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Full text of "Die englischen übersetzungen von Goethes Faust"

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DIE 



ENGLISCHEN ÜBERSETZUNGEN 



VON 



GOETHES FAUST 



VON 



LINA BAUMANN 



HALLE a. S. 

VERLAG VON MAX NIEMEYER 

1907 



Inhalt 

Seite 

Vorwort v 

Faust in England vor Goethe 1—5 

Bibliographische Zusammenstellung der Übersetzungen 6—23 

Besprechung von sechs typischen Übersetzungen 24—118 

1. Die Haywardsche Übersetzung 24 — 39 

2. Die Anstersche Übersetzung 39—53 

3. Die Martinsche Übersetzung 53 — 68 

4. Die Swanwicksche Übersetzung 68 — 80 

5. Die Taylorsche Übersetzung 80—100 

^ 6. Die Mc Lintocksche Übersetzung 100—117 

Literaturverzeichnis 118 — 120 

Register 121—122 

Berichtigungen 123 



Vorwort. 



Die vorliegende Arbeit befaßt sich hauptsächlich mit den 
englischen Übersetzungen des I. Teils von Goethes Faust. Sie 
versucht zunächst einleitend, die Gestalt Fausts, wie sie durch 
das deutsche Volksbuch den Engländern vertraut war, auf den 
verschiedenen literarischen Gebieten zu verfolgen und das 
Interesse zu zeigen, das der deutschen Sage in England ent- 
gegengebracht wurde bis zu der Zeit, da sie von Goethes Geist 
neu geschaffen ihren Siegeszug durch die Welt begann. Im 
folgenden Kapitel sind alle vollständigen englischen Über- 
setzungen, soweit sie mir bekannt waren, zusammengestellt und 
kurz beurteilt. Aus der großen Zahl der Übertragungen habe 
ich dann sechs herausgehoben, welche für die verschiedenen 
Behandlungsarten als besonders typisch angesehen werden können. 
Das Kriterium, das dabei den Ausschlag gegeben, ist ein rein 
äußerliches, sich auf die Form beziehendes. Eine Ordnung von 
diesem Gesichtspunkte aus schien mir die natürlichste zu sein, 
weil die metrische Form im Faust eine bedeutungsvolle Rolle 
spielt und weil der umfangreiche Stoff so am übersichtlichsten 
zu gruppieren war. Die Berücksichtigung eines innern Prinzips, 
sei es die Zeichnung der Charaktere, die Wiedergabe der groß- 
angelegten Partien oder die Behandlung der lyrischen Momente, 
ist dabei nicht ausgeschlossen. 

Während der I. Teil des Faust eine außergewöhnlich große 
Zahl von Übersetzern gefunden, wurde der II. Teil nur neunmal 
übertragen. 1838 erschien die erste Übersetzung des II. Teils 
— hlso verhältnismäßig früh. Der Übersetzer ist unbekannt, 
es ist derselbe, der auch den I. Teil übertragen hat. Das Buch 
erschien bei A. Taylor, London 1838. ^ Schon im folgenden 

l ) S. pag. 12. 



VI 

Jahr kamen zwei weitere Übersetzungen des IL Teils heraus, 
die des Leopold Bernays 1 ) 1839 (2. Auflage 1842) und die des 
Jonathan Birch 1839 (2. Auflage 1843). Archer Gurney befaßte 
sich nur mit dem IL Teil, der 1842 gedruckt wurde. Anna 
Swanwick folgte im Jahr 1846 mit ihrer Übertragung, dann 
schlössen sich John Anster 1864, Wm. Barnard Clarke 1865, Sir 
Theodore Martin 1870 und Bayard Taylor 1871 an. Archer Gurney 
ist der einzige, von dem wir bestimmt wissen, daß er sich nur 
den IL Teil zur Aufgabe gestellt hat, über Leopold % Bernays 
sind wir, was den I. Teil anbelangt, nicht genau orientiert, alle 
andern hier angeführten Übersetzer machten ihre Leser je auch 
mit dem I. Teil bekannt. 

Bei der Sammlung des Materials war mir Mr. Frank 
Walton vom King's College, University of London, in freund- 
lichster Weise behülflich. Ich spreche ihm dafür meinen warmen 
Dank aus, ebenso einigen Kollegen, die mich in derselben An- 
gelegenheit unterstützten. 



*) S. pag. 21. 



Paust in England vor Goethe, 



Die Sage von Doktor Faust ist den Engländern schon fast 
solange bekannt wie den Deutschen. Bald nach dem Erscheinen 
des ersten deutschen Faustbuches von 1587 kam eine englische 
Übersetzung heraus unter dem Titel: „History of the Damnable 
Life and Deserved Death of Doctor John Faustus. Newly 
imprinted . . . according to the true copie printed at Franckford 
and translated into English by P. F. Gent." Davon ist uns aber 
nicht die editio princeps sondern eine Ausgabe von 1592 erhalten. 1 ) 
Neudrucke davon erschienen bis zu Ende des 17. Jährhunderts. 
Ein Auszug dieser Historie wurde 1630 gedruckt und eine arm- 
selige versifizierte Fassung derselben sogar noch 1696, ein Beweis 
wie tief die Wirkung des Stoffes auf das englische Publikum war. 

Chr. Marlowe ist der Erste, der seine dramatische Wirksam- 
keit erkannt, ausgelöst und das Motiv zugleich vertieft hat. 
Die Entstehungszeit seiner „Tragical History of Doctor Faustus" 
fällt wahrscheinlich auch ins Jahr 1588 wie die Übersetzung 
des Volksbuches. Im Todesjahr des Dichters wurde sie zum 
ersten Mal aufgeführt, 1594. Der älteste uns erhaltene Druck 
reicht aber nur bis ins Jahr 1604 zurück und zeigt schon eine 
teilweise Umarbeitung des Originals. Bis 1663 erschienen mehrere 
Neudrucke. Diese und die vielen Aufführungen, die sein „Faustus" 
zwischen 1594 und 1599 erlebt hatte, zeigen wie beliebt die 
Tragödie war. 



*) Nach Anglia 1886 vol. IX, 610 Frdr. v. Zarncke, Das Engl. Volksbuch 
vom Doctor Faust. Eine Neuausgabe des Druckes von 1592 besorgte H. Logeman. 
Ph.D. Prof. of Engl. Philology in the üniversity of Ghent 1900: The Engl. 
Faustbook of 1592 (besprochen im Beiblatt zur Anglia 12, pag. 129. 138). Vgl. 
ferner: A. W. Ward, A History of Engl, dramatic Literature. Kevis. edit, 1899« 
vol. I, 329 und 332. 

Baumann, Engl. Übersetzungen v. Goethes Faust. j. 



Einen bestimmten chronologischen Ausgangspunkt haben 
wir für die Ballade „The Life and Death of Doctor Faustus 
the great Conjurer". Am 28. Februar 1589 heutiger Zeitrechnung 
wurde die Erlaubnis zu ihrem Druck erteilt. Vielleicht ist sie 
identisch mit der auf uns gekommenen Ballade „The Judgment 
of God showed upon One John Faustus, Doctor in Divinity". 

Das englische Volksbuch erhielt eine Fortsetzung in: „The 
second Report of Doctor John Faustus, containing his appearances 
and the deedes of Wagner. Written by an English Gentleman 
Student in Wittenberg . . . London 1594". — Es ist keine Über- 
setzung des deutschen Wagnerbuches sondern ein selbständiges 
Werk, dessen interessantestes Kapitel vielleicht die phantastische 
Erzählung von „The Tragedy of Doctor Faustus seen in the 
Air" ist. 

Eine freie epische Bearbeitung der Sage findet sich in 
„Nova Solyma, the Ideal City, or Jerusalem Regained" 1648. 1 ) 
Der Übersetzer des lateinisch geschriebenen, anonymen Werkes, 
Rev. Walter Begley, wollte die Autorschaft Milton zuweisen. 
Es ist ein didaktischer Roman, der sich mit Erziehungsfragen, 
mit Religion und Theologie befaßt, und der, was den Aufbau 
der Handlung betrifft, an den Euphuismus erinnert. Die Be- 
trachtungen wechseln mit Schilderungen mannigfacher Abenteuer 
ab, unter denen eine längere Episode, betitelt: „The Remarkable 
Case of Theophrastus", von einem Alchimisten erzählt, der einen 
Bund mit dem Teufel geschlossen. Alle spätere Reue sucht 
dieser in seinem Opfer durch Versprechungen oder schreckliche 
Drohungen zu ersticken. Vor seinem Tode wird Theophrastus 
vom Teufel aufs Grausamste gepeinigt. Aber schließlich stirbt 
er, durch die Gebete seiner Freunde von den Anfällen des 
Bösen erlöst, als gläubiger Christ. Wir haben hier also einen 
ganz neuen Zug: die Versöhnung des Teufelsbündlers mit seinem 
Gott. Vor Goethe tritt diese Lösung hier vielleicht einzig auf. 
Doch beruht sie nicht auf der aufgeklärten Denkweise des Ver- 
fassers von „Nova Solyma", sondern sie entspringt aus der stark 
religiösen Tendenz, die in der Erzählung und den Reflexionen 
Theophrasts und seiner Freunde deutlich hervortritt. 



*) Novae Solymae Libri Sex. Nova Solyma The ideal City, or Jerusalem 
Regained. An anonymous romance written in the time of Charles I. Now 
ftrst djuwn from obscurity and attributed to the illustrious John Milton. By 
the Rev. Walter Begley. London 1902. 



Noch lange nach dem Verschwinden der Marloweschen 
Tragödie wird ihrer in einer Eeihe von Komödien und Possen 
gedacht. Das Publikum muß also die Anspielungen verstanden 
haben, und wir können daraus auf seine völlige Vertrautheit 
mit der Sage und wohl auch mit dem Drama schließen. — Eine 
neue Eichtung in der Art der Bearbeitung scheint Ende des 
17. Jahrhunderts durch W. Mountford's „The Life and Death 
of Doctor Faustus, made into a Farce" inauguriert worden zu 
sein. 1 ) Das Stück ist ein derber Schwank, dessen Wirkung 
hauptsächlich in den grotesk komischen Partien und an der 
Einführung von Harlequin und Scaramouche lag. Diese „Farce" 
wurde 1697 veröffentlicht, ihre Entstehung ist aber vor 1692, 
dem Todesjahr des Verfassers, anzusetzen. Eine andere Posse, 
die die Sage vom Doktor Faust bearbeitet, nennt Karl Engel 
in seiner Zusammenstellung der Faustschriften: 

„A dramatick Entertainment call'd the Necromancer: or 

Harlequin Doctor Faustus. As performed at the Theatre Royal 

in Lincolns- Inn-Fields . . . London 1724. 3 rd edition". 1768 er- 
schien davon die 9. Ausgabe. 

Das Britische Museum besitzt Ausgaben aus den Jahren 
1723 und 1731. Ein Druck von 1796, ebenfalls im Britischen 
Museum, enthält dieselbe Posse zusammen mit Fausts Leben. — 

Wenn schon in der „Farce" von Mountford ein sehr geringer 
Einfluß Marlowes zu konstatieren ist, so tragen die aus ihr ent- 
standenen zwei Gattungen keine Spur mehr davon. Die Sage 
kam nun einerseits in den eigentlichen „Puppet -shows" anderseits 
in den „Faustpantomimes", die daraus hervorgingen, sehr ver- 
stümmelt auf die Bühne. Die letzteren sind nach A. Diebler 2 ) 
vertreten durch: 

„Harlequin Doctor Faustus, with the Masque of the Deities". 
Composed by John Thurmond, Dancing Master. London 1724". 
Ein Abdruck stammt aus dem Jahr 1727. A. Diebler gibt davon 
einen Abdruck; es sind eine Reihe Schelmenstreiche, die Faustus 
und Mephistophilus ausführen. Die „Masque of the Deities" 



*) W. Mountford, The Life and Death of Doctor Faustus . . . hrsg. 
ton Otto Prancke. Heilbronn 1886. Einleitung. — A. Diebler, Faust- und 
Wagnerpantomimen in England. AngliaVII, 341. 

*) A. Diebler, Faust- und Wagnerpantomimen in England. Anglia VII, 
341ff. 

1* 



sei ein angereihtes Possenspiel mit pompöser Vorführung einiger 
mythologischer Figuren. 

„The Miser, or Wagner and Abericock, a Grotesque Enter- 
tainment, by John Thurmond. London 1727". Diese Pantomime 
habe mit dem Buch von „Chr. Wagners Leben und Taten" nichts 
gemein als die Einführung des Geistes Abericock (im Wagnerbuch 
Auerhahn). Sie behandle das Motiv des Geizigen. 

A. Hayward nennt noch im Anhang zu seiner Übersetzung 
von Goethes Faust in der „Historical Notice of the Story of 
Faust": 

„Harlequin Dr. Faustus, or the Devil will have his Own. 
Pantomime. 1793". 

Alle diese Bearbeitungen für die Bühne haben ästhetisch 
gar keinen Wert, sie zeigen uns aber, daß die Sage in England 
genau dasselbe Schicksal hatte, wie auf dem Kontinent. Auch 
die Kritik befaßt sich mit dem Lieblingsthema der Autoren und 
des Volkes. Während Alexander Pope in seiner „Dunciad" 3. 185 
das Lächerliche des damaligen Faustspiels verspottet, erklärt 
sich ein gewisser James Ralph 1731 in „The Taste of the Town": 
or „A Guide to all Publick Diversions" „the surprizing Run of 
Success that attended the Farcical, Musical Dance of Doctor 
Faustus" aus der „Religious, Moral, Poetick Justice so finely 
interwoven through the whole Piece, particularly, in the wicked 
Conjurer's dismal End. . . . These lively Ideas of Hell deservedly 
drew the Town after them". 1 ) Der Kritiker mag nun wohl zuweit 
gegangen sein, wenn er allein darin den wahren Grund des 
Erfolges sieht, aber wir freuen uns über den Ausspruch, weil 
er uns zeigt, wie J. Ralph unter all dem Fratzenhaften und 
Plumpen den schönen Kern und die Tiefe des Problems erkennt. 

Einmal wird der Versuch gemacht, unabhängig vom Volks- 
buch, Faust einen geschichtlichen Hintergrund zu geben. Dem 
Realisten Daniel Defoe mochte die Sage auf zu wenig sicherm 
Boden stehen. Im 2. Teil seiner „Political History of the Devil" 
1726 klärt er sein Publikum mit einer kurzen glaubhaften Er- 
zählung auf, es sei „Doctor Faustus or Foster of whom we have 
believed such stränge things the Servant, or Journeyman, or 
Compositor to Koster of Hartem, the first inventor of Printing". 



*) Alexander Tille, Die Faustsplitter in der Literatur des 16.— 18. Jahr- 
hunderts nach den ältesten Quellen. Berlin 1900, S. 1038. 



„The History of the Devil as well ancient as modern" ist eine 
Abhandlung über den Ursprung, das Wesen, über die Wirk- 
samkeit des Teufels im einzelnen Menschen wie im Leben ganzer 
Völker von der Erschaffung der Welt an bis auf Defoes Zeit. 
Der Autor behandelt den Stoff bald vom politischen, bald vom 
moralischen und religiösen Standpunkt, oft mit fast wissen- 
schaftlicher Gründlichkeit, dann wieder im Ton des unterhaltenden 
und scherzenden Erzählers. Immer aber ist er der ernste, eifrige 
Moralist und Erzieher der Menschheit. Zuweilen blitzt ein 
satirisches Streiflicht herein, das entweder allgemein menschliche 
Irrtümer und Fehler, oder die Torheit und Schlechtigkeit be- 
stimmter Zeitgenossen scharf beleuchtet. In der Mischung von 
harmloser Ironie und heiligem, oft bitterm Ernst liegt das Neue 
seiner Behandlungsart und zugleich auch eine gewisse Verwandt- 
schaft mit der Groetheschen Auffassung des Charakters. 



Bibliographische Zusammenstellung 
der Übersetzungen. 



Obwohl nun so die Gestalt Fausts von ihrem ersten Er- 
scheinen an bis auf Goethe den Engländern völlig vertraut war 
und immer großes Interesse fand, entstehen die ersten Versuche 
einer Übersetzung des Goetheschen Faust erst spät. Ein Grund 
liegt vielleicht in der Verständnislosigkeit, auf die das Werk in 
England stieß. Vom Fragment, das 1790 erschien, ist nicht 
einmal eine Erwähnung in der zeitgenössischen englischen Kritik 
zu finden, und der 1808 herausgegebene I. Teil wird erst 1810 
in einem Artikel der Monthly Review besprochen. Nach 
R. G. Alf ord *) ist William Taylor of Norwich der Rezensent 
Dieser sieht in Faust nur „a wild production of the insanity 
shall we say, or of the genius of its celebrated author" und 
fragt: „Who can refrain from grief on receiving such impure 
trash from the Goethe who in Iphigenia and Tasso has approached 
nearest of all the moderns to becoming the real Sophocles?" 
Der Rezensent gibt dann eine kurze Inhaltsangabe, aus der man 
aber schließen muß, daß er Goethes Faust gar nicht gelesen 
hat. Er kann nicht einmal den Gang der Handlung der Ent- 
wicklung gemäß erzählen, sondern wirft die verschiedenen Be- 
gebenheiten kunterbunt durcheinander. Er hat aber nicht nur 
keine Ahnung vom äußeren Aufbau des Stückes; er macht aus 
Faust einen Trunkenbold und Spieler, der Wirt und Gäste be- 
trügt. Kein Wunder, daß er am Schluß warnt: „The absurdities 
of this piece are so numerous, the obscenities so frequent, the 
profaneness so gross, and the beauties so exclusively adapted 



*) Publications of the Engl. G.-S. vol. VII, 1891/92. Goethe's Earliest 
Critics in England. By E. G. Alford. 



for German relish that we cannot conscientiously recommend its 
importation, and still less the translation of it, to our English 
students of German Literature". Das einzig Richtige ist sein 
Urteil über die Hexenküche, von der er sagt, sie sei mit der 
Phantasie eines Breughel skizziert. 

Ein anderes literarisch bedeutendes Blatt, The Edinburgh 
Review, kritisiert 1813 in ähnlicher Weise: „We admit the 
terrible energy of that most odious of the works of genius, in 
which the whole power of imagination is employed to dispel the 
charms which poetry bestows on human life". 1 ) Noch eng- 
herziger urteilt Coleridge in seinem „Table -Talk": „I was once 
pressed many years ago to translate Faust . . . But then I 
debated with myself whether it became my moral character to 
render into English — and so far, certainly, lend my countenance 
to — language much of which I thought vulgär, licentious and 
blasphemous ". 

Erst 1817 tritt das Blackwood Magazine 2 ) der Edinburgh 
Review entgegen und ergreift Partei für Goethe und namentlich 
für seinen Faust. Es bringt denn auch 1820 im VII. Bande unter 

dem Titel: „The Faustus of Goethe" die ersten Versuche einer 

«. 

Übersetzung einer ganzen Reihe von Szenen. Der Verfasser ist 
John Anster. Zwölf Jahre hatte es also gedauert, bis die erste 
größere Übersetzungsprobe erschien. 

Mit dem Jahr 1823 beginnt dann die lange Reihe der 
englischen Faustübersetzungen, die sich den vollständigen I. Teil 
zur Aufgabe gemacht, oder nur die nicht eigentlich zur Handlung 
gehörigen Szenen ausgeschlossen haben. Es sind deren 35, die 
letzte fällt ins Jahr 1897. Neben diesen existieren noch eine 
beträchtliche Anzahl von Bruchstücken und Bühnenbearbeitungen, 
die hier nicht in Betracht kommen können. Von den größeren 
Fragmenten sei eines wegen der Bedeutung seines Verfassers 
erwähnt, ein anderes, weil es zum ersten Mal eine zusammen- 
hängende Wiedergabe des Inhalts einem größeren Publikum vor- 
zulegen versucht. 

Unter den Ersten, die Szenen aus Faust übertrugen, 
ist P. B. Shelley mit seinen Scenes from the Faust of 



») Publications of the Engl. G.-S. vol. VII, 8 ff. R. C. Alford. Goethe'» 
Earliest Critics in England. 
*) Ebenda. 



8 

Goethe. 1 ) Es sind der Prolog im Himmel und die Walpurgis- 
nacht. Die Hymne der drei Engel ist eine schöne, klangvolle 
Wiedergabe des Originals, im folgenden Dialog ist die Milde 
und Hoheit des Herrn, die harmlose Frivolität Mephistos nicht 
herausgebracht. Besser ist die Walpurgisnachtszene gelungen 
trotz der vielen Mißverständnisse. Die Bearbeitung der Faust- 
strophe im Wechselgesang zeigt große klangliche Schönheit, und 
onomatopoetisch schön ist Mephistopheles* Schilderung vom Sturm. 
Diese Versuche fallen ins Jahr 1822, wurden aber erst 1824 
gedruckt 

1820 erschienen Eetzsch's Series of twenty-six outlines 
illustrative of Goethe's Tragedy of Faust, engraved from the 
Originals by Henry Moses. And an Analysis of the Tragedy. 
London, Boosey and Sons, 1820. 

Diese „Analysis" wurde erweitert und ohne Bildschmuck 
herausgegeben unter dem Titel: Faustus, from the German of 
Goethe. London, Boosey and Sons, 1821. 

Carlyle kritisiert diese „ Analysis " in seinem ersten Faust- 
aufsatz 2 ) in der New Edinburgh Review 1822 scharf, gibt eine 
genaue Inhaltsangabe des Goetheschen Werkes und eine Charak- 
teristik der Personen (1832 bringt er noch einen kleinen Über- 
setzungsbeitrag für den I. Teil des Faust: den Fluch). Er tadelt 
an der „Analyse 4 * mit Recht, daß der Titel irre führe, weil er 
Erwartungen wecke, die im Buche nicht erfüllt werden. Wir 
haben es nur mit einer teilweisen Übersetzung zu tun, die — 
wie der Verfasser sagt — nur „the most striking passages and 
scenes of the original" in Blankversen wiedergibt und diese 
durch eine Inhaltsangabe der übrigen Teile verbindet. Den 
poetischen Wert spricht ihr Carlyle ab: „The extracts are rendered 
into clear and feeble blankverse — generally without great 
violence to the meaning of the original, or any attempt to 
imitate the matchless beauty of its diction . . . We have feit 
mortified at seeing the bright aerial creations of Goethe meta- 
morphosed into such a stagnant, vapid caput mortuum". Noch 
ein anderer Vorwurf muß dem Übersetzer gemacht werden: er 

*) Ernst Margraf, Einfluß der deutschen Literatur auf die englische 
am Ende des 18. und im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. Inauguraldiss. 
Leipzig 1901. E. Dowden, The Life of P. B. SheUey. II, 474 f. 

*) Neu herausgegeben von Eich. Schröder, Ths. Carlyles erster Faust- 
aufsatz 1821. Braunschweig 1896. 



versteht die Charaktere nicht, wodurch eigentlich ein Zerrbild 
des Originals entsteht. In Faust sieht er nur einen gewöhnlichen 
Menschen mit seinen Schwächen und guten Eigenschaften, den 
Hauptzug, das Titanische in ihm, bemerkt er gar nicht. So 
wenig wie Faust vermag er Gretchen zu zeichnen. Der Duft, 
der diese Gestalt bei Goethe umgibt, ist ganz verweht, ihre 
frische Naivität, ihre Herzenswärme und Reinheit kommen nirgends 
zum Ausdruck, weil die Szenen, die diese Züge in so unvergleich- 
licher Weise darstellen, unterdrückt sind. Sie gehören für den 
Anonymus jedenfalls nicht zu den „most striking passages". 

Dieser und der Anstersche Versuch sind die Vorarbeiten, 
die dem nächsten Übersetzer vielleicht bekannt sein mochten. 

1. Faust, a drama by Goethe. And Schiller's Song of the 

Bell. Translated by Lord Francis Leveson Gower. 
London, John Murray, 1823. Eine zweite Auflage etwas 
verbessert 1825. 

Lord Gower glaubt wie sein Vorgänger Rücksicht auf das 
Zartgefühl seiner Leser nehmen zu müssen — als hätte noch 
keiner von ihnen einen Shakespeare in der Hand gehabt — und 
umgeht darum eine Reihe von Szenen und einzelnen Stellen, vor 
allem natürlich den Dialog zwischen dem Herrn und Mephistopheles. 
Bescheiden gibt er zu, daß er einiges weglasse, was für ihn 
dunkel und unverständlich geblieben sei. Er begeht dabei eine 
Unterlassungssünde, weil er diese weggelassenen Stellen nicht 
immer mit ** bezeichnet, und so ist sein Gedankengang oft 
sprunghaft und unmotiviert. Seine Arbeit ist voller Mißver- 
ständnisse, Widersprüche und unerhörter Plattheiten. Von der 
Tiefe der Empfindung, von der Größe des Gedankenfluges kann 
Gower seinen Lesern kaum eine Ahnung geben. Oft, wo er 
nicht mehr zu folgen vermag, setzt er seine eigenen Reimereien 
hin. Seine Übersetzung ist gänzlich verfehlt, und man muß bei 
ihm eben den guten Willen für die Tat nehmen. 1 ) 

2. Faust, a dramatic poem by Goethe. Translated into 

English prose with remarks on former translations and 
notes. By A. Hayward. London, Moxon, 1834. 

*) Angaben über Besprechungen dieser und der folgenden Übersetzungen 
siehe unter Literatur. 



10 

Sie ist die erste Prosaübersetzung und erschien zuerst 
anonym 1833. Bis 1874 wurde sie immer wieder neugedruckt 
und erlebte neun Auflagen. 

Was das Verständnis für den Inhalt anbetrifft, bedeutet diese 
Haywardsche Übertragung einen sehr großen Fortschritt. Es 
finden sich darin auffallend wenige Mißverständnisse. Hayward 
hält sich möglichst eng an sein Original, so daß nur wenige 
Unterdrückungen vorkommen. Er sucht also den Forderungen 
der Treue und Genauigkeit gewissenhaft gerecht zu werden, und 
auf ihn und seine Anmerkungen stützen sich die meisten seiner 
Nachfolger. Ein anderes Moment hat aber der Prosaist nicht 
festzuhalten vermocht: den Eeiz, die Musik des Verses und die 
damit verbundene Verschiedenartigkeit der Stimmung. Er hat 
also wohl das inhaltliche Verständnis für die Dichtung mit 
einem Mal erschlossen, nicht aber ihre poetische Schönheit. Und 
das umsoweniger, als seine Prosa oft schwerfällig ist, sehr häufig 
die charakteristischen, die künstlerisch feingewählten Adjektive 
übergeht. Überdies zeigt seine Schreibart viele Latinismen, die 
dem Geist der Dichtung nicht entsprechen. 

3. Faust, a tragedy. Part I in five acts. By J. W. v. Goethe. 
Translated into English verse, with notes and preliminary 
remarks by J. S. Black ie. Edinburgh and London, Black- 
wood 1834. 

Eine zweite Auflage erreichte sie 1880. 

Blackie zeigt im Gegensatz zu Hayward wieder die Eng- 
herzigkeit Gowers und des Anonymus gegenüber dem Prolog im 
Himmel, den er nur teilweise im Anhang übersetzt; er bedeutet 
also in dieser Beziehung einen Rückschritt. So wenig wie seine 
Vorgänger vermag Blackie die Schönheit der Form, die Musik 
des Verses und die Stimmung festzuhalten. Er ist meistens 
matt, kleinlich, banal, seine Verse und Reime sind oft schlecht, 
geschraubt infolge des metrischen Zwanges. In seiner „ Pref ace " 
sagt er von solchen Reimen, die in einer Originalkomposition 
nicht zulässig wären, höchst naiv: „They never occur, except 
from perhaps an overanxions striving to keep as nearly as 
possible to the German text". 1 ) Auch er vermag das Goethesche 
Gretchen nicht mit jenem Reiz zu umgeben, in dem es uns die 

') Preface pag. XII. 



11 

Verkörperung aller Lieblichkeit ist; vor allem fehlt ihm die 
Unmittelbarkeit, die Wärme. Auch Mephistopheles ist in der 
Zeichnung mißlungen, er erscheint als plumper Spaßmacher. 

4. Faust, a tragedy. Translated from the German of Goethe. 

By David Syme. Edinburgh und Leipzig, 1834 

Symes Arbeit steht tiefer als die Blackiesche. Neben 
häufigen Mißverständnissen und Kürzungen, die Dunkelheiten 
rufen, entstellen Glossen, Erweiterungen, die sich oft gar nicht 
mit dem Text vertragen, das Original. Platte, nüchterne Blank- 
verse mit unerlaubten Inversionen zeigen das Dilettantische 
dieser Übersetzung im hellsten Licht. Alle drei Personen haben 
sich unter seinen plumpen Händen verändert: Gretchen erscheint 
affektiert, kokett und geschwätzig, Mephisto fehlt das Sarkastische, 
Hämische — „he affects the fine gentleman" sagt die Dublin 
Review 1840 von ihm — und Faust ist namentlich in der letzten 
Szene ein Schauspieler, so unreal und konstruiert. 

5. Faustus, a tragedy. Translated from the German of Goethe. 

London, Simpkin and Marshall, 1834. 

Der Anonymus übersetzt den Prolog nicht, „as I cannot 
but think that the tone of levity with which it treats matters 
of the most sacred nature must be repugnant to English feelings". 
Ebenso fehlt das Vorspiel und das Intermezzo „as having no 
necessary. connection with the piece and as not possessing any 
particular interest to the reader". 1 ) Also auch hier Engherzig- 
keit und Kurzsinn. Die Übersetzung ist hauptsächlich in Blank- 
versen geschrieben. Sie sind fließend, dann und wann nicht 
ohne Kraft, meistens aber langweilig; sie verebnen das Wogen 
der wechselnden Empfindungen zu sehr und geben dem Ganzen 
ein zu gleichmäßiges Gepräge. 

6. Faustus, a dramatic Mystery. Translated from the 

German of Goethe, and illustrated with notes, by John 
Anster, L. L. D. London, Longman, 1835. 

Bis auf den heutigen Tag wurde sie immer wieder gedruckt 
und erlebte sechs Auflagen. 



l ) Preface pag. VE. 



12 

Die Anstersche Arbeit nimmt unter den vielen Über- 
tragungen eine isolierte Stellung ein. Sie ist eine Nachdichtung, 
die das Original innerlich und äußerlich entstellt. Sie übertrifft 
es ungefähr um einen Siebtel der Verszahl. Die Zueignung ist 
nicht übersetzt. 

7. The Faust of Goethe, attempted in English rhyme. By 

the Hon. Rob. Talbot. London, Wacey, 1835. 

Eine zweite Auflage mit gegenüberstehendem deutschen 
Text erschien 1839. 

Talbot entfernt sich wenig vom Original, auch sind die 
Fehler nicht sehr zahlreich, aber er nivelliert das Realistische 
wie das Idealische ängstlich und kleinlich, gibt kühle Rhetorik 
für warme Empfindung und bringt statt der Goetheschen kon- 
ventionelle Lyrik. 

8. Faust, a tragedy in two parts by Goethe. Rendered 

into English verse. London, A. Taylor, 1838. 

W. Heinemann *) bemerkt dazu: „Die erste poetische Über- 
setzung des ganzen Faust, zum großen Teil in Blankversen; die 
lyrischen Partien sind frei wiedergegeben. Unsres Erachtens ist 
dies eine der schönsten englischen Bearbeitungen und was die 
dichterische Diktion anbetrifft, ist sie wohl unübertroffen. Es 
ist daher zu bedauern, daß die anonym erschienene und nur in 
50 Exemplaren gedruckte Auflage nie an die Öffentlichkeit ge- 
langt ist. Voraus geschickt ist dem ersten Bande ein nahezu 
24 Seiten langes einleitendes Gedicht". Ein Exemplar liegt im 
Britischen Museum. Diese Übersetzung war mir nicht zugänglich. 

9. Faust, a tragedy by J. W. Goethe. Translated into 

English verse by Jonathan Birch. London, Black and 
Armstrong, 1839. 

Sie ist dem deutschen Kronprinzen gewidmet und mit den 
Illustrationen von Retzsch geschmückt, die das Beste daran 
sind. Die Dublin Review von 1840 sagt über die Arbeit: „As 
a translation it is bad, as a poetic translation it is worse, but 
as a translation of Faust it is worst of all". Birch leistet 



J ) W. Heinemann, Faust in England nnd Amerika, eine bibliogr. Zu- 
sammenstellung. Berlin 1886. 



\ 



13 

wirklich Unglaubliches im Banalen, Absurden. Zum Übersetzer 
fehlt ihm schlechterdings alles. Dennoch ist er so arrogant in 
seiner Vorrede und den Noten auf seine vollständige Unab- 
hängigkeit von seinen Vorgängern zu pochen; daraus erklären 
sich die unzählbaren Mißverständnisse. Wagner widmet er eine 
lange Eettung, er ist für ihn „of great singleness of heart". 
1843 erschien dieses armselige Machwerk noch einmal mit dem 
IL Teil von Faust. 1886 wählte sie Thomas Beecham als An- 
nonce für seine Pillen. „Unter jeder Druckseite ist in fetten 
Buchstaben gedruckt: Beecham's Pills" (I). 1 ) 

10. Faust, a tragedy. By Goethe. Translated into English 

verse (with notes) by John Hills. London and Berlin, 
1840. 

Es ist schade, daß Hills durch Metrum und Reim so beengt 
ist, er findet oft den warmen, sogar leidenschaftlichen Ton und 
bemüht sich, genau zu übersetzen, wenn auch metrisch nicht so 
genau wie er in der Vorrede verspricht. 

11. Faust, a tragedy, by Goethe. Translated into English 

verse by Lewis Filmore. London, Smith, 1841. 

Filmores Übertragung erlebte mehrere Neuauflagen bis 1866. 

Sie ist sehr nüchtern, häufige Wiederholungen müssen die 
dürren Verse füllen. Die Personen sind Worthelden, die im 
Wortschwall vergeblich den Mangel an Empfindung zu decken 
versuchen. 

12. Goethe's Faust, translated into English verse. By Sir 

George Lef evre, M. D. London, Nutt, 1841. 

Eine zweite Auflage Frankfurt a. M., Jügel, 1843. 

Der Verfasser sagt in der Vorrede, seine Übersetzung 
mache keinen Anspruch auf Poesie, nur die Treue, mit der er 
übersetzt, könne ihr einigen Erfolg sichern. Warum schreibt 
er sie denn nicht in Prosa? Man kann sich vorstellen, was für 
einen Genuß solche in Verse umgesetzte Prosa bietet. Was seine 
vielgepriesene Treue anbetrifft, so fällt auch dieser imaginäre 
Vorzug selbst bei der oberflächlichsten Vergleichung mit dem 
Original sofort dahin. Ohne irgend eine Erwähnung läßt er den 



*) W. Heinemann, Faust in England und Amerika. 



1* 

Dialog zwischen dem Herrn und Mephistopheles weg, und eben- 
so macht er es noch mit einer Reihe von einzelnen Versen und 
mit dem Intermezzo. Verlesungen und Mißverständnisse finden 
sich in Menge, er kann nicht einmal grammatisch richtig 
schreiben und in seinen Reimnöten macht er verzweifelte An- 
strengungen. Daß bei all dem die Personen nur Puppen sind, 
ist nicht zu verwundern. 

13. Faust, a tragedy by J. W. v. Goethe. Translated in the 

original metres with notes by Captain Knox. London, 
J. Ollivier, 1847. 

Der Verfasser zeigt wenigstens ein ernstes Bestreben, der 
schweren Aufgabe gerecht zu werden; er bemüht sich, getreu 
zu übersetzen und die Stimmung festzuhalten. Aber es fehlt 
ihm an Geschmack, an künstlerischem Urteil, an der Fähigkeit 
Charaktere zu zeichnen. Fast überall ist der Dialog ohne Leben 
und Wahrheit, unausstehliche Übertreibungen zeigen auch hier 
das Dilettantische und ein Haupterfordernis für den Übersetzer 
bringt er nicht mit: er ist mit dem Deutschen nicht vertraut. 
Er überschätzt sich also sehr, wenn er in der Vorrede glaubt, 
mit gutem Gewissen sagen zu können, er habe nichts verdorben. 
Ebensowenig hat er sein Versprechen, die metrisch genaue 
Wiedergabe betreffend, erfüllt. 

14. Faust, a tragedy by Goethe. Translated by Anna 

Swanwick, L. L. D. London, Manwaring, 1849. ') 

Erlebte bis 1902 immer wieder Neuauflagen in England 
und Amerika. Die jüngste Auflage kam 1905 heraus „with 
introduction and bibliography by Karl Breul Litt. D., Ph. D. 

Mit der Swanwickschen Arbeit erhebt sich die englische 
Übersetzungskunst auf eine höhere Stufe. Im Vergleich zu den 
vorangegangenen Übertragungen ist die ihrige unbedingt die 
beste. Sie findet oft den poetischen Ausdruck und sucht dem 
Original genau zu folgen. Leider zeigt sie eine starke Neigung 
zum Konventionellen. 



*) Nach Dr. Eug. Oswald, M. A. Göttingen, Goethe in England and 
America, Bibliography 1899 (Die neuem Sprachen VII), wäre die erste Ausgabe 
1850 in „Dramatic Works of Goethe" erschienen. 



15 

15. Goethe's Faust: the first part, with an analytical trans- 

lation and etymological and grammatical notes. By L. E. 
Peithmann. 1 ) London, 1854? 

Eine zweite Auflage „revised and improved" erschien 
London, Dueben, 1856. 

Hermann Kindt, der einige Übersetzungen in der „Gegen- 
wart" 1874 bespricht, sagt von ihr, sie sei langweilig, ohne 
Geist. Das Britische Museum besitzt sie nicht. 

16. Faust, a tragedy. Translated from the German of Goethe, 

with notes, by Charles T. Brooks. Boston, Ticknor and 
Fields, 1856. 

1880 erschien die 15. Auflage. 

Brooks ist der Erste, der das wechselnde Metrum und zu- 
gleich die Mischung von männlichen und weiblichen Reimen 
nachzuahmen versucht. Wenn es ihm auch nicht immer ge- 
lungen ist, so hat er doch häufig die künstlerische Wirkung 
des Metrumwechsels beobachtet. Dieses Bestreben ist aber 
manchmal nachteilig für den poetischen Wert seiner Arbeit, 
weil er sich dadurch zu Füllseln verleiten läßt, die der be- 
treffenden Stimmung nicht angepaßt sind. Am besten liegen 
Brooks die humoristischen Szenen und das Volkstümliche; aber 
die guten Partien können den Eindruck des Unfreien, den die 
Übersetzung als Ganzes macht, nicht verwischen. 

17. Faust, a tragedy. Translated into English verse from 

the German of Goethe. By John Galvan. Dublin and 
London, 1860. 

Galvans Übertragung ist zum größten Teil eine Karrikatur 
des Goetheschen Faust. Mephistopheles ist nur ein Hanswurst, 
der mft seinen Spässen Faust eine ganz neue Seite abgewinnt: 
das Komische. Gretchen verfällt in einen ähnlichen Ton und 
wird zur ausgelassenen Dirne. Die Monologe sind durch Über- 
treibungen verzerrt, und wo einmal der Ernst bewahrt ist, ist 
alles flach und. gewöhnlich. 

18. Faust. Translated from the German by von Beresford. 

Cassel und Göttingen 1862. 

l ) Eugen Oswald, Goethe Bibliographie 1899 erwähnt sie nicht. 



7 



16 

Eine würdige, oft schöne Wiedergabe, die aber wegen 
vieler unenglischer Ausdrücke und Wendungen ihren Wert zum 
Teil einbüßt. Faust und Gretchen sind aus. demselben Grunde 
wesenlos. Beresford besitzt offenbar poetisches Empfinden, aber 
er scheint die Sprache nicht zu beherrschen. 

19. Goethe's Faust. Translated into English verse By J. 

Cartwright 1 ) London 1862. 

Diese Übersetzung findet sich nicht im Britischen Museum, 
ich fand auch keine Besprechung darüber. 

20. Faust, a dramatic poem by Goethe. Translated into 

English verse by Sir Theod. Martin Part. I. Edinburgh 
and London, Blackwood and Sons 1865. 2 ) 

Erreichte 1887 die 9. Auflage. 

Was äußere Technik anlangt, ist Martins Übersetzung gut, 
aber über der Technik hat er den Geist außer Acht gelassen. 
Er ist nicht nur ungenau in der Wiedergabe des Textes, indem 
er. gern paraphrasiert, oft ganz frei überträgt und erweitert, 
durch viele Tantologien und Verblassungen im Ausdruck wird 
er manchmal frostig und steif. Seine Stärke liegt in den heiteren 
Partien. 

21. Translation of Goethe's Faust. By William Barnard 

Clarke. Freiburg i. Br. 1865. 

Diese Übertragung gehört zu den fehlerhaftesten, sie strotzt 
von Ungeheuerlichkeiten und Mißverständnissen. Die Kenntnis 
des Deutschen geht Clarke gänzlich ab, ebensowenig beherrscht 
er seine Muttersprache. So übersetzt er einzelne Ausdrücke 
und Sätze wörtlich in einer Weise, die jeder Grammatik Hohn 
spricht. Er ist ein höchst ungeschickter Reimschmied und hat 
eine in jeder Beziehung wertlose Arbeit geliefert. 

22. Faust, a dramatic poem by Goethe, translated by John 

Wynniat Grant. London, Hamilton, 1867. 



*) Heinemann nennt sie in seiner bibliographischen Znsammenstellung, 
Engen Oswald dagegen erwähnt sie nicht. 

*) E. Oswald gibt die I. Auflage 1866 an, Heinemann aber notiert zu 
dieser Zeit schon die zweite, ebenso The Publisher's Circular 1866. 



\ J 



17 

Nur in wenigen mit des Übersetzers Unterschrift versehenen 
Exemplaren veröffentlicht. 

Wenn es möglich wäre, stände diese Verballhornung von 
Goethes Faust noch tiefer als die vorige Arbeit. Alles ist 
seicht und verstümmelt. Von der geistigen Größe des Gedichts 
hat Grant nicht den leisesten Schimmer bewahrt. Auch er 
scheint die einfachste Reimregel nicht zu kennen, denn er reimt 
Wörter, die höchstens in den zwei letzten Buchstaben über- 
einstimmen. 

23. Faust, a tragedy, by J. W. v. Goethe. Translated in the 

original metres by Bayard Taylor. Boston, 1871. 

Erreichte eine Reihe von Neuauflagen in Amerika und 
England, 1886 die neunte. 

Die würdigste, dem Original sich am meisten nähernde 
Übersetzung. 

24. Faust, a tragedy. Translated into English Rhyme by 

C. Kegan Paul. London, King & Co., 1873. 

C. Kegan Paul zieht den Schleier vom poetisch Verhüllten 
und erklärt und umschreibt, was Goethe absichtlich mit Dämmer 
umgibt. Es fehlt dem Übersetzer an der Fähigkeit, sich in die 
Charaktere hineinzufühlen, sie zu durchleben. Auch geht ihm 
der künstlerische Blick für das Wesentliche, das Eigenartige 
ab, und vor allem ist er kein Lyriker. Das Intermezzo ist 
ohne Anmerkung weggelassen. Mißverständnisse und Ungenauig- 
keiten sind! zahlreich. 

25. Faust, a tragedy by J. W. v. Goethe. The first part. 

Translated in the original metres by T. J. Arnold, Esq. 

London, Stuttgart und Munich, 1877. 

Diese Übersetzung wurde auch in Amerika publiziert. Mir 
lagen nur einige wenige Proben vor, die zeigen, daß auch Arnold 
nur teilweise die Metren des CÄ-iginals wiederzugeben vermag, 
und auch bei ihm schadet dieses Bestreben der Natürlichkeit 
der Personen. 

26. Faust, a Tragedy by J. W. v. Goethe. Translated into 

English verse by Charles Hartpole Bowen. London, 
Longmans, 1878. 

Bau mann Engl. Übersetzungen, v. Goethes Faust. 2 



18 

Wieder eine sehr verunglückte Übertragung im Stile Clarkes. 
und Grants. Alles Hohe und Schöne ist in platte Alltäglichkeit 
herabgewürdigt und im Bänkelsängerton gehalten. Der Ver- 
fasser scheint seine Schüler arbeit, nachdem sie 40 Jahre im 
Pulte gelegen — wie er berichtet — , wie sie war, ohne sie 
noch einmal durchzusehen, dem Druck übergeben zu haben. 

27. The Faust of Goethe. Part I. In English verse by 

W. H. Colquhoun. London, Perth, 1878. 

Nicht besser als die vorhergehende Arbeit. Colquhoun 
übersetzt meistens wörtlich, von einer natürlichen Sprache ist 
keine Rede, unerlaubte Inversionen und allerlei syntaktische 
Verrenkungen kommen auf jeder Seite vor, ebenso schlecht sind 
seine Reime. Auch ihm geht jede Anlage zum Übersetzer eines 
Kunstwerkes wie Faust ab. 

28. Faust, a Tragedy by Goethe. Translated into English 

verse by William Dalton Scoones, B. A. London, 
Trübner & Co., 1879. 

Stellenweise sind die lyrischen Partien hübsch, das Über- 
menschliche in Faust dagegen ist durch kalte Verstandesreflexionen 
abgeschwächt. Scoones scheint auf Martin zu fußen, ist aber 
weniger großzügig, wenn auch getreuer als dieser. 

29. Faust, a Tragedy by Goethe. Translated chiefly in 

Blankverse with Introduction and Notes by James Adey 
Birds, B. A. London, Longmans, 1880. 

Textlich eine getreue, wenig fehlerhafte Übersetzung, die 
aber weder den Geist noch die Stimmungen festzuhalten versteht. 
Die Blankverse sind größtenteils prosaisch. Die Einleitung um- 
faßt 81 Seiten und zeigt eine große Belesenheit und eifriges 
Studium in den einschlagenden Gebieten. Birds hat ein gutes 
Verständnis für das Original, was aber mehr in der Einleitung 
als in der Übersetzung zum Ausdruck kommt. 

30. Faust, from the German of Goethe. By Th. E. Webb, 

L. L. D. Regius Professor of Law in the University of 
Dublin. Dublin, University Press Series, 1880. 



19 

Neben wenig Annehmbarem, viel ganz Verfehltes, Webb 
vermag der Hochflut der Gedanken und der Leidenschaft nicht 
zu folgen, er ist höchst unpoetisch, oft geschmacklos. Am besten 
zeichnet er die humoristischen Züge Mephistos, aber das Teuf- 
lische in ihm ist zu wenig charakterisiert. 

31. Faust, a Tragedy by Joh. Wolfgang v. Goethe. The first 

part. Translated in the original metres by Frank 
Claudy. 1 ) Washington D. C, Morrison, 1886. 

Die Westminster Eeview von 1887 bemerkt dazu: „It is 
German-English in language" und die Nation von 1886: „It is 
interesting so far as it is the work of 15 years of labour of a 
German by birth". Die genaue Wiedergabe des Metrums, die 
ihm meistens gelungen ist, hat die Natürlichkeit und Lebendigkeit 
der Personen, die Wahrheit und Tiefe der Empfindung beein- 
trächtigt. In keiner Szene wird man den Eindruck des Er- 
zwungenen los. 

32. The Tragedy of Faustus by Johann Wolfgang v. Goethe. 

The First Part. Translated in the original rhyme and 
metre by Alfred Henry Huth. London, Longmans, 1889. 

Die Huthsche Übersetzung nimmt insofern eine gesonderte 
Stellung ein, als sie ein Experiment ist. Sie will zwei Sprach- 
epochen miteinander verquicken: „The language I have adopted 
is partly Jacobean, partly modern". Er begründet diese 
Neuerung: „To talk of supernatural beings as if one believed 
in them, in the language of the nineteenth Century, is an 
impossibility, to talk of modern philosophy or modern stage 
fittings in the language of three hundred years ago, is an 
anachronism" 2 ) (!). Das Eesultat ist natürlich eine gekünstelte, 
fremd und unsympathisch anmutende, veraltete Übersetzung 
eines Werkes, das ewig jung bleibt. Überdies sind Metrum und 
ßeim, die er genau zu bewahren vorgibt, sehr häufig frei ge- 
handhabt und letzterer größtenteils sehr nachlässig. 

33. Goethe's Faust. The First Part. With a literal trans- 

lation and notes for students. By Beta. London, D. Nutt, 
1895. 



*) Von E. Oswald nicht genannt. 2 ) Preface pag. VI. 



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20 

Das Buch gibt auf der einen Seite den deutschen Text 
und gegenüberstehend die wörtliche englische Übersetzung in 
Prosa. Sie ist keine selbständige Arbeit, sondern gänzlich ab- 
hängig von Hayward. Sie bringt gewöhnlich dieselben Aus- 
drücke, ja dieselben Sätze wie dieser. Auch wo das englische 
Idiom Mannigfaltigkeit zeigt, gibt sich der Verfasser nicht die 
Mühe, ein anderes Äquivalent zu suchen. Einige Mißverständnisse 
Haywards sind jedoch beseitigt. 

34. Goethe's Faust, translated by Albert G. Latham. l ) 

Temple Classics, 1896. 

Mir lag die Übersetzung in einem Druck von 1902 vor. 
Sie ist sehr ungleich. Neben schönen Stellen — und selbst in 
diesen — sind unendliche Geschmacklosigkeiten. Der Stil hat 
manchmal etwas Triviales, Frivoles. Am besten liegen Latham 
die humoristischen und volkstümlichen Partien. Mit mehr Glück 
als Huth verwendet er das Archaistische. 

35. Goethe's Faust. (The so-called First Part 1770—1808.) 

Together with the Scene „Two Imps and Amor", the 
Variants of the Göchhausen Transcript and the complete 
Paralipomena of the Weimar Edition of 1887. In English 
with Introduction and Notes by K Mc. Lintock. London, 
D. Nutt, 1897. 

Keine Übersetzung hat in dem Maße wie diese letzte die 
wechselnde Bewegung der Verse mitgemacht. Aber dieselbe 
Erfahrung wie bei den andern machen wir auch hier: die 
äußere Form erdrückt den poetischen Gehalt. Ja, sie verleitet 
den Verfasser zu allerlei unwürdigen Zutaten, die die Harmonie 
von Stimmung und Ausdruck zerstören. Ein anderer schwerer 
Mangel ist der, daß Mc. Lintock weder Faust noch Gretchen 
versteht. Faust ist ihm nur der Verführer, Gretchen „after all 
a young woman of rather too easy virtue". 2 ) Er bewundert 
nur die literarische Kunst, mit der sie gezeichnet ist. Kein 
Wunder, daß in seiner Übersetzung Faust und Gretchen — und 
namentlich die letztere — wenig von dem Goetheschen Gepräge 



x ) Von E. Oswald nicht erwähnt. 
2 ) Notes and Comments, pag. 375. 



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21 

tragen. Dafür rettet Mc. Lintock Frau Marthe; er sieht in ihr: 
„a fairly good natured but thoroughly vulgär soul, not too 
scrupulous but not selfish and decidedly not vicious". 1 ) 

Von folgenden 2 Angaben William Heinemanns bin ich 
nicht überzeugt: 

Go et he' s Faust. Part. I. Translated from the German. By 
Leop. Bernays. London 1839. 

Dem entgegen besitzt das Britische Museum: Goethe's Faust, 
Part. II. Translated from the German, partly in the metres of 
the original and partly in prose. With other poems original 
and translated. By Leop. J. Bernays. London, Sampson Low 
and Carlsruhe, A. Bielefeld 1839. (William Heinemann hat für 
diese Ausgabe die Jahreszahl 1840.) Im Britischen Museum 
findet sich also nur der II. Teil, während es sonst jede Über- 
setzung des I. Teils bis 1849 besitzt. Ebenso führen The 
Publisher's Circular 1839, Athenaeum 1839, Literary Gazette 
1839 je nur den II. Teil als von Bernays übersetzt an. Die 
letztere nennt beide Druckorte: London, Low 1839 and Carlsruhe, 
Bielefeld (o. J.), bemerkt allerdings dazu: „His (Bernays) former 
volume established a reputation which this will not diminish". 
Und Herrn. Kindt berichtet in der „Gegenwart" 1874: Bernays 
habe wie Birch beide Teile übersetzt. Doch gibt er hier nicht 
seine eigene Ansicht, er wiederholt nur, was er gelesen oder 
gehört. Bernays' Vorrede zum II. Teil gibt keinen Anhaltspunkt 
zur Annahme seiner Übersetzung des I. Teils. 2 ) 

Goethe' s Faust und Schiller's Wallenstein. London, Kepam & 
Co., 1853. 

Diese Übersetzung wird vom Publisher's Circular 1853 
unter demselben Titel genannt aber herausgegeben in der 
Universal Library of Poetry, Ingram, Cook & Co., 1853. Im 
Britischen Museum ist nun Filmores Übersetzung in dieser 
Sammlung (Univ. Library of Poetry) 1853 vorhanden. 3 ) Wahr- 

*) Notes and Commeiits, pag. 351. 

2 ) E. Oswald nennt nur die Übersetzung des II. Teils von L. Bernays. 

3 ) So auch bei E. Oswald. 



22 

scheinlich ist die von W. Heinemann genannte identisch mit der 
Filmoreschen. 

So würde sich also die Zahl der englischen Faustüber- 
setzungen auf 35 belaufen. Von diesen waren mir 31 und die 
genannten Bruchstücke zugänglich. 

Diese reiche Übersetzungstätigkeit am Faust zeigt eine 
bestimmte Entwicklung, in der sich folgende Eichtungen unter- 
scheiden lassen: 

1. Nach einigen mißlungenen Versuchen, dem Goetheschen 
Faust inhaltlich und poetisch gerecht zu werden, erscheint 
die erste vollständige Übersetzung, die sich die getreue 
Wiedergabe des Sinnes zur Aufgabe macht, ohne die 
Form zu berücksichtigen. Sie erschließt den Inhalt. 
(Haywards Prosa -Übersetzung. Später folgen ihm Peith- 
mann und „Beta".) 

2. Im Gegensatz dazu steht die 2. Eichtung, die sich oft 
nur den Hauptgedanken zur Grundlage nimmt und diesen 
selbständig weiterspinnt. Der Bearbeiter bewegt sich 
inhaltlich und formell frei und gibt eine Nachdichtung. 
(J. Anster ist der einzige Vertreter dieser Eichtung.) 

3. Einen Übergang von der ganz freien Behandlung zur 
strengern bilden die Übertragungen von Blackie und 
Martin, die in gewissen Partien das Original stark 
erweitern, in andern aber genau folgen. Auch sie 
schreiben noch willkürliche Metren. (Eepräsentant ist 
Martin.) 

4. Alle übrigen Übersetzungen suchen sich textlich möglichst 
nahe an ihr Vorbild anzuschließen. Es geschieht aber 
in drei verschiedenen Arten der Ausführung: 

a) in willkürlichen Metren, doch so, daß zuweilen ein für 
eine bestimmte Stelle charakteristisches Versmaß des 
Originals in der Übersetzung wenigstens angedeutet 
wird. (Dahin gehören weitaus die meisten, als Ee- 
präsentant greife ich A. Swanwick heraus.) 

b) Einige wenige Übersetzer suchen mit der genauen 
Nachfolge des Textes auch die metrische Form des 
Originals festzuhalten. (Brooks, Arnold und Claudy; 
Taylor sei der Eepräsentant.) 



23 

c) Die jüngsten scheinen vor aliem den eigentümlichen 
Ehythmus der Verse wahren zu wollen. Über diesem 
Bestreben entflieht ihnen teilweise die Stimmung wie 
auch der poetische Gehalt. (Latham und Mc. Lintock, 
der letztere soll diese Gruppe vertreten.) 

Die folgenden eingehenden Behandlungen befassen sich 
jeweils mit dem Vertreter einer Eichtung. 



I 



Besprechung von sechs typischen Übersetzungen, 



1. Die Haywardsche Übersetzung. 

Faust: a dramatic poem, by Goethe. Translated into 
English Prose, with remarks on former translations, and 
notes. By the Translator of Savigny's: „Of the Vocation 
of our Age for Legislation and Jurisprudence". London, 
E. Moxon. 1833. 

W. Heinemann bemerkt dazu: „Die erste Auflage der zuerst 
anonym erschienenen, berühmten Haywardschen Prosa -Über- 
setzung des I. Teils." 

Hayward war Jurist, machte in Göttingen einen zwei- 
jährigen Aufenthalt zur Vollendung seiner Studien und ließ 
bei seiner Eückkehr nach London die vollständige Übersetzung 
des I. Teils von Faust drucken. 1834 erschien die zweite er- 
weiterte Auflage mit dem Namen des Verfassers. Seine übrigen 
Schriften sind größtenteils juristischer und politischer Art. 

Mir war die zweite Auflage von 1834 zugänglich, die zwei 
Appendices enthält: „An Abstract of the continuation, and an 
Account of the story of Faust, and the various productions in 
literature and art founded on it". 

In einer langen Vorrede befaßt sich Hayward mit der 
Frage über den Wert der rhythmischen und prosaischen Über- 
setzung und kommt zu dem Schlüsse, daß nur diese den Sinn 
und die Sprache des Originals genau wiedergeben könne. Die 
Absicht, die seine Arbeit verfolgt, liegt in den Worten: „Such 
ä woVk . . . deserves to be translated as literally as the genius 
of our language will admit; with an almost exclusive reference 
to the strict meaning of the words, and a comparative disregard 



25 

of the beauties which are commonly thought peculiar to poetry, 
should they prove irreconcilable with the sense". 1 ) Er kennt 
die bis zu seiner Zeit erschienenen Faustübersetzungen genau 
und unterzieht sie alle, englische wie französische, einer strengen 
Kritik. Am schärfsten und eingehendsten tut er das mit der 
Gowerschen, wohl aus dem Grunde, weil sie so vielfach über- 
schätzt wurde, aber auch darum, um zu zeigen, daß „the public 
at large have hitherto had nothing from which they can form 
an estimate of Faust". 2 ) Was nun keiner der bisherigen Über- 
setzer gewollt noch vermocht, sucht er zu geben: eine wörtlich 
getreue Übersetzung. 

Hayward ist der Erste, der seiner Übersetzung Noten bei- 
fügt. Sie sind sehr zahlreich, beziehen sich teils auf das 
Literarhistorische, teils auf die Erklärung des Textes und sind 
mit wenigen Ausnahmen noch heute gültig. Er hat also das 
Verdienst, auch nach dieser Seite hin aufhellend gewirkt zu 
haben. Nicht immer glücklich ist er aber beim Erinnern an 
Parallelstellen in Werken von englischen Dichtern, er geht da 
oft zuweit, ohne mehr Licht in den Text zu bringen, noch mehr 
aber irrt er, wenn er glaubt, Goethe müßte bestimmte englische 
Dichtungen von geringer Bedeutung gekannt haben, um gewisse 
Situationen darstellen zu können. 

Einige Partien der Haywardschen Übersetzung zeigen eine 
gewisse rhythmische Anordnung. Er bemerkt dazu: „My only 
object in giving a sort of rhythmical arrangement to the lyrical 
parts, was to convey some notion of the variety of versification 
which forms one great charm of the poein". 3 ) Es ist unrichtig, 
wenn er von the lyrical parts spricht, denn er hat bei weitem 
nicht alle lyrischen Stellen rhythmisch übertragen, so ist die 
Zueignung in Prosa, ebenso die Ballade vom König in Thule. 
Das lyrische Element ist in Faust so stark vertreten, daß 
Hayward seine Prosaübersetzung viel häufiger mit seinem 
„rhythmical arrangement" hätte unterbrechen müssen, wenn er 
the lyrical parts dadurch hervorheben wollte. Die rhythmische 
Bewegung des Originals wird aber nicht nur zu wenig beachtet, 
wo der Übersetzer den Versuch macht, geschieht es oft in 



Trauslator's Preface pag\ XXVIH. 

2 ) Pag. XXX. 

3 ) pag. Gl. 



26 



ungeschickter Weise, so daß wir gewöhnlich auch da nur Prosa 
bekommen. 

So erinnert das Tanzliedchen rhythmisch nicht entfernt an 
die Vorlage. Wer vermöchte den einfachen, leichten Schritt, 
die Sangbarkeit des volkstümlichen Liedchens in der Übersetzung 
zu erkennen, wo jede Strophe wieder anders skandiert wird: 



949 *) The swain dressed himself out for the 

dance 
With party-coloured jacket, ribbon 

and garland. 
Smartly was he dressed! 
The ring round the limetree was 

already füll, 
And all were dancing like mad. 
Huzza! Huzza! 
955 Tira-lira-hara-la! 

Merrily went the fiddle-stick. 

He pressed eagerly in, 
Gave a maiden a push 
With his elbow: 
960 The buxom girl turned round 

And said — „Now that I call stupid". 



Der Schäfer putzte sich zum Tanz, 

Mit bunter Jacke, Band und Kranz, 

Schmuck war er angezogen. 
Schon um die Linde war es voll; 
Und alles tanzte schon wie toll. 



Juchhe! Juchhe! 
Juchheisa! Heisa! He! 
So ging der Fiedelbogen. 

Er drückte hastig sich heran, 

Da stieß er an ein Mädchen an 

Mit seinem Ellenbogen; 

Die frische Dirne kehrt sich um 

Und sagte: nun das find' ich dumm! 



„Don't be so rüde." 



Seid nicht so ungezogen. 



Im Soldatenliedchen sind die kurzen daktylischen Dimeter 
leise angedeutet, es ist aber textlich nicht genau übertragen 
und zeigt wie das oben genannte eine gewisse Trockenheit und 
Kurzatmigkeit, ein Mangel, der bei Hayward oft auffällt. Eine 
schlimme Entstellung erfahren die beiden Schluß verse, die gar 
nicht im Einklang mit dem Ton des Liedchens stehen. Ich 
führe nur die zweite Strophe an: 



891 And the trumpets 

Are our summoners 

As to joy 

So to death. 
895 That is a storming, 

That is a life for you! 



Und die Trompete 
Lassen wir werben, 
Wie zu der Freude, 
So zum Verderben. 
Das ist ein Stürmen! 
Das ist ein Leben! 



*) Verszählung nach der Weimar- Ausgabe 1887. 



27 

Maidens and towns Mädchen und Burgen 

Must surrender. Müssen sich geben. 

Bold the adventure, Kühn ist das Mühen, 

Noble the reward — Herrlich der Lohn! 900 

And the soldiers Und die Soldaten 

Are off. Ziehen davon. 

Nicht besser ist das Experiment im Einschläferungslied 
gelungen, wo die zerfließenden Bilder zusammen mit dem klang- 
lichen Wohllaut und der rhythmischen Einförmigkeit so wirkungs- 
voll sind. Da ist Hayward hart und oft alltäglich. Noch mehr 
leidet unter diesen Eigenschaften Gretchens Lied am Spinnrad, 
namentlich stören die dritte, fünfte und letzte Strophe mit ihrer 
klanglichen Härte. Auch hier wäre schöne Prosa unschöner 
Poesie vorzuziehen: 

My poor head Mein armer Kopf 3382 

Is wandering, Ist mir verrückt, 

My feeble sense Mein armer Sinn 

Distraught. Ist mir zerstückt. 



For him alone look I Nach ihm nur schau' ich 3390 

Out of the window! Zum Fenster hinaus, 

For him alone go I Nach ihm nur geh' ich 

Out of the house! Aus dem Haus. 



And kiss him Und küssen ihn 3410 

As I would! So wie ich wollt', 

On his kisses An seinen Küssen 

Would I die away! Vergehen sollt'! 

Von den Osterchören, die getreu übersetzt sind, zeigen 
die drei ersten das daktylische Versmaß und den eigentümlichen 
Stil ganz hübsch, die beiden Schlußchöre sind prosaisch, weil 
die Konstruktion bei dem einen aufgelöst ist, beim andern die 
substantivierten Partizipien zuweilen umschrieben sind. Ich 
führe die zwei ersten Chöre der Engel an, welche gelungen sind: 

Christ is arisen ! Christ ist erstanden ! 737 

Joy to the mortal, Freude dem Sterblichen, 

Whom the corrupting, Den die verderblichen, 

Creeping, hereditary Schleichenden erblichen 740 

Imperfections enveloped. Mängel umwanden. 



28 



757 Christ is arisen! 

Happy the loving one, 
Who the afflicting, 
Wholesome and chastening 
Trial has stood! 



Christ ist erstanden! 
Selig der Liebende, 
Der die betrübende, 
Heilsam und übende 
Prüfung bestanden. 



Ehythmische Bewegung haben noch: der Gesang der Geister 
auf dem Gange 1259 — 70, Teile der Beschwörungsszene 1271 — 91, 
1298—1309, das Ständchen in Auerbachs Keller 2105—07, 
2284-89, 2321—22, in der Hexenküche die Sprüche der Tiere 
und der Hexe 2381—83, 2394—99, 2402—15, 2419—26, 2453—55, 
2458—60, 2465—80, 2540—52, 2567—72, Gretchens Gebet und 
die Domszene. Diese letztere gehört zum Besten, was die 
Haywardsche Übersetzung bringt. Der Verfasser folgt nicht 
nur wörtlich genau, er hält sich auch ziemlich enge an die 
freien Verse, freilich fehlt der Wohllaut der Sprache an einigen 
Stellen: 



3776 How different was it with thee, Mar- 
garet, 

When still füll of innocence 

Thou camest to the altar here — 

Out of the well worn little book 
3780 Lispedst prayers, 

Half child - sport, 

Half God in the heart! 

Margaret ! 

Where is thy head? 
3785 In thy heart 

What crime? 

Prayest thou for thy mother's soul — 
who 

Slept over into long, long pain through 
thee? 

Whose blood on thy threshold? 
3790 And under thy heart 

Stirs it not quickening even now, 

Torturing itself and thee 

With its foreboding presence? 



Wie anders, Gretchen, war dir's, 

Als du noch voll Unschuld 

Hier zum Altar tratst, 

Aus dem vergriffnen Büchelchen 

Gebete lalltest, 

Halb Kinderspiele, 

Halb Gott im Herzen! 

Gretchen ! 

Wo steht dein Kopf? 

In deinem Herzen, 

Welche Missetat? 

Bet'st du für deiner Mutter Seele, die 

Durch dich zur langen, langen Pein 

hinüberschlief? 
Auf deiner Schwelle wessen Blut? 
Und unter deinem Herzen 
Regt sich's nicht quillend schon, 
Und ängstigt dich und sich 
Mit ahnungsvoller Gegenwart? 



In Gretchens Gebet ist der Wechsel des Metrums gut heraus- 
gebracht und die Stimmung schön bewahrt. Die übrigen Gretchen- 
partien sind Hayward leider nicht immer gelungen. Er verleiht 
der Gestalt wohl einige der gewinnenden Züge, aber im großen 
ganzen wächst uns dieses Gretchen nicht so ans Herz wie das 



29 

Goethesche. Das rührt davon her, daß der Übersetzer ihr oft 
nicht genügend Zeit gönnt, sich in ihrer herzlichen Weise aus- 
zudrücken, daß er ihr Fremdwörter in den Mund legt, die nicht 
zu ihrem einfachen Wesen und ihrem warmen Gefühl passen, 
daß aus ihr der bloße Verstand spricht, wo sie bei Goethe ihr 
Gefühl ausdrückt. Gilt doch für sie ganz Fausts Wort: „Gefühl 
ist alles". Sie aber sagt bei Hayward: 

I am sure that you are only trifling Ich fühl' es wohl, daß mich der Herr 3073 
with me letting yourself down to shame nur schont, 

me. Travellers are wont to put up Herah sich läßt, mich zu Deschämen, 
with things out of complacency. I Ein Reisender ist so gewohnt 
know too well that my poor pratüe Aus Gütigkeit fürlieh zu nehmen ; 
cannot entertain a man of your ex- Ich weiß zu gut, daß solch erfahrnen 
perience. Mann 

Mein arm Gespräch nicht unterhalten 
kann. 

Wenn schon hier das Fremdwort Gretchen einen gelehrten 
Anstrich gibt — ganz abgesehen von den beiden Ungenauigkeiten, 
worunter wieder die Charakterzeichnung leidet — , so ist das an 
andern Orten noch mehr der Fall: 

But you have friends in abundance. Allein ihr haht der Freunde häufig 3098 



Not that she has such pressing occasion Nicht daß sie just so sehr sich einzu- 3115 
to restrict herseif. schränken hat. 



Nothing in the whole course of my Es hat mir in meinem Lehen 3473 

life has given my heart such a pang, So nichts einen Stich ins Herz gegeben, 
as the repulsive visage of that man. Als des Menschen widrig Gesicht. 



I have an tmaccountable horror of Hab' ich vor dem Menschen ein heim- 3430 
that man. lieh Grauen. 

In Gretchens Erzählung von ihrer Häuslichkeit fehlt das 
liebevolle Eindringen , der Blick für das Intime. Kühle Sachlich- 
keit dämpft die freudige Aufregung und Verwirrung, in die 
Gretchen durch das zweite Kästchen versetzt wird: 

I have found just such another Da find' ich so ein Kästchen wieder 2875 

ebony casJcet in my press — and In meinem Schrein, von Ebenholz, 

things absölutely magnificent, far Und Sachen herrlich ganz und gar, 

costlier than the first was. Weit reicher als das erste war. 

Am besten erkennen wir das Goethesche Gretchen in der 
Selbstanklage, wo man sich allerdings an einem Latinismus am 



30 



3577 



3585 



3625 



3630 



3635 



Anfang und einer etwas abgebrauchten Trope am Schluß nicht 
stoßen darf: 



How stoutly I could formerly revile, 
if a poor maiden chanced to make a 
slip! how I could never find words 
enough to speak of another's shame! 
How black it seemed to me! and, 
blacken it as I would, it was never 
black enough for me — and blessed 
myself and feit so grand, and am 
now myself a prey to sin\ Yet — 
all that drove me to it, was, God 
knows, so sweet, so dear! 



Wie könnt' ich sonst so tapfer 

schmälen, 
Wenn tat ein armes Mägdlein fehlen! 
Wie könnt' ich über andrer Sünden 
Nicht Worte g'nug der Zunge finden! 
Wie schien mir's schwarz und 

schwärzt's noch gar, 
Mir's immer noch nicht schwarz g'nug 

war, 
Und segnet' mich und tat so groß, 
Und bin nun selbst der Sünde bloß! 
Doch — alles was mich dazu trieb, 
Gott! war so gut! ach war so lieb! 



Bedeutend besser ist Valentin gezeichnet. Der Monolog 
zeigt dieselbe breite Behaglichkeit und denselben plötzlichen 
Umschlag in den Zorn, die Schmähung ist einfach im Stil, ein- 
dringlich und wirksam in der Steigerung. Hayward hat hier 
alle Absichten seines Vorbildes fein beobachtet und sie wieder- 
zugeben verstanden; eine Stelle des Monologs möge das zeigen: 



— with my elbows leaning 

on the board, I sat in quiet confidence, 
and listened to all their swaggering; 
then I stroke my beard with a smile, 
and take the bumper in my hand, 
and say: „All in its way! but is there 
one in the whole country to compare 
with my dear Margaret, — who is 
fit to hold a candle to my sister?" 
Hob and nob, kling! klang! so it 
went round! Some shouted, „he is 
right; she is the pearl of the whole 
sex"; and all those praisers were 
dumb. — And now it is enough to 
make one tear out one's hair by the 
roots, and run up the walls — I shall 
be twitted.by the sneers and taunts 
of every knave, shall sit like a 
bankrupt debtor, and sweat at every 
3640 chance word. 



Den Ellenbogen aufgestemmt 
Saß ich in meiner sichern Buh, 
Hört' all dem Schwadronieren zu, 
Und streiche lächelnd meinen Bart, 
Und kriege das volle Glas zur Hand 
Und sage: alles nach seiner Art! 
Aber ist eine im ganzen Land, 
Die meiner trauten Gretel gleicht, 
Die meiner Schwester das Wasser 

reicht? 
Top! Top! Kling! Klang! das ging 

herum; 
Die einen schrieen: er hat Recht, 
Sie ist die Zier vom ganzen Ge- 
schlecht! 
Da saßen alle die Lober stumm. 
Und nun! — um's Haar sich auszu- 
raufen 
Und an den Wänden hinaufzulaufen! 
Mit Stichelreden, Naserümpfen 
Soll jeder Schurke mich beschimpfen ! 
Soll wie ein böser Schuldner sitzen, 
Bei jedem Zufallswörtchen schwitzen ! 



31 



. Auch den poetischen Gehalt, soweit er nicht auf Stimmung 
und Musik des Verses beruht, sucht Hayward in seine Über- 
setzung hinüberzutragen. Es gelingt ihm nie ganz, aber er 
strengt sich redlich an und bringt so gewöhnlich die Goetheschen 
Bilder unverändert in den Konturen. Freilich sind sie meistens 
rohe Skizzen, denen die Feinheit der Ausführung, die harmonische 
Ausgleichung der verschiedenen Teile fehlt. Das zeigt z. B. die 
Zueignung, in der er sich genau an Goethe hält und so wohl 
diö Gedanken, niemals aber die Empfindung wiedergibt. Ich 
greife die Strophe heraus, die am häufigsten leiden muß, weil 
die Übersetzer das Bild nicht beachten oder nicht verstehen. 
Hayward hält es fest: 



Ye bring with you the images of 
happy days, and many loved shades 
arise: like to an old half-expired 
Tradition, rises First -love with 
S^riendship in their Company. The 
pang is renewed; the plaint repeats 
the labyrinthine, mazy course of life, 
and names the dear ones, who, cheated 
of fair hours by fortune, have vanished 
away before me. 



Ihr bringt mit euch die Bilder froher 9 

Tage, 
Und manche liebe Schatten steigen 

auf; 
Gleich einer alten halbverklungnen 

Sage, 
Kommt erste Lieb und Freundschaft 

mit herauf; 
Der Schmerz wird neu, es wiederholt 

die Klage 
Des Lebens labyrinthisch irren Lauf 
Und nennt die Guten, die um schöne 15 

Stunden 
Vom Glück getäuscht, vor mir hinweg- 
geschwunden. 



Wieviel von der Schönheit der Form abhängt, zeigt die 
Übersetzung der Hymne. Die Gedanken sind dieselben, aber 
statt der Größe des Ausdrucks, wodurch das Transzendentale 
so recht sinnenfällig wird, gibt Hayward nüchterne Prosa. Die 
dritte Strophe,. die ich anführe, leidet mehr wie die andern und 
verliert noch durch eine prosaische Vergleichung: 



And storms are roaring as if in 
rivalry, from sea to land, from land 
to sea and forming all around a chain 
of the deepest elementäl ferment in 
their rage. There, flashing desolation 
flares before the path of the thunder- 
clap. But thy messengers, Lord 
respect the mild going of thy day. 



Und Stürme brausen um die Wette, 

Vom Meer aufs Land, vom Land aufs 260 

Meer, 
Und bilden wütend eine Kette 
Der tiefsten Wirkung ringsumher. 
Da flammt ein blitzendes Verheeren 
Dem Pfade vor des Donnerschlags; 
Doch deine Boten, Herr, verehren 265 

Das sanfte Wandeln deines Tags. 



32 



3528 



Ebenso schwerwiegend tritt dieser Mangel im Monolog 
Wald und Höhle zutage, wo Fausts Pantheismus in barer Prosa 
mit kalten technischen Ausdrücken durchsetzt vorgetragen wird. 
So wird hier Eeflektion, was dort Gebet ist: 



3217 Sublime spirit! thou gavest me, 
gavest me everything I prayed for. 
Not in vain didst thou turn thy face 
in fire to me. Thou gavest me 
glorious nature for a kingdom, with 

3220 power to feel and to enjoy her. It 
is not merely a cold wondering visit 
that thou permittest me ; thou gnidgest 
me not to look into her deep bosom, 
as into the bosom of a friend. Thou 
passest in review before me the whole 
series of animated thtngs, and teachest 
me to know my brothers in the still 
wood, in the air and water. 

3225 



Erhabner Geist, du gabst mir, gabst 

mir alles, 
Warum ich bat. Du hast mir nicht 

umsonst 
Dein Angesicht im Feuer zugewendet. 
Gabst mir die herrliche Natur zum 

Königreich, 
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. 

Nicht 
Kalt staunenden Besuch erlaubst du 

nur, 
Vergönnest mir in ihre tiefe Brust 
Wie in den Busen eines Freunds zu 

schauen. 
Du führst die Eeihe der Lebendigen 
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine 

Brüder 
Im stillen Busch, in Luft und Wasser 

kennen. 



Wenn auch der Anfang noch annehmbar ist, so fehlt es 
ihm doch an Pathos, wenn dieser Faust sagt: thou gavest me 
everything, hier also der Blick ins Kleine gerichtet, dort aber 
ins Große, und wie verändert ist hier Fausts Verhältnis zur 
Natur durch das negative: thou grudgest me not Wahr- 
scheinlich ist daran ein Mißverständnis schuld. — Sehr prosaisch 
sind Fausts Worte, mit denen er Gretchen vor Mephistopheles 
verteidigt, die gehobene Stimmung des Religionsgesprächs, die 
darin nachklingen sollte, ist verloren gegangen: 



Thou, monster as thou art, canst 
not conceive how this fond, faithful 
soul, füll of her faith, which, according 
to her notions, is alone capable of 
conferring eternal happiness, feels a 
holy horror to think that she must 
hold the man who is dearest to her 
for lost. 



Du Ungeheuer siehst nicht ein, 

Wie diese treue liebe Seele 

Von ihrem Glauben voll, 

Der ganz allein 

Ihr selig machend ist, sich heilig 

quäle, 
Daß sie den liebsten Mann verloren 

halten soll. 



Hier fehlt die Seele, und so ist Haywards Prosa sehr 
häufig matt, gleichförmig, wo Emphase, Schwung, Erregung 



33 



sein sollte. Wie gemächlich erzählt da Faust, was er von der 
Magie erwartet: 



I have therefore devoted myself 
to magic, to try whether, througk 
the power and voice of tlie Spirit, 
many a mystery might not become 
known to me; 



Drum hab' ich mich der Magie er- 377 

geben, 
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund 
Nicht manch Geheimnis würde kund; 



Auch das Frühlingsidyll ist in der Übersetzung ohne Eeiz, 
es ist im Tone Wagners gehalten. — Dadurch daß Hayward 
auch das Humoristische nicht genügend hervorzuheben vermag, 
wird der lebensvolle Wechsel der Szenen vielfach ausgeglichen. 
So ist in Auerbachs Keller die Ausgelassenheit nicht getroffen, 
natürlich hängt das zu einem großen Teil davon ab, daß die in 
Prosa umgesetzten Liedchen stark an Wirkung verlieren. Aber 
auch in Mephistos Ärger über den verirrten Schmuck kommt 
die Komik zu wenig zum Ausdruck, hier ist die Erzählung 
wieder zu sachlich, die feinen Nüancierungen des Stils fehlen: 



Only think! A priest has carried 
off the jewels provided for Margaret. 
The mother gets sight of the thing, 
and begins at once to have a secret 
horror of it. Truly the woman has 
a fine nose, is ever snuffling in her 
prayer-book, and smells at every piece 
of furniture to try whether the thing 
be holy or profane; and she plainly 
smells out in the jewels, that there 
was not much blessing connected 
with them. 



Denkt nur, den Schmuck für Gretchen 2813 

angeschafft, 
Den hat ein Pf äff hin weggerafft! — 
Die Mutter kriegt das Ding zu 

schauen, 
Gleich fängt's ihr heimlich an zu 

grauen : 
Die Frau hat gar einen feinen 

Geruch, 
Schnüffelt immer im Gebetbuch, 
Und riecht's einem jeden Möbel an, 
Ob das Ding heilig ist oder profan; 
Und an dem Schmuck, da spürt sie's 

klar, 
Daß dabei nicht viel Segen war. 



Es ist natürlich, daß eine Prosaübersetzung wie die von 
Hayward viele Abschwächungen bringt, indem er statt des 
künstlerischen Adjektivs, statt einer charakteristischen Wendung 
etwas Konventionelles oder sonst nicht Gleichwertiges setzt. Dahin 
gehören unter andern die folgenden Abweichungen vom Text: 



2820 



All seems so bright 



Mir wird so licht! 



How the heavenly influences Wie Himmelskräfte . . . 

Baumann, Engl. Übersetzungen v. Goethes Faust. 



439 



449 



34 



491 Where the breast, that created a Wo die Brust, die eine Welt in sich 
world to itself, and upbore and con- erschuf, 

tained it? Und trug und hegte? 

509 And weave the living clothing of the Und wirke der Gottheit lebendiges 

Deity. Kleid. 

592 but published what they had feit Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen 
and seen to the multitude, offenbarten, 

652 I am not like the heaverily essences; Den Göttern gleich' ich nicht! 

Solche Abstraktionen kommen leider häufig vor. Die 
schönen Gegensätze in: 



666 sought the bright day, with an 
ardent longing after truth, went 
miserably astray in the twilight? 



Den leichten Tag gesucht und in der 
Dämmrung schwer, 

Mit Lust nach Wahrheit jämmerlich 
geirret, 



hat Hayward nicht beachtet und bei manchem Nachfolger die- 
selbe Vernachlässigung hervorgerufen. Ähnlich ist es mit dem 
so fein gewählten Adjektiv in der Ballade gegangen, an dessen 
Stelle er ein weniger charakteristisches setzt: 

2773 in bis proud ancestral hall, Auf hohem Vätersaale, 

Doch gibt es auch Stellen, wo er es versteht, fast Alles, 
was im einzelnen Ausdruck liegt, hervorzuholen: 

91 If much is spun off before their eyes, Wird vieles vor den Augen abgesponnen, 

118 and curiosity only wings every step. Und Neugier nur beflügelt jeden 

Schritt. 



2609 



By heaven, this girl is lovely! I 
have never seen the like of her. She 
is so well-behaved and virtuous 
and something snappish withal. The 
redness of her lip, the light of her 
cheek — I shaU never forget them 
all the days of my life . . . 



Beim Himmel, dieses Kind ist schön! 
So etwas hab' ich nie gesehn. 
Sie ist so sitt- und tugendreich 
Und etwas schnippisch doch zugleich. 
Der Lippe Kot, der Wange Licht, 
Die Tage der Welt vergeß' ich's 
nicht! 



Die Stimmung kommt schön zum Ausdruck beim Anblick 
des Zeichens vom Makrokosmus: 



430 Ah! what rapture thrills through 
all my senses at the sight! I feel a 
fresh, hallowed enjoyment of life, 
glowing anew, Streaming through 



Ha! welche Wonne fließt in diesem 

Bück 
Auf einmal mir durch alle meine 

Sinnen! 



35 



nerve and vein. Was it a god that 
traced these signs? — which still the 
storm within, fill my poor heartwith 
gladness, and, by a mysticalinspiration, 
unveil the powers of nature to my 
view. 



Ich fühle junges, heil'ges Lebensglück 
Neuglühend mir durch Nerv' und 

Adern rinnen. 
War es ein Gott, der diese Zeichen 

schrieb, 
Die mir das innre Toben stillen, 
Das arme Herz mit Freude füllen, 
Und mit geheimnisvollem Trieb 
Die Kräfte der Natur rings um mich 

her enthüllen? 



435 



Wie hier der Schluß etwas abfällt, so endigt jener herrliche 
poetische Erguß beim Anblick der Phiole, der sonst recht schön 
übertragen ist, mit einer banalen Wendung, und die Weiter- 
entwicklung des Selbstmordmotivs ist nur noch platte Prosa. 
Doch reißt die herrliche Lyrik der Jugenderinnerung Hayward 
wieder mit sich fort, und er sucht, den poetischen Gehalt zu 
erschöpfen; alle Schätze hebt er indessen nicht. Im Abend- 
hymnus ist ihm ein gewisser Schwung eigen, und die treue 
Nachfolge ist hier rühmend hervorzuheben, ist er doch der Erste, 
der die Vision miterlebt und sie nicht in Erzählung von etwas 
Geschehenem verwandelt: 



Already the sea, with its heated 
bays, opens on my enraptured sight. 
Yet the god seems at last to sink 
away. But the new impulse wakes. 
I hurry on to drink his everlasting 
light, — the day before me and the 
night behind, — the heavens above 
and under me the waves. 



Schon tut das Meer sich mit er- 1082 

wärmten Buchten 
Vor den erstaunten Augen auf. 
Doch scheint die Göttin endlich weg- 

zusinken; 
AUein der neue Trieb erwacht, 
Ich eile fort, ihr ew'ges Licht zu 

trinken, 
Vor mir den Tag und hinter mir die 

Nacht, 
Den Himmel über mir und unter mir 

die Wellen. 



Zwar klingt der Hymnus nicht harmonisch aus, denn the 
crane struggles onwards to her home schließt etwas Mühsames 
ein, was diesem gepriesenen freien Flug der Seele nicht anhaftet. 
— Auch Fausts Monolog in Gretchens Zimmer zeigt, wie Hayward 
sich hineinfühlen kann, wie er darauf bedacht ist, die einzelnen 
Schönheiten herauszuheben. Wenn die poetische Weihe manchmal 
fehlt, so hängt das eben mit seinem Stil zusammen. Wieder ist 
er der Erste, der ganz den Intentionen Goethes folgt und deutlich 

3* 



36 



die Wandlung in Faust hervorhebt. — Die Katechisations- 
szene im ganzen mit Erfolg übersetzt, namentlich das Glaubens- 
bekenntnis, weil Hayward hier nicht erklärt und nicht auf- 
hellen will, was so viele nach ihm für nötig hielten. Er hat 
also für das eigentlich Unaussprechliche das Unbestimmte des 
Ausdrucks beibehalten und so das übersinnliche gewahrt. Ich 
gebe nur den letzten Teil, der so gerne von den Übersetzern 
glossiert wird: 



3446 Are we not looking into each 
other's eyes, and is not all thronging 
to thy head and heart, and weaving 
in eternal mystery, invisibly-visibly, 

3450 about thee? — With it fill thy heart, 
big as it is, and when thou art whoUy 
blest in the feeling, then call it what 
thou wilt! Call it Bliss! — Heart! — 
Love! — God! I have no name for it! 
Feeling is all in all. Name is sound 
and smoke, clouding heaven's glow. 



Schau' ich nicht Aug' in Auge dir, 
Und drängt nicht alles 
Nach Haupt und Herzen dir, 
Und webt in ewigem Geheimnis 
Unsichtbar sichtbar neben dir? 
Erfüir davon dein Herz, so groß 

es ist, 
Und wenn du ganz in dem Gefühle 

selig bist, 
Nenn' es dann wie du willst, 
Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott! 
3455 Ich habe keinen Namen 

Dafür! Gefühl ist alles; 
Name ist Schall und Rauch, 
Umnebelnd Himmelsglut. 

„Feeling is all in all" wurde von manchen Über- 
setzern beibehalten, sie scheinen nicht empfunden zu haben, 
daß diese leere Redensart für Faust etwas Unmögliches und 
vor allem hier nicht am Platze ist. Solche Verstöße kommen 
bei Hayward nicht häufig vor, er ist aber auch nicht ganz 
frei davon. Er tadelt die Franzosen in seiner Vorrede 1 ) 
„because they have comparatively little notion of what we call 
bathos in compositum, and are constantly spoiling the effect of 
highly - Wrought passages by light or ludicrous associations". 
Dabei schließt er die elegische Nachtstimmung mit dem äußerst 
trivialen 

1200 we yearn for the streams — oh yes, Man sehnt sich nach des Lebens 
for the fountain of life. Bächen. 

Ach! nach det Lebens Quelle hin. 

Und unfreiwillige Komik liegt in Fausts Ruf: 

3511 You see this phial ! Only three drops . . . Hier ist ein Fläschchen ! Drei Tropfen 

nur . . . 



l ) pag. xcvn. 



37 

Mit einer Stelle der Prosaszene hat Hayward wieder 
einige Übersetzer ungünstig beeinflußt. Eine Nichtbeachtung 
der emphatischenKonstruktion — vielleicht auch ein Mißver- 
stehen — bringt eine Abschwächung hervor: 

Woe! woe! It is inconceivable by Jammer! Jammer! von keiner 

any human soul, Menschenseele zu fassen, 

In Anbetracht der Mittel, die ihm zu Gebote standen, sind 
die Mißverständnisse nicht zahlreich und namentlich nicht so 
schwerwiegend wie viele seiner Nachfolger. Auf mangelhafte 
Kenntnis der Wortbedeutung zurückzuführen sind: 

undulations Wehen 51 

too prone to slnmber erschlaffen 340 

a . . . sombre man ein dankler Ehrenmann 1034 

you silly little thing Liebe Puppe, 3476 

many trifles Viele Fratzen 4241 

Auf mangelnder Einsicht in die Konstruktion beruhen u. a.: 

What is it that makes a fall house Was macht ein volles Haus euch froh? 122 
merry? 

the shreds of humanity In denen ihr der Menschheit Schnitzel 555 

kräuselt. 

he is about to enliven everything Alles will sie mit Farben beleben 913 
with hues 

But if thou hast food Doch hast du Speise, . . . 1678 

When the like of us were at our Wenn unser eins am Spinnen war, 3563 

spinning, our mothers never let us go Uns nachts die Mutter nicht hinnnter- 
down at night. She stood sweet with ließ, 

her lo.ver . . . Stand sie bei ihrem Buhlen süß, . . . 

Bei aller Treue sind doch auch Ungenauigkeiten in der 
Haywardschen Übertragung vorhanden. Sie werden, wie auch 
die Mißverständnisse, für Übersetzer, welche sich hauptsächlich 
auf ihn verließen, vorbildlich. Dahin gehören z. B.: 



much falsehood 


viel Irrtum 


171 


. . . they are in their glory 


Das Volk ist frei, . . . 


2295 


lass ... lad 


. . . Magd . . . Knecht 


2379 


You are driven back into your old 


Du bist schon wieder abgetrieben, 


3300 


course. 






sweet people 


süßer Pöbel 


4023 



38 

Einige wenige Unklarheiten dieser Übersetzung erscheinen 
in den späteren immer wieder. Bei Hayward lassen sie sich 
auf sein Bestreben zurückführen, „to shadow out all the various 
meanings of a passage". 1 ) Sonst sind aber die geflügelten Worte 
und Anspielungen, namentlich auch im Intermezzo, gut heraus- 
gebracht. Ein änderer Vorzug seiner Arbeit besteht darin, daß 
die volkstümlichen Redensarten durch entsprechende englische 
ersetzt sind. Dadurch bekommt der Stil eine gewisse Leb- 
haftigkeit, die sonst der Übersetzung mangelt. Ich führe die an, 
die unselbständige Übersetzer einfach bei Hayward geholt haben: 

1326 You have made me sweat with a Ihr habt mich weidlich schwitzen 
vengeance. machen. 

2100 . . • turns the scale and elevates the Den Ausschlag gibt , den Mann 
man. erhöht. 



2180 I will smoke them. 



Ich schraube sie! 



2305 I think we had better send him Ich dächt', wir hießen ihn ganz sachte 
packing quietly. seitwärts gehn. 

3371 you have a fair spiee of the devil Du bist doch sonst so ziemlich ein- 
in you geteufelt, 

3571 A brisk young fellow has the world . . . Ein flinker Jung' 

before him. Hat anderwärts noch Luft genung. 

3633 who is fit to hold a candle to my Die meiner Schwester das Wasser 
sister? reicht? 



3747 and yet is not a whit the fairer. 



Und ist doch nicht schöner geworden. 



2585 . . . hau -fellow well-met with the mit dem Teufel du und du, . . . 
devil . . . 

Mit dem letztern Ausdruck steht er allein, die wenigsten 
seiner Nachfolger geben hier ein Äquivalent. 

Hayward hat sein Programm erfüllt. Vom Standpunkt der 
sinn- und wortgetreuen Übersetzung hat er auf den ersten Wurf 
das Rechte getroffen, in dieser Beziehung ist er bahnbrechend 
und von großer Bedeutung für die Entwicklung der Übersetzungs- 



l ) pag. XJH. 



39 

kunst am „Faust" geworden, und darin liegt sein Verdienst. 
Leider hat er sich auch an den andern Satz seines Programms 
gehalten: „the disregard of the beauties which are commonly 
thonght peculiar to poetry" tritt eben fast auf jeder Seite 
störend hervor, scheint es doch, als kennte er die schöne 
Prosa kaum. Nach dieser Seite hin — dem Formell-Schönen — 
hat er sowenig wie seine beiden Vorgänger dem englischen 
Publikum einen annähernd richtigen Begriff vom „Faust" zu 
geben vermocht. 



2. Die Anstersche Übersetzung. 

Faustus: a dramatic Mystery. The Bride of Corinth, The 
First Walpurgisnight. Translated from the German of 
Goethe, and illustrated with notes, by John Ans t er. 
London, Longman 1835. 

Anster, ebenfalls ein Jurist, — seit 1850 war er Kegius 
Professor of Civil Law an der Universität in Dublin — gab schon 
vor seinen ersten Faustübersetzungs -Versuchen eigene Gedichte 
und einige Schillersche Gedichte in seiner Übertragung heraus. 
Die erstem zeigen den Einfluß von Coleridge und Byron. Nach 
der Beendigung des I. Teils von „Faust" schrieb er literar- 
historische Studien: „Life and writings of Shelley", „Swift and 
his biographers", „Southey's Life and correspondance" etc. Die 
Übersetzung des II. Teils von „Faust" wurde 1864 fertig gestellt. 
In Deutschland erschienen 3 Ausgaben seiner Übertragung des 
I. Teils, die vom Jahr 1868 in der Tauchnitz- Edition. 

Mir lagen Drucke von 1889 und 1903 vor, beide ohne 
Noten und ohne die Zueignung. Diese findet sich aber im 
Blackwood Magazine von 1820, aber so verstümmelt, mit solcher 
Hintansetzung aller Goetheschen Züge, daß man sie kaum wieder 
erkennt. Das leise Heraufschweben, das langsame Erkennen 
und liebevolle Verstehen, das deutlichere Hervortreten der Klage, 
das Hinsehnen in jene entschwundene Zeit, bis sie auf einmal 
Gegenwart wird und das sehnende Herz zur Ruhe kommt: diese 
feine psychologische und künstlerisch so wundervoll veran- 
schaulichte Entwicklung geht unter in dem Gefühlsdusel des 
Bearbeiters. Hoffen wir, daß Anster im richtigen Gefühl seiner 
Unzulänglichkeit den jugendlichen Versuch des Neudruckes un- 



40 



würdig hielt und ihn darum in seiner ersten vollständigen Aus- 
gabe unterdrückte. — 

Die Vergleichung der Szenen in Blackwood's Magazine mit 
den betreffenden der Ausgabe von 1889 zeigt, daß sie im großen 
Ganzen herübergenommen wurden, doch sind vorkommende Miß- 
verständnisse gehoben und starke poetische Mängel bedeutend 
verbessert. Die Erweiterungen dehnt Anster häufig noch mehr 
aus als in seinen ersten Versuchen. In den Zitaten folge ich 
der Ausgabe von 1903, weil sie poetisch etwas höher steht als 
die von 1889. 

In Metrum und Reim gestattet sich Anster völlige 
Freiheit, der Blankvers herrscht vor, doch wendet er auch 
andere Versmaße und den Reim an. Neben der Zueignung sind 
mehrere Verse weggelassen: 1173 zweite Hälfte, 2901, 3170, 
3328, 3331—37, 3339—41. Ebenso fehlen eine Anzahl Bühnen- 
anweisungen. 

Ansters Übersetzung beginnt also mit dem Vorspiel auf 
dem Theater. Er dichtet da oft nach eigenem Gutdünken hinzu, 
ohne sich an die weise Kürze und Prägnanz des Originals zu 
halten. Ich will nur drei Stellen herausgreifen, die zeigen sollen, 
wie frei er es behandelt. Im Sehnen des Dichters nach Ab- 
geschiedenheit sind nicht nur die Bilder aufgegeben, es fehlt 
auch das feierliche Pathos: 



59 Oh, teil me not of the tumultuous 

crowd, 
My powers desert me in the noisy 

throng: 
Hide, hide me from the multitude 

whose loud 
And dizzy whirl would hurry me 

along, 
Against my will; and lead me to 

some lone 
And silent vale — some scene in fairy- 

land, 
65 There only will the poet's heart ex- 

pand, 
Surrendered to the impulses of song, 
Lost in delicious visions of its own, 
Where Love and Friendship o'er the 

heart at rest 
Watch through the flowing hours, and 

we are blest! 



sprich mir nicht von jener bunten 
bunten Menge, 

Bei deren Anblick uns der Geist ent- 
flieht. 

Verhülle mir das wogende Gedränge, 

Das wider Willen uns zum Strudel 
zieht. 

Nein, führe mich zur stillen Himmels- 
enge, 

Wo nur dem Dichter reine Freude 
blüht; 

Wo Lieb' und Freundschaft unsres 
Herzens Segen 

Mit Grötterhand erschaffen und er- 
pflegen. 



41 



Eine ähnliche Leere ist in dem schönen Bild, das der 
Dichter von der entschwundenen Jugendzeit hinzaubert: 



So gib mir auch die Zeiten wieder, 184 

Da ich noch selbst im Werden war, 

Da sich ein Quell gedrängter Lieder 

Ununterbrochen neu gebar, 

Da Nebel mir die Welt verhüllten, 

Die Knospe Wunder noch versprach, 

Da ich die tausend Blumen brach, 190 

Die alle Täler reichlich füllten. 

Ich hatte nichts und doch genug, 

Den Drang nach Wahrheit und die 

Lust am Trug. 
Gib ungebändigt jene Triebe, 
Das tiefe schmerzenvolle Glück, 195 

Des Hasses Kraft, die Macht der 

Liebe, 
Gib meine Jugend mir zurück! 



Give me, oh! give me back the days 
When I — I too — was young — 
And feit, as they now feel, each Coming 

hour 
New consciousness of power. 
Oh happy, happy time, above all 

praise ! 
Then thoughts on thoughts and crowd- 

ing fancies sprung, 
And found a language inunbidden lays ; 
Unintermitted streams from fountains 

ever flowing. 
Then as I wander'd free, 
In every field, for me 
Its thousand flowers were blowing! 
A veil through which I did not see, 
A ihin veil o'er the world was thrown 
In every bud a mystery; 
Magic in everything unknown: — 
The fields, the grove, the air was 

haunted, 
And all that age has disenchanted. 
Yes! give me — give me back the 

days of youth, 
Poor, yet how rieh! — my glad in- 

heritance 
The inextinguishable love of truth, 
While life's realities were all ro- 

mance — 
Give me, oh! give youth's passions 

unconfined, 
The rush of joy that feit almost like 

pain, 
Its hate, its love, its own tumultuous 

mind; — 
Give me my youth again! 

Wie unruhig ist das Bild. Anster zeigt uns zuerst die 
Blumen, dann fällt der Nebelschleier, wieder erscheinen die 
Knospen, das Unbekannte dringt herein und wieder kommt das 
Feld an die Reihe, so wirft er alles mosaikartig durcheinander. 
Und die Tautologien, die Umschreibungen und Wiederholungen, 
das kurze unfeierliche Verspaar zeigen so recht die Unkraft 
des Übersetzers, der verschiedene Male ansetzen muß, um seinen 



42 

Gedanken Ausdruck zu geben. The inextinguishable love of 
truth, the rush of joy that feit almost like pain sind ein arm- 
seliger Ersatz für die wundervollen Goetheschen Schöpfungen. 
Bloße Füllsel sind: as they now feel, And all that age has 
disenchanted. Bei dem Wortschwall ist am Schluß natürlich 
auch die herrliche Steigerung untergegangen. — Das Launige 
liegt Anster besser, da spinnt er zuweilen geschickt aus, nur 
sind die Anforderungen an die Geduld des Lesers etwas hoch: 



75 Enough of this cold cant of future 

ages, 
And meu hereafter doting on your 

pages; 
To prattle thus of other times is 

pleasant, 
And all the while neglect our own, 

the Present. 
If on the unborn we squander our 

exertion, 
80 Who wiU supply the living with 

diversion? 
And, clamour as you authors may 

abont it, 
We want amusement, will not go 

without it; 
A fashionable gronp is no small 

matter, 
Methinks, a poet's yanity to flatter. 
85 He who, profusely lavishing invention, 
Pleases himself, need feel no ap- 

prehension; 
The crowd soon share the feelings of 

the poet, 
The praise he seeks they liberally 

bestow it: 
The more that come, the better for 

the writer; 
Each flash of wit is farther feit — 

seema brighter, 
And every little point appreciated, 
By some one in the circle overrated, 
All is above its value estimated: 
Take courage then, — come — now 

for a chef-d'oeuvre — 
To make a name — to live, and live 

for ever — 



Wenn ich nur nichts von Nachwelt 

hören sollte; 
Gesetzt daß ich von Nachwelt reden 

wollte, 
Wer machte denn der Mitwelt Spaß? 
Den will sie doch und soll ihn haben. 
Die Gegenwart von einem braven 

Knaben, 
Ist, dächt' ich, immer auch schon 

was. 
Wer sich behaglich mitzuteilen weiß, 
Den wird des Volkes Laune nicht 

erbittern; 
Er wünscht sich einen großen Kreis, 
Um ihn gewisser zu erschüttern. 
Drum seid nur brav und zeigt euch 

musterhaft, 
Laßt Phantasie, mit allen ihren 

Chören, 
Vernunft, Verstand, Empfindung, 

Leidenschaft, 
Doch, merkt euch wohl! nicht ohne 

Narrheit hören! 



43 



Call Fancy up, with her attendant troop, 
Eeason and Judgment, Passion, Melan- 

choly, 
Wit, Feeling, and be sure among the 

group 
Not to forget the little darling, Folly ! 



Die Ausgabe von 1903 hat für Lustige Person bald Mr. 
Merryman, bald Friend, wahrscheinlich ein früheres Versehen, 
die andere bleibt konsequent beim erstem. Im Prolog im Himmel 
behält Anster die Bezeichnung „der Herr" bei. In der Hymne 
hält er sich enger an sein Vorbild, zwar nur inhaltlich, in 
der Ausführung fallen wieder die Wiederholungen auf, die von 
Eeim und Metrum verursacht sind und zeigen, wie der Schüler 
viele kleine Striche macht, wo der Meister mit einem genialen 
Zug die gewollte Wirkung hervorbringt: 



The sun, as in the ancient days, 
'Mong sister stars in rival song, 
His destined path observes, obeys, 
And still in thunder rolls along, 
New strength and füll beatitude 
The angels gather from his sight, 
Mysterious all — yet all is good, 
All fair as at the birth of light! 

Swift, unimaginably swift, 
Soft spins the earth, and glories bright 
Of mid-day Eden change and shift 
To shades of deep and spectral night. 
The vexed sea foams — waves leap 

and moan. 
And chide the rocks with insult hoarse, 
And wave and rock are hnrried on, 
And suns and stars in endless course. 

And winds with winds mad war 

maintain, 
From sea to land from land to sea; 

And heave round earth a living chain 
Of interwoven agency. — 
Guides of the bursting thunder-peal, 
Fast lightnings flash with deadly ray, 
While, Lord, with thee thy servants 

feel 
Calm effluence of abiding day. 



Die Sonne tönt nach alter Weise 243 

In Brudersphären Wettgesang, 

Und ihre yorgeschriebne Heise 

Vollendet sie mit Donnergang. 

Ihr Anblick gibt den Engeln Stärke, 

Wenn keiner sie ergründen mag; 

Die unbegreiflich hohen Werke 

Sind herrlich wie am ersten Tag. 250 

Und schnell und unbegreiflich schnelle 

Dreht sich umher der Erde Pracht; 

Es wechselt Paradieseshelle 

Mit tiefer schauervoller Nacht; 

Es schäumt das Meer in breiten 255 

Flüssen 
Am tiefen Grund der Felsen auf, 
Und Fels und Meer wird fortgerissen 
In ewig schnellem Sphärenlauf. 

Und Stürme brausen um die Wette, 

Vom Meer aufs Land, vom Land aufs 260 

Meer 
Und bilden wütend eine Kette 
Der tiefsten Wirkung rings umher. 
Da flammt ein blitzendes Verheeren 
Dem Pfade vor des Donnerschlags; 
Doch, deine Boten, Herr, verehren 

Das sanfte Wandeln deines Tags. 



44 



Einzelne Schönheiten zeigt diese Übersetzung der Hymne 
allerdings, namentlich ist der klangliche Wohllaut bewahrt. So 
tönt die volle Musik wieder in den Versen: And still in thunder 
rolls along, — And winds with winds mad war maintain, — 
Calm effluence of abiding day, und sehr schön ist die Wendung: 
Soft spins the earth ... — Fast scheint es, als hätte Anster sich 
hier zulange in Schranken halten müssen, denn die folgenden 
freundlich ernsten Reden des Herrn werden durch lange Glossen 
entstellt. Ein einziges Beispiel möge das zeigen: 

-A 



Ein guter Mensch in seinem dunklen 
Drange 

Ist sich des guten Weges wohl be- 
wußt. 



the light he 
— and, if he 



328 „A good man. clouded though his 

senses be 
By error, is no willing slave to it." 
His consciousness of good will it 

desert 
The good man? — yea, even in his 

darkest hours 
Still does he war with Darkness and 

the Powers 
Of Darkness; — for 

cannot see 
Still round him feels 

be not free, 
Struggles against this stränge cap- 

tivity. 

Durch eine solche gemächliche Ausführung wird die Hoheit, 
das Überirdische, wodurch Goethe den Herrn so fein zu allen 
andern Personen kontrastiert, natürlich abgestreift. Diese im 
Geklingel des Verses sich gefallende Manier ist der Hauptfehler 
der Ansterschen Bearbeitung, die schönsten Stellen werden 
damit verdorben. Die Schilderung von der Wechselwirkung der 
Himmelskräfte, die bei Goethe ganz Bild und Ton ist, ist hier 
ein leeres Spiel mit Worten: 



447 Oh! how the spell before my sight 
Brings nature's hidden ways to light: 
See! all things with each other 

blending — 
Each to all its being lending — 
All on each in turn depending — 
Heavenly ministers descending 
And again to heaven up-tending — 
Floating, mingling, interweaving — 
Kising, sinking, and receiving 
Each from each, while each is giving 



Wie alles sich zum Ganzen webt, 
Eins in dem andern wirkt und lebt! 
Wie Himmelskräfte auf und nieder 

steigen 
Und sich die goldnen Eimer reichen! 
Mit segenduftenden Schwingen 
Vom Himmel durch die Erde dringen, 
Harmonisch all' das All durchklingen! 



45 

On to each, and each relieving 
Each, the pails of gold, the living 
Cnrreut through the air is heaving; 
Breathing blessings, see them bendiug, 
Balanced worlds from change defend- 

While everywhere diffused is harmony 
unending! 

Nicht viel besser ist die lyrische Expansion des Erdgeistes, 
wovon ich nur den Schluß gebe: 

Hear the murmuring wheel of Time, So schaff ich am sausenden Webstuhl 508 

unawed, der Zeit 

As I weave the living mantle ofGod! Und wirke der Gottheit lebendiges 

Kleid. 

Ob sich Anster über das Füllsel „unawed" je Rechenschaft 
abgelegt? wohl kaum. Durch Hear the murmuring wheel 
erhält das Klangliche eine zu starke Betonung, während das 
Schlußbild zusammenfassend doch nur die ewige Bewegung noch 
einmal veranschaulicht. Eine arge Verzerrung hat der zweite 
Monolog Fausts, seine Verzweiflung an der Wissenschaft, er- 
fahren. Bei Goethe sind es 30 Verse fünf- und sechsfüßiger 
Jamben voll Unmut und Schmerz, Anster braucht dazu 72 Verse 
vierfüßiger Jamben, aus denen nur eine schlechte Laune spricht. 
Die Phiole wird angerufen: Oh phial! — happy phial! — be 
thou my friend — a true friend — faithful friend, und trotz 
allem erfüllt sie diesen Faust nicht mit dichterischer Kraft. 
Ein schiefes Bild hat sich dabei noch eingeschlichen: 

The swell, that troubled the clear Des Geistes Flutstrom ebbet nach und 698 

spring nach. 

Of my vext spirit, ebbs away; 

Besseres bietet Anster dagegen in der Übersetzung der 
Eingangslyrik in der zweiten Studierzimmerszene: 

O'er silent field and lonely lawn Verlassen hab' ich Feld und Auen, 1178 

Her dusky mantle night has drawn; Die eine tiefe Nacht bedeckt, ' 

At twilight's holy heartfelt hour Mit ahnungsvollem heil'gen Grauen 

In man his better soul hath power. In uns die bessre Seele weckt. 

The passions are at peace within, Entschlafen sind nun wilde Triebe, 

And still each stormy thought of sin. Mit jedem ungestümen Tun ; 

The yielding bosom, overawed, Es reget sich die Menschenliebe, 

Breathes love to man, and love to Die Liebe Gottes regt sich nun. 

God! 1185 



46 



1194 When in our narrow cell each night, 
The lone lamp sheds its friendly light, 
Then from the bosom doubt and fear 
Pass off like clouds, and leave it clear — 
Then reason re-assumes her reign, 
And hope begins to bloom again 
And in the hush of outward strife 
We seem to hear the streams of life. 
And seek, alas! — in vain essay — 
Its hidden fountain far away. 



Ach, wenn in unsrer engen Zelle 
Die Lampe freundlich wieder brennt, 
Dann wird's in unsrem Busen helle, 
Im Herzen, das sich selber kennt. 
Vernunft fängt wieder an zu sprechen 
Und Hoffnung wieder an zu blühn; 
Man sehnt sich nach des Lebens Bächen. 
Ach! nach des Lebens Quelle hin. 



Wenn er hier auch nicht getreu folgt, so hat er wenigstens 
die Stimmung festgehalten und steht trotz der Abschweifungen 
dem Original näher als sonst. In der ganzen Übertragung gibt 
es kaum eine Seite, die nicht neben den Goetheschen Gedanken 
auch Anstersche zeigte, die meistens langatmige Erweiterungen und 
Umschreibungen oder auch verdünnte Wiederholungen sind. Die 
Wirkung vom Zeichen des Erdgeistes ist ganz gut erzählt, aber 
allzusehr in die Länge gezogen. Bei der Verwandlung des Pudels 
liebt es Anster, in seiner Weise dem Original ausschmückend 
nachzuhelfen. Im Einschläferungslied vermag er Goethes Flug 
im Anfang noch mühsam zu folgen, dann aber bleibt er zurück 
und schmiedet eigene Verse, in denen das hervortretend Bild- 
mäßige verschwindet, die Musik verstummt; eine Coda in vier- 
hebigen trochäischen Reimpaaren mit dem gewohnten Wort- 
reichtum bildet den Schluß. Für die Ökonomie des Goetheschen 
Ausdrucks hat er eben nicht das geringste Verständnis, er 
braucht eine ganze Wortflut, wo sich das Original durch knappe 
Kürze auszeichnet: 

1699 If ever time should flow so calmly on, Werd' ich zum Augenblicke sagen : 



Soothing my spirits into such oblivion, 
That in the pleasant trance I would 

arrest, 
And hail the happy moment in its 

course, 
Bidding it linger with me — „Oh, 

how fair 
Art thou delicious moment!" — 

„Happy days, 
Why will ye flee?" — „Fair visions! 

yet a little 
Abide with me, and bless me, — fly 

not yet, u 
Or words like these — then . . . 



Verweile doch! du bist so schön! 



47 

Ebenso Schlimmes leistet Anster in der Walpurgisnacht. 
Da dehnt er die dritte und vierte Strophe des Wechselgesangs 
fast auf die doppelte Länge aus. Für die herrliche Schilderung 
Mephistos vom Sturm, wo jedes Wort durch den Ton wirkt, wo 
die Onomatopöie das Bild fast ganz zurückdrängt, so dafs die 
Gewalt der Sturmnacht umso kräftiger zum Ausdruck kommt, 
gibt Anster eine Reihe von Bildern und scheint zu vergessen, 
daß die beiden von Finsternis umhüllt sind, und daß ihr Auge 
nichts zu unterscheiden vermag. Wieder ist es die Freude über 
das leichte Dahinfließen seiner Verse, die ihn auf Abwege 
geführt hat Aus diesem Grunde kommen auch viele Miß- 
verständnisse vor: 

Hither from my distant sphere Du hast mich mächtig angezogen, 483 

Thou hast compelled me to appear; An meiner Sphäre lang gesogen, 

Fausts Glaube an die Natur, daß sie ihn gesund machen 
könne, wird verneint: 

I ask a solace thon dost not impart: Ihr quellt, ihr tränkt, und schmacht' 459 
The food I hunger for thou dost not ich so vergebens? 

give! 

Es widerspricht dem eigentlichen Zweck des Einschläf erungs- 
liedes, wenn Mephisto sagt: 

. . . still in illusion steep Versenkt ihn in ein Meer des Wahns; 1511 

His fancy! — hover round and round 

him yet, 
Haply dreaming that I am 
Prisoner of the pentagram! 

Die absichtlich ungenaue Bestimmung wird durch eine 
genaue ersetzt: 

'Twixt the time she comes and goes, Solang wir uns die Pfoten wärmen. 2385 
We can scarcely warm our toes. 

Mißverstanden ist die Anwendung der 3. pers. sing, als 
Anrede: 

Martha (aside) To know what brings Was bringt er denn? Verlange sehr — 2913 
him, I am dying. 



48 



Von geringer Einfühlung in Mephistos Charakter zeugt: 



3286 To pierce into the marrow of the Der Erde Mark mit Ahnungsdrang 

earth durchwühlen, 

In a fooVs fancies — 

Mißverstanden sind ferner: 

3713 the cry of murder ... ein mörderlich Geschrei. 

4427 Savage, Henker 

hier macht Anster denselben Fehler wie das anonyme Fragment 
von 1821. Er faßt Henker als Schimpfwort auf, und so fällt 
das Schreckliche dahin, daß Gretchen den Geliebten für den 
Henker ansieht. 

Auch gangbare Redensarten und Anspielungen sind nicht 
immer richtig erfaßt; z. B.: 

2954 ... the trifte Und fand, daß er weit mehr noch auf 

Due at the wineshop is due yet — der Zeche hätte. 

2962 . . . but out Er fabelte . . . 

The truth has come and leaves no 

doubt. 
He lied. 

4307 What merry groups are crowding Seht! wie sie in gedrängter Schar 

there! 

Up to every frolic started Naiv zusammen scherzen. 

And when they're gone — I won't Am Ende sagen sie noch gar, 

say where — 

We call them foolish, but good-hearted. Sie hätten gute Herzen. 

4315 Come follow me through smooth and Mit rechten Leuten wird man was. 

rough: 
Cling close — there's little need of Komm, fasse meinen Zipfel! 
ceremony. 

Das Intermezzo hat mehrere solcher unverstandener Pointen; 
im übrigen ist es genauer übertragen als die andern Teile. 

Auch die Charaktere sind zum Teil verzeichnet. Wagner 
ist nicht so ideal gesinnt, wie Anster ihn darstellt: 

1013 Oh, happy he who thus to Heaven glücklich, wer von seinen Gaben 
Can render back the talents given! Solch einen Vorteil ziehen kann. 

Am meisten ist aber Fausts Charakter entstellt. Im 
Monolog in Gretchens Zimmer, der nur ein schwacher Abglanz 



49 



von der herrlichen Lyrik Goethes ist, kommt der Umschwung in 
Fausts Empfinden nicht genügend zum Ausdruck. Vom Zauber- 
duft, der ihn umgibt, vom Liebestraum, in den er zerfließt, 
erfahren wir nichts: 



Bat thou accursed, what art thou? 
What brings thee to her Chamber now? 
Alas! I tremble but to think 
And feel my heart within me shrink. 
Poor Faust! has some magic cloud 
Befooled thine eyes? thy reason 

bowed? 
Else why this burning passion stränge? 
And why to love this sudden change? 



Und du, was hat dich hergeführt? 2717 

Wie innig fühl 7 ich mich gerührt! 

Was willst du hier? Was wird das 
Herz dir schwer? 

Armserger Faust! ich kenne dich nicht 2720 
mehr. 

Umgibt mich hier ein Zauberduft? 

Mich drang's so grade zu genießen, 

Und fühle mich in Liebestraum zer- 
fließen! 



Natürlich erwacht so auch nicht sein Gewissen: 



. . . how would the boaster shrink 
Into the coward! at her feet 
In what confusion sink! 



Wie würdest du für deinen Frevel 2726 

büßen! 
Der große Hans, ach, wie so klein, 
Lag', hingeschmolzen, ihr zu Füßen. 



Und doch ist diese Fassung der Szene bedeutend besser 
als die ältere, wo Faust erst recht als sinnlicher Freier erscheint. 
Er ruft da: 

In this mad moment what art thou? 
These softenings of the heart! and 

then 
This rage of wild desire again! 

Vor dem Kerker, wo er ja die ganze Qual Gretchens mit- 
fühlt, ist Faust bei Anster ein herzloser Egoist, der nur sich 
selbst bejammert: 



'Tis many a day since I have trembled 

thus. 
Misery on misery heaped — a heavy 

bürden, 
More than man can endure, has 

weighed me down. 



Mich faßt ein längst entwöhnter 4405 

Schauer, 
Der Menschheit ganzer Jammer faßt 

mich an. 



Bei Gretchen sind einige feine Züge der Charakterisierung 
nicht beachtet. Die Verlegenheit, die Goethe so hübsch andeutet, 
ist dem schlagfertigen Worte gewichen in: 

Time long enough 't will be tili then. Ach nein, das geht jetzt noch nicht an. 2945 

Baum Ann, Engl. Übersetzungen r. Goethes Faust. 4 



50 

Und gerade da, wo Goethe die Ausrufe und Fragen häuft, 
wenn Gretchen das Kästchen findet, hält Anster, wieder zum 
Nachteil der Zeichnung, mit seinem Redestrom zurück und gibt 
einen formellen steifen Bericht. Doch nicht nur hier, auch in 
den beiden Gartenszenen fehlt Gretchen die Natürlichkeit. Noch 
schwerwiegender aber ist es, wenn er den reinen Ton der Ent- 
schuldigung trübt und sie sagen läßt: 

3585 But could I — who coiüd — have Doch aUes was mich dazu trieb, 

resisted here? 
All was so good! all was so very dear! Gott! war so gut! ach war so lieb! 

Ein Schatten fällt auch auf Gretchen, weil das Lied, das 
sie singt, nicht mehr ein Lied der Gattentreue ist: 

2759 There was a king in Thule Es war ein König in Thule 

And he loved an himble maid; Gar treu bis an das Grab, 

And she who loved him truly, + Dem sterbend seine Buhle 
When she came to her death-bed, Einen goldnen Becher gab. 

Schon diese kurze Probe zeigt, daß Anster der Poesie 
und Innigkeit dieser großen Einfachheit nicht gewachsen ist, er 
gibt uns nur gereimte Prosa und ruft durch eine Übertreibung 
unfreiwillige Komik hervor: 

2765 And ever, as he drank of it, Die Augen gingen ihm über, 

Tears dimmed his flomng eyes. So oft er trank daraus. 

Es finden sich noch zwei solche Stellen: 

2055 — What with my long beard? Allein bei meinem langen Bart 

How shall I trim it into decent shape? Fehlt mir die rechte Lebensart. 

2528 There's nothing you can give that is Erweiterung zu: dem es gedeihen soll. 
Too strong for such a stomach as his. 

Bei einem Bearbeiter, dessen Verse eilig dahinfließen, ohne 
viel innern Gehalt mitzuführen, ist es zu begreifen, daß Farb- 
losigkeiten und Plattheiten recht oft mit unterlaufen. Ich greife 
nur wenige heraus: 

2699 . . . perhaps beside this seat Vielleicht hat, dankbar für den heil'gen 
I weU can fancy it — a happy child — Christ, 

Even now she scarce is more — at Mein Liebchen hier, ... 
Christmas eve . . . 

2693 In low estate what more than riches In dieser Armut welche Fülle! 

are. 



51 



And this poor cell, how very, very 

happy. 
Everywhere round the hand beloved 

I trace 
That makes a paradise of any place. 



In diesem Kerker welche Seligkeit! 

liebe Hand! so göttergleich! 

Die Hütte wird durch dich ein Himmel- 
reich. 



2707 



Solche Trivialitäten, wo lauter Poesie sein sollte! 

And over us, with constant kindly Und steigen freundlich blickend 

smile, 
The sleepless stars keep everlasting Ewige Sterne nicht herauf? 

watch! 



QAAA 



Gretchens Gebet ist aus demselben Grunde größtenteils 
mißlungen. Im Lied am Spinnrad aber ist die Stimmung schön 
getroffen, es schließt sich wohl enger an das Original an als alles 
bis dahin Gebotene. Trotz einiger Ungleichheiten gehört es zum 
Besten, was Anster leistet. Sogar die Bewegung im Versmaß 
der Eefrainstrophe sucht er festzuhalten, wo er im 2. Vers den 
Anapäst anwendet. (Goethe hat ihn im ersten.) 

My peace is gone, Meine Buh ist hin, 

And my heart is sore: Mein Herz ist schwer; 

I have lost Mm, and lost htm Ich linde sie nimmer 

For evermore! Und nimmermehr. 



The place, where he is not, 
To me is the tomb, 
The world is sadness, 
And sorrow and gloom! 

My poor sick brain 
Is crazed with pain, 
And my poor sick heart 
Is torn in twain! 

My peace is gone, 
And my heart is sore: 
For lost is my love 
For evermore! 

From the window for him 
My heavy eyes roam; 
To seek him all lonely 
I wander from home. 

His noble form, 
His bearing high, 
The smiles of his lip, 
And the power of his eye; 



Wo ich ihn nicht hab' 
Ist mir das Grab, 
Die ganze Welt 
Ist mir vergällt. 

Mein armer Kopf 
Ist mir verrückt, 
Mein armer Sinn 
Ist mir zerstückt. 

Meine Buh ist hin, 
Mein Herz ist schwer; 
Ich finde sie nimmer 
Und nimmermehr. 

Nach ihm nur schau' ich 
Zum Fenster hinaus, 
Nach ihm nur geh' ich 
Aus dem Haus. 

Sein hoher Gang, 
Sein' edle Gestalt, 
Seines Mundes Lächeln, 
Seiner Augen Gewalt, 



3374 



33SQ 



3385 



3390 



3395 



4* 



52 



And the magic tone 
Of that Voice of his, 
3400 His hands' soft pressure, 
And oh! his kiss! 

My peace is gone, 
And my heart is sore; 
I have lost him, and lost him 
3405 For evermore! 

Far wanders my heart 
To feel him near, 
Oh! could I clasp him, 
And hold him here! 

3410 Hold him and kiss him, 
Oh! I could die! 
To feed on his kisses, 
How willingly! 



Und seiner Rede 
Zauberfluß, 
Sein Händedruck, 
Und ach, sein Kuß! 

Meine Buh ist hin, 
Mein Herz ist schwer; 
Ich finde sie nimmer 
Und nimmermehr. 

Mein Busen drängt 
Sich nach ihm hin. 
Ach dürft' ich fassen 
Und halten ihn, 

Und küssen ihn 
So wie ich wollt', 
An seinen Küssen 
Vergehen sollt'! 



Die inkongruenten Stellen scheinen mir zu sein: The place, 
where . . ., was prosaisch klingt; My heavy eyes ist kein schönes 
Bild. Durch die Abänderung der Refrainstrophe kommt ein 
zweites Motiv, die Klage der Verlassenen, herein, dadurch wird 
die künstlerische Einheit zerstört. — Die Domszene ist auch 
größtenteils gelungen, Anster hat sich da bemüht, die schönen 
Bilder zu bewahren. — Besonders glücklich ist er in der Wieder- 
gabe charakteristischer Epitheta und poetischer Wendungen in 
der Jugenderinnerung: 

771 Oh! once in boyhood's happy time the Sonst stürzte sich der Himmelsliebe 

love of Heaven Kuß 

Game down upon me, with mysterious Auf mich herab in ernster Sabbath- 

kiss stille; 

Hallowing the stillness of the Sabbath- 

day! 

Solche Schönheiten gehören aber zu den Seltenheiten. Das 
letzte Wort Gretchens ist bezeichnend für die ganze Arbeit 
Sie sagt da: „Henry, I fear to look at thee!" so oberflächlich, 
rein äußerlich ist im ganzen Ansters Auffassung. Er geht nicht 
in die Tiefe, übt keine Selbstzucht und keine Selbstkritik, 
sondern dichtet da weiter, wo es ihn dazu treibt, und leider 
ist das fast immer der Fall. — 

So ist Ansters Arbeit eine Nachdichtung, die viel zuwenig 
die Größe und Schönheit des Originals wahrt. Ihr Hauptmangel 



53 

aber liegt in der Entstellung der Charaktere von Faust und 
Gretchen; jener erscheint als kalter Egoist, dieser fehlt die 
Innerlichkeit und Unberührtheit. 



3. Die Martinsche Übersetzung. 

Faust, a dramatic poem by Goethe. Translated into 
English verse by Theodore Martin. Edinburgh und 
London. W. Blackwood and Sons 1865. 

Sir Theodore Martin ist der Übersetzer von Goetheschen 
Gedichten und Balladen, er übertrug auch Dantes Vita Nuova, 
Horaz, Heines Gedichte und Schillers Lied von der Glocke. 
Einzelne Partien aus Faust enthielten seine „Poems original 
and translated", die er 1863 for private circulation hatte drucken 
lassen. 1886 kam seine Übertragung des IL Teils von „Faust" 
heraus und 1896 die der sechs ersten Bücher der Äneide. 

Ich folge in meiner Besprechung der 9. Auflage seiner 
Faustübersetzung aus dem Jahre 1887. Sie ist ohne Einleitung 
und Anmerkungen. 

Es lassen sich bei ihm zwei Arten der Behandlung unter- 
scheiden, bald überträgt er frei, namentlich in den humoristischen 
Partien, die er gerne stärker hervortreten läßt, bald folgt er 
seinem Vorbild getreuer. Doch lassen sich diese beiden Arten 
der Ausführung nicht streng auseinanderhalten. Nach dieser 
Seite hin ist also Martins Übersetzung eine Mischung, ebenso 
nach einer andern Eichtung: sie weist Stellen von großer Grazie 
und wirklicher Schönheit auf neben solchen, bei denen man 
kaum begreift, daß sie aus derselben Feder geflossen sind, so 
Banales wird uns da geboten. 

Martin unterscheidet 5 Akte. Der I. umfaßt vier Szenen 
und schließt mit Mephistos Entrinnen, der IL hat drei Szenen, 
die Hexenküche ist die letzte. Im ni. sind neun Szenen, die 
Verabredung auf die Nacht macht den Schluß. Der IV. hat 
fünf Szenen und schließt mit dem Intermezzo, dem V. fallen 
noch die drei letzten Szenen zu. 

Im Texte hat Martin zwei Verse ausfallen lassen 650/51. 
Auch bei ihm fehlen einige Bühnenanweisungen, am wenigsten 
kann man die verschmerzen, wo Goethe so impulsiv seine warme 
Anteilnahme an Gretchen zeigt: in der Liebesszene (Das letzte 



54 

Blatt ausrupfend, mit holder Freude). Es ist wohl ein Druck- 
fehler, wenn am Schluß dieser Szene Gretchens Worte Faust 
zugeschrieben werden: 3210. Eine Bühnenanweisung scheint 
mißverstanden zu sein: 

521 Faust turns away impatiently. Faust wendet sich unwillig. 

Die meisten Mißverständnisse lassen sich auf Hayward zu- 
rückführen, d. h. indirekt, denn Martin ist von der Swanwickschen 
Übersetzung ziemlich stark beeinflußt. Er zeigt dieselbe un- 
richtige Auffassung in: 

121 Your poet-dreams, your soarings high, Was träumet ihr auf eurer Dichter- 
Oh, they were there appropriate very! höhe? 

Zounds, do you fancy, these will ever Was macht ein volles Haus euch froh? 

draw 
A bumper house, or make it merry? 

Recht komisch ist die Auslegung von: 

1034 My father was a good man, not too Mein Vater war ein dunkler Ehren- 

bright, mann, 

Viele Übersetzer haben Wagners Witz nicht verstanden, 
Martin gehört auch zu ihnen: 

1176 The students, sir, have taught him Ja, deine Gunst verdient er ganz und 

all these pranks, gar, 

Which he has shown much aptitude Er, der Studenten trefflicher Scolar. 
to learn. 

Wie Anster versteht er die volkstümliche Eedensart nicht in: 

2954 And found , that , what with drink Und fand, daß er weit mehr noch auf 

and spending, der Zeche hätte. 

He had run up a great deal more, 
Than he had thought for, on his score. 

Mißverständnisse sind ferner: 

3084 Mother's too niggardly Die Mutter ist gar zu genau. 

3935 Even now his boisterous guests are Ich spüre schon die ungestümen Gäste. 

near. 

als wären die Hexen Mammons Gäste. 



55 



Die Konstruktion ist mißverstanden in: 



Dielst prattle prayers, that were 
Half childish playfulness, 



Gebete lalltest, 
Halb Kinderspiele, 



In einer freiem Übertragung liegen Ungenauigkeiten in 
der Natur der Sache, sie sind aber tadelnswert, sobald sie aus 
dem Rahmen der Dichtung herausfallen. So ist der Vergleich 
geschmacklos und unpassend in: 

One, with a passionate love that never Die eine hält, in derber Liebeslust, 

tires, 

Cleaves as with cramps of steel to Sich an die Welt mit klammernden 

things of earth, Organen; 

Auf dieselbe Weise verliert das Pathos des Dichters im 
Vorspiel auf dem Theater die Wirkung, und durch ein einziges 
übelgewähltes Epitheton wird das Wesen des Dichters verändert. 
Er, der sich eben noch aus dem Treiben und Eilen der Alltags- 
welt herausgesehnt, sagt jetzt: 

When swiftly sped the happy hours, 
As, roaming Itke a summer getie, 
I plncked at will the thousand flowers, 
That blossomed thick through every vale. 



Da ich die tausend Blumen brach, 
Die alle Täler reichlich füllten. 



Die Unendlichkeit des Raumes und des Gedankens, die 
in der Hymne liegt, ist verengert, sie ist mit dem Original ver- 
glichen nur noch ein menschlicher Lobgesang: 



The sun in chorus, as of old, 
With brother spheres is sounding still, 
And, on its thunderous orbit rolled, 
Does its appointed course fulfil. 
The angels, as they gaze, grow strong, 
Though fathom it they never may; 
These works sublime, tmtouched by 

torong, 
Are bright as on the primal day. 

And swift, beyond coneeiving swift, 
The earth is wheeling onward; mark! 
From dark to Ught its surface shift, 
From brightest Ught to deepest dark! 
In foam the sea's broad billows leap, 
And lash the rocks with giant force, 
And rock and biUow onward sweep 
With sun and stars in endless course. 



Die Sonne tönt nach alter Weise 
In Brudersphären Wettgesang, 
Und ihre vorgeschriebne Eeise 
Vollendet sie mit Donnergang. 
Ihr Anblick gibt den Engeln Stärke, 
Wenn keiner sie ergründen mag; 
Die unbegreiflich hohen Werke 

Sind herrlich wie am ersten Tag. 



3780 



1114 



190 



245 



250 



Und schnell und unbegreiflich schnelle 
Dreht sich umher der Erde Pracht; 
Es wechselt Paradieseshelle 
Mit tiefer schauervoller Nacht; 
Es schäumt das Meer in breiten Flüssen 255 
Am tiefen Grund der Felsen auf, 
lind Fels und Meer wird fortgerissen 
In ewig schnellem Sphärenlauf. 



56 



And battling storms are raging high 
260 From shore to sea, from sea to shore, 

And radiate currents, as they fly, 
That quicken earth through every pore. 
There, blasting lightnings scatter fear, 
And thnnders peal ; but here they lay 
265 Their terrors down, and, Lord revere 
The gentle going of Thy day. 



Und Stürme brausen um die Wette, 
Vom Meer aufs Land, vom Land aufs 

Meer, 
Und bilden wütend eine Kette 
Der tiefeten Wirkung rings umher. 
Da flammt ein blitzendes Verheeren 
Dem Pfade vor des Donnerschlags; 
Doch deine Boten, Herr, verehren, 
Das sanfte Wandeln deines Tags. 



Wie er hier stellenweise frei und matt übertragen hat, so 
nivelliert er auch im folgenden Dialog zwischen dem Herrn 
und Mephistopheles, wodurch die bei aller Menschlichkeit un- 
erreichbare Hoheit des Herrn nicht genügend hervortritt. Martin 
erweitert hier sehr, weil er umschreiben muß, was Goethe in wenig 
Worten von unvergleichlicher Schönheit und Bedeutung sagt: 



324 . . . From the source, where he 

His being had, this spirit turn aside, 



Zieh diesen Geist von seinem UrqueU 
ab, 



And lead him, if thou'rt able, down Und führ ihn, kannst du ihn erfassen, 

with thee, 

Along thy way, that pleasant is and Auf deinem Wege mit herab, 

wide; 

340 Who may on man's activity rely? Des Menschen Tätigkeit kann allzu- 
Into indulgent ease 't is apt to fall. leicht erschlaffen, 



344 But, ye true sons of heaven, rejoice 

to share 
The wealth exuberant of all thafs 

fair, 
Which lives, and has its being every- 

where! 
And the creative essence which sur- 

rounds, 
And lives aU-wheres, and worketh 

evermore, 
Encompass you within love's gracious 

bounds ; 
And all the world of things, which 

flit before 
The gaze in seeming fitful and obscure, 
Do ye in lasting thoughts embody and 

secure ! 



Sowenig wie im Herrn ist im Erdgeist das aus einer andern 
Welt Stammende im Ausdruck charakterisiert: 



Doch ihr, die echten Göttersöhne, 

Erfreut euch der lebendig reichen 

Schöne! 
Das Werdende, das ewig wirkt und 

lebt, 
Umfaß' euch mit der Liebe holden 

Schranken, 
Und was in schwankender Erscheinung 

schwebt, 
Befestiget mit dauernden Gedanken. 



57 

By potent art thou'st dragged me here; Du hast mich mächtig angezogen, 483 



To view me were thy prayer and 

choice 
To see my face, to hear my voice. 

Well! by thy potent prayer won o'er, 
I come. And thou, that wouldst be 

more 
Than mortal, having thy behest, 
Art with a craven fear possessed! 
Where is thy pride of soul? 



Du flehst eratmend mich zu schauen, 486 

Meine Stimme zu hören, mein Antlitz 

zu sehn; 
Mich neigt dein mächtig Seelenflehn, 
Da bin ich! Welch erbärmlich Grauen 
Faßt Übermenschen dich! Wo ist der 490 

Seele Ruf? 



Who stormed my haunts, and would Der sich an mich mit allen Kräften 495 
not be denied? drang? 



Auf diese Art entstellt Martin oft die schönsten Partien 
des Werkes und verdirbt sonst würdig übersetzte Stellen; vor 
den Anforderungen des leicht fließenden natürlichen Verses tritt 
das ästhetische Urteil zurück. Jene andachtsvolle Nachtstimmung 
am Eingang der zweiten Studierzimmerszene leidet an prosa- 
ischen Umschreibungen und einem unpassenden Bild. Statt der 
schönen Lyrik in Fausts Monolog in Gretchens Zimmer gibt 
uns der Übersetzer eine wenig gefühlte Äußerung der Gedanken 
Fausts und endigt mit sentimentaler Schwärmerei: 



Welcome, thou twilight glimmer 

sweet, 
Throughout this sanctuary shed! 
Oh, love's delicious pain that art 

By dews of hope sustained and fed, 
Take absolute possession of my heart! 
How, all around, there breathes a sense 
Of calm, of order and content! 
What plenty in this indigence! 
In this low cell what ravtshmentl 



Willkommen süßer Dämmerschein! 2687 



Der du dies Heiligtum durchwebst. 

Ergreif mein Herz, du süße Liebes- 
pein! 

Die du vom Tau der Hoffnung 
schmachtend lebst. 

Wie atmet rings Gefühl der Stille, 

Der Ordnung, der Zufriedenheit! 

In dieser Armut welche Fülle! 

In diesem Kerker welche Seligkeit! 



And thou! What brings thee hither? I 
Am stirred with stränge emotion. Why ? 
What wouldst thou here? What 

weight so sore 
Is this that presses on thy heart? 

hapless Faust, so changed thou art, 

1 know thee now no more, no morel 



Und du! Was hat dich hergeführt? 
Wie innig fühl' ich mich gerührt! 
Was willst du hier? Was wird das 

Herz dir schwer? 
Armseliger Faust! ich kenne dich 

nicht mehr. 



2690 



2717 



2720 



58 



Das sind aber nicht die einzigen Gewalttaten; von den 
schönen Bildern, die Gretchen in all ihrer Lieblichkeit vor uns 
zaubern, ist eines verwischt, das andere verunglückt; überdies 
stört noch die klangliche Härte: 



2700 Here did my love perhaps with grate- 

ful breast 
For gifts the holy Christchild brought 

her, stand, 
Her chubby childish cheeks devoutly 

pressed 
Against her aged grandsire's withered 

hand. 



Vielleicht hat, dankbar für den heil'gen 
Christ, 

Mein Liebchen hier, mit vollen Kinder- 
wangen, 

Dem Ahnherrn fromm die welke Hand 
geküßt. 



2713 Here lay the child, its gentle breast 

Filled with warm life; and, hour by 

hour, 
The bud, by hands divine caressed, 
Expanded to the perfect flower! 



Hier lag das Kind! mit warmem 

Leben 
Den zarten Busen angefüllt, 

Und hier mit heilig reinem Weben 
Entwirkte sich das Götterbild! 



Die Ballade vom König in Thule ist eine traurige Ver- 
stümmelung, leere Tautologien, Gemeinplätze und andere Ge- 
schmacklosigkeiten machen sie zum Bänkelsängerlied. Ich greife 
3 Strophen heraus: 



2759 In Thule dwelt a King, and he 
Was leal unto the grave; 
A cup to him of the red, red gold 
His leman dying gave. 



2771 He sat and feasted at ihe board, 
His knights around his knee 
Within the palace of his sires, 
Hard by the roaring sea. 

2775 Then up he rose, that toper old, 
A long last breath he drew, 
And down the cup he loved so well 
Into the ocean threw. 



Es war ein König in Thule 
Gar treu bis an das Grab, 
Dem sterbend seine Buhle 
Einen goldnen Becher gab. 

Er saß beim Königsmahle, 
Die Ritter um ihn her, 
Auf hohem Vätersaale, 
Dort auf dem Schloß am Meer. 

Dort stand der alte Zecher, 
Trank letzte Lebensglut, 
Und warf den heiligen Becher 
Hinunter in die Flut. 



Martin hat damit die denkbar schlechteste Übertragung 
gegeben r hier liegt der Hauptmangel seiner Arbeit, vor und 
nachher hat er nie so gänzlich, fehlgegriffen und sowenig 
künstlerischen Takt gezeigt. — Bedeutend besser ist Gretchens 
Lied am Spinnrad, wenn es auch nicht mit denselben einfachen 
Mitteln wirkt und den Eindruck der tiefen, wahren Empfindung 



59 



durch einen trivialen Schluß verdirbt. Das Gebet zeigt anfangs 
das mühsame Ringen mit der Form und ist da unschön und 
unklar, erst wo Gretchens eigener Herzensjammer hervorbricht, 
findet er den einfachen, gefühlten Ausdruck: 

Still wheresoe'er I go, 

What woe, what woe, what woe 

Is in my bosom aching! 

When to my room I creep, 

I weep, I weep, I weep; 

My heart is breaking. 

The bow-pota at my window 
I with my tears bedewed, 
When over them at morn, to pluck 
These flowers for thee, I stood. 



Wohin ich immer gehe, 3602 

Wie weh, wie weh, wie wehe 

Wird mir im Busen hier! 

Ich bin, ach, kaum alleine, 

Ich wein', ich wein', ich weine, 

Das Herz zerbricht in mir. 

Die Scherben vor meinem Fenster 
Betaut' ich mit Tränen, ach! 
Als ich am frühen Morgen 3610 

Dir diese Blumen brach. 



Die Zueignung ist genau übertragen, doch fehlt ihr die 
Männlichkeit, sie ist zu weich. Am besten sind die beiden 
letzten Strophen, die in ihrer Schönheit das Original würdig 
wiedergeben. Ich führe sie ganz an: 



Alas, alas! These strains they cannot 

hear, 
The souls to whom my earliest lays 

I sang; 
Gone is that loving band of friends 

so dear, 
The echoes hushed, that once responsive 

rang; 
My numbers fall upon the stranger's 

ear, 
Whose very praise is to*my heart a 

pang, 
And aU who in my lays took pride 

of yore, 

Are lost in other lands, or eise no 

more. 



Sie hören nicht die folgenden Gesänge, 17 
Die Seelen, denen ich die ersten sang ; 

Zerstoben ist das freundliche Ge- 
dränge, 

Verklungen, ach! der erste Wider- 20 
klang. 

Mein Leid ertönt der unbekannten 
Menge, 

Ihr Beifall selbst macht meinem 
Herzen bang, 

Und was sich sonst an meinem Lied 
erfreuet, 

Wenn es noch lebt, irrt in der Welt 
zerstreuet. 



And yearnings fill my soul, unwonted 

long, 
To yonder still, sad, spirit-world to go ; 

Now, like Aeolian harp, my faltering 

song 
Bises and falls in fitful cadence low; 



Und mich ergreift ein längst ent- 25 
wöhntes Sehnen 

Nach jenem stillen ernsten Geister- 
reich, 

Es schwebet nun in unbestimmten 
Tönen 

Mein lispelnd Lied, der Aeolsharfe 
gleich, 



60 



A shudder thrills me, as old memories 

throng, 
30 The strong heart melts, tears fast on 

tear-drops flow 
What still is mine seems far, far off 

to be, 
And what has vanished lives anew 

for me. 



Ein Schauer faßt mich, Träne folgt 

den Tränen, 
Das strenge Herz es fühlt sich mild 

und weich; 
Was ich besitze, seh' ich wie im 

Weiten, 
Und was verschwand, wird mir zu 

Wirklichkeiten. 



Schön und getreu ist die Wiedergabe in: 



432 Youth's ecstasy divine, I feel it rushing, 
Like quickening fire, through every 

nerve and vein! 
Was it a god who chronicled these 

signs, 
Which all the war within me still, 
435 The aching heart with sweetness fill, 
And to mine eyes, in clearest lines, 
Unveil all Nature's powers as with a 

mystic thrill? 
Am I a god? All grows so bright. 
440 In these pure outlines I behold 

Nature at work before my soulunrolled. 



Ich fühle junges heil'ges Lebensglück 
Neuglühend mir durch Nerv 7 und 

Adern rinnen. 
War es ein Gott, der diese Zeichen 

schrieb, 
Die mir das innre Toben stillen, 
Das arme Herz mit Freude füllen, 
Und mit geheimnisvollem Trieb, 
Die Kräfte der Natur rings um mich 

her enthüllen? 
Bin ich ein Gott? Mir wird so licht! 
Ich schau' in diesen reinen Zügen 
Die wirkende Natur vor meiner Seele 

liegen. 



Im 2. Monolog, der anfänglich etwas stark paraplirasiert 
ist und durch kalte verstandesmäßige Einwürfe den Eindruck 
des Wiederdurchlebens verwischt, wächst Martin in der Lyrik 
an die Phiole fast zur Höhe seines Vorbildes empor und bringt 
das Reifen des Entschlusses zum Selbstmord schön hervor: 



706 This life sublime, this godlike rap- 

turous thrill, 
Can these by thee, a worm but now, 

be won? 
Yes, so thou turn with a resolved 

wül 
Thy back on earth, and on its kindly 

sun! 
710 The gates, most men would slink 

like cravens by, 
Dare thou to burst asunder! Lo, the 

hour 
Is here at band by deeds to testify, 

Man's worth can front the gods in 
all their power; 



Dies hohe Leben, diese Götter wonne! 

Du, erst noch Wurm, und die ver- 
dienest du? 
Ja, kehre nur der holden Erdensonne 

Entschlossen deinen Bücken zu! 

Vermesse dich, die Pforten aufzu- 
reißen, 
Vor denen jeder gern vorüber schleicht. 

Hier ist es Zeit durch Taten zu be- 
weisen, 

Daß Manneswürde nicht der Götter- 
höhe weicht, 



61 



To gaze unblenching on that murky 

pit, 
Where f ancy weaves herseif an endless 

doom, 
To Storni that pass, whose narrow 

gorge is lit 
By hell-fires flickering through the 

ghastly gloom; 
Serene, although the risk before thee 

Into blank nothingness to melt away! 



Vor jener dunkeln Höhle nicht zu 

beben, 
In der sich Phantasie zu eigner Qual 715 

verdammt, 
Nach jenem Durchgang hinzustreben, 

Um dessen Mund die ganze Hölle 
flammt; 

Zu diesem Schritt sich heiter zu ent- 
schließen 

Und war' es mit Gefahr, ins Nichts 
dahinzufließen. 



Das Ende der Szene ist würdig, und ziemlich genau über- 
tragen, ebenso der Osterspaziergang. Das Einschläferungslied 
ist frei behandelt und stark erweitert, weil eingehender auf den 
dahingleitenden Bildern verweilt wird, es ist voll Anmut und 
Leichtigkeit. Einige Stellen mögen zeigen, wie graziös die Verse 
hier spielen: 



And birds of all f eather, 
Pure rapture inhaling, 
Sunwards are sailing, 
Sailing together, 
On to the isles, 

That lie smiling and dreaming, 
Where the bright billows 
Are rippling and gleaming; 

All to the sources 

Of life pressing onward, 

Flushed by the forces, 

That carry them sunward; 

On to the measureless 

Spaces above them, 

On where the stars bless 

The spirits that love them. 



Und das Geflügel 
Schlürfet sich Wonne, 
Flieget der Sonne, 
Flieget den hellen 
Inseln entgegen, 
Die sich auf Wellen 
Gaukelnd bewegen; 



Alle zum Leben, 
Alle zur Ferne 
Liebender Sterne, 
Seliger Huld. 



1484 



1490 



1502 



Fausts Klage über das enge Erdenleben, sein Preis des 
Todes und sein Fluch über alle Erdenfreuden sind nicht ohne 
Schwung übersetzt, aber die volle Würdigung wird auch hier 
durch aus dem Rahmen fallende Ausdrücke etwas beeinträchtigt. 
Ähnlich ist es mit der Selbstverdammung Fausts, wo die Ver- 
zweiflung im ganzen gut nachgefühlt, die kühnen Metaphern 
aber kleinlich glossiert werden: 



62 



3345 What were heaven's Miss itself in her 

embrace? 
Though on her bosom I should glow, 
Must I not feel her pangs, her min? 
What am I bat an outcast, without 

home, 
Or human tie, or ahn, or resting-place, 
3350 That like a torrent raved along in 

foam, 
From rock to rock with ravening fury 

wild, 
On to the brink of the abyss? 



3361 Thou, Hell, must have this sacrifice 

perforce ! 
Help, devil, then to abridge my tortur- 

ing throes. 
Let that which must be swiftly take 

its course. 
Bring her doom down on me, to 

croum my woes, 
3365 And o'er us both one whelming ruin 

close ! 



Was ist die Himmelsfreud' in ihren 

Armen? 
Laß mich an ihrer Brust erwarmen! 
Fühl' ich nicht immer ihre Not? 
Bin ich der Flüchtling nicht? der 

Unbehauste? 
Der Unmensch ohne Zweck und Ruh, 
Der wie ein Wasserstun von Fels zu 

Felsen brauste, 
Begierig wütend nach dem Abgrund 

zu? 



Du, Hölle, mußtest dieses Opfer haben! 

Hilf, Teufel, mir die Zeit der Angst 
verkürzen ! 

Was muß geschehn, mag's gleich ge- 
schehn ! 

Mag ihr Geschick auf mich zusammen- 
stürzen 

Und sie mit mir zu Grunde gehn. 



Im Glaubensbekenntnis sind alle Schönheiten des Originals 
sorgfältig bewahrt, mit einer Ausnahme, wo Martin an Stelle 
des Undefinierbaren etwas Konkretes zu setzen sucht: 



3442 Bears not the heaven its arch above? 
Doth not the firm-set earth beneath 

us lie? 
And with the tender gaze of love 
3445 Climb not the everlasting stars on 

high? 
Do I not gaze upon thee, eye to eye? 
And all the world of sight and sense 

and sotmd 
Bears it not in upon thy heart and 

brain, 
And mystically weave around 
3450 Thy being influences that never 

wane? 



Wölbt sich der Himmel nicht da droben ? 
Liegt die Erde nicht hier unten fest? 

Und steigen freundlich blickend 
Ewige Sterne nicht herauf? 

Schau' ich nicht Aug' in Auge dir, 
Und drängt nicht alles 

Nach Haupt und Herzen dir, 

Und webt in ewigem Geheimnis 
Unsichtbar sichtbar neben dir? 



In der Walpurgisnacht bewegt sich Martin namentlich im 
Wechselgesang wieder freier, ebenso in der Kerkerszene, an 
beiden Orten nicht glücklich. In der letztern fällt das mehr 
ins Gewicht. Es kommen hier Wiederholungen vor, ohne daß 



63 



die Eindringlichkeit verstärkt würde, die gehäuften Ausrufe 
(oh!) sind ebenfalls billige Flickwörter; die Szene verliert 
dadurch an tragischer Wirkung. In unschöner übertriebener 
Weise verweilt er auf: 

Give me thy hand! Yes! Yes! these 

are no dreams, — 
Thine own dear hand. But, woe is 

me! 't is wet! 
How! dripping, dripping yei? 
How it doth runl 
Oh wipe it off! Meseems, 
There's Wood upon 't! 



Gib deine Hand! Es ist kein Traum! 4511 

Deine liebe Hand! — Ach, aber sie 

ist feucht! 
Wische sie ab! Wie mich däncht 
Ist Blut dran. 



Dem Ausdruck von Fausts Stimmung beim Anblick des 
Kerkers mangelt die Empfindung: 

I quake with a stränge dread. The Mich faßt ein längst entwöhnter 4405 

woe of all Schauer, 

Mankind possesses me. Der Menschheit ganzer Jammer faßt 

mich an. 

Etwas wortreich ist Faust in seiner Versicherung, es fehle 
ihm an der leichten Lebensart, noch weniger glaubt man ihm, 
daß er sich über den Hocuspocus der Hexe ärgere. Auch Gretchen 
ist häufig unnatürlich, der Eeimzwang und die metrische Fessel 
tragen hier wie dort die Schuld: 

I feel just like to drop. See here Fast sinken mir die Kniee nieder! 2874 

Another casket — nothing less — Da find' ich so ein Kästchen wieder 

Of ebony left in my press In meinem Schrein, von Ebenholz, 

And things, so grand and fine, I feel, Und Sachen herrlich ganz und gar, 

They're costlier than the first a deal. Weit reicher als das erste war. 



'Tis things like this, which make me 

pray, 
That fall in love I never may; 
For such a loss, I do believe, 
To death itself would make me grieve. 

I brought it up, and, do you know, 
It loved me with a love so truel 
My father died, before 't was Vorn. 
We gave up mother for lost; her fit 
Left her so wasted, and so forlorn, 
And very, very slow she mended, bit 

by bit. 
She could not, therefore, dream herseif 
Of suckling the poor little elf; 



Ich möchte drum mein' Tag' nicht 2921 

lieben; 
Würde mich Verlust zu Tode betrüben. 



Ich zog es auf, und herzlich liebt' es 3125 
mich. 

Es war nach meines Vaters Tod ge- 
boren. 

Die Mutter gaben wir verloren, 

So elend wie sie damals lag, 

Und sie erholte sich sehr langsam, 
nach und nach. 

Da konnte sie nun nicht dran denken, 3130 

Das arme Würmchen selbst zu tränken, 



64 



Hübsch ist aber der kleine Epilog nach der Liebesszene: 



3211 Dear God! the things of every kind 
A man like this has in his mind! 
I stand before him dashed and shy, 
And say to all he speaks of, yes. 

3215 In such a simple child as I, 

What he shonld see I cannot guess. 



Du lieber Gott! was so ein Mann 
Nicht alles, alles denken kann! 
Beschämt nur steh' ich vor ihm da, 
Und sag' zu allen Sachen ja. 
Bin doch ein arm unwissend Kind, 
Begreife nicht, was er an mir find't. 



Es ist ein glücklicher Griff von Martin, daß er seine Über- 
setzung so reich mit Volkstümlichem durchsetzt, viele Szenen 
sind ja ohne das Idiom gar nicht denkbar. Er charakterisiert 
die verschiedenen Klassen der Spaziergänger ganz gut: 

828 Zounds, how these strapping girls Blitz 

step out! 
Come, brother, come let's join them 

for a bout. 
A beer that st uns, a pipe that bites, 
And a wench in her braws, are my 

delights. 



wie die wackern Dirnen 

schreiten! 
Herr Bruder komm! wir müssen sie 

begleiten. 
Ein starkes Bier, ein beizender Tobak, 
Und eine Magd im Putz, das ist nun 

mein Geschmack. 



868 Ay, neighbour, nor care I what length 

they go. 
Zounds, they may cleave each other's 

pates, they may, 
And turn the whole world topsy-turry, 

so 
They leave things here at home to 

jog on in the old way. 

993 Indeed this is most kindly done, 
To mingle in our mirth to-day. 
Ah, ßir, you stood our friend in times, 
When we were anything but gay. 



Herr Nachbar, ja! so laß' ich's auch 

geschehn, 
Sie mögen sich die Köpfe spalten, 

Mag aUes durcheinander gehn; 

Doch nur zu Hause bleib's beim 
Alten. 

Fürwahr, es ist sehr wohlgetan, 
Daß ihr am frohen Tag erscheint; 
Habt ihr es vormals doch mit uns 
An bösen Tagen gut gemeint! 



Die eingestreuten Lieder dagegen sind ihm hier wie in Auer- 
bachs Keller nicht sehr gelungen. In der Szene am Brunnen ver- 
bindet er das Eealistische mit dem Volkstümlichen, und Valentins 
Monolog ist mit einer Ausnahme recht gut, z. R: 

3620 At drinking-bouts, when tongues wiU Wenn ich so saß bei einem Gelag, 

wag, 
And many are given to boast and 

brag, 
When praises of their own pet dears 
Were dinned by comrades in my ears, 



Wo mancher sich berühmen mag, 

Und die Gesellen mir den Flor 
Der Mägdlein laut gepriesen vor, 



65 



And drowned in bumpers, I was able, 
My elbow planted on the table, 
To bide my time, and calmly stayed, 
Listening to all their gasconade. 
Then with a smile my beard I'd stroke, 
And take a fall glass in my hand; 
„Each to his fancy!" up I spoke, 
„But who is there in all the land, 
To match with my dear Gretel, — who 
Is fit to tie my sister's shoe?" 



Mit vollem Glas das Lob verschwemmt 
Den Ellenbogen aufgestemmt, 3625 

Saß ich in meiner sichern Buh, 
Hört' all den Schwadronieren zu. 
Und streiche lächelnd meinen Bart, 
Und kriege das volle Glas zur Hand 
Und sage: alles nach seiner Art! 3630 

Aber ist eine im ganzen Land, 
Die meiner trauten Gretel gleicht, 
Die meiner Schwester das Wasser 
reicht? 



Martin streut auch gerne volkstümliche Redensarten und 
Sprichwörter von sich aus ein, z. B.: 



I prize that yonder at a rush! 



DasDrüben kann mich wenig kümmern, 1660 



And time and tide may cease for me! Es sei die Zeit für mich vorbei! 



1706 



Body and soul I'U buckle to't. 



Ich bin dabei mit Seel' und Leib; 1904 



... joy goes hand in hand with care. Freud' muß Leid, Leid muß Freude 2923 

haben. 



. . . she's pumped quite dry of tears, Einmal recht ausgeweint. 



3321 



Der Frau Marthe verleiht er damit einige feine Züge, teils 
in Übereinstimmung mit Goethe, teils von sich aus: 

What ails my pretty dear? Gretelchen, was soll's ? 2873 



Your news, sir? Tm all ears! 



Was bringt er denn? Verlange sehr — 2913 



Ah, you don't understand what I'd be Ach, ihr versteht mich nicht! 
at. 



3161 



Natürlich ist die Szene in Auerbachs Keller reich an solchen 
Wendungen, er verwendet hier auch „slang": 

My lad of wax (Frosch's Anrede an Brander:) Ihr 2080 



We have some love-sick spoonies here, Verliebte Leute sitzen hier, 



Tip us a stave! 



Gebt uns ein Liedl 



. . . don't stand haggling long about . . . Nur nicht lang gefragt, 
it! 

Bftumftnn, Engl, Übersetzungen v. Goethes Faust. 5 



2121 
2203 
2283 



66 



In dieser Weise hebt er den Wechsel im Ton der ver- 
schiedenen Szenen recht glücklich hervor, auch das Humoristische, 
das Martin sehr gut liegt, trägt dazu bei. Er bewegt sich da 
gern etwas frei und verstärkt den leichten, gemütlichen Ton. 
So ist im Vorspiel das Motiv, das die lustige Person dem Dichter 
zur Behandlung vorlegt, hübsch ausgeführt: 

158 To work, then, with these powers so So braucht sie denn, die schönen 



rare, 



Kräfte, 



And ply your task of bard and singer, Und treibt die dichtrischen Geschäfte, 



160 As people pnsh a love affair! 



Wie man ein Liebesabenteuer treibt 



They meet by accident, are smitten, Zufällig naht man sich, man fühlt, 



linger, 



man bleibt, 



And get themselves somehow into a Und nach und nach wird man ver- 



tangle; 



flochten; 



AlFs love and bliss, — then comes a Es wächst das Glück, dann wird es 



tifF, a wrangle, 



angefochten, 



In heaven one hour, the next despair, Man ist entzückt, nun kommt der 



distraction, 



Schmerz heran, 



165 And, presto, lo ! a whole romance in Und eh' man sich's versieht, ist's eben 



action ! 



ein Roman. 



Genau und graziös übertragen sind die Schlußworte des 
Merryman: 

206 But on the lyre's familiär strings to Doch ins bekannte Saitenspiel 

lay 

Your grasp with masterful, yet sweet Mit Mut und Anmut einzugreifen, 

control, 

And, there meandering gracefully, to Nach einem selbstgesteckten Ziel 

stray 

On to your shining seif - appointed Mit holdem Irren hinzuschweifen, 

goal, — 

210 This the vocation is of you old fellows, Das, alte Herrn, ist eure Pflicht, 

Nor do we therefore prize you less, Und wir verehren euch darum nicht 

my friend. minder. 

Age does not make men childish, as Das Alter macht nicht kindisch, wie 



folks teil us, 



man spricht, 



It only flnds them children to the Es findet uns nur noch als wahre 



end. 



Kinder. 



Einen stärkeren komischen Akzent, der freilich etwas plump 
ist, legt er auf: 

133 How! Wbat's amiss? Are these poetic Was fällt euch an? Entzückung oder 

pains, Schmerzen? 

Or stomach-qualms, that have got hold 
of you? 



67 

Unter den Personen des Stückes kann natürlich Mephisto 
in dieser Weise bedacht werden. Er ist denn auch im Prolog 
mit jener Schalkhaftigkeit gezeichnet, die dem Goetheschen eigen 
ist. Sein Ärger über die Nutzlosigkeit all seiner Mühe ist 
mit einem guten Teil Humor durchsetzt; die verschiedenen An- 
bietungen seiner Person begründet er naiv: 

I am your chum. You'd rather not? Ich bin dein Geselle 1646 

Well ! If your scmples it will save, Und, mach 7 ich dir's recht, 

I am your servant, yea, your slave! Bin ich dein Diener, bin dein Knecht! 

Ein freier, leichter Zug herrscht im Dialog mit dem Schüler, 
dessen Naivität und „warmes Streben" recht gut getroffen sind. 
Mephistopheles als Lehrer träuft die Weisheit, aber auch das 
Gift, nur so vom Munde: 

. . . 'Tis in vain, Vergebens, daß ihr ringsum wissen- 2015 

That you go mooning all abroad, schaftlich schweift, 

Picking up science grain by grain: Ein jeder lernt nur, was er lernen 

Each man learns only what he can. kann; 

But he that has the gift and power Doch der den Augenblick ergreift, 

To profit by the passing hour, Das ist der rechte Mann. 

He is your proper man! Ihr seid so ziemlich wohlgebaut, 

You're not iü built, — will, I conceive, An Kühnheit wird's euch auch nicht 2020 

Show mettle on occasion due; — fehlen, 



Einmal legt Martin im Anschluß ans Original eine gelungene 
Neubildung hinein: 

Go Will-o'-Wisping to and fro. Irrlichtelire hin und her. 1917 

Einige der oben angeführten Stellen zeigen, daß er in 
dem Bestreben, einen leichten, familiären Ton zu finden, gern 
etwas breit wird, immerhin bleibt er gewöhnlich in den Grenzen 
des Annehmbaren und ermüdet nicht wie Anster. Doch hat 
Mephistopheles in den Partien, wo er als böser Versucher, als 
frivoler Spötter die ganze Größe seiner geistigen Überlegenheit 
entfaltet und die guten Kegungen in Faust damit ertötet, bei 
Martin immer noch etwas von der Geschwätzigkeit der für 
Faust weniger gefährlichen Momente. Er dürfte da konziser 
sein, jedes Wort sollte da sicher treffen. — Die Sentenzen und 
geflügelten Worte, die gewöhnlich richtig übertragen sind, haben 

5* 



68 

oft auch nicht die charakteristische Prägnanz. Und in der Prosa- 
szene, wo bei Goethe jedes Wort wie ein Hammerschlag trifft, 
dämpfen an sich geringe konstruktioneile Änderungen diesen 
Ausbruch höchster Wut und Leidenschaft. Dagegen hebt sich 
Mephistopheles' frecher Hohn kräftig ab: 

36 Now are we once more at our Nun sind wir schon wieder an der 

wit's end, strung to that pitch, at Grenze unsres Witzes, da wo euch 

which the reason of you mortals Menschen der Sinn überschnappt, 

snaps. Why do you make fellowship Warum machst du Gemeinschaft mit 

with us, if you cannot he one of us uns, wenn du sie nicht durchfuhren 

out and out? ... kannst? . . . 

Obwohl Martins Übersetzung vielfach kein getreues Bild 
des Goetheschen Faust ist, darf sie doch mit mehr Eecht als 
die Anstersche Goethes Namen tragen, weil sie im Inhalt und 
in der Zeichnung des Hauptcharakters dem Original näher kommt 
Sie spricht durch ihre Leichtigkeit und freie Grazie an, und 
vermag den reichen Wechsel der verschiedenen Stimmungen 
oft sehr hübsch darzustellen. Doch erschöpft sie nicht den 
poetischen Gehalt, die Gedankengröße und die Tiefe der 
Empfindung. 



4. Die Swanwicksche Übersetzung. 

Faust, a tragedy by Goethe. And selections from Schiller. 
Translated byAnnaSwanwick. London, Manwaring 1849. 

Anna Swanwick machte ihre Studien für Griechisch, 
Hebräisch und höhere Mathematik hauptsächlich in Berlin und 
erlangte den LL. D. Nach Faust übersetzte sie Schillers Jung- 
frau von Orleans, Goethes Iphigenie, Tasso und Egmont, die 
1850 erschienen. 1879 gab sie ihre Übersetzung des IL Teils 
von Faust heraus. Sie ist auch bekannt als Übersetzerin der 
Dramen von Äschylus. 

Mir lag ein Druck von 1902 vor, der eine revidierte 
Ausgabe von 1893 zur Grundlage hat. Die Verfasserin ver- 
teidigt in der Vorrede die poetische Übertragung gegenüber der 
prosaischen und hebt hervor, daß sie sich bemüht habe, die weib- 
lichen Eeime, die sie in ihrer ersten Ausgabe zu wenig berück- 
sichtigt, da wiederzugeben, wo sie ein besonderes künstlerisches 
Mittel seien, die Stimmung noch besser auszudrücken. — Die 



69 

„Introduction" gibt eine kurze Übersicht über die Entstehung der 
Sage, leitet einige Hauptzüge und Charaktere des Goetheschen 
Faust aus „Dichtung und Wahrheit" ab und verbindet damit 
in Umrissen die Genesis des Faust. A. Swanwick folgt darin 
Kuno Fischer, ebenso in der Annahme der Zweiteiligkeit des 
Werkes, die in der Zweiheit Mephistopheles' klar zu Tage trete. — 
Eine kurze Erklärung gibt als Appendix Aufschluß über einige 
Personen des Intermezzos, jedoch in ganz ungenügender Weise. 
Anna Swanwicks Übersetzung hat vor fast allen ihren 
Vorgängern den Vorzug, daß bei ihr das Geschmacklose ver- 
mieden ist, sie sucht also in dieser Beziehung Geist und Form 
in Einklang zu bringen. Einem andern Fehler ist sie aber 
nicht ausgewichen: sie ist konventionell, wo bei Goethe der 
Ausdruck seiner ganzen Persönlichkeit sich so herrlich offenbart. 
Wo er impulsive, warm empfindende Menschen schafft, gibt sie 
uns steife Figuren. Da ist vor allem Gretchen in der 2. Garten- 
szene, wo sie so naiv ihr ganzes Fühlen und Denken enthüllt, 
ohne Lebenswärme. Die Geschraubtheit des Ausdrucks nimmt 
ihr die Natürlichkeit: 

Ah, could I trat thy sota inspirel Ach! wenn ich etwas auf dich könnte! 3422 

. . . What thus I hear Wenn man's so hört, möcht's leidlich 3466 

Sounds plausible, yet I 'm not reconcüed. scheinen, 



Yet though I yearn to gaze on thee, Aber, wie ich mich sehne dich zu 3479 
I feel schauen, 

At sight of him stränge horror o'er Hab' ich vor dem Menschen ein heim- 
ln e steal; lieh Grauen, 



Yea in my spirit's inmost depths Ist mir in tiefer, innrer Seele ver- 3472 

abhor; haßt; 

As his loath'd visage, in my life Es hat mir in meinem Leben 

before, 

Naught to my heart e'er gave a pang So , nichts einen Stich ins Herz ge- 

so great. geben, 

Als des Menschen widrig Gesicht. 3475 

Und nun gar der Ausdruck ihrer instinktiven Menschen- 
kenntnis: 

That he with naught on earth can Man sieht, daß er au nichts keinen 3488 

sympathize is clear; Anteil nimmt, 

Upon his brow 't is legibly revealed, Es steht ihm an der Stirn geschrieben, 

That to his heart no living soul is Daß er nicht mag eine Seele lieben, 
dear. 



70 

Nachdem sie das Versprechen der Zusammenkunft gegeben, 
sagt sie wieder so unnatürlich wie möglich: 

3517 I know not, dearest, when thy face Seh' ich dich, bester Mann, nur an^ 

I see, 

What doth my spirit to thy will Weiß nicht, was mich nach deinem 
constrain; Willen treibt; 



Auch bei Marthe ist Gretchen nicht glücklich eingeführt 
Bedeutend besser ist sie in der 1. Gartenszene gezeichnet, die 
Erzählung von ihren äußern Verhältnissen und ihrem Tun ist 
recht hübsch wiedergegeben, immerhin kommt auch hier ein 
gesuchter Ausdruck vor: 



3125 I reared it up, and it grew fond of 

me. 
After my father's death it saio the 

day; 
We gave my mother up for lost, she lay 
In such a wretched plight, and then 

at length 
So very slowly she regain'd her 

strength. 
3130 Weak as she was, 't was vain for her 

to try 
Herself to suckle the poor babe, so I 
Reared it on milk and water all alone; 
And thus the child became as 't 

were my own; 
Within my arm it stretched itself and 

grew, 
3135 And smiling, nestled in my bosom too. 



Ich zog es auf, und herzlich liebt' es 
mich. 

Es war nach meines Vaters Tod ge- 
boren. 

Die Mutter gaben wir verloren, 

So elend wie sie damals lag, 

Und sie erholte sich sehr langsam, 

nach und nach. 
Da konnte sie nun nicht dran denken, 
Das arme Würmchen selbst zu tränken, 

Und so erzog ich's ganz allein, 

Mit Milch und Wasser; so ward's 

mein. 
Auf meinem Arm, in meinem Schoß 

War's freundlich, zappelte, ward groß. 



Auch Faust fehlt es in verschiedenen Szenen an Unmittelbar- 
keit der Empfindung, so in seiner ersten Begegnung mit Gretchen: 



2609 By heaven! This girl is fair indeed! 
No form like hers can I recatt. 
Yirtue she hath and modest heed, 
Is piquant too, and sharp withal. 
Her cheek's soft light, her rosy lips, 
No length of time will e'er eclipsel 

2615 Her downward glance in passing by, 
Deep in my heart is stamp'd for aye; 
How curt and sharp her answer too, 
To ecstasy the feeling grewl 



Beim Himmel, dieses Kind ist schön! 
So etwas hab' ich nie gesehn, 
Sie ist so sitt- und tugendreich 
Und etwas schnippisch doch zugleich. 
Der Lippe Rot, der Wange Licht, 
Die Tage der Welt vergeß' ich's nicht! 
Wie sie die Augen niederschlägt, 
Hat tief sich in mein Herz geprägt; 
Wie sie kurz angebunden war, 
Das ist nun zum Entzücken gar! 



71 

Faust ist in diesem Augenblick einer solch objektiven 
Selbstbeobachtung nicht fähig. Im Eeligionsgespräch machen 
ihn Inversionen steif, die durch den Zwang des Keims oder 
Metrums verursacht sind: 

Forbear, my child! Thou feelest thee Laß das, mein Kind! Du fühlst, ich 3418 

I love; bin dir gut; 

My heart, my blood I 'd give my love Für meine Lieben ließ' ich Leib und 

to prove, Blut, 

And none would of their faith or Will niemand sein Gefühl und seine 

church bereave. Kirche rauben. 

Yes, I in God believe? Ich glaub an Gott? 3427 

Hirn fear not, my sweet love! Liebe Puppe, furcht' ihn nicht! 3476 

Kühl, als wäre nicht seine ganze Leidenschaft in den Worten, 
fragt er: 

Ach, kann ich nie 3502 

For one brief hour then may I never Ein Stündchen ruhig dir am Busen 

rest, hängen, 

And heart to heart, and soul to soul Und Brust an Brust und Seel' in 

be pressed? Seele drängen? 

Sogar in der Kerkerszene vermissen wir bei Faust den 
Ausdruck tiefen Empfindens: 

A fear unwonted o'er my spirit falls; Mich faßt ein längst entwöhnter 4405 

Schauer, 

A lover at thy feet bends low, Ein Liebender liegt dir zu Füßen, 4451 

Dadurch daß Mephistopheles nicht versteht, sich der Aus- 
drucksweise Marthens anzupassen, wird die beißende Ironie, mit 
der er sie behandelt und mit der er die Geschichte von „Herrn 
Schwerdtleins Tod" erzählt, gedämpft. Wieder ist es die Ge- 
wähltheit des Ausdrucks, die diesem köstlichen Katz- und Maus- 
spiel die besondere Würze raubt: 

Oh yes! one grave and solemn prayer; Ja, eine Bitte, groß und schwer; 2930 

Let them for him three hundred Laß Sie doch ja für ihn dreihundert 

masses sing! Messen singen! 

But in my pockets I have nothing Im übrigen sind meine Taschen leer. 

there. 

And sorely hath remorse his conscience Und fand, daß er weit mehr noch auf 2954 
wrung. der Zeche hätte. 



72 



2971 Quoth he: „Heaven knows how fer- 

vently I prayed, 
For wife and children when from 

Malta bound; — 
The prayer hath heaven with favow 

croumed; 
We took a Turkish vessel which 

conveyed 
2975 Rieh störe of treasure for the Sultan's 

court; 
Its own reward our gallant action 

brought ; 
The captur'd prize was shared among 

the crew, 
And of the treasure I reeeived my 

due. u 



Er sprach: Als ich nun weg von 
Malta ging, 

Da betet' ich für Frau und Kinder 
brünstig; 

Uns war denn auch der Himmel 
günstig, 

Daß unser Schiff ein türkisch Fahr- 
zeug fing, 

Das einen Schatz des großen Sultans 
führte. 

Da ward der Tapferkeit ihr Lohn, 

Und ich empfing denn auch, wie sich 

gebührte, 
Mein wohlgemeß'nes Teil davon. 



Erst gegen das Ende der Unterredung wird Mephistopheles 
freier: 

2998 All had gone swimmingly, no doubt, Nun, nun, so könnt' es gehn und 

stehen, 
Had he but given you at home, Wenn er euch ungefähr so viel 

On his side just as wide a ränge. Von seiner Seite nachgesehen. 



Die Latinismen, die im Munde der beiden — Marthe fällt 
einigemale in denselben unnatürlichen Ton — ebenfalls stören, 
sind häufig auf den Eeimzwang zurückzuführen. Eine gewisse 
Würde des Ausdrucks nimmt dem Schüler sein natürliches 
Sichgeben. 



1868 But recently I've quüted home, 
Full of devotion I am come 



Ich bin allhier erst kurze Zeit, 
Und komme voll Ergebenheit, 



A man to know and hear, whose name Einen Mann zu sprechen und zu kennen, 



With reverence is known to fame. 

1899 What heaven contains would compre- 

hend, 

O'er earth's wide realm my gaze ex- 
terna, 

Nature and science I desire to know. 



Den alle mir mit Ehrfurcht nennen. 

Und möchte gern, was auf der Erden 
Und in dem Himmel ist, erfassen, 
Die Wissenschaft und die Natur. 



Die Brunnenszene, in der das Derb -Volkstümliche obendrein 
noch etwas gemildert ist, verliert dadurch das Charakteristische. 
Valentin ist matt, ohne jene derbe Bravheit, er überzeugt nicht, 
vermag den Kontrast zwischen dem Einst und Jetzt nicht so 
lebendig zu vergegenwärtigen. In der Schmähung spricht er 



73 



manchmal wie ein Buch, nicht wie ein Mann aus dem Volke. 
Einige Stellen mögen das zeigen: 



. . . Abstain, 

Nor dare God's holy name profane! 

When infamy is newly born, 
In secret she is brought to light, 
And the mysterious veil of night 
O'er head and ears is drawn; 
The loathsome birth men fain would 

slay; 
Bat soon, füll grown, she waxes bold, 
And thongh not fairer to behold, 
With brazen front insults the day: 
The more abhorrent to the sight, 
The more she conrts the day's pure 

light. 

The time already I dücern, 
When thee all honest folk will spurn, 
And shun thy hated form to meet, 
As when a corpse infects the street. 



Laß unsern Herr Gott ans dem Spaß, 3733 



Wenn erst die Schande wird geboren, 3740 
Wird sie heimlich zur Welt gebracht, 
Und man zieht den Schleier der Nacht 
Ihr über Kopf und Ohren; 
Ja, man möchte sie gern ermorden. 

Wächst sie aber und macht sich groß, 3745 

Dann geht sie auch bei Tage bloß 

Und ist doch nicht schöner geworden. 

Je häßlicher wird ihr Gesicht, 

Je mehr sucht sie des Tages Licht. 



Ich seh' wahrhaftig schon die Zeit, 3750 
Daß alle brave Bürgersleut', 
Wie von einer angesteckten Leichen, 
.Von dir, du Metze! seitab weichen. 



Miß Swanwick dämpft hier gern das Derbe und Realistische, 
wie auch an einigen andern Orten, z. B.: 

Since thou the path of shame dost Du bist doch nun einmal eine Hur'; 3730 
tread, 



No such incentives do I need. 



Hab' Appetit auch ohne das. 



Unter den lyrischen Partien ist es natürlich die Zueignung, 
die eine ins Konventionelle fallende Übersetzung nicht mit 
Erfolg wiedergeben kann. Fast alles, was sie zu dem macht, 
was sie ist: eine leise wehmütige Klage um Entschwundenes, in 
vornehmer Form, eben rein Goethisch, ist unter den Händen 
der Übersetzerin verloren gegangen. Entweder fehlt ihr die 
Bedeutsamkeit des Wortes, so daß sie wiederholen muß, oder sie 
zerstört die Einheit und damit die würdige Kühe einer Strophe, 
oder sie verfällt in den althergebrachten dichterischen Vor- 
stellungskreis und wird flach, wo Goethe gestaltet. Der Mangel 
an poetischer Ausdrucksfähigkeit, an Selbständigkeit und Eigenart 
zieht sich durch die ganze Übersetzung. Ich greife hier nur 
wenige Stellen heraus, die dafür charakteristisch sind: 



2653 



74 



430 Ah! at this spectacle through every 

sense, 
What sudden ecstasy of joy is flowing! 

I feel new rapture, hallow'd and 

intense, 
Through eyery nerve and vein with 

ardour glowing. 
Was it a god who character'd this 

scroll, 
435 The tumult in my spirit healing 

O'er my sad heart with rapture steal- 

ing, 
And by a mystic Impulse to my soul, 
The powers of nature all around 

revealing. 
Am I a God? What light intense! 
440 In these pure Symbols do I see 
Nature exert her vital energy. 



Ha! welche Wonne fließt in diesem 

Blick 
Auf einmal mir durch alle meine 

Sinnen! 
Ich fühle junges heiTges Lebensglück 

Neuglühend mir durch Nerv' und 

Adern rinnen. 
War es ein Gott, der diese Zeichen 

schrieb, 
Die mir das innre Toben stillen, 
Das arme Herz mit Freude füllen, 

Und mit geheimnisvollem Trieb 
Die Kräfte der Natur rings um mich 

her enthüllen? 
Bin ich ein Gott? Mir wird so licht! 
Ich schau' in diesen reinen Zügen 
Die wirkende Natur vor meiner Seele 

liegen. 



Die höchste Steigerung der Verzückung bringt A. Swanwick 
nicht mehr heraus, sie ist vorweggenommen in jenem Vers: 
And by a mystic impulse to my soul. Die mächtig drängende 
Gedankenflut, in welcher sich der an seinem Wesen und Wirken 
irrwerdende Faust in Unwillen und Verzweiflung Luft macht, 
findet wieder einen schwachen Ausdruck; eine einzige Stelle 
genügt, die Verschiedenheit darzutun: 

614 I, God's own image, from this toil of Ich, Ebenbild der Gottheit, das sich 

clay 
Already freed, with eager joy who 

hail'd 
The minor of eternal truth unveil'd, Sein selbst genoß in Himmelsglanz 

und Klarheit, 
'Mid light effulgent and celestidlday: Und abgestreift den Erdensohn; 
I, more than cherub, whose unfetter'd Ich , mehr als Cherub , dessen freie 



schon 
Ganz nah gedünkt dem Spiegel ew'ger 
Wahrheit, 



soul 



Kraft 



With penetrative glance aspir'd to Schon durch die Adern der Natur zu 



flow 



fließen 



620 Through nature's veins, and, still Und, schaffend, Götterleben zu ge- 



creating, know 



nießen, 



The life of gods, — how am Ipunish'd Sich ahnungsvoll vermaß, wie muß 



nowi 



ich's büßen! 



Der ganze zweite Monolog Fausts, der so reich ist an 
Titanisch-Gedachtem, an genialer Weise des Ausdrucks, ist ohne 



75 

Größe und ohne Goethesche Poesie. Ein mühsames erfolgloses 
Eingen mit der schweren Aufgabe liegt in: 

The outcast am I not, unhoused, Bin ich der Flüchtling nicht? der 3348 

unblest, Unbehauste? 

Inhuman monster, without aim or rest, Der Unmensch ohne Zweck und Ruh, 

Who, like the greedy surge, from rock Der wie ein Wassersturz von Fels zu 3350 

to rock, Felsen brauste 

Sweeps down the dread abyss with Begierig wütend nach dem Abgrund 



desperate shock? 



zu? 



Whilst she within her lowly cot, which Und seitwärts sie, mit kindlich dumpfen 



graced 



Sinnen, 



The Alpine slope. beside the waters wild, Im Hüttchen auf dem kleinen Alpenfeld, 

Her homely cares in that small world Und all ihr häusliches Beginnen 

embraced, 

Secluded lived, a simple artless child. Umfangen in der kleinen Welt. 



3355 



Dost claim this Holocaust, remorseless Du, Hölle, mußtest dieses Opfer 3361 
Hell! haben! 



Wie Anster versteht auch Anna Swanwick die Metapher 
nicht. — Verflachungen sind in ihrer Übersetzung natürlich sehr 
zahlreich, ich hebe nur einige wenige hervor, die die Schönheit 
und Bedeutsamkeit des Ausdrucks verwischen: 

Rapture so deep, its ecstasy was pain, Das tiefe schmerzenvolle Glück, 



195 



Round mountain caves with spiritsride, 
In thy mild haze o'er meadows glide, 
And, purged from knowledge-fumes, 

renew 
My spirit, in thy healing dew! 



Um Bergeshöhle mit Geistern schweben. 394 
Auf Wiesen in deinem Dämmer weben, 
Von allem Wissensqualm entladen 



In deinem Tau gesund mich baden! 



. . on rapfwre-breathing pinions . . . Mit segenduftenden Schwingen 



451 



With fairest shapes your spells around Umgaukelt ihn mit süßen Traum- 1510 
him cast, gestalten, 

Von der metrischen Fessel hervorgerufene Wiederholungen 
sind u. a.: 



. . . at night 

To lie in darkness on the dewy height, 



In Nacht und Tau auf den Gebirgen 3283 
liegen, 



And well-nigh petrifies his heart to Und er wird fast in Stein verkehrt, 4193 
stone; — 

In der Prosaszene wird das leidenschaftliche Pathos durch 
dieselbe Ungenauigkeit beeinträchtigt, die Hayward und Anster 



76 

schon zeigen, überdies fehlt hier Miß Swanwick die Kraft des 
Wortes. 

Während sie sonst, abgesehen von den poetischen Unzu- 
länglichkeiten, genau zu übertragen bemüht ist, gestattet sie 
sich in den Osterchören große Freiheiten. Sie bedient sich da 
der Umschreibung und gibt teilweise das Versmaß und den Reim 
des Originals wieder: 

737 Christ is arisen! Christ ist erstanden! 

Mortal, all hall to thee, Freude dem Sterblichen, 

Thou whom mortality, Den die verderblichen, 

Earth's sad reality, Schleichenden erblichen 

Held as in prison. Mängel umwanden. 

Im Chor der Jünger, wie auch im Einschläferungslied, das 
nur in den Konturen und einigermaßen im Rhythmus sich dem 
Original nähert, ist ihre Freiheit fast nur Prosa. Sie hat über- 
haupt mit diesem Fehler zu kämpfen. Das ungestüme Verlangen 
Fausts nach Befriedigung des Lebensdranges wird dadurch 
gemäßigt: 

1765 HearJcenl The end I aim at is not Du hörest ja, von Freud' ist nicht 

joy; die Bede. 

I crave excitement, agonizing bliss, Dem Taumel weih' ich mich, dem 

schmerzlichsten Genuß, 

Enamour'dhatredjquickeningvexation. Verliebtem Haß, erquickendem Ver- 
druß. 

Purg'd from the love of knowledge, Mein Busen , der vom Wissensdrang 

my vocation, geheilt ist, 

The scope of all my powers henceforth Soll keinen Schmerzen künftig sich 
be this, verschließen, 

1770 To bare my breast to every pang, — Und was der ganzen Menschheit zu- 

to know geteilt ist, 

In my heart's core all human weal Will ich in meinem innern Selbst 

and wöe, genießen, 

To grasp in thought the lofty and Mit meinem Geist das Höchst' und 

the deep, Tiefste greifen, 

Men's various fortunes on my breast Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen 
to heap, häufen, 



Während die einzelnen Gruppen in der Szene vor dem 
Tor nicht glücklich charakterisiert sind und trotz einiger ein- 
gestreuten volkstümlichen Eedewendungen auch die Szene in 
Auerbachs Keller zahm ist, versteht es Miß Swanwick, Mephisto 
uns menschlich näher zu bringen durch den reichen Schatz an 
solchen Ausdrücken, die dem Volksmund abgelauscht sind. Es 



77 

wird ihm dadurch das Übersinnliche genommen, zugleich aber 
wird auch das Geheimnisvolle seines Wesens bestärkt. Er führt 
sich gleich recht glücklich ein: 

You've made me s welter in a pretty Ihr habt mich weidlich schwitzen 1326 
style. machen. 

Einen guten Ersatz findet sie in: 

What! with the devil hand and glove, Bist mit dem Teufel du und du, 2585 

Sir Th. Martin und B. Taylor behalten diesen Ausdruck bei. 

A devil's pluck thou'rt wont to show, Du bist doch sonst so ziemlich ein- 3371 

geteufelt. 

. . . We must at once take wing; . . . Wir müssen gleich verschwinden. 3712 

Eecht gelungen ist, obschon ungenau: 

Suppose there did! One must not be Das ist was Rechts! Das nimmt man 4180 
too nice. nicht genau, 

Hübsch ist auch das Ständchen, das Mephisto singt. Das 
Volksliedchen in der Kerkerszene trifft den leicht sangbaren 
Ton gut, wenn es auch etwas frei gehalten ist: 

My mother, the harlot Meine Mutter, die Hur', 4412 

She took me and slew! Die mich umgebracht hat! 

My father, the scoundrel, Mein Vater, der Schelm, 

Hath eaten me too! Der mich gessen hat! 4415 

My sweet little sister Mein Schwesterlein klein 

Hath all my bones laid, Hub auf die Bein' 

Where soft breezes whisper An einem kühlen Ort; 

All in the cool shade ! Da ward ich ein schönes Waldvögelein ; 

Then became I a wood-bird and sang Fliege fort, fliege fort! 4420 

on the spray, 

Fly away! little bird, fly away! fly 

away! 

Auch bei Marthe ist das Idiom glücklich verwendet und 
ihre Zeichnung gut gelungen, die Szene in ihrem Hause aus- 
genommen. In ihrer Warnung hat die Elision des Verbs dieselbe 
Wirkung wie die des Subjekts im Original: 

It would to shrift, just like the other. Tät's wieder gleich zur Beichte tragen. 2880 

Genau bewahrt ist die Alliteration in: 

. . . speak thy spell, ... sprich deine Sprüche, 2530 



78 



In der Domszene und in Fausts Monolog in Wald und 
Höhle sucht Miß Swanwick den poetischen Intentionen des 
Dichters gerecht zu werden, diese Partien gehören zum Besten. 
Ein Bruchstück des Monologs teile ich hier mit: 

. . . And when roars 



3228 The howling storm-blast through the 

groaning wood, 
Wrenching the giant pine, which in 

its fall 
3230 Crashing sweeps down its neighbour 

trunks and boughs, 
While hollow thunder from the hill 

resounds : 
Then dost thou lead me to some 

shelter'd cave, 
Dost there reveal me to myself, and 

show 
Of my own bosom the mysterious 

depths. 



Und wenn der Sturm im Walde braust 
nnd knarrt, 

Die Riesenfichte stürzend Nachbar- 
äste 

Und Nachbarstämme quetschend nieder- 
streift, 

Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel 
donnert, 

Dann führst du mich zur sichern 
Höhle, zeigst 

Mich dann mir selbst, und meiner 
eignen Brust 

Geheime tiefe Wunder öffnen sich. 



Das Onomatopoetische ist hier gut bewahrt. — Im Gebet 
vor der Mater dolorosa fehlt die Harmonie im Ausdruck, die 
Stimmung ist im übrigen festgehalten. Die Ballade und das 
Liebeslied Gretchens sind weniger gut gelungen. Jener fehlt 
die zarte Wehmut und Innigkeit, diesem die Steigerung von der 
sehnenden Klage zum heißen Verlangen. — In der Rede des 
Erdgeistes, die vielen Übersetzern mißlungen ist, weil sie den 
Ausdruck für das Transzendentale nicht finden, wird Miß 
Swanwick Goethe in schöner Weise gerecht; und die Jugend- 
erinnerung, die die Osterglocken in Faust wachrufen, zeigt, 
wie es ihr ernstes Streben ist, alle Schönheiten im Ausdruck 
wiederzugeben: 



771 Then would celestial lo ve, with holy kiss, 
Come o'er me in the Sabbath's stilly 

hour, 
While, fraught with solemn meaning 

and mysterious power, 
Chim'd the deep sounding bell, and 

prayer was bliss; 
775 A yearning impulse, undefin'd yet dear, 
Drove me to wander on through wood 

and field; 
With heaving breast and many a 

burning tear, 
I feit with noly joy a World reveaFd. 



Sonst stürzte sich der Himmelsliebe Kuß 

Auf mich herab in ernster Sabbath- 
stille; 

Da klang so ahnungsvoll des Glocken- 
tones Fülle, 

Und ein Gebet war brünstiger Genuß; 

Ein unbegreiflich holdes Sehnen 
Trieb mich, durch Wald und Wiesen 

hinzugehn, 
Und unter tausend heißen Tränen 

Fühlt' ich mir eine Welt entstehn. 



79 

Von den Mißverständnissen lassen sich einige auf Hayward 
zurückführen, wie dieser gibt auch Miß Swanwick eine un- 
richtige Erklärung für Zwinger. Während Hayward sich darunter 
einen Turm vorstellt, will sie damit eine „Enclosure between 
the City -Wall and Gate" bezeichnen, wodurch sie allerdings der 
Bedeutung näher kommt. Durch Haywards: „Dare such a mere 
human voice" hat sie sich verleiten lassen, den Nachdruck in 
„mere" zu suchen, und sie schreibt darum, ohne sich über die 
Unrichtigkeit Eechenschaft zu geben: 

And dare a voice of merely human Darf eine solche Menschenstimme hier, 606 
birth, 

Auch bei ihr sagt der Manager: 

What puts a füll honse in a merry Was träumet ihr auf eurer Dichter- 121 
mood? höhe? 

Mißverstanden sind ferner: 

I'm like a tom-cat in a (hievish vein Und mir ist's wie dem Kätzlein 3655 

schmächtig 

well-conned vergriffnen 3779 

Fools Fratzen 4241 

Mit Anster spricht sie vo;i: 

. . . brides so unaffected ! lauter Bräute ! 4296 

Im ganzen sind die Anspielungen in der Walpurgisnacht 
und im Intermezzo' verstanden, eine Ausnahme machen: 

But Tm prepar'd my travels to pursue Doch eine Reise nehm' ich immer mit 4169 

Sure I'm demented if the I Fürwahr, wenn ich das alles bin, 4349 

Alone is the essential. So bin ich heute närrisch. 

Eine biblische Vorstellung erweckt: 

The day of judgment der letzte Tag 4580 

Das Altertümelnde, das ihre Vorgänger gar nicht oder 
kaum beachtet haben, hebt Anna Swanwick stark hervor. 
McLintock sagt darum von ihrer Übersetzung, sie sei „old- 
fashioned". 1 ) Wenn sie auch nicht überall diesen Eindruck 



*) Transactions of the Manchester Goethe-Society 1886—1893: The five 
best English translations of Faust. By R. McLintock, 1887. pag. 127. 



80 

macht, so wirkt das Archaistische doch an einigen Stellen bei 
Faust und Gretchen störend. Bei allen Personen in allen Teilen 
der Übersetzung finden wir häufig die veraltete Endung der 
3. pers. sg. prs. „th", den inf. „to ope", ebenso das prs. „opes", 
den alten plur. „eyen", das gekürzte pp. „is writ". Auch der 
Wortschatz zeigt ziemlich viele Archaismen: 

1639 Nathless it is not meant, I trow Doch so ist's nicht gemeint 

4573 Ah! those were happy times, I wisl Es waren glückliche Zeiten! 

Certes sagen Mephisto und die Gesellen in Auerbachs 
Keller. Die Hexe bedient sich gern der altertümlichen Sprache: 
I ween; This thou must ken (worin Martin wieder folgt); well 
I wot. Eecht gut ist Mephistos Anrede an die Trödlerhexe: 

4110 Gossip. Frau Muhme! 

Was die Anwendung weiblicher Eeime anbetrifft, so sind 
sie bei weitem nicht in allen lyrischen Partien beobachtet. Wo 
sie vorkommen, sind sie im großen ganzen ungesucht, verfehlen 
aber zuweilen ihre Wirkung, weil die poetische Kraft des Aus- 
drucks mangelt Dennoch ist Miß Swanwicks Übersetzung eine 
gewissenhafte und das Original oft getreu abspiegelnde Arbeit 
Von den vielen, die in enger inhaltlicher Anlehnung und metrisch 
freier Form ihr Ziel zu erreichen suchten, hat sie vielleicht die 
Aufgabe -am besten gelöst und sicherlich manchem ihrer Nach- 
folger als Führer gedient. 

5. Die Taylorsche Übersetzung. 

Faust. A Tragedy by Johann Wolfgang von Goethe. 
Translated in the original metres by Bayard Taylor. 
Boston 1871. 

Im gleichen Jahr erschien seine Übersetzung beider Teile 
in einem englischen Verlag: London, Strahan & Co., 1871. 

Die Verfasser der vier schon besprochenen Übertragungen 
waren alle akademisch und speziell juristisch gebildet. In 
Bayard Taylor haben wir einen self-made man vor uns, der als 
Buchdruckerlehrling begann und als Gesandter der Vereinigten 
Staaten in Berlin seine Laufbahn schloß. Er ist der zweite 
Amerikaner, der seinen Landsleuten das Goethesche Lebenswerk 
nahe zu bringen sucht. Durch seine Reiseberichte — er hatte 



81 

fast die ganze Welt gesehen — , durch seine Gedichte und 
Romane war er den Amerikanern schon lange bekannt. Die 
erste literarische Frucht dieser Reisen war „Views afoot", später 
folgten „A Journey to Central Africa", „The Lands of the 
Saracen", etc. Außer Faust übersetzte er auch die Gedichte 
Freiligraths, mit dem er befreundet war. Er hat sich überhaupt 
um die Verbreitung der deutschen Literatur in Amerika große 
Verdienste erworben. Viele seiner eigenen Gedichte und Er- 
zählungen sind ins Deutsche übersetzt worden. 

Zwei Ausgaben seiner Übertragung waren mir zugänglich, 
eine aus dem Jahr 1872, beide Teile und ausführliche An- 
merkungen enthaltend, im Verlag von Brockhaus, Leipzig, die 
andere in der Edition „The Canterbury Poets" herausgegeben von 
Elizabeth Craigmyle. Dieser kleinen Ausgabe fehlt die Zueignung, 
die Noten sind stark gekürzt. Sie zeigt nur in einem Punkte 
eine Abweichung, die an ihrem Platze erwähnt werden soll. 
Ich halte mich an die ältere Ausgabe als die vollständigere. 

Taylors Übersetzung ist von einer interessanten Vorrede 
begleitet, die die Qualität seiner Arbeit vorausahnen läßt. Er 
hat die einzig richtige Auffassung von der Pflicht des Über-, 
setzers, denn er sagt: „His (the translator's) task is not simply! 
mechanical: he must feel, and be guided by, a secondary' 
inspiration." *) Aus einer Vergleichung des Originals mit 17 eng- 
lischen Übertragungen in willkürlichen Metren habe er erkannt, 
welcher Gefahr jenes bei einer solchen Behandlung ausgesetzt 
sei: „The white light of Goethe's thought was thereby passed 
through the tinted glass of other minds, and assumed the coloring 
of each." 2 ) Die erste metrisch getreue Übersetzung sei die 
seines Landsmannes Ch. Brooks. Dieser habe durch Verleugnung 
seines eignen Geschmacks und seiner eignen Gedankenrichtung 
versucht, das Original in seiner reinsten Form zu erhalten. 
Brooks Beispiel habe Taylor gezeigt, daß die wenigen Schwierig- 
keiten, die eine wörtlich und metrisch genaue Übersetzung biete, 
durch liebevolle Arbeit zu überwinden seien. Er spricht dann 
vom Konservatismus des Engländers, der sich mißtrauisch verhalte 
gegen neue Rhythmen oder fremdartige Ausdrücke, wodurch die 
Biegsamkeit der Sprache beeinträchtigt werde. Er vergleicht 
die beiden Sprachen und sagt: . . . „it is true that Gertaan is 



*) Preface pag. X. ") pag. VI. 

Baumann, Engl. Übersetzungen v. Goethes Faust. Q 



82 

rieh, involved, and tolerant of new combinations, while English 
is simple, direct, and rather shy of Compounds; but precisely 
these differences are so modified in the German of Faust that 
there is a mutual approach of the two languages." J ) Sein feines 
Verständnis für den Duft der Goetheschen Dichtung spricht aus 
dem folgenden: „There are words, it is true, with so delicate a 
bloom upon them that it can in no wise be preserved, but even 
such words will lose less when they carry with them their 
rhythmical atmosphere." 2 ) — Zum Schluß spricht er das 
Programm seiner Arbeit aus: enge Anlehnung ans Original, 
Wodurch auch das Rhythmische am besten beibehalten werden 
könne, und völliges Aufgehen im Gedankengang desselben. Wo 
immer eine Entscheidung zwischen Musik und Sinn zu treffen 
gewesen sei, habe er diesen vor allem berücksichtigt Unter 
„original metres" verstehe er nicht eine sklavische Wiedergabe 
jedes einzelnen Fußes, Verses und Eeimes, sondern er habe ge- 
legentlich Fußzahl und Eeimanordnung geändert. Auch vor 
unreinen Reimen oder reimlosen Versen, wo das Original gereimte 
zeige, habe er sich nicht gescheut, weil sich bei Goethe die- 
selben Unregelmäßigkeiten zeigen. Mit Recht legt er Gewicht auf 
die häufige Anwendung von weiblichen Reimen, denn „they give 
spirit and grace to the dialogue and an ever-changing music to 
the lyrical passages. I cannot hope to have been always successful, 
but I have at least labored long and patiently, bearing constantly 
in mind not only the meaning of the original and the mechanical 
strueture of the lines, but also the subtile and haunting music 
which seems to govern rhythm instead of being governed by it." 3 ) 
Als Anhang zu seiner Übersetzung hat er gegen 100 Seiten 
„Notes" angefügt, die von der großen Gründlichkeit seiner Studien 
und einer vorzüglichen Kenntnis der deutschen Sprache und 
Literatur zeugen. Er gibt darin alle Erklärungen, die für das 
allgemeine Verständnis notwendig und auch solche, die für den- 
jenigen von besonderem Werte sind, der sich tiefer mit dem 
Studium des Faust befassen will. Wo er seine eigene Über- 
setzung nicht treffend genug findet, bringt er in den Anmerkungen 
zur Vergleichung und Verdeutlichung die bezüglichen Stellen 
seiner Vorgänger, oder er überträgt wörtlich, um das Original 
klarer zu beleuchten. 



*) Preface pag. XV. ") pag. XVI. 8 ) pag. XVIII. 



83 

Ein erster Appendix gibt die Geschichte der Faustsage 
von den Uranfängen, mit einer kurzen Inhaltsangabe des ältesten 
Faustbuches, bis auf Goethe. — Der zweite Appendix befaßt 
sich mit der Entstehungsgeschichte des Goetheschen Faust, und 
als Schluß ist noch die erste Szene von Marlowes „Faustus" 
zur Vergleichung mit der Exposition bei Goethe angedruckt. 

Ausgefallen sind zwei Bühnenanweisungen, von denen die 
eine, die einen Blick ins Innere Faust s tun läßt, bedeutungs- 
schwer ist und darum nicht übersehen werden sollte; nach dem 
Liebesgeständnis: (Margarete drückt ihm die Hände, macht sich 
los und läuft weg. Er steht einen Augenblick in Gedanken, dann 
folgt er ihr.) 

Die Deminutive Gretchen, Gretelchen, Bärbelchen wendet 
Taylor nicht an, ebenso halten es die meisten Übersetzer, nur 
in der Anmerkung übersetzt er Gretchen mit „Maggie". Ansters 
Marthe ruft „Margery", bei Martin freut sich Valentin an seiner 
„Gretel". 

Taylor schickt seiner Übersetzung eine deutsche Widmung 
„An Goethe" voraus, in der er seine Ehrfurcht vor dessen Größe 
ausdrückt und fleht: 

„Laß Deinen Geist in meiner Stimme klingen, 
Und was Du sangst, laß mich es Dir nachsingen!" 

Trotz der sorgfältigen Studien, finden sich auch bei ihm 
Mißverständnisse. Durch alle Übersetzungen fast zieht sich die 
Auffassung von Hayward im 

M y f ather's was a sombre brooding brain, Mein Vater war ein dunkler Ehrenmann. 1034 

Nur Latham und McLintock heben den Fehler. Fast ebenso 
oft wird der zweite Chor der Engel mißverstanden, bei Taylor 
lautet er: 

Christ is ascended! Christ ist erstanden. 777 

Bliss hath invested htm, — Selig der Liebende, 

Woes that molested htm, Der die betrübende 

Trials that tested htm, Heilsam' und übende 766 

Gloriously ended! Prüfung bestanden. 

Martin hat dieselbe Auffassung, A. Swanwick dagegen trifft 
den Sinn richtig. Latham allein versteht die Konstruktion in 
den folgenden Worten Gretchens, Taylor mit allen andern hat 
imperativisch: 

Think but a little moment's space on Denkt ihr an mich ein Augenblickchen 3107 



me! nur, 



6* 



84 

Erst in der Ausgabe der Canterbury Poets ist dieser Fehler 
verbessert: 

So you but think . . . 

Eine Vergleichung bringt er in: 

449 Xi&eheavenlyforcesrisinganddescend- Wie Himmelskräfte auf und nieder 

ing, steigen 

Temporal aufgefaßt ist: 

1136 . . . to eure the drouth ... der erst erquickt, 

Orüy when meadow, field, Um dich und Feld und Aue . . . 

Einen Komparativ und Dativ bringt er in: 

1617 Mightier Mächtiger 

For the children of men Der Erdensöhne, 

Im Intermezzo kommen fast alle Anspielungen gut heraus, 
etwas weniger klar sind: 

4315 The proper folks one's talents laud Mit rechten Leuten wird man was. 

4339 The rahhle by such hate are held, Das haßt sich schwer das Lumpenpack 

To maim and slay delights them: Und gab' sich gern das Restchen; 

Mit Düntzer setzt er als Überschrift Good Fellow (Fideler) 
und hebt in der Anmerkung diese Abweichung von den andern 
Übersetzungen hervor. 

Die Ungenauigkeiten lassen sich gewöhnlich auf den Reim- 
zwang zurückführen: 

1384 made is: Son of Hades. Des Chaos wunderlicher Sohn! 

2794 How would the pearl chain suit my Wie sollte mir die Kette stehn? 

hair? : fair 

Er opfert ihm die Leidenschaft: 

3326 Get thee away with ihine offences: Verruchter! hebe dich von hinnen, 

senses 
Reprobate! Name not that fairest Und nenne nicht das schöne Weib! 
thing : bring 

Die metrische Fessel unterdrückt die Herzenswärme: 

3332 Yet am I near, and love keeps watch Ich bin ihr nah, und war' ich noch 

and ward; so fern, 

Though I were ne'er so far, it cannot Ich kann sie nie vergessen , nie ver- 
f älter: lieren; 



85 



I envy even the Body of the Lord Ja, ich beneide schon den Leib des 

Herrn, 

The touching of her Ups, before the Wenn ihre Lippen ihn indes berühren, 
altar. 

Gewisse Ausdrücke fallen des Metrums oder des Reimes 

wegen aus dem Rahmen heraus, z. B.: 

. . . asunder, : 

'Tis time, through deeds this word of Hier ist es Zeit durch Taten zn be- 712 



truth to thunder: 



weisen, 



I chose, prepared it : thus I foUow, — Den ich bereitet, den ich wähle, 
With all my soul the final drink I Der letzte Trunk sei nun mit ganzer 



734 



swallow, 



Seele 



Midstofthewrathful, infernal derision, Durch den grimmigen teuflischen 4468 

Hohn, 
I knew the sweet sound of the voice Erkannt' ich den süßen, den liebenden 
of the visionl Ton. 

Es ist also Taylor nicht immer gelungen, die Entscheidung 
zu Gunsten des Sinnes zu treffen. Wollte man aber eine ähnliche 
genaue Prüfung in dieser Beziehung an den übrigen Über- 
tragungen vornehmen, so fände man dort weit schwerwiegendere 
und zahlreichere Vergehen als es bei ihm der Fall ist 

In den „Notes" sagt er, daß für den Übersetzer wohl nichts 
so schwer sei wie die Zueignung. Schon haben andere vor ihm 
die äußere Form, die ottava rima, wiedergegeben, aber keiner 
hat die sanfte Elegie, die Vornehmheit der Sprache so schön 
getroffen wie Taylor. Ich führe sie ganz an, weil sie die beste 
Wiedergabe ist: 

Again ye come, ye hovering Forms! Ihr naht euch wieder, schwankende 



I find ye, 



Gestalten, 



As early to my clouded sight ye shone! Die früh sich einst dem trüben Blick 

gezeigt. 
Shall I attempt this once, to geize Versuch' ich wohl, euch diesmal festzu- 



and bind ye? 



halten? 



Still o'er my heart is that iüusion Führ ich mein Herz noch jenem 



thrown? 



Wahn geneigt? 



Ye crowd more near! Then, be the Ihr drängt euch zu! nun gut, so mögt 5 



reign assigned ye, 



ihr walten, 



And swayme fr omyourmisty,shadowy Wie ihr aus Dunst und Nebel um 



zonei 



mich steigt; 



My bosom thrills, with youthful passion Mein Busen fühlt sich jugendlich er- 



shaken, 



schüttert 



From magic airs that round your march Vom Zauberhauch, der euren Zug 



awaken. 



umwittert. 



86 



Of joyous days ye bring the blissful 

vision ; 
10 The dear, familiär phantoms rise again, 
And, like an old and half-extinct 

tradition, 
First Love returns, with Friendship 

in his train. 
Renewed is Pain : with mournful 

repetition 
Life tracks his devious, labyrinthine 

chain, 
15 And names the Good, whose cheating 

fortune tore them 
From happy hours, and left me to 

deplore them. 



Ihr bringt mit euch die Bilder froher 

Tage, 
Und manche liebe Schatten steigen auf; 
Gleich einer alten halbverklungnen 

Sage 
Kommt erste Lieb' und Freundschaft 

mit herauf; 
Der Schmerz wird neu, es wiederholt 

die Klage 
Des Lebens labyrinthisch irren Lauf, 

Und nennt die Guten, die um schöne 
Stunden 

Vom Glück getäuscht, vor mir hinweg- 
geschwunden. . 



They hear no longer these succeeding Sie hören nicht die folgenden Gesänge, 



measures 



i 



The souls, to whom my earliest songs 

I sang: 
Dispersed the friendly troop, with all 

its pleasures. 
20 And still, alas! the echoes first that 

rang! 
I bring the unknown multitude my 

treasures; 
Their very plaudits give my heart 

a pang, 
And those beside, whose joy my Song 

so flattered, 
If still they live, wide through the 

world are scattered. 



Die Seelen, denen ich die ersten sang; 
Zerstoben ist das freundliche Gedränge, 
Verklungen ach! der erste Widerklang. 



Mein Leid ertönt der unbekannten 

Menge, 
Ihr Beifall selbst macht meinem 

Herzen, bang, 
Und was sich sonst an meinem Lied 

erfreuet, 
Wenn es noch lebt, irrt in der Welt 

zerstreuet. 



25 And grasps me now a long-unwonted 

yearning 
For that serene and solemn Spirit- 

Land: 
My song to faint Aeolian murmurs 

turning, 
Sways like a harp-string by the breezes 

fanned. 
I thrill and tremble; tear on tear is 

burning, 
30 And the stern heart is tenderly un- 

manned. 
What I possess, I see far distant lying, 
And what I lost, grows real and undy- 

ing. 



Und mich ergreift ein längst ent- 
wöhntes Sehnen 

Nach jenem stillen ernsten Geister- 
reich, 

Es schwebet nun in unbestimmten 
Tönen 

Mein lispelnd Lied, der Aeolsharfe 
gleich, 

Ein Schauer faßt mich, Träne folgt 
den Tränen, 

Das strenge Herz, es fühlt sich mild 
und weich; 

Was ich besitze, seh 1 ich wie im Weiten, 

Und was verschwand, wird mir zu 
Wirklichkeiten. 



87 



Im Aufgeben der Bilder: Wie ihr aus Dunst und Nebel . . . 
steigt und ... die Klage . . . nennt die Guten . . . liegen die 
Verblassungen, aber vollkommen in der Schönheit des Klanges 
und in der Wiedergabe der Stimmung ist die Schlußstrophe. 
Ch. Brooks hat ihm hier das letzte Verspaar gegeben; Taylor 
ist an einigen Orten von ihm abhängig. — Der schmerzliche 
Rückblick des Dichters auf seine Jugend und der Preis der 
Poesie, den er singt, sind schön übertragen. Im erstem folgt 
Taylor zwar weder metrisch noch inhaltlich ganz genau, und 
einmal verläßt ihn die Kraft des Ausdrucks: 



Then bright mist veiled the world 

before me, 
In opening buds a marvel woke, 
As I the thousand blossoms broke. 
Which every valley richly bore me! 
I nothing had and yet enough for 

youih — 
Joy in Illusion, ardent thirst for 

Truth. 
Give, unrestrained, the old emotion, 
The bliss that touched the verge ofpain, 
The strength of Hate, Love's deep 

devotion, — 
0, give me back my youth again! 



Da Nebel mir die Welt verhüüten, 188 

Die Knospe Wunder noch versprach, 
Da ich die tausend Blumen brach, 
Die alle Täler reichlich füllten. 
Ich hatte nichts und doch genug: 

Den Drang nach Wahrheit und die 

Lust am Trug. 
Gib ungebändigt jene Triebe, 
Das tiefe schmerzenvolle Glück, 195 

Des Hasses Kraft, die Macht der Liebe, 

Gib meine Jugend mir zurück! 



„Yet enough for youth" ist ein schlimmes prosaisches 
Füllsel, „the bliss that touched the verge of pain u umschreibt 
mit wenig Kraft die Tiefe und Bedeutsamkeit des Goetheschen 
Ausdrucks. — Über die Hymne der Erzengel lesen wir in 
den „Notes": „Here, more than in almost any other poem, 
the words acquire a new and indescribable power from their 
collocation. The vast, wonderful atmosphere of space which 
envelops the lines could not be retained in prose." Es gelingt 
ihm, diese Weite und die volle Musik der Verse auszudrücken 
wie es keiner vor ihm vermocht: 



The sun-orb sings, in emulation, 
'Mid brother-spheres, his ancient round : 
His path predestined through Creation, 
He ends with step of thunder-sound. 
The angels from his visage splendid 
Draw power, whose measure none can 

say; 
The lofty works nncomprehended, 
Are bright as on the earljest day. 



Die Sonne tönt nach alter Weise 
In Brudersphären Wettgesang, 
Und ihre vorgeschriebne Reise 
Vollendet sie mit Donnergang. 
Ihr Anblick gibt den Engeln Stärke, 
Wenn keiner sie ergründen mag; 

Die unbegreiflich hohen Werke 
Sind herrlich wie am ersten Tag. 



243 



245 



250 



88 



And Bwift, and swift beyondconceiving, 
The splendor of the world goes round, 
Day's Eden-brightness still relieving 
The awful Night's intense profound: 
255 The ocean-tides in foam are breaking, 
Against the rocks' deep bases hurled, 
And both the spheric race partaking, 
Eternal, swift, are onward whirled! 

And rival storms abroad are surgingT 
260 From sea to land, from land to sea, 

A chain of deepest action forging 
Round all, in wrathful energy. 
There flames a desolation, blazing 
Before the Thunders crashing way: 
265 Yet, Lord, Thy messengers are praising 
The gentle movement of thy Day. 



Und schnell und unbegreiflich schnelle 
Dreht sich umher der Erde Pracht; 
Es wechselt Paradieseshelle 
Mit tiefer schanervoller Nacht; 
Es schäumt das Meer in breiten Flüssen 
Am tiefen Grund der Felsen auf, 
Und Fels und Meer wird fortgerissen 
In ewig schnellem Sphärenlauf. 

Und Stürme brausen um die Wette, 
Vom Meer aufs Land, vom Land aufs 

Meer, 
Und bilden wütend eine Kette 
Der tiefsten Wirkung rings umher. 
Da flammt ein blitzendes Verheeren 
Dem Pfade vor des Donnerschlags; 
Doch, deine Boten, Herr, verehren, 
Das sanfte Wandeln deines Tags. 



Die folgende Halbstrophe, die eine Variation der zweiten 
Hälfte der 1. Strophe ist, trägt bei Taylor diesen Charakter zu 
wenig deutlich. — Sehr schön ist die Selbstcharakteristik des 
Erdgeistes: 



501 In the tides of Life, in Action's storm, 

A fluctuant wave, 

A Shuttle free, 

Birth and the Grrave, 
505 An eternal sea, 

A weaving, flowing 

Life, all-glowing, 

Thus at Time's humming loom 't is 
my hand prepares 

The garment of Life which the Deity 
wears! 



In Lebensfluten, im Tatensturm 

Wall' ich auf und ab, 

Webe hin und her! 

Geburt und Grab, 

Ein ewiges Meer, 

Ein wechselnd Weben, 

Ein glühend Leben, 

So schaff 7 ich am sausenden Webstuhl 

der Zeit, 
Und wirke der Gottheit lebendiges 

Kleid. 



Ebenso frei wie hier behandelt er die jambisch anapästischen 
Verse am Anfang von Fausts erstem Monolog, er wendet zuerst 
regelmäßige vierhebige Jamben an und vermehrt die Senkungen 
erst später, ohne sich streng ans Original zu halten. Genauer 
folgt er dann im Dialog mit Wagner und in dem sich daran 
anschließenden Monolog Fausts, eine Stelle möge es zeigen: 

640 If hopeful Fancy once, in daring flight, Wenn Phantasie sich sonst mit kühnem 

Flug 
Her longings to the Infinite expanded, Und hoffnungsvoll zum Ewigen er- 
weitert, 



89 



Yet now a narrow space content» her 

quite, 
Since Time's wild wave so many a 

fortune stranded. 
Care at the bottom of the heart is 

lurking: 
Her secret pangs in silence working, 
She, restless, rocks herseif, disturbing 

joy and rest: 
In newer masks her face is ever drest, 

By turns as honse and land, as wife 

and child presented, — 
As water, fire, as poison, steel: 
We dread the blows we never feel, 
And what we never lose, is yet by 
us lamented! 



So ist ein kleiner Raum ihr nun 

genug, 
Wenn Glück auf Glück im Zeiten- 
strudel scheitert. 
Die Sorge nistet gleich im tiefen 

Herzen, 
Dort wirket sie geheime Schmerzen, 645 
Unruhig wiegt sie sich und störet 

Lust und Ruh; 
Sie deckt sich stets mit neuen Masken 

zu, 
Sie mag als Haus und Hof, als Weib 

und Kind erscheinen, 
Als Feuer, Wasser, Dolch und Gift; 
Du bebst vor allem, was nicht trifft, 650 
Und was du nie verlierst, das mußt 

du stets beweinen. 



Vom Einschläferungslied der Geister, dessen Rhythmus 
und Schönheit Taylor fast ganz festzuhalten Vermag, sagt er 
in den „Notes": „The rhythmical translation of this song is 
a head and heart breaking task. I can only say, that, after 
returning to it again and again, during a period of six years, 
I can off er nothing better." Er entfernt sich nur wenig vom 
Original, ein Bruchstück genügt, um seine Gewandtheit zu zeigen: 



that the darkling 
Glouds had departed! 
Starlight is sparkling, 
Tranquiller-hearted 
Suns are on high. 
Heaven's own children 
In beauty bewildering, 
Waveringly bending, 
Pass as they hover; 
Longing unending 
Follows them over. 

Life-ward all hieing, — 
All for the distant 
Star of existent 
Rapture and Love! 



Wären die dunkeln 
Wolken zerronnen! 
Sternelein funkeln, 
Mildere Sonnen 
Scheinen darein. 
Himmlischer Söhne 
Geistige Schöne, 
Schwankende Beugung 
Schwebet vorüber. 
Sehnende Neigung 
Folget hinüber; 

Alle zum Leben, 
Alle zur Ferne 
Liebender Sterne, 
Seliger Huld. 



1452 



1455 



1460 



1502 



Metrisch gelungen sind auch die Engelchöre, im Chor der 
Weiber weicht er etwas ab, sehr gut ist wieder das Soldaten- 
liedchen, von den* ich die 1. Strophe gebe: 



90 



884 Castles, with lofty 
Ramparts and towers, 
Maidens disdainful 
In Beauty's array, 
Both shall be ours! 
Bold is the venture, 

890 Splendid the pay. 



Burgen mit hohen 
Mauern und Zinnen, 
Mädchen mit stolzen 
Höhnenden Sinnen 
Möcht' ich gewinnen! 
Kühn ist das Mühen, 
Herrlich der Lohn! 



Das Tanzliedchen trifft den derben Volkston und das Sang- 
bare recht gut. Die 2. Strophe lautet: 



957 He broke the ranks, no whit afraid, 
And with his elbow punched a maid, 
Who stood, the dance surveying: 
960 The buxom wench, she turned and said : 
„Now you I call a stupid-head!" 
Hurrah! hurrah! 
Hurra-tarara-la! 
„Be decent while you're staying!" 



Er drückte hastig sich heran, 

Da stieß er an ein Mädchen an 

Mit seinem Ellenbogen; 

Die frische Dirne kehrt sich um 

Und sagte: Nun das find 1 ich dumm! 

Juchhe! Juchhe! 

Juchheisa! Heisa! He! 
Seid nicht so ungezogen. 



Mephistos Ständchen und das Liedchen aus dem Märchen 
sind ebenfalls glücklich auf den Volkston gestimmt. Taylor 
bringt überhaupt das Volkstümliche in der Sprache des Faust 
vorzüglich zum Ausdruck. Er wendet gerne die vertrauliche 
und auch nachlässige Sprechweise an, bringt landläufige Redens- 
arten und wahrt damit die Lebendigkeit und Unmittelbarkeit 
des Dialogs. Ich will aus der Fülle einige Beispiele heraus- 
greifen: 



816 . . . jolly rows and squabbles 
594 the dead of night 



Händel 



tief in der Nacht. 



1326 You've made me roundly sweat, that's Ihr habt mich weidlich schwitzen 

certain! machen. 

2908 The gentleman's too kind, I'm sure. Ach Gott! der Herr ist gar zu gut: 



3004 111 cut away, betimes! 



Nun mach 1 ich mich bei Zeiten fort! 



3198 It's as if nobody had nothing to fetch Es ist als hätte niemand nichts zu 

and carry treiben 



3622/23 His pink of girls 



den Flor der Mägdlein 



2628 . . . like Jack Hake. 



Hans Liederlich, 



91 



A. Swanwick gibt dafür Gay Lothario, Anster behält den 
deutschen Ausdruck bei 



Most worthy Paedagogue 



Herr Magister Lobesan, 



2633 



Martin hat dafür Master Graveairs, A. Swanwick: Sir 
Moralizer. 



AU sorts of tender rigmarole. 
Fancy's rickets 



Brimborium. 
Eribskrabs 



2650 
3268 



Martin gibt dafür whim-whams, Hayward: crotchets of 
imagination. 

Mit Ausnahme einiger Latinismen, die nicht gut zu Valentin 
passen, ist seine Sprache mit ihrer Derbheit und Volkstümlich- 
keit markig und treffend, so erhält die Schmähung dieselbe 
Schwüle und Düsterkeit: 

My Margaret, see! still young thou Mein Gretchen sieh! du bist noch 3726 

art, jung, 

Bat not the least bit shrewd or smart, Bist gar noch nicht gescheidt genung 

Thy business thus to slight. Machst deine Sachen schlecht, 

Während Taylor hier auch metrisch genau folgt, verkennt 
er die Wirkung der rhythmischen Änderungen im Fortgang der 
Schmähung; wenigstens bringt er sie nicht heraus: 



When Shame is born and first appears, 
She is in secret brought to light, 
And then they draw the veil of night 
Over her head and ears; 
Her life, in fact, they're loathe to 

spare her. 
But let her growth and strength 

display, 
She walks abroad unveiled by day, 
Yet is not grown a whit the fairer. 
The uglier she is to sight 
The more she seeks the day's broad 

light. 



Wenn erst die Schande wird geboren, 3740 
Wird sie heimlich zur Welt gebracht, 
Und man zieht den Schleier der Nacht 
Ihr über Kopf und Ohren; 
Ja, man möchte sie gern ermorden. 

Wächst sie aber und macht sich groß, 3745 

Dann geht sie auch bei Tage bloß 
Und ist doch nicht schöner geworden. 
Je häßlicher wird ihr Gesicht, 
Je mehr sucht sie des Tages Licht. 



Gewiß ist die Schilderung auch hier wirksam, aber eine 
metrisch getreue Übersetzung sollte an solchen Stellen auch 
beweglicher werden. — Taylor läßt dem Übermut in Auerbachs 
Keller die Zügel schießen und wendet darum das Derbe an: 

Aha! you lick your chops, from sheer Aha, du Hingst schon an, die Lippen 2263 
anticipation. abzulecken. 



92 

Von den Liedchen ist neben den Volkslied -Fragmenten 
namentlich die erste Strophe vom Flohlied gut getroffen: 

2211 There was a king once reigning, Es war einmal ein König, 

Who had a big black flea, Der hatt' einen großen Floh, 

And loved him past explaining, Den liebt' er gar nicht wenig, 

As his own son were he. Als wie seinen eignen Sohn. 

He called his man of stitches; Da rief er seinen Schneider, 

The Tailor came straightway: Der Schneider kam heran: 

Here measure the lad for breeches, Da, miß dem Junker Kleider, 

And measure his coat, I say! Und miß ihm Hosen an! 

Auch die kleine rhythmische Schwankung, wodurch die 
Launigkeit erhöht wird, ist hübsch bewahrt. Im Gespräch 
zwischen Mephistopheles und dem Schüler schließt sich Taylor 
ebenso eng ans Original an und mit demselben Erfolg. Auch 
der Ton, der Sarkasmus und Zynismus des Teufels, ist derselbe. 
In der Hexenküche folgt Taylor wieder gewöhnlich treu, zu- 
weilen verschärft er hier gern den Ton: 

2523 Wherefrom, sometimes, I wet my Aus der ich selbst zuweilen nasche. 

throttle, 

Die Brunnenszene überträgt er in ihrer ganzen derben 
Eealistik. — Dadurch daß er das Altertümliche des Stils nach- 
ahmt, jedoch mit weiser Einschränkung, bewahrt er einen 
andern Eeiz des Originals: 

1516 The lord of rats and eke of mice Der Herr der Ratten und der . . . 

1565 . . . is sent to fray me Mich werden . . . schrecken 

1726 Nathless a parchment writ . . . Allein ein Pergament, beschrieben 

2756 . . . where can she bide? Ich woUt' die Mutter kam' nach Haus. 

In der Schilderung des Frühlings schmiegt sich der Über- 
setzer an die lebhaftere Bewegung der Verse Goethes an, aber 
er mischt die Jamben und Anapäste in freier Weise. Das ist 
jedoch kein Nachteil, fließen doch seine Verse so leicht dahin 
wie die Goetheschen: 

903 Eeleased from ice are brook and river Vom Eise befreit sind Strom und 

Bäche 
By the quickening glance of the Durch des Frühlings holden belebenden 
gracious Spring; Blick; 



93 



The colors of hope to the valley cling, 
And weak old Winter himself must 

shiver, 
Withdrawn to the mountains, a crown- 

less king: 
Whence, ever retreating, he sends 

again 
Impotent showers of sleet that darJde 
In belts across the green o' the piain. 
But the sun will permit no white to 

sparkle; 
Everywhere form in development 

moveth; 
He will brighten the world with the 

tints he loveth, 
And, lacking blossoms, blue, yellow, 

and red, 
He takes these gaudy people instead. 



Im Tale grünet Hoffnungsglück; 905 

Der alte Winter in seiner Schwäche 

Zog sich in rauhe Berge zurück. 

Von dorther sendet er, fliehend, nur 

Ohnmächtige Schauer körnigen Eises 

In Streifen über die grünende Flur; 910 

Aber die Sonne duldet kein Weißes, 

Überall regt sich Bildung und Streben, 

Alles will sie mit Farben beleben; 

Doch an Blumen fehlt's im Revier, 

Sie nimmt geputzte Menschen dafür. 915 



Wie er hier den hellen belebenden Ton findet und alle die 
koloristisch wirkenden Epitheta wiedergibt, so entfaltet der 
Abendhymnus die ganze Pracht und Klangfülle des Originals. 
Auch hier macht er von der in seiner Vorrede beanspruchten 
Freiheit Gebrauch, indem er vier- und fünfhebige Jamben ab- 
wechseln läßt, wie sie sich für seine Verse am natürlichsten 
ergeben. Die beiden Alexandriner auch, die das Verweilen des 
innern Blickes, die Euhe ausdrücken, liegen bei ihm in den 
beiden charakteristischen Versen. Am Schluß zwar versinkt das 
Symbolische: 

The crane sails by to other shores Der Kranich nach der Heimat strebt. 1099 

Nach der Heimat in höherem Sinne zieht es ja auch 
Faust, der gleich darauf denselben Gedanken variiert ausdrückt. 
Hier kommt Taylor seinem Vorbild wieder am nächsten von 
allen andern Übersetzern: 



Two souls, alas! reside within my 

breast, 
And each withdraws from, and repels 

its brother. 
One with tenacious Organs holds in love 
And clinging lust the world in its 

embraces, 
The other strongly sweeps, this dust 

above 
Into the high ancestral Spaces. 



Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner 1112 

Brust, 
Die eine will sich von der andern 

trennen, 
Die eine hält in derber Liebeslust 
Sich an die Welt mit klammernden 1115 

Organen; 
Die andre hebt gewaltsam sich vom 

Dust 
Zu den Gefilden hoher Ahnen. 



94 



Das wilde Drängen Fausts nach Genuß im weitesten Sinne 
teilt sich auch bei Taylor den Versen mit: 



1754 Plunge we in Time's tumultuous 

dance, 
In the rush and roll of circumstance! 
Then may delight and distress, 
And worry and success, 
Alternately follow as best they can: 
Restless activity proves the man! 



Stürzen wir uns in das Bauschen der 

Zeit, 
Ins Rollen der Begebenheit! 
Da mag denn Schmerz und Genuß, 
Gelingen und Verdruß, 
Mit einander wechseln wie es kann; 
Nur rastlos betätigt sich der Mann. 



Die unregelmäßig gebauten Verse in der herrlichen 
Schilderung vom Sturm ordnet Taylor wieder nach Belieben, 
doch herrschen auch bei ihm die trochäisch daktylischen Verse 
vor, und er ist wirksam, obgleich er die onomatopoetische 
Kraft nicht ganz auslöst. Ganz Goethesche Stimmung ist dann 
die Fauststrophe im Wechselgesang: 



3881 O'er the stones, the grasses, fiowing. 

Stream and streamlet seek the hollow. 

Hear I noises? songs that follow? 

Hear I tender love-petitions? 
3885 Voices of those heavenly visions? 

Sounds of hope, of love undying! 

And the echoes, like traditions 

Of old days, come faint and hollow. 



Durch die Steine, durch den Basen 
Eilet Bach und Bächlein nieder. 
Hör' ich Bauschen? hör' ich Lieder? 
Hör' ich holde Liebesklage, 
Stimmen jener Himmelstage? 
Was wir hoffen, was wir lieben! 
Und das Echo, wie die Sage 
Alter Zeiten, hallet wieder. 



Die verschiedene Auffassung von Vers 3886 kommt dabei 
nicht in Betracht. 

Es ist überhaupt einer der großen Vorzüge der Taylorschen 
Übersetzung, daß sie das Stimmungsvolle so schön und warm 
nachtönt. So zieht die sanfte Elegie durch das Nachtstück, 
dessen erste Strophe ich gebe: 



1178 Behind me, field and meadow sleeping, 
I leave in deep, prophetic night, 
Within whose dread and holy keeping 
The better soul awakes to light. 
The wild desires no longer win us, 
The deeds of passion cease to chain; 
The love of Man revives within us, 

1185 The love of God revives again. 



Verlassen haV ich Feld und Auen, 
Die eine tiefe Nacht bedeckt, 
Mit ahnungsvollem, heil'gem Grauen 
In uns die bessre Seele weckt. 
Entschlafen sind nun wilde Triebe, 
Mit jedem ungestümen Tun; 
Es reget sich die Menschenliebe, 
Die Liebe Gottes regt sich nun. 



In der Anmerkung zum Monolog Fausts in Gretchens Zimmer 
zeigt Taylor wieder sein tiefes Eindringen in das Wesen der 
Gestalten und sein feines künstlerisches Urteil. Leider steht 



95 



aber hier das Vollbringen hinter dem Wollen zurück. Bei 
Goethe ist der Monolog so ganz in die Sphäre der lautersten 
Poesie erhoben, es durchweht ihn so ganz der „Zauberduft", 
dies eine Mal versagt Taylor die Kraft. Doch bringt er auch 
hier Besseres als alle andern Übersetzer. — Zur Ballade vom 
König in Thule schreibt er: „The feminine rhymes of the first 
and third lines of each verse have been omitted, in order to 
make the translation strictly literal . . ., the redundant syllable 
partly atones to the ear for the absence ,of rhyme. In this 
instance I have considered it especially necessary to preserve 
the simplicity of the original, and (if that be possible) the weird, 
mystic sweetness of its movement." Das ist ihm im vollsten 
Sinne gelungen, keiner hat die schwere Aufgabe so würdig gelöst: 



There was a king in Thule, 
Was faithful tili the grave, — 
To whom his mistress, dying, 
A golden goblet gave. 

Naught was to him more precious; 
He drained it at every bout; 
His eyes with tears ran over 
As oft as he drank thereout. 

When came his time of dying, 
The towns in his land he told, 
Naught eise to his heir denying 
Except the goblet of gold 

He sat at the royal banquet 
With his knights of high degree, 
In the lofty hall of his fathers 
In the Castle by the Sea. 

There stood the old carouser, 
And drank the last life-glow; 
And hurled the hallowed goblet 
Into the tide below. 

He saw it plunging and filling, 
And sinking deep in the sea: 
Then feil his eyelids forever, 
And nevermore drank he! 



Es war ein König in Thule 
Gar treu bis an das Grab, 
Dem sterbend seine Buhle 
Einen goldnen Becher gab. 

Es ging ihm nichts darüber, 
Er leert' ihn jeden Schmaus; 
Die Augen gingen ihm über, 
So oft er trank daraus. 

Und als er kam zu sterben, 
Zählt' er seine Stadt' im Reich, 
Gönnt alles seinem Erben, 
Den Becher nicht zugleich. 

Er saß beim Königsmahle, 
Die Ritter um ihn her, 
Auf hohem Vätersaale, 
Dort auf dem Schloß am Meer. 

Dort stand der alte Zecher, 
Trank letzte Lebensglut, 
Und warf den heiligen Becher 
Hinunter in die Flut. 

Er sah ihn stürzen, trinken 
Und sinken tief ins Meer, 
Die Augen täten ihm sinken, 
Trank nie einen Tropfen mehr. 



2759 



2765 



2770 



2775 



2780 



Von Gretchens Lied am Spinnrad sagt er: „The verses are 
indeed articulate sighs; the lines are almost as short and simple 



i 



96 



as the first speech of a child, and tlie least deviation from either 
the meaning or the melody of the original (even the change of 
„meine" into „my", in the first line) takes away something of 
its indescribable sadness and strength of desire." So nach- 
empfinden heißt selber eine Dichterseele haben. Auf seiner 
Übertragung des Liedes ruht denn auch dieselbe Stimmung der 
Sehnsucht, die sich bis zur Leidenschaft steigert. 



3374 My peace is gone, 
My heart is sore: 
I never shall find it, 
Ah, nevermore! 

Save I have him near, 
The grave is here; 
3380 The world is gall 
And bitterness all. 

My poor weak head 
Is racked and crazed; 
My thought is lost, 
3385 My senses mazed. 

1. Strophe. 

3390 To see him, him only 
At the pane I sit; 
To meet him, him only, 
The house I quit. 

His lofty gait, 
3395 His noble size, 

The smile of his month, 
The power of his eyes, 

And the magic flow 
Of his talk, the bliss 
3400 In the clasp of his hand, 
And, ah! his kiss! 

1. Strophe. 

My bosom yearns 
For him alone; 
Ah, dared I clasp him, 
And hold, and own! 

3410 And kiss his mouth, 
To heart's desire, 
And on his kisses 
At last expire! 



Meine Buh ist hin, 
Mein Herz ist schwer; 
Ich finde sie nimmer 
Und nimmermehr. 

Wo ich ihn nicht haV 
Ist mir das Grab, 
Die ganze Welt 
Ist mir vergällt. 

Mein armer Kopf 
Ist mir verrückt, 
Mein armer Sinn 
Ist mir zerstückt. 

1. Strophe. 

Nach' ihm nur schau' ich 
Zum Fenster hinaus, 
Nach ihm nur geh' ich 
Aus dem Haus. 

Sein hoher Gang, 
Sein 7 edle Gestalt, 
Seines Mundes Lächeln, 
Seiner Augen Gewalt, 

Und seiner Rede 
Zauberfluß, 
Sein Händedruck, 
Und ach, sein Kuß! 

1. Strophe. 

Mein Busen drängt 
Sich nach ihm hin. 
Ach dürft' ich fassen 
Und halten ihn, 

Und küssen ihn 
So wie ich wollt', 
An seinen Küssen 
Vergehen sollt'! 



97 



Wenn auch in der dritten Strophe die Einfachheit auf- 
gegeben und die fünfte etwas hart im Ton ist, so hat doch keiner 
wie er die „indescribable sadness" auszudrücken vermocht. Wie 
er sich hier einige kleine rhythmische Änderungen gestattet, tut 
er es auch im Gebet vor der Mater dolorosa, all das bange Weh 
schluchzt in den Versen: 



Incline, Maiden, 
Thou sorrow-laden, 
Thy gracious countenance upon my 
pain! 

The sword Thy heart in, 

With anguish smarting, 

Thou lookest up to where Thy Son 

is slain! 
Thou seest the Father; 
Thy sad sighs gather, 
And hear aloft Thy sorrow and His 

pain! 

Ah, past guessing, 
Beyond expressing, 
The pangs that wring my flesh and 

bone! 
Why this anxious heart so burneth, 
Why it trembleth, why it yearneth, 
Knowest Thou, and Thou alone! 

Where'er I go, what sorrow, 
What woe, what woe and sorrow 
Within my bosom aches! 
Alone, and ah! unsleeping, 
Fm weeping, weeping, weeping, 
The heart within me breaks. 

The pots before my window, 
Alas! my tears did wet, 
As in the early morning 
For thee these flowers I set. 

Within my lonely Chamber 
The morning sun shone red: 
I sat, in utter sorrow, 
Already on my bed. 

Help ! rescue me from death and stain! 
Maiden! 
Thou sorrow-laden, 
Incline Thy countenance upon my 
pain! 



Ach neige, 3587 

Du Schmerzenreiche, 

Dein Antlitz gnädig meiner Not! 

Das Schwert im Herzen, 3590 

Mit tausend Schmerzen 

Blickst auf zu deines Sohnes Tod. 

Zum Vater blickst du, 

Und Seufzer schickst du 

Hinauf um sein' und deine Not. 3595 

Wer fühlet, 
Wie wühlet 
Der Schmerz mir im Gebein? 

Was mein armes Herz hier banget, 

Was es zittert, was verlanget, 3600 

Weißt nur du, nur du allein! 

Wohin ich immer gehe, 

Wie weh, wie weh, wie wehe 

Wird mir im Busen hier! 

Ich bin ach kaum alleine, 3605 

Ich wein', ich wein', ich weine, 

Das Herz zerbricht in mir. 

Die Scherben vor meinem Fenster 
Betaut' ich mit Tränen, ach! 
Als ich am frühen Morgen 3610 

Dir diese Blumen brach. 

Schien hell in meine Kammer 

Die Sonne früh herauf, 

Saß ich in allem Jammer 

In meinem Bett schon auf. 3615 

Hilf! rette mich von Schmach und Tod! 

Ach neige, 

Du Schmerzenreiche 

Dein Antlitz gnädig meiner Not! 



Baumann, Eugl. Übersetzungen t. Goethes Faust. 



98 



In zwei Fällen ist Taylor hier, wie übrigens noch an einigen 
andern Orten, abhängig von seinem Landsmann Ch. Brooks. — 
Die Domszene ist auch in der Übersetzung von wunderbarer 
Größe. Fast jede Bewegung in den Versen der Kerkerszene 
schwingt in der Übersetzung nach, das Auf- und Abwogen von 
Schmerz und Furcht, der plötzliche Wechsel von süßem Liebes- 
zauber zu furchtbaren Gewissensqualen teilt sich auch hier 
dem Metrum mit: 



4405 A shudder, long unfelt, comes o'er 

me; 
Mankind's coUected woe o'erwhelms 

me here. 
She dwells within the dark, damp 

walls before me, 
And all her crime was a delusion 

dear! 
What! I delay to free her? 
I dread, once again to see her? 
On! my shrinking only brings Death 

more near. 



4453 leet ns kneel, and call the Saints 

to hide us! 

Under the steps beside us, 
4455 The threshold under, 

Hell heaves in thunder! 

The Evil One 

With terrible wrath 

Seeketh a path 

His prey to discover! 



4530 Ah, within thine arms to hide me, 
That was a sweet and a gracious bliss, 
But no more, no more can I attain it! 
I would force myself on thee and con- 

strain it, 
And it seems thon repellest my kiss: 
And yet 't is thon, so good, so kind 

to see! 



Mich faßt ein längst entwöhnter 

Schauer, 
Der Menschheit ganzer Jammer faßt 

mich an. 
Hier wohnt sie hinter dieser feuchten 

Mauer, 
Und ihr Verbrechen war ein guter 

Wahnt 
Du zauderst zu ihr zu gehen! 
Du fürchtest sie wieder zu sehen! 
Fort! Dein Zagen zögert den Tod 

heran. 



laß uns knien die Heil'gen anzu- 
rufen! 
Sieh! unter diesen Stufen, 
Unter der Schwelle 
Siedet die Hölle! 
Der Böse, 

Mit furchtbarem Grimme, 
Macht ein Getöse! 



Mich an deine Seite zu schmiegen 
Das war ein süßes, ein holdes Glück! 
Aber es will mir nicht mehr gelingen; 
Mir ist's als müßt' ich mich zu dir 

zwingen, 
Als stießest du mich von dir zurück; 
Und doch bist du's und blickst so gut, 

so fromm. 



In der Prosaszene hat Taylor die Abschwächungen seiner 
Vorgänger vermieden, sie ist prägnant im Ausdruck und voll 
von leidenschaftlichem Pathos. Auch den getragenen Ton findet 
er in den herrlichen Jamben in Wald und Höhle und im Glaubens- 
bekenntnis. — Gretchen, deren Züge er auf das Frankfurter 



99 



Gretchen und Lili Schönemann zurückführt, ist in den „Notes" 
sehr fein charakterisiert, keiner der vielen Übersetzer hat ihr 
soviel Goethesches gewahrt wie Taylor. Vor allem ist sie lieb- 
reizend in ihrem warmen Empfinden und ihrer Aufrichtigkeit: 



I feel his presence like something ill. 

I 've eise for all a kindly will, 
Bat mach as my heart to see thee 

yearneth, 
The secret horror of him returneth; 

And I think the man a knave, as I live ! 
If I do him wrong, may Gtod forgive! 



Seine Gegenwart bewegt mir das 3477 
Blut. 

Ich bin sonst allen Menschen gut; 

Aber wie ich mich sehne dich zu 
schauen, 

Hab' ich vor dem Menschen ein heim- 3480 
lieh Grauen, 

Und halt' ihn für einen Schelm dazu! 

Gott verzeih mir's, wenn ich ihm Un- 
recht tu'! 



When once inside the door comes he, 
He looks around so sneeringly, 
And half in wrath: 
One sees that in nothing no interest 
he hath: 



Kommt er einmal zur Tür herein, 
Sieht er immer so spöttisch drein, 
Und halb ergrimmt; 
Man sieht, daß er an nichts keinen 
Anteil nimmt; 



3485 



Die Sentenzen sind gewöhnlich knapp und treffend gefaßt, z.B.: 

A mind once formed, is never suited Wer fertig ist, dem ist nichts recht 182 

after; zu machen; 

One yet in growth will ever grateful Ein Werdender wird immer dankbar 

be. sein. 



If Poetry be your vocation 
Let Poetry your will obey! 



Gebt ihr euch einmal für Poeten, 
So kommandiert die Poesie. 



220 



What's left undone to-day, To-morrow Was heute nicht geschieht, ist morgen 225 
will not do. nicht getan. 

We are used to see, that Man despises Wir sind gewohnt, daß die Menschen 1205 

verhöhnen, 
What he never comprehends. Was sie nicht verstehn. 

Taylor hat sein Versprechen gehalten, er ist mit großer 
Treue und Selbstverleugnung gefolgt. Keine Gestalt ist entstellt, 
und die vielfältigen Motive tönen bei ihm voll wieder. Die 
metrische Nachfolge ist ihm — die beanspruchte Freiheit zu- 
gegeben — ebenfalls gelungen. W. P. Andrews >) macht Taylor 
die starke Anwendung von Latinismen zum Vorwurf. Man möchte 



l ) Atlantic Monthly 1890, On the Translation of Faust. 



* • • - ■ 






100 

dieses Element wohl gerne vermissen, besonders bei Gretchen, 
bedenkt man aber, wie vortrefflich Taylor den kühnen freien 
Geist, die reiche Stimmungswelt der Goetheschen Dichtung 
wiedergegeben, so muß dieser Tadel, wie auch die andern Aus- 
setzungen, die zu machen sind, vor der Menge des Guten stark 
zurücktreten. Kraft, Tiefe, ernste Kunst zeichnet seine Arbeit 
aus, es weht in ihr ein starker poetischer Geist. Von allen 
Übersetzungen, die ich gelesen, kommt sie nach meinem Emp- 
finden dem Original am nächsten. 



6. Die Mc Lintocksche Übersetzung. 

Goethes „Faust" (The so-called First Part, 1770—1808); 
together with the scene „Two Imps and Amor", the Variants 
of the Göchhausen Transcript; and the complete Para- 
lipomena of the Weimar Edition of 1887. In English, 
with introduction and notes by R McLintock. London, 
D. Nutt, 1897. 

In der Zeitschrift für deutsches Altertum 1898 tadelt 
Albert Köster die dilettantische Einleitung, die Mc Lintock seiner 
Übersetzung voranschickt. Sie sei buntscheckig, oberflächlich 
und verwirre den Laien nur, ebenso sei es mit den bald unter 
dem Text, bald im Anhang mitgeteilten Proben aus dem „Urfaust". 
Diese hätten vollständig in der Sprache des jungen Goethe 
wiedergegeben werden sollen; wenn das überhaupt möglich wäre. 
Für die Entdeckung, auf die er sich am meisten zugute tue, 
müßte McLintock erst noch den Beweis liefern: Er meint, weil 
der „Urfaust" an ein paar Stellen weitläufige Verwandtschaft 
mit Marlowes „Faustus" zeige, müsse Goethes Jugendplan in 
allen Teilen dem des englischen Dichters gleich gewesen sein. — 
Die Notes und Comments enthalten textliche Erklärungen, literar- 
historische Anmerkungen, in welchen McLintock hauptsächlich 
Schröer folgt. Dann aber legt er in ihnen seine „thoughts on 
Faust" nieder, von denen er hofft, sie „may help a few eyes to 
see the imbecility and absolute immorality of some of the current 
interpretations of the work." l ) Sie sind wertlos, weil sie den 
ästhetisch ethischen Wert der Dichtung zu schmälern suchen, 
was natürlich nicht gelingt. 



') Preface pag. Vm. 






101 

McLintock stellt für seine Übersetzung kein Programm 
auf, aber eine flüchtige Vergleicliung zeigt sofort, daß er sich 
mehr noch als seine Vorgänger bemüht, jede leiseste rhythmische 
Bewegung mitzumachen. Natürlich ist das nicht so gemeint, 
daß er Vers um Vers nach der Vorlage skandiert, auch er erlaubt 
sich Freiheiten, die der ungehemmte Fluß der Rede verlangt. 
Aber in den Liedern namentlich und in andern rhythmisch 
charakteristischen Partien sucht er Vers um Vers metrisch genau 
festzuhalten. Vereint mit diesem Streben geht noch das andere: 
die Reime in möglichster Übereinstimmung mit dem Original 
anzuordnen. Einige Lieder sollen zuerst zeigen, wie weit er 
mit seinem Bestreben Erfolg hat. In den Osterchören hat er 
es verstanden, durchweg die daktylischen Dipodien beizubehalten, 
auch im Chor der Weiber, der bei B. Taylor einige kleine Ab- 
weichungen zeigt: 

Spices sweet-smelling we Mit Spezereien 749 

Laid him near by, Hatten wir ihn gepflegt, 

When with hearts swelling we Wir seine Treuen 

Left him to lie. Hatten ihn hingelegt, 

Linen for winding him, Tücher und Binden 

Spotless and fair — Reinlich umwanden wir, 

Weep we must, Unding him Ach! und wir finden 755 

No longer there! Christ nicht mehr hier. 

Die einzige Freiheit, von der McLintock Gebrauch macht, 
ist, daß er die katalektischen Verse umstellt. Im Schlußchor 
der Engel, der rhythmisch genau übereinstimmt, hat er die 
stilistische Eigentümlichkeit, die in den aus substantivierten 
Adjektiven und Partizipien bestehenden Versen liegt, durch 
Umschreibung aufgegeben. Hierin kommt Taylor, der übrigens 
das Metrum auch genau festhält, dem Original näher. Das 
Soldatenliedchen zeigt bei McLintock neben durchgeführtem 
daktylisch - trochäischem Versmaß dieselbe überwiegende An- 
wendung der weiblichen Reime, die einzig vom zweiten Refrain- 
und dem Schlußvers unterbrochen werden. Ich führe nur die 
zweite Strophe an, die metrisch genauer ist als bei Taylor: 

Careless we march when Und die Trompete 891 

Trumpet-tones call us, Lassen wir werben, 

Whether Farne crown or Wie zu der Freude, 

Ruin befall us. So zum Verderben. 

Rush and resistance — Das ist ein Stürmen! 895 

That's an existence! Das ist ein Leben! 



102 



Maidens and Castles 
Find no assistance — 
Stern is the striving, 
900 Splendid the pay! 

Fighting done — soldier 
Marches away. 



Mädchen und Bargen 
Müssen sich geben. 
Kühn ist das Mühen 
Herrlich der Lohn! 
Und die Soldaten 
Ziehen davon. 



Der Gesang der Geister auf dem Gange, der der unsicht- 
baren Geister (nach Fausts Fluch) und hauptsächlich Mephisto- 
pheles' Nachahmung des letztern sind noch nie metrisch so genau 
übertragen worden, nur im Reim findet sich hie und da eine 
kleine Abweichung. Ich führe die beiden letztern ganz an: 



1607 Woe! Woe! 

Lo, thon hast laid low 

The fair world all 
1610 With tyrannous hlow! 

ruinous fall! 

A demi-god's hand has unmade it! 

We, haling 

To Chaos the fragments scattered, 
1615 Go wailing 

Over beauty lost and shattered! 

Mighty thon 

Among earth's offspring — 

Brighter now 
1620 Bid it aloft spring — 

Yea, in thy bosom shape a new sphere! 

And a new career 

Beginning, 

And clear sight winning, 
1625 Ere long new songs shall 

Teil of new cheer! 

Listen — my youngsters 
(Cunning songsters!) 
Bidding thee in joy and action 
1630 Seek satisf action! — 
Out among men 
From this lonesome den 
Where senses and blood lag crawling — 
Tempts thee not their calling? 



Weh! Weh! 

Du hast sie zerstört, 

Die schöne Welt, 

Mit mächtiger Faust; 

Sie stürzt, sie zerfällt! 

Ein Halbgott hat sie zerschlagen! 

Wir tragen 

Die Trümmern ins Nichts hinüber, 

Und klagen 

Über die verlorne Schöne. 

Mächtiger 

Der Erdensöhne, 

Prächtiger 

Baue sie wieder, 

In deinem Busen baue sie auf! 

Neuen Lebenslauf 

Beginne, 

Mit hellem Sinne, 

Und neue Lieder 

Tönen darauf! 

Dies sind die Kleinen 

Von den Meinen. 

Höre, wie zu Lust und Taten 

Altklug sie raten! 

In die Welt weit, 

Aus der Einsamkeit, 

Wo Sinnen und Säfte stocken, 

Wollen sie dich locken. 



Eine ebenso enge metrische Anschmiegung zeichnet die 
Volks- und Studentenlieder aus, freilich weicht McLintock dabei 
textlich etwas ab und verwischt in den letztern die große Un- 
gebundenheit, das Lied vom Floh hat die Pointe verloren. — - 
Keiner hat so treu den Rhythmus der Gretchenlieder verfolgt 



103 



wie McLintock. Sie zeigen kaum eine leise Abweichung und 
werden hier ganz angeführt, um seine erstaunliche Gewandtheit 
in der Versifikation zu zeigen: 



A king there once was in Thule 
Faithful unto the grave, 
To whom one loved right truly 
When ehe died a gold cup gave. 

No gern prized he more dearly 
'Twas drained each drinking bout; 
His eyes in tears swam if merely, 
He drank a dranght thereout! 

And when it came to dying, 
He his kingdom's cities told, 
Resigned them all unsighing — 
Not so that cup of gold. 

Girt round by knight and vassal, 
A royal feast made he, 
All in his father's Castle 
That looks down on the sea. 

Then rose that toper olden 
Of life-glow drank his last, 
The sacred goblet golden 
Then to the flood he cast. 

He watched it strike and shimmer, 
Deep sinking in the sea, 
And then his eyes grew dimmer, 
And no drop more drank he! 



Es war ein König in Thule 
Gar treu bis an das Grab, 
Dem sterbend seine Buhle 
Einen goldnen Becher gab. 

Es ging ihm nichts darüber, 
Er leert 7 ihn jeden Schmaus; 
Die Augen gingen ihm über, 
So oft er trank daraus. 

Und als er kam zu sterben, 
Zählt' er seine Stadt' im Reich, 
Gönnt alles seinem Erben, 
Den Becher .nicht zugleich. 

Er saß beim Königsmahle, 
Die Ritter um ihn her, 
Auf hohem Vätersaale, 
Dort auf dem Schloß am Meer. 

Dort stand der alte Zecher, 
Trank letzte Lebensglut, 
Und warf den heiligen Becher 
Hinunter in die Flut. 

Er sah ihn stürzen, trinken 
Und sinken tief ins Meer, 
Die Augen täten ihm sinken, 
Trank nie einen Tropfen mehr. 



Wenn nun, die rhythmische Bewegung so sorgfältig bewahrt 
ist, ist das Goethes leise wehmütige Ballade in ihrer Innigkeit? 
Gewiß nicht. Das liebevolle Sichversenken in den Stoff, die 
intime Behandlung, mit einem Wort die Seele fehlt diesem 
hübschen Versgeklingel. Schon die Umschreibung in der 1. Strophe 
ist nicht nur prosaisch, sondern auch schwerfällig. His eyes in 
tears swam if merely ist eine lächerliche Übertreibung, die 
die Stimmung zerstört. In der 3. Strophe fehlt wieder das 
Persönliche: And when it came to dying, eine Reimausflucht 
ist unsighing. Das charakteristische Adjektiv der 4. Strophe, 
in dem sich der große Künstler zeigt, der mit einem Wort 
plastisch zu gestalten vermag, ist unterdrückt und das Bild um 
den wundervollen architektonischen Zug gebracht. Und wieder 



2759 



2765 



2770 



2775 



2780 



104 



fehlt das liebevolle Hineinfühlen in der letzten Strophe: strike 
and shimmer sagt der objektive Beobachter, stürzen, trinken 
der König, dessen Auge mit Liebe dem Teuersten folgt, der sein 
eigenes Selbst darin entschwinden sieht. McLintock hat hier 
der äußern Form den Stimmungsgehalt geopfert. — Gretchens 
Liebeslied bewahrt die Musik der Verse, aber auch die Stimmung 
sehr schön: 



3374 All my peace is flown, 
My heart's so sore! 
And ne'er shall I find it 
For evermore! 

Where I see not him 
Is grave-dark grim! 
3380 The wide world all 
Is turned to gall! 

My aching head 
Is well nigh crazed; 
My poor weak wits 
3385 Are broke and mazed. 

1. Strophe. 

3390 'Tis but to greet him 
From window I gaze, 
And but to meet him 
Tread the ways. 

His noble form! 
3395 His bearing so high! 

And his mouth that smiles so! 
And the power of his eye! 

His speech's magic 
Flow I miss! 
3400 His clasping hand! 
And 0! — his kiss! 

1. Strophe. 

3406 My bosom yearns 
To know him near! 
And 0, to clasp him 
And hold him here! — 

3410 And kiss his Ups 

While that I might! 
And 'neath his kisses 
Melt outright! 



Meine Ruh ist hin, 
Mein Herz ist schwer; 
Ich finde sie nimmer 
Und nimmermehr. 

Wo ich ihn nicht hab' 
Ist mir das Grab, 
Die ganze Welt 
Ist mir vergäUt. 

Mein armer Kopf 
Ist mir verrückt, 
Mein armer Sinn 
Ist mir zerstückt. 

1. Strophe. 

Nach 7 ihm nur schau' ich 
Zum Fenster hinaus, 
Nach ihm nur geh' ich 
Aus dem Haus. 

Sein hoher Gang, 
Sein' edle Gestalt, 
Seines Mundes Lächeln, 
Seiner Augen Gewalt, 

Und seiner Rede 
Zauberfluß, 
Sein Händedruck, 
Und ach, sein Kuß! 

1. Strophe. 

Mein Busen drängt 
Sich nach ihm hin. 
Ach dürft' ich fassen 
Und halten ihn, 

Und küssen ihn 
So wie ich wollt', 
An seinen Küssen 
Vergehen sollt'! 



105 



Das Ohr glaubt hier die Goetheschen Verse zu hören, so 
fein ist die leiseste Schwingungsänderung nachgefühlt. Leider 
harmoniert der Gehalt wieder nicht völlig mit der Vollendung 
der Form. Is grave-dark grim fällt schwer in diese Ver- 
lorenheit, die nur den einfachsten Ausdruck findet und auf 
keine ausmalenden Wörter bedacht sein kann. Goethe läßt 
Gretchen nicht klagen My poor weak wits . . . Die Steigerung 
beim Gedanken an den Geliebten hemmen die vielen Ausrufe 
eher — was zwar ein rein graphischer Nachteil ist, aber zeigt, 
daß Mc Lintock Goethes Absicht nicht ganz erfaßt hat — , die leb- 
hafte Vergegenwärtigung wird durch die subjektive Einschaltung 
des I miss störend unterbrochen, und der höchste Affekt am 
Schluß scheint mir plump ausgedrückt zu sein mit: Melt 
outright. — Rein musikalisch bringt McLintock durch seine 
bewundernswerte formelle Treue die erschütternde Klage des 
gequälten Herzens schön zum Ausdruck im Gebet: 



bend down, 

And one glance send down, 

Thou rieh in sorrow, at my need! 



Ach neige, 

Du Schmerzenreiche, 

Dein Antlitz gnädig meiner Not! 



3587 



The keen sword cleaveth 
That heart that grieveth 
As thou beholdest thy Son bleed! 



Das Schwert im Herzen, 

Mit tansend Schmerzen 

Blickst auf zu deines Sohnes Tod. 



3590 



His Sire thou seekest, 

And sighing speakest 

His agony and thy sore need! 



Zum Vater blickst du, 
Und Seufzer schickst du 
Hinauf um sein' und deine Not. 



3595 



Who feeleth, 

How reeleth 

The pain through every bone? 

How my poor heart in its anguish 

Needs must quake, and quaking, 

languish, 
Knowest thou and thou alone! 



Wer fühlet, 

Wie wühlet 

Der Schmerz mir im Gebein? 

Was mein armes Herz hier banget, 

Was es zittert, was verlanget, 

Weißt nur du, nur du allein! 



3600 



For wheresoe'er my going, 
Such woe, such woe is glowing, 
Ah me! within my breast! 
I, scarce alone, go creeping 
And weeping, weeping, weeping, 
Heart-broken, sore distressed! 



Wohin ich immer gehe, 
Wie weh, wie weh, wie wehe 
Wird mir im Busen hier! 
Ich bin ach kaum alleine, 
Ich wein', ich wein', ich weine, 
Das Herz zerbricht in mir. 



3605 



106 



The plants all before my window 
Received my tears in showers, 
3610 When I, at early morning, 

Gathered for thee these fiowers! 

The sunshine bright and cheery 
Shone in, so early up, 
As I, all trouble-weary, 
3615 There in iny bed sat up. 

Help! Save thou me from shame and 

death! 
bend down, 

And one glance send down, 
Thou rieh in sorrow, at my need! 



Die Scherben vor meinem Fenster 
Betaut' ich mit Tränen, ach! 
Als ich am frühen Morgen 
Dir diese Blumen brach. 

Schien hell in meine Kammer 
Die Sonne früh herauf, 
Saß ich in allem Jammer 
In meinem Bett schon auf. 

Hilf! rette mich von Schmach und 

Tod! 
Ach neige, 
Du Schmerzenreiche, 
Dein Antlitz gnädig meiner Not! 



Innere Mängel dämpfen auch hier für den Leser, der das 
Original kennt, den äußeren Vorzug. Da sind Abschwächungen, 
die die Gefühlstiefe und die Seelenbangigkeit mindern. That 
heart that grieveth ist viel zu matt, auch wenn wir einen 
Druckfehler darin annehmen und setzen: Thy heart that 
grieveth. Mit dem erzwungenen His Sire . . . verliert die 
Anrede etwas von ihrer rührenden kindlichen Frömmigkeit und 
mit dem Vers Needs must quake ... — der nebenbei unschön 
ist — scheint sich Gretchen über ihre Qualen zu erheben und 
eher zu berichten als zu enthüllen. Dieselbe Wirkung hat das 
begründende For wheresoe'er . . ., wo das Erneuern der Klage 
steigernd ohne Verbindung sich an das Geständnis anschließen 
sollte; überdies endigt diese Strophe statt mit der Steigerung mit 
dem entschieden schwächern sore distressed. Wenn das wunder- 
schöne „Betaut' ich . . ." verloren gegangen, muß man sich eben mit 
McLintocks Ausdruck begnügen, wenn aber Gretchen den Sonnen- 
schein cheery nennt, so ist das ein schlimmer Reimbehelf, 
denn ihr Jammer ist so groß, daß ihr diese Empfindung beim 
Anblick der Sonne fern bleibt, sie hat nur die Lichtempfindung. 
Und arm sind Anfang und Ende mit dem fast banalen: One 
glance ... Obwohl Taylor bei weitem nicht so gut das Metrum 
festhält und auch nicht ganz an Goethe heranreicht, ist seine 
Übertragung des Gebetes gefühlter und klanglich weicher, voller. 
McLintock vermag also hier weder nicht die ganze Empfindungs- 
stärke der Goetheschen Lyrik auszulösen; in der Hymne der 
Erzengel scheitert er an der gedanklichen Größe; irdische 
Begrenztheit tritt an Stelle der Unendlichkeit. — Auch er hat 



107 



die 2. Strophe der Zueignung, wo Goethe so herrlich gestaltet, 
verdorben, zwei unschöne Bilder entstellen sie. Nur die letzte 
Strophe ist würdig übertragen und frappiert durch ihre klangliche 
Schönheit. Ich führe beide an: 



Pictures ye bring me of glad times 

departed ; 
Ah ! many a dear shade rises up to-day ! 
And early love, and friendship tender- 

hearted 
Come trembling like some half out- 

echoed lay. 
The pang returns, bursts forth the 

plaint that started 
For woe at lifes labyrinthine devious 

way, 
And names the kind souls who, by 

fortune cheated 
Of hours of bliss, from out my world 

have fleeted. 



And now, by long unwonted yearning 

taken, 
To sway your stern still phantom 

realm I long. 
As when soft winds Aeolian harp- 

strings waken, 
Still floats indefinite my broken song. 

Tears gather thick; and, by a keen 

thrill shaken, 
To softness melts the heart but now 

so strong. 
What I possess I see but as in distance, 
And vanished things alone have real 

existence. 



Ihr bringt mit euch die Bilder froher 

Tage, 
Und manche liebe Schatten steigen auf; 10 
Gleich einer alten halbverklungnen 

Sage 
Kommt erste Lieb' und Freundschaft 

mit herauf; 
Der Schmerz wird neu ; es wiederholt 

die Klage 
Des Lebens labyrinthisch irren Lauf, 

Und nennt die Guten, die um schöne 15 
Stunden 

Vom Glück getäuscht, vor mir hinweg- 
geschwunden. 



Und mich ergreift ein längst ent- 25 

wöhntes Sehnen 
Nach jenem stiUen ernsten Geister- 
reich, 
Es schwebet nun in unbestimmten 

Tönen 
Mein lispelnd Lied, der Aeolsharfe 

gleich, 
Ein Schauer faßt mich, Träne folgt 

den Tränen, 
Das strenge Herz, es fühlt sich mild 30 

und weich; 
Was ich besitze, seh' ich wie im Weiten, 
Und was verschwand, wird mir zu 

Wirklichkeiten. 



Ein unschönes Bild hat sich ferner in Fausts Monolog 
eingeschlichen: 

We cower before some unstruck blow, Du bebst vor allem, was nicht trifft 650 



Mißverstanden ist es in: 

Whence this fine clearness? All my 

soul it trances 
As when through moonlit glade the 

breath of midnight sighs. 



Warum wird mir auf einmal lieblich 688 

helle, 
Als wenn im nächt'gen Wald uns 

Mondenglanz umweht? 



108 



Nicht nur in den Liedern und strophisch gebauten Partien 
folgt McLintock mit so großer metrischer Genauigkeit, alle 
charakteristischen Wechsel macht er, oft mit erstaunlicher 
Natürlichkeit, mit. So sind die jambisch anapästischen Verse 
der Frühlingsschilderung recht sorgfältig wiedergegeben, aber 
es mangelt dem Bild an Farbe und Leben. Wieder steht Taylor 
über ihm, obschon er nicht so genau den Rhythmus beibehält. 
Besser gelingt McLintock der zweite Teil: 



918 Through the gate's dark-caverned arch, 
All gay-bedizened, the multitudes 
march, 

920 Seeking sunshine with one accord. 
So keep they the rising-day of the Lord, 
For they themselves are as new risen. 
From low-ceilinged room, from desk 

and from table 
In counting-house and work-shop prison ; 

925 From oppressing penthouse and gable, 

Tortuous street and squeezing alley; 
Out of churches' dim-reverend night 
They turn out, every one seeking light! 
See, see! how nimbly they sally, 

Quick they scatter through garden 
and field! 



Aus dem hohlen finstern Tor 
Dringt ein buntes Gewimmel hervor. 

Jeder sonnt sich heute so gern. 
Sie feiern die Auferstehung des Herrn, 
Denn sie sind selber auferstanden 
Aus niedriger Häuser dumpfen Ge- 
mächern, 
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden, 
Aus dem Druck von Giebeln und 

Dächern, 
Aus der Straßen quetschender Enge, 
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht 
Sind sie alle ans Licht gebracht. 
Sieh nur, sieh! wie behend sich die 

Menge 
Durch die Gärten und Felder zer- 
schlägt, 



Die Zurechtweisung des Pudels und namentlich die freieren 
Verse, die andeuten, daß die momentane Befriedigung Faust 
schon verlassen hat, nehmen ganz die Bewegung des Originals an: 



1210 But alas! although I wait with spirit 

willing 
I feel no spring of peace my bosom 

Alling ! 
Wherefore so soon must the stream 

dry up and fail us, 
And the thirst with its pain assail us, 
As oft we prove? Yet compensation 
1215 Have we for this in plenteous measure; 
In things not of earth we can place 

our treasure; 
We yearn and strain for revelation — 
And more august was none e'er sent 

Than glows in our New Testament. 



Aber ach! schon fühl' ich, bei dem 

besten Wülen, 
Befriedigung nicht mehr aus dem 

Busen quillen. 
Aber warum muß der Strom so bald 

versiegen, 
Und wir wieder im Durste liegen? 
Davon hab' ich so viel Erfahrung. 
Doch dieser Mangel läßt sich ersetzen, 
Wir lernen das Überirdische schätzen, 

Wir sehnen uns nach Offenbarung, 
Die nirgends würd'ger und schöner 

brennt, 
Als in dem neuen Testament. 



109 



Bei einer metrisch so genauen Nachfolge wird natürlich 
der Text etwas frei behandelt, die eben angeführten Beispiele 
zeigen, daß McLintock innerhalb der ihm gezogenen Grenzen 
bleiben kann. Die feierlichen Jamben in Wald und Höhle, die 
freien Verse der Domszene sind teilweise ganz gut. Die Faust- 
strophe im Wechselgesang hat zwar nicht das Geheimnisvolle, 
das in dem Unbestimmten liegt, bewahrt, sie ist aber dennoch 
recht hübsch übertragen: 



Down through stones and grosses 

flowing, 
Hurrying still the rill rejoices, 
Murm'ring musical its voice is 
As some lover's tender-hearted 
Sorrow over days departed: 
„What we love and hopeful wait for," 
And sweet echo teils the story 
Clad in all old legendi glory. 



Durch die Steine, durch den Rasen 3881 

Eilet Bach und Bächlein nieder. 

Hör' ich Rauschen? höV ich Lieder? 

Hör' ich holde Liebesklage, 

Stimmen jener Himmelstage? 3885 

Was wir hoffen, was wir liehen? 

Und das Echo, wie die Sage 

Alter Zeiten hallet wieder. 



Recht Gutes leistet Mc Lintock in den humoristischen Partien, 
wo er bei aller Strenge der äußern Form sich mit Leichtigkeit 
bewegt Frisch und munter klingt die Schlußrede des „Managers" : 



Der Worte sind genug gewechselt, 
Laßt mich auch endlich Taten sehn; 
Indes ihr Komplimente drechselt, 



There! that's enongh of wordy hattle! 
I'd like to see some work at last hegun. 
The while your compliments you 

rattle, 
Something of nse might well he Kann etwas Nützliches geschehn. 

done. 
To what end talk of disposition? 
It never comes to certain folk. 
A poet are you? Expedition! 
I want some poetry hespoke. 



Was hilft es viel von Stimmung reden? 
Dem Zaudernden erscheint sie nie. 
Geht ihr euch einmal für Poeten, 
So kommandiert die Poesie. 



214 



220 



Textlich erlaubt er sich in diesen Partien gerne Freiheiten. 
So kontrastiert er Mephistopheles' Eeden im Prolog noch schärfer 
zum transzendentalen Ton der Engel. Sein Teufel wird dadurch 
ein gut Teil frivoler als er im Original ist; der Epilog lautet z. B.: 

I like to see the Old Chap now and Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten 

then; gern 

To break with him would be a pity. Und hüte mich mit ihm zu brechen. 

To find a great Lord kind as other Es ist gar hübsch von einem großen 

men — Herrn, 

And with the Devil, too— isdownright So menschlich mit dem Teufel selbst 

pretty. zu sprechen. 



350 



110 



Hayward, Swanwick und Taylor reden von „the Ancient", 
Martin genauer „the Old One". — Ehrliches moralisches Ent- 
setzen jagen McLintock die Worte des Herrn ein: 

337 My hatred never burat 'gainst such Ich habe Deinesgleichen nie gehaßt. 

as thee. 

Of all the spirits of negation Von allen Geistern, die verneinen, 

The wag is still least burdenous to Ist mir der Schalk am wenigsten zur 

me. Last. 

Es heißt davon in den „Notes and Comments" : ! ) „The lines are 
a deliberate and gratuitous assault on our sentiment of reverence." 
Hayward, Swanwick und Martin übersetzen Schalk mit „scoffer", 
Anster mit „Old Iniquity" und Taylor mit „waggish knave". 
Von all den verschiedenen Ausdrücken, wodurch das Wort über- 
setzt wurde, scheint ihm „each as revolting as another when 
placed in the mouth of the Lord of righteousness". — Die 
Zeichnung Mephistopheles' gehört zum Besten, was diese Über- 
setzung bietet. Er ist der launige, zungengewandte Teufel, als 
der er uns im Ärger über die plumpe ewig junge Welt, im 
Gespräch mit dem Schüler, in der sarkastischen Erzählung von 
„Herrn Schwerdtleins Tod" entgegentritt. Ich greife eine Stelle 
aus dem komischen Wüten über den fehlgegangenen Schmuck 
heraus, wo wieder die fein nachgeahmte metrische Beweglichkeit 
bewundert werden muß: 



2813 Just think ! Those things of Margaret's 

— those I got — 
A rascal priest has hagged the lot! 

2815 The Mother somehow got about them, 
Then somehow she must needs mis- 

doubt them — 
The old girl has such a wonderful nose! 
Prayer-book-snuffling ever she goes, 
And of each movable she can teil 

2820 If it be holy or cursed, by the smell! 
So with the gems she nosed them round, 
And small the blessing there she found, 
So said — „Dear child, misgotten gear 
Disturbs the soul and blood — so, dear! 

2825 Let's give to Mary what might mislead, 

US, 

And she with heavenly manna will 
feed us! u 



Denkt nur, den Schmuck für Gretchen 

angeschafft, 
Den hat ein Pf äff hin weggerafft! — 
Die Mutter kriegt das Ding zu schauen, 
Gleich fängt's ihr heimlich an zu 

grauen: 
Die Frau hat gar einen feinen Geruch, 
Schnüffelt immer im Gebetbuch, 
Und riecht's einem jeden Möbel an, 
Ob das Ding heilig ist oder profan; 
Und an dem Schmuck da spürt sie's klar, 
Daß dabei nicht viel Segen war. 
Mein Kind, rief sie, ungerechtes Gut 
Befängt die Seele, zehrt auf das Blut. 
Wollen's der Mutter Gottes weihen, 



Wird uns mit Himmelsmanna 
freuen! 



er- 



l ) Notes and Comments pag. 308. 



111 



Die Anfangsverse dürften wohl etwas prägnanter sein und 
die Aufregung der Frau sich in zwei bewegteren Versen mit- 
teilen, doch ist die Erzählung recht fein nuanciert, und keiner 
hat die rhythmische Abwechslung so gut hervorgehoben wie 
McLintock. — Auch die dunklen Züge, das Teuflische in 
Mephistopheles hat er richtig erfaßt. Der kalte Hohn, der 
Cynismus, mit dem jener Fausts bessre Gefühle fortwährend 
tötet und ihn immer tiefer zu sich hinabzieht, tritt in der 
Übersetzung scharf hervor: 



A supra-mundane pleasure-fountain! 
On dewy night to couch out on the 

mountain 
And heaven and earth embrace, blies- 

permeated; 
To godlike bigness getyourselfinflated, 

Pierce to earth's heart by force of 

intuition, 
Feel in your breast the whole six 

day's frnition, 
In pride of power enjoy things past 

my knowing, 
Then with love's gnsh into all things 

o'erflowing, 
The son of earth quite out of sight — 



Ein überirdisches Vergnügen! 

In Nacht und Tan auf den Gebirgen 

liegen, 
Und Erd' und Himmel wonniglich 

umfassen, 
Zn einer Gottheit sich aufschwellen 

lassen, 
Der Erde Mark mit Ahnungsdrang 

durchwühlen, 
Alle sechs Tagewerk' im Busen fühlen, 

In stolzer Kraft ich weiß nicht was 
genießen, 

Bald liebewonniglich in alles über- 
fließen, 

Verschwunden ganz der Erdensohn, 



3282 



3285 



3290 



Marthes Zeichnung ist teilweise recht gut gelungen, ihre 
Heuchelei, ihr plumpes Werben reihen sie genau in die 
Gattung, in die Mephistopheles sie reiht. Seine „thoughts" haben 
Mc Lintock, was sie anbetrifft, also in der Praxis nicht beeinflußt. 
Sie erhält sogar eine kleine Verstärkung, denn sie begrüßt den 
„fremden Herrn" mit den Worten: 

Well, sir? With me it's easy speaking. Ich bin's, was hat der Herr zu sagen? 

Anfänglich ist ihre Sprache volkstümlich, gegen den Schluß 
der ersten Unterredung geht sie ein wenig auf Stelzen und 
verliert dadurch an Realität. Sonst gibt McLintock die Volks- 
sprache mit Geschick wieder, dann und wann zieht er sie 
ins Derbe: 



2900 



Small lnck my share is, even then! 
Hell walk by you tili I could beat him, 
You'll dance together, you and he. 
What good's your sweethearting to me? 



Das ist für mich kein großes Glück; 
Er wird an deiner Seite gehen. 
Mit dir nur tanzt er anf dem Plan. 
Was gehn mich deine Freuden an? 



822 



825 



112 

828 You strapping wenches f oot it rarely ! Blitz, wie die wackern Dirnen schreiten ! 



872 My! aren't we fine! 



Ei! wie geputzt! 



1840 And of your best lore you must shirk Das Beste, was da wissen kannst, 

Giving your cubs the least Sensation. Darfst da den Baben doch nicht sagen. 

2040 I do declare — it's like a dream to me! Ich schwör' euch zu, mir ist's als wie 

im Traum. 

2585 What! with devils thick as Tom and Bist mit dem Teufel du und du, 

Dick, 

2635 I give you warning, Square andright Und das sag' ich ihm kurz und gut, 

Er flicht idiomatische Redensarten auch von sich aus 
gern ein: 

2622 What, she? A fine job there you set me! Da die? . . . 

3001 If you'll allow me as good a fling, Ich schwör' euch zu mit dem Beding 

1*11 vow with you to change the ring! Wechselt' ich selbst mit euch den Ring! 

3007 You unfledged, new hatched chick! Du guts unschuldigs Kind! 

Der schwere Mangel der Mc Lintockschen Übersetzung liegt 
hauptsächlich in den gedanklich und poetisch groß angelegten 
Partien; schon in den strophisch geschlossenen fanden wir viele 
unpassende und störende Zutaten. Noch zahlreicher aber kommen 
sie in den Monologen vor, wo Gedanke sich an Gedanke drängt 
und ein einziger sich oft durch viele Verse zieht. Da greift 
McLintock manchmal zu den unmöglichsten Füllseln, unbe- 
kümmert, ob sie der betreffenden Stimmung, ob sie den Intentionen 
Goethes entsprechen, wenn nur das Metrum möglichst dasselbe 
ist. Gleich der Anfang der ersten Szene verliert durch eine 
solche Einschiebung, so klein sie ist, alle Würde: 



354 So\ now that all philosophy, 

All quirks of law — all medicine, too, 
And — harder still! — theology, 



Habe nun, ach! Philosophie 
Juristerei und Medizin, 
Und leider auch Theologie! 



With much ado, I've studied through, Durchaus studiert, mit heißem Be- 

mühn. 

Durch den ganzen Monolog ziehen sich solche Entstellungen, 
sie zeigen, daß der Übersetzer sich nicht in Fausts Stimmung 
zu versetzen vermag, daß er sie nicht in Goetheschem Sinne 
nachempfindet. Wie könnte sonst dieser Faust beim Klange 
der Osterglocken sagen: 



113 

Those booming basses and tnose clear Welch tiefes Summen, welch ein heller 742 

high notes Ton, 

Force down the lifted cup, such might Zieht mit Gewalt das Glas von meinem 

hos fedingl Munde? 

Ye serisele88 bells! — and with your Verkündiget ihr dumpfen Glocken 

brasen throats schon 

Is it for Easter morn that ye are Des Osterfestes erste Feierstunde! 745 

pealing? 



I venture not to seek a sphere so Zu jenen Sphären wag' ich nicht zu 767 

holy streben, 

Äs that whence these brave news ye Woher die holde Nachricht tönt; 

teil! 

Accustomed, though, in youth, to Und doch an diesen Klang von Jugend 

boom and dang of beU, auf gewöhnt, 

Ye call me back to life more eartiüy- Ruft er auch jetzt zurück mich in 770 

lowly. das Leben. 



And füll of meaning seemed the bells 1 Da klang so ahnungsvoll des Glocken- 773 
melodious riot! tones Fülle, 

Wer könnte in diesen Geschmacklosigkeiten die herrliche 
Goethesche Poesie und den von süßen Erinnerungen besiegten 
Faust wieder erkennen? Besser, wenn auch wieder weit hinter 
der Schönheit des Originals zurückbleibend, ist Fausts Monolog 
in Gretchens Zimmer. Weit schlimmer aber ist es, daß der 
Charakter hier eine böse Entstellung erfährt, der Grund der- 
selben liegt in der Auffassung, die McLintock von Faust hat. 1 ) 
Er läßt ihn da sagen: 

In love-dreams I dissolve now, mere Und fühle mich in Liebestraum zer- 2773 
wax-hearted ! fließen ! 

Unter McLintocks Überschätzung der äußern Form leidet 
namentlich auch die Kerkerszene. Der Kerker ist ja in gewissem 
Sinne „heiliger Ort": jeder Gedanke, jeder Ausdruck muß hier 
Träger der Stimmung sein, jede Wendung muß sich dem poetischen 
Zweck unterordnen. Der Übersetzer scheint sich dessen nicht 
bewußt zu sein, er füllt seine Verse und merkt nicht, daß mancher 
Ausdruck aus dem Rahmen herausfällt, und daß durch seine freie 
Behandlung der Jubel Gretchens über des „Freundes Stimme" 
nicht so voll durchbricht, noch beachtet er den süßen Wohllaut 
des letzten Verses: 



*) S. pag. 20. 

B au m an n , Engl Übersetzungen v. Goethes Faust. Q 



114 



4461 His voice, that! Ah! how it does thrill 

one! 
Where is he? 1 heard! Surely it meant 

me! 
Free too! None now shall prevent 

me! 
None from his bosom shall hold me! 
4465 Then in his anns he will fold me! 
„Margaret!" he cried, and stood at 

the door there, 
And, through the howling and hand 

claps and roar there, 
Spite of fierce mocking demons in hell, 

His loving yoice sweetly rang clear 
as a belli 



Das war des Freundes Stimme! 

Wo ist er? Ich hab' ihn rufen hören. 

Ich bin frei! Mir soll niemand wehren. 

An seinen Hals will ich fliegen, 

An seinem Busen liegen! 

Er rief Gretchen! Er stand auf der 

Schwelle. 
Mitten durch's Heulen und Klappen 

der Hölle, 
Durch den grimmigen teuflischen 

Hohn, 
Erkannt' ich den süßen, den liebenden 

Ton. 



Der Schlußvers ist banal. Ebensowenig Takt zeigt McLintock 
in der Übersetzung von Gretchens Klage um ihre verlorene Liebe, 
die so ganz Poesie sein sollte; ich greife die betreffenden Stellen 
heraus: 

4484 Why, can't you kiss — once — merely ? Wie? du kannst nicht mehr küssen? 
So short a time away, and now Mein Freund, so kurz von mir ent- 

fernt, 
You've quite forgotten how? Und hast's Küssen verlernt? 



4495 Where's your old fashion 
Of passion? 
Who's stolen your will? 



Wo ist dein Lieben 

Geblieben? 

Wer brachte mich drum? 



Taylor hat zwar die ganze Szene metrisch nicht so genau 
übertragen wie McLintock, aber geistig und poetisch kommt 
sie Goethe weit näher. Durch die vielen Freiheiten, die sich 
McLintock erlaubt, wird Faust hier wieder entstellt. Die 
Stimmung, die ihn vor dem Kerker überwältigt, drückt er kühl 
reflektierend aus, seine Mahnungen und Bitten klingen teils 
roh, teils kalt: 



4424 I bring you freedom! Now, quietl 



... ich komme dich zu befreien. 



You'll wake the warders making such Du wirst die Wächter aus dem Schlafe 
a riot\ schreien! 



4500 . . . That's what I want to see. 



Ich bitte dich nur dies! 



115 



Unwahr, leere Reimerei ist: 



Dearest, look down and see me Ein Liebender liegt dir zu Füßen 4451 

kneeling! 
I bring thee freedom, Ufe and healingl Die Jammerknechtschaft aufzu- 
schließen. 

Gretchen ist anfänglich ganz gut gezeichnet. Ihre Neugier 
beim Anblick des Kästchens, ihre Freude über den Schmuck, 
die Erzählung ihrer kleinen Sorgen und Freuden sind noch ganz 
hübsch übertragen, wenn auch hie und da gesuchte Füllsel 
stören. Aber gänzlich verändert ist das Goethesche Gretchen 
bei der zweiten Zusammenkunft mit Faust. McLintock miß- 
versteht eben — wie auch seine Notes zeigen — Gretchens 
Charakter vollständig. 1 ) Das Duftige, Zarte, all ihre Seelenreinheit 
ist ihr genommen: 

In his presence wakes some fwry in Seine Gegenwart bewegt mir das Blut. 3477 

me, 

Though kind to all eise I can be Ich bin sonst allen Menschen gut; 

And although for a sight of yon aU Aber wie ich mich sehne dich zn 

arqutvery schauen, 



Lived I with his likes we'd soon be Wollte nicht mit Seinesgleichen leben. 3484 
snarlingl 

Obschon McLintock so gewandt Verse schreibt, empfindet 
er doch oft die Fessel von Reim und Metrum, er bedient sich 
dann sehr häufig — wie oben — unwürdiger oder sinnwidriger 
Einschiebsel, die auch seine besten Stellen verderben. Aus der 
Menge will ich nur noch einige Beispiele herausgreifen; das letzte 
bringt geradezu einen Unsinn: 

Hunger for truth, and joy in many a Den Drang nach Wahrheit und die 193 
lie. Lust am Trug. 

The might of man in poet's hand Des Menschen Kraft im Dichter offen- 157 
revealed! bart. 

Now could I face the world, nor lack Ich fühle Mut, mich in die Welt zu 464 
for daring, wagen, 

Nor on thy quaint reliefs waste wit Ich werde meinen Witz an deiner 731 
or time or labour. Kunst nicht zeigen; 



*) S. pag. 20. 



116 

1107 We feel how blissful life wams limb Ein selig Leben wärmet alle Glieder, 

and member, 



It's heaven on earth, though outside So steigt der ganze Himmel zu dir 
freeze December! nieder. 

1122 Ah! had I but a magic mantle here, Ja, wäre nur ein Zaubermantel mein! 

3756 Gold chain on neck never more shctil Sollst keine goldne Kette mehr tragen! 

win thee 

In the chwch or on altar-steps a In der Kirche nicht mehr am Altar 
placel stehn! 



Er hat vieles mißverstanden, was seine Vorgänger längst 
berichtigt haben, z. B.: 

1120 Cast off your golden mist-veil at my So steiget nieder ans dem goldnen 

prayer, Duft 

1690 But, good my friend, it's almost Doch, guter Freund, die Zeit kommt 

Urne . . . auch heran, 

1752 Though unpierced veils of magic In undurchdrungnen Zauberhüllen 

fashion 
From worlds of wonder bar our sight! Sei jedes Wunder gleich bereit! 

1772 From highest high to lowest low das Höchst' und Tiefste. 

1977 Hadst thou a grandsire? forlorn! Weh dir, daß du ein Enkel bist! 

Einmal erlaubt sich McLintock eine Umstellung eines 
Verses, wodurch er verwirrt. Es handelt sich um Vers 631, den 
er an Stelle von 633 setzt: 

631 Ah! every act and deed, like all we Soll ich gehorchen jenem Drang? 

suffer pain from 
Is as a clog life's course to stay! 



That inward strain shall I obey? 



Ach! unsre Taten selbst, so gut als 

unsre Leiden, 
Sie hemmen unsres Lebens Gang. 



That inward strain, best gift to man's Dem Herrlichsten, was auch der Geist 



soul given, 



empfangen, 



Den zweiten Chor der Engel hat er im Gegensatz zu den 
meisten Übersetzern deutlich als Parallele zum ersten hervor- 
gehoben und macht in den Notes speziell noch darauf auf- 
merksam. 



117 

Es ist ein merkwürdiger Widerspruch, daß der Übersetzer, 
der am getreuesten die metrischen Wechsel des Vorbildes wieder- 
gibt, die Prosaszene in Blankverse umsetzt. Er tut es, weil diese 
Prosa sich fast wie Verse lese. 1 ) Die Eealistik und leiden- 
schaftliche Dialektik dieser Szene ist etwas abgeschwächt, obwohl 
die Jamben voll Kraft und Erregung sind. 

Die Bedeutung der Mc Lintockschen Übersetzung liegt also 
hauptsächlich in der wirklich bewundernswerten rhythmischen 
Anschmiegungsfähigkeit Dieser Vorzug wird aber durch große 
innere Mängel stark geschmälert. Nicht nur zerstört McLintock 
durch unpassende, sogar an Unsinn grenzende Zutaten den 
Ernst, das Pathos einer Eede, er entstellt zwei Hauptgestalten. 
Fast jedes entscheidende Moment, wo Faust uns sein Innerstes 
enthüllt, trägt etwas Fremdes, meist Erniedrigendes, sodaß nicht 
mehr der ringend irrende, sondern nur der irrende Faust vor 
uns steht. Diesen nur will er in Goethes Werk sehen. Seine 
„thoughts" eben haben den Übersetzer leider bei der Wieder- 
gabe des Werkes beeinflußt, und auch Gretchen leidet schwer 
darunter. Mit roher Hand zerstört er die feine, liebliche 
Schöpfung und formt die Gestalt nach seiner Auffassung. Ge- 
haltlich ist also diese jüngste Übersetzung ein großer Eückschritt; 
sie reicht bei weitem nicht an die Taylorsche heran. 



l ) Notes aud Comments pag. 371. 



Literaturverzeichnis, 



(Ac. = Academy. Ath. = Athenaeum. Atl. M. = Atlantic Monthly. Bl. Mg. 
= Blackwood Magazine. D. R. = Dublin Review. Edg. R. = Edinburgh 
Review. W. R. = Westminster Review. Lit. G. = Literary Gazette. Nat. 
= Nation. N. A. R. = North American Review. Tr. of the M. G.-S. = 
Transactions of the Manchester Goethe-Society. Gegw. = Gegenwart. Bl. t 
L. U. = Blätter für Liter. Unterhaltung. R. Brit. = Revue Britannique.) 

R. C. Alf ord: Goethe's earliest critics in England. Publications of 
the Engl. Goethe-Society. Vol. VII, 1891/92. 

Besprechungen, eingehende und kurz gefaßte, der Übersetzungen von: 

Anonymus 1834: Ath. 1835, p. 104. 

Anster: Edg. R. 1835, p. 36. — Ath. 1835, p. 104. — W. R. 
1836, p. 366 ff. — D. R. 1840, p. 477 ff. — Bl. Mg. 
1840, p. 223 ff. — Tr. of the M. G.-S. 1887, p. 127. (The 
five best Engl. Translations of Faust. By R. McLintock.) 

v. Beresford: Ath. 1862, p. 16. 

Bernays: Ath. 1839, pag. 985. — Lit. G. 1839, p. 806. — 
Gegw. 1874 II, p. 76. (Goethes Faust in England, von 
Herrn. Kindt.) 

Birch: Ath. 1839, p. 887. — D. R. 1840, p. 477 ff. — Bl. Mg. 
1840, p. 223 ff. 

Birds: Ath. 1880, p. 605. — W. R. 1881, p. 336. — Nat. 
1889 II, p. 299. — Ac. 1889, II, p. 48. (Two new Trans- 
lations of Faust. By E. D. A. Morshead.) 

Blackie: W. R. 1836, p. 366. — D. R. 1840, p. 477 ff. — 
Bl. Mg. 1840, p. 223 ff. — W. R. 1881, p. 336. — Tr. of 
the M. G.-S. 1887, p. 127. (McLintock.) 

Brooks: Nat. 1886 I, p. 451. — Atl. M. 1890, p. 733 ff. (On 
the Translation of Faust. By W. P. Andrews.) 

Claudy: Nat. 1886 I, p. 451. — W. R. 1887, p. 257. 

Galvan: W. B. Clarke, Preface to his Translation of Faust 1865, 
p. XI. 

Gower: Edg. R. 1830, p. 241. — W. R. 1836, p. 366 ff. — 
Bl. Mg. 1840, p. 223 ff. — R. Brit. HL Sene, Vol. 4, p. 43. 



119 

Hayward: Edg. R. 1833, p. 113. — W. R. 1836, p. 366 ff. — 
D. R. 1840, p. 477 ff. — Bl. Mg. 1840, p. 223 ff. — N. A. R. 
1840. p. 249. 

Huth: Ac. 1889, p. 48. 

Knox: D. R. 1847, p. 265. — W. R. 1847, p. 242. — Ath. 
1847, p. 88. 

Latham: Ath. 1903, p. 237. 

Lefevre: Ath. 1842. p. 501. 

McLintock: Zeitschrift für deutsches Altertum und Literatur. 
(Anzeiger) 1898, p. 214. (Artikel v. Alb. Köster.) Deutsche 
Literaturzeitung 1898 p. 13. (Artikel von Georg Witkowsky.) 

Martin: W. R. 1866, p. 290. — Ath. 1886, p. 712. — Tr. of 

the M. G.-8. 1887, p. 127. (McLintock). — Ac. 1889, 

p. 48. (E. D. A. Morshead). Atl. M. 1890 , p. 733 ff. (W. 
P. Andrews). 

Peithmann: Gegw. 1874 II, p. 76 (H. Kindt). 

Swanwick: Lit. G. 1851, p. 141. — Ath. 1878, p. 799. — 
Ath. 1881, p. 393. — Tr. of the M. G.-S. 1887, p. 127 
(McLintock). 

Syme: D. R. 1840, p. 477 ff. 

Talbot: Ath. 1835, p. 104. — W. R. 1836, p. 366. — Lit. 
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Taylor: W. R. 1871, p. 568. — Ath. 1871, p. 171. — Ath. 
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E. Dowden, LL. D.: The Life of Percy Bysshe Shelley. 2 Vols. 

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W. Heinemann: Faust in England und Amerika. Bibliographische 
Zusammenstellung. Berlin 1886. 



120 

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des 18. und im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. Leipzig, 
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New and revised edition. 

F. Zarncke: Das Englische Volksbuch vom Doktor Faust. Anglia 

Bd. IX, 1886. 



Register. 



Alford 6, 118 

Analysis of the Tragedy of Faust 8 

Andrews 99, 118, 119 

Anonymus 8, 11, 12, 118 

Anster VI, 7, 9, 11, 22, 39 ff., 54, 75, 

79, 83, 91, 110, 118 
Arnold 17, 22 
Asher 119 

Begley 2 

Beresford 15, 16, 118 

Bernays VI, 21, 118 

Beta 19, 22 

Birch VI, 12, 21, 118 

Birds 18, 118 

Blackie 10, 11, 22 

Bowen 17 

Breul 14 

Brooks 15, 22, 87, 98, 118 

Carlyle 8 
Cartwright 16 
Clarke VI, 16, 18, 118 
Claudy 19, 22, 118 
Coleridge 7 
Colquhoun 18 

Defoe 4, 5, 119 
Diebler 3, 119 
Dowden 8, 119 
Düntzer 84 

Engel 3, 119 
Entertainment, a dramatic 3 



Filmore 13, 21 
Fischer 69 
Francke 3 

Galyan 15, 118 
Gower 9, 10, 25, 118 
Grant 16, 17, 18 
Gurney VI 

Harlequin Dr. Faustus 4 

Hayward 4, 9, 10, 20, 22, 24 ff, 54, 

75, 79, 83, 91, 110, 119 
Heinemann 12, 16, 21, 22, 24, 119 
Hills 13 
History of the Damnable Life (P. F. 

Gent) 1 
Huth 19, 20, 119 

Judgment, the, of God showed 2 

Kindt 15, 21, 118, 119 
Knox 14, 119 
Köster 100, 119 

Latham 20, 23, 83, 119 

Lefevre 13, 119 

Life, the and Death of Dr. J. Faustus 2 

McLintock 20, 21, 23, 79, 83, 100 ff., 

118, 119 
Logeman 1 

Margraf 8, 120 
Marlowe 1, 3 

Martin VI, 16, 18, 22, 53 ff., 77, 80, 
83, 91, 110, 119 



122 



Milton 2 

Morshead 118, 119 
Mountford 3, 120 

Nova Solyma 2 

Oswald 14, 15, 16, 19, 20, 21, 120 

Paul 17 

Peithmann 15, 22, 119 

Pope 4 

Ralph 4 

Report, the second of Dr. J. Faustus 2 

Schröder 8 
Schröer 100 
Scoones 18 



Shelley 7, 8, *39 

Swanwick VI, 14, 22, 54, 68 ff., 83, 

• 91, 110, 119 

Syme 11, 119 

Talbot 12, 119 

Taste of the Town 4 

Bayard Taylor VI, 17, 22, 77, 80 ff., 

101, 106, 108, 110, 114, 117, 119 
Taylor of Norwich 6, 119 
Thurmond 3, 4 
Tille 4 

Ward 1 
Webb 18, 119 
Witkowsky 119 

Zarncke 1