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Full text of "Die Fackel"

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^^ 1^293 AM 4; JÄNNER 1910 XI. JAH 



DIE FACKEL 

HERAUSGEBER: 

KARL KRAUS 



INHALT: 

Prozeß Friedjnng. — Druck und Nachdruck. — 
AphcriBmei]. — Glossen. 

Sämtliche Beiträge von Karl Krau 3. 

NA CHDRUCK VERBOTEN 

« 
PREIS DER EINZELNEN NUMMER 30 HELLER 
ERSCHEINT IN ZWANGLOSER FOLGE 

. VERLAG: ,DIE FACKEL* ^7/IEN— BERLIN 

WIEN, in/2, HINTERE ZOLLAMTSSTRASSE 3 TELEPHON Nr. IW 




Verlag ALBERT LÄNGEN München 

D0RCH ALLE BüCHHANDLÜNGEK ODER DIREKT VOM VERLAG Zu BEZIEHEN. 
BROSCHIERT M 3.50, IN LEINEN GEB. M 4.50, IN HALBFRANZ GEB. M 7.50. 

In zweiter Auflage erschien: 

Sittlichkeit und Kriminaiität 

Erster Band der ausgewählten Sc)iriften von Karl Kraus 

Broschiert . . M 6.— Ganzleinen . . M 7.25 

<L. Rosner, Wien und Leipzig) 

Sestellungen ninnmt jede Bitchhandiung, der Verlag der .Fackel', Wien 

11/2, Hintere Zollamtsstraße 3 und das Berliner Bureau der .Fackel', 

Berlin- Haiensee, Katharinenstraße 5, entgegen. 

Im Verlage Jahoda & Siegel, Wien III/2, Hintere Zollamtsstraße 3 
erschien : 

KARL KRAUS 

Von ROBEET SCHEU 

(Mit einem Bildnis) 
40 SEITBH 80, broschiert 
Preis 80 Heller (80 Pf) 



Die Fackel 

Nr. 293 ENDE DEZEMBER 1909 XI. JAHR 



Prozeß Friedjttng 
Von Karl Kraus 

Austria in orbe ultima: in einer Welt, die be- 
trogen wird, glaubt Österreich am längsten. Es ist 
das willigste Opfer der Publizität, indem es nicht 
nur glaubt, was es gedruckt sieht, sondern auch das 
Gegenteil davon glaubt, wenn es auch dieses ge- 
druckt sieht. Seine Bevölkerung ist ereignisläufig. 
Aber sie erlebt das Ereignis nur als Meldung, und 
darum kann ihr die Journalistik die Ereignisse ent- 
winden, die sie ihr eben erst verschafft hat. Die Welt 
rings liegt in der Agonie der Dummheit, aber sie 
weiß immer noch, was sie in der Hand hält. Öster- 
reich weiß es nicht. Heute ein Maulaufreißen, daß 
man glaubt, es tropfe von der Milchstraße herunter, 
morgen >Ah woslc mit Achselzucken, übermorgen 
eine neue Sensation. In keinem Staat der Erde wäre 
diese Tragfähigkeit der Blamagen denkbar. Wohl, die 
Menschheit wagt es, sich nach der Nordpolgeschichte 
noch vor der Tierwelt zu zeigen, als ob nichts 
gewesen wäre. Aber es gibt eine Empfindlichkeit 
für die nationale Schande, und jeder Preuße wurde 
noch Jahre nach Köpenick schamrot. Österreich hat 
kein Gedächtnis. Nichts kann es aus dem Gleich- 
gewicht bringen, weil es in fortwährender Erschüt- 
terung ist. Nichts tötet, die Lächerlichkeit macht 
populär, ein Zeitungsblatt deckt jede Schmach zu. 
Prozesse um die Privatehre dienen hier dem Beweis 
der Gefährlichkeit, in einen Krater eine brennende 
Zigarette zu werfen. Es ist alles Wurst: der 



— 2 — 

Grundsatz einer ordinären Genußphilosophie, die den 
Falstaff übertrumpft, indem sie der Ehre die Ehre 
erweist, sie zu den Viktualien zu zählen. Dieses 
öfiFentliche Leben, das auf der Grundlage der allge- 
meinen, gleichen und direkten Ehrlosigkeit beruht, 
empfindet manchmal das Bedürfnis, sich zu über- 
zeugen, ob diese Grundlage auch sicher genug ist. 
Es expektoriert sich zuerst in moralischem Auswurf 
und wenn es dann den Schleim vom Boden wieder 
aufgeleckt hat, ist die Probe gelungen. Aber ihr habt 
doch gestern noch — ? Mit solchem Vorhalt ver- 
schone man die stolze österreichische Bewußt- 
losigkeit, die weiß, was sie tut, wenn sie vergißt, 
was sie getan hat! Oder man versuche ihr vorzu- 
halten, wie oft sie in vierzehn Tagen eines 
politischen Prozesses die Farbe gewechselt hat: sie 
wird nicht rot werden! Man stelle die Leitartikel 
zusammen, die am Anfang und die am Ende waren, 
und man frage sich, ob irgendeine Bevölkerung der 
Welt den Geduldfaden aufbrächte, der die Extreme 
verbindet. Ob irgendwo anders binnen vierzehn Tagen 
die Konsequenz der Lüge so durchbrochen werden 
dürfte. Ob es nicht zu Straßenaufständen, Fenster- 
einwürfen, Verprügelung der Schriftgelehrten käme. 
Hier riefen sie: Österreich ist in Gefahr!, und die 
Menge sagte: Nein, so was! Dann riefen sie: Aber 
es war ja gar nicht in Gefahr!, und die Menge sagte: 
Nein, so was! 

Aber sie respektiert nicht nur die Unverletzlich- 
keit jener Mauschelmajestät, die täglich zweimal als 
>Wirc zu ihr spricht. Sie jagt auch nicht jene Sitz- 
redakteure des österreichischen Gewissens davon, 
die ihr erreichbar sind und deren Namen sie kennt. 
Wäre in irgendeinem Erdenwinkel, wo ein Volk 
zum Glauben an den politischen Hokuspokus erzogen 
wurde, eine Enttäuschung, wie die hier erlebte, 
ungestraft geblieben? Minister fallen, wenn's einem 
Lakaien beliebt, auf die Hintertreppe eine 



— 3 — 



Orangenschale zu legen. Hier hat man im Gerichtisaal 
die Worte gehört: > Durch diese Dokumente sollte 
vor Europa der Beweis erbracht werden, daß 
Osterreich- Ungarn durch illoyale Verbindung Serbiens 
mit unlauteren Elementen unserer Monarchie genö- 
tigt gewesen war, zu den Waffen zu greifen.« Ein 
mißbrauchter Historiker sprach es, die Dokumente, 
die den Schartblick von Mittelschülern täuschen 
konnten, werden als Fälschung erwiesen, und der 
Mann, der den guten Glauben eines Historikers, 
einer Bevölkerung, Europas mißbraucht hat, ohne 
zu seiner Entschuldigung anführen zu können, daß 
er selbst nicht mißbraucht wurde, der Staatsmann, 
derdasOpfer eines Operettenfälschers ist, Graf Aehren- 
thal, der für die Vorbereitungen eines Krieges und für 
die Beweise von dessen Notwendigkeit unser Geld 
nicht geschont hat, der unsern Glauben verbraucht hat, 
um unser Blut zu opfern, er verläßt uns nicht in den 
Stunden des Zweifels, er geht nicht zu den Eskimos, 
er, der Verurteilte dieses Prozesses, gibt uns keine 
Ehrenerklärung, und wir werden die Kosten bezahlen. 
Denn der Historiker Priedjung, der nur Dokumente 
von der Regierung nimmt, wird sich die Kosten 
nicht vom Ministerium zahlen lassen, sondern von 
der Neuen Freien Presse, die sie vom Ministerium 
erpressen wird. 

Nicht daß die österreichischen Ereignisse 
keinen Grund haben, aber daß sie keine Kon- 
sequenz haben, ist trostlos. Es geschieht so viel, 
und es geschieht nichts: das ist die österreichische 
Geschichte, die Herr Friedjung nie zu schreiben 
imstande wäre, auch wenn ihm echte Dokumente zur 
Verfügung ständen. Das ist die österreichische 
Geschichte: daß im Konflikt des Zufalls mit 
der Dummheit Ereienisse entstehen. Daß Politik 
nicht gemacht, sondern kompromittiert und ge- 
duldet wird. Daß der Schwindel seine Hülle hin- 
wirft und kein Österreicher den Glauben verliert. 



— 4 



Die internationale Diplomatie — ein Terrain, auf 
dem das Fallen eines Blattes ein Erdbeben zur Folge hat: 
hier kracht die Erde und kein Blatt fällt vom Baum. 
Die Sache ist interessant, man spricht davon, aber 
man zieht keine Konsequenz. Man würde sich mit dem 
Weltuntergang befassen, solange er aktuell wäre, 
aber man würde keine Konsequenz aus ihm ziehen. 
Hinausgeworfene tausend Millionen: wir haben Platz 
im Sack, um die Faust darin zu ballen. 

Nicht die fünfzig kroatischen Kläger, deren jeder an 
Kopf, Ehre und Gesittung dem Durchschnitt dessen, 
was sich in Deutsch-Österreich auftut, überlegen ist, 
ein ganzes, nicht völlig kulturverlassenes Volk, das 
durch Jahrzehnte gequält wird und seiner Regierung 
dennoch den Gefallen nicht tun will, Hochverrat zu 
begehen, stand vor den Wiener Geschwornen. Wie 
schwächlich doch die Markierungen sind, deren sich 
die Justiz bedient, wenn sie einen weltgeschichtlichen 
Prozeß zu erledigen hat! Auf der Anklagebank sitzt 
nicht der ministerielle Verführer einer gelehrten 
Unschuld, dem es wahrlich noch immer besser an- 
stände, den dolus für sich anzusprechen, als einem 
Mann der Wissenschaft die Entschuldigung des guten 
Glaubens. Auf der Anklagebank sitzen nicht die Verant- 
wortlichen, die einen kostspieHgen Kriegsplan auf 
teuren Fälschungen aufgebaut haben, sondern der ver- 
antwortliche Redaktionsdiener einer Zeitung, der die 
pflichtgemäße Obsorge vernachlässigt hat. Wenn 
nicht neben ihm Herr Friedjung das welt- 
geschichtliche Moment und die Wiener Geschwornen 
das Weltgericht repräsentierten, es gäbe einen zu 
grimmigen Kontrast der Verantwortlichkeiten. Auch 
der Vorsitzende ist bemüht, ihn nach bestem Wissen 
und Gewissen auszugleichen. Herr Wach hat eine heikle 
Aufgabe. Denn diesmal handelt es sich nicht darum, 
einen Raubmörder schuldig zu sprechen, sondern die 
Serben als Raubmörder zu entlarven. Alle Delikte 
sollen ihnen nachgewiesen werden, nur nicht, daß sie 



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Dokuraentenfälscher sind. Es ist eine schwierige 
Situation. Wie soll man serbische Zeugen behandeln, 
die bedroht und eingeschüchtert wurden, ehe sie nach 
Wien kamen, und die dennoch gekommen sind und 
nicht einmal einen Meineid leisten? Wenn sie sich 
dazu hinreißen ließen, die Wahrheit lauter zu sagen, 
als notwendig ist, so herrscht man sie an: Mäßigen 
Sie sich ! . . Stehen Sie ruhig ! . . Wir sind hier in Wien ! . . 
Und im Ton eines Unterlehrers ermahnt man einen 
Belgrader Zeugen, dessen Lebhaftigkeit der schlechten 
Sache gefährlich zu werden droht, nicht zu vergessen, 
daß er Gymnasialprofessor sei. Es ist ein schwierige 
Situation. Man hilft sich, indem man den Verdacht 
eines kroatischen Hochverrats unermüdlich durch den 
Beweis zu erhärten sucht, daß Serbien in Kriegs- 
bereitschaft war. Echte Bomben waren mit falschen 
Dokumenten gefüllt, immer qualvoller wird die 
Gewißheit : so sucht man von den falschen Dokumenten 
auf die echten Bomben abzulenken. Der serbische 
Söktionschef, dessen schmucklose Aussage dem schön- 
rednerischen Patriotismus österreichischer Historiker 
im Nu alle Vorwände erdrosselt, wird, nachdem er 
gesagt hat, was er sagen mußte, durch die Frage- 
stellung behutsam an den Rand des Amtsgeheimnisses 
gebracht, damit die Herren Rauchfangkehrer auf der 
Geschwornenbank >aha!< sagen und den Eindruck 
haben, einer wolle' nicht sagen, was er nicht sagen 
muß. Daß Serbien gegen Österreich war, will man 
wenigstens von ihm noch hören, wenn er schon un- 
seliger Weise beeiden mußte, daß die Dokumente ge- 
fälscht waren. Und Aussagen, die im telegraphischen 
Wege bekunden, daß nie Gelder aus Serbien nach Öster- 
reich für Hochverräter, wohl aber aus Österreich nach 
Serbien für Dokumentenfalscher gekommen seien und 
daß diese sich für die ausgeworfene Summe die Sache 
zu leicht gemacht hätten, werden vom Vorsitzenden 
tonlos abgehaspelt ; denn für Geschworne, die die 
Angeklagten ohnehin wegen offenbaren Patriotismus 



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freisprechen werden, sind derlei Indizien für die 
Unschuld der Kläger überflüssig. Was sie hören 
mußten, haben die Volksrichter gehört. Die Posaunen- 
töne des jüngsten Gerichts klingen ihnen noch in 
den Ohren, mit denen dieser Vorsitzende den Kläger 
Supilo des Ehrenwortbruchs beschuldigte, als räudiges 
Schaf aus den Reihen der Kameraden stieß und die 
Korruption im Dienste des Vaterlands zu einem Beweis 
für Hochverrat herausarbeitete. Preßbestien, deren 
Fütterung teurer ist als die Handvoll Kronen, die 
dem kroatischen Journalisten ein Wichtigmacher 
nachgesagt hat, durften damals aufbrüllen: »Heute 
wurde im Gerichtssaale das Rückgrat des Abge- 
ordneten Supilo zerbrochen«; und das Neue Wiener 
Journal, dessen Schere rein ist und das noch nie 
für Geld einen Artikel gestohlen hat, durfte ver- 
sichern, daß »der Ekel vor einer solchen Korruption uns 
eine weitere Beschäftigung mit Herrn Supilo verbietet« . 
Viele sind in der Wiener Publizistik, denen im 
Gerichtssaal noch nicht das Rückgrat zerbrochen 
wurde oder die dieser Gefahr nur dadurch entgehen, 
daß sie nie eines gehabt haben. Der Vorsitzende 
kennt sie, nicht von arats wegen: als literarischer 
Dilettant gewährt er ihnen manchmal seine Mitarbeit. 
.Er ist vielleicht mit der schlechten Journalistik auf 
zu gutem Fuß, um über die Verhältnisse, in denen 
Herr Supilo wirkte, ein unbefangenes Urteil abzu- 
geben. Und der Verlauf des Prozesses hat bewiesen, daß 
Herr Supilo es noch immer nicht nötig hat, sich in 
die »Concordia« aufnehmen zu lassen. Aber selbst 
wenn es ihm ad personam gebührte, wenn es damals 
jenem österreichischen Gschaftlhuber glücklich ge- 
lungen wäre, ihn zu korrumpieren, an jüdisch- 
deutsch-österreichischen Maßen gemessen, scheint die 
südslawische Preßschande noch immer aller Achtung 
wert. Und solcher Korruption wäre sie unfähig, daß 
sie einer Justiz nach solchen Exzessen der Befangen- 
' heit Leitartikelehren erwiese, das Walten der öster- 



reichischen Gerechtigkeit als die Lichtseite dieser 
welthistorischen Blamage besänge. 

Aber was hat in einer Schlußstimraung zwischen 
Gloria in excelsis deo und Gut is gangen, nix is 
gschehn an Feilheit, Feigheit und Gefühlsschlamperei 
nicht alles Platz, wenn man noch dazu bedenkt, daß 
Weihnachten vor der Tür steht und neue Ereignisse 
auch dran kommen wollen? In einer Stimmung, in 
der die Instanzen und Autoritäten einander vor dem 
Publikum rekoraraandieren wie die Kaffeesieder bei 
einer Geschäftsübernahme; in einer allgemeinen 
Loyalitätswäsche, bei der selbst die Waschfrau des 
Landesgerichts schon auf das Seehserl wartet und 
angenehme Feiertag wünscht. Männer, wie sie unter 
den Klägern und unter den Zeugen dastanden, wort- 
knappe Anwälte einer verleumdeten Wahrhaftigkeit 
wie dieser Doktor Popovic, die »Serben in Wien<, 
die mühelos über den Wiener Intellekt gesiegt haben, 
— sie dürften troh gewesen sein, als sie diesem 
Charakterbrei den Rücken kehrten, aus dem keine 
Tat und kein Gedanke wächst. Keine materielle und 
keine geistige Konsequenz. Der Politik schadet's 
nicht, und die Wissenschaft wird von der Presse 
immer noch als Mitarbeiterin zugelassen werden. Der 
Sturz der Autoritäten wird im Gedränge nicht 
bemerkt. Aktuell sein ist alles. Und dennoch war's 
ein Krach, den man erst nach hundert Jahren hören 
wird. Jetzt werden sie weiter miteinander plaudern, 
wie auf dem Concordiaball, auf dem man die Wissen- 
schaft im Zwiegespräch mit der Politik bemerkt, und 
nicht wissen, daß sie gestorben sind. Dieser ganze 
Schnickschnack aus den Achtzigerjahren, dieses Schön- 
bartspiel des Gelehrtentums, diese Inzucht von Staats- 
geschäftigkeit und Wissenschaftlhuberei, diese Bereit- 
schaft, wenn's sein muß, für das Vaterland mit Phrasen zu 
kämpfen und > wenn's zu einem Waffengange mit 
dem Feind kommen solltec, in der Neuen Freien Presse 
die Save zu überschreiten und »dem Serben eine 



— 8 — 



Schlacht zu liefern«, aus wissenschaftlicher Gutgläubig- 
keit gegenüber einem Blatt, das mit sich reden ließe, 
wenn der Serbe statt einer Schlacht rechtzeitig etwas an- 
deres geliefert hätte — : das alles gibts ja gar nicht mehr. 
Dies Bündnis gehört in eben jene Zeit, in der Herr 
Friedjung noch die Neue Freie Presse bekämpfte 
und von ihr ein »feierlicher Tropf« genannt wurde. 
Heute, wo sie viel vaterlandsfeindlicher und der 
deutschen Kultur gefährlicher ist als Serbien, heute 
nennt er es im Gerichtssaal >nur eine Ehre«, ihr 
Mitarbeiter zu sein, oder was noch schlimmer ist, er 
muß es sich gefallen lassen, wenn sie den Satz in 
ihren Gerichtssaalbericht hineingefälscht hat. Wenn's 
überhaupt noch eine Empfänglichkeit für Enttäu- 
schungen gäbe, wenn unsere Haut noch eine druck- 
empfindliche Stelle hätte, dann wäre in diesem hoch- 
politischen Prozeß der schleißige Dreibund von Politik, 
Presse und Wissenschaft und jede der drei Ohnmächte 
für sich kaput gegangen. Wir werden doch nicht 
von einer Verschwörungsoperette das Gruseln lernen? 
Wir werden doch endlich von der kulturellen Nich- 
tigkeit einer wissenschaftlichen Bedeutung überzeugt 
sein, die eine Dienstmannsleistung, die Übernahme 
von Protokollen, als wissenschaftliche Tat aus- 
ruft? Wir werden uns doch nicht länger von 
einer Gelehrtheit imponieren lassen, weil sie einen 
Umhängebart und eine Brille trägt, sich einen Nord- 
pol so gut w^ie einen Hochverrat aufbinden läßt und 
zwischen Kopenhagen und Belgrad von jedem Kommis 
beschissen werden kann? Oder geht ein Riß durch 
die Persönlichkeit des Herrn Friedjung, weil er sich 
zufällig in eine so kitschige Katastrophe einließ ? Sollte 
sie uns nicht vielmehr auch über die echten Werte 
eines Historikers aufklären? Daß hier zum Sitz- 
fleisch der Wissenschaft noch die Übung 
des Berichterstatters kam, das brachte den Namen 
Friedjang in aller Mund. Historie ist zumeist die 
Wissenschaft jener Leute, die nicht imstande sind. 



— 9 - 



einen Leitartikel abzufassen. Herrn Friedjung eignet 
diese Fälligkeit in hohem Grade, und in der Art der 
vorigen Generation, die noch die Syntax beherrschte, 
aber dem Sprachgeist darum nicht näher war als die 
heutige, die raii Psycholope und Stimmung über ihr Un- 
vermögen täuscht. In Prag dürfte diese Richtung eines 
rednerischen Geistes entsprungen sein, der in der korrek- 
ten Phrase sich befriedigt, dem Deutschtum zuHebe 
kein Komma verschluckt, Sprichwörter wie eine Prise 
Schnupftabak sich gönnt, >siehe dac sagt und selbst die 
Schlichtheit als Ornament trägt. Diese Sorte, die genau 
80 schreibt wie sie spricht, weil sie so spricht wie sie 
schreibt, fern vom Schuß des Gedankens und von 
der Gefahr der erlebten Worte, bezog justament ihre 
Blutleere aus der Sphäre kriegerischer ojier ritter- 
licher Vorstellungen. Es waren lauter > Kämpen <, die 
hier — anonym oder >mit oflFenem Visier« — in 
die Federschlacht zogen. Noch heute ist der Ton der 
Neuen Freien Presse auf diese temperamentlose 
Freude am Waffenhandwerk gestimmt, und darin 
erreicht ihre Berichterstattung über den Prozeß Fried- 
jung geradezu eine künstlerische Höhe, daß sich 
hier wirklich das Phrasentum der Beschreibung mit 
dem Phrasengeist der Handlung deckt. Nicht nur daß 
das Auditorium jedesmal »mit lebhafter Spannung den 
fesselnden Ausführungen des Angeklagten folgte« 
oder daß dieser jedesmal >ein Netz von Fragen über 
den Zeugen warf« — solche Mittel sind im Kriege 
nicht verpönt — , typisch ist das folgende Stim- 
mungsbild: »Zwischen den Parteienvertretern fanden 
heute schon bei den Verlesungen der Dokumente 
mitunter kleine Kämpfe statt, in die auch der An- 
geklagte Dr. Friedjung verwickelt wurde. Die Klin- 
gen wurden halb gezogen, es gab kritische Momente, 
und empfindliche Punkte des Beweisverfahrens wur- 
den berührt. Aber bei aller Schärfe der Intention 
war doch eine gewisse Zurückhaltung im Ton wahr- 
zunehmen, und auch über die Gereiztheit siegte noch 



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eine Beherrschung, ja eine chevalereske Form.« Das 
ist Sprache und Lebensstimmung des Dr. Priedjung. 
Fortiter in re, suaviter in modo; denn allzu scharf würde 
schartig machen. Warmblütig, jedoch maßvoll. Wenn er 
stolz erzählt, daß er noch nuehr Dokumente habe und 
daß er mit dem Plan umging, sie ausgerechnet > während 
des Vormarsches unserer Truppen« in der Freien 
Presse zu veröffentlichen, um Europa zu überzeugen, daß 
>wir< nur infolge von Herausforderungen >zum Schwer- 
te gegriffen hätten«, so kann man überzeugt sein, daß 
ihm das Anschauen kriegerischer Bilder zwar Ver- 
gnügen macht, daß er aber genug Geistesgegenwart 
besitzt, rechtzeitig zur Feder zu greifen und das 
Erlebnis den >Tausenden und Abertausenden 
unserer Brüder und Söhne« zu überlassen. Die 
daran hätten glauben müssen, weil Herr Friedjung 
an die Dokumente glaubte, und denen es nur des- 
halb erspart blieb, weil im letzten Augenblick »der 
Thronfolger Prinz Georg infolge der Tötung eines 
Dieners, den er mit den Stiefelabsätzen zertreten 
hatte, zur Niederlegung seines Rechtes auf die 
Erbfolge genötigt war«. Immerhin ein humanerer 
Vorwand, um einen Krieg zu unterlassen, als die 
Fälschung von Protokollen, um ihn zu führen. 
Aber daß die Papiere, um die sich die Geister einer 
papiernen Welt geschart, durch einen Druckfehler bei- 
nahe Paniere geworden wären, bezeichnet die Gefähr- 
lichkeit dieses Handwerks. In den Redaktionen und Äm- 
tern, in denen kein Gedanke zur Tat drängt, entspringen 
die bedenklichsten Anregungen aus der Phrase. Der 
Schmeck wagt sich nicht vor die Tür, aber das 
Schmocktum erzeugt jene Räusche, denen der 
Jammer auf dem Fuß folgt. Wenn Herr Dr. Friedjung 
dieses Milieu meidet und die Gaben, die ihn in dessen 
Nähe führten, nur bei der Beschäf tigungmit vergangenen 
Ereignissen verwendet, so wird ihm die Unkontrol- 
lierbarkeit der Tatsachen sowohl wie die Flüssigkeit 
der Darstellung den Ruf eines großen Historikers 



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erhalten. Es wäre eine Unehrlichkeit, wollte ich nicht 
offen zugeben, daß der >Kampf um die Vorherrschaft« zu 
jenen berühmten Büchern gehört, die ich nicht gelesen 
habe. Aber ich lasse mich köpfen, wenn ich nach der 
Lektüre anders über den Autor urteile; und wenn ein 
Mann der Wissenschaft darauf besteht, daß man ihm den 
guten Glauben attestiere, so ziemlich die einzige Quali- 
tät, die ihn in seinem Fach entwurzelt, so kann ich ver- 
langen, daß man mir den guten Zweifel an einer Persön- 
lichkeit einräume, von der ich nur ein einziges Dokument 
kennen muß, um auf die Unechtheit aller übrigen 
eu schließen. Und der grundsätzliche Zweifel an der 
Urt-^iisfähiffkeit der heutigen intellektuellen Welt 
überhebt mich der Mühe, mich zu jedem einzelnen 
ihrer Ideale herabzulassen. Ich bin davon überzeugt, 
daß die journalistische Geläufigkeit in der Behandlung 
entlegener Dinge, die sonst der Schwerfälligkeit einer 
Fachwissenschaft ausgeliefert sind, hier die meisten 
täuscht und auch viele, die solche Qualität in der Be- 
handlung aktueller Politik unerträglich finden. Und ich 
glaube, daß anderseits die zeitliche Entfernung als stoff- 
liches Moment wieder dem Journalisten zugute kommt 
und aus ihm genau so einen Mann der Wissenschaft 
macht, wie sie aus ihm einen Novellisten machen 
könnte. Man glaubt gar nicht, wie stark die Hilfe 
stofflicher Distanz, sei es nun die des Ortes oder der 
Zeit, wirkt, um dem Schreibenden das Interesse des 
Lesers anzunähern. Wer über Bukarest schreibt, ist 
schon ein Dichter; das Talent beginnt in der Leopold- 
stadt, Warum sollte nicht, wer über Königgrätz 
schreibt, ein Historiker sein? Herr Dr. Friedjune hat 
nur die Unvorsichtigkeit begangen, die ruhige Wirk- 
samkeit des Stoffes, der so viel für ihn getan hat, 
den Gefahren des Zweifels preiszugeben, indem er 
sichs einfallen ließ, in der stofflichen Welt des Tages, 
die so leicht überprüfbar ist, literarische Ehren zu 
suchen. Oder um mich in seiner Sprache auszudrücken, 
es war verfehlt, vom Piedestal der Wissenschaft in die 



12 



Arena der politischen Kämpfe hinabzusteigen. Man 
könnte leicht den guten Glauben an seine historischen 
Quellen verlieren, wenn man erfährt, wie die der 
Gegenwart beschaffen sind. Man mag befürchten, 
daß auch von jenen am Ende nichts übrig bleibt 
als der gute Glaube des Historikers. Zumal wenn 
man ihn im Gerichtssaal als einen Beweis sei- 
ner Gewissenhaftigkeit anführen hört, daß er die 
Telegramme zwischen Benedek und dem Kaiser vom 
früheren Generalstabschef Grafen Beck erhalten habe. 
Die Dokumente des serbischen Hochverrats nämlich 
habe er von Männern erhalten, >die dasselbe Ver- 
trauen verdienenc wie der Graf Beck. Das ist am Ende 
wahr. Es ist wahr, daß der jetzige Generalstabschef 
(jener Conrad v. Hötzendorf, dessen Name unbedingt 
nach einer Schlacht an der Drina zum Gebrauch 
für Mittelschulen rief) die Dokumente geprüft 
hat; es ist wahr, daß sie sich als gefälscht heraus- 
gestellt haben; und es ist also zum mindesten ge- 
fährlich, die Quelle älterer Dokumente, die schon 
ihre Schuldigkeit getan haben, noch zu nennen. Freilich 
behauptet Herr Dr. Friedjung, ein gewisses Vertrauen 
müsse ein Historiker für sich in Anspruch nehmen 
können. Denn sonst würde niemand glauben, daß 
Alexander der Große gelebt habe. Wir wüßten es 
nur, weil es uns die alten Geschichtsschreiber erzählt 
haben. »Aber wir glauben und vertrauen ihnen. < Nun, 
ich würde nach den Ergebnissen des Prozesses Friedjung 
auch in diesem Punkte zur Vorsicht raten. Und es war 
um so bedenklicher, die Glaubwürdigkeit der Quelle, 
der Herr Dr. Friedjung den Depeschen Wechsel 1866 
verdankt, mit der Verläßlichkeit jener andern, welcher 
er die serbischen Protokolle verdankt, zu vergleichen, 
als zum Beispiel ein Gespräch, das der Graf Beck 
im Jahre 1904 mit dem General Kuropatkin in Öster- 
reich gehabt und das der Graf Beck dem Herrn 
Dr. Friedjung in einer Gesellscheft erzählt hat und 
das Herr Dr. Friedjung in einer vaterländischen 



— 13 — 



Revue veröffentlicht hat, vom General Kuropatkin mit 
der Behauptung dementiert wurde, er sei im Jahre 1904 
gar nicht in Österreich gewesen. Nun ist es ja 
ebensogut raöglioh, daß der General Kuropatkin die 
Unwahrheit ?apt, wie es sicher ist, daß der Graf 
Beck ein steinalter Herr ist. Aber wir haben aus 
dem Prozeß erfahren, wie von einem schlichten Alibi 
eines Belgrader Professors die ganze Herrlichkeit hoch- 
verräterischer Dokumente abhängt, die uns \or 
Europa genötigt hätten, >zum Schwerte zu greifen«. 
Herr Dr. Friedjung hat sich freilich auch in dieser 
Angelegenheit als Historiker, der der Wahrheit die Ehre 
gibt, bewährt. Er war, wie die Zeitungen versicherten, 
>gewi8senhaft« genug, zuzugeben, daß der Professor 
Markovitsch an jenem 22. Oktober, da er in Belgrad 
zum Krieg trommelte, in Charlottenburg, Grohlmann- 
straße 30 sich aufhielt, nachdem dies vom dor- 
tigen Polizeipräsidium bestätigt worden war und 
der Historiker der Beweiskraft eines Meldzettels 
nicht widerstehen konnte. Er i>t — auf dieser Fest- 
stellung bp*stand er beim Ausgleich — »kein Klopf- 
fechter«. Niemand darf ihm jene Eigenschaft bestrei- 
ten, die er »Rechtschafffuheit« nennen würde. Und 
daß ein Belgrader Strafrechtsprofessor anstatt 
Boraben zu werfen gerade am entscheid**nden 
Tag einem Vortrag des Doktor Lilienthal in 
Berlin beigewohnt hat, das zu wissen oder an 
eine solche Möglichkeit auch nur zu denken, ist 
wirklich nicht Sache eines Historikers. Nein, an 
dieses Daturh mußten sich keine Zweifel heften. Und 
auf jene sentimentalen Phrasen der Dokumente, 
von denen Professor Masaryk sagt, sie seien nicht 
einmal die Sprache eines Gymnasiasten, konnte ge- 
rade er hineinfallen, denn er selbst würde sich erfor- 
derlichen Falles nicht scheuen, in einem Geheim- 
protokoll vom »goldenen Prag« zu sprechen. Was 
er aber als Historiker zur Grundlage seiner Forschung 
machen konnte, das waren die zwei Daten: der kroa- 



— 14 — 



tischen Wahlen und der serbischen Anleihe. Hier war 
Wink und Möglichkeit einer Prüfung. Hier war es 
dem Historiker erspart, zum Dienstmann zu werden, 
der einen Auftrag des Herrn v. Aehrenlhal in einer Re- 
daktion abgibt, wenn nicht gar zum Polizeimann, der 
ihn an die zuständige Behörde leitet. Denn daß man 
die Wissenschaft mit Protokollen so hineinlegen kann 
wie die Neue Freie Presse mit einem Erdbeben- 
bericht, den sie für echt hält, weil darin von kos- 
mischen und tellurischen Erscheinungen die Rede 
ist, das hat der Spaßvogel in Belgrad gewiß nicht 
geahnt. Er hat für Geld sein Pensum geliefert, aber 
nicht geglaubt, daß sich sogar die Wiss>enschaft dafür 
interessieren werde. Das Versprechen des Herrn Dr. 
Friedjung, dem man die Fehlerhaftigkeit jener beiden 
Daten vorhielt: er werde sich informieren, ist 
die prägnanteste Zusammenfassung der Pflichten 
eines Historikers. Ich habe keinen Respekt vor dem 
Handwerk. Nicht vor seiner Wichtigkeit, nicht vor 
seinem Ernst und nicht vor seiner intellektuellen 
Höhe. Ich war dabei, als die Wissenschaft vor dem 
logischen Einmaleins versagte, und der Überlegenheit 
nichts anders übrig blieb, als sich mit dem stereo- 
typen »Es ist doch merkwürdig — c den Bart, zu streichen. 
Da der Sektionschef Spalajko witsch, auf dessen Ent- 
larvung durch Herrn Dr. Friedjung alle Welt ge- 
spannt war, ja, ja und nein, nein sagte, was drüber 
ist, aber für übel hielt, holte die Wissenschaft zu 
einer merkwürdigen Frage aus. Der Abgeordnete 
Masaryk hatte in einer Rede gesagt, daß die Mit- 
glieder der Koalition kein Geld von der serbischen 
Regierung bekommen haben ; wenn der serbische 
Sektionschef jenen Bericht an seinen Minister, 
der von der Bestechung handelt, verfaßt haben 
soll, dann müßte Herr Spalajkowitsch die 
12.000 Franken eingesteckt haben. Es ist klar, 
daß der Redner aus der Unmöglichkeit der 
Unterschlagung auf die Unmöglichkeit des Berichtes 
schließen wollte. Aus einem logischen Argument 



15 



wird nun unter den Händen eines Historikers ein 
ethisches Gravaraen, und Herr Friedjung glaubt, 
Masaryk habe aus der Tatsache des Berichts auf 
die Möglichkeit der Unterschlagung schließen wollen. 
Der slawische Abgeordnete hat also bloß die Kroaten — 
sie nahmen kein Geld, weil siekeins bekamen — heraus- 
hauen, aber die Serben als Werber des Hochverrats und 
zugleich Diebe — sie gaben kein Geld, weil sie es 
nahmen — hinstellen wollen. Masaiyk habe >eine 
Vermutungc ausgesprochen: »darf ich den Herrn 
Sektionschef bitten, sich über diese Vermutung 
zu äußern ?c Herr Priedjung erklärt, er wolle, wenn 
der Zeuge ihm den Gefallen erweist, »die Möglich- 
keit dieser hypothetisch ausgesprochenen Vermutung«, 
also die Defraudation zuzugeben, den Herren Klägern 
eine Ehrenerklärung ausstellen. Allgeroeines Gelächter 
und Zwischenrufe, die aber der Vorsitzende nicht mehr 
mit der Mahnung »Meine Herren, wir sind hier in 
Wien«, zurückweist, weil diese Formel zu oft schon 
dem Chor der Kläger als Retourkutsche gedient 
und weil sie zu offensichtlich sich als eine Bitte um 
Entschuldigung für Schwachsinn und schlechte 
Manieren herausgestellt hat. Aber man wartet mit 
Ungeduld, bis sich die Antwort des Zeugen durch 
das Sprachrohr des Dolmetsch an unser Ohr ringt. 
Sie läßt keinen Zweifel darüber, daß er die Frage 
nicht als eine Kriegslist des Gegners, sondern als 
geistiges Armutszeugnis auffaßt. Herr Dr. Friedjung 
ist zu rechtschaffen, um einen Zeugen mit solchen 
Manövern bei denGeschwornen herabsetzen zu wollen. 
Er hat im guten Glauben gehandelt. Es war wirklich 
eine Enthüllung, jene, die er nicht schuldig bleiben 
konnte, nachdem er vor dem Eintreffen des Sektions- 
chefs Spalajko witsch das Versprechen abgegeben 
hatte: »Während ich meinen Rechtsstreit mit den 
Klägern, die meine Mitbürger sind, mit Schonung 
durchführen möchte, werde ich gegen diesen 
Spalajkowitsch als den Feind meines Vaterlandes 
schonungslos vorgehen und ihm für seine diplomatische 



— 16 — 



Laufbahn einen Geleitbrief mitgeben, der ihm in 
Zukunft noch sehr unbequem sein wird!« Und siehe da: 
er brachte zunächst vor, daß der serbische Sektions- 
chef in Bosnien einen Schwiegervater habe, der kein so 
großer österreichischer Patriot ist wie der Dr. Fried- 
jung und daß der Schwiegrersohn wahrscheinUch 
nichts dazu tut, den alten Mann von dieser Ver- 
irrung abzubringen. Und da dies nicht wirkte, 
holte Herr Dr. Priedjung die Vermutung des 
Professors Masaryk >aus dem Köcher«. Mach deine 
Rechnung mit dem Himmel, Vogt, und nicht mit 
der kroatischen Koalition! Herr Priedjung spricht gutes 
Burgtheaterdeutsch. Sein Organ ist sonor, erinnert an 
Herrn Schreiner, und die verwaiste Rolle des Ottokar 
V. Horneck (> Dies Österreich, es ist ein gutes Land«) 
schreit nach ihm. (>Ottokar von Steiermark, irrtüm- 
lich auch 0. von Horneck genannt, Geschichtschreiber 
aus der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts. 
Dienstmann eines Herrn von Liechtenstein. Schrieb 
eine Reimchronik, die reich ist an ausführlicher Er- 
zählung merkwürdiger Ereignisse, an Schilderung 
von Tournieren und Schlachten, wofür er reichhaltige 
Quellen benutzt, auch von Augenzeugen manche Mit- 
teilungen erhalten hat. 0. zeigt sich als ein in kirch- 
lichen und politischen Dingen sehr freisinnig denken- 
der Mann, weiß aber Gerücht -und Fabel von wirk- 
licher Geschichte nicht zu unterscheiden.«) Es 
ist doch merkwürdig — : daß ihm an keiner 
Stelle seiner Verteidigungsrede das Zitat eingefallen 
ist »Der Österreicher hat ein Vaterland u. s. w.< 
Nie hätte er den Gegner durch Tücken und Ränke bei 
den Geschwornen schlecht gemacht; aber daß ein 
echtes patriotisches Gefühl, wenn's nun einmal da ist, 
die naheliegende Wirkung zu Gunsten seines Besitzers 
»verschmähen« sollte (mit offenem mäh auszusprechen, 
Schule Strakosch), das sehe ich wirklich nicht ein. 
»Ich stehe hier in einem Kampfe«, rief er, »in dem ich 
alles zu beweisen habe, was in dem heißumkämpften 
Artikel der Neuen Freien Presse stand«: gegenübei 



— 17 — 



solchem Unrecht, daß man von gesetzeswegen ge- 
nötigtist, den Hochverrat, den man einem vorgeworfen 
hat, auch zu beweisen, darf man schon seine eigene 
Vaterlandstreue — wie sagt man doch — ins Treffen 
führen. Und wenn man noch dazu von den treuesten 
Dokumenten im Stich gelassen wird und zum Schluß 
sich gar die Berliner Polizei dreinmischt, daim beginnt 
man die im Reichsrate vertretenen Königreiche und 
Länder nebst Bosnien und der Herzegowina ans Herz 
zu drücken, und wenn man bisher Patriot aus Not- 
wehr war, so wird man jetzt Patriot aus Oberzeugung, 
und ist >berechtigt, zu erklären«, daß die Dokumente 
schon deshalb von der Wissenschaft anerkannt werden 
mußten, weil sie auch höchststehenden Persönlich- 
keiten vorgelegen waren. Wahrscheinlich hätten die 
Qeschwornen auf diese Ei-öffnung hin mit dem Prei- 
spruch ges^-^.n Herrn Dr. Friedjung vorgehen müssen. 
Wegen lückenlos bewiesener Vaterlandsliebe (sprich 
Patratismus). Da aber die Wissenschaft diese Ehren- 
rettung nicht überlebt hätte, zog sie es vor, sich mit 
den Feinden des Vaterlands auszugleichen. Sie hatten 
kein leichtes Spiel mit diesem Historiker. So wohl- 
f-»ilen Kaufes ließ er sie nicht ziehen : sie mußten 
sich zum Zugeständnis bequemen, daß er ein Patriot 
sei und ein Mann des guten Glaubens. 

>,Noch nicht!' , Vielleicht dochl' »Es spießt 
sichl' ,B3 wird nichts draus 1* , Gemacht 1'« Es waren 
bange Stunden, ehe es dazu kam, und die Zeitungen 
haben uns mit dem ganzen Aufwand der für solche 
Zwecke vorrätigen Plastik das Kommen und 
Gehen der Parteien, das Summen und Surren des 
Auditoriums, das Munkeln und Mogeln der um den 
Ausgleich bemühten Autoritäten geschildert. Ali 
endlich Herr v. Bärnreither. ein Fachmann für Loyalität, 
Unverbindlichkeit und Entgegenkommen, den der Prä- 
sident ins Beratungszimmer gebeten hatte, mit den 
Worten herauskam: >Geduld bringt Rosen, aber auch 
zerrissene Hosen!«, da war der Bann gebrochen, und 
man wußte, daß nun bald alle Weihnachtsglocken 



18 — 



läuten würden. »Eine Bemerkung, die viel Heiterkeit 
erregte«, hieß es in den deutschen Blättern. Im 
andern Lager wurden nachher Bemerkungen laut, die 
weniger nach der Gemütlichkeit einer poUtischen 
Kinderstube rochen, in der die Blamagen an den 
Ciiristbaum gehängt werden. Der serbische Minister 
des Äußern zum Beispiel meinte, es habe >immer und 
überall freiwillige und übereifrige Vaterlandsretter 
gegeben, die den Gänsen des Kapitels den Rang ab- 
zulaufen suchten«. Fragt sich nur, wo die besseren 
Fe lern zu f mden sind. Und der Präsident des kroatischen 
Landtags wollte wissen, ob das Vaterland denn nicht 
zufrieden sei, daß die Südslawen ihm ihr Blut geopfert 
haben, und ob es wirklich auch den moralischen Tod 
seiner Söhne fordere. Die Neue Freie Presse aber, der 
es seitdem die Rede verschlagen hat, hielt das »Ver- 
trauen zur österreichischen Justiz« hoch, in welchem 
sich jene »nicht getäuscht« hätten, denen man zuerst 
den Hochverrat bewiesen und dann gnädig erlaubt 
hat, sich gegen den Verdacht zu wehren. 

Die Kroaten und Serben in Österreich haben 
es vorgezogen, dieses Vertrauen nicht der Belastungs- 
probe eines Geschwornenurteils auszusetzen. Im Um- 
gang mit jenen »Vertrauten«, die die Regierungen dort 
unten auf das politische Leben loslassen, haben sie 
es gelernt, der Verläßlichkeit eines solchen öster- 
reichischen Gefühls zu mißtrauen. Eine Staatsweisheit, 
die »Umtriebe« erzeugt, um sich vor ihnen zu fürchten, 
und die nur an Bomben glaubt, welche sie mit Akten 
belegt sieht, hat dafür gesorgt, daß in Kroatien auf 
jeden Bürger zwei Konfidenten kommen. Man versäuft 
Staatsgelder, um die weißen Mäuse zu sehen, von denen 
man so viel schon gehört hat. Von der Vorstellung, 
daß es Umtriebe gibt, lebt dann die Geschichts- 
schreibung, und dem Herrn Dr. Friedjung »gebührt das 
Verdienst, am Vorabend eines Krieges auf sie auf- 
merksam gemacht zu haben«. Dem Tritt eines ser- 
bischen Prinzen verdanken wir, daß es beim Vorabend 
geblieben ist. Aber vielleicht wäre es nicht einmal 



— 19 — 



dazu gekommen, vielleicht hätte uns der Graf 
Aehrenthal rund eine Milliarde ersparen können, wenn 
er sich rechtzeitig die Lust verkniffen hätte, Um- 
triebe zu sehen oder auf sie aufmerksam machen 
zu lassen. Hätte der Kammerdiener des Prinzen 
Georg nicht gezeigt, wie man fürs Vaterland stirbt, 
die Österreicher hättens lernen müssen, und die 
Dokumente des Herrn Dr. Priedjung hätten dann jene 
Männer auf den Richtplatz geführt, die heute aus 
einem Beleidigungsprozeß ihre Ehre gerettet haben. Sie 
hätten das Schicksal der > Agramer Hochverräterc ge- 
teilt, deren Opferung jetzt den Schlaf der vater- 
ländischen Dokumentenjustiz zu stören beginnt. Denn 
der Betrieb der vaterländischen Dokumentenfabrik, 
den Männer wie der Sektionschef Nikoliö enthüllt 
haben, ist gestört. >Man soll uns vorhalten, was gegen 
uns spricht, man soll uns untersuchen vom Scheitel 
bis zur Zehe, wir werden uns ausziehen vor den 
Wiener üeschwornen.c Schande genug, daß diese 
typische Prozedur vor den Augen der Rauchfangkehrer- 
raeisteruqdGemischt waren verschleißer auch in solchem 
Falle notwendig war. Diese unerwünschten Zuschauer 
riefen, soweit sie der Verhandlung folgen konnten, den 
Klägern zu: >Geben Sie uns Beweise !< Und jene gaben 
Beweise, wiewohl sie dazu nicht verpflichtet waren. 
Es war ein fürchterliches Reinemachen vor den Feier- 
tagen. Vor dem österreichischen Justizskandal eines Frei- 
spruches blieben wir bewahrt. Der Skandal, der über den 
politischen, wissenschaftlichen und journalistischen 
Autoritäten zusammenschlug, wird erst aufstinken. 
Die Frage, was die Vertreter dieses Staates im 
Balkan machen, ist aufgebrochen. Man gibt zu, daß 
das Huren eine schöne Beschäftigung ist, möchte 
aber einmal wissen, was in den Zwischenpausen 
geschieht. Die österreichisch-ungarische Diplomatie 
ist einem grobschlächtigen Gauner aufgesessen und 
hat mit dem niedrigsten Betrug den höchsten Stellen 
im Reich die Notwendigkeit der Annexion, die Dring- • 
lichkeit eines Krieges begreiflich gemacht. Die Welt wird 

}93 



— 20 — 



betrogen, aber sie weiß, von wem und wofür. Osterreich 
wird noch gläubig sein, wenn es keinen Betrüger mehr 
geben wird ; es wird sich selbst betrügen. Herr Cook geht 
durch die Welt, er hat immerhin entdeckt, daü es 
einen Nordpol gibt. Wir haben uns einen Hochverrat 
entdecken lassen, den es überhaupt nicht gibt. 

Dabeiaber haben wir erfahren, in welche entlegenen 
Winkel dieses Vaterlandes die Kultur sich zitternd 
verkrochen hat. Sie lebt dort, wo sie in Furcht vor 
den Konfidenten lebt. Nicht hier, wo die Konfiden- 
ten in Furcht vor der Kultur leben. Wir haben 
erfahren, wo der Balkan ist. Österreich ist das Land, 
in dem man keine Konsequenzen zieht: es achte 
darauf, daß sie nicht gegen Österreich gezogen 
werden. Heurigenmusik, zu der ein Vaterländler ge- 
tanzt wird, wird die Welt über den wahren Aus- 
gang dieses Prozesses nicht täuschen. > Durch diese 
Dokumente sollte vor Buropa der Beweis erbracht 
werden . . .*: Baropa wird zur Kenntnis nehmen, 
daß es ein Gegenbeweis war. Und die Geschichts- 
schreibung, soweit sie nicht guten Glaubens ist, 
wird von diesem Datum Notiz nehmen. 




Zur endgiltigen Abfertigung des täglich frecheren Schxrach- 
sinns, der mir die Beschäftigung mit mir meiner Stellung, meinen 
Büchern, meinen Feinden verübelt und mahnend oder höhnend 
nachweist, daß sie die Hilfte meiner literarischen Tätigkeit aus- 
fülle, während sie doch in Wahrheit meine ganze literarische 
Tätigkeit ausfüllt; und weil man sich vor diesem Pöbel, dem man 
als Lebender nie zur »Autorität wird, nur durch Berufung am 
Autoritäten Ruhe verschaffen kann; zur endgiltigen Abfuhr aller 
anonymen Ratgeber, und um die Bildung jener weltweisen Noboiys 
die gern in Büchern nachschlagen, zu vervollständigen, sei dieses 
Zitat mir willkommen: 



— 21 — 



»Die Absicht Dun aber, in welcher der Dichter 
unsere Phantasie in Bewegung setzt, ist, uns die 
Ideen zu offenbaren, das heißt an einem Beispiele zu 
zeigen, was das Leben, was die Welt sei. Dazu ist 
die erste Bedingung, dafi er es selbst erkannt habe: 
je nachdem dies tief oder flach geschehen ist, wird 
seine Dichtung ausfallen. Demgemäß gibt es unzählige 
Abstufungen, wie der Tiefe und Klarheit in der Auf- 
fassung der Natur der Dinge, so der Dichter. Jeder 
von diesen muß inzwischen sich für vortrefflich 
halten, sofern er richtig dargestellt hat, was er 
erkannte, und sein Bild seinem Original entspricht: 
er mufi sich dem Besten gleichstellen, weil er in 
dessen Bilde auch nicht mehr erkennt, als in seinem 
eigenen, nämlich so viel, wie in der Natur selbst: 
da sein Blick nun einmal nicht tiefer eindringt. Der 
Beste selbst aber erkennt sich als solchen daran, daß 
er sieht, wie flach der Blick der Andern war, wie 
vieles noch dahinter lag, das sie nicht wiedergeben 
konnten, weil sie es nicht sahen, und wie viel weiter 
sein Blick und sein Bild reicht. Verstände er die 
Flachen so wenig, wie sie ihn, da müßte er ver- 
zweifeln: denn gerade weil schon ein außerordent- 
licher Mann dazu gehört, um ihm Gerechtigkeit wider- 
fahren zu lassen, die schlechten Poeten ihn aber so 
wenig hochschätzen können, wie er sie, so hat auch 
er lange an seinem eigenen Beifalle zu zehren, 
ehe eine Welt nachkommt. — Inzwischen wird ihm 
auch jener verkümmert, indem man ihm zumutet, er 
solle fein bescheiden sein. Es ist aber so unmög- 
lich, daß, wer Verdienste hat und weiß, was 
sie kosten, selbst blind dagegen sei, wie daß 
ein Mann von sechs Fuß Höhe nicht merke, 
daß er die Andern überragt . . . Horaz, Lucrez, 
Ovid und fast alle Alten haben stolz von sich gere- 
det, desgleichen Dante, Shakespeare, Bako von Veru- 
lara und viele mehr. Daß einer ein großer Geist sein 
könne, ohne etwas davon zu merken, ist eine Absur- 
dität, welche nur die trostlose Unfähigkeit 



22 — 



sich einreden kann, damit sie das Gefühl der 
eigenen Nichtigkeit auch für Bescheidenheit halten 
könne. Ein Engländer hat witzig und richtig be- 
merkt, daß merit und modesty nichts Geraeinsaraes 
hätten, als den Anfangsbuchstaben. Die bescheidenen 
Zelebritättni habe ich stt-ts im Verdacht, daß sie wohl 
recht haben könnten; und Corneille sagt geradezu: 

La fausse humilite ne met plus en credit: 

Je s^-ais ce que je vaux, et crois ce qu'on m'en dit. 

Endlich hat Goethe es unumwunden gesagt: »Nur 
die Lumpe sind bescheiden«. Aber noch unfehlbarer 
wäre die Behauptung gewesen, daß die, welche so 
eifrig von Andern Bescheidenheit fordern, auf Be- 
scheidenheit dringen, unablässig rufen: »Nur beschei- 
den! um Gotteswillen, nur bescheidenl« zuverlässig 
Lumpe sind, das heißt: völlig verdienstlose 
Wichte, F'abriksware der Natur, ordentliche 
Mitglieder des Packs der Menschheit. Denn wer 
selbst Verdienste hat, läßt auch Verdienste gelten — 
versteht sich echte und wirkliche. Aber der, dem 
selbst alle Verdienste und Vorzüge mangeln, wünscht, 
daß es gar keine gäbe: ihr Anblick an Andern spannt 
ihn auf die Folter; der blasse, grüne, gelbe Neid 
verzehrt sein Inneres: er möchte alle persönlich Be- 
vorzugten vernichten und ausrotten: muß er sie aber 
leider leben lassen, so soll es nur unter der Bedingung 
sein, daß sie ihre Vorzüge verstecken, völlig ver- 
leugnen, ja abschwören. Dies also ist die Wurzel 
der so häufigen Lobreden auf die Bescheidenheit. 
Und wenn solche Präkonen derselben Gelegenheit 
haben, das Verdienst im Entstehen zu ersticken, oder 
wenigstens zu verhindern, daß es sich zeige, daß es 
bekanntwerde — wer wird zweifeln, daß sie es tun? 
Denn dies ist die Praxis zu ihrer Theorie.« 

Schopenhauer, »Welt als Wille und Vorstellung«, 
2. Band, 3. Buch 37. Kap. 



— 23 — 



Dmck und Nachdruck 
Von Karl Kraus 

Im Vertrauen darauf, daß die zeitgenössische Publizistik 
ohnehin nicht mehr den Mut zur Zitierung der »Fackel' und nur 
noch die Lust zum Stehlen aufbringen werde, habe ich kürzlich 
bei der Neugestaltung des Titelblattes auf das Nachdrucksverbot 
verzichtet. Auf dem Umschlag der vorliegenden Nummer ist es 
wieder zu lesen. Denn jetzt erst sehe ich, wie notwendig es war. 
Em Ausschnittbureau sendet mir nämlich einige Nachdrucke, die 
mir viel mehr Verdruß als Freude bereiten und die mir beweisen, 
daß man es endgiltig aufgeben muß, Respekt vor dem Gedanken 
zu verlangen, und daß mehr als der Beifall für die Meinung auf dem 
heutigen Leserniveau nicht zu erreichen ist. Nun weiß man ja, daß 
ich gerade darauf und auf nichts lieber verzichte in einer durch und 
durch verjournalisierten Zeit, der der Geist zur Information dient und 
die taube Ohren hat für den Einklang von Inhalt und Form. Sie unter- 
scheidet »schreiben können« von »Recht haben «.versichert, »zwar nicht 
mit allem einverstanden zu sein, aber . . .«, und hat keine Ahnung 
von der geheimnisvollen Unmöglichkeit, das, wo'in ich »Recht 
hal>e<, anders als eben so zu sagen, wie ich es sage, und darin, 
Wie ich es sage, etwas anderes haben zu können, als Recht. Sie 
glaubt, es handle sich vorweg um den Stoif und hinterher komme 
eine Forderung ästhetischer Sauberkeit. Wenn ich ihr sagte, daß 
ich an zehn Seiten zwei Stunden und an einer Zeile zehn Stunden 
arbeite, diese sprachverlassene Zeit würde es unverständlich 
finden. Und wenn ich verriete, daß ich um einer Konjunktion 
willen, die mir während des Druckes zu mißfallen beginnt, die halbe 
Auflage vernichten lasse, so würde sie sagen, dies sei närrisch, 
denn sie, auf die es doch ankomme, bemerke den Unterschied 
nicht, und ich sollte Zeit und Geld an populärere Bestrebungen 
wenden. 

Nun kann man freilich über religiöse Angel^enheiten 
nicht streiten, und die Zeit muß sich damit abfindtn, daß 
einer, der sich als einen Todfeind des Ästhetentums gibt, das 
Geheimnis eines Dopp>elpunkts für wichtiger hält als die Prob- 
leme der Sozialpolitik. Wir können darüber nicht streiten, ob 
der Schöpfer oder der Nutzer dem Geist näher ist; ob es 
auf den Umfang des Schöpferischen ankommt und ob nicht 



— 24 — 



in der Wonne sprachlicher Zeugung aus dem Chaos eine Welt 
wird. Unverständlich ist es wie dieses: die leiseste Belichtung: 
oder Beschattung, Tönung und Färbung eines Gedankens — 
nur solche Arbeit ist wahrhaft unverloren, so pedantisch, lächerlich 
und sinnlos sie für die unmittelbare Wirkung auch sein mag, 
kommt irgend wann der Allgemeinheit zugute und bringt ihr zuletzt 
jene Meinungen als wohlverdiente Ernte ein, die sie sich heute 
mit frevler üier auf dem Halm kauft. Alles Geschaffene bleibt, 
wie es präformiert war, ehe es geschaffen wurde. Der Künstler 
holt es als ein Fertiges vom Himmel herunter. Die Ewigkeit 
ist ohne Anfang. Lyrik oder ein Witz: die Arbeit liegt 
zwischen dem Selbstverständlichen und dem Endgiltigen. Es 
werde immer wieder Licht. Es war schon da und sammle sich 
wieder aus der Farbenreihe. Wissenschaft ist Spektralanalyse, Kunst 
ist Lichtsynthese. Der Gedanke ist in der Welt, aber man hat ihn 
nicht. Er ist durch das Prisma stofflichen Erlebens in Sprach- 
elemente zerstreut, der Künstler sammelt sie zum Gedanken. Der 
Gedanke ist ein Gefundenes, ein Wiedergefundenes. Und wer ihn 
nur selbst sucht, ist ein ehrlicher Fmder, ihm gehört er, auch 
wenn ihn vor ihm schon ein anderer gefunden hätte . . . 

Doch was hat dies mit einem Nachdruckverbot zu schaffen? 
Der Leser hat vielleicht keine Lust, sich selbst noch mit der Erklärung 
von Narrheiten zum Narren halten zu lassen. Von allen Autoren, die 
ihn bedienen, bin ich der weitaus größte Schwindler: das Publikum 
dankt mir für Brot und ich sage hinterdrein, daß es Steine 
waren. Wenn ich jemand an meinen Schreibtisch ließe und ihm 
die Zumutungen zeigte, die mir die Post eines Tages bringt, er 
würde über die Zähigkeit staunen, die hier an einen Bäckerladen 
pocht und sich jahraus jahrein mit einer altbackenen Illusion 
zufrieden gibt. Kern Hund nähme mehr einen Bissen von mir, 
wenn er wüßte, wie unverdaulich er ist. Eine der groteskesten 
Erscheinungen: dieser unbeirrbare Glaube an den Inhalt. Weil 
drauf »Cyankali« steht, f 'essen sie's und holen es noch aus der 
Tabaktrafik. Ich lechze nach dem Zeitpunkt, wo man mir auf die In- 
kongruenz zwischen mir und meinen Stoffen, meinen Aktualitäten, 
meiner Verbreitung kommen und mich der Ehre überheben wird, 
zwischen Trabukkos, Staatslotterielosen, R-.volverblättern und An- 
sichtskarten Aphorismen zu verschleißen. Bis dahin wird's noch 



— 25 — 



manchmal heißen : Wo er recht hat, hat er recht. Ich falle der 
Entwicklung nicht in den Arm. Die Kenner, die solches Zögern 
von einer geschäftlichen Raison ableiten — aber wenn ich ihnen 
sage, daß ich halbe Auflagen um eines Wortes willen vernichten 
lasse, mit der Fabel kommen, daß ich mir's eben leisten könne — , 
sie sollen auch leben. Inzwischen, bis einmal die Geschichte 
der , Fackel' von reinerer Hand geschrieben wird, will ich wenigstens 
dafür sorgen, daß ihr geistiges Bild nicht entstellt werde. 

Es geschieht durch ein niederträchtiges System des Nachdrucks, 
dem ich hiermit ein für allemal den Riegel vorschiebe. Ich habe 
nichts dagegen, daß man Publikationen von mir, die ich heute un- 
publiziert wünschte, mit dem richtigen Datum zitiert. Auch was 
ich verwerfe, gehört zu mir, und ich bin nicht imstande, 
irgend etwas zu bereuen, was mir heute als Sünde er- 
scheint. Was aus den ersten Jahren der , Fackel* aufhebenswert ist, 
kommt in die Bücher; trotzdem räume ich jedem das Recht ein, 
mir Irrtümer, Fehler, Widersprüche, so sehr er Lust hat, vorzu- 
halten. Aber ich gestatte keinem, eine Äußerung aus den 
letzten drei Jahren in wohlwollender Absicht zu zitieren, 
wenn er sich nicht verpflichtet, an die Kontrolle des Nachdrucks wenig- 
stens den hundertsten Teil der Sorgfalt zu wenden, die ich an die 
Kontrolle des Drucks gewendet habe. Diese Mahnung geht eo ipso 
nur solche Redakteure an, die mir eine ihnen bequeme Meinung 
abknöpfen wollen und den Nachdruck mit jenen Worten ein- 
leiten, die mich sofort zur entgegengesetzten Meinung entflammen 
könnten: >Mit Recht bemerkt der bekannte Herausgeber der .Fackel'«. 
Wenn also der Unfug schon geduldet werden soll, so müßte 
wenigstens der Text, der nach solcher Einleitung noch immer seinen 
künstlerischen Ursprung behaupten könnte, unverändert dastehen. 
Die Redakteure nehmen aber, was ihnen paßt, und markieren die 
Auslassungen nicht einmal durch Punktreihen. Welchem organi- 
schen Ganzen der Teil genommen war, ist dann nicht mehr zu 
erkennen. Daß man durch Streichung eine Plattheit in einen Ge- 
danken, aber auch einen Gedanken in eine Plattheit verxrandeln kann, 
verstehen diese sprachverlassenen Meinungssucher nicht. Und sie tun 
ein Übriges: sie sehen auch nicht nach, wie der Setzer ihr Flick- 
werk zugerichtet hat. In einer deutschen Monatsschrift, die von einer 
Dame redigiert wird, ist jeder Satz, mit dem ich angeblich »Recht« 



— 26 



habe, verstümmelt oder in sein Gegenteil verkehrt. Daß durch 
Weglassung der Anführungszeichen in einem Satz, der noch 
ein zweitesmal vorkommt, statt einer Kontrastwirkung eine Wie- 
derholung bewirkt wurde, dafür muß ein .Setzer kein Verständ- 
nis haben. Aber ein Redakteur, der's auch nicht hat, 
kennt nicht einmal die Verpflichtung, dort eine mecha- 
nische Kontrolle zu üben, wo ein Anderer gedacht hat. Die 
Dreistigkeit der Absicht, mich zu redigieren, würde ich noch 
verzeihlicher finden als die grundsätzliche Nichtachtung vor 
geistiger Arbeit, die in der sorglosen Preisgabe an die Gefahren des 
Druckes gelegen ist. Ich halte die Maschine auf und zwinge sie, 
meinen Launen zu dienen, und nach Tagen und Nächten solchen 
in den Schlaf fortgesetzten Kampfes, solcher auch am fertigen 
Werk noch wirkender, nie beruhigter Zweifel, kommt ein anderer, 
der meine Meinung teilt, und opfert mich seiner Maschine auf. Ich 
habe der Zeitschrift, die mir solches angetan hat, eine Berichti- 
gung geschickt. Aber ich habe nicht Lust, in den Druckereien 
Deutschlands und Österreichs die Arbeit zu verrichten, die mich 
in einer einzigen kaput macht. Ein Wiener Tagesblatt, das seine 
christlichsozialen Hausmeisterinnen mit Zitaten aus der , Fackel' 
erfreuen zu müssen glaubt, sei auf diesem Wege ausdrücklich 
verwarnt. Es hat kürzlich ein paar Seiten aus dem Artikel über 
den Fall Hofrichter glatt ins Hausmeisterische übersetzt. Hier 
handelts sich nicht um Verstöße gegen Stil und satirische Absicht, 
die ein sorgloser Nachdruck bedeutet, sondern um Verstöße gegen 
die Grammatik, die ich an und für sich nicht so schmerzlich 
empfinde, die aber hier eigens für das Fassungsvermögen des 
Publikums berechnet zu sein scheinen. Wollte ich den Nachdruck 
nachdrucken, man würde es nicht für möglich halten, daß ein so 
lesbares Manuskript, wie es die Seiten einer Zeitschrift vorstellen, 
in einer Druckerei solchen Verheerungen ausgesetzt sein kann. 
Auch die Volltrunkenheit des Setzers könnte sie nicht erklären. 
Bleibt nur die Annahme, daß in christlichsozialen Druckereien ein 
Korrektor angestellt ist, der darüber zu wachen hat, daß nichts 
Deutsches durchrutscht. Aus der »Behörde, die jetzt den Fall 
übernommen hat und die durch Tradition und ein veraltetes 
Gesetz vor den Verlockungen der Reklame geschützt ist< werden 
»Behörden, die jetzt den Fall übernommen haben und die durch 



- 27 - 



die Tradition und einem veralteten Gesetz vor den Verfolgungen 
der Reklame geschützt ist«. Eine Person, die >unweit dem Ver- 
dachtskreis« wirkt, ist jetzt eine, die >unweitdes Verdachtskreises< 
wirkt. Sie hat >dem Hauptmann Mader ein zweites Opfer gesellt 
und in der entfachten Sensation die eigene Spur verwischt« ? 
Nein, sie hat ihm »ein zweites Opfer gestellt, deren entfachte Sen- 
sation die eigene Spur verwischt hat«. >Es ist doch wahrschein- 
licher, daß .... als daß . . . .« gilt nicht; jetzt heißt es: 
»Es ist jedoch wahrscheinlich, daß .... als daß . . . .« Ein 
»zurechtgelegtes Alibi«? Nein, ein »zusammengelegtes«. Gegen 
die Schuld Hofrichters sollte »die unwahrscheinliche Dummheit« 
sprechen, »mit seinem notorischen Handwerkszeug einen Giftmord 
zu verüben und zu hoffen, daß er dem Verdacht durch Harmlosig- 
keit begegnen könne«. Jetzt heißt es: »Gegen die Schuld H.'s 
spricht die unwahrscheinliche Dummheit, mit einem notorischen 
Handwerkszeug ist nicht Giftmord zu verüben und zu hoffen, daß 
er den Verdacht . . . begegnen könne«. Und an der Spitze heißt es 
trotzdem: »Die , Fackel' schreibt«. 

Aber sie hat für dieses Pack zu schreiben aufgehört. Von 
jetzt an ist nur mehr das Stehlen erlaubt. Da wird vielleicht auch 
etwas mehr Sorgfalt auf den Druck verwendet werden, und im 
Übrigen fällts nicht auf mich zurück. Ein Berliner Sudelblatt, das 
erst kürzlich wegen Erpressung sich verantworten mußte, kompro- 
mittiert sich ganz unnötigerweise durch Zitierung der ,Fackel'. 
Hin und wieder nimmt es sich einen Anlauf und druckt eine Notiz 
ab, ohne die , Fackel' zu nennen. Es müßte konsequenter sein. Einigen 
wir uns darauf: Nachdruck nur ohne Quellenangabe gestattet! 



»Keines der jetzigen Kulturvölker hat eine so schlechte 
Prosa wie das deutsche. Sieht man nach den Gründen, so kommt 
man zuletzt zu dem seltsamen Ergebnis, daß der Deutsche nur 
die improvisierte Prosa kennt und von einer anderen gar keinen 
Begriff hat. Es klingt ihm schier unbegreiflich, wenn ein Italiener 
sagt, daß Prosa gerade um soviel schwerer sei als Poesie, um 
wieviel die Darstellung der nackten Schönheit für den Bildhauer 
schwerer sei als die der bekleideten Schönheit. Um Vers, Bild, 



— 28 — 



Rhythmus und Reim hat man sich redlich zu bemühen — das 
begreift auch der Deutsche — , aber an einer Seite Prosa wie 
an einer Bildsäule arbeiten? — es ist ihm, als ob man ihm 
etwas aus dem Fabel land vorerzählte.« Nietzsche. 



Aphorismen*) 
Von Karl Kraus 

Es gibt Heuchler, die mit einer unehrlichen 
Gesinnung prahlen, um unter solchem Schein sie zu 
besitzen. 

Die Weiber sind nie bei sich und wollen darum, 
daß auch die Männer nicht bei sich seien, sondern 

bei ihnen. 

* 

Eine Individualität kann den Zwang leichter 
übertauchen, als ein Individuum die Freiheit. 

Aufgeweckte Jungen — unausgeschlafeneMänner. 

* 

Gute Ansichten sind wertlos. Es kommt darauf 

an, wer sie hat. 

• 

Auch ein Kind und ein Weib können die Wahr- 
heit sagen. Erst wenn ihre Aussage von andern 
Kindern und Weibern bestätigt wird, soll man an 
ihrer Glaubwürdigkeit zu zweifeln beginnen. 

Der Kopf des Weibes ist bloß der Polster, auf 
dem ein Kopf ausruht. 



*) Aus dem .Simplicissimus'. 




— 29 



Glossen 
Von Karl Kraus 

Über den zum Präsidenten des Straflandesgerichts Wien 
ernannten Hofrat Feigl schreibt das Neue Wiener Tagblatt: 

. . . Präsident Dr. Feigl erfreut sich nicht nur in der Richter- 
schaft, sondern auch im Anwaltstande durch sein humanes Empfinden 
und durch sein konziliantes und liebenswürdiges Wesen allgemeiner 
Sympathien. . . . 

Die ,Neue Freie Presse' glaubt an eine Entwickhing und 
schreibt: 

... Er vennag kaustisch tuid ätzend zu sein wie nicht leicht 
ein Zweiter, aber, wie wir mit Vergnügen hinzufügen, auch menschlich 
schön zu fühlen und zu urteilen. Und gerade diese letztere Eigenschaft 
hat sich bei Hofrat Feigl immer mehr entwickelt, immer stärkere 
Sympathien für ihn hervorgerufen. Dem großen Zuge der modernen 
Kriminalistik, in die Tiefe des Menschenherzens zu blicken, den Ver- 
brecher in seiner Eigenart aufzufassen, ihn, solange es möglich iit, 
vor völliger Verderbnis zu schützen, hat er sich in erster 
Reihe angeschlossen. Er ist gewissermaßen vor den Augen des 
Publikums zu immer größerer Höhe der Persönlichkeit gelangt 
durch seinen scharfen Blick, durch seine seltene Begabung und nicht 
zuletzt durch eine echte, unter Ernst und Ruhe verborgene 
Innerlichkeit. JVlit unbefangener Erkenntnis lernte Hofrat Dt. Feig: 
aus den Irrtümern um sich herum und auch — welcher Richter wäre 
davor gefeit— aus eigenen Irrtümern, und es ist überraschend, 
wie er aus vielen Gegnern Freunde und Verehrer, ja auch Bewunderer 
geschaffen . . . 

Eine Entiricklung pflegt zwischen dem zwanzigsten und 
vierzigsten Lebensjahre platzzugreifen; bei Herrn Hofrat Feigl, 
der ein Mann in den Sechzigern ist, trat sie knapp vor seiner Er- 
nennung zum Präsidenten des Landesgerichts ein. In seinem 
schönsten Mannesalter blieb seine Innerlichkeit so tief unter Ernst 
und Ruhe verborgen, daß sich vor den Augen eines erwartungs- 
vollen Publikums Jahrzehnte hiedurch nicht das Geringste zeigte. 
Deshalb war es auch in all derZeit nicht möglich zu bemerken, wie 
sehr es ihm darum zu tun war, den Verbrecher — solange es möglich 
ist - vor völliger Verderbnis zu schützen. Wenn man nicht etwa die 
Strafen, die Herr Hofrat Feigl diktierte, als lebenslänglichen Schutz 
vor den Gefahren der Freiheit auffassen wollte. Das wurde aber 
mit einem Male ganz anders, und im Gegensatz zu den Preß- 



~ 80 - 



stimmen, die mehr der Evolutionstheorie zuneigen, glaubt die 
, Arbeiter-Zeitung', daß ein Wunder geschehen sei. Sie schreibt: 

. . . Der neue Präsident ist ein Mann, der sich fast plötzlich 
völlig umgewandelt hat. In den letzten fünf Jahren war er der zum 
Richteramt tauglichste Mann im Landesgericht, war er der mildeste 
Richter, der gesittetste Vorsitzende. Früher und viele, viele Jahre hin- 
durch war es anders. Da fällte Herr Dr. Feigl die allerstrengsten 
Urteile ; da war er bissig, wie man es ärger nicht sein kann ; da hatte 
er insbesondere in den Schwurgerichtsverhandlungen unerträgliche Ge- 
wohnheiten. Unvergessen ist es, daß unter seinem Vorsitz 
ein Mensch, der auf der Ringstraße einer Frau ein Hand- 
täschchen entriß, zu lebenslangem Kerker verurteilt wurde. 
Das Urteil erregte das Entsetzen der ganzen Öffentlichkeit und wurde 
vom Oberlandesgericht dahin abgeändert, daß die Strafe für den 
Täschchenraub auf »nur< zwölf Jahre herabgesetzt wurde. Kurz darauf 
ging in Dr. Feigl die große Wandlung vor sich und die Art, wie er 
in den letzten Jahren die Verhandlungen leitete, die Straftaten beurteilte 
und die Strafen ausmaß, könnte allen Richtern, die jetzt im Strafgericht 
fungieren, als Beispiel dienen . . . 

Weiches Verdienst die ,Fackel' um die Entwicklung des Hof- 
rats Feigl hat, die man also auch eine wunderbare Verwandlung 
nennen könnte, ist gerichtsbekannt. Im März 1904 erschien der 
Artikel >Ein Unhold«, der heute in dem Buch >Sittlichkeit und 
Kriminalität« wie eine Reliquie des Grausens wirkt und nicht 
anders als ein Dokument jener Justiz, von der man sich be- 
ruhigt sagt, daß sie fünf Jahrhunderte hinter uns liegt. Im Fall Krafft 
berief der Staatsanwalt zu Gunsten des Verurteilten. Im Jahre 1907 fand 
ein Wiedersehen zwischen dem Hofrat Feigl und dem Sträfling statt, 
der ihm in einem andern Prozeß als Zeuge vorgeführt wurde. Er 
war inzwischen tuberkulös geworden, und so konnte ihn Herr Hofrat 
Feigl beim besten Willen nicht mehr vor völliger Verderbnis 
schützen. Nachdem dieses Wiedersehen zwischen einem Blassen und 
einem Blässern geschildert worden war, veröffentlichte die , Fackel' 
das Bekenntnis eines der Qeschwornen, die den Krafft verurteilt 
hatten: »Denn wenn wir geahnt hätten — nun, Sie erinnern sich 
gewiß, wie wir einige Tage später angesichts des abermaligen 
Feigl uns durch einen Freispruch Luft gemacht haben. Allein vor- 
her kannten wir unsern Feigl noch nicht ganz; und da die Er- 
gebnisse der Verhandlung sich mit den Schuldfragen glatt deckten, 
konnten wir nichts anderes tun, als diese bejahen. Wie dann aber 
das Wort (lebenslänglich' gefallen ist, sind wir dagestanden, wie 



- 81 — 



vom Donner gerührt und haben einer den andern angestarrt — 
völlig entgeistert. Ich bin aus dem Saale getaumelt, buchstäblich 
betäubt und : »Barmherziger Himmel, das haben wir nicht gewollt, 
nein, das haben wir nicht aewollt', mußte ich fort und fort 
murmeln. Als nachträglich die Änderung des Urteils bekannt 
wurde, haben wir die Strafmilderung wie eine Befreiung von 
eigener Schuld empfunden . . . Aber ich erbitte mir von einem 
gütigen Schicksal, daß es mich vor neuerlicher Auslosung zum 
Geschwornen bewahre. Für dieses Amt tauge ich seither nicht, 
wenigstens so lange, als noch der Feigl im Landesgericht haust , . .« 
Nun, er hat sich gebessert und ist ein guter Richter geworden. 
Aber tausend Jahre Zuchthaus, mit denen seine rüstige Männlichkeit 
übers Ziel schoß, sind durch ein reuiges Greisenalter nicht mehr 
einzubringen. Die Entwicklung eines Strafrichters hat keine rück- 
wirkende Kraft. Was hat jener Bursche davon, der zu einer Zeit 
das Täschchen raubte, als Hofrat Feigl noch nicht abgeklärt war? 
Er wird im Jahre 1916 das Zuchthaus verlassen, wenn nicht etwa 
die Schwindsucht die Absichten der Justiz konterkarieren sollte. 
Die Schwindsucht war ja lange Zeit die einzige Macht, die hier- 
zulande gegen die Justizgewalt noch etwas ausgerichtet hat. Aber 
selbst dieser Instanz wäre manches Opfer entzogen worden, wenn 
es schon in den Anfängen des Dr. Feigl eine , Fackel' gegeben 
hätte. Weil der vielversprechende Abschluß dieser Karriere, den 
auch ich anerkenne, die Tagespresse zu so herzlicher Zuversicht 
bewegt, war es notwendig, auch von dem Mittelstück zu sprechen. 



>Auch ein Kind und ein Weib können die Wahrheit sagen. 
Erst wenn ihre Aussage von andern Kindern und Weibern bestätigt 
wird, soll man an ihrer Glaubwürdigkeit zu zweifeln beginnen.« 
Zu diesem Aphorismus von mir beeilt sich eine Gerichtsverhand- 
lung vor einem Wiener Bezirksgericht den Beleg zu liefern. 
Welche Aussage kann nicht erst zustande kommen, wenn die 
Kinder Weiber sind! Drei kleine Mädchen beschuldigen einen 
Henn, während der Fahrt auf der Straßenbahn >starke Sittlich- 
keitsverletzungen begangen zu haben <. Unter großem Aufsehen 
wird er beim Verlassen des Wagens »angehalten«. Vor Gericht 
sagt er, es sei heller Tag gewesen, der Wagen mit Passagieren 



32 — 



gefüllt. Die drei Mädchen, die in voller Übereinstimmung aus- 
sagen, geben über Befragen des Richters an, »während der Dauer 
der Prozedur des Angeklagten seien sie ruhig auf ihren Sitzen 
geblieben und hätten nicht daran gedacht, sich bei anderen Passa- 
gieren oder beim Kondukteur zu beschweren«. Zahlreiche Insassen 
des Wagens erklären als Zeugen, »von dem, was die Mädchen 
behaupteten, absolut nichts gesehen zu haben«. Der Richter fällt 
einen Freispruch: die Aussage der jungen Mädchen könne nur 
»als Halluzination aufgefaßt werden«. Gewiß, hier liegt die einzige 
Halluzination vor, die mehrere Mädchen gemeinsam haben 
können. Sie halluzinieren gern. Man sollte auf diese Neigung im 
ganzen sozialen Leben ein Augenmerk richten und alle die Sitt- 
lichkeitsprozesse revidieren, die zu Verurteilungen geführt haben, 
weil der Wunsch des Gedankens Vater war und die Hysterie als 
Zeugin zugelassen wurde. 



Reaktionär, wie ich in der Frauenfrage bin, finde ich es 
durchaus berechtigt, daß Zeitungsberichten zufolge das Kreis- 
gericht Böhmisch- Leipa eine Frau »wegen Auflaufs« zu drei Tagen 
Arrest verurteilt hat. Die Geschichte muß schön verpatzt auf den 
Tisch gekommen sein. Nur bin ich enttäuscht, bei näherer Lektüre 
zu bemerken, daß die Frau »gelegentlich einer deutschnationalen 
Demonstration vor der Beseda dem Befehl des Gendarmen, der 
die Menge zum Auseinandergehen aufforderte, nicht Folge geleistet 
hat«, daß es sich also um ein politisches Delikt handelt. Nachdem 
aber das Mißverständnis beseitigt ist, würde ich das Urteil trotz- 
dem bestätigen und nur die Gründe abändern. Selbst wenn sie 
nämlich dem Befehl des Gendarmen Folge geleistet hätte, würde 
ich sie verurteilen, weil sie sich für den Auflauf nicht interessiert 
hat. Reaktionär, wie ich in der Frauenfrage bin. 



Dagegen finde ich die judizielle Anerkennung des Markt- 
wertes der Jungfräulichkeit, die kürzlich der bekannte Wiener 
Appellsenat besorgt hat, gräulich. Darin denke ich liberal. 
Ein Pferdehändler war wegen Verführung und Entehrung eines 
Fräuleins unter Zusage der Ehe vom Bezirksgericht zu drei Wochen 



- 33 - 

Arrest verurteilt worden, obgleich die Anzeigerin selbst zugab, 
daß sie schon vorher mit einem verheirateten Mann ein Verhältnis 
gehabt hatte. Nach einer offiziellen Moral, die die Entjungferte 
für eine Entehrte hält und einen wiederholten Verlust der Ehre 
auf diesem Gebiet nicht anerkennt, hatte die Klägerin kein Recht 
zur Klage, und das Urteil der ersten Instanz war ein Fehlurteil. 
Es ist aber immerhin bemerkenswert, mit welchem Eifer der 
Appellsenat dem Pferdehändler zuhilfe kam und wie klar er aus- 
sprach, daß ein Pferdehändler nicht verpflichtet ist, ein Ehever- 
sprechen zu halten, wenn er es einer Frau gab, die einen Fehler 
hatte. Er sagte : 

Mit Rücksicht darauf, daß die Klägerin vor dem Beginn der 
Beziehungen mit dem Angeklagten ein intimes Verhältnis mit einem 
Ehemann hatte, ohne daß dieser ihr die Ehe versprochen hat, noch 
versprechen konnte, die Anzeigerin also keine Geschlechtsehre 
mehr hatte, konnte sie auch von dem Angeklagten nicht entehrt 
worden sein. 

Daß der Vorgänger ein Ehemann war, ist gleichgültig, die 
Hervorhebung dieses Moments unsinnig: der Appellsenat war 
berechtigt, in jedem Fall die Aberkennung der Qeschkchtsehre 
auszusprechen. Lieblich ist nur, daß die Moral des Pferdehandels 
zwischen den Geschlechtern eine so vollkommene Sanktion findet 
und daß die Frauenbewegung es noch immer für wichtiger hält, 
nach dem allgemeinen Wahlrecht statt nach der allgemeinen 
Geschlechtsehre zu trachten. 



Alles andere kann man dem Kosmos der Neuen Freien 
Presse nachsagen, als daß er farblos und in nüchterne Rubriken 
eingeteilt sei. Wer das bunte, oft phantastische Leben eines 
Benediktschen Leitartikels kennt, wer da weiß, daß selbst seine 
volkswirtschaftlichen Betrachtungen in eine Komptoirwelt führen, 
deren Betrieb sich etwa unter den Klängen der » Meistersinger < 
abwickelt, wer das alles weiß und genießend erlebt hat, der wird 
sich auch über die Vielgestalt der Motive, die die »Kleine 
Chronik« beleben, nicht mehr wundern können. Hat man eben 
erst mit Interesse von der Ernennung des Feintuchengrossisten 
Schwitzer zum Kommerz'alrat gelesen, so kann es leicht geschehen, 
daß man dicht daneben die Spitzmarke findet: »Hofrat Gomperz 



34 



überdieKyrenaiker«. Man steht verwirrt. Da wird alles Mögliche er- 
zählt, wovon die Leser der Neuen Freien Presse trotz aller Bemühung 
nichts weiter als das Wort Qomperz verstehen. Der Sendbote der 
Kyrenaiker sei Aristippos gewesen, aber wenn er »dieser Sohn 
Kyrenes< genannt wird, so ist zu wetten, daß nicht ein Leser der 
Neuen Freien Presse zweifelt, Kyrene sei eine Frauensperson, und 
da sie für jeden Brocken Bildung dankbar sind, so hätte es sich 
geziemt, sie wenigstens in diesem Punkt keiner Täuschung zu 
überlassen. Ein anderesmal aber hat man kaum gelesen, daß sich 
die Rosa Schlesinger in Hullein mit Herrn S. Aldor in Temesvar 
verlobt habe, bums, heißt es schon: »Hofrat Qomperz über 
Xenophon«. Der Gelehrte habe ein durchaus objektives Bild von 
Xenophon entworfen, »in welchem neben den Fehlern auch die 
Vorzüge dieses schönen Mannes zur Geltung kamen«. Schon ruft 
man »Thalatta!«, denn man glaubt, es handle sich um die Vor- 
stellung eines Heiratskandidaten. Gefehlt. Xenophon, heißt es, 
»war übrigens hervorragend in der Kunst des Verschweigens«. 
Aber auch Redakteur scheint er nicht gewesen zu sein. Da 
erfährt man, daß Hofrat Goniperz diesmal nicht mehr über die 
Kyrenaiker, sondern über die Kyrenoniker gesprochen habe. Aber 
auch damit kann man nichts anfangen. Nun hofft man, endlich 
werde die Rettungsgesellschaft mit Herrn Dr. Charas an der Spitze 
erscheinen, freut sich auf die Meldung, daß ein reizender Damen- 
flor mit Frau Bondy an der Tete Würstel verkauft habe, ist 
zufrieden, daß auch der Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Zecke 
gegen das Rauchen, für das Recht auf Stille, gegen den Meld- 
zettel und für die Abwechslung des Burgtheaterrepertoirs im In- 
teresse der Logenabonnenten ist, daß ein Tapezierer den Tod eines 
Bankdirektors zum Ausverkauf in zwar grünen, aber ganz ungefähr- 
lichen Tapeten benützt, daß die Gedichte der Tochter des Oberrabbiners 
von Groß-Meseritsch in die Fideikommißbibliothek aufgenommen 
wurden — : bums, fährt die Neue Freie Presse mit der Neuigkeit 
dazwischen: »Hofrat Gomperz über den Neuplatonismus<. Sie 
wird's bereuen, denken alle, die ihr den Hang zu Seitensprüngen 
übelnehmen. Und richtig erscheint schon das nächste — und wie 
wir zu melden in der Lage sind — letzte Mal die ganz verständ- 
liche Spitzmarke: »Die Vorträge des Hofrates Gomperz«. Darunter 
die summarische Mitteilung, daß sich in die Berichte »einige 



35 — 



Irrtümer eingeschlichen haben«. Der letzte der Vorträge sei 
>dem Leben und der Lehre des Aristoteles gewidmet« gewesen. 
Endlich ein Name, den man versteht, wenngleich er an solche 
erinnert, die man heute nicht mehr trägt, und vor allem das 
wertvolle Zugeständnis, daß die Neue Freie Presse alles zurück- 
zieht. Kyrenaiker, Kyrenoniker — von all dem bleibt ein dumpfer 
Druck im Hirn zurück und das schmerzliche Bedauern, daß ein 
Gomperz, Mitglied einer geachteten Bankiersfamilie, sich mit so 
ausgefallenen Sachen beschäftigt und die Freie Press' aus einer übel 
angebrachten Rücksicht das noch unterstützt , . . Aber ist es gerecht, 
einem Blatte zu zürnen, das sich trotz allen Extravaganzen einer 
temperamentvollen Leitung immer noch rechtzeitig auf seine Auf- 
gabe besonnen hat, ein Familienblatt zu sein und zwischen 
HuUein und Temesvar Einheiraten zu vermitteln? Neulich hat es 
sogar durch eine Nachricht überrascht, die nicht verfehlt hat, 
auch über die Kreise der beteiligten Familien hinaus Aufsehen zu 
erregen. Unter der Spitzmarke >Vermählung eines indischen 
Prinzen mit einer englischen Schauspielerin« — bunt ist der 
Kosmos der Neuen Freien Presse - wußte sie sogar Genaueres 
über die Verhältnisse des Bräutigams, eines gewissen Nassir Ali 
Khan zu melden. >Der junge Prinz studiert an der Oxforder 
Universität, er lebt seit sechzehn Jahren in England und hat sich 
den Rechtsstudien gewidmet.« Eine glänzende Partie. Und wenn 
man erst erfährt, aus welcher Familie! Er leitet >seine Abkunft 
von Ali ab, der Schwiegersohn und Cousin des Propheten 
Mohammed war.« Ihnen gesagt! 



»Mit welchem Wunsche treten Sie ins neue Jahr?« Mit dem 
Wunsche, von Rundfragen dieser Art verschont zu werden. Von 
der Pein, Persönlichkeiten wie die Herren Lindau, Lubliner, 
Kadelburg, Philippi auch außerhalb der Notdurft deutscher 
Theaterrepertoirs am Geistesleben sich betätigen zu sehen. Von 
der Qual, auf diese Gratulanten, Repräsentanten, Jubilare und 
Kridatare in jeder Spalte jedes Lokalanzeigers zu stoßen. Von 
der Vorstellung, daß das Christkiudl die Züge des Herrn Holz- 
bock trägt, der Osterhase so flink wie Herr Rudolf Lothar läuft 
und das neue Jahr, eine Debütantin, der Talent und Vorzüge 



86 



der Erscheinung nachgerühmt werden, bei Herrn Leo Leipziger ihre 
Aufw^artung machen muß. Der ,Roland von Berlin', ein Hindernis 
in dem sonst so glatt funktionierendem Berliner Straßenleben, hat 
sich durch jene Enquete dennoch ein Verdienst erworben. Denn 
sie umfaßt die Pole der neudeutschen Möglichkeiten. Mit welchem 
Wunsch also tritt Herr Maximilian Harden ins neue Jahr ? Wörtlich : 
Mit dem Wunsch, daß Deutschland für die Leitung seines Staats- 
geschäftes endlich wieder Männer finde, die den Mut haben, an die 
Macht des Reiches, an die jedes Fährnisgestrüppes spottende Kraft der 
deutschen Menschheit zu glauben, und den zaghaften Kleinmut, der 
zwischen dem Drang, durch Nachgiebigkeit Freundschaft zu werben, und 
der Schwächlingsfurcht, sich > etwas zu vergeben«, tatlos einhertaumelt, 
als Nationalschmach empfinden, — als die unsühnbare Todsünde wider 
den heiligen Geist deutscher Volkheit. 

Das klirrt ! Dieser Siegfried hat zweifellos mit dem Blut 
des Bandwurms seine Haut gehörnt. Wie anders der gemütvolle 
>Pfofe3Sor< Heinrich Qrünfeld : 

>Nur gesund! Dafür aber ein bißchen mehr Geld und warme Füße!« 
Das sind wahre Celloklänge neben der kriegerischen Musik 
Harden'scher Rede. Und dennoch besteht kein Zweifel, daß auch 
diesem der Qrünfeld'sche Gedanke nahe liegt und daß er ihn, ein 
Meister des Stils, in seiner Art hätte bewältigen können, wenn er es 
für passend gehalten hätte, an so feierlicher Wende einen so natür- 
lichen Wunsch zu äußern. Dann hätte er gesagt : »Mit dem Wunsch, 
daß die neu sich jährende Zeit dem im Wahrheitfrohn gemüdeten 
Körper Quickung, die lang und schmerzlich nur gemißte, bringe. 
Und daß dem Geburttag der Kraft auch die Freude an Besitzmehrung 
gepaart, das Bangen um eine ,Zukunft', die mit fleischlosem Finger 
mahnende Sorge um das Grüppchen der mählich schwindenden 
Abnehmer erspart sei. Und daß dem trotz aller Hatz gefesteten 
und der Freiheit frohen Fuß, wenn er wieder in Wintersnot den 
Weg zu einem deutschen Richtstühlchen treten müßte, auch das 
Warmsein nicht mehr geneidet werde, das so oft im Sinne der 
Kinädenschmach gedeutet ward und wieder, wie in Philis schlim- 
men Tagen, nur Behaglichkeit und die wohlige Empfindung des 
vor Frost Geschützten bedeuten soll.« 



Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Karl Kraus 
Druck von lahoda & Siegel, Wien, III. Hintere ZollamtsstraBe 3 




^* alKa JPI 

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Hie wtrde di mlisdi? 


ii^er 


EiüeestsidisJttidiiittDttBl 


Von 


KARL HAUER 


(Nebst einem 


Anhang über Pornographie) 


Verl«8sg»s«nsch*ft „Mü> 


ichen", B«rthold Butter Vertag 1 



Der Herausgeber der .Fackel* ersucht, die Einsendung: von 
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f • . I 

1 Inhalt der vorigen Nummer 292, 17. Dezember 1909: ^ 

I Cyankali — Asa foetida- — Rhabarber. Sämtliche Beiträge von | 

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Nl. 294-295 



31. JANUAR 1910 



XI. JAHR 



Die Mütter 
Von Karl Kraus 

(Nach einer juridischen und einer medizinischen Zeitschrift) 



> Als Angeklagte erschien 
vor dem Schwurgericht 
m Glatz die 27jährige 
Dienstraagd Anna Werner 
aus Steinwitz. Sie ist be- 
schuldigt, ihr 11 Monate 
altes uneheliches Kind 
Hedwig am 5. April 1908 
ermordet zu haben. Die 
angeklagte Mutter ist 
selbst unehelicher Geburt 
und mußte bereits als 
Schulkind in Dienst tre- 
ten. Sie hatte schon vor 
der Geburt der Hedwig 
zwei Kinder. Für diese 
hat sie liebevoll gesorgt; 
beide Kinder sind aber 
eines natürlichen Todes 
gestorben. Das kleine 
Mädchen wurde von der 
Mutter zunächst bei einer 
Frau in Glatz unterge- 
bracht. Diese behielt es 
aber nicht. Die Angeklagte 
brachte es zur Großmut- 
ter. Auch da blieb es nur 
einige Wochen und wurde 
ihr dann auf dem Felde 



»Um das Kind im Mutter- 
leibe zu taufen, hatte man 
früher zwei Methoden. Es 
wurde per vias naturales 
das Taufwasser entweder 
mit dem Finger oder mit 
einer Spritze auf den 
Fötus übertragen. Bei der 
ersten Methode wird das 
Wasser, ehe es den Kinds- 
teil erreicht, abgestreift. 
Bei der zweiten Methode 
müßten die Eihäute erst 
perforiert werden, was un- 
ter Umständen für die Ge- 
burt schädlich wäre. Dann 
müßte durch Fingerkon- 
trolle die Uterinspritze 
auf den Kindsteil diri- 
giert werden. Dies wäre 
bei engem Muttermund 
unmöglich, namentlich 
zu schwierig für eine 
ungeschickte Hebamme. 
In früheren Monaten 
der Schwangerschaft ist 
selbstverständlich diese 
Methode der Taufe un- 
möglich. Deshalb schlägt 



— 2 — 



wieder überbracht. Die 
Mutter fuhr dann überall 
herum, um eine Unter- 
kunft für das Kind zu 
finden, wurde aber überall 
abgewiesen. Insbesondere 
wurde sie auch von den Ge- 
meinden abgewiesen. Ja, 
die Gemeinden wehrten 
sich sogar dann, als eine 
Pflegestelle sich fand, da- 
gegen, daß das Kind dort 
bliebe, damit nicht etwa für 
das Kind die Gemeinde vor- 
läufig sorgen müsse. Die 
Mutter suchte den Vater 
des Kindes und die Mut- 
ter des Vaters in Uilers- 
dorf auf, aber diese nahm 
es auch nicht. Um das 
Kind selbst pflegen zu 
können, ging die Mutter 
einige Wochen hindurch 
jeden Abend von Ober- 
hansdorf nach Nieder- 
hansdorf und übernachtete 
da und kehrte nach Oher- 
hansdorf am andern Mor- 
gen zurück. Der Vorsteher 
in Oberhansdorf gab es 
nicht zu, daß das Kind 
dort untergebracht werde. 
Auch aus Niederhansdorf, 
wohin es in Pflege getan 
war, mußte es fori genom- 
men werden, weil der Ge- 
meindevorsteher wider- 
sprach. Schließlich brachte 
die Mutter das Kind bei 



A. Treitner, Arzt in Inns- 
bruck, eine neue Methode 
vor. Es wird eine Heil- 
seruraspritze mit 10 g 
Taufwa«ser gefüllt. Alle 
antiseptischen Kautelen, 
Desinfektion der Haut 
usw. werden gewahrt. Nur 
darf die Spritze nicht mit 
Desinfizientien desinfiziert 
werden, denn es könnte 
ein Rest der Desinfizien- 
tien in der Hohlnadel 
bleiben und in das Tauf- 
wasser gelangen, wodurch 
namentlich wenn das Des- 
iiifizienz riecht, die Gül- 
tigkeit der Taufe in Frage 
gestellt würde. Das Tauf- 
wasser muß reines Wasser 
sein. Die Hohlnadel hat 
eine Länge von 1(J cm. 
Bei Kopflage, also in 960/o 
aller Fälle, wird die Nadel 
zwei Querfinger oberhalb 
der Symphyse senkrecht 
eingestochen. Vorher soll 
die Mutter urinieren. Die 
Hohlnadel wird einge- 
stochen, bis man , auf eine 
resistente Stelle gelangt, 
welche auch durch mäßi- 
ges Andrücken der Nadel 
nicht überwunden werden 
kann'. Diese Resistenz 
bieten die Kopfknochen 
dar. Findet man nicht 
diese Resistenz, so wird 
die Spritze bis an die 






einer Frau in Glati unter. 
Sie zahlte zehn Mark 
monatliches Pflegegeld, 
während ihr Lohn nur elf 
Mark fünfzig Pfennig be- 
trug. Von dem Vater des 
Kindes, der wegen Körper- 
verletzung ins Gefängnis 
gekoraraen war, erhielt sie 
keine Unterstützung. Der 
Angeklagten wurde dann 
mitgeteilt, das Kind könne 
auch nicht in Glat z bleiben, 
die Polizei fordere die 
Fortschaffung des Kindes 
binnen vierundzwanzig 
Stunden. Die Mutter bat 
den Vormund, mit ihr 
den Bürgermeister zu er- 
suchen, das Kind in 
Glatz zu lassen. Der Vor- 
mund lehnte das ab. Er 
meinte, der Bürgermeister 
würde die beiden doch 
nnr rausschraeißen. Sie 
ging dann selbst zum 
Bürgprraeister und bat 
ihn flehentlich, das Kind 
in Glatz in der Pflege zu 
belassen. Der Bürger- 
meister wies aber die Bitte 
der Mutter ab. Nun wuf te 
dieMutter nicht, wo sie das 
aus Oberhansdorf, Nieder- 
hansdorf, Ullersdorf, Glatz 
herausgejagte Kind unter- 
bringen könne. In ihrer 
Verzweiflung beschlofi sie, 
das Kind zu löten. Sie 



Bauchhaut zurückgezo- 
gen, sie wird in anderer 
Richtung nach rechts, 
nach links, nach oben und 
unten eingestochen, bis 
man den Kopf findet. Ge- 
lingt es auch dann nicht, 
den Kopf zu finden, so 
zieht man die Hohlnadel 
völlig heraus, sticht sie 
1—2 cm von der ersten 
Einstichöfi'iiung ein, ,um 
sämtliche Kombinationen 
zu wiederholen*. ,Mehr 
als 3 — 4 erneute Ein- 
stiche brauchen kaum ge- 
macht zu werden.' , Falls 
etwa einer sterbenden 
Mutter eine Entkleidung 
zu beschwerlich fallen 
würde, so kann auch der 
Einstich der Nadel ganz 
leicht über dem Herade 
vorgenommen werden.' 
Ja selbst aufs Geratewohl 
kann man an einer beliebi- 
gen S'elledes vorgewölb- 
ten Bauches durch die 
Kleidung>stücke hmdurch 
den Einstich machen. Dann 
besitztallerdings die Taufe 
nur wahrscheinliche Gül- 
tigkeit. Hat man den 
Knochen mit der Nadel- 
spitze gefunden, ,so wird 
die Nadelspitze mit ziem- 
licher Kraftanwendung so 
weit als möglich in den 
Knochen emgespießt'. Es 



legte es in eine. Lehm- 
grube und bedeckte die 
Leiche mit Lehm und 
Erde. Erst ein Jahr spä- 
ter wurde durch Zufall 
die Leiche des Kindes 
aufgefunden und durch 
die Kleider die Herkunft 
des Kindes ermittelt. Der 
Waisenrat, an den sich der 
Vormund Rat suchend ge- 
wendet hatte, hatte diesem 
erklärt: , Man muß es den 
ledigen Personen nicht 
so leicht machen, sonst 
kommen sie fortwährend 
mit Kindern/ Nach dieser 
Antwort glaubte der Vor- 
mund der Pflicht enthoben 
zu sein, dem Vormund- 
schaftsgericht selbst mit- 
zuteilen, daß für das Kind 
keine Pflegestelle aufzu- 
treiben war. Ein Gemeinde- 
vorsteher wurde als Zeuge 
befragt, warum denn das 
Kind fortgeschoben sei, zu- 
mal doch keinerlei Kosten 
der Gemeinde erwachsen, 
da die Gemeinde ein Recht 
auf Wiedererstattung sei- 
tens der ünterstützungs- 
gemeinde habe. Er er- 
klärte , das verursache 
viel Scherereien; um den 
Scherereien aus dem 
Wege zu gehen, schiebe 
man Personen, von de- 
nen man befürchtet, sie 



I soll nämlich das Tauf- 
I Wasser auch das Unter- 
j hautzellgewebedesKinds- 
kopfes bespülen, weil ja 
der Kopf mit Vernix ca- 
I seosa bedeckt sein kann, 
dann flösse das Wasser von 
dem Fette ,wirkungslos' 
ab, was die , Gültigkeit 
der Taufe in Frage stellen 
würde'. ,Die Anwendung 
eines hohen Druckes ist 
ein notwendiges Erfor- 
dernis*, damit durch den 
gewaltsam eingepreßten 
Wasserstrahl das die Tauf- 
stelle umgebende Frucht- 
wasser möglichst weit bei- 
seitegedrücktwerde. Beim 
Ausspritzen des Wassers 
werden dann die Tauf- 
worte gesprochen. Diese 
Art der Taufe soll nicht 
vor Mitte der Schwanger- 
schaft angewendet wer- 
den, da die Schwanger- 
schaft vorher von Nicht- 
ärzten nicht mit Sicherheit 
zu diagnostizieren ist. Es 
könnte jaein Tumorvorlie- 
gen. Bei plötzlichen Todes- 
fällen der Mutter soll man 
diebedinj2:ungsweiseTaufe 
noch 5 — 6 Stunden nach 
dem Tode, ja man kann 
sie noch 10—12 Stunden 
nach dem Tode spenden. 
Der Verfasser hält seineMe- 
thode für den Fötus nicht 



könnten unterstützungs- 
bedürftig werden, dem 
Gesetz entsprechend ab. 
— Die Geschwornen be- 
jahten die Frage, ob 
vorsätzliche und mit 
Überlegung ausgeführte 
Tötung vorliege. Das Ur- 
teil erging dahin, daß die 
Angeklagte zum Tode und 
zum Verluste der bürgerli- 
chen Ehrenrechte verur- 
teilt wurde. Der Vor- 
sitzende leitete die Ver- 
kündung des Urteils mit 
den Worten ein : , Wer Blut 
vergießt, dessen Blut soll 
wieder vergossen werden'.c 



für schmerzhaft, ,weildie 
Gehirnsubstanz empfin- 
dungslos ist^ auch nicht 
für gefährlich, denn ,die 
Erfahrungen der Gehirn- 
chirurgie haben ergeben, 
daß ein Stich in die Ge- 
hirnhemisphäre, selbst mit 
einem Messer, nicht nur 
nicht tödlich, sondern 
nicht einmal gesundheits- 
schädlich ist'. Die Pfarr- 
ämter sollen ihre Tauf- 
utensilien mit dieser Tauf- 
spritze komplettieren, ,ura 
diese dann im Bedarfs- 
falle der Hebamme des 
Ortes zu überlassen*, c 




I/ebensforxn nnd Dichtnngsform 
Von Otto Stoessl 

Die Dichtung, in welcher sich das äußere und 
innere Leben der Menschen als in einer geistigen 
Zusammenfassung wiederfindet, entspricht in ihren 
Grundformen den Organisationen des Daseins selbst. 
Sie ist gleichsam ein Reflex der menschlichen Ge- 
bilde, durch deren bedeutende Erscheinung hervor- 
gerufen, von einem erregbaren Geiste aus einem 
unwillkürlichen Erapfangnisvorgang zu einem bewuß- 
ten Schöpfungsakt umgewertet. Es handelt sich immer 
um eine individuelle Antwort auf ringsumwirkende 
Anreize. Die Welt als gemeinsame Erscheinung geht 
durch ein persönliches, einziges Wesen — den Dich- 



— 6 — 



ter — sinnlich, doch vergeistigt hindurch und wird 
als Antwort sich selbst, erneut und geordnet rück:- 
erstattet. Wie aber das Auge nur einen begrenzten 
Teil der Außenwelt als Bild erfaßt, so empfängt auch 
der schöpferische Geist immer nur mit einem be- 
grenzten Teil der unermeßlichen äußeren Welt ihren 
bestimmenden Gesamteindruck:. Bin Einzelwille schal- 
tet das üngemäße schon bei der Aufnahme aus, zieht 
das Ansprechende heran. Die schließliche Antwort: 
das dichterische Werk enthält alle nach persönlicher 
Notwendigkeit und Willkür geordneten Eindrücke in 
einer persönlichen Aussage, deren Form selbst wieder 
den objektiven Inhalt subjektiv herausstellt. So wird 
der Stoff erst bei der unmittelbaren Aufnahme, dann 
bei der Wiedergabe, gleichsam zweifach geläutert. 

Die Notwendigkeit der Aufnahme wird durch 
die notwendige Begrenzung des Aufnehmenden, das 
Schicksal der Aussage durch deren geheimnisvolle 
Willkür begründet. Diese zwiefachen Bindungen be- 
deuten ebensoviele Freiheiten, wie denn der wahr- 
hafte Geist jede Notwendigkeit zur Freiheit steigert. 
Das Erhabene der ineinanderwirkenden Bedingtheiten 
liegt darin, daß durch solche Ausschaltung und Ein- 
schränkung das schließliche Bild nicht verkleinert, 
sondern erweitert wird. In der engsten Form und 
dem scheinbar geringsten Gegenstande bleibt doch 
immer das Ganze der Welt beschlossen, erkannt, 
wiedergeboren. Ja dieses Ganze besteht ohne schö- 
pferische Wiedergabe überhaupt nur als unfaßbares 
Cbaos und wird erst durch die eingrenzende For- 
mung zum Ganzen, ein Nebelschleier verdichtet sich 
— der Name des >Dichtersc bezeichnet sein Tun — 
zum Sterne, schwebende Schatten werden Gestalten, 
die vorübergleitende Menge wird zur Menschheit, 
Ereignisse werden Schicksale, Begebenheiten und 
Gefühle entwachsen Gesetzen. Dichtung gibt Einheit 
aus Fülle. 

Man erkennt, daß in gewissem Sinne stets 
Form auf Form antwortet und daß dem Gegebenen 






immer der verwandte Geist bereit ist, den es erfüllt 
und der es, als wunderbare Kelter, empfängt und 
Burückgibt. ^ 

Den drei Urformen der Poesie: Lyrik, Drama, 
Epos entsprechen drei wesentliche menschliche Zu- 
stände und Eindrucksgebiete. Das Ich, der Einzelne 
in seiner Sonderung, Standfestigkeit und kosmischen 
Selbstsicherheit, die Familie, als erste Verbindung, 
sowohl gegensätzlicher, als verwandter Elemente zu 
einer Frucht, die platzend, neue Samen zu neuen 
Gesellungen ausschüttet, schließlich die Gemeinde, 
der Stamm, die Nation, der Staat, oder wie immer 
man die höhere Zusammenfassung von Menschen- 
gruppen zu schicksalhaften Gebilden abgrenzen will. 
Diesen drei Urprinzipien der eidbewohnenden Mensch- 
heit geben die zugehörigen schaffenden Geister als 
Antwort ihr Bild und Gleichnis zurück. 

In der Dichtung wird aus der Lebensform die 
poetische ausgereift und jede enthält auf ihre Weise, 
in ihrer Sprache und mit ihren Darstellungsmitteln 
das Ganze der Welt, so wie diese im einzelnen 
Menschen, in der Familie und im Staate durchaus 
enthalten ist. ^ ^ 

Zuerst und zuletzt steht immer der Einzelne, der 
schicksalhafte Mensch, als gebundener Teil, als wir- 
kende Einheit, bestimmt und bestimmend. Gefühl 
und Vfmunft antworten aus ihm dem brausenden 
Ungefähr ringsum. Das ist das Lied: ein Echo der 
Stimmen, ein Wiederschein des Lichtes, die Sprache 
wird das einzige Maß der Dinge, sie behält die In- 
stinktnatur einer unwillkürlich dem Eindruck ent- 
gegengestreckten, wehrenden, flehenden oder prei- 
senden Geberde. Aber die unentrinnbare Gemein- 
schaft des menschlichen Lebens gewinnt in dieser 
Aussage eine einzigre Veredelung zur Besonderheit. 
Die lyrische Form wehrt alle Gemeinschaft ab, indem 
sie ihr unterliegt, sie gibt sich ihr so mächtig hin, 
daß das Gemeinsame gleichsam in der Umarmung 
erdrückt wird. Das lyrische Gedicht als gewaltiges Laut- 



— 8 — 



werden von menschlichen Urinstinkten behält in dem 
stöhnenden Zwang seiner Fassung, deren Rhythmus 
die Notwendigkeit des gehenden Pulses hat, die erste 
und letzte, tiefste Vereinzeluüg des Menschen. Seine 
äußerste Einsamkeit redet sozusagen von den Gren- 
zen der Welt her zu dem Meere von Einsamkeit 
ringsum. Es ist die unbedingteste, zügelloseste Frei- 
heit im Zwang dieser Aussage, bis auf den Klang 
und Rhythmus wird alles äußere, materielle, durchaus 
verinnerlicht. Nur daß das Gedieht auf dem Weg über 
Gefühl und Leidenschaft seinen Inhalt völlig vergeistigt, 
macht es zu einer Weisheit, deren Organ, um mich 
des Ausdrucks eines vornehmen Autors*) zu bedie- 
nen, im Herzen wohnt. Gelegentlich nähert sich diese 
bis auf Rufweite der Erkenntnis des Denkers selbst. 
An jener Quelle der Unterwelt, wo die Schatten vom 
Blute trinkend, Leben gewinnen, trifft diese Dich- 
tung mit der Philosophie zusammen, welche, vom 
Blute trinkend, wiederum der Poesie ähnlich wird. 
Überhaupt enthält die Lyrik, wie ihr Leoensvorbild, 
das Individuum, alle Schicksale der Menschheit, alle 
Möglichkeiten und Schicksale der Dichtung als in 
einem Keime. Denn aus dem Gedichte, aus dem 
Wortgesange des bewegten, einsamen Gemütes haben 
sich alle anderen Formen entwickelt, wie aus den 
Einzelnen alle Gesellschaften. 

Die zweite Organisationsform : die Familie findet 
im Drama ihr Gleichnis. 

Das Drama vereinigt, wie die Familie, eigen- 
tümliche und notwendig verschwisterte Gegensätze. 
Sein Inhalt: die endgültige Austragung der einander 
bedingenden und darum einander mit der Energie 
chemischer Wahlverwandtschaften suchenden, natur- 
gegebenen Konflikte wird mit der Unmittelbarkeit 
direkter Aussage und Gegenrede der verstrickten 
Charaktere herausgestellt. Dieses leibhaftige Gegcii- 
übertreten der Einzelnen, deren jeder sein Ich in 



*) »PrIAz Hamlets Briefe«, Reicht & Comp, Verlag Berlin MCMIX. 



— 9 — 



Worten durchführt, welche den feindlichen Individuen 
das Ihrige entlocken und aus dem wirkenden Zwie- 
gespräch Tat, Schicksal, neue Vereinzelung und neue 
Verbrüderung erzeugen, vergegenwärtigt den poeti- 
schen Ursprung aus der lyrischen Äuiäerung des 
Individuums. So trägt ja die Familie auch ihre höchst- 
persönliche Entstehung aus gegensätzlichen und ver-* 
wandten Einzelnen an der Stirne geschrieben. Sie 
wird erschaflFen, um in kämpfender Fruchtbarkeit 
neue Menschen hervorzubringen. Diese Vereinigung 
wird nur um der Loslösungen willen bewirkt. Das 
ist der vornehmliche Gegenstand des Dramas. Wenn 
man seine typischen und in ewiger literarischer 
Wiederkehr abgewandelten, sozusagen exegetisch 
durchgebildeten Stoffe beobachtet, wird man unschwer 
ihren familienhaften Grundcharakter erkennen. Histo- 
rische und politische Probleme spielen nur begleitend 
mit und treten in den engeren Kreis einer familien- 
haften Gesellschaft, wie denn die Geschichte selbst 
menschheitliche Geschicke und Bewegungen in einem 
begrenzten Felde sinnfällig rnacht, als ob sie Taten 
und Erlebnisse einer einzigen schöpferischen Person 
oder kleiner Organisationen wären. Eigentümlich 
ist dem Drama wie der Familie auch vor allem die 
Restlosigkeit der völlig ausgetragenen Gegensätze. 
In dieser Organisationsform macht die Natur sozu- 
sagen immer für die Zukunft reinen Tisch. 

Nun ist aber auf der weiten Erde bei dem 
endlosen Krieg aller gegen alle nicht bloß die tragische 
Vernichtung, vielmehr ein schließlich duldsames und 
notwendiges Nebeneinander zu Hause. Ober der 
Vereinigung, Ablösung und Erneuerung der Einzelnen 
in der Familie mit ihrer dramatischen Folgerichtigkeit 
steht die fruchtbare epische Läßlichkeit der Gesamt- 
heit. Die Natur produziert in Fülle und überantwortet 
ihre Geschöpfe dem Ungefähr. Das Gerettete und 
Lebensfähige schließt sich zusammen ohne genaue 
Prüfung der Lebenswürdigkeit. So entstehen über- 
geordnete Verbände und Gemeinschaften, erst als 



- 10 



Notdach, welches dem Menschen gegen den Menschen 
Schutz verleiht, dann als schöpferisch ausgestaheter 
Bau, der Zusammengehörigen eine gewisse "Würde 
und sinnvolle Eintracht der Existenz gewährt. Was 
einer großen Anzahl von Menschen an wesentlichen 
Instinkten, Anlagen, Kräften gemeinsam ist, über- 
windet ihr Widersprechendes, sie lernen einer höheren 
Ordnung dienen, um der eigenen Natur schöner, 
sicherer leben zu können. Ein geheimes Zusammen- 
gehörigkeitsgefühl siegt über die Vereinzelung. Das 
Bewußtsein der Menschheit erwacht im Menschen. 
Der Staat ist seine Schöpfung, das Epos sein 
dichterischer Ausdruck. 

Hier spricht der Einzelne nicht mehr direkt, 
sondern das Ganze redet aus dem Einzelnen, auch 
wenn er von ihm redet. Mag der epische Stoff ein 
besonderes Schicksal, Entwicklung einer Persön- 
lichkeit, Ereignisse einer Familie oder eines begrenzten 
Personenkreises behandeln, das allgemeine Neben- 
einander, die großartige Einwirkung der ganzen 
Umwelt auf die Zustände der beobachteten Menschen, 
eine politische Natur waltet immer vor. Was geschieht 
und berichtet wird, bleibt auf die zeitliche Form der 
bestimmenden Gesamtheit bezogen. Der dargestellte 
Inhalt erscheint als Gleichnis einer gegebenen, um- 
fassenden Organisation. So erzählt jede epische 
Dichtung Geschichte. Sie ist repräsentativ. Die zu- 
nehmende Annäherung der nationalen Kulturen 
infolge der technischen VervoUkoramung hat mit 
der Ausgleichung und demokratischen Herabminde- 
rung der politischen Besonderheiten die Dichtung 
um ihre unmittelbare Wirkung gebracht. Sie steht 
ihren Menschen nicht mehr Aug' in Aug' ge- 
genüber. Diesem Schaden der verlorenen Unmittel- 
barkeit der epischen Kunst steht ein Gewinn an 
Verinnerlichung und Erhöhung des schöpferischen 
Selbstgefühles gegenüber. Das politische Gewissen 
des epischen Dichters empfindet den Staat nicht 
mehr als erhabene und erhöhende Einheit, sondern 



— 11 



&l3 mechanisiertes Chaos, als sinnlos stampfende 
Maschine, welche das bißchen Brdenraum wie eine 
Walze ebnet. Aber selbst diese Verneinung wird 
durch die politische Artung des epischen Geistes 
ausgewertet, indem Kritizismus zum Pathos, Satire 
zur Gestaltung, Skepsis und Humor zu einem neuen 
Lebensinhalte anwachsen. Das Vorwiegen individueller 
Probleme, die Verinnerlichung der epischen Hand- 
lung die Entdeckung eines vorherrschenden geistigen 
Lebens, welches an Stelle sinnlich leuchtender phy- 
sischer Existenz getreten ist, bezeichnen die eigen- 
tümliche politische Natur des Epischen, sie wider- 
sprechen ihr nicht. 

Unsere Zeit erlebt eine mähliche Umgestaltung 
des Staates. Die individuellen politischen Einzelgebilde, 
welche vordem, farailienhaft eng abgegrenzt, drama- 
tisch sinnfällige Schicksale tragisch kurzlebig austru- 
gen, weichen mehr und mehr ungeheuren Verbänden, 
deren äuiere Vorgänge typisch und endlos, lang- 
weilig und mechanisch scheinen. Dabei tritt aber 
die willentliche Verinnerlichung des Einzelwesens 
und der Teilorganisationen in strenger Vergeistigung 
hervor. Die Geschichte wird zu einer wachsenden 
Gestaltung des inneren Lebens. Der Vergeistigung 
der Geschichte antwortet die Verinnerlichung der 
epischen Kunst. Was die Politik als Instinkt erlebt 
und zeigt, vergegenwärtigt das Wesen des Erzählers 
als schöpferische Macht. Geschichte machen und 
Geschichte schreiben, die höchste Lust und Gabe 
des menschlichen Geistes, bleibt Sache des seltenen 
Einzelnen, für den die ganze Welt Mittel und Gegen- 
stand seines persönlichen Willens ist, unerschöpflich 
an Abenteuern und Aufgaben, ein immer erneutes 
Nichts und Chaos, aus dem immer wieder ein 
strahlendes Etwas und Ganzes zu bilden ist. So führt 
die Natur in verschleierter Vereinfachung auf tausend 
Umwegen alles Geschaffene auf den Schöpfer, alle 
Geraeinschaft auf den Einzelnen zurück, als ob sie 
ihm allein dienen wollte, der herrschen darf. 



— 12 — 

Das Schicksal der Maschine 
Von Ludwig Rubiner 

Es gibt Dinge, mit denen niemand etwas zu tun 
hat, und auf die jeder stolz sein will. Zum Beispiel 
auf Erfindungen, die andere machen. Früher wjir 
man Zeitgenosse, was längst veraltet ist. Heute ©t 
man Stimmungselement der Entwicklung. Geistes- 
strömer. 

Es ist doch so: Menschen, die eine Erfindung 
machen, stehen vor dem ekstatisch Momentanen und 
der verzückten Spontanität ihrer Idee immer wieder 
als vor einem unbegreiflichen Wunder. Dabei sind 
sie stets von neuem erstaunt, daß nicht andere Leute 
auch auf die grundlegende und typische Einfachheit 
ihrer Gedankengänge gekommen sind. Hier regt sich 
die Unverschämtheit des Geistesst römers und Hinter- 
grundmoleküls. Wie — die Sache ist so einfach, daß sie 
ein anderer auch hätte machen können? Gut, dann 
wäre ja am Ende sogar der Geistesströmer darauf 
verfallen? — was soviel bedeutet als: Der Neben- 
mann und Routinier macht sein Anrecht auf die 
Leistung geltend I Es lebe die Entwicklung! 
Selbstverständlich ist die Hoffnung auf unentwegte, 
treue und stramme Entwicklung der neue kind- 
liche Glaube von den Weltanschauung-Salons des 
Proletariates bis zu den ästhetisch-humanitären 
Comptoirs der modernen Bourgeoisie; eine kindliche 
Hoffnung, auch einmal Teil an etwas zu haben, 
für das man nicht kann. Also geniert man sich 
immer noch, sozusa8:en aus Sicherheitsgründen, 
in verschämter Öffentlichkeit, wo doch jeder den 
Lohn für sein massenhaftes Auftreten haben will, 
zuzugeben, daß die wunderbaren Versprechungen der 
Fachmänner von der Entwicklung der Technik einfach 
noch nie gehalten werden konnten. Es wäre naiv, zu 
glauben, daß einmal alle Leute, die nicht Techniker 
sind, ungeduldig werden müssen, wenn jene so durch- 
dringend und hochtrabend wiederholten Versiche- 
rungen nicht aufhören wollen: die technische Evolution 



- 13 - 



gipfele nächstens einmal in einer pompösen 
Zukunft. 

Immerhin vermag keiner von allen den glück- 
seligkeitsstrotzenden Fachmännern auch nur zu sagen, 
welchem Ziele die Änderungen in der Konstruktion 
einer Maschine zustreben. Noch fraglicher erscheint 
es sogar, ^ob überhaupt ein solches Ziel da ist. Als 
der Phonograph erfunden wurde, erwartete man 
natürlich von den folgenden Jahren eine ungeheure 
Veränderung im Charakter des Apparates, genau wie 
zwanzig Jahre später vom Kinetoskopen. Aber diese 
Instrumente sind auch in ihren substilsten Voll- 
endungen noch, des Grammophons und des Kine- 
matographen, unter die Äußerungsfähigkeiten gebannt 
geblieben, die sie in der Stunde ihres ersten Er- 
scheinens hatten. Es sind Vergnügungsautomaten 
geblieben, und die geringen und gezwungenen An- 
wendungen solcher Maschinen in den Wissenschaften 
bedeuten nur langwierige Umwege gegenüber der 
zugleich analytischen und synthetischen Auffassungs- 
fähigkeit des Menschen. Ähnlich wie die Anwendung 
der Mathematik in der Psychologie auch nur rein 
tautologische Bestätigungen ergibt. 

Natürlich zweifelte vor fünfzig Jahren kein ge- 
bildeter Mensch daran, daß wir heute auf > Flügeln 
des Dampfes fliegenc würden! Aber man darf fest- 
stellen, daß seit James Watt die Arbeitsgebiete der 
Dampfmaschine sich gar nicht verändert haben, 
sondern daß nur die Leistungen potenziert wurden; 
schon vor Fulton trieb doch Dionys Papin ein Dampf- 
schiff — übrigens Daten einer billigen Gelehrsamkeit, 
die sich jeder aus dem Konversationslexikon holen 
kann. — Ebenso natürlich zweifelte zu Daguerres 
Zeiten kein Mensch daran, daß die Photographie 
selbstverständlich einst die Malerei ablösen werde. 
Nun, darüber hat man sich in den letzten Jahren ge- 
nügend ausgesprochen. Dagegen ist der urs^prüngliche 
Charakter der Photographie, nämlich die mechanische 
Reproduktion, zur Massenhaftigkeit gesteigert worden. 



14 ~ 



Die Dynamomaschine und das Telephon, die 
Bogenlampe und die Schreibmaschine sind nur immer 
detaillierter und komplizierter durchkonstruiert worden, 
und das Grundmoment ihrer Verwendung ist immer 
gleichartiger durch die Massenverbreitung erhalten 
geblieben. 

Aber die Aeronautik — — Entwicklung des 
Ballons zur Flugmaschine 1 — Gerade bei äer Aero- 
nautik können Unbefangene und Unaufgeregte am 
deutlichsten erkennen, daß es in der Technik keine 
Entwicklung gibt. Der Ballon hat sich seit den 
hundert Jahren seiner ersten Konstruktion nicht ver- 
ändert. Schon an den allerersten Ballons hat man ja 
versucht, Flügelruder und Steuer anzubringen; das 
»Reichsluftschiff«, der »ParsevaU , Engländer, Franzosen 
sind wie vor hundert Jahren jedem Zufall schutzlos 
ausgesetzt. Diese »Lenkbaren«, ganz gleich ob »starr« 
oder »unstarr«, können bei Sturm nicht fahren, und 
mit ihren Größenmassen stehen sie in einem lächerlich 
ungleichen Verhältnis zu dem Raum, den sie trans- 
portieren können. Glück, Tod und Ziel sind heute 
gerade so unbestimmbar wie vor hundert Jahren. 
Aber der Ballon hat sich nun nicht auch zur Aero- 
plan-Fiugmaschine »entwickelt«, sondern die Flug- 
maschine »Schwerer als die Luft« (Lexikon!) beruht 
auf einer vollständig anderen und relativ neuen Idee, die 
mehr als unabhängig von den Prinzipien des Ballons 
ist. Nun ist aber der Charakter des Aeroplans ah eines 
Versuchsapparates und Sport- oder Schauobjektes 
bereits erwiesen, und es ist unzweifelhaft, daß eine 
Flugmaschine der Zukunft, die große Gepäcklasten 
und viele Personen befördern kann, aus einem 
wiederum vom gewohnten völlig verschiiedenen, 
neuen, noch ungeahnten Gebiet der Idee und der 
Prinzipien konstruiert werden wird. 

Die Elektrisiermaschine kann seit den drei- 
hundert Jahren ihrer Grundkonstruktion durch Otto 
von Gaericke auch nichts anderes, als Papierbüschel 
in Bewegung setzen und den Blitz imitieren. 



15 



Element, Akkuraalator und Dynamo sind nicht 
Eatwickelungsstadien der alten Elektrisiermaschine, 
sondern Erfiadungen aus überraschend verschiedenen 
Ideengebieten, die das Prinzip der Elektrizität nur 
etwa gerade so gemeinsam haben, wie die Dramen 
Shakespeares und die Dramen Racines den Unter- 
grund menschlicher Gefühle. 

Es ist manchmal wunderbar gut, Laie zu sein. 
Man steht außerhalb der Grenzen eines Faches und 
überschaut diese jenseitigen Dinge nach dem bloßen 
Vergnügen oder dem bloßen Nutzen. Unverwirrt 
durch Begeisterung für Spezialkenntnisse sieht man: 
Es gibt keine Entwicklung der Maschine. Der Maschine 
kann es gar nicht widerfahren, daß sie sich, gleichsam 
durch allmähliches Ankristallisieren, erweitert. Form 
und Bau verändert und eines Tages unmerklich etwas 
ganz anderes geworden ist. Nein, die Maschine wird 
in die Welt hineingesetzt, gleich fertig in ihrem 
ganzen Umriß und Charakter. Da kann nur noch 
verfeinert und gesteigert werden, aber die quali- 
tativen Attribute sind schon von Anfang an ent- 
schieden. 

Die Maschine ändert ihren Charakter nicht. Das 
Automobil hat sich nicht aus dem Fahrrad entwickelt, 
sondern es repräsentiert eine völlig neue Ideenreihe. 
An der Maschine erkennt man unerhört klar, 
was Prädestination ist. Das ganze Leben der Maschine 
und der Maschinengeschlechter ist nur darauf ge- 
richtet, den Grundtypus jeder einmal gefundenen 
Struktur für alle Ewigkeit aufs leistungsfähigste zum 
Ausdruck gelangen zu lassen. Sobald der Grundtypus 
einer Maschine sich verändert, zeigt es sich, daß die 
neue Struktur nicht eine Entwicklung der alten ist, 
sondern ein neues Maschinenwesen mit ganz anderen 
und neuen Aufgaben, und aus einer ganz neuen 
Ideen-Ebene und einer anderen Kategorie. 

Das Schicksal der Maschine ist, nur einmal zu 
sein. Und dieses Einmal kann sehr lang oder sehr 
kurz dauern. Aber das ist auch das Schicksal ihrer Ideen, 



1(1 — 



Hier enthüllt sich endgültig d.e ganze Frag- 
«ürdiekeit einer Entwicklung der Technik. Denn 
reibt keine Entwicklung der Idee. D.e Idee steht 
auch ganz außerhalb einer Werlbemessung. Jede Idee 
f^wfe iede andere ein vollkommenes Individuum, 
efn Ibgigrenztes. Das Schicksal der Idee hegt m 
ihrem vollkommenen Ausdruck. 

Entwicklung der Technik anzunehmen ist eine 
hypothetische Behauptung, die sofort von der bloßen 
Beobachtung entlarvt wird. 

Nun scheint es aber, als sei bei Q'?«?' f^ 
hauotune auf die Wirklichkeit und Erweishohkeit 
aÄtsaohen gar kein besonderer Wert gelegt, und 
t\! soUe eine .Entwicklung der Masch ne. gar kein 
Dogma seX sondern nur.def halb -ffUig und u^k ar 
erfaßte Ausdruck für eine St-mmung^ Be'm Über 
Mi,.kpn ienes schwer und nur unschart zu ertassenoen 
KÖmn"eies sich kreuzender und scheinbar mischender 
Ste?und neuer Ideen tritt die ungewisse Stimmung 
desPUeßenden auf, und sie wird der ganzen Gruppen- 
rethr^er Ideen als' wahrhaftig historisches Geschehen 
unterschoben. Man deutet diese ^«hr subjektive Stim 
mune eines unscharf vorüberlaufenden Momentes in 
^ne unscharfe Geschichte des Ob ektes um und man 
konslrS aus der -|enblickUchen Gemutswirkung 

'" ^tei^£i%t'rh?-^ tOhes^e d- ^nt- 

ij^SrtrinÄnrn^Ä-^ 

Steine, bi" i,, ' „^, • i. prsoheinen die Maschinen. ÜjS 
ÄrvÄSethTcÄrMasc^^^^^^^^ 

:tärk:il Ausdruck ihrer Idee ist, bis man sie nicht 
mehr braucht. 



Briefe von Ferdinand Kürnberger*) 

Klobenstein, den 10. September 1875. 
Verehrter Freund! 

In solchen Stunden lebe ich wie ein abgeschiedener seliger 
Geist. Ich komme buchstäblich in die Illusion, daß ich in Wien 
gestorben bin und in Klobenstein auferstanden. Gestorben ist die 
Börse, das Kaffeehaus, das Ptlastertreten, der Straßenlärm, das 
Werkeln, der Zeitungstratsch. Wie sehe ich hier eine Wiener 
Zeitung an! Wohl, die Hauptstadt muß für das ganze Reich 
denken, aber sie denkt schlecht! So oft die Zeitung auf den Tisch 
aufgelegt wird, kommt mir der Tisch befleckt vor, — der Tisch, an 
dem die alte Frau Pascoli präsidiert, die ehrwürdigste Patriarchin 
die ich je kennen gelernt. 

Ich finde diese Frau weit über meiner Erwartung. Daß ich 
es nur gestehe, Ihr Haus hat mir nicht das richtige Bild beigebracht. 
Sie betonten mir immer in erster Linie ihren Humor, über die 
Pfaffen zu schimpfen, — »und doch ist sie fromm«, setzten Sic 
dann hinzu. Ich möchte es jetzt umgekehrt formulieren. Zuerst 
ist sie fromm; die Religiosität der stärkste Zug ihres Charakters, 
das Urchristentum ihr lebendigstes Herzensbedürfnis. Und erst 
weil sie als Urchristin von den Nachchristen sich betrogen sieht, 
schimpft sie über die Pfaffen. Es ist ganz das nämliche Verhältnis, 
wie wenn wir den Hamlet in einer Schmiere und den Don Juan 
von Bänkelsängern aufgeführt sehen. Es ist der Schmerz üljer ein 



*) Mitgeteilt von Luise Hackl — anläßlich des Erscheinens des 
ersten Bandes der Gesammelten Werke von Ferdinand Kümberger 
(Verlag Georg Müller, München und Leipzig), der > Siegelringe <, einer 
Sammlung politischer und kirchlicher Feuilletons. Diese bisher unver- 
öffentlichten Briefe sind an den Politiker Dr. Josef Kopp und dessen 
Gattin gerichtet. Im September 1875 weilte Kürnberger zu Besuch 
in Klobenstein auf dem Berge Ritten nächst Bozen, bei der Mutler 
(Frau Pascoli) und der Schwester (Frau v. Atzwang) der Frau Kopp. 
>Wer mir begegnet und mich fragt: Was arbeiten Sie jetzt? Dem ant- 
worte ich: Briefe <, schrieb Kürnberger einmal an eine Dame. Und er 
fährt fort: >Ich habe es immer gesagt und sage es bei jeder Gelegen- 
heit: Ein Schriftsteller, auch wenn er noch so viele Bände hinterläßt, 
repräsentiert damit nur den kleineren Teil seiner Tätigkeit; das Meiste, 
was er geschrieben hat, sind Briefe <. Diese .Auffassung Kürnberger« 
rechtfer I^ die Publikation seiner Briefe. Nicht jeder Autor vertrüge 
so gut die Herausgabe seiner Korrespondenz, die vor Kurzsichtigen 
leicht eine Entstellung des geistigen Bildes bewirkt. 



18 - 



profaniertes Heiligtum. Es ist nicht Schimpf- Lust, sondern 
Schimpf-Schmerz! 

Als Frau faßt sie die Sache moralisch und nicht historisch. 
Es entgeht ihr der kühle Trost der objektiven historischen Schule, 
womit sie die Kirche betrachten könnte — wie die benachbarten 
Erdpyramiden, nämlich als einen Verwitterungsprozeß. Daß die 
Zeit, indem sie neues Gutes erzeugt, das alte Gute verschlechtert 
und dann >Der Zahn der Zeit« wird, d'ese Reflexion ist nicht 
weiblich. Die historische Schlechtigkeit ist ihr die Schuld der 
einzelnen schlechten Personen.. Aber wenn uns der Historiker die 
natur-gewordene Notwendigkeit des Übels so gut einsehen lehrt, 
daß wir vor lauter Einsicht das Übel kaum mehr empfinden, so 
reagieren Frauen wie die Pascoli aufs erquickendste gegen diese 
philosophische Erschlaffung, indem sie vor lauter Empfindung die 
Einsicht ausschließen. Sie sind dann just so naturnotwendig wie 
Ranke selbst, dem sie das Gleichgewicht halten und ebenbürtig 
zur Seite stehen. In diesem Sinne ist mir die alte Frau selbst eine 
historische Erscheinung und ich habe das volle Gefühl, daß ich 
etwas sehe, was man nicht alle Tage sieht. Solche iVlenschenbilder 
gehören nicht der Sterblichkeit an, sondern der Geschichte. Wollte 
Gott, ich könnte sie in einem Roman verewigen, um einen etwas 
geckenhaften Ausdruck zu gebrauchen. Aber die Blume müßte 
mir verdorren ohne die Wurzel und die Erde an der Wurzel. Ich 
dürfte sie nur bringen in der ganzen bündigen Kraft ihrer naiven 
Volkstümlichkeit, ihrer tyrolischen Landesrede. Und die beherrsche 
ich als Wiener nicht. 

Heute morgens beim Frühstück erzählte sie, wie sie einem 
Klobensteiner Bauer »das allerheiligste Gut« klar machte. Das 
sei Gott im Himmel, aber nicht ein Blätterteig in einem 
Metallreif. Mir standen die Haare zu Berge. Eine Gänsehaut über- 
lief mich. Wir gebildeten Hasenfüße glauben Wunders zu tun, 
wenn wir systematisch um den Brei herumgehen und mit den 
Heiligen, mit der Ohrenbeichte oder dem Cölibat »anfangen«. 
Dieses Weib fängt gleich mit dem Ende an! Einem Bauer das 
Altarssakrament auszureden, genügt ihr just für den ersten Anlauf! 
Sie packt den Stier bei den Hörnern und bohrt das Brett an, wo 
es am dicksten ist! Wahrlich, wahrlich, ich sage Ihnen, der nächste 
Reformator ist vielleicht nicht, wie Luther, ein Mann, sondern wie 
die Pascoli, ein Weib! — 



— 19 



Und so wie sie, übertrifft eigentlich alles meine Erwartung. 
Kaum erholeich mich von meinem Erstaunen, daß es Leute gibt 
welche dem Ritten eine üble Nachrede machen. Kein Wasser, 
keine Schatten, keine Wälder, den ganzen Tag heiß angeglühte 
Steine, — das habe ich ab und zu klagen gehört. Ich komme 
herauf, und was finde ich? Kein Wasser, heißt — laufende 
Brunnen ; keine Schatten, heißt — Schatten wie Casemattengewölbe ; 
keine Wälder, heißt — die schönsten Baumschläge von Buchen, 
Eichen, Birken, Tannen, Fichten, Föhren und Seidenlärchen; den 
ganzen Tag heiß angeglühte Steine, heißt — auf Schritt und Tritt 
Gras unter den Füßen, grünsten, duftigsten Sammtteppich 1 So 
kritiklos verhalten sich die Menschen zu den unmittelbarsten 
Sinneswahrnehmungen! Aber büßen sie es nicht selbst? Wie viele 
Frischler haben den Ritten schon veriassen, jetzt wo er am 
frischesten ist! Inzwischen kann ich mir nicht denken, daß er es 
weniger ist, auch in den heißesten Tagen. Statt heißer Tage haben 
wir doch heiße Stunden, aber ich empfinde sie nicht. Hier ist die 
Hitze nicht heiß und die Kälte nicht kalt. Wie Champagner 
schlürft sich diese feine moussierende Luft, wie Geriesel auf zartem 
Eis und zarter Qlut, nervenprickelnd, ohne Last des Rausches. Der 
Schatten schauert und die Sonne drückt nicht; ich suche Eines so 
gern wie das Andere. Hier ist die Luft wirklich Aether. Auf dem 
Rasen liegen die Baumschatten so flüssig, daß man grüne Seen zu 
schauen glaubt. Daß die Matwie Seele hat, sagt man, vom Hören- 
sagen, aber hier empfindet man's. Man geht allenthalben in einem 
Ueberschuß von üeist und Seele; die ganze Erde geistert. 

Auf dem Wege nach Lovis, den wir heute machten, sind 
die Wälder oft förmliche Forste und stehen urwaldartig auf 
allen Berghäuptem. Näher aber umgibt uns der Baumschlag in 
lockeren, aufgelösteren Gruppen und läßt überall dem Kräutericht 
der zartesten Farren, Alpenrosen, Preiselbeeren — Luft und Licht. 
Es kommt zu Stellen, die wie ein Wunder aussehen. Der Ausdmck 
des Sinnigen und Lieblichen geht bis zum Heiligen, man begreift 
den >heiligen Hain« der Natur\'ölker und schämt sich des 
Wortes Park. 

Zufälle haben es gefügt, daß ich erst seit drei Tagen hier 
bin. Acht Tage verweilte ich in Gratz, um die letzten Bogen eines 
Buches zu korrigieren und zwei Tage widmete ich mich dem 
Dr. Fischhof in Emmersdorf bei Klagenfurt. Erst am Dienstag 



— 20 — 

passierte ich nachmittags um halb vier die Bahnstation 
Azwang. 

Ich mußte ungewiß sein, ob die Frauen noch auf dem 
Ritten oder schon in Bozen seien; nach Ihren Mitteilungen über 
die Traubenkur, schien mir das Letztere wahrscheinlicher. Da 
fragte ich die Offizianten der Station, die ja alle Rittener kommen 
und gehen sehen, was sie über den Aufenthalt der Frauen wüßten 
aber — more patria — wußten sie nichts. So fuhr ich nach Bozen 
weiter. Erst bei Kräutner wurde ich informiert. Ich übernachtete 
also in Bozen und fuhr nächsten Morgen früh mit dem 5.50-Zug 
nach Azwang wieder zurück. Mit meiner schweren Reisetasche auf 
dem Rücken schlich ich sodann gemächlich den hohen Berg 
hinauf. >Der Esel an sich«, den Sie mir schon vorlängst ver- 
sprochen, war demnach Esel genug, die Ehre meiner edlen Last 
sich entgehen zu lassen, — was freilich mehr die Schuld der Um- 
stände als seine eigene. 

Die Rittener Colonie fand ich noch vermehrt um das Frl. L 
aus Innsbruck mit Leidwesen, aber vermindert um den kleinen 
Schwarmgeist v. V., der es vorgezogen, im Waffenglanze unserer 
ruhmreichen Armee sich zu sonnen. Mögen die Herren Oesterreichs 
bei dieser Gelegenheit, wie bei jeder andern, besiegt werden. 
Möge der Sieger den Degen annehmen, den ein edler Gefangener 
abschnallt und ihm zu Füßen legt! — 

Maria Geburt war demnach mein erster Tag auf dem Ritten 
und ich kam just zu dem kirchlichen Volksfeste des Ferkele-Tragens 
zurecht. Als Nachmittagsspaziergang zeigte mir die Frau sogleich 
die Erdpyramiden, wohin wir zu Vieren (mit der Schwägerin und 
mit L.) promenierten. Abends beim Souper hätte ich am liebsten 
Stenograph sein mögen. Jeder Charakter exponierte sich in seiner 
Weise; die Stammutter des Hauses erklärte mit Sinn und Kraft 
ihr Urchristentum; den Löwenanteil trug aber doch Ihre 
Frau davon. 

Die Schwägerin in ihrer gutmütig realistischen Weise hatte 
das Wort hingeworfen, sie hätte ihrem Manne das Politisieren ab- 
gewöhnen sollen. Sie würden dann viel freier und genußvoller 
leben. Ein Wort gab das andere, — natürlich immer gut gemeint, 
wie unter Menschen, die eines Herzens sind, aber zweierlei Köpfe. 
Kurz, die alte Antithese von Realismus und Idealismus, 

Da war Ihre Frau nun ein herrlicher Ritter des letzteren ! 



— 21 - 

Die Lage Öiterreichs, das Bedürfnis nach Männern, der Mangel 
derselben, das naturgemäße Cumulieren von Lasten, wenn mit der 
ersten der Anfang gemacht worden, die öffentliche Geschichte und 
Ihre 15jährige Privatgeschichte, die Wechselwirkungen und das 
Bedingtsein Beider unter einander, das Alles gab in kurzen, raschen 
Strichen augenblicklich ein Bild von unwiderstehlicher Ueberzeu- 
gungsfähigkeit. Man sah den Mann in seinen Boden hineinwachsen, 
auf die natürlichste Weise von der Welt, weil Boden und Keim ein- 
ander entgegenkamen, Notwendigkeit des Schicksals, Wahl und 
freie Ne gung des Individuums wurden ein Geflecht von festester 
Textur, unzertrennbar und ununterscheidbar. Es war ein Genuß, 
diese Tischrede anzuhören. Es war ein Meisterstück von Exposition. 

Was mich aber am meisten entzückte, das war der Geist der 
anspruchlosesten Naivetät, der über dem Ganzen schwebte. In Spree- 
Sphären und Panke-Radien wäre das Alles mit Ostentation, mit 
Emphase, mit einem verschwenderischen Aufwand von Selbstbewußt- 
sein geschehen. Wie aber hier eine Frau die Ehre ihres Mannes empfand, 
ohne eine Spur von Ehrgeiz, das war wohl em einziges Schauspiel. 
Tausend Frauen hätten ihren Mann vielleicht ebenso vertreten, 
aber nur mit dem Verstände; die Eine sprach das Verständigste 
mit den Inspirationen des Herzens und als ob es gar nicht Ver- 
stand wäre. Was könnte reizender sein ? Intelligenz ohne Philo- 
sophie ist eins von den Geheimnissen des weiblichen Zaubers. 
Die Frau mag jetzt freilich mehr als ihre >gute Stunde«, nämlich 
ihre guten Tage und Monate haben. Sie ist seit dem Winter nicht 
mehr zu kennen. Sie ist ganz Leben, Gesundheit, Heiterkeit 
und Spannkraft. 

^ Nehmen Sie diesen Brief hin — als einen Aphorismus, 
denn wollte ich den Anspruch einer Beschreibung machen, so käme 
ich nicht zu Ende. Leben Sie recht wohl und genießen Sie, nach 
mancher Wolke, dieses goldenen Sonnenscheins! 
Ihr treu ergebener 

Ferdinand Kürnberger. 

Der folgende Brief ist aus dem Hause Dr. Fischhofs an Frau 
Kopp gerichtet und lautet : 

Emmersdorf bei Klagenfurt, 
Mittwoch den 13. Oktober 1875. 
Theure, Verehrte! 

Kaum finde ich diesmal einen Anfang meines Briefes. Ich 
gebe Nachricht von mir — weiß, daß ich zu den raenschenfreund- 



— 22 



liebsten Herzen spreche, welche mir die innigste Theilnahme 
schenken, — und kann doch keine gute Nachricht geben. 
Schweigen aber darf ich auch nicht mehr. Ohnedies verschob ich 
meinen Brief an Sie so lang als möglich und schrieb jeden 
andern früher; an Sie wollte ich meine beste Meldung machen. 
Aber der Stoff dazu bleibt aus. Er bleibt noch immer in der 
Ferne. Ich hätte Sie gerne erfreut, aber muß nur froh sein, zwischen 
Freude und Trübseligkeit einen Nullpunkt zu verzeichnen. 

Am Sonntag vor acht Tagen verließ ich Bozen und hielt 
meine erste Nachtstation, nicht, wie ich projektierte, in Niedern- 
dorf, sondern auf den Rath der Frau v. Atzwang in Welsberg, wo 
eine gute und billige Einkehr. Der Rath war gut und ich wußte 
j.im Dank. Ich kam, mit einer der üblichen Zugsverspätungen in 
Franzensfeste, nach halb 6 in Welsberg an und erhielt zu meinem 
Abendessen just das, was mir am liebsten war — Forellen. Zwischen 
der Hungerkur der bloßen Suppen und dem Diätfehler der 
derberen Fleischspeisen, hielt das edle Fischlein den goldenen 
Mittelweg und war das Beste, was ich brauchen konnte. Dieser 
Glücksfall stimmte mich weich und ich verweilte auch noch den 
nächsten Tag in meinem kleinen Capua. In der Wahl, morgens 
um 7, oder abends um halb 6 mit dem Zug, womit ich ge- 
kommen war, fortzufahren, zog ich das Letztere vor, um noch 
einen Welsberger Mittag, d. h. noch ein Gericht Forellen zu ge- 
winnen. Und es war gut und war ebenso billig als gut. Der Frau 
von Atzwang meinen besten Dank für ihren guten Rath. 

Abends um halb 6 fährt man nicht mehr weit; ich fuhr 
bloß bis Lienz, wo es um 8 Uhr schon längst tiefe Nacht war. 
Ich machte meine Nachtstation in der Post. Das ist ein großes, 
frequentirtes, in Küche und Keller reich assortiertes Gasthaus 
und doch mußte ich mit einem traurigen Löffel Suppe hungrig 
zu Bette gehen und ging es mir in dem großen Lienz bei weitem 
nicht so gut, als in dem kleinen stillen Welsberg. Auch in meiner 
Krankengeschichte war die Nacht in Lienz böse. Das Jucken an 
den Füßen trieb es mit einer Art Wuth, die Speicheldrüsen 
überströmten von Galle und das Aufstoßen oder, eleganter gesagt, 
Repetieren war schon mehr Mordbrennen als Sodbrennen. Es war 
eine jämmerliche Nacht, eine echte Krankennacht. 

Diese Nacht in Lienz stimmte mich um. Ich sagte mir, in 
einem Zustande wie meiner, ist man noch kein Reisender, Noch 



23 — 



liegt der größte Theil der Reise vor mir, die Verpflegung in den 
Gasthäusern kommt auf das gute oder auch böse Ungefähr an 
und auf all meinen Schritten lauern Diätfehler. Mehr und mehr 
gewann der Gedanke Herrschaft über mich, daß auf meiner Weg- 
hälfte Klagenfurt und Dr. Fischhof, mein alter hochgeschätzter 
Freund, recht ä propos daliegen, als die beste Gelegenheit, eine 
Zwischenstation zu halten und wie in einem maison de sante 
wenigstens das Aergste abzuwarten. 

So sistierte ich denn meine Reise Ind kehrte bei Dr. Fisch- 
bof ein, dem ein civilisirter Gast eben so willkommen ist, als 
diesmal auch er mir zu Statten kommt Unsere Interessen ver- 
einigten sich. 

Ich liege nun am 9. Tage unter Dr. Fischhofs Dach. Mein 
nächster Vortheil ist, daß ich den Nachtheilen entgehe und eine 
geregelte Krankendiät führen kann, wie es im Gasthaus unmöglich. 
Jeden Mittag mein eingemachtes Hühnchen mit Reis und abends 
eine vortreffliche Fleischbrühe, gelegentlich ein blau gesotten es 
Hechtlein oder ein Stück sauer gedünsteten Esterhazy-Rostbraten 
und zwar Alles mit Takt und Sorgfalt schmackhaft und fein zu- 
bereitet, das gibt wenigstens die Beruhigung einer zweckmäßigen 
Ernährung ohne Diätfehler. 

Freilich ist es auch Alles. Daß die innerliche Besserung 
vorschreitet, glaube ich nicht. Wohl sieht Dr. Fischhof täglich 
meinen Augenstern an und möchte sich einreden, daß das Weiße 
schon um eine Nuance weniger gelb, aber — ich glaube es nicht. 
Kann denn die Galle einseitig zurücktreten ? Es müßte sich die 
Gesammtfarbe bessern, aber eine gewisse andere Farbe ist noch 
so schauderhaft wie auf dem Krankenlager in Kaltem. Nicht im 
Mindesten bricht sie sich, wie für die Ewigkeit gegossen steht sie 
da. Ich habe mir angewöhnt, die Augen zu schließen und sie gar 
nicht mehr anzusehen; ich halte den Anblick faktisch nicht aus. Der 
Ekel an dieser Farbe würde mich allein schon zum Kranken machen. 

Damit ist aber auch gesagt, daß ich diese Besserung 
unmöglich abwarten kann. Das wird noch lange dauern. Und so 
ist der Beschluß, nächsten Freitag die Reise denn doch wieder 
fortzusetzen. Ach, ich komme noch früh genug zum Wiener Gast- 
hausleben, vor dem ich mich jetzt schon füichte. Ich nehme mir 
freilich vor, den »E. C.« zu frequentiren, aber — Gasthaus ist 
Gasthaus. In Einem wird man schneller und wohlfeiler, im Andern 



24 - 



langsamer und theurer vergiftet. Das ist vielleicht der ganze Unter- 
schied zwischen dem »E. C.< und dem Sabellkeller. 

Da ich keinen Brief schreibe, sondern nur ein miserables 
Krankenbulletin, so schließe ich, nachdem ich von jedem andern 
Organe mehr gesprochen, als von meinem Herzen, das Ihre 
Freundschaft so warm und dankbar erwidert. 

Ich grüße Sie und Ihr ganzes Haus mit meinen besten 
Grüßen und empfehle mich Ihrem theilnehmenden Angedenken. 

Ich bitte Stie aucti, wenn Sie Freund Reschauer sehen, ihm 
meine herzlichsten Grüße zu melden und wieder könnte Reschauer 
in der Lage sein, Freund T. zu sehen, an den ich ihn gleich- 
falls bitte, meine Grüße zu bestellen. Das gethan, dürfte von 
meinen Wiener Freunden dann keiner mehr übrig sein, den ich 
ohne Nachricht gelassen und ich kann vielleicht mit einem brief- 
schuldenfreien Gewissen nach Wien zurückkehren. Zum erstenmale 
als Ausflügler thue ich es gerne. 

Mit wiederholtem Ausdruck meiner treuesten Ergebenheit 
Der Ihrige 

Ferdinand Kürnberger. 

P. S. In Gratz verweile ich wohl wieder ein paar Tage. 
Auch zwischen Gratz und Wien gedenke ich in Mürzzuschiag 
Station zu halten. Wer mir gesagt hätte, daß ich Reschauer nicht 

mehr treffen würde ! Um 3 bis 4 Wochen hat sich Alles verspätet ! 

« 

Aus Radkersburg, wo Kürnberger wahrscheinlich bei O. Fällte 
zu Gast war, sandte er an Dr. Kopp den nachstehenden Brief: 

Schloß Steinhof bei Radkersburg, 
Freitag den 20. Oktober 1876. 
Verehrter Freund ! 

In diesen Tagen werden Frau und Kind zurückgekehrt sein 
und die heilige Familie ist wieder komplet : Die Mutter Anna, die 
allerseligste Jungfrau Maria und der Nährvater Josef. Als frommer 
Mann will ich nicht ermangeln, die heilige Familie anzubeten, 
mit meinem frommen Gruße zu verehren und in Gedanken und 
Worten meine Andacht zu ihr zu verrichten. Ich hoffe, die heilige 
Familie erfreut sich des irdischen Gutes der Gesundheit und ist 
im besten profanen Wohlsein beisammen. Gerne würde ich den 
heiligen Josef — wenn der Reichsrath schon einberufen wäre — 
seinen Lilienstengel als Lilienbambus schwingen sehen ; aber dieses 
gottgefällige Schauspiel ist meinen frommen Augen einstweilen 



— 25 - 

noch versagt. Bis dahin vergnüge ich mich denn auf Gut Steinhof 
mit — der Weinlese und Weinpresse, was frommen Augen bekannt- 
lich auch ein gottgefälliges Schauspiel zu sein pflegt. 

Auf diesem Out Steinhof befinde ich mich — beiläufig 
gesagt — mindestens so gut wie auf dem Ritten, das Höchste, 
was ich sagen kann ! Das Gütchen hat den Vortheil, daß man 
vom Gipfel des Wohlbefindens zur Weinlese nicht herab- 
zusteigen braucht, denn hier ist Alles beisammen : Gipfel, Wein- 
lese und Wohlbefinden. Freilich bleibt der Gipfel der Windischen 
Büheln tief unter dem Gipfel des Rittens ; aber — was ich immer 
sage: es schadet gar nichts, um einen Kopf kürzer zu sein ! Ich 
verkürze sehr gerne Köpfe, zumal wenn es andere sind. 

Engelzungen können es nicht aussprechen, wie schön, wie 
ununterbrochen schön der Herbst hier war. Erst gestern hat sich das 
Wetter geändert und es lagert sich seit gestern und heute, zwar 
kern Landregen, aber ein Landnebel ein. In den ersten Tagen der 
nächsten Woche beende ich meinen hiesigen Aufenthalt, halte eine 
kleine Station in Gratz und bm in den letzten Tagen in Wien — 
d. h. liege der heiligen Familie zu Füßen. 

Bis dahin — meinen Gruß zuvor. 

Mit Freundschaft und Hochachtung 

Ferdinand Kümberger. 

P. S. Verzeihen Sie uns atmen windischen Kaffem. Am 
20, schreibe ich >wenn der Reichsrath schon einberufen wäre« im 
Conditionell ; aber die so eben ankommende Zeitung belehrt mich, 
daß er bereits am 19. zusammentritt, — ein Positiv ! Ich möchte 
ihm diesen Positiv um so weniger rauben, da es wohl das einzige 
Positive dieser erlauchten Körperschaft ist. 

Aphorismen *) 
Von Karl Kraus 

Die Intelligenz eines Weibes mobilisiert alle 

Laster, die zu weiblicher Anmut versammelt sind. 

• 

Interessante Frauen haben vor den Frauen voraus, 
daß sie denken können, was uninteressante Männer 
vor ihnen gedacht haben. 



*) Aus dem .Simplicissimus'. 

294-295 



— 26 — 



Zu den schlechten Beispielen, die gute Sitten 
verderben, gehören die guten Beispiele. Glaubt man, 
daß ein Feigling hundert Mutige verführen könnte? 
Aber noch ehe einer dazu kommt, seinen Mut zu 
beweisen, haben sich an ihm schon hundert als Feig- 
linge bewährt. 

* 

Die Finnen sagen: Ohne uns gäb's keinen 
Schinken 1 

Die Journalisten sagen: Ohne uns gäb's keine 
Kultur! 

Die Maden sagen: Ohne uns gäb's keinen 
Leichnam! 



Gedichte 

Von Bise Lasker-^Schüler 

Die Königin 

Für Kete Parsenow 

Du bist das Wunder im Land, 
Rosenöl fließt unter deiner Haut. 

Vom Gegold deiner Haare 

Nippen Träume; 

Ihre Deutungen verkünden Dichter. 

Du bist dunkel vor Gold — 
Auf deinem Antlitz erwachen 
Die Nächte der Liebenden. 

Ein Lied bist du 
Gestickt auf Blondgrund, 
Du stehst im Mond .... 

Immer wiegen dich 
Die Bambusweiden. 



^ '^T — 



Heimweh 



Ich kann die Sprache 
Dieses kühlen Landes nicht 
Und seinen Schritt nicht gehn. 

Auch die Wolken, die vorbeiziehn, 
Weiß ich nicht zu deuten. 

Die Nacht ist eine Stiefkönigin. 

Immer muß ich an die Pharaonenwälder denken 
Und küsse die Bilder meiner Sterne. 

Meine Lippen leuchten schon 
Und sprechen Fernes, 

Und bin ein buntes Bilderbuch 
Auf deinem Schoß; 

Aber dein Antlitz spinnt 
Einen Schleier aus Weinen — 

Meinen schillernden Vögeln 
Sind die Korallen ausgestochen, 

An den Hecken der Gärten 
Versteinern sich ihre weichen Nester. 

Wer salbt meine toten Paläste — 
Sie trugen die Kronen meiner Väter, 
Ihre Gebete versanken im heiligen Fluß. 




— 28 — 



Berliner Leseabende 

Am 13. Januar habe ich im »Verein für Künste 
zum erstenmal aus meinen Schriften gelesen, und 
zwar aus dem Buch »Sprüche und Widersprüche« 
und die »Chinesische Mauer«. Über diesen Abend 
schrieben: 

Das , Berliner Tageblatt': 

Karl Kraus, der Herausgeber der Wiener .Fackel' stellte sich uns 
gestern abend auf Einladung des Vereins für Kunst im Salon Cassirer zum 
ersten Male als Redner vor. Dieser Mann, der mit der Flamme in 
Wahrheit auf du und du steht, erschien am Vortragspult als ein 
kleinerer, glattrasierter Herr, der durch seine goldene Brille sehr 
gutmütig und harmlos ins Publikum blickte. Freilich, mit dem ersten 
Wort ändert sich der Eindruck. Karl Kraus ist ein ungeheuer nervöser, 
energischer Sprecher, ein Autor, der seine Gedanken im Vortrage noch 
einmal erzeugt, ein Pointeur ersten Ranges. 

Eine solche Beherrschung des Ausdrucks ist zweifellos gerade 
bei ihm aus seinem innersten Wesen, so wie es sich heute darstellt, 
zu erklären. Denn er ist vom Tageskritiker, der ursprünglich ganz 
allein nur auf das Inhaltliche ausging, längst zum künstlerischen 
Betrachter der Lebensprobleme emporgewachsen, zu einem Betrachter, 
dem die Form zum Leitstern geworden ist. Seine Aphorismen >Sprüche 
und Widersprüche«, aus denen er zunächst einige Proben gab, beweisen 
in ihrer geschliffenen, funkelnden Kette diesen Triumph des Wortes 
über ihn. Er brauchte es nicht noch selbst zu sagen, daß er sich mit 
Stolz zu denen rechnet, die aus der königlichen Hand der Sprache ihre 
Gedanken empfangen. 

So entspricht das Bild, wie es der Hörer von einer so unge- 
wöhnlich reichen und glänzenden Individualität empfängt, jener nicht 
mehr völlig beherrschten Art des geistigen Produzierens. Man war 
hingerissen von einer Schilderungskunst, die ein Kindheitsbild mit 
suggestiver, dämonischer Kraft hervorzauberte. Man folgte geradezu mit 
ästhetischem Entzücken den kritischen Florettstichen gegen das Wiener- 
tum; man hatte fast eine grausame Freude über die Sicherheit, mit der 
ein Meister des literarischen Hiebes allem Philiströsen, der herrschenden 
Moral, der Religion, der sexuellen Lüge und den nicht genehmen 
künstlerischen Richtungen Wunden über Wunden versetzt. 

Aber dann plötzlich hatte man die Empfindung: an dieser Stelle 
hat das Wort den Inhalt mitgerissen, hier spricht der Künstler, der 
Visionär, dem eingestandenermaßen das schwere, nüchterne Gedanken- 
fundament nicht mehr alles bedeutet. 

Dieser Eindruck wurde im zweiten Teil seines Programms durch 
den Vortrag der »Chinesischen Mauer«, einer Meditation über den Fall 
der in Chinatown ermordeten Else Siegl, nur befestigt. Man bewundert 
zunächst die Gedankentiefe, mit der hier die einfache Mordtat zum 
weltumspannenden Kulturproblem erhoben wird. Aber wenn dann die 



- 29 — 



Sät2e, die Bilder immer leidenschafilicher daherjagen, wenn das 
Schreckgespenst eines Riesenchinesen leibhaftig ausgemalt wird, der das 
ganze moralinkranke Abendland mit würgender Hand hinmordet und 
in den > Koffer der Verwesung« zerrt, so versagen wir die geistige 
Gefolgschaft und bestaunen nur noch den Phantasiemensclien und 
außerordentlicher Gestalter. 

Ein kleines, gewähltes Publikum lauschte dem Redner mit 
wachsendem Interesse und spendete ihm lebhaften Beifall. 

Die , Vossische Zeitung*: 

Vorlesung Karl Kraus. Ein Wiener >Raunzer< hat gestern 
im Verein für Kunst gelesen — einer von denen, deren Raunzerei Kraft 
genug hat, um allgemach die lokalen Schlagbäume zu überschreiten und 
sich zur Weltraunzerei auszuweiten. Der Ausdruck ist rein wienerisch 
gleichwie der Typus. Wir haben sie auf norddeutschem Boden nicht, 
diese schmälenden, scheltenden, angriffslustigen und doch so scheuen 
Naturen. Wienertum, Junggesellentum und Raunzerei vereinigt sich in 
ihnen zu einem Dreiklang, in dem die einen eine unholde Schärfe, die 
anderen eine über den Alltag hinaustragende Harmonie vernehmen. Karl 
Kraus, der .Fackel' -Kraus, ist auf demselben Boden gewachsen, wie 
Grillparzer, Bauemfeld, Kümberger und viele, viele andere, die ihren 
Unmut entweder (mit weniger Begabung als er) im Schrifttum oder, 
wenn sie das nicht können, an den Stammtischen der Wiener »Beiseln« 
(wie man dort die kleinen Gasthäuser nennt) austoben. Einsame Spatzen, 
die der Welt vorpfeifen, daß sie auf sie pfeifen. Antagonisten der Wiener 
sorglosen Weltfreudigkeit. Leute, denen die Fee an der Wiege auf- 
getragen hat, gegen den Strom zu schwimmen, bis sie an die Quellen 
kommen, die auch nur Wasser sind. Karl Kraus ist ein tüchtiger 
Schwimmer. Rechts und links teilt er kräftig die Wogen, daß es nur so 
schäumt und glitzert. Ein Künstler, dessen Prosa wie geschliffener Stahl 
funkelt. Blitzartig jagen einander überraschende Einfälle, Thesen und 
Antithesen, aufgereiht auf dem Grunde einer kunstvoll ungekünstelten 
Sprache. Er las gestern etwa eine halbe Stunde lang Aphorismen, dann 
ebenso lang eine Betrachtung über die Ermordung der Else Siegl in 
New-York. Ein Schock Aphorismen oder mehr auf einmal ist schwer 
zu vertragen. Selbst dem Leser, der sich Zeit lassen kann, sein Gehirn 
auf stets neue Pointen einzustellen, kann solche Oberfülle leicht zum 
Überdruß werden. Dem Hörer schwirren sie wie eine Schwalbenschar 
ums Haupt. Ein einzelner Aphorismus, wenn er gut ist, wärmt den 
Kopf, ein Aporismenregen wirkt wie ein Sturzbad. Ein Genuß war das 
also nicht. Die Else Siegl-Phantasien dürfen als das hingenommen 
werden, was sie sind : als Phantasiestücke. Kraus greift zur Palette, mischt 
das Weiß der kaukasischen Rasse mit dem Gelb der mongolischen, tut 
die Blutröte hinzu und das düstere Grau des Grauens und macht daraus 
ein Bild der brünstigen Umschlingung der gesamten weißen Frauenwelt 
durch die gelben Schlingels. Eine gelbe Gefahr Krausscher Prägung. 
Weltuntergang im gelben Sumpfe, worin Religion, Moral, Kultur und 
wie die schönen Dinge sonst noch heißen, rettungslos versinken. Ober 
dem Schreckenssumpfe aber schwebt Karl Kraus und lacht uns alle aus. 



30 



Kraussche Götterdämmerung, ein grandioses Gemälde, in dem die Glut 
des Dichters steckt und die Wollust des — Raunzers. Wer so schreiben 
kann, wie Karl Kraus, darf auch so etwas schreiben .... 

Der jBerliner Lokal-Anzeiger' und der 
,Tag': 

Im Verein für Kunst las gestern abend Karl Kraus, der 
bekannte Wiener Publizist, eine Reihe von Aphorismen vor, die zwei 
jüngst erschienenen Bänden (?) entnommen waren. Es ist nicht so ganz 
leicht, eine große Anzahl Aphorismen hintereinander zu hören, selbst 
wenn sie zum größten Teile frappant und geistreich sind, gut vorgelesen 
werden und die Sinnesart eines ungewöhnlichen Mannes in sprung- 
haften Reflexen zu enthüllen scheinen. Wie Bälle, die man nicht zurück- 
werfen kann, füllen sie uns die Arme; aber wenn man später zusieht, 
sind die meisten auf rätselhafte Weise wieder forlgeflogen. Indessen 
kommt es gerade hier nicht auf die Menge an, und einzelnes — wie 
die Vergleichung des Künstlers, der Konzessionen macht, mit einem 
Menschen, der seine Sprache in der Fremde gebrochen redet — hakt 
sich trotz allem in der Erinnerung fest. Natürlich war man neugierig, 
zu vernehmen, was der Vorleser über die Frauen sagte; und wenn er 
feststellte, daß alle Berliner gehen und alle Wiener stehen, und diese 
Beobachtung satirisch abwandeil, so war er heiterer Aufmerksamkeit 
sicher. Eine Wendung zum Elegischen, zum Lyrischen fast, war in dem 
kleinen Prosagedicht vom Aussterben der Schmetterlinge nicht zu ver- 
kennen. Jedenfalls hatte man eine interessante Bekanntschaft zu ver- 
zeichnen. 

Daß aber in Berlin auch unter dem Niveau des 
Publikums geschrieben werden kann, beweist die 
folgende Kritik, deren Verfasser ich so wenig kenne 
wie die der vorhergehenden und aller andern. 

Der ,Berliner Börsen-Courier': 

Vor demVerein fürKunst erschien gestern abend im Salon 
Cassirer eine interessante Wiener Persönlichkeit, der Herausgeber der 
, Fackel', Karl Kraus. Er las zuerst eine Reihe von Aphorismen vor. Sie 
frappierten durch ihre Eigenart, ihre originelle Bizarrerie, vielfach durch ein 
Wetterleuchten des Tiefsinns, dem man nur in der Eile nicht gleich 
nachgehen konnte. So war es anfangs. Dann beging aber Kraus 
einen seltsamen, einen unbegreiflichen Fehler: er gab das 
Geheimnis seiner Kunst preis, er enthüllte seine >Mache< wie 
ein Taschenspieler, der das Wie seiner Tricks dem Publikum aufdeckt. 
Es geschah das durch eins seiner Aphorismen selbst. Er sagte darin: 
>Ich beherrsche die Sprache nicht, die Sprache beherrscht mich. Ich 
hauche ihr nicht meine Gedanken ein, sie füllt mich mit ihnen!« Mit 
diesem Geständnis entlarvte sich Kraus, wenigstens mit Bezug auf seine 
aphoristische Kunst. Man hatte nunmehr nur nötig, bei jedem nachfol- 
genden Apercu die Probe auf das Exempel zu machen, um zu finden, 



31 



daB dit Sache ziemlich leicht ist, daB Jeder auf diese Art ganze Bände 
mit geistvollen Oedankenblitzen füllen könne. Man nehme nur irgend 
einen Satz und schüttle die Worte durcheinander. Das wird irgend ein 
groteskes Etwas ergeben, das verblüfft, das Sinn hat oder Sinn zu haben 
scheint. Zum Beispiel: Anstatt des Spruches, >Am Grabe pflanzt der 
Mensch die Hoffnung auf», sagte man: Hinter jeder Hoffnung gähnt 
das Grab auf. Nicht mit dem Tode beginnt erst das Leben, sondern 
mit dem Leben beginnt der Tod — oder: Mit jedem Beginnen töten 
wir das Leben, oder auch: Mit jedem wahrhaften Leben töten wir den 
Tod. Der Weg zu guten Vorsätzen führt durch die Hölle. Wer den 
Taler nicht achtet, ist keinen Groschen wert. Doch nehmen wir einmal 
eins dieser Krausschen Aphorismen selbst I Er sagt: Der Mann schaut 
in den Spiegel aus Eitelkeit, die Frau, um sich ihrer Persönlichkeit zu 
vergewissern. Gut, sehr gut! Aber hat es nicht umgekehrt dieselbe 
Berechtigung? Oder wenn man behauptet: Wenn eine eitle Frau sich 
eines Mannes vergewissem will, so beschaut sie ihre Persönlichkeit im 
Spiegel, oder auch wieder umgekehrt. Oder noch schöner, die Eitelkeit 
der Frau spiegelt ihre Persönlichkeit am liebsten in den Versicherungen 
des Mannes I — Doch genug davoni Jedenfalls mußte einem damit der 
Geschmack an allen weiteren Krausschen Aphorismen einigermaßen ver- 
dorben sein. — Den zweiten Teil des Abends füllte die Vorlesung der 
> Chinesischen Mauer«, einer Kette aneinandergereihter Aphorismen, in 
denen der Verfasser auf dem Wege vom Himmel durch die Welt zur 
Hölle so ziemlich Alles, was da kreucht und fleucht, abhandelt und 
abkanzelt; ein Mephisto, der Alles verneint, und das in einem Ton, in 
einer Form, gegen die des Junker Satans »unanständige Geberde« noch 
hoffähig erscheint. 

So etwas von einer parodistischen Begabung, 
so schlagfertig und unerschöpflich, haben wir nicht 
einmal in Wien. Ich hätte natürlich nicht die Un- 
vorsichtigkeitbegangen, mein Geheimnis preiszugeben, 
wenn man mir rechtzeitig gesagt hätte, daß solch ein 
Durchschauer im Saale sitzt. Denn schließlich hatte 
ich doch iram^r noch die HoEFnung, dafi man mich 
nicht verstehen werde. Und dabei muß ich zugeben, 
daß die Aphorismen, die der Mann vorschlägt, sprach- 
lich nicht schlechter sind als die, die er aus meinem 
Munde gehört haben will. 

Einer, vor dem ich zwar nicht einen Schwindel 
verraten habe, aber der mir immerhin das Geständnis 
einer Schwäche abgenommen hat, schreibt in den 
»Deutschen Nachrichten*: 

Vo rtrag Karl Kraus. 
Karl Kraus, der Herausgeber der Wiener , Fackel', las als Gast 
des >Vereins für Kunst« im Salon Cassirer vor und wurde so persönlich 



32 



auch dem Berliner Publikum bekannt. Fast wohlwollend freundlich wirkl 
das scharf geschnittene, intelligente Gesicht des geistreichen Satirikers, 
der auch als Vortragender ein feiner Pointeur ist, bei dessen Worten 
den Zuhörer das Gefühl beherrscht, daß ein ehrlicher Kämpfer, ein Mann 
mit seiner ganz von unerschütterlichem ethischen Ernst erfüllten Persön- 
lichkeit hinter seinem Werke steht. Klar formuliert und scharf heraus- 
gearbeitet sind die Antithesen und Apercus, die Kraus in seinem Buche 
>Sprüche und Widersprüche« zusammengestellt hat und wenn sein Leser 
trotz der aufrichtigen Freude an der schön gepflegten Form und der 
gedanklichen Tiefe des Gesagten nur selten mit dem wunderlichen 
Menschen, der sich den Kampf gegen ungezählte nichtige Unzulänglich- 
keiten zur Lebensaufgabe gemacht hat, eins ist, so bleibt doch von der 
ersten Begegnung die Erkenntnis zurück, daß Kraus im Gegensatz zu 
vielen anderen mit Recht bemerkt, daß es sehr leicht ist, im Wortspiel 
banale Weisheiten in ihr Gegenteil zu kehren, daß man aber einen 
Dulderweg hinter sich haben muß, um landläufige Sätze in ihr Gegen- 
teil umkehren zu dürfen. 

Die Sexualmoral, die Politik, die Rassenfrage, die zwischen weiß 
und gelb spielt, die Gerichtsbarkeit und natürlich der Journalismus sind 
die latenten Fragen, die ihn am meisten erregen und zu denen sein 
aufflammendes Temperament die schlagendsten Randglossen zu machen 
versteht. — Es ist gut, daß uns Kraus selbst das Geständnis macht, 
daß er sich als Sklave der Sprache fühlt und sich von ihren Formen 
neue Wahrheiten zutragen läßt. Zu offenkundig klafft hier die Lücke in 
seinem Denken, als daß sie der kritische Zuhörer übersehen könnte. Es 
ist vielleicht die feinste Pointe in Kraus' Lebenswerk, daß er, den sein 
autokratischer Instinkt zum einsiedelnden Herrscher befähigen könnte, 
im Grunde nur ein Diener am Worte ist und daß er der Sprache mit 
fiebernden Händen nimmt, wenn er sie mit vollen Armen zu beschenken 
glaubt. So wird unter seinen Händen die Grammatik zur Logik und 
diese in der Sprache, nicht in seinem Hirn geborene Logik zur Unter- 
lage einer Expedition, die er unternommen hat und während derer er 
als Seelenforscher zwar verblüffende, aber nur scheinbare Wahrheiten 
entdeckt. 

Aus einem Angriff, den ein Wiener in der 
, Schaubühne' veröffentlicht hat, der ich kurz vor- 
her wegen ziramerunreinen Verhaltens das Tausch- 
exemplar entziehen mußte, zitiere ich den folgenden 
Passus : 

. . . Die .Fackel' aber ist an jenem Punkt angelangt, wo (wie 
Herr Kraus vom ,Simplicissimus' sagte, bevor er dort Mitarbeiter 
wurde) jede Revolution in eine zielbewußte Administration mündet. . . 

Es handelt sich, wie man sieht, um einen 
pathologischen Fall. Die administrative Bewußtlosig- 
keit der , Fackel*, die in der Abstoßung der Käufer 
und Annoncenwerber, in der Vernichtung der 



- 33 - 



legitimsten Gewinnmögiichkeiten, in der geistigen 
Willkür auf Kosten jeder technischen Rücksicht, 
Beispielloses leistet, ist zu notorisch, um einer ge- 
richtlichen Bestätigung zu bedürfen, und die Ver- 
urteilung eines Unverantwortlichen oder die peinliche 
Feststellung seiner Unverantwortlichkeit kann mich 
nicht reisen. Und gewiß nicht die Grausamkeit einer 
polemischen Antwort. Hätte der Fall nicht seinen 
besondern Hintergrund, so könnte ich sagen, es sei 
eine Wiener Sache, und das Urteil eines der zahllosen 
Schwachköpfe, die in Wien seit elf Jahren ihre Fassungs- 
kraft an mir messen, oder die Gesinnung eines der vielen 
Hämlinge, die hier ihre Nichtpersönlicbkeit an mir 
beweisen, und die schliefilich alle zu meiner Vor- 
lesung hätten reisen können, bilde kein Element der 
kritischen Stimmung Berlins. Oder der heifie Wunsch, 
sich an mir emporzublödeln, sei zu offenbar, und 
wenngleich ich mich der Pflicht nicht entziehe, 
mit den günstigen auch die ungünstigen Kritiken 
abzudrucken, so dürfe ich mich brüsk auf den Stand- 
punkt stellen, das totzuschweigen, was nur durch 
mich lebt und von mir leben möchte. Niemand 
aber kann mir zumuten, daß ich der Pathologie 
jenen Raum zur Verfügung stelle, den ich für die 
typischen LebensäuBerungen der Dummheit bereit 
halte. Daß junge Burschen aus einer unver- 
ständigen Verehrung für meine Geste durch irgend- 
welchen Rückschlag zu einer unverständigen Kritik 
meines Inhalts gelangen, bin ich gewohnt ; und ich 
brenne weiter, wenngleich die Motten dagegen sind. 
Daß talentierte Jünglinge ihre ersten journalistischen 
Gehversuche machen, indem sie mich stampfen, ist 
mir bekannt; und ich bleibe stehen. Sie bedenken 
nie, daß zum Angreifen eines Angreifers zwei 
gehören. Ich bin ja da, aber wo ist der andere, 
nachdem er mich bezwungen hat? Die Überhitzungen 
solcher Epheben, die mit der Stimme ihre Ansicht 
über mich mutieren, muß ich aushalten. Und 
niemand, der meine Bereitschaft kennt, dem nichtig- 



34 — 



sten Anlaß zu viel Ehre zu erweisen, sobald mir 
dazu etwas einfällt, wird von mir verlangen, daß ich 
hysterische Exzesse protegiere. Ich würde sie selbst 
dann nur bedauern, wenn die gefährliche Drohung, 
»die Geschichte der ,Fackel' zu schreiben« — so 
etwas tut man, aber man sagt es nicht — aus- 
geführt werden sollte. Bis dahin hat's lange Weile. 
An der freilich meine Lektüre der , Schaubühne' 
nicht mehr beteiligt sein wird, weil ich, wie gesagt, 
diesem Organ des psycholüo:isch vertieften Kulis- 
sentratsches das Tauschverhältnis gekündigt habe. 
Der Herausgeber, ein entzückter Leser der , Fackel', 
der nur den B'ehler hat, in seiner Zeitschrift das 
qualligste Wiener Literatentum zu beherbergen, 
hat sich leider entschlossen, aus dessen unverant- 
wortlichster Partie die Revanche für mein lieb- 
loses Vorgehen zu beziehen. Der Mann hat — 
das ist bekannt — ein vorzüglichej- Gedächtnis. 
Aber die , Schaubühne', die längst den Anspruch ver- 
loren hat, als moralische Anstalt betrachtet zu werden, 
will wenigstens den Ehrgeiz bewahren, im Revolverton 
mit der schlimmsten Wiener Pikanterienpresse zu 
konkurrieren, Sie hält es mit den Komödianten, die 
die Ehre der Schriftsteller niederbrüUen, sie läßt 
einen Mann von Wert wie S. Lublinski von einem 
Witzbold belästigen, und sie hat sich jetzt 
dazu hergegeben, mir durch einen Kindskopf 
Spekulation nachsagen zu lassen. Nur damit nicht 
erwachsene Unmündigkeit mir auch Vertuschung 
vorwerfe, zitiere ich aus dem hysterischen Anfall 
die heftigsten Einzelheiten: daß ich der »Wiener 
Erfinder des Geschlechtsverkehrs« sei, ein Poseur, 
ein »kleiner, emporgekommener Literat«, der vom 
Berliner Publikum nicht den Dank empfing, den 
er erwartet hatte, daß mein Blick »stechend und 
tückisch«, mein Haar »in die Stirn gekämmt«, 
daß ich »ein Schmeck sei, dem Sentimentalität 
durch Mißgunst ersetzt ist«, dem Schreiber »zuwider«, 
daß die Chinesische Mauer zwar »aus künstlerischer 



— 86 — 



Inspiration geboren <, daß ich aber »der Oicar Blumen- 
thal von heute und vielleicht sogar von morgen auch« 
sei, und was dergleichen logische und witzige Defi- 
nitionen mehr sind, die so ein nicht mehr verliebter 
Tor verpufft. Wer auf den Rest neugierig ist, möge 
sich die , Schaubühne* kaufen. Denn obschon ich, 
der ja die , Fackel* nach den Wünschen der 
Aboanenten und Inserenten schreibt, administrativer 
Zielbewußtheit hinreichend verdächtig bin, so lasse 
ich doch auch einem andern Herausgeber gern etwas zu- 
kommen. Und wie viel liefi3 sich erst mit einer ganzen 
Geschichte der .Fackel* verdienen 1 Den jungen 
Leuten gehts allen gut, die mit mir anfangen; 
nur schade, daß sie auch mit mir aufnören. Es 
wird nichts draus. Man verdient sich seine Sporen, 
aber nachher liegt man im Sand. Ohne mein 
Hinzutun, auf Ehre. Denn es ist kein publizistisches, 
sondern ein pädagogisches Problem, das bedauerns- 
werte Väter beschäftigen sollte. Und vielleicht ein 
psychiatrisches. Denn wenn wir durch all die Jahre 
hören, daß ein junger Mensch in Wien herumgeht, der 
alles, was ich schreibe, auf sich bezieht, so fassen wir 
berechtigte Zweifel, ob ein gekränkter Heraus- 
geber einen guten Griff getan hat, als er just 
solchen Kenner auf mich losließ. Ich warte immerzu 
auf den Feind, der außer dem Vergnügen, mich 
zu . hassen, noch eine individuelle Existenzberech- 
tigung hätte. Dann würden die Hiebe, die ich 
austeile, auch mir ein Vergnügen sein! Auf ein pole- 
misches Ffühlingserwachen einzugehen, wäre pein- 
lich. Das 1 Männern der Knaben«, wie Herr Harden 
(den ich nicht aus Liebe hasse) es nennt, interessiert 
mich auf dem Theater, nicht in der »Schaubühne*. 
Auch nicht in einer Broschüre. Es könnte sich — ich 
prügle schließlich auch aus Erbarmen — zur Kinder- 
tragödie auswachsen! 

Nach diesem Zwischenfall fahre ich in der 
Zitierung der Berliner Kritik fort. Die ,Zeit am 
Montag' schrieb: 



Ot) 



Ein Kulturkämpfer. In Wien kämpft seit über zehn Jaliren 
mit fast übermenschliclier Kraft und Ausdauer ein Mann gegen alles das, 
was der Durchschnittsmensch der Gegenwart > Kultur« nennt. Er gibt 
eine Zeitschrift, ,Die Fackel', heraus, ein Organ, das — fast aus- 
schließlich vom Herausgeber selbst geschrieben — an Kühnheit und 
Selbständigkeit seinesgleichen sucht. Mit dieser Fackel leuchtet Karl 
Kraus der > Journaille«, der Moral, der Sittlichkeit und mit besonderer 
Vorliebe auch dem Generalpächter dieser und aller anderen Kultur- 
momente, Herrn Maximilian Harden, mit einer Dialektik heim, deren 
funkelnde Schärfe nicht einmal von der kristallenen Klarheit seines Stils 
übertroffen wird. Im besonderen liegt Kail Kraus seit Anbeginn seines 
Kulturkampfes in heftiger Fehde mit der > Kriminalität«, die sich der 
»Sittlichkeit« als Büttel bedient, um gemeinschaftlich mit ihr das Recht 
abzumurksen. Auf diesem Gebiete hat er Unvergängliches vollbracht; 
erst späteren Generationen wird es ins Allgemeinbewußtsein dringen, 
was dieser Mutige für Recht und Menschentum geleistet hat. Sein Werk 
»Sittlichkeit und Kriminalität« ist das Dokument eines wahrhaft 
überlegenen Geistes, der von der hohen Warte einer in sich starken und 
glühenden Persönlichkeit die Vorgänge auf dem Theater unserer Kultur 
an sich vorübergleiten läßt. Man schlage einmal den Band »Sittlichkeit 
und Kriminalität« auf und lese das Kapitel >Ein Unhold«. Hier hat 
Kraus gelegentlich eines kriminellen Falles mit Meisterschaft die em- 
pörende Gemeingefährlichkeit der Strafgesetze und deren Anwendung 
durch »gelehrte« Richter aufgezeigt — eine Rechtspflege, gegenüber 
welcher zuweilen die Lynchjustiz ein Ziel aufs innigste zu wünschen 
wäre, da sie ihr Opfer wenigstens auf der Stelle vernichtet, anstatt es 
jahrelanger, ja selbst lebenslanger Grausamkeit auszuliefern. — Die 
Gerichtspsychiatrie nennt Kraus einmal das unterhaltendste Gesellschafts- 
spiel und zum Thema der berüchtigten Unzuchtsparagraphen äußert er 
sich wie folgt: »Der Gesetzgeber, der heute so ahnungslos am Geschlechts- 
leben herumstümpert, könnte sich wohl nützlich machen, wenn er ins 
freie Feld der Lust die Vogelscheuche des Paragraphen stellte, aber um 
nur drei Rechtsgüter zu schützen: die Gesundheit, die Willensfreiheit 
und die Unmündigkeit.« Daß ein Mann von dieser Artung vom Gros 
der Reporter mit Elan totgeschwiegen wird, versteht sich von selbst 
und ist neben ihrer Befürchtung, gelegentlich selbst einen Hieb abzube- 
kommen, zum nicht geringen Teil wohl auch in der bitteren Erkenntnis 
der eigenen Unfähigkeit begründet. So ist es denn auch erklärlich, daß 
die Mehrzahl der Blätter, die mit Wonne halbe Spalten über Gesang- 
vereinsfestlichkeiten berichten, von Kraus keine Notiz nahmen, als er 
am Donnerstag bei Cassirer aus seinen Schriften vorlas. Lediglich das 
, Berliner Tageblatt' brachte es über sich, in bescheidenen Grenzen dem 
Geist zu geben, was des Geistes ist . . . 

Der zweite Vortrag hat am 17. Januar über 
Einladung des Vereins »Freie Studentenschaft 
der Universität Berlinc — gleichfalls im Salon 
Cassirer — stattgefunden. Ich las, vor einem unge- 
wöhnlichempfänglichen Auditorium, Aphorismen, »Die 



— 37 — 

Entdeckung des Nordpols«, die »Molybdänoraantie« 
(aus der ersten Harden-Schrift) und zum Schluß aus 
dem Harden-Lexikon. 

Ära dritten Abend — im iVerein für Kunst« — 
am 20. Januar, las ich einige Aphorismen, den >Fort- 
schritt«, die >Welt der Plakate« und die >Chinesi- 
sche Mauer«. Ober diesen Vortrag erschien noch ein 
Bericht in der , Deutschen Tageszeitung': 

Karl Kraus aus Wien, der Fackel-Kraus, von dessen eigenarli- 
gem Schaffen und Wesen wir unsere Leser nicht ungern wiederholt unter- 
richtet haben, las am Donnerstag im Kunstsalon Cassirer Aphorismen 
und Satiren vor. Die sehr elegant in Stahl gearbeiteten Gedanken des 
Wiener Gastes, lauter mit Dynamit gefüllte Kunstwerke, wirken vom 
Katheder aus nicht mit der dämonischen Gewalt, die sie auf den Leser 
ausüben. Nur die gröberen, die handgreiflichen Pointen zünden, und 
das ist in unserem Fall schade, weil sie kein klares Bild des Verfassers 
geben. Dieser kluge Kopf muß, zumal für die Zwecke seiner Vor- 
lesungen, die Gesetze der Bühnenoptik noch genauer studieren, hn 
Lampen- und Rampenlicht, vor einem Parkett, wirkt nur der sinnfällige, 
bunt aufgeputzte, nie der innere Witz. — Lebhafteren Anklang fanden 
denn auch zwei leicht verständliche Satiren: eine reichlich boshafte, 
wenn auch vielleicht nicht hinreichend wuchtige Verhöhnung der 
Fortschrittsmeierei und eine lustige Attacke auf die großstädtische 
Plakatwut. Völlig in seinen Bann riß Kraus die Hörer dann mit seinem 
gefährlichen, starken und glitzernden Pamphlet von der chinesischen 
Mauer! Man kann die Prämissen und Folgerungen des Verfassers durch 
die Bank ablehnen; kann seine heinische Meinung, daß das Christentum 
an der Unterdrückung und Verdunkelung des gesunden Liebesinstinkts 
schuld sei, als unwissenschaftliches Paradox ablehnen (schuld ist die 
Entartung der Rasse durch die Stadtkultur und die Entwöhnung der 
Menschen von adeligem Menschen- und Männerwerk) man kann, 

wie gesagt, ein grundsätzlicher Antipode des Vortragenden sein, und 
muß seiner wahrhaft bezwingenden Stilgewalt doch herzliche Bewunderung 
zollen. Kraus ist ein ebenso kluger wie inniger Vorleser; er beherrscht 
den Gedanken wie die Technik, ihn durchs gesprochene Wort zu ge- 
stalten. (Was man bei guten Schreibern bekanntlich sehr, sehr selten 
findet.) Die Stunde, die uns der Wiener geschenkt hat, ist eine der 
inhaltreichsten und kunstschönsten des Winters gewesen. 

Vielleicht findet sich eine Gelegenheit, diese 
Vorlesungen in Wien zu wiederholen. 

• 

Eine Entschuldigung:*) 

Literatur ist, wenn ein Gedachtes zugleich ein 
Gesehenes und ein Gehörtes ist. Sie wird mit Aug' 

*) Als Einleitung des ersten und des zweiten Leseabends gesprochen. 



— 38 — 



und Ohr geschrieben. Aber Literatur muß gelesen 
sein, wenn ihre Elemente sich binden sollen. Nur 
dem Leser (und nur dem, der ein Leser ist) bleibt 
sie in der Hand. Er denkt, sieht und hört, und 
empfängt das Erlebnis in derselben Dreieinigkeit, in 
der der Künstler das Werk gegeben hat. Man muß 
lesen, nicht hören, was geschrieben steht. Zum Nach- 
denken des Gedachten hat der Hörer nicht Zeit, auch 
nicht, dem Gesehenen nachzusehen. Wohl aber könnte 
er das Gehörte überhören. Gewiß, der Leser hört 
auch besser als der Hörer. Diesem bleibt ein Schall. 
Möge der stark genug sein, ihn als Leser zu werben, 
damit er nachhole, was er als Hörer versäumt hat. 



,)Rhabarber** 

Ich erhalte die folgende Zuschrift: 

Das wohltuende Abfühnnittel murmelnden Qemunkels sollten 
Komödianten allein verabreichen dürfen? Wir Literaten sind 
doch auch da! Und wenn man an Lebenden nur mit Vorsicht 
rhabarbert, so schmeckt es bei Toten noch besser. Solch literarisches 
Leichengift spendete kürzlich der bekannte Freigeist aus der baju- 
varischen Walhalla, Herr Michael Georg Conrad. Er kramte in 
alten Briefmappen und suchte schriftliche Übungen des se'igen 
Hartleben hervor, den er höchst zärtlich schildert als ein >weiches 
Gemüt« von »vornehmer Denkungsart<, die sich leider an »allerlei 
Plebejismen im literarischen Leben stieß«. Aber Conrad stößt sich 
nicht daran, alle Schimpfereien des zartbesaiteten Otto Erich gegen 
Andere als Wahrheitsevangelium der Öffentlichkeit mitzuteilen. 
Den auf rein persönlichen Ursachen beruhenden Schwatz bietet 
er als klassischen Beitrag zur literarhistorischen Wahrheit an, ob- 
schon jeder Vernünftige derlei einseitiges Gemunkel eben nur als 
»Rhabarber« genießen sollte. Und einen saftigen setzt Conrad 
vor, indem er feierlich den »Invektivenhagel« berichtet, den H. 
in zwei Briefen gegen mich gerichtet habe. Er schmatzt vor Be- 
hagen: »Der Brief eignet sich noch nicht zur Veröffentlichung 
wegen überdeutlicher Hinweise auf noch lebende Personen«. 
Wer Beleidigungen eines Toten g^gen einen Lebenden ausspielt, 
macht sich dafür verantwortlich. Aber C. scheut sich auch nicht, 
einen Gifterguß des Toten gegen den toten Hermann Conrad! 



— 39 — 



wörtlich zu rhabarbem : er sei eine >geistig, gemütlich, leiblich 
mißgeborene Persönlichkeit« gewesen, außerdem >feige und nieder- 
trächtig«. Nun, auch der Schimpfheilige schloß ja lange den hurtigen 
Mund uud wir achten die Ruhe der Toten. Weswegen H. den unglück- 
lichen Conradi »feige und niederträchtig« nannte, darüber wollen wir 
schweigen. Wie würde es H.'s Freunden gefallen, wenn ich einen Stoß 
Briefe Conradis über ihn veröffentlichen wollte, worin die schlimmsten 
Injurien unseres geliebten Deutsch als abschließende Urteile stehen? 
Wenn aber ein Toter verunglimpft wird durch einseitigen Klatsch 
eines Toten, der nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden 
kann, so verspreche ich dafür Herrn M. G. Conrad, der ja noch 
jüngst laut Briefs eines Bekannten sich mit so viel Liebe und Treue 
unserer einstigen Bruderschaft erinnerte, daß noch vor meinem 
Tode dokumentäre Aufklärung über alle »jüngstdeutsche« Literatur- 
entwicklung erscheinen soll, vielleicht etwas anders, als dem Grund- 
satz Mundus vult decipi beliebt. Nie aber werde ich mich herbei- 
lassen, Verleumdungen aus Privatbriefen der Neugier preiszugeben. 
Ein Conradi stand denn doch zu hoch über einem literarischen 
Vertreter des Bierulks, als daß man solche Verschiebung des 
»Pathos der Distanz« dulden dürfte! Die damalige Sturm- und 
Drangperiode forderte freilich von jedem ethische Opfer. Aber den 
auf der literarischen Tafel eingeführten Rhabarber weisen wir 
zurück ! 

Zürich. Karl Bleibtreu. 



Brklärtmg 

Zu Herrn Herwarth Waiden, den wir durch unsere .Mit- 
»rbeiterschaft zu wiederholten Malen in den Augen der Halb- 
kultivierten kompromittiert haben, kommen zwei Kaufleute und 
fordern ihn auf, die Chefredaktion einer dem französischen ,Le 
Theätre' nachgebildeten Zeitschrift zu übernehmen. Herr Waiden 
setzt den Herren auseinander, daß er sich zu einer derartigen 
illustrierten Zeitschrift nur dann verstehen könne, wenn sie in einer 
streng künstlerischen und durchaus vornehmen Form gehalten sei, 
legt ihnen zahlreiche Nummern der früher von ihm geleiteten 
Zeitschriften vor. deren Ton und Inhalt die Herren als für die 
neue Zeitschrift maßgebend anerkennen. Zum Überfluß macht 
Herr Waiden die Herren mit dem skandalösen Benehmen bekannt, 
das die Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger seiner streng 
künstlerischen Haltung wegen ihm gegenüt^r an den Tag gelegt 
hat. So auf das Genaueste informiert, engagieren die beiden Kauf- 
leute Herrn Herwarth Waiden auf mehrere Jahre unkündbar als Chef- 
redakteur. Darauf versieht er die Herren, die zunächst nicht viel 



40 - 



mehr wußten, als daß sie eine Theaterzeitschrift haben wollten, 
mit Ideen und Anregungen. Die neue Zeitschrift, die auf Herrn 
Waldens Vorschlag den Titel ,Das Theater' erhält, erscheint vom 
1. September 1909 ab als Halbmonatsschrift, findet im In- und 
Ausland eine große Verbreitung und genießt den Beifall der maß- 
gebenden künstlerischen Kreise. 

Aber schon am ersten Tage stellt sich heraus, daß die Herren 
Kaufleute Neigung haben, sich nach bekanntem Muster, jedoch mit 
vermehrtem Eifer, in die redaktionellen Angelegenheiten einzu- 
mischen. Sie erlauben sich Kritiken tiber unsere Mitarbeiterschaft 
und geben immer deutlicher zu verstehen, daß sie die Zeitschrift 
im Geschmack eines Familienblattes gehalten wünschen. Sie ge- 
bärden sich ganz so wie Leute, die es nicht länger erwarten können, 
daß die Redaktion Bilder gegen Bezahlung veröffentlicht und die 
Nennung von Konfektionsfirmen gegen pekuniäre Leistung ein- 
führt, was ja schließlich vom Standpunkt der Kaufleute einen reellen 
Handel und keine Korruption bedeutet. Schließlich gehen die Herren 
soweit, daß sie ihren Redakteur anweisen, er möge seine Mitarbeiter zu 
einem dem Fassungsvermögen der Verleger angepaßten Stil anhalten. 
Als sich Herr Waiden auch in diesem Falle gänzlich abgeneigt zeigt, 
entschließensichdieKaufleute, die inzwischen in Berlin — die Herren 
waren fremd am Platze — Fühlung mit den verständnisvollen und 
gefügigen Literaten bekommen haben, eben jenen Kontraktbruch 
zu begehen, d^n die (Jenossenschaft deutscher Bühnenangehöriger 
ihnen so schön vorgemacht hat, und entlassen den unbequemen 
Redakteur. Sie entlassen ihn, nicht ohne ihm vorher einen Artikel 
zensuriert und dafür seinen Herausgebernamen mit einer Seh neider- 
rekl^me und ähnlichen Beiträgen in Verbindung gebracht zu haben. 
Der Fall ist eine autorrechtliche Novität; aber sie wußten bereits, 
daß sie dabei des Beifalls und des »Ahas« aller jener gewiß sein 
würden, denen wir Mitarbeiter von jeher fatal waren. Wir stellen 
in diesem Ereignis die Logik der Zeitläufte fest. Es kann garnicht 
anders sein, als daß Konfektionäre sich in die Angelegenheiten der 
Kunst und Literatur einmischen. Und wenn diese Herren, die einen 
Redakteur mit einem Kommis verwechseln, weil sie geistige Stoffe 
nicht mit der Elle messen können, von uns verlangen, wir möchten 
so schreiben, daß wir sogar ihnen verständlich sind, so wollen wir 
uns wenigstens einmal so ausdrücken, daß sie nicht im Zweifel 
über das sind, was wir meinen. Wir sagen also: Auf diesen Ab- 
schluß brauchen sich die Herren Kaufleute nichts einzubilden. Er 
ist unlauterer Wettbewerb mit Herrn Nissen. Aber auch auf die 
Zufriedenheit der Kundschaft, die wir bekämpft haben und weiter 
bekämpfen werden, brauchen sie sich nichts zu gute zu tun. Solche 
Spässe werden wir noch öfter erleben, und dabei die notwendige, 
wenn auch lästige Bekanntschaft einer Sorte von Menschen machen, 
die glauben, sie könnten uns dazu benutzen, für den schlechtesten 
Teil des Publikums Pofelware zu liefern. Auf den Kontraktbruch 
dieser Prinzipale, die vor jedem Schmock und Rekordlibrettisten 
zittern, waren wir von der ersten Nummer an gefaßt. Ein Dutzend 



— 41 — 



in Freiheit redigierter Nummern — wenn das der biedere Nissen er- 
lebt hätte, — der nur bis drei zählen konnte! 
Dr. Rudolf Blümner, Dr. Alfred Döblin, Dr. S. Fried- 
laender.FerdinandHardekopf, Dr. Siegmund Kalischer, 
Rudolf Kurtz, Else Lasker-Schüler, Ludwig Rubiner, 
Rene Schickele, Mario Spiro, Felix Stössinger. 

Dieser Erklärung habe ich bloß eine Aufklärung 
beizufügen. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, ist 
jetzt in Deutschland die Übnrwachungswut ausge- 
brochen. Dem Redakteur der Bühnengenossenschafts- 
zeitung war und ist ein Mime als Ȇberwacherc 
zur Seite gestellt, und da und dort erklären sich auch 
die Vertreter der anderen intelligenten Berufe bereit, 
die Überwachung der unbotmäßigen Schriftsteller zu 
übernehmen. Es gibt — bei dem gleichzeitigen An- 
wachsen der Zeitschriftenindustrie — kaum einen 
Zigarrenhändler mehr, der nicht daheim seinen Redak- 
teur im Kotter hätte, und namentlich haben sie es 
auf die Lyrik abgesehen, soweit sie nicht sachlichen 
Beweggründen entspringt, nicht den Zwecken der Ge- 
meinverständlichkeit zustrebt und überhaupt über das 
erweislich Wahre hinausgeht. Mit einem Wort, ihr Ver- 
ständnis für Kunst reicht so weit, daß ihnen das »ich 
weiß nicht, was soll es bedeuten« eben noch als lyrischer 
Gedanke einleuchtet, aber sonst nur die Lage bezeichnet, 
in der sie sich gegenüber der Lyrik befinden. Nun habe 
ich nie ein Hehl daraus gemacht, daß ich die Weltan- 
schauung des Kofmich, wenn sie uns Automobile 
baut, für akzeptabel halte, weil wir ihr dann umso 
prompter entfliehen können. Aber wenn es ihren 
Einbruch in das Geistesleben, wie er sich im neuen 
Deutschland donnerwetter - tadellos vollzieht, abzu- 
wehren gilt, so tue ich mit. Ich habe mich jetzt während 
eines längeren Aufenthaltes in Berlin davon über- 
zeugt, daß die Zustände düster sind, daß sogar die 
Plakatierungsinstitute sich eine Zensur der Autoren 
anmaßen und daß allenthalben in der Bürgerschaft das 
Streben vorwaltet, der Polizei den geistigen Teil ihrer 
Arbeit abzunehmen. Wurde einst irgendwo in Deutsch- 
land ein Redakteur in Ketten über die Straße geführt. 



— 42 — 

so läßt man jetzt keinen Künstler ohne Über wacher aus- 
gehen. Nun wird die ,FackeP bekanntlich von einem 
Manne redigiert, der keinen Zigarrenfritzen fragen 
muß, ehe er ein Gedicht von Else Lasker-Schüler 
zum Druck befördert. Sie ist deshalb wie keine andere 
Zeitschrift in der Lage, dieüberwachung der Überwacher 
zu übernehmen. In Österreich, wo die Straßen in 
schlechtem Zustand sind, vernachlässigeich seit langem 
meine Pflicht, indem ich philosophische Anwandlungen 
bekomme. Für Deutschland bin ich noch straßen- 
kehrerischer Anwandlungen fähig. Ich kann nicht 
leugnen, daß ich seit einiger Zeit bedenklich über die 
Grenze schiele. Solche Irridenta wäre meinen Lands- 
leuten bequem, und ich werde sie eben darum nicht im 
Stiche lassen. Wenn aber den Berliner Literaturkauf- 
leuten mein Übertritt unbequem sein sollte, dann kann 
ich sie nur ersuchen, alles zu unterlassen, was mich 
anregen könnte. Während mich in Wien oft die stärkste 
Korruption nicht mehr aufpulvern kann, wirkt in 
Deutschland die kleinste Reklamenotiz, mit der man 
einem Redakteur in sein geistiges Gebiet gepfuscht 
hat, auf mich wie ein Lebenselixier. Man muß also 
in der Dosis vorsichtig sein. Namentlich jene Wiener 
Herren, die ihren Charakterraangel bereits dem Ber- 
liner Betrieb angepaßt und ihre Tantiemenpolitik mit 
allem Komfort der Neuzeit ausgestattet haben, 
möchte ich nicht in der Hoffnung lassen, daß mich 
das Gefühl der Landsmannschaft und die Freude des 
Wiedersehens völlig übermannen und daran hindern 
werde, in der neuen Aufmachung den alten 
Dreck zu erkennen. Und nun, nachdem ich so die einen 
auf meine Schwächen aufmerksam gemacht, die 
andern an sie erinnert habe, hoffe ich, daß sich ein 
gedeihliches Zusammenarbeiten erzielen lassen wird. 

~^ Karl Kraus. 




— 43 — 



Glossen 
Von Karl Kraue 

Während ich von Wien abwesend war, ist Herr Mix Kalbeck 
sechzig Jahre alt geworden. Oder habe ich dieses Fest noch mit- 
gemacht? In meinem Material fmde ich einen Ausschnitt aus dem 
Neuen Wiener Tagbiatt mit Versen, die Herr Eduard Pötzl nicht 
umhin konnte an den Gefeierten zu richten. Es ist fatal. Wenn 
man durch dieses Gedicht nicht wieder an all das erinnert würde, 
was Herr Kalbeck in den verflossenen sechzig Jahren geleistet 
hat, man würde sich fast bewogen fühlen, ihm die notwendige 
Ehrfurcht zu erweisen. Aber wer an der Schwelle des Greisen- 
alters steht, soll sich vor allem selbst die Stiefel abputzen. Mit 
dem Respekt vor den Jahren ist's eine eigene Sache. Wenn einer 
ein Greis wird, wollen wir ihn gern schonen, aber nur unter der 
Bedingung, daß wir ihm seine Jugend verzeihen und sein reiferes 
Mannesalter verübeln dürfen. Herr Pötzl nun, der auch nicht mehr 
zu den Jüngsten zählt und den trotzdem manchmal noch eine 
tolle Lust packt, miserable Verse zu machen, Herr Pötzl apostro- 
phiert seinen Redaktionskollegen wie folgt: 

Du Hüne lebst ein vierfach Leben 
Als Kritiker, als Librettist, 
Und zur Musik ist dir gegeben, 
Da6 du ein echter Dichter bist. 

Darum sei es wünschenswert, daß Herr Kalbeck hundert 
Jahre alt werde. Gewiß; man bedenke aber, daß Herr Kalbeck 
in erster Linie Dichter ist Dann erst Kritiker und infolgedessen 
Librettist. Da diese beiden Berufe in Wien zusammenfallen, so 
würden die vierzig Jahre fast ausschließlich der Lyrik gehören. 
Wenn Herr Kalbeck trotzdem nicht auskommen sollte, so meint 
Herr Pötzl sinnig: 

Dem Dichter winkt Unsterblichkeit! 
Herr Pötzl hat die Geste mißverstanden. Die Unsterblichkeit 
winkt Herrn Kalbeck ab. Seit Jahrzehnten macht er Annäherungs- 
versuche. In den Konvetsationslexikons, in welche die Cliquen 
des Nachruhms ihre Nullen einschmuggeln dürfen — dieser 
besondere Betrug am deutschen Volk lohnte seine Enthüllung — , 
ist Herr Kalbeck ein größerer Dichter als Jean Paul und nimmt 
mehr Raum ein als Lawrence Sterne. Würden die Herren, wenn 



— 44 



sie ihren Nachruhm erlebten, ihre Wunder erleben ! Vierzig Jahre 
mögen diese Größen noch wirken, in zehn werden sie tot sein. 
Dieser Herr Kalbeck, der sich von Herrn Saiten höchstens dadurch 
vorteilhaft unterscheidet, daß er ungeschickter ist, ein paar Bücher 
wirklich gelesen hat und in der deutschen Grammatik Bescheid 
weiß, wird in der Biographie Hugo Wolfs unter den Zeichen 
einer bösen Zeit auf die Nachwelt kommen und seinen Ehren- 
platz behalten unter den Hindernissen der Entwicklung und unter 
den Plagen eines Künstlerlebens. Daß sich die musikalische» 
Vereine zu Kundgebungen für Herrn Kalbeck herbeiließen, 
beweist höchstens, daß Vereine die Kraft haben, mit den Resten 
von Geschmack, Anstand und Gesinnung, über welche Mitglieder 
verfügen mögen, aufzuräumen. Es ist ein Symptom des sozialen 
Lebens dieser Stadt, daß einer nur sechzig Jahre alt werden muß, 
damit zu seiner Ehre die ganze Unehrlichkeit aufgeboten wird, 
über die das soziale Leben dieser Stadt verfügt. Die Stellung des 
Publikums zur Persönlichkeit: man haßt und schweigt. Die Stellung 
des Publikums zur >bekannten Persönlichkeit<: man schimpft und 
gratuliert. Denn wer gratuliert, kommt in die Zeitung. Die 
Wände der geistigen Aborte sind immerzu mit Namen vollgeschmiert. 
Und das Neue Wiener Tagblatt unterscheidet sich von der Neuen 
Freien Presse nur dadurch, daß es auch zu den Geburtstagen 
seiner Redakteure die Ehrgeizigen zuläßt, während die Kollegin 
erst die Todestage ihrer Mitarbeiter zum Vorwand nimmt, ihre 
Hausmacht zu vergrößern. Seit Jahren tobt ein Wettstreit zwischen 
den Gratulanten des Herrn Singer und den Kondolenten des Herrn 
Benedikt. Jener verspricht seinen Redakteuren bei Lebzeiten die 
Nachwelt, ist aber nicht in der Lage, sein Versprechen zu halten. 
Dieser schweigt seine Leute aus Vornehmheit tot, und wenn sie es 
dann sind, wird er den Traditionen einer Zeitung gerecht, die sich 
seit jeher als ein wahres Nachweltblatt bewährt hat. Ein Feuilletonist 
der Neuen Freien Presse arbeitet für geringen Lohn und schlechte 
Behandlung, aber für die sichere Aussicht auf Unsterblichkeit. Dem 
Mitarbeiter des Neuen Wiener Tagblatts wird sie in trügerischen 
Reklamenotizen vorgespiegelt, aber der Chef, heißt es, zahlt besser 
und versteht es, durch urbane Umgangsformen auch die Gegner einer 
geistigen Bureauarbeit für sich gewinnen. Während Herr Benedikt 
durch sein eigenwilliges Temperament auch die Juden erbittert, soll 
es Herrn Singer gegeben sein, auch die Christen zu versöhnen, 



— 45 — 



indem sich seine Kontrolle des redaktionellen Tuns und Lassens 
höchstens zu der Frage: Weiß ich? versteigt. Unter seiner schmunzeln- 
den Ägide dürfen sie Gesellschaftsspiele einer gegenseitigen Belobung 
aufführen, die weit und breit duftet, während sie sich vor dem 
Eigenlob, auf das der Herausgeber der Fackel angewiesen ist, die 
Nase zuhalten müssen. Herr Singer ist ein Förderer philanthropischer 
Ideen und ein Schützer der redaktionellen Eintracht. Darum ist vor 
allem Heim Kalbeck ein Adjutant zugeteilt, der so musikalisch ist, 
daß er ein gutes Gehör selbst für jene Reklamewünsche hat, die 
■idit ausgesprochen werden. Er besorgt monatlich einmal die Auf- 
gabe, den Ruhm zwischen Brahms und Herrn Kalbeck so zu ver- 
teilen, daß diesem der Anteil zufällt, der in der Sprache der Löwys 
der Löwenanteil heißt. Zwischendurch interviewt er Herrn Richard 
Strauß, und da von solchem Gespiäch nichts für Herrn Kalbeck 
abfallen kann, wird es so geführt, daß wenigstens Herr Pötzl etwas 
davon hat und daß der Komponist der Salome unversehens seine 
Leidenschaft für den Autor des Herrn Nigerl einbekennt. Herr Pötzl, 
der die Feuilletonrubrik wahrscheinlich gerade an dem Tage nicht 
redigiert, an dem die wertvolle Arbeit in Druck geht, ist natürlich 
beim Morgenkaffee hoch überrascht und beschließt aus Bescheiden- 
heit, stets pünktlich ins Bureau zu kommen, damit nicht wieder 
ein belegtes Schmalzbrot durchrutschen kann. In anderen Rubriken 
vermag er natürlich nichts zu verhindern, und wie peinlich es ihm war, 
daß einmal der Vortrag eines Vereinsmeiers zitiert wurde, der 
ihn den bedeutendsten österreichischen Humoristen und ein >gott- 
begnadetes Talent« genannt hatte, das läßt sich nicht beschreiben. 
Herr Kalbeck ist »selbstredend« (wie sein Adjutant sagen würde) erst 
recht wehrlos. Er bespuckt ruhig in seinem Ressort den toten Hugo 
Wolf: kann er ahnen, daß der Nachbar inzwischen den lebenden 
Kalbeck bekränzt? Hier winkt dem Dichter Unsterblichkeit, daneben 
winkt er ihr, dort winken ihm die Gratulanten, und wo alles winkt, 
kann Herr Singer allein nicht wanken und breitet die Hände, die 
so gern zwischen Jacke und Weste geblieben wären, zum Segen : 
Kinder, lobts euch, ich bin der Präsident der internationalen 
Preßvereinigung, der euch herausgeführt hat aus dem Lande der 
Knechtschaft, nehrats euch die Druckerschwärze, schmierts das 
Publikum an, seids einig — nach zehn Jahren kräht ohnedies 
kein Hahn mehr nach euch ! 



— 46 — 



>Um ein Beispiel zu haben, was die Wiener Urania zur 
Darstellung bringt«, sagte Herr Pölzl, »braucht man nur einen 
Blick auf ihr Repertoire vom 2. bis 9. Jänner dieses Jahres zu 
werfen. Man findet da: Das Meer und sein Leben. — Schillings: 
rierleben der ostafrikanischen Wildnis. - London, Glanz und 
Schmutz der Millionenstadt. — Ein Ausflug in außerirdische 
Welten. — Richard Wagner. — Das alte Athen. — Eine Stunde 
in Pompeji. — Der Halleysche Komet. — Japan, das Land der 
aufgehenden Sonne. — Aus Grados Fischer- und Badeleben, — 
Die Ungeheuer der Vorwelt. — Lebensbilder aus dem 
Aquarium und Terrarium. — Durch die nubische Wüste. — 
Momentbilder aus Sizilien. — Wien und die Wiener.« Ja, das 
Programm der Urania ist bunt; aber was zusammengehört, sollte 
auch beisammen stehen, damit man einen leichteren Überblick 
bekomme. Mir scheint der Teil, der den prähistorischen An- 
schauungsunterricht bietet, am dankenswertesten. Wie ich Herrn 
Pötzl kenne, ist auch er besonders für die Ungeheuer der Vorwelt 
eingenommen. Er ist ja ein enragierter Lokalpatriot. Daneben 
freilich hält er es mit den Kleinigkeiten der Nachwelt. Er wünscht 
zum Beispiel, daß sich die neue Wiener Urania gleich der Berliner 
Kollegin mit »Wildenbruchs herrlichem Prolog« eröffnen lasse. 
Das bringt micn sogar auf die Vermutung, daß er wirklich der 
Überzeugung ist, seinem Buraunachbarn Kalbeck winke die Un- 
sterblichkeit. 

« • 

Das moderne Theater: 

»Im Münchener Residenztheater wurde ,Der Widerspänstigen 
Zähmung' zum ersten Male nach dem Original mit Vorspiel und Nach- 
spiel gegeben. Die neuen Dekorationen und Kostüme waren von Robert 
Engels nach den Prinzipien des Münchener Künstlertheaters im Stil der 
Reliefbühne entworfen. Besonders eine Gartenszene mit Pergola und 
Springbrunnensilhouette, ein liebliches Bild voll sonniger italienischer 
Heiterkeit verdiente höchstes Lob. Von den Darstellern leisteten . . . .< 

• * 

• 

Der weiche Hermann Bahr, der sich von allem beeindrucken 
läßt, sogar von mir, und jedes Ding beim Namen nennt, außer mir, hat 
eine Vorlesung mit gemischtem Programm gegeben. Er las Tolstoi und 
Saiten. Dazwischen waren Übergänge notwendig, umsomehr, als 
Tolstoi Urchrist und Saiten nicht nur Zionist, sondern sogar 
Librettist ist. So las er denn Kürnberger. Aber zwischen Kürn- 



— 47 — 



b«rger und Saiten waren wieder Übergänge notwendig. So las er 
denn den Bischof Kepler, der ein trostloses Buch über die Freude 
geschrieben haben soll. Aber selbst zwischen dem Bischof Kepler 
und Saiten waren noch Übergänge notwendig. Und Bahr ver- 
zweifelte nicht, sondern las Kahane. Das ist ein Liedersänger. Ihm 
schenkte des Gesanges Gabe, der Lieder süfkn Mund Apoll. Er 
wirkt, wie die Neue Freie Presse venät, als Dramaturg bei 
Reinhardt; was aber ein rechtes Smgvögelchen ist, verstummt auch 
in der Gefangenschaft nicht. Es war ein bunter Abend. Zum 
Schlüsse sollen die Hörer den Eindruck gehabt haben, daß Herr 
Bahr eine »reiche Erscheinung« sei. Er lese seine Dichter so, >als 
entdecke er ihre Schönheiten zu seiner eigenen Verwunderung 
eben zum erstenmal«. Natürlich, setzt die Neue Freie Presse auf- 
klärend hinzu, »hat er sie längst entdeckt«. Alle. Und wie er die 
Individualitäten auseinanderhält! Ein echtes weibliches Naturell ist im 
Verkehr mit einem geistlichen Herrn anders, als mit einem Kom- 
merzienrat, und wieder anders mit einem Dichter. Nur die Zeugen 
werden ein wenig verwirrt. Später einmal sagt der schlechte Ruf, 
Herr Bahr habe sich mit dem Urchristen Saiten, dem Librettisten 
Tolstoi und dem Erzbischof Kahane eingelassen. 



>Und wenn Karl Kraus in der nächsten .Fackel' die Be- 
hörde von oben bis unten mit Salpetersäure begießt, so sind es die 
Begossenen zuerst, die darüber lachen.« *^o schreibt der Wiener Korres- 
pondent der (Frankfurter Zeitung' zur Affäre des > Feldherrnhügels«. 
Er ist über meine satirischen Absichten nicht genau informiert. 
Ich interessiere mich für die prinzip eilen Fragen der Geistes- 
freiheit erst in zweiter Linie; zunächst sehe ich, daß Herr Roda 
Roda, der die Militärlieferungen für Humor hat, seit mehreren 
Wochen im Mittelpunkt der österreichischen Debatte steht. Die 
schuldtragende Polizei war offenbar von der Absicht ausgegangen, 
die öffentliche Aufmerksamkeit von jenem seriöseren Oberleutnant 
abzulenken, der es heute ertragen muß, daß man die Gräber 
seiner Braut und seines Vaters öffnet. Es ist der Behörde 
nun zwar nicht gelungen, das gesuchte Cyankali auch nur 
in Hofrichters Vorleben zu finden, wohl aber hat sie Spuren von 
Humor in einem Werk des Herrn Roda Roda entdeckt, und durch 
eine Art geheimen Verfahrens, mit der sie den » Feldhermhügel « 



48 



unterdrückte, erreichte sie es glücklich, daß die allgemeine Teil- 
nahme von dem Opfer der Militärjudikatur abließ, um sich auf 
das Martyrium eines Schnurrenlieferanten zu werfen. Hätten die 
Behörden Herrn Roda Roda um seiner selbst willen unterdrückt, 
so wäre allerdings Salpetersäure zu schwach. Aber nicht, weil 
sie die Gefahr der Schnurre überschätzt, sondern weil sie die 
Gefahr der Reklame unterschätzt hätten. Denn der österreichischen 
Bevölkerung geht der Fall Roda Roda wirklich nahe, dies Schicksal 
zerrt an den Nervensträngen, und die Vertreter des Schrifttums 
erheben sich — unter der bekannten Devise: es geht jeden an, auch 
den, den es garnichts angeht - wie ein Mann, um den gegen die 
Freiheit des dichterischen Schaffens geführten Schlag abzuwehren. 
Wollte die Behörde diesen Effekt, wollte sie ein wenig vom Fall 
Hofrichter ablenken, so hat sie eine ganz sinnvolle Schlechtigkeit 
verübt. Wollte sie es nicht, so hat sie eine Dummheit erster Güte 
begangen. Denn nun werden wir den Namen Roda Roda überhaupt 
nicht mehr los! Mußte man ehedem schon zu den Wölfen fliehen, 
um keine Anekdoten von der Militärgrenze lesen zu müssen, 
so ist jetzt Österreich vollends unwirtlich geworden. Kein Tag 
mehr, ohne daß wir von den Hoffnungen, Entwürfen, Ent- 
täuschungen, Plänen, Protesten, Prozessen der Autoren des > Feld- 
herrnhügels« in Zuschriften, Gutachten und Interviews unterrichtet 
werden, von ihrer Unbeugsamkeit im Kampf um das gestörte 
Tantiemenvergnügen, von ihrer Bereitschaft, die heiligsten Güter 
in Sicherheit zu bringen und lieber durchzufallen als zu 
weichen. Kein Tag, ohne daß von geballten Fäusten die 
Garantien eines geregelten Theatergeschäftes gefordert werden, just, 
als ob es die Reform des Militärstrafprozesses gelte. Vielleicht 
wollte die Behörde das. Aber dann möchte ich ihr doch raten, 
bei der Wahl ihrer Opfer künftig vorsichtiger zu sein. Es ist 
jammervoll, wie schlampig in Österreich bei der Vergebung eines 

Martyriums vorgegangen wird. Man sieht sich die Leute gar nicht an ! 

* * 

* 

>Peary ist von dem Herzog der Abruzzen als Nordpol- 
entdecker anerkannt worden.« Cook von dessen Untertanen. 



Herausgeber und verantvirortlicher Redakteur: Karl Kraus 
Druck von Jahoda & Siegel, Wien, III. Hintere Zollamtsstraße 3 



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versendet Zeitungsausschnitte über jf des gewünschte Thema-Man verlange Prospekte 

A •«^^^•«Ä»« ^■^r>■,r^..^r^ yor Drucklegiing ihrer Werke im eigen- 
■nLU^iV^iTd]. esse d<f Konditionen des alten bewährten 

«.»».— »—i——^^-—~ :2^s sub C. M.410 bei Haasenstein 

& Vogler A.-G., Leipzig H. 4200 D, 



'"IS werdi! idi noialisdi? m Eie Koist sidi littliA zd iMM 

Von KARL HAUER 
(Nebst einem Anhang Ober Pornographie) 
Verl«o»g«selltchaft ..MCnchan", Barthold 6utter V«H«g 



1= 



Der Herausgeber der ,Fackel* ersuctit, die Einsendung von 
^Skripten oder Zeitungsausschnitten, Lieferung von >Mater{al«, 
rmittlung von Billets, Einladungen, Rezensionsexemplaren, Talent- 
>en, Mitteilungen irgend welcher Art zu unterlassen. 

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den vernichtet, wenn ihnen nicht ein frankiertes und adressiertes 
ert für die Rücksendung beiliegt. 

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Jung jener Nummern, die nicht Belege fOr die Inhaltsangabe der 
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DIE FACKEL 

HERAUSGEBER: J^A^J^JL^ It^l^ATJ^ 

Die ,Fackel' erscheint in zwangloaer F'ols^e im Umfang 
von 16—32 Seiten 

BEZUaSBEOINGUNaEN : 

Für Österreich-Ungarn: 18 Nummern, portofrei K 4.50 

36 „ „ „ 9.- 

Für das deutsche Keich: 18 „ „ Mk. 4. — 

27 . • , „ 6.- 

^^' -, . « 7.2n 

Das Abonnement erstreckt sich nicht auf einen Zeit- 
raum, sondern auf eine bestimmte Anzahl von Nummern 

» 

Einzelnummer in Deutschland 30 Pfennig: 
Zu beziehen durch sämtliche Buchhandlungen 

Barliaar Bareaa: Haiensee, Kathariaenstraße 5 



i 



Inhalt der vorigen Nummer 293, 4. Jänner 1910: 
Prozeß Friedjung. — Druck und Nachdruck. — Aphorismen. — 
Glossen. Sämtliche Beiträge von Karl Kraus. » 



Herausgeber und verantwortlicher Redakteur Karl Kraus 
Druck von Jahoda & Siegel, Wien, III. Hintere Zollanittstr. 3 



Nr. 296— 297 E AM 18. FEBRUAR 1910 XI. JAHR 



DIE FACKEL 



HERAUSGEBER: 



KARL KRAUS 



INHALT: 

Joseph Schöffdl. Von Karl Kraus. — Die , Arbeiter- 
Zeitung' and die Taussig - Cliquen. — Baron 
Frangart und der Bajazzo. Von Karl Borromäus 
ileinrich. — Wanderen Lied. Von Albert 
ijhrenstein. — Bücher. Von Ludwig Ullraann 
u. a. — Glossen. Von Karl Kraus. 



NACHDRUCK VERBOTEN 

PREIS DER DOPPELNUMMER 60 HELLER 
ERSCHEINT IN ZVv^ANGLOSER FOLGE 

VERLAG: .DIE FACKEL' WIEN—BERLIN 

WIEN, ma, HINTERE ZOLLAMTSSTRASSE 3 TELEPHON Nr." 187 
BERLINER BUREAU: HALENSEE, KATHARINEN STRASSE 5 



Erinnerungen aus meinem Leben 



von 



JOSEPH SCHÖFFEL 



InhaSts Meine Jugend. — • Beim Militär. — Vom Wienerwald. 

— Im Reichsrat. — Meine Tätigkeit als Bürgermeister. 

— Im niederösterreichischen Landesausschuß. 



Durch alle Buchhandlungen zu beziehen, sowie durch den 

Verlag Jahoda & Siegel 

Wien, III/2, Htnlere Eollamtssiraße 3 



Im Verlag „"Die Fackel**, Wien, III/2, Hintere 
Zollamtsstraße 3, sind als Broschüren erschienen: 

JOSEPH SCHÖFFEL: 

Der Parlamentarismus 

Die Autonomie 

Immunität und Inkompatibilität 



Die Fackel 

Nr. 296-297 18. FEBRUAR 1910 XI. JAHR 



Joseph Schöffel 

ist am 7. Februar 1910 im 78. Lebensjahre 
gestorben. 

Schließt eure Herzen sorg- 
fältiger als eure Tore. Es 
kommen die Zeiten des Be- 
trugs, es ist ihm Freiheit 
gegeben. Götz. 



Die Neue Freie Presse hat nicht gesagt, wann 
er beerdigt werde. Sie hat seinen Lebenslauf mit 
ruhiger Sachlichkeit beschrieben. Sie hat seinen 
Sarg nicht gegrüßt, und nur eine Handvoll Worte 
warf sie ihm nach. 

> Anfangs der Siebzigerjahre trat er öffentlich 
hervor, als der Plan auftauchte, den Wienerwald 
abzustecken. Daraals setzte sich Schöffel mit Erfolg 
für die Erhaltung des Waldes ein.c 

Dieser Satz schöpft eine Tat aus, für die 
hundertundvier Gemeinden den Mann zum Ehren- 
bürger machten, für die ihm zu Lebzeiten Denkmäler 
errichtet wurden. Sie ist wortkarg, die alte Hure. 
Sie ist bös. Der männlichste Mann in Österreich ist 
nie bei ihr gewesen. Daß er gelebt hat, verzeiht sie 
ihm im Tode nicht. Ich aber will nicht, daß sie seine 
Stimme vergesse. Ich will ihn zu ihr sprechen lassen, 
was er im Jahre 1901 in meinen Phonographen 
gesprochen hat: 



2 — 



Hochgeehrter Herr! 

Besten Dank für die freundliche Zusendung Ihrer Zeitschrift 
.Fackel', die ich, nebenbei bemerkt, seit ihrem Erscheinen lese. Ihr 
Kampf gegen das terroristische, schamlose Treiben der modernen Press- 
piraten ist mir sympathisch, und ich wünsche Ihnen den besten Erfolg! 
Leider stehen Sie, so wie ich, einsam und verlassen einem übermächtigen, 
in der Wahl der Mittel gewissen- und ehrlosen Gegner gegenüber. — 
Ich bin ein alter Mann, dessen letzte Kräfte durch Tätigkeit in einem 
öffentlichen Amte absorbiert werden, — sonst würde mich nichts ab- 
halten, an Ihre Seite zu treten und Ihnen in Ihrem Kampfe zu sekun- 
dieren, wie dies einst mein unvergeßlicher Freund Ferdinand Kürnberger 
in meinem Kampfe um den Wienerwald getan hat. 

Wenn Kürnberger heute hören könnte, daß die ,Neue 
Freie Presse', diese Missgeburt August Zang's — welcher 
im Jahre 1873 mir gegenüber sie als eine von der Regierung 
konzessionierte Kupplerin jeglicher Korruption, als die un- 
verschämteste Buhlerin aller Staatsbetrüger und Diebe be- 
zeichnete —, sich heute, dreißig Jahre nach Beendigung des 
Kampfes um den Wienerwald, als Beschützerin desselben, 
den niemand angreift, aufspielen werde, er würde die Last 
der Erde, unter der er schläft, sprengen, um dieser scham- 
losen Dirne ins Gesicht zu schlagen. Die .Neue Freie Presse' als 
Verteidigerin des Wienerwaldes, die den Staatsgüterverschleiß in 
Szene setzte, die den Holzabstockungsvertrag mit Moriz 
Hirschl und den Verkauf des Wienerwaldes als eine finan- 
zielle Notwendigkeit patronisierte, die, als der Sturm begann, 
zuerst meinen Kampf totschwieg, dann mich verhöhnte und als von 
Größenwahn befallen mich erklärte, weil ich die Kühnheit hatte, meine 
Artikel mit vollem Namen zu unterzeichnen, — diese ,Neue Freie Presse' 
erwartet von einer künftigen liberalen Majorität im niederösterreichischen 
Landtag ein Gesetz zum Schutze des Wienerwaldes! Risum teneatis 
amici! Die alte Metze erinnert sich der Erregung der Massen, die durch 
den Kampf um den Wienerwald einst hervorgerufen wurde, und ver- 
sucht es nun durch eine Komödie, die Partei, der sie das Gift der Kor- 
ruption eingeimpft und die sie damit getötet hatte, wieder ins Leben 
zurückzurufen. 

Vergebliche Mühe ! Wenn ich noch einige Jahre erlebe, so werde 
ich die Geschichte des Kampfes um den Wienerwald in allen Einzel- 
heiten, die noch nicht bekannt sind, ebenso veröffentlichen wie den 
fünfjährigen Kampf um die Verwendung der Waisengelder zur Pflege 
und Erziehung armer Waisen, der von der Presse wie auf ein Kommando 
totgeschwiegen wurde. Ja. diese Presse, diese Verfälscherin der öffent- 
lichen Meinung, hat es sorgfältig vermieden, die Sanktionierung eines 
Gesetzes zu erwähnen, durch welches jährlich nahezu 4 Millionen Kronen 
dem erhabensten Zwecke, nämlich der Rettung der Kinder des Elends, 
zugeführt werden. 






Heute wie einst! Die Zeilen haben sich gciiiucii, uic >.i.-ocr 
tracht ist dieselbe geblieben. Küraberger, der bedeutendste Schriftsteller 
seiner Zeit, mußte seine Essays im , Korrespondent' den der Graf La- 
mezan ein obskures Winkelblättchen genannt hat, veröffentlichen, weil 
er in den großen Jonrnalen keine Aufnahme fand, da er sich nicht dazu 
hergab, nach ihrem Takt zu spielen. Zudem vermied er es, seine Geistes- 
perlen vor die Säue zu werfen. — Sie müssen eine eigene Zeitschrift heraus- 
geben, um Ihre Gedanken zum Ausdruck zu bringen; und ich werde, 
wenn ich mich aus dem öffentlichen Leben zurückziehe, was innerhalb 
einer Jahresfrist geschehen wird, ähnliches tun müssen, um das von 
mir Erlebte zu veröffentlichen. 

Für diesmal genug ! Charakteristische Tatsachen aus jener Kampf- 
zeit Ihnen mitzuteilen, ist mir derzeit unmöglich, da ich keine Zeit dazu 
habe und die Erzählung dieser Tatsachen, die den Finanzminister Becke, 
den berühmten Giskra, den Sektionschef Gobbi, den Ministerialrat Kurz, 
den Oberfinanzrat Deimel, die Konsorten Löwy, Götz, Andrd, Kirch- 
mayer, Siemundt, Strousberg, Moriz Hirschl und andere betreffen. Bände 
fällen würde. Im Auszug können Sie die Geschichte des Kampfes um 
den Wicnerwald in Wurzbachs biographischem Lexikon, Band 31 — 32, 
Seite 76, 77, 78, 79, 80, 81. 82, 83, 84 und 85, und außerdem .An- 
deutungen in den Siegelringen Kürnbergers: >Was sich der Kahlschlag 
erzählt«, »Wie sich verschieden«" Leute verschieden verwundern!« und 
»Dieb-sein währt am längsten« lesen. 

Indem ich Ihnen nochmals Ausdauer im Kampfe und einen glück- 
lichen Erfolg wilnsche, zeichne ich mich mit Hochachtung als Ihr 

ergebener 

SchöffeL 
Mödling, am 10. Juni IQOl. 

Das stand in Nr. 81 der ,Fackel'. Ich hatte in 
Nr. 78 die Protektion des Wienerwaldes durch die 
Neue Freie Presse gewürdigt und das Heft Joseph 
SchöfiFel zugesandt. Mein Artikel hatte mit den Worten 
geschlossen : 

. . . Sollte man nicht mindestens verlangen dürfen, daß mit 
Händen, die gewohnt sind, das Geld von Holzgaunera entgegenzu- 
nehmen, nicht auf einmal über Naturschönheit geredet werde? Dem 
Dogma, daß Gott die Wälder für die Holzverwerlungs- Aktiengesell- 
schaften erschaffen hat, wollen wir nicht abtrünnig werden. Sie stöhnen 
unter der Axt, die angesetzt wird, um der bildungshungrigen Menschheit 
den Segen des Zeitungsblattes zu bringen. Aber es heißt zum Schaden 
noch den Hohn fügen, wenn auf dem frischgewonnenen Holzpapier statt 
der Korruption der Natur das Wort geredet wird. 



Und in der Einleitung zu Schöffeis Brief, der 
seine herrliche Mitarbeit an der , Fackel' einleiten 
sollte, schrieb ich: 

Als ich im 78. Hefte dem öffentlichen HeiterkeitsbedQrfnis jenen 
Artikel der .Neuen Freien Presse' empfahl, in welchem sie sich als Be- 
schützerin des Wienerwaldes vorstellte und von einer >liberalen Majorität 
des Landtags« die Erhaltung von Naturschätzen verlangte, die heute bloß 
Regengüsse und nicht mehr Holzwucherer bedrohen, da ahnte ich kaum, 
wie gut ich den Nagel auf den faulsten Kopf dieses Reiches getroffen. 
Ich bekenne, daß mich weniger historisches Wissen um die Vor- 
gänge, die sich in jener Zeit des wirklichen Kampfes um den Wiener- 
wald abspielten, als ein Instinkt für die durch Jahrzehnte bewährte 
Gemeinheit der fühlenden Verderberin unserer Kultur bewogen hatte, 
der , Neuen Freien Presse' auf die schmutzigen Hände zu schlagen, die 
sie schützend über Wiens Naturschätze zu breiten gewagt hat. 

Ich hatte damals bloß das< dunkle Gefühl, daß die 
Neue Freie Presse ehedem in der vordersten Reihe jener 
Preßorgane gekämpft haben müsse, »denen die Wald- 
bestände in Wiens Umgebung ausschließlich vom 
Standpunkte des Holzwuchers teuer waren«. Um 
eine Bestätigung uud genauere Daten zu erhalten, 
wandte ich mich an Joseph SchöfiFel, dessen Retter- 
werk Kürnberger geschildert hat. In den »Siegel- 
ringen« hatte ich eine Stelle gefunden, in welcher 
des lähmenden Widerstandes gedacht wurde, den 
damals die gedungene Presse geleistet hat. Ich 
zitierte auch, was Kürnberger über die Eignung des 
Mannes zu solcher Tat schreibt: 

Ein unabhängiger Privatmann, Joseph Schöffel, unternahm den 
publizistischen Kampf gegen diese Korruption. Nach seinen Berufs- 
Antezedentien Offizier, nicht Schriftsteller, entdeckte seine' Feder alle 
schriftstellerisch-sieghaften und unwiderstehlichen Reize an jener Urquelle, 
wo sie die Griechen, wo sie der Pamphletisten-Klassiker und Meister 
unser aller, P. L. Courier, entdeckt haben, in der Stärke und Reinheit 
des ethischen Charakters. Mit frischem, praktischem Soldatengriff be- 
wältigte er vollständig das weitläufige und größtenteils trockene Real- 
studium dieses Gegenstandes und behandelte es dann mit jener Verve, 
mit jener kecken Energie jungfräulicher Naivetät, möchte ich sagen, 
welche der Literatur wahrlich schöner zu Gesichte steht als das routi- 
nierte Handwerk des Brotdienstes. 

Und als Schöffel im Jahre 1905 seine 



>Erinnerungen< herausgab, schrieb er zum Schlüsse 
des Kapitels >Vom Wienerwald« : 

Die .Neue Freie Presse', die einst treue Gefährtin und Schild- 
ifägerin des Staatsgüterverschleiß-Konsortiums, welches den Wienerwald 
devastieren und verschachern wollte, brachte im Mai 1901, also zu einer 
Zeit, wo niemandem eine Schädigung des Wienerwaldes, geschweige 
denn eine Devastation oder eine Verschacherung desselben in den Sinn 
kam. einen Artikel, in welchem sie mit begeisterten Worten den herr- 
lichen Naturparic, den Wienerwald, dessen Erhaltung in seiner grünen 
Pracht für uns Wiener eine Lebensfrage ist, beschrieb, und mit dem 
Stoßseufzer beendete: »Vielleicht gibt es einmal in ruhigeren und fried- 
licheren Zeiten eine so fortschrittliche und wahrhaft volksfreundliche 
iMajorität im niederösterreichischen Landtage, die ein Gesetz zum Schutze 
und zur Erhaltung des Wienerwaldes gegen Oevastierung und sonstige 
Schädigung beschließt.« 

Diesen Artikel benutzte der Schriftsteller Karl Kraus, 
indem er mit seiner .Fackel' der , Neuen Freien Presse' 
ordentlich heimleuchtete. 

Er hielt ihr unter anderem die unvergeßlichen Worte, die Ferdi- 
nand Kürnberger im dem Vorworte seiner »Siegelringe« über den Kampf 
um den Wienerwald schrieb, vor Augen, die da lauten:') 

> Diesen Kampf um einen Waldbestand, welcher nur allein schon 
als Voluptuarium einen auch sanitär unschätzbaren Wert für eine so 
volkreiche Stadt, wie Wien, repräsentierte, ließ die ganze Wiener Journalistik 
ihren Ritter St. Georg nicht nur isoliert auskämpfen, sondern sie verbarg 
nicht immer mit Anstand, daß ihr Herz eigentlich der korrumpierten 
Gegenpartei angehörte.« Ein Einzelner kämpfte, ein Einzelner siegte. 
»Der Vertrag mit Hirschl wurde gelöst, die Beraubung des Wiener- 



*) Schöffel nahm die nun folgenden Sätze als einheitliches Zitat 
aus Kürnberger in sein Buch auf, indem er nur am Anfang und zum 
Schluß Anführungszeichen setzte. Es waren aber, wie man sieht, neben 
wirklich zitierten Sätzen auch solche, in denen nur der Inhalt Kürn- 
berger' scher Ausführungen mitgeteilt ist. Hier wird deshalb der Passus 
wieder so gebracht, wie er in der .Fackel' stand und nicht wie er im 
Buche Schöffeis steht. Der Satz: »Ein Einzelner kämpfte, ein Einzelner 
siegte« kommt bei Kürnberger überhaupt nicht vor. Jetzt zitieren mich 
ahnungslos alle in- und ausländischen Zeitungen, die sich auf Kürnbergers 
Urteil über Schöffel berufen, und Leser, welche die »Siegelringe- 
zur Hand nehmen, finden die Stelle nicht. Darum mußte der 
Unterschied hier festgestellt werden. Die großartige Sachlichkeit 
Schöffeis nahm es mit der Wörtlichkeit nicht genau. Er zitierte in einem 
Aufsatz Bismarck aus dem Gedächtnis, und als ich den Urtext herstellte, 
versuchte er im Korrekturabzug seiner Fassung wieder zu ihrem Unrecht 
zu verhelfen. Sein prächtiger Eigenwille befähigte ihn weniger zum 
Zitieren als zum Zitiertwerden. 



6 ~ 



Waldes unterlassen, die Beamten, deren Schuldbarkeit Schöifel nach- 
gewiesen, versetzt und pensioniert.« »Wahrlich, ein unerhörter und 
zum erstenmale gefeierter Triumph, daß einer so kompakt-solidarischen 
Macht, wie dem österreichischen Beamtenstaate, ein einzelner Publizist 
solche Erfolge abzugewinnen vermochte! ,Die sechste Großmacht' hätte 
alles Recht gehabt, mit ihrem Ruhm die Welt zu erfüllen; und doch 
wird der auswärtige Leser wenig oder nichts, davon in der Wiener Presse 
gefunden haben.« Anderwärts ward dies moralische Ereignis besser ge- 
würdigt. Die Waldgemeinde Purkersdorf hat dem Manne, der von ein- 
undzwanzig Wienerwald-Gemeinden die Gefahr der Devastation abge- 
wendet hat, ein Denkmal errichtet, der Markt Mödling erwählte ihn zu 
seinem Bürgermeister, und ein niederösterreichischer Landwahlbezirk 
votierte ihm mit großer Stimmenmehrheit das Mandat für den Reichsrat 
»und zwar gegen den bisherigen Vertreter desselben Bezirkes, welchen 
überdies ein sich selbst als Weitblatt überschätzendes Wiener Journal 
mit dem Aufgebot seines ganzen Einflusses durchzusetzen unternommen.« 
»Es war der schönste Abschluß dieses ganzen Dramas, wie das mün- 
dige Volk, zuwider den angeblichen Machern der öffentlichen Meinung, 
seine Meinung sich selbst, auf eigenen, unabhängigen Wegen und 
mit ausgesprochenstem Nachdruck zu machen verstand. - 

Zweifellos werden nach meinem Tode, wenn mein Mund ver- 
stummt und mein Arm erlahmt ist, noch mancherlei Märchen von sen- 
sationslüsternen Lügenseelen über den einstigen Kampf um den Wiener- 
wald erfunden und gesponnen werden ! Das läßt sich nicht ändern ! 

Ich wünsche nur, daß, wenn der Wienerwald, was nicht un- 
möglich ist, wieder einmal von einem Spekulationskonsortium bedroht 
werden sollte, sich zur rechten Zeit ein Mann finde, der denselben mit 
Erfolg verteidigt! 

Als Rüstkammer mögen ihm diese Zeilen dienen, die ich nur zu 
diesem Zwecke niedergeschrieben habe!- 

»Man muß diese Dinge kennen, um zu ver- 
stehen, daß in dieser liebenswürdigsten Stadt der 
Welt eine antijournalistische und antisemitische 
Bewegung enstehen und siegen konnte. c Eine un- 
verdächtige Zeugin riefs nach dem Tode Schöffeis, 
die ,Prankfurter Zeitung'. Es war selbst ihr nicht 
entgangen : 

»Aus den knappen Nachrufen der maßgebenden Wiener Presse ist 
noch zu erkennen, daß sie ihm seinen Sieg nicht verziehen hat, obgleich 
heute überhaupt niemand mehr begreifen kann, daß je ein Österreicher es 
wagen konnte, Hand an das Juwel des Landes, den Wiener Wald, zu legen. 
Schöffel hätte auch darüber nur verächtlich gelächelt. Er hielt es mit 
Börne: ,In dieser verpesteten und verbuhlten Welt muß ein ehrlicher 
Mann sich die Hände in Essig waschen . . .'« 






Das Neue Wiener Tagblatt aber hat dem außer- 
ordentlichen Manne Leitartikelehren widerfahren 
lassen. Denn es glaubte, an ihnen selbst Anteil zu 
haben. Schöfifel hat die ersten Axthiebe gegen die 
Verwüster des Wienerwaldes im Neuen Wiener 
Tagblatt geführt, das damals von jenem Moriz 
Szeps geleitet wurde, der seine Eignung zu anti- 
korruptionistischen Taten bekanntlich oft noch be- 
wiesen hat. 

>In der Geschichte des .Nenen Wiener Tagblatts' fönt diese 
lutüinarische Verschwömng, aufgedeckt darch eine Zeitung nnd ihren 
rastlosen, mannhaften Mitarbeiter, ein stolzes Blatt; denn der ganze 
Feldzug wurde ausschließlich in unserm Blatte durch- 
geführt und endete mit dem beispiellosen Triumph Schöffeis ät>er 
seine gefährlichen Widersacher.« 

Und das Neue Wiener Tagblatt zitiert aus 
SchöfiTels Memoiren: 

Ich ließ dem ersten (am 20. April 1870 erschienenen) Artikel 
jede Woche zweimal einen von mir mit vollem Namen gezeichneten 
Aufsatz folgen, in welchem ich die Maßregeln der obersten Forstver- 
waltung rücicsichtslos kritisierte und auf die verhängnisvollen Folgen 
hinwies, welche die allgemeine Entwaldung und speziell die des Wiener 
Waldes auf das Klima, die Fruchtbarkeit und die Gesundheitsverhält- 
nisse der Stadt und des Landes nach sich ziehen müsse. 

Aber die folgenden Stellen zitiert das Neue 
Wiener Tagblatt nicht: 

Um einesteils die Erforschung der Wahrheit zu erleichtem, denn 
ich war damals wirklich so naiv, zu glauben, daß es der Regierung 
durch Einleitung der gerichtlichen Untersuchung nur um Konstatierung 
der Wahrheit und des Tatbestandes zu tun sei, veröffentlichte ich 
während der Dauer der Untersuchung vierzehn Artikel unter dem Titel: 
>Die Verwaltungsgeschichte des Wienerwaldes <, welche die mir zur 
Disposition gestellten gravierendsten Aktenstücke nnd Korrespondenzen 
enthielten. 

Das .Tagblatt' brachte aber diese Artikel nicht mehr 
wie üblich, an zweiter Stelle, sondern in der Beilage! Als 
ich mich darüber beschwerte, erwiderte man mir, daß das Interesse 
für die Sache, die sich schon zwei Jahre hinschleppe, erloschen sei. 

Ein gewisser Herr H welcher die Rolle eines Vermittlers 

zwischen dm Journalen und der Regierung spielte, sowie die den 
Journalen seitens der Banken nnd Aktiengesellschaften zu 
zahlenden Abfindungssummen nnd Schweiggelder ver- 
mittelte, trat an mich mit der Aufforderung heran, die Aktion in der 



8 — 



Wienerwaldangelegenheit einzustellen. >Sie haben erreicht, was Sie 
erreichen wollten,« apostrophierte mich der Herr. >Der Verkauf des 
Wienerwaldes, sowie die Holzlieferungs- und Holzabstockungsverträge 
sind sistiert. Jede Gefahr für den Bestand des W^ienerwaldes ist beseitigt ! 
Machen Sie nun ein Ende! Ich bin bevollmächtigt, Ihnen gegen 
Ausfolgung einer von Ihnen unterzeichneten Verpflichtung, daß Sie nichts 
mehr in dieser Sache unternehmen und nichts mehr in den öffentlichen 
Blättern über dieselbe schreiben wollen, 50.000 Guldem im baren 
auszuzahlen!« 

Ich ' erwiderte dem Herrn, daß er sich in der Person, der er den 
Antrag stellte, geirrt habe, und ich den Antrag nur deshalb nicht als 
eine Ehrenbeleidigung ansehe, weil er von ihm und seinen Auftrag- 
gebern ausgegangen sei, drehte ihm den Rücken und verließ die Re- 
daktion .... 

Nach der versuchten Bestechung und des seitens des ,Tag- 
blattes' in der letzten Zeit bewiesenen Unwillens, meine 
Artikel in der Wienerwaldfrage im Blatte, wie abgemacht war, an ent- 
sprechender Stelle abzudrucken, sah ich mich genötigt, ein anderes 
Blatt für meine schriftstellerische Tätigkeit zu suchen. 

Ich wandte mich nun an das damals zum Zwecke der Bekämpfung 
des wirtschaftlichen Schwindels und der in allen Gesellschaftsschichten 
herrschenden Korruption mit schweren Geldopfern neu gegründete Journal 
,Deutsche Zeitung' .. . 

Aus einem Gespräch mit Schöffel teilte ich in 
Nr. 113 der , Fackel', also schon im Jahre 1902, die 
Peststellung mit, wie weit Herr Szeps und das Tag- 
blatt an der Rettung des Wienerwaldes beteiligt 
waren : 

. . . Wir unterhielten uns über jene Zeit, und Schöffel erzählte, 
daß seine Aufsätze lange Zeit hindurch an der sichtbarsten Stelle des 
Neuen Wiener Tagblatts erschienen waren, bis eines Tages ein Unter- 
händler aus dem Korruptionslager bei ihm anklopfte und ihm 50.000 
Gulden für die Unterlassung weiterer Angriffe bot, deren wesentlicher 
Zweck, die Annullierung des Gesetzes über den Staatsgüterverschleiß, 
ja ohnedies schon erreicht sei. Vor dem Hinauswurf hatte dieser Alensch, 
ein gewisser Herzka, noch Zeit, von dem bereits eingeholten Ein- 
verständnis des Herausgebers Mitteilung zu machen . . . Seinen 
nächsten Aufsatz fand Schöffel in einer kaum beachteten Beilage des 
Neuen Wiener Tagblatts abgedruckt, das Nichterscheinen der fol- 
genden wollte er nicht abwarten und wählte seinen Enthüllungen 
ein anderes Organ . . . 

Die , Deutsche Zeitung' aber hat sich noch nach 
Jahrzehnten für die Mitarbeit Kürnbergers durch 
Verleumdungen dankbar erwiesen. 



— 9 — 



Die , Arbeiterzeitung* bemüht sich, den Respekt 
vor der Persönlichkeit mit den sozialdemokratischen 
Geboten in Einklang zu bringen. Der Einzelne könne 
es nicht >zu einer Tätigkeit ins Große und Ganze 
bringen, wenn sein praktisches Handeln nicht auf 
der gesicherten theoretischen Einsicht über den Ver- 
lauf der Weltdinge aufgebaut ist«. Die Einsicht 
über den Verlauf der Weltdinge kommt mit dem 
Eintritt in die sozialdemokratische Partei. Diese Ein- 
sicht, die in die Breite der Dinge geht, verkündet, 
der Einzelne könne zwar Erfolge erzielen: >aber er 
stirbt, ohne daß die nachhaltige Wirkung seiner Per- 
sönlichkeit bleibt«. Daß Persönlichkeit nachhaltige 
Wirkung bedeutet und Partei nur den Einzelerfolg, 
das hat im Sozialgehirn nicht Platz. Schöffel habe, 
meint es im Übrigen, sich voll Verbitterung vom 
öffentlichen Leben abgewendet: 

»Wie er sich zu der weiteren Entwicklung der Dinge in Öster- 
reich gestellt hat, ist bisher nicht bekannt geworden. Es ist zu vermuten, 
daß er völlig auf den Standpunkt eines haltlosen Zweifels gekommen 
ist, wenngleich Äußerungen von ihm kolportiert worden sind, nach 
denen er die Erfolge der sozialdemokratischen Partei lebhaft begrüßt 
habe. Aber wenn dies wahr ist, so hat er in ihr eben nur die Kämpferin 
gegen die Korruption gesehen . . . < 

Ich möchte die , Arbeiterzeitung^ darüber beru- 
higen. Die Kämpferin gegen die Korruption hat er 
in der sozialdemokratischen Partei nicht sehen können, 
wiewohl er sich bis ins höchste Alter ein gutes Auge 
bewahrt hat. Oder eben deshalb. Äußerungen, nach 
denen er die Erfolge dieser Partei lebhaft begrüßt 
hätte, habe ich nie aus seinem Munde gehört. Der 
haltlose Zweifel scheint auch hierin sein fester Stand- 
punkt gewesen zu sein. Und >wie er sich zu der 
weiteren Entwicklung der Dinge in Österreich gestellt 
hat«, ist bloß deshalb nicht bekannt geworden, weil 
es noch immer Journalisten und Politiker gibt, 
die nicht zugeben wollen, daß sie die , Fackel* 
l«Ben. Er hat es in der ,Fackel' ausgesprochen, 
daß ihm eine weitere Entwicklung der Dinge in 



- 10 



Österreich — vom Verlauf der Weltdinge verstand 
er nichts — nur gegen den Parlamentarismus denk- 
bar sei. Undeutlich klangs ja gerade nicht: 

Nach einer dreißigjährigen Tätigkeit im parlamentarischen Leben, 
nach einem ebenso langen Wirken in der autonomen Verwaltung habe 
ich mich entschlossen, in den Lügennebel, in dem wir leben, hinein- 
zuleuchten, um dem Volke die Gemeingefährlichkeit des parlamentarischen 
Regimes, das in einem Abgrund der Entartung versunken ist, vor Augen 
zu führen und zugleich zu beweisen, daß die so sehr gepriesene auto- 
nome Verwaltung nichts ist, als eine Fiktion. 

Die Mitarbeit Joseph Schöffeis an der ,Fackel' 
fällt in die Jahre 1901 bis 1905. In diesem Jahr er- 
folgte die Herausgabe seiner Memoiren. Seit damals 
hat Schöffel — außer einer Abfertigung, die ein halbes 
Jahr später in der ,Packer erschien — nichts mehr 
geschrieben. Die in der , Fackel' veröffentlichten Bei- 
träge sind die folgenden: 

Brief über den Wiener Wald und die Neue Freie 
Presse (Nr. 81), Brief gegen die , Deutsche Zeitung* 
(Nr. 112), Der Parlamentarismus (Nr. 116 und 117), 
Die Autonomie (Nr. 120), Immunität und Inkompa- 
tibilität (Nr. 125), Orakelsprüche (Nr. 126), Offener 
Brief an Herrn Landtagsabgeordneten Pater Bauchin- 
ger (Nr. 170), Eine Schmutzerei (Nr. 179), Meine 
Tätigkeit im Landesausschuß (Nr. 180/81), Mödlings 
älteste Urkunde? (Nr. 183/84), Meine Antwort (Nr. 189). 

Der Aufsatz in Nr. 179, in dem er sich der 
pensionierten Offiziere annahm, bewog das Reichs- 
kriegsministerium zu einem Erlaß, durch den Schöffeis 
Forderung erfüllt wurde. (Siehe Nr. 182). Der andere 
Erlaß war annulliert. Schöffel hatte einfach gesagt: 

. . . und ich bin vollkommen überzeugt, daß Se. Majestät, unser 
alter ritterlicher Kaiser, die an seinen alten Offizieren versuchte 
Schmutzerei nicht dulden wird ! 

in so gerader Linie, die in der Schauspielkunst 
etwa Baumeister zeichnet, fuhr seine Spraehkraft 
jenen Geistlichen an, der ihn im Landtag insultiert 
hatte : 

Entweder hat also der Teufel, der von Ihrem Herzen Besitz ge- 
nommen hat, Ihnen derartige Schandmärchen zugeflüstert, oder Sie haben 



11 — 



Ihre Informationen von dem Gezücht eingeholt, das ich soeben be- 
schrieben. Es muß selbst Ihren Parteigenossen im Landtag vor Ihren 
Expektorationen gegraust haben .... 

Ich wollte Sie anfangs, in meiner Eigenschaft als Kurator des 
Waisenhauses, wegen der frivolen Beschimpfung der Anstalt und der 
mir anvertrauten Waisen gerichtlich belangen. Ich unterlasse es; denn 
Sie sind immun, daher wie jedes Kind, wie jeder Idiot für das, was 
Sie sprechen, nicht verantwortlich! 

Der Frost des Alters hat mein Temperament nicht abgekühlt, 
neinen Geist nicht getrübt, ich bin nicht immun und deshalb für das, 
«as ich schreibe und spreche, verantwortlich! 

Seinen Aufsatz: »Meine Tätigkeit im Landes- 
ausschußc schließt er mit den Worten: 

Ich hatte es satt, diesen Produktionen politischer Akrobaten auf 
dem Galgentrapez, welche ich dreißig Jahre lang mit ansehen mußte, 
länget zuzusehen. 

Mich ekelte I 

Ich nahm kein Mandat mehr an, legte alle Ehrenämter nieder 
und zof mich ins Privatleben zurück ! Ich lebe nun ruhig und zufrieden 
in der Hoffnung, daß eine neue Sündflut die zum Himmel stinkende 
Kloake d;r Korruption auf allen Gebieten der menschlichen Gesellschaft 
hinwegschwemmen wird, was nicht ausbleiben kann! 

Vcn dem Interesse, das er der , Fackel' bis in 
die letzte Zeit bewahrte, habe ich die liebenswür- 
digsten Beweise, und was ich aus der Welt der 
moralischen und kriminalistischen Infamie griff, be- 
schäftigte ihn so stark wie meine Preßkärapfe. In 
der Zeit, da er mit den Memoiren beschäftigt war, 
schickte er mir mit dem Offenen Brief in Nr. 170 
die folgenden Worte: 

Das, was Sie wünschen, kann ich Ihnen leider nicht senden. 
Ich arbeite oft Tage und Wochen lang, w^enn ich von übler Laune und 
Ekel über die henschenden Verhältnisse befallen werde, nichts. Ob 
und wann die Arbeit fertig wird, weiß Gott ! Vielleicht fliegt sie früher 
in den Ofen. Dafür hat mir der Zufall gleichzeitig mit Ihrem Schreiben 
ein stenographisches Protokoll der Landtagssitzung vom 3. November 
ins Haus geweht, in welcher sich P. Bauchinger über Armenpflege und 
über das Hyrtlsche Waisenbaus ausgelassen hat. Ich benütze nun die 
Gelegenheit, um Ihnen diese Epistel zu senden ... In der moralisch 
pestgeschwängerten Sumpfluft, in der wir leben, wirken Ihre Publikationen 
in der , Fackel' wahrhaft erfrischend. Sie erinnern mich lebhaft an Küm- 
l>erger ! Machen Sie sich einmal über die politischen Räuberbanden und 
ihre Häuptlinge her. Wenn jemand heute imstande ist, diese Filbustier 
zu geißeln, sind Sie es ! 



12 — 



Ein halbes Jahr vor seinem Tode schrieb seinem 
Werk Robert Scheu in der ,Fackel' den Nachruf, der 
mit den Worten schloß: 

Er steht in der Geschichte als Einer, der stark und baherzt 
war und sich in den Strudel gestürzt hat, wo er am wildesten brauste ; 
dessen Werke heute noch grünen, und der zurückgekommen ist als ein 
Unbefleckter. Wohl dem, der ihn nennen darf, ohne zu erröten! 

Weh den vielen, die ihn zu nennen wagen, 
weil sie nicht mehr erröten können ! 

»Wehe der Nachkommenschaft, die ihn ver- 
kennt Ic 

Karl Kraus. 




Die , Arbeiter-Zeitung' und die Taussig- Cliquen*) 

Wir sind keine Moralphilister. Wir finden wenig 
daran auszusetzen, wenn vor Weihnachten verschie- 
dene große Modewarenhäuser, Möbelhändler und 
Ratengeschäfte ganze oder halbe Seiten lange Inserate 
der , Arbeiter-Zeitung' zukommen lassen. Es braucht 
ja dadurch nicht gleich das Schweigen über die 
niedrige Besoldung des bei den inserierenden Handels- 



*) Der Abdruck dieses Artikels wird mir in der folgenden Zuschrift 
empfohlen : 

Die Rolle dessen, der den Massen mißtraut, hat die Sozial- 
demokratie dem Staat abgenommen. Wer findet heute die giftigsten 
Worte gegen die Arbeiter-Syndikate, die modernste Form der Arbeiter- 
bewegung, wie sie von Paris aus über kurz oder lang durch Europa 
ziehen wird? Die sozialdemokratische Presse. Es ist grotesk, zu be- 
obachten, wie etwa der Pariser Korrespondent der , Arbeiter-Zeitung' 
von einer Woche zur andern die syndikalistische Bewegung bald als 
einen integrierenden Bestandteil der Sozialdemokratie reklamiert, bald 
als die abgeschmackteste Farce kindsköpfiger Narren, die im Schlepptau 
der Bourgeoisie gehen, verhöhnt. Es ist bis ins kleinste Detail hinein 
der nämliche Jargon, der vor zwanzig Jahren gegen die Sozial- 



— 13 — 



häusern beschäftigten Personales erkauft worden zu 
sein. Nein, die Sache liegt da viel einfacher: Irgend 
ein Modewarenhaus will seine kompletten, >wunder- 
vollen« und >durchaus soliden< Saccoanzüge aus 
>echt englischem« Stoffe zum Preise von 22 Kronen 
loswerden. Ein Möbelhändler hingegen unausgetrock- 
nete Möbel und zwar besonders rasch die für die 
Arbeiterwohnungen so dringend notwendigen Salon- 
ausstattungen im altdeutschen oder im Rokkokostile; 
ein Teppichhändler hiezu passende Laufteppich- und 
Staubfängerreste, >5 m lang, zirka 55 cm breit, der 
ganze Rest zu 2.20 Kronen«. Ein Juwelenhändler 
wiederum beabsichtigt, für mehr als 250.000 Kronen 
Weihnachtsgeschenke an den Mann zu bringen, ein 
Strickmaschinenverkäufer seinen Plunder »zur Schaf- 
fung emer Lebensexistenz«, die Nahrungsmittelhänd- 
ler aber die gesunden Suppenwürfel, welche bloß 
6 Heller kosten und »jedwede Fleischnahrung über- 
flüssig machen.« 



demokratie von ihren Gegnern selbst angewendet wurde. Wni man 
heute ein wirkliches Arbeiterblatt lesen, dann darf man nicht die 
.Arbeiter-Zeitung' zur Hand nehmen, sondern nur eines der gewerk- 
schaftlichen Fachblätter, welche gegen die Politikerclique frondieren, wie 
etwa die , Verkehrs-Zeitung', das offizielle Organ des Reichsvereins 
der österreichischen Eisenbahner, dessen Artikel fallweise die Hinter- 
gründe der sozialdemokratischen Taktik enthüllen und wirkliche 
Einsichten in bisher nur geahnte Zusammenhänge eröffnen. Diese 
Artikel sind gewiß symptomatisch für die Stimmung großer Schichten 
des Proletariats. In eine journalistische Polemik mit diesen unbequemen 
Gruppen läßt sich dieSozialdemokratie grundsätzlich nicht ein. Sie kämpft viel 
lieber mit ihren Vordergrundsgegnem, die ihr lange nicht so wehe tun, 
wie der innere Feind, den sie viel echter haßt und gegebenenfalls viel 
grausamer niederschlägt, ganz so wie der Staat es macht, der mit 
seinen Diversionen nach außen gern vom innem Zerwürfnis ablenkt. 
Weil dies Schauspiel als ein Beitrag zur Psychologie der Parteien 
immerhin von einigem Interesse ist, möchte ich Ihnen den Artikel über 
den Fall Taussig aus der , Verkehrs-Zeitung' zur Reproduktion empfehlen. < 
Ich besorge sie mit einigen Strichen. Es wäre schade, wenn der 
Artikel für die bürgerlichen Kreise, welche die .Arbeiter-Zeitung' lesen, 
verloren gegangen wäre. Hier ist er ihnen näher gebracht. 

Anm. des Herausgebers. 



14 



An wen andern sollten sich alle diese Leute 
wenden, als an den Arbeiter? Und durch wen sollten 
sie in ähnlicher reklamehafter Sprache wie der hier 
angedeuteten zum Volke reden, wenn nicht in Böhmen 
durch den offiziellen Kreuzerfrosch , Prager Abend- 
blatt' und in Wien durch die Raubmörderpresse und 
die , Arbeiter-Zeitung*. 

Wenn nun die Bourgeoisfeuilletonisten der , Arbei- 
ter-Zeitung* weniger geistreich über alle sensationelle 
Eintagskunst befreundeter Künstler- und Literaten- 
cliquen schwefeln, dafür aber wie z. B. der Dresdner 
jKunstwart* und das Wiener ,Wissen für Alle* mehr 
Erziehungsarbeit leisten wollten, dann müßten sie 
den Arbeiter eindringlich und systematisch belehren, 
wie man sich das ärmliche Heim ohne Warenschund 
einigermaßen behaglich machen kann. Dann würde 
der Arbeiter bald erkennen, wie schlecht und gegen 
gute Ware vergleichsweise sogar teuer all das in den 
Annoncen der , Arbeiter-Zeitung* angepriesene Zeug 
ist. Dann wäre auch an der Inseratenwirtschaft der 
, Arbeiter-Zeitung* nichts auszusetzen. 

Denn die Geleimten wären eben die Leute, 
welche jene teuren Insrate zahlen und so — in der 
Hoffnung, arme Teufel dranzukriegen — ein Arbeiter- 
blatt unterstützen. 

Wir sind keine Moralphilister. Wir regen uns 
über die gewöhnlichen Annoncen der , Arbeiter-Zei- 
tung* nicht auf. Der größte Teil der Arbeiterschaft 
hat — beinahe hätten wir »gottseidankc gesagt — 
kein Geld, um auf jedes Schwindelinserat hineinzu- 
fliegen, und sehr viele Proletarier haben sich vom 
Katechismus der unfehlbaren sozialdemokratischen 
Kirche schon insoweit emanzipiert, daß sie wenig- 
stens den stets genau 3 Spalten langen und genau 
150 Zeilen (ä 15 Silben) Gesinnung umfassenden Leit- 
artikel auf der ersten Seiten der , Neuen Freien Presse 
für die Arbeiter* nicht glauben und außerdem nicht 
deren Anoncenteil. Die paar armen Tröpfe, die noch 



— 15 — 



übrig bleiben und die auf ein Schwindelinserat 
ebenso ieiciit hineinfallen wie auf einen Schwindel- 
leitartikel mag ein geschäftstüchtiger Herausgeber 
immerhin opfern, wenn er glaubt, den Ertrag der 
Inserate für den Betrieb und die Ausgestaltung einer 
sonst anständigen Zeitung unbedingt zu benötigen. 

In der letzten Zeit erschienen jedoch in der 
, Arbeiter-Zeitung* wiederholt Inserate, gegen welche 
wir scharf protestieren müssen. 

Stirbt einer der großen Männer Österreichs, 
einer von den Leuten, die deshalb groß sind, weil 
sie sehr viel Geld und Einfluß besitzen, so äußert 
sich der Schmerz jener Streber, welche dem Familien- 
kreise des Toten fernstehen und denen gewöhnlich 
durch den Abgang des Toten eine Karriere frei wird, 
in sehr marktschreierischer Weise. Die Annoncen- 
teile aller bürgerlichen Blätter füllen sich plötzlich 
mit Todesanzeigen, deren Wortinhalt ganz gut um 
80 Heller im Kleinen Anzeiger eingeschaltet werden 
könnte, deren Buchstaben aber so groß sind wie die 
Freude lachender Erben. Über ganze Seiten breiten 
sich so kurze Notizen aus und je korrupter die be- 
treffende Zeitung ist, desto mehr Seiten werden auf 
diese höchst einfältige und einer wahren Pietät 
geradezu hohnsprechende Art seitens der verschie- 
denen Verwaltungsrats- und Speichelleckercliquen 
durch ein und dieselbe Todesnachricht gefüllt. 
Niemand wird solche Anzeigen in einem Blatte 
finden, das auf seine Unabhängigkeit hält. Sagen 
wir zum Beispiel in der Wiener ,Fackel*, welche in 
den Kreisen gebildeter Bourgeois nicht bloß gelesen, 
sondern auch aufbewahrt wird und so den Ruhm 
eines Taussig, eines Preiherrn von Ringhoffer oder 
irgend eines anderen Geldraannes doch länger 
in Erinnerung bringen könnte als ein Arbeiter- 
blatt 1 Man bedenke ferner : Eine Reklaraeannonce 
muß in die Augen fallen und groß gedruckt sein. 
Wenn einer immer und immer wieder auf ganzen 



16 



Seiten liest »Eleganter Anzug bloß 22 Kronen<, dann 
geht er eines Tages doch hin und kauft sich den 
kompletten Plunder. Eine große Reklameannonce hat 
daher Zw^eck; ein großes Trauerinserat jedoch ist 
taktlos. Durch eine klein gedruckte Anzeige können 
solche Leute, die schon ihre Trauer öffentlich und in 
Zeitungen zeigen wollen, beweisen, daß sie des Toten 
gedenken. Ein großes Trauerinserat ist auch nicht 
majestätisch und stimmungsvoll wie etwa ein großer 
Leichenkondukt. Ein großraächtiges Trauerinserat 
zeigt nichts anderes an, als die großmächtige Ab- 
hängigkeit der Presse von den großen Cliquen. 

In letzter Zeit nimmt die , Arbeiter-Zeitung* 
fleißig solche großmächtige Traueranzeigen an und 
der Text im redaktionellen Teil wird dann zufällig 
auch sehr traurig. Wer von den alten »kampferprobten« 
Genossen aus den schönen Zeiten des Reichenberger 
Prozesses hätte das geahnt? Vor ungefähr einem 
halben Jahre gab das Ableben des Preiherrn von 
Ringhoffer Anlaß, daß die , Arbeiter- Zeitung' um 
einige Annoncenseiten verstärkt wurde, und bald 
darauf werden sich die Eisenbahner gewundert haben^ 
auf zwei und einer halben Seite des Annoncenteiles 
und in beinahe ein und einer halben Spalte des 
redaktionellen Teiles das Lob jenes Mannes zu lesen, 
dessen großzügiges Wirtschafts- und Sparsystem 
einige Wochen später durch das Faktum »Uhersko« 
illustriert wurde und dessen Wirken man anläßlich 
seines Ablebens am wohlwollendsten dadurch kritisiert 
hätte, daß man darüber geschwiegen hätte. Wir 
hätten dies auch getan, wenn nicht ein Blatt der 
Arbeiter den Herrn v. Taussig als den genialen Kauf- 
mann hingestellt hätte, dessen Verhalten gegen seine 
Untergebenen keinen anderen Tadel verdient als den 
durch den einschränkenden Satz: »Als eigentlicher 
Unternehmer im Verhältnisse zur Arbeiterschaft hat 
Taussig immer nur das gerade Notwendige, nicht 
mehr Aufzuschiebende geleistet; das Dasein der 



17 — 



Arbeiter war ihm ein Element der Bilanz, mehr nie<. 
Herr v, Taussig verdient nicht ein ziemlich unein- 
geschränktes Lob und einen Tadel, der in unseren 
rohen Zeiten jedem Kaufmaune als Lob gilt. Herr 
V. Taussig hat zum Schaden des Ansehens und der 
Finanzen der österreichischen Bahnen selbst das nicht 
mehr Aufschiebbare nicht tun wollen. Das war sogar 
vom kaufmännischen Standpunkt aus unklug. Am 
toten und lebenden > Material« hat er so lange ge- 
spart, bis die Vorbedingungen zu einer stattlichen 
Anzahl von >Uher8ko-Fällen< gegeben waren. Aus- 
schließlich seinem fabelhaften Glücke verdankte es 
Herr v. Taussig, daß sich nur ein »UherskofalU er- 
eignete und auch dieser zufällig einige Monate nach 
der Verstaatlichung der von ihm verwalteten Eisen- 
bahnen. Der Fall >Uhersko< ist auch die Ursache, 
weshalb wir, scheinbar etwas spät, vielleicht aber — 
durch Aufdeckung des Zusammenhanges von Miß- 
wirtschaft und deren Resultat — gerade im richtigen 
Augenblicke auf die Verdienste des Herrn v. Taussig 
zurückkommen. 

Dieser allmächtige Geldmann war einer der Ver- 
waltungskünstler, welche bei den österreichischen 
Eisenbahnen jenes Verwaltungssystem inauguriert 
haben, das die , Frankfurter Zeitung* — gewiß kein 
revolutionäres Blatt — so treffend in einem Berichte 
über das Unglück von Uhersko schildert: 

Das entsetzliche Eisenbahnunglück auf der 
Strecke Wien — Brunn — Prag, weitaus die größte 
Katastrophe dieser Art in Österreich seit einem 
Menschenalter, darf keineswegs nur mit einer 
Verkettung unglücklicher Zufälle entschuldigt 
werden. Seine eigentliche Ursache beruht auf 
Mängeln, die für den größten Teil des öster- 
reichischen Eisenbahnverkehrs typisch geworden 
sind: Mangel an Personal, ungenügende Geleisean- 
lagen in den Bahnhöfen, schlechtes Wagenmaterial 
in den Schnellzügen und ungewöhnlich große Zugs- 



— 18 — 



Verspätungen sind in den letzten Jahren auf den 
österreichischen Bahnen so allgemein üblich geworden, 
daß es nur einer Verkettung von glücklichen Zu- 
fällen zu verdanken ist, wenn man ähnliche Ka- 
tastrophen nicht schon früher erlebt hat . . . Vielleicht 
wäre das Unglück verhütet worden, wenn der 
Stationsbeamte nicht vergessen hätte, das Distanz- 
signal auf »Halt« zu stellen, vielleicht, denn das 
Überfahren des Distanzsignales gehört leider nicht zu 
den Seltenheiten. Das Hauptmoment der Gefahr liegt in 
der Benützung der Hauptgeleise zu Verschubzwecken. 
Wie es scheint, war der verunglückte Schnellzug in der 
landesüblichen Weise kunterbunt aus allen möglichen 
Wagentypen zusammengestoppelt, so daß die schweren 
Vierachser die zwei- und dreiachsigen Wagen förmlich 
zermalmten. Es gibt in Österreich nicht einen ein- 
zigen Schnellzug, der aus einheitlichen oder mindestens 
gleichartigen Wagenfypen zusammengesetzt wäre, ja, 
es kommt oft genug vor, daß Wagen im Gewichte 
von 13 bis 15 Tonnen zwischen den modernen 
Kolossen, die bis zu 40 Tonnen und mehr wiegen, 
laufen. Diesen Menscheufallen sollte die Aufsichts- 
behörde ihre besondere Aufmerksamkeit schenken, 
nicht nur, weil bei Zusammenstößen die Insassen 
der leichten Wagen stets die Zeche zahlen müssen, 
sondern weil die Entgleisungsgefahr der gemischten 
Garnituren viel größer ist als in einheitlichen Zügen. — 
Das Hauptverdienst des Herrn v. Taussig be- 
stand also im Sparen bis zur Uhersko-Möglichkeit. 
Sein zweites Verdienst bestand in dem wirklich 
genialen Trick, alle Männer von Einfluß, die ge- 
schäftlich mit seinen Gesellschaften zu tun hatten, 
in Abhängigkeit von Aktiengesellschaften zu 
bringen. Die Anstellung früherer Referenten 
in Ministerien bei den von diesen Ministerien 
kontrollierten Banken, Privatbahnen und Aktien- 
gesellschaften wurde normal. Jeder ehrgeizige 
Ministerialsekretär sah bei der Behandlung der ihm 



— 19 — 



zugewiesenen Akten die hohen Konnexionen und in 
hinterster Ferne die Verwaltungsratsstelle schweben. 
Die Versurapftheit wurde so in die österreichischen 
Ministerien hineingetragen; die Versumpftheit, die 
später durch die Korruption des Volkshauses geradezu 
zur Versumpfung der österreichischen Völker führen 
sollte. Keiner von denen, die in österreichischen 
Ministerien streben, denkt daran, sich in seine 
Agenden zu vertiefen und als versierter Fachmann 
ohne fremde Hilfe auf einen leijtenden Posten zu 
kommen. Das Arbeiten besteht nur im Liebäugeln 
mit dankbaren Parteiführern und Abgeordneten, 
welche auf die Besetzung der hohen Stellen im 
Staate Einfluß nehmen, und in der liebenswürdigen 
Kulanz gegen die großen Geldmänner, welche die 
entthronten und pensionierten Staatsgewaltigen ver- 
sorgen können. Vor der drohenden Verstaatlichung 
der k. k. priv. Kaiser Ferdinands -Nordbahn 
im Jahre 1885 war der spätere Hofrat Jeitteles 
Referent über diese Verstaatlichungsangelegenheit 
und dabei ein großer Scharfmacher. Selbstverständlich 
wurde dieser Herr Generaldirektor dieser Privat bahn; 
selbstverständlich wurde diese Bahn, deren Konzession 
erst im Jahre 1886 abgelaufen war, erst zwei Jahr- 
zehnte später und auch dann noch unvorteilhaft für 
das Reich verstaatlicht. Andere Staatsmänner ver- 
sorgten die Südbahn, die StEG., die Nordwestbahn, 
die österreichischen Schiffahrtsgesellschaften, die 
Bankhäuser, und selbst jüngere Beamte in den 
Ministerien wurden zur Leitung von Privatbahnen 
berufen. Die Politiker und die großen Geldraänner hin- 
gegen protegierten wieder ihre Anverwandten, Günst- 
linge und Werkzeuge in die Ministerien hinein 

Daß auf diese Weise der Staatsbahnbetrieb allmählich 
krepieren muß, liegt klar zutage. Eine österreichische 
Privatbahn ist schließlich nur von einer Verwaltungs- 
ratsclique abhängig, noch dazu von einer, die wenigstens 
an den Einnahmen interessiert ist; das Eisenbahn- 



— 20 — 

ministerium ist aber von allen an der Übervorteilung 
des Staates interessierten Geldmännercliquen ab- 
hängig und außerdem noch von den noch hungrigeren 
politischen Führern. 

Einmal nur wehte in der österreichischen Eisen- 
bahnverwaltung eine reinere Luft. Das war im 
Jahre 1907, als die Priyatbahnbediensteten selbst zu 
regieren anfingen, die Öffentlichkeit auf die Sünden 
der Taussigclique aufmerksam machten und dadurch 
auch einigen ehrlichen Herren der Generalinspektion 
Mut einflößten, gegen die mächtigsten Nebenregenten 
in Österreich mutig zu sein. Freilich hätten diese 
Herren noch mutiger sein sollen und — unbekümmert 
um die Kundgebungen einiger Handelskammern und 
der Vertretung eines einzigen nordböhraischen Bezirkes 
— die Courage zum Äußersten finden sollen. Dann 
hätten sie vielleicht jetzt dem Staate ein Uhersko 
und Millionen erspart 

Das große Lob der , Arbeiter-Zeitung' verdient 
Herr von Taussig wirklich nicht und den schönen 
Tadel, daß er die Gefühle seiner Untergebenen quasi 
richtig bei der Bilanz berücksichtigte, erst recht 
nicht. Das von ihm schlecht in den Kalkül gezogene 
Verhalten der Angestellten der StEG. und der Nordwest- 
bahn hat ihm einen dicken Strich durch seine Bilanzen 
gemacht und das Vertrauen in Taussigs Klugheit 
zum ersten Male erschüttert. Richtig taxierte Herr von 
Taussig nur das Verhalten der sozialdemokratischen 
Gewerkscliaftsführer ; diese hätten beinahe die passive 
Resistenz des Jahres 1907 unmöglich gemacht, wenn 
nicht das durch das provozierende Hinausschieben 
der Verwaltungsratssitzungen gereizte- Personal der 
genannten zwei Bahnen alle Bilanzberechnungen 
des Herrn v. Taussig und der sozialdemokratischen 
Gewerkschaftsführer ad absurdum geführt hätte. 

Die .Arbeiter-Zeitung* sieht nur Größe an Herrn 
Taussig. Begeistert schildert sie: »Von Jugend an und 
ununterbrochen setzt sich der Aufstieg Taussigs forte. 



— 21 — 

So schwärmerisch schreiben ehrliche Ästheten nur von 
Goethe; Schiller ist ihnen bereits eines so uneinge- 
schränkten Lobes nicht würdig. Doch die verzückte 
Poesie sinkt in die Daten zurück: tMit vierund- 
«wanzig Jahren war er Bankdirektor und daß er das 
Zeug zu diesem Geschäft hatte, beweist die Tatsache, 
daß er ein Jahr später berufen wurde, um in die 
Verhältnisse der am Rande des Abgrundes befind- 
lichen Bodenkreditanstalt Ordnung zu bringen«. Wir 
zweifeln nicht daran, daß Herr v. Taussig das Zeug 
hatte, sich in der schwülen Luft des kaufmännischen 
Geistes nach dem Jahre 1873 wohl zu fühlen. Das 
aber glauben wir doch nicht, daß rein nur der Kopf 
einen talentierten und selbst talentiertesten Jüngling 
in Österreich so schnell vorwärts bringen kann, daß 
er mit 18 Jahren bereits ein hoher Beamter und mit 
24 Jahren Direktor eines Bankhauses ist. Da müssen 
schon andere Faktoren im Spiele gewesen sein. 
Später freilich zeigte sich Herr v. Taussig seines 
Geschäftes würdig. Bei allen Eisenbahnverstaat- 
lichungen der Jahre nach 1873 hatte er seine Hand 
im Spiele und bekanntlich waren diese Verstaat- 
lichungsaktionen für den Staat so günstig, daß sie 
ganz ebenbürtig der großen > Entstaatlichungsaktion« 
im Jahre 1854 waren, welche den Anfang des groß- 
artigen Defizites der Staatsbahnen bedeutet. Herr 
V. Taussig sanierte auch die Bodenkreditanstalt und 
anläßlich der vor einigen Monaten erfolgten Fest- 
nagelung des beabsichtigten Krestranekschwindels im 
Parlament kam man darauf, daß der Staat leider 
wiederholt Verwässerungen des Aktienkapitales, 
welche eine Steuerersparnis bezweckten, bewilligt 
hat und zwar auch der Bodenkreditanstalt. Das ist 
des Rätsels Lösung. Die Finanzgenies Österreichs 
unterscheiden sich von denen anderer Länder da- 
durch, daß sie nicht neue Industrien, neue Bahnen 
aus dem Boden stampfen, sondern daß sie Finanz- 
operationen durchzuführen verstehen, dank welchen 



— 22 



mit einigen Federstrichen Betriebs- und Investitions- 
kapital durcheinander geworfen und dadurch nach 
freiem Belieben die Dividende doppelt so hoch oder 
dreimal so niedrig gemacht werden kann, wobei 
natürlich im letzteren Falle Vorsorge getroffen wird, 
daß in die Taschen der begünstigten Aktionäre nicht 
weniger Geld fließt 

Auf die wahren und wirklichen Wertver- 
mehrungen verstand sich Herr v. Taussig ebenso- 
wenig, wie zum Beispiel Herr Kestranek, der die 
Dividende der Böhmischen Montangesellschaft zwei- 
mal besteuern ließ, in der HofiFnung, dann, wenn er 
einige Jahre statt 20 Perzent — 36 Perzent Divi- 
dendensteuer gezahlt hätte, durch falsche Fatierung 
des in der Böhmischen Montangesellschaft investierten 
Kapitales die Übertragungsgebühren zu sparen. Jener, 
der da täuschen wollte, fiel derart gründlich hinein, 
daß man ihn wohl über kurz oder lang in die Pension 
schicken wird. Auch Herr Taussig fiel sehr oft so 
hinein und glücklich huschte er an mancher selbst- 
bereiteten Schwierigkeit nur infolge der Schläfrigkeit 
der Aufsichtsorgane vorüber. 

Unter dem Herrn v. Taussig verluderte die StEG. 
und nicht nur diese, nein, auch dieDonau-Dampfschifif- 
fahrts-Gesellschaft kam aus einer Mißwirtschaft in die 
andere, so daß sie jetzt, wie die Neue Freie Presse 
sonderbarerweise rühmend hervorhebt, in der ange- 
nehmen Lage ist, viel weniger Kapital in den Schiffen 
investiert zu haben als ehedem und auch viel weniger 
Kohle als ehedem zu verbrauchen. Der Schiffahrts- 
verkehr auf der Donau sieht aber auch danach aus. 

Die Kunststücke des Herrn v. Taussig muß 
selbst die , Arbeiter-Zeitung' kennzeichnen. >Dabei 
war Taussig ein Mensch ganz im amerikanischen 
Stil, also von Skrupeln nie geplagt. Wie weit er 
sich da wagte, zeigen die famosen Verstaatlichungs- 
anträge unter Wurmbrand und Guttenberg; auch 
daß er einmal bei einem besonders zweideutigen 



— 23 — 



Geschäft der Steyrer Waffenfabrik öfifentlich verwarnt 
werden mußte; und nicht wenige Börsenleute werden 
das Opfer seiner mannigfachen Kurslreibereien ge- 
worden sein.« 

Wir mußten uns mit dem Nachrühme des Herrn 
V. Taussig beschäftigen, um wenigstens einige Leser 
der , Arbeiter-Zeitung' davor zu warnen, die Sätze 
ihres Blattes allzugläubig im Busen zu bewahren: 
>Taussig war unzweifelhaft ein Mensch von Kraft 
und Energie, Intelligenz und Schlauheit, eine 
Persönlichkeit von Wuchs und Eigenart«. . . Wurde 
Karl Marx je so temperamentvoll in der »Arbeiter- 
Zeitung* gelobt? Soll man da nicht lieber dem Marx 
abschwören und den verschiedenen Taussigs und 
Kestraneks nachfolgen? Den Männern, deren »starke 
Hand« noch in den in Arbeiterblättern erschienenen 
Traueranzeigen fett gedruckt von der Verwaltungs- 
ratsclique der »österreichischen Bodenkredit-Anslalt« 
gelobt wird. 

Ihr fragt Arbeiter: »Soll man der starken Hand 
des Kapitals folgen?« Währenddessen hat die sozial- 
demokratische Parteileitung eure Frage schon mit 
»Jal« beantwortet. Nordböhraen wird vom Kompromiß 
der Sozialdemokraten mit den Verwaltungsratsliberalen 
beherrscht. »Weil die Kohlenbarone und Kestranek- 
leute als Industrielle naturgemäß volksfreundlicher 
sind als die reaktionären deutschnationalen Volks- 
schullehrer und Bauernknechte.« So begründet man 
sehr schlau. . . Die Hauptsorge des Dr. Adler ist, ob 
der Staat mit seinen Bestellungen die Maschinen- 
industrie auch genug beschäftige. Zuletzt wird er 
für diesen Zweck vielleicht noch den Bau einiger 
Dreadnousrhts verlangen. Denn diese reißen wenigstens 
ins Geld. Ob sich die stets nur an der Börse und nie 
im Konstruktionsbureau spekulierende faule öster- 
reichische Maschinen- und Bisenindustrie durch billige 
Offert-, beziehungsweise Eisenpreise auch genug 
beschäftigen will, das fragt er nicht. Nicht durch 



24 - 



Streiks und Gewerkschaftstätigkeit will er für den 
Metallarbeiter höhere Löhne erzielen, sondern einzig 
und allein durch Bittgänge für die Industriellen. Uns 
hingegen will es scheinen, als ob die Höhe der Löhne 
-davon abhängen würde, ob die betreffenden Arbeiter 
in einer verläßlichen sozialdemokratischen Gewerk- 
schaft kuschen oder endlich selbständig handeln 
gelernt haben. Sehr sonderbar erscheint es uns z. B., 
daß die Lohnaufbesserungen der zumeist sozial- 
demokratisch organisierten Bergarbeiter, dieser soge- 
nannten Kerntruppen der >Roten«, weit hinter der 
Preissteigerung der Kohle zurückblieben, trotzdem 
-die Geschäfte der Kohlenbarone — selbst mit Berück- 
sichtigung einiger Schwankungen — im Zeitraum 
von 1897 bis 1907 eine in Österreich ungeahnte 
Blüte erreicht haben. 

Die Logik der Sozialdemokratie wird immer 
famoser, immer befremdender für gewöhnliche 
Arbeiter. Die Logik der Sozialdemokratie wird immer 
mehr und mehr die Logik der Verwaltungsrats- 
liberalen und der Geldmännercliquen. 

Die Logik eines gesunden, eines nicht aus 
revolutionärer Phrase und aus Utopien ins Spieß- 
bürgertum sinkenden Sozialismus wird jedoch nicht 
ad absurdum geführt werden. Sie setzt sich in den 
breiten Massen durch, neue Ideen klären sich in 
Hirnen, die noch kurz vordem von den dümmsten 
Schlagworten bürgerlicher und sozialdemokratischer 
Politik befangen waren. Selbst die »roten Kern- 
truppenc sind mit der Haltung der , Arbeiter-Zeitung* 
unzufrieden. Sie ist ihnen — wie dies Äußerungen 
am letzten Parteitage bewiesen — ziemlichzuw ider, 
von den nicht objektiven Parlamentsberichten ange- 
fangen bis zu den kurzen pikant-lüsternen Feuilletons 
mit den stets wiederkehrenden dummen Anspielungen 
auf einen marxistisch gesinnten Herrgott im Himmel 
und auf die für die Hölle bestimmten Kapitalisten 
■und Pfaffen. Die Arbeiter fühlen heraus, daß die 



— 25 — 

, Arbeiter-Zeitung* einfach eine bourgeois-liberale- 
Zeitung geworden ist, ein Blatt, das die Schwächen 
des Klerikalismus mit urdummen Phrasen bekämpft 
und gegen Individualismus, Kapitalismus und alle 
wirklich antisozialistischen Ideen mit der kon- 
fusen Logik eines alten, von den Barrikaden beinv 
Anblicke des ersten Bajonetts hinweggelaufenen, 
liberalen Achtundvierzigers ankämpft. Die , Arbeiter- 
Zeitung' bietet keine Schund- und Raubmörderblatt- 
Lektüre. Dies geben wir gerne zu ; sie ist aber 
längst eine ,Neue Freie Presse für die Arbeiter* 
geworden, vornehm beschwichtigend, alle radikalen 
Äußerungen ins Gegenteil verkehrend und vor 
allem konservativ-reaktionär trotz des Freisinn-Ge- 
schwefels. Das fühlen die Arbeiter endlich heraus. 
Ihr Blatt scheint ihnen über viel zu viele Sachen 
infam zu schweigen. Es schreibt ihnen zu wenig 
gegen das Parlament. Nicht gegen die Christlich- 
sozialen, die Deutschradikulen und die übrigen Kon- 
kurrenten der gewählten Genossen allein soll es sich 
wenden, sondern gegen das Parlament überhaupt. 
Das Blatt ist den Arbeitern auch zu antigewerk- 
Bchaftlich. Ober den Tischlerstreik bringt es nichts 
Genaues, über die Eisenbahnerbewegung außer Feind- 
seligkeiten gegen die Macher der passiven Resistenz 
gar nichts, über die Syndikatsbewegung in Frank- 
reich nur Verleumdungen. 

Das alles gefällt selbst den Folgsamsten unter 
den Sozialdemokraten nicht mehr. Mögen diese stutzig 
gewordenen Leute auf die Stimme im Innern hören 
lernen. Wir wollen hoffen, daß diese Leute wieder 
Sozialisten werden, wirklich freie Gewerkschaftler, 
welche — so wie sie es in den Achtziger Jahren 
getan haben — bei den Worten >parlamentarische 
Intervention«, >einflußreiche Tagespressec und 
>große politische Partei« einfach ausspucken. 




— 26 — 

Baron Prangart nnd der Bajazzo *) 
Von Karl Borromaeus Heinrich 

Die Schüler, ungefähr dreißig an der Zahl, erhoben sich 
beim Eintritt ihres Lehrers, teils nachlässig, teils aufmerksam, wie 
es eben in eines Jeden Art lag. Da entfuhr einem Schüler, der 
allein in der letzten Bank saß, ein hörbares >Ah!« des Erstaunens. 
Und jetzt richteten auch die weniger Aufmerksamen ihre Blicke 
nach den Eingetretenen. 

Diese waren bereits am Katheder angelangt. Der griechische 
Lehrer, ein alter Mann, bildete in seiner müden Haltung einen 
merkwürdigen Gegensatz zu Baron Frangart. Dieser stand gleich- 
mütig neben ihm, in der reizvollen Zierlichkeit seiner etwas 
kleinen, eleganten Gestalt; seine Gesichtszüge waren während der 
letzten Jahre herber, schärfer und daher noch stolzer geworden. 
Die satte Bronze der weichen Haut seiner Wangen hatte sich in 
Chamfort nicht mehr verloren und bezeugte seine südliche Heimat. 
Die langen, langen Wimpern beschatteten, wie ehedem, seine 
dunklen Augen, die Strenge ihres Blickes mildernd. Nur die 
Haare waren nicht mehr gelockt; im linksseitigen Scheitel aus- 
einandergekämmt, gaben sie eine edle Stirne bloß. Die geschwun- 
genen Linien des Mundes erschienen bestimmter und auch sie 
erhöhten den Stolz seiner scheuen, verschlossenen Jugend. Natürlich 
war er glatt rasiert, sorgsam, ohne auch nur eine Spur der Haare 
zurückzulassen. — So stand er gleichmütig da und sah zuerst 
zerstreut über seine künftigen Mitschüler hinweg; sein Blick 
haftete dann verloren auf dem letzten Fenster, vor dem sich hohe 
Bäume mit kahlen Ästen erhoben, vom Novembernebel bedeckt. 

Wo blieb die strahlende Sonne, die zu diesem seltsamen 
Fremdling gehörte? wo die durchsichtige Luft, die seinem jungen 
Körper lebendige Plastik verlieh! — Einsam und fremd stand 
er da. — 

»Entzückender Junge!« sagte halblaut der Schüler auf 
der letzten Bank. Frangart schien es nicht zu hören; eben begann 
der griechische Lehrer: >Hier stelle ich Ihnen Fritz Freiherrn von 
Frangart vor, der neu in Ihre Klasse eingetreten ist . .< Der 



*) Bruchstücke aus einem Roman >Menschen von Goites 
Gnaden«, den der Münchener Autor soeben vollendet hat. 



27 — 



Vorgestellte verneigte sich. »Nur keine langen Reden von vegen 
Freiherm!« kam es halblaut aus der hintersten Bank. Der Lehrer 
verzog über dem Gemurmel ärgerlich seine Miene. Die Schüler 
kicherten leise. »Wollen Sie sich setzen, Baron FrangartI« sagte 
der Lehrer. Der einzige noch freie Platz war in der letzten Bank 
neben dem Schüler, der sich die Zwischenrufe geleistet hatte. Dem 
Lehrer fiel in aller Eile ein, daß er diesen strafen könne: »Sie 
kommen neben Ludwig Schlagintweit, nicht gerade unseren 
schlechtesten, aber sicher unsern frechsten Schüler«, bemerkte er 
zu Frangart. Schlagintweit, den sie in der Klasse Bajazzo nannten, 
versteckte sein gutmütiges Gesicht mit den herzlichen, spott- 
lustigen Augen hinter dem Rücken seines Vormannes. »Das 
stimmt, Gott sei Dank!« flüsterte er. Die Schüler verbissen das 
Lachen. 

Baron Frangart nahm gleichmütig seinen Platz ein, nachdem 
er sich ein wenig vor Ludwig Schlagintweit verneigt hatte. Dieser 
sah ihm unbekümmert ins Gesicht: »Grüß Gott, guten Tag, 
habe die Ehre, Herr Baron Frangobald!< flüsterte er, während 
vorn ein Schüler aufgerufen worden war und »Piatons Apologie 
des Sokrates« zu übersetzen sich bemühte. »Frangart«, korrigierte 
Fritz ruhig seinen Nachbarn, indem er die übrige Anrede ignorierte. 
Dieser rückte, da Frangart kein Buch mitgebracht hatte, das seine 
in die Mitte der Bank. Vorn rief eben ein grober Übersetzungs- 
fehler einen zornigen Ausbruch des Lehrers hervor. Schlagintweit 
benützte den entstandenen Lärm, um seinen Nachbarn zu fragen : 
»Kennen Sie die .Phraseologie des Sokrates' schon?« Frangart 
nickte bejahend. »Können Sie überhaupt was im Griechischen?« 
forschte er weiter. Frangart zuckte die Achseln. »Dürfen schon 
reden, seien S' ganz unbesorgt! Er hört schlecht!«, flüsterte 
Schlagintweit, der das frostige Benehmen Frangarts entweder 
nicht bemerkte, oder nicht bemerken wollte. Aber in diesem 
Augenblick sah der Professor doch warnend zu ihm her. Er 
erwiderte seinen Blick treuherzig. Dann aber bückte er sich 
wieder und murmelte zwischen den Zähnen : »Herr Professor, trauen 
S' Ihnen nicht, traun S' Ihnen nicht . . . sonst blamiere ich Sie 
wieder einmal, wann mir griechische Konjekturen machen !« Die in 
der Nähe Sitzenden grinsten, auch Baron Frangart mußte lächeln; 
der Lehrer rief gerade einen anderen Schüler auf. »Wissen S' was, 

296-207 



— 28 — 



Herr Baron,« setzte Schlagintweit die einseitige Unterhaltung fort, 
>alles können S' von mir abschreiben, nur in der Mathematik kann 
ich selber rein gar nichts. , Schlagintweit, wieder Note vier, un- 
genügend, können nichts, werden nie etwas lernen in der Mathe- 
matik!'* ahmte er den Mathematik- Lehrer nach. Der Vordermann 
wandte unvorsichtig den Kopf, um Schlagintweit seinen Beifall für 
die gelungene Imitation auszudrücken. In den hinteren Bänken 
entstand langsam eine allgemeine Unruhe. Schlagintweit rief dem 
Vordermann flüsternd zu: »Liebe dicke Mittelmäßigkeit, schau 
gefälligst nicht so, ich red' nicht mit Dir ... so, schön ruhig 

sitzen mit Deinem breiten Rücken! < (Fast alle Spitznamen 

in der Klasse, auch die zurechtgewiesene > liebe dicke Mittel- 
mäßigkeit* waren von Schlagintweit erfunden und verbreitet wor- 
den.) Baron Frangart sah seinen lebhaften Nachbarn mit ruhiger 
Aufmerksamkeit von der Seite an. Dieser fühlte es, blickte ihm 
offen ins Gesicht, und errötete in leichter Verlegenheit. Einige 
Minuten schwieg er. Aber dann hatte er es wieder vergessen, oder 
er wollte doch noch einen Versuch machen, Baron Frangart aus 
seiner Ruhe zu bringen. >0h mei', Drapologie des Sokrates!« be- 
gann er haiblaut. Baron Frangart lächelte. >Können Sie auch 
stenographieren?« schrieb Schlagintweit jetzt an den Rand des 
Buches, da ihm der Lehrer eben den zweiten warnenden Blick 
zugeworfen hatte. >Nein,< nickte sein Nachbar; vorn ging die 
Übersetzung weiter. »Ja, Herrschaft, ja, Sie armer Mensch, das 
müssen S' lernen! . . . .« knurrte Schlagintweit zwischen den 
Zähnen, und machte ein aufrichtig betrübtes Gesicht. Da geschah 
etwas Merkwürdiges: Baron Frangart, der die vertraulichen Worte 
seines Nachbarn mit einer Mischung von Indignation, Kopfschütteln 
und Belustigung schweigend angehört hatte, sah diesen witder von 
der Seite an und bemerkte die komische Betrübtheit seines Aus- 
druckes. Da verlor er seine Fassung, und fing ohne Überlegung 
zu lachen an. Schlagintweit und die Mitschüler erschraken 
zuerst. Aber Frangarts Lachen (er hatte es nie geübt und 
also, wie es ihm angeboren war, erhalten) klang so vollkommen 
heiter in den still gewordenen Schulraum hinein, daß alle ange- 
steckt wurden, auch der erschrockene Schlagintweit und schließlich 
der entrüstete Lehrer, und in schallendes Gelächter ausbrachen. 
Frangart hörte zuerst auf; das allgemeine Echo gab ihm 



— 29 — 

seine Fassung wieder, und Schamröte, gleich, als ob Lachen für 
ihn unrecht wäre, überzog sein Gesicht; überdies fiel ihm jetzt 
ein, daß er Schlagintweit mit diesen Lachen verraten hatte. 

»Entschuldigen Sie gütigst!« sagte er zu ihm. — »Ach 
Unsinn, was entschuldigen, das tut mir nichts.« 

Der Vorfall endigte damit, daß Schlagintweit eine Strafauf- 
gabe zudiktiert wurde, nämlich einige Seiten aus der Apologie des 
Sokrates schriftlich zu üt}ersetzen. 

Dies also war der Anfang der großen Freundschaft, die 
Ludwig Schlagintweit für Baron Frangart in der Folge empfand, 
und auch der Anfang der ruhigen, aber immerhin unleugbaren 
Sympathie, die dieser wenigstens für Schlagintweit bezeugte. 

• 

Um es vorneweg zu sagen: wenn alle Gefälligkeiten, die 
Ludwig Schlagintweit, Sohn eines pensionierten Briefträgers, Fritz 
Freiherrn von Frangart unaufgefordert erwies; wenn alle rührenden 
Züge freundschaftlicher Besoretheit, die an diesem herzlichen jungen 
Menschen während der Zeit ihres Beisammenseins hervortraten; 
wenn alle Grade der Gefühle, zu denen sich seine Zuneigung 
verstieg; wenn einem das alles auf einmal gegenwärtig sein könnte, 
und man vergliche hiemit jene monotone, jederzeit beherrschte 
Sympathie, mit der Baron Frangart, zuweilen bei sich selbst, seltener 
schon mit freundlichen Blicken, mit Worten vollends nur dann 
und wann, stets aber nur sehr kärglich Ludwig Schlagintweit dankte, 
— so möchte man, wiederum mit einem Vergleich sagen, daß 
der mit einem goldenen Kelch Beschenkte einen irdenen Krug als 
Gegengeschenk gegeben habe. Aber so einfach ist die Rechnung 
nicht. Man muß bedenken, wie ganz von selbst der Eine aus sich 
herausging, wie er mit seinem allzeit offenen Herzen durch die 
Welt zog, gleichsam Gott nacheifernd, der die Sonne über 
Gerechte und Ungerechte ohne Auslese scheinen läßt, wohingegen 
der Andere, zur Unterscheidung und Distinktion geboren und er- 
zogen, Herzlichkeit im allgemeinen fast als Schmutz empfand, »weil 
in ihr die Schranken fallen und alles durcheinanderfließt«; den 
verborgenen Reichtum seines Herzens, gemäß dem Ratschlüsse 
Gottes, bei sirh behalten mußte und vielleicht so schwer daran 
trug, wie ein Baum an überreifen Äpfeln, die nicht abgeschüttelt 
werden. Und überhaupt ist in Dingen des Gefühls alles Urteilen 



30 — 



ungerecht. Dies war der Gedankengang, auf dem sich Ludwig 
Schiagintweit während seiner Freundschaft für Baron Frangart, 
und auch lange nachher noch tröstete . . . 

Ein einziges Mal hatte er auch versucht, die Gesellschaft 
seiner Mitschüler auf der sogenannten Absolventenkneipe zu ge- 
nießen. Schiagintweit saß an seiner Seite und konnte bezeugen, 
von welcher Höhe der Verachtung aus sein schweigender Blick 
dieses Treiben ablehnte. Es war ihm schon ganz unbegreiflich, 
wozu denn die sogenannten Chargierten immer mit ihren unge- 
schliffenen Schlägern auf den Tisch schlugen; noch mehr erbitterte 
ihn det angebliche Gesang der Cantusse; in grenzenlosem Ekel 
aber erhob er sich, als sie, bei dem traurigen Fiducit der »Exkneipe«, 
sich Ochsenmaulsalat bringen ließen, diesen ganz sans fagon hin- 
unteraßen, gewaltig hineintranken und dann wirr durcheinander 

zu gröhlen anfingen: »Ein Prosit, ein Prosit, der Gemü a 

.... a .... t . . lieh .... kei ... eit ... !< Zwei wollten ihn bei 
seinem Weggehen anpöbeln; da er vor Ekel überhaupt nicht 
antworten konnte und wollte, belehrte Schlagintwett die zwei 
Schreihälse eines Besseren. 

Die Gesellschaft Schlagintweits ertrug Fritz Frangart wie die 
eines lustigen treuen Dieners. Seine Ergebenheit hatte in der Tat 
etwas Rührendes. Eine Woche nach jener Kneipe kam er freude- 
strahlend zu Frangart: >Die Weltordnung ist umgangen, meme 
Illoyalität hat gesiegt !< — »Bitte?< — >Ich habe einen mir be- 
kannten, jungen Arzt wiederentdeckt, der Ihnen jederzeit alle nur 
gewünschten Schulkrankheiten bestätigt !< Frangart benutzte die 
Liebenswürdigkeit dieses Arztes ausgiebig: Im Januar und Februar 
saß er wochenlang zu Hause. Schiagintweit, der allein ihn be- 
suchen durfte, kam gegen Abend und nahm mit ihm, in einer 
knappen Viertelstunde, alles durch, was der ganze Tag zu lernen 
gebracht hatte. Die schriftlichen Probearbeiten in der Schule schrieb 
er auf Drängen Schlagintweits von diesem voll und ganz ab; dieser 
schmierte dann in seine eigene Arbeit eiligst noch einige Fehler, 
um einen Unterschied herzustellen und den Professoren den Nach- 
weis des Abschreibens zu erschweren. 

Schließlich duldete Schiagintweit nicht mehr, daß Frangart 



31 



die häuslichen Arbeiten selbst anfertijjte. >Herr Baron, das hat doch 
für Sie keinen Sinn mehr; daran sterben Sie ja vor Langeweile«, 
konstatierte er und kam von nun ab jeden Tag Punkt sieben Uhr 
in die Wohnung Frangarts, worauf dieser die Aufgaben abschrieb. 
Das war natürlich auch in einer Viertelstunde geschehen. Frangart 
fuhr dann, wie immer, zur Frauenkirche in die Messe, wohin ihn 
jedoch Schlagintweit nie begleitete. Da aber Frangart sich nicht 
bemüssigt fühlte, es auch für formlos gehalten hätte, nach der 
Weltanschauung eines anderen zu fragen, kam es darüber nie zu 
einer Auseinandersetzung. 

Diese vollkommene Schweigsamkeit des Baron Frangart über 
sein eigenes Wesen, über seine Anschauungen, tat Schlagintweit 
weh. Wenn er im Bette lag und nachsann, welche Gefälligkeiten 
er morgen Baron Frangart erweisen könnte, träumte er manchmal 
davon, daß einmal, ach, nur ein einzigesmal dieser sein Herz 
öffnen würde. Er dachte es sich so schön, wenn sie sich dann 
gegenseitig ihre Ideen klarlegen würden, er würde die Hand um 
Baron Frangart legen ... oh nein, er wußte schon, daß er dies 
nie wagen dürfte, daß jener sich nie eröffnen, auch nie eine 
freundschaftliche Vertraulichkeit gestatten würde. 

Frangart seinerseits, wenn er über Schlagintweit (was sehr 
selten geschah) nachsann, fonnulierte seine Sympathie für diesen 
so: »Er hat noch den Takt der alten Leute aus dem Volke, er 
verlangt keine Aufklärungen, keine Gründe von den Menschen, 
die er verehrt«. Und so erriet er die Sehnsucht des armen Schlag- 
intweit nicht, weil sie ihm selber fehlte. In der Heiterkeit 
aber, die von diesem Menschen ausging, sonnte er sich mit einer 
gewissen trägen und selbstverständlichen Ruhe, wie vor Jahren, 
an die Schloßmauer von Frangart gelehnt, in der lachenden Sonne 
des Südens . . . 

Der junge Baron ging um diese Zeit, halb aus Neugierde, 
halb aus konventionellem Zwang, etliche Male zu den Tees und 
anderen gesellschaftlichen Veranstaltungen einiger adeliger Fa- 
milien, an die man ihn liebenswürdig empfohlen hatte. Aber bald 
unterließ er es wieder. Bei den einen sah er sich mit Künstlern 
und Literaten zusammen eingeladen, die, unter dem Beifall der 
Hauswirte, ihre modernen und billigen Phrasen von neuen Wegen 



— 32 — 

zur Kultur kommentierten, aber für Fritz Frangart durch ihr 
ganzes gesellschaftliches Benehmen hinlänglich bewiesen, daß sie 
die wohlbewährten alten Wege zur Kultur noch nicht gegangen 
waren. Seiner Ansicht nach wurden sie der hohen Bedeutung, die 
man, sogar in alten Familien, ihrer Anwesenheit beimaß, 
nicht im geringsten gerecht, umsomehr aber dem kalten 
Büfett, oder am meisten dem Abendessen, wenn es ein solches 
gab : ihr unanständiger Heißhunger paßte durchaus zu dem Bild, 
das sich Baron Frangart von der neuen Kultur machte. Wenn 
aber in diesen Gesellschaften Wein getrunken wurde oder gar Sekt, 
so unterschieden sich die Gäste nur in der Qualität des Getränkes, 
aber keineswegs in ihren Sitten von seinen kneipenden Mitschülern; 
höchstens noch darin, daß, was dort >Gemü . . . a . . a . . t . . lich- 
kei...eit< genannt wurde, hier als »originelle Viecherei< oder 
gar als »dionysischer Taumelt der Gemüter galt. — In anderen 
Kreisen hinwiederum, die zwar in den Formen immer noch strenger 
und genauer lebten, bemerkte er mit Mißvergnügen, daß sich alle 
Männer ohne Ausnahme und sogar die meisten Frauen offenbar 
viel mit Politik beschäftigten. Er aber empfand Politik, wie sie 
heute getrieben wird, als eine Degradierung; so zog er sich also 

auch aus diesen Kreisen zurück. 

* 

Von den stets willig-gelieferten Krankheitsbestätigungen des 
erwähnten Arztes bezog Fritz Frangart in den Monaten Mai und 
Juni eine reichliche Anzahl. So konnte er sich unbehindert seiner 
Ruhe hingeben. 

Ein paar Tage vor der Maturitätsprüfung, also in der zweiten 
Hälfte des Juni, ereignete sich indessen ein Vorfall, der ihn in 
unangenehmer Weise aufstörte. Er hatte von seinen Mitschülern 
ja nach jener Kneipe niemals mehr Notiz genommen und war so- 
mit allerdings der Mühe enthoben, sich an ihre von Schlagintweit 
gegebenen Charakteristiken zu erinnern. Aber da die Mitschüler 
die Bevorzugung Schlagintweits nicht ohne Neid sehen konnten, 
und dieser auch wegen seiner Spottlust heimliche Feinde genug 
hatte, bildete sich unliebsames Gerede über ihre Beziehungen. Die 
große Ergebenheit des einen gegen den anderen war ja allen be- 
kannt. So sagte man, zum Beispiel, daß sich der schöne Baron 
Frangart den Schlagintweit als Diener, ja »Haustier« halte und ihn 
dafür, hoffentlich und jedenfalls, anständig bezahle. 



- 33 - 



Als er nun eines Morgens in das Klassenzimmer eintrat, 
und mit den Augen den noch abwesenden Schlagintweit suchte, 
flüsterte die »dicke Mittelmäßigkeit« einem Mitschüler einige Worte 
zu, die Anspielungen der erwähnten Art enthielten. Baron Frangart 
hörte es, ohne es zu wollen. Daher ging er, mit der sicheren 
Ruhe, die ihm eigen war, zu der »Mittelmäßigkeit« hin und er- 
suchte, verbindlich lächelnd, aber nicht ohne leise Drohung in 
seinen dunklen Augen, um Aufklärung. Die Mittelmäßigkeit er- 
schrak heftig, und ihr bourgeoises Fett (mit Schlagintweits Worten 
zu reden) wackelte. >Herr Baron, das sage nicht ich, das habe ich 
nur gehört. Man hat mir erzählt, daß Schlagintweit seine Schüler 
und sein Einkommen vernachlässigt, weil er die freie Zeit jetzt 
meistens bei Ihnen zubringt.« Baron Frangart sah den ängstlichen 
Stotterer an wie eine Kröte und wandte sich ab. Das Gerede war 
sehr ekelhaft, aber er nahm sich vor, Schlagintweit kein Wort 
davon zu sagen, ihn hingegen, wie es gerecht war, auf irgend eine 
■ Weise zu entschädigen. Baron Frangart hätte ja mit Leichtigkeit, 
ohne es zu verspüren, die Familie Schlagintweit über die groben 
Sorgen des Tages hinausheben können. Es war nicht Geiz, was 
ihn davon abhielt. Aber es gehörte zu seinen Überzeugungen, daß 
die Armut von Gott gewollt und zur Erhaltung des überliefertCH 
Standes der menschlichen Dinge nützlich sei, sie beheben zu wollen 
somit auch einen Akt der Revolution begehen hieße. Es hatten 
schon genug Verschiebungen in der menschlichen Gesellschaft 
stattgefunden, im Laufe des letzten Jahrhunderts . . . 

Mit solchen Ansichten verband Baron Frangart auch einige 
merkwürdige äußere Gewohnheiten, zum Beispiel, daß er nie ein 
anderes Licht in seinem Zimmer duldete, als das von Wachskerzen. 
Niemals in seinem Leben benützte er das Telephon : es war ihm 
eine >zu junge Einrichtung«. Statt eine Zeitung zu lesen, ließ er 
sich von Schlagintweit allmonatlich die Reihe der nackten Ereig- 
nisse der Zeit auf einem kleinen Zettel zusammenschreiben. Dieser, 
der >alles war, nur nicht loyal«, konnte nicht umhin, sich dabei 
manchen Scherz zu erlauben. Einmal schrieb er: Der Papst hat den 
Vatikan an einen Amerikaner verkauft und ist nach Berlin ver- 
zogen. Ein andermal : Der internationale Delegiertentag der Sozial- 
demokratie hat die Rethronisierung der Bourbonen auf sein Pro- 
gramm gesetzt. Oder : Gestern haben sich alle Pariser Anarchisten 



34 — 



auf der Place de la Concorde freiwillig verbrannt. (Mit diesen 
Sclierzen wollte er Baron Frangart zu einer Diskussion verleiten, 
was ihm aber nicht gelang.) Automobil fuhr Baron Frangart nie: 
>man soll in seinen alten Tagen nicht einen so neuen Sport an- 
fangen«. Die Versuche der Luftschiffer vollends hielt er für ein 
Verbrechen, und fand es in Ordnung, daß so viele dieser Leute 
tödlich verunglückten. Übrigens, behauptete Baron Frangart, hätten 
die Chinesen alle diese Neuerungen schon vor längster Zeit be- 
sessen, sie aber durch den Machtspruch des Gesetzes wieder abge- 
schafft ; denn sie hätten ersichtlich nicht zur Hebung des Qlückes 
und der menschlichen Gesellschaft überhaupt beigetragen. 

Inzwischen stellte die Neuzeit, ja die allernächste Gegen- 
wart, eine nüchterne, unumstößliche Forderung an Baron Frangart : 
nämlich, die Maturitätsprüfung zu machen. - Im Lateinischen, 
Griechischen und Französischen ging alles glatt, in der Religion 
ausgezeichnet, zur Freude seines Religionslehrers, den er selbst 
hochschätzte. Zweierlei aber stand ihm noch bevor: das Deutsche 
und die Mathematik. In der Mathematik rechnete er gelassen mit 
der allerletzten Note. Das Deutsche mußte ihm erhebliche Schwierig- 
keiten machen, wenn sich das Thema etwa auf die Geschichte 
bezog, in deren Studium er konsequent alles, was ihm nicht 
gefiel, ignoriert hatte. 

Nun bestand das deutsche Thema in jenem Satz des anti- 
revolutionären, von Frangart über alles verehrten Goethe: »Was 
du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu 
besitzen.« 

Baron Frangart lieferte eine nur leise verhüllte »Begründung 
der Tradition in jedem Betrachte, der Priviligion und aller von 
Gott gewollten, historisch bewährten, menschlichen Institutionen.« 
Sein Aufsatz geriet wirklich sehr gut, und es war schade, daß ihn 
nur der deutsche Professor, nicht aber Schlagintweit zu Gesicht 
bekam; er hätte daraus doch Einiges zum Verständnis seines 
Frangart gelernt. 

Schlagintweit selbst gab zwei Bearbeitungen des Them.as 
ein. Auf die eine schrieb er in Klammern: »Wie das Thema von 
einem Abiturienten behandelt werden muß<. Diese Bearbeitung 
war in der Form der edlen Chrie abgefaßt und enthielt alles 
Wünschenswerte. Auf die andere schrieb er: »Wie das Thema von 



- 35 

einem Menschen behandelt wird<. Hierin setzte er kaltblütig und 
ironisch auseinander, daß ihm, mangels eines materiellen väter- 
lichen Erbes, für den Satz, soweit er materiell gemeint sei, eigent- 
lich jede Erfahrung fehle; daß er jedoch seinen eventuellen Nach- 
kommen, vorausgesetzt, daß sie wenigstens etwas erbten, die 
Worte Goethes unermüdlich einbläuen werde. Dazu fügte er eine 
lächerliche Betrachtung über mögliche Widersprüche, die er 
zwischen dem Ideal der reinen Humanität (d. i. >Menschlichkeit<) 
und dem der Tradition späterhin möglicherweise ent- und auf- 
decken werde. 

Diese zweite Bearbeitung, von der er mit dem Wunsch, 
Frangart zu einer Gegenrede zu reizen, diesem erzählte, aber nicht 
mehr als em Lächeln zur Antwort bekam, trug Schlagintweit in 

letzter Stunde eine Karzerstrafe ein. 

• 

Solchermaßen waren nun doch eine Zeit lang über die alte 
Mauer der Ruhe, von der umgeben Baron Fritz Frangart dahin- 
lebte, die unruhigen Eidechsen geklettert, die der gute Bajazzo 
dorthin jagte; und Baron Frangart jagte sie nicht weg. Aber dem 
Bajazzo öffneten sich die Mauern nicht. In dunklen Nächten stand 
er manchmal, leise schluchzend, davor. Unerhört verhallte sein 
Schluchzen und das Salz seiner Tränen konnte der Mauer so wenig 
anhaben, wie die zartfüßigen Eidechsen seiner Heiterkeit. — Ein 
solcher Bajazzo wie Schlagintweit hat ein schweres Los auf Erden: 
freilich darf er seine Spässe auch dort aufführen, wo sich Andere 
keine lustige Miene mehr getrauen, geschweige denn ein Wort. 
Aber das ist auch alles. Er muß froh sein, wenn er nicht miß- 
verstanden wird; wenn ihn die Anderen nicht mit einem Allerwelts- 
Hallodri verwechseln und ihm Pfennige hinwerfen. . Das nun 
brauchte Schlagintweit von Baron Frangart nicht zu befürchten. 
Aber Liebe gab ihm dieser auch nicht, konnte sie ihm nicht geben . . . 

Oh über die süßen Schmerzen der Freundschaft! Oh un- 
belohnte Liebe! Oh Schrei der Sehnsucht, der ohne Echo verhallt! 
Oh verlorene, verlorene, verlorene Jugend! . . . 

»Ein schweigsamer Mensch ohne Echo zu sein, wie Baron 
Frangart, ist aber auch keine Kleinigkeit!« dachte Schlagintweit, 
zog sein Herz aus der Brust und wischte sich die Tränen 
damit ab. 



- 36 - 

Wanderers Lied 
Von Albert Ehrenstein 

Meine Freunde sind schwank wie Rohr, 
auf ihren Lippen sitzt ihr Herz, 
Keuschheit kennen sie nicht; 
tanzen möchte ich auf ihren Häuptern. 

Mädchen, das ich liebe, 
Seele der Seelen du, 
auserwählte, lichtgeschaffene, 
nie sahst du mich an, 
dein Schoß war nicht bereit, 
zu Asche brannte mein Herz. 

Ich kenne die Zähne der Hunde, 
in der Wind-ins-Gesicht-Gasse wohne ich, 
ein Sieb-Dach ist über meinem Haupte, 
Schimmel freut sich an den Wänden, 
gute Ritzen sind für den Regen da. 

»Töte dichl< spricht mein Messer zu mir. 
Im Kote liege ich; 
hoch über mir, in Karossen befahren 
meine Feinde den Mondregenbogen . . . 



Bficher 

Die »Deutsche Theater-Zeitschrift' (Berlin, Jahr III, 
Heft 7) schreibt über >Sprüche und Widersprüche«: 

Seit zehn Jahren schwingt Karl Kraus seine flammende Fackel über 
jede bittere Schmach des deutschen Landes, von manchem Guten geliebt, 
von vielen gehaßt, gleichgiltig nur denen, die nicht Deutsch verstehen. Und 
seit zwrei Jahren ist er am Werke, das, was seine hinreißende Stilmacht in 
den roten Heften plastisch gestaltet hat, zu Büchern umzugießen. So ent- 
stand im Vorjahre der Band > Sittlichkeit und Kriminalität«, so heuer das 
Buch >Sprüche und Widersprüche«. Ich kenne sie alle von früher her, diese 
festen und farbigen Steine, die einen hohen Bau gäben, wenn ein Philosoph 
sie zu einem System zusammenfügte und nicht ein heißer Künstler es vor- 
gezogen hätte, sie zu dem stolzen Mosaik seiner Lebensanschauung anein- 
anderzuschließen - diese Sprüche,die nichtWorte sind, sondern lebendeWesen. 
Haben sie ja doch ein tiefgrabendes Hirn, ein verzweifeltes Herz und 
eine Stimme, die donnern kann gegen die Gemeinheit unserer Welt- 



37 - 



Ordnung, wild aufschluchzen ob der Brutalität geistiger Machthaber und 
singen zum Preise der Schönheit. Manch einer von diesen brennenden 
schillernden Sätzen sprach einst zu mir wie ein reifer Mensch, der zu 
tiefinnerst Dinge erlebt hat, die ich kaum ahnte. Voll Bewunderung 
lauschte ich der Botschaft. Anfangs fehlte noch der Glaube. Bis mir 
meine Erlebnisse die Naturnähe dieser Erkenntnisse bewiesen. Keiner 
dieser Sprüche und Widersprüche, die vom Weibe und der Phantasie, 
der Moral und dem Christentum, vom Nebenraenschen, von der Dummheit, 
der Demokratie, dem Intellektualismus, dem Künstler und anderen 
wichtigen Kultuproblemen dichten, sei hier zitiert. Denn ich könnte, 
wenn ich etwa ein Dutzend hierhersetzte, mich an den vielen Hundert 
anderen vergreifen. Wer sie kennen lernen will, kennt nun den Weg. 
Sie zu missen wäre heute kaum denkbar; sie zu wissen ist ein 
freudiger Schmerz. Oskar Jellinek. 

In der , Rhein. Westfälischen Zeitungf (Essen, 
14. Oktober) war die folgende Besprechung enthalten: 

Simplicissimusluft weht besonders in dem Eingangskapital mit der 
übermäßigen Betonung des Sexuellen, sich aufbauend auf der schroff 
durchgeführten Antithese: das Weib ist Sinnlichkeit, der Mann Verstand. 
Aber wir finden im weiteren auch einen die Masse hassenden Einsam- 
keitsstolzen und einen bedeutenden Satiriker von Geist und Schärfe, 
der gerade und kühn, vorschreitend, was er denkt über Kunst und 
Leben, originell zu formulieren und zu prägen weiß. 

Die Auffassung, daß besonders im Kapitel »Weib, Phantasie« 
Simplicissimusluft wehe, gibt der Kritik ihre ausgesprochene 
Eigenart. Man spielt dem Simplicissimus jetzt in Deutschland 
übel genug mit. Nunmehr auch dieses noch ! 



Die »Zeitschrift für Demographie und Statistik 
der Juden' (BerUn V., Nr. 12) schreibt über »Sittlichkeit und 
Kriminalität<: 

Kraus hat zu dem 1. Bande seiner ausgewählten Schriften eine 
Reihe von Aufsätzen vereinigt, welche in ihrer ursprünglichen Form in 
der Wiener Zeitschrift ,Die Fackel' erschienen sind Sie behandeln zumeist 
die Wiener Sensationsprozesse der letzten Jahre, so weit sie das Thema 
»Sittlichkeit« berühren. Kommt die Darstellung von Einzelfällen schon 
an sich als ein äußerst wichtiges kriminalpolitisches Material in Betracht, 
welches der Kriminal Statistik an Bedeutung gleich zu achten ist, so 
sind die Betrachtungen Kraus' zu den einzelnen Prozessen von ganz 
besonderem Werte. Denn er weiß in glänzender Darstellung aus jedem 
einzelnen Falle eine schier erstaunliche kriminalpolitische Ausbeute zu 
gewinnen. Die temperamentvollen kritischen Bemerkungen Kraus", welche 
sich einesteils auf die Rechtspflege und andererseits auf die Gesetze 



38 - 



selbst beziehen, verdienen in hohem Maße Beachtung, zumal in einer 
Zeit, in der die Reform der Strafgesetzgebung vorbereitet wird. B. B. 

• 

,Der Demokrat', Wochenschrift für freiheitliche Politik, 
Kunst und Wissenschaft (Berlin II. Nr. 7), bringt einen Essay, in 
dem es heißt: 

Kraus hat jahrelang österreichische Korruptionen mit dem brüs- 
kestem Mut aufgedeckt, er hat die Verkommenheit der Wiener Presse 
auf eine lebensgefährliche Art bekämpft. Man versteht ohne weiteres, 
daß er, solange die , Fackel' erscheint, in Österreich totgeschwiegen 
wurde. Die Aufsätze von > Sittlichkeit und Kriminalität« lassen sich aber 
nicht mehr mit diesem System aus der Welt schaffen . . . Sicherlich ist 
man zuerst erstaunt über die Summe von unglaublich sachlichen juri- 
stischen Auseinandersetzungen, rein logisch gesetzesmäßiger Behandlung 
von Rechtsfällen . . . Aber unter den dürren Formen der trockenen 
Darstellung erhebt sich unterirdisch das wilde Brüllen eines Tieres aus 
Urzeiten. Es gilt die Hetzjagd auf das Geschlecht. 

Das Geschlecht ist umstellt von einer hämischen Meute. Das 
ganze Bürgertum rückt an, die Scharen Schmunzelnder mit triefenden 
Mäulern und verfetteten Gehirnen. Diese ganze Menge wird beherrscht 
von einem Ideal, geschoben von einer Sehnsucht: dem Glück des 
Kitzels. Unwiderstehlich rücken diese Bataillone des feisten Lächelns 
an, um Schlachten zu schlagen, deren größter Sieg stets die Niederlage 
ihrer eigenen Mannen ist. Plötzlich wird aus den eigenen Reihen ein 
Mensch herausgestoßen, und ein Fragen, Flüstern, Lachen stürzt aus 
tausend Mäulern auf sein Leben ein, die Begierden aller dieser Tausende 
werden an ihm enthüllt, geheime Wünsche, deren Befriedigung stets 
das Phlegma hinderte, werden in ihrer Erfüllung offenbart, und aus der 
Scham des Umzingelten schlürft die Menge jenes zum Leben so not- 
wendige Gefühl der Natur, das ihr selbst aus purer Verfressenheit in 
stickiger Stube versagt bleiben mußte . . Aber das ist nicht die Brunst, 
in Geheimnisse hinabzutauchen, nicht jene ewige Gier, die Erotik zu 
entwirren, sondern der Wunsch, den Einzelnen, der das Treibwild ist, 
zxim Erzähler pikanter Anekdoten zu machen; unter dem Schutze des 
allgemeinen Interesses sich jene Genüsse zu verschaffen, die man sonst 
nur in dunklen Ecken aus Revolverblättern zu ziehen sich getraut . . . 

Kraus stellt die Gerichtsverhandlungen des bekannten Sittlichkeits- 
prozesses gegen den Professor Beer in Wien dar. Alle Begriffe ver- 
schieben sich da. Die Empörung des Lesers wird schließlich zur trockenen 
Kenntnisnahme von Selbstverständlichkeiten, längst bekannte Gerichts- 
gebräuche erregen wütendes Erstaunen. Die Begierde der satten Öffent- 
lichkeit, teilzuhaben an den geheimen Genüssen des Einzelnen, stürzt 
sich auf jeden, geschlechtlicher Verfehlung Angeklagten, Mann oder Weib. 
Sie beeinflußt im Prozeß Beer die Zeugen, den Gerichtshof — die Ver- 
teidiger. Sie macht die Sensationen des Falles der Schauspielerin Odilon. 
Sie läßt die Hauptmannsfrau Hervay von der Enttäuschung einer kleinen 



- 39 — 



Stadt verurteilen, weil die Dame vor den Zeiten ihrer Ehe Abenteuer 
hatte. Sie macht die behaglichen Entrüstungen über das Bordell Rieh!. 
Und diese Gier legt dem Vorsitzenden des Gerichts bei verschüchterte« 
Angeldagten unverschämte Fragen in den Mund, die der Lümmel sofort 
schmatzend selbst beantwortet und die wehrlose Frauen zum Selbst- 
mord treiben. Mit unfehlbarem Instinkt stürzt sich die Presse auf diese 
Verhandlungen. Das Geschlecht ist wieder einmal erwischt, man hetze I 
Und nun qualmt die Atmosphäre der Lüsternheit über dem Angeklag- 
ten zusammen, um die Hinrichtung durch Ersticken zu vollziehen. 

Karl Kraus hat einen ganz unerhörten Mut. Man muß vermutlick 
Wiener sein, um nicht zu sehen, daß dieser Mann seit Jahren inderge- 
fahrvoUsten Stellung gegen die Öffentlichkeit kämpft, ein Einzelner, 
nirgends gedeckt, geschützt nur durch seine eigene Unerschrockenheit! 
Dieser Gehaßte, der so unbekümmert die Namen der Richter. Präsi- 
denten, des Polizeirates von Wien, aller öffenUichen Sensationisten des 
Privatlebens nennt, ist doch nur durch ein wahres Wunder vielen Jahren 
Kerker entgangen. 

Es gilt, einzusehen, daß Kraus Deine Sache agiert. Er kämpft 
g^en die OffenUichkeit, um den Prozeß jedes ihrer Glieder zu führen. 
Vielleicht erinnert man sich an Dostojewskis Wort: »Wir leben 
im Zeitalter der Isolierung«. In dem Buch von »Sittiichkeit und Krimi- 
nalität« geht einer, fest und mutvoll in seiner Welt der Tatsächlich- 
keiten, in einen fast utopischen Kampf: die Isolierung des privatesten 
Lebens, diese Mauer des Einzelnen gegen die eigenen Angriffe instinkt- 
loser Selbstzerstörung, zu schätzen. L R 

• 

Peter Altenberg. Bilderbogen des kleinen Lebens*) 

So klein und unscheinbar auch jedes Ding, 
sobald sein klarer Blick in stiller Güte 
es einmal nur in Liebe voll umfing, 
erneut es sich in ni^ekannter Blüte. 
In dieses reichen Lebens langen Jahren 
war nicht ein einz'ger schönheitsleerer Tag — 
und was in Leid und Mitleid er erfahren, 
den Traum, der schwer auf seiner Seele lag, 
goß einsam er. von stumpfem Hohn verlacht, 
in solcher milden Worte tiefe Pracht. 

Ludwig Ulimann. 




*) Berlin- Westend, Erich Reiss, Verlag. 



- 40 — 

Glossen 
Von Karl Kraus 

Eine Neuerung 

Nun ja, nun ja, er war wie immer >ein Stelldichein von amt- 
licher Würde, künstlerischer Berühmtheit und weiblicher Schön- 
heit<. Nämlich der Concordiabali. Er übertraf wie immer an Glanz 
alle seine Vorgänger, er tut es seit fünfzig Jahren, warum sollte 
er es gerade diesmal nicht getan haben? Denn das haben sie alle 
gemeinsam, die Concordiabälle, daß sie einander an Glanz über- 
treffen. Und doch scheint diesmal etwas geschehen zu sein, was den 
diesmaligen von seinen Vorgängern wirklich unterscheiden könnte, 
und was, wenn sich die Nachricht bewahrheitet, die künftige 
Berichterstattung über die künftigen Concordiabälle erheblich be- 
einflussen würde. Es handelt sich, um es mit einem Worte zu 
sagen, um das >Tanzrecht<, das sich einstmals die Jugend bei 
den einstigen Concordiabälien bekanntlich nur mit Mühe erobern 
konnte, nachdem der Dirigent Rabensteiner vergebliche Versuche 
gemacht hatte, na und so weiter, wozu soll man an die peinlichen 
Geschichten wieder erinnern. Und heuer, heißt es nun, >haben sie 
sichs einfach selbst verschafft«. Früher, du mein Gott, da standen 
%ohl die sehenswerten Kommerzialräte, die Konsuln von Paraguay 
und überhaupt die Champagneragenten, die man als Vertreter des 
diplomatischen Korps bemerkte, herum, aber was nützte das alles, 
der Jugend, der lieben Jugend fehlte es gerade deshalb an Raum 
und Bewegungsfreiheit. Noch auf dem vorjährigen Ball, der, wie 
sagt man doch, im Zeichen Schillers stand, konnte man vielfach 
die Klage hören. Aber im Zeichen Schillers besann man sich auch, 
diesen miserablen Zuständen abzuhelfen. War das ein Gedränge! 
Nun, >wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden — greift 
er hinauf getrosten Mutes in den Himmel — und holt herunter 
seine ew'gen Rechte«. Ganz unbekümmert um die zuströmenden 
Würdenträger, >beginnt plötzlich em couragiertes Paar zu tanzen«. 
Was sagt man! >Der alte Urständ der Natur kehrte wieder — wo 
Mensch dem Menschen gegenüber steht.« Nur die Estrade, dieses 
Asyl schwitzender Sehnsucht, bleibt von der Revolution unberührt. 
In dieser Beziehung hat sich nichts geändert. Während die Komitee- 



— 41 ~ 

berren >alle Hände voll zu tun haben< - indem sie nimiich 
viel besprechen müssen — , vollzieht sich »das Erscheinen der 
Mächtigen, Angesehenen und Berühmten <. > Charakteristische Ge- 
stalten aus der politischen Welt tauchen auf«, um sogleich wieder in 
der »noch jugendlichen Erscheinung des österreichischen Minister- 
präsidenten« zu verschwinden, hier sieht man die Grazie der Tanz- 
kunst mit dem schweren Ernst der Diplomatie trauliche Zwiesprache 
halten, und während sich das Fräulein Wewerka vom Ballett mit dem 
japanischen Geschäftsträger über die Lage auseinandersetzt, meldet 
der kriegerische Schmock bereits, daß »die Estrade heftig belagert 
und heftig verteidigt wird<. Wann aber, wann endlich einmal, wird 
sie sich übergeben? 

• 

Der Punkt 

Ich habe den Schlußpunkt der Burgtheaterherrlichkeit 
entdeckt. Den toten Punkt, über den kein Burgtheaterdirektor 
hinauskommt. Nichts hilft, dieser Punkt trägt an allem Schuld. 
Man glaubt natürlich, daß ich den »Dunklen Punkt< meine, der 
jetzt im Burgtheater gespielt wird. Aber die schlechte Literatur 
hat das Burgtheater nicht heruntergebracht; das behaupten nur 
jene theaterfremden Kritiker, denen es nicht gelungen ist, ihre 
eigene schlechte Literatur dem Burgtheater anzuhängen. Was ich 
nun meine, wird man erst verstehen, wenn man sich vor die Front 
des Burgtheaters stellt und dort hinaufschaut, wo Apollo, be- 
kanntlich einer der beliebtesten Götter Wiens, seinen Wohnsitz 
hat. Zu seinen Füßen wird man in mannshohen Lettern die 
Aufschrift finden: 

K. K. HOFBURGTHEATER. 
Punkt! Darüber komme ich nicht weg. Diesem Punkt gebe ich die 
Schuld, daß die künstlerische Entwicklung ins Stocken geraten ist. 
Aber, seien wir gerecht, er hat dafür auch schon manches Unheil 
verhütet. Denn wie leicht hätte es geschehen können, daß ein 
Wiener, der ja so lange auf ein Dach schaut, bis sich andere 
Wiener ansammeln und auch aufs Dach schauen, wie leicht hätte 
es also geschehen können, daß dieser Wiener und alle, die in 
gutem Glauben seinem Beispiele folgen, weiterlesen, nachdem sie 
mit der Aufschrift: 



42 — 



K. K. HOFBURQTHEATER 
fertig geworden sind. Man male sich nur die Folgen aus. Die Wiener 
lesen weiter nach rechts, immer weiter, bis dorthin, wo der Volks- 
garten beginnt, und wenn nicht ein zufällig des Weges kommender 
Wachmann Halt ruft, kann es geschehen, daß sie von einem 
zufällig des Weges kommenden Einspänner überfahren werden. 
Da nun der Erbauer des Burgtheaters, der Baron Hasenauer, die 
Gefahren des Verkehrs erkannte und die Gelegenheiten der Warnung 
nicht überschätzte, so entschloß er sich, allen Eventualitäten 
vorzubauen und die Wiener durch einen nicht zu übersehenden 
Punkt vor den Folgen des unvorsichtigen Weiterlesens zu bewahren. 
Durch Wochen stemmten ein Dutzend Arbeiter an dem Stein und 
stanzten einen Punkt, so groß wie der Kopf eines erwachsenen 
Wieners. Man wäre nun versucht, in dieser Mühe ein Sinnbild 
des dekorativen Kretinismus zu erblicken, der um eines Schnörkels 
willen gegen alle Ökonomie wütet. Aber man würde damit den 
sozialhygienischen Wert dieses besonderen Punktes verkennen. 
Denn es ist erwiesen, daß sich in den zwanzig Jahren, die das 
neue 

K. K. HOFBURGTHEATER, 
steht, kein nennenswerter Unfall ereignet hat. Auf dem Franzens- 
ring sammeln sich die Leute, sie lesen die Aufschrift mit Interesse, 
aber sie wissen, wo sie aufzuhören haben, und gehen wieder ihrer 
Wege. Neugierige fühlen ein kräftiges >Zaruck!«, und die anderen 
bescheiden sich. Nur auf manche Passanten übt gerade wieder der 
Punkt eine besondere Anziehungskraft aus. Zum Beispiel auf die 
Burgtheaterdirektoren. Sie, die weiterlesen sollten, starren fasziniert 
auf den Punkt. Sie glauben, er sei eine Fügung des Obersthof- 
meisteramtes, und kommen nicht weiter. Sie laufen die Buchstaben- 
reihe zwischen dem K. K. und dem dramatischen R auf und ab 
und finden keinen Ausweg. Ich glaube, es wäre ihr ewig Weh und 
Ach aus einem Punkte zu kurieren. Und es wird einmal eine Sage 
sein, daß ein Fluch auf dem Hause gelastet hat, an dem nicht die 
Akustik, sondern die Interpunktion schuld war. Man befreie die 
Kunst und sorge für die Sicherheit des Publikums durch Ver- 
mehrung der Wache! 



— 43 



Deutsche Dichter 

Eine der dankenswertesten Einrichtungen des deutschen 
Buchhandels sind die Prospekte, die den Zeitschriften beigelegt 
werden. Sie enthalten nicht nur eine Fülle jener kritischen Ein- 
sicht, die die Verleger an die Beiuieilung ihrer Ware wenden, 
sondern oft auch die Konterfeis der Autoren, deren Züge viel 
besser für die gediegene Qualität des Buches sprechen als das 
lauteste Lob des Verlegers. Man hat da mitunter wirklich eine 
Galerie von Charakterköpfen beisammen. Da ist vor allem der 
Herr Eduard Engel, Literarhistoriker. Er hat einen Goethe, >der 
Mann und sein Werk«, herausgegeben, und es sei, meint der 
Verleger, ein > Beweis für Goethes wahre Menschen- und 
Dichtergröße, daß er diese rein menschliche, streng kritische Dar- 
stellung noch viel herrlicher besteht« als die aller anderen Goethe- 
Biographen. Dieser Herr Engel, der sich in Deutschland großen 
Ansehens und vieler Auflagen erfreut, hat mich auf die Idee 
gebracht, eine eigene Razzia auf Literarhistoriker zu veranstalten. 
Vielleicht komme ich einmal dazu. An jenen Geist schließt sich 
ein anderer, der noch viel herrlicher als Goethe die Kritik des 
Herrn Engel bestünde, der schalkhaft lächelnde Oskar Blumenthal. 
Er weiß, daß der Verleger recht hat: »Wir sagen nicht zu viel, 
wenn wir Oskar Blumenthals ,Buch der Sprüche' als einen Haus- 
schatz an Lebensweisheit bezeichnen, der als Standard Work in 
den Besitz des deutschen Volkes überzugehen verdient.« Geschieht 
dem deutschen Volke ganz recht. Herr Paul Lindau dagegen wird 
wieder allen jenen willkommen sein, >die die Lösung der unend- 
lichen Rätsel im Verkehr von Mann und Weib zu finden wünschen«. 
Überdies schildert er noch »das in tausend Nuancen schillernde und 
"«o prickelnde Leben der modernen Gesellschaft Berlins«. Kann man 
mehr verlangen? Nicht einmal von Herrn Felix Josky, wiewohl dieser 
doch >mit Florett und Laute« dichtet. Aber einer ist da, der das Kunst- 
stück wirklich fertig bringt Wer anders als mein Lothar? Ja, das 
ist der alte Schalk, der alte Rattenfänger, ich erkenne ihn. »Das 
Leben sagt nein«, lautet der Titel seiner Novellen. Wie? Resignation? 
Lebt der alte Sprudelgeist nicht mehr? >Aber nein i« sagt wieder der 
Verleger, »der fröhliche Rudolf Lothar, der Verfasser lachender 



_ 44 — 

t^omane und amüsanter Schauspiele, ist sich treu geblieben, und wo 
in seinen Erzählungen das Leben nein sagt, da ertönt sogleich das 
helle ,ja' des Welterstürmenden, des Lebenssiegers«. Ja, ja, und 
tausendmal ja, er lebt, er ist da, es behielt ihn nicht. Oewiß, 
er arbeitet für den Lokalanzeiger, aber, sagt der Verleger, >selbst 
Schicksalsschläge, unter denen Mutlose zusammenbrechen, sind für 
diesen nur glücksame Weckrufe zum Leben, zu neuen glücklichen 
Dingen.< Herr Lothar war lange Zeit Interviewer, aber der Verleger 
sagt, daß er Epikuräer sei. »Man weiß«, setzt der Verleger hinzu, 
>daß Epikur nicht der reiche Schwelger ist, für den man ihn in 
manchen Kreisen hält, sondern, daß er ein Mann war, der die 
unversieglichp, unzerstörbare künstlerische Freude an allem Seienden 
zum Kern seiner Philosophie gemacht hat.« Mein Gott, was wird 
nicht alles herumgetratscht in den Literaturkaffeehäusern ! So konnte 
auch das Gerücht entstehen, daß die Herren Epikur und Lothar 
reiche Schwelger seien. Ist es ein Wunder? Schließlich hat sich ja 
auch der Glaube festgesetzt, daß der große Pan tot sei. Aber es ist 
nicht wahr, er lebt und arbeitet für den Lokalanzeiger unter dem 
Namen Holzbock . . . Ein anderes Bild: Mitten in die Zone der 
Kultur führt uns Hans Olden. Von ihm heißt es: >01den braut 
starke Getränke und bereitet sie zu wie ein Gentleman. Man hat 
die Vision krachend ins Schloß geworfener Türen . . .« Aber es 
handelt sich nicht, wie man vermuten könnte, um ein Stilleben 
aus einer Bar, sondern um einen Novellenband mit einem Geleitwort 
von Maximilian Harden. Der sich sonst bekanntlich nur für die bessere 
Lyrik einsetzt. Dann aber kommt Herr Rudolf Presber. bei dessen 
Lektüre »uns das Herz lacht«, während Herr Robert Saudek wieder 
durch den »Pulsschlag der einander jagenden Ereignisse« bemerkens- 
wert ist. Folgen einige Reporter und einige Blaustrümpfe. Sie alle 
wollen nicht nur erhoben, sondern auch gelesen sein. Es ist nicht 
auszudenken. »Die Rettung von Kulturschätzen aus dem Brande 
einer deutschen Bibliothek« — solche Vorstellung möchte künftigen 
Historikern schmecken ! Aber wir halten längst schon so weit, daß 
nur mehr von einer Rettung der Kulturschätze durch den Brand 
einer deutschen Bibliothek die Rede sein kann. 



— 4Ö — 



Das Buch Aber Berlin 

Für eines der schlechtesten Bücher des Jahres — platt und 
flott über die Maßen — halte ich >Berlin, Ein Stadtschicksal« 
von Karl Scheffler. Da ich zum Problem Wien-Berlin mehr als 
die Entdeckung beizubringen habe, daß Wien die >ältere Kultur< 
hat, und dieses Mehr vielleicht einmal seine einheitliche literarische 
Qestalt findet, so geht es nicht an, Herrn Scheffler gesonderte 
Beachtung zu widmen. Hätte ich bloß das Gegenteil zu sagen, ich 
täte es sofort. Aber alle Vorstellungsklischees, mit denen er arbeitet, 
hatte ich längst zertrümmert, ehe ich sie in seinem Buch vorfand. 
Es gibt kaum eine Banalität zum Preise Wiens, die ich mir in 
satirischer At)sicht nicht frei erfunden hatte, ehe sie mir von 
Herrn Scheffler gereicht wurde. Das ist lästig; denn ich brauche 
das Beispiel des Herrn Scheffler nicht, um die Sorte eines 
Sozialästhetentums zu verpönen, und man köimte glauben, daß ich 
mir diese Lebensanschauung, die mir seit vielen Jahren im Magen 
liegt, erst von Herrn Scheffler servieren ließ, um sie zu verschmä- 
hen. Man wird eine Notwendigkeit für Polemik halten; ich werde 
mich erbrechen und man wird bloß glauben, es schmecke mir 
nicht. Um Herrn Scheffler zu widerlegen, bedürfte es keines 
Buches. Schließlich habe ich mir das Problem oft genug apho- 
ristisch notiert und etwa mit dem einen Satz: >Wenn man an den 
Denkmälern einer Stadt in einer Automobildroschke vorüberkommt, 
dann können sie einem nichts anhaben« Herrn Scheffler über die 
ganzen Kultursorgen beruhigt, zu deren Darstellung er dreihunden 
Seiten braucht. Aber hoffentlich finde ich einmal ein paar Wochen, 
um all das zu binden, was sich mir zu meinem »Wien, Ein Stadt- 
verhärtgnis« gesammelt hat. Diese Journalisten der Kultur stiften 
arge Verwirrung, besonders wenn sie sich so fließend ausdrücken 
können wie Herr Scheffler. Darum sei heute nur das Niveau be- 
zeichnet, auf dem sich die Propaganda für sein Buch bewegt. Im 
Buchhändlerbörsenblatt wird im Faksimile das folgende Schreiben 
veröffentlicht : 

.Maison de S. M. LE ROI Bocarest. den 6. Januar 1910. 

An die Verlags-Bnchhandlnng E . . . . R . . . ., 

Berlin- Westend. 

Seine Majestät der König, mein Allergnädigster Herr, empfingen 



— 46 — 



ein Buch, betitelt: >Berlin, Ein Stadtschicksal« von Karl Scheffler mit 
folgender Widmung: »Das beste Buch des Jahres. Einem einstigen 
Bewohner der Stadt ehffurchtsvoll zu Füßen gelegt.« Weihnachten 1909. 
Da jede weitere Unterschrift fehlt, so kann dem aufmerksamen Über- 
sender der gebührende Dank leider nicht ausgesprochen werden. Ich 
erlaube mir daher Ihre Gefälligkeit in Anspruch zu nehmen und Sie zu 
bitten, sofern Sie zufällig in der Lage sein sollten, den Einsender dieses 
interessanten Buches zu kennen, diesem Seiner Majestät besten Dank 
gefl. zu übermitteln. 

Mit bestem Dank für Ihre freundliche Bemühung, zeichne ich 

hochachtungsvoll etc. 

Wer nur der edle Wohltäter des Königs von Rumänien 
sein mag? Solche Stückchen sollte ein Autor, ders mit der 
Kultur hält, seinem Verleger nicht hingehen lassen. Gewiß, auch 
meiner wird das Buch »Wien« einem einstigen Bewohner der 
Stadt zuschicken dürfen. Aber es wird ein Autorexemplar sein! 



Ein sonderbarer Schw&rmer 

In einem Brief, den Anton Tschechow über einen Aufenthalt 
in Wien geschrieben hat, soll der Satz vorkommen: >0, meine 
Freunde, wenn ihr nur wüßtet, wie schön Wien ist! . . . Die 
Straßen sind breit, schön gepflastert , . .« 



Die Übersetzung 

Ich lese nicht polnisch, aber in einem Zeitungsauschnitt, 
der mir aus Krakau zugeschickt wurde und in dem offenbar vom 
Prozeß Borowska die Rede ist, verstehe ich doch manche Worte. 
Vor allem den Titel. Er lautet: »WiedenskI .szmok'«. Ferner 
kann ich das Wort: »Paul Zifferer« übersetzen. Dann das Wort: 
»Neue Freie Presse«. Nun also, es geht, und bei einiger Übung 
in solchen Vokabeln werde ich bald heraushaben, was in dem 
Artikel steht. 



- 47 — 



Wer weiß etwas? 

Die Neue Freie Presse schreibt : 

»Der liberale Kandidat, der in Darlington den konserv-ativen 
Einpeitscher Pike Pease schlug, ist ein gebürtiger Ungar und 
heißt erst seit einiger Zeit Lincoln. Nach vollzogenem 
Glaubenswechsel studierte er in Budapest katholische, in Kanada 
protestantische Theologie und war einige Monate anglikanischer Kaplan 
in England.« 

Wie mag er nur geheißen haben ? 

• 
Der gordische Knoten 

In Berlin icann es mir nicht erspart bleiben, daß ich von 
den Literaturbuben, die sich durch mich einen Namen machen 
oder an mir ein Geschäft verrichten wollen, genau so verunreinigt 
werde, wie es mir vor einem Jahrzehnt in Wien geschah. Das 
bringt das neue Terrain und das Mißverständnis der stofflichen 
Wirkung mit sich. Wenn die Jungen erst sehen werden, wo ich 
hinaus will und daß es mir nicht um die kleinen Beispiele zu tun 
ist, werden sie meine Fußtritte schon mit Respekt entgegennehmen. 
Ich kann nun von dem kleinsten Schmierfink aus die prinzipiellsten 
Dinge eiörtem, aber man darf von mir nicht verlangen, daß ich 
mich polemisch mit ihm einlasse, wenn er mir zürnt, weil er 
etwas auf sich bezogen hat, was selbst durch ihn ins Allgemeine 
geht. Solcher Feigheit wird man mich nicht für fähig halten. Wenn 
ich schnarche, bin ich ja imstande, ein Theatertinterl mit der 
linken kleinen Zehe zu zerquetschen. Man wird mir nicht zumuten, 
daß ich wach werde. Wenn ein Anderer, der nicht so wehrhaft 
ist wie ich, von den Wanzen gebissen wird, rege ich mich gem. 
Ich selbst muß zu allen Lügen und Fälschungen, zu allem Wahn- 
witz, der sich in die Zunge beißt, wenn er mich einer Unehr- 
lichkeit beschuldigt, ruhige Miene machen. Wie leicht könnte es 
geschehen, daß ich mich kratze und der Gegner dies für die Er- 
öffnung der Feindseligkeiten hält. Ich darf die Wanze wegschieben, 
nicht sie zertreten; und wenn sie wieder kommt, muß ich sie mir 
gefallen lassen. Sonst würde man nicht sagen, ich sei reinlichkeits- 
hebend, sondern ich sei kleinlich. Denn wenn ein Feldherr aus der 
Schlacht zurückkehrt und ein Gassenbub im Spalier behauptet, ein 
Knopf an der Montur sitze schlecht, so würde zwar die erweis- 



48 ~ 



liehe Wahrheit solcher Behauptung an dem Sieg nichts ändern. 
Wenn aber der Feldherr beweisen könnte, daß das Gegenteil der 
Fall ist, so würde solcher Beweis dem Siege schaden, weil das 
Thema der Debatte das Niveau, auf welches ihn die Leistung ge- 
stellt hat, herabdrücken würde. Ein anderes Beispiel: Ein Journalist 
will mir Unaufrichtigkeit nachsagen und behauptet, daß ich früher 
eingestandenermaßen seine Zeitschrift aus manchen Gründen und 
auch deshalb gern gesehen habe, weil mir > mancher Beitrag Freude 
gemacht hat<. Diese Worte legt er mir in den Mund. Wenn ich nun 
auch nachweisen kann, daß ich zwar einmal wirklich diese Meinung 
bekundet, aber ihre Gründe so zusammengefaßt habe: >ich sehe 
die Zeitschrift gern; nicht nur, weil mir - die Ausschließlichkeit 
des Theaterinteresses und die Verwissenschaftlichung des Tinterl- 
tums zugegeben — mancher Beitrag Freude gemacht hat, sondern 
auch weil ihr Notizenteil eine gute Handhabe bietet, sich jeweils 
über den Stand des psychologischen Schmocktums in Deutschland 
zu informieren< — wenn das jeder einfach nachlesen kann und fünf 
Seiten über das Schmocktum dazu: so darf ich den Mann, der 
aus dem zitierten Satz Folgerungen zieht, deren Gegenteil 
aus den unterschlagenen Sätzen erhellt, trotzdem keinen Fäl- 
scher nennen. Ich würde ihn enttäuschen, da er in seinen 
kühnsten Träumen nicht gehofft hat, daß ich mich je mit ihm 
polemisch kompromittieren werde, er würde alle Hochachtung vor 
mir verlieren, und die Leute im Spalier würden nicht glauben, 
daß ich vor dieser eklen Debatte größere Dinge geleistet habe. Und 
mj^ einen die Logik der Lüge noch so sehr zum Einspruch 
reizen, man muß verzichten, weil man niemand davon überzeugen 
könnte, daß hier die Wahrheit besser sei als die Lüge. Ist es an 
sich schon das Unfruchtbarste auf der Welt, Recht zu haben, und 
ist es so ziemlich das Schäbigste, was man haben kann, so muß 
man sich wenigstens die Leute ansehen, gegen die man Recht 
behält. So perspektivisch selbst die Geste sein kann, mit der man 
ein Schmutzstäubchen abtut, so würde doch nur die Tendenz den 
Betrachter fesseln und durch ihre Kleinheit verwirren. Man muß 
resignieren. Vor dem Haß, der den Knopf an der Montur ver- 
leumdet, muß man die Waffen strecken. Die großen Gefahren 
sind so einfach und die kleinen §o verwickelt ! Was hätte denn 



— 40 — 

Alexander getan, wenn der gordische Knoten ein W«ichselzopf 
gewesen wSre? 



O. J. Bierbaum 

Der Tod kann kein Grund sein, über einen Menschen Böses 
zu sagen. Aber ein Zwang zum Gegenteil ist er gerade auch nicht. 
Weil einer gestorben ist, ist es durchaus nicht notwendig, daß die 
Überlebenden zu lügen anfangen. Otto Julius Bierbaum gehörte zu 
jenen formalen Talenten, die so lange unter allerlei stofflichen 
Mißverständnissen für die Kunst reklamiert werden, bis sie sich 
dem Publikum als Librettisten empfehlen. Es sind unstete 
Existenzen, die von der Dummheit der zeitgenössischen Kritik zu 
einer geistigen Lehiensführung gezwungen werden, der sie auf die 
Dauer nicht gewachsen sind, und die ihr Glück machen, wenn 
endlich der Musikant kommt, der mit ihnen das Geschäft teilt. 
Wir in Wien haben den Herrn Dörmann, der sich so lange neu- 
rotisch gebärdete, bis die Firma Sliwinsky dem Unfug ein Ende 
machte. Da alle Dämonie heute glücklicherweise durchs Kabarett 
führt, empfindet es der Künstler nicht mehr allzu schmerzlich, 
wenn er sich zu den Tantiemen herablassen muß. Und sagen wir 
es offen heraus: es sind in deutscher Sprache schon größere Werke 
geschaffen worden als Kling- klang-Gloribusch. Gibt es im letzten 
Jahrzehnt aber eins, das dem deutschen Volke besser gemundet hat ? 
Nun habe ich allerdings die Schrulle, sogar Dreiviertel des Heine- 
schen Nachruhms jener Lorelei zuzuschreiben und zu behaupten, 
daß selbst das mit seinem Singen der Herr Sucher getan hat. Nicht 
viele Lyriker gibt es in Deutschland, die ohre Kling und Klang 
bestehen können. Bierbaum gehört nicht zu ihnen. Was soll man 
nun mit einem Feuilletonnachrufer tun, der behauptet, in seiner 
Lyrik >ströme eine Seele aus, die frei von jeder literarischen Schrulle 
ihren Dichter in die zeitlose Gesellschaft der Herren Walter von 
der Vogelweide, Eichendorff, Möricke und Goethe erhob?« 
LilienCTon, schrieb ich einmal, habe sich für die Teilnahms- 
losigkeit des deutschen Volkes furchtbar gerächt : er zeugte Otto 
Julius Bierbaum. Die Wein- und Mädelsingerei war dahin, Bier 
her, Bier her oder ich fall' um, und das gab den Bierbaumbach. 



50 



Welch eine platte Revolution ! Die Troßbuben, die hinter denen 
um 18Q0 liefen, hatten ihre helle Freude. Aber Liliencron 
war ein Dichter, trotzdem er ein »Prachtkerl« war; Bierbaum 
war weiß Gott nur ein Prachtkerl. Der Feuilletonnachrufer 
aber sagt, er habe den Deutschen »wieder zum lyrischen 
Gedicht zurückgezogen«. Liliencrons Realistik habe, »durch 
Bierbaums Sinneswärme vorbereitet, Verständnis gefunden«. Das 
ist der Regen, der auf den Kot folgt. Ein anderer, der von 
den »Sprungfedern seines überschäumenden Temperaments« spricht, 
bescheidet sich zu behaupten, daß Bierbaums Lyrikbände »wohl« 
unsterblich sind. Das ist unverbindlich. Und gäbe keinen Grund, 
das Werk eines Toten der besonderen Nichtachtung zu empfehlen. 
Aber das Bestreben der Feuilletonisten, Literaturgeschichte zu 
machen, schlägt doch gerade bei solchen Anlässen so störend 
durch, daß man rechtzeitig vorbauen muß. Daß »die Lyrik unserer 
Zeit in leuchtender Schrift seinen und des ernsteren Liliencron 
Namen trägt«, ist eine Behauptung, gegen die man aufstehen muß, 
um einem von zwei Toten Pietät zu erweisen. Unter den Lyrikern 
unserer Zeit wird der andere nicht fortleben. Schließlich bezeichnet 
den schöpferischen Wert eines Lebenswerkes noch die Sprache, 
die seine Nachrufer finden. Von Bierbaum wird gesagt, daß er 
»mit einem lachenden KHng-klang-Gloribusch der ernsten Muse 
einen Nasenstüber gab«, daß er »ein Deutscher war, der verdammt 
viel vom Franzmann gelernt hatte« und daß »neben seinem Sarge 
trauernd Jungfer Romantik und Demoiselle Rokoko stehen«. Der 
Nachruf für einen Dichter ist das Echo seiner Sprache. 



Bin Rackfailiger 

Der Wiener akademische Wagner- Verein als Rechtsnachfolger 
des Hugo Wolf-Vereines hat an die Zeitungen eine Zuschrift zu- 
gesandt, und nur in einer ist sie erschienen. Sie lautet: 

Anläßlich der Erstaufführung von Hugo Wolfs >Penthesilea« durch 
die Philharmoniker zur Feier des 50. Geburtstages des Meisters hat es 
Herr Max Kalbeck für gut befunden, dieser Gedenkfeier zu Ehren 
in seinem Referate vom 3. Februar 1910 Hugo Wolf abermals auf das 



51 



unwürdigste anzugreifen. Wieder schiebt er Brahms großem Gegner rein 
persönlicher Motive, >verletzte Eitelkeit^ für seine nur auf kfinstlerische 
Empfindung zurückgehenden kritischen Urteile unter; er nennt dieselt>en 
»unwürdige Schmähungen«, für welche er seinerzeit eine »Zurecht- 
weisung« Hans Richters als »wohlverdienten Denkzettel« erhalten habe; 
spricht von der »wenig redlichen Praxis«, mit welcher er' »als un- 
schuldig verfolgter Märtyrer« ausgerufen wird, und von »angeblichen 
Neidern und Widersachern«. Wolfs »problematische Natur ging steil 
bergab den Weg zum Orkus«. Und so weiter. Zuletzt meint Kalbeck, 
dafi Wolf »außer einigen gefälligen Liedern« auch andere Werke 
von bleibendem Werte geschaffen haben würde, »wenn er sich über 
das Verhältnis zwischen Musik und Poesie klar geworden 
wäre«. Es wird gut sein, Herrn Kalbeck und zu seiner Kennzeichnung 
dem Publikum jene Erklärung im .Neuen Wiener Tagblatt' vom 
2. Juli 1Q04 wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, welche er, als ihn 
die Erben Hugo Wolfs wegen eines ähnlichen, den Meister herabwür- 
digenden Artikels zur Rechenschaft zogen, abzugeben sich genötigt sah, 
und in welcher er alle Stellen des Artikels, die eine Beleidigung Hugo 
Wolfs darstellten, als »unstatthaft, mit dem Ausdrucke wahr- 
haften Bedauerns« zurücknahm. 

Der Tag, an dem das letzte Heft der ,Fackel' erschien und 
zum Jubiläum des Herrn Max Kalbeck seiner opfervollen Bemü- 
hungen um die Schändung des Hugo Wolf'schen Namens ge- 
dachte, hat gleich jenen Beleg für die Rüstigkeit des Sechzig- 
jährigen gebracht. Als ob ich geahnt hätte, daß Herr Kalbeck 
gerade am 3. Februar rückfällig würde, habe ich das Erscheinen 
des Heftes für diesen Tag bestimmt. Oder als ob Herr Kalbeck 
gewußt hätte, daß ich ihm mit dem Lob scner Spezialität auf- 
warten werde, hat er sich beeilt, sich dessen würdig zu erweisen. 
Schließlich mußte ja einmal der Tag kommen, an dem Herr Kalb- 
eck seine Abbitte für verjährt halten konnte. Je weiter er sich zeit- 
lich von ihr entfernte, desto unstatthafter mußte sie ihm erscheinen, 
und da Herrn Kalbeck nicht mehr die Verurteilung, sondern - 
nach der bekannten Prognose des Kollegen Pötzl - nur mehr 
die Unsterblichkeit winkt, so konnte er die Ehrenerklärung 
getrost mit dem Ausdruck wahrhaften Bedauerns zurückziehen. 
Nur daß es ihm nicht gelang, die störende Stimme seines Ge- 
wissens zum Schweigen zu bringen, ist verdrießlich. Gerade bei 
dieser Gelegenheit hätte Herr Kalbeck nicht von >unwürdigen 
Schmähungen«, nicht von einem »wohlverdienten Denkzettel« und 



— 52 — 

vor allem nicht von einer >wenig redlichen Praxis« sprechen 
sollen. Solche Selbstanzeige könnte sogar die Concordia daran 
erinnern, daß sie ein Ehrengericht hat. Freilich, die kritischen 
Einwände des Herrn Kalbeck gegen Hugo Wolf könnten 
dort nicht inkriminiert werden. Daß Herr Kalbeck zu ihnen 
berechtigt ist, geht schon daraus hervor, daß er zu jenen Kriti- 
kern gehört, die es selber besser machen können. Der schwächliche 
Hugo Wolf, der tot ist, hat nichts Bleibendes geschaffen, weil er 
sich über das Verhältnis zwischen Musik und Poesie nicht klar 
geworden ist. Herr Kalbeck aber, der nach Herrn Pötzls Be- 
hauptung als Hüne ein vierfach Leben lebt, ist Kritiker und 
Librettist, 

und zur Musik ist ihm gegeben, 

daß er ein echter Dichter ist. 



Unter Brrn/^: 

Seit den Tagen, da »Bruder Bahr einen großen Erfolg 
wünschte«, hat man von keinem Versuch mehr gehört, die Humanität 
der Loge zur Förderung geistiger Unternehmungen heranzuziehen. 
Jetzt wird mir das folgende Zirkular übermittelt: 
Sehr geehrter Br.. ! 

Mit den besten V/ünschen zum Jahreswechsel erlaube ich mir 
zugleich die Mitteilung zu machen, daß ich die Wochenschrift .Wiener 
Pikante Blätter' in eigenen Verlag übernommen habe und die höfliche 
Bitte an Sie richte, mich in meinem neuen Unternehmen zu unterstützen. 

Die Spalten dieser Zeitung stehen den geehrten Brrn.'. zur freien 
kostenlosen Benützung, falls sie gesellschaftliche pikante 
Vorkommnisse zur Veröffentlichung bringen wollen. 

Beifolgend eine Probenummer. 

Der jährliche Abonnementsbetrag wurde für Brr.'. auf K 10. — 
herabgesetzt. 

Eine Korrespondenzkarte an untenstehende Administration genügt 
zur Bestellung des Abonnements. 

M't ^'■■- G'-- u. s. w. 
Brrr ! 



Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Karl Kraus 
Druck von Jahoda & Siegel, Wien, III. Hintere ZollaintsstraBe 3 



EINE VORLESUNG 
VON KARL KRAUS 

Aphorismen / Die Welt der 
Plakate / Die chinesische Mauer 

veranstaltet vom Akademischen Ver- 
band für Literatur und Musik in Wien, 

dürfte im März oder im April stattfindeil. 

Das Reinerträgnis würde dem Asyl- 
verein für Obdachlose zufließen. 

Da die Vorlesung vor einem eingeladene 
Publikum stattfindet, mögen Anmeldungen 
ehestens an den Verband und zwar an die 
Adresse des Kassiers Em. Jedlinsky, IX. Müll- 
nergasse 3, gerichtet werden. Die gewünschte 
Karten-Kategorie (K 10, 6; 4, 2, Studenten- 
karten zu K 1) ist zu bezeichnen. 

Die Bezahlung kann erst angenommen 
werden, nachdem die Einladung ergangen 
und bekanntgegeben ist, wann und wo die 
Vorlesung stattfindet. 



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Bureau für Österreich: 

Wien, VL Mariahilferstrasse 117 

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Für Österreich-Ungarn: 18 Nummern, portofrei K 4.50 

i 30 „ „ « 9.- 

* Für das deutsche Reich: 18 „ n MK. 4. 

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I Das Abonpemeiit erstreckt sich nicht auf einen Zeittaum, sondern auf eine bgslimmte Anzah l von Nummern 
Einzelheft in Österreich 30 Heller, in Deutschland 30 Pfennig 
Zu beziehen durch sämtliche Buchhandlungen 

Berliner Bureau: Baiensee, Katliarmenstraße 5 



»»♦««»«»« <o »«»» 



I Inhalt der vorigen Doppelnummer 294 — 295, 3. Feb- 

I ruar 1910: Die Mütter. Von Karl Kraus. — Lebensform und 

I Dichtungsform. Von Otto Stoessl. — Das Schicksal derMaschme. 

? Von Ludwig Rubiner. - Briefe von Ferdinand Kürnberger — 

I Aphorismen. Von Karl Kraus. - Gedichte. Von Else Las ker- 

* Schüler. — Berliner Leseabende. — »Rhabarber«. Von Kar 

I Bleibtreu. — Erklärung und Aufklärung. — Glossen. Von Karl 

l Kraus. 

Herausgeber und verantwortlicher Redakteur Karl Kraus 
r>r,.rV vnn Tahoda fit Siecel. Wien. III. Hintere Zoliamtssir. 3 



Nr. 298— 299 ERSCHIENEN AM 2 I.MÄRZ 1910 XI. JAHR 



DIE FACKEL 



HERAUSGEBER: 



KARL KRAUS 



INHALT: 

Lueger. — Prozess Kolischer. Von Karl Kraus. 
— „Ich". Von F'erdinand Kürnberger. — 
Auf meiner Arbeitsbank. Von Ferdinand 
Kürnbererf^r. — Briefe von Joseph Schöffel. — 
Schülerselbstmord. Von einem Über]' — Den 

fünfzehnjährigen Selbstmördern. rthold 

Viertel. — Oskar Kokoschka. Von L. B. T e s a r. — 
Selbstao zeigen. — Aphorismen. VonKarlK raus. — 
Die Presse. Von Karl Bleibtreu. — Glossen. 
Von Karl Kraus. 

NACHDRUCK VERBOTEN 

PREIS DER DOPPELNUMMER 60 HELLER 
ERSCHEINT IN ZWANGLOSER FOLGE 



VERLAG: ,DIE FACKEL' WIEN— BERLIN 

WIEN, III/2, HLNTERE ZOLLAMTSSTRASSE 3 TELEPHON Nr.' 18-' 



Die nächste Nummer der ,Fackel*, die 

300. 

wird den XI. Jahrgang abschließen. 

Diesem Hefte wird ein Register der Beiträge 
bezw. der Autoren, die an den 300 Nummern 
mitgearbeitet haben, beigelegt werden. Das 
Verzeichnis, das von Ludwig Ullmann ver- 
faßt und mit einem Vorwort versehen ist, 
wird zirka 24 Seiten stark sein und auch 
in gesonderter Ausgabe, um 20 Heller, durch 
den Verlag " der ,Facker zu beziehen sein. 




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N>. 298-299 21. MÄRZ 1910 XI. JAHR 



Lueger 

Nach Otto Weininger: 

> Die , Männer der Tat', dieberühraten Politiker und 
Feldherren, mögen wohl einzelne Züge haben, die an 
das Genie erinnern; aber mit dem Genius kann sie nur 
verwechseln, wer schon durch den äußeren Aspekt 
von Größe allein völlig zu blenden ist. Das Genie ist 
in mehr als einem Sinne ausgezeichnet gerade durch 
den Verzicht auf alle Größe nach außen, durch 
reine innere Größe. Der wahrhaft bedeutende Mensch 
hat den stärksten Sinn für die Werte, der Feldherr- 
Palitiker ein fast ausschließliches Fassungsvermögen 
für die Mächte. Jener sucht allenfalls die Macht an 
den Wert, dieser höchstens den Wert an die Macht 
zu knüpfen und zu binden. Der große Feldherr, der 
große Politiker, sie steigen aus dem Chaos der 
Verhältnisse empor wie der Vogel Phönix, um zu 
verschwinden wie dieser. Der große Imperator oder 
große Demagog ist der einzige Mann, der ganz in 
der Gegenwart lebt; er träumt nicht von einer 
schöneren, besseren Zukunft, er sinnt keiner ent- 
flossenen Vergangenheit nach; er knüpft sein Dasein 
an den Moment, und sucht nicht auf eine jener 
beiden Arten, die dem Menschen möglich sind, die 
Zeit zu überspringen. Der echte Genius aber macht 
sich in seinem SohafTen nicht abhängig von den 
konkret-zeitlichen Bedingungen seines Lebens, die 
für den Feldherr-Politiker stets das Ding-an-sich 
bleiben, das, was ihm zuletzt Richtung gibt. So wird 



— 2 — 



der große Imperator zu einem Phänomen der Natur, 
der große Denker und Künstler steht außerhalb 
ihrer, er ist eine Verkörperung des Geistes. Die 
Werke des Tatmenschen gehen denn auch meist mit 
seinem Tode, oft schon früher, und nie sehr viel 
später, spurlos zu Grunde, nur die Chronik der Zeit 
meldet von dem, wa? da geformt wurde, nur um 
wieder zerstört zu werden. Der Imperator schafft 
keine Werke, an denen die zeitlosen, ewigen Werte 
in ungeheurer Sichtbarkeit für alle Jahrtausende 
zum Ausdruck kommen; denn dies sind die Taten 
des Genius. Dieser, nicht der andere, schafft die 
Geschichte, weil er nicht in sie gebannt ist, sondern 
außerhalb ihrer steht. Der bedeutende Mensch hat 
eine Geschichte, den Imperator hat die Geschichte. 
Der bedeutende Mensch zeugt die Zeit, der Imperator 
wird von ihr gezeugt und getötet. 

.... Jeder solche Mann steht immer in einer gewis- 
sen Verwandtschaft zur Prostituierten . . . Wie er ist die 
Prostituierte, im Gefühle ihrer Macht, vor dem Manne 
nie im geringsten verlegen, während es jeder Mann 
gerade ihr und ihm gegenüber immer ist. Wie der 
große Tribun glaubt sie jeden Menschen, mit dem 
sie spricht, zu beglücken... immer glaubt sie 
Gaben auszuteilen nach allen Seiten hin. Man wird 
in jedem geborenen Politiker dieselben Elemente 
entdecken. Und die Menschen, alle Menschen haben 
beiden gegenüber — man denke, sogar der selbst- 
bewußte Goethe in seinem Verhalten gegen Napoleon 
zu Erfurt — tatsächlich und unwiderstehlich das 
das Gefühl, beschenkt worden zu sein. 

.... Der höhere, der bedeutende Mensch mag 
zwar das gemeine Bedürfnis nach Bewunderung oder 
nach dem Ruhme teilen, aber nicht den Ehrgeiz 
als das Bestreben, alle Dinge in der Welt 
mit sich als empirischer Person zu verknüpfen, 
sie von sich abhängig zu machen, um auf den 
eigenen Namen alle Dinge der Welt zu einer un- 



— 3 — 



endlichen Pyramide zu häufen. . . . Der große 
Mensch hat Grenzen, denn er ist die Monade der 
Monaden, und — dies ist eben jene letzte Tatsache 
— gleichzeitig der bewußte Mikrokosmus, pantogen, 
er hat die ganze Welt in sich, er sieht, im voll- 
ständigsten Falle, bei der ersten Erfahrung, die er 
macht, klar ihre Zusammenhänge im All, und er 
bedarf darum zwar der Erlebnisse, aber keiner 
Induktion; der große Tribun und die große Hetäre 
sind die absolut grenzenlosen Menschen, welche 
die ganze Welt zur Dekoration und Erhöhung ihres 
empirischen Ich gebrauchen. 

.... Der wahre Genius gibt sich selbst seine 
Ehre, und am allerwenigsten setzt er sich in jenes 
Wechselverhältnis gegenseitiger Abhängigkeit zum 
Pöbel, wie dies jeder Tribun tut. Denn im großen 
Politiker steckt nicht nur ein Spekulant und Milliar- 
där, sondern auch ein Bänkelsänger; er ist nicht nur 
großer Schachspieler, sondern auch großer Schau- 
spieler; er ist nicht nur ein Despot, sondern auch ein 
Gunstbuhler; er prostituiert nicht nur, er ist auch 
eine große Prostituierte. Es gibt keinen Politiker, 
keinen Peldherrn, der nicht ,hinabstiege*. Seine Hinab- 
stiege sind ja berühmt, sie sind seine Sexualakte. 
Auch zum richtigen Tribun gehört die Gasse. Das 
Brgänzungsverhältnis zum Pöbel ist geradezu kon- 
stitutiv für den Politiker. Er kann überhaupt nur 
Pöbel brauchen; mit den anderen, den Individuali- 
täten, räumt er auf, wenn er unklug ist, oder heuchelt 
sie zu schätzen, um sie unschädUch zu machen . . . 
Ein Politiker kann durchaus nicht alles beliebige 
unternehmen, auch wenn er ein Napoleon ist, und 
selbst wenn er, was er aber als Napoleon nicht wird, 
Ideale realisieren wollte : er würde gar bald von 
dem Pöbel, seinem wahren Herrn, eines Besseren 
belehrt werden. Alle , Willensersparnis' hat nur für 
den formalen Akt der Initiative Geltung; frei ist das 
Wollen des Machtgierigen nicht. 



— 4 



Auf diese Gegenseitigkeit, diese Relation zu den 
Massen fühlt sich jeder Imperator hingewiesen, 
darum sind alle ausnahmslos ganz instinktiv für die 
Konstituante, für die Volks- oder Heeresversammlung, 
für das allgemeinste Wahlrecht. Nicht Marc Aurel 
und Diokletian, sondern Kleon, Antonius, Themistokles, 
Mirabeau, das sind die Gestalten, in denen der echte 
Politiker erscheint. Ambitio heißt eigentlich Herum- 
gehen. Das tut der Tribun wie die Prostituierte. 

.... Wie der , große Mann der Tat' auf ein 
Innenleben verzichtet, um sich gänzlich in der Welt, 
hier paßt das Wort, auszuleben, und zugrunde- 
zugehen wie alles Ausgelebte, statt zu bestehen 
wie alles Bingelebte, wie er seinen ganzen Wert mit 
kolossaler Wucht hinter sich wirft und sich ihn 
weghält, so schmeißt die große Prostituierte der 
Gesellschaft den Wert ins Antlitz, den sie als 
Mutter von ihr beziehen könnte, nicht freilich um 
in sich zu gehen und ein beschauliches Leben zu 
führen, sondern um ihrem sinnlichen Triebe nun erst 
vollen Lauf zu lassen. Beide, die große Prostituierte 
und der große Tribun, sind wie Brandfackeln, die 
entzündet weithin leuchten, und gehen unter wie 
Meteore, für menschliche Weisheit sinnlos, zwecklos, 
ohne ein Bleibendes zu hinterlassen, ohne alle Ewig- 
keit — indessen die Mutter und der Genius in der 
Stille die Zukunft wirken. < 



». . . . Gegen drei Uhr früh fuhr er aus dem 
Halbschlaf empor und rief nach der Pflegeschwester, 
die rasch den Arzt herbeiholte. Er saß halbaufgerichtet 
im Bette, mit allen Zeichen heftiger Unruhe. Er 
sagte zur Pflegeschwester: 

Was ist denn draußen für Unwetter? . . Dieses 
Hagelwetter . . dieser Sturm . . es muß in Wien 
keine ganze Fensterscheibe geben . ., , 



— 5 — 



Der Arzt und die Pflegeschwester beruhigten 
den Kranken und sagten, es habe sich in der Nacht 
kein Lüftchen geregt; man verspüre den kommen- 
den Frühling. 

Der Kranke aber blieb dabei und sagte; Ich 
habe von meiner Mutter geträumt . . Sie war da, 
um mich aus dem Unwetter zu holen . .< 




Prozeß Kolischer 
Von Karl Kraus 

Die Ehre, die der Prozeß gegen den Generalleutnant 
Sektionschef Baron Khan Remissier Klemens Kolischer unseren 
ministeriellen, militärischen und judiziellen Gewalten eingebracht hat, 
ist mit viertausend Kronen ütxrzahlt. Der Sieg Österreichs über 
den persischen Feldherrn, der ja gewiß in den Annaien usw., ist 
beiweitem nicht so rühmlich, als die langjährige Bundesgenossen- 
schaft schimpflich war. Selbst nach der Niederlage Österreichs 
im Prozeß Friedjung hat man nicht das Gefühl, daß mit dieser 
Trophäe Aufhebens gemacht werden müßte. Mit Persien hatte 
der Herr Oberlandesgerichtsrat Wach leichteres Spiel als mit 
Serbien, aber eben auch billigeres. Alle die garantiert echten 
Sektionschefs, Barone und Generale, die wir zu sehen bekamen 
und die gegen den einen dubiosen Khan standen, sollen sich nur 
nicht zu viel auf diesen Ausgang einbilden. Die Sache verhält 
sich nämlich so. Es ist kein Zweifel, daß man selbst vom radikalsten 
Standpunkt die österreichische Staatlichkeit gegen den Einbruch 
eines Börsenkhans schützen, die geordnete Welt ersessener und 
erkrochener Würden dem Chaos erstandener Titel vorziehen wird. 
Aber hier handelt es sich nicht allein um die Ehre, sondern 
auch um die Dummheit. Daß Herr Kolischer nicht die per- 
sische Armee, sondern die österreichische angeführt hat, 
macht ihn schuldig. Aber den schimpflichen Inhalt des Be- 



-- 6 - 



truges bildet nicht immer die List, sondern manchmal auch der 
Glaube. Österreich hat an Herrn Kolischer geglaubt. Es ließ ihn 
schuldig werden und überläßt ihn jetzt der Pein. Diesem Tataren- 
fürsten \x^urde der >gute Glaube« aberkannt, als er die Funktionäre 
so schwer gekränkt hatte. Aber Österreich muß der gute Glaube 
ganz und gar zugebilligt werden. Wieder einmal und immer 
wieder. Es hat an der persischen Uniform so wenig gezweifelt wie 
an den serbischen Dokumenten, und Herr Kolischer hat nur das 
Pech gehabt, daß er keinem vaterländischen Historiker über den Weg 
lief: ein solcher hätte unserm Ministerium des Äußern die letzten 
Bedenken wegen der Siege des Herrn Kolischer über die Kurden 
ausgeredet. Es ist wahrhaftig keine Großtat, häuserhohes Material 
über einen persischen General, der es nicht ist, in den Schwurgerichts- 
saal zu schleppen. Viel rühmlicher wäre es gewesen, ihm die letzte 
Hoffnung, daß er es am Ende doch sein könnte, rechtzeitig zu 
benehmen. Die Leistung des Hauptmanns von Köpenick war das 
Werk einer Minute, aber der Verkehr mit dem General Kolischer hat 
viele Jahre gedauert. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, 
daß jenem Hauptmann nur deshalb so übel mitgespielt wurde, 
weil er nicht imstande war, preußische Orden zu verschaffen, 
während sich der Glaube an diesen General mindestens auch auf den 
Sonnen- und Löwenorden erstreckte. Daß ein Perserkhan österreichi- 
sche Funktionäre mit Unrecht beleidigt hat, ist viel weniger inter- 
essant als seine Beliebtheit in diesen Kreisen, für die der Wahr- 
heitsbeweis in vollem Umfang erbracht erscheint. Er ist in den 
Ämtern, Ministerien, Gesandtschaften, Militärkasinos nicht nur aus- 
sondern auch eingegangen, und die österreichische Diplomatie hat 
lange Zeit durch den Ernst und die Ausdauer, mit denen sie die 
Angelegenheiten des Herni Kolischer besorgte, ihre Existenz- 
berechtigung erwiesen. Auf der Ringstraße und in Kurorten 
leisteten ihm Offiziere die Ehrenbezeigung, niemand zweifelte, daß 
er ein General sei, und nur darüber herrschte nicht volle Einig- 
keit, ob er nicht ein Erzherzog sei. Da man das aber nicht sicher 
wissen konnte, zog für alle Fälle ein Rudel Menschen hinter ihm 
her. Herr Kolischer war durchaus berechtigt, das Vertrauen, das 
man ihm in der Heimat entgegenbrachte, nicht durch Aufklärungen 
zu enttäuschen. Wie alle Menschenfreunde muß er es jetzt büßen, 
^nd wieder einmal zeigt es sich, daß die Dummheit, die sich an 



— 7 - 

einer bunten Würde freut, eine Qemeinheit begeht, wenn sie die 
Echtheit der Farbe zu prüfen anfängt. So wenig es angeht, Herrn 
Cook nachträglich dafür verantwortlich zu machen, daß er den 
Nordpol nicht entdeckt hat, so ungebührlich ist die Entrüstung 
dieses offiziellen Österreich über einen persischen Brigadier, der in 
seinem ganzen Leben nicht einmal eine Eskadron von Wechselreitern 
befehligt hat. Ich habe einst in einer Abhandlung über Men- 
schenwürde auf einen Mann hingewiesen, der im Kostüm eines 
exotischen Generals die höchsten Kreise einer Residenzstadt zu 
seinem eigenen Besten halte. Schon damals schien mir Shakespeare 
dem Problem Kolischer nahezukommen, nämlich mit der Meinung 
des greisen Herrschers Lear: »Der Schnitt Eures Habits gefällt mir 
nicht. Ihr werdet sagen, es sei persische Tracht ; aber laBt ihn ändern !« 
jener Advokat nun im Prozeß Kolischer, der eine ganze 
Schmalzfabrik der Beredsamkeit gegen den armen Angeklagten 
aufbot, und offenbar im guten Glauben, es handle sich um den 
Prozeß Friedjung, die Geschwornen an den Ruhm der öster- 
reichischen Armee erinnerte, »an die Ereignisse des vorigen 
Jahres und an den gefahrvollen Augenblick, da unsere Söhne und 
Familienväter mit Hingebung an die Grenzen des Vaterlandes 
eilten, um unsere heiligsten Güter zu schützen«, jener Advokat 
behauptete, die österreichischen Offiziere hätten »unmittelbar« 
nach der Anbiederung des Herrn Kolischer ihn durchschaut. 
Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich das nicht bestätigen. 
Ein Satz in der , Fackel', in dem einmal gesagt war, daß 
Herrn Kolischer die persische Generalswürde bei der Akquirierung 
von Inseraten für seine drei Winkelblätter gute Dienste leiste, 
hatte eine merkwürdige Konsequenz. Ich empfing den Besuch 
eines Rittmeisters - eines österreichischen — und eines Ober- 
leutnants — keines persischen — , die »die Ehre hatten, im Auf- 
trage des Generals Kolischer Genugtuung mit der Waffe zu ver- 
langen«. Ehe ich dankend ablehnte, erkundigte ich mich beiläufig, ob 
die Herren den persischen General Kolischer meinten oder ob sie etwa 
im Auftrag eines österreichischen Vorgesetzten gleichen Namens kä- 
men. Diese Frage empfanden die Herren als verletzend und wieder- 
holten schlicht und mit Nachdruck: >des Generals Kolischer«, so als 
ob an diesem Range nichtzu drehn noch zu deuteln wäre. Der General 
fuhr hierauf bei den Wiener Redaktionen vor und ersuchte um 



— 8 



eine Notiz über das abgelehnte Duell. Da aber auch diesem Ver- 
langen nicht entsprochen wurde, forderte er mich durch seinen 
Advokaten auf Grund des § 19, durch seinen Advokaten, dem er 
kurz zuvor nicht etwa den Sonnen- und Löwen-, sondern geradezu 
den Franz Josefs-Orden verschafft hatte. Man kann die Berichti- 
gung und einiges darüber in Nr. 153 (Januar 1904) nachlesen. Es 
war dort erzählt, wie ein ahnungsloser Militärlieferant von 
Schuhoberteilen sich ohneweiters herbeiläßt, einem General 
ein Inserat zu bewilligen. Und man ersieht, daß ich sogar zu 
einer Zeit schon über Herrn Kolischer unterrichtet war, in der 
es die Vertreter Österreichs noch nicht waren, und in der ich nicht 
mehr verpflichtet war, über Einzelerscheinungen der österreichischen 
Finanzwelt unterrichtet zu sein. Aber heute hat gerade dieser 
Fall seine Perspektive ins Österreichische. Und daß die andern 
Fälle noch herumlaufen, daß der päpstliche Hofmaler dem ster- 
benden Bürgermeister noch die Wünsche Seiner Heiligkeit über- 
bringen konnte, ohne hinausgewiesen zu werden, zeigt, daß 
wirklich kein Schade uns davon abbringen kann, Österreicher zu 
bleiben. Und wenn der Papst selbst schon mißtrauisch würde, wir 
Gläubigen glauben an den Conte Lippay. Wie wir an den 
Khan Kolischer geglaubt haben, als selbst der Schah 
bereits den Kopf schüttelte. Er soll ihn einst den >rühmlichst 
bekannten und hochangesehenen Herrn Klemens Kolischer< ge- 
nannt haben, dem er >in diesem glückverheißenden Jahre des 
Schweines die Charge, die Distinktion und den Kordon eines 
Generals zweiter Klasse zu verleihen geruhe, auf daß er mit 
diesem gesegneten Zeichen seine ehrliebende Brust schmücke und, 
seines Ruhmes sich erfreuend, unter seinesgleichen das Haupt 
hoch trage zum Erweise erhöhter Anerkennung seiner Tätigkeit 
(geschrieben im Monat des Zweiten Dschumada im Jahre der 
Flucht 1317)«. Möglich. Aber sicher ist, daß er später sagte: »Geld 
hab ich ihm gegeben, gezahlt hab ich für ihn und Titel hab ich 
ihm gegeben. Ich will nichts mehr hören von ihm!« Woraus 
hervorgeht, daß dem Schah die Assimilation an die Welt des 
Herrn Kolischer besser gelungen ist als Herrn Kolischer die an 
die Welt des Schah, Auch habe dieser in einer Audienz zum 
österreichischen Bptschaf tsrat , ders vor Gericht bezeugte, die 
Worte gebraucht: »Wenn er kommt und erschlagen wird, meine 



— 9 — 



Hände sind rein. Mit dem Textilmonoi»! und andern Sachen, die 
er plante, hätte er die ganze Bevölkerung brotlos gemacht!« 

Man sieht, wie unsicher die Zustände in Persien sind, im Ver- 
gleiche mit jenen im Wiener Schwurgerichtssaal. Hier kann einer, 
weil sich die Lynchung streng in den von der Strafprozeßordnung 
vorgeschriebenen Normen vollzieht, höchstens ein bißchen ohn- 
mächtig werden. Es dürfte aber nicht oft einen Oerichlsfall ge- 
geben haben, wo man sich so lebhaft versucht gefühlt hätte, 
einen unsympathischen Angeklagten gegen das offenbare Recht 
seiner Gegner in Schutz zu nehmen. Denn selten noch haben 
Unrecht und Unfug so organisch in dem System gewurzelt, das 
sich gegen einen Einzelfall erst wehrt, wenn er ihm zu bunt 
wird; Wenn wir an den diplomatischen Apparat denken, der ge- 
braucht wurde, als die Ämter in der Untersuchung des Falles 
Kolischer >ihre Pflicht erfüllten«, und an den judiziellen Apparat, 
der zum Beweise erfüllter Pflicht gedient hat, dann möchten wir 
in Gottes Namen selbst einen unerforschten Khan diesem lang- 
jährigen Aufgebot von Tadellosigkeit und in Ehren ergrauter 
Eselei vorziehen. Zuerst läßt nfan den Herrn Kolischcr mit 
Prinzessinnen tanzen und dann gibt man auch nicht ein Jota von 
dem süßen Amtsgeheimnis her, wenn es möglich wäre, dadurch 
dem ganzen Lamento um eine Uniform ein Ende zu machen. 
Ein langwieriges Achselzucken mit dem Bewußtsein treuer Pflicht- 
erfüllung folgt den Jahren, da man Herrn Kolischer ernst nahm. 
Man hat die Streberei pathologisch geschärft, die Narretei zum 
Wahnsinn gesteigert, und dreht ihr hinterdrein eine lange Nase. 
Ich möchte aber den kaiserlichen Rat sehen, der nicht über- 
schnappen würde, wenn dieselben Leute, die ihn bis dahin tief 
gegrüßt hatten, ihm in weitem Bogen ausweichen, weil sie erfahren 
haben, daß der Kaiser von ihm keinen Rat annimmt. Und wenn 
dann auf die sieben mageren Jahre des Herrn Kolischer noch der 
feierliche Gerichtssaalwitz folgt, wird es vollends schwer zu ent- 
scheiden, auf welcher Seite einem mit mehr Recht die Geduld 
reißt. Wäre die Geschichte nicht der Geschichte selbst zu lang- 
weilig geworden, wir hätten noch durch einige Wochen in jedem 
Abendblatt der Neuen Freien Presse die schönen Geschwornen- 
namen lesen müssen — eine Neuerung, die das Blatt offenbar 
dem besonders gewichtigen Anlaß zuliebe eingeführt hat. Der 



10 



Staatsanwalt fühlte sich schließlich bewogen, an das Problem der 
Volksjudikatur zu rühren: er reizte die Oeschwornen, indem er sie 
an den Zeitverlust bei diesem Prozesse erinnerte. Gewiß, solch ein 
Fall beweist, wie sinnlos es in jedem Fall ist, die wertvollen Kräfte 
unserer Schneidermeister brach liegen zu lassen, denn immer bleiben 
um einer persischen Qeneralsuniform willen unsere Hosen unge- 
flickt. Aber der Advokat, der uns mit Schmalz versorgt, 
ist anderer Meinung. >Und wenn ich daran zweifeln würde, 
meine verehrten Herren Oeschwornen, ob unter Ihnen, nachdem 
Sie mit so seltener Hingebung dieser langen Verhandlung gefolgt 
sind, nicht doch einer ist, der von dem vollen Maße der Schuld 
des Angeklagten nicht überzeugt ist, dann würde ich mich nicht 
nur einer Geschmacklosigkeit, sondern einer Sünde schuldig 
machen. Denn ich müßte ja dann an Ihrer Einsicht zweifeln, und 
selbstverständlich, wie vermöchte ich das! Wie könnte mir das 
auch nur in den Sinn kommen!« I wo wird er denn! Und das 
alles müssen wir zu schlucken kriegen, weil unsere Amtlichkeit 
einen Börsenmakler nicht der persischen Generalsuniform, aber 
einer österreichischen Staatsaktion für würdig hielt. Persien 
macht kürzeren Prozeß. >Wenn er kommt und erschlagen wird« — 
die Reklameadvokaten von Teheran gehen mit leeren Händen aus 
und die brotlose Bevölkerung verzichtet dort auch auf die Circenses. 
Persien rächt seine Enttäuschungen mit Blut, Osterreich die seinen 
mit Langweile. Persien fragte, ob die Reform echt sei, Österreich, 
ob die Uniform echt sei. Persien hätte einen wirklichen Börsianer, 
dessen Lebensziel es ist, in den Straßen von Teheran in der 
Tracht eines österreichischen Feldwebels zu stolzieren, laufen 
lassen - Österreich hat eine Kolischer-Epoche durchlebt. Es 
klingt zauberhaft: zuerst liebten sie den Mann, glaubten an 
die Uniform und hofften auf den Sonnen- und Löwenorden, 
und nachher hat die Untersuchung eines persischen Märchens 
tausend und einen Akt gekostet. 




— 11 — 

Schöffel nnd Kümberger 

Die folgenden zwei Feuilletons hat Ferdinand 
Kürnberger nicht in die Sammlung »Siegelringe« auf- 
genommen, und auch in der Neuausgabe, die kürzlich 
erschienen ist und eine Ergänzung bringt,*) sind sie 
nicht enthalten. Es sind schwächere polemische 
Leistungen, aber indem man dies sagt und die 
Distanz zu der Höhe Kürnbergers feststellt, darf man 
sie getrost der heutigen ÖflFentlichkeit überliefern. 
Die Gewichtigkeit ihres Inhalts wird gerade jetzt 
und in der Sphäre der , Fackel' deutlich. Der erste 
Artikel führt so in die Anfangsgründe der NeuenFreien 
Verachtung ein, wie kein anderer, den Kürnberger 
je geschrieben hat. Und der zweite, satirisch höher 
gestimmte, enthält eine Würdigung Joseph Schöffeis, 
wie sie eindringlich liebevoller auch in den »Siegel- 
ringen« nicht gegeben ist. Die beiden Feuilletons 
sind vollständig unbekannt. Das erste — das hier 
nach einem von Kürnbergers Hand korrigierten 
Exemplar gedruckt wird — ist im ,Tagblatt' am 
26. August 1873, das andere in der , Deutschen 
Zeitung' am 3. April 1874 erschienen. 

„Ich« 

Ganz Europa wundert sich nicht wenig! 

Die Fichtegasse nimmt es übel, daß Schöffel — ein Fichteaner 
geworden! Welch eine Neue Freie Logik! 

Ist das Konsequenz oder Inkonsequenz von der unphilo- 
sophischen Philosophengasse? 

Aber doch wohl das Erstere. Verführt von der deutschen 
Grammatik, sagt Schöffel >ich<, wenn er in der ersten Person 
spricht; das sieht harmlos und unschuldig aus, ist aber doch eine 
scharfe Majestätsbeleidigung gegen das Ur-Ich in der Fichtegasse. 
Außer Gott ist kein Gott, und außer dem Ich der .Neuen Freien 
Presse' gibt es kein Schöffel-Ich mehr, gibt es kein Ich mehr in 



*) Gesammelte Werke, herausgegeben von O. E. Deutsch, I. Band, 
München und Leipzig, Georg Müller. 



— 12 



Mödling, Haus-Numero 22. Das sollt ihr wissen, ihr Völker am 
Alserbach und am Krottenbach. 

Daher die schwunghafte Sure der ,Neuen Freien Presse' am 
Sonnabend, worin sie das Dogma der Fichtegasse unter Blitz und 
Donner ihren Gläubigen eindringlichst um die Ohren schlägt. 

Hört ihr Völker, schreit sie mit Ingrimm, die schauderhafte 
Mordtat im Lande Österreich! Dieser Schöffel ist ja förmlich ein 
>Fichteaner< geworden. Schon wieder hat er gestern, Freitag den 
22. August im ,Tagblatt' anderthalb Spalten zu seinem Ich ver- 
braucht! 

Entsetzlich ! Wie könnte die .Neue Freie Presse' das dulden, 
die zu ihrem Ich anderthalb Papiermühlen verbraucht?! 

Ich gebe tausend Dukaten für eine Wanze — Pardon, ich 
wollte sagen für eine Nummer der ,Neuen Freien Presse', worin 
die pflichtmäßige Obsorge für ihren Ich-Kultus unterlassen worden 
wäre. Das heilige Feuer zur immerwährenden Selbstanbetung ihres 
Ich wird Tag und Nacht brennend unterhalten, und wenn es je 
unter den Händen eines unglücklichen Mitarbeiters verlöschen 
sollte, so wird derselbe in einen Sack eingenäht und auf eine 
wüste Insel transportiert, z. B. ins Feuilleton der ,N. Fr. Pr.' 

Alles Wissen ist Koran, sagte Aali und zündete die alexan- 
drische Bibliothek an; alles Wissen ist mein Ich, sagt die .Neue 
Fr. Presse', und zündet jedes andere Ich an. Um die Völker zu 
ihrem Heile anzuleiten, braucht die ,Neue Fr. Pr.' nichts - als 
die ,Neue Freie Presse'. 

Wenn sich die ,Neue Freie Presse' ihre Korrespondenzen 
schreibt, so spielen die Korrespondenten immer mit den Trümpfen 
der ,Neuen Freien Presse'. Da wird dem Florentiner Korrespondenten 
in den Mund gelegt: >Wie der Londoner Korrespondent der 

,Neuen Freien Presse' ganz richtig bemerkt hat« worauf der 

Londoner Korrespondent mit der Response einfällt: »Der Florentiner 
Korrespondent der ,Neuen Freien Presse' war gut unterrichtet« — 
und so fort, mit Grazie um Münchhausens Zopfkreisel herum. 

Ala muß schreiben: >Die hiesigen Leser der ,Neuen Freien 

Presse' verfolgen mit Interesse« und Riva muß antworten : 

>Die hiesigen Leser der ,Neuen Freien Presse' haben mit Vergnügen 
bemerkt« — — In Paris erfüllt sich, was die ,Neue Freie Presse, 
am 32. März so scharfsinnig vorausgesagt und Konstantinopel 



— 13 



sieht die Dinge immer deutlicher sich entwickeln, wie es die ,Neue 
Freie Presse' am 1. April so richtig prognostiziert. 

Wie gesagt, ich gebe tausend Dukaten — doch nein, wer 
wird so schmutzig sein? ich gebe zweitausend Dukaten für eine 
Nummer der ,Neuen Freien Presse', worin außer der .Neuen 
Freien Presse' noch ein Stückchen Welt samt Umgebung existierte. 

Und nun will so ein Schöffel-Ich existieren! Und braucht 
anderthalb Spalten vom .Tagblatt' für sein Ich! Da sieht man den 
ganzen Rebellionsgeist dieser >Jungen«! 

Es gibt nur eine bestimmte Anzahl von Ohrfeigen in der 
Welt, hat ein Tieckscher Held behauptet, und er freute sich immer, 
daß die seinige aus der Welt sei, wenn ein Anderer eine bekam. 

So gibt es nach der ,Neuen Freien Presse' auch nur eine 
gewisse Summe von Ichs, aber diese Summe repräsentiert sie selbst 
schon, die ganze Summe, die Totalsumme! Außer ihr kein Ich! 
Und wo sich doch eins muckst, ist es direkter Diebstahl an ihr. Die 
Welt ist ein von der .Neuen Freien Presse' ausverkauftes Haus 
von Ichs. Man kann in die Welt nur hinein mit einer Kontr^- 
marke der ,Neuen Freien Presse'. Wenn nun so ein Fichteaner, so 
ein Schöffel-Ich kommt und sich selbst setzt (wie Fichte sagt) und 
noch dazu auf einen so guten Balkonsitz, wie anderthalb Spalten 
im ,Tagblatt', so bringt das die ganze Geschichte der Philosophie 
des 19. Jahrhunderts in Verwirrung. Das kann man nur, wenn 
man den österreichischen Welthausherm um Erlaubnis gefragt hat. 
»Österreich ist der unnützeste Staat« . . . wenn er nicht für die 
Fichtegasse da ist! Ihr lacht? Die »regierungsfähigen« Alten 
glauben es im bittersten Ernste. Sie beneiden längst den Bischof 
von Brixen, daß sie das nicht auch so laut sagen dürfen! 

Was machen wir also, mein verehrter Freund Schöffel? Ichs 
sind wir alle, das ist unsere angeborene Erbsünde! Ja, was das 
Schlimmste ist: die löblichen Versuche, die wir im richtigen Gefühl 
unserer Sünde gemacht, dieses verbrecherische >Ich< zu umgehen, 
sind kläglich gescheitert. Z. B. das >man«. Man hat die Wünsche 
des Volkes vernommen, man wird sie amtsmäßig beraten lassen, 
man wird Beschluß darüber fassen, man wird seine Entschließung 
rechtzeitig kundtun — sagte der Großherzog von Kniphausen in 
einer Balkonrede der Kniphäuser Märztage. Hier war das »man< 
der Großherzog und sein Ich. 



— 14 



Man ist ein Esel! schnauzte der Polizeirat seinen Konfidenten 
an, der aus einem Antiquarladen ein Buch »Über die Revolutionen« 
konfisziert, — nämlich über die Revolutionen der Erde am Nordpol, 
was er in seinem Amtseifer übersehen. Dieses >man« war aber 
jetzt nicht der Polizeirat und sein Ich. 

Man ist ein Esel. Wie belehrend! Sie sehen also, verehrter 
Freund, Sie können dieses zweideutige »man« durchaus nicht 
brauchen. Die ,Neue Freie Presse' könnte zuweilen glauben, es sei 
von ihr die Rede. 

Ein anderesmal hat das zerknirschte Ich zu dem »wir« ge- 
griffen. Auch das muß ich Ihnen widerraten. Man hat dieses »wir« 
nämlich den Pluralis Majestatis genannt, aber majestätisch ist 
nichts, als die ,Meue Freie Presse', die »regierungsfähige« Alte m 
der Fichtegasse! Sie könnten nur Öl ins Feuer gießen. 

Endlich hat sich die erste Person gar in die dritte versteckt; 
Sie dürften also höchstens noch von sich sprechen, wie Cäsar im 
gallischen Kriege von Cäsar. 

Schöffel versammelte seine Legionen — Schöffel hielt auf 
dem Forum von Purkersdorf eine Rede ans Volk — Schöffel 
erstürmte das Lager der »Neuen Freien Presse< und führte die 
Gefangenen im Triumphzuge nach Mödling — 

Hm! wäre gar nicht ohne. Aber ach, da fällt mir soeben 
ein, daß Cäsar dieses Plagiat an der Gurli begangen hat, und Sie 
können doch nicht wie Gurli reden! Gurli will heiraten — Schöffel 
will nicht betteln gehn — leider! ist noch einmal nicht zu brauchen! 

Wahrlich, eine harte Nuß ! Wie schwer seufzt es sich unter'm 
Joch so einer Alten, — auch wenn sie Neu und Frei ist! Manzoni 
hat gut scherzen von einem Siemandl, welcher die Briefe seines 
alten Hausdrachen korrigierte, »weil die Orthographie noch das 
Einzige war, worüber der Doktor in seinem Hause befehlen durfte.« 

In unserem Falle i't das nichts weniger als spaßhaft. Unsere 
»regierungsfähige« Alte, die das ganze Haus tyrannisiert, will nun 
auch noch über die Grammatik befehlen! Eine Person, welche 
fünfzigtausend Personen zu vertreten hätte, soll keine Person sein! 
soll die Rechtswohltat der Grammatik verwirkt haben! Die 
Grammatik sagt »ichc in der ersten Person, sie sagt es auch für 
Josef Schöffel, aber die ,Neue Freie Presse' leidet es nicht. Der 
Kandidat muß freilich sehr gut und sie sehr schlecht stehen, wenn 



- 16 — 

sie ihm weiter nichts nachzusagen weiß, als daß er Ich sagt in 
der ersten Person; ein polemisches Motiv von erstaunlicher Genüg- 
samkeit! Der äußerste Hungertyphus des Witzes, das für einen 
Knochen zu halten, an dem sich nagen und beißen läßt! 

Nun, die ,Neue Freie Presse' muß es am besten wissen, 
wie lang sie an der Witztafel schon nichts Warmes gegessen hat, 
und Hunger tut weh. Sie nimmt sich einen Dienstmann auf — 
denn ein Journalist gibt sich nicht her dazu - sie nimmt sich 
einen Dienstmann auf und läßt emsig nachzählen, wie oft in einer 
Wählerschafts-Enunziation das Wörtchen »ich« vorkommt. Sie 
gibt ihm einen Rotstift in die Hand, daß er's unterstreiche, und 
kommandiert dem Setzer, daß er das Unterstrichene durchschieße. 
Diese Schande vor der ganzen Welt! Da steht es jetzt das Ver- 
brechen, nackt und bloß, und erliegt nicht einmal unter der Satire 
der ,Neuen Freien Presse'. Nein, bloß der Rotstift des Dienst- 
manns und die Spatien des Setzers waren die Satire. Das Ver- 
brechen richtet sich selbst, daß die deutsche Grammatik >ich< in 
der ersten Person sagt. Armes deutsches Ich ! Der Franzose, der 
von Kopf zu Fuß ganz Ich ist, braucht zwei »ich«, wie er zwei 
Hände und zwei Füße braucht und sagt je und moi ; der schroffe 
stolze Insulaner, der königliche Egoist »of old England« findet in 
seinem Ich die einzige Größe, die es sich verlohnt, groß zu 
schreiben und schreibt I; nur das schamhafte deutsche »ich« soll 
sein Veilchenauge zu Boden schlagen und sich's vorwerfen lassen, 
daß es überhaupt auf der grammatischen Welt ist! Die .Neue 
Freie Presse' schwingt ihie stumpfste Feder — die sie, wie die 
zerfetztesten Fahnen, für die siegreichste zu halten scheint - und 
fällt gegen die Tatsachen der deutschen Grammatik aus. Ohne 
die Rebellenbrut der »Jungen« einer Lehrmeinung zu würdigen, 
welches die geheimnisvolle mystische Zahl wäre, wie oft man »ich« 
sagen darf und wie oft nicht, läßt sie uns in Todesangst zappeln, 
daß Zusammenrottungen von mehr als einem »ich« (nicht bei ihr, 
sondern beim ,Tagblatt') der geradeste Weg in Stabstockhaus. 

Bei Gott, das kann schön werden, wenn sich die Herrschaft 
der »Alten« wieder befestigen sollte! Die deutsche Grammatik im 
permanenten Belagerungszustand! Aber wie denn auch anders? 
Erst der Mantel, dann der Herzog. Der »regierungsfähige« Partei- 
minister will keinen Schulrat Bobies, das »regierungsfähige« 
Parteiblatt will keinen Schuldirektor D i 1 1 e s, endlich legen sie 



— 16 — 

die Axt an die Wurzel und wollen keine Grammatik. Keine 
Grammatik, die >ich< in der ersten Person sagt, keinen Gebrauch 
dieses >ich<. 

Josef, Josef, auf entfernte Meilen — sorg' ich in Wien für 
meinen armen schattenlosen Schlemihl, der in Mödling ohne 
persönliches Fürwort herumgeht ! Wahrlich, verehrter Freund, Ihre 
grammatische Evidenzhaltung ist jetzt die brennendste Frage. Wie 
revidieren wir die revolutionäre Pronominal- Verfassung für den 
histerischen Rechtsstaat in der Fichtegasse? Denn geschehen muß 
etwas, das ist klar. Die regierungsfähige Alte muß versöhnt 
werden ; ich hoffe, Sie haben meine versöhnliche Stimmung längst 
schon bemerkt. 

Ha, da hab' ich es! »Auf einmal weiß ich Rat!« Hören Sie 
mich an. 

Im vorigen Jahrhundert trieb man die Spielerei, ganze 
Romane zu schreiben mit Verzichtleistung auf den Gebrauch irgend 
eines Buchstabs — z. B. des a, des r u. dgl. 

Verzichten Sie ganz auf den verhängnisvollen Pronominal- 
Luxus >ich.< Stilisieren Sie alles, was Sie als Wahlkandidat zu 
schreiben haben, so künstlich, daß kein einziges »ich« darin vor- 
kommt. Es ist nun einmal ein roter Lappen für die ärgerliche Alte 
und der Zorn könnte ihr Ende beschleunigen. Aber ist jetzt eine 
Zeit zu Nationalfesten? 

Und wie sollten Sie auch, wenn Ihnen die ganze übrige 
Sprache, wie Sie in den Wald- und Straßenfragen bewiesen haben, 
so exzellent zu Gebote steljt, wie sollten Sie auch dieses winzige 
Wörtchen, dieses kleine einsilbige Ich nicht entbehren können? 
Sehen Sie die ,Neue Freie Presse' selbst an, wie sie das umgekehrte, 
viel schwierigere Kunststück zustande bringt! Sie schreibt mit dem 
kleinen, winzigen Ich, mit diesem einzigen Wörtchen sämtliche 
Jahrgänge der ,Neuen Freien Presse' und kann dafür alle übrigen 
Wörter, ganz besonders aber die Begriffe der Wörter entbehren. 

Nehmen Sie alo meinen Vorschlag an. Ich mache ihn in 
Österreichs elfter Stunde — man möchte beinahe schon sagen, um 
dreiviertel auf zwölf. Und ist auch das noch kein Kompromiß 
zwischen den Aiten und Jungen — dann rolle Verhängnis! Ich 
bin unschuldig am Blutvergießen. Ich bin unschuldig, wenn die 
österreichische Revolution die Dämme des Alserbachs überflutet, 

Ferdinand Kürnberger. 



Die Schöffel-Chlumecky-Debatte auf meiner 
Arbeitsbank 

Vor den Feiertagen haben wir Handwerksleutc zu tun. Wer 
Geld hat, läßt sich neue Kleider machen, und wer keines hat, die 
alten verschlissenen wenigstens ausbessern. Verschämte Arme z. B. 
werden ganz besonders heikel sein, mit keiner fadenscheinigen und 
zerlöcherten Logik an den Osterfeiertagen sich blicken zu lassen. 
In der Montags-Sitzung hat die Logik der Frau Austria durch 
unvorsichtige Hände einige Löcher bekommen, die ich schleunigst 
zustopfen will. Die genannte Frau ist nämlich meine alte Kund- 
schaft und ich habe sie immer gut bedient. Ein rechtschaffener 
Handwerksmann läßt sich ein paar Stiche nicht reuen, auch 
wenn sie ihm nicht bestellt, ja nicht einmal gelohnt würden. Auch 
um Gotteslohn fädelt ein gottesfürchtiger Flickschneider gerne 
seine Nadel ein. Ich flicke also! 

Erstes Loch. Chlumecky: >Der Herr Abgeordnete Schöffel 
hat die Geschäftsnummern des Ministeriums mit den Agenden 
anderer Mmisterien verglichen. Ich begreife nicht, wie gerade der 
Herr, welcher der Bureaukratie so zu Leibe gegangen ist, nun 
den bekanntlich bureaukratischen Schimmel, nämlich die Geschäfts- 
nummern einer Behörde, zum Gegenstande einer Vergleichung 
machen kann. Ich habe geglaubt, daß ich am besten administriere, 
wenn ich möglichst wenig Nummern macbe.t — (Rufe links und 
im Zentrum: >Sehr richtig !<) 

Fleck darauf. Ruf von meiner Arbeitsbank: Sehr 
unrichtig! Die Kultur hat nun einmal nach irgend einem uner- 
bittlichen Fatum den Gang des Papiers eingeschlagen. Bei einem 
Kulturgange, wo kein Fürst mehr eine Schule besuchen kann, 
ohne daß der Schulmeister früher schriftlich vorlegen muß, was 
er sagen wird, und der Fürst eine papierne Zettel- Antwort in die 
Hand bekommt, die er ablesen muß, bei einem Kulturgange, der 
Alles und Alles zu Papier bringt, wollen wir uns doch nicht weis- 
machen, daß die Vieischreiberei überhaupt einzudämmen ist und 
im Belieben eines Einzelnen liegt? Belcredi wollte solch' ein Einzelner 
sein. Ich erinnere mich noch sehr wohl seines Antritts-Zirkulärs. 
Weniger schreiben, mehr mündlich und persönlich abtun, riet er 
seinen Beamten. Belletrist! Phantast! Romantiker! Dilletant! 



18 



antwortete spöttisch das Papier-Fatum und Schreiber-Imperium, 
und ließ alles beim Alten. Eines Tages nahm ein Beamter einen 
Fiaker und erledigte wirklich persönlich, was er sonst schriftlich 
abgemacht hätte. Das ging durch alle Blätter und war eine Merk- 
würdigkeit wie ein Maikäfer im April. Das arme Tierlein ist auch 
bald genug umgekommen; man sah den Schreiberstaat nach wie 
vor viel weniger auf den Strümpfen als auf seinem sitzenden Sitz- 
fleisch. »Ich habe geglaubt, daß ich am besten . . . .< ja freilich, 
ich habe auch geglaubt! Aber ich habe geglaubt, daß jeder Glaube 
unglaublich weit hinter Taten und Werken zurückbleibt. Wir 
wollen daher keine Glaubenskriege führen. Halten wir uns aber 
an die Tatsachen, so behält Schöffel Recht, denn im tatsächlichen 
Vielschreiber-Staate wird die Zahl der Agenden von der Tätigkeit 
des Amtes immer ein Bild geben. Es ist nnn einmal nicht anders. 

Zweites Loch. Chlumecky: >Wenn der Herr Abgeordnete 
weiter gesagt hat, daß das Unerhörte geschehe, daß auch ein 
Sektions-Chef in forstlichen Angelegenheiten Agenden hat, so 
muß ich Sie bitten, die Exekutive dem verantwortlichen Minister 
zu überlassen, es ihm zu überlassen, die Kräfte, die er braucht, 
zu wählen, und nach seiner Überzeugung zu organisieren.« — 
(> Bravo! Bravo!«) 

Fleck darauf. Die Exekutive will Geld von mir. Darf 
ich nun fragen: Was und wie exekutierst du damit, oder darf ich 
nicht so fragen? Was ist denn das Budgetrecht, wenn nicht eine 
Kontrolle der Exekutive? Es liegt in der ganzen Natur der geteilten 
Gewalten, daß sie eben nicht so präzis zu teilen sind, wie Salomo 
das berühmte Kindlein teilen wollte. In jedem kräftigen Parla- 
mentarismus langt die Legislative gelegentlich in die Exekutive 
hinüber, und in jedem Kanzleidiener-Parlamente erlaubt sich die 
Exekutive selbst wieder Beeinflussungen der Legislative. 

Drittes Loch. Chlumecky: >Der Abgeordnete von 
Mödling — der Abgeordnete von Hietzing — « 

Fleck darauf. Ein altes Wiener Possen-Couplet singt: 
>I bin von Penzing und das is mein Stolz!« Diese schönen Zeiten 
haben sich geändert, denn von Hietzing und Mödling zu sein, 
sieht nach Chlumecky nahezu wie ein Vorwurf der armen nieder- 
österreichischen Kreatur aus. Gott besser 's ! Schäme dich, Hietzing 
und Mödling. Warum bist du nicht Moskau und Petersburg ? 



- 19 - 



Ach, es läßt sich so schön »verantwortlicher« Minister — in 
russischen Städten sein! Übrigens meint man, es wäre auch bej 
bei uns nicht gesundheitsschädhch und pensionsnachteilig. 

Viertes Loch: Chlumecky: »Es ist sehr leicht, achtbare 
Beamte zu denunzieren, aber gegen solche Vorwürfe, wie sie heute 
erlioben worden sind, ohne daß nur einzige Tatsache vorgeführt 
worden wäre . . .< 

Fleck darauf. Schöffel rechnet : Vom gesamten Bamten- 
stand konsumiert Justiz 1 Perzent, Unterricht 2^li, Inneres 5, 
Handel 5, Finanzen 7, Ackerbau — I6V2 Perzent. 

Ist das eine Tatsache? Pardon, ich armer, einfältiger Flick- 
schneider halte es dafür. 

Schöffel sagt: Als die Staatsforste 4 Millionen Joch hatten, 
zählte die Verwaltung 7 Beamte, jetzt haben sie 1 Million und 
die Verwaltung zählt 15 Beamte. 

Ist das eine Tatsache von nepotischer Bearatenversorgung 
und kostspieligem Anstellungs-Luxus? 

Schöffel sagt: Das V. Departement ist das der Pferdezucht. 
Damit ist das Qestütswesen nicht gemeint, denn dieses untersteht 
einem Generalmajor. Damit man jedoch den Unterschied zwischen 
Pferdezucht und Gestütswesen erkennt, wurde ein Ministerial- 
sekretär als Markierungspunkt angestellt. 

Ist dieser Ministerialsekretär eine Tatsache oder ein Schatten- 
prinz aus Arkadien? 

Schöffel sagt: Das VI. Departement ist das des Bergwesens, 
wohl zu unterscheiden von dem des Montanwesens, unter dem 
man die Betriebsleitung der ärarischen Bergwerke versteht. Das 
Departement leitet ein Ministerialrat, dem eine Schar von 3 Berg- 
hauptleuten, 6 Ober- Bergräten, 5 Bergräten, 18 Ober-Berg- 
kommissären und 13 Bergkommissären untersteht. Sie werden finden 
meine Herren, daß es hier mehr Berghauptleute, Ober-Bergräte und 
Ober-Bergkoramissäre gibt als Gruben im ganzen Lande, außer 
man rechnet die Schottergruben dazu. 

Sind das Tatsachen oder fangen die Tatsachen erst bei 
gestohlenen Silberlöffeln an? — 

Ich habe dieses Loch einzig mit der Hand und mit dem 
Zeuge Schöffel's geflickt, denn das Loch ist groß und vor Ostern, 
wo die Arbeit so pressant ist, hilft sich ein kleiner Mann mit 



20 



Händen, wo er sie findet. Die Hand näht meisterlich und das 
Zeug ist das beste in Österreich. Ich behaupte, daß die Sätze 
Nr. 5 und 6 ein echteres Muster von wahrem und wirklichem 
Witze sind, als vielleicht jener große und achtbare Teil unserer 
Mitbürger, den wir die jüdische Bevölkerung nennen, nach seinem 
anders gearteten Kanon mitempfindet, einem Kanon, welcher das 
Haschen und Kombinieren von Bildern gewöhnlich für Witz hält. 
Aber Saphir wird längst nicht mehr gelesen, während jene Sätze 
ihr heutiges Gepräge bewahren werden, so gut wie Sätze von 
Lessing oder P. L. Courier. 

Fünftes Loch. Tinti : >Wenn nun gesagt wurde, 
daß das Ministerium seine Aufgabe verkannt habe und ver- 
schwenderisch gewesen sei, daß es die Subventionen zwecklos und 
ohne System vergeude, dann begreife ich nicht, warum die Herren 
Redner (Schöffel und Schönerer) nicht zu der Konklusion gekommen 
sind, daß dem Ackerbauministerium nichts zu bewilligen, daß 
dieses Institut aufzulösen sei.« — (»Sehr richtig!«) 

Fleck darauf. Weil sie das Ackerbauministerium für 
besserungsfähig halten. Das ist leicht zu begreifen, wenn man 
Begriffsvermögen hat. Wer gleich mit Nichtbewilligung und Auf- 
lösung käme, der hielte es eben für unverbesserlich. Gott über 
die Welt, wer wird denn so extrem sein? Der Baron Tinti ist's 
eigentlich viel mehr als die Herren Schöffel und Schönerer. Sint 
ut sunt aut non sint, scheint er von den bureaukratischen Acker- 
bauern zu denken und stellt seine Sache auf diese jesuitische 
Messerschneide. Entweder verweigert das Budget oder haltet das 
Maul! Ei, was das Hitzköpfe sind heutzutage! Ein alter Flick- 
schneider verliert sein ganzes Bischen Courage unter so tollen 
Menschen. Verweigerung ! Auflösung ! 

Vor der Verdammnis steht doch die Besserung! Bessere 
dich ! ruft selbst der steinerne Gast, der doch ein so geharnischter 
Abgeordneter ist und hinter dem ein verteufeltes Volk steht! 
Wenn man erstochen wird, darf man mit gutem Grund böse 
werden und aufgeregt sein, und doch ruft der maßvolle Tote noch 
immer: »Bessere dich!« ehe er dem Don Juan sein fettes Fasanen- 
und Hasen-Budget verweigert und ihn anflöst. »Pentiti!« — 
>Pentiti!< - Nein, Herr Baron Tinti; eine Fristerstreckung zur 



- 21 — 

Buße und Reue verdient noch der ärgste Bruder Liederlich — 
»il dissoluto punito!« wie das alte Libretto sagt. 

Sechstes Loch. .Neue Freie Presse' : >Zwei Deputierte, 
welche die hochgehenden Wogen der letzten Wahlbewegung in 
das Abgeordnetenhaus geschwemmt hatten, die Herren Schönerer 
und Schöffel . . .< 

Fleck darauf. Sollte man doch glauben, es wäre von 
deutschen und französischen Wählerschaften die Rede, wo es in 
viele Tausende geht, statt wie bei den österreichischen nur in 
wenige Hunderte. Was schwemmt sich denn da mit hochgehenden 
Wogen? Übrigens ist Schöffel auch in die Delegationen gewählt 
worden ; der Mann muß also doch besser sein, als daß er nur so 
mitgeschwemmt wird. Wenn 37 Erwählte wieder Drei auserwählen, 
so ist das die Elite der Elite und keine Aufschwemmung mit 
hochgehenden Wogen. 

Und doch war von der »Neuen Freien Presse«, die mit 
ihrem ganzen, von ihr selbst so hoch geschätzten und noch höher 
verwerteten Einfluß durch ihren Kandidaten Lustkandl gegen 
Schöffel seinerzeit unterlegen ist, nicht nur das, sondern weit 
Ärgeres zu erwarten; ja sieht man, daß sie sogar schon anfängt, 
Herrn Kronawetter Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, so scheint 
es fast, als ob sie nur noch ehrenhalber und auf dem Rückzuge 
ein Bischen plänkelte, in ihrem bessern Gewissen aber ernstlich 
daran dächte, die verlorne Fühlung mit der öffentlichen Meinung 
wieder zu suchen. Überlassen wir das also der Zeit, die wir 
abwarten und beobachten wollen. 

Abwarten und Beobachten ! Man hat in Österreich so lange 
und leider mit so vielem Grunde geklagt, daß es uns an parla- 
mentarischen Talenten, noch mehr an parlamentarischen Charakteren 
fehlt. Da betritt nun ein Mann die parlamentarische Laufbahn, 
ein neuer Mann, der offenbar das Eine und auch das Andere ist. 
Wird man ihn dafür erkennen ? Wie lange und in welchem Grade ? 
Das ist's, warum ich mich mit Schöffel beschäftige! Wie Schöffel's 
Person mich interessiert, würde kaum vor die Öffentlichkeit 
gehören; aber in Schöffel interessiert mich Österreich. Ist es euch 
Ernst mit euerem patriotischen Seufzen nach Talenten und 
Charakteren? Es wird sich zeigen aus der Art, wie ihr sie auf- 



22 



nehmt. Es wird interessant sein, diesen Fall zu beobachten, denn 
es wird sich viel daraus schließen lassen! 

Ich habe nämlich — so wenig die Menschen aus der 
Geschichte auch lernen — aus Gibbon's >Verfall des römischen 
Reiches< etwas gelernt. Nicht das Quantum der vorhandenen 
Männertugend macht die besten und schlechtesten Zeiten — über- 
raschender Weise variiert es nicht einmal stark — sondern das macht 
sie, wie gut oder wie schlecht es von der Öffentlichkeit assimiliert 
wird. Den guten Zeiten gedeiht jedes ßröselein Gutes; die 
schlechten vergeuden es in Scheffeln, verfolgen es förmlich und 
wüten dagegen. Es wird sich viel dabei denken lassen, wie unser 
Vaterland mit unserm neuen Manne sich stellt. 

>Das Vaterland kann nicht verderben!« nach Heine, und 
freilich bleibt mein Österreich auf seiner Erdoberfläche liegen und 
ist mir sicher. Deßungeachtet macht es einen großen, einen Alles 
entscheidenden Unterschied, ob zum Beispiel das vaterländische 
Griechenland eines Tages Hellas hieß und eines andern Tages 



Byzanz 



Ferdinand Kürnberger 



Kürnberger hielt die Korrespondenz eines Schrift- 
stellers für einen erheblichen Teil seiner Tätigkeit. 
Aber so bald vermöchte uns ein Profil nicht leb- 
hafter anzusprechen als aus den Briefen Joseph 
Schöffeis. Hier zwei, die an Kürnberger gerichtet, 
und etliche, die an mich fast dreißig Jahre später, 
aber mit der bis aufs letzte Pünktchen gleichen 
Schrift geschrieben sind. Darunter solche, aus denen 
meine anonymen Briefsteller ersehen werden, daß ihr 
Verdacht ungerechtfertigt ist, Schöffel habe sich bloß 
solange als die , Fackel' eine ausschließliche, soziale 
Reinigungspflicht erfüllte, ihr zugewendet. 

An Ferdinand Kürnberger: 

Lieber alter Freund I 

Ich war in Pernitz, habe bei 11° Kälte gejagt und einen 
Fuchs gefehlt, dafür aber einen alten Esel getroffen. Der alte 



- 23 - 



Förster, der sich für einen bedeutenden Künstler hält, verlangt nämlich 
für einen solchen Rahmen, wie er für mich geschnitzt hat, nicht 
weniger als 300 fl u. zum mindesten ein Jahr Arbeitszeit, voraus- 
gesetzt, daß er nicht krank wird. Sie können sich vorstellen, daß ich 
mit dem Narren nicht weiter unterhandelte. Wenn Sie bei der heutigen 
arbeitslosen Zeit irgend einem tüchtigen Holzschnitzer, sei es in 
München o. Wien Auftrag geben, so verfertigt er Ihnen Rahmen, Bett- 
statt, Tisch und Stühle zu dem Preis, den der alte Hirsch für den 
Rahmen allein verlangt. Was Oskar Falke anbelangt so will ich den 
Johannes lieben, wie ihn sein Herr und Meister liebte. Otto Falke 
kann als außerordentlicher Hörer jeden Augenblick eintreten und werde 
ich seine Aufnahme besorgen. Als ordentlicher Hörer ist es zu spät, 
da bereits Mitte Januar die Prüfungen für das erste Semester beginnen. 
Da es sich bei Otto Falke nicht um ein Studienzeugniß, sondern nur 
um das Studium selbst handeln dürfte, so ist es gleichgiltig, ob er als 
außerordentlicher o. ordentlicher Hörer den Kurs hört. 

Und nun leben Sie wohl und glücklich und gedenken Sie 
manchmal Ihres vielgeplagten Freundes 

Schöffel 

Mödling den 20/12 1877 

Lieber thenerer Freund! 

Ich habe lange gezögert Ihre unsterbliche Epistel zu beantworten, 
denn wie soll ich armer, von den Juden zu Tod gehetzter Teufel dem 
Gedankenfluge Kümbergers folgen? Ich versuche es auch nicht Ich 
habe mich bemüht Sie zu begreifen, Sie zu verstehen — Sie zu erreichen 
w^ Wahnsinn. Genug, ich trage Ihren Brief herum, wie der Affe seine 
Jungen, ich lasse ihn Jeden lesen und habe ihn hundertmale vor- 
gelesen und Jeder war noch entzückt. — 

Sie fragen mich, wie die Sache war? Sehr einfadif Ein hiesiger 
Schlossermeister, entrüstet darüber, daß ein von der hiesigen Juden- 
Clique erhaltener Revolverjournalist mich und jeden ehrlichen Menschen 
Woche für Woche ungestraft mit Koth bewerfen darf, übernahm die 
Rolle der strafenden Gerechtigkeit, packte den Obelthäter, während er 
bei seinem Frühstückskafee saß, legte ihn übers Knie und applicierte 
ihm dann wohlgezählte fünfundzwanzig Hiebe auf den Arsch. Dfer 
Revolverbube wehrte sich, obgleich er beide Hände frei halte, nicht im 
geringsten, sondern weinte und bat um Gnade, da des Guten schon zu 
viel sei. Der größte Theil der hiesigen Juden, die immer im Kafeehause 
herumlungern, sah der Execution zu, aber keiner hatte den Muth sich 
um den Ihren anzunehmen. Darob selbstverständlich großes Geschrei 
in Israel, das bis heute noch nicht ausgetobt. 

Ihren weisen Rath werde ich beherzigen. Vielleicht lade ich Sie 
zu einem Rendezvous nach Tragöß bei Brück a. d. Mur. Werden Sie 
kommen? 

Später wenn ich den Frieden der Gemeinde zurückgegeben, 



— 24 - 

•werde ich die Dornenkrone niederlegen und wieder Mensch werden. 
Dann will ich bei Ihnen sitzen und mich an Ihren Worten laben. 

Bis dahin leben Sie wohl und seien Sie herzlichst gegrüßt von 
Ihrem treu ergebenen Freunde 

Schöffel 

Mödling 7. July 1878 

Von den vielen Briefen, die Schöfifel an mich 
gerichtet hat, sind zwei der schönsten schon in 
Nr. 296/97 veiöfiFentHcht: der vom 10. Juni 1901 und ein 
zweiter, den er mit dem Artikel für Nr. 170 sandte und 
der vom 1. Dezember 1904 datiert ist. Hier andere: 

Verehrter Herr Kraus! 

Beiliegend übersende Ihnen die in nahezu allen Tagesblättern 
abgedruckte Todesanzeige Ferchers und bemerke hiezu, daß die »schmerz- 
erschütterten, aber nicht gebrochenen <, von Liebe und Verehrung für 
Fercher triefenden treuen Freunde,*) ihn während seiner Lebenszeit un- 
erschüttert und ungebrochen aus Liebe hungern ließen und daß 
Fercher auch verhungert wäre, wenn ihn Professor Dr. Josef Hyrtl 
nicht unterstützt und ihm eine Jahrespension von 600 Gulden gesichert 
hätte, welche Pension Fercher bis zu seinem Tode von der Hyrtlstiftung 
ausbezahlt wurde. 

Mit der Leiche Ferchers ftunkern unerschüttert oder unverschämt 
die ihn überlebenden treuen Freunde, die sich um ihn im Leben nie 
gekümmert haben! 

So erging es auch Ferdinand Kürnberger, der in einem Spital 
hätte sterben müssen, wenn sich Kaulbach nicht um ihn angeiu)m- 
men hätte. " 

Fercher wird in einem Ehrengrab bestattet, — Kürnberger würde 
in einem Winkel eines Friedhofs in München eingescharrt worden sein, 
wenn ich seinen Leichnam nicht reclamirt und in vaterländischer Erde 
in Mödling hätte begraben lassen. 

O du heuchlerische Menschenbrut! 

Verwerthen Sie diese Mittheilung, wenn Sie es angezeigt finden, 
— nennen Sie jedoch meinen Namen nicht, denn ich will auch den 
Schein einer Reclame vermeiden. 

Mit Achtung 

9. ,3 1902 Schöffel 



*) Die Parte für Johannes Fercher von Steinwand enthielt den 
Satz: »Dem gottbegnadeten Dichter, dem erhabenen Sänger der Natur, 
dem strengen Hüter idealer Sinnesart, dem glühenden Verehrer des 
Vaterlandes, dem sieghaften Bezwinger seines harten Schicksals, dem 
edelsten der Menschen und liebwertesten der Freunde weihen schmerz- 
erschüttert, aber nicht gebrochenen, sondern erhobenen Herzens den Zoll 
unauslöschlicher Liebe und Verehrung — seine überlebenden treuen 
Freunde.« Siehe Nr. 97. Anm. d. Herausg. 



25 



Sehr geehrter Herr Kraus! 

Mehie Artikel haben, wie ich mich überzeugte, in den obersten 
Regierungskreisen Eindruck gemacht. — Ich darf daher die Sache nicht 
ruhen lassen und sende Ihnen deshalb einen ganz kurzen Artikel über 
die von der österr. Volkszeitung an sogenannte Staatsmänner und Parla- 
mentarier gerichtete Rundfrage für die nächste Nummer der Fackel. 
Bitte denselben zu veröffentlichen.*) 

Mit herzlichem Gruß Ihr 

Schöffcl 

Mödling, am l./l. 1903 

Die Ost. Volkszeitung ist mir erst gestern von unbekannter Hand 
sub Couvert zugeschickt worden. 

Sehr geehrter Herr Kraus! 

Sie sind schlecht informiert — Rosner hat sich brieflich ange- 
fragt, ob ich die in der ,Zeit' über Kümberger erschienenen Artikel ge- 
lesen habe. Da ich die Adresse Rosners nicht kannte, habe ich an die 
Buchhandlung Rosner die Antwort gerichtet, des Inhalts, daß mich die ,Zeit' 
aufgefordert hat, ihr einen Artikel über nationale Erziehung der Jugend 
und einen über Kümberger zu liefern, was ich motiviert abgelehnt habe, 
jetzt aber die Ablehnung bedauere, da die beiden in der .Zeit* publi- 
cirten Artikel, insbesondere der von dem alten Lecher, Kürnbergers an- 
würdig seien und sein Andenken besudeln.**) Rosner übersendete mir 
hierauf seine in der Wochenschrift ,Zeit' veröffentlichten Briefe Kürn- 
bergers. Von einer Veröffentlichung der an mich gerichteten Briefe 
Kürnbergers war keine Rede ! — Diese Briefe sind theils intimen 
Inhalts, theils betreffen sie Personen, die längst gestorben und Sachen, die 
längst vergessen sind! Ich habe daher die Verfügung getroffen, daß 
alle diese Briefe, sowie die Briefe Lassers, Hyes, Erbs, Fischhofs etc. etc. 
nach meinem Tode verbrannt werden! 

Mit herzlichem Gruß Ihr 

Schöffel 

24./I. 1903 

Geehrter Herr Kraus ! 

Sie waren so freundlich mir vor einigen Wochen Ihre Photo- 
grafie zu übersenden. Ich wollte damals Ihnen dagegen meine Photo- 



*) Siehe Nr. 126: > Orakelsprüche«. 
**) Die ,Zeit' hatte mit einer dem Andenken des Dichters ge- 
widmeten Festnummer, welche Aufsätze der Herren Z. K. Lecher und 
O. J. Bierbaum brachte, debütiert. Darauf bezieht sich Nr. 124 der 
.Fackel' (Dezember 1902): »Ferdinand Kümberger und die Wiener 
Presse« (mit einem Brief Kürnbergers an Fischhof) und Nr. 129 (Fe- 
bruar 1903): »Literatur«. Anm. d. Herausg. 



26 - 



graphie übersenden, hatte aber keine. Nun habe ich mich zu diesem 
Zwecke photografieren lassen und übersende Ihnen dieselbe zur Erin- 
nerung an Ihren Mitarbeiter. Gleichzeitig übersende ich Ihnen eine von 
mir verfaßte Geschichte der Gründung und Entwicklung des Hyrtlschen 
Waisenhauses, sowie die Geschichte des Kampfes um die Überschüße 
der cumulativen Waisenkassen. Sie werden aus den in den Zeitungen 
publicirten Landtagsberichten, so wie aus meiner an alle Blätter ver- 
sendeten Erklärung ersehen haben, mit welch stupider Wuth man mich, 
wegen der von mir in der .Fackel' publicirten Studien über Autonomie, 
Immunität etc. verfolgt. Es ist sicher, daß die Leute nicht nur an 
meiner Person, sondern auch an meinen Schöpfungen sich rächen. 

Ich sende Ihnen daher diese Broschüren zu dem Zwecke damit 
Sie in den Stand gesetzt werden, für den Fall, als ich nicht mehr 
lebe, oder in Folge Alters oder Krankheit nicht mehr im Stande bin, 
das von mir Geschaffene selbst zu vertheidigen, diese Vertheidigung 
zu übernehmen. — An meiner Person selbst ist nichts gelegen. 

Diese Brochuren heute zu besprechen, halte ich nicht für opportun. 

Mit Gruß Ihr 

Schöffel 

Mödling 24. April 1903 

Sehr geehrter Herr Kraus! 

. . . Ober die Affaire kann ich derzeit nichts schreiben, 
da ich die Schritte abwarten muß die gegen meine Erklärung unter- 
nommen werden. Die amtliche Wiener Zeitung brachte in der letzten 
Nummer die Nachricht daß der L. A. beschlossen habe, eine Berichti- 
gung meiner Angaben zu veröffentlichen. Da heißt es abwarten. Meine 
Berichtigung der Berichtung muß der Berichtigung sogleich folgen. Ober- 
hudeln werde ich meine Antwort nicht, wie das letztemal. Meine 
Erklärung, die ich zwei Schreibern auf der Schreibmaschine dictirte 
ließ ich durch den Verwalter des Waisenhauses an das Neue Wiener 
Tagblatt, Österr. Volkszeitung, Arbeiterzeitung, Morgenzeitung, Deutsches 
Volksblatt, Neue Freie Presse, Zeit und N. W. Journal senden. Die 
N. F. Presse fragte sich Mittwoch nachts telegraphisch an, ob sie 
einzelne Stellen streichen und mildern kann. Ich antwortete, es sei zu 
spätl Das Deutsche Volksblatt ersuchte brieflich einige Stellen mildern 
zu dürfen, da es einen Preßprozeß fürchtete — auch zu spät ! Die Zeit 
und das N. W. Journal brachten die Erklärung wahrscheinlich aus Liebe 
zu Ihrer Person nicht. 

Die Broschüren sind kein Geheimniß. Sie sind in großer Zahl 
an alle sogenannten Würdenträger versendet und auch verkauft worden, — 

Ich gehe mit der Idee um, meine Erlebniße niederzuschreiben, 
fürchte aber daß man das als eine Oberschätzung ansehen werde. Mir 
kommt es selbst so vor. Auch möchte ich die heutigen Verhältniße, die 
Regierungsdummheiten etc. etc. in der Form von Briefen a la Paul Courier 
beleuchten. Ich bin ja heute ebenso wie P. Courier nichts als ein 
ehemaliger Offizier und dermaliger Steuerlastträger. Was rathen Sie mir? 



27 — 



In der N. F. Presse vom IQ. April erschien ein Feuilleton unter dem 
Titel > Liebesbriefe eines Wiener Poeten«, in welchem Auszüge aus Briefen 
Kümbergers, die in einem Heft unter dem Titel »Angereihte 
Perlen« erschienen sein sollen, besprochen werden. Bitte senden Sie 
mir das Buch gegen Nachnahme I O unvergeßlicher Freund Kürnberger 
wie schwer vermiß ich dich. — Als wir einst im Stift Heiligenkreoz 
einen Tag zubrachten, da rief er mir zu: Hier möchte ich bleiben, um 
ohne Kampf um das tägliche Brod geistig zu arbeiten. Du wärst mein 
Jünger aber leider bist du beweibt. Warum gibt es nicht Zufluchtsstätten 
für geistige Arbeiter, die sich aus dem Schlamm der Gesellschaft retten 
und ihren Idealen leben wollen ! 

Trübe Träume I 

Leben Sie wohl! 

Es grüßt Sie Ihr 

25/4 1903 Schöffel 

Lieber Freund I 

Wie ich Ihnen telegrafisch mitgetheilt, habe ich mich entschlossen 
auf die Berichtigung des Landesausschusses nicht zu reagieren, da 
diese Berichtigung nichts anderes ist, als eine klägliche 
Capitulation, ein Pater peccavi! Auf einen Feind einzuhauen, 
der die Waffen senkt, ist nicht ritterlich I Also nur nicht zu hitzig 
lieber Freund f Wir geben uns sonst eine Blöße, die der Feind ge- 
schickt benützen kann. Hoffentlich kommt noch die Zeit, wo ich den 
Pharisäern die Wahrheit geigen kann, daß ihnen Hören und Sehen 
vergeht ! 

Mit Gruß Ihr ergebener Schöffel 

(Ohne Datum) 

Hochverehrter Herr Kraus I 
Vor allem anderen besten Dank dafür, daß Sie sich meiner er- 
innert haben I Ich befinde mich wohl, bin — eine Ausnahme von der 
Regel — zufrieden, — streiche vagabundierend in den Wäldern herum 
und — träume! Ihrem Wunsche, Briefe Kümbergers zu veröffentlichen, 
kann ich leider nicht entsprechen. Diese Briefe, welche aus einer an- 
deren Zeit stammen, würden heute ohne weitläufige Commentare nicht 
verstanden werden. Ich wollte schon alle in meiner Aufbewahrung be- 
findlichen Briefe Kümbergers, Fischhofs, Schlögls, Taaffes und Anderer 
verbrennen, um sie einer eventuellen Veröffentlichung nach meinem 
Tode zu entziehen. Wenn ich dies bisher unterlassen habe, so geschah 
es deßhalb, weil ich mich mit dem Gedanken trug, Reminiszenzen aus 
meinem Leben niederzuschreiben, in welchen Auszüge aus diesen 
Briefen erscheinen sollten. Ich kam bisher nicht dazu I Ich bin alt und 
müde geworden, — vielleicht in Folge des Nichtsthuns faul! Wo finde 
ich einen Verleger für das was ich schreibe und wo der Verleger die 
Abnehmer? Man schweigt mich todt und der Liebe Mühe ist umsonst! 
> Ich wollte Ihnen vor Monaten mehrere Artikel über die > Armee- 
frage < einsenden, nur um zu zeigen, daß es unter den europaeischen 



2S 



Chinesen doch noch Leute gibt, die sich nicht dupiren lassen ! Ich 
unterließ es, denn erstens konnte ich nicht wissen, ob Ihnen das Thema 
convenirt und zweitens wollte ich die Leute, die sich betrügen 
lassen wollen, des Vergnügens, sicli betrügen zu lassen, nicht berauben ! 

Und nun wünscht Ihnen, nach alter Sitte, recht fröhliche Feier- 
tage Ihr Sie herzlich grüßender 

Joseph Schöffel 

(Poststempel: Mödling 15. 12. 03) 

Sehr geehrter Herr! 

Mit der Verfassung meiner »Reminiszenzen« bin ich fertig! Nun 
heißt es einen Verleger suchen, was mich, da ich ganz zurückgezogen 
lebe, in Verlegenheit bringt! 

Nehmen Sie es mir nicht für übel, wenn ich Sie bitte, mir für 
meine »Reminiszenzen« einen Verleger aufzustöbern. Das ganze Werk 
wird bei 700 Seiten Großoctav umfassen. Druckkosten zahle ich nicht! 
Finde ich in Wien keinen Verleger sende ich den ganzen Quark an 
Engelmann in Leipzig. — Was Sie für die , Fackel' verwenden können, 
benutzen Sie ohne weiteres. Für die Zukunft bin ich gerne bereit Ihnen 
für die .Fackel' hie und da etwas zu liefern. Sollte Ihnen die von mir 
gewünschte Mission unangenehm sein, lehnen Sie dieselbe ohne viel 
Federlesens ab! 

Mit herzlichen Grüßen Ihr 

Schöffel 

Mödling 23ten März 1905 

Sehr geehrter Herr! 

Besten Dank für die Bereitwilligkeit mir einen Verleger für meine 
Arbeit aufzustöbern. Ich gehe nicht gerne an die Publikation dieser 
Arbeit, da sie mir gewiß alle Teufel an den Hals hetzen und meine 
Ruhe stören wird. Ich zweifle auch, daß sich in Wien ein coulanter 
Verleger finden wird. Strengen Sie sich deßhalb nicht an. Die Firma 
Engelmann in Leipzig nimmt es jedenfalls. Abriße markanter Stellen 
kann ich Ihnen nicht senden. Ich habe zuerst Bleistiftnotizen gemacht 
und nach diesen Notizen das ganze meinem Diener dictirt, der es mit 
der Schreibmaschine abgeklopft hat. — Während des Druckes können 
Sie ja einzelne Bögen, wenn Sie einen Wert darauf legen, für die 
Fackel verwenden. Das ganze kann ich aber nicht auseinanderreißen, 
— daß muß dem Verleger ausgehändigt werden. Um Aushängbögen 
haben sich vor Monaten das Neue Wiener Tagblatt, Deutsche Volks- 
blatt und die Zeit beworben, Ich habe es diesen Blättern zugesagt, 
obgleich ich wohl weiß, daß sie nichts daraus publiciren werden. 
Ein Inhaltsverzeichniß lege ich bei ! Auf eine baldige Antwort hoffend, 
bleibe ich mit herzlichen Grüßen Ihr Freund 

(Ohne Datum). Schöffel 

Sehr geehrter Herr! 
Ich sehe ein daß Ihnen die Mission, die Sie aus Courtoisie 
übernommen, lästig ist und bedauere, Sie mit meinem Ansinnen über- 



298-209 



— 29 



haupt belästigt zu haben.*) Went# Sie daher mit Wiener Verlegern, mit 
denen, wie ich glaube, überhaupt nichts zu machen sein wird, nichts 
eingeleitet haben, so unterlassen Sie es I Ich werde mich ai 
das Ausland wenden I Ich bin etwas spät daran. - Die Rosinen ans 
meinem Schmarrn werden nach u. nach herausgefressen und es bleibt 
nichts als ein trockenes ungenießbares Gefräß. 

Ich bitte daher um eine Verständigung Ihrerseits! 
Mit herzlichem Gruß 

9./4. 1905 Schöffel 

Sehr geehrter Herr! 
Erscheint die Fackel noch in diesem Monat und wann? Für de« 
Fall ihres Erscheinens sende ich dann eine Erwiderung auf ein Ge- 
fasel sogenannter Alterthumsforscher, die mich belehren wollen.**) 

Mit Gruß Ihr Schöffel 

(Poststempel: Mödling. 17. 6. 05) 

Lieber Freund! 

Der Abgdte Steiner resp. sein Spiritus redor der Landes- 
Wohltätigkeitsanstalten-Oberinspektionsrat(l) Gerenyi hat wie ick 
aus den Zeitungen entnommen, meine Angaben über die 
Landesverwaltung, enthalten in den > Erinnerungen aus meinem Leben», 
angegriffen. Schon in der vorletzten Landtagssession hat Dr. Pattai auf 
eine bestellte Interpellation ein gleiches versucht, worauf ich ihm ta 
der , Fackel' geantwortet habe. Diese Nummer der Fackel, in der meine 
Antwort publiziert war, finde ich nicht und bitte Sie daher mir dieselbe 
zuzusenden, da ich auch diesen letzten Angriff in der .Fackel' zurück- 
zuweisen gedenke und ich wissen muß, was ich in der Fackel bereits 
darüber geschrieben habe. 

Mit besten Grüßen 

Ihr Schöffel 

lO./XI. 1905 

Sehr geehrter Freund! 
Ob ich Ihnen das Manuscript Morgen oder Übermorgen werde 
zusenden können, ist mehr als zw^eifelhaft, denn es hängt davon ab, 
wann ich das stenografische Protokoll der Landtagssitzung vom Qten d. M. 
zugesendet erhalte, dessen sogleiche Zusendung auf mein Ansuchen vom 
Landmarschall verfügt wurde. Auf den Bericht des .Deutschen Volks- 
blatts' kann ich mich nicht verlassen, denn dann wäre ich verlassen. 
Es würde alles kurzweg abgeleugnet. Wenn meine Replik in der nächstem 
Nummer der Fackel nicht erscheinen kann, bedauere ich sehr. Vielleicht 
könnte in diesem Fall die Verzögerung des Erscheinens der Replik mit 



*) Er hatte keinen Grund zu dieser Annahme. Der Wiener Ver- 
leger fand sich gleich und gern. Anm. d. Herausg. 
**) Siehe Nr. 183/84: »Mödlings älteste Urkunde?* 



30 — 



• 

der Thatsache motivirt werden, daß das stenogr. Protokoll vor dem Er- 
scheinen der Nummer nicht fertiggestellt war. Die Replik auf Pattais 
Interpellationsbeantwortung habe ich in den Tagesblättern publicirt und 
bitte Sie um Entschuldigung wegen der Belästigung! Mein Gedächtniß 
nimmt rapid ab ! Bezüglich der Wahlreform warte ich, bis die Re- 
gierung, die in der Brutzeit ist, das Wahlreformsei gelegt hat. Ich bin 
überzeugt, daß es stinken wird ! Dann wäre es Zeit los zu legen. 
Ober die Polizei im Allgemeinen, ihre Organisation, ihre Leistung zu 
schreiben wäre fad! Ihre Haltung bei den letzten Krawallen kann 
ich nicht beurtheilen. Die Zeitungsberichte sind durchwegs erlogen. 
Mit herzlichem Gruß Ihr Schöffe! 

(Eilbrief mit Poststempel Mödling, 12. XI. 05) 

Geehrter Freund! 

Wie Sie aus dem Inhalt des beiliegenden Briefes entnehmen 
können wird das stenographische Protokoll der Landtagssitzung vom 
Qten dMts., wahrscheinlich am 21ten dMts. gedruckt erscheinen, da das 
Sitzungsprotokoll vom 3ten am 14ten erschien. 

24 Stunden nach Erhalt des Protokolls übersende ich Ihnen 
den ArtikeL *) 

Mit herzlichem Gruß Ihr ergebener 

20/XI 1905 Schöffel 

Ihre Studie über den Horaosexualimus (Prozeß Beer) war ein 

Meisterstück. 

» 
Geehrter Freund! 

Beiliegend übersende Ihnen noch einige Zeilen die Enunciation 
des n.-ö. Landesausschußes in seinem Amtsblatt betreffend, das ich 
nach Absendung meines Artikels erhalten habe, mit der Bitte, dieselben 
dem Artikel als Schluß anfügen zu wollen. Die Leute sind durch die 
Verbreitung des Schlußes meines Buches, welche Schönerer veranlaßt 
hatte und welche die gläubige Heerde stutzig gemacht haben mag, ver- 
rückt geworden. Bitte nur die Drucklegung zu überwachen, damit nicht 
den Herren durch einen lapsus calami Anlaß zu weiteren Vexationen 
gegeben wird. 

Mit herzlichem Gruß Ihr 

Schöffel 

23. /XL 1905 

Besten Dank für die freundliche Zusendung Ihres Werkes : 
> Sittlichkeit und Kriminalität«. 

Eine blutigere Satyre auf die heutigen Zustände isj mir noch 
nicht zu Gesicht gekommen. — Das Fazit ist, daß unsere Justiz auf 
den Schinderanger gehört! Es grüßt Sie Ihr 

Schöffel 

(Ohne Datum) 



*) Nr. 189. 



31 — 



Schülerselbstmord 

Von einem Überlebenden 

»Das ist mein Tod. Die letzte mathematische Schularbeit 
habe ich auf genügend gemacht. Folglich bekomme ich ins Zeug- 
nis nichtgenügend. Das ist H.'s Gerechtigkeit.« 

So hieß es im Abschiedsbrief eines fünfzehnjährigen Mittel- 
schülers, der unlängst vor der Gerechtigkeit eines Lehrers in das 
Jenseits aller mathematischen Schularbeiten floh. >Jetzt werde ich 
bald vor Gottes Richterstuhl stehen. Gottes Barmherzigkeit wird 
mich nicht verbannen, denn meine Tat geschieht in der Ver- 
zweiflung.« Von diesem Richter erhoffte der fromme Junge jene 
Barmherzigkeit, die ein Mann der siebenten Rangsklasse nicht zu 
vergeben hat, will er sich nichts vergeben. 

Es handelt sich um jenes »Genügend«, das oft gewohn- 
heitsrechtlich geschenkt wird, um einem theoretisch nicht sehr 
beßhigten jungen .Menschen den Weg in die Kadettenschule offen 
zu lassen. Ein Existenz-Genügend. Es handelt sich darum, daß 
dem Beamtenfanatismus die objektive Wahrheit einer Klassi- 
fikation immer noch über die subjektive Wahrheit einer Existenz geht. 

Der Kampf um das Genügend : Weinende, bettelnde Eltern, 
und Kinder, die aus Verzweiflung zu Männern werden. Über 
ihnen aber er, der die Schularbeiten korrigiert und dessen Nicht- 
genügend für das ganze Leben ausreicht. Über ihm keine Vor- 
sehung, die ihn ins Klassenbuch schriebe oder in den Karzer 
steckte, wenn er die Allmacht der roten Tinte mißbraucht. — Die 
unerbittliche Notwendigkeit des Nichtgenügend hatte sich heraus- 
gestellt. Dann kam die unerbittliche Notwendigkeit des Selbst- 
mordes. Am Vortage der Zeugnisverteilung schreibt der Verurteilte 
in sein Tagebuch, »in einem Winkel, ganz klein, wie geduckt«: 
das Wort > Angst«. 

Allerdings, das konnte niemand voraus wissen. Denn die 
Erwachsenen und die Halbwüchsigen verstehen einander nicht. 
Der Erwachsene vermag wohl mit einem Wort die Phantome zu 
erwecken in den werdenden Seelen, aber er kann sie nicht wieder 
auslöschen mit einem zweiten Wort. Lehrer und Schüler unter- 
handeln nur scheinbar in derselben Sprache. Lebensperspektiven, 
die sich dem Jüngling plötzlich öffnen, bleiben jenem, dem Manne, 



— 32 — 



verschlossen. Die pädagogische Absicht kommt furchtbar verändert 
als Resultat wieder zutage. Recht, Ehre: Begriffe, mit welchen wir 
in einem Ausgleichsverhältnisse leben, das durch immer neue 
Kompromisse fortgefristet wird: im Urwald des jugendlichen 
Geistes treten sie mit tropischer Wildheit auf. Das schreiende 
Mißverständnis zwischen Phantasie und Realität kann letal enden, 
ehe man sich dessen versieht. Das sollte die Arrangeure der Reali- 
tät behutsamer stimmen. 

An zwei aufeinander folgenden Wiener Schultagen zwei 
Schülerselbstmorde. Absurde Tragödien in der Zeit des Stimm- 
wechsels, dieser ahnungsvollen, krisenhaften Zeit. Ver sacrum. Sie 
bieten sich stumm und entschlossen dem Todesgotte dar, die 
Jünglinge und Jungfrauen, sie spielen mit Waffen oder fliehen ins 
Kloster, Der Vorfrühling rast wie Gift in ihrem Blute, Das Indi- 
viduum wehrt sich gegen den erwachenden Gattungswillen. Als 
sträubten sie sich, den Traum der Kindheit gegen die Tatsachen- 
welt der Erwachsenen einzutauschen. Als wäre den Novizen des 
Lebens eine letzte Frist gegeben, eine Bedenkzeit: ob sie sich 
wirklich in die langwierige Misere der Menschlichkeit einlassen 
sollen. Sie suchen emen Anlaß für den Tod, weil sie fühlen, 
daß es ihnen an Gründen für das Weiterleben gebricht. 

Aber es sollte nicht angehen, daß die Selbstmörder aus 
Frühlingsweh sich mit einem Anschein von Berechtigung auf den 
Lehrer ausreden, wenn sie ihre Entmutigung erklären wollen. Und 
es kann nicht gerade als ein befriedigendes Resultat der Pädagogik 
gelten, wenn der Name des Professors im Abschiedsbrief vorkommt. 

Es ist die allzu persönliche Wirkung der lehrenden Persönlich- 
keit, was aus dem guten Recht eine arge Waffe macht. Ein wie geringer 
Anstoß genügt hier, Größenwahn und tiefste Selbstentmutigung 
auszulösen. Die Aufdeckung der Unzulänglichkeiten gehört gewiß 
zu den Zwecken der Schule, denn sonst wird einer Gymnasial- 
professor, der zum Reitlehrer wie geschaffen ist. Es müßte 
aber gelingen, einen Schüler aus dem Paradies der Mathematik zu 
jagen, ohne die Abweisung bis zur Katastrophe zu steigern, oder 
ohne ihr den Anlaß zu liefern. 

Es ist peinlich, daß sich mit den Problemen der Schüler 
auch noch die Probleme d«r Lehrer kombinieren. Daß sich die 
Sterilität Erwachsener gerade am Material der lebendigen Zukunft 



33 



betäbgt, von Amtes wegen. Die Konfrontation zwischen Werdenden 
und solchen, die nichts geworden sind, wirkt oft wie ein tragischer 
Witz. Sie können ihr eigenes Alter nicht lieben, aber sie müssen 
die Jugend der anderen hassen. Sie sind der Schulordnung für 
immer verfallen und rächen sich an den Glücklicheren, die ihr 
entwachsen werden. 

Mancher, der die Mittelschule überlebt hat, mag sich später mit 
Bedauern daran erinnern, daß er in der empfänglichsten Zeit seines 
Lebens einem so langweiligen Feinde ausgeliefert war. Die Robust- 
eren zwar lernen selbst von der Ödigkeit, die sehr wohl auf das 
Kommende vorzubereiten vermag, sieht sie doch zum Verwechseln 
jener Realität ähnlich, mit der man es »dereinst« zu tun bekommt. 
Für die Aufgeweckten ist »Professor Unrat« ein groteskes Erlebnis, 
das sehr tüchtige Geister des Witzes und der Abwehr wachgerufen 
hat Sie erinnern sich gewesener Plagen später mit versöhntem 
Humor. 

Oft freilich erweckt ein Lehremame, der nach vielen 
Jahren genannt wird, alles Grauen einer bösen Zeit. Und es sind 
nicht immer die Schlechtesten, die im Kampfe gegen H.'s Gerech- 
tigkeit fallen. 

* • 

DEN FÜNFZEHNJÄHRIGEN SELBSTMÖRDERN 

Von Berthold Viertel 

Bure Liebe, die wie der Märzsturm schnaubt, 

Rüttelte wild 

An alledem, das für Leben gilt, 

Und euch des Lebens beraubt. 

Das Heute hat euch nicht gekannt. 
Eine Ahnung hat euch das Herz verbrannt. 
Die Angst hat aufrichtig zu euch gesprochen. 
Ein Kuß im Traum hat euch zerbrochen. 




34 



Oskar Kokoschka 

Ein Gespräch 

»Und ich sage dir, ich schätze ihn unter den 
Kräften, deren Äußerungen heute um uns sind, als 
eine voq jenen, die am tiefsten wurzeln. c 

> Dieser Satz beweist als allgemeines Urteil gar 
nichts. Ich traue dir freilich die Plattheit einer aufs 
Geratewohl gesprochenen Wertbehauptung nicht zu, 
aber ich bin auch nicht imstande zu überblicken, 
wie du sie innerhalb deines individuellen Weltbildes 
begründen möchtest.« 

»Es ist mir schwer, gegenüber deinen peinlichen 
Förderungen aufzukommen. Ich habe durchaus nicht 
behaupten wollen, daß ich Kokoschka oder irgend 
einen anderen Künstler in eine schulmäßige Rang- 
ordnung einzwängen will. Ein Kunstwerk wirkt auf 
uns oder es wirkt nicht; ein Drittes kenne ich nicht. 
Durch liebevolles Hineindenken und ähnliches hat 
sich noch keiner irgend eines aufgeschlossen. Wenn 
es plötzlich zu ihm spricht, wie niemals vordem, so 
liegt das einzig daran, daß er jetzt ein anderer ge- 
worden.« 

»Aber die Bilder und sonstigen Dinge Kokoschkas 
sprechen zu keinem von uns, oder wenigstens zu 
einer sehr geringen Zahl.« 

>Das läßt nicht für sie den Maßstab gewinnen, 
sondern nur für die Betrachter.« 

»Wie meinst du das?« 

»So: Eine objektive Wertung eines Kunstwerkes 
gibt es nicht. Das haben schon viele gesagt. Ich 
weiß nur nicht, ob sie es richtig verstanden haben. 
Unter allen den Erscheinungen, die von den Dingen 
um uns herrühren, sind solche, über welche die über- 
wiegende Mehrzahl der Menschen das gleiche Urteil 
fällt. So sagen sie etwa: Das Blatt ist grün oder der 
Himmel ist blau. Das liegt aber nicht nur an den 
Erscheinungen, sondern ebenso — wenn dieser Um- 
«?tand nicht am stärksten bestimmt — an der Gleich- 



— 35 — 



heit der einfachen Denkformen in den Menschen. Die 
Existenz solcher übereinstimmender Urteile ist die 
Quelle jeder Wissenschaft. Diese ist eine Dichtung 
der Vielen, im Gegensatz zum Kunstwerk, dem der 
Sprache oder dem irgendwelcher Bildung, als der 
Dichtung des Einzelnen, die in der besonderen Art, 
in der Differenzierung der Denkformen der Individuen 
nach Zahl und Beschaffenheit ihre Möglichkeit findet 
Darum meinte ich meine Worte vorhin so, daß dem 
Betrachter, der den Künstler nicht versteht, eben 
jene Beschaffenheit der Denkformen mangle, die den 
Künstler auszeichnet.« 

»Du forderst also für jeden Künstler seinen 
besonderen Betrachter?« 

»Ja; ebenso wie für jeden Betrachter seinen 
Künstler.« 

»Der Betrachter ist dir demnach weniger als 
der Künstler, weil ihm die Beschaffenheit, die 
Differenziertheit von dessen Denkformen fehlt?« 

»Nein, denn die Abwesenheit einzelner Formen 
hindert nicht eine solche Ausgestaltung seines Geistes, 
daß er den Künstler weit hinter sich läßt und sich 
deshalb von ihm wendet.« 

»Nun siehst du — du bist selbst ins Nets 
gegangen.« 

»Zugegeben, wenn bei Kokoschka die lächelnden 
Betrachter den Beweis ihrer Überlegenheit erbringen 
möchten.« 

»Und wenn sie, das heißt ein Teil ihrer, ihn 
erbracht hätten. Was sagst du zur Beurteilung 
Kokoschkas durch Fachleute?« 

»Wer sind die?« 

»Natürlich Künstler.« 

»Ich verbinde mit dem Begriff Fachmann eine 
andere Anschauung, als das herkömmlich der Fall 
ist. Der Fachmann ist für mich ein solcher, der 
aus der Krüppelhaftigkeit seines Geistes Kapital 
schlägt und zwar gewöhnlich aus einer Krüppel- 



36 



haftigkeit, die widerlich ist. Doch das beiseite. 
Künstlerurteile sollten für den Laien — um einmal 
in deiner Terminologie zu bleiben — die gleich- 
gültigste Sache sein. Selbst wenn der Künstler von 
technischen Einzelheiten, von Erfahrungen hand- 
werklicher Art seine Urteile frei hält, so erreicht er 
kaum je die Weite und die Tiefe, die das Urteil des 
Nicht-Künstlers haben kann, und zwar darum nicht, 
weil seine Größe in der Einseitigkeit und seiner 
Unfähigkeit zum Spruche liegt.« 

»Gut; lassen wir die Fachleute. Wir alle aber 
sehen, sehen mit unseren eigenen Augen, daß die 
Dinge nicht so sind, wie Kokoschka sie malt und 
bildet. Er sucht absichtlich das Auffallende, das 
Sensationelle, dasjenige was einen stößt, was mit 
einem Wort häßlich ist. Ich ziele damit nicht gegen 
das Objekt von Kokoschkas Arbeiten, sondern gegen 
seine Karrikierung des Objektes.« 

>Du sprichst von Übertreibungen, ich aber 
spreche von Grundpfeilern. Kurz so: Dem Künstler 
Kokoschka ist der Mensch, die Pflanze und das Tier, 
das Naturentsprossene, ein Organismus in der Natur 
und zwar ein entwicklungsgeschichtlicher Organismus, 
auf dessen Grundpfeiler — ich betone das Wort 
— er seine Zeichnung und Farbe beschränkt. 
Dadurch wird jedes seiner Individuen und jeder seiner 
Gegenstände etwas ganz und gar in sich geschlossenes, 
das zu seinem Leben seiner Nachbarn nicht bedarf; 
während gleichzeitig zwischen diesen Einzeläußerungen 
auf der Bildfläche ein Zusammenhang weset, der 
nicht in Äußerlichkeiten beruht. Also in Äußerlich- 
keiten, wie sie der Tag mit seinen Lichtern und 
Schatten, Verkürzungen und dergleichen bringt.« 

»Was du Organismus nennst, ist nichts anderes 
als dasjenige, was andere ,Idee' nennen. Freilich, 
dieser Name kennzeichnet eine Münze, die unter den 
Fingern sehr schmutzig geworden ist; so schmutzig, 
daß wir ihr Gold kaum mehr kennen. ,Idee' — du 



37 



willst dieses Wort weder im Sinne des schulhaften 
,Ideals* gebrauchen, noch in dem der Programra- 
schaft irgend einer »ideologischen' Zunft. Idee — 
das soll so viel wie Keim sein; ein Quell, aus dem 
das Lebendige wird und in dem es durch seine 
Frucht schließlich endet Wo aber steckt die Idee 
bei Kokoschka? € 

»Ihr haltet für des Kunstwerks wie auch der 
Wissenschaft einzige Aufgabe die Beschreibung 
der Erscheinung. Erscheinung ist euch dabei nur 
dasjenige, was ihr mit den Sinnen wahrzunehmen 
imstande seid. Könnt ihr sie im Bewußtsein wider- 
spiegeln, oder, wie ihr falsch sagt, könnt ihr ihrer 
mit dem Bewußtsein habhaft werden, so glaubt ihr 
in eurer Erkenntnis, sei es der wissenschaftlichen 
oder sei es der künstlerischen Erkenntnis, fort- 
geschritten zu sein. Das ist eine seichte Anschauung. 
Sie führt euch zur plumpen Verwechselung von 
Impressionismus und Naturalismus, sie führt euch 
zur Verwirrung des ,Wie' des Prozesses mit dessen 
, Warum*. Ihr sprecht von der ,Idee*; doch ihr wollt 
die Metaphysik unter die Herrschaft der Erkenntnis- 
theorie beugen. Darum nimmt in eurem Hirn die 
Idee eine absonderliche Maske an: sie wird zur 
, beständigen Form', zum Gesetz als formallogischer 
Bestimmung. Indeß, ihr überseht, daß dieses nie selbst 
positiv schöpferisch sein kann, sondern erst an seinem 
Widerpart, dem Alogischen, dem Willen, produktiv 
wird. Alle Kategorien der Kunsttätigkeit, die ihr 
entdeckt habt — beträfen sie nun die wagrechten und 
senkrechten Hauptrichtungen oder die Flächenhaftig- 
keit im Bilde — sie alle sind nur ,Wie*-Prinzipe: das 
Kunstwerk selbst muß aoer ,die Idee' erfruchten und 
befruchten. Ich sage absichtlich ,die* Idee, nicht 
,eine* Idee, weil ich unter diesem Wort des wirklich 
lebendigen Geistes und wirklich lebendige^ Leibes 
Grund, Sein und Zweck verstehe: das Rätsel des 
Lebens. Die große Frage der Sehnsucht und der 



38 ~ 



Unbefriedigung. Wissenschaft und Kunst sind gewiß 
Eines in dem, daß sie nur dann und nur soweit 
sind, als sie beitragen zum Problem des Lebens. 
Nehmend und gebend. Dieses Problem ist ,die' Idee. 
Die Idee schlechthin. Alles andere ist Anekdote. Die 
Idee sehe ich nun in Kokoschka. Er hat sich in sie 
gewissermaßen eingebohrt. Ihm ist die Wirklichkeit 
nicht mit der Tatsächlichkeit gleich. Literarische 
Düfteleien sind seinen Werken fremd, aber ebenso 
die mechanische Kopie des Modells und der lang- 
weilige Aufbau des Bildes aus kunsttheoretischen 
Grundgesetzen heraus. Nimm seine Menschen. Seine 
Körper schwingen und strecken sich in den Gelen- 
ken; sie hängen in diesen. Seine Köpfe sitzen auf. 
Pinger und Arme sprechen eindringlich. Er setzt alles 
Organische in Anschaulichkeiten um, freilich auch 
dann, wenn dessen Kenntnis nicht durch das Auge 
erworben ist. Aber mit der Anschaulichkeit im 
naturalistischen Sinne sind seine Bilder nicht erschöpft. 
Ich will dir kurz den Eindruck schildern, den mir 
jüngst seine Porträts gemacht. Sie waren in einem 
Wohnzimmer aufgestellt und ich trat allein vor sie 
hin. Die Orientalen reden von einem zweiten und 
mehrfachen Ich, welches unser leibliches Ich begleitet. 
Sie nennen deren sieben. Mir war's nun, als spreche 
ein solches Ich von der Leinwand zu mir. Kein 
Abklatsch eines solchen, also ja nicht der des leib- 
lichen; nein — ein Ich der höheren Ebene, das 
sichtbar geworden.« 

»Nun werden gerade unter allen seinen Werken 
die Porträts am stärksten befehdet. Ich finde das 
auch erklärlich. Vergleich doch einmal ein wirk- 
liches Porträt damit. Ein Bildnis muß ähnlich 
sein, das heißt, es muß dieselben Empfindungen aus- 
lösen wie das Modell und sein Anblick muß von den- 
selben Gefühlen begleitet sein wie der von jenem. 
Weil ich das verlange, so weiß ich wohl, daß ein 
mechanischer Abklatsch gar nicht genügt, daß also 



— 39 



das Lichtbild das unähnlichste Bildnis liefert. Aber 
die Gemälde Kokoschkas sind auch nicht ähnlich.c 

>Ich will dir vorerst eine Antwort geben, welche 
deiner Frage auszuweichen scheint. Im letzten Weiber- 
porträt von Kokoschka sitzen, zumal in den Partien 
am Mundwinkel, die Striche so sicher und so farbig, 
daß dieses in die Linie rückt, welche durch die besten 
Porträts in Wien gezogen wird; ich meine die von 
Rubens in der kaiserlichen, die wie Skizzen aussehen, 
und vor allem den Mädchenkopf von Van Dyk dort. 
Führtest du deine Überlegungen von Schluß zu 
Schluß, so müßtest du erkennen, daß die Porträt- 
ähnliohkeiteine unmögliche Sache ist. Der Künstler 
schafft etwas, nicht um in dem Betrachter einen 
Reiz auszulösen, der dem vor dem Modeil gleicht, 
sondern um die in ihm, dem Künstler, durch einen 
Reiz erregte Musik zu einem Lied zu gestalten, zu 
seinem Lied. Der Betrachter sieht das Werk, wohl, 
aber er sieht nur das darin, was in ihm selbst, im 
Betrachter, ist. Er hört vor dem Bilde, wie vor jeder 
Erscheinung, nur sein eigenes Lied. Es hat noch 
keinen gegeben, der fremde Musik vernom raen hätte. 
Die Musik des Gewöhnlichen ist nun ein so ver- 
dumpftes Raunen, daß sie ihn nicht plagt. Die höchste 
Tat des Dutzenders ist die, an Stelle des ihm fehlen- 
den Liedes den anschauungslosen Begriff zu setzen. 
So ungefähr ist auch der Begriff der Ähnlichkeit im 
Kunstwerk entstanden. Die Suche naih Ähnl-chkeit 
erinnert mich immer an die Bemerkung des Profes- 
sors, die er in der Galerie zu seinem Kollegen sagt: 
Ich beantworte mir vor jedem Bild stets zwei Fragen 
— erstens: welche Absicht hat der Künstler in sei- 
nem Bilde gehabt, und zweitens: hat er diese Absicht 
erreicht.« 

>Dein Spott ist berechtigt. Aber du mußt zu- 
geben, daß es bestimmte Urteile gibt — ich möchte 
sie Grundurteile nennen — die uns beim Betrachten 
der Bilder immer wieder vor den Geist treten; ja. 



40 — 



noch mehr, daß wir, die nicht bildnerisch SchafiFenden, 
gemäß unserer Eigentümlichkeit, die Erscheinungen 
begrifflich zu erfassen, auch mit Begriffen beladen an 
die Bilder herankommen oder uns vor ihnen neue 
Begriffe bilden müssen.« 

»Deine Worte sind viel zu allgemein. Hör ein- 
mal. Die Welt ist nur in der Individualität, das heißt 
in deren Gedanken. Oder mit eurer verblaßten Aus- 
drucksweise: die Individualität spiegelt die Welt in 
einem Bilde in sich. In ihm ist das Kunstwerk nur 
Baustein, Pinselstrich, wie jede andere Tat. Darin 
hast du Recht. Du vergißt aber, daß die Individualität 
nicht an die Einzelheit der leiblichen Persönlichkeit 
geknüpft ist. Nicht selten machen erst zwei, meistens 
machen erst viele eine Individualität aus. Das 
Weltbild einer solchen, durch viele sinnlich wahr- 
nehmbare Teile gegebenen Einheit ist notwendiger- 
weise ärmer differenziert als dasjenige der Einheit, 
welche auf wenig Leiblichkeit verdichtet ist. Gerade 
aber im Dienste jener stehen die Begriffe, unter die 
gewöhnlich die Kunstwerke und Taten und Übungen 
eingereiht werden. Denn der Einzelne, Eigene und 
Einheitliche hat keinen Grund, anderen das Ziegel- 
werk und die Ziegelstücke seines Gebäudes zu zei- 
gen, des Gebäudes, das er in seinem Geiste und mit 
ihm aufgerichtet hat. Es ist ihm Wohnstätte, die er 
braucht, die er aber nicht so weit achtet, daß er ihre 
Herstellung in Rezepten niederlegt. Was seine Sprache 
lockt, das sind nicht die Objekte um ihn und die 
Art und Weise, wie er und die übrigen zu ihnen 
Stellung nehmen, sondern das ist er selbst, das 
Subjekt. Und ihn bekümmert es nicht weiter, ob 
Hörer für seine Worte da sind; denn er weiß, daß 
der Gedanke, dem er Form gegeben, sich mit an- 
deren Gedanken kreuzen wird und muß, weil nur 
dadurch die Zeit, das ist die Gegenwart, gesichert 
ist. Für dich ist die Notwendigkeit des ähnlichen 
Porträts mit einer anderen Frage verbunden: du 



— 41 — 



denkst an die Natur als Vorbild, als Entbinder der 
Kunst. Ihr stützt euch immer wieder auf den Satz 
Dürers: der Künstler müsse die Natur so in seinem 
Herzen haben, daß er wie aus einem unversiegbaren 
Schatz daraus schöpfen könnte. Ihr vergeßt nur, daß 
dem Satz auch eine andere Deutung gegeben werden 
kann. Eine Deutung, zu der gerade Dürer lockt. Hat 
denn Dürer je die Natur nachgeahmt? Ist er in sei- 
nen Blättern und Tafeln nicht immer von sich, vom 
Geiste ausgegangen, der die Natur bloß als Mittel zum 
Zwecke benützt? Kann sein Ausspruch nicht dahin 
zielen, der Künstler solle sich nicht in die Natur 
vergaffen? Er soll nur eine Natur anerkennen, die 
seines Subjekts, seiner Eigenheit, die er eben im 
Herzen, im Smnbild seiner irdischen Lebendigkeit 
trägt? Denk an seine Rasenstücke, sein Vogelgefieder 
u. 8. w., u. s. w. Ich spreche so, weil mir just diese 
Zeichnungen vor Augen stehen ; Dürer übte daran seine 
Hände, damit sie seinem Geiste ansonsten zuwillen 
seien. Nieraals wird einer von uns der Natur habhaft. 
Und je größer er ist, je verdichteter in ihm um bei 
meinem früheren Bild zu bleiben — der Gedanke 
ringt, desto weniger ist es ihm auch darum zu tun. 
Der fremde Wille, nicht nur der der anderen Ge- 
schöpfe, derjenige unserer gesamten Umgebung ist 
für uns nur Auslö"«une:: die Synthese liegt in uns; 
die Anschauung gehört uns, uns ganz allein; wir 
sind ihre Meister, Allerdings wirst du dabei den Be- 
griff Individualität in dem von mir vorhin angedeu- 
teten Sinne gebrauchen müssen. c 

>Ahnst du denn, wogegen du mit deinen Be- 
hauptungen anstürmst? Überleg doch, wie in den 
Zeiten der werdenden Kunst ein Geschlecht von 
Künstlern nach dem andern allmählich die Schwie- 
rigkeit der malerischen Probleme besiegte; wie sie 
ihre Fortschritte einander mitteilten und vererbten, 
die sie nur machten, indem sie sich eben an der 
Natur schulten, die ihnen die richtige Wiedergabe 



42 



des Lichtes, die perspektivische Verkürzung, den 
nackten Körper wies.« 

»Glaubst du wirklich, daß das Kunstwerk durch 
solche technische Probleme ge wertet wird? Sind diese 
nicht Zivilisation, die wie jede andere ihren Trägern 
nur Mittel und Werkzeuge gibt, seine Idee, die Idee, 
die sich in ihm äußert, der Tat aufzuprägen? Magst 
du denn die Unterscheidung zwischen Tat und Zivi- 
lisation, die du sicher im Leben der Täglichkeit 
ziehst, nicht auch ins Kunstwerk hineintragen ? Dich 
umspannt der Wahn, im Werke müßten irgendwelche 
Grundgesetze Ausdruck finden und zwar Grund- 
gesetze, die für dich durch die Bedingung festgelegt 
sind, daß der Bildner, der Maler zumal, einzig für 
das Auge schaffe, daß die Erregung sehfremder 
Organe durch das Kunstwerk dieses verurteile. Da- 
rum bleibst du als Betrachter unfrei. Du willst unter 
ein ästhetisches Schema, das nachträglich aus dem 
Werke gewachsen ist, das neue Werk zwingen. 
— Kokoschkas Sachen reizen, ganz abgesehen von 
der gedanklichen Erweckung, nicht das Auge allein; 
mit diesem klingt stets der Tastsinn mit. Seine Bilder 
sind immer auf eine Plastik gebaut, die man mit 
dem Pinger zu umfahren sucht. Wer darf solches 
einem Künstler verwehren? Nein, in jedem Werke 
koramts nur darauf an, ob es Musik hat; nicht 
darauf, wodurch diese erreicht wurde. Sieh, hier 
ist das Schlußblatt von seinen ,Träumenden Knaben'. 
Darin ist die Fieberhitze der gesteigerten Erwartung. 
Das Mädchen und der Knabe stehen da — lang, 
hager, in die Höhe getrieben. Mit großen Augen 
unter starken, knochigen Bogen. Die ganze Haltung 
ist aber durch die juckende Empfänglichkeit der 
frühen Jahre bedingt. Die Haut spannt sich in un- 
ruhigem Kontur. Die Finger und Zehen krümmen 
sich; die Füße reiben gegen einander; die Oberarme 
und Ellbogen liegen an dem Leib; die Hand strei- 
chelt den Hals.« 



— 43 - 



»Was sollen jedoch diese kleinen Wiesenflecke 
beim Knaben, die kleinen Blumenbeete beim Mädchen? 
Und was soll gar dieses Ast^ebilde?« 

>Das weiß ich nicht. Darüber habe ich mich 
nie befragt. Ich meine aber, der Beschauende, der so 
tut, mißv^ersteht das Wesen der Kunst. Er will nicht 
eine Erscheinung, an der er emporsteigt, aber auch 
vorübersteigt, so daß sie ihm nur Auslösung des 
Erlebnisses seiner Persönlichkeit ist: er will 
von der Kunst Bildung haben, so wie er solche 
aus dem Lexikon schöpft. Sieh hier diesen un- 
ruhigen gelben Fleck im roten Streifen, den wieder 
jBwei" weiße Felder einrahmen. Nicht wahr, das sind 
die heißen Farben der lieschlechtlichkeit ? Und 
darüber sieh das braune und blaue Kleid der zagen 
Figuren. Ist das nicht der Ton der geschlechtlich 
Stumpfen, der Kühlen? Möglich. Vielleicht hat der 
Künstler daran gedacht, vielleicht auch nicht. Das 
zu wissen, hat mit der Betrachtung seines Werkes 
gar keinen Zusammenhang. Die Farben, die ich dir 
jetzt derart erklärt habe — ich werde in einer Stunde 
vielleicht anders von ihnen reden. Denn ich erkläre 

sie nicht aus dem Bilde, sondern aus mir heraus. 

Schau dir das ganze Buch noch einmal genau durch. 
Langsam. Verwend paar Tage dazu. Dann laß uns 
wieder vom Künstler reden. Eines aber möchte ich dir 
zu deiner Arbeit — denn Betrachtung soll Arbeit, 
nicht Muße sein — mitgeben : Acht auf die Farbe 
bei Kokoschka. Sie ist satt wie jene der alten Kirchen- 
fenster. Sie ist ein Ornament, welches dem vergleichbar 
ist, in dem die Linie der Gothik spricht: es trägt den 
Organismus, der der Natur entsprossen ist. Kokoschka 
sieht mit Augen, die die Farbe erspüren, und er 
spricht zu Augen, die die Farbe fühlen. Ihm ist die 
Farbe nicht ein einzelner Fleck im Bilde, ein Lokal- 
zeichen, sondern sie gestaltet den Raum. Den Raum 
als das Wirkungsfeld sämtlicher geistigen Kräfte und 
nicht bloß jener, die den dreidimensionalen, den körper- 



— 44 — 

liehen, den sogenannten äußerlichen Raum vermitteln. 
Nein, den Raum als die Stätte der inneren Freiheit. 
Wenn du das erkannt hast, wirst du auch den 
Schlüssel zu seinen Porträts gefunden haben. < 

L. B. Tesar. 



Selbstanzeigen 

Der ,März' (München, IV, 5) brachte die folgende Kritik: 
Sprüche und Widersprüche 

Karl Kraus, den der Philister durch die .Facltel' und den 
,Simplicissimus' kennen und hassen gelernt hat, gab im Verlag Lange« 
eine Sammlung seiner Aphorismen mit dem Tilel >Sprüche und Wider- 
sprüche« heraus. Wenn die bekannten eitlen Gebärden der Herren 
Intellektuellen echt wären, so müßte dies Buch so bekannt sein wie 
die lustige Witwe. Es wird jedoch diesen Vorzug nie genießen, dafür 
ist es viel zu anspruchsvoll. Es verlangt nämlich ernst genommen und 
verstanden zu werden, das hindernislose Rennen des Gewohnheitsiesers 
dürfte auf diesen Seiten keinem glücken. Also wird es bei der »kleinen 
Gemeinde« oder den >cent lecteurs« bleiben, mit denen wohlwollende 
Kritiker unbequeme Genies zu trösten pflegen. 

Das ist schade, denn das Buch ist unheimlich ernsthaft. Es hat 
die Ernsthaftigkeit des Narren, der Gold für Gold und Dreck für Dreck 
nimmt und den Journalisten durchaus nicht glauben mag, daß Dreck 
Gold sei. Diese Ernsthaftigkeit, so tragisch sie ist, hindert nicht, daß 
das Buch voll diabolischer Lustigkeit steckt — und wenn zehn Leser 
die Geduld oder gar das Verständnis für so etwas hätten, würde ich 
mit Vergnügen auch auf die sprachliche Kunst und formale JVleisterschaft 
der Sprüche eingehen. Statt dessen deute ich an, daß witzige Leser 
hier reichlich Gelegenheit finden, sich über die tolle Eitelkeit eines nicht 
einmal sehr berühmten Künstlers aufzuregen, eines Mannes, dem 
tatsächlich außer seiner Kunst nichts heilig ist, eines Don Quichote, 
dessen Manie es ist, das Unmögliche zu unternehmen und sich Todfeinde 
in einer mächtigen Zunft zu schaffen, in welcher er leicht den Meister 
spielen könnte. Wenn ein Zehntel dieser Gedanken, etwas ausgekocht 
und mit mehr Sauce serviert, in einem Band voll langer Feuilletons 
stünde, so würde Kraus für den ersten deutschen Humoristen gelten. 

Ich hatte mir ein halbes Dutzend der Sprüche notiert, um sie 
als Beispiele anzuführen. Doch ist es besser, statt dessen dringlich auf 
das Buch selber hinzuweisen, das eben nicht nur eine Sammlung von 
Einfällen und Schnurren ist, sondern in seiner Gesamtheit, in seinen 
hundert Spiegelungen und Farbenreizen, dem Aufmerksamen eines der 
kühnsten und merkwürdigsten Selbstporträts zeigt, die unsre neuere 



— , 45 — 



Literatur hat. Das »Indianerstaunen der Zivilisation Qber die Errtmgen- 
schaften der Naturt wiederholt sich eben, so oft wir ernstlich vor einer 
unbeschnittenen Persönlichkeit die Augen aufmachen. 

Hermann Hesse. 

• 

Der .Demokrat', eine Berliner Wochenschrift für freiheit- 
liche Politik, Kunst und Wissenschaft, bringt auch in Nr. 8 des 
II. lahrganges nebst Auszügen aus den Büchern eine Besprechung: 

Karl Kraus, dessen Vorlesungen im »Verein für Kunst« so un- 
gemeines Interesse erweckt haben, repräsentiert den seltenen Fall des 
Journalisten, der sein Handwerk so mit seiner Persönlichkeit füllt, da6 
es selbständigen ästhetischen Wert erhält. Ein sorgfältig diszipliniertes 
Temperament stellt den Leitartikel unter einen so strengen Stilbegriff, 
daß er über den materiellen Wert der Meinung erst vom ästhetischen 
Gesichtspunkt die rechte Beleuchtung gewinnt. Der unablässig zusammen- 
drängenden, auf das Wesentliche hinarbeitenden Kraft des Kulturkritikers 
schafft sich das Ideal einer Kunstform, die, alles Nebenwerk abstoßend, 
gleich im Anschlagen eines einzigen Tones die Fülle der Absicht in 
vollendeter Ausdrucksfähigkeit herausstellt. Das ist der Aphorismus. 
Kraus' Aphorismen sind unendlich verkürzte Fssays. Seine Essays sind 
Mosaikgemälde aus Aphorismen. Mit einem kurzen, ungeheuer starken 
Aufblitzen belichten sie Gefühle. Irrtümer, Taten und Meinungen. Und 
zwar vom Standpunkt eines Menschen, der die sinnlose Konvention der 
heutigen Gesellschaftsordnung durchschaut hat. Der nach einer reineren 
freieren Welt strebt, in der nicht Leidenschaft und Kraft durch Vor- 
urteile staatserhaltender Parteien gelähmt werden. 

Karl Kraus ist Künstler. Vielleicht spricht für den Künstler in 
Karl Kraus am meisten, was leichtfertige Betrachter am ehesten gegen 
ihn einnimmt: Der Gefühlsüberschwang, der selbst vor Sentimentalität 
nicht zurückschrickt. Manche seiner Sätze überlassen sich so Fr- 
innerungen und Sentiments, daß es durchaus dieses feinen und Grenzen 
kennenden Geistes bedurfte, um sie aus der trüt>en Flut eines philiströsen 
Gefühlsbehagens zu retten. 

Karl Kraus ist Kulturkritiker. Seine Kritik der bürgerlichen Moral 
ist nicht nur die männlichste, sondern auch die menschlichste Stellung 
zu unserer im Sumpf der Phrase, der Heuchelei und der Bildungslüge 
erstickten Zeit. 

In der vorigen Nummer hat der .Demokrat' Karl Kraus' 
»Sittlichkeit und Kriminalität« gewürdigt. Heute bringe ich aus dem 
bei Albert Langen in München erschienenen Buche > Sprüche und 
Widersprüche«, der besten Aphorismensammlung, die in letzter Zeit 
erschienen ist, einige Proben. Lest sie. Und was dem Leser im ersten 
Augenblicke vielleicht paradox erscheint, ist nichts als die unbekümmerte 
Konsequenz eines radikalen Geistes. 

F. P. 



— 46 



Aphorismen *) 
Von Karl Kraus 

Der Historiker ist oft nur ein rückwärts ge- 
kehrter Journalist. 

Ich fand irgendwo die Aufschrift: >Man bittet 
den Ort so zu verlassen, wie man ihn anzutreffen 
wünscht«. Wenn doch die Erzieher des Lebens nur 
halb so eindrucksvoll zu den Menschen sprächen wie 

die Hotelbesitzer! 

* 

Vornehme Leute demonstrieren nicht gern. So- 
bald sie sehen, daß einer eine Gemeinheit begeht, 
fühlen sie sich wohl mit ihm solidarisch; aber nicht 
alle haben den Mut, es ihn auch wissen zu lassen. 



Vielleicht ginge es besser, wenn die Menschen 
Maulkörbe und die Hunde Gesetze bekämen; wenn 
die Menschen an der Leine und die Hunde an der 
Religion geführt würden. Die Hundswut könnte in 
gleichem Maße abnehmen wie die Politik. 



Ich teile die Leute, die ich nicht grüße, in vier 
Gruppen ein. Es gibt solche, die ich nicht grüße, um 
mich nicht zu kompromittieren. Das ist der einfachste 
Fall. Daneben gibt es solche, die ich nicht grüße, 
um sie nicht zu kompromittieren. Das erfordert schon 
eine gewisse Aufmerksamkeit. Dann aber gibt es 
solche, die ich nicht grüße, um mir bei ihnen nicht 
zu schaden. Die sind noch schwieriger zu behandeln. 
Und schließlich gibt es solche, die ich nicht grüße, 
um mir bei mir nicht zu schaden. Da heißt es beson- 



*) Aus dem .Simplicjssimus', 



47 



ders aufpassen. Ich habe aber schon eine ziemliche 
Routine, und in der Art, wie ich nicht grüße, weiß 
ich jede dieser Nuancen so zum Ausdruck zu brin- 
gen, daß keinem ein Unrecht geschieht. 

Wenn eine Kultur fühlt, daß es mit ihr zu Ende 
geht, läßt sie den Priester kommen. 




Die Presse*) 

Von Karl Bleibtreu 

. . . Ihre Feinde sind tatsächlich die lichtscheuen Ounitelmänner, 
ihre Freunde die Liebhaber des Lichts. Doch leider gilt diese unbestreit- 
bare Tatsache nur für die Massen sowohl der Gebildeten als Halb- 
gebildeten. In den höchsten Regionen des Geistes hat sie im Gegenteil 
gerade so erbitterte Todfeinde, wie in den » allerhöchsten < der praktischen 
Machthaber. Schopenhauer, Richard Wagner, Hebbel u. a. sprachen bei 
jeder Gelegenheit ihre grimme Verachtung wider dies nützliche Institut 
aus. Friedrich der Große, der die »Gazetten« nicht geniert wissen 
wollte und eine gewisse Preßfreiheit gewährte, ahndete scharf zügellose 
Kritik gerade auf nichtpolitischen Gebieten und tröstete d'Alembert, der 
sich über Preßangriffe beklagte: man dürfe sich um dies Gesindel nicht 
kümmern, er selbst habe sein törichtes und boshaftes Gerede stets 
gründlich verachtet. Vollends, ohne weitere Kronzeugen zu zitieren, 
überscharf urteilte Goethe, der von Zunahme des Zeitungswesens, das 
ihn mit Abscheu und Besorgnis erfüllte, allgemeine Verwilderung der 
Kultur und insbesondere den Ruin der Literatur prophezeite. In der Tat 
hat in gewissen Ländern die Presse giftigste Auswüchse entwickelt. In 
Frankreich hat Balzac, dessen erlauchten Namen wir auch unter den wildesten 
Pressefeinden aufzählen, die wüste Korruption der Pariser Journale oft 
entsetzlich gegeißelt, und Augiers Komödie »Die Schamlosen« stößt in 



*) Aus einem Vorwort zu der soeben erschienenen »Geschichte 
der schweizerischen Zeitungspresse zur Zeit der Helvetik 
1798-1803« von Dr. S. Markus (Verlag von Rascher k Cie. in 
Zürich, 1910). 



— 48 



das gleiche Hörn. In Österreich fragt das Publikum bei jeder 
Presseäußerung, wieviel dafür bezahlt sei, was dahinter 
stecke. Graf Sternberg hielt im Reichsrat eine mehrstündige Rede 
über die ,Neue Freie Presse', worin er dies Weltblatt nicht nur allge- 
meiner schmutziger Korruption seit seinem Bestehen bezichtigte, sondern 
auch öffentlich feststellte, es flössen stets Schweige- oder sonstige 
Bestechungsgelder dorthin aus Regierungsfonds, alle Ministerien 
müßten diesen Cancan der Korruption mitmachen und demütig 
mit dem >Weltblatt« paktieren. In einem anderen Lande hätte 
das so öffentlich gebrandmarkte Blatt Klage erheben müssen, 
der Staatsanwalt müßte sich liebevoll der Sache annehmen. In Wien 
aber ignorierte die ,Neue Freie' einfach den Fall und erledigte im 
Parlamentsbericht die Rede mit der lakonischen Floskel: »Graf Sternberg 
greift unser Blatt an«. Und was taten die anderen Zeitungen? Beherzigten 
den Satz, daß keine Krähe der anderen die Augen aushackt, und 
schwiegen Sternbergs Rede tot, wobei — köstlich zu sagen — die 
gegen Korruption donnernde , Arbeiter-Zeitung' obendrein mit einigen 
Beschimpfungen Slernbergs dem Kapitalistenorgan beisprang. . . . Nun, 
derlei ist sclilimm genug, und daß der Pressebegriff zu solcher scheuß- 
lichen Mißwirtschaft einladet, genügt schon allein zu begründen, wie 
gefährlich dies öffentliche Institut entarten kann. Doch dagegen läßt 
sich einwenden, daß jeder Stand räudige Schafe enthält, daß die 
anständige nicht für die unanständige Presse büßen soll, daß ein Heil- 
mittel nicht deshalb als verwerflich gelten darf, weil es in verdorbenem 
Zustand giftige Substanzen auslöst. Ungleich gewichtiger scheint die 
Gründung einer Zeitschrift ,Die Fackel' in Wien zu dem besonderen 
Behufe, nachzuweisen, daß die Presse völlig unnütz, wohl aber höchst 
schädlich sei, sobald sie über bloße Mitteilung von Tagesneuigkeiten 
weggehe, daß die Journalisten den Abhub der Halbbildung und geistigen 
Verkümmerung vorstellen, was der glänzende Satiriker K. Kraus in 
tausend Varianten seinen zahlreichen Lesern einprägt. Wie begegnet die 
Wiener Presse dieser Anklage? Gar nicht, sie rächt sich durch Tot- 
schweigen und kleine Nadelstiche, weiß aber zu ihrer Verteidigung 
nichts vorzubringen. 

.... Wenn wirklich Große, d. h. Spitzen des Geisteslebens, die 
sich nicht durch opportunistische Nebentendenzen bestimmen oder ver- 
söhnen lassen, hartnäckig an ihrer ungünstigen Meinung über den Wert 
der Presse festhalten, so muß etwas faul sein im Staate Dänemark 
Allerdings ist auch dieser Haß keineswegs frei von persönlichen 
Beweggründen, denn grade die wirklich Großen litten allzeit am meisten 
unter der Anmaßung einer seit lange herrschend und somit geistig 
konservativ gewordenen Presse, die jede echte Neuheit mit dem Instinkt 
des Philisters verfolgt, die einerseits aus Nützlichkeitsgründen ihres 
Berufs sich möglichst der Anschauung der breitesten Massen, also der 
Mittelmäßigkeit anpaßt, andererseits selbst mit dem bornierten Unver- 
ständnis und uneingestandenen Neid der Beschränktheit jedes Über- 
ragende wittert und von vornherein als feindlich befehdet. Die schäm- 



49 



losen Ausfälle auf Richard Wagner bis in sein hohes Alter sind bekannt; 
Hebbel und Grillparzer, Brahms und Hugo Wolf, Böcklin und Thoma 
u. s. w. wußten ein Lied von der Presse zu singen. Desgleichen in 
England Byron, Shelley, Keats, Swinbume, in Frankreich Balzac, 
Flaubert, Musset. Ibsen und Nietzsche ging es nicht besser. Ein so 
großer Geist wie Gobineau wurde bei Lebzeiten völlig totgeschwiegen. 
Auch Goethe, obschon in seiner umfassenden Art objektiv verall- 
gemeinernd und in die Zukunft schauend, blieb bei seinem Verdikt 
gegen die Presse nicht frei von persönlicher Unbillerfahrung. »Die 
Sudelköche von Weimar«, wie man die beiden Olympier schimpfte, 
mußten sich in ziemlich salzlosen Xenien ihrer Presseverunglimpfer 
erwehren. Ober »Kabale und Liebe« schrieb die tonangebende .Vossische 
Zeitung', dies sei der äußerste Tiefstand, den die Literatur bisher erreicht 
habe. Wäre Goethe nicht Ministcrexzellenz gewesen, so hätte man ihn 
noch schärfer angepackt. Der falsche Pathos und die konventionellen 
Fabeln der Literaturgeschichte täuschen über die wahre Geltung vop 
»Unsterblichem« bei Lebzeiten. Man könnte ergötzlich persiflieren, wie 
Künstlers Erdenwallen sich im Munde zeitgenössischer Presse aus- 
nahm. . . . Kleists völlige Verschollenheit bietet den klassischen 
Beweis, daß die Presse sich ihres Amtes öffentlichen Eintretens für 
geistige Dinge oft genug unwürdig zeigte. Man könnte einwenden, ^ 
daß der erst in den 70er Jahren neu entdeckte Kleist ja auch von 
offiziellen Katliederästhetikem ignoriert wurde. Vilmars Literatur- 
geschichte nannte ihn nicht einmal, Oesers »Ästhetische Briefe«, woraus 
unsre Großmütter und Mütter ihre Literaturkunde schöpften, streifen ihn 
mit zwei mißgünstigen Zeilen. Doch dies wäre ja unmöglich gewesen, 
wenn je in so vielen Zeitungen und Zeitschriften irgend eine Stimme 
laut geworden wäre, die auf Kleists Größe hinwies. Zur richtigen 
Abschätzung der Presseverdienste um Propagierung des Bedeutenden 
wäre der Nachwelt förderlich, die wahren Größeverhältnisse geistiger 
Persönlichkeiten im Lichte ihrer Zeitgenossen richtig zu schauen. Wenn 
wir uns eine gewisse Presse 1811 vorstellen, so würden deren Notizen 
etwa so gelautet haben: 

»Wie wir vernehmen, hat unser großer Romandichter Lafontaine 
das echtdeutsche Gemüt seiner Heimatkunst in einem neuen unvergäng- 
lichen Werke niedergelegt.« »Unser berühmter Iffland bereichert 
demnächst die deutsche Bühne um ein neues naturalistisches Meister- 
werk.« »Eine frohe Kunde dringt zu uns: der weltberühmte Hofrat von 
Kotzebue wird seine dankbare Weltgemeinde im In- und Ausland wieder 
mit einem Sprößling seiner liebreizenden Muse bedenken. Der unsterb- 
liche Autor von .Menschenhaß und Reue' hat diesmal sowohl die 
Tränen als das schalkhafte Lächeln nicht gespart». »Allhier erschoß sich 
Leutnant a. D. Heinrich v. Kleist in einem Anfall von Geistesstörung. 
In engeren Kreisen machte er sich durch peinliche Novellen- und Dramen- 
versuche bekannt, die jedoch nirgends Fuß faßten. Kleist war nicht 
unbegabt. Doch der Größenwahn unbegreiflicher Selbstüberhebung, 
wo großes Wollen nur Ungekonntes und vor allem Halbfertiges liederlich 



50 



und ohne Selbstzucht hinschleuderte, stieß alle wolilwollenden Gönner 
wie den berühmten Tieck in Dresden ab, und so blieb der Unglüci<- 
liche leider unreif bis zu so traurigem Ende.« Es würde für 1830 bis 
1S40 diese Persiflage sich ruhig fortsetzen lassen: ... > Der berüchtigte 
Grabbe soll in den letzten Zügen liegen. Die Literatur verliert nichts 
an ihm.< . . . »Baron Strehlenau, der unter dem Namen Lenau schreibt, 
hat eine neue Lyriksammlung unter der Feder. Sein hübsches Talent 
mag sich noch zur Reife entwickeln.« »Die berühmten Werke des Barons 
Fouqu^, des unsterblichen Verfassers der unsterblichen ,Undine', 
erscheinen in neuer Gesamtausgabe. Diesem Stolz Deutschlands entreißt 
keine Nachwelt den Lorbeer.« . . . »Der so allgemein populäre Hofrat 
Clauren bescheert uns eine seiner edel-sentimentalischen und zart- 
erotischen Erzählungen.« .... 

So lange es eine Presse gibt, reichte sie nur zu oft dem 
blendenden Charlatan den Lorbeer, machte jede von kundigen Thebanern 
inszenierte Mode mit, poussierte alle Streber, ja unterwarf sich sogar, 
wenn es in ihren Kram paßte, dem schlechten Geschmack des Publikums. 
Die Presse als Erzieher scheint leerer Wahn. Was ihre feierlichen 
Rhadamantysallüren besonders anstößig macht, ist die Gebärde ihrer 
Kritikbeflissenen, als ob nicht sie, beliebige und oft sehr windige Ge- 
» seilen, sondern die öffentliche Meinung selber hier herolde. Gegen ihre 
Sprüche, die selig machen und verdammen, gibt es keine Appellation. 
Jede »Kritik der Kritik« wird lächerlich gemacht, jede Berichtigung ab- 
gelehnt oder mit hämischen Glossen versehen und dann »die Diskussion 
geschlossen«. Jede Fälschung der Wahrheit passiert ungestraft. Das un- 
mündige Publikum besitzt kein eigenes Urteil, mit Ausnahme der höchst- 
gebildeten oder bestimmten Fachkenner; die Suggestionsgewalt des ge- 
druckten Wortes wirkt aber so bezwingend, daß selbst Wissende, die 
den Rummel kennen, sich unwillkürlich dem Eindruck nicht entziehen 
können. In hundert widerspruchsvollen, aber sämtlich als unfehlbar 
auftauchenden Orakeln der Presse über das gleiche Thema findet sich 
kein Unbefangener mehr zurecht. Man fragt nicht nur verwundert : »Was 
ist Wahrheit!«, sondern erkennt, daß die Wahrheit hier wahrscheinlich 
nirgendwo liege, höchstens in der Mitte . . , . 

Wir mußten ausführlich bei dieser einen Hälfte des Pressetage- 
werks verweilen, das sich, außer dem unverfänglichen Lokalen und 
Nachrichtendienst (Depeschen), in das Politische und die Rundschau 
aller andern öffentlichen Angelegenheiten der Literatur, Kunst, Wissen- 
schaft teilt. Das rein Wissenschaftliche, sofern es überhaupt besprochen 
wird, fällt für den Begriff des Journalismus weg, weil man es Spezialisten 
zu übertragen pflegt, um damit Staat zu machen. Doch auch hier kam 
es vor, daß ein französisches Allerweltsblatt dem Radium-Entdecker 
Currie, dessen trockenes Referat nicht sensationell genug erschien, aus 
eigener Machtvollkommenheit solchen Unsinn in den Mund legte, daß 
Currie klagbar wurde und nur sein plötzlicher Unfallstod das Blatt von 
Entschädigungsstrafe befreite. Durch Beleuchtung der Presseverdienste 
auf rein geistigen Gebieten wird aber die politische Bedeutung auch ent- 



61 — 



sprtchend gestreift. Denn wie oft verzapfen hier Leitartikel besondere 
politische Weisheit, die im Licht wirklicher Kenntnis der internen Vor- 
gänge ganz anders ausssehen würde! Man kann sich überhaupt nicht 
erinnern, daß eine Pressekampagne je ernste politische Folgen hatte. 
Die britischen »Juniusbriefe« und die Broschüren von P. L. Courier, 
welche Georg III. und den Bourbons ihr Gottesgnadentum abgruben, 
erschienen in Broschürenform. Gewisse publizistische Erfolge neuesten 
Datums in dieser Richtung hat bezeichnenderweise Hardens Wochen- 
schrift, nicht die ihr feindliche Tagespresse errungen. Doch muß man 
nicht denken, Goethe habe zwischen Zeitung und Wochenschrift 
bei seiner Warnung unterscheiden wollen; vielmehr faßte er diese 
gesamte Publizistik als Zerstörer des > Buches < auf. Sein Stand- 
punkt war etwa: wo der Mensch früher Bücher las, liest er 
heut Zeitungen. Wie sehr dies jede Halbbildung, jedes ober- 
flächliche Absprechen und Mitreden begünstigt, bedarf keiner Er- 
örterung. Seichte Skribenten für seichte Leser — so wurde die Demo- 
kratie der Vielzuvielen begründet, die Herrschaft der Mittelmäßigkeit 
Lektüre eines Buches beansprucht Sammlung und geistige Mitarbeit, 
Zeitungsnahrung wird in beliebigen Mengen halb im Schlafe hinab- 
gewürgt und entsprechend verdaut, ohne feste Nahrung dem geistigen 
Organismus zuzuführen. Wie traurig die Presse manchmal das Obwalten 
rein persönlicher Beziehungen für Gunst und Ungunst begünstigt, wie 
selbst unlauterste Beweggründe hier und da heimlich bestimmen, hat 
man ja oft genug erörtert. In neuester Zeit kommen auch für politische 
Haltung immer deutlicher die kapitalistischen Interessen in Frage. Bei 
den gesteigerten Kosten von Druck, Papier, Personal, liegt immer schärfer 
der Nachdruck auf dem Inseratenteil, ohne den ein Blatt nicht ent- 
sprechenden Gewinn abwürfe. Manche Blätter haben mit ihrem irr- 
lichternden Vorderteil und ihrem ungeheuren Annoncenschweif ganz das 
Aussehen eines Kometen. 

Durch die kapitalistische Entwicklung kommt auch das 
Dilemma zustande, daß die tonangebende Presse eines Landes nicht 
mal dessen politische Partei-Machtverhältnisse ausprägt. In Wien gibt 
es eine übermäßige liberale Presse für eine durchaus antiliberale Be- 
völkerung. In England regiert nach Ansehen und Verbreitung durchaus 
die konservativ-chauvinistische Presse, während die Wählerschaft über- 
wiegend sich zum liberalen Regime bekennt. So fälscht man förmlich 
das richtige Bild der politischen Zustände, besonders vor dem Ausland, 
infolgedessen die unkundige deutsche Presse in den Äußerungen der 
großen Torj'-Organe, weil diese am verbreitetsten und weltbekanntesten, 
ganz ruhig die Meinung des britischen Volkes zu finden glaubt. . . . 

Seitdem ein Genialer unter den Zeitpolitikern, also ein sel- 
tener Vogel, nämlich Ferdinand Lassalle, seinen Haß gegen den 
Jouinalismus betonte, haben die Dinge sich eher verschlimmert. An der 
eigenen sozialdemokratischen Presse hätte er alle Unarten der bürger- 
lichen erleben können. Es hilft nichts, die Wahrheit über diese Lage 
totzuschweigen, wie es ein Teil der Presse zu tun pflegt, sobald mari 



- 52 — 



ihr d«n Spiegel vorhält. Vernünftiger wäre es, in die Zukunft voraus- 
schauend, einem allgemeinen Ausstand und Aufstand der besseren 
Leserwelt dadurch vorzubeugen, daß man zu den einstigen Idealen 
einer anständigen vornehmen Presse für die Besseren, nicht für die 
dumpfe Masse zurückkehrt. . . . 



Glossen 
Von Kari Kraus 

Die Wochen des Todes 

Die Berühmten leben und sterben öffentlich. Aber daß sie 
nicht privat vomieren und Nährklysmen erhalten können, ist der 

Fluch der Zeit. 

« 

Man hatte sich an Symptomen überessen. Da ließen die 
Chefredakteure abservieren. Eine Zeit lang wurde das Wochenbett 
des Todes vernachlässigt. Sie gaben den Bürgermeister auf. Mit 
Björnson hatte man das Malheur gehabt, daß er einem unter der 
Hand am Leben blieb. Man wollte nicht wieder hereinfallen. So 
geschah es, daß die auf Urämie dressierten Reporter eine Woche lang 
das ärztliche Berufsgeheimnis wahrten. Fünfzehn Seiten Nekrolog 
aber stöhnten durch die Nacht, auf Erlösung wartend. 

• 

Ehe es so weit kam, halfen wieder die Details. Der >Millirahm- 
strudel von Breitenfurt«, >kein Kipferl und kein Zipferl« und so 
weiter. Zum Glück erschien Frau Niese im Rathaus und sagte: 
>Wenn man mich schon nicht mehr hineinläßt, dann steht es sehr 
schlecht«. Sie weinte heftig und das Publikum — auch hier war 
Publikum — umdrängte sie. >Da trat ein Herr auf sie zu und 
sagte: ,Trösten Sie sich, gnädige Frau, wie wir alle uns trösten 

müssen'«. 

* 

Auch wurde der Ausspruch eines Passanten verbreitet, der 
gesagt haben soll: Sterben müssn m'r allel 

Aber noch hielt man nicht so weit, daß ein israelitischer 
Advokat endlich erzählen konnte, daß er sich aus seiner Kon- 



— 53 — 



zipientenzeit erinnere, wie er einmal den Doktor Lueger ein Vater- 
unser beten gehört habe. 

Die Neue Freie Presse fühlte sich schließlich veranlaßt, 
ratenweise die Nemesis herzugeben. Durch diese Leitartikel ging 
— abgesehen von dem berechtigten Vorhalt an den Sterbenden, 
daß er >manche Lücken in den Zähnen« hatte — ein Ton, der die 
Zuckerkrankheit als politische Revanche des freisinnigen Jehovah 
reklamierte. 

Und als er tot war, hieß es: »Lueger ist zehnfach ge- 
storben!« Was zwar objektiv der furchtbaren Wahrheit dieses 
Endes entsprach, aber einen Unterton hatte, dem die politische 

Revanche bis ins dritte und vierte Glied nicht zu genügen scheint. 

• 

Professor Noorden unberufen aber war auch im Rathaüse. 
Er hatte an dem Konsilium nämlich nicht teilgenommen. Aber 
»er begab sich« trotzdem in die Wohnung des Bürgermeisters 
und von dort »direkt in das im Rathause gelegene Postamt und 
gab die folgende Depesche auf: »Erzherzog Eugen, Innsbruck. 
Höchste Gefahr*.« Hierauf stellte er in der Neuen Freien Presse 
die Nachricht von seiner Intervention in Abrede. Ob das Dementi 
die Nachricht aufhebt oder eine Notiz für sich darstellt, ist noch 
nicht geklärt. Vielleicht liegt übrigens eine Verwechslung vor. 
Nicht daß der Portier des Rathauses den Professor Noorden ver- 
kannt hätte ; aber dieser den Portier, den er vielleicht für einen 
ihm bekannten Hotelportier hielt. Oder es ist die Tatsache 
unwahr und nur die Nachricht interessant. Der Bürgermeister wäre 
damals noch stark genug gewesen, die Händler und Stoffwechsler 

hinauszuweis=;n. 

• 

Wien: »Im Laufe des Nachmittags erschienen in der 
Wohnung des Bürgermeisters, um Erkundigung über dessen 
Befinden einzuziehen: ... die Gemeinderäte Obrist und Stangel- 
berger, die letzten Firmlinge des Bürgermeisters, Lehramtskandidat 
Hawel und dessen Schwester, die Industrielehrerin Gisela Hawel, 
und Cafetier L Riedl. Ferner ließen Erkundigungen einziehen: 
Erzherzog Franz Ferdmand, die Erzherzoginnen Maria Theresia und 
Maria Annunciata . . . .< 



— 54 — 

Die Redaktion der ,Zeit' hatte »die Einrichtung getroffen<, 
daß ihrem Telephonbeamten die aus dem Rathaus eingelangten 
Nachrichten jeweils sofort zur Kenntnis gebracht wurden, so daß 

die Anfragenden u. s. w. 

• 

Ihr Psycholog schrieb nach dem Tode des Bürgermeisters 
wie immer das einzig Zutreffende. »Diese Stadt<, meinte er, werde 
nunmehr »einen andern Bürgermeister haben <, aber sie »muß sich 

nun weiter, muß sich ins Künftige entwickeln <. 

* * 

• 

Herrscher, Diener und Diebe am Wort 

In den geistigen Gemischtwarenverschleißen Wiens bekomme 
ich keinen Bissen, aber ich kann nicht vorübergehen, ohne daß 
die Ladenbesitzer mir etwas aus der Tasche ziehen. Das geschieht 
auf verschiedene Art, durch offenen Raub oder von hinten, 
im Wege der »Polemik«. Es gibt nämlich Polemiken, die 
Plagiate sind. Man tut so, als ob man dem andern nur die 
Federn rupfen wollte, aber man benützt gleich die Gelegenheit, 
sich mit ihnen zu schmücken. Diese Art der Polemik liegt den 
Feuilletonisten. Ihr Mangel und das Verbot des Chefs, meinen 
Namen zu nennen, befähigen sie dazu. So gibt es unter jenen, 
welche mich totschweigen, solche, die mich lebendig knurren. 
Ein Nekrolog war kürzlich der gefundene Anlaß. Ludwig Hevesi 
ist gestorben, hoch überschätzt von allen, die tief unter ihm sind. 
Nicht ein Zehntel von dem, was da geschwätzt wurde, muß einer 
verdienen, um über dem Wiener Niveau zu stehen. Hevesis 
Leistung als kritischerjungbrunnen hat mir jüngst einer, der jenseits 
der Cliquen denkt, mit der Meinung gezeichnet: Hevesi war so 
sehr für alles, was modern ist, daß nach seiner Kritik niemand 
mehr unterscheiden kann, wer größer ist, Klimt oder Herr Kolo 
Moser. Da ich in der Literatur nicht unterschiedslos gegen alles 
bin, was Feuilletons schreibt, so habe ich Hevesi gegen eine 
Gemeinschaft mit den Beobachter ischen immer in Schutz ge- 
nommen. Nicht weil, sondern trotzdem es ihm aus hundert 
Bildungsspeichern einfiel. Aber wenn die Presse ihren Mitarbeitern 
auch Freikarten für die Unsterblichkeit zuwenden könnte und 
nicht bloß unverbindliche Nachrufe, dann hätte Hevesi wirklich 
den Jean Paul und den Sterne in die Westentasche gesteckt. Einer 
der Herren, der die Brillanten, die er früher verkauft hat, jetzt 



schreibt, benützt seinen Nachruf, um mit meiner Sprachreligion 
zu rechten. Sie gefällt ihm so gut, daß er ihr in der Geschwindig- 
keit einen Aphorismus abknöpft. Vom Sprachoma mentiker Hevesi 
sagt er mit Recht: »Er beherrschte die Sprache — nicht sie ihn«. 
Das soll ein Lob sein, und ein Hieb gegen mich, der aber ohne 
meine Waffe nicht hätte geführt werden können. Mein Bekenntnis: 
»Ich beherrsche die Sprache nicht, aber die Sprache beherrscht 
mich vollkommen < (das schon in Berlin Verwirrung gestiftet hat), 
müssen ja die Reporter nicht verstehen, dürfen es für ein Armuts- 
zeugnis halten, das es auch tatsächlich vom Standpunkte des 
Fortkommens eines Kommis ist, von dem perfekte Beherrschung 
sogar mehrerer Sprachen verlangt wird. Aber dann sollen sie 
den, der den Satz gesagt hat, verachten und nicht den Satz sich 
für ihre Zwecke beibiegen. Wenn das Taschenmesser, das du 
deinem Nächsten entwendest, eine Rarität ist, so darfst du es ihm 
nicht in den Rücken stoßen. Beides zugleich geht nicht. Und 
wenn man von gestohlenen Wertgegenständen spricht, so meint 
man nicht, daß der Juwelier, der sie alischätzt, sie selbst ver- 
schwinden läßt. Und gewiß nicht, daß er mit ihnen noch prunken 
soll. In einem zweiten Blatt schreibt nämlich derselbe Herr, den 
mein Wort schon seit langem zu beherrschen scheint : »Dabei ließ 
er sich, so sehr er das Wort liebte, doch nicht vom Wort führen 
und verführen, sich von ihm beherrschen. Er führte es, er be- 
herrschte es . . .« Nein, Hevesi war kein Diener am Wort. Das 
(Neue Wiener Journal', das den Wert des fremden Wortes immer 
zu schätzen wußte, hat es gleichfalls bestätigt. Es nennt ihn einen 
»hervorragenden Beherrscher des Wortes«. Er, der gebome Ungar, 
»bediente sich der deutschen Sprache mit der nämlichen souveränen 
Meisterschaft wie seiner Muttersprache«. Das höchste Lob im 
Munde der Kommis, und sie glauben einen Schriftsteller nicht 
höher ehren zu können, als wenn sie ihn für ihren Prinzipal halten. 
Ich aber sage : Beherrschen kann man viele Sprachen ; dienen 

nur einer. , « 

• 

Mein Widerspruch 

Indem ich an den Anfang dieses Heftes Weiningers Paral- 
lelen: Mann der Tat = Prostituierte und Genius = Mutter setze, 
glaube ich nicht, daß es notwendig ist, von solcher Linienführung 
mein eigenes Denken zu unterscheiden. Ich zitiere die Stellen, 



— 56 — 

weil sie mir in der Psychologie des Tatmenschen und in der 
Wertsonderung des Künstlers eine Wahrheit, in ihrer Sprache eine 
Leidenschaft und im Zusammenhang mit dem Traum des sterbenden 
Lueger eine Dichtung bedeuten. Aber ich brauche Weininger 
weder mit mir noch mit sich selbst in Widerspruch zu bringen. 
Nicht weit von der Verklärung der Mutter stehen bei ihm Sätze 
wie diese: »Ihre (der Hure) Stellung außerhalb des Oattungszweckes, 
der Umstand, daß sie nicht bloß als Aufenthaltsort und Behälter, 
gleichsam nur zum ewigen Durchpassieren für neue Wesen dient 
und sich nicht darin verzehrt, diesen Nahrung zu geben, stellt 
die Hetäre in gewisser Beziehung über die Mutter ... Es hängt 
damit zusammen, daß nur solche Männer sexuell von der Mutter 
sich angezogen fühlen, die kein Bedürfnis nach geistiger Produk- 
tivität haben . . . Bedeutende Menschen haben stets nur Prosti- 
tuierte geliebt . . . Die so verbreitete, so ausschließliche und ge- 
radezu ehrfürchtige Wertschätzung der mütterlichen Frau, die man 
dann gern noch für den alleinigen und einzig echten Typus 
des Weibes auszugeben pflegt, ist nach alledem völlig unberech- 
tigt . . . Die Mutter hatte es leicht, sich dem sittlichen Willen des 
Mannes zu unterwerfen, da es ihr nur auf das Kind, auf das 
Leben der Gattung ankam. Qanz anders die Dirne. Sie lebt 
wenigstens ihr eigenes Leben ganz und gar . . .« In keiner Be- 
ziehung aber stellt Weininger den Mann der Tat über den Künst- 
ler. Und beinahe gibt er zu, daß jenen die mütterliche Frau, 
diesen die sterile ergänze. Wenn sich der Mann, der ein Bedürfnis 
nach geistiger Produktivität hat, zur Prostituierten hingezogen fühlt, 
so muß dieser wohl die Gabe der geistigen Erregung zugesprochen 
werden, also eine zukunftwirkende Kraft in einem höheren Sinne, 
als sie der Mutter eignet. Hier ist Weininger auf die ethische 
Sandbank geraten. Vielleicht wäre dann bloß der Tribun das anti- 
moralische, die Prostituierte aber das amoralische Phänomen? . . . 
Meinen eigenen Widerspruch muß ich nicht bekennen. Ich habe 
Sprüche undWidersprüche aus ihm gemacht. >EinWerk wird zur Welt 
gebracht: hier zeugte das Weib, was der Mann gebar«. So ganz 
zwecklos, ohne ein Bleibendes zu hinterlassen, ohne alle Ewigkeit, 
für menschliche Weisheit sinnlos, verraucht die Sinnlichkeit des 
Weibes nicht. Ein Meteor währte einen Augenblick; aber sein 
Glanz bleibt im Blick des schöpferischen Auges. 

Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Karl Kraus 
Druck von Jahoda & Siegel, Wien, III. Hintere Zollamtsstraße 3 




^albmonatsfc^rfft für 6eutfc^e i 
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'Segrßnöct oon albert ^tiQtn 

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Bureau für Österreich: 

Wien. YL Mariahilierstrasse 117 

" Verlag~F. HARNISCH & Co., Berl8 iirW^57 

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Herausgeber KARL KRAUS | 

Die „Fackel« erscheint in zwangloser Folge im Umfang von | 

16—32 Seiten | 

BEZUaSBEDINGÜNGEN ; - A-n ^ 

Für Österreich-Ungarn: 18 Nummern, portofrei K 4.oU j 

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Für das deutsche Reich": 18 „ - n ^^- | 

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" Einzelheft in Österreich 30 Heller, in Deutschland 30 Pfennig | 

ZvL beziehen durch sämtliche Buchhandlungen l 

Berliner Bureau: Haiensee, Katharinenstraßa 5 | 

Inhalt der vorigen Doppelnummer 296-297, 18. Feb- | 

ruar 1910: Josef Schöffe!. Von Karl Kraus. - Die -Arbeiter- | 
Zeitung' und die Taussig-CliquetK - Baron Frangart und der 

Bajazzo. Von Karl Borromaeus Hejnr ich. 7 7?"df[ff„L'^^^^^^ l 

Von Albert Ehrenstein. - Bücher. Von Ludwig Uil mahn 5 

u. a. — Glossen. Von Karl Kraus. | 



Hprflinp«ber und verantwortlicher Redakteur Karl Kraus 



300 LF Aa 9. APRIL 1910 XI. JAHR 



DIE FACKEL 



HERAUSGEBER: 



KARL KRAUS 



INHALT: 

St)rüche, Ndl. Riohard Dehrael. — Eingebildete 

Kranke. Von August Strindberg. — Judas 

Lcharioth. Von Peter Hille. — Widmang. Von 

Altpobercr. — Lied. Von Arnold Schön- 

- Eine Zeichnung: von Pascin. Von Otto 

1. — Aufruf an die Wiener. Von Adolf 

Loü?. — Ein Brief von F er r - -- . ■ . .^^r. 

— Pro domo et mundo. > — 

^in Gruß von Stanislaw Przybyszewski. 

'- ' - "eilage ein Register der Autoren und Beiträge, ■■''-* ■•" • 

eingeleitet von Ludwig Ulimann.) 

KACHDRUCK VERBOTEN 

^ ' R EINZELNEN NTJMMER 30 HELLER 
ERSCHEINT IN ZWANGLOSER FOLGE 

VERI.AG: ,DIE FACKEL' WIEN— BERLIN 

■'" " HINTERE ZOLLA"'-' ^ASSE 3 Nr. 187 

a BUREAU: ... ^EE, KA:. RASoE 5 



DIE VORLESUNG KARL KRAUS 



findet Dienstag den 3. Mai, V2S ^hr abends, im Fest 
saale des Ingenieur- und Architekten - Vereines, I. 
Esciienbachgasse 9 statt. Der Zutritt ist auf geladene Gäste 
beschränkt. Einladungen werden nach vorheriger schriftlichei 
Anmeldung unter Angabe der gewünschten Kartenkategorie bei 
stud. phil. Em. Jedlinsky, IX. Müllnergasse 3, zugesandt. Karten 
zu K 10, 6, 4, 2 und Studentenkarten zu K 1. Die Ausgabe 
der .Karten auf Grrund der Einladungen erfolgt vom 18. bis 
25. April inklusive, jeweils in der Zeit von 72^ — V2^ ^^ 
abends im Lokale der Buchhandlung A. Scbönfeld, IX. Uni« 
versitätsstraße 8. Die Vorlesung findet zu Gunsten des Asyl 
Vereines für Obdachlose statt. Die Karten sind nicht tibertragl r 
Das Programm dürfte enthalten: 

Gegen Heinrich Heine 

(Aphorismen zum Sprachproblem) 

Die Chinesische Mauer 



Im Verlage Jahoda & Siegel, Wien Ill/a, Hintere Zollaratsstraße 3 erechien: 



Von BOBEBT SCHEU 

(Mit einem Bildnis) 

Preis 80 Heller (SO Pf) 



In zweiter Auflage erschien: 

SITTLICHKEIT UNB KRIMINALITÄT 

Erster Band der Ausgewählten Schriften von Karl Kraufl 

Broschiert . . M 6.— Ganzleinen . . M 7.25 

(L. Rosner, Wien und Leipzig) 

^ KARL KRAVS ll 

SPRVECHE VND WIDERSPRVECHE 
Verlag ALBERT LANGEN Müncheü i| 

ROSCHIERT M 3.50, IN LEINEN OEB. M 4.50, IN HALBFRANZ OEB. M W' 



Die Fackel 

N" 300 ^L^t^Vlll »'-JA"« 



Sprüche 
Von Richard Dehmel 

Was bedeutet »nicht lange fackeln«? 
Das bedeutet: Wenn Mauern ira Feuer wackeln, 
dann nimm nicht erst die Spritze zur Hand, 
sondern wirf noch Flammen in den Brand! 

• 

Siege oder Niederlagen: 
immer gilt es, neu zu wagen. 

* 

Und trotzt er noch so starr, der ewige Firn, 
wir setzen doch den Fuß auf seine Stirn. 
Uns hat Natur zur Höhe berufen, 
uns fügt sich jeder Berg zu Stufen. 

Wir stehen mit der ganzen Welt, 
mit jedem Stäubchen, das uns ins Auge fallt, 
auf Du und Du. 
Nur zu gewissen Tieren, 
die kritisch über die Natur parlieren, 
sagen wir »vous«; 

da drückt uns Alle der Menschenschuh. 
* 

Scharfrichtert ihr nur immer feste! 

Ich hab eine gutgefutterte Weste; 

die läßt in mein Herz nur Liebespfeile. 

Schon mancher schnitt sich am eignen Beile. 



Ich gönne jedem fremden Wicht 
sein Teilchen Erde nebst Himmelslicht; 
aber will er mir meins wegschinden, 
soll er die Hölle bei mir finden. 



Manches Auge schwelgt im Grauen, 
manches wühlt sich bis zur Qual 
in ein Parbenbacchanal, 
aber jedes will einmal 
hochgemut ins Blaue schauen. 




Eingebildete Kranke*) 
Von Augiust Strindberg 

Ich habe drei Blinde gesehen, die ich nicht für 
blind halte. Zwei vere:aßen sich und grüßten mich 
auf der Straße, als ich einen großen Erfolg hatte. 

Auf einen ausgesprochenen Erfolg erlebt man 
recht eigentümliche Erscheinungen. Für mich ist der 
Erfolg mehr etwas Negatives; der Druck hat für eine 
Weile aufgehört; ich selber habe keinen positiven 
Genuß davon, aber ich übe auf andere eine beinahe 
pathologische Anziehung aus. Man wird gegrüßt und 
gesucht, als habe man Sonnenschein zu bieten; die 
neulich bei einem Fiasko geflohen, sind wie eine 
umgekehrte Hand. 

Während einer solchen kurzen Periode grüßten 
mich die beiden Blinden. 



*) Aus dem schwedischen Manuskript. Die Buchausgabe der 
Bekenntnisse erscheint erst 1911. 



— 3 — 



Jetzt will ich von dem dritten sprechen, ßei 
einem Theater dritten Rane:es in Berlin gab es einen 
Schauspieler, der als Komiker engagiert war, ohne es 
zu sein. Er schien mir ein Choleriker zu sein un 1 er 
war trocken und hart; ich verstand nicht, wie man 
ihn für einen Komiker halten konnte. Ich hielt ihn 
nicht einmal für einen Schauspieler, denn er war 
nie die Rolle; er hielt Vorlesung oder predigte, war 
unerträglich mit einem Wort. Aber er halte einen 
Namen und »zog«. Darum wurde er eines* Tages von 
der ersten Bühne Berlins engagiert, um begraben zu 
werden. Das verstand er aber nicht, sondern glaubte, 
sein Talent habe ihn dahin gebracht und der Kamm 
schwoll ihm. Zuerst bekam er eine Charakterrolle, 
war aber ebenso unerträglich wie früher. Die Kritik 
wollte nicht an ihn heran, aber das Publikum drehte 
ihm den Rücken. 

Schnell ging es abwärts. Und er, der eben seine 
früheren Kameraden von dem Theater dritten Ranges 
verschmäht hatte, fühlte jetzt, wie alles zusammen- 
stürzte, ohne dafi ihm die Möglichkeit zu einem 
Rückzug blieb. 

Eines Tages erschien er als Blinder auf den 
Straßen, von seinem Sohn geführt. Es sollte schön 
aussehen, aber das konnte ich nicht finden; es war 
etwas Posierendes, Theatermäßiges dabei, das meinen 
Ekel erregte. 

Aber er hielt sich eine Zeit lang beim Theater, 
obwohl ich nicht verstand, wie er auftreten konnte. 

Dann ging ich mehrere Jahre fort. Als ich 
zurückkam, fragte ich nach ihm. 

— Ja, er wohnt hier gleich nebenan und ist 
nun ganz blind. 

Ich wohnte im Westen von Berlin, und auf den 
großen leeren Straßen ging ich des Morgens spazieren. 

Eines Tages kamich früherals gewöhnlichhinaus. 

Auf dem Trottoir vor einem großen Haus mit 
Baikonen ging mein Schauspieler, allein, ohne Stock. 



— 4 - 



Als er mich von weitem >erblickte€, blieb er 
stehen, machte einen krummen Rücken, kriegte einen 
Schrecken und ging zur Haustür hinein. 

— Er hat mich gesehen, und von weitem, also 
ist er nicht blind, sagte ich. 

Einige Jahre habe ich dort gewohnt, bin so 
früh wie möglich ausgegangen, habe ihn aber nicht 
mehr gesehen. Er war lebendig in sein Grab ge- 
gangen 1 

Wenn ich versuche, seine Geschichte auszu- 
rechnen, so beginne ich mit der Schulkrankheit. Man 
hatte eines Tages ein solches Grauen vor der Schule 
bekommen, daß man sich krank wünschte, und so 
wurde man es, aber nicht ganz. 

Als die eingebildete Erhöhung zu schwinden 
anfing, und er nicht wieder klein werden wollte, 
übertrug er den Schlag auf ein anderes Gebiet. Mit- 
leid, Interesse meinetwegen, aber nicht als durch- 
gefallener Schauspieler! 

Fünfzehn Jahre hat er wohl alle erdenkliche 
Marter erlitten, da er sich selber zum Dunkel ver- 
urteilt und Abschied vom Leben genommen hat. 

Ich vermute, daß er gottlos ist, sonst hätte er 
einen anderen Ausweg für die Resignation gewählt. 
Zuweilen frage ich mich auch, ob er schließlich blind 
geworden ist dadurch, daß er sich und andern ein- 
bildete, daß er es sei. — — 

Bin anderer Schauspieler bildete sich und andern 
ein, schon in den 1850er Jahren, er habe Schwind- 
sucht. Er lebte dann noch 47 Jahre und starb im 
Alter von 70 Jahren. Ich traf ihn bei einem nächt- 
lichen Pest, als er 60 Jahre alt war. Er sprach nur 
von seiner Schwindsucht, von der ich damals seit 
30 Jahren hatte sprechen hören. 

Ein Arzt hat mir gesagt, Krankenhäuser und 
Sanatorien seien meistens voller Patienten, die gesund 
sind, es aber angenehm finden, gefüttert und gepflegt 
zu werden und »daliegen und Romane lesenc zu 



— 5 — 



können. Auch deshalb habe ich nie die Schwindsucht- 
marke gekauft, bin auch nicht in den Verein zur 
Bekämpfung der Tuberkulose eingetreten. 

Eigentümlich ist, daß ich mit 60 Jahren niemals 
einen Schwindsüchtigen gesehen habe, weder unter 
Freunden noch Bekannten. 

Ich habe schließlich aufgehört, an Schwindsucht 
zu glauben. 

Aber in den sechziger Jahren hatte noch jeder 
Mensch Schwindsucht, obgleich sie dann siebzig Jahre 
alt wurden; was unnatürlich ist! 

Die Schwindsucht wurde in den 1820er Jahren 
von den Romantikern erfunden und scheint eher zur 
Literatur zu gehören als zur Medizin. 

Aber es gab eine ganze Menge mervöse Krank- 
heiten«, die nicht eingebildet in gewöhnlichem Sinn 
genannt werden können. 

Es gibt »grossesse nerveuse« oder Schwanger- 
schaft mit allen Symptomen, die den Spezialarzt 
täuscht und sich schließlich als nichts herausstellt. 

Im Krankenhaus liegen Menschen mit allen 
Symptomen des Rückenmarkleidens und sterben im 
Glauben an Tabes; aber bei der Obduktion zeigt sich 
keine einzige Läsion des Rückeumarkes noch sonst 
eine krankhafte Veränderung im Körper. 

Alle hysterischen Leiden sind in den »Nerven«, 
haben keine Wirklichkeit, sind Wahrnehmungen, 
folglich psychisch. Die hysterische Kugel, Clavus 
hystericus, Arthropathia hysterica sind alle bekannte 
Erscheinungen ohne krankhafte Veränderungen, 
müßten also zu den Geisteskrankheiten gerechnet 
werden. Sie sind wohl Krankheiten auf einer andern 
Ebene, haben aber dieselbe Wirkung. 

Heute ist die geheimnisvolle Blinddarment- 
zündung als Epidemie aufgetreten. Man hat Kranke 
aufgeschnitten, die nicht die Krankheit gehabt haben ; 
und man hat sogar einen Patienten geöffnet, der 
überhaupt keinen Blinddarm besaß. 



— 6 — 



Wenn man von Einbildung in diesem Fall 
spricht, was meint man damit? 

Niemand geht wohl kaltblütig zu Wege und 
bildet sich ein, daß er diese Krankheit hat, sondern 
er wird wohl von der Vorstellung ergriffen wie von 
einem gebieterischen Zwang. 

Dann spricht man von Zwangsvorstellung, das 
ist aber bloß der Name einer Tatsache. Und ich 
stehe auf und frage: Wer ist der Zwinger? Wo ist 
er? Was will er? 

Und damit ist die Frage vom Niveau der 
Medizin und Psychiatrie auf eine höhere Ebene ge- 
hoben, wo man den Doktor medicinae hinter sich, 
unter sich läßt und, wenn man klug ist, den einzigen 
Arzt sucht, der »nervöse Krankheitenc und »Zwangs- 
vorstellungen« heilen kann. 

Ich habe ihn gesucht, als alle andern Ärzte 
mich nicht zu heilen vermochten, und Er hat mir 
geholfen, Er allein! 




Judaa Ischarioth*) 
Von Peter Hille 

Judas war kein Jünger. Nichts von innen heraus 
bei ihm, kein Verlangen nach einem besseren, sittlich 
gefesteten Wesen, zu dem es erst die reinen Unbe- 
fangenen und später die Lastermüden trieb. Judas 
war trotz der nahen Gemeinschaft ein Bedienter, ein 
Lakei des »Herrn«, denn »er hatte den Beutel«. 



*) Aus dem bisher unveröffentlichten Mysterium Jesu, das 
im Nachlasse des Dichters gefunden worden ist. 



Er war sein Hausmeister geworden in der V^or- 
aussetzung, daß der faszinierende Lehrer etwa wie 
ein reisender, berühmter Virtuose gewaltigen, wider- 
standslos zahlenden Zulauf hat. Und dieses Virtuosen 
Impresario wollte er sein. 

Die andere gewaltigere Seite des Wundertäters 
hatte er nie im Auge gehabt. Nur die für seinen Zweck. 

Und als sich Ischarioths Voraussetzung nicht ver- 
wirklichte, mußte er auf andere Weise an seinem 
Herrn verdienen. Der Zorn auf die in den Augen 
dieses »vernünftigen« Menschen geradezu ruchlose 
Verschwendung so vieler Gelegenheiten verwirrte 
und erregte ihn. 

Nach der von seinem göttlichen Meister aus- 
drücklich gebilligten entsetzlichen Verschwendung 
der Maria Magdalena ward ihm die Empörung des 
gesunden Menschenverstandes zu viel, und er ging 
hin in seiner kalten beleidigten Leidenschaft des Geldes 
und beging das Ungeheuerliche. Er war gestört in 
seinem Idealismus, dem einzigen, dessen diese metal- 
lische Seele fähig war. 

Ischarioth war ein zäher, fester Philister, ein 
unerschütterlicher. 

Er hatte keine Phantasie, keinen Wertblick, und 
kein Voraussehen. Erst die grellsten Tatsachen konn- 
ten ihn überzeugen. Dann, als es zu spät war, ent- 
hüllte sich die gute sittliche Seite. 

Nun wäre er ein guter Jünger geworden. Seine 
Judasnatur war weggenommen und mit ihrer End- 
handlung erledigt. Ein anderer wäre auch dann noch 
unter gutem Einfluß gut geworden, biegsam und nicht 
gespannt, aber kein Mensch hat zwei Naturen, min- 
destens nicht ganz entwickelt, nacheinander. 

Zu spät, sein Amt war abgeschlossen und hatte 
abgeschlossen. Am Kleinlichsten war das Höchste 
vernichtet, irdisch vernichtet . . . Weltaymbol. 



— 8 — 

Widmnng 

(Sommerabend in Gmunden) 
Von Peter Altenberg 

Wir, die nicht genug haben an den Taten des 
Alltages, wir Ungenügsamen der Seele, wir wollen 
unseren rastlosen, enttäuschten und irrenden Blick 
richten auf die Wellen-Symphonien des Sees, auf 
den Frieden überhängender Weidenbäume und die aus 
düsterem Grunde steil stehenden Wasserpflanzen! 

Auf die Menschen wollen wir unsern impassiblen 
Blick richten mit ihren winzigen Tragödien und 
ihren riesigen Lächerlichkeiten; mit düsterer Ver- 
achtung wollen wir nichts zu tun haben und mildes 
Lächeln soll der Panzer sein gegen ihre Armsehgkeiten ! 

Dem Gehen edler anmutiger Menschen wollen 
wir nachblicken, dem Spiele adeliger Gebärden und 
der Noblesse ihrer Rubel Ein Arm auf einer Sessel- 
lehne, eine Hand an einem Schirmgriff, das Halten 
des Kleides bei Regenwetter, süßes Bacchantentum 
bei einem Quadrille-Finale, wortloses Erbleichen und 
wortloses Erröten, stummer Haß und stummes Lieben, 
und alles Auf und Ab der eingeschüchterten und 
zagen Menschenseele — — das, das Alles wollen 
wir Stunde um Stunde in uns hineintrinken und 
daran wachsen! 

Rastlos aber, vom Satan Gejagten gleich, stürmen 
die Andern enttäuschungsschwangeren Zwecken ent- 
gegen und ihre Seele bleibt ungenützt, verdirbt, 
schrumpft ein, stirbt ab! 

Jeder Tag bringt einen Abend und in der 
Bucht beim Toscana- Garten steht Schilf, und Weiden 
und Haselstauden hängen über, ein Vogel flüchtet 
und alte Steinstufen führen zu weiten Wiesen. Nebel 
zieht herüber, Du lassest die Ruder sinken und 
Niemand, Niemand stört Dich! 



mt 



y — 



Lied 

• Von Arnold Schönberg 




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10 



Eine Zeichnung von Pascin 
Von Otto Stoessl 

Bin befreundeter junger Maler zeigte mir eine 
unlängst aus Paris mitgebrachte Federzeichnung 
von Pascin, dessen krause Blätter bereits aus dem 
,Simplicissiraus* bekannt sind. Sie geben wüste 
Gesellschaften französischer Kneipen, Dirnen und 
Zuhälter figuren mit einer naturalistischen Romantik 
wieder, welche den Gegenstand sowohl durch die 
inständige und dabei leichte Behandlung, als auch 
durch einen ruhigen Humor in einer geistigeren 
Athmosphäre aufhellen. 

Das außerordentliche Blatt, von welchem ich 
hier einiges sagen will, schildert nicht die typischen 
örtlichkeiten und Figuren, wie die andern im ,Simpli- 
cissimus* veröffentlichten, sondern bewegt sich in einem 
willkürlichen Vorstellungs- und Stimmungsraum. Seine 
Phantasie erhöht hier die groteske Wiedergabe des 
unmittelbar Gegebenen durch die Laune der An- 
ordnung, indem die Gestalten wunderlich naiv und 
überraschend gruppiert, in einen barocken Zusammen- 
hang gebracht sind, der einer kühnen und dem Gehör 
bald einleuchtenden Harmonie gleicht. Das Wirkliche 
erschiramert unversehens in einem fremden Zauber. 
Diese Fähigkeit, derber Realität die Märchenhaftig- 
keit spielerischer Lebensfülle mitzuteilen, macht 
immer den höchsten künstlerischen Reiz und Sinn 
einer Darstellung aus. 

Begreiflich, daß Weiber den Gegenstand der 
Komposition bilden, denn die Anschauung des 
Mannes, gar des Malers wird von der durchwaltenden 
Geschlechtlichkeit auf die natürlichste Weise bestimmt, 
alles Weibliche als das Grundfremde und Grund- 
begehrte selbst in seiner einfältigsten Existenz 
märchenhaft zu erhöhen. 

Drei Gruppen sind hier vereinigt. Ihr Zusamraen- 
spiel ergibt den Inhalt und die Stimmung der ganz launen- 



— 11 — 

haften und sinnvollen Schöpfung, der es weiter keinen 
Eintrag tut, daß die Teile vielleicht ursprünglich 
einzeln, jeder an eine freie Stelle des weißen Papiers 
gesetzt worden sind und erst durch ihr zufälliges 
Beieinandersein und Ausfüllen des Raumes den schließ- 
lichen Eindruck eines geordneten Ganzen, eines Bildes 
machen. Auch die Harmonie manches Gedichtes wird 
gelegentlich einem solchen Ineinandergehen von 
Motiven verdankt, welches dann unlöslich bleibt. 

Zwei große weibliche Gestalten stehen links 
im Vordergrunde und bedecken fast die ganze Höhe 
des Blattes. Eine nackte, magere Schwarzhaarige, 
deren Arm in nervöse, lange, zierliche Finger aus- 
läuft und in sachter Krümme am Schenkel liegt, ist 
von der Seite gesehen, während ihr Kopf nach links 
gedreht, uns die Gebärde völlig entzieht, so daß 
man nur aus dem feinknöcheligen, selbst in der 
Ruhe gespannten und gleichsam schwingenden Körper 
auf jene unregelmäßigen Züge schließt, die unter 
dem Schwall des dunkeln Haares den Reiz ihrer 
willkürlichen Bildung üben. Die Blonde neben ihr 
quillt in üppigster Weiblichkeit so breit über, daß 
ihre Beine nur gekrätscht die Last des strotzenden 
Körpers tragen können. Ein getigertes Tuch hüllt die 
angenehme, dem Beschauer zugekehrte Rückenseite 
von den Schultern abwärts, jedoch sinnig genug, nur 
bis zum Gesäß ein. Ihr Gesicht ist in leiser Gegen- 
wendung zur Mageren gekehrt, man würdigt eben 
die belanglose Anmut der Stirne und Nase und des 
angedeuteten Blickes. Mit zarter Feder in den ein- 
fachsten Umrissen hingeschrieben, nur da und dort 
durch andeutende Kurven der Schenkelwölbung, der 
Kniebuchten und Knöchel, der Wirbellinie, leise 
betont, vergegenwärtigen diese schwarzen Konturen 
Farbe, Temperament, Inkarnat und sondern zwei 
W^esen mit äußerster Bestimmtheit. Die Schwarze 
und die Blonde, scharf und zierlich die eine, behag- 
lich, gutmütig, eine rechte Milchmutter die zweite, 



— 12 — 



scheinen angelegentlich das bewegte Spiel der übrigen 
zu betrachten. 

Unmittelbar vor ihnen, im äußersten Vorder- 
grunde rechts turnt ein nacktes Frauenzimmer, auf 
die Arme gestützt, das linke Bein nach hinten ge- 
streckt, das andere im Knie wagrecht eingezogen. 
Vom Haupt, das durch den Arm verborgen wird, 
sieht man nur das Haar in einer schmalen Welle zu 
Boden strömen. Die Heftigkeit der dem angespannten 
Leibe abgerungenen Akrobatenübung, die gestrafften 
Brüste, das eigentümliche Gegeneinander der Körper- 
teile, deren jeder dem andern widerspricht, wirken 
so verblüffend, daß man das furchtbare Erstaunen 
eines kleinen Köters würdigt, der diese unnatürliche 
Kraftentfaltung, ganz und gar widrige weibliche 
Lage, das verdrießliche Vergnügen eines solchen 
emanzipierten Berufes entrüstet ankläfft. 

Im Hintergrunde, rechts oben, gleichsam vor 
der Rückwand eines Raumes tobt eine nackte 
Weiberjanitscharenbande. Eine fette, muskulöse, 
hintenübergebeugte Vettel mit gespreizten Beinen 
schlägt Tamburin, eine knabenhaft magere im Tanz 
Trommel, während eine heitere urgemein auf den 
weit auseinander klaffenden Beinen hockt und fiedelt. 
Ihr ausgespieltes Geschlecht scheint zur geilen Geige 
aufreizend mitzurausizieren. 

Man wird vielleicht aus dieser Beschreibung 
der merkwürdigsten Gesellung das Zusammen- 
klingen des Ganzen vermuten, welches eine höllisch- 
paradiesische Weibereintracht mit läßlichem Humor 
darstellt. Indem hier ruhig Zuschauende, da eine zur 
äußersten Leibesanwendung Gezwungene, dort 
Tanzende, Kauernde, Taumelnde beisammen ver- 
weilen, scheinen in einer sinnvollsten Verkürzung 
alle weiblichen Möglichkeiten und zugleich ihr Reflex 
in dem männlichen Geist des Künstlers wieder- 
gegeben. 

Unwillkürlich fällt einem zu dieser äußerst 



— 13 — 



weltlichen Komposition ein gewagtes, frommes 
Gegenbild und Beispiel ein, indem man sich gewisser 
altitalienischer Gemälde erinnert, welche, >Konver- 
sazionen« genannt, verschiedene Heilige in ruhe- 
voller, würdiger Betrachtung, jeden mit seinem 
bezeichnenden Symbol ausgestattet, in einer Säulen- 
halle oder idealen Landschaft in ähnHcher Zusammen- 
fassung männlicher Geistigkeit märchenhaft ver- 
einigen, wie dies hier mit Frauenzimmern geschieht, 
die ihre Erdennähe und natürliche schicksalhafte Un- 
gebundenheit aufs selbstverständlichste entfalten. 
Auch die wunderbare, innerste Beziehungslosigkeit 
dieser Figuren, die, wie die Menschen im Leben bei 
der dichtesten Geselligkeit einander nie durchdringen 
und, mögen sie noch so eng beisammen tanzen, 
turnen, hocken, schreien, singen, schauen, ja Leib 
an Leib stehen, doch genau eine Welt voneinander 
entfernt bleiben, entrückt das Zufallsspiel dieses 
Blattes, seine Wirklichkeitsnähe zugleich in das 
Überall und Nirgends, in die einfältige Einsamkeit. 



Anfmf an die Wiener 

geschrieben am Todestage Luegers 
Von Adolf Loos 

Mit ihm wird der Schutzherr der Karlskirche 
zu Grabe getragen. 

In ihm lebte die Idee Karls VI., der mit der 
Kirche einer großen, breiten Avenue, die sich vom 
Schottentor über den Josefsplatz nach der Wieden 
erstrecken sollte, einen Abschluß geben wollte. 

Der Bau der Ringstraße hat diese Idee vereitelt. 

Anlage und Stellung der Kirche, ihre — nicht 



— 14 ~ 

durch den Grundriß gerechtfertigte — frontale Aus- 
dehnung, die mit dem ernüchternden Innenraum im 
stärksten Gegensatze steht, zeigt uns deutlich, daß 
ein Straßenabschluß geschaffen werden sollte, zu dem 
das Gotteshaus nur als Vorwand diente. 

Die alte Grundidee war nicht mehr durch- 
zuführen. Wir haben zu allerletzt ein Recht, den 
Erbauern der Ringstraße einen Vorwurf zu machen. 
Wir selbst haben ja zum Beispiel das alte Projekt 
Maria Theresias, die durch die Anlage von Gebäude- 
keulen den Enkeln Gelegenheit geben wollte, die 
Praterstraße in das Herz der Inneren Stadt zu führen, 
— mit der Riehl-Avenue — fallen gelassen. 

Lueger, und mit ihm die Einsichtigen wollten 
der Karlskirche geben, was ihr gebührt, was sie 
braucht. 

Die Karlskirche braucht zu ihrer Fassung große, 
horizontale Flächen und Linien. Die kann nur ein 
öffentliches Gebäude schaffen. Die Wiener aber meinen, 
daß das öffentliche Gebäude vor die Stadt gehört. 

Man hat wohl nur aus Versehen die Hofmuseen 
nicht auf die Schmelz gebaut. Sonst würden sich 
heute an ihrer Stelle Zinshäuser erheben. 

Der Schutzpatron des Baugedankens der Karls- 
kirche, der Mann, der die Macht hatte, den Vandalis- 
mus, der der Kirche und dem Stadtbild droht, abzu- 
wehren, ist gestorben. 

Es besteht kein Hindernis mehr, daß der Wiener 
Geschmack seinen Willen durchsetzt und das Museum 
auf die Schmelz kommt. 

Aber auf dem bereitgehaltenen Platze werden 
sich drei Zinshäuser erheben. 

Und nun erlasse ich einen Aufruf an die Wiener : 
Spendet Geld für eine Tafeil 

Ich rufe alle Wiener auf, damit eine Ehren- 
tafel auf das mittlere Zinshaus komme, auf welche 
die Namen aller zum ewigen Gedächtnis einge- 
meißelt werden, deren hingebungsvollem Wirken in 



— 16 — 

Wort und Schrift der Bau dieser drei Zinshäusei 
zu verdanken ist. 

Die Geldspenden brauchen nur klein zu sein, 
denn es gibt so viele Wiener und eine Tafel kostet 
nur so wenig. 

Zu jeder Spende möge der Name des Mannes 
genannt werden, der sich um den Bau dieser drei 
Zinshäuser verdient gemacht hat. 

Aus diesen Namen soll dann eine Auswahl ge- 
troffen werden. 

Wer von ihnen ehrlich für den Gedanken der 
Zinshäuser eingetreten ist, wird mit Stolz seinen 
Namen auf der Gedenktafel lesen. 



Bin Brief*) 
von Ferdinand Kflmberfer 

Lieber Verehrter 
Ist das Mödlinger Rathaus abgebrannt, oder 
wird es umgebaut, oder was geschieht sonst mit der 
Curie Ihrer Regierung, daß die erhebendsten Justiz- 
akte nicht mehr am Sitz der Themis, am Thron der 
Gerechtigkeit, sondern in einem gegenüberliegenden, 
ad hoc sich darbietenden Nachbarhause zwar würdig 
und gediegen, aber ohne den feierlichen Cultus 
offizieller Urteilsvollstreckung in puritanischer 
Schmucklosigkeit abgehalten werden? Der Mödlinger 
Blutbann ist ja ein bescheidener Classiker, dafi er 
seine besten Werke so anonym veröffentlicht, ja 
kaum veröffentlicht, denn sein Verleger, Mr. Lynch, 

*) Dieser Brief an Joseph Schöffel, auf den sich dessen in 
Nr. 298/99 veröffentlichtes Schreiben vom 7. Juli 1878, der Bericht über 
die Verprügelung eines Revolverjoumalisten durch einen Schlosser, be- 
zieht, hat sich soeben in Mödling — nicht im Nachlasse Schöffela — 
gefunden. 



— 16 — 



scheint nur einen einzigen Bürstenabzug von dem 
genialsten aller Strafgesetz-Entwürfe gemacht zu 
haben. Oder sagt man diesmal nicht Bürstenabzug, 
sondern Hosenabzug? Wie war's doch? Ach, meine 
Fantasie ist ganz bei der Sache. . Nie haben die 
schönsten weiblichen Hemisphären geistig und sittlich 
mich so intensiv beschäftigt, als mein inneres Auge 
Tag und Nacht sich an jenen unschöneren Hemi- 
sphären weidet, auf welche sich die hehre Göttin mit 
Schwert und Wage diesmal in so wuchtiger Seßhaftig- 
keit niedergelassen hat. > Welcher Unsterblichen 
soll der höchste Preis sein ?« Goethe würde heute 
nicht mehr so fragen, er würde sagen : der Mödlinger 
Themis I 

Was aber besagte Hemisphären betrifft, so hoffe 
ich, die Großcommune Mödling schickt sie frisch 
von der Mache her auf die Pariser Weltausstellung, 
denn die Leistung ist monumental 1 Ich wüßte nichts, 
was Europa im Allgemeinen und MödHng im Be- 
sondern zum modernsten Portschritt des Appretur- 
Verfahrens Gelungeneres ausstellen könnte, als zwei 
so echtgefärbte, noch bis ins Grab hinein echtfärbig 
durchgebläute Hemisphären I 

Eine Preis-Medaille für Mödling! 

In solchen Augenblicken fühle ich meine Sprache 
ohnmächtig und meine Feder stumpf. Könnte ich Sie 
lieber persönlich sehen! Kommen Sie doch einmal in 
meine Arme! Was hindert Sie? Der Reichsrat? Er 
ist soeben im wohltätigsten Stadium seiner Thätig- 
keit angelangt, — er hat Ferien. Die Mödlinger 
Regierungssorgen? Auch Lykurg hat regiert, aber 
er ging hierauf 10 Jahre außer Landes, um die Güte 
seiner Institutionen an seiner eigenen Abwesenheit 
zu erproben. Sie haben Ihren Staat auf so ehernen 
Grundsäulen der Weisheit und des Rechtes aufgebaut, 
daß diese Lykurgus-Probe einer ehrenvollen Selbst- 
verbannung schon längst auch Ihr Recht, ja Ihre 
Pflicht geworden ist. 



— 17 — 

Also fort ^'on den Städtebewohnenden Menschen 
und ausgerastet unter den Thierenl Auf nach 
Steiermark! 

Ihr altgetreuer 

Ferdinand Kürnberger 
Gratz, Beethovenstraße 19. 
30. Juni T8. 




Pro domo et mundo 
Von Karl Kraus 

Die meisten Schreiber sind so unbescheiden, 
dafi sie immer von der Sache sprechen, wenn sie 
von sich sprechen sollten. 



Ich habe es so oft erlebt, daß einer, der meine 
Meinung teilte, die größere Hälfte für sich behielt, 
daß ich jetzt gewitzt bin und den Leuten nur noch 
Gedanken anbiete. 



Die Sprache Mutter des Gedankens? Dieser 
kein Verdienst des Denkenden? doch, er muß 
jene schwängern. 

Ein Werk der Sprache in eine andere Sprache 
übersetzt, heißt, daß einer ohne seine Haut über die 
Grenze kommt und drüben die Tracht des Landes 
ansieht. 



- 18 — 



Man kann einen Leitartikel, aber kein Gedicht 
übersetzen. Denn man kann zwar nackt über die 
Grenze kommen, aber nicht ohne Haut, weil die im 
Gegensatz zum Kleid nicht nachwächst. 



Bin Edelmann deutscher Prosa erläßt ein 
Manifest demokratischen Denkens. In einem Alma- 
nach, den ein sozialpolitisches Komitee in Lausanne 
herausgibt, ist es erschienen, und Voltaire behält 
darin wieder einmal Recht gegen Goethe. Dieser 
ohne Menschlichkeit, sieht >aus der gespensterhaften 
Höhe, wo die deutschen Genien einander vielleicht 
verstehen, unbewegt aufsein unbewegtes Land hinab«. 
Voltaires Stimme, noch in Zola lebendig, befeuert 
das Tempo der Freiheit und Wahrheit. Fanatiker 
singen auf dem Hügel von Valmy die Marseillaise, 
Goethe > wendet sich ab und verachtet«. Mit seinem 
Namen »decken faule Vergnüglinge ihr leeres Dasein«, 
es gibt keine Kultur ohne Menschlichkeit . . . Der 
Bekenner ist Heinrich Mann. Also hat Goethe selbst 
dem Börne die Hand geführt, als er sie gegen 
Goethe erhob. — Ich aber glaube, daß im Kunstwerk 
aufgespart ist, was die Unmittelbarkeit geistiger 
Energien vergeudet. Nicht die erste, sondern die 
letzte Wirkung der Kunst ist Menschlichkeit. Goethes 
Menschlichkeit ist eine Fernwirkung. Sterne gibt 
es, die nicht gesehen werden, solange sie sind. 
Ihr Licht hat einen weiten Weg, und längst er- 
loschen leuchten sie der Erde. Sie sind den 
Nachtbummlern vertraut: was kann Goethe für die 
Ästheten? Es ist ihr Vorurteil, daß sie ohne sein 
Licht nicht nach Hause finden. Denn sie sind nirgend 
zu Hause und für sie ist die Kunst so wenig da, wie 
der Kampf für die Maulhelden. Auch der Ästhet ist 
zu feig zum Leben; aber der Künstler geht aus der 
Flucht vor dem Leben siegreich hervor. Der Ästhet 
ist ein Maulheld der Niederlagen; der Künstler steht 



— 19 — 



ohne Anteil am Kampf. Er ist kein Mitgeher. 
Aber seine Sache ist es nicht, mit der Gegenwart zu 
gehen, da es doch Sache der Zukunft ist, mit ihm 
zu gehen. Und soll Heinrich Manns Prosa eine 
Marseillaise entfesseln, damit man Heinrich Manns 
Prosa nicht mehr hört? 



Es ist aber immer noch besser, daß die Künstler 
für die gute Sache, als daß die Journalisten für die 
schöne Linie eintreten. 



Wenn den Ästheten die Gebärde freut, mit der 
einer aus der Staatskasse fünf Millionen stiehlt, und 
er es öfiTentlich ausspricht, daß die Belustigung, die 
der Skandal den >paar Genießern< bringt, mehr wert 
sei als die Schadenssumme, so muß ihm gesagt 
werden: Wenn die Gebärde dieser Belustigung ein 
Kunstwerk ist, so sind wir nobel und es kommt uns 
auf eine Million mehr oder weniger, die der Staat 
verliert, nicht an. Wenn aber ein Leitartikel daraus 
wird, so erwacht unser soziales Gefühl und wir be- 
willigen nicht fünf Groschen für das Gaudium. Wird 
nämlich aus dem Staatsbankerott ein Kunstwerk, so 
macht die Welt ein Geschäft dabei. Im andern Fall 
spüren wirs im Haushalt und verdammen die populäre 
Ästhetik, welche die Diebe entschuldigt, ohne die 
Bestohlenen zu entschädigen. 



Die Idee, die unmittelbar übernommen und zur 
populären Meinung reduziert wird, ist eine Gefahr. 
Erst wenn die Revolutionäre hinter Schloß und 
Riegel sitzen, hat die Reaktion Gelegenheit, an der 
Entstoffiichung der Idee zu arbeiten. 



— 20 



Journalisten schreiben, weil sie nichts zu sagen 
haben, und haben etwas zu sagen, weil sie schreiben. 



Es gibt ebenso Journalisten der Stimmung wie 
es Journalisten der Meinung gibt. Jene sind die 
Lyriker, die heute dem Publikum ins Ohr gehen. 
Sie möchten sich unserer Verachtung dadurch 
entziehen, daß sie schützend den Reim vorhalten. 
Aber da fassen wir sie erst. Denn sie wehren sich 
gegen den Verdacht, Diebe zu sein, durch den 
Beweis, daß sie Betrüger sind. 



Ein Original, dessen Nachahmer besser sind, 
ist keines. 



Ein Reichtum, der aus hundert Hintergründen 
fließt, erlaubt es der Presse, sich an hohen Feier- 
tagen den Luxus der Literatur zu leisten. Wie fühlt 
sich diese, wenn sie als goldene Kette auf dem 
Annoncenbauch eines Protzen glänzen darf? 



Die Politik betrügt uns mit deutsch-österreichi- 
schen Sympathie werten. Aber außer Trinksprüchen 
und Libretti gibt es nichts, was ein geistiges Ein- 
verständnis zwischen den Völkern bewiese. Diplomaten 
und Theateragenten sind um die Annäherung bemüht. 
Die draußen wissen denn auch von einem geheimnis- 
vollen Reich, wo Itzig und Janosch den Ton an- 
geben, und lieben uns für den Zuschuß von Husaren- 
blut und Zigeunerliebe, den der Berliner Arbeitstag 
empfängt. Bin zwischen der Ringstraße und den 
Linden fluktuierendes Theaterjudentum bezeugt und 
vertritt unser Geistesleben vor Deutschland. Was 
sagt die Politik dazu, daß kein österreichisches Buch 



- 21 — 



hinauskommt, wenn es nicht in Musik gesetzt ist? 
Die Wiener Provenienz ist so odios, daß man sie nur 
den Erzeugnissen des Schwachsinns und der Lumperei 
verzeiht. An diesen erkennt man wenigstens den Ur- 
sprung und gibt die Echtheit zu. Aber welch über- 
menschliche Anstrengung kostet es, einem Kolporteur 
österreichische Literatur als Geschenk aufzudrängen! 
Was sagt die Politik dazu, daß die , Fackel', die längst 
danach ringt, in Österreich nicht mehr notorisch zu 
sein, nach elf Jahren erst das zu werden beginnt, 
was sie ist; eine deutsche Tatsache? 



Die Zwischenaktsmusik verlangt nicht, dafi man 
schweige, sie verlangt nicht, daß man höre, aber sie 
erlaubt, nicht zu hören, was gesprochen wird. 
Dummköpfe wollen sie abschaffen. Und sie ahnen 
nicht, wie sehr gerade sie ihrer bedürfen. Denn 
die einzige Kunst, vor der die Masse ein Urteil 
hat, ist die Kunst des Theaters. Aber eben nur die 
Masse. Wehe, wenn die Urteilssplitter im Zwischen- 
akt gesammelt würden: sie ergäben kein Ganzes. 
Ohne die Zwischenaktsmusik könnten sich die 
einzelnen Dummköpfe vernehmlich machen, deren 
Meinung sich während des Spiels zum maßgebenden 
Eindruck und nach dem Spiel zum Applaus zu- 
sammenschließt. Die Zersplitterung zu verhindern, ist 
die Zwischenaktsmusik da, die im rechten Moment 
mit Tusch in die Dummheit einfällt. Auf die Qualität 
dieser Musik kommt es nicht an, nur auf das Ge- 
räusch. Die Zwischenaktsmusik dient dazu, das 
Lampenfieber des Publikums zu vertreiben. Ihre 
Gegner wollen sich selbst preisgeben. 



Wie ungemäß die Literatur dem Theater ist, 
zeigt die Inkongruenz von szenischem Apparat und 



22 



der geistigen Geringfügigkeit seiner Anweisung: 
— >ini Hintergrund stürzt der Kampanile ein.« An 
den stärksten Leistungen der Bühne hat der Autor 
das kleinste Verdienst: ein Federzug von dieser 
Hand, und neu erschaffen wird die Erde! (Wäre der 
Satz keine Dialogstelle, sondern eine szenische 
Bemerkung im Don Carlos, so würde man seine 
Richtigkeit erst erkennen.) Nun sind solche Taten 
dem Theater selbst nicht organisch. Aber hat 
der Autor vielleicht an der schauspielerischen 
Leistung höheren Anteil? Hundert Seiten Psychologie 
und Witz können verpuffen, bis endlich unter Applaus 
geschieht, was jener mit den Worten vorgeschrieben 
hat: »geht rechts ab und bricht an der Tür schluch- 
zend zusammen«. 



Wenn in einem Satz ein Druckfehler stehen 
geblieben ist und er gibt doch einen Sinn, so war 
der Satz kein Gedanke. 



Das Wort hat einen Feind, und das ist der 
Druck. DalS ein Gedanke dem Leser der Gegenwart 
nicht verständlich ist, ist dem Gedanken organisch. 
Wenn er aber auch dem ferneren Leser nicht verständ- 
lich ist, so trägt eine falsche Lesart die Schuld. Ich glaube 
unbedingt, dal5 die Schwierigkeiten der großen 
Schriftsteller Druckfehler sind, die wir nicht mehr 
zu finden vermögen. Weil man bisher im Bann der 
journalistischen Kunstauffassung gemeint hat, die 
Sprache diene dazu, irgend etwas »auszudrücken«, 
so mußte man auch glauben, daß Druckfehler neben- 
sächliche Störungen seien, welche die Information des 
Lesers nicht verhindern können. Den Stoff könnten sie 
nicht durchlöchern, die Tendenz nicht durchbrechen, 
der Leser erfahre, was der Autor gemeint hat, und 
dieser sei ein Pedant oder ein auf die äußere Form 



- 23 - 



bedachter Ästhet, wenn er mehr verlange. Sie wissen 
nichts von dem, was der Autor erlebt, ehe er zum 
Schreiben kommt; sie verstehen nichts von dem, 
was er im Schreiben erlebt: wie sollten sie etwas von 
dem ahnen, was sich zwischen Geschriebenem und 
Gelesenem ereignet? Dies Gebiet romantischer Ge- 
fahren, wo alle Beute des Gedankens wieder vom 
Zufall oder dem lauernden Intellekt der Mittelsperson 
abgenommen wird, ist unerforscht. Der Journalismus, 
dem dort aus einer freiwilligen Plattheit wenigstens 
eine unfreiwillige Drolligkeit entstehen mag, für die 
er dankbar sein sollte, spricht mit scherzendem Vor- 
wurf von einem Druckfehlerteufel. Aber solche Seelen 
fängt er nicht. Sie leisten ihm ihren Tribut, es kommt 
ihnen nicht drauf an, denn ihr Reichtum ist unver- 
lierbar. Arm ist der Gedanke. Er hat oft nur ein 
Wort, nur einen Buchstaben, nur einen Beistrich. 
Eine Tendenz lebt, auch wenn der Teufel ihr ganzes 
Gehäuse davontrüge. Wenn er aber an eine 
Perspektive nur anstreift, dann hat er sie auch geholt. 



Das Zeichen der Künstlerschaft: Für sich aus 
dem Selbstverständlichen ein Problem machen und 
die Probleme der andern entscheiden; für andere 
wissen und sich selbst in die Hölle zweifeln; einen 
Diener fragen und einem Herrn antworten. 



Vom Künstler und dem Gedanken gelte das 
Nestroy^sche Wort: Ich hab' einen Gefangenen ge- 
macht und er läfit mich nicht mehr los. 



Es gibt eine Originalität aus Mangel, die nicht 
imstande ist, sich zur Banalität emporzuschwingen. 



24 



Wer nicht Temperament hat, muß Ornament 
haben. Ich kenne einen Schriftsteller, der es sich nicht 
zutraut, das Wort »Skandale hinzuschreiben, und der 
deshalb »Skandalum« sagen muß. Denn es gehört 
mehr Kraft dazu, als er hat, um im gegebenen 
Augenblick das Wort »Skandal« zu sagen. 

* 

Der längste Athem gehört zum Aphorismus. 

* 
Er meint nicht mich. Aber seine Unfähigkeit, 
sich so auszudrücken, daß er mich nicht gemeint hat, 
ist doch ein Angriff gegen mich. 

* 

Die Dorfbarbiere haben einen Apfel, den stecken 
sie allen Bauern ins Maul, wenns ans Balbieren 
geht. Die Zeitungen haben das Feuilleton. 



Auch hängt noch über mancher Bauerntafel 
ein Klumpen Zucker, an dem sie gemeinsam lecken. 
Ich möchte lieber dort eingeladen sein, als ein 
Konzert besuchen. 

Moderne Architektur ist das aus der richtigen 
Erkenntnis einer fehlenden Notwendigkeit erschaffene 
Überflüssige. 



Kultur kommt von kolo, aber nicht auch von 
Moser. 

Die anderen sind Reißbrettkünstler. Loos ist der 
Architekt der tabula rasa. 



— 25 — 



Kokoschka hat ein Porträt von mir gemacjit. 
Schon möglich, daß raich die nicht erkennen werden, 
die raich kennen. Aber sicher werden mich die 
erkennen, die mich nicht kennen. 



Der rechte Porträtmaler benützt sein Modell nicht 
anders als der schlechte Porträtmaler die Photographie 
seines Modells. Eine kleine Hilfe braucht man. 



Der Dummkopf, der an keinem Welträtsel vor- 
übergehen kann, ohne entschuldigend zu bemerken, 
dafi es seine unmaßgebliche Meinung sei, heimst das 
Lob der Bescheidenheit ein. Der Künstler, der seine 
Gedanken an einem Kanalgitter weidet, überhebt sich. 



Die Wissenschaft könnte sich nützlich machen. 
Der Schriftsteller braucht jedes ihrer Fächer, um 
daraus den Rohstoff seiner Bilder zu beziehen, und 
oft fehlt ihm ein Terminus, den er ahnt, aber nicht 
weiß. Nachschlagen ist umständlich, langweilig und 
läßt einen zu viel erfahren. Da müßten denn, 
wenn einer beim Schreiben ist, in den andern Zim- 
mern der Wohnung solche Kerle sitzen, die auf ein 
Signal herbeieilen, wenn jener sie etwas fragen will. 
Man läutet einmal nach dem Historiker, zweimal 
nach dem Nationalökonomen, dreimal nach dem Haus- 
knecht, der Medizin studiert hat, und etwa noch 
nach dem Talmudschüler, der auch das philosophische 
Rotwälsch beherrscht. Doch dürften sie alle nicht 
mehr sprechen als wonach sie gefragt werden, und 
hätten sich nach der Antwort sogleich wieder zu 
entfernen, weil ihre Nähe über die Leistung hinaus 
nicht anregt. Natürlich könnte man auf solche 
Hilfen überhaupt verzichten, und ein künstlerischer 
Vergleich behielte seinen Wert, auch wenn in 



26 — 



seiner Bildung die Lücke der Bildung offen bliebe 
und einem Fachmann zu nachträglicher Rekrimi- 
nation Anlaß gäbe. Aber es wäre eine Möglichkeit, 
die Fachmänner des Verdrusses zu überheben und 
sie schon vorher einer ebenso nützlichen wie bravou- 
rösen Beschäftigung zuzuführen. 



Nach der Entdeckung des Nordpols und nach- 
dem sich wieder einmal gezeigt hat, wie leichtfertig 
die Menschheit wissenschaftliche Verpflichtungen ein- 
geht, hat sie es wohl verdient, wegen weltgerichtlich 
erhobenen Schwachsinns unter die Kuratel der Kirche 
gestellt zu werden. 



Und wenn die Erde erst ahnte, wie sich der 
Komet vor der Berührung mit ihr fürchtet! 

Die christliche Moral hat es am liebsten, dafi 
die Trauer der Wollust vorangeht und diese ihr dann 

nicht folgt. 

* 

Der Unterschied zwischen der alten und der 
neuen Seelenkunde ist der, daß die alte über jede 
Abweichung von der Norm sittlich entrüstet war und 
die neue der Minderwertigkeit zu einem Standesbe- 
wußtsein verhelfen hat. 



Eine gewisse Psychoanalyse ist die Beschäftigung 
geiler Rationalisten, die alles in der Welt auf 
sexuelle Ursachen zurückführen mit Ausnahme ihrer 
Beschäftigung. 



— 27 — 



Kinder psychoanalytischer Eltern welken früh. 
Als Säugling muß es zugeben, daß es beim Stuhl- 
gang Wollusterapfindungen habe. Später wird es 
gefragt, was ihm dazu einfällt, wenn es auf dem 
Weg zur Schule der Defäkation eines Pferdes bei- 
gewohnt hat. Man kann von Glück sagen, wenn so 
eins noch das Alter erreicht, wo der Jüngling einen 
Traum beichten kann, in dem er seine Mutter ge- 
schändet hat. 



Sie haben die Presse, sie haben die Börse, jetzt 
haben sie auch das Unterbewußtsein ! 



Medizinischer Sinnspruch: Was den Vätern alte 
Hosen, sind den Söhnen die Neurosen. 



Die neue Seelenkunde hat es gewagt, in das 
Mysterium des Genies zu spucken. Wenn es bei 
Kleist und Lenau nicht sein Bewenden haben sollte, 
so werde ich Torwache halten und die medizinischen 
Hausierer, die neuestens überall ihr > Nichts zu be- 
handeln?« vernehmen lassen, in die Niederungen 
weisen. Ihre Lehre möchte die Persönlichkeit ver- 
engen, nachdem sie die Grenzen der Unverantwort- 
lichkeit erweitert hat. Solange das Geschäft private 
Praiis bleibt, mögen sich die Betroffenen wehren. 
Aber Kleist und Lenau werden wir aus der Ordination 
zurückziehen I 



Das wissen weder Mediziner noch Juristen: 
Daß es in der Erotik weder ein erweislich Wahres 
gibt, noch einen objektiven Befund. Daß uns kein 
Gutachten von dem Wert des Gegenstands überzeugen 
und keine Diagnose uns enttäuschen kann. Daß man 
gegen alle tatsächlichen Voraussetzungen liebt und 



— 28 



gegen den eigentlichen Sachverhalt sich selbstbe- 
friedigt. Kurzum, daß es die höchste Zeit ist, aus 
einer Welt, die den Denkern und den Dichtern ge- 
hört, die Juristen und Mediziner hinauszujagen. 



In der erotischen Sprache gibts auch Metaphern. 
Der Analphabet nennt sie Perversitäten. Er verab- 
scheut den Dichter. 



DerVoyeur besteht die Kraftprobe des natürlichen 
Empfindens: er setzt die Lust, das Weib mit dem 
Mann zu sehen, gegen den Ekel durch, den Mann 
mit dem Weib zu sehen. 



Wer wird denn einen Irrtum verstoßen, den man 
zur Welt gebracht hat, und ihn durch eine adoptierte 
Wahrheit ersetzen? 



Um einen Irrtum gutzumachen, genügt es 
nicht, ihn mit einer Wahrheit zu vertauschen. Sonst 
lügt man. 

• 

Wenn sich ein Schneider in den Wind begibt, 
muß er das Bügeleisen in die Tasche stecken. Wer 
nicht Persönlichkeit hat, muß Gewicht haben. Es ist 
aber von geringem Vorteil, daß sich der Schneider den 
Bauch wattiert und der Journalist sich mit fremden 
Ideen ausstopft. Zu jenem gehört ein Bügeleisen, 
und dieser muß sich des Philisteriums nicht schämen, 
das ihn allein noch auf zwei Beinen erhält. Sie 
glauben aber, dem Wind zu begegnen, indem sie 
Wind machen. 



— 29 — 



Wann wird diese arg verkannte Stadt das Lob 
endlich verdienen, das sie erntet? Sie hat sich nie 
zu einem flotten Müßiggang aufgerafft. Sie müßte 
mit der Unsitte brechen, daß ihre Leute den ganzen 
lieben Tag spazieren stehen. 



Gegen das Buch gegen Berlin: Ein Kultur- 
mensch wird lieber in einer Stadt leben, in der keine 
Individualitäten sind, als in einer Stadt, in der jeder 
Trottel eine Individualität ist. 



Es gibt ein Zeitgefühl, das sich nicht betrügen 
läßt. Man kann auf Robinsons Insel gemütlicher leben 
als in Berlin ; aber nur, solange es Berlin nicht gibt. 
1910 wirds auf Robinsons Insel ungemütlich. Auto- 
raobildroschke, Warmwasserleitung und ein Automat 
für eingeschriebene Briefe beginnen zu fehlen, auch 
wenn man bis dahin keine Ahnung hatte, daß sie 
erfunden sind. Es ist der Zeit eigentümlich, daß sie 
die Bedürfnisse schafft, die irgendwo in der Welt 
schon befriedigt sind. Um das Jahr 1830 war« ja 
schöner, und darum sind wir Feinschmecker dabei 
geblieben. Aber indem wir uns bei der Schönheit 
beruhigen, macht uns das Vacuum von achtzig 

Jahren unruhig. 

• 

Ein Knockabout warf einen Zahnstocher hinter 
die Kulisse. Da gab es einen Krach. Dann warf er 
eine Stecknadel hinter die Kulisse. Da gab es 
einen Krach. Dann warf er ein Stückchen Papier hinter 
die Kulisse. Da gab es wieder einen Krach. Da 
nahm er eine Flaumfeder, hob die Hand auf und — 
da gab es abermals einen Krach. Aber er hatte noch 
gar nicht geworfen. Da machte erEtschl und freute 
sich, wie er die Kausalität gefoppt hatte. Das Wesen 



~ 30 — 



dieses Humors ist, daß das Echo menschlicher Dinge 
stärker ist als ihr Ruf, und daß man dem Echo seine 
Vorlautheit am besten beweist, wenn man ihm mit 
keinem Ruf antwortet. 



Es gibt Menschen, die ganz genau so aussehen, 
wie unser aller Gymnasialkollege aus der letzten 
Bank. 



Einer, der mir Erinnerungen zu erzählen anfieng, 
hatte dabei eine Stimme, die knarrte wie das Tor 
der Vergangenheit. 

• 

Wie ungeschickt das böse Gewissen ist! Wenn 
nicht mancher den Hut vor mir zöge, wüßte ich 
nicht, daß er Butter auf dem Kopf hat. 



Welche Plage, dieses Leben in Gesellschaft ! Oft ist 
einer so entgegenkommend, mir ein Feuer anzubieten, 
und ich muß, um ihm entgegenzukommen, mir eine 
Zigarette aus der Tasche holen. 



Fürs Kind. Man spielt auch Mann und Weib fürs 
Kind. Das ist noch immer der wohltätige Zweck, zu 
dessen Gunsten die Unterhaltung stattfindet und vor 
dem selbst die Zensur ein Auge zudrückt. 



Wenn Lieben nur zum Zeugen dient, dient 
Lernen nur zum Lehren. Das ist die zweifache 



31 — 



teleologische Rechtfertigung für das Dasein der Pro- 
fessoren. 



Wenn die Moral nicht anstieße, würde sie nicht 

verletzt werden. 

* 

Die Gesetzlichkeit spricht sowohl die Verant- 
wortlichen schuldig als die, die nichts dafür können. 

Die Humanität spricht die Verantwortlichen 
schuldig und die Unverantwortlichen frei. 

Die Anarchie spricht beide frei. 

Die Kultur spricht die Unverantwortlichen 
schuldig und die frei, die etwas dafür können. 



Vor Erschaffung der Welt wird das letzte 
Menschenpaar aus dem Spitalsgarten vertrieben 

werden. 

* 

Wer die Gesichte und Geräusche des Tages sich 
nicht nahe kommen läßt, dem lauern sie auf, wenn 
er zu Bette geht. Es ist die Rache der Banalität, die 
sich in meinen Halbschlaf drängt und weil ich mich 
mit ihr nicht einlassen wollte, mir die Rechnung zur 
Unzeit präsentiert. Schon hockt sie auf den Stufen 
des Traumes, dreht mir eine Shylocknase und raunt 
mir eine Redensart, von so irdischer Leere, daß in 
ihr der Schall einer ganzen Stadt enthalten scheint. 
Wer mischt sich da in mein Innerstes? Wen traf 
ich mit diesem Gesicht, wen, der solche Stimme 
hatte? Sie sägt den Himmel entzwei, ich falle durch 
die Ritze und wie ich so unten daliege, finde ich das 
Wort: »Jetzt bin ich aus dem Himmel gefallene, ganz 
so als ob es keine der Redensarten wäre, die längst 
zum irdischen Schall verloren sind. 



— 32 



Zwei Läufer laufen zeitentlang, 

der eine dreist, der andre bang: 

Der von Nirgendher sein Ziel erwirbt; 

der vorn Ursprung kommt und am Wege stirbt. 

Der von Nirgendher das Ziel erwarb, 

macht Platz dem, der am Wege starb. 

Und dieser, den es ewig bangt, 

ist stets am Ursprung angelangt. 

• 
Weh der Zeit, in welcher Kunst die Erde nicht 
unsicher macht und vor dem Abgrund, der den 
Künstler vom Menschen trennt, dem Künstler 
schwindlig wird und nicht dem Menschen 1 




Bin Gruß 
von Stanislaw Przybyszewski 

. . . Und jetzt nehmen Sie meine herzlichsten 
Glückwünsche zu dem Erscheinen des dreihundertsten 
Heftes einer Zeitschrift, die wie kaum eine in Deutsch- 
land von staunenswerter Kraft, seltenem Mannesmut 
und vor allen Dingen von der Tatsache zeugt, daß in 
Ihrem Wort und Ihrem Stilgefühl die deutsche Sprache 
eine wirklich männliche, ernste und — für mich 
wenigstens das Höchste : eine herbe Renaissance erlebt. 

Und so gebe ich Ihnen nur die Versicherung, 
daß ich mich für das fünfhundertste Heft mit dem 
Besten ausrüsten werde, was meine schwache Kraft 
zu schaffen vermag. 

Mit besten Grüßen in tiefer Hochachtung 

Ihr 
München, 4. April 1910. Stanislaw Przybyszewski 

Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Karl Kraus 
Druck von Jahoda & Siegel, Wien, III. Hintere Zollamtsstraße 3 



!i.! Vorbereitung: 

KARL KRAUS 

DIE CHINESISCHE MAUER 

(Ausgewählte Essays) 
Bei ALBERT LANGEN Mönchen j\t\(\ Leipzig 

Bestellungen nimmt der Verlag und Jede Buchhandlung entgegen 
Das Register der 

300 Nummern 

(elf Jahrgänge) der „FACKEL" ist in gesonderter Ausgabe 
zum Preise von 20 Hellern = 20 Pf. durch den Verlag 
oder das Berliner Bureau der , Fackel' zu beziehen. 

DER STURM 

WOCHENSCHRIFT FÜR KULTUR U. DIE KÜNSTE 
HERAUSGEGEBEN von HERWARTH WALDEN 
Erscheinnngstag: Donnerstag 

Einzelbezug: 10 Heller • 

Jahresbezug: K 5.— 
H-i ug: K 2.50 

Viel -zug: K 1.25 

Probenammem kostenlos durch den Veriag DER STURM, Halensee-Berlfn, 
KatharinenstraSe 5. DER STURM lie^ in den T ' ' ^ -ken auf. 



KorfTs Cacao 
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Bureau für Österreich : 

Wien, VL Mariahilierstgasse 117 

- , verlangen vor Drucklegung ihrer Werke im eigen- 

AHTlfiyftn sten Interesse die Konditionen des alten bewahrten 
i^ aiWiW^*^** Buchverlags sub C. M.410 bei Haasensteln 
" & Vo gler A.-G., Leipzig h. 42oo d. 

Unternehmen fürJSeitungBauaBohnitt« 

OBSERVER, Ilen, l Concordlaplati Nr. 4 (Telephon Hr. 12801) 

versendet ZeitungsausschnitteflberiedesgewanschteThema.Man verlange Prospetcte 

Herausgeber KARL KRAUS 
Die „Fackel« erscheint in zwangloser Folge im Umfang von 
16—32 Seiten 
BEZUQSBBMNGUNaEN : 

Für Österreich-Ungarn: 18 Nummern, portofrei i^ 4..oU 

36 » » y^ ^■_ 

Für das deutsche Reich: 18 n « r." _ 

36 , « '■-■' 

n» >h«,n.n.«nt .»tr^clct «Ich nicht a o t «inen Zeitraum, sondern auf eine bestimmte AniaM von Hommern 

Einzelheft in Österreich 30 Heller, In Deutschland 30 Pfennig 
Zu beziehen durch sämtUche Buchhandlungen 

Berliner Bureau: Haiensee, Kat harinenstraße 5 

Inhalt der vorigen Doppelnummer 298-299, 21. März 
1910: Lueger - Prozeß Kolischer. Von Karl K'-aus - >Idi«. 
Von Ferdfnand Kürnberger. - Auf meiner A^b^'^sb^^^^^^^^ 
Ferdinand Kürnberger. - B^efe von Joseph Scl^^Hd - 
Schülerselbstmord. Von einem Überlebenden. " ^e" hmfzeh^^^ 
rährigen Selbstmördern. Von B^rthold Viertel. - Oskar Kokoschka 
\'on L. E. Tesar. - Selbstanzeigen. - Aphorismen. Von Karl 
Krau. - Die Presse. Von Karl Bleibtreu. - Glossen. Von _ 



Kraus. 
Karl Kraus 



Herausgeber nnd vcrantvortiictier Redakteur Kar» Kratii 
Druck Ton Jaboda 8i Siegel, Wien, 111. Hintere ZollamUstr. 3 



DIE FACKEL 

APRIL 1899 - MÄRZ 1910 

ELF JAHRGÄNGE 



REGISTER DER AUTOREN UND 
BEITRÄGE VON 300 NUMMERN 

VERFASST UND EINGELEITET von 

LUDWIG ULLMANN 



1910 
VERLAG ,DIE FACKEL', WIEN III, 2, HINT. ZOLLAMTSSTRASSE 3 

DRUCK VON JAHODA & SIEGEL 



Wert und Eigenart der , Fackel* als eines 
periodisch erscheinenden Kulturdokuments legten den 
Gedanken eines Registers nahe. Namen oder Tat- 
sachen, einzeln herausgegriffen aus der Fülle des 
verarbeiteten Materials, sollten kommenden Ge- 
schlechtern die Handhabe bieten, Kulturgeschehen und 
Kulturvergehen der Fackeljahre erkennen zu können, 
wie der freie Blick des satirischen Ethikers es ge- 
schaut. 

Unumstößliche Schwierigkeiten stellten sich aber 
der Ausführung dieses Planes entgegen. Nie war die 
, Fackel' eine bürgerlich harmlose Revue, die Be- 
dürfnissen und Tendenzen, denen sie entsprungen, 
durch Jalir nnd Tag mit starrer Konsequenz nach- 
kommt. Aus einem polemischen Flugblatt, dessen 
sprachliche Kunst mit scharfem Spott und prachtvoll 
lodernder Entrüstung die Schäden des Tages be- 
kämpfte, wuchs sie zu dem Organ eines in Kampf 
und Gestaltung frei gewordenen Denkers, aus einer 
vom bürgerlichen Mob heißverschlungenen satirischen 
Streitschrift zu dem bestgeschriebenen, an Form und 
Gehalt künstlerischsten Blatte deutscher Sprache. 

Die Kulturarbeit, die Herausgeber und Organ 
auf ihrem Entwicklungsgange in künstlerischer und 
sozialer Richtung leisteten, die reichen Früchte, die 
ethisches und formales Ringen des Künstlers der Mit- 
welt wie spielend hinwarf, können nicht an ver- 
gänglichen Namen noch vergänglicherer Zeitgenossen 
gemessen werden. In Karl Kraus' Büchern liegt der 
Nachwelt das Dokument seines Werdens und Seins, 



— 4 - 



e A „„;nor Siei?e vor. Tatsachendurst 
seiner Kämpfe und >'«'"«[,f '^«"j-han dieses Register 
und Aktualitätshunger hatten sich anQ'K^^^^ 

geheftet m der heutrgen Wes^n art der^,^^^ ^ 

wäre ein Sachregister, das "eo"' i^ Somußtedieses 
setzt,eineVerschiebungderPerspektive.bo 

Verzeichnis darauf beschrankt werden,^e^^^^^^ 

"w'^rt^und^tran^TÄ^in der Entwicklung und 
Ausgestaltung der .Fackel^ ^^-^p^^^^,. ^^^^, ,tolz 

^W^Bi^l. ^^SS deTÄs" 
symptomatisch tur aen J-" & ,. Reg ster den 

Dank und Anerkennung soll dieses g ^^^^^^^ 

verstorbenen, »^"''""X^l'^.Xender Erkenntnis und 
S^dÄrrgehrr: ^Äsen erscheinen, be- 

-*%a« unserer Kultur -- F^P^-^, SpT 
in nicht geringer Zahl der Facke^ ^.^^^^ ^^^1 ^ 
genossen waren, wird Ireumg uu ^^^^^ 

bestätigt finden, wer "»"'«',,^°' /tht Der Lauheit 
des BUttes als. Freund gegenübersteht Ue ^^^^^_ 

und Totschweigetaktil. aber mo e ^^^^,^ 

handsohuh sein, wie ihn Karl Kra ^jj_ 

den Abdruck der Rezensionen seine ^ 

monatlich hinwirft. ^™;S,ere Dehmel, Liliencron, 
auf und liest die Namen Altenberg uen, ^^^^_ 

Heinrich Mann, P^y^y^f^Äfc^eg Uebknecht und 
kind. Bleibtreu ChamberlamHercjeg ^^^.^^^ j„ 

Sshöffel als Mitarbeiter so wachst a ^.^^^ 

Tatsache, daß für das offizielle Wien a - ^j^j^^ 

existiert, ins Grenzenlose wenn diese la j^^,^,^^^^ 
:r dÄÄÄÄ^^ache. ais unglaub- 
'''^'^"A^f°tnrwi"hÄeVollständigkeitkann 



dieses Register keinen Anspruch machen. Ver- 
schwindet doch die Arbeit der bedeutendsten 
Kraft ganz aus dem Verzeichnis. Zahlreich sind 
die Gründe für dieses Vorgehen, deren wichtigster 
ist, daß der Herausgeber als der, der er durch elf- 
jähriges Erleben, Erkennen und Gestalten geworden, 
auf die ersten Jahre der , Fackel*, jener Zeit einer 
Arbeit, die offenliegenden Schäden und redlichen 
Heilungsabsichten vor den eigensten künstlerischen 
Interessen Rechnung trug, nur mehr wie auf ein not- 
wendiges, doch längst überwundenes Kindheitsstadiura 
zurückblicken kann. Klar ist, daß er von diesem 
Standpunkte aus viele, Aktualitätsgründen ent- 
sprungene, weder durch die Person des Autors noch 
durch sachlichen oder stilistischen Gehalt dauernd 
wertvolle Beiträge heute nicht mehr als fackel würdig 
anerkennen kann, noch klarer, daß er seine eigenen 
Arbeiten jener Periode kritischer betrachten muß, als 
es der gerechte Werter seiner Persönlichkeit und Tat 
tun wird. Was er selbst als zeitlich unbeschränkte 
Werte in Anspruch nimmt, konrmt in seine Bücher, 
in die alles geformt werden soll, was aus dem 
Tag für die Ewigkeit geschrieben ist. 

Was das Register der , Fackel* anbelangt, so 
genüge eine summarische Obersicht seiner rein 
quantitativen Arbeitsleistung: Von der Nr. 154 (ex- 
klusive) an, mit der jede ständige Mitarbeit und 
jedes Verwerten fremden Materials zu eigenen 
Arbeiten aufhört, füllen die Artikel des Herausgebers 
2330 Seiten von 3680. (Eine sehr saloppe Zusammen- 
stellung, da die Artikel in verschiedenstem Druck 
gebracht sind und die im kleinsten als »Antworten 
des Herausgebersc gedruckten Glossen oft einen 
beträchtlichen Teil des Heftes füllten. Gezeichnet 
hat er mit vollem Namen von der Nr. 232—33 
(IX. Jahr) an.) Anders verhält es sich mit den 
ersten 154 Nummern. Jenes Stadium, das neben 
vielen teils wertvollen, teils wertlosen Beiträgen 



und Zuschriften ständige fremde Mitarbeit aufweist, 
widerstrebt durch sich selbst einer genaueren 
Einordnung. Nicht nur die chifiFrierten, auch viele 
der nicht unterzeichneten Artikel stammen nicht vom 
Herausgeber. In vielen Fällen nahm er auch, einer guten 
Sache mehr als dem Gebote künstlerischen Egoismus 
folgend, eine stilistische Überarbeitung fremden 
Materials, oft fremder bereits fertiger Arbeiten 
vor. Vieles was die Öffentlichkeit so dem Heraus- 
geber zuschrieb und zuschreibt, kann er als sein 
Werk nicht anerkennen. Aber auch sein eigenes 
lehnt er ab wie das fremde Gut jener Jahre und 
bekennt sich nur zu dem was er, da er es als Fleisch 
von seinem Fleische erkannt hat, in seine Bücher 
einschließen wird. Rein äußerlich betrachtet, können 
von 4534 Seiten jener Hefte mehr als die Hälfte für 
Arbeiten des Herausgebers in Anspruch genommen 
werden. 

Was die Beiträge betrifft, so wurden sie in drei 
Gruppen geschieden, je nachdem sie unter vollem 
Namen und bestimmten Pseudonymen oder unter all- 
gemeinen Pseudonymen oder unter Buchstabenchiffren 
erschienen sind. Eine sorgfältige Auswahl mußte 
vorgenommen, alles allzu Wertlose ausgeschieden 
werden. 

Sämtliche Beiträge der , Fackel* sind Original- 
beiträge, sämtliche Übersetzungen erste Übersetzungen 
in die deutsche Sprache. Ausnahmen bilden — neben 
jenen Kompositionen aus Zitaten, welche wieder die 
schöpferische Leistung des Herausgebers sind — 
der Artikel Wedekinds: »Schriftsteller Ibsen und 
Baumeister Solneßc (VIII. Nr. 205), der aus 
der Münchener ,Freistatt' nachgedruckt und so auf 
Wunsch des Autors größeren Kreisen zugänglich 
gemacht wurde, sowie zwei unbekannte Aufsätze 
Kürnbergers (XL Nr. 298-99), die in die Gesamt- 
ausgabe seiner Werke keine Aufnahme gefunden 
hatten. Ferner mußten bei der Publikation 



— 7 — 



von Briefen Oskar Wildes (>Kun8t und MoraU. X. 
Nr. 272 — 73) des Zusammenhanges wegen einzelne 
bereits erschienene Briefe wieder mitabgedruckt 
werden. Tschechows Skizze »Nachts« (XL Nr. 279 — 80), 
ist durch eine irreführende Angabe des Übersetzers 
als erste Übersetzung in die , Fackel' gelangt. 

Gibt das vorliegende Register einen genügenden 
Oberblick über das Wertvolle, das die , Fackel' außer 
den Arbeiten des Herausgebers enthielt und weist 
es so nach seinen bescheidenen Möglichkeiten auf 
Inhalt und Qehalt des Blattes, so war die dafür auf- 
gewendete Arbeit nicht umsonst getan. 

L. U. 



I. 

Adam Robert 

IX. 246—47 25, Sprüche 
Adler Prof. Dr. Karl 

I. 14 5 Über die Qründerrechte bei der Creditanstalt 
I. 26 13 Zuschrift über die Feststellungsklage 

I. 35 22 Über die Frage der doppelten Notierung für Börsen- 
effekten 

II. 45 10 Der Oberste Gerichtshof über den Gründerunfug bei 
der Creditanstalt 

Alten berg Peter 

II. 60 18 Brief über den Maler Joza Üprka 

III. 81 18 Wie Genies sterben 

V. 139 20 Zur Männer-Schönheitskonkurrenz 
V. 142 18 Zu Frank Wedekinds »Erdgeist« 
V. 146 25 Elektra 

V. 149 24 Monsieur Henry der Conferencier 
V. 150 27 Marya Delvard 

V. 153 20 Parabel 

VI. 160 17 Alkohol 

VI. 173 12 »Der Sozialismus und die Seele des Menschen« 
von Oskar Wilde 

VII. 194 20 Cabaretlied 

VIII. 205 20 Aus einem Zyklus: »Märchen des Lebens« 
VIII. 207 22 Der Herrensitz in U. 

XI. 300 8 Widmung 
(mit Egon Friedeil) 
VII. 191 12 Das schwarze Buch 
Bab Julius 
V. 155 17 Der Ruf 



9 — 



Barchan Paul 

X. 275—76 20, Erotische Krisen 

Beck Dr. Berthold 

VI. 171 4 Der Gesetzentwurf zur Verbesserung des Schutzes der 

Ehre, Antrag Lamraasch-Chluniecky-Bilinski 
VI. 173 8 Zuschrift zum Artikel in Nr. 171 

Beutier Margarethe 

VIII. 207 23, Gedichte (Die Vorübergegangenen, Tanzlied, Ver- 
heißung) 
VIII. 219-20 23 Wandlung 

Bleibtreu Karl 

II. 54 IQ Liebe Neue Freie Presse 

II. 55 22 Hat Gott euch je gesegnet .... 

II. 69 29, Gutachten zum Bahrprozeß 

III. 97 1, »Alldeutsche Ehrlichkeit und Objektivität« 

IV. 101 13 Wie werden Dichterpreise und Dichterruhra verteilt? 

V. 147 4 Über Müller -Guttenbrunns Denkschrift über das 
Kaiser-J ubi läuras-Theater 

V. 157 12 Otto Weiningers »Geschlecht und Charakter« 

VI. 165 18 Gegen einen Angriff in der »Deutschen Zeitung' 

XI. 294-95 38 Rhabarber 

s 
Chamberlaln Houston St. 

III. 87 1 Der voraussetzungslose Momrasen 

III. 92 1 » Katholische < Universitäten 

IV. 127 19 Zuschrift betreffend eine Zeitschrift und seine an- 
gebliche Mitarbeit 

IV. 130 18 Zuschrift betreffend dieselbe Sache 

Dehmel Richard 

XI. 300 1 Sprüche 

Ehrenstein Albert 
XI. 296-97 36 Wanderers Lied 

Ellenbogen Dr. Wilhelm 

I. 25 13 Man muß sich tot melden 
I. 27 1 Man muß sich tot melden 
I. 30 4 Man muß sich tot melden 



10 



Engel Dr. Friedrich von 

VI. 172 3 Zuschrift zu Berth. Becks Artikel in Nr. 171 
Erbt 

X. 261-62 41 Die Mütter 
Farga 

VI. 171 13 Literatur 
Förster- Nietzsclie Elisabeth 

X. 272—73 39 Zuschrift 
Forei Prof. Dr. August 

V. 141 13 Brief über die Affäre Paetz 
Fränki Vilctor 

11. 50 16 Über den Zietenprozeß 
Frledeii Egon 

VII. 190 4, Vorurteile 

VII. 191 11 Die Lehrmittel (Noch ein Vorurteil) 

VII. 193 9 Zwei Skizzen (Der Panamahut, Die Bolette) 

VIII. 201 14 Pilatus 

VIII. 202 10 Brief: Ein Schmerzensschrei 

VIII. 204 14 Ib§en 
(mit Peter Altenberg) 

VII. 191 12 Das schwarze Buch 
Grünewaid Alfred 

IX. 239-40 25 Hans Zwiesel 
Harden iVlaxImiiian 

I. 2 1, Lieber Kamerad Kraus .... 

II. 69 23, Gutachten zum Bahrprozeß 
Hauer Karl (Lucianus) 

VII. 188 11 Lob der Hetäre 

VIL 190 11 Geld 

VII. 192 8 Erotik der Keuschheit 

VII. 194 12 Die Klassiker 

VII. 194 21 Glosse unter »Betschwester« 

VII. 198 11 Erotik der Kleidung 

VII. 200 5, Phrasen 

VIII. 201 8 Weltbild 

VIII. 203 1 Sätze von Marquis de Sade (mit Zitaten) 

VIII. 205 1 Ibsen, ein Brief 

VIII. 206 1 Sätze von Marquis de Sade (Zitate) 



— 11 — 

Hauer Karl (Luclanus) 

VIII. 207 1, Spiegel sterbender Welten 
VIII. 210 3 Die sozialdemokratische Religion 
VIII. 213 5 Weib und Kultur 
VIII. 218 7 Der Wert der Arbeit 

VIII. 219-20 23 Die Voraussetzungen des Theaters 

IX. 223—24 18 Erotik der Grausamkeit 
IX. 227-28 10 Das Kind 

IX. 230—31 6 Das Qehirn des Journalisten 
IX. 239—40 19 Die Hinrichtung der Sinne 
IX. 246-47 1 1 Das Wesen der Musik 

IX. 248 5 Der Tag des Herrn 

X. 250 11 Staatliche Kunstpflege 
X. 253 7 Pornographie 

X. 267—68 32 Von den fröhlichen Menschen 

X. 277-78 41 Die Verteilung der Macht 

XI. 287 20 Heilig ist die Leidenschaft 
Helm Maria 

VIII. 202 23, Gedichte (Seziersaal, Trennung, Vor dem Konzert, 
Prima gravi ditas) 
Heinemann Dr. Hugo 

I. 9 1, Über die Zuchthausvorlage 
Heinrich Karl Borromaeus 

X. 251-52 8 Offener Brief an Karl Spitteler (siehe dessen Ant- 
wort Nr. 253, S. 17) 

X. 253 17 Antwort auf die Zuschrift Karl Spittelers in Nr. 253 
X. 266, 1, Rudolf Wilke 

X. 269 6 Missa Solemnis Tragica (Bruchstück aus dem Manu- 
skript eines Romans, der später unter dem Titel »Karl Asen- 
kofers Flucht und Zuflucht < als Fortsetzung von >Karl Asen- 
kofer, Geschichte einer Jugend« erschien) 
X. 275—76 30 Pascin 

X. 277—78 61 Offener Brief an den Herausgeber der , Fackel' 

XI. 287 14 An den unbekannten Freund 

XI. 296—97 26 Baron Frangart und der Bajazzo, (Bruchstücke 
aus dem Manuskript eines Romans »Menschen von Gottes 
Gnaden«) 



12 



Herczeg Franz 

VI. 177 17 Ranko der Held 

VII. 186 2, Bemerkungen zur Krise in Ungarn 
Hervay Tamara von 

VI. 170 15, Bruchstücke aus Briefen 
Hetz Arthur 

X. 259-60 30 Der Beamte 
Heyse Paul 

II. 69 26, Gutachten zum Bahrprozeß 
Hiile Peter 

XI. 300 6 Judas Ischarioth 
Hofmannsthal Hugo v. 

VI. 162 24 Zuschrift über die Liliencron-Festschrift und seine 
(Hofmannsthals) Ablehnung der Mitarbeit 
Holltscher Arthur 

I. 15 8 Über die Dreyfusaffäre 
Jellnek Oskar 

X. 254—55 11 »Frühlingserwachen« 
Jordan Wilhelm 

II. 69 31 Mitteilung eines Gutachtens zum Bahrprozeß durch 
seine Tochter 

Korski Julian 
II. 52 5 Brief über die Konfiskation seines Blattes, des .Stowo 
polskie' 

Koimian Stanislaus v. 

VI. 174 13 Burgtheater 1873 
Kraus Karl (ca. 4700 Seiten) 

Aufsätze, Glossen, Aphorismen 
KQrnberger Ferdinand 

IV. 124 2 Abdruck eines bisher unveröffentlichten Briefes 
Ferdinand Kürnbergers an Fischhof vom 8. Juni 1871 

VIII. 214— 15 7 Die Geschichte meines Passes, aus dem Nachlaß. 

XI. 288 5, Briefe 

XI. 294-95 17, Briefe, mitgeteilt von Luise Hackl 
XI. 298-299 11 »Ich« 



- 13 - 

Kürnberger Ferdinand 

Xi. 298-299 17 Üie Schöffel-Chlumecky-Debalte au! meiner 
Arbeitsbank 

XI. 300 15 Ein Brief 
Kyon 

VIII. 201 17, Splitter 
Laskor-SchQler Eis« 

XI. 288 13. Gedichte (Siehst du mich — , Und such« Oott) 

XI. 294-95 26. Gedichte (Die Königin, Heimweh) 
Lewinsky Josef 

VIII. 221 6 Vier Briefe 
Liebknecht Wilhelm 

I. 18 1, Nachträgliches zur Affäre I 

I. 19 1, Nachträgliches zur Affäre II 

I. 21 1, »Schlußwort« zur Affäre 

II. 42 2 Das Ende einer Komödie 
II. 44 5 Zweilerlei Nachträgliches 

Lillencron Detlev v. 

VII. 188 14 Die betrunkenen Bauern 

VIII. 203 13 Der Tod des Herzogs von Qandia 
VIII. 206 22, Hyazinthen 

X. 274 5 Zuschrift über Peter Altenberg zu dessen 50. Geburtstag 

X. 277—78 52 Anakreontisches Liedel 

XI. 287 32 Begräbnis (aus dem Nachlaß) 
Loos Adolf*) 

XI. 300 13 Aufruf an die Wiener 
Loos Viktor Prof. 

II. 49 22, Fachblätter 

III. 93 12 Der technische Impresario 
III. 94 IG >Neue Freie Physik« 

III. 95 13 Fotschacher Typhus 

III, 99 11 Der drahtlose Impresario 

IV. 108 19 Das deutsch-österreichische Biidungslaboratorium 
IV. 115 24 Über Mittelschulverhäitnisse 



*) Dem fälschlich die Autorschaft anderer kunstkritischer Beiträge 
zugeschrieben wurde. 



Loos Viktor Prof. 

IV. 116 17 Concordats- und Concordiaschule 
IV. 130 10 Die Kanonade von Solferino 

IV. 132 18, Antisemitische Gasuhren 

V. 135 12. Versenkte Millionen 

V. 140 5 Der Kampf gegen die Tuberkulose 

V. 144 10 Der Kampf um die Straße, eine Rückschau 

V. 148 15 Riedler in Wien 

VI. 160 14 Der moderne Schulmeister 
VI. 163 4 Die Kartoffelbegeisterung 

VI. 168 20 Die Wissenschaft auf der Straße 
VI. 174 4 Die verstaatlichte Technologie 
VI. 175 11 Tetmajer 

VI. 177 8 Hueppe und Hartel 

VII. 188 3 Haus und Schule. (1. Die Diebe ihrer Recht«, 2. Ver- 
krüppelt) 

Lucka Emil 

V. 144 15 Zuschrift über Otto Weininger 
Machar J. 8. 

XI. 283-84 48 Juli im Walde, übersetzt von Felix Gräfe 
Mann Heinrich 

VII. 196 12 Alt 
Martellus 

VI. 171 4 O du mein Österreich 
Martersteig Max 

II. 69 32, Gutachten zum Bahrprozeß 
Mauthner Fritz 

II. 69 27, Gutachten zum Bahrprozeß 
Morvay Henry S. 

X. 256 9, Schreiben aus Hawaii 
Mühsam Erich 

VII. 199 16 Das Cabaret 

VII. 200 16, Symbole 

VIII. 202 4, Boheme 

VIII. 206 13 Der Künstler im »Zukunftsstaat« 

VIII. 210 18, Deutsche im Ausland 

IX. 223-24 10 Zur Naturgeschichte des Wählers 



— 15 — 



Müller-Quttenbrunn Adam 

I. 28 24 Zuschrift über das Kaiser-Jubiläums-Stadttheater 

V. 146 12 Abdruck der Denkschrift über die Lage des Kaiser- 
Jubiläums-Stadttheaters zu Händen des Herrn Bürgermeisters 
Dr. Karl Lueger 

Piper Kurt 

VI. 164 16 Den Huldigern Liliencrons 
Przybyszewski Stanislaw 

IX. 239—40 1 Das Geschlecht, Weiningers Manen gewidmet 

IX. 242—43 1, Brief an den Herausgebet der .Fackel' (über 
Harden) 

XI. 300 32 Ein Qruß 
Rappaport Moritz 

V. 152 19 Zur Zuschrift Leopold Weiningers in Nr. 150 
Reformator 

VII. 195 1 Status cridae, eine Stimme zur Beamtenfrage 

VIII. 202 3 Ein Vorschlag 
Reid John 

II. 69 31, Gutachten zum Bahrprozeß 
Rittner Thaddftus 

VII. 200 Q Und Pippa tanzt 
Rosner Karl 

IV. 115 29 Zuschrift gegen das .Neue Wiener Journal' 
Rubiner Ludwig 

XI. 294—95 12 Das Schicksal der Maschine 
Scharf Ludwig 

VII. 193 13 Wer nie das Elend sah 
Scheerbart Paul 

VIII. 205 22, Unverantwortliche Gedichte (Hohle Symbole, 
Kosmischer Trost) 

Scheu Robert 
VII. 191 1 Der Sozialanwalt, Gedanken zur Revision des bürger- 
lichen Gesetzbuches 
VII. 194 1 Die Wahlreform, offener Brief an Karl Kraus 
VII. 196 5 Duell und kein Ende 

VII. 198 3, Kanonen aus Kirchenglocken 

VIII. 201 3 Das Problem der Provinz 



- 16 ~- 

Scheu Robert 

VIII. 203 5, Tory und Whig 

VIII. 206 4 Bildung (Zur Mittelschulfrage) 

VIII. 210 10 Die gesellschaftliche Notzivilehe, ein Ultimatum 

X. 277—78 1, Karl Kraus, zum 10. Jahrestag des Erscheinens 
der , Fackel' 1899—1909 

XI. 281—82, 3 Viktor Adler, das Lebenswerk eines konservativen 
Politikers 

XI. 283-84 25 Adolf Loos 
XI. 285-86 19 Joseph Schöffel 

Schöffel Joseph 

III. 81 2 Brief über den Wienerwald und die ,Neue Freie Presse' 

IV. 112 1, Brief gegen die .Deutsche Zeitung' 
IV. 116 1 Der Parlamentarismus, eine Studie I. 
IV. 117 1 Der Parlamentarismus, II. 
IV. 120 1 Die Autonomie, eine Studie 
IV. 125 1 Immunität und Inkompatibilität, eine Studie 
IV. 126 1 Orakelsprüch^ 
IV. 170 1, Offener Brief an Herrn Landtagsabgeordneten Pater 

Bauchinger 
VII. 179 7 Eine Schmutzerei 
VII. 180—81 12 Meine Tätigkeit im Landesausschuß 
VII. 183-84 33 Mödlings älteste Urkunde 
VII. 189 1 Meine Antwort 
XI. 298—299 22, Briefe an Kürnberger und an Karl Kraus 

Schönberg Arnold 

X. 272-73 34 Offener Brief 

XI. 300 9 Lied (Worte von Stefan George) 
Soyka Otto 

VI. 173 15 Zum Fall Wilde (Eine Studie) 

VII. 186 20 Psychiatrie, Vorabdruck aus >Jenseits der Sittlich- 
keitsgrenze« 

VII. 191 6 Zwei Bücher (Rezensionen über Prof. A. Foreis >Die 
sexuelle Frage« und Dr. Siegmund Freuds »Drei Abhandlungen 
zur Sexualhygiene<) 

VIII. 206 10 Sexuelle Ethik 
X. 253 13 Der Sklave 



Soyka Otto 
X. 254—55 36 Eulenburgs Briefe 
X. 259-60 32 Tugendkurs 
X. 264-65 37 Der neue Ruhm 
X. 267—68 28, Bücher (Rezensionen über »Karl Asenkofer« von 

K. B. Heinrich und über >Ödipus« von Willi Speyer) 
X. 270-71 40 Der Fall des Max E. 
X. 274 6 Spiel 
X. 275-76 11 Mittelschule 

X. 277—78 47 Der farblose Krieg 

XI. 281-82 36 Eine gelungene Satire 
Spahn Martin 

V. 145 1 Ferienkurse und katholische Universitäten 
Spitteler Karl 

X. 253 17 Zuschrift zum offenen Brief .K. B. Heinrichs in 
Nr. 251—52 
Spitzer Daniel 

VI. 176 IQ Epigramm (bis dahin unveröffentlicht) 
Stoessl Otto 

VII. 197 1, Ludwig Speidel 

X. 254—55 25 Der Skeptiker (anläßlich der neuen Ausgaben 
von Vauvenargues, Larochefoucauld, Chamfort, Lichtenberg 
und Montaigne) 

X. 259—60 24 Kunstschau 

X. 264-65 33 Der Germanist 

X. 267-68 16 Kameraderie 

X. 272—73 39 Abend 

X. 274 6 Leben 

X. 277-78 53, Jugendromane 

XI. 289 17 Der Schatten 
XI. 290 5 Balzac 

XI. 294 — 95 5 Lebensform und Dichtungsforni 
XI. 300 10 Eine Zeichnung von Pascin 
Strindberg August 
V. 144 1, Idolatrie, Qynolatrie, Nachruf für Otto Weininger») 
V. 144 15 Brief an Otto Weininger 



*) Ober Aufforderung der .Fackel' geschrieben. 



18 



Strindberg August 

V. 146 23 Der Holländer (Beim Anblick der Lilith) 

V. 148 1 Der literarische Nobelpreis, ein Manifest zum dritten 

Nobelpreis (10. Dezember 1903) 
V, 150 14 Die Drangsale des Lotsen, ein Märchen 

V. 155 13, Andachtbücher 

VI. 172 10 Zuchtwahl des Journalisten 

VII. 192 14 Attila 

VII. 202 14 Der Diener der Diener 

VI II. 212 1 Das tausendjährige Reich 

IX. 236 9 Mann und Weib, Betrachtungen 

X. 270—71 20, Schlafwandler 

XI. 281-82 18 Mann und Weib 
Xi. 300 2, Eingebildete Kranke 

Tertlus gaudens 

11. 62 15 Das Reklame-Drama 

II. 63 1, Wahlkampfdämmerung 

11. 64 4 Epilog 

II. 67 19 Ein Erfolg 
Tesar L. E. 

XI. 298-99 34 Oskar Kokoschka, ein üespräch 
Tömörköny Stefan 

VI. 161 16 Der Kampf mit dem Soldaten 
Tschechow Anton 

XI. 279-80 16 Nachts, Übersetzung von Paul Barchan 
Ullmann Ludwig 

XL 296—97 39 Peter Altenberg, Bilderbogen des kleinen Lebens 
Viertel Berthold 

XI. 298-99 33 Den fünfzehnjährigen Selbstmördern 
Wedeltind Frank 

V. 143 26 Zwei Gedichte (Abschied, Trost) 

VI. 167 15 Das Lied vom armen Kind 
VI. 172 21 Konfession 

VI. 175 22 Zwei Gedichte (Das Opfer, Revolution) 

VII. 182 16, Dankschreiben an Karl Kraus, anläßlich der Auf- 
führung der > Büchse der Pandora< 

Vll. 182 23 Zwei Gedichte (Ave Melitta, Der Zoologe von Berlin) 
VII. 183-84, 1, Totentanz, Drei Szenen 



— 19 - 

Wed«klnd Frank 

VII. 197 13 Die Wetterfahne 

VIII. 203 23 Zuschrift 

VIII. 205 5 .Schriftsteller Ibsen und Baumeister Solneß« 

IX. 227—28 1 Die sechzig Zeilen und die sieben Worte 
IX. 229 19 Der Dampfhammer 

Welninger Leopold 

V. 150 28 Zuschrift zur Richtigstellung der Vorrede von Ȇber 
die letzten Dinge« von Otto Weininger 

VI. 169 6 Der Fall Otto Weininger 

Wttininger Otto 

V. 145 26, »Sucher und Priester« (Zur Charakterologie), aus 
dem Manuskript des nachgelassenen Werkes Ȇber die letzten 
Dinge« 

Wengraf Richard 

I. 4 22 »Jourbesuch« 

Wilde Oskar 

VII. 185 9 Ravenna, in freier Nachdichtung von Felix Dörmann 
VII. 188 1 Sätze und Lehren zum Gebrauch für die Jugend 
VII. 189 17 Noch einige Leitsätze 

VII. 194 15 To Mrs. Langtry (englisch, aus dem Manuskript, 

und deutsch) 
IX. 239—40 12 Walter Pater, erste Übersetzung eines 1890 

entstandenen Essays 

IX. 246-47 3 O.Wildes letzte Veröffentlichung, an den Heraus- 
geber des , Daily Chronicle' unter dem Titel »Wer heute froher 
Laune bleiben will, lese dies nicht«, gezeichnet: Der Autor 
der Ballade vom Zuchthaus zu Reading. Übersetzt von L. R. 

X. 261 — 62 15 The harlots house, übersetzt von Felix Gräfe 

X. 264—65 5 Ein chinesischer Philosoph, übersetzt von Leo Ronig 
X. 267—68 1, Sonett, written in Holy Week at Genoa, über- 
setzt von Felix Gräfe 
X. 270 — 71 48 Vita nuova, übersetzt von Felix Gräfe 
X. 272 — 73 5 Kunst und Moral, übersetzt von Leo Ron ig 

Wilhelm Julius Dr. 

VI. 197 10 Status cridae 



20 



Winterstein Alfred von 

XI. 285—86 17 Der Stundenzeiger 
Witteis Fritz Dr. (Avicenna) 

Vlir. 218 14 Ladislaus Posthumus 

VIII. 219—20 1 Das größte Verbrechen des Strafgesetzes (Das 

Verbot der Fruchtabtreibung) 
VIII. 221 11 Die drei Schwestern 

VIII. 222 5 Das Stammbuch 

IX. 225 10, Weibliche Ärzte 

IX. 227—28 26 Die vermeyntliche Hexe 

IX. 230-31 14 Das Kindweib 

IX. 238 1 Die Lustseuche 

IX. 244 11 Die Versuchung des jungen Prenberger 

IX. 246-47 26, Weibliche Attentäter 

IX. 248 9 Die Feministen 

X. 250 16 Sexuelle Aufklärung 
X. 254—55 14 Gottesurteil 

Wolfgang Bruno 
X. 264-65 40 Die Liebe zum Staate 
X. 267—68 44 Für das Kind 



(Erklärungen, Mitteilungen etc.) 
Blümner Rudolf 

XI. 290 24 Gegen den Präsidenten der Deutschen Bühnen- 
genossenschaft, Herrn Nissen 
Blümner Rudolf, Döblin Aifred, Friedländer S., Hardeltopf 
Ferdinand, Kalischer Siegmund, Kurtz Rudolf, Lasker-Schüler 
Else, Rubiner Ludwig, Schickele Rene, Spiro Mario, 
Stössinger Felix 
XI 294—95 39 Gegen die Eigentümer der Zeitschrift ,Das Theater' 
Freund Fritz 

VI. 169 17 Gegen Scherings Erklärung (in Nr. 167) 
Landau S. R. Dr. 

I. 20 8 Gegen die ,Zeit' 
Roda 
VI. 163 15 Gegen die ,Zeit' 



Schering Emil 

VI. 167 13 üegen den Wiener Verlag 
VI. 169 18 üegen F. Freunds Antwort (in Nr. 169) 
Waiden Herwarth 

XI. 290 26 Gegen den Präsidenten der Deutschen Bühnen- 
genossenschaft, Herrn Nissen 



ii. 



Zuschrift aus Ägypten 

VII. 182 20 Über die Ägyptenreise des Wiener Männergesang- 
vereins 
Bin Arzt 

II. 36 20 Die Inserate in den Fachzeitschriften 

IV. 119 4 > Scharlach-Serum« 
Ein Bürgerschuliehrer 

IV. 121 7 »Die moderne Schulpflicht« 
Ein Doktor 

II. 49 17 Zur Titelfrage der Techniker 
Ein Jüdischer Fabrikant aus Qalati 

IX. 223—24 15 Zuschrift üt)er die .Neue Freie Presse* und 
die rumänischen Judenverfolgungen 
Ein Jüngerer österreichischer Gelehrter 

III. 86 1, Offener Brief an den Orafen Hoensbroech 
Ein Geschworener 

IX. 236 23 Zuschrift über den Prozeß Krafft 
Von hochgeschätzter Seite 

I. 31 5 »Ruskin« 
Ein Jurist 

IV. 134 1, Richtermangel und Richterüberfluß 
Vif. 199 7 Der rechtshistorische Wahnsinn 

Eine Katholikin 

III. 84 12 Über den Liguoristreit 
Ein ehemaliger Lehrer des katholischen Schul- 
vereins 

VII. 195 7 Kind und Kirche 



— 22 — 

Ein Verteidiger der Matura 

II. 45 18 Zuschrift 
Ein Mediziner 

l. 15 23 Von Pest und Presse 
Ein Musiker 

V. 137 14 Über Haberlandts Wolfbiographie 
Ein alter del<orierter Offizier 

VI. 170 12 Über die Kriegsschule 
Zuschrift aus Peking 

V. 155 3 Über die österreichische Landkonzession in China 
Von einem Aufseher des Zuchthauses zu Reading 

VIII. 204 1, Oskar Wilde im Gefängnis, aus dem englischen 

Manuskript von Sherards Wilde-ßiographie 
Ein Wiener Richter 

I. 28 12 Zur Zuschrift Prof. Karl Adlers in Nr. 26 
Ein Freund Österreichs am serbischen Hof 

II. 38 1, »Goluchowski und Milan« 
Ein Sozialpolitiker 

IV. 132 4 Zuschrift 
Ein Staatsbeamter 

VII. 198 9 Status cridae 

Brief eines k. k. Staatsbeamten 

VIII. 201 1 Zur 200. Nummer der .Fackel' 
Von einem Strafrechtslehrer 

IV. 125 26, Gutachten über Erpressung 
Ein Supplent 

I. 11 10 »Realschule« 
Ein Techniker 

I. 27 8 >Vom zweiten Geleise« 
Von einem Überlebenden 

XI. 298—99 31 Schülerselbstmord 
Zuschrift aus Universitätskrelsen 

I. 16 21 

in. 

(Buchstabenchiffren) 
O. A. 

X. 253 23 Der literarische August 



— 23 — 



IX. 227-28 22 Ellen Key und Friedrich Nietzsche 
E. 

II. 37 5 >Hunguica< 
J. F. 

IV. 127 11 . Wirtschaf ts-Ehemoral« 

IV. 134 5 »Kein Duell* 

V. 139 13 Zuschrift über Hinterstoißers Gutachten über Hans 

Georg Paetz 
V. 140 13 Zu Benedikts Urteil in der .Wage' (Nr. 23, 1903) über 

Hinterstoißers Gutachten über H. G. Paetz 
V. 144 8 Über den Fall Dippold 
V. 149 10, Kellner jungen 
V. 151 6 Über Ärztefurcht 

V. 154 12 Wucher 
V. Fr. 

II. 53 25 Zuschrift über den Qoethebund 
Q. 

I. 34 11 Über den Oerichtspsychiater Dr. Josef Hinterstoißer 
H. 

VII. 200 14 »Nordauc 
L. 

VI. 163 13 Über den Fall Brik— Emperger 
V. L. Prof. 

I. 32 12 Zuschrift über den Niedergang der Technik 

AI. V. R. 

I. 17 12 Über die Judenfrage, siehe Nr. 11 
J. R. 

I. 11 6 Zuschrift zum > Universitätsbummel« 
L. R. 

IX. 246 — 47 1, Vorwort zur Übersetzung von >Oskar Wildes 
letzter Veröffentlichung* 
H. V. 8. 

I. 11 8 »Gymnasium« 
M. S. 

VII. 179 13 Zuschrift über Ellen Key und ihren Wiener Auf- 
enthalt im Jahre 1905 



i 



-302 1 1910 XI. JAHR 



DIE FACKEL 



HERAUSGEBER: 



KARL KRAUS 



INHALT: 

B SKI : Die Tat/ AUGUST S ERG: DerHunds- 

tt/FELlX STOSSINGER: Carlos und Nicolas*/ ALEXANDER 

• •'^^'"* ^^ ^, 7ERTH0LDVIERTEL: 

^ oerg/ FELIX GRÄFE: 

as Lied /ROBERT SCHEU: Karl Lueger / Selbstanzeige / 
KARL KRAUS: Glossen 



NACHDRUCK VBRBOTBN 

PREIS DER DOPPELNUMMER 60 HELLER 
ERSCHEINT LN ZWANGLOSER FOLGE 



VERLAG: ,DIE FACKEL' WIEN — BERLIN 

\ m/2, HINTERE ZOLL>i."-"~"\SSE 3 TELEPHON Nr/M87 
:^LINER BUREAU: SE, KATHARI^.IEN STRASSE 5 



Da der großen Nachfrage nach Karten zur 

VORLESUNG KARL KRAUS 

am' 3. Mai nicht vollständig entsproch i 
werden konnte, dürfte eine Wiederholung 
im Mai K J. stattfinden. Anmeldungen zum 
Bezüge einer Einladung sind ehestens i 
die Leitung des Akademischen Verbandes 
für Literatur und Musik in Wien IX 
MüHnergasse 22 zu richten. Karten zu 
K 10. — , 5. — , 2. — und 1.—. Ein Teil des 
R^inerträgnisses- dieser Vorlesung ist dem 
erkrankten Dichter Peter. Alten berg ge- 
widmet. Anmeldungen von Studenten 
werden diesmal der ganzen Zahl nach 
berücksichtigt. 

Das Programm dürfte enthalten: 

Heine und die Folgen 

(Essay, unveröffentlicht) 

Die chinesische Maue 



DIEFA 




Nr. 301—302 3. MAI 1910 XILJAHR 



Die Unschuldige 
Von Heinrich Mann 

I 

Im Toilettezimmer. Die alte Frau entkleidet die 
junge. 

»Was hast du? Deine Hand blutet?« 

»In deinem Schleier stak eine Nadel.« 

»Gib doch acht! Ich habe genug Blut gesehen.« 

»Armes Kind, arme kleine Gabi. Du darfst ver- 
langen, daß dieser dich glücklich macht.« 

»Ich hätte es mir verdient.« 

»Weißt du noch, wie ich traurig war, als ich dich 
für — jenen schmückte, für deinen ersten Mann? Du 
warst voll Vertrauen, ein unschuldiges Kind. Mir aber 
ist's jetzt, als hätte ich Ahnungen gehabt.« 

»Schweig, schweig doch!« 

»Ich will sagen: Dieser wird dich glücklich 
machen. Und hättest du ihn denn bekommen, wenn 
der Andere nicht — auf solche Art geendet hätte?« 

Sie zieht der Herrin den Rock herab, sie umarmt 
ihre Knie. 

»Gabi, kleines Herz, als ich dir in unserem alten 
Kinderzimmer durch die Scheiben die Leute zeigte, 
da wußten wir beide noch nicht, wie böse sie gegen 
dich sein würden. Und doch hatte jener dich so sehr 
gequält; es war dein Recht, daß er umkam.« 

»Du sprichst, als ob ich's gewollt hätte.« 



— 2 — 

Sie stößt sie fort. Die alte Frau bekreuzigt sich. 

»Gott behüte mich! Ich wäre ja so schlecht, wie 
alle, die dich verfolgt und verleumdet haben ein Jahr, 
ein ganzes Jahr lang. Er aber, der Doktor: o! ich 
habe ihn kennen gelernt in der schlimmen Zeit, und 
wenn er jetzt kommt — wie er schon ungeduldig sein 
wird, daß ich ihn rufe ! — dann mußt du ihm danken, 
hörst du? süß und fromm danken, wie wir, als du 
klein warst, dem lieben Gott zusammen gedankt 
haben. Denn der Herr ist ein Engel, immer hat er 
an deine Unschuld geglaubt.« 

»Muß man dazu ein Engel sein? Siehst du, wie 
du schwatzest? Bring mir lieber ein Hauskleid! Nein, 
ein dunkleres: das silbergraue.« 

»Willst du ihn denn nicht dort drinnen erwarten?« 

— und die alte Frau zeigt auf den geschlossenen 
Vorhang. 

»Ich glaube, daß wir vorher zu reden haben.« 
Die Alte streichelt sie. 

»Heut Nacht, sollt ich meinen, redet sich's besser 
auf dem Kopfkissen. Du liebst ihn doch?« 
»Ich möchte ihn sehr lieben.« 
»So oft er aus deiner Zelle zu mir heraus kam 

— denn ich stand auf der Straße — : o! so bewegt, 
so stark sah ich nie einen Menschen. Augen hatte er, 
daß noch ich alte Frau mich verliebt hätte. ,Ihre 
Herrin ist unschuldig', sagte er. ,Ich weiß es; und ich 
werde machen, daß alle es erfahren'.« 

»Was tat er weiter?« 

»Er nahm mich im Wagen mit, sah mir in die 
Augen und verlangte, daß ich mich erinnern solle.« 

Die junge Frau wendet sich ihr rasch zu. 

»Und du?« 

Die Alte bewegt vorsichtig den Kopf. 

»Es versteht sich, daß ich nicht alles sagte.« 

»Ich habe es bemerkt.« 

»Kann man denn das? Ich werde mich hüten zu 
sagen, daß du als kleines Mädchen der Katze einen 



— 3 



Strick um den Hals bandest und sie aus dem Fenster 
hängtest.« 

»Ja: man würde seine Schlüsse daraus ziehen. 
Auch er. Vielleicht sogar du.« 

»Gott bewahre! Eine Katze ist kein Mensch. Ein 
Kind ist keine Frau. Deinen Mann umbringen! Du, 
die ich habe zur Welt kofnmen sehen.« 

»Was beweist das. Du hast vielleicht eine Mör- 
derin zur Welt kommen gesehen.« 

Die Alte spreizt die Hand. Sie macht sich zu 
schaffen, sie spricht weiter, ohne die Herrin anzusehen. 

»Er sagte: Monika, sobald die gnädige Frau 
einen Salon betrat, beugte alles sich vor ihr: dafür 
rächt man sich jetzt. Wenn ich sie in ihrem Gefängnis 
besuche, schäme ich mich, als hätte ich selbst sie 
hineingesetzt. Ich muß gut machen, was an ihr ver- 
brochen wurde, ich muß ihr das Vertrauen zu den 
Menschen wiedergeben.« 

»Laß! Er sagte weiter: Ich habe zu arbeiten, zu 
kämpfen. Eines Tages wird sie blendend dastehen. 
Dann bin ich belohnt, dann bin ich groß. Sie braucht 
einen Retter.« 

»Woher weißt du — ?« 

»Brauchte ich denn nicht einen Retter? Wo wäre 
ich jetzt ohne ihn? Mein Kopf läge in einer Grube.« 

»Wir alle verdanken ihm unsere Freiheit. Sieh! 
vorhin, wie er an der Küche vorbeikam, hat sogar der 
Anton ihm die Hände geküßt.« 

»Und du meinst, auch ich müsse sie ihm küs- 
sen . . . Vielleicht tue ichs; vielleicht geschehen ganz 
andere Wunder: wüßte ich nur, ob er je gezweifelt 
hat an meiner — Unschuld. Verbot er dir nicht, dies 
und jenes dem Richter zu sagen? . . . Nun?« 

»Das wohl. Aber sei ihm nicht böse!« 

»Böse? Wenn du ahntest!« 

Sie geht umher. 

»Er hat also gezweifelt, zweifelt vielleicht noch.« 

»Wer zweifelt heute noch.« 



__ 4 — 



»Niemand. Aber vielleicht er, der alle bekehrt hat!« 

»Wie du dir heiß machst ! Sie haben dir zu übel 
mitgespielt, dein Kopf hat noch lange damit zu tun;« 
— und die Alte zieht sie an sich. 

»Denn, Monika, sieh,« — und sie zeigt auf den 
Boden, »die Spur im Blut meines — des Toten konnte 
von einem Frauenkleid sein. Er hat in seiner Rede 
bewiesen, daß es kein Kleid war, und die Geschwornen 
haben ihm geglaubt. Aber er selbst?« 

»Hör' mich an, Kind! Ich ging zu ihm, als ichs 
erfuhr, das mit dem Kleid. Er war noch nicht bei dir 
gewesen. Er war bleich, ging im Zimmer umher und 
sagte: die Elenden! Er stützte den Kopf in die Hände 
und sagte: Ich will nicht. Es soll nicht wahr sein.« 

»Hieß das, daß er für mich gewesen wäre — « 

Langsam, und sie beugt sich vor: 

» — auch wenn ichs getan hätte?« 

»Nein. Wie sollte er,« und die Alte weicht zu- 
rück. Da die Herrin sich abkehrt: »Das heißt — . Aber 
du hast es ja nicht getan.« 

»Natürlich nicht.« 

»Wenn man wüßte, wer es getan hat! Genug, 
er hat dich freigebracht. Welche Rede! Die Leute 
haben geweint, und ich selbst mußte weinen. Und 
doch konnte ich wissen, daß du nicht so warst, wie 
er sagte. Denn es ist wahr, daß auch du den Verstorbe- 
nen gequält hast, du Kleine. Gleichviel: ihm ist Recht 
geschehen, — da er dich nicht glücklich machte.« 

»Du findest?« 

»Der Doktor Hailand war nachher erschöpfter als 
du selbst. Man sah, er hatte sich darangegeben, Blut 
und Seele. Merk dir's wohl, Kind: das ist einer, der 
dich liebt.« 

Indeß sie ihr den Arm streichelt: 

»Ich erkenne die, die dich lieben. Die andern 
straft Gott, wir haben es gesehen.« 

»Ah! du bist noch dieselbe«, — und die jungem 
Frau küßt sie. »Du verstecktest mir das Spielzeug, dasJ 



ich meinen Geschwistern gestohlen hatte. Geh', ich 
habe dich lieb, alte Monika.* 

»Du warst ein hartes Kind, es brauchte viel, bis 
du liebtest. Hast du nicht den Ersten genommen, weil 
alle deine Verwandten dagegen waren?« 

»Ich nahm ihn, weil er ein einsamer berühmter 
Mann war.« 

»Und diesen ?« 

»Weil er mich liebt, wie ich bin. Weil er nicht 
fragt. Weil er alles von mir weiß -- und nichts.« 

Sie setzt sich und richtet den Blick auf die Tür. 

»Ich warte auf ihn, wie auf einen ganz Fremden 
und wie auf mich selbst. Wir haben so Vieles hinter 
uns, was keiner versteht. Es war grell und wirr, es 
macht müde.« 

Sie lehnt den Kopf zurück nnd schließt die 
Augen. Leise: 

»Ein Kuß im Dunkeln.« 

Sie schrickt zusammen; es klopft. 

II 

Die alte Frau öffnet; sie flüstert: 

«Die gnädige Frau erwartet den Herrn Doktor.« 

Im Hinausschlüpfen greift sie nach seiner Hand 
und küßt sie. 

Er nähert sich leise seiner Frau. 

»Gabriele!« 

Sie hebt, immer die Augen geschlossen, ein wenig 
den Kopf. Er beugt sich über sie, ihre Lippen treffen 
sich, sie sinkt zurück. 

»Sieh mich an, Gabriele!« 

»Schließ lieber auch du die Augen! Wir sind in 
Sicherheit, solange wir nicht sehen. Du bist jung und 
du liebst mich. Du hast Mut und Leben auch für mich, 
die ich schon den Mut verloren hatte und fast auch 
das Leben.« 

»Ich weiß, wie kühn das ist: dich alles ver- 



— 6 



schmerzen machen zu wollen, was du erlitten hast. 
Aber ich will es.« 

»Du mußt mich mehr lieben, als alle anderen 
Menschen einander lieben. Wir haben die Liebe, um 
das Leben zu vergessen. Ich weiß mehr und habe 
mehr zu vergessen.« 

»Ich liebe dich unbedingt und für immer.« 

Sie öffnet die Augen, sie hebt sich an seinen 
Schultern hinauf. 

»Du sagst es? Wenn es wahr ist, hast du mich 
zum zweitenmal befreit.« 

»Du hast mir Genie gegeben. Genie ist die 
höchste Männlichkeit.« 

»Ich bin dir nicht unheimlich?« 

Da er abwehrt: 

»Denn ich bin es mir selbst. Das Urteil mag 
gesprochen sein: ich bleibe die Witwe des Ermor- 
deten, — dessen Mörder niemand kennt.« 

Über sich gebeugt, dumpf: 

»Wo habe ich das Trauerjahr verbracht?« 

»Ich bitte dich,« — er streckt die Arme nach 
ihr aus. Sie sieht ihn an und schüttelt den Kopf. 

»Das macht kein Triumph ungeschehen. Meinst 
du, ich sehe nicht das Erschrecken der Blicke? Sie 
wollen immer wieder zu mir eindringen, wie durch 
ein vergittertes Fenster, aus dem eine beklemmende 
Luft strömt. Heute abend flüsterten unsere Gäste mit 
einander, als wunderten sie sich, daß sie zu einer 
Hochzeit geladen seien und nicht zu einer Hinrichtung.« 

»Gabriele! Meine Frau!« 

Aber sie springt auf. 

»Wundere ich mich nicht selbst? Ah! du bist 
kühn, weil du es unternimmst, mich zu heilen von 
der Tortur der Untersuchung, der öffentlichen Schande 
der Verhandlung. Wer aber müßtest du sein, um jene 
anderen Bilder, jene geheimen, von diesen Augen 
wegzuwischen.« 



7 — 



Und sie verbirgt sie an seiner Brust. Flüsternd: 

»Noch jede Nacht sehe ich ihn.« 

»Deinen — den Toten?« 

»Nein . . . Auch ihn. Er liegt« — sie bewegt die 
Hand nach der zweiten Tür, im Schatten, »dorthinten.« 

»Dies ist nicht das Haus. Quäle dich nicht. Du 
bist bei mir.« 

»Er liegt dorthinten, im Zimmer jenseits des 
Ganges, beim Fenster. Der — Andere beugt sich 
über ihn.« 

»Auf der Schwelle. Er lag auf der Schwelle.« 

»Erst später. Als er getroffen wurde, fiel er beim 
Fenster nieder.« 

»Woher weißt du — ? Es ist anders festgestellt. 
Du hast doch geschlafen.« 

»Ich schlief nicht. Ich hörte ihn rufen. Ich stand 
auf — « 

Vorgebeugt nach der Tür: 

» — ich schlich in den Gang, ich kroch in den 
Wandschrank. Er schrie und fiel, ich hörte es. Dann 
kam der Andere vorbei.« 

»Du hast ihn gesehen? . . Ich verliere den Kopf. 
Du hast geschlafen, du weißt nichts.« 

»Er lief nicht, und er schlich nicht. Er hatte 
einen festen Schritt, wie ein junger Mann.« 

»Du träumst, wach' auf!« 

Er rüttelt sie; sie reißt sich los. 

»Ich glaubte sogar — « 

»Was man in Träumen glaubt.« 

»Er ging in mein Zimmer, hierher. Sollte ich 
sterben? Oder wollte er — « 

»Wie du mich ansiehst!« 

»Indeß drinnen mein Mann noch röchelte.« 

Er weicht zurück. 

»Sieh mich nicht länger so an. Was glaubst du?« 

Pause. 

»Als er fort war, ging ich — dort hinüber und 
betrachtete die Leiche. Sie lag jetzt auf der Schwelle, 



— 8 



wo ihr sie gefunden habt. Ich verkroch mich ins Bett.« 

»Und du hast nichts gesagt!« 

»Es würde mich noch verdächtiger gemacht haben.« 

»Mir? Du hast kein Vertrauen gehabt.« 

»Du siehst, daß ich es habe, nun wir allein sind. 
Du liebst mich, du wirst mich schützen,« — die Hände 
flehentlich erhoben. »Alles das ist nicht vorüber. Du 
mußt wachen, wenn ich schlafe.« 

Er greift sich an die Stirn. 

»Wovon sprechen wir, mein Gott. Dein Mann 
lag am Fenster? Es war kein Blut da.« 

»Es ist erst später geflossen, auf der Schwelle. 
Er ist nicht auf die Kniee gefallen, ihr habt Alles falsch 
erdacht. Er ist hingekrochen.« 

»Du weißt entsetzlich viel.« 

Er ringt vor ihr die Hände. Sie geht rückwärts 
bis in den Winkel. Im Bogen um ihn, tastet sie an 
der Wand hin, zur Tür. Unterdrückt: 

»Komm! Ich will dir's zeigen.« 

Er stürzt vor. Mit einem Ruck hält er an. 

»Was ist mit uns? Wir sind in einem neuen 
Hause, in unserem Hause. Die Dinge von denen du 
sprichst, sind nicht hier geschehen, sie haben hier keine 
Spuren hinterlassen und keine Geister.« 

Auf sie zu, eindringlich: 

»Hast du vergessen, wozu du gekommen bist? 
Mir zu gehören! Nicht dem Vergangenen: mir!« 

»Vergangen?« — sie entzieht sich ihm. »Du 
wirst ihn sehen.« 

»Wen?« — und er flüstert wie sie. 

»Den Mörder. Du hast ihn noch nicht gesehen?« 

Sie hält seinen Blick fest. Er starrt in ihre Augen, 
endlich nickt sie stark. Er keucht. 

»Nein ! « 

»Ja«, — und sie wendet sich ab. Er taumelt, 
greift nach einem Stuhl. Er preßt sich die Brust, er 
ringt nach Stimme. 



— 9 — 



»Du? Du bist es gewesen? Gabriele! Mitleid! . . 
Vorhin, einen Augenblick, glaubte ich, Du beschuldigtest 
mich. Was willst du sagen? Eins ist Wahnsinn wie 
das Andere. Liebte ich dich nicht, ich würde lachen.« 

Nachdem er umsonst gewartet hat: 

»Du treibst Spott, du willst mich verwirren, ich 
lache.« 

Er setzt sich — und springt wieder auf. 

»Ich glaube dir nicht. Du bist krank. Du lügst, 
ich weiß nicht warum. Ich will nichts wissen.« 
' Schreiend: 

»Du bist unschuldig!« 

Sie sieht ihn an. 

»Leiser! Wir sind verloren, wenn man uns hört.« 

Er erschrickt. Er lehnt drüben, halb abgewendet, 
die Stirn in die Hand, indes sie vor der Tür im Schatten 
hin und hergeht und spricht. 

»Wem schulde ich Rechenschaft. Man sei froh, 
wenn ich keine fordere. Ein Leben wie meins darf 
nicht geschaffen werden, es ist — ja, es ist die Wider- 
legung jedes andern . . . Als Mädchen von vierzehn 
Jahren schon erfuhr ich, was noch Greise nicht zu 
sehen brauchen: unsere Zwecklosigkeit und unsere 
Unverbesserlichkeit. Jede Lüge, jeder Schmutz des 
Gefühls hinterließ mir ein Mal für immer, einen blut- 
unterlaufenen Eindruck. Ich hatte die Gabe, nackte 
Seelen zu sehen und manchen Tag saßen mir am 
Tisch Fratzen gegenüber, vor denen es nur Davon- 
laufen gab. Schon damals war ich eine Fremde, und 
die Andern sahen es, wie heute unsere Gäste. Keine 
Tat war nötig.« 

Er schluchzt auf. 

»Gabriele! Mein Leben, um deine Tat zurück- 
zukaufen!« 

»Das Schlimmste aber war der Spiegel. Ich war 
hassenswerter als Alle; denn zu ihren Lastern hatte 
ich auch noch das, daß ich sie durchschaute ... Ich 



— 10 — 

hätte mich getötet, ohne meine Träume: die Träume 
von gütigeren, geistigeren Menschen, die ich lieben 
konnte. Es mußte sie geben, in der Ferne oder in der 
Zukunft. Desto sehnsüchtiger liebte ich die unbekannte 
Menschheit, je trostloser die Menschen sich mir ver- 
rieten. Ich gewann Mitleid mit ihnen: so mächtig 
machten mich meine Träume. Ich war erwachsen und 
schön geworden. Damals fand ich ihn.« 

Sie lehnt sich, einen Augenblick, weich gegen 
die Tür, die Hand am Griff, als wollte sie eintreten. 

»Er war ein großer Arzt, er rettete Hunderte, ui^d 
doch kannte er ihre Krankheiten, ihre Häßlichkeiten. 
Er konnte, was ich gewollt hätte: er rettete sie.« 

Sie kehrt sich von der Tür ab. 

tMußte er nicht fühlen wie ich? Er war einsam 
durch sein Wissen, er war gezeichnet vom Ruhm. 
Mußten wir beiden Fremden uns nicht vertrauen?« 

Sie stürzt in die Mitte des Zimmers, sie schüttelt 
die gespreizte Hand. 

»Statt dessen: bewundere die sinnlose Grausam- 
keit der Dinge. Er wollte nicht verstehen, sich nicht 
und mich nicht. Ich weiß heute, daß er Furcht hatte; 
er trumpfte auf das unbewußte und schlechte Leben, 
er wälzte sich darin, wie ein entflohener Sträfling. Für 
mich, die ich ihn an die Wahrheit erinnerte, faßte er 
Haß. Er verleugnete mich. Aus der Gefährtin, die zu ihm 
kam, machte er ein Geschlechtstier. Hörst du?« 

Er senkt den Kopf. 

»Ich erkenne den Weg, den wir gegangen sind.« 

Aber er schüttelt sich. 

»Nein! Nicht diesen!« 

Sie tut einen Schritt auf ihn zu. 

»Doch! Als du mich kennen lerntest, war ich 
unterwühlt von Begierden. Ekel und Unersättlichkeit 
warfen mich umher. Den, der mich geliebt hätte, ich 
hätte ihn in einer Umarmung still machen wollen, um 
mein Herz und diese Welt still zu machen. Wenn ihr 



— 11 — 

mich in Gesellschaft im Glanz meiner Verzweiflung 
saht, konnte keiner von der Verbrecherin wissen, die 
hinter dem Sprechzimmer ihres Mannes, bewacht 
von seiner Eifersucht wie ein gefährliches Tier, die 
Qual ihrer Bosheit erlitt. Keiner: nur du.« 

Er streckt ihr die Hände hin. 

»Ich liebte dich, um dich zu retten.« 

»Du wußtest, daß ich ihn haßte, und wie ich dich 
begehrte. Ich konnte ihn nicht betrügen, ich konnte 
dich nicht haben. Wir sind Mitschuldige, denn wir 
liebten uns.« 

Er wirft sich zurück. 

»Nicht so. Ich bin kein Verbrecher.« 

»Wenn du mich retten, mein menschlich Teil 
retten wolltest, dann hattest du meine Gedanken.« 

Er hebt die Arme, er wirft sich umher. 

»Ich habe nichts gemein mit deiner Tat!« 

»Du hast seinen Tod nicht gewünscht?« 

»Was beweist das!« 

Sie spricht leise und herrisch. 

»Warum hast du bis nach meiner Freisprechung 
verschwiegen, daß wir uns liebten?« 

»Das war — « 

Sie nickt. 

»Das war nötig, um Justiz und Öffentlichkeit zu 
betrügen. Du hast sie noch anders betrogen. Du hast 
Umstände unterschlagen oder gefälscht. Das Kleid, das 
durch sein Blut geschleift ist, war beim Färber, und du 
hast glauben gemacht, ich hätte schon vor seinem Tode 
der alten Monika den Auftrag erteilt, es hinzutragen. 
Du hast dich mit ihr verabredet. Wie mühselig du 
deinen eigenen Verdacht unterdrückt hast!... Ah! da 
erschrickst du. Die Dinge kehren dir zurück, die du 
in der hohen Rolle eines Retters gern vergessen hättest. 
Geh! keinen Selbstbetrug! Wir haben Vieles hinter uns, 
was uns immer zusammenhalten wird. Verleugne nicht 
auch du mich, wie Jener tat.« 



12 



Er stöhnt. Sie tritt nahe an ihn hin, sie spricht 
ihm ins Gesicht, weicher und süßer. 

»Wovor hast du Furcht. Niemand weiß, daß wir uns 
bis zum Verbrechen geliebt haben. Vielleicht weiß der 
Tote es; das würde unsere Lust würzen. Ich wünschte, 
daß es ein Fortleben gibt, damit er um uns weiß.« 

»Du bist fürchterlich. Du vernichtest mich.« 

»Ich mache dich leben.« 

Sie halten sich bei den Armen gepackt, als 
wollten sie ringen. Fast berühren sich ihre Gesichter. Er 
sagt, die Zähne geschlossen: 

»Die glühende Blässe deiner Haut spiegelt ent- 
setzliche Dinge.« 

»Nur deine Begierde.« 

»Deine tiefen Augen locken und verschlingen.« 

»Nur dein Laster.« 

»Dein Mund — « 

„Küsse ihn doch! Für deinen Kuß habe ich es 
getan!« 

Ihre Lippen stoßen hart zusammen und wühlen 
sich ineinander. 

Er reißt sich los. 

»So küssen Mörder! Ich bin wahnsinnig!« 

»Schmecke ich nach Blut?« 

Da er sie nach dem Vorhang drängt: 

»Wir haben uns wohl nichts mehr zu sagen? 
Jetzt heißt es also genießen.« 

Sie schlägt vor ihm zu. Den Kopf im Vorhang: 

»Denke an mich, bis ich dich rufe. Du hast doch 
den Mut, an mich zu denken?« 

Und sie verschwindet. 



III 

Er steht reglos, das Gesicht nach dem Vorhang. 
Allmählich weicht er zur Seite; die Hände vor die 
Augen geschlagen, taumelt er, neben dem Vorhang, 
gegen die Wand. 



— \6 



Ihre Stimme: 

»Du bist so still. Aber ich weiß, was du tust: 
Du weinst.« 

Er zuckt auf. 

»Du hältst mich für schwach? Ich bin es nicht: 
ich trage deine Tat Ich bin imstande, dich zu wollen 
mitsamt deiner Tat.« 

Er schlägt sich auf die Brust. 

»Da sieh! ich liebe dich noch jetzt. Umso mehr 
liebe ich dich, umso mehr!« 

Da erstarrt er: hinter dem Vorhang lacht sie 
gellend. 

»Held, der du bist!« 

Sie tritt hervor. 

»Liebtest du mich nicht für meine Unschuld? 
Aber auch die Schuld hat ihren Reiz.« 

Bei seiner Berührung: 

»Ach, fort! Du ekelst mich, mit deiner heroischen 
Sinnlichkeit.« 

»Ich? Du wagst? Du, die mich zu Grunde ge- 
richtet hat?« 

Sie sieht ihn an. 

»Nicht ich dich . . . Dein Opfer ist unnütz, mein 
Held; denn Alles war nur Scherz.« 

»Das ist nicht wahr!« 

«Kein freundlicher Scherz; aber du mußt ihn mir 
nachsehen: man hat mich, seit einem Jahr, an das 
Leben im Grausen gewöhnt . . . Nun ? Ich bin noch 
deine unschuldige Frau, du bist noch mein Retter. 
Alles ist, wie du es dir gewünscht hast.« 

»Du machst dich lustig?« 

»So den Kopf zu verlieren! Und du hast in der 
Verhandlung jeden Widerspruch vernichtet. Du weißt, 
daß nicht mein Kleid durch sein Blut geschleift ist, 
sondern der Vorhang, den er im Todeskampf ergriffen 
hat. Würdest du vor Gericht die Aussage hingenommen 
haben, daß er am Fenster unter den Messerstichen 



14 



zusammengebrochen sei, aber erst auf der Schwelle 
geblutet habe?« 

Er breitet die Hände aus, er schüttelt den Kopf. 

»Wer beweist jetzt noch deine Unschuld.« 

»Du selbst hast die Spuren von der Hand eines 
Unbekannten an den Möbeln nachgewiesen. Du hast 
bewiesen, daß ich in meinem Zimmer von draußen 
eingeschlossen war, wie jede Nacht. Hat ein Mitschul- 
diger mich eingeschlossen ? Aber das wüßtest du, denn 
du wärst es selbst.« 

»Ich habe dich vorhin gesehen. Ich habe dich — 
geküßt. Du wirst mir nicht einreden, daß du gespielt 
hast.« 

»Ich habe gespielt. Ich habe dein Heldentum 
erprobt.« 

»Dann sage ich: ein unwürdiges Spiel!« — und 
er stößt einen Stuhl auf den Boden. »Ich durfte besseren 
Dank erwarten.« 

»Vielleicht fühlte ich das — zu sehr.« 

»Du hast mich in deinem Leben als Meister 
gesehen: das verzeiht ihr nicht. Ah! es ist die Rache 
des Weibes. Wir dürfen nicht so klar, nicht so hoch 
sein; man benützt den elenden Kniff des Geschlechts, 
uns herabzuziehen und zu trüben.« 

Er geht umher, die Hand am Halse und gefolgt 
von ihren Augen. Mit gewaltsamer Ruhe: 

»Was geschehen ist, tut mir leid für dich. Du, 
die ich über alle stellte, — und auch du bist wieder 
nur das Weibchen, das die Widerstandskraft des Mannes 
auf die Probe stellt: bist die Schauspielerin. Wie ver- 
rucht du gespielt hast!« 

»Ich habe wohl gespielt. . . Aber bin ich so 
sicher, daß die Dinge, die du wirklich nennest, kein 
Spiel waren? Der Mord, und was dann mit mir ge- 
schehen ist? Wozu das alles? Warum sollte es ernst 
sein? Ich war immer so sehr allein und anders, daß 
ich meine Schicksale und Handlungen, meine Gefühle 
selbst, alles im Grunde für ein folgenloses Spiel hielt. 



15 



Ich weiß nicht, wie ihr lebt. Ich, ich sehe keinen Plan 
im Leben, noch im Tod. Ich fürchte beide, und spiele 
sie beide.« 

Er hält an. 

»Es ist wahr, du hast zu viel gelitten. Meine 
Eigenliebe muß schweigen. Ich muß Mitleid haben mit 
dir. Du verdienst Nachsicht.« 

»Nicht wahr? Du findest die Überlegenheit des 
Retters wieder. Ich bin dein weißes kleines Mädchen. 
Perseus und Andromeda. O reines Glück! Aber ich 
muß dir sagen, daß ich eure Unschuld nicht mehr 
begreife. Ich habe ein Jahr lang im Gefängnis gelebt, 
eingeschlossen mit den Bildern des Mordes.« 

»Ich weiß es; und ich trage vor dir die Schuld 
aller.« 

»Ich war die Mörderin. Ein Jahr lang hat jeder 
menschliche Blick mir's gesagt, jedes Wort des Richters, 
deine eigenen Kunstgriffe zu meiner Rettung. Tag und 
Nacht habe ich die Dinge gesehen, die geschehen waren; 
und wie ihr es wolltet, ging meine eigene Gestalt darin 
umher, mein eigener Arm hob sich. Da — « 

Sie beugt sich vor, sie zeigt auf den Boden. Sie 
rafft das Kleid zusammen und weicht zurück. Umher- 
blickend : 

»Ich — sage nicht, daß ich's nicht getan habe.* 

Er eilt hin, er nimmt ihre Hand zwischen seine. 

»Gabriele! Besinne dich! Wie du krank bist! 
Wie ich dich lieben muß!« 

»Sage das nicht«, und ihr Blick streift ihn scheu, 
sie zieht sich frostig zusammen. Es ist nicht sicher, 
wann ich dir die Wahrheit gesagt habe.« 

»Nicht sicher?« 

Er lacht. 

Wenn du's nicht weißt, laß dir's von mir sagen: 
Du bist unschuldig.« 

»Du liebst mich. Auch meine alte Monika liebt 
mich, und sie ist überzeugt, daß ich es getan habe.« 

Sein Lachen bricht ab. Er läßt sie los. 



— 16 — 

»Sollen wir denn wieder das Ufer verlieren ? Laß 
mich denken. Du hast es nicht getan . . . Hast du es 
getan?« 

»Ich weiß es nicht«. 

Er umfaßt seine Schläfen. 

»Du weißt es nicht. Du entrinnst mir wie Sand. 
Du warst meine feste Erde, mein Selbstvertrauen.« 

»Ich hatte dir Genie gegeben, die höchste 
Männlichkeit.« 

»Ach! das Wesen, in das wir unsere Seele senken. 
Die Frau! Die Frau! Wir rechnen mit ihr, wir bauen 
auf sie, fürs Leben, über das Leben hinaus: — und 
wir kennen sie nicht!« 

Er läßt die Arme sinken. Müde: 

»Du hast erreicht in dieser Stunde, daß ich mich 
selbst nicht mehr kenne. Du hast mich mehr erleben 
lassen, als ich auf Erden für möglich hielt. In einer 
Stunde hast du mich alt gemacht.« 

»So weißt du nun, wie denen zu Mut ist, die mit 
der Seele leben. Ich, siehst du, habe an Menschen Alles 
erfahren, was sie zu geben haben, und vom Erkennen 
und Fühlen bin ich so abgenützt« — sie betastet sich 
— »als sei die ganze Haut mir wund gerieben . . . 
Dennoch aber bleibt diese qualenreiche Kraft, die Seele 
auf Berge zu treiben und in Abgründe . . . Man ist 
über Mondgebirge gewandert und durch Sterne, die 
noch brennen. Was soll ich dir sagen! Man hat so 
Ungeheures vor Augen, daß es Nacht scheint und daß 
die Wirklichkeit nicht den Wert hat von Träumen. Und 
ihr fragt nach meiner Unschuld.« 

»Ich weiß, daß du keine Frau bist wie andere.« 

»Ich bin eine Frau wie andere.« 

Sie schlägt sich auf die Brust. 

»Seid doch Menschen!« 

Sie mißt ihn lange. 

»Du wolltest mich lieben, weil meine Unschuld 
dein Werk war.« 



17 



»Ich gebe zu, daß ich selbstsüchtig war. Aber 
wer die Selbstsucht einer Liebe nicht ertragt, ist ihre 
Aufopferung nicht wert.« 

»Möglich. Möglich;« — und sie zieht sich bis 
drüben in den Winkel zurück. 

»Und ihr meint mit der Unschuld, für die ihr mich 
liebt, eine Tat, die nicht getan ward: Jener dort — « 

Sie wendet sich halb nach der Tür im Schatten. 

* — eine Untreue, du einen Mord. Ich aber war 
unschuldig, weil ich dich liebte: und du hattest ein 
Mörder sein können, oder ein Heiland . . . Ach! bleibe 
dort, laß mich allein. Du hast mich schon allein ge- 
lassen.« 

Sie hüllt sich in die Falten des Vorhanges, ihre 
Hand tastet rückwärts nach der Wand. Mit verlorenem 
Blick : 

»Ich hatte dich so sehr geliebt. Meine Liebe 
wäre einfach gewesen, von der Einfachheit der Viel- 
erfahrenen, die das Leben hinter sich lassen, um im 
Dunkeln zu lieben, ohne Fragen, mit geschlossenen 
Augen, weder mit ihrer Tugend noch mit ihrem Laster, 
jenseits der Qual der Seelen, die werben, kämpfen, 
einander enthüllen : ganz offen und schlicht mitten im 
Geheimnis, wie Tiere oder wie Engel.« 

»Gabriele!« 

Er stürzt vor sie hin. Sie fährt mit der Hand in 
sein Haar. Heißer: 

»Und ohne Grenzen I Wie die Umarmungen die- 
ser Männer, dieser Frauen matt und unvollkommen 
sind! Wie weit bleibt zurück hinter mir, was sie Leben 
nennen! Man muß so viel von den Menschen erlitten 
haben wie ich, um ihrer Einen so lieben zu können, 
wie ich.f 

»Gabriele! Warum habe ich dich verloren?« 

»Du: du weißt nicht, was ich von dir erträumt 
habe, wen ich in dir sah. Du beherrschtest den Pro- 
zeß, und du schienst ihn zu verachten. Du sahst aus, 
als sagtest du mir: Geduld! Bald lassen wir dieses 



18 



kriechende Durcheinander hinter uns. unter uns. Was 
ist uns Schuld und Unschuld. Über der Welt, allein 
und stumm, befreit von irdischen Zufällen und ganz 
einander sicher, werden wir uns lieben. Sagtest du 
das nicht?« — und sie nimmt seinen Kopf zwischen 
ihre Hände, um ihm in die Augen zu blicken. — Sie 
läßt ihn los und wendet sich halb weg. 

»Ich glaubte wohl nicht sehr fest, daß du mir 
folgen würdest; ich war schon einmal enttäuscht. Aber 
ich erlaubte mir Hoffnung, berauschende Hoffnung. 
Noch einmal öffnete ich mein Fenster, das vergittert 
war, den Sternen.« 

Er verläßt sie und setzt sich abgewendet. Sie 
sagt, die Augen geschlossen: 

»Ein Unbekannter, und ganz ich selbst. Das 
Wesen, das alles von mir weiß und nichts.« 

Er faßt sich an die Stirn. 

»Bin ich denn schuldig? Ich habe dich geliebt, 
wie ein Mann eine Frau liebt. Ich habe in dir alle 
meine Instinkte befriedigt gefunden. Was bleibt mir 
nun.« 

Sie geht rasch zu ihm. Über seine Schulter: 

»Dir bleibt alles, was du zu nehmen geschaffen 
bist. Auch ich bin für nichts anderes geschaffen. Das 
Gefängnis hat mir ungesunde Träumereien gemacht. 
Ich habe dich gequält und ermüdet. Verzeih' mir.« 

Er greift nach ihr. 

»Nicht wahr, wir können uns lieben?« 

»Gewiß: wie Menschen einander lieben. Man 
gewährt sich Vertrauen, bis zu einem gewissen Grade; 
man versteht sich, vermittelst Nachsicht; man ist eins, 
unter Vorbehalt.« 

»Liebst du mich?« 

Sie kniet vor ihn hin. Er umklammert sie fester. 

»Liebst du mich?« 

Sie beugt die Stirn unter seine Lippen. 



19 



Die Tat*) 

Von Stanislaw Przybyszewski 

Es war gerade Weihnachten. 

— Ja, Weihnachten, dachte Czerkaski in seinem 
schweren Fiebertraume. 

Das Eine nur wußte er: ein Kind müßte er an 
diesem Tage glücklich machen. Ganz gewiß glücklich 
^- an einem solchen Tage . . . 

Ich muß jetzt versuchen, für ein Kind eine Mutter 
zu sein, das wäre eigentlich der höchste Gipfel einer 
wirklich großen männlichen Tat, dachte er plötzlich 
mit einem stillen, ehrfurchtsvollen Triumph. 

Aber wo sollte er jetzt gerade das Kind aufsuchen, 
das er glücklich machen wollte und mußte? 

Gleichwohl sprang er auf und ging frei und 
leicht, als hätte ihn jemand von schweren Fesseln 
befreit, die sich bereits in sein Fleisch einfraßen. 

Er ging weit, weit vor sich hin in die Vorstadt 
hinaus, dicht an den Hafen, wo sich sonst niemand 
in so später Stunde hinauswagte. 

Wie lange er so herumirrte, wußte er nicht, es 
mochten wohl ein paar Stunden vergangen sein. Ab 
und zu setzte er sich auf eine nasse schmutzige Bank 
in irgend einer armseligen Parkanlage, er konnte sich 
in diesem Hundewetter eine Lungenentzündung holen, 
aber was ging ihn das heute an. 

An seine Ohren drang ein wüster trunkener 
Gesang taumelnder Matrosen, ab und zu sah er 
scheußliche, elende Prostituierte vorüberhuschen, ver- 
tiert im Elend und Schmutz — wie es ihm vorkam. 

Eine blieb vor ihm stehen. 

— Für zehn Kopeken — willst du? Und sie 
spuckte ihm in die Augen. 



*) Ein Fragment aus dem Manuskript eines Romans: >Das 
jüngste Qericht«. 



— 20 



— Hier hast du einen Rubel ! Und mit einer 
seltsamen Demut wischte er sich sein Gesicht ab. 

Und jetzt setzte sie sich neben ihn mit einem 
bösen, verächtlichen Lachen. 

— Vielleicht soll ich dich noch einmal anspucken? 

— Wofür? 

— Weil du gut bist. 
Er lächelte. 

— Also dafür spuckt man einem ins Gesicht? 

— Ja, eben dafür — und nur deswegen, 

— Hier hast du noch fünf Rubel und laß mich 
in Ruh'. 

Er gab ihr ein Goldstück. 

— Ich gebe dir den Rest zurück, lachte sie 
höhnisch — sie spuckte ihm wieder ins Gesicht und 
verschwand — in der Ferne hörte er ein irres 
Lachen — nein ! ein wüstes Gewieher, wie von einer 
trunkenen Stute. 

Nun, sie hatte Recht, dachte er, ganz in sich 
hineingekrochen, für eine so elende und billige Güte 
war der Lohn hoch genug. 

Und mühsam schleppte er sich weiter. 

Jemand vertrat ihm den Weg. 

Qui vive? lachte Czerkaski heiser. 

Ein baumlanger, schwarzer, verwilderter Geselle 
— ganz wie ein wüster Charakter aus einem Schauer- 
drama: sein einziger Faustschlag hätte genügt, um 
ihn, der doch nur deswegen hinausging, um ein Kind 
glückselig zu machen, in das Jenseits zu befördern, 
aber sonst sah der Fremde sympathisch aus, und er 
hatte keine Angst. 

— Was willst du? fragte er ihn. 

— Glaubst du, daß ich dich berauben will? Du 
irrst dich. 

— Also was? 

— Ich habe meine Mutter totgeschlagen. 

— Warum? 

— Damit sie sich nicht quälen sollte. 



- 21 - 



— Nichts weiter? 

— Eine Schwester habe ich totgeschlagen und 
noch die zweite, damit sie nicht auf der Straße ver- 
sauen. — Kannst du mir jetzt deine Hand reichen? 
kannst du es? 

Czerkaski drückte heiß und inbrünstig die Hand 
des Fremden. 

— Du hast an deiner Mutter und an deinen 
Schwestern wohlgetan ... Du bist tatsächlich ein edler 
und feiner Mensch . . . Noch mehr : Du bist ein Wohl- 
täter in großem Stil — das ist wirklich Güte . . jede 
andere verdient kaum, daß man sie anspeit, ist 
höchstens der Hautkitzel, mit dem ein paar elende 
Flöhe den Menschen belustigen. Ja, du bist ein edler 
Mensch. 

Und der baumlange schwarze Kerl fing an zu 
strahlen — er wippte auf seinen langen Beinen, kroch 
wieder zusammen, umfing Czerkaskis Knie, faßte seine 
Hand, küßte sie, daß sie ganz von seinen heißen 
Tränen benetzt war. 

Czerkaski entriß ihm mit Widerwillen und Ekel 
sejne Hand. 

— Hinweg, du unreines Gewissen, das du Ver- 
brechen begehst und hinterher mit Winseln um 
Verzeihung bettelst... Anders — ganz anders muß 
man es machen. 

Weg mit dir! 

Und plötzlich schrumpfte der Baumlange zu 
einem Zwerg zusammen, hüpfte vor ihm hin und her, 
streckte die Zunge aus, machte eine lange Nase, kroch 
ihm zwischen die Beine und wälzte ihn um, dann 
sprang er ihm hinterlistig auf den Nacken und stieß 
sein Gesicht in den Kot. 

Endlich gelang es Czerkaski mit unmenschlicher 
Anstrengung, ihn von sich abzuwälzen, und er raffte 
sich auf. 

Eine Wut kochte in ihm, daß er, wenn jetzt 



— 22 — 



tausend Wurfspieße auf ihn gerichtet gewesen wären, 
sich unbedingt auf sie geworfen hätte. 

Er sah sich ringsum, fühlte, daß ihm der Schaum 
vor den Mund trat: vor ihm, hinter ihm tanzte und 
hüpfte irgend ein winziges, höllisches, boshaftes 
Monstrum, er wollte es fassen, ihm das Genick brechen, 
es an den Beinen fassen, es auseinanderreißen. — 
Plötzlich — mit einem Ruck kam er zur Besinnung. 

In seiner Hand hielt er eine andere — ein 
klein-kleines Händchen von einem jungen kaum zwölf- 
jährigen Mädchen, das ihm kokett und vertraulich 
zulächelte. 

Er ließ ihre Hand los — tief verwundert. 

— Wer bist du? fragte er sie. 

— Kommen Sie nur da an die Laterne, dann 
können sie mich besser anschauen. 

Er ging neugierig ein paar Schritte weiter. 

Sie blieb in dem Schein der Laterne stehen und 
sah ihn mit dem zynischen, herausfordernden Blick 
einer schamlosen, heruntergekommenen Dirne an. 

— Um Gotteswillen, wie ist es nur möglich? Du 
bist ja doch noch ein Kind! 

— O, da irren Sie sich sehr — ich könnte manche 
in ihrem Metier altergraute und verfaulte Hure belehren 
— keine versteht das Handwerk so gut, wie ich! 

Für die billige Güte spuckt man den Menschen 
ins Gesicht — und mit Recht... er lächelte — nun 
probieren wir einmal die große und schwierige Güte. 

— Nun, dann wollen wir einmal deine Kunst- 
fertigkeit versuchen, grinste er — komm mit! 

— Ein wenig wirst du warten müssen — raunte 
sie ihm zu und kitzelte ihn an der Halsader. Zuerst 
werde ich ein paar amüsante Lieder absingen müssen. 
Und dann: ganz zu deinen Diensten, denn du bist 
ein guter Kerl. Ich werde dir ein Vergnügen bereiten, 
daß du dich dein Lebtag lang an mich erinnern sollst. 

Sie führte ihn in eine schmutzige, stinkende 
Hafenkneipe hin, rückte ihm einen Stuhl in die Ecke. 



23 



— Hier wirst du auf mich warten. 

Sie verschwand. 

Er setzte sich hin und sah sich um. 

An zehn, zwölf Tischen saßen betrunkene Matrosen, 
Zuhälter, Einbrecher, Messerhelden — er zählte sie 
ach alle gewissenhaft auf — Mädchenhändler, Apachen. 
Liebe und Halunken aller Art, er fühlte sich in dieser 
Gesellschaft gut und behaglich. 

Noch nie hatte er sich so wohl gefühlt. 

Das sind doch einmal wirkliche Menschen und 
noch dazu die einzig guten Menschen. Von einer ganz 
andenn Art, wie jener langweilige sentimentale Kerl, 
der un den Handdruck eines ehrlichen Menschen un- 
längst gebettelt hat, um die Sünde einer billigen Güte 
von sica abzuwischen — diese da — die brauchen es 
nicht, d'e haben es nicht nötig, sich in boshafte, 
monströse Zwerge zu verwandeln, die einen totplagen, 
wenn man ihnen den Sündennachlaß verweigert. 

Diese da stehlen und morden so mir nichts dir 
nichts — en passant — drehen sich nicht einmal um 
— und wenn sie das Galgenbrett betreten müssen, 
pfeifen sie frohgemut lustige Melodeien. 

Er war ganz entzückt von dieser prachtvollen 
und wirklich guten Gesellschaft. 

Nun sah er gradeaus vor sich hin. Der Vorhang: 
ein elender Schmutzlappen, ging auf. 

Er harrte nun neugierig der Dinge, die da 
kommen sollten. 

Auf der Bühne — eine so herrliche hatte er nie 
gesehen — sie war aus ein paar schmutzigen Brettern 
zusammengezimmert — erschien das Mädchen, das 
ihn hierhergeführt hatte, und hinter ihr eine alte Hexe 
mit einer Guitarre: das wird wohl ihre Mutter sein, 
dachte er feinsinnig. 

Das Mädchen fing an zu singen. 

Er horchte eine Weile hin und kam in Ekstase. 

Nie noch hatte er etwas so Unflätiges, Rohes, so 
unerhört Zynisches gehört. 



— 24 



Es kam ihm vor, daß noch nie über die Lippen/ 
eines trauten, lieben Menschenkindes ein so schmutziger 
ekelhafter, schändlicher Unrat sich ergossen habe, 
Worte, deren Laut schon ihn fast zum Erbrechet 
zwang, kreischten gell an seine Ohren und dazu nocn 
die Pantomime, mit welcher das Kind den Liedertext 
illustrierte: es war erstaunlich! 

Rings um ihn herum entstand ein unbeschreib- 
licher Jubel und er erfreute ihn. 

Wie gut, wie unendlich gut werde ich für dich 
sein! dachte Czerkaski kalt und ruhig — endlio'i ein- 
mal werde ich für Jemanden gut sein. 

Das Mädchen warf sich auf eine Pritsche und 
ahmte in verruchter Schamlosigkeit eine Art von 
geilstem Bauchtanz nach, schrie auf, winselte, schnalzte 
mit der Zunge, warf die Beine in die Höhe und schien 
in einem Wollustparoxysmus zu zerbersten. 

Oh, wie unendlich gut werde ich für dich sein! 
Mit tiefer, zärtlicher Wonne dachte er an die Güte, 
die er diesem zarten Mädchen erweisen werde. 

Und wieder ein neuer Gesang und noch ein 
Tanz, der jegliche Schamlosigkeit an grotesker Kühn- 
heit übertraf. 

Das kleine, schwache Mädchen warf sich auf den 
Boden hin, ihre Beine schnellten in die Höhe, um- 
krampften irgend eine imaginäre Gestalt, spreizten sich 
wieder weit auseinander, die Hände zuckten wie im 
Schüttelfrost, der ganze Körper warf sich in konvul- 
sivischen Zuckungen — schneller noch — in wüstem 
Krampf, bis endlich die ganze unendlich gut gespielte 
Muskelorgie in einem langen verröchelnden Schrei der 
höchsten Lustbefriedigung erstarb. 

Das Mädchen lag wie tot da. 

— Alle Schleusen der höchsten Güte werde ich 
für dich öffnen, dachte Czerkaski und war glücklich. 

Er hörte noch das betrunkene Heulen dieses 
herrlichen Publikums, wie er es noch nie in einer 
solchen Herrlichkeit hatte erstrahlen sehen — eine 



25 



hehre Versammlung von wirklichen Menschenfreunden 

— dann wurde es auf einmal still — die Lichter 
erloschen . . . 

— Kommen Sie jetzt! — sie stand vor ihm. 

— Ah! Du bist es. Du hast alle meine Er- 
wartungen übertroffen . . . Das einzige Mal in meinem 
Leben werde ich gut sein und nur für dich allein. Du 
wirst mir, weiß Gott, nicht in die Augen zu spucken 
brauchen . . . 

Sie führte ihn durch einen langen, finsteren Korridor 
und endlich kamen sie in ein kleines, schmutziges und 

— wie es ihm vorkam — unflätiges Zimmer hinein. 

Ein wackliger Tisch, ein zerschlissenes und un- 
säglich schmutziges Sopha — ein Bett, das wohl noch 
nie einen reinen Laken gesehen hatte, ein geborstener 
Spiegel gegenüber . . . Herr Gott, braucht man noch 
mehr, um gut, wirklich gut zu sein? 

Das Kind setzte sich ihm auf die Knie. 

— Mein süßer Tauberich wird mir etwas geben 
lassen — nicht wahr? Ich bin hungrig und habe 
großen Durst. 

— Brauchst ja nur zu klingeln. 

In einem Augenblick hatte ein Etwas, das in einer 
weit-weiten Erinnerung einem Kellner glich, eine Flasche 
Schnaps gebracht, irgend eine Speise oder so etwas 
ähnliches dann noch — 

Aber was kümmerte es ihn, was da vor ihnen 
stand oder lag — er schwamm im seligen Entzücken, 
daß doch endlich einmal die Zeit gekommen war, wo 
er wirklich gut sein konnte. 

Das Mädchen aß und trank gierig und er sah ihr 
zu und war ihr unendlich dankbar, denn ihr hatte er 
es zu verdanken, daß er nun beweisen konnte, wie 
gut er sei. 

Er betastete liebevoll die Westentasche und war 
zufrieden; noch nie hatte er das Mittel für die Ver- 
ausgabung der höchsten Güte, das trostreiche, segen- 
spendende Curare vergessen. 



26 — 



Er streichelte liebkosend die Westentasche, in 
der das einzige beglückende, alle Tore des Jenseits 
zuverlässig erschließende Mittel ruhte. 

Was ist Liebe, was Geld diesem erlösenden Mittel 
gegenüber! 

— Nun, so laß uns ordentlich trinken — sprach 
er dem Mädchen gütig zu. 

Das Kind aß und trank und schaukelte sich auf 
seinen Knien. 

— Jetzt bin ich bald fertig, dann werde ich dir 
zeigen, was ich kann ... Ich kenne geheime Lüste, 
die . . . die . . ., sie flüsterte ihm etwas ins Ohr . . ., 
das ist wie Feuer, noch mehr . . . 

Er lächelte. 

— Nun, ich werde dir nicht schuldig bleiben. 

— Oh du mein süßes Ferkel — sie schmiegte sich 
an ihn und küßte ihn an das Ohrläppchen. 

— Du mein goldenes Kükelein — lachte er 
heiser und traurig, umfing sie mit einem Arm und mit 
dem anderen griff er in die Westentasche nach der 
gläsernen Eprouvette. 

— Wonach suchst du Pfragte sie ihn plötzlich unruhig. 

— Nichts, nichts — ich habe Kopfschmerzen — 
ich habe hier ein Pulver. 

— Der Kopf tut dir weh? 

— Bald hört es auf. 

Sie wurde wieder ruhig. Schmiegte sich noch 
fester an ihn an, grub sich mit ihren Lippen saugend 
in die seinen, und manövrierte mit frechen, schamlosen 
Händchen an seinen Beinen. 

Er ließ es geschehen, goß Branntwein in ein Glas» 
schüttete den ganzen Inhalt der Eprouvette hinein und 
stellte es abseits. 

— Was bist du so kalt? fuhr sie ihn plötzlich 
unmutig an. 

— Ich? kalt? — nun dann mußt du mich warm 
machen. Du hast dich doch unlängst gebrüstet, daß 
du einen Toten lebendig machen könntest . , . 



27 — 



Das Mädchen lachte hell auf. 

— Ja, ja — das kann ich, und das werde ich dir 
zeigen, aber zuerst muß ich trinken. 

Er schob ihr das Glas zu. 
Sie trank mit einem Schluck, 

— Nun was? — Sie sah ihn triumphierend an; 
— Wer kann so trinken, wie ich? 

Im selben Augenblick rissen sich ihre Augen weit 
auf in gräßlicher Todesangst — lange heftige Zuckungen 
durchliefen den schmächtigen Körper, mit den Händen 
griff sie in der Luft umher, man sah, daß sie schreien 
wollte, an den Schreien erstickte, weil sie keinen Laut 
herausstoßen konnte. 

Dann noch ein paar heftige Zuckungen, das Auge 
brach, der Körper bäumte sich auf, verkrampfte sich, 
erstarrte . . . 

Les supremes delices, lächelte Czerkaski. 

Endlich eine Tat, die eines Menschensohnes 
würdig war! 

Er legte die noch warme Leiche des Mädchens 
auf das Bett und küßte es andächtig auf die Stirn. 

Ich habe dich errettet, betete er leise, errettet 
von dem Ekel des Zerfalls beim lebendigen Körper, 
vom Abfaulen deiner schönen Glieder, von der gräß- 
lichen Qual, im Frost, Schnee, Kot und Regenwetter 
hungrig und bettelnd nach einer Mannesbestie herum- 
suchen zu müssen, ich habe dich errettet vor den 
unmenschlichen Schlägen und Fußtritten deines Zu- 
hälters, gerettet habe ich dich vor dem Schmutz des 
Gefängnisses und dem Elend des Spitals — und nun 
schlaf — friedlich, heiter — froh . . . 

Er atmete tief auf. 

Noch einmal betrachtete er in tiefster Sammlung 
das tote Kind, dann schritt er in die finstere Nacht 
hinaus mit Trauer im Herzen, aber auch dem Gefühl 
eines leisen Triumphs, daß er endlich eine menschen- 
würdige Tat vollbracht habe. 



28 



Der Hundsfott*) 

Von August Strindberg 

Es gibt Menschen, die zur Welt kommen, um 
hundsfottiert zu werden. 

Als jüngerer Bruder wurde er von den älteren 
hundsfottiert; wenn sie gefehlt hatten, beschuldigten sie 
ihn, und er kriegte Schläge. 

Da, mit fünf Jahren, verfluchte er die Stunde 
seiner Geburt und wollte sterben. Aber er ging zuerst 
in die Küche und beklagte sich der Köchin gegenüber, 
die er für seine Freundin hielt. Sie verriet ihn sofort 
und erzählte es den Eltern, das Kind habe sein Ge- 
ständnis zurückgenommen, das ihm eben unter Marter 
abgerungen war. Das angebliche Verbrechen sollte darin 
bestehen, daß er, der Fünfjährige, von dem Portwein 
der Alten getrunken habe. Ein fünfjähriges Kind sollte 
aus einer geöffnete Flasche so viel Portwein getrunken 
haben, daß es zu merken war, während man dem Kind 
keinen Rausch anm.erkte. Das glaubten die Eltern! 

Da wurde er wieder gemartert und gezwungen, 
zu bekennen, erstens daß er den Portwein getrunken, 
zweitens, daß er eben gelogen, als er leugnete. 

Darauf mußte er um Verzeihung bitten, sowohl 
daß er den Wein ausgetrunken, wie daß er gelogen habe. 

Wenn er darauf nicht ein Lügner fürs ganze Leben 
wurde, so zeigt es wohl, daß er diese Anlage nicht besaß. 

Solche Marterszenen wiederholten sich mehrere 
Male. 

Welchen Blick sollte dieses Kind auf Leben und 
Menschen bekommen? Zuerst wurde er ängstlich vor 
allem. War immer furchtsam, man würde ihn anklagen; 



'■■) Aus dem schwedischen Manuskript. Die Buchausgabe der 
Bekenntnisse erscheint erst 1911. 



— 29 — 

spähte nach den Fehlem der andern, um zu sehen, ob 
sie gerecht seien. 

Dann kam er in die Schule. Gewissenhaft und 
eingeschüchtert, lernte er immer seine Aufgaben, konnte 
sie zu Hause, aber in der Schule konnte er sie nicht 
immer, weil die Lehrer an den Kindern etwas auszu- 
setzen suchten. So schlugen sie ihn wieder. 

Aufs Land in eine Pension geschickt, kam er in 
eine schlechte Gesellschaft, wurde von einem älteren 
Kameraden in die öffentlichen Geheimnisse des Ge- 
schlechtslebens eingeweiht; und als das unschuldige 
Opfer hätte er beinahe den Verstand verloren, als er 
zum Bewußtsein erwachte, von welcher Natur die 
Handlung sei und welche f^olgen sie habe. 

Dann bekam er eine Stiefmutter und geriet in 
Verhältnisse, die ihn unter religiösen Grübeleien dem 
Selbstmord und dem Wahnsinn nahe brachten. 

Bei keinem Menschen konnte er sich beklagen, 
denn die Angehörigen gaben ihm immer unrecht, wenn 
er recht hatte und man ihm unrecht tat. 

Er kam zur Universität und man hatte ihm ein- 
geredet, wenn er nur Student wäre, stünde die ganze 
Welt ihm offen. Jetzt fand er sie im Gegenteil ver- 
schlossen, denn er hatte kein Geld für Bücher. 

Und als er sein Tentamen machte, erhielt er 
keine gute Zensur, obwohl seine Kenntnisse größer 
waren als die der anderen, die eine bessere Zensur 
bekamen. 

Überall stieß er auf Widerstand. Da floh er die 
Wissenschaft und wurde Schriftsteller. Als er jetzt 
Menschen und Leben schilderte, wurden sie so, wie 
sie sich ihm gezeigt hatten. Er machte sein Gesellen- 
stück und es wurde verworfen. Lehrling mußte er bleiben, 
obwohl sich sein Gesellenstück dann besser als das von 
andern erwies; Lehrling bis zum dreißigsten Jahr. 

Da hörte er auf, an Gott zu glauben, und war 
überzeugt, daß der Teufel die Welt regiere; was mit 



— 30 — 

Christi Lehre »vom Fürsten dieser Welt« stimmt, denn 
er lief nicht weltlicher Ehre nach, kroch nicht vor den 
Oberen, schmeichelte nicht. 

Je besser er schrieb, desto weniger bezahlte man 
ihm, und desto mehr Tadel bekam er. 

Als er sich verheiratete, nahm man ihm Weib und 
Kind, und zwar drei Male. 

Als er mit sechzig Jahren seine Meisterwerke 
schrieb, wurden die so geschmäht, wie keine Arbeiten 
vorher, und er mußte bezahlen, um sie zur Aufführung 
zu bringen. 

Während andere für ihre Arbeit bezahlt wurden, 
mußte er bezahlen; und wenn er bezahlt wurde, erhielt 
er weniger als die, welche schlechter schrieben. 

Sein ganzes Leben hundsfottiert! Und die Menschen 
verlangten doch, er solle schön von ihnen schreiben! 
Das tat er zuweilen, dann aber waren es seine eigenen 
schönen Gedanken über eine Traumwelt, die nicht 
existiert. 

Zuweilen sprach er die Menschen frei, ent- 
schuldigte und erklärte ihre Schwächen; dann aber 
erhob sich ein Sturm von Vorwürfen, daß er die Moral 
lockere. Zuweilen schilderte er die menschliche Erbärm- 
lichkeit mit Mißbilligung, dann erhob sich ein Sturm, 
daß er streng und ungerecht sei. 

Mit einem Wort, wie er sich auch benahm, er 
wurde hundsfottiert! 

Kann man ein solches Schicksal erklären? 

Vielleicht fühlten es die Menschen in der Luft, 
daß er den Kompromiß der Gesellschaft und deren 
unwahre Natur entlarven würde. Aber als Kind konnte 
er doch nicht geahnt werden? 

Es hatte wohl andere Ursachen, die wir nicht 
wissen, aber die Swedenborg geahnt hat! 



31 



Carlos und Nicolas 

Von Felix Stössinger 

Carlos und Nicolas sind Geschwister, die in Argentinien 
aufwachsen, durch die Pampas jagen und dennoch rechte Kinder 
bleiben. Carlos ist sieben und Nicolas sechs Jahre alt. Drei 
Jahre später stehen sie mit ihrem Lehrer Doktor Bürstenfeger auf 
der Landungsbrücke von Buenos-Aires, um mit ihm nach Europa 
zu fahren. 

Hier schließen die »Kinderjahre in Argentinien«, der erste 
Band des biographischen Romanes »Carlos und Nicolas«. 

Im zweiten Band »Carlos und Nicolas auf dem Meere«*) 
schildert Rudolf Johannes Schmied im engen Anschluß an das 
erste Hauptkapitel die Fahrt der »Lombardia« nach Genua. 

Den spezifisch biographischen Wert der Teile für das 
Gesamtwerk können wir noch nicht tieurteilen. Aber unabhängig 
davon, ob Schmied diese Jugend als Werdendes sieht und nicht 
als Vollendetes empfindet, leuchtet in uns die Freude über die 
Bücher, die wie Teile einer Trilogie in sich abgeschlossen, einzeln 
verständlich sind. In drei Stunden gleiten ihre Bilder wie schnelle 
Segler vorüber. Einige Szenen des zweiten Bandes, in denen ein 
Menschenschicksal zusammengeballt ist, haben die geraffte Energie 
der Schiffer, einen Wellenkamm zu erklimmen, um dann wieder 
über die ebene See zu fahren. Und der Gehalt versinkt wie ein 
Anker in das Meer unseres Bewußtseins. Wir haben einen neuen 
Dichter erkannt. 

Carlos und Nicolas sind bei aller Verschiedenheit der 
Temperan.ente ein einziger Held. Die dynamischen Nuancierungen 
der Charakiere geben der Zweiheit Farbe und Wechsel. Beide sind 
zwar voll von Leben und tollen Gedanken und im tiefsten Innern gut. 
Beide lieben das Abenteuerliche und das Fremde und sehnen sich 
nach Sieg und Ruim. Beide wollen Könige sein und über FVärien 
herrschen, wie Männer kämpfen und wie Kinder spielen. Nur ist 



*j Erich Reiss \'erlag, Berlin-Westend. 

301-302 



32 



Carlos lebhafter und klüger, Nicolas verträumter und ruhiger. Aber 
beide zeigen ihre Verwandtschaft in der Beeinflussung durch 
Doktor Bürstenfeger, 

Dieser, ein Bild des deutschen Lehrers, ist Pedant aus 
Idealismus und Idealist aus Pedanterie. Als Lehrer hat er kein 
Verständnis für die Kinder, sondern nur Sinn für Didaktik. Aber die 
Kinder sind für seine Ruhe und Güte empfänglich und lassen 
sich von ihm menschlich beeinflussen. Im ersten Kapitel lügen sie 
noch nach Herzenslust und bekräftigen ihre Lügen durch Eide. Aber 
nach seinen schönen, eindringlichen Worten gehen sie in sich, 
erröten, wenn sie ertappt werden und weinen vor Scham. Sie werden 
weich, fast sentimental und färben, auch wenn sie langsam seine 
komischen Schwächen wittern, immer mehr von Doktor Bürstenfeger 
ab. Carlos und Nicolas werden nie wie Doktor Bürstenfeger werden; 
aber sie werden ihn einmal lieben und als Freund betrachten. 

Nicht nur auf ihren Lehrer reagieren Carlos und Nicolas 
gleich. Sie werden gemeinsam von wesentlichen Dingen berührt, 
und von gleichen Stimmungen befangen. Schmied verwendet diese 
innere Einheitlichkeit zur Charakterisierung der Kinder und 
zur Spiegelung der Umgebung. In Frage und Antwort sind 
sie wechselseitig Hintergrund und Relief, Teile der Handlung und 
Werkzeuge der Psychologie. Ihr klarer Kinderblick sieht das Klare 
und dringt nach Klarheit. Daher beleuchten sie nicht nur sich selbst, 
sondern auch die anderen. Indem aber alle Dinge in einen äußeren 
oder inneren Bezug zu den Kindern gebracht sind, scheint das 
Lebensgetriebe ohne sie nicht denkbar. Bald sind sie die Handelnden 
selbst, bald das Gegenspiel: im ersten Band vorwiegend Kreisfläche, 
im zweiten vorwiegend Zentrum. Und bezeichnenderweise ist ihr 
tiefstes Erlebnis auch die tiefste Szene des Buches. Es ist die Nacht, 
in der sie wach in der Kajüte liegen, um die Versenkung der 
Leiche einer Greisin zu erwarten. Hier ist die Schilderung, durch 
künstlerische Kontraste bewegt, einfach und visionär. 

Im ersten Band, den »Kinderjahren in Argentinien c, folgt 
ein Abenteuer dem anderen. Fehlt noch den skizzenartig gereihten 
Erzählungen künstlerisch verdichtete Einheit, so ist doch jede einzeln 
fest gefügt und gesteigert, geschmückt mit neuen und eindringlichen 
Bildern. Die Exotik ist nicht Zweck, sondern das zufällige Miilieu, 
nicht ein Behelf des Dichters, sondern ein Teil des Dichterischen in 



— 33 — 

ihm. Handlung und Charaktere: Alltägliches und Besonderes, die 
deutschen Gewohnheiten und fremden Sitten, die Spießer, Aben- 
teurer und Tollen. Auswanderer, Einheimische und Fremde sind 
auch in den gewöhnlichsten Situationen neu gesehn und wie zum 
erstenmal beschrieben. 

Schmieds Sprache gibt sinnliche Eindrücke sinnlich wieder, 
ohne zur Impressionistik flüchten zu müssen. Im zweiten Band 
hinterläßt gar das mit blanker Technik ausgeführte Bild einer Fahrt 
durch den Nebel impressionistische Visionen. 

Die Meerfahrt zeigt den Dichter der Vollendung entg^en- 
schreitend. Wieder bestimmt die Einfachheit die Form, die nun 
synthetisch und durchsichtig ist In einem Zug sind die Erlebnisse 
geschildert, dar Tod und der Wahnsinn, das Alter und das Heim- 
weh. Die technischen Schwierigkeiten der Ordnung von Zeit und 
Raum sind überwunden, und der schmale Band ist voll mit neuen 
Bildern fremder Menschen. Namen, Reden, Gesten, oft nur ein 
auffallendes Kleidungsstück erschöpfen Charaktere, die durch einen 
einzigen Satz geschildert, von uns zu Naturen ei^nzt werden 
könnten. 

Bei aller schlichten, der Kunst abgerungenen Anmut ist in 
>Carlos und Nicolas« die tiefe Ruhe, Objektivität und höhere 
Zweckmäßigkeit der Natur. Die Menschen, ob gut oder böse, sind 
für das Gefühl des Dichters gut, sein Reichtum entlädt sich nicht 
barock und seine Sparsamkeit ist Fülle. 



Die vierte Schwester 
Von Alexander Sofomonica 

Ich habe drei kleine Schwestern. Vor längerer Zeit träumte 
mir, ich hätte bloß zwei. Dies muß indes richtig verstanden werden, 
in der Welt meines Traumes gab es bloß zwei, und von der 
Existenz der dritten wußte ich überhaupt nichts. Dort hatte sie 
vielleicht keine Berechtigung oder auch keine Möglichkeit, zu leben. 
Dort war sie nie vorhanden gewesen, nichts erinnerte an sie; sie 
ließ auch keine logische Lücke in der Entwicklung der Verhältnisse 



— 34 



zurück. Vielmehr entwickelten sich jene (im Traume) organisch 
weiter, nur daß der Faktor meiner dritten Schwester in ihnen von 
vornherein gestrichen war. Als ich dann erwachte, war es mir, als 
würde ich von einer ungeheuren Feder emporgeschnellt. Eine andere 
Ebene nahm mich auf, auf der sich nun auch die verloren gegangene 
Schwester befand. Nur schwer konnte ich mich an die Vorstellung 
ihrer Existenz gewöhnen. Nach und nach aber fiel mir die ganze 
Wirklichkeit wieder ein und ich wunderte mich dann fast gar 
nicht mehr, als ich sie in Person sah und sie mir zunickte. 

Unlängst ging es mir umgekehrt. Ich lernte im Traume 
meine vierte (etwa vierzehnjährige) Schwester kennen. Auch dies ist 
wieder falsch ausgedrückt, denn ich lernte sie nicht kennen, sondern 
bewegte mich in einer Welt, in der wir beide seit jeher heimisch 
waren. Anfangs benahm ich mich jedoch, wie das begreiflich ist, 
verwirrt und ungeschickt. Ich bemerkte sie mit Befremden, sie kam 
aber rasch auf mich zu, denn ich war gerade von einem Spazier- 
gange zurückgekehrt. Zutraulich legte sie den Arm um meinen 
Hals und küßte mich. Ich betrachtete aufmerksam ihre weiße Stirn, 
ihre blauen Augen, ihr — wie immer — sehr ernstes Gesicht. Es 
fiel mir auf, daß sie einen großen Hut trug. Eli . . . Eli . . . stotterte 
ich und dann fand ich den Namen: Elisabeth! Sie sprach freund- 
lich mit mir und half, ohne es zu wissen, meinem verdunkelten 
Gedächtnisse nach, so daß es sich, wie es in solchen Fällen zu 
sein pflegt, rasch, ja blitzartig erhellte. 

Nun übersah ich die Ereignisse ihres Lebens und bemerkte, 
wie sie sich lückenlos, was Gegenwart und Vergangenheit an- 
belangt, in die gegebenen Verhältnisse fügten. Ihr Faktor war in 
die Rechnung eingestellt. Da ich noch immer auf der Hut war, 
so erstaunte ich anfangs darüber sehr. Bald aber wurde dies für 
mich bedeutungslos. In demselben Maße, in dem ich das Bewußt- 
sein und den Einwand des Traumes mit Verachtung von mir 
streifte, ermaß ich die Nebensächlichkeit jener logischen und doch 
zufälligen Beziehungen. Ihre Umschaltung war selbstverständlich, 
ein technischer Handgriff, weiter nichts. Alle Dignität beschränkte 
sich auf die Person, kam in ihrem Gefolge und lebte geradezu 
von ihrer Gnade. 

So durch die Kraft des Willens, der seine Dimension ver- 



— 35 — 



doppelte, zwischen zweien Welten schwebend, ja, die endlose Kluft 
zwischen beiden ständig durchmessend, gedachte ich der ungelösten 
Schauer, die im Wachen meines Zweifeins besseres Teil gewesen 
waren. Dort fehlte mir etwas, aber seine Synthese, die ich hier 
erlebte, versuchte ich nicht. Ich sammelte mich nicht, um das 
Wertvolle, aber Einzige und Unteilbare zu erfassen, ich entwertete 
es vielmehr, da ich es zersplitterte. Und je weiter ich mich von 
einem Ursprünglichen entfernte, je näher wähnte ich an seine 
Quelle gelangt zu sein. Doch hier bin ich meiner Qual enthoben. 
Ich finde meine Schwester vor und das ist keine Täuschung! Die 
Energie, die ihren Bewegungen entströmt, hat auch mich gefördert, 
den Schmerz, der ihre Lippen gepreßt und schmal macht, habe 
ich mitverschuldet. Aber ich verschwendete ihre Energie und ent- 
heiligte ihren Schmerz. Nun sehe ich die untrüglichen Umrisse 
ihrer Gestalt, ihres Antlitzes unverkennbaren Ausdruck, ihres 
Lächelns eigentümliche Melancholie. Auch sie ist ein Problem, 
aber es birgt die Lösung in sich. Nichts in der Welt ist ihr ver- 
gleichbar, ja, nichts in der Welt ist neben ihr vorhanden. Sie 
spottet des Gemeinsamen, das sie zu erniedrigen scheint, da sie 
es selbstschöpferisch in jedem Augenblicke neu erzeugt. Sie ist 
sich selbst die einzige Instanz und souveräner als ein Fürst, weil 
ihr die Untertanen fehlen. Wäre es nicht kleinlich, an ihrer 
Existenz zu zweifeln, da ihre Giltigkeit über jeden Zweifel erhaben 
ist? Und ist es umgekehrt nicht verstimmend, wenn zwei Menschen 
einander läppisch ähnlich sehen? Ist nicht gar der Gedanke, 
daß irgendwo mein Doppelgänger herumläuft, der entsetzlichste 
und verruchteste, da er doch dem Gesetze der Welt Hohn zu 
sprechen scheint? 

Ihr unvergängliches Wesen aber mit Worten beschreiben 
oder auch nur festhalten, das kann ich nicht. Ich müßte denn das 
Chaos ausschalten, das an sie grenzt und so ihrer Form teilhaftig ist. 
Und fühlte ich auch die Kraft dazu in mir, was nützt es mir jetzt, 
da ich erwacht bin, da sie mir entschwebt und, wie ich weiß, mir 
für immer verloren ist 



— 36 — 

Lyrik 

VORFRÜHLING 

Von Berthold Viertel 

Ein Himmel, der nicht weiß, 
Ob er blühen mag. 
Erwachend weht der Tag — 
Und leis 
Verwirrt er jeden Herzensschlag. 

ÖLBERG 

Von Ludwig Ulltnann 

Und schimmernd floß des Engels Kleid 
von den Schultern bis zum Saum. 
Rings bog sich seiner Herrlichkeit 
anbetend Busch und Baum. 

Und wie es aus der Wolke trat, 
goß silbern reiches Licht 
auf ihn, dem strahlend es genaht, 
das hohe Angesicht. 

DAS LIED 

Von Felix Gräfe 

Und mit einem leichten Liede 
auf den Lippen kam sie her; 
hart und schwer 
klangen Schläge aus der Schmiede. 

Eines Ritters graue Pferde, 
der Gesell beschlug sie gut; 
rot wie Blut 
wurde sie und sah zur Erde. 

Und aus ihrem jungen Munde 
schwieg das Lied — doch der Gesell 
sang es hell 
in der roten Abendstunde. 



Karl Lueger 

Von Roljert Scheu 

Die wunderliche Leere, die nach dem Tode 
bedeutender Persönlichkeiten eintritt, läßt uns jeweils 
innewerden, wie sehr die Fragen der Menschheit und 
der Gesellschaft davon abhängig sind, daß sie von 
irgendeinem Einzelnen aufgeworfen werden. Einzelne 
sind es, welche Stoffe aus dem Chaos erschaffen, 
Fragen erraten, durch schmetternde Losungsworte aus 
der bunten Menge geordnete Truppen formieren. 
Einzelne sind es, welche Unfrieden stiften, damit der 
Friede wieder einen Sinn habe. Ohne diese perio- 
dischen Zerreißungen wäre die menschliche Gesellschaft 
ein nichtssagendes Gemenge, die Völker besiedeltes 
Land, das Leben der Gesamtheit geschichtslos. 

Dichter und Denker finden neue Stoffe des 
Geistes, Politiker und Volksführer neue Träger der 
gesellschaftlichen Arbeit. Diese sind Pflüge, welche 
den Boden aufreißen und neue Schichten zur Frucht- 
barkeit heranziehen. Ob die Gruppierung, zu der Einer 
die Mitlebenden gezwungen hat, ein Kunstwerk oder 
ein Kunststück gewesen ist, das zeigt sich, wenn er 
vom Schauplatz abtritt. Das Leben erscheint dann nach 
einem Worte Hebbels wie ein Bildhauer, der jahraus, 
jahrein mit unendlichem Fleiß an einer Totenmaske 
arbeitet. Die Persönlichkeit wird vom Tode verklärt, 
vor Allem aber erklärt. 

Der einem Menschen zugeteilte Stoff wirbt um 
ihn als Erlebnis. Einen Stoff erleben ist das erste Ver- 
dienst, ihn gestalten, das zweite. Eines Politikers 
grundlegendes Erlebnis wird das Modell einer gesell- 
schaftlichen Umwälzung sein; wie er seine persönliche 
Frage als gesellschaftliche ausdeutet und — viel später, 
— wie er sie im Namen einer Gemeinschaft beant- 
wortet, das bestimmt zuletzt sein Gewicht. Es will nun 
scheinen, daß Karl Lueger ein echtes Erlebnis hatte 
und daraus eine mächtige Frage gestaltet hat. Seine 



38 



Disgregationsleistung war bedeutend, der Stoffgewinn 
ansehnlich. Aber die Zusammenfassung, die Harmonie 
nach der entdeckten Disharmonie — war sie nicht 
etwas kurzathmig und überstürzt? Seine Antwort war 
nicht so bedeutend wie seine Frage, seine Konstruktion 
nicht so tief wie sein Erlebnis, die Erfindung nicht so 
groß wie der Fund. Wenn ein Künstler einen Stoff 
entdeckt hat, fühlt er den Drang, die ihm geläufige 
Technik, den ihm verfügbaren Schatz von Details 
anzuwenden, zu placieren. Ist der Vorrat dem Stoff 
allzufremd oder die Technik allzu bereit, so wird die 
Ausführung unharmonisch oder oberflächlich sein. Der 
Österreicher ist dazu veranlagt, große Aufgaben zu 
erschauen, aber sie gar zu gewandt zu erledigen. Ihm 
fehlt die Neigung und die Seelenstärke, eine lange 
schreiende Dissonanz zu ertragen. 

Das Erlebnis, von dem Luegers Laufbahn be- 
stimmt wurde, bestand darin, daß sich ihm das 
gebildete Bürgertum, damals verkörpert in der liberalen 
Partei, mißtrauisch verschloß. Es heißt, er schien von 
Anfang an unzuverlässig. Was drückt sich darin 
anderes aus, als daß die Auslese-Organe jener Gesell- 
schaft außerstande waren, ein politisches Talent zu 
assimilieren? Das Problem eines Staatswesens ist gelöst, 
wenn die herrschenden Klassen das Mittel gefunden 
haben, die Talente einzugliedern. Lueger erkennt 
seine Lebensmöglichkeit und damit seine Aufgabe : 
Niederringung des liberalen Bürgertums — damit 
zugleich des Finanzkapitals, der Bildung, der Abstraktion 
— durch den Kleinbürger, das ist er selbst, der konkrete 
Mensch. Der Industriearbeiter erscheint ihm wieder als 
ein abstraktes Wesen. Als komplexen Menschen — 
und nur dieser interressiert ihn — errät er den kleinen 
Mann, in dessen Betrieb sich ein ganzer Arbeitsprozeß 
vollendet. Der Widerstand gegen die Abstraktion in 
jeder Gestalt ist aber andererseits das tief innerste 
Wesen von Wien und Österreich .... Das ist der 
Schlüssel. Er \dttert im Kleinbürger politische Leiden- 



— 39 



Schaft, Organisationsgabe und Fähigkeit für Verwaltung. 
Es handelt sich also darum, den Kleinbürger für die 
Politik zu erobern, seine Identifizierung mit Wien und 
Österreich durchzusetzen und den Beweis zu erbringen, 
daß alle Künste der Politik und Verwaltung mit prinzi- 
pieller Zurückdrängung der gebildeten Stände aus dem 
Reservoir des Volkes hervorgebracht werden können. 
Wenn es richtig ist, daß der Handwerkerstand aus 
materialistischen Gründen zum Niedergang bestimmt 
ist, dann könnte die Macht, die ihn gerade in diesem 
Zeitpunkt politisch ans Ruder bringt, nur irgend ein 
Zauber sein. Als Repräsentanten der abstrakten Mächte : 
Kapital, Bildung, Verfassung, Gesetz, errät er die Juden, 
jene Juden, die bindende Kontrakte machen, — wo 
doch der Wiener >keinen Richter braucht«, — eine 
immanente Entwicklung der Geschichte behaupten und 
predigen und im Gegensatz der Klassen, in ökonomisch- 
technischen Tatsachen die Ursachen allen Geschehens 
erblicken und durchzusetzen suchen. Das Alles hat er 
nicht ergrübelt, sondern ertastet. Er überläßt sich im 
ganzen weiteren Leben dem Impuls als seinem führenden 
Genius, fest entschlossen, ein- für allemal nach dem 
Donner des Applauses zu marschieren. Er wählt aber 
— und das erhebt ihn über den Durchschnitt — den 
denkbar größten Umweg zur Macht. Er begibt sich 
vorerst in eine schreckliche Einsamkeit und scheinbar 
hoffnungslose, höchst dornige Arbeit. Ohne selbst einen 
klingenden Namen zu haben, ohne sich mit Namen zu 
verbinden, sogar von den natürlichen Bundesgenossen 
verkannt, schafft er aus einem jungfräulichen Boden 
eine Naturkraft. Nach einem langsichtigen Plan spielt 
er zuerst seine Härte und Hassenskraft, gelegentlich 
seine Grausamkeit aus, um dereinst, nach vielen Jahren, 
die Angegriffenen durch seine Verführungskünste desto 
sicherer zu erobern. Er scheut nicht Wirtshausqualm 
und Prügelei, nicht den Haß von oben und unten, 
nicht die Geringschätzung der Intellektuellen, nicht den 
Ruf eines Wurstels. 



— 40 — 

Das Ziel seines Herzens ist, Bürgermeister von 
Wien zu werden. Daß diese Stellung ein gewaltiger 
Angelpunkt der Politik ist, das ist seine eigentliche 
Konzeption, das einzig Konstruktive seines Lebens. 
Alle anderen Aufgaben wachsen ihm gleichsam auf 
dem Wege zu. Seine innerste Triebkraft ist der Fleiß, 
die Lust am Verwalten. Wieviel muß ein Mensch 
kämpfen, damit ihm gestattet werde — zu arbeiten! 
Was ihm auf dem Marsch dahin begegnet, wertet er 
mehr notgedrungen aus, er gestaltet es fast wider 
Willen. Er wird Antisemit und nimmt Dienste bei der 
Kirche, aber sein Grundgedanke ist und bleibt die 
Demokratie. Das Volk bleibt immer der gebende Teil, 
auch gegenüber dem Adel und dem Hof, auch gegen- 
über der Kirche, gegenüber allen, denen er scheinbar 
oder wirklich dient. 

Je höher er zur Macht steigt, desto sichtbarer 
wird der Mangel einer großangelegten Konstruktion 
der von ihm geschaffenen Partei. Er hat nach über- 
wundenem Sturm und Drang nicht das geringste Be- 
dürfnis, die Partei kulturell abzurunden, höchstens die 
Sehnsucht, einen persönlichen Frieden zu machen. 
Wenn er seinerzeit der demokratischen Partei untreu 
wurde, so geschah es nur, weil er einen viel groß- 
artigeren Weg wußte, um die Demokratie zum Siege 
zu führen. Andere Demagogen nehmen, ans Ruder 
gelangt, eine Pose an, stilisieren sich irgendwie. 
Lueger besaß die schönste Eigenschaft des Wieners: 
die Verachtung der Affektation. Er blieb in seinen 
Manieren immer der gleiche. Er genoß seinen persön- 
lichsten Triumph darin, die Sprache und Denkweise 
des Volkes überall einzuführen, es war ihm ein Hoch- 
genuß, wenn er in der Akademie der Wissenschaften 
genau so redete wie im Wirtshaus. Und er blieb dabei 
der Überlegene, er führte den Beweis durch, daß die 
von ihm verkörperte Volkspersönlichkeit sich überall 
ungeniert behaupten könne. Er beugte sich nicht vor 
der Wissenschaft, aber auch nicht vor der Kirche, er 



— 41 



diktierte den Kardinälen das Gesetz von Mariahilf und 
Margareten. Wien siegte sogar über Rom. In dieser 
Paradoxie erschöpfte sich sein kulturelles Programm. 
Er vermeinte, sein Werk vollendet zu haben, wenn er 
eine politische Partei, richtiger eine Gefolgschaft, ins 
Feld gestellt hatte. Eine autochthone österreichische 
Kultur unter zeitweiliger Zurückdrängung des jüdischen 
Ferments zu ihrer größten Verfeinerung zu erheben, 
wäre längst unmöglich gewesen. Er hat aber auch bis 
zu seinem Tode niemals die Sehnsucht gehabt, eine 
solche Veredlungsarbeit zu leisten und, da er über 
seine empirische Person nicht hinausblickte, auch nichts 
getan, um die ihm fehlenden Kulturelemente nach- 
träglich heranzuziehen, sie durch andere repräsentieren 
zu lassen. Diese Tatsache drückt sich in der ver- 
blüffenden Einflußlosigkeit der christlichsozialen Presse 
aus, in dem schlecht verhehlten Respekt, den man just 
in diesem Lager vor den geistigen und künstlerischen 
Leistungen eines gewißen Kreises besitzt.*) In dieser 
Beziehung hat der Antisemitismus geradezu den 
Charakter eines Experimentes für die unzerstörbare 
Überlegenheit der Juden angenommen, eines Experi- 
mentes, welches gerade durch die politischen Erfolge 
der Christlichsozialen zwingend wird. 

Statt der angedeuteten Synthese, welche, auch 
wenn sie vorerst nicht gelungen wäre, doch die von 
Lueger aufgeworfene Grundfrage offen gelassen und 
Stoff zu einem großen Erbe gebildet hätte, wählte er 
eine andere, in welcher er seine Persönlichkeit aller- 
dings restlos ausleben konnte, verführt durch seine 
Virtuosität und die ihm zur Verfügung stehende 
Technik. Er wurde der Repräsentant von Wien. Er 
löste die von ihm angeschlagene Dissonanz in einer 
andern Konsonanz auf, als zu erwarten war, Wien 
verwandelte sich aus einem Mittel zum Zweck, es 

*) Ohne zu ahnen, daß es weder geistige noch künstlerische 
Leistungen sind. Anm. d. Herausg. 



— 42 — 



schob sich seiner Lebensidee unter. Sein persönlicher 
Erfolg wurde dadurch nur größer, aber er hinterläßt 
nunmehr statt einer politischen Tradition die Erinnerung 
an ein Schauspiel. Die Verführung, Wien selbst als 
Idee zu setzen, ist allerdings außerordentlich groß und 
ihrem Reize können selbst die härtesten Charaktere 
schwer widerstehen.*) Der Grund liegt darin, daß Wien 
in seiner Art ebenso eine unzerstörbare und kostbare 
Menschheitsidee bedeutet wie in seiner Art nur noch 
Jerusalem, Athen und Rom. 

Wien ist jener Ort der Erde, wo ein ganzes Volk 
in jeder Lebensäußerung den Versuch macht, alle Ab- 
straktionen zu leugnen, sich der Logik der Dinge um 
jeden Preis zu entwinden. Wien ist der fleisch- 
gewordene Widerspruch gegen die Macht des Unpersön- 
lichen. Hier soll das Gemüt seine letzte Zuflucht haben 
und wenn die ganze Erde nach den Gesetzen abstrakter 
Notwendigkeiten regiert wird, Wien bleibt Wien, die 
Stadt, wo nicht die Personen aus den Gegenständen, 
sondern umgekehrt die Gegenstände aus den Menschen 
wachsen. Alle Ereignungen des Lebens sollen außer 
dem, was sie gegenständlich sind, auch noch Anlässe 
zu Gemütsbewegungen sein. Die Nebensachen sind die 
Hauptsache. Und die Hauptsache? Nun, die ist Neben- 
sache. Der Nutzgegenstand ist Gelegenheit für ein 
Ornament, der Zweck des Bildes ist der Rahmen, des 
Geschäftes die Konversation. Man ist nie »bei der 
Sache«. Auch beim Vergnügen nicht. Kommt man zum 
Tanz, dann ist es die Plauderei im Nebenraum, kommt 
man zur Konversation, so ruft man die Musik zuhilfe, 
wird Musik gemacht, dann soll der Künstler schön 
sein, vom Maler verlangt man, daß er ein Kunstpfeifer 
sei, vom Kunstpfeifer, daß er tanzt. Man wünscht, in 
allen Verrichtungen gestört zu werden. Die Unter- 
brechung und Negierung alles dessen, was jeweils 
auf der Tagesordnung steht, heißt Erholung. 

*) Ich schon I Anm. d. Herausg. 



43 



Wovon erholt sich der Wiener? Von vergangener 
Arheit, von der großen und kleinen, am liebsten von 
der zukünftigen. Was hat den Wiener so müde ge- 
macht? Die psycho-physische Arbeit der Rassenmischung. 
Völkerverdauungsmüdigkeit. Österreich ist ein Magen- 
volk, weil es ein Völkermagen ist. Dem politischen 
Problem, wie so viele Völker vom Reich verfassungs- 
rechtlich verdaut werden sollen, entspricht ein physio- 
logisches. Und diese Riesenarbeit soll auf ein paar 
Quadratmeilen geleistet werden. Wie sich die Frauen 
eine gewisse Trägheit mit gutem Gewissen gestatten, 
weil sie sich bewußt sind, mit dem Gebären genug 
Arbeit zu leisten, für welche und nach welcher sie sich 
zu schonen haben, so hat Wien das instinktive Gefühl, 
daß das ganze Volk genug chemisch-physiologische 
Anpassungsarbeit getan hat, wenn es überhaupt 
existiert und lebt. Österreichs und Wiens physiologische 
Arbeit verdrängt nicht bloß, sondern ersetzt sogar 
politische und kulturelle Arbeit, so wenn beispielsweise 
Wien ganze Hekatomben von Slawen einfach durch 
Heirat und Geburt germanisiert. Gebären ist wirkungs- 
voller als Erziehen. Darum hat der Österreicher ein 
so gutes Gewissen. Er hofft, daß das Reich einfach 
durch die Wirkung der Zeit sich einmal amalgamieren 
werde. Derzeit ist Österreich ein kunstvolles Gebilde 
zur Entlastung Deutschlands, ein von Deutschland 
angelegter breiter Gürtel, wie ihn die französischen 
Könige zur Zeit der Raubkriege träumten, ein Glacis, 
hinter dem sich Deutschland gegen Osten deckt, 
dessen permanente innere Reibungen der Preis für den 
Frieden jenseits der Grenze sind. Österreich ringt nach 
einem eigenen Sinn, einem Schicksal für sich selbst. 
Das größte Hemmnis dafür liegt in dem schwach ent- 
wickelten politischen Sinn der Deutschen, die im 
Zentrum sitzen. Wer Wien politisiert, sein Gewicht 
innerhalb Österreichs steigert, der arbeitet an der 
Selbstbestimmung Österreichs, das ist die dumpfe, aber 
richtige Empfindung, welche der christlichsozialen 



44 



Partei ihre Reiclisbedeutung gibt. Damit bestimmt sich 
auch das Programm gegenüber Ungarn. 

Aus seinem körperlichen Grundgeftihl heraus, 
welches sich aber gedanklich und politisch rechtfertigen 
läßt, verabscheut der Deutsch-Österreicher alle Kon- 
struktionen und betont seinen Instinkt, Er ist der 
modernen großindustriellen Weltwirtschaft, der Groß- 
stadt, dem komplizierten Verkehr noch nicht gewachsen, 
weil er seine volle Kraft auf Rassenaufgaben verbraucht. 
Er sucht daher nach einer Lebensform, derzufolge die 
Menschen als Individuen, so wie sie gegeben sind, 
existieren können, ohne die Unterordnung unter ein 
System. Der Wiener will, was die ganze Menschheit 
wollen sollte: die Eingliederung des komplexen 
Menschen in das gesellschaftliche Ganze. Nur nimmt 
er sich dabei die Freiheit, das was als letztes 
Ziel aller Staatskunst winkt, was das letzte Ergebnis 
der Kultur sein kann, als schon erfüllt vorauszusetzen. 
Der Wiener wartet nicht erst, bis alle Probleme durch- 
gekämpft sind und die Gesellschaft jene Gestalt hat, 
wo die Individuen wirklich Platz haben, sondern er 
lebt resolut, als hätten wir alle das Recht, so zu sein, 
wie wir sind. Wir binden uns an kein Programm, wir 
vertrauen auf die prästabilierte Harmonie aller Dinge. 

In Lueger erschien nun leibhaftig der ZVlensch, 
der die sprödeste Materie spielend bewältigt, unge- 
fähr wie ein Lehrer einem Schüler alles scherzend bei- 
bringt, der Mensch, der alle Abstraktionen verhöhnt 
und die ledernsten Leute einfach verführt, der beweist, 
daß der Wiener im Grunde Recht hat, weil der Wiener 
der eigentliche Mensch ist, der Alles und Jedes mit 
Gemüt durchwirkt und guirlandiert. Wäre er ein Schau- 
spieler oder ein Dichter gewesen, so wäre der Beweis 
nicht durchgreifend. Daß ein Bohemien so sein 
kann, das wissen wir schon. Es handelt sich aber 
darum, daß ein fleißiger Mensch harte politische Arbeit 
in Form der Erholung leistet und das hat Lueger zu- 
standegebracht. 



— 45 — 



Je höher sich seine Virtuosität entwickelte, desto 
mehr reizte es ihn, einfach Wiener zu sein. Es wurde 
der Sinn seines Lebens, das Widersprechende zu ver- 
einigen, zu einer Partei zusammenzuballen, ohne 
Rücksicht darauf, ob sich ein Nachfolger finden würde. 
Was ihm seine Gegner vorwarfen, war eben das, was 
er beweisen wollte. Es war des Volkes unendliches 
Ergötzen, als er schließlich sogar die Juden be- 
zauberte und mit sich versöhnte. Blut ist stärker als 
Klasse, ein eminent demokratischer Gedanke, denn 
Demokratie ist Vermischung und Vermischung ist Ver- 
wischung. Der Wiener erlebte die Freude, daß sich 
die Gesellschaft in eine Reihe von Personen aufzu- 
lösen schien. Der Wiener will immer mit Personen zu 
tun haben, weil diese mit sich reden lassen. Die Welt 
soll sich in eine Anzahl von Hofräten auflösen, die 
einerseits allmächtig, andererseits grenzenlos gefällig 
sein sollen. 

So hat Karl Lueger die von ihm mit Wucht auf- 
geworfene Frage mit seiner eigenen individuellen Per- 
sönlichkeit beantwortet, die politische Aufgabe mehr 
und mehr verlassend, die Verwaltung in den Mittel- 
punkt seines Wollens gerückt, weil hier der Kompro- 
miß durch die Natur der Dinge vorgezeichnet ist. Er 
schließt mit einem prasselndem Feuerwerk und hinter- 
läßt statt einer Tradition Pietät, statt eines Werkes den 
Karl Lueger-Platz, statt einer Tat eine Maske. Aus 
dem Feldzug ward ein Fest, die Armee steht allein. 



Seibstanzeige 

Aus einem Wiener Brief der .Frankfurter Zeitung* vom 
15. April: 

G. Wien. 13. Aprü 

Ein eigenartiges journalistischesJubiläumistzu verzeichnen : 
von der .Fackel' ist die 300. Nummer erschienen. Wiener journali- 
stischer Brauch verbietet eigentlich, von der .Fackel' und ihrem Heraus- 
geber Notiz zu nehmen. Wir fügen uns diesem Brauche nicht. Nicht 
weil sein Bruch mehr ehrt als die Befolgung, sondern weil er dumm 



46 



ist. Die Totschweigetaktik der Wiener Journalistik hat noch niemanden 
umgebracht, oder auch nur verhindert, mächtig zu werden. Im Gegen- 
teil. War der Totgeschwiegene nur hinreichend wehrhaft, so hatte er sehr 
bald noch die Sympathien aller Jener auf seiner Seite, die ein Monopol 
der Zeitungen auf die Bildung der öffentlichen Meinung nicht anerkennen 
und den Opfern eines unberechtigten Zunft- oder Korpsgeistes an Ruhm 
und Anerkennung verdoppelt heimzahlen, was ihnen der täglich am- 
tierende Chorus vorenthält. Der Betroffene selbst hält sich gewöhnlich 
durch eine Hypertrophie des Selbstbewußtseins schadlos für den ihm 
entgangenen Zeitungsruhm, und — hartnäckig verkündete Autoreklame 
findet oft ebenso begeisterte Apostel wie wirkliche Größe. Si licet parva 
componere magnis . . . Der Fanatismus der Wagnerianer hatte seine 
tiefste Wurzel in der Verstocktheit der Gegner, Luegers Triumph in 
in der extremen Feindseligkeit der Presse, und wenn Karl Kraus heute 
im Reiche draußen wie in Österreich Parteigänger hat, die gewogen und 
nicht gezählt werden müssen, so verdankt er das gewiß in erster Linie 
dem Umstände, daß in der Tagespresse niemand seinen wirklichen Gaben 
Gerechtigkeit widerfahren läßt. Er hat es der Presse schwer gemacht, 
sich mit ihm zu befassen. Er hat sie maßlos beschimpft und Urteile in 
Bausch und Bogen gefällt, bei denen ihm zweifellos mehr die Freude 
an boshaften Pointen als der Wille, gerecht zu sein, die Feder führte. 
Er hat auch Einzelne, und nicht die Schlechtesten, mit einer Wut ver- 
folgt, die nicht entschuldigt werden kann, zur Freude aller Neidlinge, 
denen jeder gute Name ein Dorn im Auge ist. Aber den Neidlingen 
allein verdankt er es doch nicht, daß er in zehn Jahren 300 seiner 
brandroten Heftchen in die Welt schicken konnte, und was mehr ist, 
daß diese Heftchen auch wirklich gelesen werden. Der Skandalsucht 
dienen ja auch andere > Zeitschriften«, die kein Mensch in die Hand 
nimmt, und daß er der erste war, der dem Bedürfnis nach einer > Kritik 
der Kritik< Rechnung trug, hätte ihm gewiß nicht die Treue seiner Leser 
durch zehn Jahre hindurch gesichert. Dazu bedurfte es schon des Talents 
und, da es in Wien auch an Talenten in der Presse nicht fehlt, noch 
eines ganz bestimmten Talents, einer persönlichen Physiognomie. Die 
hat nun Karl Kraus, der Schriftsteller, — der Mensch ist uns unbe- 
kannt — ganz sicher. Und wir können nicht umhin, die Kollegen von 
der Presse mögen es uns verzeihen, manche Züge dieser Physiognomie 
sympathisch zu finden. Vor allem sein bis ins Extrem reinliches und 
peinliches Sprachgefühl. Man darf es ihm glauben, daß ilm der Schliff 
eines einzelnen Satzes mehr (freudig geleistete) Arbeit kostet, als andere 
ein ganzer Essay. Das Ergebnis ist dann auch darnach. Kraus ist ein 
Künstler der Pointe, wie wir ganz wenige haben. In ein halbes Dutzend 
sorgfältigst gewählter Worte preßt er den Extrakt langer Gedankenarbeit, 
und hinter seinen Witzen liegt oft genug, wie hinter denen Lichtenbergs, 
ein System verborgen. Es ist wahr, er scheut die Zote nicht, aber bei 
der reichlichen Konkurrenz gerade in diesem Genre würde er auch damit 
nicht weit kommen, wäre ihm die Zote Selbstzweck. Sie dient ihm aber 
nur dazu, der landläufigen Schicklichkeit ins Gesicht zu schlagen. Das 



47 



ist überhaupt seine Leidenschaft und vielleicht läßt sich ein Teil seiner 
zynischen Sexualtheorien auf diesen Drang zurückführen. Auch sonst 
kann ich das Gefühl nicht loswerden, daß hinter der Grimasse eines 
wütenden Menschenfeinds und Verächters sich ein überempfindliches, 
durch alltägliche Trivialitäten und Niedrigkeiten bis aufs Blut gereiztes 
Künstlergemüt verbirgt, das einen grimmigen Lebensschmerz vergeblich 
zu betäuben sucht. Und Thersites, der die Buckel seines Größenwahns 
kreischend zur Schau stellt, ist wahrscheinlich im tiefsten Innern ein 
bescheidener, mit schmerzhafter Selbsterkenntnis ringender Mensch, der 
zu schamhaft und zu stolz ist, vor der Kanaille sich in seiner wahren 
Gestalt zu zeigen. Schon hat er sich vom Eintagssatiriker zum Sozial- 
kritiker emporentwickelt, der kaum mehr ohne großen Gegenstand sich 
regt. Der Stadt aber, die er mit der ganzen Leidenschaft seines Spottes 
geißelt, wird er vielleicht noch einmal das Zeugnis ausstellen, daß sie 
allein ihm die Möglichkeit der Entwicklung geben konnte, weil sie 
Kulturmenschen genug beherbergt, die ein sich selbst erst suchendes 
und findendes Talent mit Anteilnahme von seinen Anfängen bi« zur 
Höhe verfolgen. 



Glossen 
Von Karl Kraus 

Ein Abend beim bulgarischen Königtpaare 

Die Neue Freie Presse, die heute noch der Meinung ist, 
daß sie mit einer Zudringlichkeit, Einbildung und Blödheit aus 
den Achtziger Jahren in der Welt Aufhebens machen kann, füllte 
kürzlich vier Seiten ihres Sonntagsblattes mit der Schilderung, wie 
der König von Bulgarien den Siegmund Münz interviewt hat. Dieses 
Gespräch zwischen S. M. und S. Mz., in welchem nichts anderes 
enthalten war, als daß Herrn Münz Sophia modemer, aber Kon- 
stantinopel dafür altertümlicher vorkommt, erinnert dennoch vielfach 
an das bekannte Interview, das der Marquis Posa mit dem König 
Philipp hatte, nur mit dem Unterschied, daß Münz die liberalen 
Hoffnungen, die Posa an die Unterredung knüpft, um dann leider 
enttäuscht zu werden, im König Ferdinand schon erfüllt vorfindet, 
ohne daß er ihn erst zu den Idealen der bürgerlichen Weltordnung 
bekehren müßte. Im Gegenteil sagte der König sofort: >Ich habe 
den Tod Ihres Kollegen Schütz sehr bedauert« Sonst aber hätte 
sich das Gespräch ganz so abgespielt, wie seinerzeit, und wie 
es zwischen einem Weltbürger und einem Potentaten seit jeher 



48 



üblich ist, wenn nicht der König von Spanien sich damals haupt- 
sächlich über die wichtige Frage der Gedankenfreiheit hätte ausholen 
lassen und die Aufforderung: > Drängt euch zu meinem Sohn, 
erforscht das Herz der Königin«, erst ganz zum Schluß an den 
Besucher gerichtet hätte, während Herr Münz sofort dem Familien- 
diner zugezogen wurde und kaum in Sophia angekommen, auch 
schon hinter der Königin und dem Kronprinzen Boris her war. 
Eine gewisse Parallele ergibt sich nun wieder insofern, als der 
Marquis Posa erklärte, er sei soeben aus Flandern und Brabant 
angekommen und auf verbrannte menschliche Gebeine gestoßen, 
während der Münz aus Leipnik kommt, aber immer wieder versichert, 
er komme aus Konstantinopel, und er vermisse in Sophia die pitto- 
resken Spuren der Vergangenheit, überhaupt sei hier alles so kultiviert, 
daß er den Eindruck habe, >in einer neuungarischen Provinzstadt 
zu sein, so wenig orientalisch finde er die Stadt«. Ein kräftiges, 
ein großes Volk, meint Herr Münz, und auch ein gutes Volk, alles 
was man will, und so viele reiche, blühende Provinzen, aber — >ich 
habe, Majestät, auf dem Wege hieher nach Sophia sehr wenige 
Schlote gesehen. Die Industrie scheint in Bulgarien noch nicht 
viel entwickelter zu sein als in der Türkei«. Fürwahr, eine freie 
Sprache. Münz kann nicht Fürstendiener sein. Der König >fixiert 
sein Gegenüber« ; ganz wie jener andere, der den Marquis 
bald mit einem Blick der Verwunderung, bald mit Erstaunen, 
mit Erwartung, mit Überraschung betrachtet. Aber Münz braucht 
seinen König nicht mehr zu erziehen. >Ich hatte«, bekennt er, »in 
dem König einen Mann von Temperament und Selbstbewußtsein 
vor mir, und ich müßte ihn so einschätzen, auch wenn er nicht 
König wäre. Es ist doch selbstverständlich, daß es einem Publi- 
zisten, der auf seine Reputation hält und dem jede höfische Ge- 
sinnung fern ist, schlecht anstünde, sich unter dem Eindrucke 
einer freundlichen Aufnahme von dem Glanz einer Krone der- 
maßen blenden zu lassen,'^ daß er ihren Träger in einer die Öffent- 
lichkeit irreführenden Weise überschätzen wollte. Hie die Majestät 
des Königs — hie die vollste Unabhängigkeit des 
Publizisten!< Hi hü Der Münz kann also nicht Fürstendiener 
sein! Da kann man eben nichts machen. (Der König ist bewegt.) Nach 
aufgehobener Tafel möchte Münz am liebsten sagen: »Mein Herz ist 
voll — der Reiz zu mächtig, vor dem Einzigen zu stehen, dem 



- 49 — 



ich es öffnen möchte.« Da wird er aber vom König ins Gespräch 
gezogen. Und hier erst zeigt sich der ganze Unterschied z\tischen 
Posa und Münz, zwischen der Enttäuschung, die jener, und der 
Befriedigung, die dieser empfinden mußte. Denn während Posa den 
König Philipp erst allmählich dahinbringen will, Biirgerglück ver- 
söhnt mit Fürstengröße wandeln zu lassen, bemerkt Münz zu seiner 
angenehmen Überraschung, daß der König von Bulgarien — was 
Bürgerkönig! — Bauemkönig ist, daß er »den gesunden Kern mit 
der harten Schale vom ersten Tage an erfaßt« hat, sich politisch 
ganz demokratisiert und dieser rauhen bulgarischen Volksseele 
sich hingegeben hat. Den Stock braucht er nur, weil er sich in 
diesem Klima auch die Gicht geholt hat, höchstens noch, um 
etwa ein Ende zu machen, wenn ein Interview zu lange dauern sollte, 
aber ganz gewiß nicht zu absolutistischen Zwecken. Übrigens 
scheint er den größten Wert auf die Anwesenheit des Münz zu legen, 
und dieser ist gar nicht imstande, alle Fragen, die von der Königs- 
familie auf ihn einstürmen, zu beantworten. Wie ein wieder- 
gefundener Sohn wird Münz umringt, denn wenn er auch bei 
allen anderen Potentaten Europas wie's Kind im Herrscherhaus 
ist, so scheint sich hier eine ganz besondere Teilnahme seinen 
Bestrebungen zuzuwenden. >Wie hat es Ihnen in Konstantinopel 
gefallen?« beginnt der König, »Was waren Ihre Eindrücke?« . . Es 
gefällt Ihnen nicht alles in Konstantinopel?« . . »Und welchen Ein- 
druck machten Ihnen die Truppen?« (Auf diese Frage versichert 
Münz, er sei kein Soldat, aber die Truppen hätten sein ästhetisches 
Wohlgefallen hervorgerufen.) Da will wieder die Königin wissen : 
»Und welchen Eindruck macht Ihnen Konstantinopel?« (Auch ihre 
Frage beantwortet Münz sehr entgegenkommend und ausführlich, 
wobei er versichert, daß er ein moderner Kulturmensch sei.) Da 
aber fragt der König: »Haben Sie den Sultan gesehen?« . . »Und 
welchen Eindruck machte Ihnen der Sultan?« (»Ich habe«, 
antwortet Münz, »von seinen müden Gesichtszügen eine 
lange Leidensgeschichte abgelesen«) . . »Und welche Eindrücke 
hatten Sie sonst in Konstantinopel? Haben Sie viele Menschen 
gesehen, die Minister, die Deputierten?« (»Ich habe«, antwortet 
Münz, der schon ein wenig ungeduldig wird, sichtlich knapp, 
aber taktvoll, »so viele Menschen sehen müssen, daß mir leider 
wenig Zeit für die Dinge blieb«). Die unausgesprochene Frage 



50 



des Kronprinzen Boris: Und haben sie nicht den l<leinen Kohn 
gesehn? — offenbar meinte der Kronprinz den Konstantinopler 
Korrespondenten der Neuen Freien Presse — diese Frage beant- 
wortet Münz wieder mit einer Frage, mit der er sichtlich von der 
Politik abschweifen will. Nämlich ob der Kronprinz, als er in Bayreuth 
war, nicht durch die überlange Dauer der Vorstellungen ermüdet 
worden sei. »Durchaus nicht«, sagte der Kronprinz, der sich im 
Gegenteil durch seinen Besuch in Bayreuth für den Besuch des 
Münz in Sophia trainiert hat. Und die Königin will das Ge- 
spräch beenden, indem sie, offenbar ganz unter dem Eindruck der 
Persönlichkeit, nachdenklich vor sich hin die Erkenntnis murmelt: 
»Ja, der Orient hat seinen Zauber«. Herr Münz wehrt bescheiden 
ab und sagt: »Majestät haben den Orient auch in seinen rauhesten 
Schrecken kennen gelernt«, führt aber, da die Königin eben höflich 
oh oh! sagen will, seine Meinung aus: »Majestät sind als Samari- 
tanerin durch die Mandschurei gezogen«. Worauf wieder die 
Königin bescheiden abwehrt und das Wahrwort findet: »Der Mensch 
hat Pflichten, an welcher Stelle immer ersteht.« Das Mißverständnis 
war also aufgeklärt, Herr Münz hatte die Mandschurei und die 
Königin hatte die Neue Freie Presse gemeint, und die Unter- 
haltung spann sich gemütlich weiter. Wie nahe Münz der 
bulgarischen Königsfamilie steht, geht daraus hervor, daß er >in 
der Lage war, dem König zu sagen«, er habe vor Jahren »eine 
angenehme Woche bei Freunden in Schloß Ketschendorf bei 
Koburg zugebracht und kenne auch die Gruft, in der des Königs 
Eltern ruhen«. Worauf der Kronprinz ihm beim Dessert »ein 
Bonbon mit dem Bilde seiner beiden Schwestern zuschob« und 
ihn »bat, es zur Erinnerung mitzunehmen«. Die Schilderung, die 
Herr Münz von der Hoftafel entwirft, stimmt durchaus zu dem 
Typus eines Königs, der sich schon ganz demokratisiert hat. »Die 
Tafel ist reich mit Blumen bedeckt. Manches alte Sevres fällt uns 
auf, . Der König, der in alles eingreift . . .« Kein Wunder, daß er 
auch den gesunden Kern mit der harten Schale erfaßt. Die 
Speisesitten des Herrn Münz werden in dieser Schilderung als 
bekannt vorausgesetzt, denn sonst wäre es unbegreiflich, daß der 
König, dem die Neue Freie Presse den ausführlichen Bericht 
doch jedenfalls verdankt, diesen Punkt nicht berührt hat. Freilich 
fiele es aus dem Stil einer solchen Begegnung, die sich durchaus 



51 



in den feinsten welthistorischen Formen abspielt. Schon beim 
Eintritt des Münz war es dem König klar: Anders als sonst in 
Menschen köpfen malt sich in diesem Kopf die Welt. Münz 
bewundert die Porträts von des Königs liltem, die Herr v. Angeli 
gemalt hat: da hört man deutlich, wie der König die Worte 
»Sonderbarer Schwärmer !€ unterdrückt. Münz beteuert, er hal)e »in 
ganz Konstantinopel kein Pflaster gesehen wie in Sophia«. 
Der König (beiseite) : Bei Gott, er greift in meine Seele ! 
Die Bulgaren »müssen mit der Natur ringen«, sagt Herr Posa; 
und >man sieht überall eine Bauwut«. »Dem Undank haben 
sie gebaut«, meint Marquis Münz, »umsonst den harten Kampf mit 
der Natur gerungen.« Da aber jener nicht aufhört, den König 
über den Unterschied von Sophia und Konstantinopel aufzuklären, 
möchte man den König bitten, jetzt doch endlich auch das Zitat 
zu bringen: »Nichts mehr von diesem Inhalt, junger Mann!« Nur 
eine Äufkrung hat der König bestimmt nicht getan: als nämlich 
Herr Münz beherzt sagte, er vermisse die Industrie in Sophia, und 
tollkühn das Offert emer österreichischen Anleihe machte, da hat der 
König sicher nicht mit den Worten abgeschnitten: Ihr seid ein 
Protestant! Denn sonst hätte Herr Münz wahrscheinlich antworten 
müssen: Ihr Glaube, Sire, ist nicht der meinige! Dagegen sprach 
der König davon, daß es »ihm, dem Fremden« in Bulgarien 
nicht leicht geworden sei, während wieder bei Schiller die Anspie- 
lung auf den »gekrönten Fremdling« in der späteren Ausgabe 
gestrichen ist. Abweichungen da und dort. Unausgesprochen blieb 
auf Seite des Herrn Münz der Gedanke: Lassen Sie mich, wie 
ich bin. Was war' ich Ihnen, Sire, wenn Sie auch mich bestächen? 
Dagegen liegt einem Spezialtelegramm aus Sophia zufolge eine 
Äußerung vor, mit der der König diese denkwürdige Unterredung 
abgeschlossen hat. Der Hofmarschall Draganow trat herein 
und der König rief: »DerSchmock wird künftig unter keinen Um- 
ständen, hören Sie Draganow, weder gemeldet noch ungemeldet 
vorgelassen I « 

• 

Aphorismen und kein Ende 

Es wäre nachzutragen, daß man von einem Osterei der 
Neuen Freien Presse, wenn es schon über achtzig Jahre alt ist, nicht 
mehr die volle Frische verlangen kann. Aber man macht dem alten 



— 52 — 

Juristen Josef Unger keinen Vorwurf daraus, daß er in sein Notizbuch 
alles Mögliche einträgt; man nimmt es ihm nicht einmal übel, daß 
er es gedruckt haben will ; man empfindet es nur als eine unerhörte 
Behelligung, daß die Neue Freie Presse unter dem provokanten 
Titel »Aphorismen und kein Ende< und mit dem provokanten 
Motto: »Quousque tandem?« diese Geschwätzigkeit bietet, die von 
dem Schein der Altersweisheit lebt und in Wahrheit selbst den 
Glauben an eine geistige Vergangenheit beirrt. Es gehört zu den 
stärksten Infamien, deren diese abgetakelte Meinungshure fähig ist, 
sich zur Dekoration ihres Rufs mit Greisen zu umgeben, deren 
hemmungsloses Unvermögen öffentlich bloßzustellen und das 
Andenken an deren Blütezeit bei jenen zu kompromittieren, die sich 
bei solchem Schauspiel nicht vorstellen können, daß es je anders war. 
Die geistige Schändung eines Greises sollte schwerer gestraft werden, 
als die leibliche Kinderschändung. Man hat den maßlos wider- 
wärtigen Eindruck, daß ein reklamesüchtiger Zahnarzt auf der 
Straße einen Mann zusammengeklaubt hat, der nicht mehr gehen 
kann, und dem er den Mund aufreißt, um den versammelten Passanten 
zuzurufen: >Und Zähne hat er auch keine mehr! Meine Adresse 
ist Fichtegasse Nr, 11. < Es gibt eine Altersgrenze für Professoren. 
Aber wir haben die bösen Zeiten des Aphoristikers Gersuny mit- 
machen müssen, und wenn einer aufgehört hat, Zivilprozeß vor- 
zutragen, was er schließlich ganz gut >bis in hundert Jahr'« tun 
könnte, darf er in vollster geistiger und körperlicher Frische 
Aphorismen schreiben. Der alte Unger trägt in sein Notizbuch ein, 
was ihm heute und andern Denkern schon zur Zeit des Bürger- 
ministeriums durch den Kopf gegangen Ist, und er wird nicht 
verhindert, es uns noch zu zeigen. So erfahren wir: 

Als ich meine Demission als Minister erhielt und das Haus vor 
dem Schottentor verließ, summte ich das Raimund'sche Couplet (mit 
einer kleinen Variante) vor mich hin: 

So leb' denn wohl, 

Du Bretterhaus 1 

Ich zieh' vergnügt 

Aus dir hinaus. 

Es ist sehr zuvorkommend, daß er in Klammern »mit 

einer kleinen Variante« hinzufügt, man hätte die feine Pointe sonst 

nicht gemerkt. Unger hat aber auch tiefere Gedanken. So notiert 

er ium Beispiel: 

»Media in vita in morte sumus«. 



— 53 — 

Aber warum nicht auch »Panta rhei«? Neuer als solche Ge- 
danken ist nun dieser: 

Was wir' das Leben ohne Liebesglanz I 
(Thekla.) 
Nicht übel. Und gewiß kann auch ein Zitat mein eigener 
Gedanke sein. Aber in welchem Zusammenhang soll uns die Be- 
rufung des alten Unger auf die Thekla irgend etwas bedeuten? 
Und was fangen wir gar mit dem Satz an: 

En amour trop n'est pas assez! 

Dann freilich : 

In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling, 

Still auf gerettetem Boot treibt in den Hafen der Greis. 

Auch das ist ein Aphorismus von Unger. Das ist nun schon 
eher möglich, weil es beziehungsvoller ist. Wenn man aber 
anderseits bedenkt, daß das persönlichste Erlebnis des Greises 
erst nachfolgt? Daß die Neue Freie Presse ihn aus dem Hafen mit 
Gewalt wieder hinaustreibt und allen Gefahren wieder preisgibt? 

Ein jeder geht auf seine Art zu Gründe 
schließt Herr Unger. Aber diese Art ist wohl die schrecklichste. Und 
nicht genug an dem. Kaum, daß der alte Mann endlich doch Ruhe 
hat und Ruhe gibt, zerrt ihn die Neue Freie Presse noch einmal ins 
Boot, um ihn dann ins Wasser zu stoßen. Wie das? Nun, »Aphorismen 
und kein Ende< hieß es, das Leben ist lang, es währet siebenzig 
Jahr, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahr, und dann 
kommen erst die Aphorismen, unter denen sich aber auffallender- 
weise dieser Satz aus Psalm neunzig nicht befindet Aphorismen und 
kein Ende! Nun ja, aber wenn die Osterfeiertage vorüber sind, ist 
doch alles vergessen, Sonntagund Montag wird der Skandal besprochen, 
aber am Dienstag, wenn wir wieder an die Arbeit gehen, gehört 
das Feuilleton der Neuen Freien Presse der Jugend, der lieben 
lachenden Jugend, dem sprossenden Nachwuchs, der lenzelichen 
Lust, mit einem Worte dem Zifferer I Da — Blendwerk der 
Hölle! —was ist das? Welch aberwitzige Vision narrt mich hier? 
Ein Alpdruck, fünfspaltig: »Aphorismen und kein Ende«. Noch 
kein Ende? Eine Fortsetzung? Es gibt da noch eine Fortsetzung? 
Und wieder das Motto >Quousque tandem«! Fiebernd überfliegt 
mein Blick die Spalten, und ich lese: 

>Was wir das Leben ohne Liebesglanz l< 



— 54 



und alles, alles wieder — »So leb' denn wohN und »media in vita« 
und »En aniour< und der Jüngling schifft wieder in den Ozean 
und wieder fehlt »pantarhei«! Warum fehlt »panta rhei«?! Ist es 
ein Alpdruck oder ein Wiederdruck des Alps? Wanim hat man 
dann um Gotteswillen >panta rhei< vergessen! Was ist überhaupt 
geschehen? ... Da finde ich zwischen dem Titel »Aphorismen und 
kein Ende* und dem Motto »Quousque tandem« den folgenden 
Passus: 

(Infolge eines technischen Versehens in der Osternummer unvoll- 
ständig abgedruckt und deshalb hier wiederholt. Anmerkung der 
Redaktion.) 

Ah ! Also doch »panta rhei< vergessen ! Da heißt es suchen . . . 
Aber nicht dieser, sondern drei andere Gedanken sind nachgetragen. 
Nun entsteht die bange Frage, warum man diese drei Gedan- 
ken nicht besonders nachtragen konnte, sondern, um sie zu bringen, 
die vierzig wiederholen mußte. Nein, ich glaube nicht an dieses 
Motiv. Die Wiederholung der Untat muß ein anderes haben. Und sie 
hat es! Sie hat es in einem kleinen Schreibfehler des Verfassers, der 
wirklich nicht besonders richtiggestellt werden konnte. Nicht weil 
er zu geringfügig, aber weil er für die Struktur liberaler Gehirne 
zu bezeichnend ist. Die Einschaltung der fehlenden drei 
Aphorismen ist nur ein dummer Vorwand des vollständigen Wieder- 
abdrucks; dieser mußte der Berichtigung eines einzigen Wortes 
vorgezogen werden. Denn das Wort lautet: »Dreyfus«. 

Sokrates fiel als ein Opfer fanatischer Priester . . . und egoisti- 
scher Agrarier (Salomon Dreyfus, Orpheus, Histoire g^nörale de Reli- 
gions) — was alles fällt nicht heutzutage diesen Mächten zum Opfer ! 
In der neuen Fassung aber lautet der Satz: 

Sokrates fiel (Salomon Reinach, Orpheus etc.) 

Bei Salomon Reinach hatte der alte Unger selbstver- 
ständlich an den Bruder Josef gedacht und bei Josef Reinach selbst- 
verständlich an Dreyfus . . . Nun finde ich aber, daß es dem Greisen- 
alter durchaus ziemt, solchen Assoziationen ausgesetzt zu sein. Es ist 
menschlich, ja es ist in dem vorliegenden Fall, wo es sich um Dreyfus 
handelt, sogar human. Was aber dem Greisenalter nicht ansteht, 
ist : den Irrtum wieder gutzumachen und damit eine Treffsicher- 
heit des Denkens anzusprechen, zu welcher es nicht fähig ist. Und ein 
schimpfliches Verhalten der Umgebung eines alten Mannes ist es, 
ihn dazu zu animieren und seine Schwäche ein zweitesmal sich 



— 55 



produzieren zu lassen. Das erstemal hat ihn die Neue Freie Presse 
geschändet, dann aber hat sie ihm nicht gewehrt, als ihm die 
Sache Spaß zu machen anfing. En amour trop n'est pas assez. 
Wenn man nun ein solches Schauspiel ablehnt, so kommt man 
bei der Dummheit leicht in den Verdacht der Respektlosigkeit. 
Denn die Dummheit sieht nicht, daß man dem Alter den 
höchsten Respekt erweist, wenn man die respektlose Hand der 
Hure schlägt, die auf offenem Markt die Hülle von seiner Scham 
gehoben hat. 



Popperware 

»Zum Faktum Taussig noch eine Frage. Wie hoch schitzen Sie 
den Betrag, den Popper durch die Machinationen an der Firma Taussig 
eingesteckt oder sich widerrechtlich angeeignet hat?« »Meinen Sie 
durch das Abreißen der Zettel?« >Ja, und auch durch andere Mani- 
pulationen.« >Wir haben ja von anderen Manipulationen nichts 
gehört?« >!ch werde sie schon bekanntgeben. Hat nicht Popper bei 
der Taussigware auch Indigopreise angerechnet?« »Nein, davon ist 
mir nichts bekannt.« »Wurde nicht Partieware von Kohn & Nußbaum, 
die Popper zurückgenommen hat, unter die Waren von Taussig hinein- 
gemischt?« »Ja, es wurde von Kohn & Nußbaum zurückgenommene 
Ware an Taussig anstatt Popperware geliefert.« »War es nicht abgepofelte 
minderwertige Ware?« »Es war Retourware.« »Ist Ihnen was bekannt, 
daß Omstein den kaiserlichen Rat Popper mit Prügel bedroht hat?« 

Dieses Milieu, das einem blinden Griff des Staatsanwalts 
zehn Schwui^erichtssessionen mit Betrug füllen könnte, hat sich 
kürzlich an die Schwelle der Justiz gewagt, um seine Ehrensorgen 
auszutragen. Nie ist das Pathos der Gerechtigkeit besser verhöhnt, 
und nie der antisemitische Ruf dieser Stadt wirksamer dementiert 
worden. Die Neue Freie Presse hatte dennoch einige Bedenken, 
ihre Abonnenten im Gerichtssaal in der Sprache sprechen zu 
lassen, die sie gewohnt sind, und machte den Dolmetsch für die 
Kultur. So entstand, zumal bei der Aussage des Zeugen Meschu lern 
Pilpel, ein gewisser Widerspruch zwischen der Ethik, die 
im Gerichtssaal vertreten, und der Sprache, in welche sie nach- 
träglich gekleidet wurde. Die Neue Freie Presse bedachte nicht, 
daß sie jene Ethik dadurch erst preisgab. Es war umso 
unehrlicher, als die Zeugen im Prozeß Popper im Gerichtssaal 
genau so sprachen, wie sie es nach langjähriger Lektüre der Neuen 
Freien Presse gewohnt sind, und von dieser nunmehr gezwungen 



56 



wurden, ein outriertes Hochdeutsch anzunehmen, das sie sich 
eigens für den Zweck erfunden hatte. Ein anderes Blatt war 
gewissenhafter. Man vergleiche : 



Neues Wiener Tagblatt: 

Präs. : Kennen Sie Herrn kaiser- 
lichen Rat Popper? 

Zeuge: Ich bin ingeschäftlicheVer- 
bindung mit ihm getreten und habe 
Ware gekauft bei ihm voriges Jahr. 

Präs. : Haben Sie Kredit bean- 
sprucht und ist er Ihnen gewährt 
worden? 

Zeuge: Natürlich. 

Präs.: Haben Sie nicht auch 
Bankkredit beansprucht? 

Zeuge: Möglich, daß davon ge- 
sprochen worden ist. Mir scheint, 
mit dem Herrn Liechtenstein hab' 
ich geredet darüber oder mit Herrn 
Popper, ich kann mich nicht so 
ganz genau erinnern. 

Präs. : Welchen Bankkredit hätten 
Sie in Anspruch genommen? 

Zeuge (rasch): Der mir wäre 
gewährt worden ! 

Angekl. : Von welcher Bank? 

Zeuge: Weiß ich? 

Angekl. : Haben Sie nicht gesagt, 
von der Zivnostenska Banka? 

Zeuge: Ich hab' gesagt? Ich hab' 
geglaubt, weil der Herr kaiserliche 
Rat ist Zensor bei der Zivnostenska 
Banka, daß ich vielleicht könnte 
Kredit bekommen. 

Präs. : Hat man Ihnen das gesagt? 

Zeuge: Gesagt? Nein. Ich hab' 
mir gedacht. 

Angekl. (strenge) : Haben Sie mir 
nicht im Cafö Zentral in der Herren- 
gasse erzählt, daß Sie um 10.000 
bis 15.000 K Ware bei Popper 
gekauft haben und daß er ihnen 
Kredit verschafft hat? 

Zeuge (ängstlich) : I c h habe Ihnen 
erzählt, daß ich mich gewendet 
hab' an die Firma Beer? 



Neue Freie Presse : 

Der Präsident fragt, ob er mit 
dem Kläger in einer Geschäftsver- 
bindung gestanden sei. Er bejaht, 
im vorigen Jahre habe er einen 
Geschäftskredit von der Firma be- 
ansprucht und dieser sei ihm ge- 
währt worden. 

Der Präsident fragt weiter, ob 
dabei nicht auch von einem Bank- 
kredit die Rede gewesen sei. Es 
sei möglich, antwortet darauf der 
Zeuge, daß es bei dieser Gelegen- 
heit zu einem Gespräch darüber 
gekommen sei ; ob mit Herrn 
Popper selbst oder mit Liechten- 
stein, wisse er nicht genau. Später 
habe ihm Liechtenstein bei einem 
Gespräch im Cafe Zentral von der 
Möglichkeit der Erwirkung eines 
Bankkredits für ihn, den erwünschte, 
gesprochen. 

Der Angeklagte fragt, bei welcher 
Bank der Kredit erlangt werden 
sollte. 

Zeuge: Ich weiß es nicht. 

Angekl. : Sie haben mir aber 
gesagt, daß es bei der Zivnostenska 
sein sollte. 

Zeuge: Das habe ich mir ge- 
dacht. 

Angekl. : Sie dachten dies, 
weil Popper Zensor bei der Zivno- 
stenska ist. 

Zeuge gibt dies zu. 

Angekl. : Wie groß war der 
Bankkredit, auf den Sie Anspruch 
machten? 

Zeuge: Darüber ist nichts ge- 
sprochen worden. 

Angekl.: Wie groß wünschten 
Sie ihn? 

Zeuge: 10.000 bis 15.000 K. 



57 — 



Angekl. : Und daß Popper für Angekl.: Hat sich Popper nicht 

Sie garantiert. für Sie auch an die Firma Beer 

Zeuge: Nein, das hat>en Sie um Kredit gewendet? 
gesagt! Zeuge: .Nein. Sie haben die 

Angeld.: Wann sind Sie in Vermutung ausgesprochen, daß er 
Konkurs gegangen? dies tun wolle. 

Zeuge: Nach dreiviertel Jahren. Angekl.: Wie lange Zeit nach 

Präs. : Herr Zeuge, wir brauchen dem Gespräch im Cafe Zentral sind 
Sie nicht mehr. Sie in Konkurs geraten? 

Der Zeuge macht mit beiden Zeuge: Nach dreiviertel Jahren... 

Achseln und Armen eine bedauernde Nach Beendigung dieser Aus- 

Bewegung und entfernt sich. sage . . . 

Es ist überflüssig festzustellen, daß dies das Milieu ist, aus 
welchem das geistige Wien hervorgeht. 

• Der Zeuge wird hierauf vorgerufen. Er gibt an, jetzt Schriftsteller 
zu sein; vor zehn Jahren war er in der Niederlage des Herrn Popper 
bedienstet. Er sagt aus, daß mehrfach im Geschäfte Poppers En bloc- 
Verkäufe vorgekommen sei-^n .... Auf die Frage, was er unter En bloc- 
Verkäufen verstehe, sagt der Zeuge, dies sei, wenn größere Partien 
Waren verschiedener Sorten zu einem Einheitspreis verkauft würden. 
Die Pakette oder Dutzend seien aber immer gezählt und auch ver- 
rechnet worden.« 

Bitte, das war vor zehn Jahren. Aber die Feuilletonhonorare 
werden von den Chefs nidit immer genau verrechnet. 

• 
Wie er sich schließlich doch verständlich machte 

>Nach dem Empfange einer Deputation des Männergesangvereines 
ließ Roosevelt die Vertreter der Presse in seinen Salon bitten. Nach 
der Vorstellung der einzelnen Herrn, die sich im Halbrund aufgestellt 
hatten, sprach Roosevelt zu den versammelten Vertretern der Presse in 
englischer Sprache . . . Dann wandte er sich an den Vertreter eines 
englischen Blattes mit der Bitte, seine Worte ins Deutsche zu über- 
setzen: ,Ich stehe mit der deutschen Sprache auf schlechtem Fuße', 
fügte er lächelnd hinzu.« 

Der Vertreter des englisciicn Blattes soll ihm hierauf etwas 
ins Ohr geflüstert haben. Danach soll Roosevelt sich entschlossen 
haben, selbst die Ansprache in schlechtem Deutsch zu wiederholen. 

* * 

* 

Keine Ausnahme 

»Zeitlich kommt Mr. Roosevelt hier an, um 6 Uhr 45 Minuten 
auf dem Südbahnhof. Der Bahnhofmechanismus funktioniert wie 
im mer.« 

Wie? Selbst bei solcher Gelegenheit? 



— 58 — 

Immerhin 

Der Sachverständige: ] 

>Wenn Professor Boss! sich auch nicht in die Einzelheiten des 
Falles einlassen konnte, da seine Mission ja doch äußerste Delikatesse 
erfordert, so ließ er dennoch erkennen, daß er den Fall Tarnowska tür 
ein unschätzbares Beweismaterial hält in der überaus wichtigen Frage, 
welchen ungeheueren Einfluß das Geschlecht der Frau auf ihre 
Moral hat, ein Thema, das der Professor eingehend in seiner Revue 
,La ginecologia moderna' behandelt. Die Vergangenheit der Tar- 
nowska, welche bis in ihr 16. Lebensjahr zurückreicht, zeigt...« 

* 

Jedennoch 

Der Geheimrat Harnack: 

>Für die Frauen, deren Geist nach dem Höheren und Höchsten 
strebt, wäre es im eigentlichen Sinne eine Unterdrückung 
ihrer Natur, wenn man sie zwingt, ihre Veranlagung unbenutzt zu 
lassen. Und es wäre eine Sünde, wenn man in diesem Punkte von 

ihnen Entsagung forderte . . .< 

* • 

Reinliche Scheidung 

Von Karl May sagt das Neue Wiener Journal: 
Förmlich mit Schrecken ward man es gewahr, wem die keimende 
Blüte des deutschen Volkes, die Jugend, wem Eltern und Lehrer ihr 
Herz und ihr Vertrauen geschenkt haben, einem Strolch von seltener, von 
erster Güte, einem Dieb, der sich nicht nur mit literarischem 
Diebstahl befaßte, sondern auch einen Taschendiebstahl nicht ver- 
schmähte, wo die Gelegenheit sich darbot ; einem Taschendieb, der auch 
einem Einbruch nicht aus dem Wege ging, wo er sich zu lohnen schien. 

• * 

* 

Der Dichter 

Ein italienischer Schmock hat Gerhart Hauptmann in Portofino 
besucht. »Natürlich weiß er in fesselnder Weise zu plaudernt. Der 
Anfang und das Ende des Berichtes lauten: 

Dieses Jahr kam er Ende Januar hierher, und jetzt schickt er 
sich bereits zur Heimreise an. Der Dichter von »Hanneles Him- 
melfahrt« schwärmt für diesen blühenden, abseits vom Verkehr lie- 
genden Winkel Italiens .... 

.... Zu denen, die sich häufiger in der Villa einfinden, gehört 
Siegfried Wagner, der in Santa Margherita wohnt. Mehrere Wochen 
weilte auch Humperdinck im Lande und sang mit dem Dichter der 
»Weber« das Lob des blauen italienischen Himmels, wobei ein herr- 
licher Wein von Orvieto getrunken wurde. 

Natürlich ganz falsch informiert. Der Dichter der >Weber« 
schwärmt für den blühenden Winkel Italiens und der Dichter des 



— 59 — 

»Hannele« sang gemeinsam mit Herrn Mumperdinck das Lob des 
blauen italienischen Himmels, während Siegfried Wagner den Dichter 
des »Fuhrmann Henschel« besuchte und der Dichter der »Einsamen 
Menschen« es ist, der die Reporter empfängt. 

• 
Stimmungsbild 

Zwei Theateragenten gab es. Menkes und Minkus. Menkes 
starb. Minkus blieb am Leben. Aus diesem Grunde langte an ihn 
ein Brief ein, den die Zeitungen veröffentlichten: »Gestern traf 
auch hier die traurige Nachricht Ihres Selbstmordes ein. Ich war 
aufrichtig betrübt, trotzdem glaubte ich an eine Verwechslung, bin 
glücklich, daß meine Eingebung richtig war. Bravo Minkus ! Leben 
Sie noch hundert Jahre. Grüße, Ihr aufrichtiger P. Mascagni.« 
Bravo Minkus! Er hat sich brav gehalten. In diesem Zuruf, mit dem 
zugleich eine Anerkennung und eine Aufmunterung ausgesprochen 
ist, liegt erstens: ganz Italien, zweitens: das ganze Theater, drittens: 
die ganze Musik, und viertens: die ganze Praterstraße. Man sieht 
aufgewichste Schnurrbarte, Augen, die in einer Sardinenbüchse ge- 
schwommen haben müssen, ehe sie diesen Maestros, Fechtmeistern 
und Agenten eingesetzt wurden, gestikulierende Hände, die eine 
Provision berechnen und Ecco, Machen wir und So wahr ich da leb 
bedeuten; Lagunen, Schweißfüße, Freikarten und noch vieles, vieles 
andere. Minkus blieb am Leben. Menkes starb. 

Der Komet 

Jetzt kommt eine schöne Zeit. 

»Die im letzten Sonntagsblatte Ihres Journals erschienene Notiz 
eines Herrn, welcher am 17. d. den Halleyschen Kometen von Seh rems 
aus gesehen haben wollte, veranlaßte mich am 25. d. vor 3 Uhr mor- 
gens in den Prater über die Sophienbrücke zu eilen, zumal der heitere 
Himmel des Vorabends die Möglichkeit einer guten Beobachtung ver- 
sprach . . Um beiläufig halb 4 Uhr morgens ging plötzlich ein ganz präch- 
tiger, heller Stern auf . . Ich dachte sofort an Venus, jedoch ließ mein 
kleines astronomisches Fernrohr die Konturen nicht erkennen, da das 
Gestirn noch zu tief stand . . Die Venus, denn sie war es, erschien in 
der Gestalt, wie sie unser Mond am Schlüsse des ersten Viertels auf- 
weist. Ein Rayonsicherheitswachmann, der sich sehr bald bei 
mir eingefunden hatte, konnte sich auch des ungewohnten Anblickes 
erfreuen. Vom Kometen aber war mit freiem Auge nichts zu sehen . .« 

Der Beobachter nennt sich einen »Freund des Neuen Wie- 
ner Tagblatts«. Ja, die Freunde I 



— 60 — 

Zusammenbruch eines angesehenen Klischees 

», Daily News' bringen folgenden keineswegs erfreulichen Bericht 
über das Aussehen und das Befinden König Eduards: Nach der soeben 
überstandenen Influenza ist des Königs Schritt nicht mehr 
elastisch zu nennen . . . .< 

* 
Die verhobene Moral 
Bekanntlich halten es jetzt die Leute, die »Komödche 
machen« und jedem illustrierten Erpresser, Fünfguldenmann und 
Kulissenschnüffler »Grüß Gott, Doktor!« sagen, mit der sittlichen 
Entrüstung. Es geht um das Problem der »Prostitution« ihrer 
Kolleginnen, und die wollen und wollen sie nun einmal nicht 
dulden, weil die Gottesgabe einer munteren Liebhaberin, sich hin- 
zulegen, viel weniger Strapaze kostet und viel mehr allgemeine 
Anerkennung findet, als der Entschluß, den »Hüttenbesitzer« hin- 
zulegen. Der von der Bühne vertriebene Hanswurst ist jetzt in der 
Gestalt der Moral wiedergekehrt und macht die Gebärden des 
im Vordergrund agierenden bürgerlichen Pathos nach. Sie wollen 
sich verbürgerlichen und fangen selbstverständlich bei der Sittlich- 
keit an und bei der kunstfeindlichen Ambition des Geschlechts- 
neides. Nun könnte ja trotzdem ein Theaterdirektor ein schuftiger 
Mißbraucher der Abhängigkeit sein. Aber bezeichnend ist, wie sich 
die Sozialpolitik dieses Standesbewußtseins vor allem des Tonfalls 
der Moral bedient. Der Bericht der Neuen Freien Presse über den 
Fall des Berliner Direktors Zickel macht diesen Drang sehr an- 
schaulich. Und nachdem es durch zwei Spalten in Andeutungen 
schrecklichster Art gegangen ist und der Herr Zickel beschuldigt 
wurde, sich nicht nur an einer anderen jungen Schauspielerin »ver- 
griffen*, sondern »sogar bei der Beseitigung der Folgen mitgewirkt 
zu haben«, schlägt die Setzmaschine die Hände über dem Kopf 
zusammen, und man liest den folgenden Passus: 

Diese wie eine andere Schauspielerin behaupten, 
daß Dr. Zickel in seinem Bureau unsittliche Annäherungen 
Lustspielhaus engagiert worden ist, daß sie schließlich in 
irgendwie einer Verfehlung schuldig gemacht zu haben. Die 
Angaben der Damen müßten mit großer Vorsicht aufge- 
versucht habe. Dr. Zickel bestreitet in allen diesen Fällen, 
zum Teil durch Briefe, die von den Damen selbst stammten, 
die Angaben zu widerlegen. 

Ich bin ganz derselben Ansicht. 



Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Karl Kraus 
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verseadet Zeitungsausschnitte ü ber jedes gewünschte Thema.Man verlange Prosp - 

Herausgeber KARL KRAUS 
Die . „Fackel" erscheint in zwangloser Folge im Umfang von 
1&— 32 Seiten 
BEZUGSBEDINGUNGEN : 

Für Österreich-Ungarn: 18 Nummern, portofrei K 4.5 

36 „ . .^ y- 

Für das deutsche K(>ich: 18 „ « Mfc. 4.. 

27 „ „ • r, !> 

36 „ « ^ '-^ 

DasAbonncmenterstrecktilchnlchtaufeincnZeltraum, sondern auf eine bestimmte Anzahl von Nummc- 

Einzelheft in Österreich 30 Heller, In Deutschland 30 Pfennig 
ZvL beziehen durch sämtliphe Buchhandlungen 

Berliner Bareau: Haiensee, Katharinenstraße 5 

Inhalt der vorigen Nummer 300, 9. April 1910: Sprüche. Von Ri 
Dehmel. — Eingebildete Kranke. Von August Strindberg. —Judas Isch: 
Von Peter Hille. — Widmung. Von Peter Altenberg. — Lied. Von A 
Schönberg. — Eine Zeichnung von Pascin. Von OJto Stoessl. — Aufn 
die Wiener. Von Adolf Loos. - Ein Brief von Ferdinand Kurnberge 
Pro domo et mundo. Von Karl Kraus. - Ein Gruß von Stanislaw 1 
byszewski. (In d?r Beilage ein Register der Autoren und Beiträge, verfal 
eingeleitet von Ludwig Q 11 mann.) 

ii Herausgeber und verantwortlicher Redakteur Karl Krau» 
Druck von Jahoda & Siegel, Wien, III. Hintere Zollamtsstr. 3 



303/304 31. MAI 1910 XI^ JAHR 



DIE FACKEL 



HERAUSGEBER: 



KARL KRAUS 



INHALT: 

KARL KRAUS: Glossen / FRANZ GRILLPARZER: Dem 
internationalen Preßkongreß / OTTO STOESSL: Dieter 
und der Beamtensohn / GRETE WOLF: Der Erwartungs- 
lose / BERTHOLD VIERTEL: Pferderennen / Meine Wiener 
Vorlesung / KARL KRAUS: Philosophen 



NACHDRUCK VERBOTEN 

PREIS DER DOPPELNUMMER 60. HELLER 
ERSCHEINT IN ZWANGLOSER FOLGE 



\TiRLAG: ,DIE FACKEL* \X^N — BERLIN 

WIEN, ma, fflNTERE ZOLL-\MTSSTRASSE 3 TELEPHON Nr.^ 187 
BERLINER BUREAU: HALENSEE. KATHARLNENSTRASSE 5 



Akl^demischer Verband für Literatur und Musik 



Die 

II. Vorlesung Karl Kraus 

Heine und die Folgen 

(Essay, unveröffentlicht) 

Die chinesische Mauer 

oder 

Der Biberpelz (unveröffentlicht) 

findet am 3. Juni, V28 Uhr, im Festsaale 

des Ingenieur- und Architekten - Vereines, 

Wien, I. Eschenbachgasse Q statt 

Ein Teil des Reinertrages des Abends geh^ört dem kranker 
Dichter Peter Altenberg 

Die Kartenausgabe (10, 5, 2, 1 Krone) erfolgt auf Grun( 
srchiftlicher Anmeldung in der Buchhandlung A. Schönfeld, 



DIE FACKEL 



Nr. 303/304 31. MAI 1910 XHJAHR 



Glossen 
Von Karl Kraus 

Der Komet in Wien 

Der Wiener und die Unendlichkeit — das unwahrschein- 
liche Schauspiel wäre glücklich überstanden. Wenn der Komet 
gefährlich ist, so ist er es nicht so sehr vermöge der ihm inne- 
wohnenden Blausäure als wegen der nicht auszudenkenden Möglich- 
keit, daß sich bei seiner Annäherung jeder Trottel kosmisch gestimmt 
fühlt. Es ist nicht so weit gekommen. Nur eine fürchterliche Spielan 
kosmischer Denkfähigkeit wurde uns beschert: jene, die vor dem 
Untergang die Tröstungen der Wissenschaft empfängt. Der auf- 
geklärte Großstädter, dem nichts passieren kann, weil die Neue 
Freie Presse es mit der Sternwarte hält und die Vorsehung sich 
hüten wird, es mit der Neuen Freien Presse zu verderben; und 
der stolz ist, weil der Papst. Kalixtus gegen den Kometen noch 
eine Bulle erlassen mußte, während heutzutag der Papst Benedikt 
mit einem Leitartikel denselben Effekt erzielt. Ach, die knie- 
rutschende Angst, die in früheren Jahrhunderten das Ende der 
Welt erwartete, war schlechter informiert, aber besser beraten, als 
die Zuversicht, die das Morgenblatt erwartet. Dieses erdensichere 
Gesindel wird eines Tages fürchterlich aufsitzen, wenn es den 
Kometen anulkt und inzwischen die Dummheit ihr Zeiatörungs- 
werk an der Welt vollendet hat. Der Ernst des Kometen wäre so 
trostlos nicht wie sein Humor. Denn wenn die Welt kaput geht, 
bleibt der Geist bestehen, aber wenn sie nicht kaput geht, bleibt 
die Dummheit bestehen, und ein ungefährlicher Komet macht das 
Übel schlimmer, da er jeden Friseur zum Philosophen und jeden 
Redakteur zum Humoristen macht. Nichts ist leichter, als vor dem 
Kometen Humor zu haben, denn je kleiner die Menschlichkeit, in 



— 2 ~ 

desto größerer Kontrastwirkung erscheint er am Himmel, voraus- 
gesetzt, daß er erscheint. Aber wenn auch die Sterne nicht lügen, 
so müssen darum die Astronomen nicht die Wahrheit sagen, und 
es hat sich herausgestellt, daß sie vom Kometen lange nicht so 
viel verstehen wie die Praterwirte, die bei seiner Erwartung besser 
abgeschnitten haben als jene bei seiner Erfüllung. Denn bis sich auf 
allgemeines Verlangen dieser Nebelstreif am Himmel zeigte, haben 
sie die Existenz des Kometen mit seiner Unsichtbarkeit bewiesen 
und den Durchgang aus der Feststellung, daß man ihn nicht beob- 
achtet habe. Sie sagten, daß das, was wir nicht sahen, der Komet 
gewesen sei, und nur ihrer ehrenwörtlichen Versicherung glauben 
wir jetzt, daß das, was wir sehen, der Komet sei, weil wir ja 
schließlich keinen Grund haben, anständigen Leuten zu mißtrauen. 
Der religiöse Glaube sorgt auch für die Sinne. Was aber sind die 
Tröstungen einer Wissenschaft wert, die einen kahlen Himmel 
bietet? Er bewahrte uns vor Cyanwasserstoff; doch das vergeben 
ihm die Wiener nicht, daß er um ein Spektakel sie betrog. Der 
Komet ist ungefährlich; aber daß man auch die ganze Zeit nichts 
Verdächtiges bemerkt hat, untergräbt den Kredit der Wissenschaft 
und zerstört nur jenen Kometenaberglauben, unter dem man fortan 
den Aberglauben versteht, daß es Kometen gibt. Nun soll ja der 
Astronomie, die gewiß eine riegelsame Wissenschaft ist, nicht nahe- 
getreten werden, aber sie hat sich diesmal schwer kompromittiert, 
weil sie sich den Hervorrufen eines fortschrittlichen Oafferpöbels 
eher und bereitwilliger zeigte als der Komet. Sie hat sich täglich 
mit den Reportern der Aufklärung eingelassen und sich damit auf 
ein Niveau begeben, auf dem sonst nur die Vertreter einer anderen 
Wissenschaft nach dubiosen Ehren auslugen, nämlich jener, die 
auf Wunsch der Nachtredaktion über einen hohen Patienten Fern- 
diagnosen stellt. Gewiß, sie haben eine Bevölkerung beruhigt, die 
bisher bloß gewohnt war, auf ein Dach hinaufzuschauen, während 
sich jetzt die Verkehrshindernisse auch durch die Betrachtung des 
Firmaments ergaben. Aber sie haben diese Bevölkerung zugleich 
enttäuscht und die Aufgeklärtheit, zu der sie ihr täglich zweimal ver- 
halfen, in Nihilismus verwandelt. Sie sollten aus Schamgefühl die 
Sternwarte zusperren, wenn sie heute den Satz im Kometenbericht 
lesen: >An einem Tische wird der Artikel des Hof rates Weiß, der 
im heutigen Abendblatt der Neuen Freien • Presse erschienen ist, 
verlesen. Die Stelle, welche den Anblick für die nächsten Abende 



— 3 



in sichere Aussicht stellt, findet bei dem Publikum lebhaftesten 
Beifall». Halley hatte es auf diesen Beifall nicht abgesehen, und 
dennoch gelang es ihm, den Kometen zu einer Produktion zu ge- 
winnen. Unsere Welttheateragenten aber dachten an das Publikum, und 
als es wie die Buben auf der Galerie einer italienischen Schmiere 
zu stampfen begann, kamen sie immer wieder heraus und beruhigten 
es mit Versicherungen von eingetretenen Hindernissen, Wolken- 
vorhang, Kostümwechsel, Unpäßlichkeit und was dergleichen Aus- 
reden mehr sind, die aufgeregte Impresarios stets bei der 
Hand haben, wenn die Laune eines Stars sie blamiert hat. 
»Nach Sonnenuntergang war der westliche Himmel in Dunst 
gehüllt Es ist dagegen zu erwarten, daß der Komet morgen 
Samstag abends endlich am Wiener Himmel erscheinen werde. 
Das Publikum möge nicht ungeduldig werden 
und noch einen Tag zuwarten — schließlich wird der 
Halleysche Komet in aller Pracht erscheinen«. Er erschien nicht; 
nicht Samstag, nicht »heute und die folgenden Tage«. Aber den 
Dunst, den man einem Publikum vorgemacht hat, auf den Himmel 
schieben, ist eines Astronomen unwürdig, vorausgesetzt, daß er 
nicht darauf spekuliert, das Geschäft jenes Impresarios zu über- 
nehmen, der sich kürzlich in Wien aus unglücklicher Liebe zu 
einem Stern zweiter Größe umgebracht hat. Daß den Herren 
der Komet zwischen der Sonne und der Erde durchgegangen 
war, ist ja gewiß tragisch, aber wenn sie nicht so heftig mit der 
kosmischen Pünktlichkeit geprotzt hätten, hätte ihnen niemand aus 
der kosmischen Unordnung einen Vorwurf gemacht. Auch die Süd- 
bahn wird ja nur deshalb geladelt, weil sie so unvorsichtig ist, 
einen Fahrplan herauszugeben. Und so ist es gekommen, daß nicht 
nur die Welt im allgemeinen nicht zugrundegegangen ist, sondern 
insbesondere nicht das Wirtsgeschäft auf dem Kahlenberg. Wien 
hat ein gastronomisches Ereignis zu verzeichnen. Wäre die Welt 
untergegangen, dann hätten nur die Fiaker profitiert, weil sie sich 
für berechtigt gehalten hätten, den ihnen gebührenden Betrag mit der 
Begründung zurückzuweisen : »Aber Euer Gnaden, an so an Tag!« So 
aber bleibt alles beim Alten. Der Wiener, dem Basiliskenblick der 
Ewigkeit entronnen, hat zum Hausmeister zurückgefunden. Die 
Zehnuhrsperre dieser kleinen Welt läßt sich ertragen. 



— 4 — . 

Erdbeben 

Eine der seltsamsten Naturerscheinungen. Ich saß gerade — 
so hätte ich der Neuen Freien Presse geschrieben, wenn sie noch 
einen geologischen Beitrag von mir annähme — um 9 Uhr 
19 Minuten abends am Schreibtisch und redigierte die Satire »Erd- 
beben«, die in mein demnächst erscheinendes Buch kommt. 
Ich ahnte nichts Böses, sondern freute mich im Gegenteil, wie 
damals die Neue Freie Presse hineingesprungen ist, erinnerte mich 
an die erschütternde Wirkung dieser tellurischen Komik, die sogar 
bis nach Norddeutschland verspürt wurde, denn die Erdbebenwarte 
von Hamburg beschloß, die Nummer der , Fackel' ihrem Archiv 
einzuverleiben. Ich las den Artikel immer wieder, erinnerte mich, 
wie damals jeder Trottel seinen Stoß im Morgenblatt haben -mußte, 
las immer wieder den Brief, den ich unter dem Inkognito eines Zivil- 
ingenieurs Berdach von der Glockengasse der Neuen Freien Presse 
geschickt hatte, und dachte noch: So etwas kommt nie wieder. 
Das war am II, Mai um 9 Uhr 19 Minuten abends. Am nächsten 
Tag traute ich meinen Augen nicht. Da ich im Hochparterre wohne 
und ohnedies kein Blatt von meiner Erschütterung Notiz nehmen 
würde, spüre ich nie ein Erdbeben. Aber just um die Zeit, da 
ich das Erdbeben las, geschah es! Und alles hatte sich, wie 
ich aus den Morgenblättern erfuhr, genau so wieder abgespielt. 
Nur mit dem Unterschied, daß die Neue Freie Presse durch 
Schaden klug geworden war und bis auf einen vereinzelten 
Taussig nur noch anonyme Erdbebenbeobachter zu Wort kommen 
ließ. Dagegen das Neue Wiener Tagblatt! Es ging durch 
zwei Tage in der von Herrschaften abgelegten Dummheit stolz 
einher. Kein Papagei eines Abonnenten konnte verstummen, ohne 
daß das Blatt zu plappern begann. Fein lokaler Teil wird aber dafür 
auch von einem bekannten Shakespeareforscher redigiert, der soeben 
sein »dreißigjähriges Schriftstellerjubiläum« gefeiert hat, zu 
welchem Anlaß die Wiener Presse dem Schwan von Avon etwas 
Gänseschmalz abnahm. Um aber auf die Papageien zurück- 
zukommen imd auf die Eindrücke, die dieses Erdbeben bei der 
ganzen Kreatur zurückließ, soweit sie das Neue Wiener Tagblatt 
liest: es war im höchsten Grade ekelhaft. Die vornehme Neue 
Freie Presse begnügte sich gelegentlich mit der Versicherung, daß 
man im Restaurant Hartmann nichts vom Erdbeben gespürt habe 
(vom Hopfner liegt keine Meldung vor), und unterdrückte sogar die 



— 5 — 



Beobachtung, daß es doch sonst in den Chambres separees drunter 
und drüber geht. Sie sagte bescheiden, »durch das vor zwei Jahren 
erfolgte Beben sei die Bevölkerung von Wien mit seismischen Tatsachen 
vertrauter geworden«, und sie brauchte das Verdienst Berdachs nicht 
erst zu berufen, man wußte doch, wen sie meinte. Das Neue Wiener 
Tagblatt aber war damals von der Neuen Freien Presse beschämt 
worden und wollte jetzt die Erdbebendummheit hereinbringen. So 
hat denn ein Abonnent in der Innern Stadt nach dem Nachtmahl 
etwas »unter seinem Fauteuil« gehört, seine Umgebung aber habe 
»nichts davon verspürt«; »immerhin war der Vorgang gegen das 
letzte Erdbeben bei weitem harmloser«. Ein Advokat hatte 
das Gefühl, »daß das Erdbeben in der Leopoldstadt besonders 
stark war«. Das ist schon möglich, das Erdbeben weiß, was gut 
schmeckt. Während 1908 die Porzellangasse für besonders gefährdet 
galt, scheint die aufgeregte Natur diesmal die Glockengasse gesucht 
/.u haben, wo der Zivilingenieur Berdach wohnt. Sie fand ihn aber 
nicht zuhause und rumorte deshalb erst recht in der Gegend. »Auch 
meine Frau«, beginnt einer und schon spüren wir die historischen 
drei Stöße, aber es ist diesmal nichts, sie glaubte nur, der Sessel 
werde gehoben, denn sie >saß im Nebenzimmer und las gerade 
das Neue Wiener Tagblatt«. Ausgerechnet!, sagen in einem solchen 
Fall die Bewohner der Pralerstraße, in der sich der Unfall begab. 
Einer wieder hat eine schwingende Bewegung bemerkt und schreibt 
darüber: »Ich schickte zur Hausbesorgerin, um zu fragen, ob sie 
auch etwas davon bemerkte, was diese verneinte«. »Wir wohnen in 
der Teilgasse«, schreibt ein Abonnent. Aha, er lebte still und 
harmlos, da schaukelt plötzlich das Bett. Durch diese hohle Gasse 
aber muß es ins Neue Wiener Tagblatt kommen. Der Brief endet 
mit den Worten : »Entsetzt lief ich zum Fenster, der Meinung, 
der Weltuntergang sei nahe. Familie Reif«. Eine packende 
Schilderung wird der ,Zeit' mitgeteilt, die freilich aus lokal- 
patriotischen Gründen behauptet, daß das Erdbeben dem neunten 
Bezirk den Vorzug gegeben habe. »Ehe ich mir noch beim 
Beginn des Erdbebens ein Urteil über die Natur der Er- 
scheinung bilden konnte», gesteht ein Bankprokurist - denn 
die intelligenten Berufe müssen sich beim Weltuntergang 
sofort ein Urteil über die Natur der Erscheinung bilden, 
das haben sie von ihren Zeitungen gelernt — , »sah ich schon, 
wie meine Frau ruckartig mit angstverzerrten Zügen den Kopf 



— 6 — 



zur Seite riß und sich ans Herz griff ... Sie murmelte nur 
das eine Wort: Erdbeben. Erst durch diese Äußerung bin icii 
aufgeklärt worden«. Das Erdbeben — um ein solches handelte es 
sich also — hatte >mit einem knallartigen Geräusch begonnen, 
während dessen ich einen vertikalen Stoß von unten nach aufwärts 
verspürte, dem dann ein horizontaler Stoß, vermutlich in der 
Richtung Nordwest-Südost, folgte . . .< Das ist ja das Fabelhafte, und 
das habe ich an diesen intelligenten Berufen immer bewundert : daß 
sie im Moment eines Erdbebens gleich auf die Uhr sehen 
und auch genau über die Richtung des Stoßes orientiert sind. 
Unsereins ist in ruhigen Zeiten nicht imstande, Westen und 
Osten zu unterscheiden, höchstens nach den Manieren, die etwa 
ein Engländer und die ein Abonnent der ,Zeit' hat. Aber die 
Abonnenten der ,Zeit', die sind, sobald nur ihre Frauen das Wort 
Erdbeben murmeln, auch schon aufgeklärt, murmeln Nordwest- 
Südost, und haben außerdem noch die Geistesgegenwart, sich 
sofort hinzusetzen und die vom Land stammende Schickse, 
die nicht aufgeklärt ist, sondern in der Küche mit Heulen 
und Tellerklappern den Weltuntergang erwartet, in die Redaktion 
zu schicken, damit der Brief noch bestimmt ins Morgenblatt 
komme . . . Vom nächsten Erdbeben ist zu hoffen, daß es — mit 
besonderer Berücksichtigung des zweiten und des neunten Bezirkes 
— uns den Anblick dieser Greuel ein für allemal entzieht. 



S. M. 

Der journalistische Erfolg, den sich der König von Bulgarien 
durch sein Interview mit dem Siegmund Münz geholt hat, ließ den 
König von Rumänien nicht schlafen, er bewarb sich um eine 
Zusammenkunft und bald hatte er Gelegenheit, den S. Mz., der 
sich jetzt gradezu S. M. nennt, in Bukarest zu begrüßen. Zunächst 
hören wir: »Unsere Yacht ist dicht am Kai verankert«. Aber es 
ist nur eine Täuschung, wir sind nicht in der Oberen Donaustraße, 
sondern wirklich in der Gegend des Schwarzen Meeres. Am Strand 
taucht bereits eine rumänische Prinzessin auf, und S. M. erinnert 
sich an Ovid : >Auch die römische Kaisertochter Julia, in welcher 
der alternde Poet in Liebe entbrannt war, kann nicht viel schöner 
gewesen sein als diese Prinzessin Bibesco, die hier einsam spaziert 



— 7 



und sich in Zwiegesprächen mit den heute sanft rauschenden, aber 

nicht selten zornig stürmenden Wogen « Genug! Der König 

wartet. Münz gibt Empfehlungen ab. Wozu? Man weiß, wer er 
ist Aber >die Spitzen der Bukarester Gesellschaft drängten sich 
heran«. Es ist nämlich der Geburtstag des Königs und er hat 
sich den Münz gewünscht. »Wir besorgten, in dem Meer von 
Namen unbeachtet zu bleiben«. Das ist nicht zu befürchten; der 
König wartet ifnd weiß, was ihm bevorsteht. Münz lernt vorher 
Herrn Jonescu kennen, »einen berühmten Operateur, der ein 
Mittel gefunden hat, um durch Injektion in der Wirl)elsäul€ die 
schwersten Operationen bei völligem Bewußtsein der Patienten 
schmerzlos vorzunehmen«. Der König kann also beruhigt den 
Münz empfangen. Aber dieser zaudert noch. Er geht in die Oper 
und sieht dort in einer Loge »eine orientalische Schönheit auftauchen 
— eine von magischem Zauber umflossene, blasse Salamb6-Gestalt, 
und als Heldin des Goncourtschen Romans ist sie auch bei einem 
Maskenball aufgetreten«. Salambd ist zwar von Flaubert, aber 
das macht nichts, »von dieser in die Farben des Orients getauchten 
südlichen Glut hebt sich die reinere, gleichmäßigere germanische 
Schönheit der Konprinzessin ab. Dort sitzt in einer Loge die blonde, 
rotwangige und blauäugige Kronprinzessin im hellen Zauber ihrer 

noch frischen «. Genug! Der König wartet. Aber der Münz 

tut sich noch bißchen in Bukarest um. Wieder, wie in Sophia, ver- 
gleicht er das Stadtbild mit dem Konstantinopels, und nicht mit 
dem Leipniks. »Da wir von Konstantinopiel kommen, so bleiben 
unsere Ansprüche an morgenländischen Zauber, an die Romantik 
des Verfalls, an das Reizvolle des Beschaulichen unbefriedigt« Der 
Münz ist anspruchsvoll. Er gibt zu: »Hier ist ein starkes Auf- 
streben ohne Märchenduft wahrnehmbar«. Immerhin also. Hierauf 
werden sie vom Minister des Äußern empfangen. Münz be- 
gleitet auf der ganzen Reise einen Sir Max Wächter, der sehr 
viel unnützes Gepäck mit sich führt, nämlich einen Plan einer 
europäischen Föderation auf wülschaftlicher Grundlage. Diesen 
Plan trägt Herr Wächter sämtlichen Regenten und Ministern 
sämtlicher Balkanstaaten vor und alle sagen nur das eine: >Wir 
können für diese Sache nur die größten Sympathien hegen, aber 
wir sind ein kleiner Staat«, und immer wieder meldet es uns Herr 
Münz. Der Balkan schickt Spielereihausierer nach Europa und 
Europa revanchiert sich mit dem Sir Max Wächter, der immer 



— 8 — 



wieder eine Föderation auf wirtschaftlicher Grundlage anbietet. Und 
der König wartet. Endlich! »Er zog mich schnell in ein freundliches 
Gespräch.« Das tun diese Könige immer, um den ersten unange- 
nehmen Eindruck rasch zu überwinden. >Nur im Anfang unseres 
Gespräches hatte ich Gelegenheit, den König ein wenig ins Auge zu 
fassen.« Aber ein wenig wollte der König Herrn Münz im Dunkeln sehen, 
»und erst im Augenblick, als er sich zum Abschied erhob, flammten 
die elektrischen Lichter auf«. Da machte Münz eine merkwürdige 
Beobachtung. »Ich hatte den König seit Jahren nicht mehr gesehen. 
Er ist seither älter geworden...« Das Interview selbst 
verlief anregend. Der König wollte alles Mögliche wissen; ja, er 
war vielleicht noch neugieriger als der bulgarische. »Der König 
erkundigte sich mit großer Liebenswürdigkeit nach den Orten, die 
ich auf meiner bisherigen melirwöchentlichen Orientreise besucht 
hatte, fragte mich, ob ich zum erstenmal in Rumänien sei, und wie 
es mir hier gefalle. Ich antwortete dem König, daß ich zum 
erstenmal hier sei und daß ich mich angeheimelt fühle durch die 
lateinischen Anklänge der Sprache.« Das ist interessant, daß er 
diese Anklänge »lateinisch« nannte. Aber gleich darauf bekannte er 
Farbe: »Ich muß Majestät gestehen, daß ich hier die Empfindung 
habe, unvergleichlich näher an Wien zu sein, als an Konstantinopel.« 
Seine Erinnerung ist also dicht am Kai verankert. Nun aber wurde 
es diplomatisch. »Eure Majestät stehen in dem unzweifelhaften Ruf, 
ein fester Hort des Friedens im südöstlichen Europa zu sein«, 
und: »Eure .Majestät gelten als ein Bürge des Statusquo auf dem 
Balkan.« Dann sprach auch der König wieder. Er meinte, daß 
in der Öffentlichkeit Zusammenkünfte zwischen Monarchen über- 
schätzt werden, »Der König trug dies schlicht ausführend und 
keineswegs etwa belehrend vor.« Wie würde er! Aber die Entrevue 
zwischen S. M. von Rumänien und S. M. von der Neuen Freien 
wird gewiß auch überschätzt werden. Sie trug rein privaten 
Charakter, der König wollte bloß dies und das wissen. Der 
Bulgare hatte nach Konstantinopel gefragt. Der König von Ru- 
mänien »erkundigte sich nach meinen in Sophia gewonnenen 
Eindrücken«. Man kann begierig sein, wie sich das die Balkanfürsten 
weiter einteilen werden. Der Rumäne aber verglich selbst Bukarest 
mit Sophia. >Es tut mir leid, sagen zu müssen, daß die Zahl der 
Analphabeten in Rumänien größer ist als im Königreich Bulgarien.« 
Das war aber keine Beleidigung, wiewohl der Münz jetzt in 



9 — 



Rumänien und nicht mehr in Bulgarien ist. Er war so taktvoll, 
auf die Judenhetzen abzulenken, denen er die Schuld an der 
Rückständigkeit gab. >Die Judenfrage war eine der schwersten 
Sorgen meiner Regierungszeit«, sagt der König, wobei er offenbar 
auf die Uhr sieht, >und sie fährt fort, mir Sorge zu machen«. Der 
Münz aber versteht nicht und appelliert an die Humanität: »Von 
Eurer Majestät abgeklärtem Sinn darf man wohl . . . gleiches 
Recht . . . Untertanen«. Der König empfindet, daß sich hier ein 
Leitartikel auswächst, und schneidet schroff ab: »Die Judenfrage 
ist uns keine Frage der Religion — es ist eine wirtschaftliche 
Frage. Der Rumäne ist von Natur tolerant. Aber es ist die wirt- 
schaftliche Überlegenheit der Juden, gegenüber welcher sich die 
nationale Strömung zur Wehr setzt. Es sind Agrarbanken errichtet 
worden. Sie können beitragen, das rumänische Element vor ver- 
derblicher Ausbeutung zu schützen«. Sie, nämlich die Agrarbanken, 
nicht die Neue Freie Presse, die diese Bemerkung des Königs 
offenbar nicht bemerkt hat und die den Münz anweisen wird, 
künftig sofort den Audienzsaal zu verlassen, wenn der König von 
Rumänien wieder derartige Ansichten äußern sollte, welche dann bei 
der Drucklegung durchrutsclien können. Der Münz suchte aber 
schon diesmal auf den König einzuwirken: >Eure Majestät, die 
objektivere Erkenntnis der Monarchen, die auf der Menschheit 
Höhen wandeln, mildert oft die Volksleidenschaften«. Bravo! 
Der König lenkt ein. >Und wie oft obliegt uns tatsächlich diese 
Aufgabe!« bekennt er. Überhaupt weiß ihn der Münz mit 
originellen Wendungen zu fesseln. Wie steht's denn mit den 
Erinnerungen, die der König schreibt? >Es wäre wünschens- 
wert, daß Eure Majestät den abgebrochenen Faden der Er- 
zählung wieder aufnehmen«. Oder: »,Wir erkennen', meinte ich, 
,in der auswärtigen Politik Rumäniens die weise lenkende 
Hand des erfahrenen Steuermanns, der seit mehr als vier Jahr- 
zehnten das Land beherrscht'«. »Haben Sie sich Bukarest ange- 
sehen?« antwortet darauf der König. Und dann: »Gehen 
Sie nach Sinaia?« Und endlich: »Ich weiß, daß auch die 
Königin Sie jetzt sehen will«. Die Audienz hatte eineinviertel 
Stunden gedauert. »Die Königin empfing mich nach wenigen 
Augenblicken und behielt mich bis nach halb 9 Uhr bei 
sich.« Also eine volle Stunde. »Aber das Gespräch war zu 
inhaltsreich und zu bedeutend, als daß ich es im Rahmen dieser 



— 10 — , 

Mitteilungen wiedergeben könnte<. . , 5. Mai 1910. Bis heute, 
27. Mai, ist nichts erschienen. Die Neue Freie Presse ist imstande 
und bringt auch das noch ! . . Münz-Empfänge und kein Ende. 
Auch der türkische Thronfolger Jussuf Izzedin Efendi muß dran 
glauben. Wir begegnen Münz wieder in Konstantinopel, seine .An- 
sprüche an morgenländischen Zauber werden vollauf befriedigt. Im 
Wartezimmer sieht er »einen alten und einen jungen Orientalen«. 
(Münz ist ein Mann gut in den Vierzigern.) »Der Alte ist grellstes 
Morgenland ... Er ringt die Hände, schließt die Augen, seine 
Lippen bewegen sich«. Münz hält das für ein Gebet. Aber es ist 
ein Fluch. Das Morgenland wehrt sich. Der Alte hofft. Münz werde 
weggehen. »Er neigt sich vor, richtet sich wieder auf und wirft 
sich wieder zu Boden, und so geht es fort wohl mehr als ein 
dutzendmal, ein nicht endenwollender Wechsel von Zerknirschung 
und Erlösung . . .< Endlich wird Münz abgeführt. Denn der Thron- 
folger wartet. Dieser spricht zunächst mit dem Sir Max Wächter. 
Europäische Föderation auf wirtschaftlicher Grundlage gefällig? Danke 
nein. Dann spricht der Thronfolger den Münz mit dem folgenden 
Satz an: »Ich schätze den großen Wert der Presse, denn sie ist eines 
der wirksamsten Mittel, um dem Fortschritt der Menschen zu dienen, 
imd ihr wachsames Auge ist oft mit Erfolg darauf gerichtet, daß 
die für den Fortschritt unumgänglich notwendigen freiheitlichen 
Einrichtungen gewahrt bleiben«. Münz »gibt der Genugtuung 
über diese Äußerung Ausdruck«. Der Thronfolger fährt fort: »Unsere 
Verfassung ist das Panier unseres Fortschrittes«. Er spricht wie ein 
Fezfabrikant, der in der Neuen Freien Presse einen Aufruf als 
Gemeinderatskandidat für den ersten Wahlkörper des ersten Be- 
zirkes erläßt. Dann geht das eigentliche Interview los: »Sind Sie 
zum erstenmal in Konstantinopel? Und wie gefällt es Ihnen hier?« 
»Zum erstenmal, kaiserliche Hoheit«, antwortet Münz, »und ich 
bin berauscht von der Schönheit dieser Stadt, die so einzig in der 
Welt dasteht. Aber darf ich mir ein offenes Wort erlauben? Es 
wäre wünschenswert, daß sich diese herrliche Stadt in moderner 
Richtung entwickle . . .« Unter den Einrichtungen, die ihm in 
Konstantinopel entschieden fehlen, nennt Münz das Telephon. 
Der Thronfolger sagt: »Seien Sie geduldig mit u n s. Ich hoffe, 
daß Sie, wenn Sie in zehn Jahren wiederkehren, in der Lage sein 
werden . . .« Früher hofft der Thronfolger den Münz in Kon- 
stantinopel nicht zu sehen. Der Thronfolger stellt Fortschritte in 



— 11 — 



Aussicht, Münz spricht sofort von Beteiligung. >Darf man, kaiser- 
hche Hoheit, erwarten, daß es auch den Ausländem gegönnt sein 
wird, sich an der wirtschaftlichen Entwicklung der Türkei zu be- 
teiligen?< Der Thronfolger lenkt ab und sagt, daß »die Konstitution 
die Gewähr der Gleichheit aller Nationen und Religionen« ist. 
Münz leuchtet. »Also werden, kaiserliche Hoheit, auch die Nicht- 
türken und Nichtmoslims unter den Hut der Verfassung . . . .« 
Er sagt Hut, jener sagt Hort. Er sagt: gleiche Pflichten und 
gleiche Rechte aller Untertanen; jener sagt: berechtigte Wahrung 
der nationalen und religiösen Unterschiede. Münz sagt, der Ge- 
neral von der Goltz Pascha schreibe für die Neue Freie Presse. 
Der Thronfolger fragt: »Haben Sie während Ihres Aufenthaltes in 
Konstantinopel eine Truppenrevue gesehen ?€ Münz lobt die 
Truppen. Der Thronfolger freut sich, daß er nicht wie Sir Max 
Wächter »für die Abschaffung der Armeen sei«. >Und der Prinz 
lächelte und rieb sich die Hände.« Münz erläutert das Programm 
des Herrn Wächter und spricht vom Statusquo. Darauf spricht 
auch der Thronfolger vom Statusquo und setzt hinzu: »Es ist 
nichts so wichtig, als in den Zeiten des Friedens dem Fortschritt 
durch die Befestigung der Konstitution zu dienen. < »Das Wort 
.Konstitution' sprach der Thronfolger wiederholt aus, und zwar in 
dieser europäischen Form, nicht in der türkischen Übersetzung«. Nun 
wird aber der Sir Ma.x Wächter noch vom Sultan empfangen werden 
und wird dem Münz und dieser uns alles erzählen. Münz begleitet ihn 
nur. Er beobachtet ein neues Schauspiel: Drei Knaben treten auf 
und tragen irgendetwas. »Unerfahren in den Bräuchen des kaiser- 
lichen Palastes, glaube ich, es handle sich um die Einleitung zu 
irgend einer religiösen Funktion.« Aber es wird bloß schwarzer 
Kaffee serviert. »Und als ich die Schale in Händen hielt, nahm ich 
staunend wahr, daß die goldene Untertasse ganz mit Brillanten 
besetzt war.« Noch mehr aber staunte Münz, als er später von 
einem Eingeweihten erfuhr, »daß bis auf den heutigen Tage keine 
der goldenen diamantenbesetzten Schalen aus dem kaiserlichen Ser- 
vice fehle«. Es waren eben bisher nur Leitartikler und keine 
Volkswirte im Serail. Die Audienz wegen der Föderation auf 
wirtschaftlicher Grundlage ist zu Ende. Sie fahren an dem Par- 
lament vorüber und Münz zitiert: »Leergebrannt ist die 
Stätte!« Noch lange aber begleitet ihn die Erinnerung an das 
Gespräch mit dem Thronfolger, »die Erinnerung zumal daran, 



— 12 — 



wie er immer und immer wieder das fremde Wort , Konstitution' 
sprach« . . . Dem Bosporus wird übel, der Ballcan kracht, und die 
Fürsten beschließen endlich eine Föderation auf wirtschaftlicher 
Grundlage, weil sie auf anderem Wege die Neue Freie Presse nicht dazu 
bringen können, ihnen den Münz nicht mehr ins Haus zuschicken. 



Eine Kollektion Ansichtskarten 

Das einzig Interessante, was man bei der Eröffnung der 
Jagdausstellung sehen konnte, soll der Hirsch gewesen sein. Nämlich 
der von der Neuen Freien Presse. Sie hatte ihn lebend beigestellt 
und er tummelte sich zwischen den Jägern herum, kam zutraulich 
näher und fraß aus der Hand. Dieser Hirsch hat die Eigen- 
schaft, daß er auf die Honoratioren Jagd macht, und da es sich somit 
um ein Unikum handelt, beschloß man, die denkwürdigsten 
Momente des Schauspiels, das sich bei der Ausstellungseröffnung 
darbot, durch Ansichtskarten zu verewigen. Unter dem Vorwand, den 
Kaiser zu porträtieren, nahm man den Hirsch auf. Wer jetzt vor 
einer Ansichtskartenhandlung stehen bleibt, kann sich unschwer 
davon überzeugen, daß die weidmännische Pointe dieser Aufnahme 
der Hirsch war. Man erkennt ihn auf den ersten Blick, auch 
wenn man ihn im Leben nie gesehen hat, und ich setze einen 
Preis aus für den, der ihn verkennt. Da steht zum Beispiel der 
Kaiser und vor ihm der Präsident, und der Präsident scheint eine 
Ansprache an den Kaiser zu halten. Aber auf dem Anstand wartet 
der Hirsch. Bum, hat ihn schon! Wir sind Zeugen des denkwürdigen 
Moments, wie sich im Hirn des Vertreters der Neuen Freien Presse 
die Eindrücke formen. Ein Gesicht, das auf den ersten Blick dem 
Charakterkopf Rudolf Lothars gleicht, aber es ist der Hirsch, ich 
weiß, es ist der Hirsch ; denn der Lothar jagt für den Lokalanzeiger. 
Wie befangen stehen die Honoratioren neben ihm: er blickt 
interessiert, aber ruhig drein, den Kopf ein wenig vorgebeugt, 
seiner Sache sicher. Dies das erste Bild. Auf dem zweiten Bild 
sehen wir den Hirsch elastischen Schrittes neben dem Kaiser einen 
Pavillon verlassen. Der Momentphotograph hat den Augenblick in 
der bekannten charakteristischen Weise festgehalten, wie die 
aufgenommene Persönlichkeit den einen Fuß auf den Absatz stellt 
und die Sohle zeigt. Aber man hat doch den Eindruck, daß der 



— 13 — 

Hirsch rüstig ausschreitet. Assyrischer Bart, Zylinder, offener 
heller Überzieher, Umlegkragen, die ganze Gestalt breiter als lang 
— so und nicht anders hat man sich den Vertreter der Neuen 
Freien Presse vorgestellt, neben dem die eleganten Herren im 
Gehrock und gar der Kaiser im schlichten Generalsrock ver- 
schwinden. Einer vom Tagblatt stapft auch hinterher, aber er kann 
sichtlich gegen den Hirsch nicht aufkommen. Drittes Bild: Der 
Kaiser steht zwischen -zwei Herren; der Hirsch sieht die Gruppe 
so von unten hinauf von oben herab an, als wollte er 
sagen : Ich bin einer unserer Mitarbeiter, der Gelegenheit 
hatte. Im Hintergrund tauchen etliche Strebervisagen auf, 
Komiteemitglieder, Konsuln und so Leute, die ein freundliches 
Gesicht machen, weil sie mit dem Kaiser photographiert 
werden sollen. Der Hirsch hält das für selbstverständlich. 
Er hat sich nicht vorgedrängt; er war früher da. Viertes Bild: Der 
Kaiserverläßt die Ausstellung. Einer der Herren macht vor Verlegenheit 
einen schiefen Mund; der Hirsch bleibt ruhig. Ein Ministerial- 
beamter senkt in seines Nichts durchfahrendem Gefühle das Haupt. 
Er ist ganz zerschmettert. Er macht den Eindruck, als ob ihm das 
den Rest geget)en hätte. Der Hirsch steht aufrecht. Er denkt: 
118 Zeilen Einleitung. Er wird die Ausstellung für eröffnet er- 
klären. Wenn er in die Redaktion kommt und vor seinem obersten 
Kriegsherrn steht, wird er vielleicht die Unbefangenheit ein wenig ver- 
lieren. Aber wenn er dann die Ansichtskarten vorweist, wird er belobt 
werden . . . Man kaufe diese Ansichtskarten. Vielleicht wird sich ein- 
mal dieses Wien mit Scham an die Zeiten erinnern, da es seinen 
alten Kaiser durch Ausstellungen führte und im Sonnenbrand 
jedem dieser wertlosen Dabeiseinwoller mit unverminderter Freund- 
lichkeit ein Wort sagen ließ, dessen Kurs von den Inseratenhändlem 
bestimmt wurde. Aber die Ansichtskarte, auf die es ihn, der in 
seinem Leben schon wahrlich besseren Hirschen begegnet ist, mit 
einem Hirsch gebracht hat, der auf den ersten Blick als der von der 
Neuen Freien Presse kenntlich ist — sie bleibt ein österreichisches 
Dokument, das über alle zeitliche Scham hinaus die Wesensart 
dieses Landes fixiert und nicht in eine Jagdausstellung gehört, 
sondern in eine Weltausstellung. 



14 



Der Maikorso 

Zu den spärlichen Unterhaltungen, die unsereins noch mit- 
macht, gehört die Verregnung eines Maikorsos. >Es gab strecken- 
weise weite Lücken, so daß man eigentlich nur durch das Aufgebot 
an Wache zu beiden Seiten der Fahrbahn daran erinnert wurde, 
daß heute Maikorso ist<. Warum man sich über so etwas freut, 
weiß man im Augenblick nicht; aber man freut sich. Auch kommt 
man erst später darauf, daß man just zu der Stunde ein Wohlbehagen 
hatte, als ein paar Wucherer naß wurden. Die Schadenfreude 
funktioniert bei mir als Reflexbewegung. Ich bin plötzlich gut 
aufgelegt, mein Gesicht erhellt sich, man fragt mich warum, und 
nachdem ich mich eine Weile besonnen habe, sage ich : Ja, wissen 

Sie denn nicht, daß heute der Maikorso verregnet ist? 

* * 

* 

Gabriel und Margarete oder: Ist sie schuldig? 

Bevor Heinrich Manns »Unschuldige* in der , Fackel' 
erschien, hatte der Autor diesen Dialog vor einem kleinen Publikum 
vorgelesen. Ich erschrak, als ich im Neuen Wiener Tagblatt einen 
umso größeren Bericht - unter dem grauslichen Titel »Ist sie schuldig? 
Eine Dichterphantasie< — bemerkte. Denn darin waren Dialogstellen 
unter Anführungszeichen zitiert. Hätte der Autoreinem Reporter Ein- 
blick in das Manuskript gewährt, so hätte diese Defloration der 
»Unschuldigen« gegen unsre Abmachung verstoßen. Als ich den 
Bericht dann las, war ich über das Eigentumsrecht der , Fackel' vollstän- 
dig beruhigt, aber eine wüste Perspektive eröffnete sich mir in die 
Möglichkeiten, denen sich das Eigentumsrecht des Autors über-: 
liefert, wenn er auch nur die Ohren des Reporters herankommen läßt. 
Was war aus Heinrich Manns Sinn und Sätzen geworden! >Und 
der Dienerin hatte er zu sagen verboten, daß die gnädige Frau 
als kleines Mädchen einmal die Katze mit einem Strick um den 
Hals vor das Fenster hing und dai'5 sie ihren Geschwistern die 
Spielsachen stahl«. Unwahr, vollkomimene Verdrehung zweier nicht 
zusammenhängender Stellen. >,Er konunt mir vor, wie ich selbst, 
und doch wieder wie ein Unbekannter', sagt sie zu der alten 
Monica«. Das sagt sie nie. Es dürfte aus der Stelle entstanden 
sein: >Ich warte auf ihn, wie auf einen ganz Fremden und wie 
auf mich selbst«. Was völlig erfunden oder gänzlich mißverstanden 
ist, steht unter Anführungszeichen. >Aber, Kini, Margarete, 
besinne dich doch . . .« »Du bist ja in einer anderen Wohnung, 



— 15 



Margarete . . . « > Du hast mich in einer Stunde alt gemacht, Margarete< . 
Wer nur diese Margarete sein mag? Der Name Icommt im Dialog 
nicht vor. Sie aber antwortet: »Dann siehst du, Gabriel, wie es jenen 
Menschen geht, die mit der Seele leben«. Margarete »sagt nun 
abermals und zum zweitenmal, sie hätte es doch getan« ; aber ich 
finde und finde keine Margarete. Und Gabriel küßt sie und sagt: 
>Man ist eins im Leben mit Vorbehalt«. Aber ich finde auch keinen 
Gabriel. Verfluchte Geschichte das! Dagegen finde ich, daß den 
Satz: »Man ist eins unter Vorbehalt« nicht der Gabriel, sondern 
eine Gabriele spricht und daß mit andern Sätzen die Gabriele und 
nicht der Gabriel angesprochen wird, so daß Gabriel und Gabriele, 
er und sie überall vertauscht werden müssen, um halbwegs den 
richtigen Sinn herauszubekommen, wobei noch immer der Text 
zuschanden geht und, weil der männliche Teil des Dialogs an keiner 
Stelle mit seinem Vornamen genannt wird, die Entstehung der 
Margarete unaufgeklärt bleibt ... So gehts den Dichtem. Der Bericht 
stammt von einer Frau. »Eine Dichterphantasie« betitelt sie, was 
nur eine Reporterphantasie ist. Der Titel »Ist sie schuldig?« kann 
bleiben. Sie ist natürlich unschuldig; schuldig ist nur die Institution, 
die den Ehrgeiz hat, nach einer psychologischen Novelle genau 
so detailkundig zu erscheinen, wie nach einem Eisenbahnunglück. 



Jeden Früh 

,Der Merker*, eine neue österreichische Zeitschrift für 
Musik und Theater, welche, von ein paar lobenden Worten über mich 
abgesehen, den Beweis ihrer Existenzberechtigung noch nicht erbracht 
iiat, veröffentlicht ein Gedicht des deutschen Lyrikers Hugo Salus, 
dessen erste Strophen wie folgt lauten: 

Auf dem braunen Zweig des kahlen Baumes, 

Der mein Fenster streift, sitzt nun ein Vogel 

Jeden Früh. 

Er ist jung und übt mit großem Eifer 

Eine neue, aber gar nicht leichte 

Melodie. 

Nur zwei Töne ; mit gesenktem Köpfchen 

Probt er immer wieder diese neue 

Melodie. 

Wie ein junger Priester bei der Messe 

Beugt er sich zum Zweiglein und ist fleißig 

Jeden Früh. 



16 — 



Herr Salus ist Prager Heimatkünstler, und es ist immer 
wertvoll, wenn die Dichter die Sprache um Wendungen bereichern, 
die dem Idiom ihrer besonderen Umgebung entstammen. In Prag, 
wo es sich von selbst versteht, daß der besser situierte Einwohner 
»jeden Früh, wenn er aufkommt und aufsteht, seinen Tee trinkt 
und seine Eier ißt*, berührt es durchaus sympathisch, daß auch der 
Priester jeden Früh seine Messe liest, wenn er es nicht vorzieht, 
seine Neue Presse zu lesen, ja man wundert sich nicht, daß selbst 
der Vogel in Prag jeden Früh sein Lied vor dem Fenster des Dichters 
singt, was diesen wieder derart in Stimmung bringt, daß er jeden Früh 
sein Gedicht schreibt. In Prag weiß man aber auch, wozu das Unter- 
richtsministerium seinen , Merker' subventioniert, Nur daß es nicht 
»sein* Geld ist, das da hinausgeworfen wird, sondern unser Geld. 



Der gewesene außerordentliche Leibarzt weiland des 
Königs Eduard von England 

Der Tod des Königs von England bietet den Vorteil, 
daß man den Namen des Herrn Dr. Ott in Marienbad 
nicht mehr so häufig lesen wird wie in den letzten 
Sommern, die durchaus erfüllt waren von einer Glorie aus 
Stoffwechsel, Kreuzbrunnen, Zudringlichkeit des Kurpublikums 
und jener majestätischen Huld, die jedesmal aus dem Händchen 
des jüngsten Töchterchens eines Champagneragenten einen Blumen- 
strauß entgegennahm. All dies versinkt, die Könige, von deren 
Fett ein Kurort mit Honoratioren, Ärzten, Juden und Konsuln 
leben kann, sind an den Fingern abzuzählen, und der treue 
gewesene außerordentliche Leibarzt blickt einem Meteor nach von 
115'6 Kilo, wischt sich eine Träne aus dem Auge und ergreift 
in der Neuen Freien Presse das Wort. Namentlich er muß es ja fühlen, 
daß jetzt andere Zeiten kommen, daß nach England jetzt wieder 
Galizien Trumpf sein wird, und seine >persönlichen und ärztlichen 
Beziehungen zu König Eduard* zum Titel eines Artikels zu machen, 
das ist wohl die bescheidenste Entschädigung für den unermeßlichen 
Verlust, den er durch diesen Todesfall erleidet. Herr Ott war so 
diskret, den Reklamewert von höchstens zwanzig ausfallenden 
Marienbader Sommern an einem Sonntag hereinzubringen. Er 
begnügt sich zunächst mit der Feststellung, daß Eduard VII. 
nicht nur sein Patient und sein königlicher Protektor 



17 



sondern auch >sein bester, ihm wohlwollendster, aufrichtigster 
Freund« gewesen ist. Herr Ott war oft eingeladen und kann nicht 
umhin hervorzuheben, daß er »niemals das Gefühl hatte, der Letzte 
oder Geringste im Range in der sozial so hochstehenden Gesellschaft 
zu sein«, er saß an der Tafel zwischen Lord Esher und Lord 
Fisher, »dann erst folgten rechts und links einzelne Minister und 
andere hochstehende Persönlichkeiten« und ganz unten erst der Kom- 
mandant der Yacht und die Adjutanten Sr. Majestät. Nachdem 
er so eine Illustration des Bibelwortes von den Letzten, die die 
Ersten sein werden, geliefert, und sich auch der Brosamen 
gerühmt hat, die von des Herrn Tische fallen, geht er daran, 
einiges aus der Behandlung des Königs Eduard zu erzählen, ein- 
gedenk des Spruches: Haltet euch an meine Worte und nicht an 
meine Werke. Denn eigentlich sollte sich ein Leibarzt verkriechen, 
wenn ihm sein königlicher Patient gestorben ist, und nicht her- 
vortreten und erzählen, wieviel der Tote dank seiner Behandlung in 
jedem Sommer abgenommen hat. Herr Ott hat aber offenbar sein 
Möglichstes getan : die Leber des Königs war nicht angeschwollen, 
die Bronchien waren rein, Zucker und Eiweiß nicht vor- 
handen, und für das >rapide, so unerwartete Hinscheiden des 
Königsc ist Herr Ott natürlich nicht verantwortlich zu machen. Der 
König hatte vierzig Pfund abgenommen, und das ist immerhin 
eine ärztliche Leistung. »Es wäre gewiß ein medizinischer Fehler,« 
bemerkt stolz der Leibarzt, »wenn man den verstorbenen König 
als Diabetiker bezeichnen wollte«. Man wird sich hüten, nach dem 
Tod des Königs medizinische Fehler zu begehen! Und A\arienbad 
hatte getan, was es konnte. 1904 zum Beispiel gab es »einen Sommer 
ohne Regen und mit allgemeiner Staubentwicklung«. Der englische 
Leibarzt war gegen die Reise. Da aber Herr Ott »die ausdrückliche 
Versicherung gab, daß die Stadtvertretung Marienbads alles 
tun würde, um sowohl im Orte selbst wie in der Umgebung 
nach Menschenmöglichkeit die Staubplage zu bekämpfen«, 
so kam der König. Und wiewohl, bitte, der Regen nicht garantiert 
worden war. Eine solche Suggestion übte die Persönlichkeit des Herrn 
Ott. Schon im vorhergehenden Jahre, nach der Krankheit, wollte 
man den König nicht zu seinem Ott lassen. Der aber setzte es 
durch, denn der König wog noch immer über 100 Kilo, und Sir 
Laking hatte Herrn Ott geschrieben: »Ich sende Ihnen den König 
mf Ihre eigene Verantwortung«, ein postalischer Vermerk, der sich 



— 18 — 



offenbar nur auf die Überfracht bezog. Als eine Dame den König fragte, 
warum tr denn nicht zur Abwechslung einmal nach Karlsbad gehe — 
wo es ja auch tüchtige Reklameärzte gibt — , >antwortete er lächelnd: 
,0, vielleicht würden mir die Quellen dieses oder jenes Kurortes auch 
guten Erfolg bringen, aber ich hätte dort nicht meinen Doktor Ott.« 
So erzählt Herr Doktor Ott. Auch der langjährige treue Lakai Hawkins 
wollte ihm wohl, denn er half ihm, als er einmal auf Schloß Sandring- 
ham zu Besuch war, aus dem Pelz und »meldete mitten in das eifrige 
Stimmengewirr der großen, echt englischen Hall: , Doktor Ott!'« Auch 
die Königin Alexandra, eine hohe königliche Gestalt, kam ihm mit dem 
ihr eigenen, liebenswürdigen Lächeln entgegen, bewillkommte ihn mit 
kräftigen englischen shakehands und sagte: >Ich freue mich sehr, 
lieber Doktor Ott, Sie hier begrüßen zu können.« Aber auch alle 
andern Herrschaften, >der Herzog und die Herzogin von Teck, 
Prinzessin Viktoria, die ledige Tochter des Königspaares, Graf 
Mensdorff, unser Botschafter, Lord und Lady Landsborough« — 
>meine ehemaligen Patienten«, bemerkt Herr Ott diskret — und die 
Damen und Herren des Dienstes, alle begrüßten sie ihn herzlich. Dann 
ging es >flink aufs Zimmer, um, da man in Sandringham zu etwas 
früherer Stunde als sonst diniert, schleunigst Toilette zu machen.« 
Die englische Auszeichnung wird in Originalgröße getragen, die 
andern Dekorationen, >die man etwa besitzt«, en miniature. Ein 
unvergeßlicher Moment für Herrn Dr. Ott: >als ich nach der Kirche 
zwischen König Eduard und dem jetzigen König, wir drei ganz 
allein den anderen Gästen voraus, durch den Park zum Schloß 
zurückging«. Und wenn dies noch überboten werden konnte, so 
war es nachdem Lunch der Fall: »Der König, meistenteils in mich 
eingehängt, mit mir voraus, mir alles persönlich erklärend.« Und 
dann spielte sich das Allermerkwürdigste ab. Der jüngste Enkel 
des Königs kam des Weges und der König »sagte in englischer 
Sprache: ,Gib schön dein Händchen, das ist der Doktor Ott, 
weißt du, mein Arzt aus Marienbad'«. »Ich ergriff die kleine Patsch- 
hand des herzigen, drei- bis vierjährigen Jungen, der mir mit 
großen, lichtblauen Augen ins Gesicht sah und ein kräftiges ,How 
do You do' entgegenrief.« Aber aus Kinder werden einmal Männer, die 
eine Marienljader Kur notwendig haben, und dann wird Onkel Ott 
ihn, sich und uns an diese erste Begegnung erinnern. Unvergeßlich 
bleibt ihm auch sein letztes persönliches Tet-ä-tete mit dem König 
auf Sandringham. Herr Ott mußte vor der Abreise »im Beisein des 



— 19 — 



Königs und auf seinen persönlichen Wunsch« nicht nur sein 
Geburtsjahr und die Dauer seines Besuchs eintragen, sondern 
»wurde auch wie jeder Besucher im Beisein des Königs gewogen und 
sein Gewicht gewissenhaft zu den Besuchsdaten notiert.« Es war die 
Revanche für Marienbad . . . Herr Doktor Ott fühlt, daß er sich 
»wohl etwas länger bei dieser seiner letzten persönlichen Zusammen- 
kunft mit dem hohen Herrn aufgehalten« habe, doch glaubt er, 
»diesen seinen Fehler durch das Interesse, das diese kleine Skizze 
vielleicht in dem Kreise jener, die den König persönlich gekannt 
haben, erwecken dürfte, entschuldigen zu können«. Vorausgesetzt, 
daß die Leser der Neuen Freien Presse so fettleibig sind, daß sie 
diesen Satz nicht ohne asthmatische Beschwerden zu Ende lesen 
können, so war es gut, diese Erinnerung in Druck zu legen. Denn 
dann waren sie gewiß alle in Marienbad und sind dort dem König 
von England näher getreten. Wir haben ja auch tatsächlich in den 
letzten Sommern gehört, wie die Umgebung des Königs zu arbeiten 
hatte, um den Andrang der Leser der Neuen Freien Presse abzu- 
wehren, und für sie vor allem ist der Bericht des Mannes bestimmt, 
der einen Freund, mehr als das, einen Patienten verloren hat und 
nur noch Trost in dem Gedanken findet, sich von nun an den 
»gewesenen außerordentlichen Leibarzt weiland des Königs Eduard 
von England« nennen zu können. 



Ein Königswort 

Das Neue Wiener Tagblatt schreibt: 

» . . . Von dem Interesse des Prinzen von Wales an dem 
modernen Zeitungswesen zeugen auch die folgenden Sätze: 

Die Erfahrung hat gezeigt, daß selbst bei Firmen von fest- 
stehendem Rufe und weltumfassenden Verbindungen die Versuche, das 
Annoncieren abzubrechen, von einer Herabminderung der vollzogenen 
Verkäufe gefolgt wurden ...» 

Somit läßt sich von dem neuen König das beste hoffen. 
Wenn jeder Akquisiteur eine so mannhafte Sprache führte, stünde 
es noch ganz anders um das Zeitungswesen. Freilich hat Georg 
von England nicht gesagt, wie er sich zum Kleinen Anzeiger stellt. 



— 20 



Das ist so allgemein bekannt . . . 

Die Neue Freie Presse hat sich zum erstenmal in ihrem 
Leben dazu hinreißen lassen, auf einen Angriff zu reagieren. Der 
Abgeordnete Viktor Adler hatte von ihr gesagt, sie sei das 
energischeste und gefährlichste Regierungsblatt. Darauf brachte sie, 
am 28. April, eine Erklärung, die von so sprudelndem Witz und 
von so hinreißender Phantasie zeugt, daß sie von der , Fackel' nicht 
totgeschwiegen werden darf. Sie lautet: 

(Die Neue Freie Presse ist ein vollständig unabhängiges Blatt, 
das in allen Fragen des öffentlichen Lebens seine gänzlich unbeeinfluß- 
bare Überzeugung zum Ausdruck bringt und vertritt. Das ist so all- 
gemein bekannt, daß es überflüssig wäre, ein weiteres Wort darüber zu 
verlieren. Es hat noch keine Regierung in Österreich und in der ganzen 
Monarchie gegeben, die das Recht gehabt hätte, der Neuen Freien 
Presse ihre Haltung vorzuschreiben. Die Neue Freie Presse ist 
nach bestem Gewissen bemüht, den öffentlichen Interessen und dem 
Publikum zu dienen, aber sonst niemandem. Anmerkung der Redaktion.) 

Die Neue Freie Presse hat mir mit dieser Erklärung, die 
sie an meinem Geburtstag erscheinen ließ, eine große Freude be- 
reitet. Es heißt zwar wirklich Pauschalien in die Neue Freie Presse 
tragen, wollte man heute noch an ihrer Unbestechlichkeit zweifeln. 
Aber so ein offenes Wort nach jahrzehntelangem Schweigen tut 
wohl. Man wußte es ja schon längst, daß sie vollständig unbeein- 
flußbar sei, aber niemand hatte es ihr bisher nachweisen können, 
und jetzt sind die letzten Zweifel geschwunden. Man munkelt nicht 
mehr, sie sei ein hochanständiges Blatt, der Bann ist gebrochen und 
über Österreich hat sich nach diesen aufklärenden Worten eine so 
heitere Stimmung verbreitet, daß die Neue Freie Presse selbst sich 
über die Ruhe wunderte, mit der man überall dem Kometen ent- 
gegensah. Jetzt weiß sie den Grund. Der ganze Humor in der 
Kometennacht war nur ein Vorwand. Man war seit Wochen so gut 
aufgelegt, daß man einander in den Bauch stieß und »Schnipfer!« 
sagte, sobald einer im Kaffeehaus nur die Neue Freie Presse ver- 
langte. Und der Satz: »Das ist so allgemein bekannt, daß es über- 
flüssig wäre, ein weiteres Wort darüber zu verlieren«, hat Flügel 
bekommen und wurde zum Refrain eines Lachkuplets in der Art, 
wie sie früher beliebt waren. Wenn einer jetzt zum Beispiel sagt : Ja, 
der Cook hat den Nordpol entdeckt, oder: Die Dokumente im 
Friedjung-Prozeß sind echt — so antwortet man nur mehr: Das ist 
so allgemein bekannt u. s. w. Der Satz schlägt jeden Gassen- 



— 21 — 

hauer, und als kürzlich in einem Nachtcafe ein Sänger weit das 
Mau) aufriß, um das schlichte Volkslied »Das ist mein Freund, der 
Löbl« zu singen, ließ man ihn nicht, denn kaum hatte die Musik 
eingesetzt und er die Worte: »Das ist —* herausgebrüllt, da 
fiel der Chor der Besucher donnerähnlich ein: »Ja das ist 
so allgemein bekannt, daß es überflüssig wäre, ein weiteres Wort 
darüber zu verlieren!« 



Der Komet im Cottage 

.... findet Mittwoch den IS. d. um S ühr abends eine 
interessante Veranstaltung statt, die durch die Namen der Mitwirkenden 
und durch die Originalität der Zusammenstellung des 
Programms ungewöhnliches und berechtigtes Auf- 
sehen erregen dürfte. Das Programm des Konzerts ist 
folgendes .... Nach dem Konzert wird auf der großen Terrasse angesichts 
des feenhaft beleuchteten Gartens das Souper serviert, während im Garten 
die Wiener Singakademie Volkslieder zum Vortrage bringt und aus der 
Ferne das Stiegler-Sextett der Hofoper die Waldhörner erklingen läßt. 
Vom anderen Ende des Gartens aus werden in den Zwischenpausen 
erstklassige Musikkapellen konzertieren. Während des Desserts und des 
5 ui Warzen Kaffees werden auf der großen Wiese vor der Terrasse 
^ ohl von Primaballerinnen des Hofopemballettkorps unter der Leitung 
Mitwirkung des Mimikers der k. k. Hofoper, Karl Godlewski, als 
von e.xotischen Tänzerinnen Pantomimen und Tänze in neuen 
Kostümen vorgeführt. Hernach verlöschen die Lichter des Gartens und 
auf dem neuangelegten Teile des Türkenschanzparkes, gerade gegenüber 
der Speiseterrasse, angesichts des Wienerwaldes, beschließt ein reich- 
haltiges Feuerwerk den zweiten Teil des Programms. Nunmehr 
begeben sich die Gäste wieder in den als Wirtsstube verwandelten Saal, 
und während sie sich bei Wursteln, Gulasch, Bier und Wein gütlich tun, 
spielen und singen die »Grinzinger< ihre gemütlichen Lieder, unter- 
brochen von anscheinend improvisierten Vorträgen von ..... denen 
sich andere bekannte Wiener Lieblinge anschließen. Kurz vor 
Mitternacht, zu welcher Zeit ja bekanntlich in dieser 
Nacht der Schweif des Halleyschen Kometen die Bahn der 
Erde berühren soll, hat man Gelegenheit, infolge der 
hohen und freien Lage des Gartens dieses Naturschauspiel 
wohl anf besten zu beobachten. Für dieses Fest können infolge 
des beschränkten Raumes nur 260 Karten ausgegeben werden, die 
inklusive Konzert, Souper und Kabarett, dank dem Entgegenkommen 
der Künstler zum Preise von nur ä 6 K berechnet werden konnten. 
(Überzahlungen werden dankend angenommen und separat quittiert.) 
Hundert Karten sind davon für die Patienten des Hauses .... 



— 22 



Was? Für die Patienten des Hauses? Ja, ist denn die ekel- 
iiafte Jahrmariitsreklame, die Kunst und Würstel und Gulasch und 
den Kometen verschlingt, nicht von einem Gastwirt ausgegangen? 
O doch, von dem Besitzer des Cottage-Sanatoriums, seit dessen 
Etablierung der Zusammenhang zwischen Medizin und Wirtsgeschäft 
auch von den gläubigsten Verehrern der Wissenschaft nicht mehr 
bestritten wird. Von dem Besitzer jenes Sanatoriums, das von den 
überzeugten Anhängern der Gastwirtegenossenschaft und den Freun- 
den des Hoteliergremiums als ein Fleck auf der Standesehre 
empfunden wird. Denn sie finden die Verquickung der Probleme >Wo 
ißt und trinkt man gut?«, »Wo gibt's an guten Tropfen und a Hetz?« 
mit medizinischen Vorwänden unerträglich, und sie betrachten die 
Vermengung kultureller Werte wie »Speisen und Getränke erst- 
klassig, Bäder im Hause, Lift«, »Täglich Doppelkonzert mit Gesang, 
Omnibusverkehr die ganze Nacht« mit einer Behandlung durch 
den Professor Noorden als eine maßlose Kompromittierung ihrer 
Bestrebungen. Wenn nicht die , Fackel' jener Frechheit ein Ende 
gesetzt hätte, die eine Patientenliste allwöchentlich in der Neuen 
Freien Presse inserierte, die Ärztekammer hätte die Fremdlin; 
aus Baku und Tiflis, die sich vertrauensvoll in die Hände 
Herren Noorden, Urbantschitsch u. s. w. begaben, gegen so dre» 
Verletzimg der Schweigepflicht nicht geschützt. Und wenn je 
nicht die Praterwirte gegen die Schmutzkonkurrenz aufstehen und 
wenn nicht der Wolf in Gersthof gegen den Urbantschitsch im 
Cottage vorgeht, so wird sich das abscheuliche Unding eines 
Kabarettsanatoriums noch öfter unseren Blicken aufdrängen. Der 
ganze Wiener Jourgestank von Humanität und Streberei, der uns 
so oft aus der Hauptallee entgegenweht, dieses ganze fesche 
Samaritertum, das zwischen Tuberkulose und Tombola seinen 
Namen in die Zeitung bringt und unter Umständen sogar bereit 
ist dafür zu sorgen, daß »die Kunst sich in den Dienst der Wohl- 
tätigkeit stellt<, dieses ganze Gekrieche zwischen Spitalsbajazzos und 
Spitzen der Gesellschaft — hier hat es einmal zu einer entschei- 
denden Probe ausgeholt auf die Langmut der Enterbten solchen 
Glückes. Denn es hatte den infamen Geschmack, die Überraschungen 
der Kometennacht in seinen Juxbasar einzubeziehen. Daß wohl- 
tätiger Unfug, der die Nachtruhe stört und noch die Leser der 
Morgenblätter belästigt, sich zu Gunsten einer Heilanstalt abspielt, 
davon hat man schon gehört. Aber daß er sich in einer Heilanstalt 




23 



abspielt, daß vor den Fenstern der Patienten, an deren Nervenleiden 
und Verdauungsstörungen wir doch fast ebenso glauben sollen wie 
an ihren Reichtum, ein Feuerwerk abgebrannt wird und Heurigen- 
musik ertönt, und daß sich solcher Skandal in der einzigen Nacht seit 
fünfundsiebzig Jahren abspielt, in der auch den Gesunden ein Böller- 
schuß oder eine Rakete ängstigt, das ist eine Idee, die nur dem Hirn 
eines Buben oder eines wahnsinnig gewordenen Kommis entsprungen 
sein kann. Die Nacht, in der »bekanntlich der Schweif des Halleyschen 
Kometen die Bahn der Erde berühren soll«, ist Gottseidank so 
glimpflich verlaufen, wie eine Reklame für Praterwirte nur verlaufen 
kann, und leider war es trotz der hohen Preislage des Sanatoriums 
nicht möglich, »dieses Naturschauspiel zu beobachten«. Aber noch 
in der Umgebung des Sanatoriums fuhren die Leute aus den 
Betten, denen das Feuerwerk des Herrn Urbantschitsch jene 
Vision des Weltuntergangs bot, welche ihnen auch ein pünkt- 
licher Komet nicht geboten hätte, und es heißt, daß die Polizei um 
Mittemacht das reichhaltige Programm etwas abgekürzt hat. Man stelle 
sich nun die Situation der Leute vor, die im Sanatorium liegen 
und zwar in der Lage sind, nur tO K für den Anblick des Welt- 
:: tergangs zu zahlen, aber nicht auch imstande sind, aufzustehen 
uiid das Feuerwerk des Herrn Urbantschitsch zu besichtigen. Jener 
Patienten, die zwar in der ausgesprochenen Absicht nach Wien 
kamen, ihren Namen in die Presse einrücken zu lassen und 
ihren Reklamewert teuer zu bezahlen, aber doch vielleicht auch 
um Erholung zu suchen. Wahrscheinlich hat dei grinsende 
Verstand graduierter Händler gehofft, daß die Herzleidenden 
genügend aufgeklärt sein würden, um einen harmlosen 
Böllerschuß nicht für das Signal des Weltuntergangs zu 
halten. Oder er hat gehofft, daß ein Schrecken in dieser 
Nacht der Suggestionen genügend wirksam sein werde, um in einem 
geschwächten Organismus Zucker zu erzeugen und so das Eingreifen 
des Herrn Professors Noorden notwendig zu machen. So daß in dieser 
Nacht der Enttäuschungen, in der die Sterngucker das Nachsehen 
hatten, doch wenigstens einer auf seine Kosten gekommen wäre. 
Nun scheint aber der Wirt die Rechnung ohne den Gast gemacht 
zu haben. Denn wenn es schon nicht das Ende der Welt war, 
so war es doch das Ende ihrer Geduld, und es wird mir gemeldet, 
daß es in der katastrophalen Nacht, als der Schweif des Kometen 
Urbantschitsch die Erde berührte, als die erste Rakete in der 

303-304 



24 



Richtung nach Noorden stieg, im Sanatorium Herzkrämpfe 
gab und daß ein Patient in diesem Augenblick noch die 
Geistesgegenwart hatte, an einen Schadenersatzprozeß gegen die 
Leiter der Anstalt zu denken. Nun besteht ja allerdings die Wahr- 
scheinlichkeit, daß diese mit Erfolg einwenden werden, Kläger 
sei schon mit einer geschwächten Gesundheit in das Sanatorium 
gekommen, sei in der Kometennacht, in der viele Menschen 
zitterten (Beweis durch Zeugeneinvernahme), besonders ängstlich 
gewesen, und keinesfalls könne ein harmloses reichhaltiges Feuerwerlc 
ein so schweres Herzleiden verschuldet haben. Aber es wäre 
doch außerordentlich wichtig, daß es zu diesem Prozeß kommt. Denn 
es ist unerläßlich, daß die fortschrittliche Welt erfahre, wie sicher 
sie der Wissenschaft sein kann, wenn ihr der Kometenaberglaube 
zusetzt, der astronomischen und vor allem der medizinischen. Es 
ist unerläßlich, daß sie erfahre, es seien Ärzte gewesen, die mit 
Bravo Stuwer!, Grinzingern, Wursteln, Gulasch, einem Waldhorn- 
Sextett und dem Kometenschweif ihren herzleidenden Pflege- 
befohlenen in banger Nacht zuhilfe geeilt sind, kurzum mit einem 
Programm, das durch die Originalität der Zusammenstellung un- 
gewöhnliches und berechtigtes Aufsehen erregte; und es sei 
Polizisten gewesen, die sich ins Mittel legten und weni] 
stens die Himmelserscheinungen inhibierten, mit denen diese"' 
gefinkelte Medizin der Astronomie zuvorkommen wollte. Es ist 
unerläßlich, daß diese Rakete der Wiener Wohltätigkeit, wie anno 
Festzug und in jedem Wiener Fall, im Handelsgericht krepiere, 
wenn ihr schon das Strafgericht entrückt bleibt. Ärzte sind es 
gewesen. Die Welt will sich die Namen dieser Ärzte aufschreiben, 
die Welt will Ärztekammer spielen, und sie wird erst dann ruhig 
untergehen, wenn sie vorher einen partiellen Weltuntergang erlebt 
hat, einen, der sich auf ein Sanatorium erstreckt, in welchem 
die Diskretion des Arztes ein Heurigenexzeß und die Gesundheit 
des Patienten ein Juxgegenstand ist. 




— 25 — 

Dem internationalen Preßkongreß 

Von Franz Grillparzer 

Der Henker hole die Journale, 
Sie sind das Brandmal unsrer neuen Welt, 
Der ekle Abhub von dem Wissenmahle, 
Der, für die Viehmast, in die Zuber fällt. 

Sie sind die breitgedeckten, offnen Tische, 
Wo Tor und Weiser sich als Nachbar schaut, 
Und eines Schluckes aus dem Buntgemische 
Hinabschlingt ganz, woran die Menschheit kaut. 

In einer Stunde wirst du zum Gelehrten, 
Nur freilich in der andern wieder dumm ; 
Denn von der richt'gen Ansicht zur verkehrten 
Schwingt sich der Pendel immer wechselnd um. 

Du brauchst nicht mehr zu wissen noch zu denken, 
Ein Tagblatt denkt für dich nach deiner Wahl. 
Die Weisheit statt zu kaufen steht zu schenken. 
Zu kaufen brauchst du nichts als das Journal. 

Nun erst die Köche dieser Sudelküche, 
Der Täter gibt der Tat erst ihren Fluch, 
Noch ärger als der Speisen Qualmgerüche 
Steht der Verfert'ger selber im Geruch. 

Schon in der Schule bildet sich die Rasse, 
Es schreibt da, wer zu lernen nicht versteht, 
Bis endlich eine dritte Fortgangsklasse 
Sich als Beruf zeigt und als Musaget. 



Dieses Gedicht, das manche Dramen Grillparzers aufwiegt, ist 
1844 entstanden und in der Gesamtausgabe von Cotta 1887 enthalten. 
Man müßte eine spätere Ausgabe daraufhin ansehen, ob das im Dienst 
der Presse wirkende literarhistorische Schmocktum sich inzwischen 
gefügig gezeigt und die tapferen Verse unterdrückt hat. Jedenfalls wird 
es gut sein, auf die noch kommenden GriUparzer-Editionen ein Auge 
zu haben. 



— 26 — 

Dieter und der Beamtensohn 
Von Otto Stoessl 

Dieter hatte seinem neuen Freunde Toni Scharrer viel zu 
zeigen, dieser ihm viel zu sagen. Ein ganzes Leben war gemeinsam 
zu führen. Dazu reichte eine Stunde des Schulweges wahrlich nicht 
aus. Dieter als freier Mann schlug vor, sie sollten fortan jeden 
Nachmittag miteinander spazieren gehen. Scharrer lächelte weh- 
mütig, das sei ganz unmöglich, er müsse daheim studieren, dann 
sei er auch im Turnen eingeschrieben, was etliche Nachmittags- 
stunden wegnehme, sein Vater würde nie und nimmer erlauben, 
daß er so lange fortbliebe. 

Dieter beantragte, sie könnten ja vorgeben, in seiner 
Wohnung zusammen zu lernen, wo sie mehr Ruhe hätten und 
vom Turnen könnte sich der Toni ohneweiters dispensieren lassen, 
wenn der Vater ein Gesuch an die Direktion richte. Diese 
Zuversicht machte auch den Scharrer kühner und, obgleich sehr 
bedenklich, stimmte er zu, als Dieter sich vermaß, den strengen 
Vater selbst zu solchen Schritten zu bewegen. Vorher wollte Toni 
jedenfalls daheim von seinem Freunde sprechen und den Alten auf 
ihn vorbereiten. 

Eines Nachmittags klopfte Dieter, nett angetan und mit 
seinem unschuldigsten Gesicht an der Tür von Scharrers Wohnung. 
Der Kollege öffnete ihm unter dem Geschrei kleiner Kinder. Dieter 
roch die eigentümliche Beamtenwohnung, welche aus der Küche 
den Dunst aufgewärmten Gemüses, aus den Stuben den Atem zu 
vieler Leute und die Unreinlichkeiten einer Kinderwirtschaft 
zusammenströmen läßt. Durch das kleine Vorzimmer drehte sich 
Dieter, vom verlegenen Freunde geführt, in den Wohnraum, wo 
gegessen, gesprochen, gelernt, gelebt wurde, und der sich mit 
Hausrat unordentlich bestellt zeigte : mit Kleiderschränken, einem 
altdeutschen Buffett, dessen aufgeklebte Schnitzerei da und dort 
abgebrochen war, mit wackeligen, ebenfalls stilgemäßen Stühlen 
um den Eßtisch in der Mitte, deren Strohgeflecht, von eingefressenem 
Staub braun und grau, gelegentlich klaffte. Auf der engen Platte 
des kleinen Sekretärs lagen Scharrers Schreibsachen gehäuft. Der 
standesgemäße Schmuck der Fenster mit braunen, schwarz- 
gemusterten und gefransten Jutevorhängen vermehrte die traurige 



Bruchstücke aus dem Manuskript eines Romanes »Morgenrot« 



— 27 — 

Düsterkeit des Ganzen. Auf dem Eßtisch war eine Decke ausge- 
breitet, welche für die IHäche nicht ausreichte, deshalb lag sie 
querüber, so daß ihre Ecken nicht über die des Tisches, sondern 
inmitten der Kanten gleichsam ins Bodenlose hinabhingen. Scharrers 
jüngstes Brüderlein saß auf dem Geschirr und hielt sich an einem 
dieser Quastenzipfel der Decke fest. Eben als Dieter eintrat, schrie 
er ein Wort, das dem Besucher unvergeßlich im Ohre und nach- 
mals zwischen den beiden Freunden sprichwörtlich blieb. > Fertig!« 
Aus der nebenliegenden Küche, deren Tür offen stand, eilte eine 
hochgewachsene, dürre Frau herbei, da sie den Gast bemerkt hatte, 
fluchte ihr Jüngstes an und trug das Zappelnde mitsamt dem Gefäß 
in die Küche, von wo ein langwieriges Heulen die ganze Dauer 
des Dieter'schen Besuches begleitete. 

An der Fensterseite des Tisches saß in einem grauen Schlaf- 
rocke, welcher geöffnet eine schmutziggelbe Jägerunterkleidung und 
unter deren Lücken eine behaarte Brust sehen ließ, der Herr Zoll- 
amtsadjunkt Scharrer bei der Zeitung. Als Dieter eintrat, wandte 
er langsam seinen Blick unter den Brillengläsern dem Besucher zu 
und starrte ihn an, ohne daß dieser genau wußte, ob er auch 
wirklich wahrgenommen werde. Der Mann hatte ein Gesicht von 
unbeschreiblicher Mühseligkeit, es war gleichsam von allem An- 
beginn schon alt und elend, nun durch Sorgen, Arbeit, Amts- 
verdruß, durch die Anstrengung der geröteten Augen und die 
unwillkürliche Entspannung aller Kräfte beim häuslichen Nichtstun 
doppelt verdrießlich, die gerunzelte Stirn zwang sich zu einer 
Strenge, die nur kümmerlich verdeckte Schwäche war, die grauen 
Augen verrieten jenes Mißtrauen der beschränkten Armut gegen 
alles und jedes: gegen amtliche Vorfälle, gegen sein Weib, das ihn 
keifend beherrschte und mit dem Gehalt nicht auskam, er war 
mißtrauisch gegen seine Kinder, die zuviel aßen und kosteten, 
gegen die Zeitung, die er gleichwohl nicht einmal um sein ganzes 
Frühstück drangegeben hätte, mißtrauisch gegen die Sonne, die ihn 
blendete, gegen die Zeit, welche ihn um sein Leben betrog, mit 
welchem er doch nichts anzufangen wußte, mißtrauisch vor allem 
gegen diesen neuen Eindringling, den er unter seiner Brille mit 
schiefen Blicken musterte. 

Möglichst unbefangen ließ sich Dieter vorstellen. 

Darauf brummte der Alte: »Zusammen lernen wollt Ihr? 
Das wird was werden! Der Toni kann schon allein nichts. Was 
haben Sie für Noten gehabt?« 



— 28 — 

Nun erhöhte Dieter seine bescheidenen Leistungen, um sich 
als geeigneten Mitstrebenden darzustellen. Aber jede bessere Note 
diente dem Alten nur dazu, dem Toni eine zeternde Mahnung zu 
erteilen, die immer mit: »Da siehst du!< begann. 

»Und vom Turnen soll ich ihn dispensieren lassen! Warum 
nicht gar? Das Turnen ist doch gesund, in der Zeit kommt ein 
Lausbub wenigstens auf keine Schlechtigkeiten Ic 

Dieter antwortete möglichst unbefangen, sein Vater habe ihn 
gar nicht erst einschreiben lassen, weil er von diesem Gegenstande 
nicht viel halte. 

»Warum hält denn der Herr Vater nichts vom Turnen ?< 
fragte der Zollamtsadjunkt interessiert. 

Nun log Dieter frischweg und mit einer Beredsamkeit, die 
ihn selbst anfeuerte, sein Vater sei der Meinung, daß für die Gesund- 
heit ein bißchen Spazierengehen in frischer Luft ausreiche, während 
der Körper beim Turnen durch die Anstrengung allzustark angeregt 
werde, so daß man nur mehr Hunger davon bekomme und sich 
überesse. Seinem Vater war es natürlich weder jemals eingefallen, 
die Rationen seines Buben auch nur zu bedenken, noch sich um 
dessen Freigegenstände zu bekümmern. Dieter befolgte vielmehr 
selbst den Grundsatz, der Schule nur das Notwendige, nichts 
Überflüßiges zu opfern. Die eben vorgebrachte ökonomische 
Ansicht seines Vaters erfand er nur, weil der rasche Einblick in 
die Scharrerschen Verhältnisse eine besondere Beachtung der Kost- 
portionen als triftigsten Grund gegen das Turnen empfahl. Der 
leuchtete auch dem Herrn Steueramtsadjunkten in der Tat über- 
raschend ein, er schüttelte nachdenklich den Kopf: »Ja, das mit 
dem Hunger stimmt, der Toni kann nie genug kriegen, der Herr 
Vater kennt seine Leute und scheint ein sehr gescheiter Mann zu 
sein. Wir werden sehen!» 

Mit diesen Worten beschloß er, sorgsam abgemessen wie ein 
König die Audienz und wandte sich wieder seiner Zeitung zu. 
Dieter und der Toni blieben ein paar Minuten ratlos, ob sie schon 
entlassen seien, oder noch einen Befehl nachträglich zu gewärtigen 
hätten. 

Vor dem Herrn Scharrer stand aber sein zweitjüngsler 
Sprößling, ein etwa sechsjähriger Knabe und hatte dem Vater 
während der strengen Anrede unverwandt nach dem Munde gestarrt, 
welcher so bedeutendes sprach. Als der Vater sich wieder der 
Zeitung zuneigte, verharrte der Kleine angewurzelt und sah weiter 



— 2y — 

gierig auf ihn, als hungere ihn nach mehr Worten. Dieser Blick 
zwang den Lesenden offenbar, sich nach dem stillen Störenfried 
zu wenden. Wiederum schaute er trag und streng nach dieser Seit^ 
sah ratlos das Kind zu seinen Füßen an, dieses ihn. Keines wußte, 
was es wollte. Der winzige Kerl blickte so alt wie der breit da- 
sitzende Vater und ebenso öde, bis der Erwachsene zögernd und 
mißtrauisch begann: »Was willst du? Wie schaust du denn eigent- 
lich aus, Fritz? Du schaust aus wie der Fladen, den die Kuh zer- 
treten hat, so ein Gefrieß hast du! t Dabei lachte er mülfcelig und 
wandte sich seiner Lektüre zu. Nun wußten die beiden Gesellen, 
daß sie hier nicht mehr benötigt wurden. Dieter empfahl sich mit 
einer schönen Verbeugung und seinem gewohnten >guten Tag« 
und ging rücklings, von Toni gefolgt, zur Tür hinaus. 

Unten auf der Straße schüttelten sie sich vor Lachen, Dieter 
rief eine Stunde lang: >Fertig!< und Scharrer lachte, über und 
über rot im Gesicht, mit. 

Zum erstenmal machte sich Dieter über seinen Vater Gedanken, 
indem er seine Familie der Scharrer sehen gegenüberstellte. Was 
er für sein bescheidenes Dasein, sei es selbst an Überflüßigem 
benötigte, bekam er, der Vater stellte es ohne viel Aufhebens bei. 
Doch gab es Väter, die in Würde bei ihrer Zeitung saßen und sich 
selbst im speckigen Schlafrock auf ihren Stand so viel zu gut 
hielten, daß sie sich wie Herren benahmen, aber dafür rechneten 
sie den Kindern jeden Bissen vor. Was für niedrige Dienste 
mußten diese Beamten tun und wie verächtlich mußte ihre Arbeit 
eingeschätzt werden, wenn sie ihnen nicht einmal das Nötigste 
einbrachte. Und wie dumm mußte einer sein, einen solchen Beruf 
noch gar als Ehre zu betrachten. So schaute also ein Beamter aus ! 
Dieter vergegenwärtigte sich den Staat unwillkürlich in dem selbigen 
Bilde, das sich ihm oben beim Scharrer dargestellt hatte. Ein 
würdevoller Hungerleider thront auf einem durchlöcherten Amtsstuhl, 
neidet seinen Kindern den Bissen und schielt unter den Brillen- 
gläsern hervor, ob niemand es vor seinem Schmutz an Respekt 
fehlen läßt. 

Zum erstenmal erkannte Dieter den Widerspruch zwischen 
der Art und der bürgerlichen Stellung seines Vaters, der ja nur 
der Diener eines wissenschaftlichen Vereines war, und daß es jeder 
Mensch in der Macht hat, frei zu sein, wenn er sich nicht selbst 



— 30 — 

an die Niedrigkeit bindet. Sein Vater blieb der Dieter, der es war, 
neben jedem Hofrat und Professor, wo aber blieb der Herr Zoll- 
amtsadjunkt Scharrer, wenn man seinen Titel von ihm abzog, der 
seine Haut und seine Seele ausmachte. 

Sein Vater war niemals zu bestimmten Stunden daheim, 
niemals saß er über einer Zeitung oder schielte nach seines Sohnes 
Schularbeiten, oder höhnte ihn mit einem lauernden: „Siehst du!* 
Unversehens stand er wie aus dem Boden gewachsen da, um 
ebenso Uutlos wieder zu verschwinden und machte von seinen 
vielen Geschäften kein Aufhebens. Daheim hatte er für Schlafröcke 
keine Zeit, indem er alle Werkzeuge des Tischlers, Schlossers, 
Schneiders und Schusters in Bewegung setzte, weshalb auch jeder 
Stuhl sauber instand war. Gab es daheim einen Schmutz, so war 
es der ehrliche Schmutz der Handarbeit und gereichte darum nicht 
zur Schande, bei den Scharrers hingegen wars der Beamtenschmutz, 
der, ein Produkt aus schlechter Nahrung, schlechter Arbeit und 
schlechter Gesinnung in verfallener Enge, jedem freien Menschen 
in die Nase stinkt, während seine Urheber gar nichts davon merken 
oder ihn am Ende noch für was Feineres halten, das als Wildpret 
von rechtswegen so duften darf. 

Beim Vergleich mit der Scharrer- Wirtschaft vergegenwärtigte 
sich Dieter, sonst nicht eben zu Empfindsamkeit geneigt, mit einer 
gewissen Rührung, wie der Vater ihm das nötige Geld mitzuteilen 
pflegte. Täglich bekam Dieter vier Kreuzer, um Brot und einen 
Frühstücksapfel zu kaufen, einmal wöchentlich, wo er wegen des 
Nachmittagsunterrichtes die Jause versäumen mußte, zehn Kreuzer. 
Davon ersparte er sich mindestens die Hälfte für seine privaten 
Bedürfnisse an Indianerbüchern, Marken, Bleistiften, Angeln und 
dergleichen. Aber der Vater wußte gar wohl, daß ein Bub manchmal 
ein Sechserl für dies und jenes benötigt, wovon ein Vater nichts 
ahnt, noch zu ahnen braucht. Darum gab er ihm gelegentlich ein 
paar Silbermünzen, ohne jemals nach der Verwendung zu fragen. 
Wenn Dieter aber in besonderer Verlegenheit und bei dringlichen 
Anlässen sich ein Herz faßte und den Vater um Geld bat, sagte 
dieser nicht etwa: >Wozu brauchst du denn schon wieder so viel?«, 
oder „was willst du damit?« oder >ich bin ein armer Mann und 
du darfst mir nicht mit solchen Prassereien anliegen, kommst mich 
ohnedies teuer genug zu stehen«, sondern er schüttelte stets bereit- 
willig sein mageres Geldbeutelchen auf den Tisch, daß die Silber- 
gulden, Zwanziger und Sechserin, Vierkreuzer- und Kreuzerstücke 



3i 



herausrollten und klaubte nun die erforderliche kleine Münze zu- 
sammen, was immer einige Mühe und Zeit kostete. Daran mochte 
Dieter erkennen, daß der Vater selbst das kleine Geld nicht ohne 
Schwierigkeit zustandegebracht, wie er es auch jetzt genau zu- 
sammenlas. 

.Ebensowenig sollte Dieter aber knauserig etwa Ersparnisse 
anlegen oder Schätze sammeln, um sie irgendwann wie ein Feuer- 
werk zu unnötiger Prahlerei abzubrennen. Darum pflegte der 
Vater, wenn er gerade nur ganze oder halbe Guldeu und keine 
kleine Münze bei sich hatte, ein soldies Silberstück darzureichen, 
eine größere, als die gewohnte und erbetene Beisteuer und vorerst 
mit ganz verborgenem Lächeln zu fragen: »Kannst du vielleicht 
wechseln?« Dann verneinte Dieter natürlich immer, was gel^entlich 
nicht der Wahrheit entsprach. Doch brauchte er sich aus solcher 
Lüge kein Gewissen zu machen, denn die Frage hatte nur sinn- 
t)ildliche Bedeutung. 

Wenn ihm aber ein Geschäft geglückt war, oder wenn er 
einem Landsmann hier in der Stadt zu etwas Rechtem verholfen, 
beschaffte sich der Vater von der Münie Silberstücke neuester 
Prägung, die in uOTcrührtem Glänze schimmerten und verehrte 
eines dem Buben zur Überraschung. Es würden auf der Welt weit 
bessere Werke getan, wenn man nicht jedem geschenkten Gulden 
auf den ganzen Weg nachschauen möchte, den er rollt At>er die 
Welt will gemeiniglich sehen, woher alles kommt, wohin alles geht, 
jeden Vogel will sie fangen und glaubt, sie brauchte ihm nur Salz 
auf den Schwanz zu streuen, darum ist ihr auch jede Wahrheit 
noch beizeiten entflogen. 

Dieter hatte einen Freund gewonnen und damit die raicht, 
ihn aus dem Gestank in die freie Luft zu führen und ihm die 
Schande seiner Herkunft zu nehmen. 

Natürlich zeigte Dieter dem Toni die alte Aula mit allen 
ihren Herrlichkeiten, das leuchtende Bild der Fakultäten, welches den 
Festsaal schmückte, das hohe Beratungszimmer der Senatoren, 
wo sie auf den Lehnstuhlen vor dem Kachelofen ihre Ziga- 
retten schmauchten. Das Schönste aber war auf dem Dache zu 
sehen, wo Dieter die ganze einsame, offene weite Welt endeckt und 
sich eigen gemacht hatte. 

An einem Frühlingstage führte er gespannt, ernst, feierlich 



— 32 



schweigsam den Toni zum Dachboden hinauf, durch eine Falltüre 
ins Freie. 

Die große Fläche des mächtigen Gebäudes war nicht ein- 
heitlich, sondern von etlichen nebeneinanderlaufenden, niedrigen 
Schieferdreiecken gedeckt. In der Mitte aber gab es zwei Kuppeln 
aus Kupferblech, das sich von innen verschieben ließ, um der 
kleinen darunterliegenden Sternwarte den Anblick des funkelnden 
Nachthimmels zu eröffnen. Auf eine dieser Kuppeln hinaufzu- 
kriechen, bedeutete den Höhepunkt des Dachglückes im wörtlichen, 
wie im übertragenen Sinne, indem man an der Nabe dieser Halb- 
kugel beim Sitzen sich anhaltend, weithin über die ganze Stadt 
sah, wie sie an dem einen Ufer der silbrigen Donau im zerwühlten 
Gedräng ihrer Häuser sich häufte und streckte. 

lu der Nähe schoben sich die Dächer zusammen, rote, 
schwarze, graue, hohe und flache und Fenster, die vom Licht ge- 
troffen, einen menschlichen Blick zu haben schienen, da Menschen 
hinter ihnen hausten, deren Tun allen Dingen menschliche Seelen- 
haftigkeit mitteilt, First ragte an First, ein Giebel überkletterte den 
andern oder griff ihm doch nach. Ein hin- und wiederströmender 
Atem schien durch diese Masse zu gehen, die in ihrer Ruhe bebte, 
wie ein lagerndes Tier, dessen Flanken zittern. Der ferne Ton des 
Lebens, das unten mit tausend lauten bestimmten Geräuschen 
geschah, verdünnte sich hier oben zu einem leisen Summen, ähnlich 
wie das Wehen eines Feldes, in welchem Insekten surren. Größer 
und kleiner war die Welt hier als eine Wiese. Die Gassen und 
Plätze verloren sich ineinander, Bezirke und Viertel waren nur 
etwa an besonderen Zeichen kenntlich, die gleich ausgesteckten 
Fahnen einen Heerhaufen vom andern unterschieden. Das blitzende 
Kreuz des Stephansturmes meinte man greifen zu können und sah 
es von Falken umflogen. 

Im ausgebuchteten Rand einer silbergrauen Fläche lag die 
Stadt wie in einer Schale. Ferne schienen die Gebäude wie weiße 
Tropfen an den Geländen zu verrinnen, während Anhöhen den 
dunklen Rand bilden. Dort begannen die Wälder, verbreiteten sich 
gegen Westen und verloren sich ins Unabsehbare, wo etwa ein 
Silberlicht von Schnee fragen ließ, ob Wolken oder Berge an den 
Himmel grenzten. 

Die Blicke flogen wie Vögel über alle Striche dieses dicht- 
besiedelten Gefildes, fremd und vertraut, als schauten nicht 



— 33 



Menschen-, sondern Vogelaugen hinab, sättigten sich an dem 
Unendhchen, streiften drüber hin und nippten hier ein Schlückchen 
Erkennen, dort ein Bißchen Lust und Rätselraten. 

Die beiden Knaben hingen über der Stadt wie zwei Lerchen 
über dem atmenden Busen eines Feldes, vom gewaltigen Hauch 
getragen und verweht, benommen und verwegen und trunken. Das 
Schauen, die Sommerluft, blauer Himmel, Rauch und femer Lärm, 
der scharfe, um die Ohren sausende Wind drangen über sie, die 
an der Nabe einer kreisenden Erde kauerten. Gegen ihre winzigen 
Leiber war der Riesenkörper der Stadt wie in einem Ringen von 
unt>ekannter Gefahr und Wollust gepreßt. 

Endlich bezwang sie die beklemmende, unerträgliche Spannung 
dieser Minuten und Dieter flüsterte: »Jetzt wollen wir hinunter.< 
Es galt nun, die Kuppel entlang, aufs Dach hinabzurutschen und 
von da die Falltür zu erreichen. Toni, der den Anblick dieser 
Höhe zum erstenmal erlebt, war nicht wie Dieler auch mit seinem 
angstvollen Taumel vertraut. Der Trunk der Augen hatte ihm Be- 
sinnung und Gleichgewicht geraubt. Er ließ die Nabe los, verlor 
die Sicherheit und kollerte die Kuppel hinab, statt zu rutschen. 
Entsetzt sah ihn Dieter stürzen und wußte in einem Augenblick, 
welcher eine Ewigkeit in sich ziKammenzwängte, daß sein Freund 
des Todes war, wenn er unten am Dache das Gleichgewicht nicht 
wiederfand, sondern weiterrollte. 

In einer Gegenwart des Geistes, die er nachmals selber nicht 
begriff, fuhr er ihm blitzschnell nach und faßte ihn, der besinnungslos 
eben am Rande des Daches hieng, bei den Haaren und hielt ihn. 
Damit waren sie beide gerettet. Toni schmiegte sich schluchzend 
an seinen Kameraden und weinte unaufhaltsam. Und voll Scham 
verriet er, was er bisher in seiner Eitelkeit verborgen hatte: 

>Ich kann nicht so herumsteigen, klettern und laufen wie 
du, ich wollte es dir nur nicht sagen. Hast du es denn nicht be- 
merkt? Ich habe nur ein Auge. Wenn ich dirs gesagt hätte, dann 
hättest du mich ausgelacht. Aber jetzt weißt du 's, ich kann ja 
nichts dafür.< Damit faßte er unter sein linkes Augenlid und nahm 
ein blaues, gut gearbeitetes Glasauge aus seiner Höhle, die darunter 
leer und rot gähnte. 

Dieter, der wohl noch nie von solchen Gebrechen gewußt 
und darum auch den starren Ausdruck dieses unbeweglichen linken 
Auges bisher nicht wahrgenommen hatte, schlug ihm, rasch be- 



— 34 — 

si^micn, aber unter rräneii in seinen zwei [gesunden Augen, auf 
die Schulter: 'Du siehst drum auf einem Auge für zwei und mehr 
als ich, denn icli habe bis heute nicht einmal dich ordentHch an- 
geschaut.« 

Der Toni hatte dieses Aug eingebül5t, als er nach dem Tode 
seiner Mutter, der ersten Frau des Herrn Scharrer, bei einer bösen 
Pflegerin erkrankt war. Dies und anderes Erbe von Leid und Elend 
machte sein junges Leben kurz, heiß, begierig und schwer und 
würgte es \or der Zeit hin, die sonst einem Menschen vergönnt ist. 

Sie gingen dann still und bedrückt über die hohe Stiege 
der Aula hinab und sprachen nichts. Als sie Abschied nahmen, 
schenkte Toni dem Dieter die einzige Kostbarkeit, welche er besaß, 
eine Zigarettenbüchse aus schwarz lackiertem Holz, auf welcher ein 
rumänischer Krieger abgebildet war, der, seines Landes Fahne 
schwenkend auf einen besiegten Türken trat. Toni hatte diese 
Dose von seinem großen Bruder bekommen, dem Matrosen, und 
gab mit ihr das Schönste, was er hatte, dem Freunde, der nun 
alles von ihm wußte. 

Dieters Blick hatte heute über der Erde gehangen und war 
in den leeren Abgrund niedergetaucht. Es gehörte die Kraft der 
Jugend dazu, sich aus solcher grauenhaften Tiefe wieder aufzu- 
schwingen, die Federn zu schütteln, die eben sich im Strom des 
Verderbens genetzt, und von neuem die munteren, hohen Flüge zu 
beginnen. 



Der Erwartungslose 

Von Grete Wolf 

Dies ist ein Tag . . . Und noch ein Tag ... So rollen 
Sie ungezählt zum All, das sie gesandt. 
Vom Tag ist zur Unendlichkeit sein Wollen 
Und seine Seele flugleicht hingespannt. 

Sein Wissen geht die stillen dunklen Wege. 
Tieiquellend aus der Wesenheiten Schoß: 
Gott du bist groß — 
Wer bin ich, daß mein Wille dich bewege! 



— 35 — 

Pferderennen 
Von Berthold Viertel 

Still zieht mein Blick mit diesem Rudel Reiter 
Im fernen Grün: der noch geschlossen dicht, 
Wie spielend hinläuft, dort im Bogen weiter, 
Dann näher kreist, nun in die Nähe bricht. 

Da kommen sie, über den Mähnen liegend. 
Sich, Mann und Tier, hinwerfend durch die Zeit, 
Noch alle wollend, und noch keiner siegend — 
Und plötzlich weiß mein Herz die Schnelligkeit. 

Und jetzt: ein braunes mit befreitem Sprunge 
Durchdringt den Rudel — ungehemmt davon! 
Es hat den Sieg im tibersichern Schwünge 
Und trägt ihn weit vor allen schon. 

Der Rudel ist entwirrt — ein Zweiter, 

Ein Dritter reißt sich vom verstrickten Feld. 

Im Fluge horcht zurück der erste Reiter, 

Der schon sein Tier mit leichten Händen hält. 



Meine Wiener Vorlesung 

Am 3. Mai hat, ohne Presse und ohne eine andere 
Ankündigung als durch den Umschlag der ,Fackel' und 
trotz der Schranke eines weitläufigen Verfahrens, das 
nur angemeldeten Besuchern den Eintritt ließ, vor 
einem dichtbesetzten Saal meine erste Wiener Vor- 
lesung stattgefunden. Das Programm umfaßte eine un- 
gedruckte Schrift »Heine und die Folgen« und »Die 
chinesische Mauer«; ich mußte aber auch »Die Welt 
der Plakate« lesen. 

Wiewohl an die Presse keine Einladung ergangen 
war, ließ es sich die Arbeiter-Zeitung nicht nehmen, 
den folgenden Bericht erscheinen zu lassen: 

Vorlesung Karl Kraus. In einem vom Akademischen Verband 
für Literatur und Musik veranstalteten Abend trat Dienstag abends Karl 



— 36 — 



Kraus, der Herausgeber der .Fackel', als Vorleser auf. Kraus, der 
sicherlich zu den stärksten schriftstellerischen Talenten Wiens zählt, ist 
hier, soweit die Öffentlichkeit durch die Zeitungen repräsentiert wird, 
fast unbekannt; aber aus seiner teüs selbstgewoUten, teils aufgedrun- 
genen Einsamkeit übt er dennoch starke Wirkungen aus. Er las zuerst 
einen une^edruckten Essai : Heine und die Folgen. Kraus betrachtet Heine 
ausschließlich als Artisten: in welcher Einschränkung aber eigentlich die 
Beschränktheit des eigenen Gesichtskreises sichtbar wird. Heines >Folgen« 
sind danach die Feuilletonisten, die Stilschwindler, die in Heine das 
Vorbild der Beherrschung der Form bekommen haben, welche es ihnen 
nun so leicht mache, ihre innere Armseligkeit, ihre unkünstlerische 
Ideenlosigkeit als Geist, Stimmung, Psychologie, kurz als Kunst zu 
servieren. Heines Ruhm beruhe auf Eindrücken der Jugend, aber die 
»Folgen< liegen doch schon in ihm: in seiner manierierten Poesie 
(Kraus läßt von Heine nur die Lyrik des Todes gelten), in seinem Witz 
ohne Anschauung, in seinem ganzen Wesen, das kein schöpferisch- 
künstlerisches, nur ein journalistisches war. Das alles trägt Kraus in 
einer Sprache vor, die von Geist und Witzen geradezu funkelt. Vielleicht 
zu sehr, als daß ein starker und sich einbohrender Eindruck entstehen 
könnte. Es ist das besondere Talent dieses Sprachkünstlers, seine 
Gedanken in Antithesen vorzutragen, sie in einem Gleichnis ausströmen 
zu lassen, in einem Bilde gleichsam zusammenzuballen. Das ist oft 
ungemein anscnaulich und man hat nicht selten das Gefühl einer blitz- 
artigen Erhellung: als ob das Bild ebenso das Notwendige wie das 
Endgiltige ausdrückte. Aber damit der Geist der Gedanken voll wirke, 
muß sich der Geist der Worte freiwillig beschränken; sonst erdrückt 
dieser jenen. Indem Kraus darauf verzichtet, dem Leser auch den * 
gedanklichen Prozeß zu bieten, ihm nur das Ergebnis vorlegt, den 
Gedanken nicht beweist, sondern herrisch aufnötigt, zwingt er die Leser 
zwar in den Bann seiner Sprachkraft, entläßt sie aber ohne jenes liefe 
Behagen, das sich nur beim Mitdenken, das auch ein Miterleben ist, - 
einstellen kann. Seine Überfülle der geistreichen Worte beunruhigt, und 
man wird die Empfindung nicht los, als ob man von den schillernden 
Antithesen einfach überrumpelt und vergewaltigt würde. Das hängt ohne 
Zweifel damit zusammen, daß Kraus eine fast schwärmerische Verehrung 
vor der Sprache hegt. Sicherlich ist ein Schriftsteller, der den sprach- 
lichen Edelgehalt so ernst nimmt, in unserer Zeit der Sprachverhunzung 
eine beachtenswerte Erscheinung; aber Selbstzweck darf der sprachliche 
Glanz und Prunk doch nicht sein; mehr als das Material, aus dem der' 
Künstler sich die Form seiner Gedanken holt, darf die Sprache nicht 
werden. Das ist die Gefahr: daß aus dem Sprachkünstler ein Wort- 
virtuose wird. Und was Kraus' Schroffheit in der Verurteilung der Presse 
als wirkender Unkultur betrifft, so liegt ihr, von der häßlichen und 
törichten Ungerechtigkeit dieses verallgemeinernden Urteils ganz abge- 
sehen, ebenso eine Überschätzung wie eine Unterschätzung zugrunde. 
Denn jene gerissenen Psychologen ergeben beileibe nicht die Institution, 
und daß der Zeitungsinhalt, über die Vermittlung des Stofflichen hinaus, 
nicht künstlerisch geformt werden könnte, ist gewiß nicht wahr; ohne 
den Ruhm der LTnsterblichkeit in Anspruch zu nehmen, kann ein Jour- 



37 — 



nalist auch ein guter Schriftsteller sein. Übrigens müßte die Kritik hier 
viel tiefer schürfen; von jener geistigen Verderbnis ist Heinrich Heine 
weit weniger die Ursache als der Kapitalismus, der die geistige Pro- 
duktion, genau wie die Produktion der materiellen Güter, zu einer 
Produktion von Waren gemacht hat . . . Dem Heine-Essai folgte »Die 
chinesische Mauer <, eine an die Ermordung der Else Siegel im Chinesen- 
viertel in New-York anknüpfende Phantasie, die mit stellenweise dämo- 
nischer Kraft die europäische Qeschlechtsmorat verhöhnt. In dem über- 
füllten Saale war viel begeisterte Jugend anwesend, der Beifall stürmisch, 
der Enthusiasmus ehrlich. Für den Schriftsteller, der sich Feinde freudiger 
erwirbt als Freunde, bildete der interessante Abend eine Genugtuung. 

f. a. 

Diese Kritik ist in jeder Hinsicht erfreulich. Nicht 
weil ich nach ihr >zu den stärksten schriftstellerischen 
Talenten Wiens zähle« ; nennte sie mich das stärkste, 
müßte ich noch immer nicht in Größenwahn verfallen. 
Aber sie ist wertvoll, weil sie mir mit jedem Wort ein 
Beispiel gibt für das, was ich sage und worein sie nicht 
dringt. So weit entfernt vom Sprachproblem und damit 
von Inhalt, Form, Tendenz und Thema des Vortrags 
sie ihre intelligente und anständige Meinung sagt, so 
deutlich steckt sie die Grenze ab, die das beste Auf- 
gebot von Scharfsinn und Ehrlichkeit noch immer 
von einem tieferen Erfassen der Kunstdinge trennt. 
Dieses tiefere Erfassen dem programmgemäßen Auf- 
spüren kapitalistischer Verderbnismotive gegenüberzu- 
stellen, hat freilich wenig Wert. Eine Verständigung 
zwischen der Logik und der Kunst gibt es nicht, denn 
die Logik versteht alles, nur nicht das eine, daß es 
der Kunst nicht darauf ankommt, verstanden zu werden. 
Daß es sich ihr nicht darum handelt, dem Leser einen 
Gedanken zu »beweisen«, weil ein Beweis kein Ge- 
danke ist; und daß sie den Gedankenprozeß mit Aus- 
schluß der Öffentlichkeit durchführt, weil die Zumutung, 
die Leser, alle Leser atif einmal, »mitdenken« zu 
lassen, eine trostlose demokratische Forderung ist. 
Wenn man so alles coram publico bereinigen sollte, 
das gäbe eine schöne Schweinerei auf dem Forum! 
Allen wäre zuletzt die Sache klar, nur mir nicht. 
Die Kritik streift hier ahnungslos das Problem selbst : daß 
die Gaben der Kunst mit den Aufgaben des Journalis- 
mus verwechselt werden. Er ist dazu da, den 



— 38 — 

>Miterlebenden« ein Vergnügen zu verschaffen; sie 
dient den Nacherlebenden. Vor der Gefahr, daß aus 
dem Sprachkünstler ein Wortvirtuose wird, kann nur 
warnen, wer das Sprachproblem als Formproblem 
mißversteht. Dann aber müßte er sich eigentlich 
wundern, daß jener sich gerade das Artistentum Heines 
vorgenommen hat. Denn der Artist Heine wird nicht 
vom Politiker getrennt, sondern vom Künstler. — Immer- 
hin beschämt solche Kritik, die nicht schweigt und doch 
den Kunstwert stark genug fühlt, um an ihm nicht 
ein durch alte Polemik erhitztes Mütchen zu kühlen, 
durch Klugheit und Gewissenhaftigkeit die ganze stumme 
Preßrache Wiens. 

Sonst erschien nur noch in der Berliner Wochen- 
schrift Der Sturm — in der Nr. 12, die auch einen 
Essay von Else Lasker-Schüler über mich und dazu 
eine Zeichnung von Oskar Kokoschka brachte — von 
einem mir unbekannten Autor ein Bericht, dem hier 
einige Stellen, entnommen werden: 

Die Wiener Vorlesung Karl Kraus 
Am 3. Mai hielt Karl Kraus zum ersten Mal in Wien eine Vor- 
lesung aus eigenen Schriften. Die ganz exzeptionelle Bedeu- 
tung des Herausgebers der* .Fackel' an dieser Stelle .darzu- 
legen, wäre überflüssig. Wer den , Sturm' liest, kennt auch Karl 
Kraus, kennt seine unübertreffliche Sprachkunsf, sein unheimliches 
Temperament und seine noch unheimlichere Treffsicherheit; 
weiß, daß Kraus der erste Satiriker Österreichs ist, umjubelt 
von fanatischen Anhängern und gefürchtet von seinen Gegnern, 
denen keine andere Waffe gegen seine wuchtigen Angriffe, seinen 
schneidenden Hohn, seine zermalmende Verachtung zu Gebote steht, 
als ein starres, ununterbrochenes, impotentes Schweigen . . . Daß dieses 
Schweigen nutzlos ist, bewies die Vorlesung. Der Saal war überfüllt, 
als Karl Kraus das Podium betrat und zu lesen begann. Der Ausdruck 
der scharfen Züge ist kühl, spöttisch, überlegen. Und bevor Kraus zu 

sprechen beginnt, weiß man, daß seine Stimme klar und scharf ist 

Dann las Kraus >Die chinesische Mauer«, seine schnell berühmt 
gewordene Arbeit, in der er das Problem der beiden Rassen von allen 
Seiten beleuchtet. Man kennt den wuchtigen Anfang, der dröhnend und 

unvermittelt niederfährt, wie ein einschlagender Blitz Kraus arbeitet 

hier mit den einfachsten Mitteln und beweist dadurch seine große 
Künstlerschaft. Außerordentlich fesselnd war es, den Vorlesenden zu 
beobachten. Wie sein Gesicht starr und drohend wurde; wie seine 
Schultern sich raubtierartig hoben; wie seine Rechte in kurzen Rucken 
über den Tisch zuckte, sich ballte, sich um eine unsichtbare Gurgel zu 



— 39 — 

krallen schien, den Niagara von Worten gestaltete, der auf die atemlos 
horchenden Menschen niederbrauste, bis zu jenem titanenhaften Schluß, in 

4em die angestaute Hochflut sich befreit und majestätisch ausbreitet 

Da der Beifall nicht end«n wollte, entschloß sich Kraus zu einer Zugabe: 
Er las »Die Welt der Plakate«, diese witzige Betrachtung voll souveränen 
Humors. Alles in allem: ein außerordentlicher Abend, getrübt nur durch 
den beschämenden Gedanken, daß man es so lange versäumte, die 
Schönheit Krausscher Sprachkunst verbunden mit der Schönheit Kraus- 
scher Sprechkunst auf sich wirken zu lassen. Denn nicht Kraus ist 
schuld, daß dies seine erste Vorlesung in Wien war, sondern Wien. 

Mirko Jelusic 

Die Vorlesung wird am 3. Juni in Wien, im Herbst 
in mehreren deutschen und österreichischen Städten 
wiederholt werden. 

Philosophen 
Von Karl Kraus 
Ich preise mich im Besitz der Midasgabe, daß jede Stelle 
eines Journals, einer Zeitschrift, eines Verlegerprospekts, die nur 
mein Finger berührt, Blech ist. Ich könnte ein Literaturblatt 
mit geschlossenen Augen lesen — ich revidiere diese ganze 
Schmach seit elf Jahren mit unausgeruhtem Hirn, das glücklich 
wäre, wenn keine neuen Mißeindrücke es zur Reaktion zwängen. 
Ich tippe nur so durch die Kolumnen, und ein ganzer Schwärm 
von Dummheit erfüllt mir das Zimmer, ein ganzer Schwaden von 
jener hundsgemeinen Intelligenz, die verderblicher ist als ein 
Kometenschweif, verpestet mir die Luft. Und aus dem letzten 
Eckchen eines Zeitungsblattes, das noch unter meiner Lektüre 
liegt, lugt mir, da ich sie durchfliege, schon die Judasfratze 
des Jahrhunderts hervor, immer dieselbe, ob es sich um den 
Journalisten oder den Mediziner, den Hausierer oder den Sozial- 
politiker, den Spezereikommis oder den Ästheten handelt. Immer 
derselbe Stupor, vom Geschmack gekräuselt und mit Bildung 
gefettet. Im Frisiermantel der Zeit sind alle Dummköpfe gleich, 
aber wenn sie sich dann erheben und von ihrem Fach zu reden 
beginnen, ist der eine ein Philosoph und der andere ein Börsen- 
agent. Ich habe diese unselige Fähigkeit, sie nicht unterscheiden 
zu können, und ich agnosziere das Urgesicht, ohne daß ich mich 
um die Entlarvung bemühe. So wie ich auf der Straße einen 
Redner von hinten nach der Stimme feststelle, die ich vor zwanzig 
Jahren einmal gehört habe, oder beim Durcasuchen Jahrzehnte- 



— 40 — 

alter Korrespondenzen aus Format und Farbe eines umgelegten 
Brief kuverts den Absender errate. Das klingt wie Kammerjägerlatein. 
Aber wenn es nicht wahr wäre, so wäre auch die Aufnahm», 
Fixienmg und Typisierung aller Eindrücke des öffentlichen Lebens 
eine unmögliche Leistung. Eigentlich ist sie es und was mir not 
täte, wäre, daß einmal acht Tage lang die Gemeinheit der Welt, 
der Fortschritt und die Geselligkeit, ausspannt, damit wenigstens 
nichts Neues dazu komme, denn an dem Alten ist immer noch 
genug zu verarbeiten. Und da die Erfindung der Buchdruckerkunst 
und nicht der Komet den Weltuntergang bewirkt, so müßte 
wenigstens ein Setzerstreik die ersehnte Pause bringen. Die 
Gesichter und Stimmen der Leute, die dann nach den Zeitungen 
riefen, gäben noch immer so viel fürchterliche Anregung, daß ich 
nicht müßig wäre, aber mir's wenigstens einteilen könnte. Jedes 
Ereignis, über das ich nichts lese, ist Ruhe, jedes Gebiet, das 
ich nicht betrete, Erholung. Je weniger ich weiß, desto besser errate 
ich. Ich habe nicht Soziologie studiert und weiß nicht, daß der 
Kapitalismus an allem schuld ist. Ich habe die christliche Entwicklung 
der jüdischen Dinge nicht studiert und weiß nicht, was gewesen 
ist. Aber ich lese in der Kleinen Chronik und weiß, was sein 
wird. Ich ergänze mir ein Zähnefletschen, eine Geste, einen 
Gesprächsfetzen, eine Notiz zu dem unvermeidlichen Pogrom der 
Juden auf die Ideale. Daß unsere Kultur den Einbruch des Wein- 
reisenden in das Geistesleben bedeutet, spüre ich an den kleinsten 
ihrer Äußerungen; und mir genügt die Ahnung, daß es Gebiete 
geben muß, in denen sich der Einbruch als Festzug abspielt. 

Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen und ihi Ruf 
als Kommiswissenschaft steht heute unbedingt fest. Die Philosophie 
halte ich mir vom Leib, weil ich das Gefühl habe, daß sich hier 
tagaus tagein das Schlimmste begibt, und weil ich zu gut informiert 
werden könnte. Denn hier scheint ein Rotwälsch eigens erfunden, 
um den Unwert jener, die sich dem Gewerbe ergeben, als Schleichgut 
in die Kultur zu schmuggeln. Man muß nur den Mut haben, dem 
Jargon zu mißtrauen und durch Zeit und Raum, durch das intellegible 
Ich und die immanente Gottheit und durch die religiöse Substanz und 
die Monadologie hindurchzulesen, so wird man auf einen betulichen 
Reporter stoßen, der, wenn er Zeit und Raum zur Verfügung 
hat, Feuilletons im Dutzend liefert. Herr Oskar Ewald kassiert jetzt 
den Nachruhm Otto Weiningers ein. Er hat ein Werk von über 
880 Seiten geschrieben. Der Himmel, der Kometen sendet, bewahre 



— 41 — 

mich davor, daß ich sagen könnte, ich hätte dieses Werl« gelesen. 
Ich kann sogar sagen, daß ich dieses Werk nicht gelesen habe. 
Aber ich kenne die Aufsätze, die derselbe Herr Ewald in deutschen 
und österreichischen Revuen veröffentlicht hat. Und ich Jiabe jrnmer 
die kleinen Schriften eines Autors als ,Warnu n£ em pfunden, ^clTe 
großen zu lesen, woraus es sich erklären mag, daß Ich über die 
Auforen so gut Bescheid weiß, ohne daß ich gezwungen war, 
meine Bildung zu vermehren. Wenn einer auf neun Seiten ein 
Schwätzer ist, so ist es gewiß keine Frivolität, zu zweifeln, ob er auf 
neunhundert ein Philosoph sein könne. Dagegen ist es sicher, daß 
in solchen Dimensionen auch die geringste Fähigkeit einen Schein 
erwirbt, dessen sie in engem Spielraum sofort verlustig geht. Herr 
Ewald wird jetzt in den Literaturblättem als Gigant beschrieben, 
aber ich habe noch keinen Leser seiner Aufsätze getroffen, der 
Appetit auf seine grundlegenden Werke gehabt hätte, und die Un- 
mäßigen, die diese zuerst gelesen haben, sagen, es könne nicht 
derselbe Autor sein. Und doch ist es derselbe, nur daß die Philosophie 
ein Kostüm ist, das man nicht alle Tage anzieht, und daß nur 
der auch anders kann, der nichts kann. Herrn Ewalds großes Werk 
»Gründe und Abgründe«, dessen Untertitel »Präludien zu einer Philo- 
sophie des Lebens« lautet — die eigentliche Philosophie des Lebens 
steht noch aus und das Leben selbst nimmt sich Herr Ewald von 
jenem Leben, das sich Weininger genommen hat — , das große Werk 
wird jetzt von den Berufsflach köpfen im In- und Ausland in einer 
Tonart gepriesen, nicht als ob Nietzsche nie gelebt hätte, nein, als ob er 
an Ewald gestorben wäre. »Unsere Zeit täuscht uns auf allen Gebieten 
durch Überwuchern von Surrogaten«, b^'nnt ein Herr in einem 
Berliner Blatt, und schon erwartet man, jetzt werde die Enthüllung 
kommen, daß die Gründe des Herrn Ewald sticht und seine Ab- 
gründe ungefährlich seien. Im Gegenteil, der Mann empfindet »das 
Dasein dieses Buches als eine Lebenssteigerung«. Ewald biete 
»aus dem Reichtum einer großangelegten, profunden Natur Bau- 
steine zu einer Philosophie des Lebens«. Das ist wahr, aber es 
hätte der Vollständigkeit halber auch gesagt sein müssen, aus 
wessen Natur. Der Selbstmord Weiningers, den Herr Ewald 
überlebte, hat nicht nur »Geschlecht und Charakter« berühmt 
gemacht. "Aber Herr Ewald hat, wie wir hören, nicht nur Nietzsche, 
sondern auch Weininger »innerlich verworfen«, und wie wir schon 
aus der Inhaltsangabe dieser Überwindung ersehen, Weininger mit 
Erkenntnissen, die von Nietzsche, und Nietzsche mit Erkenntnissen, 



— 42 



die von Weininger stammen. Ewald »rührt an die tiefsten Mysterien« ; 
aber da sie niclit ihm gehören, so hätte er sie nur besichtigen 
sollen. Der Berliner Kritiker freilich ist anderer Ansicht. >Ich schließe 
mit der Konstatierung«, schreibt er, >hier endlich einmal sagen zu 
können, auf einen großen und erhabenen Oeist gestoßen zu sein, 
der sicher dazu berufen ist, die Epoche Nietzsches zu überwinden usw.« 
Dieselben Töne hört man jetzt überall. Wo der Sitz der Korrespon- 
denz ist, die diese falschen Nachrichten verbreitet, weiß ich noch nicht. 
Aber irgend ein Bureau ist in voller Tätigkeit, welches der Überzeugung 
zu sein scheint, daß sich der Ruhm eines Um- und Umwerters durch 
Reklamenotizen halten lässt. Überall dieselben Versicherungen: 
>Gedankengebäude . . . hinausragt . . . Tiefe des Weltgefühls . . .« 
Ewald »überrage Weininger an Reife und innerer Festigung«, meint die 
.Österreichische Rundschau', die allerdings nur von den Seekranken 
der Lloydschiffe gelesen wird, aber die Neue Freie Presse meint, 
Ewald habe >den Drang in sich gefühlt, dem einsamen Meister 
von Sils-Maria nach-, ja über ihn hinwegzufliegen«. Dieser Drang 
ist Herrn Ewald schon zuzutrauen. Sein Buch habe ich, wie gesagt, 
nicht gelesen, aber in den Aphorismen, die sein Buch enthält, 
habe ich gern geblättert und da gewahre ich allerdings auch den 
Drang, meine Aphorismen abzuplatten. Er gibt freilich jedem einen 
Titel und schmückt auch jede Seite mit netten Zusammenfassungen 
wie: »Distanzen«, »Mysterien«, »Hölle und Himmel«, »Höhen und 
Tiefen«. Aber was nützt das? Es ergibt noch immer keine Höhen, 
keine Tiefen, nicht Himmel und Hölle und keine Mysterien. Höchstens 
Distanzen. Herr Ewald ist so sprachfern, daß er sich von der Leichtig- 
keit, ein tausendseitiges Buch zu schreiben, verführen ließ und vor 
der Schwierigkeit nicht zurückschrak, Aphorismen draufzugeben. Aber 
er wirds gewiß nicht wieder tun. Wer wird denn umständlich in 
einer Zeile ausdrücken, was man bequem in hundert Seiten sagen 
kann? »Der Stil ist nicht das Kleid, sondern die Seele des Künstlers«, 
schreibt Herr Ewald. Ich will nicht sagen, daß der Gedanke von mir 
ist, wie mancher andere, er ist von jedem Künstler, nur nicht von 
Herrn Ewald; denn der Satz, in dem er ihn sagt, ist schlecht wie 
alle andern. Aber wenn der Stil die Seele des Künstlers ist, so habe 
ich die Seele des Herrn Ewald in jenen populären Aufsätzen gefunden, 
mit denen er die deutschen Zeitschriften versorgt. Und wenn die 
Wissenschaft nach einem andern Wahrwort heute nur aus Werken 
besteht, die ein Jud vom andern abschreibt, so besorgt Herr Ewald 



— 43 — 



diese Aufgabe in eigener Regie, indem er seine Dünnsauce immer 
von neuem verdünnt. Solche Schreiberei, die noch bedenklicher 
ist als der landläufige Feuilletonismus, weil dieser wenigstens 
an allen Fächern schmarotzt, während jene sich das Air spezieller 
Wissenschaftlich keit gibt, ist hinlänglich charakterisiert durch einen 
Satz, mit dem Herr Ewald in dem Artikel »Das Weib in Kunst 
und Weltanschauung« sichtlich zum Schlüsse eilt. Nachdem er die 
ganze Seichtheit eines tiefen Problems ausgeschöpft hat, schreibt 
er wörtlich: »Wir können zum Abschluß dies 
Verhältnis von einer noch tieferen Seite her 
beleuchten.« Nu, ist der Stil nicht die Seele des Künstlers? 
Natürlich hat Herr Ewald mit sämtlichen Meinungen, die er 
jetzt in den alten, neuen und noch nicht gegründeten deutschen 
Revuen vertritt, vollständig Recht. Er vertritt die Meinungen so 
sehr, daß man sie wirklich nicht mehr über die eigenen Füße 
bringt. Er ist ein gutes Exempel für die Wertlosigkeit der richtigen 
Meinung. Er läßt es sich etwa nicht nehmen, das Genie gegen die 
Psychiatrie zu schützen. Wo er recht hat, hat er recht Aber als ichs 
gelesen hatte, schwor ich mir zu, von jetzt an die Psychiatrie 
gegen das Genie zu schützen. So ganz und gar vertreten schien mir 
die richtige Meinung zu sein. Man wird bald wirklich nichts mehr 
erieben können, ohne daß einem die Individualität kompromittiert 
wird. Wenn diese Echos sich nur einmal verfrühen, sich einmal nur 
zuerst bemühen möchten, man könnte wieder Freude an seinem 
Ruf bekommen. Aber so laufe ich nächstens aus der Gegend! >Zu 
einem solchen Phänomen muß man Stellung nehmen«, schreibt 
Herr Ewald über die Pathologisierung des Genies, >und zwar 
in möglichst unparteiischer Art, alle Argumente sorgsam 
abwägend.« Tue er. Aber wenn er Stellung nimmt, lege 
ich mich nieder. »Von diesem höheren Gesichtspunkte ist es 
mithin begreiflich, daß wir heute, auch in unserm Verhältnis 
großen Geistern gegenüber, die subjektive Seite stärker hervortreten 
lassen, dem Persönlichen, dem Menschlichen, Allzumenschlichen, 
nnsre Aufmerksamkeit schenken«, schreibt Herr Ewald. Er ist, wie man 
sieht, ein Eigener. Er fühlt den Drang in sich, über Nietzsche hinweg-, 
und es ist ihm sogar gelungen, dem Marco Brociner nachzufliegen. 
Herr Ewald hat die Psychiater aufs Korn genommen, er ist wahrschein- 
lich ein Satiriker. Mit bitterer Ironie bemerkt er: »Wie schade, daß 
sie (die Genies) nicht gesund und normal waren! Sie würden 



44 



wahrscheinlich geheiratet haben und wären gute Familienväter und 
brauchbare Mitglieder der menschlichen Gesellschaft geworden. Aber 
ich will der Verlockung nicht nachgehen und a n 
Stelle des verdienten Spottes, zu dem eine solche Be- 
trachtungsart herausfordert, objektive Kritik treten lassen«. Wie 
schade, daß er der Verlockung nicht nachgegangen ist! Es hätte 
sich gezeigt, was schwerer ist, nachzugehen oder Stellung zu 
nehmen. Aber so schreibt Herr Ewald, wenn man ihn der Ver- 
pflichtung enthebt, zu Zeit und Raum Stellung zu nehmen. 
Schreiben die andern anders? Und muß ich ihre philosophischen 
Werke lesen, um zu wissen, wie sie schreiben ? Muß ich ihre Band- 
würmer untersuchen, um zu wissen, was in ihnen steckt? Der 
Privatdozent Ewald sagt, der Stil sei die Seele des Künstlers, und 
erspart mir wirklich durch ein paar Zeilen die Beachtung seiner 
grundlegenden Werke. Der Professor Vaihinger aber, der Kant- 
Gelehrte, kommt mir mit einem Waschzettel unter die Augen, den er 
über Nietzsche geschrieben hat. Mir genügt es : »Nietzsche ist heute 
ein literarischer Machthaber ersten Ranges . . . Nietzsches Schlag- 
wörter tönen überall wieder, wie ,Jenseits von Gut und Böse', ,der 
Wille zur Macht', ,die Vielzuvielen', die , Umwertung aller Werte', 
,der Übermensch' und manche andere ähnliche, schon geläufig 
gewordene Wendungen ... Der Gründe, welche den 
ErfolgNietzsches erklären, gibt esverschiedene; 
der eineGrund wirkt mehr auf diesen, der andere 
mehr auf andere.« Und über Nietzsche als Stilkünstler: >Er 
handhabt die Sprache mit seltener Virtuosität . . .< 

Es ist entsetzlich. Der Journalismus ist ein Übel, aber 
wir können ihm schließlich nicht wehren, weil wir nicht 
wüßten, was wir mit den Journalisten anfangen sollten, wenn es 
keine Zeitungen gäbe. Sie könnten höchstens, wenn sie ihr Sitz- 
fleisch pflegen wollten, Philosophen werden. Aber die Philosophen, die 
den Ehrgeiz haben, auch mit der Hand zu arbeiten, sind eine 
überflüssige Plage. Alle Achtung vor ihrem Wissen, ihrem Fleiß 
und ihren sonstigen sozialen Tugenden, und mögen sie in Gottes 
Namen in den Hörsälen den jungen Leuten erzählen, was sie 
wollen; aber diese Gier nach Druckerschwärze ist des Teufels. Sie 
führt zu Verwechslungen. Man will einen Journalisten packen und 
hat einen Philosophen entlarvt. 

Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Karl Kraus 
Druck von Jahoda & Siegel, Wien, III. Hintere Zollamtsstraße 3. 



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KARL_K RAUS: Glossen . 

Herauieeber und verantwortHcher Redakteur K t r 1 K r a u s < 

DnicV von laboda & Siegel, Wien. HI. Hintere Zollamtistr. 3 j 



305/306 20. JULI 1910 XII. JAHR 



DIE FACKEL 



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KARL KRAUS 



INHALT: 

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tensisdie Frage/ AUGUST STRINDBERG: über Ansichten / 
PETER ALTENBERG: Der einsame Park / BERTHOLD VIER- 
TEL: Stunden / OTTO STOESSL: Aus Goethes Tagebüchern / 
RUDOLF EHRLICH: Wie warst du schön /ALBERT EHREN- 
STEIN: Traum /LUDWIG RUBINER: Henri Matisse/ KARL- 
BORMANN : Abend / KARL KRAUS : Glossen / KARL KRAUS : 
Der Biberpelz / Selbstanzeige 

NACHDRUCK VERBOTEN 



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Hyperion-Verlag Hans von Weber München 1910 

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Eine Erzählung von 

Karl Borromäus Heinri 

Albert Langen, München 




DIE FACKEL 

Nr. 305/306 20. JULI 1910 XU. JAHR 



Schoenebeckmesser 
Von Karl Kraus 

Wenn die Erinnerung an Herrn Maximilian Har- 
den, die hin und wieder noch durch einen Wirtshaus- 
exzeß des Milchhändlers Riedel aufgefrischt wird, ver- 
rinnen sollte, wenn es selbst meiner philologischen 
Mühe nicht gelingen möchte, seine Prosa unsterblich 
zu machen, so wird sich doch einst ein deutscher 
Sittenforscher dazu entschließen müssen, das Profil 
dieses zwischen Staats- und Bettgeheimnissen ange- 
strengten Chiffreurs nachzuzeichnen. Denn daß die 
deutsche Intelligenz durch ein paar Jahre geglaubt 
hat, aus einem Zettelkasten spreche eine Pythia und 
ein Informationsbureau sei ein Janustempel, ist die 
stärkste aller erweislichen Wahrheiten. Und die 
lustigste, wie schnell der Glaube in dieser allen Wahr- 
heitsuchern und Nordpolfindern, Luftgauklern und 
Erdenschwindlern hingegebenen Zeit kaput wird. Wir 
verstehen eines Tages nicht mehr delphisch ; und vor 
uns steht ein Januspolitiker, mit zwei Gesichtern, von 
denen das eine vorwärts sieht, das andere rückwärts, 
jenes auf den Hosenlatz der Nation und dieses auf 
ihren Hintern. Hütet euch vor seinem wissenden Blick, 
ihr deutschen Soldaten ; zeigt ihm die Front nicht und 
kehrt ihm nicht den Rücken; ihr Goeben und Moltke, habt 
Acht ! Nicht mehr gefährlich ist er, aber zudringlich. 
Nicht über Krieg und Frieden entscheidet er jetzt, aber 
über eure Siege und Niederlagen im Bett. Eine Zeit 
der Geschlechtsparade ist angebrochen: weh dem, 
der normwidrig adjustiert ist; weh dem, der im 



Zuerst in der Halbmonatsschrift ,März' erschienen. 



2 — 



Vordertreffen seinen Mann nicht gestellt hat. Pardon wird 
nicht gegeben. Wer sich den Luxus eines Privat- und 
Familienlebens gestattet, muß sich auch eine Kritik 
gefallen lassen. Und wie's bei Schoenebecks zuging, 
das zeigt uns nicht nur die öffentliche Berichterstat- 
tung über eine geheim durchgeführte Verhandlung. 
Nein, dort, wo der Reporter verzichtet, dort, wo selbst 
unsere Phantasie diskret wird, eben dort tritt Herr 
Maximilian Harden dazwischen, duldet keine Heim- 
lichkeiten, dreht die Lampe auf, die's nicht wissen 
soll, spricht aus, »was ist«, ruft Zeugen zur Tat, wälzt 
ein Protokoll heran und sorgt dafür, daß auch nicht 
ein Tropfen erweislicher Lustbarkeit verloren gehe. 
Auf die Frage, ob man im Dunkeln erröten könne, 
läßt er sich nicht ein, da er weder ein Dunkel zu- 
gibt, noch ein Erröten kennt. Was an Tatsachen nicht 
zu haben ist, ersetzt er durch die Erkenntnisse seiner 
ausschweifenden Psychologie. Und mit einem Wissen, 
dem nichts Menschliches fremd, und mit einem Besser- 
wissen, das über alles Menschliche informiert ist, mit 
dem ganzen Rüstzeug einer neuzeitlichen Bildung, 
die Juristerei, Philosophie und Medizin und leider auch 
Pornolalie studiert hat, und mit einem Eifer, der von 
der Erschaffung der Welt anfängt, die Bibel plündert 
und Allenstein das Olsztyn der masurischen Polen 
nennt, um auf die Hauptsache, die sexuellen Gewohn- 
heiten des Herrn v. Goeben zu kommen, bepackt mit 
Erudition, Information und Sensation wie noch nie : 
so tritt Herr Maximilian Harden in das Schlafzimmer 
des Hauses Schoenebeck. 

Ein Journalist, der, bevor er die zugkräftigsten 
Gemeinheiten über einen Toten und über eine Frau 
losläßt, nicht einmal so viel Takt beweist, mit seinen 
geographischen und historischen Kenntnissen über 
eine Provinzstadt zurückzuhalten. Ungescheut, mit einer 
Indiskretion, die den verborgensten Winkel des Zettel- 
kastens nicht schont, enthüllt er uns, daß die Alle ein 
Nebenfluß des Pregel ist, und daß dort Marschall Soult 
1807 vier Tage vor der Schlacht bei Eylau den 



— 3 — 



russopreußischen Nachtrab schlug. Daß Allenstein 
30.000 Einwohner, ein Hochmeisterschloß und eine 
restaurierte katholische Kirche hat und die Bevöl- 
kerung Handel mit Holz, Leinwand und Hopfen 
treibt. Was das uns angeht, fragen wir, die an 
solchen Intimitäten nachgerade genug haben und 
denen das Exhibitionieren mit Baedekerbildung ein 
Ärgernis ist. Zur Sache! möchten wir rufen, weil wir 
auf die Beweisführung gespannt sind, wie Herr von G. 
durch Frau von Seh. zu einem normalen Geschlechts- 
verkehre veranlaßt wurde. Aber noch ist, nach der 
geographischen Belästigung, der Speicher des histo- 
rischen Wissens nicht entleert. Goeben ist nämlich 
»Sohn aus der zweiten Ehe eines Gutsbesitzers, der 
als Sechzigjähriger an Leberkrebs starb«. Die Mutter 
war fünfunddreißig Jahre alt, als das Kind geboren 
oder vielmehr »ihrem Schoß entbunden wurde« (dies 
nebenbei zur Aufklärung für solche, die noch immer 
glauben, daß der Storch die preußischen Offiziere 
bringt). Man sieht, wie wenig man in der Schule ge- 
lernt hat und was man alles fürs Leben braucht. Wie der 
Famulus stehen wir vor dieser faustischen Fülle. Zwar 
wissen wir jetzt schon viel, doch möchten wir alles 
wissen. Also: Herr von Goeben war eine »schwere 
Zangengeburt«. »Arm und Bein sind rechts um einen 
Zentimeter kürzer als links.« Obs genau stimmt, wissen 
wir freilich nicht, haben aber das Vertrauen. »Als Kind 
hat er an Masern, Scharlach, Keuchhusten, Skrofulöse 
gelitten und sich einen Leistenbruch zugezogen.« Nun 
haben wir bisher geglaubt, daß zwar Masern und 
Scharlach Krankheiten sind, die angezeigt werden 
müssen, daß aber ein Leistenbruch zu jenen Privat- 
angelegenheiten gehöre, die der Mensch mit sich 
selbst auszumachen hat, und zu jenen Leiden, auf 
die sich das ärztliche Geheimnis eben noch bezieht. 
Dieser Arzt aber kennt kein Geheimnis, so wenig wie 
dieser Jurist, dieser Historiker, dieser Geograph,* dieser 
Archäolog, dieser Flugtechniker, dieser Journalist eines 
kennt. Er ist durch das Leben des Hauptmanns von Goeben 



— 4 — 



gezogen, er hat seine Entwicklung mitgemacht, er stand 
zu Füßen seines Bettes, er begleitete ihn in den Buren- 
krieg, er war dabei, als er verwundet wurde und zwar 
»an Armen und Händen, an der Hüfte und dem fünften 
Metakarpalknochen« — kein Wunder, daß er ihm jetzt 
auch eine Mappierung seiner Sexualpläne vorweist. Er 
hat seinen Jugendsünden beigewohnt, erkennt seine vor- 
zeitige Männerschwäche. Nichts ist ihm, in all den Jahren, 
in denen er doch mit der Liebenberger Tafelrunde vollauf 
zu tun hatte, entgangen. Und er weiß auch, daß Goeben 
»von seinem auf ihn stürzenden Pferde an Darm 
und Niere gequetscht« wurde, und daß er hierauf 
an Malaria und Schwarzwasserfieber erkrankte, bis 
er nach einer langwierigen Furunkulose 1906 als Bat- 
teriechef zum Masurischen Feldartillerieregiment Nr. 73 
versetzt wurde. Wann? Vor Weihnachten? Nein, »im 
Advent«. Und endlich lernt er Frau von Schoenebeck 
kennen. Die hat vom Major Schoenebeck zwei Kinder? 
Nein, das ist der Mann, »in dessen Umarmung sie 
zwei Kinder empfangen hat«. Was tut Goeben? Er 
küßt sie? Aber nein, er »drückt, selig zunächst schon in 
dem Bewußtsein, lange genährtem Heilandwahn so 
brünstigen Glauben geweckt zu haben, seine Lippen 
auf den Mund der Frau, die sich, in der Ohnmacht 
überquellenden Dankbedürfnisses, erfröstelnd in seine 
Arme gleiten ließ«. 

Seitdem Herr Maximilian Harden einmal Wede- 
kinds »Frühlingserwachen« das »Männern der Knaben 
und Böckeln der Mädchen« genannt hat, wissen wir, 
daß er eine deutliche Sprache liebt. Seitdem er einmal 
gesagt hat, daß in einem andern Drama die Heldin 
den Helden »an der Wurzel des Paarungtriebes kitzelt«, 
wissen wir, daß er ein Ding beim rechten Namen 
nennt. Kein Zweifel, er wird uns aus dem Traumleben 
des Herrn von Goeben, in dem er sich so gut auskennt 
wie in einem Konversationslexikon, schon erklären, 
was diesen Kavalleristen bestimmt hat, sich so lange 
vom Weibe fernzuhalten und lieber »im Sattel den 
Akkumulator seines Geschlechtstriebes zu entladen«. 



— 5 — 



Herr Harden bedauert, daß den Herrn von Goeben »keiner 
je vor schädlichem Mißbrauch des Zeugungorganes 
gewarnt« hat. Wir bedauern, daß es keinen Straf- 
gesetzparagraphen gibt, der die Wegiassung des »s« in 
einem fremden Körperteil weithin als eine verächtliche 
Handlung brandmarkt. Wir bedauern, daß es kein 
literarisches Berufsgericht gibt, das einen Schand- 
preis der Diskretion einem Journalisten verleiht, 
dem eine so delikate Umschreibung gelungen 
ist wie diese: *Der Artillerielieutenant tut wie Onan, 
Judas zweiter Sohn von Sua, den des Herrn Zorn traf, 
weil er, statt bei des Bruders Witib zu liegen, seinen 
Keimsaft in die Erde sickern ließ*. Wir bedauern, daß 
es keine Organisation des Absehens gibt für den Fall, daß 
ein Publizist selbst an jenes Geheimnis geschlechtlicher 
Betätigung greift, welches bisher der Natur der Sache 
nach mit keinem Zeugen geteilt wurde. Aber die 
neurologische Obduktion Goebens — nein, »des aus 
kränkelndem Stamm Ersproßten« — ist noch nicht zu 
Ende. >0b ihn je ein Mannesleib reizte?« fragt Herr 
Harden, den eine langjährige Erfahrung auf diesem 
Gebiete gegen solche Möglichkeit stumpf gemacht hat. 
Endlich ist's heraus. Eine unverbindliche Frage. 
Goeben war Offizier, und Herrn Harden könnte 
es nicht überraschen. Goeben »hat's geleugnet«. 
Nun, Harden will's mindestens dahingestellt sein 
lassen. »Die besondere Art seiner Lustvorstellung 
ließe leicht darauf schließen.« Positives hat er 
nicht erfahren können; die Detektivbureaus gegen 
die Armee zu mobilisieren, lohnt sich nur, wenn 
außer dem Vaterland das eigene Wohl gefährdet ist. 
»Einerlei«, meint Herr Harden; will die Sache nicht 
weiter untersuchen und läßt es beim Rade bewenden. 
Denn schließlich bietet ja der selige Goeben durch 
sein »schmähliches Geheimnis«, um das Herr Harden 
weiß, genug Handhabe für einen aufgeregten Mora- 
listen. Und wie erst durch seinen Verkehr mit der Frau 
vonSchoenebeck! Herr Harden erinnert zu diesem Punkte 
an die »Leistungfähigkeit der Lieutenantszeit«, während 



— 6 — 



hingegen den Hauptmann »häufige Schweißausbrüche 
schwächen« und seine Exzesse »sich von Mond zu 
Mond mehren«. Herr Harden sagt's nun grad- 
heraus, es handle sich um Masturbation, und »der 
fast Siebenunddreißigjährige, der als Batteriechef« 
— bisher war nur von Akkumulatoren die Rede — 
»nach AUenstein versetzt wird, hat als ein Glücklicher 
niemals noch den Leib eines Weibes umschlungen«. 
Endlich also lernt er Eine kennen. Frühling ists. 
Oder mit einem Wort: »Der Lenz kommt ins Pregel- 
land«. Goeben denkt, die könne er haben? Nein, so 
einfach geht das nicht, sondern: »In schwüler Mittags- 
stunde bebrütet, während des Heimrittes vom Übungplatz, 
die Sonne in Goebens Hirn die Hoffnung, jetzt, so 
spät noch, das volle Glück der Mannheit zu erlangen«. 
Die Mutter ließ ihn einst — Herr Harden 
weiß es — im Scherzspiel auf ihrem Rücken reiten. 
Und Herr Harden weiß, daß sich im Unbewußten des 
Knaben dieser Eindruck festgesetzt hat. Ob er nun 
bei der Assoziation dabei war, oder den Haupt- 
mann untersucht, oder gar ein Werk über Psycho- 
analyse gelesen hat; ob er's vom Hörensagen weiß oder 
ob es ihm am Ende ein Hofrat und fünf Arzte aus 
dem Annoncenteil der , Zukunft' eidlich bestätigt haben — 
Herr Harden weiß, welche Vorstellung dem Herrn von 
G. beim Reiten zu schaffen macht. Nun wird es an Frau 
von Seh. sein, ihn beim Huckepackspiel herumzukriegen. 
So wird die »männische Willensleistung« ohne Zweifel 
einmal zustande kommen. Die Frau behauptet aber, 
ihr eigener Mann »vertiere zum unersättlichen Bullen, 
der sich Tag vor Tag auf die Kalbe stürzt, zum geilsten 
Bock, dessen Gier zwischen zwei Sonnen mindestens 
einen Geschlechtsakt erzwingt«. Unglaublich; und was 
sagt Goeben dazu? »Doppelt brennt vor dem Schreckbild 
solcher roh prassenden Übermännlichkeit die Schmach 
eigenen Unvermögens.« Die Frau will »von dem 
Lakentyrannen befreit« sein und zugleich »den Kiefer- 
taster des Männchens zu neuem Tatversuch wach- 
kitzeln«. Das heißt, sie will den Major los sein und 



— 7 



den Hauptmann kriegen. Sie ist selig in dem Ge- 
danken; sie versichert also, »der Rausch der Verheißung 
habe ihr das Bewußtseinstor überschwemmt«. Soll sie 
sich denn an ihren gierigen Mann wegwerfen? Oder 
einfacher gesagt: sollen »ihre nie nach Lust getränkten 
Sinne, wie dürstende Hunde an besudeltem Rinnsal, 
sich an unsauberem Born kühlen? Grauen, Ekel, alle 
Wächter schamhafter Liebe überrennen, rings um die 
Seelenfeste die Leuchtfeuer löschen und im Dunkel 
des Ehebettes von dem über dicht verhängten 
Pupillen Röchelnden in stummer Wonne nehmen, 
was der Mann zu geben vermag und der Liebste 
versagen muß?« Trotz solchen Hindernissen — 
endlich »gelingt, was noch nie gelang: die Mann und 
Weib zum Gattungdienst nach der Norm der Natur 
einende Paarung« . . . Und wo begibt sich das alles? 
In Alienstein? Nein, so plump ist Herr Harden nicht, 
den Ort zu verraten. »Im Allestädtchen«, sagt er diskret. 
Herr von Schoenebeck, hat sie erzählt, habe »ihr die Haut 
gepardelt«? So etwas kann einem Publizisten, der 
Sexualklatsch verbreitet, nicht passieren; denn die Be- 
leidigten sind zum Teil tot, zum Teil im Sanatorium. 
Vielleicht hätte Herr von Goeben auch nicht den Mut 
gehabt. Denn er war einer, »der mit dem prahlerisch 
ausgereckten Geäst seines Wesens doch keinen Bezirk 
der Mannheit ganz zu decken vermag«. Wie wollte er 
ursprünglich den Major umbringen? Mit Arsenik? 
»Die schafft er herbei.« Aber da einerseits eine weib- 
liche Arsenik ohne Wirkung bliebe und anderseits auch 
Frau von Schoenebeck nicht dafür ist, so muß ein an- 
deres Mittel gewählt werden. Er zögert. »Wie am 
Vaal einst der Stacheldraht, drückt der Hohn des 
Weibes sich dem Soldaten in die Brustwehrhaut.« 
Und es geschieht. 

Wer das dem Major Schoenebeck vorher gesagt 
hätte! Wer ihm gesagt hätte, »unter dem Pfühl, an 
dem noch seines Schweißes Ruch haftet, wärme die 
Brust seines Weibes den zuckenden Leit) Hugos von 
Goeben und aus dem oft unter Saugküssen erstickten 



— 8 



Gewisper der Beiden webe sich die letzte Masche 
eines Mordplangespinnstes, das in der nächsten Nacht 
den Hausherrn drosseln solle«! Er hätt's nicht ge- 
glaubt. Denn er wußte zwar, wie sie's getrieben hat, 
kannte sogar aus Briefen »das Hengstgewieher der 
Angekörten«, aber schlief fest »wie ein Grimbart im 
Winterkessel«. Er wußte, daß sie es »mit dem graugelben 
Bombenhugo« halte, aber an Mord hätte er nicht ge- 
glaubt. Sie war ihm ein bequemes Lusttierchen, das 
gibt Herr Harden zu, lobt die Auffassung und läßt das 
Lied vom braven Mann erklingen, der seinen bunten 
Rock, seine Kinder und seine Jagd über alles liebt 
und der sich rackert, während seine Frau auf »Lenden- 
erlebnisse« ausgeht. Herr Harden billigt die sexuelle In- 
dulgenz eines Mannes, von dem er uns vorher schlicht 
erzählt hat, daß er »mit dem Gelde derFrau behaglich leben 
und seine Gäste besser bewirten kann als mancher Bri- 
gadier«. Und er vertritt auch den männlichen Standpunkt 
sexueller Kommodität. Hat solch biederer Jägersmann 
schon ein Lusttierchen im Haus, so benütze er es und 
hänge sein Geweih unter die Jagdtrophäen. Was des 
Mannes Recht ist, wird bei der Frau geduldet: aber 
auch nur, weil der Skandal vermieden und das Geld be- 
halten werden soll. Mit einer unbezahlbaren Geste der 
Verachtung aber für das »Ewig-Läufische« finden sich 
die deutschen Männer in solcher Situation zurecht, die 
ihnen besonders dann bequem ist, wenn sie selbst ein 
Bedürfnis fühlen. »Kann, wenn ich will, mein Lust- 
tierchen haben.« Dieses Wort, das Herr Harden dem 
Herrn von Schönebeck in den Mund legt, ist das tiefste 
Bekenntnis dieser infamen Sittlichkeit, die den begehren- 
den Frauen mit Kriminalität und Psychiatrie beikommt, 
wenn sie sie zufällig nicht für die begehrenden Männer 
pardonniert hat. Ich weise es von mir, mich mit dem 
Meistersinger der bürgerlichen Moral, mit dem Beckmesser 
ehelicher Potenz, mit dem Höfling der »Lakentyrannen« 
und dem Profosen militärischer Normwidrigkeit über 
erotische Probleme auseinanderzusetzen. Ich werde mit 
ihm nicht darüber streiten, ob eine Frau wirklich eine 



— 9 — 



»aus dem Bereich der Weibheit Geschiedene« ist, ob sie 
wirklich »einen Aussatz blößt, den die Winkeldirne noch 
vor Jedem, den sie nicht wegscheuchen will, bürge«: 
wenn sie ihrem Geliebten von der Manneskraft seines 
Vorgängers spricht. Ich werde den geschwollenen Platt- 
heiten dieses Moralphilisters nicht mit dem erotischen 
ABC begegnen, daß eine Frau in der trotz Herrn 
Harden wichtigsten Situation ihres Lebens immer nur 
spricht, was der Mann hören will, und daß die Lust- 
vorstellung des Mannes von seiner ethischen Persönlich- 
keit ebensowenig determiniert ist wie von irgendeiner 
sittlichen Konvention der unbeteiligten Außenwelt. Ich 
werde Herrn Harden nicht zu beweisen suchen, daß 
Frau von Schönebeck in ihren Taten viel weniger den 
Bereich der Weibheit verließ, als Herr Harden in seinen 
Worten den Bereich der Mannheit. Ich werde ihm 
nicht zu beweisen suchen, daß die Lusttierchen eine 
milliardenmal wichtigere Rolle in der Kultur des 
menschlichen Geistes gespielt haben als die Bett- 
wanzen, die schließlich nichts weiter geleistet haben, 
als daß sie dabei waren. Ich werde ihm nicht ein- 
mal klarzumachen versuchen, daß auch Herr von Goeben 
sich dem männlichen Ideal endlich nähert, dort, wo er die 
Frau, die ihm die Liebe beigebracht hat, verrät, 
weil er nämlich inzwischen erfährt, daß sie auch 
Andern die Liebe beigebracht hat. Und fern sei es 
von mir, Herrn Harden zu erklären, daß bis dahin 
Herr von Goeben mit seiner Liebesverlorenheit noch 
immer mehr Ehre aufgehoben hat, als Herr Harden 
mit seiner nachschmeckenden Entrüstung. Er hatte, bis 
er das rechte Weib fand, mehr Phantasie als Herr 
Harden, und als er es fand, mehr Erlebnis. An all 
dem, was Herr Harden hier auszusetzen hat, kann eine 
starke Natur zum Künstler werden. Jener hat wenig- 
stens ein intensives Leben hinter sich und könnte 
der nachstümpernden Kunst seines Sittenrichters wie 
Fiesko spotten: Ich habe getan, was du nur maltest! 

Denn von all dem, was Herr von Goeben genossen 
hat, scheint Herr Harden zu gut reden zu können. Ich will 



— 10 — 



ihm den Genuß des Redens nicht mißgönnen, ich will 
nicht in sein Privatleben greifen, das er durch seine 
publizistische Entrüstung eröffnet hat. Aber er wende 
sich den japanischen Niederlagen im russischen Kriege 
zu und lasse seine Hand von Dingen, von denen 
er nichts versteht. Sein geschlossener Unstil, lästig genug, 
wenn er sich an politischen Tatsachen vergreift, wird 
bei der Behandlung tieferer Lebensprobleme zur 
Qual, aber nicht zu jener, aus der die Liebessl^laven 
ihre Wonnen schöpfen. Herr Maximilian Harden findet 
keinen Dank. Nicht bei der Unmoral, gegen die er 
die sittlichen Gewalten hetzt, und nicht bei den sitt- 
lichen Gewalten, denen er die Unmoral zu lebendig 
einliefert. Er, der tüchtigste Markthelfer der Moral, hat 
es erleben müssen, daß ihm der preußische Staatsan- 
walt den Artikel über den Fall Schoenebeck konfisziert 
hat. Denn offenbar gibt es in Berlin einen Gerichts- 
dolmetsch für Delphisch, und der hat, ohne die 
Tendenz des Herrn Maximilian Harden zu erfassen, an 
der Schilderung Anstoß genommen. Mißverständnisse 
über Mißverständnisse. Ich finde wieder die Schilderung 
harmlos und die Tendenz sträflich. Wenn man den Artikel 
übersetzt, wird man sehen, daß Herr Harden die harm- 
losesten, alltäglichsten Vorgänge der Menschheit in ein 
schiefes Licht zu bringen sucht. Das macht : er sieht 
die Welt durch ein Schlüsselloch. Man sei aber einmal 
vorsichtig, lasse den Schlüssel stecken, und man kann 
sicher sein, daß der Schriftgelehrte draußen seine 
Weltanschauung verliert. 



11 — 



Die kretensische Frage 
Von Karl Kraus 

Münz, dem noch die griechische Königsfamilie entgangen war, 
hörte, daß sie in Korfu sei, und beschloß das Versäumte nachzu- 
holen. Er fuhr nach Korfu, zog den König sofort ins Gespräch, und 
die Folge war, daß es beinahe zum Krieg zwischen Griechenland 
und der Türkei gekommen wäre. Das ist kein Witz. Die Untertanen 
der Könige, die sich mit Herrn Münz einlassen, müssen auf alle 
Eventualitäten gefaßt sein. Im Vordergrund gibt ein Schmock seine 
Visitkarte ab, und hinten sprechen schon die Kanonen. Sie sprechen 
nicht mit Herrn Münz, er wird nicht hören, was sie sprechen, er 
schreibt schon seinen Leitartikel, und denkt höchstens an die bekannten 
Kugeln der rituellen Küche, die noch keinem Leipniker ein Loch 
in den Bauch gerissen haben, wenn hinten, weit, in der Türkei, 
die Völker aufeinander schlagen. Denn das ist die Folge, wenn 
einer unserer Mitarbeiter Gelegenheit hatte. S. Mz. war also in Korfu. 
Der Generaladjutant konnte ihn >sich nicht einmal setzen heißen«. 
Es ist Namenstag des Königs. Der Generaladjutant hat die Wahl 
zwischen dem Tedeum und dem Münz. Er wählt das Tedeum. Münz 
hat eine Empfehlung an Herrn Theotokis, um dessen Brust >sich das 
breite blaue Ordensband des griechischen Erlösers schlang«. Diesem 
Herrn konnte also nichts passieren. In der Tat, die Konversation hatte 
kaum begonnen, »als plötzlich Mr. Mac Kinnan, der erste Offizier 
der Yacht ,Rovenska', die uns hieher nach den jonischen Gewässern 
getragen hatte, hereinstürmte und uns fast atemlos zurief: ,A royal 
message!' (Eine königliche Botschaft)«. >Was war es, das unseren 
sonst so gleichmütigen schottischen Freund ein so hastiges Tempo 
einschlagen ließ?« Nun, waswird esgewesen sein? Eine Einladung von 
S. M. an S. Mz. Der König sprach's, der Page lief, und Herr Theotokis 
war erlöst. Der Münz vertröstet ihn auf Nachmittag und geht zum 
König. Der König sagt ihm alles, was er auf dem Herzen hat. 
Zunächst eine Frage im Vertrauen: > Haben Sie gehört, daß man 
an die Berufung einer anderen Dynastie auch nur einen Augenblick 
gedacht hat?« Münz schüttelt den Kopf, er müßte es doch wissen. 
Der König : » Können S i e es allen Leuten recht machen ? Und Sie stehen 
doch einem kleineren Pflichtkreise vor und brauchen darum einen 
kleineren Kreis von Menschen zu befriedigen.« Wer sagt das! 
Vielleicht, ja, gibts mehr Griechen als Abonnenten der Neuen Freien 
Presse; die sind aber dafür über die ganze Welt zerstreut! Der 



— 12 — 

König fragte nun den Münz -also was- raten wir! Nun, wir haben's 
erraten : >Der König fragte mich, ob ich zum erstenmal in Griechen- 
land wäre, und wie es mir in Athen gefallen hätte.« Es scheint sich 
um eine Verabredung der Balkanfürsten zu handeln, hauptsächlich 
diese eine Frage — ob er und wie es ihm — an den Münz zu stellen. 
Er merkt aber nicht, daß er gefrozzelt wird, und beteuert, wie in 
Konstantinopel, in Sophia, in Bukarest: >Zum erstenmal im Leben, 
Majestät.« Und fährt fort, wie der gebildete Mann in den »Lokal- 
zugstudien«, der immer von Wien nach Baden fortfährt: > Daß 
ich glücklich war, mit den zaubervollen Stätten, auf denen 
die Glorie der Antike liegt, sozusagen ein Wiedersehen zu 
feiern — ein Wiedersehen insofern, als wir im Geiste ja 
all das von früher Jugend an schon geschaut hatten — 
brauche ich kaum hervorzuheben. Aber auch das Moderne in 
Athen hat mir vielfach gefallen — die herrlichen, von griechischen 
Patrioten zu Gemeinzwecken gestifteten Paläste — die sauberen 
schönen Straßen — ein Hotel allerersten Ranges. In Athen aller- 
wärts Komfort.« Und nun nimmt der König die Gelegenheit wahr, 
weil der Münz schon einmal da ist, von ihm die kreten- 
sische Frage lösen zu lassen. >Seit dem Jahre 1863 sitze ich 
auf dem Thron, und von der ersten Stunde an hatte ich die 
kretensische Frage auf dem Buckel«, sagt der König wörtlich 
und denkt, der Münz könne, da er sich gerade in . dieser 
Gegend aufhält, die Sache prima vista erledigen. Der 
Münz macht auch sofort eine hochpolitische Bemerkung, worauf 
der König sagt: >Also auch Sie werfen uns vor. . . Darauf ant- 
worte ich Ihnen . . .« Und es fällt richtig das Wort Statusquo. >Sie 
waren, wie ich höre, in Kreta? Was hat man dort bis zur Ankunft 
des griechischen Oberkommissärs geleistet? Nichts, gar nichts.« 
>Ich kann Eurer Majestät nur recht geben. Dort ist ja noch das 
reinste Mittelalter in Hinsicht auf alle Verkehrsverhältnisse.« (Wir 
haben später erfahren, daß man dem Münz in Kreta gesagt hat: 
>Wir können nicht einmal untereinander normal verkehren.) Der 
Münz fragt den König, ob es auch andere Inseln gibt, die 
griechisch sind und gleichwohl zur Türkei gehören. Der König 
zuckt die Achseln und sagt, daß er nur Kreta will. Münz: > Eurer 
Majestät, wie mir scheint, durchaus gerechtes Verlangen, entspricht 
meinen Gesinnungen <. Der König empfindet lebhafte Genug- 
tuung. >Nach einer etwa halbstündigen Unterredung entließ mich 



13 — 



der König, begleitete mich noch durch das nebenstehende Gemach 
und machte eine Anspielung, daß er mich wohl noch in Korfu 
wiedersehen würde.« »Für alle Fälle aber gab er mir Grüße für eine 
besonders charmante und schöne Dame der Wiener Gesellschaft 
mit.< (Münz ist diskret und nennt keinen Namen.) Inzwischen 
ist der König von England gestorben. >Ich war nun der sicheren 
Annahme«, sagt Münz, >daß unsere Einladung zu Hofe, die wir 
den Tag zuvor bekommen hatten, noch im letzten Augenblick 
widerrufen werden würde.« Da hat er aber nicht mit 
seiner Beliebtheit gerechnet. Die kann es mit jeder Hoftrauer auf- 
nehmen. Bald hörte er denn auch, »daß es bei der Einladung 
bliebe; es wäre ja, meinte der Generaladjutant, nur ein Mahl im 
engsten Kreise. . . .« Da darf der Münz nicht fehlen. Der Münz in 
Korfu — das läßt sich der König nicht zweimal sagen. Die Stimmung 
bei Tisch war zwar »etwas gedrückt«, aber sie war da. Was König von 
England! Wenn der Münz von der Presse zum erstenmal im Leben in 
Griechenland ist, so wäre eine Nichtzuziehung zum Familiendiner 
eine so eklatante Verletzung der internationalen Höflichkeit, daß 
man gar nicht einmal daran denkt, so etwas zu riskieren. Wegen des 
Münz einen Krieg mit der Türkei — ja ; aber doch nicht einen mit 
der Neuen Freien Presse! Der König, »im ganzen schweigsam, 
richtet doch zeitweise das Wort an mich«. »Einmal sagt er: 
,Mit Bedauern habe ich Sie gestern in einer Loge im Theater 
gesehen.' ,Warum, Majestät mit Bedauern?'« Und der König ant- 
wortet nicht, wie man erwartet hat: Weil ich Sie im Theater 
gesehen habe, sondern: Weil die Vorstellung viel zu wünschen 
übrig ließ. Und nun macht der Münz eine sehr feinsinnige 
Bemerkung: »Aber es hat mir doch Genugtuung bereitet, 
zum erstenmal im Leben von der Bühne herab griechische 
Laute zu hören, und war es auch nur die Übersetzung des ,Walzer- 
traum'. Alle Achtung, Majestät, vor der Begabung des Komponisten, 
meines österreichischen Landsmannes. Aber wir haben das bessere 
Geschäft gemacht, wenn die Griechen uns ihre Tragödien gaben 
und dafür unsere Operetten eintauschen.'« Bravo! Dafür wird 
ihm der Kronprinz vorgestellt. »Der Kronprinz ist eine kräftige 
Gestalt, dem man kaum ansieht ... Er spricht gut deutsch.« Der 
Münz nicht Der Kronprinz gibt dem König an Offenherzigkeit nichts 
nach und beklagt sich beim Münz über seine Ausschließung aus dem 
Generalkommando. Münz tröstet: »Der zukünftige König der 



— 14 — 



Hellenen mag doch, auch wenn er jetzt nicht mehr das Armee- 
kommando innehat, noch imnier eine große Mission haben.« »Der 
Kronprinz rühmte die Vorzüge der Griechen, beklagte es aber, 
daß bei ihnen eine geringere Neigung, Disziplin zu halten, vor- 
handen sei, als etwa bei den Deutschen, dem Volke der eisernen Di- 
sziplin.« Er bemerkte: »Die Griechen sind eigentümlich. < 
Sie verübeln nämlich dem Kronprinzen das Radfahren, das 
Schlittschuhlaufen und das Tennisspielen. Der Münz sagt: 
>Das befremdet mich, königliche Hoheit. Der Sport ist ja 
eigentlich ein Vermächtnis des auf die höchste körperliche 
Ausbildung bedachten Griechentums an die Menschheit.« Man 
sieht, es war höchste Zeit, daß das Gespräch durch das 
Erscheinen der Königin unterbrochen wurde. Nun war 
die offenherzige Familie schon fast vollzähl g um den Münz 
versammelt. Die Königin > legte« ihm auch sogleich 
etwas >ans Herz«. Nämlich, »Korfu nicht zu verlassen, ohne 
einige Ausflüge in die Umgebung gemacht zu haben«. Viel- 
leicht meinte sie aber: einige Ausflüge in die Umgebung 
zu machen und dann Korfu zu verlassen. Dieses sei »ein wahres 
Paradies«, sagte sie und begann den Baedeker zu zitieren: 
»Weithin ziehen sich wundervolle Straßen, die man nicht nur 
bequem mit Wagen, sondern auch mit Automobilen befahren kann.< 
Jetzt kam aber ein heikles Thema. »Die Königin meinte, sie ver- 
mißte in meiner Aussprache des Deutschen die wienerischen An- 
klänge.« Das hatte sie gut heraus. »Ich erwiderte ihr, daß meine 
Heimat in Mähren wäre, in einer Gegend, in der sich das slavische 
und das deutsche Element berührten«. »Es sind wohl Czechen«, 
versetzte die Königin boshaft, »die dort neben den Deutschen 
wohnen«... Die Königin kam dann noch »auf die Kraft der 
Sonne, die, in der Form von Sonnenbädern angewendet, gewisse 
Krankheiten heile«. Die Königin ist nämlich Samaritanerin von 
Beruf. »Sie denkt sehr menschlich«. »Die Schrecken des Krieges 
kennt sie aus eigener Anschauung. Sie hat die Folgen des griechisch- 
türkischen Feldzuges aus der Nähe gesehen . . .« Des vergangenen. 
Nun sieht sie aber auch die Ursache des künftigen aus der 
Nähe, nämlich den Herrn Münz. Sir Wächter mischte 
sich jetzt ins Gespräch, jener Herr, der bekanntlich eine 
Föderation auf wirtschaftlicher Grundlage will. Endlich hat aber 
auch der Prinz Georg Appetit auf den Münz bekommen, tritt 



herzu und stellt einige Fragen an ihn, wie: »Haben die Türken 
auch nur das geringste Anrecht auf Kreta? Haben sie dort etwas 
geleistet? Und sind denn nicht auch die Mohammedaner auf Kreta 
Griechen?« Anstatt nun schlicht zu sagen: »Was wollen Sie von 
mir haben?< oder »Weiß ich?« oder »Ihre Sorgen raöcht 
ich haben!« oder was man sonst eben in solchen Situationen zu 
sagen pflegt, läßt sich der Münz in Debatten ein. Erst nach- 
dem er die fortwährenden Anspielungen sämtlicher königlichen 
Familienmitglieder auf Kreta und die Kretenser und das Kichern des 
Prinzen, dem die Königin einen Rippenstoß gab, endlich kapiert 
hatte, zog er es vor, sich zu entfernen. Der König rief ihm nach: 
»Und bitte nochmals, vergessen Sie nicht, die reizende Frau . . . 
in Wien von mir herzlichst zu grüßen.« (Münz ist diskret und 
nennt keinen Namen.) Der König wollte ihm einen Gegenbesuch 
auf der Yacht machen, »der Tod des Königs Eduard jedoch ver- 
anlaßte ihn, diesen Besuch zu unterlassen«. Das ging also doch 
nicht. Aber der Kronprinz ließ es sich nicht nehmen. »Schlag 
5 »Uhr« kam er zum Tee (weil es doch sonst kein five o clock-Tee 
gewesen wäre). Einige Barken schwammen heran, die dem Münz 
»ein veritables neapolitanisches Ständchen darbrachten«. Es war 
sehr schön. »Der Kronprinz brach nach zweiundeinhalbstündigem 
Aufenthalt«, und zwar auf, zum Schlosse, wohin ihn aber der Münz 
noch begleitete. . . »Als wir den Tag darauf erwachten, sahen wir den 
Vater Ätna, wie er sein Morgen pfeifchen rauchte.« Das ist eine 
sehr euphemistische Bezeichnung für das, was der Vater Ätna tat, 
als er den Münz sah. Am Abend — das heißt, »als der Tag zur 
Rüste ging« — wandelte der Münz bereits »bewegten Herzens 
unter den Trümmern von Messina einher«, nicht ohne dem Ge- 
danken Ausdruck geben zu können, »wie nahe im Leben Zauber 
und Tod, Herrlichkeit und Untergang aneinander gerückt sind«. 
Gewiß, es ist im Leben häßlich eingerichtet. Aber der furchtbarste 
Kontrast ist doch zwischen ein^m Interview und einem Krieg. 
Ein König wird beim Anblick eines Reiseschmocks redselig, und 
Europa steht in Flammen. »Konstantinopel, 8. Juni: Die Mit- 
teilungen der Neuen Freien Presse über die Äußerungen, welche 
König Georg von Griechenland zu ein-m Mitarbeiter dieses Blattes 
gemacht hat, sind gestern im Ministerrat besprochen worden.« 
Man verlangt ein Dementi, man droht mit dem Boykott gegen Griechen- 
land. Der König schwankt Die Neue Freie Piesse bleibt aufrecht. 



— 16 — 



Die Rubrik >Die Äußerungen König Georgs zu einem 
Mitarbeiter der Neuen Freien Presse« wird fortgeführt. Der Groß- 
vezier fordert den griechischen Gesandten auf, die Äußerungen des 
Königs über die Annexion Kretas zu widerrufen. Der ,Tanin' 
verlangt >ein amtliches Dementi oder Krieg«. Die griechi- 
schen Untertanen, die in der Türkei leben, sollen ausgewiesen 
werden. Auch in Salonichi hat sich ein Boykottkomitee kon- 
stituiert und die Sperre über die griechischen Schiffe verhängt. 
Die Erregung ist im Zunehmen. Man fordert die Einberufung 
eines Kongresses aller Berliner Vertragsmächte. Man nennt die 
Äußerungen des Königs einen »schrecklichen Selbstmord«. Es 
geht das Gerücht, daß Griechenmassakres gepfant sind. Der 
Münz befindet sich auf der Rückreise in die Redaktion. Der 
König schwankt. Die Neue Freie Presse bleibt aufrecht. Wird sich 
der König für den Krieg oder gegen die Neue Freie Presse ent- 
scheiden? ... Er läßt dementieren. Die Retorsionsmaßregeln werden 
zurückgezogen. Es tritt Beruhigung ein. ,Tanin' erklärt, nunmehr 
werde kein verantwortlicher Leiter in Griechenland mehr die Türkei 
verletzende Erklärungen geben. Pfui, ruft die Neue Freie Presse: 
»Die merkwürdige Geschichte, wie König Georg unter dem Hoch- 
druck einer internationalen Verwicklung zu dem 
Dementi der gegenüber unserem Mitarbeiter ge- 
machten Äußerungen gezwungen werden soll, ist von 
uns wiederholt mitgeteilt worden. ,Tanin' spricht jedoch von 
einem bereits veröffentlichten Dementi, das wir nicht kennen. 
Bisher ist uns dieses Dementi nicht zugekommen. Unser 
Mitarbeiter hat gewissenhaft über das berichtet, was ihm der 
König gesagt hat, und seine Mitteilungen bleiben aufrecht, 
mag nun das Dementi erscheinen oder nicht. Anm. d. Red.« Sie 
besteht auf dem Krieg. Ihre welthistorische Frechheit wird auch aus 
diesem Feldzug siegreich hervorgehen. Sie läßt den Münz nicht 
im Stich. Er verläßt den Balkan im Bewußtsein treuer Pflicht- 
erfüllung. Er hat schon mit vielen Königen gesprochen, aber keiner 
hätte es gewagt, nachträglich etwas, was er nicht gesagt hat, in Abrede 
zu stellen!... Man kann wirklich begierig sein, wie sich der König 
da herausgewunden hat. Ein Gerücht besagt, er habe ein diplo- 
matisches Meisterstück vollbracht. Das ganze war ein Mißverständnis. 
Alles bleibt aufrecht, nur habe es sich nicht um die kretensische 
Frage gehandelt, sondern um die Frage, ob der Kretinismus heilbar ist. 



17 



Über Ansichten 

Von August Strindberg 

Unter Ansichten versteht man im allgemeinen Ge- 
danken, Meinungen, aber das Wort bedeutet wohl nur 
Gesichtspunkte, bei alltäglichen Leuten. Wenn man 
daher weiß, welche Stellung ein gewöhnlicher Mensch 
in der Gesellschaft einnimmt, so kann man seine An- 
sichten im Kopf ausrechnen. Einer aus der Oberklasse 
sieht ja das Untere in Verkürzung, und einer in der 
Unterklasse das höher Stehende in Verkürzung. In 
der Perspektivlehre heißt der Gesichtspunkt der Ober- 
klasse Vogelperspektive und der Gesichtpunkt der 
Unterklasse Froschperspektive. 

Es ist ja klar, daß sich die Sache nicht ebenso 
ausnimmt, wenn man sie von oben oder von unten 
sieht. Und wenn einer aus der Oberklasse einmal 
Froschperspektive anlegt, so ist das abnorm, nicht auf- 
richtig, und erregt Mißtrauen; oder er ist ein Über- 
gangener, ein Deklassierter, mit einem Wort, ein Miß- 
vergnügter. Wenn einer aus der Unterklasse ein einziges 
Mal seine Klasse von oben sieht, so ist er ein Lakai 
oder er ist zu Geld gekommen. 

»Ansichten austauschen*, ist nur leeres Gerede, 
denn das kann niemand gutwillig tun; aber Ansichten 
ändern, das muß man, wenn sich der Gesichtspunkt 
ändert, das heißt, wenn einer aus der Oberklasse zur 
Unterklasse sinkt oder einer aus der Unterklasse zur 
Oberklasse steigt. 

Die Bürgerschaft oder Mittelklasse hat einen 
schwankenden Gesichtspunkt, der durch ihre Stellung 
zwischen Oben und Unten bedingt ist. Und darum 
wirkt die Mittelklasse unentschieden, charakterlos; und 
wird sehr oft Gegenstand des Hasses der beiden be- 
stimmten Klassen, weil sie nicht Partei ergreifen kann, 
was ja schwer ist. 



Aus der schwedischen Handschrift. Die Buchausgabe der 
Bekenntnisse erscheint erst IQll. 



18 — 



Wenn man dann fragt, wer recht hat, ist die 
Antwort: jeder hat unrecht oder recht von seinem 
Standpunkt, denn beide sehen ja die Sache in Ver- 
kürzung, von oben oder von unten. 

Die Mittelklasse müßte also den richtigen Blick 
auf die Sache haben, weil sie sie vom richtigen Milieu - 
niveau betrachtet; aber davon wollen die andern beiden 
nichts hören. 

Wenn man Nationalität, Religion, Alter, Geschlecht 
eines Menschen kennt, so kennt man im allgemeinen 
dessen Ansichten oder Gesichtspunkt. Ein Finnländer 
und ein Pole werden immer das gutmütige russische 
Volk für Spitzbuben halten; ein Protestant oder Heide 
wird immer glauben, die Jesuiten seien Meuchelmörder, 
obwohl der Orden von dem edlen Ignatius Loyola 
gestiftet wurde, um das Christentum zu retten; der 
Junge glaubt immer mehr vom Leben zu wissen als 
der Alte, obwohl er nichts weiß; eines Weibes Gesichts- 
punkt oder Ansichten in der Frauenfrage weiß man 
vorher; Rosa Bonheur hat dürftige Bilder gemalt (die 
Troyon und Breton viel besser gemacht haben), ergo 
ist das Weib ebenso begabt, wie der Mann; wenn 
aber die Frau ihre Überlegenheit über den Mann 
zeigen will, überfällt sie ihn, ihren besten Freund, 
während des Schlafes und mordet ihn; das ist Über- 
legenheit im Bösen, was Unterlegenheit ist. — — 

Entschiedene Parteimänner laufen in erregten 
Zeiten wie philosophische Systeme umher, angetan mit 
den Ansichten der Partei. Von diesem Standpunkt be- 
urteilen sie Menschen, Nationen, Bücher, Zeitungen, 
sogar Kunstwerke, Theater und Musik. 

Wenn du mit einem Sozialisten über einen ab- 
wesenden Menschen sprichst, so blinzelt er erst und 
überlegt eine Sekunde, ob der Abwesende dafür oder 
dagegen ist, und gleich ist sein Urteil fertig: 

— Das ist ein Bube! Das ist ein guter Kerl! 

Summarisch nur! 

Sieht er ein Schauspiel, so ist es ein Meister- 
werk, wenn der Arbeiter gelobt wird und der Kapitalist 



— 19 — 

unsympathisch ist oder wenn nur ein Parteifreund das 
Stück geschrieben hat. 

Etwas so Unschuldiges wie ein gemaltes Bild 
kriegt ein anderes Kolorit, wenn es von einem Partei- 
freund gemalt ist. Farbe und Zeichnung werden 
meisterhaft, auch wenn sie elend sind. 

So werden viele falsche Werte ausgegeben, falsche 
Münzen, falsches Ansehen; falsche Größen werden ge- 
krönt und wirkliches Verdienst entwertet. 

Im Reichstag weiß man ja, daß ein halbwegs 
gesicherter Landmann Agrarier ist und mit den Mitteln 
des Staates sparsam umgeht; daß ein Militär (falls 
nicht übergangen) der Ansicht ist, die Verteidigung 
müsse beständig verstärkt werden; ein Artillerist hält 
den Bau von Festungen für notwendig; ein Marine- 
offizier will die Flo'te vergrößert sehen; der höhere 
Beamte will mehr Regierung und strengere Gesetze 
haben u. s. w. _^ 

Die heftige Liebe zu den Japanern hat mindestens 
zwei Ursachen. Die erste war der Russenhaß, die 
zweite der Christentumshaß der Heiden. Die Japaner 
sollten den Heiden als Anschauungsmaterial dienen, 
um zu zeigen, wie die Zivilisation ohne Christentum 
existieren könne. Aber die Zivilisation äußerte sich in 
Schlachtschiffen und Sozialismus, Streichhölzchen und 
Zylinderhüten, Darwinismus und Frauenfrage. Das war 
eine Tendenzsympathie, die sich nicht verminderte, als 
man die Opferpriester mit großen Messern in den 
Händen sah, oder als man hörte, daß der Kaiser und 
die ganze Nation Spiritisten seien, die mit den Geistern 
der Abgeschiedenen sprechen. 

Bei einer unvernünftigen Sympathie drückt man 
vor den Inkonsequenzen ein Auge zu oder leugnet die 
Tatsache. 

Wenn nun der Mensch seine Zeitung liest, so 
erfährt er nichts Neues, sondern nur was er schon 
gewußt hat; alles, was die Sache in ein anderes Licht 
setzen könnte, wird ausgelassen, ignoriert, gefärbt. In 



20 — 



ö^,n Zeitungen der andern steht etwas ganz anderes, 
oder das Gegenteil, wenn man es zweimal liest. 

Ebenso ist es mit den Büchern. Jeder liest seine 
Dichter, bei denen er seine Ansichten ausgedrückt 
findet; die andern Bücher liest er nicht; auf die Art 
kommt er nie aus seiner Tauchertracht und seiner 
Luftblase. 

Treffen sich Menschen von verschiedenen An- 
sichten und Lagern, so geraten sie entweder in nutz- 
losen Streit oder sie schwatzen Unsinn. Überzeugt wird 
niemand, auf Gründe hört niemand, nicht einmal tat- 
sächliche Aufklärungen nimmt jemand an, und sie 
trennen sich, ebenso klug wie vorher. 

Treffen sich Menschen vom selben Lager und mit 
denselben Ansichten, so haben sie einander nichts zu 
sagen, weil sie die Ansichten des andern im Voraus 
kennen. Dann setzen sie sich hin und spielen Karten 
oder machen Musik, und das ist gut. 

Mit einem Wort, die Ansichten liegen hinten in 
einer Spinndrüse und von dort werden Fäden und 
Netze gesponnen, wenn es nötig ist. — — 

Als der große Tichborneprozeß 1866 in England 
eröffnet wurde, teilte sich die Menschheit sofort in 
Lager mit bestimmten Ansichten über Ortons Legitimität. 
Obgleich Untersuchung und Urteil erst 1874 fertig 
wurden, hatte der Unterpfarrer von Rösbo schon 1868 
sein Urteil fertig: »Orton ist Erbe«. Der Kronvogt von 
Almsätra, tausend Meilen von der Gerichtsstelle, war 
dagegen zu einer entgegengesetzten Ansicht gekommen, 
weil er als Jurist und Steuererheber soviel Betrügerei 
beim Bezahlen der Steuer und Teilen der Erbschaft 
erlebt hatte. Jeder spann sein Netz und blieb darin 
sitzen. Als Orton 1874 zu vierzehn Jahren Zuchthaus 
verurteilt wurde, sandte man Petitionen von der ganzen 
Erde, auch aus Rösbo, »für den Märtyrer der engli- 
schen Heuchelei und des elenden Rechtswesens«. 

Erst 1895 gestand Orton, daß er der Betrüger und 
der Sohn eines -Schlächters aus Wapping sei. 

Das überzeugte die Petitionäre für seine Unschuld 



— 21 — 



nicht, sondern sie meinten, er habe den Verstand ver- 
loren. 

Auch im alltäglichen Leben laufen die Menschen 
mit fertigen Ansichten herum. Wenn man in gemischter 
Gesellschaft ein gleichgtiltiges Begebnis erzählt, so wird 
es gleich durch verschieden gefärbte Gläser gesehen. 
Man kann auch, ohne es zu wollen, einen Sturm von 
Leidenschaften wecken, wenn man einen unbekannten 
Kontakt berührt hat, der Ströme von uns unbekannten 
Interessen schließt. Wir verstehen nicht, »warum der 
Mensch so böse wegen nichts wurde«; aber der Ein- 
geweihte weiß, wo der Knopf zum »Widerstand« saß. 

Eine andere gleichgültige Tatsache wird erzählt. 
Jeder holt und zieht sie nach seiner Seite, das Be- 
deutungslose wird sehr wichtig, die Tatsache wird 
entstellt, gedeutet, gefärbt und zu den Zwecken eines 
jeden benutzt, wenn sie auch durchaus nicht dazu paßt. 

Wer die Tatsache aussprach, gab nur die Wolle; 
die andern spannen allerhand Garn und dann webten 
sie Gewebe oder Netze, um die Seelen von einander 
zu fangen. 

Es ist also die Selbstsucht oder die höllische 
Herrschsucht, die alle Urteile fälscht. 

Der Weise und der Religiöse sucht sein Urteil 
von Stellung, Interesse, Leidenschaften frei zu machen. 

Brutus verurteilt seinen Sohn zum Tode, Dante 
seinen Lehrer zum Inferno. Der Religiöse allein hat 
den Mut, seine Irrtümer abzuschwören und einzu- 
gestehen: ich habe unrecht gehabt. 

Richter, Staatsmann und Regent sollten immer 
über Interessen und Leidenschaften stehen, dann würde 
der Staat gelenkt wie ein Dampfer, unabhängig von 
den Winden; dann würden Urteile gefällt, die unab- 
hängig von Verwandtschaft und Freundschaft sind. 
Aber nur vor Gott kann man auf sein Selbst ver- 
zichten; es dem Feinde zu Füßen legen, auch wenn 
dieser recht hat, ist so schwer, weil der Feind beinahe 
niemals edelmütig ist, denn das ist das Schwerste von 
allem. Man glaubt ihm einen schlechten Dienst zu tun, 



— 22 



wenn man einräumt, daß er recht hat: dann schwillt 
sein Hochmut und seine Grausamkeit wächst. Und 
nicht Verlangen nach Wahrheit hat ihn getrieben, 
sondern Lust, recht zu behalten und zu ducken; und 
die Menschen sind so, daß sie sich mit ihren Ansichten 
identifizieren; und wenn sie dafür kämpfen, so ist die 
Triebfeder der Wille zur Macht oder die Lust, ducken 
und treten zu können. 

Darum fordern sie auch, man »solle fremde An- 
sichten respektieren«. Mit fremden meinen sie nur 
ihre eigenen Ansichten, denn sie respektieren niemals 
fremde. 



Der einsame Park 
Von Peter Altenberg 

Im Parke waren Sträucher wie Bergsträucher im 
Bergsturm mit ganz verbogenen und zusammen- 
gebogenen Zweigen. Die Blüten dufteten wie Berg- 
blüten in unzugänglichen Geklüften, zart und von 
einer andern Erde geboren, geheimnisvoll infolge von 
Verfeinerungen. Daneben hing in einem Käfig die 
Turteltaube des Knaben Hans Otto Erik, des einzigen 
gesunden Menschen im Parke. Und selbst von ihm 
sagte seine bleiche reizende französische Gouvernante : 
»C'est un enfant melancolique. II a des regards pour 
moi comme si j'etais une princesse de France. II 
a toujours peur qu'on ne me traite pas comme son 
coeur tendre me traite dans chaque minute. Je crois 
qu'il halt tous les gens qui ne se prosternent pas 
devant moi. Quand il m'apporte une chaise du jardin, 
c'est comme le fiance l'apporterait ä sa bien aimee. 
Je crois qu'il est paf trop malheureux que je suis 

bonne et servante. C'est un enfant melancolique. 

II voit dejä que le monde est autrement qu'un coeur 
tendre le commande. Je voudrais lui dire: Otto Erik, 
on me paye pour mes Services! mais il ne com- 
prendra rien de toutes ces choses, comme si on dirait 



23 



ä un poete que le monde entier est une grande affaire 
de bourse — « 

Der alte Fürst hat sich mit der Weltordnung 
leichter abgefunden, denn wenn er beim Spaziergange 
mit der flachen Hand jeden Baumstamm berührt, ist 
er bereits glücklich und zufrieden. 

Die »Königin«, welche niemals eine Königin 
war, kniet vor dem abgeschlagenen Mandelbaum 
nieder und betet für sein Schicksal, daß er wieder 
wachse. Pflanzen und Vögel sind ihre Domäne, und 
wenn der Dachdecker das Dach ausbessert, beschimpft 
sie ihn wegen der gestörten Vogelnester. Ober die 
Menschen hat sie keine Herrschaft, aber Pflanzen und 
Tiere müssen es sich gefallen lassen, daß sie sich ihrer 
wie eine Schutzgöttin annimmt. 

Dem jungen Fräulein ist der erste Kuß unter 
einer Gaslaterne ins Gehirn gestiegen, und indem sie 
alle eventuellen schrecklichen Ereignisse vorausahnt, 
fürchtet sie sie und sucht sie zugleich auf. So flieht 
sie vor sich selbst in der Todesangst, sich einmal zu 
finden und in diesem Augenblicke für ewig sich zu 
verlieren 

Der Baron blickt durch sein Schildkrotmonocle 
kalt und hart auf den Irrsinn der Welt. Er denkt : 
»Idealisten und Träumer, Religionsstifter und Welt- 
beglücker, was quält Ihr euch ab, um diese 
Herde von Milliarden blökender Schafe, die euch 
nie verstehen werden und von euch nichts 
profitieren als einen öden Religionskultus! Meine 
alte Wirtschafterin stopft mir meine Zigaretten und 
meine Strümpfe, und die Probleme der Welt sind mir 
nichts, je tiefer ich sie erkannt habe ! Bismarck hat 
Deutschland geeinigt — aber China, Japan und 
Amerika können dieses Werk in wenigen Monaten 
zunichte machen! Jeder Mensch baut sich sein Nestchen. 
Daß ich mir keines baue, ist meine tiefste Größe! Ich 
lache über nichts, ich weine über nichts und nichts 
kann mich rühren. Ich sehe nur die schauerliche Herr- 



— 24 ~ 



Schaft der Unvollkommenheiten in allem und in jedem! 
Da putze ich mir dann mein Schildkrotmonocle und 
lasse die Leute über meinen angeblich komplizierten 
Charakter sich ihre Köpfe zerbrechen. Vielleicht habe 
ich dann doch den Rebbach, daß irgend jemand mich 
für eine nicht ganz unbedeutende Persönlichkeit hält. 
Das bin ich in der Tat, denn die andern nehmen die 
Dinge des Lebens blöd ernst, während ich sie weise 
lächerlich finde!« 

Der Dichter allein in diesem einsamen Park 
nimmt die Leiden der Menschen religiös und ernst, 
und indem er weder sich noch ihnen helfen kann, 
erlebt er die Martyrien der Gefolterten und der 
Gekreuzigten. Ihm fehlt sowohl der Wahn als der 
Skeptizismus, und er geht an der Hoffnung und an 
der Hoffnungslosigkeit in gleicher Weise schmählich 
zu Grunde! 

Der Dichter küßte jedesmal beim Abschied den 
Knaben Hans Otto Erik auf die Stirn und dieser 
machte dabei ein verlegenes und geschmeicheltes 
Gesicht. 

»Mademoiselle, pourquoi ce monsieur m'em- 
brasse-t-il toujours si tendrement sur le front avant de 
partir?« 

»C'est un poete, mon enfant, c'est ä dire il voit 
en toi des choses que personne ne voit que Dieu et 
peut-etre ta petite gouvernante — < 

Die Besitzerin des Parkes hatte ihre edlen Kräfte 
ausgegeben in Gattenliebe und Kindersegen. Oft dachte 
sie an ihre süße Achtzehnjährigkeit, da ihr wie einem 
braunen Engel im weißen Mousselinekleid die goldenen 
Tore des Lebens weit offen standen. Was sah sie da 
alles, und was sah sie da alles nicht! Aber jetzt sagte 
sie: »Ich lasse mich nie mit meinen beiden Knaben 
photographieren. Es ist, wie wenn man lichte Blüten 
mit ihren dunklen schweren Wurzeln, an denen düstere 
Erdklumpen hängen, voll Kraft und unbekannten Salzen 



— 25 — 



mitphotographierte. Lassen wir die Wurzeln versteckl 
im Erdreich, und wenn es jemand ahnt, so wollen wir 
ihm dankbar sein und ihm einen verständnisvollen 
Blick geben!« 

Aber der Dichter blickte sie an und sagte: 
»Gnädige Frau, eine adelige Frauenseele altert nie! 
Sie verjüngt sich, aber niemand merkt es. Die Stunden 
der Nacht, in denen sie keinen Schlaf mehr findet, 
die allein wissen davon zu erzählen.« — 

Während dieses Gespräches ging der alte Fürst 
mit seinen eiligen Schritten vorüber und berührte mit 
seinen" Händen flüchtig jeden erreichbaren Baum- 
stamm. Damit waren für ihn alle geheimnisvollen 
Rätsel des Lebens gelöst, und eine seltene Ruhe kam 
über ihn infolge seiner segensreichen Tätigkeit 



Stunden 

Von Berthold Viertel 

Es wird Nacht 

Auch heute noch sah ich zerstieben 
Den schönen Tag raketenhaft. 
Hin ohne Werk und Leidenschaft! 
Und nur die Angst ist mir geblieben. 

Gebet 

Nun öffne, Furchtbarer, dein Stahlvisier! 

Nur einen Blick aus deutlichem Gesichte! 

Wenn du mich retten willst, Vorsitzer im Gerichte! 

Ich habe grenzenlose Angst vor dir! 

Es wird Tag 

Erhörung komme, wie der Tag entbrennt : 
Plötzlich ist Glorie rings am Firmament. 
Ich will geduldig und gewärtig sein. 
An meinem Tage ist die Gnade mein. 



^ 26 — 

Aus Goethes Tagebüchern 
Von Otto Stoessl 

Die große Weimarer Ausgabe enthält sämtliche 
Tagebücher Goethes mit ihren kurzgefaßten, aber 
genauen, über 58 Jahre erstreckten Aufzeichnungen. 
Sie reihten die Ereignisse ohne erkennbare Wert- 
abstufung, Gelegentliches neben Bedeutendem, Gedan- 
ken — Goethesche Gedanken — neben zufälligen 
Tatsachen auf. 

Die eigentümliche Schicksalhaftigkeit des großen 
Menschen, die völlige Durchdrungenheit eines Mensch- 
gottes von allem Seienden, das, weil es ihm begegnet, 
weder zufällig, noch unwichtig sein kann, dieses 
Bewußtsein höchster wertverleihender Kraft ließ ihn 
mit so unbeirrbarer Genauigkeit die Geschehnisse jedes 
Tages verbuchen. Ihm war jeder Halm auf der Wiese, 
die er trat, heilig, denn er hörte das Gras wachsen. 

Aus diesen, kaum zu überblickenden Diarien, 
welche ohne die göttliche Einsicht des Erlebenden für 
den heutigen Leser in ihrer Gesamtheit weder ver- 
ständlich, noch erforderlich sein dürften, brachte der 
Inselverlag eine sehr knappe Auswahl. Ob sie glücklich 
oder hinreichend ist, möchte nicht einmal gültig 
beurteilen, wer die Weimarer Ausgabe kennt, denn 
jedes solche Exzerpt beruht auf willkürlichem Ermessen. 
Die Erläuterungen zu den einzelnen Stellen scheinen 
keinesfalls besonders genau oder genügend. Doch 
bleibt dies alles gleichgiltig neben der Tatsache, daß 
nun eine solche Auswahl da ist. 

Ich habe den für meinen leidenschaftlichsten 
Genuß und für die Entrücktheit dieser Lektüre nur allzu- 
kleinen Band mit jenem Gefühle höchsten möglichen 
Glückes durchflogen, das von allen Geistern der Mensch- 
heit nur Goethe geben kann. Ich begann diese Tage- 
buchblätter in der trübsten, von der Gemeinheit des 
Daseins bis zur Verzweiflung hinabgehetzten Gemüts- 
verfassung zu lesen und hörte auf in dem heiteren 
seelischen Gleichmaß eines Getrösteten und Beruhigten, 
in einer gleichsam entsühnten Betrachtung. 






Keinen, der Goethe lesen kann, wird diese in- 
nerste Verwandlung Wunder nehmen, oder übertrieben 
dünken. Sie zu erklären fällt freilich ebenso schwer, 
wie überhaupt die eigentümliche schwebende Gehalten- 
heit aller Beziehungen zwischen Seelen und Dingen. 
Gerade diese rätselhafte Erhöhung des Lebensgefühles, 
die jeder Sterbliche auf seine Weise und nach seinem 
Maß bei dem oder jenem Anlaß erfährt, bietet aber 
die einzige würdigste Gewißheit absoluter Existenz und 
ihr einziges Licht. 

In Keines Macht stand es jemals, seit wir das 
Andenken großer Menschen heiligen, diese innerste 
Erhellung so durchaus, so stetig und so sicher zu 
erwecken, wie dies Goethe mit jedem Wort und jeder 
Berührung vermag. 

Andere gewähren Augenblicke, er schenkt das 
Leben. 

Ich weiß, daß hier eine Frage mich ansieht: 
Shakespeare? Die größten Schöpfer spotten der Wert- 
vergleiche, denn jeder ist in seiner Weise einzig, un- 
widerbringlich und unschätzbar. Nur ihre Wirkung 
mag etwa gegeneinander abgewogen und ihr Inhalt 
beiläufig ermessen werden. 

Shakespeare enthält nun allerdings den weitesten 
Bereich des Menschlichen als das erhabenste Gefäß, 
worein je die Fülle der möglichen Charaktere und 
Äußerungen geborgen wurde. Aber seine Objektivität 
und seelische Weiträumigkeit ließen ihn und die Nach- 
geborenen nahezu ganz von seinem eigensten Ich 
absehen, das bloß mittelbar und mystisch aus seinen 
Dramen erschlossen, nicht erschaut werden kann. 

Im gemeinen Leben gewährt nur der Anblick der 
vom Menschen gleichsam befreiten Natur die volle 
Beseligung der reinen Kontemplation, hingegen 
erschüttert die Betrachtung menschlicher Zustände und 
Charaktere, Kämpfe und Lösungen unser Gemüt allemal 
aufs neue. Es bleibt Sache des Einzelnen, seine Welt 
mit der unbewegten Größe der Natur immer wieder 
in Einklang zu bringen. Shakespeare, der Dramatiker 



28 



stellt uns mitten in diesen Widerstreit und überläßt 
uns dem Schicksal des Menschen unter Menschen. 
Seine Ruhe ist die Grausamkeit der sich allem auf- 
erlegenden Natur, das Glück, das er gewährt, die ein- 
dringliche Qual des Erkennens. Goethe, der heroischeste 
Idylliker, überwindet selbst den Konflikt zwischen 
Mensch und Natur, das irdische Tun als ein Vorspiel 
des seinen und gibt schließlich Einheit, Vollendung 
und Friede der Ewigkeit. Shakespeare bleibt der 
schärfste Stachel, dem Menschentum ins Gehirn 
gebohrt, die antreibende, aufzwingende, erhöhende 
Gewalt, Goethe aber der nach allen Sintfluten Lächelnde, 
die Meeresstille und glückliche Fahrt, der milde Ent- 
laster von allen Qualen, der Silberblick des gestirnten 
Himmels, die Augenweide der grünen Rasen. Es ließe 
sich fragen, ob nicht Shakespeare dem Gewissen und 
Erkennen, der Zucht der Menschen näher sei, aber 
dem Glück der Irdischen hat keiner liebreicher sich 
geneigt, als Goethe. 

Die objektive Bedeutung dieser Tagebücher werde 
gewiß nicht übertrieben. Sicherlich sind sie an sich 
nicht das Größte, das von ihm stammt, aber Goethe 
entläßt kein »an sich«, ehe er es nicht gesegnet hätte. 
Über alles Einzelne hinaus, das man vergißt, greift 
die bleibende Wirksamkeit des Einzigen mit unzähl- 
baren Assoziationen und hebt den Lesenden in einen Zu- 
stand ungemeinster Entrücktheit, dem Urwesen entgegen. 

Der Goethesche Glaube an sich selbst war eine 
Religiosität über jedes Ichgefühl hinaus, eine göttliche 
Bewußtheit, die fortwirkend jeden Nachkommen aufs 
neue umfaßt. Andere Mythen der Menschheit sind von 
Menschen mit Masseninstinkten und Gemeingedanken 
ersonnen worden, um Gesamtzwecken zu dienen. Der 
Mythos Goethe ist von Goethe geschaffen und über- 
ragt allen Glauben durch die Erfüllung eines Lebens, 
durch eine Wahrhaftigkeit und Wirklichkeit, die weder 
des Zweifels, noch der mystischen Überredung bedarf. 
Hier hat die Natur ein Wunder offenbart, das zu ver- 
ehren beglückt und befreit, nicht beschämt und bindet, 



— 29 



ein einzigesmal hat sie Gedanken, Taten, Schicksale, 
Werke zum Beweise des Menschentums selbst, in der 
bündigen Einheit einer Gestalt erstellt. 

Die Religionen haben keinen andern Sinn, als 
über die allgemeine Fragwürdigkeit hinwegzuhelfen, 
indem sie eine unbeweisbare, transzendente Gewißheit 
ausbieten. 

Die Religion Goethe tröstet mit ihrer Wirklich- 
keit: es gibt doch einen Menschen, Goethe lebt. 

So wandelt ein Irdischer mit allen körper- 
lichen und seelischen Merkmalen der Sterblichkeit, mit 
Leiden, Kümmernissen, Enttäuschungen, Hoffnungen, 
Scherzen, Begierden, allen Menschen verwandt, doch 
himmelweit als ihr Gleichnis durch die Ewigkeit unserer 
Sprache. 

Die Tagebücher zeigen, was sie so über alle 
Maßen ergreifend macht, eben das Menschliche im 
Erhabenen. Der schöpferische Geist befreit sich im 
Kunstwerk von seinem Zufälligen und Zuständlichen. 
Wenn wir dies Gebilde betrachten, forscht unser ge- 
heimstes Verlangen nach dem eigentlichen Antlitz 
des Schaffenden hinter den Masken von Formen und 
Worten. In solchen Alltagsaufzeichnungen badet sich 
das Individuum gleichsam nackt in seiner Wirklichkeit. 
Das ist die wahre Probe auf sein Gotttum. 

Es wird notiert, wer zu Besuche kam, anfangs 
in der ersten, noch glühenden Weimarer Zeit leuchten 
Gefühlsausbrüche mit furchtbarer Pracht auf, jedes 
Gespräch mit den Weimarer Leuten wird aufgezeichnet, 
wobei die Namen der Nächsten durch Symbole ersetzt 
sind, so erhält der Großherzog das Zeichen des Jupiter, 
die Stein das der Sonne, eine schöne Gräfin wird als 
Venus geführt. Und siehe, der Gott hat Götter geadelt! 
Langsam leiten die Blätter hinüber zur Gefaßtheit 
und abgegrenzten Stetigkeit des mittleren Alters, zur 
sanften Güte und Großvaterzärtlichkeit des Greises. Die 
Gefühlsbekenntnisse, die anfangs nicht häufig zwar, 
doch umso gewaltiger loderten, bleiben dann ganz 
unterdrückt. Welches Schweigen! Ein Mensch ist zur 



— 30 — 

Natur selbst geworden, die groß genug waltet, um in 
Stummheit zu erscheinen. Aber welche Ahnung von 
Unmeßbarkeit der Empfindungen hinter den dürren 
Eintragungen von Tod um Tod! An dem Herrn dieser 
Zeit gingen Reihen von Menschen vorüber, man 
brachte ihm, was jegliche Ernte an Neuem erzeugt, 
gleichsam als Weihgeschenk dar, damit sein Blick 
freundlich darauf ruhe und es segne. So nahm er 
Kleines und Großes mit gleicher Güte hin und entließ 
es ganz durchhellt und geweiht. Nicht einmal die lieb- 
lichen spielerischen Fragwürdigkeiten des Witzes durften 
fehlen, wie anmutig die Anekdoten, wie goethisch, sie 
zu bewahren! 

Alles Mythische verdankt einer fernen Wirklich- 
keit sein zauberisches Fortleben, der Mensch erzeugt 
sich seine Götter immer nach seinen schönsten Eben- 
bildern, aber die Zeiten verwischen gerade das In- 
dividuelle, löschen den wirkenden Anlaß aus und ver- 
erben die gleichsam ihres Kernes entleerte Schale, 
so daß nur ein unbestimmter Schein die nötige religiöse 
Dämmerung erzeugt, nicht erhellt. 

Goethe hat seinen Mythos ganz und gar durch- 
gelebt, durchgebildet und bis in das Andenken jeder 
Wagenfahrt nach Ilmenau überliefert. Er ist das erste 
Götterbild, welches vom Gotte selbst geschaffen worden, 
und woran die Armut und Geringheit der Gläubigen, 
das schlechte Gedächtnis und die Torheit nicht sündigen 
können. 

Wie warst du schön 
Von Rudolf Ehrlich 

Mädchen am Gestade meiner Träume, 
wie warst du schön, 

wenn der Abend kam 

und an den verweinten Weiden vorüberzog, 

wenn deine Hände milde wurden 

und sich zum Kranze mir um den Nacken schlangen. 

Wie warst du schön, 

unter der perlmutternen Heimfahrt des Tages. 



— 31 — 

Traum 
Von Albert Ehrenstein 

Als ich die Nacht durchwachte, 
kam mir die Zeit herein, 
hin glitten sachte 
Träume und Tode mein. 

Der Knabe, der im Sande 
mit Muscheln Spiele trieb, 
mit manchem Tande 
die Zeit vorat)erhieb, 

derselbe stets zu sein! 
O weh der Muschelspiele, 
du lange Weile, 
ihr ewig gleichen Ziele — 

nur nicht auch tot derselbe sein! 



Henri Matisse 
Von Ludwig Rubiner 

In einem Zimmer mit Bildern von Henri Matisse 
hat man zuerst die Empfindung, in eine ganz frühe 
Morgenstunde zu kommen, in der es noch trübe ist, 
und wo die gemalten Räume und Farben nur durch 
eine große Einfachheit zum Auge dringen. 

Das Gefühl von etwas ganz Frühem bleibt. Eine 
Erinnerung, gar nicht mysteriös, Erinnerung an Kinder- 
jahre, in denen man ernsthaft aus jammervollen Tusch- 
kästen bedeutende Symbole auf ungeeignetes Papier 
schmiert: Wein mit dem rötlichen Braun, Früchte mit 
dem vorhandenen Gelb. Und man malt, ohne die Töne 
je in trübe Brechnungen zu mischen, alle Dinge der Welt 
mit jenen Farben des Malkastens, deren Grundwirkung 
mit den Grundtönen der Gegenstände korrespondiert. 

Matisse läßt erstaunen, daß ohne die wüsten 
Zufälle dieser Kindertechnik, Gemälde jene wunder- 
bare Unbefangenheit des Symbolischen zeigen können. 

Die Biographie eines Künstlers besteht in dem 



32 



Belichten des finsteren Urwaldes, in dessen Wirrnis 
die Phantasie mit dem Willen verzweifelte Schlachten 
schlägt. In dem Hörbarmachen des Zusammenpralls 
von Stimmung und Formerkenntnis. Und in dem 
Bericht von dem Umlisten und Umschleichen, dem 
Niederringen und Vergewaltigen überreich heranstürzen- 
der Formen. Diese Wanderung durch Labyrinthe von 
Phantomen, und aller Kampf und Marsch führen uns 
hin zu dem einen Ziel der großen Klarheit und Helle. 
Alle Mühen dienen nur der Befreiung der Formen von 
den Arabesken des Zufalls. Der Künstler arbeitet nur, 
um seine ewige Vision von der letzten Grundform des 
Schauens, die ihm erscheint, wie dem religiösen Eksta- 
tiker das Urlicht, in Ausdruck setzen zu können. 

Das Schaffen Henri Matisses steht unter dem 
Zwang dieser Vision. Es gibt Bilder von Matisse, mit 
denen sich der Maler dem ganz persönlichen Lebens- 
glück eines tiefen, geheimnisvoll aufrauschenden Vio- 
letts hingegeben hat, die Lust auf Luft gestimmter 
Farben genoß, die konturlos brünstig aus dem Pinsel 
strömen. Hier malte er von sich selbst. Dann gibt es 
Bilder, in denen die Dinge einfach auf die Wieder- 
gabe der Naturstimmung beobachtet sind. Harte Kom- 
positionen, sehr sorgsam in der Perspektive; Arbeiten 
eines Malers, der sich unter die Strenge immerhin 
konventionsloser Akademien nimmt. 

Und nun die Bilder, auf denen jeder Körper 
durch den Ausdruck seiner stärksten und augenschein- 
lichsten Funktion in die farbige Fläche gespannt wird. 
Es sind die Werke, die auf Matisses eigentliche Be- 
stimmung für unsere Zeit weisen. Urgefühle erscheinen 
hier unmerkbar umgewandelt in Erkenntnisse, die nur 
durchs Auge möglich waren. Man sieht plötzlich den 
psychischen Ausdruck von Leibern und Dingen, nicht 
in der Stimmungsmusik taumelnder Lichter, sondern 
in der unmittelbaren Auslegung irgend eines räum- 
lichen Gesetzes, das bis dahin verborgen blieb. Dieser 
Maler zeigt das Schicksal der Dinge: das Unabänder- 
liche und in sich Vorbestimmte eines Stillebens, oder 



— 33 — 



eines Frauenaktes, oder der einfachen Situation, wie 
eine Frau am gedeckten Tisch sich zu schaffen macht. 
Das Schicksal ist: im Raum zu sein. Der Akt einer 
liegenden Frau scheint auf einmal in seiner ganzen 
malerischen Bestimmung offenbart, wenn man aufnimmt, 
daß jede Linie von den mächtigen Auskrümmungen 
der sinnlichen Schenkel beherrscht wird. Die einfache 
schattenlose Orangegrundfarbe der Apfelsinen neben 
dem unvermischten Gelb der anderen Früchte, das in 
gerade noch Gestalt bestimmende Konturen gezwängt 
ist, enthüllen die unerklärlichen psychischen Erregun- 
gen, durch ein Stilleben. Die Bestimmung dieser 
Früchte ist, gelb und orangefarb zu sein. 

Das ist eine neue Kunst. Ihre Wirkungen erfüllen 
sich nur noch in den Räumen des rein Psychischen. 
Da ist etwas Absolutes, Reines, etwas jenseits aller 
Grenzvermischung. Matisse entsagt den wunderbaren 
Rauschempfindungen und den Ahnungen von bunten 
Halluzinationen, den Stimmungen, die das Nachgenießen 
der Nervenerinnerun^en, schwankend zwischen Natura- 
lismus und Farbendekoration, hervorbringt. Die Sach- 
lichkeit hat jetzt eine neue Bedeutung gewonnen. 

Die impressionistischen Maler ordneten das Licht 
in ihren Bildern nach den erhöhten Schwingungen 
ihrer aufs Helle gestimmten Nerven. Der Betrachter 
der impressionistischen Bilder faßt die schwingenden 
Stimmungen zusammen, in dem zarten Rausch eines 
Komponisten, dessen Musik in einen Schluß von 
schillernd und glückselig ausgespannten Durakkorden 
aufsteigt. Die Sachlichkeit des Impressionismus lag in 
der Kraft des Einzelnen, das eigene Licht und den 
eigenen Glanz des Innern in die Dinge der Natur auf- 
zulösen. So mußte der Betrachter aus den Naturdingen 
des Bildes die Synthese für die festlichen Stimmungen 
des Künstlers finden. Dieses romantische Wesen des 
Impressionismus beruhte immer auf einem intimen 
Zwiegespräch. Der einzelne Künstler stellte seine Auf- 
lösung gegenüber der Zusammenfassung des Be- 
trachters. Nur immer ein Einziger stand vor einem 

305-306 



34 — 



Einzigen, Subjekt gegen Subjekt. Es gibt kein 
impressionistisches Fresko. Denn das eigentliche Wesen 
des Bildes und seine eigentliche Wirkung konnte nur 
unter zwei Menschen erledigt werden. 

Bei Matisse gibt es heute keine Intimität und 
keine Stimmung mehr. Gerade die »Stimmungslosig- 
keit« seiner Arbeiten, die ihm zum Vorwurf gemacht 
wurde, erweist vielleicht den größten Sieg eines 
Künstlers unserer Zeit über alle schwelgerischen 
Abenteuer, die vor der Härte der Kunst ausweichen. 
Diesen Bildern entnimmt man nichts von den privaten 
Empfindungsangelegenheiten des Künstlers, man wird 
nicht beglückt oder betroffen vom Lichte seiner persön- 
lichen Begeisterung. Das Bild ist nicht mehr das 
bloße Medium, durch das die privaten Gefühls- 
beziehungen zwischen Künstler und Betrachter sich 
entgegenstrahlen. Man weiß garnichts mehr vom 
Künstler selbst, ahnt, seit das Bild besteht, nicht einmal, 
daß er überhaupt existiert. Es gibt nur noch Be- 
ziehungen vom Bilde selbst zum Betrachter. So hat 
auf einmal das Bild eine noch nie dagewesene große 
und allgemeine Gefühlsbedeutung bekommen, hinaus 
über jede Stimmung des Moments. 

Matisse bringt die einfachsten und stärksten 
Funktionen jedes Körpers und Raumes, und nur die, 
welche für die Erfahrung des Auges die bekanntesten 
sind, zum Ausdruck mit den Mitteln der Fläche, des 
Zweidimensionalen. Alles muß seine Beziehungen, 
ganz auf letzte Erfahrungsmomente gebracht, innerhalb 
der Wirkungen des absolut Zweidimensionalen zeigen. 
Bei diesen Bildern versucht man nicht einmal mehr 
auf die die dritte Ausdehnung der Körper und die 
Raumperspektive zu raten. Der Betrachter ist sich 
jederzeit bewußt, daß alle Dimension des Raumes 
wohl in der Natur da ist, aber er ist stets innerlich 
gezwungen, zu fühlen, daß die Raumdimension der 
Natur nicht in dem Wesen dieser Malerei enthalten 
sein kann. 

Dieses Einspannen der Formen in die malerischen 



— 35 



Möglichkeiten des Zweidimensionalen verhält sich zur 
Raumausdehnung der Natur wie Erscheinung zu Er- 
kenntnis. Die einfachste Erscheinungsform der Dinge 
und die einfachste Form des Malerischen treffen sich 
hier. Dadurch entsteht eine ungeheure und so be- 
ziehungsvolle Vieldeutigkeit des Bildes. Plötzlich hat 
beim Betrachter jedes Ding des Gemäldes wieder jene 
stoffliche Bedeutung wiedergewonnen, die es in der 
Natur hat; denn der Betrachter erkennt sofort das rein 
Symbolische der zweidimensionalen Form. Man weiß 
auf einmal wieder von jedem Wesen im Gemälde den 
Gefühlswert und die Bedeutung, die es im Leben hat. 
Vor dem Frauenakt weiß man, daß die Nacktheit des 
Bildes im Leben Geschlecht ist, und das Porträt er- 
innert an die Kraft psychischer Ströme im Leben. Der 
Betrachter erfüllt die Wesen des Bildes nun wieder 
mit den Erfahrungen, den Stimmungen und Wünschen 
seines eigenen persönlichen Lebens. Matisse zeigt den 
Beginn einer Freskokunst, deren Wirkung auf die 
Massen in der Fähigkeit des Bildes zum Aufsaugen 
jeder individuellen Geftihlsnuance ruht. 

Dieses heftige Besinnen auf die Bedeutung des 
Gemalten in der Wirklichkeit und auf die Gewißheit, 
daß das Malen ein rein symbolischer Akt sei, erinnert 
an die Jahre der Kunst vor Giotto, ehe die Entdeckung 
der Raumillusion im Bilde die Grundlagen der ganzen 
Renaissancemalerei schuf. Giottos Formwerk und alle 
Mühen der Renaissance um die Perspektive entsprangen 
der Sehnsucht nach einer Oberherrschaft des Prinzips 
der Symmetrie. Das Symmetrienprinzip, dieses Erbteil 
der späten Antike, hat ein furchtbares und aufreibendes 
Ringen in der Kunst der Jahrhunderte zur Folge, alle 
Versuche, in die zwei Dimensionen des Flächenbildes 
eine Raumerkenntnis, die dritte Dimension, zu legen. 
Wie die mächtigen Strahlen eines starken Spring- 
brunnens bogen sich diese Formbegierden der Symmetrie 
über die Zeiten, und während sie im neunzehnten 
Jahrhundert in tausendfarbigen Verkürzungen nieder- 
tropften, ließen sie in den Künsten des Naturalismus 



— 36 



noch einmal die letzten, qualvoll und matt aufzischenden 
Funkenlichter ihrer Kämpfe erkennen. 

Matisse ordnet die Form nicht mehr nach der 
Symmetrie-Diktatur des Raumes. Er spannt unser Auge 
in die Beschränkung der zwei Dimensionen der Fläche, 
und er gibt unserer Zeit dafür das merkwürdige Glück, 
Schicksal und Bedeutung in den Formen der einfachsten 
Dinge des Lebens zu erkennen. 



Abend 
Von Karl Bormann 

Ach, und wo führen all diese Wege hin? 

Der Wolken buntes Leuchten — was meint es nur? 

Mich treibt ein einsames Entzücken 

singend im Herzen immer weiter. 

Daß doch die Sonne grade im Niedergang 
die frohsten Farben leicht in die Lüfte streut! 
Da glaubt ich mit den leeren Händen 
unverlierbare Schätze zu halten. 

Vielleicht hat auch, wer gegen den Abgrund zu 
auf schwarzen Rossen >in Tod und Vernichtung stürzt, 
solch immer erneutes Glück in den Augen 
und aufj^den|Lippen ein trunkenes Lachen. 



Glossen 
Von ;Karl Kraus 

Das Gefolge 

»An das P. T. Publikum I In Zeitungsberichten über den Besuch 
unseres Kaisers in der Rotunde wurde über den angeblichen Besuch 
des Monarchen beim Pavillon unserer Konkurrenz berichtet. Dem- 
gegenüber stellen wir fest, daß Se. Majestät nur bis zum >Sarg«-Pavillon 



— 37 



geführt wurde und von dort aus einen Blick in das Innere der Rotunde 
warf. Die Nahrungsmittelabteilunj? wurde Sr. Majestät gar nicht gezt\gt 
und somit konnte der Kaiser weder unseren Pavillon noch denjenigen 
der Konkurrenz besichtigen. 

Wir bitten, von dieser Richtic^stellunt; Kenntnis zu nehmen. 
Hochachtungsvoll 

. . . . G. m. b. H.« 

Für Geld ist von der Presse nicht nur ein Kaiserwort zu 
haben, sondern sog^ar das Zugeständnis, daß es für Geld zu haben 
ist. Ein Gesetz gegen unlautem Wettbewerb gibt es in Österreich 
nicht, einen Paragraphen gegen Ehrfurchtsverletzung gibt es: 
aber er wird durch das Fehlen des Gesetzes gegen unlautem Wettbe- 
werb außer Kraft gesetzt. Die Ehrfurcht vor dem Kaiser zu verletzen 
steht jenen frei, die sie zum Objekt des unlautem Wettbewerbes 
zu machen wünschen. Eine Behörde, die seit Jahrzehnten die in 
keinem Staat der Erde mögliche Schmach verkaufter Kaiserworte 
duldet, bleibt auch vor dem Schauspiel unbeweg:t, wie die Krone in 
den Streit der Inseratenagenten gezogen wird. Und in einem Lande, 
in dem auch dies möglich ist, wagen die Fetn'lletonhallunken von 
der allem Amerikanismus abgewandten alten Kultur zu schwärmen. 
In demselben Lande, in dem es unmöglich wäre, ein kunstkritisches 
Urteil des Kaisers zu erörtern, weil nicht wie in Deutschland die 
Ehrenbeleidigung der Majestät, sondern die Verletzimg der Ehrfurcht 
bestraft wird, und weil dieser Tatbestand schon im Widerspruch der 
Meinung und überhaupt dann gegeben ist, wenn man ihn finden will 
- in demselben Lande ist es erlaubt, ein kaiserliches Firmenlob zu 
erlügen, zu verleugnen, zu reduzieren, zu steigern. Der Kaiser, 
der der Industrie helfen will, kann nicht wissen, zur Förderung 
welcher Zwecke die Wissenden seine achtzig Jahre bemühen, 
und kein Obersthofmeister, Generaladjutant oder wie der Herr 
sonst heißt, findet sich, der hier ein aufklärendes Wort wagte. 
Denn die Ehrfurcht vor der Presse zu verletzen, verbietet ein Ge- 
setz, das wir haben, wenn es auch noch nicht sanktioniert ist. Keiner 
dieser Fürsten, Grafen und Würdenträger traut sich, das Gefolge von 
Akquisiteuren zu verscheuchen. Und der Hirsch schreitet nach wie 
vor hinter dem Kaiser, und es sind nach der Beschreibung dieses 
gräßlichen Schauspiels in der .Fackel' sogar neue Hirsch-Karten 
ausgegeben worden, »offizielle Postkarten<, wie sie jetzt ausdrücklich 
heißen, auf denen sich die Frechheit der Presse und die Preß- 
furcht der Ausstellungsleiter zu einem grotesken Justament vereinigt 



— 38 



haben. Es gibt jetzt eine Hirsch-Karte, auf der der Vertreter der 
Neuen Freien, nunmehr ohne gelben Überzieher und ohne 
die leiseste Andeutung von Hosenbandeln, aber im Gehrock und mit 
Schirm, unerhört vornehm und mit einer Feierlichkeit, die 
nach ihrem Platz in der Fronleichnamsprozession schreit, unmittel- 
bar hinter dem Kaiser einhergeht, gefolgt von dem Generaladjutanten 
Grafen Paar, der dem Hirsch ä la suite beigegeben ist. Ursprüng- 
lich wollte ich diese Karte einem Teil der Auflage dieses Heftes 
beilegen, und nie wäre eine frappantere Illustration zu dem hier 
tausendfach besungenen Sieg der Presse über die legitimen Mächte 
in Staat und Gesellschaft erschienen. Man traut seinen Augen 
nicht ; man hält es nicht für möglich, daß vor dieser in Dingen 
der Majestät überempfindlichen Judikatur so etwas wirklich be- 
stehen könne, fragt, ob gegen diese Honoratioren und Exhibitionisten, 
die solche Scherze zu machen wagen, nicht die Anklage erhoben, 
ob nicht das Ärgernis in der nächsten Stunde aus den Schau- 
fenstern der Ansichtskartenhandlungen entfernt werde; und ist über- 
zeugt, daß die Äußerung, die der Kaiser vor einem Bild getan hat : 
»Dieser Hirsch ist aber entsetzlich!«, sich auf die Situation 
beziehen müsse, die erst zu einem Bilde hergehalten hat. Denn es 
ist vollkommen undenkbar, daß man irgendeinem Staatsoberhaupt, 
dessen Familie beiweitem nicht auf eine mehrhundertjährige 
Exklusivität gesellschaftlichen Verkehrs zurückblickt, daß man 
selbst dem Herrn Roosevelt, der doch an allerlei gewöhnt ist, 
die konstante Gefolgschaft — nicht aller, das ginge noch — 
nein, eines einzigen individuell riechbaren Sancho Pansa vom 
lokalen Teil zuzumuten wagte. Es ist auch vollkommen ausge- 
schlossen, daß irgendwo anders in dem Augenblick, in dem 
der Momentphotograph eine Jagdausstellung betritt, diese ganze 
Meute von Titeljägem, diese Koppel von Konsuln und Parasiten 
losgelassen würde, daß sich die Kaiserlichen Räte malerisch um 
den Kaiser zu gruppieren wagten und die schweißenden Hirsche 
ein freundliches Gesicht dazu machten, und daß man in allen 
Schaufenstern einer Stadt das illustrierte Hochl eines Maules 
zu sehen bekäme, das einem Manne gehört, der durchaus von der 
siebenten in die sechste Rangsklasse vorrücken will. Dieser ganze 
Triumph der Gewinnsucht und Zudringlichkeit um, durch und 
über die Majestät ist in keinem Lande der Welt möglich, außer 
eben in diesem durch jede Bloßstellung in immer noch tiefere 



- 39 - 



Schmach masochistisch gepeitschten Österreich. Und in keinem wäre 
der Fall möglich, daß der Handel mit Kaiserworten nur umso 
schamloser getrieben wird, seitdem einmal ein Handelsrichter, 
der über ihre Preiswürdigkeit zu entscheiden hatte, die bloße 
Zumutung für eine Majestätsbeleidigung erklärt und die Abtretung 
des Aktes an die Staatsanwaltschaft angedroht hat. Nirgendwo 
wäre es möglich, daß sich die Agenten auf offener Straße um die 
Aufträge auf Kaiserlob balgen und daß dann noch Journalisten, 
die bei dem Handel zu kurz kamen, die finanzielle Enttäuschung 
in ethische Entrüstung kleiden. Denn es scheint etwas geschehen 
zu sein, was die Leute, die die Kaiserworte veröffentlichen, zur loyalen 
Mißbilligung des eigenen Unfugs treibt Ja, wenn nicht alle An- 
zeichen trügen, hat die Neue Freie Presse diesmal nicht fünf, sondern 
nur vier Gulden für die Zeile bekommen. Ein Annoncenbureau 
scheint das Monopol auf Kaiserworte an sich gerissen zu haben 
und läßt die Blätter nicht mehr so viel verdienen wie früher. Und 
in der .Österreichischen Faktorenzeitung', die sich eigentlich mit 
derlei Angelegenheiten nicht zu befassen hätte, so lange sie für 
»Faktoren« schreiDt, die Druckerei leiter sind und nicht galizische 
Vermittler für alles, wird unter dem Titel »österreichische Ge- 
werbeförderung« die folgende Notiz veröffentlicht: 

Aus Anlaß des wiederholten Kaiserbesaches der Jagdausstellung 
bringen unsere Tagesblätter spaltenlange Berichte und zitieren alle 
hiebei fallenden Bemerkungen des Monarchen. Man sollte nun glauben, 
daß diese Berichte ein ungefärbtes Spiegelbild der Besuche geben 
sollen, wozu ja die Tagespresse gewissermaßen verpflichtet ist; dies 
trifft nun leider nicht zu und die ohnehin schwer belasteten Geschäfts- 
leute werden gezwungen, die Wiedergabe des Besuches der einzelnen 
Etablissements durch den Kaiser extra zu bezahlen, und zwar die 
Druckzeile mit zehn Kronenl Wer darauf verweist, daß er diese 
horrende Summe nicht zu zahlen vermag, und um etwas Entgegen- 
kommen bittet, der bleibt unberücksichtigt, und selbst die schmeichel- 
haftesten Kaiserworte werden unterschlagen. Da sich mit der Aus- 
beutung dieser Kaiserbesuche ein Inseratenagent befaßt, der anscheinend 
gar nicht genug bei der Sache herausschlagen kann, so wäre es wohl 
Pflicht der kompetenten Stellen, diesem Treiben mehr Beachtung zu 
schenken und diejenigen, die mit den Mitteln haushalten müssen, nicht 
einfach unterdrücken zu lassen. Die Aussteller haben wohl ein Recht 
darauf, die Bewertung ihrer Objekte nicht von solchen Geschäfts- 
praktiken abhängig machen zu lassen! C. H. 

Der Verfasser dieser Notiz ist der Druckereileiter der Neuen 
Freien Presse. Aber das ist nicht Rebellion, wie man auf den 



— 40 — 



ersten Blick vermuten könnte. Das ist Treue gegen den Unternehmer, 
der von dem Schaclier mit Kaiserworten lebt, aber nicht vor den 
eigenen Kunden patriotisch beklagen kann, daß er zu wenig 
bekommen hat. 



So ist das Leben 

(Aus einer und derselben Zeitungsspalte) 



Laut Mitteilungen von Wiener 
Tagesblättern wurde der Chef- 
redakteur der , Österreich isch- 
ungarischen Sparkassen-Zeitung', 
Heinrich P., am 20. d. M. unter 
dem Verdachte der Erpressung ver- 
haftet. 



Herrn Gustav S., Eigentümer und 
Herausgeber der , Österreichisch- 
ungarischen Sparkassen -Zeitung', 
wurde in Anerkennung seines 
publizistischen Wirkens der Titel 
eines kaiserl. Rates mit Nachsicht 
der Taxe verliehen. 



Vom Lynchen und vom Boxen 

>Ich bitte Sie, zu erklären, daß die in Mastodon, Mississippi, 
vollzogene Lynchung des Negers Curl in aller Ruhe und in vollster 
Ordnung vor sich ging. Sie wurde von den angesehensten Leuten des 

Ortes, Bankiers, Advokaten, reichen Landwirten und Kaufleuten, geleitet 

Ich kann sagen, daß noch niemals vielleicht an einer Lynchung so viele 
wahrhaft vornehme Menschen sich beteiligt haben ...» 

Diese Erklärung erschien, wie die verläßliche Schere des 
Neuen Wiener Journals behauptet, in vielen amerikanischen Blättern. 
Sie war ein Protest gegen die mögliche Unterstellung, daß es bei 
dieser Lynchung grausam zugegangen sei. Im Gegenteil wurde 
nichts getan, was irgendwie gegen die Vorschriften einer humanen 
Lynchung verstoßen hätte. 

>Ich verlangte für mich nur ein einziges Vorrecht: ich wollte 
beim Hochziehen des Negers, den wir aufknüpfen wollten, als Erster 
den Strick in die Hand nehmen. Meine lieben Freunde und Nachbarn 
erklärten diesen meinen Wunsch für durchaus berechtigt und legten mir 
kein Hindernis in den Weg. Aber ich glaube, daß der Neger schon 
vor Angst tot war, als ich mit einem starken Zug ihn in die Luft 
hinauf beförderte. Er bewegte sich nicht mehr und zappelte nicht mehr 
mit den Gliedern; von dem Augenblick, in welchem er hochgezogen 
wurde, zuckte kein Muskel seines Körpers mehr.c 

Aber auch bis dahin wurde nichts unterlassen, was der 
Philantrop vorzukehren hat, wenn es gilt, dem Schwachen bei- 
zustehen : 



41 



> Bevor ich noch den Strick in Bewegung setzen konnte, mußte 
ich den Neger stützen, denn die Beine zitterten ihm so, daß er nicht 

stehen konnte.« 

Ein Akt christlicher Nächstenliebe, der um so größere Aner- 
kennungverdient, aisgerade bei Lynchungen sonst fast durchwegs etwas 
rücksichtslos verfahren wird. Der Verfasser der Erklärung ist ein Steuer- 
erheber namens Miller, dessen Bnider nämlich, ein Polizeibeamter, vom 
Neger Curl getötet wurde. Auch für diese Tötung wird ein Grund 
angegeben. Der Polizeibeamte wollte den Neger Curl verhaften. 
Aber auch dafür wird ein Grund angegeben: >weil Curl an eine 
weiße Frau einen beleidigenden Brief geschrieben hatte«. Ob 
auch dieses Vorgehen einen Grund hatte und ob etwa der Brief eine 
Antwort auf einen schmeichelhaften Brief war, haben wir nicht 
erfahren. Aber bald darauf wurden tausend Neger gelyncht und der 
Grund, hieß es, war ein Sieg im Boxen, den ein Neger über einen 
Weißen errungen hatte. Vielleicht war aber dieser Grund nur ein 
Vorwand, und vielleicht lag bloß die Gefahr nahe, daß tausend 
Neger an zehntausend weiße Frauen beleidigende Briefe schreiben 
könnten. Die verläßliche Schere des Neuen Wiener Journals hat uns 
darüber mit einer Schilderung vom Negerhaß in Amerika beruhigt, 
in der es hieß: 

Der Schwarze ist in den Augen des Amerikaners eben nun einmal kein 
richtiger Mensch. Die amerikanische Dame, die sonst an Prüderie mit 
mit ihren Stammesgenossinnen in der ganzen Welt es i eichlich aufnimmt, 
kleidet sich in Anwesenheit eines Negers ruhig an oder aus, und wenn 
die erstaunte europäische Freundin sie darob zur Rede stellt, so 
antwortet sie kaltblütig: »Der Nigger ist doch kein Mann!« 

Sehr richtig! Aber die europäische Freundin soll nur nicht 
so erstaunt tun. Auch sie würde sich, wenn ein Somali-Dorf in 
die Nähe kommt oder bei sonst einer besonderen ethnographischen 
Gelegenheit in Anwesenheit eines Negers ruhig an- oder auskleiden. 
Denn ob der Nigger kein Mann ist, davon möchten sich alle, die 
Weiber sind, gern überzeugen. Und weil das ihre Männer fühlen, 
darum werden sie die Nigger vom Erdboden weglynchen, bis diesen 
kein Muskel mehr zuckt. Bankiers, Advokaten, Landwirte und 
Kaufleute und alle wahrhaft vornehmen Menschen werden sich an 
dieser Lynchung beteiligen. Und werden dann sagen, daß sie 
doch besser boxen können. Und niu" einen Champion werden sie 
nicht ! besiegen : den Neger der weiblichen Phantasie. Denn 



42 — 



den hat den Weibern die Natur als Entschädigung für den reellen 
Christen gegönnt. 



»Ehrlich 606< 

In einem Leitartikel über die Syphilis, zu der jetzt also — 
infolge des Zwischenfalls der Ehrlichschen Entdeckung — sogar die 
Neue Freie Presse Stellung nehmen muß, teilt jene das Los aller 
Mächte, die dem Liberalismus über den Kopf wachsen. Durch 
Jahre totgeschwiegen, wird sie jetzt zwar angegriffen, aber 
nicht genannt. Wenigstens nicht im Leitartikel. Die Neue Freie 
Presse spricht von >Ehrlichs unaussprechlichem Mittel«, weil es 
Dioxydiamidoarsenobenzol heißt: aber sie spricht es noch immer ge- 
läufiger aus als die Krankheit, gegen die es erfunden wurde. Hier 
hilft sie sich, so gut es geht, mit den folgenden Bezeich- 
nungen: >Eine seit etwa fünf Jahrhunderten bekannte Seuche.« 
>Wir kennen sie aus dem in ewiger Jugend blühenden Werke 
des alten Rabelais.« »Das Leiden des armen Heinrich, für 
den die süße reine Ottegebe ihr Herzblut gab.< »Das ver- 
zehrende Übel, das Ulrich von Hütten zu Tode quälte. < »Eine 
der schauerlichsten Seuchen, die den Kranken in Scham und Elend 
verkommen läßt und die einen Augenblick des Vergessens noch 
an Kindern und Kindeskindern rächt.« »Eine fürchterliche Plage. < 
»Dieses allertückischeste, allerschleichendste Übel.« »Diese Gräß- 
lichkeit.« »Dieses Gift im Körper.« »Diese Krankheit.« Nun, Ver- 
wechslungen sind da wohl ausgeschlossen. Der Hinweis auf 
Rabelais, Hütten und den armen Heinrich genügt, um klar zu 
machen, daß nicht die , Fackel' gemeint sein kann. Und zum 
Überfluß erklärt die Neue Freie Presse, »im Speyerhaus in Frank- 
furt, wo Ehrlich arbeitet«, sei »auch ein gutes Stück falscher Moral 
begraben worden«. So daß also die Syphilis doch darauf hoffen 
kann, selbst im Leitartikel einst mit vollem Namen genannt 
zu werden, nämlich wenn sie nicht mehr sein wird. Ein schwacher 
Trost, aber anders ist da nichts zu wollen. Was soll man 
zum Beispiel zu einem »Augenblick des Vergessens« sagen, 
der noch an den Kindern und Kindeskindern gerächt wird? Man 
würde »Verweile doch, du bist so schön« sagen, wenn es 
nicht eben jener Augenblick wäre, dem die Kinder und Kindeskinder, 



43 



ach, ihre Entstehung danken. Daß. sie ihm auch ihr Verderben 
danken, ist ein alttestamentarischer Fluch, mit dem die Natur 
das Christentum narrt. Und sie ist am Ende auch nicht geson- 
nen, sich von der fortschreitenden Wissenschaft ihre Würgengel 
zähmen zu lassen. Die apokalyptischen Reiter vird die apokalyp- 
tische Zahl 606 vielleicht doch nicht bannen. Was vürde die 
Moral ohne ihre Syphilis anfangen? Diese war nicht die Gefahr, 
sondern die Schutzvorrichtung. Nicht die Moral hielt die Menschen 
ab, sich die Syphilis zuzuziehen, sondern die Syphilis hielt sie 
ab, sich der Moral auszusetzen. Sie wären ihr rettungslos preis- 
gegeben. Sie würden alle schuldig werden, die heute nur 
krank werden. Heute ist die Syphilis eine Krankheit, die man hat, 
aber nicht nennt. Wenn es wirklich so weit kommen sollte, daß 
man sie nennt, aber nicht hat, es wäre ein Zustand, den die 
Gesellschaftsordnung nicht um einen Tag überlebte. Es wird nicht 
so weit kommen. Man hat die Scham vor dem Apotheker nicht in 
den Kalkül gezogen. Die Beschaffung jenes Mittels, das im Jahre 1910 
gegen jene Krankheit gefunden wurde, die eine Folge jenes 
Augenblicks ist, dem die besten Christen ihr Dasein verdanken, 
wird mit großen Schwierigkeiten verbunden sein. Nur eine 
Menschheit, die alle Scham abgelegt hat, wäre bereit, sich von 
deren letzten Folgen kurieren zu lassen. Und so besteht die 
Aussicht, daß Dioxydiamidoarsenobenzol unaussprechlich bleibt 
und der Name Ehrlich nur mit der Erfahrung verknüpft 
sein wird, daß Syphilis am längsten währt 



Was ist ein Name . . . 

Die einzige gute Sache, die im Annoncenteil der Wiener 
Presse bisher vertreten wurde, sie wird unterdrückt, das einzige 
anständige Inserat in dieser Fülle von Betrug und Unfug, es wird 
nicht geduldet. Diese traurige Wahrheit spricht mit beredten 
Worten aus dem folgenden Schreiben, das der Empfänger, der 
diskret genug war, seinen Namen herauszuschneiden, mir über- 
mittelt hat: 



44 



, Wien, am 25. Juni 1910 

Herrn Wien. 

Laut Auftrag des k. k. Preßbureaus dürfen wir Inserate, in 
welchen die Worte >Gummi« oder »Fischblasen* vorkommen, nicht mehr 
in unserem Blatte zur Einschaltung bringen. Da in dem Inserat Ihrer 
werten Firma sich leider diese verbotenen Worte befinden, erlauben wir 
uns an Sie mit der höflichen Bitte heranzutreten, für dieselben eine 
geeignete Textänderung vorzunehmen. Wir können Sie versichern, daß 
wir nicht aus eigener Initiative mit dieser Bitte an Sie herantreten, sondern 
von dem k. k. Preßbureau, welches in dieser Angelegenheit allgemein 
vorgeht und dieselbe Änderung für alle anderen Blätter verlangt, 
gezwungen werden. 

Im Voraus bestens dankend, zeichnen wir 

hochachtungvoll 

V. Chiavacci's 

.Wiener Bilder' 

Illustriertes Familienblatt. 

HerrChiavacci hat kürzlich den Bauernfeld-Preis bekommen. Er 
verdient ihn für den warmherzigen Eifer, mit dem sein Familien- 
blatt die gute Sache retten will, wenn ihr die Behörde schon den 
üblen Namen versagt. »Die Sache wills, die Sache wills, mein 
Herz! Laßt sie mich euch nicht nennen, keusche Sterne!* 
Herr Pötzl, der auch kürzlich den Bauemfeld-Preis bekommen 
hat, duckt sich und gibt die Sache preis. Wiewohl das Neue 
Wiener Tagblatt wahrlich schon schlechtere Artikel gebracht hat 
als solche, und wiewohl doch nichts die Interessen eines Familien- 
blattes mehr alteriert als die Verhinderung einer Sache, die zur 
Verhinderung der Sache dient. Auch die Neue Freie Presse, die 
doch einsehen müßte, daß diese Pariser Artikel die besten sind, und 
jedenfalls viel besser als die des Herrn Berthold Frischauer, wirft die 
Flinte ins Korn. Freilich ist sie kein Familienblatt. Und der Staat 
wiederum ist ein Familienvater, der auf Vermehrung hält. Er braucht 
Soldaten. Aber er läßt es doch oft selbst nicht so weit kommen, indem 
er nämlich zweijährige Kinder, die kein Obdach haben, auf der Straße 
sterben läßt. Wäre es da nicht sittlicher, solchen Jammer im Keime zu 
ersticken, anstatt auf Annoncen Jagd zu machen und die Flüche ver- 
zweifelnder Eltern sich nachdonnern zu lassen ? Wenn schon in Spitälern 
und Asylen kein Platz für tuberkulöse Kinder ist, soll darum auch 
in den Annoncenrubriken kein Platz für das Mittel sein, das uns 



— 45 



auf eine legitime Art den Anblick dieses irrenden Elends erspart? 
Und der Staat sollte schließlich bedenken, daß es außer einer 
kupplerischen Sittlichkeit, die zwischen den Begriffen Gummi und 
Sünde vermittelt, auch noch hygienische Zwecke gibt, und daß er 
deren Verfolgung erschwert, wenn er ihre Förderer verfolgt. > Ehrlich 
606< dürfte dort oft zu spät kommen, wo ein Blick in den Annoncen- 
teil Präservativ gewirkt hätte. Ist etwa die Bilanz des Bankvereines 
reeller als solches Angebot? Der alte Kindskopf Staat sollte end- 
lich einmal wissen, wo er uns zu schützen hat, und daß es lächerlich 
ist, bloß den Schutz zu verhüten. Er denkt aber, es sei besser, daß 
die Bürger durch unsittliche Handlungen krank werden, als daß 
sie durch ein Gesundheitsmittel auf unsittliche Gedanken verfallen. 
Darum hat das problemschwere k. k. Preßbureau — das, wie wir gehört 
haben, >allgemein vorgeht« - sichs in den Kopf gesetzt, die 
Urheber von Pariser Artikeln zu Stilkünstlem zu erziehen. Herrn 
Chiavacd — es soll der Dichter mit dem Gummikönig gehen — 
bleibt nichts übrig, als ihnen zuzureden. Man kann schließlich alles 
umschreiben. Selbst die Bitte an den Inserenten könnte man mit 
den Worten umschreiben : »Was ist ein Name? Was uns Rose heißt, 
wie es auch hieße, würde lieblich duften.« Und würde immer 
wieder die Vorstellung der Rose wecken. Wie will der Staat das 
ändern? Da wäre es schon logischer, die Rosen zu verbieten. 
Denn jedes Wort, das sie umschreibt, bringt sie uns nahe und 
um so näher, als wir die Freude des Erratens dazu bekommen. 
Vorstellungen leben sich ein. Wenn man heute das Wort »Dumm- 
heit« sagt, denkt man gleich an »behördliche Maßnahme«. Um 
ein Wort vor dem Verstandenwerden zu schützen, müßte man es 
häufig wechseln. Das österreichische Vorstellungsleben würde ein 
wenig aufgemischt werden, die Sittlichkeit hätte ihren Profit, nur 
den Händlern wäre nicht gedient, die doch ihre Ware an den 
Mann bringen wollen. »Gummi« — das war einmal ein ganz an- 
ständiges Wort. »Vorsicht« — das war einmal der Tapferkeit besseres 
Teil. »Hygienische Artikel« — da weiß man auch schon, was gemeint 
ist. Man soll's nicht und soll's doch wieder wissen. Eine verdammt 
schwere Aufgabe. Ein unzerreißbares Dilemma. Nennen wir den 
Fall einen gordischen Knoten — so wird man doch wieder aha! 
sagen. An den Inserenten ist es, sich den Kopf zu zerbrechen. Den 
Bauemfeld-Preis dem, der die richtige Lösung findet! 



46 



Das Paradies der Erpresser 

Ein ehemaliger Offizier erschien bei einem ihm bis dahin 
unbekannten Frauenarzt und verlangte sechstausend Kronen; 
im Weigerungsfalle werde er ihn wegen sieben Fruchtabtreibungen 
der Staatsanwaltschaft anzeigen. Der Arzt wies den Mann ab. 
Drei Tage darauf erhielt er einen rekommandierten Brief, in dem die 
Drohung wiederholt, mit dem > Offiziersehrenwort« bekräftigt und 
ihm ein letzter Termin gesetzt wurde. Der Oberleutnant wurde 
wegen Erpressung angeklagt. In der Verhandlung erklärte er, er 
habe aus ethischer Überzeugung gehandelt und den Arzt durch 
den Erlag der Summe einen Schuldbeweis erbringen lassen wollen. 
Der Arzt erklärte, er habe keine Furcht gehabt, da er ein gutes 
Gewissen habe. Der Gerichtshof sprach den Angeklagten frei. 
Dieser habe zweifellos in gewinnsüchtiger Absicht gehandelt, 
aber da sich der Bedrohte nicht gefürchtet habe, liege keine Er- 
pressung vor. Für die österreichischen Erpresser eröffnet sich somit 
eine neue Chance. Entweder — so war es schon bisher — hat der 
Bedrohte ein schlechtes Gewissen: dann zahlt er, und der Erpresser 
lebt herrlich und in Freuden. Oder — das ist die neue Ära — 
der Bedrohte hat ein gutes Gewissen: dann wird der Erpresser 
freigesprochen und versucht es ein Haus weiter mit mehr Glück. 
Bis jetzt wurde er bloß nicht angeklagt, weil der Bedrohte eher 
zahlte als daß er zugab, ein schlechtes Gewissen zu haben. Jetzt 
wird er angeklagt, aber nur dann eingesperrt, wenn sich auch der 
Bedrohte einsperren läßt, das heißt, wenn er eher zugibt, ein 
schlechtes Gewissen zu haben, als daß er zahlt. Früher erpreßte 
nur der Erpresser; jetzt hilft ihm dabei die Justiz. Der Staats- 
anwalt hatte den Arzt gefragt, ob er nicht auch im Falle des 
guten Gewissens > fürchten mußte, daß eine polizeiliche Anzeige 
gegen ihn im Kreise seiner Kollegen peinlich wirken könnte«. Als 
der Zeuge dies für ausgeschlossen erklärte — weil bekanntlich noch nie 
ein Wiener Frauenarzt vom andern geglaubt hat, daß er Frucht- 
abtreibung begehe und weil Fruchtabtreibung eine Handlung ist, die 
die Frauenärzte noch entschiedener verpönen als das Gesetz — , war 
der Gerichtshof beruhigt. Um den Erpresser zu verurteilen, hätte 
er das Geständnis des Arztes gebraucht, daß er ein schlechtes Ge- 
wissen habe. Da dieser es trotz wiederholter eindringlicher Befragung 
nicht zugeben wollte, blieb dem Gerichtshof nichts übrig als den 
Erpresser freizusprechen, mit der Begründung, daß »bei dem über 



— 47 — 

jeden Verdacht erhabenen Arzt die beabsichtigte Wirkung nicht 
eingetreten sei«. Die Wirkung, die ein Erpresser beabsichtigt, ist 
nämlich nicht so sehr der Empfang von 6000 Kronen als die 
Angst des Spenders. »Die Eignung einer Drohung muß nach der 
Individualität des Bedrohten beurteilt werden«. Bei Schweißaus- 
bruch des Bedrohten wäre der Tatbestand der Erpressung zweifellos 
gegeben. Daß der Arzt gerade durch seine Unbefangenheit den 
Beweis für die Gefährlichkeit der Drohung liefern könnte, daß gerade 
seine Furcht lieber die Harmlosigkeit zugeben würde als die Furcht, 
und daß sich in seinem Gefühl die infame Alternative >Geld oder 
Anzeige< vielleicht schon zur infameren Alternative >Freispruch 
des Erpressers oder Anklage wegen Fruchtabtreibung« gesteigert 
hat — das bedenkt diese Paragraphenpsychologie nicht. Diese 
Gerechtigkeit verurteilt einen Burschen, der auf der Ringstraße 
ein Handtäschchen erbeutet, zu lebenslangem Kerker, weil die 
Besitzerin erschrocken ist, und spricht den Erpresser frei, weil der 
Arzt ein gutes Gewissen hat. Der Vorsitzende wird hoffentlich 
konsequent bleiben, wenn ich jetzt so zu ihm spreche: 
Dafür, daß Sie dem Arzt sein gutes Gewissen attestiert und 
den Erpresser freigesprochen haben, haben Sie von jenem die 
Behandlung Ihrer Geliebten und von diesem die nächste erpreßte 
Summe zugesichert bekommen. Ich verlange von Ihnen, daß Sie mir 
die Hälfte des Betrages geben, widrigenfalls ich die Anzeige wegen 
Verbrechens des Mißbrauches der Amtsgewalt, Vorschubleistung 
zur Fruchtabtreibung und Teilnahme an einer Erpressung erstatten 
werde. Da Sie aber ein gutes Gewissen haben und über jeden 
Verdacht außer über den der Naivität erhaben sind, erwarte ich 
meinen Freispruch von der hierait begangenen Erpressung. 



Der soziale Ton 

Nur aus dem Gerichtssaalbericht dringt das Echo der Zeit 
Nur die verstümmelte Anklageschrift oder das schlecht mitge- 
schriebene Referat eines Votanten führt die echte Sprache der 
beleidigten Gesellschaftsordnung. Wenn der letzte Rimmer von 
Logik weggeblasen ist, kommt die Dummheit erst zu plastischer 
Geltung. In München wixrde ein Anarchistenprozeß geführt, dessen 
Angeklagte sich von einem Absynthrausch der neunziger Jahre, von 



48 — 



einem ausgelebten Vagantenideal und etwa noch von dem Programm : 
>Wir wollen in die böhmischen Wälder gehen und dort eine 
Kabarett- Truppe sammeln!«, zu unvorsichtigen Redensarten hatten 
hinreißen lassen. Anstatt nun diese harmlosen Leute lebenslänglich 
im Prytaneum zu verköstigen, hat man sie bloß freigesprochen. 
Und darum Räuber und Kabarettiers ! Über diesen Justizmord 
aber brachten die Zeitungen spaltenlange Berichte und in der Ein- 
leitung standen die Worte der Anklageschrift, die die Angeklagten 
wie folgt charakterisiert: >Sie waren es, welche Bombenattentate, 
Gütergemeinschaft, freie Liebe und dergleichen empfohlen 
und Pläne zu Einbruchsdiebstählen, Zerstörung öffentlicher 
Gebäude durch Dynamit erörtert und bereits bestimmte einzelne 
Verbrechen in Aussicht genommen haben«. Das einzige, das sie 
fast ausgeführt haben, soll die freie Liebe gewesen sein. Aber der 
Staatsanwalt traut einem dergleichen immer erst zu, wenn er ihn 
schon des Bombenwerfens überwiesen hat. 



Der geistige Ton 

Einem verstorbenen Baurat ruft ein liberaler Parteigenosse 
nach: »In seinem Elemente war er — und dafür zeugen die zahl- 
reichen Bauten von Gotteshäusern, die im In- und Auslande nach 
seinen Plänen errichtet wurden — wenn er Gelegenheit hatte, den 
Stein zum Rollen zu bringen für den Gedanken des Bauwerkes, 
dessen Schaffung ihm oblag«. Dieser Stein ist nicht identisch mit 
dem konservativen Grundstein, der bei einem Bauwerk gelegt 
wird, sondern ist ein fortschrittlicher Stein, der zum Rollen ge- 
bracht wird. ' Woraus sich die vielen Hauseinstürze des liberalen 
Gedankens erklären mögen. Wie aber beschreibt die Neue Freie 
Presse das Verhalten des Publikums bei einer Regenkatastrophe? 
>Die drängende Masse schwoll lawinenartig an« und >die Auf- 
rechterhaltung des Überfüllungsverbotes angesichts des Elementar- 
ereignisses ließ eine Flut von Verwünschungen hervorbrechen*. 
Es kam jedenfalls auch zu stürmischen Auseinandersetzungen, man 
tappte, lange im Nebel der Ungewißheit, ob noch eine Elektrische 
gehen werde, bis sich infolge der Versicherung, daß dies der Fall 
sei, die Stimmung aufheiterte. 



49 — 



Der gebildete Ton 

Manchmal liest man einen Satz, welcher einem den ganzen 
Haß gegen die formale Bildung zuführt, den man fürs Leben 
braucht und den man sich sonst erst umständlich aus Büchern, Leit- 
artikeln, Universitätsvorlesungen und gesellschaftlichem Verkehr 
zusammenklauben muß. So schreibt zum Beispiel der Herr Doktor 
Viktor Ruß — gewiß nicht nur einer der maßgebendsten, sondern 
auch einer der gebildetsten Männer dieser an ihrer fürchterlichen 
Bezeichnung noch immer nicht krepierenden »Jetztzeit« — in der 
Neuen Freien Presse die folgenden Worte, in denen der Bildungs- 
Ruß die greifbarsten Formen angenommen hat: 

Diese Tatsache war für den mit der Vorberatung betrauten 
Permanenzausschuß des Staatseisenbahnrates mitbestimmend, daß sein 
Subkomitee eine Expertise einberief, über deren vorläufiges Ergebnis 
nicht so sehr, weil des Materials viel geliefert wurde, als vielmehr über 
deren vorläufigen Eindnick Mitteilung zu machen, die Redaktion mir den 
Wunsch ausgesprochen hat, den ich als Vorsitzender dieser Enquete 
unbefangen zu erfüllen gerne bereit bin. 

Was gebührend zur Kenntnis zu nehmen, ich in diesem Falle 
nicht anstehe ausdrücklich und unter Hinweis auf den durch dieses 
vorläufige Ergebnis des Permanenzausschusses der liberalen ödig- 
keit erzielten Eindruck zu erklären, weil es sich um eine Tatsache 
handelt, die für den Staatseisenbahnrat mitbestimmend sein könnte, 
ähnliche Verkehrshindernisse unbefangen zu beseitigen, womit ich 
die Ehre gehabt zu haben wohl gespeist zu haben wünsche. 



Die Milderungsgrunde 

So rächt sich der Journalismus für die Diskretion der 
Militärjustiz: 

Neue Freie Presse: >Man glaubt, daß als Milderungsgründe an- 
genommen w^urden : Die sehr gute militärische Dienstleistung 
des Angeklagten und seine von den Psychiatern konstatierte 
geistige Minderwertigkeit.« 



— 50 — 

Ein Fall von Inkompatibilität 

Uie Militärstrafprozeßordnung ist schließlich noch erträglich. 
Ein Blumenkorso meinetwegen auch. Aber beides zugleich — das 
geht nicht! Zu den Plagen der Hofrichter- Affäre hat dieser ent- 
setzliche Parallelismus gehört: Tagtäglich, im Morgen- und Abend- 
blatt, > wurde gemäß den Bestimmungen der Militärstrafprozeß- 
ordnung das geschöpfte Urteil dem Korpskommandanten Q. d. I. von 
Versbach-Hadamar vorgelegt <, und in der benachbarten Spalte schon 
>bemerkte man u. a. die Gemahlin des Korpskommandanten G. d. I. 
Versbach v. Hadamar (rosa Rosen und Tülltuffs)«. Wenn ein Ehe- 
paar in die Öffentlichkeit tritt, so muß doch eine gewisse einheit- 
liche Grundstimmung vorwalten. Wenigstens in den Tagen so 
wichtiger Entscheidungen. Also künftig, wenn ich bitten darf, 
entweder die Häuslichkeit Albas ohne Blumenkorso, oder 
Pflichten der Saison ohne Todesurteil. Nur kein Durcheinander! 



Was man in Amerika von Österreich weiß 

Aus dem New York Herald vom 5. Juli 1910: 
In the dual Monarchy 

Mr. and Mrs. W. K. Vanderbilt and Mr. Winfield Hoyt have 
arrived at the Hotel Stern, Marienbad. 

Dr. Paul Cohn, of Vienna, has arrlved in Carlsbad for a short 

sojoum. 

« • 

Theaternachrichten 

> . . . Deshalb war das laute Händeklatschen, mit dem man 
Ehrlich begrüßte, wohl berechtigt. In seiner bescheidenen Art lehnte er 
übrigens für sich den Beifall ab . , .< 

Trotzdem wiederholt gerufen, zum Schluß nicht enden- 
wollender Beifall , . . Tristan gesungen? Nein, Menschheit von 

Syphilis befreit. 

« 

>Aus Nürnberg schreibt man uns: Der Charakterdarsteller L. 
.... von der zu Hunderten anwesenden Menge mit stürmischem Bei- 
fall empfangen.« 

Franz Moor gespielt? Im Gegenteil. Die Operettensängerin M. 
bei einer Kahnpartie vom Ertrinken gerettet. 



— 51 — 

Die zweite Nachricht bedarf eines Kommentars. Der Begriff 
»Charakterdarsteller« gewinnt dank der Sozialisierung des Sdiau- 
spielerstandes seinen vollen Edelgehalt. In früheren Zeiten hätte 
der Kollege, der mit der Kollegin eine Kahnpartie unternahm, sie 
ertrinken lassen, in dem trügerischen Glauben, daß er dann allein 
für die Hervorrufe des Publikums werde danken können. Heute 
wissen die Schauspieler t>ereits, daß sie gerade durch Werke der 
Nächstenliebe bei Fresse und Publikum reüssieren. Es wäre be- 
dauerlich, wenn die ethische Entwicklung der deutschen Schauspieler 
durch die Enthüllungen, die soeben über den Herrn Nissen herein- 
gebrochen sind, wieder aufgehalten würde. Es besteht die Gefahr, 
daß jetzt dieser um die Hebung der schauspielerischen Ethik so 
verdiente Mann unter die Schwelle des Standesbewußtseins hinab- 
gestoßen wird. (Siehe die Broschüre > Nissen, Ein Kapitel Bühnen- 
genossenschaft« von Karl Vogt.) Man sollte aber den Schau- 
spielern, die das redliche Bestret)en haben, sichere Kantonisten zu 
werden, ihre Ideale nicht unnötig verteuern. Sie wollen nicht, daß 
ihre Kolleginnen Prostitution treiben. Dafür sind sie bereit, sie 
erforderlichenfalls vom Ertrinken zu retten. Sie sind edel, hilfreich 
und gut. Vergessen wir nie, daß die Arbeit undankbar genug ist. 
Was geschiebt zum Beispiel, wenn ein Revolverjoumalist am Ufer 
steht und man keine Hand frei hat, um den Hut zu ziehen, und 
nicht die Geistesgegenwart besitzt, »Grüß Gott, Doktor!« zu sagen? 

Dann war die Rettung umsonst: die Notiz erscheint nicht. 

« • 

• 

So schlecht wie einst 

Wenn die Reinhardt-Gesellschaft \X'ien wieder verläßt, ist die 
Kritik dümmer geworden, und das Burgtheater muß es büßen. 
Nun hat es ja das Burgtheater nicht besser verdient, und wiewohl 
seine Zwerge in der Aufmachung des Herrn Reinhardt und zumal 
wenn sie als Gäste nach Wien kämen, ins Riesenhafte wüchsen, 
so mag man zugeben, daß das Burgtheater heute auch unverdienten 
Tadel verdient hat. Denn ein Theater, welches sich von Pompeji bloß 
dadurch unterscheidet, daß es keine Trümmer hat, und welches 
ausschließlich auf die Versicherung der Fremdenführer angewiesen 
ist, hier sei einmal die Wolter gegangen, hat für Einheimische 
die Kasse zu schließen. Im allgemeinen Mangel an schauspielerischen 
Persönlichkeiten liegt gewiß ein hinreichender Grund, ein einzelnes 
Theater zu entschuldigen, obschon kein hinreichender Grund, es 



— 52 — 

zu besuchen. Aber wenn es ein Theater gibt, dem auch die Nachsicht 
versagt werden muß, so ist es das Burgtheater, und keines hat 
wie dieses die Verpflichtung, einen ehrenvollen Tod einem 
schmählichen Leben vorzuziehen. Iraditionslose Bühnen mögen 
sich von unternehmenden Budapestern die Kultur und und sonstige 
Surrogate einwirtschaften lassen. Das Burgtheater hätte seinen 
Namen zu ändern, wenn es seine Vergangenheit zu überleben 
beabsichtigt, es hätte auf seinem Zettel bloß den berühmten 
Punkt zu belassen, den man infolge einer Anregung der , Fackel' 
voreilig beseitigt hat, und es dürfte dann getrost auch gute Kine- 
matographenvorstellungen geben, die immer noch würdiger wären, 
als schlechte Klassikervorstellungen. Sicherlich, die Noblesse dieser 
Wüste, die es bisher verschmäht hat, sich mit malerischen Aus- 
reden zu verleugnen, ist sympathischer als jenes zudringliche Fata 
morgana-Spiel, das in jedem Sommer unsere Kamele beglückt. 
Aber das Theater ist nicht dazu da, Mittelschülern die Lektüre der 
Klassiker zu ersparen. Wenn der Zeit, in der wir leben, schau- 
spielerische Persönlichkeiten nicht abzugewinnen sind, so dränge 
sich ihr das Burgtheater nicht auf. Sonst gibt es sich einer Unge- 
rechtigkeit preis, die einen Theaterdirektor für den Lauf der Welt 
verantwortlich macht, und jener kritischen Ungezogenheit, die 
einen toten Adler ermuntert, sich an einem lebenden Spatzen ein 
Beispiel zu nehmen. Sobald Herr Reinhardt ins Land kommt, 
sobald seine neurasthenischen Schlierseer unsem Theatersommer 
eröffnen, kann sich die junge Kritik nicht fassen vor lauter Hori- 
zonten. So stelle ich mir die erste Unterrichtsstunde vor, wenn die 
sexuelle Aufklärung ein obligater Gegenstand sein wird. Peinlich 
ist dabei außer der jugendlichen Freude nur, daß sie sich seit so 
vielen Jahren wiederholt, und daß die Dümmsten in der Klasse am 
lautesten wiehern. Das ewig neue Erlebnis verführt sie, die Mutter 
zu beschimpfen, die sie nur geboren hat, ohne ihnen zu sagen, 
wie es dabei zugegangen ist. Welcher von den Herren, die heute 
in Theaterdingen den Mund voller nehmen, als es ihrem Tem- 
perament geziemt, hätte ein Recht, zu leugnen, daß auch er der 
alten Burgtheaterkunst seine ganze kleine Geistigkeit verdankt? 
Anstatt die neue Burgtheaterkunst an der alten zu messen, sagen 
sie, es sei dieselbe, und wagen es, dieser Herrn Reinhardt als 
Meister zu empfehlen, dessen schauspielerischer Fond ein vierter 
Galerieschall eines Lewinsky-Tones ist und dessen dramaturgisches 



53 — 



Imperium bloß die allgemeine Tüchtigkeit eines Ellbogennaturells 
bedeutet, die sich ebensogut im Bankfach und im Feuilleton aus- 
leben könnte. Das Burgtheater aber ist so echtes Theater, daß es 
eben in einer Epoche, die keine schauspielerischen Naturen hervor- 
bringt, schlechtes Theater sein muß, während der findige Geist, 
der keine Vorurteile und keine Erinnerung zu besiegen hat, eine 
praktikable Verbindung von Balletschule, Opiumkneipe und 
Bildergalerie uns für Theater ausgeben kann. Wenn nun eine 
gläubige Kritik das Burgtheater tadeln will, so sollte man doch 
verlangen können, daß ihre Besinnung immerhin zur Erkenntnis des 
Unterschiedes zwischen einst und jetzt reicht und daß sie vor den 
Wundem der Berliner Gastspiele bloß das heutige Burgtheater 
verkleinert. Wie mag es uns nun überraschen, daß wir, auf die 
hundertjährige Wahrheit gefaßt, das Burgtheater sei nicht mehr 
das, was es einst war, die Meinung zu hören bekommen, es sei trotz 
dem Berliner Beispiel so schlecht wie einst ! Einer will einer Burg- 
theatervorstellung das Schlimmste nachsagen und sagt: »Einen 
Abend lang war es möglich, sich einzubilden, wir seien noch in 
den Achtzigerjahren des vorigen Säkulums. Diese Vorstellung hätte 
ebensogut unter Adolf Wilbrandt stattfinden können.« Es wird 
also gottseidank zugegeben, daß in der Zeit der Wolter, 
derMeixner, Baumeister und Sonnenthal, der Gabillons und Hart- 
raanns, der Mitterwurzer, Krastel und Robert die Sache zur Not 
ebenso geglückt wäre. >Was man sah und hörte, war von einer 
achtbaren Schablone, von einer respektablen Banalität ... Da 
war alles von einer ganz und gar unwichtigen Bravheit« 
Mit einem Wort, ganz so wie damals. >Ich habe keinen 
einzigen Akzent, keine Gebärde, kein Wort mit aus dem 
Theater genommen, davon mein Herz schneller geschlagen hätte, 
nichts, wodurch ich in meinem künstlerischen Besitzstand glück- 
licher und reicher geworden wäre.« Also ganz wie in der Theaterzeit, 
in deren Erinnerung unser Herz schneller schlägt und die, wenn 
Theatereindrücke solches vermögen, unsem künstlerischen 
Besitzstand geschaffen hat. Bei manchen Leuten, die später Jour- 
nalisten wurden, scheint es ihr nicht gelungen zu sein. Es war 
eine arme Zeit, die ein reiches Theater hatte. Das Burgtheater 
schwindelt sich nicht durch die Zeiten ; es kann nicht hochstapeln. 
Aber es sollte auch nicht als Bettler den Verkehr hindern. 



— 54 - 

Wiener Impressionismus 

>Sie war fahl geworden. Ihre Schritte hingen schwer am 
Boden.« Plötzlich wurde es anders, sie schien förmlich Flügel 
bekommen zu haben. >Er ahnte die Zusammenhänge.« Und >wer hatte 
ihr die Flügeln verliehen?« Der so fragte, hieß Ludwig. Aber der 
Papagei schrie > Arthur«. Da sagte sie: >Laß mich den Vogel 
hinaustragen. Er macht solchen Lärm.« Und sie trug den Vogel 
hinaus. Ludwig wurde bleich. »Also Arthur war's, sein einziger 
Freund, der Dichter. Ewigen Frühling trug er in sich.« Da machte 
Ludwig einen Vorschlag zur Güte. >Ich möchte sehr gern, daß 
Arthur heute zum Nachtmahl kommt.« Dann ließ er die beiden 
Bruderschaft trinken. Er ging aus dem Zimmer. >,Wer alles ver- 
steht, muß alles verzeihen und leiden, leiden', fühlte er.< 

Das ist in einem Wiener Tagesblatt gedruckt worden. Gewiß 
täte dieser Ludwig gut, den Papagei abzuschaffen. Und ohne 
Zweifel ist dieser Arthur einer vom Stamme jener Asra, welche 
»jeden früh« sagen, wenn sie dichten. 



Einer, der meine Ansichten teilt 

In einem ganz guten Artikel befaßt sich Herr Hermann 
Bahr mit dem Unterschied zwischen dem schweren Wiener und 
dem leichten Londoner Leben, den er an einem Vergleich 
>Charing-Croß und Südbahnhof« beweist: 

Und nun gehts durchs ungeheure Gedränge der grenzenlosen 
Stadt, aber kein Kutscher schreit, kein Schutzmann schreit, ein Zeichen 
der Hand ordnet alles und man ist angekommen, ausgestiegen, im 
Lift aufgefahren und hat noch kein lautes Wort gehört. Das Leben ist 
hier ganz still, und es wird einem unbeschreiblich leicht gemacht. So 
kann man seine Kraft, die man bei uns im ewigen Kampf mit brüllenden, 
rennenden, stoßenden Trägern, schimpfenden, fluchenden Kutschern und 
heiser kreischenden Wachmännern verbraucht, auf andere Dinge sparen. 

Ich mußte nicht nach London gehen, um zu schreiben: 
Ich halte die glatte Abwicklung der äußeren Lebensnotwendig- 
keiten für ein tieferes'Kulturbedürfnis als den Schutz der Karlskirche. 
Ich glaube zuversichtlich, daß Karlskirchen nur entstehen können, wenn 
wir allen Innern Besitz, alles Gedankenrecht und alle produktiven Kräfte 
des Nervenlebens unversehrt erhalten und nicht im Widerstand der 
Instrumente verbrauchen lassen. 



— 55 — 

Herr Bahr: I 

Und alle Kraft wird vergeudet .... Seinen Koffer zu bekommen, 
eine Straße zu überschreiten, sich eines Kellners zu bemächtigen, dies 
alles ist bei uns ein Problem, das jedem einzelnen jeden Tag aufs neue 
gestellt wird und das jeder jedesmal wieder für sich aus eigenem zu 
lösen hat; so wird man bei uns von den kleinen Aufgaben des täglichen 
Lebens zu sehr erschöpft, am für die großen noch etwas übrig zu haben. 

Ich: 

Die Leute, die uns bedienen, sie sind Sehenswürdigkeiten. Der 
Kutscher ist eine Individualität, und ich komme nicht vorwärts. Der 
Kellner hat Rasse und läßt mich deshalb auf das Essen warten. Der 
Kohlenmann singt vergnügt auf seinem Wagen, und ich friere. 

Herr Bahr: 

Dort wird man von gutgelaunten Kellnern an seinen Tisch 
geführt, bekommt sogleich das, was man bestellt, bekommt wirklich 
das, was man bestellt hat, muß nichts zweimal sagen, wird mit den 
Augen verstanden und hört kein lautes Wort, niemand schreit oder 
stöhnt oder schimpft, niemand rennt in Angst, niemand springt vor Wut. 

Ich: 

Dafür, daß in einem Wiener Restaurant sechs Speisenträger 
mich fragen, ob ich > schon befohlen« habe, und kein einziger gehorcht, 
dafür, daß sich der Ruf >Zahlen!< echoartig fortpflanzt, ohne erhört zu 
werden, dafür, daß die Verteilung des Trinkgelds nach Alters-, Verdienst- 
und Berufskategorien alle anderen Probleme, die mir etwa durch den 
Kopf gehen könnten, verdrängt, dafür kann die Schönheit des äußeren 
Burgplatzes nur eine geringe Entschädigung bieten*! 

Herr Bahr: 

In unseren Bahnhöfen, auf der Straße, in Gasthäusern, überall 
ist immer mein Eindruck der: Hier scheint etwas ganz Unbekanntes 
und worin es bei uns noch allen an aller Übung, aller Erfahrung, 
fehlt, eben jetzt zum allerersten Male versucht zu werden. 

Ich: 

Wird ein neues Restaurant eröffnet, so ists, als ob es sich um 
die Erschaffung des ersten Restaurants handelte. Alles steht erwartungs- 
voll. Aber das Restaurant geht nicht. Nichts geht hier und niemand. 

Herr Bahr: 

Und wer es aushält, kann stolz auf seine Nerven sein, 
es ist eine Prüfung in Heroismus . . . Während man in London 
kein Held sein muß, um im Gasthaus essen zu können. . . . 
Oder man versuche doch einmal abends gegen sieben vom Heinrichs- 
hof hinüber zur Oper zu gelangen ; es ist selbstmörderisch. Nun 
kann ich nicht in Ziffern sagen, um wie viel der Verkehr auf dem 
Trafalgar-Square größer ist als hier; ein vierzig- oder fünfzigmal so 
großer als auf dem Ring wird er wohl sein. Aber hier fühlt man sich 
keinen Augenblick bedrängt oder gehetzt oder in Angst, ein Kind kann 



— 56 — 

wohlgebofgen hinüber, alte Frauen beschleunigen kaum ihren Schritt. 
Und nie habe ich hier rennen sehen, rufen hören; der ewig gleiche 
Oang dieses unermeßlichen Verkehrs bleibt immer ungestört. Der Passant 
blickt kaum von der Zeitung in seiner Hand auf, so sicher weiß er sich. 

Ich: 

Eine glatte Abwicklung der äußeren Lebensnotwendigkeiten 
würde es einem ermöglichen, zu sich selbst zu kommen. In einer 
Stadt, in der die Kutscher >Hüh!« und »Höhl« brüllen müssen, in der 
jeder Fußgänger über jedes Fuhrwerk staunt und jedes Fuhrwerk über 
jeden Fußgänger, ist es ein persönlicher Erfolg, mit heilen Gliedmaßen 
nachhause zu kommen. Im Gewühl der Berliner Friedrichstraße kann 
ich ungestörter denken als in den bekannten stillen Gassen der Wiener 
Vorstadt, die jene Literaten lieben, welche aus keiner Patrizierfamilie stammen. 

Alles das und noch mehr darüber kann Herr Bahr in meinem 
Buch »Sprüche und Widersprüche« nachlesen. Der Unterschied 
zwischen uns: er will auf der Straße Zeitung lesen, ich will auf der 
Straße denken. Ich glaube übrigens gern, daß der Londoner Ver- 
kehr ihm so ausgiebige Sicherheit geboten hat, daß er dort sogar 
»Sprüche und Widersprüche« lesen konnte. Dagegen war ich nicht 
imstande, das Neue Wiener Journal, das seinen Artikel brachte, 
auf der Ringstraße zu lesen, wiewohl er mir in der Hauptsache 
schon bekannt war. Ich nahm ihn nachhause, freute mich, daß 
das Blatt endlich einmal einen Originalbeitrag, wenngleich 
immer noch ohne Quellenangabe, hatte, und war ordent- 
lich stolz, daß es auch mir endlich gelungen war, von Herrn 
Bahr entdeckt zu werden. Aber ich bekam keine Sehnsucht 
nach dem Charing-Croß. Auf der Ankunftseite ist gewiß ein Lon- 
doner Bahnhof bequemer. Aber die Gerechtigkeit gebietet zuzu- 
geben, daß sich zur Abfahrt ein Wienei Bahnhof besser eignet. 
Freilich, in eben jenem Buch wird Herr Bahr auch den Grund an- 
gegeben finden, warum ich mich trotzdem nicht entschließen kann, 
diese Stadt zu verlassen — denn: 

Nach Ägypten wär's nicht so weit. Aber bis man zum Süd- 
bahnhof kommt 1 



Resignation 

Es geht das Gerücht, daß j'etzt eine Operette Zulauf findet, 
in der die Verse vorkommen: 

Nur in Wien am Donaustrand 
Sind die Frauen fesch belnand. 



— 57 — 



Ich will der Sache nicht nachgehen. Ich habe in diesem 
eben so viel Schreckliches durchgemacht, daß ich dieses Letzte 
rn von mir fernhalten möchte. Ich schließe mich ein und will 
tun, als ob ich nichts gehört hätte. 



Der Biberpelz 

Von Karl Kraus 

Mein Wiener Dasein ist jetzt wieder reicher geworden, das 
ewige Sichdiewanddeslebensentlangdrücken, damit man auf dem 
Trottoir von keinem Trottel angesprochen wird, hat ein Ende, und 
jeder Tag bringt neue Abenteuer. Durch all die Jahre keine Gesell- 
schaft, kein Theater, kein Blumenkorso — wie hält man das nur aus? 
Die Zufuhr der wertvollsten Eindrücke abgeschnitten; und wer 
weiß, wie lange der innere Proviant gereicht hätte. Selbst die 
Katastrophen der Saison, Komet und Jagdausstellung, schienen an 
diesem Zustand nichts ändern zu können. Gewiß, ich wills nicht 
verhehlen, ich erwartete mir einige Anregung vom Weltuntergang. 
Wenns aber wieder eine Niete wäre? So lebt man dahin auf dem 
schmalen Pfad, der von immer demselben Schreibtisch in 
immer dasselbe Lokal führt, wo man immer dieselt)en Speisen ißt 
und immer dieselben Menschen meidet. Froher wird man nicht dabei. 
Die Welt rings ist bunt, und man möchte sich doch wenigstens 
an ihr reiben, um zu sehen, ob die Farbe heruntergeht. Man will 
nicht auf so viel verzichten, ohne zu erfahren, wie wenig man 
verliert. Nur einmal noch an der vollbesetzten Tafel sitzen, alle 
Rülpse der Lebensfreude wieder hören, die Schweißhand der 
Nächstenliebe drücken — ich träumte davon, und eine gütige Fee, 
wahrscheinlich jene, die den Operettenkomponisten die Lieder an 
der Wiege singt, hat mich erhört. Ich bin mitten drin, die Erde 
hat mich wieder — mein Pelz ist ' mir gestohlen worden ! 

Nichts hätte mich den Menschen näher bringen können als 
der Diebstahl meines Pelzes. Ich müßte jetzt schon mit den 
Mitteln eines Caracalla arbeiten, wenn ich mich ihres Umgangs 
erwehren wollte. Jetzt gibts kein Zurück mehr in die Lebensflucht, 
jetzt heißt es in den sauren Apfel beißen und ein Menschenfreund 
sein. Ich habe mich lange genug verhaßt gemacht, aber nun ver- 
geben sie mir, was sie an mir gesündigt haben. Sie vergeben mir, 



Aus dem .Simplicissimus'. 



— 58 — 



sie lieben mich, sie bedauern mich, sie bewundern mich, denn es 
läßt sich nicht mehr verbergen, alles Leugnen hilft nichts — mein 
Pelz ist mir gestohlen worden ! Und in einem unbewachten Augen- 
blick hatte mich da die Geselligkeit beim Wickel. Ich lebte still 
und harmlos, ich war ein Privatmann, denn ich übte seit 
vielen Jahren eine literarische Tätigkeit aus. Ich hatte nicht 
gewußt, daß ich vor allem einen Pelz besaß. Ich schrieb 
Bücher, aber die Leute verstanden nur den Pelz. Ich brachte 
mich selbst zum Opfer, und die Leute meinten den Pelz. Als 
ich ihn nicht mehr hatte, kam die allgemeine Anerkennung. 
Ich habe durch den Verlust des Pelzes die Aufmerksamkeit 
des Publikums gerechtfertigt, die ich durch den Besitz des Pelzes 
erregt hatte. Im Kaffeehaus, wo es geschah, war die erste Wirkung 
des entdeckten Diebstahls ein chaotisches Durcheinander, in welchem 
einige bestürzte Kaffeehausgäste zu zahlen vergaßen und in dessen 
Mittelpunkt ich so plötzlich geraten war, daß ich mir erst auf 
dem Umweg der Überlegung darüber klar werden konnte, daß 
ich den Pelz bestimmt nicht gestohlen hatte. Man nahm eine 
Haltung an, als wollte man mir die Kleider, die ich noch 
hatte, vom Leibe reißen, und von allen Seiten brachen Vorwürfe 
wegen meiner Sorglosigkeit über mich herein. Auf diese Art schien 
sich die Empörung über den Dieb, der sich den Folgen seiner Hand- 
lungsweise entzogen hatte, Luft zu machen, denn mich hatte man, 
an mich konnte man sich halten, und wenn ich mich, erschöpft 
von der Untersuchung des Falles, zurücklehnte, in der rechten 
geistigen Verfassung, um endlich eine Zeitung zu lesen, so ging 
der Chor der Nebenmenschen an mir vorüber und rief: >Nein, so 
was!« Ich spürte den Stachel des Vorwurfs. Zu spät sah ich ein, 
daß man, wenn man einen Pelz hat, auch gewisse Pflichten gegen 
die Welt hat, und es blieb mir nichts übrig, als jetzt jene letzte 
Pflicht gegen die Welt zu erfüllen, die man noch hat, wenn man 
keinen Pelz mehr hat. Die Pflicht, Rede und Antwort zu stehen. 
Denn wenn es in solchen Fällen schon nicht mehr möglich ist, 
zu erfahren, wo der Pelz hingekommen ist, so muß man dem Publi- 
kum und der Polizei wenigstens darüber Auskunft geben, wo er 
hergekommen ist, wieviel er gekostet hat, wieviel er heute wert ist, 
ob der Kragen lange oder kurze Haare hatte, und ob die Schlinge aus 
Tuch oder aus Leder war. Die Polizei fragt außerdem noch, ob man 
einen Verdacht hat. Ein Verdacht wärmt, wenn man keinen Pelz 



— 59 — 



it, und ein Verdacht, den man hat, ist nach der Ansicht 
der Polizei immer eine hinreichende Entschädigung für eine Ge- 
wißheit, die einem abhanden gekommen ist und die sie einem nie 
wieder verschaffen wird. Wozu diese Einmischung durch eine Amts- 
handlung? Ich hatte immer geglaubt, daß sich die Polizei um die 
öffentliche Sittlichkeit kümmere und nicht um Angelegenheiten 
des Privatlebens, wie einen gestohlenen Pelz. Aber diese 
Neugierde! Kaum war mir der Pelz gestohlen worden, 
waren auch schon drei Vertreter der Polizei im Lokal, dräng- 
ten sich durch die Wucherer, die meinen Tisch umstanden und 
ihrer Entrüstung über den Diebstahl Ausdruck gaben, und fragten 
mich, ob ich einen Verdacht habe. Nun war auch die Nachbar- 
schaft auf den Beinen, denn wie ein Lauffeuer hatte sich in der 
Großstadt das Gerücht verbreitet, und zahlreiche Passanten, unter 
denen man u. a. Persönlichkeiten bemerkte, die schon von ihrer 
Anwesenheit bei Premieren und Erdbeben bekannt sind, wohnten 
der Amtshandlung bei. So taktvoll und würdig sich der Pelzdiebstahl 
vollzogen hatte, in so marktschreierischer Weise äußerte sich das Mit- 
gefühl des Publikums. Denn während die Pelzdiebe kein Aufsehen 
lieben, legen die Bankdiebe den größten Wert darauf, überall 
bemerkt und in den Zeitungen genannt zu werden. Hier aber hatten 
sie sich einmal verrechnet, denn die Zeitungen würden auch von 
einem Kometen keine Notiz nehmen, wenn sein Schweif meinen Kopf 
berührt hätte. Aus demselben Grunde mußte ich befürchten, daß 
sich der Chef des Sicherheitsbureaus dieser Sache nicht so 
energisch annehmen werde, wie er es in Fällen gewohnt ist, wo 
die Aussicht auf publizistische Unterstützung ihn zu einer fieber- 
haften Tätigkeit spornt Natürlich läßt sich das echte Interesse durch 
solche Bedenken nicht abweisen. Während mich die Vertreter der 
Behörde um Alter, Beschäftigung und Vorstrafen befragten, sprachen 
einige Gäste immer wieder ihr Bedauern aus, daß sie gerade 
nicht hingesehen hätten, als der Pelz gestohlen wurde, und ver- 
traten die Ansicht, daß der Dieb sich einen Augenblick gewählt 
haben müsse, wo er sich nicht beobachtet fühlte. Das Per- 
sonal wurde mit Fragen bestürmt, aber der Zahlmarkör, der 
Zuträger, der Pikkolo und der Feuerbursch — sie alle hatten bloß den 
einen Wunsch: »Wann i nur amal so einen derwischen könnt, 
den drschlaget i!< Ich bat, in Gegenwart der Polizeivertreter sich 
nicht zu gefährlichen Drohungen hinreißen zu lassen, richtete 



— 60 — 



noch an die Detektives das Ersuchen, dafür zu «orgen, daß ich 
nicht vorgeladen werde, weil ich ja doch nichts anderes aussagen 
könnte, als daß ich keinen Pelz und keinen Verdacht habe, und 
entzog mich den Ovationen der Menge, indem ich meinen Hut 
nahm und mich zum Ausgang wandte, an der Kassierin vorbei, 
welche die Hände rang. Draußen grüßten mich die Fiaker, die sich von 
dem Ereignis des Tages irgendwie einen besonderen Vorteil erhofften. 
Einer der Polizisten aber holte mich ein und machte mir den Vor- 
schlag, mit ihm zu gehen und das Verbrecheralbum durchzusehen. 
Ich lehnte diesen Vorschlag ab, weil mir jede Vergleichsmöglich- 
keit fehle, solange ich den Dieb meines Pelzes nicht gesehen 
hätte. Die Polizei solle ihn erst zur Stelle schaffen, dann wäre ich 
gerne bereit, ihn nach der Photographie zu agnoszieren. Einer 
der Kellner aber behauptete plötzlich, einen Verdacht zu haben, 
und schien entschlossen, mitzugehen. Diese Recherche hat, wie ich 
später erfuhr, meiner Sache nicht wesentlich genützt, dafür aber 
anderweitige erfreuliche Resultate ergeben. Der Kellner soll nämlich 
einige frühere Stammgäste des Kaffeehauses erkannt haben, und 
noch nie zuvor, heißt es, sei in einer Polizeistube eine so 
freudige Stimmung des Wiedersehens laut geworden. Schließlich 
mußte man, da diese Rufe »Jessas, der Herr von Kohn!« und >Nein, 
der Herr von Meier !< nicht aufhören wollten, dem braven Burschen 
das Bilderbuch aus der Hand reißen. Am nächsten Tag erhielt ich 
eine Vorladung, der ich aber nicht Folge leistete. Immer hatte 
ich es bisher streng zu vermeiden gewußt, daß mir 
etwas gestohlen wurde; denn nichts fürchte ich mehr als 
Unannehmlichkeiten mit der Polizei. Man hat mir auch tat- 
sächlich nie das Geringste nachweisen können. Serfite ich jetzt 
wegen des einen Fehltrittes mir eine so peinliche Untersuchung 
auf den Hals laden? Nimmermehr! Ich stellte mich der Polizei 
nicht ! Wenigstens war ich entschlossen, es nicht eher zu tun, als bis 
sie den Pelz hätte. Ich hoffte übrigens, daß sie den Fall ver- 
tuschen und mich ruhig meiner gewohnten Beschäftigung nach- 
gehen lassen werde. Als ich somit wieder ins Kaffeehaus kam 
und meine Leseecke aufsuchen wollte, standen einige Herren davor, 
die sich sonst nur für Trabrennen interessierten, aber diesmal eine 
Wette abgeschlossen hatten, ob ich den Pelz bekommen würde 
oder nicht. Die der Meinung waren, daß ich ihn bekommen 
werde, sagten: »Nicht wird er ihn bekommen !«, während die 



— 61 — 



andern, die der Meinung waren, daß ich ihn nicht bekommen 
werde, ein über das anderemal riefen: >Ja wird er ihn bekommen!« 
So vermochte ich die beiden Gruppen zu unterscheiden, ohne 
doch im Meritorischen eine Entscheidung treffen zu können. Ich setzte 
mich nieder und hörte aus dem Billardzimmer Rufe wie: »Echter 
Biber, sag ich Ihnen!« »Und ich sag Ihnen, Nerz!€, worauf ein 
dritter mit einem derben »Astrachan, Ihnen gesagt !«, in die 
Debatte fuhr. Ich ließ fragen, ob es die Herren störe, wenn 
ich Zeitungen lese. Sie verneinten und gingen auf ein ganz 
anderes Thema über, indem nämlich einer behauptete, sich noch 
an den Fall zu erinnern, wie dem alten Low ein Pelz um tausend, 
sage tausend Gulden gestohlen wurde; und da ein anderer die 
Frage einwarf: Welchem Low? und die zurechtweisende Antwort 
bekam: »No, der später in Konkurs gegangen ist!«, fühlte ich, daß 
die Aufmerksamkeit von mir abgelenkt sei, und war dessen froh. Ich 
nahm jene Zeitung zur Hand, die seit Jahren das Publikum da- 
durch zu interessieren weiß, daß sie meinen Namen nicht nennt, 
und suchte nach einer Notiz, in der davon die Rede war, daß 
einem Privaten pin Pelz gestohlen wurde und daß einer 
unserer Mitarbeiter Gelegenheit hatte, mit dem in den weitesten 
Kreisen bekannten Dieb zu sprechen. Da trat eine fremde Dame 
auf mich zu, tadelte mich wegen meiner Unachtsamkeit und fragte 
mich, ob ich noch mit der Familie T. verkehre. Ich antwortete, 
daß ich mit gar niemand verkehre, und zahlte meine Zeche. 
Draußen grüßten mich die Fiaker, wiesen verheißend auf 
ihre Wagen und riefen etwas wie >Verkühlns Ihna nur net« hinter 
mir. Noch habe ich aber nicht erzählt, wie sich am Tage nach 
der Tat das Wiedersehen mit meiner Bedienerin gestaltet hat. 
Sie war eigentlich schuld, denn sie hatte mir, weil wir gerade im 
strengsten Mai einen Schneefall gehabt hatten, zugeredet, den Pelz 
anzuziehen, der Winters über beim Kürschner in Aufbewahrung 
gelegen war. Ich hatte mich gesträubt, denn ein unbestimmtes 
Gefühl sagte mir, daß bei Neuschnee die Pelzdiebe aus der 
Erde schießen, während die Schneeschaufler nichts zu tun 
bekommen, weil die Kommune die Konkurrenz des Tauwetters be- 
günstigt. Aber wiewohl dieses schon eingetreten war, setzte die Frau 
ihren Willen durch, und richtig, eine halbe Stunde später war der 
Pelz gestohlen. Nun ist mir nichts peinlicher als lange Aus- 
einandersetzungen über Dinge, die mit der Wirtschaft zusammen- 



— 62 



hängen, und so hatte ich, nachdem das Unglück geschehen war, 
nur die eine Sorge: Wie sage ichs meiner Bedienerin? Es gab 
eine lebhafte Szene und ich bekam allerlei zu hören. Denn das Herz 
der Frauen hängt an irdischem Tand und sie können sich auch von 
fremdem Besitz nur schwer trennen, während ich mich erleichtert 
fühlte, als ich bei Tauwetter ohne Pelz das Kaffeehaus verlassen konnte. 
Überhaupt hatte mich der Verlust des Pelzes kalt gelassen, und was 
mir naheging, war nur der Verlust meiner Ruhe. Daß ich im 
Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand, daß ich in Wien 
über Nacht berühmt war und daß die Leute mit Fingern auf mich 
zeigten: »Dort geht er<, >Kennst ihn?«, »Aber ja, Biber«, 
>Er hat ihn effektiv nicht gekriegt< — das härmte mich, das fraß 
an mir wie Motten an einem Pelz, der einem nicht gestohlen 
wurde. Ich beschloß, die Straße zu meiden, bis ich das Gras über die 
Sache wachsen hörte. Aber als ich nach einer Woche mich behutsam 
in das Stammlokal wagte und den Weg von hinten nahm, da trat 
mir die Toilettefrau entgegen und sagte: »Mir hats furchtbar leid 
getan !< Als ich hineinkam, waren aller Augen auf mich und 
meinen Überrock gerichtet und als ich diesen an den Kleiderstock 
hängte, riefs aus einem Winkel : »Aber jetzt heißt's doppelt vorsichtig 
sein!« Und aus dem andern Winkel: »Ja, durch Schaden wird man 
klug«. Als ein Kellner dazwischentrat und sagte: »Aber der Herr 
gibt ja so wie so acht«, rief eine Stimme aus dem Spielzimmer: 
»A gebrenntes Kind fürchtet das Feuer!« Der Kellner sagte: 
»Wann i nur amal so einen derwischen könnt, den — «. Ich zahlte 
sofort und nahm mir vor, das Lokal nur mehr des Nachts zu 
besuchen, wenn ein anderes Publikum da wäre. Kaum hatte 
ich unter veränderten Umständen Platz genommen, so drehte sich 
ein englischer Trainer zu mir herum, schob seinen Sessel vor und 
begann, die Arme auf die Lehne gestützt: »Einmal mir ist gestohlen 
ein Pferdedecke...« Ich sah, daß mein Erlebnis über das Mit- 
teilungsbedürfnis der Wiener Bevölkerung hinaus dem internationalen 
Interesse entgegenkam. Ich fürchtete, daß hier die Hebung des 
Fremdenverkehrs ansetzen könnte. Ich schloß mich ein, und ich 
zeigte mich nicht eher, als bis mir die heiße Jahreszeit jede Ge- 
dankenverbindung mit einem Pelz auszuschließen schien. Da aber 
mußte ich es erleben, daß ein Mohr auf mich zutrat, der so perfekt 
deutsch sprach, daß er mich fragen konnte, ob ich damals meinen 
Pelz wiederbekommen hätte. Ich suchte ein anderes Lokal auf. 



— 63 — 



essen Besitzer mich aber nicht nur durch seinen Gruß belästigte, 
tndem auch mit den Worten ansprach: >Bei uns wird Ihnen 
las nicht passieren !< 

Ich erkannte, daß es kein Zurück mehr gab. Denn 
hier war ein Wiener Problem geh>oren. Hier war ein- 
mal eine Tatsache, die einen so plausiblen Reiz, eine so 
unmittelbare Popularität hatte, daß keine Rücksicht auf den 
Menschen, der von ihr betroffen wurde, die Leute fernhalten konnte. 
Hier war eine Solidarität hergestellt durch die in ihrer Einfachheit 
verblüffende lirkenntnis: daß das jedem von uns passieren kann! 
Ich war in den Ring einer Gemeinsamkeit gezogen, die mir den 
Pelz bewachte, der mir gestohlen war, und die mir mit ihren 
zudringlichen Blicken das Maß für einen neuen zu nehmen schien. 
Jetzt mußte sich nur noch die Steuerbehörde für den Fall interessieren, 
die ja bald erhoben haben konnte, daß ich in den Verhältnissen 
bin, einen Pelz besessen zu haben. Ich begann den Dieb 
zu beneiden. Nicht weil er den Pelz hatte, sondern weil man 
ihm nicht draufgekommen war; weil er auf freiem Fuße leben 
konnte, während es hinter mir »Aufhalten!« schrie und ich wie ein 
erwischter Bestohlener von der Dummheit eskortiert wurde . . . 
Ich beschloß, mich aus dem Privatleben zurückzuziehen. Mir 
war eine Hoffnung geblieben. Daß es mir durch die Heraus- 
gabe eines neuen Buches gelingen werde, mich den Wienern 
in Vergessenheit zu bringen. 

Selbstanzeige 

In der nächsten Zeit wird >Die chinesische 
Mauer« im Verlage Albert Langen, München, er- 
scheinen. Das Buch wird 464 Seiten stark sein und 
die folgenden Arbeiten enthalten: 



Prozeß Veith 
Der Sündenpfuhl 
Die Hundsgrotte 
Das Ehrenkreuz 
Maximilian Harden Eine 

Erledigung 
Die Forum-Szene 
Die deutsche Schmach 
Der eiserne Besen 



Messina 
Politik 

Der Hanswurst 
Ö. G. Z. B. D. G. 
Fahrende Sänger 
Die Musik- und Theater- 
ausstellung 
Das Erdbeben 



— 64 — 



Girardi 

Grimassen über Kultur 
und Bühne 

Menschenwürde 

Der Festzug 

Lob der verkehrten Le- 
bensweise 

Jubel und Jammer 

Die Malerischen 

Von den Sehenswürdig- 
keiten 

Peter Altenberg 

Selbstbespiegelung 

Der Fortschritt 

Reformen 

Über die Jungfrauschaft 
(Von Shakespeare) 



Die weiße Kultur oder: 
Warum in die Ferne 
schweifen? 

Die Memoiren der Odilon 

Die Schuldigkeit 

Weihnacht 

Schrecken der Unsterb- 
lichkeit 

Von den Gesichtern 

Bekannte aus dem Va- 
riete 

Der Biberpelz 

Die Welt der Plakate 

Die Entdeckung des Nord- 
pols 

Die Mütter 

Die chinesische Mauer 



Die Umarbeitung, Zusammenstellung und Korrektur 
der Aufsätze dauerte von August 1909 bis Juni 1910. 

Für Leser, deren stoffliches Interesse schon durch 
die Lektüre der Aufsätze in der ,Fackel' befriedigt 
wurde, ist diese Arbeit nicht bestimmt. Sie würden 
keinen Unterschied merken. 

Die »Chinesische Mauer« ist — nach »Sittlichkeit 
und Kriminalität« und »Sprüche und Widersprüche« — 
der dritte Band der Ausgewählten Schriften. Die oft 
verschobene Herausgabe von »Kultur und Presse« dürfte 
zu Beginn des nächsten Jahres erfolgen. Vorläufig 
werden zwei Bände diesen Titel führen. Ihnen folgen 
— soweit die Buchmöglichkeit der Publikationen von 
elf Jahren reicht — ein Band polemischer Aufsätze, zwei 
Bände Glossen und ein Aphorismenbuch. Hoffenthch 
ermöglicht mir die wachsende Verständnislosigkeit 
des Publikums, mich bald in Ruhe und ungestört von 
periodischer Verpflichtung, der Arbeit an diesen Büchern 
widmen zu können. 



Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Karl Kraus 
Druck von Jahoda & Siegel, Wien, III. Hintere Zollamtsstraße 3. 



i 



IM ERSCHEINEN: 



<ARL KRAVS 
3IE CHINESI- 
SCHE MAVER 



ALBERT LANGEN, München 



FTET M 6.-, IN LEINEN GE^UNDEV M 7.50, IN HALBFRANZ LIEBHABER- 
D M 10.-. BES- ^ DER VERLAG ALBERT LANGEN, 

FM KAULBACHS :....„.„ ,. . ._ JEDE BUCHHANDLUNG ENTGEGEN 



DER STURM 

WOCHENSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE 
HERAUSGEGEBEN von HERWARTH WALDBN 

'™''rnÄiW%"'Ä - Jahresbezug: K 5.- Halbiahrsbezug: K 2.5 

Vierteljahrsbezug: K 1.25 
Probenummern kostenlos darch den Verlag D£R STÜRM, Halen^^^^^^ 
Katharinenstraße 5. - DER STURM hegt m den Tabak -Trafiken auf. 
In Nr. 12 waren enthalten: 

eine Zeichnung von Oskar Kokoschka: Karl Kraus 
ein Essay von Els e Lasker-Schüler : Karl Kraus 

Ä _j.4.^«.-^«« verlangen vor Drucklegung ihrer Werke im eiget 

A.mjO1^0XI sten Interesse die Konditionen des alten bewahrte 

'*^****^*^ Buchverlags sub C. M^ 410 bei Haasensteli 

& Vogler A.-Q., Lei pzig H. 4200 d. 

Unternehmen für Zeitungsausschnitte 

OBSERVER, Wl6fl, I. Coacordl&plaU Hr. 4 (Telepüoa Sr. im 
versendet Zeitungsausschnitte über jedes gewünschte Thema.Mati verlange Prospekl 

Herausgeber KARL KRAUS ,„^„„„„__ 

erscheint in zwangloser Folge BEZUOSBEDINÖUNaEN : 

Für Österreich-Ungarn: 18 Nummern, portofrei K 4.50 

36 „ r, Mk 4- 

Für das deutsche Reich: 18 „ » aik.^. 



36 r " .....; 7.25 

Da» Abonnament erstreckt sich nicht aaf einen Zeitraum «""-<'"■" »tTf «Ine bestimmte ÄBiahl von Huwmem 

EInzBlheft in Österreich 30 Heller, in Deulschland 30 Pfennig 

Doppelnummer in Österreicii 60 Heller, in Deutschland 50 Pfennig 

Zu beziehen durch sämtliche Buchhandlungen 

Berliner Bureau: Halensee, Ka tharinenstraße 5 

INHALT der vorigen Poppelnummer 303/304, 31. Mai 1910: 
KARL KRAUS: Glossen / FRANZ GRILLPARZER: Dem 
internationalen Preßkongreß / OTTO STOESSL: Dieter 
und der Beamtensohn / GRETE WOLF: Der Ejwartungs- 
lose / BERTHOLD VIERTEL: Pferderennen / Meme Wiener 
Vorlesung / KARL KRAUS : Philosophen 

u .w.. ..^A ..o..«(«rnr«iirViPr Rpdikietir Ktfl Kfaus 



.\s. 307/308 22. SEPTEMBER 1910 XII. JAHR 



FACKEL 




HERAUSGEBER 



KARL KRAUS 



vHALT: 



THOLD VIERTEL: Sonntag Abend in der Großs M 

: ^ '^" ^"^UEL LI '^'" ^ des 

. .,.,_.US: De., : i 

AUS: Der Traum ein \ 



NACHDRUCK VERBOTEN 

PREIS DER DOPPELNUMMER 60 HELLER 
ERSCHEINT IN ZWANGLOSER FOLGE 



,DIE FACKE BERLIN 

W. RE ZOLI SE 3 :N Nr. 187 

BE.vx,.x,^i. ^L,REAU: ^ KATH.-^. ,. TRASSE 5 



IN VORBEREITUNG: 



Verlag ALBERT LANGEN 

KARL KRAUS: 
Heine und die Folgen 



(Dieser Essay wurde vom Autor am 3. Mai und am 3. Juni 
in Wien zur Vorlesung gebracht.) 



Peter Altenberg, 

der viele Monate mit einem schweren Nervenleiden ge- 
kämpft hat, ist jetzt wieder genesen. Die nächsten Freunde 
des Dichters haben ihm die Kosten seiner Krankheit 
nach Möglichkeit zu erleichtern gesucht, aber die noch 
lange Zeit notwendige Pflege erfordert bedeutend mehr 
Mittel, als im kleinen Kreise zusammenkommen können. ^ 
Sie bitten deshalb, daß auch Andere mit dazu helfen 
mögen, dem Dichter die wiedergewonnene Gesundheit zu 
erhalten und das weitere sorgenvolle Leben zu- erleichtern. 
Die Spenden wolle man an Peter Altenberg-, Wien, 
I. Wallnerstraße 17 gelangen lassen. Die Zeitschrift 
Neue Rundschau, Berlin, wird darüber öffentlich quittieren 

Diese Bitte wird befürwortet von: 
Richard DehmeljH^mburg-Blankenese; Alexander Girard1,Wi* 
Ludwig Thoma, Rottach am Tegernsee; Hermann Hesse, Galt n- 
.hofen, Schweiz; Alfred Kerr, Berlin-Grunewald; Gabriele Reuter, 
Aeschi bei Bern; Hugo v. Hofmannsthal, RIcliard Schaulial, 
Egon Frieden, Hermann Bahfj I^rof. Josef Hof mann, Wien; 
Prof. C. O. Czesclilta, Hamburg; Prof.. Emil Orlik, Dr. Wiltielm 
Sternberg, Max Reinhardt, Verleger S. Fischer, Berlin; e^^ 



DIE FACKEL 



Nr. 307 '308 22. SEPTEMBER 1910 XILJAHR 



^[Rhythmus eines österreichischen Sommers 
Von Karl Kraus 

Der Neuen Freien Presse war es gelungen, zum Kaiserjubiläum 
sich der Mitarbeit der ältesten und angesehensten Persönlichkeiten 
zu versichern, und zwar des Grafen Paar, des Freiherm von Bolfras, 
des Freiherm von Czedik und des alten Homer. Gegen die Mit- 
arbeit des letztgenannten Herrn, die anonym geblieben ist, wäre 
nicht viel einzuwenden. Zuweilen mauschelt selbst der alte Homer, 
und daß ihm in diesen dekrepiden Zeitläuften nichts übrig blieb, 
als in der Reportage unterzuschlüpfen, ist weniger sträflich als 
bedauernswert. Daß er mitgetan hat, wird er nicht gut leugnen 
können. Das Epos, das er gedrahtet hat, enthält mehr Epitheta 
ornantia, als er in seinen besten Tagen herzugeben imstande war, 
das homerische Qeläch'cr, das sich im Ischler Telegraphenamt 
erhob, hätte ihn beinahe der Nachwelt verraten und es fehlte nicht 
viel, so hätte sich in den Kreisen der Ischler Kurgäste das Gerücht 
verbreitet, die Ilias sei vom alten Hirsch. 

Er fühlte sich nämlich außerstande, bei so festlicher Gelegenheit 
Isc|;il Ischlsein zu lassen, sondern depeschierte, es sei die bergversunkene 
Traunstadt, es sei die waldrauschende, bergummauerte Salzstadt, und 
er ließ sichÄ)gar dazu hinreißen, es baumverborgen und erdfern zu 
nennen. An solchem Tage aber gilt es, alles, was Menschen- 
händen erreichbar ist, mit schmückenden Beiwörtern zu versehen, 
damit die Hofequipagen ein Vergnügen haben, wenn sie durch 
die menschenbevölkerten Gassen jagen, vorbei an der erwartungs- 
frohen, schaulustigen Menge, an den Häusern, die noch die Zeiten 
der Postkutsche gesehen haben, die breitmassigen Wagen mit den 
dickspeichigen Rädern, dem nimmermüden Postillon, der des 
erreichten Wegzieles froh . . . (Hier erlaubte sich der Telegraphen- 
beamte die Frage, ob es nicht sicherer wäre, so wichtige Mit- 



— 2 



teilungen als dringendes Telegramm aufzugeben.) Das Hotel 
Elisabeth (der alte Homer war der Anregung gefolgt), das Hotel 
Elisabeth also, vordem Hotel Talachini nach einem unternehmungs- 
lustigen italienischen Baumeister benannt, habe ein Stiegenhaus, 
mit gebälkbelasteten Säulen und dicke Teppiche schonen den 
wegmüden Fuß. Das Empfangszimmer mündet in einen Balkon, 
der über die Front des Gebäudes vorspringt. (Hier erlaubte sich 
der Telegraphenbeamte die Frage, warum der beliebte Alkoven, der 
doch auch hinter die Hinterwand zurückreiche, nicht berück- 
sichtigt werde. Der alte Homer verwies darauf, daß ihn der 
wirtschaftskundige Benedikt zu gehaltvoller Kürze ermahnt habe.) 
Hier also standen im August des Jahres 1864 zwei hochragende 
Männer in stilles Betrachten versunken . . . Die Welt der Berge 
und Wälder ist heute dieselbe wie damals, das Feld- und Wiesen- 
gezirpe traulich und ländlich gestimmt wie einst, nur die Zeit und 
die Menschen, die in und mit ihr leben, sind andere geworden. 
(Hier erlaubte sich der Telegraphenbeamte die Erinnerung, daß 
wir seit damals ein Telephon bekommen haben, das sich für die 
Aufnahme besonders aktueller Mitteilungen besser empfehle als 
der veraltete Telegraph. Der alte Homer ging sogleich in 
die Zelle und >blies«, dem Aeolus gleich, das nun Folgende dem 
Redakteur des lokalen Teils 'Aߣ>//]c ins Ohr) Große Toiletten 
werden aus mächtigen Koffern hervorgeholt . . . Große Rührigkeit 
herrscht in den fahnenbelebten Häusern und man sieht überall 
kugelrunde Lampions mit Sinnsprüchen und Initialen, die erst 
nach Einbruch der Dunkelheit die Rätsel ihrer Ziffern und Buch- 
staben enthüllen werden. Außerdem gibt es blumenumrankte 
Vasen, in denen schlanke Kerzen vor dem Sonnenlicht sich scheu 
verbergen, und Reisiggirlanden, die schlangengleich entlang der 
Mauer sich winden, und auf den himmelnächsten Dächern die 
Jahreszahlen 1830 und 1910. Im Kurpark spielt die Musik soeben 
ein zu Gemüt gehendes Lied und der Kapellmeister lüftet lächelnd 
seinen Zylinder. Womit er für den freundlich zustimmenden 
Applaus danken will. Durch die lauschigen bewipfelten Gänge 
flutet die feiertäglich gekleidete Menge. (Dös san ja Reim ! rief da 
eine Stimme in Linz dazwischen. Herr Kontrollor, Herr Kontrollor, 
wir sind unterbrochen, hier Neie Press . . . Wer dort? . . . 
Was heißt wer? Der Homer!) Die blumenleuchtenden Anlagen werden 
durch niedliche Pyramiden, . die bunte Wipfel tragen, eingerahmt, 



3 — 



das geräumige Vestibül zu einem Blumenhain umgewandelt, und 
in die langgestreckten Säle entladen bauchige Hofmöbelvragen, 
die diskret hinter dem Gebäude stehen, ihre Schätze ... Zu Füßen 
des Kaisers liegt das sonnenschläfrige Tal mit den Erinnerungen 
an die blumenselige Zeit seiner Jugend. Über die farbenver- 
blassenden Wälder geht der erste mahnende Gruß der Dämmerung, 
der graue Gewaltige an der steirischen Grenze hüllt sich in Nebel- 
schwaden . . . Der Mond geht langsam auf und vorsichtig schleicht er 
zwischen den blassen Lichtern der Sterne, als fürchte er sich, seiner 
Rivalin, der Sonne zu begegnen . . . Die Sterne verstecken sich diskret 
hinter Wolkenwänden, um die Illumination nicht zu stören . . . 
Über die fernen Berge tanzen glitzernde Strahlenbündel in das 
lichtrauschige Tal . . . Vor wenigen Jahren noch stand in Be- 
trachtung eines ähnlichen Feuerwerkes versunken neben ihm König 
Eduard von England. So schreitet die Zeit unbekümmert um das 
Wollen und Hoffen des Einzelnen unrastvoll weiter und läßt sich 
keine Sekunde entrinnen. (Sprechen Sie weiter? ruft die Zentrale. 
Was unterbrechen Sie mich? antwortet Homer.) Ein staubbedecktes 
Automobil rast über die Elisabethbrücke. (»Rast, Herr KoUega, 
oder reist ?< >Rast, rast.« »Also reist, ich versteh . . .«) 
Annunziata ... so groß ist die Menge der Gepäcksstücke, der 
Koffer, Hutschachteln und Körbe . . . Und wieder ein Automobil . . . 
Und noch ein Automobil . . . Hotelier Seeauer . . . Ansprache . . . 
begab sich . . . fröhliche Kindergesichter . . . zwanglos . . . be- 
gaben sich . . . Ischler Feuerwehr mit Stricken die Pfarrgasse ab- 
sperren mußte, um die Passage freizuhalten (»Um die Bagage 
fernzuhalten ?< »Aber nein — Fräulein, es muß eine Störung sein.«) 
Eine Märchenpracht sondergleichen, eine Verschwendung an Luxus 
und Herrlichkeit, ein bedrückender, den Atem beklemmender 
Duft . . . Eisenbahnwaggons mit Blumen sind aus Wien nach Ischl 
dirigiert worden . . . Geblendet von der Pracht und dem Glänze . . . 
wird von seinem Platze aus durch die Fenster des Kursaales auf den 
bewaldeten Abhang der Hohen Schrott blicken (»Fräulein, man 
versteht schlecht I<) ... Im Theater war alles, was Ischl an glanzvollen 
Namen hat, versammelt . . . Man bemerkte Dr. Emil Frischauer . . . 
Salo Kohn . . . Königin Nacht senkt ihre Schwingen herab ... In 
der Pfarrgasse wogt die Menge. (»Was heißt das? Wogt sie oder 
wogt sie nicht weiterzugehen wegen der Stricke?« »Sie wogt.«) 
Tosende Rufe (»Was, so viel?« »Nein tosend« »Neuntausend, 



_ 4 — 



ich versteh . . .«) Fefttagsschmuck angelegt ... die Villa der 
Frau Dr. Löwy . . . Man müßte die ganze Kurliste abschreiben, 
um die Namen . . . Die ganze Stadt glich einem Flammen- 
meer aus Lampen und Lichtern (»Lumpen und Gelichter, 
ich versteh . . .«) Kronen und Ziffern (> Feuilleton von Zifferer 
bringen wir darüber nicht. Er hat doch erst über Nietzsche 
geschrieben, haben Sie gelesen? Gediegen, was?) Durch die Hohe 
Schrott waren Flammenbündel gezogen, die einen Kronreif dar- 
stellten . . . Tosende Glühkörper. (»Was, eine Explosion? Wer ist 
verunglückt?« »Aber ich sag doch tausende.< »Schrecklich !<...) 
Ein neues Lebensjahr hat für den Monarchen begonnen 
und die Zeit schreitet weiter und er mit ihr ... 
(Das Amt wird gesperrt. Fortsetzung am nächsten Morgen.) 
Ischl ist eine Stadt der Frühaufsteher. Früh zu Bett und früh 
heraus, lautet die Kurregel. Heute fällt es so manchem schwer. 
Während sonst (der Telephondraht beginnt sich zu winden) Papa 
und Mama die schwärmerische Tochter schon um 9 Uhr abends 
zum Schlafengehen rufen, ist es gestern Mitternacht geworden, ehe 
all die Kleinen und die Großen ... Bei der Trenkelbachschmiede, 
unweit der Kaiservilla, dort, wo die Ischl über den Weg stolpernd, 
in ihrem Machtbereiche eine kleine, sanft gebaute Insel dulden 
muß . . . Die Pfarrkirche ist ein Werk der großen Kaiserin 
Maria Theresia. (»Hailoh, hailoh! Ist die Information verläßlich?«) 
Die Kaiserin ließ sie Ende der Sechzigerjahre des achtzehnten 
Jahrhunderts erbauen (. . . »Fürs Abendblatt, Abeles, selbst- 
verständlich!«) . . . begibt sich . . . Während die Fürstin 
Elisabeth einen mächtigen Strauß Rosen und Nelken . . . , 
hatte die Gräfin Seefried ein mächtiges Gewinde von rosa 
Rosen . . . verweilten . . . zogen sich zurück . . . Absteig- 
quartier . . . Strickewerden von der Feuerwehr , . .Automobile rasen . . . 
Um zehn Uhr begannen sich die Neugierigen, die auf den Kirchen- 
besuch verzichten und nur die Auffahrt der Erzherzoge und Erz- 
herzoginnen sehen wollen, zu drängen und zu stoßen (»Sie, 
ob das nicht zu scharf sein wird gegen die Kurgäste?«) . . . Nur den 
Anordnungen des Polizeioberkommissärs Bleierl gelang es . . . Spitzen 
der Behörden . . . Geheimnisvolle Dämmerung breitet sich über die 
kirchliche Handlung . . . Der Chor antwortet, und immer wieder 
Frage und Antwort, weihrauchgedämpft und mystisch dunkel 
wie die ewige bange Frage nach der Ewigkeit. (»Und die 



Antwort?« >Welche Antwort?«) Erst leise, dann mächtig an- 
schwellend zu Tönen, die wie Donnerkeile das verheißungserapfäng- 
liche Gemüt treffen und wieder sanft verklingen wie ein heimlich 
süßes Lied aus Weltenweiten. Ite missa est. (>Woher haben Sie das?< 
»Ich hab mit dem Hrdlitschka vom Vaterland Kartell gemacht, dafür 
sag' ich ihm, wer imTheater war«) . . . trug eine hellblaue Libert)Tobe 
mit maisgelbem Tüll voiliert und reich gestickter Tunique. (»Woher 
haben Sie das?« >Ich hab mit der Merores vom Fremdenblatt 
Kartell gemacht, dafür geb ich ihr die Stimmung von der Kirchen- 
musik«) . . . kleines Dejeuner . . . Kratochwil . . . Feuerwehr mit 
Stricken , , . Oaladiner , . . Menschenauflauf, wie er in der sonst still- 
versonnenen Traunstadt selten . . . Die Seiten und das Geschirr 
der stolzen Schimmelhengste sehen aus, als wollten sie sich bei 
einer Blumenkorsofahrt den ersten Preis sichern . . . Frack und 
Zylinder führen ein wenig bemerktes Oasendasein . . . Marschalls- 
tafel . . . Das Menü lautete . . . Bolfras . . . begab sich . . . l)egaben sich 
. . . besichtigten . . . zogen sich zurück . . . Vergnügimgskomitee . . . 
Koriandoli . . . Eine Schar jugendfrischer Damen waltete . . . Fritzi 
Margulies . . . Nun ist der Kaiser wieder in seinem traulich stillen 
Heim. Als Achtzigjähriger rauschende Feste mitmachen und im 
Mittelpunkte von Kundgebungen zu sein, die eines Jüngeren Kräfte 

in hohem Grade absorbieren, ist keine Kleinigkeit. 

Smirschitz, Rzeszöw, Kolozsvär, 
Schichowitz, Jassy, Arad und Auspitz, 
während sich sieben Städte streiten, Homers Geburtsort zu sein, 
ist die Frage, ob die Mitarbeit der Generaladjutanten des Kaisers 
an der Neuen Freien Presse zulässig sei, längst und endgiltig ent- 
schieden. Die Mitarbeit der Generaladjutanten des Kaisers an der 
Neuen Freien Presse, das Auftreten eines Generals der Kavallerie 
und eines Generals der Infanterie in einem Kreise von Leuten, die 
bei der Waffe dienen, ist nicht zulässig, und daß am Geburtstage 
des Kaisers seine Begleiter, Geheimen Räte und Chefs seiner Militär- 
kanzlei ihre Glückwünsche bei Herrn Moriz Benedikt deponieren, ist 
gewiß der stärkste Beweis der Verwahrlosung dieses österreichischen 
Habitus, dem auf jedes Loch der Würde längst ein gelber Fleck 
gesetzt ist. Man weiß ja, daß die Vorurteile dieses allerunwahrschein- 
lichsten Staatswesens sich mit einer Aversion der Greisler gegen 
die Hausierer abfinden lassen, nachdem die »Spitzen« — diese 
tolerante Bagage, deren Gehaben so widerlich ist wie das Wort, 



— 6 



das sie bezeichnet — sich durch alle Concordiabälle und alle 
Tandelmärkte der öffentlichen Meinung und alle Jours des Freisinns 
glücklich durchprostituiert haben. Daß zwischen Juden und 
Beim Judenfressern eine Verständigung erzielt ist, man spürt es aus 
jeder Zeile jener Presse, deren Aufgabe es ist, zu sagen, wer dabei 
war. Das dankt man ihr, die durch die objektive Fütterung der 
niedrigsten Triebe ein bürgerliches Versöhnungswerk vollbracht 
hat. In einem wilden Staatswesen, in dem nur durch Gemein- 
heit zur Einheit zu gelangen ist, mußte es so weit kommen, 
daß sich Persönlichkeiten, die stolz darauf sind, Träger der 
Interessengegensätze zu sein, unter dem Palladium einer Gauner- 
presse vereinigen, die es ihnen bei jeder Gelegenheit attestiert. 
Dieses ganze Staatsleben ist ein Privatleben und die Presse ist 
sein Katalog. Malerisch wie so ein österreichischer Kurorte- 
bahnhof, wo Schmock und Pfaff und Hofrat und Coupletsänger 
und Konsul und Hautarzt und Betriebsleiter einander ins Gesicht 
Hab die Ehre sagen und hinter dem Rücken hineinkriechen, 
wo die Züge zu spät, aber immer noch früh genug kommen, um 
einen die Reformtaten des Herrn v. Czedik beklagen zu lassen, 
so malerisch ist dieses ganze Land, in dem die Interessengegensätze 
durch Unaufrichtigkeit ausgeglichen werden, der >Pallawatsch< — ein 
Wort, das allein zur Auswanderung zwingt — eine Abwechslung 
bedeutet und die Wartezeit bis zum Zerfall durch eine gemütvolle 
Ansprache ausgefüllt wird. Und über allem die Aussicht, vom 
Hirsch bemerkt und im Morgenblatt genannt zu werden. Sei's 
weil man im Ischler Theater war, sei's weil man keine Cholera 
bekommen hat, weil man zwar nicht der erste, aber sicher einer 
der ersten war, die eine Visitkarte auf dem Heine-Grab nieder- 
gelegt haben, weil man dabei war, wie einer dabei war, 
wie der kleine Korngold entdeckt wurde, oder weil man in 
die Fideikommisbibliothek eingereiht wird, oder weil man die 
Gräfin Lonyay in Maria Schutz gesehen hat, oder war's ein 
goldner Vogel oder ein Ammonshorn, das man dem Herrn 
vom lokalen Teil geschenkt hat: man kommt hinein! Und 
das Entsetzliche, daß diese Gesellschaft, die sich sicher bei 
der >Klabriaspartie« famos unterhält, aber noch nie — 
das ist ein Problem — ihr eigenes Mauscheln gehört hat, 
das dreimal Entsetzliche, daß sie nicht spürt, wie dieser berg- 
hoch getürmte Tatsachenmist den Atem der Kultur beklemmt. 



Die einen nicht und nicht die andern. Daß sie den Ekel der Er- 
eignisse nicht spüren, an denen schon, ehe sie geboren sind, der 
Mißduft dieser journalistischen Phraseologie haftet, daß sie im 
unzerstörten Glauben an eine Allmacht, die die Welt aus Drucker- 
schwärze formt, die widerliche Visage des Schöpfers nicht erken- 
nen, der bald im Ton eines Tempeldieners das Aufgebot fürst- 
licher Paare verkündet, bald im Ton eines Servierkellners von 
politischen Verwicklungen erzählt, wie ein Verteidiger in Straf- 
sachen die Natur verherrlicht und wie ein Friseur von mensch- 
lichen Dingen spricht. Daß ihnen diese ganze abscheuliche 
Nomenklatur nicht den Wunsch weckt, die Welt, die von solchem 
Ungeziefer regiert wird, in Trümmer gehen zu sehen, sondern 
daß sie sich erst behaglich fühlen, seitdem es so etwas gibt! Jede 
Durchlaucht ist ein Parvenü und jeder Ratenhändler hat Tradition. 
Herablassung und Streberei kommen einander auf halbem Weg ent- 
gegen. In diesem illuminierten Trödlerladen nimmt sich jeder was 
er sieht. 

Vielleicht ist es nur ein Ausgleich, auf den sich eine Würde 
einläßt, die ihre Hinfälligkeit in allen Knochen spürt. Aber dann 
fragt man sich vergebens, warum man den stillen Wohltätern der 
Menschheit, die heute unbedankt in den Redaktionen sitzen, nicht 
auch jenen Rang im Staate gibt, dessen sich die andern unwürdig 
erweisen. Ein freisinniger Benedikt, der das hundertmal alier- 
untertänigste Gestammel eines Generaladjutanten druckt, ist doch 
eine echtere Schranze als eine, die ihre Gefühle der Publizität 
des Herrn Benedikt preisgibt. Dieser, dem es bisher nur gelungen 
war, Hoflieferanten und Universitätsprofessoren zu Paaren zu 
treiben, kann heute, wo er die obersten Hofchargen in Freiheit 
vorführt, die dynastischen Gefühle, die durch sein Sprachrohr 
gleiten, für sich abfangen. »Kinderl«, rief der Kapitän eines Schiffes, 
das in diesem österreichischen Sommer, in diesem Sommer der 
Brände und Feuerwerke, des Jubels und des Jammers glücklich 
heimfand, »Kinder, ihr könnt wahrlich der göttlichen Vorsehung 
danken, daß ihr euem Vater wieder umarmen könnt I< Da trat 
nach einer Pause »unser Berichterstatter an den heldenmütigen 
Kapitän heran und drückte ihm über seine tapfere und mannhafte 
Haltung sowie über den Mut der Offiziere und der Mannschaft 
die Bewunderung des Neuen Wiener Tagblatts aus«. 



Auf Kains Pfaden 

Von Stanislaw Przybyszewski 

Weit hinter ihnen stand in Flammen ihr Paradies. 

Als wäre die Sonne gesprungen! Es barsten die 
Reifen, die gräßliche Glut überschwemmte den Himmel, 
kochte über, schäumte in wüstem Gischt, troff von der 
Himmelskuppel in sprühendem Feuerregen, und tief 
bis hinauf über die Mittagssonne fraßen blutige Feuer- 
zungen am schwarzen Abgrund der Nacht. 

Und angekauert an einen Felsen, der als letzter 
Zeuge der Sintflut geblieben war, saß der Mann und 
zu seinen Füßen lag ohnmächtig das Weib. 

Lange starrte er hin in die kochende Himmels- 
wut, raffte das Weib vom Boden auf. Wie eine Schlange 
kroch er an die Tore des verlorenen Paradieses, seine 
Augen zerrissen das Dunkel der Nacht, er weitete seine 
Seele aus zu der Allmacht der ersten Sonne, welche 
die Gewalt des Schöpfers überstieg — sie war es, die 
Gott aus dem Nichts hervorgerufen — und mit der 
Sintflut des Feuers sich über die tote Öde des Lebens 
ergossen hat. 

Und in dieser blutigen Feuersbrunst — ihr Haar, wie 
ein Strom von flüssigem Gold, wie flammende Boten 
der aufgehenden Sonne, und in der brünstigen Lohe 
des Himmels — ihr Antlitz wie eine Rose, erblüht in 
dem Glanz des Frühlichtes — so still — so rein — so 
wunderhell .... 

Vergebens, vergebens! 

Er weitete seine Seele aus in dem uferlosen 
Ozean der urewigen Einsamkeit, der Dämmerung und 
des Dunkels, da noch das Land vom Meer nicht 
geschieden ward, da noch im Chaos der Anfang in 
tollen Wirbeln kreiste, in wilder Verzweiflung und 
einem Orkan des Verlangens, um sich zu offenbaren. 

Für sie richtete er aus dem Blau des Himmels 
ihr Ruhebett, ihr Aufwachen grüßte er mit der Pracht 
des Sonnenaufgangs, und wenn er sie in den Schlaf 
einlullte, wob er sie hinein in den Zauber des 



I 



— 9 



dämmernden Dunkels, in die Lichtwunder der Nacht, 
in die schwarze Trauer irrsinnigen Rausches! 

Vergebens, vergebens! 

In rasei.der Wut verstieg sich seine Kraft zu der 
Macht Gottes, der das Leben erschuf, und jeglichem 
Getier das Leben lieh, thronte über den Gebirgsketten 
und zerriß den Himmel zu Fetzen, ergoß sich über die 
Sterne und ließ aus dem Himmel nnd seinen Milliarden 
von Lichtern ein funkelndes Spielzeug erstehen. 

Vergebens, vergebens! 

Ihr Gesicht blaßte ab, verstummte, fror 

Ihre Augen, keuchend vor Angst, weitgeöffnet in töt- 
lichem Schreck, starrten irr in die wüste Tollwut des 
brennenden Paradieses. 

— Siehst Du ihn? flüsterte sie mit blutleeren 
Lippen. 

Wie vom Blitz getroffen, schlössen sich seine 
Augen, denn die Lohe, die von dem Schwerte 
des Erzengels schlug, machte sein Augenlicht blind, 
sein Kopf sank tief auf die Brust, eine unfaßbare 
Macht dehnte seinen Körper ins Kreuz und mit furcht- 
barem Stöhnen ächzte seine Brust: 

— Erzengel Du! 

Du der mächtigste in der Engelschar — Du — 
bist Du nur meine Sünde?! 

Du, der Du auf der höchsten Sproße der Himmels- 
leiter stehst, bist Du nichts mehr, als mein Verbrechen ? 

— Laß uns vergessen! Vergessen! schrie das 
Weib. 

— Vergessen?! . . . 

Abel, Abel, warum mußte ich Dich töten? . . . 

Du warst still und süß — sprachst Du zu mir, 
und es war, als möchtest Du um Verzeihung bitten, 
daß Du wagtest, die tiefe Öde meiner Seele zu stören. 

Hast Du meine Hand erfaßt, so war es, als 
hättest Du Angst, in mir unbekannte, für Dich ver- 
borgene, und für mich gräßliche, verbrecherische Kräfte 
zu entfesseln. 



10 — 



Warum hast Du die zur Frau genommen, die 
ich liebte? 

Oh, wie ich mich erinnere, als ich in den stern- 
lichten Nächten mich an Eure Hütte stahl, mit den 
Augen der Seele mich durchfraß durch die dicken 
Häute Eures Nachtlagers und Dich sah, wie er Dich 
in seine Arme schloß und Dich an seine Brust fest- 
drückte, und mit heißen, begehrlichen Lippen die 
mystische Rose Deines Körpers öffnete. 

Und Deine Augen, weit, weit in fremde Ferne 
gerichtet — und Deine Seele in fernloser Weite 
irrend, und Dein Körper fremd, als ob er Dir nicht 
zugehörte. 

Wo lief hinaus Deine Sehnsucht? Um was herum 
schlugen die breiten Flügel Deines Verlangens ihre 
weiten Kreise? Nach wem suchten Deine von Leibes- 
fesseln befreiten Augen? 

Ich besinne mich nicht, welche Schmerzensglut 
mir die Seele eingeäschert hat, was für ein Wahnsinn 
mein Gehirn wrang, gleichwie ein nasses Tuch 

Ich wollte mich losreißen, und ich konnte mich 
nicht von der Stelle rühren, eine furchtbare Last fiel 
auf mich herab, und mit einem spitzigen Pfahl hat 
mich die Verzweiflung in die Erde eingerammt. 

Und in meiner Seele flüsterte der Satan; 

— Liebe, Du Gotteslamm, das Du alle Sünden 
der Welt tilgst, heiliges Hysopkraut, das Du die Seele 
von allen Vergehen und jeglicher Schuld loswaschest, 
gib mir die Kraft! 

— Du solltest nicht das Weib Deines Nächsten 
begehren! grollt der Zorn Deines Gottes. 

Und das Weib war das Weib meines Bruders! 

Ich zitterte am ganzen Leib wie ein Mensch, dem 
man die fürchterlichsten Folterwerkzeuge vorzeigt 

Liebe, Du allmächtige Gewalt, die Du Gott auf 
den Thron setzest und ihn zu Staub zermalmst — bist 
Du nicht mächtiger als Seine Gesetze? 

Wie lächerlich und klein ist die Liebe als Tugend, 
billig, wie ein Talisman, den man von einem Wander- 



^11^ 

Juden kaufen kann und der vor Krankheiten und 
Unglücksfällen beschützt. 

Wie platt und verächtlich die Liebe, der kein 
Hindernis in die Quere kommt und die die Menschen, 
fromn und treu ringsherum aufgestellt, segnen und 
jegliche Gnadenquelle über ihr öffnen — eines greisen- 
haften Verlangens, einer ruhigen Sättigung, einer 
warmen Speisung und des faulen Ochsenjochs würdig 
ist die Liebe in vollem Sonnenlicht, die Liebe des 
warmen Bettes, das da von jubelnden Hochzeitsjung- 
frauen umstellt ist, die Liebe des ruhigen Schlafes von 
Gerechten und Ordentlichen, die da nur einmal am 
Tage sündigen. 

Oh! in einer anderen, in einer gewaltigeren 
Majestät soll fürwahr die Macht der Liebe einher- 
schreiten! 

Mit einem Haar, das die wüstesten Stürme zer- 
zausen, mit Hohngelächter, gottschänderiscben Flüchen, 
wildem Spottgeschrei allen Gesetzen zuwider auf den 
Lippen, mit Augen, die den Mob zermalmen und ihn 
vor sich auf den Knieen rutschen lassen, und mit 
Händen, die sich nicht scheuen, das Messer hineinzu- 
stechen — wenn auch in den Schoß des Bruders! 

Hier begann mein Herz zu zittern, als wäre es 
mir lebendig aus der Brust gerissen. 

Des Bruders! 

Hart, eisern, unbeugsam! 

Wo der Fuß einer solchen Liebe hintritt, was 
denn, wenn er mit seinen Hufen Menschen zertritt, wie 
einen Ameisenhaufen? wo ihr Wahnsinn aufkreischt, 
was denn, wenn ein Abgrund sich zwischen Brüdern 
und Freunden öffnet, und wo ihr Spieß hinfliegt, was 
denn, wenn er auch in das Herz der eigenen Mutter 
trifft? 

Und was für ein Wunder, wenn der Vulkan in 
der Stunde einer wüsten Orgie mit Lava in den 
Himmel speit, Städte und Dörfer verschüttet und eines 
neuen Lebens trächtige Erde sich in Gebärmutter- 



12 



konvulsionen windet und ihre elende Brut unter den 
Trümmern seines elenden Werkes begräbt? 

Ein Vulkan und ein Erdbeben soll Deine 
Liebe sein: 

Hart, eisern, unbeugsam, unwissend um alle 
Gebote und Gesetze! 

Also sprach der Satan, und freudig stimmte ihm 
meine Seele zu. 

Diese Qual hat meine Seele überwältigt, und als 
ich erwachte, sah ich Dich sitzen auf der Schv'elle des 
Zeltes — Deine Augen starr gerichtet in weiie Ferne, 
und Deine Seele irrend in fernlosen Weiten. Und Dein 
Leib so fremd, so fremd, als ob er Dir nicht zugehörte. 

Vielleicht waren es Augenblicke, vielleicht ganze 
Stunden, und gar volle Tage, die in meinem Gedächtnis 
verschmolzen, ganz so, wie große Erzblöcke in dem 
feurigen Ofen in spritzendem Gischt zur flüssigen 
Masse werden; ich entsinne mich nur, wie Deine Hand 
in der meinen zitterte, wie Dein Herz im Takt mit 
dem meinen schlug, in Tollwut des Verlangens, in 
abgrundlosem Schreck, in zerstörender Angst. 

Und schon streckte ich die Hand, auf daß unter 
der rasenden Sichel meines Wahnsinns die reiche, so 
ersehnte Ernte fiele, da plötzlich: 

Abel! 

Und ich hatte einen Abel in meiner Seele — oh. 
Du mein heißgeliebter Bruder — ich trug ihn in mir, 
wie eine Gotteslade, in der sich das Wunder der 
geheimnisvollsten Sakramente vollzieht, mit den Wurzeln 
des urewigen Seins des Jessy wuchs er in die geheimste 
Tiefe meiner Seele, füllte aus jede Pore meines Daseins, 
und ich habe den Baum aus mir herausgerissen, zer- 
störte den Gottestempel, denn andere und mächtigere 
Gelübde habe ich mit Dir geschlossen, für die noch 
kein Gott ein Sakrament verfügt hat. 

Ich fuhr auf. 

Zu jener Zeit war der Judas in mir noch nicht 
geboren. 



— 13 — 



Meine Seele blutete aus tausend Wunden, denn 
ich habe aus ihr Jessys Wurzeln herausgerissen, meine 
Seele war ein einziger Trümmerhaufen, ein einge- 
äscherter Altar nach der Vollendung des blutigen 
Opfers, und mein Herr und Gott ward Abel .... 

Ich ging an ihn heran und sagte zu ihm: 

— Verzeihe mir, aber ich liebe Deine Aus- 
erwählte, Du wirst sie doch nicht notzüchtigen wollen 
mit Deiner Liebe, da die Flügel ihrer Sehnsucht um 
mich beständig rauschen, und unsere Hände, die sich 
tausendmal verloren, hin und her irrten, endlich sich 
wieder gefunden haben, wie es uns von Uranfang 
bestimmt war. 

Und Dein Gott donnerte und säte seine Blitze 
rings um mich und schrie, daß Du keine anderen 
Götter vor ihm haben sollest. 

Und ich Kain habe den Abel getötet? 

Hart, eisern, unbeugsam. 

Horch Du Gewitter, das Du Bäume aus der Erde 
entwurzelst, was bist Du im Vergleich zu der Hölle, 
die in meiner Seele zu rasen begann?! 

Eherne Trompeten des Jüngsten Gerichtes, was 
ist Euer Heulen gegen den Donner Gottes: 

Kain, Kain — wo ist Dein Bruder!? 

Irgendwo gen den Untergang ergoß sich ein 
furchtbarer Lichtschein, als wäre die Sonne gesprungen ; 
es barsten die Reifen, wie heut, wie heut; die gräßliche 
Glut überschwemmte den Himmel, kochte über, schäumte 
in wüstem Gischt, wie heut, wie heut — troff von der 
Himmelskuppel in sprühendem Feuerregen und tief 
bis hinauf über die Mittagsgrenze fraßen blutige Feuer- 
zungen an dem schwarzen Abgrund der Nacht, wie 
heut, wie heut — und dann erlosch das furchtbare 
Himmelswunder. 

Ich durchlebte Ängste und Qualen, die mir das 
Haar bleichten, der Schreck durchfuhr mich mit furcht- 
barem Zittern, der Atem stockte in meiner Brust: 

In wilder Flucht jagte ich vor mich hin — Schritt 
für Schritt fiel ich über uralte Wurzeln, die über die 



14 — 



Erde ragten, gleich dem Gerippe vorsintflutlichen 
Getiers, das mit dem Pflug aus der Erde heraus- 
geackert wurde: sah ich in die Höhe, da machte mich 
blind der furchtbare Strahl des zürnenden Gottes — 
und wieder fiel ich auf mein Angesicht, und stürzte 
in unermeßliche Abgründe, ohne End, ohne End .... 

Wovor bin ich geflohen und wohin? Wo konnte 
es Rast für meine Füße geben, wo Ruhe für meine 
gräßlichen Gedanken? Wo das Ziel, dem ich zulaufe 
— wo? 

Abel, Abel — Deine furchtbare Rache. Welch 
unendlich süße Erlösung wäre für mich damals der 
Tod gewesen ! Könnte eine Hand zärtlicher liebkosen, 
als der vernichtende Blitzschlag Deiner wütenden 
Keule? 

Verfluchter Henker! Auf Schritt und Tritt hast 
Du den Tod vor meine Augen gesetzt, und weit 
offen hast Du immer noch eine Hintertür gelassen, 
durch die ich in Angst entschlüpfen konnte, meine 
Füße hast Du in verräterische Fangnetze verstrickt, 
um mir, der schon einen tausendfältigen Tod erlitten 
hat, noch in letzter Sekunde den Weg der Rettung 
zu zeigen. 

Nach dem Tod, dem Erlöser, habe ich geschrien 
und Du höhntest: Du wirst leben, in alle Ewigkeit 
wirst Du leben. Nie sollst Du die Abgründe der Qual 
erschöpfen, nie soll es ein Ende für Deine Pein 
geben . . . 

* Der Mann schwieg und zu seinen Füßen schluchzte 
das Weib: 

— Abel, Abel seh' ich vor mir! In sch\yarzen 
Nächten wächst er vor meinen Augen, wie eine furcht- 
bare Feuersäule — meine Seele scheint sich vom 
Körper zu trennen und irrt hinter ihm her auf schwin- 
delnden Gründen, von denen jeder Blick in die Tiefe 
das Hirn in die Hölle versetzt, auf zitternden Sümpfen, 
auf denen jeder Tritt ein offenes Grab ist, auf den 
Friedhöfen der Jahrtausende, aus denen von überall 
her sich mir verzweifelte Arme entgegenrecken, die 



nach Rache schreien und Haß atmen und mit Qualen 
schrecken, die keine Hölle zu ersinnen vermag. Wie 
ein blaßes Gespenst kniet er auf meiner Brust, umfängt 
mich mit eisernen Reifen seiner Arme, würgt mich, 
verpestet mein Blut mit seinem Atem, und versengt 
meine Seele mit seinem furchtbaren Blick bis auf den 
Grund . . . 

Hier umfaßte der Mann das Weib, drückte es an 
seine Brust und flüsterte ihr heiße Liebesworte. 

— Was ist mir Abel gegen das Glück, daß ich 
Dich besessen habe? 

Tausende Abels würde ich töten, wenn man Dich 
mir entreißen wollte. 

Er atmete tief auf und seine Augen verschleierte 
eine endlose Zärtlichkeit: 

— Geliebte! 

Wie flammende Vorboten der aufgehenden Sonne 
— Dein goldenes Haar, wie eine Wunderrose, die da 
erblüht ist in dem Glänze des Mondlichtes — Dein 
Antlitz, so still und so wunderhell ... in Deinen Augen 
schillert meine Seele, mit Deiner vereint, in unfaßbarer 
Macht und GnadenfOlle, und durch unsere ineinander- 
geflochtenen Hände ergießt sich in unsere fiebernden 
Adern in wilder Hast der Strom der Liebe, die da einzig 
allein das Leben bedeutet, seinen Anfang und Ende. 

Du warst süß, wie eine Weintraube in dem Mittag 
des heißen Sommers: gebenedeiet meine Hand, die sie 
gepflückt hat. 

Du warst stolz und unzugänglich wie eine wilde 
Mauerhecke : gebenedeiet die Macht meiner Liebe, vor 
welcher Du weichen mußtest. 

Heilig, heilig mein Liebesverlangen, unter dessen 
Sichel die herrliche Ernte Deines Sommers gefallen ist. 

Und ich Kain, der ich Abel um meiner Liebe 
willen getötet habe, sitze breit und stark auf meinem 
Thron und schreie in die Welt hinaus: 

Ich liebe Dich! 

Man hat mich geschlagen, bespieen, mit Ver- 
achtung und Flüchen gehetzt, auf meine Stirn das 



16 



blutige, nie vernarbende Mal des Verräters und des 
Verbrechers eingebrannt, quer über meinen Weg schwere 
Balken hingeworfen, damit ich auf jedem Schritte falle, 
und ich weine in dem großen Glück: 

Ich liebe Dich! 

Wie ein Lichtschein unaussprechlicher Macht und 
Freude ergoß sich in meine Seele die heilige Gnade, 
daß Du mein bist. 

Wie eine Rauchsäule von dem Opferaltar wächst 
in den Himmel hinein die Kraft meiner Liebe, meine 
Gewalt, die Du bist . . . 

Erzengel Du! 

Aus dem Paradies hast Du uns vertrieben, und 
ich habe mir ein neues geschaffen, ein gewaltigeres 
noch, das die ganze Erde umfaßt und den Himmel. 

Mit meinem Wissen habe ich die Lust erzeugt, 
habe sie mit Schmerz und Qual verkuppelt und sie so 
in ihrer Stärke vertausendfacht — mein Geschlecht ergoß 
ich in tausend Betten, auf daß es das ganze All aus- 
fülle und mit seinen heißen Strömen mein Gehirn 
befruchte. 

In jeden Instinkt, in jeden Reflex tat ich hinein 
die kochende Glut der Leidenschaft, damit meine Tat 
sich zu der Allmacht der göttlichen Tat aufschwingen 
könne, und jedes Gefühl, jeden meiner Gedanken 
durchsättigte ich mit dem lebenden Feuer des Ge- 
schlechtswillens, auf daß meine Seele, gerichtet in die 
Zukunft des Menschengeschlechtes, in ihrer uner- 
schütterlichen Macht für immerdar leben möge. 

Ich erschuf mir die Lust der Tat, die Lust des 
Schaffens, die Lust des himmelhochjauchzenden Auf- 
schwungs, da der Mensch mit dem Gott von Angesicht 
zu Angesicht spricht. 

Und wenn mein Blut Dir entgegenschlägt, wenn 
Dein Schoß zittert, wenn Dein Gesicht, umglüht von 
dem Goldstrom Deiner Haare, zu ersterben scheint in 
der Lust der Himmelfahrt, brauchst Du da noch ein 
anderes Paradies? . . . 

Das Weib schluchzte verzweifelt: 



17 — 



— Ich will versinken in dem Abgrund der Lust, 
will meine Seele reinbaden in dem Sonnenglanz 
unserer Liebe, auf daß sie reiner werde als der Hysop, 
der alle Schuld tilgt, und schon, schon vernarben die 
Wunden, stillt sich der blutige Schmerz der Schuld — 
und da plötzlich: eine Harpune schlägt sich in mein 
Herz und zerrt und reißt es in Stücke. 

Kain, Kain, was hast Du getan?! 

Oh, dann wird mir zum Ekel Dein Liebesgekose, 
widerlich Deine Umarmung — meine Seele reißt sich von 
Dir los in schmerzlicher Qual, um sich aufs neue in 
noch schmerzlicherer Lust auf Dich zu werfen und nach 
Ruhe für meinen verzweifelten Irrsinn zu suchen. 

Kain, Kain, das Blut Deines Bruders hat unser 
Brautbett besudelt! 

Oh, sieh mich nicht so an mit diesen schreck- 
lichen Augen. Der Schmerz erstarrte in ihnen. Eine 
größere Qual als die meine hat sie so weit aufgerissen. 

Oh komm, komm, Geliebter Du — in der Glut 
der Lust, in der Hölle der Sinnen — 

Laß uns vergessen — vergessen I 

— Vergessen?! 

Er lachte verzweifelt. 

— Vergessen? Ich? Ich? 

Tausendmal bin ich gestorben und tausendmal 
kehrte ich zurück. 

Joshua! Christos! 

Oh seine süßen Augen! 

Seine Augen waren — oh, wie soll ich Dir 
das sagen — seine Augen drangen durch und durch 
— es schien, als gebe es keine noch so dicke Mauer, 
die sie nicht durchdringen könnten, als fände sich 
keine noch so verstockte Seele, daß sie in diesem 
Glänze nicht zerschmelze, und kein Herz, das nicht 
mit diesem Pulsschlag schlüge, und in heißem Ver- 
langen schrie: Dein bin ich, o Herr! 

Wie ein Hund kauerte ich zu seinen Füßen, aus 
seinen Augen sog ich den süßesten Honig der Erlösung, 
des Rückkaufs meiner schweren Schuld — jedes seiner 



— II 



Worte war für mich die zärtlichste Liebkosung und 
das Unterpfand des ewigen Lebens auf dem Schoß 
dessen, der war, ist und sein wird. 

Magdala, Magdala! 

Hast Du mich damals gesehen? 

O, hätte ich Dich nie erblickt! 

Erlöst wäre meine Seele, befreit von der Schuld 
des Brudermordes mein Herz .... 

Er schwieg. 

So schwer fiel noch kein Steinblock von der 
Höhe in das Tal, wie sein totgequältes Haupt auf die 
schwergespreizten, eisernen Finger seiner Hände. Sie 
gaben nach unter seiner Schwere, das Haupt fiel ihm 
auf die Knie, er sank ganz zusammen. 

— Judas! Judas! schrie das Weib. 

Den Bruder hast Du gemordet, den Erlöser ver- 
kauft! Wo ist mein Paradies, wo meine Erlösung?! 

Er richtete sich auf, sah um sich mit einem 
kalten, erstaunten Blick, als wäre er nach einem 
tausendjährigen Schlaf erst erwacht. 

— Kain? Judas? 

Ah ! Ich erinnere mich .... 

Zeig mir das Gras, über welches seine Füße 
schritten, damit ich einen Halm nach dem anderen 
küssen könne, zeig mir die Abdrücke seiner Füße in 
dem weichen Lehm, auf dem er gegangen ist, damit 
ich mich mit meinen Lippen an ihnen festsaugen 
könne und sie kose in seligstem Glück: 

Magdala, Magdala! 

Geh dort nicht hin, heiliger Rabbi! schrie mein Herz. 

Aber ich wagte es nicht laut zu sagen. 

Noch haben Dich meine Augen nicht gesehen, 
und schon atmete ich den Duft Deiner Haare, sah das 
gelenke Rohr Deiner Glieder, fuhr mit zitternden 
Händen Deinen Körper entlang, entblößte Dich nackt 
mit meinen Augen, Dich, meine stolze, heilige Geliebte. 

Du möchtest mir jetzt Deinen wildesten Fluch 
in die Augen speien. Deine verzweiflungstrunkenen 
Nägel in meinen Leib einhacken .... 



— 19 — 

Wie schön warst Du damals, Geliebte, Du! 

Soll ich Dir davon sprechen? 

Nein, nein .... 

Mit ihm zusammen bist Du gestorben. Zum Ekel 
wurde ich Dir und zum Abscheu. 

Ich weiß es, ich weiß .... 

Dein Platz an seinem Grab, und mit ihm zu- 
sammen wirst Du Deine Himmelfahrt feiern! 

Aber jetzt höre mir zu — Du mußt hören! 

Er packte sie an den Händen. 

Und schon sprach er nicht mehr, er zischte, er 
schluchzte, er schlug aus mit den Worten, wie ein 
wütender Hengst mit eisernen Hufen. 

Tausende von Worten verloren sich im Nebel 
und Dunkel, und als er erwachte, hörte er sich endlich 
sprechen: 

— Gräßlich war der Augenblick, als Du zu seinen 
Füßen kauertest, sie mit riechenden Ölen salbtest und 
mit Deinen Haaren trocknetest. 

Magdala! Magdala! 

Und er, versunken in die Wunder unfaßbarer Ge- 
heimnisse, sprach mit seinem Gott: er sah Dich nicht. 

Aber meine Seele krampfte sich zusammen, als 
ich sah, wie Du mit der goldenen Seide Deiner Haare 
seine Füße abriebst, wie Deine Lippen mit heißen 
Küssen an den Stellen ruhten, durch welche bald, 
allzubald, die rostigen, langen, fingerdicken Nägel 
durchdringen sollten, durch diese schmalen, weißen 
Gottesfüße! 

Magdala! Küsse nicht diese Füße! Küsse nicht! 
Blut strömt mir in die Augen — und in der blutigen, 
gräßlichen Feuersbrunst, in der mir die ganze Welt 
steht, ragt das Kreuz! 

Jetzt schmiegtest Du Dich mit dem ganzen Antlitz 
an seine Füße, umwandest sie mit der Flut Deiner 
Haare — Du hast vergessen, daß er ein Gott ist, daß 
er Dich nicht sieht — wie eine Schmeichelkatze lieb- 
kosest Du seine Füße, streichelst sie, küssest sie — in 



20 



beide Hände hast Du seine schönen weißen Füße 
genommen. Tue es nicht Magdala! Tue es nicht! 

Deine nackte Brust wogt, Dein ganzer Leib 
erschauert, es krümmt sich Dein Nacken, Deine Hüften 
zittern, — laß es Magdala, laß es! 

Siehst Du denn nicht, daß sein Blick von der 
Erde losgerissen ist? — fühlst Du denn nicht, daß Du 
tote Glieder umfängst? — seine Seele spricht mit Gott, 
weilt schon längst nicht mehr hier! 

Schmeichle nicht, verführe nicht den Gott! 

Wie ein Kind sah er Dich an mit zärtlichen Augen 
und lächelte mit dem unendlich stillen Lächeln des 
Gotteslammes, das alsbald mit seinem Opfer die Sünden 
der ganzen Welt tilgen sollte, und sprach: 

Oh Du, meine Schwester! 

Schwester? Schwester? 

Oh, ich sehe Dich, ich sehe Dich! 

Nie noch hat eine so demütigende Absage ein 
Weib getroffen, das da in Sünde und Unzucht empfangen 
ward! 

Und schon, schon fühlte ich mit satanischer Lust, 
wie Du Dich auf ihn werfen würdest, aus Deinen Augen 
schlugen Blitze verstoßenen Verlangens — ein wilder 
Triumph raste in meiner Seele — und da plötzlich, 
wie vom Blitz erschlagen, fielst Du nieder, Deine Lippen 
wurden totenblaß, Dein Leib kauerte zusammen und 
Tränen stürzten aus Deinen Augen: 

Erlöser! Erlöser! 

Hättest Du in ihn das Gift der wütendsten 
Schlangen Deiner Gier eingeimpft — 

hättest Du ihn gebissen, seinen Leib zerfleischt 
mit der Wut einer irren Leidenschaft, mit der Du seine 
Füße küßtest — 

hättest Du mit den verfeinertsten, hinterlistigsten 
Mitteln Deiner Liebeskunst sein Blut ins Wallen gebracht : 

all das wäre für mich nicht ein solch furchtbarer 
Schmerz wie dies eine: Erlöser! 

Und die Lichtspitze seiner Augen durchbohrte mit 
hellem Blitzstrahl das Dunkel meiner Seele und es 



— 21 — 



entstand in ihr eine furchtbare Helle, ich fühlte mich 
nackt, so entsetzlich nackt, daß es schien, als würde 
mich eine ganze Hölle von Scham aufbrennen. 

Ich ging hinaus. 

Magdala, Magdala! 

Ich höre, wie er mich fragt: 

Warum meidest Du mich, Judas — warum sind 
Deine Augen in die Erde vergraben, warum sind 
Deine klugen Augen siech und scheu geworden und 
wie mit Nebel verschleiert, warum ist Dein Haar über 
Nacht bleich geworden, und Dein Rücken krumm, 
als wäre er in ein Joch hineingezwängt? 

Als Hohn, unwürdig eines Gottes, schien mir die 
Sprache des Herrn. 

Blut stieg mir zu Kopfe, und meine Zunge, die 
schon am Gaumen festzukleben schien, löste sich: 

— Das Herz des Weibes, das mir zugehörte, hast 
Du, Herr, an Dich gerissen, ihre Seele hast Du mit 
unsichtbaren Fäden Deiner göttlichen Macht um- 
strickt 

Hier unterbrach den Wahnsinn meiner Sprache 
sein verwunderter, sein so erschreckend kluger Blick, 
der dem Menschen ins tiefste Mark dringt. 

Seitdem sprachen wir nicht mehr. 

Wie ein Schatten schlepptest Du Dich hinter ihm. 

Magdala, Magdala! Tue es nicht! 

Satan — Magdala, hinweg mit Dir von dem Gottes- 
sohn! 

Bis in jenem Augenblick: nein — nein, nein! 

Ich küßte ihn, Magdala — nein, nein — nein! 

Geliebter Rabbi, flüsterte ich ihm ins Ohr — 
nein — nein — nein! 

Und Du zu Füßen seines Kreuzes -und jetzt mit mir! 

Mit mir, Magdala, mit mir! von den Füßen des 
Erlösers habe ich Dich weggeschleppt, ich Kain, ich 
Judas Ischariot, auf ewige Qual, zur ewigen Verdamm- 
nis, ewiges Zusammen und Auseinander, ewiges Eins 
und ewigen Haß! 

Du und ich! 



— 22 — 



Zu Hilfe Satan — zu Hilfe! 

Du mein einziger Bruder, Du strahlender Cherub, 
Du großer Herr, der Du auch einst aus dem Paradies 
vertrieben warst, weil Du Deine Macht an der seinen 
messen wolltest — Du der Vorzüglichste an Schönheit 
— Lichtbringer Du, steh mir bei! . . . 

Da fuhr er zusammen. 

Denn plötzlich sah er den Erzengel vor sich. 

Und eine furchtbare Macht schlug aus seinem 
Schwert. Seine Augen durchbohrten das Herz des 
Menschen, sein Antlitz war blaß, und unsichtbare Blitz- 
strahlen seines Zornes schlugen umher, wie herab- 
gerissene Sterne in dunkle Abgründe. 

Und der Satan kauerte am Rande jenes Blocks, 
der da allein als Zeuge versintflutiger Raserei geblieben 
war, starrte in die Feuersbrunst des Paradieses, und 
lachte nicht. 

Er erblickte seinen Bruder, den Erzengel, und 
maß ihn mit stolzem, verwundertem Blick. 

— Ich Kain, schrie der Mensch, ich Judas Ischariot, 
umwölkt von dem Nebel und den Wolken meiner Opfer, 
die mich mehr als Gott zu lieben lernten, ich, der ich 
mit dem Gott an einem Tische saß, und in den dunklen 
Gassen des Ölbergs sein blasses Antlitz küßte, und ihm 
sagte, daß ich ihn über alles liebe — ich höhne Deiner 
Kraft, Du armseliger Hüter, der auf den Befehl seines 
Herrn den Garten unreifen Obstes vor den Dieben 
schützen muß — ich verlange nicht nach Deinem 
Paradies — ich habe mir ein eigenes geschaffen, ich 
ließ mich freiwillig aus dem Deinigen herausstoßen, 
um die Macht meiner Liebe an dem Übermaß des 
Schmerzes zu messen, ihre Kraft über die Macht des 
Todes und des Lebens hinauszusteigern. 

Und Du Satan — verflucht, tausendmal verflucht 
seiest du mitsamt Deinem Lichtbruder! 

In unsere Seele hast Du, Giftschlange, das Verlangen 
und die Begier eingeimpft, hinterlistig hast Du den Lust- 
baum gepflanzt, der das Gute und das Böse unterscheiden 



— 23 — 

läßt, um uns mit diesem Köder blind zu machen für 
Deine Größe, Deine Schliche und Verrat: 

Mit der Liebe hast Du uns blind gemacht! 

Wiederhole, wiederhole, womit Du meine Eltern 
verführt hast. Du böser. Du heimtückischer, hinterlistiger 
Satan ! 

Antworte mir! 

Du schweigst? Ha, ha, ha, Satan hat mich ver- 
lassen, nun, dann wende ich mich an Dich, Erzengel, 
Du, Henkersknecht und blindes Werkzeug eines Lügners, 
ich segne Dich! . . . 

Eine Ewigkeit rangen ihre Augen in schwerem 
Kampf, aber mit nichts läßt sich die Macht vergleichen 
dessen, der war, ist und sein wird. 

Und der Satan krümmte sich vor schmerzlichem 
Lachen, und das Weib stöhnte in höllischer Qual, und 
der Erzengel: die Qual, die Sünde, das Verbrechen 
stand auf der Wehr. 



Sonntag Abend in der Großstadt 

Von Berthold Viertel 

Ein mächtiger Greis in glänzendem Zylinder 
Trat plötzlich vor die Leute, Weiber, Kinder. 
Betrunken baumelt er mit einem Stock, 
Dran hing Marie in blütenweißem Rock. 
Die schlanke Himmelskönigin aus Flußpapier, 
Die Wänglein süß wie Milch und Blut auch hier. 
Die Leute lachten sehr: »Er kommt aus Mariazeil, 
Dort ist es heilig, und die Luft weht hell. 
Am Weg zum Altar stehn viel Schenken offen, 
Da hat der gute Alte sich besoffen.« 
Der Alte lächelt heimlich und verschwiegen, 
Als hätt' er Berg und Täler überstiegen. 
Und immer neue dumme Neider kamen 
Und höhnten laut — er aber sagte: Amen. 



— 24 



Glossen 

Zur Erleichterung des Lebens 

und um allen Wiederholungen wie auch Reklamationen künftig 
zu begegnen und um es den Wißbegierigen so bequem wie mög- 
lich zu machen, habe ich mich entschlossen, einen Normalbericht 
zusammenzustellen, in dem alle Nachträge zur Kaiserfeier und 
überhaupt alles Wissenswerte aus Kurorten und Sommerfrischen 
sowie auch schon die künftigen Brände der beliebtesten Alpenhotels 
ein für allemal berücksichtigt sind. Während also »Wien im Fest- 
kleid« erscheint und die durch besondern Schmuck hervorragenden 
Firmen sich vorteilhaft repräsentieren, übermittelt uns der Draht 
die traurige Nachricht, daß eine der schönsten und leuchtendsten 
Perlen aus dem reichen Kranze imposanter Hotelbauten, den unser 
herrliches Alpenland Tirol in den letzten Jahrzehnten der über- 
quellenden Fülle seiner natürlichen Reize gesellt hat, ein Raub der 
Inseratenagenten geworden ist. Frau Lewinsky-Precheisen riß durch 
den Vortrag von Goethes Gott und die Bajadere die aus allen 
Weltteilen stammende Zuhörerschaft zu wiederholtem nicht eriden- 
wollenden Beifall hin. Unter den von der Katastrophe betroffenen 
Hotelgästen befand sich der Chef des Sicherheitsbureaus Regie- 
rungsrat Stukart, die meisten aber hielten sich im Walde auf, ja 
viele Personen verließen das Hotel zu Spaziergängen, als die 
Katastrophe schon eingetreten war. Während dort unbeschadet des 
internationalen Charakters das Wienertum sich von seiner schön- 
sten Seite zeigte; indem es den Fremden die üppig erblühte Rubens- 
pracht seiner Frauen wies, hielt die Festrede Oberrabbiner Akiba 
Schreiber. Direktor Bardy, seine Gattin und das gesamte Personal 
arbeiteten mit größter Aufopferung, um die Gäste, von welchen 
viele noch gar nicht aufgestanden waren, ins Freie zu bringen. 
Frau Sonja Schapira aus Baku trug einige Lieder mit künstlerischer 
Vollendung vor und wurde besonders der Umfang und die Kraft 
ihrer Stimme bewundert. Vierhundertsechzig Gäste kampierten 
rings um das Hotel. Man bemerkte unter anderen den Bankier 
Schoßberger aus Budapest. Die Effekten sind zum größten Teil 
verloren, und leider auch ein Verlust an Menschenleben nicht zu 
beklagen. Den Kaisertoast sprach der bekannte Wiener Hof- und 
Qerichtsadvokat Herzberg- Fränkel. Es ist sehr zu beklagen, daß 
im ganzen Hotel nicht ein einziger Hydrant oder Wassereimer 



— 25 



vorhanden war. Die herrliche, starke und für eine Höhe von fast 
1800 Metern doch milde Luft inmitten der prächtigsten Nadel- 
wälder und des großartigsten Hochgebirgspanoramas, sowie die 
internationale Gesellschaft, unter welcher Österreicher und 
Deutsche das Hauptkontingent bilden, trugen in gleicher 
Weise dazu bei, daß das Feuer rapid um sich griff und binnen 
kurzem sechs Häuser eingeäschert wurden. Fräulein Elsa Kulka 
aus Saaz und Herr Edgar Neugröschl aus Komom hatten sich in 
liebenswürdigster Weise bereit erklärt, ein Gelegenheitsstück, das 
Paul Wilhelm zum Verfasser hat, aufzuführen. Es scheinen ver- 
brecherische Anschläge vorzuliegen. Mit militärischer Hilfe wurde 
die Feier gelöscht. Das Feuer schloß mit einem animierten Tanz- 
kränzchen. Auf Antrag des Herrn Angelo Ei—, dessen Name bei 
den Rettungsarbeiten verstümmelt wurde, wurde eine Huldigungs- 
depesche nach Ischl gesendet. Nähere Nachrichten fehlen zur 
Stunde, da die Telephonleitungen unterbrochen sind. Ein gegen- 
wärtig noch unkontrollierbares Geriicht spricht davon, daß sich 
die Fassade des Zaclierlhauses Wien, I. Brandstätte besonders vor- 
teilhaft repräsentiert hat. 



Na denn Prost! 
Herr Georg Reimers, der den Sommer in Wyk auf Föhr 
verbringt und im Winter im Burgtheater Helden spielt, hat soeben 
sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum gefeiert. Nicht als Kurgast. 
Es sind vielmehr schon fünfundzwanzig Jahre, daß das Burgtheater 
sich in der Darstellung der Egmont und Moor von jeder mittleren 
deutschen Hofbühne beschämen lassen muß. Wie die Zeit vergeht! 
Damals alterte Fritz Krastel, ohne alt werden zu können, und der 
Gigant Matkowsky, der einmal als Orestes aushalf, fuchtelte so 
über den Rahmen des Burgtheaters hinaus, daß das Wiener 
Publikum zu lachen anfing. Aber Herrn Georg Reimers nahm es 
schon ernst. Freilich wurden dann von allen Seiten die lebhaftesten 
Anstrengungen gemacht, ihm zu einer Entwicklung zuzureden, und 
Herr Reimers, dessen Stärke es bis dahin gewesen war, fest auf- 
zutreten, begann jetzt in der Tat die Brauen zusammenzuziehen und 
ein denkender Schauspieler zu werden. Nicht in jener übertriebenen 
Art des Herrn Gregori, dem man vom Faust bloß die Versicherung 
geglaubt hat, daß er Juristerei, Philosophie, Medizin und Theo- 



logie studiert habe. Aber immerhin mit mäßiger Vertiefung des 
Innenlebens. Man las sogar hin und wieder, daß Herr Reimers 
mit dem Studium von Kommentaren beschäftigt sei — nach- 
denkende Schauspieler sind solche, die lesen können, was 
literarhistorische Schöpse geschrieben haben — , aber man freute 
sich doch immer, daß dann jedesmal seine kerngesunde Natur 
durchbrach und er, wie er dem Kulissenplauderer anver- 
traute, »die Folianten in die Ecke warf«, nur sich und seinem 
Instinkt vertrauend. Das war gut. Denn das Publikum war nicht 
entschlossen, mitzudenken, sondern lobte den stattlichen Wuchs. 
Man sieht in Wien überhaupt weniger auf den Zweck als auf die 
schönen Mittel, und wer hier behaupten wollte, daß sie nicht 
hinreichen, daß fünfundzwanzig Jahre ohne tragischen Helden 
für das Burgtheater kein Jubiläum, für das Publikum einen Verlust 
bedeuten, der kann sich unbeliebt machen. Denn die Schauspieler 
dieser Stadt gehören zu den Erscheinungen, die ihrer Beliebtheit 
ihre Popularität verdanken und umgekehrt, und nur zu leicht 
gerät der in den Verdacht, ein Thersites zu sein, der etwa be- 
haupten wollte, ein anderer sei kein Achill. So feministisch ver- 
zogen ist der Geschmack dieser Stadt, daß ihm die schönen Mittel 
des Schauspielers, den Mann verbürgen, aber beileibe nicht etwa 
die schönen Mittel der Frau die Schauspielerin, daß man der weib- 
lichen Anmut das Talent, das sie bedeutet, nicht glaubt, aber der 
männlichen Schönheit den Charakter. Diese Ästhetik ergibt sich 
dem Tenor und sieht auf die Salondame mit den Augen der 
Rivalin. Daß einer, um eine deutsche Eiche auf der Bühne 
zu sein, im Leben aus Pappe sein könnte, und daß einer 
auf der Bühne aus Pappe sein kann und im Leben eine 
deutsche Eiche, das geht der Wiener Ästhetik, die eine weibliche 
Wissenschaft ist, nicht ein, und sie feiert immer die fünfund- 
zwanzigjährige Identität von Kunst und Leben. Nun aber, da 
Herr Reimers in das gesetzte Alter eintritt, werden wir auch keinen 
Wallenstein und keinen Faust haben, und wer weiß, welche Über- 
raschungen er uns noch vorbehält, denn Herr Wittmann meint, 
es sei nur ein Anfang. »Wir können dem Fünfzigjährigen die 
Mitteilung machen, daß die wahre Schauspielerei erst für ihn 
beginnt. < Herr Reimers hat Reserven. Eine zweite Entwicklung, 
die er durchmachte, ging geradenwegs auf die Schlichtheit. Von der 
Natur dazu geschaffen, Herolde im Burgtheater darzustellen, begann er 



I 



- 27 — 



auf einmal in einem gleichmütigen Plauderton zu sprechen, der von 
Herrn Wittmann heute als eind Konzessionan Ibsen entschuldigt wird. 
Herr Wittmann empfindet es noch jetzt als eine Profanierung des 
gutgebauten Herrn Reimers, daß in die Zeit seiner Entwicklung 
auch der Aufstieg Ibsens fiel, und da das Wort Ibsen einmal 
ausgesprochen ist, so ergibt sich der Gedanke, daß damals 
»Gestank etwas Natürliches war«, von selbst Es ist aber leicht 
möglich, daß nicht so sehr Ibsen für die naturalistische Wendung 
des Herrn Reimers verantwortlich zu machen ist als die Auf- 
munterung durch den alten Baumeister, der dem jüngeren Kollegen 
öfter Prost, mein Junge! zugerufen haben soll, worauf dieser sich 
vornahm, »nachzukommen«. Aus solchen, durch die Theater- 
plauderer verbreiteten Erzählungen entstand nun die Vorstellung 
von dem prädestinierten Nachfolger Baumeisters, und um diese 
nicht zu enttäuschen, entschloß sich Herr Reimers, hin und wieder 
auf der Bühne leise und fließend zu sprechen und sogar Sätze 
ganz fallen zu lassen. Einen aber hat er jetzt gebracht, indem er 
nämlich mit anspruchslosester Natürlichkeit in die Zeitung 
schrieb: »Ich höre vielfach, daß man mich für den prä- 
destinierten Nachfolger Baumeisters hält. .Möglich.« Und da es 
nun außer Zweifel ist, daß Herrn Reimers das Herz auf der Zunge 
liegt und daß er bald »biderb« sein wird, kam ihm auch ein 
Interviewer ins Haus, der endlich herauskriegen wollte, wie Herr 
Reimers das denn eigentlich mache, daß er es immer zuwege 
bringe, so gesund, so natürlich, so geradezu zit sein. Und Reimers 
antwortete nicht anders, als man erwartet hatte: »Es ist weiter 
nichts dabei, daß ich so bin, daß ich nirgends und vor niemandem 
mit dem zurückhalte, was ich denke, es ist gar kein Verdienst bei 
meiner Offenheit — ich fürchte mich nicht und vor keinem 
Menschen, weil meine Natur so ist, das ist alles.« Und er würde 
sich, »wie er lachend sagt, wenn's ginge, am liebsten auch von 
schwarzem Brot und Speck nähren. Sein gewöhnliches Nachtmahl 
besteht auch »irklich aus Schwarzbrot mit Butter und einigen 
Schnitten Wurst, auf warme Nachtmähler ist er nicht eingerichtet«. 
Welche Schlichtheit! Das schreit Ja förmlich nach dem Götz 
und Erbförster : >Was natürlich nicht ausschließt, daß er es 
auch mit dem alleranspruchsvollsten ,warmen' Souper als wackerer 
Kumpan tapfer aufnimmt — vorausgesetzt, daß es kein ,trockenes' 
Souper ist« Welcher Humor! Falstaff! Na denn, Kinder, wollen 



— 28 — 



wir doch nicht so trocken da sitzen, Prost Doktorchen ! . . . 
Durch acht Tage klang jetzt in Wien "das Lied vom braven Mann. 
Das ist er wahrscheinlich, wenngleich es uns nichts angeht und 
Herr Reimers sichs verbitten müßte, daß ihm Presse und Publikum 
es bestätigen. Ich würde es nämlich ertragen, daß ein Schauspieler 
ein Fallot wäre, wenn er sich nur verpflichtet, anständig zu spielen. 
Er kann sich aushalten lassen, er kann lügen, ja meinetwegen 
können uns von ihm sogar die genossenschaftlichen Bestrebungen 
des Herrn Nissen gestohlen werden. Auf das Soziale wird 
gepfiffen. Herr Reimers nun bekam unter anderm vom Vize- 
gouverneur der Bodenkreditanstalt eine Sophokles-Büste und 
von einem anderen Verehrer Verse von Paul Wilhelm. Aber 
es wäre für alle Teile besser, er hätte, zuverlässig wie er ist, 
fünfundzwanzig Jahre lang die Bodenkreditanstalt geleitet, Verse 
von Sophokles erhalten und eine Paul Wilhelm-Büste. Man muß 
kein Bewunderer des armen Kainz sein, um zu fühlen, welcher 
Entgeistigung jetzt das arme Burgtheater entgegengeht. 



Zusammenhänge 

Der Earl von Rosebery ist nach Wien gekommen, und 
Ehrlich 606 hat auf die Gehirnerweichung keinen Einfluß . . . : 
das könnte der Anfang eines jener Leitartikel sein, in denen eine 
börsenspielerische Phantasie zwischen den heterogensten Dingen 
in immer auffälligerer Weise die Brücke schlägt. Geradezu er- 
schreckend zeigt es sich an dem Eindruck, den die Mis- 
sion des Lord Rosebery in diesem unruhvollen Gemütsleben 
hinterlassen hat. Das aufregende Erlebnis, daß Rosebery eine 
Rothschild geheiratet hat, wirkt noch immer nach und findet 
seinen Niederschlag in einer sprunghaften Lebensbejahung, die 
sich in dem Jauchzer Luft zu machen scheint: »Seid umschlungen, 
Millionen, diesen Stuß der ganzen Welt!« Seit dem Anfall, in 
welchem das Wort entstand: »Der Zinsfuß ist mit uns, so rufen 
wir mit Gottfried von Bouillon !<, ist nichts so Auffälliges be- 
obachtet worden wie der Hymnus zur Begrüßung des Lord Rose- 
bery. Seine Gattin war eine vortreffliche Frau. »Er hat sie 
kennen gelernt, als sein Wagen mit dem ihren zusammenstieß .... 
Sie hatte ebenfalls das moderne sozialpolitische Gewissen und ver- 



— 29 — 



stand es, eine gute Kameradin auf den gemeinschaftlichen Reisen 
um die Erde zu sein . . . Der Tod hat sie ihm genommen, und 
Lord Rosebery ist seither einsam geworden und hat einen Hang 
zur Ruhelosigkeit, der auch mit seinem gestörten Schlafe zusam- 
menhängen mag.« Solche Art, an Anderen psychische Diagnosen 
zu stellen, ist so wenig selten wie das blitzartige Erfassen von 
Zusammenhängen. Völlige Klarheit bringt der Schluß der Be- 
trachtung: 

Schon lange sucht er den Weg zum Volke, neben und jenseits 
der Parteien. Lord Rosebery ist gewiß einer der interessantesten Men- 
schen, und geistige Beziehungen zu Wien hat er stets gehabt. Der 
jüngere Pitt, den er bewundert und dessen Biographie zu seinen 
literarischen Erstlingswerken gehört, ist aus Kränkung über die Nach- 
richt von der Schlacht bei Austerlitz gestorben. Der Sohn Napoleons, 
dessen Aufenthalt in Sankt Helena Lord Roseber>' geschildert hat, 
wurde in der Kapuzinergnift begraben. Soeben haben die unschätzbaren 
Denkwürdigkeiten der Baronin Sturmfeder, der Erzieherin des Kaisers, 
gerade über die letzten Stunden des Herzogs von Reichstadt und über 
dessen V'erhältnis zum Hofe wichtige Aufklärungen mitgeteilt, die von 
der Geschichtsforschung nicht übersehen werden dürfen. Lord Rosebery 
wird in Wien als sehr willkommener Gast aufgenommen werden. König 
Georg hätte keinen würdigeren Vertreter schicken können. 

Es ist kein Wunder, daß die Umgebung eines so atemlosen 
Temperaments seine geistige Gangart mit der Zeit annimmt, und 
daß zum Beispiel ein Mann, der die nüchterne Aufgabe über- 
nommen hat, zum neunzigsten Geburtstag eines Gummifabrikanten 
eine Notiz zu liefern, in die Worte ausbricht: »Ein Fest, wie es bisher 
wohl noch keinem Fachmanne der Gummi-Industrie beschieden ge- 
wesen ist, konnte am 16. August Herr Ludwig Edler v. Reithoffer 
begehen, der an diesem Tage das neunzigste Lebensjahr vollendete«. 
So interessant nun eine Untersuchung wäre, weshalb die Fachmänner 
der Gummi-Industrie, deren lebensfeindliche Tätigkeit sich ja 
nicht auf ihre eigene Person erstreckt und vor allem in ein viel 
früheres Stadium der Entwicklung einzugreifen pflegt, fast nie 
das neunzigste Jahr erreichen, so muß es sich doch die Wissenschaft 
versagen, sich in diesem Fall einer journalistischen Zumutung anzu- 
strengen. Dagegen tun die Ärzte bereitwillig etwas anderes. Der 
Vertreter lokaler Interessen aus der Umgebung jenes publizistischen 
Exaltados behauptet nämlich: »Die Ärzte sprechen von dem Gesetze 
der Duplizität der FäWt, wenn seltene Kraiikheitssyraptome oder 
unglückliche Ereignisse bei Operationen in rascher Folge eintreten. 

•307-306 



30 



Die Brandkatastrophen in Brüssel, am Karersee, in Gossensaß 
entsprechen dem Erfahrungssatze, daß Katastrophen sich häufig 
^x'iederholen«. Nun ist es allerdings richtig, ^aß bei Operationen 
oft ein Malheur geschieht und daß eine Epidemie in der Regel 
nicht nur eine Duplizität der Fälle bedeutet wie zum Beispiel die 
Cholera in Berlin, sondern sogar eine Multiplizität, wie zum 
Beispiel die Cholera in Wien, aber mit jenem Erfahrungssatz 
haben speziell nur solche Ärzte zu tun, die sich mit Geisteskrank- 
heiten befassen und die leider der Ansicht sind, daß trotz der Ankunft 
des Lord Rosebery und trotz der offenbaren Duplizität der Fälle 
bei progressiver Publizistik Ehrlich 606 nicht anwendbar sei. 



Ein Interview 

». . . fragte mich lächelnd: ,Soll das ein Interview sein? Ich 
bin 63 Jahre alt geworden und habe noch nie ein Interview gegeben.' 
Dann begann das Gespräch mit einem bedauernden Hinweise auf das 
schlechte Wetter . . . ,Ich habe es wohltätig empfunden, daß Wien auf 
dem Gebiete des Automobilwesens noch beiweitem nicht solche Fort- 
schritte gemacht hat, wie London oder Paris . . . Diese Stadt ist mir 
sehr sympathisch ... Ich habe es stets vermieden, im Gespräche mit 
Mitgliedern der Presse politische Fragen zu berühren ... Sie haben 
ganz recht, wenn Sie mich einen Freund Österreich-Ungarns nennen. 
Dies ist entschieden richtig . . . Denken Sie an die Erledigung der 
Delagoabai-Kontroversen . . .'« 

Titel: >Ein Gespräch mit dem Earl of Rosebery, dem Chef 
der englischen Spezialmission.« 



Erinnerungen 

Wiewohl sich der Freiherr v. Cz., Sektionschef, Mitglied 
des Herrenhauses und Geheimer Rat > überhaupt in seinen Mit- 
teilungen die gebotene Reserve auferlegen muß«, teilt er doch 
sehr interessante Dinge mit. Zum Beispiel: »Infolge einer Ver- 
spätung der Südbahn kam jedoch der Erzherzog . . .« Man wußte 
nicht, daß schon damals die Südbahn . . . Aber noch pikanter ist 
das Folgende : »Von einer Eisenbahnfahrt zu seinem Wagen kom- 
mend, habe ich einmal den Kaiser dem Leibkutscher ,Guten Mor- 



— 31 — 



gen!' zurufen und den Kutscher darauf antworten gehört: , Outen 
Morgen, Eure Majestätl'« ... In durchaus zutreffender Weise beginnt 
dagegen ein anderer, der Erinnerungen an den Maler Canon 
erzählen will, mit dem Seufzer: »Daß er nicht die Jagdausstcllung 
erleben konnte . . . !« 



Meine Haut 

Ich habe m der Redaktion des Extrablatts einen Freund, der 
mit mir in seinen schlimmen Zeiten, wenn Not an Einfällen ist, alles 
teilt. Der Mann war früher Juwelier und hat sich entschlos- 
sen, seinen Beruf zu wechseln, weil man in der Literatur die guten 
Sachen billiger bekommt. Wäre ich ehedem in seinen Laden 
getreten und hätte ich meinen Ring von ihm taxieren lassen — 
ich habe heute keinen, wiewohl mir ihn kein Journalist gezogen 
hat — , er hätte mich vielleicht beneidet aber er hätte ihn ohne 
meine ausdrückliche Zustimmung nicht zurückbehalten können. 
"Bei materiellen Gütern gehören nämlich immer zwei dazu, 
wenn der eine etwas haben will, was der andere hat. Bei geistigen 
Eigentümern genügt in solchem Falle der eine, der haben will. 
Behält der Juwelier den Ring zurück, ohne den Besitzer zu fragen, so 
verfällt er nicht nur der Strafe, sondern auch der bürgerlichen Ächtung, 
ja er begibt sich sogar dann in eine Gefahr, wenn er einen gestohlenen 
Wertgegenstand durch ehrlichen Kauf an sich bringt. Der Juwelier 
muß also besonders vorsichtig sein. Solch undankbarer Beruf aber 
muß einem Mann, der in sich schon das Zeug zum Journalisten 
fühlt, nicht behagen, das kann man ohneweiters glauben. Zumindest 
ist es viel leichter, die Brillanten, die man früher kaufen und 
verkaufen mußte, zu schreiben, und femer macht es im jour- 
nalistischen Beruf nicht das geringste aus, wenn man sie nicht 
schreibt, sondern findet. Und es ist dann oft sogar für den Verlierer 
kompromittierender als für den Finder, wenn sich die Wertsache 
in der Fassung des Extrablatts präsentieren kann. Aber mein Gott, 
was ist heutzutage nicht alles möglich. Die Raubmörder, die der 
ewigen Erörterung ihrer Berufsfragen satt sind, vertragen es, 
wenigstens die jüngere Generation, ganz gut, wenn hin und wieder 
ein Aphorismus über Sprache eingeflochten wird. Und ich wiederum, 
den das Extrablatt seit Jahren unterdrückt, kann mich nicht 



32 



beklagen, wenn es heute zwar noch keine Notiz, aber dafür einen 
Aphorismus von mir nimmt, mag ein solcher auch die Quintessenz 
dessen enthalten, was aus und von der Sprache gedacht werden kann, 
also auf einem Gebiete liegt, das der Redaktion des Extra- 
blattes eigentlich fernliegt. Mich totschweigen, aber meine Worte 
schätzen und die nehmen, die von der Sprache handeln, das ist 
immerhin schon ein Fortschritt auf dem Wege, den ich seit Jahren 
gehe, um endlich ins Extrablatt zu kommen. Mit der Neuen Freien 
Presse — deren ablehnende Haltung ist ja, so behauptet ein gut 
informierter Theosoph, der Eckstein meiner Entwicklung — wirds auf 
absehbare Zeit hinaus ja doch nichts. Man wird alt, und darum 
habe ich mich einmal gefreut, daß mir wenigstens nach dem Tode 
Ludwig Hevesis eine Anerkennung zuteil wurde. Jenerjuwelier nahm 
damals meinen Gedanken über die Sprache, die mich beherrscht, 
zu sich und zeigte ihn den Lesern des Extrablatts, die sich an 
den Kopf griffen, während ich mir an die Tasche griff. 
Kleinlich, wie ich bin, hielt ich es für erheblicher, daß mir 
vier Worte abhanden gekommen waren, als wenn man 
dem Extrablatt vier Jahrgänge davongetragen hätte. Immerhin,, 
was kann mir geschehen, dachte ich, solange man mir meine Haut 
noch läßt! Die Sprache nämlich ist die Haut meiner Gedanken, 
nicht ihr Kleid, hatte ich einmal geschrieben. Wie lange werde ich 
warten müssen, bis das Extrablatt auch diese Erkenntnis anerkennt? 
Aber da wird die Ebner-Eschenbach achtzig Jahre alt, und ich 
fühle, meine Stunde ist gekommen. Meine Gedanken werden zum 
Gemeingut, ja sie gehen sogar in das Extrablatt über. Was sehe 
ich? Ein Bild der Jubilarin. Nun, das ist im Extrablatt weiter nicht 
auffallend, in einer Zeitung, für die die Welt schließlich nicht nur 
aus Raubmördern, sondern auch aus goldenen Hochzeitern besteht 
(16 karatig, wie der neue Mitarbeiter versichert). Also ein Bild; aber 
darunter auch ein Text. Ich sehe nicht, von wem er geschrieben 
ist, aber ich bin ein stilistischer Schätzmeister und ich erkenne die 
Kunden des geistigen Wien an den Wertsachen, die sie nehmen, 
ich erkenne den Stil eines Autors an jedem Satz, der nicht 
von ihm ist. Die Polizei ist mit dem Extrablatt befreundet, 
aber sie könnte mich besser brauchen, wiewohl ich ihr keine Re- 
klame mache. Ich sehe ein Bild im Extrablatt, und ich agnosziere 
trotzdem sofort die Ebner-Eschenbach, ich lese einen Text und ich 
finde einen Satz darin, der lautet: »Das Wort ist nicht das Kleid 



— 33 — 

des Gedankens bei ihr, es ist seine Haut«. Meine Haut! Ich wehre 
mich meiner Haut. Wenn der Herr Schmuck haben will, er halte 
sich an die Feuilletonisten! 



Zehntausend pietätvolle Besucher 

>Herr Dr. J. Goldenstein schreibt uns aus Jassy: Sehr geehrte 
Redaktion! Als langjähriger Abonnent erlaube ich mir anläßlich Ihres 
Artikels ,Ein Besuch an Heines Grab' und der darauf bezüglichen Zu- 
schriften mitzuteikn, daß ich im Jahre 1899 in Paris Heines Grab 
besucht habe und zu den vielen Visitkarten auch die meinige . . .« 

Genug! Wir glauben. Aber diesem Heine rühmt ja die 
Gemeinde nach, daß er noch den Tod mit einem Witz empfan- 
gen habe. Warum rief er jetzt nicht, ein- für allemal : Goldenstein, 
sagen Sie's auch den andern, ich lass' mich verleugnen! 



Nun also 

«Geheimrat Ehrlich erklärt, daß die Zahlungsfähigkeit des 
Patienten nicht darüber entscheide, ob er mit dem neuen Mittel 
zu behandeln sei. Das hänge lediglich von den Ärzten und ihrem 
Urteile ab.< 



Der Deutlichkeit halber 

In Berlin, unter den Linden, ist das Schaufenster eines 
Hofphotographen. . Dort ist einer mit einem Pinsel in der 
Hand photographiert: aha ein Maler! Dann ist einer mit einer 
Zigarette in der Hand photographiert: aha ein Raucher! Dann ist 
einer, der gar nichts in der Hand hat, photographiert: aha ein 
Nordpolentdecker! Und dann ist noch Herr Harden mit einer 
Feder in der Hand photographiert: aha ein Schriftsteller! 



— 34 — 



Die Einteilung 

Deutschland ist aufgebracht. Rektor Bock in Berlin hatte 
Gelegenheit, kleine Mädchen . . . Einer unserer Mitarbeiter hatte 
Gelegenheit, darüber einen Stadtschulrat . . . > Berlin ist in drei- 
zehn Stadtschulkreise eingeteilt . . .«, begann der Stadtschulrat. 
Aha, da kann allerhand vorkommen, dachte der Mitarbeiter. Qallia 
est omnis divisa in partes tres, dachte der Stadtschulrat. Gewiß, 
und was ist da nicht schon alles passiert! 



Das Wiener Leben ein Traum 

». . . Mit rasender Eile durchfuhren die Automobile der 
Feuerwehr den von einer dichten Menschenmenge bevölkerten 
Praterstern und bogen dann in die Ausstellungsstraße ein . . . Die 
Ausstellungsstraße kam hintereinander eine Reihe von Einspännern 
herunter, die eine Protestversammlung gegen die Einführung des 
Taxameters veranstaltet hatten . . . Die ungeheure Menschenmenge, 
die anläßlich des Kaiserfestes in den Prater pilgerte, sowie Auto- 
mobile und Einspänner bildeten einen dichten Knäuel . . . alles 
raste in wilder Eile auseinander . . . man sah auf dem Boden einen 
Sicherheitswachmann und einen Mann in Straßenbahneruniform 
liegen . . . Die Freiwillige Rettungsgesellschaft mit dem kaiser- 
lichen Rat Dr. Charas an der Spitze . . . Den Verletzten wurde 
erste Hilfe geleistet ... lag in den letzten Zügen ... der 
30jährige Johann Letz . . . schweren Nervenchok, einen 
Bruch des Beckens und eine Zerreißung des Mittel fleisches 
erlitten . . . Nachträglich wird uns eine Darstellung . . . stand 
der Wachmann Letz und regelte den Verkehr . . . wollte aus- 
weichen, wurde jedoch vom rechten Vorderrad des Automobils 
erfaßt und kam unter das linke Hinterrad zu liegen ... riß der 
Chauffeur das Automobil scharf nach rechts . . . Mit dem Körper 
des Wachmannes fuhr das Automobil auf die Anlagen zu und 
faßte dort den Motorführer Liebenstein, der flüchten wollte . . . 
drückte einen Einspännerwagen, der dort stand, an die Bäume 
der Allee über das Anlagegitter . . . Rißquetschwunde am Ober- 
schenkel, Quetschung der rechten Wade, zahlreiche Hautab- 
schürfungen und eine Zerrung im Sprunggelenk erlitten . . . Dies- 



— 35 — 

bezüglich sind Erhebungen im Zuge ... der Wachmann hatte 
das Automobil nicht kommen sehen oder auf der andern Seite der 
Straße etwas Auffälliges bemerkt (vielleicht eine Prostituierte, die 
nicht befugt war. Anm. des Träumers) . . . Einer unserer Mit- 
arbeiter hatte Gelegenheit, mit dem Einspännerkutscher Fiby . . . : 
»Es war g'rad, wie die meisten von uns von der Versammlung 
zurückg'fahren sind ... Ich war schon am End' der Ausstellungs- 
straße mit meinem Zeug, als ein Feuerwehrautomobil f ü r i- 
schiaßt... Ich mach' vom Bock zwei Purzelbäum' . . .« 



Das Erlebnis des Kritikers 

Von Samuel Lublinski 

Aus Gründen einer nicht gerade behaglichen Doppel- 
stellung kann ich mich für besonders kompetent halten, 
in dem immer neu ausbrechenden Streit über das 
Wesen der Kritik das Wort zu ergreifen. Man tut mir 
die Ehre an (wenn es eine Ehre ist), mich mit Er- 
bitterung oder Neigung vorzugsweise als Kritiker zu 
betrachten, während sich nicht allzu viele um den 
Dichter und Dramatiker bekümmern. Immerhin habe 
ich auch in dieser Beziehung genug Erfahrungen 
gesammelt, um den Haß der Schaffenden oder solcher, 
die sich dafür halten, gegen eine plump anmaßliche 
und plump unsachliche Kritik, die vor allem 
»funkeine will, gründlich nachzufühlen. Vielleicht 
gibt diese Doppelerkenntnis einmal Anlaß, über das 
Verhältnis von Kritik und Produktion einige allge- 
meinere Tatsachen zu fixieren. Heute möchte ich nur 
ein Schlagwort herausgreifen, das von einer gewissen 
seltsamen Sorte gekränkter Autoren, zumal von miß- 
ratenen Lyrikern, mit einem verdächtigen Übereifer 
verwertet wird. Der Kritiker soll nach den pythischen 
Orakelsprüchen dieser Verärgerten angeblich nicht im 
Stande sein, das Kunstwerk zu erleben, sondern er 
vermag es höchstens nach einem schematischen Dogma 
oberflächlich abzutun. Dieser Trost, den sich alte und 
junge »Schaffende« ausgedacht haben, beweist nur, 
daß die Herren selber sehr dogmatische Vor- 



36 — 



Stellungen von ihrer Gegnerin haben und von den 
Notwendigkeiten der Kritik nicht allzu viel wissen. 

In Wirklichkeit will der Kritiker erleben, um zu 
erkennen. Wo man mit bloßer Verstandeserkenntnis 
längst nicht mehr hingelangt, gerade dort vermag er 
schlechterdings nicht zu entsagen, sondern möchte 
dieses unbekannte Land durchaus durchwandern, 
durchaus ergründen und den Reichen seiner Er- 
kenntnisse einverleiben. Eine Persönlichkeit ringsher 
zu umschreiten, bis sie alle ihre Konturen aufweist, 
und dem Rhythmus ihres Herzschlages zu lauschen, bis 
sich der volle Umfang ihrer »Psychologie« offenbart: 
darauf vor allem richtet sich diese brennende und 
manchmal wirklich schon ehrfurchtslose Neugierde des 
geborenen Kritikers. Um aber sein Ziel zu erreichen, 
muß er doch wieder voller Ehrfurcht in einer fremden 
Persönlichkeit, und wäre es auch eine geringere als 
er selber, auf- und untergehen, so gut wie ein Schau- 
spieler in seine Masken schlüpft oder der Dramatiker 
in seine Haupt- und Nebenfiguren. Sagen wir rund 
heraus, daß sich der erste Akt der kritischen Produktion 
von dem der künstlerischen nicht unterscheidet. Der 
Kritiker erlebt seine Gestalten ganz wie sie der Dichter 
erlebt, und es geht in dem einen wie anderen Fall 
die völlig gleiche innere Erregung der produktiven 
Konzeption voraus. Der Unterschied setzt erst im fünften 
Akt ein, wenn es die Summe zu ziehen gilt. Das Er- 
lebnis des Dichters verwandelt sich in Gestaltung und 
das des Kritikers in Analyse, in Erkenntnis und Formu- 
lierung. Hat der Kritiker sein Gegenüber so gründlich, 
so intensiv und intuitiv erlebt, als es ihm nur immer 
beschieden ist, dann will er es keineswegs mit gleicher 
Rundheit und Plastik hinstellen wie der Dichter, 
sondern es vor allem auf die verkürzende Chiffre 
bringen. Auf eine Chiffre, die den anderen allen, den 
noch nicht Eingeweihten, einen ersten Wink gibt, ihm 
selber aber den gleichen Dienst leistet wie etwa dem 
Naturwissenschaftler irgend eine botanische oder 
chemische Formel, hinter der er die wogende Fülle 



37 — 



der organischen Gestaltung ahnt. Ganz gewiß können 
solche Formeln einen naiven Instinktmenschen manch- 
mal wie starrende Larven und Gespenster anmuten, 
und auch dem Kritiker mag es widerfahren, daß er 
selbst nach Jahren oder nach Jahrzehnten nicht mehr 
so genau weiß, was hinter dieser Chiffre steht, weil 
der Leitungsdraht zwischen Erlebnis und Erkenntnis 
inzwischen zerrissen ist. Trotzdem hat man eine Be- 
rechtigung zu dem Verdacht, daß der leidenschaft- 
lichste Haß gegen die verkürzende Feststellung des 
Kritikers von jenen Stumpfsinnigen herrührt, über die 
noch niemals die Fluten der Erscheinungen zusammen- 
schlugen und die darum auch niemals ein Bedürfnis 
nach einordnender Konzentration empfunden haben 
oder empfinden werden. Einen Vorwurf aus solchem 
Munde über angebliche Erlebnisunfähigheit kann jeder 
wirkliche Kritiker mit gleichgültiger Lässigkeit entgegen- 
nehmen. Seine schlimmeren und gefährlicheren Gegner 
sind dagegen die »verehrenden« Naturen, in denen 
eine hohe menschliche Tugend zu widerwärtiger Ver- 
zerrung entartet ist. Damit wird aber bereits das Wert- 
urteil des Kritikers berührt, zu dem er sich unver- 
meidlicher Weise gegenüber jeder dichterischen 
Erscheinung genötigt sieht, da von einem gewissen 
Punkt ab die reine Erkenntnis aufhört und Haß und 
Liebe ihr verwirrendes und wunderlich fatalistisches 
Spiel beginnen. 

Eine Persönlichkeit von Grund aus kennen, heißt 
zugleich ihre Schranken kennen, jene Absonderung, 
die ihr ein für allemal ein Verständnis für Dinge und 
Verhältnisse versagt, zu denen anders geartete Naturen 
vielleicht Zugang haben. Natüdich liegt hier nicht nur 
eine Schwäche vor, sondern auch eine Stärke, meistens 
sogar eine Stärke, jene fruchtbare Einseitigkeit, ohne 
die noch nie und nirgends etwas wahrhaft Lebendiges 
geschaffen wurde. Es wäre ungeheuerlich, wenn man 
an Goethes und Shakespeares Schranken herummäkeln 
wollte, solange man an Goethes und Shakespeares 
Größe nicht zweifelt, weil man dann aus einer sonnen- 



38 



beschienenen Landschaft jene vertiefenden Wolken- 
schatten hinwegwünscht, die das durchbrechende Licht in 
noch glühenderen Strahlen aufschimmern lassen. Doch 
die subjektive Stimmung spielt bei einer solchen 
Betrachtungsweise fast die Hauptrolle, Sie überwiegt 
selbst den Genuß der ästhetischen Werte, und wer 
etwa Shakespeares Vorbild für das deutsche Drama als 
ein Verhängnis ansieht, der steht anders zu den 
Schranken dieses Genies als der bedingungslose 
Bewunderer. So kann man beispielsweise bei Paul Ernst 
etwas wie Shakespearehaß entdecken, und keiner hat 
mit solchem Scharfblick die Schwächen des allgemein 
anerkannten Dichterfürsten herausgespürt. Daraus haben 
einige kluge Leute schließen wollen, daß er für 
Shakespeare »kein Organ« habe, während ich aus 
persönlicher Erfahrung das Gegenteil genau weiß. Er 
hat ihn gründlich gelesen und kennt jede dichterische 
Schönheit, und dennoch überwiegt das Gefühl für die 
Grenze, die er gerade aus seiner genauen Erkenntnis 
heraus so intensiv empfindet. Hier entscheidet das 
letzte Menschliche, der Urgegensatz der Instinkte, und 
noch jeder Kritiker, der diesen Namen verdient, steht 
gegenüber bedeutenden oder auch nur eigenartigen 
Persönlichkeiten irgendwann einmal am Scheideweg, 
wo er sich für Haß oder Liebe zu entscheiden 
hat. Am deutlichsten ist dieses eigentümliche Verhältnis 
gegenüber Schiller zu ersehen, dessen Mängel sich 
gar zu bald dem kritischen Blick selbst des Ober- 
flächlichen offenbaren. Es kommt auch heute noch 
vor, daß man diesen Dichter trotz und wegen seiner 
Schwächen inbrünstig liebt, weil man alle seine Einseitig- 
keiten nur als die Schlagschatten des Lichtbildes 
empfindet. Noch häufiger mag es freilich geschehen, 
daß sich bei anders gearteten Naturen darüber der 
Haß entzündet, wie es vor hundert Jahren schon bei 
den Romantikern der Fall war und in jüngster Zeit 
bei Weininger, dessen Worte voller Schillerhaß kürzlich 
erst Karl Kraus in der Fackel veröffentlicht hat. Ich 
teile diesen Standpunkt nicht, beklage ihn sogar, und 



39 - 



würde es dennoch als absurd empfinden, wenn ein 
begeisterter typisclier Oberlehrer mit der Behauptung 
auftreten wollte, daß Weininger Schiller nicht »erlebt« 
habe. Er hat ihn ohne Zweifel tiefer erlebt als jener 
Begeisterte, weil er ihn sonst nicht so aus der Tiefe 
heraus gehaßt hätte. 

Aber der typische Oberlehrer und Schillerverehrer 
aus der Provinz beginnt auszusterben und einem noch 
viel absonderlicheren Geschlecht kurioser »Erleber« 
den Platz zu räumen. Schiller ist aus der 
Mode gekommen und ebenso der Schillerverehrer, an 
dessen Stelle rudelweise die Bewunderer der modernen 
Dichtung auf dem Plan erscheinen. Das sind Herren, 
denen der amüsierte Beobachter die ergötzlichsten 
Erkenntnisse zur Psychologie der Verehrung zu 
verdanken hat. Diese ewig Jugendlichen möchten um 
jeden Preis eine Erhöhung ihres nicht allzu geschwellten 
Lebensgefühles erreichen, und der Dichter ist ihnen nicht 
mehr als ein Vorwand zur Betätigung ihrer ungestillten 
Pubertätsbedürfnisse. Es hängt vom Zufall und von der 
Mode ab, ob ein solcher Verehrer an Hauptmann oder an 
Sudermann gerät, an Stefan George oder gar an 
Julius Bab, und dieser ehrlich Verliebte legt nicht den 
mindesten Wert darauf, seinen Dichter wirklich kennen 
zu lernen. Denn da mit der Erkenntnis zugleich auch 
die Grenzlinie gegeben wäre, so müßte der verehrendeTropf 
freilich verzweifeln. Er will ja gar keine Individualität 
erkennen, sondern vor einem Götzenbild im Staube 
liegen; keine klare Erscheinung ruhig auf sich 
wirken lassen, sondern vor einem umrißlosen 
Riesengebilde in masochistischer Wonne erschauem. 
Natürlich wäre jeder verloren, der von solchen 
verzerrten Käuzen Auskunft über ihre Lieblingsdichter 
erhalten wollte. Ein Georgeaner dieses Schlages würde 
höchstens voll stammelnder Verzücktheit das Wort 
»Asphodeloswiese« über seine zitternde Lippe schlüpfen 
lassen oder mit sprachloser Ehrfurcht auf einen 
Kaffeehausspiegel hinweisen, vor dem der Dichter vor 
langen Jahren einmal saß; — mehr wäre aus diesem 



— 40 — 



ausgehöhlten Ktirbisschädel gewiß nicht herauszupressen. 
Solche Ergötzlichkeiten, wenn auch nicht immer in 
so krasser Form, erlebt heute jeder Kritiker, der 
mit einem Verehrer zusammenprallt. Von dieser Seite 
her wird zumeist auch der Vorwurf erhoben, daß der 
Kritiker nicht zu »erleben« verstehe, und es läßt sich 
nicht leugen, daß das kritische Erlebnis, das 
aus tiefer Erkenntnis der besonderen Individualität 
entspringt, gar nichts mit den sinnlosen Verzückun- 
gen der brünstig Leeren gemeinsam hat. Diese 
Leute betrachten mit Recht den Kritiker als ihren Tod- 
feind, weil er »in liebloser Weise« ihre sogenannten 
Ideale zerstört und ihnen ihre Strohhütten über den 
Köpfen anzündet. Diesen Gegensatz hat die Natur 
geschaffen, und er ist darum glücklicherweise nicht 
zu überbrücken. 

In früheren Zeiten der Literatur haben die Ver- 
ehrer keine besondere Rolle gespielt. Jeder wirkliche 
Dichter empfand eine schier physische Abneigung 
gegen diese Sorte zudringlicher Bewunderer, die ihm, 
nach einem Ausdruck Gotthold Ephraim Lessings, 
Weihrauchfässer an den Kopf warfen. (Gotthold Ephraim 
Lessing ist nicht zu verwechseln mit einem gegen- 
wärtigen Theodor Lessing aus Hannover, der einen 
»Lärmschutzverband« begründet hat, also einen Verein 
zur Beschützung des Lärmes, weshalb es begreiflich 
erscheint, daß der genannte Herr durch literarische 
Lärmmacherei eine Aufmerksamkeit erzwingen will, 
die einem Hardenepigonen nicht zukommt.) Es war 
bisher noch immer der feinste Triumph 
für einen wahrhaft Großen, einen Kritiker, der seine 
Grenzen durchschaute, dennoch zu überwinden. Auch 
heute ist dieses Gefühl im Grunde noch nicht 
erloschen, daß man vom erbitterten Gegner besser 
verstanden und sogar vielleicht in aller Heimlich- 
keit mehr geliebt wird als von einer kreischenden 
Horde geräuschvoller Mitläufer. Aber man läßt dieses 
Gefühl gegenwärtig aus besonderen Gründen nicht in 
sich aufkommen. Keiner der heute lebenden Dichter 



t. 



— 41 — 



bedeutet bereits in seiner Gesamtheit eine Erfüllung; 
sondern sie sind Hoffnungen, die zumeist in die Zu- 
kunft weisen, .vielleicht in ihre eigene Zukunft, viel- 
leicht auch erst in die ihrer Nachfolger. Das liegt am 
Wesen der Übergangszeit und hat auch noch manche 
andere Gründe, deren Erörterung zu weit führen würde. 
Die gleichen psychologischen Bedingungen haben dabei 
jeden dieser Poeten irgendwie zu einem kleinen oder 
größeren Nietzscheaner gemacht, der in seines Ichs ge- 
schwelltem Gefühl bis an die Sterne zu rühren glaubt. 
Da sind freilich nicht nur die Autoren daran Schuld, 
sondern auch das Publikum und das Banausentum 
hochmütiger Praktiker, die auf geistige Bestrebungen 
herablächelten und dadurch einen Gegendruck hervor- 
riefen. Gleichviel aber, jener Hochmut der Dichter 
(nicht zu verwechseln mit ihrem legitimen Selbstbewußt- 
sein) mußte es peinlich empfinden, wenn die Kritik 
das wirkliche Maß ihrer Leistungen feststellte und diese 
am Zukunftsideal der Moderne abschätzte. In solchen 
Momenten sehnte sich die verletzte Eitelkeit nach 
Selbsttäuschung und sofort begann der Weizen jener 
genugsam gekennzeichneten Verehrer zu blühen und 
dieses Unkraut blüht auch noch heute. Naive Leute 
haben sich darüber gewundert, wie wenig vorsichtig 
anerkannte Dichter unserer Tage in der Wahl ihrer 
Freunde zu sein pflegen, da sie jeden un- 
bedenklich zulassen, der den Eintrittssold der Be- 
wunderung nicht verweigert. Diese Zugelassenen 
finden wohlwollende Ermutigung bei ihren Poeten, 
wenn sie das Indianergeheul gegen die verhaßte Kritik 
anzustimmen beginnen. Warum die betreffenden Herren 
hauptsächlich das Schlagwort vom »Erleben« in die 
Debatte warfen, wird jedem klar sein, der sich ein 
wenig auf ihre Psychologie versteht. Keiner hätte auf 
diese Gesellen und ihrJammergeschrei auch nur hingehört, 
wenn nicht angesehene Dichter dahinterständen. Nur 
so konnte der Schlachtruf gegen die Kritik einen 
stärkeren Widerhall finden, und hier gerade darf sich 
der Kritiker, der über seine Erlebnisse Bescheid weiß, mit 



42 



gutem Gewissen und vor allem auch im Interesse der 
Literatur selbst seiner Haut wehren. Nur eine strenge 
und ehrliche Kritik kann verhindern, daß die Moderne 
in dieser Übergangszeit durch Selbstüberschätzung und 
durch das Verehrungsbedürfnis der Vielzuvielen um 
ihre Zukunft betrogen wird. So lange dieser Zustand 
noch vorherrscht, darf man sich nicht einmal in Er- 
örterungen über wirkliche Schäden des kritischen 
Berufes einlassen, zumal auch diese erst richtig ab- 
geschätzt werden können, wenn sich weitere Kreise 
über Wesen und Natur der Kritik klarer geworden 
sind, als es gegenwärtig der Fall zu sein scheint. 



Desperanto 

Neuerlicher Versuch einer Übersetzung aus Harden») 
Von Karl Kraus 

So dornig der Pfad auch ist, der bildungshungrige 
Leser zum Verständnis dieser merkwürdigen Sprache 
führt, in der die geheimsten Zauber von Delphi und 
Hundekehle aufzuklingen scheinen, der Übersetzer hat 
es sich zur Pflicht gemacht, nicht zu erlahmen, son- 
dern die Deutschen durchaus zu jenem Genuß zu er- 
ziehen, auf den sie einen Anspruch haben: daß sie 
nämlich verstehen, was sie seit achtzehn Jahrgängen 
mit lebhaftem Interesse lesen. Und ist es denn nicht 
ein unerträglicher Zustand, daß einer die politischen 
Geschicke Deutschlands lenkt und die politischen 
Geschicke Deutschlands ihm aufs Wort parieren, ohne 
zu wissen, was das Wort bedeutet? Ist es nicht end- 
lich an der Zeit, dem anerkannt ersten Publizisten 
Deutschlands zu der ihm gebührenden Stellung zu 



*) Zuerst in der Halbmonatschrift ,März' erschienen. 



— 43 



verhelfen ? Indem es gelingen mag, seine gedanltliche 
Leistung losgelöst von allen Eigentümlichkeiten for- 
maler Natur dem Publikum zu bieten, wird auch der 
gemeine Mann in der Lage sein, die letzte Entschei- 
dung über die sozialen und kulturellen Probleme der 
Epoche zu vernehmen, während dem Feinschmecker 
wieder die esoterischen Reize einer Sprache offenbar 
werden sollen, die niemand spricht, so daß er sie ge- 
nießen und zugleich in angenehmer Entfernung erken- 
nen wird, wie schwer das Leben ist. Auch diesmal 
aber muß der Übersetzer, der sich für andere plagt, 
Nachsicht an jenen Stellen erbitten, wo unüberwind- 
bare Hindernisse ihm den eindeutigen Ausdruck ver- 
wehrt oder gar noch größere Verlegenheit bereitet 
haben. Welches Deutschen Bildung wäre heute so aus- 
gereift, daß er, namentlich in der Sommerfrische, immer 
jene Behelfe wie Zettelkasten, Brockhaus und so weiter 
bei der Hand hätte, die nun einmal notwendig sind, 
um hinter die eleusinischen Mysterien eines politischen 
Leitartikels zu kommen? Wahrlich, diese Sprache ist 
leichter erlernt als verstanden. Sie hat ihre Vorzüge 
und ihre Nachteile, und sie ist durch ihre chiffrierende 
Art, zugleich zu verkürzen und zu verwirren, dem 
Diplomaten ein quälender Zeitvertreib und dem Privat- 
mann eine angenehme Tortur. Die Desperantosprache 
bietet wie keine andere die Möglichkeit, sämtliche 
Nationen auf dem gemeinsamen Boden gegenseitigen 
Mißverstehens zusammenzuführen. Wenn man zum 
Beispiel einem Japaner zuriefe: »Schälle täuben«, so 
würde er es unfehlbar für einen russischen Schlachtruf 
halten und sich zurückziehen ; ein Russe würde sagen, 
es sei die Bezeichnung für einen hyperboreischen 
Volksstamm, der bei der Völkerwanderung zurück- 
geblieben sei; ein Hyperboreer würde glauben, es sei 
deutsch; und ein Deutscher würde sich die Ohren 
zuhalten, womit er instinktiv das Richtige träfe, denn 
der Satz ist nicht nur abscheulich, sondern bedeutet 
nichts anderes als: »Gerüchte sind trügerisch!« Aber 
wer kann das sogleich wissen? Wer weiß, was ein 



44 



Wort bedeutet? Wenn ich nicht einst dem Schöpfer 
dieser Sprache auf den Kopf zu gesagt hätte, daß der 
Satz »Strählt die Miauzer«, so viel bedeuten müsse, 
wie »Streichelt die Katzen!«, noch heute würde man 
in jenem Dunkel tappen, in dem zwar di^ Miauzer 
sehen können, aber nicht die, welche sie streicheln 
sollen. Da diese Sprache heute nur einer ganz und 
gar beherrscht, so können die andern von Glück 
sagen, wenn sie ein Zipfelchen des Verständnisses er- 
haschen. Sie ist ein schweres Kleid von Brokat, das 
einer gezwungen ist schwitzend über den alltäglichsten 
Gedanken zu tragen. Diese zu enthüllen und in einem 
übertrieben alltäglichen Gewand, in dem sie sich wohler 
fühlen, zu präsentieren, soll nicht zuletzt der Zweck 
der philologischen Übung sein. Jeder mag aus ihr 
lernen, wie leicht es ist, eine schwer verständliche 
Sprache zu sprechen, und daß nur die liebe Not ein 
so prunkvolles Leben führt. Freilich ist neben dem 
Mangel an Humor und Temperament auch eine gewisse 
Ausdauer und Zähigkeit des Charakters erforderlich. 
Anfänger, die den Ehrgeiz haben, sich im Desperanto 
zu vervollkommnen, seien darauf aufmerksam gemacht, 
daß es nicht genügt, sich einige ausgestopfte Bana- 
litäten anzueignen, sondern daß auch die Erwerbung 
eines Zungenfehlers unerläßlich ist. Schwerer als das 
viele Neue, das sie zulernen müssen, wird es ihnen 
ankommen, in den wichtigsten Augenblicken ihres 
Lebens auf das »s« zu verzichten, zum Beispiel beim 
Zeugungakt. Ich warne Neugierige. Der Meister selbst, 
dem sie nacheifern, ist einmal an einer der größten 
Schwierigkeiten, die sich ihm bei seinem Neuerungwerk 
entgegenstellten, verzweifelt. Er hatte schon für 
alle sprachlichen Skrupel, die sich ergaben, einen 
»Schwichtigunggrund« gefunden, und kein »s«, das 
nicht etwa der Genitiv mit sich brachte, wurde im 
Haushalt geduldet. Er war bei dieser asketischen 
Lebensweise fünfundvierzig Jahre alt geworden, alle 
Deutschen huldigten ihm, von den Regierungräten 
abwärts bis zu -den Handlunggehilfen, und besonders 



■^ 45 — 



diese. Da gratulierte ihm sein Dämon zum — Geburttag. 
Er brach zusammen. Denn das ging wirklich nicht. 
Nie hat er das Wort geschrieben. Sondern behalt 
sich mit Abkürzungen wie etwa : »der Tag, an dem 
der erste Blick ins Sonnenlicht sich jährt«, »die Wieder- 
kehr der Stunde, die den heut zur Mannheit Empor- 
gereckten ins Dasein rief«, und dergleichen. Nie hat 
er das Wort geschrieben. Es ist die geheime Tragik 
in seinem Leben . . . Wen nur der Glanz seiner Sprache 
lockt und nicht ihre Schatten nüchtern, wen ihre 
Schälle täuben und nicht ihre Stöße schüttern, wen 
nur ihr Ruch thört und nicht ihr Stank stört, der folge 
mir getrost durch diesen Deutschungversuch. 



Vor vierzehn Tagen habe ich hier 
versucht, das vor und nach der 
Weihnacht des Jahres 1907 im 
allensteiner Haus des Majors 
Gustav von Schoenebeck Ge- 
schehene mit dem von der 
Psychopathologie gelieferten 
Wericzeug abzutasten und dem 
Menschensinn zum Verständnis 
des ihm unverständlich Schei- 
nenden zu helfen 



In der vorletzten Nummer habe 
ich mich an dem Fall Schoene- 
beck, ohne die Quelle des Herrn 
von Schrenck-Notzing zu nennen, 
detailmalerisch ergötzt und mich 
dabei bemüht, das Verständliche 
unverständlich zu machen 



Ihr evangelisches Bewußtsein ist, 
auch wenn sie es erst eUiche 
Jahrzehnte nach den Steckkissen- 
tagen erworben haben, von mi- 
mosiger Empfindsamkeit 



Ihr Christentum ist, auch wenn sie 
erst lange nach der Geburt ge- 
tauft wurden, von mimosenhafter 
Empfindlichkeit 



Wer je genötigt war, seinen Namen 
unter ein Gerichtsprotokol zu 
setzen, vergißts nicht so bald. 
Seine Aussage mag noch so 
einfach sein: . . . was er in 
lebendiger Rede rasch vorbringt, 
wird in den altfränkischen Pomp 
der Gerichtssprache gekleidet . . . 
Und in neun von zehn Fällen 
bleibt der Vernehmende Sieger. 
Er meints so gut, quält sich so 
redlich, die Laienrede in sein 
geliebtes Juristendeutsch zu über- 
tragen . . . 



Das Einfache wird verkünstelt. 

Ein alter Obelstand, über den 
sich auch die Richter beklagen, 
wenn sie wieder den schlichten 
altfränkischen Pomp ihrer Sprache 
in den byzantinischen Prunk 
einer deutschen Wochenschrift 
gekleidet sehen 



- 46 



Soll man dem Geplagten, vor dessen 
Tür ein Bäckerdutzend Beschul- 
digter oder Zeugnispflichtiger 
wartet, das Amtsleben noch 
mehr bittern? 



Soll der geplagte Richter auch noch 
diesen Satz lesen? 



An diese Aussage waren sie fortan 
gekettet . . . Die conviction in- 
time der Geschworenen ist an 
keine Paragraphenvorschrift ge- 
knotet . . . Müssen die Zeugen 
an den Rahmen des Gedächtnis- 
bildes genagelt werden, das 
freilich frisch ist, oft aber nur 
die Mängel des flüchtig hin- 
wischenden Impressionismus er- 
kennen läßt? . . . Begreift Ihr 
wirklich nicht, warum der Arme 
nicht von dem Glauben loszu- 
haken ist, die gröbste Form der 
Klassenjustiz sei im Alltagsge- 
brauch? 



Folterbräuche der preußischen 
Straf Justiz und der deutschen 
Satzbildung 



In einem Orenznest, wo die Gar- 
nison ein ummauertes Städtchen 
bildet, hat keiner gemerkt, daß 
die Frau des Majors vom Stabe 
ihren Hausschlüssel in der Runde 
kreisen ließ, mit dem Taschen- 
tuch ihren Buhlen Fensterflaggen- 
signale gab, im Schlafzimmer 
ihnen Mahlzeiten servierte, mit 
ihnen in Königsberg und in 
Haffbädern zusammenwohnte, an 
der Alle in Kattunkleid und 
Kopftuch Sexualabenteuer suchte 



An der Alle hat man nichts ge- 
wußt 



In Berlin war sie als leicht erraff- 
bare Ware bekannt; hatte die 
Christgeschenkeinkäuferin vor 
einzelnen Stundenbesitzern sogar 
die Namensmaske gelüftet 



In Berlin hat man Alles gewußt 



Richter, die unter der Schreibfron 
welk, unter dem steten Gewirbel 
grauen Aktenstaubes mürrisch 
geworden sind 



Alte und unfreundliche Richter 



Dieser Vorsitzende ähnelte nicht 
dem ersten Kaiser Ferdinand, 
von dem Julius Wilhelm Zincgref 
in seinen >Apophthegmata« er- 
zählt hat: . . . 



Dieser Vorsitzende verhält sich zu 
KaiserFerdinand wie eine Mey^ine 
zu einem Zettelkasten 



Der Nation und aUem auf der Erd- 
feste Kribbelnden künden 



Der Nation und 
verkünden 



der Mensctiheit 



Allmählich verdüsterte sich auf 
dem Goebenbildnis der Grund- 
ton so, daß selbst des Schwär- 
mers frommer Glaube von Skepsis 
angenagt ward 



Mit der Zeit wurden selbst die 
Anhänger Goebens wankend 



Ins Irrenasyl befördern 



Ins Irrenhaus spenen' 



Wenn Madame Antoinette Lust hat, 
kann sie mit oder schon vor 
den Schwalben südwärts ziehen 



Wenn Frau v. Schönebeck will, 
kann sie im Herbst oder schon 
früher nach dem Süden gehen 

(Was ihr mj gönnen wäre. 
Anm. d. Obers.) 



Frau Antoinette sitzt gemächlich 
in der Hardenbergstraße und 
kann sich, wenn's ihr paßt, den 
Amphibien westlicher Nacht- 
kaffeehäuser gesellen 



Herr Harden regt sich im Grune- 
wald an solchen Vorstellungen 
auf, setzt den Frauen mit den 
Ruten seiner Moral zu und 
züchtigt die Männer mit den 
Skorpionen seiner Sprache 



Wer bürgt für die Erstattung der 
wider alle Norm hohen Fahrt- 
kosten? 



Fahrtkosten, die normwidrig sind, 
werden nicht gutgeheißen 



Fragt in Alt-Moabit die Gerichts- 
diener, wie viele Zeugen täglich 
pro nihilo bestellt werden 



Man frage die Gerichtsdiener in 
Moabit nach den Zeugen Riedel 
und Ernst; das verstehen sie 
sofort 



Heuertsensation 




Sensation im Juli 


Das fünfundsechzigste Haus 
WUhelmstraße 


der 


WUhelmstraße 65 


Phili tuschelt den allzu Spott- 
lustigen aus der Gunst 


Eulenbnrg verdrängt Kiderlen 


Theobaldus Cunctator 




Der Reichskanzler 


Der präsidierende Erni 




Reichstagspräsident Prinz Ernst zu 
Hohenlohe 


Berni 




Bernhard Demburg 


Eine Schicksalsstunde ruft die 
zwistlos gesammelte Kraft 
deutscher Menschheit herbei 


Die Stunde der Entscheidung ver- 
langt ein einiges Deutschland 



— 48 — 



Sein Wollen bloßen 


Seinen Plan enthüllen 


Fritzisches Kriegsglück 


Preußisches Kriegsglück 


Das Adlerland 


Preußen 


Er muß in den Weg ihres Willens 
einschwenken 


Er gibt ihr nach 


Sie vermag ihn vom Ziel seines 
WoUens abzudrängen 


Sie kriegt ihn herum 



Der leidige Versuch, auf Skythen- 
sinne mit dem Geschlechtsreiz 
einer gekrönten Frau zu wirken, 
ehrt den Preußenkönig noch 
weniger als den verfettenden 
Imperator 



Die Mission der Königin Luise 
kompromittiert Friedrich Wilhelm 
noch mehr als Napoleon 



Unsere Hand kann ihres Wesens 
Kleid heute nicht mehr haschen 



Wir wissen heute nicht mehr, wie 
sie beschaffen war, drücken dies 
aber in der erhitzten Sprache 
eines Schoenebeckmesser aus 



Der königliche Kopf der Strelitzerin 
fände die Politik dieses Preußen- 
staates zu schlaff 



Königin Luise wäre von der heutigen 
preußischen Politik nicht befriedigt 



Vor dem Bilde der mirower Ahn- 
frau erblassen 



Sich vor dem Andenken der Kö- 
nigin Luise schämen 



Der Kanalvetter 



England 



Der heitere King 



Eduard VII 



Unter dem milden Juliusmond 



Im Juli 



Der vom Kehlkopfkrebs Getötete Der an Kehlkopfkrebs Verstorbene 



Botschafter an Alfonsens Hof 



Botschafter am spanischen Hof 



Die Russen zäumten die Zunge 
nicht so straff 



Die Russen waren gesprächiger 



Der Gortschakowepigone, der ihr 
internationales Geschäft leitet 



Iswolsky 



Das Reich des Tenno 



Japanische Größensucht 



Japanischer Größenwahn 



Bald schien jeder Mond schlimmer 
Erinnerung trächtig 



Fast in jedem Monat gabs ein 
Unglück 



^ 



— 49 



Was die Herzgrube wohlig wärmt Etwas Erfreuliches 



Die Österreicher dürften ruhig bis 
nach Saloniki spazieren, wenn 
dem fest an die Flanke des 
Britenleun gebundenen Reussen- 
reich endlich der Pontuskäfig 
geöffnet würde 



Bild einer zoologisch-politischen 
Verwirrung 



In Luisens weißem Sterbekleid 
spukt Frau Berchta durchs leere 
Spreeschloß. Und fragt, im Ger- 
manenton der zürnenden Hei, 
die modisch verstuckten Mauern 
und Deckengewölbe, ob entartete 
Wikingererben tatlos warten 
wollen, bis u. s. w. 



Bild einer myfliologisch-politischen 
Verwirrung 



Der Italerkönig 


Der König von Italien 


Der Schillingsffirst 


Hohenlohe 


Der Kniephofer 


Bismarck 


Der Menschenfischer im Koller 


Bismarck 


Der winzige Sohn des Widukind- 
landes 


Windthorst 


Bülow rief in persönlicher Fähmifi 
zur Hatz auf Schwarzwild 


Bülow, dessen Position erschüttert 
war, kehrte sich gegen das 
Zentrum 


Sich mit frevler Hand aus dem 
Sonnenbezirk jäten 


Sich umbrmgen 



Wähnen auch wir noch, jede Ent- 
schleierung des aufrecht schrei- 
tenden Zweizinkentieres müsse 
der inneren Magdschaft gefährlich 
werden? 



Fürchten auch wir noch von der 

sexuellen Aufklärung einen 
Schaden für die seelische Jung- 
fräulichkeit? 



Ins Schulgehäus darf von der Ge- 
schlechtswallstatt kein Wind- 
hauch wehen 



In der Schule darf von geschlecht- 
lichen Dingen nicht gesprochen 
werden 



Schon im kurzen Kleid kichern die 
Schulmädchen über den blinden 
und tauben Eifer, der ihre Ge- 
schlechtsvorstellung ins Warm- 
haus der Storchmär einzubeeten 
hofft. 



Auch die kleinsten Schulmädchen 
machen sich schon über den 
Eifer lustig, mit dem man ihnen 
das Storchmärchen aufzubinden 
sucht 



50 — 



Dünkt ihn die Vorstellung, der rot- 
beinige Herr Adebar hole die 
Kinder aus einem von Sumpf- 
kröten umquakten Teich und 
beiße, um den Tag seiner Ein- 
kehr zum Fest zu wandeln, die 
Mama ins Bein, heiliger, ehr- 
würdiger als die Erkenntnis, daß 
in dem von Vaters zärtlicher 
Liebe befruchteten Mutterschoß 
ein Geschwister erwuchs? 



Ist ihm das Storchmärchen sympa- 
tischer als die erweisliche Wahr- 
heit der Zeugung? 



Dicht vor der Maturität 



Kurz vor der Matura 



Mehr noch als läßlichen Fehltritt 
die Heuchelschmach meiden, die 
alles sittliche Empfinden unauf- 
haltsam zerbeizt 



Wenns schon einmal geschehen 
ist, wenigstens »aussprechen, 
was ist< 



Vollreifen Mädchen von Verführ- 
ungfährnis sprechen 



Mit erwachsenen Mädchen Allite- 
ration treiben und ihnen im ent- 
scheidenden Moment doch das 
»s« vorenthalten 



Je ernster ihr Blick sich auf den 
Brennpunkt der Gattung heftet, 
desto schwerer wirds lüderlichem 
Getuschel, ihr Ohr gegen die 
Nothsignale nahender Jungfern- 
gefahr zu täuben. 



Je mehr man auf die Sache sieht, 
umso sicherer wird sie bewahrt 
bleiben, so daß die sexuell Auf- 
geklärten keinen Schaden und 
die sexuellen Aufklärer doch 
ihre Freude dran haben 



Selbstanzeige 

Die Wochenschrift ,Der Demokrat' (Berlin, 
17. August) brachte die folgende Besprechung der 
»Chinesischen Mauere: 

Ein neues Buch von Karl Kraus 

>Die chinesische Mauer«, der dritte Band in d«r Reihe der ausge- 
wählten Schriften von Karl Kraus ist soeben im Verlage von Albert Langen 
in München erschienen. Als ich den zweiten Band, die »Sprüche und Wider- 
sprüche«, an dieser Stelle anzeigen konnte, schrieb ich über Kraus: »Seine 
Essays sind Mosaikgemälde aus Aphorismen. Mit einem kurzen, ungeheuer 
starken Aufblitzen belichten sie Gefühle, Irrtümer, Taten und Meinungen. 
Und zwar vom Standpunkt eines Menschen, der die sinnlose Konvention 
der heutigen Gesellschaftsordnung durchschaut hat. Der nach einer reineren, 



- 51 - 



ireieren Welt strebt, in der nicht Leidenschait uiia Krau aurcn \ oruneile 
staatserhaltender Parteien gelähmt werden.« 

Ich nannte Karl Kraus einen Kulturkritiker und schrieb: >Seine 
Kritik der bürgerlichen Gesellschaft ist nicht nur die männlichste, sondern 
auch die menschlichste Stellung zu unserer im Sumpf der Phrase, der 
Heuchelei und der Bildungslüge erstickten Zeit.< 

Das Erscheinen der >chinesischen Mauer« gibt mir Veranlassung, 
mein Urteil zu unterstreichen. Kraus Kunst hat in Deutschland nicht 
ihresgleichen. Dieser Schriftsteller, der seine Stoffe dem flüchtigen Tage 
abringt und ihnen Ewigkeitswerte gibt, steht allein auf der steilen Höhe 
seiner Kunst. Er hat uns die tiefsten Schönheiten und den unerschöpf- 
lichen Reichtum der deutschen Sprache enthüllt. Er hat den Nimbus des 
Holzpapiers, das ihn zu begraben drohte, vernichtet. Er ist uns ein 
glückliches nationales Ereignis geworden, dieser Karl Kraus. 

Franz Pfemfert. 



Der Traum ein Wiener Leben 
Von Karl Kraus 

Meine ei^te Vorlesung war vorüber, und vor dem Ein- 
schlafen las ich die Zeitung: (Unfall eines Fremden in Wien.] 
»Am T.Juni v.J. fuhr der Kaufmann Rudolf B. aus Buenos Aires 
in einem offenen Fiaker zum Westbahnhof.« (Wie kann man auch! 
gähnte ich — auf dem atlantischen Ozean passen die Fiaker auf, 
aber beim Westbahnhof wird's gefährlich.) >An der Kreuzung der 
Löhrgasse und Felbcrstraße fuhr der Fiaker mit einem Motorwagen 
der Städtischen Straßenbahn zusammen. Frau Anna B. wurde 
aus dem Wagen geschleudert und erlitt eine Verrenkung des rechten 
Schultergelenks und einen Bruch des rechten Oberarmkopfes, 
während ihr Gatte mit einer Luxation des linken Spnmggelenks 
davonkam.« Des weiteren wird berichtet, daß die beiden Leute, 
die in der besten Absicht, nämlich zur Hebung des Fremden- 
verkehrs, und aus den reinsten Motiven, angelockt von den über 
das Weltmeer schallenden Rufen >Fiaka!« und »Wagerl!« und 
nicht zurückgeschreckt von der warnenden Trompete des Städt- 
ischen Beiwagen-Kondukteurs, nach Wien geeilt waren, vom 
Gericht einen Schadenersatz zugesprochen erhielten. Das ist ge- 
recht, dachte ich, wiewohl man dadurch nur die Lage des Lohn- 



Aus dem .Simplicissimus'. 



— 52 — 

Fuhrwerks, das ohnehin einen verzweifelten Kampf — Ich- begann 
einzuschlafen. Aber anderseits — der Fall ging mir nicht aus dem 
Kopf — warum Mitleid haben? Daß in dieser Stadt, deren Genien 
haßerfüllt auf das Verkehrsleben blicken und deren Kutscher hohe 
Strafgelder auf die Störung ihrer Ruhe setzen, nicht täglich und 
an jeder Straßenkreuzung Argentinier zerdrückt werden, ist nur 
dem vielbcmerkten Mangel an Argentiniern zuzuschreiben. Dabei 
fand ich schließlich meinen Trost und schlief ein. Mir träumte, 
ich sollte eine Vorlesung halten, das Publikum war versammelt, aber 
ich hatte mein Manuskript zuhause gelassen. Vom Saal in meine 
Wohnung ist nur ein Katzensprung, dachte ich, aber selbst den 
will ich, aus Rücksicht auf die Lage des Lohnfuhrwerks und 
um das Publikum auch nicht eine Minute warten zu lassen, nicht 
zu Fuß machen. Ich suchte deshalb eine Stunde nach einem 
Automobiltaxameter, der in dieser gemütlichen Stadt nicht Taxa, 
sondern Taxi heißt. Wiewohl mich schon der Ekel würgte und 
Ich mich auch darauf gefaßt machte, daß der Apparat in jeder 
Viertelminute zehn Kronen aufhüpfen lassen werde, stieg ich 
ein, sogleich umstand die Rotte Korah den Wagen und sah den 
Versuchen des Chauffeurs, ihn flott zu machen, mit einer Auf- 
merksamkeit zu, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre. 
Als wir an der nächsten Straßenkreuzung angelangt waren, über- 
fuhr das Automobil den Realitätenbesitzer Sikora, der lautlos 
hinsank und der neugierigen Menge einen blutigen Stumpf zeigte. 
Ich konnte den Anblick nicht ertragen und bewog den Chauffeur, 
nicht zu fliehen, sondern umzukehren und den Mann um Ent- 
schuldigung zu bitten. Der' Chauffeur trat auf ihn zu, sagte: 
»Was is denn mit uns zwa, Herr Nachbar?«, der Sterbende lächelte 
versöhnt, und wir fuhren weiter. Nach einer Pause aber erklärte der 
Chauffeur, er könne nicht mehr weiter, weil er »kane Strafhölzeln« 
für die Laterne habe. Deshalb und auch um schneller vorwärts 
zu kommen, bestieg ich einen Einspänner, dessen Kutscher mich 
durch die unaufhörlichen Rufe »Inspinna! Fahrenn!* interessiert hatte. 
Ich hätte mich aber auch nicht anders von ihm befreien können als 
durcli die Annahme seiner Einladung. Nun begann das Füttern und 
Abdecken, welches ein Zeitvertreib der Kutscher ist, wenn die Abende 
lang werden, und im Wagen fand sich ein zerbrochener Spiegel, 
in welchem ich ein weißes Haar an der Schläfe bemerkte. Die 
Spaziergänger erschraken vor- dem Wagen, und da der Kutscher 



53 — 



unaufhörlich »Hooh!« rief, erschraken sie noch mehr und wußten 
nicht, ob sie vor- oder zurückgehen sollten. Sie konnten aber beides 
nicht weil sie, wie ich sah, überhaupt nicht gehen