Skip to main content

Full text of "Die Familie Mendelssohn, 1729-1847 : nach Briefen und Tagebüchern"

See other formats


t ; 



Die 



Familie Aendelssohn 



II. Band 



g^^^^^-^^^?^g^^'g^-44^'^^^4^sj ^ - 




Brandeis University 
Libraries 



Gift of 

Brandeis University 

National 

Women's Committee 




Familie Mendelssohn. 



jtmmmmmv^m^ 



B 












^ 







V>^) ~J -■-^■^^-f~—,^-> —. -^«^ ^u ^. 



r. 7 ^'V-- 






^> ^^.r^^n^L^!^ 



J'k<:<c^ ^.^^t^eJ^^ 



Die 



Familie Mendelssohn. 



1729-1847. 



Nach Briefen und Tagebüchern, 

Von 

S. HENSEL. 



Mit 8 Portraits, gezeichnet von Wilhelm Hensel. 



II. 

Dreizehnte Auflage 

vermehrt um ein Geleitwort von Paul Hensel und ein Portrait S. Hensels. 




BERLIN. 

B. Belir's Verlag: 

Steglitzer Strasse 4. 

1906. 



w SM 



II. THE IL, 

1835—1847. 



— — Ich nenne den den Glücklichsten, 
Der ohne Kummer der Welt Erhabenheit geschaut 
Und eilig dann zurückgekehrt, von wo er kam; 
Die Sonne, die allen leuchtet, Sterne, Feuer, Meer, 
Der Wolken Zug — und wenn du hundert Jahre lebst. 
Nichts andres siehst du, als in wenigen Jahren auch. 
Erhab neres aber schaut des Menschen Auge nie. — 

(Menander.) 



Jung rufen die Götter, wen sie lieben, aus der Welt. 

(Menander.) 



Inhalt. 



Seite 

1836-1839 1 

Italien 65 

Neapel bis Berlin 138 

1841. Hier sind wir denn vorerst ganz still zu Haus . . . 178 

Die Jahre 1842 und 1843 201 

Reise- und Heimathbriefe 213 

Wiedersehen in Italien 348 

Schluss 364 



1836—1839. 



Der Winter 1835/36 verging trübe; ein jeder musste 
suchen, sich mit dem grossen erlittenen Verlust vertraut zu 
machen. In Felix setzte sich die verschlossene, heinahe ver- 
zweifelte Stimmung so fest, dass es hei Fanny zur lebendigsten 
TJeberzeugung wurde, es müsse wirklich für ihn ein neues 
Leben anfangen, er müsse heirathen. Sie besprach es mit 
Felix und entnahm zu ihrer innigen Freude aus dessen Aeusse- 
rung „er wolle sich nächsten Sommer am Ehein umsehen", dass 
es wohl nicht so ganz in's Ungewisse hinein nöthig sein werde, 
sich umzusehen. — Was hätte ihn sonst bewogen, gerade am 
Ehein zu suchen? — Wir werden sehen, wie glücklich er 
suchte und fand. 

Aus dem Anfang 1836 (31. Januar) sei hier wieder ein 
Brief von Fanny an Klingemann mitgetheiJt: 

„Ich will den Brief an Sie anfangen, damit er angefangen 
sei, und ich ihn dann gelegentlich weiter schreiben und ge- 
legentlich abschicken könne. Die Korrespondenz mit Ihnen 
ist so erfreulicher Art, dass sie die einzige ist, die ich fort- 
setze, und willentlich gewiss nicht in's Stocken gerathen lassen 
werde. Denn schriftlich, wie im Leben liebe ich solchen Um- 
gang, vor dem man sich auch einmal maussade und maulfaul 
zeigen darf, ohne dass der Andere gleich Absicht oder Belei- 
digung darin sieht. Man muss auch einmal einen Brief schrei- 
ben dürfen, in dem nichts steht, als „guten Tag, antworten 

Die Familie Mendelssohn. IT. * * 



2 1836—1839. 

Sie bald." Und das darf ich ja hier. Viel mehr steht mir 
wahrhaftig heut nicht zu Gebot. — 

4ten Februar. Es ist selir wahr, was Sie über ein 
neues Jahr und über Zeitabschnitte schreiben. Es ist uns 
diesmal ähnlich ergangen, und wenigstens der Ausgang Januar 
hat uns doch ein ganz anderes Gesicht gezeigt, als das Ende 
des vorigen Jahres; man fühlt sich unwillkürlich einer Bürde 
los, indem man eine Jahreszahl füi' immer ablegt, die wechsel- 
volle Tage einschloss. Es ist ein Vorurtheü, eine Einbildung, 
wenn wir aber alles Eingebildete mit den Jahren ablegen 
wollten, da ginge gar zu viel Wahres, Wirkliches, mit. 
— Wü' haben das Musikmachen zuerst wieder an den Paulus 
geknüpft, von dem uns Felix zu Weihnachten einige Nummern 
hier liess, welche wir gestern an seinem Geburtstage mit weni- 
gen auserwählten Personen gesungen haben. Wir haben grosse 
Freude daran, und zum Wenigsten das Bewusstsein, dass 
Vater noch dieses Genusses theühaftig geworden, indem die 
kleine Woringen'sche Gesellschaft Mehreres daraus, leider nach 
unserer Abreise von Düsseldorf, höchst vortrefflich gesungen 
haben soll. Vater hatte grosse Freude daran, und fand nament- 
lich die Predigt Stephani mit den folgenden Musikstücken ganz 
neu. Es ist merkwürdig, und Felix und ich haben oft mit 
Verwunderung bemerkt, wie man, ohne eigentliche technische 
Kenntnisse der Sache, ein so scharfes und oft so unwiderleg- 
lich richtiges Urtheü haben konnte, wie Vater in der Musik. 
Er selbst beklagte sich oft, namentlich in der letzten Zeit, dass 
ihm kein Talent zu Theil geworden sei, aber das war, wie ich 
glaube, das hervorstechend Charakteristische in ihm, dass alle 
Fähigkeiten, wie auch alle Organe des Schädels in der schönsten, 
reinsten Harmonie gleichmässig entwickelt waren, woraus eine 
Uebereinstimmung des Gefühls mit der Ansicht, und beider 
mit dem Handeln entstand, \vie man es wohl nicht leicht wieder 
finden möchte. Er bildete recht eigentlich den Mittelpunkt 
für ims alle, und nur zu schmerzlich vermissen ^vir ihn. In 
tausend Kleinigkeiten fühlt man seine Abwesenheit, und muss 
sich erst konstruiren, wie das anders geworden wäre, wenn 
er lebte. Das Zusammenleben meiner Mutter und Schwester 



Brief an Klingemann. 9 

gestaltet sich übrigens zu Beider Ehre, wie das nicht anders 
zu erwarten war, und ich kann namentlich auch meinen Schwa- 
ger Dirichlet in dieser Beziehung nicht genug loben. Paul 
versieht als sorgsamer Hausvater die Interessen der Familie, 
und ich glaube, wenn Vater zurücksehen kann auf die Seinigen, 
so wird er nicht unzufrieden sein mit der Art, wie sein Haus 
geführt wird. Hensel arbeitet jetzt fleissig an seinem Bilde, 
von dem Sie sich der ersten Zeichnung erinnern werden (Aus- 
zug der Israeliten aus Aegypten, Mirjam an der Spitze), die 
Farbenskizze hatte er mir zu meinem Geburtstage geschenkt, 
und sie war des Letzte, was Vater genau und mit Antheil 
sah, sehr davon erfreut war, und nur einige Bemerkungen dar- 
über machte, die Hensel noch alle benutzt hat. Das Bild 
wird, glaube ich, sehr schön werden. 

8 ten Februar. Mein Brief fängt an, Methusalem's Alter 
zu erreichen, und ich muss nachgerade daran denken, ihn gar 
hinaus zu schreiben. — Führen Sie nur Ihren Vorsatz aus, 
Pfingsten zum Musikfest zu kommen, Sie werden sich und 
Felix eine grosse Fi'eude damit bereiten. Ein solcher rheinischer 
Pfingsttag kann einen mit so manchem in Deutschland ver- 
söhnen. Leider wird diese Freude wohl zu den unerreichbaren 
für mich gehören; dafür waren wir neulich einmal wieder in 
der Singakademie und haben zu unserem Aerger und Skandal 
Israel in Aegypten aufführen hören. Wie dies Institut auf 
den Hund gekommen, davon hat Niemand einen Begrüf, leider 
auch fast Niemand im Publikum, denn meine Berliner „haben 
ein härter Angesicht denn ein Fels, und wollen sich nicht be- 
kehren." Es wäre auch wirklich nur wegen einer Kleinigkeit, 
die man Pflicht und Gewissen nennt, wenn der Direktor der 
Akademie sich Mühe geben woUte, denn dass seine Aulfülirun- 
gen anders sind, als die der Passion durch Felix, das wissen 
hier nur Wenige, üeberhaupt habe ich jetzt (und Hensel nicht 
weniger) einen Degoüt vor Berlin, der sich schwer beschreiben 
lässt. Wer hier nicht die Zufriedenheit in sich und seiner 
Familie findet, ist verloren. Um sich herum darf man gar- 
nicht sehen, da sieht man Nichts als eine trostlose Oede in 
Politik, Kunst und Natur. Und Preussen, das einst nach dem 

1* 



4 1836-1839. 

Ruhm strebte, an der Spitze der Civilisation zu stehen, nimmt 
jetzt Massregeln, die man in Oesterreich anfängt zu vergessen. 
Sie werden von der Unterdrückung der französischen Zeitun- 
gen, von dem Verbot gewissen Papierhandels, von dem Inter- 
dikt gegen die jungen Schriftsteller gehört haben. Andere, 
ganz tolle Massregeln stehen bevor. Und bei dem allen herrscht 
eine gewisse lache Billigkeit, wodurch sie sich um den ganzen 
beabsichtigten Erfolg bringen. So sind die Zeitungen bis zum 
ersten April erlaubt, — so lange die Abonnements laufen. 
Einstweilen werden die Verbote nun in Paris bekannt, sie 
schütten ihren ganzen Spott über uns aus, und das wird alles 
noch gelesen. AUgemetu ist man der Meinung, dass das Verbot 
garnicht in Kraft treten wird. 

Hier macht jetzt eüi polnischer Jude Aufsehen, der auf 
eiuem Instrument, das aus einigen Strohbündeln und Holzstäben 
besteht, eine fabelhafte Virtuosität besitzen soll. Ich würde 
es nicht glauben, hätte es nicht Felix geschrieben. Gesehen 
habe ich ihn und kann versichern, dass er ein ungemein schöner 
Mensch ist. Er kokettirt mit strengem Judenthum in Kleidung 
und Lebensart, und macht Glück bei Hof damit. Ich könnte 
Ihnen darüber eine sehr passende jüdische Redensart schreiben, 
wenn Sie sie nur verständen. 

12ten Februar. Ich habe das Phänomen gehört, und 
versichere Sie, ohne so entzückt davon zu sein, wie Manche, 
dass er alle Virtuosität auf den Kopf stellt, denn er macht 
auf seinen Holzstäben, welche mit Holzstäben geschlagen 
werden und auf einem Strohlager liegen, was nur auf dem 
vollendetsten Instrument möglich ist. Wie mit solchem Ma- 
terial der geringe Ton, den das Ding von sich giebt, und der 
dem der Papagenoflöte am nächsten kommt, erzeugt werden 
kann, ist mir noch ein Räthsel. Sehr politisch lässt er es vor 
den Augen des Publikums zurechtlegen, scheint überhaupt ein 
Fuchs erster Klasse zu sein. Ich mache Sie auf besagten 
Gusikow aufmerksam, wenn er nach London kommt. Es ist 
nur eine Stimme unter uns, dass Vater sich höchlich für ilm 
interessirt haben würde, hätte er ihn gehört. 

Der Minister Altenstein hat sich sehr über die Zeichnung 



Brief an Klingemann. 5 

gefreut, die Hensel von der Austin gemacht hat; er verehrt 
sie hoch und sagt, sie sei die einzige Person, die ihn jemals 
verstanden, was Sie, der Sie ihn nicht kennen, nur halb so 
komisch finden können, als es wirklich ist. — Es ist aber Zeit, 
diesen endlosen Brief zu schliessen, ich sollte bedenken, dass 
in London, die langen Zeitungen und die weiten Wege wohl- 
erwogen, der Tag einige Stunden weniger hat, als anderswo. 
— Ich bitte, schreiben Sie mir doch ein wenig Politik. Unsere 
Zeitungen sind so dumm, dass man weniger als nichts daraus 
erfährt. Ich glaube. Jemand, der acht Jahre in London war, 
verüert gänzlich die Anschauung von so einem Dinge, wie die 
Spiker'sche Zeitung hier ist. Karaibisch!" — 

Felix hatte im Winter 1835/36 den Paulus beendet, und 
derselbe kam auf dem Düsseldorfer Musikfest Pfingsten 1836 
zur ersten Auiführung. Ursprünglich wollten nur sein Bruder 
Paul und dessen Frau reisen. Im letzten Augenblick entschloss 
sich Fanny, dieselben zu begleiten. Die dringenden Bitten der 
Woringen'schen Familie, die noch ein Eckchen in ihrem Hause 
leer hatten, und dies bei einem Musikfest für ein unverzeih- 
liches Verbrechen gehalten hätten, die Aussicht Klingemann 
und tausend Bekannte zu treffen, vor Allem der Wunsch, den 
Paulus bei seinem ersten Eintritt in die Welt zu hören, lock- 
ten sie. Ersterem wurde das Vorhaben in einem Doppelbrief 
der Schwestern gemeldet: 

Berlin, 26. März 1836. 
Fanny: „Wer zum Fest nach dem Ehein geht? Ich und 
meine Mutter *) und Pauls, die ich allenfalls auch zuerst hätte 
nennen können. Dieser Brief nun soll nicht wie jener aus 
Boulogne ein Brand- und Drohbrief für Sie sein (damals war 
ich ernstKch böse, denn ich glaubte, Sie wollten nicht kommen), 
sondern ein sehr genteeler Bettelbrief, worin nichts steht als: 
Kommen Sie doch auch. Ich glaube wohl, dass Sie wollen 
werden, wenn es möglich ist, aber lassen Sie es möglich sein. 
Es giebt mehrere Arten von Möglichkeiten, unter denen ich 



^) Lea blieb schliesslich doch zurück. 



G 1836—1839. 

Sie bitte, die zu wählen, die es Ihnen möglich macht, nach 
Düsseldorf zu kommen. Bedenken Sie Alles, was Sie schon 
von selbst bedenken werden und handeln Sie nach unserer besten 
Ueberzeugung. — Wie sehr es mich interessirt, Felixens erstes 
ganz grosses Werk zum ersten Male geben zu hören, brauche 
ich Ihnen nicht erst zu sagen, die weite Reise um dieses Zwecks 
wegen beweist es. Indessen würde ich doch vielleicht nicht 
Mann und Kind hier verlassen haben um dieses Zwecks wegen 
(wenigstens rede ich es nm^ jetzt ein), hätte sich nicht Mutter, 
eigentUch gegen unser AUer Ansicht, so bestimmt erklärt, die 
Reise machen zu wollen, wo es denn vielleicht besser ist, ich 
bin dabei als nicht dabei. Warum hat das der Vater nicht 
erleben dürfen? Wie ihm der Paulus an's Herz gewachsen war, 
das können Sie garnicht wissen; er wäre gewiss hinge- 
gangen. 

Rebecka: Ich sollte eigentlich neidisch sein und Ihnen 
abreden nach Düsseldorf zu gehen, da die Andern schon ohne- 
dies Plaisir genug haben werden und Sie in Düsseldorf noch 
weiter von Berlin entfernt sind, als in London; ich führe aber 
die Grossmuth des Scipio auf und sage Ihnen: Gehen Sie nach 

Düsseldorf. 

Ein rheinisches Musikfest muss man erlebt haben, um 
wieder den alten Traum vom alten Deutschland zu träumen, 
der dem Londoner in seinem Weltgewühl, dem Berliner in sei- 
ner sandigen Kritik aus dem Gedächtnisse entrückt ist. Ijassen 
Sie sich keine freudige Emotion entgehen, zu der Sie das Mu- 
sikfest unfehlbar hinreissen muss, erstHch als Menschen mit 
Augen und Ohren und noch besonders als Felixens Freund. 
Leider muss ich nur der Prediger sein, oder der Wegweiser 
nach Düsseldorf, muss meine Arme ausbreiten und stehen blei- 
ben, aber gern geschieht's nicht. 

Hierher kann ich Sie nun gar nicht mit gutem Gevsdssen 
einladen, da ich Jedem, dem ich wohl will, den Rath gebe, 
Berlin den Rücken zu kehren. Sie haben keinen Begriff davon, 
was das jetzt für ein Nest ist. Um desto edler wäre es frei- 
lich, wenn Sie eine alte Freundin durch Ihren Besuch erfreuen 
wollten, beinahe so edel als sie es selbst ist, Ihnen zum Mu- 



Reise zum Musikfest, 7 

sikfest zuzureden, denn eigentlich liegt diese Grossmutli gar 
nicht in meinem schwarzen Charakter. Diiichlet empfiehlt sich 
und wünscht Ilu'e Bekanntschaft; unter uns gesagt, ich bin 
überzeugt, er hat ein Vorurtheil gegen Sie, obgleich er nie 
etwas davon gesagt hat, da Sie hier eine der wenigen ge- 
heiligten Personen sind, über die erstens Alle einer Meinung 
sind, und gegen den Keiner erlaubt, was zu sagen. Aber er 
ist ebenso ein Widerspruchsgeist wie wir Alle, so kommen, 
sehen und siegen Sie denn. Von Dr. S. habe ich nun wieder 
soviel Vollkommenes von allen Seiten gehört, dass ich nicht 
umhin kann, ihn bis zu persönlicher Bekanntschaft recht un- 
ausstehlich zu finden." 

In Frankfurt a. M. ward Dorothea Schlegel besucht, an 
deren grosser Rüstigkeit im 72sten Jahr sich Alle erfreuten. 
Von Bingen aus wui'de eine Parthie auf die Drusenburg ge- 
macht „und da nahm ich mir eigentlich vor", schreibt Fanny, 
„Dir, liebe M., die Gefühle zu beschreiben, die Du gehabt hättest, 
wenn ich Dich da aus der Tasche hätte ziehen und wie das 
Rheinpanorama auseinanderfalten können. Nachher aber wa- 
ren wir den ganzen Tag auf unsern eigenen oder fremden Esels- 
beincn (lache nur nicht höhnisch, ich habe mich so tapfer 
gehalten, wie ii-gend ein Ritterfräulein) und Abends waren wir 
hundemüde, dass ich keinen Humor mehr zu langen Beschrei- 
bungen auftreiben konnte; d'rum wisse nur trockenst, dass 
wir Prinz Friedrich's Rheinstein bestiegen haben, einen so hübsch 
bestussten (lass' Dir von Wilhelm erklären, was das ist) Land- 
sitz, wie ihn nur je ein edler Raubritter gehabt haben kann, 
voller bunter Glasfenster (hätte ich nur eins für Wilhelm und 
Rebecka ausheben können, sie sind nirgends für Geld zu ha- 
ben), eisernen Popanzen, Bechern, aus denen man nicht trinkt, 
Schwertern, die man nicht zieht, Stühlen, die man nicht besetzt, 
Kanonen (sehr anachronistisch), die man nicht löset ; allerliebst 
anzusehen und grässlich zu bewohnen. Dann waren wir noch 
auf dem Niederwald und in Johannisberg." — 

Von Köln schrieb Fanny einen sehr katzenjämmerlichen 
Brief an ihren Mann, in dem sie den ganzen Reise-Entschluss 
bereut; sie war noch nie seit ihrer Verheirathung ohne ihn 



8 1836—1839. 

gereist, und gerade hier, wo voriges Jahr das bunteste, beweg- 
teste Leben geherrscht hatte, machte sich der Contrast um so 
fühlbarer. Diese Stimmung verlor sich aber in Düsseldorf, wo 
Sie bei Woringen's „mit dem bekannten lieb es würdigen Geschrei 
empfangen wurde, welches Einem kund thut, dass man gern 
gesehen ist." Gleich denselben Nachmittag war die erste Or- 
chesterprobe des ersten Theils von Paulus. „Ihr könnt Euch 
denken, mit welcher Spannung ich dieser Probe entgegensah. 
Die Ouvertüre ist wunderschön, die Idee, den Choral „Wachet 
auf, ruft uns die Stimme* grade zur Einleitung des Paulus zu 
benutzen, fast witzig, herrUch in der Ausführung. Er hat den 
Orgelklang prächtig im Orchester getroffen. Die Chöre gehen 
schlagend, Solos wurden gestern nicht gesungen. Die SteUe 
mit der Erscheinung klingt ganz anders, als ich sie mii' dachte, 
aber so wunderschön, so überraschend und ergreifend, wie ich 
Weniges in der Musik kenne. Es ist der Gott, der im Sturm 
daher fährt. Als nach dem folgenden Chor „Mache Dich auf, 
werde Licht" ein lautes Beifallsklatschen, Bravorufen und 
Tuschblasen erfolgte, dankte ich Gott, dass Du, liebe Mutter, 
nicht hier bist, denn nach dem Eindruck zu schliessen, den 
diese erste unvollkommenste Probe auf die Anwesenden machte 
und auf mich, die ich doch jünger, stärker und weniger leb- 
haft von Empfindung bin, als Du, hättest Du es nicht aushalten 
können, es wäre Dir ohne Frage zu viel geworden. — Ich 
fühle mich aber wahrhaft beschämt, die Einzige zu sein von 
Euch, der ihr gutes Glück gestattet, dies mitzuerleben. Wie 
gönnte ich es Euch Allen! — Ich erinnere mich nicht eines 
ähnlich starken Gefühls von Freude und Traui'igkeit zu- 
gleich. — 

Nach der Probe ging Felix mit zu Hause, und wir blieben 
munter zusammen bis halb zwölf. Ich hätte es mir nicht mög- 
lich gedacht, ausser meinem Hause mich irgendwo in der Welt 
so wohl zu fühlen, wie bei diesen lieben herrlichen Menschen. 
Wärst Du doch mit hier, lieber Wilhelm, es ist wirklich ein 
angenehm behagliches Gefühl, so zu Hause und auch nicht zu 
Hause zu sein. Ich freue mich aber doch nicht wenig auf das 
wirkliche zu Hause. — 



Erste Paulusaufführung. 9 

Ach Beckchen! Eine Ouvertüre zur Leonore haben wii 
kennengelernt: ein rares Stück! Sie ist notorisch nie gespielt 
worden, sie gefiel Beethoven nicht, und er legte sie bei Seite. 
Der Mann hat keinen Geschmack gehabt! Sie ist so fein, so 
interessant, so reizend, wie ich wenig Sachen kenne. Haslin- 
ger hat eine ganze Auflage gedruckt und giebt sie nicht aus. 
Vielleicht thut er's nach diesem hiesigen Erfolg." — 

Am zweiten Tage wurde die 9. Symphonie aufgeführt. 
Ein Beweis dafür, dass wirklich auch bei den musikalischsten 
Menschen lange Zeit und tiefe Bekanntschaft mit diesem Werk 
dazu gehört, um es gerecht zu würdigen, ist, was Fanny, die 
sie bis dahin nur aus dem Lesen der Partitur gekannt hatte, 
über die Aufführung schreibt: „Diese kolossale 9. Symphonie, 
die so gross und zum Theil so abscheulich ist, wie nur der 
grösste Mann sie machen kann, ging wie von Einem execu- 
tirt : die feinsten Nuancen, die verstecktesten Intentionen kamen 
an den Tag, die Massen sonderten sich, sie ward verständlich, 
und ist denn also wirklich zum grössten Theil hinreissend 
schön. Ein kolossales Trauerspiel, mit einem Schluss, der 
dithyrambisch sein soll, aber nun auf seiner Höhe umschlägt 
und in sein Extrem fällt, in's Burleske." 

Fanny schliesst den Bericht ihrer Reise in ihrem Tage- 
buch mit den Worten: „Ich fühle wohl, dass es für eine Frau 
keine Vergnügungsreise ohne Mann und Kind geben kann, 
und werde mich auch nie olme Noth von Einem von ihnen 
oder Beiden trennen." — 

An Klingemann aber schrieb sie: 

Uten Juni 1836. 

Motto: Luft im Lau!) und Wind im Eolir 
Und Alles ist zerstoben. 

„Und war doch schön! 

Bis ich nun aber nicht aus Düsseldorf erfahre, wie Sie 
dort mit einander bis zum nächsten Tage gelebt, von Urnen, 
wie Sie abgereist, welche Miene Ihnen Brüssel imd Antwerpen 



10 1836—1839. 

gewiesen und wie Sie London angedampft, von Felix, wie er 
den Weg nach Frankfurt gefunden, bleibt mir die Erinnerung 
abgeschnitten und ich vermisse etwas. — 

Das Doppelleben im Becker'schen Saal und Garten und 
im Woringen'schen Hause war doch wirklich erfreulicher Art, 
und wenn das Leben in Ihrer Weltstadt Momente darbietet, 
die wir in unsrer deutschen Kleinbürgerei kaum verstehn, so 
gehört doch wiederum ein rheinisches Musikfest zu den Ge- 
staltungen, deren Ahnung nicht durch den englischen Nebel 
dringt. Und wenn Sie und ich gewiss besonderen Grund zu 
besonderer Freude hatten, so kann es nicht fehlen, dass wir 
es mit Vergnügen nochmals gegen einander aussprechen. Felix 
ist doch ein geborener Kapellmeister, und ausser einem ge- 
borenen noch ein geübter. Wenn man so sieht, wie Uner- 
hörtes, kaum glaublich Scheinendes möglich ist, wenn dei 
rechte Mann an der Spitze steht, fällt es einem bitterschwer 
aufs Herz, wie selten der Platz seinen Mann und der Mann 
seinen Platz findet. Es sähe anders in der Welt aus, wenn 
das immer geschähe und wenn es so einen kleinen Sonnen- 
weiser gäbe, der namentlich Eltern anzeigte, wohin sie ihre 
Kinder zur Erziehung leiten sollen. Das ist ja die eigentliche 
Erziehung, und wie selten wird die ausgeübt. Es mag wohl 
kaum einen so von Gott verlassenen Menschen geben, dass er 
nicht etwas leisten könnte, aber er findet's nur nicht. Zu Felix 
zurückzukehren, habe ich meine besondere Freude gehabt, wie 
klug und richtig er mit den Leuten umgeht und wie er sie, 
ganz ohne Absicht, nur weil es so recht ist, in sein und der 
Sache Interesse zu ziehn weiss. Und nun seine Musik selbst ! 

Das muss acht sein, weil es durch sein eigenes Licht 
glänzt und sich nie falscher äusserer Mittel dazu bedient. Und 
das liegt wieder in seinem Charakter und hängt genau mit 
allem Uebrigen zusammen. Das ganze Herbeiströmen, von 
allen Seiten, wobei man sich nach langer Zeit wieder zusammen- 
fand, hatte doch etwas höchst Originelles, dem grade die 
Kürze der Stunden, die Gedrängtheit des Ereignisses noch 
einen besonderen Reiz gab. Freilich ein paar ruhige Tage 
nachher wären auch nicht übel gewesen in diesem ersten aUer 



Brief an Klingemann. i^ 

gastfreundschaftliclien Häuser. Ach! es war doch schöne 
Zeit! — 

Eben bekomme ich den ersten Band Eckermann 

und will mich nun di-in umsehn. Ich habe so lange nichts 
Neues gelesen, was mir nur im Entferntesten zusagte, eigent- 
Hch sind die meisten jetzigen Sachen gar nicht zum Lesen da, 
höchstens zum Blättern, zum Durchsehn, es ist eine Stille in 
der Litteratur eingetreten, wie sie, glaube ich, lange nicht 
gewesen ist." 



7. Juni. 



„Ich habe gestern den grössten Theil des ersten Bandes 
Eckermann bereits gelesen, mit grosser Freude, wie ich gern 
gestehn mag. Es scheint mir von allen Göthe'schen Nachlesen 
weitaus die bedeutendste, und zwar deshalb, weil der sie Bie- 
tende ein Mensch von rührend gewissenhafter Treue und einer 
seltenen litterarischen Anspruchlosigkeit ist. Wo er sich 
selbst darstellt, erblickt man unverkennbar einen äusserst 
bornii'ten, durch Göthe völUg absorbirten Menschen, der aber 
genau gehört und treu aufgeschrieben hat. Und so glaube ich 
denn wirklich, dass es nicht leicht ein Göthe'sches Werk giebt, 
in dem er reiner, ursprünglicher dastände. Was mich sehr 
frappirt, ist das Zusammentreffen mit mancher Meinung, die 
Vater zu äussern pflegte ; es würde ihn unendlich erfreut haben, 
hätte er es gekannt. Auch dass es im Entferntesten kein 
Klatschbuch ist, gefällt mir sehr, es spricht für Eckermann's 
Charakter, wie leicht hätte er sein Buch pikant machen können. 
Kurz, ich nehme meine Jeremiade füi^ diesen Fall gern und 

völlig zurück.*) Das Interesse an diesem wohlthuenden 

Büchelchen erhält sich bis zu Ende, und ich fühle mich dem 
Verfasser, ich möchte sagen, persönlich verpflichtet, dass er 



*) Es bezieht sich dies auf ein fortgelassenes sehr scharfes 
Urtheil über eine Publikation von Varnhagen, dessen Schluss 
lautet: „Varnhagen wird noch allen Schaden stiften, den er in 
Händen hat, und ist er einmal todt, dann geht der Skandal erst 
recht an, dann kommen seine Memoiren." 



12 1836—1839. 

die weise Mässigung gehabt hat, statt der Folianten, die er 
doch gewiss hätte füllen können, die beiden dünnen Bändchen 
zu schreiben, die aber fast lauter Goldkörner enthalten. 

Zum Schluss muss ich noch eine Preisfrage aufstellen: 
Wie kann man von Richtung einer Zeit im Allgemeinen spre- 
chen, wenn gleichzeitig der Paulus und die Hugenotten auf- 
treten und Jeder sein Publikum findet! Ich, die ich mich an 
Ersteren halte, finde jetzt meine besondere Freude daran, mein 
Gedächtniss anzustrengen, um die Solostücke, die mir nur in 
Stimmen mitgegeben worden, zu vervollständigen. Wo es 
nicht ausreicht, muss ich, bis gedruckte Hülfe erscheint, von 
dem Meinigen dazuthun. Heut' versuchte ich das berühmte 
Duett der falschen Zeugen zu konstruiren, ohne andere An- 
leitung als elf Takte Pausen. Ich brachte aber nur acht zu- 
sammen.'* 

Rebecka wau-de zur Stärkung ihrer Gesundheit nach Fran- 
zensbad geschickt; sie reiste Anfangs Juli ab, und zwar, da 
Dirichlet seiner Vorlesungen wegen noch in Berlin zurück- 
gehalten wurde, mit ihrem Kind allein. Anfangs fühlte sie 
sich in dem miserablen Nest, wo sie ausserdem schlechtes 
Wetter hatte und von Schmerzen geplagt wurde, sehr unbe- 
haglich. Einige ihrer Briefe mögen hier folgen: 



Leider! Franzensbad, den lOten Juli 36. 

Motto : »Eecht hübsch, ah er ein Bisken lan^eilig.« 

„Bitte, schreibt fleissig, dann kann ich Euch doch 

als Neuestes melden, dass ich Eure Briefe bekommen habe. 
Nein! Welch ein Leben! On ne m'y attrappera plus. Der Arzt, 
der sehr aufmerksam ist, hat mir das Sprechen auf der Pro- 
menade verboten und die einsamen Gänge empfohlen, ich be- 
folge diese Warnung genau und vermeide alle liebenswürdigen 
Berliner. Sie mich aber — Gott sei's geklagt — nicht. 
Gestern Abend war bei mir grosse Assemblee, dass meine sechs 
Stühle nicht hinreichten, um halb acht war der Rout zu Ende. 
Und der Müssiggang aUer Anwesenden steckt an, noch habe 
ich garnichts gethan, mich sogar noch nicht nach einem Flügel 



ßebecka in Franzeusbad. 13 

Tungethan, ich glaube auch nicht, dass ausser an Gänsen und 
Hühnern welche zu haben sind. Eine Musikfestreise ist dies 
eben nicht ; wie dort eine aufgeregte Plaisir- Atmosphäre, weht 
hier eine langweilige, dummmachende Luft, der ich nicht wider- 
stehen kann. Heut' habe ich eine „neue" Zeitung zu 

Gesicht bekommen, in der die grösste Neuigkeit Eouget de 
Lisle's Tod war, den ich schon in Berlin wusste. Geht wirk- 
lich denn garnichts vor? Ich habe als neueste Staatszeitung 
das Gerücht des zweiten Attentats auf Louis Philipp wider- 
rufen müssen. — — — 

Ein fünfjähriges Wunderkind bringt hier die müssigen 
Ohren und Zungen in Bewegung, ich soll es dieser Tage hören, 
es spielt „Variationen aus dem Kopfe''; ich fürchte, ich höre 
jede Ohrfeige heraus, die es gekostet. Wenn Ihr X. seht, sagt 
ihr, ich hätte sie im Verdacht, hier einen heimlichen Geliebten 
gehabt zu haben, da sie sich so gut hier amüsirt hat — ich 
kann's nicht finden und denke nur, „Oktober wii^d auch kom- 
men", das heisst August, das heisst Dirichlet. Adieu, denkt 
freundlich der EUenden. — Fanny weiss, was das auf Nibelun- 
gisch heisst. — 

Den ISten Juli. — Mein Leben geht hier fort, so so, 
la la, wenigstens bin ich jetzt gesund, trinke, gehe, bade, ruhe 
ohne zu schlafen, heute werde ich zum ersten Male auf vieles 
Begehren an table d'hote essen. Mit üngarwein — Compli- 
ment wieder und es wäre nix — echauffirt zu sehr. Eben 
habe ich mii' ein sogenanntes Klavier anprobii^t, aber dafür 
lieber keins, so ein Klapperkasten! — üebermorgen ist ein 
wohlthätiger BaU, vielleicht sehe ich mir den Skandal eine 
Viertelstunde an, um die Polen und den österreichischen Adel 
geputzt zu sehen, der verzweifelt hübsch ist, ganz anders, wie 
die Berliner Semmeln. Hier im Hause wohnen zwei kleine 
Comtessen, eine sieht genau aus wie die andere, so fein, gra- 
ciös, schwarzäugig und -haarig, und sehen so lustig und unbe- 
deutend fünfzehnjährig in die Welt, dass ich ihnen immer 
Kusshände nachwerfen möchte, wenn sie sich vor dem Fenster 
so anmuthig hin- und herbewegen. Heute versammelte sich 
die ganze Klerisei bei mir und berieth Plaisir, da wurde ein 



1* 1836—1839. 

SpitzenMndler gemeldet, mit Jubel hereingerufen, E. wollte 
erst die ganze Welt kaufen, handelte dann die halbe Welt 
herimter, und kaufte zuletzt ein ganz kleines Stückchen, ich 
erstand auch eins. Nun gute Nacht. Nur der Sturmwind 
flüstert durch die hehre Stille, alles pflegt schon längst der 
Ruh, denn es ist — neun Uhr. — — 

Den 24ten Juli. Ich schreibe mit brillantem Akkom- 
pagnement von Militär musik , die Herrn von R., der hier im 
Hause eingezogen ist, ein Ständchen bringt. Seit der hier 
wohnt, habe ich sehr oft an den seligen General B. denken 
müssen, da die höchst vornehmen Fräulein alle Tage über mir 
ein und denselben Galopp ableiern. Aber Kinder! Welche 
Kälte! Hätt' ich doch statt aller weissen und bunten Mousse- 
linkleider einen Pelz und ein Paar Pariser. — Aber es fängt 
an, mir sehr gut zu gehen, ich werde gesagt, ganz rothe 
Backen zu bekommen. Uebrigens sieht man hier wirklich 
gens de Vautre monde\ was sagt Ihr zu einem Fürsten ^Vla- 
doyano aus der Walachei, der genau aussieht wie ein jüngerer 
Paganini, dessen Frau, eiue geborene Fürstin Ghika aus Bu- 
karest, die schönsten türkischen Shawls, die E. in ihrer kenner- 
mässigen Begeisterung auf 1500 Thaler schätzt, Morgens frühe 
auf der Erde herumschleppt. Dann haben wir eine wunder- 
schöne Russin, die am Brunnen ein Neglige von schwarzem 
Sammet mit Blonden trägt; E. kann garnicht aus dem Enthu- 
siasmus über all' die fi^^st r^-z^^-Shawls heraus, die den Kies 
Morgens fegen. Verzeiht die „shawlen" Details, aber was soll 
ich sonst schi^eiben ? — Wollte Gott, Dirichlet wäre schon da, 
ich kann die Zeit kaum erwarten. Madame M. ist heut nach 
Marienbad abgereist und will Allen zu Füssen gelegt sein 
(„habt Ihr Hebebäume, mich wieder aufzurichten?'') — Nun 
sind es drittehalb Wochen, dass ich kein gescheutes Wort 
gehört habe, heisst das Leben? Und was ist das für ein Sün- 
denleben, wo man sich über jede vergangene Stunde freut. 
Es ist ein Winterschlaf im Sommer. 

Den 6ten August. Nun wirst Du Dich wundern, wenn 
ich nach all' den peevishen^ ennüyii'ten Briefen mit einem Male 
schreibe, dass ich mich sehr gut amüsire. Seit Dirichlet hier 



Rebecka in Franzensbad. 15 

ist, bin ich ein ganz anderer Mensch geworden, ich habe, wie 
K. sagt, ein gutes humeur^ das Wetter ist schön, wir haben 
einige angenehme Bekanntschaften gemacht, mit denen Dirichlet 
auch zufrieden ist, wir leben den ganzen Tag im Freien, 
machen Parthieen, das Bad bekommt mir gut, kurz, es ist 
Alles besser geworden. So lange ich allein hier war, kam ich 
mir vor, wie ein verirrtes „Schaf, wusste garnicht, wo ich 
mich hinwenden sollte, hatte Furcht vor bösen wie vor freund- 
lichen Gesichtern. Nun wird nach dem Trinken im Park ge- 
frühstückt, Einer ladet den Andern ein, und man bringt seine 
respektiven Kaffeetische zusammen. Mittags wird im Kursaale 
gegessen, Nachmittags spazieren gefahren, wobei wieder Kaffe 
eine Rolle spielt, oder es ist Salon im Park; wenn wir nur 
gutes Wetter behalten, so wird „Ende gut. Alles gut" aufge- 
führt, und der melancholische Anfang vergessen. Heut war 
Ottokind*) hier und der ganze vornehme und niedere Pöbel 
maulaffte auf der Strasse. Wir haben uns nicht von unserm 
Fleck im Park gerührt ; Tugend wird aber belohnt, er spazierte 
dicht an uns vorüber und unterhielt sich mit den benachbarten 
E.'s, so dass ich ihn ganz genau sehen konnte. Er sieht aus 
wie nischt. — 

David's Verlobung mit ganz Eussland**) hat mich mehi' 
gefreut als überrascht. Nun muss Felix Ernst machen, da 
seine erste Geige ihm vortanzt, ich werde ihm auch noch den 
Text darüber lesen. Aber es ist eine göttliche Geschichte. 
Hier amüsirt sie mich doppelt, weil ich die abgeschmackt 
stolzen russischen Adligen in der Nähe sehe, die allen Leuten 
aus dem Wege gehen, um womöglich nicht dieselbe Luft mit 
ihnen zu athmen; mich wundert, dass sie aus einem Brunnen 
mit der Canaille trinken. Uebrigens habt Hu% Mutter und 
Fanny, ein Paar himmlische Briefe gesclirieben ; wenn ich gross- 
müthig wäre, ich schickte sie zui'ück, damit ihr was Hübsches 
zu lesen hättet. Aber Du, liebe Mutter, zähme Dein sechs- 



*) Der damalige König von Grieehenland. 

**) Concertmeister David in Leipzig heirathete eine russische 



Fürstin. 



16 1836—1839. 

zehnjähi-iges Herz, das Dich nicht ruhen lässt, weil Felix ver- 
liebt ist. Kann Dir Dr. W. kein Pülverchen gegen die Jugend- 
lichkeit des Gemüths verschreiben? Aber agitant ist es auch 
für eine Schwesterseele, und wüssten wir nur erst was Be- 
stimmtes! Etwas Ordentliches wird er sich wohl ausgesucht 
haben. Der Mann hat Geschmack. Soll ich meine Einbildungs- 
kraft auf Jeanrenaud oder Souchay richten? Theüe mir Deine 
Gedanken darüber mit. — 

Hier sind unglaubliche Festivitäten los, gestern war ein 
grosser Ball für König Otto und die Königin von Bayern. Der 
ganze Brunnen illuminirt, viel Eleganz, Bussen, Adel „un Deme 
Dochter ooch." Wollt Ihr Euch Otto vorstellen, so denkt Euch 
einen kleinen, magern, ki'änklichen, farblosen Schubring, der 
einen Fuss schleppt, keine Vorderzähne hat, was man seiner 
Sprache auch anhört, und sehr harthörig ist. Aber doch hat 
mich das arme Wurm gerührt und die schweren Füsse waren 
wohl weniger an seinem schlechten Tanzen schuld, als das 
schwere Herz, das mithüpfen musste. Ich habe mir die ihn 
umgebenden Griechen genau angesehen, welcher ihn wohl stran- 
guHren würde, sie haben Alle boshafte und garnicht helle- 
nische Physiogonomieen, ausser dem einen, Mauromichalis, den 
sie auch for show in griechisches Kostüm gesteckt haben. Ich 
hatte einen guten Platz und konnte die ganze Hundekomödie 
recht in der Nähe sehn, wie der Ceremonienmeister sie reihen- 
weise vorstellte, die Königin Jedem was Angenehmes sagte, 
wie die sehr hübsche Tochter des Herzogs von Oldenburg den 
Kammerherrn abschickte und E.'s Schwiegersohn zum Tanz 
auffordern Hess, und wie sie knixten und kein Ende. Welt! 
Getanzt haben nur die russische Klique und die höchsten Herr- 
schaften. Die Russen äffen liier ihr Reich im Kleinen nach, 
dominiren Alles, thun, als ob sie zu Hause wären, spielen auf 
der für alle Welt zum Gehen bestimmten Promenade Zeck 
wobei die Männer mit ihren ungebildeten Knutenstimmen schreien 
wie besessen, und den, ich selbst kann's nicht läugnen, sehr 
hübschen Frauen beinahe die Kleider vom Leibe reissen. Kein 
Anderer, vornehm oder niedrig, wagt sich an sie heran. Eine 
Frau von M. ist unter ihnen, bei der werden mir Armide, 



Metternich. Chopin. 17 

Circe, Skeneii und Konsorten klar. Schöneres sah ich nie und 
doch hat sie nicht einen, Gutmüthigkeit oder irgend ein Ge- 
fühl verrathenden Zug im Gesicht, alles kalt berechnet, ich 
behaupte, sie kennt Gift und Dolch, aber so göttlich schön, 
so verführerisch reizend, man kann nicht von ihr wegsehn und 
ich würde es sogar Dirichlet nicht übel nehmen, wenn er un- 
glücklich vor Liebe wäre. Aber sie weiss wohl, wen sie mit 
ihren Götteraugen ansieht, nur Grafen und Prinzen. Solch 
eine feine Kokette aus einem Roman ist mir noch nicht vor- 
gekommen, und kein Mensch kann sagen, worin eigentlich die 
Koketterie besteht ; angezogen wie ein Kind mit einem weissen 
Kleidchen und ein paar frischen Blumen im Haar, aber nicht 
ein nnberechneter Faden. Gott ! ! wie unschuldig sind die guten 
Berlinerinnen! Dies raffinirte Wesen kennt man doch bei uns 
nicht ! — 

Mittwoch kam der Fürst Metternich, der dem König Otto 
einen Besuch machen wollte, wir liefen ihm an den Brunnen 
nach und gingen dreimal dicht an ihm vorüber, er sieht prächtig 
aus, hat eine noble Tournüre, eine Nase wie ein grosser Mann 
und nebenbei ein wenig wie alle Itzigs, — ich glaube aber 
doch nicht, dass er vom Stamm ist, — und eine hübsche junge 
Frau, dem Anschein nach nicht älter als seine Tochter, die 
auch mit war." — 

Von Franzensbad reisten Dirichlet's in Begleitung von 
Professor Gans nach Marienbad, dort hielt sich Chopin auf, 
aber er liess sich garnicht sehen, und der Arzt und eine pol- 
nische Gräfin, die ihn ganz in Beschlag nahm, hatten ihm das 
Spielen verboten. Rebecka's Wunsch ihn zu hören, von dessen 
Spiel Felix und Paul viel erzählt hatten, war aber so lebhaft 
dass sie beschloss, eine Bitte an ihn zu wagen, oder, wie sie 
selbst schreibt, eine Bassesse zu begehn, und sich als ^^Soeur 
de Messiewrs Faul et Felix Mendelssohn- Bartholdy'^ zu legitimi- 
ren. ^Die lassesse gegen Chopin", heisst es wenige Tage 
darauf, „ist begangen und höchst geplumpt. Dirichlet ging zu 
ihm und sagte ihm eine Soeur etc. nur einen Mazurka — 
impossible^ mal aux nerfs, mauvais piano — et comment se porte 
cette chere Madame Hensel^ et Paul est marie? heureux couple etc. 

Die Familie Mendelssohn. II. 2 



18 1836-1839. 

— Allez vous promener — das erste und das letzte Mal, dass 
wir so etwas thun.'' — — 

„Sonntag früh fuhren wir ab von Marienbad, die Franke, 
Gans und Magnus begleiteten uns bis an den Wagen und nun 
ging's ins Hexenland Böhmen hinein, zwischen Stoppelfeldern, 
elenden Hütten, wilden, tannenbewachsenen Bergen; ich sah 
mich überall um, ob keine Reste von Zigeunerwirthschaft oder 
keine Besen zu sehen wären, nach Felixens Zeichnungen muss 
es in der Art sein, wie die Hochlande; die Stoppeln geben den 
Feldern schon allenfalls ein heidenartiges Aussehen, aber überall 
freundliche Leute und nicht übermässig viel Bettelei. Das Volk 
scheint bei Weitem gutmüthiger als bei uns, mit dem kleinsten 
Trinkgeld sind sie zufrieden, „küss' d' Hand"; viel schöne braune 
Menschen. Den ersten Abend blieben wir in Klattau, da kommt 
man durch die Stadt Laus, auf einem andern Wege durch Ms 
was Frank sehr glücklich machte. Gestern Montag über Ho- 
rasdiowitz, Strakonitz, Wodnian (ich spreche das sehr schön 
aus) nach Budweis, ein kurioses Ding, mit platten Dächern, 
unzähligen Glocken, Heiligenbildern in Käfigen vor den Häusern 
und andern Werkzeugen des Katholicismus. Wir hatten die 
Ehre, in demselben Zimmer zu wohnen, wo Karl X. Messe 
hörte, tafelte, Karten spielte, ich glaub' auch jagte, wenigstens 
war Platz dazu. — Heut hatten wir einen göttlichen Eeisetag, 
prächtiges Wetter, warm und luftig, assen in Kaplitz die 
ersten guten Kartoifeln, die mir über die Zunge kamen, leider 
muss ich noch die Butter dazu stehen lassen, da sie sich nicht 
mit dem Eisen verträgt, das mir noch im Magen sitzen soU, 
auch Obst giebt's noch nicht, — um sechs Uhr Nachmittags 
kamen wir hier in Freistadt an, hätten noch eine Station fah- 
ren können, aber das freundliche Städtchen lachte uns an; zwei 
Stunden vorher ist die deutsche Grenze, wo sich die Länder 
beinahe so scharf scheiden, wie Waadt und W^allis; hier fängt 
Laubholz an, schönere Bergformen, Wiesen, ordentliche Dörfer 
und ganz in der Ferne sehen die Ischeier Berge herüber ; hier 
gingen wir auf einen Berg neben der Stadt, sahen die Sonne 
untergehen, lernten die herrlichen Ischeier Bergformen aus- 
wendig, die sich ganz deutlich blau in den rosigen Abend- 



Rebecka in Münclien. 19 

wölken absetzten, besclimierten drei Blätter in meinem Buch 
und glaubten wir zeichneten, gingen um die Stadt herum, eine 
ehemalige Festung mit alten grauen Mauern und Thürmen, der 
Stadtgraben verschüttet, mit Obstbäumen bewachsen, rings 
umher eine Promenade unter schönen Lindenbäumen, es war ein 
zu schöner Abend, er erinnerte mich lebhaft an unsern Spa- 
ziergang in Bahlingen, wo wir auch zuerst die Alpen sahen. 
Wie wünschte ich Euch her, jetzt, da es anfängt schön zu 
werden, und das ist doch erst das Vorspiel, ich bin aber schon 
ganz entzückt. Fanny! warum können wir nicht solche Eeise 
zusammenmachen! Und warum sollte Vater das schöne Land 
nicht sehen! Ach, wie ist es möglich, eine frohe Stunde zu er- 
leben, ohne den Verlust doppelt schmerzlich zu em- 
pfinden ! " — 

Dirichlets dehnten ihre Reise noch bis Gastein aus; von 
einem Ausfing nach Italien hielt die dort herrschende Cholera 
ab, sonst, meinte Rebecka, liielte wohl nichts ab, bis Neapel 
zu gehn. Li München fand Dirichlet die Nachricht des Todes 
seiner letzten Schwester: 

München, löten September. 

„Gestern Abend sind wir hier angekommen und haben, 
da wir nicht in Lispruck waren, erst heut den Tod von Di- 
richlet's Schwester erfahren. Wie mir namentlich die arme 
Mutter an's Herz geht, das kann ich garnicht sagen. Ich muss 
an die selige Grossmutter denken, die immer sagte, man solle 
Gott bitten, dass er einem nicht aUes auferlegt, was man tra- 
gen kann. Dazu soll man so alt werden, um zehn Kinder zu 
tiberleben! Wir haben beschlossen, ihr die einzige Freude zu 
gönnen, die sie noch auf dieser Welt hat, mein armer Di- 
richlet geht noch von Leipzig aus, wohin er mich erst bringen 
will, nach Aachen. Hätten wir es früher erfahren, so hätten 
wir ihr auch ihr Enkelchen gebracht, mm ist's aber für Wal- 
ter und mich zu spät im Jahre. 

Dass es mir jetzt an aller Stimmung zum Sehen und Ge- 
niessen fehlt, könnt Ihr Euch vorstellen, am liebsten machte 
ich mich sogleich auf den Weg. Allein wie die baare Prosa 

2* 



20 1836—1839. 

des Lebens sich überall geltend macht, so müssen wir hier 
waschen lassen und daher bis Sonntag bleiben; und ich werde 
ohne Humor so viel Merkwürdigkeiten als möglich sehen, für 
die Zukunft ist es mir doch interessant, wenn ich auch jetzt 
nicht die für ewige Kunstwerke gehörige Freude und Andacht 
haben kann, die Mutter geht mir nicht aus dem Sinn. Heut 
Vormittag beredete mich Diiichlet und ging mit mir auf eine 
Stunde in die leider nicht länger geöffnete Leuchtenberg'sche 
Sammlung, da ist etwas Genie in dem kleinen Raum zusam- 
mengedrängt; es zieht einen doch von den Steinen und der 
leblosen Natur mächtig zum menschlichen Geist hinüber." 

Dirichlet trennte sich schon in Nüi-nberg von Frau und 
Kind, um zu seinen Eltern zu eilen. Er war ilir letztes übrig- 
gebliebenes Kind, freilich auch ihr geliebtestes , und fortan 
ihre einzige Freude. Es war der Mutter beschieden, auch 
dies, ihr Letztes, noch zu verlieren und erst im hundertsten 
Lebensjahre zu sterben. 

Dort in Nürnberg bewahrheitete sich Schillers Wort aus 
dem Teil: „Hier wird gefreit und anderswo begraben." Wäh- 
rend sich Dirichlet zum Abschied von Frau und Kind rüstete, 
um seine Eltern zu trösten, traf die Nachricht von Felixens 
Verlobung mit Cecile Jeanrenaud ein. Die ganze Reise über 
war Rebecka schon in der peinlichsten Spannung gewesen, 
denn dass Felix mit ganzer Seele ein schönes Mädchen am 
Rhein liebe, soviel wussten die Famüienglieder, aber es waren 
doch noch immer blosse Gerüchte. Von Gastein aus schreibt 
Rebecka, sie habe die allgemeine Zeitung mit der stillen Hoff- 
nung gelesen, unter den Messartikehi aus Frankfurt a. M. 
werde stehen: Der bekannte Musiker Felix Mendelssohn hat 
sich am so und so vielten verlobt, aber es habe nur flaue 
BaumwoUe und Bundestag darin gestanden. In Nürnberg also 
bekam Rebecka einen Biautbrief von Fehx, der gleich nach 
der Verlobung nach Leipzig zurückgegangen war, und hierhin 
eilte sie, erfreut über die langersehnte Nachricht. Sie war die 
Erste von der Familie, die ihn nach der Verlobung sah, sie 
fand ihn so heiter, ruhig, ümerhch glücklich, mittheilend, wie 
er schon lange nicht gewesen, und schreibt, sie hätte kaum 



Rebecka in Leipzig. 21 

gedacht, dass ihm die Liebe so gut kleiden -würde, er sei gar 
zu liebenswürdig. So verlängerte sich denn ihr Aufenthalt 
von einem Tage zum andern; und endlich ging es noch so, 
wie sie selbst beschreiben mag: 



Leipzig, den 4ten Oktober. 

„Gestern stehe ich absichtlich recht früh auf, um Dir 
endlich einmal einen ordentlichen, vernünftigen Brief zu schrei- 
ben. Dir für Deine Liebenswürdigkeit zu danken, dass Du mir, 
während Du Deine betrübten Eltern aufzuheitern beschäftigt 
bist, hier gute Tage gönnen und verlängern willst, will Dir 
auseinandersetzen, wie Felix am Sonnabend seiner eklichen 
Wirthsleute wegen aus- und wieder zu Pensa's hinziehen muss, 
wo kein Platz für uns ist, ich also noch einmal delogiren 
muss, wie ich gern, ehe Du nach Berlin kommst, die Wohnung 
fix und fertig einrichten wollte etc. etc., und wie ich aus 
allen diesen Gründen nicht Deinen gütigen Urlaub benutzen, 
sondern abreisen will; drei Seiten habe ich vollgesclirieben, da 
kommt Felix herein. Guten Morgen, Beckchen ! Guten Morgen, 
Felix! — Na, Du bleibst hier bis Dirichlet kommt, Dich holen? 
Ich: Nein, ich habe es eben an Dirichlet geschrieben, dass es 
nicht geht. Felix: Wo ist der Brief? Ich: Da liegt er, willst 
Du schon wieder lesen? Felix: Nein — geht an den Tisch, 
nimmt den Brief und zerreisst ihn in tausend Stücke. — — 
Ich war davon so perplex, dass ich den ganzen Tag nicht 
wieder schreiben konnte und weiss noch heut nicht, was ich 
anfangen soll; ich fürchte, acht Tage im Hotel werden mich 
ganz ruiniren: mein Grundsatz ist nun zwar, mit guten Tagen 
nicht zu geizen, und es ist hier sehr angenehm, Felix enorm 
liebenswürdig, spielt mir sehr viel vor, wir haben so schreck- 
lich viel zu plaudern, und Felix ist so gut, meine Gesellschaft 
wenigstens wie einen kleinen Trost füi' die Trennung zu be- 
trachten. David sagt auch, acht Tage wären gar keine An- 
wesenheit, vierzehn Tage wären erst eine Woche und derglei- 
chen. Wie gesagt, ich weiss noch nicht, was ich anfangen soll. 

In meinem gestrigen Brief stand noch Vieles, w'as nun 



22 1836—1839 

verloren ist; aber das muss ich Dir doch wiederholen, dass 
Felix sich an Rossini einen warmen Freund und Gönner er- 
worben hat, der seine Musik mit vielem Interesse hört und 
ihm sehr ernsthafte Bemerkungen darüber sagt und sagen lässt, 
ihm empfiehlt, populärer zu componiren etc. Ferner, dass 
Kalkbrenner's bester Schüler, Eleve du Cons&rvatoire de Parisy 
beliebter Musiklehrer de Paris Mr. Stamaty hier ist, um in 
Deutschland bei FeUx Musik zu lernen und durchaus hier nicht 
spielen will, weil er erst was Besseres lernen müsse. Ueber- 
haupt Berlin und Aachen ausgenommen fangen doch die Leute 
an, seine Musik zu verstehen. Hier wird er, wie Conticini 
sagt, angeboten. 

Nun aber höre : Morgen kann ich nicht fort, denn da hat 
Felix eine kleine Gesellschaft gebeten, Lipinsky und David 
musiciren, und ich muss Thee machen. Uebermorgen ist Probe 
von Lipinsky's Concert, wo Felixens Melusine gemacht wird, 
Freitag das Concert selbst. Ich denke bis jetzt Sonnabend 
zu reisen, kann aber "wirklich auch dafür nicht stehen. Und 
nun adieu, mein lieber, guter Mann; ich zähle die Tage bis> 
wir uns wiedersehen, sei es hier oder in Berlin; aber so an- 
genehm sie ohne Dich sein können, sind sie hier. — An Deine 
Mutter kann ich nie ohne Rührung denken; Gott erhalte sie! 
— Könnten wir doch nur beitragen, ihr das Leben etwas zu 
erheitern." 

So liess sich denn Rebecka eine douce violence anthun und. 
blieb bis spät in den Oktober in Leipzig. 

Durch Berlin war während ihrer Abwesenheit der junge 
Göthe gereist, ein Enkel des Dichters, von dem Fanny schreibt, 
„ein recht freundliches 18 jähriges Bürschchen, mit dem kein 
Mensch reden würde, wenn er Werner hiesse, und an den man 
Ansprüche macht, die er nimmermehr erfüllen kann, weil er 
Göthe heisst." Im Ganzen verlief der Sommer 1836 für die 
Familie ziemlich ruhig. Die ganze Aufmerksamkeit war auf 
Frankfurt und das, was sich daselbst zutragen sollte, gerichtet;. 
man war „in derjenigen Stimmung, wo man jeden Klingelnden 
für den Briefträger, und jede Rechnung für den erwarteten 
Brief hält und sich aufregt, wenn die Thüre aufgeht." — Und 



Verlobung vonFelix. 23 

endlich, im September, kam denn auch der richtige Briefträger 
und brachte der Mutter die langersehnte Nachricht, dass ihr 
letztes Kind auch die ihm beschiedene Frau gefunden habe, 
und diese Nachricht lautete: 



Frankfurt a.M., 9. Sept. 1836. 

Liebe Mutter! 

„In diesem Augenblick, wo ich wieder in mein Zimmer 
trete, kann ich nichts andres thun, als an Dich schreiben, 
dass ich mich eben jetzt mit C6cile Jeanrenaud verlobt habe. 
Mir schwindelt der Kopf von dem, was ich an diesem Tage 
erlebt habe, es ist schon tief in der Nacht, ich weiss weiter 
nichts zu sagen, aber ich musste noch an Dich schreiben. Wie 
ist mir so reich und glücklich. Morgen, wenn es irgend sein 
kann, schi^eibe ich Dir ausführlich, und womöglich auch meine 
liebe Braut. 

Dein Brief liegt eben da, ich hab' ihn geöffnet, um zu 

sehen, dass Ihr wohl seid, aber noch nicht lesen können. Lebt 

wohl und mir immer nah." 

Felix. 

1836 war Mendelssohn auf vertraulichem Wege die Direk- 
tion des Cäcilienvereins in Frankfurt a.M. angeboten worden, 
da Schelble, der Gründer und zeitherige Dirigent desselben, 
schon längere Zeit krank war und das Institut aus Mangel an 
einem tüchtigen Oberhaupt einzugehn drohte. Er erklärte nun 
gleich aufs Bestimmteste, dass er unmöglich daran denken 
könne, an Schelble's Stelle, falls dessen Aufkommen nicht zu 
hoffen wäre, die Dii-ektion zu übernehmen, dazu war ihm die 
eben angetretene Stellung in Leipzig viel zu lieb ; aber, wenn 
noch Aussicht wäre, dass Schelble wieder gesunden, etwa sich 
durch eine Reise stärken und dann zum nächsten Winter die 
Leitung des Cäcilienvereins wieder übernehmen könnte, so 
wolle er seinen Sommer mit Vergnügen dazu benutzen, einst- 
weilen das Institut im Gang zu erhalten. Er sah dies als 



24 1836—1839. 

einen Dienst an, den er dem sehr hochgeschätzten Freund und 
der guten Sache schulde, und gab bereitwillig den Plan einer 
Schweizerreise imd eines Seebades in Genua dafür auf. 

Selten wohl ist einer guten That die Belohnung so augen- 
blicklich und unmittelbar auf dem Fusse gefolgt. Gleich nach 
dem Düsseldorfer Musikfest, von dem vorher die Eede war, 
am 4ten Juni, ging Felix nach Frankfurt ab. Xach den An- 
strengungen des Festes that ihm zuerst die Ruhe und Stille 
in der lieblichen Frankfurter Natur ausserordentlich wohl. 
Wenig Menschen konnten vielleicht so arbeiten wie er, wenige 
aber auch nach einer solchen Zeit toller Hast und Hetze, wo 
auf Wochen hinaus nicht eine Minute unbesetzt gewesen war, 
dann so intensiv eine Zeit der Erholung, womöglich in einer 
hübschen Gegend gemessen. Die Direction des Cäcilienvereins 
nahm nicht übermässig viel Zeit iu Anspruch, so blieb viel 
Müsse. Namentlich spricht er von einem Wald: „wenn man 
in dem des Abends spazieren geht, unter den prachtvollen 
Buchen, in den unzähligen Kräutern und Blumen, und Brom- 
beeren und Erdbeeren, — da geht einem das Herz auf." 

Und das Herz ging ihm auf, in anderm Sinne auch. Frau 
Jeanrenaud, die Wittwe eines protestantischen Predigers in 
Frankfurt, hatte zwei Töchter, darunter eine, Cecile, von ganz 
wunderbarer Schönheit und Lieblichkeit. Als Felix nun auf 
längere Zeit in Frankfui't war, suchte er das Haus wieder auf, 
in das er schon früher eingeführt worden war und das er 
wohl schon im Sinn hatte, als er Weihnachten 1835 Fanny 
versprach, den nächsten Sommer am Ehein sich nach einer 
für ihn passenden Frau umzuselin. Er fand sie in Cecile Jean- 
renaud. Es w^aren keine entschiedenen, prägnanten Eigen- 
schaften, die sie so liebenswürdig machten, — es war vielleicht 
umgekehrt grade deren Abwesenheit, die vollkommene Har- 
monie, das vollendete Gleichgewicht ihi'er Natur. Sie war nicht 
hervorragend geistreich, nicht blendend witzig, nicht tief ge- 
lehrt, nicht sehr talentvoll; aber ilir Umgang war so wohl- 
thuend ruhig, so erquickend, wie die reine Hlmmelsluft oder 
das frische Quellwasser. 

Und grade für Felix, mit seinem nervös reizbaren Tem- 



Verlobung von Felix. 26 

perament, war diese Frau wie geschaffen; mit ihrer milden 
Heiterkeit hatte sie den wohlthätigsten Einfluss auf ihn, wie 
ihn keine anders geartete Natur hätte haben können und 
bereitete ihm bis zu seinem Ende Jahre des ungetrübtesten 
Glücks. 

Er hatte zu Anfang manche Vorurtheile zu überwinden. 
Cecile hat einmal an Fanny geschrieben, dass sie sich früher 
Felix nie anders denken konnte, als einen höchst steifen ekligen 
alten Mann, der keinen Menschen neben sich bestehen lasse 
und mit einem Sammetkäppchen auf dem Kopf langweilige 
Fugen spiele. Nun, dieses Vorurtheil zu überwinden, wurde 
Felix nicht schwer; das schwand natürlich, sobald er sich 
zeigte. Mit der Tochter wurde er sehr bald vertraut und sie 
erwiderte seine Liebe auf das innigste; aber auch die übrigen 
massgebenden Personen der Familie gewann er sich schnell. 

Inzwischen ging er, ehe er sich formeU erklärte, einer 
in Düsseldorf getroffenen Verabredung zu Folge, als Begleiter 
Schadows ins Seebad nach Scheveningen. Zugleich wollte er 
die Festigkeit seiner Neigung durch längere Entfernung auf 
die Probe stellen. Dass er während dieser Trennung ziemlich 
desperat war, ist wohl erklärlich — es spricht sich in allen 
seinen Briefen aus dieser Zeit aus. 



Felix an Rebecka. 

Frankfurt a. M., 24. Juli 36. 

„Ehe ich hier nach meinem Bade abreise, muss ich Dir 
doch einmal in Dein Bad hineingeschrieben haben*), obwohl 
ich grade jetzt ein schlimmer Correspondent bin, aber es darf 
nicht gesagt werden, dass ich Dir zu irgend einer Zeit nicht 
geschrieben habe. Diese Zeit ist sonderbar. Ich bin so ent- 
setzlich verliebt, wie noch niemals in meinem Leben und ich 
weiss nicht, was ich anfangen soll, üebermorgen soll ich 
von Frankfurt abreisen, mii' ist aber, als kostete das den Hals, 



*) Franzensbad. S. oben. 



26 1836—1839. 

ich will in jedem Fall vor Leipzig wieder liier sein, um dies 
gar zu nette Mädchen noch einmal zu sehen, aber ob sie sich 
etwas aus mir macht, das weiss ich eben garnichi und was 
ich anfangen soll, wie gesagt, auch nicht. Das ist aber ge- 
wiss, dass ich die ersten recht frohen Stunden dieses Jahres 
ihr verdanke und dass mir zuerst wieder ein wenig freier zu 
Muth geworden ist, als bisher. — Und dabei bin ich sehr be- 
trübt, wenn ich nicht dort sein kann. Siehst Du, da hast Du 
ein Gehpimniss, wovon Du keinem Menschen was sagen darfst, 
aber damit Du der Welt das wahre Beispiel giebst, dass Du 
auch schweigen kannst, so sage ich Dir auch weiter garnichts 
und willst Du mehr wissen, so schreibe mir nach dem Haag 
poste restante, denn übermorgen reise ich nach dem ver- 
wünschten Seebad. Beckchen? Was soll ich anfangen? — 
Das ist meine Stimmung jetzt den ganzen Tag ; ich kann 
weder komponiren, noch Briefe schreiben, noch Klavier spielen, 
nur allenfalls ein Bischen zeichnen. Aber danken muss ich 
Dir für die guten Worte, die Du mir über den Paulus sagst, 
so was ist das Beste und Liebste, was ich darüber hören kann ; 
was etwa Du oder Fanny mir über solch ein Stück sagt, das 
sagt das Publikum, ein anderes giebt es garnicht. Aber ich 
wollte nur, Du schriebest mir noch ein Paarmal darüber und 
über meine andre Musik recht ausführlich; glaubst Du denn, 
mir könne das gleichgültig sein, ob Dir so was Freude 
macht? — 

Die ganze Zeit, dass ich hier bin, habe ich noch an dem 
Paulus gearbeitet, weil ich ihn nun einmal so vollkommen wie 
möglich herausgeben will, auch weiss ich bestimmt, dass der 
Anfang des ersten und das Ende des zweiten Theils ungefähr 
dreimal so gut geworden sind, also war's meine Pflicht, denn 
es gelingt mir in manchen, namentlich in Nebensachen, bei so 
einer grösseren Arbeit erst nach und nach meinem eigentlichen 
Gedanken nahe zu kommen und ihn recht klar liinzust eilen, 
bei den Hauptsachen mid Stücken kann ich freilich nachlier 
nichts melir ändern, weil sie mir gleich so einfallen, aber um 
das auch von allen sagen zu können, dazu bin ich noch nicht 
weit genug. Nun arbeite ich aber schon etwas mehr als zwei 



Verlobung von Felix. 27 

Jahre an dem einen Oratorium, das ist aUerdings sehr lange 
nnd ich freue mich nun auf den Moment, wo ich auch nTit 
den Druckkorrekturen fertig sein werde und was anderes an- 
fangen kann. Zunächst denke ich einige Symphonien zu 
machen. So recht eigentlich komponirt habe ich hier noch 
garnichts, siehe die erste Seite; ich bin gar zu sehr herunter 
dazu, Du lachtest Dich todt, wenn Du mich so sähest. — 

Heut früh kamen vier MitgHeder des CäciHenvereins, den 
ich Mittwoch zum letzten Mal dirigirt habe, und brachten mir 
im Namen des Vereins ein Reise-necessaire, das viel eher einen 
verkappten Prinzen, als einen Musiker errathen lässt, ein Non 
plus ultra von Pracht und Eleganz, aber ich werde es doch 
brauchen. Oben drauf steht F. M. B. und Caecilia, was mir 
ganz gut gefällt. — 

Dieser Brief ist gewiss einer der dümmsten, aber Du bist 
in Franzensbad und ich soll nach Scheveningen, das ist auch 
vom dümmsten, wie Droysen sagen würde.*' — 



Haag, 9ten August 36. 

Felix an seine Mutter: 

^Deinen lieben Brief erhielt ich vorgestern und danke Dir 
von ganzem Herzen dafür. Du siehst aber wohl freilich mehr 
in meinem letzten Brief, als ich darin sagen wollte, denn wenn 
Du von meiner Verlobung, memem Glück, meinen veränderten 
Lebensplänen sprichst, so ist das Alles noch ganz im Unbe- 
stimmten. Aber danken muss ich Dir für die lieben, gütigen 
V^orte, die Du mir über diese blosse Möglichkeit geschrieben 
hast und die ich fast als Deine Erlaubniss betrachten möchte, 
so zu handeln, wie ich es zu meinem Glücke nicht anders 
kann. Dennoch möchte ich diese Deine Erlaubniss, Deine Ein- 
willigung gern bestimmt besitzen, um von dieser Seite nicht 
mehr von Zweifeln geplagt zu sein ; Dich darum zu bitten, ist 
der Zweck dieser Zeilen eigentlich. Sage mir also, dass Du 
mir auch jetzt das Zutrauen und die Freiheit schenken willst, 
deren ich mich schon in früheren Jahren erfreuen durfte, und 



28 1836-1839. 

Du wirst mich dadurch sehr glücklich machen. Dass ich ein 
solches Zutrauen nicht missbrauchen will, kannst Du mir 
glauben und ich habe es auch wohl zuweilen verdient. Bitte, 
sage mir das, liebe Mutter. 

Glaube aber darum nicht minder das, was ich Dir im An- 
fang schreibe. Ich möchte nur von Dir und Deiner Güte die 
Erlaubniss, oder die Emancipation haben, die mir das Alter 
schon seit einigen Jahren gegeben hat, die ich aber eben nun 
destoweniger von Dir hier entbehren möchte, oder auch nur 
daran zweifeln. Ob ich aber dann bei meiner Eückkehr nach 
Frankfurt davon Gebrauch machen kann oder nicht, — das 
ist, wie gesagt, mir selbst noch das grösste Räthsel. Alles 
hängt von dem ab, was ich bei meiner Eückkunft dort erleben 
werde, denn bis jetzt weiss ich nichts davon. Nur das ist ge- 
wiss, dass ich ganz Holland, alle Holländer, nebst Seebad, Ba- 
dekarren, Kursaal und Gästen mit allem Zubehör zu aller Hölle 
wünsche, ins Pfefferland, und wollte, ich könnte schon wieder 
zurück. Denn wenn ich jetzt dieses sehr liebenswürdige Mäd- 
chen noch einmal zu sehen bekomme, so denke ich, es wird sich 
bald entscheiden, ob wir einander näher und nahe kommen, 
oder nicht; bis jetzt eigentlich kenne ich sie wenig und sie 
mich auch nicht ; ich kann Dir darum auch nicht viel über sie 
schreiben, wie Du es wünschest. Nur das weiss ich zu sagen, 
dass mir ihre Nähe sehr frohe Tage in Frankfurt jetzt berei- 
tet hat, grade in einer Zeit, wo ich dessen sehr bedurfte und 
es wenig erwartete, dass sie eine Tochter des lange verstor- 
benen Pfarrers Jeanrenaud, von ihrer Mutter (einer Souchay' 
sehen Tochter) dort im Hause aufs zarteste und sorgsamste 
erzogen ist, dass sie mit Vornamen Cecile heisst und mir gar 
sehr gut gefällt. 

Liebe Mutter, ich bitte Dich nur, ängstige und agitire 
Dich nicht meinethalben, wie Du mir sclu^eibst, sonst machst 
Du mich mit ängstlich, und ich möchte gern heiteren und ru- 
higen Sinnes und Blickes diese Sache verfolgen und so unbe- 
fangen dabei bleiben, wie sonst wohl, wenn es in meinem Le- 
ben auf augenblickliche Entscheidung ankam. Deshalb wünsche 
ich sehr, dass Du Niemandem, am wenigsten Jemand in Frank- 



Felix als Bräutigam. 29 

fort, etwas von dieser Ang-elegenlieit mittheilst, es könnte mir 
alles zerstören. — Liebe Mutter, antworte mir gleich auf die- 
sen Brief." 

Indess das Seebad nalim aucli ein Ende und Felix eilte 
nach Frankfurt, wo die Verlobung stattfand. Unmittelbar dar- 
auf musste er wieder nach Leipzig zurück und konnte also 
sein Glück nicht lange geniessen. Natürlich war die Begierde 
und Spannung der Familie, etwas von der Braut zu hören, 
ausserordentlich gross. Da liefen denn nun von allen Seiten 
so enthusiastische Berichte ein, dass dadurch nur der Wunsch, 
sie von Angesicht zu Angesicht zu sehen, vermehrt wurde, 
ein Wunsch, der aber für Alle noch eine ziemliche Zeit un- 
erfüllt bleiben sollte. Aus dem natürlich gleich lebhaft ein- 
geleiteten Briefwechsel möge einiges folgen : 



Frankfurt, 13ten Dec. 36. 

Felix an Fanny: 

„Ja, Du lieber Fenchel, da sitze ich wieder an Cecile's 
Pult und schreibe Dir und bin ein glücklicher Mensch. Wie 
ist's weiter zu beschreiben? W^eiss gar nicht und bin stumm, 
aber nicht so wie die Affen am Orinoco, sondern ganz anders. 
Zuweilen möcht' ich ein klein wenig toll werden, wenn ich an 

die Visiten denke, die morgen losgehen, es sind deren 

163, wohlgezählt! — Was sagst Du nun, Cantor? Und bei 
meinem Bart, ich muss sie alle machen, trotzdem, dass ich mich 
so jämmerlich anstelle, wie mir nur möglich. Aber wahrlich, 
mir ist das auch einerlei — ich bin zu froh. Neben der Cecile 
habe ich nun die letzten vier Tage hier gelebt und habe noch 
acht solche vor mir und dabei ist Alles hier im Hause so nett 
und lieb, und der Karl Jeanrenaud, dessen Bekanntschaft ich 
jetzt erst gemacht habe, der ist auch so liebenswürdig und gut, 
wie die Andern, ein gar zu netter Mensch und ausser alledem 
habe ich eine ganze Menge gute Musik im Kopfe, die Dir alle 
noch gefaUen soU, und so kann ich's wohl dankbar sagen, 
welch ein glücklicher Mensch ich bin. Lebe wohl etc." 



30 1836-1839. 

Berlin, 23. Decbr. 36. 

Fanny an C^cile. 

^ Deine Zeichnung, liebe C6cile, hat nns Allen sehr 

viel Vergnügen gemacht nnd sehr gefallen, besonders aber Hen- 
sel, der gerade, weil er es am besten versteht, jede Intention 
zn schätzen weiss, und ich kann wohl sagen, ein liebenswür- 
diges Publikum ist. Du erlaubst mir wohl, meinen Mann ein 
wenig gegen Dich zu loben, oder vielmehr Dir zu sagen, dass 
ich ihn wirklich nicht genug zu loben wüsste, so vortrefflich 
ist er, so dass ich mit Ueberzeugung von ihm, wie Du von 
Felix, sagen darf, sein Talent ist nicht sein grösster Vorzug 
nnd doch wollte ich. Du könntest das Bild sehen, was er jetzt 
vollendet hat, weil ich glaube, dass sich ebensowohl ein liebens- 
würdiges Gemüth, als ein schönes Talent darin ausspricht. 

Aber liebe Kinder ! Wie kann man 163 Visiten zu machen 
haben? das ist ja eine unvergleichliche Thierquälerei ! Wir ha- 
ben gerechnet und gerechnet und herausgebracht, dass, wenn 
Thr auch jeden Tag zwanzig macht, was ein Ding der Un- 
möglichkeit ist, Ihr doch acht volle Tage braucht, an denen 
Ihr gar nicht leben, sondern nur besuchen könnt — unmensch- 
lich! Ich hoffe, es hat Einer von Euch bei der dritten sich 
den Fuss vertreten, oder einen Schnupfen bekommen, der gerade 
ausreicht — weiter nichts. Wenn Ihr Euch diese 163 Visiten 
recht deutlich und grausam vorstellt und dann denkt, dass 
Thr sie nach Eurer Verheii^athung abermals zu machen habt, 
so giebt das vielleicht einen Beweggrund ab. Euch in Leipzig 
trauen zu lassen, was ich aus verschiedenen Gründen, die mir 
die Bescheidenheit auszuführen verbietet, sehr zweckmässig 
finden würde. Ach w^äret Ihr morgen hier! Ich denke, es wird 
recht niedlich werden. Zwei grosse Orangenbäume, w^elche in 
unserem Vorzimmer stehen, erleuchten wir durch Lämpchen von 
ausgehöhlten Citronen, dann kommen die grossen Weilmachts- 
bäume in unserer blauen Stube, unter Hensel's Schülern machen 
wir eine kleine Lotterie, natürlich aus lauter Gewinnen beste- 
hend, unsere jungen Leute haben auch wieder ihrerseits einen 
Spass vor, von dem ich mich aber überraschen lasse, ich weiss 



Felix als Bräutigam. Bl 

gamiclits. Hensel bekommt von mir, o du Malerin, ein Lotli 
ächten Ultramarin, der hier so übermässig theuer ist, dass er 
sich schon lange keinen angeschafft hat. — Heute Nachmittag 
nun muss ich poetisch sein, denn morgen ist keine Zeit mehr 
dazu, da muss aufgebaut werden." 



Leipzig, 31ten Decbr. 36. 

Felix an Fanny. 

„Liebe Fanny, diese Zeilen sollen Dir und Hensel meinen 
Dank für Eure liebenswürdigen Albumbeiträge bringen und 
Euch sagen, wie Ihr mich dadurch erfreut habt. Hättet Ihr 
sehn können, wie meine C6cile so froh darüber war, wie sie 
die lieben Blätter den ganzen Abend über nicht aus der Hand 
Hess und sie immer wieder betrachtete, so wäre darin der Dank 

schon, und auch Ihr hättet Euch daran gefreut. Fanny, 

das w^ar ein Weihnachtsfest für mich. So hab ich keins er- 
lebt, und werde es nicht wieder; die glücklichsten, liebsten 
Tage waren mir geschenkt, solche Tage, an denen einem das 
Leben und Athmen wieder neue Freude und neue Dankbarkeit 
giebt. Ich kann Euch aber das Alles nicht beschreiben, denn 
Ihr kennt meine Cecile nicht, wäre das erst! — Man gab mir 
ihr Portrait am Weihnachtsabend, aber da bekam mein Grimm 
gegen alle schlechten Künstler neue Nahrung, und ich war 
nahe daran, dem Maler, B. heisst er, aus Wien, viele Grob- 
heiten zu sagen, und durfte es doch nicht, weil Mme. Jeanrenaud 
so gut gewesen war und hatte mir eine Freude machen wollen, 
und weil die Cecile so oft gesessen hatte. Und doch war's 
schändlich. Wie eine geschmeichelte, gewöhnliche Mamsell sah's 
aus, und mit so groben Fehlern, dass der Mann ganz verblüfft 
war, als ich ihm einige davon sagte, und sie mir alle gleich 
zugab. Es ist zu schlimm, wenn solch ein Kerl selbst da nicht 
einmal ein bischen poetisch, ich meine natürlich werden kann, und 
mit seinen affektirten, angenommenen Stellungen und mit weissem 
Teint und zarten blauen Aeuglein kommt, statt der dunkel- 
schwarzblauen und dem braunen und rothen Teint und der 



32 1836—1839. 

ganz natürlichen Cecile. Auf Veit's Portrait bin ich neugierig, 
denn er macht's nun, ich glaube das wird anders aussehen, 
obwohl es verzweifelt schwer sein mag, dies bewegliche Gesicht 
festzuhalten und nachzuahmen. — 

Am 4ten Januar 1837. Der ist es nun geworden, und 
Neujahr, und nun nimm alle meine Wünsche für Euer Wohl 
und Glück dazu hin. Als ich am vorigen Sylvesterabend 
traurig vor zwölf nach Hause ging und im Bett zwölf schla- 
gen hörte, da dachte ich wenig, mit welch dankbarer Em- 
pfindung ich die letzte Stunde davon gestern verleben sollte, 
mit welch frohen Hoffnungen die erste dieses neuen. Da dankte 
ich Gott für aU das Gute, und ich weiss, dass Du es mit em- 
pfindest, und Dich mit daran freust, wie ich so glücklich 
bin." — 



Leipzig, 24ten Januar 1837, 

Felix an Fanny, 

— — ,,Ich denke am 1 7 ten März abzureisen nach Frank- 
furt, und für den 13 ten ist die Kirchenauiführung bestimmt. 
Ich möchte fast sagen leider bestimmt, denn ich habe doch 
auch garkeinen Animus jetzt dazu, und es gefällt mir nicht, 
dass ich so kurz vor meiner Hochzeitsreise solch einer ent- 
setzlichen Hatz entgegengehe. Ich fluche auf die ganze Con- 
cert- und Musikwirthschaft hier und muss sie doch mitunter 
segnen, denn sie ist wirklich liebenswürdig. Du glaubst es 
nicht, wie viel gute, interessante Erscheinungen solch einen 
Winter über durch unsern Horizont (den Leipziger) gehen, und 
wie gern möchte ich, dass Du das mal so mit erlebtest, es 
würde Dich gar so sehr amüsiren. Vorige Woche spielte 
Bennett sein C-moU-Concert zum Jubel der Leipziger, die er 
sich mit dem einen Schlag allesammt zu Freunden und Ver- 
ehrern gemacht zu haben scheint, denn man hört überall nur 
Bennett jetzt; im Concert vorher hatte Molique sehr vor- 
trefflich gespielt, nächstens kommt eine neue Ouvertüre von 
Spohr zur Tochter der Luft, zu der er, wie er mir schreibt. 







C^-'/T ^ c>ö- 



Felix als Bräutigam. 33 

durch meine Melusine angeregt worden ist; im Armenconcert 
kommt eine neue Ouvertüre von Bennett, zwei neue von Hiller 
(der Dich in jedem Brief grüssen lässt) haben wir schon ge- 
macht, und da wir auch nächstens den Faust von Radziwill 
probiren wollen, und da sich auch Md. Crescini angemeldet 
hat, so dürft Ihr Berliner garnicht mausig sein." 



Rebecka an Cecile. 



Uten März 1837. 



„Ich kann Dir garnicht sagen, liebe Cecile, wie sehr ich 
mich freue, dass Ihr noch in Leipzig geblieben seid, in unserer 
Nähe, und Mutter sieht Euch, und Du hörst den Paulus noch. 
Wäre die Nähe nur nicht auch so weit, oder gäbe es Fem- 
röhre von der Leipzigerstrasse bis zu Reichel's Garten, oder 
Eisenbahnen, oder wäre ich nicht aus mancherlei Gründen so 
unbeweglich. Felix, der, unter uns gesagt, das ganze Concert 
bei der Nase herumführt, oder ihm darauf herum tanzt, könnte 
sich wohl auf ein paar Tage losmachen und Euch herbegleiten, 
wenn er nur ernsthaft will, vorausgesetzt, dass Dir diese Be- 
gleitung nicht unangenehm wäre. Ihr sollt auch, wie Ihr wollt, 
entweder alle Herrlichkeiten Berlins im schönsten Licht, oder 
gar keine Herrlichkeiten sehen, letzteres ist für Berlin sehr 
vortheilhaft. — Ich wollte übrigens, ich wäre bei Euch und 
sässe neben Dir im Chor, pausiren und anfangen wollte ich 
schon. Du singst wohl zum ersten Mal im Chor? Ist das 
nicht ein herrliches Vergnügen? Ach überhaupt, es geht gar- 
nichts über die Musikanten! Was wirst Du noch für Plaisir 
in den verschiedensten Genres von Felixens Musik haben. Macht 
er Dir denn auch musikalische Possen vor, oder ist er zu ver- 
liebt dazu? Sonst empfehle ich Dir eine Art Präludien ä Venfant 
und mit falschen Schlüssen, über die ich lachen muss, ich glaube, 
wenn ich am Tode läge. Leider fehlt uns dieses Musikanten- 
leben gänzlich, wir haben garkeine musikalischen Hausfreunde, 
nur zuweilen bei Fanny die grossen Auffühi'ungen, die denn 
freilich ausserordentlich schön sind, und nach denen sich jeder 

q 

Die Familie Mendelssolm. II. ** 



34 1836-1839. 

scheut, in Fanny's Gegenwart zu spielen oder zu singen, oder 

wir spielen uns allein was vor. Grüss Felix sehr. Nicht 

wahr, er sieht nett aus an seinem Pult? Ich sehe gar zu 
gern, wenn ihm etwas gefällt, und er nickt so vergnügt mit 
dem Kopfe, als wäre kein Mensch im Saale und macht dabei 
eine dicke Unterlippe." 

7ten März 1837. 

Felix an Fanny. 
(Nach Aufführung eines ihrer Lieder in Leipzig.) 

„Ich will Dir über Dein Lied gestern schreiben, wie schön 
es war. Meine Meinung weisst Du zwar schon, doch war ich 
neugierig, ob mir mein alter Liebling, den ich immer nur im 
grauen Kupferstichzimmer oder im Gartensaal von Beckchen 
gesungen und von Dir gespielt kannte, nun auch in dem sehr 
gefüllten Saal, bei hellem Lampenlicht, nach vieler, lärmender 
Orchestermusik, die alte Wirkung thun würde. So war es mir 
ganz kurios, als ich ganz still und allein Deinen netten Wellen- 
schlag anfing, und die Leute mäuschenstill horchten ; aber nie- 
mals hat mir das Lied besser gefallen, als gestern Abend, und 
die Leute begriffen es auch und murmelten jederzeit, wenn 
das Thema am Ende wieder anfängt mit dem langen e, und 
klatschten sehr lebendig am Schluss. Zwar sang es die Gra- 
bow lange nicht so gut wie Beckchen, üidess war es doch 
sehr rein, und die letzten Takte sehr hübsch. Bennett, der 
auf dem Orchester war, lässt Dich vielmals grüssen und Dil* 
über das Lied sagen, was Du schon weisst, und ich meines- 
theüs bedanke mich im Namen des Publikums zu Leipzig und 
den anderen Orten, dass Du es gegen meinen Wunsch doch 
herausgegeben hast." — 

Dieser Brief bezog sich auf ein von Fanny veröffentlichtes 
Lied. Schon viel früher, in den ersten Liederheften Opus 8 und 9 
hatte Felix sechs Lieder von ihr unter seinem Namen heraus- 
gegeben, No. 2, 3 und 12 in Opus 8 „Heimweh", „Italien", 
„Suleika und Hatem**, No. 7, 10 und 12 in Opus 9 „Sehn- 



Musikalisches. 35 

sucht", „Verlust" und „die Nonne". Dies war unter den 
nähern Freunden des Hauses bekannt genug, im Publikum galt 
ihr Antheil an den herausgekommenen Sachen fiir viel grösser. 
Anfangs 1837 gab nun Fanny dem Musikhändler Schlesinger 
ein Lied, welches iu einem „Album" von diesem veröffentlicht 
wurde, und worüber Felix, ausser jenem schon mitgetheilten 
Brief, an sie schrieb: „Weisst Du denn, Fenchel, dass Dein 
A-dur-Lied in Schlesinger's Album Furore hier macht? Dass 
die neue musikalische Zeitung (ich meine ihren Redakteur, der 
in meinem Hotel mit isst) für Dich schwärmt? Dass Alle 
sagen, es sei das Beste im Album, was ein schlechtes Kom- 
pliment ist, denn wo ist sonst was Gutes? Dass sie es aber 
wirklich goutiren? Bist Du nun ein rechter Autor, und macht 
Dir das auch Plaisir?" — 

Gewiss machte es ihr Plaisir; sie hatte den Mangel an 
liebevollem Eüigehn Andrer in ihre musikalischen Bestrebungen 
das Jahr vorher schmerzlich empfunden; der Zufall wollte es, 
wie Rebecka an Cecile schreibt, dass sich damals der tägliche 
Umgang aus lauter unmusikalischen Menschen zusammensetzte, 
worüber auch Fanny sich am löten Juli 1836 klagend gegen 
Klingemann ausspricht: 

„Ich lege zwei Klavierstücke, die ich seit Düssel- 
dorf geschrieben, für Sie bei, Sie mögen beurtheilen, ob sie 
sich eignen, meiner unbekannten jungen Freundin in die Hände 
zu kommen; ich überlasse es ganz Ihnen, kann aber nicht 
unterlassen zu sagen, wie angenehm es mir ist, in London für 
meine kleinen Sachen ein Publikum zu finden, das mir hier 
ganz fehlt. Dass sich Jemand hier etwas abschriebe, oder 
nur eine Sache zu hören verlangte, das kommt kaum einmal 
im Jahr vor, namentlich seit der letzten Zeit, und seit Re- 
becka nicht mehr singen mag, liegen meine Lieder durchaus 
nngehört und ungekannt da, und man verliert am Ende selbst 
mit der Lust an solchen Sachen das ürtheil darüber, wenn sich 
nie em fremdes ürtheil, ein fi-emdes Wohlwollen entgegenstellt. 
Felix, dem es ein Leichtes wäre, mir ein Publikum zu er- 
setzen, kann mich auch, da wir nur wenig zusammen sind, 
nur wenig aufheitern, und so bin ich mit meiner Musik ziem- 

3* 



36 1836—1839. 

lieh allein. Meine eigne und Hensel's Freude an der Sache 
lässt mich indess nicht ganz einschlafen, und dass ich bei so 
gänzlichem Mangel an Anstoss von Aussen dabei bleibe, deute 
ich mir selbst wieder als ein Zeichen von Talent. Und nun 
genug von diesem uninteressanten Gegenstande." — 

An denselben schi-eibt sie, und es beweist, wie gern und 
freudig sie, was ihr musitalisch von Andern geboten wurde, 
aufnahm: 

löten Decbr. 36. 

„Wir haben jetzt einen höchst vortrefflichen Klavierspieler, 
Döhler, hier gehört, mir doppelt wichtig, da ich Thalberg nicht 
kenne, und also die neuesten Fortschritte der Technik erst 
durch ihn mir lebendig geworden sind. Ich lerne so gern, 
und hier giebt es für gewöhnlich leider fast gar nichts zu 
lernen. Wenn diesem sehr jungen und angenehmen Vü'tuosen 
nur ein soliderer Geschmack beizubringen wäre, er müsste 
ausserordentlich werden. Aber wie bei aller Umwälzung der 
Musik immer Variationen und wieder Variationen gemacht und 
gespielt werden können, das ist mir ein Eäthsel. — Ueber- 
morgen habe ich Musik, dann führt Weihnachten eine Pause 
in aller Musik herbei, die nicht Trompete oder Weihnachts- 
knarre ist. Wären Sie doch hier!" 

Der Eindruck, den die sehr vollendete Technik der 
neueren Spieler auf sie machte, war kein vorübergehender, ja 
er bewirkte, dass sie ungerecht gegen sich selbst wurde. So 
schreibt sie an Klingemann 3. April 37 : „ Durch Ideen- 
verbindung komme ich auf Ihren CoUard'schen Flügel, den ich 
sehr goutire und sehr beneide. Ich werde mir wahrscheinlich 
mein Lebenlang, immer in der Absicht, einen englischen Flügel 
zu haben, weder den, noch einen andern anschaffen, hab's auch 
jetzt weniger nöthig als sonst, da ich mir gegen all die 
modernen Sprühteufel und Tausendsasas in meinem Spiel un- 
beschreiblich veraltet vorkomme, und mich immer mehr in 
meinen Käse und mein Nichts zurückziehe." 

Und noch im Sommer 1837 muss diese Unzufriedenheit 



Musikalisches. 37 

mit sich selbst fortgedauert haben, denn Felix schreibt am 
13ten Juli an seine Mutter:*) 

„Das ennuyirt mich aber, dass Fanny sagt, die 

neue Klavierschule wachse ihr über den Kopf. Das ist ja 
garnicht an dem. Sie spielt wohl alle die kleinen Kerls in 
den Sack. — Die können ein paar Variationen und Kunstgriffe 
gut machen: aber all die Fertigkeit und Coquetterie mit 
Fertigkeit verblendet selbst das Publikum nicht mehr leicht. 
Es muss Geist sein, wenn es sie Alle fortziehen soll, und 
darum höre ich vielleicht D. lieber eine Stunde lang, als 
Fanny eine Stunde lang — aber nach acht Tagen kann ich 
ihn nicht mehr vor langer Weile anhören, und dann fange 
ich erst an, mich in das andere Spiel hineinzuhören, und das 
ist das Eechte. Alles das macht eben nicht mehr, wie Kalk- 
brenner zu seiner Zeit, und geht noch während ihres Lebens 
vorüber, wenn nicht etwas Besseres als Finger dabei ist. Das 
hat aber Fanny, und darum braucht sie sich vor Keinem von 
allen Denen zu fürchten." — 

Wilhelm Hensel war von jeher sehr für den Gedanken 
der Veröffentlichung von Kompositionen seiner Frau einge- 
nommen gewesen, und es ist erklärlich, dass er in seiner An- 
sicht durch den Erfolg jenes kleinen Versuches bestärkt wurde 
und weitere Fortsetzung wünschte. Ihre Mutter dachte ebensa 
und verlangte im Sommer 1837 von Felix, er möge seinerseits 
zum Herausgeben zureden. Aber Felix' Ansicht über das 
Herausgeben im Allgemeinen war durch diesen vereinzelten Er- 
folg nicht im Mindesten erschüttert und er lehnte das Ansinnen, 
ihr zuzureden, ab. 

Fanny, die eigentlich selbst zum Publiciren keine grosse 
Lust hatte imd es nur eben ihres Mannes wegen gethan hätte, 
liess sich denn auch leicht und gern von dem Gedanken ab- 
bringen. Derselbe tauchte erst viel später wieder auf und wurde 
in geringer Ausdehnung ausgeführt. 

Felix war mit Jeanrenaud's Ende März nach Frankfurt 
a/M. zurückgegangen, wo die Hochzeit stattfand. Das junge 



Felix'sche Briefe. 



3a 1836—1839. 

Paar machte eine Hochzeitsreise nach dem oberen Rhein und 
Schwaben. Von der frohen, ruhig glücklichen Stimmung, die bei 
Felix eingekehrt war, und durch den wohlthätigen Einfluss der 
Frau jetzt zur herrschenden in ihm wurde, möge folgender 
Brief Zeugniss geben: 

Freiburg, im Breisgau, lOten April 37. 

„ Du erinnerst Dich wohl noch, wie wir damals im 

Eegen in den Dom liefen und ihn bewunderten, mit seinen 
dimkelen, bemalten Fenstern; aber die Lage der Stadt konnten 
wir damals gamicht sehen, und was Schöneres ist mir nie vor- 
gekommen, kann ich mir auch garnicht erdenken; so friedlich 
und reich, und auf allen Seiten viel schöne Thäler und auf 
allen Seiten Berge, nahe und weite, und Ortschaften soweit das 
Auge reicht, und schöne, nett gekleidete Menschen, überall 
rauschende Bergwasser in allen Richtungen, dazu rings umher 
im Thal das erste Grün und auf den Bergen der letzte Schnee — 
Du kannst Dir denken, wie wohlthuend das Alles ist ; und wenn 
ich nun mit meiner Cecile den ganzen Nachmittag heut im 
warmen Sonnenschein langsam spazieren gehe, überall stehen 
bleibe und mich umschaue, und mit ihr von Zukunft und Ver- 
gangenheit spreche, so kann ich's wohl dankbar sagen, welch 
ein glücklicher Mensch ich bin. 

Ich habe vor, sehr fleissig zu sein. Ich möchte gern man- 
cherlei Neues zu Tage bringen, und ordentliche Fortschritte 
machen; dazu scheint mir's aber nothwendig, dass ich all' das 
aufgehäufte Alte erst einmal fortarbeite, und das will ich 
denn den Sommer über thun, will viele alte Pläne ausführen, 
und die, die nicht bis zum "Winter ausgeführt sind, über die 
will ich dann weg und sie sollen liegen bleiben. Drei Orgel- 
Präludien habe ich in Speyer gemacht, die werden Dir, hoffe 
ich, gefallen ; auch ein Heft Lieder ohne Worte ist zum Druck 
beinahe fertig, ich denke aber nicht so bald wieder welche 
herauszugeben, und lieber grössere Sachen zu schreiben. Mit 
einem Violinquartett bin ich fast fertig und will dann ein 
zweites anfangen; es arbeitet sich jetzt gar zu schön und 
lustig. 



Felix' Hochzeitreise. 39 

Wir denken noch wenigstens acht Tage hier zu bleiben 
nnd die Exkursionen in die umliegende Gegend zu machen, 
dann wahrscheinlich über Heidelberg nach Frankfurt zurück. 
Wenn ich in diesen Tagen die Schneeberge der Schweiz, die 
alten Freunde, sehen werde, so wird mir's schwer fallen, nach 
Norden umzukehren und doch wird's diesmal wohl nicht anders 
sein können. C6cile will Platz behalten, ich schliesse darum." 

Den übrigen Theil des Sommers bis zum Musikfest in 
Birmingham brachten „die Felicier," wie Fanny das Paar 
immer nannte, in Frankfurt und Bingen zu. Vor dieser Reise 
nach England „graulte" sich Felix sehr, er schreibt an seine 
Schwester, indem er ihr ein Seebad empfiehlt: 

„ Wenn Du Dich von Hensel nicht trennen willst, 

so denk an mich, der ich in wenig Wochen allein nach Eng- 
land gehen soll und Cecile hier lassen und bin noch keine vier 
Monat verheirathet und muss es doch thun. Und bloss einem 
Musikfest zu Liebe, — da ist noch ein Seebad ein anderer 
Grund. — Es wird eine wahre Hetze auf dem Musikfest wer- 
den, vier Tage dauert es, und bis jetzt habe ich nicht weniger 
zu thun, als den ersten Tag Orgel zu spielen, den zweiten 
Paulus zu dirigiren, den dritten Klavier zu spielen und den 
vierten zum Schluss wieder Orgel zu spielen. Ausserdem ist 
noch die Rede davon, meinen neuen Psalm „Wie der Hirsch 
schreit" und meinen Sommernachtstraum zu geben. Ausserdem 
giebt noch Neukomm eine grosse neue Kantate: ^^The ascension^^. 
Ausserdem will er mehrere Sachen aus der Bach'schen Passion 
singen lassen, wozu er, wie man hier sagt, viel Posaunen ge- 
setzt hat. Ausserdem werden die italiänischen Sänger singen. 
Ausserdem ist noch der ganze Messias. Ausserdem noch in 
jedem Concerte eine Symphonie und eine Ouvertüre. Und es 
dauert bis zum 22sten September und den SOsten soll ich in 
Leipzig Probe halten und den lOten Oktober ist das erste 
Abonnements-Concert. Gottsschock ! das ist kein Spass. Aber 
vielleicht macht der Tod des Königs von England noch einen 
Strich durch die ganze Rechnung." — 

Dieser Strich durch die Rechnung \\'urde aber nicht ge- 
macht und Felix musste reisen. Li allen Briefen aus dieser 



40 1836-1839. 

Zeit findet sich, bald leise anUingend, bald stark betont, die 
Klage, dass das „Aufführen" und Dirigiren einen grossen Theil 
seines Reizes für ihn verloren habe und er sich mehr und 
mehr davon wegsehnt, und zum eigenen Arbeiten, zum Kom- 
poniren, zum zu Hause sein hingezogen fühlt. Alle die äusser- 
lichen Erfolge hatten von jeher nicht allzuviel Eeiz für ihn 
gehabt; jetzt aber, wo seine Häuslichkeit anfing, ihm eine 
ganz neue Welt aufzuthun, wendet er sich von jenen Aeusser- 
lichkeiten immer mehr ab, und bereut die Zeit und die unge- 
heure Anstrengung, die sie kosten. Und die war bei diesem 
Birminghamer Musikfest sehr gross, der Erfolg allerdings auch 
so durchschlagend wie noch nie. Er war der recht eigentliche 
„Held" dieses Festes ; und was die Engländer an Enthusiasmus 
leisten können, wenn sie wollen, das ist fabelhaft. Und nach 
den Aufregungen des Festes, von denen Felix schreibt: „man 
brauchte einiges Fischblut, um nicht zu bersten", musste er 
unmittelbar die Rückreise antreten, sechs Tage und fünf 
Nächte nach Frankfurt zu Cecile; dann mit dieser in lang- 
samerem Tempo in drei Tagen nach Leipzig; hier kam er 
Mittags um zwei an und um sechs dirigirte er das Abonne- 
mentsconcert, „die Posaunen und Pauken strengten sich so an, 
dass mir allerdings am Schluss des Concerts etwas caput zu 
Muthe war", schreibt er an seine Mutter. Kein Wunder, dass 
er sich nach häuslicher Ruhe sehnte. 

Es muss daran erinnert werden, dass noch immer die 
Schwestern Cecile nicht kannten. Dadurch hatte sich, nament- 
lich bei Fanny, eine Art Verstimmung festgesetzt; sie glaubte, 
es hätte sich wohl schon eiae Gelegenheit finden lassen, C6cile 
nach Berlin zu brtagen. Ende August kamen die Woringen'schen 
Mädchen mit dem alten Präsidenten nach Berlin, und da 
natürlich die Famüie Alles aufbot, die oft genossene Gast- 
freundschaft Etwas zu vergelten, so gab es eine sehr mun- 
tere und bewegte Zeit. Es wurde viel und gute Musik 
gemacht; überhaupt wuchsen die Sonntagsmusiken, sowohl 
was die Anzahl der Mitwirkenden, als die der Zuhörer, 
und die Grösse der in Angriff genommenen Werke betraf, 
immer mehr und mehr. Sie fingen beinahe an, den Charakter 



Woringen's in Berlin. Sonntagsmusiken. 41 

einer freundschaftlichen Vereinigung zu verlieren; denn es 
kam wohl vor, dass Anwesende, mitgebracht von kurz vorher 
selbst Mitgebrachten, sowohl Wilhelm als Fanny ganz unbe- 
kannt waren, sodass die Zuhörerschaft meistens aus andern 
als den Leuten bestand, mit denen sie eigentlich umgingen, 
und sich förmlich fremde Coterien bildeten ; den Singenden blieb 
kaum Platz zum Stehn, geschweige zum Sitzen, und die Ueber- 
füUung der Räume steigerte sich ins Unerträgliche. 

Mit Ausnahme der Sing- Akademie existirte damals keins 
der Institute, die heut in so grosser Anzahl für die Aufführung 
guter Musik in Berlin sorgen, und die Sing-Akademie beeilte 
sich nicht allzusehr, neue oder unbekannte alte, gute Sachen 
in ihr Repertoir aufzunehmen. 

Nach einigen Wochen eines sehr angenehmen Aufenthalts 
machten sich Woringen's wieder reisefertig: sie wollten über 
Leipzig zurückgehn, und bei dieser Gelegenheit kam denn 
Fanny 's Stimmung gegen die „Felicier" zur Aussprache, die 
auch in Briefen an diese selbst duixhschimmert. So schreibt 
sie am 5. Oktober 37 an Cecile: 

,, Ihr seid aber eigentlich recht böse Leute, dass 

Ihr einem noch nicht einmal mit zwei Worten Eure Ankunft 
in Leipzig angezeigt habt. Wenn ich nun nur einmal von 
Felix zu hören bekäme, dass er aus der Unruhe kommt ; diese 
ewige Hetze, in der er Jahr aus Jahr ein lebt, macht mich, 
die ich mich in der tiefsten Ruhe befinde, athemlos, wenn ich 
nur daran denke. Das wird wohl eins der grossen Verdienste 
sein, die Du Dir um ihn erwerben wirst, Hebe Cecile. Vom 
Birmingham-Musikfest haben wir von allen Seiten gehört und 
gelesen. Ich glaube aber, nach allen Beschreibungen zu ur- 
theilen, dass ein rheinisches tausendmal hübscher ist. Wie 
nobel und einfach ist so ein Düsseldorfer Musikfest, oder ein 
Heidelberger, wo sie voriges Jahr die Jahreszeiten in der 
Schlossruine aufgeführt haben. Allerdings ein gewagtes Unter- 
nehmen, aber wenn es gelingt, muss es einen reizenden Ein- 
druck machen. Auf Felixens Concert bin ich sehr neugierig, 
wird es bald gedruckt, damit man es doch auch kennen lernt? 
Wenn ich Felixens Sachen zuerst gedruckt gesehn, verhalte 



42 1836-1839. 

ich mich immer dazu wie das Publikum, d. h. ich beurtheile 
sie ohne alle Vorliebe; da kann ich denn immer nicht umhin^ 
mit "Wehmuth an die Zeit zu denken, wo ich die Sachen kennen 
lernte, sowie sie eben entstanden. Es ist doch ein ander Ding 
und ärgerlich, dass es im Buch des Schicksals verzeichnet 
stand, dass wir nicht zusammen leben, sondern, dass er seit 
acht Monaten eme Frau haben sollte, die ich nicht kenne. Ich 
muss Dir nur sagen, wenn jetzt Jemand kommt und mir von 
Deiner Schönheit erzählen will und von Deinen Augen, so 
schnauze ich ihn an! Gehört habe ich genug davon, schöne 

Augen aber will man nicht hören. " 

Indessen, wie es mit solchen Stimmungen zu geschehn 
pflegt: sie bestehn eigentlich nur, so lange sie der Mensch mit 
sich herumträgt, einmal ausgesprochen, haben sie ihren Stachel 
verloren. Woringen's Hessen das auch garnicht gelten und 
beredeten Fanny zur Reise nach Leipzig, wo sie nun endlich 
die schönen Augen sehn sollte, von denen sie so viel gehört. 
Der Eindruck war natürlich derselbe wie auf Alle. Sie schreibt, 
aus Leipzig zurückgekehrt, an Klingemann: „Dass ich meine 
Schwägerin nun kenne, hat mir allerdings einen grossen 
Stein vom Herzen gewälzt, denn ich kann nicht läugnen, dass 
Unbehagen und Missstimmung in dieser Beziehung sehr in mir 
überhand genommen hatten. Sie ist aber ein so liebenswürdiges, 
kindhaft unbefangenes, frisch erquickliches, immer gleich und 
heiter gestimmtes Wesen, dass ich Felix nur glücklich 
preisen kann, sie gefunden zu haben, da sie ihn unaussprechlich 
liebt, ihn aber dabei nicht allzusehr verzieht und seiner Launen- 
haftigkeit mit einem Gleichmuth begegnet, der sie ihm am 
Ende vielleicht gar abgewöhnen wird. Ihre Gegenwart hat 
etwas von frischer Luft, sie ist so leicht, klar und natürlich." 
Der gute Eindruck muss übrigens ein gegenseitiger gewesen 
sein, wenigstens schreibt Fanny an C6cile am 21sten Novbr. 37: 
„Was Du mir Freundliches sagst, Hebe C6cile, hat mich gar 
sehr erfreut, denn ich habe mir wohl nicht leicht in meinem 
Leben mehr gewünscht, einen guten Eindruck zu machen, als 
Dir gegenüber, und Deine lieben Worte und Deine Aufrich- 
tigkeit lassen mich hoffen, dass dies wirklich geschehn sei. 



Fanny spielt öffentlich. 4$ 

Da man nnn die Frauen eigentlich in ihrem Hause sehn muss, 
werde ich Dir mit noch mehr Zuversicht entgegentreten, wenn 
Ihr uns hier besucht, und hoffe gewiss, es Euch dann recht 
angenehm machen zu können; wie freue ich mich auf die Zeit." 

Der Winter 1837/38 verging ohne besondere Vorfälle. 
Hensel beendete ein grossses Bild, Christus in der Wüste, 
Fanny spielte einmal zu einem wohlthätigen Zweck öffentlich, 
worüber sie an Klingemann am 27sten Febr schreibt: „Vorige 
Woche hat hier in der eleganten Welt ein Concert grosses 
Aufsehn gemacht. Es ist nämlich, wie es an andern Orten 
häufig geschieht, ein Dilettantenconcert zum Besten der Armen 
mit verdoppeltem Eintrittsgeld gegeben worden, wobei die 
Chöre fast von lauter Gräfinnen, Gesandtinnen und Offizieren 
gesungen wurden. Da war ich vornehme Frau denn auch 
dringend gebeten worden, zu spielen, und habe zum ersten 
Mal in meinem Leben öffentlich gespielt und zwar Felixens 
Concert aus g-moll. Ich habe mich garnicht geängstigt, meine 
Bekannten waren so gütig, es für mich zu thun, und das 
ganze Concert, so elend das Repertoir auch war, hat so viel 
Neugier und Interesse erregt, dass die Einnahme 2500 Thaler 
betrug." — 

Im Frühjahr 1838 reiste Paul mit seiner Frau zur Taufe 
des ersten Sohnes von Felix nach Leipzig. Das Versprechen 
des Letzteren, einige Zeit in Berlin zuzubringen, erregte die 
lebhafteste Freude, und Fanny schrieb darüber: 

„ Felix, vergiss meinen Bach nicht, und dann höre 

mal (Cecile, Albcrtine, Paul, wer wird ihn erirnern?), hast 
Du die neuen Moscheles'schen Etüden und willst sie mii' durch 
Paul schicken und sie Dir dann selbst wieder abholen? Ich 
werde Dir sehr verbunden sein dafür. Ueber Deine hiesigen 
W^ohnangelegenheiten bekommst Du nächstens einen eigenen 
Brief. Die sieben Städte Griechenlands streiten um Dich, und 
die freundlichen Schwestern sind im Begriff, feindliche Brüder 
Deinetwegen zu werden. Du sollst hören und erfahren. Lieber 
Felix, komponirt habe ich diesen Winter rein garnichts, musi- 
cirt freilich desto mehr, aber wie einem zu Muth ist, der ein 
Lied machen will, weiss ich garnicht mehr. Ob das wohl 



44 1836—1839. 

noch wieder kommt, oder ob Abraham alt war? Was ist 
übrigens daran gelegen? Kräht ja doch kein Hahn danach 
nnd tanzt Niemand nach meiner Pfeife. Wirst Du denn die 
Leute beglücken und ihnen einmal was hier vorspielen am 
Sonntag? Oder soll ich meine Bude so lange schliessen? 
Kinder, wie freue ich mich auf Euch! Der Garten wird dann 
auch schon hübsch sein, und so Gott will, führen wir ein 
lustig Leben. — Adieu, Geschwistervolk, AUes grüsst Euch 
und hat Euch lieb." — 

Und es wurde ein lustiges Leben, einen grossen Theil des 
Sommers im Hause und im Garten mit FeUx und den Seinen, 
und das langentbehrte Zusammenleben wurde sehr genossen. 
Dagegen war Hensel seit dem 27sten Mai auf einer englischen 
Eeise abwesend, die er mit den Bildern der Mirjam und des 
Christus angetreten hatte, um dies Land, auf das durch Felix, 
Klingemann und andere Freunde die Augen der Familie oft 
gerichtet waren, kennen zu lernen und selbst dort bekannt zu 
werden. 

Für den ersten Zweck war die Zeit sehr günstig gewählt ; 
das Jahr vorher war der alte König Wilhelm IV. gestorben, 
und die Krone Grossbritanniens auf das Haupt der 18jährigen 
Victoria gekommen. Die Krönungsfeierlichkeiten, welche durch 
allerhand Zufälligkeiten verzögert worden waren, fanden 
während Hensel's Anwesenheit in London statt, so dass ihm 
die Gelegenheit wurde, viel Interessantes zu sehn. Weniger 
günstig war der Moment für die andern Zwecke, gesehen zu 
werden und, was ilim sehr am Herzen lag, einen guten Kupfer- 
stecher für einige Bilder zu gewinnen. Die Ki'önung, und 
nichts als die Krönung lag den Engländern im Kopf und den 
Kunsthändlern speciell war für den Augenblick kein Bild 
anziehend, was nicht in irgend einem Zusammenhang mit dem 
grossen Tagesereigniss stand. 

Hensel, der im Ganzen ausserordentlich schreibefaul war, 
hat von dieser Reise, der ersten grösseren Trennung von 
Hause, sehr eingehende und ausführliche Briefe geschrieben, 
von denen einige Auszüge folgen mögen. 

Die junge Königin hatte gewünscht, seine Bilder zu sehen, 



Hensel in England. 45 

und Buckingham Gallery als den Platz bezeichnet, wo sie auf- 
gestellt werden sollten. Er schreibt nun: „Was kriegt' ich 
für einen Schreck, als ich da hineintrat und die schönen Rubens 
Van Dyks, Eembrandts etc. sah, und nun meine Sachen 
dazwischen stellen solltet Aber was halfs, ich musste mich 
der Feuerprobe unterwerfen, und wenigstens ist dieses „Muss" 
mir instruktiv gewesen. Du weisst, wie ich die heilsamen 
Mortificationen für Künstler predige, und immer, wenn auch 
mit Schauder, gewünscht habe, mal meine Geschöpfe unter 
denen der alten Kunsthelden zu sehn. Als meine Sachen auf- 
gestellt waren, hatte ich noch eine halbe Stunde Zeit, die 
Gallerie zu besehen, und wenn ich in das Beste eingedrungen 
war, sah ich meine Bilder an und erliess mir keine 
Demüthigung, die mir nützlich sein konnte, ich wusste wohl, 
solche Schule würde mir vielleicht nicht wieder geboten. War 
ich aber auch gedemüthigt, so war ich doch auch erhoben 
zugleich, ich sah, dass Manches errungen war, und fühlte 
deutlich und sicher, dass mehr zu erringen sei, wenn Gott und 
Glück Zeit und Gelegenheit geben." 

Das Bild der Mirjam ging in den Besitz der Königin von 
England über und die Herzogin von Sutherland, die eine Kopie 
haben wollte, was Hensel abschlug, bestellte ein andres Bild, 
auf dem die eine Figur des Mirjambildes die Hauptrolle spielen 
sollte. Auch Lord Egerton bestellte ein grosses Bild aus dem 
Leben des Herzogs von Braunschweig, welcher auf dem be- 
rühmten Ball in Brüssel am Vorabend der Schlacht von 
Waterloo die ersten Kanonenschüsse hörte und dann in der 
Schlacht fiel. Dieser Moment auf dem Ball, nach Byron's 
Childe Harold Canto III. Stanza 21 — 23, sollte der Gegen- 
stand sein. — Beide Bilder beschäftigten Hensel das nächste 
Jahr. — 

Die Krönung beschreibt er folgendermassen: 



London, 28sten Juni 38. Coronation. 
„Alles ist vorbei, und die Königin gekrönt. Eben sähe 



46 1836—1839. 

ich das helle Kind aus der Pforte kommen*) und alte Zeit 
wurde neu, als die mittelalterlich gekleidete junge Königin 
durch die an dem grauen Gemäuer stehenden rothen HeUe- 
bardiere schritt. Es war ein ganz hübsches Bild, und grade 
mit Sonnenblick. Möge es ein gutes Omen für ihre Regierung 
sein! — Jetzt nun nichts mehr; ich komme eben, sechs ein 
halb Uhr, ganz abgetrieben zu Haus, will nun schnell zum 
Dinner, dann noch Abends durch Stadt und Volk, welches letz- 
tere ich heute besonders kennen zu lernen gedenke. 

Den 29sten. Also London ist lange, und vorzüglich 
gestern, toll gewesen, und heut ist es abgespannt und schläft. 
Fünfmalhunderttausend Fremde waren, nach der Angabe eines 
Ministers, zugeströmt, und selbst das weite London konnte 
kaum die Zahl der Gäste fassen. Wohl dem, der schon unter- 
gekrochen war! Uebrigens ist bei alledem kein Mangel hier 
gewesen; ganze Züge irländischer Ochsen zogen durch die 
Strassen, von ungeheuerm Mass und Gewicht, was sich denn doch 
alles auf Schüssel und Teller bringen liess, oder auch aus 
blosser Faust genossen wurde. Damit aber auch für das Auge 
gesorgt sei, kamen Wälder und Gärten in London an, um 
Häupter, Busen und Balkone zu schmücken: Shakespeare's 
wandelnder Wald wurde wahr. Selbst von Russland sollen 
Blumen gekommen sein, und Eis von überall, wo es gefroren 
hat, was ja überall gewesen ist. Die Vorbereitungen waren 
sonst lustig zu sehn, aber zu gehn oder zu fahren, musste 
unter die Verzweiflungen des Lebens gerechnet werden; da 
ich nun viel fahren muss, um den Weg zu finden, fuhr ich 
schlecht, und brauchte überall das Dreifache der Zeit. Die 
Kommunikation war als unterbrochen anzusehn, da Jedermann, 
der nicht zu Jedermann gezählt werden wollte, das Durch- 
drängen scheute. Gestern von vier Uhr Morgens (in London!!!) 
rollten nun schon die Wagen, die armen kleinen vornehmen 
Kinder waren aus den Laken in Dress gestopft, um vor dem 
Andrang an ihre verschiedenen Plätze befördert zu werden. 



*) Der Brief trägt als Vignette eine Skizze der Westminster 
Abtey-Pforte. 



Krönung der Königin Victoria. 47 

Um sieben ein viertel Uhr fuhr ich mit Lady Sandon ab; 
unsere Plätze waren vortrefflich, dicht am Portal der Abtey, 
Westminster-Hospital. Eigentlich hatte ich zwischen zwei 
Bündeln Heu gestanden, indem Benedict's mich auch einge- 
laden hatten, bei ihnen in Piccadilly die Prozession zu sehn, 
wo ich Lablache, die Grisi etc. getroffen hätte, doch konnte 
ich es Lord Sandon nicht füglich abschlagen, seine Frau zu 
führen, da er selbst mit der Kammer erscheinen musste. 

Nachdem wir einige Zeit das Volk betrachtet hatten, wie 
«s wuchs und schwoll, und ich Einiges skizzirt, kamen die 
Wagen der Peeresses und Peers, welche nicht im Zuge waren, 
nach einander an, einige gezischt, andre, z. B. Wellington, 
sehr applaudirt. Das Volk war übrigens im Ganzen gesittet, 
wenn auch aufgeregt, aber zum ersten Mal habe ich die hie- 
sige Polizei, ohne eigentlichen Anlass, brutal gesehn. Die 
Masse, von hinten gedrängt, konnte wirklich nicht anders, als 
die ihr bestimmten Grenzen überfluthen, und nun hieben die 
Konstabier mit ihren Stöcken ohne Ansehn der Person drein, 
rissen einzelne Leute an ihren Kleidern heraus, um sie an 
emer andern Stelle, wo sie doch wieder ebensoviel Platz ein- 
nehmen mussten, hineinzustossen, kurz, es war ein ganz zweck- 
loses Einschreiten, und viel besser benahm sich die Kavallerie, 
wo sie einschreiten musste. Wir, von unsern privilegirten 
Plätzen aus, konnten das ganz gemächlich überschauen, wenn 
sich das Herz nicht umgekehrt hätte, bei der Noth unter uns. 
Eine Dame mit grünem Schleier wurde über die Köpfe der 
Menge ohnmächtig weggetragen; in dem Gewirre suchte ein 
besoffenes Weib mit blossen Schultern und fliegendem Haar 
zu tanzen und kreischte der Polizei, die sie hindern wollte, 
nur immer ihr „Coronation" entgegen. Ein humoristischer 
Nachbar brachte sie endlich besser mit vertraulichen Witzen 
und schalkhaften Ohrfeigen weg. Ueberhaupt finde ich, dass 
man hier viel mehr trunkene Weiber als Männer sieht, es ist 
unglaublich, was sie von Whisky hinunterschütten können. 
Wir selbst brauchten zu solchen Mitteln keine Zuflucht zu 
nehmen, im Innern des Lokals war für Kaffee, Thee, Eier etc. 
gesorgt, und Später, während die Ceremonie in der Kirche war, 



48 1836—1839. 

auch für ein vollkommenes Frühstück mit Beef, Schinken, 
Gelees, Eis, wofür man keinen Penny zu bezahlen hatte, da 
alles schon in den Einlasskarten mit eingerechnet war, und 
man also anständigerweise gar kein Geld erblickte, sondern das 
Ganze den Anstrich einer Gesellschaft hatte. So ist der 
Krönungstag also der wohlfeilste meines Londoner Aufenthalts 
geworden. Dreiviertel nach elf Uhr kam der Anfang des 
Krönungszugs bei Westminster an, und eine Stunde darauf 
war Alles in der Kirche eingepfercht. Den Zug beschreib' ich 
Euch nicht, weil die Zeitungen es thun, und ich halte mich 
daher nur an Einzelheiten. So war es schön, wie der Takt 
eines ganzen Volkes in Beifall ausbrach, als der Marschall 
Soult erschien; dass es dem Helden und ehemaligen Feinde, 
und nicht der französischen Nation galt^ bewies sich dadurch, 
dass man den General Sebastiani ganz ruhig vorüberliess. Auch 
dem österreichischen Gesandten wurde lauter Beifall, was wohl 
nicht blos der Pracht seines Aufzuges zuzuschreiben war, in 
welcher der belgische Ambassadeur, Fürst Ligne, gleichen 
Schritt hielt, ohne jedoch gleiche Erndte zu halten. Uebrigens 
konnte man nichts Blendenderes sehen, all die schönen Pferde 
mit den reichen Geschirren, goldstrotzenden Wagen und Die- 
nern, und den geschmückten Leuten drin, alles das durch graue 
Gebäude und Massen unscheinbaren Volks unter grauem Himmel 
eingerahmt, den nur zuweilen Sonnenstrahlen durchschossen; 
erst hatte es sogar geregnet. Als nun gar der ganz goldene, 
märchenhafte Wagen der Königin, mit lebensgrossen dreizack- 
schwingenden Tritonen und der grossen Krone Englands oben, 
ankam, und links und rechts das feine Kind daraus nieder- 
neigte, und in einem Augenblick die Masse des Volks durch 
den Wellenschlag wehender Tücher und geschwungener Hüte 
überdeckt war, und ein ungeheures Brausen von Beifall 
durch Glockenläuten, Musik und Kanonendonner schlug, musste 
man sich wirklich anfassen, um überzeugt zu sein, dass man 
nicht in Tausend und Eine Nacht hinüberträumte. Darauf 
dann die plötzliche Stille, Kirchenstille, als die Königin in die 
Kathedrale gegangen war. Ich ging unter das Volk, an das 
Portal der Kirche, sah in die feierliche Dunkellieit hineiu, und 



Krönung der Königin Victoria. 49 

durch meine unwillkürliche Rührung arbeitete sich nun ein 
gut Stück derben Humors hindurch, als ich die ausstaffirten, 
modern-cinquecentischen Hellebardiere in der Nähe sah, mit den 
rothen Küchengesichtern und den Nasen, die nach Beef 
schnüffelten, und von Whisky und Ciaret erzählten, so dass 
ich mit sicherem Auge in die Volkshaufen schauen und mir 
Gruppen für mein Skizzenbuch herausholen konnte; ich habe 
ein ganzes Büchlein vollgezeichnet, doch aber den grossen 
Unterschied zwischen englischen und italiänischen Bewegungen 
bemerken müssen; wie ganz anders eine Papstkrönung, oder 
auch nur Benediktion in Rom! — Einige sehr schöne Anord- 
nungen und Effekte von geschmückten Baikonen, Dächern mit 
Frauen, gegen die Luft etc. fand ich und merkte sie mir, wenn 
ich mal einen englischen Paul Veronese malen sollte ; es giebt 
hier eine Art Luftwirkung, wie nirgend sonst, aber sie muss 
behutsam angewendet werden, sonst ist man gleich mit der 
jetzigen englischen Schule auf demselben Punkt. 

Beim ersten Kanonenschuss, der den Moment der Krönung 
bezeichnete, begab ich mich zu Lady Sandon zurück, und nun 
sahen wir das Ganze sich zurückbewegen. Ich habe doch 
wieder einen poetisch malerischen Eindruck für immer bekom- 
men, und wärst Du mit mir gewesen und hättest ihn getheilt, 
so wäre es mir nicht manchmal so unharmonisch schwarz durch 
die Seele gezogen, und besonders hätte ich nicht einen so fatalen 
Abend gehabt, wo ich, bei aller Lust um mich her, in einem 
unbeschreiblichen Katzenjammer war." — 

Das Berliner Familienleben war in diesem Sommer höchst 
erquicklich, trotz des entsetzlichen Wetters, das die Benutzung 
des Gartens und Gartensaals selbst zur Unmöglichkeit machte. 
Felix komponirte viel, Cecüe malte und zeichnete; Fanny 
nannte das den doppelten Kontrapunkt ihrer eigenen Ehe. — 
Ihre Gedanken waren aber fortwährend in England und — 
mit Plänen zu einer italiänischen Reise beschäftigt, die gleich 
nach Hensel's Rückkehr angetreten werden sollte. Ihre Briefe 
an ihn sind ganz voU davon, sie jubelte in dem Gedanken, 
dass nun endlich ihr Lieblingswunsch in Erfüllung gehen sollte. 
— Das friedliche Stillleben störte eine Masernepidemie, die 

Die Familie Mendelssohn, ü. 4 



50 1836—1839. 

Alt und Jung ergriff und Felixens zur übereilten Abreise von 
Berlin, Hensel zur ebenso übereilten Eückkehr trieb. Fanny 
meldet seine Ankunft und die weiteren Pläne an Klingemann 
unterm 18. Septbr. 1838: 

„Ich ^vill Ihnen, werther Freund, nur mit wenigen Worten 
Hensel's glückliche Ankunft anzeigen, er kam, da er wegen 
Mangels an Beförderungsmitteln einen Tag in Hamburg ver- 
weilen musste, gestern früh wohlbehalten hier an; wie gross 
unsre beiderseitige Freude war, nach so langer Trennung, das 
brauche ich Ihnen wohl nicht zu schildern. Dass die Nach- 
richt von den hiesigen Masern ihn in einen so panischen 
Schrecken und in Folge dessen aufs Dampfboot getrieben, 
das lag ausser aUer möglichen Berechnung, da ich ihm die 
Krankheit mit jeder denkbaren Beruhigung so überaus leicht 
schilderte, wie sie wirklich gewesen ist. Es ist und bleibt 
aber wahr, die vertrautesten Personen wissen oft die Wirkungen 
eines Briefes nicht zu berechnen; das geschriebene Wort ist 
so anders als ein gesprochenes. Einstweilen haben wir uns 
nun unsre nächste Zukunft sehr reiflich überlegt, und nach 
genauer Prüfung des Guten und des Besseren gefunden, dass 
es rathsam sei, unsre noch für diesen Herbst projektü'te ita- 
üänische Eeise für jetzt aufzugeben, und statt dessen nächste 
Season wieder in London zuzubringen. Ich werde ihn begleiten 
und dann die Freude haben, Sie und manche Freunde wieder- 
zusehen und manche andre, mir unbekannter W^eise Befreun- 
dete kennen zu lernen. Was das Letztere betrifft, so ver- 
hehle ich mir nicht, dass ich eiuen schweren Stand haben 
werde, da man in mehr als einer Beziehung Erwartungen von 
mir hat, denen ich nicht entsprechen kann. Ich verstehe 
nicht, mir selbst zu schmeichehi, und habe, wenn man mir's 
auch nicht anmerkt, eine natürliche Blödigkeit, die nicht wenig 
gesteigert werden wird durch das Bewusstsein, die Freunde 
meines Mannes erwarten mich als eine Prophetin, eine Heroine, 
und es kommt ein Knirps. Ich weiss wohl, dass dies nur den 
ersten Eindruck betrifft, aber Sie werden mir zugeben, dass 
es beschämend ist. — Ich habe fortwährend die Freude, Inter- 
essantes und Erfreuliches aus London zu hören, und den 



Reisepläne. 51 

grössten Genuss an Hensel's mitgebrachten Zeichnungen. In 
die Gräfin D. bin ich ganz vernarrt, und sehe mir ihr himm- 
lisches Gesicht wohl zehnmal des Tages an. Sie werden meine 
nninteressirte Seele daran erkennen, dass es mich freut, wenn 
mein Mann eine solche Schönheit zeichnet; so schön zu sein, 
das ist aber auch eine besondere und beneidenswürdige Gabe 
des Himmels. Schade, dass diese seltene Frau fast jedes 
Lebensglück entbehrt! — " 

Berlin, 9ten Oktober 1838. 
Fanny an Cecile! 

„Liebe Cile! Ich kann Dir nur drei Worte schreiben, 
um Dir zu Deinem Geburtstage Glück zu wünschen, oder viel- 
mehr Felix, der offenbar viel mehr Freude noch von Deinem 
Leben hat, als Du, dann muss ich ausgehn, und 27 Kühen die 
Schwänze aufbinden, u. A. Fanny J. besuchen und auf morgen 
Mittag einladen, ist Dir das Kuh genug? Also zwischen 3 
und 4, wenn dieser Brief ankommt, haben wir einige lang- 
weilige Leute zu Tisch und trinken Dein Wohlsein in Ananas- 
kardinal, Du Sonntagskind. Gott schenke Dir Gesundheit und 
langes Leben, und wenn Du einmal ein altes Mutterchen bist, 
und mit dem Kopfe wackelst, wird Dir das auch noch gut 
stehn, wie AUes, was Du unternimmst. Nun kannst Du mir 
aber auch einmal schreiben, denn yvoilh la troisüme fois^\ dass 
ich anklopfe, und Du hast noch nicht einmal gesagt : „herein". 
Drum schreibe ich Dir auch nicht viel von der Ausstellung, 
von der diesmal gar nicht viel zu sagen ist. — — — Wenn 
wir uns nur noch selm vor unserer Reise nach England. Ich 
habe ein bischen gruselige Freude, wenn ich daran denke. 
London ist gar zu gross. — Adieu, liebste Kinder, lebt wohl 
und verzeiht diese in Form eines Briefes zusammengelegte, 
und mit Adresse und Siegel versehene Stupidität. Ich bilde 
mir ein, der Dunst des heut zuerst geheizten Ofens macht 
mich so dumm. Schreibe aber und denke daran, dass Dir 
das gütige Geschick eine Schwägerin gegeben hat, die sich 

heut und immer nennt Deine 

Liebende. 

4* 



62 1836—1839. 

Uten Oktober 1838. 

Felix an Fanny. 

„Es freut mich, dass es Hensel im lustigen England Wohl- 
gefallen hat; bekäme unser eins nur was von den schönen 
Zeichnungen zu sehen, von denen die Bücher gewiss wimmeln; 
und ich höre, dass Ihr nächstes Jahr zusammen hinüberreiset, 
das ist gar vernünftig, denn Dir muss es in dem alten geliebten 
Eauchnest behagen, das ist gar kein Zweifel. — 

Das ist so schlimm beim Entferntleben, dass nicht allein 
man einander entbehren muss, sondern dass auch die Umge- 
bungen mit all ihrem Thun und Treiben so nach und nach 
einwirken, ohne dass man es merkt und wiU, und dass die in 
jedem anderen Ort wieder anders sind und andershin wii'ken. 
Da habt Ihr nun Eui^e schöne Ausstellimg und ich gäbe viel 
darum, nur einen Vormittag einmal dort zu sein und sie zu 
sehen, da hier so garnichts dem Aehnliches herkommt ; wieder 
habe ich es so recht an Seydelmann gesehen, der hier zwar viel 
und starken Eindruck macht, aber doch nicht so wie in Berlin, 
wo seine Umgebungen wieder andere sind; gestern gaben sie 
die Emilia Galotti und ich war zum ersten Mal im Theater, 
aber selbst an seinem Spiele konnte ich mich nicht recht er- 
götzen, weil die Andern es gar zu erbärmlich machten; ich 
erinnerte mich des schönen Abends, als wir es zusammen 
sahen, und trieb Cecile vor dem Ende fort, weil ich's nicht 
aushalten konnte. Nun wieder auf der anderen Seite kann 
er hier doch die Räuber spielen, was der König in Berlin nicht 
haben will, imd das soll seine grösste RoUe sein; David hat 
mir, mit dem Buche in der Hand, eine ganze Stunde davon 
vorerzählt und beschrieben; ich lasse eine Anzeige in die 
Zeitung rücken, um eine Wiederholung zu erbitten und er hat 
mir's schon halb und halb zugesagt, es zu thun. Und wieder 
ist unser Musikwesen lustiger und lebendiger als bei Euch; 
wärest Du jetzt hier, wie im vorigen Jahr, es würde Dich 
amüsiren, wie es hergeht. Neue Klavierspieler haben sich 
(Gott sei's geklagt) bis Weihnachten gemeldet und freilich 
kuriose darunter; nächste Woche ist ein Sängerinnenkampf, 



Seydelmann in Leipzig. Musikalisches. 53 

der wird graulich; Mm. Löwe von Berlin, Mm. Botgorschek 
von Dresden, Mm. Shaw von London und Mm. Novello von 
Mailand treifen hier zusammen und liefern die Schlacht bei 
Leipzig im Gewandhause. — Die Novello kommt, glaube ich, 
express, um der Shaw einen „Shawbernack" zu thun (verzeih, 
Hensel, dass ich in Dein Fach pfusche), sie fällt aus den Wolken, 
hat eine Menge unfrankii^te Briefe aus Italien hergeschleudert, 
will zwei Tage nach dem ersten Auftreten der Shaw Concert 

geben, dann will sie nach Eussland. 

Im ersten Shaw-Concert füliren wir die Beethoven'sche 
Egmontmusik mit Deklamation von Seydelmann auf, ausserdem 
spielt der kleine Moser; mich schwitzt schon, wenn ich an 
den Abend denke. Professor Stenzel, Arnold Mendelssohn, 
Heinrich Beer, Emil Bendemann, die Frankfurter Kaufmann- 
schaft, Mühlenfels — alles das geht hier durcheinander. " 



Leipzig, 29sten Decbr. 1838. 

Felix an Fanny. 

„ Meine dritte Etüde ist eigentlich nur ein Sau- 
stück, gut oder schlecht gespielt; verzeih, dass ich Dir's ge- 
schickt habe; ich wollte Dir aber so gerne etwas schreiben 
und so kamen die schlechten Dinger (denn Du weisst, ich 
mache mir auch aus Nr. 1 und 2 nichts). Nun das Herz war 
schwarz dabei. 

Hierbei ist auch wieder ein Brief an Mm. X. von Directions- 
wegen. Ich will Dir sagen, lieber Talleyrand, dass ihr die 
Herren inliegend 60 Thlr. Honorar für das Concert bieten; 
das klatsche ich Dir, damit Du ihr vorkommenden FaUs ver- 
sichern kannst, wir könnten nicht mehr zahlen; denn ver- 
muthlich wird sie handeln wollen, ich bin aber ein Feind da- 
von und es ist mir angenehm, dass die Herren gleich eine 
Summe bestimmten, die sie sonst niemals gegeben haben, denn 
unsere Engländerinnen erhalten weniger; ich meine auch, man 
könnte damit zufrieden sein. Als ich Deinen Brief über die X. 
vorlas, geriethen die Herren in Enthusiasmus über sie, ich 



54 1836—1839. 

sagte, man könne doch niclit wissen; sie aber antworteten. 
„Ahü Ihre Frau Schwester!!! — " 

Thalberg hat gestern Abend Concert gegeben und mir 
ausserordentlich grosses Vergnügen gemacht. Sieh', dass Du 
ihn recht oft zu hören bekommst, denn er macht Einem wie- 
der Lust zum Spielen und Studiren, wie alles recht Voll- 
kommene. Solch eine Fantasie von ihm (namentlich die auf 
die donna del lago) ist eine Anhäufung der ausgesuchtesten, 
feinsten Effekte und eine Steigerung von Schwierigkeiten und 
Zierliclikeiten, dass man staunen muss. Alles so spekulirt und 
raffinirt, und mit solcher Sicherheit und Kenntniss und voll 
des allerfeinsten Geschmacks. Dabei hat der Mensch eine un- 
glaubliche Kraft in der Faust und wieder so ausgespielt leichte 
Finger wie einer; wie gesagt, hör' ihn recht oft, von Virtuosen- 
musik kann man nichts Exquisiteres finden. Er will garnicht 
mehr sein, als was er ist, ein recht eklatanter Virtuose, und 
wer vollkommen ist, was er ist, den kann ich kaum anders 
wünschen. ■" 

Felix an Fanny. 

Flauto. 




Das ist der Ueberbringer dieser Zeilen. 

Mehr braucht' ich eigentlich gar nicht zu schreiben, denn 
nun erinnerst Du Dich gleich, wie Vater immer etwas ver- 
gnügter wurde, wenn man nur den Namen Drouet nannte, wie 
er nach Tisch dies Rondo, oder ein andres von üim zu singen 
anfing, wie wir vor achtzehn Jahren Kinder waren, und ihm 
vorspielen mussten — und nimmst den Mann gut und lieb auf, 
der Dir so ein Stück Erinnerung auf einmal in's Haus bringt. 
Aber ich will noch hinzusetzen, dass ich von Herzen möchte, 
er gäbe ein recht gedrängt volles Concert in Berlin, dass ich 
überzeugt bin. Du kannst viel dazu thim, wenn Du ihm ein- 
mal Gelegenheit dazu verschaffst, den Leuten vorzuspielen und 
die Leute zu entzücken (denn das ist bei ihm eins) und ihm 



Thalberg. Drouet. Brief an KliDgemann. 65 

diese Gelegenheit zu geben und sonst füi' ihn zu thun, was 
Du irgend Gutes kannst, darum bitte ich Dich nun herzlich. 
Schon um deswillen, weil er gar kein Wesen von sich macht, 
keinen blauen Dunst, keine grauen Zeitungsartikel und der- 
gleichen, möchte ich, dass es ihm gelänge, „damit die Heiden 
erkennen, dass sie Menschen sind", sagt König David; aber 
wenn Du ihn nun spielen hörst, diese unglaubliche Vollendung, 
diese ganz und gar durchgebildete Vii'tuosität , diesen ent- 
zückenden Ton und dabei diese Unfehlbarkeit und Euhe, so 
weisst Du den Hauptgrund, warum ich möchte, dass es ihm 
in Berlin gelänge, und warum ich ihn Dir recht an's Herz 
lege (nur bildlich natürlich, Hensel sticht mich gleich todt). 
Ich schreibe in grosser Eil', nächstens besser; für heut 
nui* dies: nimm Drouet gut auf und denk' vergangener Zeiten 
und freue Dich über ihn wie ich und behalte mich ganz 

viel lieb." 

Felix M. 

Aus einem Brief von Fanny an Klingemann, den SOsten 
November 1838: 

„ Meine Schwester hat ihr jüngstes Kind, 13 Monat 

alt, einen schönen Knaben, verloren, und selbst an nicht ge- 
fälirüchen, aber so schweren Leiden, an nervösen Gesichts- 
schmerzen darnieder gelegen, so lange, so hart, vor und nach 
dem Tode des Kindes, dass wir all unsern Muth zusammen- 
nehmen mussten, den Jammer nur mit anzusehen. Ich erspare 
Ihnen das Detail alles dessen, was wir in dieser trüben Zeit 
gelitten; dem Schmerz um das liebe Kind hat dies bittere, 
körperliche Leiden, bei dem die Aermste rasete und im Bette 
gehalten werden musste, auch seinen schärfsten Stachel ge- 
nommen, sie ist ganz ergeben und ruhig und liebenswürdig in 
ihren Leiden. Auch hat ihr die Liebe der Ihrigen mannig- 
fachen Trost bereitet; mein lieber Mann hat das Kind nach 
seinem Tode zweimal gezeichnet und dann in Oel gemalt. 
Besonders eine der Zeichnungen ist so überaus gelungen, so 
wunderbar ähnlich, dass ich wohl sagen kann, sie hat einen 
grossen Trost darin gefunden. Auf die erste Nachricht vom 



56 1836—1839. 

Tode des Kindes (der nicht einmal eine Kranklieitsnacliricht 
voranging, denn das Kind starb nach 36 Stunden) kam Felix 
und blieb fünf Tage hier. Leider war sie in den Tagen grade 
allzu krank, um viel Genuss von seiner Gesellschaft zu haben, 
indess that ihr doch die Liebe unbeschreiblich wohl. Ihr armer 
Mann hat auch überaus viel gelitten, einen wahren Segen aber 
hat die Familie an Dii'ichlet's Mutter, einer so ausserordentlich 
vortrefflichen, seltenen Frau, wie mir deren nui* äusserst wenige 
in meinem Leben vorgekommen sind. 

Ihr Name ist während Felixens Hiersein gar viel zwischen 
uns genannt, wie er es denn zwischen meinem Mann und mir 
fast täglich wii'd. Freuen Sie sich aber nicht auf unser 
Kommen, ich werde Sie gewaltig in Anspruch nehmen und in 
London umherjagen, ich muss Alles sehn, und Sie müssen 
mir helfen. — Dass Sie mich für eine klug genucke Frau 
(wie Walter sagt) halten, um mir keine disappoi7itments zu be- 
reiten, ist mir lieb, ich halte mich auch dafür. Wenn mir in 
London nichts Unangenehmeres begegnet, als dass mich die 
Vornehmen nicht einladen (denn das meinen Sie doch?), so 
will ich London dreimal segnen, darauf habe ich nie in meinem 
Leben Ansprüche gemacht und werde doch jetzt auf meine 
alten Tage nicht erst anfangen. Sie, Moscheies und Horsleys, 
werde ich nicht erst fragen, ob Sie mich freundlich auf- 
nehmen, das versteht sich von selbst, damit habe ich aber 
auch vollständig genug und verlange keine anderen Bekannt- 
schaften. — " 

Die Vollendung des Bildes für die Herzogin von Suther- 
land verzögerte sich so, dass Hensels einsahen. Einiges von 
ihren Plänen müsse geopfert werden. So wurde denn England, 
wie das Jalir zuvor Italien, über Bord geworfen; Fanny be- 
gleitete Eebecka, einem in deren Krankheit gegebenen Ver- 
sprechen gemäss, ms Seebad ; und dann sollte endlich die lange 
projectirte, lange ersehnte und oft zu Wasser gewordene, ita- 
liänische Reise ausgeführt werden. 

Für das Seebad war Heringsdorf ausersehn. Dies Ostsee- 
bad war damals eben erst „entdeckt", und Fanny ging eigent- 
lich mit Widerstreben an die Erfüllung ihres Versprechens. 



Heringsdorf. 57 

Die folgenden Stellen werden zeigen, dass Heringsdorf 
besser war, als sein — damaliger — Ruf. 

Heringsdorf, Isten Juli 1839. 
Fann}^: 

„Eben kommen wir aus dem ersten Bade, liebster Mann, 
und die Ostsee hat Nordsee gespielt und uns tüchtig zusammen- 
gepeitscht. Gestern Vormittag kamen wir hier an, in einem 
Wetter, wie das, worin wir von Boulogne abfuhren, und trotz 
dieses ungünstigen Anfangs sind wir vom ersten Augenblick 
an ganz entzückt gewesen von der Lage von Heringsdorf. 
IJnsre kleine Wohnung ist ganz nett, Devrient's haben sie ver- 
läumdet, um's Euch zu beweisen, namentlich Dir, liebe Mutter, 
damit Du nicht denkst, wir wohnen in einer Pappschachtel, 
oder gar wie „der Fischer un sine Fru", will ich Euch 
erzählen, dass ich nach Tisch nach Swinemünde fahren werde, 
um womöglich ein Fortepiano und einige jMöbel zu miethen, 
die uns viel mehr fehlen als Platz. Das wird aber nicht 
leicht sein, denn die Fürstin Liegnitz dreht ganz Heringsdorf 
um; heut kommt sie, und das Hallo von Köchen und Silber- 
dienern und Inspectoren und andern Thoren geht schon seit 
gestern. Ueberhaupt hat sich unser loyales Herz auf der 
Reise unendlich erquickt. Auf dem Dampfboot trat man nur 
auf Russen, vorausreisendes Gefolge des Grossfüi^sten ; sechs 
Schiffe haben sich für ihn bemüht, und in welchem Renomme 
die Leute dastehn, kannst Du aus dem einzigen Faktum 
schliessen, dass man ihr Gepäck von dem der übrigen Reisen- 
den abgesondert hatte, um die Aufsicht zu erleichtern, „weil 
sie wie die Raben stehlen", sagten die Leute. Kapitän und 
Steuermann und Passagiere räsonnirten ganz laut. — Ich 
werde Dich ernstlich bereden, auf ein Paar Tage herzukommen, 
denn Heringsdorf ist stupend schön und bleibt es, fürchte ich, 
nicht lange, denn die verfluchte Civilisation mit ihren gelben 
und grünen Häusern fängt schon an, überall zu spuken und 
die schönsten Punkte zu verderben ; und das ist das besonders 
Schöne an unsrer Aussicht hier, dass noch gar nichts Störendes 
sichtbar ist. 



58 1836—1839. 

Meine Swinemünder Fahrt ist erfolgreich gewesen, ein 
Instrument habe ich aufgetrieben, und es ist mii' zu morgen 
versprochen, eine Kommode habe ich schon herausgeschafft, 
und wir sind nun aufs Beste eingerichtet. Das erste Bad ist 
Eebecka, Gott sei Dank, sehr gut bekommen, und nun bin ich 
aller Sorge los. Auf Sonntag Nachmittag habe ich G.s aus 
Swinemünde zum Kaffee eingeladen, B.'s werden dazu gebeten, 
wir machen Musik und die Fete ist fertig. Ich habe mir vor- 
genommen, eine massig ausreichende Zahl von Felixens und 
meinen Musikstücken als Thalberg, Herz, Liszt und Bellini 
zu taufen, um mich bei unsern guten Gästen nicht in Miss- 
kredit zu bringen. 

Was nun meinen Innern Menschen betrifft, geliebter Mann, 
so ist er beschaffen, wie ein Jean Paul'scher Roman, humo- 
ristisch sentimental. Ich habe mir durchaus vorgenommen, 
die beste Laune durchzuführen; bis jetzt ist es mir gelungen, 
so oft ich aber an Dich denke, (und es geschieht zuweilen!) 
gehn mir die Augen über." 



Heringsdorf, Sten Juli. 



Rebecka. 



„Es ist wirklich sehr edel, liebster Mann, dass Du vor 
dem Frühstück und in Deiner mir bekannten Hetze mir 
geschrieben hast, aber auch ohne den Brief hätte ich heut 
wieder Nachricht gegeben; lieber Mann, hätte ich gewusst, 
wie schön es hier ist, ich hätte Dir gewiss nicht abgeredet, 
mitzugehn, grade für Dich ist diese Gegend wie geschaffen, 
wie würdest Du spazieren gehn und Dich unter einen Baum 
legen, in irgend einer mathematischen Attitüde ins Meer hin- 
aus sehn und die grössten Entdeckungen machen. Es ist eine 
zum Nachdenken geschaffene Gegend, wenn ich das sogar sage 
und empfinde, wie würde es Dil' gehn. Nur kann ich mich 
der Wehmuth nicht erwehren, wenn ich das reizende, idyllisch 
ländliche Dorf mit seinen Strohdächern und den anspruchslos 
einfachen Häusern ansehe und bedenke, wie unfehlbar in einigen 



Heringsdorf, 59 

Jahren die verschönernde Hand des Menschen dieses harmo- 
nische Winkelchen Erde verunstalten wii'd; ich sehe schon 
Belvederes statt Storchnestern, faule Blumengärten statt Korn- 
feldern und auf dem Buchenberg ein Kaffeehaus mit Regiments- 
musik, besonders aber die freundlichen, fleissigen Bauern in 
Bettler verwandelt. Alles im Geist, denn noch ist es ein 
Stückchen Erde, wo nicht nur Gott die Welt, sondern auch 
die Bauern ihre Wohnhäuser und Aecker erschaffen haben. 
Du würdest entzückt sein, aber was hilft's. Du bist einmal 
nicht hier, sondern entfernst Dich immer mehr von uns; 
gestern Abend machte mich der Gedanke so traurig, dass nur 
der unermessliche Unsinn, den M. vorbrachte und der uns regle- 
mentswidrig bis halb elf fesselte, mich vermochte, Thränen zu 
lachen, anstatt zu weinen. Nun der Oktober wii^d auch 
kommen.*)" 

5ten Juli 39. 

Fanny. 

n~ ~ Unser grösstes Ergötzen besteht hier in der 
Kunst, Ihr glaubt nicht, wie sehr uns die Musik beglückt. 
Gestern kam das Fortepiano an; nachdem es sich von seinem 
sauern Gang die Treppe hinauf erholt hatte, probirte ich es 
und schlug gleich eine Saite herunter, worauf der ganze Ton 
verstummte. Jetzt sitzt nun schon wenigstens anderthalb 
Stunden lang der Klavierstimmer daran, und je länger er 
stimmt, je toller es klingt. Die Saite kann er nicht aufziehn, 
und ich habe bemerkt, dass sie alle rostig sind, ich werde 
also hier melir Saiten verzehren, als Nähnadeln. Da es 
übrigens einen ganzen Ton zu tief steht, so werden wir imsere 
Höhe im Gesang brilliren lassen. Es lebe die Kunst! Als 
Tisch ist das Klavier vortrefflich zu brauchen, und drittens 
dient es zum Bücherbrett. — Eben war ich in der andern 
Stube bei Beckchen, um sie zu fragen, ob wir nicht den 



*) Dirichlet war auf eic-er Eeise nach Paris begriffen, er ging 
halb und halb mit der Idee um, dahin überzusiedeln, die sich aber 
nicht realisirte. 



60 1836-1839. 

m 

Klavierstimmer hinaussclimeissen wollten? Der Kerl hat schon 
zwei Saiten abgestimmt (ohne meine) und es steht jetzt schon 
wenigstens zwei Töne zu tief. — Morgen weiter. 

Sonnabend, 6ten Juli. Wie kannibalisch M. des 
Morgens nach dem Bade aussieht, das steht in keiner Welt- 
geschichte. Wie ein Menschenfresser. Ueber einem braunen 
Kattunrock trägt sie ilire beliebte Kasawoika, die Aermel mit 
zottigem Pelz durch den Gürtel gezogen, weil sie bis jetzt 
uns immer damit in die Milch gestippt hat, und ich es mir 
endlieh als Gnade ausgebeten habe, dass sie sie feststecken 
sollte. Die zweite Gnade aber, die ich mir ausbat, ist mir 
nicht zu Theil geworden, nämlich, dass sie ihr Haar aufbinden 
sollte, denn es gehört zu den Badegerechtigkeiten, die sie sich 
nicht nehmen lässt, wie ein zottiger Pudel oder ein unge- 
kämmter Kannibale damit herumzulaufen bis Mittag. Dazu 
schwarze Strümpfe, und ein rother Unterrock, der bei graziösen 
Bewegungen zum Vorschein kommt. Den Nachmittags-Kaffee 
haben wir gemeinschaftlich abgeschafft, unsrer Nasen wegen, 
an denen man ohne Schwefelhölzchen und Feuerzeug Licht 
anzünden könnte. Verbrannt bin ich dabei, lieber Mami, eine 
Citrone ist eine Lilie gegen mich. — Unsre heutige Fete ist 
um ihre eigentliche Pointe gekommen, denn der gestrige Kantor 
hat das Instrument richtig in einen solchen Stand versetzt, 
dass es unmöglich ist, auch nur ein Lied dazu zu singen. 
Wir wollen nun unentmuthigt unser Heil bei einem Swine- 
münder Künstler versuchen, denn der gestrige war Miss- 
verstands halber aus einem nahen Dorfe." 



Heringsdorf, 17ten Juli. 



Dieselbe: 



„ — — Wir haben ein Paar recht hübsche Parthieen 
gemacht; vorgestern fuhren ^vir nach Swinemünde und besahen 
die russische Fregatte. Ich hätte Dich dabei gewünscht, lieber 
Mann. Es ist äusserst interessant und für Dich, der Du weder 



Heringsdorf. g2 

so kriegs- noch riissenliassend bist, wie ich, würde auch der 
Eindruck nicht ein so trauriger gewesen sein, als für mich. 
Der erste Anblick, wenn man aufs Verdeck kommt, ist wahr- 
haft imposant, und wer bloss sieht, ohne sich etwas dabei zu 
denken, muss sich freuen und lustig werden, wie auch die 
meisten Leute thun. Wenn man aber überlegt, wieviel Kunst, 
Gelehrsamkeit, Mühe, Fleiss hier aufgewendet worden, mit 
welcher weiteren Mühe fiir Ordnung, Reinlichkeit und Regel- 
mässigkeit auf diesem wahrhaften Kunstwerk gesorgt wird, 
sodass die Waffenkammer wie ein Schmuckkästchen, jede Ka- 
none wie ein Luxusmöbel aussieht, und wenn man ferner 
bedenkt, wie hier die edelsten Kräfte des Menschen für einen 
so mörderischen und kannibalischen Zweck verwendet werden, 
da könnte man das Gruseln lernen, wenn man's noch nicht 
kann. Als nun vollends das Abendbrod anfing, wo ihrer etwa 
ein Dutzend um einen von der Decke herabhängenden Kessel 
herstehn und mit den stumpfen, slavischen Gesichtern die graue 
Brühe ansehn, die sie daraus fressen, — ich versichere Dich, 
da war mir das Weinen näher, als das Lachen! Und das sind 
noch nicht die Letzten der Menschen! Eine Seeschlacht ist 
mir immer als der Gipfel der Barbarei erschienen, und seit ich 
dies Kriegsschiff gesehn habe, bin ich in meiner Meinung nur 
bestärkt. Hochcivilisirter Barbarismus ! Wie werden wir einst 
von einem kommenden weiseren Geschlecht gerichtet werden, 
welches das Faustrecht im Grossen, die Kriege, abgestellt und 
das Völkertribunal eingeführt hat. Dann werden noch einzeMe 
Kriege übrig bleiben, wie jetzt einzelne Duelle, aber sie wer- 
den immer seltener und immer unmöglicher werden, und dann 
können die Menschen anfangen, vom Christenthum zu reden. 
Darum ist Ludwig PhiUpp mein Mann, weü er le Napoleon de 
la paix ist, und weil er die Angelegenheiten der Welt jetzt 
durch einen europäischen Kongress zu ordnen versuchen will, 
was ein grosser Gedanke ist. — Nun lachst Du mich aus mit 
meiner Friedenspolitik, aber ich habe doch Recht, wie alle 
Frauen, „der Hecht ist blau". — 

Gestern haben wir eine wilde Waldparthie gemacht, 
die eine Art von Parodie auf Felixens Waldfest sein 



62 1836—1839. 

könnte. '*) Statt eines bekränzten Tisches hatten wir Schinken- 
butterbrod auf einem mosigen Stein, statt eines Chors von zwanzig 
geübten Sängern haben wir beide unsern Vorrath von zwei- 
stimmigen Liedern ausgekramt; nur der Wald selbst war keine 
Parodie, denn er ist so schön, wie er nur sein kann, und die 
Parthie war unter andern dadurch ausgezeichnet, dass zwei 
Herren (auf acht Damen und fünf Kinder) dabei waren. 
Sonntag hatten wir hier brillante Gasttafel, neunzehn Damen, 
sieben Kinder und drei Herren; der eine war ein jüdisches 
Zahnärztchen aus Berlin, der zweite ein Sohn von Böckh, der 
dritte eine unbekannte — nicht Grösse sondern Dicke." — 



Heringsdorf, 18ten Juli. 

Eebecka an Dirichlet. 

^ Ein besonderer Reiz dieser Gegend besteht darin, 

dass es unmöglich ist, auch nur zehn Schritt auf ebenem 
Boden zu gehn, dadurch erscheint jedes Holzscheit, jeder zu- 
fällig hingeworfene Gegenstand malerisch, und jeder ohne 
Mühe erklommene Rasenhügel gewährt neue mannigfaltige An- 
sichten. Die Ostsee ist uns bitter verläumdet worden; sie ist 
nicht zahm, sie ist nicht farblos, sie ist in diesem Augenblick 
vom schönsten Dunkelblau, viel dunkler als der Himmel, sie 
hat auch Wellen mit weissem Schaum, die mich gehörig roth 
peitschen, und der erquicklichste Seewind durchweht mich eben. 
Ich schreibe nämlich auf dem Akazienhügel hinter unserm 
Hause, sehe zu meinen Füssen die Strohdächer durch die 
Bäume kucke a, den dunkeln Wald des blauen Berges (dies ist 
der Name, nicht poetische Bezeichnung) im Hintergründe, 
Alles von der See begränzt, es ist ein herrlicher Anblick; 



*) Die „Parodie von Felixens Waldfest" bezieht sich auf 
einen grade in jenen Tagen angekommenen Brief desselben mit 
der Beschreibung eines ihm in Frankfurt gegebenen Fested, das 
er seiner Mutter geschildert hatte. Felix'sche Briefe 3ten Juli 1839. 



Heringsdorf. 63 

wärest Du nur Mer, ilin nützugeniessen und Dich in der Tiefe 
Deines sonderbaren matliema tischen Gemüthes daran zu erfreuen. 
— Gestern waren es acht Monat, dass unser liebes Kind uns 
genommen ward. Des Menschen Herz ist auch wie ein Grab; 
tief unten liegt der Schmerz , treu und fest eingegraben , und 
darauf grünt es, und wachsen Blumen und es ^vird oft auf- 
gewühlt, und wieder neuer Schmerz dazu gethan, und wächst 
wieder zu, und blüht wieder, bis endlich — da steht die Weis- 
heit stille. Man muss eben mit. Nun mein ewiger Eefrain, 
lass mich mit Dir leben, d. h. schreibe mü' fleissig wie Du 
lebst; verschiedener können's wohl Eheleute nicht treiben, wie 
Du in Paris und ich in Heringsdorf. So einförmig wie meine 
Briefe geht mein Leben hier seinen Gang; hätte Fanny nicht 
Sehnsucht nach ihrem Mann und die grosse Reise vor, wo ich 
sie auch noch gern bis zuletzt gemessen möchte, ich triebe 
nicht nur nicht fort, sondern miethete mir zur zweiten Saison 
eine andre Wohnung. Doch ist jetzt die schönste Zeit, wo 
das Korn noch steht, und das Grün noch frühlingsfrisch ist." — 



Berlin, 7ten August 39. 

Dieselbe an denselben. 

„ Ich muss aber noch die letzten Heringsdorfer 

Tage nachholen, so müde und reise- und Kram-echauffirt ich 
auch bin. Nun habe ich auch solche Feier von Königs-Ge- 
burtstag mitgemacht, wie sie dutzendweise iu den Zeitungen 
stehn, Diner, Schuljugend, „eüifache Ani-eden" — äusserst 
ledern und ennuyant, aber zauberisch reizend war die Er- 
leuchtung Abends; die eiuzelnen, durch Hügel und Wald ge- 
trennten Häuschen mit Lichtern und Blumenkränzen bedeckt, 
der schönste Sternenhimmel, überall Gruppen vergnügter, 
entzückter Menschen, es war ein -wundervoller Abend. Wir 
blieben noch lange, nachdem die Menschen sich verlaufen und 
ihre Lichter ausgelöscht hatten, auf dem vielbesprochenen 
Buchenberg, und sahen den Mond über dem Meere aufgehn, 
und — bewundere uns — den andern Morgen um halb vier 



64 1836-1839. 

waren wir schon wieder da, die Sonne aufgehn zu sehn. 
Sonntag Abends waren nach langer Meeresstille endlich wie- 
der heftige Wellen, denen konnte ich nicht widerstehn, und 
ging mit Antonie vom Thee fort, wir warfen uns in's 
Wasser, Hessen uns einige Wellen über den Kopf stürmen, 
und gingen dann mit hängenden Haaren wieder zu unserm 

Thee. 

In Stettin hatten wir in den drei Stunden zwischen Packen 
und Essen durch noch soviel Zeit, einen recht unartigen Reise- 
streich zu begehn; wärest Du dabei gewesen, ich hätte tüch- 
tige Schelte bekommen, da ich es aber gethan habe, muss ich's 
auch beichten. Unserm Fenster gegenüber erscholl nämlich 
eine wunderschöne Tenorstimme, Fanny und ich gingen ans 
Fenster und horchten; als er fertig war, meinte ich, es wäre 
doch billig, dass wir dem guten Tenor auch was zu hören 
gäben, und wir sangen zum Fenster hinaus ein zweistimmiges 
Lied, wir haben nämlich in Heringsdorf sehr viel gesungen 
und sind sehr eingeübt. Da füllten sich die Fenster gegen- 
über, wir wurden sehr applaudirt, und unser Tenor fing wie- 
der an zu singen; unterdessen waren aber die Pferde ge- 
kommen, und wir hörten das Ende nicht mehr, am Ende singt 
er noch. 

Ich sage nichts, wie mir's zu Muthe war in Deiner leeren 
Stube, und bei meinen lieben Bildern, aber Du wirst Dir es 
vorstellen können. Nun, es muss Alles getragen. Alles ver- 
schmerzt sein, über Leid und Freud geht die Zeit unbarm- 
herzig hm. Wenigstens ist uns diese Reise gelungen, ich 
glaubte gar nicht mehr, dass so was möglich wäre." — - 



Italien. 



„GelDe uns nun Gott eine gute Reise ohne Unfall und 
stets gute Nachrichten von Hause, und lasse er uns Alles 
unverändert finden, dann werden wir herrliche Zeit erleben. 
Ich gehe diesem grossen Ereigniss mit ruhiger Freude entgegen, 
möge sie von guter Vorbedeutung sein! Amen!" — Mit diesen 
Worten schloss Fanny ihren Tagebuchabschnitt vor der Eeise 
nach Italien. 

Das erste Reiseziel war Leipzig, wohin Felix kurz vorher 
von seinem Frankfurter Aufenthalt zurückgekehrt war, und 
von wo er am 21. August schrieb: 

Liebe Fanny! 

„Gestern Abend sind wir Alle glücklich, gesund und froh 
hier wieder angekommen, und mir ist um eine grosse Last 
leichter, da Cecile die Reise so musterhaft ausgehalten und 
sich so herrlich darnach befindet. Der ganze Weg zwischen 
Frankfurt und hier war mir die Zeit über wie ein Alp, der 
mich manchmal arg drückte. Gottlob, es ist nun überstanden 
und so wie wir selbst unverändert und vergnügt hier ein- 
gerückt sind, so haben wir hier Alles getroffen. Die S.'s 
waren uns gestern auf der Chaussee entgegen gegangen und 
mussten im Wagen mitfahren, während ich zu Fuss einrückte. 
Ganz weit vor der Stadt war uns schon Verhulst begegnet. 

Die Familie Mendelssohn. IL 5 



66 Italien. 

Kennst Du denn Verhulst? Das ist was für Dich, wenn Du 
kommst. Nun also, liebe Fanny, wann dürfen wir Dich 
erwarten? Bleibt recht lange, denn auf einer so grossen 
Reise, wo die Tage mit Scheffeln gemessen werden, da muss 
man nicht bei uns damit geizen. 

Ich schreibe des Morgens früh und in Eüe, weil ich sonst 
am Tage schwerlich Zeit dazu gefunden hätte. Weder 
Schleinitz noch David, noch sonst einen Leipziger habe ich 
bis jetzt gesprochen, also kannst Du Dir denken, wieviel 
tausend Geschichten und Gespräche nachzuholen sind: ganz 
England mit David und ganz Sachsen mit Schleinitz. Erkun- 
dige Dich doch einmal, wer Herr Julius Stern in Berlin ist, 
von dem ich gestern bei der Ankunft ein Liederheft mit einer 
freundlichen Zuschrift bekommen habe. Die Lieder scheinen 
nach einem flüchtigen Blick Talent zu zeigen, ich habe aber 
sonst noch nichts von ihm gehört oder gesehen. 

Wir haben gestern zusammengerechnet, dass wir auf der 
ganzen Reiseroute auf jeder Station etwas gegessen haben, 
mit Ausnahme von Neuhof und Marksuhl, wo allerdings aber 
auch nichts zu haben war. Nimm dazu eine Wui^st und Brod 
und Wein und Süssigkeiten, die uns von Frankfurt aus in die 
Wagentaschen gepackt waren, und Du kannst denken, dass 
wir eben nicht Hunger gelitten haben. Auch haben wir vier 
volle Tage gebraucht; denn gestern hatten wir iu Weimar 
geschlafen; aber dafür war der Kleine musterhaft artig im 
Wagen und hat auf der ganzen Tour nur einen Klaps 
bekommen, worauf er schi'ecklich schrie und einschlief und 
mich beim Aufwachen so lieb hatte, als war' ichs nicht 
gewesen, oder er nicht. Nun, Gott sei Dank, wir sind glück- 
lich da, ich bin sehr froh. Auf baldiges frohes Wiedersehn, 
liebe Fanny." 

Hensels befanden sich so wohl in der Leipziger behag- 
lichen Häuslichkeit, wo sie acht Tage verweilten, dass Fanny 
die „Reise" immer erst von Leipzig ab rechnete. Die grosse 
Befriedigung, die FeUx sowohl in seiner Stellung als auch in 
seinen vier Pfählen fühlte, trieb ihn zu regem Schaffen der 
verschiedensten Art. Der 95. und 114. Psalm, die Ruy Blas- 



Leipzig, Walhalla. 67 

Ouvertüre, die D-dur-Sonate für Piano und Violoncell, das 
Es-dur-Quartett für Streichinstrumente, die Serenade und 
Allegro giojoso für Pianoforte mit Orchester, viele Lieder für 
Klavier und Stimme — ■ Alles dies fällt in die Jahre 1838 
und 1839. Ausserdem fing er an, sich mit dem Elias zu 
beschäftigen, worüber ein Brief an Schubring vom 2ten No- 
vember 1838 Kunde giebt.*) Am 4. September verliessen Hensels 
Leipzig. 

Durch Gerede von Wirthsleuten Hessen sie sich auf der 
weiteren Reise verfüliren, einen der Angabe nach näheren, 
ganz neuen Weg nach Bamberg einzuschlagen. Aber der 
Fluch aller „Eichtwege" lag auch auf diesem; er war weiter, 
die Strasse noch nicht fertig, so dass stellenweise Feldwege 
eingeschlagen werden mussten , und als in stockfinstrer Nacht 
der Main erreicht wurde, der auf einer Fähre passirt werden 
sollte, fand sich, dass die Fähre Nachts, wie jeder gute Bürger, 
schlief Der Postillon aber erklärte, der Main sei so seicht, 
dass man hindurchfahi^en könnte; und da sonst nur die Alter- 
native blieb, im Wagen am Ufer zu übernachten, so entschloss 
man sich zu dem Abenteuer, das auch ganz gut abUef 

Ueber Bamberg, Nürnberg und Augsburg wurde München 
erreicht. Grade für einen Künstler war ganz Baiern damals 
von höchstem Interesse. Denn unter König Ludwig's Regie- 
rung geschah für die bildenden Künste ausserordentlich viel, 
und unter manchem Verfehlten entstand auch vieles Gute und 
Würdige. Schon in Augsburg machte der durchaus restaurtrte, 
von allem Wust und Tand späterer Jahrhunderte befreite Dom 
den günstigsten Eindruck. Dass Nürnberg vollauf gewürdigt 
wurde, versteht sich von selbst. Den ersten Eindruck von 
König Ludwig's selbstständigem Schaffen gev/ährte die im Bau 
begriffene Walhalla, worüber Fanny folgendermassen schreibt: 

„Eine halbe Stunde unterhalb Regensburg am linken 
Donauufer auf einer schön geformten Höhe, rechts und links 
von andern schön bewachsenen, zum Theil mit Ortschaften 
und Ruinen bedeckten Bergen eingefasst, liegt die Walhalla, 



*) Vollendet wurde der Elias erst 1846. 

5* 



68 Italien. 

weithin im ganzen Lande sichtbar. Einmal beendet wird sich 
das Gebäude mit seinen ungeheuren Marmorsäulengängen, die 
sich gegen die Luft absetzen, prächtig ausnehmen, wenn uns 
auch Einzelnes darin garnicht gefallen hat, und der Name 
Walhalla und der Zweck, Büsten berühmter deutscher Männer 
darin aufzustellen, mit der Form eines griechischen Tempels 
auch durchaus nicht übereinstimmt. Bis jetzt ist noch das 
ganze Gebäude in einen unermesslichen Bretterkasten einge- 
hüllt, welcher, auf einem Berge so nahe dem Wasser stehend, 
ein deutliches Bild der Arche Noah gewährt. Wenn man 
hinein geht, kann man ungefähr entziffern, wie es werden 
wird, und ein kleiner Kupferstich, den wir zur Hand hatten, 
verdeutlicht es noch melir. Als Beispiel, wie flüchtig selbst 
so grosse Werke hier behandelt werden müssen, mag dienen, 
dass eine Karyatide, von Schwanthaler modellirt, vierzehnmal 
ganz gleich in Marmor ausgeführt wird, weil er nicht einmal 
Zeit hat, verschiedene Modelle zu machen. Ueberhaupt ist 
ganz Baiern ein grosser Baukasten, in München sitzt das 
geniale Kind, das damit spielt; es ist nur zu fürchten, dass 
die schönen bunten Häuser alle zusammenstürzen, sobald das 
Kind einmal davon geht, denn es muss einem Jeden ein- 
leuchten, dass für die Kräfte des Landes und nach Verhältniss 
der Bildung des Volkes zu viel geschieht; aber nach dieser 
Seite lün ist der König überaus grossartig, und mit Sinn und 
Kenntniss, das kann man nicht läugnen. Er ist der beste 
und einsichtigste Oberbaudii^ektor, und da er zugleich eine 
leidliche Versorgung als König von Baiern hat und daher im 
Stande ist, alle seine Bau- und Mal- und Bildnerlaunen auszu- 
führen, daneben auch persönlich sich hübsch imd rücksichtsvoll 
und freundlich gegen die Künstler zu benehmen scheint, wenn 
sie ihm nur rasch genug arbeiten, so geschehen wii'klich 
ausserordentliche Dinge und man muss übertrieben gutmüthig 
sein, um es ohne Neid zu sehn, wie die Elräfte der Leute in 
Anspruch genommen werden und dadurch gesteigert werden. 
So hat er sich auch durch seine Liebe für die gothische Art 
und Weise das grosse Verdienst erworben, die dazu gehörigen 
Oewerke ausserordentlich gehoben zu haben, denn die Glas- 



München. 69 

malerei, das Steinhanen , das Holzschrdtzen und das Manem 
verstehn sie hier wie die Alten." — 

In München war die Bekanntschaft all der Künstler, 
Schwanthaler , Hess, Schnorr, Cornelius, Kaulbach, und der 
AnbKck des regen, frischen Lebens unter ihnen interessant. 
In musikalischer Hinsicht war die Bekanntschaft mit Delphine 
Eandley erfreulich, von der Felix in den Briefen aus München 
schreibt; damals hiess sie Frl. Schauroth. Hensel zeichnete 
yiele interessante Portraits, und so war der Aufenthalt sehr 
anregend und erfreulich. 

Die nächsten Tage brachten den Anblick der erhabensten 
Gebii'gsnatur; das Stilfser Joch, der höchste und grossartigste 
^ller Alpenpässe ^vurde überschritten. 

Fanny an ihre Mutter. 

Bormio, 

am Fuss des Stelvio lombardische Seite, 

27sten September 1839. 

„Heut vor einem Monat sind ^^ir von Berlin abgereist, 
und heut haben wir unsern Zug über die höchste Alpenstrasse 
glücklich vollbracht. Wii- haben eine herrliche viertägige 
Reise durch Tyrol gemacht, auf eine beispiellose Weise vom 
Wetter begünstigt, welches die letzte Zeit in München kalt 
und regnerisch war, und uns während der Fahrt nur blauen 
Himmel und die klarste Sonne zeigte. — 

Mailand, den SOsten September. Dienstag den 24sten 
reisten wii- mit zweifelhaftem Wetter von München ab, das 
sich aber nach einigen leichten Eegenschauern gänzlich auf- 
klärte. Wir gelangten bis an den Fuss der eigentlichen Ge- 
birge, durch schöne, interessante Gegenden fahrend. Den 
andern Morgen brachen wir mit Sonnenaufgang auf, der Mond 
stand der Sonne gegenüber, beide in vollkommenster Klarheit 
leuchtend, und das Erste, was wir beim Ausfahren erblickten, 
waren die Schneeberge des Tyrol, dem wir uns näherten. 
Nicht weit von der Grenze liegt Hohenschwangau , die durch 
den Kronprinzen von Baiem im ritterlichen Styl wieder auf- 



70 Italien. 

geführte alte Burg, in herrlicher Gegend. Die Seite, von der 
wir kamen, ist eben, nur in der Ferne von niedrigen Bergen 
begränzt, voller grüner Weiden und schöner spiegelklarer 
Seeen. An der Rückseite des Berges, der die Burg trägt, 
liegt ein prächtiger schwarz-grüner Alpensee, mit Schwänen, 
die sich auf dem dunkeln Wasser wie schwimmende Sternchen 
ausnehmen, dahinter mehrere Schichten hoher und höchster 
Berge (nicht Herrschaften). Man steigt einen sehr bequemen 
Weg zur Bui'g hinauf, an dem schon die Laternen mit den 
dazu gehörigen „Stengeln" (vide Felix' Kinderjahre) gothisch 
sind. Ueberhaupt habt Ihr gar keinen Begriff, wie gothisch 
es da zugeht. Domenic QuagUo hat, wie Ihr wissen werdet, 
jedes Stühlchen auf der Burg gezeichnet, und ist endlich selbst 
oben gestorben. AUe Zimmer sind mit Wandmalereien in 
Wachs bedeckt, und der Kronprinz ist so unpartheiisch dabei 
zu Werke gegangen, dass er in einem Gemach Geschichten 
der Hohenstaufen, im andern Geschichten der Weifen hat dar- 
stellen lassen. Indessen Spott a pari, der hier sehr nahe liegt, 
ist es doch geistreich und schön durchgeführt, etwas besser 
als Prinz Friedrich's Burg am Khein, und die Aussicht aus 
allen Fenstern über vier Seeen von ganz verschiedenem Cha- 
rakter entzückend schön. Bald darauf passii^t man die öster- 
reichische Gränze, die wir vermittelst eines Guldens ohne jede 
Belästigung überschritten und noch an demselben Tage kamen 
wir über einen sehr bedeutenden Alpenpass, den Finstermünz, 
welcher allein hini^eichend ist, nach Italien zu gelangen, denn 
man kann von da ohne weitere Berge zu überschreiten nach 
Botzen gehen. Dieser Finstermünzpass hat mich aufs Leb- 
hafteste an den Gotthard erinnert. Ein schroffes Aufsteigen 
auf herrlicher Strasse, zwischen zwei Reihen Felswänden, zur 
Seite den Inn, den man immer tiefer und tiefer unter sich 
toben hört, und an der Stelle, wo die romantische Schönheit 
der Gegend den Gipfel erreicht, wendet sich, wie beim Urner 
Joch, die Strasse plötzlich nach innen, anstatt der Teufels- 
brücke kommt man an einer Festung vorbei, welche die Oester- 
reicher da, wo das Thal am engsten ist, an und in den Felsen 
bauen, und nun befindet man sich plötzlich in einer stillen. 



Stilfser Joch. 



71 



grünen Hochebene wie bei Ursern, die Wildheit des Stromes, 
der kurz vor der Festung noch als Wasserfall stürzt, ist vor- 
bei, und er fliesst ruhig dahin, so ruhig wie es einem Tyroler 
Fluss überhaupt möglich ist, denn sie scheinen alle aus Cham- 
pagner statt des Wassers zu bestehen. Als wir eine Weile 
auf dieser Hochebene fortgerollt waren, that sich eine gewal- 
tige Masse von Schneebergen vor uns auf, und da wir auf 
unsere Frage erfuhren, es sei das Stilfser Joch, über das die 
neue Strasse führe, fiel mir, ich muss es gestehen, das Herz 
ein wenig in die Inexpressibles. Wir übernachteten am Fuss 
des Hochgebirges und brachen um halb sechs auf. Der Himmel 
war bedeckt, die Luft lau, und es blieb mehrere Stunden lang 
ungewiss, wie das Wetter werden würde. Ich will versuchen, 
Euch eine möglichst deutliche Vorstellung von diesem merk- 
würdigen Wege zu geben. Das Aufsteigen auf der Tyroler 
Seite zerfällt in drei Stationen, etwa fünf Meilen Wegs, die 
sich auch dem Charakter nach genau von einander sondern 
lassen. Wälu-end der ersten Station fährt man, schon immer 
stark ansteigend, ziemlich gradeaus in ein enges Thal hinein, 
durch Brücken bald auf diese, bald auf jene Seite des reissenden 
Bergstroms gelangend, und sich der Schneewand nähernd, 
welche das Thal schliesst. Hier sieht man die echte Alpen- 
natur, Weiden mit Vieh, Sennhütten, Felsen, Bergwässer; 
Trafoi, der erste Euhepunkt, liegt schon 5000 Fuss hoch, und 
hier befindet man sich am Fuss des eigentlichen Stelvio. Von 
hier an geht die Strasse nicht mehr gradeaus, sondern im 
Zickzack den Berg steil hinan. Von unten gesehen nehmen 
sich die Geländer, deren man oft mehr als zwölf auf einmal 
übersehen kann, wie die Spaliere an einem Ungeheuern Wein- 
berg aus. Der zweite Euhepunkt heisst Franzenshöhe und 
liegt an der Schneelinie. Hier hat man schon Gletscher und 
weite Schneefelder zur Seite und zu seinen Füssen; der 
Ortlesspitz ist vom Gipfel bis zum Fuss sichtbar und ganz 
nahe, das tiefere Thal mit seinem Grün fängt an zu ver- 
schwinden. Von hier hat man noch über eine Meile im Schnee 
zu fahren, das Wetter war aber so wunderschön und die 
Sonne so klar, dass wir, weit entfernt, Decken, Pelzhandschuh, 



72 Italien. 

Tücher und alle Erwärmungsmittel, die wir bereit gelegt 
hatten, zu brauchen, vielmehr auch unsere Mäntel ablegen 
mussten. Die Luft hatte eine unbeschreiblich angenehme 
Frische, ohne im I^Iindesten kalt zu sein. Dieser letzte Theil 
des Weges ist fast durchweg mit starken Holzdächern bedeckt, 
welche ihn und die Reisenden vor Lavinen schützen. Endlich 
nach mehr als zehnstündigem ununterbrochenem Berganfahren 
erreichten wir glücklich den Gipfel Santa Maria. Hier tranken 
wir die letzten Tropfen des von Dir, liebes Beckchen, 
geschenkten Ungars auf das Wohl der Unsrigen, wo sie auch 
in der Welt zerstreut seien, und nun ging es lustig bergab, 
in zwei Stunden hinunter, was wir in mehr als zehn erstiegen 
hatten. Dieser Gipfel des Stelvio ist das Wildeste, Wüsteste, 
was ich gesehen habe, nichts als unabsehbare Massen von 
Felsen und Schnee. Das Hinabfahren ist ein wahres Ver- 
gnügen, der Wagen wird an einem Eade gehemmt, und nun 
rollt man ebenso sicher als schnell auf dem bewundernswürdigen 
Wege, auf dem wir nicht ein Steinchen, kein noch so kleines 
Hinderniss gefunden haben. Hier sieht man den Ursprung 
der Adda, die gleich nach ihrer Geburt vortrefflich auf den 
Beinen ist, und einige prächtige Wasserfälle bildet. Hier sind 
auch die herrlichen, in den Felsen gesprengten Galerien sechs 
oder acht an der Zahl; in den meisten zählten wir zehn bis 
zwölf in bedeutenden Zwischenräumen angebrachte Durch- 
sichten. Es ist unbeschreiblich interessant, all diese verschie- 
denen Stufen vom ewigen Schnee über die nackten Felsen, die 
Tannen- und Laubholzvegetationen bis zu der Lieblichkeit eines 
fruchtbaren Thals durchzumachen, und sehr erfreut über unser 
Tagewerk kamen wir in Bormio an, mit Einbruch der Dunkel 
heit, wo ich die ersten Zeilen dieses Briefes schrieb. 

Ich habe mich etwas lange bei diesem Uebergang aufge- 
halten, weil man wirklich noch nicht soviel davon gehört hat, 
als von alledem, was ichEuch später zu beschreiben haben werde.*) 



*) Und ich habe die Beschreibung unverkürzt aufgenommen, 
weil man ja in Kurzem nicht mehr im hellen Sonnenschein über 
die Alpen, sondern in dunklen Löchern durch dieselben fahren wird. 

Der Verfasser. 



Corner See. 78 

Wir hatten einen Haupttreffer mit dem Wetter während 
dieser Eeise, denn als wir den andern Morgen von Bormio 
abfuhren, fing es an zu regnen und hat drei Tage un- 
aufhörlich geregnet, und auf dem Joch wäre dies mehr als 
unangenehm gewesen, während es uns üi der Ebene eine Er- 
holung von dem beständigen Sehn und Bewundern dünkte. Im 
Addathal fanden wir furchtbare Verwüstungen, die ein Orkan 
vor vierzehn Tagen angerichtet hatte, an zahllosen Stellen 
waren Stücke des Wegs, Brücken, Häuser weggerissen und 
zertrümmert; die Strasse war aber durchaus wieder iu fahr- 
baren Stand gesetzt, und die Brücken durch provisorische er- 
setzt, aber der Anblick war überaus schrecklich. Am Morgen 
des 29sten erreichten wir den Comer See, und hier sah ich 
zum ersten Mal das tausendmal beschriebene, millionenmal 
gepriesene und dennoch so überraschende Italien. Oelbäume, 
ächte Kastanien und Maulbeerbäume hatten sich zwar unter- 
wegs schon bücken lassen, aber die Gegend hatte bis dahin 
doch noch immer den Alpencharakter, und erst hier verwandelt 
sie sich gänzlich. InVarenna, wo wir anhielten, liegt das 
Gasthaus hart am See, man übersieht die hellgrüne Fläche 
von der sanftesten, feinsten Farbe, von den schönsten, mannig- 
faltigst geformten Bergen umkränzt; auch an Felsen und 
Schnee fehlt es nicht, aber sie treten bescheiden in den Hinter- 
grund und räumen hier der Anmuth den ersten Platz ein. 
Als Vorgrund hatten wir einen Garten mit blühenden und 
früchtebeladenen Citronen- und Orangebäumen, grossen Feigen- 
bäumen, Eosen, aus der Mauer wachsenden kolossalen Aloes, 
eine Vegetation wie toll, auf Terrassen, deren letzte ki das 
Wasser führt. Ein feiner Regen hiuderte uns natürlich nicht, 
in den Garten zu gehn, und die Wolken nahmen der Gegend 
nichts an ilirem Reiz. — Ich kann Euch garnicht beschreiben, 
wie entzückt und wie gerührt ich war, denn rührend ist der 
wahre Ausdruck für die Schönheit dieser Gegend. Ich hatte 
so recht lebhaft das Gefühl, es mir nicht zu gönnen, und Euch 
Alle dazu herbei zu wünschen. Dich, liebe Mutter, müsste 
Faust freilich auf seinem Mäntelchen hin und Abends wieder 
zu Haus tragen, sonst wäre es für Dich zu ermüdend, aber 



74 Italien. 

Du, Beckchen, musst Deine nächste Reise nach dem Corner 
See richten, wenn Du auch nicht gleich ganz Italien hereisen 
kannst; das ist ganz eine Gegend für Dich, und an sich schon 
ein würdiges Ziel. Mailand liegt übrigens einen Katzensprung 
davon. Und Feigen! Ich versichere Dich, ich kann nie eine 
essen, wie sie so zuckersüss sind und auf der Zunge zergehn, 
oline zu wünschen, sie Dir in den Mund zu stecken. Und 
Trauben! die gönne ich mir freilich auch, denn die isst kein 
Mensch lieber als ich, aber sie sind welthistorisch, und man 
■bekommt noch Geld zu, wenn man sie kauft! — Die Pfirsich 
entsprechen meinen Erwartungen nicht, ich habe sie bis jetzt 
hart und fast ungeniessbar gefunden. 

Längs des ganzen Comer Sees ist die Strasse wieder 
prächtig, statt des Geländers durchaus durch eine mit Granit- 
platten belegte Mauer geschützt, und wieder die prachtvollsten 
Felsgalerien gesprengt. Hier sind nicht, wie auf dem Joch, 
niedrige Fenster angebracht, welche nur das nöthige Licht 
einlassen, sondern hohe unregelmässige Thore, durch die man 
jedes Mal das herrlichste Bild sieht. Wir konnten Mailand 
nicht mehr am Tage erreichen und blieben, da wir den ersten 
Anblick nicht gern verlieren wollten, über Nacht in Monza. 
Ich weiss nicht, was der Lucia einfiel, dass sie die ganze 
Nacht von einem Kloster zum andern lief und läutete, ein 
solches Gebimmel habe ich in meinem Leben nicht gehört. 
Eenzo muss betrunken gewesen sein, wie das eine Mal in 
Mailand,*) denn das Schreien und Juchheien auf den Strassen 
wollte so wenig ein Ende nehmen, wie das Glockenläuten. 
Monza ist ein interessantes, altes Nest, mit einer von aussen 
sehr schönen, von innen ganz verunstalteten Kathedrale und 
einem Palast Friedrich Barbarossa's, den die Stadt nächstens 
abtragen lassen wiU. Mein Mann wird es dem König von 
Baiem klatschen, damit der sich für den ehrwürdigen, alten 
Bau verwendet. Dem müsste nur Monza gehören, er würde 
den Dom schon wiederherzustellen wissen. 



*) Bezieht sich auf Figuren aus den Promessi Sposi von 
Manzoni. 



Mailand. 7g 

Es ist krit la haut, dass wir hier in Mailand keine Men- 
schen sollen kennen lernen, alle, an die wir Empfelilungen 
haben, sind nicht hier und eine Stadt ohne Menschen (in der 
schönen Natur braucht man sie weniger) ist für mich ein 
Körper ohne Seele, mithin wird Mailand keinen Glanzpunkt 
dieser Eeise bilden. Dom, Brera und Skala sind von uns 
bereits verschlungen, denn solcher Reisemagen ist wii'klich ein 
wahrer Schlund, ein Abgrund, ein Straussmagen. — Ich werde 
in meinen Briefen an Euch eine Rubrik „italiänische Zustände" 
einfühlten und der erste Artikel soll hiermit folgen: Bis jetzt: 
Bettler keine; Flöhe wenige, Schmutz bis über beide Ohren. 
Doch ist Mailand im Aeussern eine der reinlichsten Städte. 
Ich werde Euch darüber schreiben, wenn wir fortreisen, jetzt 
bin ich noch zu neu hier. In Bezug auf die Sprache gebe 
ich mir alle mögliche Mühe, lese Schilder und lasse mich von 
der Wäscherin und dem KeUner belehren. 

In München hatten wir noch ein Paar hübsche Abende, 
einen bei der Handley, wo sie wirklich glorios spielte. Felixens 
erstes Concert habe ich, ausser von ihm, noch nicht so spielen 
gehört, dabei ist sie eine allerliebste Person. Den letzten 
Abend hatten wir einen improvisirten Thee bei uns, getrunken 
von Prand und seiner Frau, Rottmann, Marggraf aus Berlin 
und Kaulbach und seiner Frau, die wir beide an dem Abend erst 
kennen lernten. Wie das zuging, später mündlich. Genug, 
wir schieden so herzlich von einander, als hätten wir uns 
lange gekannt. Er ist ein grosser, schlanker Mann, mit 
interessantem Gesicht, hoher kahler Stirn, blasser Farbe und 
halblangem Haar; auf die Frau passt dieselbe Beschreibung, 
sie ist sehr hübsch. Er ist äusserst freundlich, theilnehmend 
an Allem, besah die Zeichenbücher mit dem grössten Interesse 
und giebt Töne von sich, wie Herr Schadow. Beissend witzig 
ist er auch und neckte den ehrlichen, braven Rottmann auf 
die possierlichste Art. Als Rottmann's Zeichnung fertig war 
und Wilhelm nur noch den Schlagschatten hinsetzen woUte, 
bat Kaulbach ihn, es ihm doch zu erlauben und setzte in den 
Schatten Rottmann's Profil mit seiner enormen Nase. Rott- 
mann heisst in München ü nasone. Dieser schrieb darunter: 



76 Italien. 

^Hoho, da ist sie ja, wie sie der Spiegel wies — die unge- 
heure Nase, die sich so oft schon stiess." — Und so ist das 
Blatt ein ganz humoristisches geworden. Ich spielte auf Be- 
gehren auf dem verstimmten Instrument, so gut es gehen 
wollte, die Unterhaltung war äusserst lebhaft, und der Abend 
gehörte zu den angenehmsten, die man nur erleben kann. 
München hat mir überhaupt einen sehr guten Eindruck ge- 
macht, wir haben so liebenswürdige Menschen da kennen ge- 
lernt, und auch die Kunstwerke, selbst die alten, haben da 
den Stempel der Gegenwärtigkeit; man sieht, dass sie mit 
Liebe gehegt und verstanden werden, und das giebt ihnen erst 
den Werth. Es lebe der König von Baiern, quand meme!^'' — 
In Padua, das „einen widerwärtigen Eindruck von Ver- 
wesung" machte, ist die Kirche St. Antonio und daneben die 
Scuola di Tiziano sehenswerth, ein mit Wundergeschichten des 
heil. Antonius Fresco gemalter Eaum. „Ein dem Tizian zu- 
geschiiebenes Bild," bemerkt Fanny, „wo der heil. Antonius 
ein Wickelkind reden lässt, ist sehr hübsch. Die Wunder des 
Heiligen sind alle ganz besonders praktischer Art. Sobald ich 
katholisch werde, soll er mein Schutzpatron sein. Er erweckt 
verstorbene Gläser und Teller, das ist so gut in der Wirth- 
schaft zu brauchen. — Wir gingen noch nach der Kapelle, 
deren Bilder von Jacob d'Avanzi durch Förster (Jahre vorher) 
gereinigt wurden. Der Schmutz, den er heruntergewaschen, 
steht noch in der Kapelle, die Tische, die er gebraucht, noch 
übereinander. Es ist ein Sauvolk !" — 



Brief an die Familie. 

Venedig, 13ten Oktober 1839. 

„So stand es denn im Buche des Schicksals auf meinem 
Blatte geschrieben, dass ich 1839 den 12ten Oktober Nach- 
mittags, nach unserer Uhr um zwei, Venedig zum ersten Mal, 
aus der Brenta in die Lagunen einfahrend, erblicken und bald 
darauf diese wunderbare Inselstadt, diese BiberrepubUk, be- 
treten und besuchen sollte. Da Euch unsere Reisebriefe Freude 



"Venedig. 77 

machen, so sollt Ihr mitgeniessen, sobald und soviel als mög- 
lich. Ich erinnere mich in meinem Leben nicht leicht in 
24 Stunden soviel Erstaunen, Bewunderung, Rührung, Freude 
empfunden zu haben, als in diesem wunderbaren Venedig ! Seit 
wir hier sind, hab ich fast noch keine trocknen Augen gehabt 
— völlig bezaubernd ist der Anblick dieser Wunderstadt. Schon 
wenn man sich nähert und sie auf dem Wasser schwimmend 
erblickt, sieht es sich grossartig und märchenhaft zugleich an. 
Wenn man nun in die ersten Wasserstrassen hineinfährt, und 
rechts und links die andern Wasserquerstrassen weitergehn, 
da muss man die Hemden und Schürzen ansehn, die in den 
Vorstädten vor aUen Häusern zum Trocknen hängen, um sich 
zu überzeugen, dass man nicht träumt. — Gestern nach Tisch 
gingen wir aus unserm schlechten Gasthause (das uns in Mün- 
chen sehr gelobt worden war) gleich hinunter, ein Stückchen 
am Hafen entlang, und in die engen Gassen hinein, und da 
machte ich die erste Erfahrung, wie so tausendmal Abgebil- 
detes in der Natur wirkt. Die Markuskirche, der Dogenpalast 
mit den beiden Säulen davor, der Eialto, die Seufzerbrücke 
erschienen mir nicht als neu, sondern wie alte Bekannte, die 
ich nur nicht so lebendig und schön in der Erinnerung be- 
halten hatte. Was mich aber ganz überraschte, war das un- 
geheure Leben in der Stadt, das Gewülü wie in Paris, die 
Masse der Läden und Kaffeehäuser; ich hatte in Venedig nur 
todte Herrlichkeit erwartet, wie in Padua, das wirklich eine 
vermoderte Stadt ist, und nun lebt Alles „in frischester Ge- 
sundheit!" — Heut früh um neun setzten wir uns in eine 
offene Gondel und begannen mit gespannter Erwartung unsere 
Fahrten. Zuerst quer über den Hafen nach der Insel und 
Kirche St. Giorgio, wo man ausser einigen schönen Bildern in 
der Kirche das schönste vor derselben sieht, eine Stadtansicht, 
wie sie wohl nicht zweimal in der Welt existirt. Dann nach 
Sta. Maria deUa Salute, am Eingang des Canale grande, mit 
vielen Bildern von Tintorett und einigen von Tizian. Zu dem 
deutschen Maler Nerly, den ich hauptsächlich deshalb mitbe- 
suchte, weil er dasselbe Atelier im Palast Pisani inne hat, in 
dem der arme Leopold Robert endete. Dies Zimmer zu sehn, 



78 Italien. 

diese Treppe hinauf zu steigen, war uns sehr rührend, da wir 
durch die kleine Schrift alle Details seines Lebens und Todes 
so genau im Gedächtniss hatten. Nach der Akademie. Es ist 
dasselbe Gebäude, das Göthe unter dem Namen der Caritä 
mit so grossem Entzücken beschreibt; die Treppe, von der er 
so ausführlich redet, steigt man hinauf. Die Gemäldegallerie 
muss aber damals noch nicht darin gewesen sein, sonst könnte 
ich nicht begreifen, dass er kein Wort davon sagt. Hier ist 
nun Maria Himmelfahrt, den Kupferstich kennt Ihr ja, und 
die Pracht dieses Wunderbildes zu beschreiben ist mir noch 
viel unmöglicher, als dem Kupferstich. Ausserdem sind noch 
ganz respektable Bilder in grosser Menge da, wenn man a'ber 
Jenes zuerst gesehen hat (und man hat es immer zuerst ge- 
sehn), so muss man sich zu jedem Andern, selbst von Tizian 
erst herabstimmen. Ist man wieder gnädig herablassend ge- 
worden, so kann man sich die Darstellung der kleinen Maria 
im Tempel vom grossen Tizian schon gefallen lassen; es ist 
eins der köstlichsten Bilder, die es geben kann, und mit nie- 
derländischer Naivität aufgefasst. Von Paul (er heisst bei uns 
jetzt immer Onkel Paul) einige grosse Schau- und Prachtstücke ; 
von Bellini einige Scenen mit Hintergrund aus dem alten 
Venedig, überaus interessant. Unendlich Vieles haben wir 
heut gar nicht gesehn oder bemerkt, es ist zu viel für einmal. 
Mit vielem Lobe muss ich erwähnen, dass Gebäude und Bilder 
in der Akademie vortrefflich gehalten sind, wie wir es bis 
jetzt in Italien noch nictit gefunden haben, denn es ist eine 
Schande und ein Erbarmen, in welchem Zustande die grössten 
Schätze der Architektur und Malerei sich fast überall befinden. 
Padua zeichnet sich vor allen in dieser Hinsicht aus, und ich 
kann nicht sagen, welchen widerwärtigen Eindruck mir die 
Stadt gemacht hat, obgleich (siehe Göthe), wenn man wie ich 
einen Cicerone bei sich hat, der Hieroglyphen zu lesen und 
zu erklären versteht, man bekennen muss, dass herrliche 
Sachen da waren, aber Freude kann man nicht daran haben. 
Unser nächster Gang heut war kein Kunstgenuss, auch kein 
Ohrenschmaus, sondern ein Austernfrass , uns zu ferneren 
Thaten zu stärken. Palast Pisani, mit einem einzigen Bilde, 



Venedig. 79 

es ist aber der wunderscliöne Paul Veronese, von dem Dir 
meinen Mann oft habt erzählen hören, die Familie des Darius 
vor Alexander. Wenn die armen Leute ein paar Schritte nach 
dem Balkon thun, so sehn sie den ganzen Canale grande her- 
auf und hinunter. Palast Barbarigo, mit einigen zwanzig 
Tizians, alle aber sehr verkommen, während Pisani ein alt- 
väterisch prächtig stolzes Ansehn hat. Ich kam mir wie eine 
edle Venezianerin vor, als ich da die Treppen hinabstieg; ich 
versichere Euch, es wird einem da gar nicht „Pöbel" zu 
Muth. Zum Beschluss unsrer Vormittagsfahrt gingen wir zu 
Aurel Eobert, der noch in der Wohnung geblieben ist, die er 
zuletzt mit seinem Bruder theilte — das Atelier war anderswo 
— und vervollständigten uns so das rührende Bild seiner Um- 
gebungen. Aurel zeigte uns die Zeichnungen, die er nach 
Bildern seines Bruders gemacht hat, und einige angefangene 
Sachen. — Das war ein Morgen in Venedig; denkt Ihr Euch 
nun dazu den reinsten Himmel, die mildeste Luft, und von 
Ort zu Ort ein angenehmes Gleiten auf der hellgrünen sonnen- 
blitzenden Fläche in offener Gondel, so müsst Ihr sagen, einen 
solchen Morgen kann man nur in Venedig erleben. Wen man 
liebt, dem muss man wünschen, das einmal zu sehn. Paul, 
denke ich, werden wir nicht viel zuzureden brauchen, der wird 
wohl einmal mit Alberttne hingehn ; mit Dirichlet ist es schon 
schwerer, und ich spekulire immerfort, wie sie sich einmal 
diese Reise einrichten könnten. Beckchen muss Venedig sehn, 
das ist was für sie. — 

Nachmittags schrieb ich diesen Brief, während mein Mann 
noch einmal ausging, um sieben holte er mich ab, und wir 
gingen auf den Marcusplatz, wo Militärmusik war, und der 
ganze Platz dichtgedrängt voU Menschen. Unter den Arkaden 
schöne, sehr elegante Damen in Menge, die ich mehreremal 
Eevue passtren Hess, dann am Hafen Mondschein über dem 
Wasser und geringeres Volk. Sie haben am Hafen einen 
permanenten Markt auf ebener Erde, Geschrei der Verkäufer, 
Marionettentheater, Zank und Streit, Gesang gar nicht übel, 
ein Bass und ein Sopran sangen ein Duett rein und geläufig 
und begleiteten sich mit Violine und Guitarre; Neun-Uhrtrom- 



80 Italien. 

mel, Müitärmnsik, Conversation, Kindergeschrei, Alles unter- 
einander, es ist ein Lärm zum Tollwerden. Als ich zu Haus 
kam, hatte ich meine Tuchnadel verloren, mein Mann lief 
wieder fort, sie mir zu suchen trotz meiner Gegenvorstellungen 
und hat sie richtig auf dem Marcusplatz wiedergefunden — 
das ist doch das grosse Loos! — 

Nun müsste ich eigentlich noch über unsere sechstägige 
Reise von Mailand nach Venedig berichten, während der wir 
uns in Crema, Brescia, Desenzano, Verona, Vicenza und Padua 
umgesehen haben, ich will Euch aber im Wesentlichen auf 
Göthe verweisen, der die Sache wohl beinahe so gut beschreibt 
als ich es könnte, — verändert hat sich in den Orten nicht 
Vieles. Von der Architectur des Palladio, den er so über 
Alles verehrt, und der halb Vicenza, nebst einem guten Theil 
von Padua und Venedig gebaut hat, könnt Ihr Euch einen 
Begriff machen, wenn Ihr sie der Schlüter'schen sehr ähnlich 
denkt. Namentlich an's Zeughaus erinnern viele seiner Ge- 
bäude, und ich kam mir daher in Vicenza garnicht fremd 
vor. Es ist uns unbeschreiblich interessant, jetzt auf frischer 
That zu lesen, was er darüber schreibt; es ist nun über 50 
Jahre her, dass er hier war, und Alles ist so wahr, und so 
frisch, und so richtig, als wäre es heut beobachtet. 

Was Ihr uns über den Daguerrotyp schreibt, interessirt 
uns sehr; bitte, haltet uns au fait dieser wichtigen Sache." 



Aus einem Briefe von Fanny an Cecile. 

Venedig, 20sten Oktober 39. 

^ Grade als wir gestern Felixens Weisung erhielten, 

Tizian's Himmelfahrt Maria öfters zu sehn, waren wir im Be- 
griff ihr unsern zweiten Besuch abzustatten; ich habe seinen 
Gruss an die Glorie ausgerichtet, und kann ihn versichern, 
dass ich wenigstens nicht das Rindvieh bin, welches zwei und 
noch einige Engelsköpfe nicht schön fände.*) Dieser Blumen- 



*) Siehe Felixsche Briefe. Leipzig, 14ten September 1839. 



Venedig. 81 

kränz von Kindern ist gewiss eine von den Sachen, die Tizian 
am besten gelungen sind, und Tizian ist gewiss eine von den 
Sachen, die dem lieben Gott am besten gelungen sind, und 
wenn der liebe Gott und Tizian sich Mühe geben, so lässt 
sich's schon mit ansehn. Wie freue ich mich darauf, einmal 
künftig mit Felix über Venedig zu plaudern. Ein Pfefferkorn 
ist er auch nicht, und ein Brauerpferd auch nicht, denn die 
Darstellung der kleinen Maria im Tempel mit dem Torso in 
der Mauer und der Eierfrau daneben und der schönen Bettlerin 
hinten gefällt mir, und die Grablegung gefällt mir, und die 
süssleidenschaftliche Lautenspielerin gefällt mir zweimal, und 
die drei Köpfe von Giorgione bei Manfrini in Canaregio sind 
auch nicht so übel, und der Sinn der Gcndeln ist mir eben- 
falls aufgegangen, und ich hoffe in Venedig ziemlich Bescheid 
zu wissen, wenn wir es mit dem Eücken ansehn. Mondschein 
steht im Kalender, leider aber waren die Abende meist zu 
trüb, als dass man eine W^asserfahrt hätte unternehmen 
können. — 

Den 23sten Okt. — — Wir haben gestern einen männ- 
lichen Entschluss gefasst, und unsere Luna (das Gasthaus) ver- 
lassen, von der mein Mann behauptet, es sei nicht sowohl eine 
keusche als eine säu'sche Luna, und eine Wohnung in Robert's 
Hause bezogen, in der wir heut Nacht zum ersten Mal in 
Venedig gut und ungestochen von Mücken geschlafen haben. 
Ich sehe so aus, dass ich mich kaum sehn lassen kann. Auf 
jedem Augenlide dick aufgelaufene Stiche, Beulen ohne Zahl 
auf Hals und Gesicht, die Hände wie tättowirt. — Eobert 
hat sich grosse Mühe gegeben, Wilhelm Modelle zu verschaffen, 
und er hat jetzt wiiMich die Auswahl und wird heute einen 
Studienkopf anfangen. Ihr frugt neulich einmal, wie mir die 
italiänische Küche zusagte? Im Allgemeinen habe ich nichts 
dagegen einzuwenden, als dass sie alle Braten trocken essen 
lassen, aber ihre Stuffati und Umidi, und wie all das geschmorte 
Zeug mit Saucen heisst, schmeckt mir sehr gut, imd Käse zu 
allen Suppen vortrefflich , aber die Suppen selbst sind höchst 
ein- oder viehnehr dreüormig Eeis, Nudeln und Gemüsesuppe, 
voilä tout Brod und Butter lüer vortrefflich, bis jetzt habe 

Die Familie Mendelssohn. II. ^ 



82 Italien. 

ich noch überall jenes sehr mittelmässig- und diese kaum essbar 
gefunden, sodass ich sie ganz entbehi-en musste. Eine äusserst 
kleine Sorte Zwiebäckchen, InvisiUli genannt, sind hier excellent. 
Gemüse essen die Venetianer garnicht, nur mitunter etwas 
schnöden Kohl. Birnen köstlich, Wein noch gut, hier natürlich 
weniger als in terra firma. Im Kaffee lassen sie fast überall 
den dicksten Bodensatz, und wo ich das finde, werde ich zur 
Schäferin und trinke Milch. Die von den Italiänern empfohlenen 
Weine zum Wasser habe ich bis Venedig standhaft abgelehnt, 
da wir aber hier alle dem Klima in der ersten Zeit den 
gewöhnlichen Tribut zollen müssen, habe ich mit Sebastian 
mich dazu entschlossen, aber nur solange wir hier sind, dann 
wird wieder Wasser getrunken. Dass wir noch fortwährend 
die besten Erdbeeren essen, darf ich auch nicht ungerühmt 
lassen. 

Den 28sten. Das unsterblich schöne Wetter ist seit 
einigen Tagen „alle" geworden, und wii* haben uns heut das 
erste Kaminfeuer machen lassen, und erfreuen uns eines sehr 
behaglichen Klimas, nachdem wir ein Paar Tage wie die ganze 
Schneiderzunft gefroren haben. Hoffentlich finden wir es weiter 
südlich und auf der Erde noch besser, als hier in diesem Fisch- 
behälter, es wii'd aber Zeit, dass w^ir in die Winterquartiere 
rücken. Abends gehn wir immer eine Stunde ins Kaffee- 
haus, Thee trinken und Zeitungen lesen, die aus Deutschland 
wenig Erfreuliches melden. Die Verschv/örungen der Fürsten 
gegen die Völker gehn immer w^eiter, und es möchte sich wohl 
Keiner getrauen, zu sagen, wohin das fühi-en wird? Und 
grade die Kleinen sind die Allerschlimmsten. Wenn man von 
diesen unerquicklichen Nachrichten weg wieder hinaus tritt an 
den schönsten Platz in den schönsten Abend der Welt, wie 
wir davon einige hatten, kann man sich erst garnicht hinein- 
finden. — Neulich waren wir einmal wieder auf der Akademie. 
Etwa 400 Bilder sind nicht aufgestellt, aus Mangel an Eaum, 
und man baut jetzt einen neuen Saal. Das was dort zu hoch 
hängt, um gesehn zu w^erden, könnte ein Dutzend andere 
Gallerien fett machen. Ein paar sehr interessante Kuriosi- 
täten sind: Tizians erstes und sein letztes Bild, dicht neben 



Venedig. 83 

einander gehängt. Jenes — ein Besuch der Maria — zeigt 
schon ganz den künftigen grossen Mann, das andere stellt, 
eigen genug, den todten Christus vor, von den Seinigen 
betrauert, und hat in Farbe und Komposition etwas unheimlich 
Schauerliches, fast Furchtbares. Sehr interessant sind auch 
die Bilder von Bellini, welche venezianische Ceremonien mit 
den Hintergründen der Stadt darstellen, wie sie damals war, 
er hat, wie Krüger auf seiner Parade, diese Bilder mit Por- 
traits angefüllt, die man zwar nicht mehr kennt, aber sie doch 
zu erkennen meint. Dass unser Publikum immer noch diesen 
glattesten Portraits nachläuft, ist ein trauriger Beweis für 
seine Rückschritte und diese ganze Ausstellung*) ist höchst 
verdriesslich. Wilhelm's Studienkopf einer Venezianerin mit 
dem hier im Volk üblichen weissen Schleier wird Euch sehr 
gefallen, heut zeiclinet er eine allerliebste Wasserträgerin mit 
bunten Stiften in das Buch von Dir, liebe Minna." — 



Tagebuch: 

„Am 3ten und 4ten November nahmen wir Abschied von 
den Lieblingsplätzen, und selbst im gräulichsten Schmutz und 
Unwetter übte Venedig seinen alten Zauber. Am 4ten um 
ein Uhr fuhren wir ab; im stärksten Regen wurde in Mestre 
der dort zurückgelassene Wagen wieder bepackt, und wir 
fuhren bis Padua. Am andern Morgen, bei immer gleich 
schlechtem Wetter, reisten wir über das schön liegende Monse- 
lice, überschritten die schon bedeutend angeschwollene Etsch 
und machten in Rovigo, einem unbehaglichen Nest, Mittag. 
Hier waren schon die bedenklichsten Nachrichten über den 
hohen Wasserstand des Po zu hören, und es wurde uns der 
üebergang, der hier durch eine Fähre vermittelt wurde, als 
unmöglich geschildert. Wir Hessen uns dadurch indessen nicht 
abschrecken und fuliren Nachmittags die drei Meilen bis zum 
Po. Allerdings zeigte sich uns hier das ganze Elend einer 
grossen üeberschwemmung , es war, als hätten die Schleusen 



*) üeber welche die Berliner Briefe voller Klagen waren. 



84 Italien. 

des Himmels sich zu einer zweiten Sündfluth geöffnet. Endlich 
erreichten wii' den Po, — die Fähre lag da, die Leute meinten, 
es sei allerdings ganz gut möglich überzusetzen, und es drohe 
dabei nicht die mindeste Gefahr; aber der Cardinaliegat in 
Ferrara habe das Uebersetzen verboten, und sie dürften es 
unter keiner Bedingung wagen, dieses Verbot zu übertreten. 
Nachdem Hensel vergeblich seine ganze Beredsamkeit und 
bedeutende Versprechungen aufgewendet hatte, blieb uns nichts 
übrig, als den Rückweg nach Rovigo anzutreten. Den ganzen 
nächsten Tag mussten "wir hier bleiben, es kamen wechselnde 
Nachrichten, der Po fällt, der Po steigt, kein Passagier von 
jenseits erschien, es wurde also nicht übergesetzt. 

Am 7ten Morgens fuhren wii* abermals dem Po zu, aller- 
dings fast ohne Hoffnung: das Wasser war noch gestiegen, 
das Wetter womöglich noch scheusslicher geworden ; der Post- 
meister in Polisella, der letzten Station, bewog uns fast zum 
Umkehren, indem er uns die absolute Unmöglichkeit des Weiter- 
kommens bewies, da fuhr eine Extrapost vom Po kommend in 
den Hof, als handgreiflicher Beweis der Möglichkeit des Ueber- 
setzens. Nun ging's mit frischem Muth vorwärts, wir erreichten 
den Fluss; er war noch mehr geschwollen, als zwei Tage vor- 
her, aber — der Cardinaliegat hatte jetzt das Uebersetzen 
erlaubt, und es erwies sich auch als ganz ungefährlich, nur, 
dass wir statt 3 Paoli deren 26 bezahlen mussten, wovon der 
Cardinaliegat, dem wir die ganze Geschichte verdankten, zwei 
Drittel bekam." 



Aus einem Brief an Eebecka: 

Florenz, 19ten Novbr. 39. 

„Wie schön es hier ist, wie reizend die Gegend, wie 
unerschöpflich die Kunstschätze, nun, das ist ja bekannt; der 
Palast Pitti und die Uffizien, könnten die Welt mit Kunst- 
schätzen versorgen. Die Tribuna ist nun einmal berühmt, als 
das non jalus ultra von Kunstsammlung, ich kann Euch aber 
versichern, dass es Zimmer im Palast Pitti giebt, die wenigstens 



Florenz. 8b 

in Hinsiclit der Bilder fast noch höher stehen, freilich sind 
keine Antiken in denselben Räumen, wie in der Tribüne, wo 
man mit einem Blick drei Venüsse, die Mediceische und zwei 
Tizianische, übersieht. Nicht genug zu loben ist die Libera- 
lität, mit der der vom Grossherzog bewohnte Palast Pitti mit 
allen Kunst- und Mobiliar schätzen dem Publikum zu unbe- 
schränkter Benutzung frei steht. In jedem Zimmer kopii*en 
Maler und legen die schmutzigen Paletten auf die kostbarsten 
Mosaiktische; das erste Mal kamen wir hin, in einem Wetter, 
dass ich überzeugt war, wir würden abgewiesen werden, denn 
wir trieften, aber man liess uns ohne Weiteres ein und wir 
hätten unsere nassen Kleider auf sammtnen Sophas abtrocknen 
können, denn kein Möbel hat einen Ueberzug. Die Eaphaels 
sind haufenweis da bis zu sechs in einem Zimmer und das 
ganze Palais ist so eingerichtet, dass die eigensinnigste Tadel- 
sucht sich nichts anderes wünschen könnte. Dagegen ergreift 
mich in der Tribüne immer die Reformationswuth, denn es sind 
Bilder darin, denen ich die Ehre nicht gönne, diesen berühmten 
Platz einzunehmen, wogegen in anderen Räumen welche hängen, 
die ihn ganz und gar verdienten. Ich möchte da gar zu gern 
einmal, wie Mutter zu sagen pflegt, Möbelier und Tapezier 
sein. So ist in einem nicht immer geöffneten Saal ein Frauen- 
bild von Tizian, Flora genannt, — unerhört schön. Es ist 
der Kopf seiner Geliebten in Paris, auch eine ähnliche Stellung, 
aber für mich weit drüber. Ich habe es gestern zuerst gesehn, 
und da war Wilhelm nicht dort, heute werde ich es ilim 
zeigen. Das hinge ich gleich in die Tribüne." 

Von dem zur Reise nach Rom gewählten Weg über 
Siena schreibt Fanny: „Von Florenz bis Rom habe ich aUe- 
mal um neun gesagt: die Tour ist doch langweilig und 
beschwerlich; um zehn, es ist doch wunderschön! um elf war 
es wieder langweilig, um zwölf wieder schön und so ging es 
die ganzen sechs Tage hindurch. Ueberhaupt ist man hier zu 
Lande immer entzückt oder empört, und es macht der Divi- 
nationsgabe der Varnhagen aUe Eln-e, dass sie diesen Gegen- 
satz erfunden, ohne in Italien gewesen zu sein, denn lüerfür 
ist er gemacht." — 



86 Italien. 

Tagebuch. 

„Ein Glanzpunkt dieser Fahrt ist Orvieto. Es liegt auf 
einem hohen Berge, aber in der Mitte eines Thals, das wieder 
von ziemlich bedeutenden Bergen eingeschlossen ist. Indem 
man nun, erst hinunter, dann wieder hinauf fährt, gewinnt 
man die schönsten, interessantesten Ansichten der Stadt. Das 
Wetter war herrlich, unsere Postkarete mit vier Pferden flog 
förmlich, der Monte fiascone, den wir untM'wegs tranken, war 
vortrefflich, und die ganze Parthie überaus angenehm. Der 
Dom hat eine prachtvolle Fagade, mit Mosaik, Skulptur und 
architektonischem Schmuck überladen, wenn man nicht, wie 
Göthe von dem Bucentauro, sagen will, sie bestehe ganz aus 
Zierrathen. Es ist die Gränze der Heiterkeit nach der Seite 
des Bunten, der mühsamen und fleissigen Ausführung, wo sie 
fast kleinlich wii'd. Die doppelt m sich gewundenen Säulen, 
mit bunter und goldner Mosaik ausgelegt, sind wunderschön. 
Man hätte tagelang sich zu erfreuen und zu sehen, wii' hatten 
aber kaum eine Stunde Zeit, um unsern unausstehlichen 
Vetturin nicht zur Verzweiflung zu bringen. Wir sind durch- 
aus unzufrieden mit dieser Art zu reisen, hören aber von allen 
Seiten, dass man im Römischen eigentlich darauf angewiesen 
ist, weil mit Extrapost durchaus nicht fertig zu werden sein 
soll." — 

War Orvieto der Glanzpunkt jenes Weges, so war das 
Nachtquartier in Ricorsi das Schauderhafteste, was man sich 
vorstellen kann, und es ist geradezu unglaublich, dass in einem 
nicht zu umgehenden Gasthof (denn auf viele Meilen vor und 
hinter Ricorsi ist gar kein Ort, in dem überhaupt von Unter- 
kommen die Rede sein konnte) auf einer der belebtesten 
Strassen in dem besuchtesten Lande der Welt etwas AehnUches 
möglich war. Hensel und Fanny mussten ein Paar Maurer- 
gesellen aus den für sie bestimmten Betten vertreiben, in dem 
Sebastians hatte sich ein Pudel häuslich niedergelassen; das 
Abendbrod bestand aus dem Fleisch eines Hammels, der erst 
geschossen werden musste, da er zu wild war, um sich 
greifen zu lassen. Das ganze W^irthshaus machte so den Ein- 
druck einer Räuberhöhle, dass Fanny den Vorschlag machte,, 



Rom. 87 



Nachts über aufzulDleiben, da sie entschieden Angst hatte, sich 
dort dem Schlaf zu überlassen. 



An die Familie. 

Rom, den 28sten November 3 9. Auch dies 
grosse imd wichtige Reiseziel wäre glücklich erreicht, und 
wir legen nun die Wanderstäbe für ein Weilchen bei Seite. 
Vorgestern Abend um zehn Uhr sind wir hier angekommen, 
und heute Abend — lobt uns — sitzen wir am Kaminfeuer 
in einer ziemlich behaglichen Privatwohnung und sind voll- 
kommen fertig mit allem Kramen. Was man uns in Florenz 
über den Mangel an Wohnungen sagte, war ganz falsch, denn 
wer das Geld nicht anzusehen braucht, hat die Auswahl unter 
den schönsten und bestmeublirten ; wir haben ihrer in Menge 
gesehen, und es gehörte wirklich sehr viel Mässigung dazu, 
um sich nicht verleiten zu lassen und in irgend einer sitzen 
zu bleiben. Indessen bin ich ganz zufrieden, denn ich hatte 
mich auf viel Schlechteres getasst. Wir zahlen für vier Stuben, 
gut meublii^t, nahe der besten Gegend, freilich zwei Treppen 
hoch und ohne schöne Aussicht, 30 Scudi monatlich, welches 
hier ein mittlerer Preis ist. Ich habe alle meine Niedlichkeiten 
ausgepackt, um dem Salotto noch mehr auf die Beine zu 

helfen. — 

Den 29sten. Wir sind nun den vierten Tag in Rom, 
und, fast schäme ich mich es zu sagen, noch habe ich fast 
garnichts gesehen. Das Wetter ist sehr schlecht, und mein 
Mann hat noch die ganzen Tage umherzulaufen gehabt. Ich 
wollte, Ihr könntet ihn hier sehen, ich habe wirklich meine 
Freude dran, das Glück leuchtet ihm aus den Augen; wie er 
von den Leuten aufgenommen wird, und wie sie sich freuen, 
ihn wiederzusehn und alles behalten haben, was er that und 
sprach und ass und trank, und zum Zeichen, dass sie ihn 
erkennen, gleich nach Grahl fragen, das Alles macht mir den 
grössten Spass. Sein und Felixens Name sind mir hier ein 
Paar weiche Ruhekissen. Ich habe es aber um so schwerer 
und muss verflucht Liebenswürdig sein, um den Meinigen Ehre 



88 Italien. 

zu machen. Darüber ist nun der 2te December geworden. 
Mein Spieldebut habe ich machen müssen, ohne erst ein In- 
strument im Hause zu haben, in einer musikalischen Soiree a 
Ja Sonntagsmusiken, bei wem? Bei Cavaliere Landsberg*). 
Der vermiethet Instrumente für zehn Scudi monatlich, mir will 
er sie aus Freundschaft für neun lassen, ich habe ihn aber 
abgewiesen, ist hier eine Personnage, hat einen selu* hübschen 
Salon und ein göttliches Instrument, empfängt Herren und 
Damen mit Grazie ma non troppo, begleitet einem kleinen 
Tenörchen Adelaide, lässt eine andre Dame zwei Trios spielen 
und mich eins, und Madame VanuteUi, eine sehr schöne und 
freundliche Frau, hört zu! Mir fiel zwischendurch immer ein, 
\\ie Eietz und David ihm eingeredet hatten, Cerf wüi'de ihn 
arretiren lassen, vv^eil er bei uns Sonntags gespielt hatte, und 
wie Spitzeder ihn zum Herold schminkte, und es kam mir vor, 
als sei Zeit seitdem vergangen! — Angefangen hat unsere 
römische Gesellschaft bei L., von dessen Unterhaltung ich Euch 
doch die Creme mittheilen muss ! Ich hatte ein Stück gespielt, 
darauf Hess er sich folgendermassen vernehmen: „Der Text 
von des Stück erinnert mir sehr an eine italienische Arie, auf 
die ich mir jarnicht besinnen kann, Hensel, wissen Sie 
nich?" — **) Gestern waren wir bei Papstens in der six- 
tinischen Kapelle, und ich habe ihn und alle Kardinäle aufs 
Genaueste gesehen, vorbeipassii-en nämlich, denn für die Cere- 
monien sind wir armen Weiber übel dran; wir müssen hinter 
einem Gitter sehr weit absitzen, und wer nun wie ich, ein 
kurzes Gesicht hat, bekommt von dem ganzen Spass nichts zu 
sehn und muss drei Stunden lang sitzen und den sehr un- 
reinen und mittelmässigen Gesang der päpstlichen Kapelle 



/ 



*) Derselbe war früher Geiger am Königstädter Theater in 
Berlin gewesen. 

**) Von demselben, einem eingefleischten Berliner, den irgend 
ein Wind nach Born geblasen hatte, erzählt man, dass er beim 
Anblick der Kolossen auf Monte Cavallo zu seinem Bruder gesagt 
habe: „Nu seh mal, lieber Bruder, des soll nu natürlich sind. 
Hast Du je Pferde mit ne Stieze untern Bauch gesehn?" — 



« 



Sixtina. Eömische Geselligkeit. 89 

und den niclit kurzweiligen Vortrag der Messe duixli ein Paar 
zittrige Kardinalstimmen anhören. Ich werde indessen doch 
öfter in die Sixtina gehn, man muss sich daran gewöhnen, 
und es etwas genauer kennen lernen, es gehört doch einmal 
dazu. 

Denke Dir meinen Gram, liebes Beckchen, die Gesandten 
werden dies Jahr keine BäUe geben! Und ich hatte mich 
doch so darauf gefreut, einen Galopp mit Kestner zu tanzen. 
Ueberhaupt wii'd die eigentliche Season hier sehr flau, Rom 
bleibt leer, Alles ist nach Neapel gezogen und die Welt seufzt. 
Mir ist das ganz recht. Warum aber nicht Schiffe mit den 
11,000 Jungfrauen der heiligen Ursula nach Rom ziehen, kann 
ich nicht begreifen, denn ich habe üi den acht Tagen aUein 
12,000 Junggesellen schon kennen gelernt, wie Viele mögen 
nun noch sein, die ich nicht kenne. Kinder gehören unter 
die Raritäten, Antiken kommen viel häufiger vor. Indessen 
habe ich heute endlich einen achtjährigen Jungen ausgebuddelt, 
mit dem Sebastian wahrscheinlich italiänischen und französi- 
schen Unterricht bekommen wird. Aber das Campo vaccino 

ist doch schön! Auch eine von den originellen und kuriosen 
ertlichkeiten, die trotz aller Bilder und Beschreibungen über- 
raschen, aber massig und gelind, ohne allen Eclat. Es ist 
setner Sache sicher und lässt es an sich kommen. Dagegen 
tritt die Peterskirche mit einiger Prätension auf, der ganze 
Platz ist so prächtig gemacht. Er will, man soll gleich sagen, 
wie schön bist Du! und man sagt es auch, das ist unausbleib- 
lich. Man fühlt wohl Absicht, aber man ist doch nicht ver- 
stimmt, denn die Absicht ist gut erreicht. Aber das Campo 
vaccino ist so eigen zufällig ! Aus der grossen Prätension und 
Absichtlichkeit der Römer und ihrer Bauten hat die Natur 
und die Zeit einen elegischen Trümmerhaufen gemacht, der an 
Reiz wohl schwerlich seines Gleichen haben möchte. Wie nun 
da gegraben und gemaulwTirft mrd und eine Säule und ein 
Stück Mauerwerk und ein Stück Fussboden nach dem anderen 
zu Tage kommt, vieles noch unter der Erde steckt, andres an 
der Luft schon wieder bewachsen ist, so erlebt dies merkwür- 
dige Stück Gotteswelt eine neue Geschichte zu den vielen, die 



90 Italien. 

schon darüber hingegangen. — Lebt wohl, es schlägt elf, und 
um sechs regelmässig kommen die Pifferari und blasen mich 
auf, das ist die gottloseste Musik, die menschlicher Odem und 
ein Bocksfell nur hervorbringen kann, es giebt nur eine noch 
gottlosere, das Spiel aller Organisten, die ich noch bis jetzt 
in hiesigen Landen gehört. Das ist auch eine von den Wahr- 
heiten, die man erst erfahren haben muss. Es klang mir 
jedesmal wie die frömmste Musik, wenn die Orgel das Maul 
hielt, und der Priester anfing die Messe zu lesen. — Adieu, 
liebste Familie, könnt' ich nur dazwischen einmal einen Abend 
hei Euch sein, ich schlüge wahrhaftig gern eine Einladung von 
L.'s deshalb aus. 

Den 8ten Decbr. „Gestern haben wir zum ersten Mal 
hei Ligres (dem Director der französischen Akademie) gegessen, 
der uns ausserordentlich freundlich aufgenommen und sich 
Pauls mit vieler Liebe erinnert ; er nennt ihn zum Unterschied 
von Felix immer : Vot7'e frere qui joue si hien de Ja hasse. Ihr 
wisst, dass er ein grosser Geiger vor dem Herrn ist; nach 
Tisch wui'den Trios gespielt, was jeden Sonntag geschieht, und 
dabei versammelt sich die ganze französische Akademie, lauter 
jeune Irance mit Barten und gestutztem Haar a la Raphael, 
fast lauter hübsche Leute, denen ich es nicht verdenken kann, 
dass sie sich nach den Fleischtöpfen Aegyptens, nach den 
Bällen Horace Vernet's zui'ücksehnen, denn nach Ingres' Pfeife 
wird garnicht getanzt, sondern nur höchst klassische Musik 
gespielt, Ihr könnt uns also zuweilen Sonntags Abends mit 
den Gedanken bei ihm suchen. Ob ich an Felix in diesem 
Hause dachte, mögt Ihr Euch vorstellen. Welch ein höchst 
grandioses Institut ist aber diese französische Akademie, und 
wie glücklich sind überhaupt die französischen Künstler! Für 
Ingres arbeitet unausgesetzt einer der talentvollsten Kupfer- 
stecher, Calamatta, und sticht selbst seine Portraits, das heisst 
doch, es gut haben in der Welt. Und wie schön ist diese 
Villa Medicis und wie beneidenswerth der Posten dieses Di- 
rektors, an dem ersten Kunstorte auf Erden, ausgestattet mit 
allen Mitteln, auf die Elite der Jugend seines Landes einzu- 
wirken; es kann wohl nichts Schönres für einen Künstler 



Französische Akademie. Ingres. Vatican. 91 

geben, aber sie sind leider auch darüber blasirt, sie wissen 
nicht wie gut sie es haben, und müssten walirhaftig wieder 
einmal ein bischen geschüttelt werden, um den üebermuth los 
zu werden. 

Den Uten. Heut war Vaters Geburtstag und in Berlin 
werden die Weihnachtsbuden aufgebaut. Hier scheint die 
wärmste Sonne, und wir haben unser Kaminfeuer wieder aus- 
gehn lassen, das wir überhaupt nur Morgens und Abends bis 
jetzt gebraucht haben. In dieser Woche habe ich nun die 
unermesslichen Schätze des Vatican zuerst gesehn, und etwas, 
das nicht jeder Fremde sieht, die Wohnung des Papstes. Es 
isjt charakteristisch für die Zähigkeit dieses 75 jährigen Mannes, 
dass er sich jetzt all' seine Zimmer neu, in einfach nobelm 
Geschmack — rother Damast, grüne Gardinen — hat einrichten 
lassen, als gedächte er noch wer weiss wie lange darin zu 
wohnen. Prachtvolle elfenbeinerne Crucifixe, Mosaikstühle, 
eine göttliche Aussicht nach dem Albanergebirge, Monte Cavo, 
Campo Annibale, Frascati; im Vorgrund Rom, zu Füssen der 
Petersplatz. Hierauf besuchten wir das Museum: die Stanzen 
meist vortrefflich erhalten, am besten der Heliodor. Wunder- 
bar ist die Messe von Bolsena, wunderbar Alles! In einem 
Saal: die Transfiguration, Madonna von Foligno, Krönung 
Mariae, Communion des heiligen Hieronymus. Die Transfigu- 
ration hat mich natürlich doppelt interessirt, die Copie ist 
merkwürdig vortrefflich. Die Galleriediener zeigten eine rüh- 
rende Freude, Wilhelm wieder zu sehn, besonders Rinaldi, 
der ihn bedient hat. Durch die Antikengallerien gingen wir 
nur durch, nach den Gärten. Der erste liegt ziemlich hoch, 
es steht darin der Bronce-Pinienapfel von der Engelsburg, er 
hat viele Blumenbeete, aus ilim kommt man in einen zweiten 
Garten mit unebenem Terrain mit ungeheuren Orangenspalieren, 
Eosen-, Myrthenhecken, links die Kuppel von St. Peter ganz, 
rechts Aussicht auf den Monte Mario, mit der Villa Miliin; ein 
Lusthaus enthält hübsche Stückchen Antike, Majolicafuss- 
böden etc., Fontainen, Wasserbecken, wo der Papst die Fische 
füttert, Thiere der verschiedensten Arten, alles mögliche Schöne 
und Interessante, die kuriosesten Terrain- und Aussichtszu- 



92 Italien. 

fälligkeiten. Eine Menge päpstlicher Orangen haben wir zum 
Gesch(mk bekommen, welche aber jetzt in unsern Zimmern noch 
nachreifen müssen. — Die Trauben sind noch vortrefflich, 
Aepfel und Bii-nen aber und Backwerk jeder Art bei Weitem 
nicht so gut als in Venedig. 



An Eebecka. 

Eom, 16ten Dezember 1839. 

„Was hilft das alles, ich muss mich einmal wieder, wie 
Felix zu sagen pflegte, in Deinen Armen wälzen und mich 
brieflich rekeln. Dafür, weisst Du, bist Du allemal die Aus- 
erwählte. Gott! wie oft muss ich das schönste dumme Zeug 
bei mir behalten, weil Du nicht neben mir sitzest. Wenn ich 
Dich bis jetzt hergewünscht habe, so geschah es nicht allein 
meinet-, sondern auch Deinetwegen, neulich aber habe ich Dich 
bloss meinetwegen hergewünscht, denn anstatt mich zu ennuyiren, 
wie ein Mops auf einem Koffer, würde ich mich wie ein Kanin- 
chen amüsirt haben, wenn Du mir geholfen hättest. Es war 
eine feierliche Sitzung der archäologischen Gesellschaft, Winkel- 
mann's Geburtstag (ich gratulire) und ich war hingegangen 
worden. Die Sitzungen linden auf dem tarpejischen Felsen 
statt und Kestner ist jetzt da Bunsen. Der Saal ist küchen- 
rotli pompejanisch gemalt und so antik niedrig, dass Düichlet 
den höflichsten Bückling würde machen müssen. Längelang 
steht ein grüner Tisch und Rohrstühle zu beiden Seiten (AUes 
auf dem Forum ausgegraben). In der Mitte des Tisches steht 
Winkelmann's Büste mit einer Nachtmütze von Rosen und 
Epheu von Papenkord gewunden, Minna wiü'de geschaudert 
haben über solchen Kranz. Es waren schon einige Damen 
und viele Herren versammelt, Alles sprach leise, und es ging 
so putzig feierlich zu, dass mü' schon der Magen zum Lachen 
wackelte, ehe noch ein Mensch gesprochen hatte. Nun fingen 
aber die Reden an ! Die Herren, die sich in italiänischer Sprache 
vernehmen Hessen, hiessen Kestner, Braun, Ottfried Müller, 
Abeken, und ihre Aussprache klang ebenso italiänisch, wie 



Archäologisches. 93 

ihre Namen. Kestner las die Einleitimg wie ein altes ver- 
nünftiges Pferd, das einen angemessenen Schritt geht, bei jedem 
stolpert, aber doch nicht fällt. Hierauf galoppirte Braun her- 
bei und las über die archäologischen Verdienste des Herzogs 
von Blacas. Er zeichnete sich dadurch aus, dass er auf gut 
Sächsich b mit p und d mit t verwechselte. Er machte un- 
glaubliche Capriolen in der armen italiänischen Sprache und 
kam mir so lächerlich vor, dass ich die M., die neben mir 
sass und mich immer ansah, inständig bitten musste, es zu 
unterlassen, sonst wäre ich losgeplatzt. Dann kam Ottfried 
Müller, für diesmal der Lion, — Alles räusperte sich, ehe er 
anfing. Er bewies aus alten Schriftstellern, wo ein gewisses 
Gebäude des Forums gestanden haben müsse. Anfangs bildete 
ich mir wirklich ein, es interessire mich, aber bald sah ich 
meinen Irrthum ein, und da kam mir Alles so willkürlich vor 
und der Gegenbeweis schien mir so leicht zu führen, dass ich 
beinahe auf den Tisch gestiegen wäre und mit den Maulwüifen 
geheult hätte. — Die üebrigen schenke ich Dir und mir, denn 
einstweilen ist schon der 19te herangekommen, Weihnachten 
rückt immer näher und ich fühle einiges Heimweh, da ich 
kleines Kind noch niemals an diesem Tage ausser dem Hause 
war. Da ich aber beschlossen habe, dass in diesem Brief kein 
antikes Wort, sondern nur weibernes oder dummes Zeug stehen 
soll, so will ich Dir erzählen, dass wir seit acht Tagen, zu meinem 
grössten Gaudium, zu Hause kochen. Jette hat, wie alle Genies, in 
derEuhe einenFortschiitt gemacht undihreSuppen sind so klassisch, 
wie der hiesige Boden. Sie ist sehr geschickt, geht auf den ziemlich 
entfernten Markt, holt alles ein, und als ich sie gestern frug, was 
sie zur Suppe mitgebracht hätte, sagte sie: ^^Riso di Pasta !^^ 
Sie hat sogar! Minna!! Sandtorte in einer Pfanne auf dem 
Heerde gebacken, die nur deshalb noch nicht den höchsten Grad 
der Vollkommenheit erreicht hat, weil wir keinen Puder auf- 
treiben konnten. Sobald ich einem gepuderten Herrn begegne, 
halte ich ihn an und frage ihn, wo er seine Weisheit her hat 
und dann sollst Du in effigie auf dem Capitol gekrönt werden. 
Wir wollen die Römer lehren, was Kuchen ist ! — Das nächste 
Mal werde ich Euch schreiben, ob wir irgend ein Orangen- oder 



94 Italien. 

Loorbeerbäumclien als Weihnachtsbaum angeschafft haben. 
Kaselowsky laden wir ein und werden es wahrscheinlich 
Gibsones sagen, die selir viel Freundlichkeit für uns haben. 
Sonst aber wüsste ich keine nette Gesellschaft zusammenzu- 
bringen. 

Entre nous soit du, ein solches Naturaliencabinet von lang- 
weiligen Leuten jedes Alters und Geschlechts, wie hier, ist mir 
noch fast nie vorgekommen. Es ist ganz unglaublich und sie 
scheinen aus ganz Europa recht eigentlich in der Absicht hier 
zusammengekommen zu sein, um ein EnsemUe zu bilden, das 
seines Gleichen nicht hat. Auch bin ich Abends nirgends lieber, 
als in unserm recht behaglichen Stübchen, mit Mann und Kind 
und Thee. Nach Weilmachten wollen wii' in verschiedenen 
Abtheilungen unsere Bekannten einladen und dann soviel als 
möglich die amüsanten Weizenkörner unter die sehr ehren- 
werthe aber äusserst langweilige Spreu zu säen suchen. — 
Vorgestern und gestern haben wir lange und wunderschöne 
Spazierfahrten im herrlichsten Wetter gemacht. Einmal nach 
der wieder im Bau begriffenen Kirche von St. Paul, die weit 
vor dem Thore liegt, dabei sahen wir die Pyramide des Cestius 
mit dem protestantischen Kirchhof, der mit Gruppen von Pinien 
und Cypressen und vielen blühenden Eosen geschmückt und 
mitten unter Denkmalen des Alterthums ein sehr schöner und 
melancholischer Ort ist. Wir besuchten Bartholdy's Grab, von 
dem Sebastian für Mutter ein paar Blumen gepflückt imd ge- 
trocknet hat und sahen unter Andern das sehr hübsche Denk- 
mal der armen jungen Bathurst, einer Engländerin, die beim 
Spazierenreiten am Ufer der Tiber durch ihr scheu werdendes 
Pferd verunglückte und ertrank. Das andere Mal sahen wir 
ein grosses Stück des alten Roms. Die ungeheuren Ruinen 
der Bäder des Caracalla, die Grabmäler der Scipionen, die 
Catakomben, deren früher offene Emgänge von der Regierung 
geschlossen worden, seit vor etwa sechszig Jahren 50 Semina- 
risten ohne Führer hineingingen, sich verirrten und sämmtlich 
um's Leben kamen. Ein Mönch mit selir ausdrucksvollem spa- 
nischen Gesicht fülirte uns. Das Grabmal der Cäcilia Metella, 
welches zu der alten Gräberstrasse gehört, steht unweit der 



Häusliche Details. 95 

Kirche, in der der Eingang zu den Catakomben sich befindet, 
so dass man in derselben Stimmung bleibt, die durch den 
heitern Himmel in eigenthümlicher Weise — ich weiss nicht, 
soll ich sagen, unterstützt oder gemildert wii'd? 

Doch ich wollte ja diesmal nichts Antikes schreiben und 
bin doch hineingekommen, man kann hier nicht umhin, üeber- 
haupt kannst Du Dir garnicht denken, wie ansteckend das 
Alterthumsfieber ist, man kommt am Ende dahin, nichts schön 
zu finden, was eine ganze Nase und zwei Beine hat, und gar 
ein Gebäude, an dem alle Säulen aufrecht stehen, das sieht 
man gar nicht an. — Ich bitte Dich um fünfzig Pfund Butter, 
wie mein Mann zu sagen pflegt, lass diesen Brief unter Mutter 
und Geschwistern bleiben, es ist zuviel Klatscherei darin und 
die ganze Welt ein grosses Rad." 



Familienbrief. 

Den SOsten Decbr. Was ich hier wirklich mit 

Wehmuth geniesse, dass ich's Euch nicht mittheilen kann, ist 
das überaus göttliche Wetter, die klare warme Sonne, die für 
Mutter zu heiss wäre und in der Beckchen und die Andern 
schwelgen würden. Dass für Mutter eine Reise nach Italien 
selbst vor zehn Jahren nicht passend gewesen wäre, davon 
überzeuge ich mich immer mehr. Alle Menschen, alle Dinge, 
alle Aussichten wohnen in Cima, wie es hier heisst, das allein 
würde hingereicht haben, es ungeniessbar für sie zu machen, 
der Flöhe und andrer bekannten Zugaben nicht zu gedenken. 
Wenn ich Dich aber auf einmal in die Villa Mills (sehr pro- 
saisch nach einem Engländer, dem jetzigen Besitzer, genannt) 
versetzen könnte, zu der man bis vor die Thür fährt und dann 
in einen Garten tritt, in dem, ungelogen, Millionen Rosen blühn, 
und nun zur Abwechselung Tausende von andern Blumen da- 
zwischen, da würdest Du wohl entzückt sein. 

Die Ruinen der Kaiserpaläste steigen bis in den Garten, 
dessen Mauern aus antiken Fragmenten bestehn, die herrlichsten 
Aussichten hat man von allen Seiten, ein Gartenhäuschen ist 
von Giulio Romano gemalt, die ganze Besitzung ist ein Zauber- 



96 Italien. 

sclilössclieii und jetzt für einen Spottpreis zu kaufen. Wer hat 
Lust? — Wir haben in dieser Woche das herrliche Wetter 
benutzt, mehrere Villen zu sehn, aber auch in der Weihnachts- 
zeit unsere Schuldigkeit als Fremde nicht versäumt. Liebe 
Mutter, bewunderst Du uns nicht, wenn ich Dir erzähle, dass 
wir Dienstag nach der Bescheerung um zehn Uhr Abends noch 
nach der sixtinischen Kapelle fuhren, die musikalische Messe 
zu hören, aus der wir erst um Mitternacht nach Hause kamen, 
und den andern Morgen im Finstern aufstanden und um 
halb neun in der Peterskii'che sassen , um gute Plätze für die 
Procession zu gewinnen, in der der Papst umhergetragen wird. 
Es gelang uns auch, denn in der Peterskirche werden die 
Frauenzimmer nicht so schlecht behandelt, wie in der päpst- 
lichen Kapelle, im Gregentheil haben sie die besten Plätze auf 
einer erhabenen Tribüne, sehn und werden geselin, tragen 
auch Sorge, alle möglichen bunten Farben von Hüten und 
Federn auszustellen, statt der schwarzen Schleier, die sie vor- 
schriftsmässig tragen sollen, und von denen mir auch nicht 
ein einziges Exemplar zu Gesicht kam. Die ganze Ceremonie 
ist sehr prächtig und amüsant. Alle mögliche geistliche und 
weltliche Costüme und Uniformen kommen zum Vorschein, und 
das Ganze hat den Anstrich einer Komödie , die den Fremden 
zu Ehi'en gespielt wii'd. Als der Papst selbst am Altar 
fungirte, „bald nach dieser, bald nach jener Seite sich wendend", 
da fiel mir Göthe wieder einmal ein, dessen Tagebuch vom 
9ten November ich nachzulesen bitte. Ich musste mir auch 
denken, wie würde St. Peter sich wundern, wenn er jetzt 
hineinträte und diese Pracht sähe! — Nun werdet Ihr aber 
auch wissen wollen, wie unser kleiner Weihnachten abgelaufen, 
w^ogegen ich bald von Euch zu hören gedenke. Wir hatten 
eüiige Leute eingeladen und beschenkt. Der Weihnachtsbaum 
war aus Zweigen von Cypressen, Myrthen und Orangen, mit 
vielen Früchten beladen, aufgebaut und sah selir gut aus. 
Ich bekam von meinem Mann eiu sehr schönes mit Elfenbein 
eingelegtes Schi'änkchen und schenkte ihm eine Skizze von 
Paul Veronese, die ihm sehr gefiel. Habe Dank, Hebe Mutter, 
für die verheissenen Geschenke, wenn wir zui'ückkommen; wir 



Casa ßartholdy. 97 

Kirchenmäuse werden es gut brauchen können; ich hahe immer 
gehört, dass man in Italien mager wird, aber wie die Beutel 
abfallen, davon hat man keinen Begriff. Ich bin ein Falstaff 
gegen meine Börse." — 

Familienbrief. 

Den 9ten Jan. 1840. — — „Etwas habe ich unter 
vielem Schönen gesehen, was mir ungemein gefallen, liebe 
Mutter: „Es ist die Casa Bartholdy, jetzt von Engländern 
bewohnt, welche die Zimmer mit den schönsten Fussdecken und 
Sopha's und zahllosen alten Möbehi und Kostbarkeiten gefüllt 
haben, so dass das Ganze den heitersten, angenehmsten Ein- 
druck macht. Sie sind so gefällig, jeden Fremden die Wohnung 
sehen zu lassen, und ich habe mich mit emer Mischung von 
Behagen und Rühiimg darin umgesehen, um so mehr, da mein 
Mann mir beschi^eiben konnte, wie alles früher gewesen. 
Denkt man sich nun die wunderschöne gewählte Sammlung 
neuer Bilder, sowie die Majoliken und Vasen hinein, bedenkt 
dabei, dass dies Frescozimmer den ersten Anstoss gegeben zu 
all' dem Herrlichen , was jetzt in dieser Kunst geleistet wird, 
so sieht man, dass hier ein feiner künstlerischer Sinn gewaltet, 
und freut sich der Wirkung in die spätere Zeit. Etwas Aehn- 
liches empfindet man in der herrlichen Villa Albani, deren 
unzählige Kunstschätze einst durch Winkelmann geordnet und, 
in wunderschöne, eigens dazu erbaute Räume vertheilt, nachher 
lange Zeit hindurch vernachlässigt wurden, und jetzt durch 
den Besitzer wieder ganz in der früheren edeln Weise her- 
gestellt, und auf die liberalste Weise dem Publikum geöffnet 
sind. Früher ging man ganz frei durch den Garten und alle 
Bäume, seit aber vor drei Monaten ein Fremder eine Statue 
beschädigt, um ein Stück davon mitzunehmen, ist der Eintritt 
nur in Begleitung eines Bedienten erlaubt. Ich hätte allen 
Fremden meine Villa vor der Nase zugeschlossen, das weiss 
ich wohl! -- 

Den 4tenFebr. — — Noch hängen die Orangen an 
den Bäumen, und andere Bäume blühen schon wieder weiss 
Die Monatsrosen sind den ganzen Winter nicht „aUe" geworden; 

Di« Familie Mendelssohn. II. 7 



98 Italien. 

nnd in dieser himmlischen Luft, auf diesem reichen Boden 
wächst weniger als in unseren Sandsteppen durch nördlichen 
Fleiss und Industrie. Ich muss immer an die Spargel denken, 
die von Berlin aus trotz 20 Grad Kälte in alle Welt geschickt 
werden; hier wo man der Natur nur ein wenig nachzuhelfen 
brauchte, bekommt man im Winter gar keine essbaren Früchte, 
und wenige Gemüsearten, und die auch noch sclüecht. Ach, 
was könnte aus dem Lande und auch aus den Menschen drin 
werden, wenn Gott sich ihrer einmal erbarmen, und ihnen den 
Mann schicken woUte, den sie brauchen. Es ist ein Thema, 
über das wir in müssigen Stunden politisiren, was aus der 
Welt geworden wäre, wenn Napoleon statt Franki*eich, sich 
Italien unterworfen, sich dann darauf beschi^änkt und es von 
Grund aus organisirt hätte. Ich glaube, Frankreich hätte sich 
selbst geholfen, und Italien wäre jetzt, was es früher war, 
das Paradies der Erde. 

Familienbrief. 

Den 25sten Febr. Wir kamevaliren einstweilen 

hier lustig fort und das tolle Zeug amüsirt mich weit über 
meine eigene Erwartung. Eine förmliche Beschreibung der 
Sache kann ich Euch ersparen, denn die Mühe hat Göthe vor 
mehr als 5U Jahren übernommen, und in den Grundzügen, wie 
in vielen einzelnen Masken ist es dasselbe geblieben, der 
Haupttag, Moccoletti, aber steht uns noch bevor. Wir haben 
es auf alle Weise versucht, auf drei verschiedenen Balkons 
im Corso, zu Fuss und zu Wagen. Letztere Art ziehe ich 
durchaus vor ; denn nicht nur, dass man sich auf eine bequeme 
nnd sichere Weise mitten im Gewimmel bewegt und Alles gut 
tibersehen kann, sondern der Hauptspass besteht eigentlich in 
dem kleinen Kriege, den alles gegen die Wagen führt, und 
die beiden Wagenreihen untereinander. Die verschiedenen An- 
griffsarten, mit Gips, kleinem und grossem Zuckerwerk, und 
Blumensträussen, letztere natürlich die feinste, werden gewöhn- 
lich auf entsprechende Weise erwidert, und Sebastian war 
neulich sehr ungehalten, dass ich eine Gipsladung mit einem 
Bouquet erwiderte, da ich gerade nichts Anderes zur Hand 



Caraeval. 99 

hatte. Mehl ist mauvais genre und eigentlich verboten, wird 
aber scheffelweis verbraucht. Ueberhaupt treiben Viele, 
besonders Fremde, die Sache ohne alle Grazie, und suchen den 
Witz bloss in der Menge und Härte des Materials, womit sie 
die Leute aus sicherer Ferne vom zweiten oder dritten Stock 
herunter überschütten; auch aus grösster Nähe bekommt man 
Ladungen ins Gesicht, die garnicht sanft thun, aUein Jeder 
ist so toll oder so vernünftig, sich nicht darüber zu ärgern, 
sondern sich nur bestmöglichst zu rächen. Der Bruder des 
Königs von Neapel, der Prinz von Syracus, hatte einen Balkon 
gemiethet, von wo herab er einen so unerschöpflichen Strom 
von Mehl ergoss, dass die Ecke kaum zu passiren war; ein 
junger vornehmer Römer, dem er besonders übel mitspielte, 
liess darauf Confetti in Form von Maccaroni machen, mit 
denen er den folgenden Tag antwortete; das soll den neapoli- 
tanischen Maccaronifresser so gekränkt haben, dass er seitdem 
ein wenig bescheidener geworden ist. 

Von einzelnen hübschen Spässen fiel mir ein ungeheurer 
dekorirter Leiterwagen voller Doktoren auf, bewaffnet mit 
Zangen, in denen sie Hirnschädel, Backzähne und ganze Ge- 
bisse hielten. Alles in kolossalem Massstabe, eine ungeheure 
Olystierspritze und allerhand andere Marterwerkzeuge fehlten 
natürlich nicht; vorn auf dem Bock sass ein Trepanirter und 
hinten ein Wilder, so zogen sie, schreiend und ihre Kunst 
preisend, über den Corso, und hielten endlich vor einem Balkon 
still, auf dem einige Damen standen, über deren Gesundheits- 
zustand sie konsultirten ; sie waren einstimmig der Meinung, 
dass ein Lavement nöthig sei, richteten die Spritze in die 
Höhe und — ein grosser Blumen strauss flog heraus. Ein Kerl 
mit einem tüchtigen Bart, Weiberrock und Haube, aber ohne 
Maske, wackelte umher und klagte, er habe keine Wohnung, 
um niederzukommen. Sehr häufig sitzen die Kutscher als 
Frauenzimmer auf dem Bock und sehn oft garnicht übel aus; 
die grossen über und über behangenen Wagen, deren Räder 
^anz mit Lorbeer umwimden sind, machen sich sehr hübsch. 
Gewöhnlich tragen sie etwa ein Dutzend ganz gleich geklei- 
deti^T Narren, was einen unwiderstehlich komischen Effekt 

7* 



100 Italien. 

macht. Wenn man sich aber einem solchen Wagen nähert, 
muss man sein Gesicht wahren, denn es giebt unfehlbar einen 
Hagel von Confetti. Die meisten Damen halten sich zu diesem 
Zweck Drahtmasken vor das Gesicht, da ich aber die Lorgnette 
brauche, kann ich dies Mittel nicht anwenden, sondern schütze 
mich nur durch den Schleier. Am Giovedi grasso, einem der 
brillanten Tage, fuhr ich mit Thorwaldsen's Tochter, einer sehr 
artigen Frau, ihrer Nichte und Sebastian. Du hast gar kernen 
Begriff, was man alles zu thun hat während so einer Corso- 
fahrt. Sich umsehn, und alles dumme Zeug bemerken, auf- 
passen, von woher geworfen wird, um sich womöglich zu 
decken, den Wuif auf angemessene Weise erwidern, die Mu- 
nition sammeln und sondern, die in den Wagen geworfen wirdj 
sich mit den Stutzermasken unterhalten, die auf den Tritt 
steigen, sich als Bekannte benehmen und den Augenblick ab- 
passen, einem etwas ins Gesicht zu werfen, alle diese wich- 
tigen Geschäfte nehmen den Geist und die Hände so in An- 
spruch, dass man nicht weiss, was man zuerst thun soll, ja 
es ist unglaublich, aber man macht so rapide Fortschritte in 
der Tollheit, dass man es ordentlich übelnimmt, wenn ein 
Wagen vorüberfährt, ohne zu werfen, denn es ist eine Ver- 
nachlässigung. Kennst Du mich wieder, liebe Mutter, dasa 
ich mich stundenlang amüsü-e in einem Geschwirr und Lärm, 
den man weder mit dem Brausen des Meeres, noch mit dem 
Gebrüll wilder Thiere, sondern nur mit dem des römischen 
Corso vergleichen kann? Ich glaube, viel thut dazu die freie 
Luft, in der dies alles vorgeht, im geschlossenen Raum wäre 
es nicht zu ertragen. — Eine Figur von gestern fällt mir 
ein, ein langer, dünner Mann mit elegantem ci-devant jeun& 
komme Kostüm und einem hochroth seidnen Frack, dessen 
Enden ihm nach auf der Erde schleppten. Die sogenannten 
Conti mit drei Ellen langen Papier- Vatermördern und Per- 
rücken von gemischten roth und gelben Locken sind auch sehr 
liebenswürdig. Die von Göthe beschriebenen Gärtner mit den 
langen Scheeren existii-en noch immer. Leider ist auch das 
von Göthe geschilderte Unglück vor einigen Tagen vor- 
gekommen: fünf Pferde verspäteten sich beim Wettlauf um 



Caraeval. 101 

einige Minuten, theilten die tolle Menge, die immer augen- 
blicklicli wieder zusammenströmt, und warfen viele nieder; 
zwei sind an den Wunden gestorben, die Zahl der Verwun- 
deten wird verschieden von vier zu zwölf Personen angegeben. 
Seitdem hält die Wache wieder mit grösserer Strenge Ord- 
nung. Die Soldaten sind wirklich übel dran, das übermüthige 
Volk verhöhnt und neckt sie, wenn sie Platz machen wollen, 
tind läuft ihnen hinter dem Eücken unaufhaltsam über den Weg. 
Sie sind durchaus wie ungezogene Kinder, und als ob das Ge- 
bot nicht zu ihrer eigenen Sicherung gegeben wäre. Dieser 
tolle Spuk in der ernsthaftesten Stadt der Welt bildet wirk- 
lich den merkwürdigsten Contrast. Wenn nur so etwas 
Lustiges bei uns aufkommen könnte, die Leipzigerstrasse wäre 
ein einziges Lokal dazu, weit schöner als der Corso. — 

Den 14ten März. — Ich glaube Euch noch das Ende 
des Carneval schuldig zu sein und will es in Kürze mittheilen. 
Am vorletzten Abend fand ein Fest statt, welches durch das 
Lokal einzig in der Welt war. Da wir sechs Wochen lang 
Abends nicht aus dem Hause gewesen waren und die präch- 
tigsten Feten versäumt hatten, so bestand mein guter Mann 
■darauf, mit mir hinzugehen, und es hat ihm Gott sei Dank, 
nicht geschadet, obgleich die Säle sehr kalt waren.*) Es wTirde 
nämlich zum Besten der Cholerawaisen durch mehrere Römer 
von Adel, unter dem Protektorat der Fürstin Borghese geb. 
Shrev/sbury, einer schönen und liebensw^ürdigen jungen Dame, 
ein Ball auf dem Capitol gegeben, und da der Eaum auf dem 
Capitolplatz zu eng ist, um soviele Wagen dort umwenden zu 
lassen, so fuhr man durch das Forum hinauf; dieses, soAvie der 
Platz und die Vorhallen, waren duixh zahllose Fackeln er- 
leuchtet. Obgleich nun leider das Wetter sehr schlecht war 
und der Regen einen grossen Theil der Fackeln wieder aus- 
löschte, so war es doch ein unvergesslicher Anblick, die alten 
Säulen, Triumphbögen und Trümmer so seltsam beleuchtet zu 
sehn. Bei schönem mondhellem Abend, wie wir so viele gehabt 
haben, müsste es w^ahrhaft zauberisch gewesen sein. Auch die 



*) Er war ernstlich krank gewesen. 



102 Italien. 

prachtvollen Roccocosäle waren sehr brillant erleuchtet, ausser- 
dem sah der Ball aus wie alle andern, und nicht einmal sa 
gut, denn da er ein bezahlter war, so fand sich ein ziemlich 
gemischtes Publikum ein, namentlich was die geliebten Eng- 
länder betraf, und die alten Dicken sprangen wie toll umher 
in diesen berühmten Eäumen. 

Am Tage darauf fanden die Moccoletti statt, leider wieder 
bei abwechselndem Eegen, indessen habe ich mich sehr amüsirt, 
das ist so toll, dass es beinahe poetisch wird. Es ist völlig 
unmöglich sich einen Begriff davon zu machen, wenn man e& 
nicht gesehn. Wir waren zu Wagen, mit einem Kutscher als 
Türken, und da wir ein ganzes Pack Schwefelhölzer und zwei 
Auflagen Wachslicht verbraucht hatten, zogen wir es vor, uns 
dem Spott preiszugeben, der jeden Obscuranten trifft und sen%a 
moccolo zu bleiben, um nur die tolle Wirthschaft besser mit 
ansehn zu können, denn wenn man ein Licht hält, ist man 
dermassen beschäftigt, es gegen Angriff und Raub zu schützen^ 
und es hält so schwer, es wieder anzustecken, da immer tau- 
send Hände bereit sind, es wieder zu vereiteln, dass wn: am 
Ende müde wurden, die Ehre länger zu behaupten." 

Aus einem Brief nach Hause. 

^Den löten März.*) Ich wünsche und hoffe, dass 

Ihr einen so durchaus schönen und gelungenen, heitern Festtag 
erlebt haben mögt wie wir. Vormittags beschäftigten wir uns, 
ich, eine kleine Composition fertig zu machen, Willielm, die 
letzten Striche an einem Bildchen zu thun, das er beendet, 
während er sich noch zu schwach fühlte, nach der Natur zu 
arbeiten. Es ist der Studienkopf, den er in Venedig angefangen. 
Ich hatte ihn die letzten Tage nicht sehn dürfen, nun rief er 
mich hinauf und schenkte ihn mir an Deinem Geburtstag. Um 
zwei Uhr setzte sich die ganze Henselei mit Kaselowsky in einen 
Wagen und fuhr beim herrlichsten Wetter und wärmster Luft 
zum entferntesten Thore Roms, der Porta San Sebastiano, hinaus. 
Die Luft hatte im höchsten Grade die berühmte italiänische 



♦) Lea's Geburtstag. 



Fahrt in die Campagna. 103 

Transparenz, in der die fernsten Gegenstände ebenso klar als 
weich erscheinen; davon giebt kein Bild auch nur annähernde 
Vorstellung, und ich glaube auch, es ist nicht zu malen. Ir- 
dische Mittel reichen da nicht hin, denn es ist eine wahre Ver- 
klärung. Die Stadt wimmelte von Spaziergängern, die garnicht 
mehr an Cäsars Tod, sondern nur an Deinen fröhlichen Ge- 
burtstag dachten; alle Landleute und Gebirgs -Ammen waren 
im Sonntagsstaat, Züge von Priestern in allen Farben, Cardinal 
Eothstrumpf und Monsignor Violetstrumpf, Weiber und Jungen 
auf Eseln, gingen, fuhi'en und ritten dem Freien zu, eine Schaar 
Mädchen, die nach Ostern heirathen (in den Fasten wird nicht 
getraut) zogen, einem Gelübde zufolge, in Ordenstracht, grauen 
Kleidern, weissen Schleiern und strickartigen Schnüren um den 
Leib einstweilen ins Kloster und sahen in dieser Resignations- 
kleidung allerliebst aus. Wir aber fuhren seelenvergnügt (mein 
Mann war in Sonntagslaune und wir kamen den ganzen Tag 
nicht aus dem Lachen) beim Denkmal der Cäcilia Metella, 
einem meiner Lieblingspunkte, vorbei, auf der alten Via Appia, 
zwischen zwei Reihen grandioser Ruinen hin, bis zu einem 
Punkt, der vorzugsweise Roma Vecchia heisst, und wo eine 
sehr malerische Meierei zwischen den schönsten Ruinen liegt. 
Hier ist man schon den Gebirgen ganz nah und sieht jedes 
Haus in Frascati liegen. Li dieser Meierei ist der Brunnen, 
den Wilhelm zu seinem Bilde, die Samariterin, benutzt hat; 
dies war für dasmal unser entferntestes Ziel, wir stiegen aus, 
wanderten umher, die Herren und Herrchen zeichneten ein 
wenig, und wir fuhren auf einem sehr interessanten Weg nach 
der Grotte der Egeria. Hier kommt man so recht durch die 
öde und in ihrer Dürftigkeit doch so liebliche Campagna di Roma^ 
Heerden aller möglichen Geschöpfe, Schafe, Ziegen, Rindvieh, 
Pferde, weiden überall, und überall steht Aurel Robert's Hii't 
mit der Pelzjacke dabei (Wilhelm nennt einen solchen Hirten 
den Uebergang vom Hammel zum Menschen). In der Grotte der 
Egeria ward eine mitgenommene Flasche Orvieto hervorgeholt 
und auf Deine Gesundheit getrunken; kannst Du es wohl klas- 
sischer und zugleich romantischer verlangen, liebe Mutter? 
Hierauf traten wir den Rückweg an und kamen um sechs sehr 



i04 Italien. 

vergnügt nach Haus, wo wir uns dann nach einem so poetischen 
Tage die Prosa des Lebens, in Gestalt einer vortrefflichen 
Frühlingssuppe und eines gebratenen Hasen, sehi' wohl schmecken 
liessen. Abends kamen der englische Maler Severn, den 
Wilhelm zu zeichnen anfing, und zwei für Musik begeisterte 
Jünglinge, die Felix kennen, ein Engländer und ein Deutscher. 
Der erstere forderte mich auf, ihm die grosse Arie des Paulus 
zu begleiten, die er nicht recht auswendig ^Aiisste, da ich sie 
nun auch nicht recht auswendig wnisste, so gab es eine selir 
gelungene Leistung. Hierauf spielte ich noch Mehreres, das 
ich auswendig wusste, und der Abend ging so vergnügt zu 
Ende, wie der Tag angefangen. 



Tagebuch. 

^Sonnabend machten wir eine sehr schöne Fahrt bei 
kaltem, hellem aber unangenehmem Wetter. Zunächst nach 
Villa Wolchonsky, mit einer der umfassendsten und schönsten 
Aussichten in Rom. Im Garten selbst steht ein Theil der an- 
tiken Wasserleitung. Ein schöner Gang mit einer Eosenhecke 
an der einen, Ungeheuern Caktuspflanzen an der andern Seite, 
Büsten sind in die Nischen der Wasserleitung gestellt, um die 
sich der Epheu schlingt. Es ist ein herrliches Plätzchen, und 
wir haben beschlossen, wenn Glück und Y\'etter günstig, Ee- 
becka's Geburtstag da zu feiern. — Von da fuhren wii' nach 
dem Baptisterium des Lateran; man geht durch einen schönen, 
malerischen Hof, dann durch die Kirche nach dem innern, vier- 
eckigen Klosterhof, der rings von einem Kreuzgang umgeben 
und durch zwei Eeihen kleiner Säulen von dem mittleren Eaum 
o-etrennt ist. Hier sieht man einmal wieder die unermessliche 
Phantasie der Ai'chitekten und Sculptoren jener alten Zeit; 
keine Säule auf dem ganzen Gange ist der andern gleich, 
^iele nach Art der des Domes von Orvieto aufs sinnreichste 
und mannigfaltigste gewunden und mit Gold und bunter Mosaik 
belegt. In der Mitte des Hofs steht ein Brunnen, angeblich 
der der Samariterin, in Wahrheit ein mittelalterlicher, 
zwischen zwei Säiüen, an den Wänden ringsum sind viel© 



Villa Wolchonsky. Lateran. 105 

Fragmente und schöne Sculpturstückchen eingemauert und auf- 
gestellt. Die Maler klagen, es haben die schönsten Bäume im 
Hof gestanden, und die seien durch die Mönche ausgegraben 
und verkauft worden. Auch die Fragmente hätten früher so 
malerisch umhergelegen. Wie dem auch sei, es ist wunder- 
schön, und wenige einzelne, dem allgemeinen Verderben ent- 
ronnene Plätze geben einen schwachen Begriff der unermess- 
lichen Herrlichkeit Rom's bis zum löten und I6ten Jahrhundert. 
V^ahrlich in der Zeit, als die Werke des antiken Rom noch 
fast ganz erhalten, die des mitteralterlichen christlichen Rom 
mit dem herrlichen Baustyl, der Fülle von Mosaiken und 
Skulpturen schon meist daneben vorhanden waren, es muss 
eine nicht zu fassende, wunderbare Grösse gewesen sein. 
Könnte unserer jetzigen Welt mit ihrer Emsicht und Liebe 
zur Kunstgeschichte ein Blick in diese Wunderwerke vergönnt 
werden, sie würde noch anders erstaunen, als sie noch immer 
und mit Recht erstaunt über das verstümmelte, misshandelte, 
unter tausend Perrücken begrabene, und täglich mit neuen 
Perrücken geschmückte und berückte Rom, das nicht zu 
tödtende Rom, was auch die Menschen aller Zeiten versucht 
haben, durch Grausamkeit, durch Frömmigkeit und durch Ge- 
schmacklosigkeit ,es in den tiefsten Staub zu ziehn. Wenn 
ich daran denke, was seit Jahrtausenden durch menschlichen 
Unverstand und menschliche Willkür Herrliches hier zu Grunde 
gegangen ist, so möchte ich ganz unmuthig werden. Noch 
heut, was setzen sie für erbärmliche Flicklappen ins Coliseum 
und recht v/eiss und auffallend, damit nachher eine Tafel daran 
kommen kann, mit dem allervortrefflichsten Namen Seiner 
allerheiligsten Heiligkeit Gregors XVI. Diese Wuth der Päpste, 
ihre Namen an jedes Klexchen, das sie errichtet, anzuschmieren, 
ist wirklich entsetzlich." 



Familienbrief. 

Rom, 25sten März. 
„Ganz Rom ist heut voll Staunens, denn denkt Euch, 



106 Italien. 

heut am 25sten März schneit es seit vier Stunden dick, dick, 
und der Schnee liegt auf Häusern und Strasse (denn es ist 
mir nicht eingefallen, hei so hewandten Umständen andre sehn 
zu wollen, als die, worin wir wohnen) fusshoch. Nachdem 
wir, wie ich Euch oft geschrieben, fast den ganzen Winter 
hindurch das herrlichste Frühlingswetter gehabt, so dass 
Mäntel und Feuerung unnütze Meubles wui^den, war es schon 
seit Anfang des Carneval kalt und selir unangenehm, am 
2 1 sten März aber, Frühlingsanfang, bildete sich ein, mit Ee- 
spekt zu sagen, recht infames Berliner Märzwetter aus, kalte 
Sonne, noch kälterer Wind, der Staub und Stroh und Unrath 
aus allen Winkeln zusammenwehte, und das will in Kom was 
sagen! So blieb es diese vier Tage über und hat sich denn 
heut endlich in besagten Schnee aufgelöst. Die Leute hier, 
die sich aus Allem ein Fest machen, jubeln den ganzen Tag 
auf der Strasse umher, schneeballen sich, lachen und schreien, 
liegen in den offenen Fenstern und sind ausser sich vor Ver- 
gnügen, Sebastian und mich hat es auch sehr amüsirt, mein 
armer Mann aber ist ganz betrübt und ordentlich beschämt, 
dass sein Eom sich so aufführt, und macht fast ein ebenso 
klägliches Gesicht dazu, als das schon so nett bearbeitete 
Gärtchen und die mit Früchten beladenen Orangenbäume, die 
wir aus den hintern Fenstern sehn, und die vor der Hand mit 
Schnee ganz bedeckt sind. Eben aber bricht die Sonne hell 
und warm durch und wird wohl das fremde Unwesen nicht 
lange leiden. „Aber die Sonne duldet kein Weisses." — 
Von der Sonne gelockt, haben wir uns aufgemacht und in 
einem Ungeheuern Schneepatsch mit Mühe die Höhe von Triniia 
de Monte erreicht, weiter konnten wir nicht dringen und hier 
hatten wir das seltsame Schauspiel des ganz eingeschneiten 
Eoms. Mehrstündige Sonne und jetzt mehrstündiger Eegen 
waren noch nicht im Stande, die Dächer zu befreien, welche 
aufs Tiefste mit Schnee bedeckt sind. Es soll ein hier uner- 
hörter Fall sein. So weitläufig schreibt man aus Eom über 
einen Schneefall." 



Schneefall iu Rom. Vernet. 107 

Tagebuch. 
„Sonntag, 5ten April Abends zu Ingres, Vernet zu 
sehen, der überaus freundlich war und mit seinem orientalischen 
Kostüm, langem Bart, markirten Zügen, blitzenden Augen und 
gebräunter Haut, wie ein wahrer Araber aussieht. Wer das 
nun hört, muss es lächerlich finden, wie wir auch anfangs 
thaten, w^er ihn aber gesehen, hat sich gewiss über ihn ge- 
freut, denn es erscheint bei ihm nicht als eine Mummerei, 
Alles stimmt zu der schönen Tracht, welche bei ihm noch 
durch europäische Reinlichkeit und malerischen Geschmack ge- 
hoben wird ; auch in seinen Manieren hat er sich ganz morgen- 
ländisch gewöhnt und so war seine Erscheinung eine überaus 
interessante. Wir sprachen sehr viel mit ihm und was er er- 
zählte, rührte wieder aufs Heftigste ein schon oft durchge- 
sprochenes Thema auf, sodass wir nachher die halbe Nacht in 
ernster Verhandlung blieben, deren Resultat ein echt deutsches 
war, „seine nächste Pflicht thun und warten". Ein Franzose 
begreift so etwas nicht, als Wilhelm ihm sagte, dass seine 
äusserste Sehnsucht nach jenem Lande gerichtet sei, machte 
er ein ganz verblüfftes Gesicht und sagte, er könne ja in vier- 
zehn Tagen da sein und diese glückliche Leichtigkeit, mit der 
ein Franzose alle äusseren Verhältnisse ergreift und das Leben 
zu behandeln weiss, hat etwas so Ansteckendes, dass ich wirk- 
lich in dem Augenblick kein Hinderniss und keine Schwierig- 
keit sah und meinem Wilhelm wahrlich aufrichtig und aus 
wahi^stem Herzen dringend vorschlug, uns bis Triest zu brin- 
gen und sich einzuschiffen. Ich musste aber seinen ernsten 
und würdigen Gegengründen weichen. Was ist es aber für 
ein Gefühl für mich, ihm durch mein Dasein solche Opfer auf- 
zuerlegen. Denn was wir lange unter uns besprochen, geahnt, 
gefühlt, gewTisst, das bringt nun Vernet mit frischer That und 
klarem Wort in's Leben imd in Kurzem wird es Gemeingut 
sein. Dort liegt die Zukunft der Kunst. Diese That hätte 
Wilhelm vollbringen können, hätte er sie gleich der Idee fol- 
gen lassen. Dass wir Deutschen immer warten! Immer den 
Moment verpassen ! Immer zu spät kommen ! Dass man doch 
aus seiner Zeit, seiner Familie, seinem eigenen Selbst so 



108 Italien. 

schwer sich erhebt. Die Sache bewegt und ergreift mich aufs 
Tiefste." 

Tagebuch. 

„Ich bat Vernet, sich von Wilhelm in seinem malerischen 
Kostüm zeichnen zu lassen, und er sagte sehr freundlich zu 
und kam Vormittags mit dem alten Maler Reichardt; es war 
ein nettes Frühstück bereitet, die Unterhaltung sehr lebhaft, 
Vernet erzählte viel vom Orient und seinen weiteren Plänen, 
gleich von Paris aus wieder nach Algier zu gehen und 
Schlachtenbilder zu malen; Reichardt und noch ein Maler 
sahen meinem Mann auf die Finger, tauchten die Pinsel ins 
Weiss, damit es schneller gehe, denn Vernet hatte nur eine 
Stunde Zeit. Ich spielte zwischendurch einiges vor und in 
weniger als einer Stunde wiu-de die Zeiclinung beendet, zur 
gi-össten Freude der Künstler, die nicht genug Wilhelm's 
ausserordentliche Leichtigkeit bewundern konnten ; Vernet 
selbst war höchst zufrieden; es war ein sehr angenehmer 
Vormittag." 

Tagebuch. 

„Gestern Charfreitag früh holten wir d'Ossoli ab, der uns 
nach der Sixtina führte, da ich gefürchtet hatte, ohne Billet 
nicht hineinzukommen. Ich fand ganz vorne Platz, imd da 
später der Schweizer einigen Damen erlaubte, dicht ans Gritter zu 
treten, so sah ich diesmal alle Ceremonien vortrefüich, und 
die Kreuzanbetung ist gewiss eine der schönsten. Zuerst ward 
die Passion gesungen, und da gelang es mir diesmal den Faden 
zu behalten und bis zu Ende genau zu folgen. Die Einthei- 
lung ist im Wesentlichen die, welche Bach beibehalten, Jesus 
ward von einer schönen Bassstimme gesungen, der Evangelist 
von einem ziemlich schreienden Baryton. Die Volkschöre sind 
von Vittoria. In ganz kurzen vierstimmigen Sätzen wurden 
die Worte ohne alle Durchführung einmal gesungen, und doch 
sind diese kurzen musikalischen Sätze sehr wichtig zur Er- 
holung von dem unglaublich monotonen Ableiern der Passion. 
Auf eine Melodie, die ungefähr so klingt: 



Charfreitag in der Sixtina. 109 





r-rrf-- 


t~^f "F^~* f 


ä 


h-^,^» ^ M m^ f mf . hp,- 


d^ 


• 


=ttztf=Lt= 




1 p ^ ^ 1 ^ j •• J "■• 



wird alles recitirt, wobei, nach Anzahl der Silben, jeder ein- 
zelne Ton verschiedentlich angeschlagen wird. Natürlich ist 
dabei von Ansdrnck nicht die Eede. In einem gewissen Pathos, 
aber doch zugleich mit merklicher Eile werden die Worte ab- 
gesungen. Es interessü'te mich im höchsten Grade, und meine 
Aufmerksamkeit liess nicht einen Augenblick nach. Ich dachte 
dabei beständig an Seb. Bach. Jene starren Formen des Ge- 
sanges erinnerten mich aufs Lebhafteste an die uralten Mo- 
saiken, nur linde ich jene noch steifer und todtähnlicher. Ihre 
Aehnlichkeit aber ist sehr denkbar, denn sie sind Kinder einer 
verwandten Zeit. Auch glaube ich, in einer byzantinischen 
Küxhe würde mich jener Gesang als nicht unpassend ange- 
muthet haben, hier aber, in der Sixtina, wo sich die bildende 
Kunst im höchsten Moment der Vollendujig, ja fast der Ueber- 
reife zeigt, tritt er in eüien grellen Widerspruch der Ver- 
steinerung und Armseligkeit, wo hingegen die eigentlichen 
Gesänge der sixtinischen Capelle (ein ausgebildetes Musikstück 
in dem Sinn unserer grossen Meister habe ich überall nicht 
drin gehört) wieder einen viel spätem Charakter haben, den 
der Süssigkeit, und eines fast Roccocostyls. Ich drücke mich 
mit Absicht stark aus, um mir selbst für die Folge klar zu 
bleiben. Der eigentliche Gipfel der Kunst ist für die Musik 
nicht repräsentirt, er würde es mehr sein, wenn sie den ein- 
fachen Gesang einfacher vortrügen, doch davon nachher. 

Nach der Passion erschien der Papst, und es ward eine 
lateinische Rede mit grossem Pathos und unermesslichem Ge- 
schrei gehalten, hierauf kamen die Gebete, es wird nämlich 
rubrikenweise für, wirklich, Gott und die Welt gebetet, und 
bei jeder Rubrik beugten der Papst und die Kaidüiäle das Kjiie. 
Auch diese so uralte, einfache und schöne Handlung der Kreuz- 
anbetung hat die katholische Kirche wie so manches Andere 
zur possenhaften Aeusserlichkeit heruntergesetzt, und knixt 
wie die Weiber beim Kaffeebesuch. Nui* das Gebet für die 



110 



Italien, 



Juden wird stehend abgemacht. „ Tout degenere entre les mains 
des hommes.^^ 

Dann wird ein Kreuz in der Mitte der Kapelle aufgerichtet ; 
der Papst wii^d seines Mantels und seiner Mitra entkleidet, 
und geht in der Kappe und weissem Rock hin, das Kreuz an- 
zubeten, dann folgen alle Cardinäle und die übrige Geistlichkeit, 
dazu werden die Lnproperien gesungen, die von Palästrina sind 
und ungefähr folgendermassen lauten, immer derselbe kurze 
Satz mit wenigen Abweichungen wiederholt: 







^w—it 



J J J — - 



-+-«- 



ii 



Ä* 



:iS 



-^-^ 



^(^ 



Es klingt sehr weich und süss, um so mehr, als die erste 
Sopranstimme diesen Charakter in hohem Grade und sehr viel 
Macht dazu hat. Der Alt ist sehr schlecht, und zieht über 
alle Begriffe herunter. Das Miserere am Donnerstag und die 
Improperien am Freitag fingen sie in hdur an und schlössen 
in g, das Miserere am Freitag schlössen sie gar in fmoll. — 
Nach der Kreuzanbetung gingen sie in Prozession nach der 
Paolina, das Allerheiligste wieder abzuholen, der Papst ohne 
Baldachin, während er zurückkommend mit dem Allerheiligsten 
unter dem Baldachin ging und am Eingang des Gitters durch 
einen Sonnenschii-m abgeholt ward, wie ein Mandarin sah er 
aus. Doch ist dies im Ganzen eine schöne und bedeutende 
Ceremonie, der nur weniges genommen zu werden brauchte, 
um überaus erbaulich und fromm zu sein. 

Wilhelm hatte ein halb Dutzend Kardinäle gezeiclinet, 
wir gingen rasch zu Hause, assen und fanden uns kurz nach 
drei wieder in der sixtinischen Kapelle ein, da ich beschlossen 
hatte, diese Musiken so genau als möglich zu hören. 
Die erste der AUegri'schen Lamentationen ist ein schöner 
vierstimmiger Satz , von dem ich nichts habe notiren 
können. Die folgende geht auf diese Melodie: 



Charfreitag in der Sixtina. 



lU 




und sie werden von verschiedenen Sängern ganz einstimmig 
in verschiedenen Tonarten, ohne Takt gesungen. Dies ist 
sehr monoton und ermüdend. Darauf kommen die übrigen 
Theile der Messe, Psalmen etc., alles in Unisono von einer 
oder mehreren Stimmen gesungen, meist auf diese Melodie, die 
sich ins Unendliche wiederholt: 



i 



S) •■ • -HH 



H 1- 



W~0—0^ 



ift±±iäzj 



Dies Alles dauert etwa drei Stunden, die Lichter am 
Altar und an den grossen dreiarmigen Leuchtern werden 
einstweilen ausgelöscht, die Dämmerung bricht ein, es brennen 
nur die sechs grossen Kerzen auf dem Gitter, das die Ka- 
pelle in zwei Theile trennt, die grossen Gestalten der Decke 
sehen ganz imheimlich in der tiefen Dämmerung aus, die Seelen 
sind ermattet von dem langen monotonen Gesang, da plötzlich, 
nach langer Pause, setzen die vier Stimmen piano mit süssem 
Wohlklange den schönen Anfang des Miserere so ein: 




Dieser Anfang wäre überall und unter allen Umständen 
schön, unter diesen Umgebungen aber und nachdem, was vor- 



112 Italien. 

hergegangen, ist es ein faustdicker Effekt, der denn auch seit 
200 Jahren seine Wirkung alljähi^lich auf sein Publikum zu 
machen nie verfehlt, und man kann aus diesem Beispiel wieder 
sehen, wie klug und treffend hier Alles ziu^ Wirkung auf die 
Sinne berechnet ist. Wie man aber seinen Geist durch der- 
gleichen kluge Berechnung kann gefangen geben, das ist und 
bleibt mir ein Räthsel. Musikalisch genommen und der 
fremden Poesie entkleidet, verhält sich die Sache folgender- 
massen: Das Miserere von Allegri ist ein überaus einfach 
komponirtes vierstimmiges Versett in gmoll, welches sich mit 
sehr geringen ^Abweichungen zehnmal wiederholt, und von den 
Sängern nur als Cannevas gebraucht wu^d, den sie traditionell 
und etwas roccoco verzieren. Früher soll der Chor bis achtzig 
Köpfe stark gewesen sein, diesmal zählte ich neunzehn, da sie 
durch den Damenplatz gehen müssen, um zu ihrem Sängerchor 
zu gelangen, und wegen der Enge einzeln vorbei defilirten. 
Sie fangen, wie erwähnt, das Miserere in hmoll an, sind aber 
nicht im Stande diese Höhe zu halten, sondern ziehen bei 
jedem Versett etwa einen Drittelton herunter, so dass sie ganz 
tief schliessen, was wieder auch keinen Übeln Effekt macht. 
Donnerstag und Freitag singen sie dasselbe Miserere, Freitag 
war es etwas früher aus und die Welt ging noch in die 
Peterskirche, wo ebenfalls ein Miserere gesungen ward, die 
Sänger standen sichtbar auf hohem Chor, von Tages- und 
Lampenlicht angeschienen, es sah sehr schön aus. 

Diesen Abend hatten wir noch eine seltsame Gesellschaft 
bei der Gräfin Kaisaroff zu bestehen. Nach aller der Kirchen- 
musik, die wir in den Tagen zu uns genommen, fiel es der 
guten Dame ein, noch das Stabat mater von Pergolese singen 
zu lassen, es war Quartettbegleitung, Landsberg, Bousquet 
und der gute Herr Levreux mit seinem süssen Lächeln spielten 
mit, und ich musste dazu flügeln, ennuyirte mich aber so da- 
bei, dass ich beinahe am Klavier eingeschlafen wäre. Das 
Stabat mater wurde von einem Bass und einem Tenor sehr 
gut gesungen, so gut, als man es nur verlangen kann, — 
aber Kreuz donnerwett er , wir hatten schlabbrige Musik genug 
im Leibe. 



Gottesdienst bei den Armeniern. Ostern. 113 

Sonnabend den 18ten Hessen wir Juden und Heiden im 
Lateran ohne uns taufen und ruhten aus, und Mittags, wo 
das Knallen und Läuten losging (die Fastenzeit hindurch wird 
in Rom keine Glocke geläutet, zu Ostern giebt die ungeheure 
Glocke von St. Peter das Signal und unmittelbar darauf fallen 
alle die vielen hundert Kirchen Roms ein und zugleich be- 
theiligt sich das Volk durch Böllerschüsse und Kanonenschläge 
an dem unendlichen und doch harmonisch klingenden Lärm) 
begaben wir uns einen Augenblick auf die Passegiata, um drei 
nach San Biagio degli Armeni in der Strasse Giulia, die zu 
ihrem Gottesdienst das verwünschteste Katzengeheul machen, 
das menschliche Ohren nur vernehmen können. Die Caraiben 
mögen ihren Götzen, und die Mexicaner dem Vitzli Putzli 
nicht ärger vormiauzen. Miau! war auch das einzige Wort, 
das ich mitunter verstand. Ein möbelkattunener Vorhang 
trennt die Gemeinde von der Altarseite, ein zweiter Vorhang 
umschliesst den Altar, Kleidung, Bewegungen, die Art des 
ganz unartikulirten Gesangs, alles das ist noch weit jüdischer, 
weit barbarischer, als in der katholischen Art des Gottes- 
dienstes. 

Gestern früh, Ostersonntag, grosse Messe in St. Peter; 
der Anblick der vollen Kirche und der tausend Kostüme ist 
wundervoll; eine schöne Prozession, in der sich allemal der 
griechische und armenische Bischof durch Schönheit und Wüi^de 
auszeichnen , jener ein herrlicher , noch junger Mann , mit 
schwarzem Bart und einer Krone, dieser ein schöner Greis, 
mit prachtvollem, Kostüm und der Mitra. Nachher gingen wü' 
in die Loggia über den Colonnaden, die Benediktion zu sehen, 
der Platz ist nur zunächst der Kirche bedeckt mit Menschen. 
Der Moment des Händeaufhebens ist sehr schön, wenn alles 
Volk niederknieet ; ich war aber halb todt vor Müdigkeit. 
Abends Erleuchtung. Wunderbar sehen die Architektui^linien 
der Kuppel mit der Lampenbeleuchtung aus, die alles wie 
einen Grundriss zeichnet. Schlag acht fährt oben zum Knopf 
eine Fackel heraus und im Augenblick ist Alles mit dem 
blendendsten Fackellicht Übergossen. Es ist ein wunderbarer 
Moment, schöner aber finde ich die einfache Lampenbeleuch- 

DJe Familie Mendelssohn. 11. 8 



114 Italien. 

tung:. Am allerschönsten sieht die Kuppel vom Pincio gesehen 
aus, hellstrahlend auf dem dunkeln Himmel, über der dunklen 
Stadt unglaublich gross." — 

Mit Ostern ist gewöhnlich der Fremdenaufenthalt in Rom 
abgeschlossen; Alles zerstreut sich, geht nach Neapel, auf die 
weitere Reise. Für Hensels sollte aber jetzt noch ein ganz 
neuer Abschnitt des römischen Lebens beginnen, vielleicht die 
glücklichste Zeit im Leben von Fanny. Zum nähern Ver- 
ständniss der mitzutheilenden Tagebuch- und Briefstellen sei 
Folgendes erwähnt: AUmählig hatte sich ein engerer Elreis 
von Bekannten und Freunden gebildet, hauptsächlich künst- 
lerisch begabte Menschen. Vor allen Dingen drei junge Fran- 
zosen, Bousquet und Gounod, musikalische Eleven der Akademie, 
letzterer der jetzt berühmte Componist, und Dugasseau, ein 
junger mehr liebenswürdiger als talentvoller Maler. Dann 
Charlotte Thygeson, eine junge sehr musikalische Dänin, Ver- 
wandte Thorwaldsen's, und fertige Klavierspielerin. Diese und 
die deutschen Künstler Magnus, Elsasser, Kaselowsky bildeten 
den Kreis der Nächststehenden, die nun auch am meisten 
Theil nahmen an dem eigenthümlich poetischen Treiben der 
letzten Wochen in Rom. 

Tagebuch. 

Donnerstag den 23sten April assen wir früh und fuhren 
nach Tisch nach Villa Miliin auf dem Monte Mario. Die 
Aussicht ist wundervoll, besonders auf dem Wege. Oben ver- 
schieben und verwirren sich die Linien ein wenig. St. Peter 
sieht man vortrefflich, der Vatican thürmt sich zu einer kurzen 
Masse. Ich üebe mehr die Ansicht vom Pincio, wo die lang- 
gestreckten Linien gar zu schön sind. Die Tiberwendungen 
mit Ponte Molle und seinem Kastell sind von hier aus schön. 
Beim Hinunterfahren ward die Beleuchtung immer glühender. 
Wir fuhren über Ponte Molle im herrlichsten Abendlicht zurück; 
jetzt, wo Alles grün ist, ist es ein Entzücken, sobald man 
aus den Strassen tritt. Abends hatten sich einige Leute an- 
sagen lassen; ich spielte viel, die Langeweile zu verscheuchen, 
welche einige englische Ladies in reichem Maasse verbreiteten ; 



Gounod. Villa Medicis. 115 

und als sie fort waren, und nur die bekannten Herren noch 
da, fing ich de plus helle an, und spielte bis Mitternacht. 
Bousquet und Dugasseau machen es mir insofern schwer, 
als sie nie eine Sache vergessen, die ich ihnen, auch vor Mo- 
naten, nur einmal gespielt; ein besseres Publikum kann man 
wirklich nicht haben. Ich schreibe auch jetzt viel; nichts 
spornt mich so als Anerkennung, wogegen mich der Tadel 
muthlos macht und niederdrückt. Gounod ist auf eine Weise 
leidenschaftlich über Musik entzückt, wie ich es nicht leicht 
gesehn. Mein kleines venezianisches Stück gefällt ihm ausser- 
ordentlich, ferner das aus hmoll, was ich hier gemacht habe, 
Felixens Duett, sein Capriccio aus amoll und vor Allem das 
Concert von Bach, das ich wenigstens schon zehnmal habe 
spielen müssen. 

Sonntag den 26sten ging ich früh mit Wilhelm in den 
Garten der Akademie. Es war entzückend schön. Wir hatten 
den Abend vorher stundenlang deliberirt, und natürlich meder 
die ganze Nacht nicht schlafen können, deshalb, ob wir nicht 
unseren Aufenthalt über den nächsten Winter ausdehnen 
sollten; endlich morgens früh trug Vernunft und Eücksichten 
den Sieg davon, aber in der Villa beschlossen wir, uns dafür 
zu belohnen und bis Ende Mai hier zu bleiben, wie der Säufer, 
der an drei Schnapsläden glücklich vorübergekommen, sich am 
vierten dafür entschädigt. Es kostet uns Beide einen schweren 
Kampf von Rom fortzugehn; ich hätte nie gedacht, dass es 
mir einen so tiefen Eindruck machen würde. Ich will mir 
garnicht verhehlen, dass die Atmosphäre von Bewunderung 
und Verehrung, von der ich mich hier umgeben sehe, wohl 
etwas dazu beitragen mag, ich bin in meiner frühen Jugend 
lange nicht so angeraspelt worden wie jetzt, und wer kann 
läugnen, dass das sehr angenehm und erfreulich ist? Es 
kommt eben Alles hier zusammen, um mich an Rom zu 
fesseln; und wie gut wäre es für meinen Wilhelm, für seine 
Arbeiten; aber es geht nicht, es ist fest beschlossen. 

Nachmittag machten wir eine wunderschöne Parthie. Wir 
hatten mit Schadow's zusammen einen Wagen genommen und 
fuhren nach Ponte Salaro^ die Herren kamen, zum Theil zu 

8* 



116 Italien. 

Pferde, nach. Von da erstiegen wir einen Hügel, von wo 
man eine herrliclie Aussicht hat nach Fönte Nomentano und 
dem ganzen Theil der Campagna mit dem Kranz von Bergen, 
an der andern Seite die Stadt, von der Einiges zwischen den 
Hügeln hervorscheint. Dann machten wir eine herrliche Fuss- 
wanderung in der frischen Kühle durch die Wiesen und Hügel 
der tiefsten Campagna, bis nach Aqua acetosa, einem Sauer- 
brunnen dicht an der Tiber. Es ist wunderschön, wenn man 
den hohen Hügel bei Ponte Salaro erstiegen hat, erst die 
ganze himmlische Gegend noch einmal übersieht, und dann 
beim Heruntersteigen eine ganz neue Seite, nach der Tiber zu, 
sich öffnet. Der Anlo ergiesst sich hier in die Tiber. Ueber 
Arco oscuro fuhren wir nach Haus. Abends zu Ingres. Ich 
hatte den Morgen die unwiderstehlichste Lust bekommen, in 
der schönen offenen Gartenhalle der Akademie einmal ein 
ordentliches Concert zu machen, und hoffte, Ingres dafür zu 
gewinnen, darum ging ich eigentlich hin ; aber seine Umständ- 
lichkeit wii'd wohl die Sache scheitern machen; „mine Fru 
de Hsebül, will nich so, als ick wol will," und wie er will, 
will ich nicht, also werden wir wohl auseinander bleiben. 



An Rebeck a. 

Gestern haben wir eine der schönsten und amü- 
santesten Landparthien gemacht; es war Kirchen- und Volks- 
fest in Santa Croce, einer Kirche, die dem Lateran gegenüber 
durch eine ungeheure Wiese davon getrennt ist, auf der das 
Volk nun den ganzen Tag hin- und herwogt. Bousquet und 
Gounod hatten uns den Abend vorher besucht, und wir hatten 
sie und Kaselowsky eingeladen, mitzufahren. Als wir eben 
fort wollten, kam ein anderer Franzose dazu, mit dem wii- in 
Venedig in einem Hause gewohnt hatten und der den Winter 
über hier war, ein sehr netter und lustiger Maler, den 
packten wir auch noch mit auf, und waren also mit dem 
Kutscher acht auf einem halben Wagen, und da waren nun 
die jungen Leute so ausgelassen, vergnügt und glücklich, die 
Gegend so hünmlisch, das Wetter so schön, dass wir einige 



Spazierfahrten. 117 

der angenehmsten Stunden verlebten, die man sich nur denken 
kann. Zuerst stiegen wir bei der Cäcilia Metella aus, um 
dort ein Echo zu suchen, wovon mir Felix geschrieben hatte. *) 
Da setzte sich jener französische Maler auf ein alt Stück 
Mauer und beantwortete unser Singen und Schreien so geschickt 
und possii-lich, dass wir uns erst täuschen Hessen, und nachher 
dem Echo nach Herzenslust zu thun gaben. Endlich fanden 
wir den rechten Punkt, und es wurden grosse Conversationen 
mit dem wahren Echo gehalten. Darauf war Apfelsinen- 
mahlzeit im Wagen, wobei eine mitgebrachte Serviette, die sie 
als Barbierserviette vorbanden, wieder Anlass zu tausend Spass 
gab, und am Ende fingen sie an zu singen. Da kam ich auf 
den Einfall, sie das schöne Lied zu lehren: „Laudon rückt 
an", und mm hättest Du die Possen sehn sollen, die sie an- 
stellten, und die ernsthafte Mühe, die sie sich gaben, die zwei 
Worte aussprechen zu lernen. EndKch gelang es und ging 
unter unendlichem Gelächter sehr gut zusammen. Beschlossen 
lisiben wir die schöne Parthie in der Villa Wolchonsky, von 
wo herab man das Menschengewühl ohne Staub und Gedränge 
übersehn konnte. — Ich habe in der letzten Zeit Mehreres 
komponirt, und meinen Klavierstückchen, die ich hier gemacht, 
Namen von hiesigen Lieblingsplätzen gegeben, theils sind sie 
mir wirklich an den Orten eingefallen, theils habe ich sie im 
Sinn dabei gehabt, und es wii'd mir künftighin ein angenehmes 
Andenken sein, eine Art von zweitem Tagebuch. Glaube aber 
nicht, dass ich sie beim Vorspielen so nenne, das ist blos für's 
Hans. — Wenn Cäcilie Gibsone imsere Gastfreiheit in der 
Fremde rühmt, so glaube ich wohl, dass wir es verdienen, 
wir haben nach unserer Art ein recht angenehmes Häuschen 

*) „Vergiss nicht das Echo bei der Cäcilia Metella,« schreibt 
er, „der Thurm steht links vom Weg; in derselben Kichtung 
etwa fünfzig Sehritt von der Strasse ab, zwischen alten Mauer- 
brocken und Steinen ist das schönste Echo, das mir in meinem 
Leben vorgekommen ist; es kann garnicht aufhören zu brummen 
und zu murmehi. Gleich hinter dem Thurm fäufift es schon etwas 
an, aber es wird graulicher, je weiter man hingeht. Du musst 
den rechten Punkt suchen." 



118 Italien. 

oder Zimmerchen hier gemacht und sind den ganzen Winter 
über, glaube ich, kaum drei Abende allein gewesen." 

Tagebuch. 

Abends kamen einige Leute , unter andern K. und T. 
K. hascht entsetzlich nach Geist, der Geist will aber garnicht 
so gütig sein, sich haschen zu lassen, und macht noch grössere 
Sprünge als K., immer vor ihm her. T. ist so langweilig, dass die 
deutsche Sprache zu arm ist, um ihn zu charakterisii'en, denn 
langweilig ist viel zu kurzweilig für ihn. Es gehört ein Wort 
dazu, bei dessen blossem Klange man einschläft. Ingres ist 
gewiss einer der schwerfälligsten Franzosen, T. aber ohne 
Zweifel ein geistreicher Holländer, daran kann man sehn, dass 
ein langweiliger Franzose immer noch kurzweilig ist gegen 
einen amüsanten Holländer. — Kurz, ich wüthete schläfrig an 
diesem Abend. — 

Sonnabend, 2ten Mai, war grosse Messe ai Greci, die 
mich höchlichst überraschte, da ich eine Katzenmusik wie bei 
den Armeniern erwartete, und eine sehr wohlorganisii'te, fest 
Tind rein gesungene, dreistimmige Kirchenmusik fand, von 
einem eigenen Sängerpersonal gesungen, welches zunächst an 
der Gemeinde stand, von einem Direktor mit der Rolle geleitet. 
Es waren zwei Bässe und ein Tenor, und die Stücke, die sie 
sangen, ordentlich dui'chgeführte Gesangstücke. Die gewöhn- 
lichen Responsorien folgender Satz: 



£ 



-u_«. 



Es klang Alles viel voller und ausgebildeter, als in der katho- 
lischen Messe, und die Ceremonien haben einen ganz eigenen 
Charakter von Grossheit und Würde, wozu auch die Persön- 
lichkeit des Bischofs viel beitragen mag, während die des 
Papstes viel verdirbt. Die Musik halte ich übrigens nicht für 
sehr alt. — Abends spielte ich Mehreres und zuletzt das 
Bach'sche Concert wieder, worüber die Leute dermassen ausser 
sich waren, obgleich sie es schon so oft gehört, dass sie mir 



Gounod. Overbeck. 119 

die Hände küssten und drückten, und sich gamiclit fassen 
konnten, namentlich Gounod, der überhaupt entsetzlich lebhaft 
ist und immer keine Worte finden kann, mir auszudrücken, 
welchen Einfluss ich auf ihn ausübe, und wie glücklich er bei 
uns sei. Die Beiden sind sehr verschieden, Bousquet ruhiger 
und zur französischen Klassicität hinneigend, Gounod hyper- 
romantisch und leidenschaftlich; dem fällt nun die Bekannt- 
schaft mit deutscher Musik wie eine Bombe in's Haus, möglich, 
dass sie grossen Schaden anrichtet. — 

Montag, 3 ten Mai früh auf der Villa.*) Himmlische Luft, 
Glockengeläut, Sonntagsgefühl. Ich kann es nicht sagen, wie 
unbeschreiblich glücklich ich mich hier fühle, ich bin lange 
schon in einer fast fortwährend erhöhten Stimmung und habe 
das reinste Gefühl von Lebensgenuss im höchsten Sinne. Die 
einzige Bitterkeit dabei ist die Nothwendigkeit, dies Paradies 
so bald zu verlassen, und meinem Wilhelm nicht mehr lange 
die Freude gönnen zu dürfen, mit Lust und Behagen nach 
dieser schönen Natur zu arbeiten. Ach, wer hier leben könnte 
und dürfte! — 

— Wii' gingen zu Overbeck, dessen heilig langweüig, 
stumpf poetisch, schlicht anmassendes Büd zu sehn. Es Messe 
sich sehr viel dpcrüber sagen, aber ich habe keine Geduld dazu. 
Nur des ungeheui'en Hochmuths muss ich erwähnen, mit dem 
der heilige Mann sich selbst, Veit und Cornelius in eine Ecke 
des Bildes als einzige Erwählte der jetzigen Zeit gesetzt hat. 
Je trouve cela colossal. Als Kupferstich wird sich das Büd 
weit besser machen, denn es ist herkömmlich aber verständig, 
und mit einer gewissen üebersichtlichkeit komponirt, die Köpfe 
der grossen Männer, aus denen Overbeck lauter alte Weiber 
gemacht hat, kann der Kupferstecher, wenn er geschickt ist, 
nach den Originalen wieder herstellen, und die schlechte Farbe 
und dürftige Malerei fällt weg. Ich muss ausdrücklich sagen, 
dass Wühelm's Meinung eine andere ist, und dass er das Büd 
viel mehr schätzt, als ich, aber ich kann nicht gut Autoritäten 



*) „Die Villa" ohne weitere Bezeichnung ist immer die fran- 
zösische Akademie. 



120 Italien. 

annehmen, nicht einmal die seinige, sondern will mit meinen 
eigenen Augen sehen. 

Donnerstag 7ten Mai verlebten vdr einen herrlichen 
Tag in Tivoli. Um ^2? Uhr Morgens wurden wir von Paulsens, 
den Veranstaltern, abgeholt, Magnus und Buti waren ausser- 
dem mit. Im herrlichsten Wetter fuhren wir den duixhaus 
schönen Weg zui' Porta San Lorenzo hinaus, immer dem Ge- 
birge zu. üeber den Taverno, die Solfatara, die schöne Brücke 
Lucano, mit dem Grabmal der Plautier, dem der Cäcilia Metella 
ähnlich, den Berg nach Tivoli hinauf, durch einen schönen 
Oelwald mit den groteskesten Stämmen, nach der Stadt. Im 
Sybillentempel abgestiegen. Nach einem sehr guten Frühstück 
bestiegen wir den Esel (mein Mann muss mir bezeugen, dass 
ich mich glorios aus der Affaire gezogen habe) und machten 
die Tour, zuerst nach der grossen Cascade, betrachteten den 
Wasserfall von allen Seiten, von oben und unten, und ritten 
dann einen weiten und schönen Weg nach der anderen Seite 
des Thals, wo man von mehreren Punkten zugleich die Cas- 
caden, die Cascatellen, und die sogenannten Cascatellinen sieht; 
die letzteren stüi^zen aus den Bergen der Villa des Mäcen in 
bedeutende Tiefe und sind, sowie die Cascatellen, wunderschön. 
Der Weg geht immer durch den Oelwald, dann hinab ins Thal 
und über eine kleine Brücke wieder dem jenseitigen Ufer zu. 
Dann geht's die Höhe hinauf nach der Villa d'Este, in der 
die wunderbarsten Cypressen stehen, die ich noch gesehen, 
unermesslich dick und hoch, und einige schöne Pinien, die Ge- 
bäude sind aber ziemlich zopfig, auch scheint das Ganze nie 
recht fertig geworden zu sein, gehört jetzt dem Herzog von 
Modena und befindet sich im Zustande der Verwesung. Dann 
begaben wir uns zu Fuss hinunter nach der Grotte der Sirenen, 
ein etwas beschwerlicher aber sehr schöner Weg, einigermassen 
appretirt, mit Geländern, Euheplätzen, Aussichten, was man 
sonst hier zu Lande nirgends trifft, und ich fühle mich schon 
genug italiänisirt, dass mich dies wenig erbaut und ich die 
gewöhnliche italiänische Lüderlichkeit vorziehe. Dann hielten 
wir im Freien, vor dem Tempel mit der Aussicht auf die Cas- 
cade, ein sehr gutes und angenehmes lustiges pranzetto; auf 



Tivoli. Gounod. 121 

Verlangen improvisirte Wilhelm ein Gedichtclien, und ich die 
Musik dazu, schrieb die Stimmen aus und sang das Liedchen 
mit Charlotte und Magnus, worüber die Leute eine kindische 
Freude hatten. Nachdem wir sehr behaglich, wohl zwei Stun- 
den bei Tisch gesessen hatten, fuhren wii' nach der Villa 
Adriana; es ist dies eine grandiose und originelle Wildniss 
von Ruinen, Ptriien, Oelbäumen und Cypressen, vom schönsten 
glühenden Abendroth verklärt. Wir liefen darin umher bis 
Ave Maria, und fuhren dann zurück im herrlichsten Mond- 
schein, unter einem wunderbar klaren Abendhimmel. Es 
fehlte wirklich dem Tage nichts, um vollkommen schön zu 
sein, und Paulsens haben uns eine grosse und sehr gelungene 
gentilezza erwiesen. 

Freitag, 8ten Mai. Nachmittags mit Wilhelm in die 
Villa, er fing an ein Studium zu malen, ich zeigte ihm die 
Aussicht vom Belvedere, die er nicht kannte. Abends Magnus 
und unsere Franzosen, oder wie sie jetzt heissen, die drei 
Capricen, indem Bousquet sich Caprice en läj Gounod Caprice 
en mij und Dugasseau Caprice en si hemolle nennt. Es ward 
wie gewöhnlich viel Musik gemacht, viel geplaudert und ge- 
lacht und spät beisammen geblieben. Bousquet zeigte mir 
seine angefangene Cantate, worin sehr schöne Sachen sind. 
Ulm, glaube ich, wird die Kenntniss deutscher Musik nur 
förderlich sein können, während Gounod dadui'ch verwirrt und 
halb toll gemacht -svird. Der scheint mir viel um-eifer, doch 
kenne ich noch nichts von seiner Musik, denn ein Scherzo, 
das er mir neulich vorspielte und fragte, ob ers mir geben 
dürfte, will ich nicht rechnen, das war gar zu schlecht, und 
mir däucht, da spukte schon deutsche Musik drin. 

Dienstag, 12ten Mai. Nach einigen vollkommenen 
Regentagen früh auf den Pincio. Die Luft so himmlisch, das 
Grün so frisch. Alles so lieb und so schön, wir so glücklich 
hier. Wie freue ich mich, dass wir noch 14 Tage hier blei- 
ben, wie gräme ich mich, dass wir nur noch 14 Tage hier 
bleiben! So, kann ich wirklich sagen, ist meine doppelte 
Empfindung jetzt. — 

Eine allerliebste irländische Familie haben wir zu guter 



122 Italien. 

Letzt noch kennen gelernt. Der Sohn hatte uns schon früher 
besucht, hat uns jetzt die älteste Tochter zugeführt und uns 
im Hause bekannt gemacht. Drei himmelhohe Töchter mit 
schönen englischen Gesichtern auf langen, schlanken Blumen- 
stengeln, Eeitermnen, Pferde- und Landschaftsmalerinnen, 
sprechen deutsch, französisch, italiänisch, alles gut, singen 
schlecht, ein langer Sohn und eine Hetze Kinder, eine freund- 
liche Mutter, ein stattlicher Vater, eine brillante Einrichtung 
im Palast Eondanini, von dem Göthe spricht. Das Meiste 
dieser Elemente ist sehr englisch, aber die Liebenswürdigkeit, 
die entgegenkommende Ereundlichkeit der Leute ist es so 
wenig, dass ich meine Verwunderung darüber nicht los werden 
konnte, bis ich erfuhr, es seien L?länder, w^o es mir denn klar 
ward. Sie heissen Palliser. Sie kennen Felix aus Frankfurt, 
und er ist ihr Alpha und ihr Omega. Die Mutter erzählte 
mir mit vielem Stolz, sie hätten ihm Chöre aus dem Paulus 
vorgesungen, darüber wird er nun nicht wunderbar erbaut ge- 
wesen sein, denn der Gesang ist, wie erwähnt, nicht das Haupt- 
talent im Hause. Das Haupttalent ist die älteste Tochter, die 
wirklich eine accomplished lady ist, eine allerliebste Person. — 
Was die Engländer anbetrifft, so giebt es keinen gröbern 
Flegel, als einen Engländer, den man nicht kennt; ich ärgere 
mich alle Tage über sie. Sie bilden hier eine so kompakte 
Masse, dass man fast sagen kann, es ist eine Bevölkerung, 
dabei aber fühlt man beständig, dass der Hintergrund nicht 
dazu passt, und so hat ihre Erscheinung hier etwas durchaus 
Beleidigendes, was gewiss in England selbst nicht Statt findet. 
Li englischen Gesellschaften zu spielen, vermeide ich, wo ii'gend 
möglich, denn wenn die Conversation auch den ganzen Abend schlep- 
pend und träge gefühlt wii'd, so animirt sie sich unfehlbar in 
dem Augenblick, wo man anfängt Musik zu machen, und lässt 
sogleich wieder nach, wenn man aufhört. Derselbe National- 
stolz, der im Volk so Grosses möglich macht, erscheint in dem 
Einzelnen oft als unerträglicher Hochmuth, und selbst wenn 
sie sich alle Mühe geben, freundlich zu sein, stellen sie sich 
gewöhnlich dazu an, wie die Bären. 

Den 13ten Mai ging ich mit Sebastian nach Santa 



Concert bei Landsberg. 123 

Maria sopra Minerva, wo die Cliristusstatue von Michel Angelo 
und viele Grabmäler, auch von Päpsten, sind. Daneben ein 
Kreuzgang mit Fresken, aus dem ich mich, nach meiner Lieb- 
haberei, von Mönchen vertreiben liess, Abends die Franzosen, 
deren Portraits Wilhelm anfing. Dabei gab's natürlich viel 
Spass. Jeder, der sass, durfte sich bei mir bestellen, was ich 
dazu spielen sollte, und so spielte ich fast den ganzen Fideüo 
durch und noch vieles Andre und zuletzt die C-dur-Sonate von 
Beethoven. Gounod war wie betrunken und sprach lauter 
dummes Zeug, und als er zuletzt in grosser Begeisterung aus- 
rief: „Beethoven est un polisson^^ meinten die Andern, nun wäre 
es Zeit, dass er zu Bett ginge und brachten ihn fort. Da war 
es wieder einmal halb eins geworden. 

Donnerstag 14ten Mai. Wilhelm schenkte mir das 
allerliebste Bildchen vom Schäferknaben, das er in wenigen 
Tagen gemalt. Abends in der Dämmerung eine Stunde auf 
dem Pincio. Der Mond leuchtete schon in der Dämmerung 
hell, gelblich und warm, wie es nun dunkler ward, erschien 
er immer heller und strahlender, dazu traten die Sterne her- 
vor, die Massen der Gebäude lagen so klar und ruliig da, 
Alles was am Tage störend scheint, geht unter in der grossen 
Einheit und Ganzheit des Lichts, dazu Millionen Glühwürmer 
im Grase und auf dem Wege, eine laue, liebe Luft, eine voll- 
kommene Stille und Ruhe, — es war unbeschreiblich, unver- 
gleichlich und unvergesslich schön. Die Augen werden mir 
nassj indem ich nur daran denke. — 

Aus einem Familienbrief. 

„Gestern Abend ist denn auch unser Tripel-Concert von 
Bach in brillanter Gesellschaft bei Landsberg höchst glorios 
und mit grösstem Beifall vom Stapel gelaufen. Ich habe Euch 
doch geschrieben, dass ich es mit Charlotte Thygeson und 
einer hiesigen, sehr guten Dilettantin einstudirte? Während 
wir es gestern vortrugen, konnte ich mich der innerlichen 
Freude nicht erwehren, das in Rom zu spielen und imserm 
Alten vom Berge hier neue Freunde und Jünger zu erwerben. 
Denn etwas Verdienst darf ich mir wohl dabei zuschreiben; 



124 Italien. 

nicht Jeder würde es ihnen fasslich und eindringlich haben 
machen können. Vorher spielte ich das Quintett von Hummel, 
wobei mir andre Gedanken durch den Kopf gingen; ich glaube, 
ich habe es seit den Studienjahren, bei Zelter, nicht wieder 
gespielt. Zum Concert von Bach hatte Landsberg drei süperbe 
Flügel von demselben Fabrikanten neben einander gestellt, die 
er von den Inglesi zurückbekommen hat, sie nahmen die ganze 
Breite seines Salons ein und sahen sehr gut neben einander 
aus. Platz war knapp. Hitze gross, aber der Abend sehr 
angenehm. — — 

Wir haben einige Eegentage gehabt und böses, schwüles 
Sciroccowetter , das indessen auf mich wenig Eindruck macht. 
Die Empfänglichkeit dafür, sowie überhaupt für hiesige klima- 
tische Einflüsse, soll sich erst bei längerm Aufenthalt ent- 
wickeln. Dasselbe ist mir von Südländern in Bezug auf 
nordisches Klima gesagt worden. Personen, die viele Jahre 
hier sind, haben mich versichert, dass sie im Anfang Thee, 
Blumen im Zimmer und dergleichen vollkommen gut ertragen 
hätten, nach und nach aber eins nach dem andern hätten ab- 
schaffen müssen. Bis jetzt trinken wir jeden Abend Thee, 
und er bekommt uns vortrefflich, auch fehlt es mir nie an 
einem Blumenstrauss im Zimmer, über dessen Wirkung ich 
noch nicht zu klagen gehabt habe. Bei dieser Gelegenheit 
muss ich Eure diätetischen Fragen beantworten. Gequälte 
Früchte*) giebt es schon lange nicht mehr, was sollte man 
quälen? Dagegen lassen wir es uns in Apfelsinen wohl sein, 
die fast das Einzige sind, was man hier nicht theuer bezahlt, 
man bekommt, jenachdem sie sind, 10, 12 auch 16 für einen 
Paolo (4 Gr.). Besser als bei uns sind sie aber nicht, im 
Gegentheil, weniger ausgesucht, alles untereinander. An Ge- 
müsen haben wir bisher grossen Mangel gelitten, seit einer 
Woche aber giebt es vortreffliche Schoten und gute Erdbeeren, 
aber nicht so gut, als in unserm Garten; die sollen in Neapel 
köstlich sein. Mein Mann schwelgt noch ganz besonders jeden 
Tag im Genuss einer Fenchelwurzel, deren Kultur wir suchen 



*) So nannte Hensel Compotte, Eingemachtes und dergleichen. 



Rom in Mondschein. 125 

wollen, in Berlin zu befördern, denn Ihr habt keinen Begriff 
davon, wie gern er die isst. Ich habe es ihnen nicht abge- 
winnen können, sowenig, als dem gerühmten Caprettobrätchen, 
für das er ebenfalls eine grosse Zärtlichkeit hat ; es schmeckt, 
wie wilder Hammel. Vor Allem am besten aber schmeckt mir 
hier die Luft. Ich kann nicht aufhören, sie zu loben und zu 
lieben. 

Tagebuch. 

16ten Mai. Früh mit Wilhelm nach Villa Wolchonsky, 
die Parthie dorthin für den Dienstag zu verabreden. Ein 
Paradies! Diese Masse von Rosen zwischen den Ruinen, den 
Cypressen, den Aloes, Alles Fülle, Alles üppige und doch ernste 
Schönheit. Es ist ein himmlisch Plätzchen und wenn die 
schon so oft verschobene Parthie gelingt, dann kann sie einzig 
werden. Diesen Abend steht uns die schöne Mondscheins- 
Coliseums-Parthie bevor. 

ITten Mai. Unsere gestrige Parthie wurde ganz anders, 
als wir erwartet hatten, aber sehr genial. Sonnenuntergang 
und Mondaufgang waren sehr schön und Niemandem fiel ein 
Zweifel ein. Magnus und Landsberg kamen gegen Abend. 
Um neun kamen unsere Franzosen und Bousquet stellte einen 
vierten vor. einen Violinisten der komischen Oper, Terry; 
darauf verfinsterte sich der Mond dergestalt, dass wir die 
Hoffnung auf unsere Parthie aufgeben und den Wagen unter 
vielem Jammern uud '^'^hklagen abbestellen mussten. Das 
war sehr „öklich" ; ich musste nun spielen und habe in langer 
Zeit nicht so schlecht gespielt, als ,^les adieux, Vabsence et le 
retour^'- , der Fremde genirte mich. Nachher spielte ich noch 
Mehreres aus Fidelio; schon beim Anfang der Sonate hatte 
sich der Himmel etwas aufgeheitert, gegen halb zwölf ward 
es ganz klar und sogleich beschlossen wir unter allgemeinem 
Freudengeschrei, nach dem Coliseum zu gehen. Wir nahmen 
den Weg über Fontana Trevi, die wirklich auch selir schön 
im Mondschein aussieht, Monte Cavallo, das war göttlich, die 
Colossen und die Fontaine in diesem Lichte, ich habe nichts 
Wunderbareres gesehen; der ganze Platz und die Fernsicht 



126 Italien. 

war auch herrlich. Dann hinunter nach der Colonna Trajana, 
durch die Basilica des Konstantin, an deren Rückseite ein 
selir poetisches Madonnenlämpchen brannte, nach dem Forum. 
Alles sah ganz wundervoll aus und nun gar das Coliseum! 
Der Mond war abwechselnd heiter und bedeckt, was ein 
wunderschönes Schauspiel gewährte. Nach ziemlichem Aufent- 
halt gingen wir über das ganze Forum zurück. Gounod 
kletterte auf einen Akazienbaum und warf uns Allen blühende 
Zweige herunter, so dass wir einhergingen, wie der Wald von 
Dunsinan; ich nahm unterwegs meine Haube ab, wie Cecile 
im Cotillon, aber nicht, um sie zu kopiren, wir stiegen aufs 
Capitol , dann nach dem Pantheon , das ungemein still und 
ernsthaft dastand, über Moncitorio und Piazza Colonna. Hier 
fing Einer an, das Concert von Bach zu singen und wir fielen 
Alle im Chor ein und marschii^ten im Takt, kurz, wir durch- 
zogen Eom ein wenig, wie die betrunkenen Studenten, und 
heut schäme ich mich nachträglich vor dem Fremden, der 
mich zum ersten Mal gesehen hat und erst den Tag vorher 
in Rom angekommen ist, der hat schön angefangen. Um 
halb zwei kamen wir nach Haus, wir schlafen jetzt fast 
gar nicht. 

Sonntag den 17ten waren wir denn doch etwas müde 
und nicht unzufrieden, dass eine mit Schadow's verabredete 
Parthie nach Veji sehi' schlechten Wetters wegen unterblieb. 
Abends waren wir bei Schadow's recht angenehm und ich 
unterhielt mich viel mit Reinick, der sehr nett ist. Nachher 
hatten wir noch ein wunderschönes Abenteuer. Vor Schadow's 
waren wir auf den Pincio gegangen und hatten uns an milder 
Luft und an Millionen Glühwürmern erfreut ; als wir nach eilf 
wieder heraustraten, lockte uns der helle Schein des jetzt spät 
aufgehenden Mondes abermals auf Trinitä. Da begegneten wir 
Dugasseau, der von Ingres kam und sehr verwundert uns zu 
sehn, mit uns umkehrte. Vor der Akademie angekommen, setzte 
er uns zu, mit in den Garten zu gehn, es wäre da so wunder- 
schön, und da wir unschlüssig waren, ging er unter Gou- 
nod' s Fenster, der im Entresol wohnt, imd rief ihn an, er 
möchte herunterkommen, es wären ein Herr und eine Dame 



Mondscheinspaziergänge. 127 

da, die ilin verlangten. Gounod kam an's Fenster und 
rief herunter: Bah^ eile est honne^ votre dame, je voud/rais hien 
la voir! er hielt mich für einen verkleideten Pensionair. Unter- 
dessen war aufgeschlossen worden und während wir in den 
Garten gingen, der wirklich zaul3erhaft schön aussah, holte 
Dugasseau Gounod herunter, der sich geschwind wieder ange- 
zogen hatte, Bousquet schlief schon lange und wurde dafür 
von den Andern verhöhnt. Als wir lange im Garten gewesen 
waren, fiel ihnen ein, wir müssten auch in's Bosquet, und ehe 
wir uns versahen, sprang Gounod nach seiner Stube, holte den 
Schlüssel und wir stiegen durch das Wäldchen aufs Belvedere. 
Nein! etwas zauberischer Schönes habe ich noch nie gesehen, 
als die Aussicht von da oben im Mondlicht; alle näheren 
Gegenstände, z. B. die Gebäude und Baumparthieen in Villa 
Borghese sah man klar, wie am Tage, von den Bergen hinten 
einen deutlichen Schatten, St. Peter ganz bestimmt und scharf. 
Der Obelisk und die Kii'che von Trinitä machten sich auch 
prächtig. Und nun das Wäldchen selbst von der Terrasse aus, 
die hellen Lichter durch die dunkeln Bäume — es war himm- 
lisch! — Dugasseau war sehr lustig und komisch und liess 
Gounod nicht zur Emphase kommen, der sich immer hinein- 
begeben wollte. „«/^ n^ai jamais commis de vers''\ sagte er 
ganz ernsthaft. Wir trennten uns wirklich schwer von dem 
zauberhaften Ort und es war richtig wieder halb zwei als wir 
zu Haus kamen. — 

Was habe ich nicht hier in Rom schon durchgelebt und 
durchempfunden! Bei diesen lustig durchwanderten, hellen, 
südlichen Mondnächten fiel mir hundertmal die erste Nacht von 
Wilhelm's Krankheit ein, wo ich in tödtlichen Sorgen an seinem 
Bett sass. Bei aU diesem Wechsel und dem vielen Erlebten 
fühle ich mich hier nicht älter, sondern jünger geworden. An 
solcher Eeise erwirbt man einen ewigen Schatz. 

Familienbrief. 

Villa Wolchonsky, 20 sten Mai 1840. 
„Wir machen uns einen guten Tag, einen wahrhaft 
poetischen Tag, und er soll nicht vergehen, ohne, dass Eurer 



128 Italien. 

gründlich und herzlich gedacht werde. Dieser Tag könnte im 
Decameron stehn, denn erlaubt ist, was gefällt, da aber nur 
gefällt, was sich ziemt, so könnten wir vor dem Tribunal der 
Prinzessin bestehu. Dies bezeugen alle Anwesenden." (Folgen 
die Unterschriften und einige Worte von der Thygeson, Bousquet, 
Dugasseau, Magnus, Kaselowsky, den beiden Elsasser's, Sohn 
und Vater Hensel, der schliesst: „Zum Schluss sage ich, dass 
der Tag froh beschlossen, wie er angefangen; Fanny, die als 
Königin des Festes von ihrem geistigen Thi'one Alles überschaut, 
mag beschi-eiben und hat die Ergebnisse unseres Fleisses als 
Tribut in Empfang genommen. So mag sie auch noch diese 
Lust zu andern Freuden tragen!") — Fanny fährt dann fort: 

Rom, 20 sten Mai. 

Liebe Mutter und liebe Geschwister! 
Wir haben einen Tag erlebt, wie er wohl in Romanen 
vorkommt, in der Wirklichkeit aber gewiss nur einmal im 
Leben gelingt, einen durchaus poetischen Tag, wovon mir jede 
Minute unvergesslich bleiben wird. Alle Anwesenden haben 
sich oben unterzeichnet, es waren sechs Maler, ein Musiker, 
zwei Dilettantinnen und Sebastian. Unser zweiter französi- 
scher Musiker Gounod, den ich sehr gern dabei gehabt hätte, 
weil ich wenig Menschen kenne, die sich so herzlich und glück- 
selig amüsiren können, wie er, wurde krank und konnte nicht mit- 
kommen. Seit dem 1 1 ten April, wo die Parthie eigentlich 
schon sein sollte, war sie noch oft beschlossen und unsichern 
W^etters wegen wieder verschoben und vorgestern noch war 
ein Regentag, so dass wir zweifelhaft waren, ob sie diesmal 
stattfinden könnte. Allein es stieg die schönste, klare Sonne 
auf, und um sieben ging Wilhelm mit Kaselowsky, Elsasser's 
und Sebastian voraus, um neun fuhr ich mit Charlotte Thygeson, 
Bousquet und Dugasseau nach, ein Karren, mit einem Esel be- 
spannt, fülirte Geschirr und Esswaaren hinaus. Als wir an- 
kamen, fanden wir schon alle Maler im Garten zerstreut und 
beschäftigt, denn es war vorher bestimmt worden, dass Jeder 
fleissig sein sollte, und Alle hatten mir ilire Arbeiten zugedacht, 



Villa Wolchonsky. 129 

ein Gesetz, das Magnus allein übertreten und den ganzen Tag 
nicht gearbeitet bat. Wir Musiker sollten uns gegenseitig 
Aufgaben stellen, ich brachte für Bousquet ein italiämsches 
Gedicht mit, woraus er ein recht hübsches Duettchen gemacht 
hat, und er für mich einen Band Lamartine, aus dem ich ein 
Paar Strophen komponirte. Um Mittag ward gefrühstückt in 
einer sehr geräumigen Strohhütte, von der man nach allen 
Seiten die schönsten Aussichten hat, und da war es sehr lustig, 
wie einer nach dem Andern mit seinen Arbeiten herbeikam. 
Elsasser hat eine sehr schöne Aquarelle gemacht, Wilhelm ein 
Studium in Oel, Kaselowsky und Dugasseau Zeiclinungen, ich 
bringe das Alles mit, und Ihr werdet dadurch einen Begriff 
von dem Reichthum des himmlischen Plätzchens bekommen. 
Bei dem Frühstück übereilten wir uns eben nicht, wie Ilir 
denken könnt, und nachdem wir wohl ein Paar Stunden aufs 
Erquicklichste dabei verthan, zerstreute man sich wieder nach 
Zufall und Laune. Charlotte, Magnus, Bousquet und ich blieben 
zusammen, setzten uns im Schatten der Euinen des Aquädukt 
vor eine Rosenhecke und probirten zwei-, drei- und vierstimmige 
Lieder von Felix und mii\ Nun werdet Ihr aber lachen, wenn 
ich Euch erzähle, wie diese Lieder besetzt waren, aber ein 
Schelm macht's besser, als er kann: den Sopran sang ich! und 
den Bass Bousquet, der eigentlich so wenig eine Stimme hat, 
als ich, wenn er aber eine hat, so ist's eine Tenorstimme, und 
Deutsch weiss er gar nicht. Trotz dieser Bahn mit Hinder- 
Eissen trugen wir einige Lieder gar nicht übel vor, eins aber, 
das ich den Tag vorher zu dem Zweck komponirt hatte, wollte 
nicht recht gehen und kann einmal in unserm Garten dienen. 
Gegen vier bezog sich der Himmel und es kam ein Gewitter 
heran. Wii' waren nach der nahen Villa Massimi gegangen,^ 
wo Fresken neuerer Deutscheu sind, mussten uns aber vor dem 
Unwetter flüchten und nahmen Posto in dem Saal der Villa 
Wolchonsky, der sehr hübsch und elegant eingerichtet ist mid 
nach melu-eren Seiten grosse Fenster mit göttlichen Aussichten 
hat. Von hier aus sahen wii^ die prächtigen Gev\l' tevTekte 
auf der unvergleichlichen Landschaft. Dann ginge i v zu 
Tisch, und Jette's Küche fand bei allen Nationen ungetheilten 

Die Familie Menclelssohn. II. 9 



130 Italien. 

Beifall. Wir sprangen aber alle Augenblicke auf, um an's 
Fenster, oder aufs Belvedere zu gehen, denn auf das Unwetter 
folgte der wunderbarste Kegenbogen, den ich je gesehen, voll- 
ständig doppelt und von einer blendenden Farbengluth; er 
überspannte grade mein geliebtes Albanergebii'ge und blieb 
wohl eine halbe Stunde sichtbar. Ehe wir mit dem Essen 
fertig waren, hatte sich das Wetter wieder vollständig auf- 
geklärt, und wir konnten im Garten Kaffee trinken. Gegen 
Abend kamen Paulsens hinaus, die Herren machten eine Boccia- 
parthie, und wir gingen im Garten spazieren, bis es ganz 
dunkel war und die Glühwürmer zu leuchten anfingen. Dann 
setzten wir uns wieder in eine andere Rosenlaube mit Licht 
(erleuchtete Eosen sehn garnicht übel aus) und trugen unsere 
am Vormittag probirten Lieder vor. Ganz spät gingen wir 
wieder in den Saal, tranken Thee und spielten eine kleine 
Lotterie aus, die wir bereitet hatten. Der Hauptgewinn war 
em Kupferstich nach Raphael, dann eine Börse, die ich ge- 
häkelt, und mehrere meiner hier beliebten Klavierstücke, die 
ich möglichst zierlich abgeschrieben hatte. Das Schicksal er- 
wies sich aber höchst ungeschickt, meine drei Klavierstücke 
fielen alle in die Familie Paulsen, und das Beste an den 
Obersten, der halb blind und unmusikalisch, aber mein grosser 
Verehrer ist. Indessen, denke ich, wii'd die Thygeson sie 
nehmen, und dann sind sie wohl aufgehoben; Magnus bekam 
den Kupferstich, den er gar nicht brauchen kann, da er in 
einigen Wochen abreist, und die Herren, die für mich gear- 
beitet, erhielten alle Nieten, römische Briefbogen. Die Folge 
davon ist, dass ich mehrere meiner Stücke noch mehrmals ab- 
zuschreiben versprechen musste. Gegen Mitternacht kamen 
wir nach Hause, alle herzlich vergnügt über den schönen Tag. 
Einen so vollkommen gelungenen Festtag habe ich aber wirklich 
noch nicht gesehn; kein störender Zufall irgend einer Art, 
selbst das Ungewitter nur dazu dienend, unsern Genuss zu er- 
höhen, keine müssige Minute, den ganzen Tag lustiges oder 
ernstes, aber immer geistreiches Gespräch, ich glaube, es war 
Keiner von uns, dessen Fähigkeiten nicht für den Augenblick 
erhöhet gewesen wären. Beckchen, wie würdest Du Dich 



Villa Wolchonsky. 131 

gefreut haben ! Ob ich wohl den Euch Unbekannten von Euch 
erzählt habe? 

Was an der Villa Wolchonsky so ganz besonders ist, 
das ist, wie L. von Rom zu sagen pflegte ^die Lage von des 
olle Loch." Die Villa selbst ist kein Palast, sondern ein ein- 
faches Haus von der für mich so reizenden, itaUänischen, 
unregehnässigen Bauart, die Treppe ganz frei und aussen 
sichtbar. Der Garten wird der Länge nach von den Ruinen 
der Wasserleitung durchschnitten, welche zu den mannig- 
faltigsten Anlagen benutzt sind, Treppen führen in die Bogen 
hinauf, und oben sind Sitze; Büsten und Statuen stehen über- 
all in den alten Mauern, fast von Epheu überdeckt, Rosen 
klettern allenthalben bis zum Gipfel hinauf, Aloes, indische 
Feigenbäume, Palmen, Säulenkapitäle, alte Gefässe, Fragmente, 
das lebt, wächst, fäUt, Alles über- und untereinander, und 
Millionen Rosen jeglicher Gestalt, Rosenlauben, -Hecken, 
-Büsche, -Bäume umwuchern und beleben das Ganze. Be- 
sonders wunderschön sehen sie aus, wenn sie sich an die Cy- 
pressen anlehnen, Hir glaubt nicht, wie poetisch und reizend 
das ist. Ueberhaupt ist alles Schöne hier ernst und ergreifend, 
es giebt in der Natur gar nichts Kleinliches, oder Niedliches; 
was man derart sieht, haben Alles die Menschen mit ihrem 
üngeschmack der letzten Jahrhunderte hineingebracht, die 
Natur hat AUes grossartig angelegt, und früher auch die 
Menschen, und ich kann mich über fast Nichts freuen, ohne 
dass mir die Tkränen dabei in den Augen stehen. Ueberhaupt 
hat mein mich jung fühlen hier einen starken Beigeschmack 
von altem Weibersommer , denn ich habe immer das weh- 
mtithige Nebengefühl von der Vergänglichkeit aller schönen 
Zeit, und besonders der schönen Lebenszeit, und das hat man 
doch nicht, wenn man wirklich jung ist, und sich so fühlt. 
Aber wie dem auch sei, ich geniesse die Gegenwart unbe- 
schreiblich, nur auf meine Weise, und ich weiss, Ihr gönnt es 
uns Alle, Allen. Werdet nur nicht ungeduldig, wenn wir 
zurückgekommen sind, und immer und immer von Italien 
sprechen werden, ich kann nicht versprechen, es nicht zu 
thun, meüi Herz ist zu voll davon, — Nun steht uns noch 

9* 



132 Italien. 

^in schöner Tag bevor, ein Gegenstück zur Villa Wolchonsky, 
ich will aber nicht eher etwas davon schreiben, bis er glück- 
lich vorüber ist; aus Neapel erzähle ich Euch davon, denn 
aus Rom vidrd dies wohl der letzte Brief sein. Nein, Beckchen ! 
wir geben nicht wieder vierzehn und noch einmal vierzehn 
Tage zu, obgleich sie uns gestern bei Ingres fast todtgequält 
haben, und uns eine Petition überreichen wollten, von der 
ganzen französischen Akademie unterzeichnet, und obgleich es 
mir mein Mann anlieimgegeben hat, und obgleich am ISten 
Frohnleichnamsprozession ist, und am 21sten ein Theil der 
neuen St. Paulskirche eingeweilit wird! Wir haben Seelen- 
stärke und reisen ab ; der Wagen ist schon reparirt. — Einst- 
weilen aber leben wir die himmlischsten Tage und Nächte, 
denn ich muss es nui' sagen, wir schlürfen die Neige der köst- 
lichen Zeit so vollständig, dass wir nur ein Minimum von 
Schlaf zu uns nehmen, und die halben Nächte mit Spazieren- 
gehen, oder Zeichnen und Musikmachen hinbringen. Ich kann 
es jetzt gar nicht gut unter Dach aushalten, selbst im Vatikan 
bin ich in Ewigkeit nicht gewesen, des Abends kann mein 
Mann mich nicht in die Stube bekommen, noch auf der Schwelle 
des Hauses stehe ich still und graule mich vor Stubenluft. 
Habt aber keine x\ngst, wii- sind weder nervös aufgeregt, noch 
abgespannt, sondern ganz ruhig und vollkommen gesund; und 
nur das Bewusstsein des nahen Endes dieser schönen Zeit, und 
zugleich die himmlische Luft lässt uns den Schlaf nicht ver- 
missen. Ach! wie schön ist das Leben! wie schade, dass 
man's alle Tage mehr abnutzt ! Könnte man doch zu manchen 
Tagen sagen: Halt! steh' ein bischen still, lass dich näher 
besehen! — Adieu, liebste Mutter, und liebste Geschwister, 
wahrscheinlich adieu aus Rom!" — 

Tagebuch. 

„Donnerstag 28sten Mai, Himmelfahrtstag. Früh ging 
Wilhelm zu Soutzos*) und brachte ihm seine sehr schönen 



*) Ein schöner junger Grieche, der in der letzten Zeit zu dem 
intimeren Kreise gehörte. 



Benediction im Lateran. -'133 

Skizzen und Ac[uarellen wieder und schloss Freundschaft mit 
ihm. Gegen elf fuhren wir nach dem Lateran, die Benediction 
zu sehen. Es war prächtig, der Platz mit Landvolk bedeckt, 
die Treppe unter der Mosaiknische voller Weiber, der Himmel 
und die Berge und die lieben Ruinen, Alles so duftig und 
warm, so poetisch und herrlich. Wir hielten im offenen Wagen 
mehrere Stunden in grosser Hitze, aber ich kann nicht sagen, 
dass es mir lästig geworden wäre. Der Anblick war unendlich 
schöner als bei St. Peter, die Umgebungen sind hier so wunder- 
bar reizend. Der Wind trug von der Kirche her, und man 
konnte des Papstes Stimme deutlich verstehen. AVillielm ging 
unter das Volk und zeichnete sehr viel, Soutzos kam mit seiner 
Mappe, und Dugasseau, der von den Mauern eine Ansicht der 
Lage der Villa gezeichnet hatte für mich, als Nachtrag zu 
Wolchonsky, stieg ein und fuhr mit uns zurück. Da kamen 
die Landmädchen, die Wilhelm gezeichnet hatte, und erkannten 
ihn, lachten, gingen neben dem Wagen her, er sprach mit 
ihnen, gab ihnen Geld, und zeichnete weiter, es war sehr nett, 
und der Vormittag klassisch. Als wir bei Tische waren, kam 
Elsasser, der mir sein Bild des protestantischen Kirchhofs 
brachte. 

Sonnabend 3 Osten Mai , Nachts halbzwei Uhr vorbei. 
Der heutige Tag verging mit Packen der grossen Kiste und 
mehrerer Koffer. Kaselowsky ass bei uns zur Henkersmahlzeit 
vortreffliche Krebse, die er künstlerisch beurtheilte, und wir 
tranken eine Flasche Orvieto dazu. Nachmittags packte ich 
wieder, immer zwischendurch Besuch, gegen Abend gingen 
wir hundmüde noch ein wenig auf die Passegiata; es war den 
ganzen Tag Scii'occo gewesen, gestern auch, alle Leute 
schliefen und klagten. Niemand konnte sich aufrecht erhalten. 
Heut Nachmittag hatten wir ein Gewitter, gegen Abend war 
es schwül, aber schön. Mit Glühwürmern kamen wir nach 
Hause, es waren unterdess eine Menge Besuche dagewesen, 
der alte Santini erwartete uns noch und nahm Abschied. 
Dann waren wir einen Augenblick allein, bis neun ungefähr. 
Da kam Dugasseau, bald darauf Bousquet und Gounod und 
Charlotte. Ich war sehr müde und verstimmt, und um nicht 



l^ Italien. 

wieder ins Weinen zu gerathen, ging ich ans Klavier, und 
spielte die beiden Allegri der Fmoll-Sonate von Beethoven. 
Unterdess fing Wilhelm an, Lichter auf die Portraits der drei 
zu setzen, und ich versprach Bousquet, wenn er artig sässe, 
nachher noch einmal das Allegro der Bdur-Sonate. Da- 
zwischen spielte Charlotte ein paar Stücke. Hierauf hielt ich 
mein Wort, und spielte das Allegro aus B dur und zwei Lieder 
von Felix, und eben fiel Gounod mir zu Füssen, mich um das 
Adagio zu bitten, als Bellay's und Bruni's kamen. Elsasser 
und Kaselowsky waren auch da. Elsasser hatte die allerliebste 
Idee, eine kleine Landschaft unter sein Portrait zu zeichnen, 
und sass mit dieser Arbeit am Klavier. Wilhelm zeichnete 
die Bruni. Ich spielte die Sonate aus Cis moU und zwei Stücke 
von Felix, hierauf bat Elsasser um die Sonate aus As dur, mit 
den Variationen, und ich hatte eben die ersten beiden Sätze 
gespielt, als unten auf der Strasse Gesang ertönte, und uns 
ein allerliebstes Ständchen gebracht ward. Landsberg, Magnus, 
Baron Bach, Quatrocchi, Schanzkj^ und Bruni standen mit 
Lichtern im Thorweg gegenüber, und sangen sehr hübsch imd 
rein drei vierstmimige Lieder. Wilhelm ging hinunter und 
holte sie herauf; ich sollte ihnen nicht das letzte Wort lassen, 
und spielte das E dur-Liedchen ohne Worte, dann sang Madame 
Bellay zweimal meine italiänische Cavatine, Wilhelm zeichnete 
Bruni als Maske auf das Portrait seiner Frau, et pour finir 
spielte ich das Concert von Bach, und nach halbzwei ühi' ging 
die Gesellschaft dankbar, gerührt, erfreut, aufgeregt aus- 
einander. Ich schrieb noch mein Tagebuch und ging gegen 
drei zu Bett." 

Brief und Tagebuch. 
^Sonntag, Slsten Mai, waren wir eingeladen, den ganzen 
Tag, vom Kaffee des Morgens an, auf der französischen Aka- 
demie zuzubringen, um meinem Wunsch gemäss in der wunder- 
schönen Gartenhalle zu musiciren. Das Wetter, welches zwei 
Tage lang trübe und schwül gewesen war, hatte die Güte, uns 
unbeschreiblich zu begünstigen, und der Tag gehörte entschieden 
zu den unvergesslich angenehmen. Der Garten der Akademie, 



Fest in der französischen Akademie. 135 

der gewöhnlich öffentlich ist, war für das Publikum geschlossen 
und Ingres hatte nur die Hausgenossen und Habitues und 
einige unserer Freunde eingeladen, z. B. Elsasser und Kase- 
lowsky, und als ich mein Bedauern bezeigte, dass Charlotte 
Thygeson nicht dabei wäre, wurde sie auch herbeigeholt und 
blieb den Rest des Tages mit uns. Ich versichere Euch, es 
ist ganz nett bei Springbrunnenrauschen zu musiciren, ich bin 
nicht leicht so vergnügt gewesen als an dem Tage, Papa In- 
gres war im siebenten Himmel, soviel Musik hören zu können, 
und einigen Beethoven zu begleiten, obgleich es dabei zwischen uns 
immer einen kleinen stillen Krieg gesetzt hat, denn ich rannte 
davon und er zoppte zurück, und wir bissen uns gewissermassen 
musikalisch. Bis zum zweiten Frühstück ward fast unaus- 
gesetzt gespielt, die bärtigen Schlingel lagen dabei auf den 
Treppen und Säulenpostamenten und wunderten sich den 
ganzen Tag, dass man sich den ganzen Tag so amusiren könnte, 
dazu mussten wir erst aus Berlin kommen, um sie das zu leh- 
ren, wie man sich im göttlichsten Lokal der Welt die Zeit 
angenehm vertreibt. Dann ward eine Weile angenehm gedäm- 
mert und sehi' reichhaltig gefrühstückt. Nach dem Frühstück 
ward nui' abwechselnd Musik gemacht, dazwischen im Garten 
spazieren gegangen, in meinem Lieblingswäldchen gesessen und 
vierstimmige Lieder probirt. Ingres führte uns in sein Atelier, 
das vielbesprochene Bild zu sehn, das schon, als wir ankamen, 
in vierzehn Tagen fertig sein sollte. Es ist schön komponirt, 
edel gedacht, aber ungemein schwach in Farbe wie in Zeich- 
nung, und noch lange nicht fertig. Wir besahen Vernet's tür- 
kisch eingerichtetes Zimmer, bestiegen den Thurm der Villa, 
wo ich noch nie gewesen war, und wo ich die ganze Herrlich- 
keit bei Sonnenuntergang zum letztenmal ansah, nicht ohne 
viele Tliränen. Darauf stiegen wir hinunter, das Instrument 
war in den grossen Saal gerückt worden, es war tiefe Däm- 
merung, und es bemächtigte sich eine wunderliche Stimmung 
der ganzen Gesellschaft. Ich präludii'te lange Zeit gedämpft, 
ich wäre nicht im Stande gewesen, stark zu spielen, alles sprach 
leise, und jeder fühlte sich durch jedes Geräusch verletzt. Ich 
spielte das Adagio aus dem gdur-Concert, das aus der eis moll- 



136 Italien. 

Sonate und den Anfang- der grossen aus fismoll. Charlotte, 
Bousquet und Gounod sassen dicht um mich her. Es war eine 
Stunde, die ich nicht vergessen werde. Hierauf gingen wii* 
zu Tisch, dann auf den Balcon, wo es himmlisch war. Un- 
glaubliche Sterne und Lichter in der Stadt, und Glühwürmer, 
und eine lange Sternschnuppe, eine ferne, auf einem Berge lie- 
gende, erleuchtete Kirche, und laue Luft, und tiefe, innere Be- 
wegung in uns Allen. — Wir stellten uns an ein Ende des 
Saals und sangen die Lieder, die ausserordentlich gefielen. Zu 
guter Letzt musste ich auf Begehren vielfacher Art noch die 
Phantasie von Mozart, und die Capricen eins und zwei wieder- 
holen, hierauf wurden noch einmal die Lieder gesungen — es 
war Mitternacht und unsere Zeit zu Ende: „Sie weinen, und 
wissen selbst nicht warum?'' Das war unsere letzte Musik 

in Eom. 

Ein zärtliches Embrassement von Ingres hätte ich mir 
noch eher gefallen lassen, wenn nicht die jungen Leute alle 
dabei gestanden hätten, für die das wohl ein walu^es Gaudium 
gewesen sein wird. Ich kann wohl sagen, dass wir ihnen den 
besten Tag gemacht haben, den sie unter Ingres ganzer Lei- 
tung gehabt." 

Tagebuch. 

Montag, Isten Juni 1840. Vormittags gerechnet, genäht. 
Besuche bekommen, gepackt. Wilhelm ging noch aus und 
zeichnete die Pallisers ein wenig weiter, allerliebst. Nach- 
mittags alle Freunde, um fünf fuhren wii' aus, erst zu Angri- 
sani, Pferde bestellen, dann nach St. Onofrio, die göttliche 
Aussicht sehn, nach Villa Pamfili, wo wir gegen Sonnenunter- 
gang ankamen : die Pinienbäume golden in Gluth getaucht, die 
ganze Stadt in Duft, die Berge wunderbar im Ton, das Alba- 
nergebirg glühend violett, die Ortschaften darauf rosig. Wir 
blieben bis nach Sonnenuntergang und fuhren dann hinein nach 
Aqua Paola und St. Pietro in Montorio. Einen so himmlischen 
Abend habe ich vielleicht noch nie gesehn, als diesen letzten 
in Eom; ich möchte gern etwas davon aufsclu^eiben, mii^ selbst 
zur lebhaften Erinnerung, aber ich weiss es nicht anzufangen. 



Abschied von Rom. 137 

Das reine rothe Gold hinter St. Peter, das glühende Violett 
der Albanergebirge und die unbeschreiblich reiche und grosse 
Tonung der Luft und aller Gegenstände zwischen diesen beiden 
Punkten, was soll man davon sagen! — lieber der Kirche 
stand der Neumond, nach der Seite von St. Paul der Jupiter, 
die andern Sterne waren noch nicht sichtbar. Auf der Treppe 
vor der Kiixhe standen vier braune Mönche, die Thüre war 
noch offen, ich trat einen Augenblick hinein, nie hatte mich so 
ein inneres Gefühl iu die Kiixhe getrieben. Dann gingen wir 
in die Ecke des Platzes vor der Kirche, wo man St. Peter noch 
besser sieht. In der Stadt wurden die Lichter angesteckt, der 
Abend war angebrochen, Ave Maria wurde geläutet, und unser 
letzter Tag in Rom war abgelaufen. 

Den ganzen Abend gingen Besuche ab und zu, Madrazo, 
Landsberg, Magnus, Kaselowsky, Elsasser; Soutzos kam noch 
spät und brachte mir eine Zeichnung, "Wilhelm schrieb ein 
sehr schönes Gedicht für ihn nieder, ich versprach ihm von 
Neapel aus ein Lied, er war überaus gerührt und w^eich; er 
niuss irgend ein Leiden haben, wahrscheinlich unglückliche 
Liebe, der Mensch ist gar zu rührend und melancholisch, „Leb- 
haft und stille" sagt Elsasser nicht übel von ihm. Kaselowsky 
zeichnete noch Wilhelm für das Künstleralbum, und eben, zwölf 
Uhr gingen sie weg, und Mandolinen und Castagnetten durch- 
ziehn die Strassen. 

Und eine herrliche, liebe, reiche Zeit ist verflossen! W^ie 
soll man denn Gott genug danken für eine zweimonatliche, 
ununterbrochene Glückseligkeit! Die reinsten Genüsse, deren 
ein Menschenherz nui^ fähig ist, haben sich gefolgt, fast keine 
störende Viertelstunde in dieser ganzen Zeit. Kein Schmerz 
als der, dass die Zeit verging. Das letzte Lebewohl von St. 
Pietro in Montorio wurde uns nicht leicht. Aber ich habe ein 
ewiges, unvergängliches Bild in der Seele, das vor keiner Zeit 
verblassen wird. Ich danke Dir, o Gott! — " 



Neapel bis Berlin. 



„Ich habe viel nachzuholen, konnte während der Eeisetage 
nicht schreiben, nicht einmal notiren, da ich kein Buch hatte 
und die einzige freie Zeit in Albano benutzte, nach Haus zu 
schreiben, wozu ich noch eine fast unüberwindliche Müdigkeit 
habe überwinden müssen — und nun sitzen wir in Neapel, 
und der erste Anblick ist bei Sciroccoluft, Nebel, farblos." — 

So lautet die erste Tagebuchnotiz nach der Abreise von 
Kom, und sie ist charakteristisch, gewissermassen symbolisch 
für die Fortsetzung der Reise. Der Höhepunkt war über- 
schritten; wenn auch aus dem Folgenden sich ergeben wird, 
dass Fanny Neapel und allem Schönen, was sie noch sehen 
sollte, volle Gerechtigkeit widerfahren liess, da'ss Auge und 
und Sinn noch empfänglich und offen waren, so war es doch 
eben nur das Auge und nicht mehr das Herz; das hing an 
Rom und stand, nachdem dies herrlichste Reisekapitel abge- 
schlossen war, nach Hause. Fanny bewunderte noch die ausser- 
ordentlichen Schönheiten, aber die hohe Begeisterung, das tief- 
innere Glück, was sie in Rom empfunden, war der pflicht- 
mässigen Reisearbeit des Sehens und der Sehnsucht nach Ruhe 
gewichen. 

Den 2ten Juni 1840 wurde Rom verlassen. Die Freunde 
nahmen herzlichen Abschied, Bousquet fuhr noch mit in's 
Albaner Gebirge und durchstreifte dasselbe mit Hensels nach 
allen Richtungen. Die Gespräche drehten sich vielfach um 



Gonnods religiöse Schwärmerei. 189 

die durchlebte schöne Zeit in Rom, und die daselbst zurück- 
gelassenen Freunde. 

Tagebuch. 

„Gleich hinter dem Campo Annibale fängt ein erquicklicher 
Waldweg an, der bis zum Gipfel des Monte Cavo sich aus- 
dehnt. Hier auf diesem Waldweg erzählte uns Bousquet 
Sachen, die uns sehr interessirten. Wir hatten schon mehrere 
Male von Gounod gesprochen, und Bousquet konnte ihn nicht 
genug schelten und bedauern, sein Theil an diesen schönen 
Tagen versäumt zu haben. Da nun erzählte er uns, wie jener 
sich in religiöse Verbindungen habe hineinreissen lassen, und 
wie er bei seinem schwachen Charakter davon Alles für ihn 
fürchte. Der Pater Lacordaire, den ich schon früher von den 
Franzosen viel hatte nennen hören, der diesen Winter in 
Viterbo sein Noviziat gemacht und die Priesterweibe empfangen, 
und nun einige Zeit in Rom leben will, um die Vorbereitungen 
zur Gründung eines neuen Hauses in Frankreich zu treffen, 
dieser soll une tete chaude und sehr viel Phantasie haben, und 
besonders der Künstler zu seinen Plänen bedürfen, durch die 
er mehr als durch die Geistlichkeit auf das Volk zu wirken 
hoffe. Lacordaire hatte sich im Laufe des Winters auch um 
Bousquet und Gounod beworben, und der Letztere, der sehr 
exaltirt und jedem Einiiuss offen ist, soll ganz in seine Ideen 
eingegangen sein, so dass Bousquet meint, er sehe kommen, 
wie jener die Musik mit der Kutte vertausche. Bousquet 
selbst hat seine Besuche beim Pater Lacordaire eingestellt, als 
er seine Absichten erkannt, denn er sagte, er traute sich nicht 
Festigkeit genug zu, die Beredsamkeit jenes Mannes sei ganz 
ungeheuer. Die Verbindung Johannes des Evangelisten in 
Paris besteht aus lauter jungen Künstlern, die sich zu dem 
Zweck vereinigt haben, christliche Kunst zur Bekehrung der 
weltlich Gesinnten zu üben, ohne jedoch weitere Gelübde zu 
leisten. Sie haben den Pater Lacordaire um Regeln gebeten, 
und Gounod soll auch zu dieser Verbrüderung gehören. In 
Rom ist diesen Winter eine ganze Anzahl junger Leute aus 
grossen Familien gewesen, welche, zum Theil früher andern 



140 Neapel bis Berlin. 

Berufen folgend, sicli nun dem Priesterstande widmen, zum 
Zweck der Emancipation der Welt auf religiösem Wege. Das 
ist alles sehr merkwürdig, besonders gegenüber dem grässliclien 
Materialismus und der unersättlichen Geldgier, welche einen 
grossen Theil der Franzosen jetzt beherrscht. Es ist die 
Reaction gegen solche Tendenzen in ihrer grössten Stärke/' 

Brief nach Hause. 

Neapel, den 9ten Juli 1840. 

„ — — Wenn ich das Beste zuerst bringen wollte, so 
müsste ich mit der Aussicht anfangen, in der ich die Ehre 
habe, zu sitzen. Ich will aber lieber historisch mit der Fort- 
setzung unserer Reise von Albano aus fortfahren, auf der uns 
Bousquet noch bis Genzano begleitete. Als der noch bei uns 
war, begegnete ims ein anderer französischer Maler, Bonirote, 
im Begriff, zu Fuss hierher zu gehen. Die pontinischen Sümpfe 
haben mir nicht sehr imponirt, es sind nur ein Paar Stellen, 
wo sie wirklich etwas eklig aussehen; ich war sehr schläfrig 
und wollte immer nicken, aber Sebastian bewachte mich wie 
ein Argus und litt es nicht. In Terracina, wo wir nachteten, 
ist es plötzlich wunderschön, Palmen imd Meer und die gro- 
teskesten Felsen, an denen die Stadt hinaufklettert, es hat 
entschieden schon ein viel südlicheres Ansehen als Rom, mein 
unvergessliches Rom, nach welchem ich auf dem schönsten 
Balcon in Neapel täglich mit meinem Mann ein zweistimmiges 
Lied mit oder ohne Worte, wie es kommt, seufze. Ich ver- 
sichere Euch, es gehörte Charakterstärke dazu, mitten in einem 
solchen Leben, wie wir es dort führten, abzubrechen; denn alle 
die verschiedenen Umstände, die dazu gehörten, um es so über- 
aus schön und reizend zu machen, vereinigen sich vielleicht nie 
wieder. — Terracina hat ein prächtiges, vom Meer bespültes 
Gasthaus, das wir in den letzten Strahlen einer glühenden 
Abendsonne erreichten. Es wird ein Hafen in Terracina gebaut 
und melireres Andere; eigentlich die erste italiänische Stadt, 
in der ich bauen sehe. Bei Meeresbrausen assen wir Abend- 
ibrod und schliefen wir ein. Am andern Morgen setzten wir 



Von Rom bis Neapel. 141 

unsere Reisö fort, ein Eckchen herrlich am Meer entlang, mit 
üppigster Vegetation, an einem Landsee vorbei, dann in's Land ; 
man verliert das Meer aus den Augen und nur die Nase wird 
von Zeit zu Zeit von seinem göttlichen Gestanke erreicht, über 
Fondi und Itri, ein grosser, etwas wilder Bergpass. Bei Gaeta 
bekommt man das Meer wieder und zugleich schon einen Vor- 
geschmack von Neapel; die beiden können sich nebeneinander 
sehen lassen. Das Wirthshaus liegt wieder dicht an der See, 
ein Orangengarten führt vollends hinunter. Da ist's gut sein! 
Kechts das Fort Gaeta auf dem Felsen, der weiteste Meer- 
busen; links das schönste Vorgebirge in sanfter Linie und 
zartem Duft schliessend; Cypressen, Pinien, Orangen, Oelbäume 
bis dicht an's Meer reichend und den schönsten Vorgrund bil- 
dend. Das Wetter war himmlisch, die Beleuchtung blendend. 
Wir frühstückten vortrefflich, liielten dann ein wenig Mittags- 
ruhe in den reinlichen, eleganten Zimmern, von denen eins ein 
prächtig Eckchen Loggia hat, und erkundigten uns nach den 
Bedingungen eines Aufenthaltes dort, welche wirklich sehr 
billig sind, drei Scudi täglich für den schönen Saal mit breitem 
Balcon und der allgemeinen Uebersicht alles dessen, was ich 
oben genannt, gerade über der Mitte des Gartens mit Schlaf- 
zimmern und aller Beköstigung. Es wäre schon der Mühe 
werth, was meinst Du, Beckchen? Nachmittag fuhren wir 
weiter; hinter Gaeta fangen die Hecken von Myrthen, Aloes, 
wilden Rosen und mehr solchem Pöbel an, der Weinstock klet- 
tert in die höchsten Bäume, es ist eine Vegetation wie doli. 
So eine Hecke sieht aus wie ein ganzer Blumengarten. Wir 
wollten eigentlich in Capua übernachten, es ging uns aber wie 
vor Rom, der Abend war herrlich, schönster Mondschein, der 
sich indess nachher trübte, wir kamen zeitig an, die Ungeduld 
ergriff uns und wir fuhren ohne Aufenthalt durch nach Neapel, 
wo wir stracks in die schönste W^ohnung fielen, die wir auf 
der ganzen Reise noch irgendwo gehabt. Sie besteht aus 
einem wtid der schönen Salon und drei Schlafzimmern, ganz leid- 
licher Aussicht auf Sta. Lucia, Pizzi Falcone, die Insel Capri, 
ein Stückchen Meer. Das ist aber nicht das Beste: neben un- 
serm Salon ist ein zweiter, grösserer, prächtigerer, mit einem 



142 Neapel bis Bariin. 

Balcon von ungefähr sechzig Fuss Länge und fünfundzwanzig 
Breite. Diese Wohnung gehört dem liebenswürdigsten Eng- 
länder, Lord Cavendish; der edle Mann behält sie während 
eines Badeaufenthalts in Castellamare und der noch edlere 
Cameriere hat sie gänzlich zu unserer Disposition gestellt. Auf 
diesem Balcon geht es folgendermassen zu: drei grosse Glas- 
thüren führen hinaus, er ist mit einem Fussboden von zierlicher 
Steinmosaik und einem eisernen Geländer versehen; und indem 
man hinaustritt, sperrt man unfehlbar Maul und Nase auf und 
sieht links einen Theil der Stadt, der sich bis zum Vesuv hin- 
zieht, diesen ganz und gar und in der vortheilhaftesten Lage ; 
die unzähligen Oerter imd Landhäuser, die ihn vom Fuss bis 
zum zehnten Theil seiner Höhe bedecken, den Eremiten am 
Fuss des Aschenkegels, diesen selbst, der höchst falsch, un- 
heimlich und gräulich in all die Herrlichkeit hineinsieht, gegen- 
über die wunderschöne Küste von Sorrent mit all ihren Ort- 
schaften (bei klarem Wetter kann ich Landsberg in Castellamare 
singen sehen), bis zum Vorgebirge la Campanella, so genannt, 
weil in früheren Zeiten hier die Annäherung der Saracenen 
durch Glockenläuten verkündet ward. Dann ein Stückchen 
offenes Meer, hierauf Capri, das Castel del Uovo, den Berg 
Pizzi Falcone und darunter die Strasse Sta. Lucia, die sich 
im Bogen bis an unser Haus zieht. Der Balcon liegt über 
dem Meer, unter unsern Füssen befindet sich ein Fischbehälter, 
aus dem die Sardellen zu unserm Diner täglich frisch gefangen 
werden; und wenn Du mit alledem noch nicht zufrieden bist, 
so wende Deine Augen wieder links und sieh die englische 
Flotte da liegen, drei grosse Dreidecker, ruhig und majestätisch, 
als wären sie bloss darum hergekommen, unsre Aussicht noch 
zu verschönern. Sie sind aber gekommen, um in der sicilia- 
nischen Schwefelfrage einen gelinden Druck auf die neapoUta- 
nische Kegierung auszuüben. Die englischen Schaluppen fahren 
den ganzen Tag mit taktmässigem Ruderschlag hin und her, 
Tausende von Booten beleben das Meer, das Auge ist beständig 
beschäftigt und dabei erreicht uns der unerträgliche Strassen- 
lärm nur ganz von fern und nicht mehr störend, das einzige 
fortwährende Geräusch ist das liebliche Einförmige der Ri\der- 



Erster Eindruck von Neapel. 143 

schlage und das Plätschern der Wellen an der Mauer unter 
uns. Hier leben wir nun seit drei Tagen wie die verzauberten 
Prinzen ganz allein, haben auch noch keinen Brief abgegeben, 
ausser beim Banquier, wo Wilhelm gleich am Morgen nach 
unserer Ankunft zwei Briefe, von Dir, liebe Mutter, und von 
Marianne und ihren Kindern, abholte, die uns, Gott sei Dank! 
nur Gutes brachten. Eben haben mich die Damen Meuricoffii-e 
besucht und mir erzählt, das Hotel sei früher das der preussi- 
schen Gesandschaft gewesen und von der Gräfin L. aus Caprice 
verlassen und gegen ein viel weniger schön gelegenes ver- 
tauscht worden. Es gehört eine starke Dosis Wunderlichkeit 
dazu, eine Situation aufzugeben, die selbst in Neapel kaum 
ihres Gleichen zu haben scheint. 

Vormittags gehen wir aus und haben in diesen drei Tagen 
schon viel gesehen, Nachmittags haben wir Schatten hier auf 
dem Balkon, und da ziehe ich ihn jeder anderen Plaisirpartie 
vor und habe noch immer hier geschrieben, während Wühelm 
und Sebastian zeichneten. Abends ist Mondschein, der uns 
auch gerade recht steht, uns seinen goldenen Wiederschein 
im Meer zu zeigen und da wird die Scene womöglich noch 
schöner, als am Tage. Denn ausser dem Mond mit seiner 
Feuersäule im Wasser und den Sternen sehen wir Licht auf 
der englischen Flotte, Licht beim Eremiten, auf dem Vesuv, 
Licht in den Ortschaften weit und breit, Fischerfahrzeuge mit 
Pechpfannen fahren hin und her, verschwinden hinter dem 
Castell, kommen wieder und ihr röthlicher Wiederschein macht 
den des Mondes zum silbernen erblassen. Endlich blinken 
Lichter im Castell und auf Pizzi Falcone und ein dichter Licht- 
kranz läuft an Sta. Lucia hin bis zu unserem Hause. — 
Diesen Morgen auf der Treppe des Museums erblickte ich, 
wen ? liebe Mutter, Deine Freundin Pauline Garcia, jetzt Mme. 
Viardot. Ich erkannte sie anf der Stelle und wir feierten ein 
zärtliches Wiedersehen. Leider bleibt sie nur einige Tage 
und noch leiderer waren wir die letzten Tage in Rom zu- 
sammen, ohne es zu wissen. — Liebe Mutter, warum meine 
Briefe nach Moschus riechen, musst Du die Post fragen, viel- 
leicht lagen sie in der Nachbarschaft irgend eines süssen 



144 Neapel bis Berlin. 

Liebesbriefes, über unsere Schwellen und Nasen ist dergleichen 
nicht gekommen. — — Glaubt übrigens, dass wir jetzt herz- 
lich nach Hause verlangen und hier nicht länger bleiben 
werden, als nöthig ist. Wir Beide wären am liebsten von 
Rom nach Hause gereist, um diesem grössten Bilde durch 
keinen späteren Eindruck Nachtheil zuzufügen, wenn man es 
nur vor sich selbst hätte verantworten können, Neapel nicht 
zu sehen. Mit herzlicher Freude schreibe ich jetzt auf baldig 
Wiedersehen. Haltet Euch Alle gesund und lasst uns das 
Haus in erfreulichem Stande finden." — 

Montag StenJuni, zweiten Pfingstfeiertag , wurde 
das Fest der Madonna del Arco gefeiert, wovon Robert sein 
Bild gemalt hat. Wir fuliren hin sieben Miglien landeinwärts, 
und auf dem ganzen, langen Wege war schon ein unbeschreib- 
licher Spektakel. Hunderte von Wagen, so und ähnlich, wie 
Robert sie gemalt, mit grünen Zweigen, Tüchern, Bändern 
behangen, die Leute drauf mit gabelförmigen Stöcken, an 
denen Federn, Blumen, Heiligenbilder, Körbe, Löffel und tausend 
andere Dinge hangen, die sie auf dem Markt neben der Kirche 
gekauft, Alles geputzt und aufgestutzt, so gut als möglich, 
Tambui'in, Kastagnetten , Gesang und unsägliches Geschrei, 
imd das Alles mit einem erstickenden Staube gewürzt. In 
der Nähe der Kii'che erreicht der betäubende Lärm und das 
Gedränge eine kolossale Höhe; da sitzen sie in den Buden 
und trinken, doch sah ich keinen Excess. Sehr viel ganz 
afrikanische Physiognomien und negerschwarze Haut bemerkte 
ich; ein Mädchen schlug Tamburin und lachte dazu mit ganz 
afrikanischer Wildheit. In der lürche rutschte ein Mann auf 
den Knien umher und leckte dabei den ganzen Fussboden ab, 
ein schönes Gelübde 1 Wir Hessen den Wagen in den Schatten 
fahren, während Wilhelm herumging, zeichnen. Wir kamen 
überein, dass dies Fest vortrefflich sich zu einer Friescompo- 
sition eignete, denn es ist wirklich ein romantisch bachan- 
tischer Zug! 

Dienstag den 9ten Juni gingen wir früh nach 
den Studien. An den antiken Fragmenten — Mosaiken, Dar- 
stellungen, besonders von Thieren in grosser Treue und Natur- 



Kunstsammlungen. 145 

Wahrheit, Malereien, z. B. Abbildungen von Häusern und 
Gärten in fast französischem Geschmack — ist eine ganze 
Kunstgeschichte nachzuweisen. Wilhelm war entzückt von 
dem Farbengefühl in Manchem. Durch einen Garten, in dem 
zwischen den Rosen und andern Gesträuchen Fragmente aller 
Art aus Pompeji aufgestellt sind, gelangt man in den grossen 
Raum, wo der ungeschlachte Lümmel, der farnesische Herkules 
und die berühmte Gruppe des farnesischen Stiers, aufgestellt 
weniger als untergebracht sind, denn so möchte ich von Allem 
in den Studien sagen: der Begriff einer würdigen, künst- 
lerischen Aufstellung, die an und für sich wieder ein Kunst- 
werk ist, wie im Vatican, oder in den Münchener Kunst- 
sammlungen, scheint mir überall hier zu fehlen. Dann besuchten 
wir das Zimmer, wo die Kostbarkeiten aus Pompeji gesammelt 
sind, das ist eine recht weiberne Sammlung, und es waren 
auch mehr Frauen da, als überall anderswo zusammen. Kost- 
barer Goldschmuck in den geschmackvollsten Formen, unsere 
Schlangenarmbänder sind daher; Küchen- und Hausrath aUer 
Art, Lebensmittel, wie man sie bei der Ausgrabung gefunden, 
Eier, Brod, Wein, Reis, Oel mit den Gefässen, in denen es 
sich befand, die Börse, welche das Skelett in der Hand hielt, 
das man die Frau des Diomedes genannt und das auch reichen 
Goldschmuck trug; geschnittene Steine; die Becher und Ge- 
fässe, zum Theil in dem Styl, der nachher von Benvenuto 
Cellini wieder aufgenommen; man könnte es für Florentiner 
Arbeit des 16ten Jahrhunderts halten. Wie ungeduldig bin 
ich, Pompeji selbst zu sehn. Dann gingen wir in die Ge- 
mäldegallerie ; die bekannte heilige Familie von Raphael ist 
wunderschön! Besonders die heilige Elisabeth, gewiss die 
schönste gjte Frau, die je gemalt worden, so lieblich, mild 
und doch alt. Das giebt kein Kupferstich und keine Kopie, 
sowie kein Fremder leicht die letzte Feinheit einer Aussprache 
lernt. — Abends las ich zu Haus französische Zeitungen, Ver- 
handlungen über den Transport von Napoleon's Asche. Als 
ich nachher wieder auf den Balkon trat und die Mondnacht 
sah und die Feuer auf den Schiffen und die Lichter ringsum 

Die Familie Mendelssohn, n. JQ 



146 Neapel bis Berlin. 

nnd die stille Feierlichkeit der Natur, kamen mir alle Zei- 
tungen so widerwärtig vor, wie noch nie. 

Donnerstag den lltenJuni früh meldete sich 
Bonirote und trank mit uns Kaifee. Den haben wir nun also 
in den Hauptstädten Venedig, Eom und Neapel gesehen. Er 
hat mit zwei andern Malern die Reise hierher zu Fuss, zu 
Esel, mit einem sehr schofeln Vetturin, auf alle Weise gemacht. 
In den Studien trafen wir uns wieder, und er ging mit uns 
herum: zuerst in die Sammlung antiker Gläser und Terra- 
cotten; grosse Statuen aus gebranntem Thon, eine ungeheure 
Sammlung Lampen, Dachziegel, Brunnenröhren, Küchen- und 
Hausgeräth. Zwei grosse Glasgefässe sind noch gefüllt, man 
weiss nicht, womit. Hierauf in die Sammlung pompejanischer 
und herkulanischer Broncen, nach meinem Geschmack die 
interessanteste von allen. Hier muss man wirklich Geschmack, 
Phantasie, Zweckmässigkeit und Eeichthum der Alten bewun- 
dern, von solchem Luxus hatte ich keinen Begriff; und wenn 
man nun bedenkt, dass in einem kleinen Landstädtchen, wie 
Pompeji, die Möbel mit Silber ausgelegt, die Küchengeräthe 
nicht verzinnt, sondern versilbert, und jedes kleinste Stück 
mit künstlerischem Geschmack in der vollendetsten und zu- 
gleich zweckentsprechendsten Form angefertigt ward, so kann 
man daraus auf das schliessen, was der Zeit in Rom, Syrakus 
und andern Hauptstädten zu sehn war. Diese Sammlung ist 
auch vernünftig aufgestellt und gut zu übersehen. Natürlich 
vermehrt sie sich täglich, wie die andern pompejanischen 
Gegenstände, sowie die Ausgrabungen fortsclu^eiten , und in 
diesem Zustand des Werdens liegt auch ein grosser Reiz. 
Mir fielen auf, zwei wunderschöne Eim.er, Tempelgefässe ; die 
Henkel bilden, niedergelegt, einen zierlichen Rand,^ mit Silber 
ausgelegt; mehrere Sitze von Senatoren; andere Sitze von 
Bronce mit herrlichen Thierköpfen, sehr hoch, sie müssen 
Fusstritte gehabt haben, um sich drauf zu setzen. Eiserne 
Bettstellen, sehr schmal, dienten zugleich als Sophas, 4 bis 
500 Lampen, keine der andern gleich, selbst die an einem 
Mttelstück hängen, oft vier, alle verschieden. Die hohen Ge- 
stelle, auf denen sie meist stehen, zum Theil Bäumen nach- 



Pompejanische Alterthümer. 147 

gebildet, sind überaus zierlicb und schön; an andern sind 
durch sinnreiche Vorrichtung-en die Füsse abzunehmen, um sie 
bequemer zu tragen. Elastische broncene Henkel an den 
Wasserschaalen für die Tempel, ebenfalls loszumachen, um sie 
besonders zu tragen. Eine Vorrichtung, das Verschütten zu 
verhüten. Eine vollständige Theemaschine mit nachahmens- 
werther Einrichtung. Tausend kleine Gegenstände, die fast 
unverändert diese zweitausend Jahre im Gebrauch geblieben 
sind, Schloss und Schlüssel, Fingerhut, Würfel, elfenbeinerne 
Nadeln zu weiblicher Arbeit, Theaterbillets von Thierknochen 
mit Darstellungen, Kasserollen, Löffel, tragbare Kochöfen, 
überaus hübsch und zierlich eingerichtet, Wiegeschaalen und 
Gewichte, — es sah damals gar nicht so sehr anders in der 
Welt aus, als man meist denkt; nur, dass Alles eben eine 
Zierlichkeit und Pracht zeigt, die unsern entsprechenden Ge- 
räthen abgeht. Man würde kein Ende finden mit Aufzählung 
aller interessanten Gegenstände. Dann kommt die Vasen- 
sammlung. Um diese recht zu goutiren, braucht man Kennt- 
nisse, die mir ganz abgehen, zur Bestimmung der feinen 
Unterschiede der einzelnen Städte und Fabriken, was Kennern 
eine grosse Befriedigung gewährt; so unterscheiden sich die 
Vasen von Nola durch einen reicheren, zarteren Firniss. Aber 
ich bin unwürdig darüber zu sprechen, denn mir gefällt oder 
missfällt nur ganz dumm, nach dem Gefühl, was mir grade 
schön oder unschön vorkommt und damit ist gar nichts gesagt. 
Es ist übrigens eine ungeheure und überaus vollständige 
Sammlung , Eeihen von Vasen haben sich in den Gräbern 
gefunden, welche überhaupt die meisten bis zu dem heutigen 
Tage aufbewahrt haben. Es sind auch mehrere Modelle solcher 
Gräber aufgestellt. Ein Kriegergrab aus Pästum ist inwendig 
mit Figuren im Vasenstyl bemalt. Ein ganzer Kirchhof ist 
hier in Neapel in der Nähe der Studien aufgefunden worden. 
Zuletzt besuchten wir noch eine andere Broncensammlung, 
die der Statuen, die auch sehr schöne Sachen enthält. Mehrere 
lebensgrosse Konsuln und Frauenstatuen, einen ganz kolossalen, 
prächtigen Pferdekopf, ein minder grosses, ganzes Pferd, das 
zu einer Quadriga auf dem Frontispice des Theaters von Her- 

10* 



148 Neapel bis Berlin. 

culanum gehörte, aber allein wieder hat zusammengesetzt 
werden können; ans dem Eest jenes grossen Pferdekopfes hat 
ein Bischof Glocken giessen lassen!! — Ein liegender Faun. 
Ein Mercur, im Begriff den Argus zu tödten. 

Gegen Abend fuhren wir, nach einem starken Gewitter,. 
bei aufgeklärtem Himmel durch den Toledo, immer steigend 
nach Capo di Monte, wo sehr elegante Landhäuser stehen und 
man eine herrliche Aussicht hat; die Stadt liegt reich und 
gross da; der Berg von St. Elmo hat einige entfernte Aehn- 
lichkeit mit dem Monte Mario, den ich oft verläamdet, und 
nach dem ich mich jetzt jeden Abend sehne. Wir fuhren bei 
herrlichem Mondschein herein, durch den Toledo Schritt für 
Schritt, wegen der dummen Soldaten, die einen hier Tag und 
Nacht inkommodiren. Wenn ich König von Neapel wäre, ich 
wüsste auch etwas Anderes als Exercrren und Manövrü-en, 
tun mii' die Zeit zu vertreiben. Auf unserm Balkon war's 
diesen Abend ganz besonders schön; der Mond stand gerade 
vor uns über der Küste von Sorrent und warf seinen breiten 
Goldschimmer über das ganze Meer, dann theilte sich der 
Glanz, hinten an der Küste war ein breites Lichtmeer, dann 
dunkel, vorn wieder ein glitzender Goldschimmer, nicht 
unähnlich den Glühwürmern, wenn man sie, wie auf dem 
Pincio, in Masse sieht. Wenn Kähne durch den Lichtstreifen 
fuhren, fing es au, um sie zu funkeln, lange ehe sie ihn 
erreichten, und dauerte wiederum lange, nachdem sie ihn ver- 
lassen hatten, sie zogen einen breiten Lichtstreifen hinter sich 
her; noch wunderbarer war's, wenn sie durch den dunkel- 
gebliebenen Theil des Meeres fuhren; dann riefen sie das Licht 
hervor, das nun auf dem dunkeln Meer ganz phantastisch 
hinter dem schwarzen Schiffchen herzog. Die täglichen drei 
Feuermännchen, die hinter dem Kastell hervorkommen und 
wieder dahin zurückgehen, fehlten auch nicht. Unter solchen 
Umgebungen wird das Gewöhnlichste zum Märchen. Hätten 
wir diese Wohnung in Rom gehabt, wo unser kleines Stübchen 
oft zum Erdrücken voll war! Hier leben wir wie die ver- 
wünschten Prinzen in diesen weiten Räumen." 



Ischia. 149 

Brief und Tagebiich: 

„Liebe Mutter, liebe Geschwister! In dieser Woche haben 
wir einige der hiesigen Haupt- und Staats-Aktionen abgemacht, 
Ischia und den Vesuv. Sonntag bestiegen wir das Dampf boot 
nach Ischia; die Fahrt ist herrlich und dauert mit dem sehr 
langsam gehenden Schiff über drei Stunden. Man passirt die 
Spitze des Posilipp, Nisida, Puzzuoli, Bajä, Cap Misen, mit 
einem alten Wartthurm auf der Spitze, links behält man Capri 
und die Küste von Sorrent, zieht dann der Länge nach an 
Procida vorüber, welches auf der ersten Spitze ein grosses 
Gebäude, den Bischofsitz, trägt, die Stadt liegt zwischen Meer 
und Berg und hat ein eigenthümliches, sehr südliches, fast 
morgenländisches Ansehen. Die Frauen tragen ein dem neu- 
gi'iechischen ähnliches Costüm; wir haben welche bei der 
Madonna del Arco gesehn. Mit Procida zugleich darüber, da- 
hinter, daneben hervorsehend, naht Ischia. Mit jeder Minute 
schieben sich die Küsten, Vorgebirge, Inseln und Orte anders 
und die interessantesten Ansichten wechseln und folgen sich 
so schnell, dass man kaum Zeit hat, sie in's Auge zu fassen, 
trotz des sehr langsamen Fahrens. Der Vesuv mit seinen, 
zwei Köpfen spielt überall die Hauptrolle. Bei Ischia ange- 
kommen, muss man eine doppelte Quälerei bestehen; erst von 
Kähnen, die einen an's Land setzen wollen; die setzen aber 
wieder nicht ganz an's Land, sondern zehn Schritt tief in's 
Meer stürzt, heulend und schreiend wie gewöhnlich, die halbe 
Bevölkerung Ischia's an Menschen, und die ganze an Eseln 
und balgt sich um die Ehre, die Landung zu vollenden; so 
steigt man aus der Barke zu Esel und reitet aus dem Meer 
und gleich weiter. Auf Ischia hat man den dicken Süden noch 
mehr als in Neapel; die Felsen sind mit einer wildwuchernden 
Vegetation von indischen Feigen, die wie Bäume gross werden, 
Aloes, Granaten und Wein bedeckt ; dazwischen immerfort der 
JBlick auf das blaueste aller Meere, die weissen Häuser und 
Weingartenmauern, — man fühlt wiii^lich, dass man weit vom 
Kreuzberg ist. 

Wir bekamen ein sehr gutes Frühstück und ruhten ein 
wenig, denn es war sehr heiss, und mir sank der Muth bei 



150 Neapel bis Berlin. 

dem Gedanken, in den Mittagsstunden die Insel zu umreiten. 
Nachmittag ritten wir ein wenig umher, bergauf, bergab, 
zwischen Weinbergmauern, ohne allen Schatten, aber beständig 
von der unsäglichsten Fülle einer tollen Pflanzenwelt umgeben, 
die alle Felsen bedeckt und den Vorgrund zu den ent- 
zückendsten Fernblicken bildet. Als wir nach dem Hafen 
kamen, konnte ich nicht weiter, wir hatten noch über eine 
Stimde unter einem zahllosen Lazzaronipöbel zu warten. Um 
fünf schifften wir uns wieder ein, und hatten in der Abend- 
kühle eine herrliche Rückfahrt, mit Sonnenunter- und Mond- 
aufgang; die Berge hatten den Mond erst wie eine Nachtmütze 
auf, bis er höher stieg und das Meer zauberhaft beleuchtete. 
Sehr müde kamen wir nach Haus, Neapel ist eine diabolische 
Stadt, Staub, Lärm, Fahren und Drängen machen mich todt; 
indessen brachte ein Ruhetag wieder alles in Ordnung und 
befähigte mich zu der Vesuvparthie, die wir uns eigends für 
unsers Sebastels Geburtstag, der glücklicherweise nur einen 
Tag nach Vollmond fiel, vorbehalten hatten, um ihm ein un- 
vergessUches Andenken an sein zurückgelegtes zehntes Jähi'chen 
zu sichern. Man fährt durch Portici, einen grossen eleganten 
Ort, dem sich Resina gleich anschliesst ; hier mussten wir uns 
in Ermangelung von Eseln aufs hohe Pferd setzen und eine 
der ermüdendsten Parthieen begann. Man reitet erst etwa 
zwei Stunden zwischen Weingärten bergan, Granaten, Orangen 
und Feigen kucken über die Mauern, alles ist sehr fruchtbar 
und schön. Dann erreicht man die Laven; wir ritten über die 
vom vorigen Jahr, welche über Weingärten hinging, und deren 
noch frische Zerstörungsspuren in ausgerissenen Bäumen und 
schwarzem schlackigen Erdreich sichtbar sind ; diese Lava ist 
noch nicht vollkommen erkaltet. Dann kommt ein Stückchen 
bitterbösen Felsenweges, von demselben Gestein, das Hercu- 
lanum bedeckte und auf dem heut Portici steht, und hierauf 
erreichten wii' die Hochebene, auf der das Haus des sogenannten 
Eremiten steht, und schöne Bäume; man hat schon hier eme 
herrliche Aussicht; man kann die Inseln so prächtig sehn, und 
ihr Grössenverhältniss zu einander; imd da erscheint denn 
Ischia sehr mächtig, Procida auffallend klein. Auch Cap Misen,, 



Vesuv. 151 

den Posilipp und diese ganze Seite übersieht man vortrefflicli. 
die andere aber nur von Sorrent abwärts; Castellamare bleibt 
noch verborgen. Wir ruhten einen Augenblick und ritten 
v/eiter. Bald hört alles Lebendige auf, und man geräth in 
den Teufelsspuk, und hört die Lavaströme rechts und links 
nennen, wie sie in den verschiedenen Jahren herabgekommen. 
Am Fusse des sogenannten Aschenkegels steigt man ab, und 
diese letzte Höhe hinauf liess Wilhelm mich tragen. Man 
spart auf diese Weise allerdings Beine und Lungen, wenn Ihr 
aber denkt, dass es bequem ist, diesen höllischen Berg in ir- 
gend einer Art herauf zu kommen, so ixvt Ihr Euch sehi*, 
anzt] sehr ängstUch ist es, sich so schleppen zu lassen, da 
selbst die geübten Füsse der Träger zwischen dem losen Ge- 
rumpel der Stein- und Lavablöcke den fast senkrechten Gipfel 
hinan beständig abrutschen, und ich kann nicht läugnen, dass 
mir das Herz ein paarmal in die Hosen fiel. Fast eine Stunde 
dauerte diese Thierquälerei, dann waren wir oben, in Satanas 
Hauptquartier auf einer aschigen, steinigen Ebene, wo man 
den Rauch aufsteigen sieht. Der höchste Aschenkegel, wie er 
jetzt grade ist (denn er wechselt häufig die Form), bleibt links 
liegen und wird nicht erklettert. Von da näherten wir uns 
dem Krater mit unbeschreiblicher Neugier, und „mit Erstaunen 
und mit Grauen" sahen wii^ hinein. Welch' eine Teufelswii'th- 
schaft! Schwefelgestank, die tollsten Farben, wie man sie an- 
derswo in der Natur nie sieht, grün, gelb, roth, blau, lauter 
giftige Töne, im Grunde des Kessels ein unheimliches Aschgrau, 
ein bald feinerer, bald dickerer Eauch, der aus allen Ritzen 
diingt und. Alles überziehend, dennoch Alles durchblicken 
lässt, und mit jedem Schritte, den man thut, ändert sich die 
Ansicht und wird der Anblick gräulicher. Zacken und Spitzen 
überall, die Krater früherer Eruptionen. An der entgegenge- 
setzten Seite des Kessels angekommen, ersteigt man einen 
jener höllischen Hügel und hat hier eine Aussicht von über- 
wältigender Schönheit: den ganzen Meerbusen von Neapel, alle 
Inseln, die herrliche Biegung der Küste bei Castellamare, alle 
Ortschaften bis zur Campanella, alle Gipfel der Felsen dahinter, 
Torre dell'Annunziata, von wo man den weissen Weg nach 



152 Neapel bis Berlin. 

Pompeji füliren sieht, das ich also, mit heiliger Scheu, zum 
ersten Mal von der Höhe des höllischen Tlirones in ziemlicher 
Entfernung liegen sah. Wendet man sich, so hat man unter 
sich einen weiten Krater, den von 1834, dahinter eine spitze 
zackige böse Felswand, die sich bei dem Ausbruch erhob, in 
dem Pompeji und Herculanum zu Grunde gingen, drüber hinaus 
eine Menge Ortschaften in der Ebene, und endlich die Berg- 
reihen der Abruzzen. Links, wenn man das Gesicht der Sonne 
zugewendet hat, erhebt sich ein gräulicher Schwefel- und Lava- 
berg, gelbgrünlich und grimmig aussehend, falsch und böse, 
wie die Hölle selber. Die Sonne ging schön und glühend 
unter, der Rauch ward leise gefärbt und wir sahen das Feuer 
unter den Steinen und in den Spalten brennen, manche Stellen 
waren so lieiss, dass man nicht darauf stehen konnte. Dabei 
ist der Berg jetzt ganz ruhig, der letzte Ausbruch anderthalb 
Jahr her. Nach Sonnenuntergang traten wir den äusserst be- 
schwerlichen Rückzug an. Ich hatte keinen Muth, mich den 
Aschenkegel hinuntertragen zu lassen und gab lieber meine 
Füsse preis. Ihr habt aber keinen Begriff, was es heisst, 
diesen Berg hinunterzusteigen. Sie wählen dazu die Seite, wo 
die lose Asche liegt mit weniger Steinen, als an der, wo man 
aufsteigt. Es ist eine grauliche Parthie, man versinkt bis an 
die Kniee in die Asche, ist in Wolken eingehüllt, die Schuh 
füllen sich bei jedem Schritt, so dass man sie nicht mehr 
schleppen kann, man fällt, watet, keucht; die Andern kamen 
mir weit voraus, ich kam nicht mehr aus der Stelle und blieb 
mit meinem Führer weit zui^ück, völlige Dunkelheit brach 
ein und ich lernte das Gruseln. Zitternd vor Müdigkeit kam 
ich endlich den Andern nach. Obgleich diese schlimmste Stelle 
nur etwa zehn Minuten herabzusteigen dauert (derselbe Theil, 
den man in einer Stunde erklimmt), so versichere ich Euch, 
ich werde an diese zehn Minuten denken, ünterdess war es 
völlig Nacht geworden, wir stolperten noch eine Weile über 
Stock und Stein, bis wir die Pferde erreichten, die uns zum 
Eremiten trugen. Hier ruhten wir etwas unter freiem Himmel, 
bei mildester Luft, der Mond war inzwischen aufgegangen und 
die Nacht wunderschön; wir assen von einem steinernen Tisch 



Vesuv. Sehnsucht nach Rom. 153 

mitgebrachtes kaltes Abendbrod, tranken Lacrymae Christi dazu 
und ritten darauf hinunter nach Resina, wo wir den Wagen 
fanden, der uns um halb eins nach Neapel brachte. Ich kann 
Euch versichern, Stadt, Wagen und Stühle und vor Allem 
mein Bett, gefielen mir unbeschreiblich wohl ; diese edelen 
Anstalten lernt man doppelt schätzen, wenn man den Teufel 
und seine häuslichen Einrichtungen so ein bischen in der Nähe 
hat kennen lernen. Aber es ist ein nicht zu vergessender 
Eindruck ! 

Die Hauptsachen abgerechnet, werde ich wohl aus Neapel 
als ein ziemliches Gänschen wieder fortfliegen; ich bin froh, 
wenn ich unsern stillen, kühlen, schönen Balkon nicht zu ver- 
lassen brauche, die Stadt ist infernalisch; man möchte sagen, 
die Einwirkung des Vesuv erstrecke sich bis hierher; so schön 
es ist, hier möchte ich nicht leben. Dagegen sehnen wir uns 
alle Tage nach Rom zurück imd mitten in den grössten Herr- 
lichkeiten, die uns hier umgeben, seufzen wir danach. Wii' 
fühlen wohl, dass wir ein zu grosses Stück Herz in Rom 
gelassen haben, um andres noch ganz und gar zu gemessen. 
Sind wir nur erst bei Euch zu Hause, so wird sich das ganze 
Herz schon wieder zurechtfinden. Hier sind vf\r nur halb und 
mehr mit den Augen als mit der Seele. Du hast wohl Recht, 
liebes Beckchen, wenn Du in meinen Briefen die Geschichte 
derer liesest, die sich in Rom selbst vergessen. Nur eins 
begreife ich nicht, wde man auch dort Menschen findet, die 
mit diesem Höchsten und Herrlichsten nichts anzufangen 
wissen. Für jeden Menschen, der irgend Geist oder Bildung 
hat oder wünscht, muss Rom unbeschreiblich anziehend sein, 
selbst für den, der einen geistreichen Müssiggang liebt. Nur 
für den eigentlichen leeren Dandy ist nichts da zu thun, und 
ich habe auch solche liebenswürdige Saperloter da gekannt, 
die vor langer Weile nicht wussten, wo sie sich hinthun 
sollten. Ach! verzeiht, wenn ich Euch ennuyire; ich habe 
heut mein römisches Tagebuch wieder durchgeblättert und da 
will mir Neapel gar nicht schmecken, und ich lebe recht 
eigentlich in Rom weiter. „Ach! es war wohl schöne Zeit;* 
das habe ich in dieser schönen Zeit viel tausendmal gesagt 



154 Neapel bis Berlin. 

und gresungen. Erst haben wir alle Charakterstärke, die wir 
besassen, zusammengenommen, um loszukommen, und nun thut 
es uns leid, dass wir fort sind, und wir wünschen, wir wären 
noch dageblieben und wünschen uns zugleich nach Haus, um 
in die gewohnten, lieben Umgebungen zu kommen, dort nach- 
zugeniessen und Euch mitgeniessen zu lassen. Nun genug 
Rom! Was hilft es Euch und mir? Ihr kennt es nicht und 
ich kann nicht dahin zurück. Wie lange, so sprechen wir 
uns, das Jahr der Trennung ist vorüber, aber auch ein Jahr 
des Lebens, — La vita fugge e non s^arresta urCora, — und 
das Leben ist mir nie lieber gewesen, als jetzt." 

Brief und Tagebuch. 

Neapel, lOten Juli 1840. 

„Wir sind vorgestern Abend spät von einer sechstägigen 
Exkursion zurückgekommen, liebe Mutter, den Tag vorher 
hatten wir Deinen Brief vom 8ten mit den Details über den 
Tod des Königs erhalten, die uns sehr iiiteressirt haben. Das 
Faktum selbst hatten wir schon früher erfahren. Wir werden 
Manches verändert finden, möge es zum Guten seiQ. 

Unsere Exkursion haben wü' a la Student gemacht mit 
einem Nachtsack, eiuem Gott, einem Kleid, aber nicht einem 
Pferd, sondern mit zahllosen Eseln, einigen Barken und ver- 
schiedenen sonstigen Fahr-, Reit-, Geh- und Traggelegenheiten. 
Der erste Tag war der einzige abenteuerliche. Wir fuhren 
Morgens bei stiller See auf einer vierrudrigen Barke von hier 
fort auf Capri los , das man gewöhnlich in vier Stunden 
erreicht. Mitten drin aber erhob sich Gegenwind, und nach- 
dem wir drei Stunden gefahren waren, erklärten die Schiffer, 
sie würden Capri nicht erreichen können. Wir entschlossen 
uns nun nach Sorrent zu gehn, wohin der Wind günstig stand, 
und segelten eine Stunde lang frisch darauf los, dann di-ehte 
sich der Wind und stand uns wieder entgegen, das Segel 
musste eingezogen werden, und nun begann eine verdammte 
Parthie! Die Ruderer kämpften mit den Wellen und kamen 
nicht aus der Stelle, und um drei w^aren wir noch ziemlich 



Sorrent. 15b 

auf demselben Punkt, wie um zwölf. Die Leute ermatteten, 
die Wellen gingen sehr hoch, wir waren ganz mit Salz über- 
zogen, die Stricke an den Rudern rissen entzwei, sodass alle 
Augenblicke still gehalten werden musste und bei dem Schau- 
keln kehrte sich jedesmal Herz und Magen um und um. Erst 
schien es, als wüi'den wir ganz nach Meta hingetrieben, zu 
weit links, dann kamen wir viel zu weit rechts nach Massa 
hin; das waren fatale Momente, und auch der, wo die Leute 
nach Wein riefen, um die Anstrengung noch auszuhalten, und 
wo sie ihr Losungswort Maccaro, womit man sonst einen 
Neapolitaner zu Allem bringen kann, aufgaben, und die 
Santissima Madonna um Hülfe anriefen; ich glaubte einige 
Augenblicke, wir würden ins Gras zwar nicht, aber ins Salz 
beissen müssen, und las schon in Gedanken den höflichen Brief, 
worin Meuricofrre dem Hause Mendelssohn et Co. den Unter- 
gang de Vaimdble famille Hensel anzeigt. Endlich, nach acht- 
stündigen Anstrengungen gelang es, das schützende, unterhalb 
Sorrent's vorspringende Vorgebirge zu gewinnen, und nun 
waren wir geborgen und fuhren längs der Küste ; es war sehr 
angenehm, das wunderschöne Land mit seinen Höhlen am 
Meer, seiner reichen Bogenarchitektur und herrlichen Vege- 
tation in der Nähe zu sehn, und dabei das wohlige Gefühl der 
Errettung aus einer wirklichen Gefahr. Das Hess uns Ermü- 
dung und Hunger vergessen. Nach achtstündigen An- 
strengungen liefen wir glücklich in den Hafen von Sorrent 
ein im Zustande der Einpökelung, denn unsere Gesichter und 
Hände waren mit einer völligen Salzkruste bedeckt und statt 
des Salpeters hatte die Sonne die Mühe übernommen , uns zu 
röthen. Donnerstag blieben wir in Sorrent, um auf günstigen 
Wind für Capri zu warten, machten einige Reitparthieen nach 
verschiedenen Höhen mit schönen Aussichten — die Berge 
sind hier überall dicht mit blühenden Myrtengebüschen bedeckt 
— es blieb aber schlechtes Wetter, Sturm, Staub und schwüle 
Hitze , das Meer sah bös und grau aus , und da sich auch 
Freitag früh keine günstigeren Aussichten für Capri zeigten, 
so gaben wir dies definitiv auf und setzten unsern Weg nach 
Amalfi fort. Man überschreitet den hinter Sorrent liegenden 



156 Neapel bis Berlin. 

Höhenzug, wendet hier dem Golf von Neapel den Rücken — 
man hat oben den herrlichsten Blick auf diesen in seinem 
ganzen Umfang mit allen Inseln und zugleich auf den Golf 
von Salerno mit den Sireneninseln, dem man sich nun zu- 
wendet und auf einem recht beschwerlichen Weg zu Fuss 
wieder ans Meer hinabsteigt an den kühnsten uud groteskesten 
Felsengestaltungen vorbei. Unten schifften wir uns in einer 
selu' flachen kleinen Schifferbarke ein und ich bekam wieder 
Manschetten, es ging aber Alles gut. Die Fahrt ist unbe- 
schreiblich schön; Capri und die Sireneninseln behält man 
immer in Sicht und fährt dabei an der reichsten Küste hin. 

Ungeheure Felsen ragen in's Meer, viele Vorsprünge, 
Höhlen, Orte hoch oben in den Bergen, Fischerhütten unten 
am Meer, und nun, wenn man um die letzte Spitze biegt, die 
über alles schöne Lage von Amalfi, welches vom Berge hinab 
bis in's Meer steigt. Wir gingen gleich hinauf nach der 
originellsten Kneipe, die es vielleicht in der Welt giebt, näm- 
lich das Kloster San Francesco, welches vor einiger Zeit auf- 
gehoben und zum Wirthshaus eingerichtet \M.irde, jetzt aber 
in Kurzem wieder den Frati zurückgegeben wird. Wir 
gehörten noch zu den letzten Glücklichen, die darin wohnen 
konnten. Eine himmlische Aussicht hat man auf Meer, Stadt 
und Berge aus jedem Fenster und besonders von der Terrasse, 
auf der wir den Abend zubrachten. Ein schöner Klosterhof, 
Kreuzgänge, eine grosse Felsenhöhle, die kleinen Schlafzellen, 
in deren jeder nur ein Bett stehen kann, k la Mönch, alles 
das ist fremdartig und erhöht den Eindruck der wimderschönen 
Gegend. Walter, Du sollst einmal rathen, was wii' in Amalfi 
gegessen haben; und wenn Da es nicht kannst, soll Deine 
Mutter rathen, und wenn die es auch nicht weiss, "will ich 
Euch erzählen, dass es die ersten Pellkartoffeln waren. Wir 
assen sie mit solchem Appetit, dass uns der Junge, der bediente, 
ganz verwundert ansah; und als wir die grosse Schüssel rein 
aufgeputzt hatten, frug er, ob wir noch mehr „patate" 
beföhlen, worüber wir in ein unauslöschliches Gelächter aus- 
brachen. Sebastian's Herz aber war gerührt, und er sagte, 
es käme ihm vor, als wäre er in Berlin. Ich konnte das 



Amalfi. Salerno. Pästum. 157 

schon weniger finden. Vom Kloster in die Stadt zu kommen, 
miTss man die wimderlichsten Lokale passiren, Treppen, dunkle 
Gänge, Mühlen, kleine närrische Strassen; dann tritt man auf 
den Markt von Amalfi mit der Kirche, zu der viele Stufen 
hinaufführen, und wovon Catel das schöne Bild gemalt hat. 
Sonnabend früh stieg Wilhelm allein nach ßavello hinauf, einer 
kleinen Stadt im Gebirge, die von sehr interessanter Bauart 
sein soll, für uns ward die Parthie zu beschwerlich befunden, 
hierauf machten wir eine wnind erschöne Küstenfahrt nach 
Salerno hin, die See war wie ein Lamm, und wenn sie sich 
so beträgt, ist es wirklich das grösste Vergnügen von der 
Welt, sie zu befahren. Der Dom von Salerno, eins der ältesten 
Bauwerke, muss wunderschön gewesen sein. Der Vorhof mit 
Bogenarchitektur und antiken, ungleichen Säulen, das Heiterste, 
Prächtigste, was man sich denken kann, von dem tollsten 
Ungeschmack des vorigen Jahrhunderts bis zum unkenntlichen 
entstellt. Im Innern der Kirche umkleiden grobe, dumme 
Pilaster gewiss die schönsten Säulen, wie im Lateran. Die 
Kanzeln zum Ablesen der Episteln und Evangelien sind herr- 
lich, im Geschmack derer von San Lorenzo, aber noch 
schöner; einige Stücke des reichsten Mosaikfussbodens gleich- 
falls ähnlich, wahrscheinlich war die ganze Kirche inwendig 
so bekleidet, es muss eine Pracht ohne Gleichen gewesen sein. 
In der Sakristei, oder vielmehr einer Polterkammer, die aus- 
sieht wie eine Theatergarderobe, befindet sich ein prachtvoller 
elfenbeinerner Altar mit biblischen Vorstellungen. An der 
Thür die Säulen ruhen auf Löwen. 

Sonntag machten wir die Parthie nach Pästum, sahen 
den berühmten Tempel und die Aussicht auf den ganzen, 
grossen Golf von Salerno, — leider darf man sich der Fieber- 
iuft wegen nicht lange aufhalten, — und fuhren noch den- 
selben Abend bis Castellamare und begrüssten mit Freuden 
unsern alten Vesuv, der im schönsten Abendlicht dalag. 

Montag früh auf Eseln nach Pompeji bei trübem , dickem 
Scirocco. Eine von den Erfahrungen, die man nicht ohne eine 
innerliche, wenn ich so sagen darf, ernste Scheu und heilige 
Neugier machen kann. Keiner von uns sprach ein lautes 



158 Neapel bis Berlin. 

Wort. Die Möglichkeit des Ereignisses wird Einem sehr klar, 
wenn man vorher den Krater imd die Lage des Ortes von 
oben gesehen, und nun seine Stellung zum Vesuv von den 
Strassen aus betrachtet. Man sieht ihn natürlich von der 
entgegengesetzten Seite wie in Neapel, so dass der Aschen- 
kegel links steht. Die gewisse grauliche Wand, die aufstieg, 
als Pompeji unterging, liegt vorn zu Tage. Er sieht höchst 
drohend, unheimlich und gewaltig in die stillen Strassen 
hinein, und man kann nichts Ernsteres sehen, als diesen 
grimmigen Verderber, noch mit derselben Kraft ausgerüstet, 
um jeden Augenblick dasselbe Unheil anzurichten, und diese 
redenden Beweise seiner vor achtzehn Jahrhunderten begangenen 
grössten Unthat. Die Berge von Asche und kleinen Steinen, 
die rings um die aufgegrabenen Häuser gehäuft liegen, rücken 
Einem vollends das schreckliche Ereigniss so lebendig vor die 
Augen, als ob es gestern geschehen wäre und wir die dort 
Begrabenen persönlich gekannt hätten. Von manchen Punkten 
liesse sich ein herrliches Bild des Vesuv's mit pompejanischem 
Vorgrunde aufnehmen, was meines Wissens noch nie geschehn. 
Wir traten duixh die Alleen von Thränenweiden in die 
Gräberstrasse ein; viele Marmordenkmale sind noch so erhalten, 
als ob sie heut aus der Werkstatt kämen. Im Hause des 
Diomedes ist ein grosser Keller, worin der Eindruck des 
Kopfes und der Arme des Skeletts zu sehen ist, das gegen 
die Wand gelehnt gefunden worden. Es waren übrigens in 
diesem Keller eine Menge Skelette, und sie müssen hier eines 
grausamen Todes gestorben sein, denn durch die engen Keller- 
luken konnte die Asche nur langsam eindringen, und so haben 
sie gewiss grosse Martern leiden müssen. Die Bauart der 
Häuser ist zu bekannt, als dass ich Euch etwas darüber sagen 
sollte; übrigens bringe ich eine sehr treue Aquarelle des 
sogenannten „Hauses des Dichters" von Bonirote mit. Der 
mittlere freie Hof mit der durch Säulen gestützten Pergola, 
wie er sich in fast allen Häusern findet, ist allerliebst. In 
der Malerei der Alten gefällt mir Vieles gar nicht und 
erscheint mir geschmack- und styllos, Wilhelm gab mir darin 
Recht. Namentlich eine gewisse Art dummer Guirlanden und 



Pompeji. 159 

magerer Pilaster, die beständig vorkommen, gefällt mir nicht, 
auch nicht das Küchenroth, womit die meisten Wände ange- 
strichen sind. Ihre Geräthe sind dagegen durchweg schön 
und in noblem Styl. Ihre Mosaik- und Muschelgrotten finde 
ich fast hässlich, wogegen die meisten Fussböden zierlich und 
geschmackvoll sind. Die öffentlichen Gebäude, das Forum, die 
Basilika erscheinen schön und grossartig, besonders im Ver- 
hältniss zu den pygmäisch kleinen, ganz aufs Leben im Freien 
berechneten Wohnhäusern; Tragödien- und Komödientheater, 
beide sehr wohl erhalten, und die Konstruktion durchaus 
deutlich. Ich möchte wohl wissen, wozu die Alten das Par- 
terre benutzt haben, ausser für die Musik, die gewiss nicht 
den ganzen Raum einnahm, da Spontini damals noch nicht 
Kapellmeister war, und leer, wie die albernen Ciceroni sagen, 
ist es noch weniger geblieben, dazu waren sie viel zu öko- 
nomisch mit dem Raum. Das Amphitheater ausserhalb der 
Stadt ist ebenfalls sehr wohl erhalten. — Mir ist sehr vieles 
räthselliaft bei der ganzen Sache. Das im Museum ausgestellte 
Geräth aus Pompeji steht durchaus in keinem Verhältniss zu 
der Menge der bereits aufgedeckten Häuser und namentlich 
sind fast gar keine eigentlichen Möbel da. Wo sind sie 
geblieben? Haben die Einwohner vorher Vieles geflüchtet? 
Das ist nicht wahrscheinlich, da der Ausbruch ziemlich plötz- 
lich erfolgte. Sind sie nachher gekommen und haben die 
Aschenberge nach ihren Sachen durchsucht? Warum haben 
sie dann die einmal freigemachten Häuser nicht gleich bewolin- 
bar gemacht? Diese beiden Erklärungen wollen mir nicht 
passen. Ungefähr zehn Jalir vor dem Untergang Pompeji's 
wurde die Stadt von einem schweren Erdbeben heimgesucht. 
Sollten die Einwohner damals zum Theil geflüchtet und nicht 
wieder zurückgekehrt sein? Auch schwer glaublich; es würden 
dann hauptsächlich die Wohlhabenden den Platz verlassen 
haben, und grade Luxusgegenstände findet man genug, es 
fehlt der gewohnlichste Hausrath, auch würde man dann die 
Häuser nicht alle aufrecht stehend gefunden haben. Ich bin 
begierig, einmal Jemand über diesen Punkt zu fragen, der 
sich damit beschäftigt hat, etwa den Professor Zahn, nebeu 



160 Neapel bis Berlin. 

dessen Namen im Fremdenbuch in Amalfi Jemand geschrieben 

hat: „ist hohl". — 

Nachmittags gab uns Landsberg eine Eselfete und ritt 

uns spazieren nach herrlichen Aussichtspunkten (auf den 

schönsten sind regelmässig Klöster gebaut), durch schöne 

Waldparthieen. Um acht setzten wir ims in den Wagen und 

fuhren nach Neapel zurück. Es war Festtag und in Torre 

del Annunziata und Torre del Greco grosser Skandal; man 

glaubt nicht, wie bevölkert alle die kleinen Nester sind. In 

Portici Feuerwerk, Erleuchtung, Teufel et la grand'-mere. 

Alles Ermüdende habe ich nun hinter mir und werde bis zum 

Moment unserer Einschiffung ein ganz ruhiges Leben führen. 

Einige Trümmer römischer Geselligkeit haben sich schon, und 

werden sich noch in diesen Tagen zusammenfinden ; im Ganzen 

aber leben wir hier sehr still. — Lebt Alle wohl, o! wie 

freue ich mich aufs Wiedersehen!" — 

Eure Fanny. 

Anfangs war der Reiseplan gewesen, zusammen nach 
Sicilien zu gehen. Dui'ch die Unpünktlichkeit der italiänischen 
Dampfer (zwei waren zerbrochen und der dritte besorgte den 
Dienst ganz allein) wurde der Zeitpunkt der möglichen Abreise 
dahin so weit hinausgeschoben, dass Fanny der grossen Hitze 
wegen den Muth verlor und es wui'de beschlossen, sie sollte 
mit ihrem Sohn in Neapel bleiben und Wilhelm die Reise allein 
machen. 

Aus einem Brief von Fanny. 

Uten Juli. 

„ Sei mir gegrüsst, mein herzlieber Mann! In der 

Ungewissheit, ob dieser Bogen noch an Dich wird abgehen 
können, fange ich immer an, ihn zu schreiben, da es mir Be- 
dürfniss ist, mich mit Dir zu unterhalten. Was treibst Du 
und wo hausest Du? Arbeitest Du mit dem Auge oder auch 
mit der Hand? Sollte das Erstere der Fall sein, gräme und 
ängstige Dich nicht ; was Du siehst, ist auch für Deine Kunst 
nicht verloren und bei Dir fällt nichts auf einen steinigen 



Neapel. 161 

Boden und trägt Alles Früchte, dreissigfältig und vierzigfältig. — 
Ich bedauere immer mehr, dass wir den Saal nicht gleich als 
Wohnzimmer gehabt haben. Du glaubst nicht, welcher Genuss 
das ist und welches unerhörte Schlaraffenleben ich hier führe. 
Es ist gut, dass wir nachher nur noch fünf Tage Zeit haben; 
denn jetzt hält mich die Sehnsucht nach Dir in Erdenscliranken; 
wenn wir aber „Gottes zwei lieblichste Gedanken", dies Heiden- 
oder Götterleben, eine Zeit lang zusammenführten, würde ich 
sicher übermüthig. Nie heiss! Selbst solange die Sonne hier 
steht, mache ich nur den halben Fensterladen zu, denn ein 
lieblicher Seewind külilt mehr, als der Sonnenstrahl erhitzte, 
und den ganzen Nachmittag sitze ich draussen und verderbe 
mir den Magen mit schlechten Büchern. Gounod ist ange- 
kommen und will Dir herzlich em.pfohlen sein, sowie Bousquet 
und Normand. Sie besuchen mich alle fleissig, wie auch Mme. 
D., deren Gesellschaft mii', faute de 7nieuxj ganz angenehm ist, 
da mir, besonders in Deiner Abwesenheit, daran liegt, doch 
wenigstens eine Lady zu allen meinen jungen Gentlemen zu 
haben, und trotz aller ihrer Koketterie mag sie wohl etwas 
Aehnliches empfinden, da sie meine Gesellschaft entscliieden 
wünscht und sucht. Und sie besucht mich, während ich die 
andern Damen, die ich allenfalls hier kenne, besuchen müsste, 
was viel weniger bequem ist. Heut Abend wii'd eine grosse 
Wasserfahrt gemacht, mit der D., Bousquet und Gounod. 
Neulich Abend hat schon eine stattgefunden, wobei ich Sebastian 
als Pagen und Jette als dame d^honneur mithatte, bis zum 
Palast der Johanna, der Abends weit schöner ist, als am Tage 
und wirklich besonders geheimnissvoll aussieht. Wie wurde 
Deiner gedacht! 

Und zu all dem Schönen kann ich Dich dann nicht rufen! 
Innerlich aber theile ich Alles und Jedes mit Dir und, glaube 
nur, geniesse Nichts recht ohne Dich. Ich hoffe. Du miss- 
büligst diese Wasserfahrten nicht, ich kann es wirklich nicht 
gut abschlagen, ohne mich einer Prüderie verdächtig zu 
machen, die den jungem Leuten lächerlich vorkommen müsste. 
— Adieu, liebster Mann, schlürfe Sicilien, und wenn Du Dich 
ganz vollgesogen hast, komm wieder zu Deinem Pannus und 

Die Familie ilendelssoLn. IL 11 



l^^ Neapel bis Berlin. 

zu Deinem Bap, das sind ein Paar Leute, die Dich lieb haben!« 
— P. S. „„Sie kann nicht enden!"" sondern schreibt noch 
einen Gruss und wieder einen Gruss. Warum soll dies Stück 
Papier weiss nach Palermo fahren? Ich lese seit gestern 
voj/affe en Itdlie von Jules Janm. In Florenz ist er schon 
fertig mit seinem Enthusiasmus und kehrt um. Es sind 
hübsche Sachen darin, aber auch solche grosses hetises^ dass ich 
mich zum ersten Mal in meinem Leben nicht habe enthalten 
können, eine Bemerkung mit Blei an den Rand eines fremden 
Buches zu schreiben. Dieser Ruhm wäre also auch dahin, so 
wie ich den, in keiner Kirche auf einen Stuhl gestiegen zu 
sein, ai greci in Rom eingebüsst habe. Addioy ca/rissimo mio /" — 

Tagebuch: 
«Jetzt denke ich oft, wie bald mir nun all das Herrliche 
aus den Augen gerückt sein wird und wie manches Jalir ver- 
gehn muss, ehe ich es wieder sehe. Gewisse südliche Pflanzen- 
kombinationen haben sich besonders in das Gedächtniss meines 
Herzens geschlichen. Aloe auf dem Grase, Villa Mills. Wein- 
stock in den Oelbäumen, wunderschön, heiter, fruchtbar, das 
wahre Bild des producirenden Südens. Pinie und Cypresse, 
ernst historisch, nicht fruchtbar, nicht nützlich, aber schön, 
Gedanken anregend, tief, römisch. Ich kann nicht ohne 
Rührung an die herrlichen Piniengruppen mit Cypressen unter- 
mischt denken, wie ich sie in der Villa Ludovisi, nie iu der 
Nähe, aber wie oft! und wie gern! von der Villa Medicis 
herab gesehen! Die Palme steht gewöhnlich allein, und kann 
es auch. Jede einzelne Palme bildet eine Gruppe, welche 
keiner Ergänzung bedarf, sie kaum vertragen würde. Es ist 
das Einsame, Geheimnissvolle, Wunderbare des Orients darin. 
du schönes Italien! Wie reich bin ich innerlich durch dich 
geworden! Welch einen unvergleichlichen Schatz trag' ich 
im Herzen zu Haus! Wird auch mein Gedächtniss recht treu 
sein? Werde ich so lebhaft behalten, wie ich empfunden?" — 

BriefnachHause. 

Neapel, 22sten JuH 1840. 
^Gestern Nachmittag um zwei ist mein lieber Mann 



Sicilien. 163 

glücklich und gesund von einer neunzehntägigen Eeise nach 
Sicilien zurückgekehrt. So, nun ist doch endlich das grosse 
Geheimniss heraus, das mein weibernes Herz sehr gedrückt 
hat. Wir wollten Euch nicht eher davon schreiben, bis er 
gesund wieder hier wäre, weil wir fürchteten, Ihr würdet Euch 
seinetwegen ängstigen, der in der grimmigsten Sonnenhitze 
das Eosalienfest in Palermo ausstand, und unsertwegen, die 
wir hier allein zurückblieben. Bei dem letzteren war durch- 
aus kein Eisiko, wir waren ^vie in Abraham's Schooss hier in 
nnserm Saal; meines Mannes wegen habe ich mich allerdings 
auch ein wenig geängstigt, indess ist er Gott sei Dank! sehr 
wohl und vergnügt, nicht einmal sehr verbraten zurück- 
gekommen, und wie immer in der kurzen Zeit sehr fleissig 
gewesen, hat viele angenehme Bekanntschaften gemacht, viel 
Portraits und Skizzen gezeichnet, auch einige Studien gemalt 
und ist voll von der wunderbaren Schönheit des Landes. 
Er war in Palermo, in Messina, und von letzterer Stadt aus 
in Taormina. Es thut mir doch jetzt sehr leid, dass ich nicht 
mit war. Wären wir einen Tag früher von Eom abgereist, 
so wäre ich wahrscheinlich mitgegangen. Aber denselben Tag 
war ein Schiff abgefahren und das nächste, mit dem Wilhelm 
fuhr, ging erst am 2ten Juli, unterdess war die Hitze sehr 
gestiegen und ich verlor den Muth, mich derselben so auszu- 
setzen. In den Villen und Gärten um Palermo giebt es gar 
keine Orangen, die sind zu gemein; Pisang, Palmen und 
Eicinusbäume , Zuckerrolir und lauter exotische Gewächse 
stehen da in freier Erde. 

Die Sicilianer haben ihm sehr gefallen. Es soU ein ganz 
ander Geschlecht sein, als die Neapolitaner, die im höchsten 
Grade verhasst und verachtet dort sind, freisinnig, gebildet, 
gastfrei und sehr reich. Grössern Luxus an Pferden und 
Wagen, sagt er, hätte er nie gesehn, als in Palermo, es über- 
träfe noch London. Er hat die Statue der heiligen Eosalie 
gezeichnet, von der Göthe so hübsch erzählt. Einer seiner 
Eeisegefährten, der sicüianische Prinz Pignatelli, besuchte uns 
noch gestern Abend, um mir seine Verwimderung über 
Wilhelm's Zeichnen auszudrücken, er hatte auf dem Dampf- 

11* 



164 Neapel bis Berlin. 

looot während der stossenden, schwankenden Bewegung des 
Schiffes mehrere Portraits gemacht und dadurch den närrischen 
kleinen Sicilianer, sowie die übrige Reise-Gesellschaft in grosses 
Erstaunen versetzt. Die Erfahrung habe ich nun auch 
gemacht, Jemand Geliebtes zur See zu erwarten, da ich den 
ganzen Golf dominire, so konnte ich das Schiff dreissig Miglien 
weit und von der Spitze des Mastes an sehn. Es sollte um 
sieben Uhr Morgens ankommen, um halb sechs war ich auf^ 
Augen und Fernglas nach der Durchfahrt zwischen Capri und 
Sorrent gerichtet, es ward aber zehn, es ward zwölf, es ward 
eins und kein Dampf boot Hess sich sehen; endlich um zwei Uhr 
Nachmittags erschien es am Horizont. Dies lange Warten 
und die Spannung und Ungeduld, noch daduixh vermehrt, dass 
ich in vierzehn Tagen keine Nachrichten erhalten hatte, ver- 
setzte mich in einen ganz unverständigen Zustand von Angst» 
Ich muss selbst sagen, unverständig; denn Sebastian demon- 
strirte mii' ganz richtig, liebe Mutter, wenn das Schiff 
gekommen wäre und Vater nicht, dann hättest Du Rechte 
Dich zu ängstigen; so aber hast Du gar keinen Grund dazu. 
Der liebe Kerl hatte ganz recht und ich fuhr ganz dumm 
fort, mich zu ängstigen, bis das Meer rauschte. Die Neapoli- 
taner, die in Allem unzuverlässig sind, halten auch die Ab- 
fahrtsstunde gar nicht ordentlich. 

Felix in Leipzig zu finden, freuen wir uns ausserordentlich,^ 
die Reiseschlange beisst sich dann in den Schwanz. Seine 
Musik auf freiem Platz mit 200 Männerstimmen muss prächtig 
gewesen sein; dies schöne Fest hätte ich gern mitgemacht. 
Entzückt bin ich auch von der Feier in Strassburg, die um- 
ständlich in den Debats beschrieben war; ein echtes Volks- 
fest!"*) — 

*) Es waren diese Festlichkeiten zur Feier des Jubiläums 
der Erfindung der Buchdruckerkunst. Lea schrieb darüber an 
Fanny: „Zur Musik auf dem Markt in Leipzig war das Wetter 
gottlob! günstig und der Lobgesang in der Kirche am folgenden 
Nachmittag soll sehr schön ausgefallen sein. In Mainz war Neu- 
komm bei seiner Aufführung im Freien weniger glücklich, sie ist 
zweimal durch heftigen Regen unterbrochen. Lasst Euch die 



Neapel. Felix in Berlin. 165 

Nim lebt wohl, Ilir Lieben, so Gott will, ist dies mein 
letztes Ergebenes aus Neapel, und der nächste Brief ein gut 
Stück näher datirt. Bittet Gott um eine glückliche Rückreise 
für uns, wie wii* ihn bitten, uns Euch Alle wohl und vergnügt 
beisammen finden zu lassen. Und nun adieu aus Neapel." 



Aus einem Brief von Rebecka an Cecile. 

Berlin, 24. Juli 40. 

— — „Vorgestern bekamen wir auch von Hensel's einen. 
Brief, es bleibt dabei, dass sie am 26sten zu Dampf abreisen, 
und etwa in einem Monat, so Gott will, bei uns sind. Ich 
kann Dir gar nicht sagen, wie ich mich darauf freue. Unter- 
dess waren aber auch die Paar Tage mit Felix prächtig und 
Du sollst vielen Dank haben, dass Du ihn uns so lange erlaubt 
hast. Dass etwas Weniges in der Zeit von Dir und den lieben 
Kleinen die Eede war, das musst Du am Ohrenklingen gemerkt 
haben. Um aber Deine Eifersucht auf die Löwe, auf Herrn 
Kütemann und Gott weiss wen? zu dämpfen, so kann ich Dich 
versichern, dass Felix, obgleich er sich hier gut zu amüsiren 
schien, sehr liebenswürdig war und sah, wie wir mit jeder 
Minute seiner Anwesenheit geizten, doch innerlich und auch 
ein wenig bischen äusserlich gewaltige Gesichter geschnitten 
hat, als David, wir und seine eigene Vernunft ihn bestimmten, 
noch den Mittwoch Abend hier zu bleiben und ein Paar 
Stunden später bei Dil' einzutreffen. Ich will nicht sagen, 
dass es nicht Männer gebe, die ihre Frauen ebenso lieb haben, 
wie FeUx Dich, aber einen so verliebten Ehemann habe ich 



Zeitungen vom dreissigsten geben, es ist interessant zu sehen, wie 
dies Fest ein allgemeines in Deutschland, Preussen und Oesterreich 
ausgenommen, gewesen! Zu dem Strassbarger wurden die ersten 
Notabilitäten erwartet. — Felix schrieb mir am zweiundzwanzig- 
sten, wo die erste Probe der Marktmusik gewesen war : „Ich stehe 
am Laternenpfahl, David hundertdreissig Schritt weit mit dem 
zweiten Orchester ; es ist eine tolle Wirthschaft, über zweihundert 
Männer, zwanzig Posaunen, sechszehn Trompeter u. s. w. Spontini 
würde kaum sagen encore deux violons!"- 



;i66 Neapel bis Berlin. 

docli in meinem Leben nicht gesehen. Erklärlich ist mir das 
zwar, denn ich bin nicht Dein Mann und auch ein bischen 
verliebt in Dich." 

Brief von Fanny nach Hause. 
Montag den lOten August Nachmittags. „Zum 
letzten Male sitze ich auf dem göttlichen Balkon mit der 
grossen Aussicht. Die Koffer sind gepackt und werden eben 
aufgeladen, morgen geht es fort. Mir selbst unbegreiflich, 
sind mir die Augen noch nicht nass geworden über den nahen 
Abschied, während ich in Eom jeden Tag, vier Wochen vor 
der Abreise, meine regelmässige Anzahl Thränen vergoss. 
Hätte ich nicht ein wenig Graul vor dem langen, langen 
Eeiseruck, ich würde mich unbedingt freuen. Heut assen wir 
noch beim Herzog von Montebello. Mit uns assen Herr 
Decaitel, einige unbekannte Herren und Kemble mit seiner 
Tochter. Sie ist sehr hässlich und war abscheulich angezogen, 
sodass sie eine sehr ungraciöse Erscheinung machte, spricht 
aber sehr gut französisch und scheint geistreich mehr als an- 
genehm, denn sie hat etwas sehr Scharfes und eigentlich 
wenig Einnehmendes. Der Herzog ist wirklich ein sehr 
liebenswürdiger Mann, von den feinsten, angenehmsten Formen ; 
er gefällt mir sehr. Sie ist auch sehr freundlich und ange- 
nehm; sie überwindet die Engländerin soviel als möglich. 
Nachmittag sassen wir erst eine Weile unter der schönen 
Säulenhalle, dann sang die Kemble. Ihre Stimme ist schön, 
aber ohne Eeiz, wie ihre Person; ich finde das, obgleich sie 
gegen mich überaus liebenswürdig war. Ich spielte auch 
Mehreres auf dem schönen Erard und hatte dort ein sehr 
dankbares Publikum, obgleich ich mich leider gar nicht zu 
meinem Vortheil zeigen konnte, da ich mich auf dem herr- 
lichen Instrument schwach und unfähig fühlte. Das Concert 
von Bach konnte ich kaum bezwingen. Dann nahmen wir 
fi^eundlichsten Abschied von der liebenswürdigen Familie und 
kamen um Mitternacht, im schönsten Mondschein, aber ganz 
gebadet nach Haus, denn es ist diese Tage unbeschreiblich 
heiss gewesen." 



Genua. 167 

Brief nach Hause. 
Genova la süperb a. Croce di Malta. 

14teii August 1840. 

„Thalatta! Thalatta! So jauchze ich; aber nicht, weil ich 
das Meer vor, sondern, weil ich es hinter mir habe. Wenn 
etwas in der AVeit angenehm, aber auch eklig ist, so ist es 
das Seereisen. Angenehm ohne Zweifel für die, welche, wie 
mein Mann, an Bord Portrait zeichnen, essen, trinken und 
sich comme le pont neuf befinden, etwas eklig aber für die 
andern, welche wie ich noch den ganzen Tag in Livorno und 
noch vier Stunden in Genua alle Meubles in der Stube walzen 
und „die ganze betrunkene Welt sich um die rothe Weltgeist- 
nase drehen sehn." Um aber billig zu sein, muss ich sagen, 
dass ich ausgestreckt auf dem Rücken liegend einen ziemlich 
leidlichen Zustand herbeiführen konnte; aber nicht fünf Mi- 
nuten konnte ich aufgerichtet oder nur sitzend auf dem Scliifi'e 
aushalten. Nun muss ich aber von der grossen Anstrengung 
dieser halben Seite ausruhen, denn meine Gedanken tanzen 
mit meinen Buchstaben den schönsten Ringelreihen. Die 
Hauptsache ist, wir sind fort und werden, will's Gott, ohne 
Aufenthalt unsere Reise fortsetzen können. Wahrscheinlich 
ruft Hir uns entgegen, wie die gute Madame Beer ihrem 
Sohn: „Michel, wie hässlich bist Du geworden!" Ich bitte, 
sich darauf vorzubereiten, bekanntlich kommt man aus Italien 
weder jünger noch schöner zurück. Reisesatt und müde sind 
wir, das weiss Gott! Und wenn die Maus satt ist, schmeckt 
das Mehl bitter. Plackereien und Prellereien, die freilich hier 
auch ärger sind, als irgendwo anders, sind mir noch nie so 
lästig und abscheulich vorgekommen, und ich sehne mich nach 

meinem ehrlichen Vaterlande. 

Im Anfang hatten wir gutes Wetter auf der Seefahrt; 
die beiden letzten Nächte aber waren stürmisch, und die letzte 
so sehr, dass ich vor Angst fast kein Auge zuthun konnte. 
Als ich aber doch einmal vor Müdigkeit einschlief, träumte 



168 Neapel bis Berlin. 

mir aufs Lebhafteste, wir sässen alle um Deinen Tiscli im 
Saal, liebe Mutter, und ich sagte eben: „Nun ist doch endlich 
der ersehnte Augenblick gekommen'', — da wachte ich vom 
Knacken und Krachen des Schiffes auf, der Tisch in der Ka- 
jüte fiel um , und ich befand mich schaukelnd und sehr unbe- 
haglich auf dem Mittelmeer. Ich werde mich lange meiner 
angenehmen Empfindung beim Anblick der ersten Morgen- 
dämmerung erinnern. Kurz vor der Ankunft in Genua stand 
ich auf, die Stadt zu sehen, konnte mich aber nicht aufrecht 
erhalten, sondern musste mich auf dem Verdeck legen und 
nur hin und wieder einen Blick hinaus thun. Die Stadt liegt 
herrlich, fast wie Neapel, hoch an die Berge hinangebaut." —• 

Tagebuch. 

Genua, 16ten August. 

»Gegen Abend ging ich mit Wilhelm imd Sebastian in 
Scu-occo und Regen — wir haben hier noch keine Sonne ge- 
sehn — ein wenig aus. Nach der Kathedi-ale, in lombardisch- 
germanischem Styl, den ich in meiner Kunstgeschichte, „uner- 
bärmlich" wie Walter in Heringsdorf sagte, den Zwillichstyl 
nennen werde, von wegen Streifigkeit. Doch haben alle diese 
FaQaden irgend etwas Eigenthümliches. So diese die frei- 
stehenden Säulen an der Ecke. — Im Palast Brignole sind 
herrliche Gemälde. Ein Eubens entzückte Wilhelm, mir war 
er etwas zu unfläthig. Rubens selbst und seine Frau, von SatjTcn 
und Faunen umgeben. Ein wunderschönes Bild des Palma 
vecchio, Anbetung der Könige, eins der schönsten, die ich von 
ihm kenne. Bildnisse von Tizian, Rubens und Vandyk; von 
Letzterem ein lebensgrosser Reiter, der Marchese Brignole. 
Er scheint alle grossen Familien hier gemalt zu haben, in allen 
Palästen sind die Besitzer in ihrer lebensgrossen Behäbigkeit 
mit feinen, weissen, herabhängenden Händen, stehend, sitzend, 
reitend, mit und ohne Kinder, in ungeheuren Halskragen, imd 
die Frauen in ziemlich unschönem Anzüge, der damals hier 
muss Mode gewesen sein, von ihm abgebildet. Von da stiegen 
wir zur Villa Negri hinauf, mit wunderschöner Aussicht. Der 
Marchese Negri scheint nach genuesischer Art ein Patriot zu 



Genua. Mailand. 169 

sein, er stellt die Büsten berülimter Landsleute auf, Columbus, 
Paganini, hat ein Gartenhäuschen mit der Inschrift ^^alla me- 
moria di Washington''^ -^ der alte Mann nahm uns in diesem 
Gartenhäuschen sehr freundlich auf und zeigte uns alle seine 
Raritäten, deren er eine Menge hat; Napoleon's Stock und 
Dose, Messer und Gabel von Benvenuto Cellini, eine hübsche, 
alte Harfe und was dergleichen mehr ist. Der sein* schöne 
Garten und der Bück, den man von da hat, ist das Beste an 
der Sache. Nachher assen wir in der Stadt, wobei ich die 
Relation von Louis Bonaparte's Landung ujid Verhaftung in 
Boulogne las. Ein verrückter und abscheulicher Mensch!" — ■ 
Den 18ten August kamen die Reisenden in Mailand an. 

Tagebuch. 

„Wir fuliren nach der Brera, wo ich mich ausserordentlich 
amüsirte, alte Freunde wiederzusehn. In den Eingangssälen 
hatte ich die Freude, zu merken, dass ich etwas gelernt, denn 
die schönen, ausgesägten Fresken des Luini, die ich das erste 
Mal gar nicht habe ansehn mögen, gefielen mir diesmal sehr 
gut. Sie sind aus der Geschichte der Maria, wahrscheinlich 
aus der Kii'che von Lugano. Die Sammlung ist überaus reich 
an schönen, grossen Venezianern, besonders Paul und Boni- 
facio. Von Paul: Ein Bischof und mehrere andere Geistliche; 
ein Page vorn hält ein Buch, in das ein schöner alter Kopf 
hineinsieht. Es ist viel mehr Styl, Ernst und Würde in dem 
Bild, als der lustige Kerl gewöhnlich hat. Ferner ein gewaltig 
grosses Altarbild, mit Flügelthüren, Anbetung der Könige in 
der Mitte, Heilige und Engel mit allen möglichen Bassgeigen 
und Posaunen an den Seiten; der rechte Paul Veronesische 
Spektakel. Gestern kam er mir vor wie Händel: Grosse, breite 
Massen, mit einigen krausen ModeschnörkeLn und denselben 
immer wiederkehrenden Efi'ekten, die immer wieder wirken und 
überraschen, als sähe und hörte man sie zum ersten Mal. Ein 
Paar prächtige Menschen. — Von Bonifacio : Christus im Hause 
des Zöllners, die ganze Welt isst und trinkt, links füttert ein 
Kind einen Hund, hatte mir schon das erste Mal sehr gefallen. 
Ein schöner Mantegna, schreibender Evangelist in der Mitte. 



170 Neapel bis Berlin, 

Heilige und Heiliginnen umher, einzelne Figürclien auf Gold- 
grund. Dies Bild denke ich mir aus seiner frlihern Zeit, wie 
er noch an der alten Schule hing; aber auch hierin schon welch 
ein Unterschied gegen das frühere; das war ein grosser Mann ! 
-- Von dem Sposalizio sage ich nichts, davon ist alles gesagt ! 

Die Verkündigung von Francia hat mir diesmal nicht ganz 

den Eindruck gemacht, wie im vorigen Jahr. Dann ist noch 
ein tolles Bild da, von Bonifacio. Es scheint die Findung Moses' 
vorstellen zu sollen, aber eine solche Auffassung denkt man 
nicht. Herren und Damen sitzen in traulicher Konversation, 
trinken und essen und ein dicker Koch steht neben der Prin- 
zessm, ein Fass Wein wird angezapft, Musik gemacht u. s. w. 
Von Bellini ein grosses Bild nach Art seiner prächtigen, ko- 
mischen, origineUen in Venedig: Ein Heiliger predigt in Kon- 
stantinopel vor der Sophienkirche, die närrischesten Türken und 
Mamamuschis hören zu in wahren Häusern von Turbanen, 
weissen Mänteln und kuriosen Kostümen. Die Kirche erinnert 
sehr an die Markuskirche in Venedig, schlanke Thürme da- 
hinter, und an einem eine äusserlich herumgewundene Treppe, 
weisse helle Häuser. Ein äusserst wahres, anspruchsloses 
Tageslicht herrscht in diesem Bilde. Von dieser Art von Ve- 
nezianern macht man sich gar keine Vorstellung, wenn man sie 
nicht gesehn. — Dann gingen wir noch einmal nach der Kirche 
St. Ambrogio, wovon Wilhelm em Paar Linien Behufs einer 
Komposition, die er vorhat, zeichnen wollte. Eine schöne 
Kii'che, die mit wenigen Hinwegschaffungen von Putz und 
Schmutz, me Wilhelm sagt, ihrer ursprünglichen WlU'de wieder- 
zugeben wäre. 

Donnerstag, den 20ten Aug. Heut früh um sieben 
ging Wilhelm mit Sebastian auf den Dom zeichnen. Ich ging 
später nach und trat mit unbeschreiblichem Entzücken in den 
Dom ein, der mir damals garnicht einen so grossen Eindruck 
machte, als jetzt. Voriges Jahr kamen wir von Bamberg und 
Regensburg, wo v/ir Aehnliches, gross in derselben Art, gesehn 
hatten. Jetzt haben wir die Kirchen Italiens hinter uns, Ba- 
siliken, die ich auch sehr schön finde, Peterskirche, und die 
vielen Ableger davon, germanisch-italiänischen Styl, und was 



Besuch bei Hiller. 171 

man Alles in verschiedenen Stylen sieht, und was einem AUes, 
Eins um das Andere, gefallt. Aber heut hatte ich so recht 
die innige Ueberzeugung, dies ist der wahre Kirchenstyl, dies 
ist die schönste Kirche Italiens und die hat ein Deutscher 
gebaut. Es ist doch ein herrlich Ding um den Menschengeist, 
und Gott hat nichts Schöneres geschaffen." 

Brief und Tagebuch. 

A i r 1 , den 24sten Aug. 1840. 

„Wenn ich mich nicht eile, so kann ich meinen Brief 
nicht auf der Südseite der Alpen mehr anfangen, denn iu 
einigen Stunden sind wir hinüber und bleiben Nachts in Ursern, 
wo wir 1822 Alle zusammen einmal übernachteten. Den 
2 Osten Nachmittags fuhren wir von Mailand weg nach Como, 
dachten Hiller gleich aufzusuchen, erfuhren aber, dass er weit 
von der Stadt am See wohne und hinaus zu schicken war es 
zu spät. Den Slsten also Morgens setzten wir uns zu Schiff 
und fahren bei Hiller vor; der, sehr vergnügt, kam mit m 
unsere Barke und machte eine Spazierfahrt mit uns, auf der 
wir die, durch die Königin von England bewohnte und berüch- 
tigte Villa d'Este besahen, dann nahm er uns für den Eest 
des Tages in Beschlag und fuhr uns Nachmittags (ebenfalls 
zu Wasser) nach der Villa Pliniana, wo er uns neben der von 
Plinius beschriebenen Quelle in einer offenen Halle am See 
ein sehr nettes, lustiges Souper gab, bei dem Wilhelm ilm 
zeichnete. Der Brief des Plinius, worin er diese dreistündig 
wachsende und wieder abnehmende Quelle beschreibt, ist dort 
in lateinischer und italiänischer Sprache an die Wand 
geschrieben und besonders die klassische Stelle sehr schön, in 
der er empfiehlt, sich neben dem Wasser zu Tisch zu setzen, 
zu essen und zu trinken, ein Eath, den wir nach achtzehn- 
hundert Jahren pünktlich befolgten. — Den Tag darauf, in 
Bellinzona, erlebten wir eine jener interessanten Eeisebegeg- 
nungen, die das Eeisen so angenehm machen und sich unaus- 
löschlich in's Gedächtniss prägen: Wii' kamen gegen Abend 
dort an und man trug uns das Essen in einem Zimmer auf, 



172 Berlin bis Neapel. 

in dem bereits ein ältlicher Herr zu Tisch sass. Er redete 
uns sehr höflich und freundlich an, und wir merkten bald im 
Verlauf des Gesprächs, dass wir einen sehr unterrichteten, 
jedenfalls ausgezeichneten Mann vor uns hätten. Als wir das 
Essen beendet hatten und im Begrüf waren, auseinander zu 
gehen, frug er, woher wir wären, und als er hörte aus Berlin, 
erkundigte er sich nach Humboldt, dessen Bekanntschaft wir 
uns nun allerdings rühmen konnten, und da ihn Wilhelm frug, 
ob er Humboldt vielleicht einen Gruss bestellen dürfte und 
von wem? sagte er: Jo sono un uomo infelicemente conoscinto 
^ il mite Gonfalonieri. Bei diesem Namen mirde ich denn 
nicht wenig bewegt.*) Als er unseren Namen hörte, fand 
sich's, dass er durch Arconati's genau mit uns und unserer 
ganzen Familie bekannt sei, sie hatten ihm die Gastfreund- 
schaft der Berliner und die unsere insbesondere tausendmal 
2'erühmt. Nun war die Bekanntschaft augenblicklich geschlossen, 
Wilhelm liess sich sein Zeichenbuch heraufliolen und er nahm 
das grösste Interesse daran und war gern bereit, zu sitzen, 
und Wilhelm zeichnete sein sehr ähnliches Portrait. Auch 
von Gans sprachen wii^ viel, nach Bartholdy frug er, als nach 
einem ausgezeichneten Mann, den er vor zwanzig Jahren in 
Italien gekannt und von dem er nach seiner Eückkehr noch 
nichts wieder gehört. Kurz, es gab der Berührungen so viele, 
dass uns der Abend, einer der interessantesten der ganzen 
Reise, nur allzurasch verging und wir uns von dem ausser- 
ordentlichen Manne wie von einem alten Freunde trennten. 
Was er uns von seinen Schicksalen erzählte und die Art, wie 
er darüber sprach, war unbeschreiblich rührend. Fünfzehn 
Jahr hatte er auf dem Spielberg zugebracht, ohne in dieser 
ganzen Zeit irgend eine Nachricht von der Welt oder den 
Seinigen zu erhalten, ausser nach zehn Jahren die von dem 
Tode seiner Frau, die ihm von Seiten der Regierung ganz 
kurz und trocken mitgetheilt ward. Die unglückliche Frau 
hatte vielfach erneuerte Anfragen gethan, um zu ihm zu 



*) Er war ein Leidensgefährte Silvio Pellico's und aus dessen 
Buch Le mie prigioni im Munde aller Menschen. 



Graf Gonfalonieri. 173 

gelangen, alles vergebens, endlich bat sie um Erlaubniss, nach 
Brunn zu ziehen, nur um ihm näher zu sein; da man ihr das 
nun nicht eigentlich versagen konnte, so antwortete man, es 
stünde ihr frei, aber sie wüi'de die Haft ihres Mannes dadurch 
erschweren. Da blieb ihr denn nichts übrig, als in Mailand 
zu bleiben und zu sterben. Er sagt, von dem Augenblick 
hätte der Spielberg erst für ihn angefangen. Keine Bücher 
in der ganzen Zeit! Man hat von solcher Grausamkeit, 
solcher moralischen Tortui* keinen Begriff. Dann ging er 
nach Amerika in die Verbannung, hierauf nach Frankreich 
und Belgien und vor drei Monaten bekam er Erlaubniss, auf 
kui^ze Zeit nach Mailand zu kommen, um seinen damals noch 
lebenden, zweiundachtzigjährigen Vater zu besuchen. Bei der 
Gelegenheit erfuhr der Kaiser erst, dass er nicht in die 
Amnestie mit eingeschlossen gewesen sei, war sehr ungehalten 
darüber und befahl, augenblicklich die Ordonnanz über seine 
völlige Freiheit zu erlassen. Mit der grössten Milde und 
Schonung spricht er über seine Regierung, mit der grössten 
Aufgeklärtheit über innere und äussere Politik. Er muss ein 
unvergleichliches Gemüth haben, nach all dem bittern Herze- 
leid, was man ihm angethan, von seinem Unglück und seinen 
Peinigern mit solcher Sanftmuth, solcher unbeschreiblich 
rührenden Güte reden zu können. Nicht minder zu bewundern 
ist seine Bekanntschaft mit Allem, was in der Welt vor- 
gegangen, in Kunst, Literatur und Politik, da er fünfzehn 
Jahr, wie er es selbst nennt, begraben gewesen und die meiste 
übrige Zeit jetzt in Amerika zugebracht hat. Unter allen 
Italiänern, die ich habe kennen lernen, schien er mir der bei 
weitem Bedeutendste! Und solche Männer behandelt Oester- 
reich so! — " 

Tagebuch; 
„Von Airolo fängt man an, stark zu steigen, terrassen- 
förmig, ähnlich wie am Stelvio; der Fuhrmann verlor viel 
Zeit mit verschiedentlichem Umspannen, wii' gingen viel zu 
Fuss; der Tessin bildet fortwährende Wasserfälle den amplii- 
theatralischen, merkwüi'dig mächtigen Felsenbau hinunter. 



174 Neapel bis Berlin. 

Als wir endlich, Wilhelm und ich voraus, zu Fuss den Gipfel 
erreichten, „wo die ew'gen Seen sind," war die Sonne schon 
untergegangen und die Dämmerung angebrochen. Man ist auf 
diesem Gipfel übrigens noch von vielen höheren Bergen um- 
geben, die Hochebene ist breit und man fährt eine ganze 
Strecke glatt. Nach Ursern sollte man zwei Stunden hinunter 
fahren und es schien mir schon in der tiefen Dämmerung sehr 
gruselig, es sollte aber noch schlimmer kommen. Als wir 
eine Strecke hinunter gefahren waren, brach der Hemmschuh 
und der Fuhrmann musste nun in der immer wachsenden 
Dunkelheit Schritt vor Schritt den steilen Berg hinunter 
fahren. Bei einem einzelnen Hause hielt er still, rief die Leute 
heraus, die nach langem Zögern unter Vorsichtsmassregeln 
mit Licht kamen und frug nach einem hölzernen Hemmschuh, 
sie hatten keinen und wir mussten unsern Weg so fortsetzen. 
Endlich ward es so steil, dass der Kutscher selbst uns 
ersuchte, abzusteigen und so gingen wir denn in tiefer Nacht 
zu Fuss den St. Gotthard hinunter, eine passabel unkom- 
fortable Parthie. Indess war das Wetter zum Glück we- 
nigstens gut, hätten wir Sturm und Gewitter des folgenden 
Tages einen Tag früher gehabt, wir wären wirklich schlimm 
daran gewesen. Endlich erblickten wir tief unter uns die 
Lichter von Dorf Hospital und das war der Hafen, in den 
wir einlaufen sollten und wo wir die erste Nacht auf schweizer 
Boden zubrachten. Ich habe übrigens versprochen, in aller 
Welt laut zu bezeugen, dass wir in ganz Italien nicht so 
geprellt worden sind, wie diese Nacht in Hospital im Ursern 
Thal in der biedern, ehrlichen Schweiz. Was wahr ist, muss 
wahr bleiben ; der Wirth, ein junger Bui'sch, war ein grösserer 
Schuft und Grobian, als alle seine italiänischen Kollegen. 
Wilhelm triumphirte sehr! — 

Den 25sten August bei starkem Nebel und Regen 
weiter. Ich konnte das Ursemthal, auf das ich mich so 
gefreut und das mir damals einen so grossen Eindruck gemacht, 
gar nicht sehn, und erkannte nur Andermatt und die kleine, 
weisse Kirche wieder, sowie die ganze Lage. Jenseits des 
Umer Lochs konnten wir den Wagen herabschlagen und die 



St. Gotthard. Rhigibesteigung bei Nacht. 175 

prächtige, wilde Gegend an der Teufelsbrücke ordentlich sehn. 
Indessen regnete es noch mehrere Male sehr stark und wurde 
nicht klar, bis wir Altorf vorbei bei Flüelen an den See kamen. 
Wasen erkannte ich wieder, vde mir überhaupt der Charakter 
des Weges sehr im Gedächtniss geblieben war und der stufen- 
weise Fortschritt von Sclinee, kahlen Felsen, Moos, Tannen, 
erst kleinen, dann gewaltigen, zu Laubholz und den schönsten 
Obst- und Nussbäumen in der Ebene. Was ich aber ganz 
vergessen hatte, ist, dass man von Amstäg bis Altorf wohl 
noch eine Stunde in der Ebene zu fahren hat, in einer über- 
aus fruchtbaren, lachenden Ebene, zu beiden Seiten die hohen 
Berge. Da auf unserer Karte ein deutlicher Landweg nach 
Brunnen angegeben ist, so mussten wir uns natürlich in 
Flüelen einschiffen und über den See nach Brunnen fahren au 
Teilen Platte und Grütli vorüber, Blümlisalp links, Bristenstock 
hinter uns, bei aufziehendem Gewitter. Indessen war der See 
so gütig, sich ganz ruhig zu verhalten. Da wir schon um 
fünf in Brunnen ankamen und alle Leute versicherten, das 
Gewitter verzöge sich, so fuhren ynv noch über Schwyz, mit 
dem Blick auf Haken und Mythen, nach dem Zuger See, an 
dem der Weg eine Weile sich hinzieht. Unterdess aber kam 
das Gewitter näher, die Blitze leuchteten über den See, der 
Donner hallte an den Felsen wieder, der Eegen strömte und 
der dickste Hagel schlug uns ins Gesicht. In solchem Un- 
wetter kamen wir in Arth an, froh, einen Zufluchtsort erreicht 
zu haben. 

Wilhelm aber machte einen wirklich tollen Streich: das 
Gewitter war vorüber, aber der Himmel noch voll Wolken, 
die Leute im Hause versicherten, den Morgen nach einem Ge- 
witter wäre immer der Sonnenaufgang klar, darauf könne 
man sich sicher verlassen, und so stieg er um ein Uhr Nachts 
in Begleitung eines Laternenträgers auf den Rhigi. Den 
andern Morgen um acht kam er wieder, triefend von Schweiss, 
hatte keine Spur eines Schneeberges gesehn ; alle Wege waren 
von dem Unwetter zerstört, er hatte fast fortwährend in 
Wildbächen waten müssen und hinunter zu Bichtwege 
genommen, wobei er von Fels zu Fels springen musste. Es 



176 Neapel bis Berlin. 

wai' eine verrückte Parthie und ich kann Gott danken, dass 
es ihm nicht geschadet."*) 

Das schöne, herrlich kultivii'te badische Land wurde mit 
grossem Wohlgefallen durchflogen. Von Offenburg entschlossen 
ßich die Eeisenden einen Abstecher nach Strassburg zu machen. 

Tagebuch. 

„Wir fuhi-en nach Kehl, gingen von dort zu Fuss über 
die Rheinbrücke, setzten uns in eine Karete und erreichten 
durch die noch ziemlich lange Allee Strassburg und den Münster- 
platz. Der Münster ist das zierlichste dieser Art von Gebäu- 
den, aussen mit feinen Säulchen fast überladen, die sogar über 
die grossen Fenster weggehn; inwendig sieht man, dass die 
ganzen Seitenwände aus mächtigen, breiten, bunten Fenstern 
bestehn, es ist wunderschön. An der Fa^ade, wie am fertigen 
Thui'm ist unsägliche Arbeit, doch glaube ich, dass er noch 
höher hat werden sollen. Der Chor ist von innen abscheulich 
modernisirt und die Orgel vor sechs Jahren mit einer Geschmack- 
losigkeit restaurii't, die dem 17ten Jahrhundert zum ewigen 
Buhm gereichen würde. Im Ganzen hat mir der Regensbui'ger 
Dom einen noch grösseren Eindinick gemacht. Aber es ist 
angenehm, den Münster zu den gesehenen Dingen zu rechnen ; 
man hat so ein gutes Eeisegewissen, wenn man solche Herren 
persönlich kennt. Nicht weit davon steht Erv>1n von Stein- 
bach's Haus, wovon vieles Alte erhalten ist und unter Andern 
eine Treppe, die ein wahrer Edelstein ist. Sie ist schnecken- 
artig gewunden und so um ihre Spindel gedi^eht, dass man von 
unten bis oben durchsehen kann. Da sieht es nun aus, nicht 
wie ein Kunstwerk, am wenigsten wie ein Bauwerk, sondern 
wie ein phantastisches Naturprodukt, wie eine jener wunder- 
baren Muscheln, die thurmartig gewunden sind, unbeschreiblich 
schön. Die stützenden Säulchen durchsclmeiden des Geländer, 
welches sich astartig darum sclüingt. Die Treppe ist in ihrer 
Art ein eben so grosses Meisterwerk als der Dom." 



*) Auf diese Ehigibesteigung, mit der Heusei unbarm- 
herzig geneckt wurde, bezieht sich die Unterschrift unter Felix', 
diesem Buch beigegebenes Portrait: „Ich ging mit meiner La- 
terne, und meine Laterne mit mir, Nachts um eins auf den Ehigi*'*- 



Leipzig. Ankunft in Berlin. 177 

In Leipzig, das am 3. September erreicht wurde, war 
Felix, der eigentlich in England sein wollte, in Folge eines, 
glücklicherweise überstandenen , Krankheitsanfalles noch an- 
wesend. Dass es an ausgiebigem Unterhaltungsstoff nicht fehlte, 
lässt sich denken. Er spielte seine Buchdruckerkantate vor, 
die Fanny sehr gefiel; auch über seine Pläne für die Zukunft 
wurde viel verhandelt, er beabsichtigte, nach Ablauf seines 
Leipziger Kontrakts im nächsten Winter sich ein Jahr, viel- 
leicht in Italien, auszuruhen, worin ihn seine Schwester mit 
ihrem frischen Italien -Enthusiasmus begreiflicher Weise sehr 
zu bestärken suchte. Wie anders sich die Sache nachher ge- 
staltete, werden wir sehen. Cecile war sehr wohl, unverändert 
lieblich und schon, und anmuthig und gut wie immer; die 
Kinder, Karl und Marie, wuchsen prächtig gedeihend heran. 
Endlich, Freitag den Uten September früh reiste Felix nach 
England und Hensels nach Berlin, wo sie spät Abends ankamen 
und Alles wohl, antrafen. 

Fanny Hensels Keisetagebuch schliesst in Berlin mit den 
Worten: „Heut ist Mttwoch, sechs Tage sind wir nun hier. 
Die politischen Ereignisse drohen schwer; der König hat den 
Ständen auf ihren Antrag, eine Verfassung zu geben, eine 
entschieden abschlägige Antwort ertheilt ; die Franzosen rüsten 
offen. Alles sieht trübe, düster und unerfreulich aus, dazu 
stürmt, regnet und weht es draussen und ist eine Kälte, dass 
mir die Finger ei^tarren. In künstlerischer Hinsicht scheint 
durchaus nichts vom Könige zu erwarten zu sein. lieber den 
Eindruck, den dies Alles und überhaupt unsere ganze Rückkehr 
auf mich gemacht hat, später ausführlich, wenn die Gegenwart 
Vergangenheit geworden ist, das üngewitter sich verzogen hat 
oder niedergegangen ist. Die Erfahi'ung hat mich belehrt, dass 
man dergleichen nicht unter dem Einfluss einer augenblicklichen 
Stimmung schreiben muss." — 



Die Familie Mendelssolin. ü. *« 



1841. 

Hier sind wir denn vorerst ganz still 

zu Haus. 



Nach jenen Worten, mit denen Fanny die italiänische Reise 
beschliesst, sich vornehmend, den, unzweifelhaft nicht ange- 
nehmen, Eindruck der Rückkehr später ausführlich zu be- 
sprechen, folgt im Tagebuch — eine leer gebliebene Seite ; das 
erste Lied aber, welches sie nach der Rückkunft zu komponiren 
Lust und Veranlassung fand, sind jene Göthe'schen Worte, 
deren Anfang diesem Kapitel als Bezeichnung vorangesetzt 

worden ist: 

Hier sind wir denn vorerst ganz still zu Haus, 
Von Thür zu Thüre sieht es lieblich aus; 
Der Künstler still die frohen Blicke hegt, 
Wo Leben sich zum Leben freundlich regt. 
Und wie wir auch durch ferne Lande ziehn. 
Da kommt es her, da kehrt es wieder hin, 
Wir wenden uns, wie auch die Welt entzücke, 
Der Enge zu, die uns allein beglücke. 

Aus Beidem zusammen kömien wir wohl mit Fug und Recht 
annehmen, dass jener erste Eindruck schnell vorüberging und 
daher die für ihn im Tagebuch augenscheinlich aufgesparte 
Seite unbeschrieben blieb; und dass die Behaglichkeit des 
Hauses bald ihre Rechte geltend machte, beweist die Stimmung, 



Nibelungen-Plan. 179 

welche zur Komposition des Göthe'sclien Liedes fülirte. Auch 
an Felix schrieb Fanny bald einen sehr vergnügten Brief, und 
die Antwort desselben*) spricht als Wunsch aus, sie möchte 
^in ihrem Innern so recht reisefroh bleiben, während sie in 
der Heimath ruhig fortlebt." 

Häuslich und im Familienkreise waren Hensels bald ein- 
gelebt, und doch traten sie in eine durchaus veränderte Welt ; 
im Allgemeinen war ein grosser Wechsel eingetreten; 
Friedrich Wilhelm III. war gestorben, und der Vierte an 
seine Stelle getreten, die politische Bewegung hatte angefangen 
tmd spielt fortan in allen Aufzeichnungen Fanny's eine hervor- 
ragende Eolle. 

Fanny an Felix (theilweis). 

Berlin, den 5ten Decbr. 40. 

^ Dass Du die Idee der Nibelungen so lebhaft auf- 
genommen, freut mich herzlich. Wie ich höre, hast Du Dir 
eine Eaupach'sche Bearbeitung kommen lassen, bist also in 
diesem Augenblick wahrscheinlich weiter mit Deinem Plan als 
ich es jemals war, ich hatte mir wohl überhaupt mehr die 
Charaktere und die ganze Situation als eine bestimmte Scenen- 
folge lebhaft gedacht. Die grösste Schmerigkeit möchte im 
Schluss liegen; denn mit der gewaltigen Metzelei kann man 
doch keine Oper enden und wie sonst? — Die Versenkung 
des Nibelungenliorts geht so zu: Nachdem Hagen den Sieg- 
fried ermordet, sieht er mit Neid Chriemhilden's grosse Schätze, 
die sie, wenn ich nicht irre, aus Nibelungenland kommen lässt, 
und in der Furcht, sie möchte sich Freunde und Rächer da- 
mit erkaufen, nimmt er sie ihr und versenkt sie in den Rhein, 
Ich bitte Dich, lass mich doch von Zeit zu Zeit wissen, wie 
es damit steht, ob der Plan vorrückt. Ferner bitte ich Dich, 
mir zu schreiben, ob Ihr irgend etwas Erbauliches und Be- 
schauliches für Eure Quartettsoireen habt, das ich für meine 
Sonntagsmusiken brauchen könnte, die ich nächste Woche an- 
zufangen denke. 



*) Felix'sche Briefe. Leipzig, 24. Oktober 40. 

12* 



180 1841. 

Mein Mann ist fleissig wie immer, führt mit Lust seine 
Reiseskizzenbücher aus, wenn Sebastian Nachmittags aus der 
Schule kommt, essen wir und führen ein behagliches, ange- 
nehmes Winterleben. Ob sich hier in der Kunst etwas regen 
wird, muss man erst sehn ; wenn es walir ist, was man allge- 
mein sagt, dass Cornelius herkommt, so möchte das ein Be- 
weis sein, dass man wenigstens Pläne hat. Denn wenn es, 
wie man bis jetzt glaubte, mit der Ausführung der Schinkel- 
schen Freskenentwürfe allein gethan sein sollte, so möchte 
Cornelius nicht der rechte Mann sein, an den man sich gewandt 
hat. Schinkel ist fortwährend in dem traurigsten Zustande, 
seine geistige Thätigkeit ist ganz dahin. Mein Mann ist viel- 
leicht der einzige hiesige Künstler, der sich aufrichtig über 
Cornelius' Herkommen freuen würde. Die Grimm's kommen 
in diesen Tagen, auch mit Rückert soll man in Unterhandlung 
stelm. Bei dem allen aber bleiben unsere Zeitungen so elend 
als sie waren, die Pietisten haben Oberwasser, und die persön- 
liche Regierung scheint in hohem Masse gehandhabt zu werden. 
Was sagst Du denn zu der französischen Politik? Und wie 
gefallen Dir die Debatten in der Kammer? Ist das nicht 
höchst traurig! Auch für uns traurig, denn wie breit macht 
sich nun das Philisterium und sagt: Da seht Ihr nun kon- 
stitutionelle Staaten!" — 

Zu den bedeutenden Männern, auf die der König sein 
Augenmerk gerichtet hatte, um sie nach Berlin zu ziehen, 
gehörte auch Mendelssohn Bartholdy. Schon im November 
1840 hatte man sich an dessen Bruder Paul gewandt, um 
diesen zu sondiren und Mittel und Wege mit ihm zu berathen, 
wie die Berufung in's Werk gesetzt werden könnte ? Er erbot 
sich sofort, selbst nach Leipzig zu reisen, theilte den Zweck 
der Reise geheim Fanny mit, verschwieg ihn aber vorerst 
seiner Mutter und Rebecka, um beiden sehr leidenschaftlichen 
Naturen nicht, vielleicht vergebliche, Hoffnungen zu erregen. 
Die Propositionen, deren Ueberbringer Paul war, sahen sehr 
schön aus und schienen einen ausserordentlich segensreichen 
Wirkungskreis zu versprechen. Es wurde beabsichtigt, die 
Akademie der Künste in vier Klassen einzutheüen, nämlich; 



Felix' Berufung nach Berlin. 181 

Malerei, Skulptur, Architektur und Musik, und jeder Klasse 
einen Direktor vorzusetzen, welchem nach einer bestimmten 
Reihenfolge abwechselnd die Oberleitung der Akademie zu- 
gedacht war. Die musikalische Klasse, zu deren Direktor 
man Mendelssohn ausersehen hatte, sollte im "Wesentlichen aus 
«inem grossen Conservatorium bestehen, und es wurde in Aus- 
sicht genommen, dass dieses einst, in Verbindung mit den 
Mitteln des Königlichen Theaters, öffentliche Concerte, theils 
geistlichen, theils weltlichen Inhalts geben sollte. — 

Die Sache klang sehr verlockend und der Gedanke, dass 
damit eine Gelegenheit endlich gegeben sein möchte, Felix 
wieder nach Berlin zu ziehen und ein Zusammenleben der 
ganzen Familie zu ermöglichen, warf natürlich ein grosses 
Gewicht in die Wagschaale sowohl bei den Geschwistern, die 
Annahme dringend zu wünschen imd zu befürworten, als aucli 
bei ilim, anzunehmen. Nichtsdestoweniger stiegen gleich von 
Anfang an bei Letzterem starke Zweifel auf, nicht sowohl 
-daran, dass der Plan, wie er aufgestellt war, ausgeführt wer- 
den könnte, als dass er ausgeführt werden würde; und wir 
werden im weiteren Verlauf dieser Angelegenheit sehen, wie 
richtig er die Verhältnisse beurtheilte. Er kannte die Unbe- 
stimmtheit, mit der der König solche Dinge behandelte; alle 
Auswärtigen, welche er nach Berlin gezogen hatte, waren in 
der vagesten Weise berufen, sie gingen in Berlin spazieren, 
verzehrten grosse Summen und hatten eigentlich Nichts dafür 
zu thun; man hatte nicht Stellungen, zu deren Bekleidung die 
Männer bestimmt waren, sondern man holte sich Männer und 
suchte nun vergeblich Stellungen für dieselben auszumitteln ; 
Mendelssohn wollte vorerst den genau bestimmten Wirkungs- 
kreis kennen lernen, in den einzutreten er berufen sein sollte, 
und darüber begannen nun die Verhandlungen, denn es zeigte 
sich sofort, dass er damit den faulen Punkt der Sache getroffen 
hatte, — der Wirkungskreis war nicht da, — und fand sich 
auch nicht. Sein Blick war durch Lebenserfahrungen geschärft: 
in seiner Düsseldorfer Wirksamkeit hatte er selbst unter dem 
Einüuss unbestimmter Verhältnisse gelitten und gerade das 
Oeordnete, Feste der Leipziger Stellung war ihm sehr anga- 



182 1841. 

nehm und förderlich gewesen. Daher stellte er gleich von 
Aufang an Bedingungen, die für das Berliner Verhältnis» 
ähnliche feste, ein für alle Mal sichere Normen schaffen 
sollten; er wollte die Sache möglichst klar und unzweideutig 
machen und spätere unnütze Schwierigkeiten vermeiden, sie 
von vorn herein aus dem Wege räumen. Der öffentliche 
Wirkungskreis sollte bestünmte Eessortverhältnisse haben, die 
Zeiten der Concerte vorher angesetzt und die Musiker der 
verschiedenen Kapellen und die Sänger verpflichtet sein 
zur Mitwirkung (ähnlich wie in Leipzig die Thomaner und 
Mitglieder der Theaterkapelle in Bezug auf die Gewandhaus- 
concerte), er wollte den Musikern gegenüber „despotisch", wi& 
er sich ausdrückt, und auch in der äussern Stellung zu ihnen 
mächtig (nicht blos pekuniair brillant) dastehen, und nicht 
von dem guten Willen eines Jeden abhängen. Die Idee, auch 
allenfalls als blosser angestellter Komponist, ohne bestimmten 
Wirkungskreis, in der Weise der anderen „grossen Männer'^ 
zu kommen, mes er schon im ersten Brief entschieden zurück. 
— Die Berliner Verhältnisse kannte er genugsam, um zu 
wissen, dass ohne solche unbedingte Machtvollkommenheit 
selbst bei den speciellsten Befehlen des Königs es höchstens 
zu vereinzelten und daher w^ii^kungslosen Concerten kommen 
könnte, weil alle möglichen Gegenwirkungen und Eifer- 
süchteleien seitens der verschiedenen Institute und ihrer Leiter 
gar zu freien Spielraum haben würden. Die Intendanz der 
Oper, die Direktoren der Singakademie und manche Andere 
wären nicht unter einen Hut zu bringen gewesen. Das AUes 
setzte er offen auseinander und Hess merken, dass er zwar 
zur Uelsernahme der Stelle sehr geneigt sei, aber durchaus 
des kräftigsten Rückhaltes bedürfe und ohne denselben das 
Amt, da es doch einmal ein öffentliches sein solle, nicht durch- 
führen könne. Geld und augenblickliche Bereitwilligkeit seien 
zwar sehr viel werth, aber beide hülfen nichts, ohne voll- 
kommene Beruhigung und Sicherheit für die Zukunft, und ohna 
diese könne er seiner Leipziger Stellung nicht entsagen. 
Letztere hatte sich allerdings im Lauf der Zeit so angenehm wie 
möglich gestaltet und gerade damals war man im Begriff, eia 



Verhandlungen mit Felix. 183 

recht bedeutendes Legat eines Leipzigers dem Conservatorium 
zuzuwenden, überhaupt war es Mendelssohn gelungen, durch 
seinen persönlichen Einfluss viel für das Musikwesen dieser 
Stadt zu thun; und seine Beliebtheit und Popularität in Leip- 
zig war ganz ausserordentlich. Nicht mit Unrecht schrieb 
Lea bei Gelegenheit des Bachdenkmals, welches Felix durch 
den Ertrag eines, nur aus Bach'schen Sachen bestehenden 
Orgelconcerts gebaut hatte: „In Leipzig kann er wirklich 
ankündigen, er werde sich auf den Markt mit einer Nacht- 
mütze hinstellen, die Leute bezahlen auch Entree!'' — 

Die Verhandlungen mit Berlin verschwimmen sofort in's 
Formlose; gleich der nächste Brief des Herrn von Massow, 
der vom König mit diesen Verhandlungen betraut war, klingt 
schon statt bestimmter und präciser, viel allgemeiner; auf die 
gestellten Fragen wird gar nicht eingegangen, es ist nur 
immer von Gehalt und Titel die Eede und es zeigt sich immer 
mehr, dass vorerst, und wahrscheinlicher Weise für immer, 
die Stellung in der Luft zu schweben bestimmt sei. Zugleich 
kamen aber nun auch Briefe von andrer Seite; begreiflicher- 
weise fassten die Familienmitglieder nur die glückliche Mög- 
lichkeit in's Auge, den Bruder, den Sohn in Berlin dauernd 
zu sehn und bestürmten ihn, die „glänzenden Anerbietungeu" 
des Königs anzunehmen; und nirgend vielleicht in seiner 
ganzen Laufbahn zeigt sich Mendelssohn's eiserne Pflichttreue 
in so hellem Lichte, als hier. Die Versuchung war nicht 
gering; warum sollte er nicht ebenso gut wie viele Andere 
dem ehrenvollen Ruf folgen, er, den noch Kindes- und Ge- 
schwisterliebe nach Berlin zogen; was kümmerte es ihn, wenn 
man für das hohe Gehalt wenig von ihm verlangte? Wenn 
man ihn nicht zu benutzen verstand, so war das ja nicht seine 
Sache! — Aber er hielt es für Unrecht und gewissenlos und 
nichts konnte ihn dazu bewegen. Er sah, selbst für das 
Familienverhältniss würde es auf die Dauer nicht erspriess- 
lich sein, wie er klar in seinem Briefe an Paul vom 2. Januar 
1841 ausgesprochen hat. 

Der Briefwechsel ging hin und her, Felix bekam die 
gewünschten Statuten und schreibt über dieselben ganz entsetzt 



184 1841. 

an Paul.*) Sollte man's glauben, dass, naclidem die um- 
fassendsten Pläne gemacht worden waren, nachdem Mendels- 
sohn, wie wir sehen werden, Jahr und Tag mit redlichstem 
Eifer an der Besserung gearbeitet, sich Alles im Sande ver- 
lief, und die Verfassung der Akademie noch ein Menschenalter 
hindurch in demselben verrotteten Zustand blieb, in den 
nächsten fünfundzwanzig Jahren die Sache nicht einen Schritt 
weiter gebracht, nicht ein Atom gebessert wurde? Und es 
war nicht etwa eine übelwollende, krittelnde Opposition, die 
die damaligen Zustände für unhaltbar erklärte, sondern die 
Leiter der Institute selbst, den Kultusminister an der Spitze! — 

Und gerade, als sollte der Abschied von Leipzig Mendels- 
sohn geflissentlich noch erschwert, der Unterschied zwischen 
dem dortigen und dem Berliner Musikwesen ihm recht ein- 
dringlich vor Augen geführt werden, gestaltete sich in dieser 
Zeit Alles in Leipzig sehr günstig für die musikalischen Aus- 
sichten. Der König von Sachsen war zu einem Concert nach 
Leipzig gekommen und dieser Besuch und das Wohlgefallen 
des Königs an dem Gehörten und Gesehenen hatte den Ge- 
wandhausauffühi'ungen einen grossen Schwung gegeben und 
eine Menge Dinge erleichtert, an die sonst noch lange nicht 
zu denken gewesen wäre: sogar die Dotation, für deren Her- 
gabe zu Leipziger musikalischen Zwecken sich Felix sehr 
lebhaft verwendet hatte, stand in naher Aussicht; mit einem 
Wort, in Leipzig ging die Sache vorwärts, ganz nach seinen 
Wünschen, wähi'end sie in Berlin immer nebelhafter wurde. 

Doch machte er sich im Mai 1841 mit der ganzen Fa- 
milie auf nach Berlin, denn mit dem Schreiben, das sah er 
nun ein, war nichts geholfen. Aber die mündlichen Unter- 
handlungen wurden ebenso, wie die schriftlichen, immer ver- 
wirrter und unverständlicher ; man gerieth aus dem Hundertsten 
ins Tausendste, der König kam mit immer neuen Projekten, 
die Alles immer mehr komplicirten und endlich war man nahe 
daran, alle Unterhandhmgen abzubrechen. Da wurde noch 
schliesslich eine Einigung erzielt: Mendelssohn sollte sich auf 



•■) Felix'sche Briefe, 13ten Februar 1841. 



Verhandlungen mit Felix. 185 

ein Jahr dem König zur Disposition stellen und es sollte 
während dieser Zeit die grosse Reorganisationsfrage der Aka- 
demie mit Müsse berathen und — zu den Todten gelegt wer- 
den. Dass dies der Ausgang der Sache sein würde, war we- 
nigstens für ihn von vornherein klar. Nach einem Jahr sollte 
es sowohl ihm als dem König frei stehn, das Verhältniss wie- 
der zu lösen. — Das war nun das Resultat so langer An- 
strengungen! Es ergieht sich aus allen vorhandenen Briefen, 
dass es hauptsächlich die Rücksicht auf die Mutter war, 
welche die Enttäuschung nach so schöner Hoffnung schwer 
getragen haben würde, die ihn bewog, auf diese«s kuriose 
Verhältniss einzugehn, dessen Haltlosigkeit er sich nicht 
verbergen konnte. Das Resultat der Unterhandlungen ist in 
dem Massow'schen Bericht an den König*) niedergelegt, 
aus dem aufs Klarste hervorgeht, dass die Schwierigkeiten 
nicht von Felix, sondern lediglich von der andern Seite aus- 
gingen. Einstweilen kehrte er am 24sten Mai mit den Sei- 
nigen nach Leipzig zurück, um Alles zur Uebersiedelung vor- 
zubereiten; seine Vorschläge für die Umgestaltung der Aka- 
demie fasste er in einem dem Minister Eichhorn eingereichten 
Promemoria'^) zusammen, das natürlich „schätzbares Ma- 
terial" blieb. 

Felix' Rückkehr nach Berlin verzögerte sich — denn es 
war schon wieder einmal Alles anders und die Verabredungen, 
welche mündlich getroffen waren, schienen vergessen. Man 
war damals übereingekommen, dass es nothwendig sei, damit 
er den „Königlichen" Musikern, der Kapelle, den Theater- 
sängern gegenüber, die sich alle als ein Stückchen Beamten 
fühlten, mit Gewicht auftreten könnte, ihm auch ein Endchen 
Beamtenzopf anzuhängen und ihn zum Kapellmeister zu 
ernennen. Es war wahrhaftig nicht leidige Titelsucht (um so 
weniger kann man diesen Verdacht hegen, als er denselben 
Titel schon in Sachsen bekommen hatte), aber er kannte seine 
Berliner und wusste, dass zum Gelingen seiner Pläne eine 
solche Stellung nöthig sei; es war sogar Massow gewesen, 



*) Felix'sche Briefe. „Berlin, Mai 1841.« 



186 1841. 

der bei seiner Kenntniss der Verhältnisse eine solclie „Rang- 
erhöhung" empfohlen hatte. Nun kam im Juli ein Brief des 
Ministers Eichhorn, der alles Vorhergegangene wieder ignorirte 
und ihm nur die Alternative liess, entweder ohne jede weitere 
öffentliche Anstellung und ohne Kapellmeisterschaft nach 
Berlin zu gehn und dreitausend Thaler daselbst zu verzehren, 
oder alle Verhandlungen abzubrechen ; es bedurfte abermaliger 
Schreibereien, um wenigstens den statm quo vom Mai wieder- 
herzustellen. Alle diese Winkelzüge und Zweideutigkeiten 
ärgerten ihn aber natürlich sehr und versetzten ihn, schon 
ehe der Anfang der Berliner Laufbahn gemacht war, in die 
böseste Stimmung, die sich auch in seinen Briefen aus dieser 
Zeit an vertraute Freunde rückhaltlos Luft macht*). 

Indessen liess er sich durch diese Stimmung in seiner Pro- 
duction nicht anfechten. Er „schrieb Noten", wie er Franz 
Hauser mittheilt, und diese Noten waren die Komposition der 
Antigone. Der Gedanke war, wie tausend andre, dem König 
einmal durch den Kopf gegangen ; Felix fasste ihn auf, las die 
Antigone durch, die Sache leuchtete ihm ausserordentlich ein, 
aber sie wäre w^ohl wie alles Andere wieder vergessen, ver- 
schoben, verzettelt worden, wenn er nicht das Eisen geschmiedet 
hätte, so lange es warm war, und in Verbindung mit Tieck 
eine Verschleppung verhindert hätte, zu der man grosse Lust 
bezeigte.**) 

Bei dieser Arbeit kam Mendelssohn seine klassische, durch 
Heyse erworbene Bildung, vor Allem seine gründliche Kennt- 
niss des Griechischen, das er nie hatte liegen lassen, zu Statten. 
Mit Tieck und Böckh zusammen ging er das Stück durch, die 
Donner'sche Uebersetzung wurde zu Grunde gelegt, natürlich 
aber musste manches in den Chören, was unsanglich war, geän- 
dert werden. Er wollte dmxhaus nicht antik komponiren, nicht 
solche Musik machen, wie sie möglicherweise die alten Griechen 
zur Antigone gehabt haben, sondern seine Musik sollte die 
Brücke schlagen zwischen dem antiken Stück und den modernen 



*) Felix'sche Briefe an Klingemann 15. Juli 1841, an David 
9. August 41, an Hauser 12. Oct. 41 

**} Felix'sche Briefe, 21ten October 1841. 



Aotigone. 187 

Menschen. Sehr richtig sagt Fanny Hensel*), „dass die Mnsik 
viel beigetragen, uns das Verständniss des Ganzen näher zu 
führen, ist wohl gar keine Frage, hätte sich Felix auch streng 
antik halten wollen, wir und das Stück wir wären nicht zu. 
sammen gekommen. 

„Ende Oktober kam Antigone zuerst im neuen Palais in 
Potsdam auf dem Königlichen Privattheater vor einer einge- 
ladenen Zuhörerschaft zur Auffühi^ung. Die Bühne wurde ganz 
nach Art der alten griechischen eingerichtet. Das Wetter war 
herrlich, wir fuhren Alle mit der Eisenbahn hinüber, auf dem 
Dach des Bahnhofes war Mittagbrod für uns bestellt, während 
wir assen, kam mit einem späteren Zug das ganze kluge und 
gebildete Berlin an, welches Zeuge der ersten Vorstellung 
sein sollte. Der Anblick des kleinen Hauses und des Theaters 
war überraschend schön. Ich kann nicht sagen, wieviel schöner 
und nobler ich diese Einrichtung finde, als unsere löschpapieme 
Koulissenwirthschaft mit der abgeschmackten Lampenreihe unten. 
Wann ist wohl je Beleuchtung von unten gekommen? — Schon 
das Fallen des Vorhangs beim Anfang, so dass man die 
Köpfe der Spieler zuerst sieht, ist weitaus vernünftiger, als 
unsere Mode, wo wir mit deren Beinen zuerst Bekanntschaft 
machen. Die Crelinger mit ihrer wunderbar schönen Art zu 
sprechen, war eine ausgezeiclinete Antigone und brachte den 
edeln Geist und die hohe Würde dieser idealsten Frauengestalt 
vortrefflich zur Erscheinung. Es war wohl das Interessanteste, 
was in langer Zeit auf der Bühne vorgegangen war, und der 
gewaltige Ernst, die tiefe Bedeutung dessen, was man sah und 
hörte, verfehlte seinen Eindruck auch auf Diejenigen nicht, 
denen das wahre Verständniss nicht aufgegangen war. Das 
Unternehmen machte grosses Aufsehen, und die Antigone wurde 
bald auf allen grösseren Bühnen aufgeführt; nebenbei erregte 
sie auch eine Menge Streitfragen antiquarischen Inhalts, die 
in den Zeitungen mit deutsch-breiter Gründlichkeit und — Lang- 
weiligkeit dmxhgefochten wurden.'' 

In Berlin wurde die Antigone im April 1842 zuerst im 

♦) Tagebuch. 



188 1841. 

Schauspielhause öffentUcli gegeben. Von allem weiteren Schrei- 
ben über die Antigene lüelt sich Mendelssohn, nach semem 
stets festgehaltenen Gesetz „öffentlich stumm zu sein", voU- 
kommen fern. Er hatte die Antigene geschrieben und über- 
liess das Weitere Denen, die dazu Lust und Beruf in sich 

fühlten.*) 

Natürlich war der Sommer 1841 und der darauf folgende 
Winter auch anderweitig in Folge von Mendelssolm's An- 
wesenheit in Berlin reich an musikalischen Ereignissen. Es 
wurden einige grosse Konzerte gegeben, die er dirigirte. Aber 
auch die „Sonntage" waren in grossem Flor und wurden durch 
ein höchst brillantes Publikum besucht, das theilweise ebenso 
viel zu dem Interesse beitrug, als die Musik. Einmal war es 
der eben angekommene Cornelius, der die allgemeine Aufmerk- 
samkeit auf sich zog, ein anderes Mal Bunsen und Felix, ein 
drittes Mal Thorwaldsen; und um diese Mittelpunkte grup- 
pirte sich eine zahlreiche Versammlung, Alles, was Berlin an 
Notabilifäten, an Schönheit und an Vornehmheit hatte, in sich 
schliessend. Der 17te Band der Portraitsammlung Hensels 
giebt Zeugniss von der ausgezeichneten Gesellschaft, die sich 
in diesem Jahr einfand: in diesem einen Bande sind die Por- 
traits von Thorwaldsen, der Sängerin Pasta, des Violinspielers 
Ernst, der Ünger-Sabatier und ihres Mannes. Ausserdem Liszt, 
der in Berlin bei diesem ersten Aufenthalt einen rasenden 
Enthusiasmus erregte. Demnächst Lepsius, der berühmte 
Aegyptologe, Böckh, der grosse Philologe, der in dieser Zeit 
Leipzigerstrasse No. 3 Hausgenosse wurde, ferner Mrs. Austin, 
die bekannte englische Schriftstellerin. Der geistreich auf- 
gefasste Kopf des Fürsten EadziwiU, des Sohnes des Faust- 
Komponisten, beschUesst diesen Band, einen der interessantesten 
der ganzen Sammlung. 

Mendelssohn verliess im Frühjahr Berlin (die weiteren 
Verhandlungen wurden bis zum Herbst vertagt) und ging 
nach kurzem Aufenthalt am Rhein, unter Zurücklassung der 
Familie, nach England, wo er diesmal mehr als je gefeiert 



*) Felix'sche Briefe an Dehn 28. Oct. 41, an Stern 27. Mai 44. 



Felix in London. 189 

wurde. Von seinen Erlebnissen handelt ein veröffentlichter 
Brief vom 21sten Juni 1842. 

Nach Frankfurt zurückgekehrt, schrieb er am 19ten 
Juli 1842: 

Mein liebes Mütterchen!*) 

„Da wären wir wieder froh und giücklich, nach froher 
und glücklicher Reise, und die lieben Kinder haben wir gesund 
und prächtig angetroffen, und Dein lieber Brief sagt uns 
dasselbe von Euch Allen, und ein blauer Himmel und warme 
heitere Luft bringt einen unvergesslich schönen Tag nach dem 
andern — wenn nur der Mensch wüsste, wie er sich dankbar 
genug für so grosse Freude beweisen könnte. Ich bin auch 
gar zu gern in Frankfurt, bei so vielen guten Freunden und 
Verwandten, in der herrlichen Gegend; alle Morgen um sechs 
geh ich spazieren, nach der Darmstädter Warte zu und wenn 
ich wiederkomme, sind die Kinder eben aufgestanden und alle 
beim Frühstück, und die Aussicht auf Paul und Albertine und 
die Schweiz trübt einem den Sinn eben auch nicht sehr. 
Wollte Gott all' die frohen Aussichten erfüllen und die Freude 
über die vergangenen und bevorstehenden für Dank nehmen! 
Cecile hat sich heut früh entschlossen, mitzureisen und die 
Kinder abermals hier bei der Mutter zu lassen, die sich gar 
zu sehr mit ihnen freut. Es wird Cecile aber noch zehnmal 
wieder leid werden vorher; doch hoffe ich sie endlich flott zu 
machen, und Paul's werden auch das Ihrige dazu beitragen. 

Gestern Abend, als ich mit Veit und Bernus eben auf den 
Mühlberg fahren wollte, begegnet uns Hiller mit seiner Frau; 
auf dem Dampfboot fuhren wir mit Mad. Mathieu, dann mit 
Herrn und Mad. Eubens**), in Mainz plauderten wir eine 
Weile mit Woringen's, die uns zur Eisenbahn geleiteten, der 
Prinz Friedrich hielt uns unterwegs so lange auf, dass wir 
beinahe zu spät gekommen wären, er kam eben von Eom 



*) Dieser Brief ist in vortrefflicher Uebersetzung in das Leben 
des Prinzen Albert von Theodor Martin aufgenommen worden. 
**) Berliner Bekannte. 



190 1841. 

zurück, ScUemmer mit seiner Frau el)eii von Ems, Julie 
Schunk Jeanrenaud eben viel wohler von Dresden, Rosenliain 
von Paris, Benecke senior von London, junior von seinem Gut, 
Alles hier am Fahrthor zusammen. So leben wir alle Tage! — 
Noch muss ich Dil' Einiges von London nachtragen, von 
den Tagen nach unserer Manchester Fahrt. Ich konnte mich 
nicht entschliessen , nach Dublin zu gehn, weil man zwölf 
Stunden zur See bleibt bis dahin, und der Gedanke zerschlug 
alle Unterhandlungen. Li Manchester lebten wir mit den 
Onkels und Tanten*) zwei stille Tage, aber wie wir wieder 
nach London kamen, gmg der Wii'belwind noch einmal los! 
Aufs mündliche Erzählen will ich mir aufsparen, wie schreck- 
lich sich Cecile von Sir Edward Bulwer die Kur machen Hess, 
nnd wie der alte Rogers (Sam Rogers, kennst Du ihn?) mit 
ihr hands shaUe, und sie bat, sie möge ihre Kinder ebenso 
liebenswürdig erziehn und ebenso gut Englisch sprechen lehren, 
wie sie selbst (dies machte Autsehn), und wie Mr. Roebuck 
hinemkam (frag' Dirichlet, wer das ist!), ä propos, in Aachen 
haben wir eine ordentliche Visite bei Meyer's gemacht, aber 
in Cöln konnten wir kaum zwanzig Minuten bleiben und haben 
desshalb Louise Hensel nicht aufsuchen können ; — und ferner, 
wie wir bei Benecke's Sprüchwörter aufführten, und Klinge- 
mann einen westindischen Pflanzer und Sir Walter Scott vor- 
stellte , und wie die philharmonischen Direktoren mir ein fish 
dinner in Greenwich gaben, mit White lait und Reden, und 
wie bei Moscheies meine Chöre zur Antigone gesungen wurden 
(das werde ich Euch am Klavier nachmachen; ich glaube 
Beckchen lacht schon; aber warum schreibt sie gar nicht?), 
und wie ich Herrn v. Massow noch eben im Brunswick Hotel 
abpasste und Herrn Abeken bei Bunsen sprach, ach! und wie 
wir bei Herrn und Mad. Bunsen dinirten mit grosser Lange- 
weile, — das Alles beschreibe ich genauer mündlich, wie ge- 
sagt. Aber die Details von meinem letzten Besuch in Bucktng- 
ham Palace muss ich gleich schriftlich geben, sie amüsiren 
Dich zu sehr, liebe Mutter, und mich dazu. Wie Grahl sagte 



*) Von CecUe. 



Felix bei der Königin Victoria. 191 

— es bleibt dabei — das einzige freimdliche englische Haus, 
so recht behaglich, imd wo man sich a son aise fühlt, ist 
Buckingham Palace, — ich kenne zwar noch einige andere, 
aber im Ganzen stimme ich ihm bei. Ohne Spass, Prinz 
Albert hatte mich auf den Sonnabend um halb zwei zu sich 
einladen lassen, damit ich vor meiner Abreise seine Orgel 
noch probiren möchte, ich fand ihn ganz allein, und wie wir 
mitten im Gespräch sind, kam die Königin, ebenfalls ganz 
allein, im Hauskleid — sie müsse in einer Stunde nach Clare- 
mont abreisen, sagte sie; „aber mein Gott, wie sieht es hier 
aus", setzte sie hinzu, indem sie sah, dass der Wind von einem 
grossen ungebundenen Notenheft alle Blätter einzeln auf das 
Pedal der Orgel (die einen hübschen Zimmerschmuck bildet) 
und in die Ecken geworfen hatte. Indem sie das sagte, 
knieete sie hin und fing an, die Blätter zusammenzusuchen, 
Prinz Albert half und ich war auch nicht faul. Darauf fing 
^ der Prinz an, mii' die Register zu expliciren, und während 
dessen sagte sie, sie wollte es schon allein wieder in Ordnung 
bringen. 

Darauf bat ich aber, der Prinz möchte mir lieber erst 
etwas vorspielen, ich wollte damit in Deutschland recht renom- 
miren; und da spielte er mir einen Choral auswendig mit 
Pedal so hübsch und rein und ohne Fehler, dass mancher 
Organist sich was daraus nehmen konnte, nnd die Königin, 
die mit ihrer Arbeit fertig geworden war, setzte sich daneben 
und hörte sehr vergnügt zu; darauf sollte ich spielen und 
fing meinen Chor aus dem Paulus „Wie lieblich sind die 
Boten'' an. Noch ehe ich den ersten Vers ausgespielt hatte, 
fingen sie Beide an, den Chor ordentlich mitzusingen und der 
Prinz Albert zog mir nun so geschickt die Register zum 
ganzen Stück, erst eine Flöte dazu, dann beim Forte voll, 
beim c dur Alles, dann machte er mit den Registern solch ein 
excellentes Diminuendo und sofort bis zum Ende des Stücks, 
und das alles auswendig, dass ich wirklich ganz entzückt da- 
von war und mich herzlich freute. Dann kam der Erbprinz 
von Gotha dazu und es wurde wieder konversirt und unter 
Anderm sagte die Königin, ob ich neue Lieder komponirt 



192 1841. 

hätte, und sie sänge die gedruckten sehr gern. „Du solltest 
ihm mal eins vorsingen," sagte Prinz Albert. Sie Hess sich 
erst ein wenig bitten, dann meinte sie, sie wollte das Früh- 
lingslied in h dur versuchen. „Ja , wenn es noch da wäre, 
denn alle Noten wären schon eingepackt für Claremont." 
Prinz Albert ging, es zu suchen, kam aber wieder, es sei 
schon fortgepackt. „0, man kann's vielleicht wieder aus- 
packen," sagte ich. ^Man muss nach Lady N. N. schicken," 
erwiderte sie (ich verstand den Namen nicht). Da wurde 
geklingelt und die Bedienten liefen und kamen verlegen wie- 
der, und dann ging die Königin selbst, und während sie fort 
war, sagte mir der Prinz Albert: „Sie bittet Sie auch, dies 
Geschenk zum Andenken zu nehmen," und gab mir ein kleines 
Etui mit einem schönen Ring, auf welchem V. R. 1842 gra- 
virt steht, und dann kam die Königin wieder und sagte: 
„Lady N. N. ist fortgefahren nnd hat alle meine Sachen mit- 
genommen, — ich finde es doch höchst unschicklich." (Du 
glaubst nicht, wie mich das amüsirte). Nun sagte ich, sie 
möchte mich doch nicht den Zufall entgelten lassen und irgend 
was Anderes nehmen, und nach einigen Berathungen mit ihrem 
Manne sagte der: „Sie wird Ihnen etwas von Gluck vorsingen." 
Die Prinzess von Gotha war unterdess noch dazu gekommen 
und so gingen wir fünf durch die Corridors und Zimmer bis 
zu dem Wohnzimmer der Königin, wo neben dem Klavier ein 
gewaltig dickes Schaukelpferd stand und zwei grosse Vogel- 
hauer und Bilder an den Wänden und schön gebundene Bücher 
auf den Tischen und Noten auf dem Klavier. Die Herzogin 
von Kent kam dazu, und während die sprachen, krame ich 
ein wenig unter den Noten und finde mein allererstes Lieder- 
heft darunter. Da bat ich nun natüi^lich, sie möchte lieber 
was daraus wählen, als den Gluck, und sie that es sehr freund- 
lich, und was wählte sie? „Schöner und schöner",*) sang es 
ganz allerliebst rein, streng im Takt und recht nett im Vor- 
trag; nur wenn es nach „der Prosa Last und Müh'* nach d 



*) Eins der Lieder, welche unter Felix* Namen von seiner 
Schwester erschienen sind. 



Felix bei der Königin Victoria. 193 

runter geht und harmonisch heraufkommt, gerieth sie beide 
Male nach dis, und weil ich's ihr beide Male angab, nahm sie 
das letzte Mal richtig </, wo es freilich hätte dis sein müssen. 
Aber bis auf dies Versehen war es wirklich allerliebst, und 
das letzte lange g habe ich von keiner Dilettantin besser und 
reiner und natürlicher gehört. Nun musste ich bekennen, 
dass Fanny das Lied gemacht hatte (eigentlich kam es mir 
schwer an, aber Hoffahrt will Zwang leiden) und sie bitten, 
mir auch eins von den wii'klich Meinigen zu singen. „Wenn 
ich ihr recht helfen wollte, thäte sie es gern," sagte sie und 
sang: „Lass dich nur nichts nicht dauern" wirklich ganz 
fehlerlos und mit wundernettem, gefühltem Ausdruck. Ich 
dachte, zu viel Complimente müsse man bei solcher Gelegen- 
heit nicht machen und dankte bloss sehr vielmal; als sie aber 
sagte: „Oh, wenn ich mich nur nicht so geängstigt hätte, 
ich habe sonst einen recht langen Athem," da lobte ich sie 
recht tüchtig und mit dem besten Gewissen von der Welt, 
denn gerade die Stelle mit dem langen c am Schluss hatte sie 
so gut gemacht und die nächsten drei Noten auf einen Athem 
herangebunden, wie man es selten hört, und darum amüsii'te 
mich's doppelt, dass sie selbst davon anfing. Hierauf sang 
Prinz Albert: „Es ist ein Schnitter, der heisst Tod" und dann 
sagte er, ich müsste ihnen aber noch vor der Abreise was 
spielen und gab mir als Themas den Choral, den er vorhin 
auf der Orgel gespielt hatte, und den Schnitter. Wäre es 
nun wie gewöhnlich gegangen, so hätte ich zum Schluss recht 
abscheulich schlecht phantasiren müssen, denn so geht's mir 
fast immer, wenn es recht gut gehn soll, und dann hätt* ich 
nichts als Aerger von dem ganzen Morgen mitgenommen. 
Aber gerade als ob ich ein recht hübsches, frohes Andenken 
ohne allen Verdruss davon behalten sollte, so gelang mir das 
Phantasiren so gut wie selten; ich war recht frisch im Zug 
und spielte lange und hatte selbst Freude daran; dass ich 
ausser den beiden Themas auch noch die Lieder nahm, die die 
Königin gesungen hatte, versteht sich; aber es kam Alles so 
natürlich hinein, dass ich gerne gar nicht aufgehört hätte; 
und sie folgten mir mit einem Verständniss und einer Auf- 

Die Familie Mendelssolm. 11. 13 



194 1841. 

merksamkeit, dass mir besser dabei zu Muthe war, als jemals, 
wenn ich vor Zuhörern phantasii'te. Nun und dann sag^te sie: 
^Ich hoffe, Sie werden uns bald wieder in England besuchen," 
und dann zog ich ab und sah unten die schönen Chaisen mit 
den rothen Vorreitern warten und nach einer Viertelstunde 
ging die Fahne vom Palast herunter und in den Zeitungen 
stand: „^^ Majesty left the palace at 30 minutes past <?," 
und durch den Regen ging ich zu Klingemann und hatte zu 
aller Freude noch die grösste, das Alles brühwarm gleich ihm 
und Cecile zu erzählen. Es war ein lustiger Morgen. — 
Noch habe ich nachzutragen, dass ich mir die Erlaubniss aus- 
bat, der Königin die ß-mo//-Symphonie zuzueignen, weil die 
doch eigentlich die Veranlassung meiner Reise gewesen und 
weil der englische Name auf das schottische Stück doppelt 
hübsch passt, und dass sie, als sie eben anfangen wollte zu 
singen, sagte: „Aber erst muss der Papagei heraus, sonst 
schreit er lauter als ich singe," worauf Prinz Albert klingelte 
und der von Gotha sagte: „Ich will ihn selbst heraustragen," 
und ich entgegnete: „Das erlauben Sie mir zu thun" (wie 
€ousin Wolf, Erlauben Sie mir, mir, mir!), und dass ich den 
grossen Käfig heraustrug zu den erstaunten Bedienten etc. etc. 
Es bleibt noch Vieles für mündlich, aber wenn mich nun 
Dirichlet für ein Aristocrätchen hält, wegen der langen Be- 
schreibung, so schwöre ich, ich sei mehr radical als je, berufe 
mich auf Grote, Roebuck und auf Dich dazu, mein Mütterchen, 
die alle die Details gewiss so amüsiren, wie mich selbst. 

Da ich so in's Beschreiben gerathen bin, muss ich noch 
von einem Moment sprechen, v/ie wir nach schöner Fahrt 
über's Meer in der Nacht sagen hörten, Ostende sei nur noch 
eine halbe Stunde entfernt und wie ich aufs Verdeck ging, 
stille graue See fand, Morgendämmerung mit wunderschönen 
Sternen und das Schiff schnurgerade auf den Leuchtthurm los- 
fahrend, der hell und weiss strahlte und unter ihm noch ein 
Paar rothe und gelbe Lichter, die den Hafendamm bezeich- 
neten, und England lag hinter uns und der Kontinent, wo es 
;auch wohl schön ist, vor uns. " 

Im September fanden sich allmählig die zerstreuten Fa- 



Neue Verhandlungen mit Felix. 195 

milienglieder wieder in Berlin ein, und sobald Felix ange- 
kommen war, gingen auch wieder die ewigen Verhandlungen 
■ wiegen seines definitiven Wirkungskreises ihren endlosen Gang. 
Indess war er des langen Wartens müde und fest entschlossen, 
die Sache auf die eine oder die andere Art zu einem Ab- 
schluss zu bringen. Dies war um so nöthiger, weil er 
sich mit grossen Compositionsplänen trug; der Elias, dessen 
Gegenstand ihn schon früher beschäftigt und angesprochen 
hatte, lag ihm jetzt sehr im Kopf, und da wollte er wissen, 
ob e r oder Andere in den nächsten Jahren über seine Zeit 
zu disponiren haben würden. Er stellte daher den Antrag, 
ihm nun entweder zu sagen, w a s er thun solle, oder es end- 
lich klar auszusprechen, dass er nichts thun solle, da sich ein 
Wirkungskreis vorerst nicht für ihn finde, um dann mit Euhe 
und ohne Besorgniss einer plötzlichen Unterbrechung an seine 
eigenen Arbeiten gehn zu können. Natürlich lautete die Ant- 
wort, wie dies bei Behördenantworten zu sein pflegt, weder Ja, 
noch Nein, sondern es kam wieder darauf hinaus, er solle nur 
warten, die Thätigkeit werde sich finden, einstweilen solle er 
seine 3000 Thlr. Gehalt verzehren. Grade das war ihm aber 
von Tage zu Tage drückender geworden und so setzte er 
sich denn endlich mit schwerem Herzen hin und bat um eine 
Abschiedsaudienz. 

Damit schien denn nun freilich der entscheidende Schritt 
geschehen. Massow kam selbst zu ihm, theilte ihm den vom 
König bestimmten Tag der Audienz mit, sagte, die Sache sei 
nun leider abgemacht, der König sei sehr verstimmt und werde 
nur in wenigen Worten Abschied nehmen; und so schien sich 
denn Alles dazu anzulassen, dass Felix im Bösen von Berlin 
fortginge. Es blieb ihm nun noch die schwere Aufgabe, seine 
Mutter auf dies traurige Ende all' der schönen Hoffiiungen 
und langen Verhandlungen vorzubereiten. Er verschob es bis 
auf den letzten Augenblick, den Abend vor der Audienz. 
Da endlich musste er es ihr mittheilen, ihr sagen, dass er in 
acht Tagen wieder in Leipzig sein würde und dass Berlin ein 
schöner Traum gewesen sei. Er that es auf einem Spazier- 
gang im Garten; es griff sie sehr an; gewöhnlich war sie 

13* 



196 1841. 

sehr ruliig und äusserlich war ihr wenig anzumerken von ihrer 
sehr leidenschaftlichen Natur; bei einzelnen Anlässen brach 
diese dann um so unaufhaltsamer dui'ch. Es war auch keine 
Kleinigkeit für sie: Felix war ihi' grösster Stolz, ihr Abgott, 
sie hatte sich daran gewöhnt, ihn wieder nach langen Jahren 
der Trennung um sich zu haben; sie war alt und konnte 
nicht mehr auf ein gar zu langes Leben zählen — wie nah 
ihi* Ende sei, konnte sie freilich nicht ahnen. Es gab eine sehr 
schmerzliche Scene; Fanny kam dazu, Felix rief ihr entgegen, 
als sie sich den Auf- und Abgehenden näherte, es sei Alles 
aus und vorbei, er habe seinen Abschied. Auch er war sehr 
bewegt und zu Thränen gerührt durch den Kummer der 
Mutter, den sein strenges Pflichtgefühl ihr doch nicht sparen 
konnte. Der Abend verging höchst traurig. Hensel hatte 
noch ein langes Gespräch mit Felix und erfuhr denn da erst, 
dass der Abschied nicht förmlich ertheilt sei, und bei seiner 
Kenntniss der Personen und Verhältnisse bildete sich bei ihm 
und Fanny, mit der er die Sache besprach, die Hoffnung aus, 
die Audienz beim König könne möglicherweise im entgegen- 
gesetzten Sinne entscheidend werden. Hensel ging noch spät 
Abends, als Alle sich getrennt hatten, zur Mutter liinüber, 
ihr Muth einzusprechen; zwischen Furcht und Hoffnung 
schwebend, erwartete man den Ausgang. 

Am andern Morgen holte Mendelssohn Massow ab, um 
sich mit ihm zum König zu begeben. Massow, der ihn auf- 
richtig lieb hatte, nahm in seinem Hause schon im Voraus 
förmlich Abschied von ihm. — Der König muss bei der Audienz 
besonders guter Laune gewesen sein; denn statt ihn „böse" 
zu finden, wie Massow prophezeiht hatte, fand ihn Mendels- 
sohn so liebenswürdig, so vertrauensvoll, wie noch nie. Er 
sagte Mendelssohn auf dessen Abschiedsrede, er könne ihn 
zwar nicht zum Bleiben zwingen, aber das müsse er ihm 
sagen, dass es ihm herzlich leid thue; alle Pläne, die er, der 
König, auf seine Anwesenheit in Berlin gebaut* habe, seien 
dadurch gescheitert und es risse ihm eine unersetzbare Lücke. 
Auf die Entgegnung, warum unersetzbar? — liess sich der 
König darüber weiter aus, wie grosse Stücke er auf Mendels- 



Entscheidende Audienz beim König. 197 

söhn halte und wie er keinen Andern wisse, der seine Pläne 
so wie er ausführen könne und auch er werde ihm wohl 
schwerlich einen nennen können. Das brachte ihn denn aber- 
mals auf eine Auseinandersetzung- dieser Pläne, die über Nacht 
in dem fruchtbaren Gehii-n des Königs schon wieder eine an- 
dere Gestalt angenommen hatten; und diesmal glücklicher 
Weise eine solche, dass sie allenfalls ausfülirbar und dadurch 
annehmbar erschienen. Es sollte sich nun darum handeln, 
dem König eine Art von wirklicher Kapelle zu bilden, d. h. 
einen kleinen Chor von etwa dreissig ausgezeichnet guten 
Sängern (dem nachherigen Domchor) und ein kleines Orchester 
(aus der Elite des Theaterorchesters bestehend), die die Ver- 
pflichtung hätten, Sonn- und Festtags Kirchenmusik, ausser- 
dem auch wohl noch Oratorien und dergl. aufzuführen und die 
er mm dirigiren, dafür Musik komponiren sollte u. s. w\ — 
Mendelssohn, dem wohl hauptsächlich der Kummer der Seinigen 
am Herzen liegen mochte, ergriff sofort diesen Anhaltspunkt, 
der die Möglichkeit eines Ausweges bot und erwiderte lebhaft, 
wenn davon gleich die Rede gewesen, wenn das zu Stande 
gekommen wäre, das w^äre ja gerade der streitige Punkt, die 
praktische Wirksamkeit, die er vermisst hätte. Nun war die 
Sache im besten Gang zu gegenseitiger Verständigung. Der 
König antwortete, wie er sehr wohl wisse, dass ein Musiker 
ein Instrument haben müsse, um darauf Musik zu machen, und 
ein solches Instrument von Sängern und Spielern anzuschaffen, 
sei seine, des Königs, Sorge. Aber wenn er es nun ange- 
schafft hätte, so müsste er auch wissen, dass Mendelssohn 
bereit sei, darauf zu spielen. Er müsse gewiss sein, dass er 
auf ihn rechnen könne, wenn er ihn brauche, und das wäre 
nur dann zu machen, wenn er in seinem Dienste bleibe. Bis 
dahin solle er aber thun, was er wolle, nach Leipzig zurück- 
gehen, nach Italien reisen, „Es scheint, Sie lieben das Reisen", 
sagte er mehreremal, kui^z, vollkommen unbeschränkt und nur 
seines dereinstigen Rufes gewärtig sein. Eine Erklärimg ver- 
langte der König nicht auf der Stelle; er solle sich alle 
Schwderigkeiten gehörig überlegen und Massow Antwort sagen. 
Damit war die Audienz zu Ende, deren Ausgang also Hensel 



198 1841. 

richtig geahnt hatte. Massow, der dem üher eine Stunde 
währenden Gespräch beigewohnt hatte, war ganz roth vor 
Freude, konnte sich gar nicht fassen und wiederholte immer 
^Nein, wenn Sie nun noch an Fortgehen denken!" — Und 
Felix dachte hauptsächlich an die Freude, die er seiner Mutter 
bereiten konnte; er kam ganz angegriffen, ganz erschöpft, 
aber auch ganz entzückt von der bezaubernden Liebenswürdig- 
keit des Königs (die ihm allerdings, nach dem ürtheil Aller, 
die in seine persönliche Umgebung kamen, eigen sein konnte) 
nach Hause zurück und erzählte das Ergebniss der Unter- 
redung, welches Alle sehr beglückte. Namentlich seine Mutter 
war ebenso leidenschaftlich in ihi^er Freude, in der Aussicht 
auf ein langes Zusammenleben mit Felix, wie vorher in ihrem 
Schmerz über die bevorstehende Trennung. Vorsichtig fasste 
Mendelssohn die ganze Unterredung noch einmal in einem Brief 
an den König zusammen, fixirte so die geschehenen Verhand- 
lungen, sprach ihm seine Absicht aus, „bis das Instrument, 
auf dem er zu spielen berufen sei, fertig sein würde", nach 
Leipzig zurückzukehren und verzichtete für die Zeit, wo er 
also gewissermassen nur zur Disposition des Königs stände 
und zu keiner öffentlichen Thätigkeit in Berlin verpflichtet 
sei, sondern nur einzelne Arbeiten in seinem Auftrag zu 
machen hätte, auf die Hälfte seines Gehalts. Es soll nicht 
geleugnet werden, dass, sobald er die Sache mit kaltem Blut 
überlegte , ilim sehr grosse Zweifel aufstiegen , ob dieser Plan 
nicht ebenso, wie alle früheren, sich in Nichts auflösen wüi'de ; 
indessen war er doch praktisch möglich, und wenigstens war 
so der Faden, der ihn an Berlin knüpfte, nicht durchgerissen; 
und durch die Verzichtleistung auf das halbe Gehalt befreite 
er sich von dem ihm unerträglich drückend gewordenen Be- 
wusstsein, Geld zu empfangen, ohne entsprechende Leistungen. 
Denn die ihm verbleibenden eintausend fünflmndert Thaler 
konnten wohl nur als ganz angemessene Bezahlung für die 
grossen Arbeiten angesehn werden, die er von Leipzig aus 
für den König machte und die vorläufig in der Komposition 
der Athalia, des Sommernachtstraumes und des Oedipus 
bestanden und als Entschädigung für die Unmöglichkeit, in 



Geburtstagsbrief. I99 

die er doch durch diese Fortdauer des Berliner Provisoriums 
versetzt war, andere Anerbietungen zu dauernder Stellung, 
z. B. die sehr liberalen des Königs von Sachsen, welche um 
diese Zeit an ihn herantraten, anzunehmen. 

Ende Oktober verliessen Felixens Berlin, er selbst mit 
der Absicht, schon am 14. Novbr. zu Fanny's Geburtstag 
wieder in Berlin zu sein. Statt dessen kam folgender Brief: 

Leipzig, 16. Novbr. 1842. 

Liebe Fanny! 

„Leider konnte ich den 14ten nicht mit Dir zubringen 
und nicht einmal schi^eiben konnte ich zu dem Tage, weil ich 
am 13ten ganz unvermuthet nach Dresden musste und nicht 
schreiben wollte, ohne beiliegenden Cherubini, den Du Dir ja 
gewünscht hast, mitzuschicken. Nimm ihn denn nun noch als 
Nachzügler freundlich auf und erinnere Dich meiner bei allen 
schönen Stellen, d. h. ziemlich von Anfang bis zu Ende. Ich 
wollte die Partitur statt des schlechten Auszuges haben, aber 
sie ist in Deutschland nicht zu bekommen. Meinen Glück- 
wunsch aber, liebste Fanny, sende ich Dir heut so gut, wie 
vor vier Tagen, morgen so gut wie heute und eben alle Tage, 
die ich lebe und an denen ich Gott danken kann, dass er mir 
eine Schwester gegeben hat, wie Du bist. 

Ich musste nach Dresden, um das bekannte, schon lange 
ausstehende Legat für uns vom Könige loszueisen (was mir, 
wie ich hoffe, gelungen ist) und ihm zugleich für seine freund- 
lichen, wohlwollenden Anerbietungen, von denen Du ja weisst, 
zu danken und ihm auseinanderzusetzen, warum ich sie nicht 
annehmen könnte. Das ist nun geschehen, ich bin von ihm 
aufs Liebenswürdigste empfangen worden, habe nun die Ge- 
wissheit, dass die ewig lange Angelegenheit meines hiesigen 
oder Berliner Engagements ohne Zwist und zu allseitiger Zu- 
friedenheit entschieden ist, habe mich drüben mit Hübner's, 
Bendemann's und Franck's und etc. etc. die Paar Tage amüsirt 
wie ein Kaninchen, und wenige Stunden nach meiner Rückkehr 
ging ich wieder an die Eisenbahn, wartete zwei Stunden auf 



200 1841. 

Cecile und endlich kam sie und ist so munter und gesprächig 
und wohl wie nur möglich, und ich danke dem Himmel und 
freue mich ihrer Gesundheit und unseres Glücks. Die Kinder 
sind prächtig. Uebermorgen denken wir wieder in unser altes 
• Logis zu ziehen ; dass Cecile gar nicht hinüber darf, bis Alles 
wieder fix und fertig ist, versteht sich von selbst. 

Sag Paul, ich wäre neulich Abend wieder mit W. im 
Tunnel gewesen und der hätte ihn zurückgewünscht; ich hätt's 
auch gethan. Es gab Schoten mit Talg, und Blumenkohl mit 
Seifenschaum. Ferner Pastetenteig, wo gar nichts drin steckte, 
und eben solche Eeden und Toaste. 

Und nun lebe wohl; sei so gesund, so glücklich, so froh 

in dem ganzen Jahre imd in allen Jahren Deines Lebens, wie 

Du alle die Deinigen glücklich und froh machst, und wie ich's 

Dir vor Allen zu danken habe und niemals genug danken 

kann. Auf baldiges Wiedersehn." 

Dein 

Felix. 

Es war anders bestimmt, und das Wiedersehn \vurde ein 
trauriges; denn Felix fand seine Mutter nicht melir am Leben, 
als er zurückkehrte. 



Die Jahre 1842 und 1843. 



Felix hatte sofort wieder tüchtig Arbeit in Leipzig ge- 
funden, und man merkt dem Ton seiner Briefe an, wieviel 
behaglicher er sich dort fühlte, als in Berlin. Von speciell 
Leipziger Geschäften lag ihm wieder die Direktion der Gewand- 
haus-Koncerte , die wöchentlich stattfanden, nebst der ver- 
schiedener extraordinären ob; daneben hatte der König von 
Sachsen jenes Legat zu einem Leipziger Conservatorium be- 
stimmt imd die Einrichtung dieser Anstalt leitete er. Dann 
hatte er für Berlin, wie bemerkt, die Athalia, den Sommer- 
nachtstraum und den Oedipus zu komponiren; zugleich arbeitete 
er die Walpurgisnacht vollkommen um und komponirte die 
Violoncell-Sonate in d-dur und verscliiedene Lieder mit nnd 
ohne Worte; Korrekturen der Antigone und der a-moll-Symphonie, 
die zur Herausgabe vorbereitet wurden, kamen dazu, seine Zeit 
vollauf in Anspruch zu nehmen. Ausserdem die Unmasse von 
Fremden und Einheimischen, die ihn besuchen, befragen, um 
Eath und Hülfe angehn wollten, die er examiniren sollte und 
die noch viel grössere Unmasse von Briefen, die er stets 
eigenhändig und mit der grössten Ausführlichkeit beantwortete. 
Daneben schien die Berliner Angelegenheit jetzt w^irklich einen 
Euck vorwärts zu kommen. Am 4ten December lief ein 
Schreiben des Königs ein, der ihn zum Generalmusikdii'ektor 
ernannte und ihm die Oberaufsicht und Leitung der kirchlichen 
und geistlichen Musik als Wirkungskreis anwies, nebst einer 



202 1842—1843. 

durchaus im Sinn der damaligen mündliclien Unten-edung und 
ganz seinen Wünschen gemäss sehr klar und zweckmässig 
abgefassten Kabinetsordre, die offenbar unter Massow's Einfluss 
und mit dem Willen, die Sache wii'klich und wahrhaftig in's 
Werk zu setzen, die Specialien regelte. Es ergab sich denn auch 
daraus, dass eigentlich gar keine erheblichen Schwierigkeiten 
obwalteten und dass bei wirklich ernsten Absichten AUes 
ziemlich leicht zu machen war. Zugleich schrieb Massow und 
forderte Mendelssohn auf, zu den mündlichen Schlussbe- 
sprechungen einen oder zwei Tage nach Berlin zu kommen. 
Dieser bestimmte den 17ten December zur Eeise und nahm 
sich vor, eine Woche dort zu bleiben. Ein grosses Unglück, 
das sclmell und ganz unerwartet die Familie traf, rief ihn 
noch früher dahin. 

Lea war die ganze letzte Zeit ausserordentlich wohl, sehr 
heiter und fröhlich gewesen. Noch niemals hatte sie so eifrig 
wie diesmal die Besorgung ihrer Weihnachtsangelegenheiten 
betrieben, und wer sie so ruhig einen Tag wie den anderen ihr 
gewohntes Leben führen sah, immer gleichmässig, immer guter 
Laune, dem konnte kein Gedanke einer nahen Gefahr beifallen, 
der musste das Ende dieses Lebens noch für sehr fern halten. 
Sonntag den 1 1 ten Decbr. hatte sie die Nichten von Varnhagen, 
Frl. Assings, zu Tisch, nebst der Familie, welche immer Sonntags 
bei ihr vereinigt war und Woringen's, die eigentlich voll- 
kommen zur Familie zählten; man war sehr heiter, sie freute 
sich und lachte herzlich und legte im Laufe des Gesprächs 
auf Woringen's für die nächsten zehn Jahre zu Weihnachten 
Beschlag. 

Abends war üir Salon mit einer ausnahmsweise zahlreichen 
Gesellschaft gefüllt. Mtten im lebhaftesten Gespräch w^urde 
sie unwohl und musste zu Bett gebracht werden. — 

Nach einiger Zeit schlief sie ein, anscheinend ganz ruhig, 
in ihrer gewöhnlichen Lage, mit warmen Händen, und die 
Kinder konnten den Gedanken nicht fassen, dass sie wirklick 
am Sterbebette der Mutter ständen; so dauerte es bis gegen 
halb zehn am Montag den 12ten December, dann kam ein 
kurzer, leichter Kampf, und es war vorbei. — 



Tod von Lea Mendelssohn Barthoidy. 203 

Und es war wieder ein reiches und glückliches Leben 
dnrch einen schnellen, eigentlich schmerzlosen Tod geschlossen, 
ohne jede vorhergegangene Krankheit. Fanny schi-eibt in 
ihrem Tagebuch: „Man hätte sich für sie kein glücklicheres 
Ende ausdenken können. Es war wörtlich wie sie im vorigen 
Sommer einmal zu Albertine sagte, dass sie es wünsche: ohne 
Bewusstsein und ohne Arzenei aus der Mitte des Lebens hin- 
weg, das sie liebte, in voller geistiger Lebendigkeit, die immer 
ihr Erbtheil war." 

Die Vossische Zeitung des nächsten Tages brachte — wahr- 
scheinlich aus der Feder Varnhagens — folgenden Nachruf: 

Lea Salomon. Ein Charakterbüd. 

Berlin, den 12ten December 1842. 
Heute verlor Berlin eine seiner achtungswürdigsten, edel- 
sten und in jedem Betracht vortrefflichsten Frauen. Die ver- 
wittwete Stadträthin Lea Mendelssohn Barthoidy, Mutter des 
Königl. Kapellmeisters Felix Mendelssohn Barthoidy, starb 
Vormittags in Folge eines Anfalls von Brustkrampf, der sie 
Abends vorher getroffen hatte. Seltene Eigenschaften des 
Herzens imd Geistes, der reinste Edelsinn und die tiefste 
Liebenswürdigkeit verbanden sich in ihr mit allen Tugenden 
der liebevollen Gattin, der treuen Mutter. Ihre Wohlthätigkeit 
wirkte im Stillen mit besonnener Zweckmässigkeit so aus- 
gebreitet als segensreich; der Anmuth ihres Charakters ent- 
sprach die Festigkeit desselben, und in den Zeiten der Stürme 
und Gefahr, in welchen ihr Gatte sich als glaubensvoller und 
treuer Vaterlandsfreund erwiesen, bewährte auch sie die mu- 
thigste Seelengrösse. Was ihre begabten Kinder und nächsten 
Angehörigen, was die grosse Zahl ihrer nahen und fernen 
Freunde in ihr verlieren, ist nicht auszusprechen. Sie war der 
Mittelpunkt einer ausgewählten, belebten, sowohl traulichen 
als glänzenden Geselligkeit, aus deren Mitte sie, inmitten heiter 
verständigen Gesprächs, wie das ihre immer war, unvermuthet 
entrückt wurde. Ihr Andenken wii^d Allen, die sie je kannten, 
innigst werth bleiben, und noch in späten Zeiten in Ehren 
stehen! — 



204 1842—1843. 

Das Weihnaclitsfest verging natürlich ungefeiert und trau- 
rig; es war eine Art Erleichterung, als die Festtage vorüber 
waren. Am Montag nach Weihnachten reiste Dirichlet mit 
seinem ältesten Sohn auf einige Tage nach Leipzig hinüber. 
Felix schrieb bald nach diesem Besuch an Rebecka: 

Leipzig, den 5ten Januar 1843. 

Liebste Schwester! 

„Biese Zeilen sollen Dir unsern Dank bringen für die 
grosse Freude, die uns Dirichlet imd Walter bereitet haben; 
und da Du Dich in dieser Zeit ihrer Anwesenheit beraubt hast, 
so bist Du es, der wir mit ihnen diese Freude verdanken. Wie 
wohl mir ihre Gegenwart gethan hat, will ich Dir mal münd- 
lich besser auseinandersetzen, als jetzt schriftlich ; die bitteren 
Thi'änen kamen mir wieder in die Augen, als ich mit dem 
Dampfwagen endlich doch nicht Schritt halten konnte. Dass 
und wie sehr ich mit Dirichlet harmonire, weisst Du schon 
längst; aber dennoch war es mir fast unerwartet, wie leicht 
und natürlich er sich in unser hiesiges Leben fand, da ich ihm 
niemals eigentlich so was recht für ihn Passendes hier zu be- 
reiten gewusst hätte und in dieser Zeit weniger als je. Er 
war ganz und gar auf uns beschränkt; nicht einmal unsere 
nächsten Freunde sehen wir jetzt häufig; weil uns am wohlsten 
ist, wenn wir ganz allein sind. So schien es ihm aber auch 
zu sein, und wenn ihm die Zeit nur halb so wohlthuende Er- 
innerungen zurücklässt, wie uns und Allen, die mit ihm hier 
zusammengekommen sind, so hoffe ich, dass er sein Versprechen 
hält und uns bald noch einmal besucht. Mit Dir aber, Beckchen, 
Du musst doch einmal unsere Wohnung gesehen haben! 

Ueber Walter hätte ich Dir eigentlich ein ganzes 
Buch zu schreiben; Du kennst den Jungen nicht halb 
so gut, wie ich. (Hier moquirst Du Dich über mich.) Aber 
gewiss, ich glaube nicht, dass ich mich in dem Jungen 
irre, wenn ich ihn in Allem, was er hat und nicht hat, ist und 
nicht ist, ein wahres Muster und ein herrlich und glücklich 
begabtes Kind nenne. Ich weiss keinen Knaben, der mir mehr 



Felix an Rebecka. 205 

an's Herz gewachsen wäre, auf den ich innerlich grössere 
Stücke hielte, und keinen, dem ich die meinigen in den Jahren 
ähnlicher finden möchte, als Deinem Walter. Gerade die Fehler, 
über die Du oft geklagt hast, und Dirichlet auch hier manch- 
mal, die rechne ich mit zu seiner Musterhaftigkeit, und so 
gewiss manches vorlaute und überflüssige Wort, manche furcht- 
same und weichliche Handlung mir bei einem jungen Mann 
tadelnswerth erscheinen würde, so natüi'lich erscheint sie mir 
bei einem Knaben, dessen Gredanken sich lange vor seinen 
Körperkräften entwickeln, der immer im elterlichen Hause und 
gerade in diesem Hause gewesen ist. Nur einen einzigen 
Wunsch, fortdauernde Gesundheit, habe ich für ilin, — alles 
Andere findet sich nach unseren Wünschen bei dem von selbst 
und, ich glaube, über unsere Wünsche und Erwartungen. 
Wie schöne Anlagen habe ich in den wenigen Tagen an dem 
Knaben bemerkt und welche schöne und gesunde Biegsamkeit. 
Ich werde nicht fertig, wenn ich Dir erzählen will, was mir 
darüber alles aufgefallen ist, nur das noch einmal, dass ich bei 
dem nicht wie bei Andern denke, dass er einmal ein guter 
Mensch werden wird, sondern es ist mir immer so, als war' 
er's schon. Von seinen Malereien hat Dii^ Diilchlet und er 
selbst gewiss gesprochen, denn er war sehr stolz darauf. 

Aber wie schnelle Fortschritte machte er auch, ich habe 
die Sachen aufgehoben und numerirt; Du wirst Dich wundern, 
wenn Du die Folge einmal durchsiehst, wie da neben vielem 
Kindischen und ganz Verrücktem zuweilen, plötzlich halbe Fi- 
gm^en, namentlich bei den Pferden, vorkommen, die ganz präch- 
tig gezeichnet und erdacht sind, und wie er die ganze Probe 
des Abonnements -Konzerts mit allen Instrumenten auswendig 
behalten hat, aber nicht ahnt, dass man ein Gesicht anders 
als entweder ganz eti face^ oder scharf m profil sehen kann, 
imd desswegen einen rechts hinsetzt, den anderen links. Und 
wie er sich Lützow's wilde Jagd so gut gedacht hat, und 
zugleich den heissesten Wunsch nach einer Schachtel bleierner 
Soldaten hegt. Und wie er für Karl eine Taufkutsche zeich- 
nete, die leider alle meine Versuche der Art für immer über- 
flügelt. Mit der Musik ging es auch über alle Erwartung gut; 



206 1842-1843. 

Du hast ihn sehr verleumdet; er hat ein ganz gutes, musi- 
kalisches Ohr, aber es fehlt ihm an aller Uebung, und das ist 
in seinen Jahren schon schwerer zu erwerben und nachzuholen, 
als bei vier oder fünfen. Daher denkst Du gleich, er be- 
greift es nicht, wenn er einen ganz anderen Ton singt, aber 
Du vergissest, dass der ganze Hör- und Sing-Mechanismus ein- 
rostet, wenn er nicht von Anfang an immer gebraucht wird. 
Gehen noch zehn Jahre hin, so würde es ilim unsägliche Mühe 
kosten, gut musikalisch zu werden; jetzt, bin ich überzeugt, 
kostet es nur ein wenig Geduld des Lehrers beim ersten An- 
fang. Dass nachher der einmal geübte Mechanismus nicht 
wieder einrostet, davon kannst Du das deutlichste Beispiel im 
Spiegel sehen. Walter konnte, als er von hier abreiste, das 
durchstrichene C sicher treffen, wenn ich's auf dem Klavier 
anschlug, dann die höhere Oktave allein dazu nehmen, und 
endlich D und G treffen; die übrigen Töne noch nicht. Auch 
jene verfehlte er zuweilen, besonders wenn er zu schnell zu- 
fahren wollte, aber ich brauchte dann nur den Ton wieder 
anzugeben, ohne etwas dazu zu sagen, und er drückte so lange 
hinauf oder herunter, bis es rein wurde. Mach doch diese 
TJebungen auch zuweilen mit ihm, aber schnauze ihn niemals 
dabei an, sondern präge ihm die beiden C's fest ein, dann den 
Unterschied, der im Gehör zwischen der Scala (den neben 
einander liegenden) und dem Dreiklang (den auseinander lie- 
genden, aber zusammenklingenden Tönen) liegt. Er fasste ihn 
hier ganz leicht, wird ihn aber gewiss wieder vergessen haben, 
die C's auch vielleicht; aber sie werden gewiss gleich wieder- 
kommen, wenn Du sie ihm anschlägst. Und wenn er dann 
statt C etwa As singt oder auch Ges z. B., so wundere Dich 
nicht, sag auch nicht „aber Walter!" — sondern schüttele 
Deinen Kopf, und schlage das C noch einmal an und lass es 
ausklingen und lass ihn ruliig zuhören. So wird er Tenor- 
oder Basssänger. — W^as sagst Du zu dieser Predigt? Aber 
ich habe es Dirichlet vorher gesagt, ich würde Dir einen 
grossen Brief über Walter schreiben, — das ist er nun. Was 
könnte uns auch in dieser Zeit mehr Theilnahme erregen und 
Freude an der Gegenwart geben, als solch ein lieber, hoffnungs- 



Felix an Paul. 207 

voller Knabe? Giiiss ihn und DiricMet tausend Mal und danke 
ihnen in unserm Namen. Das nächste Mal schreibe ich nun 
an Fanny, sag' ihr das." 

Die Mutter war den vier Geschwistern ein Mittelpunkt 
gewesen, den sie zwar für ihre gegenseitige Liebe und Stellung 
zu einander nicht brauchten, der aber doch für tausend kleine 
Vorkommnisse des Lebens wichtig war. Sie war eben eine 
oline Frage Uebergeordnete, um die sich alles Andere natürlich 
gruppirte ; es verstand sich ganz von selbst, dass alle Sonntag 
die Familie bei ihr ass, alle Sonntag Abend bei ihr zubrachte, 
dass die Weihnachtsbescheerung Jahr für Jahr bei ihr statt- 
fand, dass Felix, wenn er nach Berlin kam, meist ihr Gast 
in ihrem Hause war. Das war nun anders, und die Geschwister 
mussten sich mit Vielem anders einrichten. Sie hatten auch 
das lebendige Gefühl davon, das Felix in einem Brief an Paul 
bald nach der Mutter Tode ausspricht:*) 



Leipzig, 22sten December 1842. 

Mein lieber Bruder! 

„Dass wir Alle hier gesund sind und traurig hinleben, 
wie wir können, eingedenk des Guten, was uns früher zu 
Theil wurde, das habe ich den Tag nach meiner Ankunft an 
Euch geschrieben; es war an Fanny adressirt, aber an Euch 
Alle geschrieben. Allein Du hattest nichts davon gehört, und 
auch in dieser Kleinigkeit spricht sich wieder aus, was sich 
tagtäglich mehr und mehr aussprechen wird, tiefer und fühl- 
barer; dass der Vereinigungspunkt fehle, in welchem wir uns 
immer noch als Kinder fiihlen durften. Waren wir es nicht 
mehr den Jahren nach, so duiften wir es dem Gefühle nach 
sein. Wenn ich an die Mutter schrieb, so hatte ich damit an 
Euch Alle geschrieben, und Ihr wusstet es auch; aber Kinder 
sind wir nun nicht mehr und haben es genossen, was es heisst, 
das zu sein; es ist nun vorbei. — 



*) Felix'sche Briefe. 



SO&r: 1842—1843. 

Man hält sich in solcher Zeit an Aeusserlichkeiten , wie 
in einer finstern Stube, wo man den Weg sucht — von einer 
Stunde zur andern. Sag' mir, ob wir es so einrichten wollen, 
dass ich einen Tag der Woche abwechselnd an Jeden von 
Euch schreibe und Antwort bekomme, sodass wir wenigstens 
alle drei Wochen von einander hören, unbeschadet des Oefteren, 
oder ob Dir eine bessere Einrichtung einfällt? Habe auch 
tausend Dank füi' Deine liebe Frage wegen der Wohnung. 
Es war mir schon eingefallen, Dich darum zu bitten und nun 
bietest Du es mir an. Aber ehe wir es so festsetzen, möchte 
ich doch. Du brächtest die Sache einmal in Gegenwart der 
Schwestern und Schwäger behutsam aufs Tapet. Merkst Du, 
dass denen irgend ein unangenehmes Gefühl daraus erwächst, 
wenn ich jetzt zum ersten Mal in Berlin mit ihnen nicht unter 
demselben Dache wohne, und sprechen sie dies Gefühl auch 
nur dui-ch ein Wort oder eine Bemerkung aus (Du wirst dies 
leicht verstehen können und ich verlasse mich ganz auf Dich), 
so müssen wir es aufgeben. Im andern Falle würde ich Deine 
Güte dankbar annehmen. Schwer wird mir der nächste Besuch 
in Berlin fallen: — schwer fällt mir eigentlich Alles, was ich 
thue und treibe und was nicht ein blosses Uebermichergehen- 
lassen ist. Doch habe ich wieder angefangen zu arbeiten und 
das ist das Einzige , was mich ein wenig beschäftigt. Zum 
Glück hatte ich eine halb mechanische Arbeit: Sclireiben von 
vielen Bogen, Instrumentirung u. dergl. zu machen. Das ist 
so halb und halb ein thierischer Instinkt, dem man nachgeht 
und wobei es Einem doch wohler wii'd, als ohne das. Aber 
gestern habe ich dii'igii-en müssen; das war schrecklich. Sie 
sagten, das erste Mal würde immer schrecklich sein und ich 
müsste einmal durch; ich glaube es auch, aber doch wollte 
ich, ich hätte ein Paar W^ochen warten können. Mit einem 
Liede von Kochlitz fing es an; aber wie in der Probe die 
Altstimmen fiano sangen: „Wie der Hirsch schreit," so wurde 
mir so schlecht, dass ich nachher auf den Flur hinausgehen 
musste und mich ausweinen. 

Heute habe ich, Gottlob, einen Tag, wo ich keinen 
Menschen sehen und sprechen brauche und mit dem Husten 



Felix an Fanny. 209 

geht es auch besser. — So schleicht die Zeit fort, aber was 
wir gehabt haben, wird nicht weniger lieb, und was wir ver- 
loren haben, nicht weniger schmerzlich mit der Zeit. — " 

Natürlich war es das Bestreben der Berliner Familie, 
Felix in dieser für Alle schweren Zeit so oft als möglich zu 
sehn, und so hatten auch Hensels eine Reise nach Leipzig 
geplant, zu der den äusseren Anlass eines der Gewandhaus- 
concerte geben sollte. Felix schreibt darüber: 

Leipzig, d. 1 1 ten Februar 1843. 
Lieb e Fanny! 

„Diese Zeilen schreib ich, um Dir zu sagen <nicht ohne 
Ligrimm), dass das nächste Abonnements-Concert eines der 
schlechtesten, wo nicht das schlechteste wird, das wir den 
ganzen Winter gegeben haben. Erlass mir die schriftliche 
Erzählung aller Umstände, die uns zwingen, statt der d-moll- 
Symphonie von Beethoven, die a-dur-Symphonie von Pape und 
statt der Bach'schen h-moU-Messe eine Cavatine von Donizetti 
aufzuführen — genug, es ist so und ich hab's nicht ändern 
können. Nun entscheide Du, ob Du lieber zu einem schlechten 
Concerte, aber recht bald (was auch sein Gutes hat), oder zu 
einem besseren Concerte, aber eine Woche später kommen willst 
(was sein Unangenehmes hat). 

Ist der Dieb heraus?*) 

In der Leipziger Allgemeinen Zeitung steht ein Artikel 
man habe etaen frechen Einbruch in der Wohnung des Professor 
D. . . bei Nacht gemacht: die Polizei habe üin acht Tage 
zuvor gewarnt und acht Tage lang habe man alle Vorsichts- 
massregeln angewendet, aber da Niemand erschienen sei, so 
habe man am neunten die Wächter verabschiedet und in der- 
selben Nacht sei der Einbruch verübt worden. Ich habe die 
Geschichte aus guter Quelle anders gehört und erzählt; auch 
verlängere und verkürze, verdicke und verdünne ich das Brech- 
eisen fortwälirend nach Umständen. — Mt oder ohne Spass 
bleibt die Sache aber höchst abscheulich. " — 



*) Es hatte kurz vorher ein äusserst frecher Einbruch in der 
Dirichlet'schen Wohnung stattgefunden. 

Die Familie Mendelssolin. U. 1^ 



210 1842-1843. 

Am 21 sten Februar wurde die Reise ins Werk gesetzt 
und Hensels verlebten in Leipzig acht angenehme Tage. Fanny 
bemerkt darüber in ihrem Tagebuch: 

„Es wurde viel Musik gemacht: wir hörten die o-tnoU- 
Symphonie von Gade, sein Erstlingswerk, das zu grossen Er- 
wartungen berechtigt. Felix war auch ganz entzückt von 
diesem Werk und studirte es mit der grössten Liebe ein. Zu 
gleicher Zeit mit uns war Berlioz in Leipzig, der mit seiner 
bizarren Art viel Anstoss bei den Leipzigern erregte; Felix 
hatte viel zu begütigen und zu vertuschen. Zum Schluss bot 
Berlioz ihm einen Tausch ihrer Taktstöcke an, ^wie die alten 
Krieger ihre Rüstungen tauschten," — und als Letzterer ihm 
sein nettes leichtes mit weissem Leder überzogenes Fischbein- 
stöckchen schickte, sandte er ihm einen unbehauenen, mit der 
Rinde versehenen, ungeheuren Lindenknüppel, mit einem offenen 
Schreiben, das anfing: „Z^ mim est gr ossier, le tien est simple.'^ 
Ein Freund, dem Berlioz dies zur Besorgung übergeben und 
der es übersetzt hatte: „Ich bin grob und Du bist simpel," 
war in tödtlicher Verlegenheit, wie er diese vermeintliche Be- 
leidigung Felix verheimlichen solle. — Auch die Schumann 
hörten vdr viel, sie spielt entzückend schön." — 

Das Berlioz'sche Billet ist in Nohl's Musikerbriefen ver- 
öffentlicht, und lautet folgendermassen: 

Au chef Mendelssohn! 

Grand chef! nous nous sommes prorms d^e'changer nos Tomor 
weks! voici le mien, il est grossier y le tien est simple! 

Les Squaws seules et les visages pales aiment les armes 

orn^es. Sois mon frere, et quand le grand esprit nous awra en~ 

voye's chasser dans le pays des ämes, que nos guerriers suspendent 

nos Tomaweks unis a la porte du conseil. 

Hector Berlioz. 
L eipzig y 2 Fe'vrier 1843. 

Li den letzten Tagen des April kam Grounod nach Berlin, 
und blieb bis zum löten Mai. Fanny schreibt über ihn: „Er 
war diese Zeit über immer hier und ist von der ganzen Fa- 
milie sehr freundlich aufgenommen worden, hat aber auch 



Gounod in Berlin. 211 

richtig von ganz Berlin nichts gesehn, als unser Haus, unsem 
Garten und unsere Familie, und nichts gehört, als was ich 
ihm vorgespielt habe, so sehr wir ihn auch aufgefordert haben, 
sich umzusehn. Die Tage vergingen wirklich sehr angenehm 
mit ihm; wir haben ihn seit Rom sehr entwickelt gefunden, 
er ist überaus begabt, von einer musikalischen Auffassung, 
einer Schärfe und Eichtigkeit des Urtheils, die kaum weiter 
gehen können, dabei von dem feinsten und weichsten Gefühl. 
Diese lebhafte Auffassung ist ihm auch über die Musik hinaus 
eigen, so dass ich ihn z. B. nicht ohne wahres Vergnügen 
konnte deutsch lesen hören, und mich wundern musste über 
das Talent, womit er das Wesen der Sprache sich zu eigen 
zu machen wusste. So hat er einige Scenen aus Antigone 
gelesen und zu meiner grossen Verwunderung verstanden. 
Was mich nun auch eben nicht gegen ihn einnimmt, ist die 
wahre Liebe und Verehrung, die er für uns hat und durch 
seine Reise nach Berlin wirklich thätig bewiesen, da er sie 
einzig und allein unternommen, um uns zu besuchen. Seine 
Anwesenheit war mir eine sehr lebhafte musikalische An- 
regung, da ich erstlich sehr viel gespielt und sehr viel über 
Musik mit ihm gesprochen habe während der manchen Nach- 
mittagsstunden, die ich mit ihm allein zubrachte, da er 
gewöhnlich von Mittag ab bei uns blieb. Wir haben auch 
über seine Zukunft Manches gesprochen, und ich glaube nicht 
geirrt zu haben, indem ich ihm das Oratorium als die nächste 
musikalische Zukunft Frankreichs dargestellt habe ; er ist auch 
so wohl darauf eingegangen, dass er sich hier schon sehr 
ernstlich mit dem Texte beschäftigt hat ; er will Jzidith wählen. 
Kurz, er hat uns in jeder Hinsicht vollkommenes Vertrauen 
bewiesen, und so war die überaus freundliche Aufnahme, die 
er bei uns und, wie ich mit Dank anerkenne, auch bei den 
Geschwistern gefunden, eine durchaus verdiente. Er hat auch 
allgemein gefallen." 

Im Juli 1843 machte sich nun Rebecka mit ihren beiden 
Knaben Walter und Ernst zu der grossen lange geplanten 
italiänischen Reise auf, vorerst nach Freiburg im Breisgau, 
wo Woringen sich etablirt hatte, und nach Baden weiler, um 

14* 



212 1842-1843. 

dort in Ruhe und schöner Natur Dirichlet zu erwarten, der 
erst nach Schluss der Vorlesungen nachkommen konnte. Einige 
Augenblicke hatte im Frühjahr, als der Entschluss zu der 
Reise gefasst wurde, die Lust mitzureisen bei Hensels ernste 
Erwägung gefunden, indess hatten sie es doch wieder auf- 
gegeben. Wir werden sehn, durch welche Verkettung von 
Umständen sie später gezwungen wurden, nachzureisen. Da 
von dieser Reise wieder die beiderseitigen Briefe vorliegen, 
sowohl von Hause als nach Hause, so werden die Bethei- 
ligten das Leben dieser Zeit am Anschaulichsten selbst 
schildern. 



Heise- und Heimathbriefe. 



Eebecka an Fanny. 

Kehl, 15. Jiüi 1843. 

„ — — Ich habe sehr gute Fahrt gehabt, herrliches 
Wetter, besonders von Darmstadt nach Heidelberg, welchen 
Prachtweg wir im offenen Wagen am schönsten Morgen durch- 
fuhren. Ich habe wenigstens zwanzig Häuser gesehn, in denen 
ich Professor sein möchte. Beschreibung dieser Euch allen 
bekannten Gegend, sowie aller unbekannten kann ich mir wohl 
schenken: bei den Namen Heidelberg, Weinheim, Handschuhs- 
heim muss Einem schon das Herz warm werden, und es ist 
so hübsch, dass AUes dort „heim" endigt, man möchte gern 
da heim sein. Wir fuhren nach Tisch auf den Wolfsbrunnen, 
nach den Forellenteichen, Du weisst, wo die wohnen, ist's gut 
sein, dann aufs alte Schloss, wo wir nass wurden. Die ganze 
Einfahrt in Heidelberg war sehr lustig; kurz vor der Stadt 
begegneten uns Omnibusse mit spazierenfahrenden Studenten 
in Staubkitteln und mit langen Barten ; in der Stadt war Alles 
mit Kränzen und Fahnen geschmückt; ich war schon ganz 
beschämt über die Ehre, bis ich erfuhr, es sei nicht allein mir, 
sondern zwei badischen Prinzen zu Ehren. Freitag fuhren wir 
per Eisenbahn nach Karlsruhe in sieben viertel Stunden; da 
wollte ich mir einen eodra guten Tag machen und fuhr nach 
Baden, um den Nachmittag da zu bleiben, das war aber rather 
misslungen; wir bekamen Stuben nach einer engen Strasse, 



214 Reise- und Heimathbriefe. 

ich war trotz der wenigen Meilen sehr erschöpft, legte mich 
auf den Sopha, war zwar nach einigen Stunden so ausgeruht, 
dass ich aufs neue Schloss ging, um die Sonne untergehn zu 
sehn, statt dessen kam aber ein Gewitter vom alten Schloss 
auf uns zu und ging viel schneller als wir, so dass wir aber- 
mals durchweicht nach Hause kamen. Heut bis zwei Uhr 
habe ich auf gut Wetter gewartet, um die Geroldsau und 
Kloster Lichtenthai zu sehn, es kam aber nicht, und da fuhren 
wir im Eegen hierher; hinter den Bergen wurde es besser und 
der Münster lag prächtig in der Abendsonne vor uns. Morgen 
früh gebe ich mit Walter hinüber, mir ist wie am Vorabend 
eines Ereignisses. Wie luftig und leicht steigt er schon in 
der Ferne an den Bergen herauf; er scheint viel höher als die 
Berge. Hier in Kehl habe ich weit über meine Erwartung ein 
gutes Wirthshaus gefunden, sehr still, reinlich, ungeheure 
Betten, Forellen und Pfirsichkompott, dabei habe ich an Dich 
gedacht, liebe Fanny, wie bei Allem, was mir gefällt oder 
auch nicht gefällt, üeberhaupt gefällt mir's hier sehr schön, 
obgleich keine Gegend ist, nach dem prätensiösen, vornehmen 
Baden mit den grossen Hotels mit fünftausend Kellnern und 
ebenso viel Klingeln, die den ganzen Tag bimmeln. Hier 
läuten die Glocken, ein Haufen Bauern in weissen Jacken und 
Pelzmützen kannegiessert vor dem Hause, Andere kommen 
mit Lasten auf dem Kopfe vom Felde herein, und Alle sagen 
guten Abend, das ist etwas für mein idyllisches Gemüth, und 
man merkt schon der Luft an, dass die Berge nahe. Eben 
läutet es aber zehn, sehr spät für einen Kleinstädter. Gute 
Nacht; morgen mehr. 

Freiburg. — — Ich gratulire zu Felix*) und freue 
mich sehr, obgleich ich nichts davon habe, solches Pech habe 
nur ich, dass das den ersten Winter geschehen muss, wo ich 
nicht zu Haus bin. Lidessen hoffe ich, es wird ihm gefallen 
und wir verleben dann noch mehr Zeit zusammen; gefällt es 
ihm, Gott behüte, nicht, dann beneide ich Euch gerade nicht. 



*) Nach der Nachricht seines bestimmten Uebersiedelns für 
den Winter nach Berlin. 



Freiburg im Breisgau. 215 

In Leipzig war er diesmal zu liebenswürdig. — Mit Jean Paul's 
Bestimmung*) bin ich höchst einverstanden, wie mit Allem, 
was Ihr thut, seid es auch mit mir; ich habe noch immer eine 
kindische Angst vor Schelte, wenn ich auch mich nicht rühmen 
kann, je deren von Dirichlet bekommen zu haben. Nun in 
meinem Reisetext weiter. 

Freiburg ist ein Paradies, der ganze Weg von Kehl an 
prächtig. Deutschland ist ein schönes Land, wenn man drin 
ist und wenn man nicht drin ist. Gestern früh fuhr ich mit 
Walter und Schuhmacher**) nach Strassburg, verweilte drei 
Stunden in, auf und um den Münster herum. Schuhmacher 
wunderte sich, dass der Münster keinen Erahnen auf hat, wir 
hörten die Messe, die Orgel, sahen eine Prozession die Kirche 
umziehn — erlasst mir die Worte darüber — es war zu schön. 
Auch Erwin's Haustreppe sind wir bis oben hinangeklettert, 
von der Du soviel erzählt hast, Nachmittag um zwei sassen 
wir wieder im Wagen und fuhren im schönsten Land, unter 
dem schönsten Himmel hierher, und wo es am schönsten ist, 
in allen alten Schlössern und neuen Landhäusern, wohnen Eng- 
länder. Eine halbe Stunde vor dem Thor begegnete uns schon 
Franz, ob wir uns gefreut haben, na ob! — Sie woUten 
durchaus das Unmögliche möglich machen, uns bei sich ein- 
quartiren, ich widerstand aber und brachte Ernst zu Bett im 
Zähringer Hof und ging dann zu Angelika, da stand der be- 
kannte Theetisch und der alte bunte Sopha und die alten lieben 
Gesichter. — — Ich freue mich Süddeutschland noch recht 
zu geniessen, ehe ich durch die Schweiz und Italien vielleicht 
verwöhnt und vornehm geworden. Für die hiesige Kirche ist 
es nicht vortheilhaft, dass man den Strassburger Münster vorher 
sieht; dagegen ist sie kleinlich boudoir-ährüich und zu com- 
fortahle, um vor Zerknirschung katholisch zu werden. Ein 
hiesiger Glasmaler hat die mangelhaften Fenster im Dom sehr 
geschickt restaurirt, ganze Fenster neu gemacht, zum Danke 
ist er Hungers gestorben und seine Familie lebt noch in tiefem 



*) Die Werke desselben Woringen's zu schenken. 
**) Der Diener. 



216 Reise- und Heimathbriefe. 

Elende ; ich hätte nicht gedacht, dass so etwas noch heut vor- 
fallen kann. — Politisches hör' ich genug; es ist ein schreck- 
lich aufgeregtes Nest ; Musikalisches gar nicht. Habt Hir denn 
die Viai'dot-Consuelo gehört? Die verdammte Sand; ich muss 
bei jedem Krautgarten an sie denken. Bitte, schreibt Alles, 
jedes Butterbrod interessii't mich." 

Rebecka an Paul. 

Badenweiler, d. 28sten Juli 43. 

^Ich benutze einen Regentag, leider giebt es deren viele, 
um meinen wöchentlichen Bericht an Dich, wahrscheinlich 
Strohwittwer, zu richten. Du wirst wohl schon gehört haben, 
da ich hoffe. Du bist in Verbindung mit der Leipzigerstrasse 
No. 3, das ich hier bin hängen geblieben und ich bereue es 
keinesweges, es ist ein reizendes Eckchen Welt hier, wirklich 
„das holde Thal", wovon Fanny singt, so grüne Matten voll 
der schönsten Bäume, so viel Quellen, und dabei liegt es ganz 
hoch in den Bergen; und ist doch so laue windstille Luft, in 
den Gärten wachsen Lorbeer und Oleander im Freien, die ob- 
ligaten Bui'gruinen mit Eichen fehlen auch nicht, und wenn 
man glaubt, die grüne Bergaussicht könnte man einmal satt 
werden, so sieht man anders herum, da liegt der Rhein, rive 
droite et rive gauche mit allem Elsass und Vogesen. Es ist 
gerade ein Aufenthalt, wie ich ilm liebe, nicht nur schöne 
Punkte, sondern jeder Schritt ist schön, bis auf die sorgfältig 
gekiesten Wege hinab, die von bunten Krystallen glänzen, 
ich wollte schon eine Fuhre für unsern Garten schicken; und 
jeder Kuhstall, jeder Pfahl hat einen dicken Kranz von den 
schönsten Schlingpflanzen. Hieraus kannst Du Dir gar keinen 
Begriff davon machen, w^e schön es ist, aber Dir doch denken, 
dass es schön ist, wenn nur besser Wetter wäre. In der 
Schweiz soll es gar arg sein, in Leuk, in Baden liegt dicker 
Schnee, und so lang der Basler Wind weht, ist keine Hoffnung 
auf Beständigkeit. 

An der Table d^Mte ist hier eine Heringsdorfer Wirth- 
schaft, meist Frauen mit Kindern, sogar Ernst speist unten. 



Badenweiler. 217 

Schuhmacher nimmt sehr an Weisheit und Erkenntniss zu, 
zeichnet, führt Tagebuch und macht den französischen Kammer- 
mädchen stark die Cour. Franz hat mir ein Buch eingerichtet, 
Schuhmacheriana und Verwandtes und mit Vignetten versehn, 
darin soll ich die unzähligen Geschichten, die mein Gefolge 
liefert, einschreiben, an denen sich Franz sehr erbaut hat. 
Wunderschön ist es, wie Schuhmacher überall für den Herrn 
gilt und die Täuschung so lange als möglich unterhält; in 
Heidelberg haben sie ihn gefi'agt, ob er zwei Stuben mit zwei 
Betten beföhle. Mine ist wie verdutzt von Allem, was sie 
sieht, und in fortwährendem Entsetzen über aUe katholischen 
Bilder am Wege: „Ach sehen Sie, Frau Professorin, da hängt 
schon wieder unser Herr Christus im Regen." — 

Von vielen Unbequemlichkeiten, die mich in Italien 
erwarten, habe ich schon auf der Eeise bedeutenden Vor- 
geschmack erhalten, mehr geprellt als in Leipzig und Heidel- 
berg werde ich schwerlich. Flöhe wachsen überall, und 
schwerer verständlich werd' ich mich auf italiänisch nicht 
machen, als hier auf deutsch; neben der wirklich schweizerischen 
Natur hier herrscht auch das schöne schweizer Deutsch. Meine 
Baseler Tischnachbarin frug mich, ob ich das Deutsch sprechen 
nicht gewohnt wäre; das einzige Deutsch, das sie ordentlich 
verstehn, ist französisch. Die sehr willkommene Essglocke 
unterbrach den Fluss meiner Feder!" 

Fanny an Rebeck a. 

Berlin, den 27sten Juü 1843. 
„Also in Badenweiler. Gar nicht übel; ich halte 
Angelika's*) Augen für ebenso blau wie den Genfer See, ganz 
so hoch wie die Berge ist sie zwar nicht, aber wozu wäre 
das auch? In einem sehr schönen Moment kam Dein gestriger, 
sehr angenehmer Brief aus Freiburg, erstens lief uns die 
Kinderfrau damit in den Garten nach, als wir eben Jakoby 
durch denselben zum Thor hinaus begleiteten, zweitens hatte 
ich bereits di-ei Seiten an meinen Mann geschrieben,**) um 



*) Frau V. Woringen war mit nach Badenweiler gefahren. 
**) Hensel war auf einer Keise nach England begriften. 



218 Reise- und Heimathbriefe. 

ihm um den Bart zu gehen, er solle mir erlauben, Schuh- 
macher zu nehmen, den Du laut der vorletzten Note zurück- 
schicken wolltest! Ich hätte mir also denken können, dass 
Du ihn mitnehmen würdest, desto besser für Heinrich; dieses 
Zwitter von Schwein und Esel ist gar zu gutmüthig; ich 
glaube, ich bringe es nicht über mein Kieselherz, ihn wegzu- 
schicken. Ich werde ihn als umgekehrten Ring des Poly- 
krates am Finger behalten. Jakoby*) hat uns in den letzten 
Wochen viel besucht. Was kann der grob sein! — Eigentlich 
haben die groben Leute ganz recht, wenn sie, wie Jakoby, 
doch noch etwas daneben sind, denn wenn sie sich einmal zu 
anderer Leute AUtagshöflichkeit herablassen, kann sich ihr 
Auditorium gar nicht vor Wonne fassen und sperrt Maul und 
Nase auf und bedankt sich schönstens. Ich hätte ihn wohl 
mit Schönlein zusammen sehen mögen, wer da das gröbste 
Wort behalten hätte. An Vornehmheit hat der es dem Andern 
zuvor gethan, denn Jakoby hat wohl zehnmal auf ihn gewartet 
und er hat ihn immer sitzen lassen und ihn zuletzt gezwungen, 
sich noch einmal nach dem Thiergarten zu bemühen. Gott 
bewahre mich, so krank zu werden, wie ich es sein müsste, 
um Schönlein zu consultiren. Meiner Hände wegen thu' ich 
es nicht, von denen hast Du doch eine zu schlechte Meinung, 
wenn Du glaubst, ich könne nicht mehr damit schreiben. Das 
Absterben hat sich fast ganz gegeben, mit der Schwäche ist 
es abw^echselnd. Das Galvanisiren könnt' ich nicht gut ver- 
tragen, nun soU ich's mit Branntweinstrankbädern versuchen 
und da ergiebt sich die wunderschöne Thatsache, dass in 
Berlin, wo der dritte Laden ein Schnapsschank ist, gar nicht 
gebrannt wird und ich nun erst zusehen muss, wo ich das 
Zeug herkriege. Neulich hier einmal habe ich recht gut 
gespielt, den Tag darauf bei der Decker unter aUem Nacht- 
wächter, kurz, ich habe jetzt -wieder so wenig Sicherheit, als 
da ich vierzehn Jalir alt war und da ich noch nicht einmal 
die umgekehrte Zahl habe, will ich mich durchaus nicht in die 
Unfähigkeit ergeben. — Mit Felix ist es noch immer beim 



*) Der Mathematiker, der auch nach Italien reiste. 



Fanny an Rebecka. 219 

Nichtkommen, Dochkommen, ich fange nachgrade an, gar nicht 
mehr daran zu denken. Einstweilen kommt er Mittwoch auf 
acht Tage und hat auf die tausendjährige deutsche Freiheit 
einen Choral komponirt, der hior, glaube ich, im Dom gesungen 
werden wird. Höchst symbolisch für seine, ebenfalls tausend- 
jährige Angelegenheit. 

Wohl glaube ich, dass Du Consuelo in jedem Kraut- 
garten siehst; dass Du aber ihr Urbild nicht auf der Bühne 
siehst und hörst, ist wirklich sehr schade. Das ist eine ein- 
zige Person! Und viele Züge von ihr sind wirklich sehr 
getroifen, wenn ich sie so reden höre, finde ich sie ganz wie- 
der. Schade nur, dass gerade unser vortrefflicher Intendant 
Küstner anderer Meinung ist, und sie durch Grobheiten aller 
Art verhindert hat, ein drittes Mal aufzutreten (wofür sie 
morgen noch ein Concert giebt), und sie überhaupt nicht 
engagiren will, obgleich sie Lust hätte, hier an der deutschen 
Oper zu singen, womit uns eüiigermassen geholfen wäre. — 
Die alte Hofräthin Herz hat eine nicht üble Probe von Un- 
verwüstlichkeit abgelegt: sie ist von ihrer Treppe, sechszehn 
bis siebenzehn Stufen, über das G-eländer auf den Stein- 
boden gestürzt, w^o jeder andere Mensch sich todtgefallen hätte ; 
hat noch ein Stück Geländer mitgenommen ; unten angekommen 
hat sie sich gewehrt, als die vor Schreck halbtodten An- 
wesenden sie aufheben und hinauftragen wollten, Dieffenbach 
fand einige blaue Flecke an ihr und drei Tage nachher war 
sie wieder vollkommen wohl. — 

Leb wohl , reise weiter so glücklich wie Du mit Gottes 
Hülfe angefangen, und schreibe mir immer sechsmal, ehe Du 
den Andern einmal schreibst, so will es die poetische Gerech- 
tigkeit. " 

Aus einem Brief von Rebecka an Fanny. 

Badenweiler, den oten August. 

Könnt' ich Dir nur etwas von den Felderdbeeren schicken, 

Womit die Berge hier bedeckt sind, und die, mit wenig Ueber- 

treibung, so gross sind, wie bei uns die Ananaserdbeeren. 

Und die Forellen — ach die Vergissmeinnicht , ach die 



220 Reise- und Heimathbriefe. 

Forellen! — Hier ist die rechte Forellengegend, überall 
ranscht's und plaudert's und überall sind fingerbreite Bäche, 
mit grossen steinernen Brücken. Ich habe auch vom Blauen 
aus (die dritthohe Spitze des Schwarzwalds) das Wiesenthal 
von Hebel gesehn. Ein anderer Kerl heisst der Schau-in's- 
Land. Und alle Tage denk ich, wie wüthend Hensel über die 
grünen Flatschen sein würde, an denen ich mich gesund und 
froh sehe. Schon weniger "würde er über drei schöne Mädchen 
wüthen, eine Sammlung Haare, Zähne, Farben und Augen isst 
da unten Mittag, dass es eine Freude ist. " 

Dieselbe an Dieselbe. 

Freiburg, den Uten August. 

„Gestern früh habe ich mich ganz allein auf die Schnell- 
post gesetzt und bin hierher nach Freiburg zu Woringen's 
gefahren, um Dirichlet zu überraschen. Bis dato ist er aber 
noch nicht da, wohl aber traten eine Stunde nach meiner 
Ankunft Jakoby und Borchardt herein, und brachten Grüsse 
von Euch und Felix und sind nun auf den ganzen Tag bei 
Woringen's etablirt. Die Kinder sind in Badenweiler nicht 
nur in Gottes Schutz, sondern in dem von Mine, Schuhmacher, 
der ganzen Wirthsfamilie und der ganzen Badegesellschaft, 
deren grosse Lieblinge sie sind. Die Fahi't hierher war sehr 
hübsch, ich war in der besten Gesellschaft, ganz allein, und 
fand es ganz besonders pikant, abgesehn von Woringen's, zu 
denen ich immer gern zurückkehi'e, die mir schon bekannte 
Gegend noch einmal zu sehn, mir war als käme ich nach Hause, 
wie ich den Münster wieder in die Luft hinein springen sah. 

Sonnabend, den 12ten. Heute ist ein lustiger, oder 
wie sie hier sagen, ein luschtiger Morgen. Gestern Abend war 
ich so unausstehlich, wie nur ich sein kann ; Dirichlet war nicht 
gekommen, Nachrichten von den Kindern hatte ich mir nicht 
bestellt, da ich bestimmt dachte, heut wieder zui'ück zu sein; 
von einem sehr weiten Spaziergang, wo uns der Regen überfiel, 
wo ich dicke Bauerschuhe anziehn musste, war ich übermüdet 
zurückgekommen, lag auf dem Sopha in Angelika's Schlafrock ; 
nun kam mir plötzlich der Gedanke in den Kopf, Dirichlet sei 
gar nicht über Freiburg gereist, sitze in Badenweiler und 



Abermals Freiburg. 221 

schimpfe auf mich, und das Wiedersehn würde mit einer Ex- 
plikation anfangen — hätte ich nur Ein Glied rühren können, 
ich wäre in der Nacht nach Badenweiler gereist; Franz und 
Angelika in üirer unendlichen Liebenswürdigkeit, und Jakoby 
mit seiner Ironie, hatten alle Mühe mich wieder einigermaassen 
ruhig zu kriegen. Heut früh um fünf höre ich an der dritten 
Thür von meiner Stube einen Klopf, springe wie ich bin aus 
dem Bette auf den Flur, und es war wirklich Dirichlet; der 
war von der Post in den Zähringer Hof gegangen, um auszu- 
schlafen und dann Visite bei Woringen's zu machen, zufällig 
quartieren sie ihn neben Jakoby ein, zufällig wacht der auf 
und erkennt Dirichlet's Stimme, macht Spektakel, Borchardt 
muss im Hemde zu Dirichlet, und natürlich läuft dieser gleich, 
ohne Frühstück und Schlaf, hierher. Um sieben habe ich ihn 
geschickt, Woringen's wecken und die AUegria ist gross; nun 
sind schon alle möglichen Reisepläne gemacht und wieder auf- 
gegeben, Jacoby ist ui'plötzUch abgezogen, auf Wiedersehn in 
Genua, oder Nizza, oder Florenz, auch eine schöne Gegend. 
Eure lieben Briefe sind gelesen, Dirichlet ist zu seinem Kollegen 
hier gegangen, und in der Zeit schmiere ich an Dich. Jakoby 
verehrt Dich, wie sich's gebührt, und hat gestern eine Rede 
über Deine Augen gehalten, ganz schwärmerisch. — " 

Fanny an Rebacka. 

12. August 1843. 
Felix war acht Tage hier, und die Sache steht nun so, dass 
eigentlich nur noch die Unterschrift des Königs unter den 
Kontrakt fehlt. Er hat am Sonntag hier das 1000jährige Reich 
im Dom diiigh't, ist dann nach Potsdam zur Generalprobe der 
Medea von Taubert und Hofconcert gefahren, hat Nachts m 
einer sclu-ecklichen Kneipe geschlafen, von der er die schönsten 
Geschichten erzählt hat, u. A. sprang ein Pudel aus dem Bett, 
in das er sich eben legen wollte, grade wie bei uns in Ricorsi 
unseligen Andenkens, den andern Tag nahm ihm Lenne das 
Versprechen ab, künftig nur bei ihm zu wohnen. Montag also 
war Medea, Dienstag kam er her Orgel spielen und bei Lord 
Beefsteak zu Mittag essen, wo er nach Tisch mit der Viardot 
ein Paar Stunden Musik machte, er floss wieder über von Ge- 



222 Reise- und Heimathbriefe. 

schiebten, und Mittwoch früh segelte er ab. Es ist also nun 
so gut als entschieden, dass er herkommt, die Symphonie- 
concerte im Winter dirigirt, ausserdem, glaube ich, zwei Ora- 
torien und die Dom-Musik." 

Felix an Rebecka. 

Leipzig, loten August 43. 
„Unsere Correspondenz habe ich nicht ordentlich angefangen, 
verzeih' mir's; aber ich hatte konfuse geschäftige Zeit, und 
ein Bischen bist Du selbst mit Schuld. Dein erster lieber 
Brief kam und sagte, Du seiest im Begriff, von Freiburg weg- 
zureisen (was mir leid that). Du wolltest den Bedienten weg- 
schicken (was mir auch leid that), und ich möchte Dir nach 
Vevay schreiben (was mir ganz recht war). Aber zwei Tage 
nach diesem Brief kam Jakoby aus Berlin, dem wollte ich alle 
diese Neuigkeiten mittheilen, der lachte mich aber aus und 
erzählte, bei seiner Abreise sei ein Brief von Dir angekommen, 
mit der Mittheilung der veränderten Pläne, über die ich mich 
sehr freute. Nun hätte ich freilich gleich nach Freiburg 
schreiben sollen, aber da musste ich zum 1000jährigen Reich 
nach Berlin, gerieth in eine weitläufige, unangenehme Cor- 
respondenz mit Herrn von Massow, die mir meinen guten Humor 
für acht Tage verdarb, sah in Berlin Dirichlet zu Dir abrei- 
sen und dachte nun auch zu warten, bis ich über den nächsten 
Winter etwas Bestimmtes wüsste, und bis ich von Leipzig her 
datiren könnte. Gestern bin ich nun hier meder angekommen 
und schreibe heut und grüsse Dich im Wunderland. Genehmigt 
der König von Preussen die Anträge des Herrn von Massow, 
mit denen ich nun ganz zufrieden bin, so werde ich im Oktober 
nach Berlin und für's Erste dort bleiben müssen. Mir scheint 
diese Genehmigung jetzt selbst höchst wahrscheinlich, und so 
habe ich mit Paul schon vorläufige Rücksprache wegen der 
Wohnung genommen, und er versicherte mich, dass es Dir 
recht sein würde, wenn ich die Deinige bezöge. Da schreit 
freilich jeder AVinkel und jeder Fussbreit nichts anderes, als: 
^Vergangenheit, Vergangenheit!" — Aber dennoch ist mir's, 
als wäre es unziemlich, wenn ich das scheuen wollte und unser 



Felix in Berlin. 223 

Haus nicht bewohnen und ein anderes lieber. Sonderbar, wenn 
ich nnn den Winter nach Berlin komme, wo Du uns gerade 
fehlst. — Zum nächsten Juni habe ich ein Musikfest in der 
Pfalz (in Zweibrücken) angenommen und denke also mit Sack 
und Pack gegen Ende Mai nach Frankfurt aufzubrechen. Am 
Ende treffen wir uns da noch im guten Wein- und Obstland. 
Du wirst den Kopf schütteln über meine Reisepläne und Un- 
stätigkeit. Aber Gottlob! Cecile und die Kinder sind kernge- 
sund, und mir schmeckt das Reisen noch so süss, wie nur 
jemals, — warum soll ich da nicht einmal den vornehmen 
Herrn spielen und den Winter da zubringen und den Sommer 
dort? Wird endlich nichts daraus, so waren doch die Pläne 
schön. — 

Und nun genug von mir. Eben kommen Cecile und Karl 
in's Zimmer, und Karl trägt einen lebendigen Krebs in der 
Hand und lässt ihn am Boden herumkriechen, und Marie und 
Paul kommen dazu, und Alle schreien vor Freuden. Neulich 
brüllte Paul im Nebenzimmer unsäglich, und dabei höre ich 
Karl immer rufen: „Nochmal! Nochmal!" Und dann brüllt 
der wieder und der andere schreit: „Nochmal! Nochmal!" — 
Wie Cecile kommt und nach der Ursache fragt, so sagt Karl: 
„Mama, ich wollte gern merken, was Paul für eine Stimme 
hat, wir machen Probe." Und Marie steht dabei und sagt 
ganz ernsthaft: „Paul kann doch sehr stark singen." So sind 
sie Alle lieb und gut und ein Gottessegen, und selbst der 
AUerkleinste schaut schon aus seinen blauen Augen recht gut 
und vernünftig heraus. 

Montag hab' ich die Aufführung der Medea von Euripides 
in Potsdam miterlebt ; Tags zuvor hatte ich schon die General- 
probe auf Einladung mit anhören müssen („Ich war in die 
Probe befohlen" würde sich ein feiner Mann ausdrücken). 
Gott! wenn man nur nicht tägUch die Geschichte von der 
Cassandra aufführen sähe und selbst mit auffühi'te ! Wie recht 
hatte ich wieder prophezeit! Wie sehr haben sich sogar die 
Leute entsetzt und gelangweilt ! Wie schlecht, ja wie erbärm- 
lich sind die meisten Scenen dieses Stücks! Taubert hatte 
ßich mit der Musik alle erdenkliche Mühe gegeben, aber was 



224 Reise- und Heimathbriefe. 

hilft's? DerGnmd, auf dem Alles rulit, ist faul und schlecht, 
da führt man sein Lebtag keinen hübschen Thurm darauf auf. 
Mit dem Griechenthum werden die Berliner nun wohl für's 
Erste fertig sein. Jetzt will ihnen Tieck den Sommernachts- 
traum einflössen. D a bin ich dabei und habe einige Musik 
dazu gemacht, die ich Dir gern einmal vorspielte. Ausserdem 
habe ich einige Capricen für Quartett vor und diverse Lieder 
mit und ohne Worte, vierstimmig für das Freie etc., auch eine 
Symphonie marschirt wieder langsam herbei. Das Lied von 
Eichendorff: „Durch schwankende Wipfel schiesst goldener 
Strahl, tief unter den Gipfeln das neblige Thal; fern hallt es 
vom Schlosse, das Waldhorn ruft, es wiehern die Eosse, in 
die Luft, in die Luft, etc." wollten sie nebst den übrigen in's 
Englische übersetzen; aber sie haben mir geschrieben, sie hätten 
ein neues Gedicht untergelegt, denn das Deutsche verstände 
kein Engländer; auch einige dortige Deutsche seien gefragt 
worden, die verständen es aber auch nicht! — Ob ich Baden- 
weiler kenne! — Und Du empfiehlst mir, das Gedicht von 
Hebel zu lesen, das seit unserer Hochzeitreise sprichwörtlich 
bei uns ist! Aber so heisst es nicht „Zu Basel in der Stadt," 
sondern so heisst's: „Z' Mollen in der Post,^ und richtig steht 
auch auf Deinem Briefcouvert ein rothes Postzeichen „Mühl- 
heim" , das Du allerdings noch nicht drauf gesehn hast, das 
mir aber mit der Handschrift zugleich in die Augen fiel und 
zu denken gab. Heut vor einem Jahr war ich mit Paul auf 
der Flegere vom Prieure de Chamounix aus, da ist es über- 
haupt schöner als im Küchengarten Leipzigerstrasse 3 oder 
selbst auf der Milchwiese in Leipzig. Das bedenke! Und 
grüss jeden Nussbaum und jede Edeltanne vielmals. Am aller- 
meisten aber die Bäche, die so sprudeln und stolpern, wie ich, 
wenn ich was Schönes erzählen will. Ich glaube darum höre 
ich sie so gern. Mitunter schluchzen sie auch. — " 

Fanny an Rebeck a. 

Berlin, den 19ten August 43. 

^^ Ich muss Dir ein Berliner Ereigniss mittheilen, 

das heut schon durch die Zeitungen in alle Welt geht. Unser 




(/ 



K < / ' /<///' 






Brand des Berliner Opernhauses. 225 

schönes Opernhaus ist in dieser Nacht den Weg aller Schau- 
spielhäuser gegangen, das heisst in Flammen auf. — Die 
Mauern stehn als traurige Kuinen da, das ganze Innere ist 
ausgehrannt, die Umgegend aber gerettet worden, wozu wohl 
die schöne windstille Nacht das Beste gethan hat, doch stand 
der Luftzug nach der Bibliothek hinüber, alle Anstrengungen 
wurden denn auch dahin, sowie auf das Palais des Prinzen 
von Preussen gerichtet. — Die letzte Vorstellung gestern 
bestand aus zwei Kotzebue'schen Lustspielen, in denen Döring 
auftrat, und einem Ballet, der wahrscheinlichen Veranlassung 
des Unglücks. Vorgestern Abend hatten wir mit Paul's ver- 
abredet, zusammen hinzugehen, gestern früh liess ich es wieder 
absagen, weil es mir zu heiss war und nun thut es mir 
doch leid. 

Um halb elf hörten wii' den ersten Feuerlärm, ich war 
die halbe Nacht auf dem Hofe mit Minna, Sophie und dem 
W^ächter, Wir erfuhren sehr bald, wo das Feuer wäre und 
ich kann wohl sagen, es that mir recht herzlich leid und es 
war mir, als verlören wir einen guten Bekannten, denn dass 
an Eettung nicht zu denken sein würde, konnte man selbst 
von hier aus schon beurtheilen. Da habe ich recht den Mangel 
an männlichem Schutz empfunden, ich wäre gar zu gern zu 
Paul's*) gegangen, wollte aber doch den Wächter nicht vom 
Hof nehmen und wagte mich nicht allein. Heut früh ging 
ich schon vor acht hin, Paul hatte wirklich das Comptoir aus- 
geräumt und die Papiere nach seinen andern Zimmern bringen 
lassen; dass jener Stadttheil bedroht gewesen wäre, wenn die 
katholische Kirche Feuer gefangen hätte, leidet wohl keinen 
Zweifel. Ich ging mit Albertine um die ganze Brandstätte 
herum. Die Faeade steht noch an allen Seiten, Stücke der 
Balustrade fehlen, die Statuen aber wurden von den schwarzen 
Feuermännern mit grossen Haken abgelöst und fielen mit Ge- 
prassel; Rauch, Qualm, Wasserstrahl, Gebälk und Schutt 
erfüllen das ganze Innere in gräulichem Mischmasch, Du 
kennst ja alle die Schrecken, die solcher Catastrophe folgen; 



*) Dieselben wohnten in der Jägerstrasse 51. 

15 

Die Familie Mendelssoliu. II. 



226 Eeise- und Heimathbriefe. 

dabei ist die Jahreszahl 1743 in allen goldenen Buchstaben 
über dem Haupteingang stehn geblieben und die beiden Zettel- 
kasten mit Drahtgittem hängen mit den unversehrten Anzeigen 
der letzten Vorstellung neben der Eingangsthür. Der Platz 
war natürlich gepfropft voller Menschen, aber Alles ruhig und 
anständig, so dass vdr überall hingehn konnten. Neben dem 
Graben stand die grosse Dampfspritze und war in Thätigkeit, 
deren Bekanntschaft habe ich denn auch bei dieser Gelegen- 
heit gemacht. — So ist nun der schönste Platz von Berlin, 
der eben jetzt noch durch Gartenanlagen geschmückt werden 
sollte, auf Jahre hinaus verwüstet und zerstört, und wer weiss, 
ob er jemals wieder so schön wird. Wenn ich wie der König 
wäre, ich liesse es nach dem alten Plan wieder aufbauen, 
natürlich mit andern neuem Einrichtungen. Anders werden 
sie es wohl machen, aber besser schwerlich. Mir war das 
Opernhaus immer das liebste Theater, das ich kannte. — Ich 
finde es sehr symbolisch, dass das Opernhaus abgebrannt ist, 
die Oper war es schon lange; wozu eia Haus für etwas, das 
nicht mehr existirt? Nun lebt wohl; es bleibt doch für heut 
bei dem Brande, wenn ich nicht aufhöre. — Grüss Deine 
ganze Karavane, die lange Mathematik soll auch mal von sich 
hören lassen. — " 

Rebecka an Fanny. 

Vevay, den 29sten August. 

„ — — Schon das Datum dieses Briefes wird Dir ein 
heiteres Lächeln abgewinnen, liebe Fanny, denn siehe, wir 
kleben noch immer hier, während in Nizza wahrscheinlich die 
schönsten Briefe auf uns warten, nach denen mich dürstet. 
Am Sonnabend war alles zum Fortreisen gepackt, es scheint 
aber, als hätte sich's Ernst zur Regel gemacht, jedesmal beim 
Abreisen uns einen Streich zu spielen, er bekam in der Nacht 
starkes Fieber, am andern Morgen mussten wir zum Arzt 
schicken und das Kind ein Paar Tage pflegen. Wahrscheinlich 
hat er sich bei einer überaus schönen aber heissen Fahrt nach 
Montreux, Chillon etc. (Paul wird den Küster für die ganzo 



Vevay. 227 

Fahrt machen) etwas zu sehr erhitzt. Diese Fahrt brachte 
uns auf unsere weitere Keise in dem Gespräch mit dem Arzt» 
und da hat uns der auf das Entschiedenste widerrathen, vor 
dem Oktober nach Nizza zu gehn, überhaupt stimmen Alle 
darin überein, es sei nui' ein Winter auf enthalt, und im Herbst 
namentlich zugleich glühend und stürmisch. Da ich mich nun 
durchaus nicht krank genug fühle, den ganzen Winter dort 
zuzubringen, so haben wir denn wieder die Köpfe zusammen- 
gesteckt und einen weisen Eath gepflogen, w^ährend sich 
Ernstchen ganz w'ieder erholt hat und so rosig und schelmisch 
ist, wie je, und da ist herausgekommen, wir könnten den 
Aufenthalt in Badenweiler und hier als hinlängliche Villegia- 
tura für mich betrachten (dieses in den Tag hineinleben 
bekommt mii' sehr gut, besonders fange ich schon wieder an 
aufzugehen wie ein Kuchen , die Schleifen in meinem Hut 
stehen schon ein ganz Ende von der Nase ab, in Berlin 
stiessen sie dran) und den direkten und allbekannten Weg 
über den Simplon und die Seen einschlagen, und so zu guter 
Zeit nach Florenz und Eom kommen, wenn wir nicht wieder 
ii^gendwo eine Ewigkeit hängen bleiben. 

Mittwoch. Ich habe mich gestern unterbrochen, um 
eine Wasserfahrt auf dem See zu machen; wie ruhig der sein 
muss, wenn ich mich ihm anvertraue, das kannst Du denken, 
es war aber höchst wunderschön, sehr südlich, die Abende 
sind überhaupt das Allerschönste hier, so sternhell, jetzt 
Mondschein, und alles im See wiedergespiegelt, gestern fuhren 
mehrere Boote mit Fackeln, gerade wie bei Euch in Neapel, 
ich kann mii' nichts auf der Welt schöner denken, und nun 
kommt Jemand vom Comer See und versichert, der sei noch 
schöner, und erzählt so viel von den Myi'thenhecken , wie 
wird's uns da gehen, da w^erden wir doch gar nicht fort 
können, wie soll man alles vereinigen, und doch mit Ruhe 
und langsam geniessen? Für die Spötter folgende schöne 
Nachricht : Dirichlet bearbeitet einen Banditenbart, die deutsche 
Bevölkerung hier interessirt sich sehr lebhaft dafür, imd wirk- 
lich nimmt sich der grosse Bart auf Duichlet's ehrlichem Ge- 
sicht ganz komisch aus. 

15* 



228 Reise- und Heimathbriefe. 

Musik hör' ich hier gar nicht, man müsste denn das so 
nennen, was die Engländer auf dem Klavier im Lesezimmer 
trommeln; da liegt ein Klavierauszug von Robert dem Teufel 
ohne Worte, den spielt jeder Ankömmling zwanzigmal ab. 
Felix theilst Du wohl unsern zum 99sten Male geänderten 
Reiseplan mit. Ich schäme mich eigentlich vor Euch wegen 
unserer Unentschlossenheit, und besinne mich auf grosse Männer 
in der Weltgeschichte, denen es nicht anders ging, linde aber 
nur den sage Memnon^ oder Peter in der Fremde. Letzterer 
passt vielleicht am besten. — Ein alter Schotte hier erzählte 
mir als grosse Neuigkeit, der König von Preussen habe Men- 
delssohn engagirt für die sacred music. Indeecl — sagte ich." 

Fanny an Rebecka. 

den 27. August 1843. 

„ — — Felixens lange, lange Geschichte ist nun endlich 
ratificirt, der König hat unterschrieben, und wii* werden, will's 
Gott, schöne Musik diesen Winter hören. Da ihn, unberufen, 
sein Glück noch nie verlassen hat, so kann man es für seinen 
Anfang nur eine günstige Fügung nennen, dass in diesem Jahr 
von wegen Opernhaus das Orchester wenig beschäftigt sein 
wird; Du weisst doch nämlich, dass er die Orchestersoii-een 
dii'igiren wird. Lass es Dir nicht leid sein, dass Du den 
ersten Winter versäumst, keine Symphonie kann Dir den blauen 
Himmel ersetzen, den Du sehen wirst, und keine schöne 
Stimme das Meer, Neapel ist die grösste Bravonrarie, die der 
liebe Gott komponirt hat, und Pompeji das schönste Requiem , 
das hört man sich nie satt. Ich bin gar zu neugierig auf 
Deine ersten Briefe aus dem Wunderland, ich glaube. Wenige 
werden das so empfinden, wie Du, von wegen Empfindung 
überhaupt. Mir wird aUe alte Sehnsucht meder rege werden, 
die diesen Sommer ziemlich, geschlummert hat, denn ich hatte 
doch nicht so viel Reiselust, als dazu gehört, nach Charlotten- 
burg zu fahren. Der Garten ist aber auch unbeschreiblich 
schön; nie habe ich ilm so gesehen, das anhaltend kühle und 
nasse Wetter, das wir Anfangs hatten, hat Alles so frisch 



Häusliches. 229 

und „trotzend" erhalten; der August war durchweg warm und 
schön, zehn trockene Tage hatten schon das Gras und Laub 
gedörrt, da kam der Stralauer Fischzug und mit ihm ein 
obligates Gewitter mit einer Art Wolkenbruch; Du kennst das, 
wenn der Eegen in Wellen die Terrasse herabströmt ; seitdem 
meder das göttlichste Wetter, eine so wunderbar milde sanfte 
Luft, dass Du in diesem Augenblick kaum eine schönere athmen 
kannst; und alles Grün neu erfrischt, und für seine Ende- 
August- Jahre merk-vNÜrdig konservirt, fast noch gar keine kahlen 
Stellen. Diese Woche geht denn auch mein nettes Woringen- 
leben zu Ende, ich sage wie Du, ich hätte nicht gedacht, dass 
ich die Mädchen noch einmal wieder lieber gewinnen könnte, 
aber es ist -wirklich so; Du solltest einmal sehen, was die 
fleissigen Dinger in diesen noch nicht zwei Monaten alles ge- 
schafft haben; besorgt, gelaufen, geschrieben, genäht, gemalt, 
eingerichtet, wirklich in's Unendliche, und diese Ordnung in 
allen Dingen. Wenn der Korff die Rosa nicht über alle Massea 
glücklich macht, schlage ich ihn todt! — 

Schuhmacher wii^d gewiss bei Felix ankommen; der kann 
es ja garnicht bequemer haben, als mit einem Fuss in Deine 
Wohnung und mit dem andern in Deinen Bedienten zu treten. 
Jetzt wäre alles schön, wüsste ich nur erst eine Nähe, die 
mir nahe genug wäre, um Dich drin zu haben; das beschäftigt 
mich so, dass ich neulich geträumt habe, ich hätte Dir eine 
sehr schöne Wohnung gegenüber gemiethet, die nur den ein- 
zigen Uebelstand hatte, dass man über's Dach in die Zimmer 
steigen musste. Soll ich die nehmen?" # 

Rebecka an Fanny. 

Genua, löten September 43. 

^ Nun also, liebe Fanny, ich reiche Dir die Hand 

über den Apennin, den Po, den wir diesmal ohne alle Schwie- 
rigkeit und ohne Erlaubniss des Legaten passirten, den Tessin, 
den Simplon — das liegt meder alles zwischen uns, seit wir uns 
nicht gesehen, und wie viel Herrlichkeit, das weisstDuja. Aberdi© 
Wahrheit muss heraus: Ich kann noch garnicht in die italiänische 



230 Reise- und Heimathbriefe. 

Stimmung hineinkommen. Schrei' nicht gleich los, es wird 
und soll kommen, es ist auch erst Oberitalien, das zwar mit 
schönen Momenten, aber auch mit schrecklichen ganzen Tagen 
auftritt. — Aber historisch, obgleich ich unsere Reise schon 
an Felix berichtet habe : 

Am 31 sten rissen wir uns sehr mühsam von Vevay los, 
wo in den letzten Tagen das Wetter, der See, die Beleuch- 
tung so über Alles schön war, dass es auch mehr zu empfinden, 
als zu schreiben ist. Wir fuhren nach Martigny; ich konnte 
den ganzen Weg über nicht verschmerzen, dass Vater damals 
bei Bex umkehrte und den Lago maggiore nicht gesehen hat. 
Am andern Morgen, den 1 sten, machten wir ein Wagestück 
und gingen (d. h. ich ritt) Morgens um fünf auf den Col de 
Balme, um doch etwas Schnee gesehen zu haben; ich wusste 
noch nicht, welche Herrlichkeit von Sclmee und Eis uns den 
Tag drauf bei der Reise durch's Wallis und über den Simplon 
bevorstand. Es war, da ich zu Fuss hinuntergehen musste, 
eine höchst fatigante Parthie, aber wundervoll und jetzt, da 
es überstanden, all' die Schmerzen in den Kniekehlen ^verth, 
die ich vier Tage ausgestanden. Und nun, da Hensel hoffent- 
lich glücklich zurückgekommen, muss er Schelte bekommen. 
Wie kann man von der Schweiz nur sprechen, wenn man das 
Wallis und den Genfer See nicht kennt? Es wäre ebenso, 
als wollte ich von Italien sprechen, ehe ich Florenz wenigstens 
gesehen habe. Was habe ich, nur auf der grossen Strasse 
durch's Wallis, für ganz fertige Bilder gesehen, mit historischem 
Ton und verbranntem Ton und Linien und Motiven und wie 
all die Kunstroba heisst. Sowohl Bilder, die Einer nur getreu 
zu copiren braucht, um sie interessant zu machen , als solche, 
die freilich nicht Jeder malen kann, aber Calame kann's und 
Gudin kann's auch und die Alten konnten's! Und Du „musst 
hinjeh'n und sie Dir ansehen." Da ist so eine Ecke bald am 
Fuss des Simplon, wo man umbiegt, auf eine Brücke kommt 
und da liegt so ein „olles Nest" mit grauen Thürmen vor 
einem Bergvorhang und dahinter der ganze Monte Rosa, ich 
sage Dil', o Du Sünder Hensel, das ist „erhabben". Und 
der Simplonpass auf der Schweizerseite, das ist wieder eine 



Simplonpass. 231 

wahre Bravourarie der Natur, o Fanny de my alma, und der 
Wegebauer zugleich; mit solcher Koketterie und Kühnheit ist 
die Strasse da an Abgründen vorbeigeführt, eine Gallerie mit 
Bogenfenstern geht unter einem Wasserfall durch, auf der 
Seite ist noch, wie unabsehbar man hinunter oder hinauf blickt, 
Alles grün, bewachsen, bebaut, die Strasse in bester Ordnung, 
gleich hinter Simplon, wo wir Eure Gesundheit in Vino d^Asti 
tranken, kommt tolle, kahle Felsenwirthschaft, wo seit Ewig- 
keit nicht ausgefegt worden, die Strasse im schlimmsten Zu- 
stand, sanfte Lüfte wehten von der ersten Dogana*) der Reise 
her, — für zwei Zwanziger waren die Leute aber gnädig, 
Dirichlet sagte zu ilmen: „J^espere que vous serez humains''', 
worauf der Erste sagte: ,,Et noiis aussiy noits esperom que vous 
8ere% Jiumain.^^ — Dirichlet hatte sich imd uns den ganzen Tag 
über gequält, wie er ein Packet Cigarren durchschmuggeln 
wollte; wie es dazu kam, declarirte er sie dem Douanier, der 
sah sich um, ob Niemand da wäre, dann sagte er: „Mettez-les 
vite dam votre poclie afin qyJon ne les voie pas!''^ — Dann die 
Bettler mit der ganz eigenen krummen Beinstellung, die ich 
nur hier zu Lande gesehen habe, die malerischen Weingehänge, 
die wie Weinbäume aussehen — Domo dossola, wo wir über- 
nachteten, war schon ganz italiänisch, lauter Balcons, der 
Cameriere schloss uns wenigstens zwanzig Säle für die eine 
Nacht auf, Betten, in denen ein geschiedenes Ehepaar mit An- 
stand zusammen schlafen könnte, Bulletin: Sechs Todte, zwan- 
zig geheilt entlassen, Bestand unzählige. Ich brauche nicht 
zu sagen, dass das Flöhe sind. Ohne Spass aber, es war ein 
allerliebster Abend, wir sassen sehr lange im Flügelkleide auf 
dem langen, schmalen Balkon. Tags darauf führten wir nach 
Baveno, Dirichlet ging auf den Monterone, um die Schneeberge 
noch einmal zu sehen, und ich fuhr mit den Kindern und Mine 
in einer Gondel auf die Inseln, die Isola bella ist wunderschön 
und gerade im Anfang ist dies Compendium, dies kurz gefasste 
Italien in einem Garten, ganz besonders poetisch. Die Rück- 
fahrt im schönsten VoUraondschein. Andern Tages (den 4 ten) 



^) Zollamt. 



232 Reise- und Heimathbriefe. 

schifften wii- den Wagen und uns selbst ein, über den See 
nach Laveno, dort erlebten wir italiänische Komödie. Es war 
Markt, natüi'lich hatten Alle nichts Besseres zu thun, als 
iinsern Wagen ausschiffen zu sehen, und als die hundertzwan- 
zig faquiniy wie sie sich selbst nennen, mit der mancia nicht 
zufrieden waren, bildete sich eine Parthei im Volk für Dirichlet 
und schalt die faquins aus. Von da über Varese am See, ein 
hübsches, kühl gelegenes Städtchen, wo die Mailänder grasen, 
nach Como, ins beste Wirthshaus, den Angelo, eine schmutzige 
Kneipe. Ne Fanny! Einzelne Ai'tikel sind zu grässlich! z. B. 
alle Thüren, die kann man nicht mit der Zange anfassen, von 
Unaussprechlichem gar nicht zu sprechen. In den ersten Tagen 
habe ich zur Eeisekur noch eine förmliche Ekelkur gebraucht 
und mehrere Male des Tages geweint und mich übergeben von 
Allem, was ich sah und roch. .Jetzt geht's schon besser. Am 
5ten machten wir eine Dampfbootfahrt auf dem See nach der 
Villa Serbelloni und Sommariva, sahen die ersten Pinien und 
Cypressen, erfreuten uns an dem schönen Blick auf den Lago 
di Lecco, frühstückten unter den Platanen in der Cadenabbia; 
Abends in Como trafen wii' Jakoby, der aber gleich nach Mai- 
land wieder zurückging und den 7 ten Nachmittags fuhren wir 
auch dahin. Es ist jetzt Mode, den Comer See über Alles zu 
erheben; ich mache sie nicht mit, mir gefällt der Lago Maggiore 
viel besser und beide lange nicht so, wie der Genfer See. Der 
Abend nach Mailand war wieder schön, überhaupt haben wir 
vierzehn Tage lang ein Wetter gehabt, für das man Gott nicht 
genug danken kann ; wir fuhi-en grade unter so einem Glocken- 
thurm vorbei, als es Ave Maria läutete. In Mailand kamen 
wir zuerst in eine Mördergrube von einem Wirthshaus; da es 
spät und dunkel war, die Kinder schläülg, stiegen wir da ab. 
Andern Tages aber bei Licht besehen war es so, dass wir 
aus und in Jakoby's Wirthshaus Albergo reale ziehen mussten, 
wo wir eine niedliche Wohnung mit einer Terrasse am Salotto 
bekamen, auf der Ernst sich herumtreiben konnte, da sah die 
Welt gleich anders aus. Natürlich war der Dom unser erster 
Gang und zwar das Dach des Doms; das ist wirklich unbe- 
schreiblich schön, ein weisser Cypressenwald. Ich blieb eine 



Mailand. 233 

Stunde mit Walter und Jakoby im Dom und liess ganz ruhig 
die Schönheit auf mich einwirken. So müsst' ich eigentlich 
Alles sehen, in Florenz denk' ich es auch zu thun. Es war 
Fest der Maria, ewiges Kommen und Gehen in der Kirche, 
alle Bilder im Schmuck und erleuchtet. Mit Jakoby und 
Borchardt gingen wir auf die ambrosianische Bibliothek, wo 
sich den Membres de Vacademie alle Schränke mit seltenen 
Manuskripten und Vignetten öffneten; von da nach den Ueber- 
resten der cena von Leonardo, da sah ich einen ganz kleinen 
Kupferstich von einem Profil-Christus, den ich gleich nach dem 
ümriss in Hensel's Buch erkannte, und darauf ging's zu Ro- 
bescelli, der hält neben seinen Bildern eine Kaffeekneipe, wo 
wir schlecht frühstückten und schworen, wenn die Bilder nicht 
selbst für uns Laien schön wären, würden wir Hensel die 
Rechnung unfrankirt schicken. Aber der Christuskopf von 
Leonardo'^) wirkte mächtig selbst auf die mathematischen Ge- 
müther und statt der unfrankirten Rechnung wnirde eine Dank- 
adresse votkt. Diesen Christus und eine Murillo'sche Madonna 
mit einem hässlichen aber interessanten Kinde hat ein Englän- 
der gekauft ; ausser dem und manchem Schönen brachte er ein 
Portrait von Velasquez heraus, von dem ich zum allgemeinen 
Ergötzen fand, es sehe Borchardt frappant ähnlich. Der Bil- 
derhändler erzählte, ein Prussiano wäre bei ihm gewesen, ein 
vero conosciutore und der wahre Begeisterung für die Kunst 
hätte, ü signore Hensele. Da waren wir in pays de connaissance 
und ich habe versprochen, seine unterthänigsten Grüsse zu 

bestellen. 

Montag den Uten reisten wir nach Genua, ich erlasse 
Dir viele rückständige Klagen über Pass - Scheererei, über 
einen schmierigen Vetturin, über den langweiligen Weg 
von Mailand bis Novi und suche lieber die schönen Momente 
heraus, der notliwendig einfache Bogen naht sich schon sehr 
seinem Ende. In der Cevtosa bei Pavia sah ich die ersten 
Altäre von Florentiner Mosaik, von der Du, liebe Fanny, so 



*) Er hatte Hensel entzückt, der ihn gern für das Berliner 
Museum gekauft hätte. 



234 Reise- und Heimathbriefe. 

viel erzählt hast. Der liebe Gott ist da überhaupt höchst 
brillant eingerichtet. Bei Novi sahen wir zuerst die Apenninen, 
vom Sonnenuntergang glühend erleuchtet, und meinten, es wäre 
doch kein Vorurtheil mit der italiänischen Färbung. 

Heut machten wir einen Kitt um die Stadt, das mittel- 
ländische Meer war dunkelblau, das ist so einer von den 
Momenten, für die man Geld, Schmutz und Ermüdung nicht 
scheuen darf. " 



Fanny an Rebeck a. 

Berlin, 22sten September 43. 



n 



— Felix hat Deinen ganz Nicolai' sehen Brief aus 
Mailand mitgebracht, voller Noth und Flöhe. Ich würde mich 
über Deinen italiänischen ünmuth betrüben, wenn ich nicht 
zu ge\viss wüsste, dass das vorübergeht und das Entzücken 
bleibt. Potz Kuckuk! So kann doch unser Geschmack nicht 
differiren, dass Gestank und Flohstiche " Dich liindern, Dich 
kannibalisch wohl zu fühlen. Was den Gestank betrifft, der 
ist übrigens nach meinem Geschmack im Mailändischen schlim- 
mer, als anderswo. Ich bin sehr neugierig, wann Dein 
Schimpfen in eine ganz andere Tonart übergehn wird; dass es 
am Comer See nicht geschehn, nimmt mich Wunder. Wie 
sehr billige ich Euer Schweifen oder Hängen, wie Du willst; 
wären die fatalen Briefe von Hause nicht, die den reisenden 
Menschen doch immer in eine Art von geordneter Bahn 
treiben, er könnte ja nichts Besseres thun, als abzureisen, 
ohne zu wissen, ob er in Konstantinopel oder in Lissabon an- 
kommen wird. " 



Rebecka an Fanny. 

Florenz, den 23sten September 43. 

„Liebste Fanny! Ich habe heut meder so viel zu 
erzählen, dass ich nicht weiss, wo anfangen. Von Genua an 



Genua bis Florenz. 235 

haben wir in den paar Tagen so viel Interessantes, Herrliches 
gesehn, dass ich noch ganz angegriffen bin, und obgleich 
schon vorgestern Abend hier angekommen, noch gar nichts 
gesehn habe, als Wohnungen. Die über Alles göttliche Natur 
muss sich erst sacken, ehe mein annes bischen Geist fähig ist, 
das Höchste der Kunst einigermassen in sich aufzunehmen. 
Also wir fuhren den 17ten Mittags von Genua ab, die berühmte 
Riviera di Levante entlang; umsonst ist nicht alle Welt über 
Etwas einig; dieser Strich Landes ist, wie Friedrich sagt, 
„übernatürlich". Bald hart am Meere, dann durch Dörfer mit 
den schönsten Landhäusern in Orangen- und Oleandergärten, 
zwischen allen Mauerritzen grosse Aloes, dann wieder wendet 
sich der Weg in's Gebirge hinein, wieder um die Ecke auf 
einen hohen Damm über dem Meere, dabei die tollste südliche 
Feigen-, Cypressen-, Pinienvegetation; Chiavari, wo wir über- 
nachteten, liegt auf einer weiten Fläche am Meer, ganz im 
Orangengarten. Da schliefen wir zuerst unter Butter- und 
Käseglocken, gegen die Mücken. Von da an geht der Weg 
in's Hochgebirge, eine schöne Strasse mit Gallerien und herr- 
lichen Eück- und Seitenblicken aufs Meer, und welches Meer 
und welcher Himmel drüber! Das ganze Gebii'ge besäet mit 
Villen, Dörfern mit den hohen Glockenthürmen, Klöster wo es 
am schönsten ist — in la Spezm nennen sie die Fratz „man- 
giacanW' — die Reise ist so spannend, wie ein Roman, nur 
ist die Entwicklung diesmal die Hauptsache, der Golf von la 
Spezia. Das ist wie Zauberei; Alles so duftig und leicht hin- 
gehaucht, es ist nicht zu glauben, dass Erde und Stein so 
verklärt erscheinen können. Freilich sind die hohen Gebirgs- 
massen, die sich links über dem Golf aufthürmen, die Marmor- 
felsen von Carrara. Ach! was hilft all' mein Entzücken 
schwarz auf weiss, Ihr wisst doch nicht, Ihr ahnt nicht diese 
Wunder; wie könnt Ihr Hensels nur von Italien sprechen, 
ohne den Golf von la Spezia zu kennen. Schon deswegen 
müsst Ihr noch einmal hin. — Das Wirthshaus da war gött- 
lich, echt italiänische W^kthschaft, ein alter Palast Doria mit 
ungeheuerm Portal, Marmortreppe, ein Saal von wenigstens 
vierzig Fuss Höhe, Fenster noch di-eimal so gross wie unsere 



236 Reise- und Heimathbriefe. 

in der Leipzigerstrasse, — mit Mistbeetscheiben in Blei gefasst, 
die vielleicht seit Andreas Doria nicht geputzt worden, vier 
kahle schmutzige Wände und hoch über der Thür eine Copie 
von der Himmelfahrt von Tizian. Die andern Zimmer in ähn- 
lichem Geschmack. Zu Mittag Hummer und Seefische. Von 
der Stadt zum Meer fülirt ein kleiner Garten mit Alleen von 
Oleander- und Orangenbäumen, durch Rosengehänge verbunden. 
Nach Tische wollten wir spazieren gehen, ein Schifferjunge 
beredete oder vielmehr zwang uns, auf dem Golf spazieren zu 
fahren und amüsirte uns königlich durch seine Narrenspossen. 
Ueberhaupt, welch' ein Aufwand von Witz, Betrug, schönen 
Augen und Redensarten hier gemacht wii'd, um noch ein paar 
Pfennige mehr zu bekommen, das weiss auch nur, wer's gesehn 
hat. Am andern Tag fuhi'en wir, auch zu Kalin, nach Porto 
Venere, das liegt im Meere drin, wie in der Tausend und 
Einen Nacht, oder, was gleichbedeutend ist, nach allen Bildern 
ähnlich wie Amalfi. Gegenüber Porto Venere liegt eine Insel 
Palmaria, ein Felsen mit Wein, Pinien, Oelbäumen, nur von 
Fischern bewohnt, da hat in einem ganz einsamen Hause eine 
englische Familie zehn Jahre lang Sommer und Winter 
gewohnt. Auch Lord Byron hat lange am Golf gelebt. 
Napoleon ist dort der Mann des Volks; was der gesagt, pro- 
jektirt, angefangen hat, weiss und erzählt Alt und Jung, ma 
€ morto, sagen sie. — In unserm Wirthshaus hatte ein 
deutscher Prinz die Zimmer nach der See inne; den nannten 
sie den Prmäpe di Lips] er ist der Erbprinz von der Lippe, 
der wie der alte Gans incognito reist, unter dem Namen 
Schwanthaler. — Leider wurde ich auf der Rückfahrt von 
Porto Venere beim ruhigsten Meere seekrank, doch brachten 
mich zwei Stunden Schlaf dann meder soweit auf die Beine, 
dass ich mich Nachmittags auf dieselben machen und einen 
Berg hinter la Spezia erklettern konnte, wo wir den Abend 
erwarteten; zwar nicht auf deutschem Rasen sitzend, aber 
dafür hatte ich einen Strauss von Lorbeer mit Früchten, der 
feinsten Erica und blühenden MjTthen von den Heckea 
gepflückt und der Golf lag zu unsern Füssen. Leider blieben 
wir nur anderthalb Tage da. Carrara war noch ein Glanz- 



Caprara. 237 

pimkt der weiteren Reise nach Lucca; das ist das wahre 
Marmoreldorado; dass Hänser, Steine, AUes Marmor ist, ist 
bekannt. Zu den Marmorbrüchen, die sich von la Spezia so 
reizend ausnahmen, führt ein schattiges, grünes Thal, durch 
das ein wü-klich ki-ystallheller Bach über weisse Marmorkiesel 
rinnt, grosse, unbehauene Marmorblöcke führen als Brücken 
herüber, mii' war es ganz unheimlich, mit staubigen Reise- 
schuhen dieses kostbare Pflaster zu betreten. Das ganze 
kleine Nest ist natürlich ausschUesslich auf den Marmor basirt, 
lauter Büdhauer- Ateliers mit grossen offenen Thüren, da steht 
Alles in schönster Eintracht, kolossale Könige und Erzherzöge, 
vier Venüsse von Medicis, mehrere neue Modelle von Bosio, 
die hier dutzendweise kopirt werden, Kamine, Tische, Citronen 
imd Kartoffeln (ich glaube das Weissbrod, das wir uns kauften, 
war auch aus Marmor, hart genug war es wenigstens); vor 
einem Hause lagen mindestens zwanzig Badewannen, ein ganzer 
Wagen voll Mörser stand zur Abfahrt bereit, ungeheui-e Blöcke 
schleppen sie auf Karren mit Ochsen bespannt unter entsetz- 
lichem Sclu^eien und Fluchen aus den Brüchen herunter in die 
Säge- und Schleifmühlen. Mch haben die Paar Stunden dort, 
trotz der glühenden Mittagshitze, sehr interessirt. Schon mit 
einem Fuss im Wagen wui'den wir plötzUch von einem Frem- 
den sehr cordial deutsch angeredet, der sich als den, uns 
ganz unbekannten , Büdhauer AV. zu erkennen gab und uns 
zwang, auch sein Ateüer zu besuchen. Dann brachte er uns 
an den Wagen und schwor uns Freundschaft, bis auf Wieder- 
sehn in Rom. Meinerseits wird sie nicht sehr heiss sein. 

Soll ich Dich und besonders Hensel nun noch kränken 
und erzählen, wie sie uns in Modena und Lucca (Carrara ist 
Modena, in der Hauptstadt waren wir nicht) das Fell über 
die Ohren zogen, vier Pferde vorspannten, und drei Postillone 
dazu? Wir waren nämlich von Maüand bis Genua mit einem 
Vetturin gefahi-en, dem wir uns, Leib imd Seele, verdungen 
hatten; und da hier zu Land die letzte Art zu reisen immer 
die schlechteste ist, so hatten wü' von Genua hierher Extra- 
post genommen; sechs Pferde rechneten sie uns wenigstens 
an und spannten anderthalb vor; auf jeder Station zankte sich 



238 Reise- und Heimatlibriefe. 

Dirichlet im schönsten Italiänisch mit dem Postmeister, berief 
sich anfs Reglement, das er bei sich führte, dann bedauerte 
der Postmeister selu', dass er nicht lesen könnte und liess 
doch anspannen und bezahlen, was er wollte; so ging's ganz 
leidlich, jeder Zank war eine italiänische Stunde, bis in's 
Modenesische ; da trieben sie's zu toll; und auf der letzten 
Station vor Lucca hatten wir einen Postillon, der gewiss schon 
Jemanden todtgeschlagen hatte; ich dankte Gott, dass er uns 
lebendig nach Lucca brachte. Dort war in keinem Wirths- 
haus Platz, von wegen Naturforscherkongress; wir wollten 
eben, mit den grässlichsten Flüchen des Postillons, weiter in 
die Nacht hineinfahren, da trat ein Mann aus dem Volke her- 
vor, den sie Signor il Professore nannten, und bot uns eine 
Wohnung in seinem Hause an. Der Wirth, vor dessen Thür 
wir hielten, redete uns auch selir zu, hinzugehen, es wäre 
dort sehr puUto, Pulito ist überhaupt das dritte Wort hier, 
man redet am meisten von der Tugend, die man nicht hat. 
Wir gingen hia, fanden eine recht hübsche Wohnung, eine 
sehr hübsche Frau, wunderbar naiv an- oder vielmehr aus- 
gezogen; der Signor Professore war ein Wundarzt, und aus 
dem pikanten Anfang entwickelte sich weiter gar nichts, als 
dass ich am andern Morgen aussah, als hätte ich das 
Scharlachfieber, so war ich von Wanzen und Mücken 
zerfleischt, noch heut sind Gesicht und Hände in einem trau- 
rigen Zustand, und besonders schön nehmen sich die rothen 
Beulen auf dem dunkelbraun verbrannten Grunde aus. Unter- 
dessen ist der Abend herangekommen, morgen werde ich uns 
nach Florenz bringen. 

Den 26sten. Wir sind schon lange da und zwar in 
einer eigenen Wohnung (darum hat der Brief so lange brach 
gelegen, verzeih' auch das viele Ausstreichen; Emstchen reitet 
in der Stube herum und sagt alle Augenblick il passoforto /), 
was gar nicht so leicht zu finden war, da fast Niemand, der 
eine gut eingerichtete Wohnung hat, sie anders, als für ein 
halbes Jahr vermiethet; indessen wir haben eine, pas st dore, 
qtie favais espSri^ sagt Figaro, indessen pidito^ mit Fussdecken 
und bei sehr guten Leuten, die Frau Wirthin war früher 



Florenz. 239 

Köchin bei MarschaU Maison und hat uns ganz entreprenirt. 
Ich sehe pianissimo, gestern waren wir eine Stunde im Palast 
Htti, da bin ich dumm geworden; ich war's aber schon vor- 
her in der Loggia auf der Piazza del Gran Duca mit dem 
sterbenden Patroklus. Heute gehen wir auf die Uffizien, und 
so wird's wohl jeden Tag werden, Nachmittags spazieren. 
Jacoby haben wir diesmal zurückgelassen, er scheint sich sehr 
gut in Pisa zu amüsiren, denn er könnte schon hier sein. 
Ein Talent, das Du schwerlich in ihm vermuthet hast, ist das, 
mit einiger Prätention, aber sehr gut vorzulesen. Es geht 
mit ihm auch ein Bischen, wie mit Italien; man hat viel zu 
überwinden, um zu einem ausgezeichneten Geist zu gelangen, 
aber das ist er wirküch in jeder Hinsicht. — In einer Ent- 
zückung bin ich über die Schönheit der Menschen hier; ich 
wollt' aUe zehn Schritt, ich war' ein Maler, so viel Bilder 
seh' ich an jeder Ecke. Wie glücklich muss Hensel hier 
gewesen sein, mit seinen Millionen Skizzenbüchern. Und der 
Humor dabei ist so göttlich, wie sie in den erhabensten Stel- 
lungen sich kämmen, wie sie Augen machen, um einen ganzen 
Berliner Salon in Flammen zu setzen und damit doch nur 
einen Quattrin erbettehi wollen; gi'osse Mittel für kleine Zwecke. 
Könnt' ich doch eine Auswahl der PostiUons von Genua hier- 
her in Uniform stecken und nach Berlin auf einen Ball 
schicken, wehe Damen! — Besonders Sonntags, wenn sie 
gewaschen sind. Die EeinHchkeit ist hier beinahe ärger, wie 
der Schmutz. Weisst Du noch, wie es thut, wenn man eben 
über nassen Schmutz glücklich mit zusammengenommenen 
Röcken gelangt ist, und es kommt ein Kerl entgegen und 
kehrt bei heUem Mittag Einem die Strasse in's Gesicht hinein? 
oder wirft den Kehricht vom Haus hinaus Dir vor die Füsse? 
Nun wieder was Hübsches: von Genua hierher ist es 
aUerüebst zu sehn, wie jede Stadt fast ihi^e eigne Industrie 
hat; in den Orten an der Küste sitzen AUe vor den Häusern 
und klöppeln Spitzen, weiterhin sticken sie weiss, von Pistoja 
an sind' sie Alle, Alt und Jung, am Strohflechten, und mit 
welcher Grazie das Alles geschieht, und wie lebhaft sie bei 
der Arbeit immer sprechen und gestikulü-en. „Prmdono qid 



240 Keise- und Heimathbriefe. 

moglie in teuer a ctä^^, sagte uns ein Schifferjunge in la Spezia, 
ich frug Dirichlet, ob bei uns die Droschkenkutscher so 
sprächen? — Liebe Fanny, nimm ja die Wohnung, wo wir 
über's Dach steigen müssen, die will doy lass Hensel dazu 
träumen, Ilu* wohntet auf dem Dach, und macht ein Duett 
daraus. 

Viel Aufsehen macht hier eine Statue von einem 
bisherigen Holzschneider, Dupre aus Siena, der sterbende 
Abel. Wir haben sie gesehn, es ist wirklich eine fast 
unglaubliche erste Arbeit. Der Mann hat bis jetzt mit 
Frau und Kind gehungert, nun hat er Bestellungen auf zehn 
Jahre, wird gemalt, in Kupfer gestochen, in Siena haben sie 
ihm die Pferde ausgespannt, er soll nahe daran gewesen sein, 
den Verstand zu verlieren. Ein grausam Ding, das Publikum! 
Nun endlich Adieu, Ihr lieben Geschwister Alle, schreibt 
recht viel und oft, das gehört zu allererst zu meinem Plaisir." 

Rebecka an Fanny. 

Florenz, den 6ten Oktober. 
„Ich warte eene Stunde, ich warte zwee Stunden", es 
kommt kein Brief von meiner Fanny, jedoch gestern einer von 
Paul und Albertine, welche behauptet. Du schriebst mir alle 
acht Tage, das halte ich für eine Ausgeburt ihrer Phantasie; 
denn vierzehn Tage sind wir nun hier und haben, ausser den 
von Nizza nachgeschickten, keinen von Dir bekommen, grade 
darum richte ich den Brief wieder an Dich, denn ich halte es 
für das beste Mittel, spätestens morgen einen von Dir herzu- 
beschwören, wie wir die Suppe bestellen, um Paul Sonntag 
Mittag zu citben. Aus Paul's Brief sehe ich, dass meine arm- 
seligen Episteln cirkuliren, das rührt mich tief, besonders da 
ich so sehr von der Leber weg Alles geschrieben habe, was 
mich in der ersten Zeit „gepuzzled" hat. Nun bin ich aber 
durch und danke Gott alle Tage, dass es mir vergönnt ist, 
diese Wunder hier zu sehen, und staune denn auch mit offenen 
Augen und Herzen. Du weisst ja, wie pianissimo Italien an- 
fängt, und wie es crescendo al fortissimo immer zugeht, je länger 













C^^t^^'-f^^y^'^^^^ ^y^^^/^-^*^^ 



Florecz. 241 

man drin bleibt. Zwei seiner Hanptelemente fehlen in Ober- 
italien, Meer und Kunst; das erste haben wir von Genua aus 
in seiner ganzen Herrlichkeit gesehen, und das zweite — wir 
sind eben in Florenz, was braucht's da weiter Worte? Ich 
finde jetzt, dass ein Monat viel zu wenig ist, und dazu hat 
die Woche hier wenigstens neun Festtage, an denen die Gal- 
lerien gesclüossen sind, und mir ist es schon ganz zur Ge- 
wohnheit geworden, jeden Tag wenigstens sechs Raphael's zu 
sehn, und noch jedes Mal, wenn ich die TJffizien oder den Palast 
Pitti betrete, überfällt mich ein freudiger Schauer und das 
lebhafte Gefühl einer für's Leben wichtigen Gegenwart. Das 
erste Mal bin ich mit einer wahren Scheu in die TJffizien ge- 
treten und habe wohl über eine halbe Stunde in der Loggia 
des Orcagna verweilt, ehe ich mich entschlossen habe, diesen 
Moment zu erleben. Zu meiner Freude kehrt er aber jeden 
Tag stärker wieder in der Atmosphäre ewiger Schönheit, die 
einen hier umgiebt. 

Seit dem 1 sten Oktober ist unglaubliches Wetter für unser 
einen, warm, hell, ungeheuer blau und so prächtig frisch dabei; 
am 29 sten September dagegen hat es horrihüe dictu\ geschneit, 
die ersten niedrigen Hügel waren ganz mit Schnee bedeckt 
und um Mittag war die schönste Berliner kalte Sonne und 
Ostwind, der zwar vento grecaJe heisst, aber drum nicht minder 
kalt ist. Ich habe schön renommirt, dass das bei uns im 
Norden unmöglich wäre. Deine Rathschläge habe ich alle 
befolgt, liebe Fanny, mich in die Herzogin von Urbino verliebt^ 
ich glaube aber, sie war mehr in ihn verHebt, als er in sie. 
Eine ganz besondere Liebe habe ich aber für die Madonna del 
Cardellino, und dann für die Portraits der Päpste, und dann 
für die Seggiola, und dann für das Portrait einer schönen 
Frau mit übereinandergelegten Händen, und dann für alle 
Andern und die Disputa von Andrea del Sarto mit den fana- 
tischen Heiligen, ach! und die Venus von Medicis. Und was 
meinst Du zu dem Familienbiid der Niobe ? Jeses, sagt Frank. 
— Vorgestern waren wir im Theater, in einer Loge mit rothen 
Sophas und Marmortisch und Spiegeki; diese Herrlichkeiten 
habe ich auch hier zum ersten Mal gesehn, mit deren Hülfe 

Die Familie Mendelssohn. II. 16 



242 Reise- und Heimathbriefe. 

es möglicli ist, eine Oper von Donizetti zwar nicht anzuhören, 
aber doch zu verplaudern. — Auch eine Conversa%ione haben 
wir mitgemacht bei der Gräfin S., der letzten der Medicis, die 
genau ist, wie die Grossmutter von Göthe's Prinzesschen, klein, 
quirlig, schnabbrig, wirklich die Letzte der Medicis, aber 
sehr freundlich, wie überhaupt Alle, zu deren Bekanntschaft 
wir zufällig gelangt sind. Solche Conversazione sieht ganz 
genau aus, wie Tante Levy's Sonnabend mit Fresken und 
Marmor. Mine kann sich garnicht zufrieden geben, dass man 
in Gesellschaft nichts zu essen kriegt, und für mich ist's ein 
Jammer, dass es gar keinen Ort in der Umgebung giebt, wo 
man sich einen Tag lang im Grünen aufhalten und was essen 
kann, h Tallemande. Danach sehnt sich meine Seele in dem 
herrlichen Wetter. Aber überall sind Villen und alle vermie- 
thet; Du siehst, mir schwebt Eure Villa Wolchonsky vor. — 
Der Arno präsentirt sich uns nicht so gewaltig, wie Euch; er 
hat mehr von einem Rinnstein; überhaupt sind alle Flüsse aus- 
getrocknet, was die Gegend nicht eben verschönert. 

An Hensel denke ich, so oft ich tale quäle oder irgend 
einen seiner Ausdrücke im Ernst gebrauche, die bei uns nur 
als komische Figuren cii'kulirten. üeberhaupt ist es ganz 
eigen, wenn etwas in's Leben tritt, das wir schon lange aus 
Bildern und Erzählungen kennen. So begegnete mii' neulich, 
als ich mich mit den Kindern im Boboli verspätet hatte und 
ziemlich im Dunkeln nach Hause kam (Du weisst, das kann 
Einem hier passiren, wo die Nacht unmittelbar dem Sonnen- 
untergange folgt), ein Zug weisser, verkappter Mönche, mit 
den bekannten Löchern vor den Augen, die mit Fackeln und 
singend im Sturmschritt eine Leiche zur Ruhe brachten ; ehe 
das geläufig wird, muss man es auch öfter gesehen haben. 
Das ist aber auch das einzige Graulige hier, wir sind schon 
bis Mitternacht auf der Strasse gewesen und es ist nicht ein- 
mal mir eingefallen, mich zu graulen. Schon der sclüechte 
Zustand der Schlösser spricht für die Sicherheit der Stadt. 

Deine Engel von Luca della Eobbia habe ich noch nicht 
gesehn, aber schöne Basreliefs in der Accademia delle helle wrti 
und ein wunderschönes frommes Bild von Giovanni in der 



Florenz. 243 

Santa Croce, dem hiesigen Pantheon, wo Dante. Michel Angelo, 
Galilei und das übrige Federvieh Monumente hat. Widerwärtig 
ist der Götzendienst, den sie jetzt mit Galilei treiben, um ihre 
früheren Sünden vergessen zu machen — und stände heut ein 
Galilei unter ihnen auf, sie machten' s ihm ebenso. — Sehr 
rührend war mir der Garten in Bellosguardo, wo er gewohnt 
und, da ihm sogar wissenschaftliche Gespräche verboten waren, 
das Land gegraben hat. — Neulich im Pitti trat ich mit Di- 
richlet vor ein Bild von Pemgino, und nachdem wir immerfort 
mit Italiänern itäliänisch gesprochen hatten, sagte er auf Deutsch 
zu mir: „Der Perugino hat doch dem Raphael gut vorgear- 
beitet." — Da dreht sich der das Bild eben kopirende Maler 
um, sieht uns erst eine Weile an, ob wir der Mühe werth 
wären, und sagt dann: „Da haben Sie sehr Eecht," und war 
ein sehr netter Hannoveraner. Auch auf den Uffizien sahen 
wir einen freundlichen deutschen Maler, sonst aber fühlen wir 
uns ganz Italiäner. Um neun, nach eingenommenem Frühstück 
m famille, kommt Herr Paperini, ein Italiänischlehrer, den wir 
Anfangs nur für Walter angenommen, der aber so wunderbar 
schön itäliänisch spricht, dass wir meinten, auch wir könnte» 
sogar von ihm lernen und auch Stunde nehmen; übrigens ein 
sehr netter gebildeter Mann, der gut Englisch und Französisch 
spricht, Deutsch lernt, und so schöne Böcke darin macht, dass 
ich mich gar nicht über meine italiänischen schäme. Es geht 
mir ziemlich gut mit dem Sprechen, nur muss ich kein Englisch 
hören oder sprechen, sonst kommt mir immer wieder yes da- 
zwischen. Dirichlet spricht mit mehr Anstrengung, aber 
grammatischer, klassischer; ich stehe noch mit Indicativ und 
Conjunctiv und besonders mit Passato determinato auf sehr 
gespanntem Fuss. Ausser mir haben wir schon alle hastiment<» 
für „Gebäude" gebraucht und sind dafür ausgelacht worden. 
Wir sind Jakoby und Borchardt mit, Ersterer bricht mehr 
itäliänisch als er es spricht. Dirichlet sagt regelmässig mais 
für ma und lontano für „lange". Aber Kühnheit besitzen wir 
Alle hinlänglich, nur ist es schrecklich, wenn Einer dem Andern 
nachrechnet, wo er jede neue Gelehrsamkeit her hat. Weiss- 
brod heisst hier Semmeli e Kiffeli; ist das nicht sehr komisch? 

16* 



244 Reise- und Heimathbriefe. 

GrüSB Garten und Gartensaal ; bis jetzt habe ich keinen schöner 
angelegten gesehen. — " 

Fanny an Rebecka. 

Berlin, d. 18ten Oktober 1843. 
,,_ — Diesmal habe ich Dir auch hübsche Sachen zu 
erzählen, der Sommernachtstraum ist im neuen Palais geträumt 
und wenn ich den Brief erst morgen abschicke, so geschieht 
es nur, um Dir den Erfolg der ersten öffentlichen Vorstellung 
zu melden, die heut Abend stattfindet. Es war wunderschön, 
und besonders ist die Musik das Zauberhafteste, was man hören 
kann. Ich muss aber weiter ausholen. Vorige Woche kam 
die Leipziger Musik an, um dem Feste beizuwohnen, Hiller, 
David, Gade (der nächstens in Rom mit einem Empfehlungs- 
brief vor Dir erscheinen wii'd) und ein allerliebster zwölf- 
jähriger Ungar, Joachim, der ein so geschickter VioUnspieler 
ist, dass ihn David Nichts mehr zu lehren weiss, und ein so 
vernünftiger Junge, dass er allein auf der Eisenbahn herreist, 
allein im rheinischen Hof wohnt und Einem das ganz natürlich, 
vorkommt. Mit diesem lustigen Volk, wozu sich noch Eckert 
gesellte (der nächstens in Rom ohne Empfehlungsbrief vor Dir 
erscheinen wird), hatten wir, da die Aufführung um zwei Tage 
verschoben ward, ein Paar sehr amüsante Abende, namentlich 
einen bei Paul, wo Alles, was geigen konnte, geigte (gog, 
würde Ernstchen sagen), und Alles, was spielen konnte, spielte, 
und uns leider die kleinste Stimme zu dem klemsten Liede 
fehlte; wir waren lauter instrumentale Seelen. Am Sonnabend 
ging die grosse Auswanderung vor sich. Wir hatten noch 
ein Billet erobert und nahmen Antonie mit. Im Einsiedler, 
wo kein Zimmer zu haben war, setzten wir uns, sieben Mann 
Damen hoch, in Felixens Stube die Köpfe zurecht und begaben 
uns dann in die königlichen Hallen. Ich sass neben der Tieck, 
die Dich herzlich grüssen lässt und mii' eine sehr angenehme 
Nachbarschaft war, und vor Kugler's Schwester, die mich aus 
Glückseligkeit den ganzen Abend förmlich maltraitirte mit 
Drücken und Kneifen. Du weisst, so etwas lässt man sich 



Sommernachtstraum. 245 

gern gefallen. Mich hat die Vorstellung übrigens sehr ange- 
griffen, denn fast noch nie ist mir Mutter so gegenwärtig ge- 
wesen, ich meinte immer, ich müsste sie lachen hören, und 
auch Du hast mir gar zu sehr gefehlt. — Das einzige Störende 
im Aeussern der Darstellung waren die Kostüme, die nach 
Tieck's eigensinnigem Beharren spanische des 17ten Jahrhun- 
derts vorstellten, was störender war, als ich es selbst gedacht 
hätte. Dagegen waren die Eüpel meist vortrefflich, selbst 
Gern, der zu aller Elfen Schrecken den Zettel spielt, besser 
als ich erwartet hätte. Die Elfen, einige dreissig Kinder der 
Tanzschule, allerliebst; wxnn sich zuerst mit dem reizenden 
Marsch das Theater mit ihnen füllt, ist es ^virklich ein zauber- 
hafter Moment. Das Schönste aber im ganzen Stück, das 
Einzige, w'as mir beim Lesen niemals einen so ergreifenden 
Eindruck gemacht hatte, ist die letzte Scene, nachdem der Hof 
sich mit dem prächtigen Hochzeitsmarsch entfernt hat, der 
nun immer leiser und ferner wird und plötzlich in das Thema 
der Ouvertüre fällt, während zugleich Puck und die Elfen 
wieder den leeren Raum betreten — ich sage Dir, das ist zum 
Heulen schön. Die Zwischenakte sind wahre Meisterstücke, — 
und wurden in der grössten Vollkommenheit ausgeführt. Nie 
habe ich ein Orchester so 'pianissimo spielen hören. Die drei 
mittleren Akte sind nur durch Musik getrennt; der Vorhang 
fällt nicht, nach dem zweiten kommt ein wunderschönes Stück, 
das Suchen Hermia's nach Lysander ausdi'ückend, und dann 
plötzlich in's tolle Burleske umschlagend, während zugleich die 
Rüpel auf der Höhe im Walde erscheinen, durch lustige G-e- 
berden ihr Wohlgefallen an der schönen Natur ausdrückend; 
das ist ein unwiderstehlich lächerlicher Moment. Alle Kinder 
Berlins werden noch ihre Lust an dem Stück haben, denn 
Löwe und Esel sind herrliche Bestien. Der Esel sperrt das 
Maul auf und steckt die Zunge heraus, und w^enn das aller- 
liebste Bohnenblüthchen mit einem rothen Mützchen auf und 
das kleine Senfsamenkind ihm den Kopf kratzen, Walter! ich 
versichere Dich, das ist schön! Das Kostüm des Löwen muss 
ich auch noch für Dich beschreiben: er trägt eine gelbgraue 
Flausjacke und Hosen, eine Perrücke von Hobelspänen, die bis 



246 Reise- und Heimathbriefe. 

an die Erde reicht, und anstatt des Schweifs einen endlosen 
Strohwisch, der unanständig natürlich angebracht ist. Thisbe ist 
mir zu toll angezogen ; sie trägt einen herabhängenden Strumpf, 
den sie heraufzieht, als Jemand vom Hofe bemerkt, Pyramus 
könne sich an ihrem Strumpfband aufhängen, und hat nichts 
Weibernes an sich, als ein drappirtes Handtuch. Der Trauer- 
mai'sch, der bei ihrem und Pyramus' Tode ertönt, ist wirklich 
ein stupendes Motiv; ich habe bis zuletzt nicht recht daran 
glauben wollen; es ist eine zu kolossale Unverschämtheit, ihn 
vor's Publikum zu bringen; so wie Felix zu präludiren pflegt, 
wenn man ihn nicht dazu bringen kann, ordentlich zu spielen. 
Ich bin sehr neugierig auf diesen Abend, es wii'd drei Tage 
liinter einander gegeben, et pas plus de hillet, que sur ma main, 
Donnerstag. Die erste Vorstellung war sehr brillant, 
ging vortrefflich und ist höchlich goutirt worden. Felix wurde 
mit Lärm gerufen, kam aber nicht, sondern die Hagen ent- 
schuldigte ihn. Die Musikstücke wiu'den alle einzeln bemerkt 
und applaudirt, die Ouvertüre ging wieder prächtig, wie alle 
Musik. Die Hagen spielt Puck, und so unangenehm mir ihr 
Sprechen zuweilen ist, so fein und geistreich spielt sie manche 
Stellen. Das Huschen über das Theater und hier und dort 
und überall sein, hat Keine los wie sie. Dass das Theater 
voll von Bekannten war, versteht sich von selbst ; wir hatten 
nicht vier zusammenhängende Billets bekommen können und 
so war ich mit Sebastian allein im Parquet, ringsum Steffens, 
Tante Levy, Friedheims, oben auf dem Balcon zwei imposante 
Reihen Mendelssohns und Zubehör. Paul behauptet, als Men- 
delssohn gerufen worden wäre, hätte er sich mit der grössten 
Freundlichkeit vorn auf dem Balkon gezeigt, aber die Leute 
hätten garnicht darauf geachtet. Nachher tranken wir bei 
Paul Thee und Champagner. Heut und morgen diilgirt es 
Felix noch, morgen werden wir wieder hingehen, Sonnabend 
reist er ab. Ist es nicht wieder ein merkwürdiges Glück 
(tti" davor) dieses merkwürdigen Menschen, dass sein erstes 
Jugendwerk, welches seinen Ruf gegründet und verbreitet hat, 
nun von Neuem verherrlicht und in dieser Form gewiss durch 
ganz Deutschland gehen wird? Gestern rekapitulirten wir, wie 



Sommernachtstrauiii. 247 

der Sommernachtstraum zu allen Zeiten durch unser Haus ge- 
gangen, wie wir in verschiedenen Altem alle verschiedenen 
Eollen gelesen, von Bohnenblüthe bis zu Hermia und Helena, 
„und wie wir's nun zuletzt so herrlich weit gebracht." Wir 
sind aber auch wirklich mit dem Sommernachtstraum vollkom- 
men verwachsen imd namentlich Felix hat sich ganz denselben 
eigen gemacht; allen Charakteren ist er gefolgt, alle hat er 
gleichsam nachgeschaffen, die Shakespeare in seiner Unerschöpf- 
lichkeit hervorgebracht. Von dem prachtvollen, wahrhaft fest- 
lichen Eochzeitsmarsch bis zu der kläglichen Musik bei Thisbe's 
Tode, die wunderschönen Elfengesäage, Tänze und Zwischen- 
akte, Alles, Menschen, Geister, wie Rüpel, hat er vollkommen 
auf gleicher Linie mit Shakespeare in seiner Kunst hmgestellt. 
— Es wii'd aber Zeit sein, den Sommernachtstraum endlich zu 
verlassen, „und nun sich also Brief hinwegbegeben thut." — 
Wand war auch wunderschön. Mondschein hatte in Potsdam 
einen leibhaftigen Hund bei sich, der fuhr aber auf den Löwen 
zu und biss ihn, sodass er gestern mit einem ausgestopften 
unter dem Arm erschien. Er ängstigt sich bei seiner Rede 
und weint zuletzt, und das macht eine wunderschöne Wirkung. 
„Und mit diesem Lied und Wendung sind wir wieder bei 
Hafisen." Duwii-st Gott danken, dass der Bogen voU ist. 
Dass Mutter das nicht erlebt hat! Das ist mein ewiger Ge- 
danke. Ich sage nicht, dass Du es nicht hörst, denn Dich 
kann ich nicht bedauern für irgend etwas, das Du hier ver- 
säumst; und ausserdem wird der Sommernachtstraum wohl hier 
eingebürgert sein, wenn Du zurückkommst. Nun wird es Zeit, 
dass ich anfange aufzuhören, Duweisst, das geht bei mir nicht so 
geschwind. — Ach ! Du wirst gev^dss so itaUänisch sprechen, wenn 
Du zurückkommst, dass ich mich künftig geniren werde Allegro 
ma non troppo zu sagen. — Das hat Dil' auch noch gefehlt. — " 

Felix an Reb ecka. 

Leipzig, 29sten Oktober. 

r, Von Morgens früh bis Abends spät habe ich am 

Schreibtisch gesessen und Partitiii' geschrieben, dass mir der 
Kopf brannte, und so habe ich einige Sonnabende müssen ver- 
gehen lassen, ohne meinen Posttag pünktlich zu halten. Mein 



248 Reise- und Heimathbriefe. 

voriger Aufenthalt in Berlin war mir auch eine anstrengende 
Zeit, ich hatte elf grosse Proben und vier Aufführungen in 
vierzehn Tagen, bekam dabei zuletzt ein bischen Heimweh und 
habe seit meiner Rückkehr vor acht Tagen nichts gethan, als 
micli davon erholt; und nun kann der Mensch wieder kor- 
respondiren. Hiermit meine ich diesen Brief nicht, der zählt 
unter dem mir verhassten Titel Korrespondenz nicht mit, son- 
dern die vorhergehenden und nachfolgenden. Zu erzählen weiss 
ich eigentlich nichts, als von Hoboen und Trompeten, und die 
nehmen sich in der Erzählung am wenigsten aus. Zwölf 
Nummern hat der Sommernachtstraum, und die Trauermusik 
bei Thisbe's Tode ist ganz in der Art, wie meine Präludien, 
über die Du sonst so lachen konntest, vorgetragen von einer 
Clarinette, einem Fagott und einer Pauke, aber wie gesagt, 
es nimmt sich schlecht erzählt aus. Ob ich es Dir in Ehein- 
bayern nächsten Sommer werde vorspielen können? Ziemlich 
zugleich mit diesen Zeilen wii'd Eckert in Rom eintreffen, von 
dem lass Dir nur alles Mögliche über uns und auch über den 
Sommernachtstranm erzählen, er kann's gewiss besser als die 
Zeitungen. Ich versichere Dich, dass ich in jeder Probe und 
jeder Aufführung Deine Abwesenheit noch ganz extra ein Paar 
Mal regrettirt habe. Es wäre so recht was füi* Deinen Schna- 
bel gewesen und Du würdest Dich von Herzen über das Ge- 
lungene mitgefreut und über das Verfehlte mitgeärgert haben. 
Lustig ist es aber, dass die Berliner sich so unglaublich wundern 
und entzücken über unser altes, liebes Lieblingsstück von 
William ; gestern war es in Berlin seit den letzten zehn Tagen 
zum siebenten Male und Morgens nirgend ein Platz mehr zu 
bekommen, wie mir Paul sclireibt. 

Neulich sassen plötzlich in unserer blauen Stube Gustav 
Magnus mit seiner Frau und seinem Bruder Eduard und Ma- 
dame Türrschmiedt, und wie Du das kennst, wenn man sich 
in Berlin entweder garnicht oder alle Jubeljahr einmal sieht, 
so begriffen wir Alle nicht, wie wir es einen Tag lang ohne 
einander aushalten könnten; sie gaben hier von ihrem Dres- 
dener Aufenthalt einen Tag zu und wii* amüsirten uns sehr 
gut mit einander. Heut war Schubring aus Dessau da, der 



Felix au Eebecka, 249 

kommt zum Essen wieder, ich mache aber Feierabend und 
schreibe erst Dir und dann spiele ich Billard ün Cafe. Gesterr 
habe ich dem Marqueur vier Partien abgenommen (er mir frei 
lieh fünf). Ich möchte gern wissen, ob dieser Brief das Post- 
geld nach Rom werth ist. Sage es mir doch umgehend, ich 
richte mich später danach ein. Der ganze Brief sollte über- 
haupt erhaben sein, er wandert nach Rom. Aber er ist doch 
immer aus Leipzig, und das Datum kann nicht fehlen, und 
mein Name auch nicht, und ich esse jetzt täglich Lerchen 
mit Apfelmuss, spiele wie gesagt Billard im Cafe und schnappe 
die himmlische, warme Sommerluft, die seit eüiigen Tagen die 
ganze Welt belebt, indem ich den ganzen Tag spazieren laufe. 
Freilich hroccoU^ passeggiata, cafe greco ! — Cette delicieuse Rome, 
sagte Berlioz. Der schreibt jetzt Artikel über seine deutsche 
Reise im Journal des Belats, über die ist die musikalische 
Klatschwelt ausser sich. Alles lässt er darin abdrucken ; mich 
wundert nui-, dass er Christel und Jette*) bis jetzt unerwähnt 
gelassen hat. Aber Cecile ist selig darüber, David brachte 
ilir das französische Journal neulich mit, und wie sie meinen 
französischen Brief mit all' seinen französischen Fehlern darin 
abgedruckt fand, ^^^lsste sie sich nicht zu lassen vor Lachen. 
Die ist auch unberechenbar, wie Du immer von Vater behauptet 
hast. Aber selir wohl und blühend und munter ist sie. Gott- 
lob! jetzt, und trägt wieder ihre Locken und alle Menschen 
freuen sich, wenn sie sie ansehn. Der Himmel erhalte sie und 
die vier Kinder gerade so; sie haben uns noch keinen trüben 
Augenblick gemacht. Das heilst, heute habe ich Paul ge- 
prügelt, aber es ging gar nicht anders. Er hatte Jette ge- 
prügelt und wollte sie durchaus nicht um Verzeihung bitten, 
trotz Cecile's Vorstellungen; da musste ich mich leider in's 
Mittel „schlagen''. Aber wir haben keine rancune gegen ein- 
ander behalten und ich konnte es ihm nicht ersparen. Bist 
Du in Italien nicht auch der Meinung? Heut Abend haben 
wir einige Leute, da hat Cecile von mir verlangt, ich sollte 
ihr etwas Anders angeben, was mvan zu Bouillon herumreichen 



*) Die Dienstboten bei Felix. 



250 Reise- und Heimathbriefe. 

lassen kann, als kleine Pasteten. Ich habe den ganzen Mor- 
gen drüber nachgedacht und nichts herausgebracht; sinne Du 
doch einmal in einem Orangenwäldchen darüber nach. Ick 
glaube, nun habe ich Dir nonsens genug hingeschrieben. Geht 
es Dir ganz gut? Ist Dirichlet italiänisirt? Zeichnet Walter 
Alles? Singt er? Was macht Ernst? Zuzulernen braucht Mine 
nichts in Italien, aber vergisst sie auch die braunen Saucen 
nicht? — Unsere Hanne hat ihren Schneider längst gehei- 
rathet und lebt glücklich und in Frieden mit ihm. Zuweilen 
kommt sie Nachmittags zu uns und isst sich wieder einmal 
recht satt. Wenn Du die beiden Weisen in der Schule von 
Athen ansiehst und wenn Dir Landsberg mit seinem Orden 
begegnet, so denk an mich. Du kannst Dir überhaupt dazu 
eine jede Gelegenheit vom Zaun brechen. Und Jakoby bestelle, 
sobald er die blaue Grotte differenzirt, werde ich die Marmor- 
felsen von Carrara in Musik setzen ; eher kann er mir es nicht 
zumuthen. Es wird heute nichts Vernünftiges. Lebe wohl." 

Aus einem Brief von Rebecka an Fanny. 

Florenz, den 21sten Oktober 1843. 

„ — — — Es bedurfte auch dieser guten Nachricht, um 
den Anfang Deines Briefes mit Sebastian's EUbogenausfallen 
zu kompensiren. Der arme Kerl! er muss auch Alles durch- 
machen. Schafskopf, nimm Dich künftig besser in Acht ! wozu 
hast Du denn Deine Seiltänzerbeine und die berühmte Pul- 
cineUnatur, wenn Du immerfort solche dumme Streiche machst ? 
Aber es ist immer besser, durch's Reisig zu fallen, als durch's 
Examen, und somit gratulii^e ich zui' Versetzung, wenn ich 
auch überzeugt bin, dass eigentlich Deine Lehrer hätten ver- 
setzt werden müssen und Deine Mutter dazu. 

Heut früh habe ich vom Vettui'in die Caparra erhalten, 
um über Perugia und Foligno Mittwoch den 25sten nach Rom 
abzufahren. Ich muss Vieles ungesehen lassen, was ich mir 
für die letzten Tage verspart hatte. Die Kii'chen schenk' ich; 
eine habe ich gesehen, mit Fresken, wie Albrecht Dürer sagt, 
ehe die Italiäner die Malerei erfunden hatten, und einer unge- 



Florenz. 251 

heuren Madonna von Cimabne; das hat mich hier sehr 
interessirt zu sehen, wie die Kunst anfängt, aber nun habe 
ich an einer genug. 

Das nächste Mal schreibe ich an Albertine einen Brief 
mit lauter Missgeburten, besonders ein Männchen in Pavia 
werde ich nie vergessen, das war nicht grösser wie Ernst, 
hatte einen ungeheuren Kopf mit einem sehr vergnügten 
Cretingesicht und lief mit einer ganz kleinen Violine neben 
dem Wagen her und kratzte gottesjämmerlich. Und dann 
einen in Mailand, der ohne Beine auf einem Leder herumhüpfte, 
wie ein Frosch. Neulich Sonntag auf dem Wege nach Poggio 
Cajano hatten wir noch ein herzerhebendes Schauspiel; da 
Sassen vor allen Häusern Frauen und Mädchen, den ganzen 
Weg entlang zu beiden Seiten und Hessen sich kämmen, aber 
so recht con amore, für die ganze vergangene und zukünftige 
Woche mit. Freilich im letzten Ort, wo die Toilette beendet 
war, sahen sie gut genug aus und dort waren Trauben und 
Vino Santo, die schmecken mir noch heut. 

Rebecka an Fanny. 

Castiglione, ein Juxnest im Apennin. 
Den Tag nach meinem letzten Brief muffelte sich das 
Wetter etwas heraus, da machten wir uns gleich nach dem 
Frühstück auf, in einige Kirchen, S. Lorenzo mit der Kapelle 
der Medicis von Buonaroti, wo ich mich schrecklich ärgern 
musste über die Tanzmusik, mit der sie den lieben Gott rega- 
ürten, S. Marco, Baptisterio und zuletzt den Dom, um den 
wir lange Zeit ringsherum gingen und die Kuppel und den 
Glockenthurm in der reinen blauen Luft gar nicht genug sehen 
konnten, flaniiten unter den Arkaden der Uffizien, am Lungarno 
herum, blieben auf allen Brücken stehen, bis Mittagszeit her- 
angekommen war und gingen Nachmittag noch nach Boboli, 
p. p. c. Wir sind entsetzlich kunstverständig und müssen 
auch alles zur Kunstgeschichte Wichtige kennen lernen ; Jeder 
hat seinen Maler, den er wiedererkennt; Dirichlet hat sich' 
PeiTigino angeschafft und ich glaube bloss des Namens wegen 



252 Keise- und Heimathbriefe. 

haben wii- den Vetturin aus Perugia genommen, Jakoby reist 
auf Verkündigungen, womit er sehr geneckt wird, und ich 
laufe dem alten Fiesole nach; Borchardt findet Alles schön, 
ausser Cimabue, vor dem kriegen wir Alle noch emen Schreck ; 
wahrscheinlich werden wir nächstens auch für die ungeheui'en 
grossen Zehen der Dreieinigkeit schwärmen; hier ist das Land 
der Wunder und Bekehrungen, wir haben auf der Akademie 
schon angefangen, einzulenken. Mittwoch um halb fünf wollte 
ich eben aufstehen, da kam zu guter Letzt ein kleines Erd- 
beben, auch das erste, was ich erlebt; unser Bett bebte, das 
Licht ging beinahe aus, es ist eine ganz kuriose Empfindung. 
Trotz dem bösen Omen fuhren wir ab, bei Santa Croce und 
den schönen Hügeln von Florenz im glühendsten Morgenroth 
vorbei und verliessen es Alle ungern. Es ist unglaublich, wie 
man sich an Häuser und Bäume und Bilder und Umgebungen 
überhaupt gewöhnt; von Menschen haben wir doch Niemand 
dort zurückgelassen, die Mathematik kommt in einigen Tagen 
nach. Und mit was man alles Freundschaft schliesst! Die 
Kellersche Reisekarte nach der Schweiz einzupacken, war mir 
ganz schmerzlich und nun wieder der ausgediente guida ein 
Abschied! — 

Nach dieser Reflexion fahre ich fort, nämlich nach Incisa, 
im schönsten Wetter. Da futterten wir, ich wollte schon an- 
fangen, Dil* zu sclu-eiben, aber „die Lage von des olle Loch" 
ist so schön, dass wir lieber spazieren gingen, bis das pranzo 
fertig war. Pauls bitte ich einmal für alle Mal um Entschul- 
digung wegen aller italiänischen Vv^örter und Redensarten, sie 
sind nicht aftektirt; Ihr wisst ja selbst, wie leicht man sich 
Sprache und Ausdrücke der Umgebungen der letzten acht Tage 
angewöhnt; und Italiänisch ist so schrecklich bequem, und da- 
bei manchmal so skurril und so jüdisch. Poverino ist doch 
entschieden nehhich. A propos von Juden, in Licisa haben wir 
in derselben Stube uns die Hände gewaschen, wo Pius VTE. 
auf der Dui'chreise nach Frankreich sich die Füsse küssen 
Hess. Die ganze Tagereise war sehr schön, immer im Gebirge, 
sempre salita und auf der Höhe viele deutsche Eichen. Wir 
übernachteten in einem einsamen Hause oben im Gebirge, da 



Florenz bis Kom. 253 

ärgerte ich mich wieder einen Theelöffel voll, denn eine Post 
weiter liegt Arezzo mit einem Bischof, aber es war dem Vet- 
turin zu dunkel. Indessen er ist ein Galantuomo, und das 
Wirthshaus war viel besser wie das in Treuenbriezen. Heut 
früh fuhren wir in Eegen, Sturm und Gewitter fort. (Es wird 
angespannt, morgen mehr). 

Perugia, den 27sten. Fehlte nur schön Wetter, und 
es wäre heut einer der allerinteressantesten E-eisetage, leider 
aber regnet es unablässig und ist so kalt, dass der Berliner 
November noch was lernen könnte. Gestern Nachmittag klärte 
es sich noch einmal auf und wir hatten am Trasimenischen 
See einige schöne Lichteffecte , die zur apenninischen Land- 
schaft sehr nothwendig sind. Wir blieben die Nacht in 
Passignano, hart am See, mir wurde ganz schweizerisch zu 
Muth bei dem Bauschen des Sees und den frischen Fischen. 
Es war ein schöner, lauer Abend, aus einer weissen Wolke 
wetterleuchtete es immer, der Himmel klar und voller Sterne 
und der Mond im ersten Viertel. Heut um sieben fuhren wir 
aus, mit Ochsenvorspann, eine Strecke den See entlang, dann 
in's Gebirg; eine wilde romantische Gegend mit vielen Euinen 
von Thürmen und alten Schlössern; der Vetturin erklärte mii', 
zu Hannibal's Zeiten hätten in den alten Thürmen die Kanonen 
gestanden. Um Mittag kamen wir hier an, gingen im Regen 
herum und besahen Kirchen und Bilder, leider im Dunkeln. 
Im Cambio sind an der Decke des Saals die Planeten von 
Eaphael, aber etwas geschmackvoller arrangirt als Eure in 
der Schlafstube, inmitten der zierlichsten Arabesken.*) lieber 
dem Saal ist eine kleine Capelle, ganz von Perugino's Schülern 
gemalt, Holzschnitzereien nach Eaphael's und Perugino's 
Zeichnungen und alles so klein und nett und geschmackvoll. 
Es ist ein Jammer, dass es immerfort regnet; Perugia ist so 
ein alter prächtiger Eauchfang, so recht, um in alle Winkel 
drin herum zu kriechen und liegt so ganz originell hoch auf 
einem Bergrücken, von wo aus die ganze Geographie zu über- 



*) Fanny hatte diese Stiche alle übereinander in einen Rahmen 
bringen lassen, womit sie unendlich geneckt wurde. 



254 Beise- und Heimathbriefe. 

sehen ist. Dirichlet ruhte nicht, bis wir auf einen der höchsten 
Punkte kletterten und unter Regenschirmen die vista godeten^ 
die wirklich bei hellem Wetter stupend sein muss. Eine ganz 
reizende Madonna von Raphael, auch so was zum Verlieben, 
ist hier in einem Privathause. Ich übergehe manche Kirchen 
und Schmöker, unter Andern die Kathedrale, und komme um 
fünf Uhr sehr müde, nass und hungrig an, und wir lassen 
uns das Mittagbrod nicht wenig schmecken. Und auch dieses 
Plaisirausstehn ist mir ganz gut bekommen. Das Wirthshaus 
hier ist wieder ein alter Palast, unsere Zimmer ungefähr so, 
wie Walter Scott die der Gräfin Amy beschreibt; etwas sehr 
hübsches, mir ganz Neues und Empfehlenswerthes zum Nach- 
ahmen sind Fensterladen und Thüi^en mit lauter kleinen Land- 
schaften in Oel. Unser Schlafzimmer ist mit roth und weiss 
damastnem Atlas tapezirt, dito Betthimmel, dito Stühle, Mosaik- 
marmortische und Spiegel mit Ungeheuern Broncerahmen etc. etc. 
und gar kein Aber dabei, alles ist frisch und wohlerhalten, 
der Salon al fresco^ sie sagen von Caracci, jedenfalls schön; 
die Kinder und Mine schlafen in rothem Damast. Für diese 
Herrlichkeiten wollten sie zwanzig Paul, ich bot zehn, wir 
vereinigten uns auf zwölf. Si parla, si fa conoscenza. Und da 
wären wir zum Schlafengehn. Ach! es pladdert immer, ich 
fürchte mich sehr, wir müssen morgen Assisi dran geben, Mine 
hat mir heut verrathen, dass sie in Florenz mit Ernst mehrere 
Male statt spazieren zu gehn, auf den Uffizien war, das hätt' 
ich eigentlich Jemand anders mehr gegönnt. 



Terni, den 29sten. 

Hier erwartest Du einen grossen Wasserfall, der kommt 
aber erst morgen früh. Das Terni hab' ich gar nicht so 
bestellt, ich dachte, es wäre auch so ein verfallenes Nest, wie 
die meisten auf diesem Wege, aber nein ! Ein heiteres, freund- 
liches Städtchen, wunderschön gelegen in einem weiten, frucht- 
baren, bebauten Thale von der romantischesten Bergkette ein- 
geschlossen; wir haben eben dem Cameriere versprochen, im 
Frühjahr auf Grasung wieder zu konmien. Wo haben wir 



Assisi. 255 

das nicht schon versprochen! Gestern kam ich nicht znm 
Schreiben, wir haben nämlich Assisi nicht laufen lassen, son- 
dern haben uns selbst müde drin gelaufen, eine wundervolle 
alte Kirche gesehn, über und über bemalt mit den wunder- 
lichsten Dingen. Das ganze Assisi liegt, furchtbar katholisch, 
auf einem Felsen, alle Häuser und Thore bemalt, in einer 
allerliebsten Kapelle sass eine Schusterbude. Göthe hat mir 
die Mühe des Beschreibens abgenommen, über den Minerven- 
tempel soll er viel gesprochen haben, es ist mir nicht gegen- 
wärtig. Mich hat am meisten dran der Vorplatz mit den zu 
beiden Seiten herunterführenden Treppen aus Antigone gerührt, 
obgleich sie nicht antichissime y sondern erneuert sind. An 
einer ehemaligen Schule stehen auch noch sechs reizende an- 
tike Säulchen, früher Tempel. Von dort aus weht römische 
Luft, überall Reste von Amphitheatern, Bogen, Wasserleitungen, 
Kirchen über ehemaligen Tempeln, an den Bauerhäusern Frag- 
mente zertrümmerter Herrlichkeiten; ich finde es höchst 
erstaunlich, dass Tvir nun so nahe an Rom sind und Mittwoch 
bei Papstens essen werden. Historisch habe ich nicht viel zu 
berichten, wir fuhren gestern nach Sonnenaufgang von Peru- 
gia fort, bedauerten sehr, nicht länger dort gewesen zu sein, 
kamen zuerst nach Maria degli Angeli. Ernstchen sagt, das 
ist eine neumodische Kirche, wollen wir da auch hinein? und 
hatte Recht; ein wunderthätiges Bild des „Overbekke" war 
nicht der Mühe werth. Von da im herrlichsten frischen 
Herbstwetter mit Ochsen di rinforzo den Schneckenweg um 
den Berg herum nach Assisi hinauf, unter immerwährendem 
Glockengeläut in allen Tönen. Ich käme gar nicht aus der 
Rührung heraus, müsste ich nicht dazwischen mich halbtodt 
lachen, wenn einer mit der Büchse für die Seelen im Fege- 
feuer bettelt, oder wenn die Bettler sich mit ihren Mänteln 
aus tausend Lumpen zusammengeflickt, drappiren, als wäre es 
ein Purpurgewand. All das italiänische Zeug ist so himdert- 
mal abgebildet, und verfehlt doch im Komischen und Ernst- 
haften nie seine Wirkung. Wir gingen dort in S. Francesco, 
zwei grosse Kirchen übereinander, von denen besonders die 
untere höchst geheimnissvoll und merkwürdig, uralt, düster. 



256 Eeise- und Heimathbriefe. 

Da hörten wir die Messe; anfangs imponirte mir der Schall 
in dem ungeheuren Gewölbe sehr, nachher ärgerte ich mich 
über das eintönige Geplärr; dann in eine kleine Kapelle 
Sta. Catherina, auch ganz gemalt, über der Thür zwei reizende 
Englein. Der Dom ist vor Erfindung der Baukunst gebaut. 
Die andern Kirchen Hessen wir übrig und gingen auf die 
Festung, um, wie Jakoby sagt, die Geographie zu sehn, über 
schlechte steinige Wege, durch tiefen Schmutz, den giebt's 
denn in Assisi was das Herz begehi't, Papstens sollen nicht 
gedacht werden. Unser Vetturin sagt es auch, überhaupt sie 
sprechen sehr offen über ihre Regierung. Von Bologna wissen 
sie gar nichts, ausser dass Soldaten über Soldaten hingeschickt 
werden, in Foligno liegen noch Truppen bereit. Fuori werden 
Sie es wohl wissen, sagt der Cameriere. Dirichlet nimmt bei 
jedem Cameriere italiänische Stunde, Walter macht recht gute 
Fortschritte durch die Lektionen der verschiedenen Kutscher, 
mit denen er auf dem Bock sitzt. Walter habe ich in Assisi 
höchst glücklich gemacht, indem ich ihm eine Madonna auf 
Goldgrund auf Holz gemalt für fünf Paul kaufte. Hätt' ich 
nicht das Bilderkaufen verschworen, aus Furcht, mich lächer- 
lich zu machen, so hätt' ich mir da eine ganze Galerie für 
ein Paar Scudi gekauft. Von allen Thaten war ich so müde, 
dass ich gestern Abend in Foligno und heut Mittag in Spoleto 
alle Aquaedukte imd Ruinen habe einen guten Mann sein 
lassen, und auf dem Sopha gelegen habe — in Foligno war 
nur keins — während Dirichlet und Walter ausgingen. Heut 
früh habe ich mich unter der Zeit an einer Nichtantike erfreut, 
an einer wunderschönen, zwölfjährigen Römerin im Wirths- 
haus in Spoleto. Auch heut Abend waren sie wunderhübsch 
auf der Promenade von Terni. Ich muss Dich da aber erst 
hinbringen, durch ein enges Felsenthal mit Eichenwald, überall 
Fusswege in die verschiedenen Seitenthäler , unten leider ein 
ausgetrocknetes Flussbett; ich werde immer durstig davon; 
die Bäume scheinen es nicht so zu empfinden, alles ist frisch 
und grün, nur so viel herbstlich gefärbt, um noch schöner zu 
sein. Morgen früh nach dem Wasserfall. Seit undenklichen 
Zeiten hat ein undenklicher Papst dem hiesigen Postmeister 



Wasserfall Ton Terni. 257 

das Privilegium geschenkt, die Fremden dahin zu fahren; 
natürlich lässt der sich seine Kareten nicht wenig bezahlen. 

Sette vene, 
ein einzelnes Haus in der Campagna, 

den Slsten Oktober. 

Du siehst, wir haben mehr Geduld, als Ihr, hier sitzen 
wir vor der Thüre Roms, und es ist erst 6 Uhr, eine halbe 
Stunde nach Ave Maria. Paul's Geburtstag haben wir sehr 
brillant gefeiert, Morgens bei der Cascade von Terni, Abends 
unter dem noch stehenden Bogen der Römerbrücke über die 
Nera bei Narni. Seit fünf Tagen ist das Wetter so warm, 
dass selbst die Einwohner erstaunt sind. Noch ein paar Tage 
so in Rom, und Vollmond dazu, und Gesundheit, das kann 
brillant werden. Ich glaube, über das gefürchtete ce n'est que 
cela sind wir hinweg; diese Strasse führt uns so pian piano 
in's älteste Alterthum, und wii' sind auf jeden alten Stein 
erpicht. Die Spazierfahrt nach dem Wasserfall war sehr ge- 
lungen, nur wird Einem da die Freude durch Schaaren von 
Bettlern verdorben, wie ich sie in ganz Italien noch nicht 
getroffen; und wir haben doch schon ein gut Ende Kirchen- 
staat durchmessen. Was dabei hilft, ist, dass man nicht so 
viel Mitleid mit ihnen zu haben braucht, als bei uns, wo ein 
abgewiesener Bettler uns den ganzen Tag verdirbt. Sie frieren 
nicht, und brauchten nicht zu hungern, wenn sie nur halbwegs 
die Hände aufhöben; die Erde wünscht nur bearbeitet zu 
werden, um mehr als alle Einwohner zu ernähren. Es ist ein 
Jammer, anzusehn, wenn man einmal von den Ruinen wegsieht, 
welche Strecken des schönsten Landes hier wüst Hegen, und 
wie viel kräftige, arbeitsfähige Menschen noch wüster darauf 
herumliegen und von den Trümmern ilirer Vorfahren leben. 
Heut in Civita Castellana haben wir die Nachkommen der alten 
römischen Soldaten in Pantoffeln herumlaufen sehen, wir mach- 
ten unsern Mittagspaziergang nach der Festung, der Komman- 
dant war sehr artig, pflückte mir Blumen aus seinem Garten 
und zeigte uns ganz freundlich den Tliurm, in welchem über 

Die FamiKe Mendelssolm. II. 1» 



258 Reise- und Heimathbriefe. 

hundert politische Gefangene, viele lebenslänglich, sitzen. Mir 
wurde ganz übel. Indessen ich kann's nicht ändern, und wir 
müssen uns daran halten, was die Alten gethan und was der 
liebe Gott noch täglich für dies Wunderland thut. Unser 
gestriger Cicerone sagte uns : Curio Dentato, papa antico^ habe 
den Wasserfall geleitet. Das ist übrigens auch nicht wenig 
pikant, dass dieser Wasserfall, einer der allerschönsten , von 
Menschenhänden fabrizirt ist. Jetzt will ich noch ein bischen 
campagna im Mondschein goderen. Also morgen Roma\ — 

Eom, den 2ten November. 
Also auch wir! — Was Pferde und Wagen nicht alles 
möglich machen. Ich hab's bis zuletzt nicht recht geglaubt, 
dass wir nach Eom kommen würden, bis Dirichlet gestern um 
halb zwölf etwa den Vetturin fragte, was für ein Thor da 
vor uns läge, und der antwortete: 7ion e poHa, e ponte Molle. 
Da wui'de uns doch etwas sonderbar. Auch schon vorher^ als 
ich die Engelsburg schon in der Ferne erkannte, als die Stadt 
mit den vielen Kuppeln vor uns lag und wir gelehrt stritten, 
welche, der Lage nach, St. Peter sein müsste, und dann zu- 
letzt der wahre St. Peter hinter'm Berge vorkam und den 
Streit entsclüed. Den ersten Mittags am Tage Aller Heiligen 
zogen wir ein, passii^ten am Thore die Eevue über die geputzte 
Welt, die aus Santa Maria del Popolo herauskam, drei Paul 
vertraten die Stelle des Lascia passare^ den wir uns in Florenz 
nicht hatten geben lassen, und so fuhren wir nach dem fran- 
zösischen Hotel Santa Maria sopra Minerva, wo wii' sehr 
schön logii't sind, etwas Schmutz mit einbegriifen, Cornelius 
wohnt auch hier, neben uns an. Die erste Stunde in der 
Weltstadt verging wie immer bei der Ankunft, wir wuschen 
uns, zogen uns rein an, was uns sehr Noth that, frühstückten, 
was uns auch sehr Noth that, dann ruhte ich auf meinen 
Lorbeern (hätt's wörtlich tlmn kömien, da ich einen Strauss 
Lorbeern von Terni bei mir hatte), und Diiichlet und Walter 
gingen zu Kaselowsky, kamen bald mit ihm und Horkel wieder, 
und wir gingen alle nach Wohnungen, en passant in's Pan- 
theon, holten uns ein bischen Ablass, auf den Monte Pincio, 



Koia. 25d 

an Casa Bartlioldy vorbei, bis nach der französischen Akademie, 
sahen durch die immergrünen Eichen durch, nahmen uns auf 
dem spanischen Platz einen Fiacre und fuhren nach Haus 
essen. Abends kamen Moser, Kaselowsky, Horkel und der 
alte Geheimerath Link zu uns, und der erste Tag in Rom 
verging sehr angenehm. Um neun ging Dii'ichlet noch mit 
Horkel im Mondschein durch' s alte Rom und kam ganz be- 
geistert zurück; ich ging nicht, sondern fiel in's Bett und in 
den Schlaf. Heut früh zogen wir wieder mit Kaselowsky nach 
Wohnungen herum, sehr gern hätten wir den dritten Stock 
der Casa Bartholdy genommen, wollten bis sechszig scudi 
monatlich geben, damit Ihr nicht glaubt, unser Geiz verhindere 
uns, aber da ist wieder das alte Unglück wie bei den meisten 
Wohnungen, sie wollen nur auf sechs Monat vermiethen und 
so lange wollen wir uns doch nicht binden, sonst geht Venedig 
verloren. Aber eine Aussicht ist da oben! — Ehe wir nicht 
wohnen, kann ich keine alten Steine oder Menschen, Zwerge 
oder Riesen sehn. 

Den 4ten. Gott sei gelobt und gedankt und getrommelt 
und gepfiffen, wii* haben gemiethet. Via Capo le case, 45^ drei 
Treppen. Aber sehr sonnig, gute Luft, Balconfenster am Sa- 
lotto und ein sicheres, für hier recht behagliches Haus. Sei 
wohl und froh mit allen Deinen, vorläufig in diesem Jahr, 
hoffentlich braucht im nächsten mein Glückwunsch nicht so 
weit zu reisen. Ich habe noch immer mezzogiorno im Kopf, 
was bei den römischen Vermiethern einen sehr ausgedehnten 
Begriff hat, unsere Wohnung ist aber wii'klich mezzogiorno.^ 

Fanny an Rebecka. 

Berlin, Slsten Oktober 43. 

„Also willkommen in Rom, auf der Post an der Piazza 
Colonna, wo Du diesen Brief wahrscheinlich in Empfang neh- 
men wirst. Da ich sehe, dass Dein Gedächtniss, welches über 
Gute und Böse scheint, auch unsere Reise sehr treulich be- 
wahrt hat, so wird es Dir jetzt nicht an Gelegenheit fehlen, 
unserer zu gedenken. Lass Dir Rom wohl bekommen, dass es 

17* 



260 Reise- und Heimathbriefe. 

Dir gefallen wird, darüber habe ich mir geringe Zweifel; vor 
allen Dingen, grüss das Albaner Gebirge mit den weissen 
Häuserchen dran, die wie Kinderspielzeug aussehn, und dem 
gelben Streifen, der Walter interessiren wird, weil Hannibal 
gesagt wii'd, da gestanden zu haben, und freue Dich sehr, 
wenn Du es unvermuthet zu sehn bekommst, ach! und alles 
andere Schöne und Ernsthafte und Unvergessliche sei Dir herz- 
lich gegönnt. 

Unsere öffentlichen Zustände schwanken noch immer hin 
und her. Jetzt schliesst sich Hannover vor der Hand partiell 
dem Zollverein an, was man für sehr wichtig hält. Inmitten 
aller Hindernisse geht doch der Geist der Nation unaufhaltsam 
vorwärts, das ist nicht zu verkennen. Ach! was geht Euch 
der Zollverein und der Geist der Nation an ; Hir geht auf dem 
Pincio spazieren und zählt jedes Fenster im Vatikan und lasst 
den lieben Gott einen guten Mann sein. Ist nicht die südliche 
imouciance erstaunlich ansteckend? Christus hat wohl gewusst, 
wo er den Leuten sagte, sie sollten so wenig sorgen v^de die 
Lilien auf dem Felde und die jungen Eaben; hier soll man 
das hübsch bleiben lassen, ohne zu verhungern. Wenn aber 
der Berliner Prediger das seiner Gemeinde taJe quäle ebenso 
befiehlt, so weiss man nicht, ob man diese Albernheit lächer- 
lich oder ärgerlich finden soll. Ich habe nämlich, um für 
Sebastian zu wählen, einige Prediger gehört; da ich aber jeden 
gehörten auch sogleich unbedingt verwarf, so kam ich am Ende 
zu dem Schluss, wenn ich sie Alle hörte, würde ich ihn zu 
keinem schicken; und da es mein Mann mir ganz überliess, 
so habe ich am Ende zu dem gegriffen, der im Gymnasium 
unterrichtet, der Prediger Eyssenhart, ein einfacher, freundlich 
ernsthafter Mann, oline alle Salbung, der mir ganz gut ge- 
fällt. Bei dem hat nun Sebastian zwei Stunden schon ge- 
nommen. Tiyne is, Urne was. — Und nach anderthalb Jalu'en 
habe ich auch vorgestern zum ersten Male wieder eine musi- 
kalische Morgensoiree gehabt, mit Felixens neuer Cellosonate, 
in der Ganz einen grossen Bock zu schiessen nicht unterliess, 
meinem Stück aus Faust, Felixens Altsolo mit Chor etc. Es 
hat mir eine grosse Ueberwindung gekostet, dies Hailoh wieder 



Sommernachtstraum. 261 

anzufangen und zwar nur für ein Paar Mal, denn vor dem 
December will ich wieder schliessen, aber Hensel wünschte 
es. — Dirichlet! wie vermisse ich Borchardt's Tenor! Von 
dieser Hungersnoth hat man keinen Begriff; die schönsten 
Brummbässe muss ich ungesungen lassen, von wegen Gleich- 
gewicht. Drei kleine Piep vögelchen sind Alles, was ich auf- 
bringen kann „für einen Pfennig Brod zu dieser unbilligen 
Menge Sekt!" — Ad vocem Shakespeare, von den Urtheilen, 
die man über den Sommernachtstraum hört, wünscht' ich Dir 
auch von Zeit zu Zeit ein Pröbchen zu gemessen. Wir haben 
uns noch gestern bei Steffens im Chor darüber verwundert, 
soviel Ausgaben von soviel Uebersetzungen werden alle Jahre 
gedruckt und verkauft, — und wieviel Leute das Stück nicht 
kennen, das glaubst Du garnicht. Dabei w^ird es in Einem 
fort gegeben und ist nie ein Platz zu haben. Magnus hörte 
neulich in einer Restauration lebhaft darüber streiten von 
emem Tisch voll eleganter junger Herren, ob Shakespeare oder 
Tieck der Verfasser wäre. Ich glaube. Einer hat behauptet, 
Shakespeare hätte es in's Englische übersetzt. Feine Leute 
sind übrigens sehr empört über die gemeinen Handwerkspossen 
und den Eselskopf, und selbst die Autorität des Königs, der 
doch diesen Unsinn mit seinem Hermelinmantel deckt, kann sie 
nicht hindern, ihren Unwillen laut zu äussern. Das war auch 
das Erste, was Felix darüber hörte, als er nach der Vorstellung 
im neuen Palais beim König soupirte; ein gesternter, aber 
nicht gestirnter Herr sagte ihm: „Wie schade, dass Sie Ihre 
wunderschöne Musik an ein so dummes Stück verschwendet 
haben." Heut ist mein Mann nach Potsdam eingeladen, wo 
er sein Bild des Prinzen von Wales vorstellen wird; er hat 
zum Glück sehi' schönes Wetter zu dieser umständlichen 
Parthie Ehre. 



Fanny an Rebecka. 

Berlin, den 15ten November 43. 
Unser Haus ist jetzt ziemUch gefüllt, Pourtales ist mit 
seinem fürstlichen Haushalt eingezogen, neunzehn Personen: 



262 Keise- und Heimathbriefe. 

wie wüi'de sich Mutter über den Meldezettel amüsirt liaben; 
er war wirklich zum Studii-en. Die Pflegetochter heisst Amiiika, 
Züllich von Zühlborn. Einer der Hausgenossen hat neulich 
ein sehr schönes Quiproquo veranlasst. Zu Hensel kommt 
Heinrich und sagt, es stände ein Herr draussen, der nicht 
Deutsch sprechen könnte und den Herrn zu sehn verlangte ; 
herein tritt ein eleganter junger Mann und sagt: y^Monsieurj 
fai ete chez M. Je prevöt de Ve'glise, et il m'a dit que vous voudriez 
lim me confesser^^ — Ueber dem Atelier wohnt nämlich der 
Hauspater (nicht Kater) der Gräfin. Ist das nicht der walu'e 
friar Tuch? Wir haben ihn sehr gescholten, dass er nicht dem 
jungen Herrn die Beichte abgenommen und, durch kein Ge- 
lübde gebunden, uns seine Geheimnisse mitgetheilt hat ; und 
gestern Abend brachte er einen Toast im Geiste seiner neuen 
Würde aus. 

Schreibe doch, ob in Eurem Hause Capo le case der hollän- 
dische Maler T. wohnt oder gewohnt hat ; er ist daran kennt- 
lich, dass er die Langeweile erfunden und ein Patent auf 
Lebenszeit darauf genommen hat ; wenn es nämlich das Haus 
ist, wie ich fast vermuthe, so kennen wir es und das wäre 
doch sehr zweckmässig. Ueberhaupt schreibe Alles, jeden Floh, 
der Dich anspringt, Lord und Pöbel, zwei und mehrbeinig ; ich 
kann Dir nicht oft genug wiederholen, wie uns Alles interes- 
sirt. Vergiss nicht das Bosco in der französischen Akademie 
zu besuchen, den Garten eine Treppe hoch, überhaupt, lass 
Dir von Kaselowsky alle Schwärmereien zeigen und schwärme 
zweite Stimme, man wii'd auch dessen in Eom fähig, wenn 
Einem auch ein ganzer Mephistopheles im Nacken sitzt. Meine 
zweite Morgensoiree ist so schlecht gegangen, dass, wenn die 
dritte und letzte vor Weihnachten die Scharte nicht auswetzt, 
ich mich sehr besinnen werde, ob ich jemals wieder anfange. 
— Kocht Mine? — Wirthschaft führen in Eom habe ich er- 
funden. — " 

Kebecka an Fanny. 

Rom, den lOten November, 
-j Die ersten Tage dieser Woche sind natürlich mit 



Häusliches aus Kom. 263 

häuslichen Einrichtungen vergangen, mit Lectionen vom Koch, 
Milchmann, Bäcker etc. In Florenz hatte unsere Wirthin für 
Alles gesorgt. Einige wunderschöne Mondscheinspaziergänge 
haben wir aher schon gemacht, nach dem Colosseum und zu- 
rück über's Capitol, und einen andern nach Monte Cavallo, ich 
denke, das schlägt genug ein, und begreife das ce tuest que cela 
nicht — allenfalls bei St. Peter, dessen ungeheure Grösse man 
wirklich erst in Zahlen erfahi^en und zu Fuss durchmessen 
muss, um gehörig zu erstaunen. Fanny, hier erwacht wieder 
der ganze Nicolai in mir und muss erst durch sehr viel Ent- 
zücken in den Schlaf gewiegt werden. Vorgestern war ich 
bei Veit's*) und hatte leinene Stiefel an, die kamen gut zurück 
aus der schönen Gasse. In Berlin wäre mir's zwar schwerlich 
eingefallen, weisse Schuh am 8ten November anzuziehen. Eom 
war auch früher besser als jetzt ; unfehlbar ist der Durchgang 
bei Veit's ein Rückschritt gegen die Cloaca maxima^ die ich 
noch nicht gesehen habe, iiber ohne Spass, muss Einem nicht 
das jetzige Rom neben dem alten das Herz empören? Sage 
ja! Was werde ich gut königlich preussisch gesinnt sein, wenn 
ich lange bei Papstens bleibe! Ein Verdienst hat unser König 
unstreitig, das, Felix auf die Bühne gebracht zu haben. — 
Dirichlet liest den ganzen Tag Boccaccio, ich, wenn ich zum 
Lesen komme, Göthe. Vor Diiichlet's Italiänisch hast Du viel 
mehr Grund, Dich zu fürchten, als vor meinem; er treibt es 
mit derselben Hartnäckigkeit, wie Alles, was er grade vorhat. 
Jakoby sagt, er zwingt die Lehrer mit der Hetzpeitsche, ihn 
was zu lehren, und jeder Vorübergehende ist ihm ein Lehrer. 
Lebewohl, liebe Fanny, grüsse Mann, Kind, Geschwister, 
das ganze Haus, die Hühner und Caro, grüsse alle Mendels- 
sohn's in der Jägerstrasse, wenn sie auch Oppenheim oder 
Warschauer heissen und in der Beln^enstrasse wohnen." 

Fanny an Rebecka. 

Berlin, 24sten November 1843. 
Erfreae doch Dirichlet und Jacoby durch die Nachricht, 



*) Philipp Veit, der Sohn von Dorothea Mendelssohn ausf 
erster Ehe. 



264 Eeise- und Heimathbriefe. 

warum die Studenten an Böckli's heutigem Gebui'tstage ihm 
kein Ständchen gebracht haben; sie hatten diesmal einen Fackel- 
zug damit verbinden, es überhaupt besonders feierlich einiichtea 
wollen, auch bereits die hohe polizeiliche Erlaubniss eingeholt; 
da Hess sich der Polizeipräsident die Liste der Theilnehmer 
vorlegen und strich zehn Studenten aus, worauf die übrigen 
natürlich zurücktraten und ihn nun diesen Abend nur durch 
eine Deputation begrüssen und ihm den Hergang vortragen 

lassen werden. 

Den Durchgang bei Veit's haben wir auch kennen gelernt ! 
Habt Ihr denn gleich hinaufgefunden? Ich bin kurz vor der 
Thür umgekehrt, mit der Ueberzeugung , höher könne kein 
Mensch wohnen und wii' wüi'den mit dem nächsten Schritt aufs 
Dach gerathen. Ich weiss noch prächtig in Eom Bescheid, 
besser als in Berlin. Warum amüsirt es einen nm-, in einem 
Brief aus Eom zu lesen ein papetto, via del Bahuino, die blossen 

Namen? 

Neulich auf einer grossen Geheimraths- und Professoren- 
Soiree bei Pertz war auch der neue konservative Profe&:5or 
Huber, der mit vielem Unglück debütii't hat, denn schon bei 
seiner dritten Vorlesung war kein Mensch und die Universität 
hat in drei verschiedenen Eingaben gegen seine Berufung pro- 
testirt. Siehe Böckh. Habe ich Dir denn schon erzählt, was 
für eine lächerliche Zeitung wir Böckh zu Gefallen lesen, der 
ein unwiderstehliches Gelüste darnach hatte? Die Barmer 
und den Wupperthaler Lesekreis (Krähwinkel), der dazu gehört. 
Schon zwanzig Menschen haben mich gefragt, wo Barmen 
liegt? worüber ich allerdings ebenso verwundert bin, wie über 
das Incognito, worin der Sommernachtstraum bis jetzt gereist ist. 

Rebecka an Fanny. 

D. 15ten December 43. 

„Als ich Deinen Brief bekam, kehrten wir eben zurück 
aus einigen Ateliers, ungelesen steckte ich ihn in die Tasche, 
wir packten die Kinder auf, setzten uns in einen Fiacre, fuhren 
nach dem Lateran, vergassen nicht den \\Tinderschönen Kreuz- 



Häusliches aus Rom. 265 

gang und gingen von da nach der berühmten Villa Wol- 
chonsk}^, Hensel'schen Angedenkens, über die ich ganz Deiner 
Meinung bin und gehörig zweite Stimme schwärmte. Dort auf 
klassischem Boden, wo die Büste des Alexander steht, setzte 
ich mich auf das Postament mit Dirichlet, Kaselowsky und die 
Kinder, die wie Kletten an ihm hängen, auf die kleine antike 
Bank daneben, und trug die vortragbaren Stellen aus Deinem 
Brief vor. Wie abgeschmackt und dumm sind die Polizei- 
Chicanen! Ach Gott! Wer denkt hier an Freiheit! üngenirt- 
heit vertritt die Stelle! Wie weit die geht und worin die 
Alles besteht, brauche ich wohl nicht auseinanderzusetzen. 
Was braucht man auch weiter für Freiheit, wenn man die 
hat, unter blauem Himmel spazieren zu gehn und sich von der 
w^armen Sonne bescheinen zu lassen. — Ich hoffe. Du nimmst 
dies nicht für haare Münze. — Uebrigens bitte ich Hensel, 
nicht böse zu sein, dass wir Kaselowsky viel Zeit nehmen; 
ich glaube, es kann ihm jetzt nur dienlich sein, in dem schönen 
Wetter sich in der Luft herumzutreiben und ein Spaziergang 
in der Umgegend, oder ein Besuch melir beim Violinspieler 
oder bei den Tizianinnen kann auch einem Künstler nie scha- 
den. — Unser Haus ist jetzt acht römisch montü't; drei Ab- 
bates, die uns besuchen; der padrone des Hauses hat grossen 
Eespekt vor uns. Einen joermesso zur Villa Ludovisi haben 
wir durch den Jüngern Bruder der Villa, den Principe Buon- 
compagni, der sich mit Mathematik beschäftigt, erhalten; das 
arme jüngste Söhnchen hat nur 70,000 Scudi Revenuen, kam 
aber gestern mit eüiem Pack Bücher in ein Schnupftuch ge- 
wickelt, zu Fuss an. Die ganze Familie ist wegen Geiz be- 
rüchtigt. — Landsberg's Soii'een haben angefangen; Ouvertüre 
aus der Zauberflöte, von vier Damen, darunter Mme. Vanutelli ; 
Sonate für zwei Pianos von Franck und Mme. Nerenz, Salve 
Regina von Pergolese, von Signora Sciabatta, die eine präch- 
tige Altstimme hat. Ihr Bruder, den ich Dich öfter habe 
nennen hören, entzückt jetzt Petersburg durch seine Schönheit 
und Stimme. Das Beste war, nachdem die Meisten fortgegangen 
waren, die c-moU- Sonate von Beethoven, von Franck und 
Eckert; das hatte doch einen andern Zug, als vierundzwanzig 
Dilettanten." 



266 Reise- und Heimathbriefe. 

Fanny an Rebecka. 

Berlin, 5ten December 1843. 

^Dass Jakoby angekommen, sagt die heutige Zeitung; 
Privatnachrichten fügen Steiner hinzu, ich bin also um Deine 
Fortschritte in der Mathematik nicht bange. Du wirst ebenso 
gerne wissen wollen, wie es bei uns hier zugeht; und da ist 
denn in dieser Woche soviel zu- oder vorgegangen, dass ich 
es nächstens vergessen habe, wenn ich es nicht heut aufschreibe. 
Dreimal waren wir bei Paul mit Musik und Gesellschaft ; Mitt- 
woch war das erste Abonnementskonzert unter Felixens Dii'ek- 
tion*) mit der a-dur-Symphonie, sehr schön, es ist zum Ersticken 
voll und man riskirt mit jedem Schritt einen Bekannten todt- 
zutreten; die ganze Anstalt ist sehr amüsant. Donnerstag 
Abend war grosses Ständchen, Wieprecht mit seinem Männer- 
gesangverein und einem Militaii'chor ; da sehr schlechtes Wetter 
war, hatte ich den Gartensaal erleuchten lassen, das Ganze 
nahm sich sehr gut aus und Felix hätte auch bis zum letzten 
Augenblick Nichts erfahren, wenn der Hasenfuss Woringen den 
Mund hätte halten können; der hatte es ihm aber schon am 
Vormittag gesteckt. Gestern letzte Sonntagsmusik in diesem 
Jahi% die sehr gut ausfiel, die Decker sang zum ersten Mal 
wieder und sehr schön, ich spielte das es-dur-Trio von Beet- 
hoven und mit Felix die Polonaise von Beethoven und die 
Zwischenakte zum Sommernachtstraum zum grossen Jubel der 
Leute. Felix ist sehr guter Laune bis jetzt und sehr 
liebenswürdig; ausser Allem, was ich von Musik namhaft ge- 
macht habe, hat er natürlich noch eine Masse von Concerten, 
Proben, Theater und alles Mögliche geschluckt, morgen ist mm 
der Sommernachtstraum, Mittwoch das zweite Concert und so 
leben wir, so leben wir alle Tage. Für Woringens ist es mir 
sehr lieb, dass sie es gerade so treffen, auch schwimmt Ferdinand 
in Wonne und will gar nicht wieder nachLiegnitz zurück. — 
Gestern waren wir Alle zusammen auf einem kleinen Diner 



*) Mendelssohn war mit seiner Familie am Uten November 
in Berlin eingetroffen. 



Felix in Berlin. 267 

bei Webern,*) wo einige Flaschen Champagner, ein sehr un- 
geschickter Bedienter (der mir emen wahren Respekt vor 
Heinrich eingeflösst hat) und die tolle Ausgelassenheit der 
Männer uns nicht aus dem Lachen kommen Hessen.^ 



Fanny an Rebecka. 

Berlin, den Uten December 43*). 

„Vor Ablauf des heutigen Tages will ich mich doch mit 
Dir unterhalten, wie Du gewiss auch heut mit Deinen Ge- 
danken wirst hier gewesen sein. Sehr erheitert und erfreut 
hat mich Dein lieber Brief, den ich heut früh erhielt. Dieses 
ganze Jahr würde Mutter nur Freude gebracht haben, wenn 
sie es erlebt hätte, wie namentlich jetzt Felixens Umzug. 
Nun es gerade jährig ist, haben wii' uns neulich bei ihm im 
Saal versammelt, der freilich so verändert ist, dass man ilin 
kaum wieder erkennt. Felix ist unbeschreiblich liebenswürdig, 
sehr guter Laune und so prächtig, wie Du weisst, dass er in 
seinen besten Tagen sein kann ; ich bewundere ihn noch jeden 
Tag, denn ein so ruhiges Zusammenleben ist mir noch wieder 
neu, und sein Geist ist so vielseitig und in jeder Art so einzig 
und interessant, dass man es nun und nimmermelu^ gewolmt 
wird und immer von Neuem darüber erstaunt. Auch glaube 
ich, dass er mit den Jahren immer liebenswürdiger werden 
wird, so wie A. gestern mu* das Kompliment machte, ich sei 
erst im Alter liebenswürdig geworden. Rechne ich nun dazu, 
dass ich neulich in einer Gesellschaft von einer Fremden für 
die Ministerin Savigny bin angesprochen worden, so fange ich 
an, unser Alter, o Dirichlet! sehr respektabel zu finden. 

Den 12ten. Ich komme heut schon vom Kirchhof, wo ich 
unsere Gräber besucht und üi bester Ordnung gefunden habe. 
Alle Bäume wachsen und gedeihen, der Tag ist wunderschön, 



*) Der bekannte Veteran aus dem Freiheitskriege General 
von Wehem. 

**) Am 12. December des Vorjahres starb die Mutter. 



268 Reise- und Heimathbriefe. 

wie voriges Jahr um diese Zeit, eine milde, frisclie, kräftige 
Luft, sehr gelinder Frost, alle Bäume bereift, der Gang war 
ordentlich erquickend." 

Felix an Rebecka. 

Berlin, 23sten December 1843. 

„Heut ist der Vorabend zum Weihnachtsfest, den will ich 
dazu benutzen, mit Dir zu plaudern, mein Schwesterlein. Ein- 
gekauft ist; angeordnet auch; die paar Bildchen, welche noch 
in der Eile fertig werden sollen, können bei Licht nicht weiter 
gebracht werden, also ist Plauderzeit. Wär's doch wirkliche! 
Die Bescheerung wird bei uns sein; die Krone in der blauen 
Stube wird eben mit Lichtern besteckt, da soll morgen der 
Christbaum stehn. Das Doppelfenster ist jetzt am mittleren, 
dafür schenke ich morgen Cecile sechszehn Blumenstöcke, 
grosse und kleine, ausserdem ein schwarzes Atlaskleid, einen 
Hut, einige Kleinigkeiten und eine von meinen wohlbekannten, 
allzugrünen Landschaften, auf solchem gepressten Kartonpapier ; 
für Paul eine Landschaft vom Kunsthändler Sachse, die er 
sich besonders gewünscht hatte, für Fanny eine Tischdecke 
zur blauen Stube, füi' Hensel einen Ungeheuern Schinken mit 
Rothwein, für Sebastian eine Arbeitslampe, Möbelchen für die 
Kinder (sie hatten sich Möbel gewünscht) u. s. w. Na, wie 
sich dies Verzeichniss in der Nähe von Ära Coeli ausnehmen 
mag, darauf bin ich auch neugierig. Am ersten Weihnachts- 
feiertag habe ich früh zum erstenmal Kii^chenmusik mit Or- 
chester, im Dom einen neuen Psalm von mii', dann „uns ist 
zum Heil" aus dem Messias, dann noch ein Paar neue Kleinig- 
keiten von mir und einige Choräle mit Posaunen. Am Neu- 
jahrstag ist dieselbe Couleur in Grün, d. h. ein anderer neuer 
Psalm von mir, das Halleluja aus dem Messias und einige 
Choräle mit Posaunen. 

Ich sage Dir ganz unter uns, dass ich bis jetzt wenig 
Vortreffliches von der Sache erwarte, sag's aber nicht weiter. 
Wir leben sehr ruliig und still, mein horreur gegen vornehmen 
Umgang hat sich womöglich noch vermehrt, seit wir hier 



Weihnachten in Berlin. 269 

wolrnen, und es ist ganz lustig, den absonderlichen Sprüngen 
zuzusehn, die ich mache, um den Netzen des englischen Ge- 
sandten zu entgehn. Zu einem Diner hat er mich doch gefischt, 
aber zu keinem zweiten, das schwöre ich. Nun, und ausser 
Excellenzen und einigen Baronen, weisst Du ja selbst, wie 
wenig Leute ich kenne, die Einen einladen und auch wieder 
besuchen mögen, und so bleiben wir zu Hause und in der Fa- 
milie, und das ist das Beste. Von den Konzerten der Kapelle, 
deren drei schon vorüber sind, behauptet Eellstab, sie seien 
beinahe so gut, als die des Pariser Conservatoire-Orchesters ; 
ich versichere Dir aber das Gegentheil; wenn sie nicht noch 
viel besser werden, so taugen sie sehr wenig. Jetzt stehe ich 
mit der Londoner philharmonischen Gesellschaft in Korre- 
spondenz, die mich als permanenten Conductor engagiren wollte 
(schönes Deutsch) für nächste Saison; ich habe die grösste 
Lust, es anzunehmen, weil die Sache so verzweifelt (künst- 
lerisch) vornehm aussieht, aber ich weiss noch nicht, ob es 
möglich ist, namentlich wegen Cecile und der Kinder, die nicht 
gut drei Monat in England zubringen können, von denen ich 
aber noch weniger gut drei Monat getrennt sein will. Das 
musst Du aber auch ganz unter uns lassen, es ist noch ein 
grosses Geheimniss und der Moming Herald erfährt jedes Wort 
wieder, das Du in Rom im Schlafe sprichst. Also sprich gar 
keins davon. Merkst Du nicht, dass ich diesem Briefe eine 
neue Form geben will, weil Du Dich über meine alte so mo- 
quii'st? Herrlich ist's, dass Dir Italien so gut bekommt, dafür 
soll es und sollst Du gelobt sein. Wenn ich denke, dass jetzt 
die Piiferari schnarren und wie es in Ära Coeli morgen aus- 
sieht, und wie manche Blumen in der Villa Pamfili blühen 
mögen, und dass Du das Alles mit einem kleinen Spaziergang 
haben kannst — weiss Gott, da gäbe ich gleich die Wald- 
teufel und den Weihnachtsmarkt in der Breiten Strasse preis 
und ginge nach Rom, wenn es sein könnte. Ich kann Dir 
nur empfehlen, was mir Klingemann vor meiner ersten eng- 
lischen Reise einschärfte: „Essen Sie sich noch einmal an 
Birnen und Klössen recht satt, hier giebt's keine nicht!" So 
sage ich Dir auch, und verstehe unter Birnen und Klössen 



270 Reise- und Heimatlibriefe. 

natürlich den Vatikan und Tasso's Eiche. Ueberhaupt S. Ono- 
frio! Und morgen S. Maria Mag-giore! Ueberhaupt!! — In- 
dem ich so überlege, dass vorgestern der küi^zeste Tag war 
und dass ich vielleicht nach England gehe, und dass ich dort 
vielleicht ausserordentlich viel Geld verdiene und ausser- 
ordentliche Anstrengungen habe, und einer ausserordentlichen 
Erfrischung bedürfen werde, möchte ich eigentlich ein bischen 
nach der Schweiz, wenn das Musikfest in Zweibrücken am 
Isten August abgehalten ist. Da blieben so delikate sechs 
bis acht Wochen für die Schweiz! Am Ende träfen wir auf 
der Grimsel zusammen, oder auf den Diablerets, oder sonstwo, 
wo es hübsch ist. — Sind das Luftschlösser ?** 

Eebecka an Fanny. 

(Mit emer Vignette des Weihnachtsbaumes von Kaselowsky.) 

Rom, den 27sten December. 
Felicissma festa^ Ihr Lieben alle! Und Dir besonders, 
liebe Fanny, herzlichen Dank für Deine prächtigen beiden 
Briefe, die mir das Fest erst recht froh gemacht haben. Mein 
Lorbeer hat viel von Eurer Tanne geträumt, hier ist er und 
diese Seite soll ihn näher erläutern. Also em Lorbeerbaum, 
der bis an die Decke des Zimmers reicht, mit Eosen, ellen- 
langen Trauben, Apfelsinen und den bekannten römischen 
Zuckerfrüchten sehr reich geschmückt, um den Fuss des Topfes 
ein Kranz von Aepfeln, Nüssen und Lorbeerblättern, rings- 
herum die Geschenke, eine Zeichnung von Ernstchen, die mir 
Kaselowsky gab, eme Vase von Giallo antico zum Aschen- 
becher für Dii'ichlet, daneben ein Scheiterhaufen von Cigarren, 
dessen Erbauung Kaselowsky imd mir erstaunliches Kopf- 
zerbrechen gekostet, er fiel immer wieder um. Der bekannte 
Vestatempel als Tintenfass und die bekannten drei Säulen in 
Bronze, ein Malkasten mit wirklichen und Zuckerutensilien 
gefüllt, den wir Kaselowsky schenkten, daliinter der floren- 
tiner Eber als Brief drücker , das ist die Hauptsumme der 
prachtvollen Geschenke. Denke Dir dazu einige Schälchen 
aus Tosso^ giallo und allen möglichen antiken Farben, 



Weilmachten iu Rom. 271 

mit Streusand, Ziickerwerk und allen m'ögiiclien Narrens- 
possen, alles glänzend erleuchtet, denke Dir unsern Hof- 
staat, wie Du ilin zu nennen beliebst, bestehend aus Jakoby, 
Steiner, Borchardt, Moser, Kaselowskj^, Geyer*) und Julius 
Elsasser,*) da hast Du unsere Weihnachtsversammlung'. Der 
Baum war wirklich ein Meisterstück. Nachher Schellfischsalat, 
Butterbrod mit Fleisch, Kuchen und Punsch; wie haben Hen- 
sel's Verse uns gefehlt I Indessen habt Ihr in Prosa sehr hoch 
gelebt; ich habe eine Rede voller Empfindung g^speaJct, und 
um die Art von Rührung zu vertreiben, die Jeder beim An- 
denken an die Seinigen empfinden musste, habe ich darauf 
einen Toast auf die zukünftigen Frauen der anwesenden Jung- 
gesellen gesetzt, wodurch die allegria bald hergestellt wurde. 
Vorgestern bekam ich noch nachträglich eine wunderschöne 
Sepiazeichnung von August Elsasser, den ich übrigens noch 
garnicht gesehen habe, der Aermste muss noch immer das 
Zimmer hüten und wii' dürfen ihn auch nicht eher besuchen, 
bis sein Bild fertig ist, das er mit seinem Herzblut zu malen 
scheint. 

Es ist nach allen Berichten wenig Hoffnung für ihn, Gott 
gebe ein Wunder; seit Kaselowsky's Heilung ist Alles mög- 
lich. — Gesehen haben wir in letzter Zeit wenig, nur {pau- 
vres hommes) die Villa Ludovisi ; leider hatte uns der bis in's 
Kleinste kleinliche Piombino nur für sechs Personen Permesso 
gegeben; acht haben wir aber doch mitgenommen. Mit den 
Villen geht mir's, wie mit den Walter Scott'schen Romanen, 
die letzte ist immer die schönste ; jede hat einen so besonderen 
Typus und zeigt Rom jedesmal von einer so ganz neuen Seite, 
man kann gar nicht genug erstaunen und bewundern. — Di- 
richlet hat mich eben wieder spazieren getrieben, es war wieder 
göttlich, keine Wolke am Himmel und ich hatte mii' schon 
am offenen Fenster die Sonne auf den Rücken scheinen lassen 
und dann habe ich mich herumgedreht und mir an dem eisernen 



*) Zwei Maler. Elsasser, der jüngere Bruder des bekannten 
Landschafters. 



272 Reise- und Heimathbriefe. 

Gitter die Hände und Füsse ganz durchgewärmt, dazu habe 
ich mir eine ganz eigene Attitüde auscalculirt. 

Die Wlrthschaft im Atelier, welches Kaselowsky, Moser 
und Geyer zusammen haben, ist sehr lustig, aber auch sehr 
ordentlich, was hauptsächlich Kaselowsky's Verdienst ist; er 
hält darauf, dass immer aufgeräumt wird, dass Jeder seine 
Arbeiten zusammen aufstellt, dass Sonnabend reingemacht 
wird u. s. w. Walter ist überglücklich in dieser Gesellschaft 
und sie sind mit seinen Anlagen und Fortschritten zufrieden. 
Gehörte nui' nicht garzuviel dazu, ein Künstler zu sein, einer 
im wahren Sinne des Wortes, die Aussenwerke sehen sich ganz 
hübsch an. Aber schrecklich ist es, wie gerade hier, im klas- 
sischen poetischen Rom, die Leute verphilistern. Nii'gend 
findet man so verknöcherte Seelen, wie gerade hier. Ich habe 
einige solche Menschen geflissentlich hier vermieden; ich bin 
hier gar so heiter, von Morgens früh an, wenn ich vom Bett 
aus die Schornsteine so rosig beleuchtet sehe und möchte so 
gern diese Zeit ungestört heiter verleben. Vorige Woche 
führte Alerz Dirichlet und Jakoby zur Lady Somerville; da 
kamen sie Beide ganz aufgeregt zurück, die berühmte hlue 
docking hatte nämlich garnichts von Jakoby gewusst, nur von 
seinem Bruder,*) der ihr eine galvanisch vergoldete Medaille 
übersandt und von nichts als monsieur votre frere gesprochen, 
worüber seine Eitelkeit sehr. verletzt war; aus lauter Grimm 
war er aber rasend witzig und geistreich, wii' kamen den 
ganzen Abend nicht aus dem Lachen. — Freitag früh trinken 
Dirichlet und Jakoby bei Papstens Kaffee." 

Fanny an Rebecka. 

Berlin, 26sten Dec. 43. 

** — — Wir waren am Weihnachtsabend ziemlich still, 
ich glaube, wir waren eigentlich Alle nicht recht vergnügt 
und es wollte nur Keiner es den Andern merken lassen, Felix 
hat mich den Nachmittag aber sehr amüsirt, er komponirte, 



*) Dem Erfinder der Galvanoplastik. 



Musikalisches aus Berlin. 273 

wähi'end ich mit Cecile aufbaute, in seinem Kabinet an der 
Dom-Musik, kam aber alle Augenblicke heraus, half ordnen, 
spielte mit Hunden und Pferden und lief dann wieder hinein, 
um seine Akkorde noch ernsthafter auszuprobiren, und das 
that er wohl eine Stunde lang- so. Für den nächsten Weih- 
nachten, wenn wii* mit Gottes Hülfe gesund beisammen sind, 
habe ich mir etwas Andres ausgedacht ; dann müssen wir einen 
Piknick im Gartensaal haben; es ist gewöhnlich gelinde um die 
Zeit und der Gartensaal erwännt sich ganz gut, wie ich neu- 
lich gesehn habe, wo Felix eine Probe d'rin hatte. Unser 
trübfeuchtgelindes Wetter dauert fort, es ist ge\^ass nicht über- 
trieben, wenn ich sage, dass wir in acht Wochen die Sonne nicht 
zweimal auch nur gesehn haben. 

Willst Du wissen, was Madame 0. ist? Herr 0. ist ein 
sehr hässlicher Weinhändler aus Bordeaux und Mme. 0. eine 
sehr hübsche Frau, angenehme Sängerin französischer Koman- 
zen, mittelmässiger italiänischer Arien und eine vollendete Ko- 
kette, un peu dans le genre de Mme. 7F., aber noch hübscher 
und koketter, mit Unschuldsmienen ; die verdreht hier den Vor- 
nehmen derart die Köpfe, dass es spasshaft anzusehen ist. Der 
Mann bringt Weine an, während die Frau schmelzende Melo- 
dien vorträgt, mit obligater Begleitung von Augen, Busen und 
Händen zum Entzücken. — 

Heut ist im Dom Probe vom achtundneunzigsten Psalm^ 
den Felix für den Neujahi^stag komponii't hat. Jetzt geschehn 
Zeichen und Wunder, man kann wirklich sehn, dass des Königs 
Bestreben, eine kii'chliche Eichtung zu schaffen, nicht ohne 
Segen bleibt, denn am heutigen Tage wird die Welt erleben, 
dass ich bei dem Domküster einen Platz miethe, wenn icli 
einen bekommen kann. Sonst höre ich niemals Felixens Auf- 
führungen dort, denn an den hohen Festen ist der Dom so 
überfüllt, dass an keinen Platz zu denken ist; und im Ge- 
dränge stundenlang zu stehn, dazu bin ich im Glauben nicht 
stark genug. Ich versichere Dich, Felix von seinen Verhand- 
lungen und Verhältnissen mit der Domgeistlichkeit, seiner 
innigen Freundschaft mit Graf Kedern, der gegenseitigen Zu- 
neigung zwischen ihm und H. v. Witzleben, und tausend solchen 

Die Familie Mendelssohn. II. 18 



274 Reise- und Heimathbriefe. 

Geschichten erzählen zu hören, ist eine wahre Komödie; wir 
kommen oft gar nicht aus dem Lachen. Und wie er denn 
gar nicht zu bereclinen ist, so hat er gestern in einer Soiree 
monstre bei dem englischen Gesandten dessen höchst kinderliche 
Symphonie dirigii't, mit einem feinen, etwas satyrischen Lächeln 
und der besten Manier von der Welt, auch nachher gar nicht 
getobt, sondern nur gelacht, während ich mich so geärgert 
habe, als das dumme Zeug losging und er den Takt dazu 
schlug, dass ich das Weinen näher hatte, als das Lachen. 
Ebenso neulich bei Massow in einer grossen Abendgesellschaft, 
wo er Mme. 0. „gräce grace"- begleitete, nebst einem langen 
italiänischen Duett und noch mehrerem Quark, dann sein Trio 
spielte, während einige Offiziere mit sehr lautem Gespräch be- 
gleiteten, und doch den andern Tag Keinen von uns gebissen 
hat. Wie gesagt, es geschehen noch Wunder. — Unterdess 
ist die Probe im Dom schon vorüber, der Psalm ist sehr schön, 
fängt a ca/pella mit einem tüchtigen Solo-Bierbass an, dann 
kommen nach und nach die Instrumente dazu, wie sie genannt 
werden, Harfe, Posaune, Trompete, dann bei dem Brausen des 
Meeres das ganze Orchester, das prächtig rauscht. 

Ich muss Dir doch noch erzählen, dass neulich eine 
erstaunlich geplumpte Fete bei Devrient's war. Sie hatten 
zu einigen Scenen aus Blaubart eingeladen, Werder sollte den 
Simon spielen, hatte aber den Tag vorher plötzlich nach 
Stettin abreisen müssen, und Devrient, der seine EoUe über- 
nommen hatte, kam erst um zehn aus dem Theater zui'ück, 
Punkt acht Uhr war man eingeladen und war schon von dem 
stundenlangen Maulaffenfeilhaben ganz müde. Nun hatten sie 
eine Reihe der allergraulichsten Scenen ausgewählt, ohne irgend 
eine Erheiterung dazwischen, und die wurden von Marie wirk- 
lich mit erstaunlichem Talent gespielt; die Uebrigen waren 
unbedeutend, bis auf Devrient, der den Simon, und Taubert, 
der die alte Hexe vortrefflich gab; ein Theater hatten sie gar 
nicht, nur einen Vorhang; und wie sich der Aufwand von 
Tragik, Verzweiflungskostümen, aufgelöstem Haar, Ohn- 
macht etc. auf ebener Erde ausnahm, den man recht eigentlich 
auf dem Schoosse hatte, das kannst Du Du- nicht recht vor- 



Musikalisches aus Berlin. 275 

stellen. Ich glaube seit Sonntag, dass sie Marie zum Theater 
bestimmen. Dazu war nun ein Geheimrathspublikum aus dem 
Thiergarten von der allerprosaischsten Art. Das Interessanteste 
den ganzen Abend war ohne Zweifel A.'s Toilette: sie trug 
eine Paraphi-ase (Potpourri heisst es ja nicht mehr) von 
schwarzer Seide, gelbem Katzenpelz, offenen Aermeln, mageren 
Armen, schwarzen Sammtband- Armbändern, verrückter Coiffure, 
malerischem Ausschnitt imd unbeschreiblicher Hässlichkeit^ 
dass ich sie förmlich studii^t habe und die Augen nicht von 
ihr wenden konnte. Felix war über diese Soiree in einer 
Berserkerwuth, die drei Tage gedauert hat; übrigens habe ich 
ihn, wie ich Dir schon schrieb, nie liebenswürdiger gesehen, 
als in diesem Winter, obgleich er schon hin und wieder Ver- 
druss gehabt hat, aber er lässt es sich nicht mehr so über 
den Kopf wachsen, wie früher, und wenn es so bleibt, so 
können wir uns gar nicht glücklich genug schätzen, ilin hier 
zu haben. Er hat bis jetzt zwei Mal öffentlich gespielt, ein- 
mal in Moliques Konzert (mit dem die letzte Zeit viel musicirt 
worden ist) die A-moll-Sonate von Beethoven, und im Abonne- 
ments-Konzert sein G-moll-Konzert, beide Male mit füi' Berlin 
ausserordentlichem Beifall. Die Leute fangen auch an zu 
begreifen, dass die Symphonien doch jetzt anders gehen, als 
früher, und mit der Zeit werden sie sich schon bilden, Publi- 
kum und Orchester. Für den Domchor hat Felix den zweiten 
Psalm achtstimmig a ca^ella komponirt; sehr schön, sehr gre- 
gorianisch und sixtinisch. Ich bin neugierig, w^as die Leute 
dazu sagen werden, wenn sie überhaupt hinhören. Felix 
möchte lieber mit Orchester komponiren und hat einstweilen 
soviel dui'chgesetzt , dass nach den co^^/Zöi-Chören Chöre von 
Händel gesungen werden, sowie er in die Abonnements-Konzerte 
von Anfang an Solostücke introducü't hat, in Erwartung des 
Gesanges, den er mit der Zeit einzuschwärzen hofft. Er fängt 
seine Sachen sehr klug und behutsam an, und ich zweifle 
nicht, dass er Alles erreichen wird, was er sich vorsetzt. 
Der moralische Einfluss eines bedeutenden Mannes ist doch 
auch so gross, dass er die grössten Philister und Dickköpfe 
in etwas reformiren muss. — Also Delaroche ist in Rom und 

18- 



276 Reise- und Heimathbriefe. 

Schnetz will weg, und Ingres wurde die Zeit lang! Wenn 
ich doch diese Menschen begreifen könnte! Ich bin von Natur 
nicht neidisch, habe auch nicht Grund dazu, denn ich fühle 
mich in meiner Haut und Lage sehr wohl, aber wenn es eine 
Stellung in der Welt giebt, die mii' beneidenswerth schien, 
so war es die eines Dii^ektors der französischen Akademie. 
Sage selbst, o Du Römerin, wenn man nur den Palazzo Me- 
dici sieht, darin zu hausen, königlich bezahlt, umgeben von 
der Elite der Kunstjugend seiner Nation (das sollen sie doch 
wenigstens sein) mit Vorrechten und Freiheiten, Avie sie nur 
ein Gesandter hat — ich fand nur eine schmerzliche Seite 
dabei, eine solche Stellung nach sechs Jahren einem Andern 
zu überlassen, und diese Leute können die Zeit nicht erwarten. 
Es geht den französischen Künstlern zu gut, sie wissen sich 
vor üebermuth nicht mehi' zu lassen, und werden noch enden, 
wie der Fischer un sine Fru." 



Rebecka an Fanny. 

j, Wichtiges habe ich heut nicht zu berichten; der 

Besuch bei Papsteus war das einzige Epochemachende der 
letzten Tage. Diilchlet war sehr enchantirt von Päpsten, er 
hat sich über eine halbe Stunde mit ihnen unterhalten über 
lauter mathematische Gegenstände und Personen und ^A^\ 
besser Bescheid gewusst, als Lady Somerville; sie meinen, er 
hätte sich präparii-t. Es muss doch schön gewesen sein, 
Dirichlet auf den Knien den Pantoffel und Jakoby als Ketzer 
die Hand küssen zu sehn. — Den 5ten Januar. For shame! 
Gestern Abend hat's geschneit und alle Dächer sind weiss; 
das ist zwar übertrieben, aber an manchen Stellen ist der 
Schnee wirklich bis heut früh liegen geblieben. Zu meiner 
grossen Freude fand ich Deinen und Felixens Brief zu Hause. 
Ihi- klagt über lederne Gesellschaften ! Kommt einmal liierher; 
hätten nui' die Arbeiter liier Industrie, sie hätten Zeug genug, 
die ganze Welt mit Schuhen und Stiefeln zu verselm. Bei- 
nahe so ledern wie dieser Brief, der, glaub' ich, nie fertig 
werden wii'd. Seit uns die Kälte auf unser einzig warmes 



Audienz bei dem Pabst. Allerlei aus Rom. 277 

Zimmer beschränkt, hab' ich durchaus keine Ruh' zum Schrei- 
ben; bald sind's die Kinder, bald ein Mathematiker, bald gar 
ein Besuch für mich, der mich stört. — Unter den hiesigen 
Künstlern ist das Jahrhundert im Stm^m geschieden und das 
neue öffiiet sich mit Mord ; sie sind Alle ganz rabbiat über 
Catel, über Senff, über die Prinzess, deren Bestellungen und 
Mchtbestellungen u. s. w. Dieser Grimm erweckt wenig 
Theilnahme in mir, aber das ist klar, eine preussische Aka- 
demie muss gestiftet werden; kein Volk irrt hier so zerstreut 
wie die Schafe umher, als die Preussen; oder wenigstens 
müsste ein hiesiger Gesandter Sinn und Verstand für Kunst 
haben und nicht solche Böcke zugeben, wie sie die Prinzess 
hier bei ihi'en künstlerischen Bestrebungen haben schiessen 
lassen. Dies ist Römische Politik. Ich sollte übrigens denken, 
eine preussische Akademie in Rom müsste grade etwas für 
unsern König sein, das mirde Spektakel in der Welt machen, 
beinahe wie die Kirche in Jerusalem und wenn es recht ver- 
kelirt angefangen wird — — warum muss man gleich 
berlinisch werden, wenn man an irgend eine, wenn auch unge- 
borene preussische Anstalt denkt? Man sollte doch so viel 
auf Reisen gelernt haben, dass dergleichen nirgend besser ist. 
Morgen ist babylonische Sprachverwirrung in der Propa- 
ganda; Dirichlet geht hin, ich werde wahrscheinlich während 
der Zeit einen berühmten italiänischen Prediger hören. Von 
den Kirchenfeierlichkeiten zu Weihnachten habe ich nichts 
gesehn; die Mitternachtmesse war mir zu spät und die des 
andern Morgens zu früh; ich war vom Weihnachtsaufbau so 
müde, dass ich den andern Morgen bis zehn geschlafen habe. 
Ueberhaupt ich muss aufrichtig gestehn, dass mich von allem 
Römischen nichts so wenig anzieht, als die Kii'chenfeierlich- 
keiten und die Kirchen selbst; ich bin die bunten, eleganten 
Einrichtungen, die bunten Fetzen und aUe diese religiöse Roha 
schon ganz satt; ich habe nicht geglaubt, dass so viel pro- 
testantisches Element in mir wäre. Ich will es mir aucli 
konserviren und nicht in die protestantische Kirche gehn. 
Neulich habe ich mich mit einem Abbate über Luther gestritten, 
der Abbate war aber Karnickel. Das wäre auch ein Gesichts- 



278 Reise- und Heimatbbriefe. 

punkt, aus dem man dem König den Nutzen einer Akademie 
begreiflich machen könnte, den jungen Leuten einen Halt 
gegen die Proselytenmacherei zu geben. Die plötzliche Be- 
kehrung eines Bildhauers, Hoffmann, macht viel Redens; der 
hat vor drei Wochen in der protestantischen Kirche das Abend- 
mahl genommen und ist in diesen Tagen nicht nur katholisch 
geworden, sondern hat sich mit seiner schon länger katholischen 
Frau aufs Neue trauen lassen; zur Feier war bei Overbeck 
Diner und bei Aalborn Souper. Melchisedeck Ebreo aus dem 
Boccaccio hat wahrhaftig Recht, mit der Göttlichkeit des 
Christenthums *). 

Gestern war bei Landsberg die Kindersymphonie zu 
grossem Erstaunen der andern Nationen und Jubel der 
Deutschen. Die Nerenz lachte neulich sehr, als ich sagte, 
wenn Eckert und Frank ihre Lieder ohne Worte- spielten, so 
fühlte ich mich ganz Tante, und das ist seitdem Redensart 
geworden. Diese gute Felix'sche Schule, die hier ist, macht 
nns Alten doch grosse Freude. Im Spiel hat sich Frank ganz 
nach Felix gebildet, er hätte auch gar nichts Besseres thun 
können. Quartett ist nicht zu Stande gekommen, aus Mangel 
an Cello; ein Italiänercellochen schwingt sich höchstens bis 
zum C-moU-Trio von Beethoven auf; Paul würde hier nicht 
Avenig Glück machen. Zu diesem Brief habe ich einen Tag 
mehr gebraucht, als Gott zur Erschaffung der W^elt; heut ist 
der siebente; damit er nicht neun Tage alt wird, wie ein 
Kindbettfieber, höre ich auf. Von der Villa Wolchonsky habe 
ich Dich gegrüsst, wenn ich's von der Villa Mills vergessen 
habe, ist's meine Schuld; denn sie hat's mir schon zweimal 
aufgetragen. Kennst Du daselbst eine Cypresse, in die ein 
Bosenbaum ganz hinein gewachsen ist und oben in dem 
dunkeln Grün blüht? Das ist fast poetisch." 



*) Anspielung auf die 2te Erzählung des ersten Tages im De- 
cameron. Der Held derselben heisst aber dort Abraham. Der 
Held der 3ten heisst Melchisedeck. Diese letztere liegt dem 
l^athan dem Weisen zum Grunde. 



Henriette Sonntag-Rossi. 279 

Fanny an Rebecka. 

Berlin, den 9ten Januar 1844. 

„Du schreibst mir am offenen Fenster, ich antworte Dir 
hinter gefrorenen Scheiben, das ist der Lauf der Gestirne. 
Hensel und ich wir seufzen immer wie die Kachelöfen, wenn 
wir Deine Briefe lesen, und freuen uns doch so sehr darüber, 
diesmal über Deinen prächtigen Weilinachtsbrief mit der aller- 
liebsten Vignette. Ich glaube, wii' müssen Italien noch ein- 
mal in unserm Leben durchführen, wie em gutes Ensemble- 
stück ; erst haben wir unsere Stimme gesungen, nun singt Ihr 
die Eure, und zuletzt, hoffe ich, werden wir das Thema noch 
einmal zusammennehmen; dies musikalische Gleichniss ziemt 
mir, denn wenn Euch Blumen, blauer Himmel und milde Lüfte 
blühen, so schweben wii' in einer krausen Atmosphäre der 
buntesten imd mannigfaltigsten Musik, von der niedrigsten zur 
höchsten, von der modern-frivolsten bis zur dom-frommsten, 
es ist uns Alles beschieden. Das Meiste davon steht mir zwar 
noch bevor, ich brauche Dir aber nur die Anwesenden zu 
nennen: Schröder-Devrient, Servals, Moriani, Sciabatta, Richard 
Wagner mit seinem fliegenden Holländer, so kannst Du Dir 
denken, wie viel Abende und Geld das wieder kostet. Vorige 
AVoche haben wii- Jettchen Sonntag gehört, die noch ganz 
bezaubernd singt, viel schöner war aber noch', Felix erzählen 
zu hören, wie das zuging und was Alles in der Probe vor- 
ging. Frau Gräfin Rossi nämlich, müde des Berliner Ent- 
zückens über Mme. O.'s französische Romanzen, beschloss, sich 
endlich aus ihrer Zurückgezogenheit hervorzuzielm und den 
Hof zu beglücken, und wünschte zu dem Ende, von der Kö- 
nigin eingeladen zu werden. Da dies aber nicht anging, Eti- 
quetten-Angelegenheiten wegen, so liefen Herr v. Massow und 
Graf Redern in die Wette, wer zuerst eine musikalische Soiree 
zu Stande bringen würde; Herr v. Massow siegte, die Ma- 
jestäten und wir sagten ihm zu, und vorigen Donnerstag lief 
diese höchst amüsante Fete vom Stapel, in der abwechselnd 
die Rossi und die 0., dann beide ein Duett sangen, Felix der 



280 Keise- und Heimathbriefe. 

Rossi begleitete und dann auf den Wunsch des Königs phan- 
tasirte, was ihm freilich sonst schon besser gelungen ist. Die 
Rossi singt noch mit aller Anmuth und Vollkommenheit, die 
Jettchen Sonntag jemals besessen hat, wii^klich entzückend, 
und es war nur zu bewundern, wie sich die kleine 0. doch 
ohne eigentlichen Fiasco neben ihr hielt, wozu gewiss ihr 
hübsches Gesicht nicht wenig beigetragen hat. Sodann spielte 
neulich Servals in einer Gesellschaft bei Felix. Deiner wahr- 
scheinlichen Unwissenheit zu Hülfe zu kommen, will ich Dich 
belehren, dass Servals ein Belgier, der erste jetzige Violon- 
cellist und ohne Zweifel der erste Faxenmacher und Gesichter- 
schneider seiner Zeit ist. Wir hatten vorher sehr viel von 
dieser seiner Eigenschaft gehört, und da war es denn komisch, 
wie Felix, der ihn begleitete, nur die nöthigsten Blicke auf 
die Noten warf, und dann ilm wieder mit einer gewissen 
lustigen Neugier ansah, um seine Grimassen recht zu studiren. 
Diese stellen nämlich den modernen, inneren Drang vor, der 
gar nicht weiss, wie er sich Luft machen soll, und sich nun 
bei diesem Belgier mit seinem ehrlichen flämischen Gesicht 
doppelt komisch und tölpelhaft ausnimmt. Ich werde, was 
solche Musili betrifft, alle Tage philiströser und unbarm- 
herziger, und so tausend Teufeleien der Servals auch macht, 
stehe ich nicht vom Stuhl auf, ilm noch einmal zu hören. 
Anders ist es mit Moriani, auf den ich mich sehr freue; 
eine schöne Stimme hat bei mir schon halb gewonnen, 
und unsern römischen Bekannten Sciabatta, der mit ihm 
reist, zu sehen freut mich auch. Felix' Psalm am Neu- 
jahrstage , von dem ich Dir ja wohl neulich schrieb, ist sehr 
schön ausgefallen und aufgeführt worden, leider aber durch 
eine Predigt von Strauss wieder ausgewischt, die über alle 
Begriffe elend war. Dieser Art Musik kann man nicht 
hoffen, jemals froh zu werden, Aveil man wohl einen Dom- 
chor, aber wie es scheint keinen vernünftigen Dompfaffen 
herbeischaffen kann. Felix müsste auch noch die Predigt 
halten, und das kann man doch eigentlich nicht von ihm ver- 
langen. " 



Fanny über die Pabst-Audienz. 281 

Fanny an Rebecka. 
(Mit einer Vignette Wilhelm Hensels, die Audienz von 
Diiichlet und Jakoby bei dem Papst darstellend, ersterer den 
Pantoffel, letzterer die Hand küssend, und einer aufgeklebten 
Zeitungsnotiz aus der Spenerscben, diese Audienz betreffend, 
welche schliesst: „die beiden Gelehrten, mit denen der Papst 
in seiner leutseligen Weise sich ausführlich über den damaligen 
Stand der mathematischen Wissenschaften in Deutschland unter- 
hielt, waren nicht wenig erstaunt, in dem Oberhaupte der 
katholischen Kirche einem ebenso allseitig, als gründlich ge- 
bildeten Manne zu begegnen." — Hensel hat unter die Vignette 
geschrieben : 

Indess ich einen Pantoffel küsse 
Hat mein Römerschwager Doppelgenüsse; 
Wie schmiegt sich der riesige Christoffel 
Unter den Frauen- und Papstpantoffel. 

So wird er zur Jakobileiter, 

Der drauf zur Kirche steigt und weiter, 

Wo thront das theologische X; 

Das zeigt das Bild, und weiter nix.) 

„Weiter sage ich garnichts! Die Sensation obiger Mit- 
theilung der Spener' sehen in mathematischen und befreundeten 
Kreisen war ungeheuer und die hüarite generale. Selbst wir 
im Hause waren überrascht, denn die andeutende Notiz in 
Deinem geehrten Letzten hatten wir wenig beachtet, so un- 
wahrscheinlich schien die Begebenheit. Hir erlebt doch schöne 
Dinge, das muss wahr sein, und den grössten Spass macht es 
uns, Alles so deutlich vor Augen zu sehen, da wir zum Glück 
sämmtliche Hauptpersonen und Schauplätze kennen. — — 
Eine preussische xAkademie in Rom? Ja das wäre wohl ein 
schönes Ding, und den Inhalt Deines letzten (inzwischen an- 
gekommenen) Briefes haben wir, den Tag ehe er ankam, weit- 
läufig durchgesprochen, und ich fand, dass Hensel ein vor- 
trefflicher Gesandter in Rom sein wüi'de. Das ist uns Deut- 
schen doch von den alten Kaiserzeiten her übrig geblieben, 
diese ewige Doppelheit, das Begehren nach Italien, und wenn 
wir ganz dort leben sollten, würden wir uns doch wieder als 



282 Beise- und Heimathbriefe. 

Deutsche fühlen müssen. Mit den anderen Nationen ist das 
anders, die reisen aus diesem oder jenem Grunde hin, aber wir 
ziehen lün, weil es uns hinzieht. Das war schön gesagt, da- 
für werde ich mir den Schwanenorden verleihen. Heut näm- 
lich bei'm Ordensfest tritt dieser Unsinn für das 19te Jahr- 
hundert ins Leben. Habt Ihr die vorläufige Verordnung ge- 
lesen? Die ist ein Meisterstück! Ich habe es nicht für mög- 
lich gehalten, soviel Inkonsequenzen, Widersprüche, Unsinn 
und Gel'ühlsschwobelei auf den engen Raum von drei Seiten 
zusammenzupressen. Wäre ich Censor, ich hätte dies Acten- 
stück gestrichen. Es war aber echt! — Froriep wii'd heute 
mit dem Hundehalsband dekorirt, und ich werde gleich hin- 
gehen, der Frau condoliren, da es heute, was man so nennt, 
gutes Wetter ist, d. h. unten wird man, wo die Sonne scheint, 
im Schneewasser baden, und im Schatten bei jedem Schritt 
purzeln, aber never mind, die Fenster sind abgethaut, und es 
scheint etwas. Beckchen! Wetter haben wir gehabt! Erst 
einen tüchtigen Ruck Kälte, dann Stürme, Güsse, Flocken, 
Glatteis, alles, was sich die Natur nur Unangenelimes aus- 
denken kann. Heute war eine grosse Viehtragödie im Garten. 
(Für Walter.) Die Krähen erhoben plötzlich ein so entsetz- 
liches Gesclu-ei, so lange anhaltend und kläglich, dass der 
Gärtner sich bewogen fühlte, nachzusehen, was ihnen geschehen 
sei ? da lag Eine todt, und die Andern sangen ihr das Klagelied. 
Könnte nicht dem armen Elsasser eine Reise hierher 
lielfen ? Dann könnte er ja dieselbe Pflege im Ciinicum haben, 
wie Kaselowsky. Wir wollten uns gewiss alle Mühe für ihn 
geben, auch bin ich überzeugt, dass mein Mann ihm eine Un- 
terstützung wüi'de verschaffen können ; das ist des Königs beste 
Seite, dass er willig Geld giebt, wenn es Einer braucht. Und 
da ich ihn kritisirt, will ich Dir auch erzählen, wie hübsch 
er sich Felix gegenüber benommen. Ein junger Musiker von 
Talent, seit sieben Jahren Hauslehrer in Mecklenburg, der nie 
eine Note von seiner Composition gehört hatte, wandte sich 
auf eine sehr hübsche und bescheidene Weise an Felix, um 
von ihm zu erfahren, ob er wohl Talent habe. Felix schrieb 
ihm sehr anerkennend über seine Sachen, worauf denn ein 



i 



Wohnungsangelegenheiten. 283 

Brief ankam, wie an ein höheres Wesen, einen so wahren 
Ausdi-nck glückseliger Dankbarkeit habe ich nicht leicht ge- 
hört. Felix trug beim König auf eine Unterstützung an, den 
zweiten Tag hatte er die Antwort, zweihundert Thaler auf 
zwei Jahr, nun kommt der junge Mann und wird Musik machen 
und hören. Es ist eine von den tausend hübschen, rührenden, 
lächerlichen, unglaublichen Geschichten, die Felix schon erlebt 

hat, seit er hier ist." 

Es war Fanny's Herzenswunsch, mit Dirichlets nach deren 
Eückkehr im Hause Leipzigerstrasse 3 zusammen zu wohnen. 
Rebecka ging hierauf indessen nicht ein und Fanny fügte sich 
in das Unvermeidliche und miethete ilir auf dem Leipzigerplatz 
Nr. 18 eine bequeme und mit modernem Comfort eingerichtete 
Wohnung; sie sorgte mit mütterlich-schwesterlicher Sorgfalt 
und Zärtlichkeit für deren Einrichtung und für alle Bequem- 
lichkeiten und kleinen wü'thschaftlichen Bedürfnisse, „es soll 
Dir womöglich garnichts unbequem sein'', schreibt sie, „die 
Luft, die ich Dir nicht ersparen kann, ist schon genug, und Du 
musst und sollst Alles in der besten Ordnung finden." Ein 
wahres Creve-coeur Avar es ihr, dass durch die später zu er- 
zählenden Ereignisse die Rückkehr in die schöne neue, bis in's 
kleinste vollständig eingerichtete Wohnung eine sehr lange, 
imliebsame und mit grossen Kosten verknüpfte Verzögerung 
erlitt. Der erste in dieser Angelegenheit geschriebene Brief 
von Fanny vom 30ten Januar IS 44 fährt fort: 

Fanny an Rebecka. 

Berlin, SOsten Januar 1844. 
— Einen andern Diskurs, Liebetraut! — Bei Felix hatten 
wii- neulich ein sehr amüsantes Diner mit der Schröder-De- 
vrient, Gade, Sciabatta etc. Die Scliröder ist das amüsanteste, 
tollste Frauenzimmer, was die für Gescliichten erzählt! — 
Sonnabend, an Felixens Geburtstag, werden ein Paar Leute 
bei uns sein, ich muss meine enorme Faulheit überwinden. Mir 
ist, als hätte ich nie einen Menschen aufgenommen. Sonntag 
über acht Tage fängt auch meine Musik wieder an. Felix 



284 Reise- und Heimathbriefe. 

treibt dazu, dem auch die Klatschereien zu Ohren gekommen 
sind, als wolle er es nicht, dass hier Musik gemacht würde. 
Felix' Domverhältnisse sind so so, wie kann auch Felix mit 
Strauss fertig \v erden ? Du glaubst aber nicht, wie wenig der- 
gleichen Verdriesslichkeiten jetzt auf seine Laune Einfluss 
haben. Wenn Du nun, wie ich zu Gott hoffe, gesund aus 
Italien zui'ückkommst und mit den Leiden alle Launen dort 
zurücklassest, so werde ich mich sehr zusammennehmen müssen, 
dass ich dann nicht der einzige Brummbär in der Familie 
bleibe; ich werde schon heut anfangen, mich der grössten 
Liebenswürdigkeit zu befleissigen. Gott! ich habe so schänd- 
lich viel Besuche zu machen und dabei ist den ganzen Winter 
ein Patsch, dass man nicht trocknen Fusses aus einem Zimmer 
in's andere kommen kann, soll man sich nun dazu mit schwerem 
Gelde einen Wagen nehmen? Das will Gott nicht, pflegte Vater 
zu sagen. Es ist so schon schändlich, abscheulich, unerhört, 
was wir für Geld brauchen, und wenn ich nur wüsste, wo es 
bleibt, was man davon hat? Erlaube mir, in einige Berserker- 
wuth zu gerathen, die mich über dies Kapitel leicht befällt. — 
Ach! aber Moriani ist ein einziger Sänger, denk Dir, dass er 
mich in Lucia ganz entzückt hat, trotz der allerschlechtesten 
Umgebung, die man sich nur vorstellen kann, die Einfachheit 
im Gesänge, das Erreichen der Wirkung allein durch den 
Vortrag, das gefällt mir so ganz ausserordentlich! Er kann 
garnichts, sagen die Leute, das ist so wunderschön!" 

Aus einem Brief von Felix an Rebecka. 

Berlin, d. löten Februar. 

„ — — Zur heiligen W^oclie soll ich Dir ein Gebrauchs- 
recept schicken? Es ist einfach genug: Du musst jMittwoch, 
Donnerstag, Freitag in die Kapelle und zuhören, musst Dich 
durch die unsägliche Langeweile von vielen abscheulich recitii'ten 
Psalmen nicht abschrecken lassen, weil das gerade der Kontrast ist, 
den sie zu ihren Effekten mit den Lamentationen, dem Miserere 
u. s. w. brauchen, und musst Dir vor allen Dingen ein klein 
Büchelchen, das Du überall bekommst, anschaffen, um darin 



Cerito. Moriaui. 285 

den Fortgang der Ceremonien, den Text der Psalmen und der 
Gesänge nachzulesen. Die Meisten hören die zwei bis drei 
Stunden ohne solch ein Büchelchen — es ist mir geradezu 
unbegreiflich, wie sie es aushalten. Mir wär's ohne Nachlesen 
unmöglich gewesen, das zweite Mal hinzugehn, ja mitten drin 
ist es nicht ohne Annehmlichkeit, zu wissen, dass man schon 
in der Hälfte ist, oder im Viertel, und irgend ein Ende abzu- 
sehn. Bitte Dirichlet, dies seinem Collegen Capellari nicht zu 
verrathen, sonst wirft es ein schlechtes Licht auf die Gesinnun- 
gen der Familie, die jetzt, seit jenem berühmten Pantoffelkuss, 
über alle Anfechtungen erhaben sind. Ferner sieh die Cerito 
so oft tanzen, wie Du kannst (dies gehört aber nicht mehr 
zur vollkommenen Würdigung der heiligen Woche). Als ich 
sie vor zwei Jahren mit ihrem runden Gesichtchen tanzen sah, 
sagte ich, wenn die nicht in zwei Jahren Mordspektakel macht, 
so weiss ich's nicht. Da siehst also, dass ich's gewusst habe. 
Gestern hörte ichMoriani in der Lucia singen, der hat nun wieder 
seit zwei Jahren verloren und ist doch noch immer ein wun- 
dervoller Sänger. Das Mesige musikalische Publikum macht 
es ebenso, wie früher der Eedakteur Finck in der alten musi- 
kalischen Zeitung, sie wissen am Vortrefflichen eine mangel- 
hafte Seite herauszukehren, und das Stümperhafte nicht ganz 
ohne Verdienst zu finden. Nichts kann mich aber mehr ver- 
driessen, als grade dies, jeder Tadel eines Vortrefflichen und 
jede Ermunterung eines Stümpers macht mir immer gerade 
denselben Eindi'uck, als wenn mich einer persönlich beleidigte, 
obgleich ich den Vortrefflichen nicht bemitleide und den Stümper 
nicht beneide oder hasse. Aber es ist Instinkt. Ich zanke 
mich also mit den Hiesigen aus Instinkt, aus Naturtrieb. Mit 
der Domgeistlichkeit habe ich mich neulich aus Grundsatz ge- 
zankt, bis dato habe ich Recht behalten, aber „Niemand weiss 
im grünen Mai, was Eose noch was Mädchen sei." (Eine pro- 
phetische Stelle der Frau von Chezy, worin sie auf die hiesigen 
Zustände des Jahres 1F44 angespielt hat, und wegen deren 
die ganze Oper jetzt nicht mehr gegeben werden sollte.) 
Wenn ich dem Lord Westmoreland vier Motetten, ein Magni- 
ficat und sechs Walzer seiner Composition vorspielen muss, 



286 Reise- imd Heimatlibriefe. 

dann weiss ich auch nicht melir recht, was Rose und was 
Mädchen sei; vorgestern Morgen war das der Fall. 

Lieber Walter! Ein Paar Pferde, sieben bis acht Schar- 
mützel, eine Bestürmimg und Gregor VII. zu Canossa hättest 
Du mir schon längst einmal aufzeiclmen und hersclücken können. 
Oder schreib' einmal was, aus Rom ist Alles interessant. Sag' 
mir, was Du issest, was Du arbeitest, ob Du schon den Platz 
gefunden hast, wo Cicero stand, als er sagte : Quousque tandem 
ahutere^ Caiilina^ und ob noch an der Ecke der Via Condotti 
zum Corso so gute Confetti zum Werfen zu haben sind; Ilir 
seid ja jetzt mitten im Garne val." 



ßebecka an Fanny. 

„Ich habe den Carneval zu Wagen, zu Fenster, zu Balcon 
mitgemacht; Borchardt hat Wagen und Balcon, Kaselowsky hat 
auch einen Balcon, also ist für uns auf alle Weise gesorgt. 
Das Fahren hat mich aber ganz wild gemacht, obgleich ich 
mich nur defensiv verhalten habe ; im Ganzen war ich so juste 
milieu zwischen meüiem philosophe retire du monde , Dii'ichlet, 
der mit Weltverachtung und Spott seine Blumen und Süssig- 
keiten warf, und Walter's Entzücken bei jeder Maske, jedem 
Bonbon, jedem Eippenstoss, den er bekam. Man bombardii-t 
jetzt nur mit Blumen und Bonbons, Gipsconfetti sind sclüechter 
genre, Landsturm ; die ewig in der Luft umherfliegenden Sträusse 
sind wirklich ein allerliebster Anblick. Der Mo ccoletti- Abend 
wurde durch Regen sehr gestört, doch war unser, oder viel- 
mehr Borchardt's Balcon lustig genug ; Sciabatta's, Kaselowsky, 
Borchardt und wii-, Walter eifrig beschäftigt, mit einer langen 
canna die Lichter unten in den Wagen auszulöschen mid gegen- 
über die sehr ernsthafte Antoninssäule ganz curios in die tolle 
Wirthschaft hinuntersehend. Das böse Ende ist auch nach- 
gekommen, ehi junger Mensch hat bei Vertheidigung seiner 
Dame gegen die schmutzigen Schnupftücher des Pöbels einige 
Messerstiche bekommen und ist gestern an den Wunden ge- 
storben ; mich wundert nur, dass das nicht öfter vorkommt bei 
diesem bis zur Raserei aufgeregten Volk. — Am Sonntag vor 



Carneval in Rom. 287 

acht Tagen waren wir bei Euem Freunden Bruni's auf einem 
kleinen Maskenball; da habe ich mich sehi* gut amüsirt und 
sogar auf meine alten Tage — getanzt. Ein Saltarell von 
drei Paaren im Trasteverinerkostüm , wozu eine alte Dame 
Tambourin und Bruni selbst Guitarre spielte, war allerliebst, 
namentlich tanzte la Signora Angelica Bnini mit ihrem Bruder 
wirklich wie eine Bacchantin. Und dabei dieser Jubel, dies 
Brüllen und Klatschen des Publikums — uns ruhigen Nord- 
deutschen kommt dieser Aufwand an Lebenskraft und Feuep- 
gar zu merkwürdig vor. Gestern waren \vir nach langer Zeit 
im Vatican, der aber für rheumatische Personen wahres Gift 
ist; da hab' ich das Glück gehabt, die schönste Frau zu sehn, 
die meinen Augen je erschienen, ich war ganz erstaiTt. Wo 
blieb die Minerva medica^ und der Nil und der Demosthenes; 
ich fühlte mich ganz Franz im Götz von Berlichingen. — Es 
ist eine Französin, Madame de Clairboiu'g — gegen die ist 
Venus ein gemeines Weib. Sie macht ungeheures Aufsehn hier, 
der alte Fogelberg ist auf dem Carneval so lange um ihren 
Wagen herumgegangen, sie ankucken, bis der Mann ihm eine 
Hand voll Confetti in's Gesicht warf. Kaselowsky ist in un- 
glaublicher Verzückung, der hat sie melirere Mal bei Schnetz 
und Delaroche in Toilette geselin, auf dem Fastnachtsball 
tanzten sie, die Delaroche und andere Franzosen eine Menuett 
in roccoco Schäferkostüm; leider bin ich aus einer dummen 
Blödigkeit nicht hingegangen. Ueberhaupt hat mir meine 
Scheu vor fremden Menschen, die Dirichlet trefflich unterstützt, 
schon manchen Querstrich gemacht, und nachher bereue ich's 
immer; aber ich fühle, ich lege sie nie ab und muss nun so 
verbraucht werden. Hat Dich denn das römische Frühjahr 
auch so butterweich gemacht? Ich weine bei jedem frischen 
Zweig und bei jedem dummen Witz, fabricire aber deren zahl- 
lose. — Neulich war eine schrecklich langweilige VerheiTlichimg 
bei Santini, der hatte eine Büste von Palestrina mit einer 
Serviette zugedeckt und dann mit Begleitung einer Eede, Eeci- 
tirung von hundert Sonetten und einer grässlichen papalen 
Musik aufgedeckt, dabei waren lauter Mönche und wir. Ernst 
hat Spielkameraden bei Nerenzen's, bei schönem Wetter gehn 



288 Reise- und Heimathbriefe. 

sie spazieren, bei schlechtem spielen sie in der Stube, zur heim- 
lichen Freude der Mama, bei der sie nicht sind. Das ist aber 
Spass, sie sind selir artig und possirlich.* 

Fanny an Rebecka. 

„ — — Den Isten und 2ten August dirigirt Felix ein 
grosses Musikfest in Zweibrücken, wobei unter andern der 
Paulus und die Walpurgisnacht vorkommen und ich vermuthe 
sehr, dass Ihr dahin Euern letzten Reiseakt und Freudenfinale 
verlegen, an den letzten Naturgenuss den ersten Kunst- und 
Wiedersehens-Trompetentusch knüpfen und so Eure ganze Reise- 
symphonie mit einem schönen, langen Beethoven'schen Schluss 
krönen werdet. Die Schlussakkorde werden lang genug, wenn 
Ihr den ersten August anfangt und Ende Monats hier seid. 
Es ist so ein Brocken Vorschlag, in müssigen Stunden di^an 
zu knabbern. 

Besagte Walpurgisnacht habe ich gestern zum zweiten 
Mal probiren lassen, nächsten Sonntag soll es gesungen werden. 
Es ging prächtig, die Decker, Auguste Löwe, Bader und unser 
neuer Bassist Beer thaten Wunder im Chor, Du glaubst nicht, 
wie schön die Musik ist und wie unbeschreiblich amüsant zu 
singen. Die Proben machen uns das grösste Vergnügen. Dann 
assen Mittags die Geschwister hier, Nachmittags gingen wir 
zu verschiedenen Kunstgenüssen auseinander. Felix, dessen 
Liebenswürdigkeit noch immer crescendo geht, führte Sebastian 
und Minna's Kadetten in's Königstädter Theater, Pauls und 
wir gingen in's erste Concert der allerliebsten Milanollo's, ein 
Paar Violinspielerinnen von elf und vierzehn Jahren, von denen 
die Aelteste ganz ausgezeichnet, aber auch die Zweite sehr 
geschickt, und Beide wirklich fressniedlich sind. Sie erscheinen 
mit sehr vernünftiger Koketterie ohne allen Schmuck, in weissen 
Kleiderchen und Höschen , die Aelteste in schönen , langen 
schwarzen Zöpfen, die Andere mit einem Lockenkopf ä la Engel, 
Publikus brüllt und hat Recht. Felix hat nun contra vent et, 
maree durchgesetzt, dass in den Abonnementscoucerten gesungen- 
wird. Zum letzten kommt die neunte Symphonie und Felixens 
Psalm „Als Israel". — 



Musikalisches aus Berlin. 289 

Warum wir Dir den Hochzeitsmarsch nicht in einem Brief 
geschickt haben, fragst Du? Erstlich, weil es ein grosses 
Musikstück ist, das schwerlich Platz auf solchem Bogen fände 
und zweitens, was denkst Du? Dies Jahr hast Du Orangen, 
Schmutz und Sonne, wenn wir Dir nicht etwas Erbsen, Eein- 
lichkeit und Musik hier aufheben, kommst Du ja lieber gar 
nicht wieder. — Wenn ich nur wüsste, was die Brüder Dir 
von Hausbegebenheiten geschrieben haben! An Felixens Ge- 
burtstag war hier eine sehr schöne Fete (nach Gans muss man 
so etwas lieber zwei Mal als garnicht hören), alle angenehmen 
Leute der Bekanntschaft und so wenig Kreti als möglich ; den 
letzten Tag meldete sich die Schröder-De\Tient dazu, und da 
Felix ihr grosser Freimd und Bewunderer ist, luden wir sie 
natürlich ein. Sie war sehr liebenswürdig, sang, soviel man 
wollte, u. A. drei Duette mit der Decker aus Figaro undTitus, 
und alle Leute waren glückselig. Den Sonntag darauf hatten 
wir zum ersten Mal Morgensoii'ee im Gartensaal, der ganz 
gemächlich w^arm war; die schönste Sonne schien hinein, mir 
so in's Gesicht, dass ich zum nächsten Mal die Markise werde 
müssen aufspannen lassen. Felix hatte mir in zwei Tagen sehr 
hübsche und brillante vierhändige Variationen gemacht, die 
ich mir Sonnabend bogenweis , wie sie fertig -wurden , herüber- 
holte und ein wenig übte und die selir gut gingen. Ich sehe 
recht, wie jung Du noch bist, dass Du meinst, in ein Paar 
Jahren würden wir zu alt sein, die Eeise noch einmal zu 
machen; werde nur erst so alt wie ich, dann wirst Du gar 
nicht mehr fürchten, noch ein bischen älter zu werden; jetzt, 
wo mir die Vierzig schon recht nahe rücken, denke ich ernstlich 
daran, wie frisch und munter ich noch in den Fünfzig zu sein 
Lust habe, so wird es Dir auch gehn und ich bin weit entfernt, 
eine gemeinschaftliche Eeise dahin aufzugeben. Ad vocem alt 
werden, wünsche ich Dirichlet, der nun wieder ein Jahr älter 
ist, als ich, nachträglich Glück zu seinem Geburtstage. Wir 
waren den Abend hier mit den Geschwistern zusammen und 
haben Euch hoch leben lassen. Ueberhaupt werdet Ihr nie- 
mals übergangen, wenn Hensel bei Toaste ist, und er ist es 
diesen Winter sehr, zu Felixens höchst grotesker Bewunderung, 

Die Familie Mendelssohu. n. 1^ 



290 Eeise- uud Heimathbriefe. 

der immer gleicLi seine Verse behält und sich beklagt, dass er 
das nicht machen kann." 



Kebecka an Fanny. 

Eom, 17ten März. 

„Bravissima, liebe Fanny, die Wohnung lacht mich von 
hier aus an , und wie schön , dass ich nicht einmal ausgehen 
kann, ohne bei Euch vorbei, oder vielmelir nicht vorbei zu 
gehen, und eine kostbare Viertelstunde zu verdämmern. Wir 
sind contentissimi, das Vertrauensvotum erfolgt hiermit in aller 
Form, ich ernenne Dich liiermit feierlich zum Minister des 
Hauses, des Kabinets, des Innern und der Kultui', und werde 
meinen Finanzminister anweisen, die nöthigen Summen zur 
Disposition zu stellen. Auf das Glashäuschen bin ich sehr 
gespitzt und sehe schon von hier den Orangenbaum mit einer 
vertrockneten Frucht und einer Blüthe, die abfällt; dann werd' 
ich an Italien denken. — Könnt Ihr uns gar nichts Neues von 
Neapel sagen, ob da Eevolution ist, oder nicht? Reisende 
sagen nein, Wohlunterrichtete schweigen bedeutend. Es ist 
wieder schwül in der Welt, und die nave di S. Pietro scheint 
sehr wackeln zu woUen." 

Rebecka an Fanny. 

Rom, den SOsten März 1844. 

„ Von der Umgegend haben wir nur Frascati und 

Grotta ferrata gesehen, wo am Montag Schinkenmarkt war, 
und einen prächtigen klaren Tag und lustige Fahrt gehabt, 
trotz vieler Hindernisse meist sehr lächerlicher Art. Die 
Quintessenz davon war, dass erstens Kaselowsky sich kapri- 
cirte, rückwärts zu fahren, halbwegs rausser gelassen werden 
musste und auch noch die andere Hälfte unter sehr bedenk- 
lichem Schweigen zurücklegte, das er erst nach verschiedenen 
frittCs und umido's in der osteria con cucina brechen konnte, 
aber bildlich, zum wahren Ausbruch kam nur üble Laune, die 
aber auch nach Tisch verging. Dann verlief sich sein Hund, 



Frascati. Grotta ferrata. 291 

worüber er Moser zwar schonende, aber doch sehr bittere 
Vorwüi-fe machte (bitte diesen Punkt im Auge zu behalten), 
bis sich das dumme Vieh wiederfand, das nicht füi- einen 
Dreier gesunden Menschenverstand hat. Um sieben kamen 
wir zurück, nachdem wir Mondi-agone, Taverno, Falconieri 
und das Schinkengedränge zu Fuss zurückgelegt hatten, und 
waren sehr müde und verfahren {hj the lye, ich hätte nie 
gedacht, dass die Umgegend Eoms so viel hässliche Weiber 
produciren könnte, als in Grotta ferrata beisammen waren, 
besonders eine Sorte dicker, alter, die breit ritten, waren 
höchst appetitlich), ich bat Dirichlet um Erlaubniss, die 
Fensterladen zuzumachen und uns zu verläugnen, das wollte 
er nicht und bewies ma/hematisch , Fremde könnten unmög- 
lich kommen imd für die täglichen Hausfreunde wollte er zu 
Hause sein. Wir lassen ims überzeugen, die Herren lagern 
sich jeder auf zwei Stühlen, ich auf dem Sopha, der Thee 
kommt eine Stunde früher als gewöhnlich, mit Eiern, 
Schinken u. s. w., denn mr hatten seit ein Uhr nichts gegessen, 
ausser diversen Nüssen und Eosinen, die immer mitfahren; 
eben waren wir fertig, die ganze Zerstörung Troja's stand 
noch auf dem Tisch, sammt Eierschalen und Schinkenfett, und 
Moser und Kaselowsky wollten eben nach Haus gehn, da 
klingelt's und unauflialtsam dringt ein: Madame Bruni in 
Sammtmantille und Federhut, Madame Bellay in feinster 
Pariser Toilette, mit Tochter und dazu g'ehörigen Männern, 
NB. das erste Mal, dass sie Abends kamen. Der Moment, 
€he die Zerstörung herausgeschafft, frisches, kochendes W^asser 
erschienen und ich eine Haube aufliatte, war schrecklich, ich 
rechne auf Euer Mitgefühl. Später kam noch Dugasseau da- 
zu und die Sitzung w^ährte bis gegen Mitternacht. Wenn Du 
denkst, damit hat's ein Ende, so irrst Du. Wie Alle fort 
w^aren, ich zu Bett und Dirichlet noch studii'te, fand sich, dass 
Kaselowsky sehi Vieh bei uns vergessen hatte, w^as nach den 
Vorfällen des Tages ein unsterbliches Gelächter veranlasste; 
ehe das nun in Euhe gebracht war, dauerte wieder einige 
Zeit, die Kinder waren aber am andern Morgen höchst glück- 
lich darüber, nahmen das Thier in's Bett, fütterten es, 

19* 



292 Reise- und Heiniathbriefe. 

Sebastian hätte nur noch gefehlt. Auch da wäre er gewiss 
im Bunde der Dritte, wenn es klingelt, und die Beiden unauf- 
haltsam herausstürzen und wie besessen schreien: chi e? 

Das Tagesgespräch ist, dass die Diligence von Neapel bis 
Terracina von Räubern angefallen und beraubt worden; wahr 
ist es leider, o Hensel, denn Horkel befand sich im Cabriolet 
und hat uns gestern die ganze Geschichte brühwarm und 
höchst komisch erzählt ; sie haben ihnen im Namen di Gesü Oristo 
e della Santissima Madonna faccia in terra anbefohlen und 
Taschen und Koffer geleert. Horkel ist jetzt ebenso der Held 
des Tages, wie wir nach dem Einbruch. Er hat nur seine 
Uhr und sechs Scudi eingebüsst, und Du kannst seiner Mutter 
sagen, der Schrecken wäre ihm so gut bekommen, dass er den 
Tag nach seiner Ankunft mit uns in Villa Poniatowsky spa- 
zieren gegangen sei und Abends mit uns Thee getrunken 
habe. — Gestern war ich in St. Peter zur Palmenprocession, 
da ich aber nicht die Nacht vorher auf der Damentribüne 
geschlafen habe, musste ich stehn und blieb daher nicht lange. 
Dirichlet sollte in der Procession mitfiguriren, that es aber 
nicht, weil er sich keine kurzen Hosen anschaffen wollte und 
ging gar nicht hin, um zu arbeiten; wenn ich ihn nicht spa- 
zieren triebe, studirte er sich jetzt ganz über; Nachmittags 
waren wir, wie gesagt, in Villa Poniatowsky bis nach Sonnen- 
untergang. Wenn ich nicht fürchtete mit meinen ewigen 
Blumen langweilig zu werden, würde ich erzählen, welche 
Masse Traubenhyazinthen ich mitgebracht habe und wie heut 
meine Stube so schön aufgeräumt und mit Sträusschen von 
allen sieben Hügeln Roms geschmückt ist, dass ich sicher bin, 
heut kommt Niemand." 

Fanny an Rebecka. 

Berlin, 18ten März 44. 

„ — — Wir haben hier in Saus und Braus gelebt, vorige 
Woche war jeder Tag doppelt und dreifach besetzt, vier grosse 
Abendfeten hintereinander, in deren einer die Rossi, in einer 
die Birch (eine englische Sängerin, die ganz wie die Novelle 



Musikalisches aus Berlin. 293 

singt) und in zweien die Decker zu hören war. Diese hat an 
zwei aufeinanderfolgenden Donnerstagen die prachtvollsten 
Soireen gegeben, die man nur sehn kann, sie waren eigentlich 
für den Herzog von Mecklenburg und seinen Theater-Inten- 
danten, leider aber kam jener gar nicht nach Berlin, und 
dieser musste nach dem" ersten Fest wieder zurückreisen; das 
that aber dem Glanz der Soireen und der guten Laune der 
Wii'thin, die prächtig bei Stimme war, keinen Eintrag. 
Vorigen Sonntag war auch bei uns die brillanteste Sonntags- 
musik, die, glaube ich, noch jemals stattgefunden hat, sowohl 
was Ausfülu'ung als Publikum betraf. Wenn ich Dir sage, 
dass zwei und zwanzig Equipagen auf dem Hof, und Liszt und 
acht Prinzessinnen im Saal waren, wirst Du mir die nähere 
Beschreibung des Glanzes meiner Hütte wohl erlassen. Da- 
gegen will ich Dir mein Eepertoir mittheilen: Quintett von 
Hummel, mit der Finger leicht Getümmel, Duett aus Fidelio, 
Variationen von David, von dem prächtigen kleinen Joachim 
gespielt, der kein Wunderkind, sondern ein bewunderungs- 
würdiges Kind ist, nebenbei Sebastian's dicker Freund. Zwei 
Lieder, von denen das schöne „Lass die Schmerzen dieser 
Erde'', von Eckert, von Felix und der Decker auswendig vor- 
getragen, wie immer grossen Beifall fand. Ich erlaube Dir, 
Eckert kein Geheimniss daraus zu machen. Hierauf kam die 
Walpurgisnacht, auf die mein Publikum schon seit vier 
W^ochen gespannt war und die vortrefflich ging. Wir hatten 
drei Proben gemacht, bei denen sich die Sänger so amüsirten, 
dass sie gern noch einmal so viel gehabt hätten. Bei der 
letzten war Felix zugegen und sehr zufrieden. Ich hätte gern 
gesehn, dass er begleitet hätte, das wollte er nun aber ein 
für allemal nicht, sondern spielte nur die Ouvertüre mit mir, 
und griff bei den schwierigsten Stellen bald im Bass, bald im 
Diskant mit zu, so dass eine Art von improvisirtem vier- 
händigen Arrangement daraus ward, das sehr gut klang. 
Jetzt habe ich meine Musiken bis nach Ostern aussetzen 
müssen, da Felix bis dahin Zeit und Leute braucht; er führt 
nämlich Palmsonntags in der Garnisonkirche Israel in Egypten 
mit einem Personal von etwa vierhundert und fünfzig Leuten 



294 Reise- und Heimathbriefe. 

auf, es wird ein gewaltiges Orchester dazu an der Orgel 
gebaut, und es wird hoffentlich prachtvoll werden. Vorher 
noch ist als Schluss der Symphonien die neunte mit Chören, 
so dass Felix vollauf zu thun hat. Dabei schreibt er ein 
Konzert für England, zwischendurch gehn die Korrekturen 
seiner neuen Werke, seine zahllose Korrespondenz und Alles, 
was sonst noch der Tag mit sich bringt; er ist fortdauernd 
in bester Laune und freut sich sehr auf seine bevorstehende 
Reise. Neulich nach der Israel-Probe war ausnahmsweise gut 
Wetter, nachdem es aus war, stand und fianii'te man auf der 
Strasse, und dann gingen wir noch spazieren und Abends 
spielten wir Alle mit dem Geheimrath Böckh schwarzer Peter 
und Hessen uns von Sebastian Schnurrbarte malen. Dass Du 
nicht bei Delaroche auf dem Ball warst, ist sehr uiu'echt, auf 
der Reise muss man alle Menschenscheu ablegen, sonst verliert 
man zu viel. Dass ich grossentheils als Wegweiser predige, 
kannst Du wohl denken. Deine Beschreibung von Diiichlet's 
weltverachtender Karnevalslaune hat mich sehr amüsirt, ich 
sehe ihn von hier mit unbesiegbarem Gelelu'tenstolz Sträusse 
schleudern ; hat er nicht aber doch von Zeit zu Zeit dazwischen 
süss gelächelt? — " 

Fanny an Rebeck a. 

Slsten März 1844 (Palmsonntag). 

„Eben kommt Bir todtmüde aus der Peterskirche, früh- 
stückt in Eile und geht gleich wieder in die \\7mderschone 
Luft, denn wenn wir seit einigen Tagen das herrlichste Früh- 
lingswetter haben, wie ist es erst bei Euch? Wenn dieser 
Brief ankommt, ist Dein Geburtstag wohl schon einige Tage 
vorüber, und doch kann ich ihn erst morgen abschicken, um 
Dir gleich Rechenschaft von der heutigen Aufführung von 
Israel in Egj^ten abzulegen, die uns in dieser Zeit sehr 
beschäftigt hat. Also vor allen Dingen schönsten Glückwunsch 
und Gruss, sei an Deinem Geburtstag wohl mit allen Deinigen 
und habe schönes Wetter, dann ist mir für einen vergnügten 
Tag im Freien, ii'gendwo an einem schönen Ort, nicht bange. 



Musikalisches aus Berlin. 295 

Ich frene mich schon auf die Eelation davon, weniger auf den 
Tag, denn da ist Felix schon fort, und das fängt mir schon 
jetzt an, ganz abscheulich vorzukommen. An's Gute und 
Beste gewöhnt man sich so leicht, und wenn ich auch von 
mir nicht sagen kann, dass ich's dann so hinnähme, als müsste 
es so sein, so weiss ich doch nicht recht, wie es anders sein 
soll ? Ende August kommen sie erst wieder, Ihr dann hoffent- 
lich auch, und so w^ill ich mich den ganzen Sommer auf die 
Zeit freuen, die gut sein wird. Es ist so unruhig und zer- 
streut hier, dass ich nicht recht zum Schreiben kommen kann. 
Wir haben Abends nach dem Kirchenkonzert einige Leute 
zum warmen Essen hier; da wir nun bei Paul's essen und 
Dir Heinrich's Geschicklichkeit im Anordnen gewiss noch im 
besten Andenken ist, so wirst Du Dich nicht wundern, wenn 
ich Vormittags den Abendtisch decken lasse, dazwischen in 
den Garten laufe, die schöne Luft zu gemessen, Besuche und 
Geschäfte, die dem morgenden Ersten vorspuken, ungerechnet. 

Nun ist Montag der erste Aprü; Israel, Souper und 

Alles ist vorüber, jedes war in seiner Art vortrefflich; ich 
w^ill Dir aber von der ganzen musikalischen Woche erzählen, 
die Proben zu dem Oratorium und der Chor - Symphonie 
kreuzten sich so, dass Felix rasend zu thun hatte und 
einen Tag erst um sieben Mittag essen konnte. Die Sym- 
phonie am Donnerstag war ganz herrlich und ward mit der 
grössten Begeisterung ausgeführt, wenn ich nachher auf dem 
Korridor Einem vom Chor begegnete, der war in einer Art 
Exaltation, nie ist mir das gewaltige Werk so klar und lieb 
geworden; man muss aber auch sehn, wie Felix es dirigii't 
und wie er es dem Orchester begreiflich gemacht hat; es ging 
wundervoll, und ich erinnere mich keines glücklicheren mu- 
sikalischen Abends. Die beiden letzten Proben von Israel da- 
gegen Hessen so viel zu wünschen übrig, dass ich mit einigem 
Zagen in die Kirche ging, die bis in den letzten Winkel 
gefüllt war. Für uns und den andern hohen Adel waren 
Plätze am Altar aufbewahrt worden. Es begann auch gleich 
mit einem dicken Fehler in den Bässen, beim ersten Recitativ, 
iann aber ging es schön, die drei gewaltigen Massen, Chor; 



296 Keise- und Heimathbriefe. 

Orchester und Orgel waren in wundervollem Einklang, und 
namentlich thut die Orgel eine so wunderbare Wirkung, dass 
ich nie wieder ein Oratorium ohne sie hören möchte. Nachher 
versammelte man sich bei uns zu einem Ungeheuern Fisch, 
emem dito Puter und einer sehr gelungenen Bowle, Felix war 
vergnügt, Bunsen selig, Alles zufrieden, wenn nui' nicht die 
Nachricht von Thorwaldsen's Tode uns im Kopf gesteckt und 
namentlich Hensel so verstimmt hätte, dass ihm kein Toast 
gelingen wollte. 

Die interessanteste Nachricht aus dem Hause ist, dass 
Caro seine Sporen verdient hat. Er und unser Wächter Winter 
haben ein Individuum arretiit und auf die Wache gebracht, 
das sein Nachtquartier im kleinen Keller am Garten auf- 
geschlagen hatte und wahrscheinlich zu einer Gresellschaft 
Gentlemen gehörte, die in derselben Nacht in No. 1 bedeutend 
gestohlen hatte. Felix hat sich todtlachen wollen, dass ich 
Winter einen Thaler und Caro einen Hammelbraten dekretirt 
habe; und ich bin ganz vergnügt, dass wir doch unser vieles 
Geld nicht vergebens bezahlen, sondern einem wahrhaften 
Diebe dui^ch unsere Vorsichtsmassregeln entgangen sind. Auf 
dem Rasenplatz des Hofes, der Dein Werk ist, wurden heut 
für Felixens Kinder vier Obstbäumchen gepflanzt, die mein 
Werk sind, im Garten wird auf Mord gearbeitet, es sieht rei- 
zend aus. Ein Paar unserer ältesten Bekannten verlassen 

auch in diesem Monat Berlin, Devrient's. Er hat eine Stelle 
als Oberregisseur in Dresden, von der er sich goldene Berge 
verspricht. Es ist wirklich wahr, in Mitten eines ungeheuren 
Bekanntenkreises , der sich täglich vermehrt , um Leute , die 
einen nichts angehen, w^ird man an Freunden immer verwaister, 
darüber klagt Hensel, klagt Felix und klage ich." 

Eebecka an Fanny. 

Rom, den 13ten April 1844. 

„Die ganze Woche habe ich mich gefreut, dass der Ute 
auf den Donnerstag, Posttag, fiel und wer nicht kam, war ein 
3rief von zu Hause und das war ein grosser Druckfehler an 



Osterwoche in Rom. 297 

dem sonst sehr vergnügt zugebracliten Geburtstage. Ich habe 
auch noch die ganze heilige Woche nachzuholen, die ich mit 
Gott seiner Hülfe auch überstanden und dadurch wieder einen 
grossen Fortschritt meiner Gesundheit bewiesen habe, da ich 
wie alle Menschen, sehr erschöft und angegriffen, aber ganz 
gesund geblieben bin. Mitgemacht habe ich am Donnerstag 
leider Gottes die Fusswaschung, das ist eine grässliche Parthie, 
aber Walter hat den Schmutz auf jedem Nagel jeder grossen 
Zehe gesehn und war sehr glücklich. Die Tavola haben wir 
dran gegeben und dafür unsere eigene auf dem Hof einer 
kleinen Osteria gedeckt, wo wir uns erst selber Messer und 
Gabeln putzen mussten; darm gingen wir so früh nach dem 
Vatican zurück, dass die Sixtina noch nicht geöffnet war, ruhten 
uns eine halbe Stunde in der beleuchteten Paolina aus, da 
konnte man sich zu einiger kirchlichen und char wöchentlichen 
Stinmiung sammeln, was in dem unanständigen Gedränge in der 
Sixtina und St. Peter ziemlich unmöglich ist. Dann zogen wir 
mit der Menge in die Sixtina und arbeiteten uns durch vieles 
Warten und unendliche Psalmen bis zu den wunderschön ge- 
sungenen Lamentationen und leider dem Miserere von Baini 
durch, vor dem Du mich gewarnt hattest und das noch dazu 
ganz abscheulich unrein gesungen wurde. Sehr merkwürdig 
war mir, dass mii' der grosse Moment des stillen Paternosters 
nach dem Erlöschen des letzten Lichtes, den ich in keiner 
Eeisebeschreibung, in keinem Eurer Briefe habe ohne Thränen 
lesen können, in der Wii^klichkeit ganz spurlos vorübergegangen. 
Es kam zu keiner Stille vor Husten, Schnauben, Scharren und 
Plaudern der Inglesi; und das Ganze hat so sehr den Anstrich 
einer Komödie für die Forestieri. Charfreitag haben "wir auf 
Deinen wie immer weisen Eath den Frühgottesdienst mit der 
Passion und den Improperien angehört; das ist bitterschön. 
Hab' ich Unrecht, wenn mich Palestrina oft an Fasch erinnert ? 
Nachher gingen ym: den beliebten Weg über die Wiesen nach 
Haus , assen Mittag , ruhten eine Weile aus und fuhren dann 
ziemlich spät nach der Sixtina, da musste ich stehend noch 
acht Lichter auslöschen, bis zum Miserere von Allegri. 

Dank meinem Büchlein, in dem ich mich schon in den 



298 Reise- und Heimathbriefe. 

Improperien vortrefflich zurecht gefunden, habe ich mich nicht 
einmal ennüyii't. Nachher gingen wir, auch am Donnerstag 
in St. Peter, sahen den Papst beten, sprachen eine Menge 
Bekannte, u. A. Delaroche, der uns zur Pflicht machte, auch 
am Sonnabend früh die Messe von Palestrina zu hören, das 
fand ich sehr grausam, er sagte aber: Je vous jalains, Madame, 
mais il le faut alsolument, da machten wir uns wirklich am 
Sonnabend wieder auf und arbeiteten uns durch eine Menge 
lezioni und tratti zu einem einzigen Gloria durch, nachdem vor- 
her der Charfreitag höchst uncharfreitaglich in ziemlich grosser 
und zuletzt selir animirter Gesellschaft bei uns beschlossen 
war. Wii' haben noch zu guter Letzt eine recht angenehme 
Franzosenbekanntschaft gemacht, ein Herr Cassas, der Sohn 
des grossen Kupferwerks*), früher Consul in Palermo, in Lissa- 
bon, jetzt auf seinen Lorbeern ruhend und eben mit seiner selir 
schönen und recht angenehmen Frau von der ersten Katarakte 
des Nil angekommen. Die wohnen in unserm Hause, kamen 
des Abends herauf, das gewöhnliche Herrenpublilium hatte sich 
zahkeich emgefiuiden und war erst in getheilter Stimmung 
zwischen malerischer Bewunderung der schönen Frau und Grimm 
über Französisch sprechen, der sich, nachdem die Franzosen 
fortgegangen waren, in einem ungeheuren Sturm auf das Butter- 
brod und unglaublicher Ausgelassenheit Luft machte. Am 
Ostersonntag haben wii' uns das Hochamt geschenkt, uns bei 
der Benediktion auf den Stühlen am Obelisk ganz Volk gefühlt 
und sind Abends enfamilU mit Ernstchen zur „goldnen Kirche" 
gefahren. Das ist wieder aus Tausend und einer Nacht, diese 
Kuppelbeleuchtung. " 

Vorgestern waren wir früh bei Cornelius, der zwei Wände 
Campo Santo fertig hat, dann auf dem Vatican , von den Ca- 
mere und der Bildergallerie Abschied nehmen, nach Tisch fuhren 
wir den kranken Elsasser spazieren, da konnte ich also nicht 



^0 L. F. Cassas gab 1799 seine „Voijage pittoresque de la Sijrie 
de Ja Phe'nicie de la Palestine et de la Basse-Egypte" und 1808 seine 
„Voyage pittovesqiie de Vlstrie et de la Dalmatie'^ in Kupfertafeln 
mit Text von de la Porte heraus. 



Das Gampo Santo von Elsasser. 299 

schreiben und gestern waren wir in Tivoli, da konnte ich also 
gewiss nicht schreiben. (Potz Schock ! da kommt Santini, der 
gestern dreimal hier war!) — Die Sitzung währte ziemlich 
lange, der schöne Piaristenmönch Chelini, der uns oft besucht, 
und Madame Nerenz kamen dazu, und da haben wir am hellen 
Mittag eine Soii'ee musicale für die Padri extemporirt. Und 
nun muss ich mich kurz fassen, denn ich habe noch schrecklich 
viel zu erzählen: Vorerst Elsasser's Bild, das Campo Santo di 
Pisa im Mondschein ist fertig und über allen Ausdruck schön. 
Ausgeführt, wie der fernste Niederländer, und darüber eine 
Poesie, eine Wahrheit, — Dr. Braun nannte es die Philosophie 
des Mondscheins, aber das ist's auch noch nicht. Man muss 
„hinjehn und sich's ansehn" und zwar mehr als einmal, ehe 
man das Auge gewölint, im Mondschein alle die Details zu 
sehen; wenn inan nämlich so glücklich ist, ein Auge trocken 
zu behalten. Am Sonntag hat der arme Mensch seinen Kirch- 
gang zu uns hin gethan, er war den ganzen Winter nicht 
aus der Stube gewesen und war wenigstens drei Stunden bei 
mis, trotz „mir" und „mich" und trotz aller Komplimente sehr 
interessant. Nun kommt aber die Prosa der Poesie des Mond- 
scheins. Dieses Bild, an dem er drei Viertel Jahr gearbeitet, 
mit der grössten Aufopferung, das ems der allerschönsten Bilder 
der neuern Zeit ist, ist ihm vom König von Württemberg für 
siebenzig Friedrichsd'or bestellt und er ist nicht dazu zu be- 
wegen, mehr zu fordern. Ich habe an dem Bruder alle meine 
Beredsamkeit verschwendet, aber umsonst, und an ihn selbst 
wage ich mich nicht heran, weil er gar zu reizbar ist. Hensel 
weiss ja für Alles Rath und kennt Alle Menschen, kann er 
nicht dem Könige vorstellen lassen, dass ein kranker Mann 
unmöglich davon leben kann ? Ich rede nur von der Zeit, die 
er darauf verwandt und die er wenigstens bezahlt haben muss. 
Das Bild ist nach dem allgemeinen Urtheil eins, das späterhin 
mit Golde aufgewogen werden wird, wenn der Künstler nichts 
mehr davon hat. Wäre ich nur Hausfreund bei Preussens, 
ich ruhte nicht, bis ich dem armen Mann für die Paar Jahre, 
die er noch zu leben hat, eine Pension verschaift hätte. Ich 
weiss nicht, ob Sie mir verstehn, sagt der Professor Niedlich. 



300 Reise- und Heimathbriefe. 

Dass es noch solche Paradiesesmenschen giebt, wie die beiden 
Elsassers, das muss man auch sehn, um es zu glauben, in 
dieser verderbten Welt. Das ist nun Elsasser ; hätte ich noch 
Platz, so schiieb' ich die Geschichte von dem Kissen, das ich 
ilim gearbeitet, und wie Mine es hingetragen hat, um das Bild 
zu sehen und höchst beleidigt einen Scudo ausgeschlagen, dafür 
aber sich die Erlauhniss ausgebeten hat, mit Cornelius' Köchin 
noch einmal wiederzukommen. Das Kapitel Mine Diriclilet und 
Julie Cornelius in Rom verdient allein einen Brief. Bei Cassas 
trafen wii' neulich den Sekretair der französischen Akademie, 
der machte mir das grösste Kompliment, das mii' je gesagt 
worden; als ich Klavier gespielt hatte, sagte er mir nämlich, 
er hätte schon die Ehre gehabt, mich vor vier Jahren auf der 
französischen Akademie zu hören. Das ist doch ein rother 
Adlerorden mit Eigenlob. lieber Deine musikalischen Freuden 
freue ich mich sehr, weniger über das Zusammenschmelzen 
unseres Freundeskreises. Wenn Ihr und Felix nicht angenehme 
Leute leicht versammeln könnt, so muss es gar keine geben, 
oder es muss in Berlin unmöglich sein, sich zu befreunden. 
Uniäugbar bringt eine Spazierfahrt im Freien in Rom die 
Leute näher, als das ewige Stubenzusammenhocken. Dabei 
fällt mir ein, dass ich noch garnichts über unsere Abreise ge- 
schrieben habe. Je nun, wir reisen eben nicht, es wii'd uns 
Allen schwer, es war ein Winter, für den wir Gott nicht genug 
dankbar sein können. Alles gesund und froh, Dii'ichlet soll 
sehr glücklich gearbeitet haben und war gegen die Künstler 
sehr liebenswürdig, besonders die Elsassers hat er sehr in 
Affektion genommen. — — Indessen wir müssen die schwere 
Pflicht erfüllen, Neapel und Sicilien zu sehn." 

Fanny an Rebecka. 

Berlin, den SOsten April 1844. 

„Bei uns ist es, trotz des trockenen und harten Frühjahrs 

und des dörrenden Ostwindes, der die Erde in Puder verwan- 
delt, sehr schön grün , das Gras prächtig , die Nachtigall bei 
Stimme, und ich befinde mich in diesem Augenblick in einer 



Sehnsnclit nach Rom. 301 

der wenigst erquicklichen Phasen der Lenzentwickliing, nämlich 
in der, wo die Decken herausgenommen, die Fussböden noch 
nicht gehöhnt, die Vorhänge hei der Wäscherin, und Schrubber 
und Borstwisch in lebhafter Aufregung sind. Alle diese irdischen 
Dinge gehen in diesem Jahr an Deinem idealen Leben spurlos 
weiter. Du fragst, wie sich manche Bekannte von dort hier 
ausnehmen werden? Gewiss nicht zu ihrem Vortheil, denn das 
ist einer der Vorzüge dieses merkwürdigen Himmels, dass er 
alles nur einigermassen Verschönerungsfähige in's beste Licht 
setzt, freilich aber auch das ganz Hässüche, die vollendete 
Narrheit, und die grenzenlose Philisterei sich in der hellen 
vSonne aufs Breiteste darstellen lässt Findest Du das nicht 
auch, dass man sich selbst milder, harmloser zeigt, und dass 
die Fähigkeiten, die man hat, zu einer höheren Entwickelung 
kommen? So nimmt man's auch mit seinen Nebenmenschen, 
wenn sie's nicht gar zu arg treiben, nicht so genau, die gemein- 
schaftliche Freude am Schönen verbindet die jedesmaligen rö- 
mischen Zeitgenossen, es kommt mir vor, wie eine Ai't von 
Freimaurerorden, Ihr werdet's darin besser haben nach Eurer 
Eückkehr, als wir, die wir mit unserem Entzücken überall 
anrannten, ich freue mich schon auf unsre papistischenKonven- 
tikel. Was Du von Elsasser schreibst, hat mich sehr gerülirt, 
weil ich das Alles von hier sehe. Hoffentlich wird es nicht 
auf einen steinigen Boden fallen, Hensel wird wenigstens unge- 
säumt Schritte thun, ihm auf eine oder andere Art nützlich zu 
sein. Habe ich Dir das nicht auch immer gesagt, dass alles 
^mir'' und „mich'' und „gnädigste Dame" ihm nicht schadet? 
Und dass er ein wahrhaft idealischer Mensch ist ? Ich wollte, 
ich könnte ihn noch einmal wiedersehen, ich bin ihm gar zu 
gut. Sein Bruder war damals noch sehr in der Mauser, mich 
freut, wenn er ein ebenso vortrefflicher Mensch wii'd. Wie 
werden sie sich gefreut haben, bei Euch zu sein, was sind das 
fiir dankbare Gemüther für jede kleinste Freundlichkeit, die 
man ihnen erweisen kann. 

Felixens sind nun bald drei Wochen fort und ich bin so 
melancholisch wie ein Brummkater. Seine letzte musikalische 
That hier war für diesmal die Direktion des Faust bei Rad- 



302 Reise- und Heimathbriefe. 

ziwDl; es ging sehr hübsch und war eine schöne Soiree wie 
immer in diesem nobeln Hause. Dass wir seit dem Abzug der 
lieben Felicier keine kleinen Kinder im Hause haben, ist ein 
wahrer Jammer, die niedlichsten jungen Ziegen sind da, Walter's 
weisse hat ein schneeweisses Junges^ Gärtners zwei allerliebste 
grau, schwarz und weisse, die mir selbst Spass machen. An 
meines grossen Bengels namenlosem Glück kann ich mii' denken, 
vde entzückt das kleinere Volk erst sein würde. Da sich aber 
leider die Ziegen an uns andern in der Familie ein Beispiel 
genommen und lauter Böckchen produzirt haben, auch die 
Heerde am Ende ihre Gränzen haben muss, so ist die liebe 
Jugend dem Tode geweiht, ich werde Walter seine ehrlicli 
nach dem Marktpreise bezahlen, auch mit gutem Gewissen ver- 
sprechen, meinen Magen nicht mit dieser Sünde zu beflecken, 
ich mochte die capretti schon in Italien nicht, und ein mir per- 
sönlich Bekanntes könnte ich nun und nimmermehr über die 
Lippen bringen. 

Hier gehn grosse Ministerialveränderungen vor, kein Mensch 
weiss warum ? Der Oberpräsident Böttcher aus Preussen wird 
Justizminister an Müliler's Statt, Alvensleben tritt auch ab, 
und wer an seine Stelle kommt, darauf können wir uns alle 
Beide jetzt nicht besinnen, ein eigenes Handelsministerium wird 
errichtet, und die Königliche Kabinetsordre soll unterzeichnet 
sein, die den Berliner Dombau nach einem Anschlag von neun 
Millionen befiehlt. Ich glaube noch nicht, dass es zur Aus- 
führung kommt, so wenig als der Schwanenorden, der ruht 
auch auf seinen Lorbeeren, ehe er welche gewonnen. Sie ver- 
suchen zuweilen dergleichen anzukündigen, und wenn dann die 
öffentliche Meinung Zetermordio schreit, und das erlaubt sie 
sich wirklich jetzt zu tliun, so unterbleibt es wieder. Im 
Ganzen geht es vorwärts quand meme ! das ist keine Frage ; 
schon die Art, wie öffentliche, und sociale (verzeih'! ich weiss 
nicht gleich ein ander Wort) Fragen in den Zeitungen be- 
sprochen werden, bezeugt es, es ist sogar sehr merkwürdig, 
wie gewisse Gespenster, vor denen man noch bis vor Kui'zem 
ein Kreuz schlug, jetzt am hellen Tage auftreten und sich 
ganz wohlerzogen benehmen. Dahlmaun hat ein schönes Buch 



lierliner Politik. Römische Ausflüge. 303 

herausgegeben, seine Vorlesungen über die englische Kevolution. 
Der ist wenigstens bis jetzt nicht aus der Eolle gefallen, 
wahrscheinlich weil er keine spielt. Glasbrenner hat wieder 
einen brillanten Guckkasten für 1844 geschrieben, u. A. die 
Stelle: „Hier sehen Sie die grosse Ordensvertheilung — dumme 
Jungens, drängelt euch nich so!" hat mir selu' gefallen in 
Tendenz und Styl." 



RebeckaanFanny. 

E m , den 1 sten Mai. 

(Mit einer Vignette.) „Wenn das nicht melancholisch ist, 
die zerbrochene Tasso-Eiche mit untergehender Sonne, so ver- 
stehe ich mich nicht auf Melancholie. Drum ist es auch der 
letzte Brief aus Eom. Am Sonntag geht's unwiderruflich fort 
per Vetturin nach Neapel, die Spitzbuben sind gefangen und 
werden gehangen , und die Strasse ist daher sicherer als je. 
Jetzt bin ich so weit, die Reise beinahe zu bereuen, man hat 
schon bittersüsse Erinnerungen genug, ohne sie aufzusuchen, 
warum ladet man sich einen ganzen Pack Sehnsucht so muth- 
willig noch dazu auf! Bastal Dein Stück „Ponte molle" 
drückt alle die infamen Gefühle aus, die ich Dir nachfühle, 
und die Andern lachen einen so lange darüber aus, bis sie es 
selbst gelernt haben. 

"Wir haben wieder einige Tage erlebt, wie sie eben nur 
in Rom möglich sind, einen in Albano, mit einem Wetter, das 
der liebe Gott selbst in Italien nicht oft herauskriegt. Dies- 
mal haben wir nicht zusammengesprochen und das Albaner- 
gebirg ganz anders eingerichtet, Bouletten aparte und Haare 
aparte, erst einen Tag, wie Du weisst, für Frascati und Grotta 
ferrata ; dann Dienstag vor acht Tagen Albano , um den See 
herum, auf den Monte Cavo, oben gefrühstückt, nach dem 
Nemi-See herunter und über Nemi, Genzano, Aricia nach Al- 
bano zimick. Ich habe mich aber weniger heldenmüthig be- 
nommen, wie Du, denn schon beim Herunterreiten vom Monte 
Cavo könnt' ich's nicht mehr aushalten und ging zu Fuss von 
Nemi nach Genzano, wo mich Borchardt mit einem conicolo 



304 Reise- und Heimathbriefe. 

überraschte, das uns wieder nach Albano brachte. Der See 
von Nemi ist von allen meinen Schwärmereien die grösstei 
die Lage von dem dunkeln Nest, gegen den duftigen See, mit 
seinem reizenden, einfachen Umriss und darüber weg das Meer 
und der Frühling überall. Eine besondere Verzierung des 
Tages war auch, dass wir auf dem Monte Cavo den ersten 
Waldmeister fanden, daraus habe ich in Albano zum Diner 
den klassischesten Maitrank gebraut, der angesichts der im 
Meer untergehenden Sonne unsere schon erhöhte Stimmung noch 
steigerte. Diesmal kamen aber Brunis und Bellays nicht und 
wir verbrachten den Eest des Abends mit Elsasser, Kaselowsky 
und Borchardt ganz ruhig, die Alle die Parthie mitgemacht 

hatten. 

Noch ein sehr hübscher Tag war Kaselowsky's Geburts- 
tag, am 2 Osten. Wir hatten ihn recht hübsch beschenkt, mit 
einem Strohhut, einem Ring mit einem geschnittenen Stein, 
den er schon lange im Auge hatte, und Blumen für seinen 
Balcon; Borchardt hat ihm ein Doppelperspektiv geschenkt, 
beide haben bei uns gegessen, Nachmittag sind wir nach der 
Villa Pamphili und Abends war das Atelier, Hallmann und 
Lehmann um einen von Moser geschenkten Kuchen und eme 
Bowle versammelt, üeber Alles das war Kaselowsky in einer 
Art Glückseligkeit, die schwer zu beschreiben ist und das war 
das Hübscheste an dem Tage. — Borchardt hat bei beiden 
Elsassers und Kaselowsky sehr grandiose Bestellungen gemacht 
und sich namentlich gegen Elsasser sehr hübsch benommen; 
es freut mich, dass wir das noch hier erlebt haben. Morgen 
ist nun die vielbesprochene Cervaratour, gestern waren wir 
den ganzen Tag im Vatikan, im etruskischen Museum, in der 
Bibliothek mit der aldobrandini'schen Hochzeit, in dem wunder- 
schönen Zimmer mit den Copieen der Arabesken aus den 
Loffffien und haben uns bei den Fresken und der Madonna dl 
Foligno empfohlen. Jetzt gehe ich zu August Elsasser und 
spiele dem mit Borchardt Sommernachtstraum und Hebriden 
vor (wenn wir einmal zusammen herreisten, würde mich der 
kleine Elsasser nicht immer so schrecklich quälen, ihm was 
vorzuspielen, und Du weisst, das ist wirklich für mich eine 



Palermo. 305 

Thierquälerei), dann essen wir im Lepre, dann gehen wir auf 
die Gallerie Corsini, dann nach Pietro in Montorio, dann 
wollen wir uns bei Delaroches empfehlen, bei denen hatten 
wir neulich einen sehr amüsanten Abend, sie waren quasi 
allein, ich habe mit der Frau unter tausend Narrenspossen 
vierhändige Sonaten von Mozart gespielt und zum Schluss 
schenkte sie mir ihr Portrait, Kupferstich für Freunde von 
ihrem Mann. Von August Elsasser habe ich auch noch eine 
sehr schöne Aquarelle bekommen, ich bringe ganz unschuldiger 
Weise ein fertiges Album mit. 

Du schreibst von Reflexionen in Deinem Tagebuch; auch 
zu dieser Weisheit kann ich mich durchaus nicht aufschwingen, 
mir selbst etwas zu erzählen. Die Versuche dazu in meinem 
Tagebuch sind äusserst kinderlich ausgefallen; ich begnüge 
mich, die wichtigen Begebenheiten zu notii-en; Du bist eigent- 
lich mein Tagebuch. 

Und nun lebt wohl aus Rom; ach! es ist schwer, zu 
scheiden! — ^ 

In Neapel hielten sich Dirichlet's für jetzt nicht lange 
auf, es kam bald ein Brief, datirt: 

Palermo. 

„Diese Ueberschi'ift sagt vieles. Drum will ich nur mit 
Wenigem sagen, dass wii' hier glücklich, wenn auch mit 
einigem Katzenjammer angekommen sind, aber dass Palermo 
allen Katzenjammer der Welt werth ist. Ich will versuchen, 
Dir von unseren Thaten Rechenschaft zu geben, obgleicli 
meine Gedanken noch etwas verwiiTt durcheinander laufen; 
Vesuv, Seekrankheit, indianische Feigen, alles mit einer Sehn- 
suchtssauce nach Rom getränkt, geht mir wiiT im Kopf her- 
um. In Neapel hatten wii' kein Glück mit Wetter", jeden 
Morgen schwüle Sciroccohitze , jeden Nachmittag Gewitter. 

In der Villa di Roma hatten wir leider keinen Platz ge- 
funden, und wohnten daher Euch gegenüber, Santa Lucia 31. 
So schön wie in der Villa di Roma war die Aussicht zwar 
nicht , die Kasernenbäckerei lag vor den Inseln , aber sie war 

Die Familie Mendelssohn. H. 20 



306 Reise- und Heimathbriefe. 

doch schön genug, der Vesuv mit seiner Wolke sah uns ge- 
rade in die Fenster. Das liegt aber Alles schon so weit 
liinter mii-, dass ich gar nicht mehr Lust habe davon zu 
schreiben. Dienstag Mittag brachte uns Jakoby an's Schiff, 
wo wir Abschied für die Reise nahmen, er geht Ende der 
Woche nach Rom und dann zurück nach Deutschland und wir 
bestiegen unseren Ercolano. Um eins sollte es abgehen, wir 
mussten aber bis di'ei warten, weil Ihre Durchlauchten, die 
Pferde des Grafen von Syrakus, die mitreisten, auf sich warten 
Messen. Ernst und Walter waren unterdess schon mit der 
ganzen Gesellschaft, bei der sich auch Deutsche befanden, auf 
Du und Du. Das Meer war sehr ruhig; unser Diner auf dem 
Deck ganz amüsant, Niemand krank, so lange auch der Ka- 
pitain darauf wartete. Bis nach Mitternacht war ich auf dem 
Verdeck, sah das Meer leuchten, die unzähligen Sterne ver- 
breiteten fast Tageshelle, Ernst war glückselig über die kleinen 
Betten, ich schon weniger und legte mich angezogen aufs 
Sopha, wachte aber sehr bald sehr miserabel auf, und quälte 
mich wie ein armer Hund, bis wir in Palermo an's Land 
stiegen, nach Deinem Recept legte ich mich platt auf eine 
Bank hin, einige Versuche, das dunkelblaue Meer und die 
Küste von Siciüen anzusehen, fielen sehr unglücklich aus; 
dicht vor Palermo zwang mich Dirichlet noch einmal aufzu- 
stehn, und da überfiel mich doch trotz allen Jammers ein 
wahrer Schauer vor der fremdartigen Schönheit. Das ist 
himmelweit erhaben über Neapel. 

Nun kam noch eine grässliche Wirthschaft auf dem Schiff 
mit der ersten Douane Italiens, die der Stimme der Vernunft 
kein Gehör gab, eine Ueberfahrt auf dem bewegten Wasser 
im kleinen Boot, wobei mir auch nicht besser wm^de, und 
dann hatten wir wieder festen Boden unter den Füssen und 
Sassen in einem recht behaglichen Wirthshaus, leider nicht 
am Meer, ein wunderschönes Hotel Trinacria am Quai wird 
erst im Juli eröffnet, und nach einer Stunde Schlaf, Waschen, 
Anziehen und einem guten Mittagessen waren alle Leiden ver- 
gessen und der Nachmittag wurde in den Gärten der Villa 
Butera und des Duca di Serra di Falco selir angenehm zu- 



Palermo. 307 

gebracht. Ihr könnt mich also bei Gropius*) besuchen, und 
dazu im Goethe lesen. Jetzt ist's Abend, wir kommen eben, 
von dem öffentlichen Garten, der Marine und den Sorbetti 
zurück. Es ist zu schön, es wird einem ganz morgenländisch 
und zugleich Homerisch zu Muth. Die Vegetation ist schon 
halb afrikanisch, wie auch die Menschen, aus allen Dächer- 
ritzen kommen indianische Feigen heraus, Catalpas so gross 
wie bei uns die Buchen, ganz besonders habe ich einen ganz 
gemeinen Baum in Affection genommen, der auf allen Plätzen 
steht und ungeheure dunkelrothe Blüthen trägt. Dabei ist 
das Frühjahr so galant gegen uns, drei Wochen zurück zu 
sein gegen sonstige Jahre, alles steht in der blühendsten 
frischesten Frische. Die Orangen- und Citronenbäume sind 
schneeweiss und duften im Verein mit Akazien und Rosen so 
wundervoll, dass ich's vor Kopfschmerzen gar nicht aushalten 
konnte gestern Abend. Ich hab's aber doch ausgehalten. 
Und nun die Formen und Farben der Berge, und das Meer. 
Wenn Du einmal wieder in's gelobte Land reisest, dann gehe 
ja hierher, dann brauchst Du Dich nicht mehr nach Syrien 
zu sehnen, hier ist die schönste Ouvertüre zum Orient. Heut 
früh waren wir in der von Elsasser gemalten Pogerskapelle, 
und in Santa Rosalia. Siehe Hensel's Skizzenbücher. Aber 
ich muss mir nachsagen, ich habe in Rom gut sehen gelernt, 
mir entgeht kein altes Fenster, kein beschmutztes Säulenportal. 
Du schriebst. Du hättest sechs Wochen vor Eurer Abreise 
täglich esslöffelweise geweint, ich habe mich ganz anders ein- 
gerichtet, ich habe bei Albano angefangen zu weinen und 
fange erst jetzt an aufzuhören. Aber der sinnverwirrende 
Lärm in Neapel thut auch vieles dazu; hier ist es stille, 
ernster, ach! es ist göttlich hier. Heut Nachmittag schlief 
ich ein bischen ein, und als ich aufwachte, ging es mir wie 
Paul in Brüssel, ich konnte mich durchaus nicht besinnen, mit 
welchem Land ich die Ehre hatte zu sprechen. Zu aller der 
Geographie; die man selbst durchfährt, kommen noch Fremde 



*) In der seiner Zeit viel besuchten Panoramenausstellung voa 
Gropius. 

20* 



308 Reise- und Heimathbriefe. 

aus allen Weltgegenden, und Jeder erzählt von der seinigen, 
das macht meinen dummen Kopf noch konfuser. — Bis gegen 
den 1. Juni denken wir hier zu bleiben, die Umgegend Selinunt, 
Segest, Taormina und Cephalu zu besuchen, dann mit dem 
Dampfschiff nach Messina zu gehen und von da zurück nach 
Neapel. Verzeih diesen verdrehten Brief, ich hoffe mich bald 
etwas zu sammeln, und mich von meiner Verwunderung zu 
erholen, dass ich in Sicilien bin, im Lande Homers, der Sara- 
zenen, der Hohenstaufen , und wo Gott die Welt erschaffen 
hat. Hätt' er nur nicht dabei so sehr viel Flöhe erschaffen. 
Die Hitze ist sehr massig, die Abende sogar kühl, alle Garten- 
wege sind mit Orangenblüthen imd herabgefallenen Citronen 
bedeckt. Nun genug Blüthen, Berge, Sonne, nun leb wohl 
und gönne mir das Glück, den Traum des Lebens einmal 
schön zu träumen." 



Aus einem Brief von Fanny an Rebecka. 

Berlin, 18. Mai 1844. 
„Dein gerülirter und verdriesslicher Abschiedsbrief aus 
Eom mit der schönen Vignette der zertrümmerten Tasso-Eiche 
war uns sehr verständlich. Dirichlet, wie freue ich mich 
drauf, mit Dir nicht mehr zu disputiren, sondern Dich in volle 
Entzückung über das unbekannter Weise von Dir geschmähte 
Italien ausbrechen zu hören. Wenn uns nur nicht das Italiänisch 
sprechen auf alle Zeiten versalzen ist, Hensel fürchtet sich 
schon jetzt vor Deiner grimmigen Kritik seiner unkritischen, 
ungrammatischen Praxis. Vor allen Dingen will ich Euch 
etwas erzählen, was Euch Vergnügen machen wird, wenn ich 
auch fürchte, dass es zu nichts führt. Angesichts Deines 
Briefes über Elsasser's Bild hat sich Paul nach einiger Be- 
rathung mit uns kurz entschlossen, einen Wechsel von hundert 
Louisdor an Valentini zu schicken, der gleich ausbezahlt v/erden 
soll, wenn ihm das Bild überlassen wii'd. Nun fürchte ich 
zwar, der krankhaft gewissenhafte Mensch wird sich nicht dazu 
entschliessen, den König von Württemberg später zu entschä- 
digen und das Bild herzuschicken, aber vielleicht dient es wenig- 



Berliner Allerlei. 309 

stens dazu, ihm von jener Seite mehr zu verschaffen, wenn 
man den König wissen iässt, dass von Privatleuten ein weit 
höheres Gebot ergangen ist. Ich würde mich gar zu sehr 
freuen, wenn Paul das Bild bekäme. 

Montag ist des alten Schadow's einundachtzigj ähriger 
Geburtstag, der wird durch ein ungeheures Diner bei Kroll auf 
dem Exercierplatz (diese Ueberraschung erwartet Dich auch 
hier) gefeiert, wozu ich mich vu les circonstances verstanden, 
und, da es mir an aller eleganten Sommertoilette fehlt, gestern 
in Eil Kleid, Haube, Kragen, Alles besorgt habe. Da es nun 
aber unstreitig eine höchst seltene Begebenheit wäre, mich bei 
einem 'public dinner zu sehn — Sonnenfinsternisse und Schalt- 
tage ereignen sich viel öfter — so vermuthe ich, es wird mich 
irgend etwas daran hindern. 

Der Garten ist schöner als je, alles frisch gesäete Gras 
funkelt wie Smaragd, das Wetter ist unbeschreiblich fruchtbar, 
ich fürchte nur, wenn Du zurückkommst, wird man das Grün 
mit der Brille suchen müssen, die Fliederblätter sehen dann 
aus wie Taback, die Grasplätze sind verklungen wie Kinder- 
mährchen und Du glaubst, ich habe Dil' was vorgeprahlt, es 
ist aber doch wahr. 

Walesrode behauptet in einer neuen Schrift, die Spree sei 
das Sinnbild eines ruhigen, besonnenen Fortschritts, darüber 
habe ich drei Stunden lang gelacht. Der Minister hat wieder 
eine Verfügung über Universitäten von sich gegeben, die sich 
seinen übrigen Meisterstücken anreiht, Diiichlet soll künftig 
mit seinen Zuhörern disputiren. Das ganze Geschreibe ist 
wieder so unglaublich nichtig, sich selbst aufliebend, in sich 
selbst zerfallend, mit einem Anlauf zur Korruption und Be- 
stechung der jungen Leute und auch dazu nicht einmal der 
rechte Muth, dass einem wirklich der Unwillen über solche 
Erbärmlichkeit das Blut vergällt. 

Ueberhaupt giebt's im öffentlichen Leben wenig Erfreu- 
liches. Ungeheiu-e Aktienschwindelwuth für Eisenbahnen, 
namenlose Noth der schlesischen Weber, der jetzt auf alle 
W^eise zu steuern versucht wird, Grimm's Erklärung in öffent- 
lichen Blättern, dass ihnen an ihrem Gebiu'tstag Hoffmann von 



310 Reise- und Heimathbriefe. 

Fallersieben ein unwillkommener Gast gewesen, Versuche zu 
einem lebendigem, gemeinsamen Verkehr auf allen deutschen 
Universitäten mit Carcer und Consilium bestraft, täglich Ver- 
bote, Kräkeleien der Regierung und Polizei nach allen Seiten 
Mn, nur nicht nach denen der öffentlichen Sicherheit und Rein- 
lichkeit. Sonst geht gar nichts vor; unser Leben fliesst ruhig 
dahin, nichts knaUt als die Bocciakugeln , und Albertine und 
ich sitzen jeden Abend dabei, etablirt auf zwei neuen, hüb- 
schen Gartenstühlen, und amüsiren uns über die Kindereien 
der Grossen." 

Felix an Fanny. 

4, Hobart Place Eaton Square, 
13ten Mai 1844. 
Liebste Fanny! 

„Ich hätte Dir längst schon schreiben müssen, wenn ich 
nein Lebenlang so könnte wie ich wollte. Dafür nahm ich 
mir aber wenigstens vor. Dir meine glückliche Ankunft in 
London zuerst zu melden und Dich zu bitten, sie Paul mit- 
zutheilen, und so thue ich denn hiermit. Es wurde mii' freilich 
sehr schwer, von Frau und Kindern wegzugehn, Gottlob em- 
pfange ich heut früh indess gute Nachrichten von dort und 
hoffe auch, bei meiner Rückkehr wird die Ruhe und die Land- 
luft besser gewirkt haben, als alle Medizin, das gebe der Him- 
mel; Du glaubst nicht, welch schlimme Tage ich in Leipzig 
auszuhalten hatte. 

Die Reise hierher war so glücklich, wie sie nur sein konnte, 
namentlich die Ueberfahrt. 

Klingemann fand ich wohl und gut und lieb wie immer, 
er will sich anhängen. Wäre Cecile mit mir, so könnte es 
gewiss einen englischen Aufenthalt geben, so schön, wie ich 
ihn nur je gehabt habe ; denn alle Freunde sind so unverändert 
und liebreich und zuvorkommend, dass es mich wahrhaft rührt. 
Freilich fehlt bei jeder Freude das Beste, wenn die Cecile 
nicht daran Theil hat; so sind mir denn die vielen Beschäf- 
tigungen willkommen, die jeder Augenblick hier mit sich bringt, 



Felix in England. 311 

und hoffentlich soll meine Arbeit nicht ohne Frucht bleiben; 
wenigstens höre ich sehr erfreuliche Nachrichten vom Phil- 
harmonie, und geht es so weiter fort, wie vorgestern in der 
ersten Probe (wo meine Amoll-Symphonie wirklich vortrefflich 
gespielt wurde), so hoffe ich dieser Sache einen Dienst leisten 
zu können. Davon aber später mehr, nun kommt der Doppel- 
brief: 

Klingemann: 

Und so kommt denn wieder ein Doppelbrief und uralte 
Zeiten stehen wieder auf. Himmel, wären es nur die uralten 
und wir, d. h. ich, der Urjunge ! Felix finde ich unverändert, 
ja wir Alle finden ihn kräftiger und gesünder aussehend, als 
vor zwei Jahren — er ist munter und guter Dinge und man 
hat an dem ganzen Menschen seine innerliche Freude. Niemand 
steht sich aber bei dem Handel besser, als ich ; für einen Ein- 
samen, dem die Häuslichkeit verhagelt ist, giebts gar nichts 
Lieberes, als solch ein bequemes, behagliches Zusammenleben, 
und das obendrein mit der Aussicht auf Monate. Die arme 
Cecile dauert mich, dass sie so lange von ihrem Manne ge- 
trennt sein muss und er von ihr — wie gerne hätten wir sie 
hier — aber ich muss doch einmal mein Glück gemessen und 
preisen. Es liegt Schickung darin, für den ganzen Sommer 
bin ich verwaist von den Benecke's und habe nun meinen 
gi^andiosen Ersatz. Ferner musste es sich treffen, dass B. 
den Winter über bei mir wohnte, und mit seiner Nachbarschaft, 
mit späten Stunden, IJnpünktlichkeit , und was dem guten 
Menschen sonst für bürgerliche Laster ankleben, alle meine 
Junggesellen-Ecken auf's Schönste abgeschliffen hat, ich rühme 
mich jetzt, ein Muster der Duldimg und Gelassenheit zu sein, 
und habe es nun beim Felix gar nicht einmal nöthig! — 

Er wird Ihnen in seiner Bescheidenheit seine Successe 
nicht schreiben, aber sie sind gross und mannigfaltig — sein 
Empfang hier, seine Aufnahme sind herzlicher wie je, und 
können es nicht mehr sein. Kein Wunder, dass die Zimeigung 
so gegenseitig ist. In der Philharmonie-Probe am Sonnabend 
war es schon recht hübsch, aber gestern im Konzert war es 



312 Reise- und Heimathbriefe. 

prächtig — eine Wärme und ein Leben drin, wie wir es lange 
nicht gekannt — und Alle wussten und fühlten, warum. Dabei 
hätten Sie die empfindsamen Blicke sehen sollen, die sich die 
Eingeweihten, die Freunde in weite Fernen hin, über den Saal, 
zuwarfen. — 

Ich schreibe Ihnen vom Bruder, weil ich weiss, dass Sie 
das doch am liebsten hören, aber von mir diesesmal nichts als 
nur Dank, und zwar von allen Arten. Die Decke, die Fuss- 
decke, die weiche, warme, blühende Fussdecke habe ich gleich 
mit Stolz ausgebreitet, und wenn ich ein so liebes Geschenk 
auch mit Füssen trete , so liegt das nur daran , dass ich 
nicht die Courage gehabt habe, mir eine Weste daraus 
machen zu lassen. Und es passt wieder wie eine Schickung; 
ich hatte mir gerade meine Gemächer tapezieren und anstreichen 
lassen, nur den Teppich hatte ich nicht renovirt — aus Geiz — , 
nun frischt die Decke seinen abgelebtesten Fleck auf. Und 
dann haben Sie mir so schön geschrieben ! und zweimal ! Ihr 
erster Brief verdient ein besonderes Dank- und Denkmal ; wäre 
man nur kein Faulthier und schriebe man gleich, wenn es 
Einem warm und bewegt um's Herz ist, so hätte man das 
Eechte gethan und die Andern hätten einen guten Brief. Er 
— Ihr Brief, Ihr unbeantworteter Brief fiel in die rechte Zeit, 
ich brauchte ihn gerade und er that mir sehr wohl und zog 
mich ID. Ihre wohlthuende Nähe, wie ich mich gerade recht 
allein fühlte. Der Himmel vergelt's! — Und nun wie ohne 
Anfang, so auch ohne Schluss — 

Ihr getreuer Klingemann." 



FelixanEebecka. 

London, 18ten Mai 1844. 
„Von Klingemann's Kamin aus soll dieser Brief nach 
Neapel wandern und Dich aufsuchen und Dir meinen Gruss 
bringen. Es brennt tüchtiges Kohlenfeuer in dem Kamin, 
denn es ist bitterkalt und wir frieren sehr, darüber wirst Du 
Dich weniger beklagen, wenn Du den Brief erhältst. Mögen 
wir uns bald in demselben Sonnenschein, oder wenn es nicht 



Felix in England. 313 



anders sein kann, in demselben kalten Nordwind wiedertreffen. 
Eigentlich sclireibe ich hauptsächlich deshalb; Du hattest in 
dem letzten Brief an Fanny geäussert, Du wollest uns am 
Rhein, vielleicht gar beim Musikfest in Zweibrücken zuerst 
wiedersehn, nun möchte ich Dir gern aus allen Kräften zu- 
reden, diesen schönen Plan auszuführen, möchte Dich bitten, 
Dir nichts dazwischen kommen zu lassen, möchte Dil' sagen, 
wie schön es wäre, wenn wir Dich zuerst, und bald, und am 
Rhein träfen! Aber wie herrlich das wäre, und welch' eine 
einzige Freude, davon sag' ich lieber kein Wort (Du weisst's 
ohnehin), und rede nur im Allgemeinen zu, und sage „thu's 
und komm." 

Du weisst wohl schon über Berlin, dass wir fortwährend 
mit mancherlei Ungemach zu thun hatten, also ist von uns 
eigentlich wenig zu erzählen, was den Vergleich mit Deinem 
dortigen blauen Himmel, Sonnenschein und Meerwesen aushält. 
Cecile wurde in Leipzig recht sehr unwohl, hauptsächlich wohl 
aus Erschöpfung über den langen sorgenvollen Keuchhusten- 
Winter. Die Kinder waren auch immer noch nicht ganz her- 
gestellt. Clarus sprach von Ems und Schwalbach für Cecile, 
das wollte der Frankfurter Arzt nicht zugeben, und verordnete 
nichts als gute Landluft und vollkommene Ruhe, nun wurde 
eine angenehme Wohnung zwei Stunden von Frankfurt 
gemiethet, woliin Cecile mit ihrer Mutter und den Kindern 
ziehn sollte; da schreibt sie mir gestern, dass der dicke Paul 
die Masern bekommen hat, und wahrscheinlich werden sie nun 
alle daran glauben müssen, und es ist ganz unbestimmt, wann 
Cecile hinausziehn kann. Ich hatte die Tage bis dahin gezählt, 
weil ich so viel Gutes von der guten Luft erwartete, und nun 
kommen wieder neue Sorgen statt der Erholung von den alten. 
Ein fataler Husten, nervös und trocken und unangenehm und 
grosse Mattigkeit sind die hässlichen Feinde, die Cecile in 
Leipzig heftig überfielen, und ich glaube, sie müssen sehr 
ernstlich bekämpft werden, damit nicht später einmal etwas 
Schlimmeres daraus werden kann. Gottlob! es war in Frank- 
furt bei meiner Abreise schon viel besser, und bei rechter 
Sorgfalt und Aufmerksamkeit brauche ich, so Gott will, weder 



314 Reise- und Heimathbriefe. 

für jetzt noch für die Folge mir schlimme Gedanken zn 
machen. Aber diese Sorgfalt ist gewiss nothwendig, und Du 
kannst Dir denken, dass ich Alles anwende, um es daran 
nicht fehlen zu lassen. — 

Der Aufenthalt hier ist unter diesen Umständen freilich 
mit dem vorigen nicht zu vergleichen, wo Cecile mit hier war, 
und so fröhlich und Alles so heiter glänzte. Aber die Freund- 
lichkeit meiner Freunde ist so gross, und die Art, wie mich 
das Musikpublikum aufnimmt, so ausserordentlich theilnehmend, 
und der eigentliche Zweck , den ich dabei hatte , nämlich den 
Philharmonischen Concerten aufzuhelfen, scheint so vollständig 
in Erfüllung zu gehen, dass ich allerdings nur mit Freuden 
daran zui'ückdenken werde — wenn ich erst wieder heim- 
gekehrt bin und Frau und Kinder wieder wolil und gesund 
gesehen habe. Dass ich bei Klingemann wohne, weisst Du; 
er will sich anhängen und ich rede ihm sehr zu, im Juli mit 
nach Deutschland zu kommen. Weisst Du auch schon, dass 
ich, auf der Eisenbahn in einem Tage von Cöln nach Ost- 
ende fahrend, doch in Aachen noch Zeit genug behielt, um 
Herrn Meyer zu besuchen, den ich nach Mama Dirichlet fragen 
wollte? Und siehe, ich fand Mama selbst beim Frühstück, 
und so prächtig wohl sah sie aus und so jugendlich munter 
und frisch, dass es mir die allerherz liehst e Freude war, und 
wir fielen einander nicht wenig um den Hals ! Die muss frei- 
lich auch beim Rheinischen Rendezvous mit einbegriffen sein 
und die Hauptrolle dabei spielen. Grüss Dirichlet (gestern 
shook ich hands mit Herrn Babbage), grüss Walter (er soll 
'iiianiche di Cortello fressen, und überhaupt frutti di mar)^ grüss 
Ernst, den Pausilippo und Amalfi. 

Nachschrift von Klingemann. 

0! wüssten Sie nur, immer noch jüngste Freundin, wie 
oft ich in den besten, und sehnsüchtigsten Augenblicken, nach 
meiner schönsten Jugendzeit zurückschauend, die Gedanken 
habe zu Papier bringen und Ihnen schreiben wollen, ordentlich 
schreiben, Sie verziehen mir schon eher, ich könnte liier schon 
eher als blosser fragmentarischer Anhang erscheinen. Haupt- 



Felix in England. 315 

schuld an Allem hat aber immer das Schicksal, das mir nun 
seit mehr als sechszehn Jahren nicht vergönnt hat, Sie wieder- 
zusehen; mit Anderen traf ich's hesser, wie dieser Anhang 
beweist, London hat mir den Felix eigentlich erst recht ge- 
geben, und so streicht denn der erquicklichste Sturmwind von 
Zeit zu Zeit und immer zu rechter Zeit durch mein grau- 
werdendes Haar, und thut mir jedesmal unendlich wohl. 
Warum kommen Sie nicht auch einmal als schönster West, 
hier ist doch auch Allerlei für Leute Ihrer Art, ausser Bab- 
bage und Eule Britannia, und Sie würden sich erbauen. Felix, 
Gottlob! fühlt den alten Zauber wie er ilm übt, — trotz der 
Frau, die nicht da ist und die uns Allen schrecklich fehlt, 
sieht er munter und frisch aus, und freut sich an Lohster und 
Fies und den Engländerinnen, und wundert sich wie sonst, 
dass man hier so viel Engländer sieht, und so viel Englisch 
spricht, und ist guter Dinge — komponirt er nicht die 
schönsten Werke, so Hegt's eben an dem tollen Treiben, das 
den „Lion" anders nicht, als Morgens früh und Abends spät 
loslässt. In den Morgen- und Abendstunden aber ist er mein 
Hausgenoss, und wir leben und reden menschlich von den 
ünsrigen; ich stehe mich bei dem Allen freilich am besten. 
Als Künstler hat hier nie ein Fremder eine Stellung gehabt, 
wie Felix, sie ist so nobel und rein und sein mächtiger, stiller 
WiUe trägt ihn so sicher und triumphirend durch allen Rauch 
und allen Nebel in die klaren Regionen; alle, auch die Phi- 
lister, fühlen das, und Alles respectirt und würdigt, Jeder in 
seiner Art und Weise die Kraft, die Jeder erkennt. Wir, 
John Bulle wie wir sind, sind darin überhaupt kindlicher und 
reiner, als der vielschreibende Kontinent, gescheuter nebenbei 
wie Ihre bequemen Maccaroni-Esser, wir haben das ^.Organ of 
vener atioii^' , und bewundern ehrlich und gern. Warum sind 
Sie nicht einmal dabei gewesen, wie Felix empfangen wird, es 
würde Ihr schwesterliches Herz erquicken, und thut einem 
Simpeln Zuschauer wohl. So war es im ersten Philharmonie- 
Konzert, was er dirigirte. Alles, Orchester wie Zuhörer, hatte 
solches Leben bekommen, sie spielten seine A-moll-Symphonie 
schöner wie je vorher, und die Andern hörten andächtiger und 



316 Eeise- und Heimathbriefe. 

genossen jauchzender wie je. Ich will gar nicht, dass das 
Volk überall meinen Felix schon so inne haben soll wie ich 
und wie Einer oder der Andere mehi'; dafür wird das Beste 
nicht gemacht, dass es dem Haufen gleich mundgerecht 
zwischen die Zähne wächst; aber sie mögen den Propheten 
und Magier merken, und sich mit leisem Schauder, unbewusst, 
zu ihm hingezogen fühlen. Der Platz hört auf, meinen Brief 
bin ich Ihnen immer noch schuldig, und Sie mir immer noch 
die Möglichkeit, Ihnen zu begegnen; und endlich Dirichlet's 
leibhaftige Bekanntschaft zu machen, und mich wieder in Ihr 
Leben einzuleben. AVo wird das sein, und wie? Felix spricht 
vom Rhein, möge es so werden." 

Fannj'' an Rebeck a. 

Berlin, den 23sten Mai 1844. 

„ Nun bin ich sehr neugierig auf Deine Nachrichten 

aus Neapel. Ach! denke einmal an mich, wenn der Vesuv 
giuthroth beim Sonnenuntergang wird, dann blassroth, und 
einen Moment später bleigrau und todt. Ich fürchte sehr, 
Santa Lucia hat einen grossen Theil ihres Reizes durch Civili- 
sation eingebüsst, man war daran, die Lazzaroni auszukelu'en. 
So recht mit Freude, wie das erste Mal, werde ich doch Italien 
schwerlich wiedersehen; denn wenn Hensel und ich hingehen, 
werden wir doch Sebastian dahinten lassen müssen, und das 
ist schwer. Der beharrt noch dabei, Naturforscher zu werden, 
und hat den bedenklichsten Appetit nach fremden Welttheilen. 
Neuholland führt er im Munde, als wenn es Potsdam wäre. 
Was finge ich arme Klucke wohl an, wenn solche Pläne zur 
Ausführung kämen? Da ist doch meine Henne besser dran, 
die sechs Junge ausgebrütet hat. Wie reinlich kommt so'n 
Vogel auf die Welt , und wie geschickt sind die neugeborenen 
Thiere. Könnte der Mensch nicht davon etwas lernen?" 

Fanny an Rebeck a. 

Berlin, 3ten Juni 1844. 
„Bravo, mein Beckchen ! Wie freue ich mich über Deinen 
Unternehmungsgeist. Ich musste laut aufschreien, als ich das 



Berliner Festlichkeiten. 317 

Datum zu Gesicht bekam und Hensel ging es nicht hesser. 
Aber Du wirst es komisch finden, zu gleicher Zeit habe ich 
mich gefreut, dass mich damals meine Trägheit und mein Balcon 
an Neapel gefesselt hatten, und dass mii', will's Gott! für 
meine Vierzige nun noch eine so grosse Erschütterung übrig 
ist. Für die Dreissige hat mir Italien genug gethan. Du 
bist übrigens schreiend ungerecht gegen Neapel , das denn 
doch so ganz unerhört schön ist, dass ihm in gewissen Punkten, 
kaum etwas in der Welt gleichen kann. Der Vesuv, die In- 
seln, Pompeji, was kommt wohl gegen diese Haupttodtschläger 
auf? Die blaue Grotte ungerechnet, die Vormittags keine Be- 
suche annahm, als wir ihr unsere Aufwartung zu machen 
wünschten. — — 

Wir haben einstweilen sehr viel Zweck gegessen, und 
Lebendige und Todte mit Festklängen gefeiert. Ich schrieb 
Dir, glaube ich, schon neulich, dass Devrient eine Trennungs- 
freude bereitet werden sollte; der grosse ß. stellte sich von 
diesem Abscliiedsfeste nichts Geringeres vor, als dass es Dev- 
rient in Zukunft wieder hierher zurückführen und seine Stel- 
lung für alle Zeiten und Zukunft hier sichern würde (wenn 
ich doch so glücklich wäre, so ausserordentlichen Werth auf 
meine Einfälle und Unternehmungen zu legen). Dazu hatte 
R. denn auch so unsinnige Anstalten getroffen, dass, wenn 
man ihm seinen Willen gelassen hätte, das ganze kunstliebende 
Berlin sich sechs Monate lang die Augen ausgekratzt haben 
würde. Durch Hensel's vernünftige Vermittelung gelang es 
denn endlich, diese Fete in das Geschenk einer sehr schönen 
Porzellanvase zu verwandeln, an deren Fuss die Namen der 
verschiedenen Geber prangen werden. Mittwoch trat er zuletzt 
als Tasso auf: nach dem Theater versammelten sich seine 
Freunde und Freundinnen (keine Schauspieler) im Hotel de 
Russie, wo er seit einigen Tagen wohnte, und die Vase ward 
ihm mit einer einleitenden Eede von Werder, der darin stecken 
blieb, überreicht, dann folgte ein frugales Mahl, dessen 
Leitung sich aber dochE. zu bemächtigen gewusst hatte, und 
wobei der Champagner auf gemeinschaftliche Kosten so floss, 
dass ich in Todesangst vor der Rechnung lebe, welche noch, 



318 Reise- und Heimathbriefe. 

wie das Schwert des Damokles über unsern Häuptern hängt. 
Devrient war übrigens selig; am folgenden Tage gaben ihm 
die Schauspieler noch ein Diner und ein Geschenk, und die 
zwei letzten Tage seines Hierseins waren selir hübsch. Vor- 
gestern haben wir nun wieder Thorwaldsen angefeiert und 
dabei sind solche Schöppenstädtereien vorgekommen, dass es 
kaum zu glauben ist. Die Feier bestand in einer sehr schönen 
Dekoration des Akademiesaals, in der Mitte eine Kolossalstatue 
Thorwaldsen's, von Kiss sehr geschickt, theils modellirt, theils 
drappirt, so dass es eine ganz schöne Wirkung machte. Eine 
von meinem schönen Freunde Eeumont geschnarrte Eede, ein 
schwungvoller Dithyrambus unseres genialen Eungenhagen und 
eine sehr bedeutend antigonisirende Kantate von Kopisch und 
Taubert machten die Feier aus, deren Pointe darin bestand, 
dass aus Versehen der König und der ganze Hof nicht ein- 
geladen worden, zu welchem Entsetzen unseres unabhängigen 
künstlerischen Berlins kannst Du mitfühlen. Von sonst „Ver- 
gessenen" habe ich bis jetzt Beuth und Humboldt erfaliren. 
Wie findest Du das ? Denke Dir den Schreck der Herren 
Anstifter, die in der königlichen Loge keine Maus, nicht einmal 
einen Kammerherrn erblickten und denen da erst ilire Sünden 
beifielen. ZufäUig waren die Maler nachher bei uns zum Essen, 
und da habe ich mein Müthchen an Wach und den Andern 
gekühlt und sie unbarmherzig ausgelacht, wälirend ilmen Allen 
der Jammer viel näher stand. Es half aber nichts, sie mussten 
gegeisselt werden, wer heisst sie mit solcher Ostentation eine 
Thorwaldsenfeier in's Leben treten zu lassen und sich so gottes- 
jämmerlich ungescliickt dazu anstellen ? — 

Von Cecile habe ich keine ganz neuen Nachrichten; nach 
den letzten hatten die drei andern Kinder (Paulchen war 
schon fertig), sowie ihre Mutter, ihre Tante, im Ganzen acht- 
zehn Personen der Familie die Masern. Sie selbst hat wieder 
eine Halsentzündung gehabt, von der sie freüich wieder her- 
gestellt war, aber ich gestehe Dir doch, dass ick über ihre 
Gesundheit im Allgemeinen viel weniger ruhig bin, als es 
Felix zu sein scheint. Gebe Gott, dass icli mich irre und zu 
ängstlich bin. Von Felix sind die Nachrichten selir gut, er 



Palermo. 319 

ist vergnügt, zufrieden mit der enthusiastischen Aufnahme, 
die er findet und die ihm den Kontrast mit der frostigen Art 
der Leute hier freilich immer fühlbarer machen muss. Von 
ihrer eigenen Krankheit hat ihm Cecile nichts geschrieben 
und mir verboten, es ilm wissen zu lassen." 

Rebecka an Fanny. 

Neapel, Villa di Roma, Slsten Mai 44. 
„Ich soll von Euerm Balkon grüssen, den ich leider nicht 
bewohne, denn die Wohnung wird reparirt, dem ich aber eben 
eine Abendvisite gemacht, und den drei Fischerbarken, und 
dem Vollmond im Meer Eure Grüsse bestellt habe. Wieder 
eine Aehnlichkeit, liebste Fanny, ich sitze hier als Strohwittwe. 
Unsere sicilischen Pläne, mit Kindern weitere Ausflüge zu 
machen, scheiterten an der Unmöglichkeit der Ausführung; 
weder zu Pferd, noch zu lettiga^ noch zu Schiff mit Seekrank- 
heit machte sich's gut, sogar Cefalü habe ich aufgeben müssen, 
weil ich die Wahl hatte zwischen sechs deutsche Meilen reiten 
oder im Kahn fahren. Darum gräme ich mich aber nicht, 
denn über Palermo kann nichts gehn; da sich aber Dirichlet 
schon sehr auf den Aetna und Archimedes Grab gefreut hatte, 
habe ich ihn halb gezwungen, sich diese Erinnerungen nicht 
entgehn zu lassen und bin mit Reisebekannten in dem grossen 
Schiff „Palermo" wieder hergefahren; ich fürchtete die Hitze 
und die kleinen Postdampfschiffe, die sehr schlecht sein sollen, 
und da habe ich mich denn mit schwerem Herzen von der 
poetischesten Poesie von Palermo getrennt und mich in der 
Villa di Roma etablirt. In der Nähe von Palermo habe ich 
Alles gesehn: Monte Pellegrino mit Göthe's Rosalienkapelle, 
wo ich wie er Orgel und Gesang gehört habe, Monreale — 
hat Hensel vielleicht den Reitweg von S. Martino nach Mon- 
reale gemacht, der ist zu empfehlen, Baggaria, wo wir den 
Duca di Serra di Falco besucht haben, alle Tage mehrere 
Mal die Marine, ach! was ist das Alles schön, und maurisch, 
und poetisch, und welch gutes Wirthshaus nebenbei, und Erd- 
beeren und nespole Japanese. Und die Zi%a nicht zu vergessen 



320 Eeise- und Heimathbriefe. 

mit üirer maurisclien Halle und welthistorisclien Aussicht. 
War ich nur noch da, hier hin ich ein wenig ausgesperrt, und 
die Zeit, bis Dii'ichlet kommt, wird mir schrecklich lang. In 
Palermo hatte ich doch Don Homeo — es ist unglaublich, 
dass Du Don Eomeo nicht kennst, und der ist doch jetzt in 
jedes Dirichlet Mund. Romeo ist der Palermitaner Schapse 
und Cousin Wolf in emer Person, nur, wie sein Name besagt, 
in's Palermitanische übersetzt, d. h. ein sehr hübscher junger 
Mann. Mit Cousin Wolf hat er eine kleine Rente, sehr weisse 
Wäsche und ^^wj^e?«^^' in die Begebenheiten gemein; mit Schapse, 
dass er Alles weiss und Allen Alles verschafft. Dieser ist 
uns von einem Offizier vorgestellt worden, an den Dirichlet 
einen Brief hatte , und seitdem ist er uns nicht von der Seite 
gegangen, hat unsere Partien arrangirt, den patto mit 
Kutschern und Schiffern gemacht, mir Nähseide gekauft, 
Dirichlet einen Knopf angenäht, und es war die dickste Freund- 
schaft, ein wahrer Amico. — Nun bin ich aber sehr müde, 
gute Nacht! Uebermorgen mehr von Romeo, morgen will ich 
nach Sorrent, Nerenzens besuchen. — 

Den 5ten. Evivaü! Aus der Form dieser Ausrufungs- 
zeichen siehst Du schon, dass ich Paul's Töchterchen begrüsse. 
Eviva! welch ein Stein ist mir vom Herzen. war ich jetzt 
bei Euch und könnte die neue Mutter begrüssen! Bei solchen 
Gelegenheiten reicht der Vesuv und das Meer nicht aus, einem 
die persönliche Anwesenheit zu ersetzen. Tausend gute 
Wünsche dem Vater, der Mutter und dem Kinde. Am 24sten 
haben wir feierlichst ihi-e Gesundheit am Fusse des Monte 
Pellegrino getrunken, und ich dachte eigentlich, nun müsste 
es losgehn, aber da war ja Alles schon überstanden. 

Ich datii'e dies aus Sorrent, wie Du vorhergesagt, liebe 
Fanny, aber die Sache hat einen Haken. Ich habe mir die 
passende Zeit ausgesucht, wo Dirichlet nicht da und ich fast 
ganz fremd in Neapel war, um gleich, nachdem ich aufliörte 
zu schreiben, recht krank zu werden; nachdem Dr. Zimmer- 
mann die Sache eine Weile angesehen hatte, befahl er mir 
peremptorisch, aus dem Bett aufzustehen und stehenden Fusses 
nach Sorrent zu wandern, wo ich seit einigen Tagen weile 



Kebecka krank in Sorrent. 321 

und wirklich ziemlich hergestellt bin. Wie ich höre, bin ich 
nicht der Erste, der in Neapel nervenkrank geworden, und 
in Sorrent wieder seine Gesundheit gefunden hat. Ich habe 
mich in einer sehr hübschen Wohnung etablirt und erwarte 
nun Dirichlet in aller Ruhe in einigen Tagen zurück. Dieser 
Aufenthalt stört unsere weiteren Pläne ein wenig, indessen 
wo man hier bleibt, ist es schön und herrlich und die Sorrenter 
Luft wirklich balsamisch und erquickend. Sehr viel Schuld 
an meinem Unwohlsein hatte auch die Seekrankheit, wir 
hatten eine stürmische Ueberfalut und da hab' ich fürchterlich 
gelitten; nun ist aber Alles überstanden. Mein Walter hat 
sich in dieser Zeit wie ein ganz erwachsener, vernünftiger 
Mensch und dabei wie das liebenswürdigste Kind benommen. — 
Solche Farben wie heut, sind, glaub ich meder, noch nie 
dagewesen. Wenn ich in unsere Halle hinaustrete und das 
Meer durch die Bogen sehe, packt mich immer ein gewaltiges 
Verlangen, Farben zu nehmen und ein blaues Meer, einen 
grünen Vorgrund, weisse Bogen und einen lila Vesuv zu 
schmieren. Wäre das nicht ein schönes Bild? Man glaubt 
wirklich in Italien , Landschaftsmaler zu sein , wenn man die 
Gegend recht viel ansieht, und dadurch, dass ich W^alter's 
Zeichnungen schulmeistere, sehe ich recht genau hin. — Ach! 
ich kann gar nicht mehr schreiben, ich freue mich viel zu 
sehr aufs Wiedersehen und Wiederzusammenleben mit Dir. 
Es hat uns zwar bis jetzt noch nicht an Stoif zum Plaudern 
gefehlt, aber jetzt soll es erst losgehn. Hier verlerne ich 
ganz mein sauer eiTungenes Italiänisch und lese drum ziemlich 
geläufig und sehi' gewissenhaft das befreite Jerusalem. Sonder- 
bar ist es , wie einem plötzlich und mierwartet zuweilen ein 
Sinn aufgeht; so ging mii^ in Rom eines Tages Göthe's Tasso 
auf, wie eine ganz neue Bekanntschaft, und es vergehen seit- 
dem nicht viel Tage, ohne dass ich eine oder die andere 
Scene d'raus mit grösster Rühi'ung lese. Wer nichts selbst 
produziren kann, lernt wenigstens in dem Wunderland besser 
auffassen und verstehn; im Lande, wo die Poesie auf aUen 
Bäumen und Zäunen wächst, muss doch etwas davon im Ge- 
mäith hängen bleiben. — " 

Die Familie Mendelssohn. H. 21 



322 Reise- und Heimathbriefe. 

RebeckaanFanny. 

Sorrent, d. IQten Juni 44. 

„Meine liebe Fanny, hier liegt Dein letzter Brief und 
klagt mich grosser Sünden an, erstens dass ich so lange nicht 
geschrieben, obgleich Du meine Briefe so freundlich aufnimmst 
nnd dann, dass ich dem armen Neapel so Unrecht thue. Dem 
ersten helfe ich hiermit ab , dem zweiten — ja , warum hat 
sich unser Reiseglück in Neapel gewandt ? Warum bin ich 
daselbst ki'ank geworden? Warum bin ich in der Villa di 
Roma, die ihren Padrone gewechselt hat, so unsinnig geprellt 
worden? Warum waren unter vierzehn Tagen nur höchstens 
vier, dass man ausgehen konnte? Warum bekommt mir das 
Klima durchaus nicht? Und besonders, warum liegt es zwischen 
Rom und Palermo eingeklemmt ? Du hast uns übrigens be- 
rufen, erst schriebst Du, es ginge uns Alles so glatt, ohne 
Krankheit, und Tags darauf lieg' ich zu Bett, dann schreibst 
Du, wir richteten Alles so gut ein und da hatten wir eben 
den Fehler begangen, uns zu trennen und Palermo zu verlassen, 
wo wir lebten, wie die Götter in Italien. Du siehst aus diesen 
philosophischen Betrachtungen, dass ich nicht viel Historisches 
zu berichten habe; und so ist es, wir leben ganz still, Nach- 
mittags sitzen wir oben auf der Terrasse, die die schönste 
Aussicht von ganz Sorrent hat, sehen die Sonne hinter Cap 
Misen untergehen, fühlen uns nicht recht genussfähig mehr und 
grämen uns doch, Italien in vierzehn Tagen zu verlassen. So 
läutet Italien leise aus, der Winter in Rom war ein rechter 
alter Weibersommer, wenn Ihr mich wiederseht, werdet Ihr 
nicht begreifen, wie ich so lustig habe sein können, denn 
äusserlich bin ich sehr alt und besonders sehr grau geworden." 

Fanny an Rebeck a. 

Berlin, den 19ten Juni 44. 

„Mein liebes Beckchen, was hat mii* Deine Krankheit für 
einen Schreck in die Glieder gejagt ! Dein Brief fing so schön 
lustig an und überhaupt waren die Nachrichten bis jetzt so 
überaus prächtig und durchweg erfreulich, dass ich wahrlich 



Jakoby, 

nicht darauf gefasst war. Es bedarf wirklich keiner Befürch« 
tung und Sorge um Dich, mir das Bewusstsein lebendig zu 
erhalten, dass Du der Eeiz meines Lebens bist; das weiss ich 
ebenso wohl in guten Tagen, darum musst Du aber gar nicht 
mehr krank sein; es war doch wohl ein Bischen viel für Dich, 
diese Eeise nach Sicilien. 

Eine grosse Freude haben wir in diesen Tagen durch 
Jakoby' s Ankunft gehabt, der so prächtig erzählt, und so viel 
von Euch weiss , und auf jede Frage augenblicklich Antwort 
giebt, was doch der beste Brief nicht thut. Es war mir or- 
dentlich ein Vorschmack von Eurer Eückkehr. Ich meine, 
jetzt, wo Ihr das Herrlichste genossen, wird allmählig die 
Eeisemüdigkeit eintreten, und die Lust, zu Hause auszuschlafen, 
„wir wenden uns, wie auch die Welt entzücket." Jakoby hat 
so prächtig gesehn und erlebt, wie es bei diesem bedeutenden 
Manne zu erwarten ist, und ist wohl und heiter. 

Sonntag ist die letzte Musik für diesen Sommer, die will 
ich mit Felixens Männerchor „Wer hat dich, du schöner Wald" 
mit Hörnern und Posaunen beschliessen. Von FeUx sind die 
besten Nachrichten, wenn ich Dir sage, dass er sich emen 
grossen Baumkuchen nach London bestellt hat, so wii'd Dir das 
das beste Zeichen sein. In London ist die Musik zum Sommer- 
nachtstraum mit grossem Beifall gegeben worden, in Paris die 
Antigone, hier ruht beides gänzlich, dagegen wird jetzt Athalia 
mit Felixens Musik einstudirt. In jenen Stücken müssen nun 
auch Devrient's Eollen wieder besetzt werden, was wahrschein- 
lich durch Hendrichs geschehen wird, einen jungen Schauspieler, 
um den sich Berün und Hamburg reissen." 

Eebecka an Fanny. 

Sorrent, den SOsten Juni. 

„Liebe Fanny, schami'oth ergreife ich die Feder, um Dir 
zu gestehen — dass wir noch einen Monat hier bleiben. Ich 
habe angefangen , Seebäder zu nehmen , und die bekommen 
mir, trotzdem, dass ich mit dem grössten Widerwillen daran 
gegangen bin, ganz vortrefflich. Da haben wir uns denn nach 

21* 



324 Eeise- und Heiinathbriefe. 

langem Hin- und Herreden, denn mir lag das Musikfest doch 
sehr in den Gliedern, eine luftige Wohnung gemiethet, und 
wollen noch den Juli hier grasen. Es ist hier ganz göttlich 
schön, allein, ich weiss nicht, meine Reisewonne ist vorüber, 
und ich sehne mich schrecklich nach Dir und den Geschwistern. 
Es geht mir eigen mit Neapel, es ist mir von allen italiänisclien 
Schönheiten am wenigsten simpatica, und nun müssen wir so 
lange in der Gegend bleiben und doch am Ende die Hauptsachen 
ungesehen lassen; es ist unmöglich, in dieser Hitze Plaisir 
auszustehn; heut sind 28 Grad hier, in Neapel 31. Doch ist 
es, die paar Mttagsstunden abgerechnet, nicht drückend, die 
Morgen und Abende kühl und frisch, das Bad zwischen den 
grossen Felsstücken erquickend und dabei auf eine Weise naiv, 
die unglaublich ist. Man zieiit sich auf dem Strand am Wasser 
aus und geht hmein, Angesichts aller Fischerkähne, und ebenso 
wieder hinaus. Der Glanz aber und die warme Frische des 
Wassers smd von unbesclu-eiblicher Schönheit. Hier zu Lande 
wird einem der Homer erst recht mundrecht, mit allen Grotten 
und heiligen Hainen. Bei Meta, nahe bei Sorrent, stehn zwei 
uralte Olivenbäume, von denen gesagt wird, sie seien dieselben, 
zwischen denen sich Odysseus bettete, als er das Land der 
Phäaken betrat. Andere verlegen die selige Insel nach 

Sicilien. 

Du wirst einen grossen Unterschied finden zwischen meinen 

Römerbriefen und diesen hier, die gar nichts enthalten; aber 
Du glaubst nicht, wie dieses Nichtreisen — doch Reisen — 
doch Baden — doch Bleiben — diese Ungewissheit über imsre 
nächste Zukunft mich preoccupirt und nun hegt mir der Um- 
zug, die Zeit, ehe man em wenig eingewohnt, dann wieder 
einpacken, noch in Neapel ein paar Tage besorgen, sehen etc., 
dann die grosse Reise in den Gliedern. Die Kinder sind sehr 
vergnügt hier, nur hat Walter den Kummer, dass er nicht 
baden soll, weil er sich neulich auf einer Parthie nach der 
blauen Grotte rothe Augen geholt hat, und Ernst den, dass 
er baden soll, was alle Morgen ein Zetergeschrei setzt. So 
Ist der Mensch nimmer zufrieden, was hätt' ich in Berlin drum 
gegeben, mit den Meinigen einen Sommer in Sorrent zu sein, 



Sorrent. 325 

und nun ich hier bin, sehne ich mich mit aller Macht nach 
Hause. Und wieviel wird mir da fehlen, wenn ich nicht wieder 
in's Haus ziehe. L. hatte doch Recht, als er gern seine ver- 
fluchten Jefühle auf des infame Instrument ausdrücken wollte. 
Ihr glücklichen Musiker macht aus solcher Stimmung und Um- 
gebung ein Lied ohne Worte, zur Freude der Menschen; ich 
muss garstige Prosa mit Worten schreiben und mich am Ende 
noch von Euch auslachen und undankbar schelten lassen, gegen 
mein Schicksal, das mir nach vielen Jahren Plackerei und 
Sorgen vergönnt, eine Zeit gesund ganz nur für unser Ver- 
gnügen zu leben." 

RebeckaanFanny. 

Sorrent 0, ViUa grande Guerracina 6ten Juli. 

„Dem neugeborenen Fünfziger*) Gruss und Glückwunsch. 
Hab' ich Euch jemals hergewünscht, so ist's jetzt. Denkt 
Euch nur, wir vier Dirichlet's in einer Wohnung, ungefähr wie 
Felixens in Berlin, mit einem Saal, in dem fünfzig Paare tanzen 
könnten, neun verhältnissmässige Stuben daran, eine Halle mit 
Arkaden längs der ganzen Wohnung, die mit einer bedeckten 
Loggia schliesst, die wieder die ganze Wohnung überflüssig 
macht, denn ich habe Sopha, Tisch und Stülile heraussetzen 
lassen und nun ward draussen gegessen, getrunken, gelehrt, 
geschlafen, Besuch angenommen (gab' es dergleichen), Wäsche 
getrocknet, wie z. B. jetzt, wo Dirichlet's Badehandtuch sich 
sonnt; es fehlte nur, dass wir auch in der Loggia badeten, 
doch dazu müssen wir erst ein Stück AVeges gehn und dann 
hundert Fuss herabsteigen durch Grotten der Nymphen, um 
uns dann in der Unendlichkeit auszuziehen und den Fischer- 
barken ein Schauspiel für Götter zu geben. Und aus jeder 
der Arkaden ist eine Aussicht! Ich sage Dir, ich gönne sie 
mir nicht; könnt' ich Euch nur mit dem Telegraphen holen 
lassen und in meine drei unbesetzten Betten legen. Von einer 
dieser unbesetzten Stuben führt eine Thüre in den oberen 



*) Wilhelm Hansel. 



326 Reise- und Heimathbriefe. 

Garten; es sind zwar nur ganz gemeine Citronen- und Wein- 
gärten, in denen die Kinder mit herabgefallenen Citronen Ball 
spielen und die Limonade jeden Tag frisch gepflückt wird; 
ausserdem aber enthalten diese Gärten auch noch höchst klas- 
sische Früchte, von denen uns der alte Padrone jeden Morgen 
eine Schüssel voll sehr zierlich arrangirt und uns immer ver- 
tröstet, die Feigen würden nun jeden Tag besser werden — 
überhaupt weiss ich erst jetzt, was ein Padrone di casa ist, 
er sorgt wirklich väterlich für uns. Hühner mit Eiern und 
Kühe mit Milch sind auch im Hause ; von den Gärten aus führt 
eine heimliche Thür auf den Berg, von dessen Spitze man 
"beide Meerbusen von Salerno und von Neapel sieht, und zwar 
führt der Weg ausnahmsweise nicht zwischen Mauern, sondern 
Angesichts des Meeres und des ganzen, in Grün fast erstickenden 
Piano von Sorrent (hätf ich nur eins in der Wohnung!) und 
durch ein kühles, schattiges Kastanienhölzchen, kurz, von 
solchem Schlaraffenleben hat man keinen Begriff. Als Zugabe 
liegt das Haus selir hoch und es w^eht uns das erquickendste 
fritto misto von Berg- und Seeluft um die Nase, so wenig heiss, 
dass ich meiner Kleidung, die wirklich bis auf eine Hülle zu- 
sammengeschmolzen war, noch eine zugelegt habe. Und als 
Staffage erwarten wir Herrn Kestner im violetten Sammt- 
schlafrock, der Dirichlet portraitiren will, Herz, was ver- 
langst Du noch mehr? Als würdige Beschäftigung der Be- 
wohnerin dieser fürstlichen Räume stricke ich seidene Strümpfe 
für Walter, da ich neulich ganz Neapel vergeblich nach Strick- 
baumwolle durchlaufen habe, und flicke, Angesichts des Vesuv, 
unsere, von der gestern jährig gewordenen Eeise ziemlich in- 
valide Wäsche, lese Boccaccio, Göthe, Homer und Robinson 
suisse^ denn ein Tag, der um sechs anfängt, dauert wenigstens 
sechsundzwanzig Stunden, Abends kann man gar nicht zu 
Bette gehen, denn bei klarem Wetter liegt Neapel mit seinen 
Lichtern bis zum Posilipp wie ein Brillantdiadem gegenüber, 
und durch's ganze Piano schimmern die Lichterchen die Berge 
hinan, bis wo die Sterne anfangen. Die Beleuchtung am Tage 
ist leider so brillant, dass Walter noch immer kauzige Augen 
hat und von Dirichlet nach dem Gehör unterrichtet wird. Sein 



Campo Santo von Elsasser. 327 

Geburtstag ward durch einen herrlichen EseMtt mit Nerenzens 
Kindern, Kuchen und Aprikosen gefeiert ; wir haben ihm Dar- 
stellungen neapolitanischer Scenen geschenkt, die Euch auch 
selir amüsiren werden, und einen Zeichenkasten aus Olivenholz ; 
man macht hier nämlich sehr hübsche Tischlerarbeiten, ausser- 
dem ernährt sich die Bevölkerung von Gartenbau, Seidenzucht, 
Prellerei und rohen Gurken. 

Nun genug Narrenspossen ! Vor einigen Tagen habe ich 
einen Brief von August Elsasser bekommen; der ist überglück- 
lich, dass Paul das Bild gekauft hat, bittet mich, ihm seinen 
Dank zu sagen für die „grossmüthige" Art und Weise , wie 
Paul ihn „beglückt" hat, und zugleich um Verzeihung zu 
bitten, dass er das Bild nicht gleich abschicken kann, weil er 
fiir den König von Württemberg erst eine Kopie anfertigen 
will. Er hat aber durch Kaselowsky auf der Rückseite des 
Bildes bezeugen lassen, dass das für Paul das wahre Original 
ist. Das ist doch ein ächter Elsasser ! Ich kann Dir gar nicht 
sagen, wie ich mich freue und Paul danke, dass er sich und 
uns den Genuss dieses wundervollen Bildes verschafft hat. El- 
sasser wollte Paul selbst schreiben, bereite ihn doch darauf 
vor, dass er kein richtig Wort schreiben kann, so wenig als 
sprechen, und dass man sich nicht darüber moquii-e. Vielleicht 
hilft ihm auch Julius Elsasser dabei, der war gerade in Arricia, 
um Studien zu malen. Eigentlich war auch unser Sinn nach 
Arricia und Frascati gerichtet, nun müssen sich die pauvres 
ho7nmes mit Sorrent behelfen. 

Die Antwort auf diesen Brief erbitte ich nach Zürich poste 
restante. Das andere Bündel Heu, das Musikfest in Zweibrücken 
kann der Esel noch gar nicht eigentlich verkneifen. Indessen 
Italien ist eine schöne Gegend und wer weiss, ob wir so jung, 
oder viel älter wieder liinkommen. Wir machen zwar schon 
wieder Pläne über vier Jahre ! — " 

Felix an Rebecka. 

Soden bei Frankfurt a./M., \^ 
den 22sten JuU 1844. 
(Mit einer Vignette von Cecile.) „Dies sind Feldblumen 



328 Reise- und Heimathbriefe. 

aus dem Taunus, von Cecile nach der Natur geraalt. Orangen 
und Citronen giebt es hier nicht, aber solcher Blumen viel, 
wenn Du es nicht glaubst, so komme und sieh sie Dil- an. Das 
ist eigentlich das Thema dieses Briefes. Gar zu prächtig wäre 
es, wenn wii* hier zusammenstiessen, und ich halte es nun 
wirklich für wahrscheinlich. Diese ruliigen Tage und dies herr- 
liche fruchtbare Land machen mir gar zu viel Freude ; so lange 
ich nur irgend kann, bleibe ich, und wenn Ilu* zum Schluss 
noch erscheint, giebt's ein wahrhaftes Bouquet (in allen Sinnen). 
Schmecken wird Euch die Gegend nach Palermo und Sorrent 
nur wenig, — und doch sollte man das eigentlich nicht sagen 
und glauben. Wer das eine Schöne wahrhaft fühlt, wen es 
wahrhaft beglückt, dessen Sinn wii'd gewiss nicht enger, nur 
weiter dadurch, und muss sich an Allem freuen, was acht schön 
ist. Es ist mein ewiger Aerger, wenn die Einen nur Bee- 
thoven und die Anderen nur Palestrina, und die Dritten nur 
Mozart oder Bach gut finden, — entweder alle vier oder 
keiner, woraus hervorgeht, dass Dir der Fussweg von Soden 
nach Altenhain gefallen muss. Aechte Kastanien und Nüsse 
die schwere Menge — aber die seid Ihi^ besser gewöhnt — 
tausendjährige Eichen und Kornfelder und Brombeeren — die 
haben wir wieder besser — und Rhein und Main dazu im Hinter- 
grund, und unglaubliche Aepfel- und Birnbäume. Palmen haben 
wir nicht, dafür aber sehr gute Mehlspeisen. Schätzest Du das 
gering, so frage Walter, der schlägt sich auf Seite der Deut- 
schen. Dass hingegen der Vesuv besser klappt, als es das 
Musikfest in Zweibrücken thun wird, glaube ich selbst eigent- 
lich; Breiting singt auf Letzterem wahrscheinlich, — ob er 
aber so gut konservirt ist, wie Pompeji in seiner Art, weiss 
ich nicht. Der Conditor verkauft hier auch Hemdenknöpfe, 
die Polizei ist der Mann der Kochfrau, in der Kirche zu 
Neuenheim ist um acht katholischer, um neun protestantischer 
Gottesdienst, der Feldberg ist zwei Stunden Weges, es giebt 
auch viel Esel hier — auch eine Herzogin — Hoffmann von 
Fallersieben wohnt uns gegenüber, Freiligrath in Kronthal, 
Lenau ist in Frankfurt, — das Alles sind Anziehungspunkte 
für Dii'ichlet, wenn er sich noch ein deutsches Herz im Busen 



Felix in Soden. 329 

bewahrt hat (eine Redensart, über die Cecile ausser sich ge- 
räth, „es ist so hochmüthig**, sagt sie). Sie hat sich von ihrer 
Krankheit gut erholt und sieht wieder gesund aus, auch die 
Kinder sind wieder braun und prächtig. Nach meinem tollen, 
allertoUsten Leben in England (denn es ist noch niemals so 
arg dort zugegangen wie in dieser Saison), nachdem ich keine 
Nacht vor halbzwei zu Bett gekommen war, drei Wochen 
voraus keine freie Stunde an keinem Tag hatte, nachdem ich 
in den zwei Monaten mehr hatte Musik machen müssen als im 
ganzen übrigen vergangenen Jahr, ~ da thut das Sodener 
Leben, Essen und Schlafen ohne Frack, ohne Klavier, ohne 
Visitenkarten, ohne Wagen und Pferde, aber auf Eseln, mit 
Feldblumen, mit Notenpapier und Zeichenbuch, mit Cecile und 
den Kindern, doppelt wohl. 

Die letzten Nachrichten von Paul's und Fanny lauteten 
auch ganz gut; welche Freude ist das Töchterehen für uns 
Alle ! Ich wette, es giebt auch noch Geschwister für das Kind 
und Neffen für uns; darüber will ich noch mit Dirichlet das 
Nähere besprechen. Herr Babbage hat mir eine Brochüre für 
ihn mitgegeben, sie ist hier in Soden und handelt von der ana- 
lytischen engine; er giebt unglaublich grosse Soireen mit in- 
dischen Prinzen, Herrn von Gerlach, wunderschönen Frauen, 
Lord Ossulstone und mir. Kann man solch einen Brief nach 
Mailand an das Sposalizio schicken? Nein, aber an Dich da- 
selbst poste restante; bekomme ihn in Heiterkeit und Wohl- 
sein, sag' all den Deinigen unsere herzlichsten Grüsse, und 
besuch uns im Taunus oder in Frankfurt (hier sind wir nur 
eine Stunde davon), da's nun einmal nicht Zweibrücken sein 
kann. „Sie kann nicht enden" — ich muss aber. 

Dein Felix.*' 



Fanny an Rebecka. 

Berlin, 29ten Juli 44. 

„Heut erhielt ich Deinen lieben Brief vom zwölften, in dem 
Du wie die Heiden trachtest, was werden wir essen, was werden 
wir trinken, womit werden wir uns kleiden? und habe somit 



330 Reise- und Heimathbriefe. 

zwei zu beantworten, nämlich auch den sehr schönen von 
Hensel's Geburtstag. Es freut mich sehr, dass ich Deine meisten 
Kommissionen schon auswendig gespielt habe, wie ich Dir so- 
gleich berichten werde. Vorerst muss ich nur bemerken, dass 
ich es äusserst pfui von Euch finde, dass Ihr erst Ende Sep- 
tember wiederkommen wollt, wo Kuckuck wollt Ihr Euch denn 
noch so lange herumtreiben? Ich dachte, einmal aus Rom, 
würde das geliebte Vaterland ziehn, es scheint aber nein! 
Dass Du See badest, billige ich höchlich. Ein Musikfest in 
Deutschland kannst Du jedes Jahr haben, ein Seebad in Sor- 
rent schon weniger ; von den Seebädern dort schwärmt Hensel 
noch immer, er behauptet, Menschenfleisch noch nie in einer 
älinlichen Verklärung gesehn zu haben , als in jenen Grotten, 
und doch war es nur Kopisch's Menschenfleisch, was er sah. 

Ich glaube, ich habe immer vergessen Dir zu erzählen, 

was vielleicht schon die Augsburger Allgemeine gethan hat, 
dass die Antigone in Paris mit immer steigendem BeifaU immer- 
fort gegeben w^ird, und sogar auch schon in den Provinzen. 
Jetzt soll eine Aeschylei'sche Trilogie an die Eeihe kommen, 
wie mir wenigstens Bunsen sagt, ich bin aber so modern, dass 
mir Sophokles zehnmal besser gefällt als Aeschylos, der ist 
mir zu gruselig. 

Wenn Ihr jetzt noch die heisseste Zeit unter Dach bleibt, 
wird das vielleicht die Folge haben, dass Ihr dann zu Lande 
zurückkommt, und das wäre mir sehr lieb, denn ich fürchte 
die See für Dich. Aber dann kommt Ihr ohne Aufenthalt 
nach Hause, nicht w^ahr?" 

Rebecka an Fanny. 

S r r e n t , d. 3ten Aug., mit einem Fuss fort. 

„Ich glaube, Du hast was vom Propheten an Dir, liebste 
Fanny; wer hat Dir denn gesagt, dass ich neulich auf einer 
Fahrt nach Capri so elend und noch Tage lang nachher so 
miserabel war, dass wir die Seefahrt entschieden aufgegeben 
haben und uns zu Lande bei langsamem Feuer braten lassen 
werden. Nun ist aber eine schöne Geschichte. In der festen 



Rückreise bis Kom. 331 

Voraussetzimg, zur See zu gehen, haben wir unsern ziemKch 
knackschäligen Wagen in Neapel für hundert und zwanzig 
Ducati losgeschlagen, und müssen uns also nun von Konstan- 
tinopel nach Adrianopel und dann weiter hopeln und popeln 
bis Berlin. Es ist aber nicht so selir arg. Angrisanis Nach- 
folger, Parete, der a deux mains als Post und Vetturin zu 
brauchen ist, stellt etwas theurer als die Andern sehr gute 
Wagen, Pferde und Fütterung von einem Ende Italiens zum 
andern, und Deutschland ist ja in dem Jahr eine wahre 
Flickendecke von Eisenbahnen geworden. Schön ist eine Rück- 
reise von Italien doch nicht, ich wollte, wir könnten mit einem 
Ruck Oberitalien, die Schweiz und den Rhein überspringen 
und bei Euch sein. 

Vor Rom grault mir förmlich, und ich umginge es gern, 
wenn's irgend möglich wäre. 

— Antigone in Paris habe ich schon durch die 

Allgemeine erfahren, es haben sich sogar einige Staatszeitungen 
bis hierher veriiTt. Hab' ich Euch denn nie aus Rom 
geschrieben, wie Antigone in Paris debütirt hat? Im Atelier 
des Malers Henri Lehmann unter Direction von Julius Stern. 
Lehmann hatte für sechsunddreissig Thaler Blumen geliehen, 
sein Atelier damit dekorirt, halb Paris eingeladen und die 
Antigone aufgeführt. Das habe ich damals durch den Bruder 
Lehmann brühwarm erfahren; es soll ein wahres Zauberfest 
gewesen sein. Bunsen soll ja nach der Allgemeinen die Tri- 
logie des Aeschylos in eins zusammengezogen haben, zum 
Schluss wird die Königlich preussische Liturgie gesungen. 
Euer schlechter Sommer betrübt mich, die Neapolitaner nennen 
diesen hier auch schlecht und können sich in den Betten nicht 
erwärmen und setzen die Seebäder aus. Du kannst also denken, 
wie schön das für forestieri oder „Ingresi" ist.*) 

Rom, den 1 2ten. Bis hier habe ich diesen Brief mit- 
genommen, in Neapel war mir's nicht möglich, zu schreiben, 
das Klima oder die Stadt haben wieder ihren alten Zauber 
auf mich ausgeübt, dass ich jämmerlich war und weder aus- 



*) Neapolitanischer Dialect für „iDgleei". 



332 Keise- und Heimathbriefe. 

gehn nocli etwas tliuii konnte. So bin ich mm dreimal in 
Neapel gewesen und habe nicht einmal die Studü gesehn und 
alle Korallen und I.ava ungekauft lassen müssen. Gottlob, 
dass ich's hinter mir habe! Wir smd Extrapost in zwei Tagen 
hergefahren, haben wenig von der Hitze gelitten, es war 
immer luftig, in den Sümpfen sahen wir die grün und gelben 
giftigen Dünste aufsteigen, in Velletri begegneten wir einem 
heftigen Platzregen, dem ersten seit zwei Monaten, den wir 
mit Wonne begrüssten, das ganze Gebirge und die Campagna 
fanden wir durch den Hegen erfrischt, der Lateran begrüsste 
uns im glühendsten Sonnenuntergang — Schöneres giebt es 
doch in der Welt nicht. Kaselowsky war uns bis halb Wegs 
Albano entgegengekommen, hatte uns Wohnung bestellt, wir 
wohnen uns grade gegenüber, also im Schatten. Moser fanden 
wir in der Wohnung, wo er uns seit Mittag erwartete, übrigens 
reisen wir incognito, es ist auch kein Mensch hier. Ihr habt 
unterdess schöne Geschichten gemacht, auf Landesvatern 
geschossen? Kommt Ihr auf die Sprünge? Die Mode ist ja 
längst in Frankreich und England vorbei. Addio ! Auf bal- 
diges Wieder sehn! — " 

Hebecka an Fanny. 

Motto: „Ich bin nicht schwarz von 
Gemüth, obschon gelb aa 
den Beinen. — " 

Rom, den 22sten August. 
„Das passt aber eigentlich nicht auf mich, denn ich bin 
allerdings schwarz von Gemüth, und das kommt davon, dass 
ich nicht nur gelb an den Beinen, sondern auch an den Armen, 
im Gesicht, in den Augen, kurz, wo Du willst, bin, kurz, dass 
ich mir, um das angenehme Andenken an Neapel vollständig 
zu machen, eine recht ausgebildete Gelbsucht von da mit- 
gebracht habe, und dass wir darum, sehr verdriessUch , hier 
festsitzen; gestern hat endüch die Fakultät, Alerz und Caspar, 
den Ausspruch gethan, in vierzehn Tagen würden wir reisen 
können. Gott gebe es, ich brenne seit Palermo auf zu Hause. 



Rebecka krank in Rom. 333 

Das hab' ich aber nicht gewusst, dass die Gelbsucht, neben 
der äussern Schönheit, die ich wahrscheinlich unbeschädigt 
nach Hause bringe, denn die Spuren sollen sehr lange bleiben, 
eine so sehr fatale und schmerzhafte Krankheit ist, Du glaubst 
nicht, was ich in den letzten vierzehn Tagen in Sorrent aus- 
gestanden habe; seit vorgestern geht es etwas besser, Mine 
behauptet, weil sie und die Wirthin mir eine Sympathie bei- 
gebracht haben, worin die besteht, darf ich aber nicht wissen. 
Ein Glück bei allem Pech ist, dass wir hier sind, — unter 
guten Bekannten, in einem ruhigen Hause, wo ich mir mein 
bischen Essen kann zu Haus kochen lassen, denn ausser einem 
Brunnen giebt es nur sehr schmale Kost, wo bleibt all mein 
schönes Fett? Jetzt sind sie Alle so klug, es vorher gesagt 
zu haben, Alerz versichert, hätte ich ihn vor der Eeise nach 
Neapel konsultirt, so würde er sie nicht zugegeben haben; 
Caspar ist auch in einem höchst jämmerlichen Zustand von 
Castellamare zurückgekommen, hat mich aber, trotz meiner 
Unseligkeit, gestern sehr zu lachen gemacht, indem er mir 
ganz genau vormachte, wie mir zu Muthe wäre, er hat auch 
lange an diesem infamen üebel gelitten. Ich kann gar nicht 
ausgehn und befinde mich am erträglichsten lang auf dem 
Sopha ausgestreckt, so verbringe ich die Zeit in der ewigen 
Roma, gestern ist's mir wie ein Stein auf die Seele gefallen, 
dass wir nun zu spät kommen, um Bohnen für den Winter 
einzusalzen, und ohne die weiss ich wirklich nicht, wie ich 
Grossmutter Dirichlet satt kriege. Wenn es noch Zeit ist, so 
bitte ich Dich flehentlich, opfere Minna und Sophie einen Tag 
auf, und lass mir einen Scheffel einsalzen. Töpfe, Steine, 
Lappen etc. müssen sich unter meiner Küchenroba befinden. 
Wir können jetzt schwerlich vor Ende Oktober in Berlin sein, 
pfui, es ist recht eklich, dass die schöne Reise ein so kläg- 
liches Ende nimmt. — " 

'Fanny an Rebecka. 

Berlin, den 4ten Septbr. 1844. 
^Ich habe Dich für viel zu originell gehalten, als dass 
Du uns Alles nachmachen und nun noch zum Schluss und 



G34 Beise- und Heimathbriefe. 

Ueberfluss wie der arme Sebastian h la limonade zu Hause 
kommen solltest; Du armes Kind! Wie leid thust Du mir 
und wie fatal, dass Deine Rückreise nun abermals verschoben 
worden. Dass Du aber dann noch sechs Wochen dazu rechnest 
und dass sie Dich nach überstandener Krankheit noch vierzehn 
Tage da behalten wollen, begreife ich nicht recht. Ich glaube 
mich übrigens zu erinnern, dass nach der Appetitlosigkeit, die 
während der Gelbsucht stattfindet, das gerade Gegentheil ein- 
tritt und hoffe , Du wirst wieder Fleisch ansetzen , wenn Du 
welches einnimmst. Lass es Dich nur nicht ärgern, wenn 
Deine Epidermis etwas angegriffen ist , wir wollen alles auf 
das südliche Klima schieben. — Du findest jetzt Deinen Weg 
mit alten verwelkten Briefen bestreut. In Zürich schlage ich 
Dir vor, Mama mit Minna, die am Rhein ist, zurückkommen 
zu lassen. In Mainz erfährst Du, dass Ernstchen, wie ich 
hoffe, eine brauchbare Bonne in Gestalt eines netten fran- 
zösischen Schweizer-Bedienten vorfinden wii'd, in Freiburg 
habe ich Nachrichten für Euch an Woringen's gerichtet. In 
Mailand findest Du einen Brief, der, wenn ich nicht irre, zur 
Zeit der Erfindung der Buchdruckerkunst geschrieben ist und 
Neuigkeiten aus dem Jahrhundert seiner Absendung enthält, 
die ich nicht mehr weiss. Noch eine Uebereinstimmung 
zwischen unsern beiden Reisen ist die, dass Eui'opa wieder 
dieselben höchst unangenehmen Gesichter schneidet wie damals, 
und dass England jetzt singt: „Sie sollen ihn nicht haben, 
den freien Deutschen" — ach nein, Tanger ist ja nicht deutsch 
und England singt nicht a capella, sondern mit Begleitung 
von so und so vielen Brummdampfböten; so Gott will werden 
sie noch einig, ehe es zu spät ist. Aber die Sache sieht 
bedenklicher aus, denn je. Ach! wärt Ihr doch erst wieder 
hier, die Zeit wird mir doch recht lang! Und Deine Möbel- 
politur wird wieder blind und auf den gewaschenen Sopha 
setzen sich die Fliegen und der schöne grüne Platz vor Deinem 
Fenster, der die Aussicht so freundlich macht, wiidi ja alt und 
grau, wenn Ihr so lange macht. 

Gestern hat die Kunstausstellung angefangen; diesmal 
sind den alten Senatsperrücken, die das Aufliängen und Würgen, 



Kunst- und Gewerbeausstellung. 335 

kurz das Abschlachten der Bilder in jedem Sinn zu besorgen 
haben, ein Paar jüngere Zöpfchen von Mitgliedern angehängt 
worden, welche als die rechten braven fünften Eäder am 
Karren denselben noch etwas tiefer desselben Weges geführt 
haben, den er gewöhnlich zu gehn pflegt. Hensel war gewählt, 
der Kommission beizutreten, hat es aber abgelehnt, was mir 
sehr lieb ist, denn obwohl er sich so schon genug ärgert und 
mit vollem Eecht über die Art, wie Dies und Jenes placiiii 
ist, so würde er sich doch noch zehntausendmal mehr haben 
ärgern müssen, wenn er sich viele Tage lang hätte mit diesen 
ledernen, mit Kalbshaaren ausgestopften Puppen, die sich Herr 
Künstler so und so schimpfen lassen, umherbalgen müssen. 
Und da er eben einmal solche ehrliche Haut ist, so würde er 
sich nicht, wie diese Herren Ledermänner, begnügt haben, für 
sich und die Seinigen zu sorgen, sondern sich für jeden Kol- 
legen herumgebissen und gebalgt haben. Das Bild von Eiedel 
ist so ziemlich das Schönste oben, eine schöne kleine Land- 
schaft von Elsasser, Vieles ist noch nicht da. Da Du doch 
wahrscheinlich, so wie Du zu Hause kommst, darauf brennen 
wirst, die Merkwürdigkeiten von Berlin in Augenschein zu 
nehmen, so ist es gut, dass wir dann zwei Ausstellungen 
haben werden. Die Gewerbeausstellung ist übrigens sehr 
amüsant, höchst bedeutend und bringt eine grosse Lebendigkeit 
hervor. Es sollen zahllose Fremde deswegen hier sein, sehr 
viele auswärtige Eegierungen, Zeitungen u. s. w. schicken 
Berichterstatter her, zu der Lotterie, welche die Vorsteher- 
schaft aus Gegenständen veranstaltet, die von der Ausstellung 
selbst gekauft werden, sind zwanzigtausend Loose schon jetzt 
verkauft, und bei dem Allen ist es ein halb improvisirtes 
Unternehmen, da die Eegierung bei ihren ersten Bekannt- 
machungen ungefähr sagte: „Wir wollen eine Ausstellung 
machen, wer sich aber einfallen lässt, etwas dazu herzu- 
schicken, kriegt ein Paar Maulschellen". Ziemlich so einladend 
waren dio Bedingungen. Erst als sie sahen, dass wirklich 
Niemand schicken wollte, fingen sie an, gute Worte zu geben. 
Wenn ein solches Unternehmen einmal gehörig vorbereitet 
stattfinden wird, kann es überaus glänzend werden. Auch 



336 Reise- und Heimathbriefe. 

die gleiclizeitige Blumenausstellung, obgleich nicht einmal sehr 
ausgezeichnet, war von zwölf- bis vierzehntausend Personen 
besucht. Berlin wird eine grosse Stadt. — 

Der Wühelmsplatz ist die schönste Marzipantorte gewor- 
den, schauderhaft steif, aber schöne, feste Kieswege, und das 
ist nicht Etwas, sondern Viel. Ueberhaupt ist Deutschland 
jetzt wii'klich sehr blühend, desto erbärmlicher sieht es aber 
in den inneren politischen Zuständen aus. Dieser Mensch, der 
Eichhorn, scheint wirklich jeder freien geistigen Bewegung 
den Tod geschworen zu haben, vor jeder Maus fürchtet er 
sich. Gott! was muss der preussische Staat für ein erbärm- 
liches Gebäude sein, wenn er wirklich Gefahr läuft, zu wackeln, 
sobald drei Studenten einen Verein bilden, oder drei Pro- 
fessoren eine Zeitschrift herausgeben. Er ist aber selbst nur 
ein Werkzeug, leider kommt der Aerger von oben. Das ewige 
Verbieten, sich in Alles Mischen, Argwöhnen, Vorbeugen ist 
wirklich jetzt im tiefsten Frieden und bei den ruhigsten Dis- 
positionen der ruhigen Deutschen auf eine Höhe gekommen, 
die ganz unleidlich ist. — " 

Verlassen wir auf einige Zeit die Korrespondenz, um 
Manches nachzuholen, was sich aus den Briefen nicht ergiebt. 
Mendelssohn's Verhältniss zu Berlin nahete sich im Herbst 1844 
der entscheidenden Krisis. Er selbst allerdings hatte sie 
schon vorhergesehn und war wohl schon bei seinem Fortgang 
im Frühjahr 1844 fest entschlossen, nicht wieder dauernd da- 
hin zurückzukommen. So erklärt sich auch sehr leicht, was 
Fanny wiederholentlich in Briefen und Tagebüchern bedauert 
und was ihr unzweckmässig und schlecht eiagerichtet vor- 
kommt; das Weggehen von Cecile und den Kindern, was aller- 
dings unter der Voraussetzung, dass im Herbst die Famüie 
wieder nach Berlin zurückkehren würde, ein reines Eäthsel 
gewesen wäre. Mendelssohn hatte sich im Winter 1843 bis 
1844 überzeugt, dass er in Berlin nicht dauernd erspriesslich 
würde wirken können. Die Verhältnisse waren zu kraus und 
verschroben; an allen Ecken karambolirte er mit andern 
^Eessorts" ; bald gab es Reibereien mit der Singakademie, und 
deren Dirigenten, bald mit der Bühnendtrektion, bald mit der 



Felix verlässt Berlin. 337 

hohen Geistlichkeit. Und da sich", mmer klarer herausstellte, 
dass diese Hemmnisse nicht zufällige, sondern nothwendig 
begründet in dem Umstand waren, dass seine Stelle eine künst- 
lich geschaffene war, eingeschoben zwischen andere, die sich 
breit und naturgemäss entwickelt hatten, so war auch keine 
Hoflftiung vorhanden, dass mit der Zeit die Schwierigkeiten 
Sich vermindern wüi'den; im Gegentheil, je energischer, je ge- 
\vissenhafter und vollkommener er «einen Platz ausfüllen 
wollte, desto stärker mussten die Reibungen von allen Seiten 
werden. So war's denn bei ihm schon beim Weggehn 
beschlossene Sache, nicht dauernd wieder zurückzukehren. 
Bestärkt wurde er gewiss in diesem Vorsatz durch die warme, 
ja enthusiastische Aufnahme in England. Seine künstlerische 
Wirksamkeit war dort auf den höchsten Grad gesteigert, und 
dabei wurde ihm Alles so leicht gemacht, nichts von den 
kleinen Hindernissen, die sich in Berlin so unangenehm fühlbar 
machten, — der Vergleich fiel allerdings sehr zu Ungunsten 
Berlins aus. Bestärkt wurde er ausserdem durch die Korre- 
spondenz mit Bunsen über die Komposition der Aeschyleischen 
Trilogie *), die ihm, wie er am Schluss sagt, aufs Neue bewies, 
dass seines Bleibens auf so gefährlichem Boden, unter so 
schwierigen Verhältnissen, nicht sein könne; ein „kühler, 
zweifelhafter, heimlich verdrossener x\rbeiter" wollte er dem 
Könige nicht sein, und so musste denn der Sache ein Ende 
gemacht werden. Zu diesem Behufe kam er am SOsten Sep- 
tember, nachdem er sich nur denselben Morgen angemeldet/ 
allein nach Berlin. Er stellte dem König abermals, wie im 
Jahre 1843, den Antrag, sein Gehalt zu vermindern, ihn von 
bestimmten Leistungen und der Verpflichtung, in Berlin zu 
wohnen, loszusprechen und ihm nur einzelne Aufträge zu geben. 
Darauf ging der König ein, das Gehalt wurde auf 1000 Thaler 
festgesetzt und er war nun wieder frei, hinzugehn, wo es ilim 
beliebte, wozu er sich vor der Hand Frankfurt ausersehn 
hatte. Fanny bemerkt bei dieser Gelegenheit im Tagebuch: 
„Wenn ich ihn darüber höre, kann ich Vvirklich nicht umhin, 



*) Briefe, Bd. II, Seite 401 ff. 

Die Familie llendelssohn. II. 22 



838 Eeise- und Heimathbriefe. 

ihm Recht zu geben, seine Motive als durchaus edel und seiner 
würdig anzuerkennen, aber es ist und bleibt Schade; es ist 
eine harte Entbehrung für mich, die ich das Glück, in seiner 
und der Seinigen lieben Nähe zu leben, so sehr genossen habe. 
Und alle Musik, auf die ich mich so gefreut hatte ! Ihn selbst 
werden wir am Ende kaum weniger sehn, denn wenn er, wie 
er denkt, ein paarmal im Jahre auf einige Zeit herkommt und 
dann unser Gast ist, wie jetzt, so gemessen wir ihn allerdings 
mehr, als wenn er, hier wohnend, doch die meiste Zeit ab- 
wesend ist, und den übrigen Theil verdriesslich. Aber Cecile 
und die Kinder sind nun ganz für uns verloren, und ich habe 
sie doch gar zu lieb. — Felix ist jetzt wieder überaus liebens- 
würdig und sein Spiel, glaube ich, herrlicher als je. Der 
ganze Dilettantenplunder wird Einem wkklich ekelhaft ver- 
ächtlich, wenn man wieder einmal sieht, was Kunst ist. 
Wenn ich nicht Alles liegen lasse, so kommt das einestheils 
daher:, dass ich mir, wenn Felix nicht da ist, doch gar nicht 
so plunderig vorkomme, sondern mich schon melu' achte, dann 
aber kann ich es meinem Mann nicht zu Leide thun, der ausser 
sich sein würde. — "Wie sie sich hier bemüht haben, vom 
«rsten Dompfaffen bis zum letzten Orchesterdiener, Felix 
Hemmschuhe anzulegen (freilich mit einigen Ausnahmen) , und 
wie so ganz die kleinen Rücksichten und Gefälligkeiten, an 
die er überall gewöhnt ist, hier wegfallen, das ist eine lange 
und unangenehme Geschichte. — " 

Mendelssohn dirigirte noch einige Concerte und musste 
sclüiesslich , auf speciellen Wunsch des Königs, noch vierzehn 
Tage zugeben, um den Paulus noch einmal aufzufülu'en. In 
diesen vierzehn Tagen malte Hensel das durch den Stich 
bekannte Portrait von Felix, welches, ursprünglich füi' den 
russischen Obersten Lvoff bestimmt, als es recht ähnlich w'urde, 
von Paul Mendelssohn genommen ward. 

Fanny an Cecile (theüweis). 

Berlin, den 19ten November 1844. 

„ Was Dich betrifft, liebe Cecile^ so glaubst Du 

wohl nicht im Ernst, dass ich Dir jemals einen Vorwurf daraus 



Felix verlässt Berlin 339 

machen würde, dass die Sachen so gekommen sind, wie sie 
jetzt sind. Dass dazu nichts zu thun war, weiss ich wohl. 
Ob es mir im Herzen weh thut, ist eine andere Sache, und 
darüber hast Du wohl auch keinen Zweifel. Was mich aber 
wii'klich überrascht hat, war diese schnelle Auflösung, denn 
dass Ihr noch diesen Winter hier sein und Eure kaum einge- 
richtete Wohnung noch bis Ostern benützen würdet, bezweifelte 
ich nicht. Natiüiich, in dem Augenblick, wo ich über Horch- 
heim hörte. Du würdest nicht mitkommen, war mir auch gleich 
Alles klar. Es ist wirklich traurig, dass das Leben so hingeht, 
ohne dass man es miteinander geniesst, besonders nachdem so 
alle Aussicht und Hoffnung dazu war. Bei dieser jetzigen Ein- 
richtung gehst Du und die Kinder mii' erstlich ganz verloren, 
glaube mir, dass ich noch jetzt nicht ohne Thränen daran 
denken kann, nachdem ich schon soviel daran gedacht, und 
dass ich Euch viel mehr liebe, als ich aussprechen kann, 
ijweitens glaube ich, das Ganze beruht auf einer Täuschung, 
so vage, unbestimmte, in der Luft schwebende Verhältnisse 
können auch nicht von Dauer sein, und ich werde mich nicht 
einen Augenblick wundern, wenn diese Probe nicht länger 
dauert, als die frühere. Ich glaube, ich würde mich leichter 
darin finden, wenn irgend ein wii'kliches greifbares Hinderniss 
vorhanden wäre, aber diese innerlichen Anstösse sind nicht zu 
überwinden und schwer zu verstehen. Was ist, ist vernünftig, 
das muss wohl wahr sein, ich kann aber gar nicht einsehen, 
warum es nicht viel vernünftiger wäre, wenn wir unser Leben 
zusammen abspiimen, und uns einander alt, und die Kinder 
jung werden sehen könnten, es wird wohl so recht sein. Du 
wirst Dich natürlich darüber nicht beklagen, denn Du bleibst 
vor der Hand bei Deiner Mutter, der ich es denn auch von 
ganzem Herzen gönne, und mich mit ihr freue. 

Felix wii^d Dir wohl seine Noth geklagt haben, dass Hensel 
ihn malt, er findet sich aber ganz leidlich in dies Unglück. 
Ich muss ilm überhaupt bewundern, wie er sich bei der Tren- 
nung von Euch in guter Laune erhält, und wie liebenswürdig 
er ist. Ich wollte nur, er hätte sich und uns nicht dieses 
Opfer auferlegt." 

22* 



o40 Reise- und Heimathbriefe. 

Am 30 sten November verliess Felix Berlin , nachdem die 
Paulusauffülu'ung sich noch zu einer Art Abschiedsfest gestaltet 
hatte. Nach der Generalprobe brachten ihm nähere musika- 
lische Bekannte ein sehr hübsches Ständchen, das mit „Es ist 
bestimmt in Gottes Eath" schloss; nachher gab es, wie 
Fanny schreibt, „ Butter brod und Baumkuchen und Punsch, und 
Lustigkeit und viel Thränen, alles durcheinander." In der 
AufPührimg war Alles bis auf die äussersten Winkel dicht be- 
setzt, das ganze musikliebende Publikum Berlins hatte sich ein- 
gefunden, Alles war bewegt imd betrübt über sein Fortgehen, 
während doch Alles oder fast Alles dazu beigetragen hatte, 
dieses Fortgehen herbeizuführen. Mendelssohn musste seine 
Reise sehr beschleunigen, denn er bekam die Nachricht, dass 
sein jüngstes Kind, der kleine Felix, der schon die Masern am 
schwersten duixhgemacht hatte, in Frankfurt heftig erkrankt 
sei. Das Kind erholte sich nach banger, sorgenvoller Zeit 
zwar wieder, war aber nie recht gesund und starb früh, wenn 
auch erst nach des Vaters Tode. 

Als die ersten Krankheitsberichte aus Rom von Rebecka 
ankamen , schienen ernstliche Besorgnisse ungerechtfertigt. 
Allerdings standen die Dinge schlimmer, als man ahnte. Die 
Krankheit, an welcher Rebecka litt, war die Schwarzsucht, 
eine höchst potenzirte Gelbsucht, die gewöhnlich einen tödt- 
lichen Ausgang nimmt. Zugleich war sie seit Sorrent in an- 
deren Umständen, ohne dass dies erkannt worden wäre; im 
Gegentheil, läugneten die römischen Aerzte ganz entschieden 
diese Möglichkeit und kurirten auf Gelbsucht allein, wodurch 
sie der Kranken die entsetzlichsten Qualen bereiteten. Indess 
war das Alles noch zu ertragen, so lange Dirichlet's in Rom 
bei Bekannten wohnten und, von Freunden umgeben, die Nach- 
theile der Fremde nur halb fühlten. Da aber trat eine höchst 
unglückliche Complication der Verhältnisse ein: Dirichlet er- 
krankte sehr heftig an dem schnell dahini'affenden römischen 
Fieber. Die Aerzte bestanden auf sofortiger Luftveränderung, 
und so wurden sie krank von Kaselowsky eingepackt und nach 
Florenz begleitet. Von dieser Reise hat Rebecka stets ver- 
mieden, zu sprechen; auch in den Briefen gleitet sie über die 



Beiae Dirichlets krank. 341 

erlittenen Schrecken nur leise hin ; doch sagte sie später einmal 
mit Schaudern, dass sie dem Wahnsinn nahe gewesen sei, 
und keinem Menschen schildern könne, was sie in jener Zeit 
gelitten. 

In Florenz blieben sie liegen, denn Dirichlet's Zustand 
verschlimmerte sich. Kaselowsky blieb einige Wochen dort, 
miethete eine Privatwohnung, musste aber, als er sie in dieser 
etablirt hatte, wieder nach Rom zurück. Nach Berlin schrieb 
Rebecka in dieser Zeit niu* kurze, wenig erklärende Briefe; 
namentlich erwähnte sie ihrer eigenen sehr bösen Krankheit 
und des Zustandes, in welchem sie sich befand, gar nicht, so 
dass die Familie monatelang nicht recht wusste, woran sie 
war. Unterdessen liefen von andern Seiten, wie es bei solchen 
Gelegenheiten zu gehn pflegt, allerlei widersprechende Nach- 
richten ein, bald der beunruhigendsten Art, bald doch auch wieder 
viel bessere ; die üngewissheit, das Hin und Her, dauerte fort. 
Fanny gab sich alle Mühe, ruhig und heiter klingende Briefe 
nach Florenz zu schreiben, obgleich die Aufzeichnungen im 
Tagebuch ganz anders lauten. Und als sei es an den schon 
vorhandenen Gründen der Angst und Sorge nicht genug, 
erkrankte Ende Oktober das Töchterchen von Paul sehr heftig 
und war melirere Tage aufgegeben. Und gerade in dem Mo- 
ment der höchsten Angst um das Kind kam der Absagebrief 
von Dirichlet, sie müssten seiner Krankheit wegen den Winter 
noch wegbleiben ! — Es wurde nun sofort mit seinen Freunden 
berathen, was zu thun, wie namentlich schwere pekuniäre 
Opfer von ihm abzuwenden seien. Hierbei zeigte sich vor 
allen Jakoby als treuer, zuverlässiger Freund; er übernahm 
ohne irgend welche Entschädigung die Hauptvertretung für 
Dirichlet an der Kriegsschule und Universität, so dass we- 
nigstens nicht zu den bedeutend gesteigerten Ausgaben noch 
erheblich geschmälerte Einnahmen kamen. Ein sehi^ beun- 
ruhigender Brief von Kaselowsky, den er gleich nach seiner 
Rückkehr nach Rom an Fanny Hensel geschrieben hatte, 
steigerte die Besorgnisse und brachte den Entschluss, auf alle 
Fälle zur Hülfe hinzureisen, zur Reife; ein Entschluss, der 
vollkommen befestigt wurde durch die erste genaue Kunde 



342 Reise- und Heimathbriefe. 

Ton Rebecka's Zustand, die dnrcli einen Brief der Köchin an 
ihre Freundin nach Berlin kam. Nun war der einzuschlagende 
Weg (wenn sich die Nachricht bestätigte), klar, und Fanny 
schrieb daher sofort, verlangte ganz genaue Nachricht über 
Alles, und schloss folgendermassen: 

„Ich mache Dir heut' im Verein mit Hensel folgenden 
Vorschlag. Unser Hinkommen zu Euch, im Fall Eure Krank- 
heiten es wünschenswerth gemacht hätten, war keine flüchtige 
Anwandlung, sondern ist unsäglich erwogen, mit den Brüdern 
hin und her besprochen und allerseits gut geheissen worden. 
Tagelang haben wir darüber zugebracht und Nächte nicht 
geschlafen. Für Hensel wäre eine solche Eeise kein Quer- 
strich, eher das Gegentheil, da er mehrere italiänische Bilder 
zu malen hat ; dass es Sebastian nicht schaden würde, darüber 
ist auch Alles einig, Dirichlet würde ihm wohl im Latein 
etwas nachhelfen können, und wenn er ein Jahr später ein- 
gesegnet wird, schadet das nichts. Nun kommt aber die 
Hauptsache: Eure Gesundheit scheint, Gott sei Dank! ein 
schleuniges Kommen nicht mehr zu erfordern, bist Du aber 
wirklich gesonnen niederzukommen, so wäre es Dir vielleicht 
lieb, mich da zu haben (ich bin so frei, mir das einzubilden), 
und dann schreibe uns ein Wort, bestimme möglichst genau 
die Zeit, damit wir uns die möglichst wenig unbequeme zum 
Reisen aussuchen können, und wir machen uns auf und helfen 
niederkommen und taufen. Wünschenswerth wäre es freilich, 
dass Ihr dann nachher nicht die schrecklichste Eile nöthig 
hättet, zu Hause zu kommen, denn sind wir erst einmal so 
weit, so möchten wir uns auch wohl noch ein Wenig (nicht 
lange) umsehn; und mit oder vor Dir wieder hier sein müssen 
wir auf jeden Fall. Du siehst, es kommt Alles auf eine prä- 
cise Antwort auf diesen Brief an. Möglich aber, dass die 
ganze Sache eine Phantasmagorie ist, und an gar kein Kind 
zu denken ist, und dass Ihr uns mit dem ersten Frühlingswind 
frisch und froh hergeweht werdet, und das wäre freilich das 
Beste. Nur Rückhalten, siehst Du, geht nicht mehr, also 
bitte, schenke uns klaren Wein ein. Ist es Dir selbst zu be- 
schwerlich, Dirichlet zu langweilig, Walter gar unmöglich, so 



Anerbieten zur Hülfe zu eilen. 343 

lass Mine erst eine Gans rupfen und dann ihren Kiel führen, 
sie ist ja dessen mächtig, und auf eine oder die andere Art 
lass mich Genaues wissen. — Was mich betrifft, so kannst 
Du glauben, dass die Winterreise mir kein Opfer und kein 
Hinderniss sein würde, um Dich früher wiederzusehen, und 
Dir vielleicht nützlich sein zu können, und Hensel denkt 
ebenso und hat Dich wohl beinahe so lieb als ich. 

Gestern, an meinem Geburtstag, war die zweite Sinfonie- 
Soiree, die letzte, die FelLx diilgirt hat, und worin die c-moU 
von Beethoven, Coriolan und Euryanthe sehr schön gegeben 
wurden. Nachher ging es mir schlecht, es stürzten so viele 
Bekannte auf mich zu und bejammerten mich, dass Ihr nicht 
kämt, und Felix wieder ginge, dass ich m.eine etwas lose 
sitzenden Thränen nicht halten konnte, und mich schrecklich 
in Acht nehmen mnsste, keine Scene zu machen! — Fange 
auch wieder an, mir Ernstgeschichten zu schreiben, ach! so 
kinderlos bin ich lange nicht gewesen, denn mein langer, mii' 
über den Kopf gewachsener Junge ist kaum noch ein Kind, 
aber ein lieber, guter, angenehmer Bursch. Adieu, mein ge- 
liebtes Herz, wann werden wir einmal so au fait über Euch 
sein, dass wir nicht mehr jedem folgenden Brief mit der 
ängstlichsten Spannung entgegensehn? — " 

Innerlich war Fanny, als sie diesen Brief schrieb, schon 
ganz auf die Eeise vorbereitet, jetzt machte sie, während sie 
die Antwort erwartete, auch aUe äusseren Vorbereitungen; 
ebenso Hensel. Dieser hatte ein Bild für eine Engländerin 
schon vor längerer Zeit übernommen, eine römische Scene, das 
er in Italien auszuführen beschloss. So harrten nun Alle be- 
gierig der entscheidenden Antwort aus Florenz, die Mitte 
December eintraf: 

Kebecka an Fanny. 

Florenz, den 25sten November. 

„Ich weiss zwar lange, wie wir miteinander stehn, und 

dass ich's ebenso machen würde, aber jede neue Bestätigung 

Deiner Liebe rührt und erfreut mir doch das Herz aufs Neue. 

So Dein gestriger Brief, dass Ihr Euch entschlössen habt, im 



344 Reise- und Heimathbriefe. 

Winter die grosse Reise zu maclien, um mii' Trost und hoffent- 
lich Glück zu bringen. Zum ersten Male freue ich mich nun 
bemahe über meine wahrscheinliche Lage, denn recht ge- 
wiss kann ich noch immer nichts entscheiden, sonst hätt' ich's 
Euch ja lange geschrieben, anstatt Euch über meine Krank- 
heit zu ängstigen. Dirichlet hat Felix eine Relation meiner 
ganzen Ki'ankheit geschickt, ich will Dir in aller Kürze noch 
einmal die gräuliche Geschichte erzählen, überlegt dann selbst, 
wie viel Aussicht zu einer fröhlichen Kindtaufe ist, sowie den 
grossen Entschluss, mitten im Winter als Krankenwärter von 
Berlm nach Florenz zu reisen." (Folgt ein Bericht, der im 

Wesentlichen das oben Erzählte enthält.) „So befinde 

ich mich nun in dem Fall, den ich immer für unmöglich ge- 
halten habe, nicht zu wisssen, ob ich seit wenigstens fünf 
Monaten in andern Umständen bin, oder nicht. Gestehe, dass 
dies allerdings eine kuriose Geschichte ist; was ich gelitten 
habe, das schreibt sich nicht, das sagt sich kaum. Dass ich 
alle diese Zweifel, dieses nicht — doch — diese verrückte 
Reise nicht so ruhig ertragen habe, als ich jetzt davon 
schreibe, sondern vielmehr Agüato ma troppo^ und auch zu 
Zeiten Furioso ma non tantOy das kannst Du wohl denken! — 
Geht Alles von jetzt an gut, so rechne ich auf die Katastrophe 
spätestens Anfang April. Ich werde mich so ruhig als mög- 
lich halten, es kann vielleicht noch Alles besser werden, als 
ich denke, und welch ein Trost, welche Hülfe Du mii- in jedem 
Falle wärest, das kann ich nicht ausdrücken. Ich fange jetzt 
an zu begreifen, dass Ihr vielleicht herkommt, zuerst konnte 
ich den Gedanken gar nicht klein kriegen, und fange an, mich 
rasend auf Augenblicke zu freuen. Heut Nacht wachte ich 
auf und ging in Gedanken Hensel's ganzen Esskatechismus 
durch; ich weiss ihn noch sehr gut und kami alle Artikel 
pünktlich befolgen, also vielleicht auf Wiedersehn in Florenz, 
ich fange an zu hoffen." 

Fanny an Rebecka. 

Berlin, den 13ten December 44. 
^Mein liebes Beckchen, da habe ich nun endKch einmal 



Wird angenommen. 345 

Dein pater peccavi. Warum dies nicht schon längst erfolgt ist, 
warum Du uns nicht wenigstens die Möglichkeit hast durch- 
blicken lassen, davon wollen wii' nicht weiter reden, da ich 
mir zu einer neuen Lebensregel gemacht habe, über geschehene 
Dinge kein Wort zu verlieren, genug, die Fabel kehrt sich 
um, Apollo flieht und Daphne setzt ihm nach, Ihr könnt nicht 
kommen, also werden wir kommen und falls nicht ganz unbe- 
rechenbare Kunden von Euch (denn bis jetzt war noch alles 
unberechenbar, was in den letzten drei Monaten geschehen ist), 
oder ganz unvorhergesehene Ereignisse uns abhalten, so denken 
wii' zwischen Weihnachten und Neujahr aufzubrechen, so dass 
also eine Antwort auf diesen Brief uns nicht mehr hier treffen 
würde. Kaselowsky wird wohl dort sein*) und ein wenig 
nach einer Wohnung sich umsehen, conditio sine qua non ist 
natürlich möglichste Nähe, sonst braucht sie wenig Eigen- 
schaften zu haben, denn ich nehme mir vor, nicht viel zu 
Hause zu sein und desto mehr bei Dir. Hensel wird malen, 
er bringt ein angefangenes Bild mit (dafür wird Kaselowsky 
wohl auch Ratli wissen) und Sebastian, nun, der kriecht wohl 
unter. Dagegen wünschen wir nicht, dass Ihr eher miethet 
(es müsste denn ein ganz besonderes Paradies verloren gehen), 
als bis nach meiuem nächsten Brief, der hoffentlich den 
Tag unserer Abreise bestimmen wird. Möglich, dass 
sich auch nach Weihnachten das ganz entsetzliche Bärenwetter 
ändert, das wir seit vierzehn Tagen haben, selten ist doch ein 
ganzer Winter hier so übermässig streng. Also Beckchen, 
halte Kriegsspiel und Mühle in Bereitschaft, schaffe entsetzlich 
viel zu essen an, stelle drei Stühle mehr an's Kamin, denn 
wir kommen. Hörst Du? Wir kommen. Wenn Du's nicht 
glaubst, so wirst Du's sehen. Und das ist diesmal mein Weih- 
nachtsgeschenk an Dich ; hoffentlich kommt dieser Brief gerade 
zu Weihnachten an. Hensel grüsst, in Erwartung baldigen 
Sprechens wird ihm das Schreiben noch schwerer als sonst 



*) Derselbe war nach Besorgung seiner nothweudigsten An- 
gelegenheiten mit einem zu malenden Bilde wieder nach Florenz 
geeilt, um Dirichlet's dort behülflich zu sein. 



346 Reise- und Heimathbriefe. 

und ebenso wird es mir. Gebe Gott, das alles nach Wunsch 
gelingen und ^vir alles bei Euch gut und vortrefflich finden 
mögen. Grüsse Mann, Kinder und Kaselowsky. Hätte ich 
mir nicht zur Eegel gemacht, keine ..hätte" und ^wäre" mehr 
zu sagen (eine Regel, von der ich mir jeden Tag einige Aus- 
nahmen gestatte), so würde ich wie ein Kachelofen seufzen, 
dass Ihr nicht in Rom geblieben seid; da wären wii* wie zu 
Hause, o Rom, mein Rom! und in Florenz sind 'wir die Mäd- 
chen aus der Fremde. 

Sprich mir nur niemals mehr von Deiner Gesundheit; 
wenn nach Allem was vorgegangen. Alles jetzt gut geht, so 
hast Du eine so unerhörte Pferdenatur, wie sie, glaube ich, 
nicht oft vorkommt. Es gehe und werde Alles gut! — " 

Felix an Rebecka. 

Frankfurt, den lOten Januar 45. 

„Liebe Schwester! diese Zeilen bringt Dir Fanny. Da- 
mit ist schon gesagt, welche Zeit zwischen unsern letzten 
Briefen Hegt. Fanny wird Dir erzählen, in welchen schweren 
Sorgen wir die letzten Monate zugebracht haben; da tauge 
ich wenig zum Briefschreiben und wollte Dir auch zu Deinen 
vielen ernsthaften Besorgnissen nicht noch die meinigen auf- 
bürden. Gott sei Dank! es geht, wenn nicht alles täuscht, 
mit unserm lieben, kleinen Kindchen zur Besserung; der Arzt 
sagt es, der Augenschein lelirt es und wir dürfen wieder 
hoffen. Dafür danken wir dem Himmel täglich und stündlich. 
Cecile hat der Sommer in Soden, wie es scheint, ganz wieder 
hergestellt; sie ist wohl, sieht munter und blühend aus und 
hat mich in den schweren Tagen gleich nach meiner Ankunft 
(wo das Kind schon verloren schien) durch ilu' liebes, stilles, 
gutes Wesen aufrecht gehalten, sogar erheitert. Die drei 
ältesten Kinder gedeihen nach Wunsch. Carl lernt, Marie 
näht, Paul tobt, dass ihnen und uns der Kopf kracht. Ich 
denke, Du würdest Freude an ihnen haben. Ich selbst bin, 
wie Du mich kennst, nur was Du nicht an mii' kennst, dass 
ich seit einiger Zeit das Bedürfniss nach äusserer Ruhe (nach 



Felix an ßebecka. 347 

Nicht -Reisen, Nicht-Dirigiren, Nicht -Aufführen) so leb- 
haft empfinde, dass ich ihm nachgehen muss, und so Gott will, 
meine Lehenseinrichtung in dem ganzen Jahr darnach zu 
treffen gedenke. Daher ist mein Wunsch, Winter, Frühjahr 
und Sommer hindurch hier ruhig zu bleiben, sa^is Reise, sam 
Musikfest, sans every thing und wenn wir nicht der Gesundheit 
wegen in ein Taunusbad müssen, so wird auch das schwer- 
lich geschehen. Deshalb habe ich schon alle Einladungen der 
Art ausgeschlagen (darunter eine, die mir ausserordentlich 
schmeichelte, nach New- York zu einem Musikfest). Das ruhige 
einförmige Leben ist mir den Sommer in Soden so lieb ge- 
worden und die Tage , an denen jetzt mit dem Kinde sich 
Besserung zeigte und wir wieder freier athmen konnten, haben 
mir wieder so wohl gethan, dass mir jene Absagungen wahr- 
lich kein Opfer waren, und dass ich eigentlich glaube, zu 
solch einer stillen ruhigen Existenz geboren zu sein. We- 
nigstens fühle ich mich dann gesünder und fleissiger, und mehr 
an meinem Platz , als sonst wo. 

Dass ich die Berliner Stelle aufgeben musste, hat Dir 
Fanny geschrieben. Es war mir nicht möglich, mit gutem 
Gewissen an der Spitze eines öffentlichen Musikwesens zu 
bleiben, das ich für schlecht halte, und zu dessen Besserung 
die Macht nicht in mir, sondern dort allein in dem Könige 
Hegt, der freilich an andere Sachen zu denken hat. Mündlich 
mehr davon, so viel Du nur irgend wissen und still halten willst. 

Und lass uns in dem neuen Jahre hier am Rhein wieder 
zusammenkommen; froh und glücklich und unverändert, das 
gebe der Himmel! Fanny wird Dir meine Idee vom Familien- 
Kongress am Rhein erzählen; Paul kommt gewiss; denkt daran, 
Gott lasse es gelingen. 

Auf fi'ohes Wiedersehen, liebe Schwester!" 

Dein Felix. 



Wiedersehen in Italien. 



Um einige Tage wui'de die Abreise aus Berlin verschoben 
durch den ersten Anfall eines Uebels, das Fanny an demselben 
Tage befiel, an dem sie ihre Absicht zu reisen gemeldet hatte. 
Es bestand in heftigem unstillbaren Nasenbluten, was Tag 
und Nacht ununterbrochen bis zu 36 Stunden dauerte, und 
für die Umgebung etwas sehr Aengstliches hatte. So sehr 
ihre Angehörigen diese Anfälle fürchteten, so hat sich doch 
schliesslich gezeigt, dass sie eigentlich keine Krankheit waren, 
sondern eher das Gegentheil. 

Nach Weihnachten legte sich die grosse Kälte, und am 
2ten Januar 1845 fuhren Hensels per Eisenbahn nach Leipzig, 
von da Extrapost im eigenen Wagen. Bis München machten 
sie starke Tagereisen, den zweiten und dritten Tag bis Mitter- 
nacht, in München fanden sie beruhigende Briefe vor, und 
beschlossen daher, da im Gebii'ge bei Nacht und Glatteis das 
Fahren gänzlich unthunlich war, kleinere Tagereisen zu 
machen. Durch Tyrol über Insbruck und Botzen war das 
Wetter ebenso günstig. Sie wählten den Brenner -Pass als 
den niedrigsten und gefahrlosesten; eine halbe Stunde leichten 
Schnees , des einzigen , den sie auf der ganzen Eeise hatten, 
störte nicht; ein wunderbar herrlicher Anblick aber waren die 
in ungeheueren Eismassen in den phantastischesten Formen 
von den Bergen herabhängenden gefrorenen Wasserfälle. Die 
ganze grossartige Gebii'gseinsamkeit sieht noch grossartiger 
und einsamer aus als in der guten Jahreszeit. 



üeber den Brenner im Januar. 349 

Mit der Fahrt über die Alpen war das Schwerste, das 
Einzige , was eigentlich gefährlich an der Reise hätte sein 
können, überstanden. An der päpstlichen Grenze machte man 
Schwierigkeiten — weil das Visa des päpstlichen Nuntius in 
München auf dem Pass fehlte, und es bedurfte zweistündiger 
Verhandlungen, um die Erlaubniss, bis Bologna zu fahren, 
auszuwii'ken, wo die Reisenden gegen Mitternacht, überhungert 
und übermüdet, ankamen. Hier musste Hensel, ehe er etwas 
genoss, in der Nacht zum Polizeidirektor, um die Er- 
laubniss, am andern Tage die päpstlichen Staaten wieder zu 
verlassen, auszuwii'ken. Als der Wagen im Dunkel der Nacht 
in Bologna einfuhr, schienen die Strassen auf beiden Seiten 
wie mit hohen Mauern weiss schimmernd besetzt — es war 
Schnee, der acht Tage vorher so reichlich gefallen war, dass 
die ganze Kommunikation unterbrochen war. Ein solcher 
Schneefall in den Alpen hätte die ganze Reise unmöglich 
machen, und jedenfalls zum Umweg über Frankreich zwingen 
können. 

Von Bologna eilten Hensels über den Apennin, über- 
nachteten zum letzten Mal vor dem Wiedersehen in Cavigliaja, 
und fuhren Sonntag, den 19ten Januar nach Florenz hinab. 
Ueber Rebecka erschrak alles im ersten Augenblick sehr, so 
übel sah sie aus, und so entstellt waren ihre Züge. Auch 
hatte sie eben erst die letzten Anmeldungszeilen aus Verona 
bekommen, und war sehr aufgeregt. Dirichlet war auch sehr 
verändert, jene eigenthümliche Fieberfarbe liess ihn elend aus- 
sehen. 

Sehr bald organisii'te sich nun aber ein behagliches Leben. 
Die Henselsche Wohnung lag der Dirichlet' sehen gerade gegen- 
über, so dass sie sich über die Strasse „guten Morgen" zu- 
rufen konnten, und sich auf Deutsch ohne Gefahr die grössten 
Geheimnisse hätten mittheilen können. Rebecka sammelte in 
guter Pflege schnell neue Kraft, so dass sich Alles über Er- 
warten freundlich gestaltete, nur musste leider Hensel die 
Seinigen bald verlassen. Alle Versuche, sich Kostüme oder 
brauchbares Modell zu verschaffen, schlugen fehl, und so 
machte er sich schon nach wenigen Tagen auf und ging allein 



350 Wiedersehen iu Italien. 

nacli Eom, um dort zu malen. Die Zurückgebliebenen lebten 
indessen ruhig und in Erwartung der Dinge, die da kom- 
men sollten. Ein Klavier, das Kebecka gemiethet hatte, um, 
wie sie sagte, das Angenehme mit dem Angenehmen zu 
verbinden, vermehrte die Behaglichkeit sehr und verschaffte 
ihr lange entbehrte Genüsse. 



Felix an die Schwestern. 

Frankfurt, d. 29sten Januar 45. 

„Nun sclu-eibe ich Euch Doppelbriefe, seit heut früh die 
sehr willkommene Botschaft vom 21sten hier ankam. Gottlob, 
liebe Fanny, dass Du uns beruhigende Nachrichten geben 
konntest. Seit ich nun Euch Hensels in Florenz weiss, ist mir 
wieder viel ruhiger, einfacher und natürlicher zu Muth; es 
ist wohl wahr, dass Einer dem Andern in allen Hauptsachen 
nichts helfen kann (das kann der liebe Gott ganz allein), aber 
die vielen Nebensachen sind eben so verzweifelt wichtig, dass 
auch eine Hauptsache daraus wird — und dann betrachte ich 
Euch jetzt als eine Reisegesellschaft, — und denke, dass Ihr 
manche vergnügte Stunde dort haben müsst, — und hoffe auch 
für Euch eine vergnügte, glückliche Rückreise — und sehe 
wieder mit recht viel Zuversicht und Hoffnung der Zukunft 
entgegen, seit ich Euch wieder zusammen weiss. 

Gottlob, ich kann Dir von uns recht gute Nachrichten 
geben; der Kleine hat sich seit den letzten drei AVochen sehr 
merklich gebessert, wir dürfen wieder Hoffnung und Muth 
fassen und danken Gott täglich und stündlich dafür. Ich habe 
den dummen Streich gemacht, die letzten vierzehn Tage recht 
ernstlich unwohl zu sein, daher geht es mit meinem Brief- 
sclireiben noch ziemlich schlecht; ich kann jetzt eigentlich niu* 
essen, trinken und schlafen, um das Versäumte wieder nach- 
zuholen. Seit vier Tagen bin ich als geheilt entlassen, gehe 
spazieren und will sogar Freitag auf einen Ball gehn; Cecile 
lässt sich ein weisses Kleid dazu machen mit Rosen ; und kurz, 
wenn ich durch Braten und Wein und Schnarchen Alles das 
wieder gewonnen habe, was ich in Seufzern und Klagen und 



Felix au die Schwestern. Häusliches aus Florenz. 351 

Fluchen ausgehaucht habe, so ist bei uns Alles beim Alten 
und Alles munter. Wie sehr Cecile Euch grüsst, das \visst 
Ihr wohl; sie bleibt bei ihrem alten Satz, den sie mir neulich 
nach Berlin schrieb: „Fanny und Beckchen gehören zusammen", 
und ich neige mich auch sehi' zu dieser Meinung. — Ich soll 
Euch von unserm Leben hier schreiben ? Morgens früh arbeite 
ich immer, um zehn setzt sich Carl auf eine Stunde zu mir 
und liest und rechnet, Nachmittag um fünf versuche ich ihm 
allerlei orthograpliische und geographische Begriffe beizubringen 
— ich muss aber eine andere Natui' haben als Du; während 
Du beim Griechischen findest, dass Du eigentlich nichts ver- 
gessen hast, finde ich bei meinen Lektionen, dass ich nichts 
behalten habe. Marie lernt die C-dur-Tonleiter. Sogar die 
wusste ich nicht mehr recht und Uess sie beim vierten Finger 
untersetzen, bis Cecile dazu kam und ausser sich war. Nun 
lebt wohl, Ihr lieben Schwestern; Du, liebe Fanny, sage mii', 
wie es eigentlich mit der Zeitreclinung steht, die uns jetzt 
Alle beschäftigt. — '^ 

Wie aber Alles bei dieser Geschichte unberechenbar ge- 
wesen war, so sollte es auch diese Zeitrechnung sein. Die 
Katastrophe wurde Anfangs April erwartet. Am 13ten Fe- 
bruar aber stellten sich die deutlichsten Anzeichen ein, dass 
der entscheidende Augenblick gekommen sei, und zwar ging 
Alles so schnell, dass kaum die nothdürftigsten Anstalten ge- 
macht werden konnten. Eine Stunde lang wartete Fanny mit 
wahrer Todesangst auf den Arzt, und fast mit ihm zusammen 
erschien Florentinchen (denn mit diesem Namen war das er- 
hoffte Mädchen schon lange, ehe es da war, bezeichnet worden) 
lebendig und gesund am Licht der Welt. Die Ueberraschung, 
die Freude, aber auch die Verwirrung der ersten Augenblicke 
war unbeschreiblich. Die von Berlin geschickten Kindersachen 
waren noch nicht da und es fehlte buchstäblich an Allem. Am 
andern Tag hatte Fanny alle Hände voll zu thun, das noth- 
wendigste Zeug füi' das Würmchen zu machen und anzu- 
schaffen, Briefe nach allen Seiten zu schreiben und die Mahl- 
zeiten einzurichten. Wunderbarer Weise war ßebecka wie 
mit einem Schlag-e von allen ihren Leiden befreit und so wohl 



352 , Wiedersehen in Italien. . 

und vergnügt wie möglich. Nach einigen Tagen kamen nun 
die erfreuten und überraschten Antwortbriefe, zuerst aus Rom, 
später von allen andern Seiten; es zeigte sich jetzt, das eigent- 
lich Niemand an die Möglichkeit eines lebendigen, gesunden 
Kindes gedacht hatte. 

In einer Beziehung war für Hensels die bedeutend verfrühte 
Geburt des Kindes sehr wichtig. Fanny beschloss, ihres Mannes 
Ankunft in Florenz nicht abzuwarten, sondern, als Alles auf 
das Vortrefflichste ging und Flora am 12ten März getauft 
war, am löten nach Rom nachzureisen und noch einige Wochen 
römischen Aufenthalts mitzunehmen. Sie und ihr Sohn fuhren 
mit der Diligence über Siena. In Rom angekommen, erfuhren 
und sahen sie zu ihrem grossen Schrecken, dass Hensel eigent- 
lich die ganze Zeit recht ernstlich krank gewesen war, sein 
Leiden aber beharrlich verschwiegen hatte, um seine Frau 
nicht zu ängstigen und zu voreiligem Verlassen der Ki'anken- 
pflege in Florenz zu bewegen. 

Jedoch arbeitete sich seine gesunde Natur wieder durch, 
und da sah auch die Welt gleich ganz anders aus, und Fanny, 
-die während der Krankheit recht niedergeschlagen gewesen 
war, schrieb an Rebecka auf einem Bogen, der vorne eine 
allerliebste Randvignette von Geyer und folgendes Gedicht 
von Hensel trägt: 

Tausend Blumen auf den Fluren, 
Sommerwarm und thauerfrischt, 
Bleichen Winters letzte Spuren 
Hat ein linder Hauch verwischt. 

Rings im Grün der Vögel Feier 
Ob des Lenzes Wiederkunft, 
Und die Seele stimmt die Leier 
Zu des Waldes Liederzunft, 

Alle Sorgen, alle Schmerzen 
Sind verweht und abgethan: 
Offen stehn die seePgen Herzea 
Um den Frühling zu empfahn. 



Kom. 353 

^Auf diesem allerliebsten Frühlingsblättchen sollst Du auch 
nichts als angenehme Nachrichten zu hören bekommen. 
Gesundheit, schönes Wetter, Alles ist auf einmal wiederge- 
kehi't, und es hat mich ordentlich lachen gemacht, dass Du in 
Deinem gestrigen Brief für Rom besorgt bist, dass es mir 
nicht gefalle. Der alte Junge schafft sich schon Recht, und 
gestern und vorgestern haben wir hands geshakeb und Frieden 
gemacht. Nun muss ich mich aber noch eigens über meine 
bisherige Missstimmung bei Dir entschuldigen. Hensel's Krank- 
heit, die ein paar Mal recht bedrohliche Gesichter schnitt und 
mir gleich den Eintritt so verbitterte, schlechtes Wetter, Man- 
gel an weiblicher Bedienung, der mir im ersten Augenblick 
sehr empfindlich war, woran ich nun aber ganz gewöhnt bin, 
und Dir sehr schöne Geschichten davon mündlich liefern werde, 
eine Wohnung im Verhältniss zu unsrer Florentiner so gross, 
dass sie mii' erst wüst vorkam, bis ich nun auch diese Dimen- 
sionen gewohnt worden bin, und sie sehr schön finde, wie sie auch 
wirklich ist. Auch die Strasse war mir erst unheimlich, und 
jetzt bin ich zu der üeberzeugung gekommen, dass sie 
von der Natur dazu bestimmt ist, eine der schönsten Roms 
zu werden (Nicolo di San Tolentino), wäre ich Spekulant, ich 
kaufte alle die Löcher und führte schöne Häuser da auf, und 
kein Fremder würde wo anders wohnen wollen. Die Lage ist 
gut, dicht am Pincio und an Fontana Trevi, die elegante 
Passage geht den ganzen Tag an uns vorüber, nach Porta 
Pia, es fehlen nur Wagen auf Piazza Barberini, und die Sache 
ist abgemacht. So wahr ist es, dass dieselben Dinge schwarz 
und weiss sind, je nachdem man sie betrachtet. Bei uns sieht 
es endlich aus, wie bei Leuten, die die schönen Künste treiben ; 
ein Flügel steht da, ungestimmt, steht einen halben Ton zu 
tief, und klingt wie eine Pelzmütze auf einer Friesdecke, und 
was besser ist, Hensel hat heut angefangen zu malen, Vor- 
mittags Modell gehabt, und hat es Nachmittags wieder bestellt, 
und es geht gut und greift ilm nicht an. Die Modellwirth- 
schaft ist jetzt übrigens hier so arg als möglich, Chiamccia 
ist bis Ende Mai alle Tage besetzt, Mariuccia gar schon auf 
den Januar vergriffen, eine andere -uccia will mit dem Wagen 

Die Familie Mendelssohn. II. «0 



354 Wiedersehen in Italien. 

abgeholt sein und bekommt noch ausserdem zwei Scudi für den 
Tag, kurz, die schönsten sind nicht zu haben. Auch meinem 
Kaliban muss ich die grösste Ehrenerklärung liefern; er thut 
alle Arbeit, die bei uns in Berlin Heinrich, Sophie, die Colberg 
mit vieler Nachhilfe von Älinna liefern, ganz allein, hat das 
Essen pünktlich halb zwei fertig, hält die Zimmer und Sachen 
sehr gut rein, läuft alle Gänge, holt nach löblicher römischer 
Gewohnheit jede Apfelsine und jedes Eeiskorn apart, rennt 
wie ein Windhund, so dass er von der Rotonda im Nu wieder 
zu Hause ist, dazwischen hat er noch immer eine halbe Stunde 
Zeit, um hochtrabende Reden zu halten. Das hindert ihn aber 
nicht, in seiner Erscheinung die vollendetste Karrikatur zu 
sein, ich möchte ihn wohl einmal mit Heinrich zusammen bei 
Tisch aufwarten sehn, es müsste ein Schauspiel für Götter sein. 



Felix an die Schwestern.*) 

Frankfurt, den 25sten März 1845. 
„Dein soeben angekommener Brief hat den Frühling mit- 
gebracht. Heut ist zum ersten Mal jene bewusste Luft 
draussen, in der alles Eis und alle Winterkälte schmilzt, und 
Alles mild und warm und vergnügt wird ; wenn Hir aber keinen 
Eisgang in Florenz habt, so müsst Hir uns beneiden, statt 
umgekehrt, denn es ist ein herrliches Schauspiel, und die Spree 
kann es bekanntlich nicht zu Wege bringen. Wie das Wasser 
hier unter der Brücke springt und sprudelt und stüi^zt, und 
die grossen Blöcke und Scheiben durcheinander wirft, und sagt: 
packt Euch, mit Euch ist es für's Erste vorbei. Feiert auch 
seinen Frühlingstag und zeigt, dass es unter der Eisdecke 
noch Eo-aft und Jugend behalten hat, und läuft noch einmal 
so schnell und springt noch einmal so hoch, als in den ver- 
nünftigen Tagen anderer Jahreszeiten; das solltest Du einmal 
sehen. Die ganze Brücke und der ganze Quai sind schwarz 
von Menschen, die haben alle das schönste Schauspiel umsonst, 
und die Sonne bescheint sie dabei noch, auch umsonst. Das 



♦) Theilweis in den Felix'schen Briefen. 



Brief von Felix. 355 

ist ja eben das Elend, dass ich von der Poesie des Frühlings 
gar nicht spreche, sondern immer nur von seiner Holzerspamiss, 
und Lichter sparniss und üeberschuhersparniss, und davon dass 
es überall viel besser riecht, und dass es soviel gute Sachen 
mehr zu essen giebt, und dass die Frauenzimmer wieder helle 
und bunte Kleider tragen, und dass die Dampfboote wieder 
den Ehein hinunterfahren statt der Schnellpost etc. etc. 

Aus Obigem ersiehst Du und Fanny ebenfalls (denn Du 
musst ihr alle meine Briefe, in denen Nichts steht, nach Rom 
schicken), dass es Gott sei Dank bei uns nichts Neues giebt, 
d. h. dass wir Alle wohl und munter und Euer eingedenk sind. 
Gestern Abend kam ich mit Schlemmer um eins aus einer 
musikalischen Punschgesellschaft, wo ich erst die Beethoven' sehe 
Sonate 106 aus b gespielt, und dann 212 Gläser Punsch aus ff 
getrunken habe, wir sangen das Duett aus Faust auf der 
Mainzer Gasse, weil es so wunderschöner Mondschein war, und 
heut habe ich ein wenig Kopfweh. Diese Stelle suche aber 
auszuschneiden, ehe Du den Brief nach Eom schickst, einer 
jüngeren Schwester kann man schon so was vertrauen, aber 
einer älteren, päpstlichen bei Leibe nicht. — Eduard Magnus, 
der eben auf der Durchreise von Paris hier ist, malt uns den 
Karl, und hat den Bengel schon sehr niedlich und ähnlicli 
untermalt. Karl zeichnet sich aus, sitzt sehr geduldig, springt 
nur ab und zu mal auf Paul oder Marie los, die auf der Erde 
sitzen, und mit Bewunderung zusehen, und sitzt dann wieder 
eine Stunde vernünftig. Ich lese dabei mit allgemeinem Bei- 
fall das Rumpelstilzchen. Kennt das Ernst? Und Walter? 
Und Du? Wo nicht, so lese ich es Euch auch vor, und Ihr 
müsst es goutii'en, Paul macht das Manöver am Schluss, wo 
Rumpelstilzchen mit dem einen Bein in die Erde fährt und 
sich beim andern anfasst, sehr schön nach, ich empfehle Ernst 
ein Gleiches. 

N. habe ich den ganzen Winter drei Mal gesehen, obwohl 
er uns gegenüber wohnt; er ist leider gar zu wenig umgäng- 
lich, es geht mit dem besten Willen nicht, und ich glaube, 
es ist schlimmer gerade in dieser Zeit als seit vielen Jahren 
damit. Wer sich irgend im Mindesten mit den konfessionellen 

23* 



S56 Wiedersehen in Italien. 

Skandalen des Augenblicks einlassen will, und nicht standhaft 
alles und jedes abweist, was Skandal giebt und hervorruft, der 
wird so tief hin eingerissen, dass er von Freuden und Freunden 
getrennt ist, ehe er sich's versieht, und davon fangen in Deutsch- 
land die Beispiele in allen Kreisen zu spuken an. Ich schwanke 
immer in meinem Innern, welches von den beiden Extremen 
mir widerlicher ist, und kann darüber immer noch nicht in's 
Reine kommen. — Seht doch zu, ob Ihr Euch dort nicht die 
Nummer des „Punch" vom 18ten Januar verschaffen könnt; 
darin ist ein Bericht von Antigene im Covent-Garden mit 
Illustrationen, namentlich mit einer Darstellung des dortigen 
Chors — über die habe ich drei Tage lang gelacht. Der 
Chorführer, dem die schottischen Hosen unten herausgucken, ist 
ein Meisterstück, und so Alle in ihrer Art, und dabei so lustig» 
Man schi'eibt mir Wunderdinge über diese Darstellung und 
namentlich den Chor, — denkt Euch, dass beim Bacchuschor 
das ganze weibliche Corps de Ballet erscheint, und hüpft, und 
springt. Das ist kein Spass. Trotz o.Ue dem haben sie bei 
mir anfragen lassen, wann sie den Oedipus geben könnten, 
weshalb ich sie an den König von Preusen verwiesen habe. 
Meine Partitur ist seit einigen Tagen fix und fertig, und wenn 
mir die Musik so lieb bleibt, als sie es jetzt ist, so denke ich, 
sie wird Euch auch gefallen, wenn ich sie Euch in Soden vor- 
trommle. Auch die sechs Orgelsonaten sind fertig; wollt Ihr 
die auf der Orgel von Ober -Liederbach hören? Der Schul- 
meister ist ein freundlicher Mann, und erlaubt es recht gern. 
(Eben holen mich die Kinder, weil sie einen grossen Thurm 
gebaut haben, und das platte Dach mit ihren Mussstullen ver- 
ziert. Eine schöne architektonische Idee.) Eine Symphonie 
und ein Trio sind angefangen — auch ein neuer Oratorienplan, 
aber alle Leute schreien und plagen mich um eine Oper -— ja ! 
wer nur so einen rechten Stoff bekäme oder fände! Aber das 
will mii' bis auf heutigen Tag noch immer nicht gelingen, und 
ohne den allerschönsten Stoff, d. h. einen, der mir so ersclieint, 
und mich ganz durch und durch freut, thue ich es nicht, denn 
es muss damit, wie mit allen andern Musikstücken gehen, sie 
müssen nicht für die anderen Leute, sondern fiü''s eigene Ge- 



Splügenübergang auf Schlitten. 357 

wissen gemacht sein. Gestern hörte ich wieder eine neue 
Oper, ganz deutsch, wo der Text nach Scribe, und die Musik 
nach Auber war, und eben deshalb wahrhaftig viel besser als 
Aloys Schmitt, und die anderen acht deutschen. weh, es 
ist schiimm damit, aber warum giebt der König von Preussen 
auch keine Verfassung — kannst Du Dir die Berliner Stände 
in Musik gesetzt denken? Wohin gerathe ich? {Qito me rapisf 
würde sich Sebastian ausdi'ücken), vale^ Adieu, mehr Latein 
kann ich nicht." — 

Rebecka lebte unterdessen ganz still in Florenz, Dirichlet 
hatte sie schon Anfang April verlassen müssen, um sich nach 
Berlin behufs Wiedereröffnung seiner Vorlesungen zu begeben. 
Die Ueberschreitung der Alpen beschreibt er folgendermassen : 
„Da wäre ich also in Chur und liefere so den Beweis, dass 
der Weg über die Alpen wirklich offen ist. Schon in Mailand 
erfuhr ich, dass Alles, was man in Florenz über die unter- 
brochene Kommunikation auf der Gotthardstrasse erzählt hatte, 
nichts als Fabel ist und dass den ganzen Winter hindurch die 
Diligencen über den Simplon, Bernhardin, Splügen und Gottliard 
alle Tage, und der Courier selbst einmal die Woche über den 
Stelvio gegangen ist. Nachdem ich diese Notiz erhalten, und 
dass nie ein Unglück, nur zuweilen einige Verspätung in der 
Ankunft durch frischgefallenen Schnee eingetreten ist, hätte 
ich gern den Weg über den Gotthard als den kürzeren ge- 
v/ählt, aber zu meinem Glück waren für Freitag schon alle 
Plätze genommen, und so musste ich mich denn zu dem kleinea 
Umweg über Cliur entschliessen. Ich sage, zu meinem Glück, 
denn wie sich am folgenden Tag zeigte, war am Donnerstag 
und Freitag so viel Schnee in den Alpen gefallen, dass der 
Uebergang über den Splügen dadurch um mehrere Stunden ver- 
spätet wurde und der Weg über den höheren und rauheren 
Gotthard wahrscheinlich einen ganzen Tag mehr erfordert haben 
würde. Eme solche Alpenreise im Winter ist zwar keine 
Partie de plaisir^ aber doch in ihrer Art interessant genug, 
um die damit verbundene UnbeoLuemlichkeit gern einmal sich 
gefallen zu lassen. Von der Masse Schnee, die sich im Laufe 
des \Mnters in diesen hohen Kegionen anhäuft, hat man wirk- 



358 Wiedersehen in Italien. 

lieh keine Idee. Die Spitzen der Barriere, welche die Strasse 
vom Abgrund trennen, sieht man nur hier und da achtzehn 
"bis zwanzig Fuss unter sich aus dem Schnee hervorstehn, so 
dass man also augenscheinlich zwanzig bis fünfundzwanzig 
Fuss Schnee unter sich hat. Ist dieser ganz fest, so geht die 
Schlittenfahi't vortrefflich und schneller als sonst mit dem 
Wagen, aber ganz anders verhält sich die Sache, wenn, wie 
gestern, auf frisch gefallenem Schnee erst Bahn gemacht werden 
muss. Da ist man jeden Augenblick in Gefahr, ellentief in den 
Schnee zu versinken, und man muss sich glücklich preisen, 
wenn man wie ich nur zweimal umgeworfen wird. Ein Mai- 
länder, den ich heute Morgen hier beim Frühstück traf und 
der Tags vorher denselben Weg gemacht hat, ist nicht so 
glücklich gewesen und hat sich nicht weniger als fünfmal tief 
in den Schnee gelegt. Ein Theil der Fahrt hat mich sehr 
amüsirt, es ist dies das Hinunterfahren oder vielmehr -stürzen 
auf der sogenannten Winterstrasse, die mit der gebauten 
Strasse aber nichts gemein hat und auf der man gerade den 
Berg hinunter dem Pferde am Schlitten ganz freien Lauf lässt, 
gerade so, wie man es am Aschenkegel des Vesuv mit seinem 
eigenen Individuum macht, so dass man auf diesen unendlichen 
Schneefeldern lebhaft an den Vulkan erinnert \sdrd." 

Felix an Eebecka. 

Frankfurt, d. Uten April 1845. 
„Sehr viel tausend Glückwünsche zum Geburtstag, mein 
sehr viel liebes Schwesterlein. Wie viel lieber möclit ich Dir's 
sagen als schreiben. Ja, konnte ich nur bald wieder Dir ein 
goldnes Nixchen und ein silbernes Warteweilchen zum Ange- 
binde bringen — aber halt, heut habe ich doch ein recht hübsches 
Angebinde, über das Du Dich gewiss sehi' freuen wirst, eine sehr 
vergnügte Nachricht: Klingemann ist Bräutigam mit Sophie 
Rosen in Detmold (holt sie im Mai ab, verspricht als Neuver- 
heiratheter dann sogleich hier durchzui^eisen) und ist über- 
glücklich, und ich habe vor Freuden fünf Minuten lang im 
Zimmer getanzt, als ich vor einigen Tagen den Brief bekam. 
Denn ich habe die Braut vorigen Sommer in England kennen 



Klingemanns Verlobung. 059 

gelernt (wo er sie auch kennen lernte) und weiss daher, dass 
die Partie ganz trefflich und passend ist; sie hat ganz das 
Still-Liebenswürdige ihres verstorbenen Bruders, ist auch so 
bescheiden und doch tief- und wahrfühlend, durch und durch 
gebildet und dabei sehr hübsch und angenehm ; sie trägt blonde, 
glatte Scheitel, hat ganz was man ein echt deutsches Gesicht 
nennt, rund, blauäugig — da habt Ihr einen wahren Steckbrief. 
Als Klingemann seine Winterreise machte, kam er dui'ch Det- 
mold, da hat er sie wiedergesehn und sich Mancherlei überlegt, 
aber keine Andeutung, kein Wort gesprochen ; jetzt von Eng- 
land aus hat er geschrieben, und nun ist Klingemann verlobt! 
Mir^ macht die Sache ein ganz unglaubliches Behagen. 

Jetzt ist der 12te geworden und Dein lieber Brief mit 
dem von Fanny gekommen, da steht überall zwischen den 
Zeilen, dass Du wieder munter und gesund bist. Gott sei Lob 
und Dank dafür! Sympatliie giebt es offenbar in der Welt, 
denn seit vier Wochen sprechen die Kinder von gar nichts als 
von Rumpelstilzchen, und nun fängt Dein Brief gar damit an ! — 

Eben habe ich eine Stunde Klavier geübt, weil ich morgen 
in einem Konzert für die Ueberschwemmten privatim Beethoven's 
C-dur- Sonate im Cäcilien- Verein spiele. Wir haben jetzt auch 
eine Frühlingsluft und ein Grünen und Veilchenblühen, das den 
ganzen Menschen um und um kehrt; das grosse Wasser war 
aber erschrecklich ; ein grosses Stück Brückenpfeiler liegt jetzt 
noch im Main, und ich habe dem Senat sagen lassen, er möchte 
es doch bis zum Juli liegen lassen, es würde Euch interessiren. 
Der Senat antwortete sehr höflich: es würde ohnehin geschehen 
sein, also um so mehr. Schoten, die mir zu theuer sind, haben 
wir hier auch, das ist keine Kunst. Aber wohlfeile! Das ist 
ja der ganze Eeiz des Frühlings! Also nun kommt Dirichlet 
schon? Wir erwarten ihn nicht wenig, das kannst Du wohl 
denken!" — 

Felix an Fanny. 

Frankfurt, d. 20sten April 1845. 

„Liebe Fanny! 
Dieser Brief soll an Dich sein , aber er muss doch gleich 



^^ Wiedersehen in Italien. 

an Beckohen mit gerichtet werden, nicht bloss weil ich Deine 
Adresse in Rom nicht weiss, sondern weil Dirichlet gestern 
munter und wohl den Rhein herunter gefahren ist, nachdem er 
einen Tag mit uns zugebracht hatte, und weil er mir auf die 
Seele gebunden hat, gleich nach seiner Abreise zu schreiben. 
Alle seine liiesigen Bekannten wollten ihn gar nicht wieder 
erkennen, wegen des ungeheuren Bartes und zugleich, weil er 
so viel wohler, dicker und jünger aussieht als sonst. Er war 
sehr munter, den Abend brachten wir bei Mme. Jeanrenaud in 
Gesellschaft zu (für welchen Zweck ich ihm seine Halsbinde 
anders binden musste), wie wir ihn ausgefragt haben, könnt 
Ihr Euch denken. Er konnte gar nicht begreifen, wesshalb 
ich Deinen Brief, liebe Fanny, nicht bekommen hätte, bis sich's 
endlich fand, dass er selbst ihn mir mitbrachte. Tausend 
Dank dafür. 

Bleibt Ihr dabei, wie Ihi' jetzt sagt, Mitte Juni von Florenz 
zu reisen, so trifft Alles in Bezug auf unsem Familiencongress 
auf das Schönste zu; ein Zimmer, worin man malen kann, wird 
sich ja wohl in Soden auch finden lassen, d. h. nördlich ge- 
legene Zimmer mit einem Fenster, — an denen fehlt es nicht 
— auch an gutem Licht nicht. Ich kann freilich kein ordent- 
liches Atelier in Soden anpreisen, aber wie gesagt, kommt nur 
erst, und dann wollen wir das beste Malzimmer, was dort auf- 
zutreiben ist, gleich in Beschlag nehmen. 

Der Himmel gebe uns Allen nur Gesundheit und Tage 
wie heute, wo die warme blaue Luft einem den Schreibtisch, 
die Tinte und alles Sitzen und Hocken verleidet. Drum 
müsst Ihr auch mit den flüchtigen Zeilen vorlieb nehmen; 
ich möchte gern bald wieder hinaus und mir die grünen Blätter 
und die Blüthenansätze besehn. Die vier Kinder sind schon 
lange draussen ; Nachmittag wollen wir in einem Familienwagen 
in den Wald. 

Eben wandert das Manuscript meiner sechs Orgelsonaten 
zum Notenschreiber, von da zu Breitkopf und Härtel und in 
Ober-Liederbach will ich sie Euch vorspielen — dass heisst 
drei, alle sechs machen mich zu müde, das habe ich neulich 
erfahren, als ich's versuchen wollte. Ein Heft Lieder ohne 



Pisa. 361 

Worte werde ich walirscheinlich auch wieder drucken lassen, 
und Klingemann's Braut zueignen. Das Trio ist ein Bischen 
eklig zu spielen, aber eigentlich schwer ist es doch nicht: 
„Suchet, so werdet Ihr finden." — 

Hensels beschleunigten ihi'e Eückkehr nach Florenz mög- 
lichst, zu der sie den von Dirichlet's eingeschlagenen Weg über 
Perugia wählten. Am 20sten Mai kamen sie bei guter Zeit 
in Florenz an, fanden Alle wohl und vergnügt, verlebten da- 
selbst noch einige sehr behagliche Wochen und verliessen es 
mit Rebecka und den drei Kindern am 15ten Juni. 



Fannj^'s Tagebuch. 

„Am 16ten Juni fuhren wir nach Pisa, woselbst Abends 
die weltberühmte und nur alle drei Jahre stattfindende Lumi- 
nara, eine feenhafte Beleuchtung der ganzen Stadt, zu Ehren 
ii'gend eines Schutzheiligen stattfinden sollte. Die Stadt soll 
gewöhnlich sehr ernst und still, beinahe öde sein; wir fanden 
sie durch die grosse, zur Luminara zusammengeströmte Men- 
schenmasse ausserordentlich belebt. Unser erster Gang war 
nach dem Domplatz. Der Dom selbst ist ein herrliches Bau- 
werk, mit uralten Mosaiken und merkwürdigen Skulpturen. 
Unser Hauptinteresse erregte aber das Campo Santo, der 
Gegenstand jenes Bildes von Elsasser, das durch Rebecka's 
Vermittlung in Paul's Besitz gekommen war. So war für 
uns im Campo Santo viel persönliches Interesse durch Elsasser 
mit im Spiele. Wir bewunderten lange den schönen Raum; 
viel stritten wir über den Punkt, von dem Elsasser es auf- 
genommen und vereinigten uns endlich in der Meinung, dass 
er nicht streng einer Ansicht gefolgt sei, nicht eine „Vedute" 
geliefert, sondern aus den ganzen Räumen das Schönste und 
Interessanteste zusammengestellt und daraus ein eigenes Kunst- 
werk geschaff'en habe. Wie kann man dagegen hart genug 
über den schiefen Thurm urtheilen, der einen höchst peinlichen 
Eindruck macht und sonst durch seine reinen edeln Verhält- 
nisse eines der schönsten Bauwerke Italiens sein könnte. 

Nachmittags erfuhren wir zu unserm grossen Bedauern, 



362 Wiedersehen in Italien. 

dass des unsicliern Wetters wegen die Luminara aufgeschoben 
worden sei; das gab nun endlose Debatten und Ueberlegungen. 
Endlich wurde beschlossen, nach Lucca zurückzukehren und 
am andern Tage, wenn das Wetter günstig wäre, wiederzu- 
kommen. Die Rückfahrt war ganz zauberhaft, wie aus Tau- 
send und Einer Nacht. Das ganze Land, jedes Haus auf dem 
ganzen Wege bis Lucca hin war erleuchtet, Millionen Glüh- 
würmer dazu, und der schönste Mond- und Sternenschein; 
rings um uns und über uns ein flimmerndes, endloses Lichter- 
meer. Der andere Tag war schön und klar und Nachmittags 
ging's wieder nach Pisa. Zuerst nach den Kameelen, von 
denen sich in Pisa, als dem einzigen Ort in Europa seit den 
Kreuzzügen, eine Heerde erhalten hat. Wir fanden einige im 
Stall, man sagte uns aber, eine Viertelstunde weiter im Walde 
würden wir vielen begegnen. Und so war es denn auch, auf 
einer offenen Waldwiese mit einzelnen prächtigen Bäumen 
graste eine Heerde von vierzig bis fünfzig Thieren, es war 
höchst eigenthümlich, was man bis jetzt nur in Menagerien, 
eingesperrt im dumpfen Eaum, der freien Bewegung beraubt, 
kennen gelernt hatte, hier unter freiem Himmel behaglich ge- 
lagert und frei zu sehn. Die Thiere waren äusserst phleg- 
matisch und zahm, sie rührten sich kaum aus der einmal ein- 
genommenen Stellung, stehend, liegend, knieend, meist wieder- 
käuend, sahen sie uns mit ihren kuiiosen Physiognomien an. 
Das Ganze hatte etwas so fremdartig Besonderes in der tiefen 
Ruhe und Abgeschiedenheit des Waldes, dass wir uns nur 
schwer davon trennen konnten, die Kinder wären am liebsten 
gar nicht fortgegangen. Und nun in die Stadt, auf den Dom- 
platz, auf dem man sich nur mit Mühe durch die dichte 
lärmende Menschenmenge di'ängen konnte. Wir diu'chzogen 
noch einmal Dom und Campo Santo, und als wir wieder hin- 
austraten, war das Dunkel hereingebrochen und die Lampen 
wurden angezündet, die Luminara begann. Der Hauptschau- 
platz ist der Lungarno, die Strasse, welche auf beiden Seiten 
des in einem weiten Halbkreis dahinfliessenden Arno, an 
schönen Quais, meist aus schönen Palästen bestehend, gebaut 
ist. Wo grosse Gebäude fehlen, werden zur Luminara mehrere 



Rückkehr nach Berlin. 363 

Häuser durch mächtige davor gebaute Gerüste anscheinend in 
PalastfaQaden verwandelt und diese beleuchtet ; die Illumination 
erstreckt sich auf alle Stadttheile, selbst auf die entlegensten 
Gassen. Die Brücken, die Quais, die Schüfe und Boote, Alles 
strahlt im blendendsten Licht, und namentlich von der Mitte 
des Lungarno aus gesehn ist es der wundervollste Anblick." 

Von hier ab gingen die Reisenden dann möglichst schnell 
und ohne Unfall über Genua, Mailand, den Splügen, durch die 
Schweiz nach Freiburg im Breisgau, wo sie Woringen's trafen; 
den Tag nach ihnen kamen Felix und Paul zu dem lange 
besprochenen Geschwisterkongress ; Alle zusammen blieben 
sechs Tage da und reisten dann den Ehein hinunter nach 
Mainz und nach Soden, wo bei Felixens reizende vierzehn 
Tage verlebt wurden. 

Während dieser Zeit entschied sich, dass Felix wieder in 
seine alte Stellung nach Leipzig zurückkehren sollte. Den 
2ten August langten Hensels und Dirichlets wohlbehalten in 
Berlin an. 



S c h 1 u s s. 



Es bleiben nun noch zwei Jalire ruhiger, aber ausser- 
ordentlich glücklicher Häuslichkeit zu schildern. Die italieni- 
sche Reise war, bis auf einige Tage in Leipzig, das letzte Mal, 
dass Fanny das Haus und den Garten verliess. 

Es war ein ^vunderschöner und selir früher Frühling 1846 
und Fanny genoss ilin mit vollen Zügen. Schon Anfang März 
war vollständiger Sommer, am 17ten März blühten die Man- 
deln und Ende April schreibt sie: „Jetzt schon den vollen 
Sommer im Garten zu haben, die Obstbäume abgeblüht, Flieder 
und Kastanien in Pracht, das ist ganz etwas Seltenes. Mir 
thut dieser Frühling unbeschreiblich wohl, ich fühle mich wie 
neugeboren und geniesse die Herrlichkeit unseres Gartens, 
der immer schöner wird, wie ein Glück, das uns stets zu ent- 
schlüpfen im Begriff steht. Auch haben wir im Winter genug 
in der Wohnung zu leiden, so dass uns wohl eine Entschädi- 
gung zu gönnen ist. Die Musiken haben wieder angefangen 
und es ist ein paar Mal recht hübsch gelungen. Der Garten- 
saal in dieser Jahreszeit giebt ihnen wirklich einen eigenthüm- 
lichen Charakter. Es wird mir doch sehr ernsthaft zu Muth, 
wenn ich ein Paar Jahre w^eiter blicke und eine gänzliche 
Umgestaltung aller Verhältnisse kommen sehe. Unser näherer 
Umgang hat sich auch wieder etwas rekrutirt. Jakoby's sind 
mir ein überaus angenehmer Gewinn; sein überlegener Geist 
zeigt sich in jeder Art, und da er uns gern zu haben scheint, 



K. V. Keudell. 365 

benimmt er sich gegen uns aufs Liebenswürdigste; unter 
Anderm kann man nicht mit mehr Verständniss Musik hören, 
als er. Ein anderer, sehr angenehmer Umgang für die Musik 
ist Herr von Keudell*), der so Musik hört, wie ich es seit 
Gounod und Dugasseau nicht wieder gefunden habe, und dabei 
vortrefflich spielt, überhaupt ein sehr lebhafter und liebenswür- 
diger Mensch. Behr, Borchardt und andere junge Leute machen 
unsern Kreis jetzt frischer und angenehmer, als er lange 

war. — " **) 

R. V. Keudell war um diese Zeit bei Hensels eingeführt 
worden und gehörte bald zu den intimsten Hausfreunden und 
es verging selten ein Tag, wo er nicht auf ein Stündchen vor- 
sprach, etwas musicirte, oder den Abend bei ihnen zubrachte. 
Auf Fanny Hensel wirkte dieser tüchtige Musiker sehr an- 
regend. „Keudell", schreibt sie Ende Juli 1846, „erhält mich, 
was das Musikmachen anbetrifft, sehr in Athem und in be- 
ständiger Thätigkeit, wie früher Gounod. Er sieht mit 
äusserstem Interesse, was ich irgend Neues schreibe und macht 
mich aufmerksam, wenn irgendwo etwas fehlt und in der Eegel 
hat er Eecht!" Es befiel ihn eine ernste Krankheit, während 
deren er die beste Pflege durch Hensels hatte. Am Schluss 
seiner Krankheit bemerkt Fanny im Tagebuch; „Ich kann 
wohl sagen, ich habe ihn sehr vermisst, sein musikalischer 
Umgang hat mir an allen Ecken und Enden gefehlt. Man 
kann kein wohlwollenderer und zugleich strengerer, aufmerk- 
samerer Kritiker sein, er hat mir stets die allerbesten Rath- 
schläge gegeben. — " 

Sein Zureden war auch wohl für sie bestimmend bei dem 
Entschluss, der jetzt zur Ausführung kam, Mehreres heraus- 
zugeben. Schon in viel früherer Zeit war wiederholt davon 
die Rede, wie Theil II. Seite 37 erwähnt wurde. Jetzt machten 
ihr zwei konkurrirende Berliner Verleger so glänzende Aner- 



*) Der jetzige Botschafter in Rom. 

**) Eine andre Epoche machende musikalische Erscheinung in 
dieser Zeit war Jenny Lind, die häufig das Henselsche Haus be- 
suchte und namentlich mit Felixens sehr befreundet war. 



366 Schluss. 

bietuügen, dass sie sich dazu entschloss, eine Auswahl zn 
treffen. Sie war übrigens weit entfernt davon, dies Unter- 
nehmen sehr ausdehnen zu wollen, obgleich die Verleger ihr 
gern recht viel abgenommen hätten, denn bei ihrem musikali- 
schen Ruf in Berlin und dem Weltruf ihi'es Bruders vnirden 
sehr gute Geschäfte mit den herausgekommenen Heften gemacht. 
Einstweilen freute sie sich, ihre besten Sachen erschienen zu 
sehen und hat auch in der kurzen Zeit, die ihr noch zu leben 
vergönnt war, nichts als Freude von ihrer Autorlaufbahn ge- 
habt. — Felix hatte seine Ansicht über das Publiciren nicht 
geändert und es ging ihm etwas „gegen den Strich", wie er 
erfuhr, dass sie sich dazu entschlossen. Lange liess er nichts 
darüber verlauten, so dass Fanny schon etwas verstimmt zu 
werden anfing, bis sich am 14ten August folgende Notiz im 
Tagebuch findet: „Endlich hat mir Felix geschrieben und mir 
auf sehr liebenswürdige Weise seinen Handwerkssegen ertheilt ; 
weiss ich auch, dass es ihm eigentlich im Herzen nicht recht 
ist, so freut mich doch, dass er endlich ein freundliches Wort 
mir darüber gegönnt!" 

Der betreffende Brief lautet folgendermassen: 

Leipzig, den 12ten August 1846. 
„Mein liebster Fenchel, erst heut, kurz vor meiner Abreise, 
komme ich Rabenbruder dazu. Dir für Deinen lieben Brief zu 
danken und Dir meinen Handwerkssegen zu geben zu Deinem 
Entschluss, Dich auch unter unsere Zunft zu begeben. Hiermit 
ertheile ich ihn Dir, Fenchel, und mögest Du Vergnügen und 
Freude daran haben, dass Du den Andern so viel Freude und 
Genuss bereitest, und mögest Du nur Autor-Plaisii's und gar 
keine Autor-Misere kennen lernen, und möge das Publikum 
Dich nur mit Rosen, und niemals mit Sand bewerfen, und 
möge die Druckerschwärze Dir niemals drückend und schwarz 
erscheinen, — eigentlich glaube ich, an alle dem ist gar kein 
Zweifel denkbar. Warum wünsche ich Dir's also erst? Es 
ist nur so von Zunft wegen, und damit ich auch meinen Segen 
dazu gegeben haben möge, wie hierdui^ch geschieht. 

Der Tafelschneidergeselle 
(L. SJ Felix Mendelssohn-Bartholdy. 



' Felix an Fanny. 367 

P. S. Herr von Keudell, der neulich hier war, hat mir 
sehr gut gefallen, und wird Dir wohl von der musikalischen 
Soiree erzäht haben, in der er uns begriffen fand, wo die 
Clarinett abermals das leichte Trio von Mozart nicht ganz im 
Takt richtig herausbrachte. Jemine! — 

Gedankenspahn. 
Warum machst Du an einem Deiner Sonntage des nächsten 
Jahi'es nicht einmal Musik mit Begleitung von Blaseinstru- 
menten? Ein Quintett von Mozart, ein dito von Spohr, ein 
dito von Beethoven würde sich schön ausnehmen, von Deinen 
seelenvollen Fingern fürgetragen. Diese Idee gebe ich Dir 
nur unter die Hand, denn ich habe sie noch Niemand Anderm 
unter den Fuss gegeben, indem ich sie selbst einmal aus- 
führen will. 

Die Amme war sehr liebenswürdig*) und als sie die 
Treppe hinunterging, und sagte: tanti lad a Fiora^ und dabei 
zu weinen anfing, hätte ich beinahe mitgeweint. Sie hat hier 
zu Mittag gegessen, und ich habe sie dabei italiänisch unter- 
halten, so dass sie kaum einen Bissen hinunterbringen konnte. 
Wamm schreibt aber Dirichlet niemals einem Schwager solche 
Briefe wie er per Amme an Ohm schrieb (Du siehst, ich habe 
Alles gelesen!) Ich habe sie an einen Eisenbahn-Offizianten 
empfohlen und ihr ein Billet-doux an die Post in Eeichenbach 
„in die Hand gestopft", wie Cecile sich ausdrückt. — Dieser 
ganze Passus ist an Beckchen, wie ich eben bemerke, aber es 
schadet nichts; Ihr seid und bleibt die Fischottern, was ich 
unter Anderm daher weiss, weil Cecile jetzt plötzlich die 
Flegeljahi-e mit Plaisir liest, und ich Euch da alle Tage auf dem 
Tisch liegen sehe.**) Aber genug! Grüsst mir Paul, der uns 
unglaubliche Freude mit seinem Besuch gemacht hat ! So Gott 
wiU, sehe ich Euch im Herbst, und froh und vergnügt! — " 



*) Die Dirichlet'sche Amme wurde nach Italien zurück- 
geschickt. 

**) Siehe Theil I. Seite 228. 



368 Schlnss. 

Aus einem Brief von Rebecka an Cecile. 

Berlin, 14ten August 46. 

„Diesmal will ich aber nichts als mich bedanken für die 
freundliche Aufnahme, die Ihr der Amme habt zu Theil werden 
lassen, das war ihr gewiss eine sehr unerwartete Freude, 
Euch noch einmal zu sehn, denn man hatte ilir gesagt, es 
wäre in Leipzig kein Augenblick Aufenthalt möglich. Alles 
w^as Post und Eisenbahnen betrifft, schwebt bei uns in räthsel- 
haftem Dunkel. Wir haben Alle die gute Amme recht ungern 
gehen sehn, sie war so angenehm um sich zu leiden, und wie 
selten das ist, die entourage eines Kindes gern zu haben, das 
wirst Du wohl aus Erfahrung wissen, liebe Cecile, und diese 
war dem Kinde und uns Allen so sehr anhänglich, und durch 
ihre Isolirimg von den andern Domestiken schon mehr an uns 
gebunden, und die Sprache und die Erinnerung an Italien, es 
ist recht Schade, dass ich sie nicht länger behalten konnte; 
das Beste bei der Veränderung ist, dass die Kleine sich jetzt 
mit mir sehr befreundet. 

Was sagst Du aber zu dem göttlichen Sommer? Ich be- 
daure nur, dass Du ihn in der Stadt Leipzig zubringen musst ; 
ich bin mit meiner Landwohnung in der Stadt sehr zufrieden, 
der Garten ist über alle Vorstellung schön, und ich habe mich 
besser erholt, als ich es nach dem letzten Winter vermuthen 
konnte. Nächst selir vielem Karlsbader und der schönen Luft, 
glaub' ich, thut auch das heitere Zusammenleben mit Fanny 
viel dazu. Du hast ja selbst einmal geschrieben, wir müssten 
zusammen sein und Du hattest sehr Recht. 

Eben spielt Fanny unter mir das Lerchenlied von Felix 
ganz langsam, und so oft, dass ich neugierig sie an's Fenster 
rief, um zu fragen, was die Bewegung bedeute, und es findet 
sich, dass sie Sebastian — den Bass ein^tudirt, dessen mäch- 
tige Stimme ich aber nicht gehört habe. Ist das nicht sehr 
komisch, dass Fanny schon einen Basssolm hat? 

Seid nochmals sehr bedankt für Diner, und italiänische 
Unterhaltung und Brief und Billet-doux und dass Felix bei- 
nahe mitgeweint hätte, ich hab's wirklich gethan — und für 
Alles. " 



Erste Auflführung des Elias in Birmingham. 369 

Fanny an Cecile. 

Herbst 1846 (ohne Datum). 

„ Wie sehr bedaure ich Dich, dass Du diesen gött- 
lichsten aller Sommer in der Stadt hast zubringen müssen, 
wir haben ihn in unserm Garten so genossen, wie ich mich 
es noch kaum von irgend einer Zeit meines Lebens erinnere, 
und ich hätte wahrlich zu jedem Augenblicke meines Lebens 
sagen mögen: „Verweile noch*), du bist so schön!" — Dar- 
über ist denn aber doch sachte der Herbst herangekommen, 
und schöne Tage werden von kühlen Morgen und Abenden 
eingeschlossen. Ich hätte es Dir recht gewünscht, dies ruhig 
vergnügliche Leben mit uns zu theilen; was Du von Mager- 
keit und Appetitlosigkeit schreibst, gefällt mir gar nicht. 
Beckchen ist hier so prächtig aufgegangen, und bis auf einige 
unwohle Tage in der vorigen Woche über Hoffen den ganzen 
Sommer frisch und munter gewesen, und so hätten wir Dich 
auch heranfüttern können. Nebenbei thut es mir immer so 
leid, dass Hir doch auch gar keinen Genuss von dem Garten 
habt, da Ihr doch die Hauslasten mittragt. Wie mich der 
Garten in diesem Sommer beglückt hat, das kann ich gar 
nicht sagen. Unsere ganze Lebensart hängt so sehi^ mit dieser 
Lokalität zusammen, dass ich wirklich mit Schrecken daran 
denke, einmal wo anders unterkriechen zu müssen." 

Felix war, als er den zuletzt mitgetheilten Brief schrieb, 
im Begriff, nach England abzureisen, wo in Birmingham der 
Elias zum ersten Mal aufgeführt werden sollte. Die Compo- 
sition dieses Oratoriums hatte ihn das ganze Jahr hindurch 
unausgesetzt beschäftigt. Mit welchem Ernst und mit welcher 
Gründlichkeit er sich den Text zusammenstellte, sehen wir 
unter Anderm aus den Briefen an Schubring vom 23sten Mai 46 
und aus dem nach dem grossen Erfolg in Biraiingham ge- 
sclmebenen an Bendemann, vom 9ten November 46. Die 
Aufführungen von Oedipus und Athalia machten, zu Fannys 
grosser Freiide, seine öftere Anwesenheit in Berlin noth wendig. 



*) In Goethes Faust lautet dies „geflügelte Wort" zweimal 
„Verweile doch! du bist so schön". — 

Die Familie llendelssoliii. 11. 24 



870 Schlnss. 

Im Juni aber hatte er eine sehr lustige Reise an den Rhein 
gemacht, wo das Pfingstfest in Aachen, das Frohnleichnams- 
fest in Lüttich und das grosse Männer-Gesangsfest in Köln 
schnell auf einander folgten. Er hatte für Lüttich ein Lauda 
Ston für Chor, Solo und Orchester, für das deutsch-vlämische 
Sängerfest in Köln einen Festgesang „An die Künstler" com- 
ponirt, zu den Schiller'schen Worten: „Der Menschheit Würde 
ist in Eure Hand gegeben, — Bewahret sie" etc. Zurück- 
gekehrt nach Leipzig, schrieb er über diese Rhein- und 
Holland-Reise: 



Leipzig, d. 27sten Juni 1846. 
Liebe Fanny! 
^ — Wer solchen Beschwörungsmitteln, wie Du sie ange- 
wendet hast, um mich zu einem langen Brief zu bringen, 
widerstehn kann, der muss der Satan selbst sein oder der 
Kuckuk. Also wii'd grosses Format genommen und geschrieben, 
obwohl mii' eigentlich das Feuer so arg auf den Nägeln brennt, 
wie noch nie; denn ein ungeheuer grosses Stück vom Elias 
ist noch aufzuschreiben und in England probiren sie schon 
am ersten Theil, und erst heut früh ist Spohr von hier ab- 
gereist, den wir alle Mittag und alle Abend beleben mussten 
und der wenig Tage nach meiner Ankunft hier ankam, dem 
wir ein Konzert mit seinen Kompositionen im Gewandhaus 
gaben, mit dem alle Trios, Quartette und Doppelquartette 
durchgespielt wurden, der mir immer eine liebe, willkommene 
und erquickliche Erscheinung ist, der aber diesmal noch dazu 
beitrug, meinen Kopf ganz schwindlich drehend zu machen — 
da es um mich so endlos und unordentlich aussieht, wie in 
dieser Periode (die ich aber gern zu Ende bringen möchte), 
da ich nach der Rheinreise eigentlich erst acht Tage hätte 
ausruhen müssen, statt neue Festivitäten zu erleben und an- 
zuordnen — und nun soll ich noch dazu einen langen Brief 
schreiben. Das miss Dir aber selbst zu, Fenchel, wenn er 
konfus und dumm wird, ich bin auch gerade so; aber diese 
vier Seiten schreibe ich voll, das schwöre ich bei meinem 



Felix am Rhein. 371 

Bart ; und wenn das geschehen ist — von morgen früh an — 
schliesse ich mich ein und muckse nicht eher wieder, als bis 
der Elias fertig ist, was aber noch gute drei Wochen dauern 
kann, das schwöre ich auch bei meinem Bart. 

Du willst etwas vom Ehein her wissen; nun ist aber das 
Malheur, dass sich Cecile's Brief, in dem sie auf meine Bitte 
meine sehr ausführlichen Reiseberichte an Paul mittheilte, mit 
Deinem gekreuzt hat und dass ich nun unmöglich herauskriegen 
kann, was Du weisst und was Du nicht weisst. Das Beste 
wird sein, ich schreibe lauter Sachen, die Cecile nicht ge- 
schrieben haben kann und die Du nicht wissen kannst — 
denn die Auswahl habe ich allerdings. So gepfropft volle 
drei Wochen, wie die waren, habe ich noch nicht erlebt, immer 
um Mitternacht oder ein Uhr in's Bett und gegen sechs wieder 
heraus, und von ein halb sieben Uhr ging der Trouble wieder 
los und dauerte bis Mittemacht oder ein Uhr. Die Haupt- 
sache in Aachen bleibt doch, dass der Marquis von Sassenay 
und der Bürgermeister Nellesen Alles aufgeboten haben, um 
mir Milchreis kochen zu lassen (weil die Lind gesagt hatte, 
den äss' ich gern), dass es ihnen aber nicht gelang, weil ihre 
französischen Köche immer was Anderes, Feineres daraus 
machten, was aber kein Mlchreis war. Dann nahm ich ein- 
mal ein Bad, und als ich drin sass, merkte ich, dass es 
Aachener warmes Wasser war, und davon wurde ich so 
dämelig, dass ich den ganzen Tag nahe am Einschlafen war. 
Ein Franzose aus Paris fragte am Sonntag: Qu'est-ce qu'elle 
ehante ce soir, MUe. Lind? Darauf sagte ich: La creatimi. 
Darauf fuhr er mich an und sagte: Comment peut-elle chanter 
la creation? La derniere fois qiie fai entendu chanter la cre- 
ation en France c^etait une hasse-taüle qiii la cliantait! — Die 
Chöre gingen aber wirklich sehr schön, und wenn Paul die 
Lind im Alexanderfest die beiden ersten Arien hätte singen 
hören, so hätte er wieder geklatscht, wie damals im Konzert. 
Onslow hat sich mal wieder meinen Taktstock ausgebeten, 
und ich musste etwas darauf schreiben, dann hat er seinerseits 
einen Artikel in die französischen Journale geschrieben und 
sein Portrait in Gips im grand mmarque für mich deponirt, 

24* 



372 Schluss. 

damit ich es hier vervielfältigen lasse und seinen Freunden 
Gelegenheit gebe, es bei Kistner zu bekommen. Kyllmann 
war meder der Alte, Liebenswürdige, Unveränderte. In dessen 
Haus brachte ich einen vergnügten Tag zu und dachte an die 
Zeit, wo wii* da mit den Eltern waren. Gott sei Lob und 
Dank, dass so ein Paar gute, liebe Menschen unverändert die- 
selben bleiben ihr Lebelang! Es sind deren wenig genug, 
aber wenn auch! Am Sonnabend vor Pfingsten war erst 
Simrock eine Stunde bei mii*, wegen Elias, dann um acht fing 
die Probe an und dauerte bis halb zwei; um zwei war ein 
grosses Diner, wo ich sein musste, das dauerte bis halb 
fünf, um fünf fing die Generalprobe der Schöpfung an, 
die dauerte bis gegen neun, um neun war ich bei dem 
schwedischen Professor Geyer (Du erinnerst Dich von 
Lindblad her), da wurde ein wenig musizii't, ich spielte 
die Cis-moll- Sonate, Lieder ohne Worte etc. etc. — 
Und nach Aachen kam Düsseldorf, da brachten sie mir zwei 
Ständchen, weil die beiden Liedertafeln, die dort sind, einander 
so sehr hassen, dass sie nicht zusammen singen wollten. Bei 
Düsseldorf wii'd's mir ernsthaft zu Muth. denn allerdings 
schmeckten die Paar Tage meines Aufenthalts dort etwas 
bitter nach Vergangenheit. Dazu kam, dass Rietz, von den 
dortigen Musikern gekränkt, verhetzt, maltraitii-t, nun ent- 
schieden fort will, und dass ich auch hoffe, es wii'd dazu kom- 
men, dass einige der frühern, lustigen Kumpane wii'klich recht 
verändert sind, und dass nur wenige ganz dieselben geblieben. 
Dass unter den letzten Hildebrand ist, brauch ich nicht erst 
zu sagen; auch Lessiug, der nach wie vor eisern fleissig und 
rastlos arbeitet, imd ausserdem still vor sich hin bleibt. Hasen- 
clever's sahen sehr nett zusammen aus, ich meine, sie hätten 
sich Beide zu ihrem Vortheil geändert. Eietz's Koncert war 
sehr voll, aber auch das hatte einen Anstrich, der mir gar- 
nicht wohlgefiel, — nicht gemüthlich, nicht heimisch und auch 
nicht vornehm und nicht ordentlich. Zum Glück kam darauf 
der schöne halbe Tag bei Kj'llmann, wo wir auf seinem neuen 
Erard rasend musizirten, und dann die Wittwe Cliquot eine 
gute Frau sein Messen. A propos, das ist ein Hauptresultat 



Felix in Lüftich und Cöln. 878 

meiner Reise; ich kriege alle Jahr zwei Dutzend Flaschen von 
dieser Wittwe — das will was sagen! Wieso? Das erkläre 
ich Dir mündlich. Abends war ich wieder in Cöln, andern Tags 
in Lüttich; von den Orbans hat C6cile gewiss Alles geschrie- 
ben; auch von dem Fackelzug mit meiner Meeresstille, und 
mit dem deutschen Lied: „0 Belgique!" — 

Dass ich nicht dirigirte, geht sehr natürlich zu: ich kam 
eine Viertelstunde vor der Generalprobe an und hatte nie 
daran gedacht, dort auch wieder Takt zu schlagen, nun 
stürmten sie Alle zwar sehr auf mich ein, aber ich war zum 
Zuhören gekommen und blieb meinem Plane treu. Zudem 
waren die Mittel, die ihnen die Bischöfe zugestanden hatten, 
höchst mangelhaft, und damit wäre auch in der einen Probe 
gar nichts zu machen gewesen. Statt dessen habe ich mich 
beim Zuhören sehr gut amüsirt und kann mir jetzt doch ganz 
genau vorstellen, wie mein Lauda 8ion bei guter Aufführung 
klingen müsste. Einiges daraus hätte Dir gefallen, glaub' ich, 
und ich freue mich darauf, es Dir vorzuspielen. Auf der Rück- 
reise war Diner in Düren bei Wergifosse, und Frau Iven sang 
Lieder vor Abgang der Eisenbahn. Wenn da Dirichlet's die 
Ohren nicht geklungen haben, dann bekommen sie nie Ohren- 
klingen. Abends war in Cöln die erste Probe auf dem Gürzenich, 
wo ich meinen Schüler'schen Festgesang zum ersten Mal hörte 
und dirigirte. Er klingt recht flott. Andern Tages kamen 
die Zweitausend an. Wie das klingt ? Nicht schärfer stark, 
als jeder andere Chor (und darüber wundern die Leute sich 
immer), aber an dem gewissen Schwirren und Sausen merkt 
es jedes geübte Ohr — gerade so wie dreissig Geigen nicht 
gerade stärker als zehn, aber anders, eindringlicher, massen- 
hafter klingen. Ich habe grosse Freude gehabt. Und Seydlitzen's 
(die Tochter und Wittwe von Verkenius, Du weisst doch), wo ich 
wohnte, waren gar zu lieb und freundlich. Und dann machte 
mir's auch einen sehr tiefen, freudigen Eindruck, dass die Leute 
in Deutschland mir so viel Ehre anthaten und mir so viel 
Freundlichkeit erwiesen; wo ich mich nur sehen Hess, fast in 
den ganzen drei Wochen, aber am meisten während dieser 
Kölner Tage, waren sie lustig und jubelten, und wie die grosse 



374 Schlass. 

Mehi'zahl von den zweitausend Sängern mein Volkslied aus- 
wendig anstimmten, war mir's auch eine selir frohe Empfin- 
dung, und machte mir gar zu grosse Freude! davon kann ich 
Dir mündlich noch manche lustige Momente erzählen, geschrieben 
nimmt sich dergleichen gar zu wenig aus. — " 

Unterdessen war auch der Elias seiner Vollendung nahe 
gerückt; er wurde am 25. August 1846 zum ersten Mal in 
Birmingham aufgefühi-t. Felix berichtet darüber in zwei ver- 
öfifentlichten Briefen an Paul und Mme. Frege in Leipzig. 

Von den Anstrengungen dieses Sommers erholte er sich 
in der gewohnten Weise schnell durch Ruhe. Er schreibt 
am 2 9 sten September, gleich nach der Rückkehr nach Leipzig, 

an Fanny : 

^Ich kann mich bis jetzt noch v/eder zu einer Reise, noch 

zu irgend etwas Anderem entschliessen, sondern vegetii'e 

wie ein Strauch nach dem angestrengten Sommer und dem 

vielen Hin- und Herreisen. Seit ich bei der Ankunft auf den 

ersten Blick hier Alles wohl und munter fand, thue ich den 

ganzen, lieben, langen Tag nichts als Essen, Spazierengelm und 

Schlafen, und habe noch immer nicht genug an allen di-eien. 

Ich sollte den Elias nun zur Herausgabe fertig machen, seilte 

die Stimmen nach Bonn schicken, den deutschen Text darunter 

legen lassen, damit eine Aufführung hier zu Lande recht bald 

möglich werde, aber wie gesagt, erst muss ich noch ein bischen 

müssig gehn. Eigentlich faulleuze ich schon seit dem Moment, 

wo der letzte Ton in der town-hall gespielt und gesungen 

worden war. Ich sollte nach Manchester zu zwei Concerten 

kommen, ich that's aber nicht und ging nach London, wo mein 

einziges , wichtiges , wahres Geschäft , ein fisMimier bei Love- 

grove in Blackwall w^ar, dann blieb ich wieder vier Tage in 

Ramsgate, um Seeluft zu trinken und Krabben zu essen, und 

mit den Benecke's mir gütlich zu thun, wie in London mit den 

Klingemann's , dann blieb ich in Ostende einen Tag, weil ich 

schläferig war, dann blieb ich einen Tag in Cöln bei den Seyd- 

litzen's, weil ich zu müde war. Dann blieb ich vier Tage in 

Horchhehn; da führte mich Onkel in der Mittagshitze durch 

die Weinberge, anderthalb Stunden lang, und lief so, dass ich 



Häusliches Behagen. 375 

immer sagen wollte, ich könne nicht mitkommen. Ich schämte 
mich aber und stopfte mir den Mund mit blauen, warmen 
Trauben. Dann blieb ich einen Tag in Frankfurt wegen Er- 
müdung, und seit ich nun hier bin, inihe ich mich aus. — " 

Ganz still, recht als Kontrast zu diesem bewegten Leben 
des Bruders, verfloss der Sommer für Fanny. Aber sie fühlte 
sich so glücklich, wie selten in ihi-em Leben, und giebt dem 
in ihrem Tagebuch bei jeder Gelegenheit Worte. So am 14ten 
August: „Die unendliche Behaglichkeit, die mich diesen Sommer 
durchweht , dauert fort, sowie der wunderschöne Sommer selbst, 
dessen gleichen Keiner von uns erlebt hat. Diese Stimmung 
droht mich egoistisch zu machen, weil ich durchaus nicht Lust 
habe, mich durch fremdes Leid in meinem Innern Behagen 
stören zu lassen, und darüber mit Wilhelm streite, der leider 
von seinem Uebelbefinden im Frühjahr eine nervöse Reizbarkeit 
übrig behalten hat, die ihn krank macht bei jedem Verdruss, 
bei jedem Mitleiden, wozu sich denn verschiedener Anlass ge- 
funden. Doch thut ihm auch der warme Sommer sehi' gut, 
indessen es hat, was er selbst auch mit Bedauern fühlt, seine 
Elastizität im Arbeiten sehr nachgelassen. Ich bin übrigens 
fortwährend fleissig und fühle, dass mir Manches gelingt, und 
das, verbunden mit dem wunderbar herrlichsten Sommer, macht 
mich so innerlich und äusserlich zufrieden und beglückt, wie 
ich vielleicht nie, ausser kurze Zeit während unseres ersten 
Aufenthalts in Eom, gewesen." 



Während des Winters hatte sich Fanny Hensel, ermuthigt 
jiurch das Gelingen vieler Sachen, die sie komponirt hatte, an 
eine grössere Arbeit, ein Trio für Klavier, Violine und Violon- 
ceU, gemacht, welches am Uten April (Rebecka's Geburtstag) 
zum Anfang der Sonntagsmusiken gegeben wurde und allge- 
mein gefiel. Der Tag war ein sehi- lebhaft bewegter: der ver- 
einigte Landtag war eröifnet worden. Die letzten Seiten des 
Tagebuchs sind voU von Notizen über dies Ereigniss. Fanny 



376 Schluss. 

war entschieden auf der Seite der Opposition. „Nun ist die 
Politik für die nächste Zeit Alleinherrscherin, alles Andere 
wii'd unmöglich sein", schreibt sie. Fortdauernd aber blieb 
das Gefühl des Beglücktseins, der vollen Zufriedenheit. Eine 
der letzten Aufzeichnungen spricht das noch aus: „Gestern war 
der erste Frühliiigshauch in der Luft. Es war ein anhaltender 
Winter, viel Schnee und Kälte, allgemeine Theuerung uiid 
Noth, eigentlich ein leidenvoller Winter. Wie kann man nui* 
verdienen, zu den so wenigen Glücklichen in der Welt zu ge- 
hören! Wenigstens fühle ich es lebhaft und dankbar, und 
wenn ich des Morgens mit Wilhelm gefrühstückt habe und 
dann Jeder an seine Arbeit geht, da empfinde ich mich mit 
wahrer Eührung glücklich, wenn ich an den kommenden Tag 
denke, und an den vergangenen." 



Mitte Mai 1847 hatte sie wieder einen Anfall ihres Nasen- 
blutens gehabt, der aber diesmal dui'ch ein neu angewendetes 
Mittel gestillt wurde. Freitag, den Uten Mai Nachmittags, 
hatte sie Probe mit ihrem kleinen Chor zu der für Sonntag 
angesetzten Musik. Da wurde ihr plötzlich am Klavier wälirend 
des Begleitens unwohl, die Hände versagten den Dienst, sie 
wurde sprachlos und bald bewusstlos — ärztliche Hülfe war 
sofort bei der Hand ; aber ohne Erfolg — um elf Uhr Nachts 
war Alles vorbei. Em Bluterguss in's Gehii-n hatte sie ge- 
tödtet. 

Im Gartensaal stand am Sonntag statt des Flügels der 
Sarg, in einem Wald der herrlichsten Blumen, namentlich 
Deckers hatten das Schönste geschickt, was ihre reichen 
Treibhäuser boten. Wilhelm Hensel machte sich an die trau- 
rige Arbeit, die ihm wohl nie so schwer geworden, die Züge 
der Todten in einer seiner schönsten Zeichnungen festzuhalten. 
Er hatte Alles verloren, sein wohlgeordnetes Familienleben war 
zerstört. In allen Lebensphären, wo nicht die tägliche Arbeit 
auch das tägliche Leben fristen muss, wii'd fast immer der 



Fanny's Tod. 377 

Tod der Mutter eine unersetzlichere Lücke reissen, als der Tod 
des Vaters. Selten aber wird dies so fühlbar hervortreten als 
es hier der Fall war: Alle Geschäfte, die ganze Leitung des 
Hauses, die Vermög-ensverwaltung, die Erziehung des Sohnes, 
hatte sie besorgt , ihr Mann war in alle dem vollkommen uner- 
fahren und lebte nur seiner Kunst. Aber selbst in diesem 
seinem Schaffen war ihr Einfluss auf ihn grösser gewesen, als 
er selbst es vielleicht ahnte; er war ganz zerrüttet, als sie 
ihm genommen war. Er, sonst der fleissigste, rastlos thätigste 
Mann, dem schöne BesteUungen Arbeit auf Jahre hinaus sicher- 
ten, der ein grosses Werk (ein Bild für den Thronsaal in 
Braunschweig) der Vollendung nahe hatte, hat in den nahezu 
fünfzehn Jahren, die er sie überlebte, eigentlich nichts mehr 
gemalt, an dem eben erwähnten Bilde nicht mehr einen Strich. 
Er, der sonst Abends förmlich aus dem Atelier getrieben wer- 
nen musste, um sich einige Bewegung zu machen, dem, einen 
Brief zu schi'eiben, die unangenehmste, stets aufgeschobene 
Pflicht war, verbrachte jetzt die meiste Zeit ausser dem Hause 
oder mit Correspondenz. Die Zeitung hatte er sonst bei Tisch 
durchflogen und um Politik sich wenig oder gar nicht geküm- 
mert; jetzt bedeckten Journale seinen Tisch und er entwickelte 
in Vereinen und Versammlungen eine fieberhafte Thätigkeit. 
Eine Häuslichkeit hat er nie wieder gehabt. 

Möge hier noch einmal der Eindruck der ganzen Persön- 
lichkeit Fanny Hensels zusammengefasst werden: Sie war klein 
von Gestalt, und hatte — ein Erbtheil von Moses Mendelssohn 
— eine schiefe Schulter, was aber wenig zu sehen war. Das 
Schönste an ihr waren die grossen, dunkeln, sehr ausdrucks- 
vollen Augen, denen man die Kurzsichtigkeit nicht ansah. 
Nase und Mund waren ziemlich stark, sie hatte schöne, weisse 
Zähne. Der Hand sah man die Ausarbeitung durchs Klavier- 
spiel an. Sie war schnell und decidii't in ihren Bewegungen, 
das Gesicht war sehr lebendig, alle Stimmungen spiegelten sich 
auf demselben treu wieder; Verstellung war ihr unmöglich. Es 
merkte daher Jeder sehr bald, wie er mit ihr stand; denn so 
sicher sich die Freude über einen lieben, gern gesehenen Men- 
schen sofort zeigte, so unheildrohend lagerten sich auch ge- 



S78 Schluss. 

wisse Falten um Stirn und Mundwinkel, wenn eine ihr unsym- 
pathische Erscheinung sie verstimmte. Wenige können sich 
so intensiv über alles Schöne : schönes Wetter, schöne Menschen, 
schöne Talente, schöne Natur, freuen, wie sie es konnte. 
Frische Luft athmete sie tief und voll ein, und erklärte dies 
fiir einen der grössten Genüsse. Ebenso intensiv war aller- 
dings ihr Aerger über alles Hässliche ihr Zorn über alles 
Schlechte. Gegen langweilige, fade, eitle und hohle Menschen 
war sie sehr intolerant, und hatte gewisse hetes noiresy gegen 
die sie ihi'e Antipathie durchaus nicht bemeistern konnte. Ihr 
Gesicht nahm dann bald einen Ausdinick so tiefen Unglücks 
an, dass sie ihre Umgebung häufig dadurch in die grösste 
Heiterkeit versetzte, wenn die Ursache in so gar keinem Ver- 
hältniss zu der in ihr hervorgerufenen Stimmung stand. War 
diese verflogen, so lachte sie wohl selbst darüber, und war 
doch das nächste Mal ebensowenig im Stande, sich zu bezwingen. 
Materielle Genüsse waren ihr ziemlich gleichgültig: gut Essen 
und Trinken, Bequemlichkeiten, Toilette, Luxus aller Art, 
waren nicht zu ihrem Leben nothwendig; wohl aber Umgang 
mit gebildeten, klugen Menschen, im kleineren Kreis, und Kunst- 
genüsse. Ihr Freiheitssinn wurzelte tief in ihrer Natur: gegen 
den Adel, und alle Prätensionen der Geburt und des Geldbeutels 
verhielt sie sich sehr zurückhaltend. Besuche und alle soge- 
nannten „geselligen Pflichten" waren ihr sehr lästig, und sie 
entzog sich denselben soviel als möglich. — Aber sie war die 
treueste und unerschütterlichste Freundin aller Derer, die sie 
fiir werth erachtet hatte, dem näheren Umgang anzugehören, 
und solchen gegenüber zu jedem Opfer fähig. — 

Das war nun Alles zerstört; und die Plötzlichkeit des 
Schlages raubte den gänzlich Unvorbereiteten alle Fassung. 
Wie Felix immer in Freud und Leid das tiefste, richtigste 
Gefülil hatte, und ihm die schönste Form zu geben verstand, 
so auch diesmal. So war den Trauernden zu Muth, wie er 
ihnen damals schrieb: 

„Wenn Dich meine Handschrift im Weinen stört, so thue 
den Brief weg, denn Besseres giebt es jetzt wohl nicht für 
uns, als wenn wir uns recht ausweinen können. W^ii' sind 



Felix an Wilhelm Hensel. 379r 

glücklich miteinander gewesen, nun wird's ein ernstes, trauriges 
Leben. Du hast meine Schwester sehr glücklich gemacht, ihr 
ganzes Leben hindurch, so wie sie es verdiente. Das danke 
ich Dir heut, und so lange ich athme, und wohl noch darüber 
hinaus — nicht mit blossen Worten, sondern mit bitterer Reue 
darüber, dass ich nicht mehr für ihr Glück gethan habe, dass 
ich sie nicht mehi* gesehen, nicht mehr bei ihr gewesen bin. 
Das wäre freilich mein Glück gewesen, aber damit war sie 
ja zufrieden. Mir ist heut noch zu betäubt, als dass ich 
ordentlich schreiben könnte, und doch vermag ich nicht von 
Frau und Kindern wegzugehen, auf die Reise zu Euch mit 
dem Bewusstsein, dass ich weder Hülfe noch Trost bringen 
kann. Hülfe und Trost — das Alles klingt ganz anders, als 
was ich seit gestern früh fühlen und denken kann. — Das 
ganze Irdische sieht uns anders aus, und wir wollen versuchen 
zu lernen uns einzuschränken, aber bis wir's gelernt haben, 
ist wohl auch unser Leben vergangen. 

Verzeih, ich sollte anders zu Dir schreiben, aber ich kann 
nicht ! brauchst Du einen treuen Bruder, der Dich von ganzem 
Herzen liebt, so nimm mich — ich werde gewiss besser wer- 
den, als ich war, wenn auch nicht so froh — aber was soll 
ich Dir sagen. Du lieber Sebastian? Es giebt ja nichts zu 
sagen und nichts zu thun, als das eine — Gott zu bitten, 
dass er uns ein reines Herz schaffe, uns einen neuen gewissen 
Geist gebe, vielleicht können wir hier auf Erden, und dann 
immer mehr, derer würdig werden, die das beste Herz und 
den besten Geist hatte, den wir je gekannt und geliebt haben. 
Gott segne sie, und zeige uns den Weg weiter. Keiner von 
uns kann den Weg sehn, und doch muss es wohl einen geben, 
denn Gott selbst hat uns ja diese W^inde für das übrige Leben 
geschlagen, und er möge sie wieder lindern. Ach, mein Keber 
Bruder und Freund, Gott sei mit Dir und mit Sebastian imd 
uns di'ei Geschwistern.'' — 



Der Sommer verging traurig. Felix und Paul mit ihren 
Familien trafen sich mit Hensel in der Schweiz und suchten 



380 ' Schluss. 

sich am Anblicke der unvergänglichen Natur wieder aufzu- 
richten und zurecht zu finden. Es gelang nicht. Wer die 
Briefe von Felix nach dem Tode Fanny's liest, wer das tief- 
traurige, leidenschaftliche F-moll-Quartett hört, welches er im 
Sommer 1847 komponirte, wird sofort empfinden, wie anders 
der Ton lautet, wie zum Tode betrübt. Merkwürdigerweise 
fand er zuerst nicht in seiner eigensten Kunst wieder einigen 
Halt, sondern in der Malerei. Die Aquarellen, welche er von 
seiner letzten Schweizer Eeise mit nach Hause brachte, zeigen 
einen ausserordentlichen Fortschritt gegen die früheren; in 
grösserem Massstabe angelegt, sind sie zwar ebenso liebevoll, 
sorgsam und sicher in der Zeichnung und der Beachtung der 
kleinsten Details, aber freier in der Behandlung, kräftiger, 
tiefer und harmonischer in der Farbe, mehr wirkliche Bilder, 
denen man den Dilettanten kaum noch anmerkt; kein Künstler 
hätte sich ihrer zu schämen brauchen. 

Pauls und Hensel kehrten nach vierwöchentlichem Aufent- 
halt zurück, Felixens blieben bis zum September in der Schweiz. 
AUmälig wandte er sich auch der Musik wieder zu; grosse 
Pläne beschäftigten ihn. Ein — unvollendet gebliebenes — 
Oratorium „Christus", einige geistliche Kompositionen, instru- 
mentale Sachen, einige Lieder — vor allem aber die Oper 
„Loreley", für die Geibel ilim einen, ihn vollkommen befriedi- 
genden Text geschrieben hatte. Es ist eigenthümlich tragisch, 
dass sein immer gehegter Wunsch eines guten Operntextes 
sich erst erfüllen sollte, als seine Lebensuhr zum letzten 
Schlage ausholte. — 

Bei seiner Rückkelu' nach Leipzig fanden ihn seine Freunde 
zwar gestärkt, geistig unverändert, am Klavier oder w^enn das 
Gespräch auf Musik kam, voll lieben und Feuer. Aber solchen 
Augenblicken der Erregung folgte tiefe Niedergeschlagenheit; 
er war dann menschenscheu und liess sich selbst von Intimeren, 
Näherstehenden nicht gern sprechen. Sein Aussehn war doch 
merklich verändert, er war gealtert, blass und abgespannt, er, 
der sonst rastlos und unermüdlich Thätige, konnte lange müssig 
sitzen und die Hände in den Schooss legen; sein schneller, 
elastischer Gang war schleppend und langsam geworden, und 



Felix' Tod. 381 

seine Reizbarkeit gegen unangenehme Eindrücke übertriebeu 
gross. Die Stadt luft bedrückte ihn, und er hegte eifriger ais 
je den Plan, sich ganz von allen Geschäften loszumachen, und 
in einer schönen Gegend am Rhein sich anzusiedeln. 

Ein Besuch von einer Woche in Berlin, und der Anblick 
von Fanny's Zimmern, die unberührt geblieben waren, — und 
unberührt blieben, bis das Haus verkauft wurde — regte ihn 
wieder heftig auf, und zerstörte die wohlthätige Wirkung der 
Schweizer Reise. Er entsagte der Leitung der Gewandhaus- 
Konzerte, gab die Direktion der Eliasauffühi'ung in Berlin, 
welche für den 3. November 1847 geplant war, auf, und hielt 
nm^ den Gedanken, den Elias in Wien persönlich zu dirigiren 
fest; die Aufführung sollte am Uten November stattfinden, 
und Jenny Lind darin mitwii^ken. 

Am 9ten Oktober machte er einen Morgenspaziergang mit 
Moscheies und seiner Frau, seine anfänglich sehr trübe Stim- 
mung besserte sich, er wiu'de fast heiter. Nachmittags begab 
er sich zu Frau Frege, mit der er die Auswahl und Reihen.- 
folge eines neu herauszugebenden Heftes Lieder besprechen 
wollte; in solchen, anscheinend nebensächlichen Dingen war er 
ebenso sorgfältig und gewissenhaft, wie in allem Grösseren. 
Eins derselben, das „NachtUed", war zum Gebui'tstag fiir seinen 
Freund Schleinitz am Isten Oktober geschrieben, und ist wohl 
Felix' letzte Komposition; er äusserte noch zu Frau Frege, es 
sei zwar ein wunderliches Geburtstagsgeschenk, aber er liebe 
es sehr, es gebe seine Stimmung wieder, er fühle sich so öde. 

Frau Frege sang ihm die Lieder mehreremal vor, er 
wünschte noch einiges aus dem Elias zu hören, sie ging hm- 
aus, um Licht zu holen, und fand ihn bei ihrer Rückkehr in's 
Zimmer auf dem Sopha frierend, mit kalten, steifen Händen 
und heftigen Kopfschmerzen. Er erholte sich zwar genug, um 
nach Haus gehen zu können, aber es war doch der Anfang 
des Endes. Die Anfälle wurden stärker und stärker; Paul 
reiste nach Leipzig an sein Krankenlager, und war Zeuge des 
letzten, entscheidenden Anfalls, der ihn am 3ten November 
traf und am 4ten Morgens seinem Leben ein Ende machte. 

In Leipzig war die Theilnahme der ganzen Bevölkerung 



382 Sehluss. 

während der Krankheit und nach dem Tode eine selten allge- 
meine; nicht als ob ein Fremder gestorben sei, sondern als ob 
es sich um einen nahen, lieben Verwandten handle, so trauerte 
Jeder. Bei der Leichenfeier am 7 ten November in der Pauliner- 
Kirche in Leipzig trugen Moscheies, David, Hauptmann und 
Gade die Zipfel des Leichentuchs. Abends wui'de der Sarg 
nach der Bahn gebracht, und in der Nacht nach Berlin über- 
geführt. In Köthen empfing ihn der dortige Gesangverein, in 
Dessau liess es sich der greise Friedrich Schneider nicht neh- 
men, durch ein Abschiedslied das Andenken des Verstorbenen 
zu feiern. 

Felix liegt auf dem Dreifaltigkeitskirchhof in Berlin neben 
seiner Schwester Fanny bestattet. — 



Die folgende Schilderung von Felix pei-sönlicher Ei'schei- 
nung ist im Wesentlichen den Erinnerungen eines seiner in- 
timsten Freunde John Horsley entnommen , mitgetheilt in 
A Dictionary of Mime and Musiciam^ herausgegeben von 
G. Grove, dem die 2te Auflage dieses Buchs viele werthvoUe 
Verbesserungen verdankt. 

Felix Mendelssohn war klein und schlank gebaut, von 
geschmeidiger Gestalt und sehr behend und lebhaft. Sein 
Aussehn war brünett, von entschieden jüdischem Typus, das 
Gesicht ungewöhnlich beweglich und von ewig wechselndem 
Ausdruck. Dies mag, nebenbei gesagt, auch der Grund sein, 
warum alle Portraits von ihm nicht gelungen sind; das einzige 
wirklich gute Bild ist das auf dem Todtenbett von Wilhelm 
Hensel gezeichnete, von dem eine Photographie den Felix- 
schen Briefen beigegeben ist. — Voll von Heiterkeit und Leben 
war sein Gesicht, namentlich wenn er erregt war, und von 
einem unverkennbar genialen Zug. Er hatte einen frischen 
Teint mit ziemlich viel Farbe, schwarzes, dichtes, aber sehr 
feines Haar, welches er in natürlichen Wellen von der hohen, 
sehr entwickelten Stirn zurückgekämmt trug. Gegen das 
Ende seines Lebens war das Haar indessen stark mit Grau 



Felix' persönliche Erscheinung. • 383 

gemischt, und er fing an kahl zu werden. Der Backenbart 
war sehr dunkel, Kinn und Oberlippe glattrasirt, und bläulich 
von der Stärke des Bartes. Der Mund war ungewöhnlich fein 
und ausdrucksvoll, meist mit einem freundlichen Lächeln in 
den Mundwinkeln. Er hatte schöne weisse, regelmässige 
Zähne, aber das Frappanteste in seinem Gesicht waren die 
grossen, dunkelbraunen Augen. In der Ruhe senkte er oft 
die Augenlider, wegen seiner Kurzsichtigkeit; aber sobald 
seine Augen sich belebten, gaben sie dem Gesicht ausser- 
ordentlich viel Feuer, und hatten einen selten schönen Aus- 
druck. Wenn er improvisirte , oder sonst stark erregt war, 
erweiterten sie sich, die braune Iris bekam dann einen dunkeln 
fast schwarzen Glanz. Er lachte oft und herzlich, und hatte 
einen sehr entwickelten Sinn für alles Komische; wenn ihn 
etwas besonders belustigte, konnte er sich förmlich vor Lachen 
krümmen, und schüttelte dann seine Hand im Gelenk in einer 
eigenthümlichen Weise, um seiner Lustigkeit Nachdruck zu 
geben. Bei lebhafter Zustimmung nickte er heftig mit dem 
Kopf, sodass ihm das Haar in's Gesicht fiel. Ueberliaupt war 
sein Körper fast ebenso ausdrucksvoll, wie sein Gesicht. Die 
Hände waren klein, mit spitzen Fingern. Auf den Tasten 
erschienen sie fast wie selbständige und intelligente Wesen, 
voll Leben und Gefühl. Sein Benehmen beim Klavierspiel war 
ebenso frei von Affektation, wie Alles andre was er that, 
und war sehr fesselnd. Zu Zeiten, besonders an der Orgel, 
beugte er sich stark über die Tasten, als lauschte er auf die 
Melodieen, die unter seinen Fingern entstanden; mitunter 
wiegte er sich hin und her, aber gewöhnlich war sein ganzer 
Vortrag ruhig und gesammelt. Aeusserst interessant war er 
als Dirigent, gefürchtet, aber noch viel mehr geliebt. Sein 
sehr feines Ohr ermöglichte ihm, nicht nui' die Instrumenten- 
gattung, sondern den einzelnen Spieler herauszuhören, der 
einen Fehler gemacht hatte, und so streng sein Tadel sein 
konnte, wenn, was allerdings nicht oft vorkam, Lässigkeit 
oder gar böser Wille vorhanden war, so ermunternd und 
erfreuend war sein gern gespendetes Lob bei gutem Gelingen ; 
die Freude war ihm dann auf dem Gesicht zu lesen. — 



384 Schluss. 

Nicht weniger bemerkenswert!! als sein Gesicht war sein 
"Wesen. Die, welche es kannten, schildern es als besonders 
gewinnend, ja einschmeichelnd gegen Menschen, die er liebte. 
Aber auch ausserhalb dieses engsten Kreises war er äusserst 
einnehmend, und so hingebend er von den Seinigen geliebt 
wurde, so hat es gewiss nicht viel Menschen gegeben, die 
nach ausserhalb weniger Feinde hatten, als er. Die grosse 
Bewunderung, welche zwei so verschieden geartete Menschen 
wie Schumann und Berlioz, die ihn beide genau kannten, für 
ihn äusserten, zeigt uns, was für eine Basis von wahrer Güte 
seiner Liebensmirdigkeit zu Grunde lag. „Seine Sanftheit 
und Weichheit", sagt einer seiner englischen Freunde, „hatten 
keine der schlechten Seiten, die sich oft bei diesen Eigen- 
schaften finden, nichts weibisches oder krankhaftes. Es war 
eine Menge Mannhaftigkeit in semen kleinen Körper ge- 
packt." — In der That konnte er, wenn es nothwendig 
war, sehr zornig werden. Niedrigkeit oder Betrug oder 
unwürdiges Benehmen irgend einer Ai^t reizte seinen Zorn 
augenblicklich. Er konnte dann plötzlich Feuer fangen und 
sich auf dem Absatz herum drehen, in einer durchaus nicht 
misszuverstehenden Weise; überraschend genug für Solche, die 
nur seine sanfteren Seiten kannten. Gegen Gedankenlosigkeit, 
Nachlässigkeit und Bornirtheit war er sehr intolerant, und in 
solcher Art gereizt sagte er Dinge, deren Stachel noch lange 
nachher fühlbar gewesen sein muss, und welche er selbst bald 
bereute. Aber dies waren seltene Fälle ; in der Eegel erwarb 
ihm der Zauber seiner Persönlichkeit Freunde, und sicherte 
ihm deren Beständigkeit. Und für Menschen, die er wirklich 
liebte, konnte es kaum einen bessern Freund geben. Die ver- 
öffentlichten Briefe an AVebern , Verkenius, Klingemann, 
Schubring, Hiller, Moscheies zeigen eine walire und warme Zu- 
neigung, wie man sie selten trifft, welche ilin aber nie ver- 
leitet, in irgend einem ihm wichtig erscheinenden Punkt seine 
eigne persönliche Meinung fallen zu lassen. Immer war er 
bereit, Talent imd Fleiss zu ermuthigen, und ,die Fälle von 
Taubert, Eckert, Gade, Joachim, Rietz, Naumann, Hiller und 
dem anonymen Studenten, dessen Sache er so warm bei dem 



Tod von Cecile. Dirichlets nach Göttingen. 385 

König von Preussen vertrat , zeigen, wie eifrig er immer war, 
die besten Interessen derer zu fördern, welche er solcher 
Förderung für würdig hielt. Aber es waren nicht bloss Ge- 
nossen seiner Kunst, denen seine Hülfleistung sicher war; 
Stand und Lebensstellung spielte hierbei keine Rolle für ihn. 
Füi' einen einfachen schweizer Gebirgsführer verwendete er sich 
lebhaft, gute Dienstboten und tüchtige Handwerker waren 
seiner thätigen Hülfe stets sicher; seine Beliebtheit bei soge- 
nannten „kleinen Leuten" war eine ausserordentliche. Wie 
Kinder an ihm hingen, welches Fest es war, wenn er in 
Berlin erschien, und trotz aufreibender Arbeiten immer Zeit 
hatte, wenn irgend ein, noch so anspruchsvoller, kindischer 
Wunsch zu erfüllen war, dessen gedenkt der Verfasser dieses 
Buchs mit dankbarer Rührung. 

Halten wir noch einen kurzen üeberblick auf den weiteren 
Lebenslauf der anderen, in diesen Blättern Vorkommenden — 
viel anders, als eine Gräberschau, ist kaum zu berichten. 

Die Erste , welche aus dem Leben schied, war Cecile , die 
Wittwe Felix Mendelssohns. Sie lebte noch beinahe sechs Jahre, 
sehr still und zurückgezogen, bald in Berlin, bald in Frank- 
furt am Main, ihrer Vaterstadt, sich freuend an den herrlich 
blühenden Kindern, und ihrer Erziehung alle ihre Kräfte wid- 
mend. Der Keim zu der zerstörenden Krankheit, der sie erlag, 
war wohl schon lange vorhanden ; nach Felix' Tode machte die 
Schwindsucht schnelle Fortscliritte ; sie starb am 25sten Sep- 
tember 1853 in Frankfurt an einem Sonntag, da es gerade 
Mittag läutete, und liegt auf dem dortigen schönen Kirchhof, 
mit dem Aus1)lick auf das blühende, herrliche Land und das 
Taunusgebii'ge, begraben. 

. Diiichlets verliessen im Herbst 1855 Berlin, und siedelten 
nach Göttingen über, wo er den verwaisten Lehrstuhl von 
Gauss erhielt. Diiichlet war stets ausserordentlich fi-eisinnig 
gewesen; an der politischen Bewegung betheüigte er sich leb- 
haft und Rebecka sympathisirte vollkommen mit seiner Auf- 
fassung der Dinge. Beide kamen dadui'ch in starke Opposition 
gegen den reaktionairen Zustand Preussens der fünfziger Jahre, 
die Lehrthätigkeit an der Universität, namentlicli aber an der 

Die Familie Mendelssohn. II ^3 



386 Schluss. 

Kriegsschule wurde ihm sehi- verleidet, und er folgte dem ehren- 
vollen Ruf nach Göttingen mit Freuden , um sich aus Verhält- 
nissen loszumachen, die sehr unerquicklich geworden waren. 

Die Verwandten sahen diese Uebersiedelung sehr ungern: 
abgesehn von dem unersetzlichen Verlust des täglichen Umgangs 
bezweifelte man, ob den Wegziehenden selbst ilire HoflQiungen 
sich erfiillen, ob sie nach der lebenslangen Gewöhnung an das 
grossstädtische Leben sich in dem kleinen engumfriedeten Da- 
sein glücklich fühlen würden. Dieser Zweifel erwies sich als 
ungegründet: die wenigen Jahre, welche Dirichlets noch zu 
leben vergönnt war, vergingen ungetrübt glücklich. Er fand 
emen Kreis ihm zusagender Collegen, eine verständnissvolle 
Zuhörerschaft, und arbeitete glücklich und erfolgreich; sie fühlte 
sich in dem Haus und Garten, welches sie sich gekauft hatten, 
sehr behaglich, und ihre Briefe athmeten Freude und Zufrieden- 
heit; zuweilen läuft auch wohl eine kleine, gutmüthige Spötterei 
über die Verhältnisse der kleinen Stadt mit unter ; so schreibt 
sie einmal an ihren Neffen Sebastian Hensel: „Von Theilung 
der Arbeit wissen sie hier noch nichts, vom Hofrath (das 
Höchste auf Erden) bis zum Schuhflicker hat Jeder sein Stück- 
chen Feld, und arbeitet Vormittags Acker, Nachmittags räth 
er Hof oder flickt Schuhe. Ich erlebe noch, dass ich auch 
meine Kartoffeln buddele." — Sie wurde bald der Mittelpunkt 
einer angenehmen Geselligkeit: „Vorgestern", schreibt sie an 
denselben, „haben wir unsern sechzig intimsten Freunden die 
Heimkehr vorgesungen. Der dicke Bodemeier mit seinem vor- 
trefflichen Bass hatte mich dazu begeistert, und es fiel sehr 
gut aus ; die Ensemblestücke gingen so hübsch, und das Ganze 
hatte solchen Zug und Leben, dass es mir selbst Vergnügen 
gemacht hat. Bodemeier Kauz wirklich prächtig, mit soviel 
gesundem und gutmüthigem Humor, soviel musikalischem Ver- 
ständniss und so sehr schöner Stimme. — Beim Nachtwächter- 
Lied habe ich manche Thräne geweint, — das versteht Nie- 
mand ausser Dir. Die kleinen Soli im Chor, die beiden Sie- 
bold'schen Mädchen, was zweitens sehr hübsch aussah und 
erstens auch allerliebst klang. Zuletzt Abendbrod und zwei 
Kardinalbowlen und ungeheure Dankbarkeit, ausgedrückt durch 



Dirichlets in Göttingen. 387 

furchtbares Essen und Trinken, nnd mehrere Professorentoaste : 
Wirthe, Gäste, Sänger, Musik, alles Mögliche. Die Proben 
waren das Netteste, wie die Musik ihnen so einging , und lieb 
wurde, und wie wir dabei so gut Freund wurden. Ein Student 
Walter, der den Schulzen singen sollte, nahm es bei der ersten 
Probe offenbar übel, dass er nur einen Ton zu singen hatte; 
bei der zweiten wurde ihm aber sein Standpunkt klar, beson- 
ders weil ich ihm versicherte, die Rolle hätte immer den grössteii 
Effekt gemacht, und er machte seine Sache vortrefflich. „Lasst 
mich den Löwen auch spielen", fehlte natürlich auch nicht, 
sowie „Stichwörter und den ganzen Plunder'^; es war sehr 
hübsch, und ich fühle mich ordentlich zu Hause hier, seit 
hübsche Musik bei uns gemacht ist. Ja, ja! Wir füttern die 
Leute mit Brosamen unsrer alten Herrlichkeit." 

Sofort nach Fanny' s Tode hatte sich Rebecka ihres ver- 
waisten Sohnes angenonunen, was für ihn um so nöthiger war, 
als sein Vater sich, wie oben erwähnt, nicht wieder eine Häus- 
lichkeit schuf. Sie ersetzte ihm die verlorene Mutter in dem 
Unersetzlichsten, in der aufopfernden mütterlichen Liebe, und 
machte keinen Unterschied zwischen ihren eigenen Kindern und 
dem angenommenen. Nur wer ihr so nah stand, konnte wissen, 
was diese für kalt gehaltene Frau für ein reiches und weiches 
Gemüth hatte. 

Im Herbst 1858 besuchte Sebastian Hensel mit seiner 
jungen Frau Dirichlets in Göttingen zum letzten Mal, und ver- 
lebte vier Wochen in ihi-er behaglichen Häuslichkeit. Ganz 
besondere Freude musste man an Dirichlets Mutter haben, die 
im neunzigsten Lebensjahre eine seltene Frische und Rüstigkeit 
zeigte; sie machte die angestrengtesten Bergparthien mit, war 
sehr entrüstet, wenn Jemand ihr beim Klettern den stützenden 
Arm bot, war thätig und geschäftig im Haus und Garten und 
betheiligte sich noch Abends an einem ab und zu improvi- 
sirten Tanz. 

Nichts liess beim Abschied ahnen, dass ein jähes Ende so- 
wohl Rebecka als Dirichlet bevorstände: er war in den Ferien 
nach der Schweiz gereist. Er kehrte todtkrank an einem, 
plötzlich aufgetretenen Herzleiden zurück. 

25* 



388 Schluss. 

Rebecka pflegte ihn aufopfernd und hatte die Genugthuung, 
ihn bald auf dem Wege zur Besserung zu sehen, — da starb 
sie selbst ganz plötzlich ohne vorhergegangene Krankheit in 
derselben Weise wie ihre beiden Geschwister am Gehirnschlag, 
am Isten December 1858. Die Aufregung und der Schreck 
verschlimmerten den Zustand ihres Mannes derart, dass jede 
Hoffnung auf Genesung aufgegeben werden musste; er folgte 
ihr am 5ten Mai 1859 nach. 

Wie zerstört das Leben Wilhelm Hensels nach Fannys 
Tode war, ist schon gesagt worden, und wie auch er der Sig- 
natm- der Zeit „Politik" verfiel. Leider war es ihm nicht 
vergönnt, die grosse Zeit Deutschlands zu erleben, sondern nur 
die kleine Preussens. Ohne recht eigentlichen Lihalt verfloss 
ihm das Leben in Erinnerung an die Verlorene und in auf- 
opfernder Hülfsbereitschaft für Andere. So wurde auch sein, 
von ilim selbst längst ersehntes Ende herbeigeführt durch eine 
Verletzung, die er sich bei der Rettung eines Kindes, das in 
Gefahr schwebte, überfahren zu werden, zuzog. Er starb am 
24sten November 1861, und liegt neben Fanny begraben. 

Paul und seme Frau Albertine überlebten die andern 
lange. Es ist in diesen Blättern weniger von ihm die Rede 
gewesen, als von den Geschwistern; das entsprach nicht so- 
wohl seinem etwa geringeren Werth, als der durchaus stillen, 
wenig hervortretenden Art seines Wesens. Unzählig aber sind 
die Werke der Liebe und Wohlthätigkeit, die er ausführte im 
Sinne des schönen Spruchs: dass die Linke nicht wissen solle, 
was die Rechte thut; er wetteiferte hierin mit seinem Vetter 
Alexander, dem Sohn von Joseph Mendelssohn, mit dem er auch im 
Beruf — sie waren lange Jahre hindurch die Chefs des gleich- 
namigen Bankhauses — eng verbunden war. Junge, aufstrebende 
Talente, begabte, aber nicht ihi-emWertli entsprechend anerkannte 
Künstler, inNoth gerathene, tüchtige Menschen jedes Standes, alle 
AVerke der Mildthätigkeit fanden an ihnen grossartige, ganz 
und voll stützende Freunde und Helfer. Beider Grundsatz war 
es, wenn sie unterstützten, so zu unterstützen, dass eine Exi- 
stenz wieder lebensfähig wurde, dass kein Stück- und Flickwerk 
entstand. — Vor allen Dingen wurde Paul der Vormund und 



Pauls Tod. 389 

Vater der nach und nacli verwaisten Kinder seiner Geschwister^ 
und der sorgsame und pflichteifrige Wahrer ihrer Angelegen- 
heiten. Die Söhne Felix' nahm er in sem Haus auf, während 
die Töchter in der Obhut der wlirdigen und trefflichen Frau 
Jeanrenaud, der Mutter von Cecile, verbliehen. Die Tochter 
von Rebecka verlebte ebenfalls melirere Jahre in seiner 
Familie. Nicht am wenigstens fand vSebastian Hensel an 
ihm einen stets bereiten Freund und Berather in allen wich- 
tigen Angelegenheiten seines Lebens. 

Da Paul allem in die Oeffentlichkeit treten abhold war, 
so ist es ihm doppelt hoch anzurechnen, dass er es über sich 
gewann, mit der Herausgabe der Felix'schen Briefe vorzugehn, 
und dadurch so ausserordentlich viel zur Richtigstellung des 
allgemeinen Urtheils über diesen beigetragen. Der recht 
bedeutende Ertrag der Briefe wu'd zu Unterstützungen ver- 
wendet. 

Leider war Paul ein Erbtheil der Familie versagt, der 
schnelle schmerzlose Tod. Nach langen, schweren Leiden 
endete sein Leben am 21 sten Juni 1874. Seine Gattin folgte 
ihm am 17ten Juli 1879 nach. 

Die Worte, welche Felix am 7ten Juli 1847 an Rebecka 
geschrieben hatte: „Ein grosses Kapitel ist nun eben aus — 
und von dem nächsten ist weder die Ueberschrift , noch das 
erste Wort bis jetzt da. Aber Gott wird es schon recht 
machen; das passt an den Anfang und den Schluss von allea 
Kapiteln," — diese W^orte hatten nach Felix' Tode für die Fa- 
milie eine noch tiefere, ernstere Bedeutung gewonnen. Das 
Kapitel, das Leben, wie es bis dahin geführt worden war, es 
war allerdings für die Mendelssohn'sche FamiUe aus, und für 
immer; mit Fanny und Felix war das frohe, künstlerische 
Element schnell dahin geraff't. Aber auch für alle Deutschen 
war mit dem Jahre 1847 ein Kapitel aus und die Ueberschrift 
des nächsten lautete: Politik. 

Was wir erlebt, es ist weltbekannt und gehört nicht in 
den Rahmen dieses Buchs. Wir besitzen ein einiges und ge- 
achtetes Vaterland, wir haben das Höchste errungen, was dem 



390 Schluss. 

Menschen auf Erden beschieden sein kann, wir haben in einer 
grossen Zeit gelebt. Aber dennoch blicken die Nachkommen 
der Mendelssohn'schen Familie mit wehmüthiger Rührung auf 
die ewig verschlossenen Pforten des Paradieses ihrer Jugend 
und auf die Freuden jener Zeiten zurück, die so nie wieder* 
kehren werden, nie wiederkehren können. 



■^ 



Namen -Register. 



A. 

Abbt, I. 7. 27. 
Abeken, II. 92. 
Albert,, Prinz, II. 191 f. 
Alexander, Misses, I. 341 f. 
Altenstein, II. 4. 
Anderson, Mrs., I. 270. 
Antonio, K., I. 221. 
Arend, I. 182. 
d'Argens, I. 31 f. 
Arland, I. 84. 
Assing, Frl., II. 202. 
Attwood, I. 259. 265. 268 f. 
Attwood, William, I. 269. 
Auber, I. 145 f. 
Auerbach, Berthold, I. 26. 
Austin, Mrs , I. 363. IL 188. 
Arustein, I. 326. 

Babbage, II. 329. 
Bach, Baron, II. 134 
Bader, I. 196. 286. II. 288. 
Bärmann, I. 296. 
Baillot, I. 148. 146. 
Bamberger, Heimann, I. 5, 
Bartholdy, I. 73 f. 76. 89. 100. 

114-117. IL 97. 172. 
Bathnrst, Miss, II. 94. 



Baumgarten, I. 22. 

Bellay, II. 134 f. 291. 

Benedikt, II. 47. 

Bennet, IL 32 f. 

Berger, L., I. 87. 

Beriot, de, I. 339. 

Berlioz, L 291, II. 210. 249. 

Berner, I. 137 f. 

Bernhard, I. 7. 12. 

Bessel, I. 355. 

Biefve, de, IL 272. 

Bigot, Mme., I. 96. 98. 326. 

Blumenbach, I. 125. 

Böckh, IL 186. 264. 294. 

Böhmer, Auguste, I. 48. 

Börne, I. 182. 

Bonirote, IL 140. 146. 158. 

Borchardt, IL 220 ff. passim. 

Borghese, Fürstin, IL 101. 

Botgorschek, Mme., IL 53. 

Boucher, I. 144. 

Bousquet, IL 112—162 passim. 

Braun, IL 92. 

Brentano, Sophie, I. 83 f. 

Bruni, IL 134. 287. 291. 

Bulwer, Sir Edward, IL 190. 

Bunsen, I. 286. IL 188. 

Buoncomgagni, Principe, IL 269. 

Busolt, I. 196. 



392 



Namen-Register. 



C. 

Calamatta, I. 361. II. 90. 

Caspar, Dr., I. 139. II. 333. 

Cassas, II. 298 f. 

Catel, I. 145. 

Cavendisli, Lord, IL 142. 

Cerf, IL 88. 

Cerito, IL 285. 

Charpentier, I. 157. 

Cherubini, I. 143. 

Chezy, Frau v. I. 51. IL 285. 

Chopin, IL 17. 

Clairbourg, Mme. de, IT. 287. 

Collard, I. 216. 

Constant, Benjamin, I. 51. 158. 

Constant, Frau v., I. 51. 

Cornelius, IL 69, 180, 258, 298 f. 

Cramer, Dr., L 209, 255. 

Cramer, J., I. 2091 

Crelinger, IL 187. 

Crescini, Mme., IL 33. 

Curioni, I. 205. 

D. 

Dähling, I. 179. 

Dahlmann, IL 302 f. 

Dance, I. 265. 

David, L 182. IL 15. 52. 66. 

88, 165. 244. 249. 
Ducaitel^ IL 166. 
Decker, Frau v., I. 196. 286. 

317f. IL218. 266.289.293. 
Delaroche, I. 361. IL 275. 287 

bis 298. 305. 
Devonshire, Herzog v., I. 207. 
Devrient, Eduard, I. 180. 194 f. 

279 f. 306. 313. IL 274 f. 

296. 317 f. 
Dirichlet, Elise, I. 349 f. IL 19 f. 



Dirichlet, Gustav, Peter Lejeune, 
L 187. 349-356. IL 204. 
385 f. s. auch 

Dirichlet, Rebecka, Geburt: L 
86. Verlobung: I. 307. Ver- 
heirathung: L 356. Fran- 
zensbader Reise : IL 12—22. 
Italienische Reise: IL 213 
bis 363. Tod: IL 388. 

Dirichlet, Walter, I. 396. IL 
156. 204 f. 

Döhler, IL 36. 

Donzelli, I. 204. 

Drieberg, I. 51. 

Drouet, I. 220. IL 54. 

Droysen, I. 182. 187. 228. 277. 

Dugasseau, IL 114—162 passim. 
291. 

Dupre, II. 240. 

E. 

Eckermann, IL 11 f. 
Eckert, IL 244. 265. 293. 
Egerton, Lord, II. 45. 
Eichhorn, I. 174. 
Eichhorn, IL 185 f. 336. 
Eichthal, Gustav, I. 287. 
Elsasser, August, IT. 114—162 

passim. 271. 298 f. 327. 
Elsasser, Julius, IL 271, 327. 
Eucke, I. 198. 
Erdmann, I. 20 f. 
Ernst, IL 188. 
Eskeles, Ritter v., I. 51. 
Eyssenhardt, IL 260. 

F. 

Femy, I. 125. 
Fichte, I. 46 
Fleck, I. 82. 
Fleck, Mme., I. 83. 



Namen-Register 



393 



Förster, II. 76. 
Fould, Mdm., I. 51. 
Fouchö, I. 53. 
Foy, I. 352. 
Fränckel, Rabby, I. 4. 
Franck, Herrmann, I. 174. 
Franck, Eduard, II. 265. 
Freiligrath, IL 328. 
Friedrich Wilhelm I., I. 2. 
Friedrich II., I. 2. 31. 
Friedrich Wühelm III., IL 154. 
Friedrich Wilhelm IV., I. 367. 
IL 177. 

G. 

Gade, IL 210. 244, 283. 
Gallait, IL 272. 
Gans, L 187. 197. IL 172. 
Ganz, IL 260. 
Gauss, I. 351. 
Genlis, Gräfin, I. 84. 
Gerard, I. 291. 862. 
Gern, IL 245. 
Geyer, IL 271 f. 352. 
Gibsone, IL 117. 
Glasbrenner, IL 303. 
Göschen, I. 265. 
Goldschmidt, L 263. 341. 
Gonfaloniere, IL 172 f. 
Göthe, I. 106—109. 131. 298 f. 
Göthe, Enkel des vorigen, IL 22. 
Gotha, Erbprinz u. Erbprinzessin 

von, IL 1921 
Gounod, IL 114—162 passim. 

210 f. 
Gower, Lord Levison, I. 332. 
Grabow, II. 33. 
Grahl, IL 87. 191. 
Gregor XVI., IL 88. 105. 109 f. 

276. 



Grimm, Gebr., IL 180. 
Grisi, IL 47. 
Gros, I. 361. 
Günther, I. 371. 
Gugenheim, I. 25. 
Gugenheim, Fromet, I. 25. 42. 
Gusikow, IL 4. 

H. 

Hagen, Charlotte v., IL 246. 

Haifinger, Frau, I. 157. 

Hallmann, H. 304. 

Hanstein, I. 153. 

Hasenclever, IL 372. 

Hauser, I. 378. IL 186. 

Hawes, I. 265. 

Haym, R., I. 45. 

Heiberg, I. 55. 

Heidemann, I. 142. 153 f. 360. 

Heine, Albertine, I. 356. Siehe 
auch Paul Mendelssohn-B. 

Heine, Heinrich, L 197. 362. 

Hendrichs, IL 323. 

Hennings, I. 15. 

Hensel, Fanny, siehe auch Men- 
delssohn -Bartholdy Felix : Ge- 
burt I. 86. Einsegnung I 93. 
Brautzeit I. 188 f. Hochzeit I. 
273. Sonntagsmusiken I. 285. 
In Frankreich-Belgien I. 360- 
366. Zum rheinischen Musikfest 
IL 5 f. Herausgabe eines Liedes 
IL 34. Antheil an den publizir- 
ten Sachen von Felix 11. 34. 
Spielt öffentlich IT. 43. He- 
ringsdorf IL 57—64. Italien 
IL 65—177. Italien abermals 
IL 348—363. Herausgabe aus- 
gewählter Sachen IL 365. Trio 
IL 375. Tod IL 376. 



394 



Namen-Register. 



Hensel, Wilhelm, siehe auch 

Hensel, Fanny, I. 111—123. 

187. 228. IL 44. 49. 388. 
Hensel, Luise, I. 70. 199. II. 190. 
Herder, I. 14. 

Herz, Henriette, I. 42. II. 219. 
Herz, Marcus, I. 34 f. 44. 
Herz, Musiker, I. 147. 338. 
Heyse, L 105. II. 186. 
Hildebrand, IL 372. 
Hiller, L 125. 291. IL 33. 171. 

189. 244. 
Hoffmann von Fallersieben, IL 

309. 328. 
Hoffmann, Bildhauer, II. 278. 
Holtey, I. 173 f. 183. 
Homberg, Herz, I. 28 f. 36 f. 43 f. 
Horkel, IL 258 f. 292. 
Hörn, I. 142. 271 f. 
Horsley, I. 331. IL 56. 382. 
Huber, IL 264. 
Humboldt, Alexander von, I. 40. 

51. 173. 184. 198. 353. IL 172. 
Hummel. I. 143 f. 287. 



J. 

Jacoby, F. H., I. 33. 

Jacoby, Mathematiker, IL 217 

bis 306 passim. 323. 341. 364. 
Janin, Jules, IL 162. 
Jeanrenaud, Cecile, IL 24 f. (s. 

auch Felix M.-B.) 
Jeanrenaud, Karl, IL 29. 
Immermann, L 317. 329. 368. 
Ingres, IL 90. 116. 135 f. 276. 
Joachim, IL 244. 293. 
Johnston, Sir Alexander, I. 213. 

221. 
Itzig, L 75 f. 80. 



Kaisaroff, IL 112. 
Kalkbrenner, I. 136. 143. IL 37. 
Kant, I. 22. 
Kaselowsky, IL 114-162 passim. 

258-350 passim. 
Kaulbach, IL 75 f. 
Kemble, Schauspieler, I. 215. 
Kemble und Tochter, IL 166. 
Kestner, IL 89. 92. 226. 
Keudell, II. 365 f. 
Kiesewetter, I. 76. 
Kind, Dr., I. 263. 271. 
Kisch, Dr., I. 7. 
Kiss, IL 318. 
Klingemann, I. 142. 162 f. 200 

bis 270 passim. 363. IL 35 f. 

42 f. 50. 310 f. 358. 
Köhler, I. 154 f. 
Köpke, L 177. 
Kopisch, IL 330. 
Koreff, I. 51. 289. 
Kreuzer, I. 143. 
Küstner, IL 219. 
Kufferath, Mme. I. 325. 
Kyllmann, IL 373. 

L. 

Lablache, IL 47. 

Lacordaire, IL 189. 

Lafont, I. 143. 

Landsberg, IL 88. 112. 123. 125. 

134 f. 265. 
Lang, Peppi, I. 296. 
Lansdowne, Marquis of, I. 208. 
Lavater, I. 10 f. 15. 
Lehmann, Henri, IL 304. 331. 
Lenau, II. 328. 
Leo, I. 144. 
Lepsius, IL 188. 



Namen-Register. 



395 



Lessing, Gotthold Ephraim, I. 

5. 14 f. 
Lessing, Maler, IL 372. 
Levassenr, I. 205. 
Levreiix, IL 112. 
Lichtenstein, I. 185. 
Liegnitz, Fürstin, IL 57. 
Ligne, Fürst, IL 48. 
Lind, Jenny, IL 365. 371. 
Lion, Capitain, I. 277. 
Lipinski, IL 22. 
Liszt, IL 188. 293. 
Löwe, Mme., IL 53. 
Louis, Philipp, II. 61. 
Ludwig, König von Bayern, IL 

67 f. 

M. 

Madrazo, IL 37. 

Magnus, Eduard, IL 114. 120 f. 

125 f. 355. 
Magnus, Gustav, I. 153. IL 248. 
Malibran, I. 204. 339 f. 
Mantius, I. 205. 281. 286. 
Marggraf, IL 75. 
Martin, I. 305. 
Marx, L 142. 294 f. 
Massow, von, IL 283 f. 274. 279. 
Mauromichalis, II. 16. 
Mendel, Dessau, I. 4. 
Mendelssohn, Moses, I. 1—35. 
Mendelssohn, Recha, I. 50. 
Mendelssohn, Dorothea, I. 42 

bis 50. IL 7. 
Mendelssohn, Henriette, I. 50 

his 71. 104. 109. 131. 144. 307. 
Mendelssohn, Joseph, 1.36 bis 

41. 161. IL 374. 
Mendelssohn, N a t h a n , I. 36. 41. 



Mendelssohn -Bartholdy, Abra- 
ham (siehe auch M.-B., Felix), 
L 50. 56 f. 71—110. 287-294. 
315-347. 378 f. 

Mendelssohn-Bartholdy, Lea (s. 

auch M.-B., Abraham), I. 39. 

54 f. 72-84. 85 f. 118 f. 141 f. 
273. 358 f. IL 37 f. 164. 183. 

202 f. 

Mendelssohn-Bartholdy, Felix. 
Leben: L Geburt 86. Be- 
such bei Göthe 106 — 110. 
Schweizer Reise 124—134. Bei 
Göthe 131. Erstes öffentliches 
Auftreten 136. Schlesische 
Reise 136—139. Reise nach 
Paris 143—148. Bei Göthe 
148. Reise nach Stettin 152. 
Fussreise nach Süddeutschland 
153 — 162. Aufführung der 
Bach'schen Passion 188. 192 
bis 197. Erste englische Reise 
200—271. Reise nach Italien, 
Schweiz, Frankreich 294 bis 
310. In Berlin 313. Nach 
England 314. In Düsseldorf 
314. Musikfest daselbst 1833 
315 — 328. Engagementsbe- 
dingungen daselbst 327 1. In 
England mit seinem Vater 329 
bis 347. In Berlin 356. Köl- 
ner Musikfest 1835 358. In 
Düsseldorf 366—375. Nach 
Leipzig 375 f. In Berlin mit 
Moscheies 377 f. In Berlin 
nach des Vaters Tode 381. 

II. Düsseldorfer Musikfest 
1836 5f. Verlobung 20 f. Scheve- 
ningen u. Haag 25—29. Hoch- 
zeit 37. In England 39. 40. 



396 



Namen-Register. 



In Berlin 44. Fest zum Buch- 
drucker - Jubiläum 164. In 
Berlin 165. Berufung nach 
Berlin 181. Orgelkonzert für 
das Bachdenkmal 183. In 
Berlin 184. Am Ehein und 
in England 188-195. Wech- 
selnd in Berlin und Leipzig 
195. 200. 204. 247. Mit Fa- 
milie nach Berlin übergesiedelt 
264. Aufführung der neunten 
Symphonie u. Israel 293 f. In 
England 310. Auflösung des 
Berliner Verhältnisses 337. In 
Frankfurt 346. Rheinreise 370. 
England 374. In der Schweiz 
380. Tod 381. 

Werke: I. Verschiedene 
Jugendarbeiten d. Jahres 1822, 
darunter das C moU-Quartett 
(opus 1) 136. 
Liederspiel : Soldatenliebschaft 

277. 
Die Oper: Die beiden Neffen 

136. 139. 
Die Hochzeit des Camacho 

139. 1521 
Die Heimkehr 142. 276 f. 
Ottett 150. 
Sommernachtstraum - Ouver - 

ture 151. 
Quartett Amoll 153. 

Choral: Christe Du Lamm 

Gottes 172. 
Erste Kindersymphonie 172. 
Tu es Petrus 173. 
Cantate zum Dürerfest 179. 
Trompeten - Ouvertüre C dur 

180. 



Meeresstille und glückliche 
Fahrt 184. 

Cantate zur Naturforscherver- 
sammlung 1828 185. 

Erste Lieder ohne Worte 1828 
186. 

Antiphona et Responsorium: 
Hora est 186. 

Zweite Kindersymphonie 188. 

Bearbeitung von Acis und G-a- 
lathea von Händel 188. 

Festlied für die Emancipa- 
tiousfeier auf Ceylon 213. 

Idee zur Schottischen Sym- 
phonie 225. 

Erster Entwurf zur Hebriden- 
Ouverture (Fac simile) 236. 

Schottische Symphonie 244. 

255. 
Violinquartett 252. 255. 
Reformations - Symphonie 252.. 

255. 
Hebriden-Ouverture 252. 255.. 

310. 
Orgelstück für Fanny Hensels 

Hochzeit 252. 255. 
Drei Fantasien oder Capricen 

für Pianoforte (op. 16.) 252.. 

254. 257. 
Lied ohne Worte (IL Heft 

No. 2) 301—304. 
Walpurgisnacht 310 f. II, 

293. 
Concert G moll 312. 

Capriccio brillant H moll 312. 
Symphonie A dur 312. 
Rondo Es dur 373. 
Symphohnie Adur 312. 
Rondo Es dur 373. 
Capriccio Amoll 373. 



Namen-Register. 



397 



Fuge As dur 373. 

Lieder ohne Worte und mit 
Worten 373. 

Ouvertüre zur schönen Melu- 
sine 373. 

Paulus 373 II. 5 f. 

II. Drei Orgelpräludien 38. 

Lieder ohne Worte 38. 

Violinquartett (op. 44) 38. 

95. Psalm 66. 

114. Psalm 66. 

Ouvertüre Ruy Blas 67. 

Sonate D dur Piano u. Violon- 
cell 67. 

Quartett Es dur für Streich- 
instrumente 67. 

Serenade und Aliegro giojoso 
f. Piano u. Orchester 67. 

Elias 67. 369. 374. 

Buchdrucker-Cantate 177. 

Antigene 186 f. 

Athalia 198. 

Sommernachtstrauml98.II.244. 

Oedipus 198. 356. 

Sonate für Violoncell D dur 

201. 
98. Psalm 273. 
2. Psalm 8 stimmig a capella 

275. 
Variationen zu vier Händen 

289. 
6 Orgelsonaten 356. 
Lauda Sion 370. 373. 
An die Künstler 370. 373. 
„Wer hat Dich, Du schöner 

Wald" 374. 
Christus 380. 
Loreley 380. 
Nachtlied 381. 

Mendelssohn- Bai tholdy, Paul, 



L 87. 92 181. 347. 356. IL 

43. 180. 388. 
Merkel, L 72 f. 
Metternich, I. 53. II. 17. 
Meuricoffre, IT. 143. 155. 
Meyer, I. 50. IL 190. 
Meyerbeer, L 143. 287. 
Mial, I. 146. 
Michaelis, I. 18. 
Milanollo, IL 288. 
Milder, L 136. 180. 196. 201. 
Moser, I. 187. 
Molique, IL 32. 275. 
Moller, Lady, I. 265. 
Montebello, IL 166. 
Moriani, IL 279 f. 
Moscheies, L 142 f. 205. 216. 

341. 378. IL 190. 
Moscheies, Frau, I. 205. 216. 

341. IL 56. 
Moser, IL 259. 271 f. 291 f. 332. 
Mühlenfels, I. 215. 217. 271 

IL 
Müller, Ottfried, IL 92. 

Nägeli, I. 174. 

Negri, II. 168. 

Nerenz, Frau, IL 265. 299. 

Nerly, IL 77. 

Neuburg, I. 124 f. 

Neukomm, I. 147. IL 39. 164. 

Nikolai, L 9. 21. 

Nikolaus, Grossfürst, I. 111. 

Norblin, I. 146. 335. 

Normand, IL 161. 

Novello, IL 53. 

0. 

Ohm, I. 350. 

Onslow, I. 144. 146. IL 371. 



398 



Namen-Eegister. 



Otto, König von Griechenland, 

IL 15 f. 
Ouvrard, I. 52. 
Overbeck, IL 119. 255. 278. 

P. 

Paer, I. 143. 

Palliser, IL 122. 136. 

Papenkord, IL 121. 

Paperini, IL 243. 

Pasta, IL 188. 

Paulsen, IL 120. 129. 

Peel, Sir Eobert, L 207. 

Perier, Amedee, I. 157. 

Pignatelli, IL 163. 

Pixis, I. 143. 

Plantade, I. 143. 

Pobeheim, Frau v.. I. 51. 

Pölchau, L 76. 81 f. 

Pourtales, IL 261. 

Prand, IL 75. 

Praslin, Herzog v., I. 63 f. 294. 

Q 

Quaglio, Dominic, IL 70. 
Quandt, Frau v., I. 51. 
Quatroccbi, IL 134. 
Quetelet, I. 283. 

B. 

Badziwill, Fürst, IL 188. 301. 

Keicbardt, II. 108. 

Eeinick, IL 126. 

Eeiter, I. 377. 

Eellstab, I. 185. IL 269. 

Eiedel, II 335. 

Eietz, Violinspieler, L 142. 157. 

179. 196. IL 88. 
Eietz, Kapellmeister, I. 196. IL 

372. 
Einaldi, IL 91. 



Eingseis, I. 306. 
Eobert, Dichter, L 157 f. 
Eobert, Friederike, L 287. 
Eobert, Leopold, Maler, IL 77 f. 

144. 
Eobert, Aurel, IL 79. 
Eobescelli, IL 233. 
Eode, I. 143. 146 f. 
Eogers, Sam., IL 190. 
Eomeo, Don, IL 320. 
Eosen, I. 215. 217. 271. 
Eossini, I. 143. IL 22. 
Eottmann, IL 75. 
Eothschild, Mme., I. 221. 
Eungenhagen, I. 313. IL 318. 

S. 
Saaling, Julie, I. 124 f. 
Saaling, Marianne, L 70. 124 f. 
Salomon, Mme., I. 89. 
Sandon, Lord und Lady, IL 47. 
Santini, IL 133. 287. 299. 
Saphir, I. 306. 
Schadow, Direktor der Berliner 

Akademie, I. 180. IL 309. 
Schadow, Maler, Düsseldorf, I. 

323. IL 25 f. 
Schanzky, 11. 134. 
Schauroth, Delphine, I. 296. 298. 

305. IL 69. 75. 
Schelble, I. 130. 307. 
Schelling, I. 48. 
Schinkel, IL 180. 
Schlegel, Karoline, I. 45 f. 
Schlegel, Friedrich von, I. 42 f. 

52. 
Schlegel, Wilhelm \., L 45 f. 
Schleiermacher, I. 44. 
Schleinitz, IL 66. 
Schlemmer, IL 190. 355. 
Schlesinger, IL 35. 



Namen-Register. 



399 



Schmidt, I. 48. 
Schmitt, Aloys, I. 125. 
Schnetz, II. 276. 
Schönlein, II. 218. 
Schopenhauer, Adele, I. 108. 
Schröder-Devrient, IL 279. 283. 

289. 
Schubring, II. 67. 
Schumann, Clara, I. 377. II. 210. 
Schwauthaler, II. 68. 
Sciabatta, II. 265. 279. 
Scott, Sir Walter, I. 223. 225 f. 
Sehastiani, Fanny, I. 53 f. 
Sebastiani, General, I. 53 f. II. 

48. 
Servals, II. 279 f. 
Sevem, IL 104. 
Seydelmann, IL 52. 
Smart, Sir George, I. 259. 
Shaw, Mrs., IL 53. 
Somerville, Lady, IL 272. 
Sontag, Henriette, I. 218 f. IL 

279 f. 
Soult, Marschall, IL 48. 
Soutzos, IL 132. 137. 
Spagnoletti, L 204. 
Spohr, I. 125. 143. IL 32. 370. 
Spontini, L 51. IL 159. 165. 
Spurzheim, I. 206. 
Stael, Frau v., I. 51. 
Stamaty, IL 22. 
Staudacher, I. 296. 
Steiner, IL 266. 271. 
Stern, IL 66. 331. 
Stümer, I. 180. 196. 
Sutherland, Herzogin v., 11. 45. 
Syracus, Prinz von, IL 99. 

T. 

Taglioni, L 291. 
Taylor, L 247. 249 f. 



Taylor, John Edward, I. 258. 
Taubert, IL 221. 
Teller, I. 32. 
Terry, IL 125. 
Thalberg, IL 36. 54. 
Thibaut, L 159 f. 
Thompson, J., L 224. 
Thorwaldsen, IL 188. 296. 
Thygeson, Frl., IL 114. 123 f. 
Tibaldi, Costanza, I. 174. 
Tieck, Ludwig, L 48. IL 186. 

224. 245. 
Türrschmiedt, Mme., I. 180. 196 

IL 248. 

V. 

Vanutelli, Sga., IL 88. 265. 
Vamhagen, v. Ense, 1. 50 f. 378. 

IL 203. 
Vamhagen, Rahel, I. 42. 49. IL 

85. 
Veit, Simon, I. 44 f. 
Veit, Philipp, I. 44. 48. 50. 114 f. 

307. IL 32. 189. 263. 
Vernet, Horace, I. 362. IL 107 f. 

135. 
Viardot, Pauline Garcia-, IL 143 

216. 
Victoria, Königin von England, 

IL 44 f. 49. 191 f. 

W. 

Wagner, Richard, H. 279. 
Walesrode IL 309. 
Webern, General von, IL 267. 
Welliigton, Lord, L 207. IL 

47. 
Weppler, L 196. 
Westmoreland, Lord, IL 285. 
Wieland, I. 83. 



400 



Namen-Register. 



Wilkie, I. 335. 

Wilmsen, I. 273. 

Winkopp, I. 29. 

Wiprecht, II. 266. 

Wladoyano, II. 14. 

Wolf, I. 15. 

Woringen, Präsident v., I. 315 f. 

IL 7 f. 
Woringen, Frl. von, I. 323. II. 

40. 202. 



Woringen, Franz v., I. 327. II. 

211 f. 
Woringen, Ferdinand v., I. 315 f. 

II. 266. 

Z. 

Zahn, II. 160. 

Zelter, 1. 87. 106—109. 139. 179 

Zeune, I. 326. 



**= 



P. Stankiewicz' Buchdruckerei, Berlin, S W. 11, Bernburgerstr, 14. 



Im gleichen Verlage erschien soeben als Anhang zur 
„Familie IVIendeissolin" 

Sebastian Hensel 

ElD lebeDsbM ans Dentscblaods LelirJabreD. 

S. Auflage. 



Preis: Geh. M. 6.—, Geb. M. 7.—. 



über den reichen Inhalt dieses Memoirenwerkes 
orientieren auf den nachfolgenden Blättern das „Vor- 
wort" und das „Inhaltsverzeichnis"? 



Inhaltsverzeichnis. 



Vorwort. Von Prof. Paul Hensel. 
I. Berlin. Lehr- und Wanderjahre. S. 1—198. 

1. Berlin um 1830 S.l ff. Kleinstädtisches 3. Bauten 3. 
Gartenanlagen 4. Strassenreinigung 5. Beleuchtung 6. Kondi- 
toreien, Cafes, Kneipen 7. Weihnachtsmarkt 8. Adress- 
kalender 8. Fuhrwerke 9. Geistiges Leben 10. Sebastian 
Hensels Geburt und Taufe (Paten Zelter und Eauch) 18. 
Kindergeschichten 14. Liebesche Schule 15. Schauspieler 
Seydelmann 18. Herings dorf (1839) 18. Eeise nach Itahen 
(1839) 20. Wilhelm Hensels „Wasserleitung" in Regensburg 20. 
Stilfser Joch 21. Rom 22. Fanny Hensel an Rebecka 
Dirichlet a. Rom 23. Sebastian Hensel an Walter Dirichlet 
a. Rom 25. Rückreise 26. Schmidtsche Schule 26. Über 
auffallende Kindemamen und Kinderkleidung 29. Jungens- 
streiche, Pulverkokelei en 29 ff. Besuch bei Felix Mendels- 
sohn 32. Käfersammlung 32 ff. (Erfahrungen mit Erichson, 
Dohrn, Maler Hildebrand). FeHx Mendelssohns Pauker Pf und 35. 

Kölnisches Gymnasium (1843) 35 ff. Direktor August 35. 
Dr. Runge 37. Dr. Krech 37. Benary 39. Selckmann 40. 
Polsberw 41. Ein gelungener Schulstreich 42. Reise nach 
Italien (1894) (Florenz, Rom, Assisi) 46 ff. Urteile der Zeit über 
Menzel 48. Rückreise mit Einpauken 49. Versetzung 49. 
Freundschaft mit Roby Keudell 50. Zeichenunterricht 
(Schirmer, Biermann) 51. Entomologische Ausflüge (Frantzius), 
Siebold 52. 

Berufswahl: Landwirtschaft S. 54 ff. Klein-Machnow, 
(Vom Karpfenfangen und Angeln) 55. Wassersport in jener 
Zeit 56. Aus Fanny Hensels Tagebuch (Dirichlets Beru- 
fung. Eine Soiree mit Radziwills , der Decker , Henriette 
Sonntag) 57. Felix Mendelssohn bei einer Schülerauf- 
führung von Rombergs „Glocke" 58. Fanny Hensels 
Chor 59. Fanny Hensels Tod (14, 5. 1847) 59. Schön- 
lein 63. Stallmeister Unruh 63. 

Jahr 1848. Friedrich Wilhelm IV. 64. Februar- 
Revolution 64. Berliner März -Revolution 65. Anarchie 67. 
Demokratischer Klub (Eichler, Ottensoser) 70. Wachtdienst 70. 
Abiturienten-Examen 71. 

Landwirtschaftliche Lehrjahre: Bei Robert Keu- 
dell auf Runow72. Rebecka Dirichlets Brief über Politik 73. 



- VI — 

Bei Oberamtmann Kayser in Dahme 740. Schwere 
Tage. Jean Paul 74. Kaysers konservative Gesinnung 77. Ein 
„Uriasbrief" 78. Rebecka über Jean Paul 80. Über Gott- 
heiner 81. Über allerlei Politisches 81. Mendelssohns Ge- 
dächtsnisf eier 82. Wrangeis Einzug mit den Garden 83. 
Rebecka über Frömmigkeit 85. Rebecka zum 18. März 1849 87. 
Schleswig - Holsteinische Bewegung 88. S. Hensel will mit- 
kämpfen; Brief an seinen Vater 88. Antworten vom Vater und 
von Paul Mendelssohn 89. Rebecka über Kaiserdeputation 92. Über 
protestantische Khchen, . Über Thiers, de la proprietö 
Über Berlin vor der Wahl . Unruh, Schulze-Dehtsch, Rodbertus, 
Philipps 94. Ein neuer politischer Brief Rebeckas 96. Verhäng- 
nisvolle Ungarnbegeisterung 97. Katzenmusiken in Dahme 97. 
Landarbeiter-Frage 100. Abreise von Dahme: Jean 
Paulisierendes Tagebuch 102. Militärverhältnis 107. 

Auf Kunzendorf in Schlesien 108. Kloster Leubus 110. 
Fidele Klostererinnerungen 113. Ein unheimliches Aben- 
teuer 113. Berliner Ausstellung (1850) 114. Frau Kinkel 115. 
Schleswig - Holsteinische Angelegenheit 115. Wollpreise 116. 
Breslauer Wollmarkt 117. Schleswig-Holstein 119. Rebecka 
über Holstein 121 Ein Konzert in Steinau 122. Rebecka 
über die traurigen Zeiten: Olmützer Vertrag 124. Friedrich 
Wilhelm IV. 125. Der Kunzendorfer Hofjude 125. Proviant- 
transport nach Glogau 126. Robert von Keudell 128 Rahel 129. 
Brand von Kroll 129. Graf Pourtales und Friedrich W^ilhelm IV. 
131. Tod des kleinen Felix Mendelssohn 133. Tod des Mathe- 
matikers Jacobi, Anekdoten von ihm 134. Moritz Hermann von 
Jacobi 135. Hochwasser bei Kunzendorf 136. Militärische 
Schwierigkeiten 138. 

Auf der Landwirtschaftsschule in Hohenheim 139 ff. 
Direktor W^alz 141. Duell 141. Korpsstudenten 143. Vier 
Briefe über das Duell (Wilhelm Hensel 144, Paul Mendels- 
sohn 145, Rebecka Dirichlet 146, Cecile Mendelssohn 147). 
Besuch in Vevey 148. Walz' Kollegia 149. Walz' Studien- 
ausflüge 151. Süddeutsche Güter mid Gestüte 152. Besuch 
bei Uhland 153. Schweizer Exkursion mit Prof. Fleischer 154. 
Itahen 156. Unwetter in Airolo 157. Abgangsexamen 157. 

Nochmals die Militärangelegenheit 158 ff. Winter 
in Berlin (Ritter, Magnus) 159. Dienstjahr 159. Gamaschen- 
dienst 159. Vom Prinzen von Preussen 161. Manöver 161. 
Parade 162. Ein unglücklicher W^achtposten 163. Rebecka 
über Berhn im Sommer 163. Über Wohnungszustände 164. 
Über Berliner Handwerker 165. Ein verhängnissvolles Curricu- 
lum vitae 166. Entsprechender Empfang beim Kommandeur 168. 

Auf Luggendorf bei Paalzowl69ff Ländüche Gesell- 
schaft 170. Gratulationsbrief an Dirichlet 174. Bewirtschaftung 
von Luggendorf 176. Angebliche Einnahme von Sebastopol 179. 
Schlacht an der Alma 181... Guhl, Künstlerbriefe 182. Rebecka 
über poHtische Lage 184. Über Auerbach 185. Über Bucher 185. 
Gauss und Dirichlet 186. Dirichlets Berufung nach Göttingen 186. 



— VII - 

Rebecka über Göttingen 188. Fortgang von Luggendorf 191. 
Ländliche Poesie 192. Dirichlets in Göttingen 194. Göttingcr 
Gastlichkeit 194. Ristori 196. Reise nach Königsberg 196. Re- 
becka vom Göttinger Leben 198. 

II Gross Barthen. S. 199-332. 

Königsberg 199. Barthen 200. Mergeln 201. Kauf von 
Barthen 202. Verlobung mit JuHette Adelson 203. Briefwechsel 
mit Rebecka 204. Weihnachten in Barthen 207. Nonnenraupen, 
Verwüstung 208. Stadt- und Landleben 212. Graf Dönhoff 214. 
Brauerei 218. Verkauf der Vorwerke 219. Bauer und Guts- 
besitzer 219. Viehzucht von Nathusius 220. Schafzucht 221. 
Ein sonderbarer Kauz 223. Pferdezucht 226. Major Dassel's 
Pferdekenntnis 228. Trakehnen 229. Herr von Fahrenheid auf 
Beinuhnen 280. Arbeiterhändel 232. Johann Jacobi 234. Soziale 
Frage 235. Bauemköpfe 236. Parzellierung von Barthen 237. 
Mehorationspläne 240. Notstand im Regenjahr (1867) 244. 
Versagen der Staatshilfe 246. Unterstützung der Landschul- 
lehrer 247. Linsenscheu 248. Auspumpen der Wiese 249. 
Bruchkultur 251. Halbe Übersiedelung nach Berün 252. 

Fortsetzung und Ende der militärischen Lauf- 
bahn 254 ff. Landwehrübung 254. Rittmeister Lewald 256. 
Geheimer Urlaub 256. Ein Besuch bei Major von Trotha 258. 
Beförderung zum Offizier 259. Eröffnung der Königsberg- 
Eydtkuhner Bahn 259. Anrede des Kronprinzen 259. Lohse's 
Gedächtnis 260. Krönung in Königsberg 262. Drohender 
Besuch Manteuffels 262. UnerfreuUche Eindrücke 264. Abschluss 
der militärischen Laufbahn 268. 

Transport von Liebesgaben nach Paris 1870/71 
S. 270 ff. Sammeln der Weihnachtsgeschenke 271. Fahrt in 
strengem Frost 272. Strassburg 274. Nancy 275. Begegnung 
mit Simson 276. Weihnachten 278. Eine gefährliche Fahrt an 
der Marne 278. Lagny 280. Fahrt nach Versailles 284. Besuch 
bei Keudell 285. Versailles 286. Bilder von Vernet 287. 
Bronsart von Schellendorf 288. Bismarck und Keudell 289, 
Wieder in Lagny 289. Ein fatales Missverständnis 290. Mont 
Avron 291. Prinz Radziwills Weinfund 293. Abholung der 
Geschenke 294. Rückkunft 296. Eintreffen der Landwehr m 
Berlin 296. Einzug der Truppen 298. 

Briefwechsel aus Barthen mit Rebecka Dirichlet 
S. 299 ff. Über Russland 305. Tierschauprämien 306. Erkran- 
kung von Dirichlet 307. Tod von Rebecka Dirichlet 309. 
Dirichlets Tod 312. 

Land und Leute, Freunde und Bekannte in 
Preussen S. 312 ff. Karl Witt 312. Reitenbach, Herausgeber 
des „Bürger- und Bauemfreundes'* 313. Häuslicher Unterricht 314. 
Oppositionelle Poütik 315. Ein teurer Ring 316. Steuerver- 
weigerung 317. Foppen des Landratsamtes 318. Haussuchung 319. 
Verurteilung wegen Beleidigung des Gesamtministeriums 320. 
Ludwig Friedländer 321. Zoologe Müller 321. Adolar Lindenau 



— VIII — 

323. Die „Salzburger" in Ostpreussen 325. Brüder Käse- 
wurm 325. Ostpreussische Trinker 327. Tod von "Wilhelm 
Hensel 328. Ordnung des Nachlasses 329. Ein Besuch des 
Prinz Georg 331. Abschied von Barthen 332. 

III. Wieder in Berlin. (S. 333—410.) 

Das Berlinder Gründerzeit 333. Adalbert Delbrück 335. 
Sebastian Hensels Berufung zum Direktor der Markthallen- 
Gesellschaft 336. Geschichte der Markthallen in Berlin 838' 
Markthallen in London 339. Versuch der Begründung städtischer 
Markthallen 342. Markthallen der Berliner Immobilien-Gesell- 
schaft 343. Verhandlungen zwischen Magistrat, Polizeipräsidium 
und „Deutscher Baugesellschaft" 344. Hensels Ernennung zum 
Direktor 346. Übersiedelung nach Berlin 347. Aufsichtsrat der 
Markthallen 348. Polizeipräsident von Madai's Zunichtemachung 
des Markthallen-Projektes 349. „Instanzengang" 352. Definitives 
Scheitern des Projektes 353. Unredlichkeit eines Direktors der 
„Berliner Baugesellschaft" 354. Seine Entlassung 357. 

Hensel, Direktor der „Berliner Hotel-Gesell- 
schaft'* S. 357 fi. Berliner Hotels 358. Terrain des „Kaiser- 
hof" 359. Geldgier der Mieter 360. Mobiharbe Schaffung 362. 
Krach der Wiener Weltausstellung 362. Ankauf des Wiener 
Hotels Britannia 363. Bestechungsversuche 364. Ankauf des 
Hotels Donau 367. Die Furcht vor der Presse 368. Abfertigung 
eines Revolver - Journalisten 369. Übernahme des Hotels 
Donau 369. Cafötier Bauer 370. Letzte Bauarbeiten 371. Besuch 
des Kaisers im Kaiserhof 372. Eröffnung 374. Brand des 
Kaiseihofs 375. Wiederaufbau 383. Allgemeine Depression 384. 

Verwertung der Grundstücke der Deutschen Bau- 
gesellschaft 385. Behandlung der Mieter 386. Schlechter 
Geschäftsgang 387. Verkauf an Bauschwindler 388. Notwendiger 
Rückkauf 389. Hensel alleiniger Geschäftsleiter 389. Reorganisation 
390. Von den lieben Mietern 391. Ein Tag auf dem Bureau 393. 
Trockenwohner 394. Chambregarnisten 395. Aktiengesetz von 
1884 395. Seine Wirkung auf die „Deutsche Baugesellschaft" 398. 
Der Aktionär 399. Angriffe auf Hensel 400. Die Vossstrasse 
403. Ein kurioser Zwischenfall mit dem Marineministerium 405. 
Missachtung des Privateigentums 408. Stephans Postverträge 409. 
Beantragte Liquidation (1888) 411. Eindringen betrügerischer 
Spekulanten, Stemberg und Konsorten 412. Austritt von Delbrück 
und Hensel 414. 

Herausgabe der „Familie Mendelssohn" 415. Mommsens 
Vorlesungen über Römische Kaisergeschichte 416. Ankauf in 
Westend 418. 



Vo rwort. 



Noch vor wenigen Jahren hätte das Erscheinen einer 
Autobiographie eines Deutschen keiner Rechtfertigung 
bedurft. Konnte man doch auf die reichhaltige Memoiren- 
literatur in Frankreich und England hinweisen, der 
gegenüber die Spärlichkeit der Selbstzeugnisse in 
deutscher Sprache einen nur allzukläglichen Kontrast 
bildete. Diese Zeiten sind vorbei. Alle Ereignisse in der 
letzten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts können wir 
in der Art und Weise, wie sie auf die Mitlebenden ein- 
gewirkt haben, genau verfolgen; auch die Männer, 
welche diese Ereignisse selber herbeigeführt haben, die 
mit dem Schwert und der Feder tätig gewesen sind, 
haben nicht geschwiegen; dem Geschichtsforscher, dem 
Kulturhistoriker und dem Literaturforscher ist ein fast 
überreiches Material erwachsen. 

So musste denn nach dem Tode meines Vaters die 
Frage an uns Überlebende herantreten, ob wir die hinter- 
lassene, umfangreiche Autobiographie lediglich als einen 
Familienschatz ansehen, wie er selbst sie angesehen haben 
wollte, und als Hausgut bewahren wollten, oder ob der 
Versuch zu machen sei, einzelne Teile dieser Biographie 
einem grösseren Publikum zugänglich zu machen. Wenn 
wir uns zur Publikation entschlossen haben, so fühlen 
wir uns auch verpflichtet, über die Gesichtspunkte, die 
uns dabei geleitet haben, kurze Rechenschaft zu geben, 
da diese Gesichtspunkte zu gleicher Zeit die Auswahl 
aus dem vorhandenen überreichen Stoff bestimmten, und 



— X - 

die Gründe angeben, weshalb wir glauben, für diese Auf- 
zeichnungen ein mehr als nur privates Interesse in An- 
spmch nehmen zu können. 

Zwei Gesichtspunkte sind es namentlich, die hier 
massgebend wurden. Das Buch meines Vaters: die 
Familie Mendelssohn, welches zuerst im Jahre 1879 er- 
schien, hat einen grossen Kreis von Lesern und Freunden 
gefunden. Aus zahlreichen Zuschriften, die immer wieder 
und wieder ihren Weg auf den Schreibtisch meines 
Vaters fanden, vermochten wir aber zu ersehen, dass der 
für meinen Vater subjektiv geforderte Abschluss des 
Buches mit dem Tode seiner Mutter 1847 viele Leser 
nicht befriedigt hatte. Immer wieder wurden Fragen 
laut: Was wurde aus den andern Geschwistern, Rebecka 
und Paul, wie hat sich ihr Leben weiter gestaltet, warum 
bricht das Buch so unvermittelt ab? 

War es doch kein Roman, in dessen Mittelpunkt ein 
einzelner Mensch steht, war es doch eine „Familien- 
biographie", die uns mit einem Kreise wirklicher 
Menschen bekannt machte, und es erschien wie eine 
schrille Dissonanz, diese uns lieb gewordenen Menschen 
unter dem Eindruck eines schweren Unglücks stehend 
zu verlassen, ohne dass wir weitere Kunde von ihnen er- 
hielten. Auch die wenigen Worte, die mein Vater in den 
folgenden Auflagen hinzufügte, konnten diese berechtigten 
Vorwürfe nur zum Teil entkräften. 

Da schien nun in dem ersten Teil der Autobiographie 
meines Vaters alles das gegeben zu sein, was so viele 
anteilnehmende Stimmen gewünscht hatten. Gerade der 
Umstand, dass die Wahl seines Berufs meinen Vater 
zwang, aus dem Berliner Familienkreise auszuscheiden, 
hatte einen regen brieflichen Verkehr mit den übrigen 
Familienmitgliedern zur Folge, und die mit Sorgfalt ge- 
pflegte Vorliebe für die Kunstform des Briefes konnte 
sich hier so recht nach Herzenslust ergehen. Namentlich 
ist es die eigenartige Gestalt Rebeckas, die in diesen 
Briefen in voller Deutlichkeit uns vor Augen tritt mit 



— XI — 

ihrem scharfen, oft ätzenden Verstände und ihrer weichen, 
überströmenden Liebe, mit der sie den verwaisten Sohn 
ihrer geliebten Schwester in alle Rechte eines eigenen 
Kindes einzusetzen nicht zögerte. 

So konnten wir denn hoffen, durch diesen ersten Teil 
der Autobiographie eine Ergänzung und einen Abschluss 
des in der „Familie Mendelssohn" unvollendet Gelassenen 
zu geben. Es drängte sich nunmehr die Frage auf, ob 
auch die anderen Aufzeichnungen, namentlich also die 
nach dem Tode Rebecka Dirichlets, ein selbständiges 
Interesse in Anspruch nehmen könnten, oder mit andern 
Worten, die Frage, ob mein Vater nur als Mitglied der 
Familie Mendelssohn Anspruch auf Beachtung habe, oder 
ob sein individuelles Leben Wert habe, kennen gelernt 
und gewusst zu werden. Dass die Entscheidung dieser 
Frage gerade für uns, die dem Leben des Vaters natur- 
gemäss nicht völlig objektiv gegenüber stehn können, 
erhebliche Schwierigkeiten hatte, ist deutlich; die Gründe, 
die für ihre Bejahung entschieden, möchte ich noch kurz 
zusammenfassen. 

Bei aller schon erwähnten Reichhaltigkeit unserer 
Memoirenliteratur aus dem letzten Jahrhundert lässt es 
sich doch nicht verkennen, dass vorwiegend, wie auch 
billig, die Männer zu Worte gekommen sind, die in der 
grossen politischen Umwälzung selber handelnd am 
Werk gewesen sind. Allen voran Bismarck, aber auch 
andere bedeutende Staatsmänner und Militairs haben 
nicht geschwiegen. Neben dieser politischen Entwicklung 
geht aber eine andere sich teilweise mit ihr verbindend, 
teilweise sie durchkreuzend einher, eine weitgehende 
Umgestaltung der Lebensgewohnheiten und der Denk- 
richtung des deutschen Bürgertums. Wenn wir auf den 
Anfang des vorigen Jahrhunderts sehen, so trifft die 
Einteilung in Lehrstand, Wehrstand und Nährstand für 
unser Volk noch im Wesentlichen zu. Dann führte die 
Periode unserer klassischen Dichtung und der Romantik 
zu einer starken Betonung der ästhetischen Interessen als 



— XII — 

bestimmender Momente für die Lebensfülirung, und in 
dieser geistigen Atmosphäre, die in dem Hanse meiner 
Grosseltern sich so entscheidend geltend machte, ist mein 
Vater erwachsen; dass er Künstler werden sollte, war 
für seine Eltern nahezu selbstverständlich. 

Es ist überraschend, zu sehen, wie typisch auch diese 
Entwickelung für eine ganze Reihe der um 1830 geborenen 
Deutschen sich ausweist. Und es war nicht nur früh er- 
wachte Selbstkritik, weichemeinen Vater an seiner Fähigkeit, 
ein Künstler zu werden, zweitein liess, es waren auch 
grosse Zeitströmungen, die ihn erfassten und ihn anderen 
Zielen zuführten. Der Vorzug und die Gefahr des künst- 
lerischen wie des wissenschaftlichen Lebens liegt in ihrer 
Unzeitlichkeit, ihrer den augenblicklichen praktischen 
Forderungen des Lebens abgewendeten Richtung. Gerade 
damals aber begannen die Deutschen, sich auf diese Auf- 
gaben zu besinnen, und der Appell, in das tätige Leben 
mit einzugreifen, sei es auch in noch so bescheidener 
Sphäre, mit welchem der Wilhelm Meister abschliesst, 
war nicht wirkungslos verhallt. Gerade die Rückkehr 
zu den einfachsten Betätigungen musste aber den in 
feinster ästhetischer Bildung Aufgewachsenen besonders 
lockend erscheinen; wieder einmal trat die Natur der 
Kultur gegenüber; es trat freilich nicht als ökonomische 
Massenbewegung, doch aber typisch bei einer ganzen 
Anzahl begabter Einzelner ein „Zug aufs Land" ein, 
dessen Wirkung auf die Entwickelung der deutschen Land- 
wirtschaft dem schärfer Zusehenden nicht verborgen 
bleiben kann. 

Leichter erkennbar, weil auch bei den Mächtigen der 
Zeit vielfach hervortretend, ist das starke Interesse an 
politischen Dingen, das uns vielfach in diesen Aufzeich- 
nungen entgegentritt. So unfertig und haltlos uns auch 
heute die jugendlichen Auslassungen eines hauptsächlich 
an Heine und Börne orientierten politischen Denkens er- 
scheinen mögen, so bezeichnend sind sie für die Stationen 
des Leidensweges, auf denen viele aus der Generation 



— XIII — 

unserer Väter den Weg politischer Einsicht wandeln 
mussten. Diese Aufzeichnungen durften nicht fehlen, wenn 
wir uns vergegenwärtigen wollen, was diese Männer alles 
zu lernen und zu vergessen hatten, damit sie sich endlich 
an dem zu freuen vermochten, was wir heute vielfach 
gedankenlos als etwas Selbstverständliches hinzunehmen 

gewohnt sind. 

Auch die letzte Wandlung im Leben meines Vaters, 
die Übernahme der Direktion einer Aktiengesellschaft in 
Berlin, erschien uns als bedeutungsvoll genug, um in 
seinen Worten gegeben zu werden. Von Jean Paul zur 
Leitung eines Hotels — darin mag mancher einen Abfall 
sehen — einen Lebenslauf in absteigender Linie. Gerade 
dieser Weg ist aber t^^pisch für eine grosse Anzahl 
tüchtiger Männer geworden, und trügt nicht alles, so 
liegt gerade darin ein Teil der Erklärung für die oft 
aufgeworfene Frage, wie es möglich war, dass die 
unpraktischen Deutschen so rasch auf dem Gebiete 
industriellen Wettbewerbs es mit ihren geschulten 
Konkurrenten aufnehmen konnten. Männer von der Art 
meines Vaters bewahrten die Anschauungen, die sie durch 
eine vorwiegend geistige Lebensführung ausgebildet hatten : 
sie sonderten ihre Tätigkeit nie aus dem Zusammenhang 
allgemeiner Interessen aus und waren auch in fremden 
und verwirrenden Verhältnissen der Richtung sicher. 
Der zweite Teil von meines Vaters Lebensarbeit, der ihn 
aus der Stille seines landwirtschaftlichen Berufes in das 
Berlin der Gründerjahre führte, ergänzt das Gesamtbild 
der Zeit, wie es sich in einem Menschenschicksal spiegelt. 
Die Aufgabe, die damals der ganzen Nation gestellt 
wurde, sich mit allen Fährlichkeiten der modernen Wlrt- 
schaftsentwicklung auseinanderzusetzen, hat mein Vater 
auch in der Gestaltung des eigenen Lebens und der 
eigenen Arbeit lösen müssen. 

So treten wir denn mit diesem Buch vor die Öffent- 
lichkeit, obwohl der Mann, der hier spricht, nie in der 
Öffentlichkeit hervorgetreten ist; wir glauben damit doch 



— XIV — 

nicht, das -diary of a nobody' zu geben. Ob jemand 
und wie viele es freuen wird, mit diesem Buche geheime 
Seelenzwiesprache zu pflegen, das muss der Zukunft 
überlassen bleiben, was mir oblag, war, Rechenschaft 
davon zu geben, dass es pflichtmässige Motive gewesen 
sind, die uns zur Herausgabe des Buches veranlasst 
haben. 

Noch einige Worte über die redaktionelle Arbeit, 
die an dem sehr umfangreichen Manuskript vorgenommen 
werden musste. Meine Schwester, Frau Lili du Bois- 
Reymond und ich haben das Manuskript so benutzt, dass 
wir lediglich Kürzungen und Streichungen vornahmen, 
und dass alsdann bei der endgültigen Redaktion meine 
Schwester nur diejenigen Zusätze gemacht hat, die not- 
wendig waren, damit aus den Fortlassungen keine 
Lücken entständen. 

Erlangen, 19. Juli 1903. 

Paul Heusel. 



B. Behp's Verlag, Berlin H. 35, StEglitzEr StraBe t. 



Hervorragende Erscheinungen 

Friedrich Hebbel, Sämtliche Werke. Nene snb- 

skript.-Ausgabe besorgt von Prof. Dr. Richard Maria Werner. 

Abteilung I: Werke im engereu Sinne. 12 Bände. 

Abteilung II: Tagebücher. 4 Bände. 

Abteilung III: Briefe. 7 Bände. 
Preis ä Band: geheftet 2,50 M., in Leinen gebd. 3,50 M., in 

Halbfranz gebd. 4,50 M. 

Neue Freie Presse: In so mustergültiger Gestalt, daß man die Aufmerk- 
samkeit aller Hebbel- Verehrer und Literaturfreunde darauf richten darf. 



Grabbe, Chr. D., Sämtliche Werke, in 4 Bänden 

mit textkrit. Anhängen und einer Biographie d. Dichters heraus- 
gegeben V. Eduard Grisebach. Geheftet 12 M., gebunden 16 M. 

„Grabbe gehört, wie Hebbel, Kleist. Ludwig, wie in anderer Beziehung 
Mörike, Storm, Eaabe, zu unseren, d. h. echt germanischen Dichtern . . . hier 
erscheint Shakespeare und Goethe vereint." „Deutsche Heimat." 



Seb. Hensel, Die Familie Mendelssohn. 2 Bände. 

Mit 9 Porträts. 12. Auflage. Preis : geheftet 12 M., gebd. 14,50 M. 

Dresdener Anzeiger: Das vorliegende biographische Werk hat in der gleich- 
artigen Literatur längst seine fest umrissene und fest gegründete Stelle. 



Thomas Carlyle, Friedrich der Grosse. Gekürzte 

Ausgabe in einem stattlichen Bande. Gr. 8°. Preis: 8 M., elegant 

gebunden 10 M. 

Bismarck an Carlyle: „. . . Sie haben den Deutschen unseren Preußenkönig 
in seiner vollen Gestalt, wie eine lebendige Bildsäule, hingestellt." 

Eiarl Sohle ^ S^chiHerst'iftung ausgezeichnet), MUSlKanten* 

-^-.-,^1«: -.1,1^-, 2 Bände. Gesciienkausgabe auf im. Buten. 

geSCÜlCÜ Len. jeder Band geheftet 2,50 M., gebunden 3,50 M. 

MnSikantengeSChichten, yolksausgabe in einem Bande. 

Preis: geheftet 2 M., gebunden 3 M. 

Tägliche Bandschan: Mögen recht viele zu dem neuen Buch Söhles greifen; 
es ist eine richtige Sommerfreude, voll Sonnenscheins und jubilierenden Frohsinns! 

Pierre Naher (Emüle Lerou), Jesus. Ein Roman. 
Dritte Auflage. Preis: geheftet 5M., in Moleskinband gebd. 6,50 M. 

Nene Freie Presse: Ein anregungsreicheres Buch als den Jesus-Roman wird 
man so leicht nicht lesen. 

Ausführliche Prospekte'portofrei. 




3 TOT? 



0t.3bMb3 3 



^L 385 .H54 1906 Bd '^ 
Hensel, Sebastian, 1830- 
1898. 

'l7j-?L\'^ "endelBsohn, 



DATE DUE 


































■ 
















































































































CAYLORO 






miNTEOINU.S A. 









» * % Si*"t I ^ i 



■ «•i* V«A^! 



..:::;t;;;;it;TJ:;:i:;I^t^;•:J:i:;^;t•-•••-.*^^r^■t^rtsitttJ«Hi6i}<3öfltIlt: 






* -*• C* • *X.*C* J i t 






:t: 



'-*»*• *♦ * ■. 























.tliiililil 



::;;;;^:;:;r::;:;t^.:^;:;:;:.-^;::"^i|^r:^^^^ 



- ; ; i * : j: T: r : ™ St H H Hir:i iiiiSi iltS^ti -HilSlHI^ iiS*"^ ? tiHt^^ 






T: :t *i:r • r:f- :■ ^ -• = -'•-•-* :'i^"•^^^ i tiniltiJiH rriii;*»??^ ^^ 



tl'Stj:; 






-»**»■** *«-«•* ««««K .« .*,.** 



















• • • * • 




. * » » - t 


;r;';:J:r 


'•* 


•i 




» • • 


• » ♦ - * 


H:;Hi"l 












«■•■ j 






:t;n-