FRANZISKANISCHE STUDIEN
HERAUSGEGEBEN
VON
MITGLIEDERN DES FRANZISKANERORDENS
4. BEIHEFT
DIE FRANZISKANER AUF DEM SION
MÜNSTER IN WESTF. igig
ASCHENDORFFSCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG
DIE FRANZISKANER 1 HL. LANDE
1. TEIL
DIE FRANZISKANER
AUF DEM SION
(1336—1551)
VON
DR. P. LEONHARD LEMMENS O.F.M.
NEUE AUSGABE.
MÜNSTER IN WESTF. 1919
ASCHENDORFFSCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG
'Biüirrä^l^OTi^^^Doii^sS^^'iw^ MÜNSTER i. W.
DIE FKAIZISKAIER IM HEILIGE! LAIDE
Vorwort.
Kaum war diese Arbeit im Juni 1914 zu Jerusalem be-
gonnen, als die Nachricht in die heilige Stadt kam, daß in
Europa der Krieg erklärt sei und die Türkei rüste. Wenn
auch die Ereignisse der nächsten Zeit manche Szene aus alten
Berichten vor mir aulleben ließen, ihnen Inhalt und Farben
verliehen, so war doch die Einbuße größer. Die zum Studium
notwendige Ruhe und Sammlung wurde gestört, mehrere Biblio-
theken unzugänglich. Zum Glück wurde das große Archiv der
Franziskanerkustodie im Kloster S. Salvator erst geschlossen,
nachdem ich die wenigen lateinischen und italienischen Stücke
desselben, die der Zeit der ägyptischen Sultane angehören, in
aller Ruhe geprüft hatte, während das Archiv der Prokura,
das in demselben Kloster bewahrt wird und die arabischen
Urkunden der ägyptischen Zeit enthält, geölfnet und zu meiner
unbeschränkten Forschung frei blieb. Damit war mir der Plan
für die Kriegszeit vorgezeichnet: ich mußte mich einstweilen
auf die ersten Jahrhunderte, die Zeit der ägyptischen Herrscher,
beschränken und die Fortsetzung besseren Tagen vorbehalten.
Wie jedoch das Titelblatt sagt, habe ich die Zeit der
ägyptischen Sultane um wenige Jahre überschritten, um die
Geschichte des Klosters auf dem Berge Sion, das bald nach
der Eroberung des Hl. Landes durch die Türken unterdrückt
wurde, in diesem ersten Bande zu Ende zu führen
Nachdem ich diese klare und genaue Scheidung vollzogen
hatte, legte ich wieder mit frischem Mute Hand ans Werk.
Mit Hilfe der mir von den Oberen zur Verfügung gestellten
Dolmetscher konnte ich die 80 arabischen Urkunden des Pro-
kuraarchives sorgfältig studieren. Die hervorragenden Arabisten
P. Kamillus Maroun 0. F. M. und P. Janssen O. P. hatten die
Güte, meine Feststellungen zu prüfen und die entstandenen
Zweifel und Bedenken zu lösen, so daß ich eine sichere Grund-
VIII Vorwort
läge für meine Arbeit gewann, manche Fehler früherer Dar-
stellungen verbessern und neue Daten verzeichnen konnte ^).
Schon länger hatte ich angefangen, die Pilgerschriften
der letzten Jahrhunderte des Mittelalters auszuschreiben und
ihre Nachrichten nach den Ereignissen und Heiligtümern zu-
sammenzustellen. Je mehr ich hierin voranschritt, um so mehr
sah ich, welch wertvolles Material in diesen Reisebüchern steckt.
Sie bilden nach den arabischen Urkunden die Hauptquelle meiner
Arbeit, die den von ihren Vorgängern eingeschlagenen Weg
verläßt und die spätem Darstellungen selten heranzieht.
Wer dieses Buch mit den früher erschienenen Schriften
über die Franziskanermission in Palästina zusammenhält, wird
einen großen Unterschied in dem dargebotenen Stoffe wahr-
nehmen. Verschiedene Nachrichten scheiden ganz aus, während
andere Ergebnisse neu eingeführt werden ; ganz neue Zusammen-
hänge werden aufgezeigt und viele größere und kleinere Irr-
tümer verbessert oder abgewiesen. Ich habe darauf verzichtet,
die einzelnen Autoren zu berichtigen; so viel möglich genügte
es mir, die älteren, denen die übrigen ihre Angaben entnommen
haben, zu nennen.
Es ist nicht ein szenenreiches und wechselvolles Bild, das
uns die folgenden Blätter bieten; im großen und ganzen kehren
stets die gleichen Ereignisse, dieselben Arbeiten und Prüfungen
wieder. Die eigentliche Missionstätigkeit fehlt ganz. Eines
glänzt aber auf allen Blättern durch: die heroische Treue der
Brüder, ihre durch nichts zu besiegende Liebe und Sorgfalt für
die heiligen Stätten. Sie haben den ihnen anvertrauten Posten
an den äußersten Grenzen der Christenheit mutig und siegreich
behauptet; das Abendland sah sich in dem ihnen geschenkten
Vertrauen nicht getäuscht und begleitete ihr Wirken stets mit
großem Wohlwollen und Interesse. Daher darf auch diese erste
geschichtliche Darstellung der Opfer und Mühen unserer
Brüder an den heiligen Stätten auf freundliche Aufnahme hoffen.
Bonn 1919. p_ Leonhard Lemmens.
') Die meisten der arabischen Kontral^te und Fermane waren bereits
von P. Goliibovich für seine wertvolle Liste der Kustoden benutzt worden;
wir konnten einige andere heranziehen und einzelne Fehler verbessern.
Inhaltsverzeichnis.
Vorwort Vit
Verzeichnis der zitierten Schriftsteller XI
Einleitung 1
I. Die Franziskaner in Palästina zur Zeit der Kreuzzüge ß
II. Die heiligen Stätten Palästinas vor dem Einzug der
Franziskaner â– 27
III. Einzug der Franziskaner in die hl. Stätten 39
IV. Erste Geschicke der Brüder auf dem Sion. Statuten
und Organisation der Franziskanermission Palästinas . 60
V. P. Gerhard Calvetti. Neue Fortschritte und Prüfungen.
P. Johann Belloro 7il
VI. Einführung der Observantenfarailie in Palästina. P. Gan-
dolf von Sizilien 10r>
VII. Bauten und Restaurationen. Herzog Philipp. Neue
Leiden. Eine Zeit der Ruhe 117
VIII. Streit mit den Georgiern um den Kalvarienberg. Neue
Verfolgungen. Die von den Franziskanern am Ende des
Mittelalters verwalteten hl. Stätten. Die anderen christ-
lichen Bekenntnisse im Hl. Lande 131
IX. Arbeiten der Brüder. Gottesdienst an den hl. Stätten.
Sorge für die Pilger. Almosen 164
X. Die Türken erobern Palästina. Soliman vertreibt die
Franziskaner vom Sion 196
Verzeichnis der Abbildungen.
Abb. 1. Zönakulum. Ansicht der Südwand 49
Abb. 2. Zönakulum. Ansicht der Westwand 49
Abb. 3. Zönakulum. Ansicht der Ostwand 50
Abb. 4. Grundriß des Zönakulums • 53
Abb. '). Lageplan 76
Abb. 6. Grundriß des Sionklosters 147
Abb. 7. Inneres des Zönakulums 149
Abb. 8. Grundriß der Grabeskirche 158
Abb. 9. Wappen der Kustodie 190
Verzeichnis der ölter zitierten Schriftsteller XV
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1) Die hinter den Namen der Verfasser eingeklammerten Jahreszahlen
geben die Zeit ihrer Pilgerreise an.
Einleitung.
Am 18. Mai 1291 wurde Akri, das letzte Bollwerk der
Kreuzfahrer in Palästina, nach tapferer Gegenwehr von den
Truppen des ägyptischen Kalifen Aschraf Chalil erstürmt. Bald
ergaben sich ihm die wenigen Plätze, die an der Küste in den
Händen der abendländischen Christen verblieben waren, und
damit waren die letzten Erfolge zweihundertjähriger Kämpfe
und Opfer im Oriente vernichtet, über ganz Syrien und Palä-
stina herrschte aufs neue der Halbmond. Wie die erste Erobe-
rung des Hl. Landes durch die Moslems, so brachte auch dieser
zweite Sieg des Islams geringe Änderungen in den religiösen
Verhältnissen der morgenländischen Christen, der Griechen,
Armenier, Syrier und anderer. Sie behielten ihren Bestand, ihre
Kirchen und Rechte und durften ungestört im Hl. Lande ver-
bleiben. Wie uns die Pilger jener Zeit berichten, zählten damals
die morgenländischen Christen in Palästina nach Tausenden 0;
ganze Orte, wie z. B. Bethlehem'-), waren ausschließlich von
Christen bewohnt. Alle Länder des christlichen Orientes waren
im Hl. Lande vertreten. Nur die abendländischen Christen hat-
ten dasebst keine bleibende Stätte; ihre Kirchen und Klöster
waren die Beute der Sieger geworden. Die Pilger, die bald
aus. dem Westen in großer Zahl herüberkamen, waren bei ihren
Andachten auf das Wohlwollen der schismatischen Geistlichen
angewiesen.
1) Der Dominikaner Ricoldus. der 1294 in Palästina weilte, traf anf
Epiphanie am Jordan „ultra decem millia" Christen. Laurent 109.
■-) Der Dominikaner Burkard berichtet 1283 von Bethlehem: „Incolae
hujus viilac omnes sunt Christiani." Laurent 79. Dasselbe sagt 1333 Wil-
helm von l^oldcnsele: „Ilabitatores eins sunt communitor Christiani, quamvis
Schismatici." Bas nage IV 34ü.
Franzi8k. Stuilien, Beiliprt 4: Lemmens, Die Franziskaner au! dem Siou. 1
2 Einleitung
Lange sollte jedoch dieser Zustand nicht dauern. Nachdem
das Ende der Kämpfe die Reibungsflächen zwischen dem Abend-
lande und dem Oriente beseitigt hatte, gewannen bald ruhigere
Erwägungen am Hofe des Kalifen die Oberhand. Der Kalif
Nassir Muhammad, Bruder und Nachfolger des Sultans Aschraf
Ohalil, der dem Reiche der Kreuzfahrer das Ende bereitet hatte,
einer der tüchtigsten MameUickensultane, war ein duldsamer
und weitherziger Monarch, der von Zeitgenossen als Freund
der Katholiken gepriesen wurde ^). Er kannte, wie Johann von
Winterthur sagt^), die Zerrissenheit und Streitigkeiten der Für-
sten und Völker Europas zu gut, als daß er von dort Gefahren
für sein Reich gefürchtet hätte. Als daher König Robert von
Neapel mit seiner frommen Gemahlin Sanzia an den Sultan die
Bitte um Zulassung abendländischer Ordensleute in Jerusalem
richtete, fand dieselbe Gehör, zumal sie von den im Oriente
stets wirksamen Geschenken begleitet war. Der Sultan über-
ließ dem Königspaar das Zönakulum und zwei Kapellen auf dem
Sion. Eine sizilianische Dame, namens Margareta, die beim
Sultan „in großen Gnaden" stand und den Christen viel Gutes
erwies^), vermittelte den Ankauf des anstoßenden Grundstückes;
Königin Sanzia baute auf demselben ein Kloster und übergab
es den Franziskanern, die dem Könige durch seinen Bruder, den
heiligen Franziskaner Ludwig von Anjou, besonders nahestanden;
der Sultan ließ die Brüder zum Gottesdienste in der Grabeskirche
zu und räumte ihnen die Kirche über der Geburtsgrotte zu
Bethlehem ein. So war in kurzer Zeit und in friedlicher Arbeit
das hohe Ziel zum Teil und in anderer Form errreicht, daß sich
das christliche Abendland im elften Jahrhundert gesteckt und
zweihundert Jahre hindurch mit unsäglichen Opfern und Kämpfen
stets aufs neue aber vergebens erstrebt hatte. Mehrere " der
ehrwürdigsten Heiligtümer Palästinas waren Eigentum des Abend-
landes und katholischen Ordensleuten an^'ertraut worden, die
sich dieses Vertrauens würdig erwiesen.
1) So sagt Johann von Winterthur von ihm: ,.Hic Soldanus, ut commu-
niter aperitur, Christianos diligens. ipsos benigne et reverenter, cum ad partes
ditlonis suae venerant, tractavit." Wyß 145.
2) Ebd. 146. 3) Ludolf von Sudheim. Vgl. Reißbuch Bl. 450 v.
Einleitung 3
Nicht ohne Recht erinnern die Franziskanerchronisten bei
dieser Wendung der Dinge an das Wort, das der Herr durch
den Propheten Sophonias^) an Jerusalem richtete: „Ich will
die Großsprecher aus deiner Mitte nehmen und lasse übrig unter
dir ein armes, dürftiges Volk, das vertraut auf den Herrn."
An Stelle der stolzen Kreuzritter waren die armen Söhne des
hl. Franziskus die Wächter der Heiligtümer geworden, die statt
Panzer und Schwert das Gottvertrauen zur Rüstung wählten
und im Namen des Herrn ihren Feinden trotzten. Von Wider-
sachern umgeben, von Tod und Not begleitet, trotz Seuchen und
Krankheiten, unter Erpressungen und Entbehrungen aller Art,
in Kerker und Banden haben sie die Fahne des Kreuzes mutig
verteidigt und ihren an der äußersten Front gelegenen Posten
siegreich behauptet. Man konnte sie töten, ins Gefängnis werfen,
ihre Klöster viele Monate vermauern; stets warteten andere
Brüder sehnsüchtig auf die Erlaubnis, an ihre Stelle zu treten,
die Reihen zu schließen und das Opferleben fortzusetzen. Das
Blatt, auf dem diese älteste der heutigen Missionen beschrieben
ist, die einzige, die aus den Zeiten des glaubensvollen Mittel-
alters bis auf unsere Zeit bestehen blieb, prangt in besonderer
Farbenpracht.
Die Geschichte dieser Mission umfaßt zwei Perioden: die
Zeit der ägyptischen und die der osmanischen oder tür-
kischen Kalifen, die 1516 Syrien eroberten. Beide Zeiträume
unterscheiden sich in mannigfacher Beziehung; vor allem waren
die ägyptischen Herrscher unduldsamer und fanatischer, während
die türkischen Machthaber schon durch politische Rücksichten
und Verträge zu größerer Duldsamkeit genötigt waren.
So kam es, daß die Mission, die unter den ägyptischen Herr-
schern auf die drei gleich zu Anfang gewährten Klöster be-
schränkt blieb, unter den türkischen Kalifen die Zahl ihrer Nieder-
lassungen stets vermehren konnte. Damit ergab sich aber das
Wachstum der seelsorglichen Tätigkeit der Brüder, die zunächst
nur den abendländischen Pilgern gegolten hatte; es nahmen
immer mehr Katholiken aus Europa in Syrien und Palästina
>j 3. 1 1 r.
4 Einleitung
Wohnung, und mehrere Male näherten sich größere Gruppen
morgenländischer Christen der römischen Kirche. Darin waren
sich indes beide Zeiträume gleich, daß jede Predigt unter den
Sarazenen ausgeschlossen blieb; sie war bei Todesstrafe ver-
boten, und mehrere Fälle zeigen, daß diese Strafe auch zur
Ausführung gelangte.
Perinaldo, ein guter Kenner der Geschichte unserer Mission,
sagt über das Verhalten der osmanischen und ägyptischen Be-
hörden^): „Erstere waren weniger blutdürstig als jene, aber
je weniger Blut sie vergossen, um so mehr Galle mußten die
Brüder verkosten; und je geringer die Auslagen für die Wieder-
herstellung der verbrannten Kirchen waren, um so größere
Summen mußten sie aufwenden, um ihre Kirchen vor der
Schließung zu bewahren . . . Die Sarazenen dürsteten nach Blut,
die Türken nach Gold. Eine Folge dieses Durstes waren die
tausend Streitfragen, die sie immer aufs neue aufleben ließen
und unter den verschiedenen christlichen Genossenschaften, die
im Schatten derselben Heiligtümer lebten, nährten. Eine Folge
dieses unersättlichen Durstes waren die tausend Fermane, die
nach Art der alten delphischen Orakelsprüche lauteten und jeder-
zeit bald zugunsten der einen, bald der andern Gemeinde ge-
geben wurden. Eine Folge dieses Durstes waren endlich die
endlosen Plackereien, die gewaltsamen Erpressungen und die
stets wiederholten Forderungen, welche die Geschichte der
Franziskaner Palästinas füllen." „Den neuen Machthabern fiel
es", sagt Tobler von den Osmanen, „nach und nach ein, sich
als Besitzer der heiligen Stätten zu erklären und sie nach Lust
oder Laune oder vielmehr auf das Mehrgebot hin zu vergeben"^);
daher die vielen Streitigkeiten der christlichen Konfessionen in
der türkischen Zeit, während unter den ägyptischen Herrschern
die Besitztitel an den Heiligtümern meist außer Frage blieben.
Erst als gegen Ende die Türkengefahr immer höher stieg, durf-
ten die Georgier, die als Feinde und Nachbarn der Türken den
ägyptischen Kalifen willkommene Bundesgenossen waren, im
Vertrauen auf diese Gunst einen freilich vergeblichen Vorstoß
1) Stoiia di Gerusalenme II 187. -) Topographie II 486.
Einleitung 5
gegen die Rechte der abendländischen Christen auf einen Teil
des Kalvarienberges machen.
Aus diesen Gründen ist die Geschichte der Mission in der
zweiten Periode weit mannigfaltiger und bewegter als in den
ersten zwei Jahrhunderten, in denen stets dieselben Ereignisse
wiederkehren: Sorge der Brüder für die heiligen Stätten, Ar-
beiten für die abendländischen Pilger, denen sie Gastgeber,
Führer, Berater und Dolmetscher waren, und Verfolgungen
von selten mohammedanischer Behörden, die sich an unsern
Brüdern für alle Maßregeln der christlichen Herrscher gegen die
Sarazenen rächten.
Die vorliegende Schrift erzählt die Geschicke der Franzis-
kaner in Palästina unter den ägyptischen Kalifen und greift
ein paar Jahrzehnte über diesen Zeitraum hinaus, um die Ge-
schichte der Niederlassung auf dem Sion zu Ende zu führen.
I. Die Franziskaner in Palästina zur Zeit
der Kreuzzüge.
Seit den ersten Zeiten des Ordenslebens hielten Einsiedler
und Mönche, Lauren und Klöster Einzug in Palästina; die hei-
ligen Stätten und die stimmungsvollen Einöden fesselten stets
aufs neue gottselige Männer und fromme Frauen, die für ihren
Erlöser leben und sterben wollten, wo er gelebt und gelitten
hat. Trotz der verschiedenen Geschicke und Schläge, die das
Hl. Land wiederholt seit Beginn des Mittelalters trafen, ver-
schwand das Ordensleben nicht mehr aus Palästina. Das Heer
des Perserkönigs Chosroes setzte mehrere hundert Kirchen, Klö-
ster und Heiligtümer in Brand; die Mönche blieben im Lande.
Bald nachher kamen die Araber und pflanzten für viele Jahr-
hunderte den Halbmond an die Stelle des Kreuzes; aber das
Ordensleben behauptete sich weiter. „Man ist wahrhaft erstaunt",
sagt Tobler, „in einer Zeit, in welcher die Christen unter der
Botmäßigkeit der Mohammedaner lebten, nach den Verheerungen
der Perser . . . noch so viele Kirchen und Klöster zu treffen.
Es ist dies nicht nur ein Zeugnis für die im ganzen milde Re-
gierung der Kalifen, sondern auch dafür, daß die Christen einen
wichtigen Faktor der Bevölkerung ausmachten. Das tartarische
Verfahren der Moslemin und das Abschwächen des christlichen
Bestandteiles war einer spätem Zeit vorbehalten" ^).
Das schwerste Unheil brachten der Kirche des Orientes die
vielen Schismen und Ketzereien, die seit dem 5. Jahrhundert
1) Tobler, Descriptiones 373. Vgl. auch R. Hartraann, Palästina
unter den Arabern, Leipzig 1915, 17: ..Die Kirchen und Synagogen verblieben
im großen Ganzen ungeschmälert im Besitz der Glaubensgemeinschaften."
I. Die Franziskaner in Palästina zur Zeit der Kreuzzüge 7
die einzelnen Völker des Morgenlandes vom Felsen Petri der
Reihe nach losrissen. Auch aus Palästina verschwand die rö-
misch-katholische Kirche, um den verschiedenen Konfessionen
und Riten der neuen Sekten den Platz zu räumen. Indes blieben
die Klöster auch jetzt; jedes Christenvolk des Orientes suchte und
fand sein Kloster auf heiligem Boden; man hatte nun in Palästina
armenische und griechische, koptische und andere Mönche.
Wiederholt kehrten auch abendländische Klöster und Or-
densleute im Morgenlande ein. So hatte bereits der Ruf des hl.
Hieronymus gottgeweihte Männer und Frauen aus Italien nach
Bethlehem gezogen. Und 800 gründete Karl der Große gegen-
über der Grabeskirche ein Benediktinerkloster, das aber nach
200 Jahren der Zerstörungswut des Kalifen Hakim erlag. Doch
bildeten naturgemäß die abendländischen Klöster im Oriente
eine Ausnahme, bis die Eroberung des Hl. Landes durch die
Kreuzfahrer ein vorübergehendes Aufblühen des lateinischen
Ordenslebens in Palästina bewirkte. Jetzt erhielten die Regu-
lierten Chorherrn ihre Stätte an den großen Heiligtümern; Be-
nediktiner und Benediktinerinnen, Zisterzienser und Prämon-
stratenser gründeten .\bteien auf Berg und Tal; daneben ent-
standen ganz neue Orden auf dem fruchtbaren Boden Palästinas.
Leider war allen diesen Gründungen nur kurze Zeit beschieden.
Ehe sich ein Jahrhundert neigte, mußte das Kreuz ein zweites
Mal in der Hl. Stadt dem Halbmonde weichen und das König-
reich Jerusalem sich auf einen schmalen Meeressaum beschrän-
ken. Jerusalem, Bethlehem und Nazareth fielen mit dem größ-
ten Teile des Landes in die Hände Saladins. Die lateinischen
Christen mußten abziehen; ihre Kirchen und Klöster wurden
Moscheen oder Schulen und sahen nur noch einmal auf kurze
Zeit die alten Bewohner wieder, als Kaiser Friedrich II. mit
Sultan Melek-el-Kamel Frieden geschlossen hatte, und Patriarch
Geroldus mit seinem Kapitel, den Regulierten Chorherrn und
Mönchen nach Jerusalem zurückkehrte.
Jene Friedenszeit öffnete zwei Orden, die erst seit kurzer
Zeit entstanden und von der Kirche bestätigt waren, die Tore
Jerusalems, den Franziskanern und Dominikanern. Kaum ge-
gründet, hatten sie schon Brüder ins Morgenland gesandt. Konn-
8 I. Die Franziskaner in Palästina zur Zeit der Kreuzzüge
ten diese auch nur wenige Jahrzehnte in Palästina bleiben, so
sahen die weiten Länder des Orientes sie noch lange als die
einzigen Vertreter und Boten der abendländischen Kirche. Mit
ihnen beginnt eine neue Blütezeit der Kirche im Abendlande
und eine neue Epoche des lateinischen Ordenslebens im nahen
und fernen Asien, in Armenien und Persien, in Indien und unter
den Tataren. Dem einen derselben sollte es sogar vergönnt
sein, die von den Kreuzfahrern verlassene Fahne wieder auf-
zunehmen und Jahrhunderte hindurch mit Gut und Blut en den
hl. Stätten zu verteidigen.
Über den ersten Aufenthalt der Franziskaner in Palästina
wird wenig berichtet. Die Brüder werden nur gelegentlich in
Chroniken oder Urkunden erwähnt. Man sieht sogleich, daß
ihre Geschicke im Hl, Lande mit den Geschicken des Königs-
reiches Jerusalem innigst verknüpft waren; ihre Niederlassun-
gen beschränkten sich auf seine Grenzen und fanden mit dem-
selben ihr Ende.
Wir wissen nicht, wann die Brüder zum ersten Male in
Palästina erschienen, und wo die ersten Niederlassungen ent-
standen. Die älteste Nachricht, die auf einen dauernden Aufent-
halt derselben im Hl. Lande schließen läßt, enthält das Schrei-
ben, das Gregor IX. am 1. Februar 1230 an die Patriarchen
von Jerusalem und Antiochien richtete. Er sagt in demselben:
„Wenn ihr die Minderbrüder betrachtet, so wendet ihr wohl
erkennen, daß sie nicht zeitliche Güter erstreben" ') ; diese
Worte setzen voraus, daß jene Kirchenfürsten die Gelegenheit
hatten, das Wirken der Brüder zu betrachten.
Wo aber die Brüder damals verweilten, wird nicht gesagt.
Daß im 13. Jahrhundert eine Niederlassung zu Jerusalem
bestand, ist außer Zweifel, da sie von dem Dominikaner Ricol-
dus, der 1294 die hl. Stätten besuchte, ausdrücklich erwähnt
wird. Bei Beschreibung des Leidensweges unsers Herrn be-
1) GB I 160. — Bore (Della questione dei Luoghi Santi, Malta 1850,
14 Anm.) meint, Gregor IX. hätte 1238 den Franziskanern die Hut der hl.
Stätten anvertraut. Wir wüßten nicht, was Gregor 1238 in diesem Sinne ge-
tan hätte. Ob Bore die zwei Breven „Pro zelo christianae fidei" vom Jahre
1238 im Auge hat, die den Franziskanermissionären des Orientes gewisse
Vollmachten geben?
I. Die Franziskaner in Palästina zur Zeit der Kreiizzüge 9
merkt er zur 5. Station: „Hierneben ist die Stätte, die den
Minderbrüdern gehörte" 0. Da dies die einzige aus dem 13. Jahr-
liundert stammende Kunde über die genannte Niederlassung
ist und die Franziskaner damals nur kurze Zeit in der Hl. Stadt
bleiben konnten, versteht man, daß dieser Aufenthalt keine
Spuren in Urkunden und Chroniken hinterließ und in volles
Dunkel gehüllt wurde, weshalb unsichere und unbestimmte
Meinungen über den Bestand und allerlei Vermutungen über
Ursprung und Dauer des Klosters Platz greifen konnten. So-
gar die Lage desselben wurde verschieden bestimmt, seitdem
jenes Zeugnis des Br. Ricoldus über den Ort der Niederlassung
ganz in Vergessenheit geraten war. Was den Anfang der-
selben betrifft, so besteht die größte Wahrscheinlichkeit für die
von dem spanischen Chronisten Calahorra und andern ver-
tretene Meinung, daß die Franziskaner während der Dauer des
1229 abgeschlossenen Friedens in die Hl. Stadt einzogen^), da
man annehmen muß, daß sie sich daselbst niederließen, als die
Stadt in der Gewalt der Christen war. Während der Kämpfe
mit den Kreuzfahrern dürften die Sultane kaum lateinischen
Ordensleuten dauernden Aufenthalt zu Jerusalem gestattet noch
diese dort den Lebensunterhalt gefunden haben.
Die Frage nach dem Orte der Franziskanerniederlassung
in Jerusalem wäre durch das Zeugnis des Ricoldus gelöst ge-
wesen; da es aber vergessen war, so suchten spätere Geschichts-
schreiber des Ordens die erste Niederlassung der Brüder auf
dem Berge Sion. Harlan von Maleo versetzte sie neben das
Zönakulum und meinte, Franziskus habe selbst bei seiner Orient-
reise 1219 vom Berge Sion Besitz ergriffen und beim Zöna-
kulum ein Kloster gegründet^). Abgesehen davon, daß für
') G B I 357. Spätere Pilger erwähnen nur die „in bivio, in quo
angariaverunt Simonem" erbaute Kirche; so Fabri I JJoS: „In hoc loco quon-
dam stabat ecclesia, quae nunc est tota destrucla."
-') Cal. B. II K. 6; GB I 159.
•^) P. Mariano Morone da Maleo, Terra Santa nuovamente illustrata,
I, Piazenza 1669, 17, 72, 187; II, ebd. 1670, 218, 378. — Wenn P. Golu-
bovich, Serie 191, sagt: „I piü de' Cronisti di Terra Santa opinano . . .,
che lo stabilirsi de' Minori sul Monte Sion e presse il S. Cenacolo, dati dall
arrivo di S. Francesco nelle terre d Oriente" (1219), so gilt das nur von den
10 I. Die Franziskanei" in Palästina zur Zeit der Kreuzzüge
diese Behauptung kein einziges älteres Zeugnis geltend gemacht
werden kann, so dürfte sie bereits der von Calahorra dagegen
erhobene Einwand ausschließen, der mit vollem Rechte darauf
aufmerksam macht, daß die Regulierten Chorherrn sicher 1219
ihr Recht auf das Sion-Heiligtum, in das sie zehn Jahre später
wieder einzogen, noch nicht aufgegeben hatten. Es ist aber
vollständig ausgeschlossen, daß der friedliebende Stifter in die
Rechte anderer eingedrungen wäre. Höchstens, meint Cala-
horra, könne man annehmen, daß sich die Brüder an einer
andern Stelle des Sionberges angesiedelt hätten; und diese An-
nahme glaubt der genannte Chronist tatsächlich durch arabische
Urkunden des 13. Jahrhunderts stützen zu können, aus denen
hervorgehen soll, daß die Franziskaner in jener Zeit auf dem
Sion gewohnt haben.
Unseres Wissens ist Calahorra der erste, der jene ara-
bischen Urkunden des Archivs der Prokura der Kustodie heran-
zieht. Die vorausgehenden Geschichtsschreiber derselben, wie
Quaresmius und Verniero, haben sich nirgends auf Urkunden
aus jenem Jahrhundert berufen. Der Kustos P. Paul von Lodi,
der 1634 P. Petrus Verniero den Auftrag gab, die Geschichte
der Kustodie zu schreiben, hatte zuvor durch den in der ara-
bischen Sprache wohlbewanderten P. Vinzenz von Gallicano
ein vollständiges Verzeichnis aller arabischen und türkischen
Urkunden des Archivs aufstellen lassen, wobei ihm ein gebil-
Chronisten der letzten 250 Jahre. Von den Frühern hat niemand diese Mei-
nung aufgestellt. — Spätere Schriftsteller haben gern an die p]rzählung der
Actus, daß Sultan Melek-el-Kamel dem von ihm hochverehrten Stifter ein
„signaculum" übergeben habe (vgl. GB I 62), angeknüpft und dies dahin
verstanden, daß der Sultan ihm einen Schutzbrief ausstellte, auf Grund dessen
die Niederlassungen in Palästina entstanden seien. Auch der hochverdiente
Graf Riant schließt sich in einem Briefe an Br. Lievin dieser Ansicht an und
schreibt, „que la Province Franciscaine de Terra Sainte remonte ä S. Fran-
Qois lui-meme qui a du rapporter de son voyage un Firman general" (vgl.
G B a. a. 0. Anm. 1). Wir wollen gewiß nicht leugnen, daß man jene Nach-
richt der Actus von einem solchen Schutzbriefe verstehen kann: aber diese
Deutung ist durch nichts verbürgt und gestützt. Es geht aber für den Hi-
storiker nicht an, eine unsichere Deutung einer spätem Legende zur Grund-
lage einer geschichtlichen Feststellung zu machen, zumal alle andern zeit-
genössischen Nachrichten versagen oder sich direkt ablehnend verhalten.
I. Die Franziskaner in Palästina zur Zeit der Kreuzzüge 11
deter Türke für die türkischen Urkunden zur Seite ging ^). In
diesem Verzeichnis, das sich im 4. Buche der von Verniero
verfaßten Chronik findet^), steht keine Urkunde des 13. Jahr-
hunderts. Die ersten dieser Art erscheinen mit Calahorra;
spätere vermehrten die Zahl derselben und glaubten im ge-
nannten Archiv sogar Urkunden des 11. und 12. Jahrhunderts
zu finden. Doch liegt fast bei allen ein grobes Versehen vor.
öfter wurden die sehr schwer zu lesenden arabischen Buch-
staben falsch gedeutet ^), andere Male nicht datierte Stücke mit
einem Datum versehen; und mehrere Urkunden des 13. Jahr-
hunderts, die nichts mit den Franziskanern zu tun haben, wurden
zu Unrecht auf diese übertragen. Wie Verniero selbst zu diesen
Stücken bemerkt ■*), ist es im Morgenlande Brauch, daß beim
Verkaufe eines Hauses oder Grundstückes die früheren dies-
bezüglichen Kaufverträge auf den neuen Käufer übergehen.
In den wichtigsten Fällen war es nicht schwer, die be-
gangenen Fehler zu erklären und zu verbessern. So sollte ein
Ferman aus dem Jahre 1023 im Archiv sein, der die fränkischen
Ordensleute in Schutz nimmt ^). Dieser Schutzbrief ist von
Sultan Muzafer ausgestellt, der vier Jahrhunderte später (1421)
regierte, und an den venezianischen Konsul zu Damaskus ge-
richtet, an den sicher niemand im Jahre 1023 dachte. Ein ins
Jahr 1233 gesetzter Ferman soll den Franziskanern die Hälfte
des Kalvarienberges zugesichert haben. Nun war aber 1233
1) Nach dem Briefe des genannten P. Kustos, der zu Anfang der im
Archiv des Sel^retariates der Kustodie bewahrten Chronili steht. Die genannte
Chronik ist noch nicht gedruckt.
2) S. 134—211. Die erste Hälfte ist unter dem Titel „Catalogus Scriptu-
rarum Terrae Sanctae" abgedruckt in der Zeitschrift Diarium Terrae Sanc-
tae III und IV.
'â– *) Der hervorragende Arabist P. Joussen 0. P., der auf unsere Bitte
die in Frage stehenden Firraane prüfte, versicherte uns, daß es unmöglich
sei, einzelne Buchstaben und so ihren Zahlenwert mit Bestimmtheit zu deuten ;
höchstens könne man aus dem Inhalte und den Namen die Zeit der Firmane
folgern. Die Fehler der frühern Datierungen führt er besonders darauf zu-
rück, daß man den unterschied zwischen der syrischen und nordafrikanischen
Schreibweise der Zaiiien über.-ah; jede gibt den Buchstaben einen andern
Zahlenwert. +) Chronik 166.
•i) Schublade 36 des Archives. Razzoli, I Francescani 22, gibt eine
Photographie der Urkunde.
12 I. Ui<J Fraiizlskanei- in Palästina zur Zeit der Kreuzzüge
Jerusalem unter der Herrschaft der lateinischen Könige und
daher ein Ferman des Sultans in keiner Weise maßgebend, und
die Grabeskirche von den Regulierten Chorherrn bedient. Der
Ferman trägt an der Spitze den Namen des Sultans Qansu, der
im Anfang des 16. Jahrhunderts regierte; tatsächlich fallen in
seine Zeit die Kämpfe der Franziskaner mit den Georgiern,
die den Brüdern ihren Anteil am Kalvarienberge entrissen
hatten. Ein von spätem in das Jahr 662 der Hedschra ge-
setzter Ferman sagt bereits durch seine türkische Sprache, daß
er um mehrere Jahrhundert jünger ist und der Zeit der Os-
manen angehört. Außerdem heißt es ausdrücklich im Ferman,
daß die Brüder vor dem Sultan an der „Pforte der Glückselig-
keit", d. h. in Konstantinopel, erschienen. Nach Calahorra soll
Sultan Daher-Barkuk 1294 den Brüdern die Erlaubnis erteilt
haben, ihr Kloster auf dem Berge Sion zu restaurieren 0. Jener
Sultan regierte 100 Jahre später (1382 — 1399), weshalb der
Ferman um 100 Jahre jünger ist. Andere Fermane scheiden
aus, weil sie nicht die Franziskaner betreffen. So begegnet
man bei vielen Schriftstellern der Nachricht, die Franziskaner
hätten 1295 oder 1296 zu Ramleh ein Grundstück erworben^).
Tatsächlich befindet sich im Prokuraarchiv ein Kaufvertrag
über einen Platz in Ramleh aus dem Jahre 694 der mohamme-
danischen Zeitrechnung^); derselbe sagt aber nicht ein einziges
Wort von Franziskanern und kam erst mit einem spätem Kaufe
in ihre Hände. Auf die gleiche Weise wird eine andere Ur-
kunde, aus dem Jahre 1247, ins genannte Archiv gelangt sein *),
die von einem Streite handelt, den fränkische Ordensleute mit
einem gewissen Christen Jakob wegen eines auf dem Sion ge-
legenen Grundstückes führten. Jene Brüder machten vor Ge-
richt geltend, daß sie bereits zur Zeit der Eroberung Palästinas
1) Chronik, ß. II K. 6. — P. Jugtinian von Venedig übernalirn diese
Nachricht in seine „Gesta Dei per Fratres Minores" (vgl. Le Missioni Fran-
cescane II 69: „Suitanus Daher concedit Fratribus reparationem Conventus
Sacri Montis Syon"), wodurch er zu mehreren andern Irrtümern kam.
2) Vgl. Golubovich, Serie 204. ^) Schublade 7.
â– *) Schublade 25. Es ist die einzige arabische Urkunde des genannten
Archivs aus dem 13. Jahrhundert, die Golubovich, freilich mit Bedenken, auf-
genommen hat.
I. Die Franziskaner in Palästina zur Zeit der Kreuzzüge 13
durch Omar im Besitz des strittigen Aclcers waren, woraus
sich sofort ergibt, daß nur morgenländische Mönche in Frage
kommen. Dieser Deutung stehen die in der Urkunde gebrauchten
Worte „die fränkischen Ordensleute des Sionklosters" nicht
entgegen, da sie von den Brüdern des um jene Zeit mit Rom
vereinigten armenischen Salvatorklosters auf dem Sion ver-
standen werden können, zumal die Namen der in der Urkunde
genannten Ordensleute auf Armenier hinweisen ^). Auf keinen
Fall kommen die Franziskaner bei der Streitfrage und Ur-
kunde in Frage.
Daß im 18. Jahrhundert den Franziskanern Fermane aus-
gestellt wurden, ist außer Zweifel, da spätere Fermane ganz
klar Schutzbriefe erwähnen, die von den Sultanen Bibars und
Kalaun den Brüdern verliehen seien ^). Weil jedoch der Wort-
laut nicht vorliegt, können wir über ihren Inhalt nichts fest-
stellen. Unter den Urkunden und Fermanen, die noch heute
in St. Salvator zur Verfügung stehen, ist nur ein auf den Sion
bezügliches Stück aus dem 13. Jahrhundert, das aber nicht die
Franziskaner betrifft. Daher fallen alle Beweise, die Calahorra
und andere für ein Kloster der Minderbrüder anführen, daß in
jener Zeit auf dem Berge Sion bestanden habe.
In neuerer Zeit suchte man die erste Niederlassung der
Franziskaner zu Jerusalem an der Grabeskirche; sie hätten
sich daselbst bereits um 1240 niedergelassen. Diese Ansicht
beruht auf einem der köstlichsten Mißverständnisse, dem man
in historischen Arbeiten begegnet. Ein Chronist jener Zeit soll
melden, daß „diio fratres minores" die Hut des Hl. Grabes wahr-
nehmen. Tatsächlich heißt es so in der Beschreibung des Hl.
Landes, die der Patriarch von Jerusalem an Papst Innozenz III.
sandte. Aber jeder, der den ganzen Wortlaut liest, sieht sofort,
daß nicht von zwei Minderbrüdern die Rede ist, sondern von
„zwei Jüngern Brüdern unter den 8 Söhnen des Sultans Saffedin,
die täglich vor ihrem CJotte Mohammed weilen" '').
') So heißt der zweite „K'iir, Sohn des Agob" ; bei G o 1 u b n v i c li , Serie 4,
und Bibiioteca I 219, .irrig: „Gregorio, figlio di Giacomo."
••2) Vgl. Golubovich, Serie 1(58 und 178.
=<) Die fragliche Stelle lautet: „Octo filii Sephadini . . .; duo alii fratres
minore; sunt quotidie in eonspectu dei sui Machoineth ;" GB I 187. Jenes
j^4 I. Die Franziskaner in Palästina zur Zeit der Kreuzzüge
Während so die bisher vorgebrachten Zeugnisse des 13.
Jahrhunderts und die verschiedenen Ansichten über andere
Klöster der Franzisl^aner in Jerusalem preisgegeben w^erden
müssen, bleibt nur die von Br. Ricoldus überlieferte Nachricht
über eine Niederlassung derselben in der Nähe der 5. Kreuz-
wegstation übrig. Da aber seine wenigen Worte alles enthalten,
was bisher über dieses Kloster in Erfahrung gebracht werden
konnte, sind Anfang, Geschicke und Ende desselben in Dunkel
gehüllt. Doch besteht alle Wahrscheinlichkeit für die Annahme,
daß es nach wenigen Jahren bei der Eroberung der Hl. Stadt
durch die Charesmier mit den übrigen lateinischen Anstalten
sein Ende fand.
Über das Franziskanerkloster, das im 13. Jahrhundert in
Bethlehem bestanden haben soll, wissen wir nicht einmal so
viel. Bisher wurde weder eine Urkunde noch eine Chronik
jener Zeit gefunden, die von dieser Niederlassung der Brüder
in der Geburtsstadt des Heilandes Nachricht gibt, weshalb wir
auch hier auf die Vermutung beschränkt sind, daß die Söhne
des hl. Franziskus während des von Kaiser Friedrich II. er-
wirkten Friedens in Bethlehem einzogen, um bald an der
Krippe des Erlösers zu weilen 0- Die öfter aus Marinus Sanutus
wiederholte Nachricht, daß die dortigen Brüder im April 1263
als Märtyrer gestorben seien, ist zum wenigsten sehr unsicher;
Sanutus spricht nur von „Monasterium Bethlehemitanum" im
Mißverständnis findet sich zum ersten Male in Le Mission! Francescane, 1894,
159; hieraus wurde es von P. Golubovich in seiner Serie, S. XVII, herüberge-
nommen, von ihm selbst aber, Biblioteca 1 187. gründlich aufgeklärt. — Meiste r-
mann-Huber, Durchs Hl. Land, Trier-München 1913, 159, nahm den Irrtum
trotzdem wieder auf und beruft sich auf die von Golubovich richtig gestellte Flo-
renUner Handschrift. — Ebd. 159 wird gesagt: „Aus einem Breve Alexanders IV.
vom 19. März an den Provinzial von Syrien scheint hervorzugehen, daß 1244
die in Jerusalem wohnenden Mönche von den Charesmiern ermordet" wurden.
Auch wir glauben, daß die Worte des angezogenen Breves von jener Zeit
sprechen (vgl. G B II 391), machen aber geltend, daß daselbst weder Ort noch
Zeit genannt werden. — Calahorra ließ Quaresmius aus jenem Breve folgern,
daß unsere Brüder schon 1257 in der Hl. Stadt wohnten (B. 11 K. 6); doch
sagt Quaresmius an der von Calahorra angezogenen Stelle nur, daß „Minoritae
habitabant in Syria et Terra Sancta", ohne Jerusalem zu erwähnen.
1) Vgl. GB II 546.
I. Die Franziskaner in Palästina zur Zeit der Kreuzzüge 15
allgemeinen, ohne die Franziskaner zu nennen 0. Sollte seine
Nachricht überhaupt von Bethlehem zutreffen, so wird man
sie von dem großen an der Geburtsgrotte errichteten Kloster
der Regulierten Chorherrn verstehen müssen. Wahrscheinlicher
aber erscheint uns, daß Sanutus hier Bethlehem mit Nazareth
verwechselt hat und jene Zerstörung von letzterem Orte gilt,
der durch den vom hl. König Ludwig mit dem ägyptischen
Sultan geschlossenen Frieden den Lateinern überlassen war.
Daß Bibars hier 1263 im April große Verwüstungen anrichten
ließ, wird tatsächlich von arabischen Chronisten gemeldet, wäh-
rend sie nichts von einem Zuge berichten, den Bibars damals
gegen das ihm längst unterworfene Judäa unternommen habe.
Zudem dürfte das Kloster zu Bethlehem im 13. Jahrhundert
seit dem Einfall der Charesmier und dem letzten Abzug der
lateinischen Geistlichkeit kaum wiederhergestellt sein.
Von einem Franziskanerkloster zu Nazareth scheint zum
ersten Male bei Bartholomäus von Pisa die Rede zu sein, der
um 1390 schreibt, daß die Niederlassung der Brüder in Nazareth
zurzeit „wegen der Schlechtigkeit der Sarazenen" verlassen
sei^); leider verrät er mit keinem Worte, wann dies geschah.
Daß die Sarazenen Galiläas gegen die Christen feindselig waren,
melden mehrere Pilger; so fand Ludolf von Suchern um 1340
in Nazareth „sehr böse Sarazenen" ^); das gleiche erzählt etwas
früher von Naim und Kapharnaum Br. Jakob von Verona ■*).
1) So sagt z. B. Pcrinaldo, Storia dl Gerusalemme 11 177: „Leg-
giamo in Marino Sanuti che nel 1263 i Saraceni distrussero il convento di
I^etlemme, facendovi strage di tutti quei Francescani." In Wirklichkeit sagt
Sanutus (221) nur: „Kodein quoque mense Saraceni destruxerunt monasterium
Hethlehemitanum."
-) Analecta Franci.-cana IV 538 : „In Nazareth fuit etiam locus, etsi
modo ob pravitatem saracenorum sit dimissus." Golubovich knüpft liieran
die Bemerkung, das Kloster sei „abbandonato ai tempi del Pisano, poichö
dice «modo dimissus»". (G B II 269 Anm. 4.) Das „modo" braucht durcli-
aus nicht im Sinne von „kürzlich" verstanden zu werden ; es kann ebensogut
„zurzeit" heißen. Pisanus sagt an der angezogenen Stelle weiter: „In Terra
Sancta . . . passi sunt 31 martyres de ordine nostro", was Röhricht irrig auf
Nazareth bezieht (fitudes 374 Anm. 33), als ob jene Brüder alle zu Nazareth
gestorben seien.
•■*) Deycks 95: „Degunt in Nazareth Sarraceni pessimi nequam."
*) Liber peregrinationis 275 und 279: „Pessimi Saraceni."
16 1. Die Franziskaner in Palästina zur Zeit der Kreuzzüge
Diese Bestätigung des von Bartholomäus angegebenen Grundes
durch jene beiden Pilger flößt uns Vertrauen auf sein Zeugnis
ein und gibt zugleich einen Fingerzeig, um die Zeit der Grün-
dung wenigstens annähernd zu bestimmen. Bei jener Gesinnung
der umwohnenden Mohammedaner darf man ohne weiteres an-
nehmen, daß es unsern Brüdern nicht möglich war, sich in
Nazareth zu einer Zeit niederzulassen, in der dieselben die Herren
des Landes waren. Wir müssen vielmehr ins 13. Jahrhundert und
in die Zeit zurückgehen, in der die Lateiner daselbst herrsch-
ten, was wiederholt der Fall war. Zunächst kam Nazareth 1229
durch den vom Kaiser Friedrich II. geschlossenen Vergleich
an die Christen, und aufs neue 1250, als der hl. König Ludwig
mit dem ägyptischen Herrscher Frieden schloß ^). Sodann finden
wir, daß Sultan Kalaun 1283 den Franken vier Häuser überließ,
die früher der Verkündigungskirche gehört hatten ^). Bei einem
dieser Anlässe wird das Franziskanerkloster entstanden sein.
Wegen der großen Liebe, die der hl. Ludwig für den Orden
hegte, scheint es uns besonders wahrscheinlich, daß sich die
Brüder in Nazareth dank seiner Vermittlung ansiedeln konnten.
Bei den übrigen Klöstern, die von den Franziskanern in
Palästina während des 13. Jahrhunderts gegründet wurden,
haben wir festern Boden unter den Füßen; sie lagen an Orten,
die längere Zeit im Besitze der Kreuzfahrer blieben, so daß
auch ihnen ein längerer Bestand beschieden war, mehrere
begegnen uns daher in Urkunden oder Chroniken jener Zeit.
Das Kloster zu Jaffa verdankt seine Entstehung dem hl.
König Ludwig IX., der hier mit großen Kosten 1252 Kirche
und Kloster erbauen ließ ^). Um dieselbe Zeit wird das Kloster
zu Akri erwähnt; daselbst wohnte der bekannte Missionar
P. Wilhelm von Ruysbroek, bevor er 1253 seine große Reise zu
den Tataren antraf*). Wie uns sein Reisebericht sagt, hatten
') G B II 388 ; daselbst auch der Beweis, daß die Stadt damals einige
Zeit in der Hand der Kreuzfahrer blieb.
2) GB II 431. 3) GB I 298, II 514.
■*) G B I 230 : „Diffinivit minister, quod legerem Achon." — Ob auch
in der Feste Safet eine dauernde Niederlassung der Franziskaner war, wie
Golubovich (II .564) aus der Tatsache folgern möchte, daß einige Brüder
daselbst 1266 zur Zeit der Belagerung weilten, lassen wir dahingestellt.
I. Die Franziskaner in Palästina zur Zeit der Kreuzzüge 17
die Franziskaner hier ein Studium, was auf eine größere Be-
deutung dieses Kloster schließen läßt.
In dem nördlich anstoßenden Phönizien hatten unsere
Brüder Niederlassungen zu Sidon und Tyrus. Jenes wird in
einer Schenkungsurkunde aus dem Jahre 1253 und dieses zwei
Jahre später von Alexander IV. in einem Breve genannt 0-
Die Klöster Palästinas bildeten mit den in Syrien gele-
genen Niederlassungen die Kustodie Syrien, die zur Provinz
des Hl. Landes gehörte. Diese umfaßte zunächst ganz West-
asien und die Balkanhalbinsel, bis 1263 auf letzterer die
Provinz Griechenland gebildet wurde. In der Folge hatte die
Provinz des Hl. Landes außer der Kustodie Syrien die Kustodie
Zypern mit den auf dieser Insel gelegenen Klöstern und die
Kustodie Tarsus in dem am Südrande Kleinasiens gegründeten
Königreiche Armenien.
Eine Darstellung der Arbeiten, die von den Franziskanern
während des 13. Jahrhunderts in Palästina vollbracht wurden,
ist nicht möglich, da nur gelegentliche Nachrichten über die-
selben berichten. Es liegt nahe, daß ihre Sorge zunächst den
Kreuzfahrern galt. Eine Nachricht, die Alexander IV. in seinem
Breve vom 19. März 1257 gibt, bestätigt dies ausdrücklich. Der
Papst sagt, daß er aus dem Munde glaubwürdiger Zeugen
erfahren habe, wie die Franziskaner den gegen die Sarazenen
kämpfenden Christen als Seelsorger, mit Predigten und heil-
samen Ermahnungen beistehen; einige der Brüder seien von
den Ungläubigen bei diesen Arbeiten um des Namens Christi
willen getötet worden ^). Das Breve gibt weder Zeit noch Ort
ihres Martertodes an. Da kaum andere Verfolgungen der Fran-
ziskaner vor 1257 stattgefunden haben, nimmt man an, daß
jene Brüder 1244 durch die Charesmier hingemordet wurden.
Die Sultane jener Zeit scheinen nach verschiedenen Tat-
sachen und Zeugnissen der ersten Jahrzehnte den Brüdern
gewogen gewesen zu sein. Vielleicht wirkte die Erinnerung
an den hl. Franziskus nach. Auch werden die Beziehungen,
1) GB I 230 und 234.
ii) GB II 391. — Calahorra bezielit (B. II K. 19) das Breve auf
Brüder, die 1288 oder 1290 starben!
Fmiizisk. Studien, Beiheft 4: Lern mens, Die Ffanziskaner auf ilein Sien 2
18 I. Die Franziskaner in Palästina zur Zeit der Kreiizzüge
in die verschiedene Franziskaner zu den Sultanen als Abge-
sandte des Papstes traten, eingewirkt liaben ^). Wie schon
Sultan Melek-el-Kamel dem hl. Stifter einen Schutzbrief aus-
stellte, so sicherte Sultan Melek-el-Mansur von Homs (Emesa)
1245 den Brüdern, die „zur Besserung der Christen und zur
Predigt" in sein Reich kamen, den kaiserlichen Schutz zu ^).
Jakob von Vitry aber erzählt uns als Augenzeuge, daß das
sarazenische Volk den Franziskanern gewogen sei; „sie bewun-
dern ihre Demut, geben ihnen gern das Notwendige und nehmen
sie mit Freuden auf" ^). So waren sie besonders für den damals
von den Päpsten wiederholt erteilten Auftrag geeignet, in die
Städte der Sarazenen zu gehen und dort den gefangenen Christen
geistlichen Beistand zu leisten ^). Leider dauerten diese Zeiten
und Verhältnisse nicht lange.
Während Palästina in der ersten Hälfte des 13. Jahr-
hunderts meist ruhigere Tage sah, trat seit 1260 ein furchtbarer
Wechsel ein. Am 24. Oktober dieses Jahres bestieg der Emir
Daher-Bibars, nachdem er den Sultan Ägyptens aus dem Wege
geräumt hatte, den Thron der Kalifen. Er war einer der furcht-
barsten Gegner der Franken, die „Säule der mohammedanischen
Religion, der Vater der Siege", der das Ende der christlichen
Herrschaft in Syrien einleiten sollte. Seine siebzehnjährige
Regierung ist ausgefüllt mit Kriegsvorbereitungen und Feld-
zügen in Palästina, Syrien, Armenien und gegen die Tataren, die
mit den Franken gemeinsame Sache gegen die Kalifen Ägyptens
machten. 1261 fiel Bibars ungeachtet des Waffenstillstandes,
den die Sultane von Damaskus und Ägypten 1256 auf zehn Jahre
mit den Christen geschlossen hatten, ins Fürstentum Antiochien
ein. Im Februar 1263 unternahm er einen zweiten Zug gegen
die Lateiner, ließ den Tabor besetzen, die dort erbaute Kirche
zerstören und sandte seine Truppen gegen Nazareth, die den
Tempel der Gottesmutter dem Erdboden gleich machten. 1265
nahm er Cäsarea, zerstörte Festungswerke und Stadt und er-
1) GB II 327 ff. 2) GB 11 338.
^) G B I 9 : „Etiam Saraceni et obtenebrati homines eoruni humilitatem
et pertectionem admirantes . . . grato animo necessaria providentes libenter
eos recipiunt." ^) G B I 181 und 276.
I. Die Franziskaner in Palästina zur Zeit der Kreuzzüge 19
schien am 21. März vor Arsuf, das sich nach 43 Tagen ergab.
Im folgenden Jahre führte er ein mächtiges Heer gegen die
starke Festung Safed, die das obere Galiläa schützte und auf
Rat des Franziskanerbischofs Benedikt von Alignano 1240 wieder
hergestellt war^). Wiederholt schlugen die tapfern Streiter der
Festung den Sturm der Sarazenen ab, bis ihre Kraft erlahmte,
und sie Verhandlungen anknüpften. Bibars sicherte ihnen freien
Abzug zu, brach aber sein Wort. Die arabischen Chronisten
stimmen in Erzählung und Erklärung dieses Treubruches nicht
überein ^). Nach Makrizi hätten die Christen gegen die ein-
gegangenen Bedingungen Waffen und Silber mit hinausgetra-
gen ^). Sicher ist, daß die gefangenen Christen, deren Zahl
verschieden angegeben wird, sämtlich bis auf einen, der den
Franken Kunde überbringen sollte, niedergemacht wurden.
Er. Fidentius von Padua, der damals Vikar der Franziskaner
im Hl. Lande war und auf Bitten des Meisters der Templer
vor Beginn der Belagerung zwei Brüder in die Feste entsandt
hatte, hat uns einen längern Bericht über den Tod der christ-
lichen Helden hinterlassen "*). „Da die Christen sahen, daß sie
den Sarazenen am Ende nicht widerstehen könnten, weil sich
ihre Zahl täglich verminderte und keine Hilfe zu erwarten war,
während das Heer der Feinde täglich stärker wurde, unterhan-
delten sie mit dem Sultan wegen des Friedens. Dieser ging gern
darauf ein und vereinbarte mit den Christen, daß diese ihm die
Feste übergeben sollten, wogegen er alle Christen mit ihrer
Habe, die sie tragen könnten, nach Akri zu geleiten versprach.
Nachdem dieser Vertrag abgeschlossen und durch Eidschwur
bekräftigt war, zogen die Christen aus der Festung und sam-
melten sich draußen auf dem Platze. Der Sultan aber brach
sein Wort und hielt den Schwur nicht. Denn als die Sonne
untergegangen war, sandte er einen Beamten, man sagt, mit
1) GB I 236 ff. •i) Vgl. Röhricht, fitudes 383; GB I 259.
3) Makrizi, B. I T. II 30. Zwei entgingen nach Makrizi dem Blutbade;
einer hatte gleich den Islam angenommen, den andern sandte Bibars zu den
Christen, um ihnen die Kunde von der Eroberung der Stadt zu bringen.
*) GB II 24. Marin US Sanutus scheint diesen Bericht benützt zu
haben; vgl GBl 261. Mit ihm stimmt wörtlich Br. Paulinus Puteolanus
übe. ein; vgl. G B I 261. Die andern Berichte weichen in einzelnen Punkten ab.
20 I- Die Franziskaner in Palästina zur Zeit der Kreuzzüge
entblößtem Schwerte, und ließ den Christen erklären: >Mein
Herr sendet mich zu euch und ladet euch ein und fordert euch
auf, Sarazenen zu werden. Erfüllt ihr seinen Willen, so wird
er euch Pferde und Waffen und Frauen und Reichtümer geben;
er wird euch erhöhen und groß machen. Erfüllt ihr aber seinen
Willen nicht, so werdet ihr alle morgen enthauptet werden. <
Die Christen erwiderten: Möge der Sultan den mit uns geschlos-
senen Bund halten. Wir wollen nicht Sarazenen werden; und
dem Sultan ziemt es nicht, seinen Eid zu brechen.« Nach Weg-
gang des vom Sultan entsandten Boten ermahnten die Minder-
brüder während der ganzen Nacht die Christen, standhaft im
Glauben zu bleiben, da sie ohne Zweifel die Marterkrone emp-
fangen würden. Die durch die guten Reden der Brüder ge-
stärkten Christen beschlossen, auf keine Weise und unter keiner
Bedingung den christlichen Glauben zu verlassen. Als es nun
Tag geworden, kam der Bote zurück und fragte die Christen,
ob sie dem Willen des Sultans entsprechen wollten. Aber ^le
erklärten einmütig, sie würden um keinen Preis dem christ-
lichen Glauben untreu werden. Darauf ließ der Sultan alle
Christen mit Ausnahme der beiden Minderbrüder und des Priors
der Templer an den Ort des Martyriums am Abhang des Hügels
führen und alle daselbst enthaupten; kein einziger von ihnen
verleugnete den Glauben Christi. Das Blut der enthaupteten
Christen floß wie ein Wasserstrahl den Berg herunter. Ihre
Zahl soll mehr als 500 Männer betragen haben. Nach der Ent-
hauptung dieser Männer wurden die beiden Minderbrüder, von
denen einer Fr. Jakob von Puy ^ und der andere Fr. Jere-
raias von Genua hieß, nebst dem Prior der Templer, Fr. Hugo,
vor den Gerichtshof auf dem Platze vor der Feste geführt, wo
der Richter ihnen sagte: Ihr habt die andern verführt, die un-
^) Ob dieser Fi". Jakob von Puy nicht dieselbe Person ist mit Fr. Phi-
lippus von Puy (oder Anisio), dessen Martyrium die Chronik der 24 Generäle
in Azotus geschehen läßt (vgl. AF III 134 und 416)? Nicht nur stimmt die
Heimat überein, sondern auch verschiedene in den einzelnen Chroniken be-
richtete Einzelheiten; so gleichen sich die Todesqualen; auch heißt es von
beiden Orten, daß die Feste durch Verrat genommen wurde; dies sagt die
Chronik von Limoges über Safed (G B 1 260), und die Chronik der 24 Generäle
von Azotus.
I. Die Franziskane" in Palästina zur Zeit der Kreuzzüge 21
sere Lehre angenommen hätten; bekehrt euch und werdet Sa-
razenen; sonst werden euch harte Strafen treffen. Die Brüder
antworteten: >Wir fürchten deine Strafen nicht und sind aus
Liebe zu unserm Herrn Jesus Christus und zum christlichen
Glauben bereit, alle Leiden zu erdulden.« Da der Richter sah,
daß er ihren Willen nicht umstimmen konnte, befahl er, sie mit
einer dreifachen Marter zu peinigen. Zunächst ließ er ihnen
die Haut vom lebendigen Leibe reißen, sie dann auf das hef-
tigste über das von der Haut entblößte Fleisch peitschen und
schließlich an den Ort führen, an dem die übrigen Christen
gemartert waren, und daselbst enthaupten. Alle Leiber der ge-
töteten Christen wurden an einen Ort zusammengetragen und
ringsum ein Steinhaufen aufgeschichtet, der bis heute daselbst
steht. Die Christen erzählten öffentlich, daß nachts ... ein helles
Licht über den Leibern der Märtyrer erstrahlte, das von allen
Sarazenen gesehen wurde."
Jener Steinhaufen, von dem Fidentius spricht, beschützte
bis in die letzten Jahre die Leiber der Märtyrer, die in
einer mit Steinen verschlossenen Grotte unweit Safed beigesetzt
waren. Als vor wenigen Jahrzehnten ein Teil der Steine zum
Bau einer Mauer entfernt wurde, kam die Grotte zum Vorschein 0-
Furchtbare Leiden und Verluste brachte das Jahr 1268
den Christen. Am 7. März erschien Bibars vor Jaffa und nahm
es in weniger als 12 Stunden. Nachdem er den Bewohnern
freien Abzug gegen Akri gestattet hatte, ließ er die Stadt, um
den Christen jeden Stützpunkt zu nehmen, vollständig zerstören;
nur Ruinen blieben für Jahrhunderte an der Stelle. Holz und
Marmor der Kirchen wurden in die Dahermoschee nach Kairo
gebracht -')• Im Mai zog Bibars vor Antiochien. Da die Ver-
handlungen wegen Übergabe der Stadt erfolglos blieben, begann
der Sturm, der am 18. Mai die große Stadt mit mehr als 100 000
Einwohnern in die Hände des Sultans gab. Wer nicht dem
Schwerte zum Opfer fiel, wurde als Sklave verkauft. Die Zahl
1) Vgl. P. Aegidius Geissier, Das Martyrergrab in Saffed. In Zeit-
schrift: „Das Heilige Land", Jahrg. 25 (Köln 1881) 121—126.
2) Röhricht, ßtudes 389. — Einige Einzelheiten ergänzt Br. Fidentius:
vgl. BGH 25.
22 I- Di^ Franziskaner in Palästina zur Zeit de- Kreuzzüge
der Opfer wird verschieden aügegeben. Wie Bibars selbst in
dem Schreiben, durch das er König Boemund die Nachricht
vom Falle der Stadt gab 0. sagt, wurden die Kirchen zerstört,
die Gräber verwüstet, die Heiligtümer geschändet, die Mönche,
Priester und Diakonen auf den Altären geopfert. „Wer könnte",
sagt Fidentius, „all' das Leid im einzelnen berichten, das die
Sarazenen über Antiochien und seine Bürger gebracht? Man
glaubt, daß außer denen, die getötet wurden oder entflohen,
an 40 000 gefangen wurden, die man über alle Länder der Sara-
zenen, besonders über Syrien und Ägypten, verteilte" ^).
Die folgenden Jahre brachten weitere Kriegszüge des Sul-
tans und neue Leiden der Christen. Ein Chronist jener Zeit
berichtet zum Jahre 1269, daß „in der Provinz Syrien sieben
Minderbrüder vom Sultan Babyloniens um des katholischen
Glaubens willen getötet wurden . . . Einer derselben, ein Priester,
namens Conradus de Hallis, wurde enthauptet und von den Un-
gläubigen ins Meer geworfen. Und siehe, es erschienen über ihm
vor den Augen aller, der Christen wie der Sarazenen, zwei
helle Lichter, ein Licht über seinem Haupte und eines über
seinem Leibe, drei Tage lang . . . Dieses Zeichen erschreckte
die Sarazenen so, daß alle mit dem Rufe: Der Gott der Christen
streitet für die Christen < davon liefen" ^). Wie uns derselbe
Gewährsmann weiter erzählt, wurde in einem Kloster der Guar-
dian nebst zehn Brüdern gefangen genommen und zum Ver-
kauf ausgeboten; ein Benediktiner zahlte den Kaufpreis und
befreite sie aus den Fesseln.
1) Vgl. Makrizi, Bd. I T. II 193: „Si tu avais vu les eglises d6molies,
les croix sciees les livres de leurs faux evangiles etales au jour, les tom-
beaux des patrices ecroulcs: si tu avais vu ton ennemi le musulman fonder le
sanctuaire; le moine, le pretre, le diacre immoles sur l'autel, les patrices
livres au malheur, les princes de la faraille royale reduits au rang d'esclaves."
2) G B II 26. — tJber das Geschick der Franziskaner wird nichts im
besondern berichtet. Br. Johannes Elemosina hat die allgemeine Nach-
richt: „Plurimi captivi ducti monachi et religiosi fratres et religiöse incluse
in dispersionem et occisionem et captivitatem inciderunt" (G B II 125).
^) So der Chronista Erphordensis. Vgl. die Auszüge aus seiner Chronik
in G B I 264. — Jener Conradus de Hallis dürfte ein deutscher Franziskaner
gewesen sein. — Die Zahl „sieben" ruft den Gedanken wach, ob diese sieben
Brüder nicht identisch mit jenen sieben Märtyrern sind, die Elemosina 1289 zu
Tripolis sterben läßt (G B II 108).
I. Die Franziskaner in Palästina zu- Zeit der Kreuzzüge 23
Das Jahr 1272 brachte eine Wendung, da verschiedene Um-
stände, besonders die Fortschritte der Tataren, Sultan Bibars be-
stimmten, mit den Christen auf zehn Jahre Frieden zu schließen 0.
Hiermit begann für Palästina und Syrien eine ruhigere Zeit,
die den lateinischen Christen erlaubte, die Wallfahrten zu den
heiligen Stätten wieder aufzunehmen. Um diese Zeit bestanden
noch Franziskanerklöster zu Tripolis, Akri, Tyrus und Sidon;
an den beiden ersten Orten weilten auch Dominikaner.
Am 1. Juli 1277 starb Sultan Bibars zu Damaskus. Ihm
folgten zunächst für kurze Zeit zwei seiner Söhne, bis am
26. November 1279 Sultan Kalaun die Regierung antrat, die
er 11 Jahre lang führte. Im April 1282 schloß er mit dem
Meister der Templer einen Frieden auf zehn Jahre und am
3. Juni 1283 mit den Fürsten von Akri, Sidon und Athlith ^),
was ihn aber nicht abhielt, wiederholt Streifzüge ins Gebiet
der Christen zu unternehmen. Leider wußten diese auch jetzt
noch nicht, sich auf den Endkampf zu rüsten und die gegen-
seitigen Streitereien zu beenden. So hätte 1286 nicht viel ge-
fehlt, und Akri, das wichtigste Bollwerk der Christen, wäre von
christlichen Schiffen angegriffen worden. Als der genuesische
Admiral Thomas Spinola mit der Flotte an der kleinasiatischen
Küste erschien, um die Venetianer und Pisaner zu verjagen,
kamen einige dieser Schiffe vor Akri und verlangten die Aus-
treibung der Feinde. Die Stadt entsandte aber an den Befehls-
haber der Schiffe zwei Franziskaner, die einen gütlichen Aus-
gleich erwirkten ^).
Bald nachher glaubte Sultan Kalaun den Zeitpunkt ge-
kommen, um die letzten Reste des fränkischen Reiches zu ver-
nichten. 1289 zog er gegen Tripolis und nahm nach einem
Monat, am 26. April, die Stadt. Die meisten Männer wurden
getötet, die Frauen und Kinder verkauft und die Stadt zerstört.
Die Chronik von Lanercost erzählt uns einen schönen Zug vom
Mute, den ein englischer Franziskaner, der früher Guardian zu
Oxford gewesen war, während der Belagerung zeigte. Während
1) Vgl. GB I 280.
2) Röhricht, Regesta regni Jorosolimitani Nr. 1447 und 1450.
•^) GB II 443.
24 I. Die Franziskaner in Palästina zur Zeit der Kreuzzüge
die Christen bereits entmutigt an die Übergabe dachten, suchte
jener Bruder sie zu weiterem Kampfe zu begeistern. Als dann
die Nachricht kam, der Feind habe die Mauern erbrochen und
dringe in die Stadt, nahm der Bruder ein Kreuz auf seine
Schulter, zog zur Bresche und forderte das Volk auf, ihm zu
folgen. Kaum war er aber in die Nähe der Feinde gekommen,
so trennte ihm ein Schwerthieb den Arm vom Rumpfe. Sofort
nahm er das Kreuz auf die andere Schulter ; ein zweiter Streich
schlug auch diese ab, und der mutige Kreuzträger kam unter
die Hufe der Pferde, die ihn vollständig zerstampften ^). Sieben
Brüder, die den bei Einnahme der Stadt gefangenen Christen
Mut zusprachen, wurden von den Sarazenen „durch ein hartes
Martyrium getötet" ^).
Der Tod hinderte Kalaun, sein Werk zu vollenden und
das letzte Bollwerk der Christen zu vernichten. Sterbend (27. No-
vember 1290) übergab er seinem Sohne und Nachfolger Aschraf
den Auftrag, gegen Akri zu ziehen, und dieser zögerte nicht,
dem Willen des Vaters zu entsprechen. Er erschien im Früh-
ling 1291 mit einem gewaltigen Heere vor der Stadt und er-
oberte sie nach 40 Tagen, am 18. Mai. Die Kirchen wurden
zerstört, die Stadt verbrannt ^). Furchtbar war das Blutbad,
das die Sarazenen unter den zurückgebliebenen Christen an-
richteten. Die im Hafen liegenden Schiffe hatten nicht genügt,
alle Einwohner wegzuführen; nur ein Teil, unter ihnen der
Guardian der Franziskaner und mehrere Brüder, hatten sich
nach Zypern retten können. Die zurückgebliebenen vierzehn
Brüder wurden mit vielen Priestern, Ordensleuten und Laien
der Marterkrone teilhaft ^).
Ein ergreifender Brief des Dominikaners Ricoldus, der um
jene Zeit als Missionar in Bagdad weilte, berichtet einige Ein-
zelheiten über ihren Tod. „Welchen Kummer und Schmerz ich
1) GB II 454. Vgl. daselbst 455 ein Beispiel seines Vertrauens und
454 den Tod der Äbtissin Lucia von Tripolis.
-) Elemosina meldet: „Septem Fratres Minores, dura ipsi constantes in
fide Christi alios confortarent, a sarracenis duro martyrio trucidati fuerunt"
(GB 11 108). â– ^) Vgl. Makrizi, Bd. II T. I 126.
*) Der Bericht des Elemosina in GB II 109.
I. Die Franziskaner in Palästina zur Zeit der Kreuzzüge 25
bei der Einnahme von Akri empfand, liönnt ihr leicht erraten.
Ihr habt Ähnliches erfahren. Bis in den tiefen Orient, nach
Bagdad, wo ich damals weilte, kam nicht nur die Kunde, son-
dern auch die den Christen genommene Beute. Als man die
Bücher und Paramente, die Kleinen und Frauen öffentlich zum
Schimpfe der Christen durch die Stadt führte und die Nonnen
und Gott geweihten Jungfrauen als Geschenk den Königen und
Großen der Sarazenen sandte, da suchte ich sorgfältig voll
Kummer und Trauer, ob ich jemand von meinen Brüdern träfe,
den ich loskaufen oder dem ich dienen könnte. Ich verwunderte
mich sehr, da ich die Paramente und Kleider, Bücher und
Breviere, aber keine Brüder fand . . . Nachher sagte man mir,
daß kein Mitbruder am Leben geblieben sei. Ich erfuhr, daß
man euch getötet habe, damit ihr nicht den übrigen Gefangenen
eine Stütze des Glaubens seiet ... O glückliche Prozession, von
der auch die Minderbrüder nicht ausgeschlossen waren! Ich
hörte, daß um die Stunde eures Todes einige der lieben Minder-
brüder, ich weiß nicht, wer es war, mit euch in eurem Hause
vereinigt waren und mit euch getötet wurden. Auch erfuhr ich,
daß ihr an einem Freitage um die dritte Stunde starbet, daß
ihr am Morgen die hl. Messe feiertet und die hl. Kommunion
empfinget, während eine große Schar von Männern und Frauen
und Kindern bei euch versammelt war. Eine fromme und glaub-
würdige Frau, die bei eurem Tode zugegen war und von den
Sarazenen gefangen wurde, erzählte mir, daß ihr beim Ein-
dringen der Sarazenen mit lauter Stimme Komm, Schöpfer
Geist < sänget und während dieses Gesanges ermordet wurdet . . .
Sei gegrüßt, o Mutter Kirche, die du so viele und solche Söhne
geboren hast" ^).
Besonders rühmen die Chronisten den Glaubens- und Todes-
mut der Klarissen; ihre Berichte, die sich auf den ersten Blick
zu widersprechen scheinen, lassen sich miteinander ver-
einigen. Johannes von Winterthur erzählt, daß die Äbtissin
durch inständige Bitten von den eindringenden Sarazenen die
Erlaubnis erwirkte, dem Herrn zunächst ein Loblied zu singen.
») GB I 352.
26 I. Die Franziskaner in Palästina zur Zeit der Kreuzzüge
Die Schwestern sangen nun andächtig das „Salve Regina",
knieten nieder, reichten ihren Naclten dar und empfingen die
Palme des Martyriums 0- Die Chronik der 24 Generäle ergänzt
diesen Bericht und erzählt das, was voraufging. Sobald die
Kunde gekommen war, daß die Stadt genommen sei, versammelte
die Äbtissin die Schwestern im Kapitel und ermunterte sie mit
begeisterten Worten zum Martyrium. „Meine Töchter und
Schwestern, verachten wir dieses elende Leben, auf daß wir
uns ohne Makel an Leib und Seele und stark im Glauben
unserm Herrn Jesus Christus opfern können und um den Preis
des eigenen Blutes das ewige Leben erwerben. Tuet alle das,
was ihr mich tun sehet." Darauf nahm die männliche Frau
ein Messer, verstümmelte ihre Nase und rötete das ganze Ge-
sicht mit dem strömenden Blute. Alle Schwestern folgten, von
der gleichen Liebe zum Glauben und zur Keuschheit beseelt,
ihrem Beispiele, entstellten auf verschiedene Weise ihr Antlitz
und färbten es mit ihrem jungfräulichen Blute, so daß ihr An-
blick einem jeden Entsetzen verursachte. Sogar die Sarazenen
schauderten und machten alle mit ihren Schwertern in grau-
samer Weise nieder ^).
Mit dem Falle von Akri war das Los der wenigen Be-
sitzungen, die sich noch in den Händen der Christen befanden,
entschieden. Bald wurden Tyrus und Sidon erobert; die Be-
wohner erhielten freien Abzug, und damit verschwanden die
letzten Niederlassungen und Franziskaner aus dem Hl. Lande.
Wir finden in den nächsten 40 Jahren wohl mehrere Brüder
als Pilger an den hl. Stätten, aber nirgends in Palästina ein
Kloster lateinischer Ordensleute.
1) GB I 351; II 144.
2) GB I 351. — Der Dominikaner Felix Fabri erzählt das gleiche, ein
Jahrhundert später, von den Benediktinerinnen bei St. Anna in Jerusalem, fügt
aber hinzu: „Quamvis quidam referant alii factum fuisse in quodam monasterio
S. Glarae" (Evagatorium II 132). Bzovius berichtet den Vorgang zweimal: bei
der Einnahme von Antiochien (zu 1268 Nr. 12) und von Tripolis (zu 1289 Nr. 2).
II. Die heiligen Stätten Palästinas vor dem Einzug der Franziskaner 27
IL Die heiligen Stätten Palästinas vor dem Einzug
der Franziskaner.
Kaum war Saladin am 2. Oktober 1187 in das eroberte
Jerusalem eingezogen, als eine große Umwandlung der von den
Kreuzfahrern gegründeten Kirchen und Anstalten begann. Die
am Felsendom auf dem Tempelplatze entstandenen Bauten
wurden entfernt, und dieser wieder das Heiligtum der Moham-
medaner, nachdem er von innen und außen mit Rosenwasser
abgewaschen und das auf seiner Kuppel strahlende Kreuz unter
dem Jubel der Moslems hinuntergestürzt war ^). Sarazenische
Schulen und Hospitäler zogen in Kirchen und Klöster ein. Im
Palaste des Großmeisters der Johanniter nahm Saladin Wohnung.
Der Palast des lateinischen Patriarchen wurde Hospiz der
Schafiten und das Kloster der Benediktinerinnen bei St. Anna
die Hochschule derselben ^). Die Abtei der Benediktiner im Tale
Josaphat wurde niedergerissen und die Steine zur Befestigung
der Stadt gebraucht. In der Basilika des hl. Stephanus, die
an der Stätte seines Todes erbaut war, sah Wilbrand bald nach-
her die Esel des Sultans ^). Selbst die Grabeskirche kam in
Gefahr. Aus dem Gefolge des Siegers wurde der Rat laut, sie
zu zerstören; andere jedoch widersprachen und verwiesen auf
das Beispiel des Kalifen Omar, der sie geschont habe. Saladin
begnügte sich damit, sie den lateinischen Christen zu schließen*).
1) Vgl. u. a. den Brief des Johannitermeisters Terricius an König Hein-
rich II. von England (Januar 1188): „Capta autem Jerosolima, Saladinus cru-
cem de Templo Domini deponl et eam per duos dies per civitatem in osten-
tum fiistigando portari fecit; deinde fecit templum Domini aqua rosata intus
et exterius, sursum et deorsum lavari", Delaville Bd. I Nr. 847.
2) Vgl. die von Max van Berchem über dem Portal der St. Annakirche
gefundene Inschrift aus dem Jahre 1192; Hl. Land, (1914) 165.
3) Die Belege sind zusammengestellt bei Cour et, L'Ordre de Saint-
Sepulcre 851. Vgl. auch den Bericht des arabischen Chronisten Moudjir-ed-djTi
bei Sauvaire 73 ff. — Wilbrand 185.
*) Der Sekretär Saladins Imad-ed-din (Recueil des Historiens des
Croisades, Hist. Orientaux, IV H40) meldet: „Le sultan fit fermer l'eglise
de Komaraah et defendit aux chretiens de s'y rendre en pelerinage et meme
28 n. Die heiligen Stätten Palästinas vor dem Einzug der Franziskaner
Den Franken wurde der Aufenthalt in Jerusalem untersagt;
nur zehn Johanniter durften für ein Jahr in ihrem Hospital zur
Pflege der Kranken zurückbleiben'). „Die Christen, die nicht
von der Zahl der Franken waren, baten Saladin um die Er-
laubnis, in ihren Häusern zu verbleiben; der Sultan gewährte
es ihnen, und sie kauften einen Teil der Besitzungen der Fran-
ken" ^). Sie mußten eine hohe Abgabe zahlen ^), genossen aber
Ruhe und Sicherheit. Vier ihrer Priester durften zur Obhut des
Hl. Grabes in der Grabesbasilika weilen ^).
Das beste Los hatten dank der Verehrung der Sarazenen
für die „Mutter Ischas" die Kirchen der Gottesmutter. Ihr
Heiligtum auf dem Berge Sion nebst dem anstoßenden Kloster
und die über ihrem Grabe erbaute Basilika wurden von ein-
geborenen Christen in Verwaltung genommen, wie uns Wilbrand
erzählt, der an beiden Orten die Surianer traf^). Besonderer
Sorgfalt erfreute sich ihre Basilika zu Bethlehem; der Domini-
kaner Burkard, der 1283 durch Palästina pilgerte, sagt von ihr:
„Die Sarazenen verehren zwar alle Kirchen der seligen Jung-
de s'en approcher." Daß dies Verbot nur den lateinischen Christen galt, er-
gibt sich aus andern Zeugnissen.
1) Terricius a.a.O.: „IpseSaladinus in domoHospitalis permisitremanere
decem de fratribus Hospitalis ad custodiendum infirmos usque in unum annura."
'-) Kamel-Altevarykh. In Recueil des Historiens des Croisades, Hist.
Orientaux, I 706. — Imad-ed-din, a. a. 0. 340 sagt, daß mehrere Tausend
morgejiländische Christen zurückblieben.
3) Jakob von Verona sagt (217): „In tota . . . Terra Sancta sunt multi
Christiani sub potentia soldani subjugatj, solventes annuale Iributum soldano
multa et multa milia."
*) Imad-ed-din a. a. 0. 340: „On permit aussi ä quatre desservants
de l'öglise Komamah, parmi les pretres chretiens, d'y resider en jouissant de
toutes les immunites et exemplions d'impöt." — Nach dem Klageliede des
armenischen Patriarchen Gregorius hätten die Sarazenen in der Grabeskirche
große Verheerungen angerichtet (Recueil des Historiens des Croisades, Hist.
Armeniens, I 280: „filegie sur la prise de Jerusalem", Vers 426 und 427.
Dagegen versichert Wilbrand von Oldenburg, der 1212 die Hl. Stadt besuchte,
daß alles unversehrt geblieben sei (I 86: „Omnia Sarraceni reliquerunt illesa").
Sogar die Gräber der lateinischen Könige blieben verschont; der Pilger Lu-
dolf von Suchern (Reyßbuch 844) wunderte sich, „daß die Sarazenen ihre
Grabstätte und abgestorbenen Leiber nicht beschädigen, sondern unversehrt
ruhen lassen, so sie doch ihnen so großen Schaden zugefügt".
s) S. 187 und 188: „Suriani sacerdotes Sarracenis tributarii."
II. Die heiligen Stätten Palästinas vor dem Einzug der Franziskaner 29
frau, diese aber insbesondere" ^). Auch die anstoßende Abtei
blieb erhalten; 1217 fand Thetmar am Eingang sarazenische
Hüter, die von den Eintretenden eine Abgabe erhoben ^).
Schon nach wenigen Jahren wurde die erste Strenge ge-
mildert. Das Waffenglück der Lateiner, die am 11. Juni 1191
Akri eroberten und am 7. September das Heer des Sultans bei
Assur schlugen, brachte einen Waffenstillstand, der am 1. Sep-
tember 1192 in Kraft trat und den lateinischen Christen den
Besuch der hl. Stätten freigab ^). Bischof Walter von Salisbury
erwirkte sogar von Saladin, daß an der Grabeskirche, zu Beth-
lehem und Nazareth „je zwei lateinische Priester und ebenso
viele Diakone zur Feier des Gottesdienstes zugelassen würden,
die wie die Surianer von den Opfern der Pilger erhalten werden
sollten""*). Die Zahl scheint bald vermehrt zu sein; die „Be-
schreibung des Hl. Landes", die kurz nachher der Patriarch
von Jerusalem an Papst Innozenz III. sandte, sagt, daß fünf
Lateiner nebst zwei Söhnen des Sultans das Grab des Herrn
bewachen '"). Doch dürften die Lateiner nicht lange an der
Grabeskirche geblieben sein; wenigstens erwähnt sie Wilbrand
1212 nicht mehr und auch niemand von den nachfolgenden
Pilgern des 13. Jahrhunderts. Ersterer spricht nur von den
vier surianischen Priestern, die er im Innern der Basilika fand ^),
1) S. 79: „Sarraceni quidem omnes ecclesias beate virginis honorant,
sed precipue istam." Es wird wiederholt von Sanutus, Liber Secretorum fi-
delium, Bd. III Teil XIV K. 11.
2) S. 21: „Sunt tarnen quidam sarraceni custodes ad liraina monasterii
deputati a peregriuis et introeuntibus pedagium accipientes, qui tarnen residen-
ciam ibi non faciunt." Er lügt aber hinzu: ..Sarraceni sepe destruxissent hoc
monasterium, nisi sollicitudo christianorum multa pecunia precavisset."
3) Sauvaire 81.
*) Vgl. Couret 858 und PP. Vincent et Abel O.P., BeUeem, Paris
1914, 184, die (für Bethlehem) meinen, daß es sich um Augustiner-Chorherrn
gehandelt habe.
5) Der Bericht fügt hinzu, daß die beiden Prinzen die Opfer der Pilger,
die manchmal 20 000 Sarazenaten betragen, unter sich teilen: Bongars. Gesta
Dei 1126. — Vgl. über jenen Bericht Röhricht, Bibliotheca Geographica
Palästinae 43 (unter Heymarus Monachus) und GBl 186.
6) S. 186: „Ipsa ecclesia et sanctum sepulcrum et omnia, que intus
sunt contenta, a quatuor sacerdotibus surianis, qui exire non permittuntur, in
bona devotione custodiuntur."
30 11- Die heiligen Stätten Palästinas vor dem Einzug der Franziskaner
sowie von dem Beamten des Sultans, der die Abgaben von den
Pilgern an der äußern Pforte erhob; „nachdem wir beim Ein-
tritt in die Stadt wie Schafe abgezählt waren, wurden wir mit
gesenktem Haupte durch einen Boten des Sultans vor die Pforte
der hl. Grabeskirche geleitei, . . . durften sie aber erst betreten,
nachdem wir acht und eine halbe Drachme gezahlt hatten" ^).
Verschieden, je nach dem Eindrucke, den die Pilger emp-
fingen, wird von ihnen die Sorgfalt und Arbeit jener Grabes-
hüter beurteilt. Während Wilbrand „die Kirche und das Hl. Grab
und alles, was sich dort findet, von den surianischen Priestern
in guter Andacht behütet" fand, verzeichnet w^enige Jahre später
Magister Thetmar in seinem Reisebericht, daß „die Kirche des
Grabes des Herrn und die Stätte seines Leidens ohne Licht,
ohne Ehre und Verehrung" gehalten w^erde ^).
Bald nachher soll der Grabeskirche, wie der Scholastiker Oli-
ver schreibt, nochmals eine große Gefahr gedroht haben. Als
während der Belagerung Damiettes durch die Kreuzfahrer (1219)
der Sultan von Damaskus Melek-el-Moaddem aus Furcht vor
einem Überfall Jerusalems durch die Franken die Mauern und
Befestigungen der Hl. Stadt schleifen ließ, soll man nach Oliver
auch bereits die Zerstörung der Grabeskirche erwogen haben,
um so den Christen das Interesse an Jerusalem zu nehmen;
doch habe niemand es gewagt, Hand an dieses Werk zu legen.
Ebenso blieb der Tempel und der Turm Davids verschont^);
aber die außer der Stadt auf dem Sion gelegene Kirche der
Gottesmutter mußte, da sie nach Theodorich (1172) mit Mauern,
Türmen und Bollwerken wohl befestigt war "*), nebst der an-
1) S. 185.
2) S. 18: „Ecclesia dominici sepulchri et locus passionis sine luminari-
bus, sine honore, sine reverentia semper clausa existit, nisi forte gratia obla-
tionum peregrinis aperiatur."
3) Bongars, Gesta 1188 (Oliver) und 1137 (Jakob von Vitry) : „Muri
enim cum turribus redacti sunt in acervos lapidum praeter Templum Domini
et turrim David. De Sepulchro glorioso destruendo habuerunt Sarraceni con-
silium, sed huic temeritati nemo nianus apponere praesumpsit propter loci
reverentiam."
^) S. 55: „Sion ergo mons, ad meridiem extra muros civitatis ex maxima
parte constitutus, ecclesiam dominae nostrae sanctae Mariae articulatam, muris,
turribus, propugnaculis adversus gentilium insidias valde munitam continet."
II. Die heiligen Stätten Palästinas vor dem Einzug der Franziskaner 31
stoßenden Abtei fallen. Die folgenden Pilger sahen auf dem
Berge nur Steinhaufen und einige Gewölbe ^).
Furchtbar hausten 1244 die Charesmier in der Grabes-
kirche, als diese vom Sultan Ejjub von Ägypten gegen die Sul-
tane von Kerak und Damaskus und gegen die mit ihnen ver-
bündeten Franken herbeigerufen waren. Sultan Ejjub ent-
schuldigte sich 1246 bei Papst Innozenz IV., es sei ohne sein
Vorwissen und in seiner Abwesenheit geschehen; er habe die
Übeltäter nach seiner Ankunft in Jerusalem scharf getadelt und
ihnen verboten, sich der Grabeskirche zu nähern, auch habe
er gesucht, die Kirche wieder herzustellen und zu schmücken,
sowie befohlen, die Tore der Kirche zu schließen und die
Schlüssel einigen Gläubigen (Sarazenen) mit dem Befehl ge-
geben, die Basilika nur den Pilgern zu öffnen ^).
Diese Türhüter blieben an der Pforte der Grabesbasilika,
und das von ihnen erhobene Eintrittsgeld war eine Goldgrube
für den Sultan; mehr als einmal hat die Rücksicht auf dieses
die Kalifen bestimmt, die Basilika zu erhalten, die Christen zu
schützen und einige Vorsorge für die Pilger zu treffen ^). Wie
wir von Br. Fidentius hören, mußten auch die morgenländischen
Christen das Eintrittsgeld bezahlen. „Jeder Christ", schreibt
er „zahlt für seine Person an 36 oder 40 silberne turonische
Groschen. Und nicht nur die sogenannten lateinischen Christen,
nämlich die Italiener, Franzosen, Spanier, Engländer und Deut-
schen gehen nach Jerusalem, sondern auch die ultramarinen
Christen, die Griechen, Georgier, Armenier und viele andere,
von denen der Sultan einen großen Tribut erhält" *).
Daß die Zahl der morgenländischen Jerusalempilger um
1) Die Bauart und Lage der Klrciie und des Klosters brachte ihre Zer-
störung durch Sultan Moaddem mit sich. Da die bestimmten Zeugnisse über
ihre Zerstörung fehlen, so sind die Ansichten über die Zeit derselben geteilt.
Tobler, Topographie II 115 Anra. 5, meint, die Zerstörung sei entweder 1219
oder 1244 erfolgt, und Vogue, Les eglises de la Terre Sainte 327, sagt von den
Bauten auf dem Sion : „Dans le courant du XIII siecle ils s'ecroulerent."
2) G B II 345: „conatus est reaedificare ipsam et ornare."
3) Über die Höhe der Abgabe hat Tobler einige Abgaben zusammen-
gestellt; vgl. Golgotha 410.
*) G B II 27: „Turonenses grossos argenteos."
32 n. Die helligen Stätten Palästinas vor dem Einzug der Franziskaner
diese Zeit groß war, hören wir von dem Dominikaner Burkard.
„Wer könnte erzählen", sagt er 1283, „wie viele Mönche, wie
viele Nonnen aus Georgien, aus Groß- und Kleinarmenien, Chal-
däa, Syrien, Medien, Persien, Indien, Äthiopien und Nubien . . .,
Maroniten, Jakobiten, Nestorianer, Griechen, Syrer und aus
andern Nationen scharenweise^zu hundert und zweihundert, in
größerer und geringerer Zahl, die einzelnen Stätten aufsuchen
und in flammender Andacht die Erde küssen und die Orte ver-
ehren, an denen Jesus geweilt oder ein Werk vollbracht hat" ^)\
Doch wuchs allmählich auch die Zahl der lateinischen Pilger,
seitdem ihnen die wiederholt in den voraufgehenden Jahrhun-
derten geschlossenen Friedensverträge den Besuch der hl. Stätten
erleichtert hatten, und noch mehr, als mit der Eroberung Akris
die Kämpfe der Sarazenen und Franken aufhörten und sich
unter ihnen ein besseres Verhältnis anbahnte.
Mehrere dieser Pilger haben uns Reiseberichte überliefert,
die wertvolle Nachrichten über die hl. Stätten verzeichnen, so
in den letzten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts die beiden
Dominikaner Burkard und Ricoldus in Palästina; manche ihrer
Beobachtungen wurden hier bereits verwertet^). Die nächsten
Jahre führen wiederholt Franziskaner teils als Pilger teils auf
Missionsreisen ins Hl. Land. Unter ihnen haben der selige
Odoricus (1320), die irischen Brüder Simon und Hugo (1322)
und P. Antonius von Cremona (1327) Notizen über ihre Reise
hinterlassen ^).
1) S. 20.
2) Der Dominikaner Franz Pipin von Bologna, der 1320 im Hl. Lande
vi^ar, hinterließ ein kurzes Verzeichnis der hl. Orte.
3) Vgl. Röhricht, Blbliotheca Nr. 183, 187, 191; außerdem Nr. 185 und
190. — P. Anton zelebrierte in Nazareth, Bethlehem, am Grabe der Gottes-
mutter und auf dem Kalvarienberge. Von dem letzteren Gottesdienste sagt
er: „Nullus intravit nobiscum ecclesiam sepulcri nisi soll Latini, ita quod
potui cantare alta voce in monte Calvariae et Sepulcro, nemine prohi-
bente, ita quod benedicantur illi VII floreni," die er beim Eintritte erlegen
mußte; Le Missioni Francescane VIII 345. — Br. Hugo Illuminator starb am
22. Oktober zu Kairo; Itinerarium 53. Leider ist das Itinerarium des Br. Simon
unvollständig. — Um dieselbe Zeit waren auch in Palästina die Franziskaner,
die nach ihrer Heimkehr bei König Jakob II. von Aragonien Klage führten
über die ungeziemende Instandhaltung der Grabeskirche, weshalb der König
am 20. August 1327 den Sultan um Abhülfe bat; zugleich ersuchte er, die
II. Die heiligen Stätten Palästinas vor dem Einzug der Franziskaner 33
Sehr ausführlich ist der Reisebericht des Augustiners
Br. Jaliobus von Verona, der am 5. August 1335 in Jerusalem
ankam ^). Besondern Wert haben seine Nachrichten über die ver-
schiedenen Riten und Konfessionen der orientalischen Christen,
die er an den einzelnen Stätten Palästinas antraf. Sie bestä-
tigen noch einmal mit voller Klarheit, daß während der ganzen
Zeit nur orientalische Geistliche an den hl. Orten verweilten,
die aber den lateinischen Pilgern, ihrem Gottesdienste und ihren
Andachtsübungen keinerlei Hindernisse in den Weg legten.
Der Dominikaner Burkard fand in der Grabeskirche „viele
und geziemend geschmückte Altäre" ^) und sagt, daß er auf dem
Kalvarienberge die hl. Messe feierte, ein Zeichen, daß die
morgenländischen Hüter der Basilika den Fanatismus anderer
Orientalen gegen den lateinischen Ritus nicht teilten. Ebenso
fand er gütige Aufnahme bei den Sarazenen; er rühmt sie als
„gastfreundlich, höflich und mildtätig" ^).
Die gleichen Erfahrungen machte sein Mitbruder Ricoldus.
Nachdem er seine ersten Gebete in der Grabeskirche verrichtet
hatte, konnte er die Christen, die sich gerade in derselben be-
fanden und mehr als hundert waren, sammeln und mit ihnen
eine Prozession zu den einzelnen hl. Orten der Kirche veranstalten.
„Wir zelebrierten in der Grabeskirche, predigten mehrere Male,
gaben dem Volke die hl. Kommunion und ruhten dort Tag und
Nacht". Auch am Grabe der Gottesmutter, das er mit vielen
Lichtern geschmückt und von den Sarazenen ehrfurchtsvoll be-
hütet fand, sowie in Bethlehem und Nazareth konnte er unge-
stört und ungehindert singen und zelebrieren, predigen und dem
Volke die hl. Kommunion spenden. In Kana und Bethsaida, in
Kapharnaum und am See Genesareth, am Grabe des Lazarus
in Bethanien und in der Wüste, die der Herr durch sein Fasten
geheiligt hat, predigte er dem Volke. Am Jordan fand er auf
Franziskaner frei und ohne Abgaben durch sein Reich ziehen zu lassen, so-
wie sie und die Christen in Schutz zu nehmen. H. Finke, Acta Aragonensia
H, Berlin 1908, 759.
1) Herausgegeben von R. Röhricht. In: Revue de l'Orient Latin III,
Paris 1895, 163—302, Über Peregrinationis.
2) S. 71: „Multa altaria et decenter ornata."
3) S. 112.
Franzisk. Studien, Beiheft 4: Lemniens, Die Franziskaner auf dem Sion. 3
34 11. Di9 heiligen Stätten Palästinas vor dem Einzug der Franziskaner
Dreikönigen „mehr als 10 000 aus jedem Volke und jeder Na-
tion". „Wir bauten daselbst am Flusse einen Altar, auf dem
wir zelebrierten, und predigten und tauften unter Freuden und
Tränen" ^).
Überall gewinnt man den Eindruck, daß er sich frei be-
wegen konnte und freundliche Aufnahme beim morgenländischen
Klerus fand, so lange er nicht die strittigen Punkte berührte^);
friedliches Einverständnis mit den andern Riten, Religionen und
Nationen schimmert allenthalben durch ^). So lange die abend-
ländischen Christen keine eigene Stätte hatten und nur als
Pilger und Gäste nach Palästina kamen, scheinen daselbst über-
all gute Beziehungen zu den morgenländischen Mönchen und
Geistlichen bestanden zu haben.
Auch die Sarazenen kamen Br. Ricoldus freundlich ent-
gegen; sie hätten ihn „aufgenommen als einen Engel" "*). Wieder-
holt spricht er mit hohen Lobsprüchen von ihren Tugenden,
ihrer Andacht und Mildtätigkeit '"). Nur auf dem Sion zelebrierte
und predigte er „unter Seufzern und Tränen und großer Furcht,
von den Sarazenen getötet zu werden" ^); diese hatten nämlich
in dem noch erhaltenen Teile eine Moschee errichtet und ver-
kündigten, sagt Ricoldus, das Gesetz des Mohammed da. wo die
Apostel den Hl. Geist empfangen hatten ^).
1) S. 109.
^) Als er in Bagdad gegen die Irrlehre des Nestorius gepredigt hatte,
jagte man ihn zur Kirche hinaus (S. 130).
3) Bei andern Pilgern jener Zeit finden wir dasselbe; so sagt Wilhelm
von Boldensele, der 1333 in Jerusalem weilte, von den Georgianern: „Me
receperunt plurimum gratiose;" Basnage IV 552.
*) S. 134: „Nos recipiebant ut angelos."
'") S. 131: „Quis enim non obstupescat, si diligeuter consideret, quanta
est ipsis Sarracenis sollicitudo ad Studium, devocio in oracione, misericordia
ad pauperes, reverencia ad nomen Del et prophetae et loca sancta, gratuitas
in moribus, affabilitas ad extraneos, concordia et amor ad suos." — Von ihrem
Gesetze sagt er hingegen S. 135: „Lex Sarracenoruni est larga, confusa, oc-
culta, mendacissima, irracionabilis et violenta." **) S. 108.
') Ricoldus, Epistola ad beatam Reginam Mariara: „Ecce totus locus
desertus gemit absque habitatore, nisi quod Saraceni dimiserunt edificiuni
valde altum super loco illo, ubi apostoli tui sanctissimi filii receperunt Spiri-
tum Sanctum et in eodem loco faciunt proclamari legem, ymmo perfidiam
Machometi die ac nocte, videlicet alchoranum," Archives de lOrient Latin
II, Teil 2, 274.
II. Die heiligen Stätten Palästinas vor dem Einzug der Franziskaner 35
Bestätigung sowohl als vielfache Ergänzung erhalten diese
Berichte durch Br. Jakobus von Verona. In der Grabeskirche
fand er als Hüter des Hl. Grabes drei greise griechische
Mönche 0, die daselbst bei Tag und Nacht blieben und niemals
hinausgingen. Vor der Kirche neben dem Turme sah er die
große, schöne Kapelle der Griechen, an der ein Patriarch, viele
Mönche und fromme Frauen weilten, gegenüber unter der Treppe
eine kleine Kapelle, in der die nubischen Mönche Gottesdienst
hielten; es sind „sehr geistige Männer aus dem Volke des Priesters
Johannes, der einer der größten Fürsten der Welt ist". Diese
Nubier haben nach Br. Jakobus große Freiheit im Lande des Sul-
tans, zahlen in seinem Reiche keine Abgaben und können unent-
geltlich die Grabeskirche betreten. Den Grund sieht er darin,
daß der „Priester Johannes, Herr von Nubien und Äthiopien ^),
in seinem Lande Gewalt hat, den Nil zu sperren", wodurch das
Reich des Sultans, Ägypten, eine Wüste würde ^). Neben der
Kapelle der Nubier ist eine Kapelle der Georgier; „die Georgier
tragen schwarzen Turban (melmam nigram) und feiern das
Offizium der Griechen. Ihre Heimat Georgien ist eine Provinz
neben den Tataren; sie haben einen König, sind starke Leute
und treue Christen." Neben ihrer Kapelle ist die Kapelle der
Armenier. Diese „beten das Offizium nach unserer Weise, aber
auf armenisch; ihre Kapelle heißt Kapelle des hl. Johannes,
weil er dort stand, als Christus am Kreuze hing." „Sie gehor-
chen in allem der römischen Kirche . . . und sind wahre und
andächtige Christen, müssen aber von den Sarazenen vieles
erdulden" %
1) S. 186: „Tres senes calogeri, id est fratres greci, de die et de nocte."
Der Franzisicaner Br. Simon nennt 1322 nur zwei; „Lampas semper accen-
ditur per unum cologerum sive monachum cumanum, qui semper cum uno
socio moratur" ; Itinerarium 70.
2) Seit Otto von Freising hieß jeder orientalische Herrscher, der den
Muhammedancrn entgegentrat, „Presbyter Johannes". Die Legende wanderte
mit dem 14. Jahrhundert von Asien nach Alrilca. Vgl. die Untersuchungen
von Zarncke. In: Abhandkmgen der k. sächsischen Gesellschaft der Wissen-
schaften, Bd. XVII Nr. VIII und Bd. XIX Nr. I.
3) S. 190 und 217. Dieser Gedanke kehrt bei vielen mittelalterlichen
Schriftstellern wieder; vgl. unten Kap. 6.
*) S. 190 und 218.
3*
36 n. Die heiligen Stätten Palästinas vor dem Einzug der Franziskaner
Am Grabe der Gottesmutter beging er das Fest ihrer
Himmelfahrt. Alle Generationen der Christen feierten in der
Kirche festlich ihr Offizium und sangen ihre Messen, „zunächst
wir, die wahren Christen, die Franken genannt werden, an
zweiter Stelle die Griechen, an dritter die Nubier, an vierter
die Abyssinier", und weiter die Nestorianer, Maroniten, Jako-
biten und Georgier '), eine Mannigfaltigkeit, wie man sie nur
im Oriente findet.
Auf dem Sion sah er eine Kapelle der Armenier im
Hause des Kaiphas, an der vier armenische Mönche weilten,
und außerdem nichts als „Weinberge, Steinhaufen, zerbrochene
Mauern und fromme Erinnerungen" ^). Das Zönakulum, in dem
er zelebrierte, beschreibt er als Gebäude mit unterem und oberem
Gewölbe; „daneben war einst eine schöne Kirche, die aber
vollständig zerstört ist" ^}. Auch an der Kirche des hl. Jakobus,
zwischen dem Sion und dem Turme Davids, sowie in St. Johann,
der Heimat des hl. Vorläufers, traf er die armenischen Mönche.
Am häufigsten begegnete er aber den griechischen Mönchen,
„die zu Jerusalem und im Hl. Lande viele Klöster hatten" •*)
und ihm überall freundlich entgegenkamen.
Nirgends erwähnt er ein lateinisches Kloster, noch fand
er irgendwo lateinische Ordensleute mit einem dauernden Wohn-
sitze oder als Hüter eines Heiligtumes.
In Bethlehem feierte er mit vielen Gläubigen aller Länder
ein Fest am 13. August. „0 Gott, welche Freude war es, so
viele Lobgesänge zu hören, die Gott und die glorreiche Jung-
frau priesen! Die Kirche war voll Volk", darunter mehr als
100 lateinische Christen, mehrere Priester und Kleriker, zwei
Dominikaner und zwei Franziskaner. Ein Altar der Kirche ^) war
1) S. 197.
2) S. 193: „Omnia autem editicia montis Syon et intra et circumcirca
sunt dirupta et non habitantur, sed sunt vinee et aggeres lapidura et muri
fracti et devociones."
3) „lUud cenaculum est domus. que habet voltas duplicatas sive inferius
et superius, et fuit uua valde pulcra ecclesia . . ., sed est totaliter dirupta," S. 194.
*) S. 217.
^) S. 209: „Altare inferius, iuxta presepium, est Francorum christiano-
ram." Üass3lbe bei Ludolf, Revßbuch Bl. i48\
II. Die heiligen Stätten Paläslinas vor dem Einzug der Franziskaner 37
den Franken reserviert. Wie die übrigen Pilger rühmt er die
Pracht der Basilika; besondern Eindruck machten auf ihn die
schönen und andächtigen Mosaikbilder ^).
Zum Schluß begab sich Br. Jakobus nach Galiläa. In Na-
zareth sah er an der Stelle der Verkündigung nur Trümmer;
die Kapelle des hl. Gabriel fand er zerstört, und an der Kirche,
die man aus der alten Synagoge gemacht hatte, griechische
Mönche.
Zur Zeit der Pilgerreise des Br. Jakobus herrschte über
Palästina Sultan Nassir Muhammad. Der Bevormundung durch
einige herrschsüchtige Emire überdrüssig, hatte der junge Fürst
1309 Ägypten freiwillig verlassen und sich in das Fürstentum
Kerak zurückgezogen. Nach wenigen Monaten führten ihn jedoch
die Ereignisse wieder auf den Thron, den er bis zu seinem
Tode, am 7. Juni 1341, behauptete. Nassir war ein tüchtiger
und selbständiger Herrscher, sein eigener Vezier, der die wich-
tigeren Staatsgeschäfte selbst besorgte und dem Inhaber des
Kalifentitels jede Bedeutung nahm. Seitdem der Kalife unter
dem ersten Mameluckensultan seine Wohnung in Kairo genom-
men, sank die Bedeutung des „Nachfolgers des Propheten" im-
mer tiefer; er war nur „ein Sklave des Sultans" ^), der den
Aufträgen desselben die geistliche Weihe erteilen mußte. Es
war daher kaum eine Änderung, als sich die osmanischen Sul-
tane nach Eroberung Ägyptens neben der weltlichen Ober-
herrschaft über die Völker des Islams auch das Imamat oder
Kalifat, die höchste geistliche Würde, zusprachen.
Sultan Nassir wird von christlichen Zeitgenossen als Freund
und Gönner der Christen gepriesen^). Ob er ihnen innerlich
gewogen war, oder sie nur, wie andere meinen, als kluger
1) Br. Burkard meint, niemand habe schon auf der ganzen Welt
eine so schöne Kirche gefunden; man könne über ihre Kunst Unglaubliches
schreiben, S. 79.
2) Weil I 28. Doch hatten die Maraeluckensultane den Titel des Ka-
lifen nicht; wenn ihnen derselbe von Geschichtsschreibern gegeben wird, so
ist das soweit berechtigt, als sie die tatsächlichen Kalifen waren und dem In-
haber des Titeis nur den Schatten der Würde gelassen hatten.
•'') Johann von Winterthur sagt: „Ut communitcr asseritur, Christianos
diligens," GB II 145, „Katholicos amans", S. 147.
38 n. Die heiligen Stätten Palästinas vor dem Einzug der Franziskaner
Herrscher aus guten Gründen heranzog und begünstigte, sicher
ist, daß sich unter ihm die Lage der Christen besserte. Wäh-
rend seiner frühern Herrschaft hatten die Emire Bibars und
Sallar die Verordnung getroffen: „Die Christen sollen fortan,
um beim ersten Anblick von den Muselmännern unterschieden
werden zu können, blaue Turbane tragen und die Juden gelbe.
Jüdinnen und Christinnen sollen ein besonderes Kennzeichen
an der Brust haben. Es ist ihnen verboten, Waffen zu tragen
und auf Pferden zu reiten; selbst auf Eseln sollen sie nur seit-
wärts sitzend und mit schmuck- und wertlosen Sätteln reiten.
Sie sollen den Muselmännern ausweichen und ihnen die Mitte
der Straße überlassen. Bei größern Versammlungen sollen sie
vor den Muselmännern sich erheben und nicht lauter sprechen
als diese. Auch sollen ihre Häuser nicht höher sein als die
der Muselmänner. Sie sollen das Palmenfest nicht öffentlich
feiern, keine Glocken läuten lassen und keinen Muselmann zu
ihrem Glauben zu bekehren suchen. Ebenso ist es ihnen ver-
boten, muselmännische Sklaven zu halten, Gefangene oder was
sonst Muselmännern als Beute zugefallen, zu erwerben. Be-
suchen Juden oder Christen ein öffentliches Bad, so sollen sie
sich durch eine Glocke am Halse kenntlich machen. Auf ihrem
Siegelring sollen sie keine arabische Schrift haben und ihre
Kinder nicht den Koran lernen lassen. Sie dürfen keinen Musel-
mann zu schwerer Arbeit gebrauchen" und nicht in den Kanz-
leien des Sultans und seiner Emire angestellt werden 0,
Sultan Nassir begann bald nach seiner Rückkehr auf den
Thron mit der Aufhebung dieser Verordnungen. Allem Wider-
spruche zum Trotz wurden Christen wichtige Ämter in den
höchsten Kanzleien übertragen und diplomatische Beziehungen
zu abendländischen Fürsten gepflegt. Wiederholt sah Kairo
unter seiner Herrschaft Abgesandte christlicher Könige. Jakob II.
von Aragonien empfahl ihm die Christen seines Reiches und
bat, die Obhut des Hl. Grabes katholischen Ordensleuten zu
übertragen. Papst Johann XXII. ersuchte Nassir, die christ-
lichen Untertanen gütig zu behandeln, und versprach, dahin zu
1) Weil I 270.
m. Einzug der Franziskaner in die heiligen Stätten 39
wirken, daß die Moliammedaner in den Ländern der Christen
vor jeder Unbilde bewahrt blieben ^). Philipp VI. von Frank-
reich soll sogar die Abtretung von Jerusalem und einem Teile
der Küste Palästinas verlangt haben ^), ein Verlangen, das von
Nassir zurückgewiesen wurde. Weniger erbat König Robert
von Sizilien; seine Bitte sollte erhört werden und die abend-
ländischen Christen wieder in die Verwaltung und Obhut der
heiligen Stätten mit eintreten.
III. Einzug der Franziskaner in die hl. Stätten.
Br. Jakobus von Verona ist der letzte Pilger, der in seinem
Reiseberichte (1335) nur morgenländische Priester als Hüter
der hl. Stätten erwähnt und nur von morgenländischen Klöstern
in Palästina weiß. Wie die andern Pilger, auch die Franzis-
kaner, sah er nirgends im Hl. Lande ein Kloster abendländischer
Ordensleute; und niemand sagt ein Wort von Franziskanern,
die er als Hüter des Hl. Grabes oder auf dem Sion getroffen hätte.
Manche ihrer Bemerkungen schließen sogar direkt und aus-
drücklich das Verweilen lateinischer Priester oder lateinische
Kirchen in Palästina aus. So sagt Wilhelm von Boldensele,
der am 5. Mai 1333 in Jerusalem eintraf, von der armenischen
Jakobskirche, sie sei die einzige nennenswerte Kirche in Jeru-
salem, die „zum Glauben der römischen Kirche gehört, während
dort viele Kirchen der schismatischen Christen seien" ^).
Auf dem Berge Sion waren schon lange weder Heiligtum
noch Hüter. Die Pilger fanden daselbst eine zerstörte Kirche ■*)
und eine verlassene, unbewohnte Stätte; „der ganze Ort ist
verlassen und trauert, sagt 1294 Br. Ricoldus ^), weil niemand
1) Raynaldus, Annales 1328 Nr. LXXXV; Weil I 353.
2) Raynaldus 1331 Nr. XXX; Weil I 354.
3) „Haec sola Ecclesia est notabilis ad fidem Romanae Ecclesiae spec-
tans. cum tarnen Hierosolymis sint multae Ecclesiae Christianorum schismati-
corum Sumrao Pontifici non obedientium:" Basnage IV 348.
*) Vgl. Itineraires ä Jerusalem et Descriptions de la Terre Sainte rediges
en franQais aux XI, XII et XIII sidcles, publies par Henri Michelant et Gaston
Raynaud. Genf 1882, S. 184 und 195 („grant eglise abatue").
•■>) Vgl. oben S. 34 Anm. 7.
40 III. Einzug der Franziskaner in die heiligen Stätten
dort wohnt." Br. Jakobus von Verona sah oben außer den
Gewölben des Zönakulums nur Ruinen und Äcker ^) ; es ist ge-
nau jenes Bild, das uns ein Kaufvertrag aus dem Jahre 1335
zeichnet^). Ebenso bestimmte Zeugnisse schließen den dauern-
den Aufenthalt lateinischer Ordensleute am Hl. Grabe während
jener Jahre aus. So ließ König Jakob II. von Aragonien (1291 —
1327) im September 1322 den Sultan von Ägypten bitten, aus
besonderer Gunst aragonensischen Dominikanern die Hut und
Administration des Hl. Grabes für alle Zeiten zu übertragen ^);
Sicher hätte der König diese Bitte nicht gestellt, wenn dieser
Auftrag bereits andern Ordensleuten verliehen gewesen wäre.
Alle alten Nachrichten und Zeugnisse weisen den Einzug
1) S. 193.
2) Golubovich, Serie 136, Dokument B. — Alle diese Nachrichten
machen es unmöglich, das von Golubovich daselbst veröffentlichte Dokument A
als echt zu betrachten; wenigstens ist das von ihm gebotene Datum (11. Juli
1309) unrichtig. Die von ihm benützte Vorlage (in Schublade 18 des Archivs
der Prokura) ist eine Abschrift des 17. Jahrhunderts. Wir vermuten, daß der
Abschreiber das arabische Datum falsch gedeutet hat, da es bei älteren
Stücken sehr schwer ist, die Zeichen für 7 und 9 zu unterscheiden. Daß
jenes Datum nicht zutreffen kann, ergibt sich aus allen echten zeitgenössischen
Nachrichten, die wir über die hl. Stätten und ihre Hüter in jener Zeit be-
sitzen. Die fragliche Urkunde spricht von Franziskanern auf dem Berge Sion,
am Hl. Grabe und zu Bethlehem und setzt sich so mit allen Pilgern in Wider-
spruch, von denen keiner unsere Brüder an diesen Stätten vor 1336 traf.
Der Ferman nennt nicht den Namen des Sultans; Golubovich nimmt den Namen
desjenigen, der 1309 regierte, El Muzaffar Bibars. Doch kommt dieser nicht
in der Reihe der Sultane vor, die den Brüdern Schutzbriefe ausgestellt haben ;
vgl. Golubovich, Serie 168 und 178. — In dem 1633 aufgestellten Ka-
taloge der Fermane sind sieben des gleichen Inhaltes wie der in Frage ste-
hende verzeichnet („che in Terra Santa non possino dimorare altri Religiosi
franchi fuorche li nostri"); der älteste derselben ist von 1387; vgl. Ver-
niero 174.
ä) Finke, Acta Aragonensia II Nr. 470. Als Wohnung wünscht der
König für die Dominikaner die Häuser des Patriarchen in der Hl. Stadt. —
Hiermit ist auch die Nachricht erledigt, daß Papst Nicolaus IV. nach dem
Falle von Akri den Sultan gebeten habe, „quatenus in Jerusalem habitare
permitteret aliquos latinos clericos pro custodia sepulchri Christi", welche
Bitte der Sultan gewährt habe; der Papst habe darauf die Franziskaner aus-
gewählt und nach Jerusalem gesandt (Fabri, Evagatorium II 318; I 353 sagt
er richtig: „Stetit autem civitas sancta multis annis sine latinis Christianis,
quousque Robertus rex Siciliae multo auro comparavit a Soldano loca sancta
aliqua, et ea Iratribus miuoribus dedit").
III. Einzug der Franziskaner in die heiligen Stätten 41
der Franziskaner in das folgende Jahrzehnt. Der erste Pilger,
der uns seit dem letzten Abziige der Lateiner aus Judäa wieder
abendländische Ordensbrüder an den hl. Orten und die Fran-
ziskaner als Hüter des Heiligturaes auf dem Berge Sion zeigt,
ist der westfälische Pfarrer Ludolf von Suchem, der von 1336
bis 1341 im Morgenlande weilte ')• Die Kaufurkunden, durch
die unsere Brüder die ersten Grundstücke auf dem Sion erwar-
ben, fallen in die Jahre 1335 bis 1337^). Die älteste Ordens-
chronik, die des Einzuges der Brüder in die hl. Stätten gedenkt,
versetzt denselben in eben dieselben Jahre ^). Und die päpst-
liche Bulle^ die das bereits seit einigen Jahren fertige Kloster
auf dem Sion bestätigt, wurde 1342 erlassen ^). Daher ist außer
allem Zweifel, daß die Franziskaner um diese Zeit wieder in
Jerusalem einzogen, sich auf dem Sion niederließen und den
Gottesdienst an der Grabeskirche neben den andern Riten und
Konfessionen, die seit langem daselbst weilten, übernahmen.
Um diese Zeugnisse der Reihe nach vorzuführen, so
erzählt die bald nach der Mitte des XIV. Jahrhunderts
niedergeschriebene „Chronik der 24 Generäle" des Franzis-
kanerordens ^), daß der armenische Erzbischof Zacharias^) den
Ordensgeneral Geraldus um Missionäre für Großarmenien bat.
Der General schickte 1332 und 1333 viele Brüder dorthin,
unter ihnen den der aquitanischen Provinz angehörenden
P. Rogerius Garini, der mit seiner Missionsreise eine Pilger-
fahrt ins Hl. Land vereinigte. Wohin P. Roger diese Reise
ausdehnte, wo er mit Sultan Nassir Muhammad zusammentraf,
welche Vermittler er am kaiserlichen Hofe hatte, das sind
1) Reißbuch des Hl. Landes, Bl. 449^, vom Berge Sion: ,Jn diesem Kloster
leben jetzundt Barfüßer Mönch, welchen zu meinen Zeiten die Königin Sancia,
ein Gemahl des Königs Roberti, alles, was sie bedurften, dargereicht hat."
•■^) Golubovich, Serie 131 ff. ••') AF III 506.
*) Bulle „Gratias agimus" vom 21. November 1342.
•^) AF III 506. Glaßberger, AF II 160, wiederholt den Bericht; er
setzt die Sendung der Brüder ins Jahr 1334.
^) Er hatte viele Beziehungen zu dem gelehrten Franziskaner P. Daniel
de Thaurisio, der die ausführliche „Responsio ad errores impositos Hermenis"
schrieb; vgl. Recueil des Historiens des Croisades, Docunicnts Armeniens,
II, Paris 1906, 559—650.
42 ni- Einzug der Franziskaner in die heiligen Stätten
alles Fragen, auf die jene Chronik nicht eingeht. Sie berichtet
nur, daß P. Roger vom Sultan von Ägypten den heiligen Berg
Sion nebst dem Zönakulum und dem Saale erhielt, in dem der
Hl. Geist auf die Apostel herniederkam, und dort ein Kloster
baute. „Seitdem", fügt er hinzu, „wohnen da und am Hl. Grabe
bis auf den heutigen Tag unsere Brüder" ^).
Eine sehr willkommene Ergänzung zur Nachricht der ge-
nannten Chronik liefert uns die Bulle des Papstes Klemens VI.^)
1) „Et ex tunc ibi et in sancto sepulchro fratres nostri habitaverunt
usque in hodiernum diem."
'â– ^) Christophorus von Varese schrieb die Bulle Klemens V. zu (Li-
bellus de Privilegiis Bl. 16^) und leitete damit die Verwirrung ein, die sich
bei den nächsten Geschichtsschreibern bis auf Wadding über die Zeit findet,
in der die Franziskaner einzogen. Der erste, der diesen Fehler übernahm,
scheint Marian von Florenz zu sein; in seinem „Compendium Chronicorum
Fratrum Minorum" sagt er, daß Klemens V. die Niederlassung zu Jerusalem
im ersten Jahre seines Pontifikates bestätigt habe, und setzt dementsprechend
den Anfang zwischen 1304 und 1306 („per hec quoque tempora"); vgl. AFH
II 628. Aus Marian übernahm den Irrtum Br. Markus von Lissabon, der zum
Jahre 1304 die Worte desselben wiederholt; Teil II Buch VI Kap. 26. — Ber-
nardin Amico trifft merkwürdiger Weise das richtige Jahr (1336), obgleich
auch er die Bulle Klemens V. zuschreibt (Prefazione). Dasselbe tut Quares-
mius und kommt daher in einer längeren Untersuchung nicht zum richtigen
Resultate; er vermehrt sogar die Zahl der Meinungen durch eine neue, in-
dem er den Anfang der Niederlassung in das Jahr 1313 setzt, da dieses das
erste Jahr des Pontifikates Klemens V. gewesen sei („quia hie fuit primus
annus pontificatus Clementis, in quo dedit praemissam bullam" ; Elucidatio
II 132). Erst Wadding hat in seinen Annales Minorum zum Jahre 1342
diesen Irrtum verbessert und die Bulle Klemens VI. zugeschrieben. Ebenso
Verniero in seiner Chronik S. 248.
Andere Schriftsteller haben die Bulle und die einschlägigen Nachrichten
der Chronik falsch gedeutet. Der schon genannte Verfasser der „Gesta Dei
per Fratres Minores" läßt sich mit Calahorra durch den irrig von 1294 da-
tierten Ferman des Sultans Daher verwirren (69 ff.); Calahorra meint (B. III
K. 3), die Franziskaner hätten in einer Verfolgung die hl. Stätten verloren
und sie jetzt wieder erlangt. Wir haben bereits gesagt, daß jener Ferman
100 Jahre jünger ist, und das für die erstere Annahme nicht ein einziges
historisches Zeugnis vorliegt.
Golubovich, Serie XIX, meint, es sei jetzt nur der „acquisto giuridico"
der hl. Stätten erfolgt, während tatsächlich die Franziskaner schon „un buon se-
colo prima" beim Zönakulum gewesen seien. Aus dem im ersten Kapitel ge-
sagten ersieht man. daß für diese Ansicht jede Grundlage fehlt. Sodann er-
hielten die Brüder jetzt nicht den rechtlichen Besitz des Zönakulums, der vom
Sultan dem sizilianischen Königspaare verliehen wurde, sondern das Recht,
sich neben demselben niederzulassen.
III. Einzug der Franziskaner in die heiligen Stätten 43
vom 21. November 1342 an den Ordensgeneral und den Pro-
vinzial von Neapel, die ihnen mitteilt, daß König Robert von
Sizilien (1309 — 1343) und seine Gemahlin Sanzia neulich (nuper)
mit großen Kosten und vielen Mühen beim Sultan, der das
Grab des Herrn und andere hl. Stätten jenseits des Meeres
besitzt, erreicht haben, daß die Brüder des Franziskanerordens
stets in der Grabesbasilika verweilen und daselbst zelebrieren
sowie feierlich das göttliche Offizium halten können; ferner
habe derselbe dem Könige und der Königin das Zönakulum, die
Kapelle der Herabkunft des Hl. Geistes und jene Stätte geschenkt,
an der unser Herr nach seiner Auferstehung in Gegenwart des
hl. Thoraas den Aposteln erschien. Die Brüder seien bereits
in der Grabeskirche, und die Königin habe für sie auf dem
Sion vor geraumer Zeit (jam est diu) ein Kloster gebaut, in
dem sie stets zwölf Brüder für den Dienst am Hl. Grabe und
an den andern hl. Stätten unterhalten wolle 0-
Der Umstand, daß die Chronik der 24 Generäle nichts
von dem sizilianischen Königspaare und die päpstliche Bulle
nichts von P. Roger und seinen Bemühungen sagt, hat öfter
Geschichtsschreiber befremdet und sogar bestimmt, mit Markus
von Lissabon einen Widerspruch zwischen beiden Zeugnissen
zu sehen 2). Wadding betont hiergegen mit allem Rechte, daß
Einige Schriftsteiler der altern Zeit nennen nicht die Zeit, sondern nur
den König Robert als den Vermittler; so Thenaud 94: „Les freres Mineurs
lä furent premiörement mis par le Roy de Naples, Robert, frere de Sainct
Loys, qui leur achepta la place du Souldan."
Merkwürdig ist, daß Felix Fabri (Evagatorium II 319) und P. Walther
von Guglingen (Itinerariura 271) die Franziskaner erst 1401 auf den Sion ein-
ziehen lassen. Der Herausgeber des letztern, Solhveck, bemerkt in der Anmer-
kung: „Wie Walther zu der hier gegebenen Jahrzahl . . . kam, ist unerklärlich." Da
beide zugleich in Palästina weilten, geht wohl die irrige Nachricht auf dieselbe
Quelle zurück. — Weil die päpsUiche Bulle 1342 erlassen wurde, wird manch-
mal (vgl. Contenson 320) die Übergabe des Zönakulums an die Franziskaner
in dieses Jahr gesetzt.
1) Bulle „Gratias agimus", Eubel, BF VI Nr. 159, und Diarium Terrae
Sanctae II 13. Vgl. die in der Hauptsache gleichlautende Bulle „Nuper cha-
rissimae" an das sizilianische Königspaar von demselben Datum, Eubel
a. a. O. Nr. 160, Diarium II 70; der Papst gibt den Monarchen die Erlaubnis,
drei weltliche Personen für den Dienst der Brüder hinüberzusenden.
2) Delle Croniche de Frati Minori (ital. t)bersetzung von Hör. Diola),
Teil II, Bd. VIII 469, wo er zunächst den Bericht der Chronik der 24 Generäle
44 ni. Einzug der Franziskaner in die heiligen Stätten
sich diese auf keinen Fall widersprechen, vielmehr in will-
kommener Weise ergänzen ^). Das fromme Königspaar und
P. Roger haben beide gemeinsam das schwere Ziel erstrebt
und den herrlichen Erfolg errungen. Wir können freilich nicht
erraten, wie sie zusammenwirkten, von wem die Initiative aus-
ging, ob beide von Anfang an und in gemeinsamem Einver-
ständnis handelten, P. Roger also der Geschäftsträger der
frommen Monarchen am Hofe des Sultans war, oder ob er
sich erst nach einem mißlungenen Versuch an den König Robert,
Bruder des hl. Franziskaners Ludwig von Anjou und großen
Freund der Franziskaner, wandte.
Da nach Ricoldus beim Zönakulum eine Moschee einge-
richtet war, so begreift man, daß die Erfüllung ihrer Bitte mit
vielen Schwierigkeiten verknüpft war, und König Robert eine
große Summe aufwenden mußte. Wie hoch sich diese belief, wird
im XIV. Jahrhundert nicht gemeldet; der erste, der eine Zahl
angibt, ist ein ungenannter Franziskaner, der 1427 einen Pilger-
führer durchs Hl. Land verfaßte; er läßt in demselben den
König Robert 20 000 Golddukaten zahlen; Felix Fabri spricht
60 Jahre später schon von 32 000 ^). Sein Zeitgenosse P. Walther
von Guglingen weiß, daß die Franziskaner jährlich dem Sultan
14 Dukaten zahlen mußten^).
fast wörtlich wiederholt und dann fortfährt: „Ma la veritä e che il divotissimo
Roberto Re di Sicilia ..."
1) Annales Minorum, zum Jahre 1342 Nr. XX: „Bene ergo conveniunt
narratio bullarum Apostolicarum et historia Chronicorum antiquorum."
2) Die Schrift des Franziskaners erschien unter dem Titel „Libellus
descriptionis Terrae Sanctae et peregrinationum ipsius". In: Le Missioni
Francescane IV und V, Rom 1894 und 1895. Daselbst IV 643 vom Hl.
Grabe: „Post Canonicos Reguläres habuerunt eam Georgiani, et- eins claves
tenebant, modo autem tenent eam Fratres Minores ad requestam Reginae
Sanciae Aragonum, que a Soldano suis expensis viginti millibus redemit."
Golubovich, Hörn 64, bezeichnet dies als die erste Angabe einer Kauf-
summe. — Fabri, Evagatorium I 280: „Dedit pro his in prompto auro tri-
ginta duo milia ducatorum probati ponderis." Bei den spätem Schriftstellern
wuchs die Summe noch mehr, bis sie bei Perinaldo, Storia di Gerusalemme
II 175, auf 17 Millionen Dukaten stieg.
^) Itinerarium 271 : „Prenominati quoque fratres, viri religiosi, possident
sanctissimum locum montis Syon tamquam peregrini et advene, exspectantes
quasi omni hora recipere expulsum, maxime quando non solverent soldano
in. Einzug der Franziskaner in die heiligen Stätten 45
Während jene päpstliche Bulle schon den ersten Anhalts-
punkt für die Bestimmung der Zeit gibt, in der die Schenkung
der hl. Stätten erfolgte und der Bau auf dem Sionberge be-
gonnen wurde, können wir an der Hand der Kauf urkunden, durch
die unsere Brüder die aus Zönakulum angrenzenden Grundstücke
erwarben, die Zeit genau bestimmen, und mit ihrer Hilfe sogar die
ersten Stufen der Gründung sowie den Bau des Klosters ver-
folgen. Den ersten Schritt zeigt der Kaufvertrag vom 15. Mai
1335 0, durch den die fränkische Christin Margareta und die
beiden Priester Roger und Johann ein Grundstück vom Staats-
schatze erwerben, das nach der Urkunde als Grenze gegen
Norden „die Mauern der Gewölbe hat, auf denen sich die
unter dem Namen Elliat Sahiun bekannte Kammer erhebt".
Elliat Sahiun hieß und heißt noch bei den Arabern das Zöna-
kulum; jener Priester Roger aber ist ohne Frage derselbe, den
wir schon als Missionar und Franziskaner kennen lernten,
und die Christin Margareta wird uns von Ludolf von Suchem
als Sizilianerin und Schwester eines Chorherrn vom Hl. Grabe ^)
vorgeführt, „die den Christen sehr nützlich war und für sie
viel Leid und Trübsal erduldete sowie beim Sultan wegen
ihrer Treue stets in besonderer Gunst stand" ^). Sie war also
die beste Vermittlerin bei diesem Geschäfte.
Zwei Umstände und Angaben jener Kaufurkunde haben
für uns besonderen Wert. Vom Zönakulum heißt es, daß es
nicht in den Kauf einbegriffen werde, vielmehr dem Staats-
schatze verbleibe; damit erfahren wir, daß die Schenkung
XIV ducatos pro tributo preter alias instantias, quas patiuntur quotidie." Und
der Karthäuser Prior Georg hat noch von einer viel größern Summe gehört.
Er sagt: „Domino Hierosolymae annua munera offerunt et Soldano etiam ipsi
mille, ut audivi, ducatos pendunt" (Sp. 550); das gleiche meldet sein Begleiter
Baumgarten: „Soldano etiam ipsi, ut relatum nobis, mille ducatus pendunt" (89).
1) Golubovich, Serie 131 Dokument B.
2) Die Chorherrn vom Hl. Grabe (Sepulchriner) waren 1291 nach Italien
gegangen und hatten hier wie in andern Ländern mehrere Niederlassungen.
3) In der lateinischen Ausgabe seiner Reisebeschreibung heißt es
(Deycks 81): „Haec Margareta Christianis ibidem multum fuit utilis et pro-
ficua et, ut mihi constat, multas tribulationes et angustias amore Christiano-
rum ibi est perpessa, et semper propter fidelitatem eins in speciali fuit gra-
tia Soldani."
46 ni. Einzug der Franziskaner in die heiligen Stätten
desselben noch nicht erfolgt war, und erhalten also eine feste
Grenze, über die nicht hinaus gegangen werden darf: Am
15. Mai 1335 war das Zönakulum noch in den Händen der
sarazenischen Regierung. Sodann erscheinen die Brüder Roger
und Johannes nicht als Franziskaner, sondern als fränkische
Priester; sie hielten ihre Absicht noch geheim, wohl deshalb,
weil sie noch nicht die Erlaubnis, sich daselbst niederzulassen,
erhalten hatten. Damit erklärt sich auch, daß der Augustiner
Br. Jakobus von Verona, der bald nachher in Jerusalem weilte,
nichts von ihrem Plane meldet.
Einen Fortschritt verrät der Kaufvertrag vom 1. Februar
1337 0- Die Brüder erwerben in demselben ein an jenes erste
Grundstück stoßendes Gelände; auch dieses Mal wird wieder
als Grenze das Zönakulum (Elliat Sahiun) genannt; es fehlt
aber jetzt bei demselben der bei den andern Grenzen aus-
drücklich gemachte Zusatz, daß es dem Staatsschatze gehöre.
Mittlerweile wird es also von diesem an König Robert über-
gegangen sein. Einen weiteren Fortschritt lernen wir aus
zwei bald nachher ausgestellten Urkunden. Am 24. Februar
und 6. März 1337 erklären die Käufer jener beiden Grund-
stücke vor den Behörden, daß sie die von ihnen gekauften
Äcker den Franziskanern, die nun zum ersten Male aus-
drücklich genannt werden, überlassen ^) ; diese haben mithin
unterdessen, die Erlaubnis sich niederzulassen, erhalten, können
daher ihr Inkognito aufgeben und den Bau beginnen. Daß
dies bald geschah, erfahren wir aus einer Kaufurkunde vom
5. Juli desselben Jahres, in der als Grenze eines Ackers
bereits das Franziskanerkloster genannt wird^); zum wenigsten
muß der Bau also damals schon begonnen gewesen sein, übri-
gens wissen wir, daß der erste Bau geringe Zeit erforderte und
mit großer Eile ausgeführt wurde, da er schon nach 25 Jahren
1) Golubovich, Serie 143 Dokument D. — Daß der an erster Stelle
genannte Käufer Frer-Gial wirklich P. Rogerius ist, wie Golubovich, 145 Anm. 2,
vermutet, ergibt sich daraus, daß er hier als der Besitzer des angrenzenden
Grundstückes erscheint.
-) Golubovich, Serie 147 ff. Die Franziskaner erscheinen hier wie
später häufig unter dem Namen „Fratres de Corda".
ä) Golubovich, Serie 151.
III. Einzug der Franziskaner in die heiligen Stätten 47
baufällig war; 1362 sagt Urban V., daß der Niederlassung auf
dem Sion der Einsturz drohe ^).
So liegen sämtliche Stufen der Entwicklung der neuen
Gründung in der Zeit zwischen dem 15. Mai 1335, an dem
das erste Grundstück erworben wurde, und dem 5. Juli 1337,
an dem uns das Kloster zum ersten Male begegnet.
Was wir sonst an Daten und Nachrichten bei zeitgenös-
sischen Schriftstellern finden, deckt sich genau mit dieser
Berechnung. Nach 1334 schrieb der 1344 bereits verstorbene
Br. Paulinus von Venedig, Bischof von Pozzuoli, das wert-
volle Provinziale, ein genaues Verzeichnis der Franziskaner-
klöster seiner Zeit, das in der Provinz des Hl. Landes außer
den vier auf Zypern gelegenen Klöstern ein Kloster in Arme-
nien und das „Zönakulum auf dem Berge Sion" nennt ^). Bald
nachher erzählt Br. Johann von Winterthur, daß die 1343 in
Marseille zum Generalkapitel versammelten Brüder offizielle
Mitteilung von dem Geschenke des Sultans und der neuen
Niederlassung der Brüder in Jerusalem erhielten ^). Daß diese
Gründung aber bereits einige Jahre zurücklag, zeigt klar
die Weise, wie der Pilger Ludolf von Suchern in seinem
Reiseberichte von den Franziskanern Jerusalems spricht, die
er, wie gesagt, als erster Pilger erwähnt. Er nennt sie „starke
und vermögliche Männer", „die von den Kaufleuten und Sara-
zenen gelobt werden, weil sie ihnen viel Gutes tun" â– *) ; dies
setzt voraus, daß man bereits Gelegenheit hatte, das Wirken
derselben zu beobachten, daß ihre Ankunft in der Hl. Stadt
also einige Zeit vor der Abreise Ludolfs (1341) angesetzt
werden muß. Während die früheren Pilger mit keinem
Worte die Anwesenheit von Franziskanern in Jerusalem ver-
raten, schweigt seit Ludolf kaum einer über sie, und fast alle
1) Breve ..Rationi congruit", Eubel, BF VI \r. 830; Diarium T. S.
il 75 („pro maiori parte ruinam minatur").
■-) Vgl. GB II 268. — Daß Br. Paulinus sein Provinciale nach 1334
schrieb, ergibt sich daraus, daß er Fr. Hugo als „episcopus nunc Suessanus"
einführt, dieser aber in genanntem Jahre den bischöflichen Stuhl bestieg.
Golubovich möchte die von ihm benützte Handschrift „qualche anno prima del
1339" beendet glauben (lOlJ.
^) GB II 147. *) Reyßbuch Bl. 449 \
48 in. Einzug der Franziskaner in die heiligen Stätten
gedenken ihrer mit warmen Worten des Lobes. 1343 traf
sie daselbst der Graf von Holland ^), 1345 Br. Nikolaus von
Poggibonzi, 1346 die deutschen Barone von Bodman und von
Hohenfels, die nach Johann von Winterthur überall das Lob
der Brüder von Jerusalem verkündeten; es seien vollkommene,
heilige Männer, treue Beobachter der höchsten Armut ^).
Jene Kaufurkunden lassen auch die Lage des Klosters
genau bestimmen. Während das Zönakulum in der großen
Basilika, die sich vor 1219 auf dem Sion erhoben hatte, an das
rechte, nach Süden gelegene Schiff stieß, wurde das Franzis-
kanerkloster auf der entgegengesetzten Seite angebaut, da die
erworbenen Grundstücke das Zönakulum im Norden hatten.
Die Brüder fanden beim Obergeschoß außer der Nordwand,
die deutlich die Spuren der Kreuzfahrerarbeit zeigt, nur
Ruinen und Reste vor. Es war ihre Sache, die fehlenden
Mauern zu ergänzen und das Gewölbe zu bauen. Wie die
verschiedenartigen Säulenbasen und Kapitelle verraten, nahmen
und benützten sie, was sie vorfanden. Die drei Fenster auf
der Südseite und die gotischen Gewölbe sind so einfach, daß
man wenig über den Baumeister erraten kann. Renard „stellte
fest, daß der Obersaal hauptsächlich ein von französischer Kunst
beeinflußtes Werk, wenn nicht die Arbeit eines französischen
Architekten sein muß" ^). Die Türe auf der Ostseite führte in
die einige Stufen höher gelegene Kapelle der Herabkunft des
Hl. Geistes, die, wenigstens später, auf Pfingsten auch von den
verschiedenen christlichen Sekten besucht wurde. Lochner,
der 1435 mit den Markgrafen Johann und Albrecht von Bran-
denburg in Jerusalem weilte, erzählt uns, daß Pfingsten die
übrigen Christen auf den Sion kamen und „die andern Sekten
1) GB II 148.
2) GB II 150: „Hü in reversione sua longe lateque ditfamarunt homi-
nibus: fratres Ordinis Sancti Francisci illic degentes sanctissimae et perfec-
tissimae vitae fore, . . . altissimae paupertatis perlectissimos sectatores." —
Daß so von nun an fast Jahr für Jahr die Anwesenheit der Brüder in Jeru-
salem belegt werden kann, während vor 1336 niemand von ihnen redet, kann
nur dadurch erklärt werden, daß sie vorher nicht in der Hl. Stadt waren.
3) H. Renard, Vom Bau der St. Marienkirche auf dem Sion in Jeru-
salem, Berlin 1910, 3.
III. Einzug der Franziskaner in die heiligen Stätten
49
eine nach der andern nach ihren Sitten sangen" *). Ob wegen
dieser Besucher später die Treppe angelegt wurde, die nach
Fabri und Anselm von Krakau außerhalb des Zönakulums zur
H. Ronanl.
Hl. r.aiKl -14, 1.
Abb. 1. Zünakiilum. Ansicht der Südwand.
genannten Kapelle führte, oder ob sie die ältere und der Zu-
gang innerhalb des Abendmahlssaales Jüngern Ursprunges ist,
wissen wir nicht. Und ebenso unbekannt ist, ob und wie weit
H. Uonard. Hl. Land U, ü.
Abb. 2. Zönakulum. Ansicht der Westwand.
das genannte Heiligtum des Hl. Geistes noch erhalten war, als
die Franziskaner einzogen. Da die Schenkung des Sultans
Nassir nach der Bulle Klemens' VI. auch die Kapellen des Hl.
1) Vgl. Geisheim 248.
Franzisk. Studien, Beil)cft 1: Lonirnens, Die Franziskaner auf dem Sion.
50
III. Einzug der Franziskaner in die heiligen Stätten
Geistes und des hl. Thomas umfaßte, dürfte man annehmen,
daß noch etwas von ihnen vorhanden war; damit wäre zugleich
erklärt, warum gerade die Ostwand des Zönakulums, an die
jene Kapelle grenzt, besser erhalten blieb ^). Eine andere Treppe
führt in der Südwestecke des Abendmahlssaales in den Raum,
in dem die Kreuzfahrer die Stätte der Fußwaschung verehrt
hatten ") und die Brüder eine Kapelle des hl. Franziskus ein-
richteten ^). Es fehlen Nachrichten über die Zeit, in der diese
H. Renard. Hl. Land 14, 5.
Abb. 3. Zönakiilum. Ansicht der Ostwand.
Arbeit ausgeführt wurde. Südwärts lehnten sich an das Zöna-
kulum die drei Flügel des Klosters, die einen kleinen Hof um-
schlossen, an; sie sind bis heute erhalten^).
Von Ludolf von Suchem erfahren v/ir, daß unsere Brüder
auf dem Sion öffentlichen Gottesdienst halten durften, daß es
ihnen aber verboten war, vor den Sarazenen zu predigen
und ohne Erlaubnis der Behörden ihre Verstorbenen zu be-
1) Die Ostwand, nicht, wie durch Versehen aui der vorletzten Seite
Z. 13 gesagt wird, die Nord wand des ZünakuUims, zeigt „die Ornamentik
der Kreuzfahrerzeit"; vgl. H. Renard, Die Marienkirchen auf dem Berge
Sion in ihrem Zusammenhang mit dem Abendmahlssaale. In: Das heilige
Land, 44. Jahrgang, Cöln 1900, S. 10.
2) Vgl. Johann von Wiirzburg (Tobler, Descriptiones Terrae Sanctae
13(i) und Theodorich (Tobler, Theoderici libellus 55).
^) „Unter dem altar des abent essen ist sant Francisco capel", Eyb 33.
Dasselbe bei Anselm von Krakau 789.
•*) Fabri, Evagatorium I 244: „Non enim habet ambitus nisi tres partes,
et quarta pars est ecclesiae muriis."
I
ni. Einzug der Franziskaner in die heiligen Stätten 51
graben 0- Viel Raum bot der Saal, der nach Anselm von
Krakau 20 Fuß lang und 13 Fuß breit war-), den Gläubigen
nicht, weshalb die Annahme nahe liegt, daß unsere Brüder
von Anfang an die Absicht hegten, eine größere Kirche auf
dem Sion zu bauen. Renard glaubt aus der von den Franzis-
kanern am Zönakulum ausgeführten Arbeit nicht nur diese Ab-
sicht, sondern auch den Bauplan der Brüder folgern zu können.
„Die beiden vermauerten Öffnungen an der Nordseite", sagt er,
„der provisorische Abschluß an der Westseite drängen selbst-
verständlich zu der Frage: Was haben die Franziskaner ge-
wollt?» Meiner Ansicht nach sollte das zweischiffige System
des Abendmahlsaales nach Westen hin fortgesetzt und durch
Anfügung eines Mittel- und eines zweiten Seitenschiffes eine
Emporenkirche geschaffen werden." Die Ausführung des Planes
kam nicht zustande; der Abendmahlssaal is^ seit dem Einzüge
der Franziskaner kaum verändert worden.
Die oben genannte Bulle des Papstes Klemens VI. meldet
uns auch die zweite große Gunst, die das fromme Königspaar
den Brüdern beim Sultan erwirkte: Diese erhielten von ihm
die Vollmacht, feierlichen Gottesdienst in der Grabeskirche
zu halten ^). Mit keinem Worte bestätigt die Bulle die land-
») Reyßbucli Bl. 4 49^. — Wenn Joliann von Winterthur sagt, daß die
Brüder die Erlaubnis hatten „libere ac publice praedicandi" (G B II 147), so
gilt dies nur von der Predigt vor den Christen; die Predigt vor den Sara-
zenen war strengstens verboten.
2) A. a. O. 789. Renard, Marienkirchen 7, gibt eine Länge von
15,40 Meter und eine Breite von 9,45 Meter an.
■^) In der Bulle „Gratias agimus" und in der andern über denselben
Gegenstand „Nuper Charissimae" heißt es übereinstimmend: „Quod Fratres
Ordinis Minorum infra Ecclesiam dicti Sepulchri possint continue commorari
et ibidem Missarum solemnia et alia divina officia solemniter celebrare." —
Die durch Johann von Winterthur (G B II 148) von unsern Brüdern gebrauchten
Worte „ipsum custodientes" und ähnliche sind zu allgemein und vieldeutig,
als daß sie andern bestimmten Zeugnissen entgegengestellt werden könnten. —
Nirgends begegnet uns im 14. Jahrhundert die klare und bestimmte Beschrei-
bung der Rechte der Brüder, die uns 100 Jahre später Fabri und Surian
geben. Ersterer sagt: „Claves dulcissimi Doniini Jesu sepulchri et speluncae
ipsi habent, ipsumque aperiunt et claudunt, cui volunt, et in eo Missas cele-
brant, quundo placet. Nee audent sacerdotes aliarum sectarum in eo cele-
brare, nisi de Latinorum expressa requisitione ot licentia;" Evagatorium
4*
52 in. Einzug der Franziskaner in die heiligen Stätten
läufige Ansicht, daß die Franziskaner jetzt die ganze Grabes-
kirche erhalten hätten, oder daß sie zu Hütern des Hl.
Grabes bestellt seien und die unter der Kuppel gelegene
Grabeskapelle selbst ihrer Obhut anvertraut wurde. Die nächst-
folgenden Pilger zeigen uns die Brüder in der Basilika, aber
neben den schon früher daselbst weilenden Riten und Kon-
fessionen, und sagen nichts, was auf eine Änderung des
in der hl. Kapelle vor ihrem Einzüge bestehenden Zustandes
schließen oder die Franziskaner als die eigentlichen Hüter
des Hl. Grabes erscheinen ließe. Dieses Amt verblieb nach
Fabri noch lange den früheren Wächtern, den Georgiern 0;
Ludolf, der als erster die Franziskaner in der Grabeskirche
antraf, bemerkt ausdrücklich, daß die Georgier den Schlüssel
zum Hl. Grabe hatten '-).
Was die älteren Pilgerberichte und Urkunden über die
Rechte der Franziskaner in der Grabeskirche sagen, ist dieses:
Sie hatten eine Kapelle der Basilika zu ihrem ausschließlichen
Gebrauche, konnten in der Grabeskapelle und auf dem Kal-
varienberge das hl. Meßopfer darbringen ^) und mit den Pilgern
des Abendlandes feierliche Prozessionen zu den einzelnen
hl. Stätten der Kirche veranstalten ^).
I 348. Und Suriaa sagt: ,.Ne nulla altra natione de riligiosi po dir la messe
in questo Sepolchro, senza nostra particolar licentia, per esser quello in
nostra custodia et guardia. Del quäl etiam tenimo le chiave;" Trattato 31.
1) Evagatorium I 349.
-) Reyßbuch Bl. 450 ■": ..In der Kirchen des heyligen Grabes sind die
Georgianer, die den alten Schlüssel zu dem Grab haben, welchen durch ein
klein Fenster, das da ist an der Kirchentür gegen Mittag, Allmusen, Liechter . . .
geben wirt;" es werden die „senes calogeri" sein, von denen Br. Jakobus von
Verona spricht. Ludolf klagt, daß die Georgier das Hl. Grab vernachlässigen
und ganz ..ohne Ehre und Ehrfurcht" lassen. — Nach Br. Nikolaus von
Poggibonzi, Libro d'Ollramare 68, hatten 1345 auch die Sarazenen einen
Schlüssel; er sagt von einem derselben: „Er öffnet die Kapelle des Hl. Grabes,
läßt die Person für die Zeit von drei Vaterunser hinein, jagt sie hinaus und
schließt wieder zu." Diese Weise entspricht dem, was Ludolf sagt: „Nam
Sarraceni tantum venerantur sepulchrum Christi, quantum Christiani synago-
gam Judaeorum" ; Deycks SO.
^) Vgl. den Ferman des Sultans Barsabai bei Golubovich, Serie 170.
*) Frescobaldi, Viaggi 120: „Quando vi vengono pellegrini, i sacer-
doti di quella generazione s'accorsano e ricevono i pellegrini, e tutti con
torchietti e candeli in mano fanno la processione."
III. Einzug der Franziskaner in die heiligen Stätten
53
Die ersten Pilger, die nach 1336 die Grabeskirche be-
suchten, weisen sämtlich den Brüdern eine bestimmte Kapelle
derselben als Stätte für ihren Gottesdienst zu, scheinen sich
jedoch hierbei zu widersprechen. Nach LudoH hatten bei
Hl. Land 44, 7.
Abb. 4. Grundriß des Zönakulums. ')
seinem Aufenthalte in der Hl. Stadt die Lateiner in der Basi-
lika den Ort inne, an dem Christus der hl. Maria Magdalena
1) .,I)ie glatte Ostwand sowie das letzte östliche Drittel der Nordwand"
stammen aus dem 12. Jahrhundert. Das Zönakuhim hat zwei freistehende
und eine sich an die Westseite anlehnende Säule. Im Osten „löst sich das
54 ni. Einzug der Franziskaner in die heiligen Stätten
in Gestalt des Gärtners erschien ^). Br. Nikolaus von Poggi-
bonzi scheint einige Jahre später diese Nachricht zu bestätigen,
da er sagt: „Am Altare der hl. Maria Magdalena zelebrieren
die Lateiner, d. h. die Minderbrüder," bereitet aber sofort eine
Schwierigkeit durch die Worte: „An dem andern Altar, wo
Christus der hl. Maria Magdalena erschien, zelebrieren die
Georgier" ^). Waren in der Basilika zwei Altäre, die beide der
Erscheinung geweiht waren, deren sich Magdalena erfreute,
und von denen der eine den Lateinern und der andere den
Georgiern gehörte, oder muß man eine Verwechslung, deren
sich die beiden Pilger schuldig machten, annehmen und zwei
Altäre nach zwei Erscheinungen unterscheiden, derjenigen, die
der Herr seiner hl. Mutter gewährte, und der andern, deren
Magdalena teilhaftig wurde? In dieser Weise stellen alle
Pilgerführer seit Frescobaldi und Gucci die Sache dar ^).
Ersterer nennt zunächst die dem Hl. Grabe am nächsten
gelegene Stätte und Kapelle, bei der Christus Maria Magdalena
als Gärtner erschien, und fügt sofort hinzu: „Daneben ist eine
andere Kapelle, wo Christus unserer Herrin erschien; sie wird
von den Brüdern des Berges Sion aus dem Orden des hl.
Franziskus bedient" "*). Sein Reisegefährte Gucci sagt das-
zweischiiüge Gewölbesystem in ein großes rippenloses Gewölbe mit großem
Schildbogen" auf; Renard, Marienkirchen 7, und „die beiden Eckdienste au
der Ostwand besitzen gänzlich andere Kapitälhöhen" ; ebd. 10.
1) „Latini habent locum, quo Christus Mariae Magdalenae apparuit in
specie hortulani"; Deycks 81. — Ohne Grund folgert Gonrady, Vier rhei-
nische Palästina-Pilgerhandschriften 8, aus dem hier von Ludolf gebrauchten
Worte „Latini", daß die Franziskaner noch nicht an der Grabeskirche waren,
und Tobler, Golgatha 365, möchte aus dem Schweigen Ludolfs über unsere
Marienkapelle ableiten, daß sie damals noch nicht bestand.
-) Libro d' Oltramare 94 : „All altare di santa Maria Madalena ufiziano
i Latini, cioe frati minori . . . All altro altare, ove Cristo apparve a santa
Maria Madalena, ufiziano i Giorgiani".
^) Beide kamen 1384 in Jerusalem an. Ihre Beschreibungen sind ver-
öffentlicht in Viaggi in Terra Santa di Lionardo Frescobaldi ed altri del se-
colo XIV, Florenz 1862.
*) S. 189: „Ivi apresso si e una Cappella, nel quäle luogo apparve
Cristo a S. Maria Maddalena a modo do ortolano. Ancora e ivi appresso un
altra cappella dove Cristo apparve alla nostra Donna, e ufficiasi pe frati del
Monte Sion dell Ordine di san Francesco, e trovamovi un frate da Bibbiena."
rn. Einzug der Franziskaner in die lieiligen Stätten 55
selbe ') und gibt zugleich eine Beschreibung der Kapelle der Er-
scheinung Mariens, die sich genau mit jener deckt, die Poggibonzi
von der Kapelle der hl. Maria Magdalena bietet, so daß man
alsbald erkennt, daß dieser mit den andern in der Sache über-
einstimmt und nur die den Franziskanern zugewiesene Marien-
kapelle mit einem falschen Namen belegt. Man entschuldigt
die Verwechslung, da beide Stätten dicht nebeneinander liegen^).
Diese Marienkapelle, die bis heute im Besitze der Franzis-
kaner verblieben ist, stammt aus der den Kreuzzügen vorauf-
gehenden Zeit. Um 1100 schreibt von ihr Säwulf: „Zu den
Seiten der Kirche selbst liegen hüben und drüben zwei hoch-
berühmte Kapellen (von denen eine der hl. Maria, die andere
dem hl. Johannes geweiht ist), ebenso wie beide zu beiden
Seiten Teilnehmer des Leidens des Herrn waren" ^). Die
Griechen, die früher die Kapelle bedienten, bewahrten daselbst
eine kostbare Partikel des hl. Kreuzes *), und seit Jahr-
1) S. 37ti: „In detta chiesa e una Cappella . . ., dove Cristo risuscitato
appari a Maddalena . . . Pol . . . e una cappella divota e bella, dove Cristo
appari alla sua madro, e chiainasi la cappella di Nostra Donna; e in detta
capella ha una finestra quadra con una graticola di ferro innanzi; ed e in
detta finestra uno pezzo della colonna, dove Christo fu battuto." Vgl. damit
Poggibonzi 70: „X passi dallo Sepolcro si ä un cappella . . ., che si
chiaraa santa Maria Magdalena . . . e ivi si ä un altare ; dalla parte ritta dell
altare della tribuna si ä una finestra, alta da terra tre piedi; e in quella fi-
nestra si c una parte della colonna, alla quäle il nostro Signore Jesii Cristo
fu legato."
-) Die früher der hl. Maria Magdalena geweihte Stätte war eine kleine
Absis, die um 1720 der Türe zur neuen Sakristei der Franziskaner weichen
mußte. Quaresmius sagt, II 429, von derselben: „Juxta ostium sacelli
S. Mariae de apparitione est capellula ad honorem S. Mariae Magdalenae
aedificata, quae nc impedimento esset, ibi, et non in loco, ubi ipsa et Christus
stetit, quando ei apparuit, fiiit constructa." Vgl. Golubovich, Hörn 58
Anm. 1: „Superioribus annis fuit Capellula ad honorem S. Poenitenlis ex-
tructa, nunc in sacristiam conversa est," und P. Vincent O. P., Jerusalem II 270.
•'') „In lateribus ipsius ccclesiae duae capellae sibi adhaerent praecla-
rissimae hinc indc (sanctae Mariae scilicet sanctique Johannis in honore), si-
cut ipsi participes Dominicae Passionis sibi in lateribus constiterunt hinc
inde"; D'Avezac, Relation des Voyages de Saewulf ä Jerusalem et en Terre-
Sainte. Pendant les annees 1102 et 1103, Paris 1839, 30.
â– *) Mariano da Siena, Del Viaggio in Terra Santa, Florenz 1882, 71ff.,
gibt eine Beschreibung der Kapelle; u. a. sagt er vom Altar, der links vom
Hauptaltar steht: „All altro ste un longo terapo la metä della Santa Croce,
56 in. Einzug der Franziskaner in die lieiligen Stätten
hunderten verehrt man in derselben auf dem neben dem Ein-
gang gelegenen Altare ein Stück der Säule, an die der Herr
bei der Geißelung gebunden wurde ').
Über die Art, wie die Altäre der Basilika in der ersten
Zeit nach dem Einzüge der Franziskaner unter die verschiedenen
Konfessionen verteilt waren, gibt uns Br. Nikolaus von Poggi-
bonzi eine interessante Übersicht, die zugleich die bündigste
Widerlegung der 300 Jahre später auftretenden Meinung bietet,
als hätten die Franziskaner 1336 durch Vermittlung des Königs
Robert die ganze Basilika erhalten und seien erst allmählich
von den andern Konfessionen zurückgedrängt worden^). Die
bereits angeführten Zeugnisse der Pilger und alle Berichte der
folgenden Zeiten bezeugen klar, deutlich und bestimmt, daß
diese Meinung nicht zutrifft und vielmehr die entgegengesetzte
Entwicklung stattfand. Br. Nikolaus schreibt^): „Am Haupt-
altar zelebriert der Patriarch der Griechen, auf dem Kalvarien-
berg die Armenier, unter Golgatha die Jakobiner, an dem
Altare, der auf der Rückseite des Hl. Grabes steht, die Indianer
und Äthiopier, die ganz schwarz, schwärzer als Tinte sind,
und neben ihnen die Nubier, am Altare der hl. Maria Magda-
lena^) die Lateiner, d.h. die Minderbrüder..., an dem andern
Altar, wo Christus der hl. Maria Magdalena erschien, die Geor-
gier, im Gefängnis Christi die Gürtelchristen und am Altare
hinter der Tribüne (dem Chore) die Nestorianer" '"). Mit der
Zeit verschoben sich zum Teil die Konfessionen; einzelne
schieden ganz aus, während es den Griechen und Franzis-
kanern gelang, andere Stätten und Altäre zu dem von Poggi-
bonzi genannten Besitz zu erwerben. So wurde noch vor
che quando Santa Elena la ritrovö, la fece segare per mezzo, e la metä ne
lassö in questo luogo, e 1' altra metä ne portö seco." Eine kleinere Partikel
wurde dort noch später verehrt; Fabri I 288.
1) Vgl. S. 55 Anm. 1, Mariano da Siena 72 und andere.
-) So sagt Verniero, Chronik 246: „Credesi nondimeno probabil-
mente che gli frati in quel principio furono posti in possesso di tutta la detta
chiesa." Sonst könne man, meint er, nicht die Fortschritte der Brüder begreifen.
^) Libro d'Oltramare 94.
^) Nach dem oben gesagten ist es der Altar der Erscheinung Mariens.
5) Vgl. über diese Riten und Konfessionen unten Kap. 8.
III. Einzug der Franziskaner in die heiligen Stätten 57
Ende des XIV. Jahrhunderts den Brüdern durch einen Ferman
das schon erwähnte Recht zugesichert, in der Grabeskapelle
und auf dem Kalvarienberge zu zelebrieren ').
Es entspricht der Gepflogenheit des Volkes, große Werke
in der Tradition zu erweitern, weshalb wir uns nicht wundern,
daß auch die erhabene Tat des frommen Königspaares mit der
Zeit über den ersten und wirklichen Bestand ausgedehnt wurde.
Ein Pilgerführer des Jahres 1427 läßt den König noch die
Kirche von Bethlehem beim Sultan erwerben^); etwas später
fügt Surian das Hl. Grab und das Hospital auf dem Sion hinzu ^),
während nach Fabri und Marian von Florenz ^) Robert und
Sanzia außer dem Zönakulum die Kirche von Bethlehem und
das Grab der Gottesmutter im Tale von Josaphat erwirkten.
Vielleicht liegt diesen Nachrichten, wenigstens soweit sie das
tatsächlich den Brüdern um jene Zeit verliehene Heiligtum
von Bethlehem betreffen, die Bemühung des Königspaares zu-
grunde, während für das Grab der Gottesmutter und jenes
Hospital eine Verwechslung der Königin Sanzia mit ihrer
Nachfolgerin, Königin Johanna (1342—1382), unterlaufen ist.
Für den Einzug der Franziskaner in Bethlehem-^) sind
1) Sultan Barsabai sagt 1427 in einem Ferman, daK dieses Recht den
Brüdern seit vielen Jahren gemäß den gewährten Fermanen zusteht; Golu-
bovich, Serie 170.
'-) Der Libellus descriptionis; vgl. Le Missioni Francescane IV 510.
â– i) Trattato 112.
■•) Fabri, Evagatorium 1 280: „Emit a Soldano locum illum montis
Syon et capellam b. Virginis in valle Josaphat, et ecclesiam Bethleemitanam
cum monasterio;" 11 ;520 fügt er hinzu „capellam beatae. Mariae Virginis" in
der Grabeskirehe, „dominici sepulchri tugurium", „specum dominicae nativi-
tatis." Marianus, Compendium (AFH II 028): „In sacro monte Syon et
in Bethlem, ubi Christus natus est, et in Sepulchro Beate Marie in valle
Josaphat."
■') Verniero, Chronik 92 und 245, stellte schon fest, daß im Archiv
die Dokumente über den Erwerb des Heiligturas von Bethlehem fehlen. Er
sagt: „Non si trova sciittura autentica in che maniera e quando gli frati
havessero per loro uso e Custodia il Convento e Chiesa di Bettelemme." Das-
selbe sagt Calahorra, B. 11 K. 9; doch möchte er die Schenkung des Klosters
bereits durch den Sohn des Sultans Melek-el-Kamel erfolgt sein lassen und
beruft sich auf „einige alte Schriften" des Archives, die er nicht näher be-
stimmte. Ausdrücklich nennt er eine 1806 vom Kadi zu Jerusalem erteilte
Erlaubnis, die Kirche zu Bethlehem zu restaurieren. Zur Zeit sind mehrere
58 III. Einzug der Franziskaner in die heiligen Stätten
wir auf die Nachriebt beschränkt, die Br. Nikolaus von Poggi-
bonzi 1345 überliefert: „Die Kirche von Bethlehem haben
heute die Minderbrüder des hl. Franziskus; Medephar, Sultan
von Babylonien, gab sie uns, und die Brüder zogen in die-
selbe ein, als ich in Jerusalem war" ^). Vergebens späht man
bei den alten Chronisten und in den Urkunden nach Nach-
richten oder Fingerzeigen aus, die uns über die Vermittler
Aufschluß gäben oder die Zeit des Geschenkes genauer be-
stimmen ließen. Golubovich möchte in jenem von Poggibonzi
genannten Sultan Medephar den Kalifen Modhaff er Rokneddin
sehen, der von 1309 — 1310 regierte. Wir können nicht an-
nehmen, daß unsere Brüder 35 Jahre gewartet hätten, bis sie
von der großen Gunst Gebrauch machten und das Heiligtum
übernahmen. Sodann fehlt der Name jenes Sultans unter den
Gönnern der Franziskaner, wie sie in mehreren Fermanen
späterer Sultane genannt werden ^).
Einige Nachrichten über die den Franziskanern von Beth-
lehem verliehenen Rechte und Stätten erhalten wir durch die
Pilger der nächsten Jahrzehnte. Nach Frescobaldi hielten sie
den Gottesdienst in der altehrwürdigen Basilika, während den
andern Konfessionen, den Griechen, Gürtelchristen und Jako-
biten bestimmte Kapellen zugeteilt waren ^). „Auch ist dort",
ergänzt er, „eine große Menge Sarazenen, die daselbst aus Ver-
ehrung für unsere Herrin Tag und Nacht zahlreiche Lampen
brennen lassen und für den Lebensunterhalt der Brüder sowie
für die Kirche beisteuern." Der russische Diakon Ignaz von
solcher Vollmachten' und nicht datierte Gutachten über Restaurationen an der
Kirche von Bethlehem im Archiv der Prokura; keine derselben liegt sicher
vor 1345, und kein Pilger erwähnt vor diesem Jahre ein Franziskanorkloster
in Bethlehem.
1) Libro d'Oltramare I 236: „La chiesa di Bctlilehera . . . tengono oggi
i frati minori di santo Francesco, che cc la donö Medephar, soltano di Ba-
billonia; e frati c'entrarono, quando io era in Jerusalem." Da die mittelalter-
lichen Pilger beim Schreiben der arabischen Eigennamen die willkürlichsten
und merkwürdigsten Variationen fertig bringen, ist es sehr schwer, die von
ihnen gemeinten Personen zu erraten.
2) Golubovich, Serie 199 Anm. 3.
•'') S. 102 : „La chiesa s' ufficia pe' Cristiani Franchi . . . i quali sono
sotto il guardiano di Monte Sion ... Ha nella detta chiesa certe cappelle
d'altri Christiani, cioe Cristiani di cintura, Cristiani giacopini e Cristiani greci."
fll. Einzug der Franziskaner in die heiligen Stätten 59
Sniolensk und der russische Archimandrit Grethenius ^), die
einige Jahre später nach Bethlehem kamen, bestätigen, daß
die „Franken" den Gottesdienst in der Basilika hatten; ersterer
fügt hinzu, daß dieselben das Kloster inne haben und „über der
Krippe" zelebrieren, während die Griechen über „der Geburts-
höhle" Gottesdienst halten. 1427 zeigt bereits ein Pilgerbuch
die Franziskaner im Besitze der ganzen Geburtsgrotte ^).
Das Kloster zu Bethlehem war das dritte und letzte, das
die Franziskaner während des Mittelalters in Palästina gründen
konnten. Es gelang ihnen wohl in Jerusalem und Umgebung,
noch einzelne Heiligtümer ganz oder zum Teil zu erwerben;
aber die Gründung eines weitern Klosters kam trotz höchster
Vermittlung nicht zustande ^). Die Schriftsteller und Chronisten
des Ordens versäumten nicht darauf hinzuweisen und in jener
Dreizahl eine Beziehung zu den drei Orden des hl. Franziskus
zu sehen. So sagt Br. Christophorus von Varese: „Unser
Heiland, der in größter Armut zu Bethlehem geboren wurde,
der auf dem Berge Sion ein ganz armes Abendmahl feierte
und nackt auf dem Kalvarienberge am Kreuze sterben wollte,
1) Vgl. B. Khitrovo, Itineraires Russes, Genf 1888, 128—1(51: Le
Pelerinage d'Ignace de Sinolensk (1389 — 1405). S. 154 sagt er über Beth-
lehem: „Les Francs officient au-dessus de la creche et les Grecs au-dcssus
de la cavite; ä Bethleem, ä gauche, sc trouve le couvent franc, et 11 y a lä
TEglisc de la Nativite du Christ oü officient les Francs."
■-) Sein Reisebericht ist in der gleichen Sammlung veröffentlicht; vgl.
Khitrovo 167—191. Daselbst 182 von Bethlehem: „Les Francs ont cette
eglise sons leur dependance."
•') Libellus descrintionis: „Soli Christian! catholici predictam capellam
tencnt. Et illa die in ea divina peragunt officia. Et porte eins a Saracenis
custodiuntur, ne in suis missis ab aliis turbentur" ; Lc Missioni Francescane
V 322. Dasselbe sagt Fabri I 479: „Specum autem nativitatis Domini ha-
bent Latini."
') Wenn Papst Kalixt III. in der Bulle „Licet pro nostra" (1453) die
„fratres ordinis Bcati Francisci de Observantia nuncupati locoruni Montis
Sion, Sancti Sepulchri, Bethlehem, Vallis Josaphat, Montis Oliveti et Sancti
Salvatoris de Baruto", Diarium T. S. IV 153, nennt, so soll damit nicht gesagt
sein, daß an den einzelnen Orten eigentliche Niederlassungen bestanden. —
Die Hospizien oder Pilgerhäuser der Franziskaner kommen an dieser Stelle
nicht in Betracht. — Daß zu Abu ühosch nicht ein Franziskanerkloster bestand,
wie meistens behauptet wird, wird unten gezeigt.
60 IV. Erste Geschicke der Brüder auf dem Sion
berief unter allen katholischen Christen die arme Familie zur
Obhut dieser hochheiligen Stätten, um zu zeigen, wie sehr
ihm das Gelübde der höchsten Armut gefall l ... Es lag im
Plane der göttlichen Vorsehung, sie nur diese drei Stätten be-
wohnen zu lassen, . . . obgleich sie noch an andern Orten,
nämlich im Tale Josaphat, Wohnung nehmen wollten 0, und
das um der Ähnlichkeit mit den drei von Franziskus gestifteten
Orden willen" ^J.
IV. Erste Geschicke der Brüder auf dem Sion.
Statuten und Organisation
der Franziskanermission Palästinas.
Die Geschichte der Franziskaner Palästinas bietet im Mittel-
alter wenig Wechsel; überall kehren die gleichen Nachrichten
und Angaben wieder. Die Urkunden melden von kleineren
Käufen, durch die besonders das Gebiet auf dem Sion allmählich
erweitert wurde, von der Erlaubnis, die Klostergebäude wieder-
herzustellen, und von den Bemühungen der Sultane, die Brüder
gegen allerlei Unbilden und Verfolgungen in Schutz zu nehmen.
Die Reiseberichte der Pilger ergänzen den feierlichen Gottes-
dienst der Brüder an den hl. Stätten und ihre treue Sorge für
die Pilger. Den breitesten Raum nehmen in der Geschichte
unserer Mission die mannigfachen Bedrängnisse der Brüder ein;
fast Blatt für Blatt wissen die alten Chronisten von ihnen zu
erzählen, wenn auch von einer eigentlichen Christenvorfolgung
nicht die Rede sein kann. Den ägyptischen Sultanen fehlte es
selten an Gründen zu allerlei Maßregeln. Kam die Kunde von
neuen Kreuzzugsplänen des Abendlandes in den Orient, so
waren unsere Brüder die ersten Opfer; wurde irgendwo in der
Welt den Sarazenen ein Leid von Christen zugefügt, siegte ein
christlicher Herrscher über die Streiter des Halbmondes, nahm
1) Surian ergänzt, Trattato 65, wo er die Worte des Br. Christo-
phoriis wiederholt, an dieser Stelle: „Monte Oliveti cum altri assai;" ähnlich
sagt Verniero, Chronik 256.
-) Libellus de privilegiis, Bl. 17r.
Statuten und Organisation der Franziskanermission Palästinas 61
ein abendländischer Korsar ein Schiff der Moslems weg, so
mußten es die Brüder, die in der Gewalt des Sultans waren,
büßen. Die Niederlagen der Sultane im Kampfe mit den Christen
sind Marksteine in der Franziskanergeschichte Palästinas; auf
ihren Blättern findet man, welchen Widerhall jene Ereignisse
im Morgenlande hatten. Und das Beispiel der Machthaber fand
Nachahmung bei den niedern Beamten. Was diese an Gründen
zu immer neuen Forderungen ersannen, erscheint dem Abend-
länder unglaublich. Verniero stellt in seiner Chronik eine lange
Liste von Erpressungen zusammen, die von den Paschas und
Niedern in ein festes System gebracht waren, und von den Geldern,
die unter allen möglichen Titeln gezahlt werden mußten. Es
war mehr Sucht, zu rauben und auf bequeme Weise etwas zu
gewinnen als Haß gegen die Fremden und Christen. Das Volk
blieb aber nicht zurück und fand eine Menge Wege, um von den
Brüdern durch List und Gewalt Gaben und Gelder zu erzwingen.
Kaum war der Herrscher, der den Franziskanern das
Wohnrecht in der Hl. Stadt verliehen hatte, gestorben, als schon
die Bedrängnisse begannen. Am 28. März 1346 klagte Papst
Klemens VL, er habe gehört, daß der Sultan von Ägypten das
Kloster der Brüder zu Jerusalem und die ihnen übergebenen
Stätten zu zerstören und zu schädigen trachte '). Man wollte
wahrscheinlich neue Gelder erpressen oder sogar den Franzis-
kanern den Aufenthalt in Jerusalem verleiden, wie man es
tatsächlich um jene Zeit bei den Dominikanern erreichte, die
um 1340 2) das Grundstück Hakeldama erworben und auf dem-
1) In der Bulle „Sincerae devotionis" heißt es: „Percepimus, quod
. . . soldanus Babyloniae conventum dictorum fratrum necnon locura et aedi-
ficia eorundem aliaque oratoria ac loca sancta in civitate Jerosolymitana con-
sistentia, eorum custodiae deputata, quorum tu, lili Antoni, ut asseris, vicarius
existis, de die in diem destruere ac damnificare molitur." Der Papst erlaubt
daher dem genannten fr. Antonius de Alexandria und dem fr. Adam Ronato,
das Material für die Restauration aus dem Abendlande nach Palästina zu be-
fördern; Eubel. BF VI Nr. 353.
■-) Ludolf von Suchern sagt vom Acker Hakeldama: „Juxta hunc
agrum est locus valde delectabiiis et arboribus pulchcrrimus, quem fratres
praedicatores in recessu meo emerunt" (1341); Deycks 85. Meister-
mann-Huber läßt S. 219 zu Unrecht das Dominikanerkloster auf Hakel-
dama schon 1281 entstehen.
62 IV. Erste Geschicke der Brüder auf dem Sion
selben ein Kloster gegründet hatten; sie wurden von den Sara-
zenen mit so vielen Plünderungen und Feindseligkeiten heimge-
sucht, daß sie die Stätte wieder verließen. Daß dieses Ziel bei den
Franziskanern nicht erreicht wurde, führt Fabri auf den Um-
stand zurück, daß diese in der Stadt wohnten, eine bessere
Lage sowie ein mit hohen Mauern und eisernen Toren wohl
behütetes Kloster hatten ^).
Die Absicht der Sarazenen, die Franziskaner wieder aus
den hl. Stätten zu verdrängen, leuchtet aus dem Briefe hervor,
den Königin Johannall. von Neapel am 22. Mai 1363 an den
Sultan von Ägypten schrieb, in dem sie diesen bittet, er möge
den Franziskanern die Erlaubnis, „auf dem Berge Sion und am
Hl. Grabe zu verweilen, erneuern und von neuem gewähren".
Der Brief verrät uns noch allerlei Schikanen und Quälereien,
denen die Brüder preisgegeben waren. So bittet die Königin,
man möge dieselben in Ruhe sterben lassen und nicht, während
sie krank darniederlägen, in ihre Wohnung eindringen und
das, was im Gebrauche der Kranken sei, aufschreiben, um es
alsbald als herrenloses Gut in Besitz zu nehmen. Sodann
möge es den Brüdern gestattet sein, Speise und Trank im
Hause aufzubewahren und alles das zu genießen, was den
Christen von ihrem Gesetze erlaubt werde. Wie man aus andern
Schreiben ersieht, galt dieses besonders vom Weine, betreffs
dessen die Moslems den Brüdern die Vorschriften des Korans
aufbürden wollten. Die Königin bittet auch, die Franziskaner
1) Fabri, Evagatorium I 424: „Dum rex Hubertus Siciliac fratribus
Minoribus montem Sion et alia . . . a Soldano multo auro comparasset, invo-
caverunt fratres Praedicatores pios homines, et congregata pecunia a Soldano
agrum Acheldama emerunt . . . Accipientes autem locum ad tempus posse-
derunt, sed propter invasiones Maurorum et infidelium invastationes locum
deserere fuerunt coacti. Fratres enim Minores, quantum ad hoc, sunt bene
provisi in monte Syon, habentes quietum (locum) in civitate et bene munitum
altis muris et ferreis ostiis. His tarnen non obstantibus persaepe sunt in
magnis periculis propter importunas . infidelium invasiones, etiam noctuino
tempore. Et nisi essent viri fortes, dudum montem Syon dereliquissent propter
periculosas invasiones illorum canum." — 1348 beschlossen die Dominikaner
den Bau eines Klosters zu Bethlehem; vgl. Tobler, Bethlehem 217 Anm. 4_
— Vgl. auch Fabri, Evagatorium I 412 und II 320 über ein Kloster „in
specu S. Jacobi Apostoii" im Tale Josaphat, das die Dominikaner verließen
„propter infidelium insultus et frequentes depraedationes et invasiones".
Statuten und Organisation der Franziskanermission Palästinas 63
gegen die Geldi'orderungen niederer Beamten ') in Schutz zu
nehmen und diesen streng zu verbieten, von denselben irgend
etwas zu fordern ^).
In dem gleichen Jahre schrieben zwei andere Herrscher
in demselben Sinne an den Sultan, wohl ein Zeichen, daß die Be-
drängnisse der Brüder unerträglich geworden waren, und diese
keinen andern Ausweg mehr sahen als den Schutz der Fürsten.
König Peter IV. von Aragonien bat am 26. Dezember den Sultan,
er möge seinen Beamten und Untertanen jede Bedrückung der
Franziskaner verbieten und diese tunlichst beschützen; der König
versprach, mit gleicher und noch größerer Rücksicht gegen die
Untertanen des Sultans zu verfahren ^). Der Doge Lorenzo Celsi
von Venedig kommt in seinem Schreiben vom 31. Oktober 1363
auf den Scluitz der sterbenden Brüder und Pilger gegen die
Raubgier der Sarazenen, die sogleich alles plünderten und an
sich rissen, zurück; die Güter der im Hl. Lande verscheiden-
den Pilger und Brüder müßten den Christen verbleiben. Außer-
dem empfiehlt er seinem Vertreter zu Alexandrien, dem Konsul
Contarini, beim Sultan die Bitte zu stellen, daß stets einige
1) „Nee teneantur ad solvendum aliquod cursoribus;" vgl. über diese
„cursores" Golubovich, Serie 108 Anm. 25.
2) Brief bei Wadding, Annales, zum Jahre i:5fi3 Nr. 21, und Cozza,
De Graecorum Schismate III, Rom 1720, Teil V Kap. 17 S. 248: „Quod de
caetero non scribantur nee petantur bona, quae ipsi fratres et etiam peregrini
habent, dum infirmantur, nee eis, specialiter dictis Fratribus, Hat talis op-
pressio sive offensa, quinimmo de bonis suis libere disponere sine impedl-
mento vel obstaculo quocumque possint. Similiter Fratres ipsi in eorum do-
mibus libere teuere victum et potum et eis uti ad libitum prout faciunt Mer-
eatores Christiani in Alexandria, et prout a lege Christianorum est permissum.
Et si per aliquem casum contingat, domos ipsorum Fratrum perscrutari et
victum vel potum secundum Christianorum ibi invenlri, quod nulla eis prop-
terea injuria inferatur nee eis ad culpam aliquam imputetur. Nee etiam ipsi
Fratres teneantur ad solvendum aliquod cursoribus, quinimo prohibeatur eis,
ne aliquid petant seu cxigant ex ipsis Fratribus, cum non habeant, undc
vivant."
3) B ief bei Cozza, a.a.O. 248. Es heißt daselbst: „Intime depre-
camur, quod honoris nostri intuitu injungatis omnibus officialibus et subditis
vestris ut non inlerant damna vel injurias nee inl'erre pcrmittatis Fratribus su-
pradictis, quinimo eos ab ofrensis praeservent, cum fuerit opportunum. Nam
in hoc summe complacebitis votis nostris, offerentes nos in nostro dominio
vestrae Serenitatis respoctu pro vestris subditis similia lacere et maiora."
64 IV. Erste Geschicke der Brüder auf dem Sion
Brüder am Grabe der Gottesmutter weilen können ^). Die gleiche
Bitte hatte bereits König Peter von Aragonien an Papst Inno-
zenz VI. -) und Königin Johanna von Neapel an den Sultan ge-
richtet; letztere bat auch, daß den Franziskanern erlaubt werde,
einige Wohnräume neben der über dem Grabe der Gottesmutter
erbauten Kirche einzurichten ^). Innozenz VI. hatte seinerseits
am 9. November 1361 die Erlaubnis dazu erteilt^) und sein
Nachfolger Urban V. dieselbe ein Jahr später erneuert ^) ; die
päpstlichen Breven sagen, daß die Brüder zugleich in der nahen
Todesangstgrotte Gottesdienst halten wollten. Eine Antwort
des Sultans auf jene Bitte ist nicht bekannt; sicher ist, daß die
gewünschte Niederlassung nicht zustande kam, und daß es den
Brüdern jetzt nur gelang, zur Feier des Gottesdienstes in der
Marienkirche zugelassen zu werden.
Das folgende Jahr schenkte der neuen Franziskanerkustodie
Palästinas den ersten Märtyrer. Wie uns die Chronik der 24 Ge-
neräle des Ordens erzählt, predigte Br. Wilhelm von Castellamare
1364 den christlichen Glauben vor dem Könige zu Gaza. Der
König gab sich alle Mühe, ihn für den Islam zu gewinnen.
1) Brief bei Cozza, a. a. 0. 249. Er hat nur das Datum: „die ultimo
mensis Octobris p imae indictionis;" da Celsi von lo61 bis 1365 regierte, so
ist dies der 31. Oktober 1363. Der Doge schreibt dem genannten Konsul:
„Volumus, quod si contingat vos ire vel mittere ad Soldanum, procurare vel
procurari facere debeatis apud eum, quod . . . quia dicitur quod, quando ali-
quis peregrinus Christianus in partibus illis moritur seu aliquis ex Fratribus,
Sarraceni deripiunt et occupant sibi statim omnia bona eorum . . ., imposte-
rura cesset huiusmodi novitas, sed quod bona Christianorum et specialiter
Fratrum ibi morientium remaneant Christianis vel locis Christianorum, sicut
justum est."
2) Vgl. Eubel, BF VI Nr. 815.
^) A. a. 0.: „Item possint construere domunculas aliquas, quas viderint
pro maiori habilitate habitationis ipsorura, in cava, quae est ad latus Eccle-
siae Sepulchri Beatae Virginis, adiungendo, quod in ipsa Ecclesia Sepulchri
possint intrare libere ad orandum et lampades accendendum ad eorum bene-
placitum, sicut faciunt in Bethlehem."
•*) „Ad ea quae in laudem" ; Eubel, BF VI Nr. 815 (wo irrig „cana"
statt „cava"), und Diarium T. S. II 75.
5) „Rationi congruit"; Eubel, a.a.O. Nr. 830; Diarium 77. Dieses
Breve ist „Andreae Chesham et Joanni Ponher, Ordinis Fratrum Minorum pro-
fessoribus", gegeben. Letzterer wurde am 26. Oktober 1366 zum Erzbischof
von Tarsus ernannt; Eubel Nr. 990».
Statuten und Organisation der Franziskanermission Palästinas 65
Da aber alle Versprechungen und Drohungen umsonst waren,
verurteilte er ihn zum Tode; Br. Wilhelm wurde in zwei Stücke
geschnitten, und sein Leib nebst dem Breviere verbrannt ^).
Er. Bartholomäus von Pisa nennt unter den Märtyrern Palästi-
nas keinen namens Wilhelm, berichtet aber ein ähnliches Marty-
rium aus Gaza von einem andern neapolitanischen Bruder, namens
Johannes, weshalb wir vermuten, daß ein Irrtum im Namen
vorliegt und es sich bei beiden Schriftstellern um denselben
Blutzeugen handelt -). Marian von Florenz hat den Bericht beider
nebeneinander aufgenommen und so zwei Fransiskanermärtyrer
von Gaza in die Geschichte des Ordens eingeführt, eine Unter-
scheidung, die von den spätem Schriftstellern ohne Prüfung der
Nachrichten wiederholt wurde ^).
Außergewöhnliche Leiden brachte das nächste Jahr den
in den drei Niederlassungen Palästinas weilenden Brüdern.
König Peter L von Zypern unternahm 1365 mit einer mäch-
tigen Flotte einen Zug gegen Ägypten. Die Stadt Alexandrien
wurde am 4. Oktober genommen, mehrere Tage geplündert
und in Brand gesteckt. Dann wandte sich die Flotte gegen
die syrische Küste und verwüstete die Städte Tripolis, Tortosa
und Laodizea *). Der Zorn des Sultans war unbeschreiblich
und nicht minder die Wut der Sarazenen. Da der Herrscher
wegen Mangels einer Flotte dem Könige von Zypern selbst
nicht vergelten konnte, entlud sich sein Grimm über die Christen,
die in seinem Reiche wohnten, besonders über die Franziskaner
Palästinas. Wie uns ein Zeitgenosse, der Verfasser der Chronik
1) AF III 560; er heißt liier „Gulielraus de Castromaris Provinciae
Terrae Laboris".
'^) AF IV 305: „Frater Joannes de Neapoii, diaconus, cum regi Gazzae
Christum praedicaret ac vellet euin ad fidem convertore, ab eodem captus et
in frusta est concisus."
3) In seinem Corapendium Chronicarura berichtet Marianus zum Jahre
1364 das Martyrium des Br. Wilhelm („per medium corpus scctus") nach der
Chronik der 24 Generäle; vgl. AFH III 305, und bald nachher das des Br. Jo-
hann („in frusta concisus") nach Pisanus a. a. 0. 306. — Das Martyrologium
Terrae Sanctae setzt den Todestag des ersten auf den 8. August 1353 und
des andern auf den 12. Juli 1370; vgl. Diarium Terrae Sanctae II 22 u. 18.
*) Vgl. Raynaldus, Annales Ecclesiastici, zum Jahre 1365 Nr. 19 und
Michaud, Histoire des Croisades, Buch XIX.
Franzisk. Studien, Beiheft 4: Lemraens, Die Franziskaner auf dem Sion. 5
66 IV. Erste Geschicke der Brüder auf dem Sioii
der 24 Generäle, erzählt, „wurden die zwölf Brüder, die damals
auf dem Berge Sion weilten, nebst vielen andern Christen von
den Sarazenen gefangen genommen. Weil die Brüder im Be-
kenntnis des wahren Glaubens verharrten und auf keine Weise
von demselben abfallen wollten, wurden elf aus ihnen durch
schweren Kerker, Hunger und Schläge getötet; der zwölfte
aber", setzt der Chronist hinzu, „lebt noch heute im Jahre 1370
in harter Gefangenschaft" *). Br. Bartholomäus von Pisa gibt
einige Jahre später die Zahl der in ganz Palästina verhafteten
Brüder auf 16 an und ergänzt den Ort ihres Martyriums, in-
dem er sie nach Damaskus geschleppt und daselbst fünf Jahre
eingekerkert werden läßt ^).
1) AF III 564: „Huius generalis temporibiis XII fratres, qui tunc mora-
bantur in sacro loco montis Sion, fuerunt capti per Saracenos cum multis
aliis Christianis. Et cum praedicti fratres in confessione verae fidel persi-
sterent et nullo modo ab ea declinare vellent, XI ex illis rigore carceris, fame
et verberibus fuerunt crudeliter interfecti; duodecimus vero adhuc, ut intel-
leximus, vivebat anno MCCCLXX, duro tamen carceri mancipatus. Occasio
autem dictae captionis fuisse dicitur, quia rex Cypri ceperat Alexandriam."
2) AF IV 305: „Fratres nostri alii sedecim, qui erant in terra promis-
sionis, tempore, quo rex Cypri Petrus Alexandriam cepit, capti positi sunt in
carceribus in Damasco; per quinque annos stantes in ferris et sine indumentis
et ieiuniis virtute fidei probati gloriosa morte confessiouis perseverantia
obierunt." Die gleiche Zahl gibt der um 1385 von einem dalmatinischen Fran-
ziskaner zusammengestellte Katalog der heiligen Franziskaner an; vgl. Lem-
mens, Catalogus Sanc'.orum Fratrum Minorum 26; G B II 62. Der Unter-
schied zwischen den beiden Zahlen XII imd XVI dürfte darin seinen Grund
haben, daß der erste Bericht nur die Brüder des Klosters auf dem Sion, der
andere auch die übrige.i berücksichtigt, oder auch durch einen Schreibfehler
in der zweiten Ziffer erklärt werden. — Jene Verschiedenheit der Zahl war
die Ursache, daß die spätera Chronisten zwei verschiedene Gruppen von
Märt>Tern annahmen. Den Anfang machte Br. Harlan von Florenz, der in
seinem Compendium (AFH III 305) zunächst die Chronik der 24 Generäle
exzerpiert und mit ihr von 12 MärtjTern redet, dann aber mit Bartholomäus
von 16 Brüdern, die um des Glaubens willen leiden mußten, spricht. Andere
haben die Verschiedenheit noch verstärkt, indem sie bei der Gruppe der
12 Brüder als Ort des Martyriums Jerusalem ergänzten: vgl. Fabri, Evagato-
rium II 320, und das Martyrologium Terrae Sanctae. In: Diarium T. S. II 88 zum
1. Oktober: „In Judaea, apud Montem Sion, passio Beatorum duodecim Fra-
trum", und I 83 zum 16. Februar: „Damasci, Beatorum sexdecim Fratrum
Martyrum." Sicher darf man nicht zwei Gruppen von Märtyrern unterscheiden,
wie sich schon daraus ergibt, daß damals ohne Zweifel nicht 28 Brüder in
Palästina waren.
Statuten und Organisation der Franziskanermission Palästinas 67
Ob ZU dieser Märtyrerscliar die beiden spanischen Brüder
P. Johannes und Br. Gundisalvus, deren Tod von den Chronisten
in dieselbe Zeit gesetzt wird, gehören? Wie uns Br. Bartholo-
mäus von Pisa berichtet, wurden sie auf der Pilgerreise nach
Jerusalem von den Häschern des Sultans ergriffen und in den
Kerker geworfen 0- Nachdem Br. Gundisalvus den Qualen
des schauerlichen Gefängnisses erlegen war, verlor P. Johannes
den Mut und verleugnete seinen Glauben. Drei Jahre lebte
er nun als Sarazene, ohne jedoch eine Ehe zu schließen, bis
ihn die Gnade Gottes traf und zur Rückkehr bestimmte. Er
bat die auf Zypern wohnenden Mitbrüder, ihm zwei Brüder
nach Kairo zu schicken, die ihn mit Gott und der Kirche aus-
söhnen könnten. Sobald er sein Gewissen gereinigt hatte,
drängte es ihn, das gegebene Ärgernis wieder gut zu machen
und seinen katholischen Glauben offen zu bekennen. Kaum
hatte er das mutig getan, so wurde er von den Sarazenen
ergriffen und, da er standhaft blieb, zum Tode verurteilt. Man
zerfleischte zuerst seinen Leib durch furchtbare Geißelhiebe
und schlug ihn darauf mit sechs Nägeln ans Kreuz; zwei
wurden durch die Hände, zwei durch die Ellenbogen und
die zwei letzten durch die Füße getrieben. Zum Staunen
aller Zuschauer wurde sein zunächst vor Schmerz blasses und
bleiches Antlitz bald rot und fröhlich; und der Blutzeuge ver-
harrte in fortgesetztem Bekenntnis des Glaubens an seinem
Kreuze, bis er den Geist aufgab.
>) AF IV 304. Pisanus nennt weder den Ort des Gefängnisses noch
die Zeit ihres Todes. Das oben genannte Verzeichnis des dalmatinischen
Franziskaners läßt P. Johann „generalante fratre Marco" (1359 — 1366) sterben;
vgl. Lern mens, Cat. S. Fratrum Minorum 46. Marian von Florenz bemerkt
nichts über die nähern l imstande des Todes, a. a. O. 306. — Die spätem Ge-
schichtsschreiber des Ordens lassen um dieselbe Zeit die Brüder Antonius de
Rosate und Franziskus de Marchia als Märtyrer sterben. Br. Antonius wird
zum ersten Male in jenem dalmatinischen Kataloge genannt mit den Worten :
„Frater Antonius de Rosatis inter Saracenos martyrizatus translatione ibidem
quiescit." Auch Pisanus (302 und 526) und Marianus (306) schweigen über
den Ort und die Zeit seines Martertodes („inter duos asseres secatus per
medium"). Jener Br. Franciscus de Spoleto (de Marchia) aber (Civezza nennt
ihn, Storia delle Missioni Francescane IV 49: „fratre Pietro da Crista della
Marca Anconitana") starb bereits im Jahre 1288 zu Damiette, wie uns die
Chronik der 24 Generäle erzählt; vgl. AF III 418 und GB I 323.
5*
68 IV. Erste Geschicke der Brüder auf dem Sion
Endlich kam nach verschiedenen erfolglosen Bemühungen
im Herbst 1370 ein Friede zwischen dem Könige von Zypern
und t'em Sultan von Ägypten zustande. Die Kerker öffneten
sich, die überlebenden Christen wurden in Freiheit gesetzt ^),
und der vor der Eroberung Alexandriens bestehende Zustand
wieder hergestellt^); neue Brüder eilten aus dem Abendlande
herbei und nahmen mit frischem Eifer den Dienst an den
heiligen Stätten wieder auf ^).
Spätere Schriftsteller glauben, daß die Armenier und
Griechen während jener Abwesenheit der Franziskaner von
den Heiligtümern allerlei Rechte derselben an sich rissen; be-
sonders sei diesen damals ein Teil des Kalvarienberges ge-
nommen worden ^). Letzteres trifft schon aus dem Grunde
nicht zu, weil die Franziskaner nie im XIV. Jahrhundert den
Kalvarienberg besaßen, sondern nur das Recht hatten, auf dem-
selben zu zelebrieren, ein Recht, das wir in den folgenden
Jahrzehnten unverkürzt sehen. Auch waren jene Orientalen
kaum in der Lage, mittlerweile Veränderungen der Besitzrechte
in der Grabesbasilika auszuführen, da diese, wie der ara-
bische Chronist Makrizi berichtet, vom Sultan geschlossen
war und erst nach dem Friedensschlüsse wieder geöffnet
1) Bei Mas Latrie. Histoire de l'Isle de Chypre II, Paris 1852, 347,
ein Zitat aus Strambaldi, Cronica di Cipro: „Et cavorono li Christiani dalle
preggioni tutti quelli che havevano in Suria."
2) Vgl. den 1403 zwischen dem Sultan und den Rittern von Rhodus ge-
schlossenen Frieden, in dem es ausdrücivlich heißt, daß die nach der Ein-
nahme Alexandriens vereinbarten Bedingungen in Kraft bleiben sollen. Diese
stellen aber den frühern Zustand wieder her; Sebastian o Pauli, Codice Di-
plomatico del Sacro Militare Ordine Gerosolimitano, oggi di Malta, Lucca 1737,
S. 108 Nr. 86.
3) Daß 1372 die Brüder wieder in Jerusalem weilten, ergibt sich schon
daraus, daß in diesem Jahre zwei Obere derselben in Jerusalem genannt
werden; vgl. Golubovich, Serie 15.
^) So Civezza, Storia delle Missioni Francescane IV 46; Leo Pa-
trem, La Custodie Franciscaine de Terre-Sainte, Paris 1879, 14 (dieser läßt
auch damals einen Derwisch den Brüdern das Grab der Gottesmutter weg-
nehmen, das sie sicher nicht besessen hatten); Razzoli, 1 Francescani in
Oriente 53. -- Nach Perinaldo, Storia di Gerusalemme II 411, und Ci-
vezza, a. a. 0. 43, hätten die Brüder bei dieser Gelegenheit Nazareth ver-
lassen; es fehlt jedes Zeugnis dafür, daß diese damals dort weilten.
Statuten und Organisation der Franziskanermission Palästinas 69
wurde ^). Weder eine ältere Chronik, noch ein Pilger sagt etwas
von einem solchen in jener Zeit verübten Raube; der letzte Pilger,
der vor der Gefangenschaft der Brüder seine Reise beschrieb,
sagt genau das gleiche, was der erste nach ihrer Rückkehr
geschriebene Reisebericht über die von den Franziskanern in
der Basilika verwalteten Stätten sagt. Wie Poggibonzi ihnen
1345 die Kapelle der Gottesmutter zuwies, so tut dasselbe
1384 Frescobaldi; seine Beschreibung bestätigt für die heiligen
Stätten durchaus den die Friedensverhandlungen beseelenden
Gedanken, den vor dem Kriege bestehenden Zustand wieder
herzustellen.
Jener spätem Meldung über eine um diese Zeit erfolgte
Verkürzung der Franziskanerrechte liegt entweder eine Ver-
wechslung mit dem Raube zugrunde, den die Georgier wäh-
rend der von 1510 — 1512 dauernden Gefangenschaft der Brüder
tatsächlich auf dem Kalvarienberge ausführten, oder man hat
den Raub konstruiert, da man von der Voraussetzung ausging,
die Franziskaner hätten 1336 die ganze Basilika erhalten.
Da aber die Pilger des XV. Jahrhunderts die meisten Heilig-
tümer derselben den andern Konfessionen zuweisen, fand man
die Erklärung hierfür nur in der Annahme, die Brüder seien
während dieser Gefangenschaft um einen großen Teil der
hl. Stätten beraubt worden. Daß jene Voraussetzung in keiner
Weise zutrifft und sowohl den alten Nachrichten wie den
Bullen des Papstes Klemens VI. widerspricht, die den Brüdern
nur beschränkte Rechte in der Grabeskirche zuweisen, wurde
schon oben betont.
Die Franziskaner haben nicht nur nichts an Rechten und
Stätten während des XIV. Jahrhunderts verloren; am Ende
desselben zeigt uns sogar der Archimandrit Grethenius einen
wichtigen Fortschritt. Er sah um 1400 ein von ihnen an der
Grabeskapelle angebrachtes Bild, das den Heiland auf dem
Throne mit zum Himmel erhobener Rechten und vor ihm den
1) Nach Makrizi waren am 25. August 1370 die fränkischen Gesandten
beim Sultan, der ihren Eid entgegennahm, daß sie den Frieden halten würden.
Dann wurde der Friede vom Sultan beschworen und „die Kirche der Auf-
erstehung zu Jerusalem wieder geöffnet"; vgl. Mas Latrie a. a. 0. 347.
70 IV. Erste Geschicke der Brüder auf dem Sion
hl. Franziskus darstellte 0- Nach den Gepflogenheiten des
Morgenlandes bedeutet dieses ein Recht auf die Kapelle und
einen ersten Schritt zu jenem Verhältnisse, das uns die Pilger
hundert Jahre später zeigen, und das die Herrschaft der Franzis-
kaner über die hl. Kapelle enthielt -).
Einen Anstoß zu den dahin zielenden Bestrebungen gab
die erste Visitation der Franziskanerklöster Palästinas durch
P, Bartholomäus von Alverno und die Verordnungen, die er
am 1, August 1377 zu Jerusalem traf. „Auf jede Weise", be-
stimmt er, „soll man vom Sultan die Erlaubnis erwirken, einige
Brüder als Hüter beim Heiligen Grabe anzustellen" ^). Es kann
sich hier nicht um Brüder handeln, die überhaupt und irgend-
wo in der Basilika Gottesdienst halten könnten; dieses Recht
hatten die Brüder bereits seit 40 Jahren, und ebenso lange
wohnten die Brüder neben der Kirche ^). Noch weniger läßt
sich der Wortlaut des Statutes mit der Deutung vereinigen,
die Calahorra demselben unterlegt, daß nämlich die Zahl der
an der Grabeskirche weilenden Brüder vermehrt werden solle ^),
ganz abgesehen davon, daß dazu die Erlaubnis des Sultans
nicht erfordert wurde, P. Bartholomäus wollte die schon von
1) Khitrovo 171: „II y a lä iine Image peinte sur toile par les
Francs, representaat le Sauveur sur un tröne, la main droite levee vers le
ciel; devant lui se tient Frangois et ä cöte, dorment les gardes."
2) Vgl. die oben (S. 51 Anm. 3) mitgeteilten Zeugnisse des Surian
und Fabri.
3) Die Statuten sind veröffentliclit in Diarium Terrae Sanctae II 162.
Im dritten Artilcel derselben lieißt es: „A Sultano, quibus possit modis, ob-
tineatur facultas Fratres aliquot ad Sepulchrum Christi excubitores adhibendi."
— Vgl. oben S. 52 Anm. 2 die Klage des Ludolf von Suchem, daß die geor-
gischen Hüter des Hl. Grabes dasselbe vernachlässigten.
'') Daß unsere Brüder alsbald eine kleine Niederlassung bei der Grabes-
kirche für jene hatten, die an derselben den Dienst versahen, wird von ver-
schiedenen gemeldet. So sagt Johann von Winterthur in seiner Chronik
zum Jahre 1343: „Continue IV secundum vicissitudinem ordinatam ex indultu
Soldani [in monasterio sacri tumuli Christi] habitabant; G B II 148. — Um 1390
nennt Br. Bartholomäus unter den Klöstern des Hl. Landes den „locus Sepul-
chri Domini"; AF IV 533. — Die Niederlassung war sehr klein; 14()1 sagt
Bischof Rochechouart (254) von ihr: „Habent duas vel tres cameras."
Harff schreibt (174): „Hynder deser cappellen [Marienkapelle] hauen die
tzweyn broeder yere w^onynge, dae sy essen, drjmcken ind slaeffen."
5) Chronik, B. III K. 17.
Statuten und Organisation der Franziskanermission Palästinas 71
Ludolf beklagte Vernachlässigung der hl. Stätte heben und dem
Grabe des Erlösers seinen gebührenden Glanz und Schmuck
sichern.
Jene Verordnungen des P. Bartholomäus geben uns wert-
volle Aufschlüsse über die innern Verhältnisse der Kustodie;
besonders erfahren wir durch sie das erste über die Organi-
sation der Franziskanerklöster Palästinas. Während Papst
Klemens VI. dieselben 1342 dem auf Zypern residierenden
Provinzial der alten Provinz des Hl. Landes unterstellte 0,
wird jetzt der Guardian des Klosters auf dem Berge Sion zum
Obern aller Klöster in Palästina ernannt, dem alle Brüder ge-
horchen müssen. Damit scheidet die Kustodie tatsächlich aus
dem Verbände jener Provinz aus; der Guardian des Sionklosters
wird unmittelbar dem Ordensgeneral unterstellt. Die Geneh-
migung dieses Statutes durch den Hl. Stuhl ergibt sich aus
den Breven desselben. Während diese bisher an den „Pro-
vinzial und die Brüder des Hl. Landes" gerichtet waren ^),
lautet von jetzt an die Aufschrift der päpstlichen Schreiben:
„Dem Guardian und den Brüdern vom Berge Sion sowie den
übrigen Brüdern, die zu Bethlehem und am Grabe des Herrn
in Jerusalem weilen" ^).
1) Es lieißt in der öfter genannten Bulle „Gratias agimus" vom 21. No-
vember 1342 zum Schluß: „Volentes, ut ipsi Fratres sint . . . sub obedientia
et regimine Guardian! Fratrum dicti Ordinis Montis Sion ... et Ministri Pro-
vinciae Terrae Sanctae."
2) Die Bulle „Ad ea quae in laudem" vom 9. November 1361 ist „Mi-
nistro Provinciali et Fratribus Ordinis Minorum Terrae Sanctae" adressiert;
Diarium T. S. II 75. Die Bulle „De religiosa discretione" vom 25. November
1375 hat die Aufschrift „Ministro, Custodi, Guardiano"; a. a. 0. 83.
3) Die Bulle „Ad ea quae piorum" vom 11. Juni 1385 hat die Aufschrift
„Guardiano et Fratribus domus Fratrum Ordinis Minorum de Monte Sion";
Diarium T. S. II 163. Eine Ausnahme machte der Pseudopapst Johann XXIII.
in seinem Schreiben „Cum a nobis petitur"; er sagt „Ministro Terrae Sanc-
tae" usw.; a. a. O. 165. Die folgenden Päpste sagen entweder „Guardiano et
Conventui Fratrum Ordinis Minorum Montis Sion, necnon caeteris in Bethlehem
ac Sepulchro Domini in Hierusalem degentibus ipsius Ordinis Fratribus" (vgl.
mehrere Schreiben im Bullarium Terrae Sanctae, Diarium T. S. II 166 ff.), oder
sie unterlassen die Aufzählung der Häuser. — Vgl. Golubovich, Serie S. XXI.
Daselbst wird S. XXIl eine scheinbare Ausnahme besprochen. Es ist das In-
strument, in dem der Guardian P. Gerhard Calvetti am 30. März 1392 die
Besitzergreifung des Grabes der Gottesmutter bezeugt, und in dem es heißt:
72 IV. Erste Geschicke der Brüder auf dem Sion
Über die Wahl des Obern im Sionkloster und die Voll-
machten desselben setzte P. Bartholomäus nichts fest. Hierüber
verfügte der Ordensgeneral P. Antonius von Pireto Näheres
auf dem Generalkapitel zu Lausanne im Jahre 1414 ^). Sein
Erlaß vervollständigt jene Statuten und bestimmt, daß für den
Fall des Todes oder der Abdankung des Guardians des Sion-
klosters alle Professen dort zusammenkommen und einen neuen
wählen sollen; ist der Provinzial der Provinz des Hl. Landes
gerade in Jerusalem, so soll er die Wahl kraft Gewalt des
Generals bestätigen; ist er aber nicht da, so hat die Wahl
ohne weiteres ihre Gültigkeit. Ist der Guardian krank, so daß
er sein Amt nicht wahrnehmen kann, dann soll er „mit eini-
gen einsichtigen" Brüdern (una cum aliquibus discretis) einen
Vikar ernennen. Sollte ein Guardian des Sionklosters sein
Amt schlecht verwalten, so müssen die Brüder dem P. Pro-
vinzial Mitteilung machen. Dieser muß selbst oder durch
einen Vertreter die Sache an Ort und Stelle prüfen, den Guardian,
wenn die Klagen berechtigt sind, absetzen und bis zur Wahl
des neuen Guardians einen Vikar ernennen. Weilt jedoch
der Provinzial nicht in der Provinz, so sollen die Brüder den
General um einen Visitator bitten. Hier wird zwar der Pro-
vinzial wieder in die Verwaltung der Klöster Palästinas ein-
geführt, aber nur für diesen einen Fall (in isto casu), und
auch hier geht er nicht kraft eigener Gewalt, sondern „kraft
der Autorität des Generalministers" (auctoritate generalis mi-
nistri) vor. Daß die Klöster des Hl. Landes und ihre Oberen
unmittelbar dem General unterstehen sollen, bringt der Erlaß
klar zum Ausdruck, da es daselbst heißt, daß nur der Ordens-
general und kein Provinzial oder Vikar ohne besondere Voll-
„Vice et nomine Ministri Provincialis et F'ratrum Minorum Provinciae Terrae
Sanctae." Unseres Eraclitens liegt für diese Erwähnung des Provinzials der
Grund in dem päpstlichen Schreiben, das den Brüdern 1361 gestattete, sich
an jener Stätte niederzulassen. Da dieses vor 1377 gegeben wurde, war es
an den „Provinzialrainister und die Brüder der Provinz des Hl. Landes ge-
richtet (Diarium T. S. 11 75 und 77), und diese Formel nahm P. Calvetti richtig
in seine Erklärung auf.
1) Vgl. Wadding, zum Jahre 1414 Nr. VI, und Quaresmius, Elu-
cidatio I 378.
Statuten und Organisation der Franziskanermission Palästinas 73
macht des ersteren den Guardian des Sionklosters von seinem
Amte entbinden kann ^).
Was die Amtsdauer der Guardiane des Sionklosters be-
trifft, so erfahren wir aus einem Breve des Papstes Eugen IV.
vom 14. März 1438, daß „seit langem die Gewohnheit bestand",
sie für drei Jahre zu wählen ^).
Der Obere des Sionklosters hatte über die Klöster Palä-
stinas dieselben Vollmachten wie der Provinzial über die Häuser
seiner Provinz. Jenes im Jahre 1414 erlassene Dekret erklärt,
daß er der Obere aller Niederlassungen der Franziskaner im
Hl. Lande ist und ihre Oberen mit Zustimmung erfahrener Brü-
der (discretorum antiquorum) ein- und absetzen kann. Ebenso
hatte er die Vollmacht, Kleriker und Laien in den Orden oder
zur Profeß aufzunehmen, Kleriker den Bischöfen für die
hl. Weihen zu präsentieren und seine Untergebenen zum
Ordensgeneral und in alle Länder der Welt zu schicken. Bald
wurden diese Vollmachten, besonders durch Kalixt III., noch
erweitert und näher umschrieben.
An zweiter Stelle vorordnen die Statuten des P. Bartholo-
mäus, daß nur zwanzig Brüder in den Klöstern Palästinas wohnen
sollen. Würden Brüder vom Papste oder vom Ordensgeneral
ins Hl. Land gesandt, so sollen andere zurückkehren ^). Fresco-
baldi gibt uns bald nachher ungefähr an, wie diese Zahl über
die drei Klöster verteilt war; nach ihm waren „acht oder mehr
Brüder" auf dem Sion, „etwa sechs" in Bethlehem und zwei
am Hl. Grabe % während sein Begleiter Gucci „an zwölf Brüder"
1) „Ipsumque nullus inferior generali ministro. sive sit minister sive
vicarius, quovis modo possit absolvere ab officio, sine licentia speciali a ge-
nerali ministro obtenta"; a. a. O.
-) Eugen IV. sagt in dem Breve „Exigunt religionis zelus" vom 14. März
1438: „Cum itaque in loco Montis Sion Ordinis Minorum dudum consueverint
guardiani de triennio in triennium deputari": Diarium T. S. III 114.
3) Art. 2: ..In locis istis ultra viginti fratres non habitent. Si qui ad-
venerint a PonUfice vel Ministro Generali amandati, cedant alii; habeatur ta-
men ratio eorum. quorum infirmitas possit esse itineris impedimento, vel ex-
plorata virtus aliorum famulari profectui."
^) Viaggi in Terra Santa 113: ,.I1 guardiano tiene ivi [auf dem Sion]
continuo otto frati o piü, e tiene nella chiesa del Santo Sepolcro due frati,
e nella chiesa, dove nacque Cristo in Betelera, ne tiena sei o circa."
74 IV. Erste Geschicke der Brüder auf dem Sion
auf dem Sion zählte ^). Doch wurde bald jene Festsetzung für
den Sion selbst aufgehoben und dem Guardian 1414 anheim-
gegeben, daselbst eine beliebige Anzahl von Brüdern aufzu-
nehmen, soweit es die Mittel gestatteten^). In der Folge sehen wir
die Zahl der Brüder in Bethlehem unverändert; auch Dom.herr
Breitenbach aus Mainz traf dort 1483 sechs Brüder^). Am
Hl. Grabe zeigen uns die meisten Pilger zwei oder drei, die
monatlich gewechselt wurden •*), und auf dem Sion gegen Ende
des XV. Jahrhunderts vierundzwanzig Franziskaner^).
Gleichzeitig setzte P. Bartholomäus fest, wie viele Frauen
in den beiden Frauenhospitälern Aufnahme finden könnten: das
Marienhospital auf dem Sion dürfe zehn und das zu Bethlehem
vier Frauen aufnehmen, aber nur ernste und erprobte Personen,
1) Viaggi 371: ,,A monte Sion . . . stanno circa di XII frati minori."
2) Der P. General dispensiert in den Statuten des P. Bartholomäus
„super numero fratrum taxato quoad conventum praeiictum . . . ita quod ipse
guardianus quando sibi videbitur expediens et rationi consonum. possit ultra
numerura taxatum . . . Tratres . . . recipere et de sua familia facere. dum tarnen
ad tot victualia necessaria sufliciaut."'
3) „Ipsi fratres . . . habent in monte Syon . . . ut communiter viginti
quatuor fratres, ... in Betleem habent conventum . . . cum sex fratribus ... at-
que in templo dominici sepulchri gloriosi duos habent semper fratres." Der
Karthäuserprior Georg sagt vom Sion: ..frequenter viginti fratres" und von
Bethlehem: „sex aut septera"; Pez II T. 3 Sp. 550; ähnlich Baumgarten 88.
^) So sprechen Marian von Siena (1431) und Bischof Ludwig von
Rochechouart (1461) von drei oder vier, Breitenb ach von zwei. Tucher
(1480) von zwei oder drei, Fabri (14S3) von drei Brüdern im Hl. Grabe.
Surian. Trattato S. 67 Anm., sagt hingegen: „In lo S. Sepulcro continuamente
stano doi frati, un prete et uno layco per celebrare et per havere cura si
del loco, come de dodece lampade che continuamente ardono in piü loclii della
Chiesia. Ma quando e qualche solenitä tuti li frati vanno a sollenizare in
quella chiesia gloriosa." Auch Guglingen spricht S. 291 nur von zwei:
„Ibi morantur duo fratres ordinis sancti Francisci de observantia. et sunt con-
tiuue inclusi, donec mutantur per gardianum." Der Karthäuserprior Georg
sagt 1507 noch genauer: „Habent in templo Sepulchri Domini duos Fratres,
unum sacerdotem et alterum laicum. qui spatio unius mensis ibi constituuntur,
et mutantur juxta ordinem vicis suae": Pez II T. 3 Sp. 550; dasselbe bei
Baumgarten 88.
^) Vgl. außer dem bereits gegebenen Zeugnisse des Domherrn Breiten-
bach Fabri, Evagatorium I 348: „Fratres Minores conventum habent in monte
Syon multorum fratrum. scilicet XXIV." -- Tuch er sagt 1480, daß in allen
Klöstern, Beirut eingeschlossen, „bei viertzig Personen" seien; Reyßbuch Bl.
353^". Wanckel, Bl. Eij^, gibt 1517 ihre Zahl auf „bei fünfzig" an.
Statuten und Organisation der Franziskanermission Palästinas 75
die mindestens fünfzig Jahre alt seien und sich verpflichteten,
nach einem Jahre abzuziehen ^).
über das Hospital zu Bethlehem fanden wir keine andere
Kunde, während für die Geschichte des Hospitals auf dem Sion,
besonders für seine Anfänge, mehrere Kaufverträge und päpst-
liche Breven zur Verfügung stehen. Zum ersten Male hören
wir von demselben in einem Vertrage vom 17. März 1353, durch
den zwei fränkische Frauen Sophia und Albira für 1700
Drachmen Silbers ein Haus auf dem Sion kaufen, das „viele
Zimmer" hatte, und einen Garten nebst Zisterne "). Als Grenzen
des gekauften Stückes werden nach Westen der Weg genannt,
der nach Sion führt, im Norden ein Acker, im Osten ein Haus
des Scheiks Omar; im Süden grenzte es an das Haus der Brü-
der^). Sophia, die in der Urkunde als „Frau aus Florenz"
vorgestellt wird, w^ar die Seele des ganzen Unternehmens. Sie
erwirkte am 14. Oktober 1354 von Papst Innozenz VI. die Be-
stätigung ihres Werkes und einige zu seiner Vollendung not-
wendige Vollmachten. Die päpstlichen Schreiben sagen uns, daß
Sophia mehrere leerstehende Häuser erworben und mit dem
Bau des Hospitales begonnen hatte *). In einem derselben wird
das Haus „Hospital für die Armen" genannt^), während die
1) Art. &: .Jn hospitali feminarum Montis Sion ultra decem mulieres
non recipiantur, in Bethlohemilano quatuor dumtaxat." Guglingen (309)
fand 1482 auf dem Sion fünf Schwestern, und der Karthäuserprior Georg
spricht 1507 von „5 oder 6"; Sp. 550; das gleiche bei Bauragarten 88.
2) Urkunde im Archiv der Prokura, Schublade 12. Sophia heißt daselbst
„Tochter des Philipp Angelus" und Albira „Tocliter des Asis Martin"; crstere
wird in den päpstlichen Schreiben „Sophia Philippi de Archangelis, muiier
florentina" genannt; vgl. Diarium T. S. II 72 ff.
■'') Vgl. damit die Angabe Surians, Trattato 110: „Appresso alla
quäle 6 lo Monastero dellc donne luntano cinquanta cubiti", und Fabri,
Evagatorium I 259 („domus Martharum").
•*) In dem 2., 3. und 4. der hierauf bezüglichen Breven heißt es: „Cum . . .
de bonis tibi a Deo coUatis et tibi etiam per eleemosinam erogatis emeris
quasdam domos inhabitatas, sitas in Monte Sion juxta locum Fratrum Ordinis
Minorum in dicto monte consistentem cum claustro et territorio ipsis domibus
contiguo et in eis unura hospitale, in quo Chritifideles ad visitandum Sepul-
chrum Dominicum peregre proficiscentes valeant receptari, fundaveris et aedi-
ficare coeperis"; a. a. 0. 73 und 74.
^) In dem 1. Breve wird das Haus „hospitale pauperum" genannt; S. 72.
76
IV. Erste Geschicke der Brüder auf dem Sion
Abb. 5. Lageplan.
A Zönakulum.
B und E Gebäude auf der rechten Seite der Straße, die
zum armenischen Kloster führt.
B ehemaUgcs Franziskanerkloster.
E Stelle des Schwesternhauses.
D Von den Franziskanern 1479 gekaufter Garten.
F Armenisches Kloster.
G Von Kaiser Wilhelm 1898 erworbenes Grundstück.
Statuten und Organisation der Franziskanermission Palästinas 77
andern allgemein von einem Hospital reden, „in dem die zum
Grabe des Herrn pilgernden Gläubigen Aufnahme linden kön-
nen" 0- Tm folgenden Jahre verfügte Innozenz VI. auf Bitten
Sophias, daß die Brüder des Sionklosters die Verwaltung des
Hospitals übernehmen sollten, falls Sophia sterbe, fortgehe oder
sich aus irgendeinem Grunde zurückziehe ^). Auch diese An-
stalt mußte den Groll des Sultans wegen der Einnahme und
Plünderung Alexandriens erfahren; sie wurde eingezogen und
erst im Jahre 1372 auf Vermittlung der Königin Johanna von
Neapel zurückgegeben ^).
Ein schönes Denkmal setzte sich P. Bartholomäus durch
die klaren und entschiedenen Bestimmungen, die er über die
Beobachtung der Armut hinterließ. Das Verbot, Geld in eigener
Person anzunehmen, wird strenge eingeschärft und seine Über-
tretung mit schweren Strafen belegt. Da die Brüder unter den
Sarazenen weder ohne Geld leben noch die Heiligtümer be-
wahren können, sollen sie einen oder zwei treue, zuverlässige
Männer beauftragen, die Geldalmosen in Empfang zu nehmen
und nach dem Bedürfnis auszugeben. Diese brauchen aber den
Brüdern nicht Rechenschaft von ihrer Verwaltung abzulegen,
und die Brüder dürfen weder von ihnen Rechenschaft fordern,
noch selbst die eingehenden und ausgegebenen Almosen ver-
zeichnen. Auch dürfen sie nicht den Schlüssel der Geldkasse
bewahren, noch Opfer bei den hl. Messen sammeln. So lange
jene Verwalter keinen Anlaß zum Mißtrauen geben, soll man
ihnen trauen; wenn sie sich aber als untreu erweisen, soll sie
der Guardian nach dem Rate der Diskreten absetzen. P. Bar-
tholomäus schließt diesen Teil seiner Vorschriften mit dem eine
1) Vgl. S. 76 Anm. 4.
2) S. 75: „Ipsius Sophiae in liac parte supplicationibus inclinati, Apo-
stolica auctoritate statuimus et etiani ordinamus, ut dicta Sophia cedente vel
decedente, aut regimen dicti hospitalis quomodolibet dimittente, hospitale ip-
sum per Guardianum S3U Fratres dicti loci de Monte Sion . . . regi debeat et
possit etiam gubernari."
•') Die l Urkunde aus dem Jahre 1372 (774) im Archiv der Prokura,
Schublade 26. Auf der Rückseite hat der damalige Obere vermerkt: „Ista
est carta, quomodo hospitale restitutum fuit domine Regine Napulitane et mihi
fratri Cantutio de .Marchia Vicario conventus in vicem domine regine." —
Calahorra, B. 111 K. ü und üolubovich, Serie 15 nennen ihn „Canucius".
7g IV. Ei'ste Geschicke der Brüder auf dem Sioii
hohe Auffassung der gelobten Armut bezeugenden Rate: „Die
Brüder müssen mehr fürchten, ihr Gewissen zu beschweren
als Geld zu verlieren" 0.
Ein weiteres Statut will einen übelstand treffen, dem wir
in verschiedenen Pilgerschriften begegnen -). Mit schwerer Strafe
soll jeder Bruder und Pilger belegt werden, der etwas im Hl.
Grabe oder den übrigen Heiligtümern abschlägt oder auf irgend-
eine Weise entfernt, weil hierdurch der Zorn der Sarazenen
hervorgerufen werden könnte ^).
Zahlreiche Abstinenztage werden von P. Bartholomäus außer
den in der Regel vorgeschriebenen Fasten verordnet. Während
der vierzig auf Dreikönigen folgenden Tage sollen sich die
Brüder Montags, Mittwochs, Freitags und Samstags der Fleisch-
speisen enthalten, desgleichen von Christi Himmelfahrt bis Pfing-
sten und vom 1. August bis zum Tage der Himmelfahrt Mariens.
Jedoch können sie an Abstinenztagen wegen der Schwierigkeit,
Fische zu beschaffen, Milchspeisen genießen'*).
Zum Schlüsse setzt P. Bartholomäus einige Gebete fest.
Jeden Tag sollen die Brüder nach der Komplet in Prozession
zur Stätte ziehen, wo der Hl. Geist auf die Jünger herabkam,
und dort eine fromme Lesung über die daselbst vollbrachten Ge-
heimnisse halten. Jeden Sonntag soll eine hl. Messe in der ans
Zönakulum angrenzenden Kapelle des hl. Thomas und jeden
Samstag in der Grabeskirche der Gottesmutter im Tale Josaphat
gelesen werden. Letzteres ist die älteste Nachricht, die wir
über den Dienst der Brüder an genanntem Heiligtum haben ^).
Wollte es den Brüdern auch nicht gelingen, eine Niederlassung
neben demselben zu gründen, so sehen wir sie noch lange da-
1) Art. 4—7. In Art. 7: „Plus timeant fratres conscientiae gravamen
quam pecuniae detrimentum." Vgl. Fabri, Evagatorium I 249.
-) Ludolf sagt: „Nam si sepulchrum Christi per grana et arenas posset
deportari, jam ultra longa tempora, etiamsi maximus mons esset, fuisset de-
portatum" ; Deycks 80.
3) Art. 11. ') Art. 12.
5) Art. 14: „Quolibet sabbato celebretur una Missa de B. Virgine in Valle
Josaphat." Daß dieses Statut in Kraft blieb, bestätigt um 1483 Fabri, Eva-
gatorium II 142, und 1508 Br. Anselm von Krakau; vgl. Canisius-Bas-
nage, Lectioues antiquae IV 786.
V. P. Gerhard Calvetti. Neue Fortschritte 79
selbst neben den Griechen, Armeniern und anderen ihre An-
dachten verrichten 0- Später begingen sie nach Br. Christo-
phorus von Varese au dieser Kirche der Gottesmutter auch die
Feste derselben ^).
Die Intentionen, die P. Bartholomäus für die hl. Messen
vorschrieb, gelten fast alle noch heutzutage. Montags soll. eine
hl. Messe für die Wohltäter, besonders für die Seelen des Kö-
nigs Robert und seiner Gemahlin Sanzia, „deren Munifizenz wir
diese Stätten verdanken", Donnerstags die Messe vom Hl. Geiste
oder vom allerheiligsten Sakramente für die glückliche Reise
der Pilger und die Wohltäter, Samstags eine Messe von der
allerseligsten Jungfrau für den Papst gelesen werden ^).
Durch diese Statuten war das Fundament vollendet, auf
dem sich das Kloster auf dem Sion mit seinen beiden Filialen
weiter entwickeln konnte und sollte.
V. P. Gerhard Calvetti. Neue Fortschritte und
Prüfungen. P. Johann Belloro.
Der erste Chronist der Kustodie P. Petrus Verniero bekennt
in seiner Chronik, daß es ihm unmöglich sei, eine vollständige
Liste ihrer Oberen zu geben â– *), da die ersten Guardiane nur gele-
gentlich, meist in den arabischen Kaufurkunden, genannt wer-
den. Die spätem Geschichtsschreiber haben die von ihm zu-
sammengestellte Reihe für das 14. Jahrhundert kaum ergänzen
1) Der Archimandrit Grethenlus sah dort um 1400 die Griechen, Ibeiier
(Georgier), Armenier, Jakobiten und Abyssinier; Khitrowo 178; desgleichen
1422 Johann Poloner; er sagt, Tobler, Descriptiones 233: „Primum (altare)
a latere sepulchri est Armenorum, secuudum sub umbrosa testudine est Georgi-
corum, tertium sub fenestra versus orientem est Graecorum, quartum versus
aquilonem est Fratru.u Minorum, qulntum juxta primum gradum ascensionis
a sinistris est lacobitarum. Sciendum, in eodem latere ascensionis est (altare)
Indianorum." Heinahe dieselben Worte bringt Fabri, Evagatoriura 1 375,
nur läßt er die Jakobiten fort und am fünften Altare die Inder zelebrieren.
-j Libellus de privilegüs Bl. 18 r; „Solent fratres in festis beate Virginis
ibidem missas et divinum officium celebrare."
3) Art. 14. — Der Herausgeber bemerkt : „In hisce statutis nota dignum
est quod praecipua exercitia pietatis quae describuntur, post tot saecula ad-
huc vigent" ; Diarium Terrae Sanctae II 163. ^) S. 1.
80 V. P. Gerhard Calvetti. Neue Fortschritte
können 0; und noch weniger war es ihnen möglich, etwas über
den Lebensgang der einzelnen, über ihre Arbeiten und Verdienste
zu sagen, da die Orte, an denen ihre Namen genannt werden,
nicht die geringste Ausbeute für die Kenntnis ihres Lebens und
Wirkens liefern.
Die Reihe der Oberen eröffnet der verdiente P. Roger Ga-
rini aus Aquitanien, der uns seit 1335 in den Kaufverträgen
und ebenso in der Chronik der 24 Generäle als Käufer der
ersten Grundstücke und eigentlicher Mittler bei den Verhand-
lungen, die mit dem Sultan wegen der Übergabe der hl. Stätten
gepflogen wurden, begegnet. Wenn er auch nirgends unter dem
Namen eines Oberen auftritt, so gestattet schon die Weise, in
der er die Verhandlungen mit den Behörden zu Jerusalem
führte, ihn als den Oberen oder Vorsteher der wenigen Brüder
zu betrachten, die während des Anfanges in Jerusalem weilten.
Zum letztenmal wird er in einer Erklärung vom 6. März 1337
genannt ^).
Der erste, der ausdrücklich in den bisher bekannten Nach-
richten als „Oberer der Franken in Jerusalem" eingeführt wird,
ist Br. Nikolaus, der als solcher auf dem Sion ein Grundstück
erwarb ^). Vorübergehend wird er noch einmal 1348 in der
Erklärung eines Muselmannes erwähnt^).
Aus den nächstfolgenden dreißig Jahren läßt sich nicht
ein einziger Guardian des Sionklosters mit Bestimmtheit nach-
1) Das beste und vollständigste Verzeichnis der Oberen der Kustodie
hat P. Golubovich in seiner Serie Cronologica dei Reverendissimi Superiori
di Terra Santa, Jerusalem 1898, zusammengestellt. Unbegreiflicher Weise
hat Razzoli S. 226 diese Arbeit ignoriert und alte, längst korrigierte Fehler
wiederholt. — Golubovich nahm auch die Provinziale der Provincia Terrae
Sanctae auf, die von uns übergangen werden.
2) Vgl. Golubovich, Serie 131—150. — Golubovich läßt daselbst S. 13
einen Guardian Fra Giovanni di Stefano 1337 walten. Wie er selbst S. 145
Anm. 2 richtig vermutet, hat er Frer „Gial" unrichtig (als Giovanni und Gia-
como) gedeutet; aus dem Umstände, daß dieser Frer Gial Besitzer eines an-
stoßenden Grundstückes in derselben Urkunde (146) genannt wird, ergibt sich,
daß es sich um Fr. Roger handelt. Calahorra, B. III K. 3, bringt den-
selben Vertrag, auch liest er Er. Johannes, läßt diesen aber nur Präses
oder Vikar sein, da er den andern Vertrag, in dem Br. Nikolaus als Oberer
genannt wird, falsch datiert und ihn in dasselbe Jahr (1328) setzt.
•'') Golubovich, Serie 155. *) Golubovich, Serie 159.
und Prüfungen. P. Johann Belloro 81
Weisen 0, Erst 1377 finden wir unter den Brüdern, die P. Bartho-
lomäus bei Abfassung seiner Statuten zu Rate zog, den P. „Ni-
1) Golubovich nennt zum Jalire 1363 mit den Gesta Dei und andern
einen Guardian von Jerusalem, namens P. Bernliardin von Padua; das Do-
kument aber, das uns seinen Namen überliefert hat, nennt ilm ausdrücltlich
Guardian von Bethlehem; er heißt daselbst „frater Bernardinus de Pa-
dua . . . guardianus, ut dixit, loci fratrum ejusdem ordinis siti in venerabili
et sacro loco Betheelemitano" (Diar. T. S. II 13 Anm.); er war also nicht
Guardian von Jerusalem.
Zum Jahre 1372 bringt Golubovich mit einigen Bedenken („secondo
ogni probabilitä") einen „Fr. Antonio di Giacomo", der in genanntem Jahre
ein Haus erwarb. In dem Kaufvertrag erscheint derselbe als Vertreter der
Königin Johanna (vgl. Serie 15); ebenso wie der Vikar des Sionklosters
P. Cantutius im gleichen Jahre; vgl. oben S. 77 Anm. 3.
Verniero 2 hat zum Jahre 1373 einen Guardian „Fr. Giovanni", den
er, S. 273, einige Brüder nach Damaskus senden läßt, die dort als Märtyrer
starben. Es sind die Brüder, die 1557 in Damaskus gemartert wurden (vgl.
Bonifacius Stephani, De perenni cultu Terrae Sanctae 275); die von ihm
angezogene Tatsache ist daher um fast zweihundert Jahre später anzusetzen.
Auch das Martyrologium Terrae Sanctae (Diar. T. S. IT 90) setzt ihr MartjTium
ins 14. Jahrhundert und läßt sie 1341 sterben, obgleich nach dem von ihm
zitierten P. Gonzaga ihr Tod „a viginti sex annis vel circiter" bei Abfassung
seines Werkes erfolgt war.
Quaresmius, Elucidatio II 807, und andere (vgl. Razzoli 226) nennen
zum Jahre 1375 als Guardian des Sionklosters den Frater Martinus de Ara-
gonia, dem Gregor XI. am 25. November 1375 den Bau des Klosters bei der
Nikolauskapelle zu Bethlehem gestattete; vgl. Breve „Inter cunctos Ordines"
im Bullarium Terrae Sanctae, Diar. T. S. II 81. P. Martinus war nur Guardian
zu Bethlehem. Daß jenes Breve an ihn gerichtet wurde, erklärt sich dadurch,
daß er gerade am päpstlichen Hofe weilte und dem Papste die betreffende
Bitte vortrug. Es ist jener P. Martinus, der 1372 als Sekretär der Königin
von Zypern von der hl. Brigitta auf ihrer Pilgerreise nach Jerusalem die
Vision der Heiligen über den Niedergang des Franziskanerordens empfing
(vgl. das Leben der Heiligen von Bertholdus, Acta SS., Oct. IV 502) und dem
Papste die günstigen Aussichten eines Kreuzzuges vorführte, wodurch er
diesen zu verschiedenen Sendungen und Schreiben in jener Frage bestimmte;
vgl. BF VI Nr. 1383. Mit jener Auffassung des Vorganges wird der Ver-
dacht hinfällig, den der Herausgeber des Bullarium Terrae Sanctae (Diarium
T. S. II 81) äußert, als ob das genannte Breve an den Guardian von Beth-
lehem auf Betreiben des Guardians von Jerusalem gerichtet sei, um den Pro-
vinzial zu umgehen; er meint: „Tribuendum est dissidiis, quae verosimiliter
viguisse tunc temporis inter Provincialem et Guardianura praedictum prae-
sumi possunt."
In Betreff des von einigen zum Jahre 1382 genannten Guardians Jo-
hannes hegen wir dieselben Zweifel, die Golubovich, Serie 17, anführt; uns
ist keine Nachricht über ihn begegnet.
Ftanzisk. Studien, Beihert I: Lonimcns, Die Franzisisanor auf dem Sion. G
82 V. P. Gerhard' Calveüi.
kolaus von Kreta, Guardian des Klosters auf dem Berge
Sion" ^); es ist die einzige bisher bekannte Nachricht, in der
sein Name vorkommt. Einige andere in dieser Zeit den Brüdern
ausgestellte Urkunden nennen keine Namen, so der Schutzbrief,
den Sultan Sciabau 1374 den Brüdern gab, damit diese auf der
Reise nicht belästigt würden^), und ein Breve des Papstes Gre-
gor XI. vom 25. November 1375, das den Brüdern den Bau
eines Klosters bei der in der Nähe Bethlehems gelegenen Ka-
pelle zum hl, Nikolaus gestattete ^), eine Erlaubnis, die nie ver-
v^^irklicht wurde.
Dem italienischen Pilger Frescobaldi verdanken v^'ir den
Namen des P. Nikolaus von Venedig^), der 1384 die Mission
leitete. Beide machten gemeinsam einen Pilgergang von Kairo
nach dem durch den Aufenthalt der hl. Familie geheiligten Orte
Matarieh in der Nähe der ägyptischen Hauptstadt. „Dort ließen
wir", erzählt Frescobaldi ^), „durch den Guardian des Sionberges
1) Wadding, Annales Minorum, zum Jahre 1376 Nr. XIV, nennt als
Berater des P. Bartholomäus die Patres „Fr. Richardus Anglus, sacrae Theo-
logiae magister, Fr. Joannes Bedererus Aquitanus, Fr. Joannes Columbus,
Fr. Joannes Pisanus, Fr. Thomas Anlisiodorensis, Fr. Gerardus Caneti, Fr. Ni-
colaus Cretensis, coenobii montis Sion guardianus".
2) Archiv der Prokura, Schublade 24.
^) Ihre Überreste sieht man über der Milchgrotte. — Verniero 267
meint, daß der Mangel an Mitteln den Bau nicht zur Ausführung kommen ließ.
^) Ob er identisch ist mit dem vorhin genannten Guardian Nikolaus
von Kreta?
•'') Viaggi 54. — Golubovich (Serie 18) knüpft hieran die Bemerkung,
daß die Franziskaner bereits früher ein Kloster beim Grabe Marions hatten,
aus dein sie wiederholt vertrieben seien; doch steht kein älteres Zeugnis für
diese Annahme zur Vorfügung. Die ersten Chronisten, wie Surian und Ver-
niero (270), sagen das gerade Gegenteil, daß es nämlich den Brüdern nicht ge-
lang, ein Kloster beim Grabe der Gottesmutter zu gründen; vgl. Surian, Trat-
tato 65. — Calahorra (B. III K. 20) folgert das Bestehen eines Klosters
im Tale Josaphat aus dem Dekret des Generals P. Antonius vom Jahre 1414.
Die fragliche Stelle lautet: „Item ordino, quod, sicut hactenus consuetum est,
praedictus guardianus habeat curam specialem in locis sancti sepulchri, sanctae
Mariae de Betleem, sanctae Mariae vallis Josaphat ceterisque locis Terrae
Sanctae, in quibus fratres nostri commorantur, ac in eisdem guardianos sive
vicarios instituere et destituere." Das „commorari" braucht nicht von einem
andauernden Wohnen gedeutet zu werden; sonst müßte man gegen alle andern
Nachrichten auch an den übrigen (ceterisque locis) Orten Niederlassungen
annehmen.
Neue Fortschritte und Prüfungen 83
ZU Jerusalem, einen Edelmann aus Venedig, namens Nikolaus,
eine hl. Messe lesen. Er war ein Mann von großem Geiste und
heiligem Leben und nach Kairo gekommen, um vom Sultan die
Erlaubnis zu erbitten, im Tale Josaphat beim Grabe der Jung-
frau ein Kloster der Minderbrüder zu erbauen; sie wurde aber
nicht gewährt." In der Zeit des Guardians Nikolaus, am 11. Juni
1384, erlaubte Papst Urban VI. dem Obern und den Brüdern
des Sionklosters, im nahegelegenen Hospital zehn gottesfürchtige
und mildtätige Frauen, die über vierzig Jahre alt sein mußten,
für die Dienste der Brüder und die Obhut der „Armen und
Kranken", die zum Hospital der Armen unaufhörlich hinström-
ten, aufzunehmen ^); es ist eine der wenigen Nachrichten, die
uns von der Tätigkeit und Bedeutung des Marienhospitals
melden.
Der Nachfolger des P. Nikolaus, P. Gerhard Calvetti
(Chauvet), ist der erste Guardian von Jerusalem, über den meh-
rere Nachrichten vorliegen, so daß wir uns ein kleines Bild von
seiner erfolgreichen Verwaltung machen können. P. Gerhard war
Mitglied der aquitanischen Ordensprovinz, die den P. Rogerius
in den Orient entsandt hatte und manchen eifrigen Bruder an
die hl. Stätten schickte; so waren unter den fünfzehn Brüdern,
die 1391 in Jerusalem weilten, vier aus der genannten Provinz^).
Zum ersten Male sehen wir P. Gerhard in Palästina im
Jahre 1377, als sich P. Bartholomäus seines Rates beim Nieder-
schreiben der Statuten für die Kustodie bediente ^). Wann er
an die Spitze des Klosters kam und wie lange er seines Amtes
als Oberer der Mission waltete, wird nicht angegeben. Zwei
Kaufverträge zeigen ihn als Guardian in den Jahren 1388 und
1) Breve „Ad ea quae piorum" ; Diarium Terrae Sanctae II 163. Der
Papst sagt: „Cum vos et pauperes et infirmi, qui continue confluunt ad hospi-
tale pauperum de monte Sion prope domum vestram consistens, opportunorura
copla servitorum carere noscantur." Vgl. Golubovich, Hörn 230.
2) Im Protokoll über den Martertod der vier am 14. November 1391
gestorbenen Brüder werden genannt „frater Deodatus de Rusticinio", der Guar-
dian P. Gerhard, „frater Petrus de Bordegala provinciae Aquitaniae" und
„frater Johannes de Aquitania"; vgl. Arch. de l'Orient Latin II 539—516
„Proces-verbal du martyre de 4 freres Mineurs".
3) Vgl. oben S. 82 Anm. 1, vi^o er „Gerardus Caneti" genannt wird.
G*
84 V. P. Gerhard Calvettl.
1398 0, desgleichen mehrere Urkunden aus den dazwischen
liegenden Jahren, so daß wir seine Amtstätigkeit wenigstens
von 1388 bis 1398 ansetzen dürfen.
In die Zeit seiner Verwaltung fällt der glorreiche Marter-
tod des seligen Nikolaus von Sebenico und seiner drei Gefährten
Deodatus von Rouvergue, Stephanus von Cunis und Petrus von
Narbonne ^). P. Gerhard hat uns ein wertvolles Zeugnis über
das Martyrium hinterlassen, dem wir ergreifende Einzelheiten
über ihren qualvollen Tod verdanken ^). Nikolaus und Deo-
datus hatten vorher 12 Jahre in Bosnien ^) und Stephan auf
Korsika als Missionar gewirkt; Petrus war einer der Genossen
des ehrwürdigen Br. Paulutius von Trinci gewesen, der durch
die von ihm wieder belebten Einsiedeleien den Anstoß zu der
großen Observantenbewegung des 15. Jahrhunderts gegeben.
Nach Jerusalem gesandt, lebten sie hier mehrere Jahre treu
und eifrig, bis sie nach reifer Überlegung und eingeholtem Rate
1) Golubovich, Serie 18, verzeichnet drei dieser Kaufurlcunden aus
den Jahren 1388, 1392 und 1398. Serie 19 nennt er mit Civezza, Storia VI
348, einen „fr. Polo da Venezia" als Obern. Der von beiden angezogene
Brief des Königs Johannes I. von Aragonien spricht nur von „unserm ge-
liebten Frater Polo aus Venedig", der für die heiligen Stätten Almosen
sammelte.
'-) Ihre Namen werden verschieden geschrieban; wir folgen dem
gleichzeitigen Bericht Calvettis, der sie „Frater Deodatus de Ruticinio pro-
vincie Aquitanie, frater Nicholaus provincie Sclavonie, frater Stephanus de
Cunis [Cuneo?] provincie Janue, frater Petrus de Narbona provincie Provin-
cie" nennt; vgl. Arch. de l'Orient Latin 1 541. ]\Iariau von Florenz nennt sie
„frater Niccolaus de Sibinico, frater Donatus de Ruticinio, frater Petrus de
Narbona, frater Stephanus de Lanich, corsus"; vgl. AFH III 703. Markus
von Lissabon ergänzt beim ersten den Beinamen „de Taulici" und bei Frater
Petrus „compagno e discepolo di fr. Paolo, padre della famiglia de gli Osser-
vanti" (Teil III Buch I Kap. 9); am Rande zitiert er „Specchio, ]\Iariano",
scheint also die Nachricht über letzteren dem „Specchio dei Minori" des P. Ja-
kob Oddo entnommen zu haben. Wadding hat die Nachrichten beider kom-
piliert, Annales zum Jahre 1891 Nr. 1.
•'*) Wir haben zwei Rezensionen dieses Berichtes; die eine ist in den
Akten des Seligsprechungsprozesses, Summarium 23 — 26, gedruckt, die andere
m 1. Bande des Arch. de l'Orient Latin, 539—546. Vgl. auch P. Eusebius
Fermendzin, Acta Bosnae potissimum ecclesiastica, Agram 1892, 271.
*) Summarium 24: „Morati sunt in vicariatu Bosnae duodecim annos."
Neue Fortschritte und Prüfungen 85
gelehrter und erfahrener Männer ^ einen Versuch beschlossen,
ob sie die Machthaber und das Volk von Jerusalem von dem
Irrtum der sarazenischen Lehre überzeugen und für Christus ge-
winnen könnten. Sie verhehlten sich die Gefahren des Unterneh-
mens nicht, ließen sich aber durch dieselben nicht abschrecken,
sondern freuten sich ob der Aussicht, die Krone des Martyri-
ums zu empfangen. So ausgerüstet begaben sie sich am 11. No-
vember 1391, morgens um 9 Ühr zum „Tempel Salomons", das
ist zur Omarmoschee; jeder hatte einen Zettel in der Hand,
auf dem er mit lateinischen Buchstaben in arabischer Sprache
Ermahnungen an die Sarazenen niedergeschrieben hatte -). Man
ließ sie nicht in die Moschee eintreten, führte sie jedoch auf
ihren Wunsch zum Kadi, vor dem sie alsbald ihre Predigt be-
gannen: „Herr Kadi und alle Anwesenden! gebt uns Erlaubnis
zu reden und schenkt uns freundliches Gehör, denn was wir
euch sagen, ist wahr und für eure Seelen heilsam. Eure Reli-
gion und Lehre ist nicht von Gott, da sie Lügen, Widersprüche,
Lächerliches und Unmögliches enthält. Euer Meister war kein
Prophet, sondern ein wollüstiger Mensch, ein Mörder, ein Be-
trüger, der die schweren Gebote unterdrückte und den Men-
schen alles, was ihnen gefällt, gestattet." Das Erstaunen des
Kadi und der in großer Zahl herbeigeeilten Mohammedaner war
maßlos. Sofort wurden der Guardian des Klosters und der
Meister des Hospitals herbeigerufen, nach deren Ankunft der
Kadi alsbald das Verhör begann. Er fragte die mutigen Pre-
diger, ob sie ihrer Sinne mächtig oder verrückt seien, und ob
sie der Papst oder ein König der Christen zu ihm gesandt habe.
Die Brüder erwiderten : Wir haben mit vollem Verstände und
nur aus Liebe zu euern Seelen geredet und sind von keinem
Geschöpfe geschickt, sondern von Gott selbst, der uns einge-
geben hat, euch die Wahrheit und euer Heil zu verkünden.
„Wollt ihr widerrufen?" fuhr sie nun der Kadi an, „sonst müßt
1) Genannt werden „Magister Joannes de Casali Noto provineiae Sici-
liae", der auch unter den Zeugen ihres Martertodes genannt wird, und „Magister
Joannes provineiae Dalmatiae"; Summarium 24.
2) Summarium 24: „liitteris italicis, lingua araba" ; die andere Rezen-
sion S. 542: „In vulgari ytalico atque in arabico."
86 V. P. Gerhard Calvetti.
ihr sterben." Die Brüder erwiderten: Wir können nicht wider-
rufen, da alles, was wir sagten, heilig und wahr ist; den Tod
aber fürchten wir nicht, sondern sterben gern für die Wahrheit
des Christentums. Hierauf sprach der Kadi mit seinem Rate über
die mutigen Prediger das Todesurteil aus, worauf die umste-
henden Mohammedaner auf die Todesopfer mit dem Rufe stürz-
ten: Sie sollen sterben und nicht leben, und mit allen möglichen
Werkzeugen zuschlugen, bis die Brüder wie tot zur Erde fielen.
Es war 12 Uhr mittags geworden *). Nach einer Stunde er-
wachten die Glaubenshelden aus ihrer Ohnmacht und öffneten
die Augen. Als die Mohammedaner dies gewahrten, ließ der
Richter die Brüder fesseln, ins Gefängnis werfen und daselbst
angekettet bis Mitternacht liegen. Um Mitternacht begann die
Marter aufs neue; die Märtyrer wurden zunächst entsetz-
lich geschlagen, bis fast die ganze Haut abgerissen war und
das Fleisch bloß lag; dann band man sie an vier Pfähle und
ließ sie in dieser Haltung ohne Speise und Trank-). Nachdem
am 14. November der Befehlshaber der Stadt nach Jerusalem
gekommen war ^), schritt man zur Ausführung des Todesurteiles.
Die Brüder wurden auf den Platz geführt, auf dem die Ver-
brecher hingerichtet wurden, und nochmals vor einer großen
Volksmenge gefragt, ob sie nun die Lehre Mohammeds anneh-
men wollten. Sie beantworteten die Frpge mit einer neuen
Aufforderung an das Volk, sich zu Christus, in dem allein das
Heil ist, zu bekehren. Sie selbst seien gern bereit, jede Pein,
Feuer und Tod für Christus und den christlichen Glauben zu
ertragen. Dies war das Zeichen, daß die Umstehenden vor Wut
rasend auf die Bekenner einstürmten und zuschlugen, bis „keine
1) Die Rezension des Prozesses im Suramarium sagt S. 25 : „circa lioram
sextara", die andere „horam nonam".
-) So die Rezension des Prozesses im Summarium, 25 ; die andere läßt sie
zuerst an die Pfälile gebunden und an den Pialilen gegeil3elt werden.
^) Die Rezension des Prozesses im Summarium sagt S. 25: „Post tertium
diera venit admiratus civitatis;" die andere Rezension übergeht diesen Um-
stand und läßt die Brüder „tertia die" sterben, was dem Vi). November ent-
spricht, während jene zum Schluß ihre Angabe durch die Worte bestätigt:
„Passi sunt autem isti venerabiles Christi martyres quartadecima die mensis
novembris."
Neue Fortschritte und Prüfungen 87
menschliche Gestalt an ihnen übrig blieb". Die Sarazenen
warfen die Leiber in ein großes Feuer und zerstreuten die
Asche 0- Mehrere Christen und elf Brüder^) hatten dem Marty-
rium beigewohnt, unter ihnen ein Deutscher, Bruder Johann
von Straßburg.
Leicht begreiflich war der Vorfall so bald nicht vergessen;
unsere Brüder mußten noch lange unter den Folgen desselben
leiden, wie P. Guardian Gerhard in seinem Schreiben vom 20. Ja-
nuar 1392 an den katalonischen Konsul zu Damaskus berichtet^).
„Sie verfolgen uns ohne aufzuhören bis zum Tode. Unter großen
Kosten führte man uns kürzlich zum Gebieter von Gaza.
Täglich ersinnen sie Neues gegen uns, ohne satt zu werden.
Unsere Armut haben sie aufgezehrt und nichts zurückgelassen
als die Kelche und Paramente. Ich wäre nicht imstande, ihnen
schriftlich all' die Bedrückungen und Erpressungen zu erklären.
Wir ertragen jedoch alles in Geduld und sind bereit, zu sterben
und freudig den Tod zu erleiden, den hier Jesus Christus, das
makellose Lamm, für uns erleiden wollte."
Es erregt unsere Bewunderung, daß die Brüder in einer
so bedrängten Lage und bei so vielen Schwierigkeiten nicht
den Mut verloren, sondern entschieden und furchtlos ihre Rechte
1) Dem seligen Nikolaus wurde von der Kirche die Ehre der Altäre
zuerkannt.
-) Die Brüder waren .Jrater Girardus Cabieti, provincie Aquitanie, fr.
Johannes de Noto, magister in theologia, provincie Cicilie, fr. Petrus Cocclarius
de Neapoli, provincie Terre Laboris, fr. Johannes de Argentina, alamannus,
fr. Angelus de Perusio, provincie Sancti Francisci, fr. Petrus de Bordegala,
provincie Aquitanie. fr. Martinus Cathalanus, fr. I^aurencius de Placencia, pro-
vincie Rome, fr. Martinus de Sclavonia, fr. Angelus de Marchia, fr. Johannes
de Aquitania"' ; außerdem der Meister des Johanniterhospitals „cum servitoribus
suis"; vgl. Arch. de l'Orient Latin I 545.
3) Der Brief, das Begleitschreiben des Protokolls über das Martyrium
unserer Brüder, ist veröffentlicht in Arch. de l'Orient Latin I 54L Es heißt
daselbst : „Isti vero nos persecuti sunt usque ad mortem et adhuc non cessant.
Nam ducti fuimus modo ad dominum de Gadara cum maximis expensis; cotidie
novitates super nos inveniunt et non possunt saciari; paupertatem nostram
comederunt et nihil nobis dimiserunt nisi calices et paramenta. Tribulaciones
varias et exactiones per literas vobis explicare non possum; nos vero omnia
pacienter sustinemus, parat! etiam mori et ipsam libenti anirao sustinere,
quam Christus Jhesus hie pro nobis peccatoribus mortem turpissimam subire
voluit. qui est agnus sine macula."
88 V. P. Gerhard Calvetti.
vertraten. P. Gerhard gab uns wenige Wochen später ein Bei-
spiel dieser mutigen Klugheit, der es die Lateiner verdanlcen,
daß sie sich im Oriente in einer Welt von Feinden und Wider-
sachern behaupten und ihren Angriffen trotzen konnten. Wieder-
holt hatten sich unsere Brüder ohne Erfolg bemüht, die von
zwei Päpsten erlaubte Gründung eines Klosters im Tale Josa-
phat auszuführen. Vergebens hatten Königin Johanna von
Neapel und der Doge Celsi von Venedig 1363 den Sultan ge-
beten, dieselbe zu gestatten, und umsonst war 1384 der Kustos
Nikolaus mit diesem Anliegen nach Kairo geeilt. Es war den
Brüdern nur gelungen, zum Gottesdienste am Grabe der Gottes-
mutter zugelassen zu werden ^). Sei es nun, daß unsern Brüdern
bei ihren Andachten Schwierigkeiten bereitet wurden, sei es,
daß sie das vom Papste verliehene Recht sicher stellen und
sich in aller Form als Mitbesitzer der Kirche über dem Grabe
der seligsten Jungfrau bekunden wollten: am 30. März 1392 er-
griff der Guardian P. Gerhard in Gegenwart eines Notars sowie
mehrerer Pilger und Brüder in der üblichen Weise Besitz von
der Grabeskirche und der benachbarten Grotte der Todesangst,
die Papst Innozenz VI. und Urban V. gleichfalls in ihren Breven
genannt hatten. Da ein besonderer Anlaß für diesen Akt des
Guardians nirgends zu erkennen ist ^), so sieht Verniero ^) die
Ursache in der Absicht der Brüder, das ihnen verliehene Recht
so viel wie möglich zu sichern, zu betätigen und feierlich kund-
zugeben.
Die spätere Legende meldet auch den Grund, der den Brü-
1) Dies sagen unter anderm die im Prozeß des Jahres 1421 abgelegten
Zeugnisse ; vgl. unten S. 97.
-) Der dem Ereignis am nächsten stehende Zeuge Br. Christophorus von
Varese sagt in seinem Libellus privilegiorum Bl. 18 ■■nur: „Et licet fratres
ibi non habitent, locum tarnen illum possident et de ipso curam habent et
ipsius loci auctoritate apostolica realem possessionem acceperunt de anno
domlni 1392." — Das „Instrumentum apprehensionis" ist herausgegeben in
D T S II 78. Es nennt die Brüder: „Praesentibus . . . fratribus Joanne de
Burgundia et Joanne de Cilicia, magistris in sacra pagina eiusdem ordinis
Minorum, et fratribus Matthaeo de Burgundia, Petro de Petragoris presbyteris,
et Jacobe de Venetiis converso ejusdem ordinis." Der Sizilianer P. Johann
wird auch im Protokoll über das Martyrium der vier Brüder genannt. Vgl.
auch D T S II 80 Anm. 13. 3j Chronik 269.
Neue Fortschritte und Prüfungen 89
dern den freien Zutritt zur Kirche gesichert habe; sie begegnet
uns bei verschiedenen Schriftstellern in verschiedener Form.
Der Franziskaner P. Anselm von Krakau 0, der 1508 im Hl. Lande
weilte, sagt in seinem Pilgerbuche, es sei den Pilgern nur gegen
eine Abgabe gestattet, die Kirche über dem Grabe der Gottes-
mutter zu betreten; die Franziskaner allein hätten das Recht,
frei ein- und auszugehen, da der die Türe hütende Sarazene
durch eine Erscheinung gedrängt worden sei, den Brüdern
einen Schlüssel zu geben. Auch sie hätten zunächst jene Ab-
gabe, so oft sie in der Kirche zelebrieren wollten, bezahlt, bis
ein Guardian der Kosten wegen daran gedacht habe, die Feier
der hl. Messe zu unterlassen. Da sei die Gottesmutter dem sa-
razenischen Türhüter erschienen und habe ihm unter Androhung
schwerer Strafen befohlen, die Brüder frei und ohne Abgaben
in die Kirche eintreten zu lassen. Ganz erschrocken sei der
Türhüter zu den Brüdern gekommen und habe ihnen einen
Schlüssel der Kirche übergeben '^). Surian erzählt wenige Jahre
später die gleiche Geschichte, bereichert sie aber um verschie-
dene Einzelheiten ^). Er läßt die Erscheinung „um 1465" statt-
finden; auch weiß er, daß jener sarazenische Pförtner derart
infolge der Erscheinung Mariens erschrak, daß er am dritten
Tage starb, nachdem er vor seinem Tode alles seinen Söhnen
geoffenbart und ihnen dringend empfohlen hatte, die Franzis-
kaner nicht zu belästigen, wenn sie dem Unwillen Mariens
entgehen wollten. Die Söhne seien alsbald auf den Sion ge-
gangen, hätten den Brüdern alles erzählt, ihnen volle Freiheit
zugesichert und alljährlich die Erstlinge des oberhalb der Gra-
beskirche gelegenen Gartens nebst andern Gaben überbracht.
Bei spätem Schreibern entwickelt sich die Geschichte immer
weiter; sie lassen den armen Sarazenen von Maria derart ge-
prügelt werden, daß er sich kaum mehr auf den Beinen halten
1) Descrlptio Terrae Sanctae 786.
-) Fabri, Evagatorium I 37:^, erwähnt die gleiche Erscheinung, delnit
sie aber auf alle Pilger aus.
3) Surian, Trattato 100. — Es ist nicht notwendig, die Entwicklung
der Legende zu verfolgen. Einige machten aus beiden Berichten zwei ver-
schiedene Erscheinungen und setzten die eine ins Jahr 1392 und die zweite
mit Surian ins Jahr 1465; vgl. Razzoli 57 und 68.
90 V. P. Gerhard Calvetti.
konnte ^). Was der Legende zugrunde liegt, ob vielleicht eine
List der Brüder im Spiele war, wissen wir nicht; jedenfalls
bestätigt sie, daß die Franziskaner ungestört am Grabe Mariens
Gottesdienst feiern konnten.
In demselben Jahre 1392 soll auch eine Niederlassung in
dem wenige Stunden westlich von Jerusalem gelegenen Abu
Ghosch gegründet worden sein ^). Die erste und älteste Nachricht
über dieselbe gibt uns 1570 der Kustos P. Bonifacius Stephani.
Hat man, sagt er ^), auf dem Wege nach Jerusalem die Heimat
des guten Schachers verlassen, so trifft man eine große Kirche,
die dem hl. Jeremias geweiht ist. Die daneben liegenden
Trümmer sagen, daß daselbst ein großes Kloster war, das vor
80 Jahren oder annähernd um diese Zeit von den Brüdern des
hl. Franziskus auf dem Sion verlassen wurde, weil in einer Nacht
arabische Räuber eindrangen, die den hl. Ort bewohnenden
Ordensleute ermordeten und alle daselbst befindlichen Sachen
raubten. Wann dieses geschah, sagt er nicht, und keiner der
Schriftsteller der folgenden Zeit weiß dieses zu sagen oder
etwas zu der von P. Bonifacius hinterlassenen Nachricht zu
ergänzen. Verniero und Calahorra sagen ausdrücklich, daß alle
ihre Kenntnis über diese Niederlassung auf P. Bonifacius zu-
rückgeht; ersterer bemerkt noch, daß sich im Archiv der Ku-
stodie nichts über dieselbe vorfindet '*). Große Bedenken be-
reitet der Umstand, daß P. Surianus, der um die für die Zer-
1) Vgl. Civezza, Storia IV 345.
-) Vgl. Golubovich, Serie 207.
3) Liber de perenni cultii Terrae Sanctae 101 : „Occurrit quaedam
ecclesia magna, quae celebratur sub titulo sancti Hieremiae, materiae ruinosae
enim ostendunt et monasteriiim religiosorum niagnum ibi fuisse, quod ab octo-
ginta annis vel circa a fratribus raontis Syon ordinis sancti Francisci derelictiim
fuit, quia una nocte latrones arabes illud ingressi fratres, qui erant ibi locum
sanctura incolentes, jugularunt et monasteriiim bonis, quae in illo erant,
expoliarunt."
') Verniero, Chronik 124: „Nel nostro Archivio non si trova sopra
di ciö scrittura veruna." Zuallardo, II devotissimo Viaggio di Gerusalemme
r anno 1586, Rom 1595, schreibt S. 117 den P. Bonifacius aus, nur läßt er die
Zeitangabe fort. Calahorra, B. II K. 11, sagt: „Ne si hä altra memoria
di questo convento, che quella, che oltre il Padre Bonifacio da il Zarvalo."
Dies ist der ebengenantc Zuallardo.
Neue Fortschritte und Prüfungcu 91
Störung angegebene Zeit Kustos von Jerusalem war, mit
keinem Worte bei der Erwähnung der Kirche des hl. Jeremias
des Klosters noch der Zerstörung desselben oder des Todes
der Brüder gedenkt^). Dieses Bedenken wird noch dadurch
verstärkt, daß er selbst das gleiche Los unter den gleichen
Umständen von dem in der Gegend von Abu Ghosch gelegenen
Kloster der Georgier zum hl. Kreuze berichtet. Die Georgier
haben, sagt er, „gegenwärtig das Kloster verlassen, weil die
Mauren neunzehn von ihnen töteten und den Ort, der zur Zeit
nicht bewohnt wird, ausraubten" ^). Da der Tatbestand der gleiche
und die Zeit dieselbe ist, so dürfte P. Bonifacius sich in der
ürtlichkeit geirrt und die Plünderung vom Kloster der Georgier
zum hl. Kreuze auf eine andere Stätte der Gegend übertragen
haben. Damit fällt aber das einzige Zeugnis, das für ein Fran-
ziskanerkloster in Abu Ghosch geltend gemacht werden kann.
An einem andern Orte gelang es jedoch den Franziskanern
unter der tatkräftigen und umsichtigen Verwaltung des P. Ger-
hard einen wertvollen Fortschritt zu machen. Die ersten Tage
nach der Ankunft im Hl. Lande und die letzten ihres Aufent-
haltes vor der Abfahrt brachten den Pilgern große Opfer und
viele Widerwärtigkeiten. Tagelang mußten sie häufig in Ramleh
warten, bis alle Vollmachten eintrafen und alle Vorbereitungen
für den Marsch nach Jerusalem getroffen waren, oder bis auf dem
Rückwege die Fahrgelegenheit bereit war. Der L394 nach Je-
rusalem pilgernde Nikolaus de Martoni erzählt in seinem Pilger-
buch, daß er 17 Tage mit großer Herzensangst daselbst ver-
bleiben mußte und von den Sarazenen „mit Anspeien, Stein-
würfen und allerlei Unbilden belästigt" wurde ^). P. Gerhard
') P. Bonifacius läßt in seinem 1570 geschriebenen Buche die Ermordung
vor etwa 80 Jahren geschehen sein. P. Surian war 1498 Kustos.
•^) Trattato 20.
■*) Trattato V^2 Anm. 2 (aus der Rezension von 1524): „Questi Zorgiani
tenero un tempo la chicsia de Symeone propheta; al presente 1' hanno abban-
donato perche li Mori ne amazarono decenove de loro, c roborono el loco;
al presente non se habita."
*) Libellus 624 : „Cum magna angustia cordis . . . me molestabant cum
sputis, lapidibus et aliis injuribus." Vgl. Fabri, Evagatorium I 212: „Audivi,
quod antequam domus iiia esset pro pcregrinorum hospitio comparata, coge-
bantur peregrini manere in civitatis diversorio juxta plateam in magna despec-
tione et miseria et raultas sustinebant a Sarracenis injurias."
92 V. P. Gerhard Calvetti.
ließ es sich angelegen sein, so viel wie möglich Abhilfe zu schaffen.
Er kaufte daselbst 1398 ein Haus für die Pilger ^), aus dem
sich allmählich, besonders dank der Freigebigkeit des großen
Wohltäters der hl. Stätten, des Herzogs Philipp des Guten von
Burgund (1419 — 1467), ein geräumiges Hospiz entw^ickelte.
Während Martoni 1394 noch in dem üblichen Chan, dem großen
Warenviertel, einquartiert wurde ^), fand Markgraf Nikolaus von
Este 1413 bereits Unterkunft im Pilgerheim der Franziskaner^),
das nach Ghistele ^) nahe beim Westtor auf der rechten Seite
der Straße lag. Freilich gab es, wie wir aus dem Berichte
über die Reise des Markgrafen erfahren, im Anfang noch allerlei
Schwierigkeiten mit den Führern, die auf jede Weise den Pilgern
die Reise verärgerten und alle Anlässe benützten, aus ihnen
Geld herauszupressen. „In Rama angekommen," erzählt sein
Begleiter, „gingen wir zur Herberge in ein Haus der Brüder
des hl. Franziskus und blieben dort die ganze Nacht. Nach
dem Brauche des Landes schliefen wir auf der Erde, die einen
auf einem Teppich, andere auf Strohmatten. Doch kam gegen
Morgen einer der Führer und hieß uns alle aus der Herberge
ausziehen und in ein anderes Haus, das man Fondaco nannte,
gehen; es sei nicht Sitte, daß die Pilger anderswo übernach-
teten" ^). Die nächstfolgenden Pilger, wie Marian von Siena
1) Kaufvertrag in Schublade 15 des Prokuraarchivs.
2) S. 624 : „Ibi est fundicus domorum, ubi morantur peregrini, quando
veniunt ad Sanctum Sepulchrum."
3) Viaggio 118. Geisheim bemerkt also zu Unrecht in seiner Aus-
gabe des von Lochner über die 1435 erfolgte Pilgerfahrt der Markgrafen
Johann und Albrecht von Brandenburg verfaßten Berichtes, daß Lochner zum
ersten Male das Hospiz erwähne; Geis heim 90. Es ist ungenau, wenn
Lochner das Hospiz „der parfußen closter" nennt; a. a. 0. 218. Denselben
Fehler begeht der Verfasser eines anonymen und undatierten Pilgerberichtes,
den Conrady „in den fünfziger oder sechziger Jahren des XIV. Jahrhunderts"
abgefaßt glaubt. Der Bericht sagt: „In Rama Fratres Minores habent con-
ventum, qui quondam erat hospitale christianorum, sed modo destructum;''
Conrady 21. Aus dem Umstände, daß der Bericht das Haus zu Ramleh er-
wähnt, ergibt sich, d^ß er um mehrere Jahrzehnte später anzusetzen ist.
•*) Tvoyage 70.
^) A. a. 0. S. 118. Dieser Fondaco' war das frühere Pilgerquartier
im Chan.
Neue Fortschritte und Prüfungen 93
(1431) und Stephan Giimpenberg (1449) ^), lassen nicht erkennen,
wo sie in Ramleh wohnten. Allmählich war aber der erste
Widerstand der Eingeborenen überwunden, und das Hospiz der
Brüder wurde von allen abendländischen Pilgern aufgesucht.
Bischof Rochechouart fand das nach orientalischer Art gebaute
Haus für seinen Zweck sehr geeignet ^). Es bot 500 Personen
Unterkunft ^) und war von den Brüdern einem eingeborenen
Christen übergeben ^), der für die Erhaltung Sorge tragen mußte.
Die Brüder weilten nur bei der Ankunft der Pilgerschiffe in
Ramleh.
Vor allem ließ es sich aber P. Gerhard angelegen sein,
die von seinen Vorgängern übernommenen Heiligtümer im Stande
zu halten. Zu diesem Zwecke erwirkte er mit Unterstützung
des Königs Johann I. von Aragonien^) von Sultan Barkuk die Voll-
macht, das Kloster auf dem Sion zu restaurieren ^) und in der
Grabeskirche Arbeiten vornehmen zu lassen "). Worin sie be-
*) Ersterer sagt S. 18 nur: „Di subito fumo messi in un casale" ; Gum-
penberg Bl. 237: „Allda ist ein Haus, da man die Pilger innen hält."
-) Journal 238: „Missi fiiimus in hospitaie, quo;i eraerunt Fratres Mi-
nores pro receptione peregrinorum. Et pro hac re domus hec aptissima; que
constructa est more orientalium, videlicet quod non habet lateres nee cetera,
more occidentalium, quoniam omnes domus carent tegulis."
•^) Surian, Trattato 22: „In quella allogiano tucti li Christian! chatholici,
e non altro, maxime peregrine; et e capace per allogiare Cinquecento persone;
in quella non habitano fratri, se non al tempo delle galee delli peregrini."
^) Fabri, Evagatorium II 212: „Fratres autem raontis Syon eam locant
alicui Christiano orientali, qui ibi habitat."
^) Vgl. den Brief desselben an den Sultan vom 17. April 1395 bei
Civezza, Storia VI 348. Er sagt im Briefe: „Von unseren Pilgern, die von dort
zurückgekehrt sind, hört man, daß einige Gebäude des Klosters auf dem Berge
Sion und auch die Kirche von Bethlehem zusammenstürzen. Auch sagt man
uns, daß seit langem Br. Polo aus Venedig, der in diesem Kloster weilt, mit
den Almosen der Gläubigen, die diesen heiligen Ort besuchen, Kloster, Kirche
und die anstossenden Gebäude herstellen möchte. Du aber und Deine Unter-
gebenen ihm entgegentreten." Da das Kloster von seinen Vorfahren gekauft
sei, bitte er, dem Br. Polo die notwendigen Arbeiten zur Wiederherstellung
zu gestatten. Zum Schluß empfiehlt er ihm die Pilger. Da Königin Sanzia
aus dem Hause Aragonien stammte, konnte der König sagen, das Kloster auf
dem Sion sei von seinen Vorfahren gekauft. Vgl. auch S. Eijan, Espaiia en
Tierra Santa, Barcelona 1910, 341.
'') Vgl. oben S. 12 und Civezza a.a.O.
^) Verniero, Chronica 141, Garcia, Derechos 49, DTS 111 180. —
Vgl, auch Golubovich, Serie 18.
94 V. P. Gerhard Calvetti.
standen, wird nicht gesagt. Bei dieser Gelegenheit dürfte auf
der Vorderwand der Grabeskapelle jenes Bild des heiligen Franzis-
kus angebracht worden sein, das zum ersten Male um 1400 vom
Archimandriten Grethenius erwähnt wird ^). Wir haben hierin
das erste Zeichen eines großen Fortschrittes, der uns bald von
andern Pilgern ausdrücklich verbürgt wird. So meldet 1418
der Franzose de Caumont in seinem Reisebuch, daß die „Minder-
brüder das Grab des Herrn behüten" ^), und 1427 sagt der
Pilgertuhrer eines Franziskaners, daß diese „jetzt die Grabes-
kapelle innehaben" ^).
Wir scheiden von der Person des P. Gerhard mit dem Ein-
druck, daß er ein Mann von großer Umsicht und Klugheit war"*);
er und seine Brüder besaßen jene Opferliebe und Energie, die
ihnen das Verbleiben an den heiligen Stätten unter allen Schwie-
rigkeiten und Drangsalen ermöglichte und stets größere Fort-
schritte eintrug. P. Gerhard dürfte sein Amt bis zur Ankunft
des P. Nikolaus Cornarius von Kreta, dem der Doge An-
tonius Veniero am 18. Juni 1400 den Geleitsbrief nach Jeru-
salem ausstellte ^), verwaltet haben. ,
über diesen P. Nikolaus Cornarius schwebt wieder das
gleiche Dunkel, das manche seiner Vorgänger und nächsten
Nachfolger unsern Augen entzieht. Sein Name wird uns nur
1) Khitrovo 171; vgl. oben S. 70 Anm. 1. Auch Marian von Siena
erwähnt dasselbe irn Jahre 1431; er sagt S. 85: „Sopra del Sepulcro, cioe
nella facciata, e depento Jesu, che esce dal monimento con giuderi intorno, e
Santo Francesco in ginocchioni; el capo si ö a ponente cioe, volto el viso
a levante."
2) Voyage 54: „Les Freres Meneurs gardent le S6pulcre."
•'') Der Libellus descriptionis sagt : „Hanc autera capellam antiquitus
Reguläres Canonici custodiebant . . . Post Canonicos Reguläres habuerant
eam Georgiani et eius claves tenebant ; modo autem tenent eara Fratres Mi-
nores"; a. a. 0. 643.
^) Der französische Reisende d'Anglure, der 1395 in Palästina war,
nennt ihn „moultbonne et honeste personne"; Le Saint Voyage 14.
^) Vgl. La Palestina e le rimanenti Missloni Francescane I, Rom 1890,
S. 112. Es heißt daselbst, daß P. Nikolaus sich nach Jerusalem begebe
„praelationis officium secuturus". Da er daselbst .,fr. Nicolaus Cornario de
Candia, civis noster" genannt wird, vermutet der Herausgeber des Bul-
larium Terrae Sanctae (D T S 11 83 und 163 Anm. 3), daß es derselbe fr.
Nikolaus von Venedig sei, der vor P. Gerhar I Guardian des Sionklosters war.
Neue Fortschritte und Prüfungen 95
in einem Kaufverträge vom 7. September 1402 genannt ^), und
für zwei seiner Nachfolger — einen andern P. Nikolaus und
P. Jakobus — steht uns ebenfalls nui ein ähnliches Dokument
zur Verfügung ^).
Um diese Zeit wollte man die Restauration der Kirche zu
Bethlehem in Angriff nehmen, wie verschiedene von den Behör-
den im Jahre 1411 ausgestellte Vollmachten sagen ^). Wir er-
sehen aus den eingeforderten Gutachten, daß man sogar einen
Zusammensturz der Kirche fürchtete, da das Dach schwer ge-
litten hatte und Stücke Holz und Blei abgefallen waren. Weil
die Kirche auch von Sarazenen besucht wurde, erteilten die
Behörden die Erlaubnis. Niemand dürfe, heißt es in derselben,
den Obern bei der Arbeit hindern; er könne von Gaza oder
Jaffa das notwendige Material kommen lassen. Ob nun wirk-
lich etwas geschehen konnte oder die Erlaubnis ein toter Buch-
stabe blieb, wie so manche andere Male, wissen wir nicht. Nach
den bald wieder ertönenden Klagen sind die Arbeiten kaum
oder nur sehr mangelhaft ausgeführt worden.
In die Zeit des genannten P. Jakobus fällt der Prozeß,
den der Patriarch Johannes von Grado 1421 auf Anordnung
Martins V. über die Rechte der Franziskaner auf die heiligen
Stätten Palästinas zu Mantua führte. Was den Prozeß veran-
laßte, ist nicht bekannt. Ob er von den Brüdern beantragt
wurde, um ihre Rechte für die Zukunft sicher zu stellen, oder
ob tatsächlich Angriffe und Ansprüche, besonders auf die an
den heiligen Stätten geopferten Gaben, von anderer Seite er-
hoben waren? Die Akten des Prozesses*) und die päpstlichen
Schreiben^) sagen nichts, was diese Fragen lösen könnte.
1) Golubovich, Serie 20.
2) P. Nikolaus (Nicolo di Pietro) wird in einem Vertrag vom 14. Mai
1410 und P. Jakob (Giacomo di Andrea) am 3. Februar 1421 genannt; vgl.
Golubovich, Serie 20.
3) In Schublade 18, 32 und 3:$ des Prokuraarchives.
*) Die Verhandlungen des Prozesses sind veröifentlicht in Diarium Terrae
Sanctae III 10—24.
5) Papst Martin V. sagt in seinem Breve „His quae pro ecclesiasticarum
personarum" vom 14. Februar 1421 nur, daß er den Besitz der Brüder be-
stätige, „ut illa pacifice possideant ac eorum possint pacifica possossione
gaudere" ; Diarium a. a. 0. S. 35.
96 V. P. Gerhard Calvetti.
Unter den Schriftstellern, die des Prozesses Erwähnimg
tun, steht Br. Christophorus von Varese den Ereignissen der
Zeit nach am nächsten; er ist aber über die Veranlassung der
Untersuchung nicht mehr unterrichtet, wie seine Worte bekun-
den: „Vielleicht war von einigen Gegnern eine Streitfrage
gegen die Brüder wegen der genannten Stätten angeregt wor-
den" ')• Was er nur vermutete, nahmen 200 Jahre später P.
Verniero^) und Wadding ^) ohne weiteres an und meinten, daß
die Gegner der Franziskaner Ihren Besitz beanstandet hätten,
sagen aber nicht, wer diese Gegner gewesen seien. Spätere
wissen dies zu ergänzen ; so sagt Civezza ^), der Patriarch von
Jerusalem, der Bischof von Bethlehem, die Augustiner-Chor-
herrn und die Benediktiner hätten Ansprüche auf ihre frühern
Besitzungen erhoben. Beweise oder Zeugnisse bringt er nicht;
und die beiden Schriftsteller, auf die er verweist, Wadding
und Calahorra ^), sagen nichts derartiges ; deshalb halten wir uns
nicht für berechtigt, jene Anklage zu wiederholen und lassen
mit Br. Christophorus die Frage offen.
Am 9, Juli 1420 richtete Martin V. an den Patriarchen
Johannes von Grado, Erzbischof Hugo von Nikosia und Erz-
bischof Andreas von Rhodus ein Schreiben ^), in dem er sagt,
daß er den Franziskanern in Anbetracht der guten Werke, die
sie für den Glauben n Palästina vollbringen, eine Gunst erwei-
sen wolle. Daher beauftrage er sie, den Brüdern den Besitz
der heiligen Stätten zu bestätigen, wenn sie dieselben 50 Jahre
lang inne gehabt hätten, und sie gegen jeden Widerspruch durch
Androhung kirchlicher Zensuren zu schützen. Auch sollten
dann die daselbst von den Gläubigen geopferten Gaben den
1) Libellus de privilegiis Bl. 19 ^ : „Forte mota controversia ab aliquibus
emulis contra fratres supra predictis locis."
-) Chronik 280 : „Gli emoli per darci da meritare e tenerci esercitati
mossero lite."
^) Annales zum Jahre 1420, Nr. 6 : „Erant qiii hoc tempore conarenlur
inperturbare pacificam possessionem sanctoriim locorum."
*) Storia delle Mission! Francescane IV 356. Unter andern wiederholt
dieses Razzoli 60.
â– ') B. III K. 21.
«) Breve „Ad assiduum Christi"; D T S II 166. BF VII Nr. 1458.
Neue Fortschritte und Prüfungen 97
Brüdern verbleiben nnd durch ihre Prokuratoren oder Kommis-
sare verwaltet werden.
In dem nun angestellten Prozesse wurden elf Zeugen ver-
nommen, von denen zwei „vor ungefähr 60 Jahren" in Palä-
stina geweilt hatten 0- Der Doge Thomas Mocenigo sagte aus,
er sei 1391 in Palästina gewesen, habe das Kloster der Brüder
auf dem Sion und zu Bethlehem gesehen, sowie dem von ihnen
gefeierten Gottesdienste und Offizium auf dem Sion, zu Beth-
lehem, am Heiligen Grabe, auf dem Kalvarienberge und am
Grabe der Gottesmutter im Tale Josaphat beigewohnt-}. Das-
selbe bezeugen die beiden folgenden Zeugen Leonhard Moce-
nigo und Jakob Trevisan, die 1387 nach Jerusalem gepilgert
waren, während die acht übrigen nichts über den Gottesdienst
auf dem Kalvarienberge aussagen. Das Zeugnis jener drei Män-
ner gibt uns die älteste Nachricht über gottesdienstliche Hand-
lungen der Brüder an dieser heiligen Stätte und stimmt sowohl
mit dem Ferman des Sultans Barsabai vom Jahre 1427, aus
dem wir erfahren, daß die Franziskaner „seit vielen Jahren"
auf dem südlichen Teile des Kalvarienberges und im Heiligen
Grabe zelebrierten ^), wie mit den Berichten der nächstfolgenden
Pilger ^).
Am 7. Januar 1421 fällte Patriarch Johannes kraft päpst-
licher Vollmacht das Urteil, das die Franziskaner im Besitze
der heiligen Stätten bestätigte, und überwies ihnen die daselbst
von den Pilgern geopferten Almosen. Papst Martin V. appro-
bierte dasselbe am 14. Februar 1421 ^).
Das folgende Jahr brachte den Brüdern wieder Verfolgung
und Trübsale; sie mußten dafür büßen, daß katalonische Schiffe
Sarazenen überfallen hatten. Wie uns Karl Federighi und
Felix Brancacci berichten, die damals als Gesandte der Repu-
blik Florenz zur Beratung eines Handelsvertrages am Hofe des
1) Als Vertreter der Brüder waren „frater Andreas de Hungaria" und
„frater Joannes de Biscaya" zugegen.
-) In seiner Aussage heißt es auch (S. 13): „Vidit, quod dictus locus
Sopulchri Domini regebatur et gubernabatur per dictos fratres Minores." Die
gleichen Worte werden von den übrigen Zeugen gebraucht.
•^) Vgl. Golubovich, Serie 170. ^) Ghinassi 125.
^) Breve „His quae pro ecclesiasticarum" ; DTS III 25; BF VII Nr 1471.
Franzisk. Studien, Beiheft 1: f.cmmens, Die Franziskaner auf dem Sion. 7
98 V. P. Gerhai'd Caivetti.
Sultans zu Kairo weilten, kamen „daselbst am 15. September (1422)
etwa 19 Pilger, meist Italiener, an, die gelandet hatten, um
sich zum Heiligen Grabe zu begeben, in Jerusalem aber ge-
fangen genommen wurden. Auch die Brüder des Franziskaner-
klosters am Hl. Grabe wurden mit Ausnahme der ganz Alten
nach Kairo geführt... Der Sultan hatte befohlen, die Tore der
Grabeskirche mit Steinen und Kalk zu vermauern ; dasselbe war
für die Kirchen des Berges Sion und zu Bethlehem verfügt worden.
Kein Christ sollte mehr eintreten dürfen, wenn ihm die Katalonier
nicht seine Habe zurückgäben. Diese Pilger und besonders die
Brüder, sowie die in Jerusalem angestellten Konsuln von Venedig
und Genua besuchen uns und erbitten unsere Vermittlung. Wir
haben aufrichtiges Mitleid mit ihnen, da wir ihre traurige Lage
begreifen. Aber jene Herren wollen von nichts hören, wenn
nicht zunächst Geschenke dargebracht werden, und sie verlan-
gen diese mit solcher Unverschämtheit und solche Summen,
daß es eine ganz unwürdige Sache ist" ^).
Als die beiden Gesandten vom Sultan in Audienz emp-
fangen wurden, erbaten sie nach Erledigung ihrer Angelegen-
heit das Wort, um noch eine andere Sache zur Sprache zu
bringen. Der Sultan verweigerte dies entschieden und sagte, sie
möchten eine Verständigung mit den Kataloniern zu Wege
bringen. Die Gesandten versuchten nun auf die Frage der
hl. Stätten zu kommen, hatten aber kaum ein paar Worte ge-
sagt, als der Sultan die Rede mit den Worten abschnitt, die
andern Nationen sollten sich verdemütigen und einen Vergleich
zwischen ihm und den Kataloniern herbeiführen ^). Darauf
^) Diario di Feiice Brancacci, Ambasciatore con Carlo Federighi al
Cairo per il Comune di Firenze. In Archivio Storico Italiano, VIII (1881). Vgl.
Mission! Francescane II (1892) 107 und Civezza, Storia VI 351.
"-) Die Katalonier brachten damals durch ihre Streifzüge in den klein-
asiatischen Gewässern manches Unheil über die Christen des Orientes, be-
sonders über die Franziskaner. Zweimal, 1418 und 1426, überfielen deshalb
die Sultane das Königreich Zypern, zerstörten die Klöster zu Limasol und
Nikosia und ermordeten die Brüder nebst vielen Christen. Auf der Rückkehr
vom zweiten Zuge fiel den Sarazenen ein Schiff mit Pilgern und 25 Brüdern,
die nach Jaffa segelten, in die Hände; alle wurden ermordet. W ad ding
zum J. 1426 Nr. 9.
Neue Fortschritte und Prüfungen 99
wurden die Gesandten rückwärts gezogen, ohne ein Wort er-
widern zu können.
Es ist dies einer aus vielen Fällen, der, wir möchten sagen,
durch Zufall der Nachwelt überliefert wurde; wie viele solcher
Zwischenfälle über die Hüter der heiligen Stätten kamen, was
für Quälereien und Forderungen die Brüder damals über sich
ergehen lassen mußten, kann nur aus gelegentlichen Mitteilungen
einigermaßen erraten werden. Mehreres erfahren wir hierüber
auch aus dem Schutzbriefe, den Sultan Barsabai fünf Jahre später,
am 24. November 1427, den Franziskanern ausstellte 0- Da der
Sultan zu Anfang erklärt, daß die von ihm den Brüdern gege-
benen Rechte bereits von seinen Vorgängern verliehen seien,
müssen wir folgern, daß jene Willkürlichkeiten, denen der Fer-
man entgegentritt, schon länger bei den Behörden beliebt waren,
so daß wir ein Bild der Mühen und Opfer erhalten, die den
Brüdern beschieden waren. Der Sultan bestimmt, daß die Brü-
der nicht verpflichtet sind, die Reisekosten der Boten und Ge-
sandten des Sultans zu bestreiten, noch für die Franken oder
Christen, gegen die eine Untersuchung eingeleitet sei, zu zahlen
oder einzutreten. Stirbt einer der Ordensleute, so verbleiben
seine Sachen den Brüdern; diese haben das Recht, ihre Toten
zu begraben. Niemand darf sie wegen Speise oder Trank be-
lästigen noch hindern, Weintrauben zu kaufen; nur müssen die
Brüder sorgen, daß die Muselmannen nicht bei ihnen Wein ge-
nießen. Was zu ihrem Lebensunterhalte erfordert wird, können
sie frei brauchen und von einem Kloster zum andern nach
alter Sitte befördern, desgleichen mit und ohne Dragoman die
notwendigen Reisen machen. Niemand kann sie zwingen, etwas
auszuleihen oder ein Geschäft abzuschließen. Die Brüder dür-
fen ohne Abgaben ins Heilige Grab eintreten, wenn es geöffnet
wird; und der Obere kann daselbst zwei oder drei oder vier
Brüder weilen lassen und wieder abrufen, wie er will. Sie kön-
nen ihre Häuser und Terrassen bewerfen, um das Eindringen
des Regens zu verhindern, und, wenn nötig, dieselben restau-
rieren. Niemand darf von ihnen eine Steuer verlangen, sie in
1) Mitgeteilt von Golubovicli, Serie 163 ff.
100 V. P. Gerhard Calvetti.
Ausübimg einer Kunst hindern oder sie zwingen, ihre Klöster
und Kirchen zu öffnen, da dies ihrem freien Willen überlassen
bleibt. Keine Behörde von Jerusalem darf sie belästigen und
niemand sich der Ausübung ihrer Geschäfte in den Weg stel-
len. Die aus ihren Ländern zugesandten Almosen dürfen nicht
von den Wachen, in den Häfen, auf den Wegen oder irgend-
wie behindert werden. Sie sind frei bei allen ihren gewohnten
Pilgergängen ; niemand darf sie am Eintritt in ein Heiligtum
oder bei ihren Funktionen daselbst hindern. Die Brüder und
alle, die zu ihnen kommen, dürfen an dem auf der südlichen
Hälfte des Kalvarienberges stehenden Altar und im Innern des
Heiligen Grabes nach dem seit vielen Jahren üblichen Brauche
und nach dem Wortlaute der bereits gewährten Dekrete zele-
brieren. Wird irgendeinem Muselmann zu Lande oder zu Was-
ser ein Unrecht von einem Christen zugefügt, so sollen die
Brüder nicht dafür verantv.'ortlich sein, da sie die Welt verlas-
sen und sich dem Dienste ihres Herrn geweiht haben.
Zum Schluß wendet sich der Sultan an die Behörden und
Gerichte, denen er empfiehlt, die treue Ausführung dieser Be-
stimmungen zu überwachen. Kein Bruder dürfe gehindert wer-
den, vor der Behörde zu erscheinen und Klage zu erheben.
Der Befehlshaber von Ramleh soll die Wachen zu Ramleh und
Jaffa anweisen, die Brüder in der gewohnten Weise und ohne
jede Störung ihres Amtes walten zu lassen.
Es wird in dem Schutzbrief so ziemlich alles erwähnt und
alles verboten, was die Sarazenen zum Schaden und Spott der
Brüder ersinnen konnten. Man gewinnt den Eindruck, daß die
Franziskaner vogelfrei und den Einfällen der Leute, besonders
aber der Behörden, ausgesetzt und preisgegeben waren. Leider
mußten die Brüder immer wieder aufs neue erfahren, daß auch
die bestgemeinten Schutzbriefe und Erlasse der höchsten In-
stanzen im Oriente nicht viel helfen; mochten sie auch noch
so oft von den Sultanen erneuert und ins Gedächtnis der Be-
hörden zurückgerufen werden, nach kurzer Zeit war wieder
alles beim alten. Es war für unsere Brüder besonders verhäng-
nisvoll, daß sich die Herrscher selbst nicht gleich blieben und
immer von neuem den untergeordneten Beamten das Beispiel
Neue Fortschritte und Prüfungen 101
der Unterdrückung gaben. Die nächste Zeit sollte bereits einen
neuen Gewaltakt des Sultans gegen die Franziskaner schauen.
Unterdessen war nämlich von anderer Seite ein Kampf
gegen die Rechte der Brüder eingeleitet worden, der für sie
die schwersten Folgen haben und ihnen Reihe für Reihe alle
Heiligtümer des Berges Sion entreißen sollte. Der Kampf galt
dem Grabe Davids, das die Juden um diese Zeit in der Sions-
kirche suchten, nachdem sie sowohl wie auch die Christen und
Sarazenen wiederholt ihre Meinung über den Ort desselben ge-
ändert hatten ^). Die älteste Tradition der Sarazenen sah das
Grab Davids in der Gethsemanikirche ; so sagt im 10. Jahrhun-
dert einer ihrer Schriftsteller: „Die Christen haben berühmte
Kirchen in Jerusalem, u. a. die Gethsemanikirche, von der man
sagt, daß darin das Grab Davids sei." Spätere suchten das
Grab in Bethlehem oder auf dem Sion, nannten aber keinen
bestimmten Ort des Berges und gaben die Nachricht nur mit
Vorbehalt wieder. Albaschari z. B. zählt es unter den Gräbern
auf, „die nicht sicher sind". Mehr Glauben mißt dieser Ansicht
ein jüdischer Schriftsteller des elften Jahrhunderts bei, der „von
zuverlässigen Leuten" gehört haben will, daß David auf dem
Sion begraben sei. Auch er nennt indes keinen Ort, und ein
späterer Schriftsteller der Juden, der aus Spanien in Jerusalem
eingewanderte Isaak ihn Jusuf, bemerkt ausdrücklich: „Die Grä-
ber des Hauses Davids, welche auf dem Sion waren, sind nicht
mehr bekannt, weder bei den Christen noch bei den Juden."
Nichtsdestoweniger setzte sich schon bald unter letzteren der
Glaube fest, daß David in der Kirche der Brüder auf dem Sion,
und zwar unter der Kapelle des Heiligen Geistes, begraben sei ^),
weshalb sie alles aufboten, um in den Besitz der Stätte zu ge-
langen. Mit schwerem Gelde bestachen sie die Beamten des
Sultans und erwirkten, daß dieser Ort den Franziskanern ent-
rissen und ihnen der Gottesdienst daselbst verboten wurde.
1) Die Zeugnisse der arabischen Schriftsteller sind (nach Kanonikus
Martha) zusammengestellt bei Fr. Dunkel, Die Gräber der Könige David
und Salomon nach Zeugnissen arabischer Schriftsteller. In: Das heilige Land,
1911, 23— :50.
••^) Surian IIU lä'it mit andern das Gerücht von den Juden ausgehen.
102 "^'- ^- Johann Belloro
Nur mit großer Mühe und großen Summen erreichten die an
den Hof des Sultans entsandten Brüder, daß die Verfügung zu-
rüclcgenommen und die Stätte wieder den Franziskanern ein-
geräumt wurde.
Da die Juden diesen Kampf heraufbeschworen hatten und
so die Ursache der großen Geldopfer waren, welche die Chri-
sten bringen mußten, ließ sie Martin V. zur Bestreitung dersel-
ben heranziehen und legte den im Kirchenstaate weilenden Juden
eine große Steuer auf. Sein Beispiel fand Nachahmung in der
Republik Venedig und im Königreich Neapel, in dem Königin
Johanna am 18. Oktober 1429 verordnete, daß jeder Jude, wel-
chen Alters oder Geschlechtes er sein mochte, für das Kloster
auf dem Sion und die heiligen Stätten ein Drittel eines Gold-
dukaten zahlen müsse ^).
An der Spitze der Mission stand in diesen Jahren der tat-
kräftige P. Johannes Belloro ■^) der auch jenen Schiitzbrief vom
Sultan 1427 erwirkt hatte. An ihn richtete Martin V. am 13. April
1429 ein Schreiben, das eine weitere Schwierigkeit zeigt, die
auf den Brüdern in Palästina lastete ^). Wir hören, sagt der
Papst, daß einige Christen, die im Glauben Christi weniger
unterrichtet oder beständig und auch durch ihr Alter oder Ge-
schlecht gebrechlicher sind, zu Jerusalem oder an den umlie-
genden Orten, in denen wenige Christen wohnen, verweilen.
1) Die Einzelheiten erfahren wir aus dem Schreiben der Königin Jo-
hanna, in dem es lieißt: „Cum sanctissimus Dominus noster papa Martinus V.
auditis vexationibus, laboribus et damnis, quibus guardianus et conventus
monasterii fratrum Minorum montis Syon partium Terrae Sanctae noviter
affecti fuerunt a Sarracenis, maligna et perfida instigatione Judaeorum ultra-
marinorum morantium in pertinentiis dictae Terrae Sanctae, qui per admiratos
et officiales soldani ab eis pecunia corruptos fecerunt subtrahi a dicto mona-
sterio capcllam David et aliorum regum et prophetarum et alia oratoria atque
sacella devota et sancta turpiter ea inquinantes ipsaque cupientes a christiana
religione sejuncta ad usum judaicae superstitionis convertere, fratribus dicti
conventus sab poena prohibitis divinum in eis officium celebrare, sicut ipsi
Fratres dudum facere consueverunt, propter quod pro ipsorum recuperatione
locorum oportuit aliquos ex ipsis Frati'ibus ad Soldanum aecedere et subire
graves expensas;" Wadding Vi 393. Vgl. Calahorra B. III K. 21.
-) Vgl. Golubovich, Serie 21.
y) Breve „Religionis zelus"; DTS III 107, BF VII Nr. 1857 (wo er
„Bellotus" heißt).
V. P. Johann Belloro 103
Daselbst haben sie keine Oberen, denen sie unterstehen, die auf
sie achten, im katholischen Glauben unterweisen, vor Irrtümern
behüten, in dem Gesetze des Herrn unterrichten und bestärken,
und niemand, der sie vor den Lastern behüte und warne. Statt
dessen unterhalten sie Verkehr mit den Ungläubigen, die sich
daselbst in großer Anzahl und Verschiedenheit finden, lernen
ihre Irrtümer, vergessen die Gebote des Herrn, verlassen die
Wahrheit des Glaubens und fallen in die Laster, Ketzerei und
Gefahr ihres Seelenheiles. Von diesem verderblichen Gifte an-
gesteckt geben sie Dir wie Deinen Vorgängern, den Brüdern
auf dem Sion und den in geringer Zahl dort w^ohnenden Gläu-
bigen gefährliche Beispiele, und bereiten Dir viele Sorgen und
geistige wie zeitliche Ungelegenheiten. Da Du, wie uns mit-
geteilt wurde, durch Deinen löblichen Wandel ein geeigneter
Zeuge Christi geworden bist, so kannst Du ein nützlicher und
fruchtreicher Wächter sein, weshalb wir Dir und Deinen Nach-
folgern für die nächsten zehn Jahre die Vollmacht und den
Auftrag geben, über alle Christen, die in jenen Gegenden wei-
len, zu wachen, ihren Glauben, Wandel und Sitten zu prüfen
und die, welche den Glauben und das christliche Leben ver-
lassen, zu strafen und in die christlichen Länder zurückzusen-
den. Hiermit wurde der Guardian des Sionklosters zum Inqui-
sitor für Palästina bestellt und ihm eine wichtige Aufgabe an-
vertraut 0.
Das Lob, das hier Martin V. dem damaligen Obern der
Franziskaner in Palästina spendete, und das ihm bewiesene Ver-
trauen stehen im Gegensatz zu den Anklagen, die spätere Chro-
nisten gegen ihn erheben. Verniero ^) schreibt 200 Jahre spä-
ter, die religiöse Observanz habe in jener Zeit bei den Brüdern
Palästinas darniedergelegen, weshalb Martin V. 1428 einen Ob-
servanten von großer Tugend und heiligem Eifer, den ehrwür-
digen Nikolaus von Osimo, als Reformator nach Jerusalem ent-
sandt habe. Dieser habe aber beim Obern der heiligen Stätten
solche Schwierigkeiten und Hindernisse gefunden, daß er un-
1) Vgl. Fabri I 280: „Papa solet lYequenter Gardianum montis Syon
instituere provisorcm totiiis Orientis ccciesiae latinae ibi degentis".
'-) Verniero, Chronik 284; dasselbe bei Calahorra, B. IV K. 1.
104 V. P. Johann Belloro
verrichteter Dinge nacli Rom zurückgekelirt sei. Es ist liier
dem Clironisten ein großes Verseilen unterlaufen; der ehrwür-
dige P. Nikolaus wurde nicht 1428, sondern zehn Jahre später,
unter Eugen IV., nach Jerusalem gesandt, trat aber aus ver-
schiedenen Gründen die Verwaltung nicht an. Die Schwierig-
keiten gingen aber weder von P. Johannes Belloro, noch von
den Konventualen, die seit vier Jahren in der Kustodie durch
die Observanten abgelöst waren, aus, sondern von den Freun-
den des P. Nikolaus, die ihn nicht ziehen lassen wollten, und
dem damals in Jerusalem schaltenden Prokurator der Brüder,
einem Laien, der von dem neuen Obern für sein willkürliches
und anmaßendes Gebaren fürchtete 0.
Was von P. Belloro überliefert ist, sichert ihm eine ehren-
volle Stelle unter den Kustoden; er hat in schweren Jahren
sein "Amt treu unter vielen Opfern geführt, kein Recht der Brü-
der preisgegeben und sich des Vertrauens des Heiligen Stuhles
würdig erwiesen.
In seine Fußstapfen trat sein Nachfolger, P. Ludwig von
Bologna. Der ehrwürdige Albert von Sartheano spendet ihm
in einem Briefe an Papst Eugen IV. hohe Lobsprüche; er habe
treu, aufrichtig und unbescholten, ohne Falsch und Trug seines
Amtes gewaltet und die heiligen Stätten behütet bis zur Ver-
fügung des Papstes, die 1434 die Mission in Palästina den Obser-
vanten übertrugt). Aus seiner Verwaltung ist wenig bekannt.
Im November 1430 kaufte er ein Grundstück auf dem Sion^);
1) Vgl. unten S. 107.
2) Albert nennt ihn in seinem Briefe vom 1. März 1436 „rectus corde
et in commisso fidelis, quo in integritate justae et amicae conversationis nemo
est mihi notior et quod mihi magis in eo placet, qui sit ab assentationis peste
et hypocriseos fictione remotior; hie cum per novam de locis sanctis provi-
dentiae tuae provisionem officio curandae fratrum familiae Hierosolymis con-
stitutae nuperrime cesserit, cui illum multos jam annos noster ordo praefecerat,
nunc ad Sanctitatis tuae vestigia osculanda se confert"; Haroldus 267. Diese
„provisio" Eugens IV. ist die Übertragung der Kustodie des Hl. Landes an
die Observanten. Daraus ergibt sich sofort, daß P. Ludwig nicht Observant
war, wie Verniero, Calahorra, Golubovich und andere annehmen. Der Irrtum
beruht auf einer Verwechslung mit dem gleichnamigen Prediger aus der Ob-
servantenfamilie, den das Generalkapitel derselben, das 1431 zu Bologna ge-
halten wurde, dem Papste zur Verfügung stellte; vgl. AFH III 713.
•*) Archiv der Prokura, Schublade 1.
VI. Einführung der Observanz 105
in seine Zeit fällt auch, was uns Surian von der Herriclitung
eines Altars über dem Heiligen Grabe berichtet ^).
P. Ludwig ist der letzte Obere aus der Familie der Kon-
ventualen; mit seinem Nachfolger P. Jakob Dalfin beginnt die
Reihe der Kustoden aus der Observantenfamilie.
VI. Einführung der Observantenfamilie in Palästina.
P. Gandolf von Sizilien.
Das Werk des ehrwürdigen Bruders Paulutius von Trinci
brachte im 16. Jahrhundert dem Orden des heiligen Franziskus
und der ganzen Kirche kostbare Früchte. Paulutius hatte seit
1368 mit seinen Gefährten die Jahrzehnte hindurch vernach-
lässigten Einsiedeleien in den Tälern Umbriens wieder bevöl-
kert, den Geist des hl. Franziskus, das Leben der Armut und
des Gebetes, der Liebe zu Gott und den Seelen erneuert und
die ersten Zeiten und Gesinnungen des Ordens wachgerufen.
Wie die meisten seiner Gefährten war er nicht Priester, und
die Arbeit unter den Menschen war nicht ihr Ziel. Aber Gott
bediente sich ihrer und lenkte ihr Werk zu seinen heiligen Plä-
nen ; ihre Einsiedeleien wurden Pflanzschulen einer auserlesenen
Schar heiliger und großer Glaubensboten. Aus ihnen gingen
Bernhardin von Siena, Johann von Kapistran, Jakob von der
Mark und andere Helden hervor, die einen großen Teil des
Franziskanerordens zur ersten Observanz zurückführten. Zahl-
reiche Schüler sammelten sich um sie, die mit ihnen fast alle
Länder Europas und des christlichen Orientes durchzogen, und
allenthalben als Volksmissionare, als päpstliche Legaten und
Boten, als Kreuzzugsprediger und Wohltäter der Armen außer-
ordentliche Arbeiten verrichteten.
Martin V. hatte bereits den Segen erkannt, den diese Ob-
servantenschar der Familie des hl. Franziskus und der ganzen
Kirche bringen könne, und ihr bei manchen Gelegenheiten sein
Wohlwollen zugewandt. Sein Nachfolger Eugen IV. wurde ihr
1) Trattato 31.
106 VI. Einführung der Observanz
Hauptgönner. Er gab ihr eigene Verwaltung, nahm sie gegen
Widersacher und Neider in Schutz und breitete sie, wie der
Zeitgenosse Bisticci sagt ^), in allen Ländern der Kirche aus,
wo immer es ihm nur möglich war. Bei dieser Gesinnung des
Papstes verstehen wir, daß ihm besonders erwünscht war, die
Familie der Observanten an die hl. Stätten Palästinas zu ver-
pflanzen und den Völkern des Orientes die Macht ihres Beispie-
les und Wirkens zu erschließen.
Schon das erste Mal, daß seit seiner Thronbesteigung die
Wahl eines neuen Obern für Palästina in Frage kam, teilte
Eugen IV. dem Ordensgeneral den Wunsch mit, man möchte
einen Bruder aus der Observantenfamilie als Kustos nach Jeru-
salem schicken. Und als dem Wunsche auf dem 1433 zu Bo-
logna gehaltenen Generalkapitel nicht entsprochen war, ernannte
der Papst selbst am 4. August 1434 einen Kustos; seine Wahl
fiel auf den ihm bekannten P. Jakob Dal f in aus Venedig. „Aus
guten Gründen," schreibt er dem General^), „befanden . wir es
für gut, daß ein erprobter Ordensmann aus der Observanz als
Guardian ins Heilige Land gesandt werde. Wir wundern uns
daß Deine Einsicht dies unterließ. Daher haben wir dem vom
Kapitel bestellten P. Scolarius, Magister der Hl. Schrift, den Rat
gegeben, sein Amt in unsere Hände zu legen, und einen andern
an seine Stelle gesetzt."
Welches die „guten Gründe" waren, sagt der Papst nicht,
1) Bisticci, Vitae virorum illustrium CHI, qui saeculo XV extiterunt,
248: „In tutta la terra della Chlesa, dove egli pote, mise l'osservanza."
-) Bei Wadding, Annales Minorum zum J. 1434: „Propter bonas et
rationabiles causas visum est nobis, ut aliquis bonus religiosus ex Observantia
mitteretur guardianus ad Terram Sanctam, quod miramur esse omissum a tua
prudentia. Idcirco suasimus dilecto filio fratri Scolario, magistro in sacra
pagina, qui fuerat deputatus per capitulum, ut rcnunciaret in manibus nostris,
et nos alium feclmus guardlanura, videlicel fratrem Jacobum DeU'ino de Venetiis.
Nc ergo ipse Scolarius, qui nobis vir bonus et prudens videtur, tanquam
contemptus et abjectus remanere videatur, velis pro honore suo ac ctiam
ordinis et etiam contemplatione nostri honorare ipsum aliquo officio, prout
raeretur vita sua." Gleiches Lob hatte P. Scolarius von Martin V. erhalten,
als dieser ihn 1421 zum Inquisitor für Siena ernannte; er nennt ihn „vir
religiosus et doctus"; Wadding, Annales Minorum zum Jahre 1421. Der
Wunsch des Papstes wurde erfüllt; 1438 sehen wir P. Scolarius an der Spitze
der römischen Ordensprovinz; Wadding a. a. 0. zum Jahre 1438 Nr. 27.
VI. Einführung der Observanz 107
und besonders nicht, ob für Palästina eine spezielle Veranlas-
sung vorlag; mit keinem Worte berechtigt er daher zur Annahme,
daß die in den Klöstern der Mission eingerissenen Mißbräuche und
Übelstände Anlaß zu dieser Maßregel gegeben hätten. Ebenso-
wenig melden andere Zeitgenossen etwas, das die von spätem
Chronisten gegen die Konventualen Palästinas erhobenen Vor-
würfe rechtfertigte ^). In einigen Briefen des ehrwürdigen Albert
von Sartheano werden zwar Klagen über Übelstände erhoben,
die in Jerusalem beständen^); sie sprechen aber von einer spä-
tem Zeit, und gelten den unter dem ersten Observantenkustos
P. Jakob Dalfin herausgebildeten Verhältnissen, die nicht den
Konventualen zur Last gelegt werden können. P. Albert sagt
wiederholt, daß ein „unkluger Weise" von den Brüdern als
Prokurator eingesetzter Weltmann die eigentliche Ursache und
Seele der von ihm beklagten Mißstände sei^); dieser aus nie-
drigen Verhältnissen hervorgegangene, ganz ungebildete Laie
habe sich solche Bedeutung verschafft, daß jedermann ihn fürchte
und alle Geschäfte in seiner Hand lägen.
1) Verniero sagt in seiner Clironik S. 284, Martin V. sei gegen die
Konventualen Palästinas „per la loro trascuraggine e tralassatione" erzürnt
gewesen und habe deshalb Br. Ludwig von Bologna zum Guardian von Jeru-
salem gemacht, der eine neue Familie der Observanten hingebracht und die
Konventualen fortgeschickt habe. Diese hätten alles bei den Fürsten in Be-
wegung gesetzt, um die Observanten ihrer Selbständigkeit zu berauben und
dem Ordensgeneral zu unterwerfen, seien aber von P. Nikolaus von Osimo
mit ihren Ansprüchen zurückgewiesen worden. Verniero wirft hier so vieles
durcheinander, daß wir mit seiner Nachricht nichts anfangen können. Von
Klagen über die Brüder Palästinas insbesondere scheint er nichts gewußt und
die allgemeinen Vorwürfe auf sie übertragen zu haben. Auch die folgenden
Chronisten des Ordens kommen über diese allgemeinen Anklagen nicht hinaus.
Noch größer ist die Verwirrung bei den fremden Schreibern, von denen Fabri
z. B. den Verfall der Ordenszucht in Palästina schon „anno Domini MCCC"
ansetzt; Evagatorium II 321.
-) So spricht er in einem Schreiben an Eugen IV. vom Jahre 1438 „de
rcformandis sanctis locis"; Haroldus 303, und in einem Briefe an den Ordens-
general von demselben Jahre heißt es: „ad prohibendam sanctorum locorum
in moribus corruptis calamitatem"; ebd. 296.
^) In einem nicht datierten Briefe an Kardinal Cesarini sagt er: „Caput
totius causae in qua toties et tanto jani tempore sanctorum locorum reformatio
agitatur, penes quendam insolentissimum residet, quem Procuratorem Terrae
Sanctae . . . imprudentes ante aliquot annos instituerunt;" Haroldus 309;
vgl. in demselben Schreiben 315.
108 VI. Einführung der Observanz
Surian erhob fünfzig Jahre später gegen die Konventualen,
die er „unwürdig" der heiligen Stätten nennt, den Vorwurf
„schlecliter Sorge" für die Kirche zu Bethlehem, deren Dach
sie hätten verkommen lassen ^). Daß die genannte Kirche und
nicht minder die Basilika des Heiligen Grabes sowie das Heilig-
tum auf dem Sion zur Zeit der Einführung der Observanz tat-
sächlich in traurigem Zustande waren, ist sicher. Eugen IV.
sagt in einem Breve vom 2. März 1438, daß ihnen „ein jammer-
voller Zusammensturz bevorstehe" -). Es ist aber zum minde-
sten sehr gewagt, deshalb einen Vorwurf und eine Anklage
gegen die Konventualen zu erheben, da man weiß, wie überaus
schwer es war, von den mohammedanischen Behörden die Er-
laubnis für die Wiederherstellung eines christlichen Heiligtums
zu erhalten. Von der Kirche zu Bethlehem sagt Bischof
Rochechouart 1461: „Die Sarazenen gestatten nicht, daß sie ge-
baut oder restauriert werde. Es ist ein Wunder des in ihr ge-
borenen Jesuskindleins, daß sie noch aufrecht steht." ^) Über-
dies ist sicher, daß die Konventualen tatsächlich den Willen
hatten und den Versuch machten, jene Kirche wieder herzu-
stellen. Darüber lassen die verschiedenen von ihnen eingehol-
ten Gutachten arabischer Beamten, die noch im Prokuraarchiv
bewahrt werden, keinen Zweifel. Drei derselben sind aus dem
Jahre HU"*); eines von ihnen sagt bereits, daß man den Ein-
sturz der Basilika von Bethlehem befürchten müsse.
Es ist möglich, daß die Brüder Palästinas den ersten Eifer
1) Trattato 112 „come indegni de qiielli"; 122 „per la mala cura haviita
in tempo de li Conventuali." Nach Surian wären Bitten von Fürsten für die
Entfernung der Konventualen aus den heiligen Orten maßgebend gewesen;
er scheint andere Nachrichten auf Palästina übertragen zu haben.
-) „Miserabili ruinae subjacent" in Breve „Licet is"; DTS III 113.
3) Journal 359: „Nee volunt permittere Sarraceni edificari sive restaurari.
sed est miraculum parvuli in ea nati, ut superstes remaneat." Auch Fabri.
Evagatorium I 477 sagt : „Soldanus multis annis Christianis indulgere noluit,
ut illius ecclesiae sarta tecta repararent."
^) Archiv der Prokura, Schublade 18, 32 und 33. — Nach griechischen
Schriftstellern soll Alexis IV. Comnenus 1435 ein neues Gebälk für die Kirche
zu Bethlehem haben herstellen lassen; vgl. P. Vincent 0. P., Bethleem 192.
Dasselbe dürfte kaum angebracht worden sein, da bereits drei Jahre später
Eugen IV. vom bevorstehenden Einstürze der Kirche spricht.
VI. Einführung der Observanz 109
verlassen und besonders in betreu der Armut einige Freiheiten
angenommen hatten; aber die steten Gefahren und Opfer, die sie
auf allen Seiten umgaben, dürften schon als Bürgschaft gelten,
daß von einem eigentlichen Verfalle nicht die Rede sein kann.
Wie über die Ursache, so wird auch nichts über die Art
und Weise berichtet, in der die Einführung der Observanz
erfolgte, ob sich dieselbe auf die Ernennung eines Observanten
zum Obern der Mission beschränkte, oder ob alle Oberen und
Brüder gewechselt und neue Bewohner aus den Observanten-
klöstern Europas nach Palästina gesandt wurden '). Da sie
ohne Aufsehen geschehen zu sein scheint und sich den Aufzeich-
nungen der Chronisten entzogen hat, möchten wir annehmen,
daß sie mit wenigen Umständen verbunden war und die An-
kunft eines Obern aus der Familie der reformierten Franziska-
ner genügte, um die an Opfer und Selbstüberwindung gewohn-
ten Brüder Palästinas für die strengere Lebensform zu gewinnen.
Leider war der vom Papste zum Obern erkorene P. Jako-
bus der schwierigen Stelle und besonders den Ränken und An-
maßungen jenes Verwalters nicht gewachsen ~). Letzterer scheint
einen solchen Einfluß auf P. Jakobus gewonnen zu haben, daß
er die Leitung der Geschäfte in die Hand bekam und der Kustos
sein willfähriges Werkzeug wurde. Der ehrwürdige Albert von
Sartheano, der die Verhältnisse aus eigener Anschauung kannte,
erhebt 1438 wiederholt Klagen über die „ungeschickte" Ver-
waltung des Kustos ^) und sorgte dafür, daß beim Ablauf seines
Trienniums ein vorzüglicher Mann, der in vielen Ämtern und
1) Nach Surian, Trattato 112 wären die Brüder nach Europa zurück-
gesandt worden.
^) Da Albert von Sartheano iiin im September 143") noch in Venedig
traf, dürfte P. Dalfin vor Ende des Jahres kaum sein Amt angetreten haben ;
vgl. Alberts Briefe vom 7. und 15. September bei Haroldus 2G3. — Aus
seiner Amtszeit ist wenig überliefert. In einem Briefe vom 12. Juni 1437, in
dem er den Brüdern Cosimo und Lorenzo Medici für die überschickten Almosen
dankt, sagt er, sie seien „intricati in guerre e infinili peccati"; vgl. Mar-
cellino da Civezza, Bibliografia Sanfrancescana Nr. 175.
•■*) In einem Briefe an Eugen IV. sagt er: „Illum, qui huc usque sancta
loca Hierosolymae regit, bene gubernandae Familiae servorum Dei . . . esse
aut ignarum aut omnino nolontcm;" Haroldus 304. Ähnlich in einem Briefe
an Bischof Christoph von Rimini; Haroldus 288.
110 VI. P. Ganclolf von Sizilien
Aufträgen erprobte P. Nikolaus von Osimo zum Obern der Mis-
sion ernannt wurde ^).
Die gute Absicht Alberts sclieiterte indes an den Intrigen
und Hetzereien des Verwalters, der von einem frommen und
tüchtigen Obern für seine angemaßten Rechte fürchtete und da-
her alles gegen die Amtsübernahme des P. Nikolaus in Bewe-
gung setzte. P. Jakob ließ sich auch jetzt noch von ihm miß-
brauchen und durch die christlichen Kaufleute Syriens Schrei-
ben aufsetzen, die seine weitere Verwaltung als Kustos beim
Heiligen Stuhle erwirken sollten ^). Diese Umtriebe verleideten
P. Nikolaus derart das Amt, daß er es in die Hände des Pap-
stes niederlegte, ohne die Reise nach Jerusalem angetreten zu
haben. Eugen IV. nahm die Abdankung an und ernannte am
14. März 1439 P. Gandolf aus Sizilien zum Kustos ^), Sofort
begannen dieselben Machenschaften des Verwalters gegen P.
Gandolf, und beinahe wäre ihm, wie Albert von Sartheano
schreibt, das Spiel aufs neue geglückt, da Eugen IV. bereits
geneigt schien, nachzugeben und die Ernennung des P. Gandolf
zurückzunehmen ^). Jetzt griff jedoch P. Albert, den Krankheit
einige Zeit zur Ruhe gezwungen hatte ^), mit dem ihm eigenen
Feuer ein. In einem langen und erregten Schreiben an Kar-
dinal Cesarini, den das Konzil von Ferrara zum Beschützer der
hl. Orte ernannt hatte, deckte er das ganze Spiel auf und schlug
vor, der Sache auf den Grund zu gehen und durch die Absetzung
1) In dem eben erwälinten Briefe an Bischof Christoph sagt Albert, daß
die Wahl „nie authore" erfolgt sei; Haroldus 297.
-) Im Briefe an Kardinal Cesarini sagt Albert : „Huius [des Verwalters!
literis provocatus is, qui nunc Hierosolymae praesidet, ambit, suspirat, veretur,
ne sibi vir probus quispiam subrogetur; quo metu territus redimit quotidie
raercatorum Syriae tarn vllia quam emendicata suffragia, quae pro se ex
Oriente ad pontificem maximum deferantur;" Haroldus 311.
3) Vgl. Breve „Exigunt religionis zelus"; DTS III 114.
*) In seinem Briefe an Kardinal Cesarini sagt Albert : „Hunc proba-
tissimum virum, Gandulphum nostrum, quidam ut audio novis praestigiis ab
officio depellere moliuntur, sicut et Nicolaum maximo cum dedecore hactenus
abjicere studuerunt; quorum iniquis persuasionibus beatitudo domini nostri
papae pene jam assensa videtur;" Haroldus 309.
^) Vgl. seinen Brief an Kapistran; Haroldus 301.
Vi. P. (Jancloir von Sizilien 111
des Verwalters dauernde Abhilfe zu schaffen 0- Der Kardinal
übergab die Angelegenheit Johann von Kapistran, der sich ge-
rade auf Befehl seiner Oberen zu einer Orientreise rüstete.
Kapistran übernahm den Auftrag, und seine kluge Energie stellte
bald die Ordnung der Dinge wieder her. Der schuldige Proku-
rator wurde abgesetzt und den Brüdern jeder Verkehr mit ihm
untersagt. An seine Stelle setzte Kapistran einen veneziani-
schen Kaufmann, namens Johann Martinus, den er während
seiner Fahrt auf Zypern kennen gelernt hatte. Die Brüder, die
sich in diese Maßregeln nicht schicken mochten, wurden nach
Haroldus^) durch neue ersetzt. Von diesem Wechsel der Brü-
der dürfte die Nachricht Surians gelten, daß die Sarazenen die
neuen Brüder ungern gesehen und lange Zeit übel behandelt
hätten ^), und es mag die Vermutung zutreffen, daß der abge-
setzte Prokurator hierbei seine Hand im Spiele und gegen die
neuen Ankömmlinge gehetzt hatte.
Mit dieser durchgreifenden Änderung war für P. Gandolf
eine erfolgreiche Tätigkeit möglich geworden. Seine Verwaltung
fiel in eine günstige Zeit, in eine frucht- und ruhmvolle Periode
der morgenländischen Kirchengeschichte. Mehr als je richteten
sich die Augen des ganzen Abendlandes nach dem Osten Euro-
pas, wo die Türken seit dem Regierungsantritte Murads II.
(1421 — 1451) gewaltige Kämpfe gegen die christlichen Nachbarn
im Norden und Süden unternahmen und Konstantinopel, den
Rest des byzantinischen Kaisertums, bedrohten. Byzanz suchte
Hilfe und Anschluß im Abendlande, und Eugen IV. schlug mit
inniger Freude in die dargereichte Hand ein; er hoffte, so die
getrennten Christen des Orientes mit dem Stuhle Petri zu ver-
einigen wie die immer höher steigende Türkengefahr zu be-
schwören. Boten eilten ins Morgenland, um jene Vereinigung
vorzubereiten und seine Kirchenfürsten zu einem Konzile ein-
zuladen. Mehrere von ihnen folgten dem Rufe und nahmen an
1) Brief bei Haroldiis 308-315. Ebenda Alberts Brief an Papst
Eugen IV., S. 303—300.
2) A. a. O. 42.
•^) Trattato 112: „Li quäl frati in quelli principii erano mal vediiti e
tractati da quelii Saraceni." Das habe bis 1475 gedauert.
112 VI. P. Gandolf von Sizilien
dem im April 1438 zu Ferrara begonnenen Konzile teil. Nach
mühsamen Arbeiten wurde die Union der griechischen Kirche
mit Rom tatsächlich ausgesprochen und zu Florenz am 5. Juli
1439 von den meisten Teilnehmern des Konzils unterschrieben.
Eugen IV., der die Freudenbotschaft an die ganze Christen-
heit sandte, machte auch P. Gandolf von dem glücklichen Er-
folge Mitteilung 0- Es ist das erste Mal seit den Zeiten der
Kreuzzüge, daß ein Papst die Brüder Jerusalems in dieser Weise
auszeichnete. Die Hüter der heiligen Stätten, die lange nur
für Werke der Frömmigkeit und Nächstenliebe, für die Heilig-
tümer und Pilger gelebt hatten, traten wieder aus diesem stil-
len Kreise heraus. In der Folge sandte sie die Kirche öfter
als ihre Boten zu den verschiedenen Konfessionen des christ-
lichen Morgenlandes. Auch brachten die politischen Beziehun-
gen, die wieder nach lauger Unterbrechung zwischen den christ-
lichen Mächten Europas und den Machthabern des Islams an-
geknüpft wurden, mit sich, daß sich die Kalifen Ägyptens wie
derholt der Brüder bedienten, um ihre Vorschläge oder Drohun-
gen an die westlichen Höfe überbringen zu lassen. So brachte
das Zeitalter der Observanz den Brüdern im Morgenlande ebenso
wie in Europa ihre frühere Wirksamkeit und Bedeutung wieder.
Dem ersten Erfolge des Papstes folgten bald andere nach.
Wie Eugen IV. in seinem Schreiben an P. Gandolf meldete,
wurden in Italien „tagtäglich die Armenier, das große ruhm-
reiche Volk, erwartet. Sie sollen schon vor der Türe und be-
reit sein, sich ganz der römischen Kirche und dem hl. Aposto-
lischen Stuhle zu unterwerfen". Wirklich kam im November
desselben Jahres 1439 eine Vereinigung der Armenier mit Rom
zustande. Die andern Gruppen der morgenländischen Irrlehrer
wurden nicht vergessen. Zu allen sandte der Papst seine Nun-
tien und Prediger, meist Söhne der Observantenfamilie. Albert
von Sartheano ging nach Ägypten und verhandelte mit den Kop-
ten ^). Ihr Patriarch Johannes von Alexandrien nahm die Ein-
ladung gütig auf und schickte 1441 Gesandte zum Konzil, die
1) Breve „Gloria in altissimis Deo" vom 7. Juli 1439; DTS III 115.
-) Vgl. den Brief des ehrw. Albert an Eugen IV. vom 1. Dezember 1440;
Haroldus 327.
VI. P. Gandolf von Sizilien 113
am 31. August in Florenz eintrafen. Zwei Tage später folgten
die Boten des äthiopischen Archimandriten Nikodemus aus Jeru-
salem. Sie unterzeichneten am 2. Februar 1442 im Namen ihrer
Landsleute das römische Glaubensbekenntnis.
Über die Stellung des Herrschers von Äthiopien zur Unions-
frage sind verschiedene Meinungen von den Geschichtsschreibern
vertreten worden. Nach der einen hat der Kaiser die Wieder-
vereinigung mit Rom gewünscht, was auch der Archimandrit
Nikodemus bestätigte, der an Papst Eugen IV. schrieb: „Unser
Herrscher verlangt sehr, daß sich alle zu einem Glauben ver-
einigen" ^), während andere meinen, daß er sich zum wenigsten
nicht direkt an den Unionsverhandlungen beteiligt habe ^). Auf
jeden Fall hat er um diese Zeit der Mission des Heiligen Landes
einen großen Dienst geleistet und in einer kritischen Stunde die
ernste Gefahr beschworen, die den heiligen Stätten von selten
des ägyptischen Herrschers wegen der Kreuzzugsrüstungen Eu-
gens IV. drohte.
Neben den Unionsbemühungen des Papstes liefen seine uner-
müdlichen Arbeiten für einen neuen Kreuzzug, der sich haupt-
sächlich gegen die Türken richten sollte, die im Südosten Euro-
pas große Fortschritte machten, im Frühjahr 1441 bereits über
die Balkanhalbinsel hinausdrangen und einen Teil von Ungarn
besetzten. In ergreifenden Briefen schilderte der Papst den
abendländischen Fürsten, die kaum den Ernst der Lage wür-
digten, die ganz Europa und dem christlichen Glauben drohende
Gefahr und forderte sie zur Hilfe des Morgenlandes auf. Kar-
dinal Cesarini weilte als päpstlicher Legat in Ungarn, um da-
selbst den Kreuzzug vorzubereiten, und Prediger eilten im Auf-
trage des Papstes zu den christlichen Völkern, sie noch einmal
unter der Fahne des Kreuzes gegen den Halbmond zu scharen.
Diese Arbeiten blieben natürlich dem ägyptischen Herrscher
1) „Haec vero res cum ad regem nostrum pervenerit, maximo illi lae-
titiae fiitura est. Nam idem admodum ciipit, iit omncs in iinam fidem pariter
iiiiiantur;" vgl. Labbe, Sacrosancta concilia XIII 1215.
'-) Z. B. A. Pichler, Geschichte der kirchlichen Trennung zwischen
dem Orient und Occident II 505, und A. Dillmann, t'ber die Regierung, ins-
besondere die Kirchenordnung des Königs Zar a Jakob, Berlin 18S4, S. (iil— 70.
F"ranzisk. Studien, Beiheft 1: Lern mens, Die Franziskaner auf dem Si(in. 8
114 VI. P. Gandolf von Sizilien
nicht verborgen, und fanden an seinem zunächst nicht bedroh-
ten Hofe den gleichen Widerhall, den ähnliche Versuche und
Rüstungen in frühem Jahrzehnten gefunden hatten. Der Zorn
des Kalifen richtete sich gegen die in seinem Reiche weilenden
Christen; Sultan Djakmak (1438 — 1453), der „streng an dem
Buchstaben des Gesetzes hielt ^)" und kein Freund der Christen
war, erließ den Befehl, man solle die christlichen Gotteshäuser
allenthalben zerstören und die Pilger gefangen nach Kairo
bringen ^).
Besonders mußten unsere Brüder, die noch kurz vorher,
im Jahre 1441, einen Schutzbrief vom Sultan und die Bestäti-
gung der von den frühern Kalifen verliehenen Rechte und Pri-
vilegien erhalten hatten ^), die Wut der Sarazenen verkosten ^).
Eugen IV. schildert in einer Bulle vom 11. Juni 1444 der ganzen
Christenheit die Bedrängnisse der Brüder und die Schand-
taten, zu denen sich die Mohammedaner erniedrigten ^). „Jener
grausame Herrscher von Kairo", sagt er, „wütet in außerge-
wöhnlicher Weise gegen die heilige Stadt Jerusalem und ihre
1) Weil II 245.
2) Vgl. den Bericht eines ungenannten Pilgers, herausgegeben von ßir-
linger in Herrigs Archiv XL 318.
3) Vgl. Calahorra B. IV K. 10.
â– *) Die Zeit der Verfolgung wird verschieden angegeben. Der Verfasser
der Gesta Dei per Fratres Minores (in : Le Missioni Francescane II, Jahrg.
1892, 201), Patrem, Tableau 17, und andere lassen dieselbe 1441 beginnen.
Aus dem Schreiben des Guardians Gandolf an Papst Eugen IV. vom 1. Februar
1444 erfahren wir, daß sie besonders 1443 wütete. Er sagt daselbst, der
König von Abessinien habe an den Sultan eine Gesandtschaft geschickt „pro
ecclesiarura anno proxirae elapso in Aegypto et Terra Sancta tempore illius
persecutionis validae destructarum reaedificatione" ; vgl. den Bericht bei Wad-
ding, Annales Minorum zum Jahre 1444 Nr. 53, und Civezza, Storia IV 607.
•'") „Immanis ille soldanus Babyloniae in sanctam Jerosohinam sanctissi-
maque illius loca solito magis saeviens proximis temporibus post afflictos
verberatosque religiosos et alios ibidem habitantes christianos, post factas ab
eis pecuniarum et aharum rerum extorsiones in tantam prorupit scelerum
suorum aestuationem, ut sanctae crucis sanctique domini sepulchri imaginibus
ornamentisque depositis atque confractis loca ipsa sterquilinio omnique im-
munditia fecerit inquinari; et quo nuUum potest esse foetidius sterquilinium
omnesque flagitiorum spurcitiarumque actus, quibus infelices cinaedi, sodo-
morum iniitatores, inquinari eonsueverunt, illis in ipsis sacratissimis locis ad
fidei christianac igiiominiam fecerit exerceri"; Quaresmius, Elucidatio I 320.
VI. P. Gandolf von Sizilien 115
SO ehrwürdigen Orte. Er hat neulich die Ordensleiite und die
daselbst wohnenden Christen mißhandeln und schlagen lassen,
ihr Geld und anderes erpreßt. Man hat eine solche Höhe der
Laster erreicht, daß das heilige Kreuz, die heiligen Bilder und
die Schmucksachen des Heiligen Grabes unsers Herrn herabge-
worfen und zerbrochen, die heiligen Stätten aber mit Kot und
jeder Art von Unrat angefüllt und alle jene gemeinen Schand-
taten, mit denen sich diese unglücklichen Nachkommen der
Sodomiten zu beschmutzen pflegen, zur Schmach des christlichen
Glaubens an den allerheiligsten Orten verübt wurden."
Als die Kunde von diesen Greueln an den Hof des äthiopi-
schen Herrschers kam, nahm er die Sache der heiligen Orte
und der gesamten Christenheit alsbald in die Hand und sandte
1443 eine Gesandtschaft nach Kairo, die dem Sultan voll kühnen
Mutes entgegentrat ^). Wir hören, sagte der königliche Bote
zum Sultan, daß du die christlichen Kirchen in deinem Reiche
zerstörest und die Christen schwer bedrängst. Da nach dem
Gesetze deines Propheten Böses mit Bösem vergolten wird, könnte
ich dir deine Taten mit gleichem bezahlen. Mein Herr Jesus
Christus befiehlt jedoch, Böses mit Gutem zu vergelten und nicht
zu strafen, bevor eine Ermahnung gegeben wurde. Daher er-
achte ich es für meine Pflicht, dich zunächst zu warnen . . .
Ich bitte dich, befreie die armen Christen von den Drangsalen
und behandle sie in Zukunft mit Liebe und Menschlichkeit.
Gestatte auch, oder befiehl, daß die christlichen Kirchen wieder
aufgebaut werden. Wenn du diese Bitte erfüllst, so werde ich
die Moscheen in meinem Reiche stehen lassen und die mir
unterworfenen Sarazenen wie bisher mit Güte behandeln. Er-
füllst du aber meine Bitte nicht, so werde ich mein Verhalten
ändern und gewaltige Massen streitbarer und kampfgewohnter
Leute gegen dich senden. Die vielen in meinem Lande woh-
nenden Sarazenen werden in ihrem Blute ertränkt und alle
Moscheen dem Erdboden gleich gemacht werden. Von deinem
1) P. Gandolf sandte durch seinen Landsmann Seraphin einen ausführ-
lichen Bericht über diese Gesandtschaft, die sich von Kairo nach Jerusalem
und Rethiohem begab und in Palästina mit großen Ehren aufgenommen wurde,
an Eugen IV.; vgl. oben S. 114 Anm. 4.
8*
116 Vi. P. Gaadolf von Sizilien
Reiche aber werde ich den Nil ableiten lassen, so daß du mit
deinem Volk vor Hunger und Durst zugrunde gehst. Wähle,
was dir am besten geiallt. Diese kühnen Worte machten auf
den Sultan und seinen Hof Eindruck; am meisten dürfte die
letzte Drohung geängstigt haben, da diese Angst, wie Jakob
von Verona i^md andere Pilger berichten, schon lange auf
den ägyptischen Herrschern und ihrem Volke lastete. Nachdem
die äthiopische Gesandtschaft den Hof des Kalifen verlassen
hatte, gab dieser Befehl, alle Christen gut und freundlich zu
behandeln und jede Verfolgung derselben zu unterlassen ^).
So war wieder ein Sturm vorübergegangen und die Lage der
Brüder erträglicher geworden.
Leider ist uns nur wenig von den Arbeiten und der Ver-
waltung des P. Gandolf überliefert. Daß er ein hervorragender
Mann war, verbürgt uns das Vertrauen, das ihm die höchsten
Obern entgegenbrachten, und die Vollmachten, die sie ihm über-
trugen. Papst Eugen IV. ernannte ihn am 1. November 1444
zu seinem Kommissar für „Indien, Äthiopien, Ägypten und Jeru-
salem"; „wir wissen aus eigener Erfahrung," sagte der Papst ^),
„daß sich deine Person in großen und schweren Geschäften
als mächtig in Wort und Tat bewährt hat." Ein Jahr früher,
am 13. Juli 1443, hatte ihm Johann von Kapistran eine Abschrift
des Dekretes geschickt, durch das er selbst vom Ordensgeneral
1) Vgl. oben S. 35. Auch Surian, Trattato 77 Anm. 2, erwähnt diese
Gefahr; er nennt den äthiopischen Herrscher „prete Jane". Wie Zarncke
zeigt, hieß seit Otto von Freising jeder morgenländische Herrscher, der den
Mohammedanern entgegentrat, „Presbyter Johannes". Im 14. Jahrhundert
wanderte die Legende von Asien nach Afrika. Vgl. Zarncke in Abhandlungen
der k. sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften, Bd. XVII Nr. VIII und
Bd. XIX Nr. I.
2) In dem genannten Berichte des P. Gandolf an Eugen lY. heißt es :
„Fuitque post eins digressum a praesentia soldani datum generale praeconium,
quod omnes Christian! bene et humane tractarentur a Sarracensis, prout antea
solebant tractari, et nemo eos auderet persequi aut molestare." Dies zeigt,
daß Guarmani, Gl' Italiani in Terra Santa, Bologna 1872, 233, es sehr
voreilig als Einbildung der Chronisten hinstellt, daß die Drohung des Gesandten
auf den Kalifen Eindruck gemacht habe.
^) Bulle „Dum onus"; DTS III 117. Der Papst sagt: „Ad personam
tuam, quae quidem potens opere et sermone in magnis et arduis nobis fami-
llari experientia comprobata est."
VU. Bauten und Restaurationeu. Herzog Philipp. 117
Antonius zum Generalvikar der italienischen Observanten mit
weitgehenden Rechten ernannt worden war. Kapistran schrieb
mit eigener Hand auf das Dekret: „Alle diese Vollmachten gebe
und verleihe ich Bruder Johann von Kapistran dem Bruder Gan-
dolf, Guardian des Klosters auf dem heiligen Berge Sion" ').
Auch Sultan Djakmak bediente sich seiner und erteilte ihm
einen wichtigen Auftrag, wie wir aus einem Briefe des Papstes
an den Sultan erfahren. Letzterer berief ihn nach Kairo und
trug ihm auf, beim Papst zu erwirken, daß dieser den König
von Kastilien für einen Frieden mit dem Könige von Granada ge-
winne. Über diese Bemühungen des P. Gandolf erfahren wir eini-
ges aus dem Schreiben des Papstes^), der dem Sultan mitteilte,
der Friede sei bereits hergestellt, so daß für diesesmal seine Ver-
mittlung nicht mehr nötig sei. Er wolle aber seine guten Dienste
für den Fall eines neuen Krieges nicht versagen. Wäre der
Glaube, der schon in manchen Punkten übereinstimme, der
gleiche, so würde aller Streit und alle Zwietracht schwinden.
Man möge daher über eine Vereinigung im Glauben verhandeln ;
der Sultan könne zu diesem Zwecke Boten nach Rom senden,
oder wenn es dem Sultan so besser gefalle, wolle der Papst Leute
zu ihm schicken, die über diese Vereinigung beraten sollten. Zum
Schluß empfahl ihm der Papst die Brüder des Sionklosters
und der andern Niederlassungen nebst den christlichen Pilgern.
VII. Bauten und Restaurationen. Herzog Philipp.
Neue Leiden. Eine Zeit der Ruhe.
P. Gandolf hatte einen würdigen Nachfolger in dem aus der
Mark Ankona stammenden P. Balthasar von St. Maria, der
so vorzüglich seines Amtes waltete, daß er auf Wunsch der
höchsten Herrn zweimal in demselben bestätigt wurde und von
1446 bis 1455 die Kustodie regierte. Ihm war es endlich ver-
gönnt, die schon lange notwendigen und geplanten Restaura-
tionen der verschiedenen den Brüdern anvertrauten Heiligtümer
') Das Original befindet sich im Archiv der Kustodie zu Jerusalem;
vgl. DTS III 118. •-) Haroldus 346.
llg VII. Bauten und Restaurationen. Herzog Pliilipp.
in Angriff zu nehmen ^). Unter den von arabischen Rechtsge-
gelehrten für diese Arbeiten ausgestellten Gutachten und den
von den sara,zenischen Behörden erteilten Vollmachten sind
einige an ihn gerichtet"), während andere ohne Datum und
Aufschrift sind. Ihre große Zahl läßt erraten, wie schv.-er die
Erlaubnis zu diesen Arbeiten erteilt wurde, wie viele Bitten
und Geschenke notwendig waren, ehe man Hand ans Werk
legen konnte. Und dabei handelte es sich nur um Restaurationen,
nicht um neue Bauten, die von vornherein ausgeschlossen waren.
Denn immer kehrt in den Vollmachten der Zusatz wieder, es
dürfe nichts Neues gebaut werden; das Gebäude sei in seiner
alten Form zu erhalten und nur das Schadhafte zu ergänzen.
Nach dem Karthäuser Georg glaubten die Sarazenen, der christ-
liche Glaube werde mit dem Untergang seiner Heiligtümer selbst
verschwinden ^).
Am meisten scheint die Kirche von Bethlehem gelitten zu
haben. Da durch das schadhafte Dacli der Regen eingedrungen
war, waren die Balken des Dachstuhls derart angefault und
geschwächt, daß ein Gutachten die Befürchtung aussprach, die
ganze Decke werde abstürzen und die Geburtsgrotte selbst in
Gefahr bringen ^). Die von den Behörden befragten Gelehrten
des Islams gaben ein günstiges Urteil. Weil der daselbst ge-
borene Sohn Mariens ein großer Prophet sei, verdiene seine
Geburtsstätte Verehrung; der Kalif Omar habe die Basilika
den Christen gelassen; auch die Muselmannen hätten daselbst
ihre Gebetsnische, und gelehrte wie einfache Moslems gingen
dahin, ihr Gebet zu verrichten. So wurde das erste Hindernis
der Restauration aus dem Wege geräumt. Leichter wurde die
zweite Frage gelöst, wie die Mittel für die kostspieligen Ar-
beiten zu beschaffen seien, besonders dank der fürstlichen Frei-
1) Am 11. Mai 1455 erlaubte Papst Kalixt lil. den IJrüdern, eine Nieder-
lasssung auf dem Sinai zu gründen; DTS IV 154 und V 11 Anm. Die Nieder-
lassung kam nicht zustande.
-) In Schublade 26 des Archivs der Prokura.
^) Pez 530: „Saraceni nee uovi aliquid exstruere nee collapsa patiuntur
restaurare, volentes et putantes, quod deficientibus locis illis sanctisque in-
signiis, simul etiara christiana fides intereat."
*) In Schublade 18 des genannten Archivs.
Neue Leiden. Eine Zeit der Ruhe 119
gebigkeit eines der größten Wohltäter der hl. Stätten, des Her-
zogs Philipp von Burgund (1419 — 1467). Aus dem von Papst
Nikolaus V. am 27. August 1448 an den Herzog gerichteten
Breve erfahren wir, daß dieser seinen Baumeister Peter von
Vandrey nebst Arbeitern und Material für die Arbeiten an der
Kirche der Geburt Christi zur Verfügung stellte. Außerdem
verfügte Papst Nikolaus V. am 18. April 1452, daß einige Ein-
künfte, die das Heiligtum von Bethlehem in Spanien hatte, für
die Wiederherstellung desselben verwendet würden "). Da der
Papst in diesem Breve wiederholt, daß die Kirche „den vollen
Zusammensturz drohe" ^), scheinen die Arbeiten an derselben
1452 noch nicht Weit gediehen zu sein. Und viel weiter sollten
sie überhaupt nicht kommen. Schon nach wenigen Monaten
ließ Sultan Djakmak „alle neuen Arbeiten, die man in Beth-
lehem vollbracht hatte, zerstören", wie der arabische Chronist
Moudjir-ed-dyn berichtet*). Da er einen Grund nicht angibt,
sind wir auf Vermutungen beschränkt. Vielleicht war es den
beiden damals zum Islam übergetretenen Brüdern Valerius
und Antonius, die nach Guglingen alles versuchten, den Brüdern
zu schaden ^), gelungen, den einOußreichen Scheich Mohammed-
el-Mochner aufzustacheln, der nach dem genannten Chronisten
die Befehle des Kalifen erwirkt hatte; oder es trifft die Annahme
zu, daß die hl. Stätten und die Franziskaner wieder einmal für
die Vorbereitungen des Kreuzzuges und die Fortschritte der
christlichen Waffen büßen mußten. So waren denn die Pläne
und kostspieligen Vorbereitungen für die Erneuerung des Heilig-
1) Breve „Sincerae devotionis" ; DTS IV 85.
•-) Breve „Romanus pontifex" ; DTS IV 88.
^) „Totalem minatur ruinam."
•*) Sauvaire 255 (zum Jahre 850 der sarazenischen Zeitrechnung):
„En cette meme annee, on sevit contre les chretlens . . . on demolit les con-
striictions nouvelles, qui avaient ete elevees ä Bethlehem."
5) Guglingen 128: „Sub anno domini 1449 . . . duo fratres nostri sancti
ordinis sancti Francisci . . . apostatarunt a fide et lumine veritatis, unus sacerdos
nomine Valerius, alter laycus nomine Anthonius . . . Ambo decreverunt per
consilium dyaboli extingwere totum himen occlesic in l'ratribus. Et laycus
accepit littcras credentiales ab officialibus Jhcrusalem ad regem soldanum
in Magno Cayro, ut crederet eins vorbis et accusationibus contra fratres
montis" (Sion).
120 ^'11- Bauten und Restaurationen. Herzog Philipp.
tums gescheitert. Es gelang jedoch den Brüdern, „das schöne
Holz, das Herzog Philipp aus Venedig hatte kommen lassen",
zu retten; ein französischer Pilger sah es Ende Juli 1480 in
einem Hofe des Klosters zu Bethlehem 0-
Die von Sultan Djakmak angeordneten Zerstörungen be-
schränkten sich aber nicht auf die Basilika in Bethlehem; auch
die Grabeskirche und die Heiligtümer des Sionberges wurden
schwer getroffen. Wie uns der genannte Chronist w'eiter er-
zählt, sandte der Sultan einen Boten nach Jerusalem mit dem
Befehle, „die Klöster zu besichtigen und alle neuen Bauten, die
im Kloster auf dem Sion oder anderswo aufgeführt seien, zu
zerstören sowie das Grab Davids den Christen zu nehmen.
Deshalb wurden die neuerdings auf dem Sion vollbrachten Ar-
beiten zerstört, das Grab Davids den Händen der Christen ent-
rissen und die neben diesem Grabe beigesetzten Ordensleute
ausgegraben. Dies geschah am Montag, den 10. Juli 1452.
Auch zerstörte man die neuen Arbeiten in der Grabeskirche
und brach die kurz vorher aufgestellte Holzbalustrade ab.
In allen Klöstern wurde nachgeforscht und, was man daselbst
an neuen Bauten fand, zerstört. Es ereignete sich dieses gegen
Ende des Lebens des Sultans. So krönte Gott seine Taten",
schließt der arabische Chronist, „mit Werken der Andacht und
der Zerstörung der Gottlosigkeit" ^).
1) Schefer, Voyage 81: „Dedans une court, y a grand quautite de
beau boys que Philipp le duc de Bourgongne y a fait mener de Venise."
Man kann nicht ersehen, ob das Holz noch nicht zur Aufstellung gekommen
oder ob es den Brüdern gelungen war, dasselbe beiseite zu schaffen.
-) Sauvaire 255: „Las constructions nouvellement elevees dans (le
couvent de) Sion furent d6truites, le tombeau de David fut retire d'entre les
mains des chretiens, et on exhuma les ossements des moines qui etaient
enterres pres du tombeau du seigneur David ... On arracha la balustrade
cn bois recemment installee dans la Quomämeh . . . Des recherches furent
pratiquees dans tous les couvents: tout ce qu'on y trouva de constructions
recentes fut detruit." — Sultan Djakmak starb am 13. Februar 1453. Durch
das vom Chronisten Moudjir angegebene Datum lassen sich die für die ge-
nannte Zerstörung von den Pilgern gebotenen ungenauen Zeitangaben näher
bestimmen. Rochechouart sagt 1461, die Zerstörung sei „a quinque annis
citra" erfolgt (S. 247). Der Bericht über die Reise des Landgrafen Wilhelm
von Thüringen, die ebenfalls 1461 erfolgte, sagt: „in kurzen Jahren." Surian,
der nicht immer genau in den Zeitangaben ist, setzt die Zerstörung ins Jahr
1460; Trattato 110; Guglingen 287: „Anno domini MCCCC."
Neue Leiden. Eine Zeit der Ruhe 121
Was dies für „neue Bauten" auf dem Berge Sion waren,
erfahren wir aus verschiedenen Pilgerschriften. Bei Beschrei-
bung der Kapelle der Herabkunft des Hl. Geistes sagt Bischof
Rochechouart 1461: „Hier hatte der Herzog von Burgund eine
würdige, schöne Kapelle begonnen, die aber vor etwa fünf
Jahren von den ungläubigen und treulosen Sarazenen geraubt
und vollständig zerstört wurde" 0- Auch dieses Werk des
frommen Herzogs war also noch nicht vollendet ^), als es der
Zerstörungswut der fanatischen Menge zum Opfer fiel. Den
Grund, weshalb gerade dieses Heiligtum so schwer getroffen
wurde, geben mehrere Pilger jener Zeit gleichmäßig an. Die
Kapelle des Hl. Geistes lag über dem Räume, in den der Volks-
glaube seit einiger Zeit das Grab Davids verlegte. Da dieser im
Juli den Brüdern genommen und zur Moschee umgewandelt
war, fand man es unpassend, „daß die Christen mit ihren Füßen
auf dem Gewölbe einer Moschee einhergingen" '^j. Daher war
es auch überaus schwer, die Erlaubnis zum Wiederaufbau der
Kapelle zu erhalten. Erst nach vielen Bemühungen und Bitten
erreichten die Brüder „durch die Macht des Geldes", wie Surian
sagt ^), daß Sultan Koschkadem, der den Brüdern wiederholt ent-
gegen kam und ihnen auch am 22. November 1462 die Schutz-
briefe der frühern Sultane bestätigte ^), den Neubau gestattete.
Herzog Philipp übernahm wiederum die Kosten. Er legte 14 000
Golddukaten aus und wünschte, die Kapelle „noch schöner als
früher zu machen" ^). Leider sollte auch diesmal sein Werk
nicht vom Erfolge gekrönt werden. Als die Arbeit beinahe voll-
1) Journal 247 : „Extra ecclesiam est locus, in quo stabant apostoli,
quando cecidit Spiritus Sanctus super eos. Dux Burgundie inceperat ibi
dignissimam et eminentissimam capellam, que dicebatur capella Spiritus Sancti;
sed a quinque annis citra infideles et perfidi Sarraceni diripuerunt cam et
radicitus destruxerunt."
-) Rochechouart sagt „inceperat".
•^) Fabri, Elvagatorlum I 20:}; Lengherand 130.
^) Trattato 111 Anm. 2: „Per molte moicstie, che detero al Soldano,
finalmente per forza de danari."
•1) Urkunde in Schublade 28 des Prokuraarchivs.
•5) Surian, Trattato 110: ..La quäl capella... t'ece rehedifficar el
magno Ducha de Bregogna, che . . . spese 14 000 ducati d" oro per l'arla piu
bcUa che non era prima."
j^22 ^'11- Bauten und Restaurationen. Herzog Philip|).
endet war, starb der Sultan am 9. Oktober 1467, und ehe sein
Nachfolger gewählt war, kamen nach dem Berichte des Alster
Pilgers „die Heiden von Jerusalem" und zerstörten die Kapelle
aufs neue 0- ^^nd hiermit war ihr Fanatismus noch nicht zu-
frieden; wie Surian meldet^), rissen sie bei dieser Gelegenheit
auch „einen gi-oßen Teil der von den Brüdern auf dem Sion
in verschiedenen Zeiten aufgeführten Bauten nieder".
Ein gütiges Geschick ersparte es Herzog Philipp, von die-
sem neuen Frevel der Sarazenen Kenntnis zu erhalten; am
25. Juni 1467 machte der Tod seinem an Werken der Liebe
reichen Leben ein Ende. Mit ihm starb einer der edelsten
Fürsten seiner Zeit und einer der größten Wohltäter und Gön-
ner der heiligen Stätten^). Niemand, versichert Albert von
Sartheano "*), gab ihren Hütern so viele Almosen wie der Herzog.
Auf dem Sion setzte er 1436 die Brüder in die Möglichkeit, das
Kloster von drückenden Schulden zu befreien. Zweimal begann
er daselbst den Bau der Kapelle zum Heiligen Geiste und schenkte
der Sionskirche schöne gewirkte Teppiche mit „vielen andern
Ornaten und Gottesgezierden", die von den Pilgern gern ge-
rühmt wurden °). Die Grabeskirche erhielt von ihm „köstliche,
1) Conrad y 130: „Hertoch Philipps van Burgogne hat daar doen
bauwen und machen neest der kirchen van den observanten an der luchten
siden eyn scoen Capelle, die wilch ty na volmacht was und die soldaen daer
aerloff to gegeven hedde und starif und so, eer die ander soldan ghecoren
wert, so qummen die beiden van rjherusalem und verstoerden die selve capelle."
'-) Surian, Trattato 111 Anm. 1: „In spatio de octo anni iterum fo
ruinata et cum quella gran parte de lo loco che in varii tempi li frati haviano
fabricato." Da Surian die erste Zerstörung um 1460 geschehen läßt, so ergibt
die Zeitangabe für die zweite 1468, was zutrifft. Fabri, Evagatorium I 250,
gibt näheres mit den Worten an : „In dormitorio juxta rosariura et llbrariam,
ubi erant pulchrae cellae et opere arcuato factae, . . . destruxerunt et testu-
dines dejecerunt, nee hodie sinunt in modum pristinum reforraari."
3) Schefer sagt von ihm: „Aucun prince chretien n'a plus que le duc
de Bourgogne, Philippe le Bon, joue en Orient un röle actif et preponderant" ;
Revue de l'Orient Latin HI (1895) 303.
*) In seinem Briefe vom 6. Oktober 1436 an Herzog Philipp aus Jeru-
salem sagt Albert: „Nobis rari, rarius dant sua suffragia praeter te unum.
praesertim in tanta copia . . . pene omnibus abeundum ex hoc loco erat, nisi
reperissem sacrum locum montis Syon piis eleemosynis tuis a debitorum
angustiis liberatum. quibus antea diutius premebatur": Haroldus 274.
5) Tucher Bl. 353^; Fabri I 241.
Neue Leiden. Eine Zeit der Rnlie 123
goldene Chormäntel" 0- In Bethlehem übernahm er zum großen
Teile die Kosten der Restauration der Basilika. In Ramleh er-
weiterte er das Pilgerhospiz der Brüder^). Jährlich schenkte
er außerdem den in Palästina weilenden Franziskanern 1000 Gold-
dukaten zu ihrem Unterhalte ^) und machte eine Stiftung, aus
der alle Pilger einmal während ihres Aufenthaltes in der hei-
ligen Stadt die Mittagsmahlzeit im Sionskloster erhielten *). Auch
sein letzter Wille gedachte der heiligen Stätten; er sandte 6000
Golddukaten und verfügte, daß sein Herz in der Kapelle des
Heiligen Geistes beigesetzt werde ^), eine Verfügung, die nicht
zur Ausführung kam, da diese Kapelle unterdessen zerstört
war und nicht wieder aufgebaut werden konnte. Die folgenden
Pilger fanden die Türe, die zu ihr geführt hatte, vermauert,
und den Raum ohne Dach ^).
Die Kapelle des Heiligen Geistes hatte im Abendlande viele
Verehrer und Wohltäter gehabt. Könige und Fürsten hatten
sie mit kostbaren Geschenken bedacht; schon Lochner rühmte
die „goldenen, gemalten Tücher, Teppiche und Zelte und andere
köstliche Zierheiten", die die Könige von England, Frankreich
und andere Herren ihr geschenkt hatten ^). Ihre Zerstörung rief
daher unter den Christen Europas große Erbitterung hervor.
Der König von Kastilien soll nach Surian^) mit der Zerstö-
1) Tucher Bl. 354 v.
2) Es scheint in den letzten Jahren des Herzogs geschehen zu sein,
denn Rochechouart erwähnt 1461 noch nichts davon, wohl aber Tucher,
Bl. 352 V, und Guglingcn 104, der auch ausdrücklich sagt: „Illud hospitale
in paucis annis est emptum." ^) Tucher Bl. 353^; Fabri 1348.
^) Der belgische Edelmann Georg Lengherand, der 148(^ nach Jeru-
salem kam, sagt : „La coustume est que le jour que les pellerins visitent ledit
mont de Sion, ilz y doivent tous diner par une fondacion que fist Philippe
le Bon, duc de Bourgoigne"; Voyage 126 und 131. Ebd. 130 von der Kapelle
des Hl. Geistes : „Le bon duc Philippe de Bourgoigne y envoya une chapelle
de bois toutte faicte, mais les Mores ne voullurent souft'rir qu'elle y tust mise."
•') Surian, Trattato 110.
•■) Lengherand 130; I^'abri, Evagatorium 1 245; Guglingen 287
und andere. '') Geisheim 247.
^) Trattato 111 Anm. 1: „La qual cosa saputa che fo in Spagna, lo
Re lece ruynare tucti li campanili e le moscate de 11 Mori, excepto doe,
quelia de Toledo et un altra; e niandö a dire allo Soldano per li Mori che
li sono subjecti, che si molestasse li frati per 1' advcnire, overo che ruinasse
alcuno altro loco, luria mal ca))itare li Mori che li sono sottoposti."
I2i VII. Bauten und Restaurationen. Herzog Philipp.
rung von Minarets und Moscheen vergolten und gedroht haben,
es sämtliche Mauren seines Reiches büßen zu lassen, wenn die
Franziskaner weiter belästigt oder eine andere hl. Stätte zerstört
werden sollte.
Für die nächste Zeit sollte eine Ausführung dieser ange-
drohten Maßregeln nicht nötig sein. In dem gleichen Jahre be-
stieg den Thron Ägyptens Quat Bei, der öfter während seiner
28 jährigen Regierung (1468 — 1496) den Franziskanern Beweise
von Wohlwollen gab. Persönliche Beziehungen brachten ihn
den Brüdern und die politischen Verhältnisse den Christen näher.
Die stetig wachsende Macht der Türken weckte die Eifersucht
der ägyptischen Herrscher, weshalb sie Hilfe beim Abendlande
suchten und öfter Franziskaner als Boten nach Rom und an
die christlichen Höfe sandten. Die Bekämpfung Bajasets, die
Auslieferung des türkischen Prinzen Djem, die Einstellung des
Kampfes gegen die Mauren in Granada waren die Aufträge, die
Sultan Quat Bei den von ihm entsandten Brüdern anvertraute 0-
Felix Fabri, der zweimal unter seiner Regierung nach
Jerusalem kam, rühmt ihn sehr"-). Er nennt ihn einen neuen
Cyrus; wie dieser einst den Juden die Wiederherstellung des
Tempels gestattet habe, so erlaube Quat Bei, den Tempel des
Hl. Grabes und die Kirche von Bethlehem wieder in Stand zu
setzen. Der Sultan sei dem christlichen Glauben gewogen;
wenn ein Christ von Tugend, Ansehen und Wissen mit ihm
verhandelte, so würde er sich bekehren; die Christen müßten
für ihn beten. Diese Hoffnungen lassen besser als anderes den
Ruf erkennen, in dem der Sultan bei den Christen stand; sie
hatten von den ägyptischen Herrschern wenig gutes erfahren
und waren daher ganz überrascht und voller Hoffnung, als
Quat Bei ihnen entgegen kam.
Einen großen Teil an diesem freundlichen Verhalten hatte
sein Atabeg und vertrauter Freund Uzbek Ibn Tatach ^). Bei
1) über die Sendung des P. Antonius iMillan nach Spanien vgl. Mariana,
Historiae de Rebus Hispanicis libri XXX, B. XXV K. 15.
-) Evagatorium I 478.
3) Die tolgendeu Einzelheiten hat uns Surian, Trattato 113 11'. über-
liefert und der Reisebericht des Gabriel Giraudet ausgeschrieben; vgl.
Schefer, Voyage Einl. S. XXI. — In der Rezension von 1514 läßt Surian auch
Neue Leiden. Eine Zeit der Ruhe 125
einem Vorgänger Qiiat Beis war Uzbek in Ungnade gefallen
und nach Jerusalem verbannt worden. Da dort kaum jemand von
den Mohammedanern mit ihm zu verkehren wagte, begab er
sich zuweilen auf den Sion, wo er von den Brüdern mit großer
Liebe aufgenommen wurde, Speise und Trank erhielt und auch
mit Geldalmosen unterstützt wurde. Als aber Quat Bei zum
Sultan erwählt war, ernannte dieser seinen Freund zu einem
seiner ersten Beamten.
Sobald diese Kunde in Jerusalem eintraf, begab sich der
Guardian des Sion mit einigen Brüdern nach Kairo, und wurde
von Uzbek mit großer Huld und Güte aufgenommen. Dieser sagte
den Brüdern: Ihr habt mir, als ich in großer Not und Trübsal
war, herzliches und tätiges Mitleid und Wohlwollen bekundet;
jetzt werde ich euch vergelten und selbst euer Beschützer
und Verteidiger sein. Bittet den Sultan, daß ihr meine Leib-
eigenen und Sklaven werdet; dann dürft ihr sicher sein und in
Ruhe bleiben. Der Sultan nahm die Bitte, deren Sinn und Zweck
er wohl verstand, gern entgegen. Uzbek aber hielt Wort;
er sorgte treu für seine „Sklaven" und ließ kein ihnen zuge-
fügtes Unrecht ungesühnt ^).
Es war aber auch höchste Zeit, daß die Lage der Brüder
gebessert wurde, da sie allmählich unerträglich geworden war.
Welche Plackereien sich diese auf dem Sion gefallen lassen muß-
ten, schildert uns Surian aus eigener Anschauung ^). Die Brüder
wagten häufig nicht ihr Kloster zu verlassen und vor die Türe
Quat Bei selbst in Ungnade fallen und von einem Vorgänger nach Jerusalem
verbannt werden; doch lassen sich die von Surian gegebenen Einzelheiten
nicht mit den anderweitig bekannten Daten aus seinem Leben vereinigen.
Da Uzbek auch von andern als Freund und Gönner der Franziskaner ge-
nannt wird — vgl. Grünemberg 101 — , ist diese Tatsache außer Zweifel;
wie viel an der durch Surian überlieferten Ursache Dichtung ist, wissen wir
nicht. Surian nennt Uzbek stets „Mir Isbech". Ohne Frage ist es der
Atabeg Uzbek Ibn Tatach, der verschiedene Feldziige für Quat Bei
führte. Surian sagt S. 116, daß Isbech „ne la piaza de la Isbechia" zu Kairo
wohnte; nun ist aber von Uzbek bekannt, daß er hier seine Wohnung hatte
und diesen Platz herstellen ließ; Weil II 374.
1) Hierauf scheint Wanckel anzuspielen, wo er bei Beschreibung der
Palmprozession sagt: ,,Die Barfusscr Brüder sein all unter der l-^ygenschaft
und tribut des Soldans"; Bl. Cij\ '-') Trattato 117.
126 VII. Bauten und Restaurationen. Herzog Philipp.
ZU gehen. Notgedrungen mußten sie allen Mohammedanern,
die an die Piorte kamen, zu essen geben, da diese sonst das
Almosen durch Steinwürfe gegen das Kloster erzwangen. Kamen
die Pilger ins Kloster, so wurden sie, wie Mergenthai erzählt,
von den „Heiden" ausgepfiffen 0- Einige Muselmannen hatten
die Frechheit, das ganze Kloster und alle Räume desselben
abzusuchen; fanden sie irgendwo etwas, das ihnen gefiel, so
nahmen sie es weg. Sie gingen in die Küche, untersuchten
die Geschirre und aßen das Fleisch, das ihnen zusagte. Im
Keller öffneten sie die Fässer und ließen den Wein auslaufen.
Man vermag, sagt Surian, gar nicht aufzuzählen, was sie gegen
uns ersinnen. Endlos waren die Forderungen, die unter allen
möglichen Titeln erhoben wurden. Bruder Walther von Gug-
lingen^), der unter Quat Bei nach Jerusalem kam, meint:
„Es vergeht kein Tag, an dem nicht jemand kommt, bald ist
es einer, bald zwei, bald drei, und manchmal sechs oder zehn,
und alle wollen essen oder trinken, und die Väter wagen es
nicht, zu versagen."
Wiederholt hatten die Herrscher schon eingegriffen, den
Brüdern Schutzbriefe ausgestellt und sie besonders gegen jene
endlosen Erpressungen zu schützen gesucht. „Niemand darf
etwas von ihnen verlangen", heißt es in einem Ferman^), „außer
Wachs und Zucker, da die Brüder alles verlassen haben und
selbst arm sind." Da aber die Beamten mit schlechtem Beispiele
vorangingen und, wie wir aus einem andern Ferman entnehmen ^),
selbst ins Kloster kamen, Essen forderten und die Weintrauben
plünderten, hatten die kaiserlichen Schreiben wenig Erfolg.
So lange jedoch Uzbek, der seine Leute kannte, im Amte
war, ging es den Brüdern besser. „Wenn das zu viel will
1) Bl. Jiiij^
2) Itinerarium 310: „0 quis ponderare posset, quanta expenduntur
Sarracenis pro tributo annuali et pro propinis continuis ot'l'icialibus pro defen-
sione fratrum tarn in pecunia quam in comestionibus, de quibus non est
numerus ! Non enim est dies, in quo non aliqui veniunt, jara unus, cras duo,
aliquando tres, nonnunquam sex vel decem, qui volunt habere eoniedere et
bibere, quibus nee patres audent negare."
3) Schublade 24 des Prokuraarchivs.
^) Ebd. Schublade 36. Auch Grünemberg sagt S. 101, daß ..die Ge-
waltigsten am meisten" raubton und erpreßten.
Neue Leiden. Eine Zeit der Rulie 127
werden", schreibt Grünemberg ^), „so klagen die Brüder es einem
heidnischen Herrn, der ist zu Altkairo beim Sultan, genannt
der Ysenbeck. Der läßt dann die meisterlosen, bösen Heiden
in der Mitte oder Weiche entzweischlagen, so haben dann die
guten Brüder wieder eine Weile guten Frieden." Uzbek sorgte
nach Kräften dafür, daß der große Schutzbrief, den Sultan
Quat Bei am 17. April 1472 den Brüdern ausstellte-), nicht ein
toter Buchstabe blieb. Seinem Freunde Fachr Eddin, einem vor-
nehmen Sarazenen Jerusalems^), übertrug er die Sorge für
die Franziskaner"*). So oft er an die Behörden der Hl. Stadt
schrieb, empfahl er ihnen seine „Sklaven", und wenn ihm
Mißgriffe der Beamten zu Ohren kamen, so strafte er unerbitt-
lich. So ließ er den ersten Sekretär des Sultans, der vom Guar-
dian P. Bartholomäus Geld erpreßt hatte, zum Staunen von
ganz Kairo auf öffentlichem Platze geißeln '"). Als der Guardian
P. Jakobus vom Gouverneur Jerusalems ins Gefängnis geworfen
war und ihm 100 Dukaten abgefordert wurden, nahm dieser
seine Zuflucht zu Uzbek, der gerade für den nach Mecka pilgern-
den Sultan die Regierung führte. Uzbek gab Befehl, den Be-
amten in Ketten nach Kairo zu bringen, wo er gegeißelt und
fünf Jahre eingekerkert wurde. Zugleich wollte Uzbek vom
Guardian hören, ob die Brüder noch andere Feinde in Jerusa-
lem hätten; als P. Jakob ihm die hauptsächlichsten nannte,
wurden sie nach Kairo gebracht und zu hohen Strafen ver-
urteilt ^). Surian selbst, der uns alle diese Einzelheiten berichtet
hat, wurde zweimal eingekerkert, weil er der Habgier eines
Beamten entgegentrat, aber beide Male durch Uzbek befreit ^).
Als dennoch unter Sultan Quat Bei eine Unterbrechung
des guten Verhältnisses eintrat, wurde der Zwischenfall viel
schneller als sonst beigelegt. Im Mai 1476 hatte der Sultan
alle im Sionkloster, am Hl. Grabe und in Bethlehem weilen-
1) Pilgerfahrt 101.
-) Golubovich, Serie 178. Der Ferman folgt größtenteils dem Schreiben
des Sultans Barsabai; vgl. oben S. 99.
^) Er wird von mehreren Pilgern erwähnt; Fabrl II 113: „dominus
Vaccardinus." Guglingen Uif) nennt ihn „noster protector, potens in Iherusaicm
inter Mauros".
*) Surian IIT). •^•) Ebd. Uli. '■) Ebd. 114. ') Ebd. 117.
j^28 VII. Bauten und Restaurationen. Herzog Philipp.
den Brüder verhaften und nach Kairo bringen lassen, weil
Abendländer vier Gefangene aus Alexandrien fortgeführt hatten ^).
Im Juli desselben Jahres traf Mergenthai die Franziskaner wieder
in Freiheit auf ihren alten Posten -).
Bei diesen günstigen Beziehungen durften die Brüder noch-
mals daran denken, die so notwendigen Arbeiten an den Gottes-
häusern in Angriff zu nehmen. An erster Stelle kam aufs neue
die am meisten beschädigte Basilika von Bethlehem in Frage.
Fabri fand sie bei seiner ersten Pilgerreise im Jahre 1479 dem
Einstürze nahe ; man hatte lange Balken in das Chor der Kirche
gestellt, um das Dach zu sichern ^). Dank der kräftigen Unter-
stützung, die König Ferdinand von Kastilien der Bitte der Fran-
ziskaner am Hofe des Sultans lieh, gab dieser 1480 die Erlaub-
nis^), worauf der ausgezeichnete Guardian des Sion P. Johann
Thomacelli die Arbeit mit Umsicht und Energie in die Hand
nahm^). Zwei Schiffsladungen mft zubereitetem Holze kamen
aus Venedig nach Jaffa, von wo die Brüder die Balken auf
Kamelen unter großer Mühe und zum Staunen der Muselmannen
über Berg und Tal nach Bethlehem brachten*^). Surian und
Fabri erwähnen nur dieses aus Venedig herbeigeschaffte Holz,
während die „Pilgerfahrt des Pfalzgrafen Alexander" erzählt,
daß „der fromme Herzog Philipp von Burgund das Holz dazu
gegeben habe" ''). Wenn bei dieser Nachricht nicht eine Ver-
wechslung mit den dreißig Jahre früher unternommenen Arbeiten
1) Der Chronist Moudjir-ed-dyn berichtet zum Jahre 881 der Hedschra :
„Au commencement de moharram [April Mai 1476], un courrier ä dromadaire
arriva du Caire, porteur d'un rescrit du Sultan qui ordonnait de se saisir des
Francs demeurant dans le couvent de Sion, ä Bethlehem et dans l'eglise de
Quomämeh, et de les diriger sur la capitale, parce que les Francs avaient fait
quatre prisonniers ä Ale.xandrie et les avaient traitreusement emmenes dajis
leur pays;" Sauvaire 649.
-) Beschreibung Bl. Hij ^ : „Denn mein G. Herr warhafftig bericht ward,
das die Münche zu Hierusalem waren gefangen gewest, aber nu wider ledig
worden;" vgl. Bl. Jiiij"": „Wir gingen mit den Barfüssermönchen auf den
Berg Sion."
■*) Fabri, Evagatorium I 476 : „Tectum ecclesiae . . . minabatur ruinam."
') Der Ferman erwähnt ausdrücklich die Vermittlung des Königs Fer-
dinand. Er befindet sich in Schublade 29 des Prokuraarchives.
■') Surian 116. ß) Surian 122 Anm. ; Fabri, Evagatorium I 477.
") Bl. 41 ^
Neue Leiden. Eine Zeit der Ruhe 129
Unterlaufen ist, so muß man sie dahin verstehen, daß auch das
Holz, das von der Spende des Herzogs noch brauchbar war,
zur Verwendung kam; viel dürfte es kaum gewesen sein, da
das Holz Jahrzehnte im Hofe des Klosters gelegen hatte ^). Der
König von England schenkte das Blei, um das Dach zu decken -).
So vorzüglich dieses Material war, es hatte den Übelstand, daß
es die Habgier der Araber reizte, wie uns mehrere Pilger be-
richten; daher fand Jodokus von Meggen 1542 das Dach schon
an sehr vielen Stellen durchlöchert und wünschte, daß sich
wieder ein Fürst desselben erbarme ^).
Nach Surian hatte die ganze Arbeit an der Kirche zu
Bethlehem mehr als 6000 Dukaten gekostet ^).
P. Guardian Thomacelli erhielt auch die Erlaubnis, die
Grabeskirche, besonders die schwer geschädigte Kuppel über
dem Hl. Grabe zu restaurieren. Es scheinen größere Arbeiten
ausgeführt zu sein, da 11000 Dukaten ausgelegt wurden^).
Von den Bauleitern und Werkführern wird nichts berichtet;
die Brüder dürften selbst die Arbeiten geleitet haben. Nach
Surian waren stets auf dem Sion gewandte und tüchtige Hand-
werker, deren sich auch die Mohammedaner bei Arbeiten in
der Omarraoschee bedienten ^). Besonders wird Bruder Baptista
von Lübeck als Bauleiter gerühmt, den Papst Pius II. wegen
seiner Kenntnisse in der Arzneikunde nach Jerusalem ge-
schickt hatte "J.
Auf dem Sion erwarb P. Thomacelli 1479 ein Grundstück
mit zwei Zisternen, das die Brüder zu einem „wundervollen
1) Vgl. oben S. 120.
^) Surian 122 Anm. 1.
■') Peregrinatio 120: „Nunc iteruni plurimis in locis pluviis est pervium,
ut novo aliquo duce ac Principe simili indigeat. "
^) TraUato 116 Anm. 1 : „Fo speso piu de sey milia ducati."
•'•) Ebd.: ,Jn doe Jiate spesero li ft-ati undeco milia ducati."
•"l Trattato 97. — In einem Schreiben des Kustos Bartholoniaeus vom
2G. August 1490 werden die „olficine" des Klosters erwähnt; Verniero 699.
") Vgl. Wadding zum J. 1478 Nr. S; Calahorra B. IV K. 22. —
Seiner ärztlichen Tätigkeit gedenkt auch Guglingen 136 : „Mediante medicina,
quam studiose devotus frater Haptista adhibuit, transtulit a nie dominus talem
vehementem et horribilem dolorem" und Fabri II 115.
Franzisk. Studien, Beihert 4: Lern mens, Die Franziskaner auf dem Sion. 9
J^30 VII. Eine Zeit der Ruhe
Garten" umgestalteten ^). Das von den Brüdern in ihrem Garteü
gezogene Gemüse war so berühmt imd gut, daß der Sultan sich
davon erbat, wenn er nach Jerusalem kam. Nach Surian kam
es vor, daß vornehme türkische Herren einen Umweg von 30
und 50 Meilen machten, um auf dem Sion Gemüse zu essen;
und der Pascha von Damaskus ließ seine Frauen durch die
Brüder im Bereiten des Gemüses unterrichten -).
So war die Verwaltung des P. Thomacelli von schönen
Erfolgen und Fortschritten begleitet. Surian lobt ihn sehr; ein
Mann wie ihn habe der ganze Orden des hl. Franziskus für
diese Gegend nicht mehr. Wenn derselbe noch länger im Amte
geblieben wäre, meint Surian, würde er noch manches erreicht
und besonders „mit der göttlichen Gnade die Kapelle des Heiligen
Geistes wiederhergestellt haben" ^). P. Guglingen meinte freilich,
diese Erlaubnis sei nicht so schwer zu erlangen, die Beamten
des Sultans hätten sie für 300 Dukaten in Aussicht gestellt.
Aber niemand, fügt Guglingen hinzu, gibt sie ihnen, da man
fürchten muß, daß sie das Geld annehmen und die Kapelle
einige Jahre später aufs neue zerstören oder die gleiche Summe
noch einmal fordern '*).
M Surian 116 Anm. 1 und Fabri. Evagatorium I 275. Der Kauf-
kontrakt in Schublade 25 des Prokuraarchivs. Fabri sagt vom Garten : „Contra
austrum et orientem et aquilonem in cornu inoutis Syon habent fratres magnum
hortum [vgl. Lageplan oben 76] ... In hoc horto diversa genera arborum,
plantas habent ficorum et nialagranatorum etc. et olera pro conventus
sustentatione.'"
2) Surian 113 Anm. 2.
■*) Ebd. 116 Anm. 1. Er sagt: „Siraile al quäle per quelli lochi non ha
tucta la famiglia de S. Francesco." Die Nachfolger des P. Thomacelli scheinen
weniger Glück mit ihren Bittgesuchen gehabt zu haben; wenigstens berichtet
Moudjir-ed-dyn, daß der große im Januar 1492 durch Regengüsse in der
Grabeskirche angerichtete Schaden nicht wieder hergestellt werden konnte;
Sauvaire 289. Da3 die Brüder Restaurationsarbeiten planten, ersieht man
u. a. aus dem Breve Alexanders VI. „Cum sicut accepimus" vom 13. August
1496, durch das er gestattet, das Material nach Jerusalem zu befördern;
DTS V 11.
^) Itinerarium 288 : „Sed nemo iUis dabit, quia timendum est, si jam
recepissent, post paucos annos iterum destruerent. vel tot ducatos habere
vellent."
131
VIII. Streit mit den Georgiern um den
Kalvarienberg, Neue Verfolgungen.
Die von den Franziskanern am Ende des Mittel-
alters verwalteten hl. Stätten.
Die anderen christlichen Bekenntnisse im Hl. Lande.
Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts bilden Schwieriglceiten
mit den orientalischen Christen ein fortlaufendes Kapitel der
Franziskanergeschichte Palästinas; Intrigen und offene Überfälle
auf die von den Brüdern verwalteten hl. Stätten wechselten ab,
und manches kostbare Heiligtum und ehrwürdige Recht ging
den Lateinern in diesen Kämpfen verloren. Seitdem die Sul-
tane von Konstantinopel über Palästina geboten, wurden die am
Bosporus einflußreichen Griechen die gefährlichsten Gegner der
Brüder. Unter den ägyptischen Sultanen brachte die immer
mehr drohende Macht der üsmanen den gleichfalls zum grie-
chischen Schisma gehörenden Georgiern Einfluß und Bedeutung.
Die ägyptischen Herrscher sahen in diesem tapfern am Kau-
kasus ansässigen Volke einen willkommenen Bundesgenossen
gegen die gemeinsame Gefahr ^ und wandten seinen Vertretern
im Hl. Lande ihr Wohlwollen zu, so daß es diesen gelang, so-
gar einen Teil des Kalvarienberges zu erwerben.
Als die Franziskaner ihren Einzug in die Grabeskirche
hielten, hatten die Georgier nach Ludolf die Hut des Hl. Grabes^)
und nach Poggibonzi die Stelle inne, auf der der auferstandene
Heiland der heiligen Maria Magdalena erschien^), während die
Armenier den Kalvarienberg behüteten ■*). Diese werden von
mehreren Pilgern wegen ihrer Frömmigkeit und ihres freund-
1) Thenaud macht hierauf schon aufmorksam: „Hz pcuvcnt emposchor
los Perses et Turcqz pour alcun tenips de non invader Ics terres (hi Soiiklan
et luy fönt assavoir l'entrepise de ses onnemys"; Voyagc lO:^
2) Vgl. oben S. r)2 Anm. 2.
3) Libro d'Oltramare 94: „All 'altro altare, ove Christo apparve a
Santa Maria Madalena, iifiziano i Giorgiani."
*) Ebd. 94: „In monte Calvario oftiziano gli Krniini."
9*
132 streit mit den Georgiern um den Kalvarienberg
liehen Entgegenkommens gegen die Lateiner gerühmt ^) und als
Männer geschildert, die in gutem Einvernehmen mit den Fran-
ziskanern standen, weshalb man versteht, daß letztere bereits
im 14. Jahrhundert Zulaß zum hl. Berge erhielten und auf dem-
selben, wie uns mehrere Pilger verbürgen ^), Gottesdienst feiern
konnten. So lange die Armenier den Kalvarienberg besaßen,
fehlen Zeichen und Nachrichten von Streitigkeiten mit den
Lateinern; die Pilger zeigen beide nebeneinander an der hl.
Stätte^). Der Streit begann erst, als es 1475 den Georgiern
durch reiche Spenden gelungen war, die Armenier von Golgatha
zu verdrängen. Wie uns der Nürnberger Ratsherr Johann
Tucher, der 1479 und 1480 in Palästina weilte, in seiner wert-
vollen Reisebeschreibung mitteilt, hat „kürzlich in dem fünfund-
siebenzigsten Jahre der König von Georgien dem Sultan viele
Gaben und Schenkungen gesandt; darum hat der Sultan den
Georgiten den hl. Berg Calvarie eingegeben" ^).
1) Surian, Trattato 75: „CorJialmente ce amano: stan alli offici e misse
nostre: adorano lo sacramento che nui consecramo." Guglingen, Itinera-
rium 300: „In orationibus et oHiciis eoriim devoti, sacraraentis Latinoriim re-
verentiam exhibentes." Prior Georg: „Armeni nostris Sacramentis et Eccle-
siis magnam ostendunt reverentiam oü'erentes tapetia, ornatiis sericos et aureos
et alia"; Pez II T. 3 554.
2) Vgl. oben S. 97.
3) Rochechouart, Journal 251, vom Kalvarienberg: „In capella pre-
dicta sunt tria altaria . . . Inter duo prima est locus affixionis crucis et rupis
incise locus. Et liec duo, cum residuo capelle, est Armcnorum. Tercium
altare est in angulo, quod est Latinoriim, et habent Fratres Minores, quando
volunt ibi celebrare divina." Zwei Jahre später, 1463, sagt P. Alexander
Ariosti: „Huius vero loci Armenoium Christiani curam gerunt, sicut et nostri
ordinis fratres Sancti Sepulchri; perpetuo enim acccnsas ibi lampades fove-
mus"; Revue de l'Orient latin XII 17.
*) Reyßbuch Bl. 355 ^^ Dasselbe berichten u. a. Fabri, Evagatorium I 350 ;
Baumgarten, Peregrinatio 91, und die Pilgerfahrt des Herzogs Friedrich IL,
Röhricht-Meisner I 184. — Tobler, Golgotha 292, läßt die Armenier
1479 von den Georgiern verdrängt werden und beruft sich auf Tucher, der
aber 1475 hat. Daß dieses Jahr zutrifft, ersehen wir aus Eyb, der 1476 in
Jerusalem weilte und vom Kalvarienberge sagt: „Die Gregoriani . . . band
yetz den perg calvarie inn, wann in vor dy Armenij in gehabt haben, also
hat in der konig Soldan yetz genommen und den Gorcianij" gegeben. Auch
Ritter Griinemberg sagt im Jahre 1486 von den Georgiern: „Sie haben
auch inne den Berg Calvarie, der ist ihnen erst inne gegeben nach Christi
Geburt tausenl vierhundert und fünf und siebzig Jahre". Lübeck, Das Kloster
Streit mit den Georgiern um den Kalvarienberg 133
Mit diesem von den Armeniern eroberten Besitze waren
aber die Georgier nicht zufrieden und suchten während der
folgenden Jahre auch die Lateiner aus ihren Rechten und
Besitztiteln auf Golgatha zu verdrängen, wie uns die im Prokura-
archiv bewahrten Gutachten der Kadis von Jerusalem sagen;
diese mußten wiederholt in den Streit eingreifen und bald diesen
bald jenen Kniff der verschlagenen Georgier zurückweisen.
Zum ersten Male treffen wir beide Parteien im Oktober
1493 vor dem Richter. Während die Franziskaner schriftliche
Beweise und als gültig anerkannte Dokumente für ihr Recht
vorzeigten, beriefen sich die Georgier auf den Sultan, der ihnen
den ganzen Kalvarienberg geschenkt habe. Da sie aber keinen
Ferman dieses Inhaltes vorlegen konnten, wurden sie mit ihren
Ansprüchen abgewiesen und ihnen unter einer hohen Geld-
strafe verboten, neue Schwierigkeiten gegen die Franziskaner
zu erheben ^).
Nichtsdestoweniger erneuerten die Georgier bereits nach
vier Monaten ihre Angriffe, so daß der Kadi dieselbe Frage aufs
neue vor den erschienenen Parteien verhandeln mußte. Die
Franziskaner wiesen wiederum ihre Rechtstitel vor, kraft deren
sie bisher auf dem südlichen Teile des Kalvarienberges Gottes-
dienst gehalten, ohne darin von jemandem gestört worden zu
sein. Die Georgier konnten kein Schriftstück vorzeigen, das
den Brüdern ihr Recht genommen hätte, und suchten diesen
Mangel nach orientalischer Art durch Schreien und Lärmen zu
ersetzen; indes vergeblich: wieder wurden ihre Ansprüche
zurückgewiesen und das Recht der Franziskaner anerkannt ^).
Da so die Georgier von einem Richterspruch wenig zu
erhoffen hatten, suchten sie auf anderem Wege zum Ziele zu
kommen. Wie wir aus einem Ferman des Sultans Qansu Guri
zum hl. Kreuze bei Jerusalem, Katlioiilv, l'Jll, i5li4, nennt die Aussage
Grüncmbergs „ganz unrichtig" und stellt die Sache vollständig auf den Kopf
mit dem schier unbegreiflichen Satze: Die Georgier „waren mehr als 150 Jahre
im ungestörten und alleinigen Besitz des Kalvarienberges gewesen".
1) Urkunde (vom Muharrem 899) in Schublade ö des Archivs der Prokura.
-) Urkunde (vom 17. Djoumadi el Aval 899) an demselben Orte. Cala-
horra B. IV K. 23, setzt die Urkunde irrig in das Jahr 1490 (89f)); den Fehler
wiederholt Sehe f er, V'^oyage d'Outremer, Einl. S. LXVI.
134 Neue Verfolgungen
erfahren, versperrten sie nun den Franziskanern den Zugang
zum Kalvarienbergo und benahmen ihnen so die Möglichkeit,
ihre Rechte auszuüben. Die schlau ersonnene List scheiterte
jedoch an der durch viele Erfahrungen geschulten Vorsicht der
Brüder. Diese beschritten den Klageweg und brachten die Sache
vor den Richterstuhl des Sultans, wo sie mit Unterstützung des
französischen Konsuls ein günstiges Urteil erhielten : der Sultan
befahl den Georgiern, das Hindernis zu entfernen; die Türe
solle den Franziskanern offen bleiben und alles in dem frühern
Zustande belassen werden 0- Leider sollten die politischen
Verhältnisse den Georgiern später Gelegenheit und Veranlas-
sung geben, auf ihre unberechtigten Ansprüche zurückzukommen
und sogar einen vorübergehenden Triumph zu feiern.
Die Regierung des Sultans Qansu Guri, der am 20. April
1501 auf den Thron erhoben wurde, war sehr bewegt; auf
allen Seiten sah sich der Herrscher von Schwierigkeiten um-
geben. Von Norden drängten die Osmanen immer stärker auf
das ägyptische Kalifat. Im Osten zerstörten die Portugiesen den
Handel Ägyptens mit Indien und bedrohten mit ihrer mächtigen
Flotte die Heimat des Islams, während der Herrscher von Äthio-
pien mit ihnen gemeinsame Sache zu machen schien. Im Westen
Europas fiel Granada, und der Halbmond mußte nach 700 Jahren
aus Spanien weichen, ein Ereignis, das die sarazenischen Reiche
Nordafrikas zu einem Bunde zusammenschloß, für den sie auch
den Herrscher Ägyptens zu gewinnen suchten; er sollte die
christlichen Kaufleute aus dem Morgenlande vertreiben und den
Christen den Besuch der hl. Stätten verbieten ^). Auf die Kunde
von diesen Machenschaften der nordafrikanischen Herrscher be-
schloß Ferdinand von Kastilien 1501, einen Gesandten nach
Kairo zu senden, um beim Sultan die drohende Gefahr zu be-
schwören. Seine Wahl fiel auf den gelehrten Staatsmann Petrus
Martyr d'Anghiera ^), der mit zwei Franziskanern die Reise an-
1) Urkunde (vom 1. Schaban 910) in Schublade 24 des genannten Archivs.
2) Vgl. Sehe! er, Thenaud, Einl. S. XLIV, dem wir hier vielfach folgen.
3) Er war weder Franziskaner noch Gesandter des Sultans, wie der
Verfasser der Gesta Dei zum Jahre 1490 sagt: „Fr. Petrus Martyr mittitur
a Soldano in Hispaniam"; Le Missioni Francescane II 321.
Neue Verfolgungen 135
trat und gegen Ende 1501 in Alexandrien landete, wo er beim
Konsul der Franzosen und Katalonier Philipp von Perez (Pa-
redes) Wohnung nahm. Da der Gesandte ohne Begleitung und
ohne die im Oriente unvermeidlichen Geschenke gekommen war,
wollte der Sultan ihn zunächst nicht empfangen. Die beiden
von d'Anghiera an den Hof nach Kairo entsandten Franziskaner
wußten jedoch die Sache so geschickt zu betreiben, daß alle
Hindernisse fielen und der Sultan dem Gesandten gestattete, in
die Hauptstadt zu kommen '). Vom Herrscher empfangen, gelang
es d'Anghiera, nicht nur die gegen seinen Monarchen ausge-
streuten Anklagen und die heftigen vom Sultan erhobenen Vor-
würfe zu widerlegen, er fand auch geneigtes Ohr für manche
Wünsche und Anliegen. So gestattete Qansu Guri, die Grabes-
kirche ^) und die Heiligtümer in Jerusalem und Bethlehem so-
wie die Häuser zu Ramleh und Beirut wieder herzustellen.
Auch versprach er die Pilger gegen alle Unbilden zu schützen
und die gegen sie erlassenen Gesetze zurückzunehmen •'). Nach-
dem d'Anghiera die hierüber ausgefertigte Urkunde vom Sultan
1) Petrus Martyr, Legatio Babylonica, Basel 1533, 31. 81^. Vgl. Alex,
de Miltiz, Manuel des Consuls, London 1838, Bd. II, T. I 247—253.
') Nach Moudjir-ed-dyn war die Grabeskirche 1492 schwer heim-
gesucht worden. „En cette annee [897] dans le mois de rabi premier ... un
terrible effondrement, caus6 par la pluie, eut lieu, pendant la nuit dans l'eglise
de Qomämeh, ä J6rusalem . . . Ancune reparation n'a 6t6 falte jusqu'ä ce jour" ;
Sauvaire 289. — Anfang des Ramadan 904 (1499) wurde ein Gutachten ab-
gegeben, daß mehrere Gewölbe in der Grabeskirche eine Restauration er-
heischten; Urkunde in Schublade 16 des Prokuraarchivs; eine andere des
gleichen Inhaltes in Schublade ;^3. Vgl. oben S. 130 Anm. 3.
3) Petrus Martyr berichtet über die in seiner Audienz beim Sultan vor-
getragenen Bitten: „Ut Hierosolymis vetustate collapsa reficere, ut ea
quae ruinam minantur a nostris maioribus ad Christi meraoriam aedificata
resarcire permittatur, quae Mahometaei sacerdotes nullo unquam tempore ab
imperio Christicolis erepto renovare passi sunt. Soldanis enim praeteritis
Mahometaea lege vetitum id fuisse sacerdotes persuaserant. Neque in ipsa
urbe solum, sed in Beryto, Rama, Bethleem, ccterisque locis, quibus exstant
aliqua de Christi gestis monumenta, modo velitis, jam licet reficere. Prae-
tcrea ut novae cxactiones et recentia tributa tollantur, quae per Soldanicos
magistratus in peregrinos ad intolerandum jam cumuhim adaucta fuerant, et
persolvere nemo jam quiret; utque ignominiis in peregrinos illalis provideretur,
ad vetera maiorum tributa poregrinorum persolutiones rcdigantur; si quis pere-
grinum posthac molestia ve! ignominia confecerit, graviter puniatur clfiagito";
Legatio Bl. 88 \
136 Neue Verfolgungen
empfangen hatte, verließ er Kairo 0, um nacli Granada zurück-
zukehren.
Die Bemühungen des Gesandten scheinen nicht ohne Frucht
geblieben zu sein. So lesen wir, daß der Sultan 1504 die
Brüder gegen einen Scheik „der Berge bei Nablus", der sie
mißhandelt und übermäßige Abgaben von ihnen erpreßt hatte,
in Schutz nahm ^).
Unterdessen war die Spannung zwischen dem Sultan und
Portugal immer größer geworden. Die Portugiesen hatten
ihre Unternehmungen gegen die ägyptischen Schiffe fortgesetzt
und dem Handel der Sarazenen schweren Schaden zugefügt,
weshalb Qansu einen Boten an den Papst, die Republik Vene-
dig und die Könige von Spanien und Portugal zu senden be-
schloß. Wie der venetianische Konsul Contarini am 1. Sep-
tember 1503 aus Alexandrien schrieb, schickte Qansu nach
Jerusalem Befehl, daß der Guardian des Klosters zum Papste
und nach Spanien gehe ^). P. Maurus, ein Spanier, der seit
1501 an der Spitze der Kustodie stand, ging alsbald nach Kairo,
um die Aufträge des Herrschers entgegenzunehmen, mußte aber
bis in das folgende Jahr warten, ehe er nach Europa abreisen
konnte "*). Er begab sich zunächst nach Venedig, wo er wieder-
holt im März und April 1504 mit den Behörden verhandelte^).
Der Rat hielt es nicht für ratsam, P. Maurus Empfehlungen an
1) Bevor er abreiste, besuchte er das Heiligtum der hl. Familie zu
Matarieh, wo der Guardian des Sionklosters zelebrierte; Legatio Bl. 90 ^
-) Urkunde im Archiv der Prokura.
3) Sanuto V Sp. 162: „Per il signor soldan, per le nove di Portogallo
fo raandato per li frati die Jerusalem, dicendoli al gardian andasse al papa
e in Spagna, aliter disfaria il Sepxdcro." Hörn sagt, daß der Guardian selbst
diese Gesandtschaft dem Sultan geraten habe, als dieser die Zerstörung der
heihgen Stätten androhte; Golubovich, Hörn 109. Bei dieser Gelegenheit
erhielt P. Maurus vom Sultan die Erlaubnis, das Hl. Grab zu öffnen und ihm
einige Reliquien zu entnehmen; ebd. 110. ^) Sanuto IV Sp. 706.
ä) Sanuto V Sp. 948 zum 6. März 1504: es erschien beim Rate „quel
frate di Jerusalem venuto per orator dil soldan"; Sp. 962 zum 9. März l.'jOl:
„vene il guardian di Jerusalem, di nation yspano . . . stete poco perö in Co-
legio"; VI Sp. 11 zum 12. April 1504: „Prima la matina el vardian di Jeru-
salem, orator dil soldan per le cosse di Coloqut, et ave audientia con 11 capi."
Mit diesen Aufzeichnungen Sanutos ist die Frage entschieden, ob P. Maurus
Franziskaner oder Oberer eines Sinaiklosters war, wie unter andern Civezza,
Neue Verfolgungen 137
die Höfe von Spanien und Portugal mitzugeben, da sie den
Schein erwecken Ivönnten, als sei die Sendung des Boten nicht
aus dem freien und eigenen Entschluß Qansus, sondern auf den
Rat der Republik erfolgt. Zu der Drohung des Sultans, das
Hl. Grab, die Kirche auf dem Sion und die andern christlichen
Gotteshäuser seines Reiches zu zerstören oder zu schließen,
meinte der Rat, das könne dem Handel der Sarazenen nichts
nützen; denn kein christlicher Fürst werde wegen dieser Maß-
regeln Krieg mit den Portugiesen beginnen. Hingegen werde
es dem Sultan schaden und die Pilger, die seinem Lande man-
chen Nutzen brächten, fernhalten. Der Gesandte möchte seinen
Fleiß und seine Klugheit aufwenden, um jeden Schaden der
hl. Stätten, den die Ratsherrn aufs tiefste bedauerten und mit
ihrem eigenen Blute gut machen möchten, zu verhindern. Sie
dankten P. Maurus für seine Mühe, bestritten die Reisekosten,
hofften, daß seine Reise nicht vergebens sei, und versprachen,
ihm weiteres bei seiner Rückkehr zu sagen 0-
Von Venedig begab sich P. Maurus nach Rom zum Papste ^)
Missioni Francescane VI 369 Anm., entschieden behauptet. Die Ursache von
diesem Irrtum dürfte in einer Verwechslung von „Sion" und „Sinai" zu sehen
sein, die auch in dem (in der folgenden Anmerkung teilweise mitgeteilten)
Schreiben des Rates vom 23. Mai 1504 unterlaufen ist.
1) In dem Schreiben des Rates an den Vertreter Venedigs Franz Teldi
vom 23. Mai 1504 heißt es, daß sie P. Maurus Ivcin Empfehlungsschreiben an
die Höfe von Spanien und Portugal mitgeben dürften, da dies den Schein
verursachen könnte, „che la venuta de questo guardian non fusse sta de mera
voluntä del Signor Soldan ma mandado a requisition nostra . . . Ma perchel
soprascripto venerabil Guardian de monte Sion inter cetera ne ha detto et
cussi contengono le lettere del signor Soldan, che non se abstenendo Porto-
gallesi dal viazo, sua Ceisitudine farä serar el Sancto SepoJcro, item la chiesia
de Monte Synai [muß heißen „Sion"J et altre chiesie del suo paese, cosa certo,
che a nui non par poter offerir alcun remedio a questa navigazione, perche
per tal clausura non se movcria aicuno principe christiano alla guerra contro
Portogallesi, et seria cum denigration de la reputation che! prefato signor
Soldan recevc per liavcr nel paese suo dilti luogi, li quali etiam stando cussi
aperti ge sonno de utiiitä"; S. Romanin, Storia documentata di Venezia IV,
Venedig 1855, 535—540. In der P. Maurus übergebenen Antwort heißt es
noch: „Nuy se dolemo fina ne 1' anima, pur de pensarse tanto exterminio, et
vossamo cum el proprio sangue remediar, per la reverentia habiamo verso el
nostro missier Jesu Christo"; Archivio Veneto, Bd. 11 T. 1, Venedig 1H71, 202.
2) Vgl. Golubovich, Hörn lüü.
138 Neue Verfolgungen
und im iVugust nach Spanien und Portugal, wohin Julius II.,
der von den Drohungen des Sultans sehr ergriffen war, ein
Schreiben mitgab. Die Autwort des spanischen Königs ist nicht
bekannt. Der König von Portugal erwiderte, der Heilige Vater
möchte sich wegen der Drohungen des Sultans nicht zu sehr
ängstigen ; wenn Gott in Zukunft seine Waffen weiter segne,
so hoffe er sich eines Tages der Stadt Mecka zu bemächtigen
und das Grab des Propheten in Medina zu zerstören. Der Papst
möge die christlichen Fürsten einigen und für diese Pläne
gewinnen.
Obgleich die Sendung des P. Maurus ohne den erhofften
Erfolg geblieben war, zögerte Sultan Qansu mit der Ausführung
seiner Drohungen, bis die schwere Niederlage der ägyptischen
Flotte im Golf von Ayas seinen Zorn aufs höchste steigerte.
Unter Bedeckung von 28 Galeeren waren die Lastschiffe des
Sultans in die Gewässer von Ayas an der kleinasiatischen Küste
gefahren, um daselbst Holz und Kriegsmaterial zu laden, von
der Flotte der Rhodusritter aber am 23. August 1510 über-
fallen worden; einige Schiffe wurden verbrannt, andere in den
Grund gebohrt und die übrigen nach Rhodus gebracht.
Die Nachricht von dieser Niederlage reizte den Sultan
ungeheuer. Er ließ alle abendländischen Schiffe, die sich in
den Häfen Ägyptens und Syriens befanden, mit Beschlag be-
legen, die christlichen Kaufleute, im ganzen mehr als 1000 Per-
sonen, gekettet nach Kairo bringen und ihre Waren im Werte
von 500 000 Dukaten wegnehmen. Natürlich blieben die Fran-
ziskaner nicht verschont. Wie ein venezianischer Kaufmann
am 7. Januar 1511 schrieb '), wußten „gewisse Gläubige", wahr-
1) Am 7. Januar 1511 schrieb Matthias von Colty dem venezianischen
Kanzler Filetti auf Kreta: „Quando fo la furia de l'armata sua, per certi fidclj
11 fo detto come in Jeruxalem hera arme per persone 1000, et artegliarie
assai et danarj et argenti assaj, unde el ditto signor soldan niandö uno
castellan a veder et internier de tal cosse et li prexe tut] li fratj, et parte
mandö al Caiero, et li altri, che rimaxe, battette crudelmente sotto i piedi, el
corpo, el culo, adeo per forza, li fo appelontar dove herano li denarj et robe,
et trovono da ducati 4000, et arzenti, calexi, paramenti, tapezarie et altro
mobile, per ducati 6000; et monicion non fo trovata, per non esser la veritä,
quello se diceva. Poi tolseno quel chomanda, et lo messo in croxe et fece
Stare tre zornj, cussi volendo che dicesse quello che non sapeva. El quäle
Neue Verfolgungen 139
scheinlich die Georgier, Qansii Guri zu überbringen, „wie in
Jerusalem Waffen für 1000 Personen und genügende Artillerie
und Geld und Silbergerät sei, weshalb der Sultan einen Boten
hinsandte, um die Sache zu untersuchen. Dieser nahm alle
Brüder gefangen und sandte einen Teil derselben nach Kairo.
Jene, die zurückblieben, ließ er grausam unter den Füßen und
über den Körper . . . schlagen, um zu erfahren, wo das Geld
und die Wertgegenstände seien. Man fand 4000 Dukaten und
Silbersachen, Kelche, Paramente, Teppiche und anderes im Werte
von 6000 Dukaten, aber keine Waffen, da die Anklage nicht
auf Wahrheit beruhte. Dann ergriff man den Obern 0, spannte
ihn aufs Kreuz und ließ ihn so drei Tage stehen, um von ihm
zu hören, was er nicht wußte. Doch gestand er, daß er 1242
für die Kirche bestimmte Dukaten hatte. Man nahm alles fort
und gab dem Sultan Nachricht. Dieser ließ nun die Brüder in
Freiheit setzen, stellte sie aber unter Aufsicht, während die
beschlagnahmten Gegenstände und das Geld bis auf weitern
Befehl des Sultans auf eine Kammer gebracht und daselbst
versiegelt wurden". Die Klöster und die Kirche des Hl. Grabes
wurden geschlossen ^).
Doch dauerte dieser Zorn des Sultans nicht lange. Nach-
dem die erste Aufregung vorüber und sein Geist ruhigem Cber-
confessö haver ducati 1242 de contadj, i quali herano denarj per spendor per
la jesa, et tuti tolse, et scrisse al signor soldan, el quäle fece lassar i frati,
ma stano con guardia, et tuto robe ot denari messo in una camera, et quella
bollada, fln altro ordine el signor soldan"; Sanuto XII Sp. 154. Einiges wird
auch berichtet vom Verfasser der Annales Ragusini anonymi. In: Monuraenta
spectantia historiam Slavorum meridionalium, XIV, Agram 1883, 96; er gibt
als Wert der gefundenen Geräte 5000 Dukaten an. Vgl. auch in demselben
Bande S. 275 die Annales des Nikolaus von Ragnina.
1) Es war P. Bernardinus von Siena; vgl. Golubovich, Serie 42,
nicht, wie Schcfer, Thenaud 4 Anm. 2, sagt, P. Franz Surian, der sein
zweites Triennium 1512 antrat.
'-) Nicht bloß für die Lateiner, wie Thenaud sagt: „Le Souldan d'Egypte
et de Babillonye . . . detenoit en prison le gardien et les religieux de Hieru-
salem, lesquelz avoit oste du Sainct Sepulchre en le fermant ä tous les La-
tins"; Sehe f er, Thenaud 4, sondern für alle Christen. Der venezianische
Gesandte Trevisan sagt ausdrücklich: „I/eglise du Saint-Söpulcre fermee de-
puis deu.x ans et dans laqueile aucun chreticn ne pouvait entrer" ; Schefer,
Thenaud 200.
j^40 Neue Verfolgungen
legungen zugänglich geworden war, gelang es dem gleichfalls
gefangenen französischen Konsul Philipp von Perez, Qansu
Guri durch einen ergebenen Mittler auf den König von Frank-
reich hinzuweisen, der ihm als der mächtigste unter den christ-
lichen Herrschern gute Dienste in den obwaltenden Schwierig-
keiten leisten und bei seinem Vasallen, dem Großmeister von
Rhodus, die Herausgabe der erbeuteten Schiffe erwirken könnte ^).
Der Sultan griff den Gedanken auf und beschloß, Boten nach
Rhodus und Frankreich zu senden, während andere Gesandte,
unter ihnen der süddeutsche Franziskaner P. Nikolaus Wanckel,
nach Rom geschickt wurden. „Ich wurde", erzählt dieser, „ge-
fangen nach Kairo vor den Sultan geführt und dann nach Rom
geschickt zum Hl. Vater dem Papste, und darnach wiederum
gen Kairo zum Sultan, in dessen Gegenwart und Angesicht ich
dreimal gewesen bin" ^),
Nach Rhodus gingen zwei Franziskaner und ein Katalo-
nier, die aber beim Großmeister nichts erreichen konnten. Die
Auslieferung der Schiffe lehnte derselbe ab; er habe gewußt,
daß die erbeuteten Schiffe gegen Rhodus ziehen sollten, und
sie daher mit vollem Rechte weggenommen. Wenn der Sultan
drohe, das Hl. Grab zu zerstören, so sei das nicht ernst zu
nehmen, da er sich hierdurch selbst schaden und der Einnahmen
berauben würde, die er von den Pilgern hätte. Wenn er aber
den Franziskanern zu Jerusalem ein Leid zufügen wollte, so
sei für diese die Zeit gekommen, etwas um des Namens Jesu
Christi willen zu leiden^).
Mehr Erfolg hatten die beiden anderen Brüder, die mit einem
aus Ragusa stammenden Kaufmann an den französischen Hof
1) Der venezianische Konsul Thomas Contarini schrieb am 13. ^lärz
1511 aus Kairo an den Befehlshaber von Kreta Miani, daß der Sultan in allem
dem französischen Konsul zu gefallen suche, da dieser ihm vieles, besonders
für Indien, verspreche, daß der Sultan aber der Republik feindlich gesinnt
sei; Sanuto XII Sp. 308.
-) Kurtze Vermerkung Bl. Bij^. Die Worte des P. Nikolaus lassen an-
nehmen, daß er nicht von Rom weiter nach Frankreich ging. Colty schreibt
am 7. Januar löll von zwei Brüdern, die an der Vigil von Weihnachten von
Alexandrien nach Rom fuhren und von dort sogleich nach Frankreich gehen
sollten; Sanuto XII Sp. 154.
3) Sanuto XII Sp. 308.
Neue Verfolgungen 14l
abgesandt wurden. Qansii Guri gab ihnen einen Brief an
Ludwig XII. mit, in dem er zunächst einen Rückblick auf sein
früheres Verhalten gegen die Franziskaner und die hl. Stätten
wirft. Er habe den Brüdern erlaubt, im Hl. Grabe und in den
andern Klöstern seines Reiches notwendige Arbeiten vorzu-
nehmen, sie und ihre Häuser den Beamten empfohlen, sowie
jede ihnen zugefügte Unbilde bestraft, bis der Verrat und Treu-
bruch des Herrn von Rhodus erfolgte. Auf diesen hin habe
sein Rat es für gut befunden, strenge Maßregeln zu ergreifen,
weshalb er das Hl. Grab und die Klöster schließen, den Guar-
dian und die Brüder vorführen und alle goldenen und silbernen
Geräte beschlagnahmen ließ, da sie zur Jurisdiktion des Herrn
von Rhodus gehörten. Dieses Verhältnis wollte er jetzt ändern;
es sei sein Wille, das Hl. Grab der Herrschaft und der Regie-
rung des Königs von Frankreich zu unterstellen; das gleiche
wolle er für die übrigen hl. Orte verfügen und sie den vom
König bezeichneten Ordensleuten übergeben. Auch werde er
den aus Frankreich kommenden Schiffen und Waren freies Ge-
leite gewähren. Bisher habe er die venezianische Nation mehr
als die andern Franken geschätzt; jetzt gelte seine Bewunderung
den Franzosen, weshalb er die gegenseitige Freundschaft noch
fester begründen wolle ')•
Man begreift leicht, daß dieses Schreiben am französischen
Hofe große Begeisterung weckte und den Boten des Sultans
die beste Aufnahme erwirkte. Ludwig XII. beschloß, einen Ge-
sandten nach Kairo zu senden, der die schwebenden Fragen
mit Qansu Guri besprechen und die Beziehungen fester knüpfen
sollte. Seine Wahl fiel auf seinen Sekretär Andreas Le Roy,
den auf Wunsch der Herzogin Luise von Savoyen der Guardian
der Franziskaner zu Angouleme, P. Johann Thenaud, begleitete.
Er sollte für die Herzogin an den hl. Stätten beten und in ihrem
') Der vom 10. November 1510 datierte Brief des Sultans an König Lud-
wig XII. ist mitgeteilt von Sanuto XII Sp. 624-630. Es heißt daselbst Sp.629:
„ß parso di nostra voluntä constituire in vostro dominio et regimento el sacro-
santo sepulcro, et quello stare per nome de vostra serenitä, e per simile tutti
altri lochi sacri, et comandaremo et ordineremo . . . fare aprire lo sacrosanto
sepulcro et li ailri lochi sacri et consigiiarli a li religioii, che per vostra
serenitä sarä ordinato."
i4^ Neue Verfolgungöii
Namen an der Krippe des Erlösers Gold, Weihrauch und Myrrhe
opfern.
Diese Beziehungen des ägyptischen Hofes zum französi-
schen Könige wurden von der Republik Venedig mit großer
Eifersucht verfolgt. Ihr Konsul Contarini hatte alles genau
beobachtet und seine Regierung auf dem laufenden gehalten.
Mit Genugtung hatte er den Mißerfolg wahrgenommen, den die
Sendung der ägyptischen Boten in Rhodus hatte. Es w^ar der
erste Stoß, den das von Qansu Guri dem französischen Konsul
Perez geschenkte Vertrauen erhielt ; der Sultan habe eingesehen,
schreibt Contarini, daß Perez „ein falscher und verlogener
Mensch" sei 0- Jetzt galt es der Gefahr, die Venedig von der
französischen Gesandtschaft drohte, entgegen zu wirken. Zu die-
sem Zwecke beschloß die Republik, gleichfalls einen Boten nach
Kairo zu senden, und bestimmte hierfür Domenico Trevisan.
Er sollte die Handelsbeziehungen mit Ägypten erneuern und
erwirken, daß die Franziskaner in ihre Klöster und Heiligtümer
zurückkehren könnten, sowie daß die Sicherheit der Pilger ge-
währleistet werde.
Es war für die hl. Stätten ein Glück, daß der gewandte
Venezianer Trevisan in dieser Angelegenheit nach Kairo ge-
schickt wurde. Während der französische Gesandte durch sein
„hohes" Auftreten den Sultan verletzte ^), wußte Trevisan das
Wohlwollen Qansus in besonderem Maße zu gewinnen. Der
Sultan, der ihn am 10. Mai 1512 zum ersten Male empfing,
rühmte dem Dogen die „Klugheit, den Geist, die Gewandtheit,
die guten Formen und Antworten" des Gesandten, die ihn be-
stimmt hätten, seine Bitten zu erfüllen ^). Eine dieser Bitten
1) Vgl. den Brief Contarinis vom 13. März 1511 bei Sanuto XII
Sp. 308; es heißt daselbst: „questo console de' catellani osser homo falso e
biisardo."
2) Vgl. den Bericht des Markus Antonius Trevisan vom 4. Sep-
tember 1512 bei Sanuto XV Sp. 202—208; es heißt daselbst Sp. 206:
„L' orator francese, quäl essendo a 1' audientia di Soldan, come e costume de'
francesi, volse parlar un poco altamente su la richiesta di far aprir el Santo
Sepulchro, el Soldan li disse vilania."
^) Sanuto XV Sp. 265; der Sultan rühmt „prudentia, pien d' intelecto,
et pi'aticha, et boni costumi, et bone risposte al nostro conspecto nobile."
Neue Verfolgungen 143
War dem französischen Gesandten bereits abgeschlagen worden;
vergebens hatte dieser gebeten, daß die Grabeskirche wieder
geöffnet und den Brüdern zurückgegeben werde. Trevisans Ge-
such fand Gehör Oj c^ie Gefängnisse öffneten sich, und nach
zweijähriger Haft konnten die Franziskaner im Sommer 1512
nach Palästina zurückkehren ^).
Wie uns Siirian berichtet ^), hatte der wegen seiner Tu-
gend und Klugheit vom Sultan und allen Bewohnern Kairos
hoch" verehrte koptische Patriarch unsern Gefangenen große
Liebe erzeigt; die Bemühungen der Franziskaner, den von Su-
rian mit dem hl. Patriarchen Johannes von Alexandrien ver-
glichenen Prälaten für die Wiedervereinigung mit Rom zu ge-
winnen, blieben jedoch ohne Erfolg.
Zu Jerusalem erwartete die Brüder ein großer Schmerz.
Die Georgier hatten die Abwesenheit der Franziskaner ausge-
nützt und sich, sobald die Basilika des Hl. Grabes wieder ge-
öffnet war, in den Besitz des ganzen Kalvarienberges gesetzt;
der Altar der Lateiner wurde zerbrochen und ihre Lampen
entfernt, den Brüdern sogar der Zutritt zum Kalvarienberge
verwehrt ^). Surian, der um diese Zeit zum zweiten Male an
die Spitze der Mission gestellt wurde, war nicht der Mann, um
ohne Kampf die alten Rechte preiszugeben, und stritt, wie er
1) Ebd. Sp. 206: „L' orator andö dal Soldan et domandoli de gratia che
i frati de Jerusalem fosseno liberati et che potesseno ritornar a le sue devu-
tion ai soi lochi, e che la nostra galia de pelegrini potesse venir al suo viazo
con i pellegrini justa il consueto. Soa signoria fu contenta e compiacete
r ambasador con questa condition eh' el voleva che 1' aprir del Sancto-Sepulcro
fosso deferido fino al zonzer della nostra galia de pelegrini al Zafo; sichö i
frati di Jerasalem sono andati ai lochi santi di Jerusalem; b stä bella con-
cession hessendo sta negata a 1' orator francese". Vgl. auch Golubovich,
Trattato di Suriano S. LV Anm. 1, wo ein Auszug des Berichtes des M. A. Tre-
visan mitgeteilt ist.
-) Der Tag der Rückkehr wird nicht angegeben. Aus dem Berichte
Paganis ersehen wir, daß Trevisan mit dem Guardian am 27. Juni 1512 in
Matarich war (Sehe f er, Thenaud 201), während Thenaud die Brüder Ende
August desselben Jahres schon in Jerusalem traf (ebd. 94).
3) Trattato 78.
*) Surian, Trattato 3t Anm. 1: „Rompendono lo altare ole lampade,
priuando li Frati che non poteuano piii andarui."
]^44 Neue Verfolgungen
selbst erzählt ^), ein ganzes Jahr mit den Georgiern, bis er eiii
günstiges Urteil erfochten hatte.
Beide Teile brachten ihre Zeugnisse und Gutachten vor
den Sultan. Da sich die Urkunden widersprachen und die
Frage nicht klar stellten, der Sultan aber keinem mißfallen
wollte^), übertrug er die Entscheidung des Falles dem Kadi
von Jerusalem. Dieser beschied im Juli 1513 die Parteien auf
den Kalvarienberg und setzte die in der Mitte stehende Säule
als Grenze fest; ein Gitter sollte ober- und unterhalb derselben
aufgestellt werden, um die streitenden Parteien zu trennen.
Den Franziskanern wurde wie früher der rechte Teil des Berges
zugesprochen, während der linke den Georgiern verblieb^).
Betreffs der unter Golgatha gelegenen Adamskapelle wurde
den Georgiern das von den Pilgern'*) bezeugte Besitzrecht be-
stätigt, den Lateinern aber ein Schlüssel und das Recht zuge-
standen, so oft sie wollten, einzutreten und daselbst Kerzen
anzuzünden ■'). Die Energie Surians, die im Orient unvermeid-
lichen Geldspenden*^) und die Unterstützung des französischen
Gesandten") hatten diese glückliche Lösung bewirkt; letzterer
half insbesondere, daß der von den Georgiern zerstörte Altar
der Lateiner wieder hergestellt wurde. Die damals festgesetzte
1) Ebd.: „Litigai con loro tutto uno anno."
-) Ebd. 75 Anm. : „Lo soldano non 1' ha voluta decidere per non scompia-
cere a loro overo ad noi."
•') Urkunde in Schublade 25 des Prokuraarchives. Calahorra, B. IV
K. 32, meint, Surian habe, um nicht den ganzen Berg zu verlieren, „aus der
Not eine Tugend gemacht" und die Hälfte abgetreten; ähnlich Schefer, The-
naud Einl. S. LXVI. Daß dies nicht zutrifft, ergibt sich schon daraus, daß
unsere Brüder nie den ganzen Berg besaßen.
■*) So sagt Rochechouart, Journal 256: „Tenent altare sub monte
Calvarie."
5) Dies ist der Sinn des vom Kadi gefällten Urtciles, und domentsprechend
muß verstanden werden, was Surian, Trattato :34 Anm. 1, sagt: „Li tolse
la chiesia che teniuano sotto el preditto Monte." Öfter wird diese Kapelle
mit der nahen Kapelle verwechselt, die den Abessiniern gehörte; vgl. Harff
175 und Fabri I 805: „Capeila praefata [in qua sunt sepulti reges latini] sub
monte Calvariae est Christianorum de Nubia, qui ibi officia sua celebrant."
•■') Vgl. Surian, Trattato 34: „Spendesse molti danari" ; und 216: „lo
alquante ne fici conrompere per redimere la vexation nostra del sancto monte
Calvario contra li Gorziani, nostri inimici, del MDXIV." Wenn nicht in dieser
Jahreszahl ein Irrtum steckt, müssen wir auf eine Wiederholung der georgischen
Intrigen im Jahre 1514 schließen. ") Schefer, Thenaud 96 und 119.
Hl. Stätten der Franziskaner 145
Grenze gilt für uns noch heute; die Brüder behüten bis in die
heutige Zeit den rechten oder südlichen Teil des Kalvarien-
berges, während die linke Hälfte um die Mitte des 17. Jahr-
hunderts von den Georgiern an die Griechen überging.
Hier bietet sich eine Gelegenheit, die von den Franzis-
kanern am Ende des Mittelalters verwalteten Heiligtümer Palä-
stinas zusammenzustellen und eine Übersicht über die morgen-
ländischen Riten oder Konfessionen, die neben ihnen im Hl. Lande
weilten, zu geben. Die Reisebücher der Pilger verzeichnen mit
Vorliebe die Nachrichten, die sie hierüber von den Brüdern
oder aus den Büchern der Klosterbibliothek erhielten *).
Auf dem Sion hatten die Franziskaner die Kapelle der
Herabkunft des Hl. Geistes verloren, behaupteten aber die beiden
andern von Sultan Nassir dem sizilianischen Königspaare ge-
schenkten Heiligtümer^). P. Anselm von Krakau, der 1508 in
Jerusalem weilte, hat eine genaue Beschreibung des Abend-
mahlssaales und der Umgebung überliefert^). Vor der Mitte
der Ostwand erhob sich der Altar, der dem Abendmahle des
Erlösers und der Einsetzung des heiligsten Sakramentes geweiht
war. Rechts von demselben hatten die Brüder in der Südost-
ecke den Altar der Fußwaschung aufgestellt, während die
Kreuzfahrer als Ort derselben den Raum unter dem Abend-
mahlssaale verehrt hatten "*). In der Mitte des Zönakulums sah
Anselm rings um die zwei Marmorsäulen, die das Gewölbe tragen,
das Chor und die Chorstühle der Brüder. Die Gläubigen nah-
men auf den Seiten Platz ^). Eine Türe in der Südwand führte
1) Vgl. Guglingen 181. — Die Klosterbibliothek wird von mehreren
Pilgern erwähnt; vgl. Tucher, Reyßbuch 306; Baumgarten 99.
2) Bei dieser Gelegenheit wollen wir ein Versehen korrigieren, das S. 43
in der Anmerkung unterlaufen ist. Es soll dort heißen: „Merkwürdig ist, daß
Felix Fabri, Evagatorium 11 319, den König Robert selbst nach Jeru-
salem pilgern und persönlich mit dem Sultan in Ägypten verhan-
deln läßt, sowie daß P. Walther" usw. Der Satz: „Da beide..." fällt fort.
3) A. a. O. 789.
*) Die Überlieferung über den Ort der Fußwaschung wechselte wieder-
holt; vgl. Tobler, Topographie 11 106 ff.
5) Ghistele 73: „In t'incommen zo staen in den midden twee pilaren
van steenen, daer an ghemaect is een maniere van eenen Choor van berderen,
daermen rondomme gaen magh."
Franzisk. Studien, Beihert 4: Lemmens, Die Franziskaner auf dem Sion. 10
1 46 Hl. Stillten der Franziskaner
auf den anmutigen, unter freiem Himmel gelegenen Umgang,
unter dem das Refektor der Brüder lag ^). Auf diesem Gange
kam man, am Zönakulum nach Osten entlang schreitend, zu
einer hinter demselben aufsteigenden Treppe von dreizehn
Stufen, die zur Kapelle des Hl. Geistes geführt hatte. Unter
dieser Kapelle lag die Sakristei der Brüder und daneben die
kleine Kapelle des hl. Thomas, die Stätte, an der der aufer-
standene Erlöser den Jüngern erschien und dem zweifelnden
Apostel seine Seitenwunde darbot ^). An dieselbe schloß sich
das „Oratorium der seligsten Jungfrau" an, der Raum, In dem
die Legende Maria nach dem Tode Jesu der hl. Messe bei-
wohnen und die hl. Kommunion empfangen läßt ^). Das Dach
des Zönakulums war flach und bot den Einblick in das der
Decke beraubte Heiligtum der Herabkunft des Hl. Geistes ^).
Am Wege, der vom Zönakulum zum Siontore führt, be-
suchten die Pilger den mit Steinen umzäunten Raum, in dem
das Sterbehaus der Gottesmutter gestanden hatte ^). Die Stätte
gehörte schon lange den Lateinern; unter den von der Matrone
Sophia ^) erworbenen Weingärten und Äckern nennt Urban V.
1363 auch „den Ort, an dem die seligste Jungfrau zum Himmel
1) A. a. O. 789: „In medio coenaculi est chorus fratrum cnm stallis . . .
In hoc coenaculo est triplex ostium, nnum a dextra versus occidentem, et
istud fere nunc seraper clauditur, forte propter metuni Maurorum ; aliud versus
austrum, ad ambitum fratrum amoenissimum, qui est sub dio juxta praedictum
coenaculum, et sub illo arabitu est refectorium. Tertium ostium est inferius
de coenaculo subtus ad capellam S. Franclsci, ubi etiam est dormitorium
peregrinorum." Vom Kloster sagt Fabri: „Septa sunt satis stricta, strictus
ambitus, parvae cellae"; Evagatoriura I 280.
'^) Ebd. 790: „Subtus istud coenaculum [S. Spiritusl est etiam sacristia
fratrum. Et juxta parietem sacristiae est capella parvula, ubi Dominus Jesus
apparuit discipulis suis in die resurrectionis suae, Thoma absente, et ibidem,
apparuit in octavis resurrectionis, Thoma praesente." Vgl. Fabri, Evaga-
toriura I 245; Guglingen 149.
^) Von diesem Oratorium sagt Fabri: „Est juxta angulura ecclesiae,
qui angulus unit niurura ecclesiae venientem ab Oriente cum muro veniente a
raeridie"; Evagatorium I 251.
*) Ebd. 789: „Coenaculum grande non habet tectum supra testudinem,
sed solam testudinem planissiraam, de quo videtur illud coenaculura S. Spiri-
tus, quod non habet testudinem, sed sub dio."
s) Evagatorium I 272. ß) Vgl. oben S. 75.
Alis Ben-. Aiiiico, TraMalo &A\c I'ianto fiim Ki);)).
Abb. 6. Grundriß des Sionklosters.
A „Grab Davids". IT „Oratorium Mariens".
R Sakristei, darüber Kapelle des 111. I Binnenhof des Klosters.
Geistes. K Kloster^anjj.
D E Unterer und oberer Saal des L Türe der Kirche.
Abendmahles. M Schlalraum der Pilger.
F Treppe zum obern Abendmahls- N Klosterpforte.
saale. P Außentreppe zum obern Abend-
G Kapelle des hl. Thomas. mahlssaale.
10*
148 Hl. Stätten der Franziskaner
ging" 0- Alsbald hatte sich der Wunsch geregt, hier ein Gottes-
haus zu errichten, und Gregor XI. 1373 dem Vorsteher des an-
stoßenden Marienhospitales -) die Erlaubnis erteilt ^). Der Bau
kam aber nicht zur Ausführung; wir nehmen, wohl mit Recht,
an, daß die Zustimmung der Regierung ausblieb. Hundert Jahre
später versuchte man es aufs neue ; die bessern Zeiten ließen die
Brüder hoffen. Wie uns Fabri erzählt, bemühten sich die Fran-
ziskaner bei seinem zweiten Aufenthalte zu Jerusalem am Hofe
des Sultans Quat Bei um die Bauerlaubnis und waren voller
Hoffnung, dieselbe zu erhalten. Später hörte Fabri, daß sie
wirklich erteilt und die Kapelle mit großen Kosten von den
Brüdern erbaut, von den Sarazenen aber alsbald zerstört sei.
Wir vermuten, daß bei diesem letzten Gerüchte die auch an-
dern Pilgern'') widerfahrene Verwechslung mit dem „Oratorium
Mariens" neben der Kapelle des Hl. Geistes unterlaufen ist,
und daß man das dieser Kapelle tatsächlich beschiedene Schick-
sal auf jene Stätte übertragen hat. Das von den Franzis-
kanern auf der Stätte der Dormition geplante Gotteshaus kam
nicht zustande: es war andern Zeiten vorbehalten, diesen ihren
Wunsch zu erfüllen. Die nächsten Pilger sahen dort, wie 1523
Philipp von Hagen ^), nur die den Platz umschließenden Steine.
Während es so den Brüdern nicht gelang, auf dem Hl. Berge
Sion Fortschritte zu machen, waren ihre Bemühungen in der
Grabeskirche von besserem Erfolge gekrönt. Die Liste der hier
von ihnen verwalteten Stätten und der Orte, an denen sie
Lampen oder Kerzen anzünden durften, wuchs in den Pilger-
schriften ständig.
Markgraf Nikolaus von Este traf 1413 in der Grabeskirche
1) Er sagt im Breve „Licet is" vom 13. Dezember 1363: „Cum Sophia
in Monte Sion . . . nonnullas possessiones et terras fructiferas, vineatas et ar-
boratas dicto hospitali propinquas, in quibus locus esse dicitur, in quo B.
Virgo migravit ad coelum, . . . a Soldano Babyloniae pro magna t'lorenorum
summa . . . emerit" ; B F VI Nr. 899 ».
2) In seinem Breve „Ex fecundo" vom 6. April 1364 nennt Urban V.
das Hospital „B. Mariae de Monte Sion"; BF VI Nr. 906. Ebenso Gregor XI.
im Breve „Devota fidelium" vom 22. Juni 1372; BF VI Nr. 1103.
3) Im Breve „Licet is" vom 1. März 1373; BF VI Nr. 1252.
*) U. a. Philipp de Voisins 28 und Nikolaus von Farnad Bl. XVij'.
•'') Conrady 253: „Daz selb ort ist mit steinen umb leit wie ein zun."
150 Hl. Stätten der Franziskaner
vier Altäre, an denen die Lateiner zelebrierten, an; zwei waren
in der Marienkapelle, einer im Hl. Grabe und einer auf Golga-
tha 0; Marian von Siena^) und andere berichten dasselbe.
Später ergänzen mehrere, wie Tücher^), Fabri"*) und Nikolaus
von Farnad ^), einen fünften Altar, der in der Kreuzauffindungs-
kapelle stand. Ersterer sagt: „Zum ersten haben inne die Bar-
füßermönche, die unsers Glaubens sind, das Hl. Grab; darin
brennen sie Tag und Nacht drei Ampeln, und sechszehn Ampeln
halten die andern Glauben. Im Hl. Grabe darf niemand Messe
halten ohne der Barfüßer Erlaubnis; denn stets sind zum we-
nigsten zwei Barfüßerbrüder Tag und Nacht im Tempel. Auch
haben sie inne unserer lieben Frau Kapelle, darin sie stets drei
Ampeln brennen. Neben derselben Kapelle und dahinter haben
sie ihre Wohnung, da sie essen, trinken und schlafen. Ohne
ihren Willen darf auch niemand Messe lesen in dieser Kapelle.
Mehr haben sie einen Altar auf dem Berg Calvarie inne und
haben drei Ampeln inne vor dem Loch in dem Stein, darin das
hl. Kreuz gestanden ist. Mehr haben sie inne einen Altar und
eine Ampel neben der Auffindung des hl. Kreuzes. Mehr haben
die Barfüßer stets eine Ampel brennen ob dem Steine, da der
Leichnam unsers Herrn Jesu Christi seiner lieben Mutter auf
ihren Schoß gelegt, als er vom hl. Kreuze genommen ward."
Fabri gibt die gleichen Nachrichten und ergänzt, daß die
Franziskaner die Schlüssel der Grabeskapelle besitzen und
diese nach Belieben öffnen und schließen sowie am Hl. Grabe
zelebrieren, wie sie es für gut finden ^). Es sei „zu verwundern,
daß die Christen der anderen Sekten diese Vollmacht der La-
teiner dulden, da von keiner so wenige Christen in Jerusalem
wohnen als von den Lateinern und diese sich in Lebensweise,
1) Ghinassi 124 und 125.
-) Viaggio 90: „Sonvi quattro luoglii, dove noi Latini potiamo dir Messa."
•"*) Reyßbuch Bl. SöS--; vgl. Grünemberg 101.
4) Evagatorium I 348.
^) Compendiosa descriptio Bl. III'": „Nos Fratres Minores habemus qiiin-
que altaria, duo in sacello beate virginis, ununi ipsum sanctum sepulchruni,
unum in monte Calvarie et imura in loco, ubi sancta crux est inveuta."
") Vgl. oben S. 51 Anm. 3. Nikolaus von Farnad Bl. IV"": „Nullus na-
tionum habet quicquam auctoritatis circa sanctum Domini sepulchruni nisi nos
Fratres Minores."
PIl. Stätten der Franziskaner 151
Sitten, Kleidung und Sprache mehr als die andern Christen von
den Sarazenen unterscheiden." Die Brüder verdankten diese
Fortschritte ihrem zielbewußten und opferJreudigen Handeln,
der Sorgfalt, mit der sie eine jede günstige Gelegenheit wahr-
nahmen und ausnützten, und den großen Mitteln, die ihnen das
christliche Abendland gab. Schon damals galt in der Grabes-
kirche der gleiche Wettlauf der einzelnen Konfessionen und
dieselben eifersüchtigen Bestrebungen um Vermehrung der
Rechte wie heute, sie scheinen sich sogar am Ende des Mittel-
alters besonders geltend gemacht zu haben. Während Tucher
und Fabri z. B. um 1480 nur neunzehn Lampen im Hl. Grabe
zählten, von denen drei den Lateinern gehörten, sah der un-
garische Franziskaner Nikolaus von Farnad, der 1517 in Jeru-
salem weilte, daselbst bereits 39, von denen 11 durch die Brü-
der bedient wurden, und die Zahl der über die ganze Basilika
verteilten Lampen war auf dreihundert gestiegen; 27 gehörten
den Lateinern ').
Außer dem Sion und der Grabeskirche gelang es den
Franziskanern nicht, innerhalb der Hl. Stadt irgendeine Stätte
zu erwerben. Einzig und allein erreichten sie mit großen Geld-
opfern, daß sie am Lithostrotos in eine Mauer die zwei Steine
einmauern lassen konnten, auf denen nach der Tradition der
Heiland und Pilatus beim Urteilsspruche gestanden ^). Die in
der Nähe gelegene Geißelungskapelle war Pferdestall geworden
1) A. a. 0. Bl. III"": „In templo Domini in diversis locis sunt 300 lam-
pades, sed non semper ardentes, nisi in solomnitatibus maloribus." Bl. III ^:
„In sepulchro . . . ardent trlginta novem lampades, quas fovent oleo nationes,
que habitant intra sanctum templum, e quibus nos Fratres Minores habemus
curam undecim lampadarum, demptis illis que sunt in aliis locis templi, in
quo diversis in locis habemus curam viginti septem lampadarum." Wanckel
sah einige Jahre früher weniger Lampen in der Grabeskirche; vgl. Kurtze
Vermerkung Bl. Diiij'': „All lampen zusammen... sein bei 200."
2) Anselm von Krakau 793: „In platea juxta domum Pilati . . . Do-
minus est sententiatus a Pilato sedente pro tribunali ... In quo muro quidam
guardianus cum suis fratribus Minorum obtinentes pretio magno ad Soldanum,
infixerunt duos lapides magnos illi muro, unum album, in quo stetit Dominus
Jesus judicatus, alium, in quo stetit aut sedit Pilatus judicans." Diese Steine
werden auch von andern erwähnt; vgl. Guglingen, Itinerarium 279; Fabri,
Evagatorium I 3:0; Surian, Trattato 90.
152 Hl. Stätten der Franziskaner
UDd blieb den Pilgern verschlossen ^), und die an derselben
Straße gelegene Geburtsstätte Mariens konnte nur mit großer
Mühe und Gefahr von Christen besucht werden ^). Die Pilger
mußten sich, wie Nikolaus von Farnad erzählt ^), meist damit
be.2:nügen, auf dem Wege einige Gebete zu verrichten.
Mehr Erfolg hatten die Franziskaner im Tale Josaphat
und den ostwärts gelegenen Orten. Die über dem Grabe Ma-
riens erbaute Kirche stand allen christlichen Bekenntnissen
offen, und alle konnten nach Fabri an dem über dem Grabe
selbst errichteten Altare zelebrieren; außerdem besaßen hier die
Lateiner ihren besondern nach Norden gelegenen Altar ^).
In der nahen Grotte der Todesangst Jesu hatten nur die
Lateiner einen Altar '") ; er stand gegen Osten gerichtet ^) und
nach der Tradition an der Stelle, auf der der Engel erschien, um
den Erlöser zu stärken '). Mehrere Male wurde der Altar, wie
Surian sagt, „aus Neid" zerstört und immer wieder von den
Brüdern aufgebaut, bis sie endlich den ruhigen Besitz errangen ^).
Die Kirche der Himmelfahrt auf dem ölberge stand unter
Obhut eines Sarazenen; die Franziskaner hatten indes einen
1) Surian, Trattato 92: „AI presente e facta stala de cavali." Fabri
erzälilt, wie er in Abwesenlieit des sarazenisclien Herrn eintreten konnte;
Evagatorium II 135.
-) Surian, Trattato 93: „Cum grandissima difficultä vi possono appena
intrarvi;" vgl. Fabri II 130. Deshalb ist die Nachricht, daß ein Ferman im
15. .Jahrhundert den Brüdern gestattet habe, „in der Krypta Messe zu lesen",
unwahrscheinlich; Meist er mann -Huber 195. Im Archiv der Prokura ist
nicht ein solcher Ferman. •'') Bl. IX f.
^) Fabri, Evagatorium I 375: „In ipso sepulchro . . . est locus cele-
brandi omnium Christianorum, cujuscumque ritus sint, nee est alicui appro-
priatus locus llle. Caetera vero altaria illius ecclesiae sunt ritibus aptata . . .
quartum ad aquilonem in angulo est Latinorum." Eine ganz andere Beschrei-
bung dieser Kirche gibt hundert Jahre später Bernardino Amico. Er sagt
von dem Altare über dem Grabe: „E de 'nostri Padri, ne vi puö celebrare
nessuno senza nostra licenza"; Trattato delle Plante 51. Die nach Norden
gelegene Kapelle weist er den Surianern zu.
5) Surian, Trattato 102 Anm. : „In questa grota habiamo uno altare;
e . . . non lo ha verun' altra natione."
'^) Nikolaus von Farnad, Descriptio Bl. XP: „ad orientalem partem
spelimce." "<) Surian 99.
*) Surian 102 Anm,: „Per invidia piü volte c'e stato roto, e sempre
lavemo refatto, e finahnente ottenuta."
Hl. Stätten der Franziskaner 153
Schlüssel erlangt und konnten nach Belieben bei Tag und bei
Nacht eintreten ^).
Dasselbe gelang ihnen 1499 am Grabe des Lazarus zu
Bethanien; sie erhielten durch den Vergleich, den sie an 26. Ok-
tober des Jahres mit dem sarazenischen Hüter schlössen, einen
Schlüssel und freien Eintritt in die Grotte ^).
Auch in Bethlehem hatten die Brüder ihre Rechte ver-
mehren können. Während wir um 1400 die Griechen in der
Geburtsnische Gottesdienst halten sehen^), zelebrierten später
die Lateiner ständig an der Stelle der Geburt '*). Sie hatten die
Schlüssel der Türen, die zur hl. Grotte führten ^), und wohnten
allein in dem großen an die Kirche anstoßenden Kloster ^),
Erst spät gelang es den Franziskanern in der Heimat des
hl. Vorläufers Fuß zu fassen und den Gottesdienst in einem der
alten Heiligtümer von Ain-Karem wieder aufzunehmen ^). Die
schöne über der Stätte der Geburt des hl. Johannes erbaute
Kirche wurde im 15. Jahrhundert von den Sarazenen als Stall
für Ochsen und Esel benützt**); nur die einige Stufen tiefer ge-
legene Grotte der Geburt bewahrte ein besseres Los. Im Anfang
des Jahrhunderts kam am Feste der Geburt der griechische Pa-
1) Surian 106: „Niii h.ibiamo ima chiavc et ad nostro beneplacito
giorno e noctc vi potemo andaro."
-) Vgl. Golubovich, Serie :i.S und Caialiorra B. IV K. 29 (wo ein
falsciics Datum); Surian 125.
•') Vgl. oben S. 59.
^) Surian 123: „In quel loco parturi la Madona . . . de continuo luii
celebramo;" vgl. auch Fabri, PJvagatorium I 453 und 479: „Chorum habent
Graeci; specum autcm nativitati.s Doniini habent Latini; aitare, ubi tres reges
obtulerunt, habent Armeni."
•'') Surian 12:^: „Le chiave de le qua! tenimo nui Frati."
*>) Ebd. 121: „Uno grande e stnpendo moiiasterio. in lo quäl soliim
habitano li P'rati nostri."
â– ^) In einem Ferman vom Jahre 1427 (b:'i Ciolubovich, Serie 108) werden
zwar die in Ain-Karem wohnen^ien Brüder genannt; es kann sich aber, da
alle Pilger des 15. Jahrhunderts von einem Aufenthalte derselben vollsttändig
schweigen, nur um eine vorübergehende Sache handeln.
>*) Schon Poloner fand die Kirche 1422 „plena mulorum stercoribus,
quam sine tributo peregrinus non ingreditur"; Tobler, Descriptiones 252.
Die gleiche Beobachtung machten die folgenden Pilger, wie Rochechouart,
Tucher, Fabri u. a.
154 Hl. Stätten der Franziskaner
triarch und feierte in derselben Gottesdienst ^). Später erwarben
sich die Franziskaner, wie Siirian sagt^), „durch die Macht des
Geldes" das Recht, die Geburtsgrotte durch eine Mauer von
der Kirche abzutrennen und so der Entheiligung zu entreißen.
In der Folge kamen die Brüder öfter im Jahre und besonders
am Johannistage nach Ain-Karem. Der erste Pilger, bei dem
wir diesen Gottesdienst der Brüder erwähnt finden, ist P. Walter
von Guglingen^), und um dieselbe Zeit erwähnt Fabri zuerst
die vor der Geburtsgrotte aufgeführte Mauer ^); daher dürfen wir
diesen neuen Fortschritt der Franziskaner in die Zeit ihrer
Pilgerreise setzen un 1 als weitern Ertrag der für die Lateiner
so fruchtbaren Regierung des Sultans Quat Bei betrachten.
Während so die Geburtsstätte des Vorläufers wieder zu
Ehren kam, verfiel die von armenischen Mönchen ^) bediente
Kirche der Heimsuchung Mariens immer mehr. Tucher ^), Fabri ")
und Surian^) trafen daselbst nur eine „zerbrochene" Kirche
und einen bösen Sarazenen ^), der zuerst durch Geld besänftigt
werden mußte, ehe die Pilger ihre Andacht im Heiligtum ver-
richten konnten. Am Feste der Heimsuchung kamen die Brüder
von Jerusalem zum Gottesdienste herüber. Es dauerte aber
noch länger als ein Jahrhundert, bis die Franziskaner die
Ruinen erwerben konnten.
1) Grethenius sagt um 1400: „Le patriarche vient y cclebrer la messe
le jour de la sainte Nativite du Precurseur"; Khitrovo 183.
') Trattato 133 Anm. 1 : „Per forza de danari habiamo facto uno muro
e serata la Capella della dicta Nativitä la quäle solemnemente la teniamo et
officiamo al tempo della sua festivitä, et in anno continuamente visitianio
quello Santo loco". Vgl. Farn ad Bl. XXVj^.
3) Itinerarium 170: „Nos Catholici tenemus locum et capellani, ubi fuit
natus sanctus Johannes; Greci vero in ecclesia capitali tenentes summum altare."
*) Evagatorium II 25.
5) Grethenius fand das Heiligtum „sous la dependance des trois fois
maudits Armeniens"; Khitrovo 183. Auch Rochechouart bemerkt: „Hanc
domum custodiunt Armeni"; Journal 258.
6) Reyßbuch Bl. 358 ^ ^) Evagatorium II 25.
>^) Trattato 133. Nach Surian standen noch „li altari magiori erecti,
sopra li quali al tempo de la solemnitcä se celebrano le messe"; ebd. 133 Anm. 2.
9) Fabri nennt ihn „homo bestia"; er stand „cum fuste in ostio et uxor
eins cum titione, et observabant, ne quis intraret, quousque sibi aliqua pe-
cunia daretur"; Evagatorium II 21.
Die andern christlichen Bekenntnisse 155
Weniger glücklich waren unsere Brüder in Galiläa; hier
blieben sie bis ins 17. Jahrhundert Pilger und Fremdlinge und
mußten sich damit begnügen, unter mancherlei Gefahren von
Zeit zu Zeit eine Wallfahrt auf den Tabor und nach Nazareth
zu machen ^).
Ein wichtiger Grund dafür, daß den Lateinern diese Fort-
schritte im Morgenlande möglich waren, ist die Zersplitterung
der morgenländischen Kirchen und Christen. Seitdem sich die
Länder des christlichen Orientes teils durch den Nestorianismus
und Monophysitismus, teils durch das griechische Schisma von
Rom, dem Mittel- und Stützpunkte der Einheit, getrennt hatten,
löste sich daselbst die christliche Kirche in eine Reihe von
Bekenntnissen auf. Jedes Volk erhielt seine eigene Kirche,
und alle suchten in Palästina, vor allem in Jerusalem, vertreten
zu sein. So treffen wir hier die Nestorianer aus Mesopotamien,
die Monophysiten aus Syrien, Armenien, Ägypten und Äthiopien,
und die Schismatiker aus dem griechischen Kaiserreiche, Syrien
und Georgien. Von diesen hielten sich die Nestorianer nur
vorübergehend in Palästina auf^); sie hatten nach Surian ^) in
Jerusalem weder Kloster noch Wohnung und feierten in der
Grabeskirche ihren Gottesdienst in einer Absis bei der lateinischen
Marienkapelle *), dort wo jetzt der Zugang zur Sakristei der
Franziskaner ist. Die Nestorianer treten daher in der Ge-
schichte unserer Mission nicht hervor.
Um so öfter begegnen wir den schismatischen Griechen
und ihren Glaubensgenossen, den Georgiern und Sudanern ^) ;
1) Vgl. Surian, Trattato 144 und 147; Nikolaus von Farnad,
BI. XXIX ^ und XXX ^
2) Surian (14 Anm. 2: „Li quali non stanno de continuo in Hieru-
salem."
•■*) A. a. O. 78: „In Hierusalem non hanno Monastcrio nö habitation
veruna."
J) Ebd. 77 : „Officiano appresso la porta de la capella nostra da raano
drita quando se intra." P.Vincent, Jerusalem II 270: „Cette absidiole qui
figure encore dans le plan de Quaresmius, a disparu vers 1720 pour laisser
une issue ä la cliambre concedee aux Latins conime sacristic." Vgl. oben 55
Anm. 2.
■>) Daß dip Surianer nicht Monophysiten waren, wie u. a. die Heraus-
geber der Pilgerfahrt Ritter Grünembergs, S. 102 Anm. 3, meinen, sondern
156 Die andern christlichen Bekenntnisse
sie waren zahlreicher^) und vor allem fanatischer gegen die
Lateiner als die verschiedenen Gruppen der Monophysiten, die
Armenier-), Abessinier, Kopten und Jakobiten,
Die niedrigste Stufe nahmen die einheimischen Schismatiker,
die Surianer oder Gürtelchristen ^), ein. Ritter Grünemberg
sagt von ihnen ^): „Deren sind viele gar arme elende Leute,
und sind gar verachtet von den Sarazenen und vielen andern
Glauben; denn sie werden für gar furchtsame und unkriege-
rische Leute geschätzt, und ist man viel Leichtfertigkeit an
ihnen gewohnt, als Lügen ^), Stehlen und Verraten . . . Sie
halten ihr Gesetz beinahe wie die Griechen, denn allein, daß
sie gern Messe lesen auf dem Heiligen Grab, und bitten dann
die Barfüßer demütigiich, ihnen das zu erlauben; das tun die
dann mit gutem Willen. Sie halten in ihrem Gesetz viele der
sarazenischen Gewohnheiten und Gesetze mit ihren Weibern,
also daß keines ihrer Weiber sich sehen läßt ohne einen
schwarzen Schleier vor ihrem Angesicht . . . Sie haben zu
Jerusalem eine Kirche an der Stelle, da einst das Haus der
Mutter Sankt Johannes des Evangelisten gestanden hat ... Sie
haben stets Tag und Nacht einen von ihnen im heiligen Tempel.
Sie haben inne im heiligen Tempel Sankt Helenas Kapelle, darin
Schismatiker, wird klar von den Pilgern bezeugt. So sagt Grünemberg 103:
„Sie halten ihr Gesetz beinahe wie die Griechen"; Guglingen 305: „In-
structiones et consuetudines Grecorum . . . observant"; Fabri I 352: „Sunt
infecti erroribus Graecorum"; Surian 71 zählt unter den „sequaci" der
Griechen die „Syriani cioe Christiani de centura" auf.
1) Guglingen 305: „Greci sunt in numero magno Jherosolimis tarn de
clero quam de vulgo plus quam aliqua alia natio."
2) Es liegt außer dem Rahmen nnsers Buches, zu untersuchen, inwie-
weit die Armenier Monophysiten genannt werden können. Da sie das den
Monophysitlsmus verurteilende Konzil von Chalcedon nicht aiinalimen, werden
sie gewöhnlich den Monophysiten beigezählt.
3) Dieser Beiname, den Fabri I 350 den Georgiern gibt, wird verschieden
von den Pilgern erklärt. Surian meint: „E questo e perche inmediate che
sono baptizati, lo prete che li baptiza li cinge una centura." Andere Erklä-
rungen bei Rochechouart, Journal 257; er meint: „est quod decinti gra-
diuntur."
•*) Pilgerfahrt 102.
^) Burkard sagt bereits 1283 von ihnen: „S\Tiaui . . . Latinis nullam
fidem servant"; LaurentSS.
Die andern christlichen Bekenntnisse 157
sie auch Messe halten . . . und gehen mehr gleich den Sara-
zenen gekleidet als den Griechen."
Von der zweiten Gruppe der Schismatiker, den Georgiern,
die Surian „schlimmste Ketzer" und „den Griechen an Bosheit
gleich" nennt Ol erzählt Grünemberg -) : „Dieses sind tapfere
Leute, und haben eigene Könige und Fürsten, und sind gar
mächtig und trutzige, kriegerische Leute. Ihre Länder liegen
um den Berg Caspios genannt . . . Item sie haben den heiligen
Ritter Sankt Jörgen in großen Ehren und als ihren obersten
Patron . . . Item sie ziehen oft gen Jerusalem nach Pilgerweise
und besuchen auch da die heiligen Stätten Christi, und geben
den Sarazenen keinen Zoll noch Kurtesien ^) . . . Sie gebrauchen,
was die geistlichen Ämter antrifft, griechischen Glauben und
Sprache . . . haben inne die Findung des heiligen Kreuzes, da
brennen sie drei Ampeln. Sie haben auch inne den Berg
Calvarie . . . und eine Kapelle unter dem Berg Calvarie, da
der Riß durch den Felsen gegangen ist in dem Leiden
Christi."
Sehr bitter und erregt sprechen die Pilgerbücher von der
dritten und Hauptgruppe der Schismatiker, den Griechen.
Diese „maledeiten Griechen", sagt Surian *), sind Gott und der
heiligen Kirche lästig. Unaufhörlich rufen sie durch ihre Irr-
lehren den Zorn Gottes auf sich herab und beschimpfen damit
die wahre Kirche. Sie sind es, die uns Brüder und Diener
Gottes unaufhörlich verfolgen. Wegen ihrer Hartnäckigkeit
haben sie den Fluch Gottes und der Kirche erhalten, alle
Herrschaft verloren und ziehen wie die Juden zerstreut durch
die Welt. Alle andern christlichen Nationen sind diesen treu-
losen Ketzern feindlich mit Ausnahme der Georgier. „Nie",
meint Fabri 0, „würden die Türken und Sarazenen solche Fort-
schritte gemacht haben, wenn jene Griechen nicht Verräter
gewesen wären. Die andern morgenländischen Christen wären
längst zur Einheit der Kirche zurückgeführt und könnten heute
leicht zurückgeführt werden, wenn nicht die ungläubigen und
1) Trattato 74: „pessimi heretici, siraili alli Greci, e pari in malltia."
2) Ebd. 109. 3) Trinkgelder.
^) Trattato 71 — 74. ^) Evagatorium I 3.50.
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160 Die candern christlichen Bekenntnisse
Stolzen Griechen im Wege wären und die zurückgeführten
wieder verleiteten. Trotz dieser Laster wagen sie es, die
heiligste Kirche des Grabes des Herrn zu betreten, und sie,
die das Haupt der Bosheit sind, haben sich das Haupt der
Kirche ungerechter Weise angeeignet und besitzen heute das
Chor mit dem Hochaltar und halten viele Lampen vor dem
Altare angezündet. Auch haben sie den Kerker des Herrn . . .
und den Ort der Verteilung der Kleider Christi." Grünemberg
ergänzt, daß „sie große Verächter unseres Glaubens sind . . .
Sie tun unsern Priestern, Messen noch Sakrament gar keine
Reverenz noch Ehre, sitzen und stehen als die Stöcke, aller
Achtung mangelnd. Und wenn unserer Priester einer Messe
läse auf einem ihrer Altäre, lassen sie den darnach waschen,
gleich als ob er verunreinigt sei" 0-
Daher waren Beziehungen zwischen ihnen und unsern
Brüdern selten. Wir hören kaum, daß die Griechen an den
Festen der Lateiner und diese an ihren Feierlichkeiten teil-
nahmen, höchstens daß die Griechen am Pfingstfeste auf den
Sion kamen ^), die Franziskaner aber am Feste des hl. Sabas
sein Kloster aufsuchten, dort mehrere hl. Messen lasen und
ein feierliches Hochamt hielten, eine Sitte, die ein griechischer
Oberer 1482 ohne Anlaß störte. P. Walther von Guglingen, der
in jenem Jahre mit acht Brüdern vom Berge Sion und zwei
von Bethlehem nach St. Saba gegangen war, erzählt ^), der
Obere der griechischen Mönche habe die in großer Zahl herbei-
geeilten Pilger aufgewiegelt und ihnen gesagt, er werde, wenn
1) Pilgerfahrt 102. Tu eher, Reyßbuch Bl. 355 \ bestätigt dies: „Unter
allen sind die Griechen uns Christen an dem allerwiderwärtigsten und un-
gleichesten, denn sie wollen auch nicht, daß unsere Priester auf ihren Altären
Messe lesen." Vgl. Rochechouart, Journal 225.
2) Vgl. oben S. 48.
^) Itinerarium 131. Sollweck bemerkt in einer Anmerkung, daß sich
über diese regelmäßige Wallfahrt der Brüder „sonst nirgends eine Angabe"
finde. Surian erwähnt dieselbe auch; er sagt Trattato 125: „El di de sancto
Sabba vi andamo a cantar la messa e far 1' officio"; desgleichen Nikolaus
von Farnad Bl. XV ^': „Ad diem festum sancti Sabbe . . . nos etiam Fratres
Minores illuc de Monte Sion quolibet anno ad dictum festum simul cum aliis
nationibus properamus ac ibidem vesperas, missas cum matutinis decantantes
revertimur ad loca nostra."
Die andern christlichen Bekenntnisse 161
die Lateiner das Offizium in der Kirche feierten, dieselbe mit
seinen Brüdern verlassen und daselbst nicht mehr Gottesdienst
halten. „Wir kamen dadurch", sagt P. Walther, „in große Ver-
legenheit, da wir nicht gern unsere alte gute Gewohnheit auf-
geben, das Volk aber auch nicht des Gottesdienstes berauben
und gegen uns erregen wollten. Nachdem wir alle Paramente
herbeigebracht hatten, bereiteten wir in der Zelle den Altar
und lasen einer nach dem andern die hl. Messe bis auf den,
der in der Frühe die Messe in der Kirche singen sollte. Hierauf
gingen wir in die von Leuton angefüllte Kirche und begannen
den Altar für das Hochamt herzurichten. Als das die Mönche
und andere Laien sahen, fingen sie an zu murren und schickten
arabische Bauern zu uns mit der Warnung: > Singt nicht die
Messe; sonst wird es euch schlecht gehen. Wir nahmen darauf
unsere Sachen und eilten zur Türe, um bald zum Berge Sion
zurückzukehren. Man hatte aber die Türe geschlossen und
erhob lautes Geschrei wider uns; einige wollten, daß wir den
Gottesdienst halten sollten, andere widersetzten sich, und wir
standen fast eine halbe Stunde in Gefahr an der Pforte, bis
wir hinausgehen durften. Endlich öffnete sich die Pforte, und
so entgingen wir im Namen des Herrn der Gefahr; denn es
war kein genügender Grund für das Martyrium."
Weit freundlicher waren die Beziehungen der Lateiner
zu den monophysitischen Christen, besonders zu den hervor-
ragendsten unter denselben, zu den Armeniern. Surian sagt,
sie seien „unsere besten Freunde" '), die an unseren l'eiern
teilnahmen ~) und uns manchen Fortschritt vermittelten. Als
Sultan Soliman während des Krieges mit Venedig die Franzis-
kaner mehrere Jahre einkerkerte, hüteten die Armenier wäh-
rend ihrer Abwesenheit treu das Heiligtum zu Betlehem ^). Den
Lateinern kam die „unversöhnliche Feindschaft" zwischen den
1) Trattato 75: „nostri procipiii ainici".
2) Gugiingon, Itincrariiim 14(), beschreibt eine Wallfahrt, die die Brüder
Ostern 1483 zum Jordan mit den Armeniern und Abessiniern maciiten. Vgl.
ebd. 138 über die Teilnahme des armenischen Kh-rus an der l'ro7.ession auf
Palmsonntag.
') Amico 12.
Franzisk. Studien, Beiheft 4: Lemmens, Die Franziskaner : uf dem Sion. U
j^62 Die andern christlichen Bekenntnisse
Armeniern und Griechen zustatten, von der uns die Pilger
berichten ').
In der Grabeskirche hatten die „dreimal maledeiten Arme-
nier", wie sie der Russe Grethenius nennt ^), den ganzen Kal-
varienberg. Den einen Teil überließen sie den Franziskanern;
den andern entwanden ihnen 1475 durch Intrigen und Bestechung
des Hofes die Georgier. Seitdem waren sie, wie Eyb sagt ^),
„für die mindesten geachtet im Tempel des Hl. Grabes" und
mußten sich mit einem Teile der Rotunde oberhalb des Platzes
der hl. Frauen begnügen, wo sie ihr Chor einrichteten *). Außer-
dem hatten sie in Jerusalem die Kirche des hl. Jakobus zwischen
dem Sion und der Burg Davids inne und das Haus des Kaiphas
unweit des Zönakulums. Die lateinischen Pilger urteilen günstig
über sie. Sie haben, sagt Grünemberg ^), „gar ehrbaren Wandel
und ehrsame Kleider und geben der Welt gar gutes Vorbild
und haben Messe und beten gar andächtiglich und tun unsern
Sakramenten und Priestern große Ehre". Wiederholt versuchten
die Franziskaner, die Armenier mit Rom zu vereinen; doch war
diesen Bemühungen nur ein vorübergehender Erfolg beschieden.
Dieselben guten Beziehungen bestanden zwischen den
Lateinern und Abessiniern. „Sie lieben", meint Sudan, „die
Franken und vor allem uns Minderbrüder sehr" '). Die Pilger
rühmten das fromme, arme und strenge Leben der Abessinier
Jerusalems. Diese suchen, sagt Grünemberg"), „gar viel die
heiligen Stätten auf zu Jerusalem ^) und beten gar andächtig-
lich. Sie halten dafür, daß Gott kein größeres Gefallen sei,
denn Armut; darum verlassen sie oft großes Gut. Sie . . . tun
1) Guglingen 306: „Inter hos et Grccos exorabiles sunt discordie
et dissensiones implacabiles et invicem alii aiionini ritus detestanlur." Fabri
I 352: „Sunt Graecorum implacabiles inimici."
2) Khitrovo 183. 3) Eyb 39.
•*) Fabri I 352: „Habuerunt Montem Calvariae, sed eo amisso emerunt
a Soldano locum in superiori templi ambitn, et ibi*choi'um consecraverunt, et
habitacula fecerunt." ••) Pilgerfahrt 109.
*>) Trattato 77 : „Questi . . . amano niolto li Franchi e sopra modo nui
frati Minori." ") A. a. O. 111.
'^l Vgl. A. Dunkel, Abessinien in Palästina. In: Das hl. Land, Jahrg.
50, 51, 52.
Die andern christlichen Bekenntnisse 163
große Kasteiimg ihrem Leibe und gehen barfuß um Gottes
willen . . . Wenn sie Fest und hochzeitlichen Tag haben, so
kommen sie zusammen, beide, Frauen und Männer, und machen
einen Ring und heben an zu singen, springen auf mit ihren
Füßen, schlagen beide Hände ineinander und klopfen. Das
treiben sie oft die ganze Nacht durch, daß ihrer manchmal
viele gar krank davon werden, besonders die österliche Nacht 0-
Sie haben . . . inne im heiligen Tempel einen Altar, darunter
die Säule steht, darauf Christus gekrönt ward, und haben ihre
Kapelle und Wohnung auf der linken Seite ^). Sie haben auch
Messe im Heiligen Grab, doch nicht anders denn mit Erlaubnis
der Brüder Sankt Franzisci." Wie die Georgier, so wurden
auch die Abessinier durch die Armut im 1 7. Jahrhundert ge-
zwungen, die Grabeskirche zu verlassen-'); ihre Stätten fielen
an die Griechen.
Eine andere Gruppe der Monophysiten, die Jakobiten,
verwaltete das an die Rückseite der Grabeskapelle anstoßende
Kapellchen, das später an die Kopten überging. Der von
ersteren früher behütete Salbungsstein ^) ist gemeinsames Gut der
Lateiner, Griechen, Armenier und Kopten geworden. Letztere
hatten um 1500 keinen dauernden Wohnsitz in Jerusalem^);
und ebenso nicht die Maroniten, die nur als Pilger zu den
Festen kamen und, wie Morosini sagt "), „keine eigene Stätte
haben, sondern zelebrieren, wo sie wollen, und meist als Ka-
tholiken an den Stätten unserer Brüder".
1) Auch erwähnt von Fabri I 351 und Gu gl in gen 142 ii. :i07. Der
Braucli besteht noch heute, wie wir in der Osternacht 1915 beobachteten.
-) Auf der linken Seite beim ICingang in die Grabeskirche. Ks ist die
Stätte, an der die Gottesmutter „neben dem Kreuze Jesu stand". Vgl. Fabri
I 351 : „Capella eorum cum aitaribus, in qua cottidiana sua Olficia peragunt,
est ad sinistram partem, circa Ingressum sancti sepulchri"; ebd. I 315 und
Guglingen 282.
•'*) Vgl. Golubovich, Hörn 42, und P. Vincent, Jerusalem II 290.
*) Fabri I 351 von den Jakobiten: „Hi habent parvam capeliam an
nexam dominico Moniimento, in qua habetur altare et lampades. Locum etiam
inunctionis Domini possident, in quo VII habent lampades ardentes." Das-
selbe bei Grünemberg 107.
■') Vgl. Surian 79. Die andern Pilger dieser Zeit erwähnen sie nicht.
'') Vgl. Surian, Trattato G8 Anm. 2.
11*
164
IX. Arbeiten der Brüder. Gottesdienst an den
hl. Stätten. Sorge für die Pilger. Almosen.
Aufgabe der Franziskaner Palästinas war in jener Zeit
niclit die Missionstätiglceit in gewöhnlichem Sinne. Seelsorgliche
Arbeit unter den Bewohnern des Landes kam kaum in Frage.
Lateinische Christen gab es in Palästina außer den Klö-
stern nicht. Surian sagt ausdrücklich: „Es wohnt kein einziger
katholischer Christ im Hl. Lande, weder Welt- noch Ordensleute,
mit Ausnahme unserer Brüder und unserer Schwestern vom
Dritten Orden" '). Wegen der großen Gefahren, die mit dem
Aufenthalte unter den Moslems für die Katholiken verbunden
waren, wurde dieser wiederholt von der Kirche verboten ^')-
Nur Kaufleute, vorwiegend Venezianer, hielten sich in ein-
zelnen Handels- und Karawanenstädten Ägyptens und Syriens,
in Kairo, Alexandrien, Damaskus, Tripolis, Hama und Aleppo
auf. Sie wurden jährlich in der Fastenzeit von unseren Brüdern
besucht, die ihnen predigten und die hl. Sakramente spendeten^).
Auch fehlten noch die verschiedenen Gruppen der morgen-
ländischen unierten Christen.
Unter den Sarazenen war jede Missionsarbeit unmöglich
und die öffentliche Predigt des christlichen Glaubens vor ihnen
streng verboten. Schon der erste Pilger, der unsere Brüder in
Jerusalem traf, sagt ausdrücklich, daß ihnen verboten sei, den
Sarazenen zu predigen^); Philipp von Hagen wiederholt dieses
am Ende unserer Zeit und ergänzt: „Darnach predigte man
uns Pilgern allein; sonst dürfen die Brüder nicht predigen, auch
keine Glocke läuten; wenn sie ihre Zeiten singen wollen, so
kleffen sie wie am Karfreitag" ^). Als Brüder 1364 und 1391
1) Trattato 64 : „Verun altro chrisüano catholico habita in Terra Sancta,
nö seciilari, ne rcligiosi, excepto li frati nostri, e le Bizocho nostre del terzo
Ordine." Vgl. Guglingen 307; Fabri II 205 und andere.
'-) Burkard meinte bereits: „Peiores sunt Latini omnibus babitatoribus
aliis"; Laurent 88. '^) Surian 113 Anm. 2. *) Vgl. oben S. .50.
■"') Conrady 251; Fabri I 242: „Non enim habent nee campanas, nee
nolas, nee tintinabula, nee sinuntur quovis modo bubere ab infideübus, sed
tabulis ligneis dant ad Otlicla Signa, sicut nos facimus ferla VI. Parasceves."
Arbeiten der Brüder 165
versuchten, den Sarazenen zu predigen, trug ihnen der Versuch
die Krone des Martyriums ein ^).
Neben den Sarazenen wohnten nach Fabri -) in Jerusalem
über fünfhundert Juden und tausend morgenländische Christen,
meist Schismatiker ^), deren feindliche Stimmung gegen die
Abendländer eine Annäherung unserer Brüder verhinderte, öfter
traten sie hingegen mit den monophysitischen Bekenntnissen in
Verbindung; wiederholt waren Brüder der Palästinamission an
den Arbeiten für ihre Wiedervereinigung mit Rom beteiligt ^).
Und der große Apostel der Maroniten, der ehrwürdige P. Gripho,
hatte sich im Sionkloster auf seine segensreiche Tätigkeit unter
den Bewohnern des Libanon vorbereitet ^).
Hauptaufgabe unserer Brüder war es, die den abendlän-
dischen Christen anvertrauten heiligen Stätten zu hüten und in
Ehren zu halten, den Gottesdienst an ihnen zu feiern und den
katholischen Pilgern Führer und Berater zu sein. Und diesen
Aufgaben haben die Franziskaner in unübertrefflicher Weise
entsprochen; Freund und Feind, alle Nationen und Konfessionen
sind einstimmig in Anerkennung ihrer Verdienste. „Der Name
Franziskaner allein", schreibt der evangelische Theologe Julius
Böhmer^), „sagt hier genug: sie haben von jeher in Arbeit und
Leiden getan, was sie konnten und sind vor keinem Martyrium
zurückgewichen." Ein Schweizer Pilger faßt die Geschichte
unserer Mission in die Worte zusammen'): „Sie... ist eine
Geschichte von fast beispiellosem Heroismus, rührender Treue
und eines jahrhundertelangen Martyriums . . . Die einzigen
Beschützer der heiligen Stätten . . ., die einzige Zuflucht der
Pilger und die alleinigen Seelenhirten der römisch-katliolischen
1) Vgl. oben G4 und 84.
-) Evagatoriuin II 20'): „Sunt etiam ibi plus quam quiugcnti Judaei et
ultra inille Christiani de omni secta et terra."
â– â– ') Vgl. das Zeugnis Guglingens oben S. 156 Aiim. 1.
^) Vgl. Surian 79—87.
'•>) Vgl. H. Lammens S. J., Fröre Gryphon et le Liban. In: Revue de
rOrient Chretien, IV (58—104. — Es liegt außer dem Zwecke dieser Schrift,
die Arbeiten der Brüder außerhalb Palästinas zu behandeln.
•*) Gegenwartbilder aus dem hl. Lande, Cassel o. J., 45.
■) G. Baumberger, Im Banne von drei Königinnen I, Einsiedeln o.J., 165.
166 Gottesdienst an den hl. Stätten
Araber. Was sie gelitten, füllt Bände, ganze Bände auch die
Wohltaten, die sie gespendet. Ohne sie wäre wohl das letzte
Heiligtum in Palästina heute den Katholiken entrissen." Aber
die Brüder wachen nicht. „In Jerusalem", schreibt Chateau-
briand in seiner Pilgerfahrt, „leben christliche Mönche, die nichts
bewegen kann, das Grab des Heilandes zu verlassen, nicht Plün-
derungen, nicht Mißhandlungen, nicht Todesdrohungen. Ihre
Gesänge ertönen Tag und Nacht um das Heilige Grab. Hat
morgens ein türkischer Befehlshaber sie geplündert, so findet
man sie abends wieder auf dem Kalvarienberg betend, auf der
Stelle, wo Christus für das Heil der Welt gelitten."
Die Pilgerberichte lassen drei Arten des Gottesdienstes
unterscheiden, den regelmäßigen, der gewöhnlich auf dem Berge
Sion in der Grabeskirche und zu Bethlehem stattfand, und den
besonderen, der an bestimmten Festen oder Stationen gehalten
wurde. Der Gottesdienst an den heiligen Stätten machte tiefen
Eindruck auf die Pilger, besonders die Nacht, die sie sich mit
den Brüdern in der Grabeskirche einschließen ließen, um an
allen Feierlichkeiten teilzunehmen; sie bildete den Höhepunkt
der Wallfahrt, und die Prozession, die sie mit den Franziskanern
zu den einzelnen Heiligtümern der Basilika machten, blieb den
Pilgern unvergeßlich. Wie wir aus der Beschreibung entnehmen,
die uns Marian von Siena 1431^) und P. Felix Fabri 1483^)
geben, nahm der fromme Zug seinen A.nfang in der Marien-
kapelle, wo die Geißelsäule und die Kreuzpartikel verehrt wurden,
und ging an der Stätte, auf der Maria Magdalena den auferstan-
denen Heiland sah, vorbei zum „Gefängnis" des Erlösers, in
dem er warten mußte, bis die Vorbereitungen zur Kreuzigung
auf Golgatha getroffen waren. Die Pilger küßten die Stätte,
verrichteten die Ablaßgebete und zogen weiter zur Stelle, an
der die Soldaten die Kleider Christi unter sich verteilt hatten.
Dann stiegen sie hinunter zur Kapelle der hl. Helena und
zum Orte, an dem diese das Kreuz Christi gefunden hatte,
und zogen unter Gesang des Hymnus „Vexilla Regis" an der
Kapelle der Dornenkrönung vorbei hinauf zum Kalvarienberge.
1) Viaggio 73 ff. â– â– ^) Evagatoriiim I 285 ff.
Gottesdienst an den hl. Stätten 167
„Als wir oben ankamen", sagt Fabri, „fielen wir alle auf unser
Antlitz, und man hörte keinen Gesang mehr, sondern nur Seufzer,
nicht Hymnen, sondern Weinen und Wehklagen. Es gab nie-
mand, der seine Tränen und Seufzer beherrschen konnte. Wer
könnte auch ein so hartes Herz haben, daß es nicht an der
Stätte geöffnet würde, an der er mit seinen Augen das Loch
im harten Steine schaut? Wer sollte nicht da mit lautem
Seufzen wehklagen, wo Christus unser Gott am Kreuze han-
gend mit lauter und starker Stimme rief, wo er für die
Kreuziger betete, dem Räuber das Paradies versprach, die
tiefbetrübte Mutter dem Johannes empfahl, mit Galle und Essig
getränkt wurde, wo er erklärte, daß alles daselbst vollbracht
sei, wo er den Geist in die Hände des Vaters empfahl und
verschied . . . Siehe hier, frommer Pilger, den vom Bruder
getöteten Abel, den vom Vater gebundenen Isaak, die von Moyses
erhöhte eherne Schlange, das nach dem Gesetze geopferte Oster-
lamm, den vom Menschen getöteten Gott, den im Fleische ge-
kreuzigten Jesus, deinen am Kreuze hängenden K()nig, deinen
zum Tode verurteilten Herrn, der sanft und demütig und un-
schuldig mit Blut überströmt ist, Priester und Opfer ')• Dieses
und ähnliches erwogen wir an diesem furchtbaren Orte und
verblieben lange Zeit hingestreckt im Gebete. Nachdem wir
das Gebet beendet, trat einer nach dem andern zum heiligen
Felsen und zum Kreuzesloche und küßte die Stätte mit besonderer
Andacht, und jeder legte sein Gesicht, die Augen und den
Mund darauf, . . . und wir steckten die Hände und den Arm in
das Loch bis auf den Boden . . . Wir verweilten so mit der
Prozession mehr als eine Stunde auf dem Kalvarienberge unter
Gebet und Andacht in der vorangeschrittenen Nacht". Dann stiegen
sie mit dem Hymnus „Fange lingua" hinunter zur Stelle, auf der
die frommen Juden den Leichnam Jesu wuschen und salbten.
Von dort ging es zum Grabe des Herrn, wo die Prozession ihr
Ende nahm.
1) Ebd. 299: „Ecce, peregrine devote, hie Abel occisus a l'ratre, Isaac
ligatus a patre, serpens aeneus suspensus a IMoyse, agnus paschalis immolatus
in lege, Dens occisus ab homine, Jesus crucifixus carne, rex tuus suspensus
cruce, Dominus tuüs condemnaUis morte, mitis et huniilis et innocens perfusus
cruore, sacerdos et hostia offerens sese."
168 Gottesdienst an den hl. Stätten
Es ist fast die gleiche Prozession, wie sie noch heute
jeden Nachmittag von den Franziskanern und Gläubigen gehalten
wird; nur einige Besuche sind umgestellt 0", und die Gebete,
die uns Marian aufgezeichnet, sind zum Teil bis heute geblieben,
während die Hymnen vermehrt wurden, überhaupt leuchtet
in der Geschichte der Franziskaner Palästinas eine wohltuende
Liebe zum Hergebrachten hervor und eine eiserne Beständig-
keit, mit der sie allen Schwierigkeiten und Opfern trotzten und
die fest umschriebene Aufgabe verfolgten -).
Auch die vor Jahrhunderten gehaltenen Stationen werden
noch heute von den Brüdern beinahe sämtlich gefeiert. P. Niko-
laus Wanckel zählt 1517 dreizehn Stationen auf^). Er beginnt
mit der Station am Palmsonntag*). Die zweite war Weihnachten
zu Bethlehem: „die erste Messe wird gehalten in der Kapelle
der Jungfrau Maria, an der Stätte, da Christus geboren ist, die
andere an der Stätte derselben Kapelle, da Maria das Kindlein
Jesu in die Krippe gelegt, die dritte in derselben Kapelle, da
die Drei Könige waren". Die dritte und vierte Station werden
gleichfalls zu Bethlehem am Tage der Beschneidung Christi
gehalten, die fünfte am Gründonnerstage in der Grotte der Todes-
angst, die sechste Karfreitag auf Golgatha, die siebente Kar-
samstag in der Marienkapelle der Grabeskirche, die achte
ebenda am Osterfeste; „und dann gemeinlich alle Barfüßer die
Messe halten auf dem Altare, der über das Heilige Grab auf-
1) So findet jetzt der Besuch der Stätte, an der Maria Magdalena den
auferstandenen Erlöser schaute, nach dem Besuche des Heiligen Grabes statt.
'-) Ob diese konservative Richtung nicht auch ihre Schattenseiten hatte
und Fortschritten hinderlich war, wird in dem Verlauf der spätem Geschichte
zur Sprache kommen.
3) Kurtze Vermerckung Bl. Eij^'.
^) Die früher von den Armeniern (vgl. Deycks 76) am Palmsonntag
gelialtene Prozession war eine Zeitlang eingestellt worden, bis sie von den
Franziskanern wieder aufgenommen wurde. Vgl. Fabri I 369. Es dürfte
seinen Grund haben, daß P. Wanckel diese Station an erster Stelle erwähnt;
nach der Beschreibung, die uns Gugllngen, Itinerarium 137, und Surian,
Trattato 105, von derselben geben, scheint sie die größte Aufmerksamkeit der
Christen und Sarazenen auf sich gelenkt zu haben. Sollweck macht (a. a. 0.
Anm. 2) darauf aufmerksam, daß andere Beschreibungen der Prozession fehlen ;
das erklärt sich dadurch, daß fast alle Pilger im Sommer nach Palästina
kamen, daher nicht Augenzeugen der Feier sein konnten.
Gottesdienst an den hl. Stätten 169
gesetzt ist, und heben an von der zwölften Stunde der Mitter-
nacht, darum daß sonst auch andere Sekten des Morgens kommen
und das Heilige Grab heimsuchen, aber niemand liest Messe
denn wir Barfüßer." Die neunte Station fand Christi Himmel-
fahrt auf dem ölberge statt, die zehnte am Feste der Geburt des
hl. Johannes des Täufers an der Stätte seiner Geburt, die
elfte am Feste der Himmelfahrt Mariens im Tale Josaphat, die
zwölfte am Tage der heiligen Drei Könige beim Jordan ^ und
die dreizehnte am Freitag nach Lätare zu Bethanien am Grabe
des Lazarus ^).
Wanckel bemerkt dazu, daß die Brüder von Jerusalem zu
den Stationen pilgern, die in Bethlehem gehalten werden, während
die Brüder von Bethlehem zu den Stationen nach Jerusalem gehen,
sowie „daß man die Stationen alle verbringen und vollenden
muß vor dem Aufgang der Sonne oder ein wenig darnach von
der Beleidigung und des Verspottens der Ungläubigen wegen".
Eine Ausnahme machte die Prozession, die am Palmsonntag
von Betfage auf den Sion ging; sie wurde am hellen Tage
unter solcher Beteiligung und Begeisterung der Menge gehalten,
daß niemand störte ^), und auch die zuschauenden Sarazenen
nach Surian ^) zur Andacht gestimmt und zum Lobe unseres
Herrn gedrängt wurden. Der Obere des Sionklosters bestieg
zu Betfage, mit dem Pluviale bekleidet, einen Esel und zog mit
den Brüdern, die Palmen und Ölzweige trugen, über den ölberg
zur Stadt. Die armenischen Priester schlössen sich in den geist-
lichen Gewändern an; ihre Gläubigen breiteten die Kleider auf
den Weg und küßten nach Guglingen ^) Esel und Reiter. Die
1) Die Vermutung Solhvccl^s, Guglingen 146 Anm. ;{, diese Prozession
sei uuf Ostern verlegt worden, trifft also nicht zu; vgl. auch Surian 1:50;
Ansclm von Krakau 788. Jetzt wird diese Station nicht mehr gehalten.
-) Vgl. Surian 126: „Cantata che e la messa, el Padrc Guardiano
fa tute quelle cerimonic che fece Christo quando lo resusilö."
•'j Nikolaus von Farnad Bl. XllI^, von dieser Prozession: „Cum
pagani muiti nos videant et aspiciant, nullus tarnen eorum nos impedit" ;
dasselbe Wanckel Bl. Cij\
i) Trattato 105.
•') Itinerarium 138: „Sequebatur nos omnis nuiltitudo populi, et maxime
natio Armenorum cum presbyteris indulis casulis et laicis utriusque sexus,
qui omnes precurrebant spoliantes se propriis vestimentis, et sternebaut in
170 Sorge für die Pilger
ganze Straße war mit Blumen und Teppichen geschmückt und
hallte wieder von dem Hosanna und den Hymnen des jauch-
zenden Volkes. Es war ein Triumphzug der Christen und ein
Schauspiel i'lir die ganze Stadt.
Der Gottesdienst der Franziskaner hob sich schon damals
durch seine Ordnung und Ruhe vorteilhaft von den Feierlich-
keiten der morgenländischen Christen ab. Die Beschreibung,
die Guglingen von der Osterfeier am Hl. Grabe gibt 0, läßt
diesen Unterschied klar hervortreten und gilt in allem noch
heute. Nachdem die Griechen, Armenier und die übrigen Be-
kenntnisse des Morgenlandes in kostbarem Aufzug und „mit
großem Jubel" dreimal um die Kapelle des Hl. Grabes gezogen
waren, ordneten sich die Brüder mit einigen Maroniten und
abendländischen Pilgern zur Prozession. Alle trugen wertvolle
Gewänder und brennende Kerzen und alle zogen unter Hymnen-
gesang dreimal um das Hl. Grab. Als sie anfingen, sagt Gug-
lingen ^), da „verstummten alle Nationen, eilten herbei und
schauten die andächtige und geordnete Prozession der Katholiken".
Mit derselben Treue und dem gleichen Erfolge haben un-
sere Brüder ihrer zweiten Aufgabe, der Sorge für die Pilger,
entsprochen. „Es ist nicht möglich zu schreiben", sagt 1495
die Pilgerfahrt des Pfalzgrafen Alexander ^), „wie freundliche
und brüderliche Liebe die Brüder den Pilgern bewiesen haben."
Die Zahl der Pilger, die das Hl. Land aufsuchten, war
sehr groß; vor allem waren es die Deutschen, die den weiten
Weg, die großen Beschwerden der Reise, die vielen Unannehm-
lichkeiten und Gefahren des Aufenthaltes im Morgenlande nicht
scheuten. Fast alle fürstlichen und gräflichen Familien Deutsch-
lands sind in der langen Pilgcrliste, die Röhricht zusammen-
gestellt hat^), vertreten.
via oranes claraantes et dicentes : »Benedictus, qui venit in nomine Domini«,
accurrentesque tangendo et osculando tam nie quam asinum, cupientes de
foliis palme, quam tenui manu, quibus ego distribui."
1) Itinerarium 145.
■-) „Tunc omnes nationes siluerunt, accurrentes et videntes devotam et
ordinatam processionera Catholicorum." ^) Reyßbuch Bl. 40'" und 41 \
Röhriclit-Meisner, Deutsche Pilgerreisen 465 ff. Die seitdem (1880)
veröffentlichten Berichte vermehren die Liste beträchtlich.
Sorge für die Pilger 171
„Welcher Mensch zu dem Heiligen Grab will ziehen",
sagt 1523 Philipp von Hagen 0, „der soll drei Säcke mitnehmen;
den einen Sack soll er mit guten venediger Dukaten füllen,
auch Silbermünzen . . ., darbei den andern Sack . . . mit Pazienz
oder Geduld; denn was ihm für Schand oder Schaden begegnet,
das soll er willig annehmen und leiden; den dritten Sack soll
er füllen mit dem Glauben; also wenn er die heiligen Stätten
wird sehen, da Jesus und die Heiligen gelitten und gewandelt
haben, oder was man ihm sagen wird, das muß er glauben."
Die Kosten der Reise waren verschieden, je nach den
Ansprüchen und der Begleitung. Während Wilhelm der Tapfere
von Thüringen, der 1461 mit 91 Personen nach Jerusalem pil-
gerte, 600 000 Mark brauchte, und Marian von Siena 1433 als
Gesamtausgabe für die Reise 280 Dukaten rechnete ^), gab Ritter
Grünemberg 1486 „für Essen, Fahrlohn, alle Zölle und Geleit"
38 Dukaten; nur in den Häfen mußte er für sich selbst sorgen^).
Nach Surian konnte man die ganze Pilgerfahrt für 43 Dukaten
machen, 30 für die Reise zu Schiff und in Palästina, 10 für
die Abgabe an den Sultan, die verschiedenen Behörden, Wächter
und Wegeaufseher, sowie 3 für die Reittiere ^). Die Franzis-
kaner, die zum Dienste an den heiligen Stätten nach Palästina
reisten, fuhren auf einigen Schiffen ganz frei, auf anderen waren
zwei frei und die übrigen mußten 10 Dukaten zahlen, während
Franziskanerpilger den Schiffsherren 15 bis 20 Dukaten geben
mußten ^).
1) Conrady 230.
-) Röhricht-Meisner 7 Anm. 1. Ebd. Ki Aiim. :! über den Wert des
venezianischen Dukaten. •'*) Pilgerfahrt 20.
■*) Surian, Trattato IG. Vgl. dazu Röhricht-Meisner 13 Anm. 2. —
Die oft wechselnden Abgaben der Pilger waren nach Surian a. a. O. : „Per
lo tributo del Soldano ducati 7 et g;osi 17. Per lo turcimano del Soldano
ducato 1. Alli maostri de la porta del Santo Sepolchro grosi 23 ^/o. Per sei
lochi I Bethlehem, Bethania, St. Johann, olborg. Grab der Gottesmutter, Be-
thesda-Teichj 1 groso per loco. Per li guardani che guardano le strade in
octo lochi, 1 groso per loco. Per la casa di Rama grosi 4. Per li guar-
diani de la marina groso 1. Per cl signore de Rama grosi 3. AI Signor de
san Zorzi groso 1." — Vgl. Sebastiane Paoli, Codice diplomatico S. 108
Nr. 86, und andere.
■•) Vgl. Surian IG Anm. 2. Nach Br. Gabriel von Rattenberg, der 1527
nach Jerusalem pilgerte, wurde manchmal von den Franziskanern mehr ver-
172 Sorge für die Pilger
Gewöhnlich begann die Seereise Fronleichnam ') und ging
von Venedig aus, an der istrischen, dalmatinischen und griechi-
schen Küste entlang, an Kreta, Cypern, und Rhodus vorbei nach
Jaffa, wo sie nach einer Seefahrt von 6 bis 8 Wochen und vielen
Gefahren und Leiden ankamen. Nach Surian ^) waren die Pilger
früher gern nach Akri gefahren, um den Schwierigkeiten der
Landung im Hafen von Jaffa auszuweichen, und dann durch
Galiläa nach Judäa gezogen. Wegen der Feindseligkeiten und
Erpressungen, die sie von den Bewohnern Galiläas erfuhren ^),
änderte man jedoch um 1460 die Reise und ließ alle Pilger in
Jaffa landen. Für den hierdurch entstandenen Ausfall an Ab-
gaben rächten sich die Bewohner jener Ortschaften an den
Franziskanern, die auf der Reise nach Nazareth oder Damaskus
ihre Gegend passierten. Besonders feindselig waren die Araber
von Dschenin, dem Orte, an dem der Heiland nach der Über-
lieferung die zehn Aussätzigen heilte; Br. Andreas von Foligno,
Br. Simeon von Mailand und andere wurden hier geschlagen
und ins Gefängnis geworfen, bis sie losgekauft wurden. Der
frühere Kustos P. Johann Tomacelli mußte sogar 80 Dukaten
Lösegeld zahlen '^).
Wenn das Pilgerschiff auf der Rhede von Jaffa angekommen
war, wurde der Sandschak von Jerusalem und der Guardian
des Sionklosters in Kenntnis gesetzt. Kein Pilger durfte das
Land betreten, bis er vom Befehlshaber Jerusalems das Geleite
erhalten hatte, das manchmal eine Woche und länger auf sich
warten ließ. Mancher Pilger starb hier im Angesichte des
Hl. Landes, und manches Schiff, das glücklich den Seeräubern
entronnen war, kam noch am Ende in große Gefahr. Sobald
der Guardian oder sein Stellvertreter in Jaffa eingetroffen war ^),
langt, besonders wenn nur wenige Pilger an der Überfalirt teilnahmen ;
vgl. Röhricht-Meisner 403.
1) Golubovich, Hörn 231. 2) Trattato 143.
•') Der „Anonymus von Donaucschingen'", der 1441 mit seinem Hruder
nach Jerusalem fuhr, erzählt, daß die Pilger für das Geleit von Akri nach
Jerusalem 820 Dukaten zahlen mußten; vgl, Röhricht- M eis n er 101.
^) Surian, Trattato 142 Anm. 2.
■>) Nach Verniero, Chronik 699, erhielt das Kloster auf dem Sion für
die vier Reisen, die sie bei jedem Pilgerzuge zwischen Jerusalem und Jaffa
Sorge für die Pilger 173
begab er sich aiiis Pilgerschiff, begrüßte die Reisenden, brachte
Lebensmittel und erteilte die ersten Ratschläge. War dann
endlich der Gouverneur mit seinem Schreiber und den otl'iziellen
Pilgerführern ^) angekommen, so wurden die Pilger ans Gestade
gebracht und streng kontrolliert; jeder mußte seinen Namen
und den Namen seines Vaters angeben, wobei mancher hohe
Herr seinen Stand verschwieg, um der starken Schätzung zu
entgehen. Nach Aufnahme der Liste wurden die Pilger in
einem schmutzigen, gewöhnlich „Keller des hl. Petrus" ^) ge-
nannten, Gewölbe eingesperrt, bis der Schiffsherr mit den Be-
hörden über die Höhe der Abgaben einig geworden war und
jeder Pilger den Passierschein erhalten hatte. Noch mußten
unter vielen Plackereien und großem Lärm der Araber die Esel
gemietet werden, und die Reise nach Ramleh konnte beginnen,
wo die Pilger im Hospiz der Franziskaner einquartiert wurden,
bis der Emir der Stadt befriedigt war und sie nach Jerusalem
weiter ziehen ließ ^).
Manche Pilger haben uns eine anschauliche Schilderung
der fast unglaublichen Opfer überliefert, die mit der Ankunft
im Hl. Lande verbunden waren. Die Lesung ihres Berichtes
erfüllt uns mit Staunen und Hochachtung vor dem Mute jener
christlichen Helden und ermöglicht eine Vorstellung von den
Leiden, die dort unseren Brüdern stets beschieden waren. Ritter
Grünemberg berichtet ""j: Als wir vor Jaffa also nahe als vielleicht
drei Armbrustschüsse kamen, liefen die Sarazenen auf die zwei
Türme, besahen uns und steckten dann auf einen Turm ein
rotes Banner und gaben uns damit Frieden zu erkennen. Dar-
machen mußten („andare e ritornare e poi la partita ancora de Pellegrini da
Gierusalemme . . . che sono 1 viaggi") fünf Dukaten.
1) Fabri I !!):{; Guglingen9H; Grünemberg (Hi. Vgl. Köhricht-
M eisner 23 Anm. 3.
-) Fabri I lOö: „cellaiia S. Petri".
â– '') Die Bewohner von Ramleh werden als besondere Feinde der Christen
geschildert; Fabri I 212: „Singulares enim inimici Christianorum sunt Sar-
raceni et Mauri de Rama, et magni vexatores." Marian von Siena (ral liier
einen venezianischen und genuesischen Konsul; Viaggio 18.
•') Pilgerfahrt G:5 ff. Wir haben mehrere Worte geändert und manches
fortgelassen. Vgl. auch die ausführliche Schilderung bei Fahr! I ls:Uf. ; die
schönen Anmutungen daselbst 195.
174 Sorge für die Pilger
nach nahmen wir die Segel ab und warfen zwei Anker, lind
noch desselben Tags schickte unser Patron seinen Schreiber,
einen geschickten Gesellen, nach Jerusalem um das Geleit.
So lagen wir sechzehn Tage still am Anker, und das Schill"
wiegte und schwankte gar über die Maßen. Die genannte Zeit
wurden uns viele Pilger krank, deren auch etliche starben^).
Endlich kamen gen Jaffa der Herr von Jerusalem mit
seinem Sohn, der Kaiin, der Dolmetsch, der Schreiber und
etliche Herrn und gar viele der Mamelucken, das sind ver-
leugnete Christen, und kamen wohl mit hundert Pferden und
noch mehr Fußknechteu und fuhren desselben Tages auf unser
Schiff und besahen alles Kaufmannsgut darauf und kramten
viel Scharlach. Der Patron ließ ihnen Teppiche auf die Erde
breiten, darauf saßen sie, und mancherlei Essen machen; aber
sie begnügten sich damit nicht und liefen in die Küche und
nahmen den Pilgern, was die für sich selbst kochten. Da liefen
die Niederländer unter die Heiden und nahmen ihnen das Essen
wieder, und hatte der Patron große Furcht, die Heiden würden
von den Pilgern geschlagen.
Als sie aus dem Schiffe geschieden, redete unser Patron:
„Liebe Herrn, ihr Pilger, es haben sich diesmal die Sarazenen
so gar verkehrt, daß wir schuldig sind, euch aus Treue das
zu sagen, und besorgen, daß an euch und uns kein Geleit
gehalten werde, besonders an den Franzosen. Aber ihr sollt
uns das nicht mißdeuten; was euch zugesagt ist, das wollen
wir euch erfüllen und alleweg vorangehen als eure treuen
Väter, und wär's auch zum Tod." Also traten sie ab. Und
ward gefragt ein Herr aus dem Niederland, der sagte: und ob
er wüßte, daß ihn die Heiden töteten, so wollte er dennoch
ins Heilige Land fahren. Dem gab jedermann Folge aus einem
Munde.
Am achten Tage im August fuhren wir in der Barke in
den Hafen Jaffa. Und jeder Pilger hatte einen Sack um den
Hals; darin trug er Brot, eine Flasche mit Wein, dazu etliche
1) Unter seinen Gefährten waren „zwei Barfüßerherrn, die kannten beide
die heidnische Sprache"; einer wurde hei einem Versuche, am Lande Speise
zu kaufen, von einem Sarazenen erstochen; ebd. 64.
Sorge für die Pilger 175
hartgesottene Eier, Käse, einen Kamm und sonst manclierlei.
Von den Sarazenen blieb keiner in seiner Hütte nocli Küche,
sondern alle liefen herzu, uns zu besehen. Jeder hatte eine
Waffe in der Hand, als Lanze, Bogen, Schwert und Kolben;
auch hatte jeglicher einen krummen Degen an. Und da wir
beinahe durch sie hindurch waren, so sitzen der Heiden an
die sechs zu ebener Erde mit gekrümmten Knien auf gar
schönen Teppichen, so ihnen unterlegt waren. Der oberste
war der Herr von Jerusalem mit seinem Sohne, der Herr von
Ramleh, der Kaiin, ?Iauptmann aller Reisigen und auch der
Fußknechte, der oberste Schreiber und der Trütschelmann *),
also hieß der Dolmetsch. Die genannten sechs hatten dazumal
alle Gewalt im Hl. Lande. Und ward jeglicher gefragt vom
Schreiber, wie er hieße; darnach sprach er: „Wie heißt dein
Vater?" Und sobald einer das sagte, so schrieb er die beiden
Namen mit einem Rohr in ein Buch. Darnach führten uns die
Heiden in zwei alte Gewölbe; sie liegen unterm Berg; die
hatten die Heiden und ilire Esel ganz voller Unrat gemacht,
daß es über alle Maßen übel roch. Darin gaben sie einem eine
Handvoll Stroh; das mußte einer lösen mit etlichen Pfennigen,
er nälim's oder nicht, oder es waren ihm gute Streiche bereit.
In den genannten zwei Gewölben oder Löchern lagen
wir bis an den dritten Tag. Die Gürtelchristen brachten uns
Brot, Trauben, gesottenes Fleisch und etlichen Reis und andern
Brei und hartgesottene Eier genug um unser Geld. Dieweil
wir also in den Löchern bewacht lagen, machten die Heiden
und unsere beiden Patrone einen Pakt und Vertrag für Zoll
und Geleit, auch von den Eseln, die wir reiten sollten; wir gaben
dafür 1500 Dukaten. Die Heiden taten uns viel Niedertracht
an, besonders die Nacht. Denn welcher herausgehen wollte,
1) Fabri II 108: „Peregrini Christiani habent in Jerusalem diios ina-
gistros, siiperioroni et inferiorem. Siiperior dicitur Sabatliytanco, et Caiimis
maior. Inferior vocatur Elplialialio, Calinus minor, i. e. magister hospitalis
et peregrinorum. Ambo etiam Calini dicuntiir Trutschelmanni, i. e. defensorcs
et ductores, sive provi-iores Cliristianoriim peregrinorum. Sunt enim in qua-
libet civitate aliqui, quibus soldanus concedit, ut Cliristianos per terram ducant
et eos protegant, et sunt magistri ofliciaies de curia domini Soldani et dicuutur
Trutsclieimanni."
176 Sorge für die Pilgei*
den ergriffen die Heiden und forderten Kurtesie ; welcher dann
ein paar Pfennige gab, dem taten sie nichts; welcher aber
nichts geben wollte, der ward übel geschlagen und von ihnen
von der Erde aufgehoben und in das Loch geworfen. Also
ward in der letzten Nacht ein vornehmer Ritter gar geschlagen,
daß er tags darauf starb.
Item in den Gewölben, einem zu oberst, war im Laufe
der Zeit ein Loch durchgebrochen; und manchmal gingen un-
vermutet in der Nacht die Heiden zum Loch und schütteten ihren
Unrat auf uns und warfen mit Steinen herab auf die Pilger.
Und am Tage, wenn wir vor den Gewölben standen, so warfen
sie auch nach uns mit Steinen, die wie ein Kopf groß waren.
Darnach am Sankt Laurenztag früh um acht zählte man
uns Pilger aus den Löchern oder Gewölben. Die Esel, so wir
alle reiten sollten, waren gekommen, und wir gingen abermals
vor die heidnische Obrigkeit; da gab der Schreiber von Jeru-
salem jeglichem Pilger einen Brief von Papier. So wir nun dahin
kamen, wo die Esel standen, da war ein großes Geschrei von
den Heiden; einer setzte mich gleich auf einen Esel und meinen
Knecht auch auf einen und forderte Kurtesie; dem gab ich für
uns zwei Marzellen ^). Er war's wohl zufrieden und küßte mir
meine Hand und wartete meiner wohl.
Und so wir also anfingen hin zu reiten, fingen die Esel
an zu schlagen und zu springen; ich meine, die Heiden stechen
sie irgend womit, und welchen dann sein Esel abwarf, oder
dem etwa sein Sack oder anderes entfiel, der mußte es lösen
und dann noch Kurtesie geben vom Aufsitzen. Also zog das
Heer dahin, ich zählte an die 300 Pilger. Die Heiden hatten
ihre Fastnacht mit uns und lachten und schrien über uns und
ritten vor und neben uns bei anderthalbhundert Pferden.
Als wir vor ein Dorf ritten, da liefen Frauen und Männer
herzu und warfen uns mit guten Steinen; unsere Geleitsleute
lachten. Um zwei nach Mittag kamen wir Ramleh nahe. Die
Heiden wollten uns nicht mehr weiter reiten lassen -), und
^) Der Marcello hatte den Wert von einer halben Mark heutiger Rechnung.
-) Fabrl I 211: „Xon enini patiuntur pagani, quod Christiani eorura
civitates et oppida ingrediantur equitando."
Sorge füi' die Pilger 177
gingen wir also durch den Sand zur Stadt hin. Und so wir
in die Stadt kamen und durch die Gassen gingen, hatten die
Sarazenen sich gehäutet, uns zu besehen. Deren hatten etliche
kurze wohl gespitzte Stecken, stachen die Pilger in ihre Seiten
und rauften ihnen ihre Barte, darob gar mancher wehklagte.
Und so wir vor das Spital kamen, das ein Herzog von Burgund
gestiftet hat, schlüpften wir, einer nach dem andern, durch
zwei viereckige, enge Löcher. Und alsobald wir in das Spital
kamen, so legten sich vier Brüder auf den Estrich; denen
zündete man die Kerzen an. Zuerst starb ein junger Bannerherr,
Herr Jan Branbork, aus dem Lande Pommern gebürtig. Auch
starb hier Ritter Diepolt von Haspberg. Um die zwei andern
ward es ein wenig besser; der eine war ein mächtiger Abt
aus Frankreich, der andere ein ihm zugehöriger Priester. Die
führte man beide auf Roßtragen gar mit großen Kosten gen
Jerusalem; da starben sie beide auf dem Berg Sion bei den
Brüdern daselbst.
Des nächsten Tages nach Sankt Laurenz kamen die Heiden
ins Spital und forderten unsere beiden Patrone. Sie wollten
wissen, wie viele der Pilger noch wären; sie wüßten, daß
etliche tot wären, derselben Gut wäre ihnen verfallen, weil es
in ihrem Lande wäre. Die beiden Patrone hätten sie gern
beredet und wollten die Wahrheit nicht kund tun noch ein-
gestehen. Nach viel Redens ergriffen sie beide Patrone; und
wollten die wieder frei werden, so mußten sie uns zählen
lassen. Also trieben uns die Heiden allesamt in ein enges
Gewölbe, daß wir auf das allergedrängteste eng einander standen
und viele meinten, die Bösewichter wollten uns da ersticken.
Und so wir eine Zeit lang atemlos gestanden, so zählten sie
uns aus dem Gewölbe; also fanden sie deren zwei weniger,
und nach vieler Rede mußten die Patrone ihnen ein Abfinde-
geld geben.
Darnach schlug ein Heide unsern Weinschenk, einen
Niederländer, genannt Nikola. Der hängte sich an den großen
Heiden und zerschlug ihm sein Angesicht, daß alles gar sehr
blutete. Die Heiden, die das gewahrten, liefen hinzu und
schlangen dem genannten Nikola ein Tuch um den Hals und
Fraiizisk. Studien, Beiheft 4: Lern mens, IJie Franziskaner auf dem Sion. 12
178 Sorge für die Pilger
meinten ihn so zu erwürgen. Da liefen die Pilger hinzu und
erretteten ihn und stießen ihn in ein Gewölbe. Als das die
Heiden sahen, wurden sie über die Maßen zornig und liefen
gegen das Tor des Spitals in der Meinung, die ganze Stadt Ramleh
zu einem Auflauf wider uns zusammenzuschreien. Aber die
Brüder Sankt Franzisci und etliche tapfere Pilger wollten keinen
Heiden hinauslassen. Nikola ließ beide Patrone bitten, daß sie
einen Vergleich machten; was das koste, wolle er bezahlen,
wär's auch um 200 Dukaten. Denn er wäre schon zweimal
in Jerusalem gewesen und wüßte der Heiden Sitten, daß sie
ihm alle viere hätten abgehauen. Darnach machten beide
Patrone einen Vertrag mit dem allein, der geschlagen war,
und beredeten denselben Heiden, daß er sagte, kein Christ
hätte ihm was getan, sondern er wäre also ohne alles Zutun
auf einen Stein gefallen und hätte so sein Antlitz zerfallen.
Um solches wurden dem Heiden von Nikola acht Dukaten
gegeben.
Um derartige Auftritte möglichst zu verhindern, wurden
hier den Pilgern Verhaltungsmaßregeln gegeben. Während der
Messe, die im Hospiz gelesen w^urde, hielt einer der Franzis-
kaner eine Ansprache und erteilte wichtige Ratschläge ^). Zu-
nächst wurden alle Pilger, die ohne kirchliche Erlaubnis die
Pilgerreise unternommen hätten, aufgefordert, sich nach dem
Gottesdienste zu melden, damit sie von dem Kirchenbanne los-
gesprochen würden. Kein Pilger dürfe, wenn er von einem
Sarazenen geschlagen werde, ihn wiederschlagen, sondern solle
es dem Guardian, Dolmetscher oder Führer anzeigen, und wenn
ihm keine Gerechtigkeit zuteil werde, es Gott zu Ehren tragen.
Niemand dürfe eine Moschee betreten, einen betenden Sarazenen
verlachen oder über ihre Gräber schreiten. Im Umgang mit
denselben sollten sie sehr vorsichtig sein, ihnen weder Wein
geben noch Wein vor ihren Augen trinken, keine Freundschaft
mit ihnen schließen, nichts vor ihnen liegen lassen, bei Geschäften
aufpassen, nicht mit ihnen streiten und zanken und vor allem
verhüten, daß der christliche Name durch das Benehmen der
Pilger beschimpft werde. Es sei verboten, Waffen und weiße
1) Vgl. Fabri I 212—217.
Sorge für die Pilger 179
Kleider oder Kopftücher zu tragen, weil das ein Vorrecht der
Sarazenen sei. Man dürfe keine Frau fixieren, da die Sarazenen
sehr eifersüchtig seien, noch ihre Winke und Zeichen erwidern.
Niemand möge Wände durch Aufschreiben von Namen oder
Aufmalen von Wappen beschmutzen, da das die Sarazenen für
Narrheit hielten; auch solle man sich hüten, vom Heiligen Grabe
und anderen Gebäuden Steinchen abzubrechen. Bei den gemein-
samen Pilgergängen möge jeder sehr auf Ordnung und gutes
Beispiel für die Ungläubigen bedacht sein. Sollte der Aufenthalt
in Ramleh oder andern Orten länger dauern, so müsse, man
Geduld haben und die Vorwürfe nicht gegen den Guardian
richten, da die Sarazenen täten, wie sie es für gut fänden,
und nicht auf den Nutzen der Pilger Rücksicht nähmen. Zum
Schluß wurde das Hospiz zu Ramleh und das Kloster auf dem
Sion dem Wohlwollen der Pilger empfohlen.
Waren endlich die Tage des Wartens in Ramleh vorüber,
so lag das Ziel nahe. Die übrigen Mühen und Prüfungen
wurden leicht getragen; schon der zweite Tag konnte die Pilger
in die Heilige Stadt einziehen sehen. Nachdem sie hier am Tore
nochmals gezählt und ihr Gepäck untersucht war '), traten sie
in andächtiger Prozession, zwei und zwei, mit gefaltenen Händen,
den Pilgersack auf der Schulter^), in die Stadt ein; manche hatten
aus Andacht die Schuhe abgelegt und gingen barfuß, so lange
sie im Hl. Lande weilten ^). Zunächst wurde der Zug vor die
verschlossene Grabeskirche geführt, wo auf dem Platze unter
Seufzen und Weinen die ersten Gebete verrichtet wurden ^).
Dann verteilten sich die Pilger in ihre Quartiere. Die Frauen,
die nach Fabri die Strapazen der Reise besser ertrugen ^),
wurden in das Haus der Schwestern auf dem Sion geführt*^).
1) Röhricht-Meisner 28.
-) Fabri I 237: „Sumpti.s nostri.s sacculis bini et bini Ordinate contra
portam mercatonim vel pisciiim processimus, cum silentio et devotione junctis
manibus ante pectora."
8) Ebd. 238. ') Ebd. 238; Grünemberg 80.
">) Evagatorium II 7!) : „Optabam Salonionom affuisso in nostro. exercitu,
et invenisset non unam, sed pliires muliercs lortes."
ß) Surian 118 bezeichnet als Hauptzweck des Schwesternhauses
„receptare le done peregrine, che vengono in Hicrusalem continuamente".
12*
180 Sorge für die Pilger
Die Ordensleute ') und die kranken Pilger-) wohnten im Kloster
der Brüder, die unten bei der Pforte Gasträume eingerichtet
hatten^). Bis 1490 war es Sitte gewesen, daß auch die Führer
der Schilfe auf dem Sion wohnten. Da das Unruhe und manche
Unzuträglichkeiten ins Kloster brachte, stellte der Kustos Bar-
tholomäus am 26. August 1490 den Brauch ab, weshalb der
Doge Augustin Barbarigo den Kapitänen unter schweren Strafen
verbot, in Zukunft auf dem Sion Wohnung zu nehmen ^). Das
große Johanneshospital der Kreuzfahrer, das manchem Pilger
eine bequeme Herberge geboten, hatte nach Marian von Siena
1431 „nur noch die Mauern" ^) und verfiel seit der Mitte des
Außerdem besorgten sie allerlei Arbeiten für die Brüder: „fano lo pane per
tuti li loch!, fano le bugate de la sacristia e de la canava, governano li polli
e simele cosse." Dasselbe sagt Fabri I 259: „Fratribus serviunt propter
Deum, lavando, suendo, nendo, et ecclesiam fratrum frequentant." Siirian
erwähnt noch, daß sie „sehr geehrt und geachtet von den Sarazenen" sind,
und daß niemand ihnen ein böses Wort sagt, weshalb sie sicher nach St. Jo-
hann, Bethanien und Bethlehem gehen können, l'ber einen Diebstahl, der am
10. .\pril 148."5 im Scliwesternhause von Gürielchristen verübt wurde, berichtet
Guglingen, Itinerarium lö;3 und 167; vgl. auch Fabri I 2ö9.
1) Fabri 1 240: „Consuetum est, quod religiosi cum Fratribus Minoribus
in Monte Syon manent" ... „A quibus charitative fuimus recepti et tractati,
et propriam cellam. . . . assignaverunt, et ita cum eis manducavimus, bibimus
et dormivimus et Deo pariter servivimus ... in bona pace et optima provisione
de charltale palrum et Fratrum Minorum montis Syon." Vgl. Guglingen 117.
'-) Dietrich von Schachten berichtet 1491: „Die Barfüßer herbergten
auch etliche, so da krank wahren, in ihren Klöstern" ; Röhricht-Meisner 195.
3) Anselra von Krakau: „Inferius de coenaculo subtus ad Capellam
S.Francisci, ubi etiam est dormitorium peregrlnorum" ; Basnage 789. Harff 164:
Die Brüder gaben „bij de.' portzen off die lynke haut eyn eygen kamer".
Fabri I 248 sagt von dem Räume unter dem Zönakulum: „Sunt etiam in
latere ejus lecti pro hospitibus, in quibus in prima mea peregrinatione dor-
mivi. Est etiam ibi cella fratris sacristae et fratris Johannis, qui milites creat
in sancto sepulchro." Vgl. den Grundriß S. 147.
-•) Die Schriftstücke sind mitgeteilt in Verniero, Chronik 699 ff. Der
Kustos sagt in seinem Schreiben u. a. : „Accade a' Padroni di congregar 11
Pellegrini, per 11 che sempre e la taverna in Casa . . . Tutto 1' anno facciamo
che 1 Turchi non entrino nelle nostre officine e parti interiori della Casa;
e nel tempo che li Ptidroni ttanno in Convento, non e possibile ritcnerli." —
Der Doge drohte die Strafe von 200 Dukaten und den Verlust des Rechtes,
Pilger zu befördern, an. Der Guardian solle jedem Kapitän eine Bescheinigung
mitgeben, ob er der Verordnung entsprochen habe. Am 12. Juli 1513 wurde
dieselbe vom Dogen Loredano erneuert; ebd. 701.
^) Viaggio 25: „Ora non ci e se non mura."
Sorge für die Pilger 181
15. Jahrhunderts immer mehr. Es war nach Fabri *) ein „elendes,
trauriges Haus" geworden, in dem, wie Guglingen sagt-), die
Pilger „äußerst arm und erbärmlich wohnten, ohne Wirt und
Möbel, unter sich den Fußboden und über sich das Gewölbe".
Die Pilger, die dort nicht bleiben wollten, fanden bei Privat-
leuten, bei den venezianischen und genuesischen Konsuln ^), im
Hause des zweiten Dolmetschers ''), bei der armenischen St. Ja-
kobuskirche ^) und in andern Häusern*^) Unterkunft. Für jene,
die im Johanniterspital verblieben, sorgten die Franziskaner
nach Kräften^); sie lasen daselbst auch die hl. Messe ^).
Die Sorge für die Unterkunft der Pilger war allmählich
den Franziskanern zugefallen und von ihnen immer weiter aus-
gebaut worden. Nach dem Einzüge unserer Brüder in die
heiligen Stätten hatten zunächst die beiden Frauen Sophia und
Albira das uns schon bekannte Pilgerhaus auf dem Sion gegrün-
det^). Nicht lange nachher gab der Sultan den Johannitcr-
rittern ihr Hospital, das sie beim Einzüge Saladins in Jeru-
1) Evagatorium I 240 : „Magnum est liabitaculum, tostudinatiiin, miserum
et desolatum."
-') Itinorarium 115: „U)i staut et quiescunt . . . paiiperrirne et miserabi-
liter, non habentos hospitem nee supellecUiia aliqiia, soliim pavimentum siibtiis,
supra vero testiidineni."
3) Vgl. über diese Konsuln W. Heyd, Les Consulats etablis en Terrc
Sainte au Moyen-Age pour la protection des pölerins. In : Arch. de l'Orient
Latin II 355—363. Eine Liste der venezianischen Konsuln in Syrien gibt
Berchet, Relazioni dei consoli Veneti nella Siria, Torino 1866, 55 — 57.
*) Vgl. Fabri I 240, II 107; Lengherand 117 u. a.
5) Es war spanische Stiftung. P. Bonifacius sagt von demselben:
„Hospitium . . . quod Hispani . . . labricarunt, in quo peregrini Hispani, ijui
veniebant Terram Sanctam visitare, hospitabantur" ; Liber de perenni cultu 185.
Hier wohnte 1532 Possot; er berichtet von der Ankunft: „Soupasmes au
couvent des Cordeliers et allasmes coucher au licu dit S. Jacques, qui est aux
Armeniens"; Schefer, D. Possot, Voyage de La Terre Sainte, Paris 1890, Ki.'J.
") Z. B. bei einem Jakobiten, namens Gazelle; vgl. Guglingen 115:
„Si autem peregrinoruni pauci sunt, decem vel quindecim, ducuntur ad domum
cuiusdam Christiani, et habet curara eorum et recipit pecuniani absque mi-
sericordia." Griinemberg wohnte bei einem Gürtelchristen, namens Elias;
Pilgerfahrt 80.
") Vgl. Füssli bei Böhmer, Studien 23.
^) Vgl. Griinemberg 80. Dasselbe berichtet 1497 Hans Schurpf; vgl.
Tobler, Topographie I 405.
â– ') Vgl. oben S. 75.
j^g2 Sorge für die Pilger
salem verloren hatten, zurück ^). Die Ritter ließen es durch
einen Hospitalarius verwalten-); als sie sich aber bald, wohl
infolge der vielen Schwierigkeiten, zurückzogen, verwahrloste
das gewaltige Gebäude immer mehr. Um 1460 kauften daher
die Franziskaner ein Haus für die Aufnahme der Pilger, das
aber nach Aussage des Bischofs Rochechouart, der 1461 in
demselben wohnte, „wenig geeignet für die Pilger" war, da
das Wasser fehlte ^). Seitdem finden wir die Pilgerräume im
Kloster der Brüder auf dem Sion erwähnt ^), und stufenweise
bildeten sich jene Bräuche aus, die uns Jodokus von Meggen
1542 schildert. Die Pilger wurden bald nach ihrer Ankunft in
der Heiligen Stadt zum Sionkloster geleitet, wo ihnen die Brüder
unter Psalraengesang die Füße wuschen ^), und durch ein kräftiges
Mahl erquickt ^). Dann hielt der Obere des Klosters die Begrü-
ßungsansprache, in der er die ersten Mitteilungen machte. Die
Priester und einige Ritter würden im Kloster bleiben; der Raum-
mangel hindere sie, alle Pilger aufzunehmen, wie es ihr Wunsch
wäre. Die übrigen sollten in einem bequemen, unweit der Stadt-
1) Michaud-Breholles, Histoire des Croisades III 365. Am 7. Okt.
1403 erneuerte der Sultan im Vertrag mit dem Großmeister der Johanniter
die Erlaubnis für ein Hospital; vgl. Arch. de l'Orient Latin II B 512.
2) Als Zeuge des Martyriums der vier Franziskaner wird im Protokoll
genannt: „Johannes Campana, Janue, Hospitalarius peregrinorum, cum familia
sua", oder, wie es in einer andern Kopie heißt: „Hospitalarius hospitalis
Jerusalem, cum servitoribus suis" ; vgl. oben S. 87 Anm. 2.
3) Rochechouart, Journal 242: „Ducimur ad hospitalc peregrinorum,
quod non est illud antiquum, quo recipiebantur peregrini, scd noviter acqui-
situm per Fratrcs Minores, mediocritor aptum ad receptionem peregrinorum,
sed non ut in Rama, quia non est aqua nee cisterna." Das Haus scheint
wenig von Pilgern benützt worden zu sein.
■*) Bereits Guglingen sagt, daß eine größere Zahl Pilger auf dem
Sion wohnten. „Gardianus vero cum fratribus ordinis et aliis religiosis, si
aliqui sunt, et cum patronis galearum et certo numero vadit ad montem Syon,
et ibi hospitantur et providentur per gardianum"; Itinerarium 115.
») Dasselbe berichtet Ernst von Bueseck; Röhricht-Mcisner 458.
Die Zeremonien und Gebete der Fußwaschung bei Golubovich, Hörn 233.
•^3 In der Jerusalemfahrt des Grafen Gaudenz von Kirchberg (1470),
beschrieben von seinem Diener Friedrich Steigerwalder, heißt es zum
Mahle auf dem Sion, daß Jeder Pilger „ain manester [Suppe] von reyß in
ainem kleinen schissein und ain gruen stuckh fleisch und gar gueten wein
genueg" besonders erhielt ; Forschungen und Mitteilungen zur Geschichte Tirols
und Voralbergs II 136.
Sorge für die Pilger 183
maiier gelegenen Hause Unterkunft finden; jeder werde daselbst
seine Decken und Kissen haben. Alle Pilger würden vom Kloster
reichlich Wein und Brot erhalten; die andern Speisen müßten
sie sich selbst kaufen. Es sei Sitte, daß die Pilger dreimal
gemeinsam im Kloster speisten, beim Besuchen des Heilig-
tums auf dem Sion, vor der Pilgerfahrt zum Jordan oder nach
Hebron und vor der Abreise 0-
Jodokus bemerkt, daß alle diese Versprechen nicht nur
genau erfüllt, sondern noch übertroffen wurden. Als sie den
Guardian ersuchten, ihre Einkäufe für den Lebensunterhalt be-
sorgen zu lassen, habe dieser bereitwillig zugesagt. Er sei bis-
weilen selbst bei ihren Mahlzeiten erschienen, um sich durch
eigenen Augenschein davon zu überzeugen, was ihnen vorgesetzt
werde, und habe wiederholt gedrängt, ihm alle Klagen und Be-
schwerden zu unterbreiten. Doch sei alles von den Brüdern so
reichlich gebracht worden, daß sie keinen Grund zur Klage
hatten^); ein Zeugnis, das den Franziskanern immer wieder von
den Pilgern ausgestellt wurde. Der italieniscfie Priester Anton
Buondelmonti, der 1468 in Jerusalem weilte, schrieb in sein
Tagebuch, die Brüder nähmen einen so gut auf, daß man glaube,
„im Paradies zu sein" ^). Diese gute Aufnahme der Pilger zu
') A. a. 0. 93 : „Coenobitis itaqiie pcrogrinorum pedes subito lavantibus
interque lavandura prae gaiidio psallcntibus, satis humanitcr excipiebamur,
quia statim prandium universis peregrinis opipariim exhibuere ; quo peracto
gratiaquc Omnipotonti habita, guardiaiuis ... disseruit . . . Sacerdotcs universos
. . . cum paucis nobilibus in monastcrio moraturos, libcntius universos pcregrinos
susceptururn, ni loci angustiae id vetarent; ceteros vero in acdibus Aiinae in
urbc pencs moenia, satis commode, loci religionisque consideratione habita,
futuros ; sed quo comniodius id Hat, unicuique singula stragula pulvinariaquc
pracbiturura ; omnibus autem peregrinis vinum panemque abunde a conventu
suppeditatum iri, ceterum autem victum nos emere debere, coquum eorum
singula in esum commoduin conipositurum. Denique consuctudinis esse, ut
tria convivia universis peregrinis cxhibeantur, primuin (piando eo conveniunt,
alteruin cum Jordanem vel valleni Hebron petituri sunt, tertium cpm discedant."
— Über das beim Siontor gezeigte „Haus des Annas" vgl. Fabri I 261 und
Meistcrmann-Huber 155.
-) Ebd. 93: „Quae certo singula ut promisit praestitit et vcrbis lacta
non solum aequavit sed etiam superavit . . . Itaque aflatim nobis omnia a
Coenobitis allata sunt, ut nuUam prorsus conquerendi occasionem haberemus."
3) Civezza, Storia VI 355: „Che pare stare in Paradiso."
j^84 Sorge für die Pilger
Jerusalem förderte die Wallfahrten ins Heilige Land nicht wenig.
Nikolaus von Farnad meinte, es würde kaum noch ein Pilger
nach Palästina ziehen, wenn die Brüder aus dem Lande ver-
trieben würden 0-
Der Aufenthalt in der Heiligen Stadt dauerte acht bis vier-
zehn Tage ^). Das Programm desselben war im großen und
ganzen immer das gleiche. Ein Gang führte auf den Sion, einer
am Prätorium des Pilatus vorbei zum Tale Josaphat und ölberge;
dreimal wurde die Grabeskirche besucht; da die Lateiner dem
Sultan eine höhere Abgabe zahlten, wurde ihnen die Basilika
dreimal geöffnet ■'•). Außerdem zog man nach Bethlehem, St. Jo-
hann und zum Jordan.
Auf diesen Rundgang waren viele durch Reisebücher vor-
bereitet. Schon vor dem Einzüge der Franziskaner in die heiligen
Stätten waren Verzeichnisse derselben und der überall bewahrten
Reliquien verbreitet ■*). Diese Listen wuchsen beständig. Jedes
Kreuz und jedes Zeichen war allmählich von der frommen
Einfalt gedeutet worden; schließlich war kaum ein Ereignis in
den heiligen Büchern, dessen Platz man nicht gekannt und
gezeigt hätte. „Ein Steinhaus von großen Steinen" auf dem
Sion war nach Grünemberg^) „die Stätte, da Sankt Mathias
zu einem Apostel erwählt ward" ; „nahe darbei ein w^eißer
Stein mit einem Kreuz in einer Mauer" der Ort, wo „Sankt
Jakob zu einem Bischof erwählt war" ^); auf einem unweit davon
gelegenen Stein „hat unsere liebe Frau ge\veint, nachdem Gott
1) Compendiosa dcscriptio Bl. XVIj^': „Si fratres inde delereiitur, nulliis
ut puto lideliura terram sanctam visitandam adveniret, eo qiiod hospitium, quo
se diverteret in Hierusalem, non haberet."
2) Grünemberg blieb daselbst vom 13. bis zum 27. August und der Zug,
mit dem P. Guglingen gekommen war, vom 23. Juli bis zum 4. August. Tücher
und Wilhelm von Thüringen weilten nur acht Tage in Jerusalem.
^) Surian, Trattato 31: ..AUi Franchi. perche pagano piü che 1' altri,
sono obligati de aprirli tre volte in tre diversi giorni, et una volta sola aprono
a tute r altre natione."
^) Vgl. oben S. 32 Anm. 2. Die Untersuchung über die Entwicklung
dieser Verzeichnisse und der Ablässe des Hl. Landes muß einer andern Arbeit
vorbehalten werden. â– '') Pilgerfahrt 92.
6) Fabri. Evagatorium I 273, fügt hinzu, daß er daselbst auch ge-
weiht wurde.
Sorge für die Pilger 185
gen Himmel ist gefaliren". Eine Straßenecke vor dem Hause
des Kaiphas wurde als der Platz verehrt, auf dem Maria wäh-
rend des Verhöres Jesu wartete ^), und eine in der Nähe ge-
legene Höhle als der Ort, an dem Petrus die erste Buße für
seine Verleugnung im Hause des Hohenpriesters tat -).
Die Wallfahrten wurden unter Führung der Brüder gehalten.
Ritter Grünemberg erzählt: Wenn wir an die heiligen Stätten
kamen, so stand jedermann still, und ein Barfüßer verkündete
mit lauter Stimme in latein, welche Stätte das war und was
da geschehen. Dasselbe sagte darnach ein anderer Bruder in
französisch und wälsch, darauf sagte es ein Bruder zu deutsch,
und dessen bedurften die Pilger, denn da waren wohl zehnerlei
Sprachen unter uns. Vor uns her ging der Kaiin und andere
Heiden, so uns geleiteten^); sie mußten, wie Fabri sagf*), die
Knaben abwehren, damit sie die Pilger nicht mit Steinen warfen.
Der Pilgerzug, mit dem Felix Fabri 1483 nach Jerusalem
kam, blieb in der heiligen Stadt vom 12. bis zum 22. Juli.
Am 13. Juli wurde der Sion und seine Umgebung besucht.
Vor Aufgang der Sonne versammelten sich die Pilger in dem
festlich geschmückten Zönakulum; nie sah Fabri so kostbare,
gestickte Teppiche ''). Nachdem die Prim und Terz gesungen
waren, zelebrierte der P. Guardian das feierliche Hochamt,
während dessen er eine lateinische Ansprache hielt, die P. Walter
von Guglingen ins deutsche übersetzte. Dann zogen aile in
festlichem Zuge zu den heiligen Stätten in der Nähe des Zöna-
kulums. Es war Mittag geworden, als die Prozession zu Ende
ging, und nun wurden die Pilger in den Garten geführt, wo
die Tische für sie gedeckt waren; zum Schutze gegen die
Sonnenstrahlen war ein großer Teppich ausgespannt, auf dem
1) Fabri I 2(56. â– ^) I-]bd. 2(51.
•■'J Pilgcrlahrt 80. Vgl. Giiglingcu 118.
') Evagatorium l 354: „Calinus . . . cum baciilo salviini coüdiicliiiii prac-
statis et pueros arcens, ne nos lapidibus impeterent."
•'') Evagatorium I 241 : „Nunquam vidi pretioslores panno.s, imiiierura
ope l'actos cum imaginibus vitac Cliristi et mortis, quam ibi. linde Sarraceni
magni et Turci et Mameiuci a longinquo venientes petunt sibi pannos aut
tapetias illas monstrari . . . Hos pannos dux I5urgundiao Phiiippus pro illa
ecclcsia fecit lieri."
136 Sorge für die Pilger
die Sendung des Heiligen Geistes gestickt war. Einige Edelleute
bedienten aus Demut die Gäste. Während des Essens hielt ein
Pilger eine lateinische Ansprache über die heiligen Orte, und
am Schlüsse dankte Johann von Zimmern, einer der Tischdiener,
im Namen des Guardians allen Gästen dafür, daß sie der Ein-
ladung zum Mahle Folge geleistet. Derselbe habe zwar durch-
aus verboten, bei Tische eine Kollekte für die Brüder zu halten,
oder den Pilgern ein Almosen für das Kloster zu empfehlen.
Doch könne das niemanden abhalten, mit Br. Johann von Preußen,
dem Prokurator des Klosters, zu sprechen und ihm etwas für
die Nöten der Brüder zu übergeben ^).
Nachdem am Nachmittage die übrigen Stätten auf dem
Sion und seine Umgebung besucht waren, ging es gegen Sonnen-
untergang zur Grabeskirche, wo die Pilger von den Torhütern
abgezählt und in die Basilika eingelassen wurden, deren Türen
sich sofort hinter ihnen schlössen. Sie blieben dort die ganze
Nacht, hielten die Prozession, empfingen die heiligen Sakra-
mente") und beteten und sangen in der Kirche, bis die Sara-
zenen sie um 8 Uhr morgens hinauswiesen.
Der 15. Juli führte die Pilger zum Hause der Veronika,
zum Gerichtshofe des Pilatus, der Geburtsstätte der Gottes-
mutter, dem Tale Josaphat, dem ölberge und am Teiche Siloa
und dem Acker Hakeldama vorbei in die Stadt zurück. Am
Abend ging es nach Bethlehem. Vor der Stadt stießen sie auf
eine Menge bewaffneter Araber, die den Weitermarsch nur
gegen Zahlung einer Abgabe gestatten wollten und nach langem
1) Ebd. I 249: „Nullatenus enim voluit Pater Guardianus, qiiod collccta
lierot in meusa, nee consensit, ut intimaretur percgrinis, quod i'rater Joliannes
esset accepturus pecuniam nomine fratruni, sed nobiles ex se lioc feccrunt . . .
Porro nobiles ad fratrem Johannem aecedentes notabilem eleemosynam Con-
ventui dedenint."
-) Fabri erzählt, daß bei seiner ersten Pilgerfalirt im Jahre 1480 große
Unordnung unter den Priestern herrschte, die sich zur hl. Messe ankleiden
Avollten und gegenseitig den Platz und die Paramente streitig machten. „In
secunda autem peregrinatione erant pauci sacerdotes et multi saeculares, et
pater Guardianus [P. Paul von Caneto], vir prudens, bene cuncta ordinaverat,
quod res paciüce transibat"; Evagatorium I 313. — Ob Röhricht-Meisuer 32
mit Recht jenen von Fabri berichteten VorMl verallgemeinert, wissen wir nicht.
Sorge für die Pilger 187
Hin- und Herreden von den Pilgern 24 Dukaten erhielten. In
der Kirche fand alsbald die Prozession statt, die das Zimmer
des hl. Hieronymus, das Grab des hl. Eusebius und der Un-
schuldigen Kinder nebst anderen Stätten aufsuchte und in der
Geburtsgrotte schloß. Nachher nahmen die Pilger oben im
Gange die von Jerusalem mitgebrachten Speisen zu sich ^ und
beteten oder ruhten, bis sie um Mitternacht zu den Metten in
die heilige Grotte zurückgerufen wurden. Nach den heiligen
Messen wurde das Hirtenfeld besucht, das „Gloria in exceisis"
daselbst mit großer Freude gesungen und der Abschiedsbesuch
an der Krippe gemacht.
Die folgende Nacht brachten die Pilger wieder in der
Grabeskirche zu, wo Br. Johann von Preußen nach der Prozession
mehrere adelige Pilger in der Kapelle des Heiligen Grabes zu
Rittern schlug.
Der 18. Juli war dem Pilgergange nach St. Johann und
dem Heiligkreuzkloster geweiht. Am 19. traten sie über Bethanien
die zwei Tage dauernde Reise zum Jordan an. Hier nahmen
die Pilger das herkömmliche Bad, besuchten die Kirche des
hl. Johannes und die Stadt Jericho und pilgerten zum Berge,
auf dem der Erlöser fastete und versucht wurde.
Gegen Abend des 21. Juli zogen sie zum dritten und
letzten Male in die Grabeskirche, wo sie wieder die ganze
Nacht verblieben ^), und begaben sich in der Frühe des folgenden
Tages auf den Sion, um sich vom Heiligtume und den Brüdern
zu verabschieden und die Rückreise nach Jaffa anzutreten^).
I'abri und 17 Pilger blieben zurück, um über Hebron nach dem
1) Andere wurden von den ßrüdcrn bewirtet. So sagt der Kartüiiser-
prior Georg 1507 : „Pro [ortuna et consuetudine l'ratrum sati.s laute ej)ulati
suiDUs" ; Pez 522.
2) Fabri macht einen Unterschied zwischen den drei IJesiichen der
Pilger: „In prima enim nocte occiipati erant ad disponendinn sc ad sacrani
Eucharistiae conmuinionem cum confessionibus, et adhuc inagis afl'ecti erant
ad loca sancta ... In secunda nocte sollicitabantur pro militia sua . . . Sed
per noctem iilam . . . otiosis operibus et vanis vacabant . . . major pars" ;
Kvagatorium II 91.
•'*) Über Schwierigkeiten und Erpressungen vor dem Besteigen des Schiffes
vgl. Peter Rindfleisch (1490) bei Höh richt-Meisner 336.
188 Br. Johann von Preußen
Sinai und Ägypten zu reisen 0. Vergebens bemühten sie sich
im Kloster um die Erlaubnis, aul' dem Sinn bis zu ihrer Abreise
zu wohnen; alle Bitten und Verspreclien waren vergebens.
Der Guardian und der Prokurator Br. Johannes erwiderten:
Wir wollen euch behilHich sein, daß ihr eine Wohnung in der
Stadt findet, und euch stets zu Diensten stehen; wenn jemand
erkrankt, so soll er bei uns mit Liebe gepflegt werden; auch
kann P. Felix weiter bei uns wohnen und mit uns essen und
trinken; aber wir sind durch eine lange Erfahrung belehrt, daß
es besser ist, wenn ihr außer dem Kloster wohnet ^). Man
versteht die Gründe; die Pilgerfahrt war zu Ende, und die
Brüder mochten nicht die Ruhe und Ordnung des Klosters
durch den Aufenthalt so vieler Reisenden auf unbestimmte
Zeit stören lassen.
Jener Br. Johannes war Jahrzehnte hindurch der Pro-
kurator der Brüder. Geboren zu Danzig ^) aus adeligem Ge-
schlechte ^), war er als Ritter^) um 1446 nach Jerusalem ge-
kommen und hatte hier auf Vermögen und Würde verzichtet,
um viele Jahre nur für die Heiligtümer, die Brüder und Pilger
zu leben. Surian erzählt von ihm 1485*^): „Es sind nun 36
Jahre ^), daß er ständig den Brüdern des Berges Sion dient,
nachdem er die Herrschaft in seinem Lande, das Rittertum und
die andern Würden verlassen hat. Gekleidet als Terziar^)
1) Sie kamen mit dem ersten Dolmetscher überein, daß jeder .,pro
sulvo conductu, teloneis", Kamele, Esel, Zelte, Wasserschläiiche 23 Dukaten
bezahlen, sich aber selbst beköstigen werde; Fabri II 100.
2) Ebd. 106.
ä) Ghi Stele 68: „Hans . . . van der stadt van Danswijck, een Edclman,
riddei" zijnde."
*) Fabri II 2: „genere nobllis, de prosapia comitum."
^) Bei den älteren finden wir nicht die Angabe, daß er Deutschordens-
ritter gewesen sei. Grünembcrg 117: „vormals ein Landherr und Ritter
zu Preußen."
•»j Trattato 118 Anm. 2, aus der Ausgabe des Jahres 1485. Die Aus-
gabe des Jahres 1514 schweigt über ihn.
'') Guglingen, Itinerarium 128, sagt 1482: „Per multos annos, plus
quam 36, prefuit auctoritate apostolica procurationi fratrum." Danach wäre
er schon vor 1446 nach Jerusalem gekommen.
'*) Fabri 112: „Utitur proprio arbitrio habitu tertii ordinis S. Francisci,
cui tameu regulae voto se non adstrinxit."
ßr. Johann von Preußen 189
wohnt er auf dem Sion und gleicht in allem den Brüdern.
Er ist ein Mann von großem Gebetseifer und vom ganzen Volke,
von den Gläubigen wie Ungläubigen als Heiliger verehrt. So
treu dient er dem Herrn und diesen Orten, daß er nur einmal
in seine Heimat zurückkehrte, als er seine Herrschaft verteilen
wollte. Stets hat er ein- oder zweitausend Dukaten zu seiner
Verfügung, um die heiligen Stätten, die den Einsturz drohen
und nicht den Brüdern unterstellt sind, herzustellen. Er kommt
armen Christen zu Hilfe, befreit Gefangene, schenkt armen
Mädchen die Mitgift und eilt insbesondere mit großer Erbarmung
und Liebe als Vater den Nöten der Brüder zu Hilfe, so daß
er bei seinem Tode dank seinem vollkommenen und strengen
Leben vor vielen von uns den Vortritt haben wird." Fahrt
ergänzt: Der Sultan verehrt ihn sehr; der Gouverneur von
Jerusalem und die Dolmetscher kennen und achten ihn, weshalb
er an den heiligen Stätten, an der Grabeskirche und zu Beth-
lehem schadhafte Stellen ausbessern darf. Er hat solches An-
sehen in Jerusalem, daß die Sarazenen und Juden ihn iürchten
und die Kinder sich vor ihm verbergen ^).
Nach Fabri hatte Br. Johann von Papst und Kaiser Voll-
macht, die Edelleute, die nach Jerusalem pilgerten, zu Rittern
des Hl. Grabes zu schlagen^). Tatsächlich sehen wir ihn eine
Reihe von Jahren in der Kapelle des Hl. Grabes den Ritter-
schlag erteilen, so 1479, 1480, 1483, 1486 und 1497 =*). Ein
1) A. a. 0.: „Dico pio certo, qiiod duo homines sunt in J('rusal(>ni,
sones et annosi, utilissinii et locis sanctis et peregrinis, et cogitare non pos-
stim, qualiter peregrini slabunt in Jerusalem post eoruni obitum. Invitus
ogo vellem esse peregrinus in Jerusalem eis absentibus. Unus liomo est
praefatus Frater Johannes. Alter est Elphahallo, Sarracenus, Calinus minor,
bonus homo."
2) A. a. O. II 2 : „Habet auctoritatem domini Papae et domini Impera-
toris et favorem regum et principum Chistianitatis, creandi et percutiendi
milites peregrinos nobiles ad sanctum Domini sepulchrum venientes." Fabri
liißt auch Br. Johannes in seiner Rede die Kitter ermahnen, „ut Papae ac
Imperator!, quorum aucto itate hie honor eis confertur, in omnibus obediant";
Ebd. II ."5. Grünembcrg 117 nennt nur die „Gewalt" des Kaisers.
:') Vgl. zu 1479 und 1497 Röhricht-Meisner 499 und 51 f), der an
beiden Stellen irrig Hr. Johann zum Guardian de^ Klosters macht; zu 1480
und 148:5 Fabri II 4; zu 148(i Grünemberg 117.
190
Ritter vom Hl. Grabe. Wappen
Nachweis für eine ilim liierzu erteilte besondere Gewalt wurde
bisher niclit gefunden, und ebenso wenig ein Beleg für die Ansiclit,
daß Alexander VI. dem Guardian des Sionl^^losters auf „Ver-
mittlung des Bruders Johannes" „das ausschließliche Recht,
Ritter vom Hl. Grabe zu ernennen", erteilt habe 0- übrigens
gibt uns Fabri selbst den Beweis dafür, daß eine besondere
Vollmacht keineswegs verlangt wurde ; er erzählt, daß Br. Johann
den Grafen Johann von Sohns zum Ritter schlug, dieser den
Johann von Zimmern, dieser wieder einen andern und so
weiter"). Jene „Vermittlung des Bruders Johannes" aber für
die Übertragung der fraglichen Voll-
macht auf den Guardian des Sion-
klosters besteht unsers Erachtens dar-
in, daß mit Br. Johannes ein Mitglied
des Klosters zum Ritterschlage heran-
gezogen und diese Sitte in der Folge
beibehalten wurde. Da der Übergang
auf den Oberen um die Zeit Alexan-
YP^ ders VI. erfolgte, so lag es nahe, ihn
diesen Wechsel verfügen zu lassen ^).
Das Wappen der Ritter vom Hl.
Grabe ist das alte Wappen der Kreuz-
fahrer, das auch von den Franzis-
kanern Palästinas in ihr Wappen
aufgenommen wurde, ein großes Kreuz mit vier kleineren in
den vier Ecken. Ursprung und Bedeutung dieses Wappens ist
dunkel. Sicher ist es älter als die Kreuzzüge, da es sich an
altern Bauwerken, so an der koptischen Kirche des hl. Sergius
in Kairo und an der armenischen Jakobuskirche zu Jerusalem
findet. Über die Bedeutung der fünf Kreuze sind verschiedene
Abb. 9. Wappen der Kustodie.
1) Vgl. J. Hermens, Der Orden vom Hl. Grabe, bei Düsterwald,
Jerusalem-Pilger, Cöln 191 0, 372.
2) A. a. O. n 4.
•^) Civezza, Storia VI 301, sagt, daß alle Chronisten des Ordens die
Übertragung der Vollmacht durch Papst Alexander VI. (1492 — 1503) erfolgen
lassen, daß aber niemand ein päpstliches Breve vorweisen kann, und daß es
auch ihm nicht gelang, eine Spur desselben im Vatikaniichen Archiv zu finden.
Almosen 191
Ansichten aufgestellt worden ^). Da sich öfter auf altern Dar-
stellungen nur drei Kreuze, das große und die beiden oberen,
finden, vermutet man, daß zunächst das Kreuz des Herrn und
die Kreuze der beiden Schacher dargestellt waren, später aber
die beiden unteren Kreuze aus ornamentalen Gründen hinzu-
gefügt wurden -).
Als Prokurator mußte Br. Johannes die den Franziskanern
geschenkten Almosen verwalten und ihre Auslagen bestreiten.
Weil die Rechnungsbücher des Klosters fehlen, können wir uns
nur aus gelegentlichen Angaben einzelner Pilgerbücher ein un-
vollständiges Bild seiner Einnahmen und Ausgaben machen.
Wie Guglingen aufzählt ^), mußten Kirche und Kloster auf dem
Sion und zu Bethlehem, die Grabeskirche und das Schwestern-
haus in Jerusalem in baulichem Zustande erhalten, sodann die
vierundzwanzig Brüder auf dem Sion, die zwei Brüder am
Hl. Grabe und die sechs Brüder zu Bethlehem sowie die fünf
Schwestern mit Nahrung und Kleidung versehen werden. Und
wer könnte zählen, fügt er bei, „wie viel den Sarazenen an
jährlichen Abgaben gezahlt wird und an fortlaufenden offiziellen
Geschenken sowohl in Geld als Lebensmitteln?"
Wie Surian im Jahre 1485 angibt^), beliefen sich die Kosten
für den Unterhalt jener vierzig Personen jährlich auf 1200
Dukaten. Nach Albert von Sarthcano genügten hierfür reichlich
die Almosen der Pilger^), während uns Surian fast das Gegen-
1) Die von Quaresmius und andern gegebenen Krklärimpen gehen von
der irrigen Voraussetzung aus, daß dieses Wappen von den KrcMizfalirern oder
sogar erst von den l'ranzislianern lierrührc.
2) Vgl. Die deutschen Festtage im April 1910 in Jerusalem, Potsdam
0. J., 125.
■') Itinerarium 310; vgl. oben S. 126. Der Kartäuserprior Georg er-
gänzt: „Quod Domino Hierosolymae .innua munera offerant et Soldano etiam
ipsi mille, ut audivi, ducatos pendant" ; Pez 549.
*) Trattato 113 Anm. 1: „Le spese de bocha vogliono mille ducento
ducati omni anno, oltra le cortesie, donl che si la a Signori Mori, et altre
spese strasordenarie che continuamente occorono."
") In einem undatierten Briefe an Kardinal Cesarini : „Pro fratribus
sustentandis Christian! Peregrini alimoniae plusquam satis Hierosolymae af-
ferunt" ; Haroldus 310. Vgl. Prior Georg: „Victum et vestitum habent ex
eleomosyna peregrinorum ad eos adventantium" ; Pez 549.
j^g2 Aimosön
teil meldet^). Die Gaben, die von den Pilgern auf dem Sioil
geopfert wurden, waren eben sehr verschieden; während einige
5 Dukaten und darüber zurückließen''^), gaben andere, die nach
Thunger auf dem Schiffe mehr als 100 Gulden verspielen konnten,
dem Kloster nur ein paar Batzen ^). Denn die Brüder forderten
nichts, sagt Guglingen '^j ; „sie überlassen es der Andacht der
Pilger; was man ihnen aus freien Stücken gibt, nehmen sie
mit Dank an". Besondes freigebig waren unter den Pilgern die
deutschen Fürsten. Herzog Bogislaus X. von Pommern schenkte
1497 den Brüdern 100 Dukaten und versprach, jährlich 10
andere zu senden ^).
Für die vielen übrigen Nöten und Ausgaben mußten andere
Mittel flüssig gemacht werden. Aus einer Bulle Nikolaus' V,
vom 14. Februar 1454 erfahren wir, daß seit langem (olim)
Brüder mit Vollmacht der Päpste oder ihrer Ordensoberen für
die heiligen Stätten und die an denselben weilenden Brüder
in Europa Almosen sammelten. Da Unregelmäßigkeiten vor-
gekommen waren, verfügte der Papst, daß diese Prokuratoren
in Zukunft ihr Amt nicht ohne Vollmacht des Guardians vom
Berge Sion ausüben sollten "^O- Es sind die Prokuratoren oder
Kommissare, die noch heute in der ganzen Kirche für das
Heilige Land tätig sind.
Große Gunst und Güte erzeigten den Brüdern die Herrscher
Europas. Den Anfang machte Königin Sanzia, die ihnen nach
1) Trattato 113 Anm. 1: „Da li perogrini che vengonn non liano li
frati salvo che spesa."
-) Fabri, Evagatorium I 24fl.
■■') Röhricht-Meisner 428. Thunger erzählt dies 1551 von Nieder-
ländern. Auch Rehlinge;' berichtet ein Jahr früher, daß sich Niederländer
sehr undankbar gezeigt hätten; ebd. 411.
') Itinerarium 309 : „Nihil enim a peregrinis postulant, quantacunque
etiam faciunt eis, sed committunt devotionibus eorum, et quidquid dant sponte,
grate accipiunt." Dasselbe Fabri I 249. Baumgarten scheint 1507 andere
Auflassung gewonnen zu haben; er sagt: „Peregrinis ad se venientibus omnem
exhibent humanitatem, consilium, hospitalitatem, insuper quid facto opus sit
(non quidem tarnen absque sacro donario) edocent" ; Peregrinatio 88.
•'•) Röhricht-Melsner 516.
'■-) Bulle „Solers Romani Pontificis"; vgl. DTS IV 90. Diese Prnknra-
toren werden auch von Martin V. 1420 genannt; vgl. oben S. 97.
Almosen 193
Ludolf von Suchern „alles darreichte, was sie bedurften" ^). In
ihre Fußstapfen traten mehrere Könige von Aragonien ~) und Kasti-
lien, besonders seitdem ihnen Innozenz VIII. am 11. Mai 1487 die
Not der Franziskaner Palästinas geschildert hatte. Der Papst hatte
zunächst beabsichtigt, dem Heiligen Lande feste jährliche Ein-
künfte aus Stiftungen zu überweisen, und in diesem Sinne an die
Herrscher von Spanien, Frankreich und Burgund geschrieben.
Diesem Plane widersetzte sich jedoch der Generalvikar der Ob-
servanten, P. Petrus von Neapel, da er gegen die Armut des Or-
dens verstoße^); und ebenso verurteilte derselbe 1477 den Schritt
des P. Jakob von Alessandria, der zwei Güter auf Zypern ge-
kauft hatte, um die hl. Stätten und ihre Erhaltung zu sichern*).
Mehrere Monarchen gaben jährlich bestimmte Almosen;
so sandte Königin Elisabeth von Kastilien und Leon 300 Gulden '^),
Isabella von Kastilien ^) und ihr Gemahl Ferdinand jeder 1000
Golddukaten "), ebenso Philipp der Gute von Burgund, sein
Sohn Karl der Kühne, sein Enkel Maximilian I.^), und Heinrich VIII,
von England^). Außerdem wetteiferten die Höfe in Ausschmückung
der heiligen Stätten; verschiedene Pilger rühmen die wunder-
vollen Teppiche und die „vielen anderen Ornate und Gottes-
gezierden", die von dem französischen, englischen und bur-
gundischen Hofe gesandt waren ^°). Surian meint, solche und
so viele Paramente wie in der Grabeskirche seien weder in der
päpstlichen Kapelle noch in einer andern Kirche; von den
silbernen Gefäßen und den Kelchen aus reinem Golde wolle
er überhaupt nicht reden ^').
1) Vgl. oben S. 41 Anm. 1.
2) Am 1. Juni 1409 erlaubte Benedikt XIII. König Martin von Aragonien,
Almosen ins Hl. Land zu senden; BF VII Xr. 1073.
•■') Calahorra B. IV K. 23. ») Kbd. K. 18.
â– ") Dekret vom 20. September 1477 bei Verniero, Chronik 57.
'') Dekret vom 24. August 1489 ebd. 59; nach ihrem Tode bestätigte
der König die Schenkung am 17. Juli 1507; Verniero Gl.
") Dekret vom 3. April 1500 ebd. 02.
■'J Tucher, RoyÜbuch Bi. 353^; Fabri, Evagatorium 1 348; vgl. II 321.
'■') Dekret vom 23. März 1516 bei Razzoli 87, DTS V 5 und anderen.
!•') Vgl. Oben S. 123.
11) Trattato 67 Anm. 1. — Am 25. Juli 1482 dankte der Kustos P. Paul
von Caneto der Grälin Margarete von Henneberg, geborenen Herzogio von
Franzläk. Studien, Beiheft 4: Leramenb, Die Franziskaner auf dem Sion. 13
194 Almosen
Nicht vergessen dürien wir die große Hilfe, die unsere
Brüder bei den italienisclien Kaut'leuten des Orientes fanden,
denen sie in der Fastenzeit geistliclien Beistand leisteten. Sudan
schätzt 1485 die von diesen jährlich gespendeten Almosen auf
1000 Dukaten 0; 300 gaben allein die Kaufleute von Alexandrien^).
Der Handel des näheren Orients lag in jener Zeit aus-
schließlich in den Händen von Venedig und Genua; nur italienische
Kaufleute weilten in Syrien; italienische Konsuln wohnten an
mehreren Orten des Landes; italienische Schiffe vermittelten den
Verkehr und brachten die Pilger nach Jaffa. Daher versteht
man, daß die Kustodie des Heiligen Tjandes italienisches Gepräge
erhielt. Italienische Brüder waren in der Überzahl; italienisch
war die Umgangssprache ^) ; fast alle Kustoden waren Italiener.
Freilich weilten immer auch Brüder aus andern Ländern
in Palästina; und stets finden wir dort den einen oder andern
deutschen Franziskaner, unter ihnen tüchtige und angesehene
Leute. P. Nikolaus Wanckel zog als Bote des Sultans nach
Europa^), und Br. Baptista von Lübeck wurde als Arzt wie
als Bauleiter gerühmt '^).
Wenn nicht besondere Gründe eine Ausnahme empfahlen,
wurden die Brüder alle drei Jahre gewechselt; sobald der neu-
gewählte Kustos mit den neuen Brüdern ankam, zogen die
alten ab. Man wollte, wie Nikolaus von Farnad sagt ^), dem
Braunschweig-Lünebiirg, für die Kasel, die sie in Ausführung eines Willens
ihres vei'storbenen Gemahls dem Hl. Grabe geschenkt und durcii den Nürn-
berger Kaufmann Michael Enguth übersandt hatte (gütige Mitteilung des Archi-
vars Dr. Dersch ; Brief im GemeinschaftUchen Hennebergischen Archiv zu
Meiningen unter „Urkunden, Nachträge").
1) Trattato 113 Anm. 1: „Computando uno anno cum 1' altro, hanno
mille ducati Venitiani all' anno."
-) Ebd. 188 Anm. 2. 1554 wurden nur 110 Dukaten gerechnet; vgl.
Golubovich, Serie 36. — Mehrere Male setzten italienische Familien die
heiligen Stätten zu Universalerben ein; vgl. Verniero 57 und 58; andere
vermachten ihnen große Summen; vgl. Sanuto, Diarii XXXVI Sp. 590.
^) Wiederholt werden von Pilgern Brüder erwähnt, die die „heidnische"
(arabische) Sprache kannten.
*) Vgl. oben S. 140. â– ') Vgl. oben S. 129.
*") A. a. 0. Bl. XVIU': „De triennio in tiiennlum iuxta ordinationem
capituli generalis mutantur, eo quod multitudo fratrum de victu et vestitu
ibidem sustentari noji pos et, si permauerent, et illi qui prius ibidem steterunt
Almosen 195
frommen Wunsche deren^ die das Heilige Land besuchen wollten,
nach Möglichkeit entsprechen, konnte aber daselbst nur eine
kleine Zahl von Brüdern unterhalten. Viele kehrten freilich
nie wieder heim und fanden ihre letzte Ruhestätte auf dem
Sion, da der Tod reiche Ernte im Kloster machte. Die vielen
Entbehrungen und Bedrängnisse zehrten an ihrer Kraft,
und noch mehr rissen ansteckende Krankheiten gewaltige
Lücken; wiederholt wurde die Hälfte der Brüder auf dem Sion
von der Pest dahingerafft. Surian berichtet, daß ihm einmal
sechzehn Brüder an der Pest starben'); ein paar Jahrzehnte
später waren es fünfzehn, die ein Opler dieser furchtbaren
Seuche wurden ^).
Solche Opfer und Gefahren erhielten den guten Geist und
Ruf der Brüder und das „gar ehrbare und andächtige Wesen",
das die Pilger in ihren Berichten rühmen ').
et illi qui advenirent de capitulo. Ideo . . . postquam iiovus Guardianiis de
capitulo cum suis fratribus advenerit, alii Iratres recedunt . . . Nam cum difli-
cultate sinunt ibidem aiiquem fratrem diu permanere, ut cete i fratres, qui
terram sanctam nondum visitaverant, veniant et illi et satisfaciant desiderio suo."
1) Trattato 180 Anm. 3 (aus der Rezension von 1524): „Kt a nie in
Monte Syon ne morite sedece Frati, lo Procuratore con doi famigli."
-) Rö brich t-Meisner 423, aus dem Reisebericht des Sigmund Thunger
(1551).
^) Grünemberg 100. — Einzelne Male ist die Rede von abtrünnigen
Brüdern. Guglingen, Itinerarium 129, spricht von einem Pater Valerius und
Br. Antonius, die unter P. Antonius von Mugnano (1455—1461) vom Glauben
abfielen; vgl. oben S. 119. Der Kartäuser Georg Sp. 543 und Baumgarten
S. 8ß trafen in Kairo einen Mamelucken, namens Pliilipp, der früher Franzis-
kaner auf dem Sion gewesen war. Röhricht-Meisner, S. 39 .Anm. 2, fragt,
ob es vielleicht „der Minorit Philippus de Aversa, dessen Descriptio templi
Domini die Herausgeber in der Zeitschrift des deutschen Palästinavereins 1878,
S. 210 ff., veröffentlichten", sei. Daneben weilten heilige Brüder, wie der selige
Simon von Lipnica und .Antonius Bonfadini, in Palästina.
13'
196
X. Die Türken erobern Palästina. Soliman ver-
treibt die Franziskaner vom Sion.
Dieselbe Zeit, die in Deutschland und einem großen Teile
Europas eine neue Gestaltung der Dinge entstehen sah, gab
dem Westen Asiens auf Jahrhunderte ein neues Gepräge. Um
1230 waren Turkmenen aus Turkestan mit ihrem Häuptling
Ertoghrul in Kleinasien eingewandert. Sie lebten als Hirten
unter dem Sultan von Ikonium, bis Ertoghruls Sohn Osman
die Oberhoheit Ikoniums abschüttelte und ein selbständiges
Reich gründete. Osman übertrug auf die Turkmenen mit sei-
nem Namen auch den kriegerischen Geist, der Jahrhunderte
hindurch nicht mehr unter ihnen zur Ruhe kommen sollte.
Zunächst ging ihr Streben nach Norden. Osmans Nachfolger
Orchan führte die tapfern Scharen über den Hellespont nach
Europa, wo sie auf der Balkanhalbinsel ein Reich nach dem
andern und 1453 den Rest des oströmischen Kaiserreiches mit
der Hauptstadt Konstantinopel eroberten.
Unter Selim T. (1512 — 1520) wandte sich die Eroberung
wieder nach Asien. Selim entriß den Persern Armenien und
zog gegen Syrien, um das Mameluckenreich und Kalifat zu
erobern.
Die ganze Welt hatte diesen Waffengang zwischen den
beiden Hauptherrschern des Islams vorausgesehen. Auch die
Franziskaner Palästinas hatten seit Jahren mit dem Einfalle
der Türken gerechnet und sich um einen Zufluchtsort, be-
sonders für die kostbaren Kirchengeräte, bemüht. Am 22. Ja-
nuar 1514 zeigte der Doge Loredano den Befehlshabern von
Zypern an, daß die Republik den Franziskanern von Jeru-
salem auf dieser Insel eine Zufluchtsstätte gewährt habe ^).
Noch weniger wurden die Herrscher Ägyptens überrascht.
Wiederholt hatten Quat Bei und Qansu Guri Hilfe im Abend-
lande erbeten; noch 1515 hatte Guri die Unterstützung des
1) Vgl. Calahorra B. IV K. 33; Civezza, Storia VI 394.
Die Türken erobern Palästina 197
Papstes, Venedigs und Frankreichs diircli den Vikar der Fran-
ziskaner zu Jerusalem nachgesuclit 0, jedoch umsonst; man
schob im Abendlande die Hilfe auf, bis es zu spät war.
Am 24. August 1516 trafen sich die Heere der beiden
Sultane bei Aleppo. Trotz aller Tapferkeit unterlagen die
Mamelucken der Artillerie Selims. Qansu Guri verlor das
Leben, und Selim zog als Herr in Damaskus ein, wo er einige
Zeit zur Ordnung der Herrschaft verweilte. Dann ging er
weiter über Ramleh -) und Gaza nach Ägypten, wo die Mame-
lucken einen neuen Sultan, den tapfern Tuman, gewählt hatten.
Mit großer Entschlossenheit rüstete sich dieser zur letzten Ge-
genwehr und suchte noch einmal im Abendlande Hilfe. Doch
war das Bittgesuch, das Tuman im September 1516 durch die
Franziskaner und den Konsul der Venezianer in Alexandrien
an das Abendland richtete, vergebens ^), und vergebens war alle
Tapferkeit Tumans und seiner Getreuen. Nach heldenmütiger
Gegenwehr fiel der letzte Mameluckensultan durch Verrat
in die Hände Selims, der ihn am 13. April 1517 zu Kairo
hinrichten ließ und nun die Krone der ägyptischen Herrscher
ohne Nebenbuhler trug. Selim war jetzt Herr der heiligen
Stätten der Christen in Palästina und des Islams zu Mekka
und Medina.
Nachdem Selim einige Monate am Nil geweilt hatte, um
die Angelegenheiten des neuen Reiches zu ordnen, zog er durch
Palästina in seine Residenz zurück. Auf dem Marsche nach
Ägypten hatte er bereits von Ramleh aus Jerusalem besucht;
hier war er in die Omarmoschee, in der er reiche Geldalmosen
verteilte, und unter Verkleidung in die Basilika des Hl. Grabes
') Vgl. Jorga, Geschichte des osmanischen Reiches II ;(2().
2J Ramleh litt sehr beim Durchzug. Nikolaus von Farn ad erzählt
BI. XXVII "■: „Dum Imperator Turcorum vi cepit terram sanctam Hierusalem et
desccndebat per Ramam de Damasco in ICgyptum in anno Domini 1516, omnes
Saracenos, qui tunc ibidem in Rama habitabant, fecerat occidi, eo quod ali-
quos de suo exercitu Turcos ante adventum eius occiderant." Vgl. den Be-
richt Philipps von Hagen, der l.")23 die Stadt „jemmerlich zerstert" fand;
Conrady 2.')0.
•') Vgl. Jorga II 338. Er zitiert einen Bericht des venezianischen
Konsuls zu Alexandrien vom 19. September und 23. November 1516.
198 Die Türken erobern Palästina
gegangen '). Den Christen und Juden war er gnädig begegnet ;
„er verfolgt", schrieb der venezianische Konsul zu Alexandrien
an seine Regierung^), „nur die Mameluclcen, die er bis auf die
Kinder in der Wiege töten will." Die im Heiligen Lande
wohnenden Christen erhielten einen Protektor^), und die hohen
Abgaben, die bisher von den Pilgern und christlichen Kauf-
leuten gezahlt werden mußten, wurden bedeutend vermindert ^).
So lange Sultan Selim regierte, hatten die Franziskaner und
heiligen Stätten Ruhe. Als ein spanischer Gesandter in Kon-
stantinopel erschien, um mit dem Sultan wegen der Sicherheit
der Grabeskirche und der Freiheit der Pilger zu verhandeln,
fand er freundliche Aufnahme und geneigtes Gehör ^). Zugleich
bestätigte der Sultan den katalonischen und französischen Kauf-
leuten ihre hergebrachten Freiheiten ^).
Daher kann man kaum der Nachricht Glauben schenken,
die Fürst Radziwill 1583 auf seiner Pilgerfahrt zu Jerusalem
empfing. Man sagte ihm, Sultan Selim habe auf seinem Zuge
gegen Ägypten von den Brüdern die Schätze der Grabeskirche
gefordert, die von diesen vergraben waren, und da man ihm
die Kostbarkeiten nicht auslieferte, alle Brüder ohne Ausnahme
in den Kerker geworfen und siebenundzwanzig Monate daselbst
bei Wasser und Brot schmachten lassen; mehrere Brüder seien
1) Farnad Bl. X"": „Intravit etiara . . . in templura . . . sancti Sepulchri
habitu mutato, ne agnoscatur prospiciens loca sancta," und Bl. XXII i^: „Intrans-
quc templuni Salomonis pecuniam non modicam distribuit eisdera per modum
elemosine."
'-) „Fa optima ciera a cristiani e zudei, non perseguita altro che ma-
raaluchi, li quäl li vol fenir e amara fino li fioli in cuna"; Sanuto XXIII 439;
ebd. 487.
•'') Farnad Bl. XXVIII'': „Deodarus secundus post regem erat protector
christianorum in terra sancta a Soldano ordinatus."
â– *) Sanuto notiert aus einem Schreiben des venezianischen Konsuls zu
Alexandrien, daß „il Signor turcho aver auto Damasco et esscr andato in
Jerusalem, et dato a quelli frati di San Francesco de intrada ducati 500 a
r anno, e dove li pelegrini pagavano per andar de li ducati 13 per uno a'
Mori, vol il Signor turcho pagino solum maidini 5 per uno, e fa bona com-
pagnia a' cristiani, e dove le mercadantie pagavano 20 ducati, vol pagino
solum 5"; XXIII 441.
â– '') Hammer-Purgstall, Geschichte des osmanischen Reiches I 797.
") Zinkeisen, Geschichte des osmanischen Reiches in Europa II 711.
Die Türken erobern Palästina 199
den Entbehrungen erlegen und die übrigen von Selim bei seiner
Rückkehr aus Ägypten in Freiheit gesetzt worden ^). Verschiedene
Tatsachen stehen dieser Nacliricht entgegen. Da Sultan Selim
Ende 1516 durch Palästina nach Ägypten zog, hätten die Brüder
1517 im Kerker sein müssen. Daß sie aber 1517 nicht gefangen
waren, sondern ruhig in ihrem Kloster auf dem Sion weilten,
erfahren wir sowohl aus dem Palästinabuche des Br. Nikolaus
von Farnad, der in diesem Jahre auf dem Sion schrieb ^) und
mit keiner Silbe etwas Ähnliches andeutete, als auch aus den
Tagebüchern Sanutos, der am 28. Dezember 1517 geschäftliche
Mitteilungen für die Brüder zu Jerusalem aufzeichnete ^). Zudem
blieb Sultan Selim nicht siebenundzwanzig Monate in Ägypten,
sondern nur acht, da er im September 1517 wieder durch Pa-
lästina gegen Norden zog.
Jene Zeitangabe von siebenundzwanzig Monaten ist ein
willkommener Fingerzeig, um eine unterlaufene Verwechslung
aufzudecken. Die dem Fürsten Radziwill zu Jerusalem erzählte
Einkerkerung der Franziskaner ist tatsächlich wegen ihrer Wei-
gerung, das Versteck der Schätze des Hl. Grabes zu verraten,
erfolgt, aber nicht 1516 unter Sultan Selim, sondern sechs Jahre
früher unter Sultan Qansu Guri, der, wie wir oben hörten^),
die Brüder nach Kairo bringen ließ und daselbst über zwei
Jahre in Gewahrsam hielt. Sultan Selim verdient bei den
Christen Palästinas und den Franziskanern ein ehrenvolles An-
denken.
Ganz anders gestaltete sich das Los der Brüder unter
seinem Sohne und Nachfolger Soliman (1520—1566). Dieser
war nicht nur der Schrecken des östlichen Europa, das er
wiederholt mit schweren Kriegen heimsuchte, sondern auch der
größte Gegner, den die an den heiligen Stätten weilenden
1) Vgl. Hierosolymitana Peregrinatio lllustrissimi Doniini Nicolai Cliri-
stiani Radzivili. In Latinam linguam translata Thema Tretero intcrprete,
Braunsberg 1601, S. 66. Die Erzählung ist wörtlich wiederholt von Quares-
mius II 43. Vgl. auch Calahorra B. V K. 1.
2) Farnad sagt Bl. Il^ daß er schreibt „nunc in anno Domini 1517".
•■') Sanuto XXV 166: „Certi frati francesi vano in Jerusalem, possano
portar in Cypro certe robe, norainate, senza pagar dazio . . . ; li qual frati si
mutano ogni H anni." *) Vgl. S, 139.
200 Soliman vertreibt die Franziskaner vom Sion
Franziskaner fanden, besonders seitdem sein guter Geist, der
Großvezier Ibraliim Pascha, 1536 eines gewaltsamen Todes ge-
storben war. Nach der Thronbesteigung Solimans schrieb der
venezianische Gesandte in Konstantinopel Marco Minio über
ihn an den Dogen: „Er gilt als ein vollkommener Türke, der
sein Gesetz in großer Treue beobachtet, und als ein Feind der
Christen wie der Hebräer, die in seinem Reiche nicht behandelt
werden, wie es zur Zeit seines Vaters Selim geschah, weshalb
sich alle diese über ihn sehr beklagen" 0-
Schon bald fand er einen Anlaß, gegen die Franziskaner
vorzugehen. Als sich der Gouverneur von Damaskus Ghaseli
gegen den Sultan empörte, wurde der Guardian des Klosters
auf dem Sion der Teilnahme beschuldigt und unter der An-
klage eingekerkert, er habe Brüder nach Europa gesandt, um
die Christen zum Kampfe gegen die Türken aufzufordern-).
Ob es wirklich geschehen war oder daraus abgeleitet wurde,
daß die letzten Mameluckensultane durch Franziskaner die Hilfe
der christlichen Fürsten gegen die Osmanen erbeten hatten?
Um jene Zeit waren von verschiedenen christlichen Geistlichen
Syriens Bittgesuche an den eben gewählten Kaiser Karl V.
abgesandt worden, die ihn zu einem neuen Kreuzzuge ein-
luden ^). Etwas später reichte ein italienischer Franziskaner
dem Papste einen Plan ein, wie er aus den Klöstern 144000
Mann für einen Türkenzug ausheben könne; die 40 000 Franzis-
kanerklöster könnten allein wenigstens 36 000 Soldaten stellen "*).
1) In seinem Berichte vom letzten Februar 1522 sagt er: „Questo . . .
vien tenuto esser perletto turco ed avere la sua legge in grande osservanzia,
inimico si de' cristiani come degli ebrei, li quali nel siio paese n o n sono
trattati al modo che erano nel tempo di siiltan Selim suo padre; siehe tutti
questi di lui grandemente si lamentano"; E. Alberi, Le relazioni degli Am-
basciatori Veneti al Senato, Serie III Bd. III, Florenz 1855, 74.
-) Der aus Jaffa, wo er am 13. März 1521 gelandet war, zurückgekehrte
Kaufmann Anton Cassan berichtete von den Brüdern zu Jerusalem, daß sie
„erano in grande angustie per amor del signor Ghaseli, et che 1 loro padrc
guardian era stä impregionato da' turchi in Damasco, per esserli stä imputato
haver mandato li frati a convocar christiani in favor dil ditto signor Gazeli
e del signor Sophis" (des persischen Herrschers); Sanuto XXX 304.
3) Jorga II 356.
*) Das Schriftstück ist zum Teil abgedruckt in Negociations de la
France dans le Levant I 102 Anm.; vgl. Zinkeisen II 637.
Soliman vertreibt die Franziskaner vom Sion 201
Alle diese Pläne und Bemühungen blieben dem Sultan, der
durch zahlreiche Spione gut unterrichtet war, schwerlich ver-
borgen und haben gewiß unseren Brüdern nicht die Gunst des
Herrschers verschafft. Es brauchte nur ein Anstoß zu kommen,
um die Franziskaner seinen Zorn fühlen zu lassen; und dieser
Anstoß kam bald, wie Calahorra meint, durch jüdische Hetze ^).
Im Anschluß an die im Kloster auf dem Sion von den
Brüdern mit höchster Genehmigung vorgenommenen Restaura-
tionsarbeiten legte ein Derwisch der Tempelmoschee dem Mufti
von Jerusalem diesen Rechtsfall vor^). Außer der Stadt Jeru-
salem besteht ein Kloster fränkischer Ordensleute, das Kloster
des Berges Sion heißt. Fränkische Christen kommen dahin
aus ihren Ländern und weilen dort mit voller Sicherheit. Die
Ordensleute haben zu ihrem Dienste als Dragoman einen Ma-
roniten, einen Lügner und Heuchler, der zu ihrem Dienste paßt.
Sie sandten an den Hof des Herrschers einen falschen Bericht,
in dem sie sagten, daß ihr Kloster in schlechtem Zustande sei,
und baten um die Erlaubnis, dasselbe wieder herzustellen.
Nachdem diese ihnen gütig erteilt war, wagten sie es, auf
eigene Faust das Haus von Grund auf mit behauenen Quader-
steinen zu erneuern, und setzten auf die alten Mauern neun
Reihen neuer Steine. So haben sie allmählich ihr Kloster zu
vergrößern gewußt und bis an das Grab Davids ausgedehnt.
Wir fragen nun: Ist es erlaubt, daß im Kloster in der Nähe
des Ortes, an dem David begraben liegt und der von allen
Muselmannen in Ehren gehalten wird, ein Gebäude erneuert
werde? Ist es erlaubt, daß sie ihre gottlosen Gesänge an
diesem Orte erklingen lassen, daß der Schall ihrer Glocke die
Stimmen der Türken übertöne? Ist es einem Türken gestattet,
1) Nach Schefer, Chesneau Einl. S. XL, soll Calahorra behaupten, „(lu'nn
juif s'etant presente au couveiit du inont de Sion pour visiter ie tonibeau
de David, fut expulse par les Peres Franciscains". Calahorra sagt in Wirk-
lichkeit: „Un perfido e maledctto Ebrco, il quäle, o perche non gli era stato
pcrmesso d' entrare a prol'anare quel santo Luogo, dove era il Sepolcro del
Reale Profeta David, che era la Sagrestia di quel santo Convcnto, o i)er com-
pire la nialitia de suoi Antenati, . . . si portö da uno delii Santoni del Teinpio
di Salomone" ; B. V K. 3.
'-) Calahorra 15. Y K. 3; Schet'er, Chesneau, Anhang Nr. XIII S. 255.
202 Solimaii vertreibt die Franziskaner vom Sion
die Franken hierin zu begünstigen? Begeht der eine Sünde,
der dieses nicht abstellt, wenn er kann? Empfiehlt es sich,
die neuen Stücke aus Kirche und Kloster zu entfernen? Man
bittet um Antwort.
Diese war dem Mufti klar genug vorgezeichnet und fiel
ganz nach Wunsch des Fragestellers aus. Es ist durchaus un-
möglich, wurde erklärt, zu gestatten, daß die Christen bei ihrem
Gottesdienste ihre ungläubige Stimme erheben oder die den
Türken verhaßte Glocke erklingen lassen. Es entspricht, alles,
was die Christen neugebaut haben, niederzureißen. Es ist allen
Türken verboten, solche Neubauten zu begünstigen. Dies ist
die einstimmige Lehre aller Lehrer des Islams ').
Mit dieser Antwort des Mufti begab sich der Derwisch
nach Konstantinopel und erreichte, daß Sultan Soliman am
18. März 1523 an den Gouverneur und den Kadi von Jerusalem
folgenden Befehl richtete -) :
Man hat uns wissen lassen, daß sich bei der edlen Stadt
Jerusalem das Grab des Propheten David befindet, und daß
Kirche und Kloster des Berges Sion, die fränkischen Ordens-
leuten gehören, an dieses Grab stoßen. Diese Ordensleute
ziehen ihren falschen Gebräuchen entsprechend über die Ter-
rasse, die an das Grab des Propheten reicht. Da es weder
passend noch vernünftig ist, daß jener edle Ort in den Händen
der Ungläubigen verbleibe, und daß ihre I^üße auf Orte treten,
die von unsern Propheten geheiligt sind und ein Recht auf
unsere volle Verehrung haben, befehlen wir, die Ordensleute
und alle, die daselbst wohnen, sofort nach Empfang dieses Be-
fehles, ohne Aufschub aus Kloster und Kirche zu vertreiben,
das Heiligtum zu reinigen und dem Hüter der übrigen heiligen
Stätten zu übergeben. Der Überbringer dieses Befehles, der
Prediger Mehdy cl Hachimy, wird die Güter der Kirche, ihre
Gärten und Grundstücke verwalten.
Obgleich der Befehl des Herrschers entschieden lautete.
1) Calahorra 390; Schefer, Chesneau Nr. XIV S. 257.
-) Calahorra B. V K. 4 S. 392; Schefer, Chesneau Nr. XV S. 258.
Ersterer nennt den Überbringer „Meheidi all Axami". Sein richtiger Name
steht auf der von ihm im Zönakulum angebrachten Inschrift; vgl. unten S. 20ö.
Soliman vertreibt die Franziskaner vom Sion 203
vergingen dennoch mehr als sechs Monate, ehe er zur Aus-
führung kam. Der Grund für diesen Aufschub ist nicht recht
ersichtlich. Nach Calahorra ^ hätte der Überbringer dieses
Befehls unterwegs Reue empfunden oder große Furcht gehegt,
ob er wohl seinen Plan bei dem zu erwartenden Widerstand
der christlichen Fürsten zur Ausführung bringen könne; er sei
daher in Damaskus an die katholischen Kaufleute herangetreten,
um ihnen das kaiserliche Schreiben gegen Vergütung seiner
Auslagen anzubieten. Die sofort mit dem Oberen des Sionklosters
eingeleiteten Verhandlungen seien aber von diesem so hin-
gehalten worden, daß der Derwisch schließlich die Geduld verlor
und die Urkunde des Sultans dem Gouverneur von Damaskus
zur Ausführung übergab.
Calahorra sagt nicht, woher diese Nachricht stammt. Daß
solche Machenschaften unterlaufen seien, entspricht durchaus
morgenländischen Gepflogenheiten und erscheint uns wegen meh-
rerer Umstände sehr glaubwürdig. So verstehen wir nämlich
sowohl die sonst nicht zu begreifende Verzögerung wie auch
die Tatsache, daß der Gouverneur von Damaskus die Aus-
führung des an die Behörden von Jerusalem gerichteten Be-
fehles in die Hand nahm. Auch wird begreiflich, wie die
Brüder zu Jerusalem Kenntnis des Schreibens erhalten und
eine Gegenaktion in Konstantinopel unternehmen konnten. Wie
der venezianische Gesandte Peter Zen am 26. September des-
selben Jahres aus Konstantinopel an den Dogen schrieb, waren
die Franziskaner von Jerusalem mit der Bitte zu ihm gekom-
men, er möchte mit dem Großvezier Ibrahim Pascha verhandeln,
damit der Ausweisungsbefehl des Herrschers zurückgenommen
werde ^). Ibrahim Pascha versprach dem Gesandten der Repu-
blik, die Angelegenheit beim Sultan zu ordnen. Im Vertrauen
1) Ebd. 392.
■^) In dem Berichte vom 2(i. und 27. September 1523 aagl Zen: „Item,
che 'I Signor havia ordinale che 'I monasterio di monte Syon in Hierusalem
sia ruinado, dove c la caxa fo di Davit propheta, e dicono il sno corpo ö
soterado de li; unde li l'rati venuti de li per impetrar la revochation, pregö
esso Orator parlasse a Embraim di questo, e cusei li ha parlato, el quäle si
offerse iar il tutto per la Signoria dicendo e nostro subdito, con le mazor
parole dil mondo"; Sanuto XXXV 17G.
204 Soliman vertreibt die Franziskaner vom Sion
auf diese Schritte ließ sich der Guardian die Verhandlung mit
jenem Derwisch nicht weiter angelegen sein, weshalb dieser
selbst den ersten Plan, als er nichts mehr hörte, wieder auf-
nahm und den Ausweisungsbefehl des Sultans dem Gouverneur
von Damaskus Khourrem Pascha übergab.
Die beiden Pilger Philipp von Hagen und Peter Füßl',
die im September 1523 in Palästina weilten, trafen die Fran-
ziskaner noch auf dem Sion und am Zönakulum. Es schwirrten
aber bereits böse Gerüchte durch die Luft, und vor ihrer Ab-
reise trafen schon die Vorboten des Sturmes in der Heiligen
Stadt ein: eine größere Zahl von Truppen wurde dort zusam-
mengezogen, was sofort die Steigerung des Fanatismus der
Mohammedaner und neue Bedrohungen der Christen zur Folge
hatte. Wie Füßli zum 16. September berichtet'), „kamen die
Kriegsleute von Damaskus, das waren Janitscharen und Türken,
bei vier- oder sechshundert. Da entbot der Herr von Jerusalem
dem Guardian, er sollte das Kloster zuhalten und uns sagen,
daß wir nicht auf die Gasse gingen ; denn geschähe uns etwas,
so möchte er es nicht verhindern können. Also gingen wir
desto weniger auf die Gasse, bloß aus unserm Haus am Morgen
ins Kloster und zur Nacht wiederum darin, bis sie anfingen in
einer Nacht, mit Gewalt ins Haus zu dringen; da blieben wir
gar im Kloster, bis wir w^egfuhren." Dem Berichte seines Be-
gleiters Hagen zufolge ^) kamen um Mitternacht Soldaten ans
Johanniterhospital, in dem unsere Pilger abgestiegen waren,
um sie zu berauben. Sie schlugen mit Beilen und Gewehren
Löcher in die Türe, weshalb die Pilger „viele große Steine
und andere Rüstung vor die Türe machen mußten, daß sie
nicht von den Buben überfallen würden. Es war auch ein
großes Geschrei von Weibern und Kindern, die Mordio schrien
so lange und viel, daß die Buben sich verlaufen mußten".
In diese unruhige Zeit fiel der Aufenthalt Loyolas in der
Heiligen Stadt. Er war auf dem Schiffe, das Füßli und Hagen
nach Jaffa gebracht hatte, ans Gestade des Heiligen Landes
gekommen und wollte sich daselbst an irgendeiner Stätte
niederlassen, um der eigenen Heiligung obzuliegen und am
1) Böhmer 36. -) Conrady 272.
Soliman Vertreibt die Franziskaner vom Sion 205
Heile der Seelen zu arbeiten. Für einen solchen Plan war
freilich die Zeit nicht geeignet, und wir verstehen es, daß der
Kustos ihm entschieden abriet. Es seien schon öfter Pilger
mit derselben heiligen Absicht gekommen, aber meist mit
schlechten Erfahrungen von dannen gezogen; einige seien von
den Ungläubigen erschlagen, andere gefangen genommen und
mit hohen Summen losgekauft worden. Es sei ihm daher nicht
möglich, in Palästina zu bleiben; er müsse mit den übrigen
Pilgern die Rückreise antreten. Ignatius erwiderte ihm, sein
Entschluß sei fest und unabänderlich. Als ihn jetzt der Kustos
auf die Vollmachten verwies, die er vom Papste hatte, und
die ihn berechtigten, jeden, der wider seinen Willen in Palä-
stina weilen wolle, in den Bann zu tun, wollte Ignatius nichts
weiteres hören, auch die päpstlichen Schreiben nicht sehen,
sondern sagte sofort: „Ich gehorche!" und rüstete die Rück-
kehr. Es lag nicht im Plane der göttlichen Vorsehung, Ignatius
in den Einöden Palästinas als Einsiedler zu verbergen ; er sollte
der Kirche und Welt größere Dienste tun. Die Pilgerreise
hatte ihm viele Opfer und Verdienste eingetragen, ihn über die
Absichten Gottes weiter erleuchtet und seiner Aufgabe einen
Schritt näher geführt 0.
Am 23. September reiste Loyola mit seinen Gefährten von
Jerusalem ab. Bis zur Abfahrt des Schiffes mußten sie noch
viele Widerwärtigkeiten von den Türken in Kauf nehmen. Auch
erfuhren sie in Ramleh, daß die Franziskaner am letzten Sep-
tember aus ihrem Kloster auf dem Sion vertrieben werden
sollten. Am andern Tage kam freilich die Botschaft, „daß es
nicht so bös wäre. Des ich froh war", schreibt Füßli^), „denn
sie haben ein ordentliches Wesen."
Leider behielt jene erste Nachricht ihre Richtigkeit, da
der durch Ibrahim erwirkte Gegenbefehl des Sultans nicht früh
genug anlangte. Wie christliche Kaufleute aus Tripolis mel-
deten, „hat der Pascha von Damaskus die Brüder des Berges
Sion kraft eines Befehles ausgewiesen, den ein mohammedanischer
Santone vor mehr als sechs Monaten erwirkt hatte; die Brüder
1) Vgl. Acta Sanctoruin, Juli VlI (iSO. "-) Böhmer 40.
206 Soliman vertreibt die Franziskaner vom Sion
sind teils im Hl. Grabe, teils in Jerusalem geblieben" ^). Cala-
horra lügt hinzu, sie hätten ihr Hausgerät in einem Nachbar-
hause untergebracht ^). Jener Santone oder Derwisch brachte
zur Erinnerung an die Vertreibung der Franziskaner am 8. Ja-
nuar 1524 eine Inschrift an, die noch heute an der Ostwand
des Zönakulums links von der Türe gefunden wird ^). Sie
lautet: „Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Gnädigen!
Der Sultan der Geschöpfe, die Stütze der Religion des Islams,
der Diener des heiligen Hauses, der Urheber der Gerechtigkeit
und Zuversicht, der Sultan Suleiman, Nachkomme des Uthman,
hat befohlen, diesen Ort zu reinigen, von den Ungläubigen zu
säubern und daraus eine Moschee zu machen, in der Gottes
Name genannt werden soll. Gott möge den Islam schützen,
indem er ihm ein langes Leben gibt!""*)
So waren die Franziskaner aus dem Zönakulum, das die
heiligsten und teuersten Erinnerungen für die Christen birgt
und fast zweihundert Jahre von den Brüdern mit namenlosen
Opfern und Mühen gehütet war, und aus dem ehrwürdigen
Kloster auf dem Berge Sion verjagt. Sie setzten zwar ihre
Bemühungen fort und ließen nichts unversucht. Doch alle
Arbeiten, das Heiligtum selbst wieder zu erhalten, blieben er-
1) In einem Briefe des Johann Spiciano an den Dogen vom 29. April
lii24 lieißt es: „Per letere de Tripoli da diversi mercadanti de di 9 de 1' in-
stante mese de Fevraro si ha, come il bassä di Damasco haveva trato fora
li frati de monte Syon per uno coniandamento obtenuto zä piü de mexi G da
uno santon moro, li quali erano reduti nel Sancto Sepulcro et parte in Hierii-
salem, avegnache '1 [= obgleichl ditto coniandamento era stä revocato per il
clarissimo orator missier Piere Zen"; Sanuto XXXVI 288.
-) Calahorra 394: „üna casa vicina, che chiaraavano Jl Forno, non
so se per esser' in quel luogo dove anticamente era la Torre, che cliiama-
vano dein Forni, o pure perche servisse di Forno alli Religiös!." Wir ver-
muten, daß es das Schwesternkloster war, in dem nach Surian das Brot für
die Brüder gebacken wurde; vgl. oben S. 180.
3) Vgl. oben S. 50 das Bild der Ostwand.
*) Diese lange unberücksicht gebliebene Inschrift wurde jüngst aufge-
nommen von Max van Berchem; vgl. Fr. Dunkel, Drei arabische Inschriften
aus Jerusalem. In: Das heilige Land, Jahrgang 1914, 16(5, wo auch eine
Photographie der Inschrift. Der zum Schluß derselben genannte Muhammed
al A'dschami ist sicher jener all Axami, der den Befehl der Ausweisung in
Konstantinopel erwirkt hatte; vgl. oben S. 202.
Soliman vertreibt die Franziskaner vom Sion 207
folglos; es sollte ihnen einzig gelingen, nochmals für fünfund-
zwanzig Jahre in einige Räume ihres Klosters Einzug zu halten
und in dem Schatten des Heiligtums zu wohnen. So blieb
wenigstens die Hoffnung wach, das ganze Kloster wie ehedem
zu besetzen und bei günstigeren Zeiten den Gottesdienst im
Zönakulum wieder aufzunehmen. Freilich wurde der Aufent-
halt im Kloster jetzt eine Quelle zahlloser Quälereien und
Erpressungen von selten ihrer sarazenischen Hausgenossen, die
mit der Zeit so unerträglich wurden, daß die Brüder nach dem
Zeugnisse des französischen Gesandtschaftssekretärs Chesneau
bereits den Plan erwogen, das Kloster wieder zu räumen und
„sich in die Christenheit zurückzuziehen" ^).
Wir wollen die Hauptereignisse aus dieser letzten Leidens-
zeit kurz vermerken "). Treue Hilfe bei ihrem Bestreben, das
Kloster wiederzugewinnen, fanden die Franziskaner bei dem
venezianischen Gesandten Peter Zen, der ihre Notlage dem
Großvezier Ibrahim Pascha stets aufs neue vortrug und auch
durch ihn einen günstigen Befehl des Sultans erwirkte. Ehe
derselbe aber ausgehändigt war, reiste Zen ab, so daß die
Sache in Vergessenheit kam. Am 19. Oktober 1524 meldete
sein Nachfolger Peter Bragadino nach Venedig, daß Ibrahim
Pascha den vom Sultan zugunsten der Brüder erlassenen Be-
fehl, der mit großer Mühe vom frühern Gesandten erwirkt und
durch seine Abreise in Vergessenheit geraten sei, übersandt
habe ^). Leider erfahren wir den Wortlaut des kaiserlichen
Befehles nicht, wissen daher auch nicht, ob eine volle Her-
stellung des früheren Zustandes verfügt, das Kloster also nebst
Zönakulum zurückgegeben oder dieses ausgeschlossen war und
die Brüdei*^ nur in ersterem wieder wohnen konnten. Die Worte
Bragadinos, daß nun die frühere Lage der Brüder vollständig
1) Sehe f er, Chesneau 117.
'^) Wir folgen für die ersten Ereignisse hauptsächlich den Tagebüchern
des Venezianers Sanuto. Ausführlich handelt darüber Calahorra B. V K. 4
bis IT); aus ihm schöpft Schefer, Chesneau Einl. S. XLI — XLVI.
^) Sanuto XX.XVII 269: Ibrahim „scrive haver expedito el comanda-
mento del Signor che '1 fa in favor di dicti frati, quäl 1' orator nostro ch'ö
stato si fatichö tanto per averlo, ma poi la sua partita era andato in oblivion,
ma ha fatto serd il tutto ritoruato in pristinum in Hierusalem per li frati".
2Ö8 Soliman vertreibt die Franziskaner vom Sioil
wieder hergestellt sei, sprechen für die erstere Annahme, eben-
so das Zeugnis des Priesters Jan Goverts von Gorkum, der 1525
in Jerusalem war und in seinem Tagebuche erzählt, daß für
die Pilger eine hl. Messe im Abendmahlssaale gelesen wurde 0-
Doch widerspricht manches andere, das wir hören ^) und uns
die Brüder nicht im Zönakulum, sondern nur in einem Teile
des Klosters zeigt. Zum wenigsten ist sicher, daß sie,
wenn ihnen das Zönakulum wirklich zurückgegeben w^ar, nicht
lange in seinem Besitze blieben; denn wir finden sie bereits
im April 1526 wieder in Konstantinopel, wo sie durch den
venezianischen Gesandten die Rückgabe desselben beim Groß-
vezier betreiben. „Die Franziskaner", schreibt der Gesandte
dem Dogen, „haben das Kloster, und möchten auch die Kirche
des Sionberges" ^). Auch diesmal nahm sich der Großvezier
der Brüder an und erwirkte beim Sultan eine Verordnung zu
ihren Gunsten ^) ; aber die Hauptsache, das Zönakulum, wurde
nicht gewährt.
Die Franziskaner gaben die Hoffnung nicht auf und zogen
jetzt neben dem venezianischen Gesandten auch König Franz I.
von Frankreich, dessen Beziehungen zum Sultan immer inniger
geworden waren, zu Hilfe. Beide sandten im Sommer 1528
Schreiben an Soliman, denen sich dieser nicht ganz verschließen
konnte â– ') ; aber er verstand es wieder einmal, die Bittsteller
1) Cod. Ms. hist. 823 i der Universitäts-Bibliothek zu Göttingen ; die
Seiten sind niclit numeriert.
'^) Calaliorra erzälilt, der Guardian liabe die Anwesenheit Ibrahims in
Gaza benützt und den Dragoman mit einigen Brüdern zu ihm gesandt, um
ihm die Notlage zu schildern. Ibrahim habe die Gesandtschaft gütig aufge-
nommen und verfügt, daß der Santone das Grab Davids, den oberen Saal des
Zönakulums und einige Räume des Klosters behalten, das übrige aber den
Franziskanern zurückgeben solle; B. V K. 4.
3) Sanuto XLI 407 u. 409. Er sagt: „I Frati hanno il monasterio, et
voriano etiam la chiesa di Monte Syon."
*) Sanuto teilt den Inhalt der Verordnimg, die der Dragoman der Ge-
sandschaft am 22. Juni 1526 von Adrianopel überbrachte, nicht mit; vgl.
Diarii XLII 346 348 394.
^) Am 29. August l.'J28 schreibt der Gesandte nach Venedig, der Sultan
habe Ibrahim geantwortet: „A la signoria et al re di Franza non e da negar
quelo i dimanda, ma per esser cosa di la fede, bisogna parlar con li cadi";
Sanuto XIL 24.
Soliman vertreibt die Franziskaner vom Sion 209
vorläufig mit einem jener Kompromisse zu befriedigen, in denen
die orientalischen Diplomaten Meister sind. Wie der venezia-
nische Gesandte am 16. September 1528 seiner Regierung mit-
teilte, hatte Ibrahim geantwortet, daß der Sultan das Zönakulum
nicht zurückgeben könne, da dies seinem Glauben zuwider
laufe; er wolle es aber schließen lassen, was auch besser für
die Brüder sei '). Ein bald nachher nach Venedig abgesandter
Bericht ergänzte den ersten Bescheid. Der Sultan habe er-
klärt, daß er sehr bedaure, den Wunsch der Republik und des
französischen Königs nicht erfüllen zu können, da es sich um
eine Moschee handle; eine andere Bitte werde er gewähren.
Doch solle das Zönakulum mit einer Mauer verschlossen werden,
so daß niemand eintreten könne. Hierzu bemerkte der Ge-
sandte, dem Guardian des Slonklosters, der sich zurzeit in
Konstantinopel befinde, gefalle diese Lösung, da auf diese Weise
das Zönakuhim nicht Moschee bleibe, die Brüder aber in
der Nähe verweilen und insgeheim ihre Andaclit verrichten
könnten -).
Denselben Grund für die Ablehnung machte Soliman in
seinem Schreiben an König Franz I. von Mitte September 1528
geltend. Wäre es, sagt Soliman, eine Frage des Eigentums,
so würden die Wünsche Ew. Majestät in Anbetracht der innigen
Freundschaft, die zwischen uns besteht, erhört werden. Aber
es handelt sich hier nicht um Mobilien oder Immobilien; es
handelt sich um eine Sache unserer Religion. Jene Kirche ist
in eine Moschee verwandelt worden, in der die Mohammedaner
öffentlich ihre Gebete veriichten. Es wäre aber gegep unsern
Glauben, die Bestimmung eines Ortes zu ändern, der den Titel
einer Moschee getragen, und in dem die Gläubigen ihr Gebet
verrichtet haben. Der übrige Teil des Hauses soll aber den
Christen verbleiben und niemand sie daselbst stören; in aller
ij Ebd. 72.
1) Am 4. Oktober ir)2.S schreibt Contarini u. a. : Der Snitan wolle, „sia
fata una muraia atorno, siehe non 11 entri aicun, et a questo modo a(|uieter;\
la fede. L'nde el vardian, che li a Constantinopoli se atrova, ha auto a piacer
de questo, perchö non hessendo moscliea loro frati starano e l'arano le soe
devotion secretamente".
Franzisk. Studien, Beiheft J: Lern mens, Die Fmnziskaner auf dem Sion. 14
2l0 Soliman vertreibt die Franziskaner vom Slon
Ruhe werden sie die Räume weiter bewohnen, die sie zurzeit
einnehmen ^).
Es waren eitle Versprechen, die so oft den Christen ge-
geben und selten gehalten wurden. Das Zönakuliim blieb
Moschee ^) ; jene Sperrmauer wurde nicht aufgeführt, und die
Drangsale der Franziskaner dauerten fort.
Zinkeisen schließt an jenes Schreiben des Sultans an König
Franz I. die unrichtige Bemerkung an, Frankreich sei „die
erste Macht gewesen, welche den Anstoß gab", daß die Christen
das Recht erhielten, ihre Kirchen wieder herzustellen und in
baulichem Zustande zu erhalten ^). Ob er hier nicht die Trag-
weite und Bedeutung der Antwort des Sultans über ihren Sinn
erweitert? sicher läßt er die früher erteilten Fermane außer
acht und übersieht besonders, daß Venedig ebensoviel zu jenem
Erfolge beitrug wie der König von Frankreich.
Seit Jahrzehnten hatte die Republik Venedig am Hofe der
Sultane von Kairo und an der Hohen Pforte zu Konstantinopel
die Interessen der Christen des Orients und besonders der
Franziskaner Palästinas mit Eifer und Erfolg vertreten. Ein
Franziskaner, der die Geschichte seiner Mitbrüder an den hei-
ligen Stätten beschreibt, darf nicht versäumen, dankbar des
großen Wohlwollens zu gedenken, das sie von der mächtigen
Königin des Meeres erfuhren, und des nachhaltigen Schutzes,
den der Rat der Zehn den Brüdern gewährte, so oft sie sich
hilfesuchend nahten. Solange das Wort Venedigs in Byzanz
gehört wurde, war Venedig der tatsächliche Protektor der Fran-
ziskaner und der ihnen anvertrauten heiligen Stätten.
1) Der Wortlaut des Schreibens in Negociations de la France dans le
Levant I 129—132. Vgl. Calahorra 13. V K. G und Schefer, Chesneau,
Anhang Nr. XVI S. 259.
-) Doch kamen auch die Christen insgeheim ins Zönakulum ; vgl. Jo-
dokus von M eggen, Peregrinatio 104: Die Türken „ipso in coenaculo Ora-
torium (quod ipsi muscea vocant) habent...; post preces matulinas audita re
divina in s. coenaculo". Auch 1550 kamen die Pilger nachts durch Vermitt-
lung de3 Guardians hinein; vgl. Rehlinger bei Röhricht- Meisner 412.
■■') Geschichte des osmanischen Reiches 11 713. Während Calahorra 399
die Antwort des Sultans auf das Kloster auf dem Sion beschränkt, gibt Schefer
ihr eine allgomeinei-e Fassung für alle Gotteshäuser der Christen.
Solinian vertreibt die Franziskaner vom Sion 211
Schon bald sollten die Franziskaner wieder des Schutzes
der Republik bedürfen. Die über sie hereingebrochenen Schwie-
rigkeiten und Stürme ermutigten alte Widersacher, aufs neue
den Kriegspfad zu betreten und in die Rechte der Brüder ein-
zubrechen. Die Georgier, die von Qansu Guri mit ihren An-
sprüchen auf den rechtsgelegenen Teil des Kalvarienberges
abgewiesen waren, fingen, wie das Schreiben Solimans sagt,
aufs neue an, „mit den fränkischen Religiösen zu streiten". Die
Brüder erwirkten aber durch den venezianischen Gesandten
den Befehl des Sultans an die Behörden Jerusalems, die Rechte
der Franken zu schützen und die Georgier an ihrer Bedrückung
zu hindern ')•
Drei Jahre später mußte der Gesandte wegen der Basilika
von Bethlehem beim Sultan vorstellig werden. Die Mohamme-
daner hatten wieder einmal begonnen, die Kirche zu plündern,
den Marmor der Säulen und das Blei des Daches fortzu-
schleppen. Auf die Bitten des Gesandten richtete Soliman an-
fangs Mai 1532 an den Kadi von Jerusalem den Auftrag, dieses
zu hindern und die Übeltäter ausfindig zu machen. „Niemand
dürfe die fränkischen Ordensleute, die berechtigt seien, die zu-
sammengefallenen Teile der Kirche wieder aufzubauen, hindern."
Sie müßten jedoch dabei den alten Fundamenten folgen; der
Kadi solle aufpassen, daß nichts neues gebaut werde ^). Leider
hatte das Schreiben denselben Erfolg, wie so viele Dekrete der
Hohen Pforte: es wurde nicht ausgeführt oder doch bald ver-
gessen. Wie Chesneau, der 1549 zu Bethlehem weilte, meldet,
„gerà ¤t die schöne und große Kirche in Verfall, da die Türken
aus derselben den Marmor und andere Steine, die sie für den
Schmuck ihrer Moscheen brauchen können, nahmen und täglich
wegnehmen" ^).
In Zukunft sollte es der Republik nicht mehr möglich
sein, ihre schützende Hand über die Brüder Palästinas und die
1) Vgl. Calahorra B. V K. 0; das Schreiben Solimans ist vom Safar 935.
2) Calahorra B. V K. 7; Schefer, Chesneau, Anhang Nr. XVII S. 261.
3) Schefer, Chesneau 125: „II y a une eglise qui a este fort belle
et grande, laquelle s'en va en ruine, i\ cause que les Turqs en ont ost6 et
ostent journoilomcnt le marbro ft anllres pierres qui iour peuvent servir pour
enrichir leurs niousquees."
14*
212 Soliman veitreibt die Franziskaner vom Sion
heiligen Stätten zu halten. Am Hole Solimans immer mehr an-
gefeindet, wurde Venedig allmählich durch den französischen
Einfluß verdrängt. Soliman und Franz I. waren, wie der vene-
zianische Gesandte Ludovisi am 3. Juni 1534 berichtete 0, durch
gemeinsame Interessen verbunden; beide hatten das Hauptziel,
das Wachsen der Macht des Kaisers Karl V. zu verhindern.
Aus dieser Gemeinsamkeit der Interessen entwickelte sich Freund-
schaft und Bündnis. Je inniger aber das Verhältnis beider
wurde, um so mehr mußte der Einfluß Venedigs am Goldenen
Hörn zurücktreten.
Im Januar 1536 schloß der französische Gesandte Johan-
nes de la Foret in Konstantinopel den ersten Vertrag mit der
Türkei, aus dem sich mit der Zeit das Schutzverhältnis Frank-
reichs über die Christen des Orientes entwickelte, das manchen
Segen bringen, aber als Frucht des Kampfes Frankreichs gegen
Deutschland geboren in einem neuen Ansturm gegen den Nach-
bar sein p]nde finden sollte.
Von der größten Bedeutung für die weitere Entwicklung
der türkischen Politik und ihrer Beziehungen zum westlichen
Europa war ein Ereignis, das sich bald nach jenem Vertrag,
am 5. März 1536, in den Gemächern des kaiserlichen Palastes
zutrug : Der Großvezier Ibrahim Pascha wurde in der Nacht
erdrosselt. Ibrahim war die wichtigste Person des Türken-
reiches, „das Herz und der Atem des Herrschers" ^), der wie
Ludovisi schrieb ^j, „keine wichtige Entscheidung mit allen
Paschas und dem ganzen Hofe traf ohne Ibrahim; Ibrahim
machte alles allein". Gebürtig aus dem zu Venedig gehören-
den Parga an der jonischen Küste, bewahrte dieser seine Anhäng-
lichkeit an die Heimatsrepublik ^). So lange Ibrahim in Macht
^) ,J1 re cristianissimo veramente si puö dire che ha un coniun desi-
derio col Signor Turco, cioe ehe la grandezza dell' iniperatore non sia tanta" ;
Alberi, Serie III Bd. III S. 22.
'-') „E il cuor il fiato del Signor;" Rragadino bei Schefer, Chosneaii 2:59.
•') „II sultano con tiitti i pasciä e con tutta la Corte non fa deliberazione
importante senza Ibrahim, e Ibrahim solo fa il tutto senza il Gran-Signore
ovvero altra compagnia;" Alberi 28.
^) Wie Zen 1523 an den Dogen schrieb, nannte er sich einen venezia-
nischen Untertan; „dicendo e nostro subdito"; Sanuto XXXV 17ü.
Soliman vertreibt die Franziskaner vom Sion 213
und Würden war, war Venedig in Konstantinopel angesehen
und es dem venezianischen Gesandten möglich, mit Ibrahims
Hille die Franziskaner zu schützen. Sein Tod war ein Ver-
hängnis für die Regierung Solimans, deren Glanzzeit mit Ibra-
him zu Ende ging, für die Franziskaner und Christen, denen
er große Güte erzeigt hatte ^), und besonders für die Republik
Venedig und Karl V. Unter den nicht bekannt gewordenen
Gründen seines Todes wird auch genannt, daß er mit dem
Kaiser in Verbindung gestanden ^).
Seit seinem Tode verschlechterten sich die Beziehungen
zwischen Soliman und Venedig fortwährend. Schon zwei Mo-
nate später, im Mai des Jahres 1536, ließ Soliman dem vene-
zianischen Gesandten erklären, er werde Venedig mit Feuer
und Schwert bekriegen, wenn die Republik nicht von ihrer
Freundschaft mit dem Kaiser lasse ^). Doch hatte der Rat der
Zehn Charakter genug, diese Drohung zu überhören. Allerlei
Mißverständnisse und Vorfälle spitzten das Verhältnis derart
zu, daß Soliman im Sommer 1537 mit einem Zuge gegen Korfu
den Krieg begann, der mehr als drei Jahre, bis in den No-
vember 1540, dauern sollte. Sofort erging nach allen Seiten
des Türkenreiches der Befehl, die Untertanen der Republik im
ganzen Gebiete zurückzuhalten und ihre Güter und Schiffe mit
Beschlag zu belegen *).
Für die Brüder in Palästina war damit eine neue Leidens-
zeit gekommen. Die Behörden von Jerusalem erhielten aus
Konstantinopel Befehl, die Franziskaner auf dem Sion, am Hl.
Grabe und in Bethlehem zu verhaften^). Am IG. September
1537 wurden sie gefangen und in der Hl. Stadt im Pisanerturm
sowie zu Damaskus eingekerkert, wo sie bis zum Iß. November
1540 verbleiben mußten. Neun Brüder starben daselbst; der
Guardian P. Thomas von Norcia und fünf andere wurden von
1) ,.Fa gran ben a'cristiani;" l^ragadino bei Sehe f er, Chesneau 240.
2) Zinlteisen II 824. •■<) Zinkeisen II 766.
*) Zinkeisen II 770.
•'•) Calahorra B. V K. 8; er sagt, man kenne nicht den eigentliciien
Grund; er glaube, daß es auf die Nachricht von der Wegnaiimc türkischer
Schiffe durch Doria geschehen sei.
214 Soliman vertreibt die Franziskaner vom Sion
einer Seuche dahingerafft; drei erlagen anderen Krankheiten^).
Der Dolmetscher der Franziskaner, ein katholischer Kopte, na-
mens Johannes, suchte die hl. Stätten zu schützen und zu retten,
so viel er vermochte ^). Er konnte aber nicht verhindern, daß
die Armenier die große Kreuzpartikel aus der Marienkapelle
nach Sebaste entführten ^), und die Franziskaner, als sie end-
lich durch Vermittlung Franz I. aus der Haft entlassen wurden,
alles in trostlosem Zustande fanden. „Während unserer Ab-
wesenheit", schrieb der neue Guardian P. Dionysius an den
französischen König ^), „sind die heiligen Stätten böse von den
Ungläubigen behandelt worden ; diese Orte, besonders auf dem
Sion und zu Bethlehem, drohen in Kürze zusammen zu stürzen".
Er bat daher den König, ihnen durch seinen Gesandten in Kon-
stantinopel die Erlaubnis zur Wiederherstellung zu erwirken.
Tatsächlich konnten in der nächsten Zeit einige Arbeiten aus-
geführt werden ^).
1) P. Thomas starb am 14. Juli 1539 („anno tertio siiae incarcerationis");
Vgl. Calahorra 406.
2) Qiiaresmius II 44: „Regimen locorum Sanctorum suscepit Johan-
nes Baptista fratrum interpres, natione cophtus, tarnen Catholicus, usque ad
novi guardiani adventum. Ita legi in Sacristia S. Salvatoris Jerosolymis, et
ab ipso interprete, qui paucis ab hinc annis obiit, et ab aliis hoc idem audivi,
et Daraasci cum essem accepi, memoriam adhuc superesse fratrum, qui ibi in
castello detenti fuerint." In Bethlehem sorgten die Armenier für die hl. Grotte;
vgl. oben S. 161.
3) Bonifacius Stephani, De perenni cultu Terrae Sanctae 162.
■*) Am 23. Oktober 1542 schrieb der Guardian „Fr. Dionysius Sarcogna-
nus" an König Franz I: sie seien „stati presoni de Turchi per anni 3 et
1 2 • • • siamo stati liberati de tanta captivita mediante la intercessione dl
vostra Majesta, alla quäle nui tutti frati restiamo obligatissimi. Vostra illu-
strissima Maiesta his nostris etiam intendeva come, il quelle tempo che siamo
stati captivi nelle mane loro, li lochi santti de Hierusalem sono stati mal-
trattati da essi inlideli, et ditti lochi menazano ruina in breve, et maxime
monte Syon et Betelera. Pertanto, visa tuae Majestatis erga nos pauperes
fratres incomparabile benignitate, obnixe ac humiliter iterum atque iterum a
quella supplicamo che la fino lei dignare di scrlvere al suo oratore, ch'e ä
Constantinopoli. che sua signoria, nomine vestre Majestatis, debba inipetrare
questa gratia dal grande Imperator de Turchi, che, nui poveri frati, possiamo
resarcire quelli lochi, che sono per ruinare, la qualle resarzione non si puo
far scnza sua particular licentia"; Revue d'histoire diplomatique XXVI 281.
'") Vgl. Golubovich, Serie 51.
Soliman vertreibt die Franziskaoer vom Sion 215
Doch sollten die Franziskaner ihres Lebens auf dem Sion
nicht mehr froh werden. Immer aufs neue mußten sie in Kon-
stantinopel Hilfe suchen. Im September 1542 reiste der Guar-
dian P. Dionysius in die Hauptstadt, um für die Brüder und
Pilger einzutreten ; Jodokus von Meggen, der ihn bis Kreta
begleitete, hat uns die Kunde von dieser Reise und sein Lob
überliefert ').
Die meisten Schwierigkeiten kamen von den türkischen
Mönchen, mit denen sie die Wohnung auf dem Sion teilen
mußten. Um den Brüdern den Aufenthalt zu verleiden und sie
aus freien Stücken abziehen zu machen, wurde alles versucht.
Weder bei Tag noch bei Nacht ließen ihnen die Derwische
Ruhe; Erpressungen, Kränkungen und selbst Mißhandlungen
wechselten ab. Und da die Brüder nicht freiwillig gingen,
wurden stets neue Intrigen gesponnen, die sie mit Gewalt aus
dem Kloster bringen sollten. Zu den alten Anklagen, daß sie
Waffen im Kloster versteckt hielten, um dieselben im Kriege
unter die Christen zu verteilen, oder daß sie Neubauten auf
dem Sion aufgeführt hätten, kamen neue. Man warf ihnen vor,
daß sie Frauen den Zutritt zu ihrem Gottesdienste gestatteten,
oder daß der Obere des Klosters acht Tage vor Ostern von
Betfage aus feierlich auf einem Esel in Jerusalem einziehe,
während die Christen ihre Mäntel auf der Erde ausbreiteten.
Es wurde Anzeige in Konstantinopel erstattet und von -dort dem
Gouverneur von Damaskus die Untersuchung übertragen. Dieser
kam mit den Behörden der Stadt ins Kloster, konnte aber nur
feststellen, daß die beiden ersten Anklagen ganz unbegründet
seien, die beiden andern aber alten und von frühern Sultanen
genehmigten Gebräuchen entsprächen ^).
1) Peregrlnatio 147: „Guardianus Moiitis Syon ob . . . perogrinorum
gravamina moicstiasquc qiiae in dies aiigcbantiir, tum ob privata iTÜgioiiis
suae negotia, quo tutius illic sui dcgcrc possint, Constantinopolim ad 'i'ur-
carum principem proficisci decrevit; ideo satis oportune nobiscum Cretam
usque fuit profectus. Nos vero huius religiosi societate non parum laeta-
bamur; erat enim rerum omnium cxpertus et peritus, nullumque laborem nostri
causa subterfugiebat."
2) Calahorra B. V K. 13; Schefer, Chesncau, Ein!. S. XLIV.
216 Solimau vertreibt die Franziskaner vora Sion
Doch war diese Rechtfertigung der Brüder ohne Belang;
sie gab den Gegnern nur Anlaß, nach neuen Anklagen auszu-
schauen. Vergebens war die Reise, die der Guardian des Sion-
klosters P. Bonifacius Stephani au das Hoflager des Sultans
machte, der im November 1548 auf seinem Feldzuge gegen die
Perser zu Aleppo Winterquartier bezog und bis zum 8. Juni 1549
verblieb. Er brachte wohl von dort eine Bestätigung der Rechte
der Brüder nebst einer Weisung an die Behörden mit, diese
und die Pilger zu beschützen; vor seiner Rückkehr hatte be-
reits der Santone, der den Zweck der Reise erraten, eine neue
Aktion eingeleitet, die verhängnisvoll werden sollte. Er hatte
dem Gouverneur und dem Kadi von Jerusalem sowie andern
Personen eröffnet, daß er verdächtige Personen im Kloster be-
merke, die sich als Pilger eingeschmuggelt hätten und einen
Handstreich auf die Stadt zu planen schienen; auch erhob er
die Klage, daß die Franziskaner nicht aufhörten, am Grabe Davids
vorbeizugehen und den Muselmannen ihre Geringschätzung zu
bezeigen. Die Behörden kamen überein, man solle eine Bot-
schaft an die kaiserliche Regierung senden und alles berichten.
Auch erwähnte man, daß bereits vor fünfundzwanzig Jahren
das ganze Kloster auf dem Sion den türkischen Mönchen über-
wiesen wurde, Khourrem Pascha aber mit andern Beamten von
den Franken bestochen sei und den Auftrag nur halb ausge-
führt habe ').
Vergebens waren alle Bemühungen des Kustos, der den
Nachweis führen konnte, daß die Pforte selbst den Auswei-
sungsbefehl geändert und den Brüdern einen Teil des Klosters
gelassen habe. Vergebens waren auch die Versuche des fran-
zösischen Gesandten d'Aramon, der am 18. Juli desselben Jahres
in Jerusalem eintraf, wo ihn die Brüder nach Aussage seines
Sekretärs wie einen Messias erwarteten, da sie hofften, von ihm
aus den täglichen Widerwärtigkeiten der Derwische erlöst zu
werden. Er konnte wohl die Ausweisung der eigentlichen Ur-
heber und Rädelsführer erwirken, das Los der Brüder aber
nicht wesentlich verbessern^).
1) Calahorra B. V K. 14. "-) Schefer, Chesueau 117.
Schluß 217
Am 3. Oktober 1549 erfolgte die Antwort des Sultans auf
die letzten gegen die Brüder erhobenen Anklagen; sie verfügte
ihre Vertreibung aus dem ganzen Kloster. Nochmals wurde
alles von den Franziskanern in Bewegung gesetzt. Am 2. Juni
1551 kam die Bestätigung jener Verfügung, die so energisch
lautete, daß ein Aufschub unmöglich war. Die Franziskaner
mußten den Sion verlassen. Alle Heiligtümer und Stätten des
Berges kamen in die Hände der Mohammedaner ')•
Wenn nun auch die Franziskaner den hl. Berg Sion ver-
lassen mußten, so haben sie doch nicht ihre Rechte verlassen
und die Hoffnung, in ihr Heiligtum und Kloster zurückzu-
kehren. Wie uns der westfälische Franziskaner Johannes
von Schauenburg, der von 1646—1648 im Morgenlande weilte,
berichtet^), pflegten die neuen Obern der Kiistodie bald nach
Ihrer Ankunft in Jerusalem mit mehreren Brüdern das Sion-
heiligtum zu besuchen und von demselben im Namen der
lateinischen Kirche Besitz zu ergreifen. Noch heute heißt der
Obere der Franziskanerklöster Palästinas „Guardian des Berges
Sion"; sein Wappen erinnert noch immer daran, daß der Sion
Wiege und Zentrum ihrer glorreichen Mission war. Bei jeder
passenden Gelegenheit, vom Frieden zu Karlowitz bis in unsere
Tage, zum Frieden von Lausanne, haben sie die christlichen
Machthaber gebeten, ihre Rechte geltend zu machen. Werden
die neuen Zeiten und Verhältnisse das alte Recht anerkennen?
Was oft der Erfüllung dieses Wunsches im Wege stand, ist
nicht mehr zu fürchten: Auf dem Sion ist kein Heiligtum der
Juden und Sarazenen; die Grabstätte Davids lag an anderer
Stelle; niemand wird in berechtigten Ansprüchen gekränkt.
Daher erneuern die Franziskaner heute mit Vertrauen die Bitte,
ihnen die Stätte ihrer Väter wieder zu schenken.
1) Calahorra B. V K. 15; Schefer, Chesneau S. XL VI. Am 21. Juli
d. J. waren die Brüder noch auf dem Sion; vgl. Röhricht-Meisner 422.
'-) Vgl. L. Lern mens, Der „Peregrinus tripartitus" des Franziskaners
Johannes Schauenburg. In: Franziskanische Studien, Jahrgang 1918, S. 182.
Ortsregister.
(Es wurden nur die Orte des Orientes aul'genommen.)
Abu Ghosch 90 ül
Ain-Karem (St. Johann) 3(5 153 154
169 184 187
Akri 1 16 23—26 29 172
Aleppo 164 197 216
Alexandrien 65 128 135 164 1U4 197
Antiochien 21 22
Arsuf 19
Assur 29
Ayas 138
Beirut 135
Betrage 169 215
Bethanien 33 153 169
Bethlehem, Basilika 2 28 29 36 37
57—59 95 97 98 108 118— 12U
123 124 128 129 135 153 161
166 168 184 186 187 211 214
Hospital 74 75
Kloster 59 73 74 127 187>
St. Nikolauskapelle 81 > 82
Bethsaida 33
Cäsarea 18
Oaraaskus 11 66 164 172 197 204 213
Damiette 30
Dschenin 172
Gaza 64 87 95 199
Genezarcth See 33
llama 164
Hebron 183 187
Jaffa 16 21 95 98-^ 100 128 172—
176 187 194
Jericho 187
Jerusalem
Geißelungsstätte 151
Grabeskirche 2 27 29—31 33 35
41 43 51—53 69 70 93 108
120 124 129 1303 131 135 139
141 143 148 151 163 166 179
184 186 187 189 193 197
Altar der Auffindung des hl. Ivreu-
zes 150 166
Altar der hl. Maria Magdalena 53
56 131 166 1681
Altar hinter dem Hl. Grabe 56 163
Chor der Basilika 56 160
Gefängnis Christi 56 160 166
Geißelsäule 51 ' 56
Golgatha oder Kalvarienberg 5
12 33 52 56 68 69 97 131 —
134 143—145 150 157 162
167 168 211
Heiliges Grab 13 29 35 38—40
43 52 54 56 57 69 74 78 94
97 105 115 129 131 136-^
137 140 141 150 151 156
163 167—170 189 199
Kapelle der hl. Helena 156 163
Kapelle der Muttergottes 55 69
150 166 168 214
Kapelle unter dem Kalvarienbcrge
56 144 157
Kloster der Franziskaner am Hl.
Grabe 70 73 74 98 127
Ort der Verteilung der Kleider
Jesu 160 166
Salbungsstein 150 163 167
Säule der Verspottung u. Dornen-
krönung 163 166
220
Ortsregister
Standort Marions beim Kreuze
163'-^
Hakeldama 61 186
Haus des Annas 183^
— des Kaiplias oder Salvatorkloster
der Armenier 13 36 102 185
— der Mutter des hl. Evangelisten
Johannes 156
— der Veronika 186
Heiligkreuzkloster bei Jerusalem 91
187
Johanniterhospital 28 18Ü 181 201
Kirche des hl. Jakobus 36 39 162
181 190
Lithostrotos oder Gerichtshof des
Pilatus 151 184 186
Marienkirche im Tale Josaphat 28
33 36 57 64 78 79 1 82^ 88—
90 97 152 169
Ölberg 152 169 186
Omarmoschee 27 85 129 197 2U1
Pisanerturm oder Turm Davids 30
36 162 213
Sankt Anna 27 152
Sankt Stephan 27
Sion 9 10 12 34 36 39 51 62 66
98 104 129 184 199
Abendmahlssaal 9 36 40 42—51
53 57 108 137 145 146 185
204 ff.
P'ranziskanerkloster 42 46 — 48 50
71 73 82 93 97 125—130
146 165 177 180 182 185
188—195 201 ff.
„Grab Davids" 101 120 121 201
202 206
Kapelle des hl. Franziskus 50
Kapelle des Hl. Geistes 34 ^ 42 43
48 50 78 101 121 — 123 130
145 146
Kapelle des hl. Thomas 4;') 50 78
146
Maricä Heimgang 28 30 146 148
Marienhospital 57 74—77 83 148
179 181 206-i
„Oratorium Maria" 146 148
Tal Josaphat 184 186
Teich Siloa 186
Todesangstgrotte 64 88 152 168
Jordan 33 169 183 184 187
Kairo 98 115 125 127 128 134 136
138 140 164
Kana 33
Kapharnaum 15 33
Kerak 37
Koustantinopcl 131 198 ff.
Ivaodizea 65
:»Iatarich 82 136 1 143-^
Mccka 127 138 197
Medina 138 197
Nablus 136
Naim 15
Nazarelh 15 16 18 29 33 37 155 172
Ramleh 12 91—9 5 100 123 135 173
176—179 199 205
Khodus 138 140 142
Safed 19—21
Sankt Saba 100 161
Sebaste 214
Sinai 118i 188
Tabor 18 155
Tarsus 17
Tortosa 65
Tripolis 23 65 164 205
\%'üste Quarantana 33 187
Zypern 17 24 47 71 98-^ 111 193 196
Personenregister.
I. Franziskaner:
Albert von Sartheano 107 109—111
122 191
Andreas von Foligno 172
Angelus von Perugia 87-
AngeUis von der Mark 87 2
Anselmus von Krakau 49
Antonius, Apostat 119'' 195^
Antonius von Conio, General 117
Antonius von Creniona :i2
Antonius von Mugnano, Kustos H)')-'
Antonius von Plreto, General 72 82-
Baithasar von St. Maria, Kustos 1 1 7
Baptista von Lübeck 129 194
Hartholoniäus von Alverno 70 — 79
Bartholomäus von Piacenza, Kustos
127 180
Bartholomaeus von Pisa 1')
Benedikt von Alignano 19
Bernhardin von Padua 81 1
Bernhardin von Siena, Kustos i:i9'
Bonil'acius Ste|)hani, Kustos 90 210
Cantutius 77'^
Christophorus von Varese 42-
Conradus de HaJIis 22
l>aniel de Thaurisio 41"
Deodatus von Houvergue (Rusticinio)
83—87
Dionysius von Sarcognano, Kustos
214 215
Fidenlius von Padua 19 31
St. Franziskus von Assis! 9 17 70 94
Gandolf von Sizilien, Kustos 110 — 117
Geraidus, General 41
Gerhard Calvetti 71 ^^ 82 1 8:^—94
Gripho 10.')
Gundisalvus 07
Hugo 32
.lakobus, Kustos 9')
Jakobus Dallin, Kustos 105—107 109
110
Jakobus von Alessandria, Kustos 127
Jakobus von Puy 20
Jakobus von Venedig 88-
Jeremias von Genua 20
Johannes 45
Johannes, Märtyrer 07
Johannes Bedererus 82'
Johannes Belloro, Kustos 102 — 104
Johannes Columbus 82'
Johannes Thenaud 141
Johannes Thomacelli, Kustos 128 —
130 172
Johannes von Aquitanien 83- 87-
Johannes von Burgund 88'-
Johannes von Dalmatien 85 '
St. Johannes von Kapistran 111 117
Johannes von Pisa 82 i
Johann von Preußen 18G — 191
Johannes von Sizilien 85' 87' 88-
Johannes von Straßburg 87 *
Johannes von Winterthur 2
I..aurentius von Placencia 87^
St. Ludwig von Anjou 2 44
Ludwig von Bologna, Kustos 104 105
Ludwig von Bologna, Prediger 104'^
i^Iarkus von Lisssabon 43
Martinus von Aragonien 81 ^
222
Personenregister
Martinus von Katalonien 87 2
Martinas von Slavonien 87-
Matthäus von Bnrgund 88-
Maurus, Kustos t3fi
Niliolaus, Kustos 80
Niliolaus, Kustos 95
Nikolaus Cornarius, Kustos 94
Nikolaus von Farnad 150
Nikolaus von Kreta, Kustos 82
Nikolaus von Osimo 103 104 107 1 HO
Nikolaus von Poggibonzi 48
Sei. Nikolaus von Sebenico, Märtyrer
84—87
Nikolaus von Venedig, Kustos 82 88
Nikolaus Wanckel 140
Sei. Odoricus von Pordenone 32
Paulinus von Pozzuoli 47
Paulus von Caneto, Kustos 19:5"
Paulus von Lodi, Kustos 10
Paulutius von Trinci 84 105
Philipp de Aversa lOö-^
Petrus Cocclarius 87 ^
Petrus de Petragoris 88 2
Petrus von Bordeaux 83- 87-
Petrus von Narbonne 84 — 87
Petrus von Neapel, Generalvikar 193
Petrus Verniero 10
Polo 841 93''
Richardus Anglus 82 *
Roger Gaiini, erster Oberer 41 — 46 80
Scolarius lOfi
Simeon von Mailand 172
Simon 32
Steplianus de Cunis 84 — 87
Surian 127 143 144
Thomas von Auxerre 82 1
Thomas von Norcia, Kustos 213
Valerius, Apostat 119"' 195^
Vinzenz von Gallicano 10
Waltlier von Guglingen 44
Wilhelm von Castellamare G4 65
Wilhelm von Ruysbroek 16
n. Andere Personen:
A'dschami ]\Iahammed al. Derwi.sch
202- 206'
Albira, Stifterin des Marienhospitals
au! dem Sion 75 181
Alexander IV. 17
Alexander VI. 1303 190
Alexander, Pfalzgraf 128
Alexis IV. Comnenus 108'
Andreas, Erzbischof von Rhodus 96
d'Anghiera, spanischer Gesandter 134
—136
d'Aramon, französischer Gesandter 216
Aschraf Chalil, Sultan 1 24
Bajaset, Sultan 124
Barbarigo Augustin, Doge 180
Barkuk, Sultan 12 93
Barsabai, Sultan 57 1 97 99
Bibars, Sultan 15 18—23
Bortmann von, Pilger 48
Boemund, König 22
Bogislaus X., Herzog von Pommern,
Pilger 192
Bragadino Peter, Gesandter von Vene-
dig 207
Branbork Jan, Pilger 177
Brancacci Felix, Gesandter von Flo-
renz 97
Brandenburg Albrecht von, Pilger 48
923
Brandenburg Johann von, Pilger 48 923
Breitenbach, Domherr aus Mainz 74
St. Brigitta 81 1
Buondelmonti Anton, Pilger 183
Burkard, Dominikaner 28
Caumont, Pilger 94
Celsi Lorenzo, Doge 63 88
Cesarini, Kardinal 1073 \\q m
Chesneau, Gesandschaftssekretär 207
Gontarini, Konsul zu Alexandrien 63
Contarini Thomas, Konsul zu Alexan-
drien 136 140 142
Personenregister
223
Deodarus, Beschützer der Christen
198 3
Djalimak, Sultan 114—117
Djem, türliischer Prinz 124
Diepolt von Haspberg, Pilger 177
Ejjub, Sultan 31
Elisabeth von Kastilien 193
Elphahallo, Dolmetscher und Pilger-
führer 189^
Ertoghrul 196
Eugen IV. 73 104-117
Fabri Felix, Dominikaner 44
Fachr Eddin, Beschützer der Franzis-
kaner 127
Federighi, Gesandter von Florenz 97
Ferdinand von Aragonien und Kasti-
lien 128 134 193
Franz I., König von Frankreich 208 —
210 212 214
Frescobaldi, Pilger r)4
Friedrich II., Kaiser 7 14 1(!
Füßli Peter, Pilger 204
Oaudenz von Kirchberg, Pilger 182*'
Gazello, Jakobite 181«
Geroldus, Patriarch 7
Ghaseli, Gouverneur von Damaskus 200
Ghistele, Pilger 92
Goverts, Pilger 208
Gregor IX. 8
Gregor XI. 81 1 82 148
Grethenius, Archimandrit "lO
Grünemberg, Pilger 171
Gucci, Pilger 54
Gumpenberg, Pilger 93
Ilakim, Sultan 7
Heinrich VIII., König von England 193
St. Hieronymus 7
Hohenfels von, Pilger 48
Hugo, Erzbischof von Nikosia 90
Hugo, Templer 20
Jakob, Christ zu Jerusalem 12
.Jakob von Verona, Augustiner 15
Jakob von Vitry, Patriarch 18
Jakob, König von Äthiopien 113 115
Jakob IL, König von Aragonien 32 ^
38 40
Ibrahim Pascha, Großvezier 200—213
St. Ignatius von Loyola 204 205
Ignaz von Smolensk, Pilger 58'
Innozenz III. 29
Innozenz IV. 31
Innozenz VI. 64 75 77 88
Innozenz VIII. 193
Jodokus von Meggen, Pilger 129
Johanna I., Königin von Neapel 57 62
64 77 88
Johanna IL, Königin von Neapel 102
Johannes XXII. 38
Johannes XXIIL 71 ^
Johannes de la Foret, französischer
Gesandter 212
Johannes!., König von Aragonien 84 1
93
Johannes Martinus, Prokurator 111
Johannes, Patriarch von Grado 95 — 97
Johannes von Solms, Pilger 190
Johannes von Zimmern, Pilger 190
Johannes, Patriarch von Aiexandrien
112
Isabella von Kastilien 193
Julius IL 138
lialaun, Sultan 16 2:5 24
Kalixt IIL 73
Karl der Große 7
Karl der Kühne 193
Karl V. 200 213
Khourrem Pascha 204 216
Klemens VL 42 49 61 69 71
I.ie Roy, französischer Gesandter 141
Lochner, Pilger 48
Loredano, Doge 180^ 196
Ludolf von Suchem, Pilger 15
Ludovisi, venezianischer Gesandter 212
Ludwig IX., König von Frankreich 15 16
Ludwig XII., König von Frankreich 141
Luise, Herzogin von Savoyen 141
Iflakrizi, arabischer Chronist 19
Marco Minio, venezianischer Gesandter
200
Margareta von Henneberg 193"
Margarete von Sizilien 2 45
224
Personenregister
Marian von Siena, Pilger 92
Martin V. 95 97 102 lOr. 1062
Martoni, Pilger 92
Maximilian I., Kaiser 193
Medici Cosimo 109-
Medici Lorenzo 109^
Melek-el-Kamel, Sultan 7 KP 18
Melek-el-Mansiir, Sultan IS
Melek-el-Moaddem, Sultan 30
Mergenthai, Pilger 128
Mocenigo Leonhard, Pilger 97
Mocenigo Thomas, Pilger 97
Mohanimed-el-Mochner, Scheich 119
Morosini, Pilger 1(53
Moudjir-ed-dyn. arabischer Chronist
1281
Murad IL, Sultan 111
Muzaler, Sultan 1 1
JVassir, Sultan 2 37—41 49
Nikodemus, Archimandrit 113
Nikolaus V. 119 192
Nikolaus, Markgraf von Este, Pilger 92
Oliver, Pilger 30
Omar, Kalife 27 118
Orchan, Sultan 190
Osman. Sultan 190
Perez Philipp von, Konsul 135 140
142
Peter IV., König von Aragonien 63 04
Peter I., König von Zypern 65 66
Peter von Vandrey, Baumeister 119
Philipp IV., König von Frankreich 39
Philipp der Gute, Herzog von Burgund
92 119—123 128 177 193
Philipp von Hagen. Pilger 164
Pius II. 129
Poloner, Pilger 79 ^
„Priester Johannes" 35
Qansu Guri, Sultan 12 133 — 144 196
197 199 211
Quat Bei, Sultan 124—127 148 190
Radziwill Nikolaus, Pilger 198, 199
Ricoldus, Dominikaner 8
Robert, König von Neapel 2 43 57 79
Rochechouart, Bischof 93
Rokneddin, Sultan 58
Sabathytanco, Pilgerführer 175^
Saladin 7 27—29
Sanutus Marinus 14
Sanzia, Königin von Neapel 2 43 57
79 93 •'^ 192
S wulf, Pilger 55
Sciaban, Sultan 82
Selim I., Sultan 190—199
Soliman, Sultan 199—217
Sophia, Gründerin des Marienhospitals
auf dem Sion 75 146 181
Theodorich, Pilger 30
Tholmar, Pilger 29
Trevisan Dominikus, venezianischer
Gesandter 142 143
Trevisan Jakob, Pilger 97
Tucher, Pilger 132
Tuman, Sultan 197
Urban V. 47 64 88 140
Urban VI. 83
Uzbek Jbn Tatach, Atabeg 124—127
Veniero, Doge 94
Walther, Bischof von Salisbury 29
Wilbrand, Pilger 29
Wilhelm von Boldensele, Pilger 34 ^
Wilhelm von Thüringen, Landgraf 171
Zacharias, Erzbischof 41
Zen Peter, venezianischer Gesandter
203 207
Berichtigungen :
S. 2 Z. 27: das statt daß.
S. 88 Z. 5 von unten: Cicilia statt Cilicia.
r-H
O •
W
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33
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