Revolution war, wie seine Schrift zeigt, von der der
Regierung grundsätzlich unterschieden. Während diese das politisch Er-
reichte dadurch befestigen wollte, daß sie die wirtschaftlich-soziale Weiter-
entwicklung in ein ruhiges Fahrwasser zu lenken sich bemühte, gehörte er
zu denen, welche die Massen in Bewegung zu halten suchten, um die Dik-
tatur der revolutionären Arbeiter zur Wirklichkeit zu machen, was in Deutsch-
land nur dadurch zu verwirklichen war, daß der Bürgerkrieg auf die Spitze
getrieben wurde. Eichhorn selbst erzählt, daß er am 28. Dezember 1918
in einer Versammlung der Unabhängigen Sozialdemokratie nachdrücklich den
»Anschluß nach links« — d. h. an die Kommunisten gefordert und es für
fraglich erklärt hatte, ob die Nationalversammlung überhaupt zusam-
mentreten werde. (A. a. O. S. 85.) Von anderer Seite ward festgestellt,
daß er in Versammlungen die vollzogene politische Umwälzung als »Revo-
lution in Filzpantoffeln« verspottet hatte.
Nun ist das Amt des Polizeipräsidenten der Hauptstadt ein viel zu
wichtiger Posten, als daß eine Regierung ihn in revolutionärer Zeit in den
Händen einer Persönlichkeit lassen könnte, die zu einer Partei hält, welche
auf den gewaltsamen Sturz dieser Regierung hinarbeitet. Man weiß, wie
es in der französischen Revolution den Hebertisten erging, als sie ernsthaft
gegen die Zentralregierung Robespierre Stellung nahmen. In der Presse der
Mehrheitssozialisten wurde das Verbleiben Eichhorns im Amt für eine Un-
möglichkeit erklärt, und am 2. Januar 1919 ließ ihn der sozialistische Mi-
nister des Innern für Preußen Paul Hirsch auf den nächsten Tag zu einer
Sitzung im Ministerium vorladen, an der auch zwei Mitglieder des Zentral-
rats der Arbeiterräte teilnahmen und in der die geschilderten und andere
Anschuldigungen über sein Verhalten — darunter auch Vorwürfe über Un-
regelmäßigkeiten im Amt — zur Sprache gebracht wurden. Es ging dabei
sehr heftig zu, Eichhorn gab deutlich zu erkennen, daß er das Ministerium
nicht als eine ihm übergeordnete Behörde anerkenne, und auf die Frage des
132
Zentralratsmitglieds Heller, wie er sich zur Frage der Nationalversammlung
stelle, gab er — wieder nach seiner eigenen Darstellung — zurück, er lehne
eine Antwort darauf ab, er fühle sich nicht verpflichtet, dem Ministerium
Rechenschaft über seine politische Auffassung zu geben. (A. a. O. S. 65.)
Das war natürlich auch eine Antwort, und zwar eine solche, welche sein
Verbleiben im Amt in der Tat unmöglich machte. Denn das Amt des Polizei-
präsidenten der Hauptstadt ist keine reine Verwaltungsstelle, sondern zu-
gleich ein in hohem Grade politisches Amt. Es ist daher auch in allen Groß-
staaten dem Ministerium des Innern untergeordnet. Wenn also dieses, nach-
dem die Verhandlung den tiefen Gegensatz der Auffassungen erneut zur
Anschauung gebracht hatte, unter Zustimmung des Zentralrats den Beschluß
faßte, daß Eichhorn in seiner Stellung nicht verbleiben könne, so war grund-
sätzlich nichts dagegen einzuwenden. Hier handelte es sich nicht um die
Maßregelung eines Beamten, sondern um die Lösung eines unhaltbar ge-
wordenen Verhältnisses zwischen der Leitung von zwei wichtigen Ämtern,
zumal die von Eichhorn begünstigte Fraktion Liebknecht und Genossen
immer unverhüllter den Bürgerkrieg predigte. Etwas anderes ist die Frage,
ob die Art, wie der Beschluß in die Tat umgesetzt wurde, politisch rich-
tig war.
Nach Eichhorns Darstellung war ihm bei Abbruch der Verhandlung
vom 2. Januar auf seine Erklärung, er werde die Antwort auf die ihm ge-
wordenen Angriffe schriftlich geben, vom Minister Hirsch gesagt worden,
wenn die Antwort zum 4. Januar Mittags eintreffe, würde sie noch berück-
sichtigt werden. Ehe aber seine Antwort habe abgesandt werden können,
sei ihm schon das Entlassungsschreiben zugegangen. Indes lag darin zum
mindesten kein formaler Verstoß. Denn aus dem folgenden Kapitel der Eich-
horn'schen Schrift geht hervor, daß dieser das Schreiben erst am vor-
gerückten Nachmittag des 4. Januar erhalten hat, wo die Frist also
schon um mehrere Stunden abgelaufen war. Die Eile aber erklärt sich aus
der scharfen Zuspitzung der Gegensätze und dem gegen Eichhorn obwalten-
den Mißtrauen. Der Text des Schreibens jedoch hätte sicherlich anders
gefaßt sein können. Er lautete nämlich:
Ministerium des Innern. Berlin N.W. 7., den 4. Januar 1919.
II b. 46. Unter den Linden 72/73.
Wir entlassen Sie hierdurch mit dem heutigen Tage bei Aus-
händigung dieses Erlasses aus der kommissarischen Verwaltung des
Polizeipräsidiums Berlin. Herr Minister Ernst hat sich bereit erklärt,
bis auf weiteres neben seinen bisherigen Funktionen die Leitung des
hiesigen Präsidiums zu übernehmen und wird den Dienst noch
heute antreten. gez.: Hirsch.
Da vorauszusehen war, daß der Entlassungsakt die hinter Eichhorn
stehenden Elemente in große Erregung versetzen werde, wäre schon aus
Klugheitsgründen eine weniger verletzende Form angezeigt gewesen. Durch
Vorausschickung eines kurzen Hinweises auf die Unmöglichkeit der Fort-
dauer des gegebenen Zustandes und den dies zum Ausdruck bringenden
Beschluß des Zentralrats hätte sich das Ministerium nichts vergeben und der
Beurteilung der Entlassung als einer reinen Gewalthandlung vorgebeugt.
Man weiß, wie sehr jede Maßnahme, die im Lichte einer solchen erscheint,
erregte Gemüter zur Widersetzlichkeit anstachelt. In der Tat ward denn
auch das Schreiben unmittelbar als Zünder ausgenutzt.
133
Wenige Stunden nach seinem Empfang begab sich Eichhorn in das in
der Schicklerstraße gelegene Parteibüro der Unabhängigen Sozialdemokratie
Berlins, wo deren Zentralvorstand sowie die, wahrscheinlich um dieser Ange-
legenheit willen zusammenberufenen sogenannten revolutionären Obleute Ber-
lins zu gleicher Zeit Sitzungen abhielten, und machte beiden Körperschaften
Mitteilung von dem Vorgefallenen. Er erklärt, sich dabei peinlich jeder
Stellungnahme zu der Frage enthalten zu haben, was nun geschehen solle,
sondern dies der unbeeinflußten Entscheidung der Partei und der Obleute
überlassen zu haben. Indes wirkt in solcher Situation die bloße Erzählung,
wo sie so subjektiv gefärbt ist, wie Eichhorn sie in seiner Schrift gibt,
ohne ausdrückliche Aufforderung zum Protest stärker im Sinne einer solchen
als mit ihr. Einstimmig beschlossen die Obleute und gegen wenige Stimmen
der Berliner Zentralvorstand der Partei, den ihnen zugängigen Teil der Ber-
liner Arbeiterschaft zu Protestdemonstrationen aufzurufen. Man unterrich-
tete ferner die Leitung der Kommunistenpartei von diesem Beschluß und ver-
einbarte folgenden Aufruf, der sofort in Flugblättern zur Verbreitung her-
gestellt ward und am Sonntag, den 5. Januar Morgens in der »Freiheit« und
der »Roten Fahne« erschien:
»Achtung! Arbeiter! Parteigenossen!
Die Regierung Ebert- Scheidemann hat ihr revolutionär-feindliches
Treiben zu einem neuen niederträchtigen Anschlag gegen
die revolutionäre Arbeiterschaft Groß-Berlins gesteigert: Sie versuchte
den Polizeipräsidenten Eichhorn in heimtückischer
Weise aus seinem Amte zu drängen. Sie will ihr will-
fähriges Werkzeug, den derzeitigen preußischen Polizeiminister Ernst
an Eichhorns Stelle setzen.
Die Regierung Ebert-Scheidemann will damit nicht nur den letzten
Vertrauensmann der revolutionären Berliner Arbeiterschaft beseitigen,
sondern vor allem in Berlin ein Gewaltregiment gegen die
revolutionäre Arbeiterschaft aufrichten.
Arbeiter! Parteigenossen! Es handelt sich hierbei nicht um die
Person Eichhorns, ihr selbst sollt vielmehr durch den Generalstreich
um den letzten Rest der revolutionären Errungenschaften gebracht
werden.
Mit Hilfe der Bajonette will die Ebert-Regiernng mit ihren
Helfershelfern im preußischen Ministerium ihre Macht stützen und sich
die Gunst des kapitalistischen Bürgertums sichern,
dessen verkappte Interessenvertreter sie von Anfang an waren.
Mit dem Schlage, der gegen das Berliner Polizeipräsidium geführt
wird, soll das ganze deutsche Proletariat, soll die ganze deutsche Re-
volution getroffen werden.
Arbeiter! Parteigenossen! Das könnt, das dürft Ihr nicht
dulden! Heraus darum zu wuchtigen Massendemonstra-
tionen. Zeigt den Gewalthabern von heute Eure Macht; zeigt, daß
der revolutionäre Geist der Novembertage in Euch nicht erloschen ist.
Sammelt Euch heute Sonntag um 2 Uhr zu imposanten Massen-
kundgebungen in der Siegesallee!
Marschiert in Massen auf! Es gilt Eure Freiheit, es gilt
Eure Zukunft, es gilt das Schicksal der Revolution! Nieder mit der
Gewaltherrschaft der Ebert-Scheidemann-Hirsch und Ernst! — Es lebe
der revolutionäre internationale Sozialismus.
Berlin, den 5. Januar 1919.
Die revolutionären Obleute und Vertrauensmänner
der Großbetriebe Großberlins.
Der Zentralvorstand der sozialdemokratischen Wahlvereine Großberlin»
der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei.
Die Zentrale der Kommunistischen Partei Deutschlands
134 (Spartakusbund).
Geschickter konnte alles, was geeignet ist, die Arbeiterseele zu packen,
nicht zusammengestellt werden, als es in diesem Aufruf geschah. Gegen
eine Maßregelung, als welche die Entlassung Eichhorns hier dargestellt
wurde, so daß sie im Licht eines brutalen Gewaltakts erschien, lehnt sich das
Gemüt des Arbeiters instinktiv auf. Es war also nicht schwer, große Mas-
sen der Berliner Arbeiterschaft zum Zusammenströmen in der Siegesallee
zu veranlassen, zumal in »Rote Fahne«, »Freiheit« und »Republik« die
Entlassung Eichhorns und die mit ihr in Verbindung stehenden Vorgänge
tendenziös dargestellt wurden, die Kommunisten außerdem eine Agitation
unter den Soldaten der jüngeren Jahrgänge auf sofortige Demobilisierung
betrieben hatten. An Ort und Stelle wurde die Menge von Liebknecht und
andern in haßerfüllten Reden gegen die sozialistische Regierung aufgestachelt,
der die schändlichsten Beweggründe unterstellt wurden, und wurden von
Lastwagen herab Waffen an eine größere Anzahl von Personen, die meisten
davon junge Burschen, verteilt. Dann wurde ein großer Zug formiert, der
durch die Hauptstraßen der Stadt nach dem Alexanderplatz zog und, unter-
wegs durch Zuzügler verstärkt, dort die ganze weite Umgebung des Polizei-
präsidiums anfüllte.
Dort war inzwischen der von der Regierung zum Polizeipräsident er-
nannte Eugen Ernst mit dem soeben ernannten Stadtkommandanten Anton
Fischer, begleitet von einigen Soldaten erschienen und hatte Eichhorn im
Ton eines alten Kampfgenossen zur Übergabe seines Amtes aufgefordert.
Eichhorn weigerte sich mit der Begründung, er verdanke sein Amt nicht der
Regierung, sondern dem im Berliner Vollzugsrat vertretenen revolutionären
Berliner Proletariat. Man solle ihm die Gründe seiner Entlassung schrift-
lich mitteilen und ihm zunächst Gelegenheit geben, vor dem Vollzugsrat
und dem Zentralrat seine Amtsführung zu vertreten. Ernst's Versuche, ihn
mittels freundschaftlichen Zuredens zum Nachgeben zu bewegen, blieben
ebenso fruchtlos wie die Ankündigung Fischers, daß im Notfalle Gewalt zur
Anwendung gebracht werden würde. Eichhorn, hinter dem ihm ergebene
Sicherheitsmannschaften standen, verharrte hartnäckig auf seiner Erklärung,
ohne jene Vorbedingung nicht vom Platz zu weichen, der Raum füllte sich
mit Soldaten und erregten Demonstranten, sodaß Ernst und Fischer nichts
übrig blieb, als das Feld zu räumen. Dafür aber kamen dann, während
unten die Matrosen sich drängten, Liebknecht, Ledebour, Däumig, Dorren-
öach, Pieck und andere Wortführer der radikalen Bewegung in das Polizei-
präsidium und hielten, ebenso wie Eichhorn selbst, von dessen Balkon aus
erneut Ansprachen an die Menge. Sie unterrichteten sie in entsprechender
Färbung von dem Vorgefallenen und von Eichhorns Bedingungen mit dem Hin-
zufügen, daß, wenn die Regierung diese Bedingungen nicht annehmen sollte,
Eichhorn sein Verbleiben im Amt von einem Beschluß des Vollzugsrats ab-
hängig machen und eventuell mit Gewalt gegen den Willen der Regierung
durchsetzen werde.
Sehr begreiflicherweise hatten die Ansprachen die Wirkung, die ohnehin
in Erregung befindliche Menge zu noch lebhafteren Ausrufen wider die
Regierung Ebert-Scheidemann zu bewegen, so daß, wie Ledebour am 20. Mai
1919 in dem gegen ihn eingeleiteten Aufruhrprozeß aussagte, ihm und seinen
Freunden die Aufnahme ihrer Ansprachen die Überzeugung beibrachte,
»daß die Massen zur Aktion drängten, daß ihre Geduld erschöpft war.«
(Prozeß Ledebour, S. 53.) Man hielt Ratschlagung darüber ab, ob man los-
135
schlagen solie, und eine Anzahl Teilnehmer an dieser sich mehrere Stunden
hinziehenden Besprechung forderten dringend dazu auf. Ledebour schreibt
darüber :
»Zur Begründung dafür wurden uns Tatsachen von glaubhaften
Personen mitgeteilt. Es hieß, daß außer der Arbeiterschaft
auch die Berliner Garnison durchweg auf unserer
Seite stände. Nicht nur die Volksmarinedivision, sondern ziemlich
sämtliche Regimenter seien bereit, an der Seite der Berliner Arbeiter-
schaft zum Sturze der Regierung Ebert-Scheidemann die Waffen zu
ergreifen. Von anderer Seite wurde das allerdings als eine etwas zu
optimistische Auffassung bemängelt. Wir erhielten dann auch die
Nachricht, daß in Spandau große Massen für uns bereit ständen, um
uns nötigenfalls zu Hilfe zu eilen mit 2000 Maschinengewehren und
20 Geschützen. Eine ähnliche Nachricht erhielten wir aus Frankfurt a.O.
Alles das wirkte zusammen, um schließlich den Beschluß herbeizu-
führen, für den auch ich gestimmt habe, daß wir uns den Ver-
such der Regierung, Eichhorn aus seinem Amte zu
beseitigen, nicht gefallen lassen dürften, um so weniger,
da die revolutionäre Arbeiterschaft eine solche Nachgiebigkeit absolut
nicht verstehen und dann das Vertrauen zu ihren revolutionären Or-
ganisationen verlieren würde.« (A. a. 0. S. 52.)
Nachdem die Versammelten darüber einig geworden waren, Widerstand
gegen die Beseitigung Eichhorns zu leisten und den Versuch zu machen, die
Regierung Ebert-Scheidemann zu stürzen, siedelte man aus dem Polizeiprä-
sidium nach dem der Kommandantur zugehörenden Marstall über, in dem
sich inzwischen allerhand oppositionslustige Elemente heimisch niedergelas-
sen hatten, und dort wurde »von den Vertretern der revolutionären Arbeiter-
schaft«, heißt es bei Ledebour weiter, »ein provisorischer Revo-
lutionsausschuß bestellt, bestehend aus einer großen Anzahl Per-
sonen, die mit der Leitung der revolutionären Bewegung betraut wurden,
und die eventuell die Funktionen der Regierung und der Verwaltung, wenn es
notwendig werden sollte', provisorisch zu übernehmen hatten. Der Aus-
schuß sollte in Funktion bleiben bis zu dem Zeitpunkt, wo wiederum ein
provisorisch gewählter Arbeiter- und Soldatenrat eine Regierung einsetzen
würde.«
Zu Vorsitzenden dieses aus 33 Mitgliedern zusammengesetzten Aus-
schusses wurden mit gleichen Rechten gewählt Georg Ledebour, Karl Lieb-
knecht und das Mitglied der revolutionären Obleute Paul Scholze. Als in
der ersten Morgenfrühe der Stadtkommandant Anton Fischer in den Mar-
stall kam, erfuhr er von dem wachthabenden Matrosen, welche Gäste sich
dort eingefunden hatten, ohne daß jedoch die Matrosen genau wußten, um
was es sich eigentlich handelte. Sie hatten nach dem Kompromißabkommen
vom 24. Dezember versprochen, sich an keiner gegen die Regierung ge-
richteten Aktion zu beteiligen, und zeigten sich auch in ihrer Mehrheit ent-
schlossen, ihr Wort zu halten, waren aber außer Dorrenbach, der Fischer
gegenüber zugab, daß zwischen ihm und Liebknecht ein Geheim vertrag be-
stand, und einigen anderen offenbar unsicher, wie sie sich Liebknecht und
Genossen gegenüber verhalten sollten. Erst als sie in späterer Stunde da-
hinter kamen, worauf diese in Wirklichkeit hinauswollten, erklärte die Mehr-
heit sich gegen das Unternehmen, schreckten aber davor zurück, die Sache
der Regierung mit Waffengewalt zu verteidigen, sondern wollten »Neutralität«
beobachten. Immerhin nötigten sie gegen Abend des 6. Januar die ungebete-
136
nen Gäste, den Marstall zu räumen, den Liebknecht und die andern Führer
schon als nicht ganz geheuer verlassen hatten.
Bis dahin war Fischer in Zwangshaft gehalten worden. Man hatte ihn
höflich behandelt, aber versucht, ihn zur schriftlichen Zurücknahme eines
einige Tage vorher von ihm herausgegebenen Alarmbefehls und Niederlegung
seines Amts als Kommandant zu bewegen, was er aber in der ihm vor-
gelegten Form zu tun entschieden verweigerte. Von Liebknecht darüber
unterrichtet, daß die Regierung am nächsten Tag gestürzt werden solle und
man schon über eine neue Regierung einig geworden sei, hatte er diesen
von dem Vorhaben mit dem Hinweis darauf abzubringen versucht, daß der
größere Teil der Arbeiterschaft nicht auf dessen Seite stehe, aber zur Ant-
wort erhalten: »Das macht nichts, der rührigere und intelligentere Teil stellt
sicherlich auf meiner Seite.« Und als Fischer ihm dann vorhielt, daß das
Unternehmen nur Blutvergießen im Gefolge haben werde, ward ihm ähnlich
wie sechs Wochen vorher Eisner von Liebknecht die Antwort: »Hier ent-
scheiden nicht Empfindungen, sondern die Tatsachen, und die Tatsachen
sind für uns.«
In gleicher Überschätzung der Bedeutung des erlangten Anhanges hatte der
Revolutionsausschuß schon den Aufruf aufgesetzt, mit dem er folgenden Tages
den Antritt seiner Herrschaft bekannt zu geben gedachte. Er wurde am
f3. Januar Vormittags von einem Matrosen, der den Auftrag erhalten hatte,
an der Spitze von 300 bewaffneten Kameraden das Kriegsministerium zu
besetzen, dem dort amtierenden Unterstaatssekretär Hamburger ohne Unter-
schrift mit der Aufforderung zur Übergabe des Gebäudes vorgelegt, widrigen-
falls ein Sturmangriff auf es erfolgen werde. Hamburger hielt kurze Rück-
sprache mit Kollegen und erklärte dann, er könne unmöglich einer Weisung
Folge geben, der jede Unterschrift fehle, der Matrose möge erst diese er-
bringen. Und richtig ging der Matrose nach dem Marstall zurück und holte
die Unterschriften, wobei Karl Liebknecht für den nach seiner Wohnung
gefahrenen Ledebour zeichnete. Folgendes der Wortlaut:
Kameraden! Arbeier!
Die Regierung Ebert - Scheidemann hat sich unmöglich gemackt.
Sie ist von dem unterzeichneten Revolutionsausschuß, der Vertretung
der revolutionären sozialistischen Arbeiter und Soldaten (Unabhängige
sozialdemokratische Partei und Kommunistische Partei), für abgesetzt
erklärt.
Der unterzeichnete Revolutionsausschuß hat die Regierungsgeschäfte
vorläufig übernommen.
Kameraden! Arbeiter!
schließt Euch den Maßnahmen des Revolutionsausschusses an.
Berlin, den 6. Januar 1919.
Der Revolutions-Ausschuß
i. V.j Ledebour. Liebknecht. Scholze.
Danach nahmen sich also Liebknecht, Ledebour und Genossen heraus,
gestützt auf fanatische Teile der Arbeiterschaft Berlins, eine Regierung ab-
zusetzen, die soeben erst von den Vertrauensmännern der erdrückenden
Mehrheit der Arbeiterschaft Deutschlands ihr Mandat bestätigt erhalten hatte.
Das war keine Revolution, sondern der Versuch eines Gewaltakts, den,
soweit nötig, mit Gewaltmitteln niederzuschlagen nicht nur Recht, sondern
auch die Pflicht der Regierung war. Denn sein Erfolg in Berlin hätte Deutsch-
land in den Zustand verheerender Anarchie versetzt. Niemals hätte sich die
137
Mehrheit des deutschen Volks dem unter solchen Umständen ergehenden Ge-
bot Berlins gefügt. Daß Liebknecht und Genossen sich das nicht selbst
sagten, kennzeichnet vor allem ihre politische Verranntheit und Kurzsich-
tigkeit. I
Nun war das Niederschlagen jedoch keine einfache Sache. Die Re-
gierung entbehrte in jenem Augenblick in Berlin so sehr der militärischen
Machtmittel, daß, wenn die Verschwörer, wie man sie nennen darf, in der
Nacht vom 5. auf den 6. Januar mit den ihnen zur Verfügung stehenden Be-
waffneten es unternommen hätten, die Reichskanzlei zu besetzen, sie auf
keinen ernsthaften Widerstand gestoßen wären. Die Mitglieder der Regierung
hatten, da die Reichskanzlei durch Demonstranten belagert war, schon am
Nachmittag des 5. Januar vorgezogen, statt in dieser, in der Privatwoh-
nung eines Gesinnungsgenossen zusammenzukommen. Dort erfuhren sie
gegen Abend, daß das Vorwärtsgebäude und andre Zeitungsgebäude von
bewaffneten Spartakisten besetzt worden seien. »In gedrückter Stimmung«
schreibt Noske, »saßen wir beieinander.« (Noske, a. a. O. S. 67.) Zum
Abendessen in ein Lokal zu gehen, ward als untunlich angesehen, da man
unliebsame Szenen voraussetzen mußte. So folgte man der Einladung des
befreundeten Kaufmannes Georg Sklarz, dem Noske auf der Straße begegnet
war, und brachte den Abend und den größten Teil der Nacht in dessen
Wohnung zu. Ein Laufzettel ward aufgesetzt, der die regierungstreuen Ar-
beiter aufforderte, zum Schutz der Republik sich einzufinden, in einer Privat-
druckerei vervielfältigt und dafür gesorgt, daß er am Morgen vor den Fabrik-
toren zur Verteilung gelangte. Er verfehlte auch seine Wirkung nicht. Von
allen Himmelsrichtungen her strömten am Morgen des 6. Januar Arbeiter in
Scharen in die Wilhelmstraße vor die Reichskanzlei, die alsbald von einer
viele Tausende zählenden Menge gedeckt war, während die Verschwörer ihren
Anhang auf 11 Uhr Vormittags zur Aufstellung in die Siegesallee bestellt
hatten. Es war das mit folgendem Aufruf geschehen:
> Arbeiter! Soldaten! Genossen!
Mit überwältigender Wucht habt Ihr am Sonntag Euren Willen kund-
getan, daß der letzte bösartige Anschlag der blutbefleckten Ebert-Re-
gierung zuschanden gemacht wurde.
Um Größeres handelt es sich nunmehr! TEs muß allen gegen-
revolutionären Machenschaften ein Riegel vorgeschoben werden!
Deshalb heraus aus den Betrieben! Erscheint in Massen heute
11 Uhr vormittags in der Siegesallee!
Es gilt die Revolution zu befestigen und durchzuführen! Auf zum
Kampfe für den Sozialismus. Auf zum Kampfe für die Macht des revo-
lutionären Proletariats!
Nieder mit der Regierung Ebert-Scheidemann!
Berlin, den 6. Januar 1919.
' Dierevolutionären Obleute undVertr au ensmänner
der Großbetriebe Großberlins.
Der Zentralvorstand der sozialdemokratischen
Wahlvereine Großberlins der Unabhängigen
Sozialdemo kratie.
Die Zentrale der Kommunistischen Partei Deutsch-
lands (Spartakusbund).
Wie oben schon beiläufig erwähnt, hatten am Abend des fünften Ja-
nuar bewaffnete Truppen von Kommunisten, wie sich die Spartakusleute nun
nannten, die Rote Garden genannten besonders organisierten Kampflustigen an
138
der Spitze, die Räume des Vorwärts, sowie die Gebäude der Verlagsfinnen
Büxenstein, Mosse, Scherl und Ullstein besetzt. Während die Presse der
nationalistisch-reaktionären Parteien großenteils unbehelligt blieb, wurden die
auf dem Boden der Republik stehenden großen liberalen und demokratischen
Tageszeitungen Berlins: Morgenpost, Tageblatt, Volkszeitung, Vossische
Zeitung am Erscheinen verhindert und der Vorwärts von neuem seines Cha-
rakters als Organ der Mehrheitssozialdemokraten entkleidet, um in ein Organ
der Spartakisten umgewandelt zu werden. Achtzig Mann Sicherheitstrup-
pen der unter Eichhorn stehenden Polizei, welche das Gebäude und die
Räume des Vorwärts zu bewachen hatten, hatten sich ohne Widerstand von
gegen 300 Spartakusleuten entwaffnen lassen, worauf diese sich in den
Räumen häuslich niederließen. Man verwehrte dem Redaktionspersonal den
Eintritt, bezw. die Besetzung der Arbeitsplätze, und ein Teil des technischen
Personals ward genötigt, eine Nummer des Vorwärts als »Organ der revo-
lutionären Arbeiterschaft Groß-Berlins« herzustellen, dessen an der Spitze ge-
druckter Aufruf die erneute Besitzergreifung mit Argumenten begründete,
welche in bezug auf Verdächtigung von Regierung und Vorwärtsredaktion
die Sprache der roten Nummer vom 24. Dezember 1918 an Grobschlächtig-
keit noch überboten. Am Schluß wird die beabsichtigte Entlassung Eich-
horns erwähnt, und dann heißt es:
>Aber diese niederträchtige Sippe, einschließlich der um ihr Eigen-
tum bangenden Bourgeoisie, hatte sich gründlich verrechnet.
Ihr, Arbeiter, demonstriert am Sonntag in ungeheuren Massen
gegen die geplante Schandtat und habt durch Euer geschlossenes Auf-
treten diesen Putsch verhindert.
Ihr wollet Euer Werk nicht unvollendet lassen, ihr marschiertet in
geschlossenem Zuge zum »Vorwärts«, wohl wissend, daß dieses »Re-
gierungsorgan« zu neuen Putschversuchen aufrufen, von neuem seine
Lügenflut ausgießen würde.
Aber jetzt habt ihr den »Vorwärts« zum zweiten
Male erobert. Jetzt haltet ihn fest, kämpft mit Nä-
geln und Zähnen für ihn. Laßt ihn Euch nicht entreißen, macht
ihn zu dem Organ, das er sein soll: einen Vorkämpfer auf
dem Wege zur Freiheit.«
Ledebour in seinen Aussagen vor dem Berliner Schwurgericht, Eichhorn
in seiner schon zitierten Schrift und andere führende Teilnehmer an dem
versuchten Regierungssturz behaupten, diese Besetzung der Zeitungen sei
ohne jede Anregung vonseiten der beteiligten Organisationen und sogar ohne
deren Wissen erfolgt. Nach Ledebour waren »die Massen« dabei «impulsiv
ihrem Empfinden gefolgt.« (Prozeß S. 64.) Aber solche Dinge geschehen
nicht von ungefähr, auch handelte es sich nicht um eine Aktion der »Massen«,
sondern um ein Unternehmen von mit Waffen versehenen Trupps. Schon die
einfache Tatsache, daß die Trupps gleichzeitig die verschiedenen Zei-.
tungen besetzten, weist darauf hin, daß sie oder mindestens ihre Führer
einer ganz bestimmten Parole gefolgt waren, was nicht
notwendigerweise auf Grund von Beschlüssen oder auch nur mit Vorwissen
der bekannten Organisationen oder Ausschüsse geschehen zu sein braucht.
Es waren auch Elemente am Werk, die neben, wenn nicht hinter deren
Rücken operierten. Es wurde schon darauf hingewiesen, daß Agenten der
Bolschewisten bei allen diesen Aktionen ihre Hand im Spiele gehabt haben.
Ein nicht geringer Prozentsatz der Okkupanten der Zeitungen und ganz be-
sonders des Vorwärts waren Russen, und der im letzteren veröffentlichte
139
Aufruf, von dem oben ein Stück abgedruckt ist, verrät eine literarisch sehr
gewandte Feder. Man soll doch aufhören, der Welt Revolutionsmärchen
aufzubinden. Große Teile der Arbeiterschaft Berlins waren genügend ver-
hetzt und hinreichend in Wahnvorstellungen darüber hineingeschwatzt wor-
den, was die Revolution in Deutschland war und sein konnte, um willige
Mannen für alle möglichen Gewaltakte abzugeben, die ihnen als zur Siche-
rung der Revolution nötig geschildert wurden. Aber spontane Akte der Mas-
sen sehen anders aus als jene Zeitungsbesetzungen, deren Zweck doch kein
andrer war als die Mundtotmachung unbequemer Kritik. Auch war minde-
stens ein Teil der leitenden Persönlichkeiten der Gruppen, aus denen sich
der Revolutionsausschuß zusammensetzte, lediglich aus opportunistischen Er-
wägungen Gegner der Unterdrückung der bürgerlich-demokratischen und
mehrheitssozialdemokratischen Presse.
Ein andrer Geist als in der Zentrale der Berliner Organisation der Unab-
hängigen Sozialdemokratie herrschte jedoch in der Reichs-Zentralleitung
dieser Partei. Als der Vorstand und ein Teil der in Berlin anwesenden
Reichstagsmitglieder der Partei am Vormittag des 6. Januar 1919 im Büro
der Partei zusammenkamen, war man von dem, was sich in der Nacht voll-
zogen hatte, und dem Aufruf des »Revolutionsausschusses« ganz und gar
nicht erbaut und trat sofort in eine Erörterung darüber ein, was man tun
könne, um blutigen Zusammenstößen vorzubeugen. Es war die letzte Vor-
standssitzung der Unabhängigen Sozialdemokratie, der der Schreiber dieses
dieses beigewohnt hat, und ich muß es für unrichtig erklären, wenn Ernst
Heilmann in seiner, die Umstände, unter denen die Noske'schen Freiwil-
ügenwehren entstanden, anschaulich schildernden Flugschrift »die Noske-
garde« (Berlin, Buchhandlung Vorwärts) schreibt: »Als der Januarputsch am
Scheitern war, gaben plötzlich dieselben Unabhängigen die Einigungsparole
aus.« Aus allen Schilderungen der Kämpfe jener Tage geht hervor, und
auch Heilmann stellt fest, daß am Vormittag des 6. Januar die Lage der
Regierung eine außerordentlich bedrohte war, so daß diese Not hatte, sich
gegen die Anstürme der Spartakusleute leidlich in Verteidigung zu halten.
In der erwähnten Sitzung der Parteileitung der Unabhängigen Sozialdemo-
kratie aber fand die Bemerkung des Schreibers dieses, das Beste, was
unsererseits im Augenblick geschehen könne, sei eine Vermittlung zu ver-
suchen und zu diesem Zweck an die obersten Instanzen hüben und drüben
heranzutreten, ohne weiteres Zustimmung. Rudolf Breitscheid, W. Ditt»
mann, K. Kautsky und Louise Zietz — Hugo Haase war verreist — wurden
als die geeigneten Persönlichkeiten ausersehen, die Aufgabe in die Hand zu
nehmen, und haben sich ihr auch mit größtem Eifer und Geschick gewidmet,
unterstützt durch den etwas später gekommenen Oscar Cohn. Es war nicht
ihre Schuld, wenn ihren während mehrerer Tage fortgesetzten Bemühungen
der Erfolg versagt blieb.
Der Aufruf des »Revolutionausschusses«, der die revolutionär gesinn-
ten Arbeiter Berlins für den Vormittag des 6. Januar zum Zusammenströmen
an der Siegesallee aufbot, hatte um so größeren Erfolg, als die einzigen der
von Arbeitern gelesenen Zeitungen, die am Morgen erschienen, die »Frei-
heit«, die »Rote Fahne« und die »Republik« übereinstimmend, wenn auch in
verschiedener Tonart, die Dinge so schilderten, als sei wirklich die Revo-
lution durch die Regierung Ebert-Scheidemann bedroht. Die breite Sieges-
allee war schon zeitig von dem einen bis zum andern Ende dicht mit Men-
140
sehen angefüllt, und selbst in ihren Zugängen drängten sich Leute, die meisten
davon Arbeiter, Kopf an Kopf. Allerdings gab es unter den Gekommenen
einen erheblichen Prozentsatz bloß Neugieriger, dafür hatten von den andern
nicht Wenige Waffen bei sich, und in großer Zahl sah man rote Fahnen
wehen. Bald hier, bald dort wurden mehr oder weniger improvisierte An-
sprachen voller Schimpfausdrücke gegen die Regierung gehalten und endeten
zumeist in das arg nach militärischem Drill tönende Abrufen von Hoch!
Hoch! Hoch auf die Liebknecht, Eichhorn usw. und Nieder! Nieder! Nieder!
auf Ebert-Scheidemann. Bis so weit ging alles programmgemäß zu.
Nur eines blieb aus: die Parole vom Revolutions- Ausschuß, was nun
eigentlich geschehen solle. Er hatte die Massen aufgeboten, »die Revolution
zu befestigen und durchzuführen«, wie es in seinem Aufruf hieß, konnte sich
aber nicht darüber einig werden, welche Maßnahmen er ihnen zu diesem
Zwecke anraten solle. Der Gedanke, den Generalstreik gegen die Regierung
zu proklamieren, war schon dadurch hinfällig geworden, daß der Vorstand
der zur Regierung stehenden Mehrheitssozialisten seinerseits die Arbeiter
zum politischen Streik aufgerufen hatte und die Fabriken leer standen. Siels
des Kriegsministeriums ohne ernsthaften Kampf bemächtigen zu können.
war aussichtslos geworden, nachdem der zur Ausführung des Plans aus-
gesandte Matrosenführer in seiner Einfalt den im Ministerium stationierten
Militärs Zeit gelassen hatte, die nötigen Verteidigungsmaßnahmen zu treffen.
Ebenso war es nun unmöglich, ohne ernsthaften Kampf, dessen Ausgang
obendrein zweifelhaft war, einen Versuch der Besetzung der Reichskanzlei
zu unternehmen. Die Meinungen, ob man es auf einen solchen Kampf an-
kommen lassen solle, waren geteilt, und so beratschlagte man, während die
Massen in der Siegesallee warteten, hin und her, ohne zu einem bestimmten
Entschluß zu gelangen. Mit den bei ihr unvermeidlichen Übertreibungen,
aber im Kern der Sache nicht ohne Berechtigung schrieb, als diese Vorgänge
sich gejährt hatten, gegen Ledebour, der sich seines Anteils an ihnen ge-
rühmt hatte, polemisierend die Rote Fahne mit blutigem Hohn:
»Und da geschah das Unerhörte. Die Massen standen von frük
um 9 Uhr in Kälte und Nebel. Und irgendwo saßen die Führer und
berieten. Der Nebel stieg, und die Massen standen weiter. Aber die
Führer berieten. Der Mittag kam, und dazu die Kälte, der Hunger.
Und die Führer berieten. Die Massen fieberten vor Erregung: sie
wollten eine Tat, auch nur ein Wort, das ihre Erregung besänftigte.
Doch keiner wußte, welches. Denn die Führer berieten. Der Nebel
fiel nieder und mit ihm die Dämmerung. Traurig gingen die Massen
nach Hause: sie hatten Großes gewollt und nichts getan. Denn die
Führer berieten. Im Marstall hatten sie beraten. Dann gingen sie
wieder ins Polizeipräsidium und berieten weiter. Draußen standen die
Proletarier auf dem leeren Alexanderplatz, die Knarre in der Hand, mit
leichten und schweren Maschinengewehren. Und drinnen berieten die
Führer. Im Präsidium wurden die Geschütze klargemacht; Matrosen
standen an jeder Ecke der Gänge, im Vorderzimmer ein Gewimmel,
Soldaten, Matrosen, Proletarier. Und drinnen saßen die Führer und
berieten. Sie saßen den ganzen Abend und saßen die ganze Nacht und
berieten, sie saßen am nächsten Morgen, als der Tag graute, teils noch,
teils wieder, und berieten. Und wieder zogen die Scharen in die
Siegesallee, und noch saßen die Führer und berieten.
Nein! Diese Massen waren nicht reif, die Gewalt zu übernehmen,
sonst hätten sie aus eigenem Entschluß Männer an ihre Spitze gestellt,
und die erste revolutionäre Tat wäre gewesen, die Führer im Polizei-
präsidium aufhören zu machen zu beraten. <
141
Allerdings, diese Massen waren »nicht reif, die Gewalt zu übernehmen«.
Wußten sie in ihrer großen Mehrheit doch nicht einmal, wozu man sie wirk-
lich zusammenberufen hatte. Denjenigen aber, die eine Idee davon hatten,
war gesagt worden, daß in Spandau und an andern Orten der Umgebung
Tausende von Soldaten nur darauf warteten, zu ihnen zu stoßen, und das
erwies sich als haltloses Gerede. Nicht nur blieben jene Soldaten aus, nicht
nur hatten die im Marstall stationierten Mannschaften der Marinedivision
unter dem Einfluß des Stadtkommandanten Fischer beschlossen, am Aufstand
nicht teilzunehmen, sondern »neutral« zu bleiben, auch die in den Kasernen
Berlins einquartierten Regimenter hielten sich zurück. Sie kamen zwar als
Hilfstruppen der Regierung außer Betracht, waren aber in ihrer Mehrheit auch
für den Aufstand nicht zu haben. Von den bewaffneten Spartakisten wieder-
um saß ein Teil in den besetzten Zeitungsbetrieben fest, und der Rest reichte
wohl aus, noch einige Gebäude zu besetzen, war aber nicht zahlreich genug,
Berlin mit der großen Menge der ihm gegnerisch gesinnten Arbeiter zu unter-
werfen. So fehlten mit den seelischen auch die materiellen Vorbedingungen,
die erforderlich waren, wenn aus dem Aufstand eine Revolution werden
sollte. Und da außerdem im Revolutionsausschuß selbst, als der Rausch
der ersten Nacht vorüber war, Meinungsverschiedenheiten darüber sich ein-
stellten, wie weit man den Angriff treiben sollte, konnte man naturgemäß
den in der Siegesallee harrenden Massen keine Siegesparole geben. Eine
unrühmliche Situation, in die sich die Berliner Opposition aber auch bei
anderer Gelegenheit noch bringen sollte.
c) Wie es in der Regierung aussah.
Gustav Noske militärischer Befehlshaber.
Kaum sehr viel erbaulicher als im Lager des Revolutionsausschusses
-sah es freilich am Morgen des 6. Januar 1919 im schon früh zusammen-
getretenen Rate der Regierung aus. Sie konnte für ihre Sicherung weder auf
die in den Kasernen lagernden Soldaten noch auf die Matrosendivision rech-
nen, selbst nicht einmal die im Entstehen begriffene republikanische Sol-
datenwehr versprach einen leidlichen Verlaß, von den gegen die Regierung
bearbeiteten Eichhorn'schen Polizeitruppen gar nicht zu reden. Die Arbei-
termassen, die sich zu ihrem Schutz aus den Fabriken eingestellt hatten,
boten zwar wie sie mit ihren Leibern einen Wall bildeten und die ganze Um-
gebung des Regierungsgebäudes Kopf an Kopf füllten, einen erhebenden und
für den Augenblick auch ermutigenden Anblick, wären aber doch nicht im-
stande gewesen, einer mit Geschützen ausgerüsteten Revolutionstruppe, deren
Aufgebot nicht außer dem Bereich der Möglichkeit lag, längeren Widerstand
zu leisten. Man war für die Niederwerfung des Aufstands auf außerhalb
stehende Regimenter angewiesen und mußte, bis diese eintrafen, »Sparta-
kus« gewähren lassen, dessen Leute denn auch zunächst noch eine Anzahl
wichtiger Gebäude — die Eisenbahndirektion, das Proviantamt, Teile der
Reichsdruckerei, die Pionierkaserne, den Schlesischen Bahnhof besetzt hatten.
Auch begannen schon im Laufe des Montag Schießereien zwischen Sparta-
kusleuten und solchen Regierungsanhängern, die über Waffen verfügten.
Wohl oder übel sah die Regierung, wollte sie die Hauptstadt nicht den
zu allen Gewalttaten fähigen Spartakusleuten auf unabsehbare Dauer in den
Händen lassen, sich in die Notwendigkeit versetzt, reguläre Truppen heran -
142
zuziehen und damit auch die Hilfe von deren Offizieren in Anspruch zu neh-
men. Die Truppen aber brauchten einen Oberbefehlshaber mit weitgehen-
den Vollmachten, und der mittlerweile zum Kriegsminister ernannte Oberst
Reinhardt — nicht zu verwechseln mit dem Oberst Reinhardt, der beim
Kapp-Putsch eine so schnöde Rolle gespielt hat — schlug dafür den General-
leutnant von Hoffmann vor. Es wurde aber mit Recht eingewandt, daß ein
General von der Arbeiterschaft mit Mißtrauen betrachtet werden würde, und
so ward in Erinnerung an die von Gustav Noske in Kiel und benachbarten
Marineplätzen bewiesene militärische Umsicht und Energie diesem die Frage
vorgelegt, ob er nicht die Sache übernehmen wolle. Wie er selbst schreibt,
habe er kurz entschlossen darauf erwidert: »Meinetwegen! Einer muß der
Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht!« (»Von Kiel bis
Kapp.« S. 68.) Leider lagen die Dinge so, daß in der Tat keinem, der die
Aufgabe der militärischen Verteidigung der Republik übernahm, von denen,
welche zum blutigen Zusammenstoß getrieben hatten, jener Beinamen erspart
geblieben wäre. Allseitig erkannte man an, daß Noske mit der Übernahme
des Postens ein Opfer brachte, und die ihm alsbald ausgestellte Ernennung
ward von dem Zentralrat der Arbeiterräte, dessen Mitglieder sich im Bewußt-
sein des Ernstes der Lage in der Reichskanzlei eingestellt hatten, gern
unterzeichnet.
Von den draußen einen Wall bildenden mehrheitssozialistischen Ar-
beitern freudig begrüßt und mit dem Zuruf an sie »Verlaßt euch drauf, ich
bringe euch Berlin in Ordnung« begab sich Noske in Begleitung eines jungen
Hauptmanns in Zivil nach dem in der Nähe des Lehrter Bahnhofs gelegenen
Generalstabsgebäude, wobei er an verschiedenen Stellen den Zug der nach
der Siegesallee aufgebotenen Parteigänger und Mitläufer der Opposition zu
passieren hatte. Er sollte mit einigen Offizieren des Generalstabs die Maß-
nahmen besprechen, die den Schutz der Hauptstadt und die Befreiung der
von den Spartakisten besetzten Ämter und Geschäfte für nötig erscheinen
ließen. Unterwegs hatte er im Zuge der Oppositionsmassen Bewaffnete in
großer Zahl gesehen, war an der Siegessäule zu deren Verfügung stehenden
Lastautomobilen mit Maschinengewehren begegnet und hatte daraus die Über-
zeugung gewonnen, daß zur Rettung Berlins ganz andre Truppenmengen er-
forderlich waren, als die wenigen sicheren Mannschaften, über die in jenem
Augenblick die militärische Leitung in Berlin verfügte. Der gleichen Mei-
nung waren die dem Generalstab angehörenden Offiziere, und ebenso stimmte
man Noske darin zu, daß eine Operation mit den in jenem Augenblick zur
Verfügung stehenden Soldaten nur gefährliche Verzettelung der Kräfte bedeu-
ten würde, vielmehr militärisch erst eingegriffen werden dürfe, wenn man
genügend Truppen herangezogen habe, um auf einen vollen Erfolg rechnen
zu können. Da man im Generalstabsgebäude, vor dem die demonstrierenden
Massen wogten, gegen einen ernsthaften Angriff von dieser Seite nicht ge-
nügend gesichert war — bei guter Führung hätten sie es an jenemTage ohne
Schwierigkeiten nehmen können, — ward das Hauptquartier nach dem Vorort
Dahlem in das dort gelegene Luisenstift verlegt und dieses für militärische
Zwecke hergerichtet. Ein Treiben entwickelte sich schon am nächsten Tage,
schreibt Noske, wie in einem Ameisenhaufen. Offiziere bezogen die für sie
eingerichteten Büros, Freiwillige kamen in Scharen, sich Truppenteilen zu-
weisen zu lassen, Waffen wurden in Lastautomobilen herangefahren, ein
ganzer Fuhrwerkspark herangezogen, eine Funkenstation eingerichtet — »nach
143
ttrei Tagen glich die Gegend einem Kriegslager« (Noske, S. 72). Truppen-
teile verschiedener Größe wurden in Dörfern der Umgegend zusammen-
gezogen.
Ob das alles in dem Umfange wirklich notwendig war, wird man nach-
träglich bezweifeln dürfen. Das Urteil über die politische Berechtigung
dieser Vorbereitungen ist aber nicht nach dem zu bemessen, was sich erst
später erwiesen hat, sondern wie sich die Dinge im Augenblick des Ge-
schehens selbst zeigten, und da sahen sie vom Standpunkt der Regierung aus
betrachtet bös genug aus. Eichhorn stellt die Dinge rundweg auf den Kopf,
wenn er in seiner Rechtfertigungsschrift erzählt, die für ihn und seine Koa-
lition demonstrierenden Massen seien noch am 6ten Januar Vormittags »mit
ganz vereinzelten Aunahmen unbewaffnet« gewesen, das habe sich »erst ge-
ändert, als sich Rechtssozialisten mit Hilfe der Regierung zu bewaffnen began-
nen.« (A. a. O. S.72.) Das genaue Gegenteil war der Fall. Im Angesicht der
Tatsache, daß die Spartakisten und ihr Gefolge reichlich mit Waffen versehen
waren, riefen die vor der Reichskanzlei angesammelten mehrheitssozialisti-
schen Arbeiter die Regierung an, ihnen Waffen zu geben, und erhielten sie
dann durch Scheidemann zugesagt. Gegen die Mittagsstunde hielt er eine
Ansprache an sie, und als ihm aus ihren Reihen die Rute entgegentönten
»Waffen! Waffen! Gebt uns Waffen!«, antwortete er: »Ja wohl, wir werden
euch ausrüsten, und nicht bloß mit Spazierstöcken!«
Man soll doch in diesen Dingen gegen sich selbst wahr sein. Gewiß,
der Revolutionsausschuß hat damals einen fabelhaften »Revolutionsdilettan-
tismus«, wie Eichhorn es nennt, an den Tag gelegt. Aber daß Tag für Tag
mit revolutionären Schlagworten bearbeitete Volkselemente, die man dann
mit flammenden Worten zum nunmehr notwendig gewordenen Sturz einer
Regierung aufbietet, sich nach Möglichkeit mit Waffen versehen würden,
darüber konnten auch die Verfasser des Aufrufs nicht im Unklaren sein.
Dessen Sprache konnte gar nicht anders aufgefaßt werden, als daß es hart
auf hart gehen werde. Und daß Noske nun die Maßnahmen ergriff, die ihm
nach dem, was er vor sich gesehen, die zweckmäßigsten erschienen, wenn
es nötig wurde, den Aufstand mit Gewalt niederzuschlagen, kann ihm in
keiner Weise zum Vorwurf gemacht werden. Die Verantwortung hierfür
trifft diejenigen, die in so skrupelloser Weise mit dem Feuer des Aufruhrs
2espielt hatten. Lediglich auf das Gebot des Augenblicks bezogen, waren
sie nur dessen logische Folgerung.
Aber diese Maßnahmen hatten eine Tragweite, die sich im Augenblick
noch nicht völlig überblicken ließ, die aber der ferneren Entwicklung der
Republik außerordentlich verhängnisvoll geworden ist.
In seiner zitierten Schrift spricht Noske davon, daß ihm ein Vorwurf
daraus gemacht worden sei, damals die Truppen in die Hand der alten Offi-
ziere gegeben zu haben, und verteidigt sich gegen ihn mit der Feststellung,
daß ein großer Teil der die Mannschaften führenden Unteroffiziere Offiziere
von ihm gefordert hatten, da sie »nur in erfahrenen Führern einen Schutz
vor unnötigen Verlusten sahen«. Das mag stimmen, und es ist ferner durch-
aus zu glauben, daß die Offiziere, die sich Noske damals willig zur Verfügung
stellten, es ohne besondere politische Hintergedanken taten, wirklich nur
eine Pflicht dem Lande gegenüber zu erfüllen meinten. Aber die Wirkung
war doch, daß schließlich dieses Heranziehen der Offiziere der erste Akt in
dem Stück wurde, das Erneuerung des politischen Einflusses der Militär-
144 •
käste in Deutschland heißen sollte. Bis dahin hatten sich die Oberen des
Militärs unter dem Druck der erlittenen großen Niederlage und der durch sie
und die Kriegsleiden gewaltig geförderten antimilitaristischen Stimmung der
breiten Volksmehrheit auf Ausführung rein militärtechnischer Funktionen
beschränkt, wie sie durch die Aufgabe der geregelten Auflösung der heim-
kehrenden Reservetruppen und die Vorarbeiten für eine zu erwartende Neu-
organisation der Wehrmacht und dergleichen angezeigt waren. Nun aber
fangen sie an, die Rolle von Rettern der Gesellschaft zu spielen, eine immer
selbstbewußtere Sprache zu führen. Wenn sie dabei zeitweilig hinter Noske
eine gewisse Deckung fanden, so trifft doch die Hauptschuld nicht diesen,
sondern diejenigen, die systematisch dahin gearbeitet haben, die deutsche
Republik mit Aufwand großer Geldmittel nicht zu einer ruhigen Entwicklung
als demokratisches Gemeinwesen kommen zu lassen: die Bolschewistenbe-
wegung in Rußland und deren Agenten in Deutschland.
Inwieweit die Moskauer Regierung bei jenem Aufstand leitend die Hand
im Spiele hatte, ist nicht mit Sicherheit festzustellen. Unbestritten ist, daß
der ihrem Rat angehörende Karl Radek in jenen Tagen in Berlin war. Er
behauptet, den Aufstand ohne Weiteres für verfehlt gehalten zu haben, und
hat denn auch sehr abfällige Kritik an ihm geübt. Damit ist aber selbst-
verständlich die Frage der intellektuellen Mitverantwortlichkeit keineswegs
erledigt.
d) Die Vermittlungsversuche und ihr Fehlschlagen.
Während Noske die Maßnahmen traf, die erfordert waren, wenn es not-
wendig wurde, den Aufstand mit Gewalt niederzuschlagen, gingen in Berlin
die Verhandlungen vor sich, ihn durch Vermittlung beizulegen.
Am Montag, den 6. Januar Nachmittags erschienen, durch Max Cohen-
Reuß, dem Vorsitzenden des Zentralrats eingeführt, Breitscheid, Dittmann und
Kautsky in der Reichskanzlei, wo sie von den Mitgliedern der Regierung und
sechs Mitgliedern des Zentralrats empfangen wurden, und trugen ihnen das
Anerbieten des Zentralkomites der Unabhängigen Sozialdemokratie vor,
Verhandlungen zur Vermeidung von Feindseligkeiten und die Ein-
setzung einer Kommission zur Schlichtung der vorliegenden Differenz-
punkte herbeizuführen.«
Sowohl die anwesenden Kabinettsmitglieder Ebert, Scheidemann, Lands-
berg und Wisseil wie die Mitglieder des Zentralrats erklärten sich grund-
sätzlich bereit, die Vermittlung anzunehmen. Einen gleichen Beschluß faßte
am Spätnachmittag der Zentralvorstand der Unabhängigen Sozialdemokraten
Groß-Berlins, dem Oscar Cohn und Louise Zietz das Anerbieten vorgetragen
hatten. Abends beschlossen ferner die revolutionären Obleute in einer Sit-
zung, an der die Unabhängigen Sozialisten und der Spartakusbund vertreten
waren, mit 63 gegen 10 Stimmen ebenfalls die Vermittlung anzunehmen. Es
wurden je 6 Vertreter der Unabhängigen und des Revolutionären Aktions-
komites gewählt, die um 12 Uhr Nachts in der Reichskanzlei mit den fünf
Regierungsmitgliedern und den fünf Vermittlern in Verhandlung traten. Auf
die Anregung Dittmanns, der den Vorsitz führte, behufs Vermeidung weiteren
Blutvergießens zunächst über Einstellung der Feindseligkeiten zu verhandeln,
stellten sie für einen »Waffenstillstand« folgende vier Forderungen auf:
10 145
»I. Beiderseitige Einstellung der Feindseligkeiten. 2. Beiderseits
keine weitere Heranziehung von Truppen. 3. Beiderseitige Abschiebung
der schon herangeschafften Truppen. 4. Beiderseits keine weitere
Heranschaffung von Waffen und Munition.«
Die vier Regierungsmitglieder erklärten, darauf nicht eingehen zu kön-
nen, sondern gaben nach reiflicher Überlegung folgende Erklärung ab:
»Es ist uns eine Gewissenssache, Gewalt lediglich zur Abwehr von
Gewalt anzuwenden. Auf diesem Standpunkt bleiben wir stehen. Wir
werden von der Waffe keinen Gebrauch zum Angriff machen. Zu irgend
einer Abmachung können wir uns nur verstehen, nachdem die
am Abend des 5. und im Laufe des 6. Januar 1919 besetzten Gebäude
freigegeben sind.«
Verschiedentlich, darunter auch von W. Dittmann bei seiner Zeugen-
aussage im Prozeß Ledebour, ist darauf Gewicht gelegt worden, daß die Re-
gierungsmitglieder in der Besprechung vom Abend des 6. Januar eine viel
schroffere Haltung eingenommen haben, als am Nachmittag beim ersten Ver-
such der Vermittlungskommission, und diese veränderte Haltung als ein Be-
weis dafür genommen worden, daß jenen in der Zwischenzeit aus militärischen
Kreisen Mitteilungen zugegangen sein müßten, die sie hinsichtlich der eigenen
Sicherheit beruhigten und gegen die Aufständischen scharf machten. Scheide-
mann hat dies jedoch vor der Untersuchungskommission der Landesver-
sammlung lebhaft bestritten und den Unterschied in seiner und seiner Kol-
legen Haltung zwischen Nachmittag und Nacht damit begründet, daß sie bei
der ersten Zusammenkunft, wo Dittmann und Genossen allein kamen, »mit
vernünftigen Leuten zu tun gehabt hatten, die wirklich vermitteln wollten,
in der Nachtsitzung aber seien von den mit diesen gekommenen Vertretern
des revolutionären Ausschusses ein Ton angeschlagen und Forderungen in
Aussicht gestellt worden, die im höchsten Grade beleidigend waren und ihn
und Kollegen genötigt hätten, nachdrücklich zu erklären, daß sie nur unter
ganz bestimmten Voraussetzungen sich überhaupt auf Verhandlungen würden
einlassen können und daß die Mindestvoraussetzung für sie die Freigabe der
Zeitungen sei. Dies wird auch durch die Aussage des Mitglieds des Zentral-
rats Robert Leinert bestätigt und hat die größere Wahrscheinlichkeit für sich.
Das Einzige, was die Vermittler bei jener sich sehr lange hinziehenden Be-
sprechung erreichten, war, daß beide Parteien sich bereit erklärten, ihre
Anhänger aufzufordern, von der Waffe keinen Gebrauch zum Angriff ru
machen. Um drei Uhr Nachts trennte man sich und verlegte die Fortsetzung
der Vorbesprechung auf den nächsten Vormittag 11 Uhr.
Diese führte zu keinem günstigeren Ergebnis. Die Vertreter des revo-
lutionären Ausschusses lehnten es entschieden ab und fanden dafür die Unter-
stützung der Unabhängigen Berlins, die besetzten Zeitungen vor Beginn
der Verhandlungen freizugeben. Das hieße ja, führten sie aus, ihre Macht-
positionen vorher aus der Hand geben, so daß die Regierung die Bedingungen
diktieren könne, es wäre nichts anderes als die Kapitulation. Die Freigab. 1
der Zeitungen werde erst »das Resultat der Verhandlungen« sein.
Mit andern Worten, die Vertreter der revolutionären Ausschüsse mach-
ten der Regierung gegenüber den Machtstandpunkt geltend. Diese sollte ein-
willigen, daß die Aufständischen mit ihr als von Macht zu Macht verhandel-
ten, was grundsätzlich darauf hinausgelaufen wäre, die Besetzung der Zei-
tungen und öffentlichen Gebäude für eine legitime Maßnahme jeder be-
liebigen organisierten Oppositionsgruppe anzuerkennen. Man begreift, daß
146
die Regierungsmitglieder sich darauf nicht einlassen konnten. Indeß hätten
sie sich nichts vergeben, wohl aber ihre geistige Überlegenheit jedem zur
Erkenntnis gebracht, wenn sie von den Vertretern der Parteien des Revo-
lutionsausschusses eine unumwundene Erklärung darüber verlangt hätten,
was denn nach ihrer Meinung überhaupt den Gegenstand dieser sachlichen
Verhandlungen bilden solle. Die Pflicht, die Karten auf den Tisch zu legen,
ist oft schon der Zwang zum Eingestehen der Unmöglichkeit des Vorhabens.
Vor aller Welt bekannt geben, daß man die Regierung Ebert-Scheidemann
absetzen und durch eine aus Spartakisten, Unabhängigen und einer Minder-
heit von ausgesiebten Mehrheitssozialisten zusammengesetzte Regierung er-
setzen wolle, wie das laut Aussage Leinerts Mitglieder des Ausschusses im
Privatgespräch Mitgliedern des Zentralrats erklärt hatten, hätte eine Selbst-
bloßstellung der Führer des Aufstands geheißen, wie die Regierung sie sich
nicht besser wünschen konnte. Es hätte ihr sofort den aktiven Beistand eines
großen Teils der in Berlin garnisonierenden Truppen eingetragen, die jetzt
sich »neutral« verhalten zu müssen glaubten, und der Forderung auf Räu-
mung der Zeitungen die größte moralische Wucht verliehen. Dadurch jedoch,
daß die Regierungsmitglieder darauf verzichteten, sich das nun ausdrück-
lich bestätigen zu lassen, was sie aus der vom Abgesandten des Revolutions-
ausschusses im Kriegsministerium abgegebenen Proklamation, sowie aus Äu-
ßerungen einzelner Ausschußmitglieder schon erfahren hatten, leisteten sie der
Auffassung Vorschub, daß nicht sehr gewichtige Rücksichten auf die ganze
innere Entwicklung der Republik, sondern mehr formalistisch-bürokratische
Erwägungen ihre Forderung diktierten. Ihre Erklärung, daß vor allem die
Preßfreiheit gesichert sein müsse, bevor man diskutiere, machte mehr Ein-
druck auf die bürgerlichen Kreise, die gar nicht erst überzeugt zu werden
brauchten, als auf diejenigen Kreise in der Arbeiterschaft, die vom Recht der
Regierung auf die von ihr gestellte Forderung zu überzeugen die Auf-
gabe war.
Da aber die Regierung von ihrer Forderung der unverzüglichen Frei-
gabe der Zeitungen weder abgehen wollte noch durfte, die Aufständischen
jedoch diese Freigabe der Zeitungen als ein Handelsobjekt ausnutzen woll-
ten, mußten die Bemühungen der Vermittlungskommission notwendig fehl-
schlagen. In der Sitzung vom 7. Januar schlug Karl Kautsky vor, Regierung
und Zentralrat sollten von vornherein erklären, dafr sie »die Verhandlungen
als gescheitert betrachten, wenn sie nicht zur völligen Wiederherstellung der
Preßfreiheit führen.« Das ward aus den vorerwähnten Gründen abgelehnt,
und ebenso ward eine Erklärung der Vertreter der Aufständischen für un-
genügend befunden, die folgenden Wortlaut hatte:
>Wir betrachten die Zeitungen, die im Laufe der Kämpfe in die
Hände der revolutionären Arbeiterschaft gekommen sind, nur als Macht-
mittel zur Durchführung dieser Kämpfe. Daraus ergibt sich, daß ei«
beide Teile befriedigender Ausgleich die Herausgabe der
besetzten Zeitungen einschließen würde.«
Die Vertreter der Unabhängigen und des Aktionskomites erklärten
darauf, durch die Tags zuvor noch nicht erhobene Forderung der sofortigen
Freigabe des Vorwärts und der übrigen Zeitungen sei eine neue Situation
geschaffen, für die die ihnen gegebenen Vollmachten nicht ausreichten, es
sei daher eine Vertagung notwendig geworden. Demgemäß ward die Fort-
setzung der Besprechung auf den 8. Januar Vormittags 10 Uhr vertagt.
10* 147
Während der Besprechung war die Meldung eingelaufen, daß zwischen;
11 und 12 Uhr das am Nachmittag vorher von Aufständischen besetzte Ge-
bäude der Eisenbahndirektion von Regierungstruppen erstürmt worden sei,
und die Vertreter der Aufständischen erklärten das für einen Bruch der Abends
vorher gegebenen Zusage, daß die Truppen der Regierung die Waffen nicht
zum Angriff erheben würden. Indes war diese Zurückeroberung von einem
kleinen Trupp Pioniere ohne jede Einwirkung der Regierung erfolgt, während
umgekehrt am frühen Morgen des gleichen Tages bewaffnete Aufständische
unter Anwendung von Gewalt die Herstellung des Vorwärts in der am Schiff-
bauerdamm gelegenen Lindendruckerei verhindert, die schon fertig gestellten
Exemplare in den Fluß geworfen hatten. Eichhorn, der in seiner Schrift
dies und anderes verschweigt, schreibt im Anschluß an den Bericht der
»Freiheit« über die Verhandlungen, dieser Bericht zeige
»unbestreitbar das hinterhältige Spiel, daß die Ebert-Scheidemann-Re-
gierung und ihr Zentralrat mit dem Vertrauen der Arbeiter trieben ; aur
der Seite der Arbeiter und „ihrer Vermittler Wille zur Verständigung,
Entgegenkommen bis zum Äußersten, auf der andern Seite Heuchelei
und lauernder Verrat! Regierung und Zentralrat wollten keine
Verständigung, sie wollten die revolutionäre Kraft der Arbeiter
mit ihren Söldnern zerschmettern und dem Willen zur Vollendung der
Revolution in einem Blutbade ersticken. Aber dazu mußten sie die
Arbeiter täuschen und hinhalten, bis genug Regierungstruppen heran-
gezogen waren, um ohne Gefahr die blutige Arbeit wagen zu können«.
Hiervon ist zunächtst irreführend die durch die ganze Eichhorn'sche
Schrift gehende Gegenüberstellung: hier Regierung mit Anhang und dort d i e
Arbeiter, wo tatsächlich die Vertreter der Revolutionäre keineswegs nur Ar-
beiter, sondern gewiegte Politiker wie Ledebour unter sich zählten, die Re-
gierung aber die Beauftragte des weitaus größeren Teils der sozialistischen
Arbeiterschaft Deutschlands war und, wie sich bald zeigte, auch in Berlin
die größere Masse der Arbeiter vertrat. Sodann bestand das angebliche Ent-
gegenkommen bis zum Äußersten in einem Bestehen bis zum Äußersten auf
das Verlangen, die widerrechtlich und angeblich auch wider den Willen der
Leiter der Bewegung, besetzten Gebäude, die nicht, wie es oben heißt, »im
Laufe der Kämpfe«, sondern durch kampflosen Überfall in die Hände der
Spartakisten gekommen waren, als Druckmittel für irgendwelche ausschwei-
fende Forderungen besetzt zu halten. Die Besetzung der Eisenbahndirektion,
bei der die Regelung und Kontrolle des ganzen Eisenbahnverkehrs lag,
war in einem Zeitpunkt erfolgt, wo der Vermittlungsversuch schon im Gange
war, und konnte nichts anderes zum Zweck haben, als die Unterstützung
der Regierung durch Truppen von außerhalb nach Möglichkeit zu unterbinden.
Die Beschwerde über die Zurückeroberung des Gebäudes war ein Beweis,
wie wenig die Regierung es mit harmlosen und den Frieden suchenden Leuten
zu tun hatte. Selbst wenn sie und der überwiegend aus Arbeitern zusam-
mengesetzte Zentralrat in jenem Augenblick den Aufständischen gegenüber
geflissentlich die Politik des Hinhaltens betrieben hätten, wären sie dabei
in ihrem Recht gewesen, denn sie sollten mittelst Nötigung zu politischen
Zugeständnissen gezwungen werden, die nach ihrer Überzeugung die all-
gemeine Lage des Landes schwer schädigen mußten. Aber die Motive ihres
Verhaltens waren andere. Wie Max Cohen, einer der Vorsitzenden des
Zentralrats, später vor der Untersuchungskommission der Landesversamm-
lung aussagte, waren die Verhandlungen
148
»nach dem Eindruck aller Beteiligten so etwas wie ein leeres Gerede.
Es drehte sich immer um eine und dieselbe Sache; beide Parteien be-
harrten auf ihren Bedingungen und wiederholten immer wieder ihre
Gründe.«
Die Unterhändler der Unabhängigen Sozialdemokratie seien ersichtlich
beseelt gewesen, die revolutionären Obleute zu vernünftigen Zugeständ-
nissen zu bewegen, haben es aber nicht zuwege gebracht. So blieb daher
den Mitgliedern der Regierung und des Zentralrats einfach nichts übrig, als
auf ihrem grundsätzlichen Standpunkt zu verharren und an den gesunden Sinn
der Masse der sozialistischen Arbeiterschaft Berlins zu appellieren, allerdings
nicht ohne zugleich für Heranziehung militärischer Kräfte zu sorgen, die im
Notfall das von den Spartakisten gewaltsam und widerrechtlich Genommene
mit Gewalt zurückerobern konnten.
Es ist hierbei noch folgendes in Betracht zu ziehen. Man stand am
Vorabend der Wahlen zur Nationalversammlung, gegen die von Seiten der
Kommunisten in Versammlungen, in der Roten Fahne und in einem Flug-
blatt mit allen Mitteln einer skrupellosen Dialektik die Arbeiter aufgestachelt
wurden. In dem Flugblatt, das in den ersten Tagen des Januar verteilt
worden war, ward der Wahltag mit großen Lettern als »der Tag der Bour-
geoisie« hingestellt, hieß es »diese Auslieferung der Macht des deutschen
Volkes an die Bourgeoisie, das sind die Wahlen zur National verammlung.«
Die Nationalversammlung werde »nicht für die Krüppel, nicht für die Waisen
sorgen, sondern dafür, daß die großen »Kriegsgewinnler« die Zinsen der
Kriegsanleihe regelmäßig ausgezahlt bekommen.« Darum »weg mit der Na-
tionalversammlung!« so müsse es »tönen in den Straßen und Fabriken«.
Und an anderer Stelle des Aufrufs:
»Deswegen darf unser Kampf gegen die Nationalversammlung weder
in passiver Abstimmung, in einfacher Stimmenthaltung, noch in bloßer
Störung der Wahlen, noch in dem bloßen Versuch der Auseinander-
jagung der Nationalversammlung bestehen; es gilt in diesem Kampf
Machtpositionen zu erobern.«
Es liegt aber auf der Hand, daß in dem Maße, als die Arbeiter der
Hauptstadt sich von dieser Dialektik einfangen ließen, die Wirkung nur die
sein konnte, daß bei der Wahl die Arbeiterstimmen gegenüber den Stimmen
der. Reaktionsparteien im Lande geschwächt wurden. So war die Besetzt-
haltung des Vorwärts mehr als bloß die Sicherung einer zeitweiligen Macht-
position, sie war zugleich die Unterdrückung der Stimmen der
Partei, deren Organ der Vorwärts war. Obendrein beherbergte einer
der Flügel des Gebäudes, in dem der Vorwärts hergestellt wurde, die Räume
des Vorstandes der Sozialdemokratischen Partei mit dessen Arbeitsmaterial,
Registern und Urkunden, deren Beschlagnahme in hohem Grade die Lähmung
der Parteiarbeit hieß. Daher das hartnäckige Bestehen der Anhänger Lieb-
knechts darauf, das Vorwärtsgebäude bis zuletzt in der Hand zu behalten,
daher aber auch das Bestehen der Regierungsmitglieder auf Freigabe der
Zeitungen einschließlich des Vorwärts als Vorbedingung der sachlichen Ver-
handlungen. Sonst objektiv urteilende Kritiker des damaligen Verhaltens der
Regierung Ebert-Scheidemann haben diese wichtige Seite der Frage ganz
übersehen.
Die Erbitterung der Leute vom Revolutionsausschuß über die starre Hal-
tung der Regierung inbezug auf die Herausgabe der Zeitungs- usw. Gebäude
149
findet aber auch darin ihre Erklärung, daß mit jedem Tag die Aussichten sich
für sie ungünstiger gestalteten und in weiten Kreisen der Arbeiterschaft
die Zahl der Verteidiger ihres Vorgehens zusammenschmolz. Sie hatten
durch tendenziös einseitige Darstellung der Vorgänge und durch Über-
rumpelungsmanöver Tageserfolge erzielen können, sie konnten aber nicht
dauernd die Öffentlichkeit beherrschen.
Schon am 6. Januar hatten, wie wir gesehen haben, die große Mehr-
zahl der Angehörigen der Volksmarinedivision sich von den Revolutions-
diktierern abgewandt. Dorrenbach, der seit Montag Mittag aus dem Marstall
verschwunden war, ward von den Abteilungsführern der Division für ab-
gesetzt erklärt und an seine Stelle ein Gegner von dessen Politik Namens
Mastelertz zum Kommandanten gewählt mit dem Matrosenführer Grundtke
als Adjutant. Grundtke hatte im Verein mit seinen Kameraden Bruska, Full-
brandt, Haller, Halses und Schirmer am Nachmittag den Marstall von allen
Personen befreit, die in ihm nichts zu tun hatten. Vergeblich suchte dann
Ledebour die Division für die Bewegung des Revolutionsausschusses zu-
rückzugewinnen. Dieser mußte seine Sitzungen aus dem Marstall in das Po-
lizeipräsidium zurückverlegen.
Am Abend des 6. Januar besetzte der damalige Leiter des Parvus'schen
Verlags für Sozialwissenschaften und Mehrheitssozialist Albert Baumeister mit
einigen vierzig zusammengesuchten Leuten das Reichstagsgebäude, das der
Revolutionsausschuß außer Betracht gelassen hatte, und von da aus das
Brandenburger Tor. Er hatte wiederholt bei den Regierungsmitgliedern um
Ausstellung eines Erlaubnisscheins für die Beschaffung von Waffen nach-
gesucht, war aber, nachdem er zuletzt über eine Stunde mit ihnen verhandelt
hatte, mit dem Hinweis darauf abschlägig beschieden worden, Waffenheraus-
gabe bedeute Kampf und Blutvergießen, und das wolle man nicht verant-
worten.*) So gingen er und einige Gleichgesinnte, darunter der Vorwärts-
redakteur Erich Kuttner, die von dem, was sie in der Stadt gesehen, die
Überzeugung gewonnen hatten, daß es ohne Kampf nicht abgehen werde,
auf eigene Faust vor. Noch in der Nacht verschafften sie sich die zur Heran-
holung von Waffen nötigen Lastautos und trafen Vorbereitungen für die
Bildung einer Truppe aus zuverlässigen Gesinnungsgenossen. Es gelang
ihnen schon am nächsten Tage, ihre Zahl ansehnlich zu vermehren und, zum
Teil mit Anwendung von List, auch genügend Waffen zu beschaffen, Ferner
wurde unter Leitung eines parteigenössischen Arztes eine Ambulanz für
Verwundete eingerichtet, die auch sehr bald zu tun bekam, denn es gab in
der Umgebung des Reichstags allerhand Zusammenstöße mit vigilierenden
Aufständischen, die ihnen verdächtig erscheinende Passanten auf Waffen un-
tersuchten und, wo sie solche fanden, sie ihnen gewaltsam abzunehmen
suchten. In den folgenden Tagen wuchs die Zahl der freiwillig zur Ver-
teidigung der Republik sich Stellenden so sehr, daß schließlich, nachdem
Baumeister und Genossen von der Regierung dann doch die notwendige
Autorisation erhalten hatten, drei Regimenter einer fast nur aus Sozial-
demokraten zusammengesetzten republikanischen Schutzwehr gebildet wer-
den konnten, deren erstes den Namen Reichstag erhielt, während das zweite
nach dem Mitkämpfer Baumeisters Regiment Liebe, ein drittes nach dem
*) Man vergleiche mit dieser Tatsache die gegen die damalige Regierung
von Eichhorn, Ledebour usw. erhobenen Verdächtigungen der Blutgier.
150
Oberst Grantoff benannt wurde, den der Kriegsminister Reinhardt der Schutz-
wehr als militärischen Sachverständigen beigab.
Von den in Berlin garnisonierenden Truppen hielt das Regiment der
Maikäfer genannten Gardefüsiliere unter seinem von der Truppe selbst ge-
wählten Kommandanten Feldwebelleutnant Schulze treu zur Regierung, war
aber durch die Aufgaben des Sicherheitsdienstes im Norden Berlins, wo seine
Kaserne liegt, so in Anspruch genommen, daß es die ersten Tage für eine
nennenswert größere Aktion nicht in Betracht kam. Doch konnte es schon
am 8. Januar Abends Mannschaften zur Aktion gegen die Besetzung der
Reichsdruckerei abgeben.
An diesem Tage erließ die Reichsregierung folgenden Aufruf:
»Mitbürger! Spartakus kämpft jetzt um die ganze Macht. Die Re-
gierung, die binnen 10 Tagen die freie Entscheidung des Volkes über
sein eigenes Schicksal herbeiführen will, soll mit Gewalt gestürzt werden.
Das Volk soll nicht sprechen dürfen. Seine Stimme soil unterdrückt
werden. Die Erfolge habt Ihr gesehen. Wo Spartakus herrscht, ist
jede persönliche Freiheit und Sicherheit aufgehoben. Die Presse ist
unterdrückt, der Verkehr lahmgelegt. Teile Berlins sind die Stätte blu-
tiger Kämpfe. Andere sind schon ohne Wasser und Licht. Proviant-
ämter werden gestürmt, die Ernährung der Soldaten und Zivilbevölke-
rung wird unterbunden.
Die Regierung trifft alle notwendigen Maßnahmen, um diese
Schreckensherrschaft zu zertrümmern und ihre Wiederkehr ein für alle
mal zu verhindern. Entscheidende Handlungen werden nicht mehr lange
auf sich warten lassen. Es muß aber gründliche Arbeit getan werden,
und die bedarf der Vorbereitung.
Habt nur noch kurze Zeit Geduld! Seid zuversichtlich, wie wir es
sind, und nehmt euren Platz entschlossen bei denen, die euch Freiheit
und Ordnung bringen werden.
Gewalt kann nur mit Gewalt bekämpft werden. Die organisierte
Gewalt des Volkes wird der Unterdrückung und der Anarchie ein Ende
machen. Einzelerfolge der Feinde der Freiheit, die von ihnen in
lächerlicher Weise aufgebauscht werden, sind nur von vorübergehender
Bedeutung. Die Stunde der Abrechnung naht.
Berlin, 8. Januar 1919.
Die Reichsregierung.
Ebert. Scheidemann. Landsberg. Noske. Wissel.«
Im Laufe des Tages gab es an verschiedenen Stellen in der Stadt ernst-
hafte Kämpfe. Am Brandenburger Tor, wo die Aufständischen krampf-
hafte Anstrengungen machten, dieses in ihre Hand zu bekommen, wurde zeit-
weise heftig geschossen und gab es auf beiden Seiten Tote und Verwun-
dete. Ähnlich am Anhaltischen Bahnhof, als die Aufständischen den Versuch
machten, diesen zu besetzen.. Im ersteren Falle war indes auch hier ihr
Bemühen erfolglos, mit Ausnahme des Schlesischen Bahnhofs, der am 9. Ja-
nuar besetzt wurde, blieben alle Bahnhöfe Berlins frei.
Auf der andern Seite hatten am 8. Januar Vormittags 10 Uhr die Ver-
mittler ihre Arbeit wieder aufgenommen, und zwar verhandelten sie bis
Nachmittag 3 Uhr mit den Revolutionären allein, die sich zuletzt zu folgender
Erklärung verstanden:
> Die Verhandlungskommission der Unabhängigen Arbeiterschaft be-
schließen, die Freigebung der bürgerlichen Presse sofort zu bewirken,
sofern die Regierung und der Zentralrat sich bereit erklären, nach
Durchführung des Beschlusses unverzüglich in die Verhandlungen über
die übrigen Fragen einschließlich des Vorwärts einzutreten.«
151
Regierung und Zentralrat fanden dieses Zugeständnis für nicht aus-
reichend, von ihrem Standpunkt abzugehen, daß alle Zeitungen einschließlich
des Vorwärts freizugeben seien, bevor in die sachlichen Verhandlungen ein-
getreten werden könne. Rein materiell betrachtet war es auch von geringer
Bedeutung, denn nicht die bürgerlichen Zeitungen, der Vorwärts war das
Kampfobjekt, auf das es den Revolutionären angekommen war. So konnten
bei dem starken gegenseitigen Mißtrauen die Mitglieder von Regierung und
Zentralrat leicht zu der Ansicht kommen, das Angebot sei nur ein taktisches
Manöver, durch das sie verleitet werden sollten, die Besetzung und Zurück-
behaltung des Vorwärts für berechtigt anzuerkennen und dessen Freigabe
durch gegebenenfalls verhängnisvolle materielle Zugeständnisse erkaufen zu
müssen.
Es war indes auch eine andere Auffassung möglich. Die Weitblik-
kenderen unter den Revolutionären konnten sich nicht darüber täuschen, daß
an einen Sieg über die Regierung nicht mehr zu denken war, daß jeder Tag
deren Position verbessern, die des Revolutionsunternehmens verschlechtern
würde. Schon waren ganze Abteilungen der Sicherheitswehr des Polizei-
Präsidiums von Eichhorn abgefallen, und bei einem großen Teil der Zu-
rückgebliebenen war Wankelmut eingerissen. Gemäß einem in der
Sicherheitswehr verbreiteten Aufruf der Regierung meldeten sich die
zu dieser Übergetretenen beim mehrheitssozialistischen Polizeipräsiden-
ten von Charlottenburg Wilhelm Richter und wurden von diesem dem
bisherigen Abteilungsleiter der Sicherheitspolizei Dreger unterstellt, der
selbst wieder seine Weisungen von der Kommandantur Berlin empfing. An
deren Spitze aber war nun dank einem verunglückten Manöver des Feld-
webels Spiro in der Person des bisherigen Kommandanten von Potsdam
Klawunde ein Gegner der Aufständischen gelangt. Spiro hatte am 6. Januar
die Festhaltung Anton Fischers im Marstall dazu benutzt, schnell eine Kon-
ferenz von Soldatenräten Berlins einzuberufen und dieser die Wahl eines
neuen Stadtkommandanten vorzuschlagen. Statt auf ihn, wie er gehofft hatte,
fiel sie infolge des energischen Eingreifens des Soldatenrats der Gardefüsi-
liere (der »Maikäfer«) auf Klawunde, der zwar keine besonders scharfe Stel-
lung genommen hatte, aber jedenfalls nichts vom Aufstand wissen wollte.
Ebenso War die am Abend des 6. Januar erstürmte Pionierkaserne von deren
ursprünglicher Besatzung zurückerobert . worden, die gleichfalls der neuen
Revolution entschieden ablehnend gegenüberstand. Im Angesicht dieser Tat-
sachen konnte der leitende Beweggrund der Mitglieder des Revolutions-
ausschusses, wenn sie ihn vielleicht einander nicht selbst eingestanden, sehr
wohl der sein, sich das Tor zu einem leidlichen Rückzug zu öffnen. So
wenigstens legen die Dittmann, Eichhorn, Ledebour den Sinn von deren
Erklärung aus, und wenn namentlich die beiden letzteren in der Weiß-
waschung gern den Tatsachen Gewalt antun, so spricht in diesem Fall doch
Manches dafür, daß ihre Lesart der Wirklichkeit näher kommt, als die vorher
entwickelte. Und da liegt die Frage nahe, ob sie nicht auch darin Recht
haben, daß eine andere Antwort als die von Regierung und Zentralrat ge-
gebene tatsächlich den Rückzug herbeigeführt und so das Blutvergießen
vermieden hätte, und welche andere Antwort denn überhaupt möglich war.
Eines muß auch der entschiedenste Gegner der Regierung ihr zugestehen :
sie konnte unmöglich zugeben, daß die Auslieferung des Vorwärts ins Un-
bestimmte hinausgeschoben wurde. Das aber hätte es geheißen, wenn sie
152
wie der Ausschuß es wollte, vom Zustandekommen einer Einigung über die
sachlichen, d. h. politischen Fragen abhängig gemacht worden wäre.
Eine bestimmte Fristsetzung für die Auslieferung des Vorwärts war das Min-
deste, was gefordert werden mußte, und zwar machten die oben erwähnten
Umstände die Festsetzung einer kurzen Frist unerläßlich. Auf eine solche
aber hätte man sich regierungsseitig gewiß zur Not verstehen können und
auch müssen. Es sprach kein ernsthaftes Interesse dagegen zu bestimmen:
die bürgerliche Presse wird sofort freigegeben, der Vorwärts spätestens
in drei Tagen, und inzwischen wird über die sachlichen Fragen verhandelt.
Damit wäre denen, die eine friedliche Beilegung des Aufstandes wollten, das
Tor zu einem solchen geöffnet gewesen. Denn die Fortsetzung bedeutete
immerhin auch für die Aufständischen ein Zugeständnis. Warum aber wurde
von keiner Seite ein Vorschlag in diesem Sinne gemacht? Es lag so nahe,
hier den Ausweg zu suchen, daß die Vermittler darauf hätten verfallen müs-
sen, sofern irgend welche Aussicht bestand, daß der Ausweg benutzt wor-
den wäre.
Wenn dies nicht geschah, so erklärt sich dies unter anderem daraus,
daß der Vorwärts von fanatischen Anhängern Karl Liebknechts besetzt war,
die erklärt hatten, ihn unter keinen Umständen freiwillig herauszu-
geben, und wenn sie bis zum letzten Blutstropfen für ihn kämpfen müßten. In
der Roten Fahne wurden die Vermittler als »pflaumenweich« verhöhnt und
die »wahrhaft revolutionären« Arbeiter autgefordert, sich von ihnen nicht be-
irren zu lassen. In der Nummer vom 7. Januar schrieb sie mit der maß-
losen Übertreibung, in der dieses Blatt sich gefiel:
»700000 tatenlustige, von revolutionärer Energie strotzende Proletarier
irren in den Straßen Berlins direktionslos herum, und die revolutionären
Körperschaften — beraten über einen Vergleich mit Ebert-Scheidemann !«
Das dürfe nicht sein. Die Massen müßten einen so energischen, gel-
lenden Ruf »Nieder mit Ebert-Scheidemann!« erheben, daß jenen Führern
»jede Lust zu Verhandlungen vergeht«.
Es war also, selbst wenn die Regierung nachgegeben hätte, gar keine
Sicherheit gegeben, daß die Liebknecht-Leute in nächster Zeit den Vorwärts
ohne Kampf geräumt haben würden. So blieb diese Frage das Kreuz, an
dem die Vermittlung scheiterte.
Dittmann schlug in jener Zusammenkunft vor, die Mitglieder des Zen-
tralrats mögen mit den Unabhängigen und den Vertretern der revolutionären
Ausschüsse noch einmal gesondert — d. h. in Abwesenheit der Regierungs-
mitglieder — verhandeln, und dem wurde auch Folge gegeben. Aber der
Zentralrat ging nicht davon ab, daß die Freigabe des Vorwärts den sach-
lichen Verhandlungen vorausgehen müsse, und die Revolutionäre konnten sich
zu keiner andern Zusage entschließen, als zu der unbestimmten Erklärung,
eine Verständigung über die sachlichen Fragen werde die Freigabe des
Vorwärts zur unmittelbaren Folge haben. Die Vermittler zogen daraus die
Folgerung, daß jede Fortsetzung ihrer Bemühungen in diesem Stadium der
Ereignisse aussichtslos sei und gaben 8 Uhr Abends folgende Erklärung ab:
»Die Vermittler sehen sich dazu außerstande, ihre Tätigkeit fort-
zusetzen. Sie erklären jedoch beiden Parteien, daß sie jederzeit bereit
sind, die Verhandlungen wieder aufzunehmen, da sie es für ihre Pflicht
halten, alles zu tun, um diese Zerfleischung der Berliner Arbeiterschaft
zu verhindern und Blutvergießen zu vermeiden.«
153
Am gleichen Abend noch wurde in später Stunde die Reichsdruckerei
für die Regierung mit Hilfe von Gardefüsilieren zurückgewonnen. Sie war
am Nachmittag des 6. Januar von bewaffneten Arbeitern der Schwarzkopi-
schen Maschinenfabrik besetzt worden, denen die mit ihrer Bewachung be-
trauten Soldaten der Sicherheitswehr sie, ohne daß ein Schuß fiel, ausgeliefert
hatten. Die Arbeiter hatten einen jungen Gießerei-Ingenieur Namens Theo-
dor Grant zum Kommandanten gewählt und, da dieser nicht Soldat ge-
wesen war, auf seinen Rat einem gewissen Reutter das militärische Kom-
mando übertragen.
Da die Reichsdruckerei 18 Millionen Mark ausgedruckte Kassenscheine
u»d außerdem Platten zum Drucken weiteren Papiergeldes barg, hätte sie
in den Händen der Aufständischen ein viel machtvolleres »Faustpfand«
werden können als die Vorwärtsdruckefei. Aber nach Grant's Aussagen
vor der Untersuchungskommission waren Eichhorn und Genossen mehr darauf
bedacht gewesen, möglichst viel Geld aus der Druckerei herauszubekommen
und zu späterer Verwendung für die Zwecke des Aufstandes in Sicherheit
zu bringen als die Reichsdruckerei selbst in gehörigen Verteidigungszustand
zu setzen. Über das Umschauen nach geeigneten Bergungsplätzen und son-
stige Vorbereitungen — darunter die Austiftelung eines Plans, wie man die
Geheimräte zur Öffnung der Tresors zwingen werde — verlief etliche Zeit,
eine Äußerung Eichhorns über die Unmöglichkeit, das Polizeipräsidium nen-
nenswerte Zeit gegen einen ernsthaften Angriff zu halten, scheint dem jungen,
politisch unerfahrenen Grant und seinen Leuten einen heillosen Schreck ein-
gejagt zu haben, und als am 8ten Abends ein Trupp der von dem sehr
tfichtigen Leutnant Schulze (im bürgerlichen Leben Kanzleibeamter) organi-
sierten Gardefüsiliere anrückte, überließen Grant und Reutter ihnen die
Reichsdruckerei ebenso, ohne daß ein Schuß fiel, wie diese von den Sicher-
heitstruppen preisgegeben worden war. Dafür war freilich in den Zugangs-
straßen reichlich geschossen worden.
Wie aus den Aussagen anderer vom Untersuchungsausschuß verhörten
Teilnehmer an diesen Unruhen hervorgeht, so lassen auch die Aussagen
Grant's erkennen, daß unter den aufständischen Arbeitern außerordentlich
viel Verworrenheit über den Zweck der ganzen Erhebung herrschte und
überall sich Elemente unter sie mischten, denen es nur darauf ankam, mög-
lichst an Plünderungen teilzunehmen.
Im Angesicht des Versagens der Vermittlungsversuche des Parteivor-
stands der Unabhängigen Sozialdemokratie setzt nun in der Arbeiterschaft
eine Agitation ein, die Einigung im Notfall durch einen Druck der Massen
zu erzwingen. Am 9. Januar Vormittags halten Tausende von Arbeitern der
Fabriken von Schwarzkopf und der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft im
Humboldthain im Norden Berlins eine Demonstrationsversammlung ab und
beschließen einen Aufruf zur Einigung behufs Verhinderung weiteren Blut-
vergießens. Es wird eine Kommission aus Angehörigen der verschiedenen
sozialistischen Parteien gewählt, die in diesem Sinne mit der Regierung und
den Revolutionären verhandeln soll. Da sie der ersteren keine bestimmte
Zusage hinsichtlich der Räumung der Gebäude machen kann, tritt sie an den
Berliner Zentralvorstand der Unabhängigen Sozialdemokratie heran, und
dieser einigt sich auf folgende Erklärung, die nach eindringlicher Befür-
wortung durch Oskar Cohn auch die Zustimmung der revolutionären Ob-
leute findet:
154
>Um die Fortsetzung des Brudermordes zu verhindern, ist der
Zentralvorstand zu dem Versuch bereit, eine neue Verhandlungs-
grundlage zu finden. Er schlägt deshalb vor, einen Waffenstillstand
eintreten zu lassen.
Er erklärt sich vor dem Eintritt in die Verhandlungen
bereit, den > Vorwärts« zu räumen, wenn die Verhandlungs-
kommission der A. E. G. und der Schwarzkopffschen Werke von dem
Zentralrat und der Regierung die Zusicherung erhält, daß die
Verhandlungen in sozialistischem, versöhnlichem Geist
geführt, die Differenzpunkte einer paritätisch zusammengesetzten Kom-
mission überwiesen werden und die endgültige Besetzung des Polizei-
präsidiums nur im Einvernehmen mit der Unabhängigen Sozialdemokratie
erfolgt.
Paul Brühl, Richard Herbst,
1. Vorsitzender. Kassierer.
Von Eichhorn wird diese Erklärung als eine Kapitulation vor Regierung
und Zentralrat geschildert. Bei diesen ward sie aber nicht so aufgefaßt, und
eine genaue Prüfung wird auch zeigen, daß sie noch sehr unterschiedlicher
Auslegung fähig war. Sie versprach Dinge, von denen es mindestens zwei-
felhaft war, ob die Partei sie würde durchsetzen können. Die Spartakusleute
hatten an den Besprechungen nicht teilgenommen, und als am 10. Januar
Nachmittags eine aus Angehörigen der drei Richtungen bestehende Absen-
dung der Arbeiter der Fabrik Ludwig Loewe an die Vorwärts-Besatzung die
Anfrage richtete, ob sie bereit wäre, den Vorwärts zu räumen, erhielt sie
zur Antwort, die Besatzung würde sich eher unter den Trümmern
des Vorwärtsgebäudes begraben lassen, ehe sie es freiwillig
räumte. Allerdings hatte die Rote Fahne am 9. Januar nach Aufzählung von
Berichten über Aufstände in der Provinz und mit Hinweis auf den Aufruf der
Regierung zur Meldung von Freiwilligen geschrieben:
»daß die Regierung Freiwillige aufruft, das besagt, auf die Truppen
zählt die Gegenrevolution selbst nicht mehr. Für die blutige Arbeit
der Niedermetzelung der sozialistischen Proletarier müssen sich »Frei-
willige« melden. Damit ist die Schwäche der Regierung offiziell ein-
gestanden, ihre Niederlage zur Hälfte schon besiegelt.«
Es hieße vielleicht einem Ermordeten Unrecht tun, hierbei von wohl-
berechtigter Täuschung der Aufständischen zu reden. Es lag in Karl Lieb-
knechts Natur, die Dinge so zu sehen, wie er sie zu sehen wünschte. Aber
auf seine Anhänger hatte diese Darstellung der Sachlage nichtsdestoweniger
die Wirkung einer gröblichen Irreführung.
Mit Bezug auf die Verhandlungen heißt es in der gleichen Nummer
der Roten Fahne:
»Heute gilt den Ebert-Sozialisteir'nicht »Parität', sondern die Faust.
Heute gilt es also die Arbeiter- und * die Soldatenräte neu zu wählen,
den Vollzugsrat neu zu besetzen unter.der Losung: Hinaus mit dem
Ebert und ihren Anhängern.«
Die Regierung und ebenso der Zentralrat hatten die Absendung der
Arbeiter empfangen und mit ihnen die Lage besprochen. Sie schien ihnen
indes nicht danach geartet, sich auf die vorgeschlagene paritätische Kom-
mission einzulassen. Denn diese Parität hätte geheißen, daß sie, die un-
zweifelhaft die große Mehrheit der sozialistischen Arbeiter Deutschlands
hinter sich hatten, in der Kommission sich einer aus Spartakusleuten und Un-
abhängigen bestehenden Zweidrittelmehrheit gegenüber gesehen hätten, von der
sie in den wichtigsten Fragen überstimmt werden konnten. Dabei handelte
155
es sich zudem garnicht um Fragen lokalen Charakters, die zu entscheiden
ausschließlich Sache der Arbeiterschaft Berlins sein konnte, sondern um
Fragen, die zumeist ganz Deutschland angingen. So erklärten beide Körper-
schaften, daß sie die Unterwerfung der Fragen unter die vorgeschlagene pari-
tätische Kommission nicht akzeptieren könnten, auch ein weiteres Hinhalten
in der Frage der besetzten Gebäude nicht für angängig hielten, im Übrigen
aber zu weiteren Verhandlungen bereit seien.
Es ist dann auch, während die Rufe nach Einigung aus der Arbeiter-
schaft sich mehrten, noch an verschiedenen Tagen verhandelt worden. In-
zwischen aber ward zunächst in den Straßen heftig gekämpft und dann die
Rückeroberung der Gebäude zur Ausführung gebracht.
e) Die Straßenkämpfe und die Rückeroberung des
Vorwärtsgebäudes.
Die Straßenkämpfe spielten sich vornehmlich im Zeitungsviertel (die
in die Jerusalemerstraße einmündenden Teile der Koch-, Zimmer- und Schüt-
zenstraße), in der Umgebung des Polizeipräsidiums (der Alexanderplatz
samt Nebenstraßen), am Brandenburger Tor mit Umgebung und in der Um-
gebung der Reichskanzlei (nördlicher Teil der Wilhelmstraße) ab. Die
kämpfenden Aufständischen verfügten reichlich über Maschinengewehre und
andre Waffen und hatten sich in den Zeitungsgebäuden gehörig verschanzt,
auch viele Wohnungen in den oberen Stockwerken der Nachbarschaft dieser
besetzt, so daß sie anrückende Soldaten von deren Fenstern aus bequem
und gut gedeckt beschießen konnten. Von welcher Tragkraft ihre Geschosse
waren, wurde am 10. Januar dem Schreiber dieses sozusagen vor den Augen
demonstriert. Ich war damals noch Beigeordneter des Reichsschatzamts und
arbeitete in einem, im Erdgeschoß auf der Seite der Wilhelmstraße gelegenem
Amtszimmer des jetzigen Reichsfinanzministeriums, als bei einer heftigen
Schießerei, die sich in unmittelbarster Umgebung des Gebäudes abspielte,
eine Kugel auch meinem Zimmer einen Besuch abstattete. Sie war vom
Wilhelmsplatz her in das Eckzimmer des Gebäudes eingedrungen, hatte dieses
durchflogen, war durch die Umfassung der gegenüberliegenden Tür in ein
Vorzimmer gelangt, hatte die Umfassung der Tür, die von diesem in mein
Arbeitszimmer führte, ebenfalls durchbohrt und war dann durch letzteres in
Höhe von etwa einem Meter über meinen Schreibtisch hinweg durch den
Rücken eines auf dem Wandregal geschichteten Aktenbandes in diesem ge-
landet, wo sie noch in den Akten ihrem revolutionärem Beruf tüchtig Genüge
leistete. Konnte man diesen Fall von der humoristischen Seite aus betrach-
ten, so gab es deren nur zu viele, die ernsten Charakter trugen.
Die Kämpfe kosteten sehr viele Menschenopfer. Ihre genaue Zahl
ist nicht festgestellt worden, da auf der Seite der Aufständischen eine große
Zahl von Personen kämpften, die nicht in Berlin zuständig waren und daher
von niemand reklamiert wurden. Es ist demnach anzunehmen, daß von
Aufständischen mehr gefallen sind, als zur Kenntnis der Behörden gekommen
ist. Doch sind die späteren Angaben kommunistischer Blätter über die Ge-
samtzahl der nach ihrer Auffassung für die Sache der Revolution Gefallenen
" zweifellos sehr übertrieben, in Wirklichkeit war sie jedenfalls geringer als
die Zahl der im Kampf gegen den Aufstand gefallenen freiwilligen und re-
gulären Soldaten. Fast immer sind bei Straßenkämpfen die Verluste der
156
Truppen größer als die der Rebellen, die in ihrer Mehrheit hinter Barrikade»
oder sonstigen Deckungen ihre Geschosse abfeuern. Allein das Regiment
Reichstag hat in dieser Januarwoche über 100 Tote gehabt. Ebenso hatte»
die Füsiliere sehr schwere Verluste.
Noch am 10. Januar sah es im Regierungslager so aus, daß man einen
zeitweiligen Sieg der Aufständischen nicht für unmöglich hielt. An diesem
Tage nahm Noske an der Kabinettssitzung Teil. Er war, wie er schreibt,"
jeden Tag ungeduldig gedrängt worden, mit den vorhandenen Truppen ia
Berlin einzurücken, hatte dies aber beharrlich abgelehnt, weil er einen et-
waigen Mißerfolg »für viel unerträglicher hielt, als die Fortdauer der Un-
sicherheit um einige Tage«. (Von Kiel bis Kapp, S. 73.) Zugleich habe er
sich »auf das Nachdrücklichste gegen ein Kompromiß ausgesprochen.«
(Ebendaselbst.) Nun hatte man ihn am 10. Januar zur Kabinettssitzung nach
Berlin berufen. »Die Ungeduld«, schreibt er, »war in der Reichskanzlei
aufs höchste gestiegen. Man nahm die ungünstigste Entwicklung der Dinge
als wahrscheinlich an, wenn ich nicht am nächsten Tage mit Truppen käme.
Kein Einwand dagegen wurde als stichhaltig angesehen. Schließlich er-
klärte ich mich bereit, während der Nacht eine Anzahl Formationen, darunter
als Kerntruppe die Kieler Brigade, zum Marsch antreten zu lassen. Die
Befehle dazu gingen sofort hinaus. Inzwischen waren auch einige Berliner
Formationen und ein Potsdamer Regiment verwendungsbereit geworden.«
Am Sonnabend, den 11. Januar, zog er dann um die Mittagszeit an der
Spitze von über 2000 Mann in Berlin ein. Er hielt einen bösen Straßen -
kämpf nicht für ausgeschlossen. Aber die Truppe stieß auf keinen Wider-
stand, als sie durch die Potsdamerstraße, Leipzigerstraße, Wilhelmstraße
marschierte, von da nach dem Tiergarten und wieder in die Vororte zog,
sondern wurde vom Publikum zumeist mit Beifallszeichen begrüßt.
In der Nacht vorher war schon das Vorwärtsgebäude in hartem Kampf
gestürmt worden. Das Haus Lindenstraße 3, von dem es einen Teil bildet,
ist ein großes sogenanntes Industriegebäude, das aus fünf durch Quergebäude
verbundenen fünfstöckigen Häusern besteht, zwischen denen vier Höfe liegen,
die durch große Torwege miteinander in Verbindung stehen. Vom dritten
und vierten Hof gelangt man in die Räume des Vorwärts, die zu nehmen um
so mehr Opfer erforderte, als die Aufständischen außer ihnen noch andere
Räume des Gebäudekomplexes besetzt hatten, von denen aus sie die etwaigen
Belagerer unter Feuer nehmen konnten. Man hatte es wirklich beinahe mit
einer Festung zu tun, und es bedurfte erfahrener Militärs, die Erstürmung
zu leiten. Die Aufgabe fiel dem Oberst Reinhardt und einem Major Stephani
zu. Die Erstürmung selbst, die in den Morgenstunden des 11. Januar er-
folgte, schildert F. Runkel in seiner Schrift »Die deutsche Revolution«
(Leipzig, F. M. Grumow) wie folgt:
»Zunächst wurde das besetzte Haus in weitem Umfang abgesperrt,
und in der Morgendämmerung fuhren drei 10,5 Zentimeter-Geschütze
auf, die von verschiedenen Seiten das Grundstück unter Feuer nahmen..
Noch war kaum das Dunkel gewichen, als die schweren Maschinen-
gewehre zu spielen begannen. Es takte aus allen Ecken, und selbst
von den Dächern feuerten die Spartakusschützen. Aber sie konnten
den Geschützen nichts anhaben, die nun bald ein gewichtiges Wort
im Kampf mitredeten. Zielsicher schlugen die Granaten ein, und nach
etwa zwei Stunden versuchten die Verteidiger Verhandlungen anzu-
knüpfen. Die Regierungstruppen lehnten alles ab und verlangten Er-
m
geben auf Gnade und Ungnade. Als darauf keine Antwort erfolgte,
gingen die Regierungstruppen mit leichten Minenwerfern und Flammen-
werfern vor, und nun erfolgte die bedingungslose Unterwerfung. <
f) Mißhandlung und Erschießung von Gefangenen.
Die Zahl der im Vorwärtsgebäude gefangen genommenen Personen belief
•sich auf gegen 300. An ihnen machte sich die Erbitterung eines Teils der Sol-
daten und des Publikums in groben Mißhandlungen Luft, die durch die allge-
meine Erregung über die Besetzungen erklärt, aber nicht entschuldigt werden
können. Schlimmer noch ist, daß es auch an Erschießungen von Gefangenen
nicht gefehlt hat. So sind sieben Mitglieder der Besatzung des Vorwärts,
die als Parlamentäre an die Belagerer herangetreten waren, der Schriftsteller
Wolf gang Fernbach, Mitarbeiter an dem von den Aufständischen während
der Besetzung herausgegebenen »Roten Vorwärts«, ein jugendlicher Arbeiter-
dichter namens Werner Möller und fünf nicht rekognoszierte Gefangene, voa
denen der Eine als Russe bezeichnet wurde, gefangen genommen und auf
dem Hof der unweit vom Vorwärtsgebäude in der Belle-Alliancestraße ge-
legenen Dragonerkaserne nach zum Teil grauenhaften Mißhandlungen unter
Umständen erschossen worden, die keinen andern Ausdruck als brutale Er-
mordung zulassen. Leider hat nicht mit Sicherheit festgestellt werden kön-
nen, wer die Mörder waren oder wer für die Ermordung die intellektuelle
Verantwortung trägt. Es war bei Einleitung des Sturms auf den Vorwärts
den Soldaten wie der Besatzung angekündigt worden: »Wer aus dem Vor-
wärtsgebäude mit der Waffe herauskommt, wird erschossen.« Von unberufe-
ner Seite ist aber nach der Erstürmung auf Anfrage an die Reichskanzlei,
was mit den Gefangenen geschehen solle, zweimal kurz geantwortet worden:
»Wer aus dem Vorwärts herauskommt, wird erschossen.« Und erst auf
eine nochmalige Anfrage kam die Antwort, daß die Gefangenen, die sich er-
geben haben, eingebracht und dann dem Staatsanwalt überliefert werden
sollen. Den Major Stephani trifft insofern ein Teil der Schuld, als er auf dem
Kasernenhof mehrmals zu den Soldaten gesagt hat: »Alles, was aus dem
Vorwärts kommt, wird erschossen.« Er will das nur als eine Ankündigung
gesagt haben, um die aufgeregten Soldaten zu beruhigen, und die Tatsache,
-daß er sofort dazwischen getreten war, als Soldaten die gefangene Sparta-
kistin Frau Steinbrink erschießen wollten, von der sie behaupteten, daß sie
vom Fenster des Vorwärts aus auf sie geschossen habe, und diese Erschießung
verhinderte, leiht seiner Erklärung Glaubwürdigkeit. Aber von den Soldaten
haben viele in ihrer Wutstimmung die Erklärung anders aufgefaßt, und daß
das sehr nahe lag, hätte sich Herr Stephani wohl sagen können. Persön-
lichkeiten wiederum, die damals in der Presse unter Berufung auf ihre Eigen-
schaft als Augenzeugen der Vorgänge belastend gegen ihn aussagten, haben
teils einander so widersprochen, teils, wie der Soldat Helms vor der Unter-
suchungskommission der Landesversammlung sich selbst als so wenig zu-
verlässig erwiesen, daß sich auf ihre Angaben hin keine Anklage aufrecht
erhalten ließ.
Wenn es nach alledem unbestritten bleiben muß, daß an den Gefangenen
auf das Schärfste zu verurteilende Gewalthandlungen begangen worden sind,
die man nicht genug bedauern kann, so ist doch ebenfalls nicht zu be-
streiten, daß namentlich in bezug auf die Zahl der Gemißhandelten sehr über-
158
trieben worden ist. Die Mehrzahl der Gefangenen sind unter scharfer Be-
wachung und strengen Vorschriften hinsichtlich ihres Verhaltens auf dem
Marsche in die Kasernen abgeführt worden und haben nicht überall gleich
die Unterkunft gefunden, die jedem Gefangenen eingeräumt werden muß.
Aber absichtlich schlechte Unterbringung ist ihnen nicht zuteil geworden.
Es darf nicht vergessen werden, daß sich unter ihnen auch allerhand sehr
zweifelhafte Elemente befanden, 'die nicht aus politischer Überzeugung, son-
dern aus Trieb zum Unfug und Hang zur Plünderei mitgemacht hatten.
Wenn die damaligen Berichte der Tagespresse über die im Vorwärtsgebäude
während der Besetzung begangenen Zerstörungen und Diebereien gleichfalls
viel übertrieben, so beweist schon allein die von einem der Bewohner des
Gebäudes, dem Kaufmann Ascher, eingereichte lange Liste der aus seinen
Wohn- und Geschäftsräumen entwendeten Gegenstände, daß immerhin ganz
gehörig geplündert worden ist. Es waren unter den Verhafteten neben
politischen auch gemeine Verbrecher, die auf dem Transport schon auszu-
sondern eine physische Unmöglichkeit war.
Und dann muß gesagt werden, daß die politischen Gefangenen, wenn
sie von idealistischen Beweggründen geleitet waren, darum nicht schon
harmlose Lämmer waren. Es entschuldigt den an dem Schriftsteller Wolf-
gang Fernbach verübten Mord in keiner Weise, wenn man den Aussagen
seiner Freunde, wonach er bis zuletzt niemals eine Waffe zur Hand genom-
men habe, den im Roten Vorwärts vom 9. Januar 1919 erschienenen Artikel
aus seiner Feder gegenüberstellt, dessen Überschrift »Auf zum Generalstreik!
Auf zu den Waffen!« allein eine durchaus andre Sprache spricht, ganz ab-
gesehen von seinem Inhalt, der die Vorgänge vom 6. und 24. Dezember in
tendenziösester Weise der angeblichen Herrschsucht und Blutgier der sozia-
listischen Regierung auf Rechnung stellt, dieser das »einmütige Todesurteil
von rechts und links« verkündet, vom revolutionären Entschluß spricht, den
die Masse durchsetzen werde »so oder so«, bis sie den Verrätern das
Knie auf die Brust gesetzt hat«, und in die Worte ausläuft: »Uns ruft dieser
Glaube an unserer Brüder siegendes Ideal, dasUrteilder Geschichte
an ihren Mördern zu vollstrecken.«
Von jemand, der so schreibt, soll man nicht sagen, daß er Gegner des
Gebrauchs von Mordwaffen war.
Die gewaltsame Besetzung der Zeitungen und der öffentlichen Gebäude
waren Akte der Rebellion, die an ihnen Beteiligten waren Rebellen gegen die
vom Zentralrat der Arbeiter- und Soldatenräte einstimmig eingesetzte Re-
gierung, sie waren von vornherein mit Waffen ausgerüstet und haben in den
Tagen, wo sie die Gebäude besetzt hielten, unausgesetzt gesucht, ihren
Vorrat von Waffen und Munition zu vermehren. Bei einem der in Haft ge-
nommenen Mitglieder der Vorwärts-Besatzung namens Stamms wurde fol-
gender Schein gefunden, mit dem Stamms laut seiner Aussage vor dem Unter-
suchungsrichter nach der Waffen- und Munitionsfabrik Spandau entsendet
war, aber unverrichteter Sache hatte umkehren müssen:
>Die Vorwärtsbesatzung bittet dringend um Übermittlung von L
(leichte) und S. M.-G. (schwere Maschinengewehre). Um möglichst
schleunige Abgabe aller irgend verfügbaren M. (Maschinen-)Gewehre
wird gebeten. M.-G. (Maschinengewehr) - Munition und Handgranaten
ebenfalls dringend erforderlich.
Zentrale der Vorwärtsbesatzung.
Sekretariat der Redaktion des Vorwärts.
Möhrin g. Lamprecht.« 159
Rebellen sind selbstverständlich nicht darum schon minderen Rechts,
weil sie gegen eine bestehende Regierung die Waffen kehren. Sie sind ju-
ristisch gesehen Staatsverbrecher, der Bestrafung als solche ausgesetzt, aber
auch mit dem Recht, als solche behandelt zu werden. Und es hat noch
keine Revolution gegeben, die ihren Rebellen gegen-
über diesen Grundsatz mehr respektiert hat, mit ihnen nach der Ge-
fangennahme milder umgegangen ist, als die sozia-
listische deutsche Revolution. Keinem Mitgliede ihrer dama-
ligen Regierung, auch Gustav Noske nicht, wird die sachlich prüfende Ge-
schichtsschreibung nachsagen, daß sie irgendwie blutgierig oder auch nur
rachsüchtig sich benommen haben. Noske ist, wo er es im Interesse der
Republik für notwendig hielt, militärisch eingeschritten, aber er hat es nie
getan, wo nicht von der andern Seite provozierende Maßnahmen vorlagen,
und wenn er solche nicht immer richtig eingeschätzt hat, so hat er doch die
Gegenwehr stets auf das zur Niederschlagung von Gewaltakten Notwendige
beschränkt. Man kann ihm nichts vorwerfen, was sich den blutigen Maß-
nahmen der Bolschewistenregierung Rußlands gegenüber ihren Rebellen auch
nur entfernt an die Seite stellen läßt.
Daß vielfach Soldaten in ihrer Erbitterung sich zu Mißhandlung von
Gefangenen hinreißen ließen, kann den nicht Wunder nehmen, der die Ge-
schichte der Volkskämpfe näher studiert hat. Der einfache Mann aus dem
Volk, und das sind die Masse der Soldaten, ist derb und stets geneigt, dem
unmittelbaren Impuls Folge zu geben. So haben z. B. 1848 beim Junikampf
in Paris gerade die Soldaten der Mobilgarde, diese »Pariser Kinder«, wie
man sie nannte, den gefangenen Junikämpfern gegenüber am schlimmsten
gewütet und mußten von ihren Offizieren gewaltsam von noch ärgeren Aus-
schreitungen gegen jene zurückgehalten werden. Die Wut der Soldaten aber
erklärt sich zum Teil aus den wilden Gerüchten, die über Gewaltakte der
Aufständischen in der Öffentlichkeit umliefen und mit argen Übertreibungen
untermischt waren, in der Hauptsache aber aus der Kampfesweise jener.
Bevor man an die Erstürmung des Vorwärtsgebäudes gegangen war,
waren am 9. und 10. Januar Versuche gemacht worden, das zugänglichere
Mosse-Haus (Redaktion, Druckerei und Verwaltung des »Berliner Tage-
blatts«, der demokratischen »Berliner Volkszeitung« usw.) von den Ein-
dringlingen zu befreien. Diese hatten das Hauptportal und verschiedene
Fenster der Gebäude mit großen Rollen Druckpapier, hinter denen Maschinen-
gewehre schießbereit standen, fest verbarrikadiert und richteten von da aus
jedesmal so heftiges Feuer gegen die belagernden Truppen, daß diese den
Kampf wiederholt einstellen mußten. Allerdings erlitten auch ihre Kämpfer
Verluste, denn sie wurden nicht nur von ebener Erde, sondern auch von den
Dächern benachbarter Häuser und dem Turm der seitwärts gelegenen Jeru-
salemer Kirche aus beschossen und mußten schon am 9. Abends um eine
Feuerpause bitten, damit sie ihre Toten und Verwundeten bergen könnten,
was ihnen selbstverständlich auch bewilligt wurde. Am späten Nachmittag
des 10. Januar überzeugten sie sich von der Aussichtslosigkeit jedes wei-
teren Widerstandes und erbaten einen Waffenstillstand, der ihnen zugestanden
und um 6 Uhr 30 Abends unterzeichnet wurde. Am 11. Januar Nachts
wurde dem Leutnant Bachmann, der die zur Befreiung des Mossehauses auf-
gebotenen Truppen — das Regiment Reichstag — befehligte, auf seinen
Vortrag in der Reichskanzlei eine von Ebert und Scheidemann unterzeich-
160
nete Erklärung übergeben, die der Besatzung des Mossehauses Schonung
ihres Lebens zusicherte, und nun räumte diese den Platz, ohne weitere Zer-
störungen ins Werk zu setzen, als bereits angerichtet waren. Abteilungen
des gleichen Regiments eroberten um dieselbe Zeit das Haus der Firma Ull-
stein zurück. Wie die Besatzung des Hauses der Firma Mosse ergaben sich
auch die des Hauses Scherl und des Wolffschen Telegrafenbüros, nachdem
ihnen das Leben zugesichert war, bedingungslos. Im Widerspruch mit den
pomphaften Erklärungen ihrer Führer, aber in Überinsteimmung mit den
Geboten des gesunden Menschenverstandes zogen sie die Rettung der süßen
Gewohnheit des Daseins einem theatralischen Abschluß mit sinnloser Zer-
störung von Werten vor.
g) Die Zurückeroberung des Polizeipräsidiums.
Zuletzt kam das Polizeipräsidium heran. Der größte Teil der Sicher-
heitswehr hatte es, wie wir gesehen haben, schon verlassen, und Emil Eich-
horn kehrte ihm am 1 1 . Januar endgültig den Rücken. Immerhin blieben noch
etliche hundert Mann von kampflustigen Aufständischen unter Führung des
Spartakisten Braun zurück, die über einen gewaltigen Vorrat von Waffen aller
Art verfügten. Außer Gewehren, Pistolen usw. der regulären Polizeitruppen
barg nämlich das Präsidium in einem abseits gelegenen Raum, der den Mei-
sten geheim gehalten wurde, noch ein großes Lager von Waffen, die im
Laufe weniger Wochen angeschafft worden waren. Den Vorwurf, der Ur-
heber oder mindestens Mitwisser dieser Aufspeicherung gewesen zu sein,
womit der Verdacht der geflissentlichen Anstiftung des Aufstands starken
Rückhalt erfahren hätte, hat Eichhorn mit der Erklärung von sich abgewiesen,
er habe gar nicht die Zeit gehabt, sich um diese Sachen zu kümmern.
Brauns hervorragende Beteiligung an ihr ist dagegen unbestritten geblieben.
Am 12. Januar in der Frühe erfolgte der Sturm auf das ein großes
Gebiet bedeckende mass/ve Riesengebäude. Ihn leitete vornehmlich der Leut-
nant Schulze mit seinen »Maikäfern« (Füsilieren). »Es war«, heißt es in
seinem vor dem Untersuchungsausschuß der Landesversammlung erstatteten
Bericht, »ein gewagtes Stück Arbeit, besonders weil sich im Rücken die
Brauerei Bötzow befand, die ein formloses Lager der Spartakisten war und
meine Truppe sehr leicht aufrollen konnte.« Mit Mühe und Not habe er
vom zweiten Garde-Regiment etwa 40 Mann, vom Regiment Alexander etwa
20 Mann und von der zweiten Ersatzmaschinengewehrkompagnie in Rei-
nickendorf einen Zug Maschinengewehre erlangt. Weiter hatte ihm das dritte
Gardefeldartillerie-Regiment Mannschaften und Geschütze gestellt, und in
später Nachtstunde hatte er von der Kommandantur ein Panzerauto, 10 Last-
autos und ein Krankenautomobil, sowie als Rückendeckung gegen die Brauerei
Bötzow und sonstige Entsatzversuche 600 Mann der von Eichhorn abge-
fallenen Sicherheitsmannschaften erhalten, die, schreibt er, noch unbewaffnet
und, wie sich bald zeigen sollte, undiszipliniert waren. Als er nachts gegen
3 Uhr an der in nächster Nähe des Polizeipräsidiums gelegenen Kaserne
des Alexanderregiments eintraf, sei auf der Anmarschstraße (der nordwest-
liche Teil der in den Alexanderplatz einmündenden Alexanderstraße) kein ein-
ziger Sicherheitsmann zu sehen gewesen. Nur deren Führer Dreger sei ihm
aufgeregt entgegengekommen und habe gemeldet, daß die 600 Mann von den
Spartakisten im Exerzierhause der Alexanderkaserne eingesperrt seien.
11 161
Schulze ist darauf mit seinen Leuten in den Kasernenhof eingedrungen, wo
sie mit Schüssen empfangen wurden, diese aber aus allen Ecken des Hofes
so scharf erwiderten, daß die Spartakisten das Feld räumten. Die 600
wurden befreit und aus den Beständen des Alexanderregiments bewaffnet.
Mittlerweile hatte indes die Beschießung des Präsidialgebäudes ihren
Anfang genommen. Sie stieß auf so heftiges Gegenfeuer von dessen In-
sassen, heißt es in Schulze's Bericht, »daß schon beim ersten Schuß die ganze
Besatzung eines Geschützes unter dem Hagel des Maschinengewehrfeuers
fiel.« Aber die Feldartillerie erwies sich doch als überlegen. Als gegen
4 Uhr 30 Morgens die Bewaffnung der Sicherheitsmannschaften beendet war.
ward Schulze angerufen, der Spartakist Braun, der Vertreter von Eichhorn,
wünsche ihn zu sprechen. Er fragte nach dessen Begehr, und Braun, nach
den Aussagen verschiedener seiner Leute ein Mann von verschlagenem
Wesen, erklärte, er komme von der Regierung und habe die Erlaubnis er-
halten, abzuziehen. Da er sich indes nicht schriftlich genügend ausweisen
konnte, erhielt er zur Antwort, es müsse auf bedingungslose Übergabe be-
standen bleiben. Er erbat sich nun 10 Minuten Bedenkzeit und eine weiße
Flagge und ging dann ins Präsidialgebäude. Nach Ablauf der zehn Minuten
kam ein Mann mit der weißen Fahne heraus, bog aber schnell in eine
Nebenstraße ein und ward nicht mehr gesehen. Wer es war, konnte nie-
mand aussagen. Braun ist später nach der Erstürmung des Gebäudes in
einer der Nebenstraßen durch eine Patrouille gefangen genommen worde».
Über die Beschießung, die nun ihren Fortgang nahm, und die Einnahme
des Präsidiums lassen wir dem Schulze'schen Bericht das Wort. Er lautet:
»Inzwischen hatte die Nebenabteilung unter Führung des Feld-
webelleutnants Westphal sich von der Prenzlauerstraße her (durch die
Alexanderstraße Ed. B.) dem Präsidium genähert. Als sie in diese ein-
bog, erhielt sie starkes Feuer aus allen Häusern. Der Kraftwagenführer
des ersten Autos, auf dem etwa 50 Mann und 10 Maschinengewehre
standen, wurde durch eine Anzahl Maschinengewehrschüsse verwundet.
Das Auto sauste führerlos in einen Torweg; die Besatzung flog kopf-
über herunter, und alles lief zur Deckung in die Häuser. Bei diesem
Zusammenstoß hatte die Abteilung schon einen Toten und mehrere
Verwundete. Zur Sicherung in Richtung Alexanderplatz wurde nun eine
Haubitzte abgeprotzt und das Panzerauto vorgeschickt. Westphahl trat
nun wieder an und ließ die Leute zu beiden Seiten der Straße folgen.
Die Geschütze wurden an fahrbare Autos angekoppelt und folgten
dicht auf.|**i mm
In der Wadzekstraße gab es wieder besonders starkes Feuer aus
den Kellern. Nachdem dieser VViderstaud durch Handgranaten über-
wunden war, ging es unter lebhaftem Feuer aus allen Häusern bis zu
dem festgesetzten Angriffspunkt vor, die Kleine Frankfurter-, _ Ecke
Kaiserstraße. Gegen 5 Uhr 45 Minuten morgens begann hier die Be-
schießung. Das Feuer aus ungezählten Maschinengewehren vom Prä-
sidium war in der engen Straße besonders gefährlich.
Die Wirkung der ersten Schüsse war eine enorme. Die Maschinen-
gewehre flogen in hohem Bogen zur Seite; die Besatzung wurde zum
Teil getötet, zum Teil flüchtete sie. Westphal ließ 50 Schuß schnell
hintereinander gegen das Präsidium feuern, damit der Gegner garnicht
wieder zur Besinnung kommen konnte. Da nun das Feuer schwieg,
ging Westphal mit zwei Leuten vor. In der Straße sah es übel aus.
Alle Fenster waren durch den Druck der Geschütze zertrümmert; alles,
was nicht niet- und nagelfest war, war heruntergefallen.
Am Präsidium angekommen, kamen einige Spartakisten heraus, die
Westphal fragte, ob sie zum Verhandeln bereit wären. Sie bejahten,
162
erklärten aber, daß sie keine Führer hatten,' da alle geflohen seien.
Westphal schlug vor, sie sollten sich aus ihrer Mitte einige Führer
v/ählen, mit denen verhandelt werden könne; er wolle inzwischen die
Übergabebedingungen von mir holen. Meine Bedingungen lauteten:
>Sofortige Übergabe der roten Festung, Abgabe aller Waffen und Vor-
räte, Internierung der Gefangenen in der Alexanderkaserne und Ab-
urteilung der Regierung über sie.<
Als sich die Leute im Präsidium noch über die Bedingungen stritten,
wurden sie darauf aufmerksam gemacht, daß die Verhandlungen abge-
brochen werden müßten, da eine erneute Beschießung erfolgen müsse.
Das half. Bedingungslos wurde alles angenommen. Die Gefangenen
wurden in Gruppenkolonne auf die Straße geführt und marschierten mit
erhobenen Händen zur Alexanderkaserne ab. Der erste Trupp bestand
aus etwa 120 — 150 Leuten. Einzelne Leute wurden noch nachher aus
den umliegenden Häusern, Kellern usw. eingebracht.
Im Präsidium selbst herrschte nach dem Sturm ein heilloses Durch-
einander. In dem Zwielicht des grauenden Morgens war nichts zu er-
kennen. Aus allen Ecken blitzten die Schüsse auf; wüstes Geschrei er-
füllte den Lichthof. Erst durch meine mit ganzer Kraftanstrengung ge-
brüllte Aufforderung, das Schießen einzustellen und ruhig zu sein, trat
etwas Ruhe ein. Meine zweite Warnung an die Spartakisten, daß jeder,
der jetzt noch schießen würde, sofort an die Wand gestellt würde, half.
Nun schickte ich starke Patrouillen die einzelnen Gänge des Präsidiums
hinauf und befahl ihnen, alle Gefangenen nach einer bestimmten Stelle
beim Ausgang zu bringen. Es wurden noch 2 oder 3 oder 4 Leute ge-
funden. Die übrigen hatten sich so versteckt, daß man ihrer nicht hab-
haft werden konnte. Nachdem ich den Hof der Alexanderkaserne be-
treten hatte, wurden immer noch von Leuten der Sicherheitswehr und
Schutzleuten Gefangene eingebracht.«
Den Gefangenen erging es hier ähnlich wie den Gefangenen beim
Sturm auf den Vorwärts. Die durch die Vorgänge beim Kampf in dem
Straßen bis aufs Äußerste erbitterten Soldaten und mehr noch Teile der
ehemaligen Kameraden der bei Eichhorn verbliebenen, Polizeimannschaften
brannten darauf, an diesen für ihre Gefallenen Sühne zu nehmen. Wie auf
dem Hof der Dragonerkaserne lagen auch auf dem Hof der Alexanderkaserne
etliche Leichen, — der Zahl nach fünf — und nur dem energischen Da-
zwischentreten von Schulze war es geschuldet, daß nicht auch Braun, gegen
den besondere Erbitterung herrschte, ein Opfer der Erregung der Masse ge-
worden ist.
Auf wessen Rechnung die Erschießung der von Schulze auf dem Ka-
sernenhof tot Aufgefundenen zu setzen ist, konnte nicht festgestellt werden.
Nicht unmöglich ist es, daß sie schon in der Nacht dem bei der Befreiung
der 600 Sicherheitspolizisten entwickelten Feuer zum Opfer gefallen waren.
Der Hof war nach beendetem Sturm mit Soldaten der verschiedenen Gat-
tungen wie auch Zivilisten angefüllt und der Schauplatz eines zu wirren
Treibens, als daß eine geregelte Untersuchung angestellt werden konnte.
Der Feldwebelleutnant Schulze, der den Transport der Gefangenen nach der
Alexanderkaserne geleitet hat, sagte aus, daß von den Füsilieren Erschie-
ßungen von Gefangenen nicht verübt worden seien.
Gegen diese aber richtete sich die Wut der Spartakisten und der von
diesen beeinflußten Arbeiter mit ganz besonderer Heftigkeit. Die ersteren
verziehen es der Truppe nicht, daß sie zur Regierung gehalten hatte, und
umstellten ihre Kasernen mit Posten, die jeden Soldaten bedrohten, der sich
einzeln aus der Kaserne herauswagte. »Nur durch scharfe Bewachung und
U* 163
regen Spitzelverkehr«, heißt es im Bericht des Kommandanten Schulze,
»konnte ich die Kaserne halten.« Des Nachts arbeitete ununterbrochen ein
Scheinwerfer, der die ganzen Häuserblocks ableuchtete. Trotzdem konnte
nicht verhindert werden, daß sich in dem (an die Kaserne angrenzenden)
Lazarettgarten Schützen festsetzten, die die ganze Nacht hindurch die Ka-
serne unter Feuer hielten.
Diese und ähnliche Schießereien im Zeitungsviertel waren jedoch nur
Ausläufer des Aufstandes. Dieser selbst war mit dem Fall des Polizei
Präsidiums gebrochen. Unschwer und ohne Blutvergießen gelang es, das
letzte Gebäude, das die Spartakisten noch besetzt hielten, den Schlesischen
Bahnhof, durch ein Überrumpelungsmanöver ihnen abzunehmen. Am 13. Ja-
nuar erklärten die revolutionären Obleute den von ihnen verkündeten Gene-
ralstreik für aufgehoben. Von den bekannteren Führern des Aufstands war
Georg Ledebour schon am 9. Januar in der Wohnung des früheren Redak-
teurs am Vorwärts Dr. Ernst Meyer gemeinsam mit letzterem vom Vizefeld-
webel von Tyszka und dem Gefreiten Gürgen verhaftet worden, die mit einer
Abteilung Mannschaften der Kommandantur ausgezogen waren, Karl Lieb-
knecht zu verhaften, diesen aber nicht oder nicht mehr anfanden. Nach
monatelanger Untersuchungshaft wurde er im Mai 1919 vom Schwurgericht
Berlin von der gegen ihn erhobenen Anklage auf Hochverrat freigesprochen.
Emil Eichhorn hielt sich einige Tage verborgen und entkam dann in einem
Automobil nach Braunschweig.
164
XIII.
Die Ermordung Von Karl Liebknecht
und Rosa Luxemburg.
Ein anderes Schicksal als ihren Aufstandsgenossen wurde Karl Lieb-
knecht und Rosa Luxemburg zuteil. Sie konnten sich nicht entschließen
zu fliehen, im Angesicht der gegen sie ergangenen Verhaftbefehle mieden säe
jedoch gleichfalls ihre Wohnungen. Als aber in der Presse das Gerücht auf-
tauchte, daß sie an die holländische Grenze geflohen seien, schrieb Karl Lieb-
knecht am 15. Januar 1919 in der Roten Fahne in einem Artikel, der die spar-
takistische Bewegung als nicht zu besiegen hinstellt:
>0, gemach! Wir sind nicht geflohen, wir sind nicht geschlagen.
Und wenn sie uns in Bande werfen — wir sind da und wir bleiben
da! Und der Sieg wird unser sein. Denn Spartakus — das heißt Feuer
und Geist, das heißt Seele und Herz, das heißt Wille und Tat der
Revolution des Proletariats. Und Spartakus — das heißt alle Not und
Glückssehnsucht, alle Kampfentschlossenheit des klassenbewußten Prole-
tariats. Denn Spartakus — das heißt Sozialismus und Weltrevolution.
Noch ist der Golgafhaweg der deutschen Arbeiterklasse nicht beendet
— aber der Tag der Erlösung naht.«
In der darauf folgenden Nacht weilten er und Rosa Luxemburg nicht
mehr unter den Lebenden. Am Abend des 15. Januar waren zuerst er und
etwas später Rosa Luxemburg im Vorort Wilmersdorf bei dem ihnen be-
freundeten Ehepaar Markussohn von Mannschaften der Wilmersdorfer Bür-
gerwehr verhaftet und dem im Edenhotel am Kurfürstendamm einlogierten
Stab der Gardeschützen-Kavalleriedivision Abteilung Lüttwitz eingeliefert
worden, wo man sie einem kurzen Verhör unterzog und sie dann unter mili-
tärischer Eskorte einzeln in das Untersuchungsgefängnis Moabit überführen
zu lassen beschloß. Für jeden von Beiden ward jedoch der Transport zur
Todesfahrt. Karl Liebknecht erhielt, als er Abends aus dem Hotel heraus-
trat und das bereit gehaltene Automobil besteigen wollte, vom Jäger Otto
Runge, der vor dem Hotel Posten stand, mit dem Gewehrkolben zwei oder
drei so wuchtige Schläge über den Kopf, daß er stark blutete und eine Weile
fast die Kräfte verlor. Etliche Minuten später ward er veranlaßt, das Auto
mobil, das den Weg durch den Tiergarten genommen und angeblich eine
Panne erhalten hatte, vorübergehend zu verlassen, um eine kurze Strecke
zu Fuß zu gehen, und soll nun versucht haben ins Dickicht zu entfliehen.
Als er auf das Halt! der Militärs die Flucht nicht unterbrach, geht der offi-
165
zielle Bericht weiter, feuerten diese nach militärischem Brauch auf ihn, und
dann sei er von deren Schüssen durchbohrt tot niedergefallen. Seine Leiche
ward auf Befehl des die Eskorte führenden Kapitänleutnants Pflugk-Hartung
in die Unfallstation am Zoologischen Garten gebracht und als die eines Un-
bekannten eingeliefert. Letzteres begründet Pflugk-Hartung später vor Ge-
richt damit, er habe vermeiden wollen, daß »die Sache gleich bekannt und
aufgebauscht werde.« Seiner vorgesetzten Behörde hat er jedoch den Vor-
fall sofort mit richtiger Benennung des Getöteten gemeldet. In gleicher
Weise wie an Karl Liebknecht verging sich Runge an Rosa Luxemburg, als
diese eine Viertelstunde nach Ersterem im Automobil nach dem Gefängnis
transportiert werden sollte. Auf der Fahrt ward die nahezu Leblose durch
einen Schuß, der wahrscheinlich den Oberleutnant Kurt Vogel zum Urheber
hatte, getötet. Dieser ist jedenfalls dafür verantwortlich, daß die Leiche der
Ermordeten nicht eingeliefert, sondern künstlich beschwert in der Nähe der
Corneliusbrücke in den Landwehrkanal versteckt wurde, wo sie erst nach
Monaten aufgefunden wurde.
Die Verhaftung und der Tod der zwei Häupter der Spartakusbewegung
wurden im Laufe des 16. Januar allgemein bekannt und riefen naturgemäß
große Erregung hervor. Ein am Abend des gleichen Tages bekannt ge-
gebener amtlicher Bericht stellte die Sache so dar, daß die gegen sie ge-
führten Schläge von Unbekannten aus der Mitte der das Hotel umlagernden
und gegen sie Verwünschungen ausstoßenden Menge hergerührt hatten,
daß der Schuß, der Rosa Luxemburg tötete, von einem Unbekannten auf sie
abgegeben worden war, der, als das Automobil der Menschenmenge wegen
langsamer fahren mußte, aus der Menge heraus auf das Trittbrett gesprungen
sei, und daß die Leiche von einem Teil der Menge, die das Auto umgab,
aus diesem unter dem Ruf »da ist die Rosa« herausgerissen und entführt
worden sei.
Diese Umschreibungen des wahren Sachverhalts wurden indes bald als
irreführend aufgedeckt. Die Regierung beschloß sofort, eine eingehende
Untersuchung über die Umstände, unter denen der Tod der zwei Revolutio-
näre erfolgt war, zu veranstalten, und machte das in folgender Kundgebung
bekannt :
»Die Regierung hat über die Umstände, die zum gev/altsamen Tode
Dr. Rosa Luxemburgs und Dr. Karl Liebknechts geführt haben, die
strengste Untersuchung angeordnet. Die beiden Getöteten
hatten sich zweifellos schwer am d e u t s ch e n Vo 1k e
vergangen, sie hatten jedoch ebenso zweifellos Anspruch auf Recht,
das Schuldige bestraft, aber auch sie vor Unrecht schützt. Ein Akt
der Lynchjustiz, wie er an Rosa Luxemburg begangen worden
zu sein scheint, schändet das deutsche Volk, und jeder, auf welcher
Seite er auch politisch stehen mag, wird ihn sittlich verdammen. Ist
im Fall Luxemburg das Gesetz offenbar verletzt worden, so
bedarf es auch im Fall Liebknecht noch der Aufklärung, ob
hier nach gesetzlichen Vorschriften gehandelt
worden ist. Sollten sie verletzt worden sein, so müßte auch hier in
der schärfsten Weise eingegriffen werden.«
Der Zentralrat der deutschen und der Vollzugsrat der Berliner Arbeiter-
räte nahmen ihrerseits die Erforschung des Tatbestandes in die Hand, Ver-
wandte und Freunde boten ihr Möglichstes auf, hinter die Wahrheit zu kom-
men, eine Reihe von Personen, die zur fraglichen Zeit im Hotel oder dessen
166
Umgebung geweilt hatten, meldeten sich freiwillig als Zeugen gegen be-
stimmte Angaben des amtlichen Berichts, und so erfuhr die Öffentlichkeit
schon in den nächsten Tagen, daß das Eden-Hotel zu jener Zeit keineswegs
von sonderlich viel Zivilpersonen umgeben gewesen war, daß das Auto,
welches Rosa Luxemburg nach dem Untersuchungsgefängnis befördern sollte,
zu keiner Zeit absichtlich oder unabsichtlich vom Publikum in seiner Fahrt
aufgehalten wurde, sondern seinen Weg durch menschenleere Straßen ge-
nommen hatte und daß daher von einer gewaltsamen Entführung der Leiche
durch Leute aus der Menge nicht geredet werden könne, daß aber es Mili-
tärs gewesen seien, welche Rufe des Inhalts ausgestoßen hätten, »man müsse
die zwei Aufrührer ohne Weiteres erledigen.«
Spartakisten und Unabhängige richteten indes ihre Angriffe nicht nur
gegen die Militärs. Als bekannt wurde, daß die mehrheitssozialistische Re-
gierung die Untersuchung und voraussichtliche Strafverfolgung den zustän-
digen Militärinstanzen überwiesen hatte, ward auch sie der Gegenstand hef-
tiger Angriffe, die sich bis zu der Verdächtigung steigerten, sie wolle keine
gründliche Untersuchung, sondern fühle sich gewissermaßen mit der »Mörder-
bande« solidarisch. Davon war selbstverständlich nicht die Rede. Da die
Angeschuldigten im Militärverhältnis standen, kam für sie das noch be-
stehende Gesetz in Betracht, nach dessen Vorschriften ihre Angelegenheit in
der Tat von Militärbehörden zu untersuchen und einem Militärgericht zur
strafrechtlichen Abhandlung zu überweisen war. Wenn die Regierung, be-
ziehungsweise ihr juristisches Mitglied erklärte, durch den Rechtssatz ge-
bunden zu sein, daß niemand seinem ordentlichen Richter entzogen werden
dürfe, so war das formalrechtlich unwiderlegbar. Zudem hatte man in
jenem Zeitpunkt noch nicht die Erfahrungen mit Militärgerichten in der Re-
publik gemacht, die seitdem dem radikal gesinnten Teil der Bevölkerung
jedes Vertrauen in deren politische Unparteilichkeit geraubt haben. Wenig
sprach dagegen, die strafrechtliche Aburteilung des Falles dem Militärgericht
zu belassen.
Das, worauf es vor allem ankam, war nicht die Höhe der Strafen, auf
die erkannt werden würde, sondern die über jeden Zweifel hinaus sichere
Feststellung aller für eine Beurteilung der Natur des Vorfalles wesentlichen
Einzelheiten und die Ermittelung und vorläufige Festsetzung aller mutmaß-
lich Schuldigen und Mitschuldigen. Mit Bezug hierauf ward denn auch in
der Arbeiterschaft von Angehörigen der verschiedensten Parteien die For-
derung erhoben, daß man die Untersuchung einer Kommission übertrage,
die entweder ausschließlich oder mindestens zum Teil aus Mitgliedern der
sozialistischen Parteien zusammenzusetzen sei, und diesem Verlangen hätte
nachgegeben werden können, ohne daß dem Recht ungebührliche Gewalt
angetan wurde. Man war ja doch noch in der Revolution, und zwar in einer
Revolution, von der ihre Vertreter wußten und wollten, daß sie in ihrem
Verlaufe mit den militärischen Sondergerichten aufräumen werde, auch ver-
kannte die Regierung die sachliche Berechtigung des Verlangens nicht. Sie
konnte sich nur nicht dazu entschließen, den radikalen Schritt zu tun, son-
dern beschränkte sich darauf, die Hinzuziehung von je zwei Mitgliedern des
Zentralrats und des Berliner Vollzugsrats zur Beteiligung an der Unter-
suchung zu erwirken, deren Leitung aber dem Gericht der Gardeschützen-
Kavallerie-Division und der Oberleitung des Divisionskommandeurs von Hoff-
mann als dem militärischen Gerichtsherrn verblieb. Bald zeigte sich, welcher
167
Fehler damit gemacht war. Die Militärs ließen die Arbeitervertreter fühlen,
daß sie sie nur als überflüssiges Beiwerk betrachteten. Der von Hoffmann
zum Leiter der Untersuchung eingesetzte Kriegsgerichtsrat Jörns und er selbst
lehnten eine Anzahl Anträge der Arbeiter ab, worauf die Mitglieder des Voll-
zugsrats Oskar Rusch und Paul Wegmann und das Mitglied des Zentralrats
Hugo Struve am 16. Februar von der Teilnahme an der Untersuchung zu-
rücktraten. Die Gründe sind im folgenden Stück aus der Einleitung einer
Denkschritt über ihren Rücktritt zusammengefaßt:
>Wir forderten die Einsetzung einer mit den Rechten eines Unter-
suchungsrichters ausgestatteten Sonderkommission. Diese unsere sofort
und wiederholt gestellte Forderung wurde abgelehnt.
Wir fordern ferner die Aburteilung der Mörder und ihrer Anstifter
durch ein ordentliches ZJvilgericht.
Wir lehnen es in aller Öffentlichkeit ab, weiter an den Unter-
suchungshandlungen teilzunehmen, weil
1. dieser unserer Forderung seitens der Regierung der deutschem
Republik nicht zugestimmt wurde,
2. auf wiederholte mündliche und schriftliche Anträge die uns durch
Zeugenaussagen bekannten Anstifter, Täter und Beihelfer nicht in Haft
gesetzt werden,
3. es hierdurch einigen der Beschuldigten möglich war, flüchtig zu
werden, und
4. eine Verdunkelungsgefahr vorliegt dadurch, daß es den sich
noch in Freiheit Befindlichen möglich ist, sich untereinander zu ver-
ständigen.
Wir lehnen es vor dem Proletariat der Welt ab, teilzunehmen an
einem Gerichtsverfahren, das es ermöglicht, die Spuren der Tat zu
verwischen und die Mörder den Armen der Gerechtigkeit zu entziehen.«
Nun hatte schon der gewaltsame Tod der zwei revolutionären Führer
bei einem erheblichen Teil der Arbeiter Berlins einen Umschwung der Stim-
mung zu Ungunsten der Regierung herbeigeführt, die Ablehnung der sozia-
listischen Sonderkommission ihn verschärft, und so fehlte nur noch diese
Erklärung der drei Arbeitervertreter, um die Mißstimmung auf die Spitze zu
treiben. Sie hat der Partei der Mehrheitssozialisten und damit auch der
Republik, die in dieser Partei ihre eigentliche Stütze hat, damals sehr ge-
schadet. Sie hat es gewissen Journalisten ermöglicht, dem sozialistischen
Ausland diese Partei als die moralisch Mitschuldige an der Ermordung von
Liebknecht und Rosa Luxemburg und als Begünstiger der Mörder hinzu-
stellen. So hat sogar ein Romain Rolland im Frühjahr 1919 durch einen
deutschen Literaten sich verleiten lassen, in einem langen, durch drei Num-
mern der Pariser Humanite laufenden Artikel gegen die sozialdemokratische
Partei und Regierung diese Anschuldigung zu erheben. Tatsächlich ist sie
aber im höchsten Grade ungerecht. Niemand wäre vielleicht eher in der
Lage hierfür Zeugnis abzulegen, als der Schreiber dieses. Denn ich war
durch einen Zufall am Vormittag des 16. Januar 1919 grade zu der Stunde in
der Reichskanzlei, als die Meldung eintraf, daß Karl Liebknecht erschossen
sei, und weiß daher, welche Bestürzung und selbst Erschütterung sie bei den
anwesenden Regierungsmitgliedern hervorrief. Es ist nicht die Spur eines
stichhaltigen Beweises dafür vorhanden, daß die Regierung oder irgend
eines ihrer Mitglieder die Tötung auch nur mit einer Silbe angeregt oder die
Mörder begünstigt haben. Der Fehler, als der die Überweisung der Unter-
suchung an die Militärbehörden sich herausstellte, lag auf der politischen
und nicht auf der moralischen Seite. Aber als ein politischer Fehler hat
168
sie sich ohne jede Frage erwiesen. Es kann dahingestellt bleiben, ob der
Kriegsgerichtsrat Jörns bei Leitung der Untersuchung absichtlich auf Ver-
tuschung bestimmter Einzelheiten hingearbeitet hat, sein energisches Verhal-
ten als Anklagevertreter bei der Gerichtsverhandlung leiht dieser Annahme
wenig Spielraum. Richtig dagegen ist, daß er in Bezug auf Zeugenverhöre
usw. Verschiedenes unterlassen hat, was zur Erhellung des Tatbestandes
Wesentliches beigetragen hätte. Eine von aller militärischen Befangenheit
freie sozialistische oder aus Sozialisten und Ziviljuristen zusammengesetzte
Untersuchungskommission hätte unzweifelhaft mehr an das Licht gebracht,
als von Jörns ermittelt wurde, und ihr Bericht hätte in breiten Volkskreisen
das Vertrauen genossen, das dem seinen versagt blieb. Darauf aber kam
es an.
Freilich, die große Mord- Verschwörung, von der Spartakisten und Spar-
takistengönner damals fabelten, hätte auch er schwerlich feststellen können,
sie gehört eben in das Reich der Fabel. Nicht eine Verschwörung im ju-
ristischen Sinne dieses Wortes hat vorgelegen, wohl aber ein von der Stunde
geborenes Kollektivverbrechen, an dem die Militärs vom Eden-Hotel in ver-
schiedenem Grade beteiligt waren, einige als Anreger (mit Rufen wie: »Schlagt
sie tot« und dergleichen), andere direkt als Anstifter, und wieder andere
als Helfer und Täter. Die von den Arbeitervertretern erhobene Anklage,
daß zwischen einem Teil der letzteren eine Art Verabredung stattgefunden
habe, hat alle Wahrscheinlichkeit für sich und hätte daher auf das Sorg-
fältigste berücksichtigt werden müssen. Ob aber selbst die genaueste Prü-
fung zu einem für die Verurteilung ausreichenden Beweis geführt hätte,
bleibt bei alledem zweifelhaft.
Bei allen Kollektivverbrechen ist die richtige Abmessung der Verant-
wortlichkeiten eine fast unlösbare Aufgabe. Was wir in dieser Hinsicht
aus eignem Erlebnis von Schülerstreichen her wissen, wiederholt sich unter
den ernsthaftesten Formen im späteren Leben. Daß an Rosa Luxemburg ein
brutal feiger Mord verübt worden ist, bestreitet niemand. Ob aber als der
Haupttäter der Soldat Runge zu betrachten ist, der auf. den Kopf des körper-
lich ungewöhnlich schwächlichen Weibes ohne jede Provokation wiederholt
so heftig mit dem Gewehrkolben losschlug, daß das Opfer sofort besinnungs-
los zusammenbrach, oder der Offizier, der der ohne ein Lebenszeichen Da-
liegenden eine Kugel durch den Kopf jagte, kann nachträglich niemand ent-
scheiden. Schwieriger noch ist die Bemessung der Verantwortungen inbezug
auf die Tötung Karl Liebknechts. Lag bei ihr überhaupt ein Mord im
strafrechtlichen Sinne dieses Wortes vor? Nach Angabe der ihn exkor-
tierenden Offiziere ist Liebknecht erschossen worden, als er einen Flucht-
versuch machte, und auf einen fliehenden Gefangenen zu schießen, ist mili-
tärischer Brauch, den das Reglement sanktioniert. Aber jeder wird dem
Kriegsgerichtsrat Jörns Recht geben, der ausführte, daß selbst, wenn Lieb-
knecht einen Fluchtversuch machte, für die sechs schwerbewaffneten, kräf-
tigen Männer, die ihn exkortierten, dies kein genügender Anlaß sein konnte,
auf den durch die heftigen Kolbenschläge des Runge seiner vollen Kraft
schon beraubten Mann ohne Weiteres zu schießen. Außerdem aber ist es
zweifelhaft, ob überhaupt ein wirklicher Fluchtversuch vorlag. Nicht des-
halb weil ein solcher, wie Anhänger Liebknechts erklärten, ein Akt der Feig-
heit gewesen wäre, dessen Liebknecht nicht fähig war. Flucht hätte in
einem solchen Falle mit Mut oder Feigheit garnichts zu tun gehabt. Es
169
erhebt sich eine ganz andere Frage. Nach allem, was wir seit jenen Tagen
an Erschießungen von Gegnern des Militärs bei deren militärischen Exkor-
tierung erlebt haben, muß man vielmehr fragen, ob der angebliche Flucht -
veruch nicht lediglich in einem Ausweichen vor Drangsalierun-
gen körperlicher Natur bestanden hat. Darauf lassen insbesondere
die ärztlichen Gutachten schließen, die bekunden, daß die tötlichen Schüsse auf
Liebknecht ausderNähe abgegeben sein mußten. War dies aber der Fall,
dann lag keine bloß unüberlegte oder fahrlässige Tötung, sondern ein wohl-
überlegter, wenn nicht raffinierter Mord vor. Jörns beantragte denn auch
gegen die vier Offiziere, die geschossen hatten, die Todesstrafe wegen
vollendeten Mordes. Das Gericht aber sprach sie frei, obwohl es in seinem
Erkenntnis zugab, daß Indizien dafür vorlagen, »daß unter ihnen eine Verab-
redung zur Tötung Liebknechts stattgefunden hat.«
Wer, wie der Schreiber dieses, in der Todesstrafe keine Sühne für
ein begangenes Verbrechen erblickt, den wird es gleichgültig lassen, daß die
vier Offiziere von ihr verschont geblieben sind. Nicht gleichgültig aber ist
es, daß das Verbrechen der gerichtlichen Brandmarkung entging. Sie zum
Mindesten war man dem öffentlichen Gewissen schuldig.
Als einen strafmildernden Umstand hob das Gericht die große Er-
regung hervor, die sich der Bevölkerung im Allgemeinen unter der Wirkung
der Spartakusunruhen bemächtigt hatte. Diese Erregung aber war keine
bloße Fabel, sie war von außerordentlicher Tiefe und beschränkte sich kei-
neswegs auf Kapitalisten und Spießbürger, die für ihren Besitz und den
Profit zitterten. Sie herrschte auch in weiten Kreisen der arbeitenden Be-
völkerung vor. Und sie richtete sich gegen keinen mit stärkerer Erbitterung
als gegen Karl Liebknecht, in dem man den Hauptschuldigen an diesen, für
die Entwicklung der Republik so verderblichen Aufruhrakten erblickte. Wie
groß in der Tat die Schuld war, die Karl Liebknecht in jener Zeit auf sich
geladen hat, wo es galt, die Grundlagen der deutschen Republik festzu-
legen, ward in den vorhergehenden Kapiteln gezeigt. Aber auch in bezug
auf ihn gilt das Wort, daß der Tod keine Sühne ist. Der an ihm verübte
mörderische Gewaltakt hat nur bewirkt, daß um seinen Namen sich ein
Mythos wob, Dank dessen der tote Karl Liebknecht noch länger Unheil an-
zurichten vermochte, als es dem lebenden möglich gewesen wäre. Mit all
seinen Gaben und seinem radikalen Wollen war Liebknecht selbst im Kreise
der radikalen Führerschaft nicht sonderlich beliebt gewesen. Emil Barth
spricht in seiner Schrift in dieser Hinsicht nur drastisch aus, was Ledebour
in seiner Aussage vor Gericht vorsichtig angedeutet hat: daß man seine Mit-
wirkung im Rat der verantwortlichen Führer nicht sehr hoch einschätzte, daß
man auch dort seinen Mangel an politischem Verantwortlichkeitsempfinden
und jene ihn beherrschende geistige Ichsucht, die der Engländer zum Unter-
schied von dem auf das Materielle gerichteten Egoismus Egotismus nennt, wie-
derholt recht peinlich empfand. Hatten doch schon im Jahre 1915, als in der
noch geeinigten sozialdemokratischen Fraktion über den Antrag abgestimmt
wurde, ihm wegen fortgesetzter Nichtbeachtung von Fraktionsbeschlüssen
die Rechte der Fraktionsmitgliedschaft zu entziehen, nur ein Teil der radi-
kalen Fraktionsmitglieder sich ablehnend verhalten, ein andrer Teil aber die
Erbitterung der Fraktionsmehrheit über sein Verhalten geteilt und für den
Antrag gestimmt. Sein Eigenwille war aber, seit er aus dem Gefängnis
herausgekommen war und überall, wo er den Massen sich zeigte, als Mär-
170
tyrer des Militarismus bejubelt wurde, noch sehr gewachsen, die Selbst-
Überschätzung so gestiegen, daß Barth sich berechtigt hält, von seinem
Größenwahn zu sprechen. In dieser Überschätzung seiner Macht über die
Massen, und phantastischen Ausmalung der Möglichkeiten eines neuen Um-
sturzes hatte er jenen Erlaß unterzeichnet, durch den er sich, Ledebour und
Scholze als die Vertreter der revolutionären Regierung hinstellte, die an die
Stelle der vom Zentralrat der Arbeiterräte eingesetzten Regierung hatte
treten wollen, und die nun eine solche in den Gefilden der Ungläubigen
geworden war. Das konnte nicht anders als vernichtend wirken und sei»
Ansehen in der Arbeiterschaft bedeutend herabdrücken. Daß er aus dem
von ihm und Gleichgesinnten gewissenlos ins Werk gesetzten und geleite-
ten Unternehmen nicht lebend hervorging, hatte auf längere Zeit die ent-
gegengesetzte Wirkung. Es verklärte ihn und das Unternehmen.
Menschlich muß man es bedauern, daß der zwar nicht sehr tief an-
gelegte, aber doch mit vielen Gaben und seltener geistiger Spannkraft aus-
gestattete Träger eines berühmten Namens im besten Mannesalter einen
so gewaltsamen Tod gefunden hat. Das geschichtliche Urteil über den Po-
litiker Karl Liebknecht aber kann darum doch nur dahin lauten, daß sein
letztes Unternehmen zugleich gezeigt hat, wie sehr ihm die Eigenschaften
fehlten, ohne welche die Sozialdemokratie ihre große Mission als aufbauende
Kraft nicht erfüllen kann.
Das andere Opfer des sich neu erhebenden Militarismus Rosa Luxem-
burg ist lediglich als die selbstlose Kämpferin für eine Idee gefallen, der sie
ihr ganzes Ich gewidmet hatte. Auch sie hat in der Einschätzung der Trag-
kraft der Revolution geirrt, und ihre im Krieg erschienene glänzend abgefaßte
Schrift über die Krise in der Sozialdemokratie zeigt auch, warum sie irren
mußte. Vor ihrem geistigen Auge stand und in ihrer Seele lebte ein aus
der Abstraktion abgeleitetes Proletariat, dem das wirkliche Proletariat nicht
entsprach. War sie doch, wie ihre hinterlassenen Briefe zeigen, im letzten
Grunde eine durchaus dichterische Natur. In ihr hat der Sozialismus eine
hochbegabte Mitstreiterin verloren, die der Republik unschätzbare Dienste
hätte leisten können, wenn nicht falsche Einschätzung der Möglichkeiten sie
ins Lager der Illusionisten der Gewaltpolitik geführt hätte. Aber auch wer
um dessentwillen im Parteikampf ihr Gegner war, wird das Andenken dieser
rastlosen Kämpferin in Ehren halten.
171
XIV.
Die allgemeinen Zustände in den ersten
Monaten der Republik.
a) Die Rolle der Arbeiter* und Soldatenräte.
In der Biologie genannten Wissenschaft von den Lebewesen gilt es als
eine auf Erfahrung und experimentelle Untersuchung gegründete Erkennt-
nis, daß Organismen um so weniger wandlungsfähig sind, zu je höherer
Stufe der Entwicklung sie inbezug auf Spezialisierung, Ausbildung und funk-
tionelles Zusammenwirken ihrer Organe gediehen sind. Mit einigen aus der
Natur der Sache sich ergebenden Einschränkungen gilt das auch für die
sozialen Organismen, die wir Staaten oder, bei früherer Entwicklungsstufe,
Stämme und Völkerschaften nennen. Je weniger sie ausgebildet sind, um
so leichter vertragen sie Maßnahmen, die auf ihre radikale Umbildung ab-
zielen. Je vielseitiger aber ihre innere Gliederung, je ausgebildeter die
Arbeitsteilung und das Zusammenarbeiten ihrer Organe bereits sind, um so
größer die Gefahr schwerer Schädigung ihrer Lebensmöglichkeiten, wenn
versucht wird, sie mit Anwendung von Gewaltmitteln in kurzer Zeit inbezug
auf Form und Inhalt radikal umzubilden. Gleichviel ob sie sich darüber
theoretisch Rechenschaft ablegten oder nicht, haben die maßgebenden Führer
der Sozialdemokratie dies aus der Einsicht in die tatsächlichen Verhältnisse
begriffen und ihre Praxis in der Revolution danach eingerichtet.
Sie konnten dies aber auch, ohne damit die Sache des Sozialismus
zu schädigen. So rückständig Deutschland durch den Fortbestand halb-
feudaler Einrichtungen und die Machtstellung des Militärs in wichtigen Fra-
gen seines politischen Lebens auch war, so war es doch als Verwaltungs-
staat auf einer Stufe der Entwicklung angelangt, bei der schon die einfache
Demokratisierung der vorhandenen Einrichtungen einen großen Schritt zum
Sozialismus hin bedeutete. In Ansätzen hatte sich das schon vor der Revo-
lution angezeigt. Das Stück Demokratie, das in Reich, Staaten und Ge-
meinden zur Verwirklichung gelangt war, hatte sich unter dem Einfluß der
in die Gesetzgebungs- und Verwaltungskörper eingedrungenen Arbeiterver-
treter als ein wirkungsvoller Hebel zur Förderung von Gesetzen und Maß-
nahmen erwiesen, die auf der Linie des Sozialismus liegen, so daß selbst
das kaiserliche Deutschland auf diesen Gebieten mit politisch vor-
geschritteneren Ländern sich messen konnte. Gleichzeitig aber hatte es im
Verein mit den freien Selbstverwaltungsorganen der Arbeiter einer stetig
172
wachsenden Zahl von Vertretern der Arbeitersache ein Verständnis für das
Wesen und die Aufgaben der Gesetzgebung und Verwaltung in der moder-
neren Gesellschaft verschafft, das sie ohne es im gleichen Maße, nie erlangt
hätten. Man durfte daher und darf erwarten, daß die Demokratisierung i»
sich schon die Sozialisierung als keimende Frucht zur Entfaltung bringen
werde.
Aber das Austragen jeder Frucht erfordert Zeit, und in der Revolution
rechnet die Mehrheit der Menschen nicht mit Jahren. Die Massen wollen
unmittelbare materielle Ergebnisse sehen. Für die Erzielung solcher schie-
nen ganz besonders geeignet die Arbeiter- und Soldatenräte, die an ver-
schiedenen Orten schon vor Ausbruch der Revolution erstanden waren und,
nachdem er erfolgt war, sich so schnell ausbreiteten, daß schließlich keine
Ortschaft von einiger Bedeutung ohne ihren Arbeiter- und Soldatenrat war.
Wir haben gesehen, wie der Spartakusbund die Umwandlung Deutschlands
in eine Räterepublik nach russischem Muster sich zum Ziel gesetzt hatte,
und wenn er trotz eifriger und mit großen Mitteln betriebener Agitation
es nicht dazu brachte, die Mehrheit zu gewinnen, so hatte diese Agitation
immerhin die eine Wirkung, daß in einer großen Zahl von Arbeiterräten, wie
wir sie der Kürze halber nennen wollen, da an den meisten Orten die Sol-
datenvertreter keine nennenswerte Rolle spielten, sehr übertriebene Vor-
stellungen über ihre Aufgaben und Möglichkeiten sich einnisteten.
Wo dies der Fall war, wo die Arbeiterräte mit dem Anspruch auf-
traten, die oberste politische Macht am Ort auszuüben, mußten sie natur-
gemäß bald in mehr oder minder heftige Reibungen mit den amtierenden
Ortsbehörden geraten. Da nun in den erregten Tagen der Revolution nicht
immer die sachkundigsten Elemente in die Räte gewählt worden waren,
sondern der mit Geschick zur Schau getragene gute Wille oft bei der Wahl
den Erfolg erzielt hatte, hallte die Luft bald von Klagen wider über das
anmaßende Auftreten und die Finanzen verwüstende Gebahren unsachver-
ständiger Arbeiterräte Während das Bürgertum die Verfügungen des Rats
der Volksbeauftragten längere Zeit ohne nennenwerte Proteste über sich er-
gehen ließ, leistete es um so mehr in Weherufen über die örtlichen Organe der
Revolution, als welche wir die Arbeiter- und Soldatenräte zu betrachten
haben.
Nicht in allen Fällen mit Unrecht. Es sind viele Mißgriffe begangen
worden, teils aus Mangel an Sachkenntnis, beziehungsweise Erfahrung, teils
aus Überschätzung der unmittelbaren Rückwirkungen von Verschiebungen
der politischen Machtverhältnisse auf das Wirtschaftsleben. Leute, die von
den Verwaltungsgeschäften blutwenig verstanden, hielten sich für befugt, den
geschulten Vertretern und Beamten der Selbstverwaltung in das Technische
ihrer Verwaltungsarbeiten hineinzureden und Maßnahmen anzuordnen, deren
Durchführung die größte Verwirrung in den Finanzen der Gemeinden an-
zurichten drohte. Eine Reihe von Arbeiterräten bewilligten ihren Mitgliedern
Tagegelder, welche das Einkommen gutbezahlter qualifizierter Arbeiter
wesentlich überschritten, ohne dafür nennenswerte kommunalpolitische oder
wirtschaftspolitische Arbeit zu leisten. Sie hielten endlose Sitzungen ab, in
denen nur geredet wurde, und wurden so zu Urhebern zweckloser Beun-
ruhigung der Geister. Wieder andere ließen sich bei ihnen obliegenden Auf-
gaben, wie die Sicherstellung von Heeresgut und dergleichen, arge Ver-
nachlässigungen zuschulden kommen. Kurz, es fehlte nicht an Anlaß zu
173
berechtigten Beschwerden. Diese sind aber maßlos übertrieben und in völ-
lig unberechtigtem Grade verallgemeinert worden. Man sprach von Ver-
geudung von Millionen, wo es sich höchstens um etliche hunderttausend
Mark gehandelt hat, und verschwieg dabei den hohen, auf viele Millionen
sich belaufenden Betrag der Werte, die von Arbeiterräten oder durch deren
Einfluß für die Allgemeinheit gerettet worden sind. Im Ganzen haben die
Arbeiterräte erheblich mehr Nutzen gestiftet, als sie Kosten verursacht haben.
Sie haben in den ersten Wochen der Revolution, als die Wogen der all-
gemeinen Erregung hoch gingen und Deutschland von Verfall in Anarchie
bedroht schien, schon durch ihr Dasein allein auf die Massen beruhigend ein
gewirkt und in ihrer Mehrheit auch positiv sich als Gegenkraft gegen alle
Agitationen bewährt, die darauf abzielten, die Massen zu Ausschreitungen
anzureizen. Sie haben manchen verzopften Gemeindeverwaltungen Maß-
aahmen zugunsten der ärmeren Volksklassen abgetrotzt, die durchaus am
Platze waren. An den meisten Orten standen sie unter dem Einfluß von
Leuten, die in jahrelanger Tätigkeit an hervorragender Stelle in der Sozial-
demokratie und der Gewerkschaftsbewegung, als Abgeordnete, als Arbeiter-
sekretäre oder als Ortsleiter von Gewerkschaften genügende Einsicht in die
Zusammenhänge des sozialen Lebens und die Notwendigkeiten der Volks-
wirtschaft gewonnen hatten, um gegen die Verführung durch tönende Schlag-
worte geschützt zu sein. Wie sich auf dem Rätekongreß von Mitte De-
zember 1918 gezeigt hat, überwog bei ihnen der Sinn für die Durchführung
sozialistischer Reformen durch das Mittel wirtschaftlicher Organisation der
Arbeiter und Angestellten und organisch schaffender Gesetzgebung. Lag die
Einlenkung der Revolution in solche Bahnen, sobald das uneingeschränkte
demokratische Wahlrecht und die volle Selbstregierung der Nation gesichert
waren, im wohlverstandenen Interesse der Arbeiterklasse, so bot sie auch den
bürgerlichen Klassen Deutschlands den Vorteil einer solchen Neugestaltung
der Dinge, die mit dem erreichten Höhestand seiner sozialen Entwicklung
verträglich war und willkürhafte Störungen des Wirtschaftslebens aus-
schloß. —
Im allgemeinen waren die Arbeiter- wie auch die Soldatenräte Deutsch-
lands vom Geist seiner Sozialdemokratie und der sozialdemokratischen Ge-
werkschaftsbewegung beraten. Sehr schön bringen das, soweit die Sol-
datenräte in Betracht kommen, zwei Kundgebungen des Vollzugsausschusses
des Soldatenrats bei der obersten Heeresleitung zum Ausdruck, die dieser
unter dem 25. November 1918 im Anschluß an eine in Ems abgehaltene
Konferenz veröffentlichte. Die erste war an die Soldatenräte des Feldheeres
gerichtet und ruft diesen unter Hinweis auf die Bestrebungen des neu-
erstandenen Polen, reindeutsche Gebiete unter polnische Herrschaft zu
bringen, zu:
>Kameraden! Mögen solche Absichten lauten, wie sie wollen, uns warnt
diese Erscheinung vor Zwietracht und Auflösung. Einig und geschlossen
müssen wir uns um unsere vom Vertrauen des werktätigen Volkes ge-
tragene Reichsregierung scharen, nur dann wird diese das Maß an Ein-
fluß erlangen, um einen Völkerfrieden aufzubauen, der das deutsche
Volk schützt vor nationaler Zerreißung und ihm das Recht auf Selbst-
bestimmung sichert.«
Ein längerer, an die »Arbeiter- und Soldatenräte in der Heimat« ge-
richteter Aufruf warnt davor, die heimkehrenden Truppen »durch nicht böse
174
gemeinte, aber immerhin als kränkend empfundene Maßnahmen im Sicher-
heitsdienst zu behelligen.« Man möge versprengten Kameraden die Waffen
und Munition abnehmen, geschlossenen Truppenkörpern sie aber belassen.
Alle hieran etwa geknüpften Befürchtungen entbehrten jeglicher Berech-
tigung. Denn, heißt es weiter,
>Wir wissen aus Verhandlungen mit cJen Vertretern von Soldaten-
räten des Feldheeres, daß die Fronttruppen uneingeschränkt auf dem
Boden der aus unsrer staatlichen Umwälzung hervorgegangenen Re-
gierung Ebert-Haase stehen. Mit den Arbeitsbrüdern in der Heimat will
auch das Feldheer die Demokratisierung und die Sozialisierung unseres
Landes. Deshalb erhebt es aber auf das schärfste Einspruch gegen alle
Bestrebungen, die dahin führen, das Zustandekommen der von der
jetzigen Regierung geplanten Nationalversammlung zu hintertreiben.
Die Feldtruppen wollen über den weiteren Ausbau des Reiches mit-
entscheiden! Das Feldheer will den Frieden und den geordneten Auf-
bau des neuen Reiches und lehnt den Gedanken ab, den Sieg über die
bisherigen Diktatoren zur Erreichung einer neuen Diktatur zu miß-
brauchen, weil diese den ersehnten Frieden vereiteln und das deutsche
Volk dem Hungertod preisgeben könnte.
Kameraden und Arbeifer! Aus tiefstem Herzen dankt euch das
Feldheer für euere befreienden Taten in der Heimat. Ihr habt die lang-
erstrebte Verjüngung Deutschlands durchgeführt und den heimkehrenden
Brüdern die Vorbedingungen für ein glücklicheres Dasein geschaffen.
Wo aber der Versuch gemacht werden sollte, unter Ausschaltung des
Feldheeres und aller von dem arbeitenden Volke stets verlangten Demo-
kratie über den endgültigen Ausbau des Vaterlandes zu beschließen,
bitten wir, jenem Bestreben euch mit allen Mitteln zu widersetzen.«
Die große Mehrheit der Frontsoldaten haben in der Tat in dieser Zeit
sich als entschiedene Gegner jeder auf den Sturz der republikanischen Re-
gierung abzielenden Agitation bewährt. Indes nur wenige waren dazu zu
haben, nach Auflösung ihres Truppenteils der Republik als Freiwillige zu
dienen. Die übergroße Mehrheit trieb es zur Häuslichkeit und ihrem zivilen
Beruf zurück. Wie es mit den Heimattruppen stand, haben wir in den
vorhergebrachten Kapiteln gesehen.
Daß gerade der Soldatenrat bei der obersten Heeresleitung es war,
der das vorstehende rückhaltlose Bekenntnis zur demokratischen Republik
und zum Sozialismus ablegte, zeigt, welche weite Kreise die Begeisterung
über die Erhebung vom 9. November gezogen hatte. Denn die Mannschaft
bestand ja nur zum Teil aus Arbeitern und diesen nahe stehenden An-
gestellten. Ein großer Teil gehörte andern Volksklassen an.
b) Die Leistungen der Republik für die Arbeiter.
Dem Bürgertum in seinen verschiedenen Schichten und den sonstigen
Klassen des Besitzes genügte es für den Augenblick, daß die Republik mit
der staatlichen Ordnung einen Rechtszustand aufrecht erhielt, der das Eigen-
tum gegen willkürhafte Eingriffe sicherstellte und dadurch Handel und
Wandel in Gang hielt. Sie waren sich dessen bewußt, daß sie der Republik
nicht mehr als das zumuten durften, daß keine monarchistische Regierung
ihnen unter den gegebenen Verhältnissen mehr hätte gewähren können. Sie
hatten alle Ursache, bis auf weiteres zufrieden zu sein. Wie aber stand
es in dieser Hinsicht mit den Arbeitern? Was hatte die Republik ihnen
gebracht?
175
So richtig es ist, daß es auch für die Arbeiter ein Vorteil war, wenn
Handel und Wandel keine Unterbrechung erlitten, sondern im Gegenteil
sich wieder stärker entfalten konnten, so wenig war zu erwarten, daß sie
sich mit diesem Ergebnis der vollzogenen politischen Umwälzung zufrieden
geben würden. Auch hätten sie es nicht verstanden, wenn man sie für den
Augenblick unter Berufung auf Lassalle darauf hätte verweisen wollen, daß
im vorgeschrittenen Industriestaat die Verwirklichung der Demokratie mit
Notwendigkeit soviel Sozialismus nach sich ziehen werde, als die gegebene
Wirtschaftsentwicklung überhaupt möglich mache. Sie forderten und hatten
das Recht zu fordern, daß damit nun sofort der Anfang gemacht werde.
Der erste Schritt in dieser Richtung ließ denn auch nicht auf sich
warten. Es sind die im Aufruf des Rats der Volksbeauftragten vom 12. No-
vember 1918 (vgl. S. 49) unter Punkt 7 bis 9 als sofort mit Gesetzeskraft
verfügte und ebendaselbst als bevorstehend aufgezählten sozialpolitischen
Maßnahmen : Aufhebung der Zwangsbestimmungen des Hilfsdienstgesetzes, der
Gesindeordnung, der Ausnahmebestimmungen gegen die Landarbeiter, Wie-
derherstellung der im Kriege außer Kraft gesetzten Arbeiterschutzbestim-
mungen, Einführung der gesetzlichen Beschränkung des Arbeitstages auf
acht Stunden, der Erwerbslosenunterstützung aus öffentlichen Mitteln, Aus-
dehnung des Umfangs der Krankenversicherung und ähnliches mehr —
Maßnahmen, von denen jede einzelne die Kapitalnatur der Wirtschaftsordnung
grundsätzlich unberührt ließ, die aber zusammen die Herrschaft des Kapitals
über die Arbeiter erheblich einengten, die soziale Position der Arbeiter
gegenüber dem Besitz wesentlich erhöhten. Namentlich hat sich die Ver-
ordnung, welche die Ausnahmegesetze gegen die Landarbeiter aufhob, das
heißt, diesen das Koalitionsrecht gab, bald als sozialpolitisch sehr wirk-
sam erwiesen. Als eine grundsätzlich tief in das Wesen der kapitalistischen
Gesellschaftsordnung einschneidende Maßnahme mußte sich in der Folge auch
die Verordnung über die Unterstützung der Erwerbslosen aus öffentlichen
Mitteln herausstellen. Zunächst aber konnten diese und ihnen bald noch
folgende ähnliche Maßnahmen an der wirtschaftlichen Lage der Arbeiter
wenig ändern, solange nicht das Wirtschaftsleben selbst wieder in einiger-
maßen geregelten Gang gebracht, der Krieg auch volkswirtschaftlich liqui-
diert war. Diese dringende erste Aufgabe verbot jedes unüberlegte Ein-
greifen in die Grundlagen der volkswirtschaftlichen Unternehmungs- und
Verkehrsverhältnisse. Die Maßnahmen, die unter den Begriff der Soziali-
sierung im engeren Sinne des Wortes fallen, mußten sorgfältig überdacht
und sorgfältig ausgearbeitet werden, sollten sie zweckentsprechend wirken.
In dieser Erkenntnis hatte der Rat der Volksbeauftragten schon im
November 1918 eine Kommission von volkswirtschaftlich gebildeten Sozia-
listen und sozialistich gesinnten Lehrern der Volkswirtschaft — die Profes-
soren Karl Ballod, Emil Lederer, Th. Vogelstein und Robert Willbrandt,
sowie die Mitglieder der Sozialdemokratie Heinrich Cunow, Rudolf Hilfer-
ding, Otto Hue, Karl Kautsky und Robert Schmidt — mit der Aufgabe be-
traut, die Frage der Sozialisierung zu untersuchen und möglichst bald einen
Bericht über zunächst vorzunehmende Maßnahmen zu erstatten. Diese Kom-
mission, die zu ihrem Vorsitzenden Karl Kautsky wählte, veröffentlichte
unterm 10. Dezember 1918 einen vorläufigen Bericht, der als ein Programm
ihrer Arbeiten zu betrachten ist. Die Einleitungssätze dieses Berichtes
lauten :
176
»Die Kommission ist sich bewußt, daß die Vergesellschaftung der
Produktionsmittel nur in einem länger währenden organischen Aufbau
erfolgen kann. Erste Voraussetzung aller wirtschaftlichen Reorganisation
bildet die Wiederbelebung der Produktion. Vor allem erfordert die
wirtschaftliche Lage Deutschlands gebieterisch die Wiederaufnahme der
Exportindustrie und des auswärtigen Handelst
»Die Kommision ist der Ansicht, daß für diese Wirtschaftszweige
die bisherige Organisation gegenwärtig noch beibehalten werden muß.
Ebenso erfordert die Ingangsetzung der Industrie die Aufrechterhaltung
und Erweitrung des Zirkulationskredits und damit die ungestörte Funk-
tion der Kreditbanken. c
»Im Interesse unserer Lebensmittelversorgung wird auch nicht vor-
geschlagen werden, in die bisherigen Besitz- und Betriebsverhältnisse
der bäuerlichen Bevölkerung einzugreifen. Hier soll durch der Land-
wirtschaft angepaßte Maßnahmen und durch Unterstützung der Genossen-
schaften die Produktivität gehoben und die Intensität gesteigert werden.«
Damit war den Arbeitern angezeigt, daß und warum die unmittelbar
bevorstehenden Maßnahmen der Republik keine organisatorische Änderung
der Betriebsformen bringen und das Eigentum an den Unternehmungen
grundsätzlich unangetastet lassen würden. Bei dem großen Ansehen, welches
die sozialistischen Mitunterzeichner des Berichts in der sozialistischen Ar-
beiterschaft genossen, wurden Einwendungen gegen diese Darlegungen aus
ihren Reihen nicht erhoben, zumal der Bericht fortfuhr:
»Dagegen ist die Kommission der Ansicht, daß jene Gebiete der Volks-
wirtschaft, in denen sich kapitalistisch-monopolistische Herrschaftsver-
hältnisse herausgebildet haben, für die Sozialisierung in erster Linie in
Betracht kommen. Insbesondere muß der Gesamtheit die Verfügung
über die wichtigsten Rohstoffe, wie Kohle nnd Eisen, zustehen. Es soll
geprüft werden, welche andern Zweige der Produktion und der Kraft-
gewinnung infolge der erweiterten Konzentration geeignet sind, in Ge-
meinschaft übergeführt zu werden, welche Wirtschaftszweige sonst ihrer
Natur nach, wie z. B. das Versicherungswesen und die Hypotheken-
banken, für die Sozialisierung in Betracht kommen. <
Es wird dann ausgeführt, daß der Erfolg der Sozialisierung von der
Erhöhung der Produktivität abhänge, die »durch beste Organisierung der
Betriebe und Ersparung aller unnützen Zirkulationskosten unter Lei-
tung bewährter Techniker und Kaufleute erzielt werden
müsse, dargelegt, daß die Formen, die Mittel und die Organe der
Sozialisierung je nach der Natur der in Frage kommenden Wirtschafts-
zweige zu bestimmen seien, und schließlich für zweckmäßig erklärt, bei
Übernahme der Betriebe die bisherigen Besitzer durch Ablösungsrenten zu
entschädigen. »Es unterliegt dann der politischen Entscheidung,« heißt es
am Schluß, »in welchem Umfange, vor allem auf dem Wege der Vermögens-
abgabe und der Besitzbesteuerung, die allgemeine Heranziehung der gesam-
ten besitzenden Klassen erfolgt.«
Als ein Ganzes betrachtet, war der Bericht sehr geeignet, der Ge-
schäftswelt jenes Vertrauen in den geordneten Gang des Geschäftslebens
einzuflößen, dessen sie bedarf, um sich zur Verausgabung größerer Mittel
für Neuanlagen und Erneuerungen sowie zum Eingehen in weitausgreifende
Verträge zu entschließen, Dinge, an denen naturgemäß auch die Arbeiter-
klasse interessiert ist. Eines jedoch hätte damals auch darüber hinaus schon
geschehen können. Der Eindruck der Erhebung der Arbeiterklasse auf die
bürgerlichen Klassen war noch zu frisch, als daß eine Verordnung, welche.
12 177
das Eigentum der Allgemeinheit an den Bodenschätzen unter Zuspruch mä-
ßiger Abfindungen an die Inhaber vorhandener Privatrechte sicherstellte, auf
nennenswerten Einspruch gestoßen wäre. Der Gedanke, durch eine solche
Verordnung mit Gesetzeskraft das spätere Werk der Sozialisierung der
Kohlen- usw. Gewinnung zu erleichtern, ist auch bei einer gemeinsamen Zu-
sammenkunft von Mitgliedern der Sozialisierungskommission mit dem Rat
der Volksbeauftragten zur Sprache gebracht worden. Er drang jedoch nicht
durch, weil die Mehrheit einen so starken Eingriff in das Privatrecht der
Nationalversammlung vorenthalten wollte, von der man hoffte und in jenem
Zeitpunkt auch noch hoffen durfte, daß sie eine sozialistische Mehrheit
aufweisen werde.
Aus dem gleichen Grunde war auch die große Mehrheit der Ar
beiter damit einverstanden, das Werk der Sozialisierungsgesetzgebung der
Nationalversammlung zu überlassen. Die unter dem Namen Arbeitergemein-
schaften zum Teil schon in den letzten Kriegsjahren von den gewerkschaft-
lichen Organisationen der Arbeiter und den Verbänden der Unternehmer ein-
gegangenen Verbindungen, die den Arbeitern ein quasi automatisches Stei-
gen ihrer Löhne bei Erhöhung ihrer Lebenskosten zusicherten, verallgemei-
nerten und befestigten sich, und wenn sie vom weiteren volkswirtschaftlichen
Gesichtspunkt aus nicht ohne ihre Kehrseiten waren, da sie leicht dazu
führen konnten, bestimmte Kategorien von Arbeitern zu Verbündeten der
Unternehmer gegen die Verbraucher zu machen, so waren sie doch unter
den gegebenen Verhältnissen ein Mittel, den Übergang von der Kriegs- ii
die Friedenswirtschaft von ernsteren Reibungen freizuhalten, und wurden um
dieser Eigenschaft willen von der Regierung der Republik und insbesondere
dem Demobilmachungsamt begünstigt.
Im übrigen blieb der Rat der Volksbeauftragten darauf bedacht, die
angekündigte Gesetzgebung zum Schutze der Arbeiter zunächst auf dem
Verordnungswege zur Tatsache zu machen.
Schon am 13. November 1918 erschien eine Verordnung, welche die
Grundsätze der Erwerbslosenfürsorge festlegte. Diese fiel danach den Ge-
meinden mit der Verpflichtung zu, die Auszahlung und Kontrolle der Unter-
stützung unter bestimmten Voraussetzungen den Verbänden der Arbeiter z«
übertragen. Die Verordnung wurde am 24. Dezember des gleichen Jahres
durch einen Erlaß erweitert, der die Gemeinden verpflichtete, die Erwerbs-
losen bei den Krankenkassen weiter zu versichern, andernfalls sie ihnen die
gleiche oder eine gleichwertige Krankenhilfe zu gewähren hatten. Dazu
wurde am gleichen Tage verfügt, daß bei vorübergehender Einschränkung
oder Einstellung des Betriebs die Arbeiter gleichfalls zu entschädigen seien.
Eine Verordnung vom 23. November 1918 trug Fürsorge für die sinngemäße
Durchführung des Achtstundentages in Bäckereien und Konditoreien. Eine
Verordnung vom 5. Dezember 1918 sicherte den entlassenen Mannschaften
bis auf Weiteres Fortdauer der Unterstützungen zu. Am 7. Detjember 1918
sicherte eine Verordnung den Arbeitern in der Berliner Metallindustrie das
Recht auf Sondervergütungen bei Einschränkung der Arbeitszeit zu, und am
9. Dez. 1918 ward eine Verordnung erlassen, welche für den Ausbau und
die demokratische Umgestaltung der öffentlichen Arbeitsnachweise Sorge
trug. Sie ward ergänzt durch zwei bedeutungsvolle Verordnungen, von denea
die eine — Verordnung vom 23. Dezember 1918 — ein gesetzliches Tarif-
recht schuf, das es ermöglichte, zwischen den Unternehmer- und den Ar-
178
beiterverbänden vereinbarte Tarife für allgemeinverbindlich, und Einzelab-
machungen, die niedrigere als die tariflichen Löhne bestimmten, für nichtig
zu erklären (die »Unabdingbarkeit der Tarife«), Schlichtungsausschüsse
schuf, bei deren Bildung die Verbände ein Wort dreinzureden hatten, das
Schlichtungsverfahren regelte und das Reichsarbeitsministerium zur zentra-
len Einigungsbehörde einsetzte, die zweite — Verordnung vom 4. Januar
1919 — die Willkür der Unternehmer bei Einstellung und Entlassung von
Arbeitern weitgehenden Beschränkungen unterwarf, die später (Verordnung
vom 24. Januar 1919) auch auf die Einstellung und Entlassung von Angestell-
ten ausgedehnt wurden.
Alle diese und eine Reihe aus dem gleichen Geist geborener Verord-
nungen über die Erweiterung der Arbeiterversicherung mochten, einzeln für
sich betrachtet, nicht sonderlich revolutionär erscheinen. In ihrem Zusam-
menhange aber und angesichts der Tatsache, daß sie nicht mehr zu sein
beanspruchten, als erste Schritte auf der Bahn der Schaffung eines sozia-
listischen Arbeiterrechtes, bedeuteten sie die Einleitung einer Revolutionie
rung des Arbeitsverhältnisses, die soweit ging, wie es die schwierige Wirt-
schaftslage Deutschlands überhaupt nur gestattete. Es war natürlich ein
leichtes, in jedem Einzelfall Forderungen zu formulieren, die über das in den
Verordnungen Niedergelegte hinausgingen. Der Spartakusbund unter Füh-
rung von Karl Liebknecht und in Deutschland agitierende Bolschewisten
(Levin6 in Essen und andere) ließen es sich denn auch nicht entgehen, der Ver-
ordnung über die Begrenzung des Arbeitstages auf höchstens 8 Stunden die
Forderung des 6stündigen Arbeitstages entgegenzustellen und im rheinisch -
westfälischen Kohlenrevier, sowie in den Braunkohlen-Revieren Mitteldeutsch-
lands eine Agitation einzuleiten, die zunächst darauf ausging, einen großen
Streik für die Sechsstundenschicht zustande zu bringen, deren eigentlicher
Zweck aber die Gewinnung der Bergarbeietr für die bolschewistische Ge-
waltpolitik war. Natürlich konnten sie sich die Tatsache nicht verhehlen,
daß die Wirtschaftslage Deutschlands es geradezu unmöglich machte, eine
so starke Verminderung der Produktion und Verteuerung der Produkte der
Kohlenindustrie zu ertragen, wie diese Verkürzung der Schichtzeit sie min-
destens für die nächsten Jahre bedeutet hätte. Deutschland war mehr als
je darauf angewiesen, Industrieprodukte auszuführen, um Nahrungsmittel ein-
führen zu können. Die Führer der Spartakusrichtung kümmerte das aber
nicht. Karl Liebknecht war — es ist kein anderer Ausdruck dafür mög-
lich — skrupellos genug, in Volksversammlungen den ihm lauschenden
jungen Leuten zu erzählen, von Ernährungsschwierigkeiten für Deutschland
könne keine Rede sein; wenn dieses sich als Räterepublik aufmache und die
Weltrevolution herbeiführen helfe, würden ihm Nahrungsmittel von alle«
Seiten zuströmen. Mittels solcher gröblichen Vormalereien gelang es auch,
auf die zurückgebliebenen Elemente und die halbreife Jugend der Arbeiterwelt
Eindruck zu machen und in den Kohlenrevieren unter dem Ruf »Kampf für
die Sechsstundenschicht« tumultuöse Demonstrationen zu erzielen, die von
Liebknecht in seinen letzten Artikeln als Zeichen des nahenden Sieges aus-
gelegt wurden. Das waren sie nicht, im Ruhrrevier ließ sich, als es einige
Monate später zur Entscheidung kam, die Masse der Bergarbeiter nicht
einfangen, sondern lehnte, dem Rat ihrer Vertrauensmänner folgend, die Be-
teiligung am Streik ab. Das einzige, was erreicht wurde, waren blutige Zu-
sammenstöße betörter Haufen mit den Organen der Staatsgewalt, welche die
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Gruben vor Versuchen zerstörerischer Eingriffe zu schützen hatten. Und das
Ruhrrevier gab nur auf begrenztem Gebiet das Bild wieder, was die Stel-
lung der Gesamtarbeiterschaft Deutschlands zur Republik darbot. Minder-
heiten ließen sich zur feindseligen Oppositionsstellung hinreißen, die über-
große Mehrheit der Arbeiter jedoch begriff, daß die demokratische Republik
ihre Republik war und gab das sehr bald unzweideutig zu erkennen.
c) Schwierigkeiten der Auslandspolitik der Republik.
Die Meldungen vom Sturz des Kaisertums und der Ausrufung der
Republik für das Deutsche Reich und in dessen Einzelstaaten wurden im
Ausland zunächst fast ohne Ausnahme günstig aufgenommen. Selbst in den-
jenigen Ländern, die mit Deutschland in einem Bündnisverhältnis gestanden
hatten, wie bei Neutralen, die sich zu ihm stärker hingezogen fühlten als zu
maßgebenden Staaten im Lager der Entente, war das kaiserliche Regime
unbeliebt gewesen, sein Träger Wilhelm II. genoß auch dort weitgehendstes
Mißtrauen. Aber wenn die Organe der Regierungen der Ententeländer nicht
zauderten, ihrer Befriedigung über die in Deutschland vollzogene politische
Umwälzung offen Ausdruck zu geben, so unterließen sie doch nicht, dabei
zugleich allerhand Vorbehalte zu machen. In verschiedenen Tonarten wurde
erklärt, man müsse, ehe man ein endgültiges Urteil fälle, abwarten, wie sich
das neue Deutschland ausmachen und benehmen werde, ob der Regierungs-
wechsel nur mehr auf eine Änderung der Form begrenzt bleiben werde, oder
ob wirklich mit allen Einrichtungen des alten Systems und allen kompro-
mittierten Personen gründlich Kehraus werde gemacht werden.
Vernünftig ausgelegt, konnte die Fragestellung als berechtigt anerkannt
werden. Wie sie aber alsbald von tonangebenden Blättern in den zwei maß-
gebenden Ländern der Entente ausgedeutet wurde, stellte sie die Republik
vor eine unlösbare Aufgabe. Wo war der Maßstab für die Bestimmung der
kompromittierten Persönlichkeiten? Von solchen Blättern erst garnicht zu
reden, die, wie die schutzzöllnerische Londoner Morningpost, das ganze
deutsche Volk insgesamt für am Krieg und den Kriegsmissetaten schuldig er-
klärten, gehörten für Blätter vom Einfluß der Pariser Temps sogar die poli-
tischen Führer der Partei der Mehrheitssozialisten zu den politisch Kom-
promittierten, waren sie nur »die Sozialisten des Kaisers« gewesen. Nach
diesem Blatt hatte im August 1914 der Reichstag, den die Regierung Wil-
helm IL doch erst einberufen hatte, als der Krieg schon da war, schlechthin
für den Krieg gestimmt. Logischerweise hätte also nur ein Deutschland,
das von unabhängigen Sozialisten oder Spartakisten geführt war, den An-
forderungen des Temps und gleichgesinnter Blätter Genüge geleistet. Aber
eine Regierung der Spartakisten hieß nach außen hin die Regierung von
Verbündeten der Bolschewisten Rußlands, gegen die England und Frankreich
damals den Kreuzzug predigten und Rebellionen subventionierten, im Innern
Deutschlands die Anarchie im schlimmsten Sinne dieses Wortes. Die Unab-
hängigen wiederum hatten die Anfrage der Mehrheitssozialisten, ob sie gegebe-
nenfalls bereit wären, allein die Regierung zu übernehmen, mit einem sehr be-
stimmten Nein beantwortet. Auch war diese Partei aus noch viel zu ver~
schiedenartigen Elementen zusammengesetzt und auch der Mitgliederzahl nach
viel zu schwach, um Deutschland regieren zu können. Eine sozialistische
Regierung ohne die Mehrheitssozialdemokratie war schon aus Gründen des
180
Kräfteverhältnisses der Parteien eine Unmöglichkeit, sie konnte aber auch
deshalb nicht sein, weil diese letztere Partei kraft ihrer inneren Geschlossen-
heit und politischen Erziehung allein imstande war, den Grad von staats-
bildender Leistungsfähigkeit zu entfalten, ohne den ein Land wie Deutsch-
lang garnicht zu regieren war.
Der Temps in Paris, die Times in London und die hinter diesen und
gleichgestimmten Blättern stehenden Politiker übertrieben die Kriegspolitik
der Mehrheitssozialisten und behandelten den von diesen und den zwei Par-
teien der bürgerlichen Linken seit 1917 geführten Kampf für einen Verstän-
digungsfrieden, als wäre er überhaupt nicht geschehen. Ihnen kam es eben
darauf an, auch das demokratische Republik gewordene Deutschland als ein
politisches Gebilde hinstellen zu können, dem man die schärfsten Daum-
schrauben anlegen müsse, damit es nicht schon in der nächsten Zeit wieder
Unheil anrichte. Ihre Politik ist von John Maynard Keynes in seiner Schrift
über die wirtschaftlichen Wirkungen des Friedensvertrages von Versailles
treffend dahin gekennzeichnet worden, daß sie Friedensbürgschaften aus-
heckten, von denen eine jede neue Erbitterung hervorrief, dadurch eine
Revanchebewegung wahrscheinlicher machte, gegenüber der dann wieder ge-
steigerte Erdrückungsmaßnahmen für notwendig erklärt wurden. In der hier
behandelten Periode machten die vom militärischen Kriegsgewinnler Foch
ausgearbeiteten harten Waffenstillstandsbedingungen den Anfang. Sie wirk-
ten wie ein Guß eiskalten Wassers auf einen großen Teil derjenigen Frie-
densfreunde in Deutschland, die gehofft hatten, die Gegner würden dem
Republik gewordenen Deutschland ein gewisses Maß von Vertrauen entgegen-
bringen. Allerdings hatte Präsident Wilson am 23. Oktober 1918 seiner Ant-
wort auf die Note der deutschen Regierung vom 20. Oktober die Bemerkung
angefügt, die Alliierten würden »ihre militärischen Ratgeber beauftragen, Waf-
fenstillstandsbedingungen auszuarbeiten, die ihnen die unbeschränkte
Macht sichern würden, die Einzelheiten des Friedens, zu dem die deutsche
Regierung sich bereit erklärte, sicherzustellen und in Kraft zu setzen«, und
das vertrug in der Tat die weitestgehende Auslegung. Aber zwischen jenem
Tage und dem Tag der Verkündigung der Waffenstillstandbedingungen lag
eine politische Umwälzung in Deutschland von einem Umfang und einer
Tiefe, wie Wilson und seine Verbündeten sie nicht hatten erwarten können,
und daß Foch auf diese Umwälzung auch nicht die geringste Rücksicht
nahm und die Abgesandten der Republik dies geflissentlich fühlen ließ, gab
dem politischen Einfluß gerade derjenigen deutschen Politiker einen argeH
Stoß, welche ihrem Volke die Revolution als den Hebel der Versöhnung mit
den Demokratien des Westens gepredigt und für sie propagandistisch ge-
wirkt hatten. Der wärmste Verfechter dieses Gedankens, Kurt Eisner, ließ,
als die Bedingungen bekannt wurden, im Namen der Republik Bayern jenen
fast verzweifelten telegraphischen Anruf vom 10. November 1918 an die Re-
gierungen und Völker der Weststaaten ergehen, worin er eindringlich dar-
legte, welche vernichtende Wirkung die Ausführung der Bestimmungen auf
die junge Republik Deutschlands zu haben drohten, und mit den Worten
schloß:
»Die alliierten Demokratien dürfen nicht vergessen, wieviel stumm er-
tragene Opfer unzähliger namenloser Deutschen seit Beginn dieses Krieges
in klarer Erkenntnis der Schuld gebracht worden sind, und die Re-
gierungen der alliierten Mächte dürfen nicht die Verantwortung vor den
181
proletarische* Massen übernehmen, die Internationale in dem Augenblick
wieder zu zerstören, wo sie sich innerlich zusammengefunden hat. Das
Schicksal der Menschheit liegt in den Händen der Männer, die jetzt
verantwortlich sind für die Herbeiführung des Friedens und die Neu-
gestaltung der zerrütteten Völker.«
Da der Waffenstillstand schon am Tage darauf in Compiegne unter-
zeichnet v :i'e, hätte der Anruf auch dann nichts an seinen Bestimmunge»
ändern können, wenn es ihm gegeben gewesen wäre, den Sinn des Mannes
zu beeinflussen, der im Rat der Staatsmänner der Alliierten bei Fragen dieser
Art das entscheidende Wort sprach, Georges Clemenceau. Eisner ließ die
Hoffnung dennoch nicht fallen. Noch auf der Reichskonferenz der deutschen
Freistaaten vom 25. November 1918 erklärte er, auf Grund persönlicher
Berichterstattung zu wissen, daß die Clemenceau und Genossen einem durch
rückhaltlose Anhänger des Neuen vertretenen Deutschland gegenüber grö-
ßeres Entgegenkommen beweisen würden, als einem Deutschland, das Per-
sönlichkeiten in hervorragender Stellung beließe, die Beamte oder Helfer des
Kaiserreichs gewesen waren. Dem widerspricht nun freilich die Schilderung,
die Keynes von Clemenceau's Politik im Rat der Alliierten gibt. Nach ihr
zielte Clemenceau mit eiserner Beharrlichkeit dahin, Deutschland durch einen
Frieden, wie ihn die Römer den Carthagern aufzwangen, bis zur vollstän-
digen Ohnmacht zu entkräften. Das mag nun zwar etwas übertrieben sein,
aber selbst wenn es die Wahrheit traf, schrieb das Selbsterhaltungsinteresse
der deutschen Republik vor, dem scharfblickenden Lenker der französischen
Republik und dessen Anhang so wenig wie möglich Beweisstoff für die These
zu liefern, mit der er seine Politik verteidigte, nämlich daß Deutschland im
Wesen auch unter der Republik dasselbe geblieben sei, was es unter dem
Kaiserreich gewesen war. Es muß zugegeben werden, daß damals vonseiten
der Lenker der deutschen Republik in der Tat nicht alles geschah, was
nötig war, die nicht schon voreingenommene Welt von der Ungerechtigkeit
dieser These zu überzeugen.
Die Aufgabe war freilich keine sehr leichte. So wenig wie man die
Volkswirtschaft eines entwickelten Industrielandes über Nacht von Grund aus
umwälzen und ihm dadurch eine völlig andere Klassengliederung geben
kann, so wenig kann man die wichtigen Ämter eines Landes über Nacht
mit ganz neuen Personen aus jenen Kreisen besetzen, denen bisher die Lauf-
bahn in diesen Ämtern verschlossen war. Das nämlich hätte der sozia-
listische Rat der Volksbeauftragten tun müssen, wenn er z. B. das Mini-
sterium des Auswärtigen und den auswärtigen Dienst der Republik aus-
schließlich mit Leuten besetzen sollte, die völlig auf dem Boden der Repu-
blik und des Sozialismus standen. Da man das nicht für angängig hielt,
ohne sehr wichtige Geschäfte der Republik Personen anvertrauen zu müssen,
denen die zu deren Erfüllung nötige Ausbildung und Erfahrung fehlten,
glaubte man sich genötigt, unter dem Material, das das alte System hinter-
lassen hatte, Auslese nach dem Grundsatz des kleinsten Übels zu halten.
Wir haben gesehen, wie, als Dr. Solf für untauglich befunden wurde, Mi-
nister des Auswärtigen der Republik zu sein, bei der Suche nach einem
Nachfolger für ihn die Wahl auf den Grafen Brockdorff-Rantzau fiel, der
zwar nicht kaiserlicher als Solf, indes auch nicht republikanischer als jener
gesinnt war, aber für den Posten geeignet erschien, weil er, wie seine im
Krieg erstatteten Berichte an das Berliner Auswärtige Amt zeigten, Solf in
182
bezug auf Weltklugheit und freimütige Beurteilug der diplomatischen Maß-
nahmen Berlins übertraf. Der Genannte sollte jedoch eines Tages bei einem
sehr wichtigen Anlaß — die Vertretung der Republik in Versailles — einen
Fehler begehen, den der weniger auf Demonstration ausgehende Solf kaum
begangen hätte, auch hatten, kaum daß seine Ernennung bekannt wurde,
der Temps und andere französische Blätter sofort zu melden gewußt, daß
er als Gesandter des Kaiserreichs in Kopenhagen für dieses nicht minder
kompromittierliche Geschäfte besorgt habe, als man sie seinem Vetter Graf
Bernstorff in Washington nachsagte. Und dabei waren es hervorragende Mit-
glieder der Unabhängigen Sozialdemokratie gewesen, deren Auge auf den
persönlich sympathischen Mann gefallen waren. Später hat sich dann beim
Nachfolger Brockdorff-Rantzau's, dem Sozialdemokraten Hermann Müller, ge-
zeigt, daß man nicht unbedingt vom Beruf sein muß, um den Posten des
Ministers des Auswärtigen der Republik mit Geschick und Takt versehen zu
können, sondern daß unter Umständen gute politische Schulung und all-
gemeine Kenntnis der Weltpolitik die spezifische Berufsschulung in diesem
Falle ganz gut ersetzen können, indes mußte die Erfahrung eben erst ge-
macht werden, und braucht der parlamentarische Staatssekretär, wie man in
England den aus dem Parlament genommenen Minister nennt, jedenfalls
beruflich geschulte Beamte neben sich, um die Aufgaben seines Amtes ge-
hörig versehen zu können.
An der Westgrenze Deutschlands hatte die Republik nur mit den Alli-
ierten zu tun, denen gegenüber ihr Verhalten durch die Natur der Dinge vor-
gezeichnet war. Anders an der Ostgrenze. An dieser waren die Verhältnisse
noch völlig in Gährung. Zum größten Teil kamen da die Polen in Be-
tracht, deren Republik selbst erst im Erstehen war, und im Nordosten galt
es mit den ebenfalls erst im Erstehen begriffenen Staatswesen vordem von
Rußland beherrschter Randvölker sich zu stellen. Das Erbe, welches das
Kaisertum da der Republik hinterlassen hatte, war nichts weniger als er-
baulich. Den Polen, die zu Anfang des Krieges eher deutschfreundlich ge-
wesen waren, hatte es durch die mit der Wiener Hofburg vereinbarte
Schaffung der Parodie eines Königreichs Polen, das nicht einmal ganz Kon-
greßpolen umfassen sollte und dem man bloß deshalb keinen deutschen
Prinzen als König aufoktroyiert hatte, weil der Reflektanten zu viele waren,
gleichzeitig den Appetit geweckt und die Neigung zur Freundschaft erstickt,
die nach Selbständigkeit strebenden Randvölker im Baltikum aber hatte es,
um Wilhelm II. Hut und Titel eines Herzogs von Kurland zu sichern, durch
Aufdrängung von Klassenregierungen aus deutschen Grundbesitzerkreisen
sich schlechthin verfeindet. Leider hat es die Republik nicht sofort ver-
standen, diese Erbschaft radikal zu liquidieren.
Was Polen anbetrifft, so mußte man vor allem sich darüber klar wer-
den, welches die Grenze mit dem neuen Staatswesen sein werde. Sicher
war da nur, daß sie nicht die gleiche bleiben konnte, die bis dahin den an
Preußen gefallenen Teil des ehemaligen Königreiches Polen von dem an
Rußland gefallenen Teil — Kongreßpolen — getrennt hatte, und daß die
Polen in den überwiegend polnischen Landesteilen Preußens auf die staat-
liche Vereinigung mit der nun sich konstituierenden Republik Polen be-
stehen würden. Darauf abzielende Bewegungen hatten sich auch sofort ein-
gestellt, als die Niederlage des kaiserlichen Deutschland besiegelt war. Sie
beschränkten sich aber zunächst auf die Bildung nationaler Ausschüsse mit
183
nach der Revolution hier und dort folgender Absetzung deutscher Orts-
behörden, an deren Stelle nun Polen traten, und die Bildung eines polnischen
Volksrats.
Die sozialistische Regierung des Republik gewordenen Preußen ver-
suchte zunächst, mit den Polen zu einer Verständigung zu kommen, die es
ermöglichte, bis zur endgültigen Festsetzung der deutsch-polnischen Grenze
durch den Friedensvertrag Gewaltakte und blutige Zusammenstöße zu ver-
meiden. Sie schickte am 20. November 1918 den mit dem Amt eines Unter-
staatssekretärs im Ministerium des Innern betrauten Demokraten H. von
Gerlach, der infolge seiner scharfen Bekämpfung der hakatistischen Politik
der alten preußischen Regierung sich großen Vertrauens bei den Polen er-
freute, nach Posen, an Ort und Stelle sich über die Lage der Dinge zu
unterrichten und insbesondere von den Polen Erklärungen über deren Wünsche
entgegenzunehmen. Gerlach hat in der vom Bund Neues Vaterland heraus-
gegebenen Schrift »Der Zusammenbruch der deutschen Polenpolitik« dar-
gelegt, daß er damals noch erträgliche Verhältnisse in Posen vorfand. Der
Oberpräsident der Provinz und der Präsident des Regierungsbezirks Posen
erklärten ihm, es sei nach einigen wilden Aktionen im Ganzen schon wieder
Ruhe eingetreten und lobten ihm den neuen polnischen Oberbürgermeister
der Stadt Posen als einen verständigen Mann von gemäßigter Gesinnung.
Die Polen beschränkten ihre unmittelbaren Forderungen auf Zugeständnisse
in der Sprachenfrage, in der Frage des polnischen Religionsunterrichtes und
Außerkraftsetzung von verschiedenen Ausnahmebestimmungen, und erklärten
sich damit einverstanden, die Bestimmung der künftigen polnisch-deutschen
Grenzen der Friedenskonferenz zu überlassen. Sie fügten jedoch hinzu,
Vorbedingung der Aufrechterhaltung der Ruhe sei, daß man zu den schon
vorhandenen Garnisontruppen nicht noch ortsfremde Truppen in die Provinz
sende. Nur unter dieser Voraussetzung werde man in Deutschland auf die
Andauer der Lebensmittelsendungen aus der Provinz rechnen können. Auch
der aus polnischen und deutschen Arbeitern zusammengesetzte Arbeiter- und
Soldatenrat Posens äußerte sich in diesem Sinne.
Als er nach Berlin zurückgekehrt war und dem Kabinett über seine
Eindrücke Bericht erstattete, sprach sich Gerlach lebhaft dafür aus, solange
als irgend möglich an der Politik der Verständigung den Polen gegenüber
festzuhalten und von jeder Sendung von Truppen nach Posen Abstand zu
nehmen. Nur ein Teil der Regierungsmitglieder trat ihm darin bei. Eis
andrer Teil aber vertrat die Meinung, man müsse den Deutschen in Posen
durch Verstärkung der deutschen Besatzung eine Sicherung gegen weitere
Vergewaltigungen durch die Polen darbieten. Nur wenn die Polen sähen,
daß man Ernst mache, würden sie von solchen Gewaltakten gegen Deutsche,
wie sie tagtäglich gemeldet würden, Abstand nehmen. In der Tat war die
Presse von solchen Meldungen voll, wodurch sich viele Leser leicht dazu
verleiten ließen, die antideutsche Bewegung für schlimmer einzuschätzen,
als sie damals in Wirklichkeit war. Die Regierung stellte sich im Wesent-
lichen auf den von Gerlach entwickelten Standpunkt, ließ es aber geschehen,
daß von der darauf dringenden Heeresleitung zum Schutze der deutschen
Ostgrenze gegenüber polnischen Angriffsabsichten ein Oberkommando Hei-
matschutz-Ost errichtet ward und ein Aufruf zur Meldung von Freiwilligen
für den Heimatschutz an das deutsche Volk verbreitet ward. Den Natio-
nalisten genügte sogar das noch nicht. In Presse und Versammlungen warfen
184
sie der Regierung vor, sie habe sich von Gerlach zu einer Enthaitsamkeits-
politik bereden lassen, welche auf die Polen nur als Ermutigung zu neuen
Gewalttaten wirken werde, und bezichteten Gerlach, daß er sich von den
Polen »beim Sekt« durch süße Worte habe übertölpeln lassen. Tatsächlich
hatten gerade ihre Angriffe wider die Polen und von völliger Verkennung der
Lage Deutschlands zeugende Drohungen an deren Adresse die Wirkung,
die Gegensätze in Posen zu verschärfen. Die Polen bilden nun immer stärkere
national-polnische Wehren zur Unterstützung ihrer Bestrebungen. Bald er-
folgen neue Zusammenstöße, die der deutschen Heeresleitung ein Anlaß sind,
nun wirklich Heimatschutztruppen ins Posen'sche zu entsenden. Die dor-
tigen Deutschen bombardieren die Regierung mit Bitten um scharfes Ein-
greifen, diese aber hält noch an der von Gerlach vertretenen Vermittlungs-
politik fest. Im Anschluß an Vorkommnisse in der Kreisstadt Witkowo, wo
deutscherseits die Militärdiktatur verkündet worden war, reisen Mitte De-
zember Minister Hirsch und Ernst zusammen mit von Gerlach erneut nach
Posen und pflegen eingehende Besprechungen mit den dortigen Zivil- und
Militärbehörden sowie Vertretern des polnischen und des inzwischen gleich-
falls gegründeten deutschen Volksrats. Als Ergebnis wird folgende Prä-
zisierung der Stellungnahme der Regierung bekanntgegeben:
»Die Regierung hält einen besonderen Heimatschutz für die Provinz
* Posen nicht für nötig. Dagegen ist ein ' Grenzschutz unbedingt er-
forderlich zur Uebernahme des Ostheeres und um die Ausfuhr von
Lebensmitteln zu verhindern. Der Grenzschutz ist von bodenständigen
(d. h. den in Friedenszeiten in demselben Bezirk garnisonierenden)
Truppen unter Kontrolle der Soldatenräte" wahrzunehmen. Eine an-
ordnende Gewalt steht den Soldatenräten nicht zu. Die zur Zeit noch
in der Provinz befindlichen Truppen aus fremden Bezirken sollen sofort
zurückgezogen werden, sobald Truppen aus den zuständigen General-
kommandos zur Verfügung stehen, die sich aus den dienstpflichtigen
Jahrgängen und Freiwilligen zusammensetzen.«
Trotzdem spitzte die nationale Agitation auf beiden Seiten sich immer
mehr zu. Von Polen waren es namentlich der frühere Reichstagsabgeordnete
Korfanty und der Klaviervirtuose Ignatz Paderewsky, welche die Bewegung
für die Vermehrung von politischen Machtzentren in Posen mittels Ver-
drängung deutscher durch polnische Behörden in Rede und Schrift schürten,
und deutscherseits trat man auch dort diesem Wechsel entgegen, wo die
Bevölkerungsverhältnisse ihn unabweisbar machten. Man berief sich darauf,
daß Posen seinen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung der deut-
schen Verwaltung verdanke, machte aber mit diesem, von den Hakatisten so
oft mißbrauchtem Argument auf die von der nationalpolnischen Agitation er-
faßten Elemente gar keinen Eindruck. Wenn die Polen dadurch fehlten, dal
sie selbstherrlich immer mehr der vom Friedensschluß erwarteten Gebiets-
veränderungen vorwegnahmen, so begingen die Deutschen dadurch Fehler
über Fehler, daß sie das durch Weltkrieg und Revolution unabweisbar Ge-
wordene nicht rechtzeitig erkannten und sich nicht dazu entschließen konn-
ten, das freiwillig zu tun, wovon sie sich hätten sagen dürfen, daß sie es
binnen Kurzem würden tun müssen. So ließ die Regierung sich u. a. durch
Vertreter des alten Systems im Ministerium dazu verleiten, die Ausschrei-
bung von Kommunalwahlen nach dem für Preußen verkündeten gleichem
Wahlrecht in Posen ins Unbestimmte zu verschieben, um Zusammenstößen
vorzubeugen. Solche blieben aber um so weniger aus. In der Weihnachts-
185
woche kam es bei Gelegenheit des Aufenthaltes von Paderewski in Posen,
nachdem ein deutsches Regiment zu Ehren des Genannten herausgehängte
Ententefahnen gewaltsam entfernt und demonstrativ zerrissen hatte — dies zu
einer Zeit, wo die Entente über die Neugestaltung der deutschen Ostgrenze das
entscheidende Wort zu sagen hatte! — zu blutigen Straßenkämpfen, die sich
Tags darauf erneuerten und auf die Provinz hinüberschlugen. Es finden
richtige Kämpfe von Truppen gegen Truppen statt, in denen bald die Deut-
schen und bald die Polen Sieger bleiben, deren Gesamtresultat aber ist, daß
die Deutschen genötigt sind, vor der militärischen Übermacht der Polen
immer weiter zurückzuweichen, und Mitte Januar 1919 so ziemlich das ganze
überwiegend von Polen bewohnte Posen in polnischer Gewalt ist, und der
Sitz des deutschen Oberpräsidenten der Provinz muß nach Bromberg verlegt
werden. Die Beziehungen mit der erstehenden polnischen Republik waren
die denkbar unerquicklichsten.
Nicht minder unerquicklich waren sie mit den erstehenden Republiken
in den baltischen Gebieten. Nach Sturz der kaiserlichen Regierung Deutsch-
lands machte sich sofort das Bestreben geltend, die halbe Selbständigkeit, die
diese den Randvölkern Rußlands geboten hatte, zur vollen zu entwickeln.
Doch bestand keine starke Neigung, es den Bolschewisten Rußlands nach-
zumachen. Um gegen diese geschützt zu sein, waren die ersten republika-
nischen Regierungen, die sich dort bildeten, ganz damit einverstanden, daß
die deutschen Truppen, die das Baltenland besetzt hielten, bis auf weiteres
«och dort verblieben, und die Entente bestand sogar darauf, daß die deutsche
Besatzung dort aushielt, um gegebenenfalls den Widerstand gegen anpral-
lende Bolschewistenregimenter verstärken zu können. Der von der sozia-
listischen Regierung als Kommissar der Republik dorthin entsandte Mehr-
keitssozialist und Gewerkschaftsführer August Winnig, bis dahin ein wegen
seines ruhig verständigen Auftretens und hohen Bildungstriebs außerordent-
lich geachtetes Parteimitglied, fand denn auch bei den neuen Regierungen
zunächst recht freundliche Aufnahme und war auch bei den oberen deut-
schen Offizieren wohl angesehen.
Aber der Boden war unterwühlt. Insbesondere im bisherigen Kurland
gärte es unter den Letten, deren Sozialisten in ihrer Mehrheit nach einer
radikaleren Umwälzung als der bisher vollzogenen strebten. Agitatoren der
Bolschewisten unterstützten diese Bewegung und riefen Aufstände hervor, die
nur mit Waffengewalt niederzuhalten waren. Da Grundbesitz und Kapital
in Kurland vornehmlich in Händen von Deutschen waren, trug diese Be-
wegung zugleich bei den Massen nationalistisch-deutschfeindliche Züge, und
so kam es, daß Winnig schroffer gegen sie Stellung nahm, als er es wahr-
scheinlich sonst getan hätte, und immer mehr in den Bannkreis der deut-
schen Militärs geriet. Er unterstützte in Deutschland die Bewegung für
Verstärkung des Truppenkontingents in Ober-Ost — wie der technische Aus-
druck für das ganze in Frage kommende Gebiet diesseits und jenseits der
Grenze lautete — das in erster Reihe nur noch als Grenzschutz hatte dienen
und den Rücktransport der aus Rußland zurückkehrenden Gefangenen über-
wachen sollen, unter den gegebenen Umständen aber den Charakter einer
speziell gegen die radikalen Volksklassen im Randgebiet sowie gegen Sow-
jetrußland kampfbereiten Wehrmacht erhielt und so dazu beitrug, die Be-
ziehungen Deutschlands zu letzterem noch feindseliger zu gestalten, als sie
ohnehin waren. Dem mit Bezug hierauf in früheren Kapiteln Mitgeteil-
186
ten seien noch zwei für die Stellung der Regierung der Volksbeauftragte«
zur Bolschewistenregierung Rußlands wesentliche amtliche Äußerungen der
Ersteren wiedergegeben.
1. Am 18. November 1918 hielt das Kabinett unter Teilnahme des da-
maligen Ministers des Auswärtigen Dr. Solf und des diesem als Beigeordnete»
zur Seite gestezten Karl Kautsky eingehende Aussprache über die Bezie-
hungen mit Sowjetrußland ab. Hugo Haase, der im Rat der Volksbeauf-
tragten die Fragen der auswärtigen Politik bearbeitete, erstattete Bericht über
den Gesprächswechsel mit Moskau. Als Ergebnis wurde ein längeres.^ von
Dr. Solf und Karl Kautsky unterzeichnetes Telegramm nach Moskau ent-
sandt, dessen wichtigste Sätze die folgenden sind:
>Die von den Mitgliedern der russischen Regierung in dem Fern-
gespräch mit dem Volksbeauftragten Haase sowie in den verschiedene«
Telegrammen an deutsche Regierungsvertreter gestellten Fragen sind im
Kabinett der deutschen Volksregierung auf die Tagesordnung gesetzt
worden. Dabei ist folgendes zur Sprache gekommen :
Vor Bürgen ist von der Räteregierung ein Funkspruch an alle Ar-
beiter-, Soldaten- und Matrosenräte Deutschlands gerichtet, worin e»
folgendermaßen heißt:
»Soldaten und Matrosen, gebt die Waffen nicht aus der Hand, dan«
treiben Euch die vereinigten Kapitalisten zu Paaren. Es gilt, mit den
Waffen in der Hand wirklich die Macht überall zu übernehmen, eine
Arbeiter-, Soldaten- und Matrosenregierung mit Liebknecht an der
Spitze zu bilden. Laßt Euch keine Nationalversammlung aufschwatzen.
Ihr wißt, wohin Euch der Reichstag gebracht hat.«
Die deutsche Volksregierung kann nicht umhin, in dieser Aufforde-
rung an die Bevölkerung, eine bestimmte Regierung zu bilden, den
Versuch einer Einwirkung auf die inneren Verhältnisse Deutschlands zu
erblicken, der unter den gegebenen Umständen eine schwere Schädigung
des deutschen Volkes zur Folge haben kann. Die dentsche Regierung
ist bereit, mit allen Staaten und auch mit dem russischen in Frieden
und guten Beziehungen -zu leben. Sie muß aber verlangen, daß dat
Recht des deutschen Volkes auf eigene Bestimmung seiner inneren An-
gelegenheiten geachtet wird und daß Einwirkungen hierauf von außen
unterbleiben. Die vorstehende Aufforderung zur Bildung einer Re-
gierung auf anderer Grundlage und mit anderen Zielen als die der
deutschen Volksregierung läßt außerdem nicht erkennen, welche Stellung
die russische Sowjetregierung der gegenwärtigen deutschen Regierung
gegenüber einnimmt. Wenn die Sowjet-Regierung normale Beziehungen
mit ihr unterhalten will, muß die deutsche Regierung darüber im klaren
sein, daß die russische Regierung sie anerkennt und nicht die Bildung
einer anderen Regierung fördert.«*)
»Mit Rücksicht hierauf hat die deutsche Volksregierung im Ein-
verständnis mit dem Vollzugsrat des deutschen Arbeiter- und Soldaten-
rats beschlossen, die russische Regierung vor Wiedererrichtung der
beiderseitigen diplomatischen Vertretungen um folgendes zu ersuchen:
1. um eine klare Anerkennung der gegen , /artigen deutschen Volks-
regierung und der Verpflichtung, sich aller Einwirkung auf die deutsche
Bevölkerung zur Bildung einer andern Regierung zu enthalten.
2. Um eine Klarstellung der bei der Absetzung der deutschen Ge-
neralkonsulbte stattgehabten Vorgänge.
Hinsichtlich des Punktes 1 darf die deutsche Regierung einer ent-
sprechenden Aeußerung entgegen sehen. Als Ausführung des Ersuchen»
in Punkt 2 erwartet sie, daß die deutschen Generalkonsulate nunmehr
endlich ungehindert aus Rußland abreisen und sich nach Deutschland
begeben können und bittet ferner, je ein Mitglied des deutschen Arbeiter-
und Soldatenrats aus Moskau und Petersburg nach Deutschland ausreisen
*) Der zitierte Funkspruch war am 11. November 1918 ergangen.
187
zu lassen, damit sie hier über die Einzelheiten des Zustandekommens
ihrer Organisation Auskunft geben und alle sonstigen, ihre Stellung und
Befugnisse betreffenden Fragen erörtern können.«
In bezug auf letzteres sei bemerkt, daß die Bolschewistenregierung den
deutschen Generalkonsulen in Moskau und Petersburg eines Tages plötzlich
die Genehmigung unter dem Vorgeben entzogen hatte, daß dortige deutsche
Arbeiter- und Soldatenräte deren Absetzung beschlossen hatten. Sicherlich
ein starkes Stück, zumal es keinem Zweifel unterstand, daß, wie es im Tele-
gramm weiter heißt, die betreffenden Beschlüsse auf Veranlassung und unter
Beihilfe der russischen Behörden erfolgt waren.
2. Die zweite Äußerung ist folgendes, am 17. Januar 1919 von der
nun lediglich aus Mehrheitssozialisten zusammengesetzten Regierung nach
Beendigung des im vorigen Kapitel geschilderten Spartakusaufstandes nach
Moskau entsandte Telegramm:
»Bei Unterdrückung der aufrührerischen Bewegung, die hier kürzlich von
einer terroristischen Gruppe zwecks politischer und tatsächlicher Ver-
gewaltigung des deutschen Volkes unternommen worden ist, sind un-
widerlegliche Beweise dafür zu Tage getreten, daß diese Bewegung mit
russischen offiziellen Mitteln und von russischen Organen unterstützt
worden ist und daß russische offizielle Persönlichkeiten an ihr teilge-
nommen haben. Die deutsche Regierung legt gegen die unzulässige
verbrecherische Einmischung in die inneren Verhältnisse Deutschlands
strengste Verwahrung ein. Sie sieht zunächst davon ab, aus diesem
Grunde allen russischen Staatsangehörigen, die sich bisher frei in Deutsch-
land aufhalten konnten, das gewährte Gastrecht zu entziehen, wozu sie
an sich berechtigt wäre. Sie will jedoch keinen Zweifel darüber be-
stehen lassen, daß gegen alle Russen, die sich einer Unterstützung der
aufrührerischen Bewegung schuldig gemacht haben oder noch in diesem
Sinne tätig werden, auf das schärfste vorgegangen werden wird.«
gez. Ebert. gez. Scheidemann.«
Damit war ein Verhältnis angezeigt., das bei noch so zurückhaltendem
Auftreten der Republik jeden Augenblick in ausgesprochene Feindschaft
ausarten konnte.
Unbestimmt war auch noch das Verhältnis zum werdenden tschecho-
slavischen Staat, der den größten Teil des im Süden an Deutschland an-
grenzenden Gebietes beanspruchte. Vom deutschen Österreich ausgenom-
men, das unfähig war, ihr Hilfe zu bringen, sah die Republik Deutschland
an ihren Grenzen keinen Freund, und selbst das im Norden angrenzende
Dänemark hielt sich zwar streng neutral, hatte aber in Nordschleswig eine
Frage mit Deutschland zu regeln, die unter Umständen die Beziehung zu
ihm sehr gespannt gestalten konnte.
Die außenpolitische Lage ließ danach trotz der friedfertigen Absichten
der Republik noch sehr viel zu wünschen übrig.
d) Die bürgerlichen Parteien und die Republik.
In der ganzen hier behandelten Zeit hat es keine der bürgerlichen Par-
teien gewagt, offen und rückhaltlos die Fahne des gestürzten Kaisertums
zu erheben, keine hielt es für ratsam, sich der Republik feindselig gegen-
überzustellen. Selbst die Kritik, die ihre Presse an den Maßnahmen der
Regierung übte, fiel im Ganzen zahm genug aus. Man stand zu sehr unter
dem Bewußtsein der Notwendigkeit, überhaupt eine geordnete Regie-
188
rung zu haben, um das Bedürfnis zu empfinden, der Regierung, die man für den
Augenblick als die einzig mögliche erkannte, das Leben schwer zu machen.
Wenn die Kommunisten der Regierung der Volksbeauftragten vorwarfen, daß
sie die Kapitalisten schütze, so steckte darin ein Stück Wahrheit. Nur war
es vom Standpunkt jedes vernünftig aufgefaßten Sozialismus kein irgendwie
berechtigter Vorwurf. Man konnte die Volkswirtschaft nicht in Gang halten,
woran die Arbeiterklasse ja durchaus interessiert war, ohne mindestens zu-
nächst auch dem Kapital Sicherheit gegen willkürliche Eingriffe zu gewähr-
leisten.
Wenn aber die bürgerlichen Parteien und die hinter ihnen stehenden
Klassen und Schichten die Notwendigkeit einsahen, mit der Umwandlung
Deutschlands und der deutschen Staaten in Republiken sich abzufinden, so
waren sie selbstverständlich darum noch nicht gewillt, auf die Vertretung
ihrer besonderen politischen Auffassungen und wirtschaftlichen Interessen
Verzicht zu leisten. Sie begriffen jedoch, daß, um dies zu können, sie sich
an die politische Neuordnung der Dinge anzupassen hatten, was ohne Ab-
änderung ihrer alten Firmen und Programme nicht angängig war. Und zwar
war dieses Bedürfnis naturgemäß um so stärker, je weiter die Parteien nach
rechts standen. Während also die beiden sozialdemokratischen Parteien ihre
Namen unverändert beibehielten und nur ihre Aktionsprogramme weiter
steckten, ohne Grundsätzliches an ihnen zu ändern, hatten die fortschritt-
lichen Volksparteiler, die Zentrumspartei, die Nationalliberalen, die Kon-
servativen und die politischen Zwischengebilde dieser Parteien ihre Pro-
gramme mehr oder weniger auch auf das Grundsätzliche zu revidieren. Nach
einer Periode der Gährung, die in Erörterungen in der Tagespresse und
Verhandlungen auf Zusammenkünften verschiedener Art und Größe ihren
Niederschlag fand, erstanden eine Anzahl neuer politischer Vereinigungen,
die sich schließlich in Hinblick auf die Wahlen zur Nationalversammlung in
vier große politische Parteien mit neuen Namen und neuen Programmen grup-
pierten. Da die meisten der zunächst erstandenen politischen Neubildungen
nur ein Eintagsleben geführt haben, braucht auf sie hier nicht eingegangen
zu werden. Die aus dem Gährungsprozeß endgültig hervorgegangenen großen
politischen Parteien waren:
l.Die deutsch-demokratische Partei. Eine Verbindung
fast der ganzen bisherigen fortschrittlichen Volkspartei mit einem Teil der
Mitglieder der alten nationalliberalen Partei und Angehörigen kleinerer, meist
bürgerlich-demokratischer Bezirks- oder Landesgruppen. Diese Partei stellte
sich sowohl im ersten Aufruf ihres Gründungsausschusses wie auch in ihrem,
Anfang Dezember 1918 veröffentlichten Wahlaufruf unumwunden auf den
Boden der Republik. Im Gründungsaufruf heißt es darüber:
>Der erste Grundsatz besagt, daß wir uns auf den Boden der republi-
kanischen Staatsform stellen, sie bei den Wahlen vertreten und den
neuen Staat gegen jede Reaktion verteidigen wollen, daß aber eine unter
allen nötigen Garantien gewählte Nationalversammlung die Entscheidung
über die Verfassung treffen muß.«
Und im Wahlaufruf:
»Wir treten bei den Wahlen ein für die Errichtung einer deutschen Re-
publik, in der alle öffentliche Macht allein auf dem Willen des sou-
veränen Volks beruht. Wir fordern die völlige Gleichheit aller Staats-
bürger und Staatsbürgerinnen vor dem Gesetz und in der Verwaltung,
ohne Rücksicht auf Stand, Klasse oder Bekenntnis, und verlangen die
Freiheit des Gewissens und der Religionsübung.« jgn.
Weiter fordert das Programm, um »der ordentlichen Arbeit ein lebens-
wertes Dasein und Teilnahme an den Gütern der Kultur« zu sichern:
»Staatliche Anerkennung der Arbeiter- und Angestelltenverbände, obli-
gatorisches Schiedsgericht sowie Gewährleistung der durch Tarifverträge
festgesetzten Arbeitsbedingungen, insbesondere auch der vereinbarten Mhs-
destlöhne und Mindestgehälter«, und weiterhin:
>eine wirklich soziale Steuerpolitik! Einmaiige progressive Vermögens-
abgabe, auf angemessene Zeit verteilt. Gestaffelte Einkommensteuer
unter möglichster Schonung der kinderreichen Familien, des Arbeitsein-
kommens und der kleinen Vermögen. Allgemeine Erbschaftssteuer für
jeden größeren Nachlaß. Vor allem aber schärfste Erfassung der Kriegs-
gewinne. An diesem Kriege darf kein Deutscher sich bereichert haben.«
Der bürgerliche Charakter der Partei aber kommt zum Ausdruck in
dem Satz:
> Solche Lasten können nur getragen werden bei Aufrechterhaltung des
Privateigentums und einer Wirtschaftsoronung, die das Interesse des
einzelnen am Erwerb lebendig hält und ihn zu höchster Tätigkeit an-
sport. Die unerhörte Verschuldung, der Mangel an Rohsfofien und die
Zerstörung unseres Außenhandels bedrohen uns mit einer Wirtschafts-
krise sondergleichen. Nur die gemeinsame Anspannung aller Kräfte von
Unternehmern und Arbeitern, von Selbständigen und Angestellten kann
den Zusammenbruch verhindern. Darum verwerfen wir die von der
Sozialdemokratie angestrebte Ueberführung aller Produktionsmittel in
das Eigentum der Gesellschaft. Das Beispiel der Kriegsgeseilschafte»
schreckt! Die Frage der Sozialisierung ist rein sachlich für jeden
Einzelfall danach zu entscheiden, ob eine Steigerung der Erwerbsmög-
lichkeiten der breiten Massen und eine Erhöhung des Produktions-
ertrages erzielt werden kann. Keinesfalls dürfen Staatseingriffe in der
Form der Bureaükratisierung des Wirtschaftslebens erfolgen.«
Kann man dieses Bekenntnis zur wesentlich privatkapitalistischen Wirt-
schaftsordnung von einer bürgerlichen Partei immerhin begreifen, so stoßen
wir in dem Stück des Programms, das die auswärtige Politik behandelt, auf
eine Sprache, die wenig geeignet war, das gegnerische Ausland davon zu
überzeugen, daß der Geist des alten Systems schon mit Stumpf und Stiel
atisgerottet sei. So hieß es da unter anderm:
>Die Welt soll wissen, daß die Kraft der deutschen Nation in alle
Zukunft nicht ausgeschaltet werden kann. Wir wollen, daß die Vertreter
des deutschen Volkes stolz und aufrecht zur Friedenskonferenz gehen.
Wir wollen, daß sie so sprechen, wie es den Abgesandten eines un-
geheurer Uebermacht unterlegenen, heute freien und selbständigen Vol-
kes geziemt.«
»Stolz und aufrecht«, das ließ eine sehr bedenkliche Auslegung zu.
Für diejenige Würde im Auftreten, welche den Vertretern der Republik
geziemte, konnte man Ausdrücke wählen, die weniger als diese im Sinne
des alten Nationalliberalismus angedeutet werden konnten und so ausgedeu-
tet worden sind.
2. Die deutsche Volkspartei. Die Fortsetzerin der natio-
nalliberalen Partei in etwas neuem Gewände. Sie wurde konstituiert, als
es sich gezeigt hatte, daß eine völlige Verschmelzung aller Elemente der
Hationalliberalen Partei mit der fortschrittlichen Volkspartei nicht zu erwirken
war, und umfaßt den rechten Flügel der alten Partei mit einigen Elementen
aus der Mitte und Angehörigen kleinerer nationalistisch gesinnter Verbin-
dungen. In ihrem, am 15. Dezember 1918 in Berlin aufgestellten Programm
190
bekennt sich die neue Partei zum »demokratischen, allgemeinen, gleichen
und geheimen Wahlrecht für beide Geschlechter«, vermeidet aber geflis-
sentlich das Wort Republik. Nur bedingt erkennt sie die neue Regierung
an. Mit dürren Worten erklärt sie:
>Von der derzeitigen Regierung verlangen wir, daß sie endlicn ener-
gisch für Ruhe und Ordnuug sorgt. Wir sind bereit, dafür unter der
jetzigen Regierungsform mitzuarbeiten und glle Bestrebungen der tat-
sächlichen Regierung nach diesem Ziele zu unterstützen. Wir verlangen
aber die Beseitigung der Eingriffe unberufener Personen in die Tätigkeit
der Gerichte, Behörden und Kommunalverwaltungen, in die Koalitions-
und Pessefreiheit. Wir verlangen die Beseitigung der Mißwirtschaft
und maßlosen Verschleuderung öffentlichen Gutes und öffentlicher Gel-
der. Wir verlangen die Beseitigung der unverantwortlichen Eingriffe in
das Wirtschaftsleben, die uns mit Hungersnot, Anarchie und Staats-
bankerott bedrohen.«
hn wirtschafts- und finanzpolitischen Teil des Programms kommt der
kapitalistische, im Teil, der die Außenpolitik behandelt, der nationale t: sche
Standpunkt viel stärker zum Ausdruck, als im Programm der Demokraten.
So heißt es in letzterer Hinsicht:
»Je schwerer Deutschland unter den vernichtenden Folgen des ver-
lorenen Krieges leidet, um so bewußter stellen wir unsere ganze Politik
unter den nationalen Gedanken, um so schärfer lehnen wir alle die-
jenigen internationalen Bestrebungen ab, die unseres Volkes Eigenart
verwischen und verdunkeln. Die Reichseinheit ist nur Grundlage unseres
politischen Wirkens, innerhalb der Reichseinheit soll kulturelle Stammes-
art, unter Ablehnung sowohl zentralistischer Bevormundung wie parti-
kularistischer Sonderbestrebungen, sich frei entfalten können.«
Selbst im Programm der neuen Partei der konservativen Gruppen wird
die nationalistische Tendenz nicht wesentlich schärfer hervorgehoben.
3. Die deutsch-nationale Volkspartei. Die Koalition
der alten deutsch-konservativen Partei mit verschiedenen Interessenverbin-
dungen von Landwirten und Handwerkern, den Resten der einstmaligen
freikonservativen Partei und den Antisemiten. Um unter den neuen Verhält-
nissen sich ein größeres Gefolge zu sichern, haben in den Tagen der Revo-
lution die Führer der ehemaligen Deutschkonservativen Partei ihre politischen
Forderungen einer so radikalen Revision unterzogen, daß das unterm 24. No-
vember 1918 veröffentlichte Programm der neuen Partei fast demokratisch-
liberal anmutet.
Resigniert heißt es im Anfang nach kurzer Einleitung:
»Vieles ist zertrümmert, was uns heilig und teuer ist. Und dock
dürfen wir dem Verlorenen nicht untätig nachtrauern. Es ist Pflicht
eines jeden, an dem Wiederaufbau des deutschen Staates und Volkes
mitzuarbeiten und dem neuen Deutschland neue Form und neuen
lebensvollen Inhalt zu gecen.«
Und im darauffolgenden Absatz wird auf die Monarchie verzichtet.
Es heißt da:
»Wir sind bereit und entschlossen, auf dem Boden jeder Staatsform
mitzuarbeiten, in der Recht und Ordnung herrschen. Gegen jede Dik-
tatur einer einzelnen Bevölkerungsklasse verwahren wir uns. Nur ein
geordnetes Staatswesen schafft uns Brot und Frieden.«
Ebenso wird der alte Obrigkeitsstaat grundsätzlich preisgegeben. Der
nächste Absatz lautet:
191
> Staat und Gesetz, ausgerüstet mit starker Autorität, getragen von
dem freien Willen des Volkes, müssen ihren schützenden Ein-
fluß im Volks- und Wirtschaftsleben geltend machen, um die nationale
Kultur und die soziale Wohlfahrt zu fördern.«
Dann wird die Forderung aufgestellt, daß »der Mensch als sittliche
Persönlichkeit« mehr als bisher im Mittelpunkt des öffentlichen Lebens stehen
«oll. Den konservativen Sinn dieser Forderung läßt der daran anschließende
Satz durchblicken: »Ein lebensvolles Christentum, Ehe und Familie sollen
die starken Träger des öffentlichen Lebens sein. Die nationalistischen Ten-
denzen der Partei aber gibt der daran anschließende Satz kund: Deutsches
Wesen und deutsche Art müssen mehr denn je unser ganzes Volkstum er-
füllen. Bestimmter noch spricht letzteres der erste Satz in den Richtlinien
des Programms der Partei aus:
>Wir treten ein für ein starkes deutsches Volkstum, das seine Einig-
keit, Freiheit und Selbständigkeit gegen äußere Macht zu wahren ent-
schlossen ist und sich unabhängig hält von fremden Einflüssen.«
Der zweite Satz der Richtlinien anerkennt die »nach den letzten Er-
eignissen allein mögliche parlamentarische Regierung s-
f o r m«. Im dritten Satz wird in Übereinstimmung mit allen andern bürger-
lichen Programmen der Schutz des Privateigentums »gegenüber den geplan-
ten Eingriffen der Sozialdemokratie« gefordert, im vierten »Festhalten an
dem Grundsatz der Privatwirtschaft« verkündet, zugleich mit der Bereit-
willigkeit, diese »durch die gemeinwirtschaftliche Betriebsform in Genossen-
schaft, Gesellschaft, Staat und Gemeinde zu fördern.«
Wie in diesem letzteren Punkt unterscheiden sich auch die Richtlinien
über Sozialpolitik, Siedlungspolitik, Steuerpolitik, Bekämpfung der Woh-
nungsnot, Zulaß zur Beamtenlaufbahn, Schulpolitik und Gleichstellung der
Frau dem Anschein nach nur wenig von den betreffenden Sätzen im Pro-
gramm der Demokraten. Man hätte glauben können, das Programm einer
liberalen Partei vor sich zu haben. Erst eine genauere Prüfung läßt er-
kennen, daß hier wiederholt die Sätze der bindenden Form ermangeln, die
keine Abschwächungen in den Anwendungen erlaubt, und später hat die
Erfahrung auch gezeigt, daß zwischen den Grundsätzen im damals formu-
lierten Programm dieser Partei und ihrer Haltung in der Praxis sehr große
Unterschiede obwalten. Immerhin bleibt es bemerkenswert, wie sehr die
Erhebung der Arbeiterklasse im November 1918 der Partei der Junker samt
ihrem Anhang soziale Erkenntnis eingepaukt und das Schuldbewußtsein ge-
weckt hatte.
4. Die christlich demokratische Volkspartei. Die
alte Zentrumspartei, die auch bald wieder diesen Namen aufnahm und in
den Vordergrund stellte. Fast noch schärfer als die andern bürgerlichen Par-
teien hob sie in ihren ersten Aufrufen nach der Revolution den Gegensatz
zur Sozialdemokratie hervor. Es war dies inbesondere dadurch verursacht,
daß an der Spitze des Kultus- und Unterrichtsministeriums in Preußen der
damals der unabhängigen Sozialdemokratie angehörende geschworene Kir-
chengegner Adolf Hoffmann gelangt war, der sich sofort anschickte, jeder
Mitwirkung der kirchlichen Gemeinschaften auf das Schulwesen ein Ende
zu machen und die Konfessionsschulen abzuschaffen. Auf rein politischem
Gebiet dagegen stellte sich die Zentrumspartei als christliche Volkspartei
fast noch entschiedener als die deutsch-demokratische Partei auf den Boden
192
der Republik. Ihren politischen Wahlaufruf für die Nationalversammlung
leitet der Satz ein:
> Weltkrieg und Revolution hat das alte Deutschland zertrümmert.
bi Sturm und Drang wird ein neues geboren. Ein freier sozialer Volks-
staat soll es werden, in dem sich alle deutschen Stämme, alle Klassen
und Stände, alle Bürger ohne Unterschied des Glaubens und der Partei-
zugehörigkeit wohlfühlen können. Dieses neue Deutschland zu schaffen
ist Aufgabe des Gesamtvolkes, nicht einer Parteidiktatur. Alle Parteien
wollen und müssen dabei sein. Dazu bedürfen aber die alten Parteien
einer inneren und äußeren Erneuerung.
Ein neues Zentrum wird und muß entstehen im Wandel dieser Tage.
Rückhaltloses Bekenntnis zum demokratischen Volksstaat, Bekämpfung
jedweder Klassenherrschaft, Ordnung in der Freiheit, offene Absage an
den Mammonismus und Materialismus unserer Tage, Pflege der idealen
Werte, die Volk und Staat erst gesund machen — das sind die funda-
mentalen Grundsätze seiner Erneuerung als christlich - demokratische
Volkspartei!«
In den Leitsätzen für die Außenpolitik der Partei wird in Bezug auf
die internationale Stellung der Kirche gefordert:
»Vollkommene, durch völkerrechtliche Bürgschaften gesicherte Unab-
hängigkeit des heiligen Stuhles.«
Eine interessante Bekräftigung des Verzichts des Papsttums auf die
Wiederherstellung des Kirchenstaats, welcher Verzicht der ganzen Politik
Roms eine neue Richtung gegeben, seinen Einfluß als geistige Macht sehr
gehoben hat.
Von den Leitsätzen hinsichtlich der Verfassung seien die folgenden
erwähnt :
»Unabhängige, auf dem Vertrauen der Volksvertretung beruhende
Volksregierung mit starker Vollzugsgewalt an der Spitze im Reich und
in den Bundesstaaten.
Schaffung der Verfassung durch die Nationalversammlung.
Gleiches Recht aller Volksschichten auf Teilnahme an der Verwaltung
aller Angelegenheiten ohne Kastengeist und Klassenbevorzugung.«
Den Umfang und die Grenzen der katholischen Sozialpolitik kenn-
zeichnen die ersten zwei Leitsätze des Abschnitts »Wirtschafts- und Sozial-
politik«. Sie lauten:
»1. Aufbau und Regelung der Volkswirtschaft auf der produktiven
Arbeit im Dienste des Gemeinwohls unter grundsätzlicher Erhaltung de»
Privateigentums auch an Produktionsmitteln, Aufrechterhaltung unserer
Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt. Ersatz der privatkapitalistischen
Monopole durch gemeinwirtschaftliche Ordnung. Schaffung und Erhal-
tung eines kräftigen Bauernstandes und Förderung unserer landwirt-
schaftlichen Eigenproduktion zur Sicherung unserer Volksernährung. Re-
gelung und Kontrolle des Warenmarktes der Massenbedarfsgüter nach
gesunden wirtschaftlichen Grundsätzen unter Berücksichtigung der Kauf-
kraft der Bevölkerung.
2. Schutz und Förderung der einzelnen Erwerbsstände als notwen-
diger Glieder eines gesunden Wirtschaftskörpers. Entschiedene Bevor-
zugung des Gemeinwohls vor allen Berufs- und Standesinteressen. Fort-
führung der Sozialpolitik für die städtische und ländliche Bevölkerung.
Schärfste Bekämpfung jeglichen Wuchers. Erhaltung und Stärkung eines
lebenskräftigen Handwerkerstandes. Schutz der berechtigten Interessen
der Kaufmannschaft.«
193
Diese Auszüge werden genügen, den Geist der Programme anzuzeigen,
mit denen nun die bürgerlichen Parteien in den Wahlkampf für die National-
versammlung zogen. Alle hatten der programmatischen Kundgebung gegen-
über, mit der die Republik ins Leben getreten war, ihre Vorbehalte, keine
lehnte es ab, sich auf den Boden der Republik zu stellen, keine deutete auch
nur den Wunsch an, das Kaisertum wiederhergestellt zu sehen. Was indes
noch nicht besagt, daß solcher Wunsch nicht doch seine Träger hatte. Sie
getrauten sich nur nicht als Partei hervorzutreten.
194
XV.
Die Wahlen zur Nationalversammlung,
der Abschluß der ersten Periode der Revolution.
Unter dem 30. November hatte der Rat der Volksbeauftragten durch
Verordnung ein Wahlgesetz für die Republik verkündet, daß die in seinem
ersten Aufruf an das deutsche Volk niedergelegten Grundsätze zur Wahr-
heit machte.
Durch Verordnungen vom 6,, 19. und 28. Dezember ergänzt, gab es
allen Deutschen, die das zwanzigste Lebensjahr zurückgelegt hatten, ohne
Unterschied des Geschlechts und ohne jeden Wohnzensus das Wahlrecht
und setzte für die Bestimmung der Abgeordneten die Verhältniswahl fest.
Zu diesem Zweck wurde Deutschland nach Fortfall von Elsaß-Lothringen
in 37 Wahlkreise eingeteilt, die auf Grund von Listenwahlen 421 Abgeordnete
zu wählen hatten, und bestimmt, daß auf jede 150.000 Einwohner ein Ab-
geordneter entfallen solle. Auch gestattete das Wahlgesetz, daß Parteien
oder sonstige Einreicher von Wahllisten ihre Listen in jedem Wahlkreis durch
Erklärung mit der einer andern Partei oder Gruppe derart für verbunden
anmelden konnten, daß die überschießenden Stimmen beider zusammenzu-
rechnen waren und so ihnen gegebenenfalls noch einen Abgeordneten
sichern konnten.
Der Wahlkampf selbst verlief im allgemeinen ruhig. Es liegt im
Wesen des Verhältniswahlsystems und ist einer seiner Vorzüge, daß bei ihm
die Wahl vorwiegend sachlichen Charakter trägt. Im verhältnismäßig engen
Raum eines Wahlkreises, der nur einen Abgeordneten zu wählen hat, platzen
die Geister viel leidenschaftlicher aufeinander als in einem ausgedehnten
Wahlkreis, der über eine Vielheit von Abgeordneten zu verfügen hat und wo
es sich nicht darum handelt, welche Partei den Sitz erringt, sondern
darum, wieviel der Sitze auf jede Partei entfallen. Nennenswerte Ver-
suche, den Wahlakt zu stören, waren nicht zu verzeichnen.
Die Wahlbeteiligung war eine sehr rege. Von insgesamt 35 Millionen
wahlberechtigter Deutschen gaben etwa 3OV2 Millionen ihre Stimme ab.
Mit Ausnahme der Wahlkreise Schleswig-Holstein und Thüringen, für die
bei Aufstellung der Reichsstatistik abschließende Zahlen über die Verteilung
der Wähler nach Geschlechtern noch nicht vorlagen, nahmen von im Ganzen
195
rund 15 Millionen männlichen Wahlberechtigten 12,4 Millionen, von 17,7 Mil-
lionen weiblichen Wahlberechtigten 14,6 Millionen an der Wahl Teil, 82,4%
der männlichen und 82,3% der weiblichen Wähler. Die Beteiligung des weib-
lichen Geschlechts blieb also nur ganz wenig hinter der des männlichen zurück.
Wie sich die Stimmen der beiden Geschlechter auf die Parteien verteilen, ist im
Ganzen nicht festzustellen, da fast überall die Wahlzettel beider in ein und
dieselbe Urne gesteckt und infolgedessen untermischt gezählt wurden. Nur
in einigen wenigen Bezirken waren für die weiblichen Wähler gesonderte
Urnen aufgestellt, und dort zeigte sich, daß die Frauen im Verhältnis mehr
Stimmen für die Parteien der Rechten und des Zentrums abgaben als die
Männer, das Stimmrecht der Frauen also eher konservativ wirkte. In ganz
Deutschland erhielten Stimmen in runden Zahlen, beziehungsweise Sitze:
Deutschnationale 3.121.000 42
Deutsche Volkspartei 1.346.000 21
Dem Wesen nach monarchistisch 4.467.000 63
Christliche Volkspartei (Zentrum) 5.980.000 88
Deutschdemokraten 5.642.000 75
Bürgerlich republikanisch 11.622.000 163
Mehrheitssozialdemokraten 11.510.000 163
Unabhängige Sozialdemokraten 2.317.000 22
Sozialisten 13.^27.000 185
Kleinere Gruppen (4 Weifen,
4 Bauernbund, 1 Braunschweiger
Landesverband, 1 Landarbeiter) 485.000 10
Insgesamt 30.401.000 421
Demgemäß hatten die Sozialdemokraten in der Nationalversammlung nur
über eine Minderheit der Sitze zu verfügen, wenngleich sie bei weitem die
stärkste Partei waren. Außer Zweifel ist, daß das Wahlergebnis ein für sie
wesentlich günstigeres gewesen wäre, wenn die Wahlen zu einer Zeit erfolgt
wären, wo die Begeisterung der großen Volksmasse über die vollzogene
Umwälzung noch nicht durch die Zwistigkeiten unter den Sozialisten und
die Aufstände mit den durch sie notwendig gewordenen Niederhaltungsmaß-
nahmen eine Abschwächung erfahren hatte. Einige Sitze gingen der Sozial-
demokratie dadurch verloren, daß die Unbhängigen Sozialisten das Anerbie-
ten der Mehrheitssozialisten, ihre Listen für den Zweck der Geltendmachung
der überschüssigen Stimmen zu verbinden, außer in 6 Wahlkreisen ab-
gelehnt hatten. Den Hauptschaden hatten freilich sie selbst zu erleiden. In
dem weitaus größten Teil der Wahlkreise nicht stark genug, die für einen
Abgeordneten nötigen Stimmen aufzubringen, so daß ihre dortigen Wähler
in der Nationalversammlung unvertreten blieben, hatten sie, um fast eine
Million Stimmen stärker als die deutsche Volkspartei, nur einen Abgeordneten
mehr als diese. Der darin angezeigte Fehler des Wahlsystems ist später von
der Nationalversammlung durch Abänderungen beseitigt worden, die eine
unübertroffen genaue Vertretung der Parteien nach ihrer Wählerstärke
sicherstellen.
196
Den Wahlen für die Nationalversammlung waren solche in 6 Einzel-
staaten für die Landesvertretungen vorausgegangen, davon 2 (Anhalt und
Braunschweig) schon im Dezember 1918, die andern 4 (Baden, Bayern,
Württemberg, Mecklenburg-Strelitz) in der ersten Hälfte Janauar 1919. Die
ersten beiden Wahlen ergaben absolute sozialdemokratische Mehrheiten, bei
den andern vier wurden mehr bürgerliche als sozialdemokratische Stimmen
abgegeben. Nur in Braunschweig hatten die Unabhängigen annähernd soviel
Stimmen erhalten wie die Mehrheitssozialisten, nämlich 51.668 gegen 59.708,
in den andern Staaten waren sie weit hinter ihnen zurückgeblieben. So
waren in Bayern, obwohl der zum Präsident ernannte Kurt Eisner der unab-
hängigen Sozialdemokratie angehörte, nur 3 Unabhängige gewählt worden
gegen 62 Mehrheitssozialdemokraten. In Württemberg war das Verhältnis
4 Unabhängige und 52 Mehrheitler und in Anhalt und Mecklenburg-Strelitz
hatten die Unabhängigen Sozialdemokraten überhaupt keine Vertreter.
Auch bei den Wahlen zur Nationalversammlung bleiben die Unab-
hängigen außer in zwei Wahlkreisen (Leipzig und Düsseldorf) überall hinter
den Mehrheitlern zurück. Allerdings waren die Wahlkreise sehr groß und
umfaßten manche Orte, wo das Verhältnis umgekehrt war. In Berlin er-
hielten die Mehrheitler 405.000, die Unabhänigen 307.000 Stimmen, in den
beiden Wahlkreisen Potsdam 1 — 9 und Potsdam 10, welche die Vororte
Berlins umfassen, die Mehrheitler 681.000, die Unabhängigen 267.000 Stimmen.
Die Gegensätze und Gegnerschaften, die Mehrheitssozialisten und
unabhängige Sozialisten trennten, waren durch die Januarkämpfe zu solcher
Schärfe gediehen, daß ein Zusammenschluß der beiden Parteien in der
Nationalversammlung zur größten Unwahrscheinlichkeit, wenn nicht Unmög-
lichkeit geworden war. Damit war auch dem hier und dort auftauchenden
Gedanken einer Regierung aus den verbündeten Sozialdemokraten und den
radikaleren Elementen des Zentrums und der Demokraten die Möglichkeit
der Realisierung entzogen. Zur Bildung einer rein sozialdemokratischen
Minderheitsregierung konnte die Mehrheitssozialdemokratie sich nicht ver-
stehen, nachdem sie sich grundsätzlich auf den Boden des demokratischen
Parlamentarismus gestellt hatte. Es war daher für das Werk, das die
Nationalversammlung zu verrichten hatte, nur eine Koalitionsregierung aus
Mehrheitssozialdemokraten und bürgerlich republikanischen Parteien möglich.
Damit war schon angezeigt, daß das zu verrichtende Hauptwerk, das
Verfassungsgesetz der Republik, gleichfalls Kompromißarbeit sein, die So- v
zialdemokratie bei ihm manches Opfer zu bringen haben werde.
So bedauerlich nun diese und noch andre Folgen des Nichtzustande-
kommens einer sozialdemokratischen Mehrheit vom Parteistandpunkt der
Sozialdemokratie aus gesehen waren, so darf man bei Abschätzung ihrer
Tragweite für die Entwicklung und Befestigung der Republik doch fol-
gendes nicht vergessen.
Deutschlands ökonomische Lage und soziale Gliederung machten seine
unmittelbare Umwälzung in ein völlig sozialistisches Gemeinwesen unmög-
lich. Ganz abgesehen von einer starken Bauernschaft, mit der die Republik
noch weniger nach Laune umspringen konnte, als die Bolschewisten mit
den russischen Muschiks, gab es noch Millionen von bürgerlichen Gewerbe-
treibenden, deren sie gleichfalls nicht entbehren konnte. Selbst unter nor-
malen Verhältnissen wäre Angesichts dieser Sachlage der Ausschluß des ge-
samten Bürgertums von der Teilnahme an der Regierung ein Fehler ge-
197
wesen, der sich bald bitter gerächt hätte. Gar bald hätte sich gezeigt, was
Lassalle's Darlegung in seinem glänzenden Vortrag über Verfassungswesen
zu bedeuten hat, daß unentbehrliche oder nicht zu beseitigende Gesellschafts-
klassen »auch ein Stück Verfassung« sind. Um so mehr traf das unter den
furchtbaren wirtschaftlichen Verhältnissen zu, die das Kaisertum als Folge
seiner verruchten Macht- und Prestigepolitik der Republik hinterlassen hatte.
Die Republik konnte wohl mit bestimmten bürgerlichen Parteien und
Klassen, nicht aber mit allen den Kampf aufnehmen, ohne sich in eine
unhaltbare Lage zu bringen. Sie konnte die große, auf sie gefallene Last
nur tragen, wenn sie erhebliche Teile des Bürgertums an ihrem Bestand und
ihrer gedeihlichen Entwicklung interessierte. Selbst wenn die Sozialdemo-
kratie bei den Wahlen zur Nationalversammlung die ziffermäßige Mehrheit
erhalten hätte, wäre die Heranziehung der bürgerlich-republikanischen Par-
teien zur Regierung ein Gebot der Selbsterhaltung der Republik gewesen.
Sie war aber auch zugleich eine Lebensnotwendigkeit für Deutschland als
Nation.
So drückte der Ausfall der Wahlen zur Nationalversammlung einer in
der sozialen Verfassung Deutschlands gegründeten politischen Notwendigkeit
den Stempel auf und gab damit der ersten Periode der deutschen Revolution
erkennbar den Abschluß.
198
Verlag Gesellschaft und Erzieh ung, G.m.b.H., Berlin-Fic htenau.
Der Feldherr Ludendorff.
Militärpolitisch betrachtet von einem Soldaten.
Preis 6,50 Mk.
f lldPfirlorff a ^ s P ers önlichkeit steht noch heute
. im Brennpunkt des öffentlichen Lebens.
Das Ausland sieht in ihm den treibenden Faktor in dem Wider-
stand gegen die Entwaffnung. Nahe liegt es daher, die Frage
aufzuwerfen, ob er gegebenenfalls wieder dem deutschen Volke
als Führer dienen, oder ob das deutsche Volk nach dem Buch
des Chefs des französischen Generalstabes, General Buat, in
ihm den zukünftigen deutschen, vielleicht so-
gar den europäischen Diktator sehen soll. Das
kürzlich erschienene Buch beantwortet diese Frage. Die Bro-
schüre erregt gewaltiges, von Tag zu Tag steigendes Auf-
sehen. Die Presse des In- und Auslandes, von > Deutsche
Zeitung« bis »Freiheit«, führende Zeitschriften, widmen ihm
seitenlange Besprechungen und Artikel. Jeder, der den heutigen
Tagesfragen Interesse entgegenbringt, muß dieses Buch lesen.
Unterirdische Literatur
im revolutionären Deutschland
während des Weltkrieges.
Von Ernst Drahn und Susanne Leonhardf.
Brosch. 17,50 Mk.; geb. 23,50 Mk.
Dieses Buch bedeutet eine Sensation, da viele Züge der
Revolution erst durch dieses Material erklärlich werden. Viele
Dokumente sind wiedergegeben, die in den bestgeleitetsten Ar-
chiven nicht zu finden sind. Das Sammlerglück des Verfassers
ist zu bewundern, der als Leiter des Archivs der S. P. D. ganz
geheimes Material aufzustöbern verstand. In sachlicher und doch
fesselnder Weise wird es wiedergegeben.
Eine Bücherreihe, dem Endziel: »der sozialistischen
Organisation der menschlichen Gesellschaft« gewidmet.
\ Nr. 1 : Trotzki, Leo, Arbeit, Disziplin und Ordnung werden die
J sozialistische Sowjet-Republik retten . . . . Mk. 1, — .
i Nicht in sinnloser Zerstörungsarbeit, sondern in Arbeit, Disziplin und Ord-
? nung liegt planvoller Sozialismus.
i Nr. 2: Nicolai, Georg Friedr., a. Prof., Sechs Tatsachen als Grund-
| läge zur Beurteilung der heutigen Machtpolitik Mk. 1,50.
;■ Ein Versuch des bekannten Pazifisten, den Zusammenhängen der imperia-
i listischen Machtpolitik nachzuspüren. Eine wertvolle Waffe im Kampf gegen
[> Militarismus und Imperialismus.
I Nr. 3: Marx, Karl und Engels, Friedrich, Das kommunistische
Manifest mit mehreren Anhängen: Programme der deut-
f f sehen sozialistischen Parteien Mk. 2, — .
\ Der frste Schritt zur Einführung in die sozialistische Gedankenwelt mit der
J Erleichterung, daß diesem klassischen sozialistischen Dokument die Programme
j sämtlicher deutschen sozialistischen Parteien beigefügt sind.
I Nr. 4: Bucharin, W., Das Programm der Kommunisten (Bol-
| schewiki) Mk. 3,—.
', Eine wertvolle Orientierungsschrift zur Bildung eines Urteils über den Kom-
•; plex der schwierigen Fragen des Bolschewismus.
\ Nr. 5: Schwarzhaupt, Paul, Die Wahrheit über die Türkei.
Die Armeniergreuel und die Deutschenbedrückungen
durch die Jungtürken Mk. 1,— .
Die Schrift schildert in kurzen, scharfen Umrissen die ungeheure Korruption
des türkischen Beamtenapparates, die schließlich zum völligen Zusammenbruch
[■ der Türkei führte.
\ Nr. 6: Ssumatochin, Laßt uns in Kommune leben. Mit einem
j Vorwort von W. Karpinsky. (Vergriffen.) . . Mk. 1,50.
\ Nr. 7: Merrheim, A., Die wirtschaftliche Revolution Mk. 1,50.
Eine Schrift des bekannten französischen Arbeiterführers und Sekretärs des
Metallarbeiterverbandes gegen die Profanierung des revolutionären Gedankens
und der revolutionären Tat zur Lohnbewegung.
Nr. 8: Broh, James, Justizrat, Entwurf eines Programms der
U.S.P., sowie Kritik des Aktionsprogramms . Mk. 3,—.
Eine wichtige Schrift für die Beurteilung der Strömungen in der Unabhängigen
sozialistischen Partei, die^zu ihrer Spaltung geführt haben.
| Nr. 9: Drahn, Ernst u. Leonhardt, Susanne, Unterirdische Litera-
\ tur im revolutionären Deutschland während des Weltkrieges.
\ Mit versch. Faks. u. Illustr. brosch. Mk. 17,50; geb. Mk. 23,—.
{ Viele Züge der deutschen Revolution werden erst dem erklärlich, der dieses
Material studiert, das von zwei guten Kennern der revolutionären Propaganda-
\ Literatur zusammnngestellt ist. Das Werk erhält seinen großen Wert durch die
!j Wiedergabe zahlreicher Dokumente, die auch in den bestgeleitetsten Archiven
\ nicht vorzufinden sind.
> Nr. 10: Bernstein, Richard, Vorwärtsredakteur, Der Kapp-Putsch
und seine Lehren Mk. 1, — .
V Eine interessante kleine Schrift, die aus dem Kapp-Putsch die Lehre zieht, daß nur
) die Beilegung des sozialistischen Bruderkrieges und die einheitl. Zusammenfasssung
aller sozialistisch wirkenden Kräfte als Maßnahme gegen neue militär. Putsche hilft.
Nr. 11: Lenin's 21 Punkte. II.Kongreßd.III.Internationale Mk.2,50.
Die Reden und Beschlüsse der Delegierten Lenin, Radek, Dr. Levi, Serrati.
Nr. 12: Farwig, Heinrich, Die Pariser Kommune. . Mk. 2, — .
Zum fünfzigsten Gedenktag des 18. März 1871 bringt der Verfasser eine histo-
rische Darstellung jenes denkwürdigen Tages.
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UNIVERSITY OF TORONTO LIBRARY
DD Bernstein, Eduard
248 Die deutsche Revolution
B4
Bd.l