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DIE
ENGLISCHEN ÜBERSETZUNGEN
VON
GOETHES FAUST
VON
LINA BAUMANN
HALLE a. S.
VERLAG VON MAX NIEMEYER
1907
Inhalt
Seite
Vorwort v
Faust in England vor Goethe 1—5
Bibliographische Zusammenstellung der Übersetzungen 6—23
Besprechung von sechs typischen Übersetzungen 24—118
1. Die Haywardsche Übersetzung 24 — 39
2. Die Anstersche Übersetzung 39—53
3. Die Martinsche Übersetzung 53 — 68
4. Die Swanwicksche Übersetzung 68 — 80
5. Die Taylorsche Übersetzung 80—100
^ 6. Die Mc Lintocksche Übersetzung 100—117
Literaturverzeichnis 118 — 120
Register 121—122
Berichtigungen 123
Vorwort.
Die vorliegende Arbeit befaßt sich hauptsächlich mit den
englischen Übersetzungen des I. Teils von Goethes Faust. Sie
versucht zunächst einleitend, die Gestalt Fausts, wie sie durch
das deutsche Volksbuch den Engländern vertraut war, auf den
verschiedenen literarischen Gebieten zu verfolgen und das
Interesse zu zeigen, das der deutschen Sage in England ent-
gegengebracht wurde bis zu der Zeit, da sie von Goethes Geist
neu geschaffen ihren Siegeszug durch die Welt begann. Im
folgenden Kapitel sind alle vollständigen englischen Über-
setzungen, soweit sie mir bekannt waren, zusammengestellt und
kurz beurteilt. Aus der großen Zahl der Übertragungen habe
ich dann sechs herausgehoben, welche für die verschiedenen
Behandlungsarten als besonders typisch angesehen werden können.
Das Kriterium, das dabei den Ausschlag gegeben, ist ein rein
äußerliches, sich auf die Form beziehendes. Eine Ordnung von
diesem Gesichtspunkte aus schien mir die natürlichste zu sein,
weil die metrische Form im Faust eine bedeutungsvolle Rolle
spielt und weil der umfangreiche Stoff so am übersichtlichsten
zu gruppieren war. Die Berücksichtigung eines innern Prinzips,
sei es die Zeichnung der Charaktere, die Wiedergabe der groß-
angelegten Partien oder die Behandlung der lyrischen Momente,
ist dabei nicht ausgeschlossen.
Während der I. Teil des Faust eine außergewöhnlich große
Zahl von Übersetzern gefunden, wurde der II. Teil nur neunmal
übertragen. 1838 erschien die erste Übersetzung des II. Teils
— hlso verhältnismäßig früh. Der Übersetzer ist unbekannt,
es ist derselbe, der auch den I. Teil übertragen hat. Das Buch
erschien bei A. Taylor, London 1838. ^ Schon im folgenden
l ) S. pag. 12.
VI
Jahr kamen zwei weitere Übersetzungen des IL Teils heraus,
die des Leopold Bernays 1 ) 1839 (2. Auflage 1842) und die des
Jonathan Birch 1839 (2. Auflage 1843). Archer Gurney befaßte
sich nur mit dem IL Teil, der 1842 gedruckt wurde. Anna
Swanwick folgte im Jahr 1846 mit ihrer Übertragung, dann
schlössen sich John Anster 1864, Wm. Barnard Clarke 1865, Sir
Theodore Martin 1870 und Bayard Taylor 1871 an. Archer Gurney
ist der einzige, von dem wir bestimmt wissen, daß er sich nur
den IL Teil zur Aufgabe gestellt hat, über Leopold % Bernays
sind wir, was den I. Teil anbelangt, nicht genau orientiert, alle
andern hier angeführten Übersetzer machten ihre Leser je auch
mit dem I. Teil bekannt.
Bei der Sammlung des Materials war mir Mr. Frank
Walton vom King's College, University of London, in freund-
lichster Weise behülflich. Ich spreche ihm dafür meinen warmen
Dank aus, ebenso einigen Kollegen, die mich in derselben An-
gelegenheit unterstützten.
*) S. pag. 21.
Paust in England vor Goethe,
Die Sage von Doktor Faust ist den Engländern schon fast
solange bekannt wie den Deutschen. Bald nach dem Erscheinen
des ersten deutschen Faustbuches von 1587 kam eine englische
Übersetzung heraus unter dem Titel: „History of the Damnable
Life and Deserved Death of Doctor John Faustus. Newly
imprinted . . . according to the true copie printed at Franckford
and translated into English by P. F. Gent." Davon ist uns aber
nicht die editio princeps sondern eine Ausgabe von 1592 erhalten. 1 )
Neudrucke davon erschienen bis zu Ende des 17. Jährhunderts.
Ein Auszug dieser Historie wurde 1630 gedruckt und eine arm-
selige versifizierte Fassung derselben sogar noch 1696, ein Beweis
wie tief die Wirkung des Stoffes auf das englische Publikum war.
Chr. Marlowe ist der Erste, der seine dramatische Wirksam-
keit erkannt, ausgelöst und das Motiv zugleich vertieft hat.
Die Entstehungszeit seiner „Tragical History of Doctor Faustus"
fällt wahrscheinlich auch ins Jahr 1588 wie die Übersetzung
des Volksbuches. Im Todesjahr des Dichters wurde sie zum
ersten Mal aufgeführt, 1594. Der älteste uns erhaltene Druck
reicht aber nur bis ins Jahr 1604 zurück und zeigt schon eine
teilweise Umarbeitung des Originals. Bis 1663 erschienen mehrere
Neudrucke. Diese und die vielen Aufführungen, die sein „Faustus"
zwischen 1594 und 1599 erlebt hatte, zeigen wie beliebt die
Tragödie war.
*) Nach Anglia 1886 vol. IX, 610 Frdr. v. Zarncke, Das Engl. Volksbuch
vom Doctor Faust. Eine Neuausgabe des Druckes von 1592 besorgte H. Logeman.
Ph.D. Prof. of Engl. Philology in the üniversity of Ghent 1900: The Engl.
Faustbook of 1592 (besprochen im Beiblatt zur Anglia 12, pag. 129. 138). Vgl.
ferner: A. W. Ward, A History of Engl, dramatic Literature. Kevis. edit, 1899«
vol. I, 329 und 332.
Baumann, Engl. Übersetzungen v. Goethes Faust. j.
Einen bestimmten chronologischen Ausgangspunkt haben
wir für die Ballade „The Life and Death of Doctor Faustus
the great Conjurer". Am 28. Februar 1589 heutiger Zeitrechnung
wurde die Erlaubnis zu ihrem Druck erteilt. Vielleicht ist sie
identisch mit der auf uns gekommenen Ballade „The Judgment
of God showed upon One John Faustus, Doctor in Divinity".
Das englische Volksbuch erhielt eine Fortsetzung in: „The
second Report of Doctor John Faustus, containing his appearances
and the deedes of Wagner. Written by an English Gentleman
Student in Wittenberg . . . London 1594". — Es ist keine Über-
setzung des deutschen Wagnerbuches sondern ein selbständiges
Werk, dessen interessantestes Kapitel vielleicht die phantastische
Erzählung von „The Tragedy of Doctor Faustus seen in the
Air" ist.
Eine freie epische Bearbeitung der Sage findet sich in
„Nova Solyma, the Ideal City, or Jerusalem Regained" 1648. 1 )
Der Übersetzer des lateinisch geschriebenen, anonymen Werkes,
Rev. Walter Begley, wollte die Autorschaft Milton zuweisen.
Es ist ein didaktischer Roman, der sich mit Erziehungsfragen,
mit Religion und Theologie befaßt, und der, was den Aufbau
der Handlung betrifft, an den Euphuismus erinnert. Die Be-
trachtungen wechseln mit Schilderungen mannigfacher Abenteuer
ab, unter denen eine längere Episode, betitelt: „The Remarkable
Case of Theophrastus", von einem Alchimisten erzählt, der einen
Bund mit dem Teufel geschlossen. Alle spätere Reue sucht
dieser in seinem Opfer durch Versprechungen oder schreckliche
Drohungen zu ersticken. Vor seinem Tode wird Theophrastus
vom Teufel aufs Grausamste gepeinigt. Aber schließlich stirbt
er, durch die Gebete seiner Freunde von den Anfällen des
Bösen erlöst, als gläubiger Christ. Wir haben hier also einen
ganz neuen Zug: die Versöhnung des Teufelsbündlers mit seinem
Gott. Vor Goethe tritt diese Lösung hier vielleicht einzig auf.
Doch beruht sie nicht auf der aufgeklärten Denkweise des Ver-
fassers von „Nova Solyma", sondern sie entspringt aus der stark
religiösen Tendenz, die in der Erzählung und den Reflexionen
Theophrasts und seiner Freunde deutlich hervortritt.
*) Novae Solymae Libri Sex. Nova Solyma The ideal City, or Jerusalem
Regained. An anonymous romance written in the time of Charles I. Now
ftrst djuwn from obscurity and attributed to the illustrious John Milton. By
the Rev. Walter Begley. London 1902.
Noch lange nach dem Verschwinden der Marloweschen
Tragödie wird ihrer in einer Eeihe von Komödien und Possen
gedacht. Das Publikum muß also die Anspielungen verstanden
haben, und wir können daraus auf seine völlige Vertrautheit
mit der Sage und wohl auch mit dem Drama schließen. — Eine
neue Eichtung in der Art der Bearbeitung scheint Ende des
17. Jahrhunderts durch W. Mountford's „The Life and Death
of Doctor Faustus, made into a Farce" inauguriert worden zu
sein. 1 ) Das Stück ist ein derber Schwank, dessen Wirkung
hauptsächlich in den grotesk komischen Partien und an der
Einführung von Harlequin und Scaramouche lag. Diese „Farce"
wurde 1697 veröffentlicht, ihre Entstehung ist aber vor 1692,
dem Todesjahr des Verfassers, anzusetzen. Eine andere Posse,
die die Sage vom Doktor Faust bearbeitet, nennt Karl Engel
in seiner Zusammenstellung der Faustschriften:
„A dramatick Entertainment call'd the Necromancer: or
Harlequin Doctor Faustus. As performed at the Theatre Royal
in Lincolns- Inn-Fields . . . London 1724. 3 rd edition". 1768 er-
schien davon die 9. Ausgabe.
Das Britische Museum besitzt Ausgaben aus den Jahren
1723 und 1731. Ein Druck von 1796, ebenfalls im Britischen
Museum, enthält dieselbe Posse zusammen mit Fausts Leben. —
Wenn schon in der „Farce" von Mountford ein sehr geringer
Einfluß Marlowes zu konstatieren ist, so tragen die aus ihr ent-
standenen zwei Gattungen keine Spur mehr davon. Die Sage
kam nun einerseits in den eigentlichen „Puppet -shows" anderseits
in den „Faustpantomimes", die daraus hervorgingen, sehr ver-
stümmelt auf die Bühne. Die letzteren sind nach A. Diebler 2 )
vertreten durch:
„Harlequin Doctor Faustus, with the Masque of the Deities".
Composed by John Thurmond, Dancing Master. London 1724".
Ein Abdruck stammt aus dem Jahr 1727. A. Diebler gibt davon
einen Abdruck; es sind eine Reihe Schelmenstreiche, die Faustus
und Mephistophilus ausführen. Die „Masque of the Deities"
*) W. Mountford, The Life and Death of Doctor Faustus . . . hrsg.
ton Otto Prancke. Heilbronn 1886. Einleitung. — A. Diebler, Faust- und
Wagnerpantomimen in England. AngliaVII, 341.
*) A. Diebler, Faust- und Wagnerpantomimen in England. Anglia VII,
341ff.
1*
sei ein angereihtes Possenspiel mit pompöser Vorführung einiger
mythologischer Figuren.
„The Miser, or Wagner and Abericock, a Grotesque Enter-
tainment, by John Thurmond. London 1727". Diese Pantomime
habe mit dem Buch von „Chr. Wagners Leben und Taten" nichts
gemein als die Einführung des Geistes Abericock (im Wagnerbuch
Auerhahn). Sie behandle das Motiv des Geizigen.
A. Hayward nennt noch im Anhang zu seiner Übersetzung
von Goethes Faust in der „Historical Notice of the Story of
Faust":
„Harlequin Dr. Faustus, or the Devil will have his Own.
Pantomime. 1793".
Alle diese Bearbeitungen für die Bühne haben ästhetisch
gar keinen Wert, sie zeigen uns aber, daß die Sage in England
genau dasselbe Schicksal hatte, wie auf dem Kontinent. Auch
die Kritik befaßt sich mit dem Lieblingsthema der Autoren und
des Volkes. Während Alexander Pope in seiner „Dunciad" 3. 185
das Lächerliche des damaligen Faustspiels verspottet, erklärt
sich ein gewisser James Ralph 1731 in „The Taste of the Town":
or „A Guide to all Publick Diversions" „the surprizing Run of
Success that attended the Farcical, Musical Dance of Doctor
Faustus" aus der „Religious, Moral, Poetick Justice so finely
interwoven through the whole Piece, particularly, in the wicked
Conjurer's dismal End. . . . These lively Ideas of Hell deservedly
drew the Town after them". 1 ) Der Kritiker mag nun wohl zuweit
gegangen sein, wenn er allein darin den wahren Grund des
Erfolges sieht, aber wir freuen uns über den Ausspruch, weil
er uns zeigt, wie J. Ralph unter all dem Fratzenhaften und
Plumpen den schönen Kern und die Tiefe des Problems erkennt.
Einmal wird der Versuch gemacht, unabhängig vom Volks-
buch, Faust einen geschichtlichen Hintergrund zu geben. Dem
Realisten Daniel Defoe mochte die Sage auf zu wenig sicherm
Boden stehen. Im 2. Teil seiner „Political History of the Devil"
1726 klärt er sein Publikum mit einer kurzen glaubhaften Er-
zählung auf, es sei „Doctor Faustus or Foster of whom we have
believed such stränge things the Servant, or Journeyman, or
Compositor to Koster of Hartem, the first inventor of Printing".
*) Alexander Tille, Die Faustsplitter in der Literatur des 16.— 18. Jahr-
hunderts nach den ältesten Quellen. Berlin 1900, S. 1038.
„The History of the Devil as well ancient as modern" ist eine
Abhandlung über den Ursprung, das Wesen, über die Wirk-
samkeit des Teufels im einzelnen Menschen wie im Leben ganzer
Völker von der Erschaffung der Welt an bis auf Defoes Zeit.
Der Autor behandelt den Stoff bald vom politischen, bald vom
moralischen und religiösen Standpunkt, oft mit fast wissen-
schaftlicher Gründlichkeit, dann wieder im Ton des unterhaltenden
und scherzenden Erzählers. Immer aber ist er der ernste, eifrige
Moralist und Erzieher der Menschheit. Zuweilen blitzt ein
satirisches Streiflicht herein, das entweder allgemein menschliche
Irrtümer und Fehler, oder die Torheit und Schlechtigkeit be-
stimmter Zeitgenossen scharf beleuchtet. In der Mischung von
harmloser Ironie und heiligem, oft bitterm Ernst liegt das Neue
seiner Behandlungsart und zugleich auch eine gewisse Verwandt-
schaft mit der Groetheschen Auffassung des Charakters.
Bibliographische Zusammenstellung
der Übersetzungen.
Obwohl nun so die Gestalt Fausts von ihrem ersten Er-
scheinen an bis auf Goethe den Engländern völlig vertraut war
und immer großes Interesse fand, entstehen die ersten Versuche
einer Übersetzung des Goetheschen Faust erst spät. Ein Grund
liegt vielleicht in der Verständnislosigkeit, auf die das Werk in
England stieß. Vom Fragment, das 1790 erschien, ist nicht
einmal eine Erwähnung in der zeitgenössischen englischen Kritik
zu finden, und der 1808 herausgegebene I. Teil wird erst 1810
in einem Artikel der Monthly Review besprochen. Nach
R. G. Alf ord *) ist William Taylor of Norwich der Rezensent
Dieser sieht in Faust nur „a wild production of the insanity
shall we say, or of the genius of its celebrated author" und
fragt: „Who can refrain from grief on receiving such impure
trash from the Goethe who in Iphigenia and Tasso has approached
nearest of all the moderns to becoming the real Sophocles?"
Der Rezensent gibt dann eine kurze Inhaltsangabe, aus der man
aber schließen muß, daß er Goethes Faust gar nicht gelesen
hat. Er kann nicht einmal den Gang der Handlung der Ent-
wicklung gemäß erzählen, sondern wirft die verschiedenen Be-
gebenheiten kunterbunt durcheinander. Er hat aber nicht nur
keine Ahnung vom äußeren Aufbau des Stückes; er macht aus
Faust einen Trunkenbold und Spieler, der Wirt und Gäste be-
trügt. Kein Wunder, daß er am Schluß warnt: „The absurdities
of this piece are so numerous, the obscenities so frequent, the
profaneness so gross, and the beauties so exclusively adapted
*) Publications of the Engl. G.-S. vol. VII, 1891/92. Goethe's Earliest
Critics in England. By E. G. Alford.
for German relish that we cannot conscientiously recommend its
importation, and still less the translation of it, to our English
students of German Literature". Das einzig Richtige ist sein
Urteil über die Hexenküche, von der er sagt, sie sei mit der
Phantasie eines Breughel skizziert.
Ein anderes literarisch bedeutendes Blatt, The Edinburgh
Review, kritisiert 1813 in ähnlicher Weise: „We admit the
terrible energy of that most odious of the works of genius, in
which the whole power of imagination is employed to dispel the
charms which poetry bestows on human life". 1 ) Noch eng-
herziger urteilt Coleridge in seinem „Table -Talk": „I was once
pressed many years ago to translate Faust . . . But then I
debated with myself whether it became my moral character to
render into English — and so far, certainly, lend my countenance
to — language much of which I thought vulgär, licentious and
blasphemous ".
Erst 1817 tritt das Blackwood Magazine 2 ) der Edinburgh
Review entgegen und ergreift Partei für Goethe und namentlich
für seinen Faust. Es bringt denn auch 1820 im VII. Bande unter
dem Titel: „The Faustus of Goethe" die ersten Versuche einer
«.
Übersetzung einer ganzen Reihe von Szenen. Der Verfasser ist
John Anster. Zwölf Jahre hatte es also gedauert, bis die erste
größere Übersetzungsprobe erschien.
Mit dem Jahr 1823 beginnt dann die lange Reihe der
englischen Faustübersetzungen, die sich den vollständigen I. Teil
zur Aufgabe gemacht, oder nur die nicht eigentlich zur Handlung
gehörigen Szenen ausgeschlossen haben. Es sind deren 35, die
letzte fällt ins Jahr 1897. Neben diesen existieren noch eine
beträchtliche Anzahl von Bruchstücken und Bühnenbearbeitungen,
die hier nicht in Betracht kommen können. Von den größeren
Fragmenten sei eines wegen der Bedeutung seines Verfassers
erwähnt, ein anderes, weil es zum ersten Mal eine zusammen-
hängende Wiedergabe des Inhalts einem größeren Publikum vor-
zulegen versucht.
Unter den Ersten, die Szenen aus Faust übertrugen,
ist P. B. Shelley mit seinen Scenes from the Faust of
») Publications of the Engl. G.-S. vol. VII, 8 ff. R. C. Alford. Goethe'»
Earliest Critics in England.
*) Ebenda.
8
Goethe. 1 ) Es sind der Prolog im Himmel und die Walpurgis-
nacht. Die Hymne der drei Engel ist eine schöne, klangvolle
Wiedergabe des Originals, im folgenden Dialog ist die Milde
und Hoheit des Herrn, die harmlose Frivolität Mephistos nicht
herausgebracht. Besser ist die Walpurgisnachtszene gelungen
trotz der vielen Mißverständnisse. Die Bearbeitung der Faust-
strophe im Wechselgesang zeigt große klangliche Schönheit, und
onomatopoetisch schön ist Mephistopheles* Schilderung vom Sturm.
Diese Versuche fallen ins Jahr 1822, wurden aber erst 1824
gedruckt
1820 erschienen Eetzsch's Series of twenty-six outlines
illustrative of Goethe's Tragedy of Faust, engraved from the
Originals by Henry Moses. And an Analysis of the Tragedy.
London, Boosey and Sons, 1820.
Diese „Analysis" wurde erweitert und ohne Bildschmuck
herausgegeben unter dem Titel: Faustus, from the German of
Goethe. London, Boosey and Sons, 1821.
Carlyle kritisiert diese „ Analysis " in seinem ersten Faust-
aufsatz 2 ) in der New Edinburgh Review 1822 scharf, gibt eine
genaue Inhaltsangabe des Goetheschen Werkes und eine Charak-
teristik der Personen (1832 bringt er noch einen kleinen Über-
setzungsbeitrag für den I. Teil des Faust: den Fluch). Er tadelt
an der „Analyse 4 * mit Recht, daß der Titel irre führe, weil er
Erwartungen wecke, die im Buche nicht erfüllt werden. Wir
haben es nur mit einer teilweisen Übersetzung zu tun, die —
wie der Verfasser sagt — nur „the most striking passages and
scenes of the original" in Blankversen wiedergibt und diese
durch eine Inhaltsangabe der übrigen Teile verbindet. Den
poetischen Wert spricht ihr Carlyle ab: „The extracts are rendered
into clear and feeble blankverse — generally without great
violence to the meaning of the original, or any attempt to
imitate the matchless beauty of its diction . . . We have feit
mortified at seeing the bright aerial creations of Goethe meta-
morphosed into such a stagnant, vapid caput mortuum". Noch
ein anderer Vorwurf muß dem Übersetzer gemacht werden: er
*) Ernst Margraf, Einfluß der deutschen Literatur auf die englische
am Ende des 18. und im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. Inauguraldiss.
Leipzig 1901. E. Dowden, The Life of P. B. SheUey. II, 474 f.
*) Neu herausgegeben von Eich. Schröder, Ths. Carlyles erster Faust-
aufsatz 1821. Braunschweig 1896.
versteht die Charaktere nicht, wodurch eigentlich ein Zerrbild
des Originals entsteht. In Faust sieht er nur einen gewöhnlichen
Menschen mit seinen Schwächen und guten Eigenschaften, den
Hauptzug, das Titanische in ihm, bemerkt er gar nicht. So
wenig wie Faust vermag er Gretchen zu zeichnen. Der Duft,
der diese Gestalt bei Goethe umgibt, ist ganz verweht, ihre
frische Naivität, ihre Herzenswärme und Reinheit kommen nirgends
zum Ausdruck, weil die Szenen, die diese Züge in so unvergleich-
licher Weise darstellen, unterdrückt sind. Sie gehören für den
Anonymus jedenfalls nicht zu den „most striking passages".
Dieser und der Anstersche Versuch sind die Vorarbeiten,
die dem nächsten Übersetzer vielleicht bekannt sein mochten.
1. Faust, a drama by Goethe. And Schiller's Song of the
Bell. Translated by Lord Francis Leveson Gower.
London, John Murray, 1823. Eine zweite Auflage etwas
verbessert 1825.
Lord Gower glaubt wie sein Vorgänger Rücksicht auf das
Zartgefühl seiner Leser nehmen zu müssen — als hätte noch
keiner von ihnen einen Shakespeare in der Hand gehabt — und
umgeht darum eine Reihe von Szenen und einzelnen Stellen, vor
allem natürlich den Dialog zwischen dem Herrn und Mephistopheles.
Bescheiden gibt er zu, daß er einiges weglasse, was für ihn
dunkel und unverständlich geblieben sei. Er begeht dabei eine
Unterlassungssünde, weil er diese weggelassenen Stellen nicht
immer mit ** bezeichnet, und so ist sein Gedankengang oft
sprunghaft und unmotiviert. Seine Arbeit ist voller Mißver-
ständnisse, Widersprüche und unerhörter Plattheiten. Von der
Tiefe der Empfindung, von der Größe des Gedankenfluges kann
Gower seinen Lesern kaum eine Ahnung geben. Oft, wo er
nicht mehr zu folgen vermag, setzt er seine eigenen Reimereien
hin. Seine Übersetzung ist gänzlich verfehlt, und man muß bei
ihm eben den guten Willen für die Tat nehmen. 1 )
2. Faust, a dramatic poem by Goethe. Translated into
English prose with remarks on former translations and
notes. By A. Hayward. London, Moxon, 1834.
*) Angaben über Besprechungen dieser und der folgenden Übersetzungen
siehe unter Literatur.
10
Sie ist die erste Prosaübersetzung und erschien zuerst
anonym 1833. Bis 1874 wurde sie immer wieder neugedruckt
und erlebte neun Auflagen.
Was das Verständnis für den Inhalt anbetrifft, bedeutet diese
Haywardsche Übertragung einen sehr großen Fortschritt. Es
finden sich darin auffallend wenige Mißverständnisse. Hayward
hält sich möglichst eng an sein Original, so daß nur wenige
Unterdrückungen vorkommen. Er sucht also den Forderungen
der Treue und Genauigkeit gewissenhaft gerecht zu werden, und
auf ihn und seine Anmerkungen stützen sich die meisten seiner
Nachfolger. Ein anderes Moment hat aber der Prosaist nicht
festzuhalten vermocht: den Eeiz, die Musik des Verses und die
damit verbundene Verschiedenartigkeit der Stimmung. Er hat
also wohl das inhaltliche Verständnis für die Dichtung mit
einem Mal erschlossen, nicht aber ihre poetische Schönheit. Und
das umsoweniger, als seine Prosa oft schwerfällig ist, sehr häufig
die charakteristischen, die künstlerisch feingewählten Adjektive
übergeht. Überdies zeigt seine Schreibart viele Latinismen, die
dem Geist der Dichtung nicht entsprechen.
3. Faust, a tragedy. Part I in five acts. By J. W. v. Goethe.
Translated into English verse, with notes and preliminary
remarks by J. S. Black ie. Edinburgh and London, Black-
wood 1834.
Eine zweite Auflage erreichte sie 1880.
Blackie zeigt im Gegensatz zu Hayward wieder die Eng-
herzigkeit Gowers und des Anonymus gegenüber dem Prolog im
Himmel, den er nur teilweise im Anhang übersetzt; er bedeutet
also in dieser Beziehung einen Rückschritt. So wenig wie seine
Vorgänger vermag Blackie die Schönheit der Form, die Musik
des Verses und die Stimmung festzuhalten. Er ist meistens
matt, kleinlich, banal, seine Verse und Reime sind oft schlecht,
geschraubt infolge des metrischen Zwanges. In seiner „ Pref ace "
sagt er von solchen Reimen, die in einer Originalkomposition
nicht zulässig wären, höchst naiv: „They never occur, except
from perhaps an overanxions striving to keep as nearly as
possible to the German text". 1 ) Auch er vermag das Goethesche
Gretchen nicht mit jenem Reiz zu umgeben, in dem es uns die
') Preface pag. XII.
11
Verkörperung aller Lieblichkeit ist; vor allem fehlt ihm die
Unmittelbarkeit, die Wärme. Auch Mephistopheles ist in der
Zeichnung mißlungen, er erscheint als plumper Spaßmacher.
4. Faust, a tragedy. Translated from the German of Goethe.
By David Syme. Edinburgh und Leipzig, 1834
Symes Arbeit steht tiefer als die Blackiesche. Neben
häufigen Mißverständnissen und Kürzungen, die Dunkelheiten
rufen, entstellen Glossen, Erweiterungen, die sich oft gar nicht
mit dem Text vertragen, das Original. Platte, nüchterne Blank-
verse mit unerlaubten Inversionen zeigen das Dilettantische
dieser Übersetzung im hellsten Licht. Alle drei Personen haben
sich unter seinen plumpen Händen verändert: Gretchen erscheint
affektiert, kokett und geschwätzig, Mephisto fehlt das Sarkastische,
Hämische — „he affects the fine gentleman" sagt die Dublin
Review 1840 von ihm — und Faust ist namentlich in der letzten
Szene ein Schauspieler, so unreal und konstruiert.
5. Faustus, a tragedy. Translated from the German of Goethe.
London, Simpkin and Marshall, 1834.
Der Anonymus übersetzt den Prolog nicht, „as I cannot
but think that the tone of levity with which it treats matters
of the most sacred nature must be repugnant to English feelings".
Ebenso fehlt das Vorspiel und das Intermezzo „as having no
necessary. connection with the piece and as not possessing any
particular interest to the reader". 1 ) Also auch hier Engherzig-
keit und Kurzsinn. Die Übersetzung ist hauptsächlich in Blank-
versen geschrieben. Sie sind fließend, dann und wann nicht
ohne Kraft, meistens aber langweilig; sie verebnen das Wogen
der wechselnden Empfindungen zu sehr und geben dem Ganzen
ein zu gleichmäßiges Gepräge.
6. Faustus, a dramatic Mystery. Translated from the
German of Goethe, and illustrated with notes, by John
Anster, L. L. D. London, Longman, 1835.
Bis auf den heutigen Tag wurde sie immer wieder gedruckt
und erlebte sechs Auflagen.
l ) Preface pag. VE.
12
Die Anstersche Arbeit nimmt unter den vielen Über-
tragungen eine isolierte Stellung ein. Sie ist eine Nachdichtung,
die das Original innerlich und äußerlich entstellt. Sie übertrifft
es ungefähr um einen Siebtel der Verszahl. Die Zueignung ist
nicht übersetzt.
7. The Faust of Goethe, attempted in English rhyme. By
the Hon. Rob. Talbot. London, Wacey, 1835.
Eine zweite Auflage mit gegenüberstehendem deutschen
Text erschien 1839.
Talbot entfernt sich wenig vom Original, auch sind die
Fehler nicht sehr zahlreich, aber er nivelliert das Realistische
wie das Idealische ängstlich und kleinlich, gibt kühle Rhetorik
für warme Empfindung und bringt statt der Goetheschen kon-
ventionelle Lyrik.
8. Faust, a tragedy in two parts by Goethe. Rendered
into English verse. London, A. Taylor, 1838.
W. Heinemann *) bemerkt dazu: „Die erste poetische Über-
setzung des ganzen Faust, zum großen Teil in Blankversen; die
lyrischen Partien sind frei wiedergegeben. Unsres Erachtens ist
dies eine der schönsten englischen Bearbeitungen und was die
dichterische Diktion anbetrifft, ist sie wohl unübertroffen. Es
ist daher zu bedauern, daß die anonym erschienene und nur in
50 Exemplaren gedruckte Auflage nie an die Öffentlichkeit ge-
langt ist. Voraus geschickt ist dem ersten Bande ein nahezu
24 Seiten langes einleitendes Gedicht". Ein Exemplar liegt im
Britischen Museum. Diese Übersetzung war mir nicht zugänglich.
9. Faust, a tragedy by J. W. Goethe. Translated into
English verse by Jonathan Birch. London, Black and
Armstrong, 1839.
Sie ist dem deutschen Kronprinzen gewidmet und mit den
Illustrationen von Retzsch geschmückt, die das Beste daran
sind. Die Dublin Review von 1840 sagt über die Arbeit: „As
a translation it is bad, as a poetic translation it is worse, but
as a translation of Faust it is worst of all". Birch leistet
J ) W. Heinemann, Faust in England nnd Amerika, eine bibliogr. Zu-
sammenstellung. Berlin 1886.
\
13
wirklich Unglaubliches im Banalen, Absurden. Zum Übersetzer
fehlt ihm schlechterdings alles. Dennoch ist er so arrogant in
seiner Vorrede und den Noten auf seine vollständige Unab-
hängigkeit von seinen Vorgängern zu pochen; daraus erklären
sich die unzählbaren Mißverständnisse. Wagner widmet er eine
lange Eettung, er ist für ihn „of great singleness of heart".
1843 erschien dieses armselige Machwerk noch einmal mit dem
IL Teil von Faust. 1886 wählte sie Thomas Beecham als An-
nonce für seine Pillen. „Unter jeder Druckseite ist in fetten
Buchstaben gedruckt: Beecham's Pills" (I). 1 )
10. Faust, a tragedy. By Goethe. Translated into English
verse (with notes) by John Hills. London and Berlin,
1840.
Es ist schade, daß Hills durch Metrum und Reim so beengt
ist, er findet oft den warmen, sogar leidenschaftlichen Ton und
bemüht sich, genau zu übersetzen, wenn auch metrisch nicht so
genau wie er in der Vorrede verspricht.
11. Faust, a tragedy, by Goethe. Translated into English
verse by Lewis Filmore. London, Smith, 1841.
Filmores Übertragung erlebte mehrere Neuauflagen bis 1866.
Sie ist sehr nüchtern, häufige Wiederholungen müssen die
dürren Verse füllen. Die Personen sind Worthelden, die im
Wortschwall vergeblich den Mangel an Empfindung zu decken
versuchen.
12. Goethe's Faust, translated into English verse. By Sir
George Lef evre, M. D. London, Nutt, 1841.
Eine zweite Auflage Frankfurt a. M., Jügel, 1843.
Der Verfasser sagt in der Vorrede, seine Übersetzung
mache keinen Anspruch auf Poesie, nur die Treue, mit der er
übersetzt, könne ihr einigen Erfolg sichern. Warum schreibt
er sie denn nicht in Prosa? Man kann sich vorstellen, was für
einen Genuß solche in Verse umgesetzte Prosa bietet. Was seine
vielgepriesene Treue anbetrifft, so fällt auch dieser imaginäre
Vorzug selbst bei der oberflächlichsten Vergleichung mit dem
Original sofort dahin. Ohne irgend eine Erwähnung läßt er den
*) W. Heinemann, Faust in England und Amerika.
1*
Dialog zwischen dem Herrn und Mephistopheles weg, und eben-
so macht er es noch mit einer Reihe von einzelnen Versen und
mit dem Intermezzo. Verlesungen und Mißverständnisse finden
sich in Menge, er kann nicht einmal grammatisch richtig
schreiben und in seinen Reimnöten macht er verzweifelte An-
strengungen. Daß bei all dem die Personen nur Puppen sind,
ist nicht zu verwundern.
13. Faust, a tragedy by J. W. v. Goethe. Translated in the
original metres with notes by Captain Knox. London,
J. Ollivier, 1847.
Der Verfasser zeigt wenigstens ein ernstes Bestreben, der
schweren Aufgabe gerecht zu werden; er bemüht sich, getreu
zu übersetzen und die Stimmung festzuhalten. Aber es fehlt
ihm an Geschmack, an künstlerischem Urteil, an der Fähigkeit
Charaktere zu zeichnen. Fast überall ist der Dialog ohne Leben
und Wahrheit, unausstehliche Übertreibungen zeigen auch hier
das Dilettantische und ein Haupterfordernis für den Übersetzer
bringt er nicht mit: er ist mit dem Deutschen nicht vertraut.
Er überschätzt sich also sehr, wenn er in der Vorrede glaubt,
mit gutem Gewissen sagen zu können, er habe nichts verdorben.
Ebensowenig hat er sein Versprechen, die metrisch genaue
Wiedergabe betreffend, erfüllt.
14. Faust, a tragedy by Goethe. Translated by Anna
Swanwick, L. L. D. London, Manwaring, 1849. ')
Erlebte bis 1902 immer wieder Neuauflagen in England
und Amerika. Die jüngste Auflage kam 1905 heraus „with
introduction and bibliography by Karl Breul Litt. D., Ph. D.
Mit der Swanwickschen Arbeit erhebt sich die englische
Übersetzungskunst auf eine höhere Stufe. Im Vergleich zu den
vorangegangenen Übertragungen ist die ihrige unbedingt die
beste. Sie findet oft den poetischen Ausdruck und sucht dem
Original genau zu folgen. Leider zeigt sie eine starke Neigung
zum Konventionellen.
*) Nach Dr. Eug. Oswald, M. A. Göttingen, Goethe in England and
America, Bibliography 1899 (Die neuem Sprachen VII), wäre die erste Ausgabe
1850 in „Dramatic Works of Goethe" erschienen.
15
15. Goethe's Faust: the first part, with an analytical trans-
lation and etymological and grammatical notes. By L. E.
Peithmann. 1 ) London, 1854?
Eine zweite Auflage „revised and improved" erschien
London, Dueben, 1856.
Hermann Kindt, der einige Übersetzungen in der „Gegen-
wart" 1874 bespricht, sagt von ihr, sie sei langweilig, ohne
Geist. Das Britische Museum besitzt sie nicht.
16. Faust, a tragedy. Translated from the German of Goethe,
with notes, by Charles T. Brooks. Boston, Ticknor and
Fields, 1856.
1880 erschien die 15. Auflage.
Brooks ist der Erste, der das wechselnde Metrum und zu-
gleich die Mischung von männlichen und weiblichen Reimen
nachzuahmen versucht. Wenn es ihm auch nicht immer ge-
lungen ist, so hat er doch häufig die künstlerische Wirkung
des Metrumwechsels beobachtet. Dieses Bestreben ist aber
manchmal nachteilig für den poetischen Wert seiner Arbeit,
weil er sich dadurch zu Füllseln verleiten läßt, die der be-
treffenden Stimmung nicht angepaßt sind. Am besten liegen
Brooks die humoristischen Szenen und das Volkstümliche; aber
die guten Partien können den Eindruck des Unfreien, den die
Übersetzung als Ganzes macht, nicht verwischen.
17. Faust, a tragedy. Translated into English verse from
the German of Goethe. By John Galvan. Dublin and
London, 1860.
Galvans Übertragung ist zum größten Teil eine Karrikatur
des Goetheschen Faust. Mephistopheles ist nur ein Hanswurst,
der mft seinen Spässen Faust eine ganz neue Seite abgewinnt:
das Komische. Gretchen verfällt in einen ähnlichen Ton und
wird zur ausgelassenen Dirne. Die Monologe sind durch Über-
treibungen verzerrt, und wo einmal der Ernst bewahrt ist, ist
alles flach und. gewöhnlich.
18. Faust. Translated from the German by von Beresford.
Cassel und Göttingen 1862.
l ) Eugen Oswald, Goethe Bibliographie 1899 erwähnt sie nicht.
7
16
Eine würdige, oft schöne Wiedergabe, die aber wegen
vieler unenglischer Ausdrücke und Wendungen ihren Wert zum
Teil einbüßt. Faust und Gretchen sind aus. demselben Grunde
wesenlos. Beresford besitzt offenbar poetisches Empfinden, aber
er scheint die Sprache nicht zu beherrschen.
19. Goethe's Faust. Translated into English verse By J.
Cartwright 1 ) London 1862.
Diese Übersetzung findet sich nicht im Britischen Museum,
ich fand auch keine Besprechung darüber.
20. Faust, a dramatic poem by Goethe. Translated into
English verse by Sir Theod. Martin Part. I. Edinburgh
and London, Blackwood and Sons 1865. 2 )
Erreichte 1887 die 9. Auflage.
Was äußere Technik anlangt, ist Martins Übersetzung gut,
aber über der Technik hat er den Geist außer Acht gelassen.
Er ist nicht nur ungenau in der Wiedergabe des Textes, indem
er. gern paraphrasiert, oft ganz frei überträgt und erweitert,
durch viele Tantologien und Verblassungen im Ausdruck wird
er manchmal frostig und steif. Seine Stärke liegt in den heiteren
Partien.
21. Translation of Goethe's Faust. By William Barnard
Clarke. Freiburg i. Br. 1865.
Diese Übertragung gehört zu den fehlerhaftesten, sie strotzt
von Ungeheuerlichkeiten und Mißverständnissen. Die Kenntnis
des Deutschen geht Clarke gänzlich ab, ebensowenig beherrscht
er seine Muttersprache. So übersetzt er einzelne Ausdrücke
und Sätze wörtlich in einer Weise, die jeder Grammatik Hohn
spricht. Er ist ein höchst ungeschickter Reimschmied und hat
eine in jeder Beziehung wertlose Arbeit geliefert.
22. Faust, a dramatic poem by Goethe, translated by John
Wynniat Grant. London, Hamilton, 1867.
*) Heinemann nennt sie in seiner bibliographischen Znsammenstellung,
Engen Oswald dagegen erwähnt sie nicht.
*) E. Oswald gibt die I. Auflage 1866 an, Heinemann aber notiert zu
dieser Zeit schon die zweite, ebenso The Publisher's Circular 1866.
\ J
17
Nur in wenigen mit des Übersetzers Unterschrift versehenen
Exemplaren veröffentlicht.
Wenn es möglich wäre, stände diese Verballhornung von
Goethes Faust noch tiefer als die vorige Arbeit. Alles ist
seicht und verstümmelt. Von der geistigen Größe des Gedichts
hat Grant nicht den leisesten Schimmer bewahrt. Auch er
scheint die einfachste Reimregel nicht zu kennen, denn er reimt
Wörter, die höchstens in den zwei letzten Buchstaben über-
einstimmen.
23. Faust, a tragedy, by J. W. v. Goethe. Translated in the
original metres by Bayard Taylor. Boston, 1871.
Erreichte eine Reihe von Neuauflagen in Amerika und
England, 1886 die neunte.
Die würdigste, dem Original sich am meisten nähernde
Übersetzung.
24. Faust, a tragedy. Translated into English Rhyme by
C. Kegan Paul. London, King & Co., 1873.
C. Kegan Paul zieht den Schleier vom poetisch Verhüllten
und erklärt und umschreibt, was Goethe absichtlich mit Dämmer
umgibt. Es fehlt dem Übersetzer an der Fähigkeit, sich in die
Charaktere hineinzufühlen, sie zu durchleben. Auch geht ihm
der künstlerische Blick für das Wesentliche, das Eigenartige
ab, und vor allem ist er kein Lyriker. Das Intermezzo ist
ohne Anmerkung weggelassen. Mißverständnisse und Ungenauig-
keiten sind! zahlreich.
25. Faust, a tragedy by J. W. v. Goethe. The first part.
Translated in the original metres by T. J. Arnold, Esq.
London, Stuttgart und Munich, 1877.
Diese Übersetzung wurde auch in Amerika publiziert. Mir
lagen nur einige wenige Proben vor, die zeigen, daß auch Arnold
nur teilweise die Metren des CÄ-iginals wiederzugeben vermag,
und auch bei ihm schadet dieses Bestreben der Natürlichkeit
der Personen.
26. Faust, a Tragedy by J. W. v. Goethe. Translated into
English verse by Charles Hartpole Bowen. London,
Longmans, 1878.
Bau mann Engl. Übersetzungen, v. Goethes Faust. 2
18
Wieder eine sehr verunglückte Übertragung im Stile Clarkes.
und Grants. Alles Hohe und Schöne ist in platte Alltäglichkeit
herabgewürdigt und im Bänkelsängerton gehalten. Der Ver-
fasser scheint seine Schüler arbeit, nachdem sie 40 Jahre im
Pulte gelegen — wie er berichtet — , wie sie war, ohne sie
noch einmal durchzusehen, dem Druck übergeben zu haben.
27. The Faust of Goethe. Part I. In English verse by
W. H. Colquhoun. London, Perth, 1878.
Nicht besser als die vorhergehende Arbeit. Colquhoun
übersetzt meistens wörtlich, von einer natürlichen Sprache ist
keine Rede, unerlaubte Inversionen und allerlei syntaktische
Verrenkungen kommen auf jeder Seite vor, ebenso schlecht sind
seine Reime. Auch ihm geht jede Anlage zum Übersetzer eines
Kunstwerkes wie Faust ab.
28. Faust, a Tragedy by Goethe. Translated into English
verse by William Dalton Scoones, B. A. London,
Trübner & Co., 1879.
Stellenweise sind die lyrischen Partien hübsch, das Über-
menschliche in Faust dagegen ist durch kalte Verstandesreflexionen
abgeschwächt. Scoones scheint auf Martin zu fußen, ist aber
weniger großzügig, wenn auch getreuer als dieser.
29. Faust, a Tragedy by Goethe. Translated chiefly in
Blankverse with Introduction and Notes by James Adey
Birds, B. A. London, Longmans, 1880.
Textlich eine getreue, wenig fehlerhafte Übersetzung, die
aber weder den Geist noch die Stimmungen festzuhalten versteht.
Die Blankverse sind größtenteils prosaisch. Die Einleitung um-
faßt 81 Seiten und zeigt eine große Belesenheit und eifriges
Studium in den einschlagenden Gebieten. Birds hat ein gutes
Verständnis für das Original, was aber mehr in der Einleitung
als in der Übersetzung zum Ausdruck kommt.
30. Faust, from the German of Goethe. By Th. E. Webb,
L. L. D. Regius Professor of Law in the University of
Dublin. Dublin, University Press Series, 1880.
19
Neben wenig Annehmbarem, viel ganz Verfehltes, Webb
vermag der Hochflut der Gedanken und der Leidenschaft nicht
zu folgen, er ist höchst unpoetisch, oft geschmacklos. Am besten
zeichnet er die humoristischen Züge Mephistos, aber das Teuf-
lische in ihm ist zu wenig charakterisiert.
31. Faust, a Tragedy by Joh. Wolfgang v. Goethe. The first
part. Translated in the original metres by Frank
Claudy. 1 ) Washington D. C, Morrison, 1886.
Die Westminster Eeview von 1887 bemerkt dazu: „It is
German-English in language" und die Nation von 1886: „It is
interesting so far as it is the work of 15 years of labour of a
German by birth". Die genaue Wiedergabe des Metrums, die
ihm meistens gelungen ist, hat die Natürlichkeit und Lebendigkeit
der Personen, die Wahrheit und Tiefe der Empfindung beein-
trächtigt. In keiner Szene wird man den Eindruck des Er-
zwungenen los.
32. The Tragedy of Faustus by Johann Wolfgang v. Goethe.
The First Part. Translated in the original rhyme and
metre by Alfred Henry Huth. London, Longmans, 1889.
Die Huthsche Übersetzung nimmt insofern eine gesonderte
Stellung ein, als sie ein Experiment ist. Sie will zwei Sprach-
epochen miteinander verquicken: „The language I have adopted
is partly Jacobean, partly modern". Er begründet diese
Neuerung: „To talk of supernatural beings as if one believed
in them, in the language of the nineteenth Century, is an
impossibility, to talk of modern philosophy or modern stage
fittings in the language of three hundred years ago, is an
anachronism" 2 ) (!). Das Eesultat ist natürlich eine gekünstelte,
fremd und unsympathisch anmutende, veraltete Übersetzung
eines Werkes, das ewig jung bleibt. Überdies sind Metrum und
ßeim, die er genau zu bewahren vorgibt, sehr häufig frei ge-
handhabt und letzterer größtenteils sehr nachlässig.
33. Goethe's Faust. The First Part. With a literal trans-
lation and notes for students. By Beta. London, D. Nutt,
1895.
*) Von E. Oswald nicht genannt. 2 ) Preface pag. VI.
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20
Das Buch gibt auf der einen Seite den deutschen Text
und gegenüberstehend die wörtliche englische Übersetzung in
Prosa. Sie ist keine selbständige Arbeit, sondern gänzlich ab-
hängig von Hayward. Sie bringt gewöhnlich dieselben Aus-
drücke, ja dieselben Sätze wie dieser. Auch wo das englische
Idiom Mannigfaltigkeit zeigt, gibt sich der Verfasser nicht die
Mühe, ein anderes Äquivalent zu suchen. Einige Mißverständnisse
Haywards sind jedoch beseitigt.
34. Goethe's Faust, translated by Albert G. Latham. l )
Temple Classics, 1896.
Mir lag die Übersetzung in einem Druck von 1902 vor.
Sie ist sehr ungleich. Neben schönen Stellen — und selbst in
diesen — sind unendliche Geschmacklosigkeiten. Der Stil hat
manchmal etwas Triviales, Frivoles. Am besten liegen Latham
die humoristischen und volkstümlichen Partien. Mit mehr Glück
als Huth verwendet er das Archaistische.
35. Goethe's Faust. (The so-called First Part 1770—1808.)
Together with the Scene „Two Imps and Amor", the
Variants of the Göchhausen Transcript and the complete
Paralipomena of the Weimar Edition of 1887. In English
with Introduction and Notes by K Mc. Lintock. London,
D. Nutt, 1897.
Keine Übersetzung hat in dem Maße wie diese letzte die
wechselnde Bewegung der Verse mitgemacht. Aber dieselbe
Erfahrung wie bei den andern machen wir auch hier: die
äußere Form erdrückt den poetischen Gehalt. Ja, sie verleitet
den Verfasser zu allerlei unwürdigen Zutaten, die die Harmonie
von Stimmung und Ausdruck zerstören. Ein anderer schwerer
Mangel ist der, daß Mc. Lintock weder Faust noch Gretchen
versteht. Faust ist ihm nur der Verführer, Gretchen „after all
a young woman of rather too easy virtue". 2 ) Er bewundert
nur die literarische Kunst, mit der sie gezeichnet ist. Kein
Wunder, daß in seiner Übersetzung Faust und Gretchen — und
namentlich die letztere — wenig von dem Goetheschen Gepräge
x ) Von E. Oswald nicht erwähnt.
2 ) Notes and Comments, pag. 375.
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21
tragen. Dafür rettet Mc. Lintock Frau Marthe; er sieht in ihr:
„a fairly good natured but thoroughly vulgär soul, not too
scrupulous but not selfish and decidedly not vicious". 1 )
Von folgenden 2 Angaben William Heinemanns bin ich
nicht überzeugt:
Go et he' s Faust. Part. I. Translated from the German. By
Leop. Bernays. London 1839.
Dem entgegen besitzt das Britische Museum: Goethe's Faust,
Part. II. Translated from the German, partly in the metres of
the original and partly in prose. With other poems original
and translated. By Leop. J. Bernays. London, Sampson Low
and Carlsruhe, A. Bielefeld 1839. (William Heinemann hat für
diese Ausgabe die Jahreszahl 1840.) Im Britischen Museum
findet sich also nur der II. Teil, während es sonst jede Über-
setzung des I. Teils bis 1849 besitzt. Ebenso führen The
Publisher's Circular 1839, Athenaeum 1839, Literary Gazette
1839 je nur den II. Teil als von Bernays übersetzt an. Die
letztere nennt beide Druckorte: London, Low 1839 and Carlsruhe,
Bielefeld (o. J.), bemerkt allerdings dazu: „His (Bernays) former
volume established a reputation which this will not diminish".
Und Herrn. Kindt berichtet in der „Gegenwart" 1874: Bernays
habe wie Birch beide Teile übersetzt. Doch gibt er hier nicht
seine eigene Ansicht, er wiederholt nur, was er gelesen oder
gehört. Bernays' Vorrede zum II. Teil gibt keinen Anhaltspunkt
zur Annahme seiner Übersetzung des I. Teils. 2 )
Goethe' s Faust und Schiller's Wallenstein. London, Kepam &
Co., 1853.
Diese Übersetzung wird vom Publisher's Circular 1853
unter demselben Titel genannt aber herausgegeben in der
Universal Library of Poetry, Ingram, Cook & Co., 1853. Im
Britischen Museum ist nun Filmores Übersetzung in dieser
Sammlung (Univ. Library of Poetry) 1853 vorhanden. 3 ) Wahr-
*) Notes and Commeiits, pag. 351.
2 ) E. Oswald nennt nur die Übersetzung des II. Teils von L. Bernays.
3 ) So auch bei E. Oswald.
22
scheinlich ist die von W. Heinemann genannte identisch mit der
Filmoreschen.
So würde sich also die Zahl der englischen Faustüber-
setzungen auf 35 belaufen. Von diesen waren mir 31 und die
genannten Bruchstücke zugänglich.
Diese reiche Übersetzungstätigkeit am Faust zeigt eine
bestimmte Entwicklung, in der sich folgende Eichtungen unter-
scheiden lassen:
1. Nach einigen mißlungenen Versuchen, dem Goetheschen
Faust inhaltlich und poetisch gerecht zu werden, erscheint
die erste vollständige Übersetzung, die sich die getreue
Wiedergabe des Sinnes zur Aufgabe macht, ohne die
Form zu berücksichtigen. Sie erschließt den Inhalt.
(Haywards Prosa -Übersetzung. Später folgen ihm Peith-
mann und „Beta".)
2. Im Gegensatz dazu steht die 2. Eichtung, die sich oft
nur den Hauptgedanken zur Grundlage nimmt und diesen
selbständig weiterspinnt. Der Bearbeiter bewegt sich
inhaltlich und formell frei und gibt eine Nachdichtung.
(J. Anster ist der einzige Vertreter dieser Eichtung.)
3. Einen Übergang von der ganz freien Behandlung zur
strengern bilden die Übertragungen von Blackie und
Martin, die in gewissen Partien das Original stark
erweitern, in andern aber genau folgen. Auch sie
schreiben noch willkürliche Metren. (Eepräsentant ist
Martin.)
4. Alle übrigen Übersetzungen suchen sich textlich möglichst
nahe an ihr Vorbild anzuschließen. Es geschieht aber
in drei verschiedenen Arten der Ausführung:
a) in willkürlichen Metren, doch so, daß zuweilen ein für
eine bestimmte Stelle charakteristisches Versmaß des
Originals in der Übersetzung wenigstens angedeutet
wird. (Dahin gehören weitaus die meisten, als Ee-
präsentant greife ich A. Swanwick heraus.)
b) Einige wenige Übersetzer suchen mit der genauen
Nachfolge des Textes auch die metrische Form des
Originals festzuhalten. (Brooks, Arnold und Claudy;
Taylor sei der Eepräsentant.)
23
c) Die jüngsten scheinen vor aliem den eigentümlichen
Ehythmus der Verse wahren zu wollen. Über diesem
Bestreben entflieht ihnen teilweise die Stimmung wie
auch der poetische Gehalt. (Latham und Mc. Lintock,
der letztere soll diese Gruppe vertreten.)
Die folgenden eingehenden Behandlungen befassen sich
jeweils mit dem Vertreter einer Eichtung.
I
Besprechung von sechs typischen Übersetzungen,
1. Die Haywardsche Übersetzung.
Faust: a dramatic poem, by Goethe. Translated into
English Prose, with remarks on former translations, and
notes. By the Translator of Savigny's: „Of the Vocation
of our Age for Legislation and Jurisprudence". London,
E. Moxon. 1833.
W. Heinemann bemerkt dazu: „Die erste Auflage der zuerst
anonym erschienenen, berühmten Haywardschen Prosa -Über-
setzung des I. Teils."
Hayward war Jurist, machte in Göttingen einen zwei-
jährigen Aufenthalt zur Vollendung seiner Studien und ließ
bei seiner Eückkehr nach London die vollständige Übersetzung
des I. Teils von Faust drucken. 1834 erschien die zweite er-
weiterte Auflage mit dem Namen des Verfassers. Seine übrigen
Schriften sind größtenteils juristischer und politischer Art.
Mir war die zweite Auflage von 1834 zugänglich, die zwei
Appendices enthält: „An Abstract of the continuation, and an
Account of the story of Faust, and the various productions in
literature and art founded on it".
In einer langen Vorrede befaßt sich Hayward mit der
Frage über den Wert der rhythmischen und prosaischen Über-
setzung und kommt zu dem Schlüsse, daß nur diese den Sinn
und die Sprache des Originals genau wiedergeben könne. Die
Absicht, die seine Arbeit verfolgt, liegt in den Worten: „Such
ä woVk . . . deserves to be translated as literally as the genius
of our language will admit; with an almost exclusive reference
to the strict meaning of the words, and a comparative disregard
25
of the beauties which are commonly thought peculiar to poetry,
should they prove irreconcilable with the sense". 1 ) Er kennt
die bis zu seiner Zeit erschienenen Faustübersetzungen genau
und unterzieht sie alle, englische wie französische, einer strengen
Kritik. Am schärfsten und eingehendsten tut er das mit der
Gowerschen, wohl aus dem Grunde, weil sie so vielfach über-
schätzt wurde, aber auch darum, um zu zeigen, daß „the public
at large have hitherto had nothing from which they can form
an estimate of Faust". 2 ) Was nun keiner der bisherigen Über-
setzer gewollt noch vermocht, sucht er zu geben: eine wörtlich
getreue Übersetzung.
Hayward ist der Erste, der seiner Übersetzung Noten bei-
fügt. Sie sind sehr zahlreich, beziehen sich teils auf das
Literarhistorische, teils auf die Erklärung des Textes und sind
mit wenigen Ausnahmen noch heute gültig. Er hat also das
Verdienst, auch nach dieser Seite hin aufhellend gewirkt zu
haben. Nicht immer glücklich ist er aber beim Erinnern an
Parallelstellen in Werken von englischen Dichtern, er geht da
oft zuweit, ohne mehr Licht in den Text zu bringen, noch mehr
aber irrt er, wenn er glaubt, Goethe müßte bestimmte englische
Dichtungen von geringer Bedeutung gekannt haben, um gewisse
Situationen darstellen zu können.
Einige Partien der Haywardschen Übersetzung zeigen eine
gewisse rhythmische Anordnung. Er bemerkt dazu: „My only
object in giving a sort of rhythmical arrangement to the lyrical
parts, was to convey some notion of the variety of versification
which forms one great charm of the poein". 3 ) Es ist unrichtig,
wenn er von the lyrical parts spricht, denn er hat bei weitem
nicht alle lyrischen Stellen rhythmisch übertragen, so ist die
Zueignung in Prosa, ebenso die Ballade vom König in Thule.
Das lyrische Element ist in Faust so stark vertreten, daß
Hayward seine Prosaübersetzung viel häufiger mit seinem
„rhythmical arrangement" hätte unterbrechen müssen, wenn er
the lyrical parts dadurch hervorheben wollte. Die rhythmische
Bewegung des Originals wird aber nicht nur zu wenig beachtet,
wo der Übersetzer den Versuch macht, geschieht es oft in
Trauslator's Preface pag\ XXVIH.
2 ) Pag. XXX.
3 ) pag. Gl.
26
ungeschickter Weise, so daß wir gewöhnlich auch da nur Prosa
bekommen.
So erinnert das Tanzliedchen rhythmisch nicht entfernt an
die Vorlage. Wer vermöchte den einfachen, leichten Schritt,
die Sangbarkeit des volkstümlichen Liedchens in der Übersetzung
zu erkennen, wo jede Strophe wieder anders skandiert wird:
949 *) The swain dressed himself out for the
dance
With party-coloured jacket, ribbon
and garland.
Smartly was he dressed!
The ring round the limetree was
already füll,
And all were dancing like mad.
Huzza! Huzza!
955 Tira-lira-hara-la!
Merrily went the fiddle-stick.
He pressed eagerly in,
Gave a maiden a push
With his elbow:
960 The buxom girl turned round
And said — „Now that I call stupid".
Der Schäfer putzte sich zum Tanz,
Mit bunter Jacke, Band und Kranz,
Schmuck war er angezogen.
Schon um die Linde war es voll;
Und alles tanzte schon wie toll.
Juchhe! Juchhe!
Juchheisa! Heisa! He!
So ging der Fiedelbogen.
Er drückte hastig sich heran,
Da stieß er an ein Mädchen an
Mit seinem Ellenbogen;
Die frische Dirne kehrt sich um
Und sagte: nun das find' ich dumm!
„Don't be so rüde."
Seid nicht so ungezogen.
Im Soldatenliedchen sind die kurzen daktylischen Dimeter
leise angedeutet, es ist aber textlich nicht genau übertragen
und zeigt wie das oben genannte eine gewisse Trockenheit und
Kurzatmigkeit, ein Mangel, der bei Hayward oft auffällt. Eine
schlimme Entstellung erfahren die beiden Schluß verse, die gar
nicht im Einklang mit dem Ton des Liedchens stehen. Ich
führe nur die zweite Strophe an:
891 And the trumpets
Are our summoners
As to joy
So to death.
895 That is a storming,
That is a life for you!
Und die Trompete
Lassen wir werben,
Wie zu der Freude,
So zum Verderben.
Das ist ein Stürmen!
Das ist ein Leben!
*) Verszählung nach der Weimar- Ausgabe 1887.
27
Maidens and towns Mädchen und Burgen
Must surrender. Müssen sich geben.
Bold the adventure, Kühn ist das Mühen,
Noble the reward — Herrlich der Lohn! 900
And the soldiers Und die Soldaten
Are off. Ziehen davon.
Nicht besser ist das Experiment im Einschläferungslied
gelungen, wo die zerfließenden Bilder zusammen mit dem klang-
lichen Wohllaut und der rhythmischen Einförmigkeit so wirkungs-
voll sind. Da ist Hayward hart und oft alltäglich. Noch mehr
leidet unter diesen Eigenschaften Gretchens Lied am Spinnrad,
namentlich stören die dritte, fünfte und letzte Strophe mit ihrer
klanglichen Härte. Auch hier wäre schöne Prosa unschöner
Poesie vorzuziehen:
My poor head Mein armer Kopf 3382
Is wandering, Ist mir verrückt,
My feeble sense Mein armer Sinn
Distraught. Ist mir zerstückt.
For him alone look I Nach ihm nur schau' ich 3390
Out of the window! Zum Fenster hinaus,
For him alone go I Nach ihm nur geh' ich
Out of the house! Aus dem Haus.
And kiss him Und küssen ihn 3410
As I would! So wie ich wollt',
On his kisses An seinen Küssen
Would I die away! Vergehen sollt'!
Von den Osterchören, die getreu übersetzt sind, zeigen
die drei ersten das daktylische Versmaß und den eigentümlichen
Stil ganz hübsch, die beiden Schlußchöre sind prosaisch, weil
die Konstruktion bei dem einen aufgelöst ist, beim andern die
substantivierten Partizipien zuweilen umschrieben sind. Ich
führe die zwei ersten Chöre der Engel an, welche gelungen sind:
Christ is arisen ! Christ ist erstanden ! 737
Joy to the mortal, Freude dem Sterblichen,
Whom the corrupting, Den die verderblichen,
Creeping, hereditary Schleichenden erblichen 740
Imperfections enveloped. Mängel umwanden.
28
757 Christ is arisen!
Happy the loving one,
Who the afflicting,
Wholesome and chastening
Trial has stood!
Christ ist erstanden!
Selig der Liebende,
Der die betrübende,
Heilsam und übende
Prüfung bestanden.
Ehythmische Bewegung haben noch: der Gesang der Geister
auf dem Gange 1259 — 70, Teile der Beschwörungsszene 1271 — 91,
1298—1309, das Ständchen in Auerbachs Keller 2105—07,
2284-89, 2321—22, in der Hexenküche die Sprüche der Tiere
und der Hexe 2381—83, 2394—99, 2402—15, 2419—26, 2453—55,
2458—60, 2465—80, 2540—52, 2567—72, Gretchens Gebet und
die Domszene. Diese letztere gehört zum Besten, was die
Haywardsche Übersetzung bringt. Der Verfasser folgt nicht
nur wörtlich genau, er hält sich auch ziemlich enge an die
freien Verse, freilich fehlt der Wohllaut der Sprache an einigen
Stellen:
3776 How different was it with thee, Mar-
garet,
When still füll of innocence
Thou camest to the altar here —
Out of the well worn little book
3780 Lispedst prayers,
Half child - sport,
Half God in the heart!
Margaret !
Where is thy head?
3785 In thy heart
What crime?
Prayest thou for thy mother's soul —
who
Slept over into long, long pain through
thee?
Whose blood on thy threshold?
3790 And under thy heart
Stirs it not quickening even now,
Torturing itself and thee
With its foreboding presence?
Wie anders, Gretchen, war dir's,
Als du noch voll Unschuld
Hier zum Altar tratst,
Aus dem vergriffnen Büchelchen
Gebete lalltest,
Halb Kinderspiele,
Halb Gott im Herzen!
Gretchen !
Wo steht dein Kopf?
In deinem Herzen,
Welche Missetat?
Bet'st du für deiner Mutter Seele, die
Durch dich zur langen, langen Pein
hinüberschlief?
Auf deiner Schwelle wessen Blut?
Und unter deinem Herzen
Regt sich's nicht quillend schon,
Und ängstigt dich und sich
Mit ahnungsvoller Gegenwart?
In Gretchens Gebet ist der Wechsel des Metrums gut heraus-
gebracht und die Stimmung schön bewahrt. Die übrigen Gretchen-
partien sind Hayward leider nicht immer gelungen. Er verleiht
der Gestalt wohl einige der gewinnenden Züge, aber im großen
ganzen wächst uns dieses Gretchen nicht so ans Herz wie das
29
Goethesche. Das rührt davon her, daß der Übersetzer ihr oft
nicht genügend Zeit gönnt, sich in ihrer herzlichen Weise aus-
zudrücken, daß er ihr Fremdwörter in den Mund legt, die nicht
zu ihrem einfachen Wesen und ihrem warmen Gefühl passen,
daß aus ihr der bloße Verstand spricht, wo sie bei Goethe ihr
Gefühl ausdrückt. Gilt doch für sie ganz Fausts Wort: „Gefühl
ist alles". Sie aber sagt bei Hayward:
I am sure that you are only trifling Ich fühl' es wohl, daß mich der Herr 3073
with me letting yourself down to shame nur schont,
me. Travellers are wont to put up Herah sich läßt, mich zu Deschämen,
with things out of complacency. I Ein Reisender ist so gewohnt
know too well that my poor pratüe Aus Gütigkeit fürlieh zu nehmen ;
cannot entertain a man of your ex- Ich weiß zu gut, daß solch erfahrnen
perience. Mann
Mein arm Gespräch nicht unterhalten
kann.
Wenn schon hier das Fremdwort Gretchen einen gelehrten
Anstrich gibt — ganz abgesehen von den beiden Ungenauigkeiten,
worunter wieder die Charakterzeichnung leidet — , so ist das an
andern Orten noch mehr der Fall:
But you have friends in abundance. Allein ihr haht der Freunde häufig 3098
Not that she has such pressing occasion Nicht daß sie just so sehr sich einzu- 3115
to restrict herseif. schränken hat.
Nothing in the whole course of my Es hat mir in meinem Lehen 3473
life has given my heart such a pang, So nichts einen Stich ins Herz gegeben,
as the repulsive visage of that man. Als des Menschen widrig Gesicht.
I have an tmaccountable horror of Hab' ich vor dem Menschen ein heim- 3430
that man. lieh Grauen.
In Gretchens Erzählung von ihrer Häuslichkeit fehlt das
liebevolle Eindringen , der Blick für das Intime. Kühle Sachlich-
keit dämpft die freudige Aufregung und Verwirrung, in die
Gretchen durch das zweite Kästchen versetzt wird:
I have found just such another Da find' ich so ein Kästchen wieder 2875
ebony casJcet in my press — and In meinem Schrein, von Ebenholz,
things absölutely magnificent, far Und Sachen herrlich ganz und gar,
costlier than the first was. Weit reicher als das erste war.
Am besten erkennen wir das Goethesche Gretchen in der
Selbstanklage, wo man sich allerdings an einem Latinismus am
30
3577
3585
3625
3630
3635
Anfang und einer etwas abgebrauchten Trope am Schluß nicht
stoßen darf:
How stoutly I could formerly revile,
if a poor maiden chanced to make a
slip! how I could never find words
enough to speak of another's shame!
How black it seemed to me! and,
blacken it as I would, it was never
black enough for me — and blessed
myself and feit so grand, and am
now myself a prey to sin\ Yet —
all that drove me to it, was, God
knows, so sweet, so dear!
Wie könnt' ich sonst so tapfer
schmälen,
Wenn tat ein armes Mägdlein fehlen!
Wie könnt' ich über andrer Sünden
Nicht Worte g'nug der Zunge finden!
Wie schien mir's schwarz und
schwärzt's noch gar,
Mir's immer noch nicht schwarz g'nug
war,
Und segnet' mich und tat so groß,
Und bin nun selbst der Sünde bloß!
Doch — alles was mich dazu trieb,
Gott! war so gut! ach war so lieb!
Bedeutend besser ist Valentin gezeichnet. Der Monolog
zeigt dieselbe breite Behaglichkeit und denselben plötzlichen
Umschlag in den Zorn, die Schmähung ist einfach im Stil, ein-
dringlich und wirksam in der Steigerung. Hayward hat hier
alle Absichten seines Vorbildes fein beobachtet und sie wieder-
zugeben verstanden; eine Stelle des Monologs möge das zeigen:
— with my elbows leaning
on the board, I sat in quiet confidence,
and listened to all their swaggering;
then I stroke my beard with a smile,
and take the bumper in my hand,
and say: „All in its way! but is there
one in the whole country to compare
with my dear Margaret, — who is
fit to hold a candle to my sister?"
Hob and nob, kling! klang! so it
went round! Some shouted, „he is
right; she is the pearl of the whole
sex"; and all those praisers were
dumb. — And now it is enough to
make one tear out one's hair by the
roots, and run up the walls — I shall
be twitted.by the sneers and taunts
of every knave, shall sit like a
bankrupt debtor, and sweat at every
3640 chance word.
Den Ellenbogen aufgestemmt
Saß ich in meiner sichern Buh,
Hört' all dem Schwadronieren zu,
Und streiche lächelnd meinen Bart,
Und kriege das volle Glas zur Hand
Und sage: alles nach seiner Art!
Aber ist eine im ganzen Land,
Die meiner trauten Gretel gleicht,
Die meiner Schwester das Wasser
reicht?
Top! Top! Kling! Klang! das ging
herum;
Die einen schrieen: er hat Recht,
Sie ist die Zier vom ganzen Ge-
schlecht!
Da saßen alle die Lober stumm.
Und nun! — um's Haar sich auszu-
raufen
Und an den Wänden hinaufzulaufen!
Mit Stichelreden, Naserümpfen
Soll jeder Schurke mich beschimpfen !
Soll wie ein böser Schuldner sitzen,
Bei jedem Zufallswörtchen schwitzen !
31
. Auch den poetischen Gehalt, soweit er nicht auf Stimmung
und Musik des Verses beruht, sucht Hayward in seine Über-
setzung hinüberzutragen. Es gelingt ihm nie ganz, aber er
strengt sich redlich an und bringt so gewöhnlich die Goetheschen
Bilder unverändert in den Konturen. Freilich sind sie meistens
rohe Skizzen, denen die Feinheit der Ausführung, die harmonische
Ausgleichung der verschiedenen Teile fehlt. Das zeigt z. B. die
Zueignung, in der er sich genau an Goethe hält und so wohl
diö Gedanken, niemals aber die Empfindung wiedergibt. Ich
greife die Strophe heraus, die am häufigsten leiden muß, weil
die Übersetzer das Bild nicht beachten oder nicht verstehen.
Hayward hält es fest:
Ye bring with you the images of
happy days, and many loved shades
arise: like to an old half-expired
Tradition, rises First -love with
S^riendship in their Company. The
pang is renewed; the plaint repeats
the labyrinthine, mazy course of life,
and names the dear ones, who, cheated
of fair hours by fortune, have vanished
away before me.
Ihr bringt mit euch die Bilder froher 9
Tage,
Und manche liebe Schatten steigen
auf;
Gleich einer alten halbverklungnen
Sage,
Kommt erste Lieb und Freundschaft
mit herauf;
Der Schmerz wird neu, es wiederholt
die Klage
Des Lebens labyrinthisch irren Lauf
Und nennt die Guten, die um schöne 15
Stunden
Vom Glück getäuscht, vor mir hinweg-
geschwunden.
Wieviel von der Schönheit der Form abhängt, zeigt die
Übersetzung der Hymne. Die Gedanken sind dieselben, aber
statt der Größe des Ausdrucks, wodurch das Transzendentale
so recht sinnenfällig wird, gibt Hayward nüchterne Prosa. Die
dritte Strophe,. die ich anführe, leidet mehr wie die andern und
verliert noch durch eine prosaische Vergleichung:
And storms are roaring as if in
rivalry, from sea to land, from land
to sea and forming all around a chain
of the deepest elementäl ferment in
their rage. There, flashing desolation
flares before the path of the thunder-
clap. But thy messengers, Lord
respect the mild going of thy day.
Und Stürme brausen um die Wette,
Vom Meer aufs Land, vom Land aufs 260
Meer,
Und bilden wütend eine Kette
Der tiefsten Wirkung ringsumher.
Da flammt ein blitzendes Verheeren
Dem Pfade vor des Donnerschlags;
Doch deine Boten, Herr, verehren 265
Das sanfte Wandeln deines Tags.
32
3528
Ebenso schwerwiegend tritt dieser Mangel im Monolog
Wald und Höhle zutage, wo Fausts Pantheismus in barer Prosa
mit kalten technischen Ausdrücken durchsetzt vorgetragen wird.
So wird hier Eeflektion, was dort Gebet ist:
3217 Sublime spirit! thou gavest me,
gavest me everything I prayed for.
Not in vain didst thou turn thy face
in fire to me. Thou gavest me
glorious nature for a kingdom, with
3220 power to feel and to enjoy her. It
is not merely a cold wondering visit
that thou permittest me ; thou gnidgest
me not to look into her deep bosom,
as into the bosom of a friend. Thou
passest in review before me the whole
series of animated thtngs, and teachest
me to know my brothers in the still
wood, in the air and water.
3225
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst
mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht
umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum
Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen.
Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du
nur,
Vergönnest mir in ihre tiefe Brust
Wie in den Busen eines Freunds zu
schauen.
Du führst die Eeihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine
Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser
kennen.
Wenn auch der Anfang noch annehmbar ist, so fehlt es
ihm doch an Pathos, wenn dieser Faust sagt: thou gavest me
everything, hier also der Blick ins Kleine gerichtet, dort aber
ins Große, und wie verändert ist hier Fausts Verhältnis zur
Natur durch das negative: thou grudgest me not Wahr-
scheinlich ist daran ein Mißverständnis schuld. — Sehr prosaisch
sind Fausts Worte, mit denen er Gretchen vor Mephistopheles
verteidigt, die gehobene Stimmung des Religionsgesprächs, die
darin nachklingen sollte, ist verloren gegangen:
Thou, monster as thou art, canst
not conceive how this fond, faithful
soul, füll of her faith, which, according
to her notions, is alone capable of
conferring eternal happiness, feels a
holy horror to think that she must
hold the man who is dearest to her
for lost.
Du Ungeheuer siehst nicht ein,
Wie diese treue liebe Seele
Von ihrem Glauben voll,
Der ganz allein
Ihr selig machend ist, sich heilig
quäle,
Daß sie den liebsten Mann verloren
halten soll.
Hier fehlt die Seele, und so ist Haywards Prosa sehr
häufig matt, gleichförmig, wo Emphase, Schwung, Erregung
33
sein sollte. Wie gemächlich erzählt da Faust, was er von der
Magie erwartet:
I have therefore devoted myself
to magic, to try whether, througk
the power and voice of tlie Spirit,
many a mystery might not become
known to me;
Drum hab' ich mich der Magie er- 377
geben,
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
Nicht manch Geheimnis würde kund;
Auch das Frühlingsidyll ist in der Übersetzung ohne Eeiz,
es ist im Tone Wagners gehalten. — Dadurch daß Hayward
auch das Humoristische nicht genügend hervorzuheben vermag,
wird der lebensvolle Wechsel der Szenen vielfach ausgeglichen.
So ist in Auerbachs Keller die Ausgelassenheit nicht getroffen,
natürlich hängt das zu einem großen Teil davon ab, daß die in
Prosa umgesetzten Liedchen stark an Wirkung verlieren. Aber
auch in Mephistos Ärger über den verirrten Schmuck kommt
die Komik zu wenig zum Ausdruck, hier ist die Erzählung
wieder zu sachlich, die feinen Nüancierungen des Stils fehlen:
Only think! A priest has carried
off the jewels provided for Margaret.
The mother gets sight of the thing,
and begins at once to have a secret
horror of it. Truly the woman has
a fine nose, is ever snuffling in her
prayer-book, and smells at every piece
of furniture to try whether the thing
be holy or profane; and she plainly
smells out in the jewels, that there
was not much blessing connected
with them.
Denkt nur, den Schmuck für Gretchen 2813
angeschafft,
Den hat ein Pf äff hin weggerafft! —
Die Mutter kriegt das Ding zu
schauen,
Gleich fängt's ihr heimlich an zu
grauen :
Die Frau hat gar einen feinen
Geruch,
Schnüffelt immer im Gebetbuch,
Und riecht's einem jeden Möbel an,
Ob das Ding heilig ist oder profan;
Und an dem Schmuck, da spürt sie's
klar,
Daß dabei nicht viel Segen war.
Es ist natürlich, daß eine Prosaübersetzung wie die von
Hayward viele Abschwächungen bringt, indem er statt des
künstlerischen Adjektivs, statt einer charakteristischen Wendung
etwas Konventionelles oder sonst nicht Gleichwertiges setzt. Dahin
gehören unter andern die folgenden Abweichungen vom Text:
2820
All seems so bright
Mir wird so licht!
How the heavenly influences Wie Himmelskräfte . . .
Baumann, Engl. Übersetzungen v. Goethes Faust.
439
449
34
491 Where the breast, that created a Wo die Brust, die eine Welt in sich
world to itself, and upbore and con- erschuf,
tained it? Und trug und hegte?
509 And weave the living clothing of the Und wirke der Gottheit lebendiges
Deity. Kleid.
592 but published what they had feit Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen
and seen to the multitude, offenbarten,
652 I am not like the heaverily essences; Den Göttern gleich' ich nicht!
Solche Abstraktionen kommen leider häufig vor. Die
schönen Gegensätze in:
666 sought the bright day, with an
ardent longing after truth, went
miserably astray in the twilight?
Den leichten Tag gesucht und in der
Dämmrung schwer,
Mit Lust nach Wahrheit jämmerlich
geirret,
hat Hayward nicht beachtet und bei manchem Nachfolger die-
selbe Vernachlässigung hervorgerufen. Ähnlich ist es mit dem
so fein gewählten Adjektiv in der Ballade gegangen, an dessen
Stelle er ein weniger charakteristisches setzt:
2773 in bis proud ancestral hall, Auf hohem Vätersaale,
Doch gibt es auch Stellen, wo er es versteht, fast Alles,
was im einzelnen Ausdruck liegt, hervorzuholen:
91 If much is spun off before their eyes, Wird vieles vor den Augen abgesponnen,
118 and curiosity only wings every step. Und Neugier nur beflügelt jeden
Schritt.
2609
By heaven, this girl is lovely! I
have never seen the like of her. She
is so well-behaved and virtuous
and something snappish withal. The
redness of her lip, the light of her
cheek — I shaU never forget them
all the days of my life . . .
Beim Himmel, dieses Kind ist schön!
So etwas hab' ich nie gesehn.
Sie ist so sitt- und tugendreich
Und etwas schnippisch doch zugleich.
Der Lippe Kot, der Wange Licht,
Die Tage der Welt vergeß' ich's
nicht!
Die Stimmung kommt schön zum Ausdruck beim Anblick
des Zeichens vom Makrokosmus:
430 Ah! what rapture thrills through
all my senses at the sight! I feel a
fresh, hallowed enjoyment of life,
glowing anew, Streaming through
Ha! welche Wonne fließt in diesem
Bück
Auf einmal mir durch alle meine
Sinnen!
35
nerve and vein. Was it a god that
traced these signs? — which still the
storm within, fill my poor heartwith
gladness, and, by a mysticalinspiration,
unveil the powers of nature to my
view.
Ich fühle junges, heil'ges Lebensglück
Neuglühend mir durch Nerv' und
Adern rinnen.
War es ein Gott, der diese Zeichen
schrieb,
Die mir das innre Toben stillen,
Das arme Herz mit Freude füllen,
Und mit geheimnisvollem Trieb
Die Kräfte der Natur rings um mich
her enthüllen?
435
Wie hier der Schluß etwas abfällt, so endigt jener herrliche
poetische Erguß beim Anblick der Phiole, der sonst recht schön
übertragen ist, mit einer banalen Wendung, und die Weiter-
entwicklung des Selbstmordmotivs ist nur noch platte Prosa.
Doch reißt die herrliche Lyrik der Jugenderinnerung Hayward
wieder mit sich fort, und er sucht, den poetischen Gehalt zu
erschöpfen; alle Schätze hebt er indessen nicht. Im Abend-
hymnus ist ihm ein gewisser Schwung eigen, und die treue
Nachfolge ist hier rühmend hervorzuheben, ist er doch der Erste,
der die Vision miterlebt und sie nicht in Erzählung von etwas
Geschehenem verwandelt:
Already the sea, with its heated
bays, opens on my enraptured sight.
Yet the god seems at last to sink
away. But the new impulse wakes.
I hurry on to drink his everlasting
light, — the day before me and the
night behind, — the heavens above
and under me the waves.
Schon tut das Meer sich mit er- 1082
wärmten Buchten
Vor den erstaunten Augen auf.
Doch scheint die Göttin endlich weg-
zusinken;
AUein der neue Trieb erwacht,
Ich eile fort, ihr ew'ges Licht zu
trinken,
Vor mir den Tag und hinter mir die
Nacht,
Den Himmel über mir und unter mir
die Wellen.
Zwar klingt der Hymnus nicht harmonisch aus, denn the
crane struggles onwards to her home schließt etwas Mühsames
ein, was diesem gepriesenen freien Flug der Seele nicht anhaftet.
— Auch Fausts Monolog in Gretchens Zimmer zeigt, wie Hayward
sich hineinfühlen kann, wie er darauf bedacht ist, die einzelnen
Schönheiten herauszuheben. Wenn die poetische Weihe manchmal
fehlt, so hängt das eben mit seinem Stil zusammen. Wieder ist
er der Erste, der ganz den Intentionen Goethes folgt und deutlich
3*
36
die Wandlung in Faust hervorhebt. — Die Katechisations-
szene im ganzen mit Erfolg übersetzt, namentlich das Glaubens-
bekenntnis, weil Hayward hier nicht erklärt und nicht auf-
hellen will, was so viele nach ihm für nötig hielten. Er hat
also für das eigentlich Unaussprechliche das Unbestimmte des
Ausdrucks beibehalten und so das übersinnliche gewahrt. Ich
gebe nur den letzten Teil, der so gerne von den Übersetzern
glossiert wird:
3446 Are we not looking into each
other's eyes, and is not all thronging
to thy head and heart, and weaving
in eternal mystery, invisibly-visibly,
3450 about thee? — With it fill thy heart,
big as it is, and when thou art whoUy
blest in the feeling, then call it what
thou wilt! Call it Bliss! — Heart! —
Love! — God! I have no name for it!
Feeling is all in all. Name is sound
and smoke, clouding heaven's glow.
Schau' ich nicht Aug' in Auge dir,
Und drängt nicht alles
Nach Haupt und Herzen dir,
Und webt in ewigem Geheimnis
Unsichtbar sichtbar neben dir?
Erfüir davon dein Herz, so groß
es ist,
Und wenn du ganz in dem Gefühle
selig bist,
Nenn' es dann wie du willst,
Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott!
3455 Ich habe keinen Namen
Dafür! Gefühl ist alles;
Name ist Schall und Rauch,
Umnebelnd Himmelsglut.
„Feeling is all in all" wurde von manchen Über-
setzern beibehalten, sie scheinen nicht empfunden zu haben,
daß diese leere Redensart für Faust etwas Unmögliches und
vor allem hier nicht am Platze ist. Solche Verstöße kommen
bei Hayward nicht häufig vor, er ist aber auch nicht ganz
frei davon. Er tadelt die Franzosen in seiner Vorrede 1 )
„because they have comparatively little notion of what we call
bathos in compositum, and are constantly spoiling the effect of
highly - Wrought passages by light or ludicrous associations".
Dabei schließt er die elegische Nachtstimmung mit dem äußerst
trivialen
1200 we yearn for the streams — oh yes, Man sehnt sich nach des Lebens
for the fountain of life. Bächen.
Ach! nach det Lebens Quelle hin.
Und unfreiwillige Komik liegt in Fausts Ruf:
3511 You see this phial ! Only three drops . . . Hier ist ein Fläschchen ! Drei Tropfen
nur . . .
l ) pag. xcvn.
37
Mit einer Stelle der Prosaszene hat Hayward wieder
einige Übersetzer ungünstig beeinflußt. Eine Nichtbeachtung
der emphatischenKonstruktion — vielleicht auch ein Mißver-
stehen — bringt eine Abschwächung hervor:
Woe! woe! It is inconceivable by Jammer! Jammer! von keiner
any human soul, Menschenseele zu fassen,
In Anbetracht der Mittel, die ihm zu Gebote standen, sind
die Mißverständnisse nicht zahlreich und namentlich nicht so
schwerwiegend wie viele seiner Nachfolger. Auf mangelhafte
Kenntnis der Wortbedeutung zurückzuführen sind:
undulations Wehen 51
too prone to slnmber erschlaffen 340
a . . . sombre man ein dankler Ehrenmann 1034
you silly little thing Liebe Puppe, 3476
many trifles Viele Fratzen 4241
Auf mangelnder Einsicht in die Konstruktion beruhen u. a.:
What is it that makes a fall house Was macht ein volles Haus euch froh? 122
merry?
the shreds of humanity In denen ihr der Menschheit Schnitzel 555
kräuselt.
he is about to enliven everything Alles will sie mit Farben beleben 913
with hues
But if thou hast food Doch hast du Speise, . . . 1678
When the like of us were at our Wenn unser eins am Spinnen war, 3563
spinning, our mothers never let us go Uns nachts die Mutter nicht hinnnter-
down at night. She stood sweet with ließ,
her lo.ver . . . Stand sie bei ihrem Buhlen süß, . . .
Bei aller Treue sind doch auch Ungenauigkeiten in der
Haywardschen Übertragung vorhanden. Sie werden, wie auch
die Mißverständnisse, für Übersetzer, welche sich hauptsächlich
auf ihn verließen, vorbildlich. Dahin gehören z. B.:
much falsehood
viel Irrtum
171
. . . they are in their glory
Das Volk ist frei, . . .
2295
lass ... lad
. . . Magd . . . Knecht
2379
You are driven back into your old
Du bist schon wieder abgetrieben,
3300
course.
sweet people
süßer Pöbel
4023
38
Einige wenige Unklarheiten dieser Übersetzung erscheinen
in den späteren immer wieder. Bei Hayward lassen sie sich
auf sein Bestreben zurückführen, „to shadow out all the various
meanings of a passage". 1 ) Sonst sind aber die geflügelten Worte
und Anspielungen, namentlich auch im Intermezzo, gut heraus-
gebracht. Ein änderer Vorzug seiner Arbeit besteht darin, daß
die volkstümlichen Redensarten durch entsprechende englische
ersetzt sind. Dadurch bekommt der Stil eine gewisse Leb-
haftigkeit, die sonst der Übersetzung mangelt. Ich führe die an,
die unselbständige Übersetzer einfach bei Hayward geholt haben:
1326 You have made me sweat with a Ihr habt mich weidlich schwitzen
vengeance. machen.
2100 . . • turns the scale and elevates the Den Ausschlag gibt , den Mann
man. erhöht.
2180 I will smoke them.
Ich schraube sie!
2305 I think we had better send him Ich dächt', wir hießen ihn ganz sachte
packing quietly. seitwärts gehn.
3371 you have a fair spiee of the devil Du bist doch sonst so ziemlich ein-
in you geteufelt,
3571 A brisk young fellow has the world . . . Ein flinker Jung'
before him. Hat anderwärts noch Luft genung.
3633 who is fit to hold a candle to my Die meiner Schwester das Wasser
sister? reicht?
3747 and yet is not a whit the fairer.
Und ist doch nicht schöner geworden.
2585 . . . hau -fellow well-met with the mit dem Teufel du und du, . . .
devil . . .
Mit dem letztern Ausdruck steht er allein, die wenigsten
seiner Nachfolger geben hier ein Äquivalent.
Hayward hat sein Programm erfüllt. Vom Standpunkt der
sinn- und wortgetreuen Übersetzung hat er auf den ersten Wurf
das Rechte getroffen, in dieser Beziehung ist er bahnbrechend
und von großer Bedeutung für die Entwicklung der Übersetzungs-
l ) pag. XJH.
39
kunst am „Faust" geworden, und darin liegt sein Verdienst.
Leider hat er sich auch an den andern Satz seines Programms
gehalten: „the disregard of the beauties which are commonly
thonght peculiar to poetry" tritt eben fast auf jeder Seite
störend hervor, scheint es doch, als kennte er die schöne
Prosa kaum. Nach dieser Seite hin — dem Formell-Schönen —
hat er sowenig wie seine beiden Vorgänger dem englischen
Publikum einen annähernd richtigen Begriff vom „Faust" zu
geben vermocht.
2. Die Anstersche Übersetzung.
Faustus: a dramatic Mystery. The Bride of Corinth, The
First Walpurgisnight. Translated from the German of
Goethe, and illustrated with notes, by John Ans t er.
London, Longman 1835.
Anster, ebenfalls ein Jurist, — seit 1850 war er Kegius
Professor of Civil Law an der Universität in Dublin — gab schon
vor seinen ersten Faustübersetzungs -Versuchen eigene Gedichte
und einige Schillersche Gedichte in seiner Übertragung heraus.
Die erstem zeigen den Einfluß von Coleridge und Byron. Nach
der Beendigung des I. Teils von „Faust" schrieb er literar-
historische Studien: „Life and writings of Shelley", „Swift and
his biographers", „Southey's Life and correspondance" etc. Die
Übersetzung des II. Teils von „Faust" wurde 1864 fertig gestellt.
In Deutschland erschienen 3 Ausgaben seiner Übertragung des
I. Teils, die vom Jahr 1868 in der Tauchnitz- Edition.
Mir lagen Drucke von 1889 und 1903 vor, beide ohne
Noten und ohne die Zueignung. Diese findet sich aber im
Blackwood Magazine von 1820, aber so verstümmelt, mit solcher
Hintansetzung aller Goetheschen Züge, daß man sie kaum wieder
erkennt. Das leise Heraufschweben, das langsame Erkennen
und liebevolle Verstehen, das deutlichere Hervortreten der Klage,
das Hinsehnen in jene entschwundene Zeit, bis sie auf einmal
Gegenwart wird und das sehnende Herz zur Ruhe kommt: diese
feine psychologische und künstlerisch so wundervoll veran-
schaulichte Entwicklung geht unter in dem Gefühlsdusel des
Bearbeiters. Hoffen wir, daß Anster im richtigen Gefühl seiner
Unzulänglichkeit den jugendlichen Versuch des Neudruckes un-
40
würdig hielt und ihn darum in seiner ersten vollständigen Aus-
gabe unterdrückte. —
Die Vergleichung der Szenen in Blackwood's Magazine mit
den betreffenden der Ausgabe von 1889 zeigt, daß sie im großen
Ganzen herübergenommen wurden, doch sind vorkommende Miß-
verständnisse gehoben und starke poetische Mängel bedeutend
verbessert. Die Erweiterungen dehnt Anster häufig noch mehr
aus als in seinen ersten Versuchen. In den Zitaten folge ich
der Ausgabe von 1903, weil sie poetisch etwas höher steht als
die von 1889.
In Metrum und Reim gestattet sich Anster völlige
Freiheit, der Blankvers herrscht vor, doch wendet er auch
andere Versmaße und den Reim an. Neben der Zueignung sind
mehrere Verse weggelassen: 1173 zweite Hälfte, 2901, 3170,
3328, 3331—37, 3339—41. Ebenso fehlen eine Anzahl Bühnen-
anweisungen.
Ansters Übersetzung beginnt also mit dem Vorspiel auf
dem Theater. Er dichtet da oft nach eigenem Gutdünken hinzu,
ohne sich an die weise Kürze und Prägnanz des Originals zu
halten. Ich will nur drei Stellen herausgreifen, die zeigen sollen,
wie frei er es behandelt. Im Sehnen des Dichters nach Ab-
geschiedenheit sind nicht nur die Bilder aufgegeben, es fehlt
auch das feierliche Pathos:
59 Oh, teil me not of the tumultuous
crowd,
My powers desert me in the noisy
throng:
Hide, hide me from the multitude
whose loud
And dizzy whirl would hurry me
along,
Against my will; and lead me to
some lone
And silent vale — some scene in fairy-
land,
65 There only will the poet's heart ex-
pand,
Surrendered to the impulses of song,
Lost in delicious visions of its own,
Where Love and Friendship o'er the
heart at rest
Watch through the flowing hours, and
we are blest!
sprich mir nicht von jener bunten
bunten Menge,
Bei deren Anblick uns der Geist ent-
flieht.
Verhülle mir das wogende Gedränge,
Das wider Willen uns zum Strudel
zieht.
Nein, führe mich zur stillen Himmels-
enge,
Wo nur dem Dichter reine Freude
blüht;
Wo Lieb' und Freundschaft unsres
Herzens Segen
Mit Grötterhand erschaffen und er-
pflegen.
41
Eine ähnliche Leere ist in dem schönen Bild, das der
Dichter von der entschwundenen Jugendzeit hinzaubert:
So gib mir auch die Zeiten wieder, 184
Da ich noch selbst im Werden war,
Da sich ein Quell gedrängter Lieder
Ununterbrochen neu gebar,
Da Nebel mir die Welt verhüllten,
Die Knospe Wunder noch versprach,
Da ich die tausend Blumen brach, 190
Die alle Täler reichlich füllten.
Ich hatte nichts und doch genug,
Den Drang nach Wahrheit und die
Lust am Trug.
Gib ungebändigt jene Triebe,
Das tiefe schmerzenvolle Glück, 195
Des Hasses Kraft, die Macht der
Liebe,
Gib meine Jugend mir zurück!
Give me, oh! give me back the days
When I — I too — was young —
And feit, as they now feel, each Coming
hour
New consciousness of power.
Oh happy, happy time, above all
praise !
Then thoughts on thoughts and crowd-
ing fancies sprung,
And found a language inunbidden lays ;
Unintermitted streams from fountains
ever flowing.
Then as I wander'd free,
In every field, for me
Its thousand flowers were blowing!
A veil through which I did not see,
A ihin veil o'er the world was thrown
In every bud a mystery;
Magic in everything unknown: —
The fields, the grove, the air was
haunted,
And all that age has disenchanted.
Yes! give me — give me back the
days of youth,
Poor, yet how rieh! — my glad in-
heritance
The inextinguishable love of truth,
While life's realities were all ro-
mance —
Give me, oh! give youth's passions
unconfined,
The rush of joy that feit almost like
pain,
Its hate, its love, its own tumultuous
mind; —
Give me my youth again!
Wie unruhig ist das Bild. Anster zeigt uns zuerst die
Blumen, dann fällt der Nebelschleier, wieder erscheinen die
Knospen, das Unbekannte dringt herein und wieder kommt das
Feld an die Reihe, so wirft er alles mosaikartig durcheinander.
Und die Tautologien, die Umschreibungen und Wiederholungen,
das kurze unfeierliche Verspaar zeigen so recht die Unkraft
des Übersetzers, der verschiedene Male ansetzen muß, um seinen
42
Gedanken Ausdruck zu geben. The inextinguishable love of
truth, the rush of joy that feit almost like pain sind ein arm-
seliger Ersatz für die wundervollen Goetheschen Schöpfungen.
Bloße Füllsel sind: as they now feel, And all that age has
disenchanted. Bei dem Wortschwall ist am Schluß natürlich
auch die herrliche Steigerung untergegangen. — Das Launige
liegt Anster besser, da spinnt er zuweilen geschickt aus, nur
sind die Anforderungen an die Geduld des Lesers etwas hoch:
75 Enough of this cold cant of future
ages,
And meu hereafter doting on your
pages;
To prattle thus of other times is
pleasant,
And all the while neglect our own,
the Present.
If on the unborn we squander our
exertion,
80 Who wiU supply the living with
diversion?
And, clamour as you authors may
abont it,
We want amusement, will not go
without it;
A fashionable gronp is no small
matter,
Methinks, a poet's yanity to flatter.
85 He who, profusely lavishing invention,
Pleases himself, need feel no ap-
prehension;
The crowd soon share the feelings of
the poet,
The praise he seeks they liberally
bestow it:
The more that come, the better for
the writer;
Each flash of wit is farther feit —
seema brighter,
And every little point appreciated,
By some one in the circle overrated,
All is above its value estimated:
Take courage then, — come — now
for a chef-d'oeuvre —
To make a name — to live, and live
for ever —
Wenn ich nur nichts von Nachwelt
hören sollte;
Gesetzt daß ich von Nachwelt reden
wollte,
Wer machte denn der Mitwelt Spaß?
Den will sie doch und soll ihn haben.
Die Gegenwart von einem braven
Knaben,
Ist, dächt' ich, immer auch schon
was.
Wer sich behaglich mitzuteilen weiß,
Den wird des Volkes Laune nicht
erbittern;
Er wünscht sich einen großen Kreis,
Um ihn gewisser zu erschüttern.
Drum seid nur brav und zeigt euch
musterhaft,
Laßt Phantasie, mit allen ihren
Chören,
Vernunft, Verstand, Empfindung,
Leidenschaft,
Doch, merkt euch wohl! nicht ohne
Narrheit hören!
43
Call Fancy up, with her attendant troop,
Eeason and Judgment, Passion, Melan-
choly,
Wit, Feeling, and be sure among the
group
Not to forget the little darling, Folly !
Die Ausgabe von 1903 hat für Lustige Person bald Mr.
Merryman, bald Friend, wahrscheinlich ein früheres Versehen,
die andere bleibt konsequent beim erstem. Im Prolog im Himmel
behält Anster die Bezeichnung „der Herr" bei. In der Hymne
hält er sich enger an sein Vorbild, zwar nur inhaltlich, in
der Ausführung fallen wieder die Wiederholungen auf, die von
Eeim und Metrum verursacht sind und zeigen, wie der Schüler
viele kleine Striche macht, wo der Meister mit einem genialen
Zug die gewollte Wirkung hervorbringt:
The sun, as in the ancient days,
'Mong sister stars in rival song,
His destined path observes, obeys,
And still in thunder rolls along,
New strength and füll beatitude
The angels gather from his sight,
Mysterious all — yet all is good,
All fair as at the birth of light!
Swift, unimaginably swift,
Soft spins the earth, and glories bright
Of mid-day Eden change and shift
To shades of deep and spectral night.
The vexed sea foams — waves leap
and moan.
And chide the rocks with insult hoarse,
And wave and rock are hnrried on,
And suns and stars in endless course.
And winds with winds mad war
maintain,
From sea to land from land to sea;
And heave round earth a living chain
Of interwoven agency. —
Guides of the bursting thunder-peal,
Fast lightnings flash with deadly ray,
While, Lord, with thee thy servants
feel
Calm effluence of abiding day.
Die Sonne tönt nach alter Weise 243
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre yorgeschriebne Heise
Vollendet sie mit Donnergang.
Ihr Anblick gibt den Engeln Stärke,
Wenn keiner sie ergründen mag;
Die unbegreiflich hohen Werke
Sind herrlich wie am ersten Tag. 250
Und schnell und unbegreiflich schnelle
Dreht sich umher der Erde Pracht;
Es wechselt Paradieseshelle
Mit tiefer schauervoller Nacht;
Es schäumt das Meer in breiten 255
Flüssen
Am tiefen Grund der Felsen auf,
Und Fels und Meer wird fortgerissen
In ewig schnellem Sphärenlauf.
Und Stürme brausen um die Wette,
Vom Meer aufs Land, vom Land aufs 260
Meer
Und bilden wütend eine Kette
Der tiefsten Wirkung rings umher.
Da flammt ein blitzendes Verheeren
Dem Pfade vor des Donnerschlags;
Doch, deine Boten, Herr, verehren
Das sanfte Wandeln deines Tags.
44
Einzelne Schönheiten zeigt diese Übersetzung der Hymne
allerdings, namentlich ist der klangliche Wohllaut bewahrt. So
tönt die volle Musik wieder in den Versen: And still in thunder
rolls along, — And winds with winds mad war maintain, —
Calm effluence of abiding day, und sehr schön ist die Wendung:
Soft spins the earth ... — Fast scheint es, als hätte Anster sich
hier zulange in Schranken halten müssen, denn die folgenden
freundlich ernsten Reden des Herrn werden durch lange Glossen
entstellt. Ein einziges Beispiel möge das zeigen:
-A
Ein guter Mensch in seinem dunklen
Drange
Ist sich des guten Weges wohl be-
wußt.
the light he
— and, if he
328 „A good man. clouded though his
senses be
By error, is no willing slave to it."
His consciousness of good will it
desert
The good man? — yea, even in his
darkest hours
Still does he war with Darkness and
the Powers
Of Darkness; — for
cannot see
Still round him feels
be not free,
Struggles against this stränge cap-
tivity.
Durch eine solche gemächliche Ausführung wird die Hoheit,
das Überirdische, wodurch Goethe den Herrn so fein zu allen
andern Personen kontrastiert, natürlich abgestreift. Diese im
Geklingel des Verses sich gefallende Manier ist der Hauptfehler
der Ansterschen Bearbeitung, die schönsten Stellen werden
damit verdorben. Die Schilderung von der Wechselwirkung der
Himmelskräfte, die bei Goethe ganz Bild und Ton ist, ist hier
ein leeres Spiel mit Worten:
447 Oh! how the spell before my sight
Brings nature's hidden ways to light:
See! all things with each other
blending —
Each to all its being lending —
All on each in turn depending —
Heavenly ministers descending
And again to heaven up-tending —
Floating, mingling, interweaving —
Kising, sinking, and receiving
Each from each, while each is giving
Wie alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem andern wirkt und lebt!
Wie Himmelskräfte auf und nieder
steigen
Und sich die goldnen Eimer reichen!
Mit segenduftenden Schwingen
Vom Himmel durch die Erde dringen,
Harmonisch all' das All durchklingen!
45
On to each, and each relieving
Each, the pails of gold, the living
Cnrreut through the air is heaving;
Breathing blessings, see them bendiug,
Balanced worlds from change defend-
While everywhere diffused is harmony
unending!
Nicht viel besser ist die lyrische Expansion des Erdgeistes,
wovon ich nur den Schluß gebe:
Hear the murmuring wheel of Time, So schaff ich am sausenden Webstuhl 508
unawed, der Zeit
As I weave the living mantle ofGod! Und wirke der Gottheit lebendiges
Kleid.
Ob sich Anster über das Füllsel „unawed" je Rechenschaft
abgelegt? wohl kaum. Durch Hear the murmuring wheel
erhält das Klangliche eine zu starke Betonung, während das
Schlußbild zusammenfassend doch nur die ewige Bewegung noch
einmal veranschaulicht. Eine arge Verzerrung hat der zweite
Monolog Fausts, seine Verzweiflung an der Wissenschaft, er-
fahren. Bei Goethe sind es 30 Verse fünf- und sechsfüßiger
Jamben voll Unmut und Schmerz, Anster braucht dazu 72 Verse
vierfüßiger Jamben, aus denen nur eine schlechte Laune spricht.
Die Phiole wird angerufen: Oh phial! — happy phial! — be
thou my friend — a true friend — faithful friend, und trotz
allem erfüllt sie diesen Faust nicht mit dichterischer Kraft.
Ein schiefes Bild hat sich dabei noch eingeschlichen:
The swell, that troubled the clear Des Geistes Flutstrom ebbet nach und 698
spring nach.
Of my vext spirit, ebbs away;
Besseres bietet Anster dagegen in der Übersetzung der
Eingangslyrik in der zweiten Studierzimmerszene:
O'er silent field and lonely lawn Verlassen hab' ich Feld und Auen, 1178
Her dusky mantle night has drawn; Die eine tiefe Nacht bedeckt, '
At twilight's holy heartfelt hour Mit ahnungsvollem heil'gen Grauen
In man his better soul hath power. In uns die bessre Seele weckt.
The passions are at peace within, Entschlafen sind nun wilde Triebe,
And still each stormy thought of sin. Mit jedem ungestümen Tun ;
The yielding bosom, overawed, Es reget sich die Menschenliebe,
Breathes love to man, and love to Die Liebe Gottes regt sich nun.
God! 1185
46
1194 When in our narrow cell each night,
The lone lamp sheds its friendly light,
Then from the bosom doubt and fear
Pass off like clouds, and leave it clear —
Then reason re-assumes her reign,
And hope begins to bloom again
And in the hush of outward strife
We seem to hear the streams of life.
And seek, alas! — in vain essay —
Its hidden fountain far away.
Ach, wenn in unsrer engen Zelle
Die Lampe freundlich wieder brennt,
Dann wird's in unsrem Busen helle,
Im Herzen, das sich selber kennt.
Vernunft fängt wieder an zu sprechen
Und Hoffnung wieder an zu blühn;
Man sehnt sich nach des Lebens Bächen.
Ach! nach des Lebens Quelle hin.
Wenn er hier auch nicht getreu folgt, so hat er wenigstens
die Stimmung festgehalten und steht trotz der Abschweifungen
dem Original näher als sonst. In der ganzen Übertragung gibt
es kaum eine Seite, die nicht neben den Goetheschen Gedanken
auch Anstersche zeigte, die meistens langatmige Erweiterungen und
Umschreibungen oder auch verdünnte Wiederholungen sind. Die
Wirkung vom Zeichen des Erdgeistes ist ganz gut erzählt, aber
allzusehr in die Länge gezogen. Bei der Verwandlung des Pudels
liebt es Anster, in seiner Weise dem Original ausschmückend
nachzuhelfen. Im Einschläferungslied vermag er Goethes Flug
im Anfang noch mühsam zu folgen, dann aber bleibt er zurück
und schmiedet eigene Verse, in denen das hervortretend Bild-
mäßige verschwindet, die Musik verstummt; eine Coda in vier-
hebigen trochäischen Reimpaaren mit dem gewohnten Wort-
reichtum bildet den Schluß. Für die Ökonomie des Goetheschen
Ausdrucks hat er eben nicht das geringste Verständnis, er
braucht eine ganze Wortflut, wo sich das Original durch knappe
Kürze auszeichnet:
1699 If ever time should flow so calmly on, Werd' ich zum Augenblicke sagen :
Soothing my spirits into such oblivion,
That in the pleasant trance I would
arrest,
And hail the happy moment in its
course,
Bidding it linger with me — „Oh,
how fair
Art thou delicious moment!" —
„Happy days,
Why will ye flee?" — „Fair visions!
yet a little
Abide with me, and bless me, — fly
not yet, u
Or words like these — then . . .
Verweile doch! du bist so schön!
47
Ebenso Schlimmes leistet Anster in der Walpurgisnacht.
Da dehnt er die dritte und vierte Strophe des Wechselgesangs
fast auf die doppelte Länge aus. Für die herrliche Schilderung
Mephistos vom Sturm, wo jedes Wort durch den Ton wirkt, wo
die Onomatopöie das Bild fast ganz zurückdrängt, so dafs die
Gewalt der Sturmnacht umso kräftiger zum Ausdruck kommt,
gibt Anster eine Reihe von Bildern und scheint zu vergessen,
daß die beiden von Finsternis umhüllt sind, und daß ihr Auge
nichts zu unterscheiden vermag. Wieder ist es die Freude über
das leichte Dahinfließen seiner Verse, die ihn auf Abwege
geführt hat Aus diesem Grunde kommen auch viele Miß-
verständnisse vor:
Hither from my distant sphere Du hast mich mächtig angezogen, 483
Thou hast compelled me to appear; An meiner Sphäre lang gesogen,
Fausts Glaube an die Natur, daß sie ihn gesund machen
könne, wird verneint:
I ask a solace thon dost not impart: Ihr quellt, ihr tränkt, und schmacht' 459
The food I hunger for thou dost not ich so vergebens?
give!
Es widerspricht dem eigentlichen Zweck des Einschläf erungs-
liedes, wenn Mephisto sagt:
. . . still in illusion steep Versenkt ihn in ein Meer des Wahns; 1511
His fancy! — hover round and round
him yet,
Haply dreaming that I am
Prisoner of the pentagram!
Die absichtlich ungenaue Bestimmung wird durch eine
genaue ersetzt:
'Twixt the time she comes and goes, Solang wir uns die Pfoten wärmen. 2385
We can scarcely warm our toes.
Mißverstanden ist die Anwendung der 3. pers. sing, als
Anrede:
Martha (aside) To know what brings Was bringt er denn? Verlange sehr — 2913
him, I am dying.
48
Von geringer Einfühlung in Mephistos Charakter zeugt:
3286 To pierce into the marrow of the Der Erde Mark mit Ahnungsdrang
earth durchwühlen,
In a fooVs fancies —
Mißverstanden sind ferner:
3713 the cry of murder ... ein mörderlich Geschrei.
4427 Savage, Henker
hier macht Anster denselben Fehler wie das anonyme Fragment
von 1821. Er faßt Henker als Schimpfwort auf, und so fällt
das Schreckliche dahin, daß Gretchen den Geliebten für den
Henker ansieht.
Auch gangbare Redensarten und Anspielungen sind nicht
immer richtig erfaßt; z. B.:
2954 ... the trifte Und fand, daß er weit mehr noch auf
Due at the wineshop is due yet — der Zeche hätte.
2962 . . . but out Er fabelte . . .
The truth has come and leaves no
doubt.
He lied.
4307 What merry groups are crowding Seht! wie sie in gedrängter Schar
there!
Up to every frolic started Naiv zusammen scherzen.
And when they're gone — I won't Am Ende sagen sie noch gar,
say where —
We call them foolish, but good-hearted. Sie hätten gute Herzen.
4315 Come follow me through smooth and Mit rechten Leuten wird man was.
rough:
Cling close — there's little need of Komm, fasse meinen Zipfel!
ceremony.
Das Intermezzo hat mehrere solcher unverstandener Pointen;
im übrigen ist es genauer übertragen als die andern Teile.
Auch die Charaktere sind zum Teil verzeichnet. Wagner
ist nicht so ideal gesinnt, wie Anster ihn darstellt:
1013 Oh, happy he who thus to Heaven glücklich, wer von seinen Gaben
Can render back the talents given! Solch einen Vorteil ziehen kann.
Am meisten ist aber Fausts Charakter entstellt. Im
Monolog in Gretchens Zimmer, der nur ein schwacher Abglanz
49
von der herrlichen Lyrik Goethes ist, kommt der Umschwung in
Fausts Empfinden nicht genügend zum Ausdruck. Vom Zauber-
duft, der ihn umgibt, vom Liebestraum, in den er zerfließt,
erfahren wir nichts:
Bat thou accursed, what art thou?
What brings thee to her Chamber now?
Alas! I tremble but to think
And feel my heart within me shrink.
Poor Faust! has some magic cloud
Befooled thine eyes? thy reason
bowed?
Else why this burning passion stränge?
And why to love this sudden change?
Und du, was hat dich hergeführt? 2717
Wie innig fühl 7 ich mich gerührt!
Was willst du hier? Was wird das
Herz dir schwer?
Armserger Faust! ich kenne dich nicht 2720
mehr.
Umgibt mich hier ein Zauberduft?
Mich drang's so grade zu genießen,
Und fühle mich in Liebestraum zer-
fließen!
Natürlich erwacht so auch nicht sein Gewissen:
. . . how would the boaster shrink
Into the coward! at her feet
In what confusion sink!
Wie würdest du für deinen Frevel 2726
büßen!
Der große Hans, ach, wie so klein,
Lag', hingeschmolzen, ihr zu Füßen.
Und doch ist diese Fassung der Szene bedeutend besser
als die ältere, wo Faust erst recht als sinnlicher Freier erscheint.
Er ruft da:
In this mad moment what art thou?
These softenings of the heart! and
then
This rage of wild desire again!
Vor dem Kerker, wo er ja die ganze Qual Gretchens mit-
fühlt, ist Faust bei Anster ein herzloser Egoist, der nur sich
selbst bejammert:
'Tis many a day since I have trembled
thus.
Misery on misery heaped — a heavy
bürden,
More than man can endure, has
weighed me down.
Mich faßt ein längst entwöhnter 4405
Schauer,
Der Menschheit ganzer Jammer faßt
mich an.
Bei Gretchen sind einige feine Züge der Charakterisierung
nicht beachtet. Die Verlegenheit, die Goethe so hübsch andeutet,
ist dem schlagfertigen Worte gewichen in:
Time long enough 't will be tili then. Ach nein, das geht jetzt noch nicht an. 2945
Baum Ann, Engl. Übersetzungen r. Goethes Faust. 4
50
Und gerade da, wo Goethe die Ausrufe und Fragen häuft,
wenn Gretchen das Kästchen findet, hält Anster, wieder zum
Nachteil der Zeichnung, mit seinem Redestrom zurück und gibt
einen formellen steifen Bericht. Doch nicht nur hier, auch in
den beiden Gartenszenen fehlt Gretchen die Natürlichkeit. Noch
schwerwiegender aber ist es, wenn er den reinen Ton der Ent-
schuldigung trübt und sie sagen läßt:
3585 But could I — who coiüd — have Doch aUes was mich dazu trieb,
resisted here?
All was so good! all was so very dear! Gott! war so gut! ach war so lieb!
Ein Schatten fällt auch auf Gretchen, weil das Lied, das
sie singt, nicht mehr ein Lied der Gattentreue ist:
2759 There was a king in Thule Es war ein König in Thule
And he loved an himble maid; Gar treu bis an das Grab,
And she who loved him truly, + Dem sterbend seine Buhle
When she came to her death-bed, Einen goldnen Becher gab.
Schon diese kurze Probe zeigt, daß Anster der Poesie
und Innigkeit dieser großen Einfachheit nicht gewachsen ist, er
gibt uns nur gereimte Prosa und ruft durch eine Übertreibung
unfreiwillige Komik hervor:
2765 And ever, as he drank of it, Die Augen gingen ihm über,
Tears dimmed his flomng eyes. So oft er trank daraus.
Es finden sich noch zwei solche Stellen:
2055 — What with my long beard? Allein bei meinem langen Bart
How shall I trim it into decent shape? Fehlt mir die rechte Lebensart.
2528 There's nothing you can give that is Erweiterung zu: dem es gedeihen soll.
Too strong for such a stomach as his.
Bei einem Bearbeiter, dessen Verse eilig dahinfließen, ohne
viel innern Gehalt mitzuführen, ist es zu begreifen, daß Farb-
losigkeiten und Plattheiten recht oft mit unterlaufen. Ich greife
nur wenige heraus:
2699 . . . perhaps beside this seat Vielleicht hat, dankbar für den heil'gen
I weU can fancy it — a happy child — Christ,
Even now she scarce is more — at Mein Liebchen hier, ...
Christmas eve . . .
2693 In low estate what more than riches In dieser Armut welche Fülle!
are.
51
And this poor cell, how very, very
happy.
Everywhere round the hand beloved
I trace
That makes a paradise of any place.
In diesem Kerker welche Seligkeit!
liebe Hand! so göttergleich!
Die Hütte wird durch dich ein Himmel-
reich.
2707
Solche Trivialitäten, wo lauter Poesie sein sollte!
And over us, with constant kindly Und steigen freundlich blickend
smile,
The sleepless stars keep everlasting Ewige Sterne nicht herauf?
watch!
QAAA
Gretchens Gebet ist aus demselben Grunde größtenteils
mißlungen. Im Lied am Spinnrad aber ist die Stimmung schön
getroffen, es schließt sich wohl enger an das Original an als alles
bis dahin Gebotene. Trotz einiger Ungleichheiten gehört es zum
Besten, was Anster leistet. Sogar die Bewegung im Versmaß
der Eefrainstrophe sucht er festzuhalten, wo er im 2. Vers den
Anapäst anwendet. (Goethe hat ihn im ersten.)
My peace is gone, Meine Buh ist hin,
And my heart is sore: Mein Herz ist schwer;
I have lost Mm, and lost htm Ich linde sie nimmer
For evermore! Und nimmermehr.
The place, where he is not,
To me is the tomb,
The world is sadness,
And sorrow and gloom!
My poor sick brain
Is crazed with pain,
And my poor sick heart
Is torn in twain!
My peace is gone,
And my heart is sore:
For lost is my love
For evermore!
From the window for him
My heavy eyes roam;
To seek him all lonely
I wander from home.
His noble form,
His bearing high,
The smiles of his lip,
And the power of his eye;
Wo ich ihn nicht hab'
Ist mir das Grab,
Die ganze Welt
Ist mir vergällt.
Mein armer Kopf
Ist mir verrückt,
Mein armer Sinn
Ist mir zerstückt.
Meine Buh ist hin,
Mein Herz ist schwer;
Ich finde sie nimmer
Und nimmermehr.
Nach ihm nur schau' ich
Zum Fenster hinaus,
Nach ihm nur geh' ich
Aus dem Haus.
Sein hoher Gang,
Sein' edle Gestalt,
Seines Mundes Lächeln,
Seiner Augen Gewalt,
3374
33SQ
3385
3390
3395
4*
52
And the magic tone
Of that Voice of his,
3400 His hands' soft pressure,
And oh! his kiss!
My peace is gone,
And my heart is sore;
I have lost him, and lost him
3405 For evermore!
Far wanders my heart
To feel him near,
Oh! could I clasp him,
And hold him here!
3410 Hold him and kiss him,
Oh! I could die!
To feed on his kisses,
How willingly!
Und seiner Rede
Zauberfluß,
Sein Händedruck,
Und ach, sein Kuß!
Meine Buh ist hin,
Mein Herz ist schwer;
Ich finde sie nimmer
Und nimmermehr.
Mein Busen drängt
Sich nach ihm hin.
Ach dürft' ich fassen
Und halten ihn,
Und küssen ihn
So wie ich wollt',
An seinen Küssen
Vergehen sollt'!
Die inkongruenten Stellen scheinen mir zu sein: The place,
where . . ., was prosaisch klingt; My heavy eyes ist kein schönes
Bild. Durch die Abänderung der Refrainstrophe kommt ein
zweites Motiv, die Klage der Verlassenen, herein, dadurch wird
die künstlerische Einheit zerstört. — Die Domszene ist auch
größtenteils gelungen, Anster hat sich da bemüht, die schönen
Bilder zu bewahren. — Besonders glücklich ist er in der Wieder-
gabe charakteristischer Epitheta und poetischer Wendungen in
der Jugenderinnerung:
771 Oh! once in boyhood's happy time the Sonst stürzte sich der Himmelsliebe
love of Heaven Kuß
Game down upon me, with mysterious Auf mich herab in ernster Sabbath-
kiss stille;
Hallowing the stillness of the Sabbath-
day!
Solche Schönheiten gehören aber zu den Seltenheiten. Das
letzte Wort Gretchens ist bezeichnend für die ganze Arbeit
Sie sagt da: „Henry, I fear to look at thee!" so oberflächlich,
rein äußerlich ist im ganzen Ansters Auffassung. Er geht nicht
in die Tiefe, übt keine Selbstzucht und keine Selbstkritik,
sondern dichtet da weiter, wo es ihn dazu treibt, und leider
ist das fast immer der Fall. —
So ist Ansters Arbeit eine Nachdichtung, die viel zuwenig
die Größe und Schönheit des Originals wahrt. Ihr Hauptmangel
53
aber liegt in der Entstellung der Charaktere von Faust und
Gretchen; jener erscheint als kalter Egoist, dieser fehlt die
Innerlichkeit und Unberührtheit.
3. Die Martinsche Übersetzung.
Faust, a dramatic poem by Goethe. Translated into
English verse by Theodore Martin. Edinburgh und
London. W. Blackwood and Sons 1865.
Sir Theodore Martin ist der Übersetzer von Goetheschen
Gedichten und Balladen, er übertrug auch Dantes Vita Nuova,
Horaz, Heines Gedichte und Schillers Lied von der Glocke.
Einzelne Partien aus Faust enthielten seine „Poems original
and translated", die er 1863 for private circulation hatte drucken
lassen. 1886 kam seine Übertragung des IL Teils von „Faust"
heraus und 1896 die der sechs ersten Bücher der Äneide.
Ich folge in meiner Besprechung der 9. Auflage seiner
Faustübersetzung aus dem Jahre 1887. Sie ist ohne Einleitung
und Anmerkungen.
Es lassen sich bei ihm zwei Arten der Behandlung unter-
scheiden, bald überträgt er frei, namentlich in den humoristischen
Partien, die er gerne stärker hervortreten läßt, bald folgt er
seinem Vorbild getreuer. Doch lassen sich diese beiden Arten
der Ausführung nicht streng auseinanderhalten. Nach dieser
Seite hin ist also Martins Übersetzung eine Mischung, ebenso
nach einer andern Eichtung: sie weist Stellen von großer Grazie
und wirklicher Schönheit auf neben solchen, bei denen man
kaum begreift, daß sie aus derselben Feder geflossen sind, so
Banales wird uns da geboten.
Martin unterscheidet 5 Akte. Der I. umfaßt vier Szenen
und schließt mit Mephistos Entrinnen, der IL hat drei Szenen,
die Hexenküche ist die letzte. Im ni. sind neun Szenen, die
Verabredung auf die Nacht macht den Schluß. Der IV. hat
fünf Szenen und schließt mit dem Intermezzo, dem V. fallen
noch die drei letzten Szenen zu.
Im Texte hat Martin zwei Verse ausfallen lassen 650/51.
Auch bei ihm fehlen einige Bühnenanweisungen, am wenigsten
kann man die verschmerzen, wo Goethe so impulsiv seine warme
Anteilnahme an Gretchen zeigt: in der Liebesszene (Das letzte
54
Blatt ausrupfend, mit holder Freude). Es ist wohl ein Druck-
fehler, wenn am Schluß dieser Szene Gretchens Worte Faust
zugeschrieben werden: 3210. Eine Bühnenanweisung scheint
mißverstanden zu sein:
521 Faust turns away impatiently. Faust wendet sich unwillig.
Die meisten Mißverständnisse lassen sich auf Hayward zu-
rückführen, d. h. indirekt, denn Martin ist von der Swanwickschen
Übersetzung ziemlich stark beeinflußt. Er zeigt dieselbe un-
richtige Auffassung in:
121 Your poet-dreams, your soarings high, Was träumet ihr auf eurer Dichter-
Oh, they were there appropriate very! höhe?
Zounds, do you fancy, these will ever Was macht ein volles Haus euch froh?
draw
A bumper house, or make it merry?
Recht komisch ist die Auslegung von:
1034 My father was a good man, not too Mein Vater war ein dunkler Ehren-
bright, mann,
Viele Übersetzer haben Wagners Witz nicht verstanden,
Martin gehört auch zu ihnen:
1176 The students, sir, have taught him Ja, deine Gunst verdient er ganz und
all these pranks, gar,
Which he has shown much aptitude Er, der Studenten trefflicher Scolar.
to learn.
Wie Anster versteht er die volkstümliche Eedensart nicht in:
2954 And found , that , what with drink Und fand, daß er weit mehr noch auf
and spending, der Zeche hätte.
He had run up a great deal more,
Than he had thought for, on his score.
Mißverständnisse sind ferner:
3084 Mother's too niggardly Die Mutter ist gar zu genau.
3935 Even now his boisterous guests are Ich spüre schon die ungestümen Gäste.
near.
als wären die Hexen Mammons Gäste.
55
Die Konstruktion ist mißverstanden in:
Dielst prattle prayers, that were
Half childish playfulness,
Gebete lalltest,
Halb Kinderspiele,
In einer freiem Übertragung liegen Ungenauigkeiten in
der Natur der Sache, sie sind aber tadelnswert, sobald sie aus
dem Rahmen der Dichtung herausfallen. So ist der Vergleich
geschmacklos und unpassend in:
One, with a passionate love that never Die eine hält, in derber Liebeslust,
tires,
Cleaves as with cramps of steel to Sich an die Welt mit klammernden
things of earth, Organen;
Auf dieselbe Weise verliert das Pathos des Dichters im
Vorspiel auf dem Theater die Wirkung, und durch ein einziges
übelgewähltes Epitheton wird das Wesen des Dichters verändert.
Er, der sich eben noch aus dem Treiben und Eilen der Alltags-
welt herausgesehnt, sagt jetzt:
When swiftly sped the happy hours,
As, roaming Itke a summer getie,
I plncked at will the thousand flowers,
That blossomed thick through every vale.
Da ich die tausend Blumen brach,
Die alle Täler reichlich füllten.
Die Unendlichkeit des Raumes und des Gedankens, die
in der Hymne liegt, ist verengert, sie ist mit dem Original ver-
glichen nur noch ein menschlicher Lobgesang:
The sun in chorus, as of old,
With brother spheres is sounding still,
And, on its thunderous orbit rolled,
Does its appointed course fulfil.
The angels, as they gaze, grow strong,
Though fathom it they never may;
These works sublime, tmtouched by
torong,
Are bright as on the primal day.
And swift, beyond coneeiving swift,
The earth is wheeling onward; mark!
From dark to Ught its surface shift,
From brightest Ught to deepest dark!
In foam the sea's broad billows leap,
And lash the rocks with giant force,
And rock and biUow onward sweep
With sun and stars in endless course.
Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Eeise
Vollendet sie mit Donnergang.
Ihr Anblick gibt den Engeln Stärke,
Wenn keiner sie ergründen mag;
Die unbegreiflich hohen Werke
Sind herrlich wie am ersten Tag.
3780
1114
190
245
250
Und schnell und unbegreiflich schnelle
Dreht sich umher der Erde Pracht;
Es wechselt Paradieseshelle
Mit tiefer schauervoller Nacht;
Es schäumt das Meer in breiten Flüssen 255
Am tiefen Grund der Felsen auf,
lind Fels und Meer wird fortgerissen
In ewig schnellem Sphärenlauf.
56
And battling storms are raging high
260 From shore to sea, from sea to shore,
And radiate currents, as they fly,
That quicken earth through every pore.
There, blasting lightnings scatter fear,
And thnnders peal ; but here they lay
265 Their terrors down, and, Lord revere
The gentle going of Thy day.
Und Stürme brausen um die Wette,
Vom Meer aufs Land, vom Land aufs
Meer,
Und bilden wütend eine Kette
Der tiefeten Wirkung rings umher.
Da flammt ein blitzendes Verheeren
Dem Pfade vor des Donnerschlags;
Doch deine Boten, Herr, verehren,
Das sanfte Wandeln deines Tags.
Wie er hier stellenweise frei und matt übertragen hat, so
nivelliert er auch im folgenden Dialog zwischen dem Herrn
und Mephistopheles, wodurch die bei aller Menschlichkeit un-
erreichbare Hoheit des Herrn nicht genügend hervortritt. Martin
erweitert hier sehr, weil er umschreiben muß, was Goethe in wenig
Worten von unvergleichlicher Schönheit und Bedeutung sagt:
324 . . . From the source, where he
His being had, this spirit turn aside,
Zieh diesen Geist von seinem UrqueU
ab,
And lead him, if thou'rt able, down Und führ ihn, kannst du ihn erfassen,
with thee,
Along thy way, that pleasant is and Auf deinem Wege mit herab,
wide;
340 Who may on man's activity rely? Des Menschen Tätigkeit kann allzu-
Into indulgent ease 't is apt to fall. leicht erschlaffen,
344 But, ye true sons of heaven, rejoice
to share
The wealth exuberant of all thafs
fair,
Which lives, and has its being every-
where!
And the creative essence which sur-
rounds,
And lives aU-wheres, and worketh
evermore,
Encompass you within love's gracious
bounds ;
And all the world of things, which
flit before
The gaze in seeming fitful and obscure,
Do ye in lasting thoughts embody and
secure !
Sowenig wie im Herrn ist im Erdgeist das aus einer andern
Welt Stammende im Ausdruck charakterisiert:
Doch ihr, die echten Göttersöhne,
Erfreut euch der lebendig reichen
Schöne!
Das Werdende, das ewig wirkt und
lebt,
Umfaß' euch mit der Liebe holden
Schranken,
Und was in schwankender Erscheinung
schwebt,
Befestiget mit dauernden Gedanken.
57
By potent art thou'st dragged me here; Du hast mich mächtig angezogen, 483
To view me were thy prayer and
choice
To see my face, to hear my voice.
Well! by thy potent prayer won o'er,
I come. And thou, that wouldst be
more
Than mortal, having thy behest,
Art with a craven fear possessed!
Where is thy pride of soul?
Du flehst eratmend mich zu schauen, 486
Meine Stimme zu hören, mein Antlitz
zu sehn;
Mich neigt dein mächtig Seelenflehn,
Da bin ich! Welch erbärmlich Grauen
Faßt Übermenschen dich! Wo ist der 490
Seele Ruf?
Who stormed my haunts, and would Der sich an mich mit allen Kräften 495
not be denied? drang?
Auf diese Art entstellt Martin oft die schönsten Partien
des Werkes und verdirbt sonst würdig übersetzte Stellen; vor
den Anforderungen des leicht fließenden natürlichen Verses tritt
das ästhetische Urteil zurück. Jene andachtsvolle Nachtstimmung
am Eingang der zweiten Studierzimmerszene leidet an prosa-
ischen Umschreibungen und einem unpassenden Bild. Statt der
schönen Lyrik in Fausts Monolog in Gretchens Zimmer gibt
uns der Übersetzer eine wenig gefühlte Äußerung der Gedanken
Fausts und endigt mit sentimentaler Schwärmerei:
Welcome, thou twilight glimmer
sweet,
Throughout this sanctuary shed!
Oh, love's delicious pain that art
By dews of hope sustained and fed,
Take absolute possession of my heart!
How, all around, there breathes a sense
Of calm, of order and content!
What plenty in this indigence!
In this low cell what ravtshmentl
Willkommen süßer Dämmerschein! 2687
Der du dies Heiligtum durchwebst.
Ergreif mein Herz, du süße Liebes-
pein!
Die du vom Tau der Hoffnung
schmachtend lebst.
Wie atmet rings Gefühl der Stille,
Der Ordnung, der Zufriedenheit!
In dieser Armut welche Fülle!
In diesem Kerker welche Seligkeit!
And thou! What brings thee hither? I
Am stirred with stränge emotion. Why ?
What wouldst thou here? What
weight so sore
Is this that presses on thy heart?
hapless Faust, so changed thou art,
1 know thee now no more, no morel
Und du! Was hat dich hergeführt?
Wie innig fühl' ich mich gerührt!
Was willst du hier? Was wird das
Herz dir schwer?
Armseliger Faust! ich kenne dich
nicht mehr.
2690
2717
2720
58
Das sind aber nicht die einzigen Gewalttaten; von den
schönen Bildern, die Gretchen in all ihrer Lieblichkeit vor uns
zaubern, ist eines verwischt, das andere verunglückt; überdies
stört noch die klangliche Härte:
2700 Here did my love perhaps with grate-
ful breast
For gifts the holy Christchild brought
her, stand,
Her chubby childish cheeks devoutly
pressed
Against her aged grandsire's withered
hand.
Vielleicht hat, dankbar für den heil'gen
Christ,
Mein Liebchen hier, mit vollen Kinder-
wangen,
Dem Ahnherrn fromm die welke Hand
geküßt.
2713 Here lay the child, its gentle breast
Filled with warm life; and, hour by
hour,
The bud, by hands divine caressed,
Expanded to the perfect flower!
Hier lag das Kind! mit warmem
Leben
Den zarten Busen angefüllt,
Und hier mit heilig reinem Weben
Entwirkte sich das Götterbild!
Die Ballade vom König in Thule ist eine traurige Ver-
stümmelung, leere Tautologien, Gemeinplätze und andere Ge-
schmacklosigkeiten machen sie zum Bänkelsängerlied. Ich greife
3 Strophen heraus:
2759 In Thule dwelt a King, and he
Was leal unto the grave;
A cup to him of the red, red gold
His leman dying gave.
2771 He sat and feasted at ihe board,
His knights around his knee
Within the palace of his sires,
Hard by the roaring sea.
2775 Then up he rose, that toper old,
A long last breath he drew,
And down the cup he loved so well
Into the ocean threw.
Es war ein König in Thule
Gar treu bis an das Grab,
Dem sterbend seine Buhle
Einen goldnen Becher gab.
Er saß beim Königsmahle,
Die Ritter um ihn her,
Auf hohem Vätersaale,
Dort auf dem Schloß am Meer.
Dort stand der alte Zecher,
Trank letzte Lebensglut,
Und warf den heiligen Becher
Hinunter in die Flut.
Martin hat damit die denkbar schlechteste Übertragung
gegeben r hier liegt der Hauptmangel seiner Arbeit, vor und
nachher hat er nie so gänzlich, fehlgegriffen und sowenig
künstlerischen Takt gezeigt. — Bedeutend besser ist Gretchens
Lied am Spinnrad, wenn es auch nicht mit denselben einfachen
Mitteln wirkt und den Eindruck der tiefen, wahren Empfindung
59
durch einen trivialen Schluß verdirbt. Das Gebet zeigt anfangs
das mühsame Ringen mit der Form und ist da unschön und
unklar, erst wo Gretchens eigener Herzensjammer hervorbricht,
findet er den einfachen, gefühlten Ausdruck:
Still wheresoe'er I go,
What woe, what woe, what woe
Is in my bosom aching!
When to my room I creep,
I weep, I weep, I weep;
My heart is breaking.
The bow-pota at my window
I with my tears bedewed,
When over them at morn, to pluck
These flowers for thee, I stood.
Wohin ich immer gehe, 3602
Wie weh, wie weh, wie wehe
Wird mir im Busen hier!
Ich bin, ach, kaum alleine,
Ich wein', ich wein', ich weine,
Das Herz zerbricht in mir.
Die Scherben vor meinem Fenster
Betaut' ich mit Tränen, ach!
Als ich am frühen Morgen 3610
Dir diese Blumen brach.
Die Zueignung ist genau übertragen, doch fehlt ihr die
Männlichkeit, sie ist zu weich. Am besten sind die beiden
letzten Strophen, die in ihrer Schönheit das Original würdig
wiedergeben. Ich führe sie ganz an:
Alas, alas! These strains they cannot
hear,
The souls to whom my earliest lays
I sang;
Gone is that loving band of friends
so dear,
The echoes hushed, that once responsive
rang;
My numbers fall upon the stranger's
ear,
Whose very praise is to*my heart a
pang,
And aU who in my lays took pride
of yore,
Are lost in other lands, or eise no
more.
Sie hören nicht die folgenden Gesänge, 17
Die Seelen, denen ich die ersten sang ;
Zerstoben ist das freundliche Ge-
dränge,
Verklungen, ach! der erste Wider- 20
klang.
Mein Leid ertönt der unbekannten
Menge,
Ihr Beifall selbst macht meinem
Herzen bang,
Und was sich sonst an meinem Lied
erfreuet,
Wenn es noch lebt, irrt in der Welt
zerstreuet.
And yearnings fill my soul, unwonted
long,
To yonder still, sad, spirit-world to go ;
Now, like Aeolian harp, my faltering
song
Bises and falls in fitful cadence low;
Und mich ergreift ein längst ent- 25
wöhntes Sehnen
Nach jenem stillen ernsten Geister-
reich,
Es schwebet nun in unbestimmten
Tönen
Mein lispelnd Lied, der Aeolsharfe
gleich,
60
A shudder thrills me, as old memories
throng,
30 The strong heart melts, tears fast on
tear-drops flow
What still is mine seems far, far off
to be,
And what has vanished lives anew
for me.
Ein Schauer faßt mich, Träne folgt
den Tränen,
Das strenge Herz es fühlt sich mild
und weich;
Was ich besitze, seh' ich wie im
Weiten,
Und was verschwand, wird mir zu
Wirklichkeiten.
Schön und getreu ist die Wiedergabe in:
432 Youth's ecstasy divine, I feel it rushing,
Like quickening fire, through every
nerve and vein!
Was it a god who chronicled these
signs,
Which all the war within me still,
435 The aching heart with sweetness fill,
And to mine eyes, in clearest lines,
Unveil all Nature's powers as with a
mystic thrill?
Am I a god? All grows so bright.
440 In these pure outlines I behold
Nature at work before my soulunrolled.
Ich fühle junges heil'ges Lebensglück
Neuglühend mir durch Nerv 7 und
Adern rinnen.
War es ein Gott, der diese Zeichen
schrieb,
Die mir das innre Toben stillen,
Das arme Herz mit Freude füllen,
Und mit geheimnisvollem Trieb,
Die Kräfte der Natur rings um mich
her enthüllen?
Bin ich ein Gott? Mir wird so licht!
Ich schau' in diesen reinen Zügen
Die wirkende Natur vor meiner Seele
liegen.
Im 2. Monolog, der anfänglich etwas stark paraplirasiert
ist und durch kalte verstandesmäßige Einwürfe den Eindruck
des Wiederdurchlebens verwischt, wächst Martin in der Lyrik
an die Phiole fast zur Höhe seines Vorbildes empor und bringt
das Reifen des Entschlusses zum Selbstmord schön hervor:
706 This life sublime, this godlike rap-
turous thrill,
Can these by thee, a worm but now,
be won?
Yes, so thou turn with a resolved
wül
Thy back on earth, and on its kindly
sun!
710 The gates, most men would slink
like cravens by,
Dare thou to burst asunder! Lo, the
hour
Is here at band by deeds to testify,
Man's worth can front the gods in
all their power;
Dies hohe Leben, diese Götter wonne!
Du, erst noch Wurm, und die ver-
dienest du?
Ja, kehre nur der holden Erdensonne
Entschlossen deinen Bücken zu!
Vermesse dich, die Pforten aufzu-
reißen,
Vor denen jeder gern vorüber schleicht.
Hier ist es Zeit durch Taten zu be-
weisen,
Daß Manneswürde nicht der Götter-
höhe weicht,
61
To gaze unblenching on that murky
pit,
Where f ancy weaves herseif an endless
doom,
To Storni that pass, whose narrow
gorge is lit
By hell-fires flickering through the
ghastly gloom;
Serene, although the risk before thee
Into blank nothingness to melt away!
Vor jener dunkeln Höhle nicht zu
beben,
In der sich Phantasie zu eigner Qual 715
verdammt,
Nach jenem Durchgang hinzustreben,
Um dessen Mund die ganze Hölle
flammt;
Zu diesem Schritt sich heiter zu ent-
schließen
Und war' es mit Gefahr, ins Nichts
dahinzufließen.
Das Ende der Szene ist würdig, und ziemlich genau über-
tragen, ebenso der Osterspaziergang. Das Einschläferungslied
ist frei behandelt und stark erweitert, weil eingehender auf den
dahingleitenden Bildern verweilt wird, es ist voll Anmut und
Leichtigkeit. Einige Stellen mögen zeigen, wie graziös die Verse
hier spielen:
And birds of all f eather,
Pure rapture inhaling,
Sunwards are sailing,
Sailing together,
On to the isles,
That lie smiling and dreaming,
Where the bright billows
Are rippling and gleaming;
All to the sources
Of life pressing onward,
Flushed by the forces,
That carry them sunward;
On to the measureless
Spaces above them,
On where the stars bless
The spirits that love them.
Und das Geflügel
Schlürfet sich Wonne,
Flieget der Sonne,
Flieget den hellen
Inseln entgegen,
Die sich auf Wellen
Gaukelnd bewegen;
Alle zum Leben,
Alle zur Ferne
Liebender Sterne,
Seliger Huld.
1484
1490
1502
Fausts Klage über das enge Erdenleben, sein Preis des
Todes und sein Fluch über alle Erdenfreuden sind nicht ohne
Schwung übersetzt, aber die volle Würdigung wird auch hier
durch aus dem Rahmen fallende Ausdrücke etwas beeinträchtigt.
Ähnlich ist es mit der Selbstverdammung Fausts, wo die Ver-
zweiflung im ganzen gut nachgefühlt, die kühnen Metaphern
aber kleinlich glossiert werden:
62
3345 What were heaven's Miss itself in her
embrace?
Though on her bosom I should glow,
Must I not feel her pangs, her min?
What am I bat an outcast, without
home,
Or human tie, or ahn, or resting-place,
3350 That like a torrent raved along in
foam,
From rock to rock with ravening fury
wild,
On to the brink of the abyss?
3361 Thou, Hell, must have this sacrifice
perforce !
Help, devil, then to abridge my tortur-
ing throes.
Let that which must be swiftly take
its course.
Bring her doom down on me, to
croum my woes,
3365 And o'er us both one whelming ruin
close !
Was ist die Himmelsfreud' in ihren
Armen?
Laß mich an ihrer Brust erwarmen!
Fühl' ich nicht immer ihre Not?
Bin ich der Flüchtling nicht? der
Unbehauste?
Der Unmensch ohne Zweck und Ruh,
Der wie ein Wasserstun von Fels zu
Felsen brauste,
Begierig wütend nach dem Abgrund
zu?
Du, Hölle, mußtest dieses Opfer haben!
Hilf, Teufel, mir die Zeit der Angst
verkürzen !
Was muß geschehn, mag's gleich ge-
schehn !
Mag ihr Geschick auf mich zusammen-
stürzen
Und sie mit mir zu Grunde gehn.
Im Glaubensbekenntnis sind alle Schönheiten des Originals
sorgfältig bewahrt, mit einer Ausnahme, wo Martin an Stelle
des Undefinierbaren etwas Konkretes zu setzen sucht:
3442 Bears not the heaven its arch above?
Doth not the firm-set earth beneath
us lie?
And with the tender gaze of love
3445 Climb not the everlasting stars on
high?
Do I not gaze upon thee, eye to eye?
And all the world of sight and sense
and sotmd
Bears it not in upon thy heart and
brain,
And mystically weave around
3450 Thy being influences that never
wane?
Wölbt sich der Himmel nicht da droben ?
Liegt die Erde nicht hier unten fest?
Und steigen freundlich blickend
Ewige Sterne nicht herauf?
Schau' ich nicht Aug' in Auge dir,
Und drängt nicht alles
Nach Haupt und Herzen dir,
Und webt in ewigem Geheimnis
Unsichtbar sichtbar neben dir?
In der Walpurgisnacht bewegt sich Martin namentlich im
Wechselgesang wieder freier, ebenso in der Kerkerszene, an
beiden Orten nicht glücklich. In der letztern fällt das mehr
ins Gewicht. Es kommen hier Wiederholungen vor, ohne daß
63
die Eindringlichkeit verstärkt würde, die gehäuften Ausrufe
(oh!) sind ebenfalls billige Flickwörter; die Szene verliert
dadurch an tragischer Wirkung. In unschöner übertriebener
Weise verweilt er auf:
Give me thy hand! Yes! Yes! these
are no dreams, —
Thine own dear hand. But, woe is
me! 't is wet!
How! dripping, dripping yei?
How it doth runl
Oh wipe it off! Meseems,
There's Wood upon 't!
Gib deine Hand! Es ist kein Traum! 4511
Deine liebe Hand! — Ach, aber sie
ist feucht!
Wische sie ab! Wie mich däncht
Ist Blut dran.
Dem Ausdruck von Fausts Stimmung beim Anblick des
Kerkers mangelt die Empfindung:
I quake with a stränge dread. The Mich faßt ein längst entwöhnter 4405
woe of all Schauer,
Mankind possesses me. Der Menschheit ganzer Jammer faßt
mich an.
Etwas wortreich ist Faust in seiner Versicherung, es fehle
ihm an der leichten Lebensart, noch weniger glaubt man ihm,
daß er sich über den Hocuspocus der Hexe ärgere. Auch Gretchen
ist häufig unnatürlich, der Eeimzwang und die metrische Fessel
tragen hier wie dort die Schuld:
I feel just like to drop. See here Fast sinken mir die Kniee nieder! 2874
Another casket — nothing less — Da find' ich so ein Kästchen wieder
Of ebony left in my press In meinem Schrein, von Ebenholz,
And things, so grand and fine, I feel, Und Sachen herrlich ganz und gar,
They're costlier than the first a deal. Weit reicher als das erste war.
'Tis things like this, which make me
pray,
That fall in love I never may;
For such a loss, I do believe,
To death itself would make me grieve.
I brought it up, and, do you know,
It loved me with a love so truel
My father died, before 't was Vorn.
We gave up mother for lost; her fit
Left her so wasted, and so forlorn,
And very, very slow she mended, bit
by bit.
She could not, therefore, dream herseif
Of suckling the poor little elf;
Ich möchte drum mein' Tag' nicht 2921
lieben;
Würde mich Verlust zu Tode betrüben.
Ich zog es auf, und herzlich liebt' es 3125
mich.
Es war nach meines Vaters Tod ge-
boren.
Die Mutter gaben wir verloren,
So elend wie sie damals lag,
Und sie erholte sich sehr langsam,
nach und nach.
Da konnte sie nun nicht dran denken, 3130
Das arme Würmchen selbst zu tränken,
64
Hübsch ist aber der kleine Epilog nach der Liebesszene:
3211 Dear God! the things of every kind
A man like this has in his mind!
I stand before him dashed and shy,
And say to all he speaks of, yes.
3215 In such a simple child as I,
What he shonld see I cannot guess.
Du lieber Gott! was so ein Mann
Nicht alles, alles denken kann!
Beschämt nur steh' ich vor ihm da,
Und sag' zu allen Sachen ja.
Bin doch ein arm unwissend Kind,
Begreife nicht, was er an mir find't.
Es ist ein glücklicher Griff von Martin, daß er seine Über-
setzung so reich mit Volkstümlichem durchsetzt, viele Szenen
sind ja ohne das Idiom gar nicht denkbar. Er charakterisiert
die verschiedenen Klassen der Spaziergänger ganz gut:
828 Zounds, how these strapping girls Blitz
step out!
Come, brother, come let's join them
for a bout.
A beer that st uns, a pipe that bites,
And a wench in her braws, are my
delights.
wie die wackern Dirnen
schreiten!
Herr Bruder komm! wir müssen sie
begleiten.
Ein starkes Bier, ein beizender Tobak,
Und eine Magd im Putz, das ist nun
mein Geschmack.
868 Ay, neighbour, nor care I what length
they go.
Zounds, they may cleave each other's
pates, they may,
And turn the whole world topsy-turry,
so
They leave things here at home to
jog on in the old way.
993 Indeed this is most kindly done,
To mingle in our mirth to-day.
Ah, ßir, you stood our friend in times,
When we were anything but gay.
Herr Nachbar, ja! so laß' ich's auch
geschehn,
Sie mögen sich die Köpfe spalten,
Mag aUes durcheinander gehn;
Doch nur zu Hause bleib's beim
Alten.
Fürwahr, es ist sehr wohlgetan,
Daß ihr am frohen Tag erscheint;
Habt ihr es vormals doch mit uns
An bösen Tagen gut gemeint!
Die eingestreuten Lieder dagegen sind ihm hier wie in Auer-
bachs Keller nicht sehr gelungen. In der Szene am Brunnen ver-
bindet er das Eealistische mit dem Volkstümlichen, und Valentins
Monolog ist mit einer Ausnahme recht gut, z. R:
3620 At drinking-bouts, when tongues wiU Wenn ich so saß bei einem Gelag,
wag,
And many are given to boast and
brag,
When praises of their own pet dears
Were dinned by comrades in my ears,
Wo mancher sich berühmen mag,
Und die Gesellen mir den Flor
Der Mägdlein laut gepriesen vor,
65
And drowned in bumpers, I was able,
My elbow planted on the table,
To bide my time, and calmly stayed,
Listening to all their gasconade.
Then with a smile my beard I'd stroke,
And take a fall glass in my hand;
„Each to his fancy!" up I spoke,
„But who is there in all the land,
To match with my dear Gretel, — who
Is fit to tie my sister's shoe?"
Mit vollem Glas das Lob verschwemmt
Den Ellenbogen aufgestemmt, 3625
Saß ich in meiner sichern Buh,
Hört' all den Schwadronieren zu.
Und streiche lächelnd meinen Bart,
Und kriege das volle Glas zur Hand
Und sage: alles nach seiner Art! 3630
Aber ist eine im ganzen Land,
Die meiner trauten Gretel gleicht,
Die meiner Schwester das Wasser
reicht?
Martin streut auch gerne volkstümliche Redensarten und
Sprichwörter von sich aus ein, z. B.:
I prize that yonder at a rush!
DasDrüben kann mich wenig kümmern, 1660
And time and tide may cease for me! Es sei die Zeit für mich vorbei!
1706
Body and soul I'U buckle to't.
Ich bin dabei mit Seel' und Leib; 1904
... joy goes hand in hand with care. Freud' muß Leid, Leid muß Freude 2923
haben.
. . . she's pumped quite dry of tears, Einmal recht ausgeweint.
3321
Der Frau Marthe verleiht er damit einige feine Züge, teils
in Übereinstimmung mit Goethe, teils von sich aus:
What ails my pretty dear? Gretelchen, was soll's ? 2873
Your news, sir? Tm all ears!
Was bringt er denn? Verlange sehr — 2913
Ah, you don't understand what I'd be Ach, ihr versteht mich nicht!
at.
3161
Natürlich ist die Szene in Auerbachs Keller reich an solchen
Wendungen, er verwendet hier auch „slang":
My lad of wax (Frosch's Anrede an Brander:) Ihr 2080
We have some love-sick spoonies here, Verliebte Leute sitzen hier,
Tip us a stave!
Gebt uns ein Liedl
. . . don't stand haggling long about . . . Nur nicht lang gefragt,
it!
Bftumftnn, Engl, Übersetzungen v. Goethes Faust. 5
2121
2203
2283
66
In dieser Weise hebt er den Wechsel im Ton der ver-
schiedenen Szenen recht glücklich hervor, auch das Humoristische,
das Martin sehr gut liegt, trägt dazu bei. Er bewegt sich da
gern etwas frei und verstärkt den leichten, gemütlichen Ton.
So ist im Vorspiel das Motiv, das die lustige Person dem Dichter
zur Behandlung vorlegt, hübsch ausgeführt:
158 To work, then, with these powers so So braucht sie denn, die schönen
rare,
Kräfte,
And ply your task of bard and singer, Und treibt die dichtrischen Geschäfte,
160 As people pnsh a love affair!
Wie man ein Liebesabenteuer treibt
They meet by accident, are smitten, Zufällig naht man sich, man fühlt,
linger,
man bleibt,
And get themselves somehow into a Und nach und nach wird man ver-
tangle;
flochten;
AlFs love and bliss, — then comes a Es wächst das Glück, dann wird es
tifF, a wrangle,
angefochten,
In heaven one hour, the next despair, Man ist entzückt, nun kommt der
distraction,
Schmerz heran,
165 And, presto, lo ! a whole romance in Und eh' man sich's versieht, ist's eben
action !
ein Roman.
Genau und graziös übertragen sind die Schlußworte des
Merryman:
206 But on the lyre's familiär strings to Doch ins bekannte Saitenspiel
lay
Your grasp with masterful, yet sweet Mit Mut und Anmut einzugreifen,
control,
And, there meandering gracefully, to Nach einem selbstgesteckten Ziel
stray
On to your shining seif - appointed Mit holdem Irren hinzuschweifen,
goal, —
210 This the vocation is of you old fellows, Das, alte Herrn, ist eure Pflicht,
Nor do we therefore prize you less, Und wir verehren euch darum nicht
my friend. minder.
Age does not make men childish, as Das Alter macht nicht kindisch, wie
folks teil us,
man spricht,
It only flnds them children to the Es findet uns nur noch als wahre
end.
Kinder.
Einen stärkeren komischen Akzent, der freilich etwas plump
ist, legt er auf:
133 How! Wbat's amiss? Are these poetic Was fällt euch an? Entzückung oder
pains, Schmerzen?
Or stomach-qualms, that have got hold
of you?
67
Unter den Personen des Stückes kann natürlich Mephisto
in dieser Weise bedacht werden. Er ist denn auch im Prolog
mit jener Schalkhaftigkeit gezeichnet, die dem Goetheschen eigen
ist. Sein Ärger über die Nutzlosigkeit all seiner Mühe ist
mit einem guten Teil Humor durchsetzt; die verschiedenen An-
bietungen seiner Person begründet er naiv:
I am your chum. You'd rather not? Ich bin dein Geselle 1646
Well ! If your scmples it will save, Und, mach 7 ich dir's recht,
I am your servant, yea, your slave! Bin ich dein Diener, bin dein Knecht!
Ein freier, leichter Zug herrscht im Dialog mit dem Schüler,
dessen Naivität und „warmes Streben" recht gut getroffen sind.
Mephistopheles als Lehrer träuft die Weisheit, aber auch das
Gift, nur so vom Munde:
. . . 'Tis in vain, Vergebens, daß ihr ringsum wissen- 2015
That you go mooning all abroad, schaftlich schweift,
Picking up science grain by grain: Ein jeder lernt nur, was er lernen
Each man learns only what he can. kann;
But he that has the gift and power Doch der den Augenblick ergreift,
To profit by the passing hour, Das ist der rechte Mann.
He is your proper man! Ihr seid so ziemlich wohlgebaut,
You're not iü built, — will, I conceive, An Kühnheit wird's euch auch nicht 2020
Show mettle on occasion due; — fehlen,
Einmal legt Martin im Anschluß ans Original eine gelungene
Neubildung hinein:
Go Will-o'-Wisping to and fro. Irrlichtelire hin und her. 1917
Einige der oben angeführten Stellen zeigen, daß er in
dem Bestreben, einen leichten, familiären Ton zu finden, gern
etwas breit wird, immerhin bleibt er gewöhnlich in den Grenzen
des Annehmbaren und ermüdet nicht wie Anster. Doch hat
Mephistopheles in den Partien, wo er als böser Versucher, als
frivoler Spötter die ganze Größe seiner geistigen Überlegenheit
entfaltet und die guten Kegungen in Faust damit ertötet, bei
Martin immer noch etwas von der Geschwätzigkeit der für
Faust weniger gefährlichen Momente. Er dürfte da konziser
sein, jedes Wort sollte da sicher treffen. — Die Sentenzen und
geflügelten Worte, die gewöhnlich richtig übertragen sind, haben
5*
68
oft auch nicht die charakteristische Prägnanz. Und in der Prosa-
szene, wo bei Goethe jedes Wort wie ein Hammerschlag trifft,
dämpfen an sich geringe konstruktioneile Änderungen diesen
Ausbruch höchster Wut und Leidenschaft. Dagegen hebt sich
Mephistopheles' frecher Hohn kräftig ab:
36 Now are we once more at our Nun sind wir schon wieder an der
wit's end, strung to that pitch, at Grenze unsres Witzes, da wo euch
which the reason of you mortals Menschen der Sinn überschnappt,
snaps. Why do you make fellowship Warum machst du Gemeinschaft mit
with us, if you cannot he one of us uns, wenn du sie nicht durchfuhren
out and out? ... kannst? . . .
Obwohl Martins Übersetzung vielfach kein getreues Bild
des Goetheschen Faust ist, darf sie doch mit mehr Eecht als
die Anstersche Goethes Namen tragen, weil sie im Inhalt und
in der Zeichnung des Hauptcharakters dem Original näher kommt
Sie spricht durch ihre Leichtigkeit und freie Grazie an, und
vermag den reichen Wechsel der verschiedenen Stimmungen
oft sehr hübsch darzustellen. Doch erschöpft sie nicht den
poetischen Gehalt, die Gedankengröße und die Tiefe der
Empfindung.
4. Die Swanwicksche Übersetzung.
Faust, a tragedy by Goethe. And selections from Schiller.
Translated byAnnaSwanwick. London, Manwaring 1849.
Anna Swanwick machte ihre Studien für Griechisch,
Hebräisch und höhere Mathematik hauptsächlich in Berlin und
erlangte den LL. D. Nach Faust übersetzte sie Schillers Jung-
frau von Orleans, Goethes Iphigenie, Tasso und Egmont, die
1850 erschienen. 1879 gab sie ihre Übersetzung des IL Teils
von Faust heraus. Sie ist auch bekannt als Übersetzerin der
Dramen von Äschylus.
Mir lag ein Druck von 1902 vor, der eine revidierte
Ausgabe von 1893 zur Grundlage hat. Die Verfasserin ver-
teidigt in der Vorrede die poetische Übertragung gegenüber der
prosaischen und hebt hervor, daß sie sich bemüht habe, die weib-
lichen Eeime, die sie in ihrer ersten Ausgabe zu wenig berück-
sichtigt, da wiederzugeben, wo sie ein besonderes künstlerisches
Mittel seien, die Stimmung noch besser auszudrücken. — Die
69
„Introduction" gibt eine kurze Übersicht über die Entstehung der
Sage, leitet einige Hauptzüge und Charaktere des Goetheschen
Faust aus „Dichtung und Wahrheit" ab und verbindet damit
in Umrissen die Genesis des Faust. A. Swanwick folgt darin
Kuno Fischer, ebenso in der Annahme der Zweiteiligkeit des
Werkes, die in der Zweiheit Mephistopheles' klar zu Tage trete. —
Eine kurze Erklärung gibt als Appendix Aufschluß über einige
Personen des Intermezzos, jedoch in ganz ungenügender Weise.
Anna Swanwicks Übersetzung hat vor fast allen ihren
Vorgängern den Vorzug, daß bei ihr das Geschmacklose ver-
mieden ist, sie sucht also in dieser Beziehung Geist und Form
in Einklang zu bringen. Einem andern Fehler ist sie aber
nicht ausgewichen: sie ist konventionell, wo bei Goethe der
Ausdruck seiner ganzen Persönlichkeit sich so herrlich offenbart.
Wo er impulsive, warm empfindende Menschen schafft, gibt sie
uns steife Figuren. Da ist vor allem Gretchen in der 2. Garten-
szene, wo sie so naiv ihr ganzes Fühlen und Denken enthüllt,
ohne Lebenswärme. Die Geschraubtheit des Ausdrucks nimmt
ihr die Natürlichkeit:
Ah, could I trat thy sota inspirel Ach! wenn ich etwas auf dich könnte! 3422
. . . What thus I hear Wenn man's so hört, möcht's leidlich 3466
Sounds plausible, yet I 'm not reconcüed. scheinen,
Yet though I yearn to gaze on thee, Aber, wie ich mich sehne dich zu 3479
I feel schauen,
At sight of him stränge horror o'er Hab' ich vor dem Menschen ein heim-
ln e steal; lieh Grauen,
Yea in my spirit's inmost depths Ist mir in tiefer, innrer Seele ver- 3472
abhor; haßt;
As his loath'd visage, in my life Es hat mir in meinem Leben
before,
Naught to my heart e'er gave a pang So , nichts einen Stich ins Herz ge-
so great. geben,
Als des Menschen widrig Gesicht. 3475
Und nun gar der Ausdruck ihrer instinktiven Menschen-
kenntnis:
That he with naught on earth can Man sieht, daß er au nichts keinen 3488
sympathize is clear; Anteil nimmt,
Upon his brow 't is legibly revealed, Es steht ihm an der Stirn geschrieben,
That to his heart no living soul is Daß er nicht mag eine Seele lieben,
dear.
70
Nachdem sie das Versprechen der Zusammenkunft gegeben,
sagt sie wieder so unnatürlich wie möglich:
3517 I know not, dearest, when thy face Seh' ich dich, bester Mann, nur an^
I see,
What doth my spirit to thy will Weiß nicht, was mich nach deinem
constrain; Willen treibt;
Auch bei Marthe ist Gretchen nicht glücklich eingeführt
Bedeutend besser ist sie in der 1. Gartenszene gezeichnet, die
Erzählung von ihren äußern Verhältnissen und ihrem Tun ist
recht hübsch wiedergegeben, immerhin kommt auch hier ein
gesuchter Ausdruck vor:
3125 I reared it up, and it grew fond of
me.
After my father's death it saio the
day;
We gave my mother up for lost, she lay
In such a wretched plight, and then
at length
So very slowly she regain'd her
strength.
3130 Weak as she was, 't was vain for her
to try
Herself to suckle the poor babe, so I
Reared it on milk and water all alone;
And thus the child became as 't
were my own;
Within my arm it stretched itself and
grew,
3135 And smiling, nestled in my bosom too.
Ich zog es auf, und herzlich liebt' es
mich.
Es war nach meines Vaters Tod ge-
boren.
Die Mutter gaben wir verloren,
So elend wie sie damals lag,
Und sie erholte sich sehr langsam,
nach und nach.
Da konnte sie nun nicht dran denken,
Das arme Würmchen selbst zu tränken,
Und so erzog ich's ganz allein,
Mit Milch und Wasser; so ward's
mein.
Auf meinem Arm, in meinem Schoß
War's freundlich, zappelte, ward groß.
Auch Faust fehlt es in verschiedenen Szenen an Unmittelbar-
keit der Empfindung, so in seiner ersten Begegnung mit Gretchen:
2609 By heaven! This girl is fair indeed!
No form like hers can I recatt.
Yirtue she hath and modest heed,
Is piquant too, and sharp withal.
Her cheek's soft light, her rosy lips,
No length of time will e'er eclipsel
2615 Her downward glance in passing by,
Deep in my heart is stamp'd for aye;
How curt and sharp her answer too,
To ecstasy the feeling grewl
Beim Himmel, dieses Kind ist schön!
So etwas hab' ich nie gesehn,
Sie ist so sitt- und tugendreich
Und etwas schnippisch doch zugleich.
Der Lippe Rot, der Wange Licht,
Die Tage der Welt vergeß' ich's nicht!
Wie sie die Augen niederschlägt,
Hat tief sich in mein Herz geprägt;
Wie sie kurz angebunden war,
Das ist nun zum Entzücken gar!
71
Faust ist in diesem Augenblick einer solch objektiven
Selbstbeobachtung nicht fähig. Im Eeligionsgespräch machen
ihn Inversionen steif, die durch den Zwang des Keims oder
Metrums verursacht sind:
Forbear, my child! Thou feelest thee Laß das, mein Kind! Du fühlst, ich 3418
I love; bin dir gut;
My heart, my blood I 'd give my love Für meine Lieben ließ' ich Leib und
to prove, Blut,
And none would of their faith or Will niemand sein Gefühl und seine
church bereave. Kirche rauben.
Yes, I in God believe? Ich glaub an Gott? 3427
Hirn fear not, my sweet love! Liebe Puppe, furcht' ihn nicht! 3476
Kühl, als wäre nicht seine ganze Leidenschaft in den Worten,
fragt er:
Ach, kann ich nie 3502
For one brief hour then may I never Ein Stündchen ruhig dir am Busen
rest, hängen,
And heart to heart, and soul to soul Und Brust an Brust und Seel' in
be pressed? Seele drängen?
Sogar in der Kerkerszene vermissen wir bei Faust den
Ausdruck tiefen Empfindens:
A fear unwonted o'er my spirit falls; Mich faßt ein längst entwöhnter 4405
Schauer,
A lover at thy feet bends low, Ein Liebender liegt dir zu Füßen, 4451
Dadurch daß Mephistopheles nicht versteht, sich der Aus-
drucksweise Marthens anzupassen, wird die beißende Ironie, mit
der er sie behandelt und mit der er die Geschichte von „Herrn
Schwerdtleins Tod" erzählt, gedämpft. Wieder ist es die Ge-
wähltheit des Ausdrucks, die diesem köstlichen Katz- und Maus-
spiel die besondere Würze raubt:
Oh yes! one grave and solemn prayer; Ja, eine Bitte, groß und schwer; 2930
Let them for him three hundred Laß Sie doch ja für ihn dreihundert
masses sing! Messen singen!
But in my pockets I have nothing Im übrigen sind meine Taschen leer.
there.
And sorely hath remorse his conscience Und fand, daß er weit mehr noch auf 2954
wrung. der Zeche hätte.
72
2971 Quoth he: „Heaven knows how fer-
vently I prayed,
For wife and children when from
Malta bound; —
The prayer hath heaven with favow
croumed;
We took a Turkish vessel which
conveyed
2975 Rieh störe of treasure for the Sultan's
court;
Its own reward our gallant action
brought ;
The captur'd prize was shared among
the crew,
And of the treasure I reeeived my
due. u
Er sprach: Als ich nun weg von
Malta ging,
Da betet' ich für Frau und Kinder
brünstig;
Uns war denn auch der Himmel
günstig,
Daß unser Schiff ein türkisch Fahr-
zeug fing,
Das einen Schatz des großen Sultans
führte.
Da ward der Tapferkeit ihr Lohn,
Und ich empfing denn auch, wie sich
gebührte,
Mein wohlgemeß'nes Teil davon.
Erst gegen das Ende der Unterredung wird Mephistopheles
freier:
2998 All had gone swimmingly, no doubt, Nun, nun, so könnt' es gehn und
stehen,
Had he but given you at home, Wenn er euch ungefähr so viel
On his side just as wide a ränge. Von seiner Seite nachgesehen.
Die Latinismen, die im Munde der beiden — Marthe fällt
einigemale in denselben unnatürlichen Ton — ebenfalls stören,
sind häufig auf den Eeimzwang zurückzuführen. Eine gewisse
Würde des Ausdrucks nimmt dem Schüler sein natürliches
Sichgeben.
1868 But recently I've quüted home,
Full of devotion I am come
Ich bin allhier erst kurze Zeit,
Und komme voll Ergebenheit,
A man to know and hear, whose name Einen Mann zu sprechen und zu kennen,
With reverence is known to fame.
1899 What heaven contains would compre-
hend,
O'er earth's wide realm my gaze ex-
terna,
Nature and science I desire to know.
Den alle mir mit Ehrfurcht nennen.
Und möchte gern, was auf der Erden
Und in dem Himmel ist, erfassen,
Die Wissenschaft und die Natur.
Die Brunnenszene, in der das Derb -Volkstümliche obendrein
noch etwas gemildert ist, verliert dadurch das Charakteristische.
Valentin ist matt, ohne jene derbe Bravheit, er überzeugt nicht,
vermag den Kontrast zwischen dem Einst und Jetzt nicht so
lebendig zu vergegenwärtigen. In der Schmähung spricht er
73
manchmal wie ein Buch, nicht wie ein Mann aus dem Volke.
Einige Stellen mögen das zeigen:
. . . Abstain,
Nor dare God's holy name profane!
When infamy is newly born,
In secret she is brought to light,
And the mysterious veil of night
O'er head and ears is drawn;
The loathsome birth men fain would
slay;
Bat soon, füll grown, she waxes bold,
And thongh not fairer to behold,
With brazen front insults the day:
The more abhorrent to the sight,
The more she conrts the day's pure
light.
The time already I dücern,
When thee all honest folk will spurn,
And shun thy hated form to meet,
As when a corpse infects the street.
Laß unsern Herr Gott ans dem Spaß, 3733
Wenn erst die Schande wird geboren, 3740
Wird sie heimlich zur Welt gebracht,
Und man zieht den Schleier der Nacht
Ihr über Kopf und Ohren;
Ja, man möchte sie gern ermorden.
Wächst sie aber und macht sich groß, 3745
Dann geht sie auch bei Tage bloß
Und ist doch nicht schöner geworden.
Je häßlicher wird ihr Gesicht,
Je mehr sucht sie des Tages Licht.
Ich seh' wahrhaftig schon die Zeit, 3750
Daß alle brave Bürgersleut',
Wie von einer angesteckten Leichen,
.Von dir, du Metze! seitab weichen.
Miß Swanwick dämpft hier gern das Derbe und Realistische,
wie auch an einigen andern Orten, z. B.:
Since thou the path of shame dost Du bist doch nun einmal eine Hur'; 3730
tread,
No such incentives do I need.
Hab' Appetit auch ohne das.
Unter den lyrischen Partien ist es natürlich die Zueignung,
die eine ins Konventionelle fallende Übersetzung nicht mit
Erfolg wiedergeben kann. Fast alles, was sie zu dem macht,
was sie ist: eine leise wehmütige Klage um Entschwundenes, in
vornehmer Form, eben rein Goethisch, ist unter den Händen
der Übersetzerin verloren gegangen. Entweder fehlt ihr die
Bedeutsamkeit des Wortes, so daß sie wiederholen muß, oder sie
zerstört die Einheit und damit die würdige Kühe einer Strophe,
oder sie verfällt in den althergebrachten dichterischen Vor-
stellungskreis und wird flach, wo Goethe gestaltet. Der Mangel
an poetischer Ausdrucksfähigkeit, an Selbständigkeit und Eigenart
zieht sich durch die ganze Übersetzung. Ich greife hier nur
wenige Stellen heraus, die dafür charakteristisch sind:
2653
74
430 Ah! at this spectacle through every
sense,
What sudden ecstasy of joy is flowing!
I feel new rapture, hallow'd and
intense,
Through eyery nerve and vein with
ardour glowing.
Was it a god who character'd this
scroll,
435 The tumult in my spirit healing
O'er my sad heart with rapture steal-
ing,
And by a mystic Impulse to my soul,
The powers of nature all around
revealing.
Am I a God? What light intense!
440 In these pure Symbols do I see
Nature exert her vital energy.
Ha! welche Wonne fließt in diesem
Blick
Auf einmal mir durch alle meine
Sinnen!
Ich fühle junges heiTges Lebensglück
Neuglühend mir durch Nerv' und
Adern rinnen.
War es ein Gott, der diese Zeichen
schrieb,
Die mir das innre Toben stillen,
Das arme Herz mit Freude füllen,
Und mit geheimnisvollem Trieb
Die Kräfte der Natur rings um mich
her enthüllen?
Bin ich ein Gott? Mir wird so licht!
Ich schau' in diesen reinen Zügen
Die wirkende Natur vor meiner Seele
liegen.
Die höchste Steigerung der Verzückung bringt A. Swanwick
nicht mehr heraus, sie ist vorweggenommen in jenem Vers:
And by a mystic impulse to my soul. Die mächtig drängende
Gedankenflut, in welcher sich der an seinem Wesen und Wirken
irrwerdende Faust in Unwillen und Verzweiflung Luft macht,
findet wieder einen schwachen Ausdruck; eine einzige Stelle
genügt, die Verschiedenheit darzutun:
614 I, God's own image, from this toil of Ich, Ebenbild der Gottheit, das sich
clay
Already freed, with eager joy who
hail'd
The minor of eternal truth unveil'd, Sein selbst genoß in Himmelsglanz
und Klarheit,
'Mid light effulgent and celestidlday: Und abgestreift den Erdensohn;
I, more than cherub, whose unfetter'd Ich , mehr als Cherub , dessen freie
schon
Ganz nah gedünkt dem Spiegel ew'ger
Wahrheit,
soul
Kraft
With penetrative glance aspir'd to Schon durch die Adern der Natur zu
flow
fließen
620 Through nature's veins, and, still Und, schaffend, Götterleben zu ge-
creating, know
nießen,
The life of gods, — how am Ipunish'd Sich ahnungsvoll vermaß, wie muß
nowi
ich's büßen!
Der ganze zweite Monolog Fausts, der so reich ist an
Titanisch-Gedachtem, an genialer Weise des Ausdrucks, ist ohne
75
Größe und ohne Goethesche Poesie. Ein mühsames erfolgloses
Eingen mit der schweren Aufgabe liegt in:
The outcast am I not, unhoused, Bin ich der Flüchtling nicht? der 3348
unblest, Unbehauste?
Inhuman monster, without aim or rest, Der Unmensch ohne Zweck und Ruh,
Who, like the greedy surge, from rock Der wie ein Wassersturz von Fels zu 3350
to rock, Felsen brauste
Sweeps down the dread abyss with Begierig wütend nach dem Abgrund
desperate shock?
zu?
Whilst she within her lowly cot, which Und seitwärts sie, mit kindlich dumpfen
graced
Sinnen,
The Alpine slope. beside the waters wild, Im Hüttchen auf dem kleinen Alpenfeld,
Her homely cares in that small world Und all ihr häusliches Beginnen
embraced,
Secluded lived, a simple artless child. Umfangen in der kleinen Welt.
3355
Dost claim this Holocaust, remorseless Du, Hölle, mußtest dieses Opfer 3361
Hell! haben!
Wie Anster versteht auch Anna Swanwick die Metapher
nicht. — Verflachungen sind in ihrer Übersetzung natürlich sehr
zahlreich, ich hebe nur einige wenige hervor, die die Schönheit
und Bedeutsamkeit des Ausdrucks verwischen:
Rapture so deep, its ecstasy was pain, Das tiefe schmerzenvolle Glück,
195
Round mountain caves with spiritsride,
In thy mild haze o'er meadows glide,
And, purged from knowledge-fumes,
renew
My spirit, in thy healing dew!
Um Bergeshöhle mit Geistern schweben. 394
Auf Wiesen in deinem Dämmer weben,
Von allem Wissensqualm entladen
In deinem Tau gesund mich baden!
. . on rapfwre-breathing pinions . . . Mit segenduftenden Schwingen
451
With fairest shapes your spells around Umgaukelt ihn mit süßen Traum- 1510
him cast, gestalten,
Von der metrischen Fessel hervorgerufene Wiederholungen
sind u. a.:
. . . at night
To lie in darkness on the dewy height,
In Nacht und Tau auf den Gebirgen 3283
liegen,
And well-nigh petrifies his heart to Und er wird fast in Stein verkehrt, 4193
stone; —
In der Prosaszene wird das leidenschaftliche Pathos durch
dieselbe Ungenauigkeit beeinträchtigt, die Hayward und Anster
76
schon zeigen, überdies fehlt hier Miß Swanwick die Kraft des
Wortes.
Während sie sonst, abgesehen von den poetischen Unzu-
länglichkeiten, genau zu übertragen bemüht ist, gestattet sie
sich in den Osterchören große Freiheiten. Sie bedient sich da
der Umschreibung und gibt teilweise das Versmaß und den Reim
des Originals wieder:
737 Christ is arisen! Christ ist erstanden!
Mortal, all hall to thee, Freude dem Sterblichen,
Thou whom mortality, Den die verderblichen,
Earth's sad reality, Schleichenden erblichen
Held as in prison. Mängel umwanden.
Im Chor der Jünger, wie auch im Einschläferungslied, das
nur in den Konturen und einigermaßen im Rhythmus sich dem
Original nähert, ist ihre Freiheit fast nur Prosa. Sie hat über-
haupt mit diesem Fehler zu kämpfen. Das ungestüme Verlangen
Fausts nach Befriedigung des Lebensdranges wird dadurch
gemäßigt:
1765 HearJcenl The end I aim at is not Du hörest ja, von Freud' ist nicht
joy; die Bede.
I crave excitement, agonizing bliss, Dem Taumel weih' ich mich, dem
schmerzlichsten Genuß,
Enamour'dhatredjquickeningvexation. Verliebtem Haß, erquickendem Ver-
druß.
Purg'd from the love of knowledge, Mein Busen , der vom Wissensdrang
my vocation, geheilt ist,
The scope of all my powers henceforth Soll keinen Schmerzen künftig sich
be this, verschließen,
1770 To bare my breast to every pang, — Und was der ganzen Menschheit zu-
to know geteilt ist,
In my heart's core all human weal Will ich in meinem innern Selbst
and wöe, genießen,
To grasp in thought the lofty and Mit meinem Geist das Höchst' und
the deep, Tiefste greifen,
Men's various fortunes on my breast Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen
to heap, häufen,
Während die einzelnen Gruppen in der Szene vor dem
Tor nicht glücklich charakterisiert sind und trotz einiger ein-
gestreuten volkstümlichen Eedewendungen auch die Szene in
Auerbachs Keller zahm ist, versteht es Miß Swanwick, Mephisto
uns menschlich näher zu bringen durch den reichen Schatz an
solchen Ausdrücken, die dem Volksmund abgelauscht sind. Es
77
wird ihm dadurch das Übersinnliche genommen, zugleich aber
wird auch das Geheimnisvolle seines Wesens bestärkt. Er führt
sich gleich recht glücklich ein:
You've made me s welter in a pretty Ihr habt mich weidlich schwitzen 1326
style. machen.
Einen guten Ersatz findet sie in:
What! with the devil hand and glove, Bist mit dem Teufel du und du, 2585
Sir Th. Martin und B. Taylor behalten diesen Ausdruck bei.
A devil's pluck thou'rt wont to show, Du bist doch sonst so ziemlich ein- 3371
geteufelt.
. . . We must at once take wing; . . . Wir müssen gleich verschwinden. 3712
Eecht gelungen ist, obschon ungenau:
Suppose there did! One must not be Das ist was Rechts! Das nimmt man 4180
too nice. nicht genau,
Hübsch ist auch das Ständchen, das Mephisto singt. Das
Volksliedchen in der Kerkerszene trifft den leicht sangbaren
Ton gut, wenn es auch etwas frei gehalten ist:
My mother, the harlot Meine Mutter, die Hur', 4412
She took me and slew! Die mich umgebracht hat!
My father, the scoundrel, Mein Vater, der Schelm,
Hath eaten me too! Der mich gessen hat! 4415
My sweet little sister Mein Schwesterlein klein
Hath all my bones laid, Hub auf die Bein'
Where soft breezes whisper An einem kühlen Ort;
All in the cool shade ! Da ward ich ein schönes Waldvögelein ;
Then became I a wood-bird and sang Fliege fort, fliege fort! 4420
on the spray,
Fly away! little bird, fly away! fly
away!
Auch bei Marthe ist das Idiom glücklich verwendet und
ihre Zeichnung gut gelungen, die Szene in ihrem Hause aus-
genommen. In ihrer Warnung hat die Elision des Verbs dieselbe
Wirkung wie die des Subjekts im Original:
It would to shrift, just like the other. Tät's wieder gleich zur Beichte tragen. 2880
Genau bewahrt ist die Alliteration in:
. . . speak thy spell, ... sprich deine Sprüche, 2530
78
In der Domszene und in Fausts Monolog in Wald und
Höhle sucht Miß Swanwick den poetischen Intentionen des
Dichters gerecht zu werden, diese Partien gehören zum Besten.
Ein Bruchstück des Monologs teile ich hier mit:
. . . And when roars
3228 The howling storm-blast through the
groaning wood,
Wrenching the giant pine, which in
its fall
3230 Crashing sweeps down its neighbour
trunks and boughs,
While hollow thunder from the hill
resounds :
Then dost thou lead me to some
shelter'd cave,
Dost there reveal me to myself, and
show
Of my own bosom the mysterious
depths.
Und wenn der Sturm im Walde braust
nnd knarrt,
Die Riesenfichte stürzend Nachbar-
äste
Und Nachbarstämme quetschend nieder-
streift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel
donnert,
Dann führst du mich zur sichern
Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner
eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.
Das Onomatopoetische ist hier gut bewahrt. — Im Gebet
vor der Mater dolorosa fehlt die Harmonie im Ausdruck, die
Stimmung ist im übrigen festgehalten. Die Ballade und das
Liebeslied Gretchens sind weniger gut gelungen. Jener fehlt
die zarte Wehmut und Innigkeit, diesem die Steigerung von der
sehnenden Klage zum heißen Verlangen. — In der Rede des
Erdgeistes, die vielen Übersetzern mißlungen ist, weil sie den
Ausdruck für das Transzendentale nicht finden, wird Miß
Swanwick Goethe in schöner Weise gerecht; und die Jugend-
erinnerung, die die Osterglocken in Faust wachrufen, zeigt,
wie es ihr ernstes Streben ist, alle Schönheiten im Ausdruck
wiederzugeben:
771 Then would celestial lo ve, with holy kiss,
Come o'er me in the Sabbath's stilly
hour,
While, fraught with solemn meaning
and mysterious power,
Chim'd the deep sounding bell, and
prayer was bliss;
775 A yearning impulse, undefin'd yet dear,
Drove me to wander on through wood
and field;
With heaving breast and many a
burning tear,
I feit with noly joy a World reveaFd.
Sonst stürzte sich der Himmelsliebe Kuß
Auf mich herab in ernster Sabbath-
stille;
Da klang so ahnungsvoll des Glocken-
tones Fülle,
Und ein Gebet war brünstiger Genuß;
Ein unbegreiflich holdes Sehnen
Trieb mich, durch Wald und Wiesen
hinzugehn,
Und unter tausend heißen Tränen
Fühlt' ich mir eine Welt entstehn.
79
Von den Mißverständnissen lassen sich einige auf Hayward
zurückführen, wie dieser gibt auch Miß Swanwick eine un-
richtige Erklärung für Zwinger. Während Hayward sich darunter
einen Turm vorstellt, will sie damit eine „Enclosure between
the City -Wall and Gate" bezeichnen, wodurch sie allerdings der
Bedeutung näher kommt. Durch Haywards: „Dare such a mere
human voice" hat sie sich verleiten lassen, den Nachdruck in
„mere" zu suchen, und sie schreibt darum, ohne sich über die
Unrichtigkeit Eechenschaft zu geben:
And dare a voice of merely human Darf eine solche Menschenstimme hier, 606
birth,
Auch bei ihr sagt der Manager:
What puts a füll honse in a merry Was träumet ihr auf eurer Dichter- 121
mood? höhe?
Mißverstanden sind ferner:
I'm like a tom-cat in a (hievish vein Und mir ist's wie dem Kätzlein 3655
schmächtig
well-conned vergriffnen 3779
Fools Fratzen 4241
Mit Anster spricht sie vo;i:
. . . brides so unaffected ! lauter Bräute ! 4296
Im ganzen sind die Anspielungen in der Walpurgisnacht
und im Intermezzo' verstanden, eine Ausnahme machen:
But Tm prepar'd my travels to pursue Doch eine Reise nehm' ich immer mit 4169
Sure I'm demented if the I Fürwahr, wenn ich das alles bin, 4349
Alone is the essential. So bin ich heute närrisch.
Eine biblische Vorstellung erweckt:
The day of judgment der letzte Tag 4580
Das Altertümelnde, das ihre Vorgänger gar nicht oder
kaum beachtet haben, hebt Anna Swanwick stark hervor.
McLintock sagt darum von ihrer Übersetzung, sie sei „old-
fashioned". 1 ) Wenn sie auch nicht überall diesen Eindruck
*) Transactions of the Manchester Goethe-Society 1886—1893: The five
best English translations of Faust. By R. McLintock, 1887. pag. 127.
80
macht, so wirkt das Archaistische doch an einigen Stellen bei
Faust und Gretchen störend. Bei allen Personen in allen Teilen
der Übersetzung finden wir häufig die veraltete Endung der
3. pers. sg. prs. „th", den inf. „to ope", ebenso das prs. „opes",
den alten plur. „eyen", das gekürzte pp. „is writ". Auch der
Wortschatz zeigt ziemlich viele Archaismen:
1639 Nathless it is not meant, I trow Doch so ist's nicht gemeint
4573 Ah! those were happy times, I wisl Es waren glückliche Zeiten!
Certes sagen Mephisto und die Gesellen in Auerbachs
Keller. Die Hexe bedient sich gern der altertümlichen Sprache:
I ween; This thou must ken (worin Martin wieder folgt); well
I wot. Eecht gut ist Mephistos Anrede an die Trödlerhexe:
4110 Gossip. Frau Muhme!
Was die Anwendung weiblicher Eeime anbetrifft, so sind
sie bei weitem nicht in allen lyrischen Partien beobachtet. Wo
sie vorkommen, sind sie im großen ganzen ungesucht, verfehlen
aber zuweilen ihre Wirkung, weil die poetische Kraft des Aus-
drucks mangelt Dennoch ist Miß Swanwicks Übersetzung eine
gewissenhafte und das Original oft getreu abspiegelnde Arbeit
Von den vielen, die in enger inhaltlicher Anlehnung und metrisch
freier Form ihr Ziel zu erreichen suchten, hat sie vielleicht die
Aufgabe -am besten gelöst und sicherlich manchem ihrer Nach-
folger als Führer gedient.
5. Die Taylorsche Übersetzung.
Faust. A Tragedy by Johann Wolfgang von Goethe.
Translated in the original metres by Bayard Taylor.
Boston 1871.
Im gleichen Jahr erschien seine Übersetzung beider Teile
in einem englischen Verlag: London, Strahan & Co., 1871.
Die Verfasser der vier schon besprochenen Übertragungen
waren alle akademisch und speziell juristisch gebildet. In
Bayard Taylor haben wir einen self-made man vor uns, der als
Buchdruckerlehrling begann und als Gesandter der Vereinigten
Staaten in Berlin seine Laufbahn schloß. Er ist der zweite
Amerikaner, der seinen Landsleuten das Goethesche Lebenswerk
nahe zu bringen sucht. Durch seine Reiseberichte — er hatte
81
fast die ganze Welt gesehen — , durch seine Gedichte und
Romane war er den Amerikanern schon lange bekannt. Die
erste literarische Frucht dieser Reisen war „Views afoot", später
folgten „A Journey to Central Africa", „The Lands of the
Saracen", etc. Außer Faust übersetzte er auch die Gedichte
Freiligraths, mit dem er befreundet war. Er hat sich überhaupt
um die Verbreitung der deutschen Literatur in Amerika große
Verdienste erworben. Viele seiner eigenen Gedichte und Er-
zählungen sind ins Deutsche übersetzt worden.
Zwei Ausgaben seiner Übertragung waren mir zugänglich,
eine aus dem Jahr 1872, beide Teile und ausführliche An-
merkungen enthaltend, im Verlag von Brockhaus, Leipzig, die
andere in der Edition „The Canterbury Poets" herausgegeben von
Elizabeth Craigmyle. Dieser kleinen Ausgabe fehlt die Zueignung,
die Noten sind stark gekürzt. Sie zeigt nur in einem Punkte
eine Abweichung, die an ihrem Platze erwähnt werden soll.
Ich halte mich an die ältere Ausgabe als die vollständigere.
Taylors Übersetzung ist von einer interessanten Vorrede
begleitet, die die Qualität seiner Arbeit vorausahnen läßt. Er
hat die einzig richtige Auffassung von der Pflicht des Über-,
setzers, denn er sagt: „His (the translator's) task is not simply!
mechanical: he must feel, and be guided by, a secondary'
inspiration." *) Aus einer Vergleichung des Originals mit 17 eng-
lischen Übertragungen in willkürlichen Metren habe er erkannt,
welcher Gefahr jenes bei einer solchen Behandlung ausgesetzt
sei: „The white light of Goethe's thought was thereby passed
through the tinted glass of other minds, and assumed the coloring
of each." 2 ) Die erste metrisch getreue Übersetzung sei die
seines Landsmannes Ch. Brooks. Dieser habe durch Verleugnung
seines eignen Geschmacks und seiner eignen Gedankenrichtung
versucht, das Original in seiner reinsten Form zu erhalten.
Brooks Beispiel habe Taylor gezeigt, daß die wenigen Schwierig-
keiten, die eine wörtlich und metrisch genaue Übersetzung biete,
durch liebevolle Arbeit zu überwinden seien. Er spricht dann
vom Konservatismus des Engländers, der sich mißtrauisch verhalte
gegen neue Rhythmen oder fremdartige Ausdrücke, wodurch die
Biegsamkeit der Sprache beeinträchtigt werde. Er vergleicht
die beiden Sprachen und sagt: . . . „it is true that Gertaan is
*) Preface pag. X. ") pag. VI.
Baumann, Engl. Übersetzungen v. Goethes Faust. Q
82
rieh, involved, and tolerant of new combinations, while English
is simple, direct, and rather shy of Compounds; but precisely
these differences are so modified in the German of Faust that
there is a mutual approach of the two languages." J ) Sein feines
Verständnis für den Duft der Goetheschen Dichtung spricht aus
dem folgenden: „There are words, it is true, with so delicate a
bloom upon them that it can in no wise be preserved, but even
such words will lose less when they carry with them their
rhythmical atmosphere." 2 ) — Zum Schluß spricht er das
Programm seiner Arbeit aus: enge Anlehnung ans Original,
Wodurch auch das Rhythmische am besten beibehalten werden
könne, und völliges Aufgehen im Gedankengang desselben. Wo
immer eine Entscheidung zwischen Musik und Sinn zu treffen
gewesen sei, habe er diesen vor allem berücksichtigt Unter
„original metres" verstehe er nicht eine sklavische Wiedergabe
jedes einzelnen Fußes, Verses und Eeimes, sondern er habe ge-
legentlich Fußzahl und Eeimanordnung geändert. Auch vor
unreinen Reimen oder reimlosen Versen, wo das Original gereimte
zeige, habe er sich nicht gescheut, weil sich bei Goethe die-
selben Unregelmäßigkeiten zeigen. Mit Recht legt er Gewicht auf
die häufige Anwendung von weiblichen Reimen, denn „they give
spirit and grace to the dialogue and an ever-changing music to
the lyrical passages. I cannot hope to have been always successful,
but I have at least labored long and patiently, bearing constantly
in mind not only the meaning of the original and the mechanical
strueture of the lines, but also the subtile and haunting music
which seems to govern rhythm instead of being governed by it." 3 )
Als Anhang zu seiner Übersetzung hat er gegen 100 Seiten
„Notes" angefügt, die von der großen Gründlichkeit seiner Studien
und einer vorzüglichen Kenntnis der deutschen Sprache und
Literatur zeugen. Er gibt darin alle Erklärungen, die für das
allgemeine Verständnis notwendig und auch solche, die für den-
jenigen von besonderem Werte sind, der sich tiefer mit dem
Studium des Faust befassen will. Wo er seine eigene Über-
setzung nicht treffend genug findet, bringt er in den Anmerkungen
zur Vergleichung und Verdeutlichung die bezüglichen Stellen
seiner Vorgänger, oder er überträgt wörtlich, um das Original
klarer zu beleuchten.
*) Preface pag. XV. ") pag. XVI. 8 ) pag. XVIII.
83
Ein erster Appendix gibt die Geschichte der Faustsage
von den Uranfängen, mit einer kurzen Inhaltsangabe des ältesten
Faustbuches, bis auf Goethe. — Der zweite Appendix befaßt
sich mit der Entstehungsgeschichte des Goetheschen Faust, und
als Schluß ist noch die erste Szene von Marlowes „Faustus"
zur Vergleichung mit der Exposition bei Goethe angedruckt.
Ausgefallen sind zwei Bühnenanweisungen, von denen die
eine, die einen Blick ins Innere Faust s tun läßt, bedeutungs-
schwer ist und darum nicht übersehen werden sollte; nach dem
Liebesgeständnis: (Margarete drückt ihm die Hände, macht sich
los und läuft weg. Er steht einen Augenblick in Gedanken, dann
folgt er ihr.)
Die Deminutive Gretchen, Gretelchen, Bärbelchen wendet
Taylor nicht an, ebenso halten es die meisten Übersetzer, nur
in der Anmerkung übersetzt er Gretchen mit „Maggie". Ansters
Marthe ruft „Margery", bei Martin freut sich Valentin an seiner
„Gretel".
Taylor schickt seiner Übersetzung eine deutsche Widmung
„An Goethe" voraus, in der er seine Ehrfurcht vor dessen Größe
ausdrückt und fleht:
„Laß Deinen Geist in meiner Stimme klingen,
Und was Du sangst, laß mich es Dir nachsingen!"
Trotz der sorgfältigen Studien, finden sich auch bei ihm
Mißverständnisse. Durch alle Übersetzungen fast zieht sich die
Auffassung von Hayward im
M y f ather's was a sombre brooding brain, Mein Vater war ein dunkler Ehrenmann. 1034
Nur Latham und McLintock heben den Fehler. Fast ebenso
oft wird der zweite Chor der Engel mißverstanden, bei Taylor
lautet er:
Christ is ascended! Christ ist erstanden. 777
Bliss hath invested htm, — Selig der Liebende,
Woes that molested htm, Der die betrübende
Trials that tested htm, Heilsam' und übende 766
Gloriously ended! Prüfung bestanden.
Martin hat dieselbe Auffassung, A. Swanwick dagegen trifft
den Sinn richtig. Latham allein versteht die Konstruktion in
den folgenden Worten Gretchens, Taylor mit allen andern hat
imperativisch:
Think but a little moment's space on Denkt ihr an mich ein Augenblickchen 3107
me! nur,
6*
84
Erst in der Ausgabe der Canterbury Poets ist dieser Fehler
verbessert:
So you but think . . .
Eine Vergleichung bringt er in:
449 Xi&eheavenlyforcesrisinganddescend- Wie Himmelskräfte auf und nieder
ing, steigen
Temporal aufgefaßt ist:
1136 . . . to eure the drouth ... der erst erquickt,
Orüy when meadow, field, Um dich und Feld und Aue . . .
Einen Komparativ und Dativ bringt er in:
1617 Mightier Mächtiger
For the children of men Der Erdensöhne,
Im Intermezzo kommen fast alle Anspielungen gut heraus,
etwas weniger klar sind:
4315 The proper folks one's talents laud Mit rechten Leuten wird man was.
4339 The rahhle by such hate are held, Das haßt sich schwer das Lumpenpack
To maim and slay delights them: Und gab' sich gern das Restchen;
Mit Düntzer setzt er als Überschrift Good Fellow (Fideler)
und hebt in der Anmerkung diese Abweichung von den andern
Übersetzungen hervor.
Die Ungenauigkeiten lassen sich gewöhnlich auf den Reim-
zwang zurückführen:
1384 made is: Son of Hades. Des Chaos wunderlicher Sohn!
2794 How would the pearl chain suit my Wie sollte mir die Kette stehn?
hair? : fair
Er opfert ihm die Leidenschaft:
3326 Get thee away with ihine offences: Verruchter! hebe dich von hinnen,
senses
Reprobate! Name not that fairest Und nenne nicht das schöne Weib!
thing : bring
Die metrische Fessel unterdrückt die Herzenswärme:
3332 Yet am I near, and love keeps watch Ich bin ihr nah, und war' ich noch
and ward; so fern,
Though I were ne'er so far, it cannot Ich kann sie nie vergessen , nie ver-
f älter: lieren;
85
I envy even the Body of the Lord Ja, ich beneide schon den Leib des
Herrn,
The touching of her Ups, before the Wenn ihre Lippen ihn indes berühren,
altar.
Gewisse Ausdrücke fallen des Metrums oder des Reimes
wegen aus dem Rahmen heraus, z. B.:
. . . asunder, :
'Tis time, through deeds this word of Hier ist es Zeit durch Taten zn be- 712
truth to thunder:
weisen,
I chose, prepared it : thus I foUow, — Den ich bereitet, den ich wähle,
With all my soul the final drink I Der letzte Trunk sei nun mit ganzer
734
swallow,
Seele
Midstofthewrathful, infernal derision, Durch den grimmigen teuflischen 4468
Hohn,
I knew the sweet sound of the voice Erkannt' ich den süßen, den liebenden
of the visionl Ton.
Es ist also Taylor nicht immer gelungen, die Entscheidung
zu Gunsten des Sinnes zu treffen. Wollte man aber eine ähnliche
genaue Prüfung in dieser Beziehung an den übrigen Über-
tragungen vornehmen, so fände man dort weit schwerwiegendere
und zahlreichere Vergehen als es bei ihm der Fall ist
In den „Notes" sagt er, daß für den Übersetzer wohl nichts
so schwer sei wie die Zueignung. Schon haben andere vor ihm
die äußere Form, die ottava rima, wiedergegeben, aber keiner
hat die sanfte Elegie, die Vornehmheit der Sprache so schön
getroffen wie Taylor. Ich führe sie ganz an, weil sie die beste
Wiedergabe ist:
Again ye come, ye hovering Forms! Ihr naht euch wieder, schwankende
I find ye,
Gestalten,
As early to my clouded sight ye shone! Die früh sich einst dem trüben Blick
gezeigt.
Shall I attempt this once, to geize Versuch' ich wohl, euch diesmal festzu-
and bind ye?
halten?
Still o'er my heart is that iüusion Führ ich mein Herz noch jenem
thrown?
Wahn geneigt?
Ye crowd more near! Then, be the Ihr drängt euch zu! nun gut, so mögt 5
reign assigned ye,
ihr walten,
And swayme fr omyourmisty,shadowy Wie ihr aus Dunst und Nebel um
zonei
mich steigt;
My bosom thrills, with youthful passion Mein Busen fühlt sich jugendlich er-
shaken,
schüttert
From magic airs that round your march Vom Zauberhauch, der euren Zug
awaken.
umwittert.
86
Of joyous days ye bring the blissful
vision ;
10 The dear, familiär phantoms rise again,
And, like an old and half-extinct
tradition,
First Love returns, with Friendship
in his train.
Renewed is Pain : with mournful
repetition
Life tracks his devious, labyrinthine
chain,
15 And names the Good, whose cheating
fortune tore them
From happy hours, and left me to
deplore them.
Ihr bringt mit euch die Bilder froher
Tage,
Und manche liebe Schatten steigen auf;
Gleich einer alten halbverklungnen
Sage
Kommt erste Lieb' und Freundschaft
mit herauf;
Der Schmerz wird neu, es wiederholt
die Klage
Des Lebens labyrinthisch irren Lauf,
Und nennt die Guten, die um schöne
Stunden
Vom Glück getäuscht, vor mir hinweg-
geschwunden. .
They hear no longer these succeeding Sie hören nicht die folgenden Gesänge,
measures
i
The souls, to whom my earliest songs
I sang:
Dispersed the friendly troop, with all
its pleasures.
20 And still, alas! the echoes first that
rang!
I bring the unknown multitude my
treasures;
Their very plaudits give my heart
a pang,
And those beside, whose joy my Song
so flattered,
If still they live, wide through the
world are scattered.
Die Seelen, denen ich die ersten sang;
Zerstoben ist das freundliche Gedränge,
Verklungen ach! der erste Widerklang.
Mein Leid ertönt der unbekannten
Menge,
Ihr Beifall selbst macht meinem
Herzen, bang,
Und was sich sonst an meinem Lied
erfreuet,
Wenn es noch lebt, irrt in der Welt
zerstreuet.
25 And grasps me now a long-unwonted
yearning
For that serene and solemn Spirit-
Land:
My song to faint Aeolian murmurs
turning,
Sways like a harp-string by the breezes
fanned.
I thrill and tremble; tear on tear is
burning,
30 And the stern heart is tenderly un-
manned.
What I possess, I see far distant lying,
And what I lost, grows real and undy-
ing.
Und mich ergreift ein längst ent-
wöhntes Sehnen
Nach jenem stillen ernsten Geister-
reich,
Es schwebet nun in unbestimmten
Tönen
Mein lispelnd Lied, der Aeolsharfe
gleich,
Ein Schauer faßt mich, Träne folgt
den Tränen,
Das strenge Herz, es fühlt sich mild
und weich;
Was ich besitze, seh 1 ich wie im Weiten,
Und was verschwand, wird mir zu
Wirklichkeiten.
87
Im Aufgeben der Bilder: Wie ihr aus Dunst und Nebel . . .
steigt und ... die Klage . . . nennt die Guten . . . liegen die
Verblassungen, aber vollkommen in der Schönheit des Klanges
und in der Wiedergabe der Stimmung ist die Schlußstrophe.
Ch. Brooks hat ihm hier das letzte Verspaar gegeben; Taylor
ist an einigen Orten von ihm abhängig. — Der schmerzliche
Rückblick des Dichters auf seine Jugend und der Preis der
Poesie, den er singt, sind schön übertragen. Im erstem folgt
Taylor zwar weder metrisch noch inhaltlich ganz genau, und
einmal verläßt ihn die Kraft des Ausdrucks:
Then bright mist veiled the world
before me,
In opening buds a marvel woke,
As I the thousand blossoms broke.
Which every valley richly bore me!
I nothing had and yet enough for
youih —
Joy in Illusion, ardent thirst for
Truth.
Give, unrestrained, the old emotion,
The bliss that touched the verge ofpain,
The strength of Hate, Love's deep
devotion, —
0, give me back my youth again!
Da Nebel mir die Welt verhüüten, 188
Die Knospe Wunder noch versprach,
Da ich die tausend Blumen brach,
Die alle Täler reichlich füllten.
Ich hatte nichts und doch genug:
Den Drang nach Wahrheit und die
Lust am Trug.
Gib ungebändigt jene Triebe,
Das tiefe schmerzenvolle Glück, 195
Des Hasses Kraft, die Macht der Liebe,
Gib meine Jugend mir zurück!
„Yet enough for youth" ist ein schlimmes prosaisches
Füllsel, „the bliss that touched the verge of pain u umschreibt
mit wenig Kraft die Tiefe und Bedeutsamkeit des Goetheschen
Ausdrucks. — Über die Hymne der Erzengel lesen wir in
den „Notes": „Here, more than in almost any other poem,
the words acquire a new and indescribable power from their
collocation. The vast, wonderful atmosphere of space which
envelops the lines could not be retained in prose." Es gelingt
ihm, diese Weite und die volle Musik der Verse auszudrücken
wie es keiner vor ihm vermocht:
The sun-orb sings, in emulation,
'Mid brother-spheres, his ancient round :
His path predestined through Creation,
He ends with step of thunder-sound.
The angels from his visage splendid
Draw power, whose measure none can
say;
The lofty works nncomprehended,
Are bright as on the earljest day.
Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.
Ihr Anblick gibt den Engeln Stärke,
Wenn keiner sie ergründen mag;
Die unbegreiflich hohen Werke
Sind herrlich wie am ersten Tag.
243
245
250
88
And Bwift, and swift beyondconceiving,
The splendor of the world goes round,
Day's Eden-brightness still relieving
The awful Night's intense profound:
255 The ocean-tides in foam are breaking,
Against the rocks' deep bases hurled,
And both the spheric race partaking,
Eternal, swift, are onward whirled!
And rival storms abroad are surgingT
260 From sea to land, from land to sea,
A chain of deepest action forging
Round all, in wrathful energy.
There flames a desolation, blazing
Before the Thunders crashing way:
265 Yet, Lord, Thy messengers are praising
The gentle movement of thy Day.
Und schnell und unbegreiflich schnelle
Dreht sich umher der Erde Pracht;
Es wechselt Paradieseshelle
Mit tiefer schanervoller Nacht;
Es schäumt das Meer in breiten Flüssen
Am tiefen Grund der Felsen auf,
Und Fels und Meer wird fortgerissen
In ewig schnellem Sphärenlauf.
Und Stürme brausen um die Wette,
Vom Meer aufs Land, vom Land aufs
Meer,
Und bilden wütend eine Kette
Der tiefsten Wirkung rings umher.
Da flammt ein blitzendes Verheeren
Dem Pfade vor des Donnerschlags;
Doch, deine Boten, Herr, verehren,
Das sanfte Wandeln deines Tags.
Die folgende Halbstrophe, die eine Variation der zweiten
Hälfte der 1. Strophe ist, trägt bei Taylor diesen Charakter zu
wenig deutlich. — Sehr schön ist die Selbstcharakteristik des
Erdgeistes:
501 In the tides of Life, in Action's storm,
A fluctuant wave,
A Shuttle free,
Birth and the Grrave,
505 An eternal sea,
A weaving, flowing
Life, all-glowing,
Thus at Time's humming loom 't is
my hand prepares
The garment of Life which the Deity
wears!
In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall' ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff 7 ich am sausenden Webstuhl
der Zeit,
Und wirke der Gottheit lebendiges
Kleid.
Ebenso frei wie hier behandelt er die jambisch anapästischen
Verse am Anfang von Fausts erstem Monolog, er wendet zuerst
regelmäßige vierhebige Jamben an und vermehrt die Senkungen
erst später, ohne sich streng ans Original zu halten. Genauer
folgt er dann im Dialog mit Wagner und in dem sich daran
anschließenden Monolog Fausts, eine Stelle möge es zeigen:
640 If hopeful Fancy once, in daring flight, Wenn Phantasie sich sonst mit kühnem
Flug
Her longings to the Infinite expanded, Und hoffnungsvoll zum Ewigen er-
weitert,
89
Yet now a narrow space content» her
quite,
Since Time's wild wave so many a
fortune stranded.
Care at the bottom of the heart is
lurking:
Her secret pangs in silence working,
She, restless, rocks herseif, disturbing
joy and rest:
In newer masks her face is ever drest,
By turns as honse and land, as wife
and child presented, —
As water, fire, as poison, steel:
We dread the blows we never feel,
And what we never lose, is yet by
us lamented!
So ist ein kleiner Raum ihr nun
genug,
Wenn Glück auf Glück im Zeiten-
strudel scheitert.
Die Sorge nistet gleich im tiefen
Herzen,
Dort wirket sie geheime Schmerzen, 645
Unruhig wiegt sie sich und störet
Lust und Ruh;
Sie deckt sich stets mit neuen Masken
zu,
Sie mag als Haus und Hof, als Weib
und Kind erscheinen,
Als Feuer, Wasser, Dolch und Gift;
Du bebst vor allem, was nicht trifft, 650
Und was du nie verlierst, das mußt
du stets beweinen.
Vom Einschläferungslied der Geister, dessen Rhythmus
und Schönheit Taylor fast ganz festzuhalten Vermag, sagt er
in den „Notes": „The rhythmical translation of this song is
a head and heart breaking task. I can only say, that, after
returning to it again and again, during a period of six years,
I can off er nothing better." Er entfernt sich nur wenig vom
Original, ein Bruchstück genügt, um seine Gewandtheit zu zeigen:
that the darkling
Glouds had departed!
Starlight is sparkling,
Tranquiller-hearted
Suns are on high.
Heaven's own children
In beauty bewildering,
Waveringly bending,
Pass as they hover;
Longing unending
Follows them over.
Life-ward all hieing, —
All for the distant
Star of existent
Rapture and Love!
Wären die dunkeln
Wolken zerronnen!
Sternelein funkeln,
Mildere Sonnen
Scheinen darein.
Himmlischer Söhne
Geistige Schöne,
Schwankende Beugung
Schwebet vorüber.
Sehnende Neigung
Folget hinüber;
Alle zum Leben,
Alle zur Ferne
Liebender Sterne,
Seliger Huld.
1452
1455
1460
1502
Metrisch gelungen sind auch die Engelchöre, im Chor der
Weiber weicht er etwas ab, sehr gut ist wieder das Soldaten-
liedchen, von den* ich die 1. Strophe gebe:
90
884 Castles, with lofty
Ramparts and towers,
Maidens disdainful
In Beauty's array,
Both shall be ours!
Bold is the venture,
890 Splendid the pay.
Burgen mit hohen
Mauern und Zinnen,
Mädchen mit stolzen
Höhnenden Sinnen
Möcht' ich gewinnen!
Kühn ist das Mühen,
Herrlich der Lohn!
Das Tanzliedchen trifft den derben Volkston und das Sang-
bare recht gut. Die 2. Strophe lautet:
957 He broke the ranks, no whit afraid,
And with his elbow punched a maid,
Who stood, the dance surveying:
960 The buxom wench, she turned and said :
„Now you I call a stupid-head!"
Hurrah! hurrah!
Hurra-tarara-la!
„Be decent while you're staying!"
Er drückte hastig sich heran,
Da stieß er an ein Mädchen an
Mit seinem Ellenbogen;
Die frische Dirne kehrt sich um
Und sagte: Nun das find 1 ich dumm!
Juchhe! Juchhe!
Juchheisa! Heisa! He!
Seid nicht so ungezogen.
Mephistos Ständchen und das Liedchen aus dem Märchen
sind ebenfalls glücklich auf den Volkston gestimmt. Taylor
bringt überhaupt das Volkstümliche in der Sprache des Faust
vorzüglich zum Ausdruck. Er wendet gerne die vertrauliche
und auch nachlässige Sprechweise an, bringt landläufige Redens-
arten und wahrt damit die Lebendigkeit und Unmittelbarkeit
des Dialogs. Ich will aus der Fülle einige Beispiele heraus-
greifen:
816 . . . jolly rows and squabbles
594 the dead of night
Händel
tief in der Nacht.
1326 You've made me roundly sweat, that's Ihr habt mich weidlich schwitzen
certain! machen.
2908 The gentleman's too kind, I'm sure. Ach Gott! der Herr ist gar zu gut:
3004 111 cut away, betimes!
Nun mach 1 ich mich bei Zeiten fort!
3198 It's as if nobody had nothing to fetch Es ist als hätte niemand nichts zu
and carry treiben
3622/23 His pink of girls
den Flor der Mägdlein
2628 . . . like Jack Hake.
Hans Liederlich,
91
A. Swanwick gibt dafür Gay Lothario, Anster behält den
deutschen Ausdruck bei
Most worthy Paedagogue
Herr Magister Lobesan,
2633
Martin hat dafür Master Graveairs, A. Swanwick: Sir
Moralizer.
AU sorts of tender rigmarole.
Fancy's rickets
Brimborium.
Eribskrabs
2650
3268
Martin gibt dafür whim-whams, Hayward: crotchets of
imagination.
Mit Ausnahme einiger Latinismen, die nicht gut zu Valentin
passen, ist seine Sprache mit ihrer Derbheit und Volkstümlich-
keit markig und treffend, so erhält die Schmähung dieselbe
Schwüle und Düsterkeit:
My Margaret, see! still young thou Mein Gretchen sieh! du bist noch 3726
art, jung,
Bat not the least bit shrewd or smart, Bist gar noch nicht gescheidt genung
Thy business thus to slight. Machst deine Sachen schlecht,
Während Taylor hier auch metrisch genau folgt, verkennt
er die Wirkung der rhythmischen Änderungen im Fortgang der
Schmähung; wenigstens bringt er sie nicht heraus:
When Shame is born and first appears,
She is in secret brought to light,
And then they draw the veil of night
Over her head and ears;
Her life, in fact, they're loathe to
spare her.
But let her growth and strength
display,
She walks abroad unveiled by day,
Yet is not grown a whit the fairer.
The uglier she is to sight
The more she seeks the day's broad
light.
Wenn erst die Schande wird geboren, 3740
Wird sie heimlich zur Welt gebracht,
Und man zieht den Schleier der Nacht
Ihr über Kopf und Ohren;
Ja, man möchte sie gern ermorden.
Wächst sie aber und macht sich groß, 3745
Dann geht sie auch bei Tage bloß
Und ist doch nicht schöner geworden.
Je häßlicher wird ihr Gesicht,
Je mehr sucht sie des Tages Licht.
Gewiß ist die Schilderung auch hier wirksam, aber eine
metrisch getreue Übersetzung sollte an solchen Stellen auch
beweglicher werden. — Taylor läßt dem Übermut in Auerbachs
Keller die Zügel schießen und wendet darum das Derbe an:
Aha! you lick your chops, from sheer Aha, du Hingst schon an, die Lippen 2263
anticipation. abzulecken.
92
Von den Liedchen ist neben den Volkslied -Fragmenten
namentlich die erste Strophe vom Flohlied gut getroffen:
2211 There was a king once reigning, Es war einmal ein König,
Who had a big black flea, Der hatt' einen großen Floh,
And loved him past explaining, Den liebt' er gar nicht wenig,
As his own son were he. Als wie seinen eignen Sohn.
He called his man of stitches; Da rief er seinen Schneider,
The Tailor came straightway: Der Schneider kam heran:
Here measure the lad for breeches, Da, miß dem Junker Kleider,
And measure his coat, I say! Und miß ihm Hosen an!
Auch die kleine rhythmische Schwankung, wodurch die
Launigkeit erhöht wird, ist hübsch bewahrt. Im Gespräch
zwischen Mephistopheles und dem Schüler schließt sich Taylor
ebenso eng ans Original an und mit demselben Erfolg. Auch
der Ton, der Sarkasmus und Zynismus des Teufels, ist derselbe.
In der Hexenküche folgt Taylor wieder gewöhnlich treu, zu-
weilen verschärft er hier gern den Ton:
2523 Wherefrom, sometimes, I wet my Aus der ich selbst zuweilen nasche.
throttle,
Die Brunnenszene überträgt er in ihrer ganzen derben
Eealistik. — Dadurch daß er das Altertümliche des Stils nach-
ahmt, jedoch mit weiser Einschränkung, bewahrt er einen
andern Eeiz des Originals:
1516 The lord of rats and eke of mice Der Herr der Ratten und der . . .
1565 . . . is sent to fray me Mich werden . . . schrecken
1726 Nathless a parchment writ . . . Allein ein Pergament, beschrieben
2756 . . . where can she bide? Ich woUt' die Mutter kam' nach Haus.
In der Schilderung des Frühlings schmiegt sich der Über-
setzer an die lebhaftere Bewegung der Verse Goethes an, aber
er mischt die Jamben und Anapäste in freier Weise. Das ist
jedoch kein Nachteil, fließen doch seine Verse so leicht dahin
wie die Goetheschen:
903 Eeleased from ice are brook and river Vom Eise befreit sind Strom und
Bäche
By the quickening glance of the Durch des Frühlings holden belebenden
gracious Spring; Blick;
93
The colors of hope to the valley cling,
And weak old Winter himself must
shiver,
Withdrawn to the mountains, a crown-
less king:
Whence, ever retreating, he sends
again
Impotent showers of sleet that darJde
In belts across the green o' the piain.
But the sun will permit no white to
sparkle;
Everywhere form in development
moveth;
He will brighten the world with the
tints he loveth,
And, lacking blossoms, blue, yellow,
and red,
He takes these gaudy people instead.
Im Tale grünet Hoffnungsglück; 905
Der alte Winter in seiner Schwäche
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur; 910
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlt's im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür. 915
Wie er hier den hellen belebenden Ton findet und alle die
koloristisch wirkenden Epitheta wiedergibt, so entfaltet der
Abendhymnus die ganze Pracht und Klangfülle des Originals.
Auch hier macht er von der in seiner Vorrede beanspruchten
Freiheit Gebrauch, indem er vier- und fünfhebige Jamben ab-
wechseln läßt, wie sie sich für seine Verse am natürlichsten
ergeben. Die beiden Alexandriner auch, die das Verweilen des
innern Blickes, die Euhe ausdrücken, liegen bei ihm in den
beiden charakteristischen Versen. Am Schluß zwar versinkt das
Symbolische:
The crane sails by to other shores Der Kranich nach der Heimat strebt. 1099
Nach der Heimat in höherem Sinne zieht es ja auch
Faust, der gleich darauf denselben Gedanken variiert ausdrückt.
Hier kommt Taylor seinem Vorbild wieder am nächsten von
allen andern Übersetzern:
Two souls, alas! reside within my
breast,
And each withdraws from, and repels
its brother.
One with tenacious Organs holds in love
And clinging lust the world in its
embraces,
The other strongly sweeps, this dust
above
Into the high ancestral Spaces.
Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner 1112
Brust,
Die eine will sich von der andern
trennen,
Die eine hält in derber Liebeslust
Sich an die Welt mit klammernden 1115
Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom
Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.
94
Das wilde Drängen Fausts nach Genuß im weitesten Sinne
teilt sich auch bei Taylor den Versen mit:
1754 Plunge we in Time's tumultuous
dance,
In the rush and roll of circumstance!
Then may delight and distress,
And worry and success,
Alternately follow as best they can:
Restless activity proves the man!
Stürzen wir uns in das Bauschen der
Zeit,
Ins Rollen der Begebenheit!
Da mag denn Schmerz und Genuß,
Gelingen und Verdruß,
Mit einander wechseln wie es kann;
Nur rastlos betätigt sich der Mann.
Die unregelmäßig gebauten Verse in der herrlichen
Schilderung vom Sturm ordnet Taylor wieder nach Belieben,
doch herrschen auch bei ihm die trochäisch daktylischen Verse
vor, und er ist wirksam, obgleich er die onomatopoetische
Kraft nicht ganz auslöst. Ganz Goethesche Stimmung ist dann
die Fauststrophe im Wechselgesang:
3881 O'er the stones, the grasses, fiowing.
Stream and streamlet seek the hollow.
Hear I noises? songs that follow?
Hear I tender love-petitions?
3885 Voices of those heavenly visions?
Sounds of hope, of love undying!
And the echoes, like traditions
Of old days, come faint and hollow.
Durch die Steine, durch den Basen
Eilet Bach und Bächlein nieder.
Hör' ich Bauschen? hör' ich Lieder?
Hör' ich holde Liebesklage,
Stimmen jener Himmelstage?
Was wir hoffen, was wir lieben!
Und das Echo, wie die Sage
Alter Zeiten, hallet wieder.
Die verschiedene Auffassung von Vers 3886 kommt dabei
nicht in Betracht.
Es ist überhaupt einer der großen Vorzüge der Taylorschen
Übersetzung, daß sie das Stimmungsvolle so schön und warm
nachtönt. So zieht die sanfte Elegie durch das Nachtstück,
dessen erste Strophe ich gebe:
1178 Behind me, field and meadow sleeping,
I leave in deep, prophetic night,
Within whose dread and holy keeping
The better soul awakes to light.
The wild desires no longer win us,
The deeds of passion cease to chain;
The love of Man revives within us,
1185 The love of God revives again.
Verlassen haV ich Feld und Auen,
Die eine tiefe Nacht bedeckt,
Mit ahnungsvollem, heil'gem Grauen
In uns die bessre Seele weckt.
Entschlafen sind nun wilde Triebe,
Mit jedem ungestümen Tun;
Es reget sich die Menschenliebe,
Die Liebe Gottes regt sich nun.
In der Anmerkung zum Monolog Fausts in Gretchens Zimmer
zeigt Taylor wieder sein tiefes Eindringen in das Wesen der
Gestalten und sein feines künstlerisches Urteil. Leider steht
95
aber hier das Vollbringen hinter dem Wollen zurück. Bei
Goethe ist der Monolog so ganz in die Sphäre der lautersten
Poesie erhoben, es durchweht ihn so ganz der „Zauberduft",
dies eine Mal versagt Taylor die Kraft. Doch bringt er auch
hier Besseres als alle andern Übersetzer. — Zur Ballade vom
König in Thule schreibt er: „The feminine rhymes of the first
and third lines of each verse have been omitted, in order to
make the translation strictly literal . . ., the redundant syllable
partly atones to the ear for the absence ,of rhyme. In this
instance I have considered it especially necessary to preserve
the simplicity of the original, and (if that be possible) the weird,
mystic sweetness of its movement." Das ist ihm im vollsten
Sinne gelungen, keiner hat die schwere Aufgabe so würdig gelöst:
There was a king in Thule,
Was faithful tili the grave, —
To whom his mistress, dying,
A golden goblet gave.
Naught was to him more precious;
He drained it at every bout;
His eyes with tears ran over
As oft as he drank thereout.
When came his time of dying,
The towns in his land he told,
Naught eise to his heir denying
Except the goblet of gold
He sat at the royal banquet
With his knights of high degree,
In the lofty hall of his fathers
In the Castle by the Sea.
There stood the old carouser,
And drank the last life-glow;
And hurled the hallowed goblet
Into the tide below.
He saw it plunging and filling,
And sinking deep in the sea:
Then feil his eyelids forever,
And nevermore drank he!
Es war ein König in Thule
Gar treu bis an das Grab,
Dem sterbend seine Buhle
Einen goldnen Becher gab.
Es ging ihm nichts darüber,
Er leert' ihn jeden Schmaus;
Die Augen gingen ihm über,
So oft er trank daraus.
Und als er kam zu sterben,
Zählt' er seine Stadt' im Reich,
Gönnt alles seinem Erben,
Den Becher nicht zugleich.
Er saß beim Königsmahle,
Die Ritter um ihn her,
Auf hohem Vätersaale,
Dort auf dem Schloß am Meer.
Dort stand der alte Zecher,
Trank letzte Lebensglut,
Und warf den heiligen Becher
Hinunter in die Flut.
Er sah ihn stürzen, trinken
Und sinken tief ins Meer,
Die Augen täten ihm sinken,
Trank nie einen Tropfen mehr.
2759
2765
2770
2775
2780
Von Gretchens Lied am Spinnrad sagt er: „The verses are
indeed articulate sighs; the lines are almost as short and simple
i
96
as the first speech of a child, and tlie least deviation from either
the meaning or the melody of the original (even the change of
„meine" into „my", in the first line) takes away something of
its indescribable sadness and strength of desire." So nach-
empfinden heißt selber eine Dichterseele haben. Auf seiner
Übertragung des Liedes ruht denn auch dieselbe Stimmung der
Sehnsucht, die sich bis zur Leidenschaft steigert.
3374 My peace is gone,
My heart is sore:
I never shall find it,
Ah, nevermore!
Save I have him near,
The grave is here;
3380 The world is gall
And bitterness all.
My poor weak head
Is racked and crazed;
My thought is lost,
3385 My senses mazed.
1. Strophe.
3390 To see him, him only
At the pane I sit;
To meet him, him only,
The house I quit.
His lofty gait,
3395 His noble size,
The smile of his month,
The power of his eyes,
And the magic flow
Of his talk, the bliss
3400 In the clasp of his hand,
And, ah! his kiss!
1. Strophe.
My bosom yearns
For him alone;
Ah, dared I clasp him,
And hold, and own!
3410 And kiss his mouth,
To heart's desire,
And on his kisses
At last expire!
Meine Buh ist hin,
Mein Herz ist schwer;
Ich finde sie nimmer
Und nimmermehr.
Wo ich ihn nicht haV
Ist mir das Grab,
Die ganze Welt
Ist mir vergällt.
Mein armer Kopf
Ist mir verrückt,
Mein armer Sinn
Ist mir zerstückt.
1. Strophe.
Nach' ihm nur schau' ich
Zum Fenster hinaus,
Nach ihm nur geh' ich
Aus dem Haus.
Sein hoher Gang,
Sein 7 edle Gestalt,
Seines Mundes Lächeln,
Seiner Augen Gewalt,
Und seiner Rede
Zauberfluß,
Sein Händedruck,
Und ach, sein Kuß!
1. Strophe.
Mein Busen drängt
Sich nach ihm hin.
Ach dürft' ich fassen
Und halten ihn,
Und küssen ihn
So wie ich wollt',
An seinen Küssen
Vergehen sollt'!
97
Wenn auch in der dritten Strophe die Einfachheit auf-
gegeben und die fünfte etwas hart im Ton ist, so hat doch keiner
wie er die „indescribable sadness" auszudrücken vermocht. Wie
er sich hier einige kleine rhythmische Änderungen gestattet, tut
er es auch im Gebet vor der Mater dolorosa, all das bange Weh
schluchzt in den Versen:
Incline, Maiden,
Thou sorrow-laden,
Thy gracious countenance upon my
pain!
The sword Thy heart in,
With anguish smarting,
Thou lookest up to where Thy Son
is slain!
Thou seest the Father;
Thy sad sighs gather,
And hear aloft Thy sorrow and His
pain!
Ah, past guessing,
Beyond expressing,
The pangs that wring my flesh and
bone!
Why this anxious heart so burneth,
Why it trembleth, why it yearneth,
Knowest Thou, and Thou alone!
Where'er I go, what sorrow,
What woe, what woe and sorrow
Within my bosom aches!
Alone, and ah! unsleeping,
Fm weeping, weeping, weeping,
The heart within me breaks.
The pots before my window,
Alas! my tears did wet,
As in the early morning
For thee these flowers I set.
Within my lonely Chamber
The morning sun shone red:
I sat, in utter sorrow,
Already on my bed.
Help ! rescue me from death and stain!
Maiden!
Thou sorrow-laden,
Incline Thy countenance upon my
pain!
Ach neige, 3587
Du Schmerzenreiche,
Dein Antlitz gnädig meiner Not!
Das Schwert im Herzen, 3590
Mit tausend Schmerzen
Blickst auf zu deines Sohnes Tod.
Zum Vater blickst du,
Und Seufzer schickst du
Hinauf um sein' und deine Not. 3595
Wer fühlet,
Wie wühlet
Der Schmerz mir im Gebein?
Was mein armes Herz hier banget,
Was es zittert, was verlanget, 3600
Weißt nur du, nur du allein!
Wohin ich immer gehe,
Wie weh, wie weh, wie wehe
Wird mir im Busen hier!
Ich bin ach kaum alleine, 3605
Ich wein', ich wein', ich weine,
Das Herz zerbricht in mir.
Die Scherben vor meinem Fenster
Betaut' ich mit Tränen, ach!
Als ich am frühen Morgen 3610
Dir diese Blumen brach.
Schien hell in meine Kammer
Die Sonne früh herauf,
Saß ich in allem Jammer
In meinem Bett schon auf. 3615
Hilf! rette mich von Schmach und Tod!
Ach neige,
Du Schmerzenreiche
Dein Antlitz gnädig meiner Not!
Baumann, Eugl. Übersetzungen t. Goethes Faust.
98
In zwei Fällen ist Taylor hier, wie übrigens noch an einigen
andern Orten, abhängig von seinem Landsmann Ch. Brooks. —
Die Domszene ist auch in der Übersetzung von wunderbarer
Größe. Fast jede Bewegung in den Versen der Kerkerszene
schwingt in der Übersetzung nach, das Auf- und Abwogen von
Schmerz und Furcht, der plötzliche Wechsel von süßem Liebes-
zauber zu furchtbaren Gewissensqualen teilt sich auch hier
dem Metrum mit:
4405 A shudder, long unfelt, comes o'er
me;
Mankind's coUected woe o'erwhelms
me here.
She dwells within the dark, damp
walls before me,
And all her crime was a delusion
dear!
What! I delay to free her?
I dread, once again to see her?
On! my shrinking only brings Death
more near.
4453 leet ns kneel, and call the Saints
to hide us!
Under the steps beside us,
4455 The threshold under,
Hell heaves in thunder!
The Evil One
With terrible wrath
Seeketh a path
His prey to discover!
4530 Ah, within thine arms to hide me,
That was a sweet and a gracious bliss,
But no more, no more can I attain it!
I would force myself on thee and con-
strain it,
And it seems thon repellest my kiss:
And yet 't is thon, so good, so kind
to see!
Mich faßt ein längst entwöhnter
Schauer,
Der Menschheit ganzer Jammer faßt
mich an.
Hier wohnt sie hinter dieser feuchten
Mauer,
Und ihr Verbrechen war ein guter
Wahnt
Du zauderst zu ihr zu gehen!
Du fürchtest sie wieder zu sehen!
Fort! Dein Zagen zögert den Tod
heran.
laß uns knien die Heil'gen anzu-
rufen!
Sieh! unter diesen Stufen,
Unter der Schwelle
Siedet die Hölle!
Der Böse,
Mit furchtbarem Grimme,
Macht ein Getöse!
Mich an deine Seite zu schmiegen
Das war ein süßes, ein holdes Glück!
Aber es will mir nicht mehr gelingen;
Mir ist's als müßt' ich mich zu dir
zwingen,
Als stießest du mich von dir zurück;
Und doch bist du's und blickst so gut,
so fromm.
In der Prosaszene hat Taylor die Abschwächungen seiner
Vorgänger vermieden, sie ist prägnant im Ausdruck und voll
von leidenschaftlichem Pathos. Auch den getragenen Ton findet
er in den herrlichen Jamben in Wald und Höhle und im Glaubens-
bekenntnis. — Gretchen, deren Züge er auf das Frankfurter
99
Gretchen und Lili Schönemann zurückführt, ist in den „Notes"
sehr fein charakterisiert, keiner der vielen Übersetzer hat ihr
soviel Goethesches gewahrt wie Taylor. Vor allem ist sie lieb-
reizend in ihrem warmen Empfinden und ihrer Aufrichtigkeit:
I feel his presence like something ill.
I 've eise for all a kindly will,
Bat mach as my heart to see thee
yearneth,
The secret horror of him returneth;
And I think the man a knave, as I live !
If I do him wrong, may Gtod forgive!
Seine Gegenwart bewegt mir das 3477
Blut.
Ich bin sonst allen Menschen gut;
Aber wie ich mich sehne dich zu
schauen,
Hab' ich vor dem Menschen ein heim- 3480
lieh Grauen,
Und halt' ihn für einen Schelm dazu!
Gott verzeih mir's, wenn ich ihm Un-
recht tu'!
When once inside the door comes he,
He looks around so sneeringly,
And half in wrath:
One sees that in nothing no interest
he hath:
Kommt er einmal zur Tür herein,
Sieht er immer so spöttisch drein,
Und halb ergrimmt;
Man sieht, daß er an nichts keinen
Anteil nimmt;
3485
Die Sentenzen sind gewöhnlich knapp und treffend gefaßt, z.B.:
A mind once formed, is never suited Wer fertig ist, dem ist nichts recht 182
after; zu machen;
One yet in growth will ever grateful Ein Werdender wird immer dankbar
be. sein.
If Poetry be your vocation
Let Poetry your will obey!
Gebt ihr euch einmal für Poeten,
So kommandiert die Poesie.
220
What's left undone to-day, To-morrow Was heute nicht geschieht, ist morgen 225
will not do. nicht getan.
We are used to see, that Man despises Wir sind gewohnt, daß die Menschen 1205
verhöhnen,
What he never comprehends. Was sie nicht verstehn.
Taylor hat sein Versprechen gehalten, er ist mit großer
Treue und Selbstverleugnung gefolgt. Keine Gestalt ist entstellt,
und die vielfältigen Motive tönen bei ihm voll wieder. Die
metrische Nachfolge ist ihm — die beanspruchte Freiheit zu-
gegeben — ebenfalls gelungen. W. P. Andrews >) macht Taylor
die starke Anwendung von Latinismen zum Vorwurf. Man möchte
l ) Atlantic Monthly 1890, On the Translation of Faust.
* • • - ■
100
dieses Element wohl gerne vermissen, besonders bei Gretchen,
bedenkt man aber, wie vortrefflich Taylor den kühnen freien
Geist, die reiche Stimmungswelt der Goetheschen Dichtung
wiedergegeben, so muß dieser Tadel, wie auch die andern Aus-
setzungen, die zu machen sind, vor der Menge des Guten stark
zurücktreten. Kraft, Tiefe, ernste Kunst zeichnet seine Arbeit
aus, es weht in ihr ein starker poetischer Geist. Von allen
Übersetzungen, die ich gelesen, kommt sie nach meinem Emp-
finden dem Original am nächsten.
6. Die Mc Lintocksche Übersetzung.
Goethes „Faust" (The so-called First Part, 1770—1808);
together with the scene „Two Imps and Amor", the Variants
of the Göchhausen Transcript; and the complete Para-
lipomena of the Weimar Edition of 1887. In English,
with introduction and notes by R McLintock. London,
D. Nutt, 1897.
In der Zeitschrift für deutsches Altertum 1898 tadelt
Albert Köster die dilettantische Einleitung, die Mc Lintock seiner
Übersetzung voranschickt. Sie sei buntscheckig, oberflächlich
und verwirre den Laien nur, ebenso sei es mit den bald unter
dem Text, bald im Anhang mitgeteilten Proben aus dem „Urfaust".
Diese hätten vollständig in der Sprache des jungen Goethe
wiedergegeben werden sollen; wenn das überhaupt möglich wäre.
Für die Entdeckung, auf die er sich am meisten zugute tue,
müßte McLintock erst noch den Beweis liefern: Er meint, weil
der „Urfaust" an ein paar Stellen weitläufige Verwandtschaft
mit Marlowes „Faustus" zeige, müsse Goethes Jugendplan in
allen Teilen dem des englischen Dichters gleich gewesen sein. —
Die Notes und Comments enthalten textliche Erklärungen, literar-
historische Anmerkungen, in welchen McLintock hauptsächlich
Schröer folgt. Dann aber legt er in ihnen seine „thoughts on
Faust" nieder, von denen er hofft, sie „may help a few eyes to
see the imbecility and absolute immorality of some of the current
interpretations of the work." l ) Sie sind wertlos, weil sie den
ästhetisch ethischen Wert der Dichtung zu schmälern suchen,
was natürlich nicht gelingt.
') Preface pag. Vm.
101
McLintock stellt für seine Übersetzung kein Programm
auf, aber eine flüchtige Vergleicliung zeigt sofort, daß er sich
mehr noch als seine Vorgänger bemüht, jede leiseste rhythmische
Bewegung mitzumachen. Natürlich ist das nicht so gemeint,
daß er Vers um Vers nach der Vorlage skandiert, auch er erlaubt
sich Freiheiten, die der ungehemmte Fluß der Rede verlangt.
Aber in den Liedern namentlich und in andern rhythmisch
charakteristischen Partien sucht er Vers um Vers metrisch genau
festzuhalten. Vereint mit diesem Streben geht noch das andere:
die Reime in möglichster Übereinstimmung mit dem Original
anzuordnen. Einige Lieder sollen zuerst zeigen, wie weit er
mit seinem Bestreben Erfolg hat. In den Osterchören hat er
es verstanden, durchweg die daktylischen Dipodien beizubehalten,
auch im Chor der Weiber, der bei B. Taylor einige kleine Ab-
weichungen zeigt:
Spices sweet-smelling we Mit Spezereien 749
Laid him near by, Hatten wir ihn gepflegt,
When with hearts swelling we Wir seine Treuen
Left him to lie. Hatten ihn hingelegt,
Linen for winding him, Tücher und Binden
Spotless and fair — Reinlich umwanden wir,
Weep we must, Unding him Ach! und wir finden 755
No longer there! Christ nicht mehr hier.
Die einzige Freiheit, von der McLintock Gebrauch macht,
ist, daß er die katalektischen Verse umstellt. Im Schlußchor
der Engel, der rhythmisch genau übereinstimmt, hat er die
stilistische Eigentümlichkeit, die in den aus substantivierten
Adjektiven und Partizipien bestehenden Versen liegt, durch
Umschreibung aufgegeben. Hierin kommt Taylor, der übrigens
das Metrum auch genau festhält, dem Original näher. Das
Soldatenliedchen zeigt bei McLintock neben durchgeführtem
daktylisch - trochäischem Versmaß dieselbe überwiegende An-
wendung der weiblichen Reime, die einzig vom zweiten Refrain-
und dem Schlußvers unterbrochen werden. Ich führe nur die
zweite Strophe an, die metrisch genauer ist als bei Taylor:
Careless we march when Und die Trompete 891
Trumpet-tones call us, Lassen wir werben,
Whether Farne crown or Wie zu der Freude,
Ruin befall us. So zum Verderben.
Rush and resistance — Das ist ein Stürmen! 895
That's an existence! Das ist ein Leben!
102
Maidens and Castles
Find no assistance —
Stern is the striving,
900 Splendid the pay!
Fighting done — soldier
Marches away.
Mädchen und Bargen
Müssen sich geben.
Kühn ist das Mühen
Herrlich der Lohn!
Und die Soldaten
Ziehen davon.
Der Gesang der Geister auf dem Gange, der der unsicht-
baren Geister (nach Fausts Fluch) und hauptsächlich Mephisto-
pheles' Nachahmung des letztern sind noch nie metrisch so genau
übertragen worden, nur im Reim findet sich hie und da eine
kleine Abweichung. Ich führe die beiden letztern ganz an:
1607 Woe! Woe!
Lo, thon hast laid low
The fair world all
1610 With tyrannous hlow!
ruinous fall!
A demi-god's hand has unmade it!
We, haling
To Chaos the fragments scattered,
1615 Go wailing
Over beauty lost and shattered!
Mighty thon
Among earth's offspring —
Brighter now
1620 Bid it aloft spring —
Yea, in thy bosom shape a new sphere!
And a new career
Beginning,
And clear sight winning,
1625 Ere long new songs shall
Teil of new cheer!
Listen — my youngsters
(Cunning songsters!)
Bidding thee in joy and action
1630 Seek satisf action! —
Out among men
From this lonesome den
Where senses and blood lag crawling —
Tempts thee not their calling?
Weh! Weh!
Du hast sie zerstört,
Die schöne Welt,
Mit mächtiger Faust;
Sie stürzt, sie zerfällt!
Ein Halbgott hat sie zerschlagen!
Wir tragen
Die Trümmern ins Nichts hinüber,
Und klagen
Über die verlorne Schöne.
Mächtiger
Der Erdensöhne,
Prächtiger
Baue sie wieder,
In deinem Busen baue sie auf!
Neuen Lebenslauf
Beginne,
Mit hellem Sinne,
Und neue Lieder
Tönen darauf!
Dies sind die Kleinen
Von den Meinen.
Höre, wie zu Lust und Taten
Altklug sie raten!
In die Welt weit,
Aus der Einsamkeit,
Wo Sinnen und Säfte stocken,
Wollen sie dich locken.
Eine ebenso enge metrische Anschmiegung zeichnet die
Volks- und Studentenlieder aus, freilich weicht McLintock dabei
textlich etwas ab und verwischt in den letztern die große Un-
gebundenheit, das Lied vom Floh hat die Pointe verloren. — -
Keiner hat so treu den Rhythmus der Gretchenlieder verfolgt
103
wie McLintock. Sie zeigen kaum eine leise Abweichung und
werden hier ganz angeführt, um seine erstaunliche Gewandtheit
in der Versifikation zu zeigen:
A king there once was in Thule
Faithful unto the grave,
To whom one loved right truly
When ehe died a gold cup gave.
No gern prized he more dearly
'Twas drained each drinking bout;
His eyes in tears swam if merely,
He drank a dranght thereout!
And when it came to dying,
He his kingdom's cities told,
Resigned them all unsighing —
Not so that cup of gold.
Girt round by knight and vassal,
A royal feast made he,
All in his father's Castle
That looks down on the sea.
Then rose that toper olden
Of life-glow drank his last,
The sacred goblet golden
Then to the flood he cast.
He watched it strike and shimmer,
Deep sinking in the sea,
And then his eyes grew dimmer,
And no drop more drank he!
Es war ein König in Thule
Gar treu bis an das Grab,
Dem sterbend seine Buhle
Einen goldnen Becher gab.
Es ging ihm nichts darüber,
Er leert 7 ihn jeden Schmaus;
Die Augen gingen ihm über,
So oft er trank daraus.
Und als er kam zu sterben,
Zählt' er seine Stadt' im Reich,
Gönnt alles seinem Erben,
Den Becher .nicht zugleich.
Er saß beim Königsmahle,
Die Ritter um ihn her,
Auf hohem Vätersaale,
Dort auf dem Schloß am Meer.
Dort stand der alte Zecher,
Trank letzte Lebensglut,
Und warf den heiligen Becher
Hinunter in die Flut.
Er sah ihn stürzen, trinken
Und sinken tief ins Meer,
Die Augen täten ihm sinken,
Trank nie einen Tropfen mehr.
Wenn nun, die rhythmische Bewegung so sorgfältig bewahrt
ist, ist das Goethes leise wehmütige Ballade in ihrer Innigkeit?
Gewiß nicht. Das liebevolle Sichversenken in den Stoff, die
intime Behandlung, mit einem Wort die Seele fehlt diesem
hübschen Versgeklingel. Schon die Umschreibung in der 1. Strophe
ist nicht nur prosaisch, sondern auch schwerfällig. His eyes in
tears swam if merely ist eine lächerliche Übertreibung, die
die Stimmung zerstört. In der 3. Strophe fehlt wieder das
Persönliche: And when it came to dying, eine Reimausflucht
ist unsighing. Das charakteristische Adjektiv der 4. Strophe,
in dem sich der große Künstler zeigt, der mit einem Wort
plastisch zu gestalten vermag, ist unterdrückt und das Bild um
den wundervollen architektonischen Zug gebracht. Und wieder
2759
2765
2770
2775
2780
104
fehlt das liebevolle Hineinfühlen in der letzten Strophe: strike
and shimmer sagt der objektive Beobachter, stürzen, trinken
der König, dessen Auge mit Liebe dem Teuersten folgt, der sein
eigenes Selbst darin entschwinden sieht. McLintock hat hier
der äußern Form den Stimmungsgehalt geopfert. — Gretchens
Liebeslied bewahrt die Musik der Verse, aber auch die Stimmung
sehr schön:
3374 All my peace is flown,
My heart's so sore!
And ne'er shall I find it
For evermore!
Where I see not him
Is grave-dark grim!
3380 The wide world all
Is turned to gall!
My aching head
Is well nigh crazed;
My poor weak wits
3385 Are broke and mazed.
1. Strophe.
3390 'Tis but to greet him
From window I gaze,
And but to meet him
Tread the ways.
His noble form!
3395 His bearing so high!
And his mouth that smiles so!
And the power of his eye!
His speech's magic
Flow I miss!
3400 His clasping hand!
And 0! — his kiss!
1. Strophe.
3406 My bosom yearns
To know him near!
And 0, to clasp him
And hold him here! —
3410 And kiss his Ups
While that I might!
And 'neath his kisses
Melt outright!
Meine Ruh ist hin,
Mein Herz ist schwer;
Ich finde sie nimmer
Und nimmermehr.
Wo ich ihn nicht hab'
Ist mir das Grab,
Die ganze Welt
Ist mir vergäUt.
Mein armer Kopf
Ist mir verrückt,
Mein armer Sinn
Ist mir zerstückt.
1. Strophe.
Nach 7 ihm nur schau' ich
Zum Fenster hinaus,
Nach ihm nur geh' ich
Aus dem Haus.
Sein hoher Gang,
Sein' edle Gestalt,
Seines Mundes Lächeln,
Seiner Augen Gewalt,
Und seiner Rede
Zauberfluß,
Sein Händedruck,
Und ach, sein Kuß!
1. Strophe.
Mein Busen drängt
Sich nach ihm hin.
Ach dürft' ich fassen
Und halten ihn,
Und küssen ihn
So wie ich wollt',
An seinen Küssen
Vergehen sollt'!
105
Das Ohr glaubt hier die Goetheschen Verse zu hören, so
fein ist die leiseste Schwingungsänderung nachgefühlt. Leider
harmoniert der Gehalt wieder nicht völlig mit der Vollendung
der Form. Is grave-dark grim fällt schwer in diese Ver-
lorenheit, die nur den einfachsten Ausdruck findet und auf
keine ausmalenden Wörter bedacht sein kann. Goethe läßt
Gretchen nicht klagen My poor weak wits . . . Die Steigerung
beim Gedanken an den Geliebten hemmen die vielen Ausrufe
eher — was zwar ein rein graphischer Nachteil ist, aber zeigt,
daß Mc Lintock Goethes Absicht nicht ganz erfaßt hat — , die leb-
hafte Vergegenwärtigung wird durch die subjektive Einschaltung
des I miss störend unterbrochen, und der höchste Affekt am
Schluß scheint mir plump ausgedrückt zu sein mit: Melt
outright. — Rein musikalisch bringt McLintock durch seine
bewundernswerte formelle Treue die erschütternde Klage des
gequälten Herzens schön zum Ausdruck im Gebet:
bend down,
And one glance send down,
Thou rieh in sorrow, at my need!
Ach neige,
Du Schmerzenreiche,
Dein Antlitz gnädig meiner Not!
3587
The keen sword cleaveth
That heart that grieveth
As thou beholdest thy Son bleed!
Das Schwert im Herzen,
Mit tansend Schmerzen
Blickst auf zu deines Sohnes Tod.
3590
His Sire thou seekest,
And sighing speakest
His agony and thy sore need!
Zum Vater blickst du,
Und Seufzer schickst du
Hinauf um sein' und deine Not.
3595
Who feeleth,
How reeleth
The pain through every bone?
How my poor heart in its anguish
Needs must quake, and quaking,
languish,
Knowest thou and thou alone!
Wer fühlet,
Wie wühlet
Der Schmerz mir im Gebein?
Was mein armes Herz hier banget,
Was es zittert, was verlanget,
Weißt nur du, nur du allein!
3600
For wheresoe'er my going,
Such woe, such woe is glowing,
Ah me! within my breast!
I, scarce alone, go creeping
And weeping, weeping, weeping,
Heart-broken, sore distressed!
Wohin ich immer gehe,
Wie weh, wie weh, wie wehe
Wird mir im Busen hier!
Ich bin ach kaum alleine,
Ich wein', ich wein', ich weine,
Das Herz zerbricht in mir.
3605
106
The plants all before my window
Received my tears in showers,
3610 When I, at early morning,
Gathered for thee these fiowers!
The sunshine bright and cheery
Shone in, so early up,
As I, all trouble-weary,
3615 There in iny bed sat up.
Help! Save thou me from shame and
death!
bend down,
And one glance send down,
Thou rieh in sorrow, at my need!
Die Scherben vor meinem Fenster
Betaut' ich mit Tränen, ach!
Als ich am frühen Morgen
Dir diese Blumen brach.
Schien hell in meine Kammer
Die Sonne früh herauf,
Saß ich in allem Jammer
In meinem Bett schon auf.
Hilf! rette mich von Schmach und
Tod!
Ach neige,
Du Schmerzenreiche,
Dein Antlitz gnädig meiner Not!
Innere Mängel dämpfen auch hier für den Leser, der das
Original kennt, den äußeren Vorzug. Da sind Abschwächungen,
die die Gefühlstiefe und die Seelenbangigkeit mindern. That
heart that grieveth ist viel zu matt, auch wenn wir einen
Druckfehler darin annehmen und setzen: Thy heart that
grieveth. Mit dem erzwungenen His Sire . . . verliert die
Anrede etwas von ihrer rührenden kindlichen Frömmigkeit und
mit dem Vers Needs must quake ... — der nebenbei unschön
ist — scheint sich Gretchen über ihre Qualen zu erheben und
eher zu berichten als zu enthüllen. Dieselbe Wirkung hat das
begründende For wheresoe'er . . ., wo das Erneuern der Klage
steigernd ohne Verbindung sich an das Geständnis anschließen
sollte; überdies endigt diese Strophe statt mit der Steigerung mit
dem entschieden schwächern sore distressed. Wenn das wunder-
schöne „Betaut' ich . . ." verloren gegangen, muß man sich eben mit
McLintocks Ausdruck begnügen, wenn aber Gretchen den Sonnen-
schein cheery nennt, so ist das ein schlimmer Reimbehelf,
denn ihr Jammer ist so groß, daß ihr diese Empfindung beim
Anblick der Sonne fern bleibt, sie hat nur die Lichtempfindung.
Und arm sind Anfang und Ende mit dem fast banalen: One
glance ... Obwohl Taylor bei weitem nicht so gut das Metrum
festhält und auch nicht ganz an Goethe heranreicht, ist seine
Übertragung des Gebetes gefühlter und klanglich weicher, voller.
McLintock vermag also hier weder nicht die ganze Empfindungs-
stärke der Goetheschen Lyrik auszulösen; in der Hymne der
Erzengel scheitert er an der gedanklichen Größe; irdische
Begrenztheit tritt an Stelle der Unendlichkeit. — Auch er hat
107
die 2. Strophe der Zueignung, wo Goethe so herrlich gestaltet,
verdorben, zwei unschöne Bilder entstellen sie. Nur die letzte
Strophe ist würdig übertragen und frappiert durch ihre klangliche
Schönheit. Ich führe beide an:
Pictures ye bring me of glad times
departed ;
Ah ! many a dear shade rises up to-day !
And early love, and friendship tender-
hearted
Come trembling like some half out-
echoed lay.
The pang returns, bursts forth the
plaint that started
For woe at lifes labyrinthine devious
way,
And names the kind souls who, by
fortune cheated
Of hours of bliss, from out my world
have fleeted.
And now, by long unwonted yearning
taken,
To sway your stern still phantom
realm I long.
As when soft winds Aeolian harp-
strings waken,
Still floats indefinite my broken song.
Tears gather thick; and, by a keen
thrill shaken,
To softness melts the heart but now
so strong.
What I possess I see but as in distance,
And vanished things alone have real
existence.
Ihr bringt mit euch die Bilder froher
Tage,
Und manche liebe Schatten steigen auf; 10
Gleich einer alten halbverklungnen
Sage
Kommt erste Lieb' und Freundschaft
mit herauf;
Der Schmerz wird neu ; es wiederholt
die Klage
Des Lebens labyrinthisch irren Lauf,
Und nennt die Guten, die um schöne 15
Stunden
Vom Glück getäuscht, vor mir hinweg-
geschwunden.
Und mich ergreift ein längst ent- 25
wöhntes Sehnen
Nach jenem stiUen ernsten Geister-
reich,
Es schwebet nun in unbestimmten
Tönen
Mein lispelnd Lied, der Aeolsharfe
gleich,
Ein Schauer faßt mich, Träne folgt
den Tränen,
Das strenge Herz, es fühlt sich mild 30
und weich;
Was ich besitze, seh' ich wie im Weiten,
Und was verschwand, wird mir zu
Wirklichkeiten.
Ein unschönes Bild hat sich ferner in Fausts Monolog
eingeschlichen:
We cower before some unstruck blow, Du bebst vor allem, was nicht trifft 650
Mißverstanden ist es in:
Whence this fine clearness? All my
soul it trances
As when through moonlit glade the
breath of midnight sighs.
Warum wird mir auf einmal lieblich 688
helle,
Als wenn im nächt'gen Wald uns
Mondenglanz umweht?
108
Nicht nur in den Liedern und strophisch gebauten Partien
folgt McLintock mit so großer metrischer Genauigkeit, alle
charakteristischen Wechsel macht er, oft mit erstaunlicher
Natürlichkeit, mit. So sind die jambisch anapästischen Verse
der Frühlingsschilderung recht sorgfältig wiedergegeben, aber
es mangelt dem Bild an Farbe und Leben. Wieder steht Taylor
über ihm, obschon er nicht so genau den Rhythmus beibehält.
Besser gelingt McLintock der zweite Teil:
918 Through the gate's dark-caverned arch,
All gay-bedizened, the multitudes
march,
920 Seeking sunshine with one accord.
So keep they the rising-day of the Lord,
For they themselves are as new risen.
From low-ceilinged room, from desk
and from table
In counting-house and work-shop prison ;
925 From oppressing penthouse and gable,
Tortuous street and squeezing alley;
Out of churches' dim-reverend night
They turn out, every one seeking light!
See, see! how nimbly they sally,
Quick they scatter through garden
and field!
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden
Aus niedriger Häuser dumpfen Ge-
mächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und
Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die
Menge
Durch die Gärten und Felder zer-
schlägt,
Die Zurechtweisung des Pudels und namentlich die freieren
Verse, die andeuten, daß die momentane Befriedigung Faust
schon verlassen hat, nehmen ganz die Bewegung des Originals an:
1210 But alas! although I wait with spirit
willing
I feel no spring of peace my bosom
Alling !
Wherefore so soon must the stream
dry up and fail us,
And the thirst with its pain assail us,
As oft we prove? Yet compensation
1215 Have we for this in plenteous measure;
In things not of earth we can place
our treasure;
We yearn and strain for revelation —
And more august was none e'er sent
Than glows in our New Testament.
Aber ach! schon fühl' ich, bei dem
besten Wülen,
Befriedigung nicht mehr aus dem
Busen quillen.
Aber warum muß der Strom so bald
versiegen,
Und wir wieder im Durste liegen?
Davon hab' ich so viel Erfahrung.
Doch dieser Mangel läßt sich ersetzen,
Wir lernen das Überirdische schätzen,
Wir sehnen uns nach Offenbarung,
Die nirgends würd'ger und schöner
brennt,
Als in dem neuen Testament.
109
Bei einer metrisch so genauen Nachfolge wird natürlich
der Text etwas frei behandelt, die eben angeführten Beispiele
zeigen, daß McLintock innerhalb der ihm gezogenen Grenzen
bleiben kann. Die feierlichen Jamben in Wald und Höhle, die
freien Verse der Domszene sind teilweise ganz gut. Die Faust-
strophe im Wechselgesang hat zwar nicht das Geheimnisvolle,
das in dem Unbestimmten liegt, bewahrt, sie ist aber dennoch
recht hübsch übertragen:
Down through stones and grosses
flowing,
Hurrying still the rill rejoices,
Murm'ring musical its voice is
As some lover's tender-hearted
Sorrow over days departed:
„What we love and hopeful wait for,"
And sweet echo teils the story
Clad in all old legendi glory.
Durch die Steine, durch den Rasen 3881
Eilet Bach und Bächlein nieder.
Hör' ich Rauschen? höV ich Lieder?
Hör' ich holde Liebesklage,
Stimmen jener Himmelstage? 3885
Was wir hoffen, was wir liehen?
Und das Echo, wie die Sage
Alter Zeiten hallet wieder.
Recht Gutes leistet Mc Lintock in den humoristischen Partien,
wo er bei aller Strenge der äußern Form sich mit Leichtigkeit
bewegt Frisch und munter klingt die Schlußrede des „Managers" :
Der Worte sind genug gewechselt,
Laßt mich auch endlich Taten sehn;
Indes ihr Komplimente drechselt,
There! that's enongh of wordy hattle!
I'd like to see some work at last hegun.
The while your compliments you
rattle,
Something of nse might well he Kann etwas Nützliches geschehn.
done.
To what end talk of disposition?
It never comes to certain folk.
A poet are you? Expedition!
I want some poetry hespoke.
Was hilft es viel von Stimmung reden?
Dem Zaudernden erscheint sie nie.
Geht ihr euch einmal für Poeten,
So kommandiert die Poesie.
214
220
Textlich erlaubt er sich in diesen Partien gerne Freiheiten.
So kontrastiert er Mephistopheles' Eeden im Prolog noch schärfer
zum transzendentalen Ton der Engel. Sein Teufel wird dadurch
ein gut Teil frivoler als er im Original ist; der Epilog lautet z. B.:
I like to see the Old Chap now and Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten
then; gern
To break with him would be a pity. Und hüte mich mit ihm zu brechen.
To find a great Lord kind as other Es ist gar hübsch von einem großen
men — Herrn,
And with the Devil, too— isdownright So menschlich mit dem Teufel selbst
pretty. zu sprechen.
350
110
Hayward, Swanwick und Taylor reden von „the Ancient",
Martin genauer „the Old One". — Ehrliches moralisches Ent-
setzen jagen McLintock die Worte des Herrn ein:
337 My hatred never burat 'gainst such Ich habe Deinesgleichen nie gehaßt.
as thee.
Of all the spirits of negation Von allen Geistern, die verneinen,
The wag is still least burdenous to Ist mir der Schalk am wenigsten zur
me. Last.
Es heißt davon in den „Notes and Comments" : ! ) „The lines are
a deliberate and gratuitous assault on our sentiment of reverence."
Hayward, Swanwick und Martin übersetzen Schalk mit „scoffer",
Anster mit „Old Iniquity" und Taylor mit „waggish knave".
Von all den verschiedenen Ausdrücken, wodurch das Wort über-
setzt wurde, scheint ihm „each as revolting as another when
placed in the mouth of the Lord of righteousness". — Die
Zeichnung Mephistopheles' gehört zum Besten, was diese Über-
setzung bietet. Er ist der launige, zungengewandte Teufel, als
der er uns im Ärger über die plumpe ewig junge Welt, im
Gespräch mit dem Schüler, in der sarkastischen Erzählung von
„Herrn Schwerdtleins Tod" entgegentritt. Ich greife eine Stelle
aus dem komischen Wüten über den fehlgegangenen Schmuck
heraus, wo wieder die fein nachgeahmte metrische Beweglichkeit
bewundert werden muß:
2813 Just think ! Those things of Margaret's
— those I got —
A rascal priest has hagged the lot!
2815 The Mother somehow got about them,
Then somehow she must needs mis-
doubt them —
The old girl has such a wonderful nose!
Prayer-book-snuffling ever she goes,
And of each movable she can teil
2820 If it be holy or cursed, by the smell!
So with the gems she nosed them round,
And small the blessing there she found,
So said — „Dear child, misgotten gear
Disturbs the soul and blood — so, dear!
2825 Let's give to Mary what might mislead,
US,
And she with heavenly manna will
feed us! u
Denkt nur, den Schmuck für Gretchen
angeschafft,
Den hat ein Pf äff hin weggerafft! —
Die Mutter kriegt das Ding zu schauen,
Gleich fängt's ihr heimlich an zu
grauen:
Die Frau hat gar einen feinen Geruch,
Schnüffelt immer im Gebetbuch,
Und riecht's einem jeden Möbel an,
Ob das Ding heilig ist oder profan;
Und an dem Schmuck da spürt sie's klar,
Daß dabei nicht viel Segen war.
Mein Kind, rief sie, ungerechtes Gut
Befängt die Seele, zehrt auf das Blut.
Wollen's der Mutter Gottes weihen,
Wird uns mit Himmelsmanna
freuen!
er-
l ) Notes and Comments pag. 308.
111
Die Anfangsverse dürften wohl etwas prägnanter sein und
die Aufregung der Frau sich in zwei bewegteren Versen mit-
teilen, doch ist die Erzählung recht fein nuanciert, und keiner
hat die rhythmische Abwechslung so gut hervorgehoben wie
McLintock. — Auch die dunklen Züge, das Teuflische in
Mephistopheles hat er richtig erfaßt. Der kalte Hohn, der
Cynismus, mit dem jener Fausts bessre Gefühle fortwährend
tötet und ihn immer tiefer zu sich hinabzieht, tritt in der
Übersetzung scharf hervor:
A supra-mundane pleasure-fountain!
On dewy night to couch out on the
mountain
And heaven and earth embrace, blies-
permeated;
To godlike bigness getyourselfinflated,
Pierce to earth's heart by force of
intuition,
Feel in your breast the whole six
day's frnition,
In pride of power enjoy things past
my knowing,
Then with love's gnsh into all things
o'erflowing,
The son of earth quite out of sight —
Ein überirdisches Vergnügen!
In Nacht und Tan auf den Gebirgen
liegen,
Und Erd' und Himmel wonniglich
umfassen,
Zn einer Gottheit sich aufschwellen
lassen,
Der Erde Mark mit Ahnungsdrang
durchwühlen,
Alle sechs Tagewerk' im Busen fühlen,
In stolzer Kraft ich weiß nicht was
genießen,
Bald liebewonniglich in alles über-
fließen,
Verschwunden ganz der Erdensohn,
3282
3285
3290
Marthes Zeichnung ist teilweise recht gut gelungen, ihre
Heuchelei, ihr plumpes Werben reihen sie genau in die
Gattung, in die Mephistopheles sie reiht. Seine „thoughts" haben
Mc Lintock, was sie anbetrifft, also in der Praxis nicht beeinflußt.
Sie erhält sogar eine kleine Verstärkung, denn sie begrüßt den
„fremden Herrn" mit den Worten:
Well, sir? With me it's easy speaking. Ich bin's, was hat der Herr zu sagen?
Anfänglich ist ihre Sprache volkstümlich, gegen den Schluß
der ersten Unterredung geht sie ein wenig auf Stelzen und
verliert dadurch an Realität. Sonst gibt McLintock die Volks-
sprache mit Geschick wieder, dann und wann zieht er sie
ins Derbe:
2900
Small lnck my share is, even then!
Hell walk by you tili I could beat him,
You'll dance together, you and he.
What good's your sweethearting to me?
Das ist für mich kein großes Glück;
Er wird an deiner Seite gehen.
Mit dir nur tanzt er anf dem Plan.
Was gehn mich deine Freuden an?
822
825
112
828 You strapping wenches f oot it rarely ! Blitz, wie die wackern Dirnen schreiten !
872 My! aren't we fine!
Ei! wie geputzt!
1840 And of your best lore you must shirk Das Beste, was da wissen kannst,
Giving your cubs the least Sensation. Darfst da den Baben doch nicht sagen.
2040 I do declare — it's like a dream to me! Ich schwör' euch zu, mir ist's als wie
im Traum.
2585 What! with devils thick as Tom and Bist mit dem Teufel du und du,
Dick,
2635 I give you warning, Square andright Und das sag' ich ihm kurz und gut,
Er flicht idiomatische Redensarten auch von sich aus
gern ein:
2622 What, she? A fine job there you set me! Da die? . . .
3001 If you'll allow me as good a fling, Ich schwör' euch zu mit dem Beding
1*11 vow with you to change the ring! Wechselt' ich selbst mit euch den Ring!
3007 You unfledged, new hatched chick! Du guts unschuldigs Kind!
Der schwere Mangel der Mc Lintockschen Übersetzung liegt
hauptsächlich in den gedanklich und poetisch groß angelegten
Partien; schon in den strophisch geschlossenen fanden wir viele
unpassende und störende Zutaten. Noch zahlreicher aber kommen
sie in den Monologen vor, wo Gedanke sich an Gedanke drängt
und ein einziger sich oft durch viele Verse zieht. Da greift
McLintock manchmal zu den unmöglichsten Füllseln, unbe-
kümmert, ob sie der betreffenden Stimmung, ob sie den Intentionen
Goethes entsprechen, wenn nur das Metrum möglichst dasselbe
ist. Gleich der Anfang der ersten Szene verliert durch eine
solche Einschiebung, so klein sie ist, alle Würde:
354 So\ now that all philosophy,
All quirks of law — all medicine, too,
And — harder still! — theology,
Habe nun, ach! Philosophie
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie!
With much ado, I've studied through, Durchaus studiert, mit heißem Be-
mühn.
Durch den ganzen Monolog ziehen sich solche Entstellungen,
sie zeigen, daß der Übersetzer sich nicht in Fausts Stimmung
zu versetzen vermag, daß er sie nicht in Goetheschem Sinne
nachempfindet. Wie könnte sonst dieser Faust beim Klange
der Osterglocken sagen:
113
Those booming basses and tnose clear Welch tiefes Summen, welch ein heller 742
high notes Ton,
Force down the lifted cup, such might Zieht mit Gewalt das Glas von meinem
hos fedingl Munde?
Ye serisele88 bells! — and with your Verkündiget ihr dumpfen Glocken
brasen throats schon
Is it for Easter morn that ye are Des Osterfestes erste Feierstunde! 745
pealing?
I venture not to seek a sphere so Zu jenen Sphären wag' ich nicht zu 767
holy streben,
Äs that whence these brave news ye Woher die holde Nachricht tönt;
teil!
Accustomed, though, in youth, to Und doch an diesen Klang von Jugend
boom and dang of beU, auf gewöhnt,
Ye call me back to life more eartiüy- Ruft er auch jetzt zurück mich in 770
lowly. das Leben.
And füll of meaning seemed the bells 1 Da klang so ahnungsvoll des Glocken- 773
melodious riot! tones Fülle,
Wer könnte in diesen Geschmacklosigkeiten die herrliche
Goethesche Poesie und den von süßen Erinnerungen besiegten
Faust wieder erkennen? Besser, wenn auch wieder weit hinter
der Schönheit des Originals zurückbleibend, ist Fausts Monolog
in Gretchens Zimmer. Weit schlimmer aber ist es, daß der
Charakter hier eine böse Entstellung erfährt, der Grund der-
selben liegt in der Auffassung, die McLintock von Faust hat. 1 )
Er läßt ihn da sagen:
In love-dreams I dissolve now, mere Und fühle mich in Liebestraum zer- 2773
wax-hearted ! fließen !
Unter McLintocks Überschätzung der äußern Form leidet
namentlich auch die Kerkerszene. Der Kerker ist ja in gewissem
Sinne „heiliger Ort": jeder Gedanke, jeder Ausdruck muß hier
Träger der Stimmung sein, jede Wendung muß sich dem poetischen
Zweck unterordnen. Der Übersetzer scheint sich dessen nicht
bewußt zu sein, er füllt seine Verse und merkt nicht, daß mancher
Ausdruck aus dem Rahmen herausfällt, und daß durch seine freie
Behandlung der Jubel Gretchens über des „Freundes Stimme"
nicht so voll durchbricht, noch beachtet er den süßen Wohllaut
des letzten Verses:
*) S. pag. 20.
B au m an n , Engl Übersetzungen v. Goethes Faust. Q
114
4461 His voice, that! Ah! how it does thrill
one!
Where is he? 1 heard! Surely it meant
me!
Free too! None now shall prevent
me!
None from his bosom shall hold me!
4465 Then in his anns he will fold me!
„Margaret!" he cried, and stood at
the door there,
And, through the howling and hand
claps and roar there,
Spite of fierce mocking demons in hell,
His loving yoice sweetly rang clear
as a belli
Das war des Freundes Stimme!
Wo ist er? Ich hab' ihn rufen hören.
Ich bin frei! Mir soll niemand wehren.
An seinen Hals will ich fliegen,
An seinem Busen liegen!
Er rief Gretchen! Er stand auf der
Schwelle.
Mitten durch's Heulen und Klappen
der Hölle,
Durch den grimmigen teuflischen
Hohn,
Erkannt' ich den süßen, den liebenden
Ton.
Der Schlußvers ist banal. Ebensowenig Takt zeigt McLintock
in der Übersetzung von Gretchens Klage um ihre verlorene Liebe,
die so ganz Poesie sein sollte; ich greife die betreffenden Stellen
heraus:
4484 Why, can't you kiss — once — merely ? Wie? du kannst nicht mehr küssen?
So short a time away, and now Mein Freund, so kurz von mir ent-
fernt,
You've quite forgotten how? Und hast's Küssen verlernt?
4495 Where's your old fashion
Of passion?
Who's stolen your will?
Wo ist dein Lieben
Geblieben?
Wer brachte mich drum?
Taylor hat zwar die ganze Szene metrisch nicht so genau
übertragen wie McLintock, aber geistig und poetisch kommt
sie Goethe weit näher. Durch die vielen Freiheiten, die sich
McLintock erlaubt, wird Faust hier wieder entstellt. Die
Stimmung, die ihn vor dem Kerker überwältigt, drückt er kühl
reflektierend aus, seine Mahnungen und Bitten klingen teils
roh, teils kalt:
4424 I bring you freedom! Now, quietl
... ich komme dich zu befreien.
You'll wake the warders making such Du wirst die Wächter aus dem Schlafe
a riot\ schreien!
4500 . . . That's what I want to see.
Ich bitte dich nur dies!
115
Unwahr, leere Reimerei ist:
Dearest, look down and see me Ein Liebender liegt dir zu Füßen 4451
kneeling!
I bring thee freedom, Ufe and healingl Die Jammerknechtschaft aufzu-
schließen.
Gretchen ist anfänglich ganz gut gezeichnet. Ihre Neugier
beim Anblick des Kästchens, ihre Freude über den Schmuck,
die Erzählung ihrer kleinen Sorgen und Freuden sind noch ganz
hübsch übertragen, wenn auch hie und da gesuchte Füllsel
stören. Aber gänzlich verändert ist das Goethesche Gretchen
bei der zweiten Zusammenkunft mit Faust. McLintock miß-
versteht eben — wie auch seine Notes zeigen — Gretchens
Charakter vollständig. 1 ) Das Duftige, Zarte, all ihre Seelenreinheit
ist ihr genommen:
In his presence wakes some fwry in Seine Gegenwart bewegt mir das Blut. 3477
me,
Though kind to all eise I can be Ich bin sonst allen Menschen gut;
And although for a sight of yon aU Aber wie ich mich sehne dich zn
arqutvery schauen,
Lived I with his likes we'd soon be Wollte nicht mit Seinesgleichen leben. 3484
snarlingl
Obschon McLintock so gewandt Verse schreibt, empfindet
er doch oft die Fessel von Reim und Metrum, er bedient sich
dann sehr häufig — wie oben — unwürdiger oder sinnwidriger
Einschiebsel, die auch seine besten Stellen verderben. Aus der
Menge will ich nur noch einige Beispiele herausgreifen; das letzte
bringt geradezu einen Unsinn:
Hunger for truth, and joy in many a Den Drang nach Wahrheit und die 193
lie. Lust am Trug.
The might of man in poet's hand Des Menschen Kraft im Dichter offen- 157
revealed! bart.
Now could I face the world, nor lack Ich fühle Mut, mich in die Welt zu 464
for daring, wagen,
Nor on thy quaint reliefs waste wit Ich werde meinen Witz an deiner 731
or time or labour. Kunst nicht zeigen;
*) S. pag. 20.
116
1107 We feel how blissful life wams limb Ein selig Leben wärmet alle Glieder,
and member,
It's heaven on earth, though outside So steigt der ganze Himmel zu dir
freeze December! nieder.
1122 Ah! had I but a magic mantle here, Ja, wäre nur ein Zaubermantel mein!
3756 Gold chain on neck never more shctil Sollst keine goldne Kette mehr tragen!
win thee
In the chwch or on altar-steps a In der Kirche nicht mehr am Altar
placel stehn!
Er hat vieles mißverstanden, was seine Vorgänger längst
berichtigt haben, z. B.:
1120 Cast off your golden mist-veil at my So steiget nieder ans dem goldnen
prayer, Duft
1690 But, good my friend, it's almost Doch, guter Freund, die Zeit kommt
Urne . . . auch heran,
1752 Though unpierced veils of magic In undurchdrungnen Zauberhüllen
fashion
From worlds of wonder bar our sight! Sei jedes Wunder gleich bereit!
1772 From highest high to lowest low das Höchst' und Tiefste.
1977 Hadst thou a grandsire? forlorn! Weh dir, daß du ein Enkel bist!
Einmal erlaubt sich McLintock eine Umstellung eines
Verses, wodurch er verwirrt. Es handelt sich um Vers 631, den
er an Stelle von 633 setzt:
631 Ah! every act and deed, like all we Soll ich gehorchen jenem Drang?
suffer pain from
Is as a clog life's course to stay!
That inward strain shall I obey?
Ach! unsre Taten selbst, so gut als
unsre Leiden,
Sie hemmen unsres Lebens Gang.
That inward strain, best gift to man's Dem Herrlichsten, was auch der Geist
soul given,
empfangen,
Den zweiten Chor der Engel hat er im Gegensatz zu den
meisten Übersetzern deutlich als Parallele zum ersten hervor-
gehoben und macht in den Notes speziell noch darauf auf-
merksam.
117
Es ist ein merkwürdiger Widerspruch, daß der Übersetzer,
der am getreuesten die metrischen Wechsel des Vorbildes wieder-
gibt, die Prosaszene in Blankverse umsetzt. Er tut es, weil diese
Prosa sich fast wie Verse lese. 1 ) Die Eealistik und leiden-
schaftliche Dialektik dieser Szene ist etwas abgeschwächt, obwohl
die Jamben voll Kraft und Erregung sind.
Die Bedeutung der Mc Lintockschen Übersetzung liegt also
hauptsächlich in der wirklich bewundernswerten rhythmischen
Anschmiegungsfähigkeit Dieser Vorzug wird aber durch große
innere Mängel stark geschmälert. Nicht nur zerstört McLintock
durch unpassende, sogar an Unsinn grenzende Zutaten den
Ernst, das Pathos einer Eede, er entstellt zwei Hauptgestalten.
Fast jedes entscheidende Moment, wo Faust uns sein Innerstes
enthüllt, trägt etwas Fremdes, meist Erniedrigendes, sodaß nicht
mehr der ringend irrende, sondern nur der irrende Faust vor
uns steht. Diesen nur will er in Goethes Werk sehen. Seine
„thoughts" eben haben den Übersetzer leider bei der Wieder-
gabe des Werkes beeinflußt, und auch Gretchen leidet schwer
darunter. Mit roher Hand zerstört er die feine, liebliche
Schöpfung und formt die Gestalt nach seiner Auffassung. Ge-
haltlich ist also diese jüngste Übersetzung ein großer Eückschritt;
sie reicht bei weitem nicht an die Taylorsche heran.
l ) Notes aud Comments pag. 371.
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Alford 6, 118
Analysis of the Tragedy of Faust 8
Andrews 99, 118, 119
Anonymus 8, 11, 12, 118
Anster VI, 7, 9, 11, 22, 39 ff., 54, 75,
79, 83, 91, 110, 118
Arnold 17, 22
Asher 119
Begley 2
Beresford 15, 16, 118
Bernays VI, 21, 118
Beta 19, 22
Birch VI, 12, 21, 118
Birds 18, 118
Blackie 10, 11, 22
Bowen 17
Breul 14
Brooks 15, 22, 87, 98, 118
Carlyle 8
Cartwright 16
Clarke VI, 16, 18, 118
Claudy 19, 22, 118
Coleridge 7
Colquhoun 18
Defoe 4, 5, 119
Diebler 3, 119
Dowden 8, 119
Düntzer 84
Engel 3, 119
Entertainment, a dramatic 3
Filmore 13, 21
Fischer 69
Francke 3
Galyan 15, 118
Gower 9, 10, 25, 118
Grant 16, 17, 18
Gurney VI
Harlequin Dr. Faustus 4
Hayward 4, 9, 10, 20, 22, 24 ff, 54,
75, 79, 83, 91, 110, 119
Heinemann 12, 16, 21, 22, 24, 119
Hills 13
History of the Damnable Life (P. F.
Gent) 1
Huth 19, 20, 119
Judgment, the, of God showed 2
Kindt 15, 21, 118, 119
Knox 14, 119
Köster 100, 119
Latham 20, 23, 83, 119
Lefevre 13, 119
Life, the and Death of Dr. J. Faustus 2
McLintock 20, 21, 23, 79, 83, 100 ff.,
118, 119
Logeman 1
Margraf 8, 120
Marlowe 1, 3
Martin VI, 16, 18, 22, 53 ff., 77, 80,
83, 91, 110, 119
122
Milton 2
Morshead 118, 119
Mountford 3, 120
Nova Solyma 2
Oswald 14, 15, 16, 19, 20, 21, 120
Paul 17
Peithmann 15, 22, 119
Pope 4
Ralph 4
Report, the second of Dr. J. Faustus 2
Schröder 8
Schröer 100
Scoones 18
Shelley 7, 8, *39
Swanwick VI, 14, 22, 54, 68 ff., 83,
• 91, 110, 119
Syme 11, 119
Talbot 12, 119
Taste of the Town 4
Bayard Taylor VI, 17, 22, 77, 80 ff.,
101, 106, 108, 110, 114, 117, 119
Taylor of Norwich 6, 119
Thurmond 3, 4
Tille 4
Ward 1
Webb 18, 119
Witkowsky 119
Zarncke 1