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Full text of "Die Fackel"

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LGNR. 418 — 422 APRIL 1916 XVm. JAHR 

DIE FACKEL 



HERAUSGEBER 



KARL KRAUS 



INHALT: 

Kierkegaard und die Journalisten / Zum ewigen Gedäciitnis / 
Die Historischen und die Vordringenden / Das Lysoform-Gesicht / 
Glossen / Fahrt ins Fextal / Notizen / Aus jungen Tagen / 
Sonnenthal / Glossen / 's gibt nur an Durchhalter! / Shakespeare 
und die Berliner / Zum ewigen Gedächtnis / Weltwende 




NACHDRUCK VERBOTEN ^ 

Preis dieses Heftes: ^ 

1 Krone 50 Heller = 1 Mark 25 Pf. 



VERLAG: ,DIE FACKEL*, WIEN 

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F. M. DOSTOJEWSK 



Gesamtausgabe 

R. Piper & Co.» Verlag, MUnchen 

Roter Leinenband mit Goidpressung Mark 5. 
Broschiert Mark 4.— in Halbfranz Mark 8.^ 

Rodin Raskolnikoff 

Der Idiot 

Die Dämonen 

Der Jüngling 

Die Brüder Karamasoff 

Autobiographische Schriften 

Literarische Schriften 

Politische Schriften 

Arme Leute. Der Doppelgänger 

Helle Nächte 

Das Gut Stepantschikowo 

Onkelchens Traum 

Aus einem Totenhaus 

Die Erniedrigten u. Beleidigten 

Aus dem Dunkel der Großstadt 

Der Spieler. Der ewige Gatte 

Ein kleiner Held 



Bd, 


. 12 


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22 



DIE FACKEL 

Nr. 418-422 8. APRIL 1916 XVIIL JAHR 



Wehe, wehe über die Tagespresse! Käme 
Christus jetzt zur Welt, so nähme er, so wahr 
ich lebe, nicht Hohepriester aufs Korn, 
sondern die Journalisten! 



Gott im Himmel weiß: Blutdurst ist 
meiner Seele fremd, und eine Vorstellung von 
einer Verantwortung vor Gott glaube ich auch 
in furchtbarem Grade zu haben: aber den- 
noch, dennoch wollte ich im Namen Gottes 
die Verantwortung auf mich nehmen, Feuer 
zu kommandieren, wenn ich mich nur zu- 
vor mit der ängstlichsten, gewissenhafte- 
sten Sorgfalt vergewissert hätte, daß sich 
vor den Gewehrläufen kein einziger anderer 
Mensch, ja auch kein einziges anderes 
lebendes Wesen befände als — Journalisten. 

Sören Kierkegaard, 1846. 

Und nach siebzig Jahren, wo es um so viel siebzig- 
mal wünschenswerter wäre, als es siebzigmal mehr 
Gewehrläufe und Journalisten gibt, stehen sie nicht 
vor ihnen, sondern dahinter, haben sie laden geholfen 
und sehen zu, man zeigt ihnen, wie es schießt und 
fließt, und wartet, bis sie kommen, es zu beschreiben. 
Welche Verantwortung nimmt die Erde, die solches 
will und erträgt, im Namen Gottes auf sich! 



2 — 



Zum ewigen 

Zwei 

Das Leid und Elend, das die 
serbische Bevölkerung, vor dem 
Feinde fliehend, ertragen mußte, ist 
schwer in Worten zu schildern. 
Schweren Herzens, ihre einzige 
Hoffnung auf Gott setzend, verließen 
die armen Flüchtlinge ihre Heim- 
stätten. Greise, Frauen, Kinder — 
alle flohen! Unabsehbare Menschen- 
massen bewegten sich vorwärts — 
weiter und immer weiter. . . . Mit 
wieviel Schmerz undMitleid gedenke 
ich der Kinder, die diesem Zuge 
folgten. Halbnackt, mit zerrissenen 
Sohlen, beschmutzt, gingen sie an 
der Hand der Mutter, die oft noch 
einen wimmernden Säugling im 
Arme trug. Tränen der Rührung 
stiegen mir ins Auge beim Anblick 
eines zehnjährigen Kindes, das sein 
kleines Brüderchen auf die Arme hob 
und ihm sein letztes Stückchen Brot 
in das weinende Mäulchen steckte. 
In der Menge, die sich müde und 
schwerfällig gegen Mitrowitza und 
Ipek schob, fiel mir eine hohe, kräf- 
tige Bäuerin aus dem Morawatal auf. 
Sie trug die schöne undfarbenfreudige 
Kleidung der Frauen jener Gegend, 
dazu einen kleinen Sack auf dem 
Rücken und ein Körbchen in der 
Hand. Ihr zur Seite trippelte ihr 
Söhnchen, ein gesundes gutgepfleg- 
tes Bauernkind, wie man sie in den 
gebirgigen Gegenden Serbiensfindet. 
»Wissen Sie, wo die Morawa- 
Division ist?« Diese Frage richtete 
die Bäuerin fast an jeden Vorüber- 
gehenden. In jener Division diente 
ihr Mann ; ihmbrachte sie das Bündel 
Wäsche, das sie auf dem Rücken 
trug — Der Vater, der seit vier Jahren 
im Felde steht,sollte den Kleinen end- 



Gedächtnis 
Züge 

Der Zug hatte die Halle des 
Wiener Nordbahnhofes verlassen. 
Die Lichter der Residenz ver- 
glühen in der Ferne; der Train 
donnert der ungarischen Grenze 
zu. Das Handgepäck ist unterge- 
bracht. Dann beginnt das 
Abendessen erster Serie in 
dem Speisewagen, der uns 
bis Budapest begleitet. Man 
bummelt durch die Waggons, man 
ist neugierig. Wer fährt mit 
dem Zuge. Die Obersicht ist rasch 
vorhanden. Vielleicht hat man sich 's 
ein wenig anders vorgestellt, mehr 
würdenträgerartig, mehr repräsen- 
tativ; aber zu guter Letzt ist man 
zufrieden. Um die Bedeutung 
der Fahrt der großen Öffent- 
lichkeit zu vermitteln, sind 
zwei Dutzend Männer von der 
Presse da. Wir vierÖsterreicher, 
zu denen sich in Budapest vier 
Ungarn gesellten, haben uns 
gleichfalls organisiert, und es 
war zu unserem Besten. Ein 
anderes Co\ip€ hat ein Herr, der 



lieh wieder einmal sehen und herzen 
können. MitschmeichelnderStimme, 
die großen Augen voll Kinderun- 
schuld zu mir hebend, streckte das 
Kind sein Händchen aus und bat: 
>Tschitscha, daj mihleba.« (Onkel, 
gib mir Brot.) Und die Mitgehenden, 
statt des Brotes, das sie selbst nicht 
hatten, legten eine Geldmünze in das 
bittende Händchen. . . . Hie und da 
überrascht ein schönes Haus : große 
Kasernen, viele Moscheen fallen 
auf. ... In der Stadt Tausende von 

erschöpften, blassen Flüchtlingen 

So schlief man denn unter freiem 
Himmel, bei 15 Grad Kälte, ohne 
Feuer, denn es gab kein Holz. Die 
mitgeführten Nahrungsmittel waren 
fast ganz aufgezehrt. Das mitgeführte 
Vieh, von den furchtbaren Strapazen 
aufgerieben, blieb größtenteils am 
Wege liegen .... Angst und 
Verzweiflung erfüllte sie bei dem 
Gedanken an das Kommende. Wie 
sollten sie mit den zarten Kindern 
in grimmiger Kälte, ohne Brot, über 
den drohenden steinernen Wall, der 
sich vor ihren Augen emporreckte, 
hinüberkommen? . . . Es war Sonn- 
tag. In der Kirche des Patriarchats 
feierte man den Gottesdienst. Der 
serbische und montenegrinische Me- 
tropolit zelebrierten die Messe. . . . 
Totenstille herrschte in dem großen 
Raum; dann tönte traurig das Gebet 
des alten Metropoliten von den 
hohen Wölbungen wieder. . . . 
»Tschitscha, daj mi" hleba«, unter- 
brach meinen Gedankengang ein 
zartes Stimmlein. Vor mir stand 
wieder der kleine Knabe, der uns 
unterwegs schon mit den nämlichen 
Worten angefleht hatte. . . . Die 
Zeit zur Flucht drängte. . . . Alles 
Gepäck wurde zurückgelassen. Doch 
Brot — Brot mußte man haben. . . . 
Die Kälte und das Schneegestöber 



auch in diplomatischen Diensten 
reist, begleitet von seiner liebens- 
würdigen Gemahlin und ihrem 
hübschen Hündchen; >Pucki« ist 
der ersteHund, der mit dem 
Balkanzug fuhr, und fühlt sich 
heute bereits wie ein Pfau . . . 
Ich teilte mein Coupe mit 
dem Schriftsteller Felix 
Saiten. Nach dem Abend- 
essen machte uns Ludwig 
Ganghofe r, der von München 
gekommen war und nach Nisch 
reiste, den ersten Besuch. 
Es war eine Visite um Mitter- 
nacht, denn Budapest hatten 
wir einige Minuten vor 12 Uhr 
nachts verlassen. Man hatte 
uns dort mit magyarischer 
Glut empfangen. Die Zigeuner- 
musik freilich fehlte; die fiedelt 
jetzt eins den Russen zum 
blutigen Tanz, und das ist wich- 
tiger. Ganghofer war frisch, 
lustig und herzlich bewegt 
von der tiefen Bedeutung des 
Ereignisses, dessen Teilnehmer 
wir waren. Er erzählte wie der 
Jüngste und wir tauschten 



4 -.- 



nahmen zu. . . . Müden Schrittes 
setzte sich der traurige Zug gegen 
das berüchtigte Zljeb in Bewegung. . 
Plötzlich stockte der Zug. Tausende 
von Karren, die auseinandergenom- 
menen Batteiien, Automobile, ver- 
wirrten sich ineinander. Es ging 
unmöglich weiter. Der Befehl wurde 
gegeben, die Wagen zu verbrennen, 
die Kanonen und die Munition zu 
vernichten. Alles, was man nicht 
mittragen konnte, sollte zerstört, 
einzig die Tiere gerettet werden. . . . 
Wieder mußte die Nacht unter 
freiem Himmel zugebracht werden, 
an der Stelle, auf der man sich eben 
befand, am Feuer, zu dem die 
Reste der zertrümmerten Wagen her- 
halten mußten. . . . man schleppte 
Räder und Holzteile herbei, um 
nicht auf den eisbedeckten Steinen 
rasten zu müssen. Leise, traurig 
floß das Gespräch dahin, bis die 
Müdigkeit das ihre tat. Stärker wurde 
der Frost, immer kleiner das Feuer. 
Das erste Morgenlicht fiel auf ein- 
gefallene, blasse Gesichter, in denen 
noch das Grauen der verbrachten 
Nacht stand. Die frierenden Kleinen 
äußerten wimmernd ihren einzigen, 
bescheidenen Wunsch. Ein Stück- 
chen Brot nur, der schwarzen Erde 
gleich, eine kalte Kartoffel, mußten 
das Verlangen der bedauernswerten 

Kleinen stillen Kanonen, Karren, 

Ausrüstung — alles wurde in 
den Abgrund geschleudert. Dann 
ging es weiter, einer hinter dem 
andern; über vereiste Felsen und 
Geröll, mehr gebückt als aufrecht, 
rutschend und strauchelnd. Da, 
plötzlich ein Schrei — ein Pferd 
stürzte von dem schmalen Pfade in 
die Tiefe; und wieder ein Schrei, 
noch verzweifelter und gellender 
als der erste: sein Führer war ihm 
nachgestürzt. Die Stunden verrannen 



Kriegserinnerungen aus. Man 
mag noch soviel gesehen und 
erlebt haben, man hört ihm 
mit inniger Freude zu. Der 
Kehrreim aller seiner Worte 
aber ist das Lob der Schön- 
heit des Krieges. Er plaudert 
von dem Humor, der selbst in 
den tragischesten Momenten des 
Kampfes aufblitzt; der große 
ShakespearedesWelttheaters 
weiß eben Ernst und Scherz auch 
auf der Kriegsbühne richtig 
zusammenzuschüttein. Ein 
Straßenkampf tobt; Reserven drin- 
gen über die Leichen der Gefallenen 
vor — ein junger Unteroffizier 
springt um die Ecke — auf 
einen Toten. Ein rascher Blick 
zurück, ein Stammeln: »Pardon .. . 
Bitte um Entschuldigung. ..< 
und er ist verschwunden. So er- 
zählt Ganghofer, und wir fahren 
durch die dunkle Einsamkeit der 
Puszta, in der arme Hirten- 
frauen von ihren >roten 
Teufeln« träumen, die in 
Wolhynienkämpfen.DerBelgrader 



unter mühseligem Wandern, von 
allen Seiten starrten Tod und Ver- 
nictitung den Flüclitenden entgegen. 
Da lag am Wegesrand ein zu Tode 
erschöpftes Pferd, dort ein Ochse 
mit heraushängenden Eingeweiden, 
weiter unten ein Mensch mit zer- 
trümmertem Schädel. . . . Dort blieb 
eine Menge entkräfteter, müder Tiere 
zurück. Sie standen unbeweglich, 
nur ihre todtraurigen Blicke beglei- 
teten uns. . . . Und wieder umgab 
uns tiefe Nacht. Mit Händen und 
Füßen scharrten wir den Schnee 
beiseite, um einen Herd zu errichten. 
Aber, wie sollte die wärmende 
Flamme entstehen, da alles ringsum 
feucht oder gefroren war?. . . Ein 
Schluchzen drang an unser Ohr; 
ein leises, nicht endenwollendes 
Weinen. Wir gingen hin. Bei dem 
schwachen Lichtschein erkannten 
wir jene Bäuerin aus dem Morawa- 
tale wieder, dia uns mit ihrem 
Knaben bis hierher begleitet hatte. 
Mit totenblassem Antlitz saß sie 
an einen Tannenbaum gelehnt 
da, in den Armen einen leblosen 
kleinen Körper haltend, zu dessen 
Häupten, mit zitterndem Lichte, 
eine kleine Wachskerze brannte. 
»Mein Kind ist gestorben und ich 
weiß nicht, wie ich es begraben 
soll«, sagte die arme Mutter mit 
bebenden Lippen. Der Atem stockte 
uns — wir erschauerten. Kälte, 
Hunger und Krankheit hatten 
dieses blühende Leben vernichtet, 
noch ehe ihn der geliebte Vater, 
den er suchen gegangen, in seine 
Arme geschlossen und geküßt hatte. 
Unter der Tanne, wo er verschieden, 
wurde ihm das Grab bereitet, und 
in den rauhen Stamm schnitten 
wir seinen Namen: 
»Slobodan Ljubinkovits, aus Mora- 
wa 1908—1915.. 



Wagen, der von München kam, 
wird abgekoppelt; dafür ist der 
Schrei nach einem Morgen- 
kaffee oder einem Speise- 
wagen vergeblich. Es ist noch 
keine Restauration im Be- 
trieb, und der Speisewagen 
erwartet uns erst wieder um 
2 Uhr nachmittags in Nisch. 
Das müssen Passagiere des 
Balkanzuges zur Notiz neh- 
men. An sanften Waldbergen 
vorbei führt der Schienenstrang 
nach Jagodina. Die zierliche 
Moschee mit dem maurischen 
Tore und dem schlanken Minarett 
interessiert heute alle weniger 
als die kleine Hütte im Bahnhof, 
in der ein deutscher Soldat heißen 
Tee schenkte. Ich hatte mich 
schon früher gestärkt; Qang- 
hofer, der an Erfahrungen 
Reiche, hatte im Coup^ Tee ge- 
braut, ein Hühnchen aus dem 
Eßkoffer ausgepackt, den 
ihm seine fürsorgliche Frau 
ans Herz gelegt hatte, und 



Entblößten Hauptes, den Blick 
voll Trauer auf das kleine Grab 
geheftet, bezeugten wir dem un- 
glücklichen Kinde die letzte Ehre. 
Sein trauriges Schicksal wird für 
uns ewig verflochten sein mit der 
Erinnerung an den Leidenszug nach 
dem schrecklichen Zljeb. Uns 
Glücklichen aber, denen der All- 
mächtige Kraft gab, so viel Mühsal 
und Not zu ertragen und das 
Leben zu retten, tönt heute noch 
das traurige: >Tschitscha, daj mi 
hleba« des armen Knaben nach. 



Saiten und mich zum Früh- 
stück geladen. Ganghofers 
Frühstück war gewiß eine 
Spezialitätdes ersten Balkan- 
zuges. Der Speisewagen, der 
heißersehnte, wird angekoppelt, 
— ein Sturm auf ihn erfolgt. 
Hirsch. 



Die Historischen und die Vordringenden 
Ein Wort an den Adel 

Im ungarischen Parlament hat einer, um die so- 
genannten Bankmagnaten vor Angriffen zu schützen, 
auf die Verbindung der Magnaten mit den Banken hin- 
gewiesen. Das müssen sie sich schon gefallen lassen, daß 
ihr Wappen, einmal für Tantiemen verkauft, nicht nur 
als der Schild einer Bankfirma, sondern auch als das 
Schild der Bankiers seine Dienste tut. Der Graf Tisza aber 
war wieder der Meinung, daß der Burgfriede zwischen den 
in Kompagnie getretenen Klassen nicht gestört werden 
solle, indem auf die von Natur und durch Erziehung gege- 
benen Gegensätze hingewiesen werde. Sie sollten sich im 
Gegenteil vertragen und beide von einander lernen. Denn : 

>Die historischen Klassen haben von den jetzt vor- 
dringenden neuen Schichten der ungarischen Gesellschaft 
viel zu lernen, sehr viele Eigenschaften und sehr viele Tugenden haben 
sie sich von ihnen anzueignen und sehr viele alte Fehler haben sie 
abzustreifen. Auf anderer Seite aber hat es gegen niemanden eine 
verletzende Spitze, wenn wir hinzufügen, daß auch die neuen 
Schichten der ungarischen Gesellschaft bemüht sein müssen, all das 
in sich aufzusaugen, was die alten Faktoren der Gesellschaft an 
großen Eigenschaften von ihren Vorfahren ererbt haben . . . .« 

Man kann (nicht übersehen, daß der Graf Tisza 
in etwas kategorischer Form seine Standesgenossen 



7 — 



aufgefordert hat, im Verdienen tüchtiger zu werden, 
während er unter höflichen Entschuldigungen die Geld- 
juden ersucht hat, sich endlich auch die Manieren der 
guten Gesellschaft anzueignen. Aber das pädagogische 
Resultat wird, wenn diese Welt noch ein paar Jahr- 
zehnte so weiter läuft und der Fortschritt der Weg- 
macher der Entwicklung bleibt, nicht ganz den 
Erwartungen jenes Liberalismus, der auf eine gute 
Mischung hinarbeitet, entsprechen, weil aller Wahr- 
scheinlichkeit nach schließlich die historischen Klassen 
ohne irdische Güter und mit schlechten Manieren, die vor- 
dringenden Schichten aber mit zweifachem Besitzstand 
die Gesellschaft repräsentieren werden. Und wann hätte 
sich diese Evolution besser absehen lassen als au 
jenem Zustand einer heillosen Vermengung, der eben 
der Kriegszustand ist? Daß die Aristokratie entschlossen 
scheint, auf jede geistige Verpflichtung zu Gunsten 
der ihr imponierenden Intelligenz und auf jede 
sittliche Verantwortung zu Gunsten der sie um- 
lagernden Crapüle zu verzichten; daß ein ahnungs- 
loses Wetteifern um die Gunst des Auswurfs eingesetzt 
hat; daß im eklen Gemengsei der Wohltätigkeit der 
Adel eine Erfrischung erlebt und die Gleichheit im 
Schützengraben von der Brüderlichkeit im Komitee 
ergänzt wird; daß Leute froh sind, am Tisch von 
Leuten einen Platz zu finden, die sie ehedem nicht 
am Tisch ihrer Leute geduldet hätten, und daß 
heute der Herr einen Umgang hat, den sein Kammer- 
diener aus Adelsstolz ablehnen würde — das alles springt 
aus der großen Zeit und der kleinen Chronik an jedem 
neuen Tag ins Auge. Sinnfällig kam diese Tendenz 
zum Rollentausch in dem Stolz des Grafen Karolyi 
zum Ausdruck, der die voreilige und höchst laienhafte 
Meinung, der Herr Nordau habe mit seinem Umgang 
im Konzentrationslager renommiert, hinterdrein durch 
das Bekenntnis enttäuscht hat, er habe sich vor Glück 
gar nicht fassen können, den Nordau endlich kennen 
zu lernen, und dessen eigenes Staunen mit der Ver- 
sicherung beruhigen müssen, es werde noch schöner 



kommen und die Klassenunterschiede würden völlig 
schwinden, seitdem man einmal zusammen nicht nur im 
Interniertenlager, sondern auch im Schützengraben 
gelegen sei. Man trifft sich längst in Redaktionen, 
auf Jours, in der Nächstenliebe und bei allen 
Gelegenheiten, wo ein Gedränge ist, und vielleicht 
kommt noch die Zeit, wo der Adel sogar noch die 
höchst unadelige Gesinnung abstreift, die Leute, denen 
er den Hof macht und überläßt, hinter ihrem Rücken 
grauslicher , zu finden als in ihrem Gesicht. Denn 
das ist ein Vorurteil. Auch wird er sich nicht 
lange mehr zu schämen haben, mit Bürgerlichen zu 
verkehren, denn der künftige Adel nimmt bereits in 
einer Weise überhand, daß es bald mehr Ahnherren 
in der Kärntnerstraße geben wird, als solche, die ihre 
Ahnherren schon begraben haben. Viele gibt es, die 
nicht umsonst an Konserven oder Wolldecken ver- 
dient haben wollen, ohne die Aussicht, daß in 
hundert Jahren ein stolzes Geschlecht undefinierbaren 
Ursprungs, aber sicher aus der Zeit kriegerischer Ver- 
dienste, blühen und gedeihen wird, abhold der 
Vermischung, unzugänglicher als die fallsüchtige 
Gesellschaft jener Tage, die seinem Ahnherrn keinen 
Fußtritt gab. Eheschließungen dürften das ihrige dazu 
tun, mit der Trennung vom Tisch, die so lange ein 
soziales Hindernis war, aufzuräumen. Denn es geschieht 
schon häufig, daß hochgeborne Herren die Koryphäen 
der Ischler Esplanade nicht nur heiraten, sondern 
sogar mit ihnen nachtmahlen gehen. Jupiter hat seine 
erotischen Neigungen so sehr als Privatsache betrachtet, 
daß er sich auch mit einer Königstochter nur im 
Inkognito eines Stiers abgegeben hat: und konnte 
dennoch nicht verhindern, daß es in die Mythologie 
kam. Er zeugte mit ihr zwei Gerichtspräsidenten. 
Was für eine Generation droht aber heraufzukommen, 
da die Väter ahnungsloser waren als die Mütter? 
Die Welt hat sich auf eine undankbare Art bewiesen, 
daß sie noch Blut hat. Jetzt wird es ihr auch nicht 
mehr darauf ankommen, es zu mischen, und es wird 



sich zeigen, daß die Vordringenden, deren seit Jahr- 
tausenden frischer Stoßkraft keine Defensive Widerstand 
leisten konnte, die Sieger dieses kurzen Kriegs waren. 
Aber hat man ihnen nicht die Schlüssel zu den sozialen 
Festungen in die Hand gedrückt, als wären es die 
zu den Ghettos? Gibt es einen Abgrund, aus dem 
man sie nicht heraufgeholt hat? Eine Strickleiter 
sozialer Verbindung, die man ihnen nicht gereicht 
halte? Kinoschmierer, Operettenlieblinge, Agenten 
müssen sich den Hochgestellten nicht mehr auf- 
drängen, sie werden begehrt; und der Parvenü 
braucht sich nicht mehr anzustrengen, wenn Hoheit 
ihm auf halbem Weg entgegenkommt. Von einer 
Fürstin empfangen werden, ist gefährlich, weil man 
sicher sein kann, einen Revolverjournalisten bei ihr 
zu treffen, die phantastischesten Zusammenstellungen 
sind im Geschmack der Zeit, und der arme »Würden- 
träger«, der unter der Last keucht, ist aer mißbrauchte 
Dienstmann des Großindustriellen, der ihn für schlechte 
Behandlung durch gelegentliches Essen entschädigt. 
Kann man denn mit Fug noch von Vordringenden 
sprechen, wenn die Historischen schon hinter ihnen sind? 
Wahrlich, nie haben sie selbst sich das Leben so leicht 
gemacht wie ihnen der Feind, und der letzte Hemm- 
schuh, den die historische Welt ihnen in den Weg legen 
wollte, ward durch den unerforschlichen, aber seit Jahr- 
tausenden am Sieg wirkenden Ratschluß ihres Gottes 
beseitigt. Wie sollte eine Rasse, deren Ambition man 
nahetritt, wenn man ihr nur die Neigung zu greifbaren 
Gütern vorwirft, nicht auch auf die moralischen, 
die doch in einem so verwandelten Leben das billige 
Ornament der andern sind, Appetit haben? Kommt 
einst der Tag — und wir erleben ihn — , daß 
der Wert vollends Ware geworden ist, so mag noch 
eine Gelegenheit bleiben, ihn aus dem Markt zu ziehen, 
um den ewigen Händlern die Chance zu verderben: 
der Adel beweise sich, indem er ihn ablegt, und lasse 
die Gesellschaft als ein Ghetto derNobilitierten hinter sieht 



— 10 



Das Lysoform-Gesicht 

ist das der Zeit. Zu sehen, feixend, an allen Planken. Das 
Mittel ist eines der Mittel — auf >— it«, »— in<, >— ol« und 
»—form«, — die die Menschheit erst nötig hat, seitdem sie sie 
erfunden hat, und ohne welche es die Leiden nicht gäbe, gegen 
die sie erfunden wurden. Aber das Gesicht, das es empfiehlt, ist 
die Zeit selbst. Hierzulande, wo aller Vorfall bunter und lauter 
ist als sonst in der Welt, vergeht einem Hören und Sehen, wenn 
man eine Planke entlang geht, nur die Zeit steht und feixt 
Welch ein Tohuwabohu von Stillstand! Eine brüllende Prolelen- 
kunst feiert ihren orgiastischen Abschied vom Sinn des Lebens. Die 
Tobsucht empfiehlt das Lebensmittel, dessen Tyrannei den Verstand 
so weit gebracht hat. Die Ware ist rebellisch worden und jauchzt, 
springt, platzt vor Vergnügen, weil der Händler ihr die Haut des 
Konsumenten zur Hülle gab. Nein, an keiner Straßenecke des 
Fortschritts geht es so hoch her wie an der unsern. Das Ohr 
verspürt noch den Druck der eben verstummten Siegesschreie, deren 
Gewalt die Behörde eingedämmt hat, weil das Papier, nicht weil 
die Menschenwürde auszugehen drohte. Das Heroenzeitalter der 
Wiener Straße — bis auf den Sonntag, der als Unruhtag eingesetzt 
wurde, abgelaufen — hinterläßt im Gedächtnis einen letzten 
Glanzpunkt: >Krosser Sick der Türken über die Russen: Erzerum 
gehohmen !« Kein Schweigegebot aber unterdrückt die gemalten 
Extraausgabenschreie, die das Auge betäuben, die vernichtenden 
Anschläge der Gewinnsucht auf den Geschmack. Mestizen aus 
Weanern und Juden, das ewige Hindernis des Trottoirs, erscheinen 
in liebevoller Übertreibung noch an die Wand gemalt; ein Variete 
von Wucher und Wohltat tanzt vor uns, peitscht den Lebens- 
überdruß zum Gaudeamus und eine Quadrille von Zentauren, 
halb Mensch, halb Ware, bestürmt uns, kein Spielverderber zu 
sein. Transzendente Antlitze von Gastwirten, melancholisch über- 
schattete Judenbuben, die einen heitern Abend versprechen, obers- 
schaumgeborne Aphroditen, Bulldogs mit Hausmeistergesichtem, 
Mißgeburten, die strampelnd schon mit Gummiabsätzen zur Welt 
kommen, brave Soldaten, die außer sich vor Freude sind, weil Anti- 
Mi kotin gesiegt hat — und über dieser Farbenhölle, die losgelassen ist, 



— 11 — 



um die Zugkraft des Todes für ein niedriges Lebensinteresse 
zu verwerten, über diesem schüttelnden Fleckfieber der Zeit, über 
diesem Gliederkrampf von lebloser Feschität und ausgefressenem 
Marasmus: das gewitzte Ponem des Lysoformbengels, der zu 
wissen scheint, was er weiß, der sagen könnte, was er nicht 
sagen will, nämlich wofür das Mittel auch probat ist. Mit der lächelnden 
Miene eines, der eine Diskretion begeht, der sich auskennt, der in dem 
Punkt Erfahrungen hat, dem schon manches untergekommen ist, der 
viel erzählen könnte, wenn er wollte, schweigt er, und sagt: >Unent- 
behrlich für die Frauen.« Schweigt so die Zeit nicht? Sieht sie so nicht 
aus? Die Moral, die das Geschlecht verbietet und als Gegenstand des 
Humors für geschlossene Zirkel zuläßt, räumt ein, daß die Sache ernst 
ausgehen kann, und findet das komisch. Der Händler illustriert die 
Gefahr durch einen wissenden, eh schon wissenden Laden- 
schwengel, der mit gekniffenem Auge und dem von einem Ohr, 
das viel gehört hat, bis zum andern verzogenen Lächeln um 
keinen Preis verraten will, was er weiß, aber schließlich mit sich reden 
läßt. Die Passantin, der ein Rat erteilt wird, wird angegrinst und 
entschließt sich, weil Lysoform nun einmal so pikant sein soll, 
zu einem Kauf. Diesem Lockvogel ist nicht zu entgehen; diesem 
eingeweihten Schelm, der täglich Lysoform empfiehlt und am Sonntag 
auch die Plauderei schreibt, kann man nicht nein sagen. Keine Frau, 
keine Behörde. Solches Vorbild einer Moral, die längst Herren- 
abend gemacht hat, begleitet uns auf allen Wegen. So angeschaut, 
so von allen Sendboten der Hölle angerufen zu werden, ergötzt uns, 
stört uns nicht. Niemand beklagt sich, kein Steinhagel macht der Zu- 
mutung ein Ende. Und niemand erschrickt bei dem Gedanken, daß in 
einar durch gnädigen Zauber plötzlich ausgestorbenen Stadt diese 
Gesichter in ihrer überlebendigen Überlebensgröße überleben und 
uns in die Verwesung nachstarren könnten. 



— 12 — 



Glossen 



Lesestücke 



Aus einem im Verlag von Karl Meyer in Hannover 
erschienenen, für den Schulgebrauch bestimmten Lesebuch der 
Rektoren Kappey und Koch in Hildesheim: 

>Regiment greift an<, von Leutnant Hoppe vom Regiment 79: 



Da drüben, da drüben liegt der Feind 

In feigen Schützengräben, 

Wir greifen ihn an, und ein Hund wer meint, 

Heut würde Pardon gegeben. 

Schlagt alles tot, was um Gnade fleht, 

Schießt alles nieder wie Hunde, 

JVlehr Feinde, Mehr Feinde! sei euer Gebet! 

In dieser Vergeltungsstunde ! 

Aus drei im pädagogischen Verlag A. Haasein Prag erschienenen 
Büchlein des Wiener Lehrers Weyrich : 

>Auf daß ihr mit wissendem Herzen und Munde 
hasset, halte ich euch einen Spiegel vor, aus dem euch das neidverzerrte 
und haßverfärbte Antlitz des falschen Albion entgegengrinst.« 

»Jetzt freilich möchte ich nur wünschen, daß den Russen Galizien 
all seine Gaben: Armut und Schmutz, verseuchte Brunnen und tolle 
Hunde, Hunger und Seuchen in verschwenderischem Maße zuteil 
werden läßt.« 

»Von den Kerlen aber ist nichts zu sehen! Schauen in ihren 
Monturen aus, als wären sie aus demselben Lehm und Sand geformt, 
um den wir uns nun tagelang raufen. Sind feige Hunde, die 
Erdfarbenen!« * 

»Alles schwarz von Russen, grad so wie in einer vernachlässigten 
Küche! Man braucht nicht zu zielen: einfach losdrücken und schon 
liegt einer. Na, da knallten wir sie nieder, wie die Köchin 
raschen Fußes das Ungeziefer zertritt.« 

»Sakra, dös war höllisch fein! Bald hab' i 's Vurtl heraußt 
g'habt. Eini das Messer ins Russenfleisch und gach umdraht!« 

»Hei, da haben wir mit unseren Karabinern dreingehauen, 
als gälte es Klötze zu spalten. Hab' auch viele Russen- 
schädel zerschlagen. Hurra!« 

>Es muß ein ganz eigenartiges Gefühl sein: Hier zu stehen, den 
Feind 'rankommen zu sehen und ihn niederknallen zu können, 
ohne daß er einem recht ankann.« 



13 



»... und jetzt darf ihnen (den Russen, die sich ergeben) niemand 
mehr etwas tun als: gefangennehmen. Und hätten doch so gern 
diese Gazember (magyarisches Schimpfwort) ein bißl massakriert. . . .< 

»Jeden einzelnen von uns hat der Krieg aus dem 
Alltag gerissen, hat ihn umgeformt und sittlich wachsen 
lassen. Wir alle sind bessere Menschen, bessere Öster- 
reicher geworden!« 



Gebt Feuer, ihr Berge! Speit! 

»Wieder einmal nimmt dasWiener Kaffeehausleben eine 
Umgruppierung vor. ... die Begriffe Semmel, Kipfel, Baunzerl. . . . 
gelbes K riegs weckerl . . bis die Wiener Cafetiers auch diese 
Position aufgeben mußten. . . . Und während draußen unsere 
Helden stürmen und siegen, standhalten und erobern, nahm 
die bürgerliche Defensive des Wiener Kaffeehausgastes ihren 
nicht immer erwünschten, aber wirtschaftlich-strategisch höchst not- 
wendigen Fortgang. . . . das Schlagobers, das üppig und lockend die 
Wiener Melange zur kulinarischen Sehenswürdigkeit erhob, wurde glatt- 
weg konfisziert, und nun ist eine ganz neue Linie bezogen worden. . 
Die Nachmittagsjause ist auf unbestimmte Zeit beurlaubt. Heute hatten 
die Wiener Kaffeehäuser ihre melangelose Premiere. Wenige Minuten 
vor 2 Uhr. ... noch ein »Kapuziner« oder eine Melange »mehr dunkel« 
oder eine >Obers gespritz t< serviert, punkt 2 aber ein derartiges 
Begehren mit einem, je nach der Gemütsart des Kellners 
bedauernden oder ironischen Achselzucken verweigert. Und als 
späterhin einige Gäste in wenig geschmackvoller Weise das Milch- 
verbot umgehen wollten, indem sie ihren Schwarzen durch mit- 
gebrachte Milch zu einem Weißen machten, wurde ihnen klargemacht, 
daß auch dies nicht erlaubt sei. Der Wiener Kaffeehausgast hat aber auch 
die neueste Probe auf seine Bereitschaft zum Durchhalten 
vortrefflich bestanden. . . . Denn schließlich gehen ja doch die meisten 
Wiener, Herren und Damen, in erster Linie der Gesellschaft halber, 
um Zeitungen zu lesen, um eine Ruhepause zu genießen, um zu 
plauschen und zu politisieren, ins Caf6, das ja bei uns weniger 
>Lokal< als Klub ist. Ganz schlaue Leute aber . . wußten sich heute 
schon zu helfen. Sie erschienen später als sonst, erklärten dem Markör, 
daß sie noch warten wollen, und bestellten dann pünktlich eine Minute 
vor 7 Uhr: »Markör, eine Teeschale Melange, sehr licht.« 

Nein, Doppelschlag! 



14 — 



Das Gedankenleben 

Zwei Stufen des Denkvermögens gibt es jetzt. Auf der einen, 
der höhern, sagt man: »Krieg ist Krieg.« Hier ist außer der Erkennt- 
nis noch der Rat inbegriffen, sich danach einzurichten oder wenns 
nicht paßt, nach einem andern Planeten auszuwandern, falls man 
die Grenzübertrittsbewilligung bekommt. Diese Formel berück- 
sichtigt die unabsehbaren Schwierigkeiten und Gefahren, die sich 
aus der einmal gegebenen Tatsache ergeben, ohne jedoch den, der 
sie anwendet, an diesen Fatalitäten schuldig oder beteiligt erscheinen 
zu lassen. Nur im Munde solcher, die nicht daran sterben, ist 
diese Definition des Krieges gebräuchlich, die andern wissen 
vielfach, daß der Krieg auch etwas anderes ist als Krieg. Auf 
der zweiten Stufe aber drücken sich die Leute, denen es 
nicht geschah, weniger kompliziert aus, sondern sagen einfach : 
>Jetzt ist Krieg.« Diese Erkenntnis hält sich gleichfalls an die ein- 
mal gegebene Tatsache, weist aber den barsch ab, der dem Sprecher 
irgendwelche Zumutungen stellen möchte, denen er schon im 
Frieden nur schlecht oder ungern entsprochen hat und von rechts- 
wegen auch im Krieg zu entsprechen hätte, also nicht als ob ihm eine 
neue Leistung aufgebürdet würde, sondern weil die alte von ihm 
verlangt wird. Es ist allenthalben nicht njar das Zauberwort, das 
den Wucherinstinkt bis zur Aufopferung des letzten Schamgefühls 
entfesselt hat, sondern es ist auch in der Niederung jener, die vom Krieg 
nichts haben können, die Ausrede der Lässigkeit und die Ent- 
schuldigung der Schlamperei, und man hat den Eindruck, als 
sollte die Felddiensttauglichkeit anderer die eigene Untauglichkeit 
zu jedem andern Dienst erfordern. Man muß darauf gefaßt sein, 
daß man von einem Kellner, dem man jetzt etwa raten würde, die 
Tür geräuschloser zu schließen oder den Finger nicht geradezu in 
den Teller zu stecken, die Antwoit bekommt: »Jetzt ist Krieg.« 
Blitzschnell hat diese Erkenntnis alle Gebiete des öffentlichen und 
des privaten Lebens, jenseits aller Notwendigkeiten, die sich aus der 
Tatsache, daß Krieg ist, ohnehin ergeben, durchsetzt und den Zustand 
eines andern Kriegs geschaffen, den das Hinterland auf eigene 
Faust zu führen scheint. Jener Krieg ist dieser Krieg. Eben dort, wo 
noch die Bahn des Lebens frei wäre, pflanzt sich die störrige 



15 — 



Banalität auf und zwingt uns zur Umkehr durch die vorgehaltene 
Warnung: Jetzt ist Krieg. Der Gedanke lebt und jeder 
nimmt sich seinen Teil von dem allgemeinen Recht, ein Hindernis 
zu sein. Alles andere aber, was so tagsüber den Leuten aus dem 
Mund kommt, ist nur die feierliche Redensart, die öfter gestorben 
ist, als jener Tod, den sie bezeichnet, erlitten wurde. Wer hätte denn je 
gedacht, daß eine Zeit anbrechen werde, die solcher Menschen- 
ware den Stolz beibringt, einer »Epoche« anzugehören ! Glotzende 
Fettaugen auf der Wassersuppe des Lebens, starren uns die 
heroischen Worte an, als wäre, wenn das Ohr versagt, auch dem Aug 
noch ein Tort erwünscht. Dieser Gallert, nicht zertreten, kaum bewegt 
vom Ereignis, schillert in den Farben der Glorie, und ich 
weiß nicht, habe ich es erfunden oder ist es nur wahr: in einem 
Kaffeehaus, in dessen Luft ein Schlachtenlärm ist von Prozenten und 
Miasmen, in einer jener großstädtischen Lokalitäten, in die der 
Kriegszwang selten eingreift, seltener die Gerechtigkeit, wiewohl 
sie es blind vermöchte, in einer jener Baracken, wo sich die Ent- 
lausung des Hinterlands durch den Krieg als Utopie herausstellt, 
sagt einer plötzlich: »Was heißt nein? Ich sag Ihnen sein Vorge- 
setzter selbst hat ihr geschrieben, so wahr ich da leb, er wird 
in den Annalen fortleben.« 



Ein Irrsinniger auf dem Einspännergaul 

Wunder gibts jetzt nur in der Technik, Symbole wachsen 
in der lokalen Chronik. Hier ist eines, das ziemlich gut zeigt, 
wie ich mir die Lage der Welt im Krieg, die Lage unserer Welt, 
schon immer vorgestellt habe. 

[Ein Irrsinniger auf dem Einspännergaul.] Eine auf- 
regende Straßenszene hat gestern abend an der Kreuzung der Aiser- und 
Landesgerichtsstraße eine geraume Zeit lang unter den vielen Vorüber- 
gehenden großes Aufsehen erregt. Gegen halb 8 Uhr fuhr ein Einspänner- 
wagen mit zwei Damen als Fahrgästen und Gepäck, das auf dem Bocke 
verstaut war, in der Universitätsstraße gegen die Alserstraße. Als der 
Wagen im langsamen Tempo zur Kreuzung der Aiser- und Landesgerichts- 
straße fuhr, kam ein junger Mann in Infanteristenuniform plötzlich im 
Laufschritt auf die Straße und stürzte sich dem Einspännerrosse entgegen ; 
er faßte es an dem Zügel und wollte das Pferd anhalten. Der Kutscher 



— 16 — 



war überrascht, die beiden Insassen waren erschrocken. Der Kutscher 
schlug mit der Peitsche auf das Pferd ein, um es zu schnellerem Trabe 
zu veranlassen und dem jungen Menschen zu entkommen; das Pferd 
lief auch schneller, da sprang der junge Mensch wieder an den Gaul 
heran und schwang sich auf ihn. Mit der bloßen Hand trieb er das 
arme Tier zu noch schnellerem Laufe an, indem er dabei wiederholt 
> Hurra«! schrie. Nun hatte der Kutscher die Lenkung über das Pferd 
ganz verloren und der sonderbare Reiter ließ den Gaul ganz umkehren. 
Im Galopp kam das Tier mit dem schleudernden Wagen gegen die 
Kreuzung. Das Abenteuer hätte noch schlimm enden können, wenn nicht . 
an der Kreuzung ein Sicherheitswachmann das Pferd am Zügel gefaß'f 
und zum Stehen gebracht hätte. Der Wachmann zog den Reiter wieder 
auf den Boden herab. Kutscher und Fahrgäste atmeten auf. Um den 
Wagen sammelte sich gleich eine große Menge an. Der junge Mann, 
der offenbar geistesgestört ist, wurde der irrenärztlichen Behandlung 
übergeben. 

Wann, wann, wann! Wann kommt er, der Wachmann! 
Wenn man einen braucht, ist natürlich keiner da. 



Wüßt' ichs doch! 



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Bagatellen 

.... Tatsächlich hatte der Unfall, abgesehen von dem erwähnten 
Verluste an Menschenleben (9i, nur einen rasch gelöschten Brand zur 
Folge, ohne daß durch diesen die geringste Betriebsstörung eingetreten 
ist. Derlei Unfälle sind bei der so umfangreichen, auf das äußerste 
gesteigerten Erzeugung und Verarbeitung von explosivem Material unver- 
meidlich, jedoch für die Munitionsversorgung ohne Bedeutung. 



— 17 — 



Nämlich im Vergleich mit den viel größeren Unfällen, 
die späterhin den Zweck und nicht die Gefahr der Munitionsversorgung 
bedeuten. Wenn diese eine wohltätige Einrichtung zur Vermehrung 
von Menschenleben wäre, ließe sich von der Affäre ein Aufhebens 
machen. Ebenso unberechtigt ist es aber, wenn von dem Verlust an 
Menschenleben Notiz genommen wird, den — als die letzte Wirkung 
der erzeugten Munition — unvorsichtiges Hantieren mit einem 
vom Vater den Kindern mitgebrachten Explosivgeschoß hie und da 
verursacht. Solche nicht beabsichtigten Unfälle sollten am 
besten aus der Diskussion bleiben. Was sich vorher und 
nachher mit der Munition begibt, zählt nicht. Die Zeit ist 
viel zu ernst, um sich mit solchen Bagatellen abzugeben. 



Ein Protz 

Ein Kinobesitzer (der doch ohnehin von Berufs wegen sein 
Scherflein beiträgt) verklagt einen Feuerwächter wegen Ehren- 
beleidigung. 

. . . Bei der Begründung des freisprechenden Teiles der Klage führte 
der Richter aus, daß nach den dem Gerichte völlig glaubwürdig er- 
scheinenden Angaben der beiden Zeuginnen der Kläger sich selbst 
gebrüstet habe, daß er zu einem leichten Dienst gekommen sei und 
^p.Q es ihm sehr viel Geld gekostet habe. Bezüglich dieser daher 
von dem Angeklagten nur wiederholten Äußerung erachte das Gericht 
den Wahrheitsbeweis als gelungen. 

Damit ist der Gerechtigkeit genüge geschehen. Bewiesen ist 
wohl außerdem, daß der Kläger renommiert hat. Man hört 
oft von solchen Protzereien, aber die Zeit ist viel zu ernst, um 
dergleichen zu beachten. Die Tatsache der Äußerung kann 
Gegenstand einer Beweisführung sein, aber nicht ihr Inhalt. Das 
würde zu Weitläufigkeiten führen und da es nicht gelingen 
würde, versucht man es gar nicht erst, sondern geht zur Tages- 
ordnung über, in der sich der schwere Dienst von selbst versteht. 



18 



Der Mann von fünfzig Jahren 
Goldene Worte 

Professor Dr. K. F. Wenckebach, der Vorstand der Ersten 
medizinischen Klinik in Wien, hat vor mehr als 2 Jahren, kurz nachdem 
er seiner Berufung nach Wien Folge geleistet hatte, einen Vortrag >Über 
den Mann von fünfzig Jahren« gehalten, der erhebliches Aufsehen nicht 
nur in der medizinischen Welt, sondern auch in Laienkreisen, vor allem aber 
in den Kreisen der Fünfziger erregt hat. Dieser Vortrag ist jetzt 
im Verlag Moritz Perles, Wien, in dritter Auflage als kleines Buch 
erschienen, wohl der beste Beweis, wie groß das allgemeine 
Interesse an der von Wenckebach angeschnittenen Frage ist, ob auch 
der Mann um die fünfzig herum einer schweren Störung seines Allgemein- 
befindens unterworfen erscheint. 

Kein Zweifel, denn es ist der Zeitpunkt, wo die Natur auf 
Wahrheit dringt, weil sie lange genug gewartet hat, daß aus jungen 
Männern alte Weiber werden. Besonders bei den deutschen Dichtern, 
die dazu inklinieren, fünfzig Jahre alt zu werden; und man erinnert 
sich noch, daß nach Ablauf der Periode, da Frau Hermann Bahr 
am Lido in wallenden Gewändern sich zeigte, die Epoche begann, 
in der der Kollege Dehmel sich einen Tschako aufgesetzt und 
sogar Kriegsgedichte verfaßt hat. 

Nach einer allgemeinen Übersicht über die Entwicklungskrankheiten 
des heranwachsenden und erwachsenen Menschen geht der hervorragende 
Wiener Kliniker auf den fünfzigjährigen Mann als Patienten über und 
bemerkt: »Es fällt uns zuallererst auf, daß die Patienten fast nie dem 
arbeitenden Stande angehören, sondern meist besseren und besten 
Kreisen entstammen, und wenn man sie im allgemeinen charakterisieren 
soll, könnte man sagen, daß es Menschen sind, von denen das Leben 
viel verlangt hat, die aber auch selbst viel vom Leben verlangen.« 

Gewiß, die Fünfzigjährigen verlangen vom Leben oft mehr 
Geld als es zu geben hat, besonders, wenn sie Medizin studiert haben. 
Wiewohl sie aber dem Leben mit dieser Forderung unaufhörlich 
nachlaufen und sich gehörig abstrapazieren, nehmen sie nicht nur 
an Geld zu, sondern: 

»Meistens ist ein gewisser Grad von Fettsucht vorhanden, ein dicker 
Bauch, ein festes, pralles Fett . . . .« 

Davon kann man sich bei einem Blick auf das Hinterland 
überzeugen, soweit es nicht schon anderweitig mit besserem Erfolg 
gemustert wurde. Wenckebach konstatiert eine Arrhythmie des Pulses. 
Von oft ausschlaggebender Bedeutung sei die Beruhigung des Patienten, 
der zweite Hauptpunkt die diätetische Behandlung, wobei es oft not- 
wendig sei, das Körpergewicht etwas herabzusetzen. Gewöhnlich genügen 



aber fünf bis zehn Kilogramm im Laufe von Monaten oder einem 
Jahr als Gewichtsverlust. Einschränkung der Fettzufuhr, Sparsamkeit mit 
Zucker, nicht ausschließlich Fleisch, nicht viel Gewürze, nicht schlemmen, 
im Alkohol- und Tabakgenuß Mäßigkeit — dies hat Professor Wencke- 
bach fast immer zum Ziel geführt. 

Dieser Wenckebach mag sein Fach verstehen, aber man kann 
nicht leugnen, daß die Größe der Zeit seiner Methode wesentlich zu 
Hilfe kommt. Zwar läßt sich nicht leugnen, daß die jetzt ohnedies vor- 
geschriebene Kur, das Körpergewicht etwas herabzusetzen, der 
Beruhigung des Patienten geradezu entgegenwirkt, ja daß durch die 
Notwendigkeit, sich ihr zu unterwerfen, die Arrhythmie des Pulses 
noch verstärkt wird. Man hat jetzt bei Fünfzigjährigen vielfach 
eine Störung des Allgemeinbefindens beobachtet, die bei jüngeren 
Jahrgängen sogar häufig zu letalem Ausgang geführt hat. Aber 
Wenckebach, der kein Chirurg ist und überhaupt im tiefsten 
Frieden zu leben scheint, empfiehlt auch »eine vernünftige 
Lebensweise«, nämlich: >geistige Ausspannung und körperliche 
Bewegung«. Erstere ist mangels dessen, was auszuspannen wäre, schon 
lange mit den größten Schwierigkeiten verbunden, aber für die letztere 
ist jetzt hinreichend gesorgt, und wenn es ehedem die grausamste 
Betätigung des landesüblichen Humors war, den Dickwanst tiefe 
Kniebeuge machen zu sehen und lachend zu beobachten, wie der 
Nebenraensch nichts zu lachen hat, so sind jetzt ihrer so viele in solcher 
Lage, daß die schadenfrohen Zeugen fehlen. Wenckebach mag eine 
Kapazität sein, aber es dürfte jetzt kaum Einer seiner Ratschläge be- 
dürfen, wo so vielen, auch jenen, die jünger oder älter als fünfzig sind, 
außer der körperlichen Bewegung Einschränkung der Fett2ufuhr, 
Sparsamkeit mit Zucker, nicht ausschließlich Fleisch, nicht schlemmen, 
im Alkohol- und Tabakgenuß Mäßigkeit gratis ordiniert wird. Wem 
würde heute, wenn er in ein Gasthaus kommt, in der festen 
Absicht zu schlemmen, nicht von der Speisekarte selbst Ein- 
schränkung der Fettzufuhr und Maßhalten im Fleischgenuß 
empfohlen, von der Zuckerkarte nicht die einschlägige Diät, wem 
nicht von der Trafikantin selbst, die doch gewiß ein Faible fürs 
Rauchen hat, Enthaltung vom Tabakgenuß ? Es braucht kein 
Wenckebach vom Katheder herzukommen, um das zu sagen. Es 
wären denn die Worte, die er zu sagen hat, sogenannte goldene Worte. 
Und zum Schluß spricht Professor Wenckebach die goldenen Worte 
aus: »Wenn der Patient sieht, daß er durch eine vernünftige Lebens- 



20 



weise sein Wohlbefinden zurückerlangt, bekommt er Zutrauen zu seinem 
Arzt, zugleich aber das erhebende Gefühl, daß er kein Patient mehr Ut 
und, von seinem Arzt nicht mehr abhängig, sein Los wieder selbst be- 
stimmen kann. Das aber ist auch der höchste Erfolg für den Arzt, 
seinen Patienten so weit zu bringen, daß er den Arzt entbehren kann!« 

Wenn man dazu noch bedenkt, daß bekanntlich ein guter Arzt 
auch ein guter Mensch sein muß und vice versa und daß somit 
Wenckebach der Nachfolger Nothnagels ist, so sind das entschieden 
Worte, die mehr Gold für den Patienten als für den Arzt haben, 
dessen Selbstaufopferung, wenn es einmal so weit kommt, zu den 
heroischesten Erscheinungen dieses Zeitalters gehört, nur vergleichbar 
dem Harakiri "des Generals Nogi. Aber abgesehen davon, daß soeben 
allerorten eine »entsprechende Erhöhung der Ärztehonorare« 
erwogen wird, wiewohl doch schon der Tarif in Friedenszeiten 
Preistreiberei nicht ausgeschlossen hat, und abgesehen von der 
tnenschlichen Erkenntnis, daß am Golde alles hängt, wäre zu bedenken, 
daß die Weisheit der Ostasiaten in einem anderen, praktischen 
Glanzpunkte nachgeahmt werden könnte, ohne daß die medi- 
zinische Praxis geradezu eine Katastrophe erleiden müßte. Der 
Arzt kann nämlich den Patienten am Leben lassen, ohne sich umzu- 
bringen. Das Geschäft würde allerdings eine materielle Schmälerung 
riskieren, aber die Seele eines sittlichen Zuschusses sicher sein. 
Es genügt, sich statt des Heroismus nur die Weisheit der Ostasiaten 
zum Vorbild zu nehmen und sich einfach statt für die Krankheit 
für die Gesundheit honorieren zu lassen. Wenckebachs Ent- 
sagung würde kein Echo bei der Fakultät finden. Denn 
Hand aufs Herz — das ja menschlichen Wallungen genau so 
ausgesetzt ist wie das des fünzigjährigen Patienten, der ein 
fünfundzwanzigjähriges Jubiläum als Verdiener feiert und vom 
Leben für die Zukunft noch mehr verlangt — , das ist ja alles 
ganz gut, ein guter Arzt muß ein guter Mensch sein, aber ein Arzt 
ist eben auch ein Mensch, also Hand aufs eigene Herz: welcher 
WienerUniversitä tsprofessor und Konsiliarius, welcher europäischeArzt 
lebt, der den Tag nicht erwarten kann, wo er seine Patienten so weit 
gebracht haben wird, daß diese den Arzt entbehren können? Solange 
die Ärzte fürs Kranksein bezahlt werden, mag ein Heiliger unter 
ihnen der Verlockung widerstehen, wenn schon nicht das Kranksein 
zu verlängern, so doch dem Gesundwerden mit Besorgnis 
entgegenzusehen. Kein europäischer Arzt wird sich des Wunsches 



überführen können: wenn der zudringliche Mensch von einem 
Patienten nur schon endlich gesund wäre, damit ich ihn nicht 
mehr sehen müßte und er mich entbehren kann der Kerl — was 
ich dem koste, das ist schon wirklich nicht mehr auszuhalten! 
Dagegen in Ostasien, Herr Kollega, dort sind die Ärzte wirklich sehr 
interessiert: 5ie bekommen nur Honorar, solange der Klient gesund 
ist, und da schauen sie wirklich dazu, daß ers bleibt. Vielleicht, 
daß eben darum dort auch die Fünfzigjährigen keiner Störung 
des Allgemeinbefindens unterworfen sind. 



Überreste aus der Vergangenheit 

.... Sodann protestiert Redner (Graf Josef Karolyi) gegen die 
Art und Weise, in der Abgeordneter Sandor die Träger historiscfier 
Namen mit den Geschäften der Großbanken in Verbindung gebracht 
habe, Wohl haben, erklärt Redner, die Träger historischer Namen in 
der Vergangenheit nach dem Beispiele des Grafen Stephan Szechenyi 
wie in den anderen Zweigen des volkswirtschaftlichen Lebens sich auch 
im Finanzleben betätigt. Aber sie taten es aus Patriotismus, nicht aus 
Gewinnsucht. Seitdem ist eine neue Klasse erstanden, welche sich 
auf volkswirtschaftlichem Gebiet betätigt und davon lebt. Seitdem sind 
die Träger historischer Namen auf diesem Gebiete immer mehr in den 
Hintergrund getreten. (Zustimmung links.) Heute gehören Fachleute 
dazu, um an der Spitze von Banken zu stehen. Wenn heute noch 
sporadisch Träger historischer Namen an der Spitze von Banken ange- 
troffen werden, so sind dies Überreste aus der Vergangenheit 
und gehören nicht mehr dorthin. . . . 

Hier ist die Entwicklung anders dargestellt, als man sie 
sich sonst denkt. Wo sind die Zeiten, klagt hier ein Historischer, da 
sich die alten Adelsgeschlechter noch am finanziellen Leben beteiligt 
haben. Immer sind sie an der Spitze der Banken gestanden, dann 
aber sind die Fachleute gekommen und haben sie verdrängt. 
Die Historischen nahmen die Vordringenden in den Verwaltungs- 
rat auf, der Namen wegen, und jetzt sind sie selbst draußen, und 
an der Spitze der Banken stehen jetzt Juden, die zu einer solchen 
aristokratischen Beschäftigung von Natur zwar nicht taugen, 
aber sehr schnell verstanden haben, sich mit den Positionen 
das nötige Fachwissen anzueignen, während die Historischen nur 
mit der Ehre beteiligt waren. 



22 



Narben und Notizen 

(Verwundetenjause.) Vorige Woche fand im Palais des 
Kommerzialrates Thury v. Thurybrugg auf der Seilerstätle eine 
Bewirtung verwundeter Soldaten statt, welche von der Tochter des 
Hauses, Fräulein Paula v. Thury im Palffy-Spital gepflegt werden. Nach 
einer Bewirtung der verwundeten Soldaten folgte eine Reihe künstlerischer 
Vorträge. Den Reigen eröffnete .... dann sang .... am Klavier begleitet 
von .... der bekannte Mitarbeiter der .Muskete' .... und am Schlüsse 
trug .... Unter den Gästen bemerkte man : Gräfin Hohenwart, Mark- 
gräfin Helene Pallavicini, Baron und Baronin Joachim Brenner, Gräfin 
Hilda Attems; Baronin Foulon-Norbeck, Frau Anna v. Goldegg mit 
Tochter, FML. v. Feigl, Generalkonsul Stepsky v. DoUivar, Frau von 
Stepsky-Scoda, Fräulein Irma v. Wittek, Herr und Frau v. Schönthan, 
Frau Ferraris mit Tochter usw. Mit sichtlicher Freude über das Gebotene 
und unter lebhaften Dankesbezeigungen wurden die Verwundeten sodann 
wieder in das Spital zurückgeleitet 

Verwundetenjause — welch ein Wort! Es hieße nicht so, 
wenn nur Verwundete jausten und nicht auch Gesunde zuschauten. 
Arme Teufel, die so geführt werden! Warum, warum das alles! 
Bürgerliche wollen. Aristokraten können. Aber müssen Verwundete? 



Friedensrisiko 

(>lm Weltenbrand«) Baronin Stella Berger-Hohenfels wird an 
ihrem Vortragsabend, der demnächst stattfindet, unter anderm auch 
Kriegsliedgedichte aus der Feder des Oberleutnants Emil Spitzer 
vortragen. 

Da? sollte sie nicht. 

Diese wie viele andere Gedichte von Oberleutnant Spitzer sind 
jetzt in neunter Auflage als Buch unter dem Sammelnamen: »Im Welten- 
tfrand — Kriegslieder aus Österreich- Ungarns und Deutschlands größter 
Zeit« erschienen. Das mit Illustrationen reich ausgestattete Buch enthält 
viel Stimmungsvolles und gut Empfundenes, und manches der Lieder 
eignet sich vorzüglich zur Vertonung und wird wohl den Krieg lange 
überleb e n. 

Wir sind für den Frieden, aber nicht für den Frieden um 
jeden Preis. 



23 



Was sie gelehrt hat 

(Die letzte große Zeit) liat gelehrt, daß es unnötig ist, 
Bureaumöbel amerikanischer Herkunft zu kaufen, nur >Austria Bureau- 
möbel«, Wilhelm Fehlinger u. Söhne, Wien, 4. Bezirk, Rittergasse 3 
und 1. Bezirk, Stubenring 16, sind heimisches, erstklassiges Erzeugnis. 

Die letzte? Nein, sie ist noch immer groß. 



Die Direktionskrise im Deutschen Volkstheater 

— nun die ist aber doch schon überstanden? Die Vertrags- 
bedingungen des Vierverbands, was red ich, die Friedens- 
bedingungen des Fünferkomitees sind doch abgelehnt, was red icli, 
angenommen? Wenn aber nicht, und wenn vom Herrn Weiße 
noch einmal während des Weltkriegs die Rede wäre, dann müßte 
ich doch glauben, daß der Herr Weiße den Weltkrieg inszeniert 
hat, weil der ja so gar nicht wirksam ist! 



Endlich! 

Heute hat der erste Balkanzug Wien passiert .... Nach achl- 
zehnmonatiger Pause rollt heute zum erstenmal wieder ein direkt ver- 
kehrender Schnellzug den Donauweg hinab, durch Serbien und Bulgarien 
nach der türkischen Hauptstadt. Die weltbewegenden Ereignisse der ab- 
gelaufenen anderthalb Jahre kommen in der Instradierung dieses Zuges 
zu sinnfälligem Ausdruck. 

.... Die glänzenden Waffentaten unserer und der verbündeten 
Armeen haben mit gewaltigen Schlägen diesen Ring gesprengt und die 
Bahn freigemacht für die unmittelbare Verbindung der Länder, die seit 
Kriegsbeginn einander so nahegetreten waren .... 

Der Münchner Zug fuhr nach wenigen Minuten ein und 
als erster entstieg ihm Dr. Ludwig Oanghofer. . . . 



Ein Pionier 

Auf dem Bahnhof ein Durcheinanderwimmeln von Kultur und 
Orient, von schwarzen Zylindern, deutschen Pickelhauben, österreichischen 
Mützen, türkischen Tropenhelmen, roten Festulpen und farbigen Turbanen. 



24 



Ein Geschwirre von zwanzig Sprachen und dann die freundliche Frage: 
>Kann ich Ihnen irgendwie nützlich sein?« Ein Herr von der 
deutschen Botschaft hat den Landsmann in mir erkannt. Wie 
nett das ist: in der Fremde sich so dienstwillig behütet zu sehen 
von der Heimat I 

Ja, das ist die Aufgabe der Heimat. Überflüssig zu sagen, 
daß der Vertreter der Kultur, dem es so gut ging, der Ganghofer 
war. Aber was nüzt das alles — 

Man möchte deutsche Arbeit im Orient verspüren, möchte deutsche 
Hoffnungen stützen, möchte gleich in der ersten Stunde mit einem 
tiefen erquic.k enden Trunk das Aufblühen der Türkei verkosten. 
Ich guckte mir fast die Augen aus. 

Der tief erquickende Trunk erfolgt abends im Hotelsaal, 
aber außer den dort vei sammelten Journalisten, wieder nur ein 
Gewimmel von Kultur und Orient — »alles Leute, die schon seit 
Monaten als Pioniere der deutschen Arbeit auf türkischem Boden 
standen«, freilich nicht als Pioniere, aber doch als Kriegsberichterstatter 
— ist noch nicht viel zu sehen, was für das Aufblühen der 
Türkei charakteristisch wäre. Im Gegenteil. 

Pera ist ein Klein-Paris, wie die Kintöppe Kunsttempcl 
sind. Von denen wimmelt es auf dem untürkischen Ufer des Goldenen 
Horns. Bis in die Mitternachtsstunde dudelten und quieksten an allen 
Ecken und Enden der Hauptstraße die maschinellen Musikinstrumente 
dieser zweifelhaften Kulturfabriken, die das romanische 
Abendland dem Morgenlande bescherte .... 

Demnach müßte Paris selbst, das große, doch eigentlich 
das sein, was man >'ne Nummer« nennt. Da aber von dort die 
Kinos kommen, so hat es wieder nicht mehr Kultur als Pera, Eine 
spezifisch romanische Einrichtung das; die Berliner wissen nichts 
davon und nennen es darum statt Kino irrtümlich Kintopp. 



Als Liebesgabe 

ins Feld 

eignet sich am besten ein Abonnement auf 
,,Dle Zelt" 



25 



Zeitgemäß l 

TOTENKULT IM ZIMMER! 

ZIMMERDENKMAL! 
RELIGIÖSE ERHEBUNG! 



1916 

Im Johann Strauß-Theater erreichte die > Csardasfürstin« die hundert- 
fünfundzwanzigste Aufführung .... 

Im Carltheater brachte es die Operette > Fürstenliebe« zur fünf- 
zigsten Aufführung .... 

Im Bürgertheater wurde die Straus'sche Operette »Liebeszauber« 
zum fünfzigsten Male wiederholt .... 

Das Lustspieltheater feierte die hundertste Aufführung der 
> Prinzessin Revue« .... 



Die Prager Zensur 

hat die Aufführung von Shakespeares > Heinrich IV.« verboten. 



Das ist einer! 

[Vortragsabend Otto Treßler.] Herr Treßler vom Burgtheater hielt 
im mittleren, sehr besuchten Konzerthaussaale einen Vortragsabend aus 
klassischen Dichtungen. Auch in seiner Lesekunst bleibt Treßler 
durchaus Schauspieler; die Beweglichkeit seines Naturells, die echt 
schauspielerische Geschmeidigkeit, sich rasch in vielfache Charaktere 
umzuwandeln, durch das ungemein lebendige Mienenspiel viele Masken 
anzunehmen, gibt auch seinen rezitatorischen Darbietungen Reiz und 
Farbe. Die hauptsächliche Wirkung erzielt aber Treßler durch die auch 
literarisch höchst anregende Art, oft übersehene dramatische Momente 
berühmter Balladen und selbst rein lyrischer Gedichte hervorzuheben. 
So gewann diesmal Goethes »Zauberlehrling« völlig humoristische, 
um nicht zu sagen, parodistische Deutung. Treßler formte aus der 
Ballade ein possierliches Lustspiel, in dem derwürdige Meister 
und der drollig betroffene Lehrling zu allgemeiner Heiter- 
keit anregten .... In dem zumeist lehrhaft aufgefaßten Rflckertschen 



26 



Gedicht »Vom Bäumlein, das andere Blätter gewollt«, schien 
das Tannenbäumchen, das sich bald in Gold, bald in Glas und zuletzt 
wenigstens in Blätter hüllen möchte, vor dem belustigten, wenn auch 
nicht eben lyrisch gestimmten Zuhörer mehrere Rollen der Reihe nach 
zu spielen, und selbst das Goethesche »Heidenröslein« gewann einen 
piltanten humoristischen Klang. Die »Braut von Korinth« 
wirkte völlig als dramatisches Gebilde; zumal der Augenbliclc, da die 
entsetzte Mutter die Tochter in den Armen des Fremden findet, erwecltte 
geradezu Theaterspannung .... 

Um es mit einem Wort, und zwar dem gräßlichsten, das 
diese neuösterreichische Lebensrichtung kennt, zu bezeichnen: 
die Klassiker sind also vielmehr »Klassikaner«, und der Herr 
Treßler ist ein Lustikus. Da gegen seine Verwandlungsfähigkeit 
der Fregoli ein steinerner Gast und das Chamäleon ein Nashorn 
ist und da er über und über von Spitzbübereien steckt, so dürfte 
er sich zum König Lear hingezogen fühlen und riskieren, daß ihn. 
die Töchter einen alten Vokativus nennen. Zu Possen aufgelegt 
wie ein Tannenbäurachen, das andere Rollen hat gewollt; keck wie 
ein Zauberlehrling, der so lang' eine spielt, die ihm nicht liegt, 
bis der Meister kommt, der sie ihm wieder abnimmt. Aber der 
kommt nicht mehr, eine Polizei, die die Klassiker gegen den 
Beifall eines lachlustigen Publikums schützt, das sie »klassisch« 
findet, gibt es leider auch nicht, und von der Wandlung dieses 
Begriffs wie von solcher Duldung scheint Herr Treßler das Recht 
zu seinen Produktionen abzuleiten. 



Das ist einel 

Einen höchst interessanten Versuch unternahm gestern Frau 
Hansi Niese .... indem sie es einmal mit dem trotzigen Käthchen in 
Shakespeares Lustspiel »Der Widerspenstigen Zähmung* versuchte. 
Natürlich kann es nicht die Sache der Frau Niese sein, auf 
das vornehme Hingleiten des Verses zu achten, wie es ja 
auch nicht Sache der widerspenstigen Katharina ist. Ihr mut- 
williges Temperament schlägt ohne viel Umstände die steifen 
und feierlichen Jamben entzwei, läßt hochgestellte Worte Purzel- 
bäume schlagen. Man sieht schon, wie sich die Künstlerin ihre Rolle zu 
eigen macht. Hansi Niese spielt immer gern die Einfachheit, die über 
Prunkhaftes und Prahlerisches triumphiert. Ihr Humor ist am 



27 



wirksamsten, wenn er die Geziertheit und Humorlosigkeit anderer 
verspottet. So stolpert Hansi Niese manchmal absichllich über 
einen Vers, wie sonst wohl über eine Schleppe und hat die Lacher 
auf ihrer Seite. Dieses böse »Käthchen« ist ein von Grund auf gutes 
»Katherl«, und es bedeutet einen Reiz mehr, daß bei ihr im 
Affekt die Wiener Mundart zuweilen ganz leicht anklingt. Hansi 
Niese führt die Rolle auf das rein Menschliche zurück, nicht um 
die präzise, rein äußerliche Kontur ist es ihr zu tun, soadern 
um das seelische Moment .... 

Ja, die Niese! Die haut den Shakespeare z'samm und reißt 
jedem Vers a Haxen aus! 



Die Antike 

Caf6 Capua: Spezialität Capua-Kaffee. 

Cai€ Ilion: GuUasch und Debreziner mit Kraut. 

Oh säße ich doch schon auf den Ruinen des Cafe Carthago ! 



Der Pfarrer der Penaten 

Die Totenmaske der Zeit selbstformend abzunehmen, ist 
eigentlich gar nicht nötig. In jedem Satz, den sie spricht und 
schreibt, ist sie enthalten und kann sie auf die Nachwelt gebracht 
werden. Auf jedem Schauplatz, und wär's die Sportrubrik eines 
Schweizer Hotelanzeigers, liegt sie aufgebahrt: 

. . . nachdem unsere bewährten Sänger einige flotte Lieder ge- 
sungen hatten, kehrten wir singend und johlend zu den heimischen 
Penaten zurück. . . Eine flotte Rede des Herrn Pfarrer Hoffmann 
leitete die Preisverteilung ein. 

Welch ein Aufzug von Totenmasken! Die Penaten rieben 
sich die Augen und trauten diesen nicht. Sie kündigten dem Hausherrn. 



Die Herren trugen Smoking 

Da wir uns jetzt in unserer Eleganz selbständig gemacht 
haben, so ist es kein Wunder, wenn in den Berichten über 



28 



jene täglichen tausend Gelegenheiten, wo Leute zum nachtmahlen zu- 
sammenkommen, ausdrücklich betont wird, daß »die Herren im 
Smoking« erschienen seien. Dieses Kleidungsstück hat seit jeher 
bei der Mondänität eines Semmeringhotels eine grofk Rolle 
gespielt und den losen Schelmen, die berufsmäßig über solche 
Milieus vor unserer Öffentlichkeit zu plaudern haben, Respekt ein- 
geflößt. Im Weltkrieg ist es aber nicht nur ein elegantes Tragen, 
sondern zeigt auch auf den ersten Blick die Sicherheit und Unbe- 
fangenheit, mit der wir uns, und wenn die Hölle voller Teufel 
war', in den heikelsten Situationen zu benehmen wissen. Es dürfte 
ja bei den Botokuden kaum je vorgekommen sein, daß ihre Zeitungen 
ihnen erzählt hätten, die Herren wären zum Abendessen in einem 
erstklassigen botokudischen Hotel im Smoking erschienen. Aber 
dort kommt es freilich, wiewohl den Zentral-Afrikanern ein gewisser 
Sinn für effektvolle Zusammenstellungen nicht abzusprechen ist, 
auch ganz gewiß nicht vor, daß sie bei besonders feierlichen 
Anlässen zum Fiühstück den Frack anziehen. Wir Bessern sind 
doch wilde Menschen! 



So sieht das aus 

... Im Zuschauerraum waren: Erzherzogin Isabelle, Erzherzogin 
Maria Alice, die Herzogin von Parma, Prinzessin Hanna Liechtenstein, 
Prinzessin Alexandrine Windisch-Graetz, die Präsidentin des Fürsorge- 
vereines Gräfin Fünf kirchen-Liechtenstein .. der deutsche Botschafter Herr 
von Tschirschky, der bulgarische Gesandte Toschew mit Gemahlin und 
Sohn, der bulgarische Generalkonsul Stiaßny und viele andere Persön- 
lichkeiten der Gesellschaft. Als die Monarchenbegegnung von Nisch 
mit Kaiser Wilhelm und Zar Ferdinand im Bilde erschien, brachte 
das Publikum lebhafte Hochrufe aus. 

Was gesperrt und was nicht gesperrt zu erscheinen hat, das 
ordnet sich schon von selbst an, da ist gar keine Absicht mehr dabei, 
es versteht sich einfach von selbst. Die Liechtenstein und die 
Windisch-Graetz, die damit ganz einverstanden sind, dürfen sich 
nicht einbilden, daß sie vorangehen: sie haben nur nicht den 
Stiaßny von den Potentaten zu trennen. 



— 29 



Es macht sich 

dagegen in umgekehrter Richtung. Die »Laubhütte«, eine Art 
Amtsblatt in Russisch-Polen, veröffentlicht die folgenden, in jiddischer 
Sprache verfaßten amtlichen Kundmachungen: 

Der Termin, sich einzuraelden in der Gewerberole wert verlengert 
bis'n 29. Februar 1916 . . . . Gesellschaften müssen anmelden seier 
Firme, a chuz dem müssen besunder gemeldet werden die beschäftigte 
Direktoren und steierflichtige Angestellte. 
Lodz, 28. Januar 1916. 

Der Kaiserlich deitsche Polizei-President: 
V. Opern. 
Verordnung b'naugea der Einführung von allgemeinem Paß- 
Zwang : 

Alle Personen vun'm General Gouvernement musen alt werdendig 
15 Johr hoben a Paß und dem dosigen ständig trogen bei sich. Wegen 
Verlieren a Paß muß teikef gemeldet weren der Ausgabeschtel. 

Der Generalgouverneur: 

V. Beseler, 
General vun Infanterie. 

Und da beklagt man sich über die geringen Aussichten der 
Assimilation! 



Zuzug fernzuhalten 

oder 

Wie die Russen in Galizien gehaust haben 

». . . In einer anderen galizischen Stadt, so wurde uns verbürgt 
erzählt, geriet der Rabbiner bald nach dem Abzug der Russen in arge 
Verlegenheit. Sein Haus wurde täglich von jungen Mädchen und Frauen 
förmlich belagert. Alle waren zu ihm gekommen, um von ihm eine Be- 
scheinigung zu begehren, daß Sie während der Russenzeit in der Stadt 
anwesend und der Gewall der Russen erlegen waren. Im Anfang gab 
der Rabbiner willig dieses Zeugnis. . Aber da schließlich jede Frau der Stadt 
und jedes Mädchen kam, um vonihmein solches >Sch ändungszeugnis« 
zu verlangen, nahm er die Zeugniswerberinnen einzeln ins Gebet und er 
kam sehr bald darauf, daß den wenigsten dieser Frauen von den Russen 
ein Leid angetan worden war. Sie wollten sich nur »für alle Fälle« mit 
einem Zeugnis versehen. Nun freilich zog der Rabbiner andere Saiten 
auf und er verweigerte allen Bewerberinnen diese Bescheinigung. Aber 
viele hatten schon den Schein im Sacke, daß sie »Opfer« geworden waren.« 



30 



Oehn S' weg Sie Schlimmer! 

Im Selbstmord hat die Menschheit noch die Geistesgegenwart, 
an die Fortpflanzung zu denken. Die Geistesgegenwart ist jene 
Soziologie, die sich jetzt mit der Förderung der appetitlichen und 
dieser Menschheit würdigen Idee befaßt, daß Urlaube vom Tod 
erteilt werden, um geschwind für neues Leben zu sorgen. Der 
Causeur der anständigen Gesellschaft, ein langjähriger Schmunzler, 
behandelt die Frage in der gutaufgelegten Art, die den Lesern 
eines Familienblattes umsomehr Spaß macht, als es sich ja um 
eine Familienangelegenheit handelt. Es ist ein bejahrter Bock, der 
hier zum Gärtner der Fortpflanzung bestellt wurde. Ich war 
gespannt, wie sich das entwickeln würde, kam nur zum 
Schluß und habe meinen Ohren nicht getraut: 

. . . Doch getrost, der Landsturm kommt, kommt auf Urlaub, und 
der bringt wahrhaftig ein anderes System aus dem Schützengraben mit. 
Manches junge Weib ist ganz erstaunt über das veränderte Wesen ihres 
Mannes, sein stürmisches Werben .... Wenn sich das junge Weib zu- 
letzt trotzdem ein wenig sträubt, eben nach alter Gewohnheit, so wird 
er vielleicht scherzhaft, und von i h m, der hier wie dort seine Pflicht erfüllt, 
wollen wir die seichten Späßchen gerne hinnehmen, wollen es 
nicht wehren, wenn er ihr lächelnd ins Ohr flüstert: »Du mußt nämlich 
wissen, meine Guteste, es is 'ne Staatsnotwendigkeit.« Dabei gibt er ihr 
einen schallenden Kuß, und in dem hellen Schmatzlaut singt etwas 
mit, das wie ein paar Takte von einem Liede klingt, und auch eine 
Zeile Text glaubt man zu hören, Worte, die sonst über das Schlachtfeld 
hinbrausen, aber auch hier im stillen Kämmerlein ihren Sinn nicht ver- 
lieren: »Lieb Vaterland magst ruhig sein.< Die zwei mögen das 
Lied miteinander zu Ende singen. 



Kriegsnamen 

Wie sich der Krieg in Berliner Standesämtern zu erkennen 
gibt, davon entwirft das Berliner Tageblatt eine, offenbar zufriedene, 
Schilderung : 

...EineFrau hat ihrem neugeborenen Sohn den Vornamen »Belgrad« 
gegeben . . Karl Friedrich Belgrad Schulze heißt nun der junge Erden- 
bürger. Wenigstens im standesamtlichen Register — der Pastor, der das 
Kind taufen sollte, weigerte sich, den Namen Belgrad anzunehmen, da 
es der Name einer heidnischen Gottheit sei. Die Standesbeamten 
aber weisen alle diese Namen keineswegs zurück — nur »anstößige« 



31 — 



Namen sind verboten — , sondern freuen sich im Gegenteil, 
wenn der Patriotismus sich auf diese Weise Luft macht. .Belgrad< als 
, Vorname ist durchaus nicht vereinzelt geblieben. Ein Beamter des Admiral- 
stabes nannte seinen Sohn >Wilna«, ein Postsekretär den seinigen 
>Longwy«, eine westpreußische Flüchtlingsfrau ließ »Tannenberg^ 
eintragen, ein Bauhandwerker »Warschau«, ein Name, der überhaupt 
mehrfach wiederkehrt. Aber wesentlich häufiger als der Gebrauch von 
Städte- oder Schlachtennamen ist der von Heerführern . . Von den 
Generälen steht natürlich »Hindenburg< obenan. In allen Standesamts- 
bezirken, die dafür überhaupt in Betracht kommen, ist Hindenburg als 
Vorname sehr beliebt. . . . Nur müssen die Standesbeamten streng darauf 
achten, daß »Hindenburg< nicht unmittelbar vor dem üeschlechtsnamen 
stehen darf — es könnte sonst zu leicht ein adeliger Doppelname daraus 
werden .... Neben »Hindenburg€ ist >Zeppelin< am häufigsten. . . . 
Wesentlich seltener sind andere, die eine bestimmte Tendenz zum Aus- 
druck bringen sollen. So gab ein Oberlehrer an dem Tage, da der Abfall 
Italiens bekannt wurde, seinem neugeborenen Töchterlein den Namen 
»Fides« (Treue), womit er jedenfalls gegen die welsche Untreue protestieren 
wollte. Ein anderer hatte zu Beginn des Krieges noch großes Vertrauen 
zu dem südlichen Bundesgenossen und wollte, daß sein Sohn »Dreibund« 
genannt werde, was ihm der Standesbeamte jedoch ausgeredet hat. 

In einer patriotischen Berliner Familie, die viele Köpfe hat, 
dürfte es dereinst so zugehen. Vater: >Jungens, was habt ihr denn 
nu wieder? Was is'n los?< >Belgrad is gefallen!« »Müßt ihr denn 
immer 'rumtollen?* »Vater, Hindenburg pisackt Tannenberg, und 
da kam ik denn zwischen, er kriegte mich zu fassen und da — « »Nu 
gebt doch mal Ruhe! Nehmt euch ein Beispiel an Zeppelin!« »Nee^ 
is nich, Zeppelin ist der ärgste, vorhin hat er gedroht, daß er 
über Wilna kommt!« »Ihr seid mir aber Jören !« »Sie hat 
anjefangen!« »Nu man stille! Longwy, laß deine Nase in Ruh! 
Ja hört mal, wo is denn Dreibund ?« «Wir haben Einkreisen gespielt 
und da hat er sich den Stiefel abgetreten, 's war zum Schießen !< 
»Das will mir gar nicht gefallen, benehmt euch doch. Nanu, wo is 
denn aber Warschau? (Warschau erscheint bleich in der Tür.) 
»Vater, ik hab mir übergeben müssen.« 



Der Geschmack wechselt 



Wantoch ; 



Jawohl, es ist etwas heiliges um die Fahne. Kein sinnvollerer 
Festgruß als dieser. »Das Banner hoch hallen«, sagt die Sprache. Es 



— 32 — 



ist das Bekenntnis zur Fahne, zur gemeinsamen Sache, zu unserem 
großen Hoffen Und Wünschen, das wir heute an unsere Häuser stecken. 
Von unseren Dächern, unseren Fenstern, den Erkern und Balkons weht 
das Bekenntnis, daß wir, wir alle, 50 Millionen Menschen, dabei sind 
mit Herz und Hirn und Haus und Heim. 

(Und der Hof ist ein Hund?) 

Kann ein Giebel, eine Nische, ein Fenster da leer bleiben und 
ohne das wehende Zeichen, das im Wind seinen Atem mit dem 
Atem von Hunderttausenden mischt? Wie arm und eng wäre der; 
denn das Schönste, was ein Mensch erleben kann, bleibt doch 
immer dies: mit daliei zu sein, bei einem Hochgefühl seines Volkes, 
teilzuhaben an dem Jubel von Millionen I 

Shakespeare : 

»Ja, Casca, sag uns, was sich heut begeben. , . .< >Nun, man 
bot ihm eine Krone an, und als man sie ihm anbot, schob er sie mit 
dem Rücken der Hand zurück: so — ; und es erhob das Volk ein 
Jauchzen.« > Worüber jauchzten sie zum andern Mal!< >Nun, auch darüber.« 
»Sie jauchzten dreimal ja: warum zuletzt?« >Nun, auch darüber.* 
>Wurd' ihm die Krone dreimal angeboten?« »Ei, meiner Treu wurde sie 's 
und er schob sie dreimal zurück, jedesmal sachter als das vorige Mal, und 
bei jedem Zurückschieben jauchzten meine ehrlichen alten Freunde. . . .« 
>Sagt uns die Art und Weise, lieber Casca.« «Ich kann mich eben- 
sogut hängen lassen, als euch die Art und Weise erzählen: es 
war nichts als Possen, ich gab nicht acht darauf, . . . Jedesmal, 
daß er sie ausschlug, kreischte das Gesindel und klatschte in die 
rauhen Fäuste, und warfen die schweißigen Nachtmützen in die Höhe, 
und gaben eine solche Last stinkenden Atems von sich, weil Cäsar die 
Krone ausschlug, daß Cäsar fast daran erstickt wäre ; denn er ward 
ohnmächtig und fiel nieder, und ich für mein Teil wagte nicht zu 
lachen, aus Furcht, ich möchte den Mund auftun und die böse Luft 
einatmen.« »Still doch! ich bitt euch. Wie? er fiel in Ohnmacht?« >Er 
fiel auf dem Marktplatz nieder, hatte Schaum vor dem Munde und war 
sprachlos. . . . Wenn das Lumpenvolk ihn nicht beklatschte und aus- 
zischte, je nachdem er ihnen gefiel oder mißfiel, wie sie es mit den 
Komödianten auf dem Theater machen, so bin ich kein ehrlicher Kerl. . . . 
Als er wieder zu sich selbst kam, sagte er, wenn er irgend was 
unrechtes getan oder gesagt hätte, so bäte er Ihre Edeln es seinem 
Obel beizumessen. Drei oder vier Weibsbilder, die bei mir standen, 
riefen: >Ach die gute Seele I« und vergaben ihm von ganzem Herzen. 
Doch das galt freilich nicht viel; wenn er ihre Mütter totgeschlagen 
hätte, sie hätten 's ebensogut getan .... Lebt wohll Es gab noch mehr 
Possen, wenn ich mich nur darauf besinnen könnte.« 



— 33 — 



Nachrichten aus dem Hinterlande 

[Benagelung eines Stammtisches.] Im Gasthause des Herrn 
Franz Koci, 2. Bezirk, Blumauergasse 2, fand am 21. d. die feierliche 
Benagelung des Stammtisches der »Freiwilligen Helfer« zur Förderung 
der offiziellen Fürsorge statt. Als Obmann dieses Stammtisches 
wurde Herr Leopold Popper, als Kassier wurde Herr Gustav Fried 
gewählt. In einer Ansprache hob Herr Hermann Landau die 
großartigen Leistungen unserer Truppen hervor und ver- 
sicherte, daß hier im Hinterlande auch ein jeder mit der gößten 
Opferwilligkeit an dem Kampfe teilnehme, worauf Herr Samuel 
Bojnitzer erwiderte. Die Benagelung fand unter zahlreichem Zuspruch 
der Gäste statt. 



Der Russe 

Ein Anekdotenerzähler aus Czernowitz erfreut uns also: 
»Warum wollen denn die Russen so sehr nach Czernowitz?« 
Auf die Frage wissen die Russen folgende Antwort: »Weiß ich? Man 
hat mich genommen, in die Uniform gesteckt, das Gewehr in die 
Hand gegeben und gesagt: Stürm und schieß oder du wirst erschossen It 
Das besondere Merkmal, durch das die russischen Soldaten 
in diesem Punkt sich von der kulturellen Bewußtheit der sonstigen 
europäischen Völkergruppen unterscheiden, ist gewiß nicht zu über- 
sehen. Nur ist es ganz unmöglich, daß der Russe die ihm in den 
Mund gelegte Frage als Antwort gegeben hat. Denn dazu mußte er 
schon in Czernowitz eingebürgert sein, und eben dorthin will man 
ihn doch, ohne daß er eine Ahnung hat, warum, erst schicken. 



»Benzinmangel in England«, »Kursrückgang der italie- 
nischen Währung« , »Verhaftung russischer Heeres- 
lieferanten« 

— also bitte ! 



»Papierknappheit in Italien« 

was, so gut geht's denen? 



— 34 - 

Die Schaiek irgendwo an der Adria 

Die Schaiek, die vom KriCgspressequartier einen »Urlaube 
erhalten hat, ausnahmsweise, um in Wien ihren 50. Vortrag zu 
halten, wiewohl man sie an der Front dringend braucht — die 
Schaiek hat sich zuletzt für die Marine interessiert, nämlich für den 
>Krieg in den Lüften und Gewässern«. 

Einmal, als ich über der italienischen Küste dahinflog — 

Nein, nicht die Schaiek selbst, sondern — 
sagt mir der junge Fregattenleutnant von der Wasserfliegerabteilung, 
den ich irgendwo an der Adria in seinem Hangar besuchte. 

Die Schaiek kommt weit herum, und warum sollte sie da 
nicht der Zufall auch einmal in den Hangar eines jungen Fregatten- 
leutnants von der Wasserfliegerabteilung führen, besonders wenn 
sie ein spezielles Interesse für Hydroplane hat. Aber die Technik 
ist nur ein Vorwand, die Hauptsache bleibt doch die Psychologie. 
Und welches unter den vielen Problemen des Krieges, glaubt 
man, beschäftigt die Schaiek am meisten? 

Von allen Problemen dieses Krieges beschäftigt mich am meisten 
das der persönlichen Tapferkeit. Schon vor dem Kriege habe ich 
oft über das Heldische gegrübelt, denn ich bin genug JVlännern 
begegnet, die mit dem Leben Ball spielten — amerikanischen Cowboys, 
Pionieren der Dschungeln und Urwälder, JVlissionären in der Wüste. 
Aber die sahen zumeist auch so aus, wie man sich Helden vor- 
stellt, jeder Muskel gestrafft, sozusagen in Eisen gehämmert. 

Wie erstaunt ist nun die Schaiek, daß die Helden, denen 
sie jetzt im Weltkrieg gegenübersteht, so ganz anders gebaut sind. 

Es sind Leute, die zu den harmlosesten Witzen neigen, ein stilles 
Schwärmen für Schokolade mit Obersschaum haben und 
zwischendurch Erlebnisse erzählen, die zu den erstaunlichsten der Welt- 
geschichte gehören. 

Dieser Kontrast gibt der Schaiek zu denken. Sie erzählt 
dann, das Kriegspressequartier sei jetzt auf einem leeren Dampf- 
schiff einquartiert, das in einer Bucht verankert liegt, sozusagen in 
einer Bocche, deren Insassen infolgedessen Bocher genannt werden. 
Sie sitzt im Speisesaal, wo abends, wie es sich für solche Gäste des 
Kriegs von selbst versteht, »großes Essen < ist, es geht bei Musik 
hoch her, 

schließt man die Augen — fast träumte man sich zu einem fidelen 
Kasinoabend zurück — 

Die Schaiek, diese erfahrene Wasserratte, spricht wie ein 



35 



Marineur in China, der die schönen Tage von Pola nicht ver- 
gessen kann — 

wenn nicht eben zwischen Gesang und Musik der Fregattenleutnant 
neben mir diese erstaunlichen Dinge erzählte. 

Wie denn ? Da hat also die Schalek plötzlich eine Ortsveränderung 
durchgemacht, wieder wie ein Marineur. Sie begann doch damit, daß 
sie den Fregattenleutnant irgendwo an der Adria in seinem Hangar 
besucht, was sich sehr schön gemacht hat, und nun spielt sich die 
Unterredung im Pressequartier beim Essen ab? Das tut aber nichts, 
im Grübeln über das Heldische kann man sich schon ein bißchen 
gehen lassen, um dann wieder in das Gemütliche einzukehren. Der 
Fregattenleutnant ist kein Spielverderber. Er erzählt der Schalek 
wirklich, wie man's macht. 

»Gewöhnlich kreist man ein halbes Stündchen über der feind- 
lichen Küste, läßt auf die militärischen Objekte ein paar Bomben 
fallen, sieht zu, wie sie explodieren, photographiert den Zauber 
und fährt dann wieder heim.< 

Dabei hatte sein Behälter leider ein Leck bekommen — was 
freilich noch immer nicht so schlimm ist, wie wenn etwa ein Unter- 
seeboot die Schalek bekommt — und er war in Todesgefahr. 
Sofort fragt sie, was er dabei empfunden habe. 

>Was ich dabei empfunden habe?« Er mustert mich ein 
wenig mißtrauisch, halb unbewußt abschätzend, wie viel Ver- 
ständnis für Unausgegorenes er mir zumuten dürfe. Wir Nicht- 
kämpfer haben so erdrückend fertige Begriffe von Mut und Feigheit 
geprägt, daß der Frontoffizier stets fürchtet, bei uns für die 
unendliche Menge von Zwischenempfindungen, die in ihm fort- 
während abwechseln, keine Zugänglichkeit zu finden. 

Die Schalek, die hier ausdrücklich zugibt, daß sie eigent- 
lich ein Nichtkänipfer ist, also eine Drückebergerin, hört interessiert 
zu, ohne daß ihr die geringste unausgegorene Zwischenempfindung 
des Frontoffiziers entgeht. Er seinerseits gibt wieder zu, daß 
er ein Kämpfer ist: 

»Ja, das war sonderbar, wie wenn ein König plötzlich Bettler 
wird. Man kommt sich nämlich fast wie ein König vor, wenn man 
so unerreichbar hoch über einer feindlichen Stadt schwebt. Die da 
unten liegen wehrlos da — preisgegeben. Niemand kann 
fortlaufen, niemand kann sich retten oder decken. Man hat 
die Macht über alles. Es ist etwas Majestätisches, alles andere 
tritt dahinter zurück; etwas dergleichen muß in Nero vorge- 
gangen sein. . . .< 



36 



Die Schaiek, die nunmehr Aufschluß über das Heldische 
bekommen hat, lernt außerdem noch einen Caligula kennen 
und plaudert mit ihm über Bombenwürfe auf Venedig, über das 
sie auch schon sattsam gegrübelt hat: 

Venedig als Problem ist auch langen Grübelns wert. Voll von 
Sentimentalität sind wir in diesen Krieg gegangen, mit Ritter- 
lichkeit hatten wir ihn zu führen vorgehabt. Langsam und nach 
schmerzhaftem Anschauungsunterricht haben wir uns das abge- 
wöhnt. Wer von uns hätte nicht vor Jahresfrist noch bei dem Gedanken 
geschauert, über Venedig könnten Bomben geworfen werden! . . . Wenn 
aus Venedig auf unsere Soldaten geschossen wird, dann soll auch von 
den Unsern auf Venedig geschossen werden, ruhig, offen und ohne 
Empfindsamkeit. Akut wird das Problem ja erst werden, bis England — 

Nein, die Schaiek, ehedem eine Grüblerin, gibt keinen 
Pardon und der Flieger bestärkt sie darin: 

>In Friedenszeiten pflegte ich alle Augenblicke nach Venedig zu 
fahren, ich liebte es sehr. Aber als ich es von oben bombardierte — 
nein, keinen Funken von falscher Sentimentalität ver- 
spürte ich dabei in mir. Und dann fuhren wir alle vergnügt 
nach Hause. Das war unser Ehrentag — unser Tag!* 

Neben der Schaiek steht ein Offizier von einem Torpedo- 
boot, »der auch ein Erlebnis weiß«, auch eine sehr lustige Geschichte. 

»Nein, wie wir gelacht haben. . . .« Nur in Österreich wird eine 
Geschichte von Gefahr und Sterben so erzählt. 

Das mag schon sein. Und am nächsten Tage besucht die Schaiek 
ein Unterseeboot, damit sie, wenn sie schon dabei ist, alle Waffen- 
gattungen der Marine erprobt. Sie hantiert denn auch gleich mit 
Kalipatronen und Lancierrohren, Diesel-Motoren und Wassertanks 
und spricht von diesen Dingen, als ob sie aufgewachsen wäre 
bei der Marine. Sie kennt das alles schon. 

Und da die Erklärung sich nun auf den Maschinenraum erstreckt, 
bleibe ich auf meinem Platz im Vorschiff zurück und lasse mir vom 
Maat einiges erzählen. 

Wiewohl man bisher geglaubt hat, daß ein solcher Maat 
anderes zu tun habe als der Schaiek einiges zu erzählen. Aber wir 
müssen uns an solche Dinge gewöhnen. Diese Männer leben unterm 
Wasser und die ersten Gesichter, die sie wieder sehen, wenn sie 
an die Luft kommen, sind die von Journalisten. Sie mögen wohl 
mit ihrem Schicksal hadern und es fragen, ob so das Leben aus- 
sieht. Aber nützen tut es ihnen nichts. Da möchten sie wieder 



— 37 



untertauchen. Halt! rufen jene, das gibts nicht! Denn unterm 
Wasser gibt es Details und die müssen sie ihnen bringen. So 
lassen die Vertreter des Pressequartiers den armen Maat 
nicht mehr aus. > Einer meiner Kameraden«, sagt die Schalek 
— denn die Schalek hatt' einen Kameraden — fragt also den Maat 
nach Details, 

Mir selbst ist zumute, als habe ich die Sprache verloren. 

Aber sie hat nicht. Im Gegenteil hat die Schalek die Geistes- 
gegenwart, »an noch ein dunkles Problem zu rühren«. Sie will 
nämlich, wieder aus Grübelei, wissen, was der Torpedooffizier 
»gefühlt habe, als er den Riesenkoloß mit so viel Menschen im 
Leib ins nasse, stumme Grab hinabgebohrt« habe. Nach- 
dem er ihr versichert hat, daß er »zuerst eine wahnsinnige Freude« 
gehabt habe, verläßt die Schalek den jour und schließt mit 
den Worten: 

Die Adria bleibt wohl unser. 

Es gibt aber kaum einen Patrioten mit Schamgefühl, der 
sie nicht bei den Friedensverhandlungen gegen die Aussicht, auch 
die Schalek dafür hergeben zu können, abtreten würde. 



Ein Sonderling 

»In der gestrigen Sitzung des Magnatenhauses, in der der Regierungs- 
bericht über die Ausnahmsverfügungen während des Krieges verhandelt 
wurde, machte Graf Anton Sigray, nach dem Bericht des Korrespondenz- 
büros, folgende Bemerkungen: Er müsse die Aufmerksamkeit auf einen 
unlängst vorgekommenen Fall lenken, umsomehr, da er eventuell 
geeignet wäre, ein falsches Licht sowohl auf die ungarische Nation als auch 
auf das österreichisch-ungarische Heer und dessen Leitung zu werfen. 
Anläßlich des letztenLuftangriffes auf Mailand erschienen in mehreren 
Blättern Berichte, die danach angetan waren, als ob die Heeresleitung mit 
diesem Luftangriff auch politische Ziele verfolgt hätte. Auch der Erfolg 
dieses Luftangriffes, bei dem zahlreiche bürgerliche Personen verletzt 
wurden, wurde in einer Weise besprochen, welche dem Verdacht 
Nahrung geben könnte, daß man sich bei uns darüber freue, 
daß Nichtkombattanten dem Luftangriff zum Opfer fielen. 
Er halte es für notwendig, vor der großen Öffentlichkeit darauf hin- 
zuweisen, daß er, obwohl er nichts Näheres über die Aufgaben und 
näheren Ziele dieser Aktion wisse, sicher sei, daß unsere Heeresleitung 
damit bloß militärische Ziele verfolgte und daß die Angriffe einzig und 
allein gegen militärische Objekte gerichtet waren. Was die ungarische 



38 



Nation anlangt, ist diese derart großherzig, daß sie einen Haß gegen 
unsere Feinde nicht kennt , . . .« 

Die Arbeiter -Zeitung bemerkt bei Besprechung dieser 
Anomalie: 

In Wiener Zeitungen tritt bei solchen traurigen Notwendigkeiten 
— denn anderes hat man in dem Bombenwerfen auf unbefestigte 
Städte wohl nicht zu sehen — schlechthin eine bestialische Freude hervor. 

Dazu wäre nur noch zu sagen, daß man eher das Bombenwerfen 
auf befestigte Städte eine traurige Notwendigkeit nennen könnte. 
Das Bombenwerfen auf unbefestigte Städte ist eine so traurige 
Überflüssigkeit, daß sie — nicht vorkommt. 



Wie ein König, mit Bomben beladen, wie ein Gott! 

». . . Heute morgen habe ich einen feinen Flug, meinen dritten, 
über Verdun gemacht. Um ^/zlO Uhr bei schlechtem Wetter aufge- 
stiegen, flog ich über Gravelotte, Amanweiler, Saint-Privat, Sainte-Marie- 
aux-Chenes — über der berühmten Pappelallee — und Briey an der 
Maas, dann südlich über Verdun, wo ich zwanzig Minuten gekreist bin 
und meine Bomben abgeworfen habe, herunter nach Dupuy, Etain 
und nach . . zurück, wo ich um 12 Uhr landete. Es war die ganze 
Zeit über sehr bedeckter Himmel, so daß ich, wenn ich etwas sehen 
wollte, sehr niedrig fliegen mußte. Ich war nie höher als zweitausend 
Meter und über Verdun einmal sogar nur achtzehnhundert Meter. Es war 
ein eigenes Gefühl für mich, wie ein König, mit Bomben beladen, 
über dasselbe Gelände zu fliegen, wo mein Vater schon vor sechsund- 
vierzig Jahren gekämpft und sich das Eiserne Kreuz erworben hat. 
Ich konnte jedes Haus von Saint-Privat ganz deutlich sehen, jeden 
Baum an der Chaussee nach Sainte-Marie erkennen, und das alte be- 
rühmte Schlachtfeld lag wie ein Spielzeug unter mir. Wenn ich meine 
Bomben geworfen hätte, hätte ich das halbe Dorf kaput 
machen können! Über Verdun wurde ich sehr stark beschossen — 
ich hatte zwei Treffer von Schrapnellkugeln im rechten Tragdeck, wie 
ich hernach festgestellt habe. Ich warf alle meine Bomben wohl- 
gezielt ab und sah, wie sie unten auseinanderkrachten! Dann 
zählte ich noch die Brücken über die Maas und flog glücklich nach 
Hause. Noch nie in meinem Leben habe ich etwas so Herr- 
liches erlebt! Über alles Irdische erhaben, ruhig und sicher 
dahinfliegend, kommt man sich wie ein Gott vor! Tief unten auf 
der Erde lag es wie ein Kranz von Rauch um die Stadt: nichts als 
krepierende Granaten. Die Brände lohten zum Himmel auf, die 
ganze Erde war zerwühlt und aufgerissen — ein schauriger 
Anblick! Sonst sieht die Erde wie ein Spielzeug aus, grüne 



39 



Wiesen und Wälder wechseln mit dem braunen Acker und darin 
liegen die Dörfer wie weiße und rote Flecken. Hier ist alles Öde und grau, als 
ob ein Strom von Lava über das Land geflossen wäre. Auf 
der Erde Loch bei Loch, in den Dörfern Rauchsäulen; das Aufblitzen 
der platzenden Geschosse folgt unmittelbar dem Feuerschein und Gelöse 
der großen Geschütze, und überall Dampf, Rauch und Feuerbrände — 
eine Höllel — Und dann denkt man an die Soldaten, die 
da unten kämpfen und sich jeden Meter blutig erobern 
müssen, und an die Verlustel — und ich? Wie ein Gott 
schwebt man über all diesen Schauern und schleudert seine Blitze 
auf den Feind I Man denkt an keine Gefahr, fliegt ruhig seine Bahn 
und tut seine Pflicht. 



Es war einmal 

>Zum ersten Mal: ,Königin Schneewittchen und ihre sieben tapferen 
Kinder', ein Märchenspiel von Anna Ethel, Bearbeitung für die Volks- 
oper von Karl Schreder. 

Mit dem neuen Weihnachtsmärchen hat die Volksoper einen 
Treffer ins Volle getan. Alter Märchenzauber, geschickt mit der alles 
bewegenden Tagesgeschichte verwoben, wirkte aufs neue seine Wunder. 
Mit schwarz-weiß-roten und schwarz-gelben Fahnen wurde 
das Geäst des uralten deutschen Märchenwaldes neu aus- 
geschmückt; Zweiundvierziger, Zeppeline und Untersee- 
boote, hergestellt in der Felsenwerkstatt der deutschen Wichielmännchen, 
fahren im sagenhaften Traumland zwei Meilen hinler Weihnachten auf, 
und zwischen Mäuschen, Fröschlein und Fischlein tummeln sich die 
feldgrauen Unifoimen und blauen Matrosenuniformen der verbündeten 
Deutschen, Österreicher, Türken und Bulgaren. Der alte Rotbart steigt 
aus den Tiefen des Kyffhäuser und segnet die Waffen des Gemahls der 
Königin Schneewittchen, hinter welchem sich kein geringerer 
als Wilhelm der Starke verbirgt, dessen Krieger im Verein mit 
jenen des Landes »Danubia« die Völker der Bären, Hyänen, Ein- 
horne, Hammeln und Wildkatzen zu Boden strecken. Auch der 
deutsche Michel in persona und der lustige Rudi aus der essens- 
freudigen Wienerstadt fehlen ebensowenig wie der Elefant und 
das Kamel der heiligen drei Könige aus dem Morgenlande. Mit aus- 
nehmend kundiger Hand hat die Verfasserin Anna Ethel aus diesem 
bunten Durcheinander fünf lebendige Bühnenbilder gestellt, deren viertes 
anscheinend der Zensur zum Opfer gefallen ist. Nicht minder 
geschickt hat Karl Schreder diese Bilder für spezifisch wienerische 
Verhältnisse zugeschnitten. Direktor Simons hat sein ganzes, nicht 
geringes szenisches Können in den Dienst der guten Sache gestellt, und 
die Mitwirkenden wetteiferten, ihre dankbaren Aufgaben aufs prächtigste zu 
lösen . . so daß der Jubel des höchst befriedigten Publikums kein 
Ende nehmen wollte, zumal das Ganze mit den feierlichen Klängen der 
Volkshymne seine Krönung fand.« 



40 



Fahrt ins Fextal 

Als deine Sonne meinen Sciinee beschien, 
ein Sonntag wars im blauen Engadin. 

Der Winter glühte und der Frost war heiß, 
unendlich sprühten Funken aus dem Eis. 

Knirschend ergab sich alle Gegenwart, 
Licht tanzte zur Musik der Schlittenfahrt. 

Wir fuhren jenseits aller Jahreszeit 
irgendwohin in die Vergangenheit. 

Was rauh begonnen war, verlief uns hold, 

ein Tag von Silber dankt dem Strahl von Gold. 

Der Zauber führt in ein versunknes Reich. 
Wie bettet Kindertraum das Leben weich! 

Voll alter Spiele ist das weiße Tal; 
die Berge sammeln wir wie Bergkristall. 

Trennt heut die Elemente keine Kluft? 
Ein Feuerfluß verbindet Erd' und Luft. 

Wir leben anders. Wenns so weiter geht, 
ist dies hier schon der andere Planet! 

Ins Helle schwebend schwindet aller Raum. 
So schwerlos gleitet nach dem Tod der Traum. 

Nicht birgt die Zeit im Vorrat uns ein Weh. 
Bleicht sich das Haar, so gibt es guten Schnee. 

Uns wärmt der Winter, Leben ist ein Tag, 
da Silvaplanas Wind selbst ruhen mag. 

Nicht Ziel, nur Rast ist's, die das Glück sich gab, 
hält einmal dieser Schlitten vor dem Grab. 



— 41 



Notizen 

Wo Zeilen wie Augenlider sind und zwischen ihnen ein 
Gesicht: solche Entdeckungen macht man nicht mehr in den 
Journalen, doch manchmal noch in den Briefen. Jetzt, in jenen vom 
Schlachtfeld der Menschheit — aber wieder nur in solchen, die 
nicht in die Zeitung kommen — ist es ein Menschenblick des 
Verbannten, voll unverstehenden Staunens, welche Interessen, welch 
eines Lebens, ihr Opfer da wollen, voll Neugier, ob Gott sich doch eine 
letzte DeutungdiesesWirrsals aufgespart habe, und voll zustimmenden 
Dankes an einen, der ihnen Mut macht, sich im Leiden wohler 
zu fühlen als die, welche vom Leiden leben. Und unter den vielen 
auf solche Art geschriebenen ein Frauenbrief, Bericht vom 
Schlachtfeld der Natur: 

. . . Eine entsetzliche Lawine ist von der Richtung Hahnen- 
see niedergegangen. Wir hörten und sahen sie: eine riesen- 
große Schneewolke und großes Getöse. Sie hat einen breiten Streifen 
Waldes mitgenommen, glatt abgeschnitten. Unter dem gehäuften 
Schnee liegen aufeinandergetürmt und vergraben die schönen alten 
Bäume samt Wurzeln, und jeder Baum zerrissen, zerzaust, zerbrochen, 
undweiß Gott, wietief das geht. DerSchnee ist hartzusammengedrückt, 
man steigt darauf herum. Es sieht zu traurig aus, ein Bild der 
trostlosesten Verwüstung. Dazu ein süßer starker Coniferenduft, 
denn die Zweige sind frisch gebrochen, und aus den Stämmen 
fließt das Harz. Wohl das grausamste Blut. 

Ja, dies Mitleid an einem süß duftenden Leichenfeld ist das 
wahre, größere. Denn das andere meint den einzelnen, der ihm 
nahe war und den es nun so verändert sieht. Mit allen aber leidet 
es nicht. Nur in einem geistigeren Sinne dann, wenn es erbarmungs- 
los sagt: So und nicht anders hat die Menschheit gewollt. Denn 
der Wald hat die Lawine nicht erfunden, um von ihr zerrissen zu 
werden: wohl aber der Mensch dieTechnik. Der Wald war unschuldig, 
und der Mensch straft sich so hart. Auch hinterläßt das Walten 
der Unnatur kein Bild. Getöse hier und dort; aber dort verheimlicht 
die Macht nicht ihren Anblick, die Waffe ist so furchtbar als sie 
scheint. Aus den Wunden selbst fließt Balsam. Der Tod duftet. 
Hier siehst du nur das Werk. Du hast Andacht zu vergeben, aber 
es fehlt die Lawine, das schmerzlich schöne Gesicht des Überwinders, 
ein Begreifenkönnen der Notwendigkeit und die um so größere 
Trauer, daß in der Schöpfung nicht nur Blüte ist, sondern auch 



— 42 — 



Untergang. Hier siehst du nur zerrissene, zerzauste, zerbrochene 
Menschen. Weiß Gott, wie tief das geht. Und frisch gebrochene Zweige! 

• * 

* 

Wo ist der Dichter, den jetzt noch der rasende Lauf der 
Menschenmaschine, dies unerschütterliche Walten der entfesselten 
Quantität zu einer segnenden Gebärde verleiten möchte und 
der nicht ein Spekulant wäre, sondern ein Dichter? Als es 
begann, gab es hingerissene Schwach köpfe. Was sagt man heute 
zu den Ausbrüchen eines Richard Dthmel, aus der Zeit, da 

aus Schleswig und Elsaß, Tirol, Mähren, Krain — 

nur Deutscher wollt' endlich jeder sein — 
die Bruderscharen kamen >gegen russischen, welschen, britischen 
Neid« gefahren. 

Und was kommt hintendrein noch getönt, 

was stampft so eisern die Erde, 

daß uns die Wand des Herzens dröhnt? 

Das waren die deutschen Pferde. 

Mit witternden Nüstern auf der Wacht 

trugen auch sie ihr Blut zur Schlacht 

für Deutschlands Ehre und Recht und Macht — 

in den Dörfern tobten die Hunde; 

Auch unsre Tiere spürten den Ernst 

der großen Gottesslunde. 

Die große Gottesstunde war damals nicht darnach angetan, 
einem Dichterherzen die Erleuchtung zu bringen, daß Tiere wohl 
die tragischesten Opfer des Willens zur Macht sind, da ihnen auch 
nicht die entfernteste Schuld an dem Zustandekommen der allge- 
meinen Wehrpflicht beigemessen werden kann und daß ihre Unter- 
werfung unter den Begriff desnationalen Ehrgefühls sicherlich von allen 
Kriegsgreueln das tollste ist. Damals hat einen deutschen Dichter 
noch die Vorstellung inspiriert, daß ein französisches Pferd aus 
Revanchelust, das eines Kosaken aus Raubgier, das des > Söldners« 
offenbar aus Konkurrenzneid mitmache und nur dann kein Schuft 
sei, wenn es zu den eigenen Pferden, den braven, desertiere, und 
daß auch alle Pferde, die aus Mähren oder Krain requiriert wurden, 
nichts anderes im Sinne hätten als den Wunsch, endlich deutsche 
Pferde zu sein. 

Dieser Dehmel nannte ehedem nicht nur das Geräusch der 
Maschinengewehre Sphärenmusik, sondern gab uns auch die Zeile: 
Marsch marsch, ruft Gott, schützt euer Land I 



43 — 



Später wurde in Österreich das > Reiterlied« eines Mannes 
berühmt, der Advokat und Zionist war und sich lyrisch als Reiters- 
mann getragen hat, dem es gleichgiltig ist, ob er am Donaustrand 
oder in Polen stirbt. Jenes gangbarste Mißverständnis über die Lyrik, 
das die Teilnahme am Ereignis mit dem Erlebnis verwechselt, 
während doch selbst nicht einmal der tieftraurige Heldentod des 
Eingerückten, ob er nun geschwiegen oder geschrieben hat, das 
allergeringste für das Erlebnis beweist, hat dem Gedicht etwas von der 
Glorie verliehen, mit der der unvorhergesehene Abschluß einer bürger- 
lichen Laufbahn heute so häufig registriert wird. Zwei Dohlen, die 
dort am Wegrand sitzen, spielen neben der Aktivierung der 
Deh meischen Tierwelt eine rein ornamentale Rolle. Aber Zeit- 
genosse zu sein und Zeuge von dem. Schicksal der unter die 
Maschine geratenen Kreatur: dies einzige Erlebnis von heute, das 
Herz und Mut voraussetzt, hat noch keine Leier gefimden. Diese 
ganze Versfußtruppe ließ sich lange genug zur Skandierung der ewigen 
Schande antreiben und war froh, anstatt zu schweigen in zwei- 
fach gebundener Rede einem Weltwillen gerecht zu werden, der 
ihr keine leiblichen Strapazen auferlegte, keine persönlichen Ge- 
fahren, die ja doch so oft einen Abbruch der Romantik bedeuten. 
Heute sind es nur noch Spekulanten, die das Geschäft der Leiden- 
schaft besorgen; aber zur Empfindung dessen, was jetzt erst zu 
empfinden wäre, jetzt auch von den vielen, denen ich es am ersten 
Tage vorempfunden habe, ist noch kein Dichterherz mobilisiert. Doch, 
eines: das eines Kesselschmieds, namens Heinrich Lersch, von 
dessen Versen (bei Diederichs in Jena) ich in einer ausländischen 
Zeitung die folgenden zitiert finde: 

Ein Kamerad 
Den langen Herbst und Winter hielt er getreulich stand, 
schuf sich aus Krieg und Fremde Heimat und Vaterland. 
Sein Heimweh tranken die Sterne, es floß in die ruhende Nacht, 
am Tage hat er der Heimat wie einer Toten gedacht. 
Doch als der Frühling mit erstem Scheine die Luft erfüllt, 
da war sein hartleuchtend Auge von dunkler Trauer umhüllt. 
Da stöhnte er tief im Schlafe und wußte es selber nicht, 
da welkte in Träumen und Sehnen sein hartes Kriegergesicht. 
Und eines Morgens im Dämmer, da sang es über das Land — 
Da stand er, bebenden Mundes, sein Antlitz zum Himmel gewandt, 
da war eine erste Lerche, die sang zwischen Krachen und Graus, 
da floh die gefangene Seele aus ihres Willens Haus. 



— 44 — 



Da weinte er. Weinte vor Qual : Jetzt sah er erst Tod und Schlacht, 
sah, was des halben Jahres Krieg über die Erde gebracht. 
Er griff nicht mehr zum Gewehre, er hat seine Wacht versäumt, 
und stand er auf seinem Posten, da hat er geschwärmt und geträumt. 
Er küßte die nackte Erde und warf sich an ihre Brust, 
hat nichts mehr von aller Beschwerde, nichts mehr vom Kriege gewußt. 
Er hörte auf kein Kommando, nicht, wenn ein Schrapnell zersprang, 
kein Schießen, kein Stürmen, kein Rufen — nur: daß die Lerche sang. 
Dieses letzte Erlebnis, das der Zwang zum Sterben dem 
Menschenherzen gelassen hat, nach solchem Lärm einen Vogelruf zu 
hören, ist so überwältigend, daß es nicht allzuschwer sein mag, 
die Sprache zu finden. Und gar, da statt des halben Jahres schon 
der Krieg der anderthalb Jahre, im zweiten Frühling, auf die Seele 
drückt. Aber außer diesem einen ersten Lerchenruf haben 
wir keinen nächsten vernommen. Herr Richard Dehmel, dessen 
Ausdruck in den Mysterien der Liebe verschlungener und in 
den Mysterien des Krieges primitiver ist als die Sprache jenes 
Dilettanten, sollte nachträglich empfinden, welche Macht die 
Tiere über die Menschen haben können, wenn die nur wieder 
zu sehen und zu hören beginnen, nachdem sie so lange das Unnatür- 
liche getan haben. Einen Undank, wie ihn die Großen bei Shakes- 
peare den einmal benützten Mördern zu beweisen pflegen, müßten, 
so sollte man hoffen, bald die Patrioten für ihre Lyriker übrig haben, ein 
übernächtiges Grauen vor der Erinnerung, daß man das einst habe gut- 
heißen, wünschen und mitmachen können. Und der fette Intellektuelle, 
dessen in den sichersten Gegenden des Hinterlands entstandenen 
»Haßgesang« jedes Gesinnungswerkel durch ein ganzes Jahr in ganz 
Deutschland gespielt hat, opfere vollends seine Feder auf dem 
Altar des Vaterlandes, wenn er das Gedicht jenes Kesselschmieds 
liest, in dem einer in die Kugelgefahr ging, um den toten Feind, 
der vor dem Drahtverhau lag, zu holen und zu begraben: 

Es irrten meine Augen — mein Herz, du irrst dich nicht. 

Es hat ein jeder Toter des Bruders Angesicht. 

Aber in den Lesebüchern wird stehen: >Eini das Messer ins 
Russenfleisch und gach umdraht!«, und daß es ein Hochgefühl sei, 
»den Feind 'rankommen zu sehen und ihn niederknallen zu können, 
ohne daß er einem recht ankann. < 

Aufhören zu verzweifeln — das werden wir nie! Wo aber 
sollen wir anfangen? 



— 45 



In einer deutschen Zeitschrift werden zitiert: 

Graf Alfred de Vigny: 

Ich rufe die Empörung des Gewissens eines jeden Menschen, 
der mitangesehen hat, wie das Blut seiner Mitbürger geflossen ist, oder 
der selbst daran schuld war, zum Zeugen dafür auf, daß eines Menschen 
Kopf nicht genügt, das drückende Gewicht vieler Morde zu ertragen. 
Dazu braucht es so vieler Köpfe, als es Kämpfende gibt. Um die Ver- 
antwortung für dieses Blutgesetz zu tragen, das man geschaffen hat, muß 
man es zum mindesten gut verstehen. Aber die besten Einrichtungen, 
von denen hier die Rede ist, werden nur vorübergehende sein, denn, 
ich wiederhole es noch einmal: die Heere und die Kriege haben ihre 
Zeit. Trotz der Worte eines Sophisten . . ist es nicht wahr, daß der Krieg 
gegen einen Fremden ein >heiliger« sei; es ist eben so wenig wahr, daß 
die Erde >nach Blut dürste<. Der Krieg ist verflucht von Gott, ja sogar 
von den Menschen, die ihn führen, und die ein geheimes Grauen vor 
ihm empfinden. Die Erde aber dürstet nach nichts anderem, als nach 
frischem Regen für ihre Flüsse und nach reinem Tau für ihre Blumen. 

Jean Paul: 

Das Unglück der Erde war bisher, daß zwei den Krieg beschlossen 
und Millionen ihn ausführten und ausstanden, indeß es besser, wenn 
auch nicht gut, gewesen wäre, daß Millionen beschlossen hätten und 
zwei gestritten. Denn da das Volk fast allein die ganze Kriegsfracht auf 
Quetschwunden zu tragen bekommt, und nur wenig von dem schönen 
Fruchtkorbe des Friedens, und oft die Lorbeerkränze mit Pechkränzen 
erkauft; da es in die Mordlotterie Leiber und Güter einsetzt, und bei 
der letzten Ziehung (der des Friedens) oft selber gezogen, oder als Niete 
herauskommt: so wird seine verlierende Mehrheit viel seltner als die 
erbeutende Minder-Zahl ausgedehntes Opfern und Bluten beschließen. 

* * 

• 

Einiges von dem unter den »Glossen« aufbewahrten Material 
ist — vgl. S. 112 des letzten Heftes — wieder der , Arbeiter- 
Zeitung' entnommen, deren Bemühen, dem durch Tat und 
Flucht grausamen Tag etwas Besinnung beizubringen, hier auf 

haltbarerem Papier unterstützt wird. 

* « 

* 

Die Tendenz der Sammlung Schopenhauerscher Worte gegen 
die deutsche Kultur im letzten Heft war nicht nur die Absicht, jener 
intellektuellen Nachhut, die die Soldaten gegen den Vorwurf des 
Barbarentums durch die Beteuerung schützen will, daß die Deutschen 
>das Volk Goethes und Schopenhauers« seien, dieses Vorhaben 
auszureden. Sie war vor allem das Bestreben, die Nachhut zur 
Vorsicht anzuhalten und ihr beizubringen, daß sie ihrer Heimat 



— 46 



den schlechtesten Dienst erweise, wenn sie Schopenhauer nicht nur 
als Repräsentanten ihres Geisteslebens — das ist zu dumm — 
ausspiele, sondern als Zeugen gegen eine feindliche Nation — 
das ist gefährlich — bemühen wolle. Denn was immer er gegen 
andere Kulturen auf dem Herzen gehabt haben mag, jedenfalls 
taugt er heute schlecht zur Aussage, weil er eben besser gegen 
die eigene Nation aussagen könnte, und weil es doch vom Stand- 
punkt derer, die vom Gegenteil leben, verfehlt ist, die Feinde auf 
solche Chance aufmerksam zu machen. Kein Autor sollte jetzt von 
denen, die Gegenbeweise gegen Barbarentum liefern müssen oder 
diesen Vorwurf auf den Feind abzuwälzen haben, sorgfältiger 
versteckt werden als Schopenhauer. Ich bin zu jenem und diesem nicht 
verpflichtet, und seinen Angriffen gegen das Deutschtum, welche ja nur 
die Fronde gegen eine heute erst besiegelte Lebensrichtung waren, 
die sich gegen das Leben und gegen das Gut der von ihm über 
alle andern gestellten Sprache kehrt, habe ich seine freundlichen 
Worte über die Italiener entgegengestellt, wieder nur um zu zeigen, 
wie unvorsichtig die Benützung eines andersgearteten Ausspruchs sei, 
den ich selbst nicht gefunden hatte und der eben schwerer zu finden 
ist als die vielen andern. Nun wird mir mitgeteilt, daß diese 
Äußerung Schopenhauers gegen die Italiener in einem Nachlaßband 
(»Neue Paralipomena«) feststellbar sei. Das ändert natürlich nicht 
das geringste an dem Risiko, das deutsche Journalisten eingehen, 
wenn sie Schopenhauer zu einer nationalen Entscheidung 
anrufen, ganz abgesehen von der Absurdität der Vorstellung, 
daß gerade er auch nur mit einem Wort Aufenthalt in solchen 
Mündern nehmen soll. Ich habe die Echtheit jenes Zitats nicht 
bezweifelt und ihr Beweis bringt mich keineswegs in Verwirrung. 
Der Sinn meiner Kollektion — viel patriotischer als er auf den 
ersten Blick scheint — war, an einem wirksamen Beispiel zu 
zeigen, daß eine gewisse nationale Dummheit, die dem Feind die 
Waffe liefert, der wahre Feind ist. Deutsche Literatur kreise aber, von 
der Fülle Schopenhauerscher Aversion gegen die Deutschen sichtlich 
überrascht, erwarten nun von meiner »Gerechtigkeit«, daß ich 
nicht nur die Auffindung jenes antiitalienischen Ausspruchs bestätige, 
sondern auch noch die folgenden Sätze wiedergebe, die Schopen- 
hauer am 29. Oktober 1822 von Florenz aus an seinen Freund 
Osann in Jena geschrieben habe (Briefe, Leipzig 1911, S. 125): 



47 — 



.... wieder lebe ich unter der verrufenen Nation, die so schöne 
Gesichter und so schlechte Gemüther hat; am auffallendsten ist die 
unendliche Heiterkeit und Fröhlichkeit aller Mienen: sie kommt von 
ihrer Gesundheit und diese vom Klima; dabei sehn viele so geistreich 
aus, als ob etwas dahinter stäke: sie sind fein und schlau und wissen 
sogar, sobald sie wollen, brav und ehrlich auszusehen, und sind dennoch 
so treulos, ehrlos, schamlos, daß die Verwunderung uns den Zorn ver- 
gessen läßt. Fürchterlich sind ihre Stimmen: wenn in Berlin ein einziger 
auf der Gasse so gellend und nachhallend brüllte wie hier Tausende, so 
liefe die ganze Stadt zusammen ; aber auf den Theatern trillern sie vortrefflich. 
Die deutsche Literatur hat also nicht vergebens an meine 
Gerechtigkeit appelliert. Schließlich muß Schopenhauer selbst 
entscheiden, ob er früher oder später mit den Italienern recht gehabt 
hat, und wenn man schon gerecht ist, wird man seine reiferen 
Antipathien für die besseren halten müssen. Wäre er noch 
älter geworden, er hätte die Fähigkeit, »sobald sie wollen, brav 
und ehrlich auszusehen«, neidlos einem andern Menschen- 
schlag zuerkannt. Wie recht hatte er aber schon damals mit 
der Meinung, daß in Berlin, wenn dort ein einziger auf 
der Gasse brüllte, die ganze Stadt zusammenliefe. An das 
Gebrüll der Masse gewöhnt sich, wer unter ihr lebt; an die Berliner 
Individualität niemand. 1822 war ihm noch die Schönheit der Perfidie 
zuwider, aber später hat er schon gezweifelt, ob die Häßlichkeit das 
Gesicht der Treue habe, und wie ihm heute die garantiert zuver- 
lässige, einzig authentische, jeden Zweifel mühelos abweisende 
Wolff-Bürro-Visage behagen würde, das weiß ich ganz genau. 
>Treubruchnudeln« und > Schur kensalat« hätte er nicht gegessen. 
Und die deutsche Literatur soll künftig an seinem Geschmack, 
aber nicht an meiner Gerechtigkeit zweifeln. Und vor allem nicht 
an seiner Konsequenz. Denn sie mögen seinen italienischen 
Sympathien getrost seine italienischen Antipathien entgegenstellen: 
in Bezug auf die Deutschen werden sie ihm sein ganzes geistiges 
Leben lang keinen Widerspruch nachweisen können. 

* 
Der in Nr. 413—417 veröffentlichte Aufsatz »Die Juden- 
frage« von Dostojewski ist in den »Politischen Schriften« der im 
Piper'schen Verlag erschienenen Gesamtausgabe enthalten, die 
verdienstvoll wäre, auch wenn der Prospekt es nicht nötig fände, 
die Größe Dostojewskis durch Bahr und Bierbaum beglaubigen 
zu lassen. Da die Tatsache eines deutschen Dostojewski immerhin 



48 — 



wichtiger ist als die Existenz sämtlicher momentan vorrätigen 
deutschen Originale, so wird hier (wie in der freiwilligen Anzeige 
auf dem Umschlag) auf diese Gesamtausgabe hingewiesen. 



In den , Weißen Blättern', deren Name von der Farbe des 
Schleims kommt und die bei Kriegsbeginn ihre Ruhepause 
mit der im Munde der Generation nicht unebenen Erklärung 
begründet hatten, daß »jetzt die Zeit zum Handeln« gekommen sei, 
glaubt sich Fräulein Annette Kolb — die gewiß menschlich mit 
jenem Milieu nichts zu schaffen hat — mit mir auseinandersetzen 
zu müssen. 

.... Jetzt aber kann man der Verwundeten und der Gefangenen nicht 
denken, ohne daß sich das Mitgefühl auch jenen Vereinzelten zuwendet, 
deren esheutein allen Ländern gibt, dievondemStromder Gedanken- 
losigkeit, der alles umwarf, nicht fortgerissen wurden, sondern 
von ihrer brennenden Erkenntnis, wie in Einzelhaft verwiesen, allein und 
abgetrennt, ihnüberragen. Man schreibt gewiß nicht ohnegroße innere Pein 
Sätze nieder, wie ich sie heute in der , Fackel' finde: »Der kriegerische Zu- 
stand scheint den geistigen auf das Niveau der Kinderstube herabzudrücken ' ; 
und man stimmt nicht anders als bedrückten Herzens dem Autor bei. 
Aber nicht länger bin ich des Verfassers Meinung (was nicht geschieht, 
um ihm entgegenzukommen, der ein paar Seiten weiter die Äußerung 
zu Drucke bringt: »Eine Frau soll nicht einmal meiner Meinung sein, 
geschweige denn ihrer«), nicht länger teile ich seine Meinung, wenn er 
auf die Frage, die er auf wirft: »Was kann durch den Weltkrieg entschieden 
werden?« sich selbst zur Antwort gibt: »Nicht mehr, als daß das 
Christentum zu schwach war, ihn zu verhindern«. Ja, ich maße mir die 
Meinung an, daß er da wirklich mit einer unzureichenden Leuchte an 
das Problem herantritt. 

Nämlich das Christentum war nicht zu schwach, sondern 
zu stark, die Menschheit evoluiere langsam, nur Geduld, es wird 
schon kommen. 

Aber der Gewalt des Christentums tut die menschliche Hinfällig- 
keit keinen Abbruch; ja unerbittlicher könnte es nicht wider uns 
triumphieren .... 

Man soll nur am Christentum festhalten, sich nicht »durch 
das Ekle und Scheußliche«, das den Katholizismus »tief unter 
sich begrub«, irre rnachen lassen, »um in der Vermutung 
nicht gestört zu werden, daß wo einmal dieser viel mißbrauchte 
Kult zu seinem adäquaten Ausdruck gelangt, eine Höhe 
des Daseins sich ergibt, die alles andere weit unter sich 



49 



läßt« etc. Dies sei zwar sehr selten der Fall. Wenn aber, so 
tut sich erst das Weltall auf. 

Daß heute, wo die Welt wie nie zuvor zu einem Jammertal ver- 
sank, daß sich ihr da zum ersten Male die Umrisse der Gestalt des 
Hirten vollgültig umschrieben, ist diese Tatsache keiner Deutung wert? 

Wer hat die Tatsache wahrgenommen? Kein Mensch, aber 
schön wär's: 

Nicht Feind vom Feinde, nicht ihre Konfessionen scheidend, ist 
Gleichgewicht, das hoch und einsam über die gebeugten Völker ragt, 
bei ihm allein. Ist dies kein Innehalten wert? 

Sie halten aber gleichwohl nicht inne, und die Völker 
bleiben gebeugt. 

Die wahre Fahne, die alle umwallt, entrollte nur er. Und wer, 
Jud oder Heide, spottet heute diese Hirten ohne Herde und dennoch 
Hirten, wie nie zuvor; nie zuvor so gebieterischen und so weithin deut- 
lichen Reliefs, von der Wahrheit selbst gleichsam emporgehalten und 
hinausgestellt, aus der Ohnmacht erst geschaffen, wie es scheint. 

Wie es scheint. Wem ist das Relief deutlich? Keiner 
spottet, aber niemand läßt sich stören. 

Oder soll ich es in Währungen ausdrücken, da sie es doch sind, 
welche diese Zeit in ihre Bahnen warfen? Nun, wie zwei Münzen, für 
was sie gelten und nur auf ihren Klang hin und ohne Kommentar werfe 
ich sie hin: Wilson und Benedikt. Denn wer hörte nicht von selbst die 
schwere, gewaltige vor der hohlen und hinfälligen heraus? Wen er- 
schreckte da nicht der Unterschied? Sogar Amerikaner. So viel 
Phantasie haben sogar sie. 

Es ist gefehlt, jetzt etwas in Währungen auszudrücken. 
Denn die Christen entschädigen sich für den Kursverlust am Blut 
und für den Blutverlust am Kurs. Auch legt es Zweifel nahe, 
welchen Benedikt Fräulein Kolb eigentlich meint, den mit der 
schwersten Münze, oder nur mit der schweren, den starken oder den 
schwachen Benedikt. Sie scheint den schwachen zu meinen und 
findet, er habe den Klang in der Welt. Die Dame hat mit 
allem recht, sie wünscht, daß es so wäre, und sie schreibt gern. 
Ich bin ganz ihrer Meinung, nur sie nicht meiner und das 
ist recht so. Was kann durch den Artikel einer Frau bewiesen 
werden? Nicht mehr, als daß ich zu schwach war, ihn zu ver- 
hindern. Beweist das etwas gegen meinen Wert? Im Gegenteil, 
ich war nicht zu schwach, sondern zu stark, Schriftstellerinnen 
evoluieren langsam und unerbittlicher konnte ich nicht wider 
das Fräulein Kolb triumphieren. Ist dies kein Innehalten wert? 



5Ü 



Sie schreibt aber weiter. Ich lese aber nicht weiter. Nur bis zu 
der Stelle, wo ich, nachdem sich herausgestellt hat, daß wir beide 
das Christentum, von der kriegführenden Menschheit begraben, 
über eine kriegstaugliche Menschheit triumphieren lassen und es also 
höher schätzen, als diese ist und es schätzt, die Worte bemerke: 

Nein, Herr Kraus, das war gedankenlos! 

Und dies, wiewohl ich doch zu jenen gehöre, die »von 
dem Strome der Gedankenlosigkeit nicht fortgerissen wurden«, 
sondern »ihn überragen«, nämlich den Strom, sozusagen ein 
schwimmender Berg. Da hier somit eine Frau meinen Rat, nicht 
meiner und nicht ihrer Meinung zu sein, denn doch völlig erfüllt 
hat, schiele ich neugierig, aber vorsichtig zur Fortsetzung hinüber 
und finde das folgende: 

Überhaupt — um von den Männern zu reden — meine ich, 
daß gegenwärtig kein Grund vorliegt zu ihrer Überhebung. Ich bin nie 
eine Frauenrechtlerin gewesen und dieser Bewegung gegenüber stets 
passiv geblieben; aber ich muß schon sagen: daß nach vielen Dezennien 
eines ausschließlichen Männerregiments ein derartig vollendeter Wirr- 
warr zutage gefördert wurde, gibt doch zu denken. 

Fräulein Kolb will also jetzt die Aufmerksamkeit auf einen 
Wirrwarr ablenken, den die Männer angerichtet haben, und ich 
war nur ein Übergang zu der herzhaften Hypothese, 
daß, wenn statt der Herren Sonnino, Berchtold, Poincare, Bülow, 
Churchill, Iswolski usw. die Damen (ich nenne keine be- 
liebigen, sondern solche, die sich schon erprobten, die es 
wirklich gegeben hat, die mithin irgendwie weiter vorhanden 
sind), wenn statt ihrer Damen wie die Markgräfin von Bayreuth, 
Maria Theresia, Katharina II. und die von Siena, Julie de Lespinasse 
und auch die alte Queen, daß wenn solche Frauen mehr im Vordergrunde 
gestanden hätten, statt ausgeschaltet zu sein, mit zu bestimmen, 
statt zu schweigen gehabt hätten, daß dann — — es läßt sich 
nichts beweisen. 

Das ist nur zu wahr, daß sich nichts beweisen läßt. Aber 
Fräulein Kolb hat Namen genannt, keine beliebigen, sondern 
solche, die sich schon erprobt haben. Ärger, sagt sie, könnten 
die Dinge, wie sie ohne die Mitwirkung jener Frauen, >ohne ihr 
Zutun < — was beweisbar ist — sich jetzt gestaltet haben, unmöglich 
sein. Klar erkennt man, daß man mindestens nicht schlecht 
gefahren wäre, wenn man mit der Katharina oder der alten 
Queen, die irgendwie vorhanden sind, die man aber nicht auf- 



" 51 



kommen lassen wollte imd die jetzt auf Spitalsdienst, Bridgespiel, 
Theosophie, Kjöringfahren oder gar Biicherschreiben angewiesen 
sind, einen Versuch gemacht hätte. Natürlich hat die Dame wieder 
ganz recht mit der Meinung, daß die Frauen das Politisieren, 
das ja wirklich sogar leichter als Kochen ist, so gut treffen würden 
wie die heutigen Männer, wiewohl die Unfähigkeit der Männer 
noch kein Beweis dafür ist, daß sie es besser treffen würden, und 
ich ja auch schon erprobte Namen nennen könnte wie Perikles, 
Macchiavelli, Peter der Große, Bismarck. Soweit, was das Politi- 
sieren anbelangt. Was aber das Denken im Allgemeinen betrifft, 
so ist die Frage, ob sich hier den Frauen ein Beruf eröffnet, noch 
heikler. Denn meine Unfähigkeit dazu beweist schon gar nicht, 

daß die Annette Kolb es kann. 

* * 

• 

, Eine jetzt in Schwang gekommene Art des Feuilletonismus, 
die deutsche Hausmannskost statt der französischen Küche bietet und 
von braven Jungen zubereitet wird, finde ich in einer Zuschrift 
mit besserem Geschick parodistisch dargestellt, als es die Bieder- 
keit selbst vermöchte. Die Gemütsart dieses Typus ist zusammen- 
gesetzt aus einer Weltweisheit, welche die irdischen Genüsse, wie 
das Fahren im Schlafwagen, schon überwunden hat, und einer Fibel- 
einfalt, die deren gründliche Kenntnis nicht verheimlicht. Sie zieht das 
edle Weidwerk großstädtischen Vergnügungen auch dann vor, wenn 
von etwas ganz anderem die Rede ist, und in ihrem Ausdruck ist sie 
ein fortwährendes Butzenscheibenschießen. Sie hat das Herz auf 
dem rechten Fleck, aber das Wort immer auf dem andern, indem 
sie den Menschen nicht nur als Jägersmann betrachtet, sondern 
diesen noch als >Jünger Hubertus'«. Ihr Vorstellungslebe;i 
bewegt sich zwischen einer Volkstümlichkeit, die auf einer Kenner- 
schaft von Land und Leuten beruht und bis zur Befassung mit den 
seltensten Gebrauchsgegenständen geht, und herzhafter Ablehnung 
jeglichen Komforts, dessen Betätigung sonst von einem Feuilletonisteii 
verlangt wurde, der bislang wissen mußte, daß in einem fashionablen 
Hotel die Grande-Dame auf das vierte Läuten erscheint, oder andern- 
falls bereit war, sich über das Fehlen der »dämonischen Frau« lustig 
zu machen. Hier wird etwas ganz Neues geboten, wie man unschwer 
an der schlichten, im weitläufigsten Ausdruck immer doch das 
Einfachste bergenden Sinnesart erkennen wird. 



— 52 



Hinterm Vorhang des Lebens. 

An einem der köstlichen Tage, die der liebe Lenz uns jetzt 
beschert, führte uns kürzlich ein Geschäft frühmorgens auf einen 
unserer großen Bahnhöfe. Die herbe, frische Luft rief in uns allso- 
gleich die Erinnerung an manchen fröhlichen Pirschgang wach, 
da wir im grünen Röcklein des Weidmannes, die blanke Büchse 
über der Schulter, der ritterlichsten und männlichsten Leibesübung 
oblagen. Bald galt es dem graubraunen Meister Lampe, bald dem 
rostroten Herrn von Reinecke und seiner Gesponsin, der zier- 
lichen Fehe, bald gar dem wackeren Vogel mit dem langen Gesicht, 
dessen Anblick jedem echten Jünger Hubertus' das Herz höher 
schlagen läßt. Mit mitleidigem Lächeln gedachten wir wohl auf 
solcher Wanderung jener armen Spötter und Hämlinge, die sich 
um diese Stunde noch in den weichen Federn gütlich tun. Freilich 
ist es nicht immer ihre Schuld, wenn ihnen manches fehlt, was 
das Leben köstlich macht. 

Nun führte uns unser Weg über einen offenen Markt. Zart- 
rote Lämmer hängen da neben schmackhaften Öchslein von der 
Farbe des Chrysoberylls und neben den weiten braunen Körben 
mit maigrünem Inhalt leuchten goldige Pyramiden, aus »süßen 
Früchten gebildet. Nicht jeder freilich ist imstande, solche Farben- 
symphonie zu genießen, und lächelnd gedenken wir unseres 
Freundes Adolf, dem ein knusperig braunes »Backhendel« in Be- 
gleitung eines würzigen Gurkensalates über alle Kunstgenüsse geht. 
Jetzt freilich muß der Arme schon seit Wochen auf solche Leckereien 
verzichten, denn die Fieberhexe hält ihn in den dürren Fängen 
und zwackt ihn weidlich. 

Nun umfängt uns die graulichweiße Bahnhofshalle. Nicht 
jedem ist es gegeben, in dem hier herrschenden Gewühle Beob- 
achtungen zu machen. Aber uns fällt sogleich ein behäbiges Ehe- 
paar auf, dessen blitzblankes Reisegepäck noch mehr als ihre auf- 
geregten Mienen verrät, daß sie sich den Luxus einer Reise nur 
selten gönnen dürfen. Es wäre aber Unrecht zu glauben, daß sie 
deshalb für den Zauber eines schönen Frühlingsmor^ens unempfind- 
lich sind. Vielleicht genießen sie ihren bescheidenen Ausflug mehr 
als etwa der elegante Globetrotter, den wir hinter dem dicken 
Spiegelglas eines Abteils L Kl. bemerken. Er lehnt lässig in dem 
kirschroten Samtpolster und hat den Arm bequem in die braune 
Lederschlinge geschoben, die neben dem Fenster herunterhängt. 
Über seinem Kopf liegt der Frühstückskorb mit seinem appetit- 
lichen Inhalt, daneben ein Reisenecessaire, in dem wir wohl mit 
Recht zahlreiche geschliffene Kristallflakons mit dicken, kugeligen 
Silberstöpseln vermuten. Diese Gepäcksstücke sind mit den bunten 
Reklamemarken vornehmer Hotels beklebt und natürlich unbe- 
schreiblich verwahrlost. Wer weiß aber, ob diesen Weltmann, dessen 
Benehmen so sicher und unbefangen erscheint, als könnte ihm auf 
dem Parkett des Lebens nichts mehr zustoßen, nicht längst 
insgeheim das Zipperlein plagt . . . 



53 — 



Im Gedränge fallen uns einige verdächtig aussehende Bursclien 
auf, denen die Nähe eines diensteifrigen Wachmannes übel zu 
behagen scheint. Es sind ungute Gesellen, denen man nicht des 
Nachts allein im Walde begegnen möchte, denn das Messer (Mandl) 
sitzt ihnen locker genug im Stiefel. 

Nun zurück in die Stadt. Es ist die Stunde, da die Läden und 
Büros geöffnet werden, und die Straße wimmelt von jungen Ge- 
schöpfen in einfacher, aber netter Kleidung, die zur Arbeit eilen. 
Manchen mag das wohl sauer ankommen, aber die meisten dieser 
guten Kinder verdienen vielleicht eher die Liebe eines braven 
Mannes, als manche geputzte Dame, die einige Stunden später 
auf dem Korso erscheint, um ihr buntes Seidenkleid und ihren 
großen Federnhut bewundern zu lassen. 

Aber vielleicht hat auch diese ihre Berechtigung. Nicht jeder 
freilich vermag sie zu erkennen, aber wer ein wenig tiefer ins 
Leben geblickt und manchen Vorhang gelüftet hat, der deutet sich 
alles mit jenem indischen Wort, das da lautet: »Nichts ist wahr 

und das bist du!« 

« » 

* 

Viel Begeisterung hat der Krieg für den Rezitator WüUner 
übriggelassen. Es dürfte sich um einen rhapsodisch erhöhten 
Qregori handeln. Einer der ausführlichsten Wüllner- Verehrer schreibt: 

. . . Vorleser ist er nicht, weil er niemals vorliest, alles frei und 
auswendig vorträgt. Um ihn Schauspieler zu nennen, dazu fehlt ihm 
das Um und Auf der Bühne. 

Ganz richtig, da er nur in Konzertsälen auftritt. 

Sicherlich steckt schauspielerische Begabung in ihm; wie weit 
sie reicht, können nur die beurteilen, die ihn auf dem Theater gesehen 
haben. 

Zum Beispiel ich. Alsjarl Skule in den > Kronprätendenten« 
von Reinhardt, einem abendfüllenden Sketch, der mir damals viel 
Spaß gemacht hat. Es war ein Versuch, das Leben und Treiben 
in einem Zirkus auf die Bühne zu bringen, lange bevor das Gegen- 
teil sich bewährt hat. 

* * 

* 

Vorlesung im Kleinen Musikvereinssaal, 21 .• Dezember: I. Vorwort 
(Ein Irrsinniger auf dem Einspännergaul) / Schmückedeinheim / Aus 
großer Zeit / Aphorismen / Hopsdoderoh / »Drückeberger in Frankreich« 
u. s. w / Die Freigelassenen / Hier wird deutsch gespuckt / Aus 
Schopenhauer / Diana-Kriegs-Schokolade / Kinder und Vögel sagen die 
Wahrheit / Wiese im Park / Abschied und Wiederkehr / Sonnenthal / 
Elegie auf den Tod eines Lautes. II. Dialog der Geschlechter / Eeextra- 
ausgabeee — ! — Schweigen, Wort und Tat. 



54 



In Nr. 413-417 ist zu lesen: S. 8, 13. Zeile von unten, statt: 
vom Tagblad ! Extraausgabää -!« vom Tagblad!« -'Welthlad! Extra- 
ausgabää — /«/ S. 43, 1. Zeile nach dem Zitat, statt: Wenn die Herren, 
die die große Zeit Wenn die Herren die große Zeit; S. 104, 5. Zeile 
von unten, statt: und dem die und der die. 



Im »Verlag der Schriften von Karl Kraus«, Leipzig (am 
Jahresbeginn von Herrn Kurt Wolff errichtet) ist das Buch 
>Worte in Versen< erschienen. Es enthält die folgenden Stücke: 

Verwandlung / Vergleichende Erotik / Leben ohne Eitelkeit , Zwei 
Läufer / Mein Weltuntergang / Beim Anblick einer sonderbaren Parte / Tod 
und Tango / Die Leidtragenden / Kriegsberichterstatter / Eeextraaus- 
gabeee — ! / Monolog des Nörglers / Beim Anblick eines sonderbaren 
Plakates / Die Grüngekleideten / Elegie auf den Tod eines Lautes ,' In- 
schriften / Eine Prostituierte ist ermordet worden / Grabschrift / Beim 
Anblick einer Schwangeren / Zum wohltätigen Zweck / Die Kranken- 
schwestern / Sonnenthal / Wiese im Park / Vor einem Springbrunnen / Aus 
jungen Tagen / Abschied und Wiederkehr / Widmung des Wortes / Der 
sterbende Mensch / Sendung. 

Die »Inschriften< enthalten: 
, Vae victoribus! / Fortschritt / Nach Goethe / Sittlichkeit und 

Kriminalität / Christlicher Umlaut / Sexus und Eros / Elegisches Vers- 
maß / Heroischer Vers / Norm / Reinigung / Kategorien. 

Bisher ungedruckt sind : »Sendung« und > Heroischer Vers«. L 
Versform neugeordnet — außerdem im letzten Heft veröffentlichte* 
»Eine Prostituierte ist ermordet worden« — die Stücke'.' 
>Beim Anblick einer sonderbaren Parte« und »Sonnenthar^t" 
(aus dem Schluß des Aufsatzes : Das Denkmal eines Schauspielers)." 
Sonst manche Änderungen in Text und Titeln. — Das Buch ist bei 
Drugulin in Leipzig gedruckt. 



Irgendwo wurde kürzlich festgestellt, daß das Burgtheater; 
in einem kläglichen Zustand vor der Shakespeare- Feier steht und • 
heute nicht imstande wäre, Macbeth, Hamlet und Lear aufzuführen, ; 
während zum Beispiel das tschechische Landestheater in Prag mit? 
fünfzehn Werken von Shakespeare, die es längst in seinem Spiel- 
plan habe, den Gedenktag feiern werde. Dieser Angabe opponiert 
eine alberne, geradezu burgtheateroffiziöse Zuschrift, in der es, ohne 
eine Kenntnis der Prager Theaterverhältnisse zu behaupten, heißt, 
ts komme auf die Inszenierung an, auf die das Burgtheater bekannt- 



55 



lieh so viel Sorgfalt verwende, daß fünfzehn Stücke, die man in'e 
im Repertoire »stehen« habe — man muß also wohl täglich von 
neuem inszenieren — überhaupt nicht herauszubringen wären. Die 
Hinweisung auf Prag, so interessant sie an sich sei, werde »doch 
dem Burgtheater nicht ganz gerecht«, auch in Bezug auf die 
hVage der Darstellung: 

Wir kennen die schauspielerische Qualität der tschechischen 
Vorstellungen nicht. Wenn es sich bloß darum h andeln würde, 
alle die fünfzehn angeführten Stücke am Burgtheater zu spielen, so 
wäre das ja auch zu machen. Aber man würde, gewöhnt an erste 
Darsteller und auch von ihnen verwöhnt, wenig erbautdavon sein, daß 
hervorragende Rollen nicht ihrem Gewicht gemäß besetzt wären. 
Man weiß doch, wie anspruchsvoll das Burgtheaterpublikum ist. 

Und setzt voraus, daß es sich in Prag »bloß darum handelt 
etc«. Dem anspruchsvollen Burgtheaterpublikum, das an erste Dar- 
steller gewöhnt ist, aber sie schon so lange entbehren kann, und das 
nun seit zwei Jahrzehnten von Herrn Reimers verwöhnt wird, 
wäre offenbar eine Hauptrolle mit einem Schauspieler wie dem Prager 
Vojan nicht ihrem Gewicht gemäß besetzt. »Es erscheint wichtig«, 
schließt die Zuschrift, »alle Seiten der Sache besonnen zu erwägen». 
Die Verteidigung scheint mit ihrer Besonnenheit zufrieden zu sein 

yd stellt somit an sich selbst geringere Ansprüche, als das 
.jUblikum ans Burgtheater. Dieses ist also nicht nur faul und 
mifähig, sondern bildet sich noch etwas darauf ein und setzt 

's selbstverständlich voraus, daß eine andere Bühne ihren 

-ifer nicht auf einem höheren Niveau betätigen könne. Es hat eine 
Tradition zu hüten, der vom ganzen heutigen Personal vielleicht 
noch die Toilettefrau auf der linken Seite gerecht wird, und 
die, nämlich die Tradition, will es nun einmal nicht kompro- 
mittieren. Aus Furcht, hinter den berechtigten Anforderungen 
zurückzubleiben, bleibt es hinter den berechtigten Anforderungen 
zurück. Denn das Burgtheaterpublikum ist so anspruchsvoll, 
iaß es lieber gar keinen Shakespeare als einen unzulänglichen 

ehen will, es ist von Herrn Reimers als Othello dermaßen 
verwöhnt, daß es Herrn Reimers als Macbeth nicht zu sehen 
wünscht. Anstatt aber die Möglichkeit einzuräumen, daß auf dem 
heutigen slavischen Theaterboden eher Helden wachsen, als auf dem 
deutschen, oder anstatt, wenn das Zugeständnis inopportun wäre, 
zu schweigen, wagt man es, die Leistung zugunsten des Nicht- 



— 56 — 

geleisteten herabzusetzen, und lehnt es stolz ab, Shakespeare zu spielen, 
weil man einen Ruf zu wahren habe. Gewiß ist die Unterlassung 
einer Aufführung des Hamlet die würdigste Shakespeare-Feier, die 
das Burgtheater heute zu bieten hat. Aber durch welche Leistung 
wird es dem Rufe gerecht, wie erweist es sich der Tradition 
würdig, wie erfüllt es die Ansprüche des Publikums, dessen 
Verwöhntheit doch auf die Dauer nicht damit vorlieb nehmen 
kann, die Werke, die es nicht schlecht gespielt sehen will, gar 
nicht gespielt zu sehen? Die Zurückhaltung des Burgtheaters 
gegenüber Shakespeare in allen Ehren, aber sie ist eine Inkonsequenz. 
Das Burgtheater kann auch Goethe, Schiller, Grillparzer und noch 
viele andere Autoren nicht spielen, es muß Scribe, Sardou und 
andere Zeugen seiner verblichenen Lustspielherrlichkeit verleugnen, 
und es sollte deshalb gegenüber den Ansprüchen des Publikums 
an die Darsteller und in Anbetracht der zeitraubenden Mühe der 
Inszenierungen einen radikalen Entschluß fassen, der seiner Korrekt- 
heit und Pietät angemessen wäre, um endlich Ruhe zu haben und 
sowohl dem eigenen Ruf wie dem des Wagentürlaufmachers, 
der am Schluß jeder Vorstellung sein >Aus iii — s!< in die Gegen- 
wart ruft, im feierlichsten Sinne gerecht zu werden. 



Wenn das, was heute in deutscher Sprache zu schreiben 
wagt, ohne ihres Atems einen Hauch mehr zu verspüren, irgend- 
wie, von einem metaphysischeren Anstoß als dem Weltkrieg 
geschüttelt, imstande wäre, noch ein Quentchen Menschenwürde und 
Ehrgefühl aufzubringen, so müßte die Armee von Journalisten, 
Romansöldnern, Freibeutern der Gesinnung und des Worts vor das 
Grab Adalbert Stifters ziehen, das stumme Andenken dieses 
Heiligen für ihr lautes Dasein um Verzeihung bitten und hierauf 
einen solidarischen leiblichen Selbstmord auf dem angezündeten 
Stoß ihrer schmutzigen Papiere und Federstiele unternehmen. In 
einer kleinen Biographie — wohl der einzigen anständigen Neu- 
erscheinung der Reclam-Bibliothek — , aus der man auch einiger- 
maßen die Superiorität der vormärzlichen Wiener Gesellschaft über 
den heutigen Mischmasch feststellen kann, der die Verpoverung 
östep-eichischer Werte als einen Triumph des Heute ausruft, sagt 
der Verfasser, Alois Raimund Hein, über die Beziehung des 



57 



Dichters (den J. V. Widmann den Seelenfrieden-Stifter genannt hat) zu 
einer Epoche, die anfing, ein freches Zeitbewußtsein zu bekommen: 
Stifter trat als vollendetes Original vor die Schranken. Sprache 
und Empfindung waren ursprünglich und unvergleichlich; das bis zu 
anbetender Verehrung gesteigerte Naturgefühl, das liebevolle Versenken 
in zarte, weiche Stimmungen, die heilig-fromme Gemütstiefe, der Reich- 
tum der Phantasie und die Fülle des Ausdruckes bei fast ängstlicher 
Scheu vor allem, was den Lärm des Tages ausmacht und sich im 
lauten Ringen der Zeit austobt, alles das mußte beifälligste Bewunderung 
und innigste Zustimmung finden in jenen zahlreichen Kreisen des 
Vormärz, Welche den gedämpften Worten rein-frohen, wellfernen Kinder- 
sinnes willfähriger lauschen mochten als den eben damals mit ungestümer 
Leidenschaftlichkeit zornmütig ausgestoßenen Kampfrufen der literarischen 
TuMiultanten. Inmitten des immer stärker anschwellenden Aufruhrs der Mei- 
nungen, inmitten der Verwünschungen und des Wutgeschreis wegen geistiger 
Knechtschaft, Unterdrückung der bürgerlichen Freiheit und Beschränkung 
der höchsten menschlichen Güter stand Stifter mit seinem glaubens- 
frohen Anhang auf einer Insel der Glückseligen, deren den ewigen 
Göttern geweihter Hain, küslenfern und abgeschlossen, unbehelligt blieb 
von der tosenden Brandung der Gezeiten. Während eine auf gewalt- 
same Umwälzung hoffende, dem Umsturz der Dinge in schrillen Tönen 
eindringlich das Wort redende Sängerschar mit den bedrückenden Er- 
scheinungen des Alltags ihre murrenden Strophen füllte, hielt Stifter 
den verzückten Blick auf das Ewige und Unendliche, auf das Dauernde 
und Unveränderliche gerichtet. Gleichwie ihn später, als die Zeit der 
Erfüllung kam, das revolutionäre Aufschäumen der Volkswut erschreckte 
und anwiderte, so fanden auch die den blutigen Ereignissen vorangehen- 
den Dithyramben des Freiheitsdranges keinen Weg zu seinem Herzen. 
Was die Zeitwelle hebt, was die Zeitwelle verschlingt, das 
achtete er für nichts. Nach seiner Anschauung vom Leben 
erschien ihm der Gedanke widersinnig, daß die Gewährung 
politischer Freiheiten an die Massen das Glück des einzelnen 
zu erhöhen vermöchte. Denn er erblickte das höchste individuelle 
Glück in dem harmonischen Einklang der Empfindungen, in der stillen 
Ausgeglichenheit des Innenlebens, in der erhabenen Friedfertigkeit, 
welche dem Einsamen abseits vom Wege erblüht. Dieses Glück, das 
jeder einzelne in seiner besonderen Weise sucht und aus der Tiefe 
seines Wesens gründet, konnte er nicht in Zusammenhang setzen mit 
den Kämpfen und Erschütterungen einer stürmisch bewegten Zeit. Die 
politischen und gesellschaftlichen Bestrebungen erschienen ihm in ihrer 
Wandelbarkeit und Unbeständigkeit klein gegen das unerschütterliche 
Walten der Natur. Der Halm, welcher genau so wie heute schon vor 
Jahrtausenden im Kosen der Lüfte sich wiegte, an dessen Wachstum 
alle Leidenschaften, alle Erfindungen, alle Umwälzungen der Menschen- 
geschichte auch in der fernsten Zukunft keine Veränderung bewirken 
können, war dem stillen Poeten des Waldes bedeutender, wertvoller, 
lieiligcr, vertrauter als das Kampfgelümmel wechselvoller Erscheinunger. .. . 



58 



Wohin hätte er aus der heutigen Welt entkommen mögen, 
in welchen Wald entfliehen können, um nicht auf Stacheldraht zu 
stoßen? Ihn heute lesen und sich dann wieder umsehen, in welcher 
Welt man lebt, verlangt stärkere Nerven als um nur in dieser 
durchzuhalten. Aber als Entschädigung für den Genuß der 
Heineschen »Harzreise«, deren Sprachschwindel mir neulich eine 
halbe Stunde leer gemacht hatte, habe ich doch wieder einmal jenen 
»Hochwald« gelesen, in den der dreißigjährige Krieg nicht dringt 
und aus dem die deutsche Sprache nicht mehr herauswill. 
Und nach einer notwendigen Durchsicht jener öden Reimeschluderei 
»Deutschland«, die sich ein Wintermärchen zu nennen wagt und 
die einst den aufgeweckten deutschen Schulbuben so imponiert hat, 
daß sie später viel bessere Kneipzeitungen verfaßten, bin ich vor 
Stifters »Feldblumen« gestanden. Dieser Jean Paul ohne 
Aufenthalt hat dort eine Stelle, in der ihm, wie alles und vor 
allem der Wald, die Musik zur Sprache wird. Ich frage, ob vor 
solchen Sätzen nicht der Krieg und seine sämtlichen Stilisten ihr 
Dasein einzustellen hätten: 

». . . Dann, wenn sie vor dem Instrumente sitzt, zieht ein 
neuer Geist in dies seltsame Wesen; sie wird ordentlich größer, 
und wenn die Töne unter ihren Fingern vorquellen und dies 
unbegreiflich überschwengliche Tonherz, Beethoven, sich begeistert, 
die Thore aufreißt von seinem Innern tobenden Universum und 
einen Sturmwind über die Schöpfung gehen läßt, daß sich unter 
ihm die Wälder Gottes beugen — — und wenn der wilde 
geliebte Mensch dann wieder sanft wird und hinschmilzt, um Liebe 
klagt oder sie fordert für sein großes Herz, und wenn hierbei ihre 
Finger über die Tasten gehen, kaum streifend wie ein Kind an- 
drücken würde, und die guten, frommen Töne wie goldene Bienen 
aus den vier Händen fliegen und draußen die Nachtigall darein 
schmettert, und die untergehende Sonne das ganze Zimmer in 
Flammen und Blitze setzt — und ihr gerührtes Auge so groß und 
lieb und gütig auf mich fällt, als wäre der Traum wahr, als liebte 
sie mich: dann geht eine schöne Freude durch mein Herz, wie 
eine Morgenröte, die sich aufhellt — die Töne werden, wie von 
ihr an mich geredete Liebesworte, die vertrauen und flehen und 
alles sagen, was der Mund verschweigt. . . .« 



59 



Aus jungen Tagen 



Nie kann es anders sein. 
Nun wirft mein Glaube keinen Schatten mehr. 
Von deinem großen Lichte kam er her, 
von des Geschlechtes rätselhaftem Schein. 

Nun bin ich ganz im Licht, 
d^s milde überglänzt mein armes Haupt. 
Ich habe lange nicht an Gott geglaubt. 
Nun weiß ich um sein letztes Angesicht. 

Wie es den Zweifel bannt! 
Wie wirst du Holde klar mir ohne Rest. 
Wie halt' ich dich in deinem Himmel fest! 
Wie hat die Erde deinen Werth verkannt. 

Du gabst dich zum Geschenk 
der Welt, ich hab es für dich aufbewahrt. 
Ich habe Gott den größten Schmerz erspart"! 
Geliebte, bleibe deiner eingedenk! 

Wie glänzt mir deine Pracht. 
Dein Menschliches umarmt, der beten will. 
Er heiligt es im Kuß, Wie ist sie still 
von Sternen, deiner Nächte tiefste Nacht. 

Nie soll es anders sein. 

Ob alles Irdische zerbricht und stirbt, 

nur dein Zerfall ein geistig Glück verdirbt. 

Vergib dich an die Erde nicht, sei Dein! 



GO 



Sonnenthal 



Faßt Mut zum Schmerz, daß seine Thräne nicht mehr fließt 
und dieser große Chor der Jugendbühne stumm ist: 
Die Glocke, die Charlotte Wolter hieß; 
derHammer,dermitLewinskysRede dasGewissen schlug; 
und einer Brandung gleich die Stimme des Zyklopen 

Gabillon; 
Zerlinens Flüstern; und Mitterwurzers Wildstroms 

Gurgellaune ; 
eine Tanne im Wintersturm jedoch war Baumeisters Ruf; 
und schwebend, eine Lerche, stieg des jungen 

Hartmann Ton, 
vermählt dem warmen Entenmutterlaut Helenens; 
und Hagel, der durch schwülen Sommer prasselt, 

Krastels Sang; 
und edlen Herbstes Röcheln Roberts Stimme; 
und Sonnenthals : die große Orgel, die das harte Leben löst. 
Und all der Sänger Stimme und Manier, 
die noch verstimmt, von solchem Geiste war, 
daß sie bewahrt sei gegen alles Gleichmaß, 
womit die Narren der Szene und der Zeit 
die lauten Schellen schlagen. 



61 — 



Glossen 

Ein Druckfehler 

Die Erinnerungen der Baronin Ebner-Eschenbach an das alte 
Burgtheater, das der Löwe, Fichtner, Korn, werden irgendwo zitiert. 
Wir lesen, sind ganz in den Tagen der dürftigen Herrlichkeit, da 
zwischen zerfransten Zimmerdekorationen großartige oder liebens- 
würdige Menschen auftraten, und so entrückt, müssen wir die, 
welche es erlebt haben, gar nicht um ihre Entrückungen beneiden 
und besinnen uns nicht des Schmerzes, Zeitgenossen der prunkvollen 
Schäbigkeit zu sein. Plötzlich, ein Blitz: 

Löwy war ja herrlich und kam uns in manchen Rollen, zum 
Beispiel als S i e g f r i e d in Raupachs »Nibelungen« wie ein Halbgott vor 

So selbstverständlich hat die Hand des Setzers das Nächst- 
liegende ergriffen, und wüßten wir auch nicht gleich, daß dieser 
Siegfried Löwy ein Löwe, ein Siegfried war, wir spürten doch 
den Zusammensturz von Bühnen- und Lebenswerten und hörten 
den Klang des neudeutschen Siegfried. Dieser Druckfehler ist 
wahrlich des Teufels. 



Rascher Szenenwechsel 

oder 

Was ihr wollt 

Im Feuilleton, Seite 2 und 3: 

.... Der Ulk wächst, schwillt bis zum Ungeheuerlichen. 
Man kann sich totlachen an diesen Ausgelassenheiten, muß jedoch 
zugeben, daß sie in ihrem Übermaß das Gleichgewicht des Werkes 
stören. . . . Und was noch schlimmer, das tolle Gebaren färbt auf die 
anderen Darsteller ab und verleitet sie zu der irrigen Meinung, in diesem 
Lustspiel sei überhaupt nichts ernst zu nehmen, auch nicht Gefühl 
und Empfindung, nicht Liebe und Liebesweh. ... So schädigt das 
aufdringliche Vorwalten des Derbkomischen den Gesamt- 
eindruck, den dieses Lustspiel hervorbringen sollte. Alles Süße, Holde, 



62 



Liebliche, womit es der Dichter begnadete, verliert seinen Duft, der 
Dramatilcer Shakespeare kommt selten zum Wort, der Lyriker muß ganz 
verstummen, und das Märchen entflieht bestürzt ans andere Ufer. Sogar 
die eigentlich komischen Rollen werden auf die Seite gedrückt. . . . 
Man sollte nun glauben, dieser lustige Karneval würde im flottesten 
Tempo erledigt werden, in Saus und Braus vorfiberstürmen. Dem ist 
aber nicht so. Spiel um Spiel wird von den Darstellern mit äußerstem 
Behagen ausgeführt, und Behagen will sich Zeit lassen, liebt die 
gemäch liehe Gangart. Dazukommt ein anderer Zeit Verschwender: 
der Zwischenvorhang. Er bietet den Vorteil, daß man die Szenen so 
ziemlich in der vom Dichter gesetzten Reihe bringen kann, unterbricht 
aber dafür jeden Augenblick den Fluß der Handlung, reißt jeden Augen- 
blick den Zuschauer aus der Stimmung. ... Es läßt sich gar nicht 
beschreiben, wie grausam dieser Spielverderber die Harmonie des 
Ganzen zerstört, ein so schön gebautes Meisterwerk zerstückelt und 
zerhackt. Um dann den Zeitverlust einzubringen, den er verursacht, 
haben sich einschneidende Kürzungen als notwendig erwiesen. . . . 
Alle technischen Bühnenreformen, die nicht den blitzschnellen 
Dekorationswech sei bei offener Szene ermöglichen, sind keine zwei 
Heller wert. Wir haben die Schattenseiten dieser Vorstellung vielleicht 
zu stark hervorgehoben. Zum Glück fehlt es nicht an erfreulichsten 
Eindrücken. . . . 

Hier sind sie schon, auf Seite 18: 

Die heutige Wiederaufnahme und NeuinszenierungvonShakespeares 
Lustspiel »Was ihr wollt«, über die wir im Feuilleton des vor- 
liegenden Blattes berichten, fand überaus lebhafte Zustimmung 
des dichtbesuchten Hauses. Der Szenenwechsel vollzog sich in 
wünschenswerter Raschhheit, die Bühnenbilder selbst, namentlich 
des Strandes, der Halle und des Parkgebäudes, waren von prächtiger 
Wirkung. Die ernsten Partien sprachen sinnvoll an, die launigen 
erweckten behagliche Heiterkeit. Auch der Shakespearische Übermut 
der grotesken Rüpel- und Narrenscherze fand volles Verständnis. 

Die Harmonie des Ganzen bleibt immerhin zerstört. Wer's 
nicht glaubt, sehe sich das Lustspiel, das der autoritative Schwachsinn 
am 12. März in einer und derselben Neuen Freien Presse auf- 
geführt hat, im Original an. Daß die Hauptstadt von Montenegro 
noch am Tag vor der Einnahme ein Misthaufen und am Tag 
nachher ein Schmuckkästchen war, kann man für möglich halten. 
Krieg ist Krieg. Aber die Unbekümmertheit, mit der solch eine 
Meinungshure mit demselben Atemzug zweierlei bekennt, ist 
doch ein Maßstab für die Erweichung der Gehirne, die 
einen doppelten Eindruck schmerzlos hinnehmen. 



63 



Verwandlungen 

.... die intellektuelle Kühnheit, mit der der Dichter (Shaw) 
gegen englische Heuchelei, gegen englische Überheblichkeit und 
Beschränktheit darin zu Felde zieht, würzt noch heute diese englische 

Komödie Er macht sich den Spaß, zu zeigen, wie einer, den die gute 

bürgerliche Gesellschaft verachtet, sich unversehens in einen 
Helden verwandelt, der sich aus purem Edelmut für einen anderen 
hängen lassen will, während dieser andere, der bis dahin ein 
ehrsamer Pastor war, sich eben so schnell in einen Raufbold 
und Rebellen verwandelt: beide kannten sich nicht, noch wir sie, 
denn nur die Tat enträtselt den Charakter, weshalb der Bürger- 
begriff von Gut und Böse nicht viel Wert hat. Dies bildet ungefähr den 
geistigen Kern des Stückes .... 

Es scheint sich also doch um eine allgemeine Kritik der 
Heuchelei zu handeln, was die spezielle Beschränktheit nur nicht 
sieht, denn sonst könnte sie Herrn Shaw, den Dichter, auch darauf 
aufmerksam machen, daß die beiden Verwandlungen, in den 
Helden und in den Raufbold, häufig identisch sind und daß 
somit nicht nur der früher Verachtete, sondern sogar der ehrbare 
Pastor unter Umständen ein Held sein kann. 



Strindberg und Koofmich 

„Über den nicht alltäglichen Fall einer Erkrankung als Folge- 
erscheinung des Krieges wurde in der letzten Sitzung der zweiten 
Kammer des Berliner Kaufmannsgerichts verhandelt. Anlaß dazu 
bot die Klage des Kontoristen Kurt N. gegen die Verlagsgesell- 
schaft »Häute und Leder« .... Auf Grund dieser Mitteilung hielt 
sich die Gesellschaft für berechtigt, N. als sofort entlassen anzusehen. . . . 
fragte der Verhandlungsleiter den Gutachter, ob denn nach seiner 
Ansicht N. während der noch gar nicht erloschenen Krankheit in der 
Lage gewesen wäre, seine Tätigkeit wieder aufzunehmen. Sanitätsrat 
Dr. R. erwiderte darauf, daß es ein ganz sicheres objektives Merkmal 
für die Arbeitsfähigkeit eines Menschen überhaupt nicht gebe. 
Die Möglichkeit, daß N. beim Aufbringen der nötigen Energie arbeiten 
konnte, bestehe jedenfalls. Zeige es sich doch bei vielen 
modernen Dichtern — der Gutachter wies bei dieser Gelegen- 
heit auch auf Strindberg — , daß sie selbst beim Vorhandensein 
starker Hystero-Neurasthenie eine rege Schaffenskraft entfalten können. 
Andererseits mußte der Sachverständige zugeben, daß beim Kläger im 
Falle der Wiederaufnahme der Arbeit die Möglichkeit bestand, daß 
beim Eintreten neuer psychischer Erregungen sich die Anfälle in 
leichterer Art wiederholen könnten. . . .« 

Richtig ist, daß die meisten modernen Dichter Deutsch- 
lands, deren psychisches Verhalten ja auch eine Folgeerscheinung des 



— 64 — 

Krieges ist, ohne aber die Einstellung der Arbeit und infolgedessen die 
Entlassung nach sich zu ziehen, eine Schaffenskraft entfalten, die 
auf dem Vorhandensein starker Hystero-Neurasthenie beruht. Das 
Berliner Kaufmannsgericht kann mir als einem Sachverständigen 
aufs Wort glauben, daß diese Erscheinung sehr häufig ist. Ich 
behaupte aber, daß von allen Verlagshäusem Deutschlands aus- 
schließlich das Verlagshaus »Häute und Leder« Anspruch auf die 
Schaffenskraft dieser Patienten hat und daß sie verurteilt werden 
müßten, die Arbeit, diesieleider noch nie eingestellt haben, ausschließ- 
lich dort fortzusetzen. Wiewohl ich aber die Identität des Kontoristen 
Kurt N., der das einmal gerichtlich festgestellte Übel wiederum ohne- 
weiters für die Mitarbeit an einer modernen Revue fruchtbar machen 
könnte, mit allen jenen, die schon in dieser Lage sind, anerkenne, 
muß ich doch sagen: daß ich die Zitierung Strindbergs vor das 
Berliner Kaufmannsgericht behufs Vergleiches seiner Arbeitsfähig- 
keit mit der Schaffenskraft eines deutschen Kommis für einen 
kulturellen Schlager ersten Ranges halte, der mich in der längst 
errungenen Ansicht bestärkt, daß die Weltgeschichte das Kauf- 
mannsgericht ist. 

* * 

Die Metapher ist keine! 

. . . Bei der Kaiserfeier im Rathaus hielt Oberbürgermeister Wermuth 
eine Rede, in der er hervorhob, daß kein noch so heftiger Anprall das 
Guthaben der deutschen und verbündeten Heere zunichte machen 
wird, das sie in unendlicher JVlühsal in das Kontobuch der Länder 
mit stählernem Griffel eingetragen haben. . . . 



Von der Ware gefangen 

.... hat von befreundeten Zivilkriegsgefangenen aus Astrachan 
die Nachricht erhalten, daß Herr Graf und der Schokolad en- Hilde brand 
als Kriegsgefangene in Astrachan sind. . . . 

Das ist traurig, aber noch trauriger ist, daß der Mensch selbst 
in der Gefangenschaft nicht aufhört, der Gefangene seiner Ware zu 
sein. Die Hildebrand-Schokolade mag unser Traum bis nach Astrachan 
verschicken: der »Schokoladen-Hildebrand« gehört nach Wien, und 
eben diese Art zu assoziieren macht uns untauglich zum Export. 



65 — 



Verwaltungsräte der Kunst 



Preisausschreiben der A E 

Für ein künstlerisches Plakat 

zur Förderung des Vertriebs 
von A E Q - Nitrallampen 

veranstalten wir ein Preisausschreiben. 

Für die Preise sind insgesamt M.8000 ausgesetzt. 

Preisrichter sind: die Herren Professor Peter 

Behrens, Gurt Herrmann, Professor Emil Orlik, 

Professor E. R.Weiß, Kommerzienrat Paul Mam- 

roth, Dr. Walther Rathenau, Dr. Ernst Salomon. 

Die Bedingungen liegen im Sekretariat der AEG, 

Berlin NW 40, Friedrich-Karl - Ufer 2-4 auf. 

Allgemeine Elektricitäts-Qesellschaft. 



Nanu, wo bleiben denn Avenarius, Corinth, Qurlitt, 
Mauthner, Meier-Gräfe, Naumann, Simmel, Sombart? 



Lichnowsky und Barnowsky 

. . . Nach dem vierten Bilde konnte die Verfasserin auf der 
Bühne erscheinen. Ihr Gatte Prinz Lichnowsky, der ehemalige deutsche 
Botschafter in London, wohnte der Vorstellung in der Direktions- 
loge bei. . . . 

Die Welt gäbe viel darum, wenn der Herr noch in einer 
bezahlten Loge eines Londoner Theaters säße. 



Die Verbindung 

Ein als »jüdische Tragödie« bezeichnetes Drama »Ritualmord 
in Ungarn« wird wie folgt angekündigt: 

Die germanische Verbindung von mystischer Phantastik und 
wuchtig gestaltendem Realismus zeigt Arnold Zweig als ein dramatisches 
Talent von ganz urgewaltiger Kraft und Eigenart .... 

Das Germanische inkliniert zu Verbindungen. Es ist selbst 
eine, dazu kommt noch die mit dem ändern, das auch Verbindungen 
gern hat — traun, so wahr ich da leb, etwas viel Verbindungen 
auf einmal. 



66 — 



Es geht in Einem 

. . . Soin >Reiterlied«, das an die kernigsten Soldatenweisen 
aus »Des Knaben Wunderhorn« erinnert, war zum deutschen Volkslied 
geworden. Auch seinen übrigen Gedichten stand nun der Weg zur 
Wirkung offen. — — — — — Aus allen diesen Gedichten, namentlich 
aus den »Makkabäer« überschriebenen entschlossenen Strophen sprach 
starkes, ungekünstelt dichterisches Gefühl .... 



Eine Chimäre 

Einheitspreis für alle Sitze (ausgenommen Logen und Cercle zu 

10, 6 und 4 Kronen) 3, 2 und Eine Krone bei den Konzertkassen 

der Heller'schen Buchhandlung. 

Macht nichts. So siehts wohl immer mit der Einheit aus. 
Der einzige Einheitspreis, den es im Chaos gab, war noch der 
Heller, und selbst der ist ein Phantom. Der Heller ist keinen 
Heller mehr wert. 



Er ist nie seiner Meinung 

Der Kommentar, Spalte 1: Die amtliche Mitteilung, Spalte 2 : 

.... Nach der amtlichen Mit- ; .... läßt die Verwendung nur in 
teilung schließt dies die Verwen- 1 jenen Teilen des österreichischen 



düng in allen jenen Gebieten aus, 
in denen die politische Verwaltung 
nicht einem militärischen Koniman- 



Staatsgebietes zu, bezüglich deren 
die Befugnisse der politischen Ver- 
waltung n i c h t an einen militärischen 



dantsn zusteht. ... | Kommandanten übertragen sind. 

Unser Ohr hat sich daran gewöhnt, zu allem was uns die 
entsetzlichste Stimme auszurichten hat, auch noch ihren Kommentar 
zu hören. Läßt uns Gott oder die Regierung etwas sagen, so 
bestellt es der jüdische Dienstmann nicht nur, sondern wiederholt 
es auf seine Art und immer schon vor der Botschaft selbst. Das 
kann dann so werden: Jener kommt atemlos gelaufen und sagt »Sie 
müssen nämlich wissen, er meint nämlich — — <. >Wer? Was?« 
>Lassen Sie mich ausreden, er meint, Sie sollen — — « »Ich 
verstehe, das ist unangenehm, aber geben Sie den Brief her und 

schaun Sie, daß Sie weiterkommen.« >Er meint also und hier hat 

er es aufgeschrieben, sehn Sie, so seht das aus.« »Hier steht doch 



67 



das gerade Gegenteil ! Ja was haben Sie denn liineinzuschauen, seien Sie 
froh, daß Sie selbst nicht — , ich bin schön erschrocken und jetzt 
stellt sich heraus, Sie Trottel — «. »Entschuldigen Sie, Herr Dokter, bei 
so einer wichtigen Nachricht kann einem das schon passieren.« 
»Abfahren!« »Eine gute Partie hätt ich noch für Sie Herr Dokter! — « 



Der Rausch der Titel 

Das Schönste sind doch die Titel. Oder eigentlich die Unter- 
titel. Im Abendblatt nämlich, wo er so gern >in sich hineinhört« 
und aus sich herausredt. Früher v/ar er gar lebhaft: ». . und . . und Vor- 
stoß gegen einen russischen Flügel und Hineinwerfen in die 
masurischen Sümpfe.« Das war keine Meldung, sondern ein Kom- 
mando und man sah und hörte förmlich, wie er es diktierte, und 
schon waren sie drin in den masurischen Sümpfen. Jetzt setzt er 
ganz ruhig an. Etwa: »Die Affäre der Lusitania.« Darunter aber: 
»Übertreibung der ganzen Angelegenheit.« Um das aus- 
zusprechen braucht man die Hand und muß den Kopf einige Mal 
bewegen, etwas gereizt über eine Störung, deren Grund man aber 
doch nicht ganz übersehen kann; wie: laßt's mich aus, ich hab 
andere Sorgen. Das Wort »ganz« ist eigentlich ein Attribut von 
»Übertreibung«, eine Steigerung dieser, und gehört gar nicht zur 
»Angelegenheit«, die ja ohnedies als ganze hingenommen werden 
muß. Aber man kennt den Ton: anstatt, daß ihm der Krieg schon 
sehr fad sei, sagt er, der ganze Krieg sei ihm schon fad. Aber der 
ganze Text ist nicht für den Leser, sondern für den Hörer 
geschrieben; und vor allem diese übertriebenen Titel. Es ist der 
persönlichste Schrei, der je aus Druckerwerk in die Welt 
gedrungen ist. Langweilig ist diese Lektüre nicht; um bei ihr einzu- 
schlafen, müßte man sich schon die Ohren zuhalten. Nur ein 
purer Zufall ist es, daß wir nicht den Titel gehört haben: 
»Die Einnahme von Erzerum«, mit dem Untertitel: »Nicht der 
Rede wert.« Oder es heißt etw'a: »Die Konferenzen in Rom.« 
Darunter: »Kühle Aufnahme in Paris.« Und gleich wieder: 
»Kühle Antwort in der Duma.« Man glaubt gar nicht, wie 
schwer dieses »Kühl« auszusprechen ist. Kühl ist eine überaus 
jüdische Kopfbewegung, womit zugleich der Feind »gedeftet« und 
unsere Leute beschwichtigt werden. Für Anfänger, die sich im 



bü 



Jüdeln ausbilden wollen — was sehr bald notwendig sein wird 
und in den Schulen obligat werden soll — , ist dieser Kurs, zwei- 
mal täglich, eine nicht genug zu empfehlende Gelegenheit. Sowohl 
in Bezug auf die »Stimmungen« wie in deren korrekter Aussprache 
bietet diese Methode alles, was heutzutag von einem, der im 
praktischen Leben eine Rolle spielen will, verlangt wird. Die text- 
lichen Erläuterungen sind überaus lehrreich, aber die Titel allein 
sind so einprägsam, daß man mehr profitiert als wenn man ein 
Semester auf der Börse zugebracht hätte. Ganz persönlich 
sind aber die Titel, wenn ihnen überhaupt keine Nachricht folgt, 
sondern nur die 5676 te Wiederholung der Gewißheit, Überzeugung, 
Hoffnung, Aussicht, Möglichkeit, daß »sie«, jenne, zerschmettert, 
zerbrochen, zertreten, zermalmt, ausdividiert sind, daß sie mit einem 
Wort auch schon genug haben und daß »die Sorge nagt« oder 
es wenigstens im Gemäuer zu rieseln beginnt. Sie waren nämlich 
zuerst ganz hin, so daß kein Hund mehr einen Bissen von ihnen 
genommen hat, vor Abscheu über »die Verderbtheit«, dann waren sie 
so gut wie fertig, dann waren sie alle schon verdrossen, später hat 
sich der Zweifel ausgebreitet, jetzt sind sie auch nicht mehr das, 
was sie einmal waren, rosig ist ihre Laune grad auch nicht, eine 
gewisse Herabstimmung und Nachdenklichkeit ist bereits zu 
bemerken, man sieht, sie sind schon sehr gedeftet, »und vielleicht« 
werden sie bald genug haben. Sie. Wir natürlich nicht. Denn so 
leben wir, so leben wir alle Tage, nun schon seit fast zwei Jahren. 
Neulich aber kam eine Auffrischung: 

Beginn einer großen Zeit. 
Die Blicke der Völker nach dem Westen gerichtet. 
Was folgte, war nicht etwa die Meldung, daß die große Zeit soeben 
begonnen habe, sondern der Monolog eines verstörten Seelenlebens. 
Es sind nicht Telegramme, sondern Visionen; Umsetzungen eines 
furchtbaren Dialekts in Gesichte, die man wieder hören muß, und 
wieder und noch einmal. Es war kein Bericht. Denn die nüchterne 
Wirklichkeit gibt doch zu erkennen, daß die große Zeit seit 
Kriegsausbruch da ist und darum nicht erst im neunzehnten 
Monat beginnen kann, was ja eine Fopperei wäre, und daß es 
in einer großen Zeit auch nicht mehrere große Zeiten geben kann, 
sondern zum Glück nur eine. 



t)*) 



Die Einbildungskraft 

Frauen mit verweinten Augen sind in den Straßen von 
Paris zu sehen. Sie denlten an die Sclilacht auf beiden Ufern der 
Maas, und Bangiglceit überfällt sie, weil dort die Jugend von Frankreich in 
Kämpfen, in denen zwei große Völker um ihre Zukunft ringen, niedergemäht 
wird. Die Landleute erzählen, daß sie das Rollen der Schüsse aus 
schweren JVlörsern in einer Eniiernung von mehreren hundert Kilometern 
hören. Vielleicht ist es nur Sinnestäuschung, obgleich bekannt ist, 
daß bei günstiger Windrichtung der Lärm auf den Schlachtfeldern weit- 
hin vernehmbar wird. Was die Ohren nicht vermögen, kann die Ein- 
bildungskraft vortäuschen. Die Frauen von Paris horchen 
nach dem Osten, wo die Blüte des Volkes vergeht und jeder 
Augenblick vielen Herzen tiefe Wunden schlägt und den Gatten, den 
Sohn, den Bruder hinwegrafft . . . 

Die Einbildungskraft glaubt — nein, »schwelgt in der Vor- 
stellung« — , daß nur die Mütter derer, die in einer besiegten Armee 
fallen, verweinte Augen haben, die andern aber, deren 
Söhne im Angriff gefallen sind, pure Freudentränen vergießen, 
wiewohl selbst deren Enkel schon wissen, daß der Sieg zuweilen 
mehr Opfer kostet als die Niederlage. Die Einbildungskraft »stellt 
sich vor«, daß nur eine Armee kämpft, nämlich die des Feindes, 
und daß Frauen nach dem Westen (wohin nur die Blicke ge- 
richtet sind) überhaupt nicht horchen können, erstens weil 
die Mörserschüsse in dieser Richtung nicht vernommen 
vterden und zweitens weil es da nichts zu horchen gibt, 
höchstens aus Neugierde, und neugierig, wie sie schon sind, 
sind schließlich die Frauen überall. Aber daß die Trottelei noch 
nicht niedergemäht oder hinweggerafft ist, sondern täglich neu 
ersteht, zeigt doch, was für ein Kinderspiel die Verwüstung ist 
verglichen mit dem, was uns bleibt. Denn weinende Frauen, 
die wohl ein Argument gegen den Krieg wären, gegen 
einen der kriegführenden Teile ins Treffen zu führen, gelingt nur 
einer ausdauernden Journalistik, der zwar das Feuer das Hirn 
verbrannt hat, deren gewalttätige Schmockerei aber das Ereignis 
überleben wird. 



Ein Demosthenes gesucht 

Der Korrespondent der »Neuen Freien Presse« in Saloniki ist 
auf Befehl des französischen Oberkommandanten General Sarrail ver- 
haftet worden. Das Schicksal dieses Blattes ist es schon wieder- 
holt gewesen, daß die Persönlichkeiten, die ihm angehören, die 



70 



Mitarbeiter und Korrespondenten, von den Wirkungen der 
Weltbegebenheiten unmittelbar und persönlich getroffen 
werden .... 

Aber was nützen alle Hinauswürfe, wenn der Betrieb 
weiter geht. Weltbegebenheiten, die nicht einmal die Kraft haben, 
da etwas zu ändern, sind nicht die richtigen. Ein Weltkrieg müßte 
doch mindestens und zu allererst einem sogenannten Weltblatt ein 
Ende bereiten, sei es durch Verbot, sei es durch Bomben oder 
wenigstens dadurch, daß er dem Publikum Mut zur Verachtung macht. 
Statt dessen werden die Persönlichkeiten üppig und beklagen sich 
noch darüber, daß der Feind sie nicht ganz so wichtig nimmt wie 
der Abonnent. Sie erhoffen sich vom Frieden eine Besserung 
dieser Zustände: 

.... Der glorreiche Krieg, den wir in siebzehn Monaten geführt 
haben, muß jedem einzelnen von uns den Vorteil bringen, sich überall 
in der Welt, wo immer der Beruf oder die Neigung ihn hinbringt, sicher 
zu fühlen. Gerade mit einer Spitze gegen Griechenland . . hat Lord 
Palmerston in seiner Verteidigungsrede das Wort gebraucht, der Eng- 
länder müsse in jedem Winkel der Erde das Gefühl haben wie 
einst im Altertum, da es keinen besseren Schutz und Schirm gab, 
als sagen zu können: Ich bin ein römischer Bürger. Die gleiche 
Empfindung sollen auch die Bürger von Österreich und von Ungarn haben. 

Mit einem Wort, der glorreiche Krieg soll dafür geführt 
worden sein, daß der Nordau oder gar der Frischauer wieder in 
Paris leben, was heißt leben, sich sicher fühlen kann wie 
einst im Altertum und den geringsten Versuch der Einschüchterung 
nur mit der Antwort abzuwehren braucht : Ich bin ein römischer Bürger. 
Daß Griechenland den Korrespondenten, der sich selbstredend 
durch »Besonnenheit« — ein Perikles! — hervorgetan hat, nicht 
besser zu schützen wußte, ist ein Kriegsgrund, den man getrost 
zu den übrigen legen könnte. 

. . . Aber seine jetzige Neutralität, die sich beständig selber 
preisgibt, fängt an unbegreiflich zu werden. Ein Demosthenes wäre 
nötig, um Einsicht und Klarheit zu schaffen. Wir hoffen, daß unser 
Ministerium des Äußern die Angehörigen der Monarchie mit allem 
Nachdruck schützen werde. 

Wo nimmt man nur schnell im Ministerium des Äußern 
einen Demosthenes her, der die Entfernung des Perikles wett- 
machen könnte? Am besten, man versucht es mit dem Münz, der 



schon einmal in einer griechischen Angelegenheit erfolgreich inter- 
veniert hat und der im Weltkrieg ohnedies ungebührlich ver- 
nachlässigt wird. 



Das neue Jahr 

ist so begrüßt worden. Vorn: 

Bekenntnis zum Optimismus. 

Hymnen tönen im Herzen. Das Ausdrucksvermögen fehlt, 
sie in Worten ausklingen zu lassen, aber Dichter solllen in rauschenden 
Versen sagen, daß diesem Lande, daß dem deutschen Volke beschieden 
war, in einem Kriege, der an das Leben ging, gebietend zu sein. 
Hymnen tönen im Herzen, weil die Sicherheit in unseren Wohn- 
stätten von keinem Feinde gestört wird, fast überall die Äcker bebaut, 
das Handwerk betrieben werden kann und die Menschen, von Beschwer- 
lichkeiten, Kümmernissen, Not und Trauer heimgesucht, dennoch zu- 
kunftsfroh zu dem Tage sich hinüberdenken, an dem zur Erfüllung und 
Erlösung reifen muß, was jetzt sprießt und wächst. Erinnert euch der 
Senke beim Duklapaß. . . . herrlich ist alles geworden, frei ist das Land, 
zurückgeworfen sind die Feinde, ausgemerzt die serbischen Truppen, 
zerstört die russischen Festungen .... Die Gedanken kreisen um die 
Zukunft, um den Feierabend, aber reich ist auch der Segen in der 
Gegenwart. . . . Rußland und Serbien besiegt und Italien gedemütigt! 
Hymnen klingen im Herzen. . . . Der Philosoph Fichte war 
zum Landsturm eingerückt, und die Ernennung zum Offizier halte 
er mit den Worten abgelehnt: Hier tauge ich nur zum Gemeinen. Er machte 
seine Übungen gemeinsam mit Buttmann, berühmt durch seine 
Forschungen im griechischen Altertum, mit dem Geschichtsschreiber 
Rühs und dem Theologen Schleiermacher. Buttmann und 
Rühs konnten nicht erlernen, rechts und links zu unter- 
scheiden, und seufzten, wenn sie die Wendung wieder einmal verfehlt 
und den Spott zu ertragen hatten, das sei zu schwer. Diese Zeit, 
die so viel Ähnlichkeit mit unserer hat, reizt die Neugierde, 
und vielleicht kann die Vergangenheit auf die Frage antworten: 
Wie ist der Verlauf von wirtschaftlichen Krisen, die von 
einem Kriege hervorgerufen werden? Der Vergleich führt 
zu auffallenden Übereinstimmungen bis in die Einzelheiten... 
Erleben wir jetzt nicht das Schöpfungswunder in der 
Stickstoffindustrie? . . . Wie ein Rausch der Hoffnungen wird es durch 
unser Land ziehen .... Das Bekenntnis zum Optimismus hat jedoch noch 
eine Voraussetzung .... nur starke Männer, die alles von sich werfen, was 
tot ist in der Vergangenheit und sich den Trieben der Gegen- 



— 72 — 



wart hingeben wie die Braut dem Bräutigam . . nur sie können 
die Krise überwinden .... Die Wirkungen eines politischen und wirt- 
schaftlichen Großbetriebes können wir nur ahnen und die Ziffern 
selbst durch die Einbildungskraft uns nicht vorstellen .... Der 
Krieg hat besondere Absatzstockungen und der Friede auch, und so 
schwingeo die Einflüsse fort und der Wechsel braucht eine Leitung 
des Staates, die in das Volk hineinhorcht, aus ihm heraushört 
nnd in den zittrigen Augenblicken dieser Veränderung in den Bedürf- 
nissen und in der Erzeugung auf der Höhe ihrer Pflicht ist. Das Jahr 
der Erfüllung kommt! . . Rußland gebeugt, Serbien zertreten, Italien 
beschämt! Die Menschheit ist für Jahrzehnte entlastet, das Bohren 
in den Nerven wird nicht mehr empfunden werden, und das muß 
ein Wohlgefühl verbreiten und die Einleitung zu Abschnitten sein, 
in denen das Staunen über die wirtschaftliche Entfaltung uns wieder 
gefangennimmt .... 

Hinten : 

Theodor. 

Um Gotteswillen denke Deiner Kinder und das Geschäft. 
Auflösung in Aussicht, wenn Du nicht in einigen Tagen dort bist. Habe 
Mut und Vertrauen zu mir, die alles verzeiht. Kann alles noch jetzt 
geregelt werden, nur sofort heimfahren. Lese > Fremdenblatt«. 



Und noch ein 

Bekenntnis zum Optimismus 

In Cetinjehundertvierundfünfzig Geschütze und zehntausend 

Gewehre erbeutet, Bestürzung im Vierverbande, günstiger 

Verlauf der russischen Neujahrsschlacht in Ostgallzien und 

an der Grenze von Beßarabien. 

Wien, 15. Januar. 
Der verstorbene Generalsekretär der Österreichisch- 
ungarischen Bank, Wilhelm v. Lucam, ist nahezu vergessen. 
Der jetzige Gouverneur, Herr v. Popovics, hat eine Vergangenheit, 
die zu einer Zukunft berechtigt, und wir begegnen ihm vielleicht 
dereinst an einer Stelle in der Monarchie, wo der Gesichtskreis noch 
weiterund die Verantwortungen noch ernster sind. . . . Das Bekenntnis 
zum Optimismus muß ähnliche Hilfsmittel z ur Begründung 
anwenden. Wir stellen uns den Offizier und den Soldaten vor, der 
von Cattaro über Geröll und Felsblöcke, in den höheren Lagen über 
Eis und Schnee, beständig von den Geschoßen des Feindes bedroht, 
auf den Lovcen gestiegen ist. ... Er muß ein Anderer geworden sein . . . 



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74 



Demel gehen werde, wo eine sehr versierte Gedankenleserin, die 
sich besonders für die Champagne interessiert, auf ihn wartet, und hier- 
auf, um mildem angebrochenen Abend etwasanzufangen, zurCsardas- 
fürstin, das heißt, wenn man durch Protektion noch eine Karte kriegt, 
denn es soll dort von Leuten wimmeln, die sich Gedanken über 
Verdun machen. 



Zur Darnachachtung 

»Das k. k. Ministerium für Landesverteidigung fand mit Erlaß 
vom 12. Juli 1915, Nr. 863/XIV, im Einverständnis mit dem k. u. k. 
Kriegsministerium zu verfügen, daß im Hinblick auf den dermaligen 
Kriegszustand — in gleicher Weise, wie bereits seinerzeit mit dem Er- 
laß des genannten k. k. Ministeriums vom 13. Jänner 1915, Dep. XIV. 
Nr. 1596 ex 1914, h. o. Erlaß vom 18. Jänner 1915, ZI. 1068, hin- 
sichtlich der Begünstigung nach § 31 und 32 W.-G. (als Familienerhalter) 
angeordnet — auch der nach § 109 I, 1. Abs., § 118 I und § 121 I 
W.-V. I., im Juni 1915 zu erbringende Nachweis des Fortbestandes der 
die Begünstigungen nach § 30, § 32 (als Landwirt) und § 82 W.-O. 
(§ 32 W.-G. von 1889) begründenden Verhältnisse bis auf weiteres auf- 
gehoben wird, wobei die bezeichneten Begünstigungen einstweilen — 
die Begünstigungen nach § 30 und nach § 32 mit der gemäß § 108 I, 
zweiter Absatz W.-V. I, dem termingemäß erbrachten Fortbestandsnach- 
weis zukommenden Wirkung — als fortbestehend anzusehen sind.« 



Unkenntnis der Zeitung schützt nicht vor Strafe 

»Je einen Tag Gefängnis erhielten zwei Leute einer Gemeinde bei 
Osnabrück, weil sie entgegen der verfügten Beschlagnahme einige Pfund 
Schafwolle verkauft hatten. Sie brachten zu ihrer Verteidigung vor, die 
Verordnung sei ihnen unbekannt geblieben, da sie in der Gemeinde 
nicht in der üblichen Weise bekanntgemacht worden war: Zeitungen 
lesen sie nicht. Das Gericht erklärte aber: ,Wer jetzt keine Zeitung 
liest, handelt fahrlässig und kann sich bei Kriegsverordnungen auf 
Unkenntnis, die ihn sonst straffrei machen würde, nicht berufen.'« 

Unkenntnis des Gesetzes, das nicht in der Zeitung steht, 
würde straffrei machen. Das Delikt besteht also nicht in der Über- 
tretung des Gesetzes, sondern in der Unterlassung des Abonnements. 
Die wird nicht belohnt, sondern bestraft. 



/o 



Die Amerikaner sind ungebildet und eingebildet 

Durch die gesamte in jener Sprache geschriebene Presse, 
von welcher die, die sie sprechen, behaupten, es sei die deutsche, 
geht eine Notiz »Jung-Amerikas Bildung», in der das Ergebnis 
einer mit amerikanischen Studenten vorgenommenen Prüfung dem 
Hohn der gebildeten Mitteleuropäer preisgegeben wird. An die 
Studenten waren Fragen gestellt worden, »die sich auf den Welt- 
krieg und seine Ereignisse beziehen«, und die Antworten sind so 
ungebildet ausgefallen, daß das vernichtende Urteil gefällt werden 
konnte, die jungen Leute schienen nur Sinn für Sport zu haben, 
und »sich um die Zeitungen und ihre Neuigkeiten nicht zu 
kümmern«. Der »Wissensstand dieser Vertreter angelsächsischer 
Kultur«, wie ihre Unbildung mit beißender Ironie bezeichnet 
wurde, soll sich darin manifestiert haben, daß sie nebst Irrtümern über 
die geographische Lage von Saloniki und Montenegro zum Teil von 
den Persönlichkeiten der Heerführer und Politiker keinen blauen Dunst 
hatten und einer sogar der Meinung war, der Name des Königs von 
Bulgarien sei August. Die Zeitungsleute, die dieses, klägliche 
Resultat verzeichnen, geben mit einem unterdrückten : »Wie wollen 
Sie denn da ins Leben hinaustreten?«, der Überzeugung Ausdruck, 
daß »ein aufgeweckter Mittelschüler von 13 Jahren besser Bescheid 
im Weltkrieg zu wissen scheint als diese Blüte der amerikanischen 
Universitätsjugend«. Das ist, wenn es sich, wie anzunehmen, auf 
die europäischen Mittelschüler bezieht, ohne Zweifel richtig, und 
bekanntlich läßt sich ja sogar die Oricntiertheit der Volksschulen 
über den Weltkrieg nicht in Abrede stellen, sondern im Gegenteil 
beweisen. Aber nicht nur die deutsche, auch die englische 
und die amerikanische Presse haben den beschämenden 
Vorfall erörtert, und ein New Yorker Blatt, das sich für Munitions- 
lieferungen offenbar mehr interessiert als die amerikanischen 
Studenten, beklagte, daß diesen »das meiste vom menschlichen 
Fortschritt unbekannt« sei, ein Zugeständnis, von dem die mittel- 
europäische Presse gerne Notiz genommen hat. Zu dieser Debatte 
erhalte ich nun von einem in München lebenden Amerikaner 
das folgende Nachwort: 

Daß wir Amerikaner in wenigstens dem einen oder dem andern 
Punkt etwas vor den so gebildeten Deutschen voraushaben, fühlte ich 
immer nur unbestimmt; liier habe ich aber die Gewißheit. Wohl haben 



" /( 



wir die meisten, die feilsten, und die am schlechtesten redigierten 
Zeitungen, aber — wir lesen sie nicht! 

Ich hoffe, daß Sie mir diese Zuschrift verzeihen werden: ich 
weiß ja wie ungern Sie von Ihren Lesern solche empfangen. Doch konnte 
ich dieses eine Mal der Versuchung nicht wiederstehen, Ihnen den Aus- 
schnitt zuzusenden. ... 

Das ist wieder so ein Stück echt amerikanischer Groß- 
sprecherei. Denn die meisten Zeitungen mögen sie ja haben. 
Aber die feilsten und die am schlechtesten redigierten haben wir! 



Ein Freund der Bescheidenheit 

Herr Felix Saiten, der sich die ersten Sporen im Balkanzug 
verdient hat, bringt etwas aus Konstantinopel mit: 

»...Die Büffel und Pferde brachen erschöpft zusammen, 
aber unsere braven Kanoniere, in deren Schar alle österreichisch-ungarischen 
Nationalitäten vertreten sind, arbeiteten noch die ganze Nacht durch, 
und am 24. Dezember um die Mittagsstunde konnten wir bereits dem 
Feinde unsere ersten Weihnachtsgrüße entbieten.... Den 
Abzug des Feindes sahen wir mit an, auch den Angriff der türkischen 
Truppen, die unter dem Donner der Artillerie die Franzosen und Eng- 
länder bis auf den letzten Rest ins Meer warfen . . . .« 

Das hat er im Teesalon des Pera-Palace-Hotels erfahren, 
wo die Offiziere »staubbedeckt, gleichsam noch von dem Dampf 
der Schlacht umwallt«, ihm entgegenkamen, um ihm zu berichten. 
Natürlich hat er auch mit Enver Pascha gesprochen. Und eine 
Abenddämmerung auf der Perabrücke - ein Naturschauspiel, das 
jetzt vor Kriegsreportern aufgeführt wird — benützte er, um einen 
türkischen Offizier nach Stambul zu begleiten. Das Marmarameer 
erglänzte, die Linien der Hügel verschwammen und er erfuhr: 

»Wissen Sie«, sagte der türkische Offizier, »es ist wunderbar, wie 
die Österreicher und Ungarn da draußen geschossen haben. Die 
feindlichen Schützengräben waren stellenweise nur fünf Meter von 
den unseren entfernt, und da feuerten die österreichisch-ungarischen 
Batterien sogenau hinein, daß unsere Soldaten einfach zuschauen 

konnten < Ich unterbrach ihn: »Davon haben unsere Herren 

nichts erzähltl« — >Ach was«, entgegnete er lebhaft, »die Öster- 
reicher und die Ungarn erzählen überhaupt zuwenig..., immer... 
sie sind zu bescheiden, c 



77 



Und immer, wenn die Landsleute zu bcsclieiden sind, gibt 
Herr Saiten es in die Zeitung, Es ist jammerschade, daß das Ensemble 
heimatlicher Bescheidenheit durch die Referenten gestört wird, die 
nicht wie jene, das Licht unter den Scheffel, sondern den Namen 
unter den Artikel setzen, sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit 
neben die Batterien stellen und einfach zuschauen können, wie 
geschossen wird. Hinein, statt daneben. Daneben statt hinein. 



Wenn es nur das Ausland nicht erfährt! 

. . . Wenn ich an solchen übertriebenen Märztagen durch den 
Stadtpark gehe und das erste zarte Grün, das schfichterne Knospen der 
Sträucher sehe, so wirkt das auf mich jedes Jahr sehr ergreifend, weil 
ich da merke, daß es auch für unsereinen Zeit ist, zu knospen, nämlich 
Krawatten und Hemden zu kaufen und zu einigen Anzügen 
Maß nehmen zu lassen. 

Uniformen? Gott beschütze. Aber der liebe Schneck will 
durchhalten. 

, . . Jetzt, wo alles umlernt, sich läutert, einschränkt und nach 
der Decke streckt, könnte ich es wirklich auch wieder einmal ver- 
suchen, in den jahrelangen sorglosen Schlendrian meines Privatlebens 
ein bißchen Ordnung zu bringen . , . . Man kann auch ganz gut zu 
Hause kalt nachtmahlen .... und in das Herrenmodegeschäft trete ich 
mit der festen Absicht ein, mir nur drei Zephirhemden machen zu 
lassen .... 

Und das wird im letzten Winkel einer schäbigen Seele 
nicht nur gefühlt, von Kommislippen nicht nur gemurmelt, 
nein, in dem unsere Kultur vor der Welt vertretenden Organ 
1916 als Sonntagsplauderei gedruckt. Wie schützen wir uns 
aber dagegen, daß es der Feind als Probe unserer Gemütsart und — 
um in unserem Sinne zuzugeben, daß wir unsere Munterkeit 
nicht eingebüßt haben — in eine der vielen jetzt verpönten Sprachen 
übersetzt? Times, Figaro, Nowoje Wremja, Corriere della Sera 
sollten wirklich das dumme Erfinden von Lügen über uns auf- 
geben und sich damit begnügen, ihre Informationen aus der 
Neuen Freien Presse zu nehmen. Und in Anbetracht dieser Möglich- 
keit sollte wieder die Behörde statt der Einfuhr feindlicher Blätter, 
die uns ja nicht schaden können, solange sie nicht die Wahrheit 
über uns sagen, die Ausfuhr der unsrigen verbieten. 



- 78 



Ein Fauxpas 

. . . Vor allem aber wird der sogenannten >Mehlhamsterei« 
ein Ende bereitet. Dieses Mehlhamstern ist im Laufe der Zeit zur allge- 
meinen Völkerpsychose der Zentralmächte geworden .... 

Wenn die Lügen der Entente- Presse alt werden, werden 
junge Wahrheiten der unsrigen daraus. 



Die europäische Melange 

Drei Nachrichten hintereinander, mit den Titeln: 
Genügender Kaffeevorrat in Deutschland. 

Milchmangel in Frankreich. 
Stürmische Zuckernachfrage in England. 

»Was? Ihr habt keine Milch? Wir haben genug Kaffee!« »Kaffee 

haben wir auch. Habt ihr denn Milch?« »Wir haben Kaffee in 

Hülle und Fülle. Ihr scheint keinen Zucker zu haben!« »Wir 

haben auch Kaffee. Ihr scheint auch keinen Zucker zu haben. '< 

»Wir? Wer sagt das? Ihr habt keine Milch und keinen Zucker! 

Wir aber haben Kaffee!« 

* * 

* 

Aus eiserner Zeit 

.... Der Komiteepräsident hat besonders darauf geachtet, das 
Büffet, welches in eigener Regie des Komitees durch den Oberbaurat 
Fieger des Ministeriums des Innern in liebenswürdigster Weise 
besorgt wurde, in einer dem Ernste der Zeit und dem finanziellen 
Zwecke der Veranstaltung entsprechenden Weise unter Vermeidung 
jedes überflüssigen Luxus nur auf das notwendigste zu beschränken. 



Durchhalten! 

Professor Marcell Salzer hat am Tage der Eroberung des Lovcen 
im österreichisch-ungarischen Hauptquartier dem Feldmarschall Erzherzog 
Friedrich und seinem Gefolge im intimen Kreise Kriegsdichtungen öster- 
reichischer und reichsdeutscher Dichter vorgetragen. 

Der bulgarische Konsul in Wien Rudolf Stiaßny hat der Gemeinde 
Sofia eine Wehrmannstatue zum Zwecke der Benagelung für die Witwen 
und Waisen gefallener bulgarischer Krieger angeboten. . . . 



79 



Der Private Eduard Beer in Wien erhielt vom Kabinett des 
Königs Ludwig von Bayern für einen anläßlich des Geburtsfestes des 
Königs an ihn gerichteten poetischen Glückwunsch ein hetzliches 
Dankschreiben. 

Auf Anregung des Reisemarschalls Franz Meißner hat 
kürzlich Frau Anna Sacher vierzig österreichisch-ungarische und reichs- 
deutsche verwundete und rekonvaleszente Soldaten aus dem Rudolfsspital 
zu einer Jause ins Hotel Sacher geladen. 

Frau Tiny Schweitzer, Wien-Hietzing, hat für ihr Gedicht > Huldigung 
für das türkische Heere mehrfache Anerkennungsschreiben von den 
verbündeten Herrschern und aus höchsten Militär- und Diplomaten- 
kreisen erhalten. 

Der Herzog von Anhalt hat dem Professor Marcell Salzer für 
Verdienste im Kriege das Friedrichskreuz am grün-weißen Bande ver- 
liehen, das bisher nur Militärs erhielten. 



Immer feste druff 

Reichsdeutscher (evang.) 

Kaufmann, gebildet, Vertrau- 
ensstellung bei Aktien-Gesell- 
schaft in Deutschland, 40 er, 
kerngesund, militärische 
Erscheinung, grundsolid, 
arbeits- und lebensfreudig, 
Natur- und Kunstfreund, ohne 
Anhang.suchtLebensgefährtin. 
Witwe nicht ausgeschlossen, 
möglichst durch Einheirat 
in Geschäft oder Fabrik. Ge- 
fällige Anträge unter Chiffre 
»W. O. 650t an Rud. Mosse 
Wien, 1., Seilerstätte 2. 3755 



Hinten ist international 

Herr sucht 

spanischen Un terricht gegen 
Französisch. Antwort unter 
Chiffre )»S. M. Nr. 25.« an 
das Ankündigung« - Bureau 
dieses Blattes. 



— 80 



Der Schalk 

». . . Dies komplizierte Gebilde konnten die Franzosen allerdings 
nicht abbauen, als sie sich zur Cote Loraine zurückzogen. Dazu hatten 
sie es zu eilig. So fiel der ganze »Laden« mitsamt dem unversehrten 
Geschütz und tüchtigem Vorrat an Munition in deutsche Hände, denn 
auch diese Granätlein, von denen jedes an 45 Kilo wiegt, erschienen 
bei dem schleunigen »Partir« als unbequemes Reisegepäck. Noch am 
24. Februar und bis in den frühen Morgen des 25. hatte das Maul, 
das immer noch drohend aus seinem Betonpanzer herauszulugen 
scheint, nach Conflans hinübergespien. Noch am letzten Tag wurden 
über fünfzig Geschosse verknattert. Das war sein Schwanengesang. 
Dann legte der Unhold sich schlafen, wieder wie Fafner in seiner Höhle.« 

* * 

Ein Wahrwort 

.... Sie (die Asche) kann daher mit dem Müll, der aus verun- 
reinigtem Staub und anderen von Miasmen durchsetzten Körpern besieht, 
nicht in einem Atem genannt werden. . . . 

« * 

• 

Die Sammelwut der Dichter 

Von den Sammlungen, die unsere Dichter von heute 
ihr Eigen nennen, ist die Uhrensammlung der Marie v. Ebner-Eschen- 
bach besonders zu nennen. . . . 

Ja, ist denn das ein Merkmal oder eine Qewolinheit der 
Dichter, eine Sammlung ihr Eigen zu nennen? Sammeln sie außer ihren 
Werken, die nicht sehr wertvoll sind, noch etwas anderes ? Gewiß, 
zum Beispiel fremde Werke. Nicht immer, um s'c -.u. verwerten, 
sondern nur um sie zu bewahren. Wie gleich darunter eine 
andere Notiz dartut, in welcher von einem Schriftsteller, der sammelt, 
die Rede ist: 

Der schwedische Schriftsteller Graf Birger Mörner hat in seiner 
Bibliothek auf Schloß Mauritzberg eine interessante Handschriften- 
sammlung .... 

Was sammle denn ich? Zeitungsausschnitte, und das ist 
eine Leidenschaft. Denn sobald ich nur irgendwo das Gesicht 
eines Trottels zu erkennen glaube, gleich muß ichs haben. Selbst 
dann, wenn es nicht der Zeit zum Schreiben ähnlich sieht, sondern 
nur ein Maß ist für die Lizenzen der Zeit, die jedem Trottel 
erlaubt, einen Gedanken unter die Leute zu bringen, den er sonst 
nur privatim lallen würde, wie zum Beispiel den Hinweis auf die 
notorische Tatsache, daß unsere Dichter von heute Sammlungen 
ihr Eigen nennen. 



— 81 — 



Einer, den die Erlebnisse herumgeworfen haben 

[Ernst Decsey. »Krieg im Stein.« Erlebtes, Gesehenes, 
Gehörtes aus dem Kampfgebiet des Karstes. >Leykam«, Graz.] Der 
Krieg hatte eines schönen Tages in dem bekannten Musik- 
kritiker und Feuilletonisten den längst vergessenen Reserve- 
leutnant aufgeweckt. Wie sah ich aus, erzählt Decsey. 
Gestreifte Zivilhose, grüner Alpenrock, weißer Sturmkragen, gelbe Feld- 
binde, langer Säbel, und auf dem Haupte, dem haarwallenden, die 
rutschende Offizierskappe. Ich hatte nicht mehr Zeit gehabt, mich 
auszurüsten. Samstag noch auf der steirischen Alpe, 1200 Meter hoch, 
Montag früh unten am Spiegel des Meeres, so hatten mich die 
Ereignisse herumgeworfen. 

Der Spiegel des Meeres dürfte erschrocken sein, als er das 
Bild dieses verwandelten Decsey sah. 

Jedenfalls war Decsey bei seiner Kompagnie der erste einge- 
rückte Offizier. Das Büchlein schildert die Kriegserlebnisse des 
Autors von den Tagen der Mobilisierung an. 

Die Leute, die den Decsey von den Tagen der Mobili- 
sierung an im Vorraum eines Kriegsbureaus in Graz gesehen 
haben wollen, sollen der Meinung gewesen sein, es sei sein 
Spiegelbild, so frappant war die Ähnlichkeit. »Sie irren sich, ich 
bin nicht der Decsey, alle fallen darauf herein, ich bin längst unten!« 

Der Krieg im Stein ist der Krieg am Karst, der Kampf an 
der Isonzofront. 

Sehr richtig bemerkt, aber was geht das den Decsey an? 
Doch. 

Dieser deutsche Steirer empfindet den Verrat Italiens wie 
ejti-t ihm persönlich zugefügte tiefe Beleidigung. Vergeudete 
Ilsi7*je läßt immer Scham zurück. Und Ernst Decsey hat zu den 
b^istertsten Italienschwärmern gehört. . . . 

Ich weiß nicht, wie lange es her ist, daß der Decsey 
jodeln gelernt hat. Aber daß er sich jetzt des Verrates Italiens 
schämt, macht ihm alle Ehre. Er hat seine Liebe vergeudet, er 
hat vergebens seine Visitkarte im Hotel abgegeben, ganz wie seinerzeit 
in Graz, als ich dort noch Vorlesungen hielt und hinterdrein den Decsey, 
der für mich geschwärmt hatte, verriet. Aber in Graz kann man 
doch den Krieg nicht so recht erleben, nicht gut sehen, man hört 
höchstens hin und wieder etwas von ihm, wenn man aus dem 
Kriegsbureau in die Redaktion geht. Deshalb mußte sich 



— 82 



Decsey doch persönlich bemühen. War er also dabei oder war er 
nicht dabei? Er war dabei. 

Die Stimme des Krieges hat Decsey so deutlich ver- 
nommen, als er einen Zug mit Liebesgaben an die Isonzo- 
front geleitete. Dort hat er Land und Leute gründlich studiert, 
Offiziere und Mannschaft beobachtet, und auch er singt 
mit Inbrunst das hohe Lied von dem Großartigen und 
Menschenunfaßbaren, das dort geleistet wird. Zu den anziehendsten 
Kapiteln des Buches gehört sein Hymnus auf die Lasttiere, die 
auf dem Karst gebraucht werden. >Nur kein falscher Genierer«, 
wie man gut wienerisch sagt. Es sind Esel, veritable Esel, keineswegs 
bildliche Esel, denen dieses Lob gilt. Diese Karstesel sind Muster an 
Bescheidenheit und Pflichterfüllung, die buchstäblich für andere ins 
Feuer gehen und die Decsey sehr nett die Diurnisten unter den 
Vierfüßlern tauft. 

Während die Journalisten unter den Vierfüßlern — nun, wie 
tauft man die? Esel sind sie jedenfalls nicht. Auf den Karst gehen 
sie nicht. Dazu sind ja die Karstesel da. Meint auch der 
Rekommandeur, der mit der Chiffre St— g zeichnet, als hätte 
der blutige Hohn hinter die tollgewordene Trivialität einen 
»Sterbetag« gesetzt. Aber den erleben doch nur die Karstesel! 

Was täten wir auf dem Karst ohne sie? Wir könnten diesen 
Krieg nicht führen. Im Kriege wurden die Tugenden des Verkannten 
erst entdeckt. Ganz wie bei gedrückten, unscheinbaren Zivilmenschen, 
die sich in der Schlacht plötzlich als Helden zeigen. . . . Das ist eine 
Stichprobe des liebenswürdigen Humors, der nicht zu den 
wertlosesten Eigenschaften — 

Kusch! Denn Stichproben gibt es jetzt, eines Ernstes, die 
Millionen erlitten haben. Und den Zehntausend, die ihr Blut 
behalten, erstarrt es nicht im Leibe? Karstesel, Kreaturen Gottes, 
wenn ihr eure Pflicht getan habt, für andere ins Feuer zu gehen — 
kehrt euch und trampelt diese Brut zu Tode! 



Gott strafe England 

». . . Das neue englische Gesetz über die Dienstpflicht 
nimmt Männer, die gegen den Kriegsdienst Gewissensbeschwerden 
haben, unter bestimmten Bedingungen aus ... In Godalming war 
es ein Lehrer, Roland M. J. Knaster, der erklärte, tiefe religiöse 
und moralische Überzeugungen zu haben, die ihm den Kriegsdienst 



— 83 — 



und alle damit zusammenhängenden Dienste verbäten. Er sagte, 
zu jedem Opfer bereit zu sein, wenn das Gericht ihm die voll- 
ständige Befreiung nicht zubillige. Im Verhör gab er an, 25 Jahre alt 
zu sein und der englischen Hochkirche anzugehören. Ins Heer zu gehen, 
sagte er, würde für ihn bedeuten, daß er die Gesellschaft über seine 
religiösen Überzeugungen stelle und dies wolle er unter keiner Bedingung 
tun. >lch liebe meine Mutter und bin ihre einzige Stütze,« sagte er. 
>Wenn man mich ins Gefängnis schickt oder erschießt, wird sie ver- 
hungern. Ich stelle meine religiösen Überzeugungen meiner Mutter voran 
und wenn jemand dazu entschlossen ist, glaube ich nicht, daß er noch 
mehr tun kann, um Sie zu überzeugen.« — Tribunalmitglied Fletcher 
(Schulleiter in Charterhouse) : Gesetzt den Fall, daß jemand Gewalt gegen 
Sie anwendete, was täten Sie? — Knaster: Ich würde wahrscheinlich 
mit ihm diskutieren, aber ich hoffe, daß ich ihm nicht Schlag um Schlag 
zurückgeben würde. — Als man ihn fragte, was er täte, wenn ein 
Deutscher seine Mutter an seiner Seite tötete, erwiderte Knaster, das 
sei eine ungehörige Frage, die er nicht beantworten könne. Der Vor- 
sitzende Bürgermeister verkündete hierauf die Entscheidung, daß der 
Antragsteller vom aktiven Kampf dienst vollkommen befreit und auch 
von jedem anderen militärischen Dienste solange enthoben 
sei, als er die einzige Stütze seiner Mutter sei. — Die Verhandlung 
in Fulham war darum merkwürdig, weil der um Befreiung Ansuchende ein 
Beamter des Kriegsamtes war. Der jetzt Neunzehnjährige gab an, sich 
1911 bekehrt zu haben. Sein Gewissen verbiete ihm, jemandem das 
Leben zu nehmen, sei es auch sein Feind. Der Vorsitzende fragte ihn, 
warum er dann seinen Posten im Kriegsamt nicht aufgegeben habe. 
Der Ansuchende erwiderte, daß seine Beschäftigung mit der Feststellung 
der Folgen des Krieges, aber nicht mit der gegenwärtigen Kriegführung 
zu tun habe. Das Ansuchen wurde abgewiesen. Alderman Evans erklärte, 
Enthebung vom Dienste könne solange nicht gewährt werden, als der 
Ansucher seine Stelle im Kriegsamt nicht aufgebe . . . .« 



Wie es in Rom zugeht 

». . . Das Straßenleben ist im allgemeinen so bewegt wie sonst In 
Friedenszeiten; auf dem Korso drängen sich die Menschen wie immer 
geschäftig oder im süßen Nichtstun, die Schaufenster sind glänzend 
erleuchtet und die großen Kaffeehäuser . . sind überfüllt. Aber hinter diesem 
äußeren Bild verbergen sich doch erh.ebliche Veränderungen. Der Klein- 
handel ist ruiniert und auch die großen Geschäfte haben schwer 
gelitten. . . . Die Buchhandlungen sind überfüllt mit Kriegsschriften, denn 
es ist ja nötig, immer noch den Krieg . . zu rechtfertigen, das gute Recht . . 
zu beweisen, Haß und Verachtung des Feindes zu verbreiten . . 
Spottkarten und Zerrbilder müssen dem gleichen Zweck dienen, sie 



— 84 



werden einem auf Schritt und Tritt angeboten, in Massen verkauft und 
finden sich in allen Händen. In den Kinos werden die Heldentaten des . . 
Heeres und seiner Verbündeten in schwindelhafter Weise verherrlicht. . . . 
Der Krieg hat die Stadt äußerlich umgewandelt. . . . Auf den Dächern 
flattern große Standarten im Winde, Bündel von Fähnchen schmücken 
die Fenster und Bänder in den Nationalfarben zieren die in den 
Geschäften ausgelegten Waren. Schuhfabriken, Modeartikel- und Wäsche- 
läden bieten dem erstaunten Kunden . . mit dem Roten Kreuz ge- 
schmückte Börsen, Mappen, Notizbücher usw. an. Aber in den Stadt- 
vierteln, wo die armen Leute wohnen, sieht es anders aus. Männer 
und Frauen zeigen in ihren Mienen, wenn nicht Besorgnis, so doch 
Gleichgültigkeit. In den Unterhaltungen, die man zufällig mit anhört, 
klingen Müdigkeit und Angst durch vor der immer schwerer lastenden 
Lebensnot. Die gedrückte Haltung dieser Leute ist zu augenscheinlich, 
als daß man sie übersehen könnte. Der Lebensunterhalt ist teurer 
geworden und die Arbeitslosigkeit, die in gewöhnlichen Zeiten schon 
groß war, ist gestiegen, die Armen stehen täglich von neuem vor der 
bedrückenden Frage, wie sie ihren Hunger stillen sollen. Obgleich die 
Kriegshetzer, die auf die einfältige Leichtgläubigkeit rechnen, einen 
nahen Sieg vorspiegeln, so kommt doch in der dürftigen Atmosphäre 
der schmutzigen Stadtviertel die Ruhmesgewißheit nicht zum Durch- 
bruch und gibt sich nicht mit der hochmütigen Roheit kund, welche 
die Kriegsfreunde, die Eroberer . . zur Schau tragen, alle die Herren und 
Damen, die mit ihrem Kleideraufwand, ihren Diamanten und wohl- 
genährten Backen über den Korso schlendern. Diese Leute, die mit 
einem Lächeln auf den Lippen vorübergehen, diese Damen in hellen 
Kleidern, die Menschenmassen, die sich unaufhörlich in den Kaffee- 
häusern und Weinschenken drängen . . die überfüllten Theater und 
die flatternden Fahnen, gehört das alles wirklich zur Hauptstadt eines 
Landes, das in einem schweren Kriege steht, dessen Grenzen bedroht 
sind, dessen Söhne in großer Anzahl dahingemäht werden? Ein Schau- 
spiel, das ebensowohl Staunen wie Trauer erweckt.« 



In Frankreich 

ist nach Originalbriefen — von und nach der Front — , die das 
Wolffsche Bürro veröffentlicht, die Stimmung so: 

». . , Wir wünschen sehnlichst das Ende des Krieges herbei; 
ich bin schon seiner überdrüssig und ich glaube, Kameraden zu haben, 
die ebenso denken wie ich ... .« 

». . . Du sagst mir, daß wir 1200 Gefangene gemacht haben, die 
Zeitungen hätten es gebracht; aber was sie nicht gesagt haben, ist, 
daß die Boches ihrerseits 1800 der Unserigen zu Gefangenen gemacht 
haben .... Ich frage mich, wie das enden wird. Jedermann leidet und 
hat dieses traurige Dasein satt . . . .« 



85 — 



». . . Wir haben schwere Verluste .... Ich gäbe alles mögliche 
darum, um von hier wegzukommen . . . .* 

y. . . Meine Liebe, wenn Du wüßtest, welches Blutbad zurzeit 
hier angerichtet wirdi .... Wie es hier zugeht! .... Man sagt wohl, 
daß man mutig sein soll; ich bin es ja auch, aber manchmal verläßt 
uns doch der Mut, wenn wir so viele Kameraden unter dem Maschinen- 
gewehrfeuer fallen sehen .... Ich sehe jetzt, daß unsere Offiziere unseren 
Tod wollen. Diese Angriffe sind tatsächlich unnütz und ich sehe nun 
schießlich. ein, daß unsere Offiziere unsere Feinde sind . . . .< 

». . . Es ist doch traurig, daß sich das arme Volk so hinrichten und 
hinschlachten lassen muß, bloß um einigen Dutzend Dickköpfen Spaß zu 
machen. Sie sind die einzig Schuldigen; sie würden es verdienen, ver- 
nichtet zu werden, und nicht das Volk, welches nur Frieden und seine 
Ruhe verlangt . . . .« 

». . . Unser moralisches und materielles Leben liegt in den 
Händen von Verbrechern. Du kannst dir wohl denken, daß sie von den 
Greueltaten, die sie verbrechen, nichts erzählen. In den Zeitungen liest 
man doch nur Lügen . . . .« 

». . . Mir scheint, es soll dieser Krieg keine Ende nehmen .... Ich 
glaube, wenn der Krieg noch lange dauern sollte, weiß Gott, es würde 
keine Soldaten mehr geben. Was täglich fällt, das ist entsetzlich . . . .« 

». . . Immer länger und länger wird die Liste, ich glaube, der Krieg 
wird aus Mangel an Kämpfern aufhören . . . .< 

». . . Wieder ist Allerheiligen und ich habe noch keine Handvoll 
Getreide gesät .... Wie oft hatten Allerheiligen viele die Aussaat 
beendet. Man verreckt oder schuftet bis zum Ende dieses verfluchten, 
Krieges, der so unzählig viele in Kummer und Trauer stürzt und gar 
manche Familie ins Elend für immer . . . .« 

». . . Alles ist ausgehoben .... Wenn das noch lange dauert, 
frage ich mich, was aus uns werden soll . . . .« 

». . . Diese jungen achtzehnjährigen Leute unter den Fahnen zu 
sehen, das bedeutet den Ruin der Welt und vor allem der Heimat. 
Dieser Mangel an Arbeitshänden bewirkt für die Zurückbleibenden eine 
große Teuerung .... Viele Güter, die kein Kapital haben, lassen sie 
einfach brach liegen .... Ich fürchte, im nächsten Jahre wird es noch 
schlimmer werden . . . .« 

». . . Ich werfe nur einen Blick auf die amtlichen Kriegsdepeschen, 
wie gewöhnlich jeden Abend. Marie fragte mich, was es Neues gebe, 
und ob die Zeitung immer wieder diese berühmten Lügen bringe. Voll 
Zorn nahm sie mir dieselbe weg und warf sie in den Ofen, indem sie 
zu mir sagte, daß dies für die Blöden gut wäre. In der Tat glaubt 
man den Zeitungen nichts mehr, wenn man die Soldaten aus den 
Schützengräben hat erzählen hören. Sie sagen die volle Wahrheit und 
sind glaubwürdig, aber das Papier läßt sich ruhig bedrucken. . . .« 

». . . O daß dieser Krieg doch schnell zu Ende ginge! Es ist 
jetzt genug . . . .« 



— 86 - 



». . . Man ersehnt nur die glücklichen Tage der Befreiung, wo man 
sieb in guter Gesundheit wiedersehen kann, und es ist zu wünschen, 
daß dieser schreckliche Krieg, der uns so viele Tränen verursacht, so 
schnell als möglich zu Ende gehe . . . .< 

». . . Wenn doch nur das Ende dieses Krieges käme I Denn ihr 
müßt doch jetzt sehr müde sein und ihr habt schon so viele Leiden 
ausgestanden seit so langer Zeit. Es wird gewiß noch viel mehr Kranke 
geben als Tote. Wir ersehnen lebhaft das Ende dieses Alpdruckes . . . .« 



Bei uns ist es so! 



(Alpenglühen im Semmeringgebiet.) Der letzte Sonntag zählte zu 
den schönsten, welchen die Wiener Touristen seit langem im Semmering- 
gebiet erlebt haben. ... Ein prachtvoller blauer Himmel wölbte sich 
über den Bergen, die in fleckenlosem Weiß dalagen, Übergossen von den 
Strahlen der warmen Frühjahrssonne, die das Quecksilber in der Mittags- 
stunde auf dem Sonnwendstein bis 15 Grad Wärme hinauftrieb. . . . Auf allen 
Höhen und Hängen tummelten sich Ausflügler und die Sportsleute 
fanden wieder einmal voll ihre Rechnung. In die gehobene 
Stimmung kam dann eine weitere Steigerung, als das Telephon 
aus Wien die Freudennachricht vom Falle Durazzos und 
von den weiteren glänzenden Erfolgen der Deutschen vor 
Verdun brachte. Diese Mitteilungen weckten natürlich großen 
Jubel und waren der allgemeine Gesprächsstoff. Den Brenn- 
punkt des bunten Treibens bildete wie immer die Tetrasse des 
Südbahnhotels, auf der sich jung und alt, groß und klein 
versammelte, um das prachtvolle Gebirgsbild zu genießen, das die 
Aussicht auf Rax, Schneeberg und Sonnwendstein darbot. Es ist dies 
ein Fernblick, der wahrhaftig mit den schönsten Schweizer Aussichten 
erfolgreich zu konkurrieren vermag. Bei Sonnenuntergang gab es dann 
eine neue Überraschung für das Publikum. Der Abend 
schloß nämlich mit einer grandiosen Höhenbeleuchtung, 
wie sie gleich prächtig nur die Natur zu inszenieren vermag — mit 
einem Alpenglühn, wie es klare Sommerabende im Hochgebirge hervor- 
zubringen pflegen. Alle Berge waren von den Strahlen der scheidenden 
Sonne in herrliches Purpurrot getaucht und die Berge wetteiferten 
an Farbenpracht und Schönheit. Lange blieb die Gesellschaft auf 
der Terrasse des Südbahnhotels versammelt, um das unvergeßlich schöne 
Naturschauspiel zu genießen. Der Stimmung der Anwesenden entsprach 
es, als eine Touristin mit tiefer Empfindung die Worte 
Heines rezitierte: 



— 87 



»Schaust du diese Bergesgipfel, 
Aus der Fern', so strahlen sie 
Wie geschmückt mit Oold und Purpur 
Fürstlich stolz im Sonnenglanze.« 

Die Sprecherin erntete reichen Beifall. Die Getreuen des 
Semmerings blieben noch lange in stiller Betrachtung beisammen, 
und unwillkürlich drängte sich ihnen der Gedanke auf, ^daß 
die Natur diese herrliche Illumination der Bergspitzen zu 
Ehren der Erstürmung der Hauptstadt Albaniens inszenierte, 
um den Siegern ihre Reverenz zu machen. Unter den Besuchern 
des Semmeringgebietes vom letzten Sonntag bemerkte man unter andern 
nachstehende unbedingte Verehrer desselben: (folgen dreizehn 

und zwei Gemahlinnen) — — — — — — 

sowie Hofrat Deutsch, den erfolgreichsten und unermüdlichsten 
Bergsteiger und eminenten Distanzgeher im Semmeringgebiet, von dem 
ein gleichfalls der Gesellschaft angehörender Humorist behauptet, er 
nütze die Zeit am Semmering so gewissenhaft aus, daß er auch Ver- 
spätungen der Südbahnzüge ins Kalkül ziehe, und falls diese Verspätungen 
es halbwegs gestatten, sogar zu Wiederholungen von Ausflügen 
auf den Sonnwendstein im Schritt, Trab oder, wenn die Zeit 
drängt, im Galopp benützt. Für die Genauigkeit seiner Berechnungen 
und seiner touristischen Meisterschaft sprichtes, daß er den sogenannten 
>Tarockzug< noch nie versäumt hat. 

So ist es bei uns ! Du gerechter Gott im Himmel, weißt 
du das? Bietet es sich auch dir, das Panorama, uns bietet es sich, 
wie es diese in -allem Erden leid unveränderte Gegend noch nie 
geboten hat. Auf der Semmeringterrasse, du hast Blitze und 
schleuderst sie nicht, auf der Semmeringterrasse — wo es sich, 
weil für die Siriusbewohner ein Spuckverbot erlassen wurde, 
auch noch im Jahre 1916 wohl sein läßt — dort haben wir es 
erlebt. Die Durchhalter sind vollzählig, schwarz und rosenrot, 
Schakale und Hyänen, vom Hunger genährt, einverständigen 
Blicks, daß ihnen das Blut der Welt gut angeschlagen hat, jeder 
ist sich selbst der nächste und herausragen die Spitzen. 
Man bemerkt die Spitzen und die Spitzen bemerken die Gipfel. Die 
Natur ächzt, ihnen zu dienen, und tut es doch, denn es ward zu 
den Bäumen gesagt, daß sie sich zusammennähmen, auf daß sie 
den Semmeringbesuchern eine Freude wären, wenn sie kommen, 
zu genießen. Berge wetteifern, ihnen zu ifnponieren, der Himmel 
produziert sich, die Sonne taucht unter wie noch nie, damit ein 
erstklassiges Alpenglühen das Antlitz des Verwaltungsrats über- 
glänze. Laßt es uns von dort holen und zusehen, ob nicht 



besser sei, im finstern Grab zu liegen, als den letzten Sonnenstrahl 
aus solchem Prisma zu empfangen. Irgendwo ruhen Sieger auf 
Stroh und die Natur macht ihre Reverenz den Nehmern. In stiller 
Betrachtung scheint sie vor ihnen versunken. Ihr Tagewerk verklärt sie, 
der Magen verrichtet das Abendgebet. Vergiftete Gase gehen von 
ihnen aus, die Unschuldigen zu töten, und sie selbst haben 
noch die Geistesgegenwart, zum Telephon zu stürzen, um es zu 
erfahren, jetzt wissen sie, der Gedanke drängt sich ihnen auf, 
unwillkürlich: der Kosmos hat sie gern, er hat diesmal wegen 
Durazzo illuminiert, also indirekt für sie. So kommen sie doppelt 
auf ihre Rechnung, mit dem Schnee und mit dem Export, und 
es ist der feierliche Moment eingetreten, wo die Pflicht jeden 
Mann an seinen Posten ruft und die große Heerschau über die 
unbedingten Semmering-Verehrer beginnt, über die Getreuen, 
jung und alt, groß und klein. Wo ist Deutsch? — Bittich schrei 
nicht, Stukart hört — Habts ihr gehört von Durazzo, Kleinigkeit — 
Das Panorama war fabelhaft — Begierig bin ich, ob er heut 
zurecht kommt — Nutzt nix, Heine ist und bleibt der größte 
deutsche Dichter und wenn sie zerspringen — Ich hab den Sektionschef 
gegrüßt, er hat auch gegrüßt — Sie wern sehn, er wird in den 
Annalen fortleben — Am Sonnwendstein will er herauf hat er gesagt — 
Nicht wern sie Verdun bekommen! — Sind Sie eigentlich 
ein starker Esser? Ich bin nämlich ein starker Esser — 
Das Panorama war fabelhaft — Ich sag dir, im Schritt, er hat 
Zeit — Die Verluste müssen gesalzen sein — Der muß auch 
hübsch verdienen — Wie sie das deklamiert hat, war ich effektiv 
begeistert — Wetten, er kommt heut im Trab — Der Dokter hat 
gesagt, unten steht es glänzend — Ich hätt noch drei Waggons — 
Wie er sich getauft hat, hat sie sich geschieden — Heut ver- 
säumt er aber ja, sag ich euch — Wenn ihr euch kugeln wollts, 
müßts ihr in die Josefstadt — Was heißt Truppentransporte? 
Der Tarockzug geht immer! — Das Panorama war fabelhaft — 
Dorten kommt er gelaufen, was hab ich gesagt. Deutsch 
im Galopp! 



— 89 



's gibt nur an Durchhalter! 

Zu den grauslichsten Begleiterscheinungen des Durchhalten^, 
als wär's kein Leiden, sondern eine Passion, gehört dessen tägliche 
Feststellung, Belobigung und behagliche Beschreibung. Wie der 
Wiener schon in Friedenszeiten davon durchdrungen war, daß er 
ein Wiener ist, sich das täglich zum Frühstück und zur Jause nicht 
nur selbst ins Ohr sagte, sondern es auch zweimal in der Zeitung 
zu lesen bekam, und in einer Art, daß wenn ihm erzählt werden 
sollte, viele Leute seien auf dem Stefansplatz herumgestanden, 
ihm statt dessen gesagt wurde, es seien viele Wiener gewesen — so 
wird in der Zeit der schweren Not keinem das Durchhalten so 
leicht gemacht wie dem Wiener, denn keiner trifft es so leicht wie 
der Wiener, weil er eben vor allem ein Wiener ist und wiewohl 
der Wiener nicht nur Bedürfnisse hat wie ein anderer, sondern auch 
speziell als Wiener einen speziellen Gusto auf Spezialitäten, diese 
Triebe doch spielend zu unterdrücken vermag, indem er eben ein 
Wiener ist und deshalb also natürlich auch zu seinem Kaffee, den er 
nicht bekommt, Hab' die Ehre sagt und wenn er schon nicht seine 
Kaisersemmel dazu hat, so doch seinen Humor hat, mit dem er sich 
jederzeit nicht nur über die Teuerung, sondern auch über den 
Mangel leger hinwegsetzen kann und mit dem er erforderlichen- 
falls sogar ein Zigarettl, das er nicht kriegt, sich anzuzünden ver- 
mag, so fesch wie es außer ihm auf der weitea Erde eben nur 
er kann, der Wiener, 

Wie die Beziehung des Wieners zur Natur sich in einer 
fortwährenden Berufung auf die »Anlagen« ausspricht, so ist die Be- 
ziehung des Wieners zum Leben eine unerschöpfliche Auseinander- 
setzung mit den Viktualien, und es muß einen tiefen Grund haben, 
daß jene häufige Redensart, durch die der Wiener dem Ernst einer 
Situation gerecht werden will, den keine Illusion übriglassenden 
Wortlaut hat: »Da gibts keine Wurschteln!« Anstatt sich nun mit 
dieser Tatsache im gegebenen Zeitpunkt abzufinden, läßt sich der 
Wiener jetzt unaufhörlich versichern, wie vortrefflich erdie Wurschteln 
zu entbehren verstehe und daß es direkt ein Hochgenuß sei, auf 



— 90 



sie zu verzichten — eine Wiener Spezialität, ein Gustostückl, 
vom Schicksal eigens für den Wiener reserviert. Nicht nur davon 
überzeugt, daß ihn die Schöpfung als ihren eigentlichen Zweck 
beabsichtigt habe und daß der Stcphansturm annähernd Sitz und 
Mittelpunkt der Verwaltung des Kosmos sei, ist es ihm gelungen, den 
Glauben, daß es nur eine Kaiserstadt, nur ein Wien gebe — einen 
ähnlichen Hinweis hat bekanntlich unlängst der englische Zensor 
nach Deutschland mit einem >Gottseidank« durchgehen lassen — , 
daß es nur eine Fürschtin gebe, die Metternich Paulin, in einer 
Art sangbar zu machen, daß es für ihn auf der Welt nur a 
Kaiserstadt, nur a Wien und nur a Fürschtin zu geben scheint, 
und durch den gerechten Zufall eines schlechtgebauten Couplets 
hat er sich des Unvermögens schuldig bekannt, nichts sonst zu 
sehen, wo immer er hinkommen mag, als eben diese ihm vertrauten 
Erscheinungen. Wien in jeder Stadt suchend, war er ungehalten, 
wenn er es nicht wiedererkannte, fuhr nach Paris, um »auf ein 
Rindfleisch« zu Spieß ins Restaurant Viennois zu gehen, verglich 
es undankbar mit dem von Meißl & Schadn, und kehrte an Selbst- 
bewußtsein bereichert zurück. Wie der Deutsche, ohne auf besondere 
Wünsche des Berliners dabei Rücksicht zu nehmen, sich in jeder 
Lebenslage einen Deutschen nennt und auch vor Leuten, die nie 
daran gezweifelt, ja es auf den ersten Blick selbst bemerkt 
haben, so muß der Wiener nicht erst vor einem Spiegel stehen, 
um sich als Wiener zu erkennen. Man mag aber zugeben, 
daß der Deutsche in der Verwendung der Methode, sich 
aus sich selbst zu definieren, sparsam ist im Vergleich mit 
dem verschwenderischen Wiener, der seit einigen Jahrzehnten 
nicht müde wird, sein Gemüt sowohl wie sein Gemüse, seinen 
Schick sowohl wie seinen Schan als spezifisch wienerisch zu 
bezeichnen, und sehr wohl imstande wäre, bei der Ausfertigung 
eines Reisepasses, der ihn heute zwar nicht in Konflikt mit der Welt 
bringen kann, darauf zu dringen, daß sein Geburtsort zugleich als be- 
sonderes Kennzeichen notiert werde. Denn es gibt wohl kaum einen 
Wiener, der nicht felsenfest darauf bauen würde, daß er ein apartes 
Blut mitbekommen habe. Das wäre freilich noch keine Überhebung, 
sondern nur eine ethnologische Behauptung, die sich am Ende sogar 
beweisen ließe. Das Bedenkliche aber ist, daß er von sich überzeugt 



91 



ist, daß überhaupt n u r er ein Blut bekommen habe und kein anderer, 
denn er wäre wohl peinlich überrascht, wenn er eines Tages hörte, 
n den russischen Zeitungen sei jetzt etwas von einem feschen 
Petersburger Blut zu lesen. Und mit ihm wäre die ganze Welt 
entaunt, denn es ist Tatsache, daß so etwas noch nie vorgekommen 
ist. Es kommt eben nur in Wien vor, wo Leute, die daselbst 
schon 50 Jahre und mehr ansässig sind und längst nicht mehr 
ihre Zuständigkeit beweisen müssen, in der Zeitung plötzlich als 
>Wieier« agnosziert werden, während man doch noch nie gelesen 
hat, diß zur Begrüßung des Königs von Schweden sich ein Spalier 
von zaHlosen Stockholmern gebildet habe. Höchstens die Schweizer 
noch hiben diese Ehrlichkeit, ohne Umschweife sich selbst als 
»Schweizerbürger« anzusprechen, wobei aber mehr die Anständigkeit, 
sich an enen einmal geleisteten Eid öfter zu erinnern, mitspielt, als 
die Selbstgefälligkeit einer unverantwortlichen Gegenwart. Auch sind 
die Schweizer die unvergleichlich besseren Hoteliers, die nicht so unge- 
schicktwären, Ausländer durch eine lästige Hervorhebung der eigenen 
Vorzüge vor den Kopf zu stoßen, während die Wiener den Fremden- 
verkehr, zu dem sie einen unglücklichen Hang haben, um jeden 
Preis heben wollen, ohne zugleich ihre Einrichtungen zu heben, 
deren Attraktion sie gerade darin erblicken, daß sie um ihrer 
selbst willen geschätzt werden müssen, weil sie eben spezifisch 
wienerisch sind. 

DiesesMonopol des Wieners auf Einzigartigkeit in allen Lebens- 
lagen, und nun sogar im Verzicht auf die Lebensgüter zu verteidigen 
und tagtäglich zu stützen, dazu hat vorzüglich die israelitische 
Presse einen Tonfall, dessen Überredungskraft es nicht nur gelungen 
ist, einen Menschenschlag, der einst an der noblen und welt- 
sinnigen Lebensführung des Vormärz wie kein anderer teilnahm, 
kulturell einzukreisen, sondern ihm auch unter täglicher Entschädi- 
gung durch eine ekelhafte Liebedienerei einzureden, das Gegenteil 
sei der Fall und der Wiener habe vor dem allgemeinen Fortschritt, 
nämlich dem, der mit der Eisenbahn die Menschen weiterbringt, noch 
seine besondere »Note« voraus, weil er eben trotz der Fähigkeit, sich der 
Eisenbahn zu bedienen, doch mit Leib und Seele ein Wiener ge- 
blieben sei. Wie er jetzt nur auf die Seele angewiesen ist, um diese 
Eigenschaft zu betätigen, wie er ohne Fett selbstlos geworden ist. 



92 



das hören wir jetzt von Tag zu Tag bestätigt und gepriesen, 
und der Wiener fühlt sich, gebildet wie er ist, besonders 
geschmeichelt, wenn ihm sein Entbehrungsschmock nun ver^ 
sichert, daß er über alles Erwarten, nein mehr: wie man nicht 
anders von ihm erwarten konnte, und akkurat wie es bei ihn 
vorauszusehen war, die Opfer, die man von ihm eigentlich nicht 
verlangen dürfte, deshalb bringt, weil sie von ihm »geheischt« werc'en. 

Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man erst aus- 
drücklich betonen, daß die Schadenfreude unserer Gegner siel der 
bestimmten Erwartung hingab, der Aushungerungs- und Erschöjlungs- 
krieg werde den als leichtlebig und genußsüchtig verschrienen Wiener 
als das erste Opfer zur Strecke liefern. Diese Hoffnung ist, wie 
wir alle wissen, gründlich vereitelt worden. Wien hat sich mit heiterer 
Unbefangenheit in alle Entbehrungen zu schicken gewußt, die der 
Krieg mit sich brachte. Nach einigen leicht begreiflichen Unsiiherheiten 
schwenkte die ganze Bevölkerung mit einer Sicherkeit und 
Promptheit, die auch unseren preußischen Bundesbrüdern 
Ehre gemacht hätte, in das System der Reglements und Verordnungen 
ein, die den Verbrauch der notwendigen Nahrungsmittel regelten. Die 
Brotkarte ist ebenso eine Selbstverständlichkeit geworden, wie die 
fleischlosen Tage. Ohne jede Sentimentalität gedenken wir des 
Wiener Gebäcks. 

Freilich könnte die gute Laune noch gehoben werden, wenn 
man Eulen, die vielleicht ganz schmackhaft sind, statt immer nur 
nach Athen, wo man an einem embarras de richesse zugrunde 
geht, zur Abwechslung einmal nach Wien tragen wollte, und die 
Frage, ob die preußischen Bundesbrüder, auf die beim Ein- 
schwenken geschaut wurde, es nicht doch noch besser getroffen 
haben, da sie's ja gleichzeitig üben mußten, bleibe unentschieden. 
Aber es läßt sich nicht leugnen, die Zeiten, wo einem das 
Herz aufging, wenn es einem Guglhupf geschah, sind vorbei, 
und auch in Bezug auf das Rindfleisch ist der Wiener aus 
einem Epikuräer ein Stoiker geworden. Und ich bin Zyniker 
genug, es zu beweisen : 

Wir haben die liebevoll gehätschelten Idiosynkrasien des Wiener 
Geschmacks abgelegt, uns zum Schöpsernen und sogar zum Seefisch 
bekehrt. Fallen sehen wir Zweig auf Zweig! Nach dem mit ver- 
schwenderischer Auswahl auf den Tisch gestellten Gebäckkörbchen 
verschwanden die Kaisersemmel, das Salzstangel und das mürbe Gebäck. . 
Wir haben die Maisperiode mit klassischem Stoizismus übertaucht 



93 



und fühlen uns magenkräftig genug, eine neue Maiszelt mit der Hoffnung 
auf Wandel zu überstehen. 

Man beachte die nur scheinbar scherzhafte, im Innern 
— oder muß man jetzt > Innerei« sagen — ganz ernsthafte Ver- 
wendung der religiös-philosophischen Sphäre. Der Mangel an 
Schweinernem ist Zuwag an Seelischem. Es gibt noch andere krieg- 
führende Völker, aber keinem trägt das brave Durchhalten eine so 
gute Sittennote ein wie dem Wiener, dessen Reife nicht nur in der 
Entsagung, sondern auch in der heitern Würde, mit der sie sich 
vollzieht und die beinahe an die Seelengröße des in den Tod 
gehenden Sokrates hinanreicht, von allen Historikern bemerkt 
wird. »Ohne Deklamation, ohne Ruhmredigkeiten« haben die 
Wiener, nach der Versicherung des Herrn Saiten, auf den Jausen- 
kaffee verzichtet. Bitte — könnte ein Wiener einem Londoner 
einmal vorhalten — haben Sie damals kein Weißgebäck gehabt? 
No alstern, nacher reden S' nix! Heute aber beißt er die Zähne 
zusammen und schweigt. Denn so dulden kann nur er: 

Nicht einmal das Wort Patriotismus wird um dieser Dinge willen 
bemüht. Man nimmt sie einfach hin, richtet sich danach ein und spricht 
nicht darüber. 

Nur täglich bißl in den Zeitungen. Eine »Haltung, die in ihrer 
gleichmäßigen Ruhe wie in ihrer Würde bewundernswert und, 
nebenbei, ergreifend ist«, rühmt jener Saiten den Wienern nach. 

Natürlich redet man vom Krieg, wo zwei Menschen beisammen 
sind, allein Gespräche über Mehl, Butter, Milch und ähnliche 
Dringlichkeiten gibt es fast gar nicht. Wollte jemand in Gesell- 
schaft oder sonstwo feierlich erklären: wir müssen durchhalten! ... er 
würde dem gleichen kühlen Schweigen begegnen, wie ein effekt- 
haschender Schauspieler. Denn das Durchhalten ist selbstverständlich, es 
wird einfach geschafft. Aber man liebt es nicht, daß darüber mit 
Pathos geredet wird. . . . 

Vielleicht unter jenen, die Hunger haben. Aber nicht unter 
den Armeelieferanten und Kriegsreportern, also in der Gesellschaft. 

Eine Wiener Eigenschaft hat sich übrigens auch während des 
Krieges nicht verändert. Sie stellen ihr Licht noch immer ge- 
flissentlich hinter den Scheffel und nennen das: Diskretion. 

Sie nennen es Diskretion und machen draus ein Feuilleton. 
Der Wiener tut seine Pflicht, aber er sagt nicht, daß er seine 



94 



Pflicht tut, sondern er »agt, daß er nicht sagt, daß er seine Pflicht 
tut — wer sagt, daß er nicht seine Pflicht tut? >Mit 
humorvollem Lächeln« verstehe man hier, so heißt es, Lasten 
zu tragen, man mache aber >kein Reklamegeschrei«. Nun, wenn 
einer in alle Welt hiiiausruft, daß er ein großer Schweiger sei, 
so hat die Welt allen Grund, es zu bezweifeln. Und vielleicht 
auch, ob er wirklich tue, wovon er so lärmend zu schweigen versteht. 
Aber die Welt täte dem Wiener Unrecht. Er duldet nicht nur, er 
duldet nicht nur still, sondern so dulden und so still dulden, mit 
einem Wort so schön dulden, das kann nur er. Schauen wir 
uns um in unserm Weltblatt weit und breit, ob's einer dem 
Wiener nachmacht! Wenn in Petersburg die Musik abgeschafft 
und die Speisekarte geändert wird, so ist es, ganz abgesehen 
von solchen Symptomen des Zerfalls, ein »Tändeln mit dem 
Krieg« und beileibe »kein Zeichen innerer Teilnahme, zu der 
die Genußmenschen in Petersburg gar nicht fähig sind«. Wie 
anders der Wiener. In dem Bewußtsein, daß er ein Wiener ist 
und daß ihm mit Rücksicht auf diesen Umstand nichts Ärgeres 
geschehen kann, benimmt er sich auch danach, hält er die 
paar selbstlosen Tage in der Woche und schweigt. Gibts keine 
Wurschteln, so hat er doch noch seine Extrawurst. Es ist 
schwer genug ein Licht zu haben, wenn Not an Kerzen ist, 
und es noch unter den Scheffel zu stellen, in dem kein Getreide 
ist. Aber man tut's, man lebt weiter, man schafft's, und schafft 
man's nicht, so wird's einem geschafft. So ist der Wiener. 
Und weil es seine Haupteigenschaft ist, ein Wiener zu sein, 
so kann er sie nun bewähren wie nie zuvor, so daß er auch 
jetzt noch etwas vor der Welt voraushat, nämlich : ein 
Durch und Durchhalter zu sein. 



95 



Shakespeare und die Berliner 

»Max Reinhardt brachte im Deutschen Theater 
den .Macbeth' zur Aufführung. ... Die Regie 
hatte mit ihren Künsten nicht gespart. . . . 
Beispielsweise war auf der Bühne eine Drei- 
teilung geschaffen, bei der dem Mittelstreifen eine 
Art symbolischer Bedeutung zugewiesen war. 
Das Hauptthema, über welches die Regie ihre 
Variationen spielte, war das Blut. Farben und 
Beleuchtung waren auf Blut gestimmt, und als 
das Ehepaar Macbeth den Mordplan ausheckte, 
umringelten den Hals der beiden blutrote 
Streifen, die von einem Beleuchtungs- 
apparat projiziert wurden. Ein blutbe- 
/ fleckter Vorhang ging herunter, als der Mord 

ausgeführt war. . . .« 

Die Frage, wann der Herr Reinhardt, nicht aus 
irgendeinem Bühnenverein, sondern aus jedem besseren 
Wohnzimmer ausscheiden werde, ist im Weltlcrieg 
leider nicht aktuell. Bis zum Weltkrieg war sie es 
auch nicht, denn sonst wäre er nicht entstanden. Der 
Zusammenhang ist klar. Wie es mit den geistigen 
Aussichten einer Nation bestellt sei, deren Ludimagister 
von einem verirrten Bankprokuristen dargestellt wird 
und deren Hochadel auf den Privatbällen des zum 
Diktator aufgedunsenen Theaterhändlers die Komparserie 
stellt, das konnte bloß dem politischen Blick ver- 
borgen bleiben. Daß die deutsche Botschafterin aus 
London in solchem Milieu sich sowohl dramatisch wie 
gesellschaftlich bewegt, ist ein Symbol, das sich einer 
Dichterin erschließen könnte, wenn sie ein Dichter 
wäre. Aber in dieser mechanischen Wunderwelt, 
die in ihrer ganzen Auflage ein Generalanzeiger 
des Weltuntergangs ist, grast die Fürstin neben 
dem Literaten, und wo kein Gras mehr wächst, 
gibt es doch jene echte Sommernachtstraumwiese, 



— 96 — 



täglich frisch aus der Natur gerupft, durch die Herr 
Reinhardt sich längst schon um Shakespeare verdient 
gemacht hat. Es besteht eine Beziehung zwischen den 
lebendigen Versatzstücken des neudeutschen Theaters 
und den Surrogaten des neudeutschen Lebens, das um 
einen Fleischersatz so wenig je verlegen wird wie um 
eine Stellvertretung des Geistes, und dessen Wissen- 
schaft im Bedarfsfall auch für Homunculus-Reserven 
sorgen wird. Diese Lebensrichtung hat einen philo- 
sophischen Anhalt, Es ist der Bocksbart des Herrn 
Shaw, des unermüdlichen Schalksnarren, dessen Weis- 
heit dem Geist paradox gegenübersteht und dessen 
Dienste kein Shakespeare'scher König auch nur eine 
Stunde lang in Anspruch genommen hätte. Mit dem 
von Fall zu Fall herübergerufenen Tröste, daß seine 
Landsleute die wahre Handelsnation seien, gehört er 
ganz in den Wurstkessel einer Kultur, in deren 
heilloser, von Reinhardt'schen Hexen zubereiteter 
Mischung demnächst der Gedanke entstehen mag, 
mit Bomben erfolgreich belegte Brötchen zu erzeugen. 
Dieser gut ins Englische übersetzte Trebitsch hat neulich 
den Einfall gehabt, die Würdigkeit, Shakespeares 
300. Todestag zu feiern, den Berlinern zuzusprechen. Sie 
haben sich das nicht zweimal sagen lassen und, m. w., 
auf den Hals Macbeths blutrote Streifen projiziert. 
Die Engländer, neidig wie sie sind, glaubten in diesem 
Warenzeichen jenes bekannte made in Germany zu 
erkennen, das so lange die englische Provenienz vor- 
getäuscht hat, ehe es sich zum ehrlichen deutschen 
Ursprung bekennen mußte. Aber jetzt hat sich auch auf der 
deutschen Szene, wo man in besseren Zeiten bekanntlich 
oft mit Wasser gekocht hat, die Erkenntnis durchgesetzt, 
daß Blut dicker sei. Dekorativ soll se wirken. Das ist nicht 
so wie bei armen Leuten. Ehedem sind bloß Helden 
aufgetreten, denen das Wort des Dichters aus dem Hals 
kam, ohne daß dieser selbst Spuren der dramatischen 
Absicht verraten hätte. Traten sie von der Szene, so fiel ein 



97 



Vorhang, auf dem nichts zu sehen war als eine Land- 
schaft mit einer Göttin, die eine Lyra in der Hand 
hielt, und dennoch war der Zwischenakt voll des 
Grauens über Macbeths Tat. Herr Reinhardt hat zwar 
nicht die Kühnheit, die Shakespeare'schen Akteure 
wie die Offenbachs geradezu durch das Parkett 
auftreten zu lassen, um jeden einzelnen Kommerzienrat 
von dem bevorstehenden Mord zu avisieren, aber er 
läßt immerhin — der intelligentere Teil von Berlin MW 
wird's schon merken — einen blutbefleckten Vorhang 
niedergehen, auf daß der erschütterte Goldberger seiner 
Mitgenießerin die Worte zuflüstere: »Kolossal, paß mal 
auf, Trude, jetzt wirste sehn, wie Machbet den Schlaf 
mordet!« Die Berliner allein sind würdig, Shakespeare 
zu feiern; wenn sie ihn aufführen, ist er zum drei- 
hundertsten Mal gestorben. »Mir wars, als hört' ich 
rufen: Schlaft nicht mehr. Reinhardt mordet den 
Shakespeare, den heil'gen Shakespeare, den stärksten 
Nährer bei des Lebens Fest — Es rief im ganzen Hause : 
Schlaft nicht mehr. . .« Solche Avisos und Lichtsignale 
dem feindlichen Verständnis zu geben, solcher Einfall, 
den Teufel, den das Völkchen nicht spürt, wenn er sie 
schon am Kragen hat, an die Wand zu malen, ist gewiß 
praktisch gegenüber einer Zeitgenossenschaft, deren 
Phantasie von einem rechtschaffenen Theatervorhang 
nichts weiter als eine gediegene Fußwohl-Annonce 
erwartet. Wie war doch stets und in jedem Belang die 
Bühne ein Wertmesser der Lebenskräfte ! Die unheim- 
liche Identität der Aufmachung eines Reinhardt mit 
der Regie des jetzt wirklich vergossenen Blutes ist 
keineswegs zu übersehen. Schöpfen nicht beide aus 
Quantität und Technik, aus Komparserie und Mache 
den Gedanken? Und nicht ganz ohne Bedeutung dürfte 
es sein, daß der Schauspieler, solange er noch Vagabund, 
Jongleur und Persönlichkeit war, von der guten 
Gesellschaft gemieden wurde, aber der geschminkte 
Kommis von heute ihr von seinem Triumphsitz 



— 98 — 



Gnaden austeilt. Nein, dies alles ist nur ein Druckfehler 
der Weltgeschichte, dort wo sie vom Sieg des 
iudogermanischen Geistes handelt. Nein, es wäre zu schön, 
wenn wir mit Anstand eines Morgens aus diesem Angst- 
traum erwachten und sich herausstellte, daß das 
Ganze nur die Illusion eines Theaterabends war, und 
in Wahrheit werde vor einem endlich ernüchterten, 
endlich begeisterten Publikum auf der deutschen 
Bühne ein echtes Blutbad veranstaltet, und das viele 
Blut in der Welt war nur von einem Beleuchtungs- 
apparat projiziert. 



Zum ewigen Gedächtnis 
Zwei Ergebnisse 



»Abends auf Feldwache 1 in 
dem Schützengraben. Ich werde 
bestimmt als Horchposten im Draht- 
verhau vor dem Schützengraben. Da 
sitze ich von 8 bis 12 Uhr nachts 
in meinem Erdloch und spähe gegen 
den Feind. DieNachtist mondschein- 
klar und mild. Es ist ruhig. Man hört 
graben und schaufeln auf Seite der 
Franzosen, hastiges Fahren von Auto- 
mobilen und Wagen, auch einzelne 
stimmen. Ich mache mir klar, was 
ich zu tun habe, wenn feindliches 
Artilleriefeuer einsetzt, wenn ich 
feindliche Stimmen höre, wenn feind- 
liche Patrouillen bis an den Draht- 
verhau herankommen. In allen 
Fällen komme ich zu dem Ergeb- 
nis, daß mein Leben gefährdet 
ist. Ich bemühe mich, mir vorzu- 
stellen, daß der Tod nichts Furcht- 
bares ist. Mein Wachtdienst verläuft 
indes ohne besondere Zwischenfälle. 
Um 12 Uhr nachts muß ich noch zum 
Schaufeln in den Schützengraben in 
die Nähe des Unterofflziersposten- 



Das chemische Untersuchungs- 
amt der Stadt Düren (Rheinland), 
dem auch die Kreise Düren, 
Erkelenz, Jülich und Schieiden 
angeschlossen sind, veröffentlicht 
seinen Jahresbericht. Die Ergeb- 
nisse derUntersuchung beweisen die 
vielfache Übervorteilung des 
Publikums, ja direkte Fälschungen 
der Nahrungs- und Genußmittel. Be- 
sonders war dies der Fall bei Waren, 
die ausdrücklich >für unsere 
Feldgrauen« angepriesen waren. 
Ein Liter Milch, der aus Tabletten 
kondensierter Milch hergestellt 
war, stellte sich in einem Falle 
auf 7-50 Mark. Ein Pfund Butter, 
das in Tuben feldpostmäßig ver- 
packt war, berechnete sich bei 
Packungen vier verschiedener Fir- 
men auf 5-88 bis 10-41 Mark. 



99 — 



Unterstandes und der Maschinen- 
gewehrabteilung eines stark vor- 
geschobenen Postens. Da plötzlich, 
während ich im Graben stehe und 
schaufle, ein unheimlichesSchwirren, 
Pfeifen, Knallen, gleichzeitig der 
Einschlag in der Nähe. Ich werfe 
mich mit meiner Schaufel zu Boden 
und stürze mit dem Knie auf das 
Eisen. So urplötzlich und unwill- 
kürlich ist der Drang, sich zu ducken 
und zu decken. Es folgt ein furcht- 
bares Bombardement auf un- 
seren Flügel. Dreimal zwölf Schüsse 
in schneller Folge. . . . Kaum bin ich 
ausgetreten und habe mich über den 
Rand des Schützengrabens hinaus- 
gestellt, als mir in furchtbarer Nähe 
eine Granate entgegenschlägt. Ich 
sehe das blitzende Explodieren des 
Einschlags und die aufsteigende 
Rauchwolke im Mondenschein, 
nehme Reißaus und fliehe in den 
Unterstand zurück. Nun geht ein 
ungeheures Granaten- und 
Schrapnellfeuer unmittelbar 
über unsere Feldwache hinweg. 
Es wurden zweiundsiebzig 
Schüsse gezählt. Die Balken 
dröhnen in den Fugen, die Fenster- 
scheiben klirren, das Licht flackert 
wild. Ich war davon so lebhaft 
erregt, daß ich die ganze Nacht 
mich nicht schlafen gelegt, sondern 
gelesen und gesonnen habe .... 



Schweineschmalz war mit Baum- 
woUsaatöl verfälscht. Ein Pfund Him- 
beermarmelade in Tuben stellte sich 
auf 5"33 Mark. Naturhonig war 
vielfach nur Kunsthonig. Grog- 
würfel Marke »Südrol« enthielten 
0-5 Gramm Alkohol, ein Liter 
Rum würde sich danach auf 
95-75 Mark stellen. Bei »Rum- 
granaten«, die für 1 Mark die 
Schachtel verkauft wurden und nur 
einen Kaffeelöffel Rum enthielten, 
kostet der Liter Rum 80 Mark. 
Kaffee war stark mit Sojabohnen ver- 
fälscht. Im Idealkaffee »Marke 
Pif< konnte Kaffee nicht 
nachgewiesen werden. Marke 
»Schützengraben« kostete 8 
Mark, Tuti-Gusti-Kaffee, mei- 
stens gemahlene Zichorien, 1042 
Mark das Pfund, Marke »Unseren 
Kriegern stets das Beste« 
11-90 Mark, Drugies Kaffeeta- 
bletten 10 Mark. Ein Pfund Tee stellt 
sich bei Atrol-Tabletten auf 2604 
Mark, bei Drugies Teetabletten auf 
21-74 Mark, bei >Unseren Kriegern 
stets das Beste« auf 25*75 Mark. 



— 100 



Weltwende 

Das Schauspiel >Freier Dienst« von Leo 
Feld, das derzeit am Deutschen Volkstheater 
gegeben wird, ist soeben als Buch erschienen. 
Es ist Conrad v, Hötzendorf mit folgenden 
Worten zugeeignet: > Dieses Schauspiel ist aus 
den großen Eindrücken des letzten Jahres er- 
wachsen. Aus der dankerfüllten und stau- 
nenden Ergriffenheit, mit der wir alle 
dem unbesiegbaren Opfermut unseres Heeres 
gefolgt sind. Aus einem Gefühl der Demut und 
des Stolzes, wie wir es nie gekannt haben. Aus 
dem Bewußtsein, daß eine neue Ordnung unserer 
inneren Mächte der letzte und versöhnende 
Gewinn dieser furchtbaren Tage sein muß. 
Das ist unsere Zuversicht. Wie unablässige 
Übung körperliche Kräfte erhält und steigert, so 
muß die Unnachgiebigkeit dieses harten Jahres 
alle sittlichen Kräfte der Pflichterfüllung und 
Hingabe gehegt und vertieft haben. Es hat den 
Menschen aus einsiedlerischer Beschaulichkeit 
oder Armut erlöst und ihn das größte Glück 
fühlen lassen, das uns gegönnt sein mag: opfer- 
bereiten Dienst für ein höheres als es das 
eigene Leben ist. Unser Heer ist uns die 
Verkörperung dieses Geistes, Eure Exzellenz 
sind uns das Symbol, das edle Beispiel dieses glor- 
reichen Heeres. Indem ich mein bescheidenes 
Werk, das nichts will, als das allgemeine 
Gefühl dieser Tage in Worte fassen. Eurer 
Exzellenz verehrungsvoll zueigne, weiß ich, daß 
ich auch hierin nur einem Gefühl Ausdruck gebe, 
das heute jeden Österreicher erfüllt. In Eurer 
Exzellenz lieben wir das schlichte und lächelnde 
Heldentum unserer Offiziere. < 

In dieser Zeit der Weltwende, in der die 
»Csardasfürstin« auf Monate ausverkauft ist und 
alle Anzeichen dafür sprechen, daß mit dem Fenriswolf 
noch ein kolossaler Rebbach zu machen sein wird, 
geschieht jeden Augenblick leibhaftig, was bis 
dahin aus dem Bereich des Unvorstellbaren nicht 
einmal in die Region fiebriger Halbschlafgesichte 
gerückt war. Zeichne allen Wurmfraß der Welt in das 



101 



Dunkel deines Schlafzimmers, und er wird zur 
Hippokrene. Dann aber geh zu den Journalen, zu den 
Plakaten, zu den Passanten, sieh mit Augen und höre 
mit Ohren — so magst vor solcher Erfüllung des 
Unerfüllbaren, vor dem Hexentanz der Kontraste, vor 
dem Kopfstehen der Werte, vor solcher Heiligkeit des 
Unrechts und dieser unfaßbaren Ergebung unter die 
Tyrannei des Nichts du glauben, jetzt müsse doch gleich, 
nein jetzt, aber jetzt ganz sicher werde ein Zeichen 
am Himmel stehen, das den Ablauf der Zeit verkündet, 
nicht zu mißdeutende Absage des Universums an einen 
kompromittierten Planeten, der die Blutprobe so schlecht 
bestanden hat! Welche Hoffnung hält uns? »Gott, wer 
kann sagen : schlimmer kann's nicht werden ? 's ist 
schlimmer nun, als je. Und kann noch schlimmer 
gehn; 's ist nicht das Schlimmste, solang' man sagen 
kann: dies ist das Schlimmste.« Wer noch eine ferne 
Erinnerung an Menschenwürde gefühlt, wer Luftbomben 
und Stinkgase nicht für den eigentlichen Sinn der 
Schöpfung gehalten, wer daran gedacht hatte, daß es 
Erdhöhlen, Wassergrab und Trommelfeuer gibt und 
daß von rechtswegen jetzt jede Stunde mit dem letzten 
Schlag von tausend unschuldigen Herzen durch die 
Welt dröhnen müßte, der hatte hoffen können, solange 
dieser Zustand andaure, wenigstens dem Leo Feld 
nicht zu begegnen. Diese letzte Assoziation des sonst un- 
entrinnbaren Feldlebens hatte man sich ersparen wollen. 
Nicht war man darauf gefaßt, daß dieser Feld, dessen 
einzige Beziehung zur vaterländischen Idee und zum 
Kriegsgedanken das Opfer seines Namens war und die 
Verstümmelung zu einem nom de guerre, sich aus einem 
Hirschfeld gar zu einem Schlachtfeld entpuppen könnte. 
Man hätte geglaubt, daß eine so unerbittliche Gegenwart, 
wenn sie schon die Kraft habe, Armeelieferanten aus der 
Erde zu stampfen, doch wenigstens auch die Energie 
aufbringen werde, Literaten nicht aufkommen zu lassen 
und so zu schrecken, daß sie sich aus einem durch- 
sichtigen Pseudonym in das finsterste Inkognito zurück- 



— 102 — 



ziehen. Man hat das Gegenteil erlebt und die große Zeit 
war zu klein, die Kriegsgreuel des Wortes zu fassen. Aber 
auf den Leo Feld war man nicht vorbereitet! Von Blut 
Tantiemen kriegen — daß solches geschehe, hat eine er- 
barmungslose Untermenschheit geduldet. Daß sich unter 
den Auspizien des Sternenhimmels eine Operette des 
Namens: »Gold gab ich für Eisen« abspielen konnte, diese 
Tatsache wird den Nachlebenden mehr über den Weltkrieg, 
den wir gleichzeitig führten, zu denken geben als alle 
GeschichtsbücherallerFriedjungs, die da kommen werden. 
Daß an dem Tag, an dem vierzigtausend Söhne von 
Müttern an elektrisiertem Draht gestorben sind, eben dies 
im Zwischenakt von der Gerda Walde Smokinghemd- 
brüsten vorgelesen und eben dafür der Viktor Leon 
hervorgejubelt wurde, wird, wenn in Äonen noxh 
ein Menschenherz geboren würde, ihm mehr über uns 
sagen als die Taten selbst, die unser Erfindergeist 
ermöglicht hatte. Mit dem Abscheu der Ahnung eines vor- 
weltlichen Breis, aus dem einstens Menschenleiber, 
Maschinen und Druckwerke nach Bedarf gebildet wurden, 
als ob sie noch den Schleim und Aussatz an ihren Fingern 
fühlte, wird die künftige Menschheit an die Betonperiode 
zurückdenken, in der die gepanzerte Hinfälligkeit Gott 
zum Narren gehalten hat. Da hoffe ich denn zuversichtlich, 
daß das Drama des Leo Feld, wenn es einmal den 
Weltkrieg überlebt hat, auch noch den Anschluß an 
jene ferne Gelegenheit finden wird, die sich doch irgend 
ergeben mag, um unsere sittliche und geistige Ver- 
lassenschaft zu sichten. Ich persönlich kenne die 
Dichtung nicht, denn ach die Zeiten sind vorbei, wo ich 
das Leben vom frischen Quell einer Volkstheater- 
premiere bezogen und noch nicht mit müdem Blick in der 
papierenen Nacht gesucht habe. Ich spreche von 
dieser Angelegenheit wie der Blinde von einer Farbe, 
die ihn geblendet hat. Aber indem ich weiß, daß es 
jetzt auch so viele Menschen gibt, die im Auftrag 
eines für Exportinteressen tätigen Fatums das Augen- 
licht hingeben mußten und darum nie mehr in der 



— 103 — 

Lage sein werden, zu sehen, was im Deutsciien Volks- 
theater aufgeführt wird, so bescheide ich mich, und 
wenn ich dann überdies höre, daß es ein Stück ist, 
dessen Autor von einem Sturmangriff Prozente 
bekommt, während ein darin auftretender polnischer 
Jude gratis und aus purem Edelmut Spionage gegen 
Rußland treibt, so habe ich doch einen gewissen Eindruck 
und sage mir, daß Blut dicker ist als Schmalz, daß Rußland 
wissen dürfte, warum es die Juden nicht in die Zivili- 
sation läßt, und daß diese nur selbstlos sind, solange 
sie Spionage und nicht bereits Literatur treiben. Der 
»Freie Dienst« von Feld brauchte aber nichts zur 
Repräsentation vor der Nachwelt als sein Geleitwort, diese 
feierliche Ansprache, die ein vom Felddienst Freier 
an den Generalstabschef zu halten so frei war. 
Solche im Staat bloß als »Handlung gegen die 
Kriegsmacht« qualifizierbare Demonstration geht 
nämlich über die Grenzen des blutigen Faschings, den 
die noch immer nicht gelangweiite Menschheit nun 
schon durch zwei Spielzeiten tanzt. Es war nicht voraus- 
zusehen, daß ein Armeebefehl des Herrn Leo Feld 
kundgemacht würde, worin er sich selbst unter jene 
einreiht, die zwar nicht dem Heere, jedoch dessen 
unbesiegbarem Opfermut »gefolgt« sind. Aber nun ist 
er erschienen und in der Theaterrubrik angeschlagen 
worden. Und in der Tat — das heißt in jener Tat, die die 
andern tun müssen — : solange das Heer unbesiegbar 
ist, kann ein Theaterschmierer noch auf den »letzten und 
versöhnenden Gewinn dieser furchtbaren Tage« hoffen. 
Die Zuversicht eines solchen Bürgers ist mit Recht uner- 
schütterlich, denn er kann den »opferbereiten Dienst für 
ein höheres als das eigene Leben« nicht nur empfehlen, 
sondern auch aufführen lassen. Und sein »bescheidenes 
Werk will nichts als das allgemeine Gefühl dieser Tage 
in Worte fassen«. Da aber das allgemeine Gefühl dieser 
Tage der Wunsch ist, abgewandt allem nun einmal 
syslemisierten Grauen und Leiden und durch eben 
dieses einen letzten und versöhnenden Schab zu 



104 — 



machen, wobei das Friedensrisiko ohneiiin ein großes 
ist und die Aktualität der bezüglichen Waren "und 
Stoffe jeden Tag eine Passivpost sein kann,, so 
bleibt das Volkstheaterrepertoire so ziemlich- in 
Übereinstimmung mit dem Weltgeschehen. Und 
V wie die Sprache noch als Lüge die Wahrheit 
sagt und der Satz noch als Aussatz die Verwahrlosung 
der Seele beschreibt, so erschüttert uns wie ein 
letzter Ausdruck unserer Erdennot das Bekenntnis, 
das ein Gemeiner der Zeit vor dem Generalstabschef 
ablegt: dieser Krieg habe »den Menschen aus ein- 
siedlerischer Beschaulichkeit oder Armut erlöst«, je 
nachdem. Fürwahr, Worthändler waren Trappisten, ehe 
er begann, und Börseaner waren Bettler! Aller Orte 
und Meere, zu Land und Luft stirbt es sich wohl für 
den Aufschwung jener, die ihr Leben nicht nur 
gerettet, sondern auch bezahlt haben wollen, Söldner 
fremden Blutes, die sich in Nachrufen, für welche 
sie noch honoriert werden, neidlos durch die An- 
erkennung der »Helden« revanchieren. Denn zuhause 
ist das Talent und draußen »das schlichte und lächelnde 
Heldentum«: so sind die Gaben und Berufe verteilt! 
Wie nun die, welche im Granatenfeuer gekrochen sind, 
es tatsächlich hinnehmen, daß ihnen einer, der ein 
dreckiges Saisonstück daraus macht, das schlichte 
und lächelnde Heldentum ausdrücklich attestiert, das weiß 
ich nicht. Wohl aber wünsche ich: Das Heldentum, 
dem es zu Gesicht oder Geruch kommt, sollte 
nicht mehr lächeln. Nicht in eine Lache ausbrechen. Nicht 
schelten, nicht fluchen. Sondern es sollte, um nicht 
wahnsinnig zu werden vor Schmerz über diese Hinter- 
bliebenen, heimgekehrt alle Waffen zusammenraffen, 
die ihm das Ingenium der Zeit beigebracht hat, und 
den heiligen Krieg erst beginnen! Mit dankerfüllter und 
staunender Ergriffenheit dieser Bewegung, dieser Er- 
hebung, dieser Vergeltung folgend, will ich ihrem 
Generalstabschef mein Werk widmen. Oder er selbst sein! 



KARL KRAUS 

WORTE IN VERSEN 



LEIPZIG 
VERLAG DER SCHRIFTEN VON KARL KRAU! 

19 16 
Druck der Offizin W. Dru^ulin y 



leiner Konzerthoussoai 

(III. Lothringerstraße 20) 
iontag den 17. APRIL 1916 

PRXZISE HALB 8 UHR 

VORLESUNG 

CARL KRAUS 



IRTEN zu K 10.—, 8.—, 6-—, 4.—, 2-—, 1-— an der 
Konzerthauskassa, III. Lothringerstraße 20, bei 
Kehlendorffer, I. Krugerstrafte 3 und in der 
Buchhandlung Friedländer, Kärntnerstraße 44 

HALT der vorigen fünffachen Nummer 413-417, 10. Dezem- 
r 1915: Eeextraausgabeee — ! / Dialog der Geschlechter / 
)kumente / Schweigen, Wort und Tat / Glossen / Die Leid- 
igenden / Die Judenfrage. Von F. M. Dostojewski / Eine Prosti- 
erte ist ermordet worden / Glossen / Die Kunst im Dienste 
s Kaufmanns / Elegie auf den Tod eines Lautes / Notizen / 
.««■a c^iirvnonVioiior / AhcrViipH iinH Wipfiprkehr / Wiese im Parki 



NR. 423 — 425 MAI 1916 XVm. JAH] 



DIE FACKEL 



HERAUSGEBER 



KARL KRAUS 



INHALT: 

3ie letzten Tage der Menschheit / Ein Prophet / Verkündigung 
nschriften / Notizen / Briefe Adalbert Stifters / An einen alte: 
.ehrer / Gruß an Bahr und Hofmannsthal / Feldpostbrief 
'eldpostskriptum / Worte Luthers / Gebet an die Sonne von Gibeoi 

Mit einer Beilage 



NACHDRUCK VERBOTEN 

Preis dieses Heftes: 

90 Heller = 75 PL 

VERLAG: .DIE FArK-FT« WTFM 



®rE)öret mic|)! 




5luf bem 6c^Iac^tfel6e bei 6aarburg, an 6er 6tra^c ^mi\d)tn QaavbutQ 

un6 "Btuöeröotf, fte^t ein 5lru3ifiF. 2Dä^rcnö öcs Äampfes mut(>t es 

tjon einet (Sranatc getroffen, öas ^ol3freu3 louröe 3erfc^mettert, 

öie (S^riftusfigur aber blieb unoerfe^rt. 



DIEFACKEL 

Nr. 423-425 5, MAI 1916 XVIII. JAHR 



Die letzten Tage der Menschheit 

Tragödie 
(Schlußszene eines Aktes) 

Zimmer im Hause des Hofrats Schwarz-Gelber. Spät am Abend. 
Hofrat und Hofrätin Schwarz-Gelber treten ein. 

Er (schwer atmend) : Gottscis getrommelt und gepfiffen, 
da sind wir — pufi — 

Sie: Tut sich was, Märtyrer was du bist. 

Er: Das letzte Mal — das letzte Mal — darauf- 
kannst du dich verlassen ! 

Sie: Ich mit dir auch! Darauf kannst du Gift nehmen! 

(Sie beginnt sich zu enticleiden. Er läßt sich in einen Stuhl fallen, 
stützt die Stirn in die Hand, springt wieder auf und geht im Zimmer 
umher.) 

E r : Warum — sag mir nur bittich warum — 
warum, nur das eine sag mir hat Gott mich mit dir 
gestraft — grad ich ? — ausgerechnet — muß dieses Leben 
führen — warum — hätt nicht können ein anderer?! — 
Gerackert hab ich mich — bis in die sinkende Nacht 

— für dich — du bringst mich um mit deiner Kriegs- 
fürsorg — Hilfskomitees und Zweigstellen und was weiß 
ich, Konzerte und Nähstuben und Teestuben und 
Sitzungen, wo man herumsteht, und jeden Tag Spitäler 

— Gott, is das ein Leben — (auf sie losgehend) was — was 
willst du noch von mir — hast du noch nicht genug 

— ich — ich — bin nicht gesund — ich bin nicht — 
gesund — 

Sie (schreiend): Was schrcist du mit mir? Ich zwing 
dich? Du zwingst mich! Ob ich einen Tag Ruh 



gehabt hätt vor dir ! — Ich — hab ich dir nicht helfen 
müssen treppauf treppab — bis sie gesagt habe«, damit 
sie endlich Ruh haben vor dir und du bist Vizepräsident 
geworn! Glaubst du, man steht um dich ? M i r verdankst 
du — wenn ich nicht fort war hinter ihm hergewesen, 
Exner — Gott, was hab ich treten müssen — Ich wer 
dir sagen was du bist! Ein Idealist bist du, wenn du 
dir einredst, auf andere Art wärst du geworn was du 
bist! Auf was herauf? Auf dein Ponem herauf, was? 
Auf deinen Tam herauf, was? Daß dus weißt, mir hast 
du zu verdanken, deine ganze Karrier, mir, mir, mir 
— Liharzik ist tot — heut könntest du dort stehn, wo 
er war, überall könntest du sein — ein Potsch bist du! — 
die gebratenen Tauben werden dir ins Maul fhegen, 
ausgerechnet — ich stoß und du kommst nicht vom 
Fleck — möchten möchtest du viel und zu nix hast 
du die Gewure! 

Er: Gotteswillen bittich — schweig — in meiner 
Stellung — riskier ich genug — 

Sie: Ich pfeif auf deine Stellung, wenn wir nicht 
weiterkommen. Stellung! Auch wer! Weil ich gelaufen 
bin, hast du e Stellung! Bin ich für mich gerannt? 
Für mich hab ich Wege gemacht? Darauf antwort mir! 

Er: Nu na nicht. 

Sie: Hör auf ! Ich kann dich nicht sehn ! Du weißt 
am besten, wie du lügst. Gott, getrieben hast du, wenn 
ich nicht heut da war und morgen dort - gestuppt 
hast du mich — wenn Grünfeld gespielt hat, hab 
ich reden müssen — ausgestanden hab ich — ich hab 
schon nicht mehr gewußt, is Sitzung bei der Berchtold 
oder is Tee bei der Bienerth, der Blumentag hab ich 
geglaubt is für die Patenschaft statt für die Flücht- 
linge, da hats geheißen Korngoldpremier, fortwährend 
Begräbnisse, Preisreiten, Wehrmann und Wehrschild, 
wie sie den Kriegsbecher angeregt haben, gleich warst du 
aufgeregt, ich kenn dich doch, aber s o hab ich dich noch 
nicht gesehn, schon hast du dabei sein müssen, warum, 



ohne dich wär's nicht gegangen, ich hab dir gesagt 
laß mich aus, konträr, gejagt hast du mich, in die 
Tees und Komitees hast du mich förmlich gestoßen, gequält 
hast du mich wegen Lorbeer für unsere Helden, da 
bin ich gerannt, dort bin ich gerannt, nix wie Hilfs- 
aktionen, zu Gunsten da, zu Gunsten dort, zu wessen 
Gunsten, frag ich, wenn nicht zu deinen? zu meinen 
nicht! An den heutigen Tag wer' ich zurückdenken — 
Gott — von einem Spital ins andere muß man sich 
schleppen — und was hat man davon? Was hat man? 
Undank ! 

Er: Um Gotteswillen, hör auf! Wenn dich einer 
reden höret, möcht er sich schöne Begriffe machen von 
deiner Nächstenliebe, die Gall geht einem heraus — 

Sie: Vor dir! Kann ich dafür, daß sie dich heut 
übersehn haben? Ich kann schwören, ich hab mit dem 
Delegierten gesprochen, ich hab ihm gesagt, wenn sie 
kommen, soll er trachten, daß wir ganz vorn stehn, weil 
wir das letzte Mal Pech gehabt haben, ich hab ihm im 
letzten Moment noch einen Stoß gegeben, er weiß, daß 
ich Einfluß hab auf Hirsch, er hat ihn schon lang nicht 
genannt — auf mich willst du deine Wut auslassen ? 
Kann ich dafür, daß sich im letzten Moment Eisner 
vorgestellt hat mit seinem Koloß, wo er alles 
verdeckt? Pech hast du, weil er größer is, und ich 
muß büßen! Mir — mir machst du Vorwürfe — ich 
— ich — weißt du was du bist — ich — eine Bardach 
(kreischend) bin viel ZU gut für einen Menschen wie du 

(sie wirft das Mieder nach ihm) — du — du Nebbich ! 

Er (stürzt auf sie los und hält sie) : Duuu! — mich 

reg nicht auf — mich reg nicht auf, sag ich dir — ich 
steh für nichts — ich vergreif mich an dir — was — 
was — willst du von mir — Ausraum, der du bist — 
von dir sprichst du nicht? — Dein Ehrgeiz bringt mich 
ins Grab! — hättst du Kinder, wärest du abgelenkt — 
schau mich — an — grau bin ich geworn durch dich 
(schluchzend) ^^ ich — War — bei — Hochsinger — 



4 — 



das Herz is — nicht mehr — wie es sein soll — du 
bist schuld — jetzt sag ich dir die Wahrheit — weil 
du nicht erreicht hast — eine Flora Dub zu sein! — 
für Hüte hätt ich müssen ein Vermögen — woher — 
nehm ich — was will man von mir — 

S i e (in Paroxysmus) : Mit — Flora — Dub ! — Du wagst 
es! — mich in einem Atem — Flora — mit der Dub! — 
mich — eine geborene Bardach ! Weißt du, was du 
bist — ein Streber bist du! Aus der Hefe empor! 
Gelb bist du vor Ehrgeiz ! Schwarz wirst du, wenn du ein- 
mal nicht genannt wirst ! Wenn du an Eisner denkst, wälzst 
du dich im Schlaf! Bin ich schuld, daß er ein Aristokrat 
is ? Geh hin zu Fürstenberg und laß dich adaptieren ! 

E r (weicher werdend) : Ida — was hab ich dir getan — 
schau — laß ein vernünftiges Wörtl — schau — 
Gotteswillen — was — was bin ich — Hofrat — ich — lach- 
haft — ein Jud bin ich ! — (Er fällt schluchzend in den Stuhl) 

— Ausstehn ! — Ist das — ein Leben — is das ein 
Leben — immer hinter — ganz — hinter — allen 
andern — auf Hirsch angewiesen sein — beim letzten 

— letzten — Preis — treiben — reiten — man hat uns 

— überhaupt nicht — bemerkt — (gefaßter) ich hab 
dich noch gestoßen — die Wydenbruck hat es bemerkt 

— sie hat Bemerkungen gemacht — und heut — der 
Skandal! — die Leute reden — ich bin fertig — 
Spitzy hat gelacht — 

Sie: Laß mich aus mit Spitzy ! Der hat zu reden! 
Spitzy is erst durch den Weltkrieg heraufgekommen. 
Nie hat man früher den Namen gelesen. Jetzt? Übel 
wird einem täglich auf jeder Seite von Spitzy! 

Er: von Spitzy!? Er is doch noch nicht — das 
fehlte noch ! 

Sie: Ich sag übel wird einem von Spitzy. 

Er: Er drängt sich unter die Spitzen. 

Sie: Auf ihm hat man gewartet ! Mir scheint stark, 
er bildet sich ein, er is Spitzer. 



E r : Er spitzt auf die goldene. 

Sie: Ich hab so mit dem Delegierten gesprochen. 
Er hat gesagt, da kann man nichts machen, das is 
wieder einmal echt wienerisch, hat er gesagt, bittsie der 
Spitzy, er hat die Presse und außerdem leistet er 
für die Prothesen. 

Er: Auf den Delegierten soll ich sagen! 

Sie: Ich gift mich genug über ihm. 

Er: Den Unterschied zwischen der Gartenbau 
heut und wie der Krieg angefangen hat, möcht ich 
Klavier spielen. Wenn ich zurückdenk, damals bei der 
Schlacht von Lemberg, du weißt doch, wie die Presse 
das Jubiläum gefeiert hat, Weißkirchner hat ihr gratuliert, 
neulich erst sag ich zu Sieghart — 

Sie: Du, zu Sieghart? 

Er: Du — weißt — nicht mehr, wie ich mit Sieghart 
gesprochen hab ? Das hat die Welt nicht gesehn ! Wie 
er gekommen is, wir sollen beitreten zum Subkomitee 
in die Hilfssekfion — du weißt doch, er hat doch die Idee 
gehabt zu einer Sammlung »Kaviar fürs Volk«, es 
is eigentlich eine Anregung von Kulka — sag ich 
also zu Sieghart, Exzellenz, sag ich, der Delegierte 
gefällt mir etwas nicht und der Primarius gefällt mir 
nicht und die ganze Schmonzeswirtschaft gefällt mir 
nicht. Er schweigt, aber ich hab gesehn, er denkt sich. 
Sag ich zu ihm, Exzellenz, die Zeit ist viel zu ernst. 
Ich kann dir nur soviel sagen, er hat nicht nein gesagt. 
Wieso das kommt, frag ich. Er zuckt mit die Achseln 
und sagt, Krieg is Krieg. No hab ich doch gewußt, 
woran ich war. Jetzt brauch ich nur — 

Sie: Wenn du damals, bei der konstituierenden 
Versammlung für die Walhalla nicht wie ein Nebbich 
dagestanden wärst, wäre die Sache schon erledigt. 

Er: Erlaub du mir, grad bei solchen Gelegen- 
heiten vermeid ich aufzufallen. Alle haben sie sich 



den Hals ausgereckt, wie er von der Korrespondenz 
Wilhelm gekommen is — 

Sie: Und ich hab dir Zeichen gemacht, du 
sollst auch! 

Er: Nein, sag ich. Auf geradem Weg gehts nicht, 
so hör zu meinen Plan. Mit Eisner wirst du sehn, er 
is imstand und geht eines schönen Tages hinauf und 
wird sichs richten. Aber ich hab mir fest vorgenommen 

— ich wart jetzt nur — das nächste Mal — no ich 
könnt ihm gut schaden — er hat, aber sag's nicht, er 
hat eine abfällige Bemerkung über Hirsch fallen lassen! 

Sie: Bitt dich, fang dir nichts an! Misch dich 
in nichts. Ich könnt auch, ich halt mich genug zurück, 
die Dub hat etwas über die Schalek gesagt — daß sie 
sich patzig macht in der Schlacht und so — zur 
Odelga könnt ich eine Anspielung machen, Sonntag, 
schätz ich, kommt sie zum Invalidentee — Sigmund 

— hör mich an — weißt du was — sei nicht nervös 

— du bist überanstrengt — ich sag dir, wir setzen es 
durch ! Komm zu dir — ich wett mit .dir, Freitag is 
eine Gelegenheit, wie sie noch nicht d a war — die 
Jause, du weißt doch, für unsere Gefangenen in Ost- 
sibirien. Oder hör zu, wart, noch vernünftiger, Samstag, 
für die deutschen Krieger! Du wirst sehn, paß auf, du 
kriegst ! Wenn nicht die erste, so die zweite. Ich garantier 
dir. Bis zum Kabarett vom Flottenverein warten wir nicht! 
Jetzt zeig was du imstand bist. Nimm dir ein Beispiel 
an Riedl von Dobenau, an ihm, mein ich, nicht an ihr — 
siehst du, er isnureinGoj, abertüchtig! Jetzt entscheidet 
sich alles. Daß du mir nicht wieder wie ein Stummerl 
dastehst, hörst du? Sie warten bloß, daß du den Mund 
aufmachst. Ich kann mir nicht helfen, aber ich hab 
das Gefühl, wir sind sowieso vorgemerkt — 

Er: Glaubst du wirklich — das war ja — lang 
genug hätt man sich geplagt — aber woher glaubst du ? 

Sie: Was heißt ich glaub, ich weiß! Du bist der 
Meinung, es is schon alles verpatzt. Ich sag dir, nix 



is verpatzt. Du warst von jeher ein Pessimist mit dem 
Krieg. Ich kann dir nicht alles sagen, aber die Frankl- 
Singer von der »Sonn und Mon« is wie du weißt 
intim mit der Lubomirska, frag mich nicht. Du hättest 
das Gesicht von der Dub sehn sollen, wie sie gesehn 
hat, ich Sprech mit ihr. Was soll ich dir sagen, sie 
hat sich gejachtet. Sogar Siegfried Löwy hat mit dem 
Kopf geschüttelt, da hab ich alles gewußt. Es wird 
vielleicht eines der größten Erfolge sein, wenn mir 
das gelingt. Nur bei der Ausspeisung dürfen sie nichts 
erfahren, sonst zerspringen die Patronessen, behauptet 
Polacco. Selbst heut hab ich das Gefühl gehabt, es kann 
nicht mehr lange dauern. Weißt du, nämlich wie der Lärm 
war, und sie alle hinüber sind, zu dem sterbenden 
Soldaten, du weißt doch, der getrieben hat, weil er 
geglaubt hat, unten steht seine Mutter, sie haben sie nicht 
herauflassen wollen, es is verboten wegen der Disziplin, 
Hirsch hat noch gesagt, er wird in den Annalen fort- 
leben, er gibt ihn hinein — da hab ich das Gefühl 
gehabt — nämlich, wie sie so gestanden sind — da hab 
ich mir eigens achtgegeben, ich hab hingeschaut und 
da hab ich deutlich bemerkt, wie die Palastdame 
hergeschaut hat, alle sag ich dir haben sie auf uns 
gezeigt — ich hab dich noch aufmerksam machen 
wollen — aber da hab ich Eisner beobachten müssen, 
ob er nicht vorgeht, der Lange — und dann haben 
sie noch besprochen — grad wie Hirsch die Stimmung 
notiert hat, haben sie besprochen wegen dem Konzert 
für die Witwen und Waisen — da hab ich wieder das 
Gefühl gehabt — ich kann mir nicht helfen — aber 
wenn du nur jetzt nicht wieder bescheiden bist — nur 
jetzt nicht — meinetwegen immer, aber um Gottes- 
willen nicht jetzt! 

Er (eine Weile nachdenklich, dann entschlossen) : WaS haben 

wir morgen? 

Sie (sucht Einladungen hervor, nach einer Pause): Wien für 

Ortelsburg — liegt mir stark auf, wir gehn, aber wir 
müßten auch nicht. Verwundetenjause bei Thury, nicht 



der Rede wert, aber kann nicht schaden. Konstituierende 
Sitzung des Exekutivkomitees für den Blumenteufei- 
Rekonvaleszenten-Würsteltag — du, da muß ich als 
Patroneß. Aber da, wart, Kriegsfürsorgeamt, musikalischer 
Tee, der Fritz Werner singt, ich Sprech sicher mit ihm, 
er hat auch immer größeren Einfluß — 

Er: Sagst du! 

Sie: Wenn ich dir sag! 

Er: Einfluß, lächerlich — 

Sie: So ! Also kürzlich hat er ihm das Bild 
schicken müssen. Er is ein großer Verehrer, Er hat 
schon fünzigmal »Husarenblut« gesehn. 

Er: Zufällig kennt er ihn nur flüchtig. 

Sie: Wenn du also besser informiert bist! Gut, 
nehmen wir schon an, Werner hat nicht Einfluß, was 
is aber mit Spitzer? Wenn ich auf keinen halt, auf 
Spitzer halt ich ! Man brauch nur sehn, was sich 
da tut jedesmal, was sie angeben, wenn er kommt. 
Spitzer is heut maßgebend, alles spricht nur von Spitzers 
Karrier. Ich sag dir, man muß das Eisen schmieden, solang 
man Gold dafür kriegt. Nur jetzt keine Versäumnisse ! Du, 
hör mich an — was nützt das alles — jetzt nimm dich 
zusamm, sei ein Mann ! Mach dich beliebt ! Was denkst 
du so nach? Du hasts ja bisher getroffen, warum 
nicht weiter. Also ! Jetzt heißt es durchhalten. 

E r (die Stirn in der Hand) : DaS heut IS ZU SChncll 

vorübergegangen. Man hat gar nicht können zu sich 
kommen. Ich war heut nicht auf der Höhe. Ja, ich 
hab gleich gespürt, etwas is nicht in Ordnung. Von 
allem Anfang hab ich bemerkt, sie bemerken uns 
nicht, und zum Schluß, wie sie uns ja bemerkt haben, 
war ich zerstreut. Ich sag dir, es is das Herz. Hochsinger 
is unbedingt für Schonen, schonen sagt er und wiederum 
schonen. Aber wie soll man — Gott — du sag mir 
bittich, wie war das eigentlich, wie sie alle mit Spitzer 
geredet haben, wie er — 



— 9 — 

Sie: Mit Spitzer? Das war doch nicht heut! Das 
war doch Sonntag! 

Er: Gotteswillen, ein Kreuz is das, Sonntag — 
alles geht einem durcheinander im Kopf — also gut — 
ärger is wenn ich Gottbehüt vergessen hätt mit Sieghart zu 
sprechen. Wie, also was, also sag mir mit Spitzer, 
das intressiert mich — 

Sie: Sonntag? No ja, da war es doch schon auf 
ein Haar so weit, daß der Delegierte, ich hab schon 
geglaubt — hast du gezweifelt? No hörst du, das is 
doch so klar, wie nur etwas!? Wenn nicht die Schwester 
dazwischengekommen war, das Skelett, du weißt doch, 
die den Schigan hat, den ganzen Tag zu pflegen, 
überhaupt eine bekannt exzentrische Person, grad wie ich 
zum Bett hingehen will, Pech, kommt sie daher, einen 
Schritt war ich — 

Er: Moment! Das — wart — wo sind sie da 
gestanden? Das war doch, wo die Rede war, daß man 
wieder sammeln gehn soll, etwas einen 'Gardenientag 
weiß ich!, haben sie beschlossen für Wiener Mode 
im Hause oder — 

Sie: Freilich, Trebitsch hat noch erzählt, daß er 
tausend Kronen anonym gegeben hat — 

E r : Bekannter Wichtigmacher, gibt sich jetzt aus für 
intim mit Reitzes — siehst du, jetzt hab ich, also wart — 
ob ich weiß! unterbrich mich nicht, da war, ich wer dir 
sagen, da war auch die Rede von Aufnahmen im Spital, 
für den Sascha-Film, wächst mir auch schon zum Hals 
heraus, siehst du, daß ich weiß? Aber nur — wo sind 
sie gestanden? Die Situation? Wir sind nicht durch- 
gekommen, so viel weiß ich — 

Sie: Du kannst dich nicht erinnern? Ich seh's 
vor mir! Bei dem Bett von dem Soldaten — 

Er: Bei dem Bett — mit der Mutter der? 

Sie: Geh weg! Das war doch heut! 

Er: Wart. Der Blinde! 



- 10 - > 



Sie: Das war doch Dienstag in der Poliklinik! 
Der Blinde! Ich seh es vor mir! Damals, du weißt doch, 
Hirsch hat sich notiert — 

Er: Entschuldige, aber das war bei der Staats- 
bahn beim Labedienst! Wo sich noch die Löbl-Speiser 
vorgedrängt hat, die Geschiedene — 

Sie: Konträr, damals is es sehr günstig gestanden, 
wenn du mir nur gefolgt hättst, ich hab dir noch geraten, 
mach dich an an Stiaßny. 

Er: An Stiaßny? Das war doch beim Wehrmann! 
Siehst du, jetzt verwechselst du! 

Sie (lauter): Ich verwechsel! Du verwechselst! Beim 
Wehrmann! Wer redt heut vom Wehrmann? 

Er: Also wart — beim Bett — übrigens was 
gibst du Rebussen auf, sag mir den Soldaten und fertig. 

Sie: Grad nicht! Siehst du, wenn ich nicht war 
mit meinem Gedächtnis — 

Er (lauter): Laß mich aus mit deinem Gedächtnis! 
Was nutzt mir dein Gedächtnis! Es is alles für die Katz! 

Sie: Du marterst mich — ich lauf mir die Füße 
wund — soll ich dir noch helfen erinnern! 

Er: Schrei nicht — ich laß alles stehn und 
liegen — ich geh morgen nicht — du kannst allein 
gehn ausspeisen — ich hab es satt — der ganze Krieg 
Icann mir gestohlen wern — das hat uns noch gefehlt 
— als ob früher nicht genug Lauferei war — geh mir 
aus den Augen! — jetzt reißt mir die Geduld! — von 
mir aus soll — 

Sie (schreiend): Du schrcist mit mir, weil du 
kein Gedächtnis hast! Du weißt nicht mehr, wem 
du grüßt! Du grüßt Leute, wo es nicht nötig is, und 
wo es ja nötig is, grüßt du nicht! Jedesmal am Graben 
muß ich dich stoßen! Ich hab für dich gearbeitet — 
du — weißt du, was du ohne mich bist? Ohne mich 
bist du ein Tineff für die Gesellschaft! 



11 



Er (sich die Otiren zulialtend, mit einem Blick zum Plafond); 
Ordinär — ! (nach einer Pause, in der er herumgeht) Möchtest 

du jetzt die Güte haben — bist du jetzt vielleicht 
beruhigt — also sag mir — 

Sie: Grad sag ichs nicht — Sonntag — wie sie 
alle um das Bett gestanden sind — ich bin vorgegangen 
— alle sind sie — 

Er: Moment! Laß mich ausreden — im ganzen 
Belegraum — 

Sie (schreiend): Du quälst mich aufs Blut — jetzt 
tust du als ob du nicht bis drei zählen könntest — . 
ich lauf mir die Füße wund — 

Er: Das weiß ich zu schätzen. Leicht is es nicht. 

Sie: Also gib Ruh und bohr nicht in mich — 
daß du's endlich weißt und frag mich nicht mehr — ich 
hab Recht und nicht du — ich hab dir gesagt, Sonntag 
hat man uns bemerkt, wie sie beim Bett gestanden sind — 

Er: Noo-o! Also beim Bett — mir scheint, du 
redst dir da was ein — 

Sie: So wahr ich da leb! Beim Bett von dem 
Soldaten, wo der Primarius alles gezeigt hat — 

Er: Ah jetzt — weiß ich! Was sagst du nicht 
gleich? Der mit den abgefrorenen Füßen!? 

Sie: Ja — und mit der Tapferkeitsmedaille ! 



12 



Ein Prophet 

5. September 1848. 

— — — Mein Leben und mein Geist sind im 
leeren Räume, und die Tiefe des Schmerzes ein un- 
ergründliclier Abgrund, da ich vergebens das darin 
versunkene theure Vaterland noch zu erblicken suche. 
Ach ! armes Vaterland ! zerfleischt von Juden und 
Knaben, zerwühlt von deinen eigenen Söhnen, gequack- 
salbert von der Ignoranz und Anmassung! 

19. September 1848. 

Derjenige, welcher mit eigenen Augen die 
erschreckliche Verwirrung der Geister und Thaten sieht. 
Derjenige, der sich überzeugt, wie Keiner der Schau- 
thäter weiß, welches Stück eigentlich aufgeführt wird, 
wie Keiner das Geheimniß seiner eigenen Rolle kennt, 
muß entweder die Geschichte wie eine beängstigende 
Komödie ansehen, welche der Zufall mit menschlichen 
Puppen spielt, und verzweifeln, oder an die Vorsehung 
glauben, an jene unnennbare höchste Weisheit, welche 
das Chaos ordnen und der blinden Bewegung Wesen 
und Gestalt geben wird, die jede menschliche Berech- 
nung als eitle Anmassung zeichnet. 

Man druckt in Wien, so viel und so vielerlei, 
daß die Pressen seufzen. Man hat die Freiheit der 
Presse erzwungen ; es ist aber noch die Fähigkeit 
ihres Gebrauches für Schreiben und für Lesen zu 
erringen. Es ist übrigens eine der gewöhnlichen 
Täuschungen unserer Tage, die Gewährung zum 
Gebrauche, mit der Geschicklichkeit des Gebrauches 
zu verwechseln; das Recht des Gedankens, für die 
Fähigkeit des Denkens, das Recht zum Handeln für 
die Kraft der That, das Recht zur Freiheit schon für 
die Freiheit selbst anzusehen. 



— 13 



20. September 1848. 

Unglückliches Oestreich ! Theueres Vaterland ! 
Gegen Außen stehst Du da als schwebender Schatten. 
Da, wo Du noch Friede hast, bist Du ohne Einfluß, 
und dort, wo Deine Helden den Sieg erkämpften, 
wirst Du, von Deinen eigenen entarteten Söhnen ver- 
rathen und Deines guten Rechtes gefährdet. Du 
kannst nicht auf Deinen nächsten guten Nachbar 
zählen, denn er sieht in Dir mit Schauder einen 
Kranken, den man flieht, um nicht angesteckt zu 
werden. Dein Revoluzionsschwindel kann Dir auch bei 
den Völkern keine Sympathie, keine Achtung erringen, 
denn er ist das Ergebniß feiger Unwissenheit, die 
Dich als Beute dem Auswurfe der Gesellschaft, der 
Dich fortschleppt und schändlich mißbraucht, Preis 
gibt! Im Innern schnappst Du nach Freiheit! Weißt 
Du, was Freiheit ist ? Für Dich ist sie nur die 
schaudervolle Macht, Ehre, Ruhm und Grösse Deines 
Landes zu zerstören ; Eigenthum, Wohlstand, Vertrauen 
und Familienglück zu vernichten, und den blutigsten 
wie den schmählichsten Selbstmord, an Dir selbst, zu 
vollziehen. 

Ach! wie bin ich in der tiefsten Seele verwundet; 
Alles reitzt mich. Alles betrübt mich ! Der Anblick 
des Untergangs der Sonne allein, erleichtert mein 
Herz. Er ist das Bild des Todes, der wahren Freiheit, 
der Befreiung von dem Gefühle des kummervollen 
Schmerzes über die Schmach und Erniedrigung des 
herrlichen Reiches, dessen ruhmvolle Vergangenheit 
die Schamröthe über die unwürdige Gegenwart er- 
glühen macht. 

Aus den »Tagebüchern des Carl Friedrich Freiherrn 
Kübeck von Kübau«. 



14 



Verkündigung 



Am Tag des Blutes und der Auferstehung, in 
dem Blatt, das von dieser Welt ist, am dreihundertsten 
Todestag von Shakespeare und Cervantes: 

Ich habe die Ehre, mich vorzustellen 

Friedrich Müller, 38 Jahre, grosse technische Erfahrungen im praktischen 

Maschinenbau und im kommerziellen Aufbau grosser Sachen. 

Bekannte Erfolge. 

Lange in Amerika gelebt, in Europa grosse Abschlüsse für nordamerik. 

Firmen getätigt, in Oesterreich-Ungarn Geschäfte begründet und Markt 

kennen gelernt; sehr bekannt in der Branche. 

Intime praktische Kenntnisse in Masch.- und mech.-Apparatenbau, lang- 
jährige internationale Beobachtungen sich fühlbar macliender Bedürfnisse 
des Marktes, last, not least, ein Plus an Energie und Unter- 
nehmungsgeist, Hessen mich die Lücke finden, wo 

viel Geld leicht zu machen ist. 

Der amerik. Erfolg des Artikels, den ich vertrat, genügte mir nicht: 

Besser machen, und zwar mit den Rohmaterialien des Inlandes, 

unabhängig von draussen sein — das war mein Ziel. 

Nach jahrelanger Arbeit — mit eigenem Kapital, denn ich bin 
mein eigener Prophet — gelang mir soeben die gänzliche Umwälzung 
des amerikanischen Konstruktionsprinzips und es entstand nicht nur eine 
gänzlich neue Erfindung, sondern auch eine derartige Vervollkommnung 
des amerik. Originals, dass meine einfache Maschine eine der grössten 
Nützlichkeiten des privaten und ein unentbehrlicher Faktor des ge- 
schäftlichen Lebens werden muss; so sagen einige hervorragende 
Oesterreicher. 

Und diesen Artikel — die eigene Arbeit meiner besten Jahre — will ich 

Ihnen in fertigen, pat. Maschinen-Modellen im Gebrauche praktisch zeigen und 

erklären und alles Für und Wider offen und ehrlich mit Ihnen besprechen 

— als ob Sie mein Bruder wären. 



— 15 



Sie sollen sich dann selbst Ihr eigenes Urteil über den Wert meiner 

Erfindung bilden und sich ruhig klar werden, ob Sie an dem glücklichen 

Ergebnis ernsten Studiums und harter Arbeit mit mir 

dick verdienen 

wollen; natürlich bitte ich nur dann um Ihre Adresse, wenn Sie ein 
ernster, vermögender Mann sind, Ihr Kapital investieren und ein 
grosser Fabrikant sein wollen (einzig in Europa), und — nach 
behördlichen Äusserungen zu schliessen — obendrein sogar gerade jetzt 
noch ein gesuchter Wohltäter. Gefl. Zuschriften unter „Fritz Müller" 
an Rudolf Mosse, Wien, I., Seilerstätte 2. 

Er kam, wie aus der Kanone geschossen. Er war 
nicht zu erfinden. Er ist erstanden. So muß er heißen. 
An dem Ort, wo das Wunder geschah, sprach der 
Dichter : »Die heutige Zeit kennt keinen tieferen Drang, 
als über sich selber hinauszukommen.« Aber die Zeit 
ist erfüllt und er ist sein eigener Prophet. Besser 
machen war sein Ziel. Und er ruft den Menschen, 
seinen Bruder, der ein ernster, vermögender Mann ist. 
Und lehrte sie dick verdienen bis ans Ende der Welt. 



16 



Inschriften 

Einem schwerhörigen Freunde 

Glaubst du noch jetzt, es geh' zu Gott empor? 
Mißtrau dem Aug, hat dich getäuscht dein Ohr. 
Hätt'st du so gut gesehn, v/ie schlecht gehört, 
du wüßtest, daß sich's gegen Gott empört. 

Dem Schönfärber 

Der beste Teil ist noch das Eingeweide. 
Wie rosig malt Kokoschka manchen Wicht! 
Ihn zu entlarven, das gelingt ihm nicht. 
Wie anders Schattenstein. Der malt am Kleide! 

Das Buch und die Frau 

Sprach einem Buch sie zu, so sprach's ihr zu. 
Es machte nicht viel Kopfzerbrechen, 
und ließ das Herz in Ruh. 

Sprach sie von einem Buch, so sprach sie gut. 
Sie haben beide mit sich sprechen lassen, 
und waren leicht zu fassen. 

Doch einmal nahmen beide es genau: 
die Sprache selbst und selbst die Frau. 
Sie zeigten höhern Mut 
und konnten zu einander sprechen. 

Verzicht 

Man sagt, zu sauer seien uns die Trauben. 

Sie hängen höher, als man glaubt. 

Begehre jeder, was er raubt! 

Wir glauben nicht mehr an die Welt. Wir glauben. 



— 17 — 



Notizen 



Vorlesung im Kleinen Konzerthaussaal, 17. April: 
1. Kierkegaard und die Journalisten / Es war einmal / Ein 
2 V2 jähriges Kind zeichnet Kriegsanleihe / Kinder und Vögel sagen die 
Wahrheit/ Elegie auf den Tod eines Lautes / Der kleine Brockhaus / 
Kriegsnamen /So? / Endlich I / Als Liebesgabe / Gedankenleser / 's gibt 
nur an Durchhalter!/ Die Panik.../ Die Grüngekleideten / Zur Darnach- 
achtung / Die Direktionskrise im Deutschen Volkstheater / Lichnowsky 
und Barnowsky / Die europäische Melange / »Drückeberger in Frank- 
reich« etc. / >Benzinmangel in England« etc. / »Papierknappheit in Italien« / 
Bei uns ist es so! / Leben und Taten der Schalek / Weltwende. 
II. Dialog der Geschlechter /Eeextraausgabeee — I III. Gebet 
an die Sonne von Gibeon. 

Ein Teil des Ertrags wurde der Kinder-Schutz- und Rettungs- 
Gesellschaft zugewendet. 



Die nächste Vorlesung findet in demselben Saal am 12. Mai statt. 

Eine Shakespeare-Feier (Vorlesung der »Lustigen Weiber von 
Windsor«), deren gesamter Ertrag den Gefangenen in Beresowka 
{Transbaikal) gewidmet wird, folgt am 24. Mai. 



In Nr. 418—422 ist zu lesen: S. 32, im Shakespeare-Zitat, 4. Zeile, 
statt: „Mall" Mal?; S. 90, 9. Zeile, statt: ,,nur eine Fürschtin gibt" 
nur eine Fürschtin gibt; ebenda, 13. Zeile, statt: ,, bekannt, nichts" 
bekannt: nichts; S. 91, 13. Zeile von unten, statt: ,, Lebensgüter zu 
verteidigen" Lebensgüter, zu verteidigen; S, 93, 7. Zeile, statt: „Völker, 
aber" Völker; aber; ebenda, im 3. Zitat ist unter den Worten: ,,gibt es 
fast gar nicht'' nur das Wort /as/ als gesperrt zu lesen. 



Bibliographisch es: »Der Sozialismus als Ware« von Constantln 
Jurenew (Bern) im , Arohiv für die Geschichte des Sozialismus und der 
Arbeiterbewegung' (herausgegeben von Prof. Dr. Carl Grünberg, Wien), 
Band VI, Heft 2, S 270 bis 272. — »Kultur, Kunst und der Krieg« 
von Paul Wengraf (Verlag Konegen, Wien 1916;, S. 64 bis 68. 



— 11 



EinTitelimletztenVorlesungsprogramm: »Leben und Taten der 
Schalek« wies auf die folgende, an jener Stelle gesprochene 
Erklärung hin: 

Ich wollte nun eine jener Glossen vorlesen, die von der 
eigentlichen Heldin dieser großen Zeit, von der Schalek 
handeln und in denen sie, wie ich hoffe, als eine einprägsame satirische 
Figur fortleben mag, zur Erbauung der Nachwelt, die sich verflucht 
wundern wird und von der ich überhaupt glaube, dafi sie mich 
für einen der . größten Erfinder dieser technischen Epoche halten 
wird! Ich will aber keine jener Gestaltungen, in denen ich das 
Novum einer Jourjüdin, die sich untersteht, ihre Neugierde in 
Unterständen zu befriedigen, das Monstrum eines Bramarbas mit 
Lorgnon festgehalten habe, dem Gelächter einer Hörerschaft preis- 
geben. Denn abgesehen davon, daß die Wirklichkeit, dieser 
täglich nachwachsende Teufel, den Hohn zuschanden macht und 
der täglich erneute Heldenmut der Schalek neue Preislieder 
verlangt, abgesehen davon ist die Sache viel zu traurig! Wohl ist 
die Schalek an und für sich eines der ärgsten Kriegsgreuel, die der 
Menschenwürde in diesem Kriege angetan wurden. Aber darüberhinaus 
bietet sie noch das Schauspiel einer Entartung, das unsere 
besondere kulturelle Situation als eine vor dem übrigen Europa weit 
avancierte zeigt. Denn es ist möglich geworden — und ich sage das mit 
deutlicher Betonung gegenüber einer Schreiberin, die den Anspruch 
erhebt, wehrfähig zu sein! — es ist möglich geworden, daß 
unsere Öffentlichkeit die obszönen Tagebuchblätter vorgesetzt 
bekommt, die ein Frauenzimmer verfaßt hat, das sich für 
seine Weiblichkeit kein anderes Feld der Anregung zu 
verschaffen wußte als das Feld der Ehre — ausgerechnet! Pfui 
Teufeil Auf Galanterie erhebt dieser Kriegsberichterstatter 
keinen Anspruch. Aber mit tiefer Betrübnis wollen wir der 
Tatsache eingedenk bleiben, daß sie — sie durfte sich dessen 
rühmen! — in allen Felsenklüften, wo jetzt Menschen schießen und 
geschossen werden, einen gedeckten Tisch gefunden hat, und daß 
tapfere Soldaten noch immer die Todesverachtung 
der Schalekverachtung vorziehen und der Verachtung 
einer Dreckpresse, gegen deren entsetzliche Macht ich als 
wahrer Patriot und Freund der Menschheit meinemVaterlandmehr 
Mut wünschen möchte als gegen seine sämtlichen Feinde! 



— 19 



Nur damit man sehe, daß ich einem Bericht der Schalek 
auch eine Wahrheit, eine mein Herz folternde Wahrheit entnehmen 
kann, will ich die folgende Gegenüberstellung, die ich ihr verdanke, 
bekanntmachen : 



— Das sind die alten 

Arbeiter, die mit ihren Tragtieren 
Naclit für Naclit den Proviant zu 
den Stellungen bringen — — — 
ob er Angst vor Granaten empfindet, 
ob er Kinder im Felde hat oder 
daheim ein hungerndes Weib — fragt 
einer darnach? Im Finstern, im 
Regen, in der Bora und zwischen 
Granaten hindurch trottet er immer 
wieder 500 Meter bergauf und 

bergab. Armer alter Held! 

Ich wünschte, ich vermöchte das 
Bild ihres eintönigen, allnächt- 
lichen Marsches durch die 
Feuerlinie mit stählernen Worten 
zu schildern, tief in die Seele 
wollt' ich es jedem prägen 

»Ihr Hörn Viecher, ihr gottver- 
dammten I Werd's auseinander- 
rücken I Müßt ihr von einer Granate 
alle gleichzeitig hin werden?« 

Man — hat — gewartet! 



Mitten in meine andächtige Be- 
wunderung tönt es hinein, kräftig 
und nicht mißzuverstehen. »En t- 
schuldigen Sie den tempera- 
mentvollen Empfang,«; begrüßt 
mich lachend der Kommandant 
— — Alle Herren sind zu 
unserem Empfange oben ver- 
sammelt. Sonst hockt jeder wohl- 
gedeckt oder er schläft, jedenfalls 
hütet er sich sehr, hier offen 
spazieren zugehen. Aber weil der 
erste Kriegsberichterstatter 
angekündigtwordenist, sitzen 
die Herren gemütlich wie im Rathaus- 
keller beisammen und erwarten 
uns — — — Man hat mit 
der Beschießung gewartet, 
bis wir oben angelangt sind, 
weil sonst das »Vergeltungs- 
schießen« uns den Weg recht un- 
angenehm hätte gestalten können. 



Zu diesem Thema sei nunmehr auch nachgetragen, daß man 
bei mir Einblick in die zahlreichen Zuschriften von der Front nehmen 
kann,mitdenen mir Offizierealler Grade, einzelne und Offiziersmessen, 
ihren Dank für die Besprechung dieses Schauspiels abstatten, das sich 
vor ihren Augen abspielen darf und die Trauer jenes, in dem sie 
mitwirken, ihnen selbst vermehrt. 



— 20 — 



In dem Roman »Die Vogesenwacht« erzählt Anny Wothe — Seite 
57 bis 59 — , wie dem Unteroffizier Meisel im Felde seine Frau die Geburt eines 
Jungen mitteilt. »Jott sei Dank wieder een Soldat, < schreibt die Frau 
ihrem Manne. Sie habe ihren Jungen Wilhelm genannt nach dem Kaiser, 
weil sie meint, >der Junge muß dann ooch so kreuzbrav, so frei und 
fest werden, wie unser Kaiser is, und druff schlagen, dat de Stücken 
man so fliegen«. Und dann heißt es in dem Briefe: »Ik kann bald 
wieder arbeeten, und ik wer die fünfe schon satt kriegen. Die Jungen 
beten alle Dag e, du solltest recht ville Franzosen dotschlagen. 
Ik bete oock, aber nicht um Dein Leben. Det steht bei Jott. Ik 
beet, det Du ordentlich deine Pflicht dust, det Du nich ruckst, 
wenn de Kugel kommt, un det Du ruhig stirbst, wenn et sein 
muß, vor unser Vaterland, un unsern Kaiser, un nich an uns denkst. . . 
Und wenn Du vor Deinen Hauptmann sterben kannst, so 
denke och nich an uns... Die fünfe grüßen Dir mit mir. Bei der 
Taufe von Wilhelm wollen sie >Heil dir im Siegerkranz« singen, womit 
ik verbleibe Deine treue Jattin.« . . . Der Hauptmann hatte einen 
Augenblick die Hand über die Augen gelegt, um die tiefe Bewegung 
zu verbergen. Er streckte seinem Unteroffizier die Hand entgegen und 
lobte ihn: Sie können stolz sein auf Ihre Frau.« . . . 



Eine Jötterjattin. 



Der , Kunstwart', der jetzt selbstverständlich .Deutscher Wille' 
heißt, aber schon im Frieden ein rechtschaffener Schund war, also 
mehr deutscher Wart als Kunstwille, bringt aus der Feder des 
unverwüstlichen Avenarius — ein Fremdwort, das man nun einmal 
hinnehmen muß — die folgende charmante Anregung: 

Das vergnügte Büchel 

Die im Felde wollen nicht immer aus dem Sauertopf 
essen, sie wollen auch was Fröhliches haben, sie erst recht. So hat der 
Kunstwart von Avenarius' Fröhlichem Buch einen Auszug auf 
Dünnd ruckpap ier als Taschenausgabe soeben herausgegeben. Schicke 
mandenalsOstergruß hinaus, das > Vergnügte Büchel« findet ja hoffentlich 
seinen gesetzten Bruder, die Taschenausgabe vom >Hausbuch« 
draußen schon vor. Es selber bringt zwar die eingehefteten Bilder- 
beilagen des »Fröhlichen Buches« nicht, aber eingedruckt eine große 
Menge der geist- und sinnreichsten Zeichnungen der deutschen Kunst. 
Auch diese »bedenklich verkleinerte« Ausgabe ist immer noch nicht 
weniger als 376 Seiten stark. Dabei kostet sie in lustigem Einbände 



21 — 



doch trotz der teuren Zeiten nur zwei Mark. Mit dem >Fröhlichen 
Buch<, von dem schon 50000 Stück gedruckt sind, kam der Humor 
als Seelsorger ins deutsche Haus, mit dem »Vergnügten Büchel« 
zieht er als Kamerad Feldgeistlicher in die Gräben. 

Ist das ein Vokativus dieser Avenarius! Einen Schluck aus 
des Kunstwarts Humor und dann sterben ! Aber läßt sich der Tod 
das wirklich gefallen? Macht er nicht den Soldaten lebendig und 
nimmt mit dem Seelsorger vorlieb? Im Schützengraben soll's erst 
heiter werden, wenn Kamerad Feldgeistlicher dran glauben mußte. 
Welch eine Bagage! Warum wirft der Soldat, ohne sich erst auf 
umständliche Unterscheidungen zwischen dem Fröhlichen Buch 
und dem Vergnügten Büchel einzulassen, dem guten Kameraden 
nicht beide an den Schädel und seinen Sauertopf dazu? Nach 
so viel Humor soll doch endlich einmal Ernst gemacht werden ! 



» — — — — - — Gott ist ihm weit mehr als ein theologischer 
Begriff; er wird ihm, ohne dabei ein >Gott der Deutschen« zu werden, 
gerade in der Schlacht in seiner ganzen überwältigenden Größe bewußt. 
In einer packenden, weit mehr als geistreichen Umwertung schließt er 
ein Gedicht, in dem die Bajonette aufgepflanzte Kreuze, die Schrapnelle 
Weihwasser sind, die Granaten Weihrauch qualmen, die Handgranaten 
am Gürtel Rosenkränze bedeuten und das Händefalten zum Krallen um 
Gurkhagurgeln wird, mit den Worten: 

»Und wir kreuzigen die Liebe, 
Daß sie euch erlösen will.« 
Von diesem religiösen Erleben kommt er zur Vaterlandsliebe: 
>So muß das deutsche Vaterland 
Sieb selber Heiland werden. 
Bis daß durch seine starke Hand 
Der Friede kommt auf Erden. 
Bis daß das schwere Werk vollbracht 
Und neu die Welt gereinigt. 
Bis Schicksalsgang und unsre Macht 
In uns sich hat vereinigt. 
Und so lang muß noch Weib und Mann 
Den Weg des Leidens gehen, 
Bis über Tod und Not hinan 
Kommt groß das Auferstehen.« 



22 — 



Hier zeigt er, wie starlc in ihm Religiosität und nationales 
Empfinden verknüpft sind, und zwar in einer durchaus unkonfessionellefi 
Weise: in der Art, wie wir Deutsche nun einmal zu allerletzt den Begriff 
Religion fassen. Im engeren Sinne ist nun freilich L. schon deshalb ein 
guter Deutscher, weil er ein guter Soldat ist.« 

Und außerdem noch leider identisch mit dem guten Kessel- 
schmied, welcher hier kürzlich um jenes Naturlautes willen gerühmt 
wurde, der die ganze Schmach der deutschen Kriegslyrik weg- 
zurufen schien. Die Poesie ist heutzutage eine so zweideutige 
Beschäftigung,, daß man das dichterische Wertobjekt nicht rühmen 
darf, ehe man sich vergewissert hat, ob es einen Schöpfer oder nur 
einen Besitzer hat. Aber das Lerchengedicht wurde hier nicht als 
Kunstwerk, sondern als Dokument gewertet und sicherlich ist, was 
auch literarische Anpassungsfähigkeit an vorhandene Stimmungswene 
sein könnte, hier der innere Umschwung einer reinen Seele. 
Denn der Durchbruchsversuch der Menschlichkeit in diesem 
Krieg war ja eben das Neue. Der Autor war nur so 
I weit Literat, als der Rausch der gehirnstürmenden Phrase den 
L Dilettanten dazu machen konnte, später erst wurde er wieder 
der Kesselschmied, der er vorher war, und schrieb das 
« Gedicht von der Lerche. Von der Andacht vor umkrallten 
Gurkhagurgeln bis dahin ist ein weiter und furchtbarer Weg; 
nicht jeder, der deutsch sprechen kann, ist ihn so reuig%gegangen. 
Es mußte hier aber zurückgeschaut werden, damit nicht der 
Verdacht aufkomme, ich hätte einen Kriegslyriker, von dem ich 
nur eine Probe kannte und nicht das Buch, geschweige denn 
den Menschen, vorschnell gerühmt. Welche Verschiebungen nebst 
allem andern »des halben Jahres Krieg über die Erde gebracht«, 
mag das Beispiel eines aus der Fackel hervorgegangenen Lyrikere 
zeigen, der, als die Zeit plötzlich groß wurde, an jenem übelsten 
Ort, wo Blut sich mit Druckerschwärze zum Humor verbindet, 
ein Schützengrabengedicht abgelagert hat, worin er beteuerte, 
daß er nichts anderes im Sinn habe, als Wut gegen die >russische 
Kanaille« und Glut auf die >güldene Medaille«, und solchem 
Vorrat von Sehnsucht Rhythmus gab. Später aber hat er das 
Bekenntnis abgelegt: 

. . . Diese »Katakomben« sind endlich das Ereignis, von dem ich 
fürchtete, es könnte ausbleiben. Umso unwahrscheinlicher und grauenhafter 
wirkt es jetzt, daß im Kriege fast alle Geister versagt haben. Nur K. vermochte 



— 23 



es, in 74 Seiten Prosa (>Nachts«) alles zu leisten, was eine Myriade von 
Schriftstellern in einer ganzen Kriegsbibliothek antileistete. Der Krieg 
hat K. nicht gebrochen, im Gegenteil, er hat ihn erst so recht bestätigt, 
begründet, unterstrichen! Ich .... habe das, was er gestaltet, alles mit 
unsäglichsten Gefühlen erlebt und bin fast erstickt an dem Bewußtsein 
meiner S t u m m h e i t, meiner ewigen Stummheit .... Wenn ich irgendetwas 
vom Krieg gelernt haben sollte, so ist es gerade das, was K., da es 
mit ihm geboren war, schon vor dem Kriege wußte .... Ich werde 
meinen Dank geistig bewirken und das, was ich hier sage, jederzeit 
und unter allen Umständen sagen. Es steht fest, außer und über 
aller Wandlung. 

So darf es auch hier gesagt sein. Und nichts wäre erfreuh'clier 
als eine Wandlung bis dorthin, wo man nicht bereuen muß, weil 
man vergaß, daß man sich vergessen konnte. Ich bin der letzte, 
einer Begabung, die sich hinreißen ließ, zu sprechen, was Millionen 
nicht empfinden, noch dann zu mißtrauen, wenn sie wieder den 
Anschluß an ein Gefühl gefunden hat. Von den tausend Anhängern, 
die ich durch die Lockung jenes andern Machtworts losgeworden 
bin, unter dessen Gebot man die Persönlichkeit nicht sein darf, 
die man ehedem nicht sein konn.te, fehlt mir keiner und in 
all dem verwünschten Chaos gibt mir noch der Gedanke Ruhe, daß 
es auch den Verehrern eine Erleichte- ung war, nun zu den Verheerern 
zählen zu müssen, zu können. Aber ich habe kein Recht, den 
nicht zu achten, der zwar durch eine Probe von Selbstverleugnung, 
die ein schlechteres Heldentum ist als das des Schützengrabens, 
zur Kriegslyrik gekommen war, aber dann durch einen Akt 
des Vergessens, der ein besseres Heldentum ist, als das der 
Schützengrabenpoesie, wieder zur Besinnung kam. Nicht zu 
mir, aber zu sich. Denn es würde mir leid tun, nicht glauben 
zu sollen, daß in vier Zeilen, die hier einmal veröffentlicht waren: 
»W.enn der Tag zu Ende gebrannt ist / ist es schwer nach Hause 
zu gehn / wo viermal die starre Wand ist / und die leeren Stühle 
stehn« — mehr Leben und Erlebnis ist als in einem Weltbrand, 
der eben begonnen hat. 



Ein langer Satz, der aber dafür auch alles enthält. Nämlich: 

Eines unter jenen Tinterln, die jetzt Bluterl sind, aber eines, 

das schon im Frieden ein Krafttinterl war, unruhig hin und her 



— 24 



bewegt zwischen dem Herrn Roosevelt (der auch Shaw heißt) und 
trotzalledem mir, an dem es litt wie alle: so daß es mich in einem 
Stil von meinem Stil — und keine größere Strafe gibt es doch als 
meinen Stil in fremder Hand — , mit einer Wutverzerrung meines 
Gesichts in Broschüren beschimpfte, deren Absatz von meinem 
Namen auf dem Titelblatt garantiert, aber nicht durchgesetzt wurde ; 
einer von den vielen, die im Konflikt zwischen dem Erlebnis meiner 
Gegenwart und dem tiefer gefühlten ihrer Unwesenheit aufgewachsen 
sind, aber ein ganzer Mann, weil er außer für mich ja auch noch für 
die Elektrodynamik schwärmte, und dessen Schreiben ein Amoklauf 
war in der Reportage, ein epileptischer Anfall auf mich, ein Krampf- 
husten vom Hin und Her zwischen solchen Sphären; hei, ein frisch 
Zugreifender, dessen geistige Verläßlichkeit meine Abstellung des 
Falles Harden auf die mir neue Tatsache zurückführte, daß er mit 
Bierbaum befreundet war, den ich eben deshalb wieder >Bierbaum- 
bach« nannte, was ich schon zwanzig Jahre vorher tat, und so, oder 
umgekehrt; viel Rotz, jetzt gewaffnet, hat sich gegen mich erhoben, 
mich mit sich selbst beworfen, mich gar zu psychoanalysieren gesucht: 
dieser aber war aus Erz, höchstens daß auch er leider, auch er, schade, 
schade, ein so gesundes Gehirn, sich vorübergehend dazu hinreißen 
ließ, mein Werk aus dem »Inzestmotiv« zu erklären; — mit einem 
Wort, so einer hat jetzt, hei, nebbich, einen Artikel geschrieben, 
>Isonzobibel<, der beginnt schlicht und herb: »Wir sind Frontleute«, 
erhebt — ein männlicher, aber nicht ganz so männlicher Schalek 
— Anspruch auf Heiligerklärung durch die Nachwelt, und beweist 
immerhin, daß wir am Isonzo noch die Geistesgegenwart hatten, an 
S. Fischer Berlin, zu denken, unsern Lieben in der Heimat ; selbstredend 
wird es jetzt ein ganz neues Österreich, bis dahin hatte die Generation 
gelitten, wie die Juden in der Wüste — der Vergleich liegt so nahe, 
daß er fast gar keiner ist — hatten sie Prüfungen zu bestehen, 
die vom akademischen Verband, nämlich außer den Staatsprüfung^en, 
die sie nicht bestanden; wie Pferde im Stall — der Vergleich ist 
schmeichelhaft, denn er ist von mir — nein, wie Automobile in 
der Garage, haben sie ungeduldig gestampft, Taten zu tun waren 
sie gesonnen, fähig und bereit, aber man hat sie nicht gelassen — und 
jetzt, ah, wie das wohltut: jetzt wird das Leben einfach angekurbelt 
werden, siehste so, und es wird gehen, nur daß man früher, um 
zu zeigen, daß man 4 Wochen in Amerika war, also beinahe ein 
Cowboy, bei jeder Gelegenheit, zum Beispiel statt guten Tag 
»allright!< gesagt hat, während man das jetzt nicht mehr darf, 
sondern Gott strafe Amerika sagen wird oder schlicht: m. w., also 
mit einem Wort wie die Juden in der Wüste hatten sie gelitten. 

Aber waren wir nicht weniger wehleidig? Machten wir nicht 
weniger Wesens daraus? Es soll noch geschehen. Wir wollen 
hernach, in den friedlichen Jahren, ein Wesens daraus machen, zum 
ewigen Gedenken und zur Erbauung und Besinnung behaglicherer 
Menschheit. 



— 25 



Da haben wir's. Das ist es, was ich immer befürchtet hatte. 
Die Generation war bescheiden, sie hat sich in Adjektiven aus- 
gelebt, und das rächt sich jetzt. Aber es wird kein prunkender 
Kriegsbericht, sondern nur eine anspruchslose Bibel werden: 

Wir wollen unsere Bibel noch in Demut und Bescheidenheit 
erst schreiben, nicht eine prunkende Geschichte aus dem Ärmel ge- 
schüttelter Siege. . . . Unsern Sieg wollen wir feiern, weil er uns 
instandsetzt, unsere Bibel zu schreiben, unsere Psalmen zu sammeln, 
unsere Choräle zu erheben. . . . Und so wollen wir unsern Sieg feiern 
in einer alltäglichen Sprache und Art. 

Da hat sich schneller als man geahnt hätte eine Gelegenheit 
geboten. Wir sind Frontleute. Frisch vom Isonzo kommt einer 
nach Wien, um das folgende Referat zu übernehmen: 

Der regenerierte Verein für Kunst und Kultur hat es als Nach- 
folger des ehemaligenakademischen Verbandes unternommen, ein nach- 
gerade allgemeines Bedürfnis zu decken und die Genießer- 
solidarität einer gewissen Wiener intellektuellen Schicht 
wiederherzustellen. Der erste Versuch war vielversprechend. Er gelang 
im diskreten Format einer Alfred Grunewald-Vorlesung; Ort: Saal des 
Wissenschaftlichen Klubs: äußerer Umfang: voller Saal. Alfred Grünewald 
kennt man. Vor nicht ganz 10 Jahren wurde er unter der Serie 
jungdeutscher Lyrik mit George und Rilke zugleich genannt. (I) . . . Seine 
Entwicklung .... zeigt . . eine Art dichterischen Gewerbefleißes, die 
Solidarität, die bürgerliche Dämonie, die patriarchisch-legendarische 
Autorität eines Hans Sachs.... Modern und entzückend für den 
Hörer ist der Wörterwille des Dichters, seine schaffigen Bilder 
sind tüchtig und ehrenwert wie Prosaisteneinfall; dies muß zur heutigen 
guten Stunde unserer deutschen Prosa als ein Lob für den Lyriker 
genommen werden ... Sie (die Vorleserin) stilisierte die an und für sich 
melodischeLyrikzurNoch-einmal-Melodie, zu einem zweiten, sehr schlichten 
Gesang, zu sich: zu melodisch für den immerhin männlichen Dichter, 
aber reizend musiziert aus dereigenen streng getonten Seele(der, neben- 
bei, auch das schnittig geschulte Gesicht im Halbdunkel entsprach.)- 
Grünewald selbst als Sprecher in seiner trockenen, verknaxten, stets 
vom Leben erreichten und poetisch deformierten, in seiner 
(wenn bewährt, schön erklingend) steifen Haltung, seiner 
fähigen Stimme, seiner barocken Figurenfreude war eine Nummer. 
>Kunst und Kultur« möge deren mehr erbringen. 

Krieg ist Krieg. 



»Pau| Wegener ist als Filmdarsteller für die Berliner Filmfabrik 
.Union' vef^flichtet worden. Er wird ziemlich zwei Films herstellen^ 
für die er ein verträgliches Honorar von 60.000 iMark erhält. < 

Welch eine Friedenswelt! 



26 — 



Es kommt die Zeit, wo im Hinterland viel geschossen werden 
wird. Aber warum darf man es nicht jetzt schon in Fällen, wo es 
angebracht ist? Zum Beispiel: 

Mk. 100.— Prämie 



für das beste Gedicht I 

Kriegsgedichte! 

Ernst, Humor, Satire, Ironie, Scherz, nur 
selbst verfaßte, aus allen Schichten des 
Volkes gesucht für unser nationales Sam- 
melwerk Deutsch -österreichische >Volks- 
pöesie aus großer Zeit*. (Rücksendung 
der Manuskripte findet nur bei Portobei- 
fügung statt.) Annahme von nur Original- 
gedichten bis 31. März 

Hall & Ackermann, 

Deutscher Literatur-Verlag, Köln a. Rh. 

Antwerpenerstraße 4. 



Es meldeten sich Freiwillige in unübersehbarer Zahl, Sie alle 
"wurden genommen. Und zwar so: 

Deutscher Literatur-Verlag 
Hall & Ackermann 
Baarzahlungen 
werden erbeten auf Reichsbank-Giroconto 

des Barmer Bank-Vereines Köln a. Rh. den 10. April 1916 

Hinsberg, Fischer & Comp., Köln Direktion: Agrippina-Haos 

Herrn .... 

Wien .... 
Anschließend an unsere Karte teilen wir Ihnen mit, daß das von Ihnen 
eingesandte Gedicht »....« in unserem nationalhistorischen Werke 

„>Volks-Poesie aus großer Zeitc 
Band I. aufgenommen wird. Die Prämiierung des besten Gedichtes wird 
bei Drucklegung der Gesamtmanuskripte unter Leitung unseres literarischen 
Mitarbeiters, Herrn Schriftsteller und Nationaldichter Hall 
erfolgen und ist ihr Gedicht unter No. . . bereits mit in die 
eng.ere Wahl gefallen. 

In Anbetracht des einzig und unerreich t dastehenden 
ku turhistorischen Werkes und ganz besonders auf Anregung 
unserer vielen Mitarbeiter, hoher und höchster HÄrschaften 
haben wir, spec. auch um der allgewaltigen großen N aMonalsache 
Rechnung zu tragen, uns entschlossen, im Werk nicht nur die Namen 
der Verfasser und Verfasserinnen, sondern gleichzeitig auch das Bildnis 
derselben mit aufzunehmen, um der Nachwelt ein ganz eigenartiges 



— 27 



Zeitdokumera zu überliefern, um der Jugend der Zukunft im Spiegel 
der Literatur die Größe unserer heutigen Zeit anschaulich 
und lehrreich vor Augen zu führen. 

Da wir mit der Drucklegung in etwa 8 Tagen beginnen, so bitten 
wir, sofern Sie noch Ihr Bild mitherein haben wollen, um 
sofortige Einsendung der Photographie. 

Die Verbildlich ung wird einheitlich gehalten und stellt sich 
der Durchschnitts-Selbstkostenpreis für Klichee etc. auf nur 
Mark 5,80, welcher Betrag uns ebenfalls mit Einsendung des Photos 
zu übersenden wäre, damit wir in der korrekten Zusammen- 
stellung des Ganzen nicht aufgehalten werden. 

Wir bemerken aber hierzu ausdrücklich, daß das Gedicht auch 
ohne Bild aufgenommen wird, mithin die Aufnahme nicht von der 
Verbildlichung abhängt, jedoch möchten wir gerne, da einmal der 
Wunsch angeregt ist, auch demzufolge alles einheitlich gestalten 
und für alle Zeiten etwas schaffen, wie solches auf dem Gebiete 
der Literatur bisher noch nicht herausgebracht wurde. Deshalb 
hoffen wir, daß auch Sie sich den Wünschen Anderer mit der Tat 
anschließen werden. 

Der I. Band des Werkes wird in etwa 4 Wochen erscheinen 
und werden wir unseren Mitarbeitern, zu denen nun auch Sie zählen, 
dasselbe zum Vorzugs-Groß-Buchhändlerpreise überlassen. Der 
genaue Preis kann heute noch nicht angegeben werden, da wir in 
Anbetracht der Prachtbandausführung mit Illustrationen etc. noch nicht 
festlegend kalkulieren können. Jedenfalls wird aber der Preis auf 
Grund der nationalen Sache billig sein. 

Sofern Sie sich nun auch das Werk zulegen wollen, bitten wir 
Sie, da die erste Auflage schon zum größten Teile durch den Buch- 
handel vergriffen ist, uns gleichzeitig mitteilen zu wollen, wieviel 
Exemplare wir evtl. außerdem für Sie reservieren dürfen, da wir 
annehmen, daß Sie doch wohl auch in Ihrem Bekanntenkreise 
einige Werke unterzubringen beabsichtigen. 

Wir sehen Ihren postwendenden Nachrichten und Einsendung 

an unsere Adresse (Büro Agrippina-Haus) entgegen und zeichnen 

hochachtungsvoll 

Deutscher Literatur-Verlag 

Hall & Ackermann 

R. Ackermann 
« « 

* 

>. . . es ist durchsetzt mit einer ins Tragische hinauf gesteigerten 
Ironie; es vibriert hierin manchen Zeilen eine so tiefe, gereizte Bitterkeit, 
daß man wohl annehmen darf, Shakespeare habe hier die eigenste 
schmerzliche Welterfahrung niedergelegt. . . . 

. . . Der hier erreichte Grad von Welthaß und Weltverachtung 
wird den meisten unverständlich bleiben; die tragisch-ironische Verzerrung 
der ganzen Welt ist dem großen Publikum an und für sich kaum 
willkommen. . . . 



28 — 



. . . Die Szenen sind voll lebendigsten Lebens; Menschen-Art 
und Menschen-Unart findet hier einen blanken, mitunter etwas böse, 
immer aber geistreich verzerrenden Spiegel . . . . « 

Das war irgendwo über »Troilus und Cressida« zu lesen. 
Wenn somit der Dichter der Welt zwar etwas böse, aber immerhin 
geistreich mitspielt, so wird ja auch das große Publikum nicht 
mehr böse sein. 



Der Stifter-Biograph, Alois Raimund Hein, schreibt: 

— — — Hätte- ich nicht bereits vor einer Woche nach Berlin 

an Herrn Studienrat Prof. Dr die Absage auf die Einladung 

geschrieben, an dem von ihm und zahlreichen Geheimräten und geheimen 
Hofräien geplanten Werke >Deutsche Dichter und der Krieg« durch Über- 
nahme des Abschnittes >Adalbert Stifter und der Krieg« mitzuwirken, 

so wäre die Darreichung ihrer letzten Fackel'-Nummer die deutlichste, 

überzeugendste und verständlichste Ablehnung der ungeheuerlichen Absicht 
gewesen, Stifter in die blutrünstige Kriegsliteratur unserer arg verblendeten 
Zeit hineinzerren zu wollen. Man kann jetzt nicht scharf genug Vorsicht gegen 
literarische und journalistische Scharfmacher einschärfen. Gott sei 
Dank! Sie tun esl 

Es ist doch kein Tag ohne Überraschung. Hat der Fasching 
der Geister, die sich mit fremdem Blut beschmieren, seinen 
Höhepunkt erreicht? Adalbert Stifter soll mittun! Fragte man so 
einen gebildeten Arrangeur, warum, wozu, weshalb, wieso, er würde 
nur lallen: Na hören Sie mal, erlauben Sie mal, sehn Sie mal, 
bedenken Sie mal, Stifter war doch immerhin 'ne Nummer, und der 
Krieg, das können Sie nicht leugnen, ist doch auch 'ne Nummer, also 
müßte es fesselnd für jeden Gebildeten sein, die Beziehung 
Stifters zum Krieg — na sehn Sie! Und überdies kommt ja im »Hoch- 
wald« sogar der Dreißigjährige Krieg vor! . . . Oder sollte die Frage 
nach dem Kriegsstifter bei dem großen Lärm ein Mißverständnis 
hervorgerufen haben? Oder sollte nebst dem Interesse eines 
Studienrats für den Krieg etwa die Beziehung eines Studienrats zum 
Dichter der »Studien« die Sache aufklären? — Was fängt man 
aber mit den vielen geheimen Räten, die der Krieg übrig lassen 
wird, an? Man hätte sie schon vorher umbringen sollen. Denn 
gäb's keinen geheimen Rat, gäb's keine laute Tat. Aber sollten 
sie, einmal zur Ruhe gewiesen, noch weiter Lust haben, sich an 
Stifter zu vergreifen, so wird auch ein lautes Wort am Platze sein! 



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Briefe Adalbert Stifters 

(herausgegeben von Johannes Aprent. Pest, Verlag von Gustav 
Heckenast, 1869) 

An Gustav Heckenast. 

Linz, am 25. Mai 1848. 

Ich bin ein Mann des Maßes und der 

Freiheit — beides ist jetzt leider gefährdet, und Viele 
meinen, die Freiheit erst recht zu gründen, wenn sie 
nur sehr weit von dem früheren Systeme abgehen, aber 
da kommen sie an das andere Ende der Freiheit. 
Nicht in der Alleingewalt, sondern in der Vertheilung 
liegt sie. Solange die Leidenschaft forthastet und nie genug 
gegen den Gegner gethan zu haben meint, ist meine 
Stimme nicht vernehmlich und sind Gründe nicht 
zugänglich. Deshalb bin ich stumm, bis man Meinungen 

überhaupt sucht, nicht mehr blos Meinungsgenossen 

Betrübend ist die Erscheinung, daß so Viele, welche 
die Freiheit begehrt haben, nun selber von Despoten- 
gelüsten heimgesucht werden; es ist auch im Gange 
der Dinge natürlich; wer den Übermuth Anderer früher 
ertragen mußte, wird, sobald er frei ist, nicht etwa 
gerecht, sondern nur seinerseits übermüthig; das ist der 
'große Unterschied, aus Gehorsam gehorchen 
oder aus Achtung vor dem Gesetze. Die früher 
blos gehorsam waren, die werden nun willkürlich, 
und möchten, daß man ihnen gehorsame; die ihrem 
Innern, eigenen Gesetze Genüge thaten, thun es 
auch jetzt, und sind gerecht. Solche sind Männer der 
Freiheit, die andern müssen es erst werden. Erst, wenn 
die Anzahl Männer, die sich selbst zügeln können und 
die ihnen im Übermaße zuströmende Gewalt als 
Gleichgewicht in irgend eine andere Schale zu legen 



— 30 — 



vermögen, sehr groß wird, ist das Gonstitutionelle 
Leben fertig. Und das ist schwerer, als man denkt. 
Die Edelsten, welche lange Jahre gehorsamt haben, 
kennen nur Gehorsam, und kommen, wenn sie 
selber anzuordnen haben, ins Befehlen statt ins 
Organisiren, so wie Kinder, wenn sie Eltern 
spielen, nur die ihrigen copiren können. 
Durch Überwachung seiner selbst, durch fleißiges 
Studiren der Engländer, die die längste Schule 
haben, und durch Ergründung der Ursachen mancher 
Gleichgewichtsanstalten der Geschichte können wir den 
Lernweg abkürzen, sonst wird er lang, und enthält alle 
Fehler, die unerfahrene Vorgänger schon früher gemacht 
und gebüßt haben. Und es sind schon, meine ich, 
bedeutende Fehler in unserem neuen constitutionellen 
Gebahren vorgefallen. Eine andere für den Menschen- 
beobachter merkwürdige Thatsache kommt auch jetzt 
zum Vorscheine: mancher Ehrenmann ist jetzt plötzlich 
von bösen Leidenschaften und gierigen Gelüsten 
beherrscht — er war nämlich nie ein Ehrenmann, 
sondern seine Triebe waren blos gehemmt, jetzt fühlt 
er den Damm weg, und sie strömen aus. . . . Unter 
Manchen, die ich kannte, sind die sprudelndsten 
Stürmer jetzt die, die früher die Schwächsten 
waren. Sie können eben sich selber nicht widerstehen. 
Das ist der Stoff zu Tyrannen. . . . Möge ein günstiger 
Gott alle unsere deutschen Männer segnen, daß sie 
bei so vielen herrlichen Eigenschaften unserm uralten 
Fehler der Uneinigkeit nicht wieder unterliegen, und 
die Ohnmacht des schönen Landes forterben. Möge 
Europa sich bald in der theils neu errungenen, theils 
schon länger bestandenen Freiheit festigen und ordnen 
— sonst gehen wir bei dem Auftauchen so 
vieler nicht meßbarer Gewalten einer düstern 
Zukunft entgegen. . . . 



— 31 — 

An Joseph Türk. 



Linz. 28. Juni 1848. 



So viele Freunde versprachen mir bei meiner 
Abreise Briefe, und kein einziger hat Wort gehalten. 
Von Dir habe ich einige Zeilen erhalten, die ich beant- 
worten wollte, aber anfänglich nicht dazu kam, und 
dann wartete, bis ich überhaupt mehr zu schreiben 
hätte — allein ich habe nichts zu schreiben, denn 
hier geschieht nichts von Belang, als daß sich 
die Natur mit unermeßlichem Schmuck und, 
Gott sei Dank, auch mit unermeßlichem Ernte- 
segen beladet, aber wer schaut jetzt auf die 
Natur. . . . Möge der Himmel das schöne Land und 
die herrliche Stadt beschützen, daß seine Bewohner, die 
fast den schönsten Schatz von Gemüth und Herz unter 
allen deutschen Stämmen bewahrt haben, auch Rath, 
Weisheit, Mäßigung bewahren, daß sie (auf beiden 
Seiten) die Leidenschaft nicht hören mögen, die hier 
zu Befürchtungen, dort zu Rache anspornt, sondern 
daß sie wie entzweite Freunde anfangen, nicht mehr 
das Böse an einander, sondern das Gute zu sehen, 
und daß so die Einigung, die Versöhnung und als 
schönste Tochter beider, die Kraft, hervorgehe. Selbst 
die Tschechen, die uns aus Verblendung und Ver- 
kennung so schwere Stunden bereiten, und die in 
letzter Zeit eine traurige Erfahrung gemacht 
haben, sollen wir mit Vergessenheit alles Geschehenen 
als Brüder aufnehmen, wenn sie sich uns wieder nähern, 
und von uns die Gewährung aller ihrer Sitten, 
Gewohnheiten, Sprache empfangen, so wie sie 
dem Deutschen, wo er vereinzelt in ihrer Mitte ist, 
nach seiner Art und Weise gewähren lassen sollen. . . . 
Was aber den allergrößten Schaden bringt, sind die 
unreifen Politiker, die in Träumen, Declamationen und 
Phantasien herum irren, und doch so drängen, daß nur 
das Ihrige geschehe. Könnte jeder, der die Sache 
nicht versteht, dies nur auch mit solcher Gewiß- 



32 — 



heit wissen, wie daß er keine Uhr machen kann, 
ufld würde er auch mit so viel Bescheidenheit 
begabt sein, das, was er nicht kann, auch nicht 
machen zu wollen — so wäre uns fast aus 
aller Verlegenheit geholfen. . . . 

An Gustav Heckenast. 

Linz, am 8. September 1848. 

Der Mensch kann nicht leben ohne dem 

sittlich Großen, ja, wenn es ihm entzogen wird, ver- 
langt er darnach mit heftigerem Hunger, als nach jedem 
andern Dinge dieser Erde. Schon jetzt ist eine Ent- 
rüstung über die Schandliteratur unserer Tage 
in allen Gemüthern, und sie verlangen mit Sehnsucht 
wie nach einem Tropfen Quellwasser in der Wüste 
nach dem Edleren. Wenn einmal die Welt im Grimme 
aufstehen wird, um all das Bubenhafte, das in 
unsern äußern Zuständen ist, zu zertrümmern, 
dann wird die geschändete Schönheitsgöttin auch wieder 
mit ihrem reinen Antlitze unter uns wandeln, ja, statt 
der bisherigen blos lieblichen oder naiven Miene wird 
sie das höhere, würdigere und siegesreichere Angesicht 
der wahren Göttin tragen. Geschähe das nicht, so 
wären wir alle ohnehin verloren, und das 
Proletariat würde, wie ein anderer Hunnenzug, 
über den Trümmern der Musen- und Gottheitstempel in 
trauriger Entmenschung prangen. Das ist aber heute 
und im heutigen Europa unmöglich — eher bricht 
die Knute über uns herein. ... 

An Gustav Heckenast. 

Linz, am 6. März 1849. 

Das war ein fürchterliches Jahr! Ich 

habe mich in Bezug der Dinge, die da kommen werden, 
keinen Augenblick getäuscht, als ich nur einmal von 
der Haupttäuschung frei war, nämlich von der, 



33 



von unser n sogenannten gebildeten Leuten etwas 
zu halten. Von da an habe ich fast buchstäblich die 
Ereignisse vorausgesagt, in Linz sind viele Zeugen 
über diese Tatsache, die mich damals ausgelacht haben. 
Den ungarischen Krieg sagte ich am 15. März 1848 
zu Grillparzer voraus (ich glaube, an diesem Tage 
wurden die Separatministerien bewilligt). Ich sagte 
einmal zu Zedlitz : Wenn einmal eineBewegung ausbräche, 
dann behüte uns Gott vor den Journalisten und 
Professoren. Gewiß wird sich Zedlitz dieses Satzes 
jetzt oft erinnern. — Wir hatten eine furchtbare Zeit, 
wo sich die Staatskomödianten im Grenzboten etc. etc. 
recht entwickelten, nur nicht die Staatsmänner, und 
wer ein schlechter Dichter, ein ruinirter Student u. s. w. 
war, wird jetzt Staatsmann. — Das Ideal der Freiheit 
ist auf lange Zeit vernichtet. Wer sittlich frei ist, 
kann es staatlich sein, ja ist es immer, den andern 
können alleMächte der Erde nicht dazu machen. 
Es gibt nur eine Macht, die es kann: Bildung. Darum er- 
zeugte sich in mir eine ordentliche krankhafte Sehnsucht, 
die da sagt: »Lasset die Kleinen zu mir kommen,« denn 
durch die, wenn der Staat ihre Erziehung und Mensch- 
werdung in erleuchtete Hände legt, kann allein die 
Vernunft, die Freiheit gegründet werden, sonst ewig 
nie! — »Unsere Schule wird eben die Übung sein,« 
sagte ein Freund. »Ja« — antwortete ich — »mein 
Knabe muß schwimmen lernen, dazu muß er ins Wasser, 
also werfe ich ihn von der Brücke in die Donau!« Ich 
habe diesen Sommer durch so vieles Schlechte, 
Freche, Unmenschliche und Dumme, das sich 
dreist machte und für Höchstes ausgab, unsäglich 
gelitten.Wasin mir groß,gut,schön und vernünftig 
war, empörte sich, selbst Tod ist süßer, als solch' 
ein Leben, wo Sitte, Heiligkeit, Kunst, Gött- 
liches nichts mehr ist, und jeder Schlamm und 
jede Thierheit, weil jetzt Freiheit ist, ein Recht 
zu haben wähnt, hervorzubrechen; ja, nicht bios 
hervorzubrechen, sondern zu terrorisiren. Das Thier 



34 — 



kennt nicht Vergleich mit dem Gegner, sondern 
nur dessen Vernichtung. Sind diese Menschen frei? 
fragte ich oft. Früher lag der Stein der Polizei auf 
ihren Lastern, jetzt treten dieselben auf, und die 
Besitzer werden von ihnen zerrissen. Sind sie frei? 
Darum gibt es nur das einzige Mittel: »Bildung!« 
Ich habe im Mai, Juni, Juli fleißig in der Geschichte 
zu meiner Erzählung gearbeitet. Später war ich unmächtig. 
Ich habe einmal zu Ihnen gesagt: »Nur Krankheit 
kann mich hindernj« aber Krankheit wäre ein Labsal 
gewesen in Vergleich mit diesen Seelenleiden. Jetzt, wo 
wenigstens äußere Ruhe ist, lebe ich sehr zurückgezogen, 
arbeite sehr viel, und lebe von meiner eigenen, Innern 

Gestalt Viele Menschen in Wien kennen mich, manche 

Stimmen nennen mich, und wenn der Boden so ist, 
daß ein Samenkorn sittliche Früchte bringen kann, 
dann werde ich gewiß redlich dazu arbeiten helfen. 
Daß ich keinen Ehrgeiz habe, so weit werden Sie 
mich kennen (ich hätte sonst wohl schon irgendwo 
zugetappt), aber daß ich einen Thatengeiz hätte, d. h. 
die menschliche Bildung wesentlich fördern möchte, 
das wissen Sie auch. Mein Gott, ich gäbe gerne 
mein Blut her, wenn ich die Menschheit mit 
einem Rucke auf die Stufe sittlicher Schönheit 
heben könnte, auf der ich sie wünschte. Unter 
einem Minister arbeiten, der die Weite und Größe 
rein menschlichen Blickes hätte, der mit einfacher 
Formel die große Menschheit zusammenfaßt, und sie 
als Endziel der einzelnen Strebungen hinstellt, welche 
Seligkeit! Etwa Grillparzer? Er fällt mir immer dabei 
ein. Um einen solchen Mann dann die beigearteten 
Kräfte gruppirt, daß sie ihn begriffen und die Theile 
ausfüllten — welch' ein schönes Bild. Aber dann 
müßte es kein Unterrichtsministerium geben, das immer 
mit den andern abdankt, sondern eine Unterrichts- 
commission (oder dergleichen), die bleibt. Ich habe 
einen ganzen Plan über Volksschulen (Unterricht — 
[Fachschule]) und Erziehung — [Humanitarschule] ins 



35 



Detail ausgearbeitet. Meine jetzige Lage ist sehr 
schlecht, alle Bestrebungen sind im Augenblicke 
unmöglich. ... 

Nach 6 (der „Studien") erhalten Sie zwei oder 
drei Bändchen für Kinder, die Sie bandweise ausgeben 
können, Kinder revolutioniren nicht, und Mütter auch 
nicht, also schauen Sie auf das Werk. . . . 

An Joseph TQrk. 

Linz, am 26. April 1849. 

Ich habe oft Tage, wo mir das Herz 

brechen möchte. Jetzt nimmt man allerlei Anläufe, aber das 
oberste Prinzip steht noch nirgends fest; daß nämlich 
Erziehung die erste und heiligste Pflicht des Staates 
ist; denn darum haben wir ja den Staat, daß wir 
in ihm Menschen seien, und darum muß er uns 
zu Menschen machen, daß er Staatsbürger habe 
und ein Staat sei, keine Strafanstalt, in der man 
immer Kanonen braucht, daß die wilden Thiere 
nicht losbrechen. Man bessert jetzt in den bereits 
bestehenden Anstalten immer herum, als wie wenn 
jemand am Senegal einen eisernen Ofen hätte, der ihm 
in der Regenzeit allemal verdirbt, und den er allemal 
mit neuem Bleche flickt. Ich habe hier manche derlei 
Arbeiten gehabt. Wie war ich dabei traurig. . . . 

An Gustav Heckenast. 

Linz, am 4. September 1849. 

Könnte ich Ihnen nur zum zehnten 

Theile schildern, was ich seit März 1848 gelitten habe. 
Als ich sah, welchen Gang die Dinge nehmen, bemäch- 
tigte sich meiner die tiefste und düsterste Nieder- 
geschlagenheit um die Menschheit, ich folgte den 
Ereignissen mit einer Aufmerksamkeit und Ergriffenheit, 
die ich selber nie an mir vermuthet hatte. Als die 
Unvernunft, der hohle Enthusiasmus, dann die 



— 36 



Schlechtigkeit, die Leerheit, und endlich sogar 
das Verbrechen sich breit machten, und die 
Welt in Besitz nahmen: da brach mir fast buch- 
stäblich das Herz .... 

Die Verhältnisse sehen, und doch die Verwirrung 
und Schlechtigkeit geschehen lassen müssen, ist ein 
Schmerz, der sich kaum beschreiben läßt. Ich habe in 
diesem Jahre Gefühle kennen gelernt, von denen ich 
früher keine Ahnung hatte. Alles Schöne, Große, 
Menschliche war dahin, das Gemüth war zerrüttet, die 
Poesie gewichen. Erst langsam kehren die schönen 
Gestalten wieder zurück, der Fels, der Baum, 
der Himmel beginnen wieder zu sprechen, und 
edle Menschen gibt es ja auch, die man lieben kann, 
und die man mit desto heißerer Liebe liebt, je treuer 
sie geblieben waren, als so viele zu den Schlechten 
abfielen. . . . 

An Gustav Heckenast. 

Linz, am 16. October 1849. 

Ich machte mir den Grundsatz, mich 

zu beherrschen und gerecht und rechtschaffen zu sein, 
nebstbei nie in etwas einzugreifen, von dem mir mein 
Gewissen sagte, daß ich es nicht verstehe, und ließ 
dann die Welt urtheilen, wie sie wollte. Meinten doch 
auch Viele, die Kunst sei dem Ernste und der Größe 
der Zeit gegenüber unbedeutend, und auf viele Jahre 
hin würden sich die Menschen mit dieser Spielerei 
nicht mehr abgeben. Ich sagte darauf, die Kunst sei 
nicht nur höher als alle Welthändel, sondern 
sie sei nebst der Religion das Höchste, und 
ihrer Würde und ihrer Größe gegenüber seien 
die eben laufenden Dinge nur thörichte Rauf- 
händel; wenn die Menschen nicht alles Selbstgefühles 
bar geworden sind, werden sie sich bald von dem 
trüben und unreinen Strudel abwenden, und wieder 
die stille, einfache, aber heilige und sittliche Göttin 



37 — 



anbeten. Und siehe, so ist es. Ja, des iiohlen und 
öden Phrasenthums müde und ekel, werden sie das- 
selbe jetzt auch in der Kunst erkennen, wenn es auf- 
tritt, werden es verschmähen, und es steht daher diesem 
schönsten irdischen Dinge der Menschen eine Reinigung 
bevor. Die Revolution ist sogar aus dem Phrasenthume 
der Afteriiteratur hervorgegangen. Ich habe Briefe aus 
der Gegenwart zu schreiben begonnen, sie sollten in die 
Allgemeine Zeitung kommen, aber ich that^es nicht. In 
denselben wird die Revolution aus der Hohlheit 
unserer Sitten und Literatur hergeleitet. Vielleicht 
wäre in Kurzem die Zeit, wo eine solche ruhige, 
philosophische Entwicklung Anklang fände. 

Seien Sie getrost und heiter, wir wollen sehr 
thätig sein, und Gott wird helfen. Vertrauen Sie mir, 
meine Kräfte sind aus dem Sturme der Zeiten 
fester hervorgegangen, als sie früher waren, wie 
man nach einer Krankheit oft gesünder ist, als vorher 

An Louise Baronesse von Eichendorf. 

Linz, am 23. März 1852. 

Ich habe, wie ich in der Vorrede zu 

den Studien sagte, nie auf Schriftsteller- oder Dichterruhm 
Anspruch gemacht ; Ruhm ist etwas so Eitles und Kurz- 
dauerndes, daß das Streben darnach nur einem nieder- 
stehenden Geiste zukommt, und ein Dichter (ich meine 
ein echter, ein hoher Priester der Menschheit) ist wieder 
etwas so Erhabenes, daß ich beides nicht anstrebe: aber 
guten Menschen eine gute Stunde zu bereiten, Gefühle 
und Ansichten, die ich für hohe halte, mitzutheilen, 
an edleren Menschen zu erproben, ob diese Gefühle 
wirklich hohe sind, und das Reich des Reinen, Ein- 
fachen, Schönen, das nicht nur häufig aus der Literatur, 
sondern auch aus dem Leben zu verschwinden droht, 
auszubreiten und in einer nicht ganz unschönen Ge- 
stalt vor die Leser treten zu lassen, das war und ist 
das Streben meiner Schriften. Daher ist es mir immer 



38 



eine große Freude, wenn ich an höheren Menschen 
wahrnehme, daß ich in meinem Streben nicht ganz 
geirrt habe, und ein schönes Gefühl, ein heiteres 
Lächeln, eine sittliche Freude, die mir entgegen kommt, 
und sich als Frucht meiner Schriften ankündigt, ist 
meinem Herzen weit wohlthuender, als alle gelehrten 
und lobspendenden Kritiken. Namentlich freut mich 
die Wirkung an einfachen, ungekünstelten Gemüthern, 
denn sie stehen der Natur näher, und an die reine 
Natur wollte ich mich wenden. Mit Menschen mensch- 
lich sein, mit Höheren das Höhere lieben, an Gottes 
Schöpfung sich freuen, die festgegründete Erde nicht 
verachten, sich einem piaktischen Handeln hingeben, 
es nicht verachten, wie Maria in den »Schwestern« 
selbst Gemüse zu pflanzen und Gartenbeete zu düngen 
und doch ein höherer, opferfreudiger Mensch zu sein, 
endlich mit fühlenden, geistigen Menschen gleichsam 
einen unsichtbaren Umgang zu haben, das war un- 
gefähr die Grundlage meiner Schriften. 

Sie haben mir so lieb und dankbar geschrieben, 
daß mir Ihr Brief theuer ist, und wenn ich Ihnen einen 
Theil Zufriedenheit wieder gegeben habe, wenn ich das 
vielleicht an andern Menschen auch noch zu thun ver- 
mag, so ist ja das ein Lohn, der weit das Verdienst 
meiller anspruchlosen Bücher übersteigt, und ich kann 
Gott nicht genug danken, daß er mir ins Herz ge- 
geben hat, die Feder zu nehmen, und Dinge nieder- 
zuschreiben, wie sie mir ungefähr im Gemüthe waren. 
Ich habe kein Verdienst an meinen Arbeiten, ich habe 
nichts gemacht, ich habe nur das Vorhandene aus- 
geplaudert. Von Kindheit an mit einem gesunden 
Körper ausgestattet, schloß ich mich mit Freude an 
alle Naturdinge, liebte an Menschen die Äußerungen 
unverdorbenen Gemüthes, liebte überhaupt die 
Menschen, war (bis 1848 wenigstens) heiter 
wie die antiken Völker — und diese Dinge 
mochten auch in meine Schriften gekommen sein. . . . 



39 — 



An einen alten Lehrer 

(Henricus Stephanus Sedlmayer) 



Da neulich sah ich wie in der Jugendzeit 
Dich weißen Hauptes, irgendwohin den Blick 
Gerichtet nach einer Vokabel, 

Welche ein Schüler verloren hatte. 

Ein andrer mußte, nicht auf den Ruf gefaßt, 
Eh er sich fassen konnte, sie fassen schon, 
Und war auch er es nicht imstande. 
Nanntest du es eine Seelenroheit. 

Von strenger Milde war dieser Unterricht. 
Du guter Lehrer hattest den Schüler gern. 
Doch näher deinem reinen Herzen 

Lag wohl das Wohl eines armen Wortes. 

Latein und Deutsch : du hast sie mir beigebracht 
Doch dank ich Deutsch dir, weil ich Latein gelernt. 
Wie wurde deutsch mir, als ich deinen 
Lieben Ovidius lesen konnte! 

Denn jenes wahrlich machte mir Schwierigkeit. 
Mir fehlten Worte, und es gelang mir nicht, 
Den Frühling, den ich erst erlebte. 
In einem Aufsatz auch zu beschreiben. 

Ovid ja selber hätte es nicht vermocht. 
Und Goethe länger als eine Stund gebraucht — 
Wie sollte es ein Schulbub treffen, 

Wenn er nicht grade ein Journalist war? 



40 — 



Du guter Lehrer wußtest das nur zu gut. 
Du übtest Nachsicht und weil ich in Latein 
Doch vorzüglich bestanden hatte, 

Gabst du in Deutsch mir nicht nichtgenügend. 

So kam ich durch und besserte später mich, 
Weil ich es fühlte, daß ich dir schuldig war, 
Im deutschen Aufsatz nach der Schule 
Deinen Erwartungen zu entsprechen. 

Hätt' ich schon damals gleich zwischen acht und neun 
So Deutsch geschrieben, wie zwischen zehn und elf 
Latein ich las, war' diese Ode 

Diese horazische nicht entstanden. 

Nimm diese Fleißaufgabe als Jugendgruß. 
Denn du stehst milde heute wie einst vor mir. 
In Bild und Wort bist du mir nahe. 
Als ob ich heute noch vor dir säße. 

Ich sehe dich, wie du mit der feinen Hand 
Die Stirn dir streichst, die sorgende, als ob du 
Ein krankes Wort betreuen müßtest — 
Heilige Pflicht vor profanen Zeugen. 

Schneeweiß wie damals, neigend den Kopf, doch hoch 
Den Sinn wie damals, traf ich dich auf dem Weg 
Zur Schule neulich und es war mir. 
Daß ich mit dir in die Schule ginge. 

Wohin verlor sich, sag mir, dein Altersblick, 
Mir unverloren? Lehrest du immer noch 
Verlorner Gegenwart die Sprache? 
Folg mir und lasse die Klasse fallen! 



— 41 — 



Gruß an Bahr und Hofmannsthal 



Qruß an Hofmannsthal 

Ich weiß nur, daß Sie in Waffen sind, lieber Hugo, 
doch niemand kann mir sagen, wo. So will ich Ihnen durch die 
Zeitung schreiben. Vielleicht weht's der liebe Wind an Ihr 
Wachtfeuer und grüßt Sie schön von mir. 

Mir fällt ein, daß wir uns eigentlich niemals näher waren, 
als da Sie Ihr Jahr bei den Dragonern machten. Erinnern Sie sich noch ? Sie 
holten mich gern abends ab und wir gingen zusammen und ich weiß 
noch, wie seltsam es mir oft war, wenn wir im Gespräch immer höher 
in die Höhe stiegen, über alle Höhen uns verstiegen, und dann mein 
Blick, zurückkehrend, wieder auf Ihre Uniform fiel; sie paßte nicht recht zu 
den gar nicht uniformen Gedanken. Im Oktober werden's zwanzig Jahre I Seit- 
dem ist man >berühmt< geworden, es hat uns an nichts gefehlt, aber 
wer wagt zu sagen, daß diese zwanzig Jahre gut für uns waren? Wie sind 
sie jetzt plötzlich so blaß geworden in diesem heiligen 
Augenblickl Es war eine Zeit der Trennung, der Entfernung, der 
Vereinsamung; jeder ging vom anderen weg, jeder stand für sich, nur 
für sich allein, da froren wir. Jetzt hat es uns wieder zusammen- 
geblasen, alle stehen für einander, da haben wir warm. Jeder 
Deutsche, daheim oder im Feld, trägt jetzt die Uniform. 
Das ist das ungeheure Glück dieses Augenblicks. Mög es uns 
Gott erhaltenl 

Und nun ist auf einmal auch alles weg, was uns zur Seite trieb. 
Nun sind wir alle wieder auf der einen großen deutschen Straße. Es ist 
der alte Weg, den schon das Nibelungenlied ging, und 
Minnesang und Meistergesang, unsere Mystik und unser deutsches 
Barock, Klopstock und Herder, Goethe und Schiller, Kant und Fichte, 
Bach, Beethoven und Wagner. Dann aber hatten wir uns vergangen, auf 
manchen Pfad ins Verzwickte, Jetzt hat uns das grorße Schicksal wieder 
auf den rechten Weggebracht. Das wollen wir uns aber verdienen. 

Glückauf, lieber Leutnant. Ich weiß, Sie sind froh. 
Sie fühlen das Glück, dabei zu sein. Es gibt kein größeres. 
Und das wollen wir uns jetzt merken für alle Zeit: es gilt, 
dabei zu sein. Und wollen dafür sorgen, daß wir hinfort immer 
etwas haben sollen, wobei man sein kann. Dann wären wir am 
Ziel des deutschen Wegs, und Minnesang und Meistersang, Herr Walter 
von der Vogelweide und Hans Sachs, Eckhart und Tauler, Mystik und 
Barock, Klopstock und Herder, Goethe und Schiller, Kant und Fichte, 
Beethoven und Wagner wären dann erfüllt. Und das hat unserem armen 
Geschlecht der große Gott beschert! 



— 42 



Nun müßt ihr aber doch bald in Warschau seini Da 
gehen Sie nur gleich auf unser Konsulat und fragen nach, 
ob der österreichisch-ungarische Generalkonsul noch dort 
ist: Leopold Andrian. Das ist nun auch gerade zwanzig Jahre her, 
daß Andrian den »Garten der Erkenntnis« schrieb, diese stärkste Ver- 
heißung. Er wird sie schon noch halten, mir ist nicht bang: ein Buch 
mit zwanzig, eins mit vierzig, eins mit sechzig Jahren, weiter nichts, in 
jedem aber volle zwanzig Jahre drin, dann wird er der Dichter der drei 
Bücher sein, das ist auch ganz genug. Und wenn ihr so ver- 
gnügt beisammen seid, und während draußen dieTrommeln 
schlagen, der Poldi durchs Zimmer stapft und mit seiner 
heißen dunklen Stimme Baudelaire deklamiert, vergeßt mich 
nicht, ich denk an euchl 

Es geht euch ja so gut, und es muß einem ja da doch 

auch schrecklich viel einfallen, nicht? 

Auf Wiedersehen I 

Bayreuth, 16. August 1914. 

Hermann Bahr. 

Heute kann's ja doch endlich zugestellt und ohne Verletzung 
des Briefgeheimnisses verbreitet werden. Heute muß ja der Humor 
dieser brieflichen Feuertaufe von durchschlagendem Effekt sein. 
Denn damals, als das Grauen noch eine Sensation war und man 
noch aufhorchte, wenn Mörser losgingen, ist die Wirkung verpufft. 
Und doch war dieses Schreiben des damals national, jetzt katholisch 
spekulierenden Literaturfilous, das ihn zugleich von der Seite jener 
Dummheit zeigte, die das aussichtsvollste Geschäft verderben 
kann, — und doch war es damals, ernsthaft, in den Zeitungen ver- 
öffentlicht, bei uns und in Berlin, und wurde von dem Meister 
noch in ein Buch, das er »Kriegssegen« nannte, aufgenommen. 
Das Glück, dabei zu sein, wurde von diesem Hermann Bahr allerdings 
zu einer Zeit empfunden, wo die Kriegsleistungspflicht noch nicht 
auf die 50- bis 55 jährigen ausgedehnt war. Aber schließlich, wer 
hätte denn je gefürchtet, daß man auf Herrn Bahrs Dienste 
reflektieren würde, solange die Charge eines Kriegshanswurstes 
eine freiwillige und noch nicht systemisiert ist? Er ist darum noch 
kein Soldat, weil er den Kriegsausbruch einen »heiligen Augen- 
blick« nennt, wie er darum noch kein Heiliger ist, weil er einen 
katholischen Roman geschrieben und ihn »Himmelfahrt« genannt hat. 
Es handelt sich indes nicht um sein Wohl und Wehe, von dem man 
überzeugt sein kann, daß er es in den Dienst jeder guten Sache stellen 
würde, die gerade aktuell ist, da er ja überall unabkömmlich ist und 



43 



nie daran dächte, sich anders als auf die bisherige Art reklamieren 
zu lassen. Es handelt sich vielmehr um die Einziehung des Herrn 
V. Hofmannsthal in die kriegerische Sphäre, die hier auf eine 
in der Geschichte der Mobilisierungen noch nicht erhörte Weise 
besorgt wird. Was die Verhältnisse der Wirklichkeit anlangt, in 
der Herr v. Hofmannsthal lebt und in der er, wenn schon nicht 
mit seinem Ruhme, so doch mit seiner Gesundheit den Weltkrieg 
überleben wird, so läßt sich nur sagen, daß es keine privatere 
Angelegenheit auf dieser blutigen Erde geben könnte als die Frage, 
ob einer mit größerer oder geringerer Begeisterung dabei ist, wo 
er dabei sein muß ; daß es die letzte Privatangelegenheit ist, die der 
heutige Mensch hat; und daß es höchstens Sache des Staates, nie 
aber des Mitmenschen sein darf, der Kreatur den ungestörten Genuß 
des Erdenglücks zu mißgönnen. Aber die völlige Schamlosigkeit, 
mit der in diesem Fall auf publizistischem Wege die Gewißheit 
verbreitet wurde, daß der Herr von Hofmannsthal »in Waffen« 
sei und irgendwo — wer weiß wo - an einem Wachtfeuer sitze, 
an das der »Wind« den Gruß des Altmeisters, des daheim 
sitzenden, leidernicht mehr mitkönnenden, wehen möge — bitte, wehen 
möge! — nur dieser übertriebene Optimismus fordert zu der tat- 
sächlichen Feststellung heraus, daß selbst im Krieg, der bekanntlich 
Krieg ist, auf die postalischen Verbindungen mehr Verlaß ist als auf 
den Wind. Denn die Post kann, wenn es ihr auch noch so schwer 
gemacht wird, immerhin findig sein, während der Wind ein 
von Natur schwanker Geselle ist, ehrgeizlos und ein Blatt 
öfter auf einen Misthaufen wehend, als Mist zu einem Wacht- 
feuer, an dem ein vaterländischer Dichter, wenn er gerade nichts 
zu singen und zu sagen hat, der Lieben in der Heimat gedenkt, 
welche jetzt Briefe an ihn schreiben mögen, die ihn nicht erreichen. 
Aber auf die Post kann man, wenn sich nicht die Zensur ins Mittel 
legt, Häuser bauen, die sie dann eins nach dem andern abläuft, 
bis sie den Adressaten gefunden hat, und der Briefträger hätte dem 
Herrn Bahr, der sich einmal beklagt hat, daß ihm die Briefe der 
Cosima Wagner nicht zugestellt werden, während die von Gabor 
Steiner ankamen, triumphierend beweisen können, daß er den Leutnant 
Hofmannsthal gefunden habe, gleich beim Ausbruch des Weltkriegs 
und die ganze große Zeit hindurch, an einem Wachtfeuer, das im 
Kriegsfürsorgeamt brennt und wo die Meinung des Herrn Bahr, 



44 



daß man dort warm habe und alle für einander stehen, 
durchaus zutrifft. Wer weiß wo: ehedem der schwermütige Refrain 
eines Soldatenliedes, ist in diesem Fall nicht einmal ein Post- 
vermerk, da es sich keineswegs um die Feldpost handelt, deren 
Arbeit selbst bei zustellbaren Briefen immerhin durch die Truppen- 
bewegungen erschwert wird. Denn es ist einfach nicht wahr, daß 
es je eine Zeit gab und wäre sie noch so groß gewesen, da 
niemand sagen konnte, wo Herr v. Hofmannsthal, und hätte er 
selbst in Waffen gestarrt, sich aufhalte. Er hat vor zwanzig Jahren 
als Dragoner Herrn Bahr begleitet; er wäre, da er in solcher 
Eigenschaft den Weltkrieg keineswegs begleitet hat, von Herrn Bahr zu 
finden gewesen. Diesem ist nur eingefallen, »daß sie sich eigentlich 
niemals näher waren«, als damals. Aber es hätte ihm eigentlich einfallen 
können, daß sie sich jetzt noch näher sind. Zum Beispiel dem 
Setzer, der diesen meinen Gruß gesetzt hat, ist es gleich beim 
Anblick des Bahr'schen Grußes, wiewohl der ihm schon 
gedruckt vorlag, eingefallen, und er hat die Stelle, wo es von 
jenen zwanzig Jahren heißt, daß »sie« so blaß geworden seien, 
irrtümlich für einen Druckfehler gehalten und richtig so 
gesetzt: »Wie sind Sie jetzt plötzlich so blaß geworden in 
diesem heiligen Augenblick!« Und er hat ein Übriges getan: er 
hat die Stelle, wo Herr Bahr von dem Glück, dabei zu sein, spricht, 
von dem ungeheuren Glück des Augenblicks: »Mög es uns Gott 
erhalten!«, er hat auch diese für einen Druckfehler angesehen und 
als ein gründlicher Kenner derwahren Seelenbeschaffenheit der beiden 
Herren die Worte hingesetzt: »Möge uns Gott erhalten !« Warum auch 
nicht? Es hat ja den beiden Herren durch all die zwanzig Jahre »an 
nichts gefehlt«, sie hatten sich so viel verdient, nun wollen sie sich 
auch noch das Glück des Augenblicks verdienen und einen Schluß 
auf Heroismus machen, wenn die Geschäftsspesen nicht allzu groß 
sind, Gott möge sie erhalten. Gott weiß, wie es der Setzer weiß, 
wie es der Briefträger und alle Welt weiß: wo Herr v. Hofmanns- 
thal jenes Glück, von dem Herr Bahr behauptet, daß es kein 
größeres gibt, tatsächlich erlebt hat. Nur Herr v. Hofmannsthal 
selbst hat gezögert, es zu sagen; und da er die Bescheidenheit 
hatte, den offenen Brief des Mentors nicht auf der Stelle 
offen zu beantworten und nicht in jenen Zeitungen, die ihn 
gedruckt hatten, zu erklären, er sei zwar noch nicht in Warschau, 



— 45 - 



werde aber in Wien bleiben, weil er nicht mehr in Rodaun 
sein könne — so ist es erlaubt, an seiner Statt nachträglich 
die Berichtigung vorzunehmen. Dem rapiden Sturmlauf der Ent- 
wicklung vom Nibelungenlied über Herrn Walther von der Vogel- 
weide, Mystik und Barock, Klopstock, Kant, Schiller, Beethoven bis zu 
der Erwartung: »Nun müßt ihr aber doch bald in Warschau sein!<, 
will ich mich dabei nicht hinderlich in den Weg stellen, da ja der Weg 
zweifellos der »rechte« ist. Indes, der Aufgeber des verloren gegange- 
nen, aber viel gelesenen Briefes, der Autor dieses von der eigenen 
Windigkeit verwehten Bekenntnisses, dürfte längst wissen, daß 
am 16. August 1914 oder in den folgenden Tagen die Öster- 
reicher im Allgemeinen noch nicht in Warschau waren, daß 
speziell aber der Leutnant Hofmannsthal überhaupt nie so weit 
vorgedrungen ist, wenn ihm nicht etwa nach der Einnahme 
dieser Festung Gelegenheit geboten war, mit Liebesgaben- 
paketen oder in sonst einer honorigen Mission des Kriegsfürsorge- 
amtes dortsei bst zu erscheinen. Was nun vollends die andere Erwartung 
des Herrn Bahr anlangt, Hofmannsthal werde, sobald er mit der öster- 
reichischen Armee seinen Einzug in Warschau halte, die Gelegenheit 
benützen, den dortigen österreichischen Generalkonsul aufzusuchen, 
so gehört sie so sehr in den Bereich jener Vorstellungen, die der 
kleine Moriz vom Kriege hat und die keineswegs zu verwechseln 
sind mit den Vorstellungen des großen Moriz, die wir tagtäglich 
im Leitartikel mitmachen, daß man sich wundern muß, wie die 
Setzer, die es das erstemal zum Druck brachten, die Setzer 
des Herrn Bahr, doch zweifellos von Gelächter geschüttelt, keinen 
Mißgriff gemacht haben. Ich habe, wie schon erwähnt, die 
meinen vor Ausschreitungen bewahren müssen. Denn mit den Setzern 
ist nicht zu spaßen, wenn sie einmal etwas Spaßiges in 
die Arbeit kriegen; da ist ihnen kein Augenblick heilig. Daß 
aber die Leser, ergriffen von dem Vorbild der Treue im 
Hinterland, wo auch der alternde Dichter seiner Lieben im 
Felde gedenkt, nicht gelacht haben, ist begreiflich. Was könnte 
man ihnen, die zu jedem vaterländischen Opfer des Intellekts 
bereit sind, in einem heiligen Augenblick nicht alles zumuten! 
Herr Bahr aber, der ja auch damals schon mehr als 50 Jahre alt 
war, also in einem Alter stand, das ihn zum Waffendienst wie 
zum Ammenmärchen in gleicher Weise untauglich macht, war 



— 46 — 



ernstlich der Meinung, daß der müde Sieger Hofmannsthal gleich 
beim Einmarsch und ehe er sich noch im Hotel die Hände vom 
Blut gereinigt hat, aufs Konsulat gehen werde, das an einem 
Tage, wo österreichische Truppen einziehen, natürlich noch nach 
zwei Uhr offen hat, und dort fragen werde, ob der Poldi, nämlich 
der Generalkonsul, da sei oder zufällig außer Haus. Denn es 
versteht sich von selbst, daß ein österreichischer Generalkonsul 
in einer russischen Festung bei Ausbruch eines Krieges nicht 
davonläuft, sich aber andererseits auch nicht fangen läßt, sondern 
auf seinem Posten ausharrt, bis die braven Österreicher kommen, 
die Eigenen, zu deren Empfang er natürlich anwesend ist, 
nicht etwa nur aus Gründen der Repräsentation, sondern auch, 
um den einziehenden Truppen das im Krieg notwendige Paß-Visum 
zu erteilen. Fragt sich höchstens, ob noch der Poldi — Herr Bahr 
scheint darüber nicht informiert — das Amt hat, das er vielleicht 
schon an den Rudi abgetreten hat, während er selbst in Moskau 
amtiert, wo er vorläufig noch auf die österreichische Armee warten 
muß. Vielleicht ist aber der Poldi noch in Warschau. Wenn ja, wird er 
zweifellos zur Feier des Tages, »und während draußen die Trommeln 
schlagen«, nicht nur in vergnügtem Beisammensein mit seinem 
Gast aus Wien, mit dem Hugerl, des gemeinsamen Gönners in der 
Heimat gedenken, sondern auch, durchs Konsulat stapfend, Baudelaire 
deklamieren, wie einst im Mai. Beiden aber, dem Generalkonsul und 
dem Eroberer Warschaus wird »schrecklich viel einfallen«, mehr 
noch als dem Bahr, dem es die Zeitungen in Wien und Berlin 
gedruckt haben. Nein, die Druckereien sind nicht geborsten vor 
Heiterkeit, denn sie waren sich der Wichtigkeit ihrer Mission 
bewußt, die sonst unbestellbare Botschaft an Leutnant Hofmanns- 
thal weiterzugeben, der am Wachtfeuer wohl selten einen Brief, aber 
immer pünktlich seine Zeitung bekommt. Sie sind ja dazu da, den 
Wind zu machen statt des Windes, wiewohl selbst sie nicht ver- 
hindern können, daß, wenn künftig einmal ein rechtschaffener 
Wind Mist heranwehen sollte, ich glauben werde, es sei ein 
schöner Gruß vom Hermann Bahr. . . . Nun müßte man allerdings 
meinen, daß ein Mensch, dem das aus der Feder geflossen ist, 
auf Lebenszeit verhindert wäre, eine »Himmelfahrt« niit Erfolg 
auf den Markt zu bringen, weil es ja doch unmöglich sei, daß 
sich die Leser je noch von einem solchen Salzburger etwas 



47 



erzählen lassen werden. Denn wenn es bekannt ist, daß es keine hyper- 
trophischeren Formen in der Welt der Erscheinungen geben kann 
als einen Christen, der ein Schmock, und einen Juden, der dumm l 
ist, so könnte eine Verbindung dieser verschiedenen Eigen- 
schaften und Zustände nicht eben das Ragout sein, das die Fein- 
schmecker in der Belletristik vertragen. Aber was vertragen 
sie nicht! Wenn sich ein Herrgottsschwindler in einem Feldpost- 
brief, den er in Wien durch einen Dienstmann abgeben könnte, 
nur auf Eckhart und Tauler beruft, so glauben sie ihm sogar 
die Mystik; und wenn ein ausgewitzter Literaturschieber von einem 
heiligen Augenblick sprach und sich als sterbender Atting- 
hausen noch einmal aufrichtete, um den Krieg zu segnen und 
die beiden Jünger, die an ihm auf so exponiertem Posten teil- 
nehmen, mit der Bitte zu entlassen, ihn, während sie Baudelaire 
singend in den Tod ziehen, nicht zu vergessen, da stand wohl in 
manchem Auge eine Träne. Hätten wir unberufen die Einbildungs- 
kraft des größten Moriz, so »möchten wir uns das Gesicht des Herrn 
Hofmannsthal vorstellen«, wenn er dem alten Mystiker zum erstenmal 
wieder auf einem Jour bei Schlesingers begegnet und wenn der die 
Frage stellt, wie sich das damals in Warschau gemacht habe. Aber die 
beiden Herren, der Grüßer und der Gegrüßte, müssen sich irgend- 
wie auf den Schlachtenruhm geeinigt haben, denn das Buch, in 
dem der Brief steht, ist im Handel geblieben und gewiß sind sie 
einverständlich zu dem Entschluß gekommen, es in dieser großen Zeit 
nicht einstampfen zulassen. Mindestensistnicht bekanntgeworden, daß 
Herr v. Hof mannsthal aus Wien einen Feldpostbrief nach Salzburg, das 
doch immerhin zum weiteren Kriegsgebiet gehört, geschrieben hat, des 
Inhalts: »Lieber Bahr, machen Sie sich meinetwegen keine Sorgen. 
Weit entfernt, in Warschau zu sein, bin ich in Wien, ich bin 
gesund und arbeite an einem »Prinzen Eugen«. Ob ich das Glück 
fühle, dabei zu sein ? Ob ich es fühle ! » Ich weiß, Sie sind froh «, schreiben 
Sie. Wie Sie das erraten haben, Sie Kenner. Ob ich froh bin ! Mir 
fällt schrecklich viel ein, zum Beispiel, daß wir uns eigentlich 
niemals näher waren als jetzt. Ich meine das nicht im lokalen 
Sinne, denn Sie sind in Salzburg; sondern im Punkt der Gesinnung. 
Sie können sich noch erinnern, wie ich Dragoner war. Sehen Sie, es 
ist das einzige, was ich ganz vergessen hatte. Ja, Sie haben recht.' 
Wie sagt doch Baudelaire: Was wir vor zwanzig Jahr'n für zwei 



— 48 — 



Hallodri war'n ! Sonst hat sich wenig verändert. Was den Poldi anlangt, 
an dessen Stimme Sie sich seit damals dunkel erinnern, so kann 
ich Ihnen mitteilen, daß auch bei ihm sich wenig verändert 
hat, es wäre denn, daß die Umstände schon zu der Zeit, wo ich 
nicht vor Warschau stand, ihn verhindert haben, dort General- 
konsul zu sein. Ich hätte ihn also nicht getroffen; gut, daß ich 
nicht dort war. Das Buch, das er mit vierzig Jahren hätte schreiben 
sollen, ist noch nicht erschienen, und zu dem mit sechzig, sagt 
er, hat er noch Zeit. Tatsächlich aber hat er neulich, während draußen 
die Burgmusik spielte, Baudelaire deklamiert, um Ihre Illusionen, 
Sie lieber Phantast, nicht ganz zu enttäuschen. Er hat durch- 
gehalten. Die Zeit ist ernst; die Stimmung zuversichtlich. In diesem 
Sinne grüße ich Sie.« So ungefähr hätte Herr v. Hofmannsthal 
sich aussprechen sollen, ohne gezwungen zu sein, auch nur anzu- 
deuten, daß er im Krieg eine Tätigkeit ausübe, mit der verglichen 
die im Kriegsarchiv auf der Mariahilferstraße gefahrvoll ist, von 
denHelden derKriegsberichterstattungnichtzureden, die doch oftden 
Rauch der Kaffeehäuser im engeren Kriegsgebiete zu schlucken kriegen, 
und ganz zu schweigen von manch einer draufgängerischen Kollegin, 
die eben dort, wo Männer auf Eroberungen ausgehen, am liebsten auch 
die Hände nicht in den Schoß gelegt hätte. Die Dienstleistung aber, 
die Herr v. Hofmannsthal erwählt hat, bietet dafür den Vorteil, daß 
sie den Funktionär in einem angenehmen Inkognito erhält, dem 
zwar kein Lorbeer blüht, das aber den Glauben, er stehe vor Warschau, 
weder hervorruft noch ausdrücklich in Abrede stellt. Hätte Herr 
v. Hofmannsthal der Gnade des Schicksals oder wie die Protektion 
heißen mag, die ihn unsichtbar gemacht hat, sich durch den Vorsatz 
würdig gezeigt, auf Kriegsdauer auch unhörbar zu sein, so hätte 
ich gern davon Abstand genommen, die Verlegenheit, in die ihn 
der taktlose Gruß des Herrn Bahr gebracht hat, zu vergrößern. 
Niemand hätte ihm vorgeworfen, daß er, der doch einst als Dragoner 
sein Jahr an der Seite des Bahr absolviert hat, das Glück, dabei zu 
sein, in einer ziemlich versteckten Filiale des Kriegs verspiele. Er 
hätte nichts zu tun gebraucht, als den gewagten Ausspruch, 
mit dem er seine > Österreichische Bibliothek« eingeleitet hat: »Es 
ist etwas Stummes um Österreich«, für seine Person wfihr zu 
'machen. Er hätte nichts zu tun gehabt, als zu schweigen, in einer 
Zeit, in der manche >nichtgediente« Kollegen, die zum Wort eine, 



41) 



wenn auch nicht so erlesene, so doch tiefere Beziehung haben als er, 
es der Tat, zu der sie nicht geboren wurden, opfern mußten! In dem 
Augenblick, als er Musenalmanache auf das Jahr 1916 herausgab, 
schwarz-gelbe Büchel aussteckte und die unleugbare Popularität des 
Prinz Eugen-Marsches für literarische Zwecke zu fruktifizieren begann, 
war jede Diskretion über die weite Entfernung, in der sich seine 
einwandfreieGesinnungvondem ihr ^gemessenen Schauplatzaufhält, 
überflüssig. In dem Augenblick, als er hervortrat, war es klar, daß 
er nicht in Warschau sei. Er mußte es nicht mehr dementieren. 
Er konnte die Theaternotizen, in denen von seinem Abmarsch an 
die Front berichtet wurde, unwidersprochen lassen. Er konnte die Ehre, 
die ihm durch das Manifest des Bahr angetan wurde, auf sich 
sitzen lassen! Jeder wußte es und konnte ihm ins Gesicht sagen, 
daß er in Wien sei, und an diesem Zustand ist nichts unstatthaft 
als der volle Mund einer Kriegsfürsorge, die anderen den Krieg 
besorgen möchte und sich selbst mit der Literatur zufrieden gibt. 
Denn da möchte ich doch bitten: wenn einer bei Kriegsaus- 
bruch im Vorzimmer einer Wohltätigkeitsanstalt gesehen wurde, 
von des Gedankens Blässe angekränkelt, wenn einer in einem 
heiligen Augenblick so verfallen aussah, wie zwanzig Jahre in der 
Erinnerung, so hat er auf Kriegsdauer jede Annäherung an den 
Prinzen Eugen zu unterlassen; wiewohl dieser auch wenig Freude 
an dem Weltkrieg gehabt hätte, aber selbst heute und trotz dem 
Bündnis mit der Türkei das mit der Brücken nicht so gemeint 
hätte, daß man könnt hinüberrucken ins Kriegsfürsorgeamt! Es 
ist unwürdig, sich von einem Professionsgrüßer ein »Glückauf, 
lieber Leutnant« zurufen zu lassen, wenn man bei sich selbst weiß 
und sich jeden Tag davon überzeugen kann, daß man das Glück 
hat, hinauf in ein Bureau gekommen zu sein. Man hat den 
Zuruf >Ich weiß, Sie sind froh« in solcher Lage mit einem lauten 
und vernehmlichen Ja zu quittieren, ganz als stünde man vor 
einem andern Altar als dem des Vaterlandes. Niemand hat von 
Leuten wie Bahr und Hofmannsthal Bravourstückein in den 
Dolomiten erwartet; von Hofmannsthal nicht, weil er dazu zu gut 
erzogen ist, und vom Bahr nicht, wiewohl der Alterston des 
Abschiednehmers, der zwar nicht mehr mittun kann, aber von der 
rüstigen Jugend nicht vergessen werden will, keineswegs darüber 
hinwegtäuschen darf, daß die Biederkeit auch waffenfähig ist und 



50 



daß schon ältere Älpler in diesem Krieg losgegangen sind. Item; 
man war nie so herzlos, die Namen der beiden Herren in einer 
Verlustliste zu vermissen — obgleich sie schon manch wertvollere, 
wortärmere Menschen angeführt hat und wenige, von deren Fortleben 
sich eine ungünstigere kulturelle Wendung befürchten ließ. Aber der 
Übermut, der, nicht zufrieden, daß das Glück des Augenblicks 
lebenslänglich erstreckt wird, noch täglich in der traurigen Gewinn- 
liste desHinterlandsfigurieren will, istwahrlich dielästige Kehrseite des 
Mutes, der einem erlassen wird. Herr Hofmannsthal hatte erst zu 
dementieren und dann ein Patriot zu sein! Oder zu schweigen 
und dann auch, solange der Krieg dauert, keine Musik dazu zu 
machen ! Wenn er nicht bis Warschau gekommen ist, so hatte er auch 
nicht nach Berlin zu gehen Und dort nebst einigen anerkennenden 
Worten' für »Hindenburgs Siegeszug nach Warschau« eine Rede 
über den Krieg gegen Italien als >unseren Krieg« zu halten und 
durch solche Wendungen den schon ganz konfusen Bahr in 
Versuchung zu bringen, bei ihm anzufragen, ob er nun bald in 
Venedig sein werde, nämlich am Lido, wo Bahr selbst schon in den 
buntesten Uniformen Aufsehen erregt hat. Aber niemand hat dem 
Herrn v. Hofmannsthal, den der Treubruch Italiens einen Dreck 
angeht — privat mag er ihn schmerzen, weil er ihn verhindert, 
Goethes dritte italienische Reise zu machen — , niemand hat ihm 
außer dem Kriegsfürsorgeamt noch das Amt gegeben, die Nation 
zu vertreten. Er mag ja, was nicht schwer ist, eine ehrlichere Haut 
sein als der d'Annunzio, aber es ist kompletter Größen- 
wahn, der ihn in die künstlerische wie politische Rivalität 
treibt, denn abgesehen davon, daß er mit dem bißchen 
ästhetischen Kram in Österreich weit weniger Staat machen kann, 
als jener mit seiner melodischen Fülle in Italien, wird doch 
d'Annunzio aus diesem Krieg mit etwas geschwächter Sehkraft 
hervorgehen, während Herr Hofmannsthal schon heute mit zwei 
blauen Augen davongekommen ist. Wenn einer statt vor Warschau zu 
stehen, im Kriegsfürsorgeamt sitzt, statt in Venedig einen Bombenerfolg 
zu haben, auf dem Podium der Berliner Singakademie steht und statt in 
Belgrad einzurücken, im Verlag der,Muskete' einen Prinzen Eugen mit 
Bildein herausgibt — dann hat selbst einer, der sonst der letzte wäre, 
aus jenen Unterlassungen jemand einen Strick zu drehen, das 
Recht, sie festzustellen. Der alte Weg, den schon das Nibelungenlied 



51 



ging, ist jener gerade nicht, den der Herr Hofmannstha! gegangen 
ist, aber sicher hat der alte Mentor recht, wenn er bezweifelt, ob 
diese zwanzig Jahre, die so blaß wurden, als sollten sie gehalten 
werden, gut für uns waren. Was sein Telemach — 
>griechisch: Telemachos, der aus der Ferne Kämpfende« — getan 
hat, entspricht höchstens der Sorge, »immer etwas zu haben, wobei 
man sein kann«, oder wo man dabei sein kann. Gewiß, man soll 
ihm nicht vorwerfen, daß er die große Zeit nur mit dem 
Erlebnis der Bündnistreue hingebracht hat und damit, andere 
patriotisch zu ermuntern: er war wie bei manchem harten 
Strauß auch wieder bei jenem beteiligt, dem er die Libretti 
liefert, und er hat die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, 
zu Ehren Shakespeares ein intellektuelles Feuerwerk abzu- 
brennen, bei dem die Einfälle knallten, ehe sie leuchteten und 
durch den Widerspruch, mit dem sie aufeinander losplatzten, einiges 
Aufsehen entstand. Er sprach davon, daß die »heutige Zeit keinen 
tieferen Drang kenne, als über sich selber hinauszukommen« — 
Glückauf! — und wenn Shakespeare bisher der Geist war, der^ 
alles sagt, »was in Momenten ungeheurer Ereignisse sich in den 
Herzen der Menschen verbirgt, was ein Gemüt ängstlich versteckt«, 
so werde »einem anderen Geschlechte ein stummer Shakespeare 
entgegentreten«. Shakespeare hätte das Gemütsleben einer Zeit, an der 
nichts ungeheuer ist als der Kontrast von ängstlich versteckten Ge- 
danken und angemaßten Taten, wohl zur Gestalt gebracht; aber was 
uns vorderhand genügen würde, ist nicht so sehr die Erwartung 
eines stummen Shakespeare, als die Vermeidung eines lauten 
Hofmannsthal. Denn eben dieser ist eines der hervorragendsten \ 
Beispiele aus der Armee von Literaten, die zur Verherrlichung von ' 
Ereignissen ausgesendet wurden, welche sie um keinen Preis erleben 
möchten, und denen im Krieg »schrecklich viel eingefallen« ist. Sein ■ 
ganzer Ruhm, der immer auf so schwachen Beinen stand, daß er nun 
vollends militärtauglich wurde, ist ihm dabei eingefallen. Der Krieg hat 
durch die Anziehung, die er auf die schwerpunktlosen Gehirne, 
auf das Scheinmenschentum, auf die dekorationsfähige Leere aus- 
geübt hat, Unwerte vernichtet und srch wenigstens darin von 
seiner positiven Seite gezeigt. Herr Hofmannsthal, der vom Vater- 
land erwartet, daß es ihn nicht rufe, wenn er von Schlachtenruhm 
träumt, aber wenn er erwacht, ihm Grillparzers Ehren erweise, er, 



— 52 — 

der nie mehr war als ein tauglicher Übersetzer fremder Werte oder 
ihr kunstgebildeter Vertreter, nie mehr als der gefällige Platzhalter 
eines vor ihm gegebenen Niveaus, auf dem sich die Natur unwohl 
gefühlt hat, dieser Hugo Hofmannsthal ist wie kaum einer 
aus der Schar geistiger Flüchtlinge um sein bißchen Besitzstand 
gebracht. Österreich irrt wie immer, wenn es in einem, der heute 
eben noch die Geschicklichkeit hat, sich mit den Landesfarben zu 
schminken, seinen geistigen Vertreter sieht. Es müßte ihm die 
Lizenz entziehen, das Wort in vaterländisch er Sachemitmehr Anspruch 
auf Glaubhaftigkeit zu führen als ein beliebiger Journalist, und 
ihn endgiltig in die Redaktion verweisen, aus der Sphäre der 
Wohltat, wo an Literaten Kriegsfürsorge geübt wird, in einen jener 
dunkeln Privatbetriebe, wo Worte unerlebten Gesinnungen 
dienen müssen. Schon damit Herr Bahr, dessen Wehrfähigkeit 
trotz der Musterung, der er sich am Lido freiwillig unterzog, nicht 
mehr in Anspruch genommen wird und dessen nationale Bestre- 
bungen weniger die politische Arena als die eines Zirkus ver- 
langen — schon damit er wisse, wo er ihn und seinesgleichen zu 
finden hat, ihn nicht vergebens am Wachtfeuer suche und dort auch 
nicht vermisse! 



53 



Feldpostbrief 

(Einer von vielen) 

3. II. 16 

Ich bekam hier im Felde zwei Hefte der Fackel 
aus den Jahren 1912/13 in die Hand. Also schon 
damals, im Balkankrieg, haben Sie die Kriegsbericht- 
erstatter erkannt. 

Ich- bin seit Beginn im Felde. Im Frieden 
ein Alleingeher, das Leben mein schwankender Gegner, 
die Welt mein verhaßter Feind. 

Leider ist sich die Menschheit über die Ursache 
des Krieges noch nicht klar geworden und kläglich 
muten einen die Versuche der Nationen an, einander 
die Schuld zu geben. 

Wir haben, was wir verdienen. Daran ist nicht 
zu rütteln. Der Krieg hat die Schufte gelassen, der 
Gemeinheit die Hand gegeben, den Unsinn zur 
Tragödie gewandelt, Worte zu Taten gemacht. Die 
wenigen Rechtwinkeligen an Leib und Seele nieder- 
gepreßt mit allen Krallen. 

In manch ein gebrochenes Auge habe ich geblickt, 
manch einen zerfetzten Leib verscharren gesehen. Es 
hat mir nicht so weh getan wie die Berichte vom 
Krieg, die Verstümmelungen im Innern. Dieses in den 
Kot treten der Wahrheit, des Unbeschreiblichen ; das 
Wort »Held« in der Feder solcher Kreaturen! Schütteln 
möcht's einen vor Abscheu. In allen Lagern der 
Nationen betreiben sie ihre gefährliche Giftmischerei. 
Was haben sie aus dem Krieg gemacht! Eine Hure, 
die sie außerdem noch vergewaltigen. Und kein'^Mittel, 
dieser Brut die Gurgel zuzudrücken? Keine Seele im 
Hinterland, die begreift? Die diesen feilen Schändern 
das Handwerk legt? 

Nimm's wie's kommt! Aber da muß einem 
das Blut in den Kopf schießen, wenn so ein 
Schuft von der Feder mit seiner Unwissenheit, die 
nur von seiner verantwortungslosen Frechheit über- 



— 54 



troften wird, uns zu loben wagt! Wenn er das Seelen- 
leben des Soldaten schildert, den Krieg, seine Wirkun- 
gen, seine Höhen und Tiefen. Und dieses Gift wird 
als Serum gegen die Wahrheit eingeimpft. Diese Lehre 
bleibt Evangelium für alt und jung. Schmutz auf 
Schmutz gehäuft, und dann ein Wundern, weils stinkt. 
Statt zum Weg zurück, bringt uns der Krieg noch 
mehr seitab. 

Und es ist alles umsonst. Als ich Ihre Hefte las, 
hat's mich im Innern berührt: Also doch Einer! 
Darum schreib' ich Ihnen. 

Wenn man schon früher zu sterben hat, so wüßte 
man auch gerne, warum! Für die gegenwärtige 
Menschheit es zu müssen, ist — ironisch. 

Mit Handschlag ein Ihnen unbekannter 

Mensch 



Feld postSkriptum 

Wien, 9. April 1916 

Ich weiß nicht, ob Ihnen diese Zeilen willkommen 
sein werden oder nicht. 

Dennoch will ich aussprechen, daß ich Ihnen 
danken muß und dies aus innerstem Bedürfnis, dafür, 
daß Sie in dieser Welt, in der kraftlose Dummheit und 
brutalste Verderbtheit dualistisch regieren, der einzige 
Schriftsteller sind, der die Wahrheit anzudeuten wagt. 

Wenn auch das Vergnügen, geboren zu sein, 
durch das Leben- und Sterbenmüssen für diese 
Menschheit wahrlich allzu teuer bezahlt ist, so bleibt 
doch auch dem tiefen Dunkel dieser Gegenwart das 
Erwarten der vereinzelten Lichtschimmer, welche die 
Fülle Ihrer Gedanken verbreiten wird, wenn vielleicht 
einmal glücklichere Enkel bessere Menschen zu sein 
bestrebt sein werden als die Generation von 
Sklaven und Aufsehern, die uns umtobt. 

Ein Kriegsinvalider. 



— 55 — 
Worte Luthers 

Tischreden von Kriegen. 

»Büchsen und das Geschütz ist ein grausam, 
schädlich Instrument, zersprengt Mauern und Felsen, 
und führt die Leute in die Luft. Ich glaube, daß es 
des Teufels in der Hölle eigen Werk sei, der es 
erfunden hat, als der nicht streiten kann sonst mit 
leiblichen Waffen und Fäusten. Gegen Büchsen hilft 
keine Stärke noch Mannheit, er ist todt, ehe man ihn 
sieht. Wenn Adam das Instrument gesehen hätte, das 
seine Kinder hätten gemacht, er wäre für Leid gestorben.« 

Eines großen Helden und Kriegsmanns Amt. 

»Eines guten, frommen, vortrefflichen Kriegsmanns 
Wille und Meinung ist, daß er lieber will einen Bürger 
oder Mann, der Freund ist, erhalten, denn tausend von 
Feinden umbringen; wie Scipio der Heide und der 
Römer oberster Feldherr sagte. Darum fähet kein 
rechter Kriegsmann leichtlich und ohne große Ursache 
ein Krieg an, liefert nicht gerne eine Schlacht, noch 
belagert eine Stadt.« 

Tischreden von Juden. 

». . . Aber unser Herr Gott kann diese Kinder 
fein scheiden, denn diesen gibt er hier ihren Lohn, 
jenen behält er ins künftige Leben. Doch haben sich 
die Juden Abrahams gerühmt, nicht um seinet, sondern 
um ihrer Ehre willen. . . .« 

»Die Juden haben ihre Zauberei gleich sowohl 
als andere Zauberer, sie gedenken also: Geräth's uns, 
so stehet's wohl um uns; wo nicht, so ist's um einen 
Christen gethan; was liegt uns daran? Denn sie achten 
eines Christen, wie eines Hundes. . . . Noch sitzen sie 
bei uns in großen Ehren.« 



— 56 — 

». . . sind allenthalben im Reich zerstreut, räch 
ihren Worten, die sie zu Pilato sagten: ,Wir haben 
keinen König, denn den Kaiser.' Es ist aber ein 
schändlich Volk, es erschöpft Alles aus mit dem Wucher; 
wo sie einer Obrigkeit tausend Gulden geben, so saugen 
sie dagegen von den armen Untersassen zwanzig- 
tausend Gulden.« 

Darnach las der Doctor aus einem ebräischen 
Buch etliche ihrer sehr stolzen Gebete, darinnen sie 
Gott loben und anrufen, als wären sie allein sein Volk, 
und verfluchen alle andern Völker; dazu brauchen sie 
den 23, Psalm: ,Der Herr ist mein Hirt, mir wird 
nichts mangeln'; gleich als wäre er eigentlich und 
vornehmlich von ihnen geschrieben. Summa, den armen 
Leuten ist nicht zu helfen, sie wollen Gottes Wort 
nicht hören, sondern ihre Gedanken und Fündlein. 

». . . Die Juden können sich mit den Türken 
viel besser vergleichen, denn mit den Christen, denn 
Juden und Türken sind eins, und bekennen, daß nur Ein 
Gott sei. . . .« 

». . . Nimmermehr hält ein Christ so fest an seinem 
Christo, als ein Jude oder auch ein Schwärmer an seiner 
Lehre hält. Denn obwohl ein Christ auch dabei bleibt, 
bis in den Tod, doch strauchelt er oft, und beginnet zu 
zweifeln. . . ,« 

Tischreden von Landen und Städten. 

». .. . Daß Gott allein uns ernähret, nicht Geld und 
Gut; denn dasselbe, da es vorhanden ist, machet uns 
faul und sicher; deß sind die Venediger, das doch die 
allerreichste Stadt ist, ein Exempel, die bei unsern 
Zeiten große Theuerung erlitten haben. . . .« 

»Es ist keine verachtetere Nation, denn die 
Deutschen. Italiäner heißen uns Bestien; Frankreich 
und England spotten unser, und alle andern Länder. 
Wer weiß, was Gott will und wird aus den Deutschen 



I 



57 



machen; wiewol wir eine gute Staupe vor Gott wol 
verdient haben.« 

». , . Gott gäbe uns ja gern Allen genug, wenn 
wir seine Gaben nicht so schändlich mißbrauchten, 
und mit unserm Geiz verderbten.« 

Der Welt Bild. 

»Die Welt ist gleich wie ein trunkener Bauer, 
hebt man ihn auf einer Seite in den Sattel, so 
fällt er zur andern wieder herab; man kann ihm nicht 
helfen, man stelle sich wie man wolle. Also will die 
Welt auch des Teufels sein.« 

Ein Anders von Undankbarkeit. 

»Wer seinen Besitz nicht verlieren will, der sterbe 
vor dem Verlust desselben. . . . Die Welt ist ein solcher 
Haufe, der die väterlichen Wohlthaten so hinnimmt, 
und dieselben mit Lästerungen und Undank vergilt.« 

Wie Gott D. Martin Luthern wider der Welt Toben erhalten hat. 

». . . Ich halt, daß Keiner in hundert Jahren 
gelebt hat, dem die Welt so feind gewesen, als mir. 
Ich bin der Welt auch feind, und weiß nichts im ganzen 
Leben, da ich Lust zu hätte, und bin gar müde zu 
leben. Unser Herr Gott komme nur bald und nehme 
mich flugs hin, und sonderlich komme er mit seinem 
jüngsten Tage, ich will ihm der Worten gern den Hals 
herstrecken, daß er ihn mit einem Donner dahin schlage, 
daß ich liege.« 



58 



Gebet an die Sonne von Gibeon 



Sonne, immer du noch purpurnen Abschied nimms:, 
immer docli unbeirrt, immer den Erdentag 
segnend, der ins Gesicht dir in Finsternis prahlt — 
wieder vorbei dem Menschenkreis. 



Keines irrenden Sterns zitternder Funke war 
je verborgener den vom Dunkel Verblendeten 
als dein flammendes Meer, das den Abend umarmt 
wie ein brennendes Gottesherz, 



Sonne, dankloser dir, dunkler sich selbst verbleibt 
alles Lebendige, das nicht Athem der Pflanze hat, 
nicht die Weisheit des Thiers — wahllose Geberin, 
nur du, Sonne du, weißt es nicht! 



Sieh diese Kugel aus Kot, die einst der Teufel warf 
in die Planetenbahn, wie sie sich um sich dreht, 
und nur um dich, daß sie in gutem Lichte sei, 
Spielball eigener Eitelkeit. 



Oder aus Raum und Zeit sprang dieser Wechselbalg, 
wähnt sich selbst eine Welt, wähnt, daß die Welten nur 
seine Trabanten sind — doch für den Sternenlauf 
lebt er ein ewiges Hindernis. 



59 



Daß du noch Farben hast, Sonne, ob solchem Grab 
aller Liebe, die je kosmischer Geist vergab! 
Daß du noch prangen kannst vor der Armseligkeit — 
Wunder dieser Entgötterung ! 



Nicht das Gold deines Strahls hält ihren Blick gebannt, 
für einen Silberling ist eine Andacht feil. 
Daß vor höchstem Gericht du ihres dunkeln Sinns 
zeugtest, fürchtet die Erde nicht. 



Liehe die ewige Nacht ihr eine Aussicht nur 
auf noch besseres Gold als sie dem Tage stahl, 
gingst du auf immer dahin, keine Thräne dir nach 
flöß' aus erloschenem Menschenaugr. 



Welcher Sinn denn befiehlt irdischen Lebens Gang? 
Nicht in Athem und Dank an Gott, daß er Athem gab, 
lebt der Mensch seine Zeit, sondern er zahlt damit, 
endlich schuldig nur an sich selbst. 



Gibt es der Götter noch, denen das All sich beugt: 
blieb der Bezirk, worin Wahn mit der Gier regiert, 
blieb die Stätte, worauf Menschliches irregeht, 
unvermindert Jehovahs Reich. 



Heil dir, o Israel! wer ist wie du, vor ihm, 
der deiner Hilfe Schild und deines Sieges Schwert? 
Siehe, es schmeicheln dir deine Feinde, o Volk, 
aber du trittst auf ihre Höhen ! 



60 — 



Keiner von ihnen soll vor dir be^tehn, und du, 
fürchtest du Gott allein, aber sonst nichts in der Welt 
durch alle Wässer gehst trockenen Fußes durch, 
immer den Kopf zum Ziel gewandt. 



Durch die Schärfe des Schwerts schlugst du sie, immer sind 
gottverschworner Vertilgung alle sie ausgesetzt. 
Und es fielen vom Himmel große Steine auf sie. 
-.Denn der Herr stritt für Israel. 



Sie zu vertilgen gab er sie in Israels Hand, 
daß es setzte den Fuß auf der Könige Hals; 
alles Lebendige gab, alle Seelen der Gott 
gottverschworener Rache preis. 



Und so wird es der Herr all ihren Feinden thun, 
.denn er stritt wider sie, stritt nur für Israel. 
Denn ihr Herz war verstockt, daß sie sich weigerten, 
Zins zu geben dem Gottesvolk. 



Nicht Weib noch Mann entrann, nicht Kind und Greis 

dem Schwert, 
verschont nur ward und geehrt, wer den Verrath ersann, 
und alles Silber und Gold und alles Geräth aus Erz 
legten sie zu dem Schatz des Herrn. 



Doch die zu Gibeon hielten zu Israel. 
Denn sie fürchteten sich. Nicht erwürgt wurden sie', 
nur verflucht wurden sie, ewig Sklaven zu sein 
für die Gemeine Israels. 



61 



Weil sie schlössen den Bund, wurden sie nur bestimmt, 
Holz zu hauen und auch Wasserträger zu sein 
für die Gemeine und auch für den Altar des Herrn, 
desselbigen Tags bis auf diesen Tag. 



Doch der Geschlechter Geschlacht nichts Lebendiges ließ, 
und so plünderten sie alle Beute für sich. 
Und es war auch kein Tag diesem erwählten gleich, 
vor ihm keiner und nach ihm nicht. 



Denn zur Feier des Siegs am Himmel ein Wunder war 
und die Sonne blieb stehn, die Sonne zu Gibeon, 
und auch der Mond im Thal stand stille zu Ajalon. 
Denn es geschah für Israel. 



Mitten am Himmel stand, wie es geboten war, 
beinah sie den ganzen Tag, nicht eilte sie unterzugehn, 
bis das Volk sich gerächt an seinen Feinden. Dies 
im Buch des Frommen geschrieben steht. 



Und der eifrige Gott, welcher am siebenten Tag 
der Zerstörung nicht ruht, hieß sie vollenden, bis 
sie der besiegten Welt den Fuß auf den Nacken gesetzt 
und ein Geschrei erheben gedurft. 



Denn es ward ihnen gesagt, nicht zu erheben so lang 
Geschrei, bis ihnen gesagt, daß sie erheben Geschrei, 
dieses hielten sie ein, dann aber gingen sie hin, 
Geschrei zu erheben wie ihnen gesagt. 



62 — 



Wie das Geschrei nun erscholl, da fiel die Mauer ein, 
und wie das Volk es sah, daß da die Mauer fiel 
auf das Geschrei, das Volk ein großes Geschrei erhob, 
herzufallen über die Stadt sogleich. 



Völker, die es gehört, wurden hörig dem Volk; 
alle schrieen wie es, alles ward Israel. 
Alle Sprachen durchdrang einzig die Melodie, 
deren Schalmei das Geld anlockt. 



Und sein Wechsel verlangt anderen Wechsel auch - 
Schwarz von Tinte der Tag, rot vom Blute die Nacht! 
Aber welche es sei: Fluth, die im Wechsel wuchs: 
Israel ging trocken durch. 



Ist die Erde ein Meer, so braucht die Erde mehr, 
mischt das Blut mit dem Meer, immernoch mehr und mehr - 
Rache, der Raubfisch, steigt, Drache, hoch in die Luft, 
daß sie Freistatt des Mordes sei! 



Näher, mein Gott, zu dir! Näher der Sonne zu! 
Sonne, dir angethan bleibt es in Ewigkeit! 
Leuchtest wieder und lachst ? Hingang und Wiederkehr 
bleibt die Uhr dieses Menschentags? 



Wirft diese Erdenschmach keinen Schatten auf dich? 
Sonne, quält es dich nicht, wenn du im Mittag stehst, 
daß der Strahl deines Augs fällt auf das Leichenfeld, 
wo die Hyäne Mahlzeit hält? 



63 



Lasse stehen die Zeit! Sonne, vollende du! 
Mache das Ende groß! Künde die Ewigkeit! 
Recke dich drohend auf, Donner dröhne dein Licht, 
daß unser schallender Tod verstummt! 



Goldene Glocke du, schmilz in eigener Gluth, 
werde Kanone du gegen den kosmischen Feind! 
Schieß ihm den Brand ins Gesicht! Wäre mir Josuas Macht, 
wisse, wieder war' Gibeon! 



Richte dich auf zum Gericht! Eile nicht unterzugehn, 
bis sich das Licht gerächt an dem dunkeln Geschlecht, 
und deine blutige Pracht trockne sein elendes Blut 
gottverschworener Rache gemäß! 



Keiner von ihnen soll vor dir bestehn, und du 
auf ihre Höhen tritt, zum dunkeln Untergang 
brenne, leuchte herab, lache Sonne, daß du 
es nun doch an den Tag gebracht! 



Aber ein Wunder hier thu auch an Pflanze und Thier. 
Flamme des Menschentods sei ihnen Wärme nur. 
Rufe Frühling zurück allem, was unterthan 
rauchgeborenem Leben war. 



Allem Erschöpften gib Farbe und Lust zurück. 
Laß den Menschen jedoch, Henker an allem was 
mit der Natur verwandt, laß die Maschingeburt 
sterbend sehn, wie das Gras gedeiht! 



— 64 — 



Und das Ttiier, das er trieb, seine Ware zu ziehn 
und in den Kampf zu ziehn um seiner Ware Heil 
labe es, wenn du statt Strahlen doch Blitze hast, 
zu vertilgen den Seelenfeind. 



Wenn du ein Ende gemacht hochmüthiger Niedertracht 
und du dem Blutgeschäft unendlichen Sieg entreißt — 
von deiner Glorie schweigt irdischer Lobgesang, 
weil sie den Schmeichler hinweggerafft. 



Aber es rauschen dir erwachende Sphären. Dank 
tönet im Äther, wo Harfen der Liebe sind. 
Welch einen Wandel führst du den Sternen herauf! 
Staunend erkennt die Schönheit sich. 



Es wird ein Sonntag sein. Götter kommen zum Fest. 
Ursprungs eilen herbei Geister, ledig der Zeit. 
Ohne den Menschen ist Freude. Am neuen Tag 
sonnt sich, der dich geschaffen hat. 



Und die Liebe um dich höret nun nimmer auf, 
und die Musik im All schallt deiner Herrlichkeit, 
und dein erhabener Glanz ist ohnegleichen heut, 
weil ihm das Menschenauge brach! 



KARL KRAUS 

WORTE IN VERSEr 



LEIPZIG 

KREUZSTRASSE 3 b 

VERLAG DER SCHRIFTEN VON KARL KRAl 

19 16 

Druck der Offizin W. Drugulln 



INHALT der vorigen fünffaclien Nummer 418-422, 8. April 191 
Kierkegaard und die Journalisten / Zum ewigen Gedächtnis 
Die Historischen und die Vordringenden / Das Lysoform-Gesicht 



[leiner Konzertliaussaal 

(III. Lothringerstraße 20) 
FREITAG DEN 12. MAI 1916 

PRWZISE HALB 8 UHR 

VORLESUNG 

<ARL KRAUS 



ARTEN zu K 10.—, 8.~, 6.—, 4.—, 2.—, 1.— an der 
Konzerthauskassa, Hl. Lothringerstraße 20, bei 
Kehiendorfer, I. Krugerstraße 3 und in der 
Buchhandlung Friedlaender, Kärntnerstraße 44 

In Teil ,'des Ertrages wird |der Kinderfürsorge zugeführt) 

BENDA, MITTWOCH DEN.24. MAI 

PR»ZISE HALB 8 UHR 

iHAKESPEARE-FEIER 

>ie lustigen Weiber von Windsor 
vorgelesen von KARL KRAUS 

ARTEN zu K 6.—, 4.—, 3.—, 2.—, 1.—, 50 Heller 
an den oben angegebenen Verkaufsstellen 

er gesamte Reinertrag wird den Gefangenen in Beresowka; 



i>ii\. 4^0 -— 4JU j UINI 1916 XVTII. JAI 



DIE FACKEI 



HERAUSGEBER 



KARL KRAUS 



INHALT: 

Das übervolle Haus jubelte den Helden begeistort zu, die stran 
salutierend dankten / Das Gegenstück / Glossen / Der tragisc 
Karneval / Notizen / Der Krieg im Schulbuch / Glossen 
Desertion in den Tod / Die Fundverheimlichung 



NACHDRUCK VERBOTEN 

Preis dieses Heftes; 

1 Krone 50 Heller = 1 Mark 25 Pf. 

VERLAG: .DIE FACKEL', WIEN 



DIE FACKEL 

Nr, 426-430 15. JUNI 1916 XVIII. JAHR 



2 — 



— 3 



— 4 



— 5 — 



6 — 



Das Gegenstück 

Aus München wird uns geschrieben: Unter dem Schlagworte 
»Die Feldgrauen für die Feldgrauen« veranstalten Offiziere und 
Mannschaften der hiesigen Ersatzformationen ein ganz eigenes 
Theater, wobei sie das von einem Feldgrauen verfaßte Stück »Der Hias« 
zur Aufführung bringen. Im Rahmen einer dreialctigen Komödie werden 
uns einzelne Bilder aus dem Leben in Feindesland vor Augen geführt, 
und wir lernen so ziemlich alles kennen, was der Krieg an Aben- 
teuerlichem, Verwegenem und Überraschendem, nicht minder 
aber auch an herzhaft Erfrischendem und Ergreifendem mit sich bringt. 
Patrouillengänge, Gefangennahme, Kriegsgericht gegen 
> deutsche Barbarei«, französischer Chauvinismus und frohgemutes Lager- 
leben wie die Feier des Königsgeburtstages wechseln in bunter 
Reihe ab, wobei ganz besonders das kameradschaftliche Zusammenleben 
der Offiziere und sonstigen Vorgesetzten mit der Mannschaft und deren 
treues Zusammenhalten geschildert wird. Die Anhänglichkeit der 
Mannschaft an die Offiziere zeigt sich im schönsten Licht, — und 
solch ein Muster echt bayerischer Art ist der Offiziersbursche Hias, 



der durch seine rasche Entschlossenheit, seine Tapferkeit und 
seine Klugheit seinen verwundeten Leutnant vor schmachvollem 
Ende in den Händen der Franzosen rettet und die Schuldigen der 
gerechten Vergeltung zuführt. Aber um die Fabel des Stückes handelt 
es sich gar nicht; was uns bei diesem Theater so mächtig packt, ist 
der frische Zug, der es durchweht, ist die Ursprünglichkeit und 
Echtheit, die ihm anhaften. Es ist Theater und doch keines, vielmehr i 
in höherem Sinne wahrhaftiges Leben, das durch die unbeholfene / 
Darstellung nur noch gewinnt. Was diese Feldgrauen uns jetzt auf der 
Bühne des Münchner Volksthealers »vorspielen <, das ist nur die 
Wiedergabe des Erlebten, wenn auch in anderer Form, das ist aus 
ihren Empfindungen herausgeboren und wohl nur ein Spiegelbild ihres 
ureigensten Wesens, wie es sich draußen im Felde gebildet hat. Am 
deutlichsten zeigt sich dies im zweiten Akte, da der »Geburtstag des Kini« 
(Königs) gefeiert wird und die Soldaten nun durch ihre bescheidenen, 
von den Kameraden bejubelten Darbietungen das Fest verschönern und für 
deren Erheiterung sorgen. Und während Schnadahüpfeln gesungen 
werden und ein unverfälscht bayrischer Schuhplattler getanzt wird 
— dabei zwei Soldaten als fesche Dearndln — , arbeitet am 
Offizierstische das Feldtelefon, werden Meldungen entgegengenommen 
und abgegeben, arbeitet die Kriegsmaschine ihren eisernen, 
unerbittlichen Gang! Dieser Akt ist vom Publikum beklatscht 
worden, wie dies noch keine Kunstleistung erfahren hat. 
In den Zwischenpausen spielte das Militärorchester patriotische Lieder 
und Märsche. Es ist wohl überflüssig zu betonen, daß sämtliche Mit- 
wirkenden, denen sich auch einige Damen der Gesellschaft 
angeschlossen haben, keinerlei Spielhonorar beziehen, die gesamten 
Einnahmen aus diesen Vorstellungen fließen dem Roten Kreuz für 
militärische Wohlfahrtseinrichtungen zu. Und da es also auch nach 
dieser Richtung hin kein Theater im üblichen Sinne sein will, nennt 
der Theaterzettel keinen einzigen Namen der Mitwirkenden, ja, nicht 
einmal der Verfasser des Stückes tritt aus seiner be- 
scheidenen Zurückhaltung heraus. Im dritten Akte sollte auch 
ein Film vorgeführt werden, aber leider hat die Polizei ihn wegen 
Feuers gef ah r gestrichen, so daß wir darum kamen, die Auffahrt der 
Artillerie, Handgranatenkampf, Handgemenge und Nahkampf 
zu sehen. Zum Schlüsse endlich gab es noch ein in großen Dimensionen 
gehaltenes lebendes Bild »Krieg und Frieden*, das ebenfalls sehr 
viel Beifall fand. Wie uns mitgeteilt wird, beabsichtigt das Theater 
der Feldgrauen, das in München nur acht Vorstellungen veranstaltet, 
das ganze Land zu bereisen; es wird sicherlich überall herzliche 
Aufnahme finden, um so mehr, als in diesem Stück so manches 
kluge, liebe und zuversichtliche Wort fällt, das lebhaftes 
Echo in den Herzen der Zuhörer weckt. Und dazwischen viel Scherz 
und gesunder, kräftiger, echt baj uvarischer Humor, der 
wirklich zündend wirkte. Daß schließlich auch unserer Verbündeten, 
ganz besonders aber der ruhmreichen österreichisch-ungarischen Armee, 



gedacht wird, versteht sich von selbst. Kein Zweifel, der >boarische 
Hias«, der unverfälschte Typus des »bayrischen Löwen«, wird auf 
seiner Rundfahrt durch die deutschen Gaue seinen Weg machen, 
und er wird sicherlich überall herzhaftem Verständnis begegnen, 
— jenem stillen, behäbigen, guten Lächeln, das so sehr 
die Seele erwärmen kann. 

Nur daß wir hier, gemäß der Volksart, mehr aufs 
Individuelle gegangen sind, die dort mehr aufs All- 
gemeine. Aber auch dies ist so schön, so in höherem 
Sinne wahrhaftiges Leben, so traulich ist es, dazu- 
sitzen, während die Kriegsmaschine auf der Bühne 
ihren eisernen unerbittlichen Gang arbeitet, und Soldaten 
zu sehen, die Soldaten spielen und, solche wieder, die 
fesche Dearndln sind, und Damen der Gesellschaft, die 
mittun, und nur der Handgranatenkampf entfällt wegen 
Feuersgefahr, aber der Tod stellt lebende Bilder, die 
andern sind im Nahkampf umgekommen, wir sind um 
den Nahkampf gekommen, aber gesunder Humor bringt 
Ersatz, und so ans Herz geht es, daß man hoffen kann 
durchzuhalten, bis man mit jenem stillen, behäbigen, 
guten Lächeln, das die Seele erwärmt, einst im ewigen 
Frieden zu sich kommt. Kein Handgemenge — Schuh- 
plattler gibt's heut! Kein Nahkampf — Schnadahüpfeln! 
Kein Ärgernis in der Welt. Ich habe die Regie. 
»Was für eine Gesellschaft ist es? . . . Wie kommt es, daß 
sie umherstreifen?, . .« »Die besten Schauspieler in 
der Welt, sei es für Tragödie, Komödie, Historie, Pastorale, 
Pastoral-Komödie, Historiko-Pastorale, Tragiko-Historie, 
Tragiko-Komiko-Historiko- Pastorale, für unteilbare 
Handlung oder fortgehendes Gedicht. Seneka kann für 
sie nicht zu traurig, noch Plautus zu lustig sein. Für 
das Aufgeschriebne und für den Stegreif haben sie 
ihres Gleichen nichl.« ». , . der Natur gleichsam 
den Spiegel vorzuhalten: der Tugend ihre eignen 
Züge, der Schmach ihr eignes Bild, und dem 
Jahrhundert und Körper der Zeit den Abdruck seiner 
Gestalt zu zeigen .... O es gibt Schauspieler, die 
ich habe spielen sehn und von andern preisen 



10 



hören, und das höchlich, die, gelinde zu sprechen, 
weder den Ton noch den Gang von Christen, Heiden 
oder Menschen hatten, und so stolzierten und blökten, 
daß ich glaubte, irgend ein Handlanger der Natur 
hätte Menschen gemacht, und sie wären ihm nicht 
geraten; so abscheulich ahmten sie die Menschheit 
nach .... Und die bei euch den Narren spielen, laßt 
sie nicht mehr sagen, als in ihrer Rolle steht: denn 
es gibt ihrer, die selbst lachen, um einen Haufen 
alberne Zuschauer zum Lachen zu bringen, wenn auch 
zu derselben Zeit irgend ein notwendiger Punkt des 
Stückes zu erwägen ist.« ». . . Die Schauspieler können 
nichts geheim halten, sie werden alles ausplaudern.« 
». . . Habt ihr den Inhalt gehört? Wird es kein Ärgernis 
geben? — Nein, nein; sie spaßen nur, vergiften im 
Spaß, kein Ärgernis in der Welt. — Wie nennt ihr 
das Stück? — Die Mausefalle. Und wie das? Meta- 
phorisch. . . .« »Der König steht auf. — Wie? Durch 
falschen Feuerlärm geschreckt . . .?« »Ei, der Gesunde 
hüpft und lacht, dem Wunden ists vergällt; der eine 
schläft, der andere wacht, das ist der Lauf der Welt. 
Sollte nicht dies, und ein Wald von Federbüschen 
(wenn meine sonstige Anwartschaft in die Pilze geht) 
nebst ein paar gepufften Rosen auf meinen erhöhten 
Schuhen, mir zu einem Platz in einer Schauspieler- 
gesellschaft verhelfen?. . .« »Ha ha! Kommt, Musik! 
kommt, die Flöten! Denn wenn der Kini von dem 
Stück nichts hält, ei nun! vielleicht — daß es ihm 
nicht gefällt.« O lieber Horatio, ich wette Tausende 
auf das Wort des Geistes! 



Glossen 

Die Welt als Vorstellung 

Was die Behauptung Cadornas betrifft, daß die von unseren 
Truppen bisher erstürmten Stellungen nur »Vorstellungen« seien, 
so sei nur neuerdings — 

Erschütternd, wie hier der neue Sinn des Worts zum alten zurück- 
findet, ohne Vorstellung davon. Denn die von uns genommenen 
Stellungen sind keine Vorstellungen, sondern richtige Stellungen, 
und die Behauptung Cadornas, daß es bloße Vorstellungen und 
nur in unserer Vorstellung existierende Stellungen seien, ist eine 
falsche Vorstellung. Nun war aber auch kürzlich von den Stellungs- 
pflichtigen und den > Vorstellungspflichtigen < zu lesen. Hier ist 
wieder Zuwachs zum Leid der Menschheit, durch das Leid der Sprache. 
Sind es solche, die verpflichtet sind, eben hievon eine Vorstellung zu 
haben ? Nein ; es wäre von übel. Solche, .die verpflichtet sind, sich 
irgendwo vorzustellen? Ja und nein. Etwas vorzustellen? Danach 
wird nicht gefragt. Einem etwas vorzustellen, wie ihre Jugend, ihr Alter, 
ihre Krankheit, ihre Unentbehrlichkeit? Das können oder brauchen sie 
nicht. Einem Vorstellungen zu machen? Keineswegs. Solche, die 
verpflichtet sind, Vorstellungen zu beziehen oder zunehmen? Noch 
nicht. An Vorstellungen mitzuwirken? Auch noch nicht. Sich vor die 
anderen zu stellen? Das dürfen sie nicht. Also was denn? Sich vor 
den anderen zu stellen, früher als die andern zustellen! Das muß 
es sein, denn eine andere Vorstellung kann man sich darunter 
nicht vorstellen. Die Sprache hat ohnehin mehr gesagt, als sie von 
rechtswegen verpflichtet wäre. Mehr vorstellungsptlichtig ist sie 
nicht. Aber muß man denn in einer Zeit, die so viel Worte hat, 
gerade mit den besten durchhalten und so, daß man sie zu jeder 
Verrichtung benützt? Eher sollte man Wortkarten einführen und 
auf eine solche nicht mehr Vorstellungen beziehen dürfen, also 
auch auf eine »Vorstellung« nicht mehr Vorstellungen, als Zucker 
zum Kaffee. Denn eben wo zu viel Begriffe sind, da dankt ein Wort, 
das auf sich hält und selbst dort, wo nur Taten gelten, noch etwas 
vorstellen will, zur rechten Zeit ab. 



— 12 



Die Phrase des Kriegs im Krieg gegen den Krieg der Phrase 

Dicht nebeneinander die Titel : 

Der heldenmütige Vorstoß bei Olyka. 

Der Vorstoß gegen die englische Regierung in der 
Relcrutierungsfrage. 

Oder: 

Cadorna hat gesiegt. 

Wie? 

. . . Der Rücktritt Zupellis, der im Gegensatz zu Cadorna als 
Vorkämpfer der vom Dreiverband gewünschten Erweiterung der 
italienischen Militärkonventionen gilt, ist perfekt geworden. 

Wenn nur diese Vorstoßer und Vorkämpfer einmal beim 
Vorstoßen und Vorkämpfen dabei wären! 



Eine waffenbrüderliche Vereinigung 

. . . Wie in Deutschland und Ungarn, werden auch bei uns in 
Österreich alle Kräfte des öffentlichen Lebens und des geistigen 
Schaffens der waffenbrüderlichen Vereinigung zugeführt werden. 

Aber da muß man denn doch wohl gefragt werden ! Gegen 
die Zuführung des Wilhelm Exner habe ich ja nichts einzu- 
wenden. Er ist auch schon dabei und sagt: 

... Es gibt ja unzählige kulturelle Gebiete, auf denen ein 
gegenseitiges Sichkennenlernen und eine innige Befreundung 
erfolgen kann und soll. Alle diese möglichen Beziehungen, die zu einem 
regen Gedankenaustausch und noch mehr zu einerregen Wechsel- 
wirkung führen, sollen von der Vereinigung gepflegt werden. 

Aber warum solche Zusammenkünfte von nichtgedienten 
Gschaftlhubern älterer Jahrgänge gerade »waffenbrüderliche Ver- 
einigung« heißen müssen, ist nicht ganz klar. Das Schlaraffen-Leben 
scheint zu Ende zu sein und die Greise wollen es in der Militari- 
sierung den Kindern gleichtun. Eine »führende Persönlichkeit der 
österreichischen Vereinigung«, die offenbar nicht genannt sein 
will, bezeichnet als eines der Mittel zur Verwirklichung des 
Zieles — nun, was denn? Also natürlich die Hebung des Fremden- 
verkehrs. Hat ihn schon. Dieser Staatsmann dürfte der Suckfüll 
sein, dessen Riesenschatten bereits am Horizont der Völkerver- 
söhnung auftaucht. Er rast mit dem Fenriswolf um die Wette, holt 
ihn aber ein, setzt ihn matt und serviert die Friedenstaube, eine 
Spezialität, ganz frisch, wenn auch etwas teuer. (Man glaubt mir ja 



solche Dinge nicht: daß der Zufall oder das Unterbewußtsein des 
Setzers oder wie man das Ding an sich nennen will, für mich arbeiten : 
Oben stand im ersten Druck >Sackfüll<.) Ich hoffe nicht, daß ich ge- 
nommen werde, wenn dieses Ressort des geistigen Schaffens in Öster- 
reich der waffenbrüderlichen Vereinigung zugeführt wird. Ja, der 
Fremdenverkehr! Ein Leichnam zuckt hierzulande, wenn man vor 
ihm das Wort » Fremdenverkehr < ausspricht. Alles ist wie elektrisiert, 
gerät ins Zappeln, schürzt die Hemdärmel, macht Anstrengungen, 
zu heben, anzufauchen, und jeder antwortet auf einen unausge- 
sprochenen Vorwurf wegen Saumseligkeit: »Schieb i denn net eh 
an?« Oder wie sagt doch Hans Müller? >Aus den Gräbern selbst 
die Toten tanzen heute Brust an Brust <, wobei ja das Schulter 
an Schulter-Motiv deutlich anklingt. Mitten im Krieg regen sich 
bereits die Keime. Die Grenzen sind gesperrt, damit keine Fremden 
hereinkommen. Aber wenn man dem Österreicher sagte, es könne dem 
Fremdenverkehr schaden, würde er den Nachteil der Maßregel in 
vollem Umfang erfassen. Selbst die Mitglieder der waffen- 
brüderlichen Vereinigung können jetzt — mit Recht — schwer zu 
einander gelangen. Aber die Verständigung ist bereits »angebahnt« 
und im Entwurf ist der Himmel auf Erden fertig. Als einer der 
Hauptpunkte ist ein Professorenaustausch geplant. Das kann nie 
schaden, ist lustigund bildet schon einen integrierenden Bestandteil der 
Hebung des Fremdenverkehrs. Und vor allem verlieren weder wir noch 
die Deutschen, wenn man etwa den Brockhausen gegen den Kohler aus- 
tauscht; oder den Arnold gegen denWalzel, um auch etwas Bewegung 
in die Literaturgeschichte zu bringen. Den Hirth würde ich ohne 
Anspruch auf Gegenwert draufgeben. Professorenaustauschen — das 
ist ein Spiel, um das die Schulbuben von ehedem die Regierungen von 
heute beneidet hätten. Das ist viel mehr als eine >Cap der guten 
Hoffnung« hingeben und eine »Bolivia« bekommen und höchstens 
noch ein Stückerl Amethyst dazu. Du liebe Zeit. Die Marken- 
sammlung war schöner; aber heute ist's bunter. Was es jetzt 
für Abwechslung gibt! Ein Gedankenaustausch ist auch 
geplant. Etwas riskant ist das insofern, als man ja nicht 
wissen kann, ob er nicht durch den geplanten Professoren- 
austausch ins Stocken geraten würde und umgekehrt. Aber 
zunächst ist es gut, daß überhaupt ein Wollen da ist, 
daß die Kräfte des öffentlichen Lebens sich zu regen 



14 — 



beginnen, daß man nach dem vielen Tod wieder einmal 
sieht, wie das wahre Leben ausschaut, daß ein biß! aufgemischt 
wird, daß man den Wunsch hat, sich endlich gegenseitig kennen 
zu lernen und eine allfällige Enttäuschung nicht weiter übel- 
zunehmen. So sprechen denn alle Anzeichen dafür, daß der kommende 
Friede sehr animiert verlaufen wird. 



Drei Engel — drei Räuber 

oder 
Gerhart Hauptmanns Höllenfahrt 

1894: 1914: 



Erster Engel 

Auf jenen Hügeln die Sonne, 
Sie hat dir ihr Gold nicht gegeben. 
Das wehende Grün in den Thälern, 
Es hat sich für dich nicht gebreitet. 

Zweiter Engel 

Das goldne Brod auf den Äckern, 
Dir wollt' es den Hunger nicht 

stillen; 
Die Milch der weidenden Rinder, 
Dir schäumte sie nicht in den Krug. 

Dritter Engel 

Die Blumen und Blüthen der Erde 
Gesogen voll Duft und voll Süße, 
Voll Purpur und himmlischer 

Bläue, 
Dir säumten sie nicht deinen Weg. 



Erster Engel 

Wir bringen ein erstes Grüßen 
Durch Finsternisse getragen; 
Wir haben auf unsern Federn 
Ein erstes Hauchen von Glück. 



Es kam wohl ein Franzos daher. — 

Wer da, wer? — 

Deutschland, wir wollen an deine 

Ehr'! — 
Nimmermehr I I 
Schon wecken die Trompeten durchs 

Land. 
Jeder hat ein Schwert zur Hand. 
Man kennt es gut, dies gute Schwert, 
vonSpichern, Weißenburg und Wörth, 
das deutsche Schwert. 

Es Icam ein schwarzer Russ' daher. — 

Wer da, wer? — 

Deutschland, wir wollen an deine 

Ehr'l — 
Nimmermehr ! ! 

Ein Kaiser spricht es hoch vom Sitz. 
VielFeind',vielEhr',wiederalteFritz. 
Sein Nimmermehr ist mehr als Schall, 
's ist Donnerrollen und Blitzesknall, 
's ist Wetterstrahl. 

Da kam ein Englishman daher. — 

Wer da, wer? — 

Deutscliland, wir wollen an deine 

Ehr'! — 
Nimmermehr I ! 
Nimmermehr ist unser Wort, 
es braust durch alle Gaue fort, 
ein Cherub trägt es vor uns iier: 
Nimmermehr I Nimmermehr I 
Nimmermehr ! 



ID 



Zweiter Engel 

Wir führen am Saume unsrer 

Kleider 
Ein erstes Duften des Frühlings; 
Es blühet von unsern Lippen 
Die erste Röthe des Tags. 



Dritter Engel 

Es leuchtet von unseni Füßen 
Der grüne Schein unsrer Heimath ; 
Es blitzen im Grund unsrer Augen 
Die Zinnen der ewigen Stadt. 



Es kamen drei Räuber auf einmal 

daher. — 
Wer da, wer? — 
Deutschland, wir wollen an deine 

Ehr'! — 
Nimmermehr I ! 
Und wär't ihr nicht drei, sondern 

wäret ihr neun, 
meine Ehr' und mein Land blieben 

ewig mein: 
Nimmer nimmt sie uns irgendwer, 
dafür sorgt Gott, Kaiser und deutsches 

Heer. — 
Nimmermehr! 



Ein Verletzter 

. . . Wie der Vertreter Ganghofers, Dr. Fritz Hlawacek, ausführte, 
erhob Ganghofer die Beschwerde deshalb, weil sein Rechtsempfinden 
durch die Entscheidung des Ministeriums aufs tiefste verletzt worden sei. 
Ganghofer ist Mitpächter der ärarischen Jagd im Gaistal (Tirol) .... 

Der Rekurs an das Ministerium des Innern blieb erfolglos. Nun- 
mehr ergriff Dr. Ludwig Ganghofer die Beschwerde an den Verwaltungs- 
gerichtshof. Dr. Hlawacek führte in längerer Rede aus, das Rechts- 
bewußtsein des Dichters sei durch die Entscheidung der Landes- 
stelle, beziehungsweise des Ministeriums, auf das tiefste verletzt .... 

Wenn ein anderer Geschäftsmann Klage führt, ist es nicht 
üblich zu sagen, das Rechtsempfinden >des Geschäftsmannes« sei 
auf das tiefste verletzt. Der Verwaltungsgerichtshof, der sich von der 
Verkleidung nicht imponieren ließ, erkannte wohl, daß am Herrn 
Ganghofer nur das Jagagmüat echt sei, und wies eben dieses ab. Auch 
dürften ihm die Plaudereien des Klägers von allen erdenklichen 
Fronten bekannt gewesen sein, diese in der Geschichte des Druck- 
wesens beispiellosen Sudeleien aus picksüßer Sentimentalität und 
viehischer Roheit — nein, menschlicher; das andere Wort wäre 
eine Roheit gegen das Vieh — , kurz ein Betrieb, durch den Herr 
Ganghofer jenes Rechtsbewußtsein auf das tiefste verletzt hat, das 
sich gegen die Möglichkeit, Duldung und Förderung derartiger 
Begleiterscheinungen des Grauens aufbäumt. Sollte die endlose Qual 
dieser dokumentarischen Sintflut mir noch einmal die Hervorsuchung 
älterer Fakten erlauben, so werde ich nicht versäumen, die Szene 
wiederzugeben, wie der Herr Ganghofer die Gesichter englischer 



— 16 — 



Leichen verhöhnt und mit seinem Spazierstock den Brief einer 
Mutter aufstöbert und durchh'est. Und wenn sich die Wasser 
dereinst verzogen haben, erzählen, was Zeugen aus dem Munde 
jenes Edlen gehört haben, unter dessen Augen für den Herrn 
Ganghofer ein Schauspiel, ein Trauerspiel aufgeführt wurde, jenes 
toten Majors Graf Walterskirchen, dessen Name die Verlustliste der 
gleichen Zeitungsnummer anführt, die von dem verletzten Rechts- 
empfinden des Dichters Ganghofer berichtet. Diesem und allen 
übrigen Wortgesellen dessen, was sich in dieser Zeit begeben hat, 
bürge ich dafür, daß wir uns noch sprechen werden, wenn die Tat 
nicht mehr ist und ich noch das Wort habe! 



Religion und Rechnung 

Samstag den 13. d. findet die feierliche Einweihung der Kirche 
des k. u. k. Reservespitals Nr. 11 (Orthopädisches Spital und Invaliden- 
schulen) in Favoriten, Schleiergasse-Hebbelplatz, statt. Die Initiative zum 
Bau dieser Kirche ist von Herrn k. u. k. Militärbaudirektor Generalmajor 
Bayer ausgegangen. Die Kosten der Errichtung der Kirche wurden 
von der Ungarischen Bank- und Handels-Aktiengesellschaft 
Filiale Wien getragen, Das k. u. k. Reservespital Nr. 11, das 
eigentlich als ein ausgedehntes orthopädisches Spital und als Invaliden- 
schule größten Stils angesehen werden muß, erhält durch die Errichtung 
der Kirche eine überaus dankenswerte Ergänzung, indem den religiösen 
Empfindungen der Bewohner des Reservespitals nunmehr voll und 
ganz Rechnung getragen werden kann. Die Invaliden, welche ihre Treue 
zum Vaterland mit dem Einsatz ihres körperlichen Gutes bezahlten, 
sollen wieder zu Arbeitsmenschen herangebildet werden und dabei auch 
Gelegenheit finden, sich ihren religiösen Gefühlen hinzugeben. 

Religiösen Gefühlen Rechnung tragen — das ist die rechte 
Methode. Es reimt sich wie: die Kirche hat einen guten Magen, 

die Kosten wurden von der Bank getragen. 

* * ' 

• 

Das sind Sachen! 

Ja, was hat denn die Mea Gräfin Boos-Waldeck für 
»Erinnerungen an den Kriegsausbruch <, gleich auf der zweiten 
Seite, kaum daß die Weltgeschichte ihre Blasen in dem Gehirn 
jenes sonderbaren Schwärmers aufgeworfen hat, der vom Leutnant 
Mlaker zum Bankhaus Arnstein und Eskeles springt und auf dem 
Weg von Arnstein zu Eskeles noch bei der Gestalt der alten 
Arnstein verweilt, an der >alles Wellenlinien war«, um zu ver- 



1/ 



sichern, daß ein goldenes Zeitalter eingebrochen, eine Milliarde 
im Handumdrehn zu verdienen ist und daß wir an Mlaker 
glauben, als wäre er ein Makler. . . . Aber eine Gräfin? Ja, Grafen haben 
sich schon öfter eine Ehre daraus gemacht, die Bacchanten dieses 
zinsfüßigen Pan abzugeben, dieses Schalks, der am Morgen die Hirten- 
flöte bläst, um am Abend eine Panik zu erzeugen. Aber Gräfinnen ? 

Meine Erinnerungen an die Zeit vor Kriegsausbruch gegen Italien 
sind um so lebhafter, als ich eine große Optimistin bin, an Krieg 
absolut nicht glauben wollte und bis in die letzten Tage hinein noch 
mit meinen Kindern auf unserem Besitze in St. Peter bei Görz, den 
wir ganzjährig bewohnen, weilte .... So gewöhnte ich mich nach und 
nach, überhaupt nichts zu glauben und mich von meinem 
rosigen Optimismus durch nichts abbringen zu lassen .... Die 
Kirschen waren schon abgepflückt, die Erdbeeren reif und ein genuß- 
reicher Sommer lag vor uns. 

Dazu kamen »unsere glänzenden Erfolge in den Karpathen«, 
so daß sie »fest davon überzeugt war«, 
daß wir den Sommer wie alle Jahre auf dem Schlosse zubringen würden. 

Da — was geschah da? Ihr Mann drang darauf, und sie 
nahm infolgedessen auch keineswegs besonders viel Gepäck 
mit .... 

Und ich sollte mit meinem Glauben Recht behalten. Denn 
trotzdem wir so nahe der Grenze sind, haben unsere Besitzungen 
nicht gelitten und nur die durchwegs zersprungenen Scheiben des 
Hauptgebäudes, die bei der Explosion einer großkalibrigen Granate zer- 
brochen wurden .... legen Zeugnis davon ab, daß nahe von uns 
Schreckliches geschehen. 

>Damals aber«, nämlich als sie mit ihrer Familie nach München 
fuhr, lag ihr der Krieg >mit keinem Gedanken im Kopfe«. Er lag 
ihr sogar stark auf. Von einer Rückkehr nach St. Peter »war nun 
keine Idee mehr«. Sie hatte aber »die Italiener durchaus richtig 
eingeschätzt«. Ihre Stimmung wurde »immer besser und zuver- 
sichtlicher«. Alle Nachrichten, die sie von ihren Leuten bekommt, 
sind voll froher Hoffnung auf den Sieg »unserer guten Sache<. 

Von den Fenstern unseres Hauptgebäudes aus sieht man die 
italienischen Schützengräben auf der Podgora, die Hausleute beobachten 
tagtäglich mit dem Opernglas alle Vorgänge und berichten immer 
und immer wieder, daß die Italiener nicht weiter kommen und immer 
wieder neue Verluste erleiden. Das Leben auf dem Schlosse geht 
seinen Gang, und in den letzten Tagen erst haben wir wieder 
wunderschöne Rosen und Spargel von dort bekommen .... 



18 — 



Wenn ich die Zeit vor Kriegsausbruch heute überdenke, kommt sie 
mir wie ein Traum vor, aus welchem ich nur schwer zu erwecken 
war und den ich erst austräumen werde, wenn wir wieder daheim 
in St. Peter unsere Zelte aufschlagen. 

Als ich das las und mich die Möglichkeit solcher Dinge, in 
Weltanschauung und Sprache, so sehr die Einheit von allem 
ahnen ließ, da nahm ich mich beim Wort >Ahnen<, ließ mir den 
Gotha geben und erkannte, daß es eine Kubinzky sei. Sie hat mit 
ihrem Glauben Recht behalten. 



Eine Neuerung 

— Dem Oberleutnant Horaz Ritter v Inspektionsoffirier 

in der Rotunde . . . zweiter KlaSse . . . Kriegsdekoration 

Wer die Hof- imd Personalnachrichten besser als die Oden 
und Epoden gelernt hat, kennt nur die unregelmäßige Form »Horace«. 
Die Ehre wird den Franzosen, die es sich selbst zuzuschreiben haben, 
jetzt abgesprochen. Warum sie aber den Römern angetan wird und 
wodurch es der Liebling des Augustus und der Götter verdient 
hat, der doch procul negoliis leben wollte, also absichtlich 
1924 Jahre vor dem Weltkrieg starb, ist unerfindlich. Den alten 
Adel mögen sie haben — aber um die alten Namen ist's schade ! 
Eine Perle aus dem Kronschatz geweihter Vorstellungen brechen, 
als ob's nicht genug schöne jüdische Vornamen gäbe, ist der pure 
Mutwille. 



Das war eine köstliche Zeit 

. . . Denn dieser intimverschwiegene uralte Park mit seinen ver- 
witterten Steinfiguren, den in ihrer Laubüppigkeit schattigen, fast melan 
cholischen Alleen, die von köstlichen Wesen unterbrochen werden, 
dieser Garten mit den sanft ansteigenden Terrassen, die den Überblick 
über das alte Wien gestatten, ist von so köstlicher Schönheit, daß 
er zum Rahmen für ein Fest wie geschaffen ist. 

. . . Und weiter hinauf auf die nächste Terrasse ziehen sich Buden 
und improvisierte Schenken, darunter ein im Sturm genommenes 
Oulaschrestaurant. . . . 

... So wurde denn die Stimmung immer fröhlicher, und als spät 
am Nachmittag sich die Kunde von den neuen glänzenden Waffentaten 
unserer Armee verbreitete, herrschte heller Jubel, der auf Stunden die 
Schwere der Zeit vergessen ließ. . . . Landau . . . Jarzebecka . . . Spitzy, 
Herzmansky . . . Gerda Walde . . . Frau Hofrat Wolf . . . Flora Dub . . . 



19 



Der Lenz ist gekommen, 

Frau Angelika v. Glaser-Lindner schreibt uns: Maiensonne und Maien- 
grün, werbendes Vogelgezwilscher in blühenden Zweigen, bunte, 
leuchtende Blumen auf Beeten und Rabatten, am Teiche goldgelbe junge 
Entlein, unter den Weiden, die ihre langen Äste wie einen schützenden 
Vorhang im Wasser wiegen, junge Schwäne in silbergrauem Flaum und 
auf smaragdgrüner Böschung die Gluckhenne, die mit gurrendem Lockruf 
ihre buntscheckige Küchleinschar ruft: ein Drängen und Treiben, 
ein Knospen und Sprießen allüberall in emsig sich erneuernder Urkraft 
des jungen Lenzes! Und in all den Frühlingszauber hinein 
jauchzen und schluchzen süße Melodien, die schmeicheln- 
den Weisen unserer Operetten, dirigiert von derHand ihrer 
Komponisten: Edmund Eysler, Leo Fall, Emmerich Kaiman, 
Franz Lehar und Oskar Straus .... All dies blühende 
Lenzesleben ringsum, ist es nicht wie ein Symbol der 
Kriegspatenschaft selbst? . . . Das alte, wahre Wort: Der 
Mensch ist das kostbarste Gut des Staates, gilt nun in diesem 
mörderischesten aller Kriege noch tausendmal mehr .... Darum ist es 
unsere heiligste patriotische Pflicht, unser Scherflein beizusteuern .... 
Möge zum Lenzesfest der Meisterkomponisten das ganze 
patriotische Wien herbeiströmen, um zu zeigen, daß es die große 
Idee der Zukunft des Reiches erfaßt hat .... 



Musik 

[»Hoch Hindenburgl«) Unter diesem Titel überseiidet uns Oeza 
Graf Zichy nachstehendes Gedicht: 

Ein Gruß aus fernem Ungarland, 
Der soll dich auch erreichen. 
Ich drücke dir die starke Hand, 
Dir, Großem, Siegesreichem. 

Ich bin ja auch ein Jubilar 
Und will nicht ruhn und rasten. 
Ich sitze volle fünfzig Jahr 
An meinem Klapperkasten. 

Ich dresche weiter, drisch auch du. 
Mach keine langen Pausen, 
Schwing den Taktierstock, immerzu, 
Laß dein Orchester brausen, 
etc. 



— 20 — 



Kriegsgreuel 

[KarIWeinbergieff.] Unter diesem Pseudonym birgt sich niemand 
anderer als der bekannte Wiener Operettenkomponist Karl Weinberger. 
Er verdankt die Russifizierung seines Namens einem findigen italienischen 
Agenten. . . . Nach der italienischen Kriegserklärung hielt sich der Agent 
berechtigt, auch aus anderen Weinbergerschen Operetten Melodien 
herauszunehmen und sie der Operette »Der Schmetterling« will- 
kürlich einzuverleiben. . . . 

Das dürfte zur Verschärfung der Gegensätze beitragen, 
wiewohl eigentlich der treubrüchige Agent mit den anderen 
Weinbergerschen Operetten nichts anderes vorgenommen hat 
als der Schöpfer selbst mit anderen. Was die Namensänderung 
anlangt, so liegt ein schweres Unrecht vor, an dem nur 
die Anerkennung des deutschen Vornamens sympathisch berührt. 
Denn Weinbergieff gehört zu jenen von unseren Leuten, 
die im Krieg heimgefunden haben, und ähnlich einem Winterfeld, 
der freilich schon in Klammem seinen alten Anspruch auf den 
Jean Gilbert zu behaupten anfängt, verzichtet er fortan darauf, 
Charles zu heißen, so lange bis das Vaterland von der Gefahr, 
daß weniger Tantiemen verdient werden, befreit ist. 



Es brost ein Ruf 

Dem Schriftsteller Alfred Deutsch -Ger man wurde das 
Kommandeur kreuz des bulgarischen nationalen Ordens für Zivil- 
verdienste verliehen. 

Der Atztensgattin Flora Kohn, Präsidentin der Flüchtlings- 
ausspeisungsaktion in der Rotensterngasse 23, wurde vom Oberst- 
hofmeisteramte des Kaisers im Wege der Statthalterei der Dank für das 
von ihr verfaßte und der Kabinettskanzlei unterbreitete >Kampflied< 
übermittelt. 

Herr Alfred Po Hak in Baden hat an den Generalobersten 
Freiherrn Conrad v. Hötzendorf ein selbstverfaßtes Gedicht gesandt, 
worauf er nach wenigen Tagen eine liebenswürdige Antwort erhielt, die 
>den herzlichsten Dank für das schöne Gedicht« und die »besten 
Grüße« brachte. 



Ein Kunsttag 

Eine Abordnung des Präsidiums der unter dem Ehrenpräsidium 
der Fürstin Metternich-Sandor stehenden »Allgemeinen Kunstfürsorge«, 
gestehend aus dem ersten Vizepräsidenten Schriftsteller Paul Wilhelm, 



Feldmarschalleutnant Artur Qrünzweig v. Eichensieg, Hofschau- 
spieler Treßler und kaiserlichem Rat Lehr, erschien Freitag beim 
Minister des Innern Prinzen Hohenlohe-Schillingsfürst, um von ihm die 
Bewilligung für einen im Juni geplanten > Kunsttag« zu erbitten. Der 
Minister empfing die Herren in liebenswürdigster Weise und erteilte 
bereitwilligst die erbetene Zustimmung. Im weiteren Gespräch ließ sich 
der Minister über die in den Kunstkreisen aller Kunstgattungen 
herrschende Situation informieren und bat die Herren, die durch 
die Kriegslage so außerordentlich schwer betroffene Künstlerschaft seiner 
wärmsten Teilnahme zu versichern, indem er hinzufügte, daß er die für 
Künstler aller Kunstgattungen unternommene Hilfsaktion mit vollster 
Sympathie begleite und ihr den besten Erfolg wünsche. Die Herren 
sprachen dem Minister im Namen des Präsidiums den herzlichsten Dank aus. 

Über die in den Kunstkreisen aller Kunstgattungen »herr- 
schende Situation € hätte ich dem Minister besser als eine > Ab- 
ordnung«, bestehend aus einem Schriftsteller, einem Feldmarschalleut- 
nant, einem Hofschauspieler und einem kaiserlichen Rat, Auskunft 
geben können. Ich hätte dem Minister gesagt, daß sie, nämlich die Situ- 
ation, wahrhaft trostlossei.Abernichtinfolge des Kriegs, sondern schon 
vom Frieden her. Denn daß ein Feldmarschalleutnant und ein kaiser- 
licher Rat irgendwelche Kunstgattungen vertreten, kann schon sein ; 
wer aber hat die Herren Wilhelm und Treßler beauftragt? Ein 
Kunsttag im Jahr wäre ja nicht übel, und Arme sollte man täglich 
unterstützen. Aber wenn etwa geplant ist, Leute auf der Straße 
anzusprechen, damit gewissen Kunstkreisen das Malen oder das 
Schreiben erleichtert werde, so gebe ich keinen Heller! 



Zusammenhänge 

. . . Auf den Vorhalt des Richters, daß es wohl nicht üblich sei, 
wenn man etwas kaufen wolle, den Gegenstand an sich zu nehmen, bevor 
man noch bedient wurde, erwiderte die Angeklagte: >Ich habe gedanken- 
los gehandelt. Ich war damals ganz traumverloren.« 

Der Verteidiger brachte vor, daß die Angeklagte, die nebst ihrem 
Berufe als Klavierspielerin auch Dichterin und Schriftstellerin sei, 
auf der Fahrt mit der Elektrischen ins Warenhaus auf losen Blättern, 
wie es ihre Gewohnheit sei, etwas niedergeschrieben habe, woraus 
sich ihre Gedankenlosigkeit im Geschäfte erklärt. 

Die aber schon in der Elektrischen gewirkt haben muß. 



— 22 — 



San mr fesch ! 

(»Die Herrenwelt.«) Die soeben erschienene dritte Nummer der 
ausgezeichneten Wiener Zeitschrift für die Herrenmode >Die Herrenwelt« 
steht im Zeichen des Sports, speziell des Reitsports, über den es in 
dem einleitenden Artikel »Sportherren« sehr richtig heißt: ». . . . Kein 
anderes Kleidungsstüclt stellt körperliche Vorzüge in so günstiges Licht 
wie der Sportrock, und kaum in einem andern vermag man anderseits 
so gut , nachzuhelfen' und .auszugleichen' — da lohnt es sich schon, 
ein wenig nachdenklich zu sein. Ist man vielleicht auch ein 
Mann, der in den sogenannten Äußerlichkeilen nicht aufgeht, so freut 
man sich darüber, wenn es heißt: »Schauen Sie sich den dort 
drüben an, ist der nicht ein fescher Mensch? . . . .« 
Ein Artikel beschäftigt sich mit der »Hemdärmelgemütlichkeit« und den 
»Hemdärmelherren«, die es noch immer vorziehen, in Hemdärmeln 
zu erscheinen, statt in dem so hübschen und praktischen Sporthemd, 
und eine amüsante Plauderei schildert den »Salonlöwen« von seinem 
ersten Auftreten in der Öffentlichkeit bis zu seinem seligen Ende, das 
heißt bis er in den Hafen der Ehe einzieht oder sich mit zu- 
nehmendem Alter in den »Zuckerlonkel« verwandelt. Der 
Vizedirektor des Österreichischen Museums für Kunst und 
Industrie Regierungsrat Dr. Dreger ist mit einer historischen. 
Studie über die Entwicklung des Reitanzuges vertreten. . . . 

Zu dieser Gründung haben sich Regierungsräte, Hofräte 
und dergleichen amtliche Förderer von Kunst und Industrie, 
Schokolade und Knofel, die jetzt eine heimische Mode »ins Leben« 
— was das schon für ein Leben ist — >rufen< wollen — was 
das schon für Rufer sind — , zusammengefunden. Keine Hemd- 
ärmelherren, auch nicht gerade Salonlöwen, wohl aber Zuckerlonkel, 
und zwar solche, die immer Diana-Kriegs-Schokolade für die braven 
Kinder in der Tasche haben. Arme Teufel, die von der fixen Idee 
besessen sind, bald dem Fremdenverkehr, bald der heimischen Mode 
zuzureden, und sonstigen Erscheinungen, die sich nicht zwingen 
lassen, denen sie aber durch gemütliche Scherze beizukommen hoffen. 
Sind das nicht fesche Menschen? Nirgend besser als in diesen 
österreichischen Förderungen, wo entweder Organisches durch 
Komiteesitzungen oder Sachliches durch eine g'schmackige Zube- 
reitung entstehen soll, zeigt es sich, daß die große Armut von 
der großen Powerteh herkommt. Oder nein, Onkel Bräsig (kein Zuckerl- 
onkel!) hatte unrecht : die Powerteh von der Armut. Wo in aller Welt 
außer in dieser windverdrahten und drahtverhauten Gegend wären 
solche Entschlüsse, täglich ein neues Leben zu beginnen und auf den 



Ruinen blühen zu lassen, noch möglich ?Ham mr nix, so mach' mr was. 
San mr traurig, gibts an Gspaß. Nicht zu waschen is die Wasch' — 
aber heimisch! San mr fesch! 



Es ist vorgesorgt 

Das stellvertretende Generalkommando des 7. Armeekorps hatte 
eine Eingabe des Verbandes Westmark der »deutschvölkischen« Partei 
Aber die Modefrage an das Kriegsministerium zur Erwägung weitergegeben, 
ob nicht für das ganze Reich gegen den »Modeunfug« durch- 
greifende Maßregeln getroffen werden könnten. Dem Verband ist nunmehr 
vom stellvertretenden Generalkommando in Münster folgender Bescheid 
zugegangen: Laut Mitteilung des Kriegsministeriums ist vorgesorgf, daß 
die Herbst- und Wintermode eine andere Richtung einschlägt. 



Ein freies Leben führen wir 

Die Polizei: 

Die Münchener Polizeidirektion befahl den Schutzleuten, nach 
eigenem Ermessen auffallend gekleidete Frauen zur Wache 
zu bringen. Tatsächlich wurde gestern schon auf dem Bahnhofplatz 
eine Dame verhaftet, die eben auf dem Wege zu einem Stelldichein 
mit einem Offizier war. Nach energischem Vorhalt des Unziem- 
lichen ihrer auffallenden Kleidung durch den Polizeibeamten und 
nachdem ihr ein Polizist den ihr im Gesicht aufgetragenen 
Puder abgestaubt hatte, wurde sie entlassen. 

Die Presse: 

(Die verhaftete »Mode«.) Um »ihn« zu treffen, kam »sie« auf 
den Bahnhofplatz. Nach ihrer Meinung war sie über alle Maßen »schick« 
gekleidet: Dunkelblaues Kleid mit Glockenrock, ein durch Außer- 
gewöhnlichkeit entzückender Hut, Pelz, graue Schuhe mit riesenhohen 
Absätzen, die Locken kokett in die Stirn fallend, Schminke und Puder 
waren nicht gespart — mußte sie nicht gefallen? Da stört ein Schutz- 
mann ihre erwartungsvollen Hoffnungen, heißt sie, ihm zu folgen. 
Bald steht sie in der Polizeidirektion dem diensttuenden Beamten gegenüber, 
der sich lebhaft für die »Aufmachung« der Dame interessiert. Das Fräulein, 
eine Schmuckverkäuferin, erklärte gekränkt, daß sie die gleiche Kleidung 
bei jedem Ausgang trage; vielleicht habe sie diesmal nur etwas zuviel 
Puder aufgetragen, denn sie habe Eile gehabt, um ihren Bekannten nicht zu 



24 — 



versäumen. Der Beamte tadelt die dem Ernst der Zeit nicht ent- 
sprechende Tracht, reinigt die Modepuppe von der Überfülle 
des Puders und läßt sie ziehen. Wie sie sich wohl entschuldigt 
hat, als sie verspätet zum Stelldichein eintraf? Diese Geschichte, 
die sich am Dienstag abend abspielte, wird hoffentlich eine 
deutliche Warnung sein für alle Sklavinnen verrückter 
Übermode. 



Was ist grauenhafter? 



Lauschigstes Eckchen der Welt 

(Das Hindenburg-Bierstübl) Kärntnerstraße Nr. 22, wurde 
den Zeitverhältnissen Rechnung tragend, vom Erdgeschoß 
nach dem Souterrain verlegt und findet dieser gemütliche Raum 
echter Zechstimmung im Kreise der Bierfreunde volle Anerkennung. 
Ebenso bewährt sich der Grundzug der Selbstbedienung und der 
Freiheit, sich die >Unterlage« selbst mitbringen zu können, umso- 
mehr, als diese Einführung dem allseitigen Bedürfnis desSparens entspricht. 
Im übrigen besteht die Absicht, das trauliche >Stübl« nach Maßgabe der 
immer schwieriger werdenden Küchenverhältnisse nach und nach zu 
vergrößern, so daß es sich zu einem Hindenburg-Keller aus- 
bilden wird, in dem das Meisterwerk des volkstümlichen Bildhauers 
Zelezny, der martialische Kopf des großen Feldmarschalls Hindenburg, 
erst voll und ganz zur Geltung kommen wird. Wenn auch das 
weiße Tischtuch immer mehr verschwinden wird, so werden sich die Gäste 
nicht minder wohl fühlen in den Hallen echt deutschen Wesens 
und unbeugsamen Frohsinns wienerischer Lebensfreude. 



Riesigstes Sortiment der Monarchie 

Der Maler Professor Hugo Vogel hat jetzt ein 19 Meter langes 
und 8 Meter hohes Wandgemälde, »Prometheus bringt den Menschen 
das Feuer<, in der Berliner Charite vollendet, das mit 152 Quadratmeter 
das größte Wandgemälde ist, das die deutsche Reichshauptstadt besitzt. 

Kalassal ! Funfzehntausend können es gleichzeitig ansehn und 
sich überzeugen, daß Prometheus tatsächlich den Menschen das 
Feuer gebracht hat, durch das sie jetzt für ihre Ideale gehen. 



Der Atem der Weltgeschichte 

»Dieser Abend brachte Barnowskys wertvollste Gabe. 
Die Aufführung hatte Gedrungenheit und Größe. Der Abend kann 



— zo — 



historisch werden. In Geschichtsbüchern könnte dereinst 
stehen: Am Tage, da Amerikas Note in Berlin veröffentlicht wurde, 
hatten die Bürger innere Stärke und Freiheit genug, die Troerinnen des 
Euripides andächtig anzuhören If 

Vorläufig steht es in der Vossischen Zeitung, nicht von Klio, aber 
von Herrn Großmann, den wir leider in waffenbrüderlicher Ver- 
blendung an Berlin abgegeben haben. Er muß überrascht gewesen 
sein. Zu der Zeit, da er noch kein angelangter, sondern nur ein 
ringender Schmock war, der, wie die Euripides-Zuhörer sagen, nicht 
Brot auf Hosen hatte und darum anarchistischen Idealen anhing, 
hätte er das den Bürgern gar nicht zugetraut. »Hören Se mal, 
Katzenelbogen, was sagen Se zu Wilson ?< »Wir wollen uns heute 
die Troerinnen, Barnowskys wertvollste Gabe anhören, in der 
Bearbeitung von Euripides, 'nem tüchtjen jungen Österreicher, nach 
'ner Idee von Werfel.« »Nu haste Worte! Ausgerechnet heute? 
Katzenelbogen, bedenken Sie, was die Weltjeschichte dazu sagen 
wird!< »Was soll sie sagen, wenn das Metropol ausverkauft ist?« 
»Ja sind Sie denn heute in der Stimmung für Andacht?« »Erlauben 
Sie mal, da bin ich aber ganz anderer Ansicht ! Grade an so 'nem Tag 
muß man beweisen, daß man innere Stärke und Freikarten genug 
hat, zu Barnowsky zu gehen. Der Abend kann historisch werden !« 
(Krotoschiner steht kopfschüttelnd da und entfernt sich, das Lied 
summend: »Ach Puppe, sei nicht so neutral!«) 



1916 

»Im Johann Strauß-Theater wurde die Operette »Die Csardas- 
fürstin« zum hundertfünfzigstenmal aufgeführt .... Im Carltheater wurde 
Samstag die Operette »Fürstenliebe« zum fünfundsiebzigstenmal ge- 
geben .... Im Bürgertheater fand Sonntag abend die zweihundertste 
Aufführung der Operette »Ein Tag im Paradies« statt . . . .« 



Verzweiflung in London 

Das Neue Wiener Journal, das seine Lügen nicht etwa verstohlen 
stiehlt, sondern es in balkendicken Lettern anzeigt, ist das Opfer eines 
Zeppelinbombardements auf London geworden. Man hat ihm eine 



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Original-Nachricht anvertraut, die es unter dem Titel »Verzweiflung 
in London« produziert: 

... In London herrschte während des ganzen Sonntags tiefe 
Niedergeschlagenheit. Die meisten Theater, Varietes und Kinos 
waren geschlossen .... 

Und das ist noch eine sehr glimpfliche Darstellung. Denn 
an jenem Sonntag sollen in London sogar sämtliche Theater, 
Varietes und Kinos geschlossen gewesen sein. Und wenn das Neue 
Wiener Journal erst die volle Wahrheit wüßte I Es soll nämlich jetzt 
vorsichtshalber an jedem Sonntag der Fall sein und wie man 
sagt, schon seit Jahrzehnten in Erwartung der Zeppeline der Fall 
gewesen sein. Immer an Sonntagen fürchten sie dort, daß Zeppeline 
kommen, und schließen darum sämtliche Theater, Varietes und 
Kinos. Bei uns würde man eher Bomben riskieren als die Sperrung 
von Rideamus. Wir halten durch und offen, und wenns Schuster- 
buben regnet. In London gibts zwar auch nicht jeden Sonntag ein 
Zeppelinbombardement, aber man kann hundert gegen eins wetten, 
daß diese Feiglinge von nun an immer geschlossen haben werden. Ja, 
als die Zeppeline noch nicht erfunden waren, hätte man ihnen zugute- 
halten können, sie täten 's aus religiösen Gründen, mit einem Wort 
aus Heuchelei, aber jetzt halten sie am Sonntag geschlossen aus 
Furcht, und wenn die Zeppeline an Wochentagen kommen, so 
halten sie offen aus Leichtsinn. Denn man weiß ja: sie »tändeln 
mit dem Krieg«. Automobile sollen sogar bei ihnen verkehren. 
Sie leben in Saus und Braus. Und das tun sie immer dann, wenn 
sie nicht verzweifelt sind. Wenn sie aber schon die längste Zeit 
getändelt haben oder verzweifelt waren, dann »müssen sie endlich 
beginnen nachdenklich zu werden«. Und dann schließen sie täglich! 



Das Gesellschaftsspiel 

». . . Schon die Aufmachung der Sache mit der einleitenden 
Schilderung des Speisewagens ist kennzeichnend für den italienischen 
Pressestil, der auf das oberflächliche Unterhaltungsbedürfnis berechnet 
ist. Der »Held von Laibach« ist kein anderer als der Fliegerhauptmann 
Salomone, der den Angriff der Caproni-Flugzeuge auf die Hauptstadt 



von Krain geführt hat, durch den zahlreiche friedliche Bürger der öster- 
reichischen Stadt ums Leben gekommen sind. Als österreichische 
Flieger über italienischen Städten Norditaliens Bomben mit töd- 
licher Wirkung geworfen hatten, konnte die .Tribuna' sich nicht genug 
tun im wüsten Schimpfen über die deutschen Mörder, Banditen 
u. s. w., denen es Freude bereite, wehrlose Frauen und Kinder umzu- 
bringen. Den italienischen Hauptmann dagegen sieht sie, da er an 
österreichischen Bürgern dasselbe verübt hat, >im leuchtenden 
und unauslöschlichen Glänze des Ruhmes« .... Solche widerliche 
Zeugnisse des in der Presse Italiens herrschenden Geistes könnte man 
zu Hunderten sammeln, eines immer schlimmer als das andere. Man 
kann wahrlich für weitaus die meisten Zeitungsschreiber 
des uns ehemals verbündeten Landes nichts anderes mehr 
empfinden als tiefste Verachtung.« 



Ein Geduldspiel für Groß und Klein 

>Die vom Kriegsfürsorgeamt in den Verschleiß gebrachten 
heurigen Osterkarten haben durch den »Russentod« eine er- 
freuliche Ergänzung erfahren. Der >Russentod«, eine sinnreiche 
Erfindung der Gräfin Taaffe, ist ein für Groß und Klein interes- 
santes Geduldspiel, ein Erzeugnis der Verwundeten des Roten Kreuz- 
Lazaretts auf der Kleinseite, wo die Gräfin als Oberschwester Samariter- 
dienste versieht. In einem sehr geschmackvoll ausgeführten Osterei 
erscheint eine Miniaturfestung mit Drahthindernissen und 
Sumpf dargestellt, nebst kämpfenden verbündeten und russi- 
schen Soldaten. Durch Schütteln des Eies müssen die Ver- 
bündeten in die Festung hereingebracht und die Russen in den 
Sumpf getrieben werden. Der »Russentod« bildet ein ge- 
eignetes Ostergeschenk nicht nur für die Jugend, sondern 
auch für die Soldaten in den Spitälern, denen es eine angenehme 
Zerstreuung und spannende Unterhaltung bietet. Das »Russen- 
tod«-Osterei, in sehr geschmackvoller schwar;^-gelb-seidener 
Ausführung, kostet 3.60 Kronen und ist in der Prager Zentralverkaufs- 
stelle des Kriegsfürsorgeamtes erhältlich.« 



Initiative und Pagat-UItimo 

— Wir haben im Morgenblatte über den namens des freiheitlich- 
bürgerlichen Gemeinderatsverbandes (vom Gemeinderat Hein) gestellten 
Antrag berichtet, dem Generalobersten Freiherrn v. Conrad das Ehren- 
bürgerrecht der Stadt Wien zu verleihen. Die Initiative zu diesem 
Antrage hatte Gemeinderat Josef Stein ergriffen. 



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Also nicht Hein, sondern im Gegenteil Stein. Hein und 
Stein sind die zwei Genien des Fortschritts, auf die die Leopold- 
stadt annähernd mit derselben Inbrunst schwört wie ehedem auf 
Stein und Bein. Dem Generalstabschef, dem schon zugemutet 
wurde, daß die Praterstraße »fortan« nach ihm heißen solle, dürfte 
diese Vordringlichkeit bis an die Front und das opferlose Ergreifen 
von Initiativen zu einer Reklamenotiz doch einige Aufschlüsse über 
die Beschaffenheit jenes Hinterlandes gewähren können, in dessen 
Interesse es letzten Endes eine Front gibt. Bedürfte es außer dem 
Instinkt und der Information durch freiheitliche Anträge noch einer 
weiteren Aufklärung darüber, aus welchen Milieus da der Anschluß 
an die Glorie versucht wird, so wäre vielleicht diese hier, einen 
zivilistischen Erfolg betreffend, der dem Triumph auf dem Fuße 
folgte, geeignet, den Gegenstand zu erschöpfen: 

(Wegen eines Pagat-Ultimo.) Der Fabrikant und 
Gemeinderat Josef Stein trat heute beim Bezirksgerichte Josefstadt als 
Kläger gegen den Holzhändler Deutschberger auf, weil e r ihm bei einer 
Tarockpartie zugerufen haben soll: »Sie sind der unanständigste Spieler, 
den ich kenne!« In der . . Verhandlung gab der Angeklagte . . an, daß er am 
2. Januar im Cafe Prückl bei einer Tarockpartie mit dem Kl^er und dem 
Realitätenbesitzer Goldsand beim letzten Spiel einen Pagat-Ultimo angesagt 
habe, der todsicher war. Beim Ausspielen der Karten habe ersieh, während 
die Partner schon kein Tarock mehr im Blatt hatten, vergriffen und mit dem 
Pagat eingestochen, obzwai er noch sechs andere Tarock im Blatt hatte. Herr 
Stein habe sofort erklärt, daß dies eine Renonce sei, habe die Karten 
weggeworfen und habe sich den Pagat-Ultimo von ihm noch bezahlen 
lassen .... Herr Stein gab, als Zeuge vernommen, an, daß er in der 
ständigen Partie mit dem Angeklagten stets größere Beträge verloren 
habe. Am kritischen Abend habe zufällig Herr Deutschberger Pech 
gehabt und sei deshalb während des Spieles sehr aufgeregt gewesen. 
Als er mit dem Pagat-Ultimo aus Versehen eingestochen habe, habe er 
den Pagat wieder ins Blatt nehmen wollen ; er (Stein) habe dies jedoch 
nicht zugegeben, da eine Renonce gelten müsse .... Schließlich 
erlärte der Kläger, daß er den Betrag für den verlorenen Pagat-Ultimo, 
und zwar achtzig Heller, nicht genommen, sondern das Geld auf 
dem Tische liegen gelassen habe .... Der Richter verurteilte den 
Beschuldigten wegen Ehrenbeleidigung im Sinne der Klage zu einer 
Geldstrafe von hundert Kronen .... 

Daß eine Renonce gelten muß, ist doch wohl die primitivste 
völkerrechtliche Errungenschaft, die aus diesem Ringen noch übrig 
geblieben ist. Aber ganz abgesehen davon mußte eine Vertirteilung 
erfolgen, weil es von unpatriotischer Gesinnung zeugt, einem 



— 29 



Manne, der das Verdienst hat, die Initiative zu jenem monu- 
mentalen Antrag ergriffen zu haben, so etwas anzutun. In dieser 
todsichern Zeit einen Pagat-Ultimo ansagen, mag ein Trumpf 
sein; aber das Scherflein von achtzig Hellern liegen lassen und 
dafür eine Initiative ergreifen, das ist ein Triumph, mit dem man 
in die Annalen kommt und für den sich dereinst noch das auf 
dem Schoß sitzende Enkerl interessieren wird. 



Kosaken in Wien! 

.... Er sei plötzlich in die Mitte des Kaffeehauses getreten 
und habe ihm, auf eine Ecart^epartie anspielend, zugerufen: »Es ist 
ein Skandal, daß Sie Kosaken in Ihrem Kaffeehause dulden. 
Sie wollen ein anständiger Kaffeesieder sein? Sie sind ein 
Kaffeesieder wie ich ein Seiltänzer bin!< 



Das Los unserer Gefangenen in Rußland 

— Der Realschüler Paul Kramer, Sohn des Prokuristen Berthold 
Kramer der Ostrauer Mineralölraffinerie Max Böhm & Co., hatte zuin 
18. August vorigen Jahres an G. d. I. v. Kusmanek ein patriotisches 
Gedicht gesandt, worauf er kürzlich ein Schreiben des Generals aus 
Nishni-Nowgorod, vom 10. März 1916 datiert, erhielt, in welchem es 
heißt: ». . . Besten Dank für Ihre patriotische Kundgebung vom 18. 
August 1915, welche mir erst kürzlich zugekommen ist. Ich begrüße Sie 
und knüpfe daran den Wunsch, daß es stets Ihr eifrigstes Bestreben 
sein möge, dereinst ein wackerer und tüchtiger Sohn unseres schönen 
V'aterlandes zu werden, v, Kusmanek.- 



Der Flüchtling 

(Unsere Ärzte in Taschkent und Samarkand.) Unter Bezugnahme 
auf die Mitteilung über das Schicksal des kriegsgefangenen Meteorologen 
Dr. v. Ficker in Sibirien wird uns von geschätzter Seite geschrieben: 
Taschkent und Samarkand .... sind mir leider viel zu gut bekannt und 
geläufig, habe ich doch selbst fast sechzehn Monate in Samarkand und 



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auch kurze Zeit in Taschkent gelebt. ... In Samarkand war ich bis 
zum 22. Januar laufenden Jahres im dortigen Kriegsgefangenen- 
lager interniert, bis ich zu fliehen vermochte.... Verhältnis- 
mäßig geht es unseren Ärzten in der Kriegsgefangenschaft leidlich. 
Sie besitzen in den meisten Städten einige Freiheit 
und dfirfen ohne Konvoi ausgehen. ... Ich habe noch 
die Beteilung der Mannschaft mit diesen Liebesgaben aus der Heimat 
knapp vor meiner Flucht erlebt. Nie werde ich diese 
Glückseligkeit und Dankbarkeit, die aus den Augen der Beteilten strahlte; 
vergessen. Die kompetenten Militärbehörden und Fürsorgestellen suchen 
alle Mittel und Wege, das Los unserer Kriegsgefangenen in Rußland zu 
erleichtern, doch auch unsere Privatwohltätigkeit könnte hier außer- 
ordentlich segensreich einsetzen. Ich bitte alle, die einen Angehörigen 
in russischer Kriegsgefangenschaft im Turkestangebiete haben, der in so 
weiter Ferne in einem anderen Weltfeil schmachtenden Kranken und 
Siechen zu gedenken und ein Scherflein beizutragen zur Milderung des 
Loses dieser wahrhaft Unglücklichen, 

Aber es wird leider wenig helfen, und sogar die freien 
Ausgänge der Gefangenen werden jedesmal, wenn einem von 
ihnen die Flucht geglückt ist, eingeschränkt. »Sie besitzen in den 
meisten Städten einige Freiheit und dürfen ohne Konvoi ausgehen«, 
so lange, bis einer von ihnen das Wort bricht und alle übrigen 
seine Flucht zu büßen haben. Der mit Recht anonyme Samariter, 
der eine geschätzte Seite bleibt, während andere in Wien sogar 
Vorträge über ihre Flucht halten, hat eben noch die Freude seiner 
Kameraden beim Eintreffen der Liebesgaben, aber eben nicht ihre 
Trauer über die infolge seiner Flucht verfügte Freiheitsentziehung 
mitgemacht. Der Überläufer des Schlachtfeldes bringt sich in Ge- 
fangenschaft und verrät seine Kameraden nicht. Das tut er erst, wenn 
er aus der Gefangenschaft in die Freiheit überläuft. Aber auch diese 
selbstischeste Handlung, die immerhin noch in einer Niederung 
von Menschlichkeiten spielt, könnte als Rettung aus einem uner- 
freulichen Leben mit Schweigen hingenommen werden, wenn sie sich 
selbst zum Schweigen verurteilte. Wohl ist ein solcher Zeuge in 
der Lage, über das Los der Kameraden, die er zurückgelassen hat, 
Zuverlässiges auszusagen, aber keiner ist dazu weniger berufen; 
denn er weiß recht gut, daß keine Hilfeleistung, die er durch- 
zusetzen vermöchte, den Gefangenen mehr nützen kann, als seine 
Entfernung, die ihn zur Aussage befähigt, aber nicht berechtigt, 
ihnen geschadet haben muß, und daß die so gewonnene Freiheit 
ihnen abgezogen wird, deren jeder jetzt gerade um so Tiel weniger 



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davon hat, als jener zu viel hat, und deren jedem jetzt um so viel 
mehr Freiheit genommen ist, als jener sich nahm. Von Helfern, 
die das Unheil vermehren halfen, läßt sich das Gewissen nicht 
gern mahnen. Nur wenn am Ziel der Flucht die Sicherheit 
zu holen wäre, auch die Befreiung der anderen durchzusetzen, 
wäre der Ankömmling ein willkommener Bote. Wenn er uns aber 
zu Scherflein für solche auffordert, die seither noch weniger 
haben, so wollen wir sie beitragen, aber ihn nicht grüßen. 
Für Zeitungen mag er eine geschätzte Seite sein. Leser sollten auf 
die andere Seite schauen. Das peinliche Erlebnis: die Freiheit, die die 
Verengung verschuldet hat und die das wissen und gewußt haben 
muß, über die Gefangenschaft klagen zu hören, ist eine der 
bunten Möglichkeiten dieser verrotteten Gegenwart. 



Eine Beruhigung 

. . . Das so gesammelte Geld wird für die Aufbesserung der 
Kost, für Bekleidung, für die Instandhaltung, die Reinlichkeit, kurz für 
die notwendigsten Bedürfnisse verwendet. Durch dieses Werk der 
Menschenliebe können sich unsere armen Kriegsgefangenen gesünder 
erhalten, und es kommt nicht zuletzt unseren kriegsgefangenen Vätern, 
Männern, Söhnen, Verlobten, Brüdern zugute, indem durch Reinlichkeit 
und richtige Ernährung das Ausbrechen von Krankheiten, speziell in den 
Mannschaftslagern verhindert wird .... 



Der Gipfel der Nibelungentreue 

(Vielgereuth.) Von Mund zu Mund geht jetzt dieser Name, der 
mit einem so schönen Erfolg unserer tapferen Verbündeten 
verknüpft ist. Die Hochfläche von Lafraun und Vielgereuth — — — 

Das ist der , Wiener Mittags-Zeitung' passiert. Es erklärt sich 
o: sie hat es einem reichsdeutschen Blatt, als sie gerade Schulter 
au Schulter mit ihm stand, entwendet. 



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Ein seltener Fall 

Konstantinopel, 1. Mai. Die Kunde von der Kapitulation der 
englischen Armee in Kut-el-Amara hat hier eine riesige Begeisterung 
wachgerufen. Alle Straßen sind in den türkischen Farben und denen 
der Verbündeten beflaggt. Höhere türkische Militärs bezeichnen die 
Kapitulation als das letzte Werk Feldmarschalls von der Goltz, der im 
Tode noch den Triumph der von ihm reorganisierten Armee erlebte. 



Er war ein Mann, nehmt alles nur in allem 

». . . geradezu hassen tat er (Kitchener) die Kriegs- 
berichterstatter der Presse, denen er die Teilnahme am Feldzug 
— bei der Macht, welche die Presse in England bedeutet — nicht 
wohl versagen konnte. Er machte sich hin und wieder in unlieb- 
samer Weise bei ihnen bemerklich, so zum Beispiel, wenn er ihnen 
als Lagerplatz eine Stelle anweisen ließ, die unter Wind 
der Soldatenlatrinen gelegen war.« 

Ich werde nimmer seinesgleichen sehn. 



Gut erzogen 

». . . Viele der interessanten und eingehenden Ausführungen in der 
Besprechung >Die Einführung der Sommerzeit« in Ihrem geehrten 
Morgenblatte vom 27. d. werden gewiß in dem großen Kreise 
Ihrer Leser sympathische Zustimmung finden . . . .« 



Sommerzeit! 

Es war vorauszusehen, daß »das Thema Sommerzeit« am 
30. April um 11 Uhr, aber auch schon wochenlang vorher täglich 
und zu jeder Stunde wie auch lange nachher »an allen Tischen 
den Gesprächsstoff bilden« werde. Die Sachverständigen, die schon 
warteten, um gefragt zu werden, wie viel Uhr es sei, wenn 
es erst elf ist und schon zwölf ist, und was man da tun solle, 



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hatten den Rat gegeben, in solchen Fällen den Zeiger der Uhr 
»einfach um eine Stunde vorzurücken«, aber die Wiener starrten 
ihre Taschenuhren an und nahmen sie in den Mund. Weniger 
schüchterne und mehr zu ausgelassener Fröhlichkeit neigende 
Naturen glaubten, es sei Sylvester und begrüßten die öffentlichen 
Uhren »mit Applaus und Bravorufen <. Bei den privaten machten 
sie eine Ausnahme. Ich weiß das alles nur aus den Essays, die 
darüber erschienen sind; ich hatte damit gerechnet und war des- 
halb schon vor dem kritischen Tag mit meiner Uhr in die Schweiz 
geflüchtet. Daß »Tausende und Abertausende« bis Mitternacht »auf- 
bleiben« würden, um es einmal zu erleben, wie das ist, wenn um elf 
zwölf ist, zu komisch -das hatte ich gewußt, ehe sie noch den Plan 
gefaßt hatten. »Kaum einer«, las ich nachträglich, »der im Besitze 
einer Taschenuhr ist, verabsäumte, zur festgesetzten Stunde die 
Vorrückung des Uhrzeigers zu vollziehen«. Da wollte ich nicht 
dabei sein. Ob aus der großen Menge der Fachleute, die sich da 
bewährt haben, einige herausgegriffen und interviewt wurden, weiß 
ich nicht. Aber die Befragung der Cafetiers, der kompetentesten 
Persönlichkeiten auf dem Gebiet jeder Neuerung, die sich im Welt- 
all und mithin speziell in Wien begibt, habe ich noch erlebt 
und Riedls Äußerungen anregend gefunden. Wie es auf den 
Fremdenverkehr einwirken wird, muß sich erst herausstellen, bis 
er kommt; man hofft aber allgemein, daß er um eine Stunde früher 
hereinbrechen wird. Auch war ich gar nicht überrascht, bei meiner 
Rückkunft zu hören, daß sich die Wiener mit der ihnen speziell ange- 
borenen Anpassungsfähigkeit an den neuen Zustand gewöhnt hatten. 
In der Zeitung fand ich die meisten Geschäfte angeführt, die sofort 
eine Stunde früher geöffnet und infolgedessen auch eine Stunde früher 
geschlossen haben. Auch waren alle Ämter lobend erwähnt, die sich 
ähnlich verhalten hatten. Bei der Südbahn wurde die Sache so arrangiert, 
daß etwa ein Zug, der um sieben hätte eintreffen sollen, pünktlich 
um sieben eintraf. »Selbstverständlich«, hieß es, »haben auch die 
Postanstalten sich bereits die Sommerzeit zu eigen gemacht«, aber 
wiewohl es selbstverständlich ist, wurde es dennoch hervorgehoben. 
Dann gab es »Straßenbilder«. Berichterstatter waren ausgeschickt 
worden, um zu beobachten, wie es »auf dem Hof« zuging, »auf 
dem Stephansplatz«, der besonders in Mitleidenschaft gezogen ist, 
u. s. w. Auf dem Hof hatte »eine Anzahl von Genauigkeitsfexen 



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Aufstellung genommen«, die harrten voll Spannung, endlich kam 
der >große Ruck«, als aber der Zeiger »um fünf Minuten 
zu weit ging«, fand man, daß das zu weit gehe, und es 
ertönte »ein vielstimmiges Veto«. >Beschämt blieb er stehen.« 
Auf dem Stephansplatz hingegen »hatte eine wirklich festlich 
gestimmte Menge Aufstellung genommen<, die sich »die Wartezeit 
mit Witzen und auch giftigen Apostrophen über die Neuein- 
führung vertrieb«. Sie selbst wurde nicht vertrieben. Und dann, 
siehe da, erschien die Zahl zwölf, »was ein Höllengelächter 
zur Folge hatte«. Mit den Turmuhren wars aber ein rechtes 
Gfrett. Sie machten nur »zwölf gravitätische Schläge und 
nicht um ein Jota mehr«. Alle 131 wurden übrigens pünktlich um 
eine Stunde vorgerückt, »und es war keine Uhr, die nicht eine 
Menschenansammlung verursacht hätte«. Die Wiener haben da sehr 
genaue Kontrolle geübt. Auf ihre Akkuratesse in solchen Fällen kann 
man sich verlassen. Die Uhren selbst mögen die verschiedensten Zeiten 
anzeigen : die Wiener sind pünktlich zur Stelle, um nachzusehn. Wie 
sie späterhin gehen werden, nämlich die Uhren, ist wurscht; jetzt 
hat's zu stimmen! Besonders interessant war, was die Hausfrauen in 
den seriöseren Zeitungen auszusagen hatten, und namentlich eine, 
intelligentere, war so gewissenhaft, auch die Äußerungen ihrer Dienst- 
mädchen und ihres vierjährigen Mäderls wiederzugeben, so daß wir also 
auch über die Wirkung der Sommerzeit auf den Haushalt und auf das 
Familienleben vollauf beruhigt wurden. Natürlich wurde, nachdem 
schon alle Berufe abgelaust waren, auch »der Standpunkt der 
Astronomie« zur Geltung gebracht. Der Mann von der Sternwarte, der 
ja als Mann der Wissenschaft einen Schmock nicht einfach hinauswerfen 
kann, begnügte sich, seinen Standpunkt mit den Worten zu präzi- 
sieren, »als Astronom betone er vor allem, daß die Angelegenheit 
die Astronomie nichts angeht« und daß »für uns Astronomen am 
Himmel keine Änderung vor sich geht, mögen nun die Leute ihre 
Uhr stellen wie sie wollen.« Das ist nur zu wahr und gewiß geht 
die Sommerzeit die Kaffeesieder mehr an als die Astronomen, aber 
sicher ist auch, daß die Änderungen am Himmel nicht für die 
Astronomen vor sich gehen, mögen nun diese ihre Fernrohre stellen 
wie sie wollen. Und ebenso sicher ist, daß keine Änderungen 
am Himmel vorgehen, wiewohl auf Erden, wo scheinbar die Sünde 
Jahresregent ist, noch so viel Dummheit ihre Sommerzeit erlebt! 



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Der tragische Karneval 

Die Münchner Polizei hat bereits in zwei 
Fällen Veranlassung genommen, gegen auf- 
fallend gekleidete Damen einzuschreiten. Am 
Montag ereignete sich der dritte derartige 
Fall .... Sie trug einen blauen Kittel, einen 
Iturzen weißen Rock, weiße Schuhe, blaue 
Strümpfe und am Kopf eine blauseidene 
Zipfelmütze .... Ein Polizist war über den 
Aufzug empört und führte die Dame zur 
Polizeidirektion. Der Polizeipräsident er- 
innerte das Fräulein daran, »daß wir 
nicht im Karneval leben«. Unter 
Tränen bat die Zurechtgewiesene um Ent- 
schuldigung. 

Dem Siegeslauf der Schalek, die jetzt die Front am Isonzo 
abgeht und augenblicklich die Honveds auf Doberdo inspiziert» 
auch nur auf einem Abschnitt zu folgen, ist einstweilen, da die 
Wachsamkeit an hundert andern Einbruchsstellen der Kultur- 
schande beschäftigt ist, unmöglich. Unmöglich auf andere Art, als 
das, was geschieht, unmöglich ist und die Schalek selbst ein 
Ding der Unmöglichkeit. Leicht macht sie es mir ja nicht. Ver- 
such' ich wohl sie diesmal festzuhalten und fasse ich sie satirisch, 
so meint man, ich hätte zur gegebenen Kontrastwirkung noch eins 
hinzugetan. Zitiere ich sie aber, so glaubt man, ich hätte den 
Text gefälscht. Sage ich, wie ich oben getan, die Schalek sei die 
Front abgegangen, so hält man es für meinen Witz; denn die 
Komik ihres Dabeiseins so auszudrücken, als täte sie es nicht bloß 
einem Soldaten gleich, sondern gar einem General, könnte doch nur 
Übertreibung sein. Zitiere ich sie aber, behaupte ich, sie habe 
neulich mit den Worten begonnen: »Schritt für Schritt bin ich 
die Front am Isonzo längs des Görzer Abschnittes abgegangen«, 
so wird man verwirrt, und der Humor der Erscheinung leidet 
durch den Zweifel, ob nicht eben das nur Erfindung sei. Es bleibt 
nichts übrig, als eine Kampfpause der Schalek abzuwarten, und 
indem ich sie selbst sprechen lasse, durch Ausführlichkeit die 
Echtheit zu beglaubigen. Vorläufig ist kein Ende abzusehen. Allen 



— 36 



Einflüsterungen der Kommandierenden zum Trotz, die, statt zu 
kommandieren, ihr den Rat gaben: »Fahren Sie weg!«, ist sie 
geblieben, und wiewohl man ihr sagte: >Sie brauchen ja nicht im 
Schrapnellhagel zu schreiben!«, wollte sie nicht als Auäkneiferin 
dastehen und treibt sich ausgerechnet überall dort herum, wo es 
am gefährlichsten ist. So steht die Schalek mitten im Kugelregen, 
ißt Spargel am Tisch des Divisionärs, schlüpft in Unterstände, 
scheut die Beobachter auf der Podgora nicht, besucht sie, und 
findet, wenn sie des Abends kampfmüde heimkehrt, ihr Zimmer, 
das keineswegs bombensicher ist, mit Rosen gefüllt. Der Nieder- 
schlag dieser vielfältigen Erlebnisse ist eine unerbittliche Serie von 
Feuilletons, die von der durchhaltenden Geschmacklosigkeit eines 
gegen Hohngelächter gepanzerten Herausgebers fortgesetzt wird, 
die sich aber durch den Vermerk »Nachdruck verboten« vergebens 
gegen das Schicksal zu schützen versuchen wird, als Zeitdokument 
schwersten Kalibers jenen kommenden Geschlechtern übermittelt 
zu werden, die vielleicht wieder zwischen Mann und Weib unter- 
scheiden möchten— bewahrt zu werden als die nicht mehr steige- 
rungsfähige Karikatur der Mißgestalt, in der ein völlig schäm-, 
hemmungs- und verantwortungsloser Zeitgeist seine blutigen Possen 
getrieben hat. Denn sage ich, die Schalek habe nicht als Auskneiferin 
dastehen wollen, so wird man's so lange für meinen Witz halten, bis 
ich dartue, daß es ihr Ernst ist. Ihre Worte in ihrem Druck fangen 
nicht: man lacht und vergißt. Meine in meinem sind nur meine 
Wirkung. Ihre Worte in meinem Druck werden es bezeugen! Wer 
vermöchte gleich mir die Welt zu erschüttern durch nichts als 
daß er alles, was sie schon weiß, wiederholt? Sieht man jetzt Weiber 
militärisch verkleidet und empfängt man, weil man sie trotzdem 
grüßt, statt eines Kopfnickens, das die Disziplin des Geschlechts 
noch immer vorschreiben sollte, ein stramm Salutieren, so mag 
man staunen, wie der abgestandene Operettenwitz, der veraltet war, 
ehe das soziale Leben den ersten Mißbrauch der Weiblichkeit an- 
kündigte, der schale Ulk der komischen Alten als Feldwebel oder 
bemoostes Haupt, jetzt auf realen Leichenfeldern Zugkraft erhält. 
In dem schrecklichen Einzelfall der Reporterin jedoch, die dank 
dem faulen Zauber der Hysterie (der die Menschheit anästhesiert 
und einzig zu jener aktiven und passiven Standhaftigkeit vor der 
Maschine befähigt, welche Heldentum heißt und größer ist als Hektors 



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Mut, ders mit keinem Mörser aufgenommen hätte), in der Schreiberin 
also, die vermöge der antreibenden Gewalt seelischer Unterernährtheit 
alle Sensationen dieser welthysterischen Zerrüttung erleben kann und 
der glaubwürdige Gewährsmann dieses Kriegs wird: in dem 
stärksten Monstrum dieser Ausnahmszeit ist der ganze tragische 
Karneval enthalten. Die Sage von uns wird erzählen, daß Frauen, 
die als Frauen, also auffallend gekleidet gingen, verhaftet wurden. 
Den Amazonen aber ward in der Kindheit die rechte Brust abge- 
brannt, um sie zum Bogenspannen, noch nicht zum Schreiben 
tauglich zu machen, und die Fabelphantasie keines Zeitalters hätte 
ausgereicht, die Schalek auf dem Kriegspfad zu erfinden. 

Sie findet ihr Gegenstück etwa in den entmannten 
Männern der Wissenschaft, die dort, wo sie nur schießen hören, 
gleich mit einem Ehrendoktorat zur Stelle sind, und noch eine 
Begründung hiefür bereit haben. Nicht errötend folgen sie den 
geistigen Spuren der Schalek. die ja die kulturelle Gleichstellung 
Skodas mit Kant als erste befürwortet hat. Generale aber, die ihre Pflicht 
nicht zuletzt in deren Absonderung von anderen Idealen erkennen, 
für das Wesen und die mit keiner metaphysischen Sphäre ver- 
einbare Fachlichkeit ihres Berufs ein korrektes und somit besseres 
Verständnis haben als Philosophieprofessoren, die die Ehre ihres 
Studiums an die Erfolge des Kriegs vergeben, empfangen im düstern 
Umkreis ihres Wirkens nur dann einen heiteren Eindruck, wenn 
Rektor und Prodekan aus der Operette ins Quartier kommen und das 
Doktorat hervorziehen. Es wäre ihnen ja lästig, wenn sie nicht lachen 
müßten und ihnen nicht zur Revanche die Frage auf der Zunge 
läge, ob die Herren Philosophen vielleicht Lust hätten, länger 
zu bleiben und Feldwebel honoris causa zu werden. Kein Auftrag, 
als der der immer beunruhigten Streberseele und etwa noch die 
kindische Sucht, aus allem ein Ornament zu machen und eine 
Auszeichnung wenigstens am andern zu sehen, wiewohl sie zum 
Verdienst so paßt wie das Auge zur Faust — kein Auftrag, 
kein Zwang, kein Wunsch hats ihnen geschafft. Niemand hätte 
es vermißt, wenn's nicht geschehen wäre. Die Generale wissen 
nicht, was sie damit anfangen sollen, aber die Philosophen, 
die mit jedem Tage seit dem Tod Schopenhauers und vor allem 
seit Kriegsbeginn größere Optimisten werden, sind unerschöpflich 
in der Hingabe ihrer Ehre, so daß es fast den Anschein 



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hat, als wollten sie den Siegen zuvorkommen und als wären diese 
an den einstimmigen Beschluß der Fakultät geknüpft. Austausch- 
professoren mögen unterwegs in Streit geraten, wer mehr Ehren- 
doktorate verliehen hat. Die Empfänger aber sind sich nicht im reinen 
darüber, ob das Doktorat der Philosophie für sie eine honoris causa 
ist. So viel nur wissen sie und haben auch sie aus der Philosophie ge- 
lernt, daß solche Gabe für die jetzt tief unter dem Niveau der Schopen- 
hauerschen Mißachtung stehenden Verleiher in Wahrheit eine causa 
turpis ist! Wäre zum Glück nicht überall dort, wo der Rang ist, 
auch die Fähigkeit — was ja sogar von den Universitäten ange- 
nommen wird — , und gäbe es im Reich der Erscheinungen, in das 
jetzt die Philosophie mit Ehrendoktoraten eintritt, Unterschiede 
wie etwa zwischen einem Napoleon und einem, dem der Krieg 
nur vom Kino bekannt wäre und der vor jedem Bild, das fallende 
Menschen vorführt, nichts zu sagen wüßte als etwa: >Bumsti!< oder 
>Aha!« — die Vertreter der optimistischen Weltanschauung würden 
manche Enttäuschung erleben. Ich spreche nicht aus Neid ; ich weiß, 
daß esmir auf Lebenszeit versagt ist, das Ehrendoktorat der Philosophie 
zu erringen, selbst wenn ich nachweisen könnte, daß ich Leibniz 
für einen Fabrikanten von >Keks« halte. Denn dieses Verdienst 
würde reichlich aufgewogen durch meine Erkenntnis, daß Professoren 
der Philosophie, die dem Weltuntergang mit Ehrendoktoraten 
schmeicheln, von allen Karnevalstypen, auf die der Mond dieser 
Mordnacht grinst, die weitaus lächerlichsten und verächtlichsten sind. 
Und eins in dieser Erkenntnis sind mit mir jene Exponenten 
des Unglücks, deren menschlichem Sinn die Pflicht noch immer 
besser zusagt als die Abwechslung durch einen Firlefanz, der sie 
erschwert. Eins in der Ansicht, daß Philosophen und Weiber, die 
die Ehren ihrer Berufe dort ablagern, wo sie nicht hingehören und 
wo man sie nicht braucht, daß Dekane, die der Glorie noch 
den Doktorhut aufstülpen wollen, und Jourkoryphäen, die an 
Artilleriestellungen ihre Neugierde befriedigen möchten, nicht jene 
Botschaft aus dem Hinterlande bringen, die sie zum Dank für die 
Mühe, es zu schützen, von dort zu empfangen gehofft haben. Noch 
warten wir aber auf eine von ihnen, die uns die tröstende Gewiß- 
heit brächte, daß sie solche Zumutungen künftighin mindestens so 
mühelos abweisen werden wie den Angriff des Gegners. Von einem 
Hinauswurf der Professoren haben wir noch nichts vernommen. 



— 39 — 



Aber die günstige Nachricht sei weitergegeben, daß die Schalek nicht 
überall durchbrechen konnte, von der Südwestfront zurückgeworfen 
wurde und daß wenigstens dieser Teil des Kriegsschauplatzes zu 
einer unwirtlichen Gegend für den innern Feind geworden ist, 
von dem uns die Abwehr des äußern keineswegs befreit hat, den 
aber von einem bestimmten Punkte zu verjagen in beispielgebender 
Weise geglückt scheint. Die Schalek mußte zurückgehen, kein 
Unterstand wurde ihr gewährt und nichts zu essen gegeben. Wir 
entbieten den tapferen Offizieren für dieses Vollbringen unsern Gruß 
wie es in jener Zeitung heißt, von der jetzt wenigstens das Tot- 
schweigen einer Front, deren Männer nicht imstande waren, der 
Schalek ins Auge zu sehen, gern zu erwarten ist. Allen, trotz 
allem äußeren Gelingen Verzagten sei diese Kunde von einer 
vorbildlichen patriotischen Tat gebracht, durch die es mit einem 
kühnen Handstreich geglückt ist, einmal die inneren Grenzen zu 
schützen. Wie schön wäre es, wenn sich in einer Zeit, die für 
JVlitteilungen gegenteiligen Inhalts, für Interviews u. dgl., Rücksichten 
nicht kennt, kein formales"^ Hindernis gegen die Beglaubigung 
solcher Nachricht stellte. Die Verhüllung hat sonst den Sinn, dem 
Gegner nicht mehr zu verraten als was er ohnedies schon 
weiß. Dem Todfeind sollte mit aller Deutlichkeit gesagt werden 
können, an welchem Punkt er keine Aussicht hat vorwärts zu 
kommen, aber die Sicherheit, mit der langen Nase, mit der 
er gekommen ist, abzuziehen. Es sollte der Gegenwart gemeldet 
werden, die solches noch nicht gehört und im Glauben an eine 
Macht, die bis zu den höchsten Spitzen der Natur und der 
Gesellschaft reichen müsse, allen Mut verloren hat. Es werde der 
Zukunft verkündet, die uns um des Beispiels willen, das mutige 
Männer auf dem vorgeschobenen Posten einer verlorenen Zeit 
gegeben haben, nicht ganz verwerfen wird, um des Vorzugs willen, 
in dem tragischen Karneval, den wir uns leisten konnten, doch 
einmal für einen Augenblick die Besinnung gefunden zu haben! 



— 40 — 



Notizen 



Ein Brief mit Trauerrand, namenlos wie sein Schmerz. 
Hier als Epitaph gesetzt, bedeute er, daß ich den Dank der Mutter 
zurückgebe und in dem einen Unbekannten aller so dem Leben 
entrissenen Jugend Ehre erbiete. 



16. Mai 16 

Am Abschlüsse seiner Universitätsstudien rückte unser 
Sohn Josef zum Feldkanonenregiment Nr. 30 ein. 

Er war der Tüchtigsten und Bravsten einer, hieß es. 

Am 29. Februar ereilte ihn sein Schicksal. Als Fähnrich 
am Beobachterstand traf ihn die feindliche Kugel. 

Die große silberne Tapferkeitsmedaille sandte man seinen 
Eltern zu, deren einziges Kind und einziges Glück er war. 

Er selbst ruht in Rarancze neben dem Glockenturm der 
hölzernen Kirche, und sein Grab grünt und blüht. 

Karl Kraus! 
Nimm seinen letzten Gruß entgegen! 

Du hast ihn nicht gekannt und doch standest Du ihm 
am Nächsten in der Welt! 

Er gehörte zu Deiner Gemeinde und war Dein treuester 
Anhänger und Streiter. Wie liebte er dich! Dein Bild 
schmückt sein Zimmer. Deine Bücher zieren es. Mit 
Menschen, die ihm nicht würdig schienen, vermied er es von 
Dir zu sprechen; ich seine Mutter wußte, was Du ihm warst! 

Es ist mir wie ein heiliges Vermächtnis, ich mußte Dir 
es sagen, denn er war Deiner nicht unwürdig! 

Ich blicke auf das letzte Bändchen der Fackel, das ich 
in Händen halte — ich könnte vergehen vor Schmerz und 
Jammer, daß sein Auge nie mehr darauf ruhen wird, und daß 
dieser edle Jüngling sterben mußte für diese Menschheit! 

Sein letzter Gruß, sein letzter Dank sei Dir Karl Kraus 

geweiht von . »« ^ 

* semer Mutter, 



— 41 



Lieber Fackel-Kraus! 
Man sollte jetzt andere Sorgen haben, aber einmal muß ich mir 
wo Luft machen. So oft ich das humoristische Wochenblatt »S" lustige 
Großwien« in die Hand nehme, muß ich mich ärgern — 

Es gibt also Menschen, die 's lustige Großwien in die Hand 
nehmen. Es sind dieselben, welche den »Fackelkraus« kennen und 
eine briefliche Ansprache immerhin riskieren dürfen. Der so 
Angesprochene ist dazu geschaffen, daß sie sich an ihm Luft 
machen können. Welch eine Luft! Wenn aber die über- 
wiegende Mehrzahl meiner Leser ahnte, wie unerquicklich mir 
die Vorstellung ist, daß sie die , Fackel' in die Hand nehmen, sie 
würden die paar Stunden, die sie dem , lustigen Großwien' dadurch 
entziehen, bitter bereuen. Möge die unsägliche Banalität, die noch 
immer den Postweg betritt, sich vor jedem Versuch dreimal besinnen 
und endlich wissen, daß ich kein Herz für Abonnenten, 
treue, aber lästige Leser habe und deren Abfall jederzeit 
ihrer Annäherung vorziehe. 



Aus dem Feld 
Sehr geehrter Herr, 

Vor Jahren hörte ich Sie in Prag. . . . Das Publikum — was für 
ein Publikum, du lieber Gott — glaubte, Sie meinten die anderen, 
während Sie gerade diese meinten. Es jubelte Ihnen zu, statt Sie 
zu lynchen. 

.... Lange las oder hörte ich nichts von Ihnen. 

Bei Kriegsausbruch habe auch ich wie hypnotisiert frohen Herzens 
Frau und Heim im Stich gelassen. Wie bald fielen mir die Schuppen 
von den Augen! Und als ich krank zurückkam und das Treiben sah, 
da hätte ich weinen können wie ein Kind. . . . 

Dann kam mir in die Hand, was Sie seit Kriegsbeginn geschrieben 
haben. Ich hatte geglaubt, daß mein Skeptizismus schon den ganzen Betrug 
entlarvt hätte. Mit brennenden Wangen mußte ich da lesen, wie naiv 
ich trotz allem noch war, und oft war mir, als ob ich kassandra- 
gleich meine Blindheit von Ihnen wieder fordern müßte. 

Und diesmal muß ich dankend zu Ihnen kommen. Weil Sie der 
einzige, der wahre Held sind, der Einzige, der diesen Namen wirklich 
verdient. Als Einziger, ohne äußeren Zwang, einer Sturmfluth trotzen, 
der ganzen Meute von Profit- und Ehren Jägern die Stirn bieten, jeder 
Macht ins Gesicht höhnen und mit der Stimme eines Menschen 
den Orkan der Menschheit überschreien — das ist ein Bild, so 



42 



ergreifend, so bewundernswert, so übermenschlich, daß ich Ihnen in 
tiefstem Dank die Hand drücken muß. Und Sie müssen es dulden, ob 
ich dessen würdig bin oder nicht. In wahrer Verehrung 

ein Offizier. 

Aus dem Hinterland 
Wer ist der größte Feigling? Siel Wer ist der größte Krakehler? 
Siel Um jeden Preis wollen Sie beachtet werden, aber es gelingt Ihnen 
nicht, weil man so einen Menschen nicht ernst nimmt, der nur 
niederreißen kann. Das lassen Sie sich gesagt sein und regen Sie sich 
nicht auf, daß andere verdienen. In jeder Zeile spürt man bei Ihnen 
den Neidl Lernen Sie erst schreiben, wie Hans Müller, dann wird man 
Sie ernst nehmen, heute sind Sie der Niemand. Mit der Ihnen ge- 
bührenden Mißachtung 

ein Patriot. 



Was ist denn los? Einer ist losl Hinter ihm die Menge. Gellende 
Hilferufe bringt mir die Post. Alle Kuverts enthalten denselben 
Ausschnitt, denselben Ruf. > Haben Sie den »Serbischen Frühling« 
in der , Mittagszeitung' gelesen? Und das wagt man uns Wienern 
statt eines Mittagmahles vorzusetzen! Bitte, nehmen Sie sich, wie 
so oft schon, unser an!« »Könnten Sie nicht durchsetzen, daß für 
solche Ausgeburten einer gigantischen Schmockerei endlich doch 
die Zuchthausstrafe eingeführt wird??< »Betrachten Sie bitte dieses 
Monstrum von Sprachschändung, Gedankenarmut und Anmaßung! 
Es kränkt mich, daß ein verhungerndes Weib abgestraft wird, wenn 
es sich ohne Geld Brot verschafft und daß es gegen derartige 
Verbrechen keine gesetzliche Handhabe gibt. Alle übrigen Gedanken, 
die ich mir dazu mache, sind bewußte und unbewußte Fackel zi täte!« 
»Wenn Sie es nicht waren, der den neuen Mann erfunden hat, dann 
empfehle ich ihn Ihrer Beachtung!* Zivilistenund Offiziere, alle Berufe, 
Groß und Klein schreien durcheinander, alles ist in höchster Erregung, 
gestikuliert, winkt mir. Ja, was kann denn ich dafür, was kann denn 
ich dagegen? Brief auf Brief! Genug, oder ich renne auf und 
davon, mit jenem Ungeheuer. Der hats gut; der ist nach Serbien, 
die , Mittagszeitung' hat es schwarz auf weiß: 

Wir veröffentlichen hier den Beginn der Artikelserie unseres 
serbischen R. M. -Korrespondenten: 

EineEbene quillt über inChlorophillfontänen, ballt sich klumpig 
in Buschserien zu einem blitzblauen Himmel, quirlt sich staudicht in 
Haine zusammen, die millionenhaft weiße, wohlriechende Blüten ab- 
schuppen; diese Ebene knäuelt sich förmlich aus einer Tafel Grün zu 



43 — 



Formen, die dickgrünen Segel sanft ansteigender Laubwälder sind halb- 
schräg vor den gleißenden Horizont gespannt. Ist es Oberitalien, von 
dem Licht, Duft, Farbe auf die Sinne schnellen? Es ist Nordserbien, 
Gegend Wladenovac — Lazarevac. Dunklere Rauten saftigen Gebüsches 
säumen Bäche, weißgesogene Landstraßen, aus denen Kalkbrocken 
gleißen, punktieren Kastanienalleen ins hellere Grün. Dieses Gebiet 
gleicht den Landschaften jungwiener Maler, ihrem Gesicht von Italien. Seine 
dickversponnene Grüne, seine knorrige Saftigkeit, seine überschüssig 
wachsende Gartenenergie unter dem blau erhitzten Metall des Gewölbes 

muten wie Frühlingserde der Poebcne an — 

Es ist mir nicht gegeben, zu sehen ohne zu denken, 
zu beobachten ohne sinnvoll zu organisieren, und sei's mit 
einem Kommando, mit einer letzten, höchsten metaphysischen 
Art von Initiative. Ich bin ein Deutscher. . . . Alle Künstler 
sind Deutsche. Ich käme mir grundschlecht vor, verlogen im 
höheren Begriff, wollte ich nur beschreiben und nicht ordnend 
folgern. . . . 

Er ist tatsächlich, so sonderbar das klingt, ein Ooi. Aber 
tüchtig. Es ist niemand anderer als der Prophet, dessen Plan, eine 
»Isonzobibel« zu fördern, hier jüngst gewürdigt wurde. Vorläufig 
ist er unser serbischer R. M.-Korrespondent und heißt — also 
damit man es endlich weiß und die arme Seele selbst eine Ruh 
hat — Müller. Alle bessern Federn heißen jetzt so. Ein Geriß 
ist um den Namen. Schlichtheit, Gesundheit, anspruchslose Fröh- 
lichkeit, mit einem Wort Deutschheit, können keine bessere Wahl 
empfehlen. Man liest Müller und ist beruhigt. Ich bin ein Müller — 
alle Künstler sind Müller. >Wir sind Frontleute«; aber man hat ihn 
nach Serbien geschickt, zu beschreiben, nämlich zu organisieren. 
Ein wackerer Geselle, hei. Spezial-Wanderbursche der Mittags- 
zeitung. Wie sich doch diese deutsche Welt vereinfacht hat, seitdem 
des Müllers Lust auch das Schreiben ist ! . . . Aber jetzt, da man es 
weiß, soll man kein Aufsehen machen, auf das Schlimmste 
gefaßt sein und mich nicht mehr sekkieren. 



Vorlesung in Zürich, Schwurgerichtssaal, am 4. Mai: 
I. Kierkegaard und die Journalisten / >Nachts< / Der kleine 
Brockhaus / Beim Anblick eines sonderbaren Plakates / >Nachts« / 
Endlich I / > Drückeberger in Frankreich« usw. / Kriegsnamen / >Nachts« / 
Kriegsberichterstatter / Grabschrift / »Nachts< / Elegie auf den Tod 
eines Lautes. II. Shakespeare und die Berliner / Timon von 
Athen (aus 1. 2. und 3. Akt). III. Gebet an die Sonne von Gibeon. 
Der ganze Ertrag wurde dem Schweizerischen Roten Kkuz zugeführt. 



44 — 



.Neue Züricher Zeitung', Vorbesprechungen vom 30. April und 
4. Mai; Feuilletons: »Karl Kraus< von Hans Adler am 3. und 
>Karl Kraus-Abend« von E. K. am 6. Mai. 

Aus diesem (gleich den anderen Nummern) nicht nach Österreich 
gelangten Aufsatz: 

Karl Kraus rennt auf das Podium, und sofort schwirren 
Schwerter und Messer in der Luft. Auf welche Seite stellt er sich im 
Kriege? Welche Frage! Nicht auf die Seite aller Deutschsprechenden, 
aber auf die Seite der deutschen Sprache, die sich bei jedem Wort 
ihre Sache denkt. Höre man, wie er ohne die Zugabe eines eigenen 
Wortes etwa folgendes sagt: >Pater noster« heißt ein Liftaufzug, 
»Bethlehem« ist ein Ort in Amerika, in dem sich eine Munitionsfabrik 
befindet. Man hört es an wie eine Begriffsdämmerung. Der Irrsinn, 
nicht der Sprache, aber der Sprache der Zeit, ist erkannt: Er stellt die 
zwei in ewiger Verwechslung lebenden Wörter »Der Schild« und »Das 
Schild« als Verbindung von Merkur und Mars vor. Oder er legt den 
verdächtigen Bedeutungswandel des aktuellen Worlinhaltes, »Die Vor- 
stellung«, bloß, und es läßt sich nicht leugnen, daß unser Ohr in einer 
Abendstunde von einem ungeheuren Verdachte gegen die Worte unserer 
Zeit beängstigt wird, weil hier Wesen und Surrogat des Wortes wie 
Wasser und Öl sich scheiden. Philologie mit innerem Herzton, Kultur- 
philosophie mit Gewissen, Erkenntnis mit leidenschaftlicher Beziehung 
zum Leben, das die Larven wenn nicht ablegen, so doch eingestehen 
sollte. Aber auch über die Akustik des einmal geprägten Wortes sagte 
der Abend im Schwurgerichtssaal Entscheidendes. Das geschriebene 
Wort bei Karl Kraus hat Zeilen, die »wie Augenlider sind und zwischen 
ihnen ein Gesicht«. Die Worte schreien nach ihrem Schöpfer, er allein 
gibt ihnen mündlich die rhythmische und tonale Beglaubigung, die sie als 
»Drucksache« nicht haben. Ich verweise auf seine »Worte in Versen« 
(der letzte Gedicht-Band von Karl Kraus, Leipzig 1916) und wage zu 
zweifeln, ob viele seiner Zuhörer den Übergang aus der Rede in den 
Vers (Kriegsberichterstalter«) entdeckt hätten. Von der Gewalt seines 
leidenschaftlichen Vortrags bleiben gewisse Sätze haften, man hat sozusagen 
als Mitbetroffener eine Beule von ihnen bekommen, z. B.: »Es handelt 
sich in diesem Krieg . . .« «Jawohl, es handelt sich in diesem Krieg!« 
Unvergessen wird -das Kulturbild sein, in dem er die erschreckende 
Zweideutigkeit zeigt, mit der Kultur- und Kriegssymbole zur Einheit 
verschmolzen werden. Er stellt uns ein Plakat vor Augen für Mozarts 
Requiem : — — — 

Vor seiner Shakespeare-Vorlesung legte Kraus noch einen Kiesel- 
stein auf seine Davidsschleuder, der galt den Shakespeare feiernden 
Berlinern: »Die Berliner allein sind würdig, Shakespeare zu feiern; 
wenn sie ihn aufführen, ist er zum dreihundertstenmal gestorben.« 
Dann nahm sich Karl Kraus des der Bühne fremden, von Fragezeichen 
umstellten Shakespeare-Stückes »Timon von Athen« an: Die Geschichte 
von Timon Misanthropos, in der Karl Kraus, groß, überschwenglich 
groß in der Haßgebärde, mit dem Verbitterten eins wird, vor dem sich 



— 45 — 



die Freunde als falsches Gold erweisen. Die Meisterschaft seines Vortrags 
schreitet hier weit über den Bereich des Schauspielers, weil er nicht 
»Rollen< sieht, sondern den tiefen menschlichen Zusammenhang. Bei 
der Rede des Timon, in der die Lügenbrut der Freunde statt des 
lockenden Gelages nur Schüsseln mit warmem Wasser erhält, lodern alle 
Haßbrände auf, und man merkt den Widerspruch kaum, daß Timon 
ihnen die Schüsseln und das heiße Wasser nachwirft, ein Edelmann 
aber wimmert: »Juwelen schenkt' er gestern uns, heut wirft er uns mit 
Steinen.« In der neuen Shakespeare-Ausgabe von Wolfgang Keller erklärt 
der Herausgeber mit einer andern Vorlage des Stoffes »die Steine«, 
indem dort Timon den Freunden wie Artischocken bemalte Kieselsteine 
vorsetzt. Sicher hat der Vortrag von Kraus beides in seinen Schüsseln : 
die heiße Glut und den Stein der Satire. 

Mit Sören Kierkegaards Brandwort über Journalisten begann er 
den Freitagabend im Schwurgerichtssaal, mit Shakespeare schloß er ihn. 
Er dulde keine Götter neben sich, sagen solche, die Kraus in Ruhestand 
versetzte. Wer ihn hörte, kam der Wahrheit näher und wird diesen 
Meister des Wortes und seines Klanges, diesen Rüttler und Schüttler nicht 
aus dem Auge, besser, nicht aus dem Gewissen verlieren. (Folgen Zitate.) 

Der Widerspruch zwischen der Wassersuppe und den Steinen 
im Gastmahl des Timon (der der Erklärung »wie Artischocken 
bemalte Kieselsteine« nicht bedarf, da er wohl durch den rein meta- 
phorischen Sinn der >Steine« aufgehoben ist, und dessen der 
Züricher Hörer schon darum nicht inne werden konnte, weil ich 
die Gespräche der Lords nach Timons Abgang nicht mehr gesprochen 
habe) findet ein greifbareres Pendant in einem lustigeren Gastmahl, 
das jetzt zum Beweis der Tatsache, »daß schon vor hundert Jahren 
Lebensmittel zurückgehalten wurden«, herangezogen wird: 

Gustav Parthey erzählt in seinen »Jugenderinnerungen« ein 
lustiges Geschichtchen von der »Steinsuppe«, die zwei Reisende aus 
einem Dutzend sauber gewaschener Bachkiesel von der Wirtin zurichten 
ließen, als diese hartnäckig bei der Versicherung blieb, sie habe kein 
Essen. Aber sie wurde doch neugierig, ob die Steine weich werden 
könnten, als die Reisenden anordneten, sie müßten zunächst in 
Wasser gekocht werden. Als das nichts half, wurde Salz und etwas 
Butter hinzugesetzt. Dann forderten die klugen Leutchen einige Eier; 
nachdem auch diese eingeschlagen waren, wurde etwas Petersilie und 
gehörig Brot hinzugetan. Endlich folgte etwas Mehl. Nun begannen die 
Reisenden die Steinsuppe, die nach und nach genießbar und recht 
nahrhaft geworden war, mit großem Appetit zu verzehren. Wirt und 
Wirtin sahen mit Erstaunen zu, bemerkten aber dann, daß die Steine 
übrigblieben. Als sie nun äußerten: >Aber ihr eßt ja die Steine doch 
nicht!«, erfolgte prompt die Antwort: »Die sind wieder hart geworden; 
wenn ihr sie aber essen wollt, so müßt ihr sie morgen noch einmal 
aufkochen!« 



46 — 



In der Übersetzung der Dorothea Tieck findet sich keine 
Andeutung, daß die »Schüsseln voll warmen Wassers« eine Stein- 
suppe ohne genießbaren Zusatz enthalten hätten, wiewohl freilich 
die Verszeile, die vor: ». . . heut wirft er uns mit Steinen« steht, 
die Worte hat: »Lord Timon rast.« — >Ich fühl's in den Gebeinen.« 
Aber die szenische Anmerkung: >Er wirft ihnen die Schüsseln 
nach . . .« erklärt dieses Gefühl hinreichend. 



Aus der Schrift »Eine frohe Botschaft für alle, die das Leid 
der Menschheit fühlen, das in dem Grauen des Weltkrieges offenbar 
geworden ist« (anonym, Wien 1915, Kommissionverlag Andreas Pichl), 
S. 23 und 24: 

. . . Ich kann nicht vergleichen, aber ich weiß, daß das Leid 
ungeheuer ist, ungeheuer der Abstand des Menschen von dem, was er 
sein kann, seine Abwendung von Gott. Ich will hier einige Propheten 
unserer Zeit nennen, in deren Werken der Verfall des alten Lebenslcreises 
sich abbildet. Der Verfall findet einen großen Bildner in dem Satiriker 
Karl Kraus. Nun ist dieses einer der Wege des Menschen und 
vielleicht neigt gerade der Künstler leicht dahin : Indem der Mensch 
sich vom Stoffe losreißt und zum Ursprung zurückgeht, läßt sein letztes 
Haften an der Sinnlichkeit ihn das Bild Gottes, welches er im Innern 
trägt, im Äußern, in der Offenbarung als ein vollkommenes suchen, wo 
nicht Vollkommenheit ist, in den andern nicht wie in ihm nicht. Er 
sucht und glaubt und liebt Gott im Menschen. Furchtbares Erwachen. 
Gott, wo bist du? Aber dennoch, er weiß noch nicht, daß es auch bei 
den andern im Inrern ist, hinter vielen Hüllen unverändert strahlt, und 
neigt dazu, nur die Hüllen des Göttlichen zu sehen, und deren sind 
in unserer Zeit viele. Das besondere Hervortreten vielleicht einer solchen 
Wesensart in Karl Kraus bannt sein Sehen — diese Erscheinung selbst 
ein Zeichen der Zeit — in ein Rund hoffnungsloser Verwesung. »Der 
Satiriker steht am Ende einer Entwicklung, die sich der Kunst versagt. 
Er ist ihr Produkt und ihr hoffnungsloses Gegenteil. Er organisiert die 
Flucht des Geistes vor der Menschheit, er ist die Rückwärtskonzentrierung. 
Nach ihm die Sintfluth.« (»Neslroy und die Nachwelt». 1912) »Die Dinge 
haben eine Entwicklung genommen, für die in historisch feststellbaren 
Epochen kein Beispiel ist.« (»Sprüche und Widersprüche«, S. 93. Verlag 
Langen. 1909) Der Gedanke des Unterganges unserer geistigen Welt ist 
der bewegende Mittelpunkt von Karl Kraus. Andere Propheten unserer 
Zeit, Menschen, in welche die geistigen Kräfte mit großer Macht eintreten 
und in denen die Zeit ihre Schlachten schlägt, sind Strindberg, Tolstoi, 
der englische Schriftsteller Carpenter, Jörg von Lanz-Liebenfels. . . . 



— 47 — 

Am 24. Mai im Kleinen Konzerthaussaal: zur Feier von 
Shakespeares 300. Todestag eine Vorlesung der >Lustigen Weiber 
von Windsor«, aus der Übersetzung von Wolf Heinrich Graf 
Baudissin (Schlegel-Tiecksche Ausgabe). — Die Kürzung betraf nur 
etliche Sätze in den meisten Szenen sowie die kleine zweite Szene 
des ersten und die zweite Szene des dritten Aktes. Nach dem 
zweiten und dem dritten: Vorhang und Pausen, in denen — 
wie auch vor dem ersten Aufgehen des Vorhangs — hinter der Szene 
die Musik von Nicolai gespielt wurde (Klavier: Herr Egon Kornauth). 

Der gesamte Ertrag ist den Gefangenen in Beresowka 
(Transbaikal) zugewendet worden. 

Das Programm enthielt außer dem Personenverzeichnis den 
olgenden Text: 

Das Werk ist im Burgtheater zum ersten Mal gespielt worden 
>zum Vorteile des k. k. Hofschauspielers und Regisseurs Josef 
Koberwein bei seinem Abschied von der Bühne« am 16. Dezember 1846; 
wiederholt: am 17., 20., 27. Dezember, am 6. Jänner 1847, am 14. 
und 21. Jänner 1849. Von da an erscheint es nicht mehr im 
Repertoire, wiewohl es seit den Tagen, da Falstaff La Roche, 
Fluth Löwe, Page Anschütz, der Wirt Koberwein und Beckmann 
waren, das echteste Burgtheaterstück geblieben ist, so dort einge- 
pflanzt, daß der Vorleser sich an die Aufführung mit Baumeister, 
Hartmann, Lewinsky und Gabillon, des weiteren mit Thimig, 
Arnsburg, Schöne und den Damen Gabillon, Mitterwurzer und Helene 
Hartmann erinnert, ohne sie nachweisen zu können, und die Lust 
nicht bereut, ein fernes Echo solcher Stimmen manchmal anklingen 
zu lassen. Warum diese Krönung des Falstaff-Humors, aus der königs- "' 
dramatischen Episode zur Bühnenfülle eines tragischen Hanswurstes, 
warum diese vollkommene Heiterkeit der Fluth-Szenen mit ihrem 
gewendeten Othello-Pathos der letzten Schauspielergeneration ent- 
gehen mußte, ist unbegreiflich. Das Publikum, das wohl schon 
damals sein heutiges Burgtheater, welches Shakespeare-Aufführungen 
aus Takt unterläßt, verdient hat, scheint hier dem Besten, was 
seine Bühne geben konnte, sich ebenso gesperrt zu haben wie 
vor dem durchgefallenen Gogol'schen > Revisor«. Angesichts der red- 
lichen Unzulänglichkeit des neuesten Burgtheaters und der un- 
redlichen jenes Berliner Managers möchte es die Stimme des Vorlesers 
verlocken, ein dekorationsfreies Shakespeare-Theater ins Leben zu 



— 48 — 



rufen, auf dem alle Organe, die uns einst so viel zu sagen hatten, 
wieder lebendig würden, wobei sie dem Verdachte varietehaft 
äußerlicher Nachbildung einer Vielheit wohl zu entgehen wüßte. 
Sie würde es sich zutrauen, Vorstellungen von Werken wie Lear, 
Macbeth, Wintermärchen, Die Widerspenstige mit einer bis 
in die kleinsten Rollen bewahrten Treue so nachzugestalten, 
daß ein geschlossenes Auge und ein offenes Ohr der Zeugen 
jener lebendigen Herrlichkeit nicht mehr den Apparat vermißte, 
der heute für das offene Auge und das geschlossene Ohr seine 
toten Wunder verrichtet. Ein so rekonstruiertes älteres Burgtheater, 
freilich ohne Stammsitze für die Kritik, wäre vielleicht wichtiger als 
ein Phonograph, der die Stimmen der heutigen Schauspieler für 
die Nachwelt aufbewahrt, und geeignet, diese schnell noch etwas 
profitieren zu lassen, wenn's ihnen gestattet wäre, zu hören 
statt zu sprechen. Der heutige Versuch, dem, weil denn die Zeit 
andere, schwerere Aufgaben vom Organ des Vorlesers verlangt, 
vermutlich doch keine weiteren, folgen werden, will sich — ohne 
Konsequenz — mit der Markierung von Stimmen begnügen, 
die eben nie an der Darstellung der »Lustigen Weiber von 
Windsor« beteiligt waren. Er findet seine Rechtfertigung in der 
Gewißheit, daß Menschheitstypen von der Zeit her, wo »der 
Spiegel und die abgekürzte Chronik des Zeitalters« noch Besseres 
auszusagen hatte, an die Burgtheaterstimmen gebunden bleiben. 

(Wo im Text des Programms von >der redlichen Unzulänglichkeit 
des neuesten Burgthealers und der schwindelhaften jenes Berliner 
Managers« die Rede war, ist jetzt >unredlichen« gesetzt, weil das 
stärker ist. Ein JVlanager ist eo ipso ein Schwindler.) 



Der Versuch ist durchaus gelungen. Ein Wiener Schauspieler 
soll ihm beigewohnt haben. In einer Züricher Kritik war einmal — 
siehe Nr. 395/96/97 — zu lesen: 

. . . Ein Wiener Bühnenkünstler erzählte mir vor einiger Zeit, die 
Schauspieler besuchten die Vortragsabende von Kraus in Wien aus eigent- 
lichem Fachinteresse. Dieser lesende Publizist kann wirklich einen 
Schauspieler lehren .... 

Der Wiener Bühnenkünstler sollte sich bei Zusicherung 
voller Straflosigkeit melden und mit ihm die Kollegen, die er etwa 
gemeint hat. Der Pfarrer, den ein Komödiant lehren könnte, hat 



— 49 



die Aufsichtsbehörde nicht zu fürchten. Dem Schauspieler aber 
genügt es nicht, daß man ihm garantiert, die in meinen Vorlesungen 
nicht anwesende Presse werde seine Anwesenheit nicht bemerken 
und darum nicht übelnehmen. Er fürchtet selbst die Kritik, die 
nicht ihn betrifft, sondern einen andern ignoriert. Diese Erscheinung 
sei nur zur Darstellung des Gesamtzustands und zur Berichtigung 
der dazu gehörigen Verlogenheit festgestellt, keinesfalls beklagt. 
Im Gegenteil : das Glück, dort wo man das Malheur hat zu leben, 
wenigstens einen pressereinen Saal zu haben, wäre nicht voll- 
ständig, wenn die Vertreter eines von Preßfurcht niedergehaltenen 
Standes, dessen Befreiung ja in den paar Stunden nicht 
möglich ist, fortwährend zur Tür blickend, ob nicht doch ein 
Aufseher komme, im Saal vorhanden wären und die einheitliche 
Stimmung durch die Sorge zerrissen würde, was der Löwy sagen 
wird, wenn er erfährt. Um aber den armen Teufeln, denen so 
oft gesagt wird, sie könnten bei meinen Vorlesungen etwas lernen, 
das Leben zu erleichtern, wäre ein bühnengenossenschaftlicher 
Entschluß wünschenswert, der ihnen den Besuch meiner Vor- 
lesungen aus Rücksicht auf die durch die obige Erklärung verletzte 
Standesehre einfach verbietet. 



Und um ihnen auch die beruflichen Anstrengungen tunlichst 
zu erleichtern, wie auch den Inhabern der Geschäfte, in denen sie 
tätig sind, jeden kostspieligen Aufwand an Dekorationen und Kostümen 
zu ersparen, zu dem sie sich mangels der Fähigkeit, den Geist in 
Szene zu setzen und durch das Wort Illusionen zu schaffen, doch 
immer wieder bemüßigt fühlen, werde ich in ihrer nächsten Saison, 
wenn anders die andere Arbeit es gestattet, meine Shakespeare-Bühne 
einrichten und nebst einer Wiederholung der »Lustigen Weiber von 
Windsor« >Viel Lärm um nichts« (was aber keine spezielle Absicht 
gegen den Ruhm des Herrn Wüllner bedeuten wird), »Lear«, 
»Der Widerspenstigen Zähmung« (worauf allerdings die Frau Niese 
Shakespeare Ruhe geben wird), den >Sturm«, »Macbeth«, »Timon«, 
»Cymbelinc«, >Wintermärchen«, >Sommernachtstraum« — zu 
wohltätigem Zweck nach außen und innen — in mein Repertoire 
aufnehmen. 



50 



Vorlesung im Kleinen Konzerthaussaal, 12. Mai: 
I. Ein Irrsinniger auf dem Einspännergaul /AusLuther (Vom Geschütz) 
Der Aufstieg der Seele durchs Jahrhundert: Jean Paul's Schluß aus 
dem »Kampaner Thal« — Wie ein König, mit Bomben beladen, wie 
ein Gott! / Die chinesische Mauer. 11. Die Kinder der Zeit / Beim 
Anblick einer Schwangeren / >Nachts« / Vor einem Springbrunnen , 
Beim Anblick eines sonderbaren Plakates / »Nachts«' / Gedankenleser ' 
Es ist vorgesorgt / Zur Darnachachtung / > Drückeberger in Frankreich« 
u. s. w. / Bei uns ist es so! /Zum ewigen Gedächtnis (Zwei Züge). 
111. Gebet an die Sonne von Gibeon. 

Ein Teil des Ertrages wurde der Kinder-Schutz- und Rettungs- 
Gesellschaft zugewendet. 



Der »Aufschwung der Seele durchs Jahrhundert« war mit den 
Worten eingeleitet: 

»Nun wollen wir den Weg mitmachen, den die deutsche Seele 
durchs Jahrhundert genommen hat, von den Tagen, als Jean Paul die 
erhabenen Sätze über den Aufstieg einer Montgolfiere schrieb, bis zu 
dem, was heute zu lesen ist — — « 

»Zum ewigen Gedächtnis (Zwei Züge)«, absatzweise durcheinander 
gelesen, war eingeleitet: 

»Jetzt folgen zwei Zeitungsberichte, die so entsetzlich sind, daß 
nichts übrig bleibt, als aus dem einen in den andern zu entfliehen < 



Ein Druckfehler, nicht etwa Jargon-Absicht, ist das in Nr. 423—425. 
S. 8 des Dialogs, 12. Z., in einem kleinen Teil der Auflage enthaltene 
Wort: »fünzigmal«. 



In einer Zeit, die so groß ist, daß der Ausdruck »Vor- 
stellungen nehmen < nur in Armeeberichten vorkommt, mag es frivol 
sein, darzutun, daß man zu einer Befassung mit solchen Problemen 
in einem viel niedrigeren Sinne, also zu Wortkämpfen Zeit hat. Da 
man aber sogar Lust dazu hat und genug Mut, solche Betätigung 
für die letztlich wichtigere zu halten, so findet hier dieser Briefwechsel 
zwischen einem Leser und einem Freunde Platz, dessen Inhalt in 
eben solchem Kontrast zum großen Lärm steht, wie jenes Echo, 
dessen Studium er betrifft; wie jedes Eriebnis und Geheimnis, 
das Sprache und Natur der lauten Welt vergebens anbieten: 



51 



Wien, 3. Mai 1916 

Ich las eben — zum wievielten Male?! — Ihr Gedicht »Abschied 
und Wiederkehr«, in dem Ihnen das Wunder geglückt ist, dem tiefsten 
Mysterium dichterische Unmittelbarkeit zu verleihen. Und wieder ver- 
mochte ich mit der 14. Zeile der Legende: »er rief mich aller Wände 
aus dem All.« — im besonderen mit den beiden unterstrichenen Worten 
— keinerlei Sinn zu verbinden. Das für mich Qualvolle der Vorstellung, 
Sie, den ich als das größte lebende Genie der Sprache und als Künstler 
von peinlichster Redlichkeit im Ausdruck schätzen darf, hätten zwei 
Worte ohne eignen Sinn, nur dem Rhythmus zuliebe, hingesetzt, hat 
sich nunmehr zur Unerträglichkeit soweit gesteigert, daß ich mich nicht 
mehr enthalten konnte, Sie selbst darüber zu befragen, obgleich Ich mir 
der darin liegenden anmaßenden Unbescheidenheit wohl bewußt bin. 
Ich hoffe aber sehr, daß Sie diese Anfrage nur als die Gewissenssache 
auffassen werden, die sie mir ist, und als solche entschuldigen. Ver- 
zeihen Sie bitte die Belästigung und gestatten Sie mir den Ausdruck 
höchster Verehrung. . . . 



Wien, am 12. Mai 1916> 



Sehr geehrter Herr! 



Herr K. K. hat mir Ihren Brief gezeigt, worin Sie um eine 
Aufklärung in Bezug auf einen Vers seines Gedichtes »Legende« 
ersuchen. Da es ihm, ich möchte fast sagen, unschicklich erscheint 
mit einem einzelnen Leser über eine eigene Arbeit privat zu korrespondieren, 
so habe ich mich bereit erklärt, Ihr Schreiben an seiner Stelle zu 
beantworten, zumal der Ernst und der gute Wille, mit dem Sie der 
scheinbaren Unklaiheit beizukommnn suchten, deutlich in Ihrem Briefe 
zum Ausdruck kommt und wie ich Ihnen versichern kann, von Herrn 
K. K. dankbar gewürdigt wird. 

Es ist schade, daß dieser eine Vers Ihnen so bedeutende 
Schwierigkeiten gemacht hat, da Sie, wie aus dem Schreiben hervorgeht, 
die Idee und die Perspektive des Ganzen wohl erfaßt haben. Es wäre 
doch so leicht gewesen, an die Wendungen >aller Orient, »aller Wege«, 
»aller Enden«, anzuknüpfen. Von da ergibt sich dann mühelos Folgendes: 

Der Schall, der ein Ruf aus dem All ist, rief mich von allen 
Wänden, die das Leben mir entgegengestellt. Diese Wände aber bieten 
tiefste Entschädigung durch ihre Echofähigkeit, denn überall empfange 
ich den Schall. So daß selbst der Lebensverlust (Wände, Schranken) 
zum fördernden Element wird. Die grammatische Erlaubnis, gleich 
>aller Orten« u. Ä. »aller Wände« zu setzen, eine Art Lokativ, ist 
sicher gegeben. Die gedankliche Überwertigkeit der »Wände« vor der 
farblosen Ortsbestimmung »Orten« bedarf keines Hinweises. Man beachte 
überdies, daß durch diese Wortwahl die Unheimlichkeit des Begriffes 
»Wand« zugleich gesetzt und aufgelöst wird. Die Assonanz aller und All 
erhebt die plötzlich hergestellte Identität der Wandwelt und der AUweU 



— 52 



vollends zur Gestalt, die Stelle ist also gerade eine der wichtigsten, 
sie ist organische Einheit von Gedanke, äußerem Sinn und Klang- 
wirkung, die wahre Plastik des Schallmotivs. Ihre Befürchtung, daß 
hier etwas zur äußeren Ausfüllung des Verses so beiläufig gesetzt 
wate, ist grundlos. 

Ich hoffe, Sie durch meinen Interpretationsversuch auf die richtige 
Spur gebracht zu haben, und bitte die dargelegte Auffassung als mit der 
des Autors übereinstimmend zur Kenntnis nehmen zu wollen. Da 
aber gerade diese Auseinandersetzung die an einem Vers zu leistende 
Arbeit beweisen kann, so ist es nicht ganz ausgeschlossen, daß jener 
selbst einmal das Beispiel in der Fackel zur prinzipiellen Erörterung 
bringt. Er dankt Ihnen für diese Gelegenheit wie vor allem für Ihr 
freundliches Interesse auf das wärmste. Es zeichnet in Hochachtung und 
Ergebenheit. . . . 

Wien, 15. Mai 1916 
Sehr geehrter HerrI 
Für Ihre im Namen des Herrn K. K. gegebenen, ungemein 
aufklärenden und erschöpfenden Ausführungen bitte ich Sie, die Ver- 
sicherung meines aufrichtigen und wärmsten Dankes entgegennehmen 
zu wollen. Das Problem, welches Sie zu einer — von Ihnen ebenso 
liebenswürdigen wie für mich lehrreichen — so eingehenden Erörterung 
wohl veranlaßt haben dürfte, bleibt offenbar, ob die Konzentration von 
Gedanklichem und Bildhaftem in einem Wort, nicht auch eine allzugroße 
werden kann, so daß selbst dem hingebungsvoll bereiten Sinn des 
leidenschaftlich bemühten Lesers ohne solche Erklärung der künstlerischen 
Absicht, das Verständnis — wie im vorliegenden Falle — verwehrt 
bleiben muß. Mit dem Ausdruck besonderer Hochschätzung ergebenst. . . . 

Wien, am 19. Mai 1916 
Sehr geehrter Herr! 
Für Ihren überaus freundlichen Brief danke ich Ihnen herzlich, 
nur glaube ich doch, daß Sie in einem Punkte fehlgreifen. Der einfachste 
. Satz mag recht wohl die komplizierteste Erklärung ermöglichen, auch 
wenn er sie nicht erfordert. Gründlichkeit eines Kommentars muß kein 
Beweis für die Schwierigkeit eines Textes sein. Die Worte >Über allen 
Wipfeln ist Ruh« könnten ein Buch als Erklärung zur Folge haben, 
welches freilich überflüßig ist, wenn die > Konzentration von Gedanklichem 
und Bildhaftem«, die in diesem Satz enthalten ist, sich von selbst 
versteht oder fühlt. Das soll nur eine Ablehnung der Auffaßung sein, als 
ob gerade durch die Umständlichkeit einer Erklärung die Schwierigkeit 
eines Satzes dargetan wäre, aber beileibe kein Vorwurf gegen den, der 
die Erklärung gewünscht hat; denn ganz sicher ist es möglich, daß ohne 
die geringste Schuld des Lesers irgend ein Zufall, der ihn vielleicht 
falsche Assoziationen festhalten ließ, das Verständnis erschwert hat. Es 
gibt eben Leser, denen der Lokativ »aller Wände« als solcher sofort 
einleuchtet — und diesen ist die Stelle durchsichtig, — während andere, 



I 



53 



in eine falsche Bahn gelockt, nicht mehr zum Sinn zurückfinden. Solcher 
Gefahr ist aber der Leser oder vielmehr der Autor selbst mit jedem 
Wort ausgesetzt. Die Erklärung des Einfachsten ist immer schwierig und 
es bleibt nichts übrig, als bei jenem Leser, der sicher müheloser als 
viele andere über vieles Andere hinwegkam, den Zweifel, der gerade 
sein Verständnis beweist, freudig anzuerkennen, was ich hiermit für 
den Autor gerne tue. Es zeichnet in Ergebenheit. . . . 



Daß nach dem Gedicht »Ein Kamerad« von Heinrich Lersch, 

in dem immerhin der Natur rückerstattet ward, was die Menschen 

ihr genommen haben, ein deutscher Reimer es noch wagen kann, 

eine Lerche anzurufen und für Kriegszwecke zu requirieren — war 

zu erwarten. 

Der Lerche Lied in Flandern. 

Hörst Du der Lerche Frühlingssang 

Im Lärm der Schlacht? Welch' süßer Klang! 

Schau, wie das Vöglein im Lichte sich wiegt, 

Wie es hell jubelnd dem Himmel zu fliegt 1 

Klang nicht ihr Lied beim letzten Wandern 

Im Heimatland? Nun tönt's in Flandern. — 

Lerche, bei deinem fröhlichen Singen 

Will mir vor Heimweh das Herz zerspringen. 

Aber du mahnst an des Kriegers Sinn: 

Gib um die Heimat das Leben hini 

Wieso tut das die Lerche? 

>Was ist, Kamerad?« — >Die Kugel traf gut.« 

Er sinkt mir zu Füßen. Sein warmes Blut 

Rötet den Acker. Das Auge bricht. 

Während die Lerche im Sonnenlicht 

Das alte Lied der Heimat singt. 

»Schlaf wohl, Kamerad!« Ein Wort entringt, 

Ein letztes, den bleichen Lippen sich: 

»Die Heimat.« Ich schluchze bitterlich. — 

»Er starb für die Heimat, der junge Held.« 

Die Lerche jubelt's hoch über dem Feld. 

Ist schon assentiert, die Lerche! In ,Westermanns Monats- 
heften', »fürs deutsche Haus« — beides gibts noch immer. Der 
eine hört eine Lerche singen, und es macht Eindruck auf ihn; der 
andere hat von einer Lerche gehört und läßt sie singen, was ihm 
paßt: der ganze Unterschied zwischen Dichter und Zuckerbäcker. 
Der Krieg hatte sich der Lerche ergeben — hier singt die Lerche 
eine Verlustliste. Solcher Greuel ist nur ein nationaler Geist fähig, 



— 54 — 



der in sündiger Vermischung lebt und dem die Natur die Symbole 
seiner kriegerischen Tätigkeit zu liefern hat, der also letzten Endes 
doch wieder nur die Lerche im Dienste des Kaufmanns bejaht. 



Das schöne Menschheitsdokument, als Gedicht nur 
problematisch geworden durch jene kriegerische Vorlyrik des 
Kesselschmieds, entwertet durch den Beifall des Herrn Busse, wird 
in einem Feldpostbrief — von dem Angehörigen eines Qebirgs- 
artillerieregiments — so angesehen: 

» . . . . aber zur Empfindung dessen, was jetzt erst zu empfinden 
wäre, jetzt auch von den vielen, denen ich es am ersten Tage vor- 
empfunden habe, ist noch kein Dichterherz mobilisiert. Doch, eines: 
das eines Kesselschmieds. . . .< 

Vorempfunden am ersten Tage, um von vielen nachempfunden 
zu werden — so weit das Gefühl, das faßbar für uns ist, reicht! Aber 
das Gefühl steht plötzlich still, wie der Gedanke .... Das Ohr, das 
sich müde gehört hat am Lärm des Tages, faßt nicht die Stille. Die 
Gedanken, die nicht vorwärtskommen, sondern zurückgehen und sich 
hier einzurichten trachten wie daheim, sind keine Gedanken mehr. 
Wir leben nicht mehr — wir erinnern uns müde an ein Leben. Es 
hatte die Kunst, die das Leben ergänzte — das Leben hier ist so nackt, 
so zufrieden, so ganz, daß kein Bedürfnis es beunruhigt. Hier lebt 
kein Künstler. Wer hier Kunst treibt, ist nicht hier. Wer nicht hier ist, 
weiß nichts von uns! »Der Kamerad« macht einem Hinterland Ehre — 
uns ist er ein Fremder und hat nicht »des Bruders Angesicht«. Heinrich 
Lersch mag hier gewesen sein und dort nachempfunden haben, was er 
hier nicht empfunden hat. Vielleicht war es ihm innerstes Bedürfnis, 
die Leere dieser Zeit nachfühlend zu beleben, dem Sinnlosen nachsinnend 
einen Sinn zu geben. Die Empfindungen einer friedlichen Vergangenheit 
sind in ihm erwacht, stärker, bewußter: die Augen, die hier die Leere 
nicht fassen konnten, haben dort die Dinge gesehen. Er fühlte als 
Arbeiter, der — nach jahrelanger Fabriksarbeit in einer großen fremden 
Stadt — einen Frühling erlebt: »Er hörte . . . nur — daß die Lerche 
sang!« Auch wir hören die Lerche singen; wir sagen vielleicht auch, 
daß wir sie singen hören; aber so, als sprächen wir nicht von uns. 
Unser Leben kennt kein Erleben mehr. 



Auch andere Feldpostbriefe beziehen sich auf den 
Lerchenruf und auf meine Betrachtung des Stadiums, in dem er 
mir erlebt schien. Solche Mitteilungen — Lebenszeichen aus der 
Seelenverbannung und Bekenntnisse der Anhänglichkeit an ein 



DO 



geistiges Leben und an den, der es zu behüten scheint — gehören 
ganz gewiß nicht zu jenen unerwünschten Korrespondenzen, deren 
Verfasser mich entweder für einen Beleuchter von Übelständen 
halten oder für mich wie die Mücken um ein Licht schwärmen. 
Wie sehr der Autor der folgenden Zeilen, deren Inhalt der 
Menschheit zur Ehre gereichte, wenn er der Inhalt der Menschheit 
wäre, unrecht getan hat, sein Schreiben in die bezeichnete Kate- 
gorie zu stellen, mag ihm — dem mir beruflich wie persön- 
lich unbekannten Rezitator von Gedichten, jetzt Füsilier — die 
Veröffentlichung beweisen : 

25. 5. 16. Frankreich 

(Erdhöhle) 

Hochzuverehrender Herr Karl Kraus! Wie lange, wie lange 
wollte ich Ihnen irgend ein Zeichen des Dankes, meiner Verehrung, 
meiner Liebe geben. Ich unterließ es immer; bestärkt, als ich las, wie 
wenig willkommen Ihnen Briefe dieser Art sind. Da wollte ich 
Ihnen aus der Ferne danken, an meinem Vortragsabend, meinem 
Abschied vor dem Ausrücken, und mit aller Kraft und Echtheit 
aus dem heiligen Gefühl für Ihr Werk, zwei Gedichte sprechen: 
Der sterbende Mensch und Vor einem Springbrunnen. Zwei Tage 
vorher zog ich aus, kam gleich ins Schwerste, vor Verdun, und 
dort, in Grauen und Tod schrieb ich Ihnen und schickte den Brief 
nicht ab — aus alter Scheu. Nun halte ich das Heft der Fackel 
in Händen mit dem Gedicht Aus jungen Tagen und lese so vieles 
was ich erlebt habe in Weh und Entsetzen. Ich schrieb Ihnen 
damals: »Was ist das Ergreifendste? Der Vogelsang bei Sonnen- 
aufgang in diesen ganz entstellten Wäldern, in denen kein Baum 
unbeschossen ist— und die Vögel singen darin. Das Granaten- 
feuer: die Entartung, die krachend platzt; der Vogelgesang: Gottes 
ewige Melodie, der tönende Ursprung. Ach, die Tiere! Meine 
lieben, lieben Pferde; hier liegen sie zu Hunderten, manche mit 
dem Ausdruck eines Schmerzes wie am Ende eines großen Lebens.« 
— Es bedarf ja nicht meines Zeugnisses zum Beweise, daß ein 
großer Künstler alles weiß; ich möchte Ihnen aber, dankbar und 
ergriffen, diesen Satz mitteilen, der aus dem Weh des nächsten 
Erlebens stammelte, was Sie aus der Ferne gestaltet haben 
(S. 42/44 Nr 418-22) 

Und so erlauben Sie mir gütigst, daß ich diesmal Ihnen 
danke in unwandelbarer Verehrung 

Ihr Ludwig Hardt. 

Gefreiter im Füsilier Reg. ... 11. Komp. . . . Inf. Div. 



56 



Der Krieg im Schulbuch 

Eine Berliner Zeitung hatte am 16. April die folgende Notiz 
gebracht: 

Aus dem Aprilheft der Wiener Zeitschrift Die Fackel ersehen 
wir, daß im Verlage von Karl Meyer, Hannover, ein für den Schul- 
gebrauch bestimmtes Lesebuch der Rektoren Kappey und Koch 
in Hildesheim erschienen ist, das u. a. ein Gedicht > Regiment greift an* 
enthält. Die folgende Strophe gibt eine Probe dieses Gedichtes: 

Da drüben, da drüben liegt der Feind 

In feigen Schützengräben, 

Wir greifen ihn an, und ein Hund wer meint, 

Heut würde Pardon gegeben. 

Schlagt alles tot, was um Gnade fleht, 

Schießt alles nieder wie Hunde, 

Mehr Feinde, Mehr Feinde! sei euer Gebet! 

In dieser Vergeltungsstunde I 

Dagegen haben wir nur eine Frage an die zuständigen Stellen: 
wer überwacht die Schulliteratur?; und ist dieses Lesebuch wirklich 
zum Schulgebrauch unserer Kinder zugelassen?! 

Ein deutscher Verlag schrieb an die Fackel: 
Im »Börsenblatt für den deutschen Buchhandel« wurde neulich 
ein ganz unglaubliches Gedicht »Regiment greift an« zitiert, welches 
Sie zuerst in einem deutschen Lesebuch für den Schulgebrauch gefunden 
und getadelt haben. (Anm.: Das Zitat war der Arbeiter-Zeitung 
entnommen.) Die Tatsache, daß solche Verse in einem deutschen 
Lesebuch Aufnahme finden können, finde ich so entsetzlich, daß ich 
gelegentlich einen meiner Autoren veranlassen möchte, an geeigneter 
Stelle auf diese Sache zurückzukommen. Würden Sie die Freundlichkeit 
haben mir mitzuteilen, in welchem Lesebuch sich dieses Gedicht findet 

Inzwischen war, am 4. Mai, in jener Berliner Zeitung die 
folgende Notiz erschienen: 

Wir haben am 16. April, nach der Wiener Zeitschrift Die Fackel, ein 
einigermaßen gewalttätig gesinntes Gedicht »Regiment greift an« 
erwähnt, das in ein für den Schulgebrauch bestimmtes Lesebuch der Rektoren 
Kappey und Koch aufgenommen worden war und das in seiner Art 
nicht gerade für kindliche Gemüter geeignet schien. Wir erfahren jetzt 
durch das Oberkommando in den Marken, daß dieses Gedicht, das 
von einem mittlerweile gefallenen Kriegsteilnehmer zuerst in einer 
hannoverschen Zeitung veröffentlicht worden war, erfreulicherweise 



— 57 — 



auf Verfügung des stellvertretenden Generalkommandos 
des X. Armeekorps aus dem Lesebuch ausgemerzt werden 
mußte und im Neudruck des Buches nicht mehr enthalten ist. Die 
Verfügung ist übrigens schon am 29. Januar, also lange vor dem 
Erscheinen der Aprilnummer der Fackel, erlassen worden. 

Was dieser nicht bekannt sein konnte. Sonst hätte sie gleich 
die löbliche Austilgung zur Kenntnis genommen, um fest- 
zustellen, daß es existent war; daß es entstehen und aufgenommen 
werden konnte und daß deutsche Pädagogen sich von deutschen 
Militärs erziehen lassen mußten. Die Reproduktion in der Fackel 
hat zwar nicht das behördliche Einschreiten zur Folge gehabt — 
davon hätte sie kaum etwas erfahren — , sondern mehr: dessen 
Verlautbarung. Auf diesem gangbaren Weg, die pädagogische 
Schande nicht nur auszumerzen, sondern es auch bekanntzumachen, 
möge nun fortgefahren werden. Ich verspreche feierlich, daß ich 
es mir nicht als Erfolg anrechnen werde. Vielmehr bin ich in jedem 
einzelnen der folgenden Fälle bereit, festzustellen, daß die Verfü- 
gung schon lange vor dem Erscheinen der Fackel erlassen worden ist. 

• 

»Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten, in 
acht nach Klassenstufen geordneten Abteilungen und zwei Vorschul- 
Teilen, neu bearbeitet vom Geh. Studienrat Professor 
Dr. Alfred Biese, Direktor des Königl. Kaiser-Friedrichs-Gymnasiums 
in Frankfurt a. M.«, enthält unter den »Lesestücken aus der Kriegs- 
literatur für die Unter-Klassen Sexta bis Quarta nebst dem gräßlichen 
>Reiterlied< (Wer da, wer) des Gerhart Hauptmann, dem der Krieg 
Herz und Hirn requiriert hat, noch die folgenden Dokumente 
jener unnennbaren Schande, die aus Herzverhärtung und Gehirn- 
erweichung Verse gemacht hat: 

Berliner Landsturm. 
Von Hans Brennert. 

Es pfeift die Eisenbahne — 
adieu, Frau Nachbar Schmidt! 
Der Landsturm muß zur Fahne — 
der Landsturm, der geht mit. 
in Frankreich und in Polen, 
da müssen wir versohlen 
ganz schnelle ja 
die Felle ja 
Franzosen, Russ' und Brit' I 



— 58 — 



Der tapfre Landsturmmann — er rückt an, er rückt an! 
Auf — ! Landsturm mit Waffe, 
Mit Knarre und mit Affe — 
Steig ein I Steig ein ! Steig ein t 
Zur Weichsel und zum Rhein ! 

Und ist uns auch zu enge 

der Rock blau oder grau — 

ihr kriegt doch eure Senge 

nicht weniger genau I 

Wir schworen es ja Muttern, 

daß wir euch würden futtern, 

ihr Söhnekens, 

mit Böhnekens, 

die sind so heiß und blaul 
Der tapfre Landsturmma;in — er rückt an, er rückt an I 
Auf — I Landsturm mit Waffe, 
Mit Knarre und mit Affe — 
Steig ein ! Steig ein ! Steig ein ! 
Zur Weichsel und zum Rhein ! 

Lernt schießen schnell! — Ihr Jungen! 

Kommt nach! Zieht bald mit aus! 

Es ist genug gesungen 

die Wacht am Rhein zu Haus! 

Wir müssen an die Seene! 

Auf, Jungens, rührt die Beene, 

die Wade, marsch! — 

Parademarsch ! I ! 

Und drescht den Nikolaus! — 
Der tapfre Landsturmmann — er rückt an, er rückt an t 
Auf — ! Landsturm mit Waffe, 
Mit Knarre und mit Affe — 
Steig ein! Steig ein! Steig ein! 
Zur Weichsel und zum Rhein! 



O Nikolaus, o Nikolaus! 
Von Wilhelm Platz. 

O Nikolaus, o Nikolaus, du bist ein schlechter Bruder, 

du predigst uns von Frieden vor 

und rüstest heimlich Korps um Korps, 

Nikolaus, o Nikolaus, du bist ein falsches Luder. 

O Engelland, o Engelland, wie hast du dich benommen, 

als wie ein rechter Krämersmann, 

der nimmt, so oft und viel er kann. 

O Engelland, o Engelland, das wird dir schlecht bekommen. 



59 — 



Der Franzmann auch, der Franzmann auch, zeigt wieder seine Krallen, 

er möchte gern den schönen Rhein, 

wir aber nach Paris hinein, 

das will ihm nicht, das will ihm nicht, das will ihm nicht gefallen. 

Und wenn die Welt voll Feinde war' 

und keinem war' zu trauen, 

so fürchten wir uns dennoch nicht, 

wir halten's, wie der Kaiser spricht: 

Wir werden sie, wir werden sie, wir werden sie verhauen. 



Die Geschichte von Lüttich. 
Von Friedrich Hussong. 



Unsere Kerrels, die wollten ins Franltreich hinein, 
in einem Ritt nach Paris vom Rhein. 
Da lag das Lültich mitten im Weg; 
nicht links, nicht rechts Pfad oder Steg. 
Da sprach der General Emmich: 
»Gottsakerment, das nemm ich.« 



Gotts Dunner, wie will er das nehmen ein, 
wo so viel Forts und Kanonen sein? 
Da sagte der: >Wir rennen ein Loch, 
paBt auf, ihr Kerls, und nehmen es doch. 
Daß die uns hindern, würmt mich, 
aber paßt auf, das stürmt sich.« 

Herr General Emmich, ich sag's mit Gunst, 
ein Ding ist's gegen die Regel und Kunst; 
man muß da erst lange vor liegen 
and das Lüttich geduldig bekriegen ; 
doch der: »Das sind eitel Dünste, 
die regelrechten Künste, t 



Und die Kerrels stürmten und rannten ein Loch 
and kriegten's trotz Forts und Kanonen doch 
und sind auf dem Weg ins Frankreich hinein, 
in einem Ritt nach Paris vom Rhein. 
Wie sagt der General Emmich? 
> Gottsakerment, das nemm ich.« 



— 60 — 



De dicke Berta. 
Von Gorch Fock. 



Dicke Berta heet ik, 
tweeunveertig meet ik, 
wat ik kann, dat weet ikl 
Söben Milen scheet ik, 
Steen un Isen freet ik, 
dicke Muern biet ik, 
grote Locker riet ik, 
dusend Mann de smiet ikl 
Beuse Klüten kok ik, 
Blitz un Donner mok ik, 
heete Suppen broo ik, 
grote Reisen do ik: 
erst vor Lüttich stunn ik, 
Huy un Namur funn ik, 



ok Givet, dat kreeg ik, 

un Maubeuge sehg ik, 

um Antwerpen stuk ik, 

un Ostende duk ik. 

Vor Verdun, dor stoh ik, 

no Paris hen goh ik, 

ok no London, gleuf ik: 

op den Tag dor teuf ikl 

Schient de Sünn, denn summ ik, 

schient de Moon, denn brumm ik 

ganz verdübelt, meen ik! 

Mienen Kaiser deen ik, 

dicke Berta heet ik, 

tweeunveertig meet ik, 

wat ik kann, det weet ik! 



Eine Dichtung des Herrn Cäsar Flaischlen — was für eine 
Sorte doch ehedem zur »Literatur« gehört hat! — beginnt so: 

Sie haben das sehr schön sich ausgedacht 
von hüben wie von drüben 
und mit unserer deutschen Ritterlichkeit 
seit Jahren Schindluder getrieben. 

Sie haben seit Jahren uns umstellt 
an allen Ecken und Kanten, 
Verträge und Klauseln ausgeheckt 
und einander Schmiere gestanden. 

Feig, wie sie sind, vermeinten sie, 
uns heimlich zu Boden zu knebeln 
und bei der ersten Gelegenheit 
uns einfach zusammenzusäbeln. 



Nicht einer hatte den traurigen Mut, 
offen das Schwert zu erheben: 
sie kauften sich einen kleinen Mann, 
die Fackel ans Haus zu legen. 

►Schrei auf, mein Herz!« Und du, Michel, greif zum Schwert: 

Und hau nach hinten und hau nach vom, 
hau zu, wie nur zu hauen, 
wohin es trifft, ein jeder Hieb 
sei Grausen und sei Grauen! 



61 



Hau drauf und drein, durch Eisen und Stein, 
mit Kolben und Kanonen — 
wir wissen ja endlich, woran wir sind, 
Und brauchen niemand zu schonen! 

Und geht die ganze Welt kaputt 
in Blut- und Flammenwehen, 
und wird es wirklich Jüngster Tag — 
wir bleiben und wir stehen! 

Wir bleiben, Michel, und wir stehn 
vor Gottes Thron zu sagen: 
allwie man ihn und seine Welt 
an elende Habsucht verraten! 

Der Hans Heinz Ewers jedoch, der in Amerika den Deutschen- 
haß, den er erweckt, nach Möglichkeit zu bekämpfen sucht und zu 
seinem größten Bedauern rechtzeitig verhindert war, zurückzu- 
kommen, singt den Gymnasiasten eins von der > Emden« vor: 

Der Kapitän der »Emden« sprach: 

> Verdammt noch mal und zugenäht! 

Nun liegt der deutsche Handel brach! 

— John Bull hat mächtig aufgedreht 
und bläht sich hinter jedem Riff; 

es kapert sich der Lausebrit' 
so manches gute deutsche Schiff. 
Verdammt; da tu' ich auch noch mit 
mir meiner braven .Emden' ! « 

Der Japse schwimmt vor Tsingtaus Gischt 
und lauert früh und lauert spät — 
da ist zur Nacht ihm was entwischt, 
verdammt noch mal und zugenäht! 
Die Katze, die ihm schon im Sack, 
will noch einmal aufs Mausen gehnl 

— Und auf das gelbe Lumpenpack 
pfeift unser blonder Kapitän 

Karl Müller von der > Emden <! 

Verschwunden! Weg! Das Schiff ist weg! 

— Wie Brite auch und Japse späht, 
sie finden nimmer das Versteck, 
verdammt noch mal und zugenäht! 



— 62 — 



Sie fahren hin, sie fahren her 
und haben weidlich durchgesucht 
sechs Wochen lang des Ostens Meer — 
— da schwimmt sie in Bengalens Bucht, 
die liebe kleine »Emden«! 

Und so. In der letzten Strophe schlägt der Dichter den Qrafen- 
titelfürden Kapitän der »Emden« vor, indem er »als Poet« den Wappen- 
spruch: »Verdammt noch mal und zugenäht!« ihm »dreingibt«. Herr 
Ewers, wiewohl durch die Umstände an der aktiven Mitwirkung bei der 
Glorie rechtzeitig verhindert und gezwungen, in amerikanischen 
Varietes für die deutsche Sache einzutreten, hat sich schon zu Kriegs- 
beginn durch ein stimmungsvolles Gedicht verdient gemacht, in 
welchem er sein Mütterchen besang, dasein kleines, stilles Häuschen am 
Rhein besitze und es nunmehr natürlich in ein Spital verwandelt habe. 
Zwischen den Buddhas, ausgerechnet, und ähnlichen exotischen Kost- 
barkeiten, die Herr Ewers von seinen Weltreisen mitgebracht hat, ruhen 
nun, so schrieb er, brave Jungens von jenen Strapazen aus, die dem 
Dichter selbst erspart geblieben sind, während das Mütterchen un- 
verdrossen der Pflege obliegt und ihr Scherflein beiträgt. Einer 
dieser braven Jungens sei blind, denn »sie stachen ihm bei Namur« 
oder Maubeuge oder sonst irgendwo, wo Herr Ewers sich nicht 
durch persönlichen Augenschein von den Gefahren des Krieges über- 
zeugt hat, »die Augen aus«. Als der Dreck erschien, ließ sich 
ein Mitarbeiter des ,Vorwärts', der jene Lunte, die Herr Ewers nicht 
gerochen hat, zu riechen begann, die Mühe nicht verdrießen, 
beim Mütterchen des Herrn Ewers sich nach dem blinden Soldaten 
zu erkundigen. Aus Teilnahme, warum nicht. Wiewohl aber 
sonst jedes Mütterchen in Deutschland Bescheid weiß — 
dieses eine ward verlegen und erklärte sich umsomehr 
außerstande, den blinden Soldaten vorzuführen, als sich 
herausstellte, daß sie zwar ein Häuschen am Rhein bewohne, aber 
der Spitalstätigkeit nie obgelegen habe. Aber auch sonst habe sie 
in ganz Düsseldorf weit und breit einen blinden Soldaten nicht 
gesehen, was sei denn das nur, so oft sei schon wegen 
des schönen Gedichtes ihres Sohnes, auf den sie stolz sei, bei ihr 
angefragt worden, sie möchte es auch gern lesen, aber sie habe wirklich 
kein Spital und wisse auch nichts davon, daß wo anders einer liege, 
dem die Augen ausgestochen worden seien, das wäre ja auck 



— 63 — 



gar zu schrecklich, aber der gute Junge, an alles denkt er doch, 
immer habe er schon eine lebhafte Phantasie gehabt, und kehre 
er dereinst gesund heim, das Mutteraug werde ihn zuverlässig 
erkennen. . . . Verdammt noch mal und zugenäht. Herr Ewers 
aber vertritt seitdem die deutsche Sache in Amerika 
und kämpft in Versen gegen allerlei Lumpenpack, Und in den 
Unterklassen von Sexta bis Quarta, geführt von einem Geheimen 
Studienrat, liest es die deutsche Jugend. 



Ich würde mich freuen, feststellen zu können, daß auf Ver- 
fügung eines österreichischen Militärkommandos die zugleich mit 
»Regiment greift an« zitierten Sätze eines Wiener Pädagogen lange 
vor dem Erscheinen des Aprilheftes jeder Möglichkeit künftigen 
Schulgebrauches entzogen waren. Sie seien zum Gebrauch für eine 
künftige Menschheit hieher gesetzt, die einen Leitfaden durch unser 
Labyrinth der Nächstenliebe nötig haben wird, worin, wenn man 
schon glaubte, beinahe im Freien zu sein, schnell noch Aristokratinnen 
ein Kinderspiel » Russentod < erfunden haben und Pädagogen die 
Theorie dazu: 

»Auf daß ihr mit wissendem Herzen und Munde 
hasset, halte ich euch einen Spiegel vor, aus dem euch das neid verzerrte 
und haßverfärbte Antlitz des falschen Albion entgegengrinst.< 

»Jetzt freilich möchte ich nur wünschen, daß den Russen Qalizien 
all seine Gaben: Armut und Schmutz, verseuchte Brunneri und tolle 
Hunde, Hunger und Seuchen in verschwenderischem Maße zuteil 
werden läßt.« 

»Von den Kerlen aber ist nichts zu sehen! Schauen in ihren 
Monturen aus, als wären sie aus demselben Lehm und Sand geformt, 
um den wir uns nun tagelang raufen. Sind feige Hunde, die 
Erdfarbenenl« 

»Alles schwarz von Russen, grad so wie in einer vernachlässigten 
KQchel Man braucht nicht zu zielen: einfach losdrücken und schon 
liegt einer. Na, da knallten wir Sie nieder, wie die Köchin 
raschen Fußes das Ungeziefer zertritt.« 

»Sakra, dös war höllisch fein! Bald hab' i 's Vurtl herauBt 
g habt. Eini das Messer ins Russenfleisch und gach umdrahtl« 



— 64 



»Hei, da haben wir mit unseren Karabinern dreingehauen, 
als gälte es Klötze zu spalten. Hab' auch viele Russen- 
schädel zerschlagen. Hurra!« 

»Es muß ein ganz eigenartiges Gefühl sein: Hier zu stehen, den 
Feind 'rankommen zu sehen und ihn niederknallen zu können, 
ohne daß er einem recht ankann.« 

». . . und jetzt darf ihnen (den Russen, die sich ergeben) niemand 
mehr etwas tun als: gefangennehmen. Und hätten doch so gern 
diese Gazember (magyarisches Schimpfwort) ein bißl massakriert....« 

»Jeden einzelnen von uns hat der Krieg aus dem 
Alltag gerissen, hat ihn umgeformt und sittlich wachsen 
lassen. Wir alle sind bessere Menschen, bessere Öster- 
reicher gewordenl« 



Zum versöhnlichen Ausgang aber sei noch angemerkt, daß 
jene Berliner Zeitung durch das Oberkommando in den Marken 
offenbar auch erfahren haben will, das Gedicht - das Gedicht! - sei 
»von einem mittlerweile gefallenen Kriegsteilnehmer zuerst in einer 
hannoverschen Zeitung veröffentlicht worden.« An dieser Mitteilung 
ist zwar die literarhistorische Genauigkeit rührend, aber keineswegs 
die Mitteilung, daß der Dichter inzwischen gefallen sei. Es kann auch 
unmöglich beabsichtigt sein, durch den Hinweis darauf, daß ein 
Mann seinen Untergang in der nämlichen Begebenheit gefunden 
habe, in die er mit einem »Gebet« um »mehr Feinde« und mit der 
Parole »Schießt alles nieder wie Hunde« eingegriffen hat, eine mildere 
Beurteilung dieses Standpunktes zu erwirken, umso weniger, als 
ja das Niederschießen von Hunden in Friedenszeiten auch 
nicht gerade gang und gäbe oder zumindest die Übung höher 
gesitteter Naturen war. Eher müßte man schon sagen, daß ein Kriegs- 
teilnehmer, der als Dichter dazu beigetragen hat, daß »alles tot- 
geschossen wird, was um Gnade fleht«, zwar durch sein persön- 
liches Fortleben Aufsehen erregen würde, aber im andern Fall 
das Faktum nur folgerichtig und das Diktum nicht sympathischer 
erschiene. Wie dem nun immer sein mag, das Oberkommando 
in den Marken dürfte eine gute Absicht an unrichtiger Stelle 
betätigt haben. Denn es gibt eine Instanz, die es noch besser 
mit dem Dichter meint: 



65 



Hannover, den 19. 5. 16. 

Soeben erfahre ich durch Zufall, daß in Ihrer Aprilnummer ein 
Gedicht meines Schwiegersohnes besprochen ist und möchte 
ich Sie höfl. bitten, ein Exemplar Ihrer Zeitschrift an genannten 
Herrn möglichst gleich abzusenden. Adresse ist: Leutnant 
F. L. Hoppe, X. Armeekorps, 20. Inf. Division, Inf. Reg, 79, 
3. Bat., 11. Komp. 

Hochachtend, im Voraus bestens dankend 

Frau G. Haase 
Hannover, Geibelstr. 27 

Das heiße ich einen versöhnlichen Ausgang ! Belegexemplare 
für solche Rezensionen über solche Gedichte pflegen zwar nicht 
abgesandt zu werden. Aber wenn hinter Maschingewehren als deus ex 
machina solch eine freundlich besorgte Frau am Schluß erscheint 
und das unnennbare Grauen dieses Weltabends zu einem deutschen 
Schwiegermutterscherz wendet, so sind wir's auch zufrieden. 



— 66 — 

Glossen 

Also Dichter und Denker, nicht Barbaren 

Da die Chose, in der jetzt eine endgiltig hergestellte 
Mischung aus Landsknecht und Ingenieur triumphiert, von hervor- 
ragend weidmännischem Interesse ist, hat die deutsche Jagd- 
zeitschrift >Wild und Hund« den folgenden instruktiven Bericht 
veröffentlicht: 

Auf der Russenfährte. 

Von Frundsberg. 

(Nachdruck verboten.) 

. . . Dies Jahr zählt doppelt und dreifach gegen lummrige 
Friedensjahre und wnd sich nie aus meinem Leben fortwischen lassen. 
— Und soll's auch nicht I Gut Gejaid allezeit und harte Kriegsarbeit 
gab's in Feindesland. . . . 

Und es gab herrliche Tage, wenn man als Sieger dem ge- 
schlagenen Feind auf den Fersen saß, ihn zustande hetzte, bis er, 
zu Tode erschöpft, sich dem Sieger ergab. . . . 

. . . Das alte Landknechtsleben blühte wieder auf, reiten und 
streiten, essen und trinken, jagen und lieben. Es war wohl wie in 
alten Zeiten. Man fand sich furchtbar schnell darein. Krieg ist 
doch wohl die natürlichste Beschäftigung des Mannes. . . . 
Ein Jahr, ein schönes, langes Jahr hab ich's so getrieben. . . . Aber 
es gab damals auch einen Wundbalsam, der alles wieder gut machte, den 
ich mir kaum zu erträumen gewagt: das Kreuz von Eisen ohne Bandl. . . 

... Ab und zu mußte man schon die alte Feldpulle 
zwischen die Zähne nehmen, um sich wenigstens innerlich etwas 
anzuwärmen. Man wird besinnlich in solchen Momenten und unsere 
Gedanken brauchten nicht weit zu reisen, um sich besserer Tage zu 
besinnen. ... an den schönen lustigen Franzosenkrieg, wie wir . . 
die feindliche Kavallerie in den Dreck ritten, wo sie nur ein 
Pferdebein zeigte . . um schließlich in der sonnigen Champagne 
unsere Rosse zu tummeln. Man bekam ein verdächtiges Schlucken in 
den Hals, wenn man an all den guten Schampus dachte, der 
einem damals durch die Kehle gerieselt war. — Weiterführten 
einen die Gedankenmit einem kleinen Hupf in ein neues Feindesland: 
Belgien I Fruchtbare Felder, reiche Städte, dicht gedrängt erwarteten 
uns da. . , . Einen himmelblauen Gurka und zwei belgische 
Radler konnte ich damals in mein Schußbuch eintragen. . . . 
Und dann .... die Grenzpfähle nach Polenland wegzufegen Und, beim 
großen Zeus, unsere Flinten und Lanzen sollten auch hier nicht rosten! 

... Es war eine Kavalleriedivision, die wir schon aus Frankreich 
kannten, und die auch mit von der Partie sein wollte. Nichts ist 



— 67 



spaßiger, als wenn sich belcannte Truppen auf einem anderen Kriegs- 
schauplatz wiedersehen. Und so jagte auch bald ein grober Witz 
den andern. Himmel, wie sahen die Jungens aber auch ausi Auch 
in einem Rutsch aus dem noch sommerlichen Franlcenlande kommend, 
hatten sie ihre Wintersachen nicht mehr erhalten. Aber was macht das. 
JVlan weiß sich zu helfen. Aus Teppichen, Pelzen, Fellen waren 
im Nu warme Mäntel, Ohrenschützer, Handschuhe gemacht. . . . 

. . . Donnerwetter ja, in Polen sollen ja stramme Hirsche 
wachsen. Die alte Büchse zappelt ungeduldig auf dem Rüclcen, als ob 
sie sich nach Arbeit sehnte. Warte nur, mein Hase, du kommst 
auch noch rani 

Vorläufig gab's aber noch nichts zu schießen. Feind 
fehlte noch wegen Mangel an Beteiligung. Ein paar herum- 
streunende Kosaken waren schon von den Patrouillen aus dem Felde 
geschlagen oder vielmehr geschossen worden. Zu Pferde kriegt man 
die Lümmels schlecht, vorm Schießen haben sie aber einen Höllen- 
dampf. — Nach endlosem Marsch, als es schon völlig dunkel war, kamen 
wir ins Quartier. Au je, das war doch überwältigend! Wer eine 
solche Panjebude nicht kennt, der ahnt überhaupt nicht, was es alles 
gibt. Beschreiben läßt es sich nicht, das muß man sehen und fühlen. . . . 
Die Kosakis hatten sich nun doch ermannt und uns den Weg ober 
eine Brücke verlegt. Es war allerdings auch dicke Infanterie dabei. 
Eine Schwadron von uns war schon beim Angreifen, erhielt aber ein 
wahnsinniges Feuer, das ziemlich schaurig durch die düstre Nacht 
gellte. Bei Tagesanbruch griff dann das ganze Regiment an und trieb 
die Brüder zu Paaren. Allerdings ging es ziemlich heiß her. Ein 
Leutnant von uns bekam eine Kugel durch beide Arme und mitten 
durch die Brust. Ist aber heute schon wieder qiiietschf idel. Ein 
anderer hatte einen Streifschuß am Kopf, daß die Knochensplitter 
man so flogen. . . . 

Auf leisen Sohlen heranbirschend, hatten wir bereits die Vorposten 
getötet.... p eng, fällt ein Schuß, peng, peng, zweiter, dritterl Und 
dann ging eine maßlose Knallerei losl . . rumbums! spricht unsere 
Kanone; kladderadomsl die Handgranaten, die die albernen 
Russen aus den Fenstern zu schmeißen für gut befanden... . 
über die Straße laufen alle möglichen Leute, kein Schwein kann aber 
im Dunkel erkennen, von welcher Partei sie sind. Wir drückten uns 
an ein großes Haus, um mal erst abzuwarten, wem die Siegesgöttin 
heute wohlgesinnt wäre. Der Skandal dauerte aber immer weiter, und 
die Kriegslage schien sich gar nicht klären zu wollen. . . . 

Die Kerls, die jetzt immer zahlreicher auf der Straße standen, 
waren doch Russen; wir mußten uns also möglichst gewandt hindurch- 
schlängeln. Wenn einer nicht Platz machte, kriegte er einfach einen 

Tritt Ich müßte schamlos lügen, wenn ich dieses Situatiönchen 

besonders angenehm und lieblich nennen würde, aber wir kamen durch, 
und es solLe sich nachher bezahlt machen. 150 Schritt hinter der 
Stadt buddelten wir uns schnell bis an den Kragenknopf ein. . . . 



68 



Wir warteten freudig erregt der Dinge und Russen, die da 
kommen sollten. ... Wir acht Männerchen waren augenblicklich 
wohl die einzigen hier, die die Wacht am Rhein singen konnten. 
— Wir lagen mucksmäuschenstill, den Finger am Abzug. Meiner 
Kriegsknechte war ich mir ziemlich sicher. Ohne Befehl würde 
keiner knallen. . . . Neben mir schnatterte ein junger Kriegs- 
freiwilliger laut und ungeniert mit den Zähnen. Ich boxte 
ihm schnell noch in die Rippen.... >Lebhaft weiterfeuern*, 
kommandierte ich dann mit gellender Stimme, um den Brüdern da 
drüben mal den Wohlklang einer Preußischen Kommando- 
stimme zu Gehör zu bringen. Und ich mußte auch laut schreien, 
denn auf die erste Salve ertönte drüben ein Geheul, so entsetzlich, 
markerschütternd, daß mir die Haare zu Berge standen, und als unsere 
Büchsen lustig in den dichten Knäuel knallten, da stürzten sie 
zurück, fielen über die Toten und Verwundeten. . . . und dazu fort- 
während diese entsetzlichen Schreie höchster Todesnot! . . . 
und schon waren wir mit brüllendem Hurra hinterher!. . . 

...WiedieTiere drängte sich ein ganzer Haufen in die vorderste 
Haustür. Wir hätten sie in aller Ruhe abschießen können. .. . 
Sie waren noch total halali und konnten vor Angst keinen 
Ton sagen. . . . Die ganze Sache schien einzuschlafen. 

Zur Belebung des Panoramas erschienen plötzlich zwei 
polnische Weiber von rückwärts. . . . Wir machten uns also etwas klein, 
griffen sie, als sie neben uns waren, und wollten sie harmlos 
lächelnd neben die Gefangenen setzen. Aber da fielen wir schön 
rein. Die Weiber bissen, kratzten, schrieen und strampelten wie wahnsinnig. 
Wer weiß, was die von deutschen Soldaten dachten! . . . 

... Da wir in der Eile nichts zu essen mitgenommen hatten, 
machten wir eine kleine Anleihe bei unseren neugewonnenen 
Freunden, und so futterten wir zusammen Brot und ausgezeichnete 
Fleischkonserven. Selbst die Damen zeigten sich jetzt von einer liebens- 
würdigen Seite und reichten die famosen russischen Bonbons herum. 
Leider konnten wir uns nicht recht verständigen, sonst hätte es ein 
gemütliches Schwätzchen gegeben. Das einzige was uns noch fehlte, 
war ein Alkohölchen. . . . 

. . . Das ganze Theater von vorhin wiederholte sich. Auf 5 
Schritt knatterten unsere wohlgezielten Schüsse da- 
zwischen. . . . 

... ich hatte aber doch so das 
eine Biesterei vorhatten. . . . Den 
mal selbst etwas näher besehen, 
einige sichere Kugeln helfen. . . . 
Kopf, ein Tupf auf den Stecher: plautz, da lag der erste Kerl! 
Schnell repetiert und wieder gestochen. Nr. 2 und 3 fielen um 
wie die Säcke, bevor sie sich von ihrem ersten Schreck 
erholt hatten. Da kam Leben in die Gesellschaft, sie schienen 
nur noch nicht zu wissen, wohin sie sollten. Der nächste Russe, 



Gefühl, daß sie noch irgend 

Feind hinten wollte ich mir 

Hier konnten nur noch 

Da zog ich die Büchse an den 



— 69 — 



Nummer 4, erhielt die Kugel etwas zu kurz. Es war vielleicht 
für mich von Vorteil, denn der arme Kerl schrie ganz ent- 
setzlich .... Ich hatte schnell den Karabiner meines Begleiteis ge- 
nommen und ließ die nächsten fünf Kugeln in den dichten 
Klumpen am Gartenzaun. Einige Schreie zeigten, daß auch 
diese Kugeln nicht umsonst abgefahren waren. Diese letzten 
Schüsse waren mir ja etwas eklig, besonders weil ich gar nicht 
das Gefühl der Gefahr hatte, denn die Russen dachten gar nicht 
ans Schießen. Aber was hilfts; jeder ist sich selbst der 
nächste, und ich habe ja den Krieg nicht angefangen! Die 
Flanke war gesäubert; ich ging befriedigt zu meinen Knaben 
zurück. . . . 

. . . Die russischen Offiziere machten ein recht dummes Gesicht, 
als sie uns sechs Männerchen da stehen sahen. Mein liebens- 
würdiges Benehmen beschwichtigte aber ihre Bedenken. Wir 
schüttelten uns herzlich die Hände, ich mit einem gönnerhaften 
Siegerlächeln. Es war immerhin ein netter Augenblick, und der 
militärische Erfolg doch außerordentlich schön.'Selbander zogen wir 
auf den Markt, wo alles voll von Russen stand. . . . Bei dem Artillerie- 
kapitän bedankte ich mich für die gutsitzenden Schrapnells, dann 
mußte ich zur Division und berichten. Allgemeine Zufriedenheit. Meine 
sechs Soldaten bekamen gleich, wie sie gebacken waren, das Eiserne 
Kreuz. ... Ich wurde zur ersten Klasse eingegeben, was aber erst nach 

beinahe einem Jahr in die Erscheinung trat. 

* • 

* 

Deutschland, Deutschland über allesi 

Neuheit I Neuheit I 

Für unsere heimkehrenden Krieger ist 

das schönste Geschenk, um auszuruhen 

von ihren Taten, das 

Helden kissen 

(D. R. G. M.) 

Es enthält: 

1. Die sinnreiche Anrede: 
Siegreiche Krieger. 

2. Das Eiserne Kreuz. 

3. Den Namen des Kriegers, von einem 
Eichenkranz umgeben als Sinnbild 
deutscher Stärke. 

4. Deutsche und österreichische Fähnchen 
als Zeichen der Bundestreue. 

5. Willkommen in der Heimat I 

Kissen mit Vorzeichnung . . Mk. 3,50 

Nachnahme. 

Nur zu beziehen durch — 

Dazu gehört aber schon ein sehr gutes Gewissen! 



70 



Kriegsrisiko 

»Vor dem Schöffengericht Berlin-Mitte hatte sich am Mittwoch 
der Militärinvalide Wilhelm Reich wegen groben Unfuges zu ver- 
antworten. Eines Tages hatte er auf der Straßenbahn zu einer jungen 
Dame geäußert, der Krieg werde nur zu Gunsten der Reichen 
geführt; die Arbeiter müßten sich die Knochen zerschießen lassen und 
noch bezahlen. Diese Äußerung vernahm ein mitfahrender Subdirelttor 
einer Versicherungsgesellschaft. Dieser ließ den Mann feststellen und 
gegen ihn wurde ein Strafverfahren wegen groben Unfuges eingeleitet. 
Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu sechs Wochen Haft.< 



Friedensrisiko 

»Die Felixdorfer Weberei und Appretur erhöht ihre Dividende 
von 6 auf 17 ^h Prozent. Das günstige Ergebnis des verflossenen Jahres 
ist, wie sie erklärt, hauptsächlich auf den Umstand zurückzuführen, daß 
es infolge der Unterbindung jeglicher Zufuhr des Rohmaterials 
möglich wurde, einen großen Teil der Lagerbestände zu hohen 
Preisen abzusetzen.« 



Händler und Helden 

Alles will ich nehmen, wie's kommt, nicht murren will ich; 
aber eines ertrage ich nicht mehr: den Körnerschen Jüngling, mit 
Blick gen Himmel, noch immer, nach zwei Jahren noch, im Schau- 
fenster bei Neumann, mit dem Text: 

Vater, ich rufe Dich! 

's ist ja kein Kampf für die Güter der Erde; 

Das Heiligste schützen wir mit dem Schwerte — — 
Täglich schreiten dort Schlachtlieferanten vorüber, »allen 
jüdischen Kindern gesagt, was heute in Schmieröl zu verdienen 
ist«, sagte einer grad, als er vor dem Bilde stand und der Körnersche 
Jüngling blickte unverwandt gen Himmel. Also weg mit diesem, 
da jener nicht zu entfernen ist. Und auch den Landsknecht, der 
an jeder Straßenecke für die Kriegsanleihe wirbt, als ob nicht das 
Konterfei irgend eines kühnen Landesberger oder verwegenen 
Sieghart sie besser propagierte — den lege man zum alten 
Eisen. Und spiele man überhaupt nicht mit den alten Gewehren, 



71 



wenn die neuen von selbst losgehen ! Und gewöhne man sich endlich, 
den Unterschied »Händler und Helden« reinlich so zu erfassen, daß 
man nicht gerade jene, die zum Handel nicht den Vorwand des 
Heldentums brauchen, für die Händler hält. Daß die Engländer 
»Christus sagen und Kattun meinen« — diese von Fontane bezogene 
Anschauung ist jetzt wahrlich ein ganzes Kontinentalsystem von 
Ideologie. Als ob wir, wenn wir Kattun sagen, ausgerechnet Christus 
meinten! Jene wollen nur sechs Stunden im Tag für Kattun leben 
und wenn sie dann Muße haben möchten für Heuchelei, so ist 
es ein geistiges Streben. Jedenfalls wollen sie nicht vierundzwanzig 
Stunden im Tag für Kattun leben und jedenfalls sagen sie nicht, 
wenn sie ihn an den Mann bringen wollen, eben das geschehe 
um Christi willen oder der Mantel der Nächstenliebe sei aus Kattun. 
Sie mögen eine sehr oberflächliche Beziehung zu den inneren Dingen 
haben, aber es ist eine ziemlich eindeutige, also saubere. Keineswegs 
sagen und meinen sie Kattun und Christus in Einem und durcheinander. 
Keineswegs wickeln sie ihre Waren in Meßgewänder, weil es eine 
aparte Aufmachung ist, und wenn sie auf die Börse gehen, weil das 
irgendwie notwendig sein mag, um heute zu leben, so verkleiden sie ihre 
Stockjobber nicht als Landsknechte. Söldner ist, wer Sold nimmt für 
die Erledigung materieller Aufgaben. Wer aber diese für ideelle 
ausgibt und aus Begeisterung Sold nimmt — kann zweierlei sein, 
ein Schubiak oder ein Dummkopf, oder — verfluchte Mischung — 
beiderlei ! 



Das kommt davon 

. . . Die Schäden dürften ernst sein. Die englische Zensur verbirgt 
sie und gestattet keine genaueren Angaben, aber jeder iVlensch, der 
als Reisender durch die City gegangen ist oder sie durch 
längeren Aufenthalt näher kennt, weiß, daß keine Bombe ihr Ziel ver- 
fehlen konnte und daß die Verwüstungen unheimlich sein mußten. 

Davon kommt aber nicht nur das Wissen, sondern der Zu- 
stand selbst. Es sind zu viel Reisende durch die City gegangen. 



— 12 — 



Ein Märchenerzähler 

Die vierte Kriegsanleihe ist wie eine Erzählung aus dem 
Wunderlande. . . . geheimnisvolle Ausstrahlungen. . . . Was uns bei den 
Milliarden anzieht und beschäftigt, ist der Gedanke an die Personen, 
welche sie zeichnen. 

Mich würde der Gedanke bei den Milliarden eher abstoßen. 

Die Kriegsanleihen sind die Frucht des Zinsfußes und der Moral. 

Daß die Moral sich mit dem Zinsfuß eingelassen hat, ist 
sehr unmoralisch von der Moral und die Frucht sieht nach der 
Sünde aus. Es wird Kindern und Kindeskindern heimgezahlt 
werden und es wird sich rächen an Zinsen und Zinseszinsen. 

Die Nachdenklichkeit wird durch die vierte Zeichnung noch mehr 
angeregt .... und ein Wunderland ist es wahrhaftig, wenn die kaum 
faßbaren Ziffern doch wieder erreicht wurden. 

Der Denker verliert sich wieder in den Märchenglauben. 

Eine Verwertung des in Staatspapieren angelegten Kapitals, wie 
sie nie erträumt werden konnte. . . , 

Der Traum versteigt sich: 

Bei der Aufzehrung unserer Vorräte haben wir die Überlegenheit, 
verglichen mit den Feinden, daß wir niemandem Tribut für die Einfuhr 
kostspieliger Waren, welche die Armee braucht, zu entrichten haben. 

Selbst nicht für solche, die das Hinterland braucht. Der 
wache Verstand antwortet: nebbich wie glücklich wären wir, wenn 
wir Tribut entrichten dürften. Kann man Kriegsanleihe essen? soll 
Falstaff gefragt haben. 

Reichsritter von Hohenblum spricht nicht mehr von den großen 
Hüten der städtischen Damen. 

Das ist wieder ein Vorteil. 

Die Frau des Grundbesitzers ist sehr elegant geworden, und die 
Duldsamkeit der Verzehrer landwirtschaftlicher Erzeugnisse macht ihr 
aus dem Sinn für Geschmack keinen Vorwurf. 

Die Verzehrer landwirtschaftlicher Erzeugnisse wären noch 
duldsamer, wenn sie noch mehr zu verzehren hätten. 

Die Milliarde, um die das Einkommen in Preußen während eines 
der ernstesten Kriegsjahre abgenommen hat, will uns nicht aus dem Sinn. 

Sie ist aber kein Märchen aus uralten Zeiten, sondern 
für Preußen kaum eine Hautwunde 
mit einem Wort ein Tineff. 

Waren, die verkauft worden sind, wurden früher zu Waren. 
Jetzt werden sie Kriegsanleihe. 



— 73 



Was sollten sie sonst werden? 

Das einfachste Beispiel ist ein Laden mit Sommerstoffen oder eines 
der großen Warenhäuser, wo sich im Frühling, Herbst, Sommer und Winter 
mit einem Wort, das ganze Jahr 

gewisse Reste, die von der iVlode überholt worden sind, im Lager 
aufhäufen. Das wurde früher zu Spottpreisen verkauft und wird jetzt 
mit Gold aufgewogen. 

Für das freilich die Bedeckung an Papier zu fehlen beginnt, 
weil alles für die Blätter gebraucht wird. Man gibt massenhaft 
Qold aus. Sogar die Brotmarken^ sollen auszugehen beginnen, 
weil die Anweisungen auf geistiges Brot in der Erzeugung vorangehen. 

Dieses Aufräumen sämtlicher Lager wird in Zukunft manchen 
Nachteil haben. . . . Aber wir leben jetzt nur in der Gegenwart. . . . 
und die Sorgen, die das Heute nicht unmittelbar berühren, müssen dem 
Morgen überlassen werden. . . . Denken wir zunächst nicht daran, was 
sich entwickeln werde, wenn die geleerten Vorratskammern im künftigen 
Frieden wieder zu füllen sein werden. . . . 

.... Der Erfolg ist blendend. 



Ein sympathischer Planet! 

»Vor dem iWargaretener Bezirksrichter Dr. Immervoll stand gestern 
der taubstumme Privatangestellte Wenzel Haller, weil er auf der 
Wiedener Hauptstraße eine große Scheibe eines Schuhgeschäftes, die 
150 Kronen wert war, zertrümmert hatte. Der Angeklagte verständigte 
sich mit dem Richter auf schriftlichem Wege. Er gab an, er sei von 
Prag nach Wien gekommen. Hier sei ihm das Geld ausgegangen und er 
sei hungrig und obdachlos gewesen. Um Kost und Unterstand 
zubekommen, habe er das Auslagefenster eingeschlagen. 
Der Richter verurteilte den Angeklagten zu vierundzwanzig Stunden 
Arrest. Als der Stumme das ihm vom Richter aufgeschriebene 
Urteil gelesen hätte, schüttelte er betrübt den Kopf und 
gab durch Zeichen zu verstehen, daß er eine viel höhere 
Strafe erwartet habe.« 



Das Opfer 

Hochwohlgeboren Herrn Moriz Benedikt, etc. 
Sehr geehrter Herr Chefredakteurl Ihren vielen überaus freund- 
lichen Bemühungen um das Blühen und Gedeihen des k. k. öster- 



— 74 — 



reichischen Mililärwitwen- und Waisenfonds, an dessen Spitze mich die 
Gnade Seiner Majestät des Kaisers als Stellvertreter Seiner Majestät 
im Protektorat des Vereines gestellt hat, haben Sie neuerdings einen 
außerordentlich dankenswerten Beweis tatkräftigster Mit- 
hilfe an unseren großen kriegshumanitären Zielen gegeben, indem Sie 
in Ihrer Donnerstagnummer vom 20. April eine halbe Seite Ihres 
Blattes völlig kostenlos für einen Aufruf des Witwen- und Waisen- 
fonds zur Verfügung gestellt haben. Ich nehme gern Veranlassung, Ihnen 
für diesen neuerlichen Beweis Ihres großen Interesses, das Sie 
dem k. k. österreichischen Militärwitwen- und Waisenfonds seit seiner 
Gründung entgegenzubringen die große Freundlichkeit 
hatten, allerherzlichst zu danken. Gerade diese vorbildliche 
Mithilfe der Presse ist es, welche dem Witwen- und Waisenfonds bis 
jetzt schon so viel Not und Elend hat lindern helfen und von der wir 
uns auch für die Zukunft tatkräftigste Unterstützung erbitten und er- 
hoffen. Genehmigen Sie, sehr geehrter Herr Chefredakteur, den Aus- 
druck meiner vorzüglichsten Hochachtung, mit welcher ich zeichne Erz- 
herzog Leopold Salvator. 

Die Selbstlosigkeit, die nicht bloß Kostenlosigkeit bedeutet, 
geht bis zum Abdruck dieser treffenden Anerkennung gegen einen 
Millionär, der seine positiven Wohltaten bisher im Stillen geübt 
hat. Die Größe des Opfers aber läßt sich nach dem folgenden Tarif 
bemessen : 

>. . . Zur Beurteilung der Angelegenheit wird es vielleicht nicht 
uninteressant sein, daß nach verläßlichen Schätzungen die Veröffent- 
lichung dieser Satzschrift in den heutigen Blättern zwischen 60.000 und 
70.000 Kronen kostet. Es wäre nicht unwesentlich, zu erfahren, aus 
welchen Geldern diese beträchtliche Summe genommen wurde. Zur 
Aufklärung Uneingeweihter über die Gründe, weshalb sich die Zeitungen 
so bereit finden, derartige Mitteilungen abzudrucken, sei noch die 
Tatsache mitgeteilt, daß der Abdruck in der , Neuen Freien 
Presse' allein rund 5000 Kronen kostet. Es sind nämlich ungefähr 
dreihundert Zeilen, für die sie 15 Kronen die Zeile berechnet, nebst 
einem Teuerungszuschlag von 10. v. H., den sie kürzlich für 
derartige redaktionelle Mitteilungen eingeführt hat. . . .« 

Wobei zur Aufklärungbemerkt werdenmuß,daß ein Teuerungs- 
zuschlag die kürzeste Formel für den ans Vaterland erfolgten 
Anschluß bedeutet und daß »v. H.< nicht etwa die Chiffre des 
Herrn v. Hofmannsthal vorstellt, sondern die Prozente, die die 
Verdiener des Vaterlands seit Kriegsausbruch nur noch auf 
deutsch nehmen. 



75 - 



Das Maul 

Jetzt ist wieder einmal die militärische Lage so gestaltet, 
daß der publizistische Wortführer des Auswurfs der Menschheit 
»der Armee und der Flotte einen Gruß< entbieten darf. Ohne das 
ein Vertreter von Armee oder Flotte ihm aufs Maul schlägt. 

Durch! Dieses Wort haben wir unserer Armee und unserer 
Flotte zugerufen, als der Kampf begann .... Durch ! Heute, ein Jahr 
nach Beginn des Krieges, spüren wir, wie der Atem weltgeschichtlichen 
Geschehens immer stärker 

und immer schlechter wird! Und weit und breit keiner, der jenem 
das Maul hält! 



Schöne neue Titel 

Bewegte Zeiten. 

Deren Merkmale in den vorliegenden Nachrichten. 

Die Räumung Asiagos. 
Von der Zivilbevölkerung. 

Greys Liebe zu Konferenzen. 
In den Ausführungen seiner Rede im Unterhause. 

Der vereitelte Plan einer gemeinsamen Offensive der Entente. 

Durch die österreichisch-ungarische Aktion. 

Und nichts als große Verdienste. Mit dem Krieg. Und 
glücklich zustandegekommene Partien. Durch die Zeitung. Und 
kein verlorenes Abonnement. Wegen Gemauschel. 



Out! Setz dich! 

Der Schauplatz der Seeschlacht. 

Von Universitätsprofessor Dr. Eduard Brückner. 
Präsident der geographischen Gesellschaft. 

Wien, 2. Juni. 
Der Schauplatz der Seeschlacht liegt unmittelbar westlich der 
Westküste von Jütland. Als Skagerrak wird der Ausläufer der Nordsee 
bezeichnet, der zwischen Norwegen und Dänemark nach Nordosten 
vordringt. Der Horns Riff liegt ziemlich weit südlich, etwas westlich 
der Küste Jütlands, dort wo diese spornförmig nördlich der deutschen 
Reichsgrenze ins Meer vorspringt .... 



I 



— 76 — 



. . . Hier hat die Wissenschaft dem Unterseebootkriege wichtige 
Fingerzeige gewähren können. 

Besonders diesen. Es ist erfreulich zu wissen, daß der 
Präsident der geographischen Gesellschaft in Geographie nicht 
durchfallen würde. Aber daß die Männer der Wissenschaft sich 
auch dann rufen lassen, wenn die Männer der Presse zu faul sind, 
im kleinen Brockhaus nachzuschlagen, darüber hilft der größte 
Seesieg nicht hinweg. 



Lieblinge des Publikums 

Die Nachricht von der großen Seeschlacht und von dem Erfolge 
der deutschen Flotte ist in der verbündeten Monarchie mit lebhafter 
Befriedigung aufgenommen worden. Die österreichisch-ungarische und 
die deutsche Flotte gehören längst zu den Lieblingen des 
Publikums. Um so herzlicher wird es der deutschen Flotte vergönnt, 
daß sie Gelegenheit fand, sich in einer großen Seeschlacht ruhmvoll 
ihren Platz in der Kiegsgeschichte zu sichern. 

Wenn nur der Werner und die Zwerenz nichts dagegen haben! 



Die englische Flotte hingegen 

wacht über die Sicherheit und schützt das Kapital, daß es nicht verloren 
gehe. Sie treibt Schulden ein, ist die Hüterin britischer Anlagen in 
weiter Ferne .... Deshalb ist eine persönliche Beziehung zwischen jedem 
Bürger und der Kriegsmacht zur See, der stillen Gesellschafterin 
des britischen Kaufmanns, der Wächterin über die Ziffern des Haupt- 
buches und der Bringerin sorglosen Schlafes .... Die Flotte ist die 
Mitschöpferin der Weltherrschaft, der von den großen Dichtern 
gepriesene Eichenwall rings um die heimatlichen Inseln .... 



Mythologie 
Adoption 

von aktivem Mars gesucht. 
Bedingung: über 42 Jahre alt, 
adelig, gesellschaftlich hoch- 
stehend. Nichtanonymes unter 
,;Engadin 6537" an das 
Ank.-Bur. d. Blattes. 



n 



Worauf sich eine kapriziert 

Eine vermögende, distinguierte 
Dame 

mit intelligentem, sicherem 
Berufe sucht eine ihrem Stande 
entsprechende Heirat mit 
einem Juden in mittl. 
Alter. >Salambo<, Gazetta 
Wieczorna, Lemberg. 



Fremdwörter-Erraten 

Junger, fescher 
Arzt 
sucht behufs Spezialisierung 
und späterer Übernahme eines 
Sanatoriums sehr vermögende 
Dame zur sofortigen Heirat. 
Lichtbild erwünscht. Anträge 
erbeten unter > Zukunftsstern 
L. 649€ 

Also eine Patientin gesucht. Aber nur keine Fremdwörter! 
Ich würde statt Spezialisierung Sonderschwindel und statt Sanatorium 
Krankengeschäft vorschlagen, dafür statt Lichtbild unbedingt 
Photographie ! 



Die Provinz will nicht zurückstehen 

Operettenlibrettl 
mit herrlicher Poesie und lebens- 
kräftiger Prosa und fascinierenden 
Handlungen an tüchtige Komponisten 
zu vergeben. Gefällige Zuschriften an 
HanslMfiller, Linz, Walterstr. 2, 2. Stock. 

Ja, hat denn jetzt jede Landeshauptstadt ihren Hans Müller ? 
Da soll man nur beizeiten dazu schauen, daß nicht wieder dereinst, 
wie beim Homer, ein Zuständigkeitskonflikt ausbricht! 



— 78 



Neues vom alten Korngold 

Von Musik verstehe ich gar nichts. Aber ich habe kürzlich Vater 
und Sohn Korngold in lebhaftem Gespräch mit ihrem als schmucken 
Vorkämpfer des Kriegsarchivs verkleideten Librettisten gesehen, 
und man wird doch nicht ernstlich von mir verlangen, daß ich 
mich erst in ein so umstrittenes Gebiet wie die Musik einlassen 
soll, anstatt nach meinem BlickJür Gesichter und Gebärden und 
zumal für ein solches Zusammenspiel mir das Urteil zuzutrauen : 
Und ob der Junge ein Talent ist! Hätte ich ihn allein gesehen, 
so könnte ich ihn möglicherweise noch für ein Genie halten, da 
ja ein solches oft die sonderbarsten Verkleidungen und Körper- 
hüllen wählt, um die Menschheit zu überraschen. Aber jetzt könnte 
ich als Gerichtssachverständiger für Kontrapunkt die Erklärung 
abgeben, daß er ein Talent ist. Talent ist der unheimliche Trick der 
Natur, das Individuum bis an die Schwelle der Schöpfung zu 
führen und sich so gebärden zu lassen, als wäre es drin, aber 
vermöge dieser Gabe, durch die es dem Genie den Ausgang in 
die Welt verstellt, es auch so mit Musik zu füllen, daß es vor allem 
in den Taschen klimpert. Talent hat deshalb bei den alten Griechen 
und bei den alten Juden, die es sich zurückgelegt und bis auf die 
heutige Zeit erhalten haben, während jene zugrundegegangen sind, 
auch eine bestimmte, nur dem Talent erreichbare Geldsumme 
bedeutet. Die Musik, die es von sich gibt, ist zugleich im Klang 
der Rede enthalten, die es spricht, und wenn ich den nach der 
flüchtigen Begegnung mit den Korngolds wiedergeben wollte, 
würde man an meiner musikalischen Kompetenz nicht mehr 
zweifeln. Trotzdem muß ich, soweit meine Erinnerung an Zeiten, 
die ich nicht erlebt habe, reicht, offen bekennen, daß das Leben zwar 
nicht so geräuschvoll war, aber doch noch mehr Musik hatte, als 
der andere Wolfgang, der weniger gefeierte, mit seinem Vater und 
dem Librettisten Schikaneder an der Ecke der Krugerstraße in ein 
Gespräch vertieft war. Diese schmale Gasse im Handumdrehnzu einer 
Hauptverkehrsader und zu einem Handelsemporium zu machen, wäre 
ihnen sicherlich nicht'geglückt, und kein Ton hätte verraten, daß über- 
haupt irgendeinmaldieZeit anbrechen könnte, woderMark-t die schwere 
Identität solcher, die Wolle, und solcher, die Musik bringen, darböte. 
Was den Schikaneder betrifft, so hat er zwar nicht so perfekt 



— 79 — 



schreiben können wie dieser Hans Müller, dessen Zeitgenosse zu 
sein ein Gedanke ist, der mir manchmal beim Erwachen Schwierig- 
keit macht und höchstens den Mut, den Schlaf mit beiden Fäusten 
zurückzuhalten. Aber dafür konnte jenem auch in keiner Kritik 
nachgesagt werden: 

Alles jauchzt das bacchantische Liebeslied des Festes: »Aus 
den Gräbern selbst die Toten tanzen heute Brust an Brust...« 

Der »Taumel einer Karnevalsnacht in Venedig«, den ich 
fürs Leben gern ohne die Erläuterung des Herrn Müller einmal 
mitgemacht hätte, hat für mich nunmehr auch jeden Reiz ver- 
loren. Was das andere Werk anlangt, so scheint es bereits außer 
Mozart den Richard Wagner vom Repertoire verdrängt zu haben. 
Wenigstens liest man: 

Ist >Violanta< stellenweise im schweren Stil einer deutsch- 
italienischen Oper geprägt, so ist im Ring der Stil einer behaglichen 
deutschen Biedermeieroper getroffen; beides mit einer erstaunlichen 
Selbstverständlichkeit und Sicherheit. 

Alles treffen sie, glühend und biedermeierisch, und ob sie 
so das ganze Trottoir des Lebens, den Bürgersteig, besetzt 
halten und die Kunst freibleibend offerieren, ob sie wie immer 
Kontra- und Rekontrapunkt ausspielen, sie gewinnen jede Partie. 
In der Violanta machen sie's von unten, »im Ring« von oben. 
Nibelungen- oder Schottenring? Nein, es ist nur vom Ring des 
Teweles die Rede, einem Kleinod, das man getrost in die Flut werfen 
soll — wetten, er kommt wieder hinauf und es stellt sich heraus, 
daß er dem Fisch, der ihn frißt, im Magen liegen geblieben ist. 
Aber wenn der Gast sich noch einen Funken eines ehrlichen, 
durch keine Preßtyrannis, der alles untertänig, beeinflußten 
Urteils erhalten hat, so wendet er sich mit Grausen. 



Ein Versuch mit untauglichen Mitteln 

[Druckfehlerberichtigung.] In dem im gestrigen Sonntagsblatte 
veröffentlichten Artikel: >Beethoven als Bankaktionär« von 
Dr. Max Reinitz, soll es in der zweiten Spalte statt »von ihm für 
100 Gulden Papier (= 294 Gulden in Silber)« richtig: »für 1000 Gulden 
Papier« heißen. 

Das wird ihn den Großaktionären nicht näher bringen. 



80 — 



Von den Dingen im Himmel und auf Erden 

[Tartaruga-Abend in der >Urania<.] .... veranstaltete 
Tartaruga-Abend brachte sowohl in Bezug auf die Gediegenheit und 
Reichhaltigkeil des Programms als auch auf den Besuch. . . . Texte von 
Tartaruga. ... die ebenfalls Tartaruga-Lieder sangen. . . . Solovorträge 
Tartarugas .... in dem aufregenden Sketch »Zehn Minuten Aufent- 
halt« von Tartaruga. . . . 

Aufhören! Urania, das weiß man, ist die Himmlische. 
Aber Tartaruga — ist das so was wie eine Muse der Unterwelt? 
Und wenn man schon weiß, daß dies Fremdwort nicht so 
sehr eine der Musen, als vielmehr einen von ihr Geküßten 
bezeichnet — was ist das: ein Tartaruga-Abend? Wir hatten 
Benke-Abende; wir hatten Homunkulus-Abende, deren faustisches 
Experiment sich immer wieder als ein Hereinfall erwies — aber 
wir haben nicht gewußt, daß es einmal auch Tartaruga-Abende 
geben werde! Rief zur Urania eine Stimme aus dem Tartarus, 
wo ein abgestrafter Titan nicht weiß, was er mit dem ange- 
brochenen Abend anfangen soll? Nein, es ist der Polizeikommissär 
Ehrenfreund, der eine dichterische Ader hat, und das tut weh. 



Name und Beruf des Vaters 

(Graf Tolstoi,) ein Sohn des verstorbenen russischen Schriftstellers 
Leopold Tolstoi war als russischer Kadett in Gefangenschaft geraten 
und in Millwitz in Böhmen interniert worden. Nachdem er dort einige 
mißlungene Fluchtversuche unternommen hatte, wurde er Ende der vorigen 
Woche in das Kriegsgefangenenlager nach Braunau übergeffihrt. 



Der Vorstoß des Pogatschnigg 

Der Reichsbund deutscher Postler Österreichs erläßt die 
folgende Mitteilung: Der reichsdeutsche Abgeordnete Hubrich, der dem 
Sozialdemokraten Liebknecht in gerechter Empörung über dessen vater- 
landsverräterische Worte das Manuskript wegriß und zu Boden schleuderte, 
ist seinem Beruf nach Postbeamter. Der Reichsbund deutscher Postler 
Österreichs hat ihm daher den folgenden Drahtgruß geschickt: Herrn 
Hubrich, Mitglied des Reichstages und Generalsekretär des Verbandes 
mittlerer Post- und Telegraphenbeamten, Berlin. Die Kunde von Ihrem 
mannhaften Auftreten gegen die schädlichen und schändlichen Phrasen 



81 



Liebknechts hat uns hoch erfreut und wir entbieten Ihnen in treuer 
Bundesbrüderschaft herzlichen kameradschaftlichen Heilgruß. Für den 
Reichsbund deutscher Postler Österreichs: Paul Pogatschnigg, Obmann. 
Wenn die deutschen Postler Österreichs sich um die 
schnellere Beförderung sonstiger Kunden aus Deutschland nach 
Österreich kümmern wollten, so wäre das sehr verdienstvoll. Dieses 
Herumposteln ist jetzt etwas unerfreulich. 



Immer feste druff 

Aus der »Potsdamer Tageszeitung, Potsdamer Intelligenzblatt' : 
Endlich hat ihn sein Schicksal erreicht. Freund Liebknecht, 
der sich in seinem übergroßen Biereifer sein Grab endlich allein ge- 
graben hat. So hatte die Armierungstätigkeit für diesen Helden auch ihr 
Gutes gehabt und die Schipperwaffe segensreich gewirkt. Der Arm der 
Gerechtigkeit hat diesen vaterlandslosen Gesellen in Feldgrau endlich 
erwischt, der sich nicht genugtun konnte, sein Abgeordnetenmandat in 
frechster Weise auszunützen und in landesverräterischen Gemeinplätzen 
zu schwelgen. Eigentlich ist es zu verwundern, daß dieser 
Schipper mit heilen Knochen aus Feindesland zurückkehren 
konnte. Im Lager der Ententebrüder, sowohl bei den Engländern als 
auch bei den Franzosen, hätte man einen solchen Burschen längst 
verschwinden lassen, gerade wie jetzt in Irland, ganz abgesehen 
von den offiziell zum Tode verurteilten, sicherlich noch mancher Un- 
bequeme ganz still verschwinden wird, wie zum Beispiel der 
brave Casement, den man schon in Schweden heimlich abmurksen 
lassen wollte. 

Wird es nach Friedensschluß noch möglich sein, die Lebens- 
luft dieser Menschheit einzuatmen? 



Die wahre Chronik 

»Die bayrischen Löwen sind stark im Kampf, aber recht schwach 
im Briefschreiben. Als ein drolliges Beispiel dieser bayrischen Eigenart 
führt die , Kriegszeitung der IV. Armee' des Mossacher Oberhofbauern 
Ältesten, den Hiesl Niedermaier, an, der .... die gesamte Chronik des 
großen Weltkrieges kurz und bündig in fünf Feldpostkarten zusammen- 
faßte. . . . Die erste dieser Karten kam .... aus Belgien und brachte die 
frohe Kunde: ,Mir get's guat; 's ist ziemli warm!' Drei Monate später 
kam die zweite. Aus den Argonnen: , Mir get's guat; naß is!' Die dritte 



82 



(mit dem Stempel des Lenzbeginntages 1915) brachte Nachricht aus 
Galizien. Sechs Worte: ,Mir get's guat; i hob LäusI' Fünf Monate 
später folgte die vierte. Aus der Gegend von Riga: ,Mir get's guat; 
ein Ohrwaschel fehlt, elendige Bazi, die Russen!' Die fünfte und 
letzte Karte, die Hiesl Niedermaier mit Hieroglyphen bemalte, roch 
nach dem Balkan, trug das Datum des Heiligenabends 1915 und 
meldete kurz, aber eindrucksvoll : , Mir get's guat; die Serben san alle!'« 



Fleisch und Blut 

Dem gutgenährten Bürgermeister von Wien wurde zur 
Motivierung seiner Ehrenbürgerschaft das folgende ins Gesicht gesagt: 

Sie sind der Bevölkerung in Fleisch und Blut übergegangen, 
alle deine Werke, die der Kriegsfürsorge gewidmet sind: die Fürsorge- 
zentrale im Rathause. ... die öffentlichen Ausspeisestellen und Nähstuben, 
das wirtschaftliche Hilfsbureau. ... die Fürsorge für notleidende Künstler 
und Handelsangestellte, die Errichtung von Depots zur Unterbringung 
von Betriebsmitteln von verarmten Gewerbetreibenden, die Jugend- und 
Lehrlingsfürsorge, die Hilfsaktion für die Kriegsflüchtlinge und so 
vieles andere. 

Besonders schwierig muß es für die Errichtung von Depots 
zur Unterbringung von Betriebsmitteln von verarmten Gewerbe- 
treibenden gewesen sein, der Bevölkerung in Fleisch und Blut 
überzugehen. Ferner ist ihr aber auch noch das Kühl- und Gefrier- 
haus in Fleisch und Blut übergangen, ferner ein Mühlenuntemehmen 
und manches andere. Im Blut ist es noch nachweisbar. Im 
Fleisch möchte sie's erst zu spüren bekommen. 



Aus dem Gerichtssaal 

In Wien wird jetzt rücksichtslos gegen Wirte vorgegangen, 
die zum Beispiel für zwei poschierte Eier in Paradeissauce K 1.20 
verlangen. Der Richter verurteilt einen solchen zu hundert Kronen, 
der staatsanwaltschaftliche Funktionär meldet wegen zu niedriger 
Strafe die Berufung an. Oder es verkauft einer eine Kartoffelsuppe 
um 30 Heller. »Eine teure Portion Kartoffelsuppe. Nach fünfmaliger 
Verhandlung gelangte heute . . . .« Strafe 50 Kronen. Einer wird 



83 



freigesprochen, wiewohl er für eine Portion Butter den »exorbitant 
hohen Preis« von 40 Heller, für zwei Spiegeleier einmal eine Krone, 
»ein anderes Mal wieder 80 Heller« berechnet hat; nach längerer 
Beratung hebt der Appellsenat den Freispruch auf und verurteilt zu 
2000 Kronen. Allmählich wird, da kein Tag ohne solche Urteile 
vergeht, die Richtlinie erkennbar und die Mehrzahl der Wirte weiß 
auch bereits, was sie zu tun haben, um dem Verdacht der Preis- 
treiberei zu entgehen. Sie verlangen für zwei poschierte Eier in 
Paradeissauce, für Kartoffelsuppe und für eine Portion Butter min- 
destens das doppelte, vorsichtshalber das dreifache. Wenn man aus 
dem Hexenkessel von Widersinn, in dem uns der Tag die Nahrung 
für jeden Sinn bereitet, das Problem der Gasthausjudikatur heraus- 
fischt, dann hat man oft den Eindruck, daß das Rechtsgut die 
Preistreiberei ist, daß Wirte, die das Essen billiger abgeben als 
andere in Friedenszeit, wegen unlauterer Konkurrenz verfolgt 
werden und daß wegen zu niedriger Preise die Berufung ange- 
meldet wird, während Wirte, die gleich bei Kriegsausbruch die 
Salzgurke um K 1.40, zwanzig Kirschen um K 2.— und Pilzling 
mit Ei um K 2.50 verkauft haben, seither Ruhe haben , . . Überhaupt 
hat die Gerichtssaalrubrik ihre Reize durch den Krieg nicht ver- 
loren: mag die Welt in Brüche gehn, Ehebruchsverhandlungen 
sind noch immer die beste Kost, und wenn es von einer heißt: 
»Einen interessanten Verlauf nahm«, und wäre sie selbst durch und 
durch voll Ödigkeit, so kann man sicher sein, daß dann der 
Name des Herrn Osio, der ja als Richter fast so beliebt ist wie 
die Schalek als Dichter, uns überraschen wird, wiewohl sich diese 
Gestalt sicher ebenso eindrucksvoll als Zeuge in lebemännischen 
Prozessen verwenden ließe. Es gibt noch Richter in Österreich, aber 
hauptsächlich doch den Osio, 's gibt überhaupt nur an Osio, und 
dieses Unheils, das weniger Strafgericht als egyptische Plage be- 
deutet, ist kein Ende. Wenn aber wider Erwarten etwas im Zivil- 
gericht einen interessanten Verlauf nimmt, so kann man sicher 
sein, auf den Namen Drawe zu stoßen. Denn überall haben die 
Interessenten ihre Interessanten, unsere Leute ihre Leute, selbst 
wenn die weniger von Geburt als aus Neigung zu unseren 
Leuten gehören. Einen gefährlichen Rivalen haben diese höchstens 
im Herrn Pick, dessen Urteile aber mehr nach der salomonischen 
Seite hin ins Gewicht fallen. In Rußland sind »reaktionäre Maß- 



— 84 — 



nahmen« erfolgt, mit der Begründung, >es gebe jetzt Wichtigeres 
zu tun, als sich mit jüdischen Angelegenheiten zu befassen«. Wir 
hier können nur den Kopf schütteln und fragen, ob es denn 
überhaupt Wichtigeres geben könne. 



Aller Anfang ist schwer 

»Gestern nachmittag beschäftigten sich mehrere Jungen auf dem 
Kaiserplatz nächst der Franz Josefs-Brücke damit, einen »Schützengraben < 
auszuheben. Plötzlich gab das Erdreich nach und die Erdmassen füllten 
die Grube aus. Während sich die anderen Jungen rechtzeitig in Sicherheil 
bringen konnten, wurde der 1 6 jährige Lehrling Franz Bayer, Kaiserplatz 
Nr. 15 wohnhaft, von den Erdmassen völlig verschüttet. Man berief 
die Feuerwehr und die Rettungsgesellschaft. Der Feuerwehr gelang es 
nach kurzer Zeit, den Lehrling zu bergen. Er wies Erstickungserscheinungen 
auf und war betäubt. Die Rettungsgesellschaft brachte ihn wieder zum 
Bewußtsein. Dann wurde er ins Spital der Barmherzigen Brüder gebracht.« 



Hoher Sinn liegt oft in kind'schem Spiel 

, . . Schließlich gab der Angeklagte zu, daß ihn seine Frau 
wiederholt aufmerksam gemacht habe, derartige Geschoßstücke 
nicht nach Hause zu bringen, da die Kinder schon genug von 
diesem Zeug haben. ». . . Ich hab' ja nur meinen Kindern eine Freude 
machen wollen.« . . 

Die Frau des Angeklagten gab als Zeugin an, sie habe ihren 
Mann zweimal davor gewarnt, Geschoßstücke zu bringen, zuletzt noch 
am Tage vor dem Unglück. ». . . Ich hatte sechs Kinder, drei habeu 
bei der Explosion das Leben verloren, das vierte ist ein 
armer Krüppel. < . . 

Der Verteidiger meinte . . der Mann, der seine Kinder über 
alles geliebt habe, habe die Geschoßstücke nach Hause gebracht, 
um den patriotischen Sinn und das vaterländische Denken 
seiner Kinder zu stärken. Er habe als armer Mann seinen Kindern, 
denen er Freude bereiten wollte, nichts kaufen können und ihnen mit 
den Geschoßstücken ein Geschenk gemacht, das ihn nichts gekostet hat. 
Der Verteidiger bat deshalb, den Angeklagten, der von einem edlen 
Beweggrund geleitet gewesen und der ohnehin verzweifelt sei, 
freizusprechen .... 



85 — 



Das eben ist der Fluch der bösen Tat 

»Vor dem Prager Landwehrdivisionsgericht wurde kürzlich 

I n der Begründung wird darauf verwiesen, daß sich diefalschen 
Anzeigen und die Erpressungen an den Angezeigten häufen 
and daß viele Personen deshalb unschuldig in Unter- 
suchung Icamen.« 



Früh übt sich, was ein Meister werden will 

»Am 29. Jänner kamen die Schulknaben Johann und Martin 
Schröpfer aus Linz zu ihrer Großmutter Marie Ledwina in Alt-Possigkau. 
Die Knaben ließen sich mit der Dienstmagd Barbara Lang in ein 
Gespräch ein, in dessen Verlauf die Magd Äußerungen gemacht haben 
soll, die das Verbrechen der Störung der öffentlichen Ruhe und das Ver- 
brechen der Beleidigung eines Mitgliedes des kaiserlichen Hauses enthalten. 
Noch am selben Tage wurde von diesem Gespräch mittelst 
anonymen Schreibens der Gendarmerie die Anzeige gemacht. 
Barbara Lang wurde verhaftet und hatte sich am 31. März vor dem 
Landwehrdivisionsgericht in Pilsen zu verantworten. Während die An- 
geklagte darauf beharrte, daß sie die Äußerungen nicht getan habe, und 
ihre Rechtfertigung teilweise auch von ihrer Dienstgeberin, die bei dem 
Gespräch zugegen gewesen war, bestätigt wurde, verharrten die beiden 
Knaben bei ihren Beschuldigungen, wichen jedoch in Einzelheiten 
mehrfach von ihren ursprünglichen Aussagen ab. Das Kriegsgericht 
vermochte deshalb die Überzeugung von der Schuld der Angeklagten 
nicht zu gewinnen und fällte ein freisprechendes Erkenntnis.« 



Der Krieg der Geschlechter 



Von der Geliebten denunziert. 

Der vierundzwanzigjährige Ge- 
schäftsreisende V. Studnicny hatte 
sich vor dem Prager Landwehr- 
divisionsgericht wegen Verbrechens 
der Majestätsbeleidigung zu ver- 
antworten. Er hatte zu seiner 
Geliebten eine Äußerung getan. 
Als er das Mädchen verließ, er- 
stattete sie gegen ihn die 
Strafanzeige. Studnicny wurde zu 
zwanzig Monaten schweren Kerkers 
verurteilt. 



Selbstmord aus Angst vor dem 
aus dem Felde zurückgekehrten 
Manne. Die in der Brigittenau, 
Marchfeldstraße Nr. 5 wohnhafte 
35 jährige Anna K. sprang Dienstag 
aus Angst vor ihrem aus dem Felde 
zurückgekehrten Manne vom Dach- 
fenster des vierstöckigen Hauses 
in den Hof und starb bald. Vor 
dem Selbstmord begoß die Frau 
die Einrichtungsgegenstände iiirer 
Wohnung mit Petroleum und zündete 
sie an. 



86 - 



Eine Familienangelegenheit 

In Raudnitz hat der Maschinenmeister JohanQ Kutzi- 
bauch seinen Sohn erdrosselt und sodann vor eine Lokomotive 
geworfen, die ihn zermalmte. Er beging diese Tat an seinem Sohne, 
weil dieser ein Gewohnheitsdieb war und alle Ermahnungen nichts 
fruchteten. 

Das hätte der Vater an dem Sohne vor dem Krieg auch 
nicht getan. Man mußte es vorher wissen und darum war er nicht 
zu führen. Aber jetzt, spielt es eine Rolle? Es ist eine Familien- 
angelegenheit. Eine Überschreitung des häuslichen Züchtigungs- 
rechtes. Eine übertriebene Anwendung des pädagogischen Grund- 
satzes, daß wer nicht hören will fühlen muß. Kutzibauchs Junge 
wird sichs merken. Aber was hier der Vater tat: der Maschinen- 
meister tuts jetzt täglich und allerorten. Nur daß es die vielen 
Söhne anderer sind. Doch solange der Maschinenmeister nicht 
sein richtiges Kind zermalmt, die Maschine — um die Stiefsöhne 
muß ihm nicht bange sein. 



Blutunterlauf ungen 



Vor dem Bezirksgericht Josefstadt war gestern der Friseur Rudolf 
Matuja und seine Frau Anna wegen Kindesmißhandlung angeklagt. Die Haus- 
besorgerin Anna Laßman hatte nämlich bei der Polizei angezeigt, daß die 
beiden ihre vierjährige voreheliche Tochter lieblos behandeln und derart 
züchtigen, daß das Kind, wenn nicht Abhilfe geschaffen werde, in kurzer Zeit 
zugrundegehen müsse! Der Polizeiarzt sah an verschiedenen Körperstellen 
des Kindes von Mißhandlungen herrührende Striemen und Blut unter- 
laufungen. In der Verhandlung erklärte die Frau, daß sie die Mizzi 
nicht schlechter behandle als ihre beiden ehelichen Kinder, daß sie sie 
jedoch mitunter arg züchtigen müsse, weil das Kind sehr unfolgsam sei. 
Der Angeklagte gab an, er sei längere Zeit auf dem Kriegsschau- 
platz gewesen, leide an Herzneurose, gerate deshalb leicht in Auf- 
regung. Wenn das Kind Strafe verdiene, züchtige er es, aber nicht 
übermäßig. Der Richter verurteilte die Angeklagten zur Stiafe des Ver- 
weises und trat den Akt an die Pflegschaftsbehörde ab, damit sie für 
entsprechende Unterbringung des Kindes Sorge trage. 



— 87 



Es ist ja bekannt, daß wir ein Gesetz haben, welches zwischen 
lebenslänglicher Strafe für einen, der einer Frau eine Handtasche 
zu entreißen versucht, und dem Verweis für diese selbst, wenn sie 
ihr Kind mit Erfolg auf dem häuslichen Herd geröstet hat, Verstand 
und Herz zum Narren hält. Wenn man nun bedenkt, daß das 
ziemlich allgemeine Privileg, auf dem Kriegsschauplatz gewesen zu 
sein, gleichwohl eine Umstülpung aller Lebensverhältnisse bewirken 
und Grund sowohl wie Ausrede jeder Ungebühr bilden wird, so 
kann man den ziemlich allgemeinen Nachteil, der den Kindern 
heimgekehrter Väter, zumal den vorehelichen, in Aussicht steht, 
schon heute mit schmerzlicher Bewegung abschätzen. Es wäre eine 
kleine logische Entschädigung im Chaos, wenn sich die Gewalt 
entschließen könnte, noch vor dem Friedensschluß — der 
wirklich nicht nur für die Verdiener ein Risiko ist — ein 
Gesetz zu diktieren, das Vätern, die sich für ausgestandene 
Strapazen dereinst an den Kindern rächen wollten, statt eines Ver- 
weises lieber den Galgen androht. Denn es wäre doch zu infam, daß 
unter einer Menschheit, die es schließlich verdient hat, die Beute 
ihrer demokratischen Ambition oder das Opfer ihrer törichten 
Weltpolitik zu sein, die Unschuldigen am schwersten zu büßen hätten. 
Wehe den Erwachsenen, von deren blutigem Spiel die Unter- 
laufungen am Rücken der Kinder zeugen! 



— 88 



Desertion in den Tod 

Ward auch die Wohltat noch versagt dem Elend, 
Durch Tod zu endigen? Trost wars doch immer. 
Wenn Jammer könnt' sich der tyrannschen Wuc 
Entziehn, und ihre stolze Willkür täuschen. 

Shakespeare, König Lear IV. 6. 

Vor dem Prager Landwehrdivisionsgericht wurde am Mittwoch 
ein düstertrauriger Fall verhandelt. Die dreißigjährige Dienstmagd Erna 
Putzmann hat den Sohn eines Prager Professors erschossen. Sie liebte 
den jungen Menschen, von dem sie ein Kind hatte, mit starker Leiden- 
schaft und tötete ihn eigentlich, um ihn den Gefahren des 
Krieges zu entreißen. Der junge Mann war Ende Juli 1914 ein- 
gerückt, kämpfte in Serbien und in den Karpathen und kam Anfang 
Mai des vorigen Jahres auf Urlaub nach Prag. In der Verhandlung er- 
zählte die Angeklagte, der Ermordete habe ihr aus dem Felde schreck- 
liche Sachen geschrieben, zum Beispiel, daß man den Gefangenen oft 
den Kopf abhackt, und ähnliche Greueltaten. Auch habe er ihr nach 
seiner Rückkehr erzählt, vor kurzem sei eine Granate in seiner unmittel- 
baren Nähe geplatzt. Ein andermal sei knapp neben ihm eine Kugel 
vorbeigeflogen und habe ein Brett durchbohrt. — Verhandlungsleiter: 
Wenn die Kugel ein Brett durchbohrt, so ist das ja nicht 
so gefährlich. — Die Angeklagte sagt, alle diese Bilder hätten sie 
derart aufgeregt, daß sie beschlossen habe, mit ihrem Geliebten vor 
seinem Abgang ins Feld zu sterben. In der Nacht vor der Tat habe sie 
die Briefe geschrieben und einen Rosenkranz gebetet. — Verhandlungs- 
leiter: Woran haben Sie gedacht beim Beten? — Angekl. : Ich hab' nur 
daran gedacht, daß ich mit ihm sterben will. — Verhandlungsleiter: 
Ist Ihnen nicht beim Beten eingefallen, daß es eine Sünde wäre, wenn 
Sie ihn erschießen? — Angekl.: Nein. — ... Verhandlungsleiter: 
Erzählen Sie uns, was Sie weiter gemacht haben, nachdem Sie mit ihm 
vor der Tat zusammengekommen waren. — Angekl. (schluchzend) : Wir 
sind eine Weile zusammen gestanden und haben einander geküßt. — 
Verhandlungsleiter: Und weiter? — Angekl. (heftig weinend): Dann 
habe ich losgedrückt. — Verhandlungsleiter: Was geschah dann? — 
Angekl.: Dann habe ich mich selbst erschießen wollen. Ich 
hab' mich aufs Bett gelegt und hab' noch einmal mit aller Gewalt mich 
erschießen wollen, es ist aber nicht gegangen. Dann ist der Heizer ge- 
kommen und hat mir den Revolver weggenommen. — Verhandlungs- 
leiter: Haben Sie sich gewehrt? — Angekl.: Ich hab' mich fest gewehrt 
und hab' ihm gesagt: >Um Gottes willen, haben Sie Mitleid, lassen 
Sie mir den Revolver l< — Verhandlungsleiter: Dann sind Sie zum 
Fenster hinausgesprungen. Wohin sind Sie gegangen^ Angekl.: 
Ich bin zur Palackybrücke gelaufen und stromabwärts gegangen. — 
Verhandlungsleiter: Und dann haben Sie sich ins Wasser gestürzt. 
— Angekl. : Nein, ich bin in ein Haus gegangen und wollte hinauf auf 



89 



den Boden. — Verhandlungsleiter; Was wollten Sie dort machen? — 
Angekl. : Ich wollte michaufhängen. — Verhandlungsleiter : Also der 
Boden war zugesperrt. Was haben Sie dann gemacht? — Angekl.: Ich 
bin die Stiegen wieder hinuntergelaufen und in den Keller hinein. Dort 
habe ich mich mit dem Unterrockbandel aufhängen wollen. — Ver- 
handlungsleiter: Woran wollten Sie sich erhängen? — Angekl.: Es war 
ein Holzverschlag dort. — Verhandlungsleiter: Und wieso sind Sie 
wieder hinausgekommen? — Angekl.: Ich habe draußen eine Frau rufen 
gehört: >Wer ist da?< Darauf hab' ich mich losgemacht und bin davon- 
gerannt. — Verhandlungsleiter: Was war weiter? — Angekl.: Ich bin 
in der Nähe der Sophieninsel ins Wasser gesprungen. — Ver- 
handlungsleiter: Wissen Sie, was später mit Ihnen geschehen ist? — 
Angekl. : Ich hab' die unangenehmen Wasserschlucke gemacht und dann 
bin ich gleich eingeschlafen. — Verhandlungsleiter: Wann sind Sie 
wieder zu sich gekommen? — Angekl.: Im Krankenhause. — Ver- 
handlungsleiter: Hat Ihnen dann die Tat nicht leid getan? — Angekl.: 
Ich war so unglücklich. Ich hab' mit ihm zusammen sterben wollen. — 
Wie der Gefangenhausarzt aussagte, habe die Angeklagte Strangu- 
lierungsstreifen am Halse aufgewiesen, die vierzehn Tage später 
noch deutlich sichtbar waren. Er hält einen Selbsterdrosselungs- 
versuch der Angeklagten für sehr wahrscheinlich. Sie hat im Gefängnis 
mehrmals Selbstmordversuche unternommen.Einmal hat sie versucht, 
sich mit Glasscherben, einmal mit einer Haarnadel am Unter- 
schenkel Adern zu öffnen, um zu verbluten. Die Angeklagte 
bat wiederholt, er solle ihr dazu verhelfen, daß sie bald 
hingerichtet werde. Der Gerichtshof beschloß, über den Geistes- 
zustand des unglücklichens Mädchens ein Gutachten der Pragef 
Universität einzuholen und bis dahin die Verhandlung zu vertagen. 

Wenn man dereinst noch den Mut haben sollte, 
Kindern und Kindeskindern etwas zu erzählen, so möge 
man unter allen Heldentaten diese verbürgte auswählen ! 



90 



Die Fundverheimlichung 

Wien, 26. April. (Das Ende eines zugelaufenen Hundes.) 
Der 19jährige Straßenbahnschaffner Josef Schüch hatte sich heute vor dem 
Bezirksrichter Dr. Fialla (Josefstadt) gegen eine durch ihre Begleit- 
umstände merkwürdige Anklage wegen Fundverheimlichung 
zu verantworten. Nach einer vom Volksschullehrer Franz Wltschek er- 
statteten polizeilichen Anzeige soll der Beschuldigte ^m 6. März einen 
ihm auf der Straße zugelaufenen Hund, der sehr groß war, in seine 
Wohnung mitgenommen, daselbst am nächsten Tage mit einem Stocke 
erschlagen, kunstgerecht zerlegt und dann das Fleisch gekocht und ge- 
meinsam mit seinem Onkel, dem Offizial Franz Schüch, verzehrt haben. 

Der Angeklagte erklärte in der heute durchgeführten Verhandlung, 
daß er während seiner Dienstfahrt auf der Elektrischen von mehreren 
Fahrgästen auf den Hund aufmerksam gemacht wurde, der während 
der Fahrt auf die Elektrische aufgesprungen war. Er habe den Hund, 
der ohne Btißkorb und Marke war und ganz verwahrlost aussah, vom 
Wagen weggejagt. Der Hund sei jedoch der Elektrischen stets nach- 
gelaufen und sei schließlich, als er am Abend den Dienst verlassen 
hatte, bis in seine Wohnung nachgefolgt. — Richter: Was haben Sie 
dann mit dem Hund gemacht? — Angekl.: Aus Mitleid habe ich den 
Hund, der ganz abgemagert war, in meine Wohnung genommen und 
ihn zunächst ordentlich gefüttert. Am nächsten Tage habe ich dann den 
Hund, weil er meine Wohnung verunreinigte und auf mich losgehen 
wollte, aus Angst mit einem Beil erschlagen, habe dann den Hund 
kunstgerecht zerlegt und die einzelnen Stücke nach und 
nach in dem Zimmerofen verbrannt. — Richter: Sie sollen den Hund 
verzehrt haben? — Angekl.: Ich werde doch das Fleisch von einem 
solchen Hunde, der ein gewöhnlicher Köter war und Zeichen 
von Räude hatte, nicht essen. 

Auf den Vorhalt des Richters, warum er den Hund nicht einfach 
auf die nächste Wachstube gebracht hatte, erwiderte der Angeklagte: 
Daran habe ich nicht gedacht. 

Der Zeuge Franz Schüch, der Onkel des Angeklagten, gab an, 
daß letzterer in seiner Gegenwart den Hund erst durch Schläge mit 
einem Pracker betäubt und dann, da er gestöhnt habe, vollends mit 
einem Beil erschlagen habe. Als der Hund tot war, habe der Neffe gleich- 
falls in seiner Anwesenheit den Kadaver tranchiert und die einzelnen 
Stücke im Ofen verbrannt. — Richter: Es wird behauptet, daß Sie und Ihr 
Neffe den Hund gegessen haben sollen? — Zeuge: Ich werde doch 
als Mann von sozialer Stellung kein Hundefleisch essen. — 
Richter: Das ist Geschmacksache. — Zeuge: Der Hund hatte 
überhaupt keine Rasse gehabt. Er war ganz abgemagert 
und schäbig. 

In drastischer Weise schilderte die Zeugin Theresia Reinisch, eine 
Nachbarin des Angeklagten, das traurige Ende des Hundes. Sie erklärt, 
daß der Hund erst fürchterlich gequietscht, dann leise gestöhnt habe. 



91 — 



Sie habe in die Wohnung des Angeklagten durch ein Gangfenster sehen 
können und beobachtet, wie der Angeklagte dem Hund die Haut abge- 
zogen und ihn dann in kleine Stücke zerlegt habe. — Richter (zur 
Zeugin): Wissen Sie auch, ob der Angeklagte und sein Onkel den Hund 
gegessen haben? — Zeugin: Das habe ich nicht gesehen, aber die 
Frau Schüch hat mir auf meine Frage, was mit dem Hund eigentlich 
geschehen sei, gesagt: »Der Seppl« — das ist der Angeklagte — >hat 
ihn gekocht und gegessen.« Ich habe darauf erwidert: >Das ist gemein, 
und es wundert mich, daß so was gebildeten Menschen erlaubt ist.« 

Die als Zeugin vorgerufene Frau Marie Schüch, die Tante des 
Angeklagten, erklärte, sich der Zeugenaussage gegen ihren Neffen ent- 
schlagen zu wollen. 

Der als Zeuge vernommene Volksschullehrer Franz Wltschek gab 
an, daß ihm die Nachbarn der Familie Schüch sehr aufgeregt die 
Geschichte vom Hund erzählt und unter anderm angegeben hätten, daß 
der Angeklagte das Fleisch bei der Wasserleitung gewaschen und dann 
im gekochten Zustande mit seinem Onkel gegessen habe. Auf die 
Frage des Richters an den Zeugen, wie der Hund lebend ausgesehen 
habe, erwiderte der Zeuge; Ich habe den Hund nicht gesehen, aber 
eine Trafikantin, bei der Herr Schüch mit dem Hund war, bemerkte: 
»Das ist aber ein schöner Hund«. 

Der Richter konstatierte aus dem Akt, daß sich bisher der 
Eigentümer des Hundes nicht gemeldet habe. 

Der staatsanwaltschaftliche Funktionär Auskultant Dr. Herzl 
beantragte die Bestrafung des Angeklagten wegen Fundverheimlichung, 
da er nach dem Gesetze verpflichtet gewesen wäre, von dem ihm zuge- 
laufenen Hunde bei der Polizei die Fundanzeige zu machen. 

Der Richter sprach den Angeklagten frei mit der Begründung, 
daß der ohne Beißkorb und Marke dem Angeklagten zugelaufene Hund 
als eine herrenlose, von dem früheren Eigentümer jedenfalls 
preisgegebene Sache anzusehen ist. 

Wenn dieses hier, wie es ist, aus dem Blatt, das 
die deutsch -österreichische Kultur vertritt, in Times, 
Figaro, Nowoje Wremja oder Corriere della Sera über- 
geht, so ist es die größte Greuellüge, die je über uns 
erfunden wurde. Wenn es als Bericht über eine 
Gerichtsverhandlung in London, Paris, Petersburg oder 
Rom erschiene, wär's der unwiderleglichste Beweis 
für den kulturellen Zusammenbruch der dort hausenden 
Nationen. Es ist ein Fall, in welchem die noch auf den 
Trümmern des Menschentums quälende Auseinander- 
setzung zwischen Mensch und Tier mit der Stummheit 
des Tiers zum Himmel schreit, Rache, Pest und Sint- 
flut herabfordernd auf eine entartete Abart von Tier, 



92 — 



die nur zwei Beine hat, doch zwei Arme 
zum Morden. Nicht daß Fleischnot den Menschen, 
unter dessen Messer ja auch Kalb und Huhn 
nicht mit dankbarem Blick verscheiden, zwänge, vom 
Hund zu essen, ist das Entsetzliche, und der Witz des 
Richters, es sei Geschmacksache, mag der logische 
Ruhepunkt sein, von dem man schaudernd dieses Wirr- 
sal des Gefühls überblickt. Daß ein Offizial und ein 
Tramwaykondukteur es als gebildete Menschen ableh- 
nen oder es mit ihrer sozialen Stellung unvereinbar 
finden, das Fleisch eines rasselosen Hundes zu essen — 
das ist wohl eine Möglichkeit innerhalb der Ordnung 
dieses Planeten, verständlich dem, der sich dort zur 
Not eingerichtet hat. Das Grauen beginnt bei der 
Unschuld. Bei der Glaubhaftigkeit der Versicherung, 
der Hund sei nicht für den Appetit geschlachtet 
worden, und bei dem Zugeständnis, daß es mit den 
Standesvorurteilen vereinbar sei, einen Hund zu 
tranchieren, den man nicht essen möchte. Wäre das 
kunstgerechte Zerlegen nicht l'art pour l'art gewesen, 
sondern die Tat des Hungers, der Mensch hätte tierisch 
gehandelt, und das wäre in der Zeit der schweren 
Not entschuldbar, wo Menschen nichts zu essen 
haben, weil Menschen geschlachtet werden, damit 
Menschen mehr zu essen haben. Da es nicht der 
Fall ist, so hat der Mensch nur menschlich gehandelt. 
»,Das wildste Tier kennt doch des Mitleids Regung.' 
,Ich kenne keins, und bin daher kein Tier.'« Menschlich 
ist die Anklage auf Fundverheimlichung; menschlich 
Laune und Fragestellung des Richters, der den Wert des 
Funds nach der Eignung zum Lebensmittel, diese nach 
der Angabe schätzen will, »wie der Hund lebend ausge- 
sehen habe« ; menschlich der Freispruch mit der Begrün- 
dung, der herrenlose Hund sei eine preisgegebene Sache 
gewesen; menschlich der Bericht, der die Sachlichkeit 
der Beschreibung durch die Objektivität der Meinung 
ergänzt, es sei »eine durch ihre Begleitumstände merk- 
würdige Anklage wegen Fundverheimlichung«. Mensch- 



93 



lieh alles an dieser Tragödie, in der — über alle noch 
so tieftraurige Begebenheit hinaus, die heute den 
Menschen im ohnmächtigen Kampf gegen die von ihm 
verschuldete Maschine den Tod sterben läßt, welchen man 
Heldentod nennt — das Tier den wahren Opfertod der 
Treue erleidet, der Treue als der zum Tier geflohenen 
Eigenschaft, die wieder Schutz sucht beim Menschen, 
unbehütet vom menschlichen Verstand und darum ohne 
Wissen um die Gefahr, ohne Arg, ohne Witterung, daß 
eben er sein Mörder sei. Um der Treue als Idee willen, 
ihr bis zum letzten Atemzug treu, fällt das Tier in dem 
einzig tragischen Konflikt zwischen der Lust, zu leben, 
und der Pflicht, das letzte Pfand des Schöpfers aus 
der vom Menschen verratenen Schöpfung zu retten. 
»Kreatur«, im Mund des Menschen zum Schimpf ge- 
worden, läuft ihm, wie die bewußtlose Natur des 
Weibs dem Lustmörder, zu, und er tötet sie — wie der 
nicht aus Raubsucht — aus Hunger nicht, sondern für 
die Lust, die ihm die Überlegenheit gewährt. 
Schwein, Esel, Ochs und Hund — Schimpfworte, um 
seinesgleichen, die tief unter jenen Gattungen stehen, 
zu bezeichnen, hat der Mensch daraus gemacht. Aber 
Schopenhauer hätte seinen Hund nicht »Mensch« 
rufen sollen, wenn er den Hund doch erhöhen und den 
Menschen herabsetzen wollte. Armeen brauchen Hunde 
und rufen sie als ihre »treuen, braven und unentbehr- 
lichen Helfer« an. Sie der Maschine aussetzen, heißt 
Unwissenheit über die Idee zum größeren Opfer ver- 
pflichten. Nur das Tier, das dem Menschen erliegt, ist 
der Held. O daß doch die Menschheit in einen Traum 
verfiele, in dem sie vor Lastwagen gespannt und von 
klugen Pferden, die schon Hü und Hott erlernt haben, 
mit der Peitsche vorwärts getrieben würde ! In dem 
der räudige, schlechtrassige Mensch einem Hund zu- 
läuft, weil sein verkommener Instinkt in ihm den letzten 
Retter ersehnt, und von ihm dafür kunstgerecht tranchiert 
wird ! Wann tötete je der Hund den Menschen ? In 
einen Schacht gestürzt, von Hunger zur Tollwut ge- 



— 94 



trieben, wenn ihm dortliin ein Verunglückter nachkam, 
biß er ihn und ließ dann von dem Fund. Der hier 
springt, den verlornen Herrn in jeder Gestalt suchend, 
auf eine Maschine und muß am Biß des tollen 
Menschen sterben. Er glaubte sich nahe am Ziel, 
er sprang, wie Hunde selten tun, auf die Straßenbahn; 
er wird verjagt, springt wieder auf, verläßt den Mann 
nicht mehr und folgt ihm in die Wohnung. Weil er ihm 
die verunreinigt und weil er auf ihn losgehen will, der 
Ordnung h.-^lb und halb aus Angst, erschlägt ihn jener 
mit dem Beil. Aus Mitleid habe er ihn aufgenommen, 
dazu kam Furcht, das gibt ein Trauerspiel. Nachdem er 
ihn erlegt, zerlegt er ihn und Stück für Stück bestattet 
er im Ofen. Der Ordnung halb und halb aus Lust. Ich 
sah ihn oft. Solch einer, der keiner Fliege ein Haar 
krümmen kann, sitzt einem vis-ä-vis im Zug und schlägt, 
damit die Fahrt schneller vergeht, mit seiner Schlächter- 
pratze eine tot. Totschlag der Zeit, die nicht vorüber- 
fliegt, nur kriecht und justament am Fenster sitzt, bloß 
für ein Weilchen, das den Tod ihr bringt. Patsch — und 
lacht. Trifft ihn der Schlag, so jammern die Verwandten. 
Ich saß ihm gegenüber, er fragte, ob er die Zeitung nehmen 
dürfe, aber er fragte nicht, ob es erlaubt sei, die Fliege 
zu töten. »Seitdem erfuhr ich mehr; was Fliegen sind 
den müß'gen Knaben, das sind wir den Göttern; sie 
töten uns zum Spaß.« Hätte ich die Wahl gehabt, über 
ihm oder der Fliege Schicksal zu sein, ich hätte gewählt! 
Wie es da auf dem Fenster lief, war's ein Mechanismus, 
den er nicht erfinden konnte. Sein Stolz verträgt es 
nicht, es kränkt ihn, wenn er's gleich nicht weiß. Fliegen 
kann er auch, aber das Unnütze stört ihn, und über- 
legen ist er den Tieren, weil er vor all seiner Stummheit 
ihre Sprache nicht hört. Hätte ich die Wahl ge- 
habt, einen Hund oder dessen Schlächter zu tranchieren, 
ich hätte gewählt! Aber in dem großen Schlachthaus, 
in das wir geboren werden, ist der Hund, der seinen 
Herrn sucht, nur der Fund des andern, und ein Recht, 
das die Folterung von Kindern gewährt, erlaubt die 



95 — 



Massakrierung von Hunden. Er war sehr groß, 
doch dunkler Herkunft und schlecht genährt. Er war 
eine preisgegebene Sache. Nun, die ihr richtet über 
Menschen und Hunde, hört: Solch eine Sache kann 
vieles, was ein Mensch nicht kann. Solch eine Sache 
kann ihm all das sagen, was niemals er zur Sache 
sprechen könnte. Unsäglich leidet sie um ihn, sucht 
ihn ihr Auge, durch das allein sie es ihm sagen kann, 
der es versagt ist, es ihm anzusagen, der Gott, zu 
schweigen, was sie leidet, gab; unwissend, ob sie preis- 
gegeben ist, stets preisgegeben ihrem Menschen- 
glauben, traut sie uns auf ihr ehrliches Gesicht! 
Solch eine Sache trägt jede Bürde des Gefühls, die 
das Bewußtsein uns erleichtern hilft. Man sieht sie 
sitzen, aber niemand ahnt, daß in der Sache eine Seele 
sitzt, daß ein Gefühl jetzt schmerzt, daß eine Hoffnung in 
ihr jetzt treibt, ihr aufgetragen hat, just an der Stelle 
hier zu warten. So sitzt sie wartend hier vor einem 
Bahnhof, wo ihre Herrin — denn die Sache war ein 
Hund — davongefahren ist vor ein paar Stunden . . . Als 
man Abschied nahm, schritt die Sache, der Hund, groß, 
traurig und ergeben, hinter dem Begleiter den Berg- 
hang hinauf, blieb immer wieder stehn und sah zurück. 
Noch sieht man sie; nicht anders geht ein schweres Herz. 
Bald ist die Sache verschwunden dem Blick . . . Bald 
ist sie entschwunden dem Hüter. Sie wird gesucht, 
gefunden: an der Bahn — denn jetzt ist ungefähr 
die Stunde, daß einst die Herrin angekommen war. Nun 
kommt sie nicht. Enttäuscht verschmäht die Sache 
jede Nahrung, selbst sonst geliebte Leckerbissen. Wendet 
sich ab von allem, was sie tierisch je begehrt, gibt 
sich dem Hunger preis; verzehrt sich selbst. Nach 
ein paar Tagen führt man den Hund zur Bahn, denn 
eine Freundin, die mit der Herrin fortgereist war, kommt. 
Sie selbst kommt nicht. Er aber rührt sich nicht vom Fleck, 
blickt auf den Wagen nur und sucht und sucht. Er ißt noch 
immer nichts, nimmt etwas Milch nur an, so viel gerade 
nötig, um nicht am Leid zu sterben. Das geht so 



— 96 



eine Woche lang. »Er war ganz abgemagert«, 
sagt der Zeuge. Arsen, Einsicht ins Unabänder- 
liche, Gewöhnung an die stellvertretende Güte bringen 
ihn wieder hinauf. Man hört es wie ein Märchen, 
Schulkindern erzählt, die ihr beginnendes Menschen- 
tum nicht im Schützengrabenspiel verschütten und 
noch aufhorchen können, wenn Beispiele sittlicher 
Haltung ihnen dicht ans Herz gerückt werden. Seht 
doch nur hin! O du erhabnes Vorbild in dieser Zeit 
profaner Hungersnot! Von deinem Hunger trenn' ich 
mich nicht mehr. Es risse einen von der Menschheit weg, 
war' man nicht längst schon über alle Berge. Dort lebt ein 
Hund. Gott hör's: Der Menschenehre ersten Preis, der 
Ehre, die sich preisgegeben hat, sich selber preis- 
gegebner Menschheit Preis geb' ich dem Hund! 
Und die Andacht möchte nicht mehr fort von der 
Stelle, wo das wartende Tier, für eine halbe Stunde herren- 
los, länger verlassen, dasitzt, und will die Hand über der 
Sache, dem Fund, dem Hund halten, damit ihn nicht der 
Mensch, der Schinder finde, verheimliche, der noch nie 
aus Sehnsucht gehungert hat, der das Fleisch dieses 
Hundes nur verschmäht, weil es gramverzehrt ist, widrig 
dem Geschmack und Stand des Mörders, und der dieses 
Gottesgeschöpf dennoch töten würde, weil es ein Tier ist, 
und er, er, ein Mensch! 



KARL KRAUS 

VORTE IN VERSEN 



LEIPZIG 
iRLAG DER SCHRIFTEN VON KARL KRAUS 

(KURT WOLFF) 

19 16 

Druck der Offizin W. Drugulin 

In Leinen gebunden Mk. 4.— 
Bfitten-Ausgabe vergriffen 

HALT der vorigen dreifachen Nummer 423-425, 5. Mai 1916: 
e letzten Tage der Menschheit / Ein Prophet / Verkündigung / 
ichriften / Notizen / Briefe Adalbert Stifters / An einen alten 
hrer / Gruß an Bahr und Hofmannsthal / Feldpostbrief /^i 



Kleiner Konzerthoussaal 

(ill. Lothringerstraße 20) 
SAMSTAG DEN 17. JUNI 191C 

PRÄZISE HALB 8 UHR 

VORLESUNG 

KARL KRAUS 



KARTEN zu K 1Ö-— , 8.—, 6.—, 4.—, 2.-, 1.— an 
Konzerthauskassa, IIB. Lotlirins@?straAe 20, bei 
Kehlendorfer, I. Krugersftraße 3 und in der 
Buchhandlung Friedlaender, Kärntnerstraße 44 

[Ein Teil cSes Ertrages wird Vereinen für Kinderschutz und fü 
Tiersciiutz zugewendet) 



^m. 431—436 AUGUST 1916 XVIIL JAH 



DIE FACKEL 



HERAUSGEBER 



KARL KRAUS 



INHALT: 

Feiertage / Hunde, Menschen, Journalisten / Giosseii / Diplomater 
Notizen / Solche Kontraste gibt's nur an der Front / Von eine 
Mann namens Ernst Posse / Glossen / Die Laufkatze / Grana 

gegen Sterne ^ 

Mit einer Illustration 



NACHDRUCK VERBOTEN 

Preis dieses Keftes: 

1 Krone 80 Heller = 1 Mark 50 Pf. 

Ti7T7DT K r\ . r\TC T? A OT/T7T • IvrfTTlLT 




'Bruöeröorf 1915 
2tltor in 6er Jlotlirc^e, ^crgeftcttt aus (Sranats unö ec^tapneUftüden 



Deutsche Ansichtskarte 
(Verlag Fritz Knecht) 



DIE FACKEL 

Nr. 431—436 2. AUGUST 1916 XVIII. JAHR 



Feiertage 

>. . . Bereits am Himmelfahrtstage seien in Bar-le-Duc Bomben 
mitten in die Volksmenge gefallen, die sich mittags bei der 
Ankunft des Pariser Zuges immer zu versammeln pflegt. 50 Personen 
seien getötet und 80 verwundet worden .... Die Aufregung über 
den Angriff auf die unbefestigte Stadt sei furchtbar und habe 
mehrere Tage gedauert.« 

». . . Am 22. d. war Fronleichnamstag . . . Das schwerste 
Unheil richteten die Bomben am Festplatz von Karlsruhe an, 
wo die Menagerie Hagenbeck einen Anziehungspunkt bildete .... 
Getötet wurden 110 Personen; verletzt wurden 147 Personen .... 
Die Erbitterung über den zwecklosen Angriff auf die offene Stadt 

ist allgemein und tief.« 

* 

». . . Aber die nutzlose Bosheit, die an Frauen und Kindern 
von französischen Fliegern verübt wurde, das Morden als Selbst- 
zweck, die Roheit im Gewände einer Kriegshandlung ist ein 
besonderes Ereignis, gegen das niemand abgestumpft sein kann. . . 
Wir möchten die nicht Offiziere nennen, welche die Bomben in 
Karlsruhe auf harmlose Frauen und Kinder, auf die Zuschauer 
vor einer Menagerie geworfen haben. . . Wenn die Zeppeline über 
Paris schweben und Bomben herunterschleudern, so ist das Ziel 
eine militärische Anlage, so ist der Wille darauf gerichtet, den 
Feind in seinen Vorkehrungen zum Kriege zu treffen, Bahnhöfe, 
Geleise und militärische Gebäude zu zerstören. . . . Die Zeppeline 
haben wiederholt Fahrten nach London unternommen. Niemals 
hat jedoch einer ihrer Befehlshaber auch nur daran gedacht, 
Bomben auf Schauspielhäuser oder ähnliche Erholungsstätten, wo 
friedliche Menschen sich zu harmlosen Vergnügungen zusammen- 
finden, zu schleudern Schon die Erziehung schließt bei ihm 

jede Versuchung aus. Wehrlose durch eine' Waffe zu treffen. Es 
macht gar keinen Unterschied, ob ein Soldat ruhige Spaziergänger 
in der Straße mit der Pistole in der Hand niederstreckt oder aus 
dem Lufträume durch Bomben absichtlich schwer verwundet, daß 
sie qualvoll zugrunde gehen oder in Stücke gerissen werden und 
das Pflaster mit ihrem Blute röten. Für das Außerordentliche des 
Krieges braucht jeder Offizier, den die Pflicht anweist, Leben nicht 



2 — 



zu schonen, die innere sittliche Überzeugung, daß er militärischen 
Notwendigkeiten gehorcht und nicht etwa die ihm anvertraute 
Macht dazu gebraucht, den Hang zur Grausamkeit zu befriedigen 
oder unter dem Vorwande des Krieges seinen nationalen Haß 
auszutoben. . . . Ein österreichisch-ungarischer oder ein deutscher 
Flieger schleudert keine Bomben gegen Frauen, mögen sie 
Fürstinnen sein oder nicht. Es ist gar nicht auszudenken, 
wie ein Mensch beschaffen sein und bis zu welchem Grade er den 
Rechtssinn verloren haben muß, bis er sich entschließt, auf eine 
Festversammlung zu lauern und die dichten Reihen durch seine 
Bomben auseinanderzusprengen. . . .« 

Die Predigt 
>. . . Es ist deshalb auch nicht nur das Recht«, sagte 
Pastor Philipps, »sondern unter Umständen sogar die Pflicht 
gegen die Nation, mit Kriegsbeginn Verträge und 
was es sonst auch sein mag, als, Fetzen Papier' 
zu betrachten, die man zerreißt und ins Feuer 
wirft, wenn man die Nation dadurch retten kann. . . . 
Krieg ist eben die »Ultima ratio«, das letzte Mittel 
Gottes, die Völker durch Gewalt zur Raison zu bringen, wenn 
sie sich anders nicht mehr leiten und auf den gottgewollten 
Weg führen lassen wollen. Kriege sind Gottesgerichte und 
Gottesurteile in der Weltgeschichte. . . . Darum ist es aber 
auch der Wille Gottes, daß die Völker im Kriege alle ihre 
Kräfte und Waffen, die er ihnen in die Hand 
gegeben hat, Gericht zu halten unter den Völkern, zur vollen 
Anwendung bringen sollen. ... Darum mehr Stahl ins 
Blut! Auch deutsche Frauen und Mütter gefallener Helden 
können eine sentimentale Betrachtungsweise des Krieges nicht mehr 
ertragen. Wo ihre Liebsten im Felde stehn oder gefallen sind, 
wollen auch sie keine jammerseligen Klagen hören. Gott will 
uns jetzt erziehen zu eiserner Willensenergie und äußerster Kraft- 
entfaltung. Darum noch einmal: Mehr Stahl ins Blut!« 

Welche ultima ratio! Der Mensch am Feiertag, 
der Erbauung durch das höhere Wesen gewärtig, 
blickt hinauf: Zerstörung kommt! Was zur 
Entscheidung reift, ist die Frage, ob Jaguare und 
Leoparden, wenn sie aus irgend einem Grund 
einander zerfleischen wollten, auf die Idee verfielen, 
auch die Mütter und Jungen mitzunehmen, und ob 
ihre Triebe durch die Erwägung entfesselt würden, 
daß die Gegend befestigt sei. Feiertage haben sie 
nicht. Welch eine Stunde der Menschheit! 



— 3 — 



Hunde, Menschen, Journalisten 

Strzebowitz, 16. Juni 16 
— - — Ich danke Ihnen. Es wird einem das Bewußtsein, Zeit- 
genosse zu sein, weniger schmerzlich. 

Ich habe es kürzlich in meinem Dorf erlebt, daß 50 arme 
zuckende Hundeleiber von Schlächtern totgeschlagen worden sind. 

Der Schuß kostete 20 Heller und kein Hundebesitzer 
opferte die 20 Heller, jeder überließ die Hinrichtung dem Stock. 

Meine Adjunktin sprang auf den Qensdarm und den Lehrer 
los und schrie: »Und ihr duldet das?« Worauf der Qensdarm 
lachend sagte: >Im Krieg gehts auch nicht anders zu.« 



»Hunde oder — Kinder?« Von Stefan Großmann. 

(Vossische Zeitung, 11. Juni, Prager Tagblatt, 22. Juni) 

Der Hund in der Stadt .... war mir stets ein Greuel. Auf 
dem Lande lasse ich mir den Hund gefallen . , . . Ein Hund vor 
einem einsam gelegenen Landhaus, ein Hund bei einer Alpenhütte 
im Gebirge, der Hund des Schäfers und der Hund des Jägers, 
da sagt man natürlich Ja und Amen .... 

Ich würde mit einem Manne, der tagsüber in seiner Wohnung 
das Gezappel und Gezerr, das Geschnupper und Zwischen-die-Beine- 
Laufen eines ewig beweglichen Rattlers um sich duldet, kein ernstes 

Geschäft abschließen Mit Menschen, die mit einem Hündchen 

leben, das in einem Ärmel oder in eine Seitentasche versteckt werden 

kann.... würdeich kein ernsthaftes Gespräch führen können 

Wie kann ein ernster, zurechnungsfähiger Mensch diese 
Unsummen unproduktiver Arbeit täglich verrichten .... 

Doch, ich bin gemütlos, ich empfinde das Anspringen der 
Hunde, ihr Ablecken als Zeichen der Liebeserklärung, ihr 
schmutziges Betatzen nur als Behelligung .... Damen, die sich 
hüten würden, je einen Bissen gebratenes Fleisch mit den Fingern 
in den Mund zu schieben, sah ich schon mit Hunden spielen, 
von ihrem Speichel beleckt, von ihrer kalt-nassen Nase be- 
schnuppert werden. Das ist eben die Liebe. 

Und damit bin ich bei der Kernfrage, die ich anschneiden 
wollte. Die Hunde sind deshalb vielen Menschen so unentbehrlich 
geworden, weil sie, zeitgemäß gesprochen, das landläufige 
Menschen-Ersatzmittel darstellen. . . . 

Es wäre gewiß grausam und ungerecht gewesen, wenn 
jemand dem einsamen Arthur Sch'openhauer seinen Hund 
mißgönnt hätte. . . . Die Bedienerin konnte das schrullige 
Genie die Treppe hinunterschmeißen, den Hund nahm er als 
Symbol mit theoretisch begründeter Liebe auf und lebte 






deshalb in Frieden mit ihm .... Aus diesem inneren Überfluß 
stammt die Entartung der Hundefürsorge, stammen die ver- 
fetteten Hunde, die Hundefriedhöfe und Hundesanatorien. 
Der natürliche Ausweg, ihre Kinder zu beglücken, ist diesen 
armen Menschen versagt .... 

Das alles mochte bisher hingehen. Heute ist diese 
Hundeliebe töricht, ja sündhaft. . . . 

Wenn wir aus dem Zeitalter der unfruchtbaren, niedrigen 
Bequemlichkeit herauskommen wollen, dann werden schlechtere 
Tage für die Hunde kommen, aber gesegnete Jahre für die 
Kinder. Ich habe es nie verstanden 

Bleibt nur die Frage, ob nicht aucii dem Hund in 
der Stadt der Stefan Großmann stets ein Greuel war, und 
ob der auf dem Land sich ihn gefallen läßt. Ob der 
vor dem einsam gelegenen Landhaus Ja und Amen 
sagt, wenn der Stefan Großmann vorbeigeht. Ob ein 
ernster Hund in einer Wohnung noch ein Geschäft 
verrichten würde, in der Herr Großmann sich aufhält, 
dessen Geschnupper undZwischen-die-Beine-laufen aller- 
dings die größere journalistische Karriere verbürgt. 
Ferner, wie ein Hund das Anspringen und schmutzige 
Betatzen des Journalisten an einflußreiche Persönlich- 
keiten empfände, wenn diese es schon ertragen können, 
von seinem Speichel beleckt zu werden. Ob ein Hund 
der Meinung wäre, daß Herr Großmann das landläufige 
Menschen-Ersatzmittel darstellt. Ob ein Kind, das 
von Herrn Großmann an Hundesstatt angenommen 
wird, es gut hätte. Ob Schopenhauer nicht vor der 
Bedienerin den Herrn Großmann die Treppe hinunter- 
geschmissen hätte, wenn dieser ihm etwas »gegönnt« 
hätte, wiewohl sein Haus doch nicht die Freie Volks- 
bühne war. Ob er es nötig gehabt hätte, den groß- 
mütigen Besucher als Symbol anzufassen und seine 
Aversion erst theoretisch zu begründen. Ob nicht viel- 
mehr bei Hundebesitzern, also bei besseren Menschen, 
der Instinkt die Hauptrolle spielt. Schließlich, ob je schon 
ein Hund, wiewohl er doch häufig genug zu unsaubern 
Zielen strebt, seineanarchistische Gesinnungpreisgegeben 
hätte, um Theaterdirektor zu werden, und ob ihm. nicht 
der verwittertste Eckstein lieber wäre als die Vossische 



— 5 — 



Zeitung. Bis diese Fragen von Hunden beantwortet sind, 
müssen Hunde es sich gefallen lassen, von Journa- 
listen wie ihresgleichen behandelt zu werden. 

>Erzählungen Kriegsgefangener. c Von Ludwig Bauer. 

(Prager Tagblatt, 18. Juni) 
Auf einer kleinen Insel bei Marseille mußten wir in einem 
Steinbruch arbeiten, etwa dreißig Mann. Es ging uns hunde- 
schlecht. Einer bekam einen Anfall von Epilepsie, aber wie er 
dem Arzt gemeldet ward, sah ihn dieser kaum an und steckte ihn 
auf dreißig Tage als Simulanten in Arrest. Wir haben ihm aber 
Essenssachen durch den Luftschacht hinuntergeschickt, sonst wäre 
er ganz zugrimde gegangen. Ja, dort ging es uns sehr schlecht. 
Manchmal kam in den Steinbruch ein großer Hund, der wohl 
niemandem gehörte, erwar recht wild, aber er fühlte wohl, 
daß wir auch elend seien, und so schloß er sich uns an. 
Die französischen Antreiber und Aufseher jagten ihn fort, aber 
er kam immer wieder. Einmal während der Nacht hatten 
wir einen Einfall, wir machten uns aus verschiedenen Fetzen 
eine Art schwarzweißroter Fahne, und darauf schrieb ein 
Kamerad mit riesigen Buchstaben, daß Frankreich den Krieg 
verlieren würde, natürlich schrieb er's französisch, und dann 
nahmen wir einen kleinen Stock und banden die Fahne mit 
der Inschrift sehr gut und fest am Körper des Hundes an. 
Es war ja nicht nett von uns, denn es belästigte das arme Tier, 
aber was sollten wir tun, wir wollten uns eben an den Franzosen 
rächen, die dort so abscheulich gegen uns waren. Ja, und wie der 
Hund dann zum erstenmale in die Stadt lief, gab es dort einen 
förmlichen Ausbruch von Raserei, das Volk rottete sich 
zusammen, aus allen Häusern liefen sie, die Weiber schrieen, und 
alles warf Steine auf den armen Hund. Aber in ihrer Wut 
zielten sie schlecht, keiner traf ihn, der Hund rannte fort. Jetzt 
suchten sie ihn zu fangen, ob Sie es glauben oder nicht, sie 
unternahmen regelrechte Expeditionen gegen den Hund, aber es 
gibt dort eine Menge Wälder und Steinbrüche, sie bekamen ihn 
nicht. Natürlich plagte den Köter der Hunger, und dann 
erschien er auf einmal, so überraschend, daß sie gar nicht wußten, 
was tun, und er trug seine Fahne mit der Inschrift, daß Frankreich 
den Krieg verlieren würde, weiter, wie wenn er es ihnen zum 
Trotz täte. Natürlich wollten die i ranzosen herausbekommen, wer 
ihnen den Streich spielte, aber keiner gab es an. Wie die Aufseher 
nicht zusahen, kam der Hund zu uns, und wir gaben ihm von 
unserem Brote, so wenig wir hatten; er war ja unser Bundes- 
genosse und er trug seine Fahne gut, die Fahne der armen 
Gefangenen. Und als wirweg kamen, da hatten die Franzosen oft 
auf ihn geschossen, aber die Fahne bekamen sie nicht. 



— 6 — 



Die Hunde sind die »treuen, braven und unent- 
behrlichen Helfer der Armeen«. Dies aber war das 
größte Schurkenstück dieser Weltschurkerei. 



Kleine Skizzen. 
Von Peter Altenberg. 

Die Hunde-Steuer 

(Prager Tagblatt, 29. Juni) 

Die Erhöhung der Hunde-Steuer in Wien läßt Einige, die 
es gar nichts angeht, neuerdings ihr patzweiches Herz öffentlich 
zur bewundernden Schau stellen. Ich kann mich diesen Philosophen 
des Mitleids mit jeglicher Kreatur hienieden, nicht in Bausch und 
Bogen anschließen. Denn erstens finde ich den Hundebraten 
zwar billig, aber durchaus nicht schmackhaft, obzwar ich 
zugebe, daß er durch eine zarte Brühe bedeutend verbessert 
werden kann oder durch gekochte Zwiebel. Auch ist es ja 
richtig, daß man den Zimmerteppichen eine sorgfältigere 
Reinigung zuteil werden läßt, wenn sich dazu ein plausiblerer 
Orund vorfindet, wie ihn der Hund in selbstloser Art gerne gibt. 
Auch huldige ich dem Prinzipe: lieber alle Hunde ausrotten, 
als einen einzigen Menschen von derHundswut befallenlassen, 
obzwar man es hinwiederum in seinem innersten besseren Innern 
Einigen doch gönnen würde, ohne es natürlich direkt zu veranlassen! 
Und dann, sieh' mal, Du willst Dich für ein erlittenes Leid durch die 
Hunde-Treue trösten?! Wollte Dante je einen Hund haben, um 
Beatrix zu vergessen?! Nun also! 

In zerrissener Zeit kann plötzlich das Gefühl, 
wie sehr die niedrigste Menschenklasse, die Journali- 
sten, hinter der höchsten Tierklasse, den Hunden, 
zurückstehe, sich in Verzweiflung Luft machen, und 
so mag es zu erklären sein, daß da und dort, zumal 
in den nördlichen Gegenden dieses Reiches, wo das 
nationale Bewußtsein stärker ist und sozusagen auch 
deutsch gesprochen wird, eine förmliche Hetze auf die 
von der Natur bevorzugten Geschöpfe organisiert und 
speziell in Prag die Wut auf Hunde ausgebrochen 
scheint. Was den Dichter Peter Altenberg, der Auf- 
regungen leicht zugänglich ist, anlangt, so steht der 
Fall so: Wäre die »kleine Skizze« — die wirklich nur 
ein Entwurf des Untermenschentums ist, ein Plan zu 



— 7 



einer Grauslichkeit, zu deren Tat, Verantwortung oder 
auch nur Zeugenschaft der Dichter der Seele niemals fähig 
wäre — wäre die Anregung von einer durchschnitt- 
lichen Intelligenz ausgegangen, so wäre es wohl 
geboten, an einem Beispiel die Möglichkeiten der von 
der Technik an den Teufel verratenen Zeit zu erörtern. 
Hier macht uns nicht der Schutz des Hundes gegen 
den Menschen Sorge, der ihn dem Schinder überant- 
worten will, sondern der Schutz des Dichters gegen 
den Redakteur, der ihn dem Drucker überliefert. 
Da man so jahraus jahrein in verschiedenen 
elenden Tagesblättern kleine Skizzen des Peter 
Altenberg liest, schwankt man zwischen dem Bedauern, 
daß jene gelegentlichen Meisterstücke, in denen 
der Griff zugleich die Gestalt ist, in solchem 
Rahmen Unterkunft finden, und dem Schmerz, daß 
jene vielen Nichtigkeiten, in denen der Schmißzugleich der 
Dreck ist, solchen Namen eines Dichters tragen, und man 
möchte dem Preßgesetz einen Paragraphen wünschen, 
der einem Zeitungsverleger den Mißbrauch der unbe- 
wachten, in Selbstverschleuderung preisgegebenen 
Natur verbietet und ihn zwingt, ihr den Preis, den sie 
braucht oder will, ohne geistigen Gegenwert zu ver- 
abreichen. So oft ich die Ansicht ausgesprochen habe, 
daß die deutsche Prosa wenig Fälle aufweise, bei 
denen wie bei Peter Altenberg im Wort so alle Gnade 
von Humor, Lyrik und zuweilen Weisheit darge- 
bracht sei und daß dieser Dichter aus der ganzen 
Unzucht des sprachlichen Kunstgewerbes von heute 
überleben werde, wurde ich gefragt, ob ich im 
Gehudel seiner täglichen Geldschreie, Firmenhymnen 
und Nachtlokalverheißungen mit dem ganzen Inhalt 
von »erstklassiger« Banalität und demonstrativem 
Unverstand auch meine Beweise für die Ansicht 
finde, daß der Urheber solchen Lärms und solcher 
Leere über die Schnitzler, Bahr und Hofmannsthal 
zu stellen sei. Ich mußte die Frage herzhaft bejahen, 
freilich nicht ohne einzuräumen, daß ihre Möglichkeit 



an ein Literaturproblem rühre. Die Persönlichkeits- 
ftille jenes durch keine Rücksicht auf sein Werk 
gehemmten und durch ein System des Mißbrauchs 
kompromittierten Autors, der oft aus sich selbst und 
öfter von selbst schreibt, erleidet in solchen Aus- 
schweifungen keinen Abbruch: wohl aber müßten 
diese als das Rohmaterial eines Lebens, das noch auf 
seinen eigentlichen Künstler wartet, der Betrachtung 
und dem schäbigen Spott des alltäglichen Lesers 
entzogen bleiben. Statt dessen wird einer der merk- 
würdigsten Menschen dieser Zeit, ein mit allen 
Möglichkeiten verbundener und von allen unberührter, 
einer, der alle Eigenschäften hat, die besten und 
die schlechtesten zugleich und abwechselnd, und dessen 
lebendiger Überfluß für den Mangel sozialer, logischer und 
selbst künstlerischer Bewußtseins- und Verantwortungs- 
fähigkeit hinreichend entschädigt, dem grinsenden Ver- 
ständnis eines Pöbels ausgesetzt, der auch an den 
dem Zufall verdankten Meisterwerken nur die Abnormität 
bemerkt, um einen Dichter dauernd als tägliche Jahrmarkts- 
figur einzuschätzen. Darum sollte es den journalistischen 
Mäcenen, die es ihrerseits gerade auf diesen Erfolg der 
Entwürdigung abgesehen haben, verboten sein, mit der 
Unterstützung eines geldliebenden Weisen auch das Übel 
einer Produktion zu unterstützen, die den lachlustigen 
Leser hinter dem Paraventjeder landschaftlichen Stimmung 
oder seelischen Betrachtung pünktlich mit einer Rechnung 
überrascht. Der Eingeweihte versteht es, wenn dieser 
sonderbare Verkünder, der die bunte Dreieinigkeit aus 
Falstaff, Heiland und Harpagon vorstellt, lachend die 
Wahrheit sagt, die im Weine ist, das Geld als den 
nervus rerum verherrlicht, und mit umgelegten Händen 
segnet; aber jede einzelne seiner Symptomhandlungen, 
die alle zusammen die wunderbarste Figur bilden 
würden (lebte die nachgestaltende Kraft, sie zu ver- 
einigen), ist in der Norm des Tagesberichts ein Greuel 
dem Leser, ein Ärgernis dem fühlenden Zeugen dieses 
Zustands. Dies ganze Lebensdurcheinander, worin 



jeder Atemzug eine Anekdote ist, von einem verbin- 
denden Auge angeseiin und von einer berufenen 
Hand festgehalten, ergäbe ein hundertmal besseres 
Werk noch als die Buchliteratur Peter Altenbergs, 
die doch erst in der Reduzierung auf ihren Kunstgehalt, 
in der Verkürzung um den Wust des Wertlosen den 
bleibenden und weithin sichtbaren Vorzug vor der 
schreibenden Zeitgenossenschaft empfängt. Daß er 
selbst diesen Vorzug in seiner Hemmungslosigkeit 
sieht, auf Wert und Würde pfeift und die Empfehlung 
eines Pürees für die größere Gedankentat hält als einen 
Satz von Peter Altenberg, der das Schicksal einer 
Liebe nebst der Ewigkeit einer Landschaft enthält, 
gehört mit in jenes Lebensbuch. Daß er kritik- und 
kontrollos alles, was ihm der Tag zuträgt und 
wie er es auch dann sieht, wenn er nicht ausge- 
schlafen ist, also mit seinen hellsten, wunderbarsten 
Eingebungen zugleich den ärgerlichsten Mist, den er 
in trüben Minuten von sich gibt, ja, selbst was er nur sieht 
und was ihm schmeckt, einen Armeebefehl des Generals 
Dankl und eine Kritik des Herrn Saiten, in Bücher wirft: 
das eben ist eine Wesenseigenschaft, die man sich aus 
ihm nicht wegdenken kann, die aber als Kommentar 
zu seiner Literatur hinzugedacht werden muß, um diese 
in ihrer vollen Menschlichkeit und nicht bloß in 
ihrer künstlerischen Torsohaftigkeit zu begreifen. 
Wozu indes der willige Leser vor einem Buch vielleicht 
selbst heute noch die Fähigkeit hätte, dazu ist der 
Schnelläufer des Tags weder gewillt noch imstande, 
und der hat nur ein triumphierendes oder mitleidiges 
Lächeln, wenn seine dürftige Vollsinnigkeit bemerkt, 
daß ihm der hochgestimmte Unsinn mit Ruf- und 
Fragezeichen ins Gesicht springt, zu einer Akrobaten- 
truppe zuredet oder ihm versichert, eine Schau- 
spielerin spiele so diskret, daß sie »nur Punkte auf 
die i's setze, wo sie gerade unbedingt hingehören!« 
Peter Altenberg erklärt Italien den Wirtschaftskrieg, 
verbrennt, während seine heilige Freundin dazu ein 



10 — 



Gebet murmelt, ein Buch des Deutschenfeinds 
Maeterlinck, weil es — im Gegensatz zu dem deutsch- 
freundlichen und daher die Gunst durchhaltenden 
Herrn Friedell — nicht mehr P. A.'s »Lebens-Bibel« 
ist und treibt sonst noch allerlei vor den 
Augen des erstaunten Lesers. Auch daß er, sich 
angstvoll ans seinem Fenster beugend, dem vis-ä-vis 
arbeitenden Dachdecker zuruft: »Wie viel ver- 
dienen Sie?« — dem Kenner eine unverlierbar 
humoristische Attitüde und der endgiltige Ausdruck 
dieser zentralen Sorge wie der Gabe, sie lachend zu 
bekennen — , muß als Information dem Leserverstand 
unbegreiflich bleiben. All dies, mit allem Reiz der 
Besonderheit und mit allem Verdruß der Abgeschmackt- 
heit, wäre als Privathandlung ebenso interessant wie 
der Besitz einer »patriotischen Tür« vor dem Hotelzimmer 
und der Entschluß eines Nichtinvaliden, auf seiner Brust 
fünf Kriegsabzeichen und um den Hals eine Tafel »Gott 
strafe England« zu tragen, was sich ein Hund gewiß 
nicht gefallen ließe. In die Öffentlichkeit hinausgestellt, 
kann es nur Verwirrung stiften, indem es auf ein 
Wirrsal ohne Verbindung mit der auch im Guten 
ungewöhnlichen Persönlichkeit hindeutet. Was aber soll 
man zu der Verwahrlosung eines publizistischen Ge- 
wissens sagen, das sich selbst und einem Dichter, der 
doch, ehe er ein ewiger Gläubiger des Geldes wurde, 
auch ein Gläubiger der ewigen Seele war, und als 
Dichter der Frauenseele sogar leider in weiten Kreisen 
beliebt geworden ist, die Veröffentlichung dieses Produkts 
gestattet: 

Der 40fache Frauenmörder. Von Peter Altenberg. 

Bela Kiß, in seinem Gärtchen in Czinkota, mit seinem 
Komplizen und Freunde Na gy, auf einer Bank sitzend vor 20 Jahren: 

Nagy: >Und wie die Blumen heut duften und die 
Insekten summen! Wenn man nur ein bißl ein Geld 
hätt' in dieser schönen Welt!« 

Bela Kiß: »Und weißt Du, was mir noch verhaßter ist als 
meine Armut?! Das sind diese Läuse im Gewände des starken 



— 11 



alleinstehenden Mannes, die dann mit nichts mehr wieder heraus- 
zukriegfen sind. Das sind diese entsetzlich wertlosen Geschöpfe, 
die noch viel ärmer sind als wir und eben deshalb sich an 
uns heranmachen. Das sind diese häßlichen ungepflegten alten 
Mädchen der dienenden Klasse, die, nachdem sie die »Überfuhr« 
im Leben versäumt haben, sich mit ihren verrunzelten Gesichtern, 
ihren scheußlichen Händen und Füßen, ihren verwelkten Brüsten, 
ihrem meistens unreinen Atem, ihren ungeheuren geistigen 
Beschränktheiten, sich vermittelst ihrer blöd-mühsam 
zusammengesparten 700 Kronen in einem schmutzigen 
Strumpfe unter ihrer Mairatze, sich also dann und deshalb an uns 
heranschleichen, damit wir diese Lebens-Ruinen Tag und 
Nacht, ein Leben lang am Buckel haben, diese mensch- 
lichen Gewandläuse des starken alleinstehenden Mannes! 
Diese alle einfangen, abdrosseln, und das Geld gut und 

richtig verwenden — !« 

Nagy: »Gar ka schlechte Idee, mein Lieber! Wie 
die Blumen heut duften und die Insekten schön summen! 
Wenn man nur ein bißl Geld hätt' auf dieser schönen Welt!« 

»Wirf's in die Welt und laß dich kreuzigen!« 
hat Peter Altenberg einmal gesagt. Ob er Märtyrer 
genug wäre, die Folgen solcher Propaganda durch- 
zustehen und gegebenenfalls, wenn ein angeregter Raub- 
mörder oder sonst ein starker alleinstehender Mann, der 
700 Kronen braucht und zu diesem Zweck die Gewand- 
laus entfernt, die er zu diesem Zweck gesucht hat, sich 
auf die Lektüre des Prager Tagblatts und den Impuls durch 
ein Dichterwort beriefe?!? Ob er nicht eher die Geistes- 
gegenwart hätte, ärztliche Zeugnisse sammeln zu gehen, 
in denen etwa, wenn sie sehr sachverständig wären, auch 
nachgewiesen sein könnte, daß in einer reichen Natur, 
in der Mann, Weib und Kind mit allen Eigenschaften 
wohnen, auch die Seele eines alten Mädchens Platz 
hat, dessen Furcht, die 700 Kronen und das Leben 
zu verlieren, und dessen Verlangen nach weiteren 
700 Kronen, den Wunsch erzeugt, lieber der Raub- 
mörder zu sein als das Opfer, und mithin auch den 
Schein eines Blutdurstes, dessen man diesen Dichter 
mit Unrecht beschuldigen würde ! ? ! Der Fall ist tieftraurig; 
und schmerzlich die Pflicht, einen kostbaren Menschen 
und oft verehrten Dichter gegen das grausame Miß- 



— 12 



Verständnis schützen zu müssen, mit dem ihn wie keine 
andere Erscheinung von heute der Tag umklammert 
hält. Die Statuierung von Dichterpreisen, die den 
honorierten Mißbrauch entbehrlich machen und uns 
den peinlichen Anblick solcher Veräußerung von Roh- 
material ersparen würden, wäre, ob nun Not oder 
Geldliebe des Übels Wurzel sei, unerläßlich. Denn 
wichtig wie der Tierschutz ist der Dichterschutz. Wir 
wollen gerecht sein. Peter Altenberg braucht es nicht 
zu sein; und er mag hinter seinem Beschützer, der 
ihm nichts, keine grausame Propaganda in Wort und 
Schrift, Brief und Druck; selbst den Tod durch ihn 
nicht übel nimmt, die übelste Nachrede laut werden 
lassen. Aber er ist höchst ungerecht, wenn er das Leben 
des Hundes unter das Problem der Reinhaltung von 
Teppichen stellt: ein Hund würde doch nicht jeden 
Dreck überall ablagern! 



Jakob Boehme 

»Denn es ist eine Kraft in jedem Tiere, welche unzerbrechlich 
ist, welche der spiritus mundi in sich zeucht, zur Scheidung des 
letzten Gerichtes.« 

Goethe 

»Er hat Vernunft, doch braucht er sie allein, 
Um tierischer als jedes Tier zu sein.« 

»Wundern kann es mich nicht, 
daß Manche die Hunde so lieljen.« 

Schopenhauer 

»Wundem darf es mich nicht, daß Manche die Hunde verleumden, 
Denn es beschämet zu oft leider den Menschen der Hund.« 

»Die Flamme, welche aus den Augen aller Tiere hervorleuchtet, 
ist eine ewige; wenngleich wir sie erkennen müssen als das zeitliche 
Produkt des vergänglichen Organismus und seiner in stetem Wan- 
del begriffenen Säfte.« 

»Der Leichnam jedes Tieres oder Menschen wirkt darum so 
melancholisch auf uns, weil er aufs deutlichste aussagt, daß diese Gestalt 
nicht die Idee, sondern bloß ihre Erscheinung war.« 



13 — 



»Ich muß es aufrichtig gestehn: der Anblick jedes Tiers erfreut 
mich unmittelbar, und mir geht dabei das Herz auf; am meisten 
der der Hunde und sodann der aller freien Tiere, der Vögel, der 
Insekten, und was es sei. Hingegen erregt der Anblick der 
Menschen fast immer meinen entschiedenen Widerwillen: denn er 
bietet, durchgängig und mit seltenen Ausnahmen, die widerwärtigsten 
Verzerrungen dar, in jeder Art und Hinsicht, physische Häßlich- 
keit, den moralischen Ausdruck niedriger Leidenschaften und ver- 
ächtlichen Strebens, Zeichen von Narrheiten und intellektueller 
Verkehrtheiten und Dummheiten jeder Art und Größe, endlich 
auch das Schmutzige, in Folge ekelhafter Gewohnheiten: darum 
wende ich mich davon ab v:nd fliehe zur vegetabilischen Natur, 
erfreut, wenn mir Tiere begegnen. Sagt was ihr wollt! der 
Wille auf der obersten Staffel seiner Objektivation gewährt keinen 
schönen Anblick, sondern einen widerwärtigen . . . .< 

»So entfernt ist aber die Vernunft davon, Quelle der Moralität 
zu sein, daß erst sie uns fähig macht Bösewichter zu sein, was 
Tiere nicht können. < 

»Wegen des Mangels an Vernunft, also an Allgemeinbegriffen, 
ist das Tier, wie der Sprache, so auch des Lachens unfähig. Dieses 
ist daher ein Vorrecht und charakteristisches Merkmal des Menschen. 
Jedoch hat, bt-iläufiggesagt, auch sein einziger Freund, der Hund, einen 
analogen, ihm allein eigenen und charakteristischen Akt vor allen 
andern Tieren voraus, nämlich das so ausdrucksvolle, wohlwollende 
und grundehrliche Wedeln. Wie vorteilhaft stiehl doch diese, ihm von 
der Natur eingegebene Begrüßung ab, gegen die Bücklinge imd 
grinzenden Höflichkeitsbezeugungen der Menschen, deren Ver- 
sicherung inniger Freundschaft und Frgebenheit es an Zuverlässig- 
keit, wenigstens für die Gegenwart, tausend Mal übertrifft.« 

>Auch gehört hierher, daß sehr kluge Hunde, welciie bekannt- 
lich einen Teil der menschlichen Rede verstehn, wenn ihr Herr zu ihnen 
spricht und sie sich anstrengen, den Sinn seiner Worte herauszubringen, 
den Kopf abwechselnd auf die eine und auf die andere Seite legen; 
welches ihnen ein höchst intelligentes und ergötzliches Ansehn gibt.« 

». . . Dieser obligate Optimismus nötigt den Spinoza noch zu 
manchen andern falschen Konsequenzen, unter denen die absurden 
und sehr oft empörenden Sätze seiner Moralphilosophie oben an 
stehen, welche im 16. Kap. seines tractatus theologico-politicus bis 
zur eigentlichen Infamie anwachsen. Hingegen läßt er biswe len 
die Konsequenz da aus den Augen, wo sie zu richtigen Ansichten 
geführt haben würde, z. B. in seinen so unwürdigen wie falschen 
Sätzen über die Tiere . . Hier redet er eben wie ein Jude es ver- 
steht, gemäß den Kap. 1 und 9 der Genesis, so daß dabei uns 
Andern, die wir an reinere und würdigere Lehren gewöhnt hind, 
der foetor judaicus übermannt. Hunde scheint er ganz und gar 



14 



nicht gekannt zu haben. Auf den empörenden Satz, mit dem 
besagtes Kap. 26 anhebt: Praeter homines nihil singulare in natura 
novimus, cujus mente gaudere et quod nobis amicitia, aut aliquo 
consuetudinis genere jüngere possumus, erteilt die beste Antwort 
ein spanischer Belletrist unserer Tage (Larra, pseudonym Figaro, 
im Doncel c. 33): El que no ha tenido un perro, no sabe lo que 
es querer y ser querido. (Wer nie einen Hund gehalten hat, 
weiß nicht was lieben und geliebt sein ist.) Die Tierquälereien, 
welche, nach Coleru>, Spinoza, zu seiner Belustigung und unter 
herzlichem Lachen, an Spinnen und Fliegen zu verüben pflegte, 
entsprechen nur zu sehr seinen hier gerügten Sätzen wie auch 
besagten Kapiteln der Genesis. Durch alles dieses ist denn Spinoza's 
,Ethica' durchweg ein Gemisch von Falschem und Wahrem, 
Bewunderungswürdigem und Schlechtem. . . .« 

»O, um einem Asmodäus der Moral ität, welcher seinem 
Günstlinge nicht bloß Dächer und Mauern, sondern den über 
Alles ausgebreiteten Schleier der Verstellung, Falschheit, Heuchelei, 
Orimace, Lüge und Trug durchsichtig machte, und ihn sehn ließe, 
wie wenig wahre Redlichkeit in der Welt zu finden ist, und wie so oft, 
auch wo man es am wenigsten vermutet, hinter allen den tugendsamen 
Außenwerken, heimlich und im innersten Receß, die Unrechtlich- 
keit am Ruder sitzt. — Daher eben kommen die vierbeinigen Freund- 
schaften so vieler Menschen besserer Art: denn freilich, woran 
sollte man sich von der endlosen Verstellung, Falschheit 
und Heimtücke derMensclien erholen, wenn die Hunde 
nicht wären, in deren ehrliches Gesicht man ohne Miß- 
trauen schauen kann? — Ist doch unsere zivilisierte Welt 
nur eine große Maskerade. Man triftt daselbst Ritter, Pfaffen, 
Soldaten, Doktoren, Advokaten, Priester, Philosophen, und was nicht 
alles an! Aber sie sind nicht was sie vorstellen: sie sind bloße Masken, 
unter welchen, in der Regel, Geldspekulanten (moneymakers) stecken. 
Doch nimmt auch wohl einer die Maske des Rechts, die er sich 
dazu beim Advokaten geborgt hat, vor, bloß um auf einen 
Andern tüchtig losschlagen zu können ; wieder Einer hat, zum 
selben Zwecke, die des öffentlichen Wohls und des Patriotismus 
gewählt .... Zu allerlei Zwecken hat schon Mancher die Maske 
der Philosophie, wohl auch der Philanthropie u. dgl. m. vor- 
gesteckt .... Meistens stecken, wie gesagt, lauter Industrielle, 
Handelsleute und Spekulanten unter diesen sämtlichen Masken. 
In dieser Hinsicht machen den einzigen ehrlichen Stand die Kauf- 
leute aus; da sie allein sich für Das geben, was sie sind, sie gehn also 
unmaskiert herum; stehn daher auch niedrig im Rang. — Es ist sehr 
wichtig, schon früh, in der Jugend darüber belehrt zu werden, 
daß man sich auf der Maskerade befinde. Denn sonst wird man 
manche Dinge gar nicht begreifen und aufkriegen können, sondern 
davor stehn ganz verdutzt .... der Art sind die Gunst, welche 
die Niederträchtigkeit findet, die Vernachlässigung, welche das 



lö — 



Verdienst, selbst das seltenste und größte, von den Leuten seines 
Faches erleidet, das Verhaßtsein der Wahrheit und der großen 
Fähigkeiten, die Unwissenheit der Gelehrten in ihrem Fach, und 
daß fast immer die echte Ware verschmäht, die bloß scheinbare 
gesucht wird. Also werde schon der Jüngling belehrt, daß auf 
dieser Maskerade die Äpfel von Wachs, die Blumen von Seide, die 
Fische von Pappe sind, und Alles, Alles Tand und Spaß .... Aber 
ernstere Betrachtungen sind anzustellen und schlimmere Dinge zu 
berichten. Der Mensch ist im Grunde ein wildes, entsetz- 
liches Tier. Wir kennen es bloß im Zustande der Bändigung 
und Zähmung, welcher Zivilisation heißt: daher erschrecken uns 
die gelegentlichen Ausbrüche seiner Natur. Aber wo und wann 
einmal Schloß und Kette der gesetzlichen Ordnung ab- 
fallen und Anarchie eintritt, da zeigt sich was er ist. — 
Wer inzwischen auch ohne solche Gelegenheit sich darüber aufklären 
möchte, der kann die Überzeugung, daß der Mensch an Grau- 
samkeit und Unerbittlichkeit keinem Tiger und keiner 
Hyäne nachsteht, aus hundert alten und neuen Berichten 
schöpfen .... Da nistet in Jedem zunächst ein kolossaler Egoismus, 
der die Schranke des Rechts mit größter Leichtigkeit überspringt; 
wie dies das tägliche Leben im Kleinen und die Geschichte, auf 
jeder Seite, im Großen lehrt. Liegt denn nicht schon in der 
anerkannten Notwendigkeit des so ängstlich bewachten 
Europäischen Gleichgewichts das Bekenntnis, daß der 
Mensch ein Raubtier ist, welches, sobald es einen 
Schwächeren neben sich erspäht hat, unfehlbar über 
ihn herfällt? .... Gobineau hat den Menschen l'animal mechant 
par excellence genannt, welches die Leute übel nehmen, weil sie 
sich getroffen fühlen; er hat aber Recht: denn der Mensch ist 
das einzige Tier, welches Andern Schmerz verursacht, 
ohne weitern Zweck, als eben diesen. Die andern Tiere 
tun es nie anders, als um ihren Hunger zu befriedigen, 
oder im Zorn des Kampfes .... Kein Tier jemals quält, 
bloß um zu quälen; aber dies tut der Mensch, und dies 
macht den teuflischen Charakter aus, der weit ärger 
ist, als der bloß tierische.... Hat man etwan über 
eine Störung oder sonstige kleine Unannehmlichkeit sein Miß- 
behagen geäußert, so wird es nicht an Leuten fehlen, die sie gerade 
deshalb zuwege bringen: animal mechant par excellence! Dies ist 
so gewiß, daß man sich hüten soll, sein Mißfallen an kleinen 
Übelständen zu äußern; sogar auch umgekehrt sein Wohlgefallen 
an irgend einer Kleinigkeit. Denn im letztem Fall werden sie es 
machen wie jener Gefängniswärter, der, als er entdeckte, daß sein 
Gefangener dasmühsame Kunststück vollbracht hatte, eine Spinne zahm 
zu machen, und an ihr seine Freude hatte, sie sogleich zertrat: l'animal 
m^hant par excellence! Darum fürchten alle Tiere instinkt- 
mäßig den Anblick, ja die Spur des Menschen, — des 



— 16 



animal mechant par excellence . . . .Wirklich also liegt im 
Herzen eines Jeden ein wildes Tier, das nur auf Gelegenheit 
lauert, um zu toben und zu rasen, indem es Andern wehe tun 
und, wenn sie gar ihm den Weg versperren, sie vernichten möchte: 
es ist eben das, woraus alle Kampf- und Kriegslust 
entspringt . . . .« 

». . . Wenn nun also auch nur wenige Tiere natürlichen 
Todes sterben, die meisten aber nur so viel Zeit gewinnen, ihr 
Geschlecht fortzupflanzen, und dann, wenn nicht schon früher, die 
Beute eines andern werden, der Mensch allein hingegen es dahin 
gebracht hat, daß, in seinem Geschlechte, der sogenannte natu r- 
licheTod zur Regel geworden ist, die inzwischen beträcht- 
liche Ausnahmen leidet; so bleiben, aus obigem Grunde, die 
Tiere doch im Vorteil. Überdies aber erreicht er sein wirklich 
natürliches Lebensziel eben so selten, wie jene; weil die Wider- 
natürlichkeit seiner Lebensweise, nebst seinen Anstrengungen und 
Leidenschaften, und die durch alles dieses entstandene Degeneration 
der Rasse ihn selten dahin gelangen läßt. Die Tiere sind viel 
mehr, als wir, durch das bloße Dasein befriedigt .... Das Tier 
ist die verkörperte Gegenwart .... Aber eben in Folge hievon er- 
scheinen die Tiere, mit uns verglichen, in Einem Betracht, wirklich 
weise, nämlich im ruhigen, ungetrübten Genüsse der Gegenwart: 
die augenscheinliche Gemütsruhe, deren sie dadurch teilhaft sind, 
beschämt oft unsern, durch Gedanken und Sorgen häufig unruhigen 
und unzufriedenen Zustand .... Eben dieses den Tieren eigene, 
gänzliche Aufgehn in der Gegenwart trägt viel bei zu der Freude, 
die wir an unsern Haustieren haben: sie sind die personifizierte 
Gegenwart und machen uns gewissermaßen den Wert jeder unbe- 
schwerten und ungetrübten Stunde fühlbar, während wir mit 
unsern Gedanken meistens über diese hinausgehn und sie unbe- 
achtet lassen. Aber die angeführte Eigenschaft der Tiere, mehr, als 
wir, durch das bloße Dasein befriedigt zu sein, wird vom 
egoistischen und herzlosen Menschen mißbraucht und oft dermaßen 
ausgebeutet, daß er ihnen, außer dem bloßen kahlen Dasein, 
nichts, gar nichts gönnt: den Vogel, der organisiert ist, die halbe 
Welt zu durchstreifen, sperrt er in einen Kubikfuß Raum, wo er 
sich langsam zu Tode sehnt und schreit .... imd seinen treuesten 
Freund, den so intelligenten Hund, legt er an die Kette! Nie 
sehe ich einen solchen ohne inniges Mitleid mit ihm und tiefe 
Indignation gegen seinen Herrn, und mit Befriedigung denke ich 
an den vor einigen Jahren von den Times berichteten Fall, daß 
ein Lord, der einen großen Kettenhund hielt, einst, seinen Hof 
durchschreitend, sich beigehn ließ, den Hund liebkosen zu wollen, 
darauf dieser sogleich ihm den Arm von oben bis unten aufriß, — 
mit Recht! er wollte damit sagen: ,Du bist nicht mein Herr, 
sondern mein Teufel, der mir mein kurzes Dasein zur Hölle 
macht.' Möge es Jedem so gehn, der Hunde ankettet.« 



— 17 



>Den alleinigen wahren Gefährten und treuesten Freund 
des Menschen, diese kostbarste Eroberung, die jeder Mensch 
gemacht hat, wie Fr. Cüvier sagt, und dabei ein so höchst 
intelligentes und fein fühlendes Wesen, wie einen Verbrecher an 
die Kette legen, wo er vom Morgen bis zum Abend nichts, als 
die stets erneuefe und nie befriedigte Sehnsucht nach Freiheit und 
Bewegung empfindet, sein Leben eine langsame Marter ist, und er 
durch solche Grausamkeit endlich enthundet wird, sich in ein 
liebloses, wildes, untreues Tier, vor dem Teufel Mensch stets 
zitterndes und kriechendes Wesen verwandelt! Lieber wollte ich 
einmal bestohlen werden, als solchen Jammer, dessen Ursache ich 
wäre, stets vor Augen haben. Es sollte verboten sein und die 
Polizei auch hier die Sielle der Menschlichkeit vertreten . . . .« 

»Ein anderer, bei dieser Gelegenheit zu erwähnender, aber 
nicht weg zu erklärender und seine heillosen Folgen täglich mani- 
fest'erender Grundfehler des Christentums ist, daß es widernatür- 
licherweiäe den Menschen losgerissen hat von der Tierwelt, welcher 
er doch wesentlich angehört, und ihn nun ganz allein gelten 
lassen will, die Tiere geradezu als Sachen betrachtend; während 
Brahmanismus und Buddhaismus, der Wahrheit getreu, die augen- 
fällige Verwandtschaft des Menschen, wie im Allgemeinen mit der 
ganzen Natur, so zunächst und zumeist mit der tierischen, ent- 
schieden anerkennen und ihn stets, durch Metempsychose und sonst, 
in enger Verbindung mit der Tierwelt darstellen. Die bedeutende 
Rolle, welche im Brahmanismus und Buddhaismus durchweg die 
Tiere spielen, verglichen mit der totalen Nullität derselben im 
Juden-Christentum, bricht, in Hinsicht auf Vollkommenheit, 
diesem letztern den Stab; so sehr man auch an solche Absurdität 
in Europa gewöhnt sein mag. Jenen Grundfehler zu beschönigen, 
wirklich aber ihn vergrößernd, finden wir den so erbärmlichen, 
wie unverschämten, bereits in meiner Ethik gerügten Kunstgriff, 
alle die natürlichen Verrichtungen, welche die Tiere mit uns 
gemein haben und welche die Identität unserer Natur mit der ihrigen 
zunächst bezeugen, wie Essen, Trinken, Schwangerschaft, Geburt, 
Tod, Leichnam u. a. m. an ihnen durch ganz andere Worte zu 
bezeichnen, als beim Menschen. Dies ist wirklich ein nieder- 
trächtiger Kniff. Der besagte Grundfehler nun aber ist eine Folge 
der Schöpfung aus Nichts, nach welcher der Schöpfer, Kap. 1 
und 9 der Genesis, sämtliche Tiere, ganz wie Sachen und ohne 
alle Empfehlung zu guter Behandlung, wie sie doch meistens selbst ein 
Hundeverkäufer, wenn er sich von seinem Zöglinge trennt, hinzu- 
fügt, dem Menschen übergibt, damit er über sie herrsche, also 
mit ihnen tue was ihm beliebt; worauf er ihn, im zweiten Kapitel, 
noch daz» zum ersten Professor der Zoologie bestellt, durch den 
Auftrag, ihnen Namen zu geben, die sie fortan führen sollen; 
welches eben wieder nur ein Symbol ihrer gänzlichen Abhängig- 
keit von ihm, d. h. ihrer Rechtlosigkeit ist. — Heilige Ganga! Mutter 



unsers Geschlechts! dergleichen Historien wirken auf mici;, 
wie Judenpech und foetor judaicus! Aber leider machen die Folgen 
davon sich bis auf den heutigen Tag fühlbar; weil sie auf das 
Ctiristentum übergegangen sind, welchem nachzurühmen, daß seine 
Moral die allervollkommenste sei, man eben deshalb ein Mal auf- 
hören sollte. Sie hat wahrlich eine große und wesentliche Unvoii- 
kommenheit darin, daß sie ihre Vorschriften auf den Menschen 
beschränkt und die gesamte Tierwelt rechtlos läßt. Daher nun, in 
Beschützung derselben gegen den rohen und gefühllosen, oft mehr 
als bestialischen Haufen, die Polizei die Stelle der Religion ver- 
treten muß und, weil Dies nicht ausreicht, heut zu Tage Gesellschaften 
zum Schutze der Tiere, überall in Europa und Amerika, sicti 
bilden, welche hingegen im ganzen unbeschnittenen Asien die 
überflüssigste Sache von der Welt sein würde, als wo die Religion 
die Tiere genugsam schützt und sogar sie zum Gegenstand posi- 
tiver Wohltätigkeit macht, deren Früchte wir z. B. im großen 
Tierspital zu Surate vor uns haben, in welches zwar auch Christen, 
Mohammedaner und Juden ihre kranken Tiere schicken können, 
solche aber, nach gelungener Kur, sehr richtig, nicht wiedererhalten; 
und ebenfalls wann, bei jedem persönlichen Glücksfall, jedem 
günstigen Ausgang, der Brahmanist oder Buddhaist nicht elwan 
ein Te Deum plärrt, sondern auf den Markt geht und Vögel kauft, 
um vor dem Stadttor ihre Käfige zu öffnen; wie man dies schon 
in Astrachan, wo Bekenner aller Religionen zusammentreffen, zu 
beobachten häufig Gelegenheit hat; und noch in hundert ähn- 
lichen Dingen. Dagegen sehe man die himmelschreiende 
Ruchlosigkeit, mit welcher unser christlicher Pöbel 
gegen die Tiere verfährt, sie völlig zwecklos und 
lachend tödtet, oder verstümmelt, oder martert, und 
selbst die von ihnen, welche unmittelbar seine Er- 
nährer sind, seine Pferde, im Alter, auf das äußerste 
anstrengt, um das letzte Mark aus ihren armen Knochen 
zu arbeiten, bis sie unter seinen Streichen erliegen. 
Man möchte wahrlich sagen: die Menschen sind die 
Teufel der Erde, und die Tiere die geplagten Seelen. 
Das sind die Folgen jener Installations-Szene im Garten des 
Paradieses. Denn dem Pöbel ist nur durch Gewalt oder durch 
Religion beizukommen: hier aber läßt das Christentum uns 
schmählich im Stich .... ,Der Gerechte erbarmt sich seines 
Viehes'. , Erbarmt!' — welch ein Ausdruck! Man erbarmt sich 
eines Sünders, eines Missetäters, nicht aber eines unschuldigen 
treuen Tieres, welches oft der Ernährer seines Herrn ist und 
nichts davon hat als spärliches Futter. ,Erbarmt!' Nicht Erbarmen, 
sondern Gerechtigkeit ist man dem Tiere schuldig — unc^bleibt sie 
meistens schuldig, in Europa, diesem Weltteil, der vom foetor 
judaicus so durchzogen ist, daß die augenfällige simple Wahrheit: 
,das Tier ist im Wesentlichen das Selbe wie der Mensch' 



19 



ein anstößiges Paradoxon ist. Der Schutz der Tiere fällt also den ihn 
bezweckenden Gesellschaften und der Polizei anheim, die aber 
beide gar wenig vermögen gegen jene allgemeine Ruchlosigkeit 
des Pöbels, hier, wo es sich um Wesen handelt, die nicht klagen 
können, und wo von hundert Grausamkeiten kaum eine gesehn 
wird, zumal da auch die Strafen zu gelinde sind. In England ist 
kürzlich Prügelstrafe vorgeschlagen worden, die mir auch ganz 
angemessen scheint.« 

»Erst, wenn jene einfache und über allen Zweifel erhabene 
Wahrheit, daß die Tiere in der Hauptsache und im 
Wesentlichen ganz das Selbe sind, was wir, in's Volk 
gedrungen sein wird, werden die Tiere nicht mehr als rechtlose 
Wesen dastehn und demnach der bösen Laune und Grausamkeit 
jedes rohen Buben preisgegeben sein; — und wird es nicht jedem 
Medikaster freistehn, jede abenteuerliche Grille seiner Unwissenheit 
durch die gräßlichste Qual einer Unzahl Tiere auf die Probe zu 
stellen, wie heut zu Tage geschieht .... Und leider wird zu den 
Vivisektionen am häufigsten das moralisch edelste aller Tiere 
genommen : der Hund, — welchen überdies sein sehr entwickeltes 
Nervensystem für den Schmerz empfänglicher macht.« 

». . . Heut zu Tage hingegen hält jeder Medikaster sich 
befugt, in seiner Marterkammer die grausamste Tierquälerei zu 
treiben, um Probleme zu entscheiden, deren Lösung längst in 
Büchern steht, in welche seine Nase zu stecken er zu faul und 
unwissend ist. Unsere Ärzte haben nicht mehr die klassische 
Bildung, wie ehemals, wo sie ihnen eine gewisse Humanität und 
einen edlen Anstrich verlieh. Das geht jetzt möglichst früh auf 
die Universität, wo es eben nur sein Pflasterschmieren lernen will, 
um dann damit auf Erden zu prosperieren .... Lassen denn diese 
Herren vom Skalpel und Tiegel sich gar nicht träumen, daß sie 
zunächst Menschen und sodann Chemiker sind? Wie kann man 
ruhig schlafen, während man harmlose, von der Mutter gesäugte 
Tiere unter Schloß und Riegeln hat, den martervollen, langsamen 
Hungertod zu erleiden? Schrickt man da nicht auf im Schlaf? .... 
Was in aller Welt hat das arme, harmlose Kaninchen verbrochen, 
daß man es einfängt, um es der Pein des langsamen Hungertodes 
hinzugeben? .... Offenbar ist es an der Zeit, daß der jüdischen 
Naturauffassung in Europa, wenigstens hinsichtlich der Tiere, 
ein Ende werde und das ewige Wesen, welches, wie in uns, 
auch in allen Tieren lebt, als solches erkannt, geschont und 
geachtet werde. Man muß an allen Sinnen blind oder durch den 
toetor judaicus förmlich chloroformiert sein, um nicht einzusehn, 
daß das Tier im Wesentlichen und in der Hauptsache durchaus 
das Selbe ist, was wir sind, und daß der Unterschied bloß im 
Accidenz, dem Intellekt liegt, nicht in der Substanz, welche der 
Wille ist. Die Welt ist kein Machwerk und 



20 



dieTierekeinFabrikat zuunsermGebrauch. Der- 
gleichen Ansichten sollten d en Sy nagogen un d 
den philosophischen Auditorien überlassen 
bleiben, welche im Wesentlichen nicht so sehr verschieden 
sind .... Missionäre schicken sie den Brahmanen 
undBuddhaisten, um ihnenden,wahrenGlauben 
beizubringen; aber diese, wenn sie erfahren, 
wie in Europa mit den Tieren umgegangen wird, 
fassen den tiefsten Abscheu gegen Europäer 
und ihre Glaubenslehren.« 

>Man sollte alle zu schlachtenden Tiere zuvor chloro- 
formieren: das würde ein edeles, die Menschen ehrendes Verfahren 
sein, bei welchem die höhere Wissenschaft des Occidents und die 
höhere Moral des Orients Hand in Hand gingen, indem Brahma- 
nismus und Buddhaismus ihre Vorschriften nicht auf ,den Nächsten' 
beschränken, sondern ,alle lebenden Wesen' unter ihren Schutz 
nehmen.« 

». . . was des Menschen Leben so reich, so künstlich und 
so schrecklich macht, daß er, in diesem Occident, der ihn weiß 
gebleicht hat und wohin ihm die alten, wahren, tiefen Ur-Religionen 
seiner Heimat nicht haben folgen können, seine Brüder 
nicht mehr kennt, sondern wähnt, die Tiere seien etwa? 
von Grund aus Anderes, als er, und, um sich in diesem Wahne 
zu befestigen, sie Bestien nennt, alle ihre ihm gemeinsamen 
Lebensver richtungen an ihnen mit Schimpfnamen belegt 
und sie für rechtlos ausgibt, indem er gegen die sich aufdrängende 
Identität seines Wesens in ihm und ihnen sich gewaltsam verstockt.« 

>Die vermeinte Rechtlosigkeit der Tiere, der Wahn, daß 
unser Handeln gegen sie ohne moralische Bedeutung sei, oder, 
wie es in der Sprache jener Moral heißt, daß es 
gegen Tiere keine Pflichten gebe, ist geradezu eine empörende 
Rohheit und Barbarei des Occidents, deren Quelle im Judentum liegt.« 

». . . Daher auch sind die Tiere weder des Vorsatzes, noch 
der Verstellung fähig: sie haben nichts im Hinterhalt. In dieser 
Hinsicht verhält sich der Hund zum Menschen, wie ein gläserner zu 
einem metallenen Becher, und dies trägt viel bei, ihn uns so wert zu 
machen .... Überhaupt spielen die Tiere gleichsam mit offenen 
Karten: daher sehen wir mit so vielem Vergnügen ihrem Tun und 
Treiben unter einander zu ... . Eines eigentlichen Vorsatzes nämlich 
ist kein Tier fähig .... Zwar kann ein Instinkt, wie der der Zug- 
vögel, der der Bienen, ferner auch ein bleibender, anhaltender 
Wunsch, eine Sehnsucht, wie die des Hundes nach 
seinem abwesenden Herrn, den Schein des Vorsatzes 
hervorbringen, ist jedoch mit diesem nicht zu verwechseln.« 



— 21 



»...Solchen Sophistikationen der Philosophen entsprechend 
finden wir, auf dem populären Wege, die Eigenheit mancher 
Sprachen, namentlich der deutschen, daß sie für das Essen, Trinken, 
Schwangersein, Gebären, Sterben und den Leichnam der Tiere 
ganz eigene Worte haben, um nicht die gebrauchen zu müssen, 
welche jene Akte beim Menschen bezeichnen, und so unter der 
Diversität der Worte die vollkommene Identität der Sache zu ver- 
stecken. Da die alten Sprachen eine solche Duplicität der Aus- 
drücke nicht kennen, sondern unbefangen die selbe Sache mit dem 
selben Worte bezeichnen, so ist jener elende Kunstgriff ohne 
Zweifel das Werk europäischer Pfaffenschaft, die, in ihrer 
Profanität, nicht glaubt weit genug gehen zu können im Ver- 
Seugnen und Lästern des ewigen Wesens, welches in allen Tieren 
iebt; wodurch sie den Grund gelegt hat zu der in Europa üblichen 
Härte und Grausamkeit gegen Tiere, auf welche ein Hqchasiate 
nur mit gerechtem Abscheu hinsehen kann .... Die alten Ägypter, 
deren ganzes Leben religiösen Zwecken geweiht war, setzten in 
den selben Grüften die Mumien der Menschen und die der Ibisse, 
Krokodile u. s. w. bei: aber in Europa ist es ein Greuel 
und Verbrechen, wenn der treue Hund neben derRuhe- 
stätte seines Herrn begraben wird, auf welcher er bis- 
weilen, aus einer Treue und Anhänglichkeit, wie sie 
beim Menschengeschlechte nicht gefunden wird, seinen 
eigenen Tod abgewartet hat.« 

»...So einem occidentalischen, judaisierten Tier- 
verächter und Vernunftidolater muß man in Erinnerung 
bringen, daß, wie Er von seiner Mutter, so auch der Hund von 
der sein igen gesäugt worden ist.« 

». . . In seiner 1838 zu Bombay erschienenen Reise erzählt 
er (Wilhelm Harris), daß, nachdem er den ersten Elephanten, 
welches ein weiblicher war, erlegt hatte und am folgenden Morgen 
das gefallene Tier aufsuchte, alle anderen Elephanten aus der 
Gegend entflohen waren: bloß das Junge des gefallenen hatte die 
Nacht bei der todten Mutter zugebracht, kam jetzt, alle Furcht 
vergessend, den Jägern mit den lebhaftesten und deutlichsten 
Bezeugungen seines trostlosen Jammers entgegen, und umschlang 
?ie mit seinem kleinen Rüssel, um ihre Hülfe anzurufen. Da, sagt 
Harris, habe ihn eine wahre Reue über seine Tat ergriffen und 
sei ihm zu Mute gewesen, als hätte er einen Mord begangen .... 
Zum Ruhme der Engländer sei es gesagt, daß bei ihnen zuerst das 
Qe?etz auch die Tiere ganz ernstlich gegen grausame Behandlung 
in Schutz genommen hat, und der Bösewicht es wirklich büßen 
muß, daß er gegen Tiere, selbst wenn sie ihm gehören, gefrevelt 
hat. Ja, hiemit noch nicht zufrieden, besteht in London eine zum 
Schutz der Tiere freiwillig zusammengetretene Gesellschaft, Society 



99 



for the prevention of cruelly to animals, welche, auf Privatwegen, 
mit bedeutendem Aufwände, sehr viel tut, um der Tierquälerei 
entgegen zu arbeiten. Ihre Emissarien passen heimlich auf, um 
nachher als Denunzianten der Quäler sprachloser, empfindender 
Wesen aufzutreten, und iiberall hat man deren Gegenwart zu 
befürchten. 'Wie ernstlich die Sache genommen wird, zeigt das 
folgende ganz frische Beispiel, welches ich aus dem Birmingham- 
Journal vom Dezember 1839 übersetze: .Gefangennehmung 
einer Gesellschaft von 84 Hundehetzern. — Da man er- 
fahren hatte, daß gestern auf dem Plan in der Fuchsstraße zu 
Birmingham eine Hundehetze Statt finden sollte, ergriff die 
Gesellschaft der Tierfreunde Vorsichtsmaßregeln, um sich der Hülfe 
der Polizei zu versichern, von welcher ein starkes Detachement 
nach dem Kampfplatze marschierte und, sobald es eingelassen 
worden, die gesamte gegenwärtige Gesellschaft arretierte. Diese 
Teilnehmer wurden nunmehr paarweise mit Hand- 
schlingen aneinandergebunden und dann das Ganze 
durch ein langes Seil in der Mitte vereinigt: so wurden 
sie nach dem Polizeiamt geführt . . . .' Aber ein noch 
strengeres Exempel aus neuerer Zeit finden wir in den Times 
vom 6. April 1855, S. 6, und zwar eigentlich von dieser Zeitung 
selbst statuiert. Sie berichtet nämlich den gerichtlich gewordenen 
Fall der Tochter eines sehr begüterten Schottischen Baronets. 
welche ihr Pferd höchst grausam, mit Knüttel und Messer, gepeinigt 
hatte, wofür sie zu 5 Pfund Sterling Strafe verurteilt worden war .... 
,Wir können nicht umhin, zu sagen, daß ein paar Monat Gefängnis- 
strafe, nebst einigen, privatim, aber vom handfestesten Weibe im 
Hampshire applizierten Auspeitschungen eine viel passendere 
Bestrafung der Miss N. N. gewesen sein würde. Eine Elende dieser 
Art hat alle ihrem Geschlechte zustehenden Rücksichten und Vor- 
rechte verwirkt: wir können sie nicht mehr als ein Weib be- 
trachten.' — Ich widme diese Zeitungsnachrichten besonders den 
jetzt in Deutschland errichteten Vereinen gegen Tierquälerei, damit 

sie sehen, wie man es angreifen muß, wenn es etwas werden soll ) 

Bei steilen Brücken in London hält die Gesellschaft 
ein Gespann Pferde, welches jedem schwer beladenen 
Wagen unentgeltlich vorgelegt wird. Ist das nicht 
schön? Erzwingt es nicht unsern Beifall, so gut 
wie eine Wohltat gegen Menschen?« 

». . . Daher bietet der Anblick jeder Tiergestalt uns eine 
Ganzheit, Einheit, Vollkommenheit und streng durchgeführte 
Harmonie aller Teile dar, die so ganz auf seinem Grundgedanken 
beruht, daß beim Anblick, selbst der abenteuerlichsten Tiergestalt, 
es Dem, der sich darin vertieft, zuletzt vorkommt, als wäre sie 
die einzig richtige, ja mögliche, und könne es gar keine andere 
Form des Lebens, als eben diese, geben.« 



— 23 



». . . Für das Bedürfnis aufheiternder Unterhaltung und um der 
Einsamkeit die Öde zu benehmen, empfehle ich hingegen die 
Hunde, an deren moralischen und intellektuellen Eigenschaften 
mau fast allemal Freude und Befriedigung erleben wird.« 

». . . Auf dem zuerst Gesagten aber beruht unsere Freude 
an Hundeii., Affen, Katzen u. s. w.: die vollkommene Naivität 
aller ihrer Äußerungen ist es, die uns so sehr ergötzt. — Welchen 
eigentümlichen Genuß gewährt doch der Anblick jedes freien 
Tieres, wenn es ungehindert für sich allein sein Wesen treibt, 
seiner Nahrung nachgeht, oder seine Jungen pflegt, oder zu anderen 
seines Gleichen sich gesellt u. s. w. Dabei so ganz was es sein 
soll und kann. Und sei es nur ein V^ögelein, ich kann ihm lange 
mit Vergnügen zusehn; — ja einer Wasserratte, einem Frosch: 
doch lieber einem Igel, einem Wiesel, einem Reh oder Hirsch! — 
Daß uns der Anblick der Tiere so sehr ergötzt, beruht hauptsächlich 
darauf, daß es uns freut, unser eigenes Wesen so sehr verein- 
facht vor uns zu sehn. - Es gibt auf der Weltnur ein lügen- 
haftes Wesen: es ist der Mensch. Jedes andere ist wahr und 
aufrichtig, indem es sich unverhohlen gibt als das, was es ist, 
und sich äußert, wie es sich fühlt. Ein emblemaiischer, oder alle- 
gorischer Ausdruck dieses Fundamentalunterschiedes ist, daß alle 
Tiere in ihrer natürlichen Gestalt umhergehn, was viel beiträgt 
zu dem so erfreulichen Eindruck ihres Anblicks, bei dem mir, 
zumal wenn es freie Tiere sind, stets das Herz aufgeht; — während 
der Mensch durch die Kleidung zu einem Fratz, zu einem Monstrum 
geworden ist, dessen Anblick schon dadurch widerwärtig ist, und 
nun gar unterstützt wird durch die ihm nicht natürliche weiße 
Farbe, und durch alle die ekelhaften Folgen widernatürlicher 
Fleischnahrung, spirituoser Getränke, Tabacks, Ausschweifungen 
und Krankheiten. Er steht da als ein Schandfleck der 
Natur! .. .« 

>Eine große Menge schlechter Schriftsteller lebt allein von 
der Narrheit des Publikums, nichts lesen zu wollen, als was heute 
gedruckt ist: — die J o u r n a 1 i s t e n. Treffend benannt! Ver- 
deutscht würde es heißen ,Tagelöhner'.< 

>. . . diese letzte Klasse aller Druckschreiber, welche für den 
Tag, auf den Tag, in den Tag hinein schreibt. Ich habe sie schon, 
in dieser Hinsicht, der polizeilichen Aufsicht empfohlen.« 

». . . Daher auch sind alle Zeitungsschreiber, von Handwerks 
wegen, Allarmisten: dies ist ihre Art sich interessant zu machen. 
Sie gleichen aber dadurch den kleinen Hunden, die bei Allem, 
was sich irgend regt, sogleich ein lautes Gebell erheben.« 



— 24 — 

Glossen 

Es war die Nachtigall und nicht die Lerche 

»Unser Brüsseler Korrespondent schreibt uns vom 24, d. : 
Ein an der Yserfront stehender belgischer Soldat, der in diesen 
schönen Maientagen des Nachts am Saume eines Waldes Wache stand, 
vernahm stundenlang den prächtigen Triller einer Nachtigall und ent- 
zückte sich an ihren Klängen. Ringsum erscholl ein furchtbarer Kanonen- 
donner, denn die deutsche Artillerie beschießt Tag und Nacht das 
belgische Lager an der Yser und die belgische Artillerie beantwortet den 
deutschen Geschoßregen mit der größten Kraft. Dieser ohrenzerreißende 
Kriegslärm, der den in einsamer Wacht stehenden Soldaten bis ins 
Mark erschütterte, schien dem gefiederten Sänger keinerlei Beängstigung 
zu bereiten. Der kleine Waldvogel kümmerte sich um den gewaltigen 
Völkerkrieg nicht im mindesten und ließ seine Arien los, als herrschte 
tiefster Friede im Walde in dieser herrlichen, vom Monde beschienenen 
Frühlingsnacht.« 

Sie sang des Nachts auf dem Granatbaum dort . . . 

« * 

* 

Mir nicht unbekannt 

»In einer Rede, die Vandervelde im Mai in Ronen gehalten hat, 
machte er folgende Bemerkungen: . . . Der Krieg hat so vollständig 
seinen Charakter verändert, daß man ihm nicht durch Bedingungen, 
die nach der Vergangenheit berechnet sind, ein Ende setzen könnte. 
Die größte Beachtung muß man vielmehr der Tatsache widmen, daß 
die ganze Zivilisation ein Opfer der Wissenschaft geworden 
ist, die sie geboren und genährt hat .... Die Festungen sind 
keine Hindernisse mehr. Die Tiefen des Meeres schützen die Todes- 
maschinen, die unbemerkt eine Flotte im Zeitraum einer Nacht zerstören 
können. Die Luft wie der Schoß des Meeres öffnen den Weg für 
Maschinen, die in Brand stecken und die töten. Auf der Erde bedroht 
die noch in ihren Anfängen steckende militärische Chemie ganze 
Regionen mit Erstickung und Vergiftung. Die drahtlose Elektrizität hat 
noch ihr militärisches Ideal zu verwirklichen, das darin besteht, auf 
Entfernungen hin Munitionsdepots, Werkstätten, selbst Städte in die 
Luft zu sprengen; aber sie kann es morgen verwirklichen, sie ist auf 
dem Wege zu diesem Erfolg I ... Es handelt sich deshalb darum, den 
»tollen Hundt für immer zu bändigen, der die Welt bedrohe, die 
Wissenschaft, die in den Dienst der Zerstörung gestellt 
ist, einer strengen Disziplin zu unterwerfen, in der ganzen Welt die 
Mittel des Kollektivmordes zu verbieten, die Mechanik und die Chemie 
den Werken des Friedens zuzuführen!« 



— 25 — 



(Eine Königin über den Krieg.) Für eine von dem Vizepräsi- 
denten der Kammer, Jon Filipescu, neu gegründete rumänische Zeit- 
schrift hat Königin Marie einen Beitrag geliefert; sie schreibt: >Im 
gegenwärtigen Kriege rächt sich die iVlascliine am Mensch en. 
Der Mensch dünkte sich als Herr der Welt. Da erhoben sich gegen 
ihn seine eigenen Erfindungen, um ihm noch einmal zu zeigen, wie 
klein er in Wh-kiichkeit jetzt einer Macht gegenübersteht, die er selbst 
entfachte und nun nicht mehr beherrschen kann. Es gibt keinen 
Menschen von Fleisch und Blut, und sei er auch ein noch so großer 
Held, der sich mit dem messen könnte, was menschliches Gehirn ge- 
schaffen hat, um den Mitmenschen zu vernichten. Sein eigenes Werk 
erhebt sich gegen ihn und entreißt seiner Hand den Sieg. Der Mensch 
hat Dinge erfunden, die stärker sind als seine Macht. Heute lernt der 
Mensch die Wahrheit kennen, daß seine Kraft eine beschränkte ist.< 

Wenn Sozialisten und Königinnen am 1. August 1914 mich 
interviewt hätten, wäre ihnen manche Überraschung erspart ge- 
bh'eben. Aber auch schon vorher hätte ich ihnen bei mir Buch- 
einsicht gewährt. ^ ^ 

* 

Die Zeit ist also doch groß 

Europa ist heldenhaft .... Zur Stunde, wo sich aller Nationen 
Heldenkraft zerstörend aneinander abmüdet, geht dem Gedankenlosesten 
ein Begriff davon auf, welch titanische Kraft in diesem bald kleinsten 
Teile der Erde aufgespeicheit war. Sie abzumessen oder auszudenken 
geht über unser Vermögen. Die Schlachten von Karkemisch und den 
Katalaunischen Gefilden sind gegen das Ringen um Verdun oder 
die Strypa ein Kinderspiel gewesen. Der Blutstrom dieser zwei Jahre 
hat die gesamte Ritterromantik des Mittelalters und alle Heldenlegenden 
des Altertums ersäuft, unsere militärische Vorgeschichte verschrumpft 
ins Unbeträchtliche. Feueresse und Steinhagel des Doberdo, Gas- und 
Flammenschwaden und Geschoßregen von Verdun oder Czernowitz 
unterwerfen das Häuflein Warmblut, das sich Mensch nennt, einer 
grimmigeren Nerven- und Willensprobe als alle zwölf Versuchungen 
des Herkules zusammen .... Wer hätte geahnt, wessen der Europäer 
fähig ist! Welch kühnstes Unternehmen ist noch auszudenken, das wir 
ihm niciit zumuten dürften! 

Und diese Kunst der Organisation! Von unseren Altvordern 
wurde erzählt, daß es der Ruhm der Häuptlinge war, eine große 
Gefolgschaft wehrhafter Männer um sich zu sammeln. Die Gefolgschaften 
der Großen mochten in die Hunderte zählen — der abdankende 
Lear bedingt sich hundert Ritter aus. Die gesteigerte Zucht 
immer größerer Staatswesen versammelt Heergefolge von 
mehreren Millionen Menschen! Die Sage der Vorfahren knüpft 
den Sieg an ein berühmtes Schlachtroß, ein wunderbares Schwert, eine 
geweihte Lanze. Die Wunder der Vorwelt hat die Wissenschaft über- 
boten: Jene alten Wunder werden kindische Märchen, die Wirklichkeit 



26 — 



von heule aber wird zum unfaßbaren Wunder. Die quelll<lare Verstandes- 
arbeit, die Wissenschaft, ist beinahe zur mythischen Gewalt, zum unent- 
rätselbaren Dämon geworden. Niemals hat der Keil des Donnergottes 
solche Verheerungen angerichtet wie eines unserer Riesengeschosse 
Menschen, Kinder der Scholle, tauchen in die Weltmeere und durch- 
kreuzen sie unsichtbar, heben sich in Firnhöhe und kreisen über 
Türmen und Burgen so sicher und rascher als der Adler! Das alte 
Wort, der Mensch vermöge seines Leibes Maß doch keine Elle hinzu- 
zufügen, ist nun sichtlich absurd geworden. Denn des Menschen Arm 
langt hoch über Bergeshöhen, indes sein Fuß über Meeresgründe 
dahinschwebt. 

Der Mensch ist gewaltig .... 

Das Steht in der Arbeiter-Zeitung. Aber nicht zitiert, sondern 
geschrieben. Sie sei deshalb mit Quellenangabe zitiert. 



Auch du, mein Sohn Brutus 

. . . Was wollen Sie sehen? Was interessiert Sie besonders? Ich 
bitte die Herren sich alles anzuschauen, sich über alles zu unterrichten, 
sprechen Sie, bitte, auch mit den Mannschaften, es würde mich 
freuen, wenn die Herren sich über die Verhältnisse an der Front 
erkundigen und mir Ihre Meinung sagen. Mit solcher Aufforderung 
entließ uns Exzellenz v. F., Kommandant der . . R. Division. . . . 

Von der , Arbeiter-Zeitung', .^us ihr zitiert, nicht von ihr! 



Kriegsausstellung 



Im Pavillon der Kunstausstellung 
des Kriegspressequartiers begrüßte 
der Vorstand des Kriegspresse- 
quartiers und Direktor des Kriegs- 
archivs Generalmajor Maximilian 
Ritter v. Hoen den Erzherzog und 
stellte sich ihm zur Führung in 
dieser Abteilung zur Verfügung. In 
diesem Pavillon hatte sich ein 
großer Teil der Maler und 
Künstler des Kriegspresse- 
quartiers eingefunden, die sich 
beim Rundgang des Erzherzogs 
den ihn begleitenden Persön- 
lichkeiten anschlössen. 



Großes Interesse erregte das 
Konzert des Prothesenorche- 
sters, das aus 40 einarmigen 
Musikernbesteht, diemitden 
künstlichen Armen ihre In- 
strumente vorzüglich zu mei- 
stern verstehen und die schwie- 
rigsten Vortragsstücke künstlerisch 
interpretieren. Ungemein wirksam 
war abends die Beleuchtung 
des »Karstes« und des Kampf- 
vorfeldes durch die elektrischen 
Riesenscheinwerfer. Die »Tiroler 
Soldatenzeitungc, die in der im 
Blockhause der genannten Zeitung 
befindlichen Druckerei gleichsam 
vor den Augen das Aus- 
stellungspublikums gedruckt 
wird, fand reißenden Absatz. 



27 



Und zur > Eröffnung« dieses wurde ich eingeladen! Nämlich 
die »Redaktion der Fackel«. Aber eine solche gibts nicht. Sie tritt 
nur in Funktion, um Einladungen zurückzuschicken, damit 
wenigstens Strafporto auf den Versuch gesetzt sei. Der ausgestellte 
Krieg! Ich würde eine Friedensausstellung besuchen, in der aber 
nichts zu sehen sein dürfte als aufgehängte Kriegsgewinner, die 
Helden des Geldkriegs, die, als das Vaterland rief, verstanden 
haben : Jetzt heißt es sich zusammenscharren ! Oder gäbs kein 
Entree mehr für so etwas, weil die Ausgestellten alles hätten? In 
eine Kriegsausstellung, in der sie Aussteller sind, gehe ich keineswegs. 
Gleichsam vor meinen Augen soll die »Tiroler Soldatenzeitung« 
gedruckt werden? In der Beleuchtung des »Karstes«, im Lichte 
der Riesenscheinwerfer sollte ich die Parasitenschaft Wiens erkennen 
müssen? Die allerentsetzlichste Schaustellung eines »Protheseo- 
orchesters« — welchen Clou wird die Antimenschheit noch er- 
sinnen? - sollte ich betrachten und im grimmen Kontrast dazu die 
Versammlung jener anderen Künstler, die schlechte Maler geworden 
wären, auch wenn sie ohne Arme auf die Welt gekommen wären. Wie 
unnennbar ist das alles, wenn man sich nur vorstellt, daß es aus- 
gestellt werden kann! Lockte die Menschheit nicht doch noch 
mehr eine Kriegs-Einstellung? Ich würde die Einladung annehmen. 



Was in der Kriegsausstellung fehlt 

Der jetzt 28 Jahre alte Ingenieur und Chemiker Theodor v. 
Friedberg hatte sich bei Beginn des Krieges freiwillig zum Militär 
gemeldet. Er kam nach der Ausbildung an die Front und erhielt in 
einem Gefecht vier Schüsse in das linke Knie. Das Bein wurde 
steif und kürzer, so daß Friedberg jetzt nur mühselig mit Stöcken 
gehen kann. Überdies erlitt er infolge des Luftdrucks einer Granate 
eine Nervenerschütterung und er ist seit diesem Unglück Epi- 
leptiker. Während seiner Dienstzeit ist er Korporal geworden. Im 
vorigen Jahre wurde Friedberg als zu jedem Militärdienst ungeeignet 
und bürgerlich erwerbsunfähig aus dem Heeresverband entlassen. 
Es wurde ihm die gesetzliche Invalidenpension von sechs Kronen 
monatlich vorläufig auf die Dauer von zwei Jahren angewiesen 
und vielleicht noch ein paar Kronen Verwundungszulage. Am 
10. Juni d. J.' kam der Kriegskrüppel in einer Korporalsbluse zu 



— 28 



dem ihm von früher her bekannten Chemiker Selig mann, Besitzer 
der Fettstoffabrik Karl Seligmann, und bat ihn mit Hinweis auf sein 
großes Elend um irgend eine Arbeit. Seligmann hatte bereits früher 
einmal gegen Friedberg eine Anzeige wegen unbefugten Tragens 
der Uniform erstaltet und er ließ jetzt den Kriegskrüppel 
durch einen Wachmann verhaften. Gestern war der Unglückliche 
wegen unbefugten Tragens der Korporalsuniform vor dem Bezirksgericht 
Josefstadt angeklagt. Bezirksrichter Dr. Pohl gestattete ihm, sich sitzend 
zu verantworten. Friedberg gab an, daß er in der Zukunft einmal 
die Aussicht auf ein Majorat habe, jetzt aber außer seiner Invaliden- 
pension kein Einkommen habe, da er wegen seines Körperzustandes 
nirgends Arbeit finden könne. Er habe nach seiner Entlassung aus dem 
Heeresverband die Militäruniform weiter getragen, weil er sich keine 
Zivilkleidung kaufen könne. — Der Richter sprach den Ange- 
klagten frei, denn dieser habe unter unwiderstehlichem Zwange ge- 
handelt, wenn er den Soldatenrock, in dem er dem Vaterland seine 
Gesundheit und seine Arbeitsfähigkeit opferte, so lange getragen habe, 
bis er in der Lage ist, sich Zivilkleider anzuschaffen. — Der Ange- 
klagte nahm das Urteil unter Dankesbezeugungen entgegen. Als er aus 
dem Saale hinaushumpelte, drehte er sich um und sagte zum Richter : 
>Aber schön war das nicht von Herrn Seligmann 1« 

Wie ist das alles nur möglich, da es doch nicht vorgestellt 
werden kann? Wenn alles andere möglich war, dort der Krieg 
und hier die Anzeige, wie kann darüber zu Gericht gesessen 
werden? Wie ist da ein einfacher Freispruch möglich? Was 
geschieht mit dem Anzeiger? Das Delikt ist doch die Anzeige. 
Warum wird darüber nicht verhandelt? Wie kann das, was uns 
als der Inbegriff des Frevelhaften erscheinen muß, Inhalt einer 
Klage sein und am Gericht vorüberkommen? Der dort soll Armee- 
lieferant sein. Warum läßt der Kriegskrüppel den Armeelieferanten 
nicht verhaften? Warum ist das so? Warum tun sie das? Warum 
gibt es das? Warum gibt es das nicht in der Kriegsausstellung? 
Wie werden wir, wenn wir diesen Krieg überleben, diese Anzeige 
überleben? Wie ist das alles nur möglich? . . . Aus dem fernsten 
Winkel der Erinnerung, zwischen Schlaf und Wachen, unter 
dem Druck eigenen Schicksals stürmen die Dostojewski-Menschen 
solche Fragen an. Uns müssen sie auf der Ringstraße und bei 
jedem Blick in die Zeitung packen. Langt keine Hand herunter, 
die dem Spuk ein Ende macht? Warum gibt es das alles? Warum 
tun sie das? Wie ist, wie war — wie wird das alles möglich sein ! 



— 29 



Das Ziel 

»Viel haben uns in dieser Beziehung die Bestrebungen der 
Krüppelfürsorge in Friedenszeiten gelehrt. Schon bisher waren wir 
bestrebt .... aus einem bedrückten und abhängigen einen selb- 
ständigen, eigene Werte schaffenden Menschen, aus einem 
A Im osene mpfänger einen Steuerzahler zu machen. So 
sind wir auch heute am Werke, durch Rat und Tat den Kriegs- 
verstümmelten — — « 



Das hat Hand und Fuß 

Verbrecherzunahme in Italien 

Berlin, 18. April. (Tel. des „Fremdenblatt".) ... Die Zahl der 
Verbrechen gegen Leben und Eigentum steigt in Italien fortdauernd und 
selbst hohe Staatsbeamte und Offiziere gehören unter 
die Schuldigen. So wurde heute wieder von der Ermordung 
des Steuereinnehmers von Palermo berichtet. 



Das Gesellschaftsspiel 

»Twells Brex, der beliebte Feuilletonist der , Daily Mail', schreibt 
Folgendes über die englischen , Munitionsritter', die merkwürdigen 
Existenzen, die aus der namenlosen Menge hervorgingen und den Krieg 
als erstklassiges Gelegenheitsgeschäft auszunützen wußten. ,Die Munitions- 
macher sind die neuen Herren Englands, kein Einberufungsbefehl droht 
ihr üppiges Leben zu stören, und alles ist ihnen Untertan. Die Juweliere 
machen ganz unerwartete Geschälte, und die Munitionsritter und ihre 
Familien wandeln beringt und mit Kostbarkeiten geschmückt wie 
orientalische Märchenfürsten umher. . . Überall stößt man sich an der 
Unbildung, Protzenhaftigkeit und unpatriotischen Rücksichtslosigkeit dieser 
neuen Herrenklasse. Auf den behördlichen Anschlägen kann man lesen, 
daß das Automobilfahren zum Vergnügen gegenwärtig aus Gründen des 
Krieges unterlassen werden müsse; aber auf allen Landstraßen in der 
Umgebung Londons sieht man eine Unzahl kostspieliger Autos, in denen 
die Munitionsritter sich stolz und sorglos dem Volke zeigen. Auf den 
behördlichen Anschlägen ist weiterhin zu lesen, daß auffallende Kleidung 
nicht nur geschmacklos, sondern gegenwärtig wegen der hierzu ver- 
wendeten Materialien auch höchst unpatriolisch sei; aber die Frauen der 
Munitionsunternehmer hüllen sich in Seiden und teure Stoffe und bringen 
auf ihren Hüten wahre Türme exotischer Federn an. Es ist ein Karneval 
der Geschmacklosigkeit und des Egoismus, nichts ist tadelnswerter und 
verächtlicher als diese neue Gesellschaftsklasse, die dem öffentlichen 
Leben Englands ein bisher unbekanntes Gepräge verleiht . . . '< 



30 — 



Der Unterschied ist nur, daß die dortigen beliebten Feuille- 
tonisten es sagen, und daß es dem hiesigen öffentlichen Leben 
kein bisher unbekanntes Gepräge verleiht, weil wir mit Recht behaupten 
können, daß sich unser Geschmack durch den Krieg nicht ver- 
schlechtert hat. 



Sehn S', so heiter is das Leben bei uns — in Petersburg! 

»Aus den Berichten von Leuten, die sich In der letzten Zeit in 
Petersburg aufgehalten haben, und aus Privatbriefen, die von dorther 
kommen, gewinnt man den Eindruck, daß man sich in Petersburg nur 
von dem einen Gedanken leiten läßt: genießen, genießen, soviel als 
möglich, was natürlich dazu nötigt, soviel als möglich zu verdienen. 
Trotz der unerhörten Teuerung gibt es Geld wie Mist, die Theater sind 
überfüllt .... Das Leben ist mindestens doppelt so teuer geworden 
und jede Annehmlichkeit oder irgend ein Luxus kostet das Dreifaciie . . . 
Man sollte glauben, daß der Platz dieser eleganten Jünglinge eher an 
der Front wäre, aber scheinbar bereitet ihnen die Verteidigung von 
Mütterchen Rußland keine Unruhe. Dazu ist doch der graue namenlose Haufe 
der Muschik da, die dort irgendwo an der Front unter dem Hagel der 
Geschosse fallen. 

In Petersburg denkt man darüber nicht nach, dort machen die 
Leute nur Geschäfte .... Man spricht nur von Geschäften, Lieferungen, 
Transporten usw. Alle sind fieberhaft tätig .... Rings um den Krieg 
und die Goldquelle der Lieferungen haben schon viele geschickte, aber 
wenig skrupulöse Macher massenhaft Geld verdient, Leute, die gestern 
noch niemand kannte und die heute sich in den erstklassigen Restaurants, 
bei Premieren und in allen Lokalen, in denen die verrückt gewordene 
leichtsinnige Hauptstadt sich vergnügt, herumtreiben .... Noch nie 
haben die Juweliere solche Geschäfte gemacht. . . . Auf dem Petersburger 
Gesellschaftshorizont tauchen neue unbekannte Namen auf, neue Leute, 
die ihr Haus auf großem Fuße führen. Für sie ist der Krieg kein Elend, 
er bringt ihnen nicht Trauer, sondern nur Geld, das man um jeden 
Preis sich beschafft, durch Verrat, Betrug, Veruntreuungen und vielleicht 
auch für Blut. 

Petersburg tobt. Der Krieg scheint aus der lustigen, sich an 
Vergnügungen berauschenden Stadt verbannt zu sein. Seine Spuren sind 
bloß in den Sälen der Spitäler zu finden und in den Gäßchen der 
Vorstädte, in denen das Elend haust, schrecklicher als jemals zuvor. . . . 
Aber diese dumpfen Schatten beeinträchtigen nicht die Stimmung des 
lebenslustigen Petersburg, das sich weiter unterhält und vom Kriege mit 
Geringschätzung spricht und ihn mit der Bemerkung abtut: Es wird 
schon gehen I ...» 



— 31 — 



Geldadel in England 

Nach unermüdlichen Bemühungen ist es William Waldorf-Astor, 
dem amerikanischen Nabob, der in England lebt, gelungen, dort geadelt 
zu werden .... Im Jahre 1899 wurde er britischer Staatsbürger und 
seither war sein ganzes Sinnen und Trachten auf die Erwerbung des 
Adels gerichtet. Er verschenkte Millionen von Dollars an Stiftungen, 
die unter dem Protektorat des Königs standen. Aber König Eduard 
dachte gar nicht daran, auf die Wünsche des Multimillionärs einzu- 
gehen .... In den amerikanischen Blättern liest man jetzt eine aus- 
führliche Zusammenstellung der Beträge, die Astor geopfert hat, um 
den Adel zu erreichen: 17 Millionen Mark an die Torypartei, 22 Millionen 
Mark für die ,Pall Mall Gazette', 10 Millionen Mark .für Krankenhäuser 
und Wohltätigkeitseinrichtungen, 4 Millionen Mark für Feste, die er 
seinen königlichen Gästen zu Ehren gab, 4 Millionen Mark an ein- 
flußreiche Politiker, 6 Millionen Mark zur Linderung der Kriegsnot, 
zusammen 63 Millionen Mark .... 

>0b man einen Moment Ruh hätt! Können Sie nicht lesen, 
daß hier Betteln und Hausieren verboten is?< »Ja, aber einen 
schönen Adel hätt ich!« >Kostet?« >150.000.< >Nicht zu machen. 
60.000!« »Kost' mich selbst so viel. 90.000!< »Ausgeschlossen, 
70.000!« >Bitt Sie, Sie werden sich doch nicht herstellen, ein 
Mann wie Sie!« >Also 80.000!« »Gemacht, Herr von Abeles!« 



Feudales 

... die Vermählung des k. u. k. Kämmerers und Herrenhaus- 
mitgliedes Karl Grafen von Abensperg und Traun mit Karoline 
Gräfin Nostitz-Rieneck statt. . . . Als Trauzeugen fungierten die 
Geheimen Räte Rudolf Graf von Abensperg und Traun und Anton 
Graf Ludwigstorff, Feldmarschalleutnant Graf Albert Nostitz und 
Geheimer Justizrat Regierungsrat Dr, Adolf Edler v. Bachrach. 



Es bleibt alles beim Alten 

Den Herren Karl, Emil und Adolf Kohn, Söhnen des ver- 
storbenen Herrn N. J. Kohn, Kaufmannes in Prag, Obstgasse 7, wurde 
von der Statthalterei die Annahme des Familiennamens »Kienzl« bewilligt. 

Der Familie Kienzl, die in Literatw und Musik das deutsch- 
österreichische Wesen verkörpert und daher eine natürliche Inklination 
zum Namen Kohn hat, wird die Statthalterei wohl auch keine 
Schwierigkeiten in den Weg legen. 



— 32 — 



Haben Sie nicht den jungen Rothschild gesehn? 

>Der glückliche Besitzer des Derbysiegers, Baron Alfons Rothschild, 
der sich zur Zeit im Felde, und zwar bei der Armee Dankl, befindet, 
hat die Nachricht von dem Erfolge seiner Farben sehr rasch erhalten, 
denn man konnte ihm dieselbe telephonisch übermitteln.« 

>Mit lautem Beifall wurde der Sieger bei der Rückkehr zur 
Wage begrüßt, freudestrahlend nahm Baronin Rothschild in Begleitung 
Barons Twickel die Glückwünsche entgegen. Baron Alfons Rothschild 
selbst war nicht anwesend, er hatte sich zum Kurgebrauch nach dem 
Süden begeben.« 

Die Zeit wird immer größer. Opfer und Strapazen 
genug, sich jetzt zum Kurgebrauch nach dem Süden begeben. 
Aber im Feld sein und vom Hinterland zum Telephon gerufen 
werden können — das muß das Schwerste sein. Ich habe manchen 
werten Freund bei der Armee Dankl, wie oft dachte ich mir, 
hier ist ein Telephon, Lokalverbindungen sind ja unmöglich, aber 
wie schön wär's, du könntest jetzt — wozu gibt's denn diese ver- 
fluchte Technik — schnell erfahren, ob dieser gute Mensch, der 
keineswegs zum »Stürmen« geboren war, es heil überstanden hat 
und ob er es nicht wenigstens nötig hätte, im Süden, wohin er sich 
nun schon einmal begeben hat, zum Kurgebrauch zu bleiben. Sicher 
ist, daß er beides zugleich nicht vermöchte, und das Telephon 
sagt nicht, wie er sich entschieden hat. Aber dem Derbysieger im 
Weltkriegistdie Welt offen wie eh und je, und wenn auch in ihr an 
einem Tag mehr Geld verpulvert wird als der Rothschild im Ver- 
mögen hat, der Name des Herrn, der der Welt zum erstenmal die 
Ehrfurcht vor der Milliarde beigebracht hat, sei gepriesen. 



Also doch 

Rußland? Nein: 

Das Derby. 

Sanskrit — Sieger. 

Also doch. Schon vor einigen Wochen hub das Geflüster an 
und wurde immer lauter: Sanskrit macht das Derby. Warum, wußte 
man nicht. Aus jedem Strauß, den der Rothschildsche Hengst bisher mit 



33 



den anderen Derbykandidaten ausgef ochten hatte, war er geschlagen 
zurückgekehrt. Er zog gegen Przemysl den kürzeren und mußte 
sich vor Fuvolas beugen .... Man konnte also den Anhängern 
Sanskrits nichts Positives entgegenhalten. Schließlich: warum sollte 
der Rothschildstall nach so langer Zeit nicht wieder ein Derby gewinnen? 

Warum nicht — von mir aus! 

Dazu kam der heillose Wirrwarr auf dem Wettmarkt. Die 
Favorits wechselten von Tag zu Tag. Zuerst war es um die falschen 
Götzen des Vorjahres geschehen. Celsius, Quargel, Bankar öcscse 
brachen kläglich zusammen und ihre Namen zerstoben wie Spreu 
im Wind. 

Was besonders bei Quargel sympathiscli ist. 

Dann kam ein längeres Vakuum ohne Favorits, als die Derby- 
vorproben dieses Jahres neue Kandidaten in die Höhe brachten : 
Przemysl und Fuvolas. Zu ihnen gesellte sich in letzter Minute Parsifal 
aus dem Dreherstall .... 

Also Parsifal kommt aus dem Dreherstall und Sanskrit 
lernt man bei Rothschild. »Glaukopis« sagte einmal einer neben 
mir, der zu ihr paßte wie die Faust auf ihr schönes Auge, und 
ich verstand erst allmählich, daß man heute auf eine Göttin einen 
»Tip« haben kann. Sollte diese Gesellschaft nicht gezwungen 
werden können, lieber doch bei Quargel zu bleiben ? Dieser heil- 
lose Wirrwarr auf dem Wettmarkt, dieses unsichere Tipen zwischen 
Götter, Helden und Napagedl müßte endlich ein Ende haben, 
damit nicht Kinder und Kindeskinder die heroische Nebenbedeutung 
gewisser Namen vergessen und sich dereinst nur erinnern, daß 
Sanskrit das Derby »gemacht« hat. Gewiß steht ein edles Rennpferd 
turmhoch über seinem Besitzer; aber der Übermut, zu dem der 
Name Rothschild berechtigt, ist bei weitem noch kein Grund, 
Sanskrit in die hunderttausend üblen Münder eines Renntags 
zu bringen. Weg damit! 



Gottes Allmacht und die Realitäten 

In einer und derselben Prager Zeitungsnummer erläßt ein 
Patriot, Klassiker und Wohltäter der Menschheit die folgende 
Kundmachung : 



und diese: 



34 — 



Bestellungen 

werden entgegengenommen 
auf das 

Buchdrama 
»Allmacht Oottes« 

und von 

Sr. Majestät 
huldvollst angenommenen 
Buchdramas 

»Edler Monarch«, 
zusammen 5 K, wovon 10 o/o 
blinden Soldaten und 8 "/o 
Witwen und Waisen über- 
tragen werden, vom Verfasser 

Carl A If ons Klein, 
Besitzer Allerh. belob. Aner- 
erkennungen, zw. belob. An- 
erk. für Lebensrettungen, 
k. u. k. Kriegs- Jub. -Med, 
Prag, Tuchmachergasse 14. 

Realitäten 

Mehrere Millionen 
für Finanzierungen, 
Darlehen, Transaktionen, 
Umwandlungen, 
Kauf, Verkauf, 
wenn auf solider Basis be- 
ruhend, event. Tausch von 
Herrschaften, Gütern, Häu- 
sern, auch 

einzelner schlagbarer 
Waldbestände besorgt 

Carl Alfons Klein, 
altren. konz. Kanzlei, Prag, 

Tuchmachergasse 14. 
Verbindungen In- u. Aus!. 

Die Blinden in Prag, die seinen Tritt kennen, sollen gerührt 
gewesen sein, als sie vernahmen, daß für sie Buchdramen ge- 
schrieben worden seien, aber die Witwen und Waisen äußerten, 
daß sie lieber an den Darlehen die 8°/o verdient hätten. Die 
Allmacht Gottes aber staunte, daß der tragische Karneval, der 
jetzt auf Erden abgehalten wird, gar für solche Venx'andlungen 
Raum habe. 



— 35 



Ein Bahnbrecher 

ist der Setzer, der im Organ der Warenhäuser, fasziniert durch 
die Namen, die er am häutigsten setzt, als Premiere 
Emilia Galott i. 
Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen 
von Lessner 
geboten hat. Und — Erfinderlos I — er hat nichts davon, während 
die Administration vielleicht schon einkassieren gegangen ist. 
Absicht wars wohl nicht ; aber auf eine gute Idee hat er sie 
gebracht und vielleicht fügt es ein Druckfehler, daß nächstens 
auch Medea von Gerngroß aufgeführt wird. Dann würde in Berlin 
Iphigenie von Gerson folgen, aber in Prag die Jungfrau von Orleans 
von Schiller - und hier würde sich zwischen dem Chef des Hauses 
und dem Vertreter des Prager Tagblatts der folgende Dialog ent- 
spinnen: »Wir haben gebracht, daß die Jungfrau von Orleans von 
Schiller is. Sie wern einsehn — < »Was soll ich da einsehn? Ich 
seh ein, daß sie von Schiller is. Oder is sie vielleicht von Goethe?« 
>Sie is zufällig von Schiller, aber es is ein Druckfehler. Gemeint 
sind Siel« »Wenn wir gemeint sind, so is es doch kein Druck- 
fehler?« »Wenn es kein Druckfehler is, so müssen Sie mehr zahlen!« 
»Moment, wenn es kein Druckfehler is, so sind wir nicht gemeint!« 
»Wenn Sie aber ja gemeint sind?« »Wenn wir ja gemeint sind, 
so is es ein Druckfehler, und wenn es ein Druckfehler is, brauchen 
wir nicht zu zahlen.« »Wer denn muß zahlen, wenn nicht Sie?« 
»Wieso ich? Is die Jungfrau von Orleans von mir?« »Von wem 
denn? Jeder Mensch in Prag glaubt selbstredend — «. »Die Jungfrau 
von Orleans is zufällig eine Firma in Paris, kassieren Sie dort ein.« 
»Das sind Witze, Sie wissen selbst, daß jetzt Krieg is.« »Also gut, 
ich zahl, aber wie revanchiern Sie sich?« »Ich wer' Ihnen sagen, 
nächstens is Emilia Galotti, wir haben gar kein Interesse an Lessner 
in Wien, wir wern irrtümlich bringen, sie is von Schiller!* 



Ein anregender Mensch 

(Eine Anregung für die Maturitätsprüfungen.) Man schreibt uns: 
»Die Zeit der Reifeprüfung für unsere Mittelschüler naht heran. Ich 
denke heute nach 23 Jahren an das Thema, das uns der .Deutsch- 



36 — 



Professor' zur Bearbeitung aufgegeben hatte. Dieses Thema lautete: 
.Durch Seefahrten und Kriege zur Entwicklung zu reifen, war nun 
einmal die Bestimmung des Menschengeschlechtes'. Dieser Satz, 
der dem Geschichtswerke Rankes entnommen ist, wie herrlich 
ließe er sich heute ausführen! Ich bin überzeugt, daß so mancher 
Jüngling, begeistert durch die Heldentaten unserer Armee und unter 
dem Eindrucke der moralischen Umwertung aller Werte, 
unter dem Eindrucke der realen Wirklichkeit, sich heute den ersehnten 
Einser sicherer holen würde, als Anno dazumal im Jahre 1893, als 
wir im tiefsten Frieden lebten und von dem , Eisenbad' des Krieges 
blutwenig wußten.... Es würde sich empfehlen, das Thema als 
Preisaufgabe auszuschreiben, an dem sich nur Absolventen der Mittel- 
schulen zu beteiligen hätten. Ich würde mich freuen, wenn Sie die 
Güte hätten, meine Anregung in die rechten Bahnen zu lenken. Hoch- 
achtungsvoll Dr. Rosenthal. < 

Diese Bahnen haben nie Verspätung. Die uns ei^artende 
Nachwelt wird über die moralische Umwertung aller Werte 
paff sein. 



Die Umwertung aller Werte 

In einem der hunderttausend Prospekte und Aufrufe für die 
Kriegsanleihe, aber nicht in einem der Banken, sondern in dem 
vom Präsidium des Witwen- und Waisenfonds unterzeichneten, 
waren die Sätze enthalten: 

Ist es ein Opfer, die Kriegsanleihe zu zeichnen, oder ist es 
vielleicht auch ein gutes Geschäft? 

Auch darauf kommt es an. Die Kriegsanleihe ist kein Opfer, 
das man dem Staate bringt, sondern die Kriegsanleihe ist ein aus- 
gezeichnetes Geschäft. . . . 

Es ist also für jedermann das beste Geschäft, soviel an Kriegs- 
anleihe zu zeichnen, als man heute erspart hat und sich bis Ende 1917, 
d. i. also in den nächsten zwei Jahren zu ersparen hofft. 

Niemand soll aus Nachlässigkeit der Feind seines eigenen 
Geldes sein, jeder soll tief in die Tasche greifen, weil er damit nicht 
nur ein gutes Werk tut, sondern auch tüchtig verdienen, d. h. sein 
Einkommen ganz bedeutend steigern kann! . . . 



Der Wille zur Macht 

»Die Kriegsmillionäre werden von Franz Molnär folgendermaßen 
geschildert: ,Ich sah dies neue Budapester Publikum, wie es in 
Restaurants Tausendkronennoten zählte, Hundertkronennoten in Päckchen 



37 - 



reihte. Ich sah, wie Leute zwischen Suppe und Mehlspeise einander 
zehn bis fünfzehn Tausendkronennoten übergaben und dann weiter aßen . . . 
Andere haben noch schönere Dinge beobachtet. Die alte Logenschließerin 
des Nationaltheaters sah, daß während einer Shakespeare-Vorstellung in 
einer der teuersten Logen Leute saßen, die Papier auf die Brüstung 
breiteten und auf dieses Papier Salamispalten und Gurken legten. Dieser 
Anblick erregte Aufsehen im Theater. Eine bejahrte Logendame im 
Vordergrund machte dieses neue Publikum, das sich auf die Eßware 
stürzen wollte, darauf aufmerksam, daß man den roten Samt der Brüstung 
nicht beschmutzen dürfe. Doch das neue Publikum erklärte, es hätte die 
Loge bezahlt und könne nunmehr darin tun, was ihm beliebe.'« 

Die Loge bezahlt? Die Welt aller Ränge bezahlt! Und 
die hiesigen beliebten Feuilletonisten sagen es also auch? >Es sagen 's 
aller Orten alle Herzen unter dem himmlischen Tage, jedes in 
seiner Sprache; warum nicht ich in der meinen?« Und ich wundere 
mich nur, daß es in Budapest Aufsehen erregt, Salamipapier auf 
Logenbrüstungen — das ist doch Wurst. Das ist doch ehrlich. 
Schlimmer wird das nachfolgende Stadium der Kultur sein, und 
auch das hat Budapest schon hinter sich. 



Jenseits von Gut und Böse 

. . . Der Richter sprach aber die Angeklagten frei, denn er 
wisse, daß polnische Juden, denen ihr Vorname nicht gefalle, ihn mit 
einem besser klingenden vertauschen, ohne daß sie dabei die Absicht 
verfolgen, die Behörde in Irrtum zu führen. Es sei bekannt, daß sich 
viele polnische Juden, die sich Moses nennen sollten, als Moriz eintragen. 

Da sind sie so noch bescheiden. Jene, denen dann der 
Moriz nicht gefällt, nennen sich Maurice. Und wer den Hersch 
nicht ehrt, will des Horace wert sein und heißt dann, weil Frankreich 
der Feind ist, eines Tages Horaz. Es sollten Höchstnamen eingeführt 
werden. Bis zum Moriz gehe ich noch mit, aber dann versagt 
das Verständnis. 



Menschliches Allzumenschliches 

— Prinzessin Gisela von Bayern, hat der Frau Dr. Sophie 
Großmann für ein Glückwunschtelegramm zum 60. Geburtstage durch 
die Kammervorstehung folgendes Telegramm zugehen lassen: Ihre kaiser- 
liche Hoheit Frau Prinzessin Gisela lassen Ihnen für Ihre so warmen 
Glückwünsche herzlich danken. Perfall. 



38 



Die fröhliche Wissenschaft 

Bei der Abhaltung der Vorlesungen trat allerdings nur zu oft 
das Kuriosum ein, daß ich, wenn ein Satz gerade beendet war, eine 
kleinePause eintreten lassen mußte, um den Donner der Geschütze 
verhallen zu lassen. Denn die Fenster waren wegen der hohen 
Temperatur geöffnet und so setzten die Geschütze die Kommas und 
die Schlußpunkte unter alle Sätze. 

So erzählt ein Czernowitzer Universitätsprofessor, und den 
Geschützen, die genug akademische Würde hatten, ihn ausreden 
zu lassen und nicht schon im Satz zu unterbrechen, läßt sich 
immerhin nachsagen, daß sie es mit der InterpunMon halten, die 
in einer so großen Zeit vielfach als Nebensache behandelt wird. 
Aber die Beherztheit eines Czernowitzer Universitätsprofessors, 
die auf dem vorgeschobensten Posten deutsch-österreichischer Kultur 
keine Grenze kennt, findet noch ihre Steigerung: 

Am Tage darauf wurde ich neugierig und ging, selbstver- 
ständlich mit einem Passierschein, nach Mahalla. 

Nachdem er s ch so vor dem Leser ausgewiesen hat und 
keinen Anstand mehr haben kann, entschließt er sich endlich, 
auch westwärts abzugehen. 

Um 1 Uhr nachts verließ ich meine Wohnung, meinen Koffer 
in der Hand; denn ich wollte mich von meinen Schriften und einigen 
unentbehrlichen Büchern nicht trennen. 

Aber das ist es eben. ,Bei Geschriebenem und Gedrucktem 
lassen sich die Geschütze auf Korrekturen nicht mehr ein. Da 
streichen sie das Ganze. Darum sollte man, um ihre Tätigkeit 
vollends zu rehabilitieren, die Universitätsprofessoren in Sicherheit 
bringen und nur die Bedingung stellen, daß sie ihre unent- 
behrlichsten Schriften zurücklassen. 



Die Geburt der Tragödie 

(Der Schützengraben während der Firmwoche.) Für das leicht- 
empfängliche Kindergemüt kann wohl kaum etwas Fesseln- 
deres gedacht werden, als der Schützengraben mit seiner 
Romantik, und so ist es begreiflich, daß wohl jeder Firmpate und 
jede Firmpatin in das für ihren Firmling zusammengestellte Unter- 
haltungsprogramm einen Besuch des Schützengrabens im Prater 
eingesetzt haben. Die naturgetreue Anlage des Schützengrabens 
mit seinen Unterständen, die vor ihnen errichteten Drahtverhaue, über 
die hinweg man die — 



39 



— Zeit verhauen möchte! Nichts als dies brauchte von ihr zu bleiben, 
um sie den Nachlebenden zum Greuel und Scheuel zu machen. 
Ehedem hat der »Göd< dem Firmung eine Uhr und dazu eine 
Watschen zum Geschenk gemacht. Jetzt, da die Uhr die große 
Zeit anzeigt, täte man besser, die Watschen dem >Göd< zu über- 
reichen, der die Absicht hat, das leichtempfängliche Kindergemüt 
zum Schützengraben zu führen. Die naturgetreue Anlage des 
Schützengrabens und die naturgetreue Anlage des Kindergemüts: 
eine Mörderwelt sieht nicht, daß sie dieses in jenem begräbt, und 
setzt beides in ihr Unterhaltungsprogramm! 



Der Übermensch 

Das Bruchstück: 

Unter dem Schlagworte »Die Feldgrauen für die Feldgrauen« 
veranstalten Offiziere und Mannschaften der hiesigen Ersatzformationen 
ein ganz eigenes Theater, wobei sie das von einem Feldgrauen ver- 
faßte Stück »Der Hias« zur Aufführung bringen. Im Rahmen einer 
dreiaktigen Komödie werden uns einzelne Bilder aus dem Leben vor 
Augen geführt, und wir lernen so ziemlich alles kennen, was der Krieg 
an Abenteuerlichem, Verwegenem und Überraschendem, nicht 
minder aber auch an herzhaft Erfrischendem und Ergreifendem mit 
sich bringt. Patrouillengänge, Gefangennahme, Kriegsgericht gegen 
»deutsche Barbarei«, französischer Chauvinismus und frohgemutes Lager- 
leben wie die Feier des Königsgeburtstages wechseln in bunter Reihe 
ab, wobei ganz besonders das kameradschaftliche Zusammenleben der 
Offiziere und sonstigen Vorgesetzten mit der Mannschaft und deren 
treues Zusammenhalten geschildert wird. Die Anhänglichkeit der Mannschaft 
an die Offiziere zeigt sich im schönsten Licht, — und solch ein 
Muster echt bayerischer Art ist der Offiziersbursche Hias .... 
Es ist Theater und doch keines, vielmehr im höheren Sinne wahr- 
haftiges Leben .... das ist nur die Wiedergabe des Erlebten, wenn 
auch in anderer Form, das ist aus ihren Empfindungen heraus- 
geboren und wohl nur ein Spiegelbild ihres ureigensten Wesens, 
wie es sich draußen im Felde gebildet hat .... Dieser Akt ist 
vom Publikum beklatscht worden, wie dies noch keine Kunstleistung 
erfahren hat .... Und da es also nach dieser Richtung hin kein Theater 
im üblichen Sinne sein will, nennt der Theaterzettel keinen einzigen 
Namen der Mitwirkenden, ja, nicht einmal der Verfasser des 
Stückes tritt aus seiner bes cheidenen Zurückhaltung heraus. 
Im dritten Akte sollte auch ein Film vorgeführt werden, aber leider hat 
die Polizei ihn wegen Feuersgefahr gestrichen, so daß wir 



— 40 — 



darum kamen, die Auffahrt der Artillerie, Handgranalenkampf, Hand- 
gemenge und Nahkampf zu sehen. Zum Schlüsse endlich .... 
so manches kluge, liebe und zuversichtliche Wort .... gesunder, 
kräftiger, echt bajuvarischer Humor .... 

Das Nachgeholte: 

(Faustrecht eines Theaterdichters.) Zurzeit wird im Nürnberger 
Stadttheater das feldgraue Spiel: »Der Hias* von H. Gilardone 
aufgeführt. Der Verfasser hat sich herausgenommen, unter gröblichsten 
Beleidigungen und unter Androhung körperlicher Gewalt, 
außerdem mit Unterschiebung materieller Interessen, gegen den Referenten 
und den verantwortlichen Redakteur des .Nürnberger Anzeigers' vor- 
zugehen. Er verlangte unter diesen Drohungen und Beleidigungen den 
Widerruf der Besprechung. Der »Journalisten- und Schriftstellerverein 
Nürnberg und Umgebung« hat sich in seiner Sitzung vom 8. Juni 1916 
mit der Angelegenheit befaßt und erklärte sich angesichts dieses unerhörten 
Verhaltens solidarisch mit seinen beiden angegriffenen Mitgliedern, verurteilt 
das Vorgehen des Herrn Gilardone aufs schärfste und billigt den beiden 
angegriffenen Mitgliedern den Rechtsschutz des Vereins zu. 



Zur Genealogie der Moral 

Auf Grund einer vom Wachtmeister Berger erstatteten Anzeige 
hatte sich die Schneiderin Karoline M. wegen Übertretung gegen die 
öffentliche Sittlichkeit zu verantworten, weil sie am 4. April, auf dem 
Heimwege begriffen, gegen Mitternacht in der Mariahilferstraße den 
Rock bis zu den Hüften hinauf gehoben haben soll. Die Angeklagte 
hatte sich zur kritischen Zeit in Gesellschaft zweier Herren befunden, 
während der Anzeiger, der die Arretierung der Angeklagten veranlaßte, 
in Begleitung seiner Frau und eines anderen Soldaten war. In der heute 
durchgeführten Verhandlung stellte die Angeklagte entschieden in Abrede, 
den Rock in einer das Sittlichkeitsgefühl verletzenden Weise gehoben 
zu haben. Sie erklärte, daß sie damals den Rock höher gehoben habe 
als sonst, nämlich bis zur halben Höhe der Strümpfe, was um so 
weniger auffällig war, als sie auch Reformunterkleider trug. Die als 
Zeugin vernommene Wachtmeistersgattin Anna Berger gab an, daß die 
Angeklagte den Rock bis zur Hüfte gehoben, dabei sich gebückt und 
noch gelacht habe. Durch dieses Verhalten sei das Sittlichkeitsgefühl 
der hinter ihr gehenden Personen arg verletzt worden, zumal die Ange- 
klagte, wie sie sah, keine Unterkleider getragen habe. Gegenüber dieser 
Aussage erklärte die Angeklagte, sie habe den Rock nicht allzu hoch 
heben können, weil sie damals in zwei Herren eingehängt war. Der 
Zeuge Franz Wiedel, der zur kritischen Zeit in Gesellschaft dei Ange- 
klagten war, gab an, daß die Angeklagte, als sie vom Trottoir auf die 
Straße ging, den Rock so hoch gehoben habe, wie die Damen ihn 



41 



heben, wenn es regnet. — Richter: Hat es damals geregnet? — Zeuge: 
Nein. — Der Zeuge gab schließlich noch an, daß die Angeklagte und 
ihre beiden Begleiter zur kritischen Zeit in sehr animierter Stimmung 
sich befanden und daß, seiner Ansicht nach, durch das Heben des 
Rockes bis zu den Knöcheln das Sittlichkeitsgefühl irgendeiner Person 
nicht verletzt werden konnte. Der Richter sprach schließlich die Ange- 
klagte frei, da bei den widersprechenden Zeugenaussagen nicht genau 
festgestellt werden konnte, wie hoch denn die Angeklagte eigentlich 
den Rock gehoben habe. Der Richter ermahnte zum Schlüsse die Ange- 
klagte, beim Heben des Rockes vorsichtiger zu sein. 

Hoch der Rock, die Waffen nieder! 



Die blonde Bestie 

(Die Mädchen von S. und die ungalantenBoches.) Aus der 
Westfront wird folgende heitere Episode berichtet: Als die deutschen 
Eroberer das Dörfchen S. besetzt hatten, veranlaßten sie die Gemeinde- 
behörden, »aus Gründen der Ordnung« an der Tür eines jeden Gebäudes 
ein Verzeichnis aller dort wohnhaften Personen anzuschlagen. Es ge- 
nügte ihnen aber nicht etwa, Name und Beruf zu wissen, nein, sogar 
das Alter der einzelnen Personen mußte mit angegeben sein und — 
wie peinlich — obendrein vom Dorfschulzen als richtig beglaubigt. 
Die wenigen noch im Ort befindlichen Männer besahen die Sache 
allerdings mit Gleichmut, und auch die Greisinnen und die ehrwürdigen 
Matronen fügten sich. Ja, es gab einen kleinen weiblichen Kreis im 
Dorfe, der die Maßnahmen sogar mit Genugtuung begrüßte: die von 
18 bis 24! Anders aber die Schönen des »Mittelalters«. Sie fühlten 
sich in aller Öffentlichkeit an den Pranger gestellt. Was nützt 
jetzt zum Beispiel der kleinen, zierlichen Wäscherin Valentine 
Roussi alle Munterkeit und Anmut, wo der vermaledeite Wisch da 
draußen zu jeder Stunde auf die Gasse hinausschrie, daß sie »schon« 
26 Jahre alt ist? Und welchen Sinn hat es denn noch für die in ihrer 
ganzen bäuerlichen Schönheit erblühte Madeleine Thuillard, ihrer 
vollen Figur eine schlanke Taille abzutrotzen oder mit Hilfe des 
schwarzen Samtbandes ihrem sonnengebräunten Hals einen so »vorteil- 
haft« wirkenden Schmuck zu verleihen, wo der in ihrem Hause in 
Quartier liegende Kriegsmann lediglich vor die Tür zu gehen braucht, 
um sich über Dichtung und Wahrheit bei Madeleine Gewißheit zu 
verschaffen? Reicht doch die dreifache Fingerreihe nicht mehr hin, ihre 
Lenze aufzuzählen. Kurz und gut, der Zustand war wirklich uner- 
träglich. Und eines Abends, als es dunkelte, raffte sich eine resolute 
Neunundzwanzigjährige zur Tat auf. Sie nahm ein Messer, schlich vor 



42 



die Haustür und kratzte mit zitternder Hand und klopfenden Herzens 
den vielsagenden Einer der zweistelligen Zahl ihres Alters — die neun — 
von dem blütenweißen Amtspapier hinweg. Den Zehner — die 
zwei — ließ sie unberührt, denn sie wollte ja durchaus nicht leugnen, daß 
es mit ihr so um die 20 herum stand. Und siehe da: das Ver- 
fahren machte schnell Schule, so daß heute die Einwohnerverzeichnisse 
in bezug auf das Alter der holden Weiblichkeit zwischen 25 und 
40 Jahren fast durchwegs nur noch die geheimnisvolle Zehnerziffer 
aufweisen. Die deutsche Ortskommandantur hat den gewiß höchst be- 
zeichnenden Akt der Selbsthilfe gekränkter französischer Dorf- 
schönen offenbar in seiner ganzen Harmlosigkeit erfaßt und läßt den 
Missetäterinnen stillschweigend den kleinen Triumph ihrer Eitelkeit. 

Nein, die Boches sind nicht ungalant, sondern sie haben 
Humor. Die resolute Neunundzwanzigjährige hat ganz recht getan, 
sozusagen ein Beispiel gegeben; und der in ihrem Hause liegende 
Kriegsmann, dem es um die >erweisliche Wahrheit« zu tun war, 
ist um den Erfolg seiner Neugierde betrogen. Hätte sie aber 
geahnt, daß diese bei weitem nicht so ordinär sei wie die Scherz- 
haftigkeit, über die er erforderlichenfalls auch verfügt, sie hätte es 
unterlassen. Denn Unappetitlicheres als dieser Humor preisgebender 
Diskretion, als dieses Lachen des sexuellen Verzichts, diese Blamierung 
des >Mittelalters« und diese Musterung der »Lenze<, die ihre 
Heiterkeit von den , Fliegenden' auf die Flieger vermacht hat, 
läßt sich vor dem unsere Lebensart mehr bestaunenden als hassenden 
Europa nicht ersinnen. Die Feinde werden endlich lernen, 
daß es wirksamer sei, unsere Pikanterien zu berichten, als unsere 
Greuel zu erfinden. 



Die ewige Wiederkunft 

aber könnte von dieser umwertenden Welt, vor der gestorben zu 
sein weit größere Ehre ist als für sie gestorben zu sein, höchstens 
so erlebt werden: 

Im Lustspieltheater wurde dieser Tage die Operette »Mädel, 
küsse michl< zum fünfundsiebzigstenmal gegeben .... Die Zugkraft 
der Operette >Die Csardasfürstin € im Johann Strauß-Theater erwies sich 
auch kürzlich bei ihrer zweihundertfünfundzwanzigsten Wiederholung .... 
In der Residenzbühne hat >Der Regimentspapa« die fünfzigste Auf- 
führung hinter sich .... 



43 



Eine leider nur vorübergehende Veranstaltung 

. . . wurde in diesen Tagen eine eigenartige Ausstellung eröffnet. 
»Das verschwindende Gfietto< nennt sie sich .... Diese Ausstellung bietet 
ein ungemein interessantes Bild der Entwicklung des Amsterdamer Juden- 
tums. Lange hat der Kampf gedauert, bis der Entschluß, das Judenviertel 
niederzulegen, sich durchzusetzen vermochte .... Auch die bis in die 
kleinsten Einzelheiten gehende Nachbildung eines typischen Ghettozimmers 
mit all den Gegenständen für die rituellen Gebräuche ist von besonderem 
Interesse .... Und so sind es hundert Dinge, die das Auge fesseln, 
und man kann beim Durchwandern der Ausstellung fast bedauern, 
daß es sich hier um eine nur vorübergehende Veranstaltung 
handelt. 

Was heißt fast? Ganz! Was heißt Amsterdam? Wien! 
Was heißt typisches Ghettozimmer? Von Olbrich! 



Fleißig nur im Talmud lesen! 

Die Polizei hat den aus Satoraljaujhely gebürtigen 24jährigen 
Talmudisten Ludwig Pahmer verhaftet, der in letzter Zeit große 
Mengen von Lebensmitteln eingekauft, eingelagert und dadurch die 
Preise der Lebensmittel künstlich in die Höhe getrieben hatte. 

Ist schon alles dagewesen! 



Merks Wien 

Gegenüber jenem fashionablen (feinen) Hotel (Haus) Bristol 
(Vöslau), das den Anforderungen der Zeit entsprechend einen 
»Rostraum« (Grillroom) eingeführt hat und wo die Berliner 
Armeelieferanten deshalb ein- und ausgehen können, steht eine 
Plakatsäule, auf der die folgende Sammlung von Ankündigungen 

zu lesen ist: 

Zuckerzusatzkarte 
Kaffeekarte 

Ablieferung von Metallgeräten 
Säuglingsfürsorge 
Und über all dem: 

»Volk in Not« 
Der Kleber war ein Zeit- und Raumkünstler. 



— 44 



Sie exzediert schon 

Einen bemerkensweiten Verlauf nahm heute beim 
Bezirksgerichte Josefstadt eine Verhandlung, in der die Hilfsarbeiterin 
Marie Grill wegen Wachebeleidigung angeklagt war. Als Frau Grill, 
deren Mann im Feld steht, am 5. Mai gegen 6 Uhr abends von der 
Arbeit heimkehrte, fand sie ihre armselige, aus Kabinett und Küche 
bestehende Wohnung ganz ausgeräumt vor. Die geringen Fahrnisse 
waren auf einen Handwagen in der Hauseinfahrt aufgeladen. Um den 
Wagen standen die drei Kinder der Frau Grill und weinten. Die Haus- 
besorgerin im Hause Hernalser Hauptstraße 210 hatte wegen eines 
Zinsrückstandes von 11 K die Delogierung der Frau Grill erwirkt 
und sie in Abwesenheit der Frau Grill vornehmen lassen. Die Delogierte, 
die noch keine Wohnung hatte, machte Miene, sich mit ihrem jüngsten, 
schwerkranken Buben auf die Schienen der Elektrischen zu werfen, 
wurde jedoch von den Passanten, die sich in großer Zahl angesammelt 
hatten, zurückgehalten. . . . wegen Straßen ex zesses für verhaftet erklärte 
und sie, begleitet von mehreren hundert Personen, aufs Kommissariat 
eskortierte. Während der Eskorte soll Frau Grill dem Wachmanne 
zugerufen haben: >Sie sind von der Hausmeisterin gespickt worden. 
Sie gehören eigentlich ins Feld, nur sind Sie dazu zu feigl«... ihre drei 
Kinder, von denen das jüngste kürzlich an beiden Füßen operiert. . . . 
Die Hausbesorgerin, die ihr gehässig sei, und die allein im Hause 
das Regiment führe, habe ihr gekündigt und auch die Delogierung 
bewirkt. Am 5. Mai sei sie nachmittags auf Arbeit ausgegangen und 
als sie am Abend zurückkehrte, habe ihr die Hausbesorgerin schon von 
weitem zugerufen: »Na, ich hab' a schöne Überraschung für Sie 
vorbereitet!« Sie habe dann zu ihrem Entsetzen ihre armseligen 
Sachen in der Hauseinfahrt gesehen. Sie habe sehr geweint, da sie 
nicht wußte, wohin sie mit ihren Kindern gehen solle. Auf einen Wink 
der Hausbesorgerin sei der Wachmann Bayer herbeigeeilt, habe sie, als sie 
weinte, sofort beim Arm gepackt und dabei gerufen: »Oes Reservisten- 
weiberl Ich werd' euch schon helfenl«.... Richter: Geben Sie 
zu, den Wachmann während der Eskorte mit der in der Anzeige 
inkriminierten Äußerung beschimpft zu haben? Angekl.: Wie mich 
der Wachmann wie eine Diebin eskortiert hat, so daß ich mich vor den 
Leuten geschämt habe, habe ich ihm nur gesagt: >Sie gehören ins Feld, 
damit Sie die Sachen auch kennen lernen, wie mein Mann sie kennen gelernt 
hat.« . . . Der als Zeuge unter Diensteid vernommene Wachmann Ferdinand 
Bayer erklärte, daß die Hausbesorgerin ihm schon vor der Vornahme 
der Delogierung sagte, daß Frau Grill, wenn sie nach Hause kommen 
wird, sicher exzedieren werde. Gegen 6 Uhr abends habe ihn dann 
die Hausbesorgerin mit den Worten gerufen: >Sie ist schon da, sie 
exzediert schon.«... arretiert... eskortiert... inkriminierte 
Weise . . . 

Das Ganze heißt Wien. Es beginnt mit ein paar arm- 
seligen »Fall missen«, nimmt dann einen bemerkenswerten Verlauf 



— 45 



und endet mit Delogierung, Elektrischer, Passanten, Kommissariat, 
Regiment, operiert, exzediert, arretiert, eskortiert, inkriminiert. Die 
Hausmeisterin bietet a schöne Überraschung. Die Armut, die nur 
ein paar Fahrnisse hat, gerät in allerlei Fährnisse, unter Fremd- 
wörter, die sie nicht versteht, sieht sich plötzlich vor einem 
Richter, den sie mit >Herr kaiserlicher Rat« oder gar »Herr 
kaiserlicher Adler< anspricht. Es kommt ins Weltblatt, wo es der 
wahre kaiserliche Rat, ein richtiger Adler zum Frühstück liest. 
»Fahrnisse hat sie gehabt, nicht der Rede wert.« Sie exzediert 
schon? Nein, noch nicht. O oes Reservisten weiber, könnte ich 
euch doch helfen! 



Jetzt ist Krieg 

Das vernichtende, in seiner totsicheren Stupidität fast 
wunderbare Argument : daß jetzt Krieg ist — welches die Raubgier 
wie die Faulheit bereit halten, um den wegmüden Wanderer, den 
ja auf Verlust und Hindernis gefaßten, aber von solcher Vehemenz 
überraschten Bürger anzufallen, in den Straßengraben zuwerfen 
und nur gegen ein neuerliches Lösegeld am Leben zu lassen — es 
wird die letzte Erkenntnis einer Menschheit sein, die, wie immer 
er ende, die Beute ihres Krieges bleibt. Plusmachertum und 
Schlamperei scheinen seit den Tagen, da der Fortschritt sich in 
Bewegung setzte, darauf gewartet zu haben, einmal mit einigem 
Anspruch auf Glaubhaftigkeit sagen zu können : jetzt ist Krieg ! 
Bliebe uns noch so viel Nervenkraft, alle Attentate auf eben diese 
im Gedächtnis zu bewahren, wir hinterließen ein Lesestück für die 
Enkel, in dem erzählt wird, was sich im Hintergrund der blutigen 
Begebenheit täglich abgespielt hat, wenn wir kauften, speisten, 
reisten (o Sagenwelt der Paßlabyrinthe und Klauselabenteuer), wenn 
wir Briefe schickten und empfangen sollten. Da vernehme ich, 
daß der brausende Schmock, der uns eine »Isonzobibel« versprochen 
hat, vorläufig so entgegenkommend war, eine philosophische 
Rechtfertigung des österreichischen Daseins zu versuchen. Ztmi Glück 
gibt es wieder andere Schmöcke, die Rezensionen schreiben und 
die Quintessenz eines »psychopolitischen Systems« durch ein 



— 46 — 



glückliches Zitat vorwegnehmen. Die österreichische Schlamperei 
wird also als eine »in Laß und Lust gewordene und eine den 
musischen Tugenden entsprechende wahnverwaltende Verwaltung« 
definiert. Nie wäre mir eine solche Formulierung geglückt, 
wiewohl ich doch immer erkannt habe, daß die ganze Verspätung 
unseres Daseins auf den musischen Zeitvertreib der Südwahn- und 
Nordwahnverwaltung zurückzuführen sei, zu deren Laß und 
Lust wir ja eigens auf die Welt gekommen sind. Daß es 
Dichter seien, die unsere Lebensnotwendigkeiten bestellen, 
haben wir oft auf dem Südwahnhof erfahren, wenn unsere 
Frage nach der Ankunft eines Zuges m.it der Versicherung 
beschwichtigt wurde: »So um'ra elfe kummt er gern«; und wie 
froh wurde mir ums Herz, als mir neulich auf die Erkundigung, ob 
man sich denn auf die einstündige Verspätung, die angeschrieben sei, 
verlassen könne, die Auskunft wurde: »Ah wos, wos waß denn i, 
die wissen an Dreck, und wann s' wos wissen, wern s' es do net 
dem Publikum auf d' Nasn binden!« > Warum denn nicht?« 
»Weil s' selber an Dreck wissen!« >So. Aber es ist doch eine ein- 
stündige Verspätung angeschrieben.« »Jo, ongschrieben, aber 
kummen tut er um zwa Stund später.« »Ist das die Regel?« 
»Na, die Regel is grad not, aber dös müßt rein a Ausnahm sein, 
daß er net zwa Stunden hot.« »Ja, aber warum wird denn das 
nicht angeschrieben?« »Z'weg'n wos? Z'weg'n so an Dreck von 
an Personenzug?« »Ja, aber warum wird denn dann die ein- 
stündige Verspätung angeschrieben?« »Weil dös eben ka Mensch 
not wissen kann, dö draußt melden's not herein und dö herint 
sagen nix.« »Halt, ich glaube, jetzt kommt er.« »No alstan, 
sehn S', dös is der reine Zufall!« »Ja, aber wie kommt 
das, daß er doch kommt?« »Mei Haber Herr, da müssn S' wen 
andern fragen, dös san eben die Verspätungen, wir herint 
kriegen keine Meldung nicht, jetztn bei dem Verkehr kann 
man gar nix sagen, jetzt is Krieg — !« Ähnliche Aufklärungen 
würden einen auch bei einer Post- und Telegraphenbeschwerde 
schadlos halten. Daß es Dichter sind, weiß man nicht nur 
vom Neujahr her, wo sie sich einander so schöne Verse drahten. 
Die »Postler«, die schon immer nicht recht wollten, berufen 
sich jetzt auf die »Bahner« und beide zusammen auf die 
Krieger. Aber wenigstens haben wir kürzlich erfahren, daß es einen 



47 



Reichsbund deutschler Postler Österreichs gibt, der unter der 
Ägide eines Obmanns namens Pogatschnigg (was wie ein ent- 
schlossener Pallawatsch klingt) einem Kameraden im >Reich« einen 
Drahtgruß entboten hat, weil dieser in seiner Eigenschaft als 
Abgeordneter dem Sozialdemokraten Liebknecht das Manuskript aus 
der Hand gerissen hatte. Man konnte daraus ersehen, was den öster- 
reichischen Postlern Freude macht, Sie sind immer lieber dafür, 
daß einem ein Schriftstück weggerissen als daß es einem zugestellt 
wird. Was aberdie Meinung deutschvölkischerMänner über Liebknecht 
anlangt, so ist es nicht nötig hervorzuheben, daß dieser ein Ehren- 
mann ist, was jenen noch kein kriegsgerichtliches Urteil nachgesagt 
hat, sondern die Sache liegt vielmehr so, daß man sich über die 
Postler nur ärgern muß und daß dem Futtermangel, unter dem 
jetzt die Tiere zu leiden haben, durch eine geschickte Verarbeitung 
von Deutschnationalen abzuhelfen wäre. Es wäre ja ein Betrug. 
Aber wissen wir denn, woraus dänische Konserven gemacht sind, 
und von welchem Tiere das »Kriegsfleisch« kommt, das uns jetzt aus 
manchem Schaufenster Ersatz verheißt? Wir wissen unter 
dem vielen, was wir nicht wissen können, nicht wissen dürfen und 
nicht wollen, nur eines: daß jetzt Krieg ist, nämlich jener, den die 
Politiker gemacht haben, und daß es human wäre, alle jene, die die 
Menschheit zur Schlachtbank geführt haben, zur Schlachtbank zu 
führen, damit wenigstens die Tiere sich wieder satt essen können. 



Die Beispiellosen 

Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß es in dieser 
großen Zeit nicht genügt, statt eines Fremdwortes eine Phrase 
bei der Hand zu haben, sondern daß es auch die richtige sein 
muß. Man bedenkt nicht, welches Unheil entstehen kann, wenn 
im entscheidenden Moment die Phrasen verwechselt werden. Das 
volkstümliche Denken inkliniert — bitte, inkliniert sage ich und 
nicht neigt, denn ich halte es für besseres Deutsch — inkliniert sehr 
dazu, von zwei Vorstellungen, die ein deutsches Wort immer 
eröffnen kann, die nächste zu beziehen. Wenn die Polizei sagt, daß 



— 48 — 



der fehlende Betrag hundert Kronen »betrugt, so glaubt dasV'olk, 
daß hier schon das Delikt bezeichnet ist, und wenn sie einen 
»Angestellten« sucht, so sieht es darin schon die Beschuldigung, 
daß er etwas angestellt habe. Eine ähnlich faszinierende Wirkung 
hat das Wort »Beispiel», das aus der unverständlichen Zusammen- 
setzung »beispielgebend«, in der es der Sprecher als Beispiel 
empfiehlt, in die geläufigere »beispiellos« zurückversetzt wird, in der 
es der besprochenen Handlung gefehlt hat. Selbst der Geist offizi- 
eller Verlautbarungen ist von einem Beispiel immer so hingerissen, 
daß er es unrichtig anwendet. So wurde zu Beginn einer Zeit, die von 
Beispielen wimmelt und in der zum Ersatz für Menschlichkeit und 
Lebensmittel nichts anderes täglich gegeben wird als Beispiele und 
Scherflein, der Entschluß eines Hofbeamten, wieder aktiver Offizier 
zu werden, mit den Worten verkündet, er habe »sich in beispiel- 
loser Weise zum Frontdienst gemeldet«. Nun kann der tausendste, 
der es tut, noch immer den folgenden ein Beispiel geben, aber 
vom hunderttausendsten, der doch noch mehr Vorbilder hat, wird 
unfehlbar gesagt werden, er habe beispiellos gehandelt. Es mag dies 
mit dem Drang des Österreichers nach Individualität zusammen- 
hängen. Er steht dem Leben als Restaurateur in jedem Sinne des 
Wortes gegenüber, richtet sein Etablissement immer wieder auf 
den Glanz her, und wenn er sagt, es sei das erste Restaurant der 
Welt, so hat er insofern recht, als es zwar nicht das beste ist, 
aber immer wieder der Versuch, eine Einrichtung, die sich für 
die übrige Menschheit von selbst versteht, mit dem größten Anspruch 
auf Beachtung, schwitzend und grüßend, in beispielloser Weise zu- 
sammenzuflicken. Denn der Hanswurst benimmt sich immer so, 
als wäre nicht knapp zuvor ihm von heroischer Seite ein Beispiel 
gegeben worden. 



Alles was recht is — da gibts nix! 

>. . . Man darf wohl feststellen, daß weder bei uns noch 
bei unseren Verbündeten ein Verunglimpfen des Gegners zulässig ist 
und daß ein solches weder bei unseren Soldaten noch im Hinter- 
land Beifall ernten könnte. Dies entspräche eben der ritterlichen 



49 — 



Denkungsart unserer Soldaten nicht. Pemgegenüber ist in der 
Ententepresse von Anfang an die roheste Beschimpfung und Ver- 
leumdung des Gegners der Grundton der Tagespresse und der 
Kriegsliteratur gewesen . . . .« 



Was gibts Neues? 

»In Chemnitz ist ein , Haßgesang auf Kitchener' zu dessen Tod 
entstanden, der nun öffentlich verbreitet und in öffentlichen Lokalen 
gesungen wird.« 



Ein Nachruf 

Kein General kann gezwungen werden, auf dem Kriegs- 
schauplatz zu sterben. Es gibt auch solche, die in der Bognergasse 
fallen, wenn unversehens ein Auto kommt, oder von einem 
Omnibus bei der Karlskirche verwundet werden oder in der 
Avenue de l'Opera oder wer weiß wo. Aber eine Menschlichkeit, 
die solche Vorfälle natürlich bedauert und der es nicht in den 
Sinn kommt, sie mit dem Maße des kriegerischen Nachruhms zu 
messen, der in derselben Zeit zu holen wäre, fühlt sich doch von Zorn 
und Ekel gepackt, wenn sie in nächster Nähe die Überschrift liest: 

Das Ende Lord Kitcheners. 

Der ruhmlose Abschluß einer großen Laufbahn. 

Unter den Titeln, mit denen uns dieser wutkranke Börseaner 
allabendlich anfällt, wohl einer, der uns mit tiefster Trauer vor 
unserer Wehrlosigkeit erfüllt. Gäbe es in Österreich einen Menschen, 
der Mut im Sinne einer kulturellen Offensive hat, ein solcher wüßte, 
was er zu tun hat, damit nie mehr wieder an einem Tage, an dem 
sich alle Weltfeindschaft im Schweigen vor dem Riesenmaß eines 
Todes findet, das schmutzigste Maul dieser Zeit und das unver- 
antwortlichste, sich solchen Nachgebells erfreche. Wann wird 
der Schinder kommen diesem Lande! 



50 — 



Der ruhmlose Abschluß einer großen Laufbahn 

Wien, 21. Juni. 
Das holländische Blatt >Vaderland« hatte vor einigen Tagen 
die Möglichkeit erwähnt, daß Kitchener in der Seeschlacht vor dem 
Skagerrak sein Ende gefunden habe. Einer näheren Prüfung hält diese 
Lesart, wie die >Kölnische Zeitung« ausführt, nicht stand. Das 
ergibt sich aus folgenden Tatsachen .... Feststeht, daß Kitchener 
durch eine deutsche Waffe, mag es nun eine Mine oder ein Torpedo 
gewesen sein, seinen Tod fand. 

Feststeht und treu. 



Der ruhmlosere Abschluß 

>. . . . hat durch übereinstimmende Zeugenaussagen der zwölf 
überlebenden Matrosen Aufschluß über die letzten Augenblicke des 
britischen Generals gegeben .... daß Kitchener das Schiff nicht verließ, 
sondern mit ihm unterging .... verlor keinen Augenblick seine bekannte 
Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart, vielmehr trug er eine erstaunliche 
Ruhe und Gleichgültigkeit zur Schau. Als die Minenexplosion eintrat, 
kam Kitchener, der sich gerade in seiner Kabine befand, ruhigen Schrittes 
ans Deck, wo er gleichmütig mit zwei Offizieren sprach .... so daß 
die Boote und alle, die darin Platz genommen hatten, mit in die Tiefe 
herabgezogen wurden. Während das Dutzend Matrosen sich auf etliche 
schwimmende Flöße retteten .... stand Kitchener noch immer an Deck 
im Gespräch mit seinen Adjutanten. Er und der Kommandant waren 
die letzten, welche mit dem > Hampshire« untergingen.« 

Oder auf deutsch: 

Man fühlt es schmerzlich und betroffen : 
Herr Kitchener ist nun zwar ersoffen — 
Doch Grey? Da bleibt noch viel zu hoffen. 

Das ist im Simplicissimus gestanden, in jenem Simplicissimus, 
der seine Vergangenheit an das Vaterland verraten hat; 
dessen ruhmloses Ende der traurigste Witz der Zeitgeschichte war 
und dessen wir uns unter allem was seit 1914 in deutscher Sprache 
erschienen ist, dereinst am meisten zu schämen haben werden. 
Kein Zweifel, diesen Bulldogg hätte Schopenhauer an die 
Kette gewünscht! 



51 - 



Sehr richtig! 

>. . . Deshalb muß Frankreich als Bittsteller sich nach London 
wenden, obgleich das innere Wesen beider Völker die Entwicklung der 
Herzlichkeit ausschließt und die Kräfte, die abstoßen, im Kriege trotz 
der politischen und militärischen Gemeinschaft noch stärker geworden 
sind als im Frieden. Franzosen und Engländer können sich gegenseitig 
nicht ausstehen, und dazu kommt das Mißtrauen, das in Paris weite 
Schichten erfaßt hat ... .« 



Das Leben ohne Phrase 

Pbrasenaustausch zwischen Boselli, Asquith und Briand 

Lugano, 25. Juni. 

Der italienische Ministerpräsident Boselli hat an den Premier- 
minister Asquith und an den Ministerpräsidenten Briand Telegramme 
gesandt, in denen er ihnen seine Ämtsübernahme anzeigt. 

In seinem Telegramm an Premierminister Asquith erklärt Minister- 
präsident Boselli .... 

Premierminister Asquith erwiderte, indem er ... , 

In seinem Telegramm an Ministerpräsidenten Briand gebraucht 
Ministerpräsident Boselli die Phra-e, daß die französische und die 
italienische Nation in einem Bündnisse verknüpft seien, das von 
gemeinsamen Erinnerungen und Vorsätzen zur Geltendmachung der 
nationalen Rechte beseelt sei. 

Ministerpräsident Briand erwiderte mit der Versicherung, daß 
Bosellis Gefühle in Frankreich ein treues Echo finden und beide Nationen 
von einem gemeinsamen Ideal getrieben werden, um einträchtig und 
mit gleicher Energie bis zum Endsieg zu kämpfen. 

Etwas ganz anderes ist es, wenn sich anderwärts nicht nur 
Sprach- und Stammesgemeinschaft, sondern auch die Überein- 
stimmung des Kriegszieles und die natürliche Solidarität der 
Gefühle in Kundgebungen äußern. Denn bekanntlich sind die 
Angehörigen der romanischen Rasse nur durch Mißtrauen anein- 
ander gebunden, während sich die Sympathie zwischen einem 
Braunschweiger und einem Debrecziner, einem Klagenfurter und 
einem Kleinasiaten von selbst versteht. 



— 52 — 



Austausch von Wahrheiten 

Wir haben allerdings triftigen Grund, uns über den Austausch 
von Phrasen zwischen den Feinden lustig zu machen, da wir uns 
höchstens gegenseitig Komplimente über unsere Aufrichtigkeit 
machen könnten: 

Im Schlaraffenland 
Dieser blitzhaft über 

Berlin W. W. 
hinleuchtende Gesellschaftsroman spiegelt die Welt der oberen Zehntausend 
der Reichshauptstadt in unvergleichlicher Satire wieder. Fäulnis und 
Trubel der Metropole, die genußgierige Welt der Geldleute, 
Schieber, literarischen Streber und Hochstapler zieht im Zerr- 
spiegel schlemmend an uns vorbei: Schlaraffenland, Schlaraffenland 
der feinen Leute! 

Der Golem 

Ist man mit der Lektüre zu Ende, so faßt man sich wohl selbst 
an den Kopf und sinnt, ob man nicht auch träume. . . . 

Aber nicht, daß man den »Golem«, sondern daß man jenes 
über Berlin W. W. gelesen hat. Im Annoncenteil, also wenn sie 
dafür Geld kriegt, nimmt sich die österreichische Presse kein 
Blatt vor den Mund. Vielleicht zur Revanche, weil neulich im 
Textteil des Berliner Tageblatts die Worte zu lesen waren: 

Schallende Heiterkeit weckte der Frosch Max Pallenbergs, in Ton 
und Maske das Abbild eines echten österreichischen Trottels. 

Dieser droht nun scherzhaft mit dem Finger und sagt: >Sie 
sind doch bekannt, mein Lieber, als Schieber, als SchieberN 



Eine Feststellung 

Berlin, 13. Juli. 

Die Blätter veröffentlichen einen Bericht aus dem Großen Haupt- 
quartier, worin es heißt: 

Vom ersten Tage des Krieges haben wir als einzige von allen 
kämpfenden Nationen die Heeresberichte unserer sämtlichen Gegner 
ohne jede Kürzung veröffentlicht, denn grenzenlos ist unser Vertrauen 
in die Standhaftigkeit der Daheimgebliebenen. Aber unsere Feinde 
machten sich dieses Vertrauen zunutze. . . . 



53 - 



> Bundestheater« 

. . . das Orchester spielte die Hymnen der verbündeten Mächte 
und das Publikum, in dem manche offizielle Persönlichkeit zu sehen 
war, hörte die weihevollen und martialischen Tonstücke stehend an 
und akklamierte sie lebhaft .... Der angejahrte Ehemann aus der 
Provinz macht Einkaufsreisen nach Wien, die immer ein Nachtlokal und 
eine schöne Tänzerin zum Ziele haben. Die strenge Gattin kommt der 
Sache auf die Spur und deshalb wird die Tänzerin als neu aufgenommene 
Verkäuferin ausgegeben, aus welchen Lügenfäden dann im zweiten Akt 
die kompliziertesten und amüsantesten Verwicklungen gedreht werden, 
worauf im letzten Akt eine ebenso heitere Entwirrung folgt .... Er 
hat keine anspruchsvolle Musik geschrieben, sondern eine legere und 
liebenswürdige, sie geht weniger ins Gemüt und mehr ins Ohr, besonders 
aber in die Beine. Das gilt namentlich von dem sehr »reißerischen« Walzer 
»Wir bleiben beim Walzer< und von dem Hauptschlager der 
Operette, dem grotesken Terzett »Adeline, wie bist du schön!« . 
Außerdem gibt es noch einige hübsche und zierliche Polkamotive, 
Walzer und Märsche, lauter angenehme und unaufdringliche Wiener 
Melodien, die sich dazu eignen, um bei ihrem Klang an schönen 
Sommerabenden im Freien zu nach tm ah len. Manches davon wird 
wohl den Ausstellungssommer überleben und noch im nächsten 
Herbst und Winter gespielt, gesungen und gepfiffen werden. . . . 



Der Blick hat sich verändert 

. . . Heute stehen wir zwei Jahre im Weltkrieg und die durch ihn 
geschaffene Notwendigkeit, die Frauen zu allen Männerberufen heran- 
zuziehen, läßt uns das Lustspiel Strindbergs mit anderen Augen 
schauen .... 

. . . Heute wird es uns schwer, den Kampf der Geschlechter, 
wie ihn Wedekind mit dem ihm eigenen Hang zum Absonderlichen 
in dramatischem Freskostil ausmalt, neben der tragischen Wucht des 
Weltkrieges als tragisches Wellbild gelten zu lassen .... 

So in dem Kulissentratschblatt eines tragischen Leo Stein, 
der dem Weltkrieg die Libretti liefert. 



Nestroy und die Berliner 

»In Berlin spielt man jetzt im Lessing-Theater Nestroys ,Lumpaci- 
vagabundus'. Darüber äußert sich der Kritiker der ,Täglichen Rundschau' 
folgendermaßen: Es gibt Leute, die Nestroy gern mögen und den 



— 54 



jLumpacivagabundus' im besonderen. Es gibt auch Leute, die sich über 
die faden Spaße der Clowns im Zirkus freuen. Raimund - munkelt 
man — hat sich Nestroys wegen ums Leben gebracht. Die Literatur- 
geschichte behauptet, er hätte es aus Kummer über HerrnNestroys 
Erfolge getan . . . ich würde auch andere Gründe verstehen I Herrschaften 
— man stelle sich vor, der Herr Forest und der Herr Adalbert wären 
gestern als Schuster Knieriera und Schneider Zwirn nicht so gut auf- 
gelegtgewesen, wäre es da nicht einfach zum Davon laufen gewesen? 
Und auch noch so lichteten sich die Parkettreihen gestern nach dem 
fünften Bild schon bedenklich. Zuweilen, weil ich mich genierte, 
nahm ich einen verzweifeltenAnlauf, über das liederliche Kleeblatt doch 
auch einmal zu lachen. Aber ich gelangte über eben diesen verzweifelten 
Anlauf beim besten Willen nicht hinweg. Lieber genierte ich 
mich weiter. Das liegt natürlich an mir. So'n bißchen weanerisch 
ist ja sehr nett — ab und zu und ab und an — , aber auf 
die Dauer? Ich glaube, da muß man doch schon unterm Stephansturm 
groß geworden sein, um an den Späßchen seinen Spaß zu haben. Das 
ändert aber alles nichts an der Tatsache, daß das Lessing-Theater das 
Fernsein seines Herrn und Gebieters dazu mißbraucht hat, 
diesen Nestroy wieder einmal aus wohlverdientem Schlafe zu erwecken, 
und mir bleibt übrig, diese Tatsache mit bedauerlichem Achsel- 
zucken zu verbuchen. . . .« 

Der Herr Nestroy ist ein halbes Jahrhundert vor der Expansion 
dieses Oreckgehims dahingegangen und denkt sich jetzt sein Teil. Der 
Herr und Gebieter, dessen Fernsein man mißbraucht, um Nestroy 
aufzuführen, heißt Barnowsky. Das ist nun einmal so, die Welt 
will's nun einmal so und man kann nichts machen. Man kann 
höchstens hoffen, daß sie auf kein' Fall mehr lang lang lang steht. 



Gemeinsames 

, Neues Wiener Journal' : 

Der amerikanische Botschafter in Berlin, Exzellenz Gerard war 
so freundlich, heute mittag den Vertreter des >Neuen Wiener Journals< 
zu empfangen und ihm wieder einige Mitteilungen zu machen 

, Vossische Zeitung': 

Ich empfing Herrn E. Fr. in Gegenwart einer Dame und 
antwortete auf seine Fragen, daß ich ihm nichts weiter sagen 
könne, als daß sich das Mitglied der amerikanischen Botschaft Herr Grew, 
dessen Abreise nach Amerika gemeldet war, nur in Familienangelegenheiten 
in New- York aufhalte. Auf jede weitere Frage des Herrn E. Fr. ver- 
weigerte ich die Auskunft. Als Herr E. Fr. nach einiger Zeit 



— 55 



wiederkam und mir ein Manuskript brachte, in dem meine an- 
geblichen Äußerungen wiedergegeben sein sollten, und mich um 
Bestätigung dieser Unterredung bat, gab ich Herrn E. Fr. zu verstehen, 
daß ich kein Wort von dem gesagt habe, was mir in den 
Mund gelegt worden war. In der Erregung über die an mich 
gestellte Zumutung, zerriß ich das mir überreichte Manu- 
skript in Gegenwart des früheren Botschaftsrates Jackson 
der aus seiner zwölfjährigenehemaligen Amtstätigkeit an der amerikanischen 
Botschaft in Berlin bekannt ist, in Stücke und warf es in den 
Papierkorb. Es kann nach alledem von einer »authentischen Unterredung< 
mit mir seitens des Herr E. Fr. nicht im entferntesten die Rede 
sein, so daß ich jede Verantwortung für dieses Interview strikt 
ablehne. Hätte sich H err Graf Westarp vor seiner Kundgebung 
im Reichstag erkundigt, so würde er erfahren haben, daß es sich 
um apokryphe Äußerungen handelt. Bei der vornehmen Gesinnung 
des Führers der konservativen Partei darf ich annehmen, daß er angesichts 
der hier mitgeteilten Tatsachen Gelegenheit ergreifen wird, auf Grund 
dieser meiner Erklärung die mir fälschlich in den Mund gelegten Äußer- 
ungen zu widerrufen. Ich lese zwar die großen deutschen Blätter in 
deutscher Sprache, die ich leidlich gut beherrsche; aber ich kann nicht 
alles lesen, was mir zugeschickt wird. Und so ist mir auch die 
angebliche Unterredung erst später zu Gesicht gekommen. Hätte ich 
ahnen können, daß sie zum Gegenstand einer Erörterung 
vor dem Forum des Reichstages erhoben werden würde, so 
wäre ich sogleich eingeschritten. Daß die Unterredung nicht zu- 
traf, habe ich Ihnen ja vor wenigen Tagen mitgeteilt. Jetzt ist es an der 
Zeit, die Wahrheit rückhaltslos zum Ausdruck zu bringen, 
denn die Wahrheit kommt niemals zu spät. 

Trotzdem hatte noch der Fürst Leopold zur Lippe Appetit: 

Seine hochffirstliche Durchlaucht der regierende Fürst Leopold IV. 
zur Lippe hatte die besondere Freundlichkeit, jüngst bei einem 
Aufenthalt in Berlin, von der Front kommend, dem Korrespondenten 
des »Neuen Wiener Journals« in Gegenwart des Chefs seines 
Geheimen Zivilkabinets, des Geheimen Kabinetsrates Professors 
Dr. V. Eppstein, eine Audienz zu gewähren. 

Also vorsichtshalber ein männUcher Zeuge. Aber es dürfte wahr 
sein, daß er das gesagt hat: 

». . . Wir werden in den ersten Jahren nach dem Kriege keinesfalls 
die alten Exportziffern erreichen können, aber wir werden exportieren. 

. . . die beiden Kaiserreiche werden im wesentlichen nach den- 
selben Grundsätzen regiert und verwaltet. Wir haben auch fast den- 
selben Menschentypus, dieselbe hochentwickelte Kultur, 
beinahe dasselbe Volks-, JVlittel- und Hochschulsystem und beinahe dieselbe 
Rechtsordnung. Der eine Kaiserstaat hat in die Organisation des andern 



56 



genau hineinsehen können. Und daß man einander so intim kennen 
gelernt hat, das verpflichtet. Österreich-Ungarn und Deutschland haben 
heute vor einander keine Geheimnisse. 

. . . Die ungarischen Schweine und das ungarische Hornvieh werden 
uns willkommener sein, als die russischen Schweine und die russischen 
Rinder . . . .< Dr. Egon Friedegg. 

Ob damit auf den regeren Import von Journalisten, Librettisten, 
Verlegern, Theaterdirektoren, die schon vor dem Krieg in Berlin 
ihr Glück gemacht haben, angespielt werden sollte, ist mindestens 
zweifelhaft. Was die Ähnlichkeit des Hochschulsystems anlangt, 
so ist es richtig, daß die reichsdeutschen und die österreichischen 
Fakultäten in gleicher Weise bestrebt waren, die Zahl der Ehrendoktoren 
zu vermehren. Was die gemeinsame Rechtsordnung betrifft, so läßt 
sich nur sagen, daß Menschentypen, die wegen unbefugten Tragens 
des Doktortitels in Berlin abgestraft wurden, also Ehrendoktoren 
sind, ihn in Wien weiterführen können und daß Interview- 
Fälschungen, die von österreichischer Seite in Berlin begangen und 
in Wien veröffentlicht werden, straflos bleiben. Sonst aber geht 
es der Kultur gut, und wir werden exportieren. 



Vom berechtigten Optimismus 

>Auf den ersten Blick hat es allerdings den Anschein, als ob 
unseren Gegnern schier unermeßliche Hilfsquellen zu Gebote stünden, 
allein eine Revision derselben wird uns die Überzeugung verschaffen, 
daß dieses vermeintliche Übergewicht absolut nicht in einem derartigen 
Maßstabe vorhanden ist, der uns die volle Zuversicht auf den endgültigen 
Sieg auch nur trüben könnte. Zunächst gebieten unsere Gegner zwar 
über ein ganz kolossales Menschenmaterial, allein ebensowenig wie 
sich England wohlweislich hüten würde, selbst wenn es könnte, seine 
Hunderte von Millionen Inder zu einem europäischen Kampfe aufzubieten, 
ebensowenig wird sich Frankreich hüten, die große Masse seiner 
Kongo- und sonstigen Neger, seiner Anamiten, Araber und Mauren usw. 
mit Repetiergewehren auszurüsten und militärisch zu schulen . . . .« 

Und: 

>Stark im Vertrauen, daß der König und die Abgeordneten, die 
das Volk vertreten, an den Tag legen, beabsichtigt die griechische 
Regierung nicht, dem Drucke des Vierverbandes, dessen Zweck, wie erklärt 
wurde, der Eintritt Griechenlands in den Krieg ist, nicht nachzugeben.« 



— 57 



Und tatsächlich hatte sie inzwischen nachgegeben. Und 
ebenso werden sie sich ebensowenig hüten. Das i<ommt davon : 
der Österreicher ist ein Idealist, der zum positiven Erfolg auf dem 
Wege der doppelten Negation gelangt. Sein Optimismus ist In- 
differentismus, und dieser findet je nach dem sonstigen Glaubens- 
bekenntnis, seinen Ausdruck entweder in der Maxime: »Gar net 
ignorieren!« oder in der Formel »Nicht — Nicht!« 



Die Denkgesetze 

Überall ist es jetzt die Aufgabe aller, aus der Depression 
der andern den eigenen Mut zu schöpfen. Bei uns geht's am 
leichtesten. Der Hanswurst unseres Optimismus, der täglich und zumal 
abendlich »die Sorge« (der andern) zu messen und namentlich 
bei den Franzosen einen >starken Rückschlag auf die Stimmungen« 
zu konstatieren oder wenigstens zu erhoffen hat, während wir 
natürlich wie der Herrgott in Frankreich leben, gibt ihnen zu 
bedenken: 

. . . Die Franzosen haben jetzt schwere Sorgen, welche sie un- 
mittelbar berühren und die nur wenig durch die russischen Schlacht- 
berichte gemildert werden. Auch die erstaunlichen geographischen 
Kenntnisse über die Bukowina lenken die Aufmerksamkeit von 
Verdun nicht ab. Die Bukowina ist ein Land, das, so oft es unter 
russische Botmäßigkeit gekommen ist, immer wieder befreit werden konnte. 
Wenn der alte scholastische Spruch richtig ist, daß nach 
den Denkgesetzen nichts gewesen ist, was nicht auch wieder sein 
kann, so müßten die Franzosen schon daraus schließen, daß es 
mit der Bukowina eine eigene Bewandtnis haben dürfte und 
daß die Russen gezwungen werden könnten, dorthin zu gehen, woher 
sie gekommen sind. 

Daß die Denkgesetze nicht auch für Verdun gelten 
können, ist nur daraus zu erklären, daß sie auch in Österreich 
nur für Czemowitz gelten und sonst infolge des Kriegszustandes 
aufgehoben sind. Aber unberufen berufen werden sie bereits. Es 
ist wieder wie vor zwei Jahren. »Das Auge bohrt sich< wieder »hinein 
in den Qeneralstabsbericht« oder er wird »verschlungen«. Die schöne 
Spannungdes daumenhaltenden jüdischen Onkels, der schon zufrieden 
ist, wenn der Patient einen Löffel Suppe zu sich genommen hat 
(unberufen), kehrt wieder: »Wir möchten nicht vorschnell . . . .« 



— 58 — 



Die vielen »und«, die in den Zeiten des Stellungskrieges überwunden 
waren, brechen wieder hervor; die > Einbildungskraft« beginnt sich 
zu regen ; die einfachen Denkgesetze sind schon da. Es ist entsetz- 
lich. Wenn die russische Offensive nicht völlig zum Stillstand 
gebracht wird, können wir bald wieder > Laienfragen und Laien- 
antworten« bekommen. 



Metaphysik der Schweißfuße 

Aus einem Buch des Herrn Karl Hans Strobl: 

. . . Und all das Grün ist mit Mondlicht durchwirkt, weit hinaus 
ergossen, bis zu fernen, weißglänzenden Häusern und dunkeln Bergen, 
wie Eichendorf fs al lerholdseligstes Sommernachtsgedicht. 

Wie ich wieder aus dem dunkeln Saal auf die Terrasse trete, 
hat der Fähnrich sein großes Taschenmesser in der Hand, schneidet 
ein Stück Geselchtes herunter und sagt so beiläufig und obenhin: 
»Mit diesem Messer hab' ich ein paar Russen den Hals 
abgeschnitten.« 

Auf Schleichpatrouillen, in polnischen Wäldern, in den Karpathen, 
wo es gilt, Vorposten des Feindes rasch und ohne Lärm unschädlich 
zu machen. Schießen ist unmöglich und Gefangennehmen ein selbst- 
mörderisches Getümmel. Anschleichen, Aufspringen, bei der 
Kehle nehmen, basta! Oder im Nahkampf, wenn die letzte 
Revolverpatrone verschossen ist . . . 

Huldschiner zündet eine neue Zigarre an. — — Ob er 
sich die Goldene im Russischen Krieg erworben habe? 

Nein, die habe er jetzt bekommen, im Kampf gegen die Katzei- 
macher. Jetzt hilft ihm nichts mehr, und er muß erzählen. Es sei 
weiter nichts Besonderes gewesen, er habe sich halt einmal durch die 
italienischen Linien geschlichen und Kundschaft mitgebracht, wo sie 
ihre Reserven sammelten, da hätte dann die Artillerie fein gemütlich 
hinschießen und die ganze Gesellschaft zersprengen können. . . . 

Ich will ja dem Herrn Karl Hans Strobl und ähnlichen 
gambrinusartig aussehenden Herren der Literatur nicht persönlich 
nahetreten, 's sind wackere Bursche, wenn sie auch all jenes nur 
beschreiben und loben und, weil sie dieses treffen, nicht selbst 
mitmachen müssen, ich gönne jeglicher Seel' die bequemste 
Art, durch diesen Krieg zu ihrem Frieden zu kommen, nicht will ich 
tadeln, warum jener Schwächliche, jener Gütige, jener Geistige dort 
hinab mußte und dieser Mastbürger hier, dessen treudeutsch 
Auge allein die Wacht am Rhein zu garantieren scheint, allheil 
bleibt, indem er sich zusammentut mit Juden im Pressquartier, 



— 59 



alle geduckt, doch in Sicherheit vor dem Gewitter, und indem er 
für »Ullstein« — schon der Name ist das Weltübei — Kriegs- 
bücher leisten kann; nicht will ich anklagen, daß es vor dem Tod 
noch Unterschiede gab, Kontraste und daß alles, was der füg- 
samen Welt im Namen des Unrechts geschah, noch entstellt war 
durch Ungerechtigkeit. Aber: wenn man mich als Sachverstän- 
digen vor dem jüngsten Gericht zuziehen wollte, und ich hörte 
dort den Ankläger sagen: Hatte einer wirklich einen Herzfehler, 
der ihn davon befreit hat, einem andern das Bajonett ins gesunde Herz 
zu stoßen, und holte ers schriftlich nach, indem er sagte, das gefalle 
ihm SO; tat er so, so wollen wir solchem Herzen einen langen Ruhstand 
in der Hölle gönnen — da würde ich einwerfen : Nein, glaubet mir, alles 
dies, all diese viehische Selbstverständlichkeit des Hantierens mit 
fremdem Blut, dieses losgelassene Glück der Unmenschlichkeit, dieses 
Messerwetzen im Wort »Katzeimacher«, diese bunte Verbindung 
von Eichendorff, Geselchtem und Gurgelschnitt — all dies kam 
von den Schweißfüßen! Nicht daß ich sie dem Verewigten 
selbst imputierte, das wäre eine Rohheit, als amputierte ich 
sie ihm gar, dem Nichtgedienten, und keineswegs nachweisbar: wohl 
aber der ewigen Seele, die hier vor uns steht! Diese Seele hat 
Schweißfüße, sie war ihr Lebtag stolz auf sie, insgeheim aber 
laborierte sie daran gewissermaßen und rächte sich an jeglichem Ding, 
das keine hatte. Es ist eine Art Redlichkeit, die sich zurückgesetzt 
fühlt: die meisten Dichter und Denker schreiben mit Schweiß- 
füßen und die Welt will das nicht anerkennen. . . Und würde auf 
die Frage des Vorsitzenden, ob ich denn glaube, daß Schweiß- 
füße eine metaphysische Eigenschaft seien, erwidern: Na, und ob! 
Hauptsächlich! Davon eben ist alles gekommen. Es ist geradezu 
eine Weltanschauung, nämlich die unter allen Umständen ideale. 
Es bildet sich heraus, wenn etwas immer feststeht und treu, immer 
auf demselben idealen Knotenpunkt des Gemüts und des Verkehres. 
Dann wollte es sich Luft machen, Bewegung, Expansion, aber 
das half ihm nicht und verdroß nur die Umgebung. So ist alles 
gekommen. Ich bin nicht für die Hölle, weil sich dort kultivierte 
Sünder beschweren könnten, sondern für einen Abort der Hölle, 
wo die Autoren und Leser der Ullstein- und Staackmann-Büchereien 
mehr unter sich sind und wo der Ganghofer die Honneurs 
macht. Hinunter! 



60 



Liebesgabe 

Der bekannte Schriftsteller Hauptmann Franz Xaver Kappus 
hat 90 Exemplare seines Buches »Hai Welche Lust . . .< der Aktion 
> Bücher ins Feld< kostenlos zur Verfügung gestellt. 

Ha, welche Lust! 



Ein starker Esser und ein schwacher Esser 

Ich esse zu viel. 

Von Ludwig Hirschfeld. 

Man läßt mich bis zur Besinnungslosigkeit Eier essen, 

man gibt mir Speisekartan zur Lektüre, reichhaltig wie eine moderne 
Orchesterpartitur, man lädt mich an fleischlosen Tagen ein und serviert 
mir Filet ... da kann man nichts tun. Das heißt, man könnte schon 
etwas tun. Man müßte es mir eben erschweren, mich verhindern, es 
mir unmöglich machen, so gedankenlos üppig zu leben, müßte mich 
zur Einfachheit und Mäßigkeit zwingen . Ich habe meine Schuldig- 
keit getan und die maßgebenden Behörden und Instanzen auf mein 
üppiges Treiben aufmerksam gemacht. Es ist höchste Zeit, daß endlich 
gegen mich energisch eingeschritten wird. 

Der Schalk hat ganz recht. Es wäre herzlos, selbst angesichts 
der sich vorschiebenden Individualitäten die Frage nach der Wehr- 
fähigkeit zu erörtern. Was aber unbedingt zu erörtern ist und von 
den maßgebenden Behörden abzustellen wäre, ist der erbitternde 
Kontrast, daß man an einem Tag, an dem solch gesundes Nichts 
sich scherzhaft anklagen darf, den Feldpostbrief eines edlen 
Freundes erhält, der, einen Monat nach einem Sturmangriff, die 
Worte spricht: 

Ich bin am Leben und unverwundet, aber die Strapazen und 
Entbehrungen der letzten Wochen haben mich so erschöpft — auch 
bin ich bedeckt mit Schorf und schwärendem Ausschlag — , daß ich 
Ihnen vorderhand nichts weiter sagen kann als Dank, innigsten Dank für 
Ihre mir so teuren Grüße ! — — Ich bin zu müde, um — — 

Nein, er sage nichts weiter. Wir wissen alles. 



— 61 



Diplomaten 

Oraf Szögyeny am Tage des Kriegs- 
ausbruches. 

Von Franz Freiherrn v. Haymerle. 
K. u. k. Botschaftsrat. 

— 19. Juni 
An die 

Löbliche Redaktion der »Neuen Freien Presse« 

Wien. 

(Das sind acht Zeilen, weil zum Glück der Ausbruch auf 
den Krieg folgt und die Löbliche mit großem L geschrieben 
wird, während es sonst nur sechs gewesen wären. Da er also anhub, 
dürfte wohl die Fortsetzung so sein, daß die Welt aufhorchen 
wird. Halten wir den Atem an, mag uns dies umso schwerer 
fallen, als die folgenden Gedanken auch jeder für sich einen eigenen 
Absatz haben, bezähmen wir die kunstvoll gesteigerte Neugierde — 
der Lohn, der uns winkt, wird so sein, daß der Österreicher sagt: 
>Es ist dafür gestanden«, während der Deutsche das nicht versteht 
und nach einigem Nachdenken sagt: >Ach so, Sie meinen wohl, es 
hat sich gelohnt? Na hören Sie mal, das meine ich nun ganz und 
gar nicht!« Der arme Graf Szögyeny dürfte oft sein Kreuz (Schwierig- 
keit) gehabt haben, zwischen solchen Sprachbesonderheiten den 
Dolmetsch zu machen. Und was hatte der Freiherr v. Haymerle 
dabei zu tun?) 

Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie nachstehende Zeilen 
in Ihr geschätztes Blatt aufnehmen wollten. 

Ich hatte die Ehre, seit Ende Januar 1914 als k. u. k. Bot- 
schaftsrat in Berlin unter dem Befehle Sr. Exzellenz des Grafen 
Szögyeny-Marich zu stehen. 

Näheres über die Zeit kurz vor Ausbruch des Weltkrieges 
zu sagen, liegt nicht in meiner Absicht, noch bin ich dazu 
berechtigt; ich möchte nur eine für den großen Staatsmann 
charakteristische und zugleich ehrende Episode erwähnen. 

Es war am Abend der Kriegserklärung zwischen Serbien 
und der k. u. k. Monarchie. 

Ich war, mit der Bitte um eine Unterschrift, noch um 
Vj9 Uhr abends zu Sr. Exzellenz aus der Kanzlei hinunter- 
gekommen. 

Der Botschafter war eben im Begriff, aus dem Eßzimmer 
in sein Schreibzimmer zurückzukehren. 



— 62 — 

(Ein Shakespearescher König wäre hier ungeduldig geworden 
und hätte etwa gesagt: 

Bursche, mach's kurz. Armserge Botschaft bringt, 

Wer mit geschäft'ger Miene also anhebt. 

Solch Augendrehn und Lippenmurmeln kenn' ich, 

Und wind'ge Worte schlag ich in den Wind. 

Bist du ein Botschaftsrat, so rat' ich dir, 

Halt kurz die Botschaft; bringst du gute Zeitung, 

So ist die Zeitung schlecht, der du sie bringst. 

Und nur mein Ohr geschaffen, sie zu hören. 

Wer viel zu sagen hat, sagt nicht so viel; 

Zum Ernst der Tat paßt nicht der Rede Spiel. 

Was also geschah, als der Botschafter, eben im Begriffe, aus 
dem Eßzimmer in sein Schreibzimmer zurückzukehren, noch um 
V29 Uhr abends, also statt ins Schlafzimmer zu gehen, den Botschafts- 
rat empfing?) 

Als er mich sah, frug er mich, seiner Gewohnheit 
gemäß, auch dann immer zuerst seine Besucher oder 
Beamten zu fragen, ob etwas Neues los sei, selbst dann, 
wenn er selbst Wichtiges mitteilen wollte: »Was gibt's 
Neues?« Auf meine Antwort, mir sei nichts Wichtiges 
bekannt, sah mich der alte Herr mit einem ganz eigentümlichen, 
halb stolzen, halb wehmütigen Blicke an und sagte, mir 
tief ergriffen die Hand reichend: »Soeben haben wir Serbien 
den Krieg erklärt.« 

(Der Botschaftsrat, V29 Uhr abends, wußte das noch nicht. 
Dagegen das Volk: es wußte es.) 

Buchstäblich in dem gleichen Augenblicke ertönte 
bere its in der Moltkestraße (die zwischen demBotschaftspalais 
und dem preußischen Kriegsministerium hindurchführt), 
ein donnerndes vielfaches Hoch und gleich darauf wurde unsere 
geliebte Volkshymne von Hunderten von Menschen aller Stände — 
Offiziere, Herren im Zylinder, Damen in Abendtoilette, 
Frauen aus dem Volke, Arbeiter, Soldaten und Kinder — ange- 
stimmt, und alles rief wie aus einem Munde nach dem Botschafter. 
>Ans Fenster«, »ans Fenster«, »er soll sich zeigen«, »wir 
wollen ihn sehen!« 

(Ans Fenster? Es ist halt ein Kreuz. Alstern ans Fenster, 
wozu hätten denn die Herrschaften sonst Abendtoilette gemacht? 
Aber wie war nur diese Überraschung zu erklären?) 



— 63 — 



Es fühlte eben bereits damals mit dem der großen 
Menge eigenen Spürsinn das deutsche Volk, wie innig — 

(Sympathie geht eben schneller als Diplomatie.) 

Se. Exzellenz war so tief ergriffen, daß ich nur mit 
Mühe ihn dazu bewegen konnte, ans Fenster seines 
Schreibzimmers zu treten. 

Graf Szög>eny war so erschüttert, daß er der begeisterten 
Menge nur mit der Hand seinen Dank zuwinken konnte. Doch 
Tränen rannen ihm über die Wangen. Und ich schäme 
mich nicht, einzugestehen, daß auch mir, der im Hinter- 
grund stehend diesen erhebenden Moment miterleben durfte, 
die schweren Tränen kamen. 

Für den Botschafter war es aber wohl der größte 
und schönste Moment seines schicksalsschweren Lebens, als 
der bedeutende Staatsmann kurz vor dem Scheiden aus 
seinem seit zweiundzwanzig Jahren innegehabten Amte noch 
erleben konnte, welche für unser geliebtes Vaterland unschätz- 
baren Früchte .... 

Hoch achtungsvollst 

Freiherr v. Haymerle, 
k. u. k. Botschaftsrat, zurzeit im Felde. 

Mit solchen unschätzbaren Lesefrüchten, die die Welt der 
Erwachsenen und Verantwortlichen im Lichte der Fibel zeigen, 
vertreiben wir uns die große Zeit. Sie haben geweint; es wird 
wieder in der Fibel stehn, damit man den Enkeln nichts mehr 
zu erzählen brauche. Alle drei haben geweint, denn der 
Botschafter war erschüttert, wie er fühlte, daß er selbst, nämlich 
der bedeutende Staatsmann erschüttert war: das sind zwei, 
und der Botschaftsrat, der dabei stand : macht drei. In der Aus- 
einandersetzung zwischen dem Betmann Hohlweg und Sir 
Goschen soll nur einer geweint haben, denn jeder der beiden 
behauptet, daß der andere geweint habe. Immerhin ist festgestellt: 
daß aus einem großen Moment eine große Zeit entstanden ist. Und 
daß Ende Juli 1914 zwischen den Diplomaten mehr Tränen als 
Noten ausgetauscht worden sind. Später wurden dann in Europa 
die Noten ganz eingestellt und nur noch den Tränen freier Lauf ge- 
lassen. Wenn Europa sie getrocknet haben wird und wieder mit 
klaren Augen in die Welt sieht, wird es vielleicht verhindern, daß 
es künftig einen so traurigen Beruf wie die Diplomatie noch geben 
könne und gar einen so trostlosen wie die Journalistik, und vor 



64 



allem, daß durch die Verknüpfung von Botschaft und Zeitung so 
viel Gelegenheit in die Welt komme, Tränen und allerlei sonst zu ver- 
gießen. Ein Shakespearescher König hätte, nachdem der Botschafts- 
rat endlich geendet, etwa die Worte gesprochen: 

O Haymerle, zu viel der Tränen flössen, 
Seitdem geschehen, was dir Tränen schuf. 
Und eh du es berichtet. Spar die Tränen, 
Daß künftig sie der Menschheit nicht mehr fließen. 
Du Bote blutig tränenvoller Tat, 
Ich dank' dir nicht! Zieh wieder ab ins Feld, 
Bring bessre Botschaft; bring auch bessre Zeitung! 
Du Haymerle des Unheils, mach dich fort. 
Ermüde jiicht das Ohr mit dem Bericht 
Der Jovis Donner macht zum Schwatz des Pöbels. 
Was malst du Pinsel uns den grauen Himmel 
Zum Sonnentag, das Elend zur Idylle? 
Harmloser Bote du des Schaudervollen, 
Zu lang' hat Trauer unter uns geweilt: 
Du bannst sie nimmermehr durch Langeweile! 
Und merk, vielfältig greuliches Erlebnis 
Wird durch die Einfalt kindischer Erzählung 
Nicht ausgetilgt. Wer hat dich hergesandt 
Zum Spott auf uns und dieses heil'ge Land? 
Unhaymerle, ich geb' dir diesen Rat: 
Die Rede spare, spare auch die Tat. 
Hättst noch nach neun du nichts von ihr erfahren, 
so käme all dies Unglück nicht zu Jahren. 
O war', was nachher, heute noch zuvor! 
Botschaft und Zeitung lähmten Aug und Ohr. 
Nimm meinen Zorn, es sei dir nicht verhehlt: 
Man liest, hört, glaubt euch, weil der Glaube fehlt! 



65 



Notizen 

Die Konfiskation im letzten Heft war nur deshalb auf- 
fallend, weil sie nicht das Geringste mit sonstigen Maßnahmen 
dieser Art zu schaffen hatte und ein Werk der Sprache durch ein 
mindestens ebenso wirksames Werk des Schweigens ersetzte. 
Sie zeigte auf den ersten Blick ihren Sinn: nicht den Inhalt eines 
Gesagten zu verwerfen, sondern den Inhalt eines Geschehenen, 
und dieses so sehr ungeschehen zu wünschen, daß sie, weil das 
nicht mehr möglich ist, wenigstens jenes ungesagt, ja unzitiert 
macht. Ginge es mir um die unmittelbare Wirkung der 
Worte: die Austilgung der Fakten — keinen größeren Erfolg 
wüßte ich mir als das Verbot, jetzt das auszusprechen, was aus 
der konservativsten, die Würde eben jener Macht bejahenden 
Ansicht gesprochen war, die ein Wort noch verhindern kann, 
wenn eine Tat schon geschehen ist. Ich könnte Genugtuung 
darüber empfinden, daß wenigstens eine der uns quälenden 
Erinnerungen gelöscht sein soll. Die nachträgliche Unterlassung 
spricht eine so eindringliche Sprache, daß beinahe die Hoffnung 
erlaubt ist, Dinge, die nicht geschehen sein sollten, würden auch 
künftig nicht mehr geschehen, jede leere Seite bedeute eine 
Hemmung im Tun, nicht erst im Sagen, und Scham sei nur ein 
roter Umschlag für das Weiß der Unschuld. Daß dies der Sinn 
der Konfiskation war, wird vollends der Augenschein lehren, wenn der 
Tag kommt, der dem konfiszierten Wort wieder ans Licht hilft. 
Denn ich strebe keineswegs danach, in die Zeit zu wirken, und 
bin mit dem Erfolg, daß eine Tat für ungeschehen erklärt sei, 
bei weitem nicht zufrieden. Mein Stoff ist nicht die Wirklichkeit, 
sondern die Möglichkeit, und ihre Gestaltung läßt sich ans der 
Sprache nicht mehr zurückziehen. Der Macht, die eine ihr nicht 
genehme Kritik oder Meldung entfernt, bin ich nicht abhold und 
ich räume ihr eine sittliche Stufe über der Presse ein. Die Maß- 
regeln, die von jener auf diese zielen und leider nicht ganz und 
gar treffen, berühren mein Wort nicht. Daß sie dieses in 
bestimmtem Fall für den Ausdruck einer ihr nahen Sachlichkeit 
hält, der Wunsch, daß Schweigen ein konfisziertes Faktum begleite, 
ist ein Erfolg, mit dem ich nicht auskomme. Man wird schon sehen, 
daß Taten vergessen werden können, wie es sich gebührt, aber 
von Worten noch Kinder und Kindeskinder erzählen werden. 



66 — 



In Nr. 426 — 430 (in der natürlich nur die leeren Seiten 1 — 7, 
aber nicht die freien Seitenenden auf Seite 65 und 87 eine Konfiskation 
bedeutet haben) ist auf S. 15, 2. Zeile links (im Hannele-Zitat) statt 
>Saume«: Saum; S. 28, 9. Zeile von unten statt >erlärte«: erklärte; 
S, 30, 9. Zeile statt des Strichpunkts ein Beistrich; S. 33, 
5. Zeile, statt »Sylvester und« : Sylvester, und; S. 44, 6. Zeile von 
unten statt »Berfiner«: Berliner; S. 50, 13. Zeile statt »Aufschwung«: 
Aufstieg; S. 61, H.Zeile von unten statt »mir«: mit; S, 63. 4. Zeile 
von unten statt »Sie«: sie; S. 75, 3. Zeile statt >das«: daß; S. 76, 
16. Zeile statt >Kiegsgeschichte« : Kriegsgeschichte zu lesen. 

In Nr. 418 — 422 werde nachträglich korrigiert: S. 10, 6. Zeile, 
statt »Vorfall«: Verfall; ebenda, letzte Zeile, statt »weil Antinikotin 
gesiegt hat — und über dieser Farbenhölle« : weil Antinikotin gesiegt 
hat, während die Entente-Leute verbluten, weil sie nicht beimjacobi 
kaufen — und über dieser Farbenhölle. 



Bibliographisches. ,Vilag' (Budapest, 25. Juni): eine Nach- 
dichtung »Öreg tanäromhoz (Henricus Stephanus Sedlmayer) von 
Kosztolänyi Dezsö. — »Gott, Mensch und Menschheit«, Aphorismen 
von Alois Essigmann, Axel Juncker Verlag Berlin 1916 (25. Band der 
Orplidbücher), S. 16 und 26. 

* . * 

Vorlesung im Kleinen Konzerthaussaal, 17. Juni: I. Er war ein 
Mann, nehmt alles nur in allem / Aphorismen (»Nachts«) / Verdammt 
noch mal und zugenäht / Aphorismen (»Nachts«) / Das Lysoform- 
Gesicht / Ich glaube . . . (»Nachts«) / Ein Geduldspiel für Groß und 
Klein / Ein 2 1/2 jähriges Kind zeichnet Kriegsanleihe / Das war eine 
köstliche Zeit / Der Lenz ist gekommen / Neues vom alten Korngold / 
Ein sonderbares Imperfektum (März 1914)/Der Atem der Weltgeschichte / 
Strindberg und Koofmich / Wien-Berlin (Vorbemerkung) /Der Traum ein 
Wiener Leben / Monolog des Nörglers. II. Sommerzeit / Fleisch 
und Blut / Blutunterlaufungen / Gedichte: Grabschrift; Aus jungen 
Tagen; Vor einem Springbrunnen; Abschied und Wiederkehr; Fahrt ins 
Fextal; Die Krankenschwestern; Sonnenthal; An einen alten Lehrer / 
Die Schuldigkeit. III. Die Fundverheimlichung / Der ster- 
bende Mensch. 

Ein Teil des Ertrages wurde Vereinen für Kinderschutz und für 

Tierschutz zugewendet. 

* 

Vorbemerkung zu »Der Traum ein Wiener Leben«: 
Niemand, der mich und meine Antithese Wien-Berlin zu lesen 
wußte, wird auch nur einen Augenblick im Zweifel darüber gewesen 
sein, wie ich zwischen dem Heiligenkreuzerhof und der Friedrich- 
straße als Kulturzielen mich entscheide und daß ich diese nur vorzog, 
weil sie mir alle Mittel bot, schneller und leichter zu jenem zu gelangen. 
Alle Klage galt nur der Qual einer minderwertigen Individualität, die 



67 — 



den Zugang sperrte; alles Lob nur der entseelten Dutzendware von 
Menschheit, die die Straße glatt hielt, damit man zu sich gelangen 
könne. Eben diese Wertung und keine andere entspricht dem Gefühls- 
zustand, der der Satire »Der Traum ein Wiener Leben« zugrundeliegt. 
Sie ist in dem folgenden Aphorismus zusammengefaßt (folgte: »Es ist in 
alten Mären . . .« aus >Nachts«). 

« * 

* 

Ein Brief, der zeigt, wie der »einfache Mann an der Front«, 
den das begeisterte Hinterland beständig im Maule führt, über 
eben dieses denkt: 

(»Stuttgart, 10. Juli, militärischerseits unter Kriegsrecht geöffnet, 
geprüft und freigegeben.«) 

Im Schützengraben, 8—7 — 16. 
an der Westfront 
Sehr geehrter Herr Kraus! 

Durch Zufall gelangte ich in den Besitz Ihrer satyrischen 
Monatsschrift ,Die Fackel' und bereitete es mir und noch manch 
anderen unter uns eine ganz besondere Freude zu sehen, wie sich 
darin mancher unserer innersten Gedanken. gedruckt findet und daß 
wenigstens einer den Mut hat, sie an die Öffentlichkeit zu bringen. 

Wenn man, wie wir seit IV2 Jahren im Schützengraben 
liegt und dann in Zeitungen, Zeitschriften, Büchern Berichte, 
Seelenschilderungen, Haßgesänge und dergleichen liest, da ist es 
nur schade, daß sich sein geistiger Urheber nicht gerade bei uns 
befindet, er könnte manches an seinen geistreichen Gedanken kästen 
bekommen, daß ihm die Lust, unser Leben zu schildern bald vergehen 
würde. Es ist ja fast unglaublich, was da alles beschrieben wird von 
Leuten, die die Verhältnisse, die sie schildern, meist nur vorüber- 
gehend gesehen, vielleicht aber auch nur »gehört« haben, ohne 
von dem Seelenleben auch nur eine Ahnung zu haben. Und 
wie dann sogenannte »Feldpostbriefe« veröffentlicht werden, die 
voll von glühender Begeisterung, Haß und Mordlust sind, jetzt 
noch nach 2 Jahren Krieg, und schlimmer steht es wenn solche 
Gefühle vollends in Reime gebracht werden. Es wird ja bei uns 
in vorderer Linie auch gedichtet, und oft sogar wenn es nicht 
einmal besonders luhig ist oder war, aber da kommen andere 
Stimmungsbilder zu Stande. . . . 

Wir haben den Schützengrabenkrieg fast von Anfang an 
mitgemacht und gefäh; liehe und ungefährliche Stellungen in Ent- 
fernungen von 70—600 m vom Feind innegehabt; Stellungen in 
denen man keine Sekunde vor irgend einem verderbenbringenden 
Explosivkörper sicher war; aber gehässige Stimmungen gegen unsere 
gegenüber liegenden Kameraden (in unserem Falle die Franzosen, 
z. Zt. Truppen, die von Verdun kommen) existieren nicht. Es gibt 
natürlich immer vereinzelte Temperamente, die hitziger sind und für 



— 68 - 



alles gleich Vergeltung wollen ; dazu hätten sie dann schließlich immer 
noch ein gewisses Recht, aber gewiß nicht solche, die dies nichts angeht 
und die von zu Hause schimpfen, womöglich nur weil ihnen eine Be- 
quemlichkeit von früher abgeht. Es ist gerade genug, wenn es 
Tote, Verstümmelte und Verwundete im Falle des »Muß« und der 
bitteren Notwendigkeit gibt und ist es schade für jeden, ob 
Freund oder Feind, der sein Leben lassen muß, denn zum Ver- 
gnügen ist gewiß keiner im Krieg. . . . 

Ihnen zu schreiben, war mir ein Bedürfnis und danke ich 
Ihnen im Namen vieler, daß Sie so offen gegen diese Schäden in 
der Presse auftreten, da wir seither nicht geglaubt haben, daß 
dies überhaupt möglich sei. 

Mit Gruß und Handschlag 

Ein Feldgrauer. 

P. S. In unserer Kompagnie sind alle Jahresklassen von 
23—40 vertreten. 

(Durch Urlauber befördert.) 



Solche Kontraste gibt's nur an der Front 

Nachdruck verboten. 
Bei der Isonzoarmee. 

Von Alice Schale k. 

(Vom Kriegspressequartier genehmigt.) 

Trommelteuer auf dem Monte San Michele. 

Nach langem Bitten bekomme ich die 
Erlaubnis mitzugehen. Natürlich auf eigene Gefahr und 
Verantwortung . . Ich fühle, wie die Freiwilligkeit die Last erschwert. 
Daß ich nicht mitgehen muß, verursacht den Innern Hader . . 
Zur angegebenen Stunde, um 5 Uhr nachmittags, melde ich 
mich beim General als abmarschbereit.. Ich 
aber bitte darum, mit einem Herrn gehen zu dürfen, 
der ohnedies heute in Stellung muß. Durch mich soll 
keiner gefährdet werden, von dem es der Dienst 
nicht verlangt . . Ein blutjunger Leutnant, der über die 
sich eröffnende Abwechslung seelen vergn üg t 
ist, biegt mit mir am Fuße des Berges ab, den wir umgehen, 
um ihn dann von der Flanke anzufassen Vorher 
bekomme ich den Befehl, punkt 9 Uhr wieder an der Ausgangs- 
stelle zu sein . . Tiu, tiu, tiuuu — geht es uns von der 
Seite an . . Und plaudernd bummelten wir durch 



69 



die Mondnacht wiederum heim .. Beim Artillerie- 
beobachter der Podgora bin ich gesessen, atemlos 
harrend, was sich in seinem Abschnitte begeben würde , . 
Eine Bejahung der Instinkte, eine Betonung der 
Persönlichkeit hat Platz gegriffen, wie sie nie 
vordem hätte gezeigt werden dürfen . . Oberhalb 
der Parkmauer des Schlosses bin ich neulich beschossen worden . . 
Nur die Unsern halten es aus . . Wir stehen da, ohne 
Regung. Mag derFeind uns sehen!.. Kein Wort haben wir 
noch gesprochen. Jetzt sehe ich ihn an. Dünn ist er und 
blaß. Nicht viel über Zwanzig . . Etwas Sonderbares geht 
in mir vor. Ich seheden Leutnant an; Volksschullehrer 
ist er in einem ungarischen Dorf . . Und wie ein blendendes Licht 
steigt in mir eine Erkenntnis auf .. Während des 
Trommelfeuers auf dem San Michele erleuchtet 
ein neues Verstehen jede Windung meines 
Gehirns . . Der Leutnant ahnt nicht, wie seine Haltung auf 
jneineErkenntnis wirkt.. Er sieht mich an und lächelt. 
Er fühlt, daß ich mit ihm denke, unsere Nerven 
schwingen während des Trommelfeuers im Takt 
. . Es klingt wie eine Solonummer im Orchester . . Tk, tk, tk — 
geht es los . . Der erste Ton ists des Morgens, wenn ich um 
halb vier aufstehe, um in die Stellung zu gehen.. 
Tiu, tiu, tiu — tk, tk, tk — kings ! . . Aber auch nicht der 
Gedanke daran, daß man ungehorsam sein, den Befehl miß- 
achten könnte, kommt einem von uns beiden in den Sinn. D i e 
ungeheure Triebkraft eines Befehls verspüre 
ich jetzt am eigenen Leib.. Der Leutnant bleibt 
stehen . . Eine Nachtigall lockt und die Akazien duften betäubend . . 
jetzt freilich kommt es von der anderen Seite; nicht mehr so 
peitschend und eilig, sondern langsam brüllend, fast hohn- 
voll singend. Der Leutnant zerrt mich an die Wand. 
Wu — wu — wu — — .. Ein Blindgänger war's . . Kein 
Gedanke daran, stehen zu bleiben oder Deckung zu suchen. 
Befehl: Um neun Uhr stellig zu sein. Zum 
erstenmal kann ich ganz mit der Mannschaft 
fühlen. Was für eine Erleichterung ist ein Befehl!.. 
Wunderbar leicht kommt man durchs Feuer, 
wenn der Befehl es heischt.. Wohl jenem 
Volk, das im Befehl leben dürfte . . vertrauend, gläubig, daß 
der Befehl auch der richtige sei, von den Besten der Besten 
ersonnen ; so wie es hier der vorwärtsdrängende und jeden Rückfall 
abschneidende, das Eigentum schützende Befehl vom 
Isonzo ist. Verwundete holen uns ein . . Einer ist taubstumm 
geworden. Er winkt und deutet, was ihm geschah . . Die Autos warten 
und bald sind wir im Quartier. DerTisch ist gedeckt und in dampfenden 
Schüsseln wird das Mahl aufgetragen. In jedem Auge stehi 



— 70 



noch der Abglanz des Erlebnisses. Alles schweigt. Aber 
wir essen ganz tüchtig und schlafen prächtig 
und nächsten Mittag spielt die Militärmusik 
bei der Offiziersmesse auf. Wir haben ja den benötigten 
Graben. Im Freien wird gespeist, die Spargel schmecken 
gar köstlich und süße Walzermelodien wetteifern mit dem 
Kuckuck und mit dem Specht .. In Rom erfährtSalandra 
wohl nichts, als daß er heute einen Graben verlor. 

Die Honveds auf dem Monte San Michele. 
Wenn man des Morgens um""vier zur F r o n t hinaus 
fährt, muß man unterwegs jedesmal ein wenig halten, um 
die Verwundetenzüge vorbeizulassen . . Die Leichtverletzten nehmen 
noch Haltung an und salutieren, andere heben matt den Blick 
und versuchen, mit der Hand nach der Mütze zu fahren, viele 
aber liegen unbeweglich, haben den Mantel übers Gesicht gezogen 
und sehen und hören nichts . . Das Gefecht ist zu 
Ende. Wir können also gehen.... 

|Nach San Martino del Carso. 

Den Monte San Michele lasse ich heute 
rechts liegen.. Auf den frontseitigen Mauern stehen mit Erde 
gefüllte Papierkörbe zum Schutz gegen die Gewehrkugeln . . 
Heute führtmich mein WegzurNachbardivision, 
zu den ungarischen Truppen des Heeres .. Leichengeruch 
weht über die Straße weg.. Kein Korso einer Großstadt 
ist so menschenbelebt wie diese granatenbestrichene Straße . . 
Hier liegen seit acht bis zehn Monaten zwischen den Stellungen ganz 
mumifizierte, durchlöcherte Leichen. . Die Gräben sind 
eng, fast nur mannsbreit und die Leute schlafen langausgestreckt auf 
ihrem Grunde. Man steigt über sie weg, aber sie wachen 
nicht auf . . Sechs Einschläge zählen wir und eine rasche 
Aufnahme gelingt . . Ich darf durch einen 
Panzerschild hinausschauen und den Trichter 
bestaunen.. Ich stehe inmitten der Arbeiterabteilung, die 
eben dabei ist, die Zertrümmerungen unseres Grabens auszubessern. 
Ihr Kitt hinterläßt lehmartige Flecke auf meiner Jacke, denn um 
den Trichter zu sehen, muß ich mich dicht an die frisch- 
gestrichene Mauer schmiegen. Das amüsiert sie und sie 
lachen . . und freiwillig schildern sie tausendundeine Einzelheit 
dieser Nacht. . Ein Mann legt sich eben eine Schnurrbartbinde 
an.. Beim Bataillonskommandanten bekomme 
ich ein Glas Eierschnaps. Das tut wohl. Die Nerven 
vibrieren doch von dem ewigen Krachen ringsum. 
»Decken Sie frisches Zeitungspapier auf«, ruft 
der gastfreie Offizier .. Sechs Schüsse — sechs Voll- 
treffer . . Und während ich Platte auf Platte mit Bildern 
für die Zukunft fülle, eilt die Mannschaft von allen Ecken 



— 71 — 



herbei. Sie möchten mit auf das Bild. Beim Brigadier 
wartet ein Frühstücl< auf uns; dankbar nehme 
ich 's an.. Weil mich Cadorna heute wiederum 
verschonte, weil die Granate wiederum gerade 
um ein Viertelstiindchen zu spät kam, gibts eine 
Flasche echten Champagners und als besonderen 
Lohn eine Dose wirklichen Kaviars. Knusprige 
Kipfel und bunte Blumen, Radieschen und ein Damastgedeck — 
solche Kontraste gibt's nur an der Front.... 

Wien, 13. Juli. 

... An solchen Ausartungen der weiblichen Natur können 
wir nicht schweigend vorübergehen, weil sie manches erklären, was 
zu den Erlebnissen dieses Krieges gehört, und weil uns in solcher 
Denkweise und in solchen Handlungen etwas Fremdartiges ent- 
gegentritt, zu dessen Verständnis die bisherigen Erfahrungen wenig 
zu sagen haben .... diese abstoßende Unweiblichkeit, diese auf 
der Gasse zur Schau getragene Gemütlosigkeit sind Merkmale 
ernster Verwilderung. 

. . . Eine Frau, die den Beruf, zu dem sie geschaffen ist, 
nicht erfüllt, muß durch Anlage und Erziehung gütig sein, damit 
sich nicht Besonderheiten herausbilden, die aus den Störungen im 

körperlichen Gleichgewichte entstehen mögen Wie das immer 

zu sein pflegt, daß die Frau, wenn sie aus der Eigenart des 
Geschlechtes heraustritt, ihre Zartheit abstreift und sich zum 
Mannweib verunstaltet, zu einer seltsamen Grausamkeit neigt, hat 
sich diese Erfahrung auch in England wiederholt. . . . 

(Ach so!) 

Da werden Weiber zu Hyänen. Die Spinster . . darf 
nicht mit ihrer festländischen Schwester verglichen werden. 
Diese ist gewöhnlich ein liebes, gutmütiges und bescheidenes 
Wesen .... Die Spinster in England . . will durch Erfolg und 
Macht im öffentlichen Leben entschädigt sein. 

... Sie kann die Kriegsleidenschaften schüren und 
auch fanatische Frauen mit sich fortreißen, da sie den Schmerz 
einer Mutter nicht spürt. Wenn es nur wirklich Leidenschaft 
und Fanatismus wäre. Es kann auch sein, daß die Suffragetten 
sich in ein nüchternes Geschäft mit der Kriegspartei eingelassen 
haben .... und vielleicht wurden sie gemietet, um die erlöschende 
Glut wieder anzufachen. . . . Dem Himmel sei Dank, daß eine 
österreichische Frau . . im Kriege dort ihren Platz gewählt 
hat, wo Kranke zu pflegen. Müde zu erfrischen und Bedrückte zu 
trösten sind .... 



— 12 — 



Von einem Mann namens Ernst Posse 

Der Sinn der waffenbrüderlichen Vereinigung wäre unvoll- 
I<ommen, wenn nicht zur Hebung des Fremdenverkehrs und zum 
Austausch der Professoren auch ein Wechselga^spiel von Redakteuren 
käme, etwa so, daß der Chef des .Fremdenblatts' seinen infor- 
mierten Mist in der .Kölnischen Zeitung' ablagert und der Chef 
der,KöInischen'dafürseinen Kohl im, Fremdenblatt' pflanzt. Pfingsten, 
ein Fest, das, wie Weihnachten und Ostern ihre Heiligkeit, längst 
seine Lieblichkeit unter Zeitungspapier begraben hat, war die 
Gelegenheit: 

»Zum ersten Male nimmt der hervorragende erste Schriftleiter 
der .Kölnischen Zeitung', jenes ausgezeichneten Blattes von wohl- 
verdientem Weltruf, das in mehr als hundertjähriger ununterbrochener 
Überlieferung uneigennützig im Dienste großer und gerechter 
Sachen steht, im Weltkriege das Wort in der österreichischen 
Presse: wir sind ihm dafür zu besonderem Danke verpflichtet. < 

Ähnlich dürfte sich an dem gleichen Tage Köln über VC'ien 
geäußert haben. Der geistige Vertreter jener Stadt, die, wie man 
gleich sehen wird, ihren Geruch in der Welt mit weit mehr Recht 
dem Kölnischen Wasser als der Kölnischen Zeitung anvertraut, heißt 
Ernst Posse, ist aber nur in seinem Zunamen ernst zu nehmen. Da 
das Fremdenblatt dem Aufsatz die Bemerkung nachschickt, daß 
Nachdruck mit Quellenangabe erlaubt und erwünscht sei, so will ich's 
unternehmen. Man wird nicht nur daraus ersehen, was von einem 
Geisteszustand zu erhoffen ist, dessen maßgebendster publizistischer 
Vertreter mit Recht den Namen Posse führt, sondern auch erfahren, 
wie der Vorwurf, daß ich die Presse überschätze, an dem eigenen 
Machtwahn dieser Standesgenossenschaft zu Schanden wird. 
Unter dem Titel »Wie gründen wir Mitteleuropa?« zeigt ein 
Schwätzer den einzig richtigen Weg, der zu solcher Gründung 
führen kann: mit der Phrase dort zu beginnen, wo man mit ihr 
geendet hat; denn neues Leben blüht aus den Ruinen. Wäre die 
Sorte Menschheit, die es probieren will, weil ihr dieser Wechsel vom 
Hörensagen bekannt ist, nicht völlig ausgehöhlt und auch nur 
eines Gedankens noch fähig, sie würde ihre Wortführer mit nassen 
Fetzen aus den Redaktionen des Weltbrands jagen. Der geistige 
Austausch der Herren Szeps und Posse hat aber seine Vorgeschichte: 



73 — 



Wir im Reiche werden uns erinnern, daß Minnesangs 
Frühling an der Donau blühte, daß Walther von., der Vogelweide, 
der Preiser deutscher Art und deutscher Sitte, in Österreich singen 
und sagen lernte, daß unser nationales Lied von der Nibelungen 
Not und Tod zuerst am Wiener Hofe vorgelesen wurde; und in 
den verbündeten Ländern wird man jetzt noch tiefer empfinden 
als vordem, daß die Dichter und Denker der Wirkungszeit des 
großen Friedrich, mag ihre Wiege im geschmeidigen Süden, in 
Franken, in Schwaben oder im spröderen preußischen Norden 
gestanden sein, in ihrer Muttersprache auch für sie dichteten und 
dachten, daß ihre Werke deutsches Gemeingut sind. 

Das gemeinste deutsche Gut dürfte die Anwendung dieses 
Wortes sein. Die Dichter und Denker im Reich, die Singer und 
Sager in Österreich — unter denen aber die Singer in der 
Majorität sind — : diese alte Wechselbeziehung in Ehren. In 
Wahrheit wird kein Mensch im >Reiche« sich je an einen andern 
geistigen Zusammenhang mit Österreich erinnern, als daß die 
Reinhardt und S. Fischer aus Budapest in Berlin reüssiert haben. 
Aber die Theaterdirektoren müssen sich aufs Kino verlegen und 
die Tage der Verleger sind gezählt. Dafür bricht die Zeit der 
Minnesänger wieder an. Hört, hört: 

Uns Journalisten wird in einer Zeit, wo Bücher 
kaum noch gelesen werden, eine ähnliche Aufgabe zu- 
fallen wie die, welche unsere Vorläufer in den Jahrhunderten vor 
Erfindung der Druckkunst, als Bücher noch nicht gelesen wurden, 
zu erfüllen hatten, indem sie, fahrende Sänger und Vaganten, 
von Hof zu Hof zogen, um ihren Zeitgenossen in einer ihrem 
Verständnis und ihrem Geschmack angemessenen Form die 
Zeitung zu künden. Allen denen unter uns aber, die gedanken- 
los in den Tag hineinlebten, und den nicht minder Zahl- 
reichen, die sich gegen den Einfluß der Presse weg- 
werfend spreizten und sperrten, hat der Krieg offen- 
bart, welche Macht der moderne Zeitungsschreiber in 
der Hand hält. Man denke sich, wenn man kann, die 
Zeitung weg in diesem internationalen Aufruhr der 
Gemüter; wäre ohne sie der Krieg überhaupt möglich 
geworden, möglich in seinen Entstehungsursachen, 
möglich auch in seiner Durchführung? Ich will hier nicht 
untersuchen, ob der Offenbarer Krieg, der den Menschen und den 
Dingen bis auf den Grund ihres Wesens schaut, an der Presse 
mehr Schatten- als Lichtseiten erkannt hat. Jedenfalls wird 
für die Beurteilung der Zeitung die Beleuchtung, in 
die der Krieg sie gerückt* hat, auf lange hinaus maß- 
gebend sein. 



— 74 



Ach, daß wir's hoffen könnten ! Und daß wir's endlich 
gehört haben! Endlich auch das schwarz auf weiß haben! Ohne 
die Presse wäre der Krieg überhaupt nicht möglich gewesen! 
In seinen Entstehungsursachen nicht und nicht in seiner Durch- 
führung! Der Wiener Rädelsführer des Weltverbrechens hat 
einmal geschrieben: 

»Vor einigen Tagen war in den englischen Blättern, die seit 
Jahren die Holzstöße zum Weltbrande herbeigeschleppt haben, 
zu lesen . . . .< 

Wenn so etwas der englischen Presse nachgesagt wird, 
dachte ich, dann wird der Presse als solcher ja die Fähigkeit dazu 
nachgerühmt. Dieser indirekte Beweis für mein Recht, die Presse 
zu überschätzen, wird nun durch das direkte Geständnis über- 
trumpft. Und allerorten beginnt jetzt die Presse, sich des Einflusses 
rühmend, den sie der feindlichen Presse zum Vorwurf macht, sich 
stolz der Urheberschaft am Weltkrieg anzuklagen. Tua culpa, 
tua culpa, mea maxima culpa. Das Kinderspiel der Erwachsenen 
>Wer hat angefangen?« wird auch in den Lagern der inter- 
nationalen Journalistik und hier mit dem berufsgenossenschaftlichen 
Stolz, der die fremde Schuld zum eigenen Ruhm macht, erörtert. 
Der Journalismus ist die einzige Internationale, die durchgehalten 
hat, denn Journalisten kämpfen ja nicht gegeneinander, sondern 
gegen die Völker der anderen. Einig bleiben sie in dem allge- 
meinen Siegerbewußtsein, daß es doch schön sei, in einer Welt 
zu leben, die man vermöge jener unumgänglichen Verbindung 
von Abhub und Druckerschwärze und jener unwiderstehlichen 
Wirkung von Druckerschwärze auf Geistesschwäche zerstören kann. 
Da und dort beeilen sie sich nun, ihre Opfer durch den Vorschlag von 
Reformen zu entschädigen, empfehlen internationale Überwachungs- 
bureaux, Journalistenakademien und natürlich den Austausch von 
Berufsgenossen, und einer versteigt sich sogar zu der Meinung, daß »die 
Hauptsache doch immer das Verantwortungsgefühl« sei. Wie sich 
jene aber eine Heilung des Weltkrebses durch kosmetische Scherze 
vorstellen, wie sich dieser das Fortbestehen einer Presse bei Züchtung 
einer Eigenschaft denkt, die den Lebensnerv der Presse zerstört, beides 
ist gleich rätselhaft. Journalistenakademien — das bedeutet die 
Qraduierung der Schande; es ist das Projekt des Größenwahns, der 
mit einer Gewerbeschule des Verbrechens nicht mehr auskäme. 



75 



Austausch von Journalisten - das wäre der Entschluß, im eigenen 
Staat das falsche Geld des andern anzuerkennen. Internationale 
Überwachungsbureaux: die Überwacher der Presse hätten genug 
zu tun, sie auf Reklamenotizen für ihre Tätigkeit zu durchsuchen. 
Was soll aber vollends die Einführung eines V'erantwortungsgefühls, 
da doch die Presse als ganze eben den mechanischen Ersatz eines 
solchen bedeutet? Schon meldet sich ein Gegner derartiger Reformen, 
der offen erklärt, daß es nicht angehen würde, beim Verantwortungs- 
gefühl stehen zu bleiben, >ohne dessen Grenzen nach oben und 
unten zu untersuchen«. Das Verantwortungsgefühl muß seine Grenzen 
haben. »Die IVlitschuld der Presse am Kriege ist nicht zu be- 
streiten—aber kann man ihn aus dieser Tatsache allein erklären?« 
Was der Presse — natürlich nur der feindlichen — an Verant- 
wortungsgefühl gefehlt habe, habe ganz Europa gefehlt. Immerhin 
wird die Wirkung der Druckerschwärze, deren Verschleißer sich 
meinen Angriffen durch den Hinweis auf ihre Vergänglichkeit zu 
entziehen pflegten, jetzt unter die Kriegsursachen eingereiht, dem 
Feinde zur Schmach, dem Berufe zum Stolz. Beides aber, die 
Abwälzung der Schuld und die Reklamierung der Macht, ist wieder 
ein Teil von jener Kraft, die noch mehr Verderben durch die Phrase 
des Guten als durch den Effekt des Bösen hervorgebracht hat. 
Weil aber Geberdenspäher und Geschichtenträger, die es schwarz 
auf weiß bringen, des Übels mehr auf dieser Welt getan haben, 
als Blausäure und Bomben in Fliegers Hand nicht konnten, so 
gibt es gegen die Presse keine andere Reform als die Abschaffung. 
Dieser Erkenntnis war ich der Rufer in der Wüste: jetzt, in einer 
Wüste gewordenen Welt ruft sie allenthalben das Echo. > Hätte man« — 
so bricht eine deutsche Frau jetzt aus - »nur zehntausend hetzerische 
Zeitungsschreiber aus allen Ländern zusammengetrieben . , . hätte 
man sie nur rechtzeitig zusammengetrieben, die heute weiterkläffen 
von allen Ufern des Roten Meeres, das gespeist wird von dem 
Blute Millionen Unschuldiger ... ja, hätte man zehntausend 
hetzerische Journalisten aus allen Ländern zusammengetrieben und 
gehenkt, o wie viel wertvolle, hoffnungsvolle Menschen wären in 
all diesen Ländern heute am Leben! Statt dessen seid ihr es, die 
ihr noch lebt, die ihr einer bösen Schwäre gleich Europa von 
einem Ende zum andern überzieht, ihr, die Hetzer, die Mit- 
schuldigen an diesem Kriege, deren Knochen wie die der Schacher 



— 76 — 



hätten zerbrochen werden sollen, bevor wir zuließen, was jetzt 
geschieht!« Und ein biederes Provinzblatt, das zugibt, die Presse 
habe sich >in ihrer überwältigenden Weltmacht noch nie so gezeigt 
wie in diesem Kriege« und es sei >sicher, daß die Freunde des 
Friedens mit einem schlauen und heimtückischen Feind zu tun 
haben, der mit Holzpapier und Druckerschwärze arbeitet«, bedauert 
doch, daß es »nicht an Leuten fehlt, wie z. B. die erwähnte Für- 
sprecherin einer radikalen Maßregel, die aus Ärger, daß sich das 
gedruckte Wort oft stärker erweist als unumstößliche Tatsachen, 
das Kind mit dem Bade ausschütten«. Der Schwachsinn ent- 
schuldigt die Presse mit ihrem Verbrechen und hält es nicht für 
richtig, das Kind mit eben jenem Blutbad, das es angerichtet hat, 
auszuschütten. Aber die Harmlosigkeit, die Anklage und Verteidi- 
gung in einem besorgt, schreibt mit derselben roten Tinte wie 
der Mord. Und die Hetzarbeit der Weltpresse hat nicht ärgeren 
Schaden gestiftet als die allgemeine Möglichkeit, durch eine Suggestion 
des Tonfalls verschwommener Meinung geistige Werte zu ersetzen. 
Durch falsche Tatsachen die Völker zu verhetzen, würde nicht 
gelingen, wenn es nicht schon längst gelungen wäre, durch falschen 
Geist das Volk zu verderben. Was noch knapp vor einem Krieg geschieht, 
lyenn die Menschheit einmal für ihn reif geworden ist, wäre das 
Geringste, und die schlimmsten Greuel sind durch Jahrzehnte wahr 
gewesen, ehe andere erlogen wurden. Das Resultat des leiblichen 
Mords gibt freilich den Weg an, wie dem Übel künftig zu steuern 
wäre. Es empfiehlt die einfache Schätzung: was vernünftiger ist, 
hunderttausend intellektuell mittelwüchsige, ethisch wertlose Indivi- 
duen in soziale Berufe zu zwingen, auf die Gefahr hin, daß die Neu- 
gierde der Massen und die Eitelkeit der Führenden um die Nähr- 
väter gebracht würden, oder zehn Millionen Menschen zu opfern. 
Deren Erhaltung ist, wie sich gezeigt hat, ohne die Beseitigung der 
Presse nicht möglich. Wird die Menschheit eine andere Entschuldigung 
als die des Irrsinns haben, wenn sie in einem lichten Augenblick 
gewahr wird, daß sie die Fülle ihrer Besten geopfert hat, und schlimmer : 
daß ihr die Gruppe ihrer Schlechtesten, die es bewirkt hat, übrig blieb? 
Daß diese überleben, weil sie an einem Krieg nicht teilnehmen 
mußten, den sie gemacht und dem sie den Frieden ferngehalten 
haben? Schreibt sich die Wehrfähigkeit aller noch immer nicht 
von der Schreibfähigkeit der vielen her? Hat es die Welt 



— 77 



noch immer nicht schwarz auf rot, und ist ihr, was es an Papier 
auf Erden gibt, noch immer nicht das Leichentuch für Menschheit 
und Wälder? Was hülfe der Frieden den Nationen, wenn seine 
erste Bedingung nicht der Krieg aller gegen die Presse wäre? 
Die Verpflichtung, jenen, die uns künftig noch »die Zeitang 
künden« wollen, sie rechtzeitig zu kündigen? Mehr Beweis, 
um ihnen den Prozeß zu machen, braucht man nicht als 
ihr freches Geständnis, »der Krieg habe offenbart, welche Macht 
der moderne Zeitungsschreiber in seiner Hand hält«, als die 
hämische Aufforderung, »sich, wenn man kann, die Zeitung 
in diesem internationalen Aufruhr der Gemüter wegzudenken«, 
als die Frage des Siegers über allen Staaten, »ob der Krieg ohne 
sie überhaupt möglich gewesen wäre«. Ich hab's ja immer mit 
Ernst behauptet. Aber daß es jetzt auch der Posse zugibt, ist 
erschütternd. Ernst Possart — das war ehedem die Bezeichnung 
für den durchschnittlichen deutschen Tragödienspieler. Der Welt- 
krieg wird einst Ernst Posse geheißen haben! Man denke sich, 
wenn man kann, die Zeitung weg aus dem Weltkrieg. Nein, ich 
kann es nicht! Ich konnte es nicht, ehe er ausbrach! Ultra Posse 
nemo tenetur. Aber wenn die Beleuchtung, in die der Krieg die 
Presse dank dem Krieg und der Fackel gerückt hat, noch durch 
etliche Laternenpfähle ergänzt werden könnte, so würde die 
Bevölkerung aller ehedem befreundeten und verfeindeten Staaten 
einen internationalen Austausch von Chefredakteuren als einen 
Glanzpunkt des Friedensfestes ansehen. Die Form dazu würde sich, 
wenn sie ohnedies wieder als fahrende Sänger von Hof zu Hof 
ziehen, um die Zeitung zu künden, leicht finden lassen, man 
würde sie, da infolge der rapiden Hebung des Fremdenverkehrs 
kein Obdach für sie vorhanden wäre, einladen, unter freiem 
Himmel zu übernachten, und eine Menschheit, deren Machthaber 
es versäumt hatten, Zeitungsartikel niedriger zu hängen, wäre 
es zufrieden, dafür die Verfasser höher hängen zu sehen. 



78 - 



Glossen 



Eine Bombe 

»Bekanntlich war gleich zu Beginn des Krieges, am 2. August 1914, 
die (seitdem oft wiederholte und meist geglaubte) Nachricht in die 
deutschen Zeitungen übergegangen, daß ,auf der Strecke Nürnberg — 
Kissingen sowie auf der Strecke Nürnberg — Ansbach Flieger 
gesehen wurden, die Bomben auf die Bahnstrecke warfen'. 
Diese Nachricht ist neuerdings von J. Schwalbe, dem Herausgeber der 
.Deutschen medizinischen Wochenschrift', in einem Artikel am 16. März 
1916 in der Form wiederholt worden: .Nachdem noch vor der Kriegs- 
erklärung ein französischer Flieger auf Nürnberg Bomben abgeworfen 

hatte In der Nummer vom 18. Mai 1916 sieht sich jetzt Schwalbe 

genötigt, zu berichtigen, daß es sich bei jener Nachricht nicht um 
Nürnberg, sondern um die obenerwähnten Bahnstrecken 
gehandelt, daß aber auch diese Nachricht unzutreffend 
gewesen. Er schreibt: »Aus einem weiteren Schriftwechsel von Geheimrat 
Riedel und dem Magistrat von Nürnberg hat sich ergeben, daß diese 
Behauptung, die bisher niemals berichtigt, vielmehr 
allgemein bei uns als ein Beweis für den Bruch 
des Völkerrechts angenommen worden ist, tatsäch- 
lich nicht zutrifft. Der Nürnberger Magistrat schreibt nämlich am 
3. April d. J. : ,Dem stellvertretenden Generalkommando des III. bayrischen 
Armeekorps hier ist nichts davon bekannt, daß auf die Bahnstrecke 
Nürnberg— Kissingen und Nürnberg — Ansbach vor und nach Kriegs- 
ausbruch je Bomben von feindlichen Fliegern geworfen worden sind. 
Alle diese Behauptungen und Zeitungsnachrichten 
haben sich als falsch herausgestellt.'« 

Diese Bombe traf eines der stärksten Fundamente des 
Hasses und der Begeisterung. Und die Wahrheit unterscheidet sich 
von anderen schweren Gegenständen, die aus dem blauen Himmel ge- 
worfen werden, dadurch, daß sie nicht daneben haut, daß das 
Wurfziel immer getroffen wird und daß statt eines Bahnhofs kein 
Tiepolo zu Schaden kommt. Die interessante Frage, wer angefangen 
hat, ist damit zur guten Hälfte abgetan. Wenn noch die andere 
Halbscheit des Seelenaufschwungs durch tatsächliche Berichtigungen 
ramponiert wird, mag sich die Welt die Augen reiben und 
sagen: Ja, woran soll man denn noch glauben, wenn man nicht 
mehr an die Berechtigung des Weltkriegs glauben kann? Und 
darum Räuber und — Wächter! 



79 



Bei den Kismet-Knöppen 

Die .Süddeutschen Monatshefte', die aber auch Deutschtum 
genug für die anderen deutschen Himmelsrichtungen haben, werden 
nicht müde, in Ausgaben, die den feindlichen Kulturen ge- 
widmet sind, die Überlegenheit der deutschen zu beweisen. Ali 
das aber ist Selbstbetrug und Vertreib der großen Zeit neben dem 
wert- und gewichtvollen Inhalt eines einzigen Aufsatzes, der im 
Balkan-Heft (September 1915) erschienen ist und der alle Ein- 
wände, die die Welt gegen die allerchristlichste Innerei von 
Europa vorbringen könnte, weit in den Schatten stellt. Diesem 
Aufsatz einer wohlberatenen und wohlgeratenen deutschen Frau, 
> Türkische Sitten« von Else Marquardsen, geb. von Kamphö vener, 
seien hier einige Stellen entnommen, damit jene Welt, die uns 
nur von der »Russenfährte« und deren blutigen Freuden kennt, 
auch das Gegenstück unserer kulturellen Ambition erfahre, vor 
allem aber auch, daß es einen halbverschollenen deutschen Typus 
gibt, der Mut zum Schamgefühl vor Gott und der bewohnten 
Erde hat. Für diesen einen Beitrag sei den , Süddeutschen Monats- 
heften' ihre sonstige Existenz im Kriege vergeben. 

... Ich habe vom Anfang der achtziger Jahre bis zum Sturze 
des Sultan Abdul Hamid mein Leben in der türkischen Hauptstadt ver- 
bracht. Bei Besuchen in der Heimat waren die stereotypen Fragen, die 
an einen gerichtet werden, stets ungefähr folgende: 

Waren Sie schon einmal in einem Harem? 

Wieviel Frauen hat der Sultan? 

Können Sie auch türkisch? 

Hatte man auf diese Fragen, mit im Laufe der Jahre ebenfalls 
stereotyp gewordenen Antworten erwidert, so war die Neugier befriedigt. 
Ja, mehr als das; das wohh'ge Gruseln, das Männlein wie Weiblein 
beschlich beim Aussprechen des Wortes »Harem«, erweckte im Frager 
die Vorstellung, er habe sich ganz unerhört weit vorgewagt auf 
schlüpfriger Bahn. 

Keiner, der nicht selbst unter den Osmanen gelebt hat, kann 
sich vorstellen, wie unbeschreiblich untergeordnet diese Art der Be- 
wertung dortiger Lebensverhältnisse demjenigen erscheint, der eben den 
Orient kennt. Dieses gewisse Spielen mit einem pikanten Begriff, von 
dem man eigentlich nichts zu wissen vorgeben sollte, wirkt, wenn 
man dagegen im Geiste die Anschauung des Orientalen hält, 
abstoßend. 

. . . Wie ich schon vorhin andeutete, bleibt für den Osmanen 
die Mutter immer die höchste Instanz, und auch der ältere Mann in 
hoher Stellung bringt ihr die hingehendste Ehrerbietung dar. Ich habe 



80 — 



öfters beobachten können, wie der Sultan Abdul Hamid seiner Mutter 
gegenüber sich verhielt; dieser Herrscher, der im Schatten seiner 
absoluten Macht wie unter einem Fluche lebte, wurde vor seiner 
Mutter ein bescheidener Knabe, der ehrerbietig der höchsten Autorität 
lauscht. Wie die Mutter ist, spielt hiebei Iceine Rolle. Es wird einer 
Idee gehuldigt, nicht einem Menschen. 

. . . All diese Vorgänge, ebenso wie Heiraten der Töchter, bevor- 
stehende Geburten und ähnliches, werden in größter Natürlichkeit und 
Öffentlichkeit von allen Verwandten, männlichen wie weiblichen, gemein- 
sam besprochen. Es gibt da kein Vertuschen und Verheimlichen, eine 
fast nüchterne Selbstverständlichkeit umgibt alle natürlichen Vorkomm- 
nisse, die von vorneherein jedes lüsterne Tasten der Gedanken aus- 
schließt. Gerade das, was man hier mit dem Begriff >Harem« ver- 
knüpft, jenes Schwüle und verderblich Berauschende, gerade das fehlt. 
Faul und bequem geht es dort wohl zu, aber gesund, harmlos kindlich 
und geradezu verblüffend ehrlich I Und es entwickelt sich beim Manne 
aus dieser Atmosphäre einfacher Natürlichkeit dem Natürlichen 
gegenüber heraus eine Achtung vor der Frau, die in ihrer Art sehr 
merkwürdig ist. 

Es ist eine Art Achtung, wie sie etwa ein Vater haben mag vor 
der Unberührtheit seiner Tochter, zärtlich und ein wenig mitleidig, sie 
ihrer Reinheit halber eifersüchtig bewachend. Er mag sie als geistig 
nicht auf seiner Höhe stehend betrachten, sie hat im Rate des Lebens 
keine gewichtige Stimme, und doch steht sie ihm hoch, um ihrer kind- 
lichen Reinheit willen. 

. . . Wenn auch viel zu sagen ist gegen das Frauen- und Familien- 
leben des Osmanen vom fortschrittlichen Standpunkte aus, wenn auch die 
Frauenbewegung sttts die armen Opfer »dort hinten weit in der Türkei« 
mit ihrem besonderen Mitleid bedachte: dieses ist sicher, aus der reinen 
und seelisch gesunden Abgeschlossenheit dieses Lebens heraus ist — 
im Durchschnitt — für das heranwachsende Geschlecht mehr Segen 
erwachsen, als bei den Kindern von Frauen der Fall sein 
mag, die geistig strebend in der Öffentlichkeit stehen. 

. . . Aus der dämmerigen Haremsluft, aus der verträumten Harems- 
stille heraus erwachsen jene still zurückhaltenden Männer, die keinen Blick zu 
einer Frau heben, auf daß sie nicht einen Mangel an Ehrerbietung 
darin sähe. Jene Männer, die gleich ritterlich, gleich unpersönlich, 
gleich vornehm sind, ob sie nun an den Stufen des Thrones aufwachsen oder 
in der armen Holzhütte Stambuls. — — — 

... In all den langen Jahren, da ich mit Mohammedanern nahe 
und vertraut zusammenkam, habe ich nie einen Fall von Intoleranz 
erlebt. Ich habe stets gefunden, daß die Intoleranten und 
oft verletzend Mißachtenden die Christen waren. Der 
Mohammedaner bemitleidet den Christen viel zu sehr, um 
eifernd gegen ihn vorzugehen, und daß er das tut, ist des 
Christen eigene Schuld. Wo immer sich Konflikte ergeben haben, 
bei denen nur entfernt ein Glaubensmotiv angenommen werden konnte. 



81 



der Christ hat es hervorgezerrt. Immer findet es der Christ bei 
Differenzen nötig, zu argumentieren oder zu beschimpfen; der Moham- 
medaner antwortet ruhig, nachdem er ihn still angehört hat, hie und 
da sich vor seiner Erregung etwas zurücicbeugend : »Was willst du, 
ich greife deinen Glauben nicht an, rühre du nicht an meinen; ein 
Jeder glaube, was ihm recht dünkt.« Er wird stets nur ähnliches erwidern 
und kann er sich gar nicht mehr helfen, sich still entfernen, 
neidlos dem andern den Schauplatz überlassend. 

Oftmals trat ich auf Wanderungen durch Stambul in diese oder 
jene Moschee ein, ihre wundervolle, weltabgeschiedene Stille genießend, 
dem Spiel des Sonnenlichtes folgend, wie es sich unter der Kuppel sammelt. 
Und leider oft ist es mir begegnet, Touristen beobachten zu 
können, die zur Besichtigung eintraten. Mir sind besonders zwei 
junge Herren in Erinnerung geblieben, Landsleute und den besten 
Kreisen angehörig, deren Verhalten als typisch anzusehen 
ist. Ich hörte jenseits des Moscheevorhanges schon ihre 
Stimmen, laut und lachend, wie sie sich anfangs weigerten, 
die großen Strohschlappen anzuziehen, ohne die man nicht 
eintreten kann. — Der Osmane trägt immer feste Lederüberschuhe 
über weichen, fast sohlenlosen Stiefeln ; diese Überschuhe läßt er draußen, 
bevor er einen Raum im Inneren eines Hauses betritt. Der Arbeiter zieht 
seine groben Schuhe aus und tritt in Strümpfen ein; dieser Gewohnheit 
ist auch die gute Konservierung alter orientalischer Teppiche zu ver- 
danken. — Also die beiden jungen Herren traten sehr laut in die 
stille Moschee ein; neben ihnen, mit gesenktem Kopf, die Hände 
in seinen weiten Ärmeln versteckt, lautlos gleitend, der führende Laien- 
priester, der Imam. Sie fanden alles »gottvoll«, »famose Chose«, 
^verdrehter Kram«, und sie behielten ihre Hüte auf dem 
Kopf; die Hände hatten sie in die Taschen gesteckt und 
führten eine Art Schi itlerparlie auf ihren Strohschlappen 
auf, die sie natürlich beständig verloren. Es waren gewiß im 
Grunde harmlose Jungen s, überströmend von Vergnügen am 
Leben; aber sie fühlten sich dem allen weit überlegen, irgend 
etwas Achtungswertes bedeutete ihnen der »verdrehte Kram« in keiner 
Weise, sie hätten sich bei der Besichtigung eines Hottentotten-Kraals 
genau so benommen. 

Der Imam versuchte einige Male, sie auf ihre Kopfbedeckungen 
aufmerksam zu machen; sie verstanden wohl nicht, was der >ulkige 
Kunde« ihnen pantomimisch klarmachen wollte. Schließlich glitt er 
leise zu mir heran und bat: >Sage ihnen, sie seien im Hause des 
Gebets.« Ich tat nach seinem Wunsch und es entwickelte sich ungefähr 
folgender Dialog: »Der Imam bittet mich, Ihnen zu sagen, Sie seien 
im Hause des Gebets, wollen Sie darum nicht Ihre Hüte abnehmen?« 

»Aber gewiß doch, wen n's ihm Spaß machtl« — Lachen. — 
»Ich würde Ihnen raten, etwas leiser zu sein; in einer Kirche 
würden Sie doch auch nicht so laut lachen?« 



- 82 — 



>Ja, aber was hat denn dieses hier mit einer Kirche 
zu tun?« 

>Es ist eben auch ein Gotteshaus.« 

»Ach wo, diese verrückte Bude hier!« 

»So verletzen Sie wenigstens nicht die Gefühle derjenigen, denen 
es ihr Heiligstes ist.« 

>Ach, den Kismet-Knöppen ist ja doch alles wurscht; 
na schön, Morgenl« 

Sie meinten es nicht böse, doch gedankenlose Nichtachtung 
ist fast noch verletzender, wenn sie uns Heiligem gilt, als bewußt böse 
Absicht, welche etwas des Angriffs Wertes anerkennt. Der Imam sagte 
mir, als ich beim Hinausgehen ihn wieder traf: »Gräme dich nicht um jener 
Kinder Torheit; so sicher, wie Gott über sie lächelt, lasse es auch 
uns tun.« Dieses Mannes Art ist keine Ausnahme; so denken fast alle, 
so gütig und groß. 

Aber daß die Christeh ihnen Anlaß geben, so sprechen 
zu müssen, das ist der Jammer; daß wir ihnen leid tun, weil 
wir so gar nicht das sind, was einer wird, »der im Schatten des 
Höchsten wandelt«. 

Wieviel lassen wir hier an uns vorübergehen I 

Sie verstehen unsren Glauben nicht; gewiß. Aber statt, daß das 
Nichtverstehen Schärfe und eifernde Feindlichkeit weckt, Bekehrungswut 
und Mißachtung, zeitigt es ein großes Mitleid für die Armen, die nicht 
»im Schatten des Höchsten wandeln«. Und jedes Mitleid enthält immer 
einige Verachtung. Zwar eine Verachtung, die nicht alles einbegreift; — 
denkt doch noch heute der Osmane wie das arabische Sprichwort: 
»Gott gab dem Europäer die Wissenschaft, dem Orientalen 
die Majestät.« Diese Majestät ist aber nicht nur Äußerliches — sie 
ruht festgefügt im philosophischen Empfinden eines naiv und tief 
religiösen Fühlens. 

Es ist ja bekannt, wie die türkischen Soldaten am 
Heiligen Grabe zu Jerusalem die sich in ihrem Eifer prügeln- 
den Christen trennen müssen, um Blutvergießen zu verhüten. 
Das sind natürlich nur traurige Auswüchse. Aber wie seltsam mutet es an, 
wenn in den Straßen Konstantinopels dietürkischenSoIdatenSpalier 
bilden bei christlichen Prozessionen, Sie ziehen auf, halten 
die Menge zurück und stehen da unbeweglichen Gesichtes, während die 
lange Reihe der Heiligenbilder und singenden Menschen vorbeizieht. Nie 
ein Scherzwort, nie ein Lächeln; keine noch so nebensächliche 
Bemerkung untereinander, auf daß es nicht den Anschein habe, sie 
sprächen über die Glaubenszeichen, die vorbeigetragen 
werden »und das Herz jener, denen sie heilig sind, könne sich verbittern 
von einem Gedanken der Verachtung ihres Heiligen«. Was ich hier anführe, 
sind keine geschriebenen Regeln, keine Verordnungen; es sind hier 
und dort gehörte Worte des einfachen Mannes, die sein Denken wider- 
spiegeln. Wenn es auch nicht hierher gehört, möchte ich nur ganz kurz 
die wunderschöne, bei Beerdigungen herrschende Sitte streifen. Der 



83 — 



Sarg wird von vier Freunden des Verstorbenen aus seinem Hause ge- 
tragen; wer immer von unbekannten, zufällig vorübergehenden Männern 
den Zug trifft, gibt seine Schulter her, eine kurze Strecke den Sarg zu 
tragen : »denn eines jeden Last ist Kummer und Tod 
des Bruders.« 

Nun dürften sich ja Szenen in Moscheen, wie die von der 
vortrefflichen Frau beschriebene, häufig genug ereignen. Nun 
dürfte das Wort »Kismet-Knöppc« ja öfter fallen. Die Wege 
der Politik sind unerforschlich; auf denen Gottes werden wir 
nach und nach lernen, in den Strohschlappen gesittet aufzutreten. 
Ich hatte, ehe ich jenes las, einmal geschrieben, daß es Gegenden 
gebe, in denen »gottvoll« der Superlativ von »komisch« ist. Den 
Emissären jener Gegenden ist es vorbehalten geblieben, ein Gottes- 
haus gottvoll zu finden! »Es waren gewiß im Grunde harmlose 
Jungens«, »den besten Kreisen angehörig«, sie »meinten es nicht 
böse«. Das ist es eben. Sie führten nichts Arges im Schilde, 
höchstens den Export, und wie man sich im Kaufhaus zu benehmen 
habe, das verstanden sie längst aus dem ff, und kein Prokurist 
mußte sie auf das Unziemliche ihres Auftretens aufmerksam 
machen. Da nahmen sie alles ernst. Und als der Osten ins 
Kaufhaus des Westens aufgenommen war, und die alten Bekenner 
sich mit den neuen Gebräuchen noch nicht auskannten und sich 
das Hemd nicht schon beim Eintritt ausziehen lassen wollten, da 
sprach einer, den Finger auf dem Mund: »Sage ihnen, sie seien 
im Hause des Kommerzes.« 



Eine angenehme Menage 

Der deutsche Mann 
(Aus der Ostdeutschen Rundschau) 

Hier ist es gut sein; Speise und Trank reichlich vorhanden. Vom 
feisten Schwein ein artig Lendenstücklein, mit zartgebräunten Erd- 
äpfeln — in wirklicher und wahrhaftiger Butter duftig gebraten — kleine 
zierliche Gurken, wie sie Znaims Wonnegefilden nicht hold- 
seliger entsprießen, dazu ein dunkler Gerstensaft aus 
Kulmbachs bajuwarisch en Gauen, ein herzhaft Brot, aus 
Roggen schmackh aft geknetet und gebacken, eine Schüssel mit Dunst- 
obst, ein leckerer Salat — und alle diese Herrlichkeiten kosten, Wodan 
ist mein Schwurzeuge, zwei Mark und zwanzig Reichspfennige ! 



— 84 — 



. . . stolze Vindobona am alten Nibelungenstrome, 
vieles ist herrlich und wonnesam unvergleichlich an dir, aber 
ein solches Lendenstück vom knusprigen Schwein mit so schmack- 
hafter Zutat .... ist bei dir in allen 21 Bezirken nicht zu finden. . . . 

Als ich in Tetschen der hochnotpeinlichen Leibesuntersuchung 
— bis auf die Haut — nach genauester Prüfung meines Passes glücklich 
entronnen war — ich tadele diese Ordnung nicht, ich segne sie viel- 
mehr — kletterte ich mit lebhaftem Reisefieber in mein sächsisches 
Abteil und sauste, ratterte und knatterte gen Elbflorenz .... auf 
allen Haltestellen bis Leipzig Himmel und Soldaten. . . . 

. . . Das möge Wodan in Ewigkeit verhüten! . . . der 
herrliche Angriff auf die Welschen, der diese Abruzzenschufte aus 
Tirols ewigen Bergen hoffentlich für immerdar hinausbefördert, 
findet begeisterte Lobpreiser. Zuversichtlich erwartet man, daß auch 
der moskowitische Bär, mit blutenden Pranken weidwund 
heimschleicht.,.. Teut. 

Die deutsche Frau 
(Aus den Leipziger Neuesten Nachrichten) 

Strickend haben wir das alte Jahr beendet, und strickend fangen 
wir das neue wieder an. Nie sind unsere Gedanken mehr bei denen 
draußen im Felde als jetzt, wo Schnee mit Reg^n und Glatteis abwechselt 
und wo wir uns fragen, was für unsere tapferen Krieger das 
Härteste ist: die rote Sonnenkugel, die an einem kalten Himmel 
hängt, oder das Wasser, das unaufhörlich und trübselig in die Schützen- 
gräben rinnt. Aber bei uns Frauen mischt sich nun einmal 
das Lächeln gern unter die Tränen, und selbst im Schmerz 
zeigen wir noch das Bedürfnis, hübsch zu sein. Schmückte sich nicht 
auch Kleopatra zum Sterben? 

Wenn die Welt wieder offen steht und so ein Paar wieder 
hinausdarf, sollte da nicht ein Haß entstehen, gegen den der bis- 
herige ein Kinderspiel war? Das knusperige Schwein und die 
Kleopatra: zum erstenmal wieder ausgelassen — Wodan sei mein 
Schwurzeuge und möge es verhüten, aber gut kann das 
nicht enden. Es wird vorsichtig sein, noch lange nach 
Friedensschluß mit den Grenzübertrittsbewilligungen hauszuhalten. 
Haus zuhalten! 



Der Enkel wird segnen 

Jeden Augenblick meldet sich jetzt irgend ein Trottel, der 
ehedem höchstens Telephonbeschwcrden hatte oder als Nichtraucher 
unsterblich werden wollte, später etwa zu den Problemen >Der 
Wehrmann und die Fliege« oder --Der Mistbauer in Eisen« Stellung 



85 



nahm oder gar zu so etwas eine »Anregung« gab, und gibt der 
Neuen Freien Presse, diesem durchhaltenden Klosett aller Dummheit, 
Schmierigkeit, Zudringlichkeit, Betulichkeit und heroischen Feigheit, 
ein »prophetisches Gedicht« ein. Darunter ist ein solches zu ver- 
stehen, das ein Dichter, der natürlich auch keiner war, vor vierzig 
Jahren über den Weltkrieg und Deutschlands Sieg verfaßt haben soll. 
Ist ihm natürlich nicht im Dichtertraum eingefallen; denn das Wesen 
des prophetischen Gedichtes ist es, daß sich hinterdrein heraus- 
stellt: es war eine Fälschung und irgendein zeitgenössischer 
Wicht hatte sich etwa das Pseudonym Hamerling beigebogen. Jetzt 
hat jene oft nur aus reiner Stupidität allen Schlechtigkeiten dienst- 
bare Zeitung wieder eine aus Fälschland stammende Dichtung 
veröffentlicht, in der dem Schweizer Dichter Leuthold im Jahre 1871 
die prophetische Strophe geglückt sein soll: 

Meine Mahnung wird erst der Enkel segnen, 
Wenn er unverdrossen die Waffen wahrte 
Menschenalter hin, bis es ihm obliegt, 
Im Weltkrieg zu siegen. 

Die vorhergehende geistig nicht gerade bedeutende Mahnung 
an das damals eben gegründete Etablissement wäre auch besser 
nicht von Leuthold gewesen. (Wenn man von der unfreiwillig 
guten Stelle absieht: »Nicht des Geistes, sondern des Sch\/ertes 
Schärfe gab dir alles, wiedererstandenes Deutschland«.) Aber mit 
der prophetischen Strophe steht das Zeug in einer Literaturgeschichte 
jenes bedenklichen Biese, der, wie kürzlich hier beklagt ward, für 
den Schulgebrauch allerlei blutigen Schund ediert hat. Eine Schweizer 
Zeitung sagt dazu : 

Eine halbe Seite ist Leutholds Ode »Das Eisen« eingeräumt, in 
der bekanntlich der Schweizer Dichter den deutschen Sieg im Weltkrieg 
prophezeit haben soll. »Meine Mahnung wird erst der Enkel segnen, 
wenn er unverdrossen die Waffen wahrte Menschenalter hin, bis es ihm 
obliegt, im Weltkrieg zu siegen.« Ist es wirklich nicht möglich, davon Notiz 
zu neh men, daß in dieser Strophe kein Wort von Leuthold stammt, 
sondern daß sie eine freche Fälschung eines emeritierten 
Hauptmanns mit einigen literarischen Neigungen ist; ferner, 
daß sie nicht von 1871, sondern etwa von 1909 datiert, also aus einer Zeit, 
als es keiner übernatürlichen Gaben mehr bedurfte, um den Weltkrieg zu 
ahnen und sich darauf in sapphischem Metrum seinen Vers zu machen? 
Um die geräuschlose Erledigung der Sache in meiner kritischen Leuthold- 
Ausgabe hat sich Biese nicht gekümmert, wie denn authentische Texte 



offenbar für ihn von untergeordneter Bedeutung sind; hingegen war die 
Aufklärung ja auch an leichter zugänglichen Stellen zu lesen. Ich habe 
es natürlich damals abgelehnt, den Betrug als »für die deutschen Methoden 
charakteristisch« bezeichnen und verwerten zu lassen; aber wenn diese 
Prophetenphilologie nun bereits auf die Literarhistorie Einfluß gewinnt, 
ist doch endlich scharfer Protest am Platze.« 

Und die , Arbeiter-Zeitung' fügt hinzu: 

. . . Diesem scharfen Protest möchten wir uns für unseren Teil 
anschließen; derlei Schwindeleien bringen ja den bisherigen guten 
Ruf deutscher Literaturforschung in ernste Gefahr. 

Hier setzt mein schärferer Protest ein. Den bisherigen 
guten Ruf deutscher Literaturforschung, da mag lieb Vaterland 
ruhig sein, kann nichts mehr in Gefahr bringen. Sie war 
schon lange vor dem Weltkrieg, und eh dieser Traum von einer 
Walhalla für Fertigware über uns hereinbrach, das schlimmste 
Handwerk akademischer Plünderer und graduierter Schänder der 
Wahrheit. In zahllosen Semestern habe ich es bewiesen. O mein 
prophetisches Gemüt! Meine Mahnung wird erst der Enkel segnen. 



Wozu man sich bekennt 

»Ein Streit um den Eisernen Hindenburg in Berlin ist ausge- 
brochen. Bisher galt als sein Schöpfer der Maler Georg Marschall. 
Im Verfolg einer Polemik hat aber jetzt der Bildhauer Schimmel- 
pfennig in Berlin eine Erklärung veröffentlicht, in der es u. a. heißt: 
. . . Das Hilfsmodell zum Eisernen Hindenburg in Berlin in einzehntel 
Naturgröße ist ausschließlich von mir mit ganz geringer untergeord- 
neter Hilfeleistung des Malers Georg Marschall modelliert worden. Die 
Ausführung des Originals lag ausschließlich in meinen Händen, 
der Kopf ist ausschließlich mein persönliches Werk.... Ich 
würde schon längst mit allen Mitteln eine Klarheit der Autorschaft 
herbeigeführt haben, wenn es sich um ein Kunstwerk handelte, auf 
welches ich stolz sein könnte. Zu einem solchen Kunst- 
werk konnte ich es aber n i c h t m e h r gestalten, da die Auftrag- 
geber auf der Fertigstellung in der bestimmten 
kurzen Frist um jeden Preis bestanden.« 

Wenn man ihm nur ein wenig Zeit gelassen hätte, wäre 
ein Kunstwerk draus geworden. Da er sich trotzdem dazu bekennt 
und es vor aller Welt auf sich nimmt, besteht kein Grund, es ihm 
nicht zuzutrauen. So daß in den Kreisen der Benageier jetzt 
Klarheit herrschen wird: den Marschall hat der Schimmelpfennig 
geschaffen, der Marschall hat nur ein Scherflein beigetragen. 



87 — 



Nicht doch: 

». . . Nachdem der Bildhauer Schimmelpfennig die Urheberschaft 
für sich beansprucht hat, antwortet jetzt geharnischt der Maler 
Georg Marschall: . . . Der ganze Plan, die Idee und vor allen Dingen 
der Entwurf für den Eisernen Hindenburg von Berlin stammen 
lediglich von mir.... Die Ausführung des Modells lag lediglich 
in meinen Händen und unter meiner alleinigen Leitung 
ist auch dann der Eiserne Hindenburg ausgeführt und aufgestellt worden. 
Somit bin ich wohl zweifellos der Urheber und Schöpfer des 
Eisernen Hindenburg.« 

Da die Dinge so stehn und nach reiflicher Überlegung, bin 
ich jetzt auch der Ansicht, daß dem Marschall das Verdienst 
gebührt. Oder sollte sich Deutschland wieder einmal freuen 
dürfen, daß es zwei solche Kerle hat? 



Marke: »über alles« 



Neu! D. R. G. M. No. 636407. Neu! 

Würfelt den ersehnten »Frieden« mit dem neuen 

hochinteressanten 

Kriegs-Spiel-Kreisel 

Dieses neue Spiel darf in keiner deutschen 

Familie fehlen und gewährt in jeder Familie, 

jeder Gesellschaft, bei jeder Gelegenheit eine 

Spannende Unterhaltung für jung und alt! 

Spielregel: 
Zunächst wird von jedem Teilnehmer ein Einsatz in die 
Kasse gemacht. Sodann wird der Kreisel von jedem Teil- 
nehmer der Reihe nach mit den Fingern in kreisende 
Bewegung versetzt. Die Buchstaben und Zahlen haben 

nachstehende Bedeutung: 
Rußland: (R- g- 0) gewinnt >Nichts«. 

England: (E. v. Vi) verliert den ganzen Einsatz. 

Frankreich: (F. v. 1/2) verliert den halben Einsatz 

des einzelnen Spielers. 
(T. g. V3) gewinnt ein Drittel v. d. Kassa. 
(O.g. V2) gewinnt die Hafte v. d. Kassa. 
(D. g. a) gewinnt die ganze Kasse. 



Türkei : 
Österreich : 
Deutschland : 
(über alles) 
Hochinteressant! 



Spannend! 



Allerlei Patrioten 

»Der Landrat in Insterburg hat folgende Bekanntmachung ver- 
öffentlichen müssen: Wiederholt ist es auch jetzt wiederum vorgekommen, 
daß kreiseingesessene Besitzer, die um Zuweisung von Arbeitskräften gebeten 
hatten, deutsche Soldaten zurückgeschickt haben, weil sie 
lieber russische Gefangene haben möchten. Ich bringe zur all- 
gemeinen Kenntnis, daß Kreiseingesessene, die die Hilfe deutscher 
Soldaten ausschlagen, auf die Zuweisung von Gefangenen auch nicht 
zu rechnen haben.« 

Die Veröffentlichung war ungeschickt. Sie klingt fast wie: 
>Wer den Heller nicht ehrt — « 



Wissenschaft ist Macht 

Im deutschen Reichstag wurde gesagt : 

Mit der Schutzhaft wird eine wahre Willkür- und Schreckens- 
herrschaft getrieben. Das Belagerungszustandsgesetz gibt kein Recht zur 
Verhängung der Schutzhaft. Wohl sind die Garantien der persönlichen 
Freiheit aufgehoben, aber es ist keine Rede davon, daß Hunderte und 
Tausende ohne Grund eingesperrt werden dürfen .... Auch die Militär- 
behörden sollten wissen, daß man auf Bajonetten nicht sitzen kann .... 
Heute sitzen auf schuftige Denunziationen Menschen grundlos in Schutz- 
haft, obwohl sie freigesprochen sind oder der Staatsanwalt die Anklage- 
erhebung gegen sie abgelehnt hat. Ihre Angehörigen, denen man die 
Ehre geraubt hat, erhalten keine Unterstützung, zum moralischen und gesell- 
schaftlichen Ruin, zu Sorge und Kummer wird Hunger und Elend über 
sie verhängt. In Berlin sitzt seit sieben Monaten ein Ungar in Schutz- 
haft. Er hatte zivilrechtliche Differenzen mit Leuten in Frankfurt, die 
ihm mit ihren einflußreichen Verbindungen drohten und ihn schließlich, 
als er sich nicht fügte, beim Reichsanwalt wegen Spionage denunzierten. 
Dieser lehnte eine Verfolgung sogar ohne Vernehmung ab. Der Mann 
sitzt seit sieben Monatenl (Stürmische Hört! HörtI links.) . . . 
Gegen den österreichischen Staatsangehörigen Sand hat man 
die unsinnige Beschuldigung erhoben, er wolle in Zinntuben Salvarsan 
nach Rumänien ausführen. Deswegen wurde der Mann in Haft genommen. 
Er durfte keine geschäftlichen Angelegenheiten ordnen und in keiner 
Weise mit seinen Familienangehörigen zusammenkommen. Die Frau 
des Mannes vergiftete sich schließlich aus Verzweiflung 
wenige Tage vor Weihnachten. Sand wurde aber auch dann noch 
nicht zu ihr gelassen und durfte sie erst sechsunddreißig Stunden nach 
ihrem Tode sehen. (Laute HörtI Hört! und Entrüstungsrufe bei den 
Sozialdemokraten.) Er selbst hatte durch diese Schicksalsschläge an seiner 
Gesundheit gelitten und war durch ein ärztliches Attest für haftunfähig 
erklärt worden. Trotzdem wurde noch ein anderes Attest von einem 



89 



Medizinalrat eingeholt und der erklärte Sand für haftfähig. So wurde 
der schwerkranke Mann noch drei Monate in Haft gehalten. Endlich 
wurde er nach vielen Schwierigkeiten entlassen, aber zugleich aus- 
gewiesen. (Rufe: Deutsches Recht! bei der Sozialdemokratischen Arbeits- 
gemeinschaft.) Nach der Haftentlassung wurde er sofort über die Grenze 
geschoben, ohne daß man ihm Zeit gelassen hätte, seine Geschäfte zu 
ordnen oder mit seinen Familienangehörigen zu sprechen. (Pfuirufe.) 
Sieben Monate seines Lebens hat man dem Manne so geraubt, sein 
Familienglück und seine Existenz vernichtet. Wer wagt es, eine 
solche Barbarei hier rechtfertigen zu wollen! 
Dafür sollen die Militärbefehlshaber nur dem Kaiser verantwortlich 
sein? Begreift man nicht, welche Konsequenzen eine solche Theorie 
heraufbeschwört? Gerade die Vertreter der Monarchie sollten dieser 
gefährlichen Theorie ein Ende machen, die tausendfältiges Blut auf das 
Haupt des Kaisers lädt und ihn zum Blitzableiter für die Sünden der 
anderen macht. (Lebhafte Zustimmung bei der Sozialdemokratischen 
Arbeitsgemeinschaft.) 

Nichts da! Macht ist nur sich selbst verantwortlich. Aber 
Wissenschaft, die doch auch Macht ist und sich der Verantwortung 
zu Gunsten der Macht begibt und die Menschlichkeit an den Meist- 
bietenden verkauft? Her mit dem Medizinalrat! Her mit den ärztlichen 
Kollegen, die einen Berliner Universitätsprofessor, der militärischen 
Spitalsdienst machte, wegen irgendwelcher Äußerungen denunziert 
haben! Machthaber können irren. Gebildete irren nie. Gebildete 
sind, wenn sie einmal Schurken sind, Doktoren der Schurkerei. 



Fortschritte der Wissenschaft 

(Gehirnchirurgie.) .... Anfangs des Jahres 1915 hat Doktor 
Gu^pin einem Soldaten in zwei Operationen einen sehr großen Teil 
der Hirnmasse weggenommen .... Der Verwundete hat sich nach 
seiner Genesung das Kriegskreuz und die Militärmedaille auf dem 
Schlachtfelde verdient. . . . 



Ein deutsches Ärgernis und seine Definition 

»Der Historiker und Professor an der Universität München 
Dr. Erich Marcks beleuchtet in den .Münchener Neuesten Nachrichten'.... 
die durch Försters Aufsatz in der , Friedenswarte' entstandene Streit- 
frage .... 



— 90 



Die Fakullät, aus deren Mitte dieses Ärgernis geltommen 
war, hat, sobald sie von ihm erfahren und die Gelegenheit einer 
Prüfung des beschlagnahmten Aufsatzes erhalten hatte, ihre Mißbilligung 
der Kritik, die Förster geübt hatte, ausgesprochen, nach Tendenz, Stunde, 
Ort und Tonart, und zwar einstimmig über alle Verschiedenheiten von 
Meinung, Bekenntnis und Partei hinweg. Sie hat zu jener Entgleisung 
eines hemmungslosen Idealismus, die einem ihrer Mit- 
glieder zugestoßen war, zu der Beunruhigung, die daraus gefolgt 
war, nicht schweigen können und wollen. . . .« 



Von Schmieristen 

»(Stilgebauer), der schlechte Roman Schreiber, hat, wie 
die , Gazette de Hollande' in einem langen Artikel über den , be- 
rühmten deutschen Dichter' mitteilt, einen neuen Roman fabriziert, 
der der Verherrlichung Belgiens dient. Erst vor kurzem hatte dem 
gleichen Schriftsteller ein Aufsatz von ähnlicher Tendenz in einem 
Amsterdamer Blatt kräftiges Lob der englischen und französischen 
Presse eingetragen. Nachdem der , Schmierist' mit seinem ,Götz 
Kraft' in Deutschland genug Geld gemacht hat, sucht er nun 
auch nach ,Ruhm'.« 

Daß der Stilgebauer schon ein Schmierist war, bevor er 
Belgien verherrlicht hat, war etlichen Kennern bekannt. Die 
deutsche Presse, die ihn zu jenem »berühmten deutschen Dichter« 
gemacht hat, den sie jetzt ironisch anzweifelt, die ihn den Ruhm 
finden ließ, den er jetzt erst suchen muß, und die ihn genau so 
viel Geld verdienen ließ, als sie ihm jetzt mißgönnt, findet erst 
dann, daß einer ein schlechter Romanschreiber sei, vceim er für 
das jahrelange Lob, daß er ein guter Romanschreiber sei, sich 
undankbar zeigt. Die französische Presse sagt der Wahrheit 
gemäß, daß der Stilgebauer ein berühmter deutscher Dichter sei. 
Daß er ein guter deutscher Dichter sei, sagt sie nicht; aber man 
müßte ihr's nicht übelnehmen, wenn sie — auf dem Niveau, auf 
dem alle Preßgesinnung lebt — im Krieg aus einem Lob der 
Tendenz ein Werturteil machte. Daß ein Tadel der Tendenz das 
einmal gefällte Werturteil aufhebe, ist die Einsicht des deutschen 
Journalismus. Wäre die Zeit so groß, daß man auch mehr Zeit 
hätte, ihr ihre Winzigkeit in jedem Belang zu beweisen, so würde 
es mir unfehlbar gelingen, die heutige Meinung eben jenes 
Schmierblattes, daß der Stilgebauer ein Schmierist sei, mit seiner 



91 



vorigen Meinung, daß er ein Qenie sei, zu konfrontieren, und die 
Welt würde erkennen, um wie viel unverdächtiger es sei, Belgien 
zu verherrlichen, als sich von Deutschland verherrlichen zu lassen. 



Wie die Franzosen vor Neid zersprangen 

Die Leipziger Operette in Lille. Aus Nordfrankreich schreibt 
uns unser O. Seh. -Mitarbeiter: Man darf dem Deutschen Theater in Lillenach- 
rühmen, daß PS versteht, seinem feldgrauen Publikum aus dem theatralischen 

Heimatreich Fülle und Abwechslung zu spenden. Nach der hehren 

Kunst der »Meistersinger« durch die Stuttgarter Hofoper hielt jetzt die 
leichter beschwingte Muse des Leipziger Städtischen Operettentheaters 
ihren fröhlichen Einzug. Sie brachte einen seltenen Gast mit: Der 
Meister des Dreivierteltaktes und der jungen Wiener 
Operette kam selbst, um über seine weiche zärtliche Musik den 
Stab zu schwingen. Die feldgrauen Musiker begrüßten ihn mit 
Rosen und Tusch, das vollbesetzte Haus mit Beifall. Unter seiner 
Hand bekam das Orchester Farbe und wurde rhythmisch lebendig. Auf 
der Bühne entfalteten die Leipziger Spiellaune und Temperament. I m 
Walzertakt schwuren der Graf von Luxemburg (Walter Grave) 
und Angele Didier (Meta Bamberger) vom Stadttheater in Chemnitz 
sich Liebe und Treue bis in die Ewigkeit... Die Musik gab 
dem Hause eine leichte Sektstimmung, der zuliebe man die 
Sünden dieser parfümierten Operettenkunst, d'er von 
unserem Kriegsdasein abgrundtief geschiedenen, wohl ver- 
gessen konnte. Daß ihr ein patriotischer Prolog in Gestalt 
eines von Lehar dem Deutschen Kaiser gewidmeten, von 
Walter Grave mit Orchester und Chor gesungenen Trutzliedes vor- 
angeschickt wurde, trug weniger dazu bei. Um so viel schöner, 
weil echter, war ein neu komponiertes Ballettzwischenspiel, das im 
zweiten Akt für Ohr und Auge eine Freude war. — — Nach einigen Auf- 
führungen des Grafen von Luxemburg kommt auch noch Leo Fall mit 

dem »Lieben Augustin« zu Worte. Ein reiches Stück Arbeit 

ist damit beendet. Wie viel harmlos genießende Freude empfingen an 
dieser Stätte unsere Kämpfer. Mit aufrichtigem Neid sah die 
französische Bevölkerung auf diesen Vorposten deutscher 
Kunst — ihr blieben die Tore zu all diesen Genüssen ver- 
sperrt. Jetzt endlich sehen sie ihren sehnsüchtigen Wunsch 
erfüllt, die Kommandantur Lille wird, soweit Platz vorhanden, auch 
den Lillern Zutritt gewähren. Sie weiß, auch mit unserer Kunst ist 
ein gutes Teil unserer siegenden Kraft begründet. 

Wiewohl diese unsere Kunst von unserem Kriegsdasein 
abgrundtief geschieden ist. Aber ein echter deutscher Mann, der 
keinen Champagner leiden mag, hat eben Sekt so gern, daß er 



92 



ihm zuliebe sogar Parfüm verzeiht. Die Bevöllcerung von Lille aber, 
die natürlich wieder nur auf Parfüm fliegt, stand mit aufrichtigem 
Neid vor dem Vorposten deutscher Kunst, die Tore zu all diesen 
Genüssen blieben ihr versperrt, bis endlich die Kommandantur 
Lille (der deutsche Romandichter Paul Oskar Höcker) es nicht mehr 
übers Herz bringen konnte, ihr Lehar vorzuenthalten. Da erkannten sie, 
daß wir keine Barbaren seien, und schworen Liebe und Treue 
bis in die Ewigkeit. Worauf die Dame aus Chemnitz, nachdem 
der Kollege mit einem Trutzlied nicht durchgedrungen war, den 
Haßgesang auf Kitchener immer feste druffgeben konnte. 



Lehar spricht 

Der einzige Künstler, dessen Befreiung von der allgemeinen 
Wehrpflicht >auf Kriegsdauer« sich von selbst versteht, hat an der 
Westfront den > Grafen von Luxemburg« dirigiert und erzählt nun: 

. . . Auf der Fahrt durch Lüttich und Loewen wurden mir 
natürlich die schweren Kämpfe in Erinnerung gebracht, welche die 
Deutschen nach Ausbruch des Krieges auf belgischem Boden zu bestehen 
hatten. An der französischen Grenze mußten sämtliche Zivilpersonen den 
Zug verlassen, ich setzte die Fahrt mit einem eigens für mich ausge- 
stellten Reiseschein der Kommandantur Lille in Begleitung des Ober- 
regisseurs des Leipziger Stadttheaters Herrn Josef Groß, eines gebürtigen 
Wieners, fort. Meine Ankunft in Lille erfolgte am 12. d.; auf der Fahrt 
dorthin, konnte ich überall die Spuren des heftigen Wider- 
standes sehen, der bei den Kämpfen seitens der Franzosen seinerzeit 
geleistet worden ist . . . Ich stieg im Hotel Royal ab, wo mir sofort 
nach meiner Ankunft eine Brotmarke und eine Fleischmarke 
für 60 Gramm per Tag überreicht wurde, und ging dann in das 
Stadtlheater, das vollständig frei steht und gänzlich unversehrt 
geblieben ist. . . . ich fand das Dirigentenpult bekränzt vor. Alles 
spielte mit größter Begeisterung vor dem übervollen Hause, da — bei 
einer Pianostelle — hört man plötzlich das Knattern eines Maschinen- 
gewehres, ein Zeichen, daß ein feindlicher Flieger über der Stadt kreist... 
Die Vorstellung aber geht weiter, als ob nichts geschehen wäre. Nach 
Schluß der Aufführung, die von den Feldgrauen mit großem Beifall auf- 
genommen wurde, erfuhren wir, daß ein englischer Flieger in der 
Zwischenzeit abgeschossen worden war. . . Nachts beginnt dann 
regelmäßig das Donnern der Geschütze, es dauert oft ein bis zwei 
Stunden, dazwischen das eintönige Knattern der Maschinengewehre. Am 
Horizont sieht man da oft rötlich aufleuchtende Blitze, dann wieder 
Leuchtkugeln, die geworfen werden, um das Gelände zu erhellen. 



93 — 



Nein, damit der Feind den Lehar besser sehen kann. 
Das Knattern des Maschinengewehres ist nach der Auffassung 
eines feldgrauen Dichters »Sphärenmusik«. Seitdem es eine Piano- 
stelle bei Lehar begleitet, weiß man erst, wie recht jener hat. 
Von dieser kleinen Störung abgesehen freut er sich aber, wie 
korrekt alles zugeht: 

In der Stadt herrscht, wie ich mich überzeugen konnte, 
strenge Ordnung und Ruhe. Viele französische Familien sind seiner- 
zeit geflohen und haben ihr Hab und Gut in der Stadt zurück- 
gelassen. Sie ahnen gar nicht, daß in den Palais, die den Offizieren 
gegenwärtig zum Aufenthalt zugewiesen wurden, alles am alten 
Fleck steht, ebenso wie sie es verlassen haben, und daß sie 
ihre Behausungen seinerzeit wiederfinden sollen mit 
all den wertvollen Nippes, Bildern, Silber und Kleinodien, die sie 
dort zurückließen. Ich hatte Gelegenheit, ein Palais zu besichtigen, 
in dem sich Silberzeug im Werte von über 100.000 Francs 
auf das sorgfältigste verwahrt befand. Da konnte ich eben meine 
Betrachtungen über die »deutschen Barbaren« anstellen I 

Also mitgenommen haben sie nichts. Aber Musik von 
Lehar haben sie gebracht! 



Der Musikmarkt 

Musik-, Gesang-, Theater- 
und Variet€-Kräfte 

Theaterengagement be- 
sorgt .... 

Kinopianist, Allein- 
spieler mit großem Re- 
pertoire .... 

Suche Bratschisten und 
nur perfekten Klavierspieler 
für Kammermusik .... 

Einpauker für das recht s- 
und staatswissenschaftliche 
Doktorat gesucht. Anbote mit 
Angabe von Ansprüchen und 
Nachfragen unter »Möglichst 
rasch 45131« an die Exped. 



— 94 — 



Die Not schafft seltsame Bettgenossen 

Heinrich Rienößl. >Wien im Kriege.« Novellen und Skizzen. 
Hans Hübner-Verlag, Hannover. 

Friedrich Hölderlin. »Hyperion« oder > Der Eremit in Griechen- 
land«. Verlag Gustav Kiepenheuer, Weimar, 1916. 



Ein interessanter Mensch 

Aussichtsloser Versuch, 

ein weibliches Wesen zu 
finden, das seelisch-geistigen 
Adel u. körperl. Schönheit 
vereint, schlank und groß 
ist und meine schrift- 
stell. Fähigkeiten nach 
Rückkehr zu intensi- 
verem Schaffen anregen 
könnte; bis dahin Korre- 
spondenz. Das hier nötige 
Selbstlob und Fehlerbekennt- 
nis: mit körperl, und 
geistigen Vorzügen aus- 
gestattet, Charakter, 
witzig, vielseitig gebildet, 
Idealist, Realist und 
Romantiker zugleich, 
Ästhet, Don Juan-Qui- 
chotte, faustisch suchend 
u. selten befriedigt, daher 
dieser Versuch, der sonst 
Armutszeugnis wäre. Strengste 
Verschwiegenheit zugesichert 
u. erwartet. Unter > Ferne 
Prinzessin 9905« a. d. Ank.- 
Bur. d. Bl. Antw. braucht 
zka. 10 Tage. 

Der dürfte im Kriegspressequartier sein. 



Die Wahrheit ist immer in der Mitte 

.... gestern einen glänzenden Erfolg errungen. . . . 

So etwas steht jetzt öfter in Referaten, die irgendein zur 
Disposition gestellter Theaterreporter über kriegerische Leistungen 
veröffentlicht. Während aber die Theaterreferate nur mit den Anfangs- 



95 



buchstaben unterzeichnet waren, tragen die Kriegsrezensionen den 
ausgeschriebenen Zunamen, der zumeist ein nom de guerre ist 
und furchtbar dezidiert klingt, so als ob der Herr, der ehedem 
über eine Premiere ein ziemlich unsicheres Urteil hatte, die volle 
Verantwortung für einen Sturmangriff übernehmen wollte. Solche 
kurze und bündige, von einem frischen Offensivgeist durchwehte 
Erklärungen bieten manchmal gar einen gleichzeitigen Ausblick 
auf zwei Kriegsschauplätze, die von einander fast so weit entfernt 
sind, wie der Kritiker von beiden. Etwa so: 

. . . Am Südteil der Strypa-Front und in der Bukowina waren 
keine besonderen Ereignisse und die Lage ist dort eine unveränderte. 

An der Südwestfront griffen die Italiener wieder bei Selz an und 
wurden auch wieder geworfen. Im Marmolata-Gebiet zwischen Etsch 
und Brenta wurden kleinere italienische Vorstöße abgewehrt. 

Geyer. 

In Friedenszeiten wäre die Gleichzeitigkeit der Bericht- 
erstattung über eine Volkstheater- und eine Carltheaterpremiere 
trotz der lokalen Möglichkeit, sich mittelst Autos von dem 
Fortschreiten beider Aktionen zu überzeugen, kaum statthaft ge- 
wesen. Im Kriege, wo bekanntlich Blut fließt, wenn glänzende 
Erfolge erzielt werden, aber der Referent nicht bis zur Garderobe 
vordringt, ist solcher Einsatz des Namens, solch ehrenwörtliche 
Garantie für das Erlebnis zweier Fronten tagtäglicher Usus. 
Die objektive Abschätzung zwischen Strypa und Brenta wird, da 
der Referent doch unmöglich, um nicht in den Verdacht der 
Befangenheit zu kommen, einer der beiden Fronten den Vorzug 
geben kann, nur dadurch gewährleistet, daß die Wahrheit eben 
immer in der Mitte ist, nämlich, der sie zu vertreten hat, in Wien. 



Spät kommt ihr, doch ihr kommt 

dürfte der Poldi, der österreichische Generalkonsul in Warschau, 
falls er wieder dort ist, zum Hugo sagen, und der Bahr, der schon 
am 16. August 1Q14 ausgerufen hat: >Nun müßt ihr aber doch 
bald in Warschau sein!« freut sich, daß er das doch noch erleben 
kann. Auch ich habe die Möglichkeit nicht völlig in Abrede gestellt: 



96 — 



. . . wenn ihm nicht etwa nach der Einnahme dieser Festung 
Gelegenheit geboten war, mit Liebesgabenpaketen oder in sonst einer 
honorigen Mission des Kriegsfürsorgeamtes dortselbst zu erscheinen. 

Ob die Mission eine honorige ist, mag dahingestellt bleiben. 
Aber es läßt sich nun nicht mehr leugnen, daß der Leutnant 
Hof mannsthal in Warschau eingerückt ist. Die , Deutsche Warschauer- 
Zeitung' — so etwas gibts schon — berichtet am 5. Juli 1916, also 
fast zwei Jahre nach dem Ausbruch Bahr'scher Ungeduld: 

Hugo V. Hofmannsthal, 
der bekannte, feinsinnige Wiener Poet, weilt gerade jetzt hier in 
Warschau. Ursprünglich schien es, als würde er, der im Jahre 1874 
in Wien geboren wurde, 
früher in Warschau einrücken? Nein: 

sich zu einem ganz verträumten Lyriker entwickeln, der sich und andere 
nur in lyrischen Klängen ergötzte; als wäre ihm, dem Versonnenen, 
die Kunst dramatischen Gestaltens versagt. Dann aber fand er auch 
dazu die Kraft. Von seinen Dramen, die über die meisten großen öster- 
reichischen und deutschen Bühnen gingen, seien genannt: >Die Hochzeit 
der Sobeide«, >Der Abenteurer und die Sängerin«, >Elektra«, »Das 
gerettete Venedig«, >Oedipus und die Sphinx«, »Jedermann« und >Der 
Rosenkavalier«. 

Diese Werke sind reich an lyrischem Reiz und voll fremdartiger, 
großartiger Sprachschönheit. Hof mann sthals Wesen am verwandtesten 
ist unter den Modernen wohl Stefan George. 

Hugo v. Hofmannsthal wird, wie wir hören, ain 7. Juli hier in 
Warschau einen öffentlichen Vortrag halten über »Österreich im 
Spiegel seiner Dichtung«. 

Näheres darüber wird noch bekanntgegeben werden. 

Kein Zweifel. Und Österreich verhänge den Spiegel. Aber der 
Poldi wird eine Freud' haben und wenn er schon nicht Baudelaire 
deklamiert, während draußen die Reklametrommeln schlagen, so 
wird er doch Schiller zitieren. Er hat gewartet: 

Aus Warschau wird berichtet: . . . Neben dem General- 
gouverneur Exzellenz v. Beseler war auch der Delegierte des 
k. u. k. Ministeriums des Äußern Baron Andrian anwesend. 
Hofmannsthal sagte unter anderm: Betrachten wir die neuere öster- 
reichische Dichtung als ein Ganzes, so wird das gleiche Bild 
entgegentreten, das von den militärischen Leistungen 
der durch historisclies Schicksal zu einer Einheit verknüpften öster- 
reichischen Länder gegeben wird. In der Tat wie im Kunstwerk 
wird menschliches, volkliches Dasein zu Geist. Sie beide, die Tat wie 
das Kunstwerk, reden allein reine Wahrheit. . . . 

Die aber eigentlich in der Mitte ist, im Kriegsfürsorgeamt. 



— 97 — 

Monumentum aere perennius 

Unsere Generale und Flaggenoffiziere im Weltkrieg 

Herausgegeben zu Gunsten des k. k. österr. Militär -Witwen- und 

Waisenfonds von Geh. Rat General der Infanterie Franz Freiherr 

von Schönaich, Kriegsminister a. D. 

Unter Leitung des Geh. Rates General der Infanterie Emil von Woinovich, 
Direktor des k. u. k. Kriegsarchivs und des Generalmajor Max Ritter 

von Hoen, Kommandant des Kriegspressequartiers 
Redigiert von Oberstleutnant Alois Veltze, Abteilungsvorstand 
im k. u. k. Kriegsarchiv. Künstlerische Leitung: Eugen Willoner 

Leiter der graphischen Abteilung: Julius Klinger 
Wien I, Stock im Eisen Nr. 3 Fernspecher 1488 Postsparkassenkonlo 150313 

Wien, 23. Mai 1916 

Euer Hochwohlgeboren I 

Wir beehren uns im Nachstehenden einen Prospekt des im 
Verlage des k. k. Militär -Witwen- und Waisenfonds erscheinenden 
Prachtwerkes 

Monumentum aere perennius 
zu überreichen und bitten, ihm Ihre geneigte Aufmerksamkeit zu 
schenken. Wir erwähnen gleich, daß unsere neueste Publikation 
nicht die Bestimmung hat, die zahlreichen dem Kriege und der 
Kriegsliteratur gewidmeten Werke zu vermehren. Unser Prachtwerk 
muß vielmehr schon vermöge seiner äußeren Aufmachung auf 
Popularität im üblichen Sinne des Wortes verzichten und 
wendet sich nur an die ersten Kreise der Gesellschaft, die in 
ihren Salons dieses bleibende Denkmal an die große Zeit auf- 
richten und damit die hehrste Aufgabe unserer Kriegsfürsorge, die 
Witwen- und Waisenfürsorge, unterstützen werden. 

Das Werk verspricht sowohl dem Laien wie auch dem Sammler 
und Bibliophilen eine reiche Fülle künstlerischer Genüsse. Zwei hervor- 
ragende Künstler haben ihr ganzes Können in seinen Dienst gestellt 
und ein Literat vom Range des Direktors des k. u. k. Kriegs-Archivs hat 
die redaktionelle Leitung übernommen. 

Das vornehmste Agitationsmittel für den Absatz des Werkes 
muß jedoch sein, daß sein Erträgnis für die Witwen und Waisen unserer 
gefallenen Helden bestimmt ist und darum die Förderung aller guten 
Patrioten verdient. 

Wir laden im Hinblick auf diese berücksichtigungswerten Um- 
stände Euer Hochwohlgeboren zur Subskription ein und zeichnen 
mit dem Ausdrucke 

ergebener Hochachtung 

Monumentum aere perennius 

für die Vertriebsabteilung 



— 98 — 

Iliade 

V/ien, 21. April. 
Echtes Soldatenblut pulst in den Adern dieses Feldherrn, der .... 
Durch die ganze Monarchie kreuz und quer war Puhallos Vater mit 
dem Säbel in der Faust .... 

Das kann schon sein, aber es sollte doch nicht an einem 
und demselben Tage gleichlautend in allen Zeitungen stehen. 
Es mag schwer sein, wie ein Maßgebender jüngst beklagt hat, heute 
einen Homer zu finden ; aber es sollte noch schwerer sein, ein 
Korrespondenzbureau zu finden. 



Heldentod und Kondolenz 

Der frühere Regimentskommandant Oberst .... hat einen schweren 
Verlust erlitten. Sein Sohn . . Leutnant .... Als er an der Spitze seines 
Deutschmeisterzuges stürmend in die feindliche Stellung drang, streckte 
ihn ein Kopfschuß nieder .... aus der Wiener-Neustädter Militär- 
Akademie als Jahrgangserster ausgemustert .... von glühender Liebe 
für seinen Soldatenberuf erfüllt und berechtigte seine Vorgesetzten und 
seine Eltern, deren einziges Kind er war, zu den schönsten 
Hoffnungen. Dem schwergeprüften Vater .... wenden sich die 
allgemeinen Sympathien der Wiener Gesellschaft zu. 

Mit Recht. Was aber des Rechts entbehrt, ist die — im 
Millionensterben an jeden einzelnen Fall geknüpfte — Auffassung, 
als ob der Heldentod nicht ^twa die Glorie, nicht einmal das 
Risiko des Berufs, sondern ein fataler Zwischenfall wäre, 
der eine zu den schönsten Hoffnungen berechtigende Laufbahn 
abbricht, noch dazu, wenn diese die militärische ist. Zu welchen 
schöneren Hoffnungen könnte ein Jüngling, der nicht nur deshalb 
dem Ruf des Vaterlands folgt, weil er muß, sondern weil er will, 
seine Vorgesetzten und seinen Vater, der ein Vorgesetzter ist, 
berechtigen als zu der Erwartung, er werde auch den größten und 
letzten Beweis dafür, daß er für das Vaterland gelebt hat, nicht 
schuldig bleiben? Oder nicht? Oder ist die Zeit noch sonderbarer 
als groß? Ein Höherer als dieser Vater hat, als ihm desgleichen 
geschah, den Heldentod einen > grausamen Schicksalsschlag« 
genannt. Als aber ein eingerückter deutscher Kaufmann starb, 
sagten die Hinterbliebenen, »die Nom« habe ihm »die Wege verlegt«. 



— 99 ~- 

Die Kondolenlen der Zeit tun gut, sich an die heroische Phrase zu 
halten; wenn sie die bürgerliche nehmen, kommen sie am Ende in 
Gefahr, die Wahrheit zu sagen und vielleicht gar zu fühlen. 



Gebet nach der Schlacht 

>. . . Das sind Erscheinungen siedender Hitze, der in der Natur 
wie in der Politik jähe Rückschläge zu folgen pflegen. London und 
Paris dürften heute recht verdrossen sein. Konsols sind auf dem 
T i e f s t a n d e.« 



Die neue Benedikt'sche Formel 

Am Morgen: 

Was kannst du? Diese Frage, die im einfachsten Leben die 
Voraussetzung des Erfolges ist, wird im Kriege zum Schicksal. 

Am Abend: 

In der Politik wie in allen menschlichen Dingen, in denen ein 
Erfolg durchzusetzen ist, muß die Frage aufgeworfen werden: 
Was kannst du? 

Dieses Tat-twam-asi des Börsenmanns dürfte für die nächste 
Zeit die Formel bleiben. Angewendet, wenn die Reden der Entente- 
Politiker, in der politischen Sprache auch »Schmonzes«, mit den 
militärischen Tatsachen, in der strategischen Sprache auch »Tachles« 
genannt, keineswegs übereinzustimmen scheinen. Was kannst du? 
Es ist eine sogenannte »Laienfrage«. Die Laienanlwort: Kusch! 
wird hiemit im Vollmachtsnamen Europas erteilt. 



Zum Sprechen ähnlich 

Die Zensur und die >Neue Freie Presse«:. 

Wien, 3. Juli. 

Das Sonntagblatt der »Neuen Freien Presse« ist verstümmelt in 
die Hände der Leser gekommen .... das Zusammenfassen politischer 
Wirkungen der Kriegsereignisse, das Sprechen zum Publikum an Tagen, 
an denen es eine Stimme hören will, die es aufrichtet und in 
der es sich selbst erkennt, müssen frei sein .... 

Wir glauben, einiges dazu beigetragen zu haben, wenn im 
Volke in der bangen Zeit des zweijährigen Krieges die Zuversicht be- 
festigt und der Kleinmut verscheucht wurde. Bei den Eingriffen 



100 



in den lebendigen Organismus einer Zeitung, die i m Kriege auch mit 
wirtschaftlichen Sorgen belastet ist, soll die Preßpolitik 

Das muß ein feines Publikum sein, welches sich nicht nur 
sagen läßt, daß es diese Stimme hören will und von ihr aufge- 
richtet wird, sondern daß es sich in ihr selbst erkennt! Es fühlt 
sich nicht getroffen, sich getroffen zu sehen. Es fühlt sich ge- 
schmeichelt. Es sieht so aus, wie jener redt! 

* * 

* 

Der Spiegel für die Schönheit der Seele 

An unsere Leser t 

Die »Neue Freie Presse« hat bisher an Beiträgen zur Milderung 
der Kriegsnot zehn Millionen ausgewiesen. 

Das Leben österreichischer Publizisten ist auch im Frieden mühe- 
voll, aber der Krieg hat die Arbeit, die Sorge und die Gefahren 
noch vervielfältigt. Die Stöße, die von dem Wechsel der Ereignisse aus- 
gehen, treffen das Herz, das um den Verlauf des Tages bangt, die 
kleinsten Schwingungen mit seinem Schlage begleitet und Erregungen, 
wie noch keine Zeit sie hervorgerufen hat, widerstehen muß. 

Die Beschwerlichkeiten, die in solchen Krisen auf einem Berufe 
lasten, dessen Gebieterin die Stunde ist, und vieles, das besonders 
nahegeht, alles schrumpft zur Nichtigkeit zusammen, verglichen mit 
der Erhabenheit einer Welt im schmerzhaften Werden, mit dem weiten 
Meere von Leiden, aber auch mit der Größe, zu der unsere 
heutige Gesellschaft, zu der sich alle Schichten erheben, 
zu der einfachen Hingabe, mit der die Heimsuchungen des Krieges 
getragen werden. 

. . . wie auf den Schlachtfeldern und im Hinterlande nie geahnte 
Größenverhältnisse sich zeigten .... ist auch das Mitleid gewachsen, 
hat sich die Erlcenntnis vertieft, daß die Nächstenliebe nur eine 
Erhöhung und Verfeinerung der Selbstliebe ist ... . 

Die machtvolle Welle des Mitleids, welche die Monarchie durch- 
stürmt, hat zehn Millionen Kronen in die >Neue Freie 
Presse« gebracht, eine Summe, nie vorher an einer einzelnen 
Sammelstelle erreicht, aus großen und aus vielen kleinen Spenden 
aus den Widmungen aller Klassen zusammengesetzt, oft mit Worten 
eingesendet, die das Merkmal der Ergriffenheit über 
persönliche Erlebnisse hatten. 

. . . Krone auf Krone haben wir in jedem Ausweise gezählt und 
immer daran gedacht, daß der bescheidenste Betrag die Macht, gütig zu 
sein, vermehrt, in matten Augen die Hoffnung aufschimmern läßt, die 
Schönheit der Seele widerspiegelt .... 

Diese zehn Millionen haben die Leser der >Neuen Freien 
Presse« uns anvertraut und in den Ausweisen gesehen, daß 
sie gewissenhaft verwaltet worden sind .... 



— 101 



Als Erlös eines von Frau Charlotte Preis, derzeit Parksanatorium 
Hütteldorf-Hacking versteigerten Salzstangerls 300 K. 

Parksanatorium Hütteldorf-Hacking als Versteigerungserlös eines 
von dem Kurgast M. Halphen gewonnenen und von demselben mit 
einem persönlichen Einsatz von 300 K zu weiterer Versteigerung 
angebotenen Salzstangerls 500 K. . . . 

Musikgesellschaft Pistollackel als Belohnung für ein unterbliebenes 
Duett 1604 Kronen .... 

Otto Ni. aus Leilmeritz und Robert Bi. aus Theresienstadt 
gratulieren Rusi Ni. in Wien zum freudigen Famlienereignis : »Gut is' 
gangen, nix is g'scheh'n!« 2.07 Kronen 

Und alles gewissenhaft abgeführt. 



Parasiten des Weltuntergangs 

Administration des 

«Neuen Wiener Journals" 

Telephon 16940. 

Wien, I., im Juli 1916. 
Euer Hochwohlgeboren I 

Anläßlich der Eröffnung der Kriegsausstellung konnten 
wir konstatieren, daß der Pavillon »Gewerbeförderung des Landes 
Niederösterreich« sehr hübsche und gelungene Erzeugnisse zur 
Schaustellung beinhaltet. 

Dies veranlaßt uns, Sie darauf aufmerksam zu machen, 
daß es sehr vorteilhaft wäre, wenn das große Publikum die von 
Ihnen ausgestellten Gegenstände in der Kriegsausstellung gelegentlich 
besichtigen würde. Dies zu veranlassen ist nur dann gut möglich, 
wenn wir im Einvernehmen mit den übrigen Ausstellern, soweit diese 
im Katalog der »Gewerbeförderung« aufgezählt erscheinen, einen 
Artikel in unserem >Neuen Wiener Journal« publizieren. 
Sollte dieser Artikel an einem Wochentag erscheinen, so berechnen 
wir für die Zeile 7 Kronen, an Sonntagen 8 Kronen. 

Wir beabsichtigen, diese Publikation ehebaldigst zu bringen, und 
ersuchen um gefällige Mitteilung, in welchem Umfang Sie sich auf 
Grund der vorgenannten Preise an diesem Artikel zu be- 
teiligen wünschen. 

Wir übermitteln Ihnen in der Anlage Retourcouvert und gewärtigen 
ehebaldigst Ihre zustimmende Erledigung. Inzwischen zeichnen wir 
Hochachtungsvoll 

Administration des 
„Neuen Wiener Journals". 

Ist alles verboten und nur das erlaubt? 



102 



's ist etwas faul im Staate Dänemark 



Eine in ihrer Art einzig da- 
stehende Freilichtaufführung des 
> Hamlet« inHelsingör bildete dieser 
Tage den Abschluß der künst- 
lerischen Veranstaltungen in Däne- 
mark zur Feier des Shakespeare- 
Jubiläums. Schon- vor Monaten 
wurde von dem dänischen Schrift- 
stellerklub der Plan gefaßt, das 
Hamlet-Drama an jener Stelle zur 
Darstellung zu bringen, auf die 
Shakespeare selbst den Schau- 
platz der Handlung verlegte .... 
Ein Überbleibsel alter Zeit in- 
mitten neuer Anlagen, bildet der 
massive Bau einen merkwürdigen 
Gegensatz .... zu dem an- 
grenzenden, im Frühjahr und 
Sommer von Badegästen be- 
völkerten Park des berühmten 
Kurhotels »Marienlyst«, wo dem 
Besucher neben einer Hamlet- 
Statue auch das angebliche Grab 
des unglücklichen Königssohnes 
gezeigt wird .... Die 3000 
Zuhörer folgten mit außerordent- 
lichem Interesse der Aufführung, 
und die Stimmung des nächt- 
lichen Renaissanceschlosses, das 
Darsteller und Publikum als 
grandiose Dekoration sozusagen 
in einem märchenhaften Rahmen 
erscheinen ließ, steigerte sich 
von Szene zu Szene. Dem 
Stücke selbst ging ein von 
Helge Rode, dem Bruder des 
dänischen Ministers des Innern, 
verfaßter Prolog voraus, in dem 
die Stunde geschildert wurde, 
in der Shakespeare anläßlich 
eines Besuches von Helsingör 
den Plan zur Niederschrift seines 
berühmten Werkes faßte. Dann 
hielt Georg Brandes einen Vor- 
trag zu Ehren des Dichters .... 



... Es ist ja auch ganz natür- 
lich, daß sich in Kopenhagen jetzt 
die Jobber niedergelassen haben, 

denn Kopenhagen ist Jetzt eine 

abenteuerliche Stadt geworden, von 
wo aus die Drähte der europäischen 
Spionagezentralen ausgehen .... 
Es ist ja ganz natürlich, daß hier auch 
die »Gulaschbarone« ihr Hauptquar- 
tier aufgeschlagen haben .... Die 
winkenden schwindelnden Gewinne 
sind es, die diesen Typ prägen .... 
Aber es gibt noch andere, weniger 
korrekte Herren, die es außerordent- 
lich gut verstehen, die Gesetze zu um- 
gehen, die Behörden zu narren und 
Vermögen zu verdienen, indem sie 
Waren, deren Export verboten ist, 
aus dem Lande schmuggeln. Manch- 
mal wird einer dieser modernen 
Schmuggler festgenommen und dann 
gibt es einen Skandal für die Sen- 
sationspresse .... Denn in Lizenzen 
wird in Malmö tüchtig gehandelt. 
Ob nun dieses Papier wirklich vor- 
handen oder ob von dem Vor- 
handensein desselben nur per Tele- 
phon oder Telegraph Mitteilung 
gemacht wird, jedenfalls ist es der 
Ausgangspunkt der ungeheuerlich- 
sten Spekulationen an Malmös 
Börse .... Alle verfolgen nur das 
eine Ziel, mit dem Goldstrome dem 
Reichtum entgegenzuschwimmen.... 
In Kramers Hotel geht alles nicht 
so offen her .... Hier werden die 
wirklich großen Geschäfte abge- 
schlossen; man empfindet dies 
mehr, als man es wirklich sieht .... 
Die Hauptsache bleibt natürlich 
auch hier der Gewinn; man steckt 
ihn ein, und später fragt kein Mensch 
mehr, wie man ihn erworben hat. 
Derneue Adel mit dem Gulaschbaron 
im Schilde hat auch seinen Stolz .... 



103 — 



Aus der Welt des Kino 

»Zu den zahlreichen färstlichen Gönnern, die sich das Kino 
während der verhältnismäßig kurzen Zeit seines Bestandes gewonnen 
hat, gehört ganz besonders der deutsche Kaiser. Er entzieht sich einer 
Kinoaufnahme nicht im geringsten, ja, wenn man die Films, die ihn 
zeigen, genauer betrachtet, merlct man unschwer seine Bereitwilligkeit, 
sich in die Anforderungen der kinematographischen Aufnahme zu fügen. 
Daß Kaiser Wilhelm der meistverfilmte Herrscher der Erde ist, das 
haben bekanntlich seinerzeit anläßlich des 25jährigen Regierungs- 
jubiläums die illustrierten Blätter hervorgehoben. Wir erinnern uns an ein 
Bild in einer reichsdeutschen Zeitschrift, das den Kaiser beim Empfang 
eines originellen Geschenkes darstellt: einige Kilometer Film, auf dem 
er selbst zu sehen ist, werden ihm überreicht. Der deutsche Kaiser 
wird aber nicht nur sehr oft auf den Film gebracht, er hat in Friedens- 
zeiten auch sein eigenes Kino. Im Theatersaal des Neuen Palais fanden 
nämlich in den letzten Jahren des öfteren Kinovorstellungen statt. 
Übrigens ist es für das Kino charakteristisch, daß es außer 
Kaiser Wilhelm noch viele andere gekrönte Häupter zu seinen Freunden 
zählt. Vielleicht hängt das außer mit dem natürlichen Bedürfnis, sich 
der Nachwelt in vollem Leben zu überliefern, noch damit zusammen, 
daß das Kino einem klugen Herrscher Gelegenheit bietet, durch die 
Sympathie, die er dem Kino entgegenbringt, Industrie und Handel 
zu fördern, c 



Die gut abgeschnittene Sprache 

Oberleutnant Immelmann,der ruhmreiche Fliegeroffizier, dessenTod 
allgemein bedauert wird, sandte dieser Tage dem Berliner Schrift- 
stellet iVlackowsky, derein Buch über die deutschen Flieger vorbereitet, 
auf dessen Ersuchen einen Brief mit biographischen Daten, den die 
>B. Z. am JVlittag« veröffentlicht: Der letzte Teil dieser im Telegramm- 
stil abgefaßten Selbstbiographie Immelmanns lautet folgender- 
maßen: Tätigkeit vor dem Kriege: Schon in der Jugend starkes 
Interesse für Maschinen. Erste Absicht: Maschinenbauer werden. 
Im Kadettenkorps sehr guter Mechaniker gewesen, Sprachen weniger 
gut abgeschnitten. Dienst bei Eisenbahnregiment wenig befriedigend, 
deshalb alten Plan aufgenommen, Maschinenbau studiert .... Bei 
Kriegsausbruch in Eisenbahnregiment eingezogen. Unkriegerische 
Bautätigkeit unbefriedigend .... Am 1. August mein erster 
Kriegsflug auf Fokker-Eindecker; gleich einen abgeschossen.... 
am 11. Oktober zum erstenmal im Heeresbericht mit vier abge- 



— 104 



schossenen Gegnern genannt .... bis Anfang Juni fünfzehn 
Engländer abgeschossen, von denen vierzehn auf eigenem Gebiete 
liegen; eine Anzahl, auf die ich allein zurückblicken kann. 
Tod ist immer traurig, ob nun den trifft, der getroffen 
wird, oder den, der trifft. Aber Lebenslauf sollte nicht immer 
dazu dienen, auf dem Laufenden zu erhalten. Immermann, der 
auch ein guter Deutscher war, hätte sich nicht so lapidar aus- 
gedrückt. Schopenhauer hätte an den gut abgeschossenen feindlichen 
Menschen und an der gut abgeschnittenen deutschen Sprache kaum 
seine Freude gehabt. Der »dieser Tage« telegraphisch abgesandte, wohl 
aus dem Jenseits runtergeworfene Lebenslauf dürfte einem nach- 
lebenden Berliner Schriftsteller, der immerhin tief unter einem 
Flieger lebt, Pinke Pinke bringen. 



Eingedeutschtes 

(Leutnant — Leitmann.) Wir finden in deutschen Blättern: Es 
war mir eine große Freude, Ihre Mitteilung von der hübschen Ein- 
deutschung des schauerlichen >Trottoirs« in »Trottweg« zu 
lesen, zumal ich dadurch an eine ähnliche Wortbildung erinnert werde, 
die mein Sohn, der jetzt als Reserveleutnant im Felde steht, verbrochen 
hat, als ich mich mit ihm mal über Heeressachen unterhielt. Mit dem 
Worte Leutnant konnte er gar nicht fertig werden und machte 
daraus >Leitmann«. Das gefiel mir so, daß ich wiederholt an- 
regte, die Verdeutschung aufzugreifen und an Stelle des damals noch 
üblichen > Lieutenant« anzuwenden. Leider fand ich keine Gegen- 
liebe. Aber vielleicht könnten Sie durch den großen Einfluß Ihres 
Blattes, zumal in der heutigen Zeit, besser darauf hinwirken, daß 
dieser nach meiner Ansicht ganz vortreffliche Ausdruck mal zur 
allgemeinen Einführung in Erwägung gezogen wird. Zum »Hauptmannc 
würde »Leitmann« auch dem Wortsinn nach ganz gut passen und 
ebenso wohl der militärischen Stellung entsprechen. Fleischhauer, 
Ober leitmann d. L. a. D. 

Das Trottoir, das gemeinhin nur dann schauerlich ist, wenn 
die Passanten, die dortselbst trotten, zumal in der heutigen Zeit, 
in Trottel übersetzt werden müssen, wäre also bereits mit Erfolg 
»eingedeutscht«. Eindeutschen — das ist die Tätigkeit jener in der 
Außenwelt unbeliebten Leute, die nach erfolgter Ablehnung den 
heroischen Entschluß gefaßt haben, »sich auf sich selbst zu besinnen«, 
wie man jetzt sagt, sich also gewissermaßen freiwillig in ein inneres 



— 105 — 

Konzentrationslager zu verfügen und von einer Walhalla mit 
Exportabteilung zu träumen. Da es kaum gelingen dürfte, 
sämtliche fremden Kulturen einzudeutschen, so ist es nicht unklug, sich 
wenigstens rechtzeitig an ein paar Fremdwörtern zu vergreifen, sie 
als Geiseln zurückzubehalten und sich an ihnen für die eigene 
Unbeliebtheit zu rächen. Eindeutschen — ist es eine Tortur? 
Eine Strafe ist es. Eine »Heimsuchung« ist es sicher. »Eingedeutscht 
sollst du werden!« Ist es eine Zubereitung? »Wir haben heute zu 
Mittag Eingedeutschtes gehabt.« Eindeutschen — das ist fast eine so 
vorsichtige Tätigkeit, wie bei Zeiten, zumal in der heutigen Zeit, 
Dunstobst einlegen. Tatsächlich werden auch mit Vorliebe 
schon alle Speisen eingedeutscht, die dann weit schmack- 
hafter sein sollen und, soweit erhältlich, eben darum mehr 
kosten. Nun wäre zwar manch einem ein Rumpsteak, das zu 
haben ist, lieber als ein blutiges Zwischenlendenstück, das, zumal 
in der heutigen Zeit, nicht zu haben ist; aber die beruhigende 
Gewißheit, daß man es unter allen Umständen eindeutschen kann, 
ist auch etwas wert. Ich für meinen Geschmack würde eine ein- 
gedeutschte Speise wohl nicht mit der Feuerzange anrühren und 
wählte den Hungertod, ehe ich davon äße. Würde ich nur krank, so 
würde ich an deutschem Wesen sicher nicht genesen. Aber ich würde 
auch nie behaupten, daß ich mal durch ein abgekürztes Mal satt 
geworden wäre, und dann behaglich auf dem Trottweg herumspaziert 
wäre, so bis zum nächsten Fleischhauer, um auch dort nichts zu 
kriegen, höchstens zu erfahren, daß er derzeit seinen Beruf wo 
anders ausübe, nämlich im Feld, nämlich als Oberleitmann. 
Sein Sohn hat das Geschäft auch nicht übernehmen können; er 
hätte es als Reservelcutnant können, hat aber als Vorrats- 
leitmann einrücken müssen. Nein, da ist nichts zu holen. 
Nein, so lebe ich nicht. So einer bin ich nicht. Ich weiß, daß die 
Zeit ernst ist, die heutige. Voll Taten, aber auch voll Gedanken. Voll 
Aufregungen, aber auch voll Anregungen. Und wenn sie sich nur den 
Respekt vor dem Leitmann, der ihr doch wahrlich in Fleisch und 
Blut übergegangen ist, erhält, so kann ihr am Ende nichts mehr 
fehlen als ein paar Fremdwörter, zu deren Beseitigung sie das 
heroischeste Opfer auf sich genommen hat, nämlich das des 
Intellekts. 



106 — 



Ein Scharmör 



>. . . Süsser (der Verfasser des Werkes .Deutscher, sprich deutscht'; 
regt dann an, die Fremdwörter in der Schreibweise zu verdeutschen, so 
zwar, daß man ,Soße', ,Palä', ,Budoar' usw. schriebe. . . .< 

Du Süßer! 



Pfleget die deutsche Sprache 

Der Unterrichtsminister hat an die Landesschulräte nachfolgenden 
Erlaß gerichtet: Während d^s gegenwärtigen Krieges hat die 
Pflege der deutschen Sprache in überaus erfreulicher 
Weise an Kraft und Umfang zugenommen .... 

. So? 

Den Schulen jeder Art erwächst daher die Aufgabe, in der 
Bekämpfung dieser Unsitte 

nämlich des Gebrauches der Fremdwörter 

nicht zu erlahmen, vielmehr den Reichtum der deutschen Sprache mehr 
und mehr den Schülern zu eigen zu machen und durch eine nach 
der Altersstufe fortschreitende Pflege der Form von Rede und Schrift 
das Sprachgefühl so zu stärken und eine solche Herrschaft 
über das Wort zu erringen, daß .... 

Aber die haben sie doch eh! 

Es darf aber anderseits in dem Bestreben .... nicht über ein 
verständiges Maß .... Die richiige Pflege der deutschen Sprache 
erheischt es, bei der Bildung und Anwendung neuer Ersatzwörter mit 
Vorsicht und nicht ohne sprachkundige Beratung vorzugehen 

Diese Warnungstafel sollte, wie jene in den »Abteilen«, in 
allen Sprachen gehalten sein, wobei »dangereux« auf deutsch natürlich 
»verboten« hieße. Aber der Unterrichtsminister wird mir vielleicht 
nicht abstreiten, daß ich sprachkundig bin, und dennoch versichere 
ich ihm, daß ich jeden, der mich auf der Bahn um Rat fragen 
wollte, ob er ruhigen Gewissens statt Coupe Abteil sagen dürfe, 
im Namen der .deutschen Sprache auffordern würde, sich zum 
Fenster hinauszubeugen. Der Unterrichtsminister verlangt viel. Er 
wünscht sowohl die Vermeidung entbehrlicher Fremdwörter wie 
die Anwendung solcher, >für die noch kein vollgiltiges Ersatzwort 



107 — 



eingebürgert ist.« Aber wie soll sich denn ein solches einbürgern, 
wenn der Bürger es nicht ausprobieren darf? 

Bei der Auswahl des Lesestoffes für die Sctiuljugend jedes Alters 
werden neben den Meisterwerken der deutschen Literatur jene Bücher 
den Vorzug verdienen, die der sprachlichen Richtigkeit des Gedanken- 
ausdrucks volle Sorgfalt widmen und, frei von entbehrlichen Fremdwörtern 
wie von gekünstelter Schreibweise, auch durch sprachliche Ausdrucks- 
form belehren. 

Mit einem Wort, Ganghofer. Ich komme, wiewohl hin 
und wieder mit mir schon Versuche angestellt wurden, keineswegs 
in Betracht, da ich ja der sonderbaren Meinung anhänge, 
daß ein Aufsatz von mir, der aus lauter Fremdwörtern bestände, 
besseres Deutsch sei als einer von Bartsch, der aus lauter deutschen 
Wörtern zusammengesetzt ist. Der Unterrichtsminister spricht die 
bestimmte Erwartung aus, daß außer dem »achtsamen Lesen 
solcher Bücher< 

ebenso das Hören der in gutem Deutsch gehaltenen Rede, also vor 
allem das Beispiel des Lehrers, dem das richtige Sprechen nicht 
bloß Pflicht beim Unterricht, sondern steter Brauch sein soll 

bei der heranwachsenden Jugend das Sprachgefühl verfeinern 
werde. Nämlich sie daran gewöhnen werde, überflüssige Fremd- 
wörter zu vermeiden. Aber auch schon während des gegenwärtigen 
Kriegs hat ja die Pflege der deutschen Sprache in überaus erfreu- 
licher Weise an Kraft und Umfang zugenommen, indem man statt 
Roastbeef blutiges Rindslcndendoppelzwischenstück mit Barbaren- 
tunke zu sagen hat. Und dies alles, die Auffassung vom »Sprach- 
gefühl« als einer Scheu vor Fremdwörtern, die Aufforderung, »die 
Herrschaft über das Wort zu erringen«, und dergleichen mehr 
spielt sich vor meinen Augen, im achtzehnten Jahr der Fackel 
ab, für deren Stellung zum Phraseninhalt dieser achtzehn Jahre 
dem Unterrichtsminister ein gewisses Verständnis nachgerühmt 
wurde. Nun hantiert er zwischen Begriffen wie »Sprachschatz« und 
»Sprachgebrauch«, glaubt, weil Andacht auch vor dem täglichen 
Brot sich schickt, daß Bäcker und Esser an dem Geheimnis teil- 
haben, aus dem das Korn entsteht, und hatte, weil deutschvolk- 
licher Irrsinn die Sprache für politischen Besitz hält und weil öster- 
reichischer Ehrgeiz vermeint, die Schule sei dazu da, die deutsche 
Sprache wie den Fremdenverkehr zu pflegen und beides tunlichst 
ohne Fremdwörter — und hatte, weil wir gar keine andern Sorgen 



— 108 — 



haben und darum täglich Vereinsbeschlüsse über die Schöpfung 
fassen müssen, nicht so viel Sprachgefühl, mir diesen Erlaß 
zu erlassen. 



Blätter und Folgen 

Die nächste Folge der »Tiroler Soldatenzeitung« bringt über 
die Einnahme des Panzerwerkes Casa Ratti .... 

Was ist denn das: die >Folge« einer Zeitung? Ich hasse 
Fremdwörter. Die Folge einer Zeitung muß etwas Übles sein. 
Vielleicht ist eine Nummer gemeint? Es ist ja doch von einem 
Zeitungsblatt die Rede, oder nicht? 

Die Einnahme von Caisa Ratti wird daher stets eines der 
schönsten Blätter im Ruhmeskranze .... 

Jetzt kenne ich mich nicht mehr aus. Ist die Einnahme von 
Casa Ratti oder die nächste Folge der »Tiroler Soldatenzeitung«, 
die sie beschreibt, eines der schönsten Blätter? 

Die in einzelnen Blättern gebrachte Nachricht, daß an dieser 
Unternehmung Jäger beteiligt gewesen wären .... 

Blätter? Die vom Ruhmeskranz oder die Folgen? Ja, das sind 
die Folgen, wenn eine Sprache sich auf den Kampf mit Fremd- 
wörtern einläßt und dem Ruhmeskranz, den sie erwirbt, nur die 
ihr angestammten Phrasen erhalten will. Aber ich lasse meinen 
Patriotismus (Vaterlandsliebe) von keinem Idioten (Trottel) anzweifeln, 
wenn ich zum Beispiel den Schwur ablege, daß ich ein Rovereto, das 
zu Österreich gehört, einem Rovreit, das die Italiener haben, immer 
vorziehen und keinen Schritt über die Schwelle von Lafraun setzen 
werde, bis es, so oder so, wieder Lavarone heißt. Und das weiß man 
Gottseidank, daß ich für die Verbrennung sämtlicher Blätter bin, weil 
jede ihrer Nummern außer solchem elenden Hanswurstspiel, mit 
dem wir dumm gemacht werden sollen, noch andere, weit entsetz- 
lichere Folgen auf dem Gewissen hat! 



Gerüchte 

Die englische Offensive — im Sumpfe stecken geblieben? 

Berlin, 1. Juli. Das > Berliner Tageblatt« meldet aus Amsterdam: 
Nach privaten Berichten Londoner Zeitungen aus dem Hauptquartier 



109 



wird offen eingeräumt, daß die mit vieltägigem furchtbaren Trommel- 
feuer vorbereitete englische Generalaktion im Sumpfe stecken 
blieb und nirgends über die ersten Teilangriffe hinausgekommen ist. 

»Haben Sie schon gehört, die Engländer sind im Sumpf 
stecken geblieben.« »Also wie damals die Russen!« Die Phrase ist 
gerüchtbildend. Wo ist denn in dortiger Gegend ein Sumpf? Der 
Titel selbst fragt wie im Zweifel (der fragende Bote ist neuestens 
eine der lästigsten Erscheinungen): >Die englische Offensive — 
im Sumpfe stecken get)lieben?« Da heißt es von der russischen 
Offensive mit viel mehr Recht: »daß die Ereignisse noch im Fluß 
sind.« Denn dort ist einer. 



Eine Schreckensnachricht 

Dezimierung der russischen Studentenschaft 

Stockholm, 21. Juli. (Tel. der .Wiener Allg. Ztg.') Infolge der 
Einberufung der russischen Studenten in die Armee ist die Moskauer 
Universität, wie die neue jnskriptionsperiode ergibt, fast ausgestorben. ... 

Schon infolge der Einberufung! 



Es zieht! 

[Die Kunst in der Kriegsausstellung.] ...um die 
Palme ringen . . . . Die imposanten Winterlandschaften 
stellen gewissermaßen die kriegerischen Ereignisse in den 
Schatten .... Schattenstein .... fesselt der Blick .... Mehrere 
Landschafter der Wiener Künstlervereinigungen haben gewissermaßen 
durch den Krieg an Tiefe und geistiger Auffassung 
gewonnen . . . . Das Ölgemälde »Operation einer Schußwunde« 
.... im Vordergrunde unsere braven Soldaten .... in dieser 
flüchtigen Übersicht .... ein Ruhmestitel unserer Kriegsmaler .... 
Aufmachung.... kennzeichnen den ehrlich-künstlerischen Zug, 
der durch alle Säle geht. 

Zumachen ! 



110 



Die Lebensmittelfälscher 

(Echte Butter als Margarine verkauft.) Aus Brixen wird 
uns berichtet: Eine Bäuerin bei Brixen hatte sich zwei Kübel Margarine 
erworben, diese Kübel dann mit echter Butter gefüllt und die echte 
Butter als Margarine weiterverkauft. Der Grund hiefür ist darin zu finden, 
daß in Brixen das Kilogramm Margarine sechs Kronen und das Kilogramm 
Butter vier Kronen kostet. Der Käufer dieser »Margarine« war mit dem 
Kauf durchaus nicht unzufrieden, sondern gab vielmehr seiner Freude 
darüber Ausdruck, daß sich die gekaufte > Margarine« als echte Butter 
entpuppte. So kam die Geschichte auch den Margarinefabrikanten zu 
Ohren, und diese zeigten die Bäuerin wegen »Lebensmittel Verfälschung« 
an. Das Bezirksgericht Brixen sprach wohl nach Einvernehmung der 
Zeugen die Bäuerin von dem Delikt der Lebensmittelverfälschung frei, 
doch die höhere Instanz, das Kreisgericht von Bozen, verurteilte diese 
wegen Lebensmittelverfälschung zu 24 Stunden Arrest. 

Der Fall hat mit Naturnotwendigkeit eintreten müssen. Nur 
daß man ihn statt nach Bozen in eine nördlichere Gegend ver- 
setzt hätte, von der es bekannt ist, daß sie in besseren Zeiten nur 
echte Margarine bevorzugt hat, die aber gewiß jetzt auch mit ge- 
wöhnlicher Butter vorlieb nehmen würde. Als dort irgendwo einmal 
der Girardi gastierte, wurde er ja auch mit dem Hinweis darauf, daß 
er den Josephi kopiere, abgelehnt. Was aber dort nationale Eigenart 
war, ist jetzt der Zug der Zeit, die überall den Schwindlern, die 
das Echte für ein Surrogat ausgeben möchten, scharf auf die 
Finger sieht. Weils an den Surrogaten zu fehlen beginnt, kann 
darum doch kein Mensch gezwungen werden, Naturprodukte zu 
verzehren, das fehlte noch! Die Bäuerin war freilich nicht wegen 
Verfälschung, sondern wegen Betrugs zu verurteilen. Sie hat sich 
den Umstand, daß in Brixen für .Margarine sechs und für Butter 
vier Kronen gezahlt werden, zunutze gemacht. Weil aber die 
Margarinefabrikanten der Ansicht sind, daß schon die Kuh Lebens- 
mittelfälschung treibe, so konnte sich das Kreisgericht in Bozen 
nicht anders helfen. Ich würde glauben, ich sei wegen Betrugs 
zu verurteilen, wenn ich dem Publikum verschiedener deutscher 
und ungarischer Städte statt der dort erscheinenden >Fackel« die 
meine anhängen wollte. Nur wenn auch in Brixen eine erschiene, 
könnte deren Herausgeber mich mit Erfolg wegen Plagiats belangen. 



— 111 



Philosophie des Mangels 

Ein ungarischer Journalist behauptet, der Präsident des 
deutschen Kriegsernährungsamtes habe zu ihm gesagt: 

Die Verteilung der Lebensmittel war bisher keine ideale. .. . 
Gegen den Fleischmangel kann man leider gegenwärtig nichts tun, 
da die zur Verfügung stehende Menge gering ist ... . Von einem 
drohenden Fleischmangel ist keine Rede. Der Verbrauch an 
Kartoffeln ist jetzt größer, weil wir an den anderen Lebensmitteln keinen 
Oberfluß haben. 

Solche Verwirrung entsteht, wenn die Arbeit von guten 
Reden begleitet wird. Wenn von einem drohenden Fleischmangel 
keine Rede ist, so hätte der Präsident des deutschen Kriegs- 
ernährungsamtes sie auch nicht halten sollen. Denn er wollte doch 
wohl nicht sagen, daß von einem drohenden Fieischmangel 
deshalb keine Rede sei, weil er selbst einen schon bestehenden zuge- 
geben hat, gegen den man nichts tun könne, >da die zur Verfügung 
stehende Menge gering ist« oder, um eine andere Definition des 
Mangels zu geben, da wir > keinen Überfluß haben«. Auch könnte 
selbst eine Weltanschauung, die die Lebensmittel ideologisch verklärt, 
von deren Verteilung unmöglich sagen, sie sei keine ideale 
gewesen, wenn sie nicht einmal eine reale war. Es ist ja schwer, 
an jedem Symptom die Wurzel des Übels aufzuzeigen. Aber wenn 
die Führenden plötzlich einsehen wollten, daß sie durch den 
Umgang mit den Schreibenden das Kraut niciit fett machen, traun, 
es würde von selbst wieder feit! 



Diebstahl, nicht Fundverheimlichung 

Wien, 8. Juni. (Kriegsgefangene auf der Flucht.) Vor dem Heeres- 
divisionsgericht unter dem Vorsitze des Obersten Vogel und unter 
Lehung des Oberleutnantauditors Dr. Zenta hatte sich heute der russische 
Kriegsgefangene Andrej Semonowitsch Nikolajew wegen eines eigen- 
artigen Diebstahls zu verantworten. Nach Inhalt der vom Oberleutnant- 
auditor Dr. Robert Kramer vertretenen Anklage halte der Beschuldigte 
am Ostermontag gemeinsam mit einem anderen Kriegsgefangenen den 
ihm zugewiesenen Arbeitsort in Leoben eigenmächtig verlassen, war 
dann in einem Walde herumgeirrt. ... Im Walde begegnete den beiden 



112 — 



eine Ziege. Die Kriegsgefangenen erschlugen das Tier mit einem 
Steine, zogen die Haut ab, und nährten sich mehrere Tage von 

dem Fleisch der Ziege In der Anklageschrift wurde die Ziege mit 

Rücksicht auf die gegenwärtigen Preis Verhältnisse mit 80 K 
bewertet, weshalb gegen Nikolajew die Anklage wegen Verbrechens des 
Diebstahls mit einer Schadenssumme von über 50 K, ferner wegen 
eigenmächtigen Verlassens des Dienstortes erhoben wurde. In der heute 
durchgeführten Verhandlung erklärte der Angeklagte. . . . daß er die Ziege 
erschlagen und einen Teil des Fleisches gegessen habe, weil der Mundvorrat 
zur Neige ging und weil er glaubte, daß es eine wilde Ziege sei. . . . 

Der Verteidiger stellte an den Sachverständigen die Frage, wie 
viel in normalen Zeiten eine Ziege wert gewesen sei, worauf der Sach- 
verständige erwiderte, daß vor dem Kriege eine Ziege kaum ein Viertel 
dessen gekostet habe, was sie heute kostet. Der Militäranwalt beantragte 
die Verurteilung des Angeklagten wegen Verbrechens des Gesellschafts- 
diebstahls unter Annahme eines Schadens von über 50 K und betonte, 
daß der Angeklagte auch eine herrenlose Ziege, die dem Eigentümer 
des betreffenden Grundstückes zufalle, sich anzueignen nicht berechtigt 
war. Der Verteidiger trat für den Freispruch des Angeklagten ein, da 
dieser die Ziege offenbar unter dem Zwange des Hungers 
erschlagen und gegessen habe, und die Vermutung dafür spreche, daß 
die Ziege herrenloses Gut war. 

Das Kriegsgericht verurteilte den Beschuldigten im vollen Um- 
fange der Anklage zu vier Monaten schweren Kerkers, verschärft 
durch einen Fasttag und einmal hartes Lager in je 14 Tagen, sowie 
durch Einzelhaft in der Dauer von zwei Wochen während des ersten 
und letzten Monats der Strafe. . . . 

Ja, eine Ziege ist eben kein Hund, ein Nahrungsmittel 
kein Fund, Hunger kein Grund und ein Russe kein Tramway- 
kondukteur! 



Nunc est bibendum 

Der Zugsführer Franz Türke erstattete bei der Polizei die 
Anzeige, daß ihm am28. Februar derKaufmann Anton Rziha in einem 
Gasthause in der Pöchlarnstraße durch den Wurf eines Halbliterglases 
Verletzungen an der rechten Hand sowie eine Blutbeule am 
linken Auge beigebracht habe. Gestern war Rziha beim Bezirks- 
gericht Leopoldstadt wegen leichter Körperverletzung angeklagt. Er 
erzählte: Der Asphaltunternehmer Franz Kietzander und noch einige 
meiner Freunde haben mich im Spaß auf eine Bank nieder- 
gedrückt, so daß ich mich nicht habe wehren können. Dabei 
haben sie mich mit Wein begossen. Als ich mich endlich habe 



113 



loswinden können, habe ich in einem plötzlichen Wutanfall ein Bier- 
kfügel gegen die Wand geschleudert. Es hat leider den mir 
völlig unbekannten Zugsführer getroffen. — Bezirksrichter Dr. Wüstinger: 
Ich muß nur staunen, daß Leute, die nicht mehr so jung sind, in so 
ernster Zeit zu solchen Ulken aufgelegt sind. — Angekl.: Wir waren 
damals so übermütig vor lauter Freude über die siegreichen 
Fortschritte vor Verdun, daß wir den Sieg zu feiern 
beschlossen. Erst waren wir ja auch ganz ernst und hielten unter uns 
so manchen feierlichen Trinkspruch, wie das aber beim Weintrinken 
schon ist, als wir zuviel hatten, war es mit dem Ernst zu Ende. — 
Richter: Unterlassen Sie künftig solche Siegesfeiern, denn wenn Sie 
jedesmal, wo wir doch jetzt Tag für Tag so herrliche Siege 
erringen, solche Feiern abhalten, wird es ihrem Patriotismus keine 
Ehre machen. Das soll das Ende einer Siegesfeier sein, daß ein Soldat, 
der harmlos im Gasthause seine Erholung sucht, mit einem Bierkrügel 
verletzt wirdi — Der Richter verurteilte den Angeklagten bloß zu zehn 
Kronen Geldstrafe. 

Ein Soldat wird verwundet, weil das Hinterland einen Sieges- 
rausch hat. Besoffenheit ist ein Milderungsgrund für Gewalt- 
tätigkeit, Patriotismus ist ein Milderungsgrund für Besoffenheit. 
Aber ich als Richter hätte keinen Milderungsgrund für Patriotismus 
gefunden und das Hinterland zur Front verurteilt. 



Papiermange] in Österreich 

(Papiermangel, Fahrscheine und Papierservietten.) Eine Dame 
schreibt uns: >Die vielen lausend Fahrscheine, die täglich beim 
Aussteigen aus der Elektrischen weggeworfen werden, könnten, gesammelt, 
dem Papi er mangel tüchtig aufhelfen. Es müßten entsprechende 
Sammelkörbe bei jeder Haltestelle aufgestellt oder an den Wagen 
angebracht werden, und auch die Fahrgäste der Stellwagen könnten 
ihre Fahrscheine beisteuern. Die wenigen vorhandenen Abfallbehälter 
genfigen nicht, und vor allem müßten auffällige Ankündigungen 
entsprechenden Inhalts in den Wagen und bei den Haltestellen ange- 
bracht werden. Ebenso würde das Sammeln der jetzt üblichen Papier- 
servietten in Konditoreien, Kaffeehäusern, Gasthäusern und Bahn- 
restaurationen ansehnliche Mengen Papier ergeben.« 



— 114 — 



Einen Fahrschein beisteuern — das wäre ein so kleines 
Scherflein, daß es wirklich dem Mangel aufhelfen könnte. Aber 
helfen wir einer Fülle ab! Sammeln wir Zeitungspapier! Und 
schon, ehe es bedruckt wird! Da wären wir fein heraus. Aber 
wozu braucht man denn eigentlich Papier? Für die Banknoten? 
Für die Millionen Aufrufe zur Kriegsanleihe, die die Banken an einem 
Tag durch keuchende Briefträgerinnen in die Häuser schicken und die, 
wie die Millionen Aufrufe zur Wohltätigkeit, von keinem Menschen 
gelesen, in die eigens aufgestellten Papierkörbe wandern? Wenn 
dieses ungeheure Material — die Prospekte der Urania und der 
Drogisten gar nicht gerechnet — wenigstens nach erfolgter Ver- 
geudung von Menschenkräften wieder der Papierfabrikation zuge- 
führt würde, so wäre das Ergebnis wohl auch ein größeres als das aus 
den Fahrscheinen. Was diese anlangt, so könnte man sie freilich 
wieder in Papier verwandeln, um die Ankündigungen herstellen 
zu können, durch die auf die Fahrscheinsammlung hingewiesen 
wird. Wie aber kriegt man bei den notigen Zeiten die nötigen 
Sammelkörbe? Könnte man sie aus Papierservietten herstellen, so 
gings ja zur Not. Wären aber Papierkörbe aus Papier, so hätte 
man bald keins mehr zum Hineinwerfen. Es ist halt schwer. Die 
deutsche Chemie hat noch kein Verfahren gefunden — sie arbeitet wohl 
daran — , aus Schmutz Seife zu machen. Aber das Ganze ist ein 
geistiges Problem : man wird sich endlich entscheiden müssen, was 
man eigentlich verwerten und was man erzielen will. Jetzt und 
überhaupt im Leben. Da man am dringendsten Zeitungen braucht, 
so entschließe man sich, jeder andern Form von Papier zu entsagen. 
Papierservietten sind ein Luxus in einer Zeit, in der man von 
der Hand in den Mund lebt, demnach sich so auch abwischen kann. 
Fahrscheine auf der Elektrischen sind selbst in besseren Zeiten ein 
Unfug, der nur den Größenwahn der Kondukteure fördert. Sinn- 
voll sind höchstens Eisenbahnbillets; und wenn die nicht mehr 
gedruckt werden könnten — eins, hoffe ich, wird immer noch zu 
haben sein! 



115 — 



Vor dem Höllentor 

[Eröffnung des Gesellscfiaflsheimes der Österreichischen politischen 
Gesellschaft] .... Hofrat Dr. Friedrich Freiherr v. Wieser eine längere 
Rede .... Er sagte unter anderm: ». . . Der Krieg hat uns den Glauben 
an uns wiedergebracht, und dieser Glaube wird uns bleiben .... 
Phalanx .... Österreich den Österreichern! >. . . und im Innern sollen 
nur die zum Woite kommen dürfen, die sich zum Staate bekennen. 
Wer nicht durch Liebe und Ehrfurcht zu ihm hingezogen ist, 
der soll durch die Furcht niedergehalten werden, in die ihn 
die Macht des öffentlichen Gewissens bannt . . . .« ... Landesberger .... 
Bezirksrat Stiglitz .... kaiserlicher Rat Berl .... Kommerzialrat 
Koffmahn .... Neurath .... Herzfelder .... 

Der Freisinn sagte es, der Zensorfeind. Aber ich bin fest 
entschlossen, nach Beendigung dieses Krieges Deutsch als Umgangs- 
sprache zu verlernen und mich vor den Beherrschern der deutschen 
Sprache in diese selbst zurückzuziehen, um, alle Vorstellungen 
aufgebend, sie zu bewahren und das Gebiet zu räumen, welches 
ich behalte. In gebrochenem Deutsch wird sich meine Konversation 
bewegen, und zu dem Worte, das sich in ihrem Munde wohl 
fühlt, will ich nicht kommen und lasse es nicht zu mir kommen, 
so daß keiner von jenen mehr verstehen wird, wie ichs meine, selbst 
wenn ich nicht schreibe, nur spreche. Phalanx, werde ich sagen, 
nix deuts, ich nicht lieben Stiglitz, ich nicht Ehrfurcht Landesberger, 
ich fürchten Neurath, ja ich fürchten, dieser Glaube uns bleiben — 
ich niedergehalten — Preise hoch — ich fürchten, böse Zeit kommen — 
große böse Zeit — ich fortfahren zu Nigger — dort nicht sehn 
kaiserlicher Rat, nicht sehn Berl, Herzfelder, nicht sehn Bezirksrat, 
Kommerzialrat, Kaufmann, Koffmahn, Koofmich — nicht mich 
koofen — ich nicht mehr bemerken Anwesende — nicht mehr 
hören — nicht mehr sprechen — ich fürchten — fürchten — fürchten — 



— 116 



Die Laufkatze 

Ein Lieblingsgedanke des Erfinders des Gruben- 
hundes ist endlich realisiert worden : der Neuen Freien 
Presse auch eine Laufkatze anzuhängen. Die »Katzen - 
Steuer«, zu der eine Persönlichkeit die Anregung 
gegeben hatte, war die gefundene Gelegenheit: 

(Die Katzensteuer.) Zu der in unserem Blatte von Herrn 
Viktor Lustig gegebenen Anregung der > Katzensteuer« schreibt 
man uns: »Es wäre noch hinzuzufügen, daß sich die Katzenplage 
in den äußeren Bezirken besonders fühlbar macht. Es müßte ihr 
auch vom humanitären Standpunkt gesteuert werden, weil speziell 
in Döbling jetzt viele Ruhebedürftige sich befinden. In der 
Nähe meiner Wohnung befindet sich der geräumige Hof einer 
Fabrik, wo Tag und Nacht eine große Anzahl Laufkatzen mit 
ihren Jungen einen unerträglichen Lärm verursachen, ohne daß, 
trotz lebhaften Protestes der Anrainer, diesem Übelstande bisher 
gesteuert werden konnte. Behördliche Intervention wäre dringend 
geboten und sie wird nach Publikation in Ihrem hochgeschätzten 
Blatte auch gewiß erfolgen. Dr. Gabriel Bardach.« 

Vor allem: der »Zivilingenieur Berdach«, seit 
Friedenszeiten unvergessen, legt Wert auf die Fest- 
stellung, daß er mit dem oben Genannten nicht identisch, 
nur gesinnungsverwandt ist. Er freut sich aber, daß in 
einer Epoche, in der so viele Anregungen gegeben 
werden, sein Beispiel fortwirkt. Und mit ihm erfreut, 
daß alles noch beim Alten sei, las ich, fern von Wien, 
die zustimmende Betrachtung, welche die Arbeiter- 
Zeitung dem Vorfall gewidmet hat: 

•Die Schwester des Grubenhundes: die Laufkatze. 
Der bellende Grubenhund, mit dem die ,Neue Freie Presse' 
seinerzeit so viel Aufsehen und (unbeabsichtigte) Heiterkeit erregte, 
hat ein Schwesterchen bekommen: die Laufkatze. Die ,Neue Freie 
Presse' hat kürzlich eine »Anregung« veröffentlicht, daß eine 
Katzensteuer eingeführt werden solle, also kann wie der Erfinder 
dieser Idee jeder mit vollem Namen in das Blatt kommen, der zu 
dieser Anregung eine Zuschrift an die Redaktion schickt. Das ist 
eine alte Einführung bei der ,N. Fr. Pr.', die in der »Gesellschaft« 
so beliebt macht. Von dieser Sitte läßt sie nicht, obwonl ihr dabei 
schon so mancherlei Blamage unterlaufen ist. Auch diesmal hat 



— 117 



cken, in der diese Anregung 

t« begrüßt wird, weil sich 

'ürftige befinden«. (Natürlich: 

^r noblen Bezirken braucht 

der abgedruckten Zuschrift 

'.an also besteuern soll; 
Strana 6 ^^> ^^^ Laufkatzen keine 

* J in Fabriken aufhalten. 

7 "■* ZTZIZi '■ ~ ^„j «liehen Katzen, sondern 

PftI NEVOLNOSTl 3« P"f°.^"^Jnde), bewegliche Wagen, 
Frantiäka Josefa pfijemnö uömku^^^ ^.^ LeitToUen für die 
prostfedek, ktery i v mal^m mnozstv^^^^.^^^ ^^^^^^ ^^^^^^^ 
znaönö obtiäe. Lekarsky vrele doporu.^^^ Aufsitzer leicht er- 

> Gesellschaft« abdruckte. 



1 Republikänsky autoklub v Kl»en, wenn es sich zur 
ücasti nekolika ±up pofädä hroma.as ein Einsender schicW, 
na Chodsko a Sumavu o velikonoen eine Laufkatze eine Geld- 
dne 12. a 13. dubna t. r. 2ädäme oder eine blinde Kuh ist. 
värniky naseho dorostu, nasi Don , . . n • ^ 

publikänske organisace, aby uv6d-in mocnie, oau jeuer 

eienstvo a toto se v poctu hromaore — eine Kränkung 

nilo a pozdravilo nasi novou or&A^inkler, deSSen Adels- 
jest Republikänsky autoklub. 8^^^^^^^^^^^ ^j^g Qj-^^^j^. 
12. dubna 10. hod. dop. na kl • , ■ , .n • 

m63ti. kam rovnfeÄ pfijede hvte.) SlCtlCr eS ISt Oaß im 
cyklistickä Republikänsköho dorchte JÜdlSChe Name in 

naSi iupy pizenske. an das hochgeschätzte 

^.c... u.X.^^«te»^. f^*f*^P*^'|?^^f die Behörden Wunder 
gewirkt hat, so Yieß sicü* 'äoch dem Kommentar der 
Arbeiter-Zeitung die erfreuliche Vermutung abgewinnen, 
daß sich die Nachricht wie eine Laufkatze ver- 
breitet habe, und diese Annahme wurde zur Gewiß- 
heit, als mir am nächsten Tage die erdbebenartige 
Detonation eines Zornes zu Gehör kam, der die Heiter- 
keit steigerte, durch die er entfesselt war. Über dieses 
Nachspiel hat die Arbeiter-Zeitung ein Protokoll auf- 
genommen, das den unter dem Titel »Bübereien im 
Kriege« erschienenen Ausbruch enthält und das hier 
mit den Zwischenbemerkungen der ,Arbeiter-Zeitung', 
aber mit den mir passenden Unterstreichungen wieder- 
gegeben wird: 



— 118 — 



*Die Laufkatze und der übergeschnappte Heraus- 
geber. Die Laufkatze mit ihren Jungen, die die Döblinger Ruhe- 
bedürftigen stört, hat in der Redaktion der ,N, Fr, Pr.' ein gar 
schreckliches Uniieil angerichtet: Der Herr Herausgeber ist ob des 
letzten Reinfalls nämlich komplett meschugge geworden. Die 
fröhliche Heiterkeit, die sein neuester Aufsitzer in Wien ver- 
breitet hat, veranlaßt ihn zu einem furchtbaren Zornesausbruch. 
Da man sieht, wie er vor Wut zerspringt, wird man nur immer 
fröhlicher; also müssen das die Leser wörtlich lesen: 

Millionen unserer Mitbürger sind an der Front und 
Millionen im Hinterland sorgen mit ihnen und fühlen die Schwere 
einer, die Völker von Europa bedrückenden Krise. In einer solchen 
Zeit, die namentlich der Presse die härtesten Pflichten 
auferlegt und den Dienst für das Publikum und die Erhaltung 
der Angehörigen des Blattes so schwierig macht (man 
achte auf Benedikts Zartsinh! Red. d. Arb.-Ztg.) haben die 
Bübereien in der Publizistik nicht aufgehört und werden von 
Leuten unterstützt, die durch Teilnahme oder Ermunterung 
beweisen (da meint er uns! Red.), daß sie gar keinen Zusammen- 
hang mit den Stimmungen des Volkes haben und daß ihnen 
jeder Ernst feh lt. Welche Freude, wenn es gelingt, einen durch 
Nachtarbeit im Kriege abgehetzten Redakteur (Abend- 
blatt! Red.) durch einen Brief mit Fälschung einer im Wohnungs- 
verzeichnis befindlichen Angabe von Namen und Wohnung zu 
täuschen (Aber Dr. Gabriel Bardach steht im Wohnungsverzeichnis 
nicht! Red.) und ihn, dessen Gedanken und Empfindungen 
vom Kriege in Anspruch genommen sind, zu einem Über- 
sehen zu bringen. Wie gefährlich solche Versuche der Irre- 
führung gerade im Kriege, da es so schwer ist, zwischen 
Gerücht und Wahrheit zu unterscheiden, werden können, 
wie infam dieses verbrecherischeTreiben ist, darüber werden 
die Staatsbehörden sich zweifellos eine Ansicht bilden 
und die entsprechenden Folgen ziehen müssen. 

In dem Falle, von dem wir heute sprechen, sind allerdings 
die Betrüger um den Erfolg des Betruges gekommen. 
Wir haben eine Notiz veröffentlicht, worin die Besteuerung der 
Katzen beantragt wurde. Wir erhielten eine zweite Zuschrift, in 
der von Laufkatzen gesprochen worden ist. Da es uns bekannt 
war, daß darunter auch eine technische Einrichtung zu verstehen 
ist, so haben wir im Wörterbuch der deutschen Sprache 
von Dr. Daniel Sanders nachgesehen, ob diese Bezeichnung 
auch in dem Sinne von läufig angewendet werden könne. Daniel 
Sanders sagt darüber: >Läufig, von manchen Tieren, zum 
Beispiel von Katzen, laufig.« Da in dem Wörterbuch von 
Sanders auf diesen Sprachgebrauch ausdrücklich hin- 
gewiesen wird, ist die Büberei im Kriege ohne weiteren 



— 119 — 



Schaden verprasselt. Aber welche Niedrigkeit gehört zu dem 
Versuch, an solchen bewegten Tagen einen mit Arbeit und 
Mühe überlasteten Redakteur in einen Irrtum bringen zu wollen. 
Wir können mit voller Wahrheit und mit der ernstesten 
Gewissenhaftigkeit gegen das Publikum versichern, daß der 
Redakteur unseres Blattes, den diese Buben antasten wollten, an 
Charakter, Wissen und Sorgfalt der Arbeit den Müßig- 
gängern, die diese Gemeinheiten aushecken, weit über- 
legen ist, und daß jene, die in einer so schweren Krise die 
Fratzerei solcher Fälschungen begehen wollten, von jedem 
Publizisten, der auf seinen Stand hält und Standesgefühl hat, aus 
tiefstem Herzen verachtet werden. Die Buben sind nicht wert, 
daß wir sie mit dem Fuße wegstoßen, aber wir glauben, 
daß wir einen Vorfall, der in keinem anderen Lande der 
Welt in so bösen Tagen auch nur denkbar wäre, ohne 
Rücksicht darauf, daß die Einsender sich lächerlich gemacht 
haben, öffentlich besprechen müssen, weil in Kriegszeiten, in 
denen das Publikum zuweilen von starken Er- 
schütterungen bewegt ist, solche Infamien ernste, 
weite Kreise berührende Nachteile haben könnten. 

An dieser monumentalen Frechheit wird jeder Spott zu 
Schanden; es ist ja so, als ob sich der Herr Herausgeber selbst 
parodieren wollte. Aber die Schamlosigkeit, den »durch Nachtarbeit 
gehetzten Redakteur« vorzuschieben, kann dem Schwindler nicht 
nachgesehen werden. Daß man einen Redakteur hineinfallen lassen 
kann, wäre nichts Besonderes; ihm eine Falle zu legen wäre kein 
Verdienst. Aber es sind nicht die Redakteure, die da aufsitzen, es 
ist das System Benedikt, das bloßgestellt wird. Das System 
nämlich, jeder Zuschrift von jedem Bardach unweigerlich Aufnahme 
zu gewähren; der »Bardach« ist es, dem die »gütige Veröffent- 
lichung« sicher ist. Der Ulk dieser Zuschriften ist nur ein Hilfs- 
mittel, um dem Publikum dieses System klarzumachen: daß sogar 
aufgelegter Unsinn durch die Flagge > Bardach« gedeckt wird. 
Die Redakteure der ,N. Fr. Pr.' — die es doch nicht verschuldet 
haben, daß ein Mensch wie Moriz Benedikt in ihrem Namen 
reden darf; sie werden das Los bitter genug tragen — die würden 
die »Zuschriften« wohl gern in den Papierkorb werfen, wenn eben 
der Herr Herausgeber, diese Verkörperung der Beziehungen zu 
den »Bardachs« aller Grade, ihnen die sorgfältigste Pflege des 
Mischpochismus nicht zur unwiderruflichen Pflicht gemacht hätte. 
Und daß sich jemand die Mühe genommen hat, den Nachweis zu 
führen, daß an dem schmierigen Wesen der ,N. Fr. Pr.' auch der 
Krieg nichts geändert hat, ist ihm nur zu danken, obwohl der 
Beweis überflüssig war: hat doch das Schandblatt den ganzen 
Krieg überhaupt nur als Reklame für sich benützt. Nicht die 
intellektuelle Unzulänglichkeit der ,N. Fr. Pr.', ihre moralische 



— 120 



Minderwertigkeit wird durch die lustigen > Zuschriften« aufgedeckt, 
und die Leute lachen nicht darüber, daß man dort einen Aufsitzer 
von einer ernsten Sache nicht zu unterscheiden weiß, sondern 
freuen sich, daß die schäbige Eitelkeit des Herrn Herausgebers in 
die klug gelegte Falle geraten ist. Das freut alle, die die ,N. Fr. Pr.' 
verachten, und verachtet wird sie von jedem, der sie nur einmal 
in der Hand gehabt hat. Die Tage der Grubenhunde sind die 
erquicklichsten im Leben der Abonnenten der ,N. Fr. Pr.'. 

Das ist nichts. Das sind, um in der Tonart dieser 
gräßlichsten Stimme, die je das Ohr der Welt gepeinigt 
hat, zu sprechen, »Sticheleien«. Das tut nicht weh. 
Man muß diesen Schreihals würgen, bis ihm die Lust 
vergeht, sich den Freipaß für seine Unsauberkeiten 
durch Berufung auf die Millionen unserer Mitbürger, 
die an der Front sind, zu verschaffen. Man muß diesem 
rabiaten Wucherer, der, anstatt Jehovah auf den Knien 
zu danken, daß sein Geschäft unter den Augen von 
Steueradministration, Landesgericht und Kriegsgewalt 
florieren kann, die Staatsbehörden gegen kulturelle 
Bestrebungen aufzurufen wagt, so auf das Maul 
schlagen, daß die »Sorge«, die er seit zwei Jahren 
täglich am Poincare »nagen« sieht, ihn wie ein 
Schüttelfrost befällt. Er meint, weil sich nach acht- 
zehnjährigem Schweigen und dem riskantesten In sich- 
Geschäft der Wut, das die Finanzgeschichte kennt, 
eben »die Stiche in der Leber melden«, die er dem 
Großfürsten Nikolajewitsch zugeschrieben hat, er meint, 
wiewohl ich doch die Laufkatze nicht erfunden, höchstens 
angeregt habe — er meint mich und spricht von 
Buben. Ich sage Benedikt und meine ihn! Man muß 
diesen Banditen, dessen Gewalttätigkeit gegen die 
letzten Überreste eines öffentlichen Schamgefühls von 
der Unterworfenheit hochgestellter Preßknechte erhitzt 
wird, derart überschreien, daß er die Glorie, die ihm 
zum Alibi seines Handels gut genug scheint, er- 
schreckt aus der Pranke fallen läßt und nie wieder 
auf die Idee verfällt, die große Zeit, an der seine 
Opfer leiden, als seine eigene Schonzeit aufzufassen 



— 121 — 



und sich aus dem . blutigen Strafgericht der Welt eine 
Amnestie herauszufetzen. Man muß, wenn ein 
solches Individuum, dessen Raubgier die journalistische 
Schande noch um eine persönliche Note bereichert und 
das in die Pest der Zeit noch seinen Atem zu senden wagt, 
wenn es endlich einmal mit seiner gekränkten Ehre aus dem 
Käfig auf die Straße läuft, die Gelegenheit benützen und 
ihm so scharf in die Pupille sehen, daß ihm die Stimme 
für ein paar Leitartikel, der Gusto auf ein paar Börsen- 
manöver zwischen Morgen- und Abendblatt vergeht 
und daß es »im Gemäuer« seines Ansehens vernehmlicher 
»zu rieseln beginnt« als in dem der Entente, so ver- 
nehmlich, daß etlichen Botschaftern, Feldzeugmeistern 
und Fürsten doch einmal bange wird, auf die Mitarbeit 
an solchem Handwerk stolz zu sein. Man muß den ver- 
derblichsten Betrüger der mitteleuropäischen Dummheit, 
der sich sein patriotisches Opfer bestätigen läßt, wenn 
er ein paar Spalten seines Bordells einmal gratis zur Ver- 
fügung gestellt hat, und der ins Herrenhaus gelangen 
möchte, weil er bis heute straflos an der Leichtgläubigkeit 
Millionen verdient hat, man muß ihn fragen, ob er 
ernstlich glaubt, daß es »in einer solchen Zeit« nicht 
dringlicher als in irgendeiner früheren Zeit geboten 
ist, sein Handwerk, das den Offenbarungsglauben für 
Unwissen und Unmoral anspricht, zu entlarven, eben 
jenes Handwerk zu stigmatisieren, das den äußersten 
Kontrast zum Schein der Zeit bedeutet und sie selbst 
auf das blutigste stigmatisiert hat. Man muß ihn fragen, 
ob er unter der Erhaltung der Angehörigen »des Blattes« 
(hundert Hiebe für den Größenwahn dieser schlichten 
Bezeichnung, die die Welt als Zubehör des Blattes 
auffaßt !), ob er unter der Erhaltung dieser »Angehörigen«, 
die er für die Angehörigen der Frontkämpfer hält, 
ob er darunter etwas anderes versteht als die einer irre- 
geführten Autorität erpreßte Möglichkeit, seine Plauderer, 
Laufburschen und Laufkatzenfänger für unentbehr- 
lich zu erklären. Ob er — von der schon lustigen 



— 122 



Blödheit abgesehen, die jeden um 11 Uhr vormittag 
(nach der Sommerzeit!) blamierten Schmock zum ge- 
plagten »Nachtredakteur« stempelt — ob er denn toll 
geworden sei, daß er von einem »durch Nachtarbeit 
im Kriege abgehetzten Redakteur« zu sprechen wagt, 
als wäre so einer direikt aus dem Trommelfeuer ge- 
kommen, um die Anregungen zum »Mistbauer und 
die Fliege« zu bewältigen und nun die Rubrik »Katzen- 
steuer« zu redigieren. Man muß ihn fragen, ob er 
durch die Lektüre seiner Leitartikel so um alles Maß 
gebracht sei, daß er wirklich glaube, es könne einen 
Menschen in Zentraleuropa geben, der sich die Kriegs- 
sorsre in der Figur eines Lokalredakteurs der Neuen 
Freien Presse verkörpert denkt, und ob er endlich gesonnen 
sei, wenigstens diese fortwährende Verwechslung seines 
Geschreis mit dem Weltgetöse einzustellen, die uns 
noch weit lästiger auf die Ohren fällt als Krieg und Kriegs- 
geschrei. Ob er glaubt, daß die Gedanken und Empfin- 
dungen seiner Kommis, die »dem Blatt« zu erhalten ihm 
Sorge macht, mehr vom Krieg, der ihnen — siehe 
Sanders — »stagelgrün aufliegt«, in Anspruch genommen 
sind als von der beständigen Furcht vor einer Stimme, die 
aus Schmalz in »Gegralz« übergehend, auf Sammtpfoten 
heranschleicht, um plötzlich in ein Berserkergebrüll zu 
entarten, und die unerträglicher ist als selbst der Lärm 
von tausend Laufkatzen mit ihren Jungen speziell in 
Döbling. Man muß ihn fragen, was er eigentlich unter 
»Fälschung« verstehe: die schlichte Erfindung eines 
echten, in jeder Lebenslage glaubhaften jüdischen 
Namens, auf den — schon aus Pietät für den ähn- 
lichen Berdach in der Glockengasse — die Neue 
Freie Presse unfehlbar anbeißt, oder die dummfreche 
Behauptung, es sei die »Fälschung einer im Wohnungs- 
verzeichnis befindlichen Angabe von Namen und 
Wohnung« begangen worden, wenn dort eine solche 
sich tatsächlich nicht befindet. Ob er glaubt, daß die 
Enthüllung, die Neue Freie Presse habe einem Bardach 



— 123 — 



zuliebe eine Laufkatze Junge werfen lassen, »im Kriege« 
gefährlicher als im Frieden sei und ungünstig auf die 
russische Offensive wirken könnte. Ob er, weil es nun 
einmal so schwer ist, im Kriege zwischen Gerücht und 
Wahrheit zu unterscheiden, glaubt, daß das Gerücht, 
eine Laufkatze habe in die Neue Freie Presse 
Junge geworfen, schädlicher sei und geeigneter, dem 
Völkerhaß Nahrung zu geben, als die seinerzeit gern 
gedruckte und heute noch nicht widerrufene Wahrheit, 
die Franzosen hätten Bomben auf Nürnberg geworfen. 
Ob die Verwendung von Laufkatzen im Kriege 
von der Haager Konvention verpönt sei, während 
der Gebrauch von Grubenhunden im Frieden unan- 
gefochten geblieben ist und bis heute schweigend hin- 
genommen wurde. Ob dem gewissenhaften Redakteur 
damals »bekannt war«, daß ein Grubenhund »auch 
eine technische Einrichtung« bedeuten könne, und 
ob er damals im Sanders nachgeschlagen und fest- 
gestellt habe, daß diese Bezeichnung auch im Sinne 
von »in der Grube lebend« angewendet werden kann. 
Was den Erfolg des heutigen »Betruges« anlangt, der 
ja hinlänglich mißraten scheint, so wäre die Unschuld, 
deren Irreführung versucht wurde, auf die Frage fest- 
zunageln, warum sie, um der gefährlichen Neben- 
bedeutung willen, die ihr bekannt war, die Laufkatze, 
die in der Redaktion eingelaufen war, nicht vorsichts- 
halber doch lieber verscheucht, sondern um eines 
Bardach willen, dessen Bedeutung ihr einwand- 
frei schien und der an ein hochgeschätztes Blatt 
appellierte, welchem die Behörden gegen Laufkatzen 
so schnell parieren werden wie gegen deren Erfinder, 
sich so viel Kopfzerbrechen gemacht und so viel von 
der großen Zeit verloren hat. Insbesondere müßte 
gefragt werden, ob die Angabe, es sei »bekannt« 
gewesen und trotzdem sei aus Gewissenhaftigkeit 
noch im Sanders nachgesehen worden, ohne eine 
Spur von Schamröte aufrecht gehalten wird und ob nicht. 



124 



wenn es dabei bleibt, die Lüge die Blamage 
vervollständigt, weil ja außer dem »Übersehen« 
auch noch zum Überfluß Nachsehen mitgewirkt 
hätte. Ob der Aufsitzer, dessen Absicht die denkbar 
einfachste war, nicht erst durch die Aufklärung 
zu vollem Effekt gelangt, so als wollte der Irregeführte 
dem Verführer zeigen, daß es noch viel komischer sei, als 
er selbst geglaubt hat. Ob die Vermutung, eine Lauf- 
katze könne vielleicht »auch« eine läufige Katze sein, 
nicht eher durch die Verbindung mit den Jungen, die 
schon einen unerträglichen Lärm verursachen, ehe sie 
geboren sind, berichtigt, als durch die Auskunft des 
Sanders bestätigt wird. Und ob die Vermutung, daß eine 
Laufkatze >auch in dem Sinne von läufig angewendet 
werden kann«, wirklich durch die Auskunft des Sanders 
bestätigt wird: »Läufig, von manchen Tieren, zum 
Beispiel von Katzen, laufig.« Ob nicht vielmehr eine 
solche Vermutung erst durch die nicht erteilbare Auskunft 
bestätigt würde: »Läufig, von manchen Tieren, zum 
Beispiel von Katzen, daher auch Laufkatzen genannt« 
oder: »Laufkatze a) technische Einrichtung b) läufige 
Katze«. Ob nicht der Schluß: »da in dem Wörterbuch 
von Sanders auf diesen Sprachgebrauch ausdrücklich 
hingewiesen wird« die allerfrechste Fälschung und 
Blödmacherei des Lesers bedeutet, da im Sanders aller- 
dings auf »diesen« Sprachgebrauch hingewiesen wird, 
»dieser« Sprachgebrauch aber nichts für jenen Sprach- 
gebrauch beweist, der unter einer Laufkatze eine 
läufige Katze verstehen ließe; da niemand bezweifelt 
hat, daß es »läufige Katzen« im Sprachgebrauch 
gibt, diese Gewißheit vielmehr erst die Irreführung 
wirksam macht; und da der »Sprachgebrauch« einer 
Laufkatze im Sinne von läufiger Katze weder im 
Sanders noch sonst im Leben vorkommt. Es ist doch 
der stärkste Beweis für die Möglichkeit, dem Leser 
mehr als dem Redakteur zuzumuten, wenn man ihm 
den Gedankengang serviert: da im Sanders ein 



— 125 — 



anderer Sprachgebrauch ausdrücklich bestätigt wird, 
so erkannten wir, daß der Sprachgebrauch bestätigt ist. 
»Idiot« kann allerdings sowohl Dummkopf als auch Privat- 
mann bedeuten. Wenn nun aber ein solcher behauptet, 
er habe sich beruhigt so nennen lassen können, weil 
er im Fremdwörterbuch bestätigt gefunden habe, daß 
»Idealist« von manchen Menschen, zum Beispiel von 
Börseanern, angewendet wird, so bedeutet Idiot auch 
Schwindler. Bis zu welchem Grade er das ist, wäre 
erst durch die Frage festzustellen, ob er wirklich 
im Sanders, in dem er natürlich nicht vor dem 
Erscheinen der Laufkatze, sondern erst nach entstandenem 
Schaden das Nachsehen hatte — ob er dort wirklich 
die Erklärung gefunden hat : »Läufig, von manchen 
Tieren, zum Beispiel von Katzen, laufig.« Es mag ja 
sein, daß der Sanders — die Wissenschaft kommt der 
Presse gern entgegen — schnell eine Auflage ver- 
anstaltet hat, in der eine Deutung von »läufig« steht, 
die durch die Zitierung des Beispiels der Katze und 
durch die aparte, höchstens im Wiener Dialekt mög- 
liche Form »laufig« dem Wortbild der »Laufkatze« 
nahekommt, ohne diese selbst anzuführen. Ich weiß 
es nicht und ich will nicht in Abrede stellen, daß der 
Schwindler eine solche neuere, verstärkte Auflage des 
Sanders — der ihm ja stark aufliegt — besitzt, die 
es ihm durch die Darbietung einer »laufigen Katze« 
ermöglicht, dem Leser einzureden, es sei dort »aus- 
drücklich« eine Laufkatze offeriert. In meiner Auflage 
des Sanders, die es mit Recht verschmäht, irgendwelche 
Tiergattung als Beispiel anzuführen, um nicht den 
läufigen Katzen vor den läufigen Hunden den Vorzug 
zu geben, und der es auch nicht einfällt, durch die 
Anführung des seltenen »laufig« dem »Lauf-« näher- 
zukommen, ist die Sache so dargestellt: »Läufig, -isch, 
a. : V, manchen Tieren (u. verächtl. v. Menschen) : 
v. d. Brunst ergriffen (s. laufen 2).« Wie dem 
immer aber sein mag, so neu kann gar keine 



126 



Auflage des Sanders sein, daß man aus ihr heraus- 
lesen könnte, eine Laufkatze sei eine laufige Katze, 
und so alt ist keine, daß sie nicht diese Version als einen 
Druckfehler, nämlich als lausig erkennen ließe. Aber 
der von keiner Scham mehr gebändigte Schwindler, 
der seine Leser mit demselben Tonfall der Plausi- 
bilität hineinlegt, mit dem man ihn selbst 
bezwungen hat, wäre nun noch zu fragen, ob nicht die 
Beteuerung, dem beruhigenden Aufschluß des Sanders 
sei es zu verdanken, daß »die Büberei im Kriege 
ohne weiteren Schaden verprasselt^ sei, ob solche Rede 
nicht vielmehr der Kausalnexus eines Paranoikers im fort- 
geschrittenen Stadium ist oder, wie eben dieser einmal 
von Sir Grey gesagt hat, Europa der Spielball eines 
»Wirren«. Ob die Anklage, die Irreführung sei »an 
solchen bewegten Tagen« an einem Redakteur began- 
gen worden, der an solchen bewegten Tagen mit der 
Einrichtung der Lustig- und Bardachbriefe über die 
Katzenplage betraut war, und die Befriedigung, daß 
zum Glück kein weiterer Schaden im Krieg gestiftet 
worden sei, weil im Sanders das Wort »läufig« vorkommt — 
ob solches Auf und Ab nicht eben das klinische Bild 
ergibt, das man in bewegten Zeiten schon oft an 
aufgeregten Leuten, speziell in Döbling, beobachtet 
hat, an solchen, die schon vor der Irreführung sich an 
deren Ziel befunden haben. Ob der Kranke aber 
nicht doch einen hellen Moment hat, wo er er- 
kennt, daß die Versicherung, sein Dienstbote für Lokales 
sei irgendeinem »Müßiggänger«, nicht etwa nur den 
Anregern kulturell höchst wertvoller Versuche, »an 
Charakter, Wissen und Sorgfalt der Arbeit überlegen«, 
keineswegs ernsteste Gewissenhaftigkeit, sondern blanke 
Vermessenheit war. Ob er dann noch die Entschuldi- 
gung der schweren Krise Europas für die Unfälle einer 
Redaktion geltend machen könnte, die niemand in 
ihrem Recht auf Unwissenheit antasten wird, aber jeder in 
ihrem frechen Anspruch auf Allwissenheit zu erschüttern 



127 



die Pflicht hat. Denn es braucht nicht zum hundert- 
sten Mal gesagt zu werden, daß kein Mensch außer 
einem Alleswisser wissen muß, was eine Laufkatze ist, 
und daß es ein höchst verdienstvolles »Vollbringen« 
im Kriege ist, zu dem wir »unsern Gruß entbieten«, einem 
Land- und Seeräuber, der Kitcheners Tod ein ruhmloses 
Ende nennt, aber jedem Bardach zu einem ruhmvollen 
Leben verhilft und um solches Respekts willen den 
Schiffbruch seiner Wissenschaft erleben muß. Anstand 
und Bescheidenheit zu lehren. Daß es nicht gelingt, 
hängt mit der UnvoUkommenheit aller technischen 
Einrichtungen zusammen. Denn immernoch wird es einem 
Schwindler leichter glücken, der Dummheit seiner 
Leser Entrüstung über einen Satiriker, als dem 
Satiriker, ihr Mißtrauen gegen einen Schwindler bei- 
zubringen. Dieser fängt sie mit dem Krieg, redet ihr 
ein, eine Laufkatze verbreite sich wie ein Gerücht, 
und hat die Stirn, wie einst, da ein Pfuscher durch die 
leere Erfindung einer an sich möglichen Explosion ihm 
leichtes Spiel ließ, in dem Geschrei über »vert)recherische 
Irreführung der Neuen Freien Presse« den Grubenhund 
und Berdachs Erdbebenbeobachtungen als »falsche 
Nachrichten« zu verschütten, ohne doch mit einem 
Sterbenswörtchen auf solchen Ursprung alles Wehs 
hinzudeuten, geschweige denn auf den Lebensschmerz, 
der sich ihm in meinem ganzen Dasein verkörpert. Könnte 
daraus ein Leitartikel werden, so würde der sagen: 
»man kann sich vorstellen«, wie dieses Kapital an 
Rachsucht brach liegen muß und wie es wurmen mag, 
daß die einzige Waffe des Totschweigens den Feind 
nicht zu leben gehindert hat, und wie man, wenn 
man sich nicht durch gelegenthche allgemeine Aus- 
brüche Luft machte, in Gefahr käme, sich selbst zu 
Tod zu schweigen. Ich lehne es durchaus nicht ab, 
dem schwer Ringenden im tragischen Konflikt zwischen 
seinem Gelübde und seiner Galle zu helfen und mich 
zwar nicht getroffen, aber gemeint zu fühlen, wenn er 



— 128 



irgendein Schimpfwort ausgestoßen hat. Nie vermöchte 
seine Rede mich so sehr anzugreifen, wie ihn sein 
Schweigen, und er weiß, daß sein noch so lautes 
Gebärdenspiel mich nie abhalten wird, zu ihm zu 
sprechen, und daß ich, wenn ich einmal Lust verspüre, 
etliche »Laienfragen« an ihn zu stellen, dies ohne 
Rücksicht darauf tun werde, ob er die bezüglichen 
Laienantworten erteilt. Er weiß, daß ich ihn bekämpfe, 
weil ich ihn für die Pest halte, nicht weil er mich 
gekränkt hat. Er weiß, daß er mich nie gekränkt hat, 
daß ich als Knabe die Chance, meine Seele anstecken 
zu lassen, zurückgewiesen habe, und daß alle anders- 
gerichtete Version Verleumdung ist, bezogen aus dem 
jüdischen Sagenkreis, in dem ein Angriff nur als 
Revanche für einen entzogenen Vorteil gedacht werden 
kann. Er weiß, daß die aus den tiefsten Quellen der 
Kommerzseele geschöpfte Frage : »Was haben Sie gegen 
den Benedikt?« von keiner Aufklärung beruhigt werden 
kann. Er weiß um eine Selbstlosigkeit, die ihn und 
alle verachtet, die um seine Gunst Meinung und Ehre 
verkaufen. Er weiß, daß ich der ganzen judenchristlichen 
Welt dieses Hinterlandes, die auf das Wort eines 
besessenen Börseaners lauscht, dem Kitcheners Ende 
nicht ruhmvoll genug ist, reinsten Herzens Kitcheners 
Latrinen wünsche. Vergißt er's und übernimmt er sich, 
so werde er mit aller erdenklichen Entschiedenheit 
befragt, ob er nicht dennoch sich so viel Besinnung 
bewahrt habe, daß er zugeben muß, die Zurück- 
weisung des Kultuigestanks beweise immerhin 
einen bessern Zusammenhang mit den »Stimmungen« 
als sein Betrieb, und daß es weit ehrenvoller sei, vom 
Fuße des Herrn Benedikt weggestoßen zu werden 
als die Hand des Herrn Benedikt drücken zu dürfen. 
Und ob er — hier aber fasse man ihn fest ins Auge; 
hier stelle man ein an allen Fronten verachtetes Indi- 
viduum, dessen eigene Front den furchtbaren Sieger- 
glanz des Ritualräubers trägt; hier trete man dicht an 



129 



das numidische Ponem eines Jugurtha, der seinen 
Fuß auf den Nacken Roms und aller Christenerde 
setzt; hier frage man: ob er mit voller Wahrheit 
und mit der ernstesten Gewissenhaftigkeit versichern 
kann, daß es frivoler sei, in Kriegszeiten, in denen 
das Publikum und die Börse zuweilen von starken 
Erschütterungen bewegt sind, dem schädlichsten Para- 
siten solcher Bewegtheit einen Possen zu spielen, als 
in solchen Zeiten, also gelegentlich einer Schlacht bei 
Lemberg durch vierzehn Tage das Jubiläum »des 
Blattes« zu feiern und im Moratorium von den Banken 
Gelder für hundert Annoncenseiten zu erpressen. 
Ob ein Mensch, der das Eisen, unter dem die 
Millionen sterben, von dem Anteil an den Millionen jener 
kennt, die vom Eisen leben, ob ein Redakteur, der unter 
dem eisernen Diktat eines Vertreters des Eisenkartells 
eine Berichtigung gratis schreiben muß, anstatt durch 
den Angriff eineErhöhung des Pauschales erzielt zu haben, 
ob ein Zoolog, der sich unter allen Arten von Katzen nur 
mit den Geldkatzen auskennt, die ihm freilich auch Junge 
abwerfen, ob ein Philosoph, der das Leben eines Mönches 
führt, weil er in der Welt Bankdirektoren treffen 
könnte, die einzigen Wesen im Staat, die sein An- 
sehen tarifmäßig berechnen können — ob so einer, wenn 
er uns schon mit seinen Meinungen und Leiden- 
schaften und Einbildungen und Stimmungen und mit 
den Einzelheiten und mit den Details das Ohr betäuben 
darf, nicht wenigstens doch das Recht verwirkt hat, sich 
mit seiner Ehre laut zu machen. Ob es selbst dem 
Hirnverbrannten erlaubt ist, darauf zu rechnen, daß die 
Behörden gegen die Plage der Laufkatzen so schnell 
intervenieren werden wie gegen die Katzenplage: 
Notiz in der Freien Presse genügt, arretiere 
sofort. Ob sich der »lächerlich gemacht« hat, der, in 
guter Erfassung meines seit anno Erdbeben propa- 
gierten kultursatirischen Ernstes, vom Grubenhund, 
von dessen verheimlichtem Biß die Tollwut stammt. 



- 130 — 



glücklich fortgeschritten ist und heute den Mut hat, 
eine Laufkatze eine Laufkatze zu nennen — und nicht 
vielmehr jener, der lächerlich wurde, weil es gelang, und 
wäre er trotzdem ernst zu nehmen, durch die ver- 
zweifelte Abwehr, bei der der Größenwahn die Dumm- 
heit um Hilfe anbrüllt. Denn den Aufsitzer könnte er 
schweigend überleben; die Beschwerde wegen Miß- 
brauchs der redaktionellen Nervenzerrüttung im Kriege 
könnte er vor Trotteln mit einigem Anspruch auf Be- 
dauern vorbringen — aber so dumm sollte kein Leser in 
den Zentralstaaten sein, daß er die Verteidigung 
einer Wachsamkeit, die um den einen Sinn der 
Laufkatze gewußt haben will und den andern erfüllt 
gefunden hat, der also nicht das geringste passiert 
ist und die sich trotzdem so rabiat gebärdet, hingehen 
lassen könnte. Einem Schläfer Maikäfer ins Bett 
praktizieren, ist keine Kulturtat: sie wird es erst, wenn 
dort sonst nur Wanzen sind, die jener für Edelsteine 
ausgibt; und wenn er gar nachträglich behauptet, er habe 
nicht geschlafen und die Maikäfer seien auch Edel- 
steine, aber insofern sie Maikäfer seien, liege eine 
Büberei vor, so ist das Experiment bis zu einem Grade 
geglückt, daß man annehmen müßte, die Nachbar- 
schaft werde mit dieser vielfachen Unsauberkeit in 
Bett und Gehirn endlich einmal aufräumen. Die ein- 
zige Hemmung für solche Gründlichkeit ist das Mitleid, 
und diese hält auch das Verhör durch die Frage auf, 
die man sich selbst zu stellen hätte: ob es nicht wirklich 
frivol ist, einem Zeitungsmenschen, dessen Midasgabe, 
alles was er berührt in Humor zu verwandeln, das Tages- 
gespräch bildet, noch durch gelegentliche Mitarbeit 
aufhelfen zu wollen; dem Leitartikler, dessen tägliche 
Sorge die Sorge Poincares ist, dessen »Einbildungs- 
kraft« das letzte Lachen einer verblutenden Welt sichert, 
der die Nase der Kleopatra gemessen hat, von Puschkins 
Geliebter über das Bankhaus Eskeles zum Leutnant 
Mlaker stürmt, »die Milliarde« umarmt, der Armee 



— 131 — 



seinen Gruß entbietet und, bald Springinsgeld, bald 
Patriot, zugleich Märchenerzähler und Bilanzknecht, die 
Leserschaft durch täglich neue Kapriolen entzückt. Ob es 
nicht an sich schon lächerlich ist, dem Vortänzer des 
tragischen Karnevals, wenn der in seinem Maskenzug 
nichts führte als die Schalek, auch noch eine Lauf- 
katze anzuhängen! Diese Erwägung aber, die wieder 
vor einem, der nachweislich diesseits der Schwelle des 
Tollhauses sein Gewerbe treibt und sich andauernd 
des Zuspruchs der höchsten Kundschaft erfreut, über- 
triebene Rücksicht wäre, weicht der Erbitterung über 
eine Frechheit, die nicht nur Haltet den Dieb ! ruft, 
sondern das Verdienst, dem Staatsfeind auf die Finger 
zu sehen, als Kriegsverrat ausgeben möchte. Aug in 
Aug, die Hand am Schreihals, werde der Heuchler, 
der den Versuch, Verwirrung in einer Diebshöhle an- 
zustiften, für ein verbrecherisches Treiben hält und 
dessen Unzurechnungsfähigkeit keinen Milderungsgrund, 
nur die tägliche phantastische Abwechslung dieses 
blutmaschinellen Einerleis bedeutet, verhört bis zur 
letzten, unerbittlichen Frage: ob er denn glaubt, daß 
nicht eben der Krieg der geeignete Zeitpunkt sei, den 
Burgfrieden der Hyänen zu stören. Aber ich weiß, 
eher wird eine solche zum Samariter werden und 
eher wird eine Laufkatze Junge kriegen, bevor 
jener mir darauf Antwort gibt! 



— 132 



Granaten gegen Sterne 

Traum und Verzicht des Fortschritts 

(Der Weg zu d en S t er nen.j Ein Flieger, der in 
der Sekunde etwa 28 Meter zurücklegt, würde nach fünfmonatiger 
ununterbrochener Fahrt den Mond erreichen, währender 
5800 Jahre unterwegs sein müßte, um zum Abendstern zu 
gelangen. Wollte er dagegen der Sonne einen Besuch abstatten, 
so brauchte er nicht weniger als 17.000 Jahre zu dieser Reise, die 
ein Lichtstrahl bei einer Geschwindigkeit von 300.000 Metern pro 
Sekunde in knapp 8V2 Minuten bewältigen könnte. Der gleiche 
Lichtstrahl, der in I74 Sekunden den Mond und in etwas über 
4 Stunden den Neptun, den der Erde fernsten Planeten, erreichen 
würde, müßte doch 10.000 Jahre das unermeßliche Weltall durch- 
eilen, um zu den äußersten Sternen derMiichstraße zu 
gelangen, die von einer von der Erde abgefeuerten 
Granate erst nach Verlauf von 3bis 4 Milliarden 
Jahren getroffen würden. 5 Jahre brauchte sie allein 
bis zur Sonne, dagegen nur 41/2 Tage bis zum Mond, 
der unser nächster Nachbar im Weltraum ist. In die Tat lassen 
sich derartige Berechnungen freilich nicht umsetzen, denn dazu 
reicht unsere schwache Kraft nicht aus, aber sie 
geben uns immerhin ein anschauliches Bild von der ungeheuren 
Ausdehnung des unsere winzige Erde umschließenden Universums. 

Und von der ungeheueren Ausdehnung unserer 
das Universum umschHeßenden Bestialität! 



r gesamten Auflage dieses Heftes ist ein Prospekt des 
erlags der Schriften von Karl Kraus, Leipzig« beigelegt 



iALT der vorigen fünffachen Nummer 426—430, 15. Juni 1916: 
s übervolle Haus jubelte den Helden begeistert zu, die stramm 
utierend dankten / Das Gegenstück / Glossen / Der tragische 
rneval / Notizen / Der Krie? im Schulbuch / Glossen / 



Kleiner Konzertltflusson 

Uli. Lothringerstraße 20) 
MONTAG, 18. SEPTEMBER 191 

PRÄZISE HALB 8 UHR 

VORLESUNG 

KARL KRAU! 



KARTEN XU K 10.—, 8.—, 6-—, 4.—, 2-—, 1.— an d( 
Konzerthauskassa, III. Lothringerstraße 20, bei 
Kehlendorffer, I. Krugerstraße 3 und in der 
Buchhandlung Friedlaender, Kirntnerstraße 44 



NR, 437—442 NOVEMBER 1916 XVin. JAH] 



DIE FACKEL 



HERAUSGEBER 



KARL KRAUS 



INHALT: 

Tagebuch / Zum ewigen Gedächtnis / Glossen / Epigram 
aufs Hochgebirge / Made in Germany / Der soziale Standpun 
vor Tieren / Glossen / Memoiren / Notizen / Sendung 
Landschaft / Glossen / Auf der Suche nach dem Menschen i 
Heros / Klärungen / Das Unterbewußtsein im Kriege / Glossen 
Gebet während der Schlacht 



NACHDRUCK VERBOTEN 

Preis dieses Heiles: 

1 Krone SO Heller == 1 Mark 50 PS. 



VERLAG DER SCHRIFTEN VON KARL KRAU 

(KURT WOLFF) 



WORTE IN VERSEf 

In 3. Auflage: 

Die Chinesische Mauei 

Essays 



Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und durch den Verh 
Leipzig, Kreuzstraße 3 b 

erscheint in zwangloser Folge. 

Das Abonnement erstreckt sich nicht auf einen Zeitraum, sondern auf ei 
bestimmte Anzahl von Nummern. 

Für Österreich-Ungarn: FürdasDeutsche Reich: Weltpostverein: 

18 Nummern K 4.50 18 Nummern Mk. 4.— 18 Nummern K 6.— 
36 „ „ 9.- 36 „ „ 8.- 36 „ „ 12.- 



INHALT der vorigen sechsfachen Nummer 431—436, 2. August 191 
Feiertage / Hunde, Menschen, Journalisten / Glossen / Diplomaten 
Notizen / Solche Kontraste gibt's nur an der Front / Von eine 
Mann namens Ernst Posse / Glossen / Die Laufkatze / Granat( 

gegen Sterne 
Mit einer Illustration : 



DIE FACKEL 

Nr. 437-442 31. OKTOBER 1916 XVIII. JAHR 



Tagebuch 



2 — 



Zum ewigen Gedächtnis 





Eingänge: II. Taborstraße 8. — II. Praterstraße 13. 



Heute Eröffnung! Vorstellungen um e und SUhr abends. ÜBUte ErÖffflUng ! 
DiP" Erstaufführung von ~va 

:B o s d a m » t i rriL o f f 

Von Alfred Deutsch-German. 

Der König Zar Ferdinand von Bulgarien 

Bogdan Herr Georg Reimers (Burgtheater) 

Anja Frau Lotte Medelsky (Burglheater) 

Max Falk Herr Eugen Frank (Burgtheater) 

Die Fee der Treue . Frau Marietta Piccaver 

Giovanni Herr Lackner (Volkstheater) 

Anna Fräulein Kutschera (Burgtheater) 

usw. usw. usw. 

Ort der Handlung: Im Vorspiel Bulgarien, im 1. Akt 
Amerika, im 2. Akt auf dem Ozean, im 3. und 4. Akt auf 
dem Schlachtfelde Bulgariens und am Königshof zu Sofia. 



Der billigste Platz ist 6 Meter von der Bildfläche entfernt. Preise von 60 Hellet an. 



Glossen 

Stimmen der Presse 

»[Eine Ovation für Zar Ferdinand der Bulgaren] .... Unter 
den Gästen sah man den bulgarischen Gesandten Dr. Toscheff, 
den Legationsrat Dr. Georgieff, den Militärkommandanten von Wien 
Baron Kirchbach, FML. v. Löbl, v. Bellmond, Vizeadmiral Baron 
.Jedina, Hofschauspieler Georg Reimers, Gemeinderat Dr. v. Dorn, 
Altgraf Salm und viele andere. Als die Szene den König 
Ferdinand im Gespräch mit Georg Reimers zeigte, 
brach das Publikum in minutenlangen Beifall aus, 
und verlangte die bulgarische Hymne zu hören, 
die es stehend anhörte. Die Ovationen wiederholten sich 
immer, wenn König Ferdinand in die Handlung ein- 
griff, ebenso bei der letzten Szene, da König Ferdinand 
Reimers (Stimoff) mit der Tapferkeitsmedaille 
bedenkt. — Der Filmaufführung ging ein Prolog voraus, den Frau 
Sektionschef v. Jarzebecka sprach. . . .« 

». . . mit dem sagenhaften Namen, der dem Film zum Titel dient, 
verbindet sich das für die Geschichte der Kinematographie epochale 
Ereignis, daß ein regierender Monarch in dieser 
seiner Eigenschaft auch eine Rolle eines Films 
übernahm.,.. Es war eine ganz besondere Weihe, die festzu- 
halten sein mag für alle Zukunft des Kinotheaters, und es war, 
als ob die erlesene Gesellschaft, die sich zum Filmspiel vereinigt 
hatte, auch ihr Spiegelbild fand in dem zu lautlos gespanntem Schauen 
vereinigten Publikum.« 

». . . Man erinnert sich, daß Zar Ferdinand von Bulgarien, 
dessen Gemahlin und Töchter sich willig in den Dienst 
der guten Sache stellten, und so erscheinen denn der 
Herrscher und seine Familienmitglieder als 
Mitwirkende, bewegen sich in diesen für 
sie gewiß etwas außergewöhnlichen Situationen 
mit einer Sicherheit und Natürlichkeit, um die 
sie mancher zünftige Schauspieler beneiden 
dürfte.... Reimers in der Titelrolle von wuchtiger Eindringli«h- 
keit und ausgeprägter Eigenart. Ganz ausgezeichnet dünkt uns der 
Dorftrottel Herrn Götz', für den wir bei dieser Gelegenheit über- 
haupt eine Lanze brechen möchten. . . . Zusammenfassend : 
Der Film , Bogdan Stimoff wird sich behaupten. Verdientermaßen! 
Seinen Wert kann auch der strengste Kritiker nicht leugnen. (Elite- 
Kino, Opern-Kino, Imperial-Kino, Central-Kino.)« 



Ein Abbild modernen Lebens 

(►S ch u h p a 1 a s t Pinkus«) Ein Film deutscher Provenienz, 
'1er zu dem Besten gehört, was die Lustspiel-Kinematographie der letzten 



Zeit hervorgebrachl hat. Klein Moritz- Geschichten in größerem 
Format, die im Milieu des Schuhwarenhauses spielen. Prächtige 
Szenen aus dem deutschen Warenhausleben als Hintergrund 
für das Treiben eines kecken Lehrlings. Pinkus jun. wird wegen seiner 
Streiche aus der Schule gewiesen, und nun tritt er seine Wanderung 
durch eine ganze Reihe Schuhwarenhäuser an. Mutterwitz und keckes 
Auftreten verschaffen ihm überall Zutritt, er arbeitet sich hinauf, er- 
schmeichelt sich Kredit und macht sich selbständig. — 
Einblick in die Entwicklung des deutschen Geschäfts- 
lebens, grandiose Reklame - 1 d e e n, die im Film entwickelt 
werden, eine großartige Aufmachung des Warenhaus- 
betriebes, die Vorführung von Schuhmannequins usw. geben, ganz 
losgelöst von dem schlagenden Humor, dem Film den Wert eines 
Abbildes modernen Lebens. Regie und Inszenierung 
glänzend. 



Bogdan Stimoff 
Unter persönlicher Mit- 
wirkung des Königs 
Ferdinand 
von Bulgarien 



Die Planke 

Feierlicher 

Gottesdienst 

Erstklassige Kantoren 



U r s c h u 1 a 

geh her, genier dich 

nicht I 



Unter dem Heiligenschein 

»Amtlich wird aus Budapest depeschiert : ,In den Räumen des Landes- 
verbandes der ungarischen Texlilindustriellen wurde heute die konstituierende 
Generalversammlung der Baumwollzentrale der Länder 
der heiligen ungarischen Krone, Aktiengesellschaft, 
abgehalten. . . .' « 

Ist es nicht, als ob mir bewiesen werden sollte, daß für 
Bäiim\x'olle zu sterben doch schön ist? 



Das Schwert der Professoren 

Der Rektor der Berliner Universität v. Wilamowitz-Möllendorf 
und die Professoren Otto v. Gierke, Wilhelm Kahl, Eduard Meyer, 
Dietrich Schäfer, Reinhold Seeberg und Adolf Wagner, veröffentlichen 
einen Aufruf zum Durchhalten, in dem es heißt: 

Deutschland darf sein Schwert nicht in die 
Scheide stecken, ohne einen Frieden gesichert zu haben, den 
auch die Feinde zu halten gezwungen sind. Der ist aber nicht zu 



5 - 



erlangen, ohne Mehrung unserer Maclitausdelinung, 
des Bereiches, in dem unser Wille über Krieg und Frieden entscheidet. 
Unsere Gegner sind noch nicht bereit, uns diesen Frieden zuzugestehen, 
so wollen wir denn durchhalten und unerschütterlich durchhalten, und 
siegen, weil — wollen wir uns nicht selber aufgeben — wir gar nicht 
anders können. 

Offenbar ist es den Herren, die bereits alle in Betracht 
kommenden Persönlichkeiten zu Ehrendoktoren gemacht haben, 
darum zu tun, nunmehr zu Ehrenfeldherrn ernannt zu werden. 
Das in Gedanken stehen gebliebene Schwert soll fortan die Devise 
des zerstreuten deutschen Professors sein. Die Fliegenden Blätter, 
die seit siebzig Jahren, in Krieg und Frieden, ob's was zu essen 
oder durchzuhalten gibt, außer dem Regenschirm die Wurst und 
das Maßkrügel als Symbol des deutschen Humors kultiviert haben, 
werden in jenem einen Punkte nun doch eine Auffrischung 
erleben müssen. 



/ — 



Ein deutsches Kriegsgedicht 

»[RumänenHed.] Im Jag' dichtet .Gottlieb« folgendes 
Runiäiienlied : 

In den klainsten Winkelescu 

Fiel ein Russen-Trinkgeldescu, 
Fraidig ibten wir Verratul — 
Politescu schnappen Drahtul. 

Alle Velker staunerul, 

San me große Gaunerul. 
Ungarn, Siebenbürginescu 

Mechten wir erwürginescu. 

GebrüUescu voll Triumphul 

Mitten im Korruptul-Sumpful 
In der Hauptstadt Bukurescht, 

Wo sich kainer Fiße wäscht. 

Leider kriegen wir die Paitsche 
Vun Bulgaren und vun Daitsche; 

Zogen flink-flink in Dobrudschul, 
Feste Tutrakan ist futschul! 

Aigentlich sind wir, waiß Gottul, 

Dann heraingefallne Trottul, 
Haite noch auf stolzem Roßcu, 

Murgens eins auf dem Poposcu !« 

Hinter dem Pseudonym verbirgt sich mit Recht Herr Alfred Kerr. 
In seiner Prosa zu sprechen : Solche Dinge werden einmal . . . 
in Deutschland möglich gewesen sein, ecco. Interessant ist bei 
all dem, daß das Vorleben eines Feindes sich von seiner 
schwärzesten Seite, also von den ungewaschenen Füßen, in dem 
Moment zeigt, in dem dessen Entscheidung, aus der Neutralität 
herauszutreten, zu unseren Ungunsten fällt. Aber der Übelstand, daß in 
der Hauptstadt Bukurescht kainer sich die Fiße wäscht — ' r,/ 
X. ■•: l-x, — , muß doch jahrzehntelang bekannt gewesen sein, 
und entweder darf auf die Bundesgenossenschaft eines solchen 
Volkes nicht der geringste Wert gelegt oder es muß auch in 
diesem Fall offen herausgesagt werden. Die Unterlassung des 
Füßewaschens vollzieht sich ja nicht so überraschend wie 
eine Kriegserklärung, sondern ist ein Zusland, zu dessen Beobachtung 
die Diplomaten jahrzehntelang Gelegenheit hatten. Aber die 
deutsche Literatur, die persönlich mit der Sitte längst vertraut ist, 
holt die unwiderbringlichsten Versäumnisse nach und riskiert 
ihrerseits nur den Verdacht ungewaschener Versfüße. 



- 6 



Morituri te salutantl 

(Der Krieg und die Dichter.) Aus Berlin wird tele- 
graphiert : Zum Abschluß des zweiten Kriegsjahres 
hat die ,B.Z.' an eine Reihe von Dichtern die Frage gerichtet, was 
aus der Fülle des gewaltigen Geschehens und Erlebens in diesen 
zwei Jahren den stärksten Eindruckaufsiegemach t 
habe. Hermann Sudermann schreibt: »Wenn auch die 
seelischen Erlebnisse innerhalb dieser zwei Jahre neue 
Bahnen schufen, auf jeden von uns gewirkt haben, so wird es 
nur wenigen beschieden sein, einen Eindruck aus der Summe des 
Ganzen so herauszunehmen, daß er imstande wäre, ihr künftiges 
Gewicht von diesem Kriege für die Lebensdauer 
zu bestimmen. Aber wir sind noch weit vom Schluß 
entfernt, darum wollen wir in Geduld dem großen Tag entgegen- 
harren, der Deutschland endgültig von seinen Feinden befreit. 

Es ist ja gewiß wichtig, was da der Herr Sudermann, den 
ich immer für einen der geistigsten Menschen Deutschlands ge- 
halten habe, sagt. Nur ist nicht ganz klar, wessen »künftiges 
Gewicht von diesem Kriege für die Lebensdauer bestimm.t« werden 
soll, und er hat darum ganz recht, wenn er sagt, daß das so 
schwer ist. Ob er meint, daß es ein Krieg für die Lebensdauer 
ist — nicht nur jener, die an ihm teilnehmen — , ob er nur ein 
künftiges Gewicht vom Kriege bestimmen will und was das 
heißen soll, ist kaum zu erschließen. Sicher ist, daß weder der 
Verfasser von >Sodoms Ende« noch der von »Morituri« 
genug Gewicht hat, um sich im Kriege laut zu machen. Und 
keiner von jenen, die so weit vom Schuß sind wie die andern 
vom Schluß. Es bringt uns alle nicht weiter von jenem und nicht 
näher zu diesem, und es ist völlig überflüssig, zu vernehmen, 
was auf solche Leute im Krieg den stärksten Eindruck gemacht hat. 
Nichts kann aus diesem »Geschehen« einen stärkeren Eindruck 
auf sie gemacht haben als das »Erleben«, daß ihre Tantiemen 
in Gefahr kommen könnten, und die angenehme Überraschung, 
daß es doch nicht der Fall war. Sie mögen in Geduld dem großen 
Tag entgegenharren, der Deutschland endgültig von seinen Feinden 
befreit. Wir wollen in Ungeduld dem weit größeren Tag entgegen- 
harren, der es endgültig von Leuten befreit, die das Maul der 
Gegenwart Dichter zu nennen wagt und die, anstatt >zum Abschluß 
des zweiten Kriegsjahres« nicht mehr bemerkt zu werden, wenn 
sie schon leiblich fortexistieren — befragt werden, wie es ihnen 
gefallen hat. 



Die Welt des Rekords 

[Der Rekord der Kriegstrauer.] Uns'er Amsterdamer 
Korrespondent schreibt uns: Die lange Dauer des Weltkrieges hat be- 
kanntlich in allen kriegführenden Ländern einzelne Familien durch zahl- 
reiche Todesfälle ihrer Mitglieder auf den Schlachtfeldern besonders 
hart getroffen, und der Fall, daß greise Eltern drei oder selbst vier 
ihrer Söhne verloren haben, bildet leider keine Seltenheit mehr. Aber 
den Rekord in dieser traurigen Sache dürfte wohl die englische 
Familie Loring erreicht haben. Mr. Loring, der in Bedford wohnt, 
empfing nämlich dieser Tage vom Londoner Kriegsamt die Meldung, 
daß seine beiden im Felde stehenden Söhne, Charles und Robert, beide 
Leutnants, in den jüngsten Sommeschlachten gefallen sind. Der älteste 
seiner Söhne, Hauptmann Edward Loring, wurde am 11. September 1916 
schwer verwundet und mußte sich im Militärspital der Abnahme beider 
Gliedmaßen unterziehen. Überdies hat Mr. Loring seine drei Brüder verloren, 
nämlich den Obersten William Loring, den Major Louis und den Haupt- 
mann John Loring, somit sechs Mitglieder seiner Familie. 

Ja, die Welt des Rekords, die eben die Welt der Quantität 
ist, bliebe unvollständig, wenn solcher Rekord nicht erreicht würde. 



Nebeneinander 



Der Papstzu den Kindern 
bei der Kommunion: 
»Ihr, die ihr heute Zuschauer 
der düstersten Tragödie seid, die 
jemals menschlicher Haß und 
menschliche Leidenschaft entfacht 
haben, ihr müßt wissen, daß heute 
die schrecklichste Lästerung gegen 
Gott geschieht, die jemals von der 
sündigen Menschheit begangen 
worden ist. Wir, der Vater aller 
Gläubigen, leiden, ermahnen und 
bitten seit zwei Jahren. Unsere 
Ermahnungen, die Waffen nieder- 
zulegen und den Streit auf dem 
Wege der Vernunft und Gerechtig- 
keit zu schlichten, sind erfolglos 
geblieben. Deshalb wollen wir 
Gott durch das allmächtige Mittel 
eurer Unschuld um Hilfe bitten € 



Aus dem Feldpostbrief 
eines Standschützen: 
»Wir halten jetzt einen Angriff 
abzuwehren gehabt, aber ohne 
Verluste. Vom Feinde konnten wir 
nur einen toten Italiener herauf- 
schaffen, denn sie hatten alle Ver- 
wundeten und Toten mitgenommen, 
Der eine Tote stammte aus Turin. 
Dieser Angriff war interessant. 
Am Abend hatten vier von uns, 
unter ihnen auch ich, gebeichtet, 
am Morgen war Messe und 
Kommunion. Doch mitten 
in der Messe auf einmal: 
, Alarm!' und in einer Se- 
kunde stehtHochwflrden 
Herr Sora, der Feldkaplan, 
allein am Altar. Draußen aber 
geht die H e t z e los. Die Kugeln 
sangen in allen Tonarten und da- 
zwischen krachten unsere Hand- 
granaten und auf einmal ist 
der Platz geräumt ; dann gehen 
wir wieder zur Kommunion. 
Ja, ja, es ist halt Krieg....« 



— 10 



Bestimmung der Verantwortlichkeiten 

Ein Leser, der einer Predigt des Pfarrers von Altaussee 
beigewohnt hat, berichtet : 

Nachdem er — im Angesichte des Altares — von Feinden und 
Siegen gesprochen und zu diesen Begriffen jenen der christlichen Demut 
geflochten hatte, durch welche allein der Sieg über die Feinde — nicht 
errungen werden könne, sondern errungen werden wird, gipfelten 
seine Ausführungen in dem folgenden, wortgetreu wiedergegebenen 
Satze: »Wer hat zu rechter Zeit Regen und Sonnenschein über unsere 
Felder gesandt ? Gott. Wer hat unseren Feldherrn ihre 
Pläne eingegeben? Gott.t 

Ist es ein Vorwurf gegen Gott? 



Die vier Ströme 

In einem Aufruf zur Wohltätigkeit wird jetzt entdeckt, daß 
unsern Herzen »nur noch die Ahnung des anonymen Blutgeschehens 
dämmert«. Aber das war schon in meiner Rede von »dieser 
großen Zeit< gesagt. Von drei Flußbetten wird gesprochen: das 
des Blutes und das der Tränen seien bis zum Rand gefüllt, »der 
Strom des Goldes aber schleicht der Versumpfung entgegen«. 
Nein, er ist so voll wie die beiden andern. Aber solange der 
vierte Strom, der der Tinte, nicht ausgetrocknet ist, von dem durch 
ein unterirdisches Wunder der Natur der des Blutes sich füllt, 
und von diesem der der Tränen, aber auch der des Goldes: so- 
lange dies nicht geschieht — sind wir alle arme Menschen. 



Ein Herzenseinbrecher 

Zwölf Millionen. 

Nur mit leiser Befangenheit sprechen wir 
heute von uns selbst.... Der tückischeste Feind, di e 
Hyäne des Schlachtfeldes, hat sich aufunsgestürzt, 
und der Plan dieser politischen Mordbrenner will bewirken, daß wir, 
das Deutsche Reich und Bulgarien ausgeblutet und verstümmelt a ni 
Boden liegen, und jede Erneuerungsfähigkeit und 
politische Zeugungskraft verlieren. Trotz dieses 



11 



natürlichen Gefühls müssen wir unseren Lesern das Ergebnis 
einer werktätigen Arbeit mitteilen .... Ein kleines Zeichen fQr 
das was Österreich vermag und wieviel Mark und Kern 
sich hinter den Äußerlichkeiten verbirgt und wieviel 
Gutes in seinem Innern schlummert, sind auch die zwölf Millionen 
unserer Sammlungen. Jeder, der erfährt, daß in den engeren Grenzen, 
die einer Wohltätigkeit gezogen sind, die kein Lock- 
mittel der Eitelkeit zur Verfügung hat, etwa 170.000 
Männer und Frauen Beträge spendeten . . wird die innerste Not- 
wendigkeit empfinden, daß solche Höchstleistungen ihren Dank und ihre 
Würdigung erhalten. 

Ohne Überhebung, aber auch ohne falsche Be- 
scheidenheit dürfen wir behaupten, durch diese Summe ist vieles 
geschehen, um die Schmerzen einer mehr als zweijährigen Kriegszeit 
erträglicher zu machen. Aus eigener Erfahrung vermögen wir 
festzustellen, mit welcher Sorgfalt und mit welcher ernsten Bedachtsam- 
keit die Beträge verwendet werden .... Nichts Ergreifenderes kann es 
geben, als dem Entwicklungsgang dieser scheinbar für jedes Glück Ver- 
lorenen nachzuspüren ; wie sich die Talente gleichsam unter der 
Versteinerung des Unglückes regen . . Gliedmaßen werden zusammen- 
gefügt .... Wir wissen es: nur die Sache hat sie zu dieser 
Anspannung getrieben, aber dennoch glauben wir etwas Persön- 
liches herauszufühlen, ein Band, das sich zwischen ihnen und 
einem Blatte knüpft, das keinen höheren Ehrgeiz 
kennt, als in dieser Kriegszeit mitzuwirken, daß die Leiden gemildert, 
die Tränen getrocknet und die Zerstörungen wenigstens teilweise wieder 
gut gemacht werden .... noch ist der Siegfried nicht 
gefunden, der die Lohe dieses Weltbrandes durchschreitet und vor 
dessen Gewalt die Flammen erlöschen und die Braut erwacht .... 

Der Siegfried ist gefunden, er heißt Löwy und hat kürzlich 
im Hauptquartier geweilt. 



Der unvorsichtige Händedruck 

Es mag ja dahingestellt bleiben, ob der Staat nicht vor- 
ziehen sollte, daß ihm die Hand verdorre, ehe sie aus der 
schmutzigsten Hand des Landes jenes Scherflein zur Linderung der 
Kriegsnot in Empfang nähme, das zwar groß genug ist, um 
Reklame, aber bei weitem zu klein, um Hilfe zu bringen, und 
dessen Darbietung zumeist die stammelnde Selbstanzeige eines 
Kriegsgewinnes ist, der sich zu allen Lebensvorteilen auch noch 
von blinden und verkrüppelten Soldaten ein gutes Gewissen er- 
kaufen möchte. Worüber aber kein Zweifel bestehen kann, das ist 
die Überflüssigkeit jener Danksagungen, zu denen sich die Staats- 



— 12 



rcpräsentanten einem Zeitungsmann gegenüber bemüßigt fühlen, 
dessen prononcierte Eigenart, über alle Verächtlichkeit des Berufs 
hinaus, doch jedem einzelnen von ihnen längst ein tiefgefütlter 
Greuel ist. Wenn sie aber wirklich selbst bis zur Absendung ihres 
Schreibens noch im Zweifel über die Qualität des Empfängers 
wären, so müßte der Anblick ihres Gedruckten und des beigege- 
benen Kommentars, das Schauspiel der Explosion eines sonst nur 
von geschätzter Seite bedienten, aber diesmal von einer hohen 
Seite angesprochenen Geldberserkers ihnen für alle Zukunft einen 
solchen Schrecken einflößen, daß sie geloben, sich ihn künftig 
drei Spalten vom Leib zu halten. Man weiß, daß dieses Temperament 
die Gewohnheit hat, alles nicht dreimal, sondern neunmal zu 
sagen, aber so klar macht er es einem nie, wie wenn er ein Dank- 
schreiben bekommen hat. Dann lautet der Inhalt seiner Botschaft: Wir 
haben ein Dankschreiben bekommen, das heißt, wir haben ein 
Dankschreiben bekommen, er hat nämlich gesagt, er dankt 
uns, das heißt, er dankt uns, man sieht deutlich, daß es ein 
Dankschreiben ist, das Dankschreiben sieht nämlich so aus, und 
es ist ein Dankschreiben, das er uns geschickt hat und das wir 
bekommen haben und in Ehren halten, und wir danken ihm dafür, 
daß er uns gedankt hat. Und ganz übersichtlich werden das Er- 
eignis und sein Kommentar nebeneinandergestellt: 

Bitte links: Bitte rechts: 

». . . In diesen schweren Tagen ...Er bemerkt in seinem Te- 

ist es ein Trost und ein sicheres i legramm, es ist in diesen schwe- 

Pfand für unsere gemeinsame j ren Tagen ein Trost und ein sicheres 

Zukunft, daß die beiden Staaten : Pfand für unsere gemeinsame Zu- 

der Monarchie nicht nur durch histo- i kunft, daß die beiden Staaten der 

rische und staatsrechtliche Bande ! Monarchienichtnurdurchhistorische 

miteinander verknüpft sind, sondern i und staatsrechtliche Bande miteinan- 

auch in den Stunden der i der verknüpft sind, sondern in den 

Erprobung fest zueinander halten Stunden der Erprobung fest zuein- 

und sich heute seelisch näher ander halten und sich heute seelisch 

stehen denn je. . . .« j näher stehen denn je. . . . 

Dieses nachgejüdelte Zitieren in scheinbar indirekter Rede, 
dieses: »Er bemerkt, es ist«, dieser Beistrich gehört jetzt zu den 
aufregendsten Dingen, die einem das Durchhalten schwer machen. 
Der ungarische Ministerpräsident — über Geruchsempfindungen 
läßt sich nicht streiten — spricht rühmend von dem >warmen 



13 



Hauch, der in dieser Aktion der , Neuen Tteieii Preise' von Österreich 
zu uns herüberweht«. Der berufene Vertreter Österreichs antwortet 
(ich zitiere wie er), jedes Wort macht den Eindruck, als würde 
sich eine Hand entgegenstrecken .... Jawohl, aber leider anders. 
Denn auch vom Verkehr zwischen ungarischen Staatsmännern und 
österreichischen Publizisten gilt das Wort Nestroy's — Achtung auf 
den Beistrich! — , es is so edel, wenn man seine Hand einem 
Menschen in die Hand legt, dem man s' von rechtswegen in 's 
G'sicht legen sollt. 



Der Dank 

des Herausgebers für den Dank des Ministerpräsidenten hat 
nun diesen so ergriffen, daß er sich entschlossen hat, ihm dafür 
zu danken. Er spürt wieder Wärme. Nämlich den »warmen Wider- 
hall«, den seine Dankworte gefunden haben und um den er sich 
mit der »ganzen Wärme seiner Seele« verdient machen will. Alles 
müsse aus dem Wege geräumt werden, was »Reibungen erzeugt« 
(wiewohl diese doch wieder Wärme erzeugen), und nennt sich und 
den Chefredakteur > Kampfgenossen für dieselbe edle Sache«. Der 
Chefredakteur kann nicht umhin für den Dank für den Dank für 
den Dank zu danken. Denn er spürt jetzt die von der Gestalt des 
ungarischen Ministerpräsidenten »ausstrahlende Kraft*. Er bedauert 
bei dieser Gelegenheit, daß der ungarische Ministerpräsident 
»die persönlichen Beziehungen zu den Führern der österreichischen 
Politik und Gesellschaft» bisher so wenig gepflegt hat, daß er 
also noch keinen Besuch in der Redaktion gemacht hat: »wir 
sehen ihn nur durch die Stadt eilen, wenn der amtliche Verkehr 
ihn zu kurzem Aufenthalt zwingt.« Nun aber zeigt er sich von 
der menschlichen Seite. Und so, daß man einfach überrascht ist: 
>Aus der Marmorbrust strömt ein warmer Quell heraus«. Ein Bild, 
das in pikantem Gegensatz zu dem vom Großfürsten Nikolajewitsch 
gezeichneten steht, vor dessen Gestalt bekanntlich der Wunsch, 
daß ihm die Gall' herausgehen möge, des Gedankens Vater 
gewesen ist. »Wir lesen nicht ohne Bewegung die Worte: 
(Seien Sie versichert, daß ich. . . . mit der ganzen Wärme meiner 



14 



Seele ..,.'« Der Graf Tisza hat sich jetzt sehr genützt. 
»Er weicht der Wirklichkeit nicht aus, und das gefällt uns.« 
Nein, er weicht dem Chefredakteur nicht aus, und das gefällt 
diesem. Darum verspricht er, immer Kampfgenosse des Grafen Tisza zu 
bleiben, nämlich im Trommelfeuer der Einbildungskraft. »Berufen, 
österreichische Interessen zu vertreten«, unberufen, wisse er, daß 
auch dort drüben »eine Heimat wenigstens im Rahmen der Pragma- 
tischen Sanktion sei«. Was heißt Pragmatische Sanktion? Im 
Rahmen des Geburtszeugnisses dürfte es auch gehn. Aber er dankt. 
Wenn der Graf Tisza noch einen Funken von Wärme in sich hat, 
wird er nicht umhin können, zu danken. 



Die Sorge beginnt wieder 

Typus für die Predigt am Morgen und für das Gebet am 
Abend. Am Morgen spricht er zum Volk, am Abend redt er mehr 
zu sich. Am Morgen beklagt er die Verderbtheit, am Abend findet 
er Anzeichen für Stimmungen für einen Rückschlag. Am Morgen 
schreit er, wie schlecht sie sind; am Abend murmelt er, daß ihnen 
auch schon mies ist. Am Morgen kann man sich vorstellen und 
die Einbildungskraft schwelgt und die Leidenschaften sind auf- 
gewiegelt; am Abend wird Kassa gemacht. Am Morgen: 

Viele Menschen hatten sich am Tage der Kriegserklärung vor dem 
königlichen Palais in der Calea Victoriei versammelt .... In der Calea 
Victoriei, in der Siegesstraße von Bukarest, war das Leben nachdem Sonntag, 
an dem die Kriegserklärung in Wien überreicht worden ist, noch üppiger als 
gewöhnlich. Glanzvolle Equipagen fuhren über die Boulevards, unge- 
zügelter Luxus, sorgloser Übermut, freches Siegesgefühl waren die 
Merkmale der Stimmung in der Hauptstadt eines Landes, das einen 
Kampf auf Tod und Leben unternommen hatte. Geputzte Frauen 
saßen an den Tischen in den hellerleuchtetenSälen 
der Hotels, die Kleider, die Schminke, der Parfüm, lauter schlechte 
Nachahmungen von Paris. 

Plötzlich schlägt das Grollen des Kanonendonners ans Ohr. 
Der Wein fließt in Strömen, das Gelage wird zur 
Orgie, und in den wilden Taumel bricht die Nachricht hinein, daß 
der Brückenkopf bei Tutrakan gefallen ist, einundzwanzigtausend Soldaten 
gefangen, weit mehr erschlagen und verwundet worden sind und daß 
viele Leichen Inder Donau schwimmen.... Die 



bemaltenWeiber inBukarest erbleichen, die Sciireiliälse 
werden still, und Schrecken breitet sich aus über die 
Stadt. Die Bahnhöfe werden gestürmt, viele wandern zu Fuß 
in der Richtung gegen die Berge.... und so endet der 
erste Abschnitt eines Krieges, für dessen Ausgelassenheit 
in den Beweggründen und in den Formen jedes Maß 
fehlt ....Wenn eine Schraube auf die Offensive gestellt 
ist und zur Defensive umgedreht werden soll, kann sie leicht 
brechen. Die moralischen Voraussetzungen eines Kampfes 
für Eroberungen sind ganz verschieden von den 
Stimmungen, die ein Volk bei der Verteidigung 
braucht. Schon dieser Umsturz muß Verwirrung in Rumänien hervor- 
rufen und kann nicht ohne Rückschlag auf die bereits 
verstümmelte, auf leichte Siege hoffende Armee sein. 

Der Rückschlag ist also schon da, Erlebnisse strahlen aus, 
Kränze werden für Briand geflochten, aber das ist ein Tineff, 
man wird schon sehn im Abendblatt, wo die Eindrücke kommen 
mit den Einzelheiten und die Sorge da ist. 

. . . Ein Beispiel für solchen Zynismus gegen das eigene Volk 
wäre nur in einem politischen Pittaval, wo die berühmtesten Fälle von 
Landesverrat aufgezählt werden, zu finden .... 

Also das hat die Welt nicht gesehn. 

Die Entente hat schon seit vielen Wochen nichts anderes durch- 
gesetzt als ein Zerstören von Menschenleben und ein gegenseitiges 
Zerfleischen. 

Seit vielen Wochen? Seit mehr als zwei Jahren vergeht kein 
Abendblatt, wo das nicht unter dem Titel »Die Wahrheit auf den 
Schlachtfeldern von Frankreich« oder »Eindrücke in den Ländern 
der Entente« zu lesen ist. Der Rückschlag ist besonders empfindlich, 
wenn der Feind zugleich ein Verräter ist. Aber der »Treubrüchige 
am Po* ist nur ein Katzeimacher im Vergleich zu dem Tiger, 
der an der Donau Verrat geübt hat. Selbst der Großfürst 
Nikolajewitsch hat nichts zu lachen gehabt, als ihm von einem 
der kühnsten Internisten vorgehalten wurde: »Da kommen die 
Stiche in der Leber und es melden sich die Erscheinungen einer 
verderbten Galle< oder so ähnlich. Nun heißt es: 

Die Zweifel verstummten und ein Gefühl gänzlicher Sicherheit 
verbreitete sich. Da kommen die Nachrichten über 
Tutrakan und Silistria. Die Überraschung ist außerordentlich, d i e 
Sorge beginfit wieder, die Stimmung ist noch nicht ver- 
flogen, aber nicht melir so einheitlich .... 



- 16 



Man kann auf die Entwicklung der Meldungen über die 
Stimmungen bis zur Verzweiflung herauf gespannt sein, und man 
wird schon rechtzeitig die Eindrücke von den Einzelheiten über die 
Details erfahren. Die Welt ist müde. Im Abendblatt mauschelt er so 
für sich hin, um nichts zu suchen, er legt noch Wert auf das Wort 
»wichtig«, das Wörtchen »auch«, das bei den Feinden fast eine so große 
Rolle spielt wie bei uns »das Wörtchen ,noch'«, taucht auf, 
und nachdem er versichert hat, daß sie alle schon hin sind, 
meint er, daß sie auch schon genug haben werden . . . Wir nicht. 
Und das Ohr dieser Zeit und dieser Qegend erträgt es seit mehr 
als zwei Jahren ! 



Der Ausbruch des Mont Pel6 

Der Lorbeerkranz von Plewna ist zeipflückt worden. Von 
der Fahne der rumänischen Armee . . ist er heruntergerissen 
worden .... mit Hinzurechnung der Toten und Verwundeten ein wesent- 
licher Prozentsatz des ganzen rumänischen Heeres .... die Kriegs- 
erklärung der verrotteten Gesellschaft von Bukarest, des Gemenges von 
Parfüm und Schmutz, von Boulevardfirnis und Bojarenroheit wurde von 
der Entente als Beweis ausgeschrien .... 

. . . Das ist Verderbtheit.... Die Waffentat der Bulgaren 
bei Turtukai hat auch deshalb ein so starkes Aufsehen gemacht, 
weil sie mit solcher Frische aus dem Handgelenk 
gekommen ist.... Bratianu ..wird jetzt böse Nächte 
haben .... In den Straßen von Bukarest .. werden jetzt 
manche herumgehen mit dem Zweifel im Herzen.... ein 
Bacchanal von Üppigkeit und Lust .... Jetzt kommt die schrille, 
blutige Nachricht. Einundzwanzigtausend Gefangene, vielleicht nicht 
viel weniger Tote und Verwundete .... die Reizung., war so stark, 
daß der bulgarische Sieg bei Turtukai ein Bedürfnis be- 
friedigte . . . . die Neutralen .. werden nachdenklich. 

...Wir können uns die Wirkung auf das rumänische Volk . . 
vorstellen. ...die Sorge.. .. Zweifel in den Herzen ....Da 
bricht der Schrecken im Heere an der südlichen Donau aus und 
pflanzt sich weiter an das Nordufer und immer weiter bis nach 
Bukarest, das aus der tollen Jagd nach Vergnügen plötzlich herausgerissen 
wird ....Jetzt hören sie bereits den Kanonendonner von 
Tutrakan und Silistria in den Straßen von Bukarest.... 
Mancher, der am lautesten . . mag heute schon .... Er vernin.mt den 
Kanonendonner und weiß, wie viele von den Toten, Ver- 
wundeten und Gefangenen auf die Lastenseite zu 
verrechnen sind . . . . 



— 17 



. . . Heute werden sie in London erfahren .... Auf dem Ballon 
werden sie es vernehmen .... die Nachricht wird sich über die Erde 
verbreiten . . und vielleicht . . und vielleicht . . und . . und . . und .... 



Warum dann also? 

». . . Ähnliche Beweggründe mögen es gewesen sein, die 
unsere vorgeschobenen Truppenabteilungen in rückwärts angelegte 
und planmäßig zugewiesene Stellungen dirigiert haben, aber erst 
nachdem die feindlichen Truppen überrall mit blutigen Köpfen heim- 
geschickt wurden.« 



Heimg'funden 

Zu den schönsten Unternehmungen gehört die Heimkehr 
eines Gesandten. Man würde glauben, daß sich die des Grafen 
Czernin möglichst geräuschlos hätte vollziehen müssen, um doch 
einigermaßen ein Gegengewicht für die Bewegtheit herzustellen, 
mit der sich der Ortswechsel der armen siebenbürgischen Bevöl- 
kerung vollzogen hat. Nicht doch: 

Die schlanke sehnige, fast jugendlich aussehende Gestalt des 
Gesandten war sofort von Herren und Damen umringt, die ihm ihr 
Willkommen boten. Neben dem Grafen wurde seine junge Tochter, 
die in ihrer blühenden mädchenhaften Schönheit ganz den Typus der 
österreichischen Aristokratie verkörpert, herzlich begrüßt. 

Also die Weltgeschichte ist wieder ein ,Salonblatt', das 
aber nicht vollständig wäre, wenn nicht noch ein Familienporträt 
hinzukäme. Unter den Anwesenden 

fiel der junge Sohn des Grafen Czernin auf, ein Einjährig-Freiwilliger 
bei den Dragonern, der, wenn die Dinge sich nicht so 
entwickelt hätten, sehr bald ins Feld gegangen wäre, ohne 
vorher den Vater noch zu sehen. 

Man sieht, daß die Diplomatie auch Erfolge erzielen 
kann und daß es mancherlei Entschädigung gibt. Natürlich 
schwirrt eine Frage von allen Lippen : »Nun, wie war es?« 
Anstatt aber die kurze Antwort zu geben: Euer Gnaden wissen 
eh, mir wem kan Richter brauchen, lassen sich Diplomaten noch 
am Ziel ihrer Tätigkeit mit Journalisten in Gespräche ein, und da 
alles von der anständigen Behandlung in Rnßland entzückt ist, 



18 



führt »einer der Herren, ein Diplomat«, indem er »lächelnd eine launige 
Bemerkung machte«, diesen Umstand auf die Kriegsmüdigkeit der 
Russen zurück. Ob er nicht vielleicht vorher aus der Unhöflichkeit 
der Rumänen auf deren Kriegsbereitschaft hätte schließen können, 
das verschweigt er diplomatisch. Feststeht, daß Graf Czernin 
von seinem Sohne begrüßt wurde, der jetzt als Einjährig- 
Freiwilliger dient. Das ist so ausgemacht, daß man sich durch die 
Wiederholung des Umstandes nicht irremachen lassen soll. 
Ferner waren zum Empfang Funktionäre erschienen, unter denen 
der Leutnant Pick vom Bahnhofskommando auffiel, aber Spielvogel 
und Zawadil vermißt werden. Großes Interesse erweckten Auto- 
mobiltaxameter, die vor dem Bahnhof standen, eine Erscheinung, 
deren. Realität wiederholt bekräftigt wird. Da solches sonst 
nur in London vorkommt, so ist der Verdacht gegeben, daß sie bei 
uns »mit dem Krieg tändeln«. Der Graf Czernin beginnt sich zu 
äußern. Er kann aber keine Äußerungen abgeben, da er sich 
vorerst im Ministerium des Äußern äußern muß. Der Legations- 
sekretär meint, es habe alles geklappt, später hätten sich allerdings 
»einige Schwierigkeiten« ergeben, und zwar wegen der Schlafwagen, 
die der Feind nicht zur Verfügung gestellt hatte, während für die 
Abreise der Grenzbewohner bequeme Viehwagen für je sechzig 
Personen zur Stelle waren. Der Konsul sagt, in Rumänien sei 
es fahrplanmäßig gegangen. Nun ist man aber zuhause, der 
üesandtschaftszug hat Verspätung, und was alle Ankömmlinge 
anzuheimeln scheint, ist der Umstand, daß sogar die Meinungen 
auseinandergehen, ob um eine Stunde oder um mehrere, was 
aber offenbar auf die Winterzeit zurückzuführen sein dürfte. 



Die aus Sibirien in die Presse flüchten 

Die von mir erörterte Schande, daß Individuen, denen die 
Flucht aus der Kriegsgefangenschaft imd somit die schwerste Ge- 
fährdinig ihrerzurückgebliebenen Kameraden geglückt ist, sich, anstatt 
zu kuschen, dessen in der Presse und in öffentlichen Vorträgen noch 
rühmen. 



— 19 



uns die Schmach der großen Zeit, der aus dem Konkubinat 
von Krieg und Presse entsprossenen, diesen Alpdruck aus 
Roda Roda und Schaiek Schalek einigermaßen erleichtern könnte. 



Umso schwerer hoffentlich die Schandpresse, die sich der 
Mitteilsamkeit des wortbrüchigen Verräters seiner Mitgefangenen 
und seiner Helfer bedient. Genauso, wie esnicht genügt, annoncierende 
Kettenhändler zu bestrafen, sondern wie man an die einmal gefaßte 
Kette auch den jeweils vom Schandgeld lebenden Benedikt zu legen 
hätte. Jeder Verbrecher von heute ist nur ein Mitschuldiger, oft nur 
das Opfer eines in sich verbrecherischen Berufes, der alle Zweige 
umfaßt. Dennoch mag sich die Gewissenslast eines Menschen nicht 
leicht durch das weitere Leben tragen lassen, der die Nachricht 
empfängt, daß für seine elende Wiener Reklame die verlassenen 
Kameraden hungern und jene, die ihm dazu verholten haben, 
sterben müssen. Wahrlich, über allen Zwang des Krieges hinaus ist 
diese Menschheit abscheulich ! 



— 20 — 



Ist das ein Ungeziefer! 

[Die Entlassung des Abgeordneten Grafen Michael Karolyi aus 
der französischen Gefangenschaft.] Aus Budapest wird uns berichtet : 
In einer der letzten Sitzungen des Abgeordnetenhauses hat, wie seiner- 
zeit berichtet, der Abgeordnete Andreas Rath auf den Vorwurf des 
Abgeordneten Ludwig v. Szilagyi, daß er als Oberleutnant nicht an 
der siebenbürgischen Front stehe, erlclärt, er sei nur gegen sein schrift- 
liches Ehrenwort aus der französischen Gefangenschaft entlassen worden. 
Nun berichtet das »8-Uhr-Abendblatt«, daß auch den Abgeordneten 
Grafen Michael Karolyi und Stephan Zlinsky ein solcher Revers vorge- 
legt worden sei, daß diese aber ihre Unterschrift verweigerten. Graf 
Karolyi wurde aann ohne weitere Bedingungen entlassen. Im Laufe der 
vielfachen Aktionen, die im Interesse der Frei- 
lassung der Internierten in Frankreich eingeleitet 
wurden, nahm man auch die Vermittlung des früheren Mitgliedes 
der ungarischen Oper, Parvis, eines persönlichen Bekannten des Präsi- 
denten Poincare und seiner Gemahlin, in Anspruch. Parvis begab sich 
nach Paris und wurde von Poincare empfangen. Als ihn der Diener 
anmeldete, hörte Parvis durch die offene Tür, wie Poincare die Weisung 
gab, ihm das >Karolyi-Dossier« zu bringen. Kaum hatte Parvis seine 
Bitte vorgetragen, als Poincare auch schon im gereizten Tone erklärte: 
»Ich bedauere, daß Sie sich vergeblich nach Paris bemüht haben. 
Ich kann für einen Ungarn nichts tun. Ich habe Karolyi loyal 
freigelassen und jetzt lesen Sie einmal den folgen- 
den Artikel in der .Neuen Freien Presse'.« Dann 
drückte er P a r v i s e i n e N u m m e r der .Neuen Freien 
Presse' in d i e H a n d, in der ein Interview mit Karolyi mit dem 
Rotstift angestrichen war. Poincare bemerkte dazu: >Er soll seine 
Befreiung einer Unregelmäßigkeit verdankt haben. Das ist nicht wahr. 
In Frankreich gibt es keine Unregelmäßigkeiten. Seine Befreiung erfolgte 
in normalen, loyalen Formen.« Später begab sich Parvis noch einmal 
nach Paris, wurde aber von Poincare nicht mehr empfangen. 

Und der Herausgeber dieses ehrlosesten Blattes der Welt 
ist so stolz darauf, daß der Poincare es in der Hand gehabt hat, 
daß ihn weder der Nachweis seiner Unsauberkeit noch auch das 
Los der internierten Landsleute, die sich beim interviewenden Heirn 
Nordau bedanken mögen, auch nur im geringsten alteriert. Der 
Sänger ist stolz auf den Empfang und der Herausgeber auf den 
Hinauswurf. Was dazwischen liegt, ist egal. 



21 



Bojaren, Maharadschas und Blumenteufel 

Die Bojaren aus der Walachei, die nach den Belgiern, Japanern, 
Portugiesen und dem ganzen Troß der schwarzen und gelben Hilfsvölker 
zum Schutze des stolzen Albions angerufen worden sind, haben ver- 
sagt. Die Engländer sind ganz unbedenklich in der Wahl ihrer Mittel, 
sie verschmähen auch die niedrigste Unterstützung nicht und auch 
nicht die Ausbeutung der kleinsten Kräfte. 

Wenn die Unterstützung so niedrig und die Kräfte so klein 
sind, so war ja auf die Entscheidung der »Bojaren« kein so großer 
Wert zu legen. Von der kulturellen Überlegenheit der Neger über 
die Leopoldstädter muß man gar nicht sprechen. Die Japaner haben 
immerhin auch bewiesen, daß sie es mit den Kagranern noch auf- 
nehmen können. Die Portugiesen kenne ich nicht. Was die Belgier 
betrifft, so möchte ich Gift drauf nehmen, daß sie mit den 
schwarz-gelben Hilfsvölkern, die in Ischl hausen, noch konkurrieren 
können. Aber die Bojaren aus der Walachei, die endlich ange- 
. rufen worden sind, die schließen schon etymologisch jedes Merkmal 
der Niedrigkeit aus, denn sie bedeuten : »(von boljär, vornehmer Herr, 
von bölii, groß, erhaben) adelige Gutsbesitzer, Freiherrn«. Die 
paar Bojaren, die in der rumänischen Armee den Engländern zur Seite 
stehen, sind freilich eine mäßige Unterstützung. Da dürften 
schon mehrindischeGroßkönigemittun,wenn man sich nämlich an die 
Meldung erinnert, daß an der englischen Front >Scharen von 
Maharadschas« aufgetreten sind, deren malerisches Aussehen allge- 
mein auffiel. Das war freilich noch in «der Zeit, als den Feinden 
jede mögliche Überraschung zuzutrauen war, vor allem 
den Russen, denen die Neue Freie Presse das Ärgste nachzusagen 
wußte, zum Beispiel, daß »die charakteristischen Verwundungen 
unserer Soldaten an den Außenflächen der Hände und Füße« 
(oder so ähnlich) den Beweis lieferten, daß »die Russen den Flanken- 
angriff lieben«, gegen welches »tückische Vorgehen« aber recht- 
zeitig Vorkehrungen getroffen seien . . . Was wird dereinst, wenn von 
der Zeitung auf die Zeit geschlossen werden wird, als das hervor- 
stechendere Merkmal ihrer Größe die Augen der Welt blenden: 
die bewußte Technik der täglichen Dummacherei und die Absicht, 
den Verstand in die Fibelregion zu strecken, in der man tagtäglich 
mit Begriffen wie »feldgrau«, »brav«, »Schulter an Schulter«, 
»durchhalten«, mit der Unterscheidyng zwischen Bhnnenteufelii, 



— 22 — 

roten Teufeln und andern, zum Beispiel armen Teufeln sein Aus- 
kommen finden mußte und auf die Intelligenzkarte die dürftigste 
Ration bekam? Oder der ungewollte Kretinismus,» mit dem der 
weltbeherrschende Mauschel dank den ihm zugeflogenen strategischen, 
ethnologischen und geographischen Ausdrücken der von Autorität und 
Nervosität niedergeprackten Besinnung zu imponieren gewußt hat! 



Fata morgana 

[Eine Druckerei in der Wüste.] Aus einem Briefe 
an den ,Tanin' geht hervor, daß in der Sinaiwüste eine Druckerei, 
die »Tschölmat - haasy» (Wüstendruckerei) errichtet worden ist, die 
einen Militärkalender erscheinen ließ. 



Aus der Welt der Prothesen 

[Die Bitte eines Ästhetikers.] Ein Leser schreibt 
uns: Bekanntlich besitzt Wien an der Albrechtsrampe einen herr- 
lichen Brunnen, die Donau und deren bedeutendste Nebenflüsse 
darstellend. Bedauerlicherweise ist seit einiger Zeit an einer der größeren 
Figuren (am Inn) der rechte Arm gebrochen und es fehlen die Hand 
und der Unterarm bis zum Ellbogen. Jeder Vorübergehende wird es 
mit warmem Dank begrüßen, wenn der Schaden alsbald ausgebessert 
und der Unterarm und die fehlende Hand wieder hergestellt werden 
würden. 

Und so ein Vandale wird noch Ästhetiker genannt. Anstatt 
froh zu sein, daß die bekannte Gelegenheit für die vor dem 
Jockeiklub wartenden Fiakerkutscher, zu erfahren, wie die Drau 
und die Sau aussehen, endlich ein wenig reduziert wird, beklagt 
sich der Mensch noch. Aber angesichts der Tatsache, daß an den 
Ufern der Nebenflüsse des Inn der Verlust von Armen und Händen 
jetzt so häufig vorkommt, dürfte uns die persönliche Invalidität 
des Inn kalt lassen. Es könnte nämlich auch sein, daß ^•- '^ 
-■■■■'■ . .'.'• ■• ■ ■ ■' • A>.\ -•■• V »^.vc':'^ At'..,- . 



23 



Epigramm aufs Hochgebirge 

Text einer Ansichtskarte: 
>Wenn diese Berge dem 
größten Dichter neue Kräfte 
geben könnten — wie viel 
schöner wären siel« 

Es ist der schönsten Berge Eigenschaft: 

sie geben nicht dem Geist, sie nehmen Kraft. 

Der Bürger fühlt sich im Gebirg erhoben ; 
talwärts ist meine Phantasie zerstoben. 

Am Alpenglühn entflammen keine Lichter. 
Vor höherm Berg gibts nur geringern Dichter. 

Die Luft der Alpe schafft des Alpdrucks Qual. 
Um hoch zu steigen, bleibe ich im Tal. 

Den Höhenrausch trink' ich nicht von den Höh'n. 
Um Sturm zu haben, brauch' ich nicht den Föhn. 

Zu andrer Freiheit bin ich aufgerafft; 
die hier bringt meine Sinne in Verhaft. 

Den Gletschern dank' ich keine Geistesfrische ; 
mir liegt nicht allzusehr das Malerische. 

Oft wirkt Natur der Leere nur das Kleid. 
Mich lockte nie die Sehenswürdigkeit. 

Wo so viel fertige Schönheit gegenwärtig, 
ist keine Dichtung, nur der Dichter fertig. 

Und keine Lyrik, Epos oder Drama 
schenkt sich dem sogenannten Panorama. 

Umsonst ist's, daß ich auf den Genius warte. 
Natur ist häufig eine Ansichtskarte. 

Der schönste Schnee wird schließlich docii zum Schlamm. 
Es ist die Landschaft für ein Epigramm! 



24 — 



Made in Gertnany 

Fünftausend Dokumente, deren jedes für sich der Nachwelt 
die Schande zum Bewußtsein brächte, von dieser Welt zu stammen, 
h'egen noch in meinem Schrank. Aber den Vorrang, ihr den Tort 
anzutun, hat jeder neue Tag, und unter allen Nachrichten sind 
die neuesten am besten und unter den neuesten Nachrichten 
wieder die Leipziger Neuesten Nachrichten. Die zentrale Eigenart 
des Denkens, vor der das Staunen der europäischen Umgebung 
sicherlich größer ist als das Hassen, findet wohl nirgendwo einen 
planeren Ausdruck. Ein Leser, dessen Ehrgeiz, mich an die Quelle 
zu führen, keine Rücksicht auf meine Pflicht nimmt, dem Jahr- 
hundert zwar »den Abdruckseiner Gestalt zu zeigen*, jedoch nur 
>die abgekürzte Chronik des Zeitalters zu sein«, bringt mich 
mit etlichen Ausschnitten in Versuchung. Aber nirgend kommt die 
Gemütsart, die die rechte Hand nicht wissen läßt, daß die linke 
Bomben wirft, sondern es niederschreiben läßt, daß es der Feind 
tut, nirgend kommt sie so schön zur Geltung. 

Daß die Vorführung einer Schlacht im Film zum täglichen 
Brot der deutschen Kinobesitzer gehört, weiß man. Da nun die 
technische Kanaille in London, wenngleich sicherlich mit größerem 
Können, dasselbe tut und Aufnahmen von der Offensive 
an der Somme vorgeführt hat, heißt es in Leipzig: 

. . . Die gefilmte Schlacht, die gefilmte Majestät des Sterbens und 
des Todes. Daß die Engländer eine unwissende und ungebildete Gesell- 
schaft sind, wissen wir ja, der vorliegende Fall zeigt aber auch, bis zu 
welcher Gefühlsroheit Neid und Lüge führen. 

So heißt es in Leipzig. Da der Neid aber ein hervorragendes 
Motiv für das Kinorepertoire ist, meldet sich die , Kölnische Zeitung' 
(Ausgabe für das Feld), die auch zu bescheiden ist, von den deutschen 
Schlachtfilms außerhalb der Annoncenrubrik etwas zu wissen, und 
regt an, die Roheit und Unbildung der Engländer sogleich in 
Deutschland einzuführen : 

. . . Wäre es nicht erwünscht, daß man auch dem Deutschen hinter 
der Front solche lebenswahren Bilder der jüngsten Ereignisse vorführte? 
An Gelegenheiten, die geeignete Bilder zur Aufnahme bieten, dürfte 
kein Mangel sein. Die Taten unserer Soldaten, im Bilde vorgeführt, 
gäben wahrhaftig Stoff genug für mehr als einen Film, und das Volk, 
das am Bilde manchmal mehr hängt, als am Worte, würde solchen 
Vorführungen ein gewaltiges Interesse entgegenbringen, auch wenn wir 



25 



auf die Ausschmückungen im Interesse nationaler Selbstverhimmlung, 
die Engländer und Franzosen nötig haben, verzichten. 

Versteht sich. Machen wir. Zwar ist es längst gemacht, aber 
das vergessen wir, um den Feinden, die es auch machen, teils 
Gefühlsroheit vorwerfen, teils beweisen zu können, daß wir's noch 
besser machen werden. Nur daß ein deutscher Ulan, der mir den 
Ausschnitt von der Front schickt, dazu schreibt, »jetzt habe das 
Sterben des armen Schützengnabensoldaten wirklich einen Zweck: 
es dürfe mit allem Dreck von Reinhardt um den Beifall des 
deutschen Kinopöbels konkurrieren«. Leipzig aber, das die Erbärm- 
lichkeit, um die Köln die Engländer beneidet, auf den Neid der 
Engländer zurückführt, veröffentlicht eine Kritik des durch das 
Oenie und die Persönlichkeit seines Autors berühmt gewordenen 
»Hias«: 

(Berliner Theater. »Der Hias<.) Unter dem Krachen aller 
Feuerwaffen und mit Sturmgeschrei ging gestern abend 
>Der Hias<, ein feldgraues Spiel in drei Akten, über die Bretter des 
Berliner Theaters. Der Zettel verschwieg den Namen des Verfassers; 
aber ein Feldgrauer soll das Stück geschrieben haben, und Feldgraue 
(Offiziere und Mannschaften Berliner und bay- 
rischer Ersatz-Truppenteile, unter denen gewiß einige von 
schauspielerischer Herkunft waren, führten es auf. Für die Frauen- 
rollen stellten sich Frauen der Aristokratie zur 
Verfügung. Das Stück, nicht besser als die meisten seiner Art, gab 
Gelegenheit, Lagerleben und blutige Kämpfe mit erstaunens- 
wertem Naturalismus vorzuführen. Die echten 
Soldaten auf der Bühne spielten, als ob sie an 
der Front wären. Dort, wo die kriegerischen Vorgänge der tech- 
nischen Mittel der Bühne spotteten, sprang der Film ein und 
der Apparat rollte (im letzten Akte) eine Reihe von geschickt in 
die Szene des Stückes eingelegten Schlacht bildern ab. 
Erhöht wurde der Eindruck durch den Lärm der 
Maschinengewehre und Handgranaten und durch das 
Ächzen und Stöhnen der Gefallenen. 

Freilich bemerkt Leipzig, um nicht ganz in den Verdacht 
zu kommen, daß es ein klein London sei, dazu: 

Die mörderische Abspiegelung ging auf die Nerven, ohne daß 
sie durch die Kunst geadelt zur Höhe der zeit- 
geschichtlichen Ereignisse emporgetragen worden 
wäre. Von einem dichterischen Atem ist in dem Stück kein 
Hauch zu verspüren. 

Ein Unrecht am »Hias<. Wenngleich nicht gerade durch die 
Kunst, sondern nur durch die Mitwirkung der deutschen Aristokratinnen 



26 — 



geadelt, ist er doch zur Höhe der zeitgeschichtlichen Ereignisse 
emporgetragen. Die echten Soldaten auf der Bühne spielten, als 
ob sie an der Front wären, und für zwei Mark fünfzig kann man das 
Ächzen und Stöhnen der Gefallenen hören, was viel lohnender ist 
als die gefilmte Majestät des Sterbens in London, die doch stumm 
bleibt. Den Neid, der die Engländer darob befallen müßte, könnte 
man ihnen schon jetzt vorhalten. Aber ein Beispiel für deren Ver- 
logenheit wird gleich angeführt: 

Eine englische Denkmünze auf die See- 
schlacht im Skagerrak. Nachdem die Engländer ihre schwere 
Niederlage vom Skagerrak auf dem Papier allmählich in einen Sieg um- 
gemodelt haben, setzen sie diesem Lügenverfahren da- 
durch die Krone auf, daß sie eine Denkmünze auf die Seeschlacht 
prägen, womit sie sie offenbar in eine Reihe mit anderen Seeschlachten 
stellen wollen, die seit dem Vorbilde der Königin Elisabeth, die auf den Unter- 
gang der Armada im Jahre 1588 eine berühmte Münze prägen ließ, 
durch Denkmünzen als Siege verherrlicht worden sind . . . Rund herum 
läuft die Inschrift : »Der ruhmreichen Erinnerung derer, 
die an jenem Tage fielen.« ImVergleichmit neueren 
deutschen Denkmünzen kann diese englische als 
gedankenarm und u n k ü n s 1 1 e r i s c h bezeichnet 
werden. Der Text, der nichts von Sieg enthält, ist 
für englische Verhältnisse ziemlich bescheiden. . . . Die 
Denkmünzen sollen käuflich sein — die goldene zu 230 Mk., 
und der Gesamtertrag soll den Hinterbliebenen 
der gefallenen Seeleute zukommen. — So ver- 
abscheu u n g s w ü r d i g diese e n g 1 i s ch e V e r 1 o g e n h e it 
auch ist, kann man es nicht in Abrede stellen, daß sie System 
hat und sicher auch Erfolg haben wird, denn es unterliegt keinem 
Zweifel, daß auch auf diesen englischen Schwindel wieder 
eine ganze Menge neutraler Untertanen hereinfallen wird. 

Man muß die gedankenreichen und künstlerischen deutschen 
Denkmünzen keineswegs zum Vergleich heranziehen, um sich von der 
Bescheidenheit und Käuflichkeit, kurz von der verabscheiiungs- 
würdigen Verlogenheit dieser englischen Denkmünze, deren Text 
nichts von Sieg enthält und deren Gesamtertrag den Hinterbliebenen 
der gefallenen Seeleute zukommt, eine Vorstellung machen zu können. 
Sie gilt der Erinnerung derer,» die an jenem Tage gefallen sind, 
ihr Ertrag der Unterstützung derer, die sie zurückgelassen haben : 
man mache sich von diesem englischen Schwindel^ der wie gesagt 
nichts von Sieg enthält, also als völlig gedankenarm und unkünst- 
lerisch bezeichnet werden kann, ein Bild. Wovon man sich hingegen 



27 



kein Bild machen l<ann, ist die Geistesverfassung, die hier 
vor den blutigsten Kontrasten ihrer dummacherischen Übung 
nicht satt wird und aus dem Abhub der Phrase noch ein 
Surrogat der Gesinnung herzustellen vermag, von dem sie mit 
verzücktem Augenaufschlag weiterlebt. Da wird links »von unsrem 
römischen Mitarbeiter« über den > Kampf gegen den deutschen 
Geist in Italien< berichtet: 

Die verzweifelten Versuche der italienischen Über- 
patrioten, den Kampf gegen Deutschland auch auf den deutschen 
Geist und auf die deutsche Wissenschaft auszu- 
dehnen, erleben immer wieder neue Niederlagen, die dann 
ihrerseits 2u den erheiterndsten Klagen in der italienischen 
l'atriotenpresse führen. So finden wir in dem römischen ,Giornale 
d'Italla' vom 8. September, das den höchsten Deutschenhaß mit der 
größten eigenen Ignoranz verbindet, eine herzbewegende Klage über 
zwei Veröffentlichungen der allerletzten Zeit in Italien .... 

Aber eine Veröffentlichung gleich rechts in den , Leipziger 
Neuesten Nachrichten' würde den italienischen Überpatrioten eine 
kleine Genugtuung verschaffen und ihren verzweifelten Versuchen, den 
Kampf gegen Deutschland auch auf den deutschen Geist und die 
deutsche Wissenschaft auszudehnen, zum Durchbruch verhelfen: 

Die Lauterberger Weltanschauungswoche. 
Für die vom 2. bis 7 . Oktober in Bad Lauterberg im Harz i ni 
städtischen Kurhause in Aussicht genommene 
»Weltanschauungswoche« haben Geheimrat Natorp-Marburg, 
Professor Leser-Erlangen und Professor Hunzinger-Hamburg je 6 s t ü n- 
dige Vorlesungen über: »Die hauptsächlichsten Weltanschauungstypeii 
der führenden Kulturvölker und der Kulturberuf unseres Volkes«, > Fichte 
und wir« und »Die Wellanschauung unserer Klassiker« zugesagt. 
Außerdem wird Dr, Ferdinand Avenarius-Dresden einen 
Einzelvortrag halten. Für die Nachmittage sind gemeinsame 
Wanderungen, für die Abende gesellige Zusammen- 
künfte vorgesehen. Der Preis der Teilnehmerkarte ist auf 10 Mark 
festgesetzt worden. Die Vorlesungen beginnen um 8 Ulir 
vormittags und dauern bis 11 Uhr. 

Da das nur um drei Stunden zu viel wäre, so dürfte jeder 
der drei Gelehrten zwei Vormittage innehaben, wobei aber 
Avenarius-Dresden in die gemeinsamen Wanderungen oder 
geselligen Zusammenkünfte eingeschoben werden müßte. Das 
Arrangement ist schwierig. Aber die Natur einer im städtischen 
Kurhause in Aussicht genommenen Weltanschauungswoche bringt 
das mit sich. Warum veranstaltet man sie nicht bei Wertheim? 



— 28 — 



Was es alles gibt und was für bunte Dinge auf diesem kärgsten 
Stück Erde wachsen! Alles was sie dort nicht haben, bekommen 
sie geliefert. Und so auch 'ne Weltanschauung. Da es jetzt dank 
solchen Möglichkeiten, also dank einer Weitanschauung, die deren 
Herstellung als Fertigware nebst Aufmachung garantiert, unmöglich 
geworden ist, sich die Welt anzuschauen, so möchte ich gern die 
Lauterberger Weltanschauungswoche mitmachen. Die Welt schaut 
Lauterberg an, Lauterberg die Welt, und beide verstehen einander 
doch nicht. Aber ein Hauptspaß muß es sein, und Filmaufnahmen 
sollten von dem belehrenden Teil sowohl wie insbesondere von den 
geselligen Zusammenkünften in der Welt verbreitet werden. Man müßte 
den Avenarius sprechen sehen und eindrucksvoller als die gefilmte 
Majestät des Sterbens wäre einmal die gefilmte Humilität des Lebens. 
Was es aber mit der deutschen Weltanschauung, soweit sie sich ohne 
Grenzübertrittsbewilligung entfalten kann, für eine Bewandtnis hat, 
und wie das deutsche Wort dem deutschen Volk sogar den Film 
ersetzt, bewies der folgende Bericht, den Leipzig von Köln 
bezogen hat: 

Kaiser Wilhelm als Feldarbeiter. Aus Oberschlesien 
geht der ,Köln. Vlksztg.' die folgende hübsche Schilderung eines Vor- 
ganges zu, der sich dort vor einiger Zeit abspielte : 

Bekanntlich reiste der Kaiser an die Ostfront. Seine schlesischen 
Truppen erfreute Seine Majestät durch persönliche Anerkennung und 
durch seinen Dank für ihre Tapferkeit. Des freute sich ganz Schlesien. 
Aber ganz Schlesien freute sich noch über etwas anderes. 

Was rennt das Volk, was läuft die Schar hinaus auf die 
abgemähten Felder? Den Kaiser zu sehen. Nachmittags zwischen 5 und 
7 Uhr ist es. Munteres Volk birgt die kostbaren Ährengarben 
auf bereitstehende Wagen. Plötzlich ruhen alle Hände, Stille tritt ein, 
alle Mützen fliegen vom Kopfe, Staunen ergreift alle: Der Kaiser 
kommt ! Er ist schon da, zieht den Rock aus und — in Hemds- 
ärmeln beginnt des Deutschen Reiches Oberhaupt mit Hand anzu- 
legen an die Feldarbeit. Auf dem mit goldenen Getreide- 
garben besäten durchfurchten Boden unseres 
1 i e b e n V a t e r 1 a n d e s e r h e i t e r t d a s d u r c h dieSorgen 
der Kriegs]' ahre tief durchfurchtete Antlitz 
Seiner Majestät munteres Lächeln. Er hilft selbst, mit 
höchsteigener Person, den »von oben« gespendeten Segen für sein 
Volk einzuheimsen. Wie der Herr, so der Knecht. Dem 
Kaiser tun es seine Begleiter, hohe Herren und Offiziere, nach. 
»Siehst du da nicht auch unsern Reichskanzler bei 
der Feldarbeit?» — »Wahrhaftig, er ist's.« 



29 



Von der Stirne heiß, rinnen muß der Schweiß 
hei solcher Arbeit. Überrascht schaut das zuschauende 
Voll«, wie Seine Majestät den von der Stirne perlenden Schweiß 
mit dem Hemdärmel ein übers andre Mal abwischt; denn 
in brennender Sonnenhitze mit der Garbengabel Wagen voUzuladen, wenn 
auch mit aufgestreiften Hemdärmeln, macht schwitzen — und Durst. Und 
so haben wir wieder das schöne Bild: Seine Majestät sitzt 
mitten in seinem ihm treu ergebenen oberschlesischen Volk, auf 
das er sich verlassen kann, sitzt auf einem Feldrain und 
trinkt aus einem gewöhnlichen Krug frisches Wasser. 

Herablassend winkt er den Kindern und spricht wie ein Vater 
traulich zu ihnen. Sie sollen versuchen, über die Stoppeln zu 
laufen. Sie tun es. Herzlich lacht Seine Majestät über der Kinder 
Vergnügen und schenkt ihnen etwas als Lohn für ihre Mühe und 
die Freude, die sie ihm bereitet haben. 

Ist da nicht alles, was es gibt, wie im Qesamtkunstwerk 
vereinigt? Der Kaiser sitzt mitten in seinem Volk, auf das er sich 
verlassen kann, auf einem Feldrain, was rennt das Volk, das 
Oberhaupt streift die Hemdärmel auf, von der Stirne heiß, der 
Segen kommt in einem doppelten Sinne von oben, wie der Knecht 
so der Herr, wie der Herr so der Knecht, nämlich unser Reichs- 
kanzler, siehst du da nicht, wahrhaftig er ist's, die Welt ist verkehrt, 
die Genitive sind vorangestellt, es ist der Kinder Vergnügen, des 
Reiches Oberhaupt legt Hand an, und so haben wir wieder das 
schöne Bild — aber selbst Ganghofer hätte den Text nicht zustande- 
gebracht: >Auf dem mit goldenen Getreidegarben besäten 
durchfurchten Boden unseres lieben Vaterlandes erheitert das 
durch die Sorgen der Kriegsjahre tief durchfurch tete Antlitz 
Seiner Majestät munteres Lächeln«. Man beachte die unwillkürliche 
Steigerung von »durchfurcht« und den Vorgang, wie auf dem 
Boden, der mit Garben besät ist, munteres Lächeln das Antlitz 
erheitert. Nie ist ein deutscherer Satz geglückt. Wie ein durch 
alle Gefahren heimgeführtes Unterseehandelsboot mutet er an. Ein 
Londoner Film muß vor Neid zerspringen. Eine Lauterberger 
Weltanschauungswoche kann etwas zulernen. 



— 30 — 



Der soziale Standpunkt vor Tieren 

Die sozialdemokratische Presse findet ihr tragisches Durch- 
kommen zwischen jener größeren Organisation, die das Menschen- 
tum tief unterhalb allen freiheitlichen Bestandes, also aller 
politischen Daseinsberechtigung verschüttet hat, und jenem allein 
bewahrten Rest von Menschlichkeit, der sie auf die Pflicht der 
Zeugenschaft nicht verzichten lassen will. Diesem Widerspruch, zu 
bestehen, wo sie nicht mehr bestehen kann, wird sie durch ein 
Nebeneinander von Strategie und Dokumentensammlung gerecht, 
so daß vorn entweder die Zufriedenheit der Kölnischen Zeitung 
oder gar, wenn's die Leistungen eines Unterseebotes gilt, die 
Einbildungskraft der Neuen Freien Presse erreicht wird, und gleich 
daneben Tatsachen hinausgestellt werden, deren himmelschreiender 
Inhalt von jener Sphäre bezogen ist, deren Ereignisse eben noch 
aus einer denkbar unrevolutionären, sachlich beruhigten oder 
weltzufriedenen Gemütslage gewürdigt wurden. Ob nicht ein 
besserer Ausgleich zwischen dem Zustand der Welt und dem 
durch ihn erledigten Standpunkt der Entschluß gewesen wäre, 
sich auf eine Sammlung von Tatsachen zu beschränken und auf 
jede Meinung zu verzichten, die vorweg im Verdacht ist, eine 
erlaubte Meinung, eine mit dem größten Exzeß der Gesellschafts- 
ordnung zufriedene zu sein, bleibe unerörtert. Jedenfalls ist die 
gewissenhafte Aufreihung jener Fakten, die der Menschheit den 
Krieg als ein abschreckendes Beispiel vorführen sollen, der einzige Fall 
von publizistischer Sauberkeit, den die schmutzigste Epoche auf- 
zuweisen hat, anerkannt auch von deren einsichtigeren Akteuren 
als ein Beweis, daß die weltflüchtige Menschenwürde sich immer- 
hin in zwei bis drei Wiener Zeitungsspalten niederlassen darf; 
als eine Ausnahme von jener furchtbaren Regel, nach der diese 
schwerverwundete Menschheit sich noch eine Blutvergiftung durch 
Druckerschwärze zuziehen mußte. Und auch diesem Unglück 
sucht die heilsame Arbeit der sozialdemokratischen Chronik 
nach Kräften entgegenzuwirken, aus der ehrlichen Erkenntnis, daß 
die bürgerliche Journalistik die niedrigste Gattung unter jenen 
Lebewesen vorstellt, die der Krieg übriggelassen hat. Umso 
betrüblicher erscheint die daneben beobachtete Neigung, den 
eigentlichen Tieren gegenüber auf einem vorrevolutionären Stand- 



31 



punkt zu beharren, ihnen nicht nur die von Schopenhauer zu- 
erkannten Rechte, sondern sogar das Erbarmen zu versagen, das 
der Gerechte aufzubringen hat — ja geradezu dort, wo der 
Sammler von Menschengreueln auf werktätige Sympathie für Tiere 
stößt, solche Regungen als Kontraste zum Welttreiben höhnisch 
abzutun. Er hat nicht genug ironische Punkte und 
Gedankenstriche, einen englischen Aufruf »zu Gunsten . . . unserer 
stummen Freunde«, nämlich der Pferde, zu verspotten, der ihm 
umso lächerlicher erscheint, als der Schutz auf die Pferde aller 
kriegführenden Länder ausgedehnt werden soll. Aber ganz ab- 
gesehen davon, daß dieser internationale Standpunkt eine Kostbarkeit 
in einer Zeit ist, in der von den drei großen Internationalen nur 
die journalistische sich ausleben konnte, und daß solcher Gedanke 
sittlich hoch über der Kriegslyrik eines Richard Dehmel steht, der den 
deutschen Pferden eine besondere Offensivkraft zugetraut hat — ist es 
ein Denkfehler, hier bitter zu werden und einen frivolen Gegensatz zu 
den in den Krieg oder in die Munitionsfabrik gestellten Menschen 
zn behaupten. Der Unterschied ist ein ganz anderer, nämlich der, 
daß die Menschen, so unschuldig jeder einzelne von ihnen an 
seinem Schicksal sein mag, alle zusammen es verschuldet haben, 
indem sie den Willen hatten, die Maschine zu erfinden, die ihnen 
den Willen nahm, während doch den Pferden an einer technischen Ent- 
wicklung, die ihre Sklaverei verschärft hat, keinerlei Anteil nachzu- 
weisen wäre. Den Pferden ist nicht der Hunger versagt, wohl aber 
eine Organisation, durch die sie es ihren Vorgesetzten wenigstens 
kundmachen könnten, daß auch sie im Krieg mehr hungern als im 
Frieden. So ganz verschlossen sollte sich das Sozialgewissen nicht 
vor dem Umstand zeigen, daß in dieser Welt, die sich zu helfen 
weiß, ein Surrogat für Futter auch mehr Peitschenhiebe sein können. 
Man muß schon die Scheuklappen des Pferdes haben, um nicht 
täglich auf der Wiener Straße zu sehen, wie sich die Bestialität 
am Tier für die schlechten Zeiten schadlos hält. Es ist ferner auch 
vollkommen blicklos, sich über eine deutsche Gräfin, die ihrem 
magenkranken Hund Suppe gegeben hat und wegen Verfütterung 
von Brotgetreide gerichtlich verurteilt wurde, über die Krankheit 
des Hundes also und über dessen Pflege in Sperrdruck lustig 
zu machen. Wenn wir uns selbst die Verfütterung von Getreide 
lür einen bestimmten Hund als eine Grausamkeit gegen einen 



— 32 — 

unbestimmten Menschen konsequent zu Ende denken könnten, so 
müssten wir uns doch wieder fragen, ob nicht die Gesamtheit 
der unschuldigen Menschen, die durch solches Verhalten zu 
Schaden kommt, mehr Schuld hat an der Misere als die 
Gesamtheit der unschuldigen Tiere. Zwischen dem mir bekannten 
Menschen und dem mir bekannten Hund kann ich, wenn's sein 
muß, entscheiden, welches von beiden Individuen mir »näher steht« 
— zwischen den beiden Gattungen bleibt mir im Anblick des 
Benehmens der einen gar nicht die Wahl. Und wie erst, wenn 
ich zwischen dem mir befreundeten Hund und der menschlichen 
Gesamtheit zu wählen habe? Dies eine Tier, nicht jener Mensch, 
dem ich die Nahrung verkürze, steht vor meinen Augen, leidet, 
und ich mache gar kein Hehl aus dem Zynismus, mit dem ich, jeder 
sozialpolitischen Phantasie ermangelnd, das Bequemere tue und meine 
Nächstenliebe dem bedürftigen Nächsten zuwende. Eine weit bessere 
Phantasie belehrt uns, daß die Menschlichkeit, die dem kranken Hund 
hilft— und wäre es nur der eigene Hund — , mehr einer Menschheit 
hilft als alle Organisation der Nächstenliebe, die doch zu schwach 
war, jene des Nächstenhasses zu verhindern. SyJ^y^^^ 4^ 

/, . ■' I- .,," r und die deutsche Aristo- 

kfatiit, von der die Qerichtssaalrubrik erzählt, hebt sich recht vor- 
teilhaft von jenen Standesgenossinnen ab, die in der Theaterrubrik 
erwähnt werden, weil sie an einer Vorstellung des >Hias« mit- 
gewirkt haben. Wenn die deutsche Gräfin, die in der Zeit der 
Not ihre Hunde nährt, verhöhnt wird, so müßte die deutsche 
Artistin, die sich in der Zeit der Not von ihren Hunden nährt, 
Anerkennung finden. Solche Konsequenz würde aber allzu grau- 
sam dem Bestreben der Arbeiter-Zeitung, Spuren von Menschen- 
würde im Schutt der großen Zeit zu entdecken und zu er- 
halten, widersprechen. Wenn ich Notizen sehe, die den Titel 
führen >Pferde und Menschen« oder »Die magenleidenden Hunde 
der Gräfin«, so fände ich es schön, wenn darin beklagt würde, daß 
die Pferde jetzt durch die Menschen ins Unglück gekommen sind 
und daß magenleidende Hunde jetzt nichts zu essen haben. Denn 
durch die Hilfe, die sie den Tieren entzieht, wird sich die Mensch- 
heit nicht auf ihre Beine helfen und nicht von ihren Prothesen. 



33 



Glossen 

Jaur^s erbarmt sich Großmanns 

.... Da ging ein junger Kerl an uns vorbei, der trug ein 
Ferkel. Es schrie jämmerlich, denn er hielt es an den Ohren. Ich, 
Städter, drehte mich nur nervös nach dem Gequietsch um, Jaurös aber 
ging auf den jungen Menschen zu und sagte ihm sachlich-ruhig: >Lieber 
Freund, Sie haben noch nicht viele Schweine getragen? Man muß sie 
da anfassen.« Er zeigte ihm sofort den richtigen Griff und das erlöste 
Schwein hörte auf zu schreien. 

.... Nachmittags fuhren wir in einem Wagen hinaus in die 
Berge, Jauris, ich und ein Dritter. Von den Cevennen her wehte frische 
Bergluft. Der Meister saß neben mir im Überzieher, m i t 
aufgestelltem Kragen und zusammengepreßten 
Lippen. Nach seiner langen Rede konnte er sich leicht verkühlen 
und heiser werden und das durfte er jetzt auf keinen Fall. Es wurde 
abendlich kühl. Ich hatte keinen Mantel mitgenommen. Da nahm er 
die Decken und stopfte die stillschweigend 
um mich, dann wieder stellte er mir den Kragen des 
Anzuges auf, dann legte er seinen Arm hinter mich 
und um mich, weil das wärmte. Das war nicht Liebenswürdigkeit, 
geschweige denn Politik, sondern einfach nur das Bedürfnis, gut zu 
sein. Ich kam mir wohlig geborgen vor, wie ein Sohn, der im 
Arm des Vaters dahinfährt. 

Das ist ja der Erlkönig! 
Er sorgte für mich aus derselben natürlichen 
Güte, die er für das schreiende Schwein übrig 
hatte.... Stephan Großmann. 

Da sieht man, der gütige Jaures hatte mehr übrig für die 
Schweine, als Herr Qroßmann für die Hunde. 



Der durchhaltende Ton 

Es gibt in unserer Presse, besonders in jener, die wir alle 
lieben, einen intelligenten Lebensmittelhumor, der noch in den Zeiten 
geringer Zufuhr als Abführmittel wirkt und vor dem es der Sau 
grausen würde, wenn eine da wäre. Ich kann die Schilderung vom 
ersten Brotkartentag in Wien, die in jene Zeit fiel, in der mich 
die- fortwirkende Schande noch stumm machte, vorläufig nicht 
finden, aber ich verspreche, daß man es einmal nicht für möglich 
halten wird. Welchen Tonfall ich meine und welcher nun schon 
seit zwei Jahren durchhält, weiß man sofort, wenn ich die Be- 
zeichnung »kulinarische Strategen« zitiere. Man würde sich gern 



— 34 



übergeben, wenn man etwas zum essen hätte; die harte Zeit 
schützt den Schmock vor solcher Demonstration. Es ist derselbe, 
der etwa im Frieden den Engländer »bädeckerbewaffnet« genannt 
hätte. Mit einem Wort, es sind Dinge, die man in ihrer Unver- 
änderlichkeit zu den Härten des veränderten Lebens auch noch 
hinnehmen muß. Jede neue Verschärfung der Speisevorschriften, 
die der Tag bringt, mobilisiert diese Tonart, hinter der ich eine 
Individualität vermute, die manchmal den Mut hat, unter der 
Spitzmarke >St— g« hervorzutreten. Wie doch ein einziger Mensch 
eine Bevölkerung martern kann! Jetzt, da die eiserne Zeit auf uns 
lastet und im Umkreis ' ein Deka Butter zum 

Problem geworden ist, jetzt, da der Verkauf von Brot in 
Gasthäusern verboten ist, zählt er alle Einschränkungen auf, die 
den > Junggesellen«, der immer schon eine Zielscheibe des Humors 
war, bisher betroffen haben. Nein, nicht betroffen, sondern »sehr 
empfindlich in seinem Dasein am ,Tischlein deck dich' gestört« 
haben. Früher »konnte der Hagestolz noch immer seinen Obers- 
kaffee« und alles mögliche bekommen, aber jetzt? Nun, ein Trost 
ist, daß es 1916 trotz Krieg und Einheiratsannoncen noch Hage- 
stolze gibt. Mit einigem guten Willen wird der Hagestolz natürlich 
durchhalten, das heißt, die Unbequemlichkeiten in Kauf nehmen, 
was wahrhaftig nicht viel verlangt ist, weil es jetzt sowieso das 
einzige und letzte ist, was er in Kauf nehmen kann. Ist man 
aber einmal bei dieser Erkenntnis angelangt, so ist man auf alles 
gefaßt und empfänglichen Sinnes lauscht man den Äußerungen des 
Besitzers des Cafe de l'Europe Herrn Ludwig Riedl. 



Eine Lügennachricht 

Verbot des Brotverkaufes in den Gasthäusern in Wien und ganz 
Niederösterreich. 

Was aber nicht ausschließt, daß, nicht etwa ein paar Wochen 
vorher, sondern dicht unter der Meldung, als charakteristisch für die 
Lügen der Entente-Presse bemerkt sein könnte, daß man dort be- 
hauptet, bei uns sei der Brotverkauf in den Gasthäusern ver- 
boten worden. 



— 35 



Ein Ammenmärchen 

[Die Lflgenmeldungen in Amerika über die wirtschaftlichen Ver- 
hä'tnJsse von Wien.] Eine Dame schreibt uns: Die Amme meines 
jüngeren Kindes hat nach beendetem Dienstein meinem Hause in Wien 
ihr Glück in der neuen Welt gesucht. Die Unterstützungen, die ihr seit 
dem Verlassen meines Hauses von mir und meinen Angehörigen zuteil 
geworden sind, hat sie nun in wahrhaft rührender Weise dadurch 
quittiert, daß sie mir in einem vor wenigen Tagen aus Chicago ein- 
gelaufenen Briefe zwei Dollar zukommen ließ, > damit ich mir was kaufen 
könne«. Sie schrieb, sie habe in den amerikanischen Zeitungen gelesen, 
daß wir großen Hunger leiden! 

-.i:.k -..ji*'5 ^j^Sifi^ ^Ju "va- .<K/vv>f cüw'-s. iu 



Ein Zwischenspiel 

Die Neue Freie Presse meldet am 14. Oktober 1916: 
[Brotverteilung im B u r g t h e a t e r.] Als dieser Tage 
im Burglheater »Götz von Berlichingen« aufgeführt wurde, kam es zu 
einem merkwürdigen kleinen Zwischenspiel. Im 
dritten Akt — die Burg Götzens ist von den Kaiserlichen belagert — 
erscheint die Frau Götz von Berlichingens auf der Szene mit einem 
enormen Brotlaib am Arm, von dem sie bedächtig für ihre 
Familie und den Troß Schnitte auf Schnitte herunterzuschneiden beginnt. 
In diesem Moment bemächtigte sich des dichtgefüllten Hauses eine 
eigenartige Aufregung. Ein Raunen und Wispern 
ging durch das Publikum, und die Störung, die dadurch entstand, teilte 
sich den Schauspielern mit, von denen einzelne ihr Lachen nicht ver- 
bergen konnten, so daß durch einige Augenblicke das Spiel stockte. 
Schließlich trat die notwendige Ruhe wieder ein und das Drama 
konnte ungestört seinen Fortgang nehmen. 

Es ist ja schon egal, ob solche merkwürdige kleine 
Zwischenspiele und deren Publikation zur Lügenbildung in der 
Entente - Presse beitragen. Wichtiger ist die Perspektive in 
den Wandel der künstlerischen Zeiten. Die Kunst mag immer 
nach Brot gegangen sein; nur dürfte der Unterschied zwischen 
guten und schlechten Burgtheaterzeiten sich etwa so formulieren 
lassen, daß zwar heute wie ehedem Massenanstellungen vor einer 
Qötz-Aufführung stattfinden, aber ehedem wegen der Wolter, der 
Hohenfels, wegen Baumeister, Hartmann und Robert, und heute, weil 
die Frau Götz Brot verteilt, wobei die Zuschauer aber doch nur 
zuschauen dürfen. In der Epoche der echten Ausstattungswunder 



— 36 



gehört ein enormer Brotlaib, von dem Herr Reimers als Göt^ 
keineswegs abzuleni<en vermag, sicherlich zu jenen Versa tzstückai, 
denen das Publikum minutenlang applaudiert. Stundenlang stehen 
jetzt die Leute vor dem Burgtheater. Nach der Vorstellung, daein 
empfängliches Publikum ehedem den Darsteller des Franz Noor 
geprügelt hat, warten viele auf die Darstellerin der Frau Götz 
und suchen sie durch Artigkeiten für sich zu gewinnen. Genau 
wie sie es mit den Kommis im Konsumverein machen, die ja auch 
Blumen bekommen. Die Direktion weiß jetzt, daß sie nur Stücke, 
in denen gegessen wird, aufführen darf. Da hängt dacn an der 
Kassa wie vor dem Bäckerladen die Tafel »Ausverkauft«. 
Man sucht jetzt im alten Repertoire nach einem Stück, in dem 
Fleisch vorkommt, und will auf diese Art die Saison retten. 
In einer sonst trostlosen »Lear«-Aufführung — bekanntlich hat 
Wien im Drang der Zeit noch die Geistesgegenwart, dem öden 
Wüllner nachzulaufen — wird von einer findigen Regie der Satz 
des Narren: »Gib mir ein Ei, Gevatter!« durch Darbietung eines 
Eies illustriert, was auch lebhafte Bewegung hervorruft. Ob eine 
Butterkarte zum Bezug von Butter berechtigt, ist fraglich; als 
Burgtheaterbillet sollte sie anerkannt werden. Rauchen war im 
Theater schon immer verboten: wie müßte heute eine Zigarre 
auf der Bühne zündend wirken ! Was immer sich dort 
begeben mag — es wird ein Raunen und Wispern durch das 
Publikum gehen. Aber schließlich ist es ja doch nur ein Theater, 
und das Drama nimmt ungestört seinen Fortgang. 



Na alstern! 

»Eine angenehme Überraschung ist den Rauchern österreichischer 
Virginierzigarren dadurch zuteil worden, daß der Hauptverlag der öster- 
reichischen Tabakregie den Verkaufspreis für Virginier, der vor kurzem 

.... hinaufgesetzt wurde erniedrigt hat. Diese Ermäßigung 

ist auf die Bestimmung der Reichspreisstelle zurückzuführen, daß 
Tabak und Zigarren zu Gegenständen des täglichen Bedarfes gehören 
und daß nur ein ziffernmäßiger und nicht ein perzentualer Friedensnutzen 
genommen werden darf.« 

>Na alstern! Man kriegt Zigarren und sogar billiger !< 
»Aber das wird doch aus München gemeldet! Hier kriegt man 
sie um keinen Preis!« »Um keinen Preis? Wenn S' die Fahrt hin 



37 



und zurück zahlen?« »Jetzt kriegt man aber so schwer eine 
ürenzübertrittsbewilligung !« »Wieso? Sic brauchen nur einen 
triftigen Grund, Sagen S', daß Sie rauchen wollen.« >Wenn ich 
in Deutschland rauchen will, so ist das doch kein Grund, um 
mich hineinzulassen?« »Wann S' aber in Österreich rauchen 
wollen! 's kost' nur den Zoll. Da müssen S' freilich Gold haben.« 
>Das wäre das geringste. Aber in Deutschland ist jetzt Ausfuhr- 
verbot für Zigarren.« »Das is fatal. Wissen S' was, da stecken S' 
Ihna eine Virginier in Deutschland an und blasen S' den Rauch in 
Österreich aus.« »Das würde ihnen aber in die Nase steigen. 
Es ist jetzt ein Staat für Nichtraucher. Seitdem so viel Feuer 
gegeben wird, darf man nicht mehr rauchen.« »Ja, jetzt is — « 
> Krieg!« »Na alstern!« 



Eine jetzt erst recht unverständliche Wiener Redensart 

»Harn S' scho g'hört? Im Gasthaus kriegt ma kein Brot 
mehr! Wo kriegt man denn nacher ein Brot?« »Wo man ein 
Brot kriegt? No, beim Backen!« »Ja, beim Backen!« 



Entrevue (Zusammenkunft) 



Eine Anregung 

[Keine Beglückwünschungen anläßlich von Auszeichnungen.] 
Von geschätzter Seite werden wir um Veröffentlichung nachstehender 
Zuschrift ersucht: Anläßlich der Auszeichnungen, deren Verleihung 
jetzt amtlich mitgeteilt wird, erscheint es wünschenswert, darauf 
aufmerksam zu machen, daß mit Rücksicht auf die durch den Krieg 
bewirkte besondere Inanspruchnahme aller Arbeitskräfte von der 
sonst üblichen Beglückwünschung der Ausgezeichneten abzusehen wäre 



— 38 - 



W«nn noch in weiterer Verfolgung des praktischen 
Gedankens von den Auszeichnungen selbst, von den Zuschriften, 
von den geschätzten Seiten und von allem andern abgesehen wird, 
auf das wir trotz dem Millionensterben hinsehen müssen, so 
hätten ja die Arbeitskräfte gute Zeiten. Aber der Anreger wird, 
wenn ihm die Einstellung der Gratulationen geglückt ist, kaum 
darauf verzichten wollen, daß sie ihm zukommen. Was in der 
Zeit der großen Offensiven von selbst und ohne Zureden aufzuhören 
hätte, ist die Vordringlichkeit. Aber darauf ist, solange ihr der 
Nährboden der Druckerschwärze bleibt, solange also von der 
Presse nicht abgesehen wird, keineswegs zu hoffen. Die Arbeits- 
kräfte, die an diesem Grundübel wirken, der Munitionserzeugung 
zuzuführen, wenn man ihnen schon das Opfer nicht zumuten darf, 
zu ihr in eine passive Verbindung zu treten, wäre ein wahrer 
Segen. Denn man würde plötzlich erkennen, daß, wenn die 
Angestellten der Presse Munition erzeugen helfen, diese sich 
plötzlich vermindert, weil das Schreiben sie vermehren geholfen 
hat, weil eben die Erfindung des Schießpulvers in progressivem 
Verhältnis zu den Erfindungen der Buchdruckerkunst steht. 

* * 

* 

Aus der Epoche der Anregungen 

[Die Anregung einer Wienerin.] Wir erhallen folgende 
Zuschrift : Geehrte Redaktion ! DerAnregung einer Wienerin 
in Ihrem Morgenblatte vom 2. d. zur Selbstbeschränkung im Haushalte 
stimme ich mit vollem Herzen bei. 

Vermutlich auch mit vollem Magen. 

Der Vorschlag, durch Freigabe der weiblichen Bediensteten in 
Haushaltungen Kämpfer für das Heer zu bekommen und 
überdies noch Mittel für patriotische Spenden zu gewinnen, wird — 
wie ich hoffe — Nachahmung finden. 

Gutes Beispiel heißt jenes, womit man vorangeht. 

Auch werden wohl alle Frauen und Mädchen die in Kriegszeiten 
innegehabten Stellen um so lieber den heimkehrenden 
Helden wieder überlassen, als sie ihnen für die 
Beschützung des Vaterlandes und des heimischen Herdes 
zu größtem Dank verpflichtet sind. 

Wacker. 

Sie finden den schönsten Lohn in dem erhebenden Gefühl, im 
Hinterlande auch ihr Teil am errungenen Erfolge beigetragen zu haben. 
Zuerst müssen natürlich jene berücksichtigt werden, 



— 39 — 



die für das Vaterland Gesundheit und Leben einsetzten, und 
erst, wenn diese nicht ausreichen, ist auf jene weiblichen 
Kräfte zu greifen, die durch den Verlust ihrer Ernährer am 
tiefsten geschädigt wurden. 

Out ist, wenig Seife brauchen. 

Besser noch ist, gar nicht rauchen; 

Aber weite Kleider tragen. 

Öfter gar mit vielen Kragen, 

Hohe Lederschuh' am Bein, 

Das muß wahrlich auch nicht seini 

Statt darauf das Geld zu wenden, 

Soll dem Vaterland man's spenden. 

Ein Wiener. 
Das meiste, was jetzt erscheint, ist ein Vordruck aus der 
Fackel, den ich leider nicht verhindern kann. 



Meine Anregung 



Ein Wahrwort 

Gern erinnere ich mich jetzt öfter des Ausspruchs, den 
gleich bei Eröffnung der großen Zeit, damals als sich noch die 
Menschheit damisch darauf freute, sterben zu müssen, aber nicht 
ahnte, daß sie auch kein Rindfleisch bekommen werde, ein welt- 
kluger und wegen seines gutmütigen Dialekts beliebter Chef- 
redakteur getan hat, als es seinen Plauderer mächtig trieb, den 
Kriegspfad zu betreten, freiwillig, ehe noch ein eigenes Pressequartier 
vorhanden war. Er wollte solchen »ausgefallenen Ideen< nicht 
leicht nachgeben, weil er mit Recht fand, daß es daheim wärmer 
sei, willigte nur ungern in die Anschaffung eines »Schlafsackes«, 
der schon während des Balkankriegs viel ventiliert worden war und 
dessen definitive Bereitschaft für Österreich damals den Ernstfall 
bedeutet hätte. Später aber, als es wirklich ernst wurde, wußte man 
in journalistischen und andern beteiligten Kreisen noch nicht, was 
der Krieg sei, wiewohl die Versicherung »c'est la guerre^ die Devise 



— 40 — 



des Tages war, und der Plauderer, einer, der seinen Humor am edelen 
Weidwerk, dem sogenannten Gejaide, gestählt hatte, machte Miene, 
alle Entbehrungen für das Blatt stracks auf sich zu nehmen. Der Chef- 
redakteur schüttelte baß den Kopf und meinte im übrigen, es werde 
schon nicht so arg sein. Als ihm endlich der Liebling versicherte, 
daß ihm die Ernährungsfrage in Feindesland schier ernstliche Sorgen 
mache, meinte der gutmütige Brotgeber, der zwar von internationalen 
Pressekongressen das gediegenste Essen gewohnt war, aber doch 
wußte, daß man unter Umständen auch Opfer bringen muß, den 
Kopf heftig schüttelnd: »Ach was, nehmen Sie sich einen Sack 
Kartoffeln mit, frische Butter bekommt man überall!« Wenn ich 
dieses Worts gedenke, verspüre ich die Lust, Kriegsberichterstatter 
zu werden. Hei ! 



Einer der Ärgsten 

Der Herr Emil Ludwig, eine Geißel des Balkans, schreibt: 

Lautlos floß der alte Kahn, auch hier ein Einbaum, über die 
See-Ecke, um uns die letzte Stunde im Sattel zu ersparen. 

Armer Kahn, beneidenswertes Pferd! Von den >letzten 
Österreichern und Deutschen« in Monastir meint er: 

... sie lebten zitte rnder oder in dunklerer Todesstimmung 
als selbst die letzten in Saloniki; denn dort gab ihnen der Gedanke 
und der Anblick ihrer Konsulate und ihrer Fahnen . . 
einen moralischen Rückhalt. 

Dieser Ludwig, fürchte ich, wird uns das Durchhalten 
zur Pein machen. 



Der Allerärgste 



- 41 — 



42 



Geza Herczeg. 
Es versteht sich von selbst, daß der ungarische Schriftsteller 
Franz Herczeg weder identisch noch verwandt ist. 



Er garantiert 

. . . Die Russen pausieren in den letzten Tagen. Südöstlich Brzezany 
liaben iiinen unsere Truppen gestern neuerlich ein Grabenstück weg- 
genommen. Sonst herrscht an der russischen Front Ruhe. Geyer. 



Beginnende Einsicht in Rußland 

Militärfreie Redakteure. Der Zar hat durch einen 
Erlaß bestimmt, daß die Mitglieder der Zeitungsredaktionen vom Militär- 
dienste befreit sein sollen, denn ihre Tätigkeit sei für die Organisierung 
des ganzen Landes zur kräftigen Fortführung des Krieges von großer 
nationaler Bedeutung. 

Die Rückständigkeit der russischen Kultur zeigt sich in der 
Notwendigkeit, solche Dinge erst durch einen Erlaß zu regeln. 
Bei uns wird diese Truppe längst als Aufklärer im Hinterland 
verwendet. 



Man muß sich rein für England schämen 

In London werden Menschenjagden veranstaltet. Soldaten mit 
aufgepflanzten Bajonetten empfangen die harmlosen Reisenden in den 
Bahnhofshallen, und wer das Aussehen eines Militärdienstpflichtigen hat, 
wird verhaftet, in einen abgesondertenRaum geführt und 
muß beweisen, daß er kein Betrüger ist und sich nicht seinem Dienste 
in der Armee entzogen hat. Bei den öffentlichen Unterhaltungen, bei den 
großen Fußballspielen und in den Theatern, überall finden diese schauer- 
lichen Szenen statt, die jedem Engländer, der 'noch eine Spur 
von dem alten Sinne für persönliche Freiheit besitzt, die Schamröte ins 
Gesicht treiben müssen. 



-- 43 



Kurz, während sein Land früher ein gemütlicher Grill-room 
war, sieht er es jetzt in einen Rost-Raum verwandelt. Da mag er 
wohl sinnend der alten Zeit gedenken und neidig wie er ist zu uns her- 
überschauen und ausrufen: »Goddam, Vater Radetzky schau oba, dieses 
Österreich hat es gut, es ist der letzte Hort der europäischen Freiheit 
sozusagen, long, longago, daß dort eine Patrouille einen angeredet 
hat, und geschieht es alle heiligen Zeiten einmal, so fragen s' einen 
höflich : Pardon, will der Herr vielleicht unter die Soldaten, 
so muß er haben ein Gewehr, worauf der Österreicher erwidert: 
Bedaure, kann nicht mehr dienen. Ja fürwahr, das ist ein freies 
Volk! Dienen oder nicht dienen, das ist dort die Frage, dient er, 
is gut, dient er nicht, auch gut. Dort ham s' dafür auch lauter Frei- 
willige, während wir — durch die Bank — zuerst Söldner waren, und 
jetztn san ma die reinen Sklaven - Yorick nebbich !< Wenn aber dann 
der alte Engländer merken wird, daß er bei uns auf gar keine 
Gegenliebe stößt, indem Old England nunmehr schlankweg 
>Horditz« heißt und daß es da gar keine Rücksicht gibt, während 
das Cafe Westminster al» Cafe Westmünster noch durchrutscht, 
dann, ja dann mag er endlich erkennen: That is the truc beginning 
of our end! =,= * 

Die Lage in Frankreich 



« « 



So leben wir alle Tage 



* * 



Auch so leben wir alle Tag« 



44 



In einem und demselben schlechten Atem 

wird um 6 Uhr Abend (Sommerzeit schon 5) das Folgende gesagt: 
»Mangel an Humanität und Ritterlichkeit lassen wir uns von 
unseren Gegnern nicht vorwerfen . . . .« 

»Er ist für sein Land zu Lebzeiten nicht billig ge- 
wesen . ... Er war gewohnt, ein anständiges Salair zu beziehen .... 
Und nun, da K. o f K. nicht mehr unter den Lebenden, 
sondern auf dem Grund des Meeres weilt, ist er seiner 
Nation noch immer der teure Mann, der er ihr stets gewesen. 
Da K. o f K. nämlich noch immer nicht aufgefunden ist und da man 
es — keineswegs aus Pietät — zu wünschen scheint, daß 
dies doch, und zwar möglichst bald geschehe, so haben die englischen 
Behörden die ausgesetzte Belohnung auf Auffindung seiner sterblichen 
Reste ansehnlich erhöht. Die Summe beträgt heute schon 280.000 Mark, 
Auch in Entente-Kreisen nimmt dies Wunder und man fragt sich nach 
der Ursache dieser Maßnahme. Italienische Blätter mutmaßen, daß dies 
aus dem Grunde geschehe, weil Kitchener wahrscheinlich wichtige 
Dokumente bei sich hatte, von denen man nicht gern möchte, daß sie 
in die Hände der Deutschen fielen. Und so etwas lassen die 
Gentlemen sich eben 28 0.0 00 Mark kosten . . .« 

Womit freilich sogar ein lebendiger Wiener Sauschmock stark 
überzahlt wäre. 

Im Dschungel 

Der »Schriftsteller Kipling«, jetzt auch »Herr Rudyard Kipling« 
genannt, ist an die italienische Front abgegangen, worüber einem, 
dem es just nicht passierte, das Herz wie folgt entzweibricht: 

Der Schriftsteller, der in seinen Dschungelbüchern die zarteste 
und originellste Psychologie zu treiben wußte, dessen poetische Liebe 
die Tiere des Waldes mit seltener Anmut umfaßte, hat keinen Moment 
gezögert, jeden Deutschen für eine Bestie zu erklären, die erschlagen 
werden müsse, solle der Welt der Frieden wiedergegeben werden. Hier 
stimmt etwas nicht. 

Natürlich nicht. Aber welche Gefahr hat die Anwesenheit 
des Herrn Kipling, der sich noch dazu vom Conan Doyle vertreten 
läßt, an der Front? Jener, in einem Organ des Auswärtigen 
Amtes, gibt Aufschluß: 

Er wird zwischen Deutschen, Österreichern oder Ungarn derzeit 
wohl keinen großen Unterschied machen, und man darf , 
darauf gefaßt sein, daß sich die Zahl der »österreichischen Greuel« 
in den nächsten Tagen in den Londoner Blättern sehr vermehren wird. 

Ja, soll denn zwischen Deutschen, Österreichern und Ungarn 
ein Unterschied gemacht werden? 



— 45 — 

Die kalte Schulter 

Einem reichsdeutschen Fachorgan entnimmt die , Arbeiter- 
Zeitung' die folgende Erzählung: 

Ein deutscher Zeitungsverlag hatte auf der Kriegsausstellung 
in Wien die von ihm herausgegebenen, für das Ausland bestimmten 
Aufklärungsschriften zur Schau gebracht. Im Zusammenhang hiemit er- 
hielt er folgendes Schreiben: 

,Die Zeit' Wien, 14. Juli 1916. 

Wiener Tageszeitung. 

Herausgeber : 

Professor Dr. J. Singer, 

Dr. Heinrich Kanner. 

Euer Wohlgeboren! 

Wir beabsichtigen demnächst, in die Gruppe 22 der Kriegsaus- 
stellung jemanden zu entsenden, um die daselbst zur Schau 
gestellte Kriegsliteratur in Augenschein zu nehmen. 

Über den Rundgang durch die oben erwähnte Gruppe, in 
welcher Sie ebenfalls als Aussteller figurieren, wollen wir sodann in 
einer eigenen Abhandlung in unserem Blatte referieren. Zu diesem 
Zwecke würden wir ersuchen, uns gefälligst bekanntzugeben, ob Sie sich 
mit Ihrem Ausstellungsobjekt an dieser Berichterstattung, 
welche zugleich nicht nur Information für das Publikum, sondern 
gleichzeit ig eine wertvolle geschäftliche Propaganda für Ihr Unter- 
nehmen darstellen würde, zu beteiligen wünschen. In diesem 
Falle bitten wir, uns gefälligst mit wenigen Schlagwörtern jene Daten 
bekanntzugeben, auf deren Betonung Sie besonderen Wert legen, um 
auch diese, insofern sie für den Rahmen unseres Referats 
geeignet erscheinen, in die Berichterstattung mitaufzunehmen. 

Der Kostenpunkt dieser Propaganda würde sich für die Druck- 
zeile auf vier Mark stellen und bitten wir Sie, uns dann gefälligst 
bekanntzugeben, auf welchen Umfang Sie ungefähr reflektieren 
werden. 

Hochachtungsvoll 

Direktion der Wiener Tageszeitung 
,Die Zeit' 

Der Verlag antwortete, daß er für das An- 
erbieten kein Verständnis habe, da es in reichs- 
deutschen Zeitungen nicht üblich sei, redaktionelle 
Artikel bezahlen zu lassen. In ganz ähnlicher Weise ist 
das .Neue Wiener Journal' vorgegangen, nur fordert diese 
Zeltung für die Zeile des Reklameartikels sieben Kronen, in Sonntags- 
' nummern acht Kronen. 

Ein derartiges Gebaren ist so verwerflich, 
daß wir kein Wort darüber zu verlieren brauchen. . . , 



— 4G — 



Daß von der Größe der Zeit auch die nach ihr benannte 
Zeitung profitieren will, ist begreiflich. Aber einer der beiden 
Herausgeber dieses als Schmutzkonkurrenz der Korruption gegrün- 
deten Blattes ist ein Wiener Universitätsprofessor, Da er, sobald 
er etwas in Augenschein nimmt, zugleich vier Mark pro Zeile 
nimmt, so fragt es sich, ob die Fakultät, der er angehört, 
vielleicht auf dem sittlichen Niveau der Concordia angelangt ist. Wenn 
solche Dinge, anstatt in der Kriegsausstellung, hinter ihr Platz 
haben, so dürfte die Ernennung von Feldherrn zu Doktoren 
honoraris causa nicht mehr lange auf sich warten lassen. Wirklich und 
wahrhaftig, ein Professor figuriert in der Firma, die diese Offerte 
gemacht hat. Ich würde glauben, daß die Ehre einer Bevölkerung, 
die solches hinnimmt, nachdem sie von bundesgenossen- 
schaftlicher Seite darauf aufmerksam gemacht wurde, keine Druck- 
zeile der ,Zeit' wert ist! * « 

* 

Gegen Säumige 

[Zeitungslesen im Kriege eine Pflicht] Aus Brunn wird uns 
berichtet: Der Brünner Stadtrat wendet sich mit einer Kundmachung, 
in der erneut auf die Wichtigkeit hingewiesen wird, die der gewissen- 
haften Lektüre der Zeitung zukommt, an die Bevölkerung. In der Kund- 
machung heißt es: »Die Verlautbarung durch Zeitungen ist gegenwärtig 
das empfehlenswerteste Mittel der öffentlichen Kundmachung. Leider aber 
wird auch den amtlichen Veröffentlichungen in der Presse viel zu wenig 
Wert beigemessen. Trotzdem die Herausgeber der Tagesblätter ohne 
Unterschied der Partei und Nation den Behörden gegenüber das größte 
Entgegenkommen an den Tag legen und deren Verlautbarungen bereit- 
willigst auch wiederholt in ihr Blatt aufnehmen, wird doch keine Wirkung 
erzielt. Diese Teilnahmslosigkeit der Bevölkerung zwingt die Behörden 
zu schärferen Maßnahmen. Es wird in Hinkunft gegen Säumige 
mit der vollsten Strenge des Gesetzes vorgegangen werden und, da der 
gute Wille nicht auf andere Weise zu erzielen ist, wird das abschreckende 
Beispiel wirken müssen. Die landläufige Entschuldigung: 
>W i r lesen keine Zeitungen« — wird nicht mehr als 
solche angenommen werden. Jedermann ist eben heute verpflichtet, 
die öffentlichen Verordnungen der Behörden in der Presse zu lesen, 
und den so kundgemachten Verordnungen zu entsprechen.« Diese 
Kundmachung des Brünner Stadtrates dürfte eine Folge der 
Mißachtung sein, mit der die amtliche Aufforderung zur 
Anmeldung der diesjährigen Ernteerträge beantwortet wurde. 

Nein, sie ist nur eine Folge der Hochachtung. Qegen rück- 
ständige Abonnenten wird vorgegangen. Wer nicht abonnieren will, 
muß fühlen. 



— 47 — 

Was es alles gibt 

Das Wolff-Bürrro, dessen Zeitgenosse zu sein micii vor dem 
Einschlafen hinwirft und vor dem Aufstehen lähmt, versendet auch 
Theaterkritiken, freilich nur wenn es sich um Bombenerfolge 
handelt. So sonderbar die Möglichkeit ist, daß sich unter solchen 
Schreibfäusten Goethes »Egmont« befinde, versendet das Wolff- 
Bürrro eine Kritik der Aufführung am Berliner Hoftheater, 
eine halbamtliche Darstellung, die — anno 1916! — etwas 
von > pietätvoller Treue gegen Geist und Wort des Dichters* 
enthält, offenbar aber nur, weil der Egmont-Korrespondent der 
Meinung war, daß ein älteres Werk Qanghofers gespielt wurde. 
Die ,Vossische Zeitung' nun, auch ein Unternehmen, dem man sein 
Alter gar nicht ansehen würde, hat zu fragen gewagt, ob sie sich 
einer Störung des Burgfriedens aussetze, wenn sie sich diesmal 
nicht in voller Übereinstimmung mit dem Wolff-Bürrro befinde. 
Die Antwort ist noch unbekannt, man kann sich aber darauf 
verlassen, daß die Angriffe der feindlichen Kritik" inzwischen 

mühelos abgewiesen wurden. 

* * 

« 

Der Unerschöpfliche 

Das Massenprinzip des modernen Krieges, das auch im 
modernen Hinterland zur Geltung kommt, wird durch die Häufig- 
keit und Unerschöpflichkeit des Hugo Heller anschaulich gemacht. 
Kürzlich hat in sämtlichen Rubriken unseres Lieblingsblattes, dessen 
Setzern vor ihrer Unentbehrlichkeit bange werden mag, ein so sinn- 
loser Verbrauch, eine solghe Vergeudung von Hugo Heller geherrscht, 
daß der erschöpfte einfache Mann, der die Theaterrubrik zu be- 
dienen hatte, es war ihm eben schon alles egal, schließlich auch 
noch zu einem Gottfried Heller-Abend eingeladen hat. So kann's 
nicht lange mehr weiter gehen. Einmal muß doch der letzte Heller 

ausgegeben sein! , • 

» 

Shaw ist sechzig, Trebitsch gratuliert 

Heute bist du also sechzig Jahre alt geworden, Bernard Shaw ; 
und mir ist leider Jeder trauliche Weg versperrt, dies dir gegenüber 
anzumerken, ich muß es vor aller Welt tun oder sein lassen. 

Das sind die Nachteile der Kriegführung. Aber warum im 
Zweifclsfalle es nicht sein lassen? 



48 — 



Am 1 . August 1914, als das gigantische Unheil schon im Zuge war, 
im Zuge aus Ostende nach der Heimat 

erhielt ich das letzte große Freundschaftszeichen aus Fremdland: 
deine Büste von Meister Rodin, die du mir mit gütigen Worten gestiftet 
hast. Nun stehe ich vor diesem ewigen Werk und blicke in deine Züge: 
Ja, so siehst du aus und so bist du. . . . Versteher, aber auch zugleich 
Verkenner des Wunderreiches Deutschland, das deine geistige Heimat 
ist und bleibt, du Fortinbras aus Dublin, protestierender 
Protestant. Du bist kühn für uns eingetreten, da du uns 
kanntest, und du hast mit dem belauernden, weithinklingenden Worte 
allzuschnell auch gegen uns gesprochen .... Du gabst uns dein Werk 
und das geben wir nicht mehr heraus. Es hat uns 
reicher gemacht. Du bist ein Freund. Ich grüße dich und deine Jugend, 
und hoffe dich wiederzusehen ; denn schon dämmert im 
Osten der Tag. 

Wer sagt das? Mit der Dämmerung haperts. Aber das 
Qeburtstagsversprechen, das Werk des Herrn Shaw nicht mehr 
herauszugeben, könnte gehalten werden. 



Etsch I 

[Papiermangel in Frankreich.] Aus Amsterdam wird gemel- 
det : Nach einem hiesigen Blatte melden die , Times' aus Paris : 
Die französischen Blätter beschlossen, Papier zu sparen. Sie werden 
an zwei Tagen der Woche nur mit zwei Seiten Text erscheinen, an den 
übrigen Tagen wie gewöhnlich. 



Der Fall 

Wien, 23. September. (Unfall eines Passanten.) Die Hausbesor- 
gerin Anna Pauer war beim Bezirksgericht Josefstadt angeklagt, am 13. 
Februar d. J. trotz herrschenden Glatteises vor dem Hause Operngasse 2 
das Pflaster nicht bestreut zu haben, so daß der Kommerzialrat Eugen Marx 
stürzte und sich eine schwere Verletzung zuzog. Herr Marx war gegen 
Mittag von Hütteldorf in die Stadt gekommen. Er hatte eben die Straßen- 
bahn verlassen und wollte durch die Operngasse in die Singerstraße 
gehen. Beim Hause Operngasse 2 rutschte er infolge des Glatteises aus 
und zog sich — 

Nur eine vielleicht unbescheidene Frage, die aber von der 
Sorge diktiert ist, daß bei dem herrschenden Mangel an Papier 
und mit Rücksicht auf die durch den Krieg bewirkte besondere 
Inanspruchnahme aller Arbeitskräfte wie auch wegen der vielfachen 
Ablenkung des Interesses auf jene, die seit dem 1. August 1914 



49 — 



nicht mehr Gelegenheit haben, vor dem Hause Operngasse 2 zu 
fallen, tunlichst das Wissenswerteste in knappster Form mitgeteilt 
werden möge — nur die vielleicht unbescheidene Frage: Ist zur 
Beurteilung des Falles, nämlich sowohl des Falles des Kommerzial- 
rates Eugen Marx vor dem Hause Operngasse 2, also des Unfalles 
wie des juristischen Falles, nämlich, ob die Hausbesorgerin Anna 
Pauer fahrlässig gehandelt hat, das Moment relevant oder gar 
unentbehrlich, daß der Kommerzialrat Eugen Marx, ehe er vor 
dem Hause Operngasse 2 zu Falle kam, gegen Mittag von 
Hütteldorf, just von Hütteldorf in die Stadt gekommen war, 
eben die Straßenbahn verlassen hatte und durch die Opern- 
gasse in die Singerstraße, gerade in die Singerstraße gehen 
wollte? Sollte es nicht der Fall sein, nämlich der Fall, daß 
es zur Beurteilung des Falles und des Unfalles relevant oder gar 
unentbehrlich ist, so würde ich mir mit Rücksicht darauf, 
daß jetzt Krieg ist, j^ ^«\«i^k««U« :4jtji. ^v«- ^-^ - 

Anregung erlauben, daß das uns allen teure Pflaster von Wien, schon 
um der Einheitlichkeit willen, in künstliches Glatteis verwandelt werde, 
damit jene, deren Beruf es ist, die Gehirne mit interessanten Tat- 
sachen zu füttern, und jene, die das gern haben, wenn schon 
nichts anderes vom Krieg, wenigstens die Leidensgeschichte des 
Kommerzialrats Eugen. Marx mit allen Details erleben, ohne 
daß es aber, wegen Verhinderung der Berichterstatter in die 
Zeitung kommt — o meine Bürger, welch ein Fall war' das, da 
fielet ihr und ich, wir alle fielen und über uns frohlockte blut'ge 
Tücke ! 



Et hoc meminisse juvabit 

— Der General-Gendarmerieinspektor G. d. I. Tisljar v. Lentulis 
besuchte Sonntag mit Frau und Tochter das Atelier des Malers 
Tom V. Dreger. 



50 — 



Ein Gewinn 

Der steirische Dichter Ottokar Kernstock wird mit Ende dieses 
Monats nach Wien übersiedeln. 



Ein Verlust 

[Ein Autographenalbum,] das Widmungen, Kompositionen und 
poetische Beiträge zahlreicher Mitglieder des Wiener Männergesang- 
vereines enthält, ist im Monat Juli dieses Jahres einem unrichtigen 
Boten übergeben worden und seither unauffindbar .... 



Ein Symptom der Entspannung 

[Kunstwanderungen.] Dr. Ludwig W. Abels wird in diesem Winter 
nach zweijähriger Pause wieder seine Vorträge und Kunstwanderungen 
aufnehmen. 



Ein Plan 

[Das belgische Problem.] Donnerstag den 28. d. will Professor 
Dr. Friedrich Hirth in einem Vortrage, der in der > Urania« stattfindet, 
zeigen, daß die bisherige Stellung und Gestaltung Belgiens den Frieden 
Europas immer aufs schärfste bedrohte und hier seit Jahrhunderten der 
Keim für blutige Verwicklungen gelegt war und nur die dauernde Be- 
freiung Belgiens von französischer und englischer Abhängigkeit, in der 
dieser Pufferstaat immer stand, Europa den längst ersehnten Frieden 
bringen könne. 



Der Ausweg 

Berlin, 14. September. (,Voss. Ztg.') Die Offiziere des vierten 
griechischen Korps, das sich — wie berichtet — unter deutschen 
Schutz begeben hat, werden von ihren Familien begleitet werden. Die 
Offiziere wollen dadurch verhüten, daß ihre Frauen und Kinder, dank 

der Entente, verhungern. 

* » 

* 

Krieg ist Krieg 

Baron Burian sagte ferner: .... Rumänien hätte gern die Zeit 
abgewartet, wo unsere Feinde uns ganz niederbrachen, 
um sich dann ohne Gefahr auf die Beute zu stürzen. 

Ein Transitivum, das wohl durch die Translation aus dem 
Transleithanischen entstanden ist. Ach, die Sprache ist immer die 
Beute, auf die sich der Feind ohne Gefahr stürzt. 



51 



Nur keine Fremdwörter! 

. . . Trotzdem hat der hohe bulgarische Offizier seine 
Tätigkeit in der Alctivität beim Eintritt Bulgariens in den 
Weltkrieg sofort aufgenommen. 

Ich bitte pardon um Verzeihung: seine Tätigkeit in der 
Tätiglceit ! 



Derzeit 

Budapest, 7. August. 

Emmerich Ivanka, gegen den gegenwärtig in Preßburg ein Militär- 
lieferungsprozeß im Zuge ist, hat den Entschluß gefaßt, auf sein Ab- 
geordnetenmandat zu verzichten. Ivanka ist derzeit mit der Abfassung 
seines Resignationsschreibens beschäftigt. 

Hoffentlich war es fertig, ehe die Depesche eingetroffen ist. 



Von Ihnen, von mir, bisher und bishin 

»Geehrte Redaktion! 

Die von Ihnen für die von mir geleitete Zen- 
tralstelle der Fürsorge für K r i e g s f 1 ü c h t 1 i n g e 
eingeleitete Sammlung hat gestern ein Ergebnis von mehr 
als einer halben Million Kronen ausgewiesen. 

Ich benütze diesen Anlaß, um Ihnen für die den von 
mir geleiteten Flüchtlingsfürsorge-Institutionen 
in entgegenkommenderweise geleistete wertvolle 
journalistische Unterstützung den herzlichsten und auf- 
richtigsten Dank zu sagen. 

An meinen Dank knüpfe ich gleichzeitig die ergebene Bitte, 
mir diese Unterstützung auch weiterhin gütigst angedeihen zu 
lassen. — - 

— — daher der angenehmen Hoffnung h i n, daß die große 
Öffentlichkeit wie bisher auch weiterhin in ihrer während dieses 
Krieges so oft bewährten — — mit Ihrer gütigen Mithilfe der Zentral- 
stelle die Möglichkeit gewähren wird, den bisher geübten Brauch 
fortsetzen zu können. ■ — — * 

Das unterschreibt ein Gemeinderat, heißt Doktor gar und 
wundert sich dann noch, daß es Flüchth'nge gibt. 



— 52 — 

Ein Reiseabenteuer 

Ich hatte, weit weg von dieser Region, im Ausland, einen 
Monat an nichts derlei gedacht. Da fällt mir irgendwo auf einem 
Bahnhof ein Morgenblatt — o Heimat! — in die Hand un8 mein 
Blick auf die Stelle: 

Wie alljährlich, so auch heuer — — Oberrabbiner Schnur hielt 
eine — — 

Man kann sich vorstellen — nein, ich verrate nichts über 
meine Aufregung. Im Leitartikel stand, man kann sich vorstellen. 
In jenem Morgenblatt, immer, wie alltäglich so auch heute. 
Also kann man sich vorstellen. 



Thau aus Stanislau, derzeit Vöslau 

[>Der Weltkrieg in der Prophetie Daniels.«] Der 
Kaufmann Paisach Thau aus Stanislau, derzeit Vöslau-Gainfarn, 
hat eine Abhandlung »Der Weltkrieg in der Prophetie Daniels« an die 
Kabinettskanzlei des Kaisers und an den Chef des Generalstabs, General- 
obersten Freiherrn von Conrad, eingesendet und von beiden Stellen 
Dankschreiben erhalten. Der E*r lös des dritten Teiles der 
Abhandlung ist dem k. u. k. Oesterreichischen Militär-Witwen- und 
Waisenfonds gewidmet. 

Also bitte, das ist der einzige Thau, dem die Deutschen 
das h gelassen haben! • • 

Eine neue Erleichterung 

[Teilung der Zweikronennoten.] Der drückende Mangel 
an Kleingeld, der eine Folge des Krieges ist, hat das Publikum zur Selbsthilfe 
veranlaßt. Im Verkehre werden vielfach die Zweikronennoten in mehrere 
Teile zerschnitten und mit diesen Noten kleine Zahlungen geleistet. Das 
hatte bisher eine Entwertung zur Folge, weil die Oesterreichisch-ungarische 
Bank — — Durch eine kürzlich erflossene Verfügung werden aber 
sämtliche Hauptanstalten und Filialen der Oesterreichisch-ungarischen 
Bank angewiesen — — 

Speisevorschriften werden erlassen, aus Gram zerreißen 
sie ihre Zweikronennoten, wenn sie jetzt noch Asche auf ihr 
Haupt streuen und die Österreichisch-ungarische Bank diese an 
Zahlungsstatt nimmt, so wird der Rachegott im Leitartikel, der 
täglich über die Plagen und die Heimsuchungen und die Stim- 
mungen der Feinde Buch führt, sagen, daß es gut sei, und wird 
jenen zum Munde sprechen, die da gern im Schweiße ihres An- 
gesichts ihr Brot essen möchten, wenn sie sicher wären, daß sie es 
auch kriegen, von Butter gar nicht zu reden und auf Fleisch ver- 
zichtet man sowieso. 



53 — 



Wie Tier und Pflanze durchhalten 

[Die Wirkung der Gasangriffe auf Tiere.] In 
der Jagdzeitung ,Wild und Hund' macht Leutnant Toews Mitteilung von 
einer Beobachtung, wie giftige Gase auf Kleinwild wirken. Bäume und 
Sträucher litten stark unter den Phosphor- und Chlordämpfen, die vom 
Feinde mehrere Stunden lang zu unseren Schützengräben herübergeschickt 
wurden und wie ein dichter Nebelschleier sich auf das Land legten. 
Die Blätter vertrockneten und die Blumen ver- 
dorrten. Dagegen waren die Tiere widerstandsfähiger, 
ihnen schadet das Gas anscheinend gar nicht. Die in unmittelbarer Nähe 
der vordersten Gräben vorhandenen zahlreichen Feldhühnervölker zeigten 
nach dem Abziehen der Dämpfe keinerlei Veränderung in ihrem Verhalten, 
weder die Alten noch die Jungen, die unsere Feldgrauen 
im Geiste schon lieblich in der Pfanne schmurgeln sehen. 
Auch die Hasen und Kaninchen hatten siegreich demAngriff 
getrotzt, so daß auch von ihnen manches Exemplar 
in das Einerlei der Küche unserer Soldaten eine willkommene Abwechs- 
lung bringen wird. Ebenso trugen die Hunde keinen Schaden davon. 

Der in Mannheim soll sogar, als man ihm die Sache aus- 
einandersetzte, gesagt haben: »Buckelsteigen!« Er sagt es, sooft 
sich ihm ein Universitätsprofessor nähert, um ihn zu prüfen. 
Er wird es, solange diese Sachlage andauert, immer sagen. Die 
Erde ist jetzt eine große Hundsgrotte, in der das bei Neapel 
verbotene Experiment wiederholt wird. Ja, es ist ein chlorreicher 
Krieg! Was durchgehalten hat, dient dem Durchhalten. Die 
Blumen sind vertrocknet. Doch die Blätter — nein, die ver- 
dorren nicht ! 



Gott, Deine Wunder sind groß! 

[Moderne Geschwindigkeit.] Das neueste technische 
Kunststück ist, Fichtenbäume innerhalb 12 Stunden in Papier zu ver- 
wandeln. Des Morgens um '/2 6 Uhr wurden zwei grünende Fichten ge- 
fällt. Die Stämme wurden sofort in der Fabrik entrindet, zerkleinert und 
gleich darauf gedämpft. Nachmittags ward dann das braune gedämpfte 
Holz zu Holzstoff geschlissen, die nassen Bogen wurden mit Dampf 
getrocknet, und geglättet; schon um 3 Uhr war ein Teil des Papieres 
fertiggestellt und um 5 Uhr konnte es unter die Presse des Buchdruckers 
gebracht werden. Die Fichten, die noch vor kurzem sich am Abhänge 
des romantischen Fhöhatales im Morgenwinde wiegten, waren am Abend 
schon — Zeitungsblälter! 

Auf diesem Gedankenstrich will ich balancieren und vor 
dem Ziel schwindelnd — kopfüber in die Unendlichkeit ! 



— 54 



Memoiren 

Bang war das Herz. Mit ahnendem üemüthe 
sah ich ins Land, als mir der Frühling blühte. 

Vor jedem Schritte stand als Schicksalswende, 
ob morgen in der Schule ich bestände. 

Soweit die Rätsel von zehn Jahren reichen, 
ward alles da von allem mir zum Zeichen. 

Als sie zum erstenmal die Liebe nannten, 
löst' ich die Gleichung mit der Unbekannten. 

Erfüllt von Lust war's, auf die Lust zu warten. 
Durch alle Gitter sah ich in den Garten. 

Von allen Seiten sah ich in die Stunde: 

um ein Geheimnis ging ihr Gang die Runde. 

Nachts sitzt ein Ding, das fiebrig mich befühlt, 
auf meiner Brust, die sich ins Chaos wühlt. 

Was ist es nur, das so mit Zentnerlast 
mir alle Sinne gleich zusammenfaßt, 

daß ein Geräusch mir ein Gesicht erschließt, 
Geschmack und Tastsinn mir zusammenfließt? 

Das war die Botschaft aus dem neuen Land; 
der Teufel war vom Leben vorgesandt. 

Will heute ich, daß ich ein Kind noch sei, 
schnell, eh' ich einschlaf', ruf ich ihn herbei. 

Doch aller Ängste heiliges Wunder du — 
ich schloß die Hölle mir von innen zu. 

Ich schmeckte aller Zweifel Süßigkeit, 

ich schuf die Hemmung, wenn das Ziel noch weit. 

Daß ich zu ihm mein Leblang nicht gelange, 
lud zum Verweilen eine Kletterstange. 



— 55 — 



Schon vor dem Kuß der Seligkeit entbunden, 
hab' nie zur l^ahlen Endlichkeit gefunden. 

Zu eurem Schein, der nur was ist begreift, 
ist nie mein Glück der Scheinbarkeit gereift. 

Ihr habt nur, was ihr habt, kurz ist die Weile, 
dieweil ich mir die Ewigkeit verteile. 

Ihr zehrt von des Geschlechtes Proviant. 
Verflucht zum Mannsein» seid ihr gleich entmannt. 

Verwesung weist mir eures Samens Spur, 
verbraucht im Kreuzzug gegen die Natur. 

Entweibtes, das im Schlaf ich schauen mußt', 
ein Zug von Leichen folgte eurer Lust. 

Jetzt tönt die Glocke zu dem Hochgericht, 
jetzt blitzt ein Blitz aus tragischem Gesicht. 

Im Wolterton unendlich ruft von hinnen 
die Klage Shakespearischer Königinnen. 

Nicht länger zögernd, Zeuge muß ich sein! 
Laßt mich durch dieses Tor zum Richter ein, 

daß ich für Gottes Absicht mich verbürge 
und endlich doch einmal den Teufel würge! 

Viel totes Leben drängt sich an der Pforte, 
hier wimmern Weiber und hier weinen Worte. 

Wer wehrt mir? Weh, wer stellt mir Hindernisse, 
Natur zu heilen von dem blutigen Risse? 

Da hat es mich und sitzt mir auf der Brust! 
Und macht der armen Kindheit mich bewußt, 
im Lohn der Last und in dem Leid der Lust. 



— 56 — 



Notizen 

Das zweite Goethe-Zitat über Hunde (Nr. 431—436, S. 12) 
ist zu streichen. Goethe erscheint, wiewohl er im ersten das Tier 
über den Menschen erhebt und auch im richtig gestellten zweiten 
den Menschen nicht über das Tier erhebt, keineswegs als Hunde- 
freund, Eine hämische Zuschrift klärt mich darüber auf: 

Goethe bei Kraus: Goethe allein: 

> Wundern kann es mich nicht, | »Wundern kann es mich nicht, 
daß Manche die Hunde so i daß Menschen die Hunde so 
lieben.« lieben, 

denn ein erbärmlicher 
Zitiert i. d. Fackel Nr. 431— 436, Schuft ist ja der Mensch 
pag. 12. I wie der Hund.« 

Es hat sozusagen mit Verlaub den Anschein, als ob die zweite 
Zeile des Distichons nicht ganz unwesentlich und selbst das gebrachte 
Fragment ungenau zitiert wäre. Hm? Ein »Pedant«. 

Der »Pedant« ist keiner und hat recht. Unrecht nur mit dem 
angedeuteten Vorwurf, daß die fragmentarische und im Wortlaut 
falsche Zitierung Absicht sei. Die wäre zu dumm. Der Verdacht 
würde auch Schopenhauer treffen, mich trifft nur der Vorwurf einer bei 
der Übernahme der Schopenhauer-Fülle verzeihlichen Nachlässigkeit. 
Es hat damit die folgende Bewandtnis. Das Goethe-Zitat war nicht 
aus Goethe — das wäre freilich eine hirnverbrannte Fälschung — , 
sondern aus Schopenhauer entnommen. Im Namen- und Sach- 
register, das dem IV. Nachlaßband (Neue Paralipomena) der 
Reklam'schen Ausgabe beigeschlossen ist, findet sich auch ein Hinweis 
auf die Seite 474, die schon zum bibliographischen Anhang gehört. 
Dort heißt es gelegentlich der Berichtigung eines Druckfehlers: 

Zu dieser Stelle hat Schopenhauer an den Rand 
geschrieben: 

Wundern kann es mich nicht, daß Manche die Hunde so lieben. 

Goethe. 

Genau so steht es dort, nicht mehr als dieses Bruchstück, 
und mit der Version »Manche«. Schopenhauer mußte, da es ihm 



— 57 — 

nur ein Erinnerungsbehelf war, nicht ausführh'cher sein. Ich aber 
konnte glauben, daß es ein abgeschlossenes Goethe-Zitat sei. Die 
Lektüre des § 594, auf den sich die bibliographische Notiz 
bezieht, hätte mich darauf aufmerksam machen können, daß 
Jener Text nicht den Sinn abschließen soll. Denn es heißt 
dort: ». . . als ob die Menschen ihre Freundschaft nach dem Wert 
und Verdienst verschenkten! als ob sie nicht viehnehr ganz und 
gar, wie die Hunde wären, die den lieben, der sie streichelt oder 
gar ihnen Brocken gibt, und weiter sich um nichts bekümmern!« 
Diese Meinung, die den Menschen mit dem Hund vergleicht, um 
ihn herabzusetzen, steht recht im Gegensatz zu allem, was Schopen- 
hauer sonst über Hunde geschrieben hat, wie die Fülle der Zitate 
im letzten Heft klar genug beweist. Somit könnte auch Goethe 
über Hunde anders gedacht haben als in jenem vervollständigten 
Zitat, und gewiß ist ihm durch die Imputierung eines hunde- 
freundlichen Standpunkts kein sittliches Unrecht geschehen. Schopen- 
hauers wörtlich übernommene Randbemerkung beweist, daß keine 
Absicht dabei im Spiel war. Mit seinem gleich darnach zitierten 
Epigramm : 

Wundern darf es mich nicht, daß Manche die Hunde verleumden, 
Denn es beschämet zu oft leider den Menschen der Hund 

wollte Schopenhauer nicht Goethes Ansicht fortsetzen, sondern 
gegen sie auf das allerschärf ste und persönlichste polemisieren. 
Ich hatte den Titel »Antistrophe zum 73sten Venetianischen 
Epigramm« (Parerga II.) nicht genügend beachtet und mich 
deshalb auch nicht veranlaßt gesehen, das 73 ste Venetianische 
Epigramm im Original zu lesen. In der Cotta'schen Ausgabe von 
1840 erscheint es als das 74 ste und lautet: 

Wundern kann es mich nicht, daß Menschen die Hunde so lieben ; 
Denn ein erbärmlicher Schuft ist, wie der Mensch, so der Hund. 

(Somit gäbe es über dem »Pedanten« noch eine Instanz.) Es 
ist nun ganz klar, daß Schopenhauers Wort nicht, wie es bei bloßer 
Übernahme der Randbemerkung den Eindruck machen mußte, 
die Fortsetzung eines Goethe'schen Motivs ist, sondern ein vehe- 
menter Einspruch — umso auffallender, daß Schopenhauer die 
ihm doch geläufige Goethe'sche Meinung eben damals wieder zur 
Bekräftigung der eigenen, menschen- und hundefeindlichen, sick 
notiert hat. Dort also, wo Schopenhauer ein herbes Wort 



58 — 



über Hunde hinschreibt, läßt er durch unvollständiges Zitieren 
Goethe als Hundefreund erscheinen. Damit treten weder er noch 
ich, der den Text einfach wiederholt hat, Goethe zu nahe, viel weniger 
nahe als sonst Schopenhauer, der Goethe geradezu als einen von jenen 
»manchen« Hundeverleumdern anspricht, die sich vom Hunde be- 
schämen lassen müssen. Diese Meinung soll nicht übernommen, aber 
jedenfalls muß darauf verzichtet werden, Goethe als Zeugen für die 
Hunde anzurufen. (Womit er natürlich noch bei weitem kein Zeuge 
für Herrn Großmann geworden ist, dem ja die zweite Zeile des 
Goethe'schen Epigramms auch nicht passen dürfte.j Daß sich zu 
diesem Amt, vor Gottes Thron das Tier ins Recht zu setzen, sonst 
noch jeder außerordentliche Mensch tauglich und willig gezeigt 
hat, wird kein Pedant in Abrede stellen, der vielleicht der Meinung 
ist, nun sei Schopenhauers Hundeliebe (die nur einmal dem 
Menschenhaß weichen muß) durch ein Goethe-Wort erledigt, 
während in Wahrheit Goethes Hundehaß durch ein Schopenhauer- 
Wort getroffen ist. Da seine Zeugenschaft entfällt, -ist für Ersatz 
zu sorgen. Und ein guter ist bereit. Von seinen Hunden, 
Sultan und dessen Vorgänger Tyras, erzählt Bismarck (nach Hans 
Blum): 

»Wenn ich verreiste, so suchte er mich überall mit großer 
Traurigkeit. Endlich ergriff er dann zu seinem Tröste .meine weiße 
Militärmütze und meine hirschledernen Handschuhe, trug diese in den 
Zähnen in mein Arbeitszimmer und blieb dort, mit der Nase an meinen 
Sachen, liegen, bis ich wiederkam. — Auch der alte Tyras war sehr 
intelligent und treu. Wenn ich nach dem Reichstag ging, so nahm ich 
den Weg durch den Garten hinter dem Reichskanzlerpalais, öffnete hier 
die Pforte nach der Königgrätzer-Straße, drehte mich gegen Tyras um, 
der mich bis dahin vergnügt begleitet hatte, und sagte bloß: 
Reichstag! Sofort ließ der Hund Kopf und Schwanz 
hängen und zog niedergeschlagen von dannen. 
Einst hatte ich meinen Stock, den ich auf die Straße nicht mitnehmen 
konnte, da ich in Uniform ging, an die Innenmauer des Gartens 
gestellt, ehe ich durch die Pforte schritt. Nach vier Stunden kam ich 
aus dem Reichstag zurück. Tyras begrüßte mich nicht beim Eintritt ins 
Haus, wie sonst stets, und ich fragte daher den Schutzmann, wo der 
Hund sei. Der steht seit vier Stunden hinten an der Gartenmauer und 
läßt niemand zu Euer Durchlaucht Stock, erwiderte der Mann. Ein 
andermal ging ich in Varzin in Begleitung von Tyras spazieren und sah 
auf einer Karre eine Fuhre Holz liegen, die ich für gestohlen hielt, 
weil sie aus grünem Holze gehauen war. Ich gebot dem Hund, bei 
der Karre zu bleiben, und entfernte mich, um jemand zu holen, der 



59 — 



die Sache aufklären könne. Als ich zurück sah, gewahrte ich aber, daß 
Tyras mir leise und geduckt nachschlich. Ich kehrte zurück und legte 
meinen Handschuh auf die Karre. Da blieb Tyras dort stehen wie ange- 
wurzelt.« — Über das Ende des tüchtigen Tieres erzählte dann der 
Fürst: »Tyras ist an Altersschwäche eingegangen. Einen Tag vor 
seinem Tode war er schon so steif, daß ich ihn wie einen Hammel 
von oben (dem ersten Stock in Varzin) in mein Arbeitszimmer 
tragen lassen mußte. Dann, als ich nach Hause kam, wedelte er noch. 
Das nächste Mal, an seinem Todestage, konnte er auch nicht mehr 
wedeln und gab nur durch seinen Ausdruck zu verstehen, daß er mich 
erkannt habe. Während ich dann am Tische schrieb, sah ich ihn 
plötzlich in mein Schlafzimmer sich schilpen und gleich darauf sagte 
mir der Diener, der ins Schlafzimmer getreten war: Der Tyras liegt 
tot ausgestreckt im Schlafzimmer.« 



Aus der Fülle der Gesichte und Gerüchte, die noch immer 
den Postweg nicht scheuen, um zu mir zu gelangen, und gegen 
die nur mehr die Hoffnung des verteuerten Portos bleibt — ein 
Angebot: 

Verzeihen Sie, daß ich mir die Freiheit nehme, an Sie mit einem 
Ersuchen heranzutreten. Ich biete mich mit diesem Schreiben als 
Literaturkritiker für Ihre geschätzte Zeitschrift an 
und bin sehr gerne bereit, jede Gattung (Lyrik, Epik, Drama- 
tik) streng künstlerisch-ästhetisch zu vertreten. Als akademisch 
Gebildeter bin ich speziell auf dem Gebiet der 
modernen Literatur besonders vertraut. Ich habe 
bereits mehrere eigene Gedichte veröffentlicht, ferner Buchbesprechungen 
im >Merker<, bin in Verbindung mit Ernst Lissauer 

und gegenwärtig — in Sachen meines Dramas — 

mit dem Kritiker des > Literarischen Echos« Hans Franck. 

Sollten Sie auf meinen Vorschlag eingehen, würde es mich 
ungemein freuen und ehren. Ich stehe jederzeit zu Ihrer Verfügung und 
bin hochachtungsvoll Ihr ergebener 

Ich schwanke noch. Daß er als akademisch Gebildeter 
speziell auf dem Gebiet der modernen Literatur besonders ver- 
traut ist, hat viel für sich. Er scheint sich auszukennen. Er scheint 
vor allem ein gründlicher Kenner der Fackel selbst zu sein. Er 
hat für den »Merker« geschrieben, das ist gut. Daß er in 
Verbindung mit Lissauer ist, ist ein Vorzug, so etwas suche 
ich schon lange. Auch hat er sich in Sachen Seines Dramas bereits 
mit Franck verständigt, vom Literarischen Echo. Das kann 



60 



mir auch nützen. Die Sache hat viel für sich. Ich will es über- 
schlafen. Er soll sich beim Portier die Antwort holen, ob er auf- 
genommen ist. 



Vorlesung im Kleinen Konzerthaussaal, 18. September: 
I. Grenzen der Menschheit / Die Welt als Vorstellung / Händler 
und Helden / Jetzt ist Krieg / Sie exzediert schon / Zur Darnachachtung / 
Alles was recht is — da gibts nixl / Was gibts Neues? / Ein Nach- 
ruf / Der ruhmlosere Abschluß / Wie die Franzosen vor Neid zersprangen / 
Metaphysik der Schweißfüße / -Drückeberger in Frankreich« usw. / Die 
europäische Melange / Fleisch und Blut / Von einem Mann 
namens Ernst Posse / Lichnowsky und Barnowsky / 
Diplomaten. II. Gruß an Hofmannsthal / Eingedeutschtes / Papier- 
mangel in Österreich / Beim Anblick einer Schwangeren / Dialog 
der Geschlechter / Vor dem Höllentor. III. Blutunterlaufungen / 
Die F u n d V e r h e i m 1 i ch u n g / Gebet an die Sonne 
von Gibeon. 

Ein Teil des Ertrages wurde Vereinen für Kinderschutz und für 
Tierschutz zugewendet. 



Vor Beginn dieser Vorlesung soll im Vestibüle eine Schrift 
»Karl Kraus« verkauft worden sein. Der Vorleser, der davon erst 
am andern Tag erfahren -hat, also verhindert war, auf der Stelle 
ein Kolportageverbot zu erlassen und für dessen Durchführung 
durch Saalbedienstete zu sorgen, fürchtet nicht, daß die Käufer 
der Schrift ihn der Mitwissenschaft und Begünstigung des Unter- 
nehmens für fähig halten könnten. Immerhin muß er, der nie 
geduldet hätte, daß sein eigener Verleger solch gute Gelegen- 
heit, seine eigenen Bücher an den Mann zu bringen, benütze, 
seine Ahnungslosigkeit ausdrücklich feststellen und die Versicherung 
abgeben, daß eine Wiederholung der Begebenheit ausgeschlossen 
ist. Der Unternehmer selbst wird nicht behaupten, daß eben das, 
was auf meinem Rücken geschehen sollte, nicht aiKh hinter meinem 
Rücken geschah. Aber die Feststellung ist eine tatsächliche Berichti- 
gung des kommenden Gerüchtes, ich hätte einmal vor einer Vor 
lesung eine Lobschrift über mich verkaufen lassen, ist also zum Schutz 
gegen jene Talente geboten, die sich erfahrungsgemäß immer dann, 
wenn sie keine Gegenliebe finden, mit der Legende rächen. Noch in der 
Schweiz trat sie mir heuer entgegen und behauptete, ich hätte mir 



61 



einst in Berlin »ein eigenes Bureau zur Rel<lame für mich gehalten«, 
und ich mußte auch tatsächlich zugeben, daß ich seinerzeit den 
Fortbestand eines Berliner Bureaus mit großen Opfern ermöglicht 
hatte und unter der ausdrücklichen Bedingung, daß die dort heraus- 
gegebene Zeitschrift meinen Namen nicht nenne, ja selbst die 
Zitierung der Fackel im Zeitschrifteneinlauf oder in einer Annonce 
unterlasse. Ich konnte also das Semper aliquid haeret wieder 
einmal nicht abstreiten. Der neue Verlag meiner Schriften hat die 
kontraktliche Verpflichtung übernommen, sich jedes Rezensions- 
exemplars zu enthalten, womit aber nicht völlig auch die Möglichkeit 
beseitigt ist, daß einer, dem es verweigert wurde, einmal erzähle 
oder drucke, ich hätte es ihm aufdrängen wollen, und das eigene 
Bureau in Leipzig sei zur Reklame für mich errichtet. In der 
Metropole des literarhysterischen Betriebs hatte ehedem einer, 
natürlich ein unglücklich Verliebter, mit der Enthüllung Sensation 
gemacht, ich sei einmal im Literaturcafe »schmunzelnd dagesessen« 
und hätte beobachtet, wie der Ansichtskartenautomat gegen Einwurf 
einer Münze mein Porträt herausgab oder dergleichen. Der Fall 
wurde von einem Fachmann untersucht und es stellte sich heraus, 
daß ich, der tatsächlich ein paar Mal studienhalber in jene Hölle 
geraten war, vermutlich einmal schmunzelnd dasaß, aber nicht in 
Hinblick auf den Automaten, der entweder nicht vorhanden war 
oder von dessen Existenz ich nichts wußte, sondern vom heitern 
Staunen über die Fülle der Gesichte und über das Pathos des 
Drecks, zu dem man mit der Untergrundbahn gelangen konnte. 
Seit jenem Ereignis, das umso mehr Staub aufgewirbelt hat, je 
klarer sich herausstellte, daß ich daran unbeteiligt war, habe ich 
jeden einzelnen der tausend Verehrerbriefe, die aus der Gegend 
der strammen Neurasthenie kamen, um meiner bekannten Eitelkeit 
zu schmeicheln, unbeantwortet gelassen und keiner der tausend 
Zeitschriften, die dort aus der Verbindung von Expressionisten 
und Koofmichs entstehen, das erbetene Tauschexemplar 
bewilligt. Man schützt sich, so gut man kann. Wenn aber zehn 
Minuten vor Beginn einer Vorlesung, zu der ich nicht durch 
das Vestibüle gelange, eine enthusiastische Broschüre über mich 
verkauft wird, weil die Gelegenheit günstig ist und der Holunder- 
strauch ihn mir verbirgt, kann ich nur die Wiederholung solcher 
Teiltaten verhindern. Die Diener, die bloß auf die Hintanhaltung 



62 



von Eeextraausgabeeen dressiert sind und vielleicht aus dem Titel 
auf Erlaubnis oder gar Wunsch des Veranstalters geschlossen 
haben — worauf das Unternehmen wohl auch gegründet war — , 
sind angewiesen, solche Zugabe zum Programm künftig zu 

vereiteln. 

* 

Nachschrift: Die Untersuchung des Falles hat, wie gerne 
festgestellt wird, ergeben, daß der Verkäufer keineswegs auf die 
Unwissenheit der Dienerschaft spekuliert hat. Er hat sich vielmehr 
offen und ehrlich auf meinen Auftrag berufen. 



Bibliographisches. , Der Abend' (Wien, 25. Sept.) 
>Karl Kraus. Ein Eindruck.« — .Arbeiter-Zeitung' (Wien, 26. Sept.) 
»Vorlesung Karl Kraus.« 



Das Gedicht »Sendung« (S. 72) ist das letzte aus dem Buche 
>Worte in Versen«. 



Vorlesung im Kleinen .Konzerthaussaal, 3. Oktober: >D i e 
lustigen Weiber von Windsor«. Arrangement, Musik und 
Programmtext wie am 24. Mai. — Der gesamte Ertrag ist der k. k. 
n.-ö. Statthalterei zur Fürsorge für erblindete Soldaten überwiesen worden. 



Vorlesung im Kleinen Konzerthaussaal, 18. Oktober: 
I. Worte Luthers / Er war ein Mann, nehmt alles nur in allem / 
Der Krieg / Das Drama nimmt ungestört seinen Fortgang / Na alstern! / 
Trophäen / Teil sagt / Gruß an Bahr und Hofmannsthal/ 
Diplomaten. II. Man muß sich rein für England schämen / Die 
europäische Melange / Auch so leben wir alle Tage / Zur Darnach- 
achtung / Ein sonderbares Imperfektum / Weitere Folgerungen / Die 
Schalek und der einfache Mann / Das ist mein Wien, die Stadt der Lieder / 
Die Laufkatze. III. Worte in Versen: Elegie au.' den Tod 
eines Lautes; Die Grüngekleideten; Vor einem Springbrunnen; Aus 
jungen Tagen; Fahrt ins Fextal; An einen alten Lehrer; Memoiren; 
Gebet während der Schlacht. 



63 



Ein Teil des Ertrages wurde Vereinen für Kinderschutz und 
Tierschutz zugewendet. 

Die Verschiebung vom 14. auf den 18. Oktober war 
erfolgt, um den ungestörten Verlauf des an jenem Tage in 
j demselben Hause angesetzten Vortrags der Kriegsberichterstatterin 
zu sichern. 



In Nr. 431-436, S. 47, 20. Zeile werde anstatt »nicht wollen«: 
nicht wissen wollen, S. 87, 4. Zeile von unten anstatt »Häftec : Hälfte, 
S. 132, 9. Zeile anstatt »Metern« Kilometern gelesen. 

(»Betmann Hohlweg« auf S. 63, 11. Zeile von unten, ist kein 
Druckfehler.) 



Daß eine Seite der Fackel ihre Perspektive bewahrt, wenn 
sie ihrer stofflichen Voraussetzung und persönlichen Beziehung 
verlustig geht, wird zwar noch lange kein Stoff- und Namens- 
leser verstehen, aber es bestätigt sich an der in Nr. 431—436 ent- 
haltenen Glosse >Was in der Kriegsausstellung fehlt<. Man muß 
andere Namen einsetzen, damit sie wahr sei. Die Namen, die 
bis jetzt dort stehen, sind falsch, und jenseits der Berechtigung, 
auch das zu gestalten, was nur möglich, also mehr als wirklich 
ist, muß die Tatsache festgestellt werden, daß der Kriegs- 
krüppel des Gerichtssaalberichtes, den der Richter freigesprochen 
hat, nachträglich »polizeilich als Schwindler entlarvt« worden 
ist. Gericht und Polizei müssen es sich demnach auch unter- 
einander ausmachen, wie die ursprüngliche, für den Anzeiger 
so ungünstige Auffassung entstehen und verbreitet werden konnte. 
Sie beruhte auf der Stelle des Gerichtssaalberichtes: »Am 10. Juni d. J. 
kam der Kriegskrüppel in einer Korporalsbluse zu dem ihm von 
früher her bekannten Chemiker Seligmann .... und bat ihn mit 
Hinweis auf sein großes Elend um irgend eine Arbeit. Seligmann 
hatte bereits früher einmal gegen Friedberg eine Anzeige wegen 
unbefugten Tragens der Uniform erstattet und er ließ jetzt den 
Kriegskrüppel durch einen Wachmann verhaften.« Die danach mögliche 



64 



Frage, warum der Kriegskrüppel den Anzeiger nicht verhaften lasse, 
findet durch die nachträglichen Feststellungen, die den gericht- 
lichen Freispruch, die Tendenz des Berichts wie die verbreitete 
Auffassung des Falles berichtigen, eine wesentlich andere Antwort. 
Es ist aber auch nicht einmal wahr, daß er den angeblichen 
Kriegskrüppel, dem ein Richter nicht weniger Vertrauen geschenkt 
hat als der Zeitungsleser, wegen des Tragens der Uniform ange- 
zeigt hatte, und wahr ist nur, daß er ihm von früher als Schwindler 
bekannt war. Dem Anzeiger, der auch kein Armeelieferant ist, 
also nicht jenen Kreisen angehört, denen eine größere Strenge 
gegen Kriegskrüppel zuzutrauen ist, würde auch jetzt kein sub- 
jektives Unrecht geschehen sein, wenn er den nun der Polizei 
erschlossenen Tatbestand damals nicht gekannt hätte, wofür ja 
der Verlauf der Gerichtsverhandlung hinlänglich zu sprechen schien. 
Aber er hat es nur unterlassen oder versäumt, seine Kenntnis mit 
berechtigtem Nachdruck an Ort und Stelle durchzusetzen, und es 
steht außer allem Zweifel, daß ihn der Vorwurf der Grausamkeit 
nicht treffen kann. Der gegebene Fall bleibt auf das Übel einer 
Judikatur oder einer Berichterstattung beschränkt, die solchen 
Vorwurf ermöglicht hat. Daß die nie verlegene Realität, die meine 
Betrachtung so sehr nährt, daß sie fast wieder von ihr lebt, auch noch 
falsche Anlässe liefert, ist zu viel; nachdem dieser eine richtiggestellt 
ist, bleibt zu sagen: Wenn eine Tatsache, und noch dazu eine von 
einem Gerichtsurteil bestätigte, unwahr ist, so ist das Zitat nicht 
dafür verantwortlich. Wäre aber nicht allein der Prozeß lücken- 
haft gewesen, sondern der Bericht erfunden, so bliebe doch nur 
die Berichtigung des Falles zu besorgen, nicht seiner Möglichkeit 
Man kann das Grauen der europäischen Welt auch an den Anlässen 
darstellen, die falsch waren. Immer ist es da, auch wenn ein 
Polizeibericht einen Gerichtssaalbericht Lügen straft, und die 
einmal gesetzte Perspektive, von den Namen, die ihr die Unordnung 
eingesetzt hat, befreit, wartet auf die rechten. 



Der Verlag der Fackel kann die Vermittlung von wohltätigen 
Spenden nicht übernehmen. 21 Kronen, die mit unbestimmter 



65 



Weisung, aber unter einer nach dem Humor der ,Musitete' 
zuständigen Chiffre aus dem Feld eingelangt sind, und 100 Kronen, 
die mit der Bemerkung: »Zu wohltätigem Zweck« von einem 
freundlichen Leser aus Szepsi in Ungarn, dessen Name unleserlich ist, 
gesandt wurden, sind der Statthalterei zur Fürsorge für erblindete 
Soldaten überwiesen worden. Wer einen ähnlichen Wunsch wie jene 
beiden Spender hat und nicht dieanrüchige Vermittlung benützen will, 
durch die seit zwei Jahren täglich Gold für Reklame, also Papier 
für Papier gegeben wird, soll mit dem Zweck auch das Ziel seiner 
Wohltätigkeit zu finden wissen. Die Leser, die nach so vielen 
Jahren endlich davon überzeugt wurden, daß die Fackel keine 
>Redaktion< hat, mögen auch zur Kenntnis nehmen, daß ihre 
Administration über keinen Apparat verfügt, der die Verwaltung von 
Spenden ermöglichen würde, und daß sie unter keinen Umständen 
in das Ressort einer Publizistik eingreifen kann, die, ohne selbst 
einen Heller zu opfern, fremde Rachmones als Schmuck trägt und 
das Schertlein zum Zins macht, den das Elend der Eitelkeit bezahlt. 
(Ein Leser, der etwa beim Wort >Rachmones« stutzt und 
nicht weiß, was soll es bedeuten, möge Heine lesen, aber nicht 
das Buch der Lieder, sondern den Briefwechsel mit Rothschild.) 
Gewiß, die Anzeiger der Wohltat sind nur die Hehler 
des Wuchers, und eine Charitas, die sich in solchen 
Häusern prostituiert, macht aus der Not ein Laster. Würde 
aber selbst von den Annonceuren und den Annoncierten der 
Nächstenliebe ein gutes Beispiel gegeben, so böte die 
Fackel, die die Kriegsschäden doch in wenig positiver 
Art betrachtet, dem Publikum eine recht unzulängliche 
Gelegenheit, seine werktätigen Absichten durchzuführen. 
Welchen Sinn es vollends haben soll, eine Guttat mit schmutzigem 
Text zu begleiten, wie dies von jener Feldpostchiffre geübt wurde, 
ist unerfindlich. Bei dieser Gelegenheit seien sämtliche Kriegs- 
fürsorgeämter ersucht, die Fackel von ihrer Adreßliste zu streichen 
und sich das jetzt rare Papier wenigstens in diesem einen aussichts- 
losen Fall zu ersparen. Sie mögen sich darauf verlassen, daß 
die Verlockung, gemeinsam mit der Menschenbrut, die in der 
großen Zeit sich die Ehre vom Mund abspart, an irgend einem 
Monumentum aere perennius mitzuarbeiten, ein Herz, das nur 
sich selbst nachgibt, versteinern wird. Insbesondere sei der Prokurist, 



66 



der eine »Organisation für Liebesgaben< ins Leben gerufen hat, 
und der behauptet, ich hätte ihm »bisher« meine Unterstützung 
zugewendet, darauf aufmerksam gemacht, daß ich es erst dann 
tun werde, wenn er sich mit der Ablehnung des Ordens, den er 
bekommen wird, vor mir ausweisen kann. Mit den Wohltätern 
habe ich so wenig zu schaffen wie mit den Blutvergießern. 
Man soll das Wirrsal nicht vermehren und aus dem Strick, 
an dem man Journalisten und Armeelieferanten nicht auf- 
gehängt hat, keinen gordischen Knoten machen. Ist es geschehen, 
so durchhaue man ihn. Staaten, die den Mut haben, einen Krieg 
zu führen, müßten auch die Courage haben, jenen, die am 
Zustand verdienen, den Gewinst wieder abzunehmen und es 
nicht dabei bewenden zu lassen, daß ein Scherflein davon in die 
Zeitung kommt. Als Entschädigung könnte man dem Gesindel 
zusichern, daß die Schande nicht in die Zeitung kommt. 



Der »Verlag Englands , Kultur', Wien, III/2., Kolonitzgasse 9«, 
schreibt mir: 

Hochlöbliche Schriftleitung! 

Mit Diesem bitte ich Sie höflich, anliegende Besprechung 
schon aus patriotischen Rücksichten recht bald im 
redaktionellen Teile Ihres werten Blattes bringen zu wollen. Dieselbe 
wird zweifello.s in Ihrem Leserkreise außerordentlich interessieren. 

Leider ist es uns heute noch nicht möglich, Ihnen das Rezensions- 
exemplar zu überreichen, da die Druckerei infolge Einrückens von 
Personal aufgehalten wurde. Sowie wir die ersten Exemplare erhalten, 
senden wir Ihnen eines sofort zu. Wenn wir Sie trotzdem bitten, die 
Besprechung in kurzem zu bringen, liegt dies an der Dringlichkeit 
die Sache in die Öffentlichkeit zu bringen. 

Wir werden wahrscheinlich nicht ermangeln, Ihnen 
auf erbetenes Offert ein Inserat zukommen zu lassen, was von 
Ihrem Preise abhängt. 

Im Voraus verbindlichsten Dankl 

Mit k o 1 1 e g i a 1 1 e m Gruß ! 
Verlag Englands »Kultur« 

Dieser Zuschrift liegt ein »Waschzettel H.« bei. »Wasch- 
zettel I.«, den die .Arbeiter-Zeitung' erhalten hat, ist interessanter 
und lautet: 



67 



In dem uns im Bürstenabzug vorliegenden, 
in kürzester Zeit erscheinenden Buche: Englands »Kultur« in »barbari- 
scher« Beleuchtung (Verlag Englands >Kultur<, französisch: Les Scandales 
de Londres 1885) ist uns und unseren lieben Lesern eine große Freude 
widerfahren. Daß das Buch allen willkommen sein wird, dessen sind 
wir sicher. Gilt es doch, in vornehmer Form dem ursächlichen 
Friedensbrecher Europas eins am Zeuge zu flicken und daß 
der Herausgeber des Buches die Streitaxt aus feindlichem Boden 
grub, indem er einfach ein Stück Kulturgeschichte aus der ,Pall 
Mal! Gazette' in London aus dem Jahre 1885 abdruckt, ist ebenso 
charakteristisch als das Vorwort zur französischen Ausgabe aus 
derselben Zeit von E, Dentu und ist in jetziger Zeit ein Kernschuß 
erster Güte. Das Buch wird in der ganzen wahren Kultur- 
welt das ungeheuerste Interesse erwecken. 

Der Hinweis auf die patriotischen Rücksichten hat im 
Original Sperrdruck. Wiewohl »ich« zwar ein Verlag ist, aber ich 
keine Schriftleitung bin, muß ich mir doch einen »kollegiallen« 
Gruß gefallen lassen. Die Anführungszeichen in der Firma 
bedeuten Ironie und sollen zur Verhütung des Verdachts dienen, 
als ob jemand in der Kolonitzgasse ernsthaft von einer Kultur 
Englands reden könnte. Mir ist es nun nicht bekannt, ob es 
in England Leute gibt, die jetzt ein so schäbiges Geschäft machen 
und abschließen wollen. Es ist mir auch nicht bekannt, ob es in 
^jigland Leute gibt, die so schlecht englisch schreiben können, wie 
deren Feinde deutsch, und ob es möglich wäre, daß dort einer 
Deutschland eins am Zeug flicken will, indem er mit einer Streit- 
axt einen Kernschuß abgibt und diesen noch als Inserat aufgibt. 
Daß Druckereien infolge Einrückens von Personal aufgehalten 
werden, finde gerade ich beklagenswert, für meine eigene Arbeit 
und sonst im weiten Umkreis des in Österreich Gedruckten 
hauptsächlich wegen der Einrückung und nicht wegen des Auf- 
enthalts. Aber schließlich bedarf es nicht erst eines Buches, 
um die kulturelle Überlegenheit des Verlags Englands »Kultur« 
über England zu beweisen, sondern es genügt der Versuch, 
Patriotismus und die Hoffnung auf ein Inserat Schulter an Schulter 
zu der Förderung eines Geschäfts aufzustacheln. Der Inhaber will 
also mit dem Abdruck von Enthüllungen aus der ,Pall Mall 
Gazette' von 1885 so viel Geld verdienen, daß