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Full text of "Die Friedens-Warte"

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DIE 



FRIEDENS-WRRTE 

Zeitschrift für zwischen- 
staatliche Organisation 



Herausgegeben 



von 



ALPRED M. FRIED 



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• * 




BERUH - WIEM - LEIPZIG 

1913 




Fi 
Jg. 15 



LAW LIBRARY 

APR 5 1963 

FAbü'JY OF LAW 
UNIVERSIYY OF TORONTO 



MMMMMMMMMtMMfaU« 






n. Spezial - Artikel. 



Seite 

Angell, Norman, Ein offener Brief an 
die Kriegs- und Friedensgesellschaft 
an der Universität Cambridge .... 54 

Bellardi, Dr. W., Das Problem eines 

internationalen Staatengerichtshofes . 44 

Bourgeois, L6on, lieber das Haager 

Werk 385 

Bryan, William Jennings, Unsere aus- 
wärtige Politik 448 

Carnegie, Andrew, Ein Brief von ... 2 

Dumas, Jacques, Miss P. H. Peckover. 

Zum 27. Oktober 1913 387 

Dumeril-Hallb erger, Edmond, Das 

junge Frankreich 252 

E i c k h o f f , Prof. Richard, Die XVIII. in- 
terparlamentarische Konferenz (3. bis 
5. September 1913) 337 

Federn, Walther, Das Rüstungs-Elend in 

Oesterreich-Ungarn 410 

Fe r n a u , Hermann, Frankreichs Groß- 
machtstellung und Kulturziele ... 10 

— Zu den neuen Rüstungsvorlagen . . . 129 

— Die französischen Sozialisten und die 

Verständigung mit Deutschland .... 375 
F i s h e r , Garret, Ueber die F-Strahlen . . 424 
Francke, Pastor, Berliner Konferenz pa- 
zifistischer Pastoren 419 

Friedrichs, Elsbeth, Der XX. Welt- 
friedenskongreß im Haag (18. bis 
23. August) , 328 

— Ein heimgegangener Friedensfreund . . , 420 
G ä d k e , Richard, Abrüstung ! 47 

— Die Politik Deutschlands während des 

Balkankrieges 83 

— Die Irrtümer des Militarismus 126 

— Zwischen Deutschland und Frankreich' 211 

— Die Furcht der Franzosen . . . ... . .. 250 

— Die Sünden Bulgariens 306 

— Der Irrtum der Rüstungswut 379 

G o t h e i n , Georg, Wettrüsten und 

Rüstungsverständigung 123 

Grosch, Dr. G.. Der Deutsche Bund als 

Vorbild der Staatenorganisation .... 8 

— Die gesellschaftlichen Verbände der 

Menschheit 143 

Grote, cand. phil. Adolf, Die angebliche 
und die wahre Höhe der deutschen 

Rüstungslasten 169 

Has kell, Henry S., Brief aus den Ver- 
einigten Staaten 94 

— Brief aus den Vereinigten Staaten ... 137 

— Brief aus den Vereinigten Staaten . . . 176 

— Die XIX. Lake Mohouk-Konferenz (4. 

bis 16. Mai) 222 

— Brief aus den Vereinigten Staaten . . . 256 



Seite 

Has kell, Henry S., Brief aus den Ver- 
einigten Staaten ,311 

— Brief aus den Vereinigten Staaten . . . 388 

— Brief aus den Vereinigten Staaten . . . 422 

— Brief aus den Vereinigten Staaten . . 461 
Herve, Gust., Ueber die Ursachen zum 

Kriege 377 

Jong van Beek en Donk, de, Brief 

aus den Niederlanden 220 

Kammerer, Dr. Paul, Kampf und Hilfe 

in der untermenschlichen Lebewelt . . 372 

Koetschke, H., Die deutsch- französi- 
sche Journalistenkonferenz in Gent . . 386 

Kor ff , Professor Baron S. A., Brief aus 

Rußland . . 459 

Lamszts, Wilhelm, Vom Anarchismus 
zum Gesetz. (Die Diagnose eines euro- 
päischen Krieges.) 58 

Lange, Chr. L., Albert Gobat 137 

L i s z t , Dr. Eduard Ritter von, Kanonen- 
futter 50 

L o c h n e r , Louis P., Ein internationaler 

Studentenkongreß 96 

Mead, Edwin D., Deutschland, England 

und die Vereinigten Staaten 403 

Meider, Egon, Zweiter Kongreß des 1 Ver- 
bandes der internationalen Studenten- 
vereine an deutschen Hochschulen . . 217 

Mühsam, Erich, Paul Scheerbart . . . 57 

Müller-Lyer, F., Friedensbewegung 

und Schule 368 

O j s e r k i s , Iro, Pazifisten der antiken 

Welt r . ...... . . 13 

Perris, Georg Herbert, Die Internatio- 

nalität des Waffenhandels 340 

P e r s i u s , L., Verständigung in der 

Flottenrüstung -, 245 

— Das' bedenkliche Treiben des deutschen 

Flottenvereins 407 

— Patriotismus 'und Dividendenhunger . 446 
Pilot y, Prof. Robert, Friedens- und 

Kriegshysterie 171 

Pleiier, Ernst Frhr. v., Dr. HeinrichT 

Lammasch 174 

Politisi', Prof. N., Der 70. Geburtstag 

..Prof. Renaults 172 

Ritter, Prof. Dl-., Goethe über den Krieg 101 
Sandstedt, Knut, Brief aus Schweden 423 
Schmid, Dr. Karl Fr., Maupassant, ein 

Vorkämpfer der Friedensbewegung . 259 
Schücking, Prof. Walther, Kultur und 
Krieg. Vortrag, gehalten am 6. Okto- 
ber 1913 am II. Verbandstag des Ver- 
bandes für internationale Verständi- 
gung zu Nürnberg 382 



IV 



Seite 

Seber, Dr. Max, Geburtenrückgang und 

Internationalismus 100 

Seufert, Dr. O., Das' Christentum und 
der Kampf gegen den. Krieg. Eine Ent- 
gegnung 98 

Seufert-Wieber, Dr., Tolstoi und 

die Idee des universalen Friedens . . 254 

Siemering, C. L., „Deutschland in 

Waffen" 175 

— Daten aus dem Leben der Baronin 

von Suttner 207 

Strupp, Dr. Karl, Eine Lanze für die 

Rechtsnatur des Völkerrechts .... 97 
Südekum, Dr. Albsrt, Kriegsindustrie 163 
Suttner, Bertha von, Gerhart Haupt- 
manns Festspiel 242 

Umfrid, O., Die fromm© Diplomatie. 85 

— Mobilmachung der Kirchen gegen den 

Krieg 208 

— Der deutsche, der englische und der 

humane Gedanke in der Welt .... 301 

— Die Unlösbarkeit der Abrüstungsfrage 

in der Zeit der zwischenstaatlichen 
Anarchie 343 

Wagner, L., Das internationale Friedens- 
seminar und die Ferienkurse für Aus- 
länder in Kaiserslautern. Ein Beitrag 
zur „Erziehung zum Frieden" . . . . 413 

Wehberg, Dr. Hans, Ein Handbuch des 

Völkerrechts 3 

— Die Zukunft der Haager Friedenskon- 

ferenzen 139 

— Die Zukunft der Haager Friedenskon- 

ferenzen (Schluß) 178 

— Bryans Friedensvorschlag 248 

— In wessen Namen wird im Haager Frie- 

denspalaste Recht gesprochen werden? 286 

— Minister Asser, ein Bahnbrecher der 

Völkerverständigung 305 

— Offener Brief an Seine Exzellenz den 

Generalleutnant z. D. von Reichenau 

in Düsseldorf 310 

— Geheimrat von Bar, ein Bahnbrecher 

des Völkerrechts 342 

W s, C, Korrespondenz aus Eng- 
land 6 

Westphal, Dr. A., Hauptversammlung 
der deutschen Friedensgesellschaft in 

Mannheim 215 

White, Andrew D., Zur Vorgeschichte 

des Haager Friedenspalastes 281 

Krise ;....:.:.... 1 

Die Bewegung in den Vereinig- 
ten Staaten zugunsten der 
schiedlichen Erledigung des 
Panamakanalstreites mit 

Großbritannien 5 

Konservative N eu j ahrs f reude 7 

Die gefundene Formel 41 

Ueber uns die Sintflut 81 

Der Fall Maurenbrech'er 87 



Seite 

Das kleine Heer. Von einem Offizier 90 
Die englisch-deutsche Flotten- 
formel. Von besonderer Seite ... 92 
Kider len-Wae c ht er. Von J. S. . . . 93 

Im Namen Europas 121 

Das Weltfeier jähr im Flotten- 
bau 131 

Kundgebungen gegen die 

Rüstungen. 133 

Ein offizieller Vorstoß gegen 
die Kriegshetzer in der 

Presse 136 

Die Ueberwindung des Balkan- 

konfliktes : 161 

Die Jubilare des 21. Mai 172 

Die moderne Frieden sbewegung 
und die österreichische 
Schule. Von einem Schulmann . . . 182 
Kaiser Wilhelm und der Welt- 
frieden 201 

An Baronin Bertha von Suttner. 

Zu ihrem 70. Geburtstage 201 

Der Carthage- und Monoubafall 

vor dem Haager Schiedshof. 21 1 
Offizielle Kundgebung für die 
Veranstaltung der Feier des 
ersten Fr iedens j ahr hun- 

der t s zwischen Großbritan- 
nien und den Vereinigten 

Staaten 225 

Der „dritte" Balkankrieg . . . 241 
Vom XX. We lt f r i e dens k ongr e ß . 255 

BriefausJapan 257 

Eine Rundfrage über das Haager 

Werk 288 

Die Aufgaben des XX. Weltfrie- 
denskongresses 301 

Die vitale Frage. Zur Montreal-Rede 

des Lordkanzlers Haldane 320 

Rund um den Friedenskongreß. 324 
Die Einweihung des Haager 

Fried enspalastes 335 

Völkerschlachtdenkmal .... 361 
Der zweite Verbandstag des Ver- 
bandes für internationale 
Verständigung zu Nürnberg. 363 
Ein französischer Sozialist 
über die Ursachen zum 

Kriege..... 377 

Verständigung ohne „Preisgabe 

der Idee" 401 

Erlauschtes, Erlebtes, Erdach- 
tes in Frankreich. Ernste Be- 
trachtungen von einem patriotischen 

deutschen Studenten 417 

Der Balkankrieg als pazifisti- 
sches Dokument 441 

Knistern im Gebälk 449 

Die Fr iedens- Warte und die 

Wissenschaft 452 



B. Randglossen zur Zeitgeschichte. 

Von Bertha v. Suttner. 



Brief aus Amerika Seits 17 

Das neue System. — Der angesagte Krieg. 
— Das Handschreiben Kaiser Franz Jo3efs. — 
Das pazifistische Gift. — Das letzte Auf- 
flackern. — Italienische Schule. — Was heißt 



vermitteln? — Human und militärisch. — 
Schämen muß man sich, Zeitgenosse zu sein. 
— König Alfonso. — Die Vermilitarisierung 
Oesterreichs. — Zwangstaufen. — Das englisch- 
deutsche Marineabkommen Seite 62 









Alle Wirren noch, unentwirrt. — Die Suffra- 
gettes. — Der Ueberrüstungswahnsinn in 
Deutschland und Frankreich. — Was geht auf 
dem balkanischen Kriegstheater vor? — Durch- 
sickernde Greuelberichte. — Erinnerungsfeiern 
für 1813. — Ein Doppelmanifest der deutschen 
und französischen Sozialisten. — William 
Jennings Bryan und seine letzte Friedensrede. 

— Ein Sacrilegium. — Internationale Abord- 
nung, eine Anregung. — Woodrow Wilson, 
Ehrenpräsident der amerikanischen Frie- 
densgesellschaft Seite 104 

Der Kampf zwischen Krieg xmd Frieden. 

— Das neu auftauchende Gebilde „Europa". 

— Die Friedenspolizei. — Die einigen Groß- 
mächte. — Neuer Ausbruch des Rüstungs- 
wahnsinns. — Bethmanns Rede. — Die Milliarde 
als Deckung. — Churchills Vorschlag, ein Jahr 
zu pausieren. — Sasonows Sieg über die Pan- 
slavisten. — Skutari oder den Tod. — Der 
König von Griechenland ermordet. — Parla- 
mentseröffnung in China Seite 146 

Skutari geräumt. Der europäische Frie- 
denswille. — Die Wirkung der Blockade. — 
Europäische Föderation als Ziel. — Sir Max 
Wächters Aufruf. — Resolution der Elsässischen 
Zweiten Kammer. — Wie die Fäden hin und 
her laufen. — Blicke in das Lager der Kriegs- 
freimdn. — Lied an das Maschinengewehr. — Die 
Aussichten unseres nächsten Krieges. — Wil- 
sons und Bryans Friedensaktion. — Das Buch 
des deutschen Kronprinzen. — Eine neue Ka- 
nonenfabrik. — Albanien Seite 185 

Das Ende des Balkankrieges. — Streit 
zwischen den verbündeten Siegern. — Gene- 
ralstabsoberst Redl, Spionage und Kontrespio- 
nage. — Ein Augenzeuge über die Beschießung 
von Skutari. — Japan stimmt dem Wilson- 
Bryanschen Weltfriedensplan bei. — Das 
Schwert des 1 Brennus. — Die Hochzeit ssäste 
am Berliner Hof. — Georg V. über seinen Vater. 

— Vorgeführte Gefechte. — Titanic und Ne- 
vada. — Satan in der Luft. — Berner Kon- 
ferenz und andere verheißungsvolle Zeichen. 

Seite 226 
Der dritte Balkankrieg. — Der Versuch des 
Zaren, dem Kriege vorzubeugen. — Eine neue 
Verhetzungsparole. — Rumänien mobilisiert. — 
Das europäische Gleichgewicht. — Scheide- 
mann über das neue deutsche Wehrgesetz. — 
Ein General über das Wehrgesetz. — Kaiser Wil- 
helms Regierungsjubiläum. — Pazifistische 



Worte des Kaisers. — Interpellation im eng- 
lischen Unterhause. — Der Aufruf König Kon- 
stantins an sein Volk Seite 260 

Ende des Beuteaufteilungskrieges. — Ein 
neues Schlagwort: Gleichgewicht; die Politik 
der Balancierstange. — Der Bukarester Friede. 

— Vergleichende Berechnung der Verlustziffern. 

— Weitere Probleme und Gefahren. — Greuel- 
taten, gegenseitige Anklagen. Eine Depesche 
König Konstantins. — Barbarisierung der Luft. 

— Der Prozeß Krupp. — Die Sanktion der 
internationalen Polizei. — Politische Hygiene. 

Seite 312 
Das Ende des Balkankrieges. — Die Zu- 
kunft im Lichte der Tagesbefehle. — Adrianopel 
wieder türkisch. — Die Einweihung- des Frie- 
denspalastes. — Telegramm des Zaren. — Die 
Katastrophen auf den Uebungsplätzen. — Die 
F-Strahlen des Italieners Uliva. — Die Cholera. 

— König Konstantin lobt die deutsche Kriegs- 
kunst. — China und Japan. — Nationalisti- 
sches Harakiri. — Zuversicht trotz alledem. 

Seite 345 
Der Balkan und kein Ende. — Triumph 
des Maschinengewehrs. — Aus dem Motiven- 
bericht der italienischen Regierung. — Euro- 
päischer Staatenbund. — Heeresverstärkung in 
Oesterreich. — Die chinesische Republik. — 
Vorbereiteter Bürgerkrieg in Irland. — Präsi- 
dent Poincarre in Madrid. — Das Gleichgewicht 
im Mittelmeer. — Die Vollendung des Panama- 
kanals Seite 390 

Das österreichisch-ungarische Ultimatum 
an Serbien. — Unausgesetzte Rüstungen. — 
Winston Churchills Vorschlag. — Das Echo in 
Washington. — Der Parlamentsschreck. — Von 
den Kriegsindustrien. — Fortgesetzte Balkan- 
wirren. — Italien und Griechenland. — Der 
Brand des Volturno. — Verbotene Luftzonen. 

— Ein abscheulicher Lügenartikel gegen 
d^Estournelles. — Der Bodenreformplan von 
Lloyd George. — Ritualmordprozeß in Kiew. 

Seite 425 
Die Unruh der Welt. — Gehäufte Vor- 
schläge zum Einhalt der Rüstungen. — Die 
Neue Freie Presse gegen die Rüstungspolitik. 

— Der enthüllte militärische Geheimvertrag. 

— Die Sensationsaffäre von Zabern. — Sturz 
des französischen Ministeriums. — Die italieni- 
sche Thronrede. — Deutsche Instruktoren in 
der türkischen Armee. — Die Botschaft Wil- 
sons Seite 463 



C. Rus der Zeit. 



I. Völkerrecht. 

Ein neuer Schiedsfall zwischen England 
und Amerika. — Verschiedene Mitteilungen 
zur Schiedsentwicklung. — Die „Amerikanische 
Gesellschaft für die richterliche Beilegung in- 
ternationaler Schwierigkeiten" . . . Seite 20 

Interparlamentarische Union . . Seite 65 

Vorbereitung der III. Hager Konferenz. 

Seite 108 

Vom Haager Schiedshof. — Die organisatori- 
sche Bedeutung der Haager Konferenzen. Von 
v. L. — Zwischenstaatliche Exekution. Von 
C. L. Siemering . Seite 148 

Die Schiedsgerichtsbarkeit in der portu- 



giesischen Verfassung. — Bryans Aktion zur 
Sicherung des Weltfriedens .... Seite 188 

Das alte und das neue Haager Schiedsab- 
kommen. — „Dasi Werk vom Haag". — Be- 
sitzergreifung von Ada Kaleh . . . Seite 230 

Die Bryans chen Verträge. — Das inter- 
nationale Wechselrechtsabkommen im deut- 
schen Reichstag Seite 264 

Haager Schiedshof Seite 316 

Die Haager Völkerrechtsakademie. — Das 
Institut de Droit international . . . Seite 347 

Verlängerung von Schiedsverträgen. 

Seite 392 

Vorbereitung der dritten Haager Kon- 
ferenz Seite 466 



VI 



II. Rüs tu ngs prob lern. 

Deutschlands Militärausgaben für 19.13. — 
Austriaca Seite 21 

(Kein Geld für Kulturnotwendigkeiten. — 
Friedrich Naumann über den Zusammenhang 
zwischen Küstungsfrage und Schiedsgerichts- 
barkeit Seite 66 

Die Rüstungsbeschränkung in den Ver- 
einigten Staa-ten. — Gemeinsame Kundgebung 
der deutschen und französischen Sozialdemo- 
kratie gegen die Rüstungen Seite 108 

Von den unsichtbaren Rüstungslasten. — 
Der gemeinsame deutsch-französische Aufruf 

Seite 189 

Die deutsche Heeres vorläge. — Gegen die 
Rüstungsindustrie. — Die Friedensindustrie 

Seite 264 

Von der Kriegsindustrie .... Seite 348 

Neue "Wehrvorlage in Deutschland. — Neue 
Rüstungslasten für Oesterreich-Ungarn. — Vom 
Rüstungsgeschäft. — Glückliches Land! 

Seite 393 

Unterirdische Arbeit. — Das Flottenfeier- 
jahr. — Rüstungsgroßmacht und soziales Elend. 

— Die russischen Rüstungen. — Vom inter- 
nationalen Rüstungsgeschäft . . . Seite 428 

Unterirdische Arbeit. — "Wiener Protestver- 
sammlung gegen das internationale "Wettrüsten 

Seite 467 

III. Verschiedenes. 

v. Kiderlen-Wächter f. — Eine pazifisti- 
sche Rede im österreichischen Reichsrat. — 
Kaiser Friedrich gegen den Krieg. — Die Gieße- 
ner Burschenschaft. — Deutsche Intelligenz- 
träger gegen den Krieg. — „Warum baut man 
im Haag einen Friede nspalast?" — Ein Fasttag 
für (den Frieden. — Die .,Vermehruner der inter- 
nationalen Reibungsflächen". Von Dr. J. Mez. 

— Die Vertreibung der Türken aus 1 Europa. — 
Kurze Mitteilungen Seite 22 

Die Greuel des Balkankrieges. — Deutsch- 
land und England. — Elsaß-Lothringen im 
deutschen Reichstag. — Zunahme der inter- 
nationalen Korrespondenz Seite 67 

Norman Angells Propaganda in deutschen 
Studentenkreisen. — Des „ausländischen'"' Par 
zifisten Heimkehr. — Militärische Kriegshoff- 
nungen. — Ein Künstler gegen den Krieg. — 
Kurze Mitteilungen Seite 109 



W r ie man Kriege „macht". — Die „Brücke" 
und der Internationalismus. Von Dr. J. M. — 
Richard Dehmel und die internationale Kultur- 
bewegung. Von Dr. Walther Berendsohn. — 
Pazifistische Kundgebung des Fürsten Albert 
von Monako. — Ein deutscher Feldherr über 
den Krieg. — Nach Maurenbrecher Horneffer. 
Von J. M Seite 149 

Gibt es in Oesterreich eine Kriegspartei? 

— Deutschland und Frankreich. — Ein gefähr- 
licher Zwischenfall und seine vernunftgemäße 
Erledigung. — „Du sollst nicht töten!" oder 
Anpreisung einer ungesetzlichen Handlung. — 
Kurze Mitteilungen Seite 191 

Der Tag von Bern. — Bryans Friedensplan. 

— Die Schönheiten des Krieges. — Von der 
Sensationspresse. — Der heutige Stand der 
Friedenssache. — Vom 8. national-französischen 
Friedenskongreß. — "Was ist ein Pazifist? 

Seite 231 
Parlamentarierzusammenkünfte in der Ver- 
gangenheit. — Die Adresse der englischen 
Kirchen an den Kaiser. — Das wahre Antlitz 
des Krieges. — Die pazifistische Durchdrin- 
gung. — Kurze Mitteilungen .... Seite 266 
Das Elend des Balkankrieges. — Festgaben 
zur Einweihung des Haager Friedenspalastes. 

— Oesterreichische Kommission für die Vorbe- 
reitung der dritten Friedenskonferenz. — Fie 
18. Interparlamentarische Konferenz. — Der 
„ewige Friede". — Kurze Mitteilungen Seite 316 

„Der schlimmste Feind". — Billige Reise- 
erfahrungen. — Ein Ausland- Pflichtjahr für 
die deutsche wie französische Jugend. — All- 
deutsche Philosophie. — Seltsame Fr ; eden ( - 
freunde Seite 35 ) 

Die österreichische Industrie gegen die aus- 
wärtige Politik der Regierung. — Das Elend in 
Galizien. — Reichtums Vermehrung und dennoch 
Rückgang der Lebenshaltung. — Zum Kapitel: 
Wissenschaft und Pazifismus. — Das ungeheure 
Hazardspiel. — Die französische Jugend gegen 
den Revanchekrieg Seite 394 

Offizielle Gedankengänge über die Leipziger 
Schlachtenfeier. — Die bulgarischen Verluste: 
44 892 Tote. 104 586 Verwundete. — Der Be- 
richt über die Balka.ngreuel. — Vom Nachrich- 
tenschwindel. — Kriegs eindrücke. — Der Ge- 
burtenrückgang. — Die Gefahr für die Zu- 
kunft Deutschlands . Seite 431 

Lamprecht gegen Keim Seite 469 



D. Aus der Bewegung. 



Felix Moscheies' 80. Geburtstag. — Richard 
Feldhaus' 600. Friedensvortrag. — Drei Tote: 
(Albert K. Smiley. Graf Leonid Kamarowsky. 
John Lund). — Revolution des Zentralvorstan- 
des des Verbandes für internationale Verstän- 
digung : Seite 27 

Kongreß- Kalendarium. — Den Beer Poortu- 
gacl f. Von Dr. Hans Wehberg. — Die Ent- 
wicklung der internationalen Studenten vereine 
in Deutschland. — Zwei neue Zeitschriften. — 
Eine Denkschrift über die Reform der Frie- 
denskongresse. — Todesfälle. — Kurze Mit- 
teilungen Seite 69 

Kalendarium der pazifistischen Veranstal- 
tungen. — Von der Feldhaustournee. — Studien- 
reise nach den Vereinigten Staaten , Seite 112 



Kongreß- Kalendarium. — Interparlamentari- 
sche Union. — Endgültige Tagesordnung für 
den 20. Weltfriedenskongreß. — Die Mülhause- 
ner Versammlungen. — Der zweite Weltkongreß 
der internationalen Verbände. — Professor 
Emanuel v. Ulimann f. — Der 21. Mai 1913. 

— Kurze Nachrichten Seite 153 

Der 70. Geburtstag der Baronin Suttner. — 
Kalendarium der pazifistischen Veranstaltun- 
gen. — Generalversammlung der russischen 
Friedensgesellschaft Seite 194 

Kalendarium der pazifistischen Veransta 1 - 
tungen. — Lord Avebury f. — Ein internatio- 
nales pazifistisches Seminar Seite 235 

, Der XXI. Weltfriedenskongreß in Wien. 

— Kalendarium der pazifistischen Veranstal- 



VII 



tungen. — Der 70. Geburtstag der Baronin 
Suttner. — Friedensges ellschaft in Mülhausen 

i. E Seite 269 

Zu Monetas achtzigstem Geburtstag. — Ka- 
lendarium der pazifistischen Bewegung. — Die 
Gewinner des Seabury- Preises von 1913. — 



Kleine Mitteilungen Seite 351 

Charles Richet und Edoardo Girctti. — Das 

Auslandpflichtjahr betreffend . . . Seite 134 
Der Friedenspreis der Nobelstiftung 1913. — 

Baron Carl Carlsson Bonde f. — Aus Holland 

Seite 469 



E. Pazifistische Chronik. 



Seite 19, 65, 107, 147, 188, 229, 263, 315, 317, 39% 428, 465. 



F. Literatur und Presse. 



Seite 
I. Anzeigen. 

Der Koloß von Brüs s el ...... 92 

Eine neue japanische Friedens- 
zeitschrift 30 

Eine Norman - Angell - Zeit- 
schrift . . . .*., ......... . 396 

„Das Werk vom Haag" 470 

Zu Weihnachtsgeschenken . . . 470 

II. Besprechungen. 

Andre ws, The Promotion öf Peace , . . . 195 

A n g e 1 1, Peace Theories and the Balkan War 32 

Angell, Die falsche Rechnung 73 

Bernthardi, Unsere Zukunft 31 

Böhme, Friedensbewegung und Lebens- 
erziehung 113 

Cellini, Benvenuto, Das Leben des . . 195 
Classic s, the, of International 

Law 115 

van Daehne van Varick, Bijdrage tot 

de Geschiedenis der Oostersche Kwestie 319 

Darby, The Claim of „the new Pacifism" 114 

Diederich, Krieg. Ein Buch der Not . 32 

Emerson, Ueber den Krieg 436 

D'E s t o ur n eil e s de Constant, Les 

Etats-Unis DAmerique 271 

Friedenskongreß, V. Deutscher 236 

Für den Frieden 74 

Gießwein, Alexander, Der Friede Christi 156 

Goethe, Aus meinem Leben 195 

„G r o t i u s" International jaarbock voor 

1913 ... 272 

Heim, Um der Gerechtigkeit willen . . 236 
Hüttenhein, Die Handelsschiffe der 

Kriegführenden 33 

Jahrbuch des Völkerrechts . . 437 

Jerusalem, Einleitung in die Philosophie 274 
Johnson, The „coastwise exemption". 

Nation against it 113 

Die Kaisernummer der New York 

Times , 271 

Key, Die junge Generation 

Kohl er, Moderne Rechtsprobleme . . . 236 
Lammasch, Die Rechtskraft internatio- 
naler Schiedssprüche 196 

Lamprecht, Die Nation und die Frie- 
densbewegung 436 

Landmann, Weltstaat und Weltfrieden . . 318 
Lange, Chr. L., Annuaire de l'Union In- 

terparlementaire . . . t ..^._ . t .j . . . . 318 



Seite 
Lange, Hendr. J. de, Oorlog en Arbi- 
trage . . . . ,.„ . .,. . . . I#1 . ..... 33 

Laukhard, Sein Leben und seine Schick- 
sale, von ihm selbst beschrieben 195 

Lim an, Der Kaiser • • • ... 272 

v. L i s z t , Das Völkerrecht 30 

Loreburn, Capture at sea 318 

M e a d , Lucia, Swords and Ploughshares or 
the supplanting of the System of War 

by the System of Law , 114 

Meyer, Das Weltscheckrecht. , 318 

Meyer, Das Weltwechselrecht ....... 318 

Moritz, Karl Philipp, Anton Reiser . . 195 
N e u r a t h , Die Kriegswirtschaftslehre als 

Sonderdisziplin 195 

Nippo ld, Der deutsche Chauvinismus . . 317 

Nippold, Vorfragen des Völkerrechts . 319 

Nithack- Stahn, Barbareien . . ... . . 274 

Nithack-Stahn, Kirche und Krieg ,..274 
Oppenheim, The Panama Canal Conflict 
between great Britain and the United 

States of America 74 

Oppenheim, International law .... 319 
Peace Year-Book, The 1913 ... 33 
Pinon, France et Allemagne 1870—1913 273 
Platters, Thomas und Felix, Lebens- 
beschreibungen 195 

v. Puttkammer, Die Mißerfolge in der 

Polenpolitik 196 

R o o t , The Obligations of the United States 

as to Panama Canal Tolls ...... .. 113 

Rosenberg, A Bekenapra az iskoläknak 236 

Rousseau's Bekenntnisse ,. 195 

S i e p e r , Deutschland und England in ihren 
wirtschaftlichen, politischen und kultu- 
rellen Beziehungen - 275 

Sombart, Krieg und Kapitalismus ... 73 
Sozialdemokratische Flug- 
schriften . . 33 

S t r a u s s , The American Spirit 272 

Sturm, Die Einteilung des Rechts und die 
Abtrennung des internationalen Privat- 
rechts sowie des Friedensrechts, eine 
rechtspsychologische Abhandlung .... 74 

S v e n s 1 k e , Harald, Antwort auf Sven 

Hedins Warnungsruf . . . 156 



vta 



U m f r i d , Europa den Europäern .... 

Uni on inte rpar lernen taire . . . 

Wertheiraer, Graf Julius Andrassy . . 

White, Sieben große Staatsmänner im 
Kampfe der Menschheit gegen Unver- 
nunft 



Seite 

435 
114 
196 



72 



Ilt Eingegangene Druckschriften, 
Zeitschriften - Rundschau, Fach- 
presse, Ar t i k e 1 (Rundschau und 
B i b 1 i o g-r a p h i e). 

Seite 33, 74, 115, 156, 197, 237, 275, 352, 
396, 438, 471. 



Q. Mitteilungen der Friedensgesellschaften. 



Deutsche Friedensgesell sc ha f t : 

Ortsgruppe Cöln .... Seite 119 

Frankfurter Friedens verein Seite 200 

Oesterreichisch'e Friedensgesell- 



schaft Seite 39, 80, 119, 160, 200, 239, 
279, 320, 360, 400, 472. 
Pfarrer O. TJmfrid . Seite 200, 239, 279. 



*355 








Januar 1913. 



Krise. 



Es geht etwas vor in Europa, das sich, 
wohl zu unterscheiden scheint von den son- 
stigen diplomatischen Krisen. Es handelt 
sich nicht bloß um die Entwirrung eines 
augenblicklich gegebenen Konfliktes, um die 
Herstellung des gewohnten, durch einen 
Krieg in Schwankung geratenen Gleichge 
wichts. Die gegenwärtige Krise scheint viel- 
mehr nur der Auftakt zu einer viel größeren 
zu werden, die sich nicht heute noch morgen 
beruhigen wird. Es ist so, als ob jetzt die 
Entscheidung über die Stellung Europas in 
der Welt fallen solle. Unsere Diplomaten 
haben jahrzehntelang vom „kranken Mann 
am Bosporus" gesprochen und haben dabei 
ganz übersehen, daß ganz Europa dieser 
kranke Mann ist. Krank an der internatio- 
nalen Anarchie, zerfressen vom Chauvi- 
nismus und Militarismus, die an den Lebens- 
säften aller Nationen dieses unglücklichen 
Erdteils nagen. Bei allen Krankheiten gibt 
es ein Stadium der Krise, wo es sich zeigt, 
ob der Organismus stärker ist als die ihn 
bedrohenden Kräfte, oder ob diese die Ober- 
hand erlangen. Zwischen Gesundung oder 
Vernichtung schwankt dann die "Wage. 

"Wir Pazifisten sind Optimisten. Wir 
glauben an die gesunde Logik: der Dinge, 
die wir erkannt haben, und deren Walten 
uns berechtigt, an die schließliche Gesun- 
dung dieses Erdteils zu glauben, dessen Be- 
wohner trotz all der traurigen Perioden, die 
sie bereits durchlaufen haben, und unter 
deren Einflüssen sie noch leiden, der Mensch- 
heit die Kultur gegeben haben. Wir sind 
nicht Optimisten aus Bequemlichkeit oder 
aus Kurzsichtigkeit, sondern aus der Er- 
kenntnis der Zusammenhänge heraus, auf 
Grund unseres unerschütterlichen Glaubens 
an eine Entwicklung der Menschheit. Die 
Gegner lassen sich vom Lärm des Tages 
betören und sprechen triumphierend vom 
„Bankrott des Pazifismus''. Sie sehen die 



Zusammenhänge nicht und nehmen die 
Krummlinie einer Episode für eine nach ab- 
wärts gerichtete Kurve. Nicht, daß sie 
meinen, Recht zu haben, betrübt uns, sondern 
daß sie dabei triumphieren erfüllt uns mit 
Schmerz. Die Resignation auf das Menschen- 
tum, die darin liegt, ist das Entsetzliche. 

Die Episode der Wirren und Greuel, die 
wir jetzt durchleben, kann die Richtlinie 
der Entwicklung erschüttern, aber nicht ab- 
lenken. Das Gesetz, das das Weltall be- 
herrscht, beherrscht auch die Menschheit; 
sonst hätte sie den Aufstieg vom Kannibalen 
zu Kant und Goethe nicht zurücklegen 
können. 

Europa hat das blutige Gemetzel auf 
der Balkanhalbinsel über sich, ergehen lassen 
müssen, die Werte schaffende Menschheit 
hat das schädigende Gebaren jener Träumer, 
die an eine befruchtende Wirkung der Ge- 
walt glauben, jener Spekulanten, die auf 
Strandgut hoffen, ertragen müssen. Noch 
sind Kräfte am Werke, die sich nicht 
scheuen, eine Uebertragung des Krieges auf 
Europa zu versuchen. Aber auch die 
Gegenkräfte sind am Werke. Im Momente 
der ärgsten Gefahr zeigte sich Europa 
wieder einmal als Organismus, als Gemein- 
schaft. Die Botschafterreunion in London 
ist mehr als eine zwanglose Diplomaten- 
sitzung. Sie ist die schüchterne Andeutung 
einer großen Entwicklung. Dort denkt, 
spricht und handelt der Wille zum Leben 
des unglücklichen Erdteils, sein Wille zum 
Aufbau, zur Höherentwicklung, zur Kultur. 
Dort festigt sich der neue Organismus unter 
den Krampfanfällen, die der Ansturm der 
Kräfte der Vernichtung des Rückfalles in die 
Tierheit verursachen. Wieder sehen wir, wie 
ganz ungewollt von den daran beteiligten 
Menschen aus jener Handlung eine anders- 
geartete, höhere Wirkung ausgeht; wieder 
der Beweis für die „Radioaktivität der ge- 



DIE FRIEDENS-^VABTE 



[© 



sellschaftlichen Arbeit''. Wo Menschen sich 
zu gemeinsamer Arbeit vereinigen, ergibt 
sich immer etwas Höheres aus dieser Hand- 
lung; etwas, das gar nicht in ihrer Ab- 
sicht lag. Ich habe diese Erkenntnis noch 
immer und überall bestätigt gefunden. Jeder 
kann, wenn er will, die gleiche Erfahrung 
machen. In ihr liegt ein gut Stück unseres 
Optimismus verankert. Erkennen wir doch 
daraus, daßj es nicht nötig ist, erst die 
Macht zu erringen, um einer Idee zum Durchr 
bruch zu verhelfen, daß vielmehr auch aus 
den Handlungen der Gregner ungewollte fort- 
schrittliche Werte hervorgehen müssen. Die 
Logik der Dinge! 

Die Botschaf terreunion wird den Willen 
Europas durchsetzen, jenes Europas, das man 
nur als geographischen Begriff gelten lassen 
will, und das dennoch schon eine politische 
Realität geworden ist. Denn was einen 
Willen hat und demgemäß handelt, ist. 
„Gogito ergo sum" lautet der Beweis des 
Cartesius für die Existenz des Individuums. 
Auch Europa denkt und handelt ; es ist 
daher. 

Aber es ist noch nicht fertig. Es wird 
auch noch nicht fertig sein an dem Tage, 
an dem die Balkanerschütterung vorläufig 
ausgeglichen und die inmitten dieses Erd- 
teils mobilisierten Heere wieder zu ihren 
Arbeitsstätten entlassen sein werden. Die 
Kräfte des Rückschrittes sind dann noch 
nicht überwunden, und man wird auf neuen 
Alarm gefaßt sein müssen. Es wird eine 
lange Krise sein, die wir durchleben müssen, 
die wir ja auch schon seit langem durchleben. 
Aber da sie immer zugespitzter wird, immer 
entscheidender, hat es den Anschein, als ob 
wir ihrer Endphase nahekommen. Eis ist 
daher eine ereignisschwere, wichtige Zeit. 
Weniger wichtig durch die Umwälzungen 
auf der Landkarte und die glitzernden Er- 
oberungen der einzelnen Kabinette, als durch 
die Betätigung Europas als Organismus, die 
Schulung des Gesamtwillens und des Ge- 
samthandelns dieses alten Erdteils und die 
dadurch bewirkte Herausentwicklung seiner 
vollwertigen Lebensorgane. 

Lassen wir uns daher durch Rückschläge 
nicht beirren. Wir wohnen dem Geburtsakt 
einer neuen Zeit bei und dürfen die Wehen 
nicht als Symptome des Unterganges an- 
sehen. Es wird eine höhere Menschheits- 
organisation geboren ; eine Gemeinschaft, die 
über den Kleinlichkeiten der Nationen steht, 
und die berufen ist, die Aufgaben, die der 
isolierte Staat nur zum geringsten Teile 
lösen konnte, voll zu erfüllen. Schwierige 



Arbeit harrt derer, die dieser neuen Zeit 
vorarbeiten. Seien wir dabei des Dichter- 
wortes eingedenk, das da lautet: 
„Nur in schweren Prüfungsstunden 
Sproßt die Palme, die den Sieger krönt.'' 

A. H. F. 



Ein Brief von Rndrew Carnegie. 

Die englische Ausgabe von 
Alfred H. Frieds Buch „Der 
Kaiser und der Weltfriede", die vor 
einiger Zeit bei Hodder & Stoughton 
in London erschien, wurde von den 
englischen Verlegern an Andrew 
Carnegie gesandt. Dieser, um seine 
Meinung über das Buch befragt, 
richtete an das Verlagshaus folgendes 
Schreiben, das bis jetzt nicht ver- 
öffentlicht wurde, es aber wohl ver- 
dient, in Deutschland bekannt zu 
werden, zumal es für englische 
Leser bestimmt war : 

„Es gereicht mir zum großen Vergnügen, 
infolge Ihrer Aufforderung Herrn Frieds An- 
sicht zu bestätigen über einen der hervor- 
ragendsten Herrscher der Welt, den Deut- 
schen Kaiser, der in so ausgezeichneter Weise 
für den internationalen Frieden eintritt. Das 
habe ich seit langem gewußt. Seinem Ein- 
fluß ist es auch zu danken, daß das Duell 
in der deutschen Armee und Flotte von 
1200 Fällen im Jahre auf zwölf hinabgegangen 
ist. Auch die Mäßigkeit hat in dem Kaiser 
den stärksten Anwalt. Er ist in der Tat 
ein Mustermonarch. 

Das gegenwärtige Anwachsen der Rüstun- 
gen rührt aus Englands Inangriffnahme 
des Dreadnought-Types her. Nach Hirst ist 
es klar, daß England die erste Macht war, 
die diesen ersten verhängnisvollen Schritt 
tat, und völlig verdient es das Urteil, das 
ihm zuteil geworden. Die Einführung der 
Dreadnoughts ließ in gewissem Grade die 
Hunderte von Kriegsschiffen, die England 
hatte, veraltet erscheinen. Als Deutschland 
mit dem Bau von Dreadnoughts begann, hatte 
es keine große Flotte, die dadurch wirkungs- 
los wurde. Dies gab ihm in gewissem Grade 
einen gleichen Status mit England. 

Andererseits muß man anerkennen, 
daß Deutschlands so sehr über seine Be- 
dürfnisse hinausgehende Betätigung im 
Kriegsschiffbau England unvermeidlich 
zwingt, zu folgen, da seine Existenz von der 
Vorherrschaft zur See abhängt, damit es 
seine Nahrungszufuhr sichere. So beharren 
die beiden Nationen in einem verderblichen 
Wettbewerb, der wiederum andere Nationen 
in größerem oder kleinerem Maße zwingt, 
dasselbe zu tun. 

Zugunsten Deutschlands ist noch zu 
sagen, daß es bereitwilligst seinen Wunsch 
ausdrückte, in den Schiedsvertrag mit 
Amerika einzutreten, dem sich auch Frank- 



<§s 



reich und England anschlössen. Wenn diese 
vier Mächte durch ein solches Abkommen 
verbunden sein werden, ist nur ein Schritt 
nötig, um den anderen Nationen der Welt 
anzudeuten, daß sie, die übereinkommen, alle 
internationalen Streitigkeiten schiedlich zu 
lösen, mit Mißfallen jede andere Nation be- 
trachten würden, die den Weltfrieden brechen 
wollte. 

Wir sind der festen Ueberzeugung, daß 
die Zeit nicht so entfernt ist, wo sich diese 
Mächte wieder einander nähern und den 
Weltfrieden durch gegenseitige Abkommen 
sichern werden. Kommt dieser Tag, dann 
glaube ich, daß Deutschland unter der Führung 
seines friedlich gesinnten Kaisers so handeln 
wird, wie es neulich handelte, und seinen 
lebhaften Wunsch zum Ausdruck bringen 
wird, sich mit seinen Schwesternationen zu 
vereinigen. 

Das scheinbar unlösbare Problem unserer 
Tage ist folgendes. Es gibt keinen Herrscher 
noch klugen Staatsmann in der Welt, der 
nicht wüßte, daß der Friede das größte 
Interesse für sein Land bedeutet. Dem- 
entsprechend gibt es keinen, der nicht die 
Herrschaft des Friedens wünschen würde. 
Die erste Frage ist nun: Wie ist das zu 
sichern, was jede Nation für das Beste hält 
und wirklich von Herzen wünscht, nämlich 
der Friede mit ihren Nachbarn ? 

Wenn jede Nation, wie sie es neulich an- 
läßlich der Londoner Konferenz*) tat, ihre 
zwei hervorragendsten und fähigsten Männer 
ernennen würde, damit diese zusammentreten 
mit der Aufgabe, ihre gemeinsame Aktion mit 
ihren gemeinsamen nationalen Wünschen in 
Einklang zu setzen, so würde, glaube ich, ein 
Ergebnis erreicht werden, wie es einstimmig 
auf der Londoner Konferenz erreicht wurde. 
Unlösbar ist das Problem nur, weil die Staats- 
männer der verschiedenen Länder sich gegen- 
seitig als ständige Feinde betrachten, statt aus- 
zuführen, was sie alle fühlen, daß nämlich der 
internationale Friede das Beste für alle ist. 

In einer solchen Konferenz würden die 
Schwierigkeiten verschwinden; sollte sie aber 
doch scheitern, so hätten wir wenigstens die 
Befriedigung, daß wir die Bahn des Giftes 
kennen, welches die Adern der Nationen noch 
immer füllt. „Wir hassen nur, was wir nicht 
kennen." Wenn Deutschland, England, Ame- 
rika, Rußland, Frankreich, Oesterreich, Italien 
nur wüßten, wie aufrichtig alle den Frieden 
wollen, würde alles gut sein und eine mit dieser 
Erkenntnis übereinstimmende Aktion würde 
unternommen werden. Es ist das gegenseitige 
Mißtrauen, ein Mißtrauen, das auf keiner festen 
Grundlage beruht, das die Kulturvölker heute 
vom internationalen Frieden abhält. 

Ich glaube, daß dieses Mißtrauen nicht 
andauern kann." 



*) Gemeint ist die Londoner Seerechts- 
konferenz. 



= DIE FRI EDENS -^X*\RXE 
Ein Handbuch des Völkerrechts. 

Von Dr. Hans Wehberg, Düsseldorf. 

Die deutsche Völkerrechtswissenschaft er- 
lebt gegenwärtig unzweifelhaft eine besondere 
Blütezeit. Im Jahre 1912 ist ein „Jahrbuch 
fjür den internationalen Rechts- 
verkehr" von Rechtsanwalt Dr. Wertheimer 
begründet worden, und Anfang 1913 erscheint 
ein noch viel großartiger angelegtes „Jahr- 
buch des Volk er rechts" (herausge- 
geben von Professor Niemeyer und Dr. Strupp), 
so daß wir auf dem Gebiete des internationalen 
privaten wie öffentlichen Rechts fortan wert- 
volle Nachschlagwerke in Form von Jahr- 
büchern besitzen. Die Erörterung der tief- 
greifenden Probleme der Haager Konferenzen 
ist durch die Sammlung „Das Werk vom 
Haag" in besonders weitschauender Weise 
begonnen worden. Auch wurde kürzlich eine 
„Deutsche Vereinigung für inter- 
nationales Recht" auf Anregung Nie- 
meyers begründet. Nun beginnt zu alledem 
ein großartiges „Handbuchdes Völker- 
rechts"*) zu erscheinen, das ein Meister- 
werk der systematischen Bearbeitung des ge- 
samten Völkerrechts sein wird. Da ist in der 
Tat die Behauptung von einer Renaissance der 
deutschen Völkerrechtswissenschaft begründet. 

Im Gegensatze zu den anderen großen 
Staaten, die auf völkerrechtlichem Gebiete eine 
besondere Rolle spielen, haben wir in Deutsch- 
land nur sehr wenige systematische Werke 
über das gesamte Gebiet des Völkerrechts. 
Nur v. Liszt und v. Ulimanns Bücher ge- 
hören zu den größer angelegten Werken dieser 
Art. Das Buch von Albert Zorn ist recht 
knapp gehalten, und das Werk von Quaritsch 
verfolgt keine eigentlich wissenschaftlichen 
Zwecke. Es kann daher nicht bestritten wer- 
den, daß der Gedanke, ein „Handbuch des 
Völkerrechts" zu begründen, ein vortrefflicher 
war. Wir Pazifisten müssen es besonders 
freudig begrüßen, wenn die wertvollen Prob- 
leme des Völkerrechts weiten Kreisen bekannt 
gemacht werden. 

An die Lektüre der ersten Lieferung des 
Handbuches und des darin abgedruckten Vor- 
bemerkes von Stier-Somlo bin ich nicht ohne 
eine gewisse Furcht gegangen, wir können 
in diesem Handbuche ein Werk erleben, das 
in aller und jeder Beziehung, so auch in der 
Tendenz, dem 1885 — 1889 erschienenen „Hand- 
buche des Völkerrechts" von Holtzendorff 
gliche. Bereits Professor Schücking hat in 
seiner „Organisation der Welt" (S. 65) darauf 
hingewiesen, „in welch unglaublich reaktio- 
närer und verständnisloser Weise in dem 
Holtzendorffschen Buche die Probleme der 
internationalen Organisation behandelt worden 
sind", und daß „z. B. ein gewisser Professor 
Lueder aus Erlangen die geistvolle Betrach- 
tung anstellt, das Aufhören der Kriege sei 
nicht das richtige Kulturideal, weil es der 

*) Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart. 



DIE FRIEDENS -WARTE 



1© 



göttlichen Weltordnung widerspräche." Heute, 
wo das Interesse an völkerrechtlichen Din- 
gen so ungemein gewachsen ist, müßte eine 
antipazifistische Tendenz eines von so kom- 
petenter Seite herausgegebenen Werkes noch 
größeres Unheil anrichten. 

Aber es ist im Gegegensatze zu dem Werke 
von Holtzendorff festzustellen, daß der dies- 
malige Herausgeber Stier-Somlo, wie man 
das ja von einer Persönlichkeit mit so weitem 
Blicke nicht anders erwarten konnte, in ganz 
hervorragender Weise den modernen pazi- 
fistischen Tendenzen gerecht geworden ist. 
In der Vorbemerkung redet er gleich von den 
„großen Bestrebungen des Pazifismus"; er 
weist bei der Charakterisierung der modernen 
Entwicklung vor allem auf die Haager 
Friedenskonferenzen und die Schiedsgerichts- 
fälle hin, und er hat — dies ist das größte 
Verdienst — von den vierzehn Kapiteln seines 
Handbuches nicht weniger als zwei ausschließ- 
lich den Haager Friedenskonferenzen und der 
internationalen Schiedsgerichtsbarkeit \ ge- 
widmet. Diese große Berücksichtigung des 
Schieds- und Friedensgedankens erhebt das 
Werk über alle bisher vorhandenen Lehrbücher 
des Völkerrechts. In der Tat haben die 
neueren Lehrbücher von Oppenheim, Liszt, 
v. Ulimann u. a., wie hoch bedeutsam diese 
Publikationen auch sind, die welthistorische 
Bedeutung der Haager Konferenzen nicht ge- 
nügend berücksichtigt. Daß hier der Angel- 
punkt aller weiteren Entwicklung zu suchen 
ist, tritt in keinem jener anderen Werke mit 
ausreichender Deutlichkeit hervor. Man be- 
denke, daß Stier-Somlos Werk vor der bahn- 
brechenden Arbeit Schückings über den 
„Staatenverband der Haager Konferenzen" er- 
schienen ist, und man wird diese Eigenart da- 
her ganz besonders schätzen müssen. 

Sehr wichtig ist, daß die beiden Kapitel 
über die Schieds- und Friedensbewegung von 
so hervorragenden Männern wie Lammasch 
und Zorn geschrieben werden. Gerade die 
maßvolle Art der beiden Verfasser wird unsere 
Ideen außerordentlich propagieren. Auch die 
übrigen Mitarbeiter an dem Handbuche sind 
als durchaus fortschrittlich bekannt: Heilborn, 
Frhr. v. Dungern, Schönborn, Fleischmann, 
Huber, Hold v. Ferneck, Zitelmann, Kohler 
und Stier-Somlo selbst. Has Handbuch soll 
in drei bis vier Bänden erscheinen und etwa 
1914 fertig sein. Der erste Band umfaßt die 
„Grundbegriffe und Geschichte des Völker- 
rechts" von Professor Heilborn. Eine 
ausführliche Erörterung dieser ersten vortreff- 
lichen Lieferung gehört nicht in diesen Zu- 
sammenhang. Es muß hier genügen, auf 
einige allgemeine Gesichtspunkte hinzuweisen. 

Außerordentlich erfreulich ist bei der 
Heilbornschen Darstellung die fortwährende 
Berücksichtigung der neuesten Völkerrechts- 
entwicklung, insbesondere des Schiedsgerichts- 
wesens, der Haager Friedenskonferenzen, des 
zentralamerikanischen Gerichtshofes usw. 



Zahlreiche Hinweise auf alle diese neuesten 
Errungenschaften finden sich in seiner Dar- 
stellung, und die Würdigung ist in allen Fällen 
sehr gerecht und fortschrittlich. Auf S. 15 
sagt er: „Dem völkerrechtlichen Schiedsver- 
fahren steht vermutlich eine große Zukunft 
bevor." Wie ausgezeichnet findet sich auf 
Seite 23 die Bemerkung: „Zwischen dem 
Völkerrecht und dem Krieg besteht in der Tat 
ein Widerspruch, welcher nicht vertuscht wer- 
den soll. Als Ordnung des staatlichen Ver- 
kehrs und Zusammenlebens will und muß das 
Völkerrecht das von ihm anerkannte subjektive 
Recht schützen, ihm, nicht aber der Macht 
zum Siege zu verhelfen. Die Tendenz des 
Völkerrechts muß deshalb auf Beseitigung, zu- 
nächst auf allmähliche Verminderung der 
Kriege gerichtet sein." 

Freilich wäre vielleicht ein noch ausführ- 
licheres Eingehen auf den Zusammenhang 
zwischen Völkerrecht und Friedensbewegung 
wünschenswert gewesen. Heilborn will, wie 
er ausdrücklich bemerkt, das Problem des 
ewigen Friedens nicht erörtern. Aber die 
Frage, in welchem Zusammenhang Völker- 
recht und Pazifismus stehen, ist doch zu 
grundlegend und neuerdings zu oft auf- 
geworfen worden, als daß man bei der Er- 
örterung der Grundbegriffe des Völkerrechts 
dieses Problem so gut wie ganz beiseite lassen 
könnte. Heilborn gibt, wie aus den obigen 
Bemerkungen hervorgeht, den innigen Zu- 
sammenhang zwischen beiden, der vor allem 
durch Schücking betont worden ist, ohne 
weiteres zu. Aber andere, z. B. Giese (Lite- 
rarisches Zentralblatt vom 21. IX. 1912), be- 
haupten, beide hätten nicht den geringsten 
Zusammenhang. Namentlich deshalb wäre 
eine Erörterung dieses Problems wünschens- 
wert gewesen. Es ist aber wahrscheinlich, 
daß dies erst in der von Zorn in Aussicht 
gestellten Abhandlung geschehen soll, da ja 
die Haager Friedenskonferenzen in dem denk- 
bar größten Zusammenhange mit dem Pazi- 
fismus stehen und bei dem Ueberblick über 
die Verhandlungen dieser Konferenzen eine 
Stellungnahme zur Friedensbewegung not- 
wendig sein wird. 

Sehr schade ist, daß Heilborn Schückings 
Werk nicht mehr benutzen konnte. Er leugnet, 
daß wir eine organisierte Gemeinschaft haben 
und beschränkt sich in der Hauptsache auf 
die Widerlegung der v. Lisztschen Anschau- 
ungen über diese Frage. 

Im übrigen Ist die Heilbornsche Dar- 
stellung eine ausgezeichnete Einleitung für das 
ganze Werk. Sie ist sehr übersichtlich an- 
geordnet und benutzt eine sehr reichhaltige 
deutsche, französische, englische, italienische, 
holländische usw. Literatur. 

Nach alledem dürfen wir ein Werk von der 
Tendenz und der Anlage des Stier- Somloschen 
Buches mit großer Freude begrüßen. Wel- 
chen Fortschritt hat doch unsere Idee inj den 
letzten 25 Jahren gemacht, daß sie so weite 



<§: 



DIE FRIEDEN5-^\*\RXE 



Kreise ergriffen hat! Die Friedensbewegung 
ist nicht mehr auf die Vertretung durch einige 
Außenseiter angewiesen, sondern die Wissen- 
schaft des Völkerrechts selbst hat den Kampf 
aufgenommen und trägt das Banner des Fort- 
schritts voran. Von diesem fast einheitüchen 
Auftreten der deutschen Völkerrechtswissen- 
schaft und dem Emporblühen des „Verbandes 
für internationale Verständigung" wird sich 
in der Hauptsache die Weiterentwicklung der 
durch die deutsche Friedensgesellschaft zuerst 
angeregten Friedensbewegung in Deutschland 
vollziehen. In den nächsten Jahren müssen 
die Regierungsbeamten, Richter, Staatsanwälte 
sowie alle Intellektuellen außer den Chau- 
vinisten gewonnen werden. Wir Jüngeren 
werden noch den Sieg der großen Idee er- 
leben, das Eintreten des offiziellen Deutsch- 
lands für den Pazifismus. Wer die Richtung 
unserer Zeit begriffen hat, dem muß der 
Sieg unserer Sache gewiß sein. 



Die Bewegung in den Vereinigt. 
Staaten zugunsten der schied- 
ikhen Erledigung des Panama- 
Kanal-Streits mit Großbritannien. 

Am 16. August vorigen Jahres nahm der 
amerikanische Senat mit 48 gegen 18 Stimmen 
eine Bill an, worin unter anderem bestimmt 
wurde, daß die amerikanische Küstenschiffahrt 
den Panamakanal gebührenfrei wird benutzen 
können. Darin erblickte England eine Ver- 
letzung des Hay-Pauncefote-Vertrages vom 
18. November 1901, wonach der Kanal allen 
Nationen auf gleicher Grundlage offen sein 
soll. (Siehe über den Streit die Ausführungen 
in der „Friedens- Warte" 1912, S. 341 u. f.) 
Das Verlangen Großbritanniens, den Streit- 
fall vor das Haager Schiedsgericht zu bringen, 
wurde merkwürdigerweise von amerikanischer 
Seite dahin erwidert, daß es sich um eine 
„innere Angelegenheit" der Vereinigten Staaten 
handle, der Fall daher nicht arbirabel sei. 
Eine gewisse Presse in Europa erblickte darin 
triumphierend eine Niederlage der Schieds- 
gerichtsbarkeit ! 

Nunmehr hat sich aber in den Ver- 
einigten Staaten eine Bewegung zugunsten 
der schiedlichen Lösung jenes Streitfalles ent- 
wickelt, von der in der europäischen, nament- 
lich aber in der deutschen, Presse nur sehr 
spärlich Notiz genommen wird, trotzdem sie 
von hoher Bedeutung ist. 

An die Spitze dieser Bewegung hat sich 
Präsident Taft selbst gestellt, der am 
4. Januar, bei einem ihm von der Gesellschaft 
„International Peace Forum" im 
Hotel Waldorf-Astoria gegebenen Bankett, 
eine Rede zugunsten der schiedlichen Erledi- 
gung der Panamafrage hielt. 



„Wenn die Zeit kommt," so sagte er, 
„unterliegt es keinem Zweifel, was ich bezüg- 
lich einer Unterwerfung der Frage zur Ent- 
scheidung vor einem unparteiischen Tribunal 
tun werde. Ich bin bereit, mit Eng- 
land zur Schiedsgerichtsbarkeit 
zu gehen, sobald wir zu dem • strittigen 
Punkt gelangen . . . Ich würde mich schämen, 
mit England nicht zur Schiedsgerichtsbarkeit 
bereit zu sein, über den Inhalt des Vertrages, 
wenn wir den genauen Streitpunkt erreicht haben 
werden, in dem wir differieren. Man sagt, ich 
solle das nicht tun, weil wir verlieren würden. 
Das ist unser Kanal, und England würde wegen 
dieses Streites keinen Krieg führen. Warum 
daher nachgeben, wenn es unwahrscheinlich ist, 
daß wir ein befriedigendes Schiedsurteil er- 
reichen. Aber ohne Eier zu zerbrechen, kann 
man keine Omelette machen. Man muß manch- 
mal gefaßt sein, besiegt zu werden. Eine 
sichere Sache wird unter Gentlemen nicht als 
eine ehrenvolle Wette angesehen." Nach Taft 
sprach der Bankier M. Henry Clews, der 
ebenfalls die Schiedsgerichtsbarkeit für die 
Kanalfrage forderte, obwohl er sagen mußte: 
„Wir sind im Unrecht und werden wahr- 
scheinlich eine Niederlage erleben, wenn die 
Sache nach dem Haag kommt, um dort ent- 
schieden zu werden." Später soll sich Präsident 
Taft geäußert haben, daß er es vorziehen 
würde, den Fall einem aus Engländern und 
Amerikanern zusammengesetzten Sondertribu- 
nal zu unterbreiten, statt dem Haager Hof, 
im Hinblick darauf, daß ganz Europa an der 
Entscheidung interessiert ist, und das Ueber- 
gewicht des europäischen Einflusses einer un- 
parteiischen Entscheidung Abbruch täte. Diese 
Anschauung, die nach Lage der Sache absolut 
keinen Vorwurf gegen die Haager Institution 
enthält, sahen sich einige deutsche Zeitungen 
bemüßigt, unter der Ueberschrift „Präsident 
Taft gegen das Haager Schiedsgericht" zu 
veröffentlichen. 

Diese Erklärung des Präsidenten ist nicht 
die einzige Aktion zugunsten der schiedlichen 
Erledigung des Streitfalles in den Vereinigten 
Staaten. 

Am 22. November trat Elihu Root bei 
einem Handelskammer-Bankett in New York 
gegen die Kanalbill auf und sagte, daß diese 
Amerika in die Lage eines treubrüchigen 
Kaufmannes bringe. 

Josef H. Choate, der Hauptdelegierte 
der Vereinigten Staaten auf der IL Haager 
Konferenz und Charles Francis Adams, 
der bekannte Historiker, protestierten, am 
14. Dezember bei einer Sitzung der New- 
Yorker genealogischen und biographischen Ge- 
sellschaft, der auch der großbritannische Ge- 
sandte, James Bryce, beiwohnte, gegen die 
Haltung des Senats in dieser Frage. 

Die New York World veröffentlicht 
in ihrer Nummer vom 18. Dezember eine 
Enquete, die sie telegraphisch bei den Präsi- 
denten der amerikanischen Universitäten und 



DIEFßlEDEN5-^^DTE 



3 



Kollegien unternommen hatte, in der in über- 
wältigender Weise die schiedliche Erledigung 
des Panama-Falles verlangt wird. Als eine 
„ewige Schande" wird es da bezeichnet, wenn 
die Panamabill nicht zurückgezogen wird; 
„eine nichtswürdige Politik ist es, einen Ver- 
trag zu verletzen," sagt Starr Jordan. „Die 
Vertragsbestimmungen müssen heilig ge- 
hlalten werden" telegraphiert Blurton aus 
Northampton. „Unbegreiflich," „ehrlos" sind 
die Worte, die in fast jeder Antwort vor- 
kommen, und alle fordern Rücknahme der 
Bill oder Schiedsentscheidung. In seiner Ant- 
wort an die „World" sagte Nicholas Mur- 
ray BiUtler, daß Amerika durch die Ab- 
lehnung der schiedsrichterlichen Erledigung 
des Streitfalles „dauernd entehrt" sein 
Werde. „Wir erkauften das Recht zur Er- 
bauung des Kanals durch ein Pfand," sagte 
er, „und dieses Pfand war die Verpflichtung, 
die Schiffe aller Staaten gleichmäßig zu be- 
handeln. Nun sind welche unter uns, die jetzt 
dieses Pfand gewaltsam zurückweisen, und so 
in ein er An g el ege nh ei t des natio- 
nalen und internationalen Ver- 
kehrs eine ehrlose Handlung be- 
gehen wollen, die sie in ihren 
Privatangelegenheiten keinen 

Augenblick in Erwägung ziehen 
würden." 

Auf der Jahresversammlung der „ A meri- 
can Society o f Judicial Settlement 
K>f international Dispute s", die am 
20. Dezember in Washington tagte, brauchte 
Präsident P. W h e e 1 e r von New York scharfe 
Worte gegen diejenigen, die sich weigern, den 
Streitfall dem Schiedsgericht zu unterbreiten. 
Er sagte am Schluß seiner denkwürdigen Aus- 
führungen, „es würde tausendmal besser sein, 
der Panamakanal wäre nie gebaut worden, 
lals daß die Vereinigten Staaten 
ihre verpfändete Treue brechen 
und die Stellung einer Nation ein- 
nehmen, die dringlichst darauf be- 
stand, daß Großbritannien Fragen 
der Schiedsgerichtsbarkeit unter- 
breite, die die Vereinigten Staaten 
nicht einmal direkt berührten, nun 
aber, wo sie selbst angerufen wer- 
den, dem Haager Hofe eine Frage 
dieser Art zu unterbreiten, es ver- 
weigern." F. 



Korrespondenz aus England. 

Zur Jahreswende blickt man natürlicher- 
weise zurück auf die Ereignisse des vergan- 
genen Jahres, insofern dieselben die Bezie- 
hungen zwischen England und Deutschland 
beeinflußt haben. Mit großer Freude be- 
stätigen wir in England, daß zu Anfang 1913 
diese Beziehungen sich außerordentlich ver- 
bessert haben, so daß man sagen kann, daß 
bei den jüngsten Verhandlungen der beiden 



Regierungen zur Aufrechterhaltung des euro- 
päischen Friedens das intime Verhältnis der 
beiden verwandten Nationen zueinander herz- 
licher war, wie schon lange nicht. Und doch 
haben auf englischer Seite viele Umstände, 
wie z. B. die letzten öffentlichen Reden Chur- 
chills und Lord Roberts, dahin gewirkt, daß 
deutsche Chauvinisten sich noch immer schroff 
gegen eine engere Annäherung stellen. 

Wer hier die deutsche auswärtige Politik 
gegenüber England verfolgt hat, muß freudig 
zugeben, daß Kaiser Wilhelm, wenn auch nicht 
öffentlich, hierin eine leitende Rolle gespielt 
hat. Denn wie freundlich auch das deutsche 
Volk — die Sozialdemokraten sowie auch viele 
der bürgerlichen Parteien — dem Inselreich 
gesinnt ist, so liegt doch die Leitung der aus- 
wärtigen Politik schließlich in Allerhöchsten 
Händen, was auch immer die Alldeutschen 
dazu sagen mögen. Die Wahl geeigneter Per- 
sönlichkeiten, wie die des so früh verstorbenen 
Grafen Marschall und des jetzigen Botschafters 
Fürst Lichnowsky, hat in England allgemein 
Beifall gefunden, und dürfen englische und 
deutsche Pazifisten sich besonders freuen, daß 
ihre Bestrebungen von den deutschen Bot- 
schaftern in London sowie von dem englischen 
Auswärtigen Amt unterstützt worden sind. Als 
Resultat kam dann Ende Oktober die Ver- 
ständigungskonferenz in London zustande, die, 
obwohl nicht offiziös, doch etwas beigetragen 
hat zu der jetzigen besseren Stimmung zwischen 
England und Deutschland. Ueber die Kon- 
ferenz selbst hat die Friedens-Warte ausführ- 
lich Bericht erstattet. Der Gedanke, eine 
Konferenz abzuhalten, wurde schon im No- 
vember 1911 von dem National Peace Council 
aufgeworfen, und dann im Laufe des Jahres 
1912 von dem Kirchlichen Komitee energisch, 
von der British German Friedenship Society 
aber nur zögernd unterstützt. Dennoch sind 
wir jetzt alle einstimmig der Ansicht, daß 
das Zusammenkommen angesehener Männer 
Deutschlands und Englands ihre öffentlichen 
Auseinandersetzungen und vielleicht ganz be- 
sonders die geselligen Veranstaltungen, bei 
denen die Delegierten sich persönlich kennen 
lernten, der Sache der Verständigung be- 
deutend geholfen hat. Ein privates Zu- 
sammensein der führenden Persönlich- 
keiten dürfte besonders erwähnt werden. Auf 
Einladung des Vorsitzenden des National 
Peace Council, Mr. Gordon Harvey, liberales 
Mitglied, und des Oberst Williams, konserva- 
tives Mitglied des englischen Unterhauses, 
kamen einige Teilnehmer der Konferenz bei 
einem Privat-Diner mit englischen Parlamen- 
tariern im House of Commons zusammen. Von 
dieser Festlichkeit ist natürlich wenig an die 
Oeffentlichkeit gedrungen, aber es ist bekannt, 
daß von englischen Staatsmännern, die Minister 
Lloyd George und Lewis Harcourt, 
der ehemalige konservative Minister Bal- 
four, der jetzige Führer der Konservativen, 
Bonar Law, und der Führer der Sozialister 






@= 



DIE FRIEDEN5-^^RXE 



Ramsay Macdonald, anwesend waren. 
Wir vernehmen ferner, daß unser Minister des 
Auswärtigen Amtes, Sir E. G r e y , mit einem 
bekannten deutschen Teilnehmer eine Unter- 
redung hatte. Ein Bericht über die Konferenz 
ist wohl auch in allerhöchste Kreise in Deutsch- 
land gedrungen! 

Und wie steht es nun um unsere weitere 
Arbeit zum Legen der Vorurteile hüben und 
drüben? Das Komitee der Konferenz führt 
zurzeit seine Arbeit fort, da wir aus Deutsch- 
land erfahren, daß das entsprechende deutsche 
Komitee im laufenden Jahre eine zweite, ähn- 
liche Konferenz wahrscheinlich in Berlin ein- 
berufen wird, und ist es zweckmäßig, daß die- 
selbe Organisation, die mit den Regierungs- 
kreisen in enger Fühlung steht, bis dahin be- 
stehen bleibt. 

Einstweilen aber gibt es für jeden in Eng- 
land lebenden Deutschen sowie für alle eng- 
lischen Freunde Deutschlands noch viel zu 
tun. Und hier muß man besonders die Arbeit 
zum Verständnis Deutschlands und deutscher 
Verhältnisse sowie zur Annäherung der beiden 
Völker betonen, die von Deutschen, wie dem 
an der Universität Cambridge tätigen Prof. 
Dr. Karl B r e u 1 und dem deutschen Konsul 
in Manchester, Hauptmann d. R. S c h 1 a g i n t- 
weit, geleistet wird. Dasselbe kann leider 
von vielen in England lebenden Deutschen 
nicht gesagt werden, die oft englischer sind 
wie die Engländer! 

Was englische Pazifisten vor allem zu be- 
kämpfen haben, ist der von englischen Chau- 
vinisten geschürte Militarismus. Denn wir 
haben in England auch unsere Bernhardi — 
den greisen Feldmarschall Lord Roberts — 
und andere Militärs und Junker, die von 
der Furcht vor Deutschland beseelt sind! 
Arme, blinde Menschen 1 Sie sollten doch ein- 
mal die große Friedensbewegung in Deutsch- 
land studieren und sich unter das deutsche 
Volk begeben, statt immer nur den Worten der 
deutschen Chauvinisten zu lauschen. Sogar 
einer der bekanntesten Schriftsteller, der sonst 
vernünftige Frederic Harrison, der in seinem 
Alter überall nur die sogenannte deutsche Ge- 
fahr erblickt, gibt im Neujahrshefte der „Eng- 
lish Review" dem englischen Volke eine noch- 
malige Warnung und unterstützt Lord Roberts 
und die englischen Militärs a. D<. in der Pro- 
paganda zur Einführung der allgemeinen Wehr- 
pflicht als einziges Mittel, die „deutsche Gefahr" 
zu legen. Ueber diesen letzten Punkt möchte 
ich, mit Erlaubnis der Redaktion, später ein- 
mal zurückkommen. C. W . . .s. 
London, 5. Januar 1913. 



Konservative Meujahrsfreude. 

Randglossen zu einem Artikel 
des Herrn Dr. Adolf Grabowsky, Berlin. 

Die neubegründete „Wochenschrift für 
konservativen Fortschritt" (eine eigentüm- 



liche contradictio in adjecto), die den Titel 
„Das neue Deutschland" führt, befaßt sich 
an der Spitze ihrer Nummer vom. 11. Jan. 
mit der Broschüre „D er Weg zum Welt- 
friede n", die den Herausgeber dieser Blätter 
zum Verfasser hat. Wir sind gewiß weit ent- 
fernt davon, die Berechtigung einer konser- 
vativen Weltanschauung nicht anzuerkennen, 
wenn wir auch einer anderen Welt- 
anschauung zugewandt sind und für 
diese arbeiten. Die Berechtigung des 
Konservatismus soll jedoch in dieser 
Welt der Gegensätze und Rundungen 
nicht bestritten werden. Ebenso können wir 
verstehen, daß das Programm des Pazifismus 
tnit dieser Weltauffassung nicht harmoniert 
und demgemäß von ihr bekämpft werden muß. 
Gerade deshalb fordern aber wir von unseren 
politischen Antipoden dieselbe Erkenntnis, die 
gleiche Gerechtigkeit und Anerkennung, ein 
über dem Parteigesichtspunkt stehendes Ver- 
stehen unseres Wirkens. 

In dem erwähnten Artikel vermissen wir 
jedoch diese Objektivität. Der Verfasser 
freut sich über den „Bankerott des Pazi- 
fismus", der ihm in jener Broschüre 
zum Ausdruck zu kommen scheint. Er sieht 
nicht, daß es eigentlich der Bankerott seiner 
Auffassung des Pazifismus ist, die er sich un- 
gerechtfertigterweise gebildet hat. 

Daß er den Herausgeber dieser Blätter 
gleich in der ersten Zeile als „Friedens- 
apostel" anspricht, beweist zwar seine völlige 
Unkenjntnis über den Pazifismus, es sei ihm aber 
verziehen, da es schwer ist, sich von solchen 
Klischees zu emanzipieren. Daß er es aber 
als „Heiterkeit" empfindet, weil in der der Bro- 
schüre beigegebenen Chronik auch „sämtliche 
kriegerischen Konflikte, ebenso auch alle mili- 
tärischen Rüstungen" angeführt werden, läßt 
erkennen, daß er nicht vorurteilslos der Sache 
gegenübertrat; denn bei etwas weniger guter 
Laune hätte er erkennen können, daß in jener 
Chronik nicht nur die Masse der auf die 
Völkerverständigung hinzielenden Daten an- 
geführt worden ist, sondern — und zwar zum 
besseren Verständnis des Geschehens — auch 
alle Aeußerungen des noch lebenden alten 
Geistes in der Politik. Die „Heiterkeit", die 
den Beurteiler darob befiel, entspringt nicht 
der Ueberlegenheit oder einer überragenden 
Sachkenntnis. Dann heißt es: 

„Fried zieht die Bilanz für 1912 und 
hält für das Hauptergebnis des abgelaufenen 
jahres, daß der den Pazifisten so lieb- 
gewordene und schöne Gedanke von der 
Beseitigung des Krieges durch die Schieds- 
gerichtsbarkeit nun endgültig fallen ge- 
lassen oder wenigstens auf das richtige Maß 
zurückgeführt werden müsse. Schieds- 
gerichte seien nur bei Rechtsstreitigkeiten 
wirksam. Wo bleibt der Traum vom 
Haag ?" 

Diese Darstellung ist unrichtig. Nicht die 
■richtige Klassifizierung des Schiedswesen be- 



DIE FRIEDENS- V&DTE 



■3 



zeichnete ich als das Hauptergebnis dieses 
Jahres, sondern (S. 6) das Werk der anglo- 
deutschen Verständigung. 

Die richtige Klassifizierung der Schieds- 
gerichtsbarkeit habe ich aber auch nicht erst im 
Jahre 1912 angeregt, sondern schon vor zehn 
Jahren und habe sie seither mit wachsendem 
Erfolg in meinen Schriften vertreten. Die 
Mehrheit der denkenden Pazifisten ist dieser 
Ansicht; sie brauchen sie nicht erst jetzt zu 
entdecken. Ich schrieb lediglich, daß „Viele" 
von uns den ihnen liebgewordenen Gedanken 
Hunmehr endgültig fallen lassen müssen. 
„Viele" sind aber nicht „alle". 

Damit habe ich aber keineswegs die 
Schiedsgerichtsbarkeit verworfen, wie der Ver- 
fasser jenes Artikels glaubt und glauben 
machen will. Ich habe sie nur richtig ein- 
geordnet, indem ich sagte: „Ihre (der Schieds- 
gerichtsbarkeit) Rolle wird um so größer sein, 
je höher das internationale Recht 
entwickelt sein wird in der Mensch- 
heit. Die Schiedsgerichtsbarkeit wird die 
Krönung der Weltorganisation sein, aber 
nicht ihr Fundament." Damit ist die 
Antwort auf die naive Frage „Wo bleibt der 
Traum vom Haag?" gegeben; denn im Haag 
ist es ja, wo das internationale Recht immer 
weiterentwickelt wird. 

Ich habe immer daran festgehalten, daß 
wir der gewaltlosen Streitschlichtung zu- 
steuern müssen, die gegeben ist a) durch 
diplomatische Verhandlungen, b) durch die 
Schiedsgerichtsbarkeit, c) durch die ordent- 
liche Staatengerichtsbarkeit. Diese Dreiteilung 
ist angepaßt den Erfordernissen der Praxis, 
für Interessen-, Macht- und Rechtsfragen. Der 
Umstand allein, daß unsere Gegner glauben, 
wir predigen die Schiedsgerichtsbarkeit als 
Allheilmittel, veranlaßte sie, unsere Bestre- 
bungen für utopisch zu halten. Wir betrachten 
sie aber nur als eine für besondere Fälle be- 
stimmte Art der mannigfaltigen pazifistischen 
Streitschlichtungsmethoden. Nicht wir haben 
unsere Ansicht geändert, die Gegner sollen an- 
fangen, die ihre über uns zu revidieren. 

Es ist auch nicht richtig, wenn in jenem 
Artikel gefolgert wird, daß Schiedsgerichte 
nur bei untergeordneten Streitigkeiten 
möglich seien. Ein Blick auf die Schiedsfälle 
der letzten Jahre beweist das Gegenteil. Rechts- 
fragen sind im heutigen Völkerleben nicht 
immer untergeordnete Streitigkeiten. 

Im übrigen geht der Verfasser, wie alle 
Gegner des Pazifismus, von dem grundlegen- 
den Irrtum aus, als wollten wir den Krieg 
aus den politischen Verhältnissen, so wie 
diese heute sind, beseitigen, was uns 
natürlich nie einfällt. Wir wollen nicht das 
Symptom des Uebels beseitigen, sondern dessen 
Ursachen. Darum treten wir für eine Ver- 
änderung dieser heutigen politischen Verhält- 
nisse ein, für eine Umwandlung der Politik 
der Gewalt in eine Politik der Verständigung 
durch starke Infiltration mit der internatio- 



nalen Rechtsidee, für eine Organisation der 
heute zum Teil noch anarchischen Staaten- 
geselischaft. Und in Verbindung mit diesem 
Grundproblem unserer Bewegung bewegt sich 
die Forderung einer nach diesen Grundsätzen 
handelnden „modernen Diplomatie", was 
Dr. Grabowski als unsern „allerletzten Ret- 
tungsanker" bezeichnet. Es ist unser Funda- 
ment 1 Wir betreiben eben nur die Prophy- 
laxis des Krieges, die Hygiene des internatio- 
nalen Lebens, was uns vernünftiger erscheint 
als die Doktor Eisenbart-Kuren der Blut- und 
Eisen-Apostel. Noch einmal sei's gesagt: Man 
vergleiche uns nicht mit einer Feuerwehr, 
die berufen ist, einen Brand zu löschen, 
wenn er schon ausgebrochen ist, son- 
dern mit einer Agentur für Imprägnie- 
rungsmittel, deren Anwendung den Aus- 
bruch des Brandes verhindern kann. 
So aufgefaßt, wird es den Gegnern vielleicht 
doch möglich sein, unsere Bewegung etwas 
objektiver zu beurteilen. Sie würden sich nur 
selbst ehren, wenn sie zu einer solchen Beur- 
teilung kommen würden. Unseren Glauben 
an den Erfolg brauchen sie ja nicht zu teilen, 
nur als Dummköpfe und Narren sollen sie 
aufhören, uns hinzustellen, denn es könnte 
ihnen passieren, daß die öffentliche Meinung 
diese Vorwürfe auf ihre Urheber zurückwirft. 

A. H. F. 



Der Deutsche Bund als Vorbild 
der Staatenorganisation. 

Von Dr. phil., jur. et sc. pol. G. Grosch. 

Für die Realisation der Staatenorgani- 
sation, welch letztere sich juristisch als 
völkerrechtlicher Staatenbund darstellen wird, 
kann der frühere Deutsche Bund ein Vor- 
bild abgeben. Mutatis mutandis kann die 
Friedensorganisation des Erdballs so kon- 
stituiert werden wie seinerzeit der Deutsche 
Bund. Darum soll auf seine hauptsächlichsten 
Institutionen, soweit sie für die eben er- 
wähnte Verwirklichung eines Zusammen- 
schlusses der Staaten in Betracht kommen, 
einmal die Aufmerksamkeit gelenkt werden. 

Der Zweck des genannten Bundes war 
— gemäß der deutschen Bundes-Akte vom 
8. Juni 1815 — die Erhaltung der äußeren 
und inneren Sicherheit Deutschlands und der 
Unabhängigkeit und Unverletzbarkeit der 
einzelnen deutschen Staaten. Die Mitglieder 
des Bundes versprachen, sowohl ganz Deutsch- 
land, als jeden einzelnen Bundesstaat gegen 
einen Angriff in Schutz zu nehmen; sie ga- 
rantierten sich gegenseitig ihre sämtlichen 
unter dem Bunde begriffenen Besitzungen. 
Deshalb machten sie sich verbindlich, ein- 
ander unter keinerlei Vorwand zu bekriegen, 
noch ihre Streitigkeiten mit Gewalt — d. i. 
durch Krieg — zu verfolgen, sondern bei 
der Bundesversammlung anzubringen. 






8 



@= 



DIE FR! EDENS -^O^RXE 



Die Bundesversammlung war zusammen- 
gesetzt aus Delegierten der Staaten. Ihr 
lag bei einem entstehenden Zwist zwischen 
den Mitgliedstaaten ob, die Vermittlung 
durch einen Ausschuß zu versuchen. Schlug 
dieser Versuch fehl, und wurde demnach eine 
richterliche Entscheidung not- 
wendig, so sollte diese durch eine wohl- 
geordnete Austrägal-Instanz bewirkt werden, 
deren Ausspruch die streitenden Teile sich 
sofort zu unterwerfen hatten. 

Das Austrälverfahren war durch eine be- 
sondere Ordnung vom 16. Januar 1817 geregelt. 
Der inkriminierte Staat — wenn von dessen 
Seite gezögert wurde, hatte es die Bundes- 
versammlung zu tun — mußte drei Mit- 
glieder benennen, die an dem entstandenen 
Zwist unbeteiligt waren. Der beschwerde- 
führende Staat wählte aus den dreien sich 
einen aus, und dessen höchstes Gericht ver- 
handelte und entschied den Streit „im Namen 
und anstatt der Bundesversammlung, sowie 
vermöge derselben Auftrags". Es wurde das 
Urteil gefällt und publiziert; es war damit 
rechtskräftig und konnte, wenn nötig, von 
Bundes wegen exequiert werden. 

Damit war der Krieg als rohes 
Zwangsmittel aus den gegenseitigen 
Beziehungen der Bundesstaaten eliminiert. 
Nur als Rechtsschutzmittel blieb der 
Krieg auch weiter anerkannt. „In einem 
Falle war der innere Krieg nicht zu ver- 
meiden : nämlich wenn ein Bundesstaat in 
Erfüllung seiner durch den völkerrechtlichen 
Grundvertrag übernommenen Bundespflichten 
säumig und zu ihrer Einhaltung anders als mit 
den Waffen nicht herbeizubringen war; denn 
das schließliche völkerrechtliche Exekutions- 
mittel ist der Krieg." Hierfür war eine Exe- 
kutionsordnung — vom 3. August 1820 — auf- 
gestellt, so daß der Zwang innerhalb der 
Schranken des Rechts gehandhabt wurde. 

Schon St. Pierre hat für die „Union 
de l'Europe", die er vorschlägt, auf das 
damalige Deutsche Reich exemplifiziert, das 
ja nicht viel fester organisiert war als der 
spätere Deutsche Bund. Er führt etwa aus: 
Durch die kaiserliche Acht würden die Ver- 
wegensten abgehalten, Krieg mit den übrigen 
zu beginnen, weil sie sonst fürchten müßten, 
depossediert zu werden; und geschähe es 
doch, so sei daran schuld die Verbindung mit 
auswärtigen Souveränen, die sie gegen die 
Gefahr der Acht deckten. Wenn nun diese 
Glieder des deutschen Reichskörpers keine 
Nachbarn hätten, die sich in die Angelegen- 
heiten jener einmischten, würde es niemals Krieg 
zwischen ihnen geben; wenn also diese Ver- 
einigung, anstatt sich auf Deutschland allein 
zu beschränken, alle Souveräne, alle Staaten 
Europas umfaßte, würde es keinen Krieg 
mehr geben, weder im Deutschen Reich noch 
im übrigen Europa. 

Das „tertium comparationis" ist nicht 
— wie etwa ein Gegner einwerfen könnte — , 



daß das frühere Deutsche Reich sich auf- 
gelöst habe und der Deutsche Bund ge- 
sprengt worden sei, daß also einer even- 
tuellen Friedensorganisation der Staaten das 
gleiche Schicksal drohe; jenes sind po- 
litische Bewegungen gewesen, die ja ihren 
Abschluß in dem neuen Deutschen Reiche, 
einem durchaus festen staatlichen Gefüge, 
gefunden haben. Nein, wenn wir vergleichs- 
weise auf das alte Deutsche Reich und den 
Deutschen Bund hingewiesen haben, so 
wollten wir damit nur 'sagen, daß ähnliche 
Institutionen, wie die künftige Friedens- 
organisation der Staaten, bereits bestanden 
haben. 

Einen weiteren Einwurf, den man noch 
machen könnte, lehnen wir gleichfalls ab ; näm- 
lich den, daß es sich bei unseren Beispielen 
um Zugehörige zu demselben Volke gehandelt 
habe. Dem können wir ruhig das Argument 
entgegensetzen, daß der Verkehr in der heu- 
tigen Staatenwelt viel intensiver, der Austausch 
der Kulturerrungenschaften viel leichter, das 
Herüber- und Hinüberfluten von einem Staate 
zum andern — nicht nur etwa bloß der Waren, 
sondern ebenso der Personen und Geistes- 
produkte — viel häufiger geschieht als in dem 
früheren Deutschen Reiche. Diesen Inter- 
nationalismus können die erpichtesten 
Rassenfanatiker nicht mehr leugnen, denn er 
ist tagtäglich geradezu mit Händen zu greifen. 
Die gegenseitige Annäherung der Völker voll- 
zieht sich unaufhaltsam, und der Menschheit 
einend Band wird sich um die heutigen Staaten 
sicherlich ebenso fest schließen wie früher das 
Bewußtsein der Volksgemeinschaft um die 
Territorien des Deutschen Bundes. 

Der Fortschritt der Menschheit besteht 
darin, daß das Unvollkommene durch immer 
Vollendeteres abgelöst, daß das weniger Gute 
durch Besseres ersetzt, daß nach schwäch- 
lichem Vorbild ein starkes, ragendes Monument 
gestaltet wird. So kann der Deutsche Bund 
als vorbildlich für die Friedensorganisation der 
Staaten angesehen werden; indes, diese wird 
jenen weit übertreffen. Schon der Umstand, 
daß es sich um die Organisation der Mensch- 
heit und nicht bloß um einen, wenn auch noch 
so bedeutsamen Bruchteil von ihr handelt, er- 
hellt zur Genüge, welcher Fortschritt mit der 
Biefriedigung der heutigen Staa- 
te n w e 1 1 erreicht wird. 

Mit Nachdruck ist darauf hinzuweisen, daß 
die rechtliche Ausgestaltung der Staaten- 
gemeinschaft schon längst in Angriff ge- 
nommen wurde. Das Völkerrecht, das zwischen- 
staatliche Recht, ist schon Jahrhunderte alt; 
und gerade in unserer Zeit ist ein neuer Auf- 
schwung zu konstatieren: die Haager Frie- 
denskonferenzen, der durch dieselben konsti- 
tuierte Schiedshof, all das sind herrliche An- 
sätze, gesunde Keime, die auf reiche Früchte 
hoffen lassen. 

Gewiß, die Gegner jubeln, daß nicht mit 
einem Schlage schon alles erreicht worden ist. 



DIE FßlEDENS-^^BTE 



3 



daß immer noch der Krieg als roher Zwang 
wütet, daß immer wieder Rückfälle eintreten. 
Diese kleinlichen Geister stellen sich wie blind 
gegen die Erwägung, daß der Aufstieg der 
Menschheit ein gar langsamer und mühsamer, 
von Rückfällen bedrohter gewesen ist. Aber 
gerade wer diesen ehrlich ins Auge faßt, der 
ist voller Genugtuung darüber, daß schon so 
Großes erreicht worden ist, Größeres bereits 
in die Wege geleitet wird. Wir befinden uns in 
einer neuen Phase der Menschheitsgeschichte; 
wir gehen einem neuen, einem Völkerfrühling 
entgegen. 

Frankreichs Großmachtsstellung 
und Kulturziele. 

Von Herrn. Fernau, Paris. 

Frankreich ist heute unbestreitbar die 
friedliebendste Großmacht in Europa ge- 
worden. Allerdings dürfen wir unsere Vogesen- 
nachbarn nicht mit den Wissenschaften und 
Beobachtungsfähigkeiten der „führenden" 
Tagespresse beurteilen, wenn wir ehrlich fest- 
stellen wollen, inwieweit die französische 
Nation seit etwa 40 Jahren ihre „glorreiche" 
napoleonische Tradition verleugnet. Alles zielt 
heute bei den Franzosen auf eine neue Kultur 
hin, die keinen Platz mehr hat für Waffenruhm 
und nationalen Eigensinn und in direktem 
Gegensatz zu jener „Großmachtpolitik" steht, 
von der seit Bismarck in Europa so viel ge- 
redet wird und die wie eine beständige Be- 
diohung des Friedens über den Völkern Eu- 
ropas hängt. 

Für den denkenden Menschen gibt es nicht 
leicht einen sinnloseren Begriff als er in 
Worten wie Großmachtpolitik, Großmacht- 
stellung usw. usw. zum Ausdruck kommt. Ver- 
geblich bemühe ich mich seit Jahren, hinter 
das Geheimnis dieser und ähnlicher Worte 
unserer Diplomatensprache zu kommen. Ich 
bin ganz unfähig, zu verstehen, inwieweit die 
Großmachtpolitik zum menschlichen Glücke 
unentbehrlich ist. Mein Respekt vor den 
Diplomaten und Zeitungsschreibern, die seit 
Jahrzehnten mit dieser Ware so lärmend beim 
Volke hausieren gehen, ist darob nicht sonder- 
lich gewachsen. Sie sind mir verdächtig 
und auch ein bißchen lächerlich die Leute, 
die mit einem Auge immer in China herum- 
schielen, mit dem anderen „unsere Interessen- 
sphären" in Marokko und am Bosporus beob- 
achten, die beständig von der Bedrohung 
„unseres Einflusses", „unserer Machtstellung" 
und anderer kostbarer Dinge reden, und deren 
Weisheit letzter Schluß immer derselbe ist: 
Wir müssen rüsten und wieder rüsten, zu 
Wasser und zu Lande, auf, unter und über 
der Erde, damit wir unsere Großmacht- 
stellung erhalten, damit man uns nicht „ein- 
kreise", nicht erdrücke, sondern „im Konzert 
der Großmächte" respektiere, usw. usw. 



Aber damit, daß uns Pazifisten die Groß- 
machtpolitiker und Diplomaten allenthalben 
verdächtig und lächerlich zu werden beginnen, 
ist es nicht getan. Es gilt zu beweisen, daß 
sie überflüssig und schädlich in der moderne» 
Welt sind, daß wir, die Bürger der Kultur- 
nationen, fähig und wülens sind, unsere Ge- 
schäfte fortan ohne diplomatische Vermittlung 
zu machen. Es gilt dem Volke klarzumachen, 
daß die „hohe" Diplomatie eine Gefahr für 
den Frieden und Fortschritt der Menschheit 
bildet. Wir müssen den Großmachtpolitikern 
und allen, die ihrer Art sind, endlich ein neues, 
vornehmeres und ehrlicheres Kulturideal ent- 
gegensetzen, eine KuUtur, in der man nicht 
mehr so balkenbrechend lügt, sondern in der 
man die geheimen Ursachen der sogenannten 
Großmachtpolitik beim richtigen Namen nennt, 
auf die Gefahr hin, einige patriotische Emp- 
findlichkeiten zu verletzen. Wenn es uns 
nicht gelingt, den Diplomaten den Wind aus 
den Segeln zu nehmen, ihren Einfluß beständig 
zu schwächen und sie so allmählich überflüssig 
in der modernen Welt zu machen, dann werden 
wir noch auf lange hinaus ohnmächtig bleiben. 

Da ist nun Frankreich, das bekanntlich 
auch überall seinen „großen Stein im Welt- 
schachbrett" hat. Prinzipiell sollte eine Re- 
publik mit dem hohlen Phrasengewirr der 
Diplomatie aufräumen und eine ehrlichere 
Sprache reden, als sie bisher in der inter- 
nationalen Politik geführt wurde. Aber die 
Zeiten, wo wir nur noch sprechen werden, um 
verstanden zu werden, jenes goldene Zeitalter, 
wo die Bildung der Massen gebieterisch 
fordern wird, daß nur noch diejenigen reden 
und schreiben, die wirklich etwas zu sagen 
haben, ist trotz der republikanischen Etikette 
selbst in Frankreich noch nicht angebrochen. 
Auch in Frankreich regiert man noch mit 
hohlen Worten. Ganz ebenso wie anderswo 
redet man auch in Frankreich noch von der 
„nationalen Ehre", von der Schönheit und Not- 
wendigkeit der kolonialen Expansion, der 
„friedlichen" Durchdringung Marokkos und 
ähnlichen Kinkerlitzchen mehr. Drei Viertel 
aller Leute, die täglich ihre Zeitung lesen, ver- 
stehen trotzdem nichts von dieser „hohen Po- 
litik", mit der man nichtsdestoweniger über 
das Wohl und Wehe, über Krieg und Frieden 
der Bürger entscheidet. Das letzte Viertel 
verhält sich dieser diplomatisch-finanziellen 
Metaphysik der Neuzeit gegenüber zwar miß- 
trauisch, aber es weiß trotz aller Aufklärung 
noch immer nicht recht, welche ureinfachen 
Dinge die Sprache der Diplomaten im Grunde 
verdeckt; sehr viele ahnen dunkel, daß es 
sich dabei um Geschäfte handelt, die nicht 
ihre Geschäfte sind, daß man ihre Haut ver- 
pfändet, um die Dividenden einer Bank zu 
erhöhen usw., aber . . sie sind in der Minder- 
zahl. Ihre Proteste verhallen. Und darum 
regieren heute die Könige der Finanz in 
Frankreich mit einer Art moderner Metaphysik, 
die als Basis die Glaubhaftmachung von der 



10 



<5S 



DIE FRIEDENS-^VÄBXE 



Notwendigkeit einer starken Großmachtpolitik 
hat und die sich im übrigen mit den demo- 
kratischen Prinzipien der Republik ganz ge- 
schickt abzufinden weiß. In der Monarchie 
regiert man noch mit der Glaubhaftmachung 
der göttlichen. Autorität, in der weltlichen Re- 
publik dagegen mit dem latenten Respekt der 
Volksmassen vor den Weisheiten der „geheimen 
Diplomatie". Die Mittel sind verschieden, das 
Ergebnis dasselbe: Dienstbarmachung des 
Volkswillens für die (rein materiellen) Ge- 
schäfte einer Dynastie, eines Banktrusts usw., 
Bearbeitung der Volksmeinung nötigenfalls bis 
zur Kriegsbegeisterung. — Und doch besteht 
zwischen dem Respekt vor dem Uebernatür- 
lichen (Diplomatie der Monarchie) und dem 
Respekt vor dem bloß Unverständlichen (Di- 
plomatie der Republik) jener kleine Abstand 
um den uns die Franzosen in der Kultur vor- 
aus sind. Der Respekt vor der von Gott ein- 
gesetzten Monarchie ist nämlich viel schwerer 
durch die freie Kritik zerstörbar als jener 
andere. Und deshalb sehen wir, daß sich seit 
einiger Zeit in Frankreich eine Kritik gegen 
das Vorhandensein der Diplomatie breit macht, 
die den Regierenden ernstlich unangenehm zu 
werden beginnt. Frankreichs Bürger werden 
nämlich mit Hilfe ihrer demokratischen Er- 
ziehung von Tag zu Tag respektloser und neu- 
gieriger in Sachen der „hohen Politik". Sie 
nehmen nicht alles mehr für „bare Münze", 
was man ihnen bietet. Zudem erlaubt ihnen 
ihre Staatsverfassung schon heute Rechen- 
schaft zu fordern über die kulturelle, prinzipielle 
und soziale Notwendigkeit ihres diplomatischen 
Apparates. Oder, um es anders auszudrücken : 
Die französische Demokratie ist im Begriff, 
eine gründliche Umwertung der Werte auf 
diesem Gebiete vorzunehmen. 

Diese Umwertung wird erst dort möglich, 
wo alles das, was wir in Deutschland noch 
als erstrebenswertes nationales Ideal, als natio- 
nale Kraft, Pflicht, Würde usw. verehren, in 
Dekadenz gerät. Wenn wir die französische 
Demokratie mit der deutschen Monarchie ver- 
gleichen, ist Frankreich in der Tat ganz und 
gar dekadent, das heißt viele „Staatsbürger- 
tugenden", die nur noch im Gewissenszwang 
und in der Dummgläubigkeit der Massen ihren 
Halt finden, sind in der Freiheit der Demo- 
kratie schon längst verschwunden. Ueberall 
sind dergestalt heute in Frankreich die 
Breschen und Brücken zu einer ehrlicheren 
Kultur geschlagen. — Am deutlichsten läßt 
sich diese Dekadenz des alten Frankreich wohl 
am Militarismus feststellen. Nicht nur, daß 
die nicht wachsende Bevölkerung dem Mili- 
tarismus heute bereits eine numerische Kräfte- 
zunahme verbietet, nicht nur, daß die Zahl 
der Deserteure (trotz der fehlenden Soldaten- 
mißhandlungen) in Frankreich zehnmal größer 
ist als in Deutschland, daß der französische 
Offizier ganz im Gegensatz zu seinem deutschen 
Kollegen wenig Kriegsbegeisterung zeigt und 
daß die immer lauter zur Herrschaft drängende 



Arbeiterklasse immer klarer die Zwecklosigkeit 
des heutigen Militarismus nachweist, nein, auch 
die Lehrerschaft ist heute bereits in Frank- 
reich deutlich antimilitaristisch, das heißt pa- 
zifistisch gesinnt*). — Es ist eine für uns 
erfreuliche Tatsache, daß die überwiegende 
Mehrheit der französischen Lehrer der Jugend 
heute bereits die Ideale des Pazifismus lehrt, 
denn eben damit wird auf die wirksamste Weise 
der Boden vorbereitet, auf dem in Frankreich 
eine neue Kultur erblühen kann. Wenn die 
Leute ä la Millerand seit einiger Zeit so viel 
Bemühungen um die Wiederbelebung der 
nationalen und militaristischen Tradition an- 
stellen, wenn sich Frankreichs Regierung seit 
etwa zwei Jahren so krampfhaft bemüht, diesem 
Gassenjungen der europäischen Kultur einen 
neuen Flitter um die kriegsdrohende Stirn zu 
winden, so sind eben diese Bemühungen für 
jeden Einsichtigen ein Beweis, daß Frank- 
reichs Militarismus (ich meine hier den Mili- 
tarismus als aggressive Kraft, auch als Kaste 
und Karriere für Raufbolde; daneben gibt es 
noch einen Militarismus der guten Art, den 
auch der Pazifist in Kauf nehmen kann) in 
unaufhaltsamer Dekadenz begriffen ist. Würde 
man sonst die Volksbegeisterung für Militär- 
paraden und Ruhmfassaden schon allenthalben 
künstlich beleben müssen? 

Wie also wird jene Kultur aussehen, die sich 
allem Anschein nach ganz ebenso aus dem gegen- 
wärtigen dekadenten Frankreich zu entwickeln 
beginnt, wie sich die bürgerliche Demokratie 
von heute aus der Greisenhaftigkeit und Sitten- 
verlotterung der französischen Monarchie am 
Ende des 18. Jahrhunderts entwickelt hat? 
Ich habe es oben bereits anzudeuten ver- 
sucht: Die militaristische Dekadenz unserer 
Nachbarn muß die Republik zu einer allmäh- 
lichen Verzichtleistung auf Großmachtpolitik, 
Außendiplomatie usw. usw. führen. Marokko 
war die letzte Tat dieser dekadenten Außen- 
politik. Man weiß heute in Frankreich, für 
wen man eigentlich Marokko „erobert" hat. 
Und wohi niemals hat ein Volk die Erwerbung 
einer Kolonie gleichgültiger aufgenommen, als 
die Franzosen 1911 ihr Marokko. — Fortan 
wird sich Frankreich in Sachen der Weltpolitik 
immer mehr seinem schweizerischen Vorbilde 
nähern. Und als gute Pazifisten können wir 
die Franzosen zu dieser Entwicklung und Ab- 
kehr von der Hohlheit der Großmachtpolitik 
nur beglückwünschen. Denn jene Nationen, 
die keine Großmachtpolitik treiben, die nicht 
bis an die Zähne bewaffnet stehen, um ihre 
„Interessensphären" und Expansionsmähren 
gewaltsam zu verteidigen, jene Völker, die die 
Kultur erst innen suchen, ehe sie sich unter- 
fangen, sie nach außen zu tragen, haben sich 
bisher im kommerziellen Wettstreit (und auf 
diesen allein kommt es in der modernen Welt 
noch an) mindestens ebenso wacker gehalten 

**) Siehe hierzu meinen Aufsatz : „Die fran- 
zösischen Lehrer und der Pazifismus" in „Das 
freie Wort", zweites Novemberheft 1912. 



11 



DIE FBIEDENS-^ÖJZTE 



'3 



als die sogenannten Großmächte. Die 
Schweizer zum Beispiel sind ohne Kolonien, 
Großmachtpolitik und anderen Djiplomaten- 
unsinn glücklicher, vaterlandsstolzer und fried- 
liebender als die Bürger jener Nationen, deren 
angeblich „große Ziele" sich für den einzelnen 
nur immer durch eine fortwährende Erhöhung 
der Steuern fühlbar machen. Was kümmert 
den Schweizer (den Norweger, Schweden, 
Holländer, Belgier usw.) die Marokkoaffäre, 
die Balkankrise und die sonstigen Hinterländer 
der Diplomaterei? Er ist frei von Befürch- 
tungen. Er kann den zwecklosen Kämpfen 
der Großmachtfritzen mit glücklicher Ver- 
achtung zusehen. Und dabei entwickeln sich 
seine Industrien ebenso gut, seine Reichtümer 
nehmen ebenso schnell zu, ja seine Finanzen 
sind sogar in besserer Ordnung als die der 
Großmächte. Die Bürger dieser Länder sind 
ein für allemal frei vom Alpdruck der Groß- 
machtpolitik, frei vom Alpdruck der Kriegs- 
möglichkeit. Ihr unaufhaltsamer Fortschritt 
in Industrie und Handel, insonderheit die Zu- 
nahme ihrer Exporttätigkeit, sollte doch nach- 
gerade auch den Blindesten beweisen, daß 
man in unserer Zeit keiner Armeen und Flotten 
bedarf, um der Vorzüglichkeit seiner Produkte 
auf dem Weltmarkte zum Siege zu verhelfen. 
Wählen wir ein noch krasseres Beispiel für 
die Zwecklosigkeit der großmächtigen Kriegs- 
rüstungen: Eben jetzt beklagen sich die Fran- 
zosen sehr lebhaft über die „deutsche Inva- 
sion", das heißt über den ständig zunehmenden 
Import deutscher Erzeugnisse. Und Gott weiß, 
daß man in Frankreich die „camelote alle- 
mande" nicht liebt. Wenn nun die deutsche 
Industrie die französische Konkurrenz im 
eigenen Lande trotz der hohen französischen 
Zollmauern für gewisse Artikel schlägt, welcher 
Esel möchte uns dann wohl beweisen, daß 
wir einer schlagfertigen Armee bedürfen als 
Voraussetzung und Garantie für die friedlichen 
Siege der deutschen Industrie in Frankreich? 
Wie, die Franzosen könnten (wenn keine 
deutsche Armee bereit stände) die deutsche 
Einfuhr einfach durch prohibitive Zölle ver- 
nichten ? Und ihr eigener Export nach Deutsch- 
land? Und die im Hintergrund lauernde Re- 
volte der Volksmassen gegen die dadurch be- 
dingte Preissteigerung? Unsere Armee ist, wie 
gesagt, überflüssig zum Schutze unseres Ex- 
ports nach Frankreich. Das gleiche läßt sich 
auch für andere Länder nachweisen, wo 
„unsere Interessensphären" und Absatzgebiete 
angeblich in Gefahr sind. 

Wir stolzen Bürger der Großmächte, die 
wir mit hohlen Phrasen und diplomatischer 
Verlogenheit unser Leben und unseren Geist 
vergiften in dem kindlichen Glauben, daß die 
Diplomaten einem Bedürfnis entsprechen und 
an unserem Glücke arbeiten, wir sollten die 
schweizerische Anspruchslosigkeit in Sachen 
der Großmachtpolitik als das höhere Glück, 
das heißt als die gesündere Kultur beneiden. 
An der Schweiz und einigen anderen Klein- m 



Staaten seilen wir sehr deutlich, daß sich die 
Lebenskraft, Gesundheit und Entwickiungs- 
freudigkeit der Nationen in Wirklichkeit an 
ganz anderen Dingen mißt als an Kolonial- 
politik und hochtönendem Geschwätz über 
Großmachtstellung, nationale Wehrkraft und 
dergleichen. — Ich begehe wahrscheinlich eine 
Ketzerei wider den heiligen Geist des Patrio- 
tismus, aber ich sage es offen: Für die Groß- 
machtstellung Deutschlands bin ich (als guter 
Deutscher, wenn ich bitten darf) nicht ein- 
mal bereit, meinen kleinen Finger zu opfern, 
denn mein kleiner Finger dient mir zum Ab- 
stäuben der Asche, wenn ich Zigaretten rauche 
und ist mir darum dienlicher als Deutschlands 
Großmachtstellung. 

Ich komme auf mein Thema zurück : Auch 
Frankreich beginnt zu begreifen, was hier 
eigentlich Kultur ist: nämlich das Fallenlassen 
jenes kostspieligen, verlogenen und gefähr- 
lichen „Bluffs", den wir Großmachtpolitik 
nennen. Die wahre Republik, die ehrlich auf 
das Allgemeinwohl bedachte Demokratie 
braucht weder stehende Heere noch diploma- 
tische Schwere um ihre Lebenskraft zu be- 
weisen und ihr Ideal zu verwirklichen. — Das 
so überaus fragwürdige und gefährliche Ding, 
das wir zum Beispiel heute noch „nationale 
Ehre" nennen, wird in einer nahen Zukunft 
jeden kriegerischen Eigensinn verlieren müssen. 
In dem Maße nämlich, als der einzelne Bürger 
zum Verständnis dessen erwacht, was die Dy- 
nastien oder Finanzmenschen eigentlich natio- 
nale Ehre nennen, in dem Maße auch, als die 
Beziehungen der Menschen immer inter- 
nationaler werden und die Staatsgrenzen immer 
stärker im Handel und Wandel der Zeit ver- 
wischen, wird es allmählich unmöglich, sich 
dieses Dinges als einer Kriegsursache oder als 
Kriterium der menschlichen Glückseligkeit zu 
bedienen. Die Republik wird darum auf- 
hören müssen, mit den im neunzehnten Jahr- 
hundert geschaffenen Dreipfennigsweisheiten 
der Diplomaten noch länger beim Volke hau- 
sieren zu gehen. Heute besteht im franzö- 
sischen Volke bereits ein instinktiver Wille 
zum Frieden und zur Einfachheit der guten 
Nachbarschaft, den nur noch die „führende" 
Presse zu leugnen wagt und den alle jene 
Chauvinisten totschweigen, die mit Patriotismus 
und Armeelieferungen ihr Geld verdienen. 

Die verjüngte französische Demokratie 
wird im zwanzigsten Jahrhundert auf den 
Blödsinn der Großmachtpolitik, auf den Wort- 
schwall der Diplomaten und auf die Fiktion 
von der „biologischen" Feindseligkeit der 
Rassen verzichten; sie wird als erste Groß- 
macht ihren „Feinden" die versöhnende Hand 
bieten zur gemeinsamen Weiterarbeit an den 
Schicksalen der Menschheit. 

An uns ist es, den herrschenden deutschen 
Imperialismus so zu schwächen, daß er diese 
versöhnende Hand annehmen muß. Das ist 
keine leichte Aufgabe. Sehr viele Aktienkurse 
werden nämlich mit diesem Händedruck herab- 



12 



<§= 



= DIE FRIEDENS -WARTE 



gedrückt, sehr gewinnbringende Operationen 
der Großbanken usw. auf immer unmöglich 
gemacht werden. Es gehört viel vornehme 
Selbstüberwindung dazu, mit 2 o/ Dividenden 
zufrieden zu sein, wo man früher 10 °/o ver- 
teilte. Und darum wird es bei dieser Umwer- 
tung der nationalen Ehre und Heere hüben und 
drüben genug Leute geben, die in einer solchen 
Friedenserklärung eine neue Kränkung der 
nationalen Integrität und Autonomie, eine Fäl- 
schung der „biologisch-historischen Mission" 
der Völker, eine Bedrohung der deutschen 
Kultur und dergleichen herausrechnen werden. 
Aus allen diesen Gründen gehört es zu 
den vornehmsten Aufgaben der deutschen Pa- 
zifisten der Gegenwart, die deutsche De- 
mokratie vorzubereiten. Denn die Verwirk- 
lichung der deutschen Demokratie wäre heute 
eine der sichersten Friedensgarantien in 
Europa. Erst mit der deutschen Demokratie 
und . . Republik wird nämlich erst jene Ver- 
brüderung der feindlichen Nachbarn von heute 
möglich, deren ,, diplomatische Spannung" 
Europa seit 40 Jahren zerteilt und beunruhigt: 
A bon entendeur, salut . . 



Pazifisten der antiken Welt. 

Von Iro Ojserkis, Wien. 
Es mag wohl paradox erscheinen, in der 
antiken Welt, in welcher Götzenkulte mit ihren 
grauenhaften Menschenopfern, Schaukämpfe 
mit reißenden Tieren, die Blutrache, die 
Sklaverei als Institution, großzügige Kriegs- 
unternehmungen heimisch waren, in jener Ge- 
sellschaft, welche Vergehen gegen die be- 
stehende Ordnung mit Kreuzigung, Steinigung 
und anderer körperlicher Verstümmelung ahn- 
dete, Spuren einer Friedenspropaganda oder 
auch nur eines vereinzelt aufflackernden, 
ernsten Sehnens nach dauernder Eintracht und 
Freundschaft unter Staaten und Nationen 
suchen zu wollen. Und doch verlohnt es sich, 
auf diese Frage näher einzugehen, zumal wir 
auch eine sympathische Kehrseite des Alter- 
tums kennen. Diese Periode der Menschheits- 
geschichte war nämlich reich an ideellen Re- 
gungen des Geistes und Herzens, sie brachte 
Männer hervor, welche theoretisch und nach 
Möglichkeit auch praktisch die umfassendste 
Menschenliebe, wahrhaft demokratische Frei- 
heit, weitherzige soziale Gerechtigkeit, Vor- 
urteilslosigkeit im Verkehre von Individuen 
und Nationen mutig verfochten. Wir können 
in der Antike Fälle leicht nachweisen, wo die 
Kriege ihre zureichende Begründung hatten, 
wo echter Patriotismus dem Bürger das 
Schwert in die Hand zwang, als rohe Gewalt 
von außen dessen Haus- und Gemeinwesen 
überfiel und sich darin selbstherrlich festzu- 
setzen suchte. Man denke beispielsweise an 
die kleinen semitischen Völker, die gegen die 
mächtigen, eroberungssüchtigen Assyrer und 
Babylonier sich ihrer Haut fortwährend er- 



wehren mußten — man beachte, wie die galli- 
schen Stämme dem genialen Cäsar verzweifel- 
ten Widerstand leisteten, als er sich anschickte, 
auf den Trümmern ihrer Bauerngehöfte und 
ihrer respektablen Kultur die römische Herr- 
schaft zu etablieren, — man vergegenwärtige 
sich schließlich, was aus den zahllosen Stadt- 
staaten Griechenlands geworden wäre, wenn 
sie sich nicht aufgerafft und zusammenge- 
schlossen hätten, um die persische Invasion 
zurückzuschlagen, die der hellenischen Frei- 
heit, dem hellenischen Genius den Garaus zu 
machen drohte. Und noch ein wichtiger Um- 
stand soll nicht übersehen werden, daß nämlich 
die antike Kriegführung im Vergleich mit der 
modernen — wenn auch bloß wegen der 
ganz primitiven Waffentechnik — einfacher 
und, fast möchte man sagen, humaner war. 

1. Nach diesen Vorbemerkungen wollen 
wir nun der Besprechung der einschlägigen 
antiken Literatur uns zuwenden. Da tritt uns 
zunächst die grandiose, Ehrfurcht einflößende 
Persönlichkeit des jüdischen Propheten Jesaias 
entgegen. Dieser gottbegeisterte Seher wird 
nicht müde, im Hinblick auf die eifrigen Ex- 
pansionsbestrebungen der assyrischen Könige 
Tiglath-Pilesar IL, Salmanassar IV., Sargon 
und Sanherib, die insbesondere gegen Israel, 
Juda und Aegypten gerichtet waren, sein Ideal 
der Universaltheokratie, d. h. eines Reiches, 
das alle Nationen der Erde, regeneriert und 
ausgesöhnt, unter Führung von Jahve um- 
fassen sollte, zu propagieren. Mit überwälti- 
genden Worten verkündet er im Kapitel 2, 4-5 
diesen politischen Umschwung, der von Jeru- 
salem ausgehen soll: „Und er (Jahve) wird 
zwischen den Heiden richten und vielen Völ- 
kern Recht sprechen, und sie werden ihre 
Schwerter zu Karsten umschmieden und ihre 
Spieße zu Winzermessern. Kein Volk wird 
mehr gegen das andere das Schwert erheben 
und nicht mehr werden sie den Krieg er- 
lernen." Und Kap. 57,19 sagt Jesaias: „Ich 
will Frucht den Lippen schaffen, die da pre- 
digen: Friede, Friede, beides denen in der 
Ferne und denen in der Nähe — spricht der 
Herr und will sie heilen." Bevor aber diese 
selige Zeit erblüht, meint dieser überzeugte 
Volksmann und mannhafte Streiter für Recht 
und Wahrheit, müsse ein furchtbares Straf- 
gericht über die Laster der Reichen und Mäch- 
tigen aller Völker gehalten werden, wodurch 
die Herzen geläutert und zur Betätigung von 
wahrem Gottesglauben, Gerechtigkeit und 
Frieden bekehrt werden. Sogar wilde Tiere 
werden in diesen Weltfrieden einbezogen, denn 
nach Jesaias 11, 5 würden selbe in jener Zeit 
der allgemeinen göttlichen Erkenntnis ihre 
Schädlichkeit ablegen und sich unter den Men- 
schen harmlos herumtreiben. Mag man in dem 
Entwürfe dieses Zukunftsbildes lediglich einen 
poetisch-utopischen Erguß eines Schwärmers 
erblicken, so bleibt dennoch die Tatsache be- 
stehen, daß die erhabene Idee der Völkerver- 
söhnung und Abrüstung, allerdings in reli- 



13 



DIE FRIEDENS -^&DTE 



3 



giösem Gewände gefaßt, schon vor über 2500 
Jahren gedacht, klar ausgesprochen und der 
Nachwelt im Buche der Bücher überliefert 
wurde. Wenn wir uns vollends vor Augen 
führen, daß im Jahre des Heils 1912 die öster- 
reichische Armeeverwaltung an der Frontseite 
ihres neuen Heimes das nur allzu prosaische, 
aufreizende Motto „Si vis pacem, para bellum" 
anbringen läßt, so werden wir des grellen 
Kontrastes erst recht gewahr und die ange- 
führten Jesaiasstellen in kulturhistorischer 
Hinsicht nach Gebühr zu würdigen veranlaßt. 
* * * 

2. Im Neuen Testamente, der Haupt- 
quelle des Christentums, findet sich nicht 
die geringste Spur von einer Stellungnahme 
gegen die Institution des Krieges. Wohl ist 
das Verbot „Du sollst nicht töten" daselbst 
mehrmals hervorgekehrt, doch ist ohne 
Zweifel nur der Einzelmord gemeint. Zu einer 
Verdammung des Massenmordes vermochten 
sich die Verfasser der Evangelien, so sehr 
sie von der Notwendigkeit der Eintracht, der 
Nächstenliebe und des gerechten Lebens- 
wandels durchdrungen waren, nicht empor- 
zuschwingen. Im Gegenteil, in richtiger Vor- 
aussicht kommender Dinge prophezeien sie 
wiederholt Kriege, Völkerrevolutionen, Greuel 
der Verwüstung, Hungersnot und Erdbeben 
(vgl. Lukas 21, 9—15, Markus 13, 7—26, und 
mehrere andere Stellen). In Matthäus 10,34 
meint Jesus, er sei nicht gekommen, um 
Frieden zu bringen, sondern das Schwert, 
und Lukas 12,49, er sei gekommen, um Feuer 
und Spaltung auf die Erde zu werfen. Be- 
zeichnend ist die Stelle des Lukasevan- 
geliums 3, 14, wo Johannes den Kriegs- 
leuten auf ihre Frage, wie sie denn in wür- 
diger Weise Buße tun sollten, erwidert, sie 
mögen niemanden beunruhigen, von nie- 
mandem erpressen und sich mit ihrem Solde 
begnügen. Nach dem Zusammenhang der 
Rede, wo der Evangelist die Massen, die zur 
Entgegennahme der Taufe herbeiströmten, 
wegen ihrer Sünden eine Otternbrut schilt 
und ihnen als „würdige 'Frucht der Buße" 
Altruismus predigt („wer zwei Röcke hat, 
teile mit dem, der keinen hat, und ebenso 
tue der, der Speisen hat", Luk. 3, 7 f.) 
hätten wir etwa folgenden energischen Pro- 
test erwartet : „Lasset von Eurem schänd- 
lichen Mordhandwerk, denn Ihr könnet nicht 
selig werden, solange Ihr Waffen gegen Euere 
Mitmenschen führt." In der Epistel an die 
Hebräer, Kap. 11, werden im Namen des 
Glaubens vollbrachte Kriegstaten aus dem 
Alten Testament angeführt. Auch sonst ge- 
fällt sich das Neue Testament in kriegerischen 
Bildern, z. B. in seiner zweiten Epistel, 
Kap. 2, 3 — 6, ermahnt Paulus den Timotheus, 
für die Lehre Christi wacker zu streiten, 
denn „wer in Kriegsdienst geht, der ver- 
flicht sich nicht in Geschäfte der Nahrung, 
damit er dem, der ihn zum Dienst geworben 
hat, gefalle", und „auch einer, der den Ring- 



kampf mitmacht, wird nicht bekränzt, er 
kämpfe denn ordnungsmäßig", vgl. dazu 
Luk. 14,31 — 34, Paul, an die Epheser 6, 
11 — 17. In den Evangelien wird zwar der 
Friede häufig erwähnt, so in der orientalischen 
Grußformel „Friede dem Hausei", „der Gott 
des Friedens sei mit Euch!", „Gnade Euch 
und Friede von Gott" — wir lesen Paulus an 
die Kolosser 3, 15, „der Friede Christi führe 
das Wort in Euerem Hause", Petrus Ep. I, 
5, 14, „Friede Euch allen, die in Christus 
sind" — wir hören Paulus Ep. an die Phi- 
lipper 4, 7 von einem Frieden Gottes, der 
höher sei als alle Vernunft, und Paulus an die 
Epheser 2, 14 von einer Identifizierung Christi 
mit dem Frieden („er ist unser Friede") — 
der Friede wird mit unter die zu erstrebenden 
Früchte des Geistes gezählt (Paul, an die 
Galater 5, 19 f.), jedoch bezieht sich immer 
die Friedfertigkeit lediglich auf diejenigen, 
„die den Herrn anrufen von reinem Herzen" 
(2. Timotheus 2, 22), also auf Gesinnungs- 
genossen, auf Mitglieder der christlichen 
Glaubensgemeinde. Allgemeiner äußert sieh 
Paulus an die Römer 12, 17 — 20, „Wo mög- 
lich, so viel an Euch ist, Frieden halten 
mit allen Menschen, nicht Euch selbst Recht 
schaffen, Geliebte", auch Ep. an die He- 
bräer 12,14 heißt es: „Jaget nach der« 
Frieden gegen jedermann." Gemeint ist 
natürlich hier wie überall im Neuen Testa- 
mente der Friede im privaten Leben. 

Diese Haltung der ersten Verkünder des 
Christentums ist eine natürliche Konsequenz 
ihrer Anschauungen über Zweck und Inhalt 
des menschlichen Lebens im allgemeinen und 
über die individuelle Freiheit im besonderen. 
Ihr Gedankengang ist im wesentlichen fol- 
gender: Eitel und nutzlos ist das gewöhn- 
liche Streben der Menschen nach irdischen 
Gütern, all ihr Sinnen und Trachten soll 
vielmehr auf die Erlangung „eines Schatzes, 
der nicht eingeht", der Seligkeit im Himmel 
konzentriert sein, die Sorge um die tät- 
lichen Lebensbedürfnisse kann ganz getrost 
Gott überlassen werden, die Lust des Fleisches 
und der Augen wie auch das Großtun des 
Geldes — wie Johannes Ep. I, 2, 16 sagt — 
müssen gemieden werden, den Lehrern, den 
Besitzenden, den Herren, insbesondere aber 
jeder Obrigkeit als Vertreterin Gottes auf 
Erden, die überall dazu eingesetzt ist, um 
die Bösen zu schrecken und zu strafen, hin- 
gegen die Guten zu loben, gebührt be- 
dingungslose Unterwürfigkeit und blinder 
Gehorsam, um des Zorngerichtes, des Ge- 
wissens und des Herrn willen" (vgl. Paulus 
Ep. an die Römer 13, 7, „Gebet jedem, was 
er zu fordern hat, Steuer dem Steuer, Zoll 
dem Zoll, Furcht dem Furcht, Ehre dem 
Ehre gebührt", ebenso Petrus Ep. I, 2, 
13 — 15). Da jede Opposition als Auflehnung 
gegen die göttliche Ordnung angesehen wird, 
so dürfen wir mit Recht schließen, daß eine 
schwere Sünde begeht, wer beispielsweise 



14 



<s= 



DIE FRIEDENS -WARTE 



sogar aus edlen Motiven, wie Menschenliebe 
oder Schonung fremden Gutes, sich weigert, 
auf seines Fürsten Befehl in den Krieg zu 
ziehen. Es ist klar, daß das unermüdliche 
Hoffen auf eine bequeme, gemeinsame Selig- 
keit im Jenseits, wie auch der sklavische 
Autoritätsglaube, da sie einmal als Grund- 
sätze im privaten und öffentlichen Leben 
gelehrt und betätigt wurden, den Gesichts- 
kreis so beengten und für das Aufkommen 
der Idee eines Weltfriedens, der Idee einer 
wirklichen Verbrüderung aller Menschen ohne 
die Schranken der Geburt, der Konfession, 
des Landes und der Rasse keinen Raum 
ließen. Angesichts dessen mußte auch die 
von den Evangelisten häufig gepredigte Nach- 
sicht mit menschlichen Schwächen, Barm- 
herzigkeit, Gerechtigkeit, vornehmlich aber 
die in allen Tonarten gepriesene Nächsten- 
liebe (vgl. z. B. die erste Epistel des Jo- 
hannes, besonders den ehrungsvollen Hym- 
nus auf die Liebe, Paulus Ep. I an die Ko- 
rinther, Kap. 13,1 — 11) verblassen und zu 
einer bloß auf die Glaubensgenossenschaft 
beschränkten Anhänglichkeit und Solidari- 
tät erstarren. 

Daß auch heute die Offiziösen der 
Christenheit, namentlich der katholischen 
Kirche, an der alten Anschauung über die 
Friedensfrage festhalten, weiß jedermann. 
Wer etwa im Zweifel sein sollte, den möchte 
ich auf eine charakteristische Aeußerung des 
Fürsten Zdenko Lobkowitz, des Präsidenten 
der katholischen Union für Oesterreich, in 
der Nummer 420 der streng katholischen 
,, Reichspost" am 11. September v. J. er- 
schienen, aufmerksam machen. Seiner Mei- 
nung nach wird der Völkerfriede nach mensch- 
lichen, materiellen Gesichtspunkten allein 
und ohne Stütze der göttlichen Autorität 
nicht begründet werden können; nur die ka- 
tholische Kirche, die frei sei von Einflüssen 
einer materiellen Macht wie von Opportuni- 
tätsrücksichten und Sonderinteressen, habe 
die Kraft und den Beruf, die Individuen und 
Nationen aus der Wildnis und dem Elend 
unserer sozialen und politischen Verhältnisse 
zur geistigen Wiedergeburt und zur Ver- 
brüderung im Sinne eines gemeinsamen 
Strebens und Vervollkommnung zu führen. 
Offenbar will uns der hochmögende Herr 
glauben machen, daß die Aktionäre der ka- 
tholischen Banco di Roma, darunter Kirchen- 
fürsten, keine materiellen Interessen ver- 
folgten, als sie den berüchtigten italienischen 
Spaziergang nach Lybien mit inszenierten. 
Nach derselben Logik hätte die „Reichspost" 
samt ihren Hintermännern ausschließlich das 
Seelenheil der katholischen Albaner im Auge, 
da sie seit Wochen deren vielfache Leiden 
registriert und Oesterreich mit einem ganzen 
Arsenal von schwachbeinigen Argumenten 
(vgl. die poetische Regung vom 20. Nov. v.J., 
,,vor unserer Südostgrenze rast die serbische 
Bora durch die Schluchten, tollt über die 



karstigen Gebirge und wühlt die albanische 
Adria in ihren Tiefen auf") zu einer Inter- 
vention mit den Waffen zu überreden sucht. 



3. Ist die Untersuchung im Neuen Testa- 
mente negativ ausgefallen, so dürfen wir mit 
um so größerer Zuversicht an den Buddhis- 
mus herantreten. Diese im 6. Jahrhundert 
vor Christi entstandene schwermütige Re- 
ligion mit ihrer Abneigung gegen alles Ueber- 
natürliche und Außerweltliche, wie auch 
gegen Gebete und Opfer, mit ihrer Aus- 
schaltung jeder Autorität, mit ihrer größten 
Toleranz und edlen, durchgebildeten Moral 
bekundete eine hohe, geradezu rührende Re- 
spektierung des Lebens in jedem Wesen. So 
meint der erhabene Religionsstifter Buddha, 
wer ein Tieropfer bringen wolle, der greife 
nach drei unheilbringenden Schwertern, und 
zwar nach den auf die Tiertötung abzielenden 
Gedanken, Worten und Handlungen, durch 
welche er sich selbst zugrunde richte. Wollte 
jemand in die buddhistische Religions- 
gemeinde aufgenommen werden, so mußte 
er sich verpflichten, das erste Gebot ein- 
zuhalten, das da lautete: „Man soll kein 
lebendes Wesen töten noch töten lassen, noch 
die Tötung durch andere billigen, sondern 
man soll sich enthalten, allen Geschöpfen 
ein Leid anzutun, sowohl denen, die stark 
sind, als auch jenen, die sich in der Welt 
ängstigen" (Dhammika Sutta 19). Mit 
dieser Vorschrift hängt auch die Sitte des 
sogenannten Regenzeithaltens (alljährlich von 
Juni bis Oktober) zusammen, während welcher 
Buddha und seine Jünger in Hallen, Hütten 
und Hainen Aufenthalt nahmen und daselbst 
den Volksmassen predigten, da sie bei einer 
Fortsetzung ihrer Wanderschaft die Keime 
von Pflanzen und Insekten auf dem auf- 
geweichten Boden vertreten und dadurch eine 
schwere Sünde auf sich laden hätten müssen. 
Ueberhaupt durfte kein Blut, ausgenommen 
das eigene, vergossen werden, deshalb ver- 
pönten die Buddhisten die Hinrichtungen, 
die Jagd und den Krieg. Interessant ist, daß 
König Asoka Priyadärsin (im 3. Jahrhundert 
vor Christi), der den Buddhismus zur Staats- 
religion erhob und für die Fixierung der 
reinen Lehre in eigens hergestellten buddhi- 
stischen Schriften wie für die Ausbreitung 
dieses Glaubens weit über Indiens Grenze« 
hinaus außerordentliches leistete, auf einer 
Inschrift die Grausamkeiten tief bedauert, 
welche er früher bei der Eroberung des 
Landes Kaiinga begangen hatte. In einem 
Edikte erzählt von sich derselbe Monarch, 
er habe an vier griechische Könige Gesandte 
geschickt und nicht durch das Schwert, son- 
dern durch die Religion einen Sieg errunge». 
Ebenso vernehmen wir, daß diese „Wonne 
der Götter" — wie Asoka genannt wird — 
in Nachbarländern Krankenhäuser für 
Menschen und Tiere errichten, Arzneikräuter 



DIE FRIEDENS -WARTE 



■3 



und fruchttragende Bäume pflanzen und 
Brunnen an den Straßen graben ließ. Von 
den Lehrsprüchen (Dhammapada) Buddhas 
verdient der 201. hervorgehoben zu werden: 
„Haß ist des Sieges Kind, weil Besiegte fühlen 
Des Unglücks schmerzlichen Druck. 
Wer weder Sieger sein noch Besiegter will, dem 
Wird Glück und Ruhe zuteil." 

Die ganze Religion ist von einem Geiste 
der Sanftmut, der gegenseitigen Wertschätzung, 
der opferwilligen Entsagung und beschaulichen 
Weisheit durchdrungen; im Mittelpunkte steht 
die uneingeschränkt und fortwährend zu be- 
tätigende Nächstenliebe (-Metta). Durch Ver- 
brüderung aller Menschen soll nach Buddhas 
Ideal ein Reich der Gerechtigkeit und des 
Lichtes geschaffen, ein Zustand der absoluten 
Leidlosigkeit (Nirvana) und Vollkommenheit 
auf Erden herbeigeführt werden. Kein Wun- 
der, daß der Buddhismus, der als einzige von 
allen großen Religionen ohne Anwendung von 
Gewalt umählige Bekenner gewann, die natio- 
nalen Schranken durchbrochen, die grausamen 
und rohen Völker Zentral- und Ostasiens zur 
Mäßigkeit und Selbstbeherrschung erzogen 
und in ihnen die Abneigung gegen andere 
Rassen beinahe ausgelöscht hat. — 



4. Von den griechischen Philosophen- 
schulen kommt für unsere Zwecke die 
kynische und stoische in Betracht. Die griechi- 
sche Denkweise konnte sich bei der herakli- 
tischen Lehre vom Kriege als dem Vater und 
König aller Dinge (frg. 53) auf die Dauer 
nicht beruhigen, sie erreichte vielmehr später 
in der Ethik eine Höhe, die sogar uns Mo- 
dernen ob ihrer Erhabenheit imponieren 
muß. Die ersten K y n i k e r des 5. und 4. Jahr- 
hunderts v. Chr., jene volkstümlichen Prediger 
der Bedürfnislosigkeit und Selbstgenügsam- 
keit, drangen allerdings zu einer Friedens- 
propaganda noch nicht vor; schätzten sie doch 
trotz der Mißachtung von herkömmlicher 
Kultur und Sitte die Jagd, die Palästra und 
den Krieg als Mittel zur Abhärtung der Seele 
und des Körpers (Diogenes Laertius VI, 30 
und 31). Allein einen anziehenden Punkt 
in ihrem Denken bildet der Kosmopolitismus. 
Antisthenes, das Haupt der kynischen Schule, 
empfand die Ungerechtigkeiten im Leben der 
Nationen, den Gegensatz der Unfreien zu den 
Freien und der Eingeborenen zu den Fremden 
— und Diogenes von Sinope hat als erster in 
der Weltgeschichte den Ausspruch getan, er 
sei Weltbürger. Ueberhaupt müßten die Ky- 
niker, da sie absolute Illusionslosigkeit als 
letzten Zweck des Daseins erklärten, die ein- 
seitige Verehrung eines Menschen in der Liebe 
nicht minder wie die einseitige Wertschätzung 
eines bestimmten Volkes oder Landes im 
Patriotismus nur als Wahn und Einbildung, 
TScpo; ansehen und bekämpfen. 

Präziser äußerten sich über den Kosmo- 
politismus die Stoiker, die das Reifste 



und Höchste, was das sittliche Leben des 
Altertums hervorgebracht hat, in ihrer Ethik 
lehrten. Nach stoischer Anschauung gehören 
alle Menschen als gleiche Vernunftwesen, zu- 
mal es in Wirklichkeit nur e i n Recht gibt, 
einer umfassenden Rechts- und Lebens- 
gemeinschaft in einem Weltstaate an, wel- 
cher keine Schranken der Nationalität oder 
des historischen Staates kennt. Der Wert- 
unterschied von Hellenen und Barbaren, die 
Privilegien der Geburt und des Standes sind 
überwunden und lediglich die Vernunft gilt 
als Gradmesser des Unterschiedes unter den 
Menschen. Aus der Idee des Vernunftreiches 
ergibt sich den Stoikern das Postulat der um- 
fassenden Gerechtigkeit und allgemeinen Men- 
schenliebe, in die auch die Sklaven einbe- 
zogen werden sollten. Eine direkte Stellung- 
nahme gegen den Krieg als solchen würden wir 
bei den drei Säulen der Stoa Zenon, Kleanthes 
und Chrysippos vergebens suchen. Immerhin 
aber ist ein Ausspruch Senecas, des edel- 
gesinnten Stoikers und Erziehers des Kaisers 
Nero, beachtenswert, wonach ein nie gestörter 
Friede ohne Zweifel mehr glückbringend sei 
als ein durch vieles Blutvergießen wieder her- 
gestellter (Epist. IV, 66, 40). Im fortge- 
schrittenen Kosmopolitismus des letzteren tritt 
die Menschenliebe und das Mitleid stärker 
hervor als bei den •Altstoikern. 

Eine genauere Betrachtung verdient der 
wandernde Sittenprediger und Sophist des 
ersten nachchristlichen Jahrhunderts, Dio 
von Prusa, genannt Chrysostomos, der in 
seiner Moral an die altkynische und stoische 
Lehre anknüpfte. Seine Reden, und zwar 38., 
39., 40., 41., 48., sind eigentlich salbungs- 
volle Friedenspredigten. Der Verfasser hat 
sich da zur Pflicht gemacht, mit würdevollem 
Ernst für Eintracht und Frieden einzutreten, 
so oft es sich um die Regelung der Grenz- 
und Rangstreitigkeiten benachbarter Städte 
oder um Ausgleichung sozialer Gegensätze im 
Innern einer Gemeinde handelte. So verherr- 
licht er in oratio 38, 11 die Eintracht, fy^voia, 
da sie einen göttlichen Ursprung habe und 
die Freundschaft, Versöhnung und Verwandt- 
schaft umfasse, in oratio 39 feiert er die Ein- 
tracht als höchstes Gut. Jeder Friede, heißt 
es or. 40, 26, ist besser als ein Krieg und 
jede Freundschaft wenigstens in den Augen 
der Vernünftigen weit wertvoller und nützlicher 
als die Feindschaft sowohl für ein einzelnes 
Haus als auch für eine ganze Stadt. Es gibt 
nichts Schöneres und Göttlicheres über die 
Freundschaft und Eintracht im gegenseitigen 
Verhältnisse von Männern und Städten (oratio 
41,13). Die Brüderlichkeit, dSeXcpd-njc, gilt ihm 
als höchste Wonne (or. 38, 16). Er bedauert 
aufrichtig, daß nicht alle Menschen für die 
Eintracht Sinn haben, sondern daß manche die 
Zwietracht vorziehen, deren Bestandteile und 
Förderungsmittel Kriege und Kämpfe sind, 
welche unter Staaten und Völkern wie die 
Krankheiten im Körper wüten. 



©: 



DIE FRIEDENS -WARTE 



Sehr treffend räsoniert Dio über den 
Krieg, or. 38, 16 — 21 : Manche haben den 
Krieg dem Frieden vorgezogen, nicht weil sie 
ihn für das Bessere, Angenehmere oder Ge- 
rechtere hielten, sondern die einen wollten 
einen Königsthron, die anderen die Freiheit, 
wieder andere Länderbesitz oder die Seeherr- 
schaft erringen. Doch wenn man ohne ge- 
nügenden Grund zu den Waffen greife, was 
sei dies anderes als heller Wahnsinn und ein 
Rennen ins Verderben ? Bei natürlichen Uebeln 
wie Seuche oder Erdbeben murren die Men- 
schen wider die Götter, halten dieselben für 
ungerecht und menschenfeindlich, selbst wenn 
diese Strafen durch ihre Sünden vollkommen 
gerechtfertigt erscheinen. DenKriegaber, 
der nicht weniger Unheil anrichtet 
als ein Erdbeben, wählen wir selbst 
und machen dessen Urhebern 
keinen Vorwurf, wir halten sie so- 
gar für Volksfreunde, hören recht 
gerneihrenRedenzu,befolgenihre 
Ratschläge und üben für das von 
jenen angerichtete Uebel keinerlei 
Vergeltung — wir müßten sonst folge- 
richtig mit einem Kriege gegen sie, die Urheber, 
uns revanchieren — , vielmehr zollen wir 
ihnen noch Dank, Ehre und Lob, 
so daß sie arge Toren wären, wenn sie die- 
jenigen schonten, die ihnen für das Böse noch 
erkenntlich sind. 

Um seiner Friedenspropaganda wirk- 
sameren Nachdruck zu verleihen, zieht Dio 
Chrysostomos Analogien aus der elementaren 
und animalischen Welt heran (or. 40, 35 f. und 
or. 48,14—16): Himmel, Sterne und die Ele- 
mente überhaupt kennen kerne Zwietracht, sie 
werden durch Gesetzmäßigkeit, gegenseitige 
Liebe und Eintracht zusammengehalten. Die 
Vögel bauen ihre Nester nahe beieinander, 
ohne über das Futter in Streit zu geraten; die 
Ameisen aus benachbarten Haufen, die sich 
aus derselben Tenne Körner holen, gehen sich 
höflich aus dem Wege, ja sie helfen einander 
oft bei ihrer Arbeit; mehrere Bienenschwärme 
sammeln auf derselben Wiese Honig und ge- 
raten trotzdem in keinen Streit untereinander; 
Rinder und Rosse, Schafe und Ziegen ver- 
mischen sich friedlich auf der Weide, so daß 
aus zwei Herden anscheinend eine wird. Nur 
der dumme und verdorbene Mensch ist der 
einzige Friedenstörer, er scheint in bezug auf 
Verträglichkeit und Zusammenhalten schlechter 
als die Tiere zu sein. Mit Bitterkeit meint er 
or. 38,17 an die Nikodemier: „Wir Men- 
schen hassen die wilden Tiere hauptsächlich 
deswegen, weil wir uns mit ihnen in einem 
nie beizulegenden Kriege befinden, aber viele 
verfahren gegen die Menschen 
genau so wie gegen wilde Tiere und 
haben ihre Freude an dem Kampfe 
gegen stammverwandte Wesen." 

Bei drei Persönlichkeiten verschiedener 
Rassen und Kulturen des Altertums — Jesaias, 
Buddha, Dio Chrysostomos — haben wir in 



unseren Ausführungen eine schwärmerische 
Begeisterung für dauernden politischen Frieden 
und eine starke Opposition gegen den Krieg 
vorgefunden. Wiewohl jene Männer von kon- 
kreten Vorschlägen zur Sicherung des Welt- 
friedens, von der Idee der allgemeinen Ab- 
rüstung und des internationalen Schiedsgerichts 
noch weit entfernt waren, können wir ihnen 
dennoch unsere vollste Anerkennung und Be- 
wunderung nicht versagen. Die Tatsache, daß 
die Pazifisten schon im grauen Altertum be- 
achtenswerte Ansätze zu ihren Bestrebungen 
nachweisen können, muß ihnen die Friedens- 
idee in einem viel höheren Glänze strahlen 
lassen und zugleich lichte Ausblicke in die 
Zukunft eröffnen, die trotz des allgemeinen 
Rüstungsfiebers und des greuelvollen Balkan- 
krieges ihnen gehört. — 



U RANDGLOSSEN U 
ZUR ZEITGESCHICHTE 

Von Bertha v. Suttner. 

AnBorddesSt. Paul, 15. Dez. 1912. 

Dies ist der letzte Bericht meiner Amerika- 
fahrt. Gestern haben wir uns in New York 
eingeschifft, und nun geht es wieder dem 
heimatlichen Kontinente zu, der eben von 
alein möglichen Kriegserschütterungen heim- 
gesucht ist. Zwar lauteten die letzten Nach- 
richten etwas beruhigend; aber wie werde ich 
die Zustände drüben finden? Jetzt werde ich 
ein paar Tage zwischen Wasser und Himmel 
dahinschaukeln, ohne Kunde von den das Fest- 
land bewegenden politischen Ereignissen, und 
diese Ruhefrist will ich benutzen, um die Er- 
lebnisse und Eindrücke zu schildern, die sich 
seit meinem vorigen Bericht aus Amerika dem 
Gedächtnisse eingeprägt haben. 

Ich war geblieben bei dem großen Frauen- 
stimmrechts-Konvent in Philadelphia, an dem 
die Bevölkerung so lebhaften Anteil nahm, 
daß der Opernsaal zu klein war, das Publi- 
kum zu fassen, so daß auf offener Straße 
vor verschiedenen Gruppen Vorträge gehalten 
wurden. Am 25. November abends Schluß- 
versammlung im ausverkauften Opernhaus. 
Rednerinnen: Frau Catt (über Mädchenhandel 
— „white slavery"), Jane Adams und ich. — 
Am folgenden Tage gab mir der „Political 
Club" ein Diner mit darauffolgendem Vortrag 
im großen Drexelsaal. Oskar Strauß, der ehe- 
malige Botschafter in Konstantinopel, präsi- 
diert und spricht über den Balkankrieg. Dieser 
ist auch mein Thema, denn seit dieser Krieg 
ausgebrochen ist, spreche ich nicht mehr in 
abstraktem Sinne von der Friedenssache, son- 
dern Von der aktuellen Lage. Ich trete der 
Auffassung entgegen, die sich eines großen 
Teiles des amerikanischen Publikums bemäch- 
tigt hat, daß .dieser Krieg zur Befreiung der 



17 



DIE FßlEDENS-WADTE 



ii i 



Christen im Balkan notwendig war und durch 
die Verdrängung der Türken aus Europa viel- 
leicht günstige Folgen nach sich ziehen wird. 
Kein Krieg ist notwendig heutzutage, be- 
haupte ich, und keiner kann günstige Folgen 
bringen. Die Verquickung der Schlächtereien 
mit religiösen Fragen ist Anachronismus, 
Heuchelei und Blasphemie. 

Von Philadelphia fuhren wir wieder nach 
Winchester bei Bioston, in das herrliche Heim 
E. Ginns, wo der „Thanksgiving day" ge- 
feiert wurde. Es ist dies einer der größten 
Feiertage der Vereinigten Staaten — die Er- 
innerung an eine große rettende Ernte. Da 
wird überall in den Familien gefestet und ein 
Truthahn verzehrt. In Boston hatte ich noch 
drei Vorträge zu absolvieren: im Centuryclub, 
in Dr. Everett Hale's Kirche und in Fordhall, 
vor einem Arbeiterpublikum. 

Nun ging es nach Buffalo. Wieder eine 
riesengroße, reiche Stadt, mit Prachtanlagen 
und -bauten und über einer halben Million Ein- 
wohner. Die Metropolen wimmeln nur so in 
den Vereinigten Staaten; die meisten sind 
jüngsten Ursprungs und wachsen, wachsen . . . 
Was wird das erst in den nächsten 50 Jahren 
werden? In Buffalo sprach ich in dem 
schönsten Frauenklub, den ich noch je ge- 
sehen — ein Palais. 

Auch in Pittsburg hielt ich mich auf. Das 
ist die Stahl- und Eisenstadt, die rechte Krösus- 
stadt. Hier hat Carnegie sein Vermögen er- 
worben und hier steht auch die Carnegie-Hall, 
ein Volksheim in großem Stil. Ich war Gast 
im Hause eines andern Industriekönigs, namens 
Kennedy. Zur Charakteristik des amerikani- 
schen Mädchenerziehungs-Systems möchte ich 
erwähnen, daß die jungen Töchter Kennedys 
nicht etwa auf „moderne" Vergnügungen oder 
Phantasie-Handarbeiten ihre Interessen be- 
schränkten, sondern daß sie das Gefängnis- 
wesen studierten, unter Leitung die Gefäng- 
nisse besuchten, um an der Reform des Straf- 
wesens mitzuarbeiten. Irgend etwas zur Hebung 
der menschlichen Gesellschaft zu leisten: 
das ist in der amerikanischen Welt sozusagen 
Anstandspf licht bei vornehm und gering, jung 
und alt, Mann und Frau. 

In Baltimore waren wir im Hause der Ge- 
schwister Marburg aufgenommen. Auch ein 
mit den reichsten Kunstschätzen gefüllter Palast. 
Leider war einer der Brüder Marburg, der 
ein hervorragender Pazifist ist, da er ja die 
Gesellschaft für „Judicial settlement of inter- 
national disputes" gründete und leitet, von 
B|altimore abwesend, weil er vor wenigen 
Tagen nach Brüssel abreisen mußte, um dort 
seinen Posten als neuernannter Gesandter der 
Vereinigten Staaten anzutreten. Wenn solche 
Diplomaten Schule machen . - 

In Washington habe ich einen schönen, 
bedeutenden Tag erlebt. Dr. James Brown 
Scott, den ich vom Haag her kenne, wo er 
einer der hervorragendsten amerikanischen 



18 



Delegierten an der zweiten Konferenz war. 
früherer Solicitor des Staatendepartements und 
jetzt oberster Leiter der Carnegiestiftung, hat 
mir die Honneurs dieses Tages gemacht. 
Einen tätigeren, überzeugteren Friedensarbeiter 
als diesen prächtigen Menschen gibt es nicht. 
Was desto wertvoller ist, als er seine Karriere 
im andern Lager begonnen hat. Er kennt 
den patriotisch - martialischen Begeisterungs- 
„frisson" und hat als Freiwilliger den spa- 
nisch-amerikanischen Krieg mitgemacht. Der 
Krieg selber mit seinen Greueln und das 
Studium des Völkerrechts und der Friedens- 
bewegung hat ihn bekehrt, und seine warm/ 
Blegeisterungsfähigkeit betätigt sich jetzt irr, 
Dienste der internationalen Justiz. Sehr Inter- 
essantes hat er mir von einer vor kurzem nach 
Rom unternommenen Reise erzählt, wo er mit 
dem Papst und dem Kardinal Mery del Val 
Fühlung nahm wegen einer gegen den Krieg 
gerichteten Enzyklika. 

Bei einer Automobilrundfahrt durch die 
Stiadt unter sonnigem Himmel, habe ich wieder 
den Eindruck gewonnen, daß Washington mit 
'seinen weitgestreckten Plätzen, mit seinem 
Kapitol, seinem Obelisk, seinem Bibliotheks- 
gebäude den Charakter der Großartigkeit, der 
Erhabenheit an sich trägt; — diesmal kam 
auch noch der neuerbaute Palast der „Pan- 
american Union" hinzu, der mit seinen herr- 
lichen Sälen, seinen Symbolen und Inschriften 
an sich einen Tempel des Begriffes Pax dar- 
stellt. 

Abends wurde mir ein Bankett gegeben, 
bei dem Mr. Scott präsidierte. Hundertfünfzig 
geladene Gäste, darunter viele Vertreter des 
diplomatischen Korps, wohnten dem prunk- 
vollen Feste bei. Ich fühle mich bei der- 
gleichen immer etwas beschämt und muß mir 
innerlich wiederholen: die Sache, die Sache 
wird gefeiert 1 

Mein letzter Aufenthalt in den Vereinigten 
Staaten war — eine Woche lang — in New 
York, wo ich neun Vorträge gehalten habe, 
darunter in der Columbia-Universität, im deut- 
schen Friedensverein (dessen Vorsitzender, 
Professor E. Richard mit Eifer und Geschick 
für unsere Sache tätig ist. Auch sein eben 
erschienenes Buch „Kulturgeschichte Deutsch- 
lands" ist von pazifistischem Geist durch- 
weht); ferner im Opernhaus von Brookline, 
in mehreren Mädchenschulen, im PoliticalClub, 
in der New - Yorker Friedensgesellschaft und 
bei den mir gebotenen Banketten. Das eine, von 
Mrs. Eimer Black veranstaltete, vereinte 350 
Damen der Gesellschaft, unter ihnen die Präsi- 
dentinnen von 26 Frauenklubs, die Gattinnen 
des Gouverneurs von New York-City, und des 
Gouverneurs von New York-States, mit offi- 
ziellen Grüßen von Stadt und Staat; von Mrs. 
Taft war ein Telegramm eingelangt. Auf dem 
zweiten Bankett — im Hotel Astor — präsi- 
diert von Andrew Carnegie, wurden bedeut- 
same politische Reden gehalten. Nach N. Mur- 
rey Butler, dem Präsidenten der Columbia- 









<2= 



= DIE FRI EDENS -^W&RXE 



Universität, der in meisterhafter Weise über 
die kriegerischen Ereignisse des Tages, ge- 
sehen im Lichte der pazifistischen Doktrin, 
Betrachtungen anstellte, betrat Josef Choate 
die Tribüne. Der greise Rechtsgelehrte und 
Diplomat (er ist geboren 1832), der Botschafter 
in London war und auf der IL Haager 
Konferenz an der Spitze der amerikanischen 
Delegation stand, hat dort die Errichtung 
eines ständigen Schiedshofes vertreten und 
sich erfolgreich für die Periodizität der Haager 
Konferenzen eingesetzt. Hier, in seiner Ban- 
kettrede polemisierte er mit allem Freimut 
gegen die Haltung der Regierung in der 
Panama-Zoll-Angelegenheit und verteidigte den 
klaren Sinn des Vertrages — bei dessen Ab- 
schluß er mitgearbeitet hatte — wonach Gleich- 
berechtigung für die Schiffe aller Nationen 
und Rekurs an das Schiedsgericht bei etwa 
auftauchenden Schwierigkeiten unzweideutig 
stipuliert war 

Am 14. Dezember nahm ich von Amerika 
Abschied und segle nun dem alten Weltteil 
zu, voll der großartigsten und neuartigsten 
Eindrücke. Ich behalte mir vor, darüber so- 
viel als mir möglich ist, meinen Landsleuten 
mitzuteilen, um so für mein Teilchen beizu- 
tragen, etwas von dem Unverständnis und der 
Verkennung zu verscheuchen, die noch in 
Europa der neuen Welt gegenüber vorherrscht. 
Was werde ich nun auf unserm Kontinent 
finden, Krieg oder Frieden? . . . 



Wien, 12. Januar 1913. 

Nun bin ich auf dem Schauplatz der euro- 
päischen Wirrnisse zurückgekehrt und kann 
das Glossieren der Tagesereignisse wieder 
aufnehmen. Auf die bange Frage: „Finde ich 
Krieg oder Frieden," fand ich die Antwort 
— kein Krieg, Gott sei Dank, aber noch lange 
keinen Frieden, Gott sei's geklagt! Aber die 
Signatur des Tages ist die höchste Potenz der 
Unsicherheit. Nicht nur nicht voller Geigen, 
sondern voller Damoklesschwerter hängt der 
Himmel. Und das nennen die Leute „Frieden", 
den. sie mittels Gleichgewichtbalancierungen, 
Drohungen, Bluffs und dergleichen Methoden 
zu erhalten sich bemühen. Die Haare, an 
denen jene Schwerter über den Häuptern der 
armen Völker baumeln, ändern mit jedem Tag 
ihre Namen. Heute heißen sie Adrianopel 
und Silistria. Wie werden sie morgen heißen? 
Etwas Gutes hat diese hohe Politik. Sie ver- 
schaft uns sehr genaue geographische Kennt- 
nisse. Wer hätte vor Jahresfrist noch sagen 
können, ob „Durazzo" der Name eines Bri- 
ganten, eines Tenors oder eines Berges sei? 
Heute weiß jedes Kind in Oesterreich, daß es 
ein Adriahafen ist, dessen Verbleiben in serbi- 
schen Händen nicht zu dulden sei, koste es 
auch einen Weltbrand. 

Und doch, und doch: — das pazifistische 
Bedürfnis der Welt, das Durchdringen des 



Völkersolidaritätsprinzips hat sich in diesen 
kriegerischen Tagen doch durchgerungen und 
der Ungeduld der verschiedenen europäischen 
Kriegsparteien zum Trotz, ein friedensver- 
mittelndes Europa — wenn auch erst als 
Schattenriß — entstehen lassen. Dreibund und 
Tripleentente und Türkei und Balkanstaaten 
haben sich in London um einen größeren 
Tisch gesetzt. „Friedenskonferenz" ist zwar 
ein viel zu hochklingender Name für diese 
Zeiterscheinung, aber als solche ist sie sym- 
ptomatisch. Das Bedürfnis, Kriege nicht fort- 
zusetzen und nicht fortsetzen zu lassen, macht 
sich schon bei allen Teilen geltend; aber so 
lange das mit den alten Formeln und nach den 
alten Methoden versucht wird, kann der 
Friede, „den wir meinen", nicht erlangt 
werden. Sie sitzen nebeneinander — das ist 
schon viel — aber sie arbeiten noch gegen- 
einander. Sie vertreten Interessen, die sie so 
gern vital nennen, obwohl ihre Verfechtung 
so letal ist — aber es sind widerstreitende 
winzige Interesselchen. Das große, gemein- 
same Interesse — die Ruhe und das Leben 
sämtlicher beteiligter Nationen auf sichere 
Basis zu stellen — ist noch nicht aufgefaßt. 
Es fehlt die „Vision" davon. Wir armen Pazi- 
fisten, die man ja so gern Visionäre nennt, 
wir haben sie. Mit dieser Bezeichnung glaubt 
man etwas Geringschätziges zu sagen, als ob 
die Fähigkeit, mit dem geistigen Auge die 
Konturen eines zukünftigen Bildes zu sehen, 
nicht die Grundlage jedes schöpferischen Wir- 
kens wäre — sei der Visionär nun Künstler, 
Ingenieur oder Politiker. Aber nicht etwa nur 
wir zünftigen Pazifisten malen uns den Grund- 
riß des kommenden organisierten kriegslosen 
Zeitalters aus — das Bild lebt schon in den 
Massen des arbeitenden Volkes, das hat der 
große Tag von Basel bewiesen, es schwebt 
einer Anzahl hochmögender Politiker vor, das 
zeigt sich in den verschiedenen offiziellen Ver- 
ständigungs- und Versöhnungsaktionen in 
Europa; es hat sich in Universitätskreisen, 
in staatsmännischen Kreisen — bis zum Staats- 
oberhaupt hinauf — zu einer Weltanschauung 
und zu einem politischen Programm verdichtet ; 
das habe ich in Amerika erfahren. 



PAZIFISTISCHE CHRONIK 

15. Dez. Die Generalföderation der französischen 
Arbeiter veranstaltet als Demonstration gegen 
den Krieg einen 24stündigen Generalstreik 

16. Dezember. Ein aufklärendes Communique 
des öst.-ung. Ministeriums des Aeussern stellt die 
Affäre des Konsuls Prochaska in Prizrend als 
harmlos dar. Beruhigung der geängstigten öffent- 
lichen Meinung. 

16. Dezember. Erste Sitzung der Friedens- 
konferenz in London. Sir Edward Greg 
Ehrenvorsitzender, eröffnet mit einer Ansprache. 



DIE FRIEDEN5-^/AQTE 



G> 



17. Dezember. Im österreichischen Abgeordneten- 
haus beginnen die Tschechen eine Obstruktion gegen 
das Kriegsleistungsgesetz. Der Abg. Fresl spricht 
18 Stunden. 

18. Dezember. In der italienischen Kammer er- 
klärt der Marquis di San Giuliano, dass der 
Dreibund für ganz Europa eine Bürgschaft des 
Friedens ist. 

19. Dezember. Die Londoner Botschafter- 
konferenz empfiehlt die Autonomie Albaniens. Da- 
durch Beseitigung der akuten austro-serbischen 
Kriegsgefahr. 

21. Dezember. In der französischen Kammer 
sagt der radikale Deputierte Fr ancois Delon de: In 
Europa gibt es einen Mann, dessen Friedens- 
liebe eine feste Bürgschaft für die Aufrecht- 
erhaltung des Friedens bildet: Das ist der 
Deutsche Kaiser. 

29. Dezember. Der russische Kriegsminister 
Suchomlinow in Berlin und Dresden. 

30. Dezember. Im österreichischen Herrenhaus 
tritt Frhrr. v. Plener für eine Politik der Ver- 
ständigung Oesterreich-Ungarns Serbiengegen- 
über ein. 

4. Januar. Präsident Taft erklärt bei 
einer Versammlung des „International Peace 
Forum", die Panama-Abgaben- Angelegenheit 
mit England vor ein Schiedsgericht zu 
bringen. 



DAUS DER ZEITCI 

Völkerrecht. 

Ein neuer Schiedsfall zwischen England und Amerika. 

In einem New Yorker Briefe der „Kreuz- 
zeitung" (3. Januar) wird Mitteilung gemacht 
von einer weiteren schiedlichen Entscheidung 
in der Sache der Robbenfrage. Es gibt in bezug 
darauf, heißt es in dem Berichte, mehrere 
Fragen, die noch einer weiteren schiedsgericht- 
lichen Entscheidung bedürfen. 5 ,Es handelt sich 
z. B. um die Zulässigkeit des „Robbenschlages", 
der neuerdings in Alaska verboten ist. Man weiß 
nicht recht, ob der schnelle Rückgang der 
Robbenherden mehr der Jagd auf dem Lande 
oder der auf dem Meere zuzuschreiben ist. Auch 
die Neufundländer Fischereifrage ist noch nicht 
ganz erledigt. Es soll darüber ein Tribunal ent- 
scheiden, das im nächsten Frühjahr zusammen- 
treten wird. Die erste Sitzung soll in Washing- 
ton stattfinden. Sir Charles Fitzpatrick, 
der Oberrichter von Kanada und britisches Mit- 
glied des Schiedsgerichts im Haag für die Ent- 
scheidung über die Streitigkeiten bezüglich der 
Ausübung der Fischerei an der nordatlanti- 
schen Küste vom Jahre 1910, wird England 
vertreten, während die Vereinigten Staaten mit 
ihrer Vertretung Chandler Anderson, 
Rechtsberater des Staatsdepartements, beauf- 
tragt haben. Diese beiden Juristen haben sich 
über ein drittes Mitglied zu verständigen, 
welches als unparteiisches fungiert und weder 



dem britischen noch dem amerikanischen Staats- 
verbande angehören darf. Man soll sich über 
den „dritten Mann" schon einig sein, hält seinen 
Namen aber noch geheim." 



Verschiedene Mitteilungen zur Schiedsentwickiung. 

Die Schiedsgerichtsklausel in internatio- 
nalen Verträgen macht weitere Fortschritte. 
Jetzt enthält auch das spanisch -fran- 
zösische Marrokkoabkommen ebenso 
wie vorher das deutsch - französische die 
Schiedsklausel. 

Die Tavignano-Affaire zwischen 
Italien und Frankreich ist dem Haager Schieds- 
höfe übergeben worden, um Ende März gleich- 
zeitig mit dem Manouba- und Carthagekon- 
flikte entschieden zu werden. Bekanntlich hatte 
man den Fall zuerst einer internationalen Unter- 
suchungskommission überwiesen. Doch ist auf 
Grund des Berichtes dieser Kommission eine 
direkte Einigung zwischen den Parteien nicht 
erfolgt. 

Dem letzten Berichte von Darby an die 
International law association ist zu entnehmen, 
daß man 1911 den zentralamerikani- 
schen Gerichtshof von Cartago nach 
San Jose verlegt hat. Carnegie soll für die 
Errichtung eines neuen Palastes für den 
Gerichtshof 400 000 M. gestiftet haben. Wahr- 
scheinlich, weil der Palast des Schiedshofes in 
Cartago vor drei Jahren durch Erdbeben zer- 
stört wurde. 

Staatsrat Dr. C h. Schanz er, Deputierter, 
ist von der italienischen Regierung an Stelle 
von Guarnaschelli zum Mitglied des Haager 
Hofes ernannt worden. 



Die „amerikanische Gesellschaft für die richterliche 
Beilegung internationaler Streitigkeiten" :: :: :: :: : 

hielt am 21. Dezember v. J. in Washington 
ihre diesjährige Jahresversammlung ab, bei der 
Joseph H. Choate zum Präsidenten, der 
frühere Präsident der Harvard- Universität, Dr. 
Charles Eliot, zum Vizepräsidenten der Ge- 
sellschaft ernannt wurden. James Brown 
Scott übernahm die Funktion des Sekretärs. 
Nach den kurzen vorliegenden Berichten 
handelt es sich wiederum um einen hervor- 
ragenden Kongreß, auf dem der erleuchtete Zeit- 
geist voll zum Ausdruck kam. Prof. Paul S. 
Reinsch trat in einer Rede für die Verant- 
wortlichkeit eines Staates für die den Bürgern 
eines anderen Staates auf seinem Gebiet zu- 
gefügte Rechtsverletzungen ein. Mac Far- 
land, Prof. Henry Wade Rogers u. a. 
sprachen über die Errichtung eines internatio- 
nalen Staatengerichtshofes. Es wird sich Ge- 
legenheit bieten, auf die bedeutsamen Verhand- 
lungen noch zurückzukommen. 

Ml 



20 



^■■MM*^^ - 



= DIE FRIEDENS -WARTE 



Rüstungsproblem. 

Deutschlands Militärausgaben für 1913. :: :: :: :: :: 

Die Ausgaben für militärische Zwecke im 
Deutschen Reich stellen sich für das Jahr 1913 
folgendermaßen dar : 

Auswärtiges Amt: 
Auslandszulagen für Militärbe- 

vollniächtigte usw 212 220 M. 

Geheime Ausgaben 1 000 000 „ 

Reichsamt des Innern: 
Unterstützung vonPamilien der 

zu Uebungen eingezogenen 

Mannschaften 3 909 000 „ 

Verwaltung des Reichsheeres . . 637 761687 „ 

Reichsmilitärgericht 536 247 „ 

Marineverwaltung 197 051989 * 

Reichsschatzamt : 
Dispositionsfonds des Kaisers . 1 500 000 „ 

Unterstützungen, Erziehungs- 
beiträge, Pensionszuschüsse . 1 556 000 „ 
Rayonsentschädigungsraten für 
Beschränkung d. Grundeigen- 
tums in der Umgebung von 

Festungen 1013 674 „ 

Lagerung von Baumaterialien 

zu militärischen Zwecken . 50 000 „ 
Beihilfen an hilfsbed. Kriegs- 
teilnehmer 31000 000 „ 

Einmalige Rayonenentschädi- 

gungen usw 3 343 825 „ 

Reichskolonialamt 2 918 767 „ 

Reichsschuldverzinsung .... 150000000 „ 
Allgem. Pensionsfonds .... 138000000 „ 

Allgem. Finanzverwaltung : 

Quoten an Bayern 102 803 282 n 

Reichsamt des Innern : 

7.Ratef.d Kaiser- Wilhelm-Kanal 56 000 000 „ 

Reichsheer, einmalige Ausgaben 138 545 232 n 

Garnisonbauten, Festungen . . 22 286 006 „ 

Marineverwaltung, einm. Ausgab. 219 239 971 „ 

Reichskolonialamt, einm. Ausgab. 24 508 718 „ 

AUgem. Finanz Verwaltung: 

Einmalige Ausgabe: Quote an 
Bayern 17 340 748 „ 

Vervollständigung d.Eisenbahn- 
netzes zu Zwecken der Landes- 
verteidigung 2 838 270 „ 

Abbürdung der Vorausbeschaf- 
fungen der Heeresverwaltung 106 106 878 „ 

Außerordentl. Etat: 

Festungsbauten 12 700 000 „ 

Marineverwaltung . . . . . 51 150 000 „ 
Summa 1 910 672 514 M. 

Diesen Ausgaben für militärische Zwecke 
stehen folgende Einnahmen aus militaristischen 
Quellen gegenüber: 



Verwaltung des Reichsheeres: 
Einnahmen aus den Militär- 
eisenbahnen, Grundstückver- 

käufen usw * . 29 826 403 M. 

Reichsmilitärgericht 394 „ 

Marineverwaltung 1 103 822 „ 

Reichskolonialamt 1 568 757 „ 

Reichsschuld : 
Zinsen von der Reichsanleihe 

an Togo 248 330 „ 

Zinsen von der Reichsanleihe 

an Südwestafrika 1 413 239 „ 

Verzinsung der chines. Kriegs- 
entschädigung 10 564 197 „ 

Verzinsung der chines. Kriegs- 
entschädigung außerord. Etat 1 688 334 „ 
Erlös vom Verkauf von Festungs - 
grundstucken . . . . . . 3 176 352 . 

Summa 49 589 878 M. 

Ausgaben 1910 672 514 M. 

Einnahmen . . . . . . 49 589 878 „ 

Endsumme der Ausgaben 1 861 082 636 M. 

Hierzu macht der „Vorwärts" (1. Dezember 
1912) folgende höchst beachtenswerte Be- 
merkung : 

„Trotz Abzugs dieser Einnahmen in Höhe 
von 49,5 Millionen gelangen wir also zu dem 
ungeheuerlichen Endresultat, daß die mili- 
tärischen und weltpolitischen Ausgaben des 
Etatsjahres 1913 nicht weniger als 18 6 1 
Millionen betragen, während die ge- 
samten Einnahmen des Etats - 
jahres 1913 sich nur auf 1820 Mil- 
lionen beziffern. Wir geben also für 
unseren Militarismus in seinen verschiedensten 
Erscheinungsformen noch 41 Millionen 
mehr aus, als sämtliche Nettoein- 
nahmen aus den Zöllen, Steuern, Gebühren 
und Betriebsüberschüssen des Deutschen 
Reiches ausmachen! 

Daß das Deutsche Reich 1913 überhaupt 
noch Mittel für andere als militaristische 
Zwecke übrig hat, dankt es erstens seiner An- 
leihe von 33 Millionen und zweitens dem Zu- 
schuß von 187 Millionen, der von dem Ueber- 
schuß des Jahres 1911 auf das Jahr 1913 ver- 
rechnet wird. Fehlten diese 220 Mil- 
lionen Zuschuß, so würde das Deut- 
sche Reich aus seinen Einnahmen, 
aus den Erträgnissen des Jahres 
1913 nicht einmal seine Militär - 
ausgaben decken können! " 

MB 

Austriaca. :: :: :: :: :: :: :: :: " :: :: :: :: :: :: :: :i 

Eine lehrreiche AufsteUung zeigt, wie in 
wenigen Jahren Oesterreich, zwar nicht auf dem 
Gebiete der wirtschaftlichen, kulturellen, sozial- 
politischen Entwicklung, wohl aber in bezug auf 
Militärausgaben den Vorsprung größerer und 
reicherer Mächte einzuholen versucht hat. 1909, 
mit der Annexion Bosniens und der daraus 
entstandenen Gefahr des Serbenkrieges, begann 
es. Hunderte Millionen wurden ausgegeben, die 
„Lücken" in der Rüstung zu stopfen. Da bekam 



DIE FRIEDENS -^ADTE 



■3 



jedes Regiment zwei Maschinengewehre, Feld- 
telegraph, Feldtelephone, Signalapparate wurden 
eingeführt. Die Artillerie bekam Haubitzen. 
Dann kam die Flotte. 312 Millionen 
Kronen wurden bewilligt, vier Dreadnoughts 
gebaut. Darauf das Programm des Kriegs- 
ministers Schönaich : 100 Millionen ein- 
malige, 100 Millionen Jahresaus- 
ausgaben bewilligt. Noch schneller stiegen 
die Bewilligungen für die Landwehr. Zu- 
letzt wieder die außerordentlichen 
Rü s tungs kredi t e für Artillerie, 
Festungen, Kriegsschiffbau. 

Die Krise, die die Sorge um den serbischen 
Hafen an der Adria hervorgerufen, läßt sich 
schon jetzt in Zahlen bewerten: 

Nach authentischen Quellen setzen sich die 
bisherigen Auslagen, die Oesterreich-Ungarn aus 
Anlaß der politischen Krise hatte, wie folgt 
zusammen: Nicht der bedeutendste Posten sind 
die Kosten der Erhaltung des um 130000 Mann 
erhöhten Friedens Standes, das sind 7,2 Mil- 
lionen Kronen monatlich. Dazu kom- 
men dann Ausgaben vorübergehenden Wertes, 
wie für Arbeitslöhne, Beschaffung von Trag- 
tieren und Pferden (die nach der Krise wieder 
verkauft werden müssen), und vor allem die 
hohen Kosten der Transporte der Mannschaft. 
All dies zusammen kommt einer Ausgabe von 
etwa 100 Millionen Kronen bis Ende 
Dezember 1912 gleich. Außerdem sind aber 
auch Ausgaben für Investitionen erforderlich 
geworden, wie Beschaffung von Winterklei- 
dung, von Maschinengewehren, 
Aero planen, Feldküchen, techni- 
schen Mitteln usw. im Umfang von etwa 
150 Millionen Kronen. Der Kriegsminister 
erhielt weiter im voraus zur beschleunigten 
Durchführung der Reorganisation der 
Artillerie, die für 1914 und 1915 fällig 
gewesenen Raten des 125 -Milli onen- Kre - 
d i t s in der Höhe von 84 Millionen Kro- 
n e n und wurde außerdem ermächtigt, weitere 
125 Millionen, die ihm erst nach dem Jahre 
1915 zugedacht waren, nach Bedarf flüssig 
zu machen. 

Schon hat aber der M a r i n e k o m m a n - 
dant mit seinem Rücktritt gedroht, wenn die 
20 Jahre alten Schiffe der Monarchenklasse nicht 
durch Dreadnoughts ersetzt werden 
sollen, was wieder einige hundert Millio- 
nen ausmachen wird. 

Zu den Geldbewilligungen die Steige- 
rung der persönlichen Leistungen. 
Das neue Wehrgesetz erhöhte den Re- 
knitenstand um die Hälfte. Zehntausende 
werden statt zu acht Wochen Ersatz- 
reserveaus bildung auf zwei bis drei 
Jahre eingestellt. Die Zahl der Waffen- 
iibungen und ihre Dauer wurde vermehrt. 
Und eben erledigte der Reichsrat das Kriegs- 
leistungsgesetz, das schon zu Beginn 
einer Mobilmachung die Militärbehörde zum 
Herrn über Besitz und Person der Untertanen 
macht, Koalitionsrecht, Freizügigkeit. Vereins- 



recht, alle modernen Rechte zugunsten des 
Militarismus kassiert. Dafür hat der Staat 
kein Geld für Schulen und Spitäler. 
Die Sozialversicherung ist noch immer nicht 
fertig. Staatsarbeiter, Staatsbeamte schlecht be- 
zahlt. 

Vor kurzem erschien der Jahresbericht des 
Wiener Wärmestubenvereins. Vom 
15. November 1911 bis 5. März 1912 
suchten 1218 000 Personen, darunter 209 500 
Frauen und 597 000 Kinder, die Wärmestuben 
auf. 98 857 waren obdachlos ; 810 auf den Tag. 
Auf den Tag kamen fast 5000 Kinder, die stun- 
denlang vor den Stuben warteten, um dann eine 
Suppe mit Brot als Mittagessen zu erhalten. 715 
Kinder, allnächtlich im Durchschnitt 6, 
mußten, ohne ein Nachtquartier, in 
den Wärmestuben übernachten: in 
einer Ecke auf nassen Lumpen, die die Eltern 
hingebreitet hatten, angekleidet und in Schuhen, 
während diese, mit andern auf den 
Bänken sitzend, die Nacht verbringen. 
Für jedes Nachtquartier mit Frühstück 
zahlt die Gemeinde dem Verein — 
20 Heller! Für das tägliche Essen von 
5000 Kindern und über 4300 Erwachsenen aber 
zahlt die Stadt Wien gar 6000 Kronen zu : 
einen halben Heller für jede Portion! — Wäre 
es bei solch jammervollen Zuständen, so schreibt 
die „Leipziger Volksztg.", der wir teilweise 
diese Daten entnehmen, eine vermessene Läste- 
rung der göttlichen Ordnung und der Groß- 
machtpflichten Oesterreichs, wollte man 
fordern, daß etwa die Kosten eines einzigen 
Bataillons oder einer Dreadnoughtbatterie ge- 
spart und zur Beseitigung des Jammers dieser 
Unglücklichen verwandt würden ? 

Verschiedenes. 

v. Kiderlen-Wächter f :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: 

In politisch bewegter Zeit ist der Staats- 
sekretär des Auswärtigen Amtes durch den Tod 
von seiner Arbeit abberufen worden. Vor vier 
Jahren wurde Herr von Kiderlen-Wächter, der 
als der Mann der starken Tonart galt, nach der 
Wilhelmstraße berufen. Viel Hoffnungen setzten 
die Pazifisten nicht auf ihn. Aber er hat sie 
angenehm enttäuscht. Die Macht der Tat- 
sachen, der Friedenswille Europas scheint auch 
hier den erzieherischen Einfluß auf die Per- 
sönlichkeit nicht verfehlt zu haben. Kiderlen 
war zwar der Mann von Agadir, er war aber 
auch der Mann vom 4. November 1911, an 
welchem Tage der schwere Marokko-Konflikt 
kriegslos erledigt wurde. Das Gespräcn, das 
er im Sommer 1912 mit einem französischen 
Journalisten hatte, berührte uns ganz eigen- 
tümlich. Er soll von der Notwendigkeit einer 
Organisation Europas gesprochen haben, f ,von 
dem Widerwillen, den die Kriege hervorrufen. 
Der „Mann von Agadir" bewegte sich in pazi- 
fistischen Gedankengängen. 

M9 



22 



€H 



DIE FRIEDENS -WARTE 



Eine Pazifistenrede im Oesterreichischen Reichsrat. 

In der 129. Sitzung des österreichischen 
Abgeordnetenhauses am 19. Dezember 1912 hielt 
der liberale Abgeordnete Dr. O f n e r eine Rede 
gegen das Gesetz über die Kriegsleistungen, das 
zur Debatte stand. Dabei sagte er nach dem 
stenographischen Protokoll nachstehende, in 
der gesamten Tagespresse todgeschwiegenen 
Worte : 

„Bevor ich auf die weiteren Punkte über- 
gehe, erlaube ich mir, eine allgemeine Be- 
merkung einzulegen. Ich bin ein über- 
zeugter, ein leidenschaftlicher 
Vertreter des Friedensgedankens, 
ein leidenschaftlicher Vertreter des Grundsatzes, 
daß Streitigkeiten von Staaten ähnlich wie die 
von den Staatsbürgern, wenn nicht durch Ueber- 
einkommen, so vor einem Schieds- 
gerichte auszutragen sind. Diese meine Hal- 
tung hat mit Aengstlichkeit und Todesfurcht 
nichts zu tun. Ich bin ein alter Mann und habe 
den Tod jeden Tag und jede Stunde zu er- 
warten; ich schaue ihm gelassen, ruhig ins 
Auge. Allein, ich bekenne, ich schaue dem 
Tode ruhig für mich entgegen und fürchte ihn 
auch nicht für alte Menschen, so wie ich es 
bin. Aber ich bin allerdings immer bestürzt, 
wenn der Tod ein junges, frisches Leben for- 
dert, und mich erfaßt ein unsägliches Grauen, 
wenn ich andieMenschenschlächterei 
denke, die ein jeder moderne Krieg im Gefolge 
hat, an eine Menschenschlächterei, welche 
Hunderttausende solch junger, frischer, hoff- 
nungsvoller Menschenblüten knickt und eine 
viel größere Menge anderer Menschen um ihr 
Lebensglück betrügt, nicht gerechnet die Mil- 
liarden an Volksvermögen, welche ein solcher 
Krieg verschlingt. Allein wir Freunde 
des Friedens sind darum nicht weniger um 
die Kraft und um das Ansehen unseres Staates 
besorgt als andere. Wir finden nur die Kraft 
und das Ansehen des Staates anderswo: wir 
finden sie in der Kultur, in dem Cha- 
rakter, in der Arbeitskraft des Volkes, und wir 
glauben, daß das Ansehen des Staates durch 
diese Faktoren viel mehr gesichert ist, als 
durch einen siegreichen Krieg. Ich gebrauche 
auch absichtlich das Wort „Ansehen" und 
nicht das Wort „Ehre", denn Ehre ist ein 
Schlagwort, und Schlagwörter sind immer ge- 
fährlich; Schlagwörter sind empfindlich und 
aufreizend, und namentlich das Schlagwort 
„Ehre" hat schon ganze Hekatomben von 
Menschenopfern gefordert. Ansehen ist 
mehr als Ehre, aber es ist nüchterner, 
konkreter, es hat größeren Wirklichkeitsgehalt, 
und wir wissen wohl, daß man das Ansehen 
behalten kann, wenn man auch auf gewisse 
eingebildete Ehrenpunkte verzichtet." 

MB 
Kaiser Friedrich gegen den Krieg. :: :: :: :: :: :: :: :. 

Aus dem Nachlaß des Schweizer Pfarrers 
Frederic G o d e t , der jetzt durch die von 
dessen Sohn Philipp Godet veröffentlichte 



Biographie (Neuchatel 1913) bekannt wird, 
werden bisher unbekannte Briefe 
Kaiser Friedrichs bekannt, die die- 
ser an den ehedem in preußischen Diensten 
stehenden Pfarrer gerichtet hatte. In 
einem aus dem Hauptquartier in Ver- 
sailles geschriebenen Briefe äußerte sich 
der damalige Kronprinz über den Krieg. Da 
heißt es : 

„Ich beuge mich vor diesem Gott, der uns 
bis hieher geführt und beschützt hat und der 
über der Wohlfahrt unseres endlich geeinigten 
Deutschlands wachen wird, und der 
schon so viele edle Patrioten in diesen blutigen 
Gemetzel geopfert hat. Möge er uns endlich 
den Frieden gewähren, auf den alle Welt hofft ! 
.... Ich versichere Sie, daß ich ein wahres 
Grausen vor dem Krieg empfinde 
und daß meine heißen Gebet« sich an Gott 
wenden, damit das der letzte sei, dem ich bei- 
zuwohnen gezwungen sei. Sind wir wirk- 
lich im 19. Jahrhundert, wo Kultur 
und Moral ihren Gipfel erreichen? 
Und die Heiden, die wir möchten teilnehmen 
sehen an den Segnungen unserer Aera, was 
müssen sie von zwei Völkern 
denken, die sich morden und da- 
bei erklären, daß ihre Sache allein 
den Titel heilig und gerecht ver- 
dient? Man muß eigentlich die Augen vor 
den Barbaren senken, die nicht mehr und nicht 
weniger machen, als wir. Aber was tun? Ist 
man einmal provoziert, so muß man sich wohl 
verteidigen, bis man die Garantie eines sichern 
Friedens hat. . . . Was mich betrifft, so ist 
mein Verlangen, unser großes deutsches Vater- 
land die Segnungen eines sichern und frucht- 
baren Friedens genießen zu lassen. Ich habe 
nie daran gedacht, mir einen Namen 
durch Blutvergießen und Leichen- 
haufen zu machen, und wenn auch die 
von meinen tapfern Truppen erfochtenen Siege 
in der. Geschichte einen Platz haben werden, 
so werde ich doch nie den drücken- 
den Gedanken (cauchemar) los werden, 
daß ichsovieleLebeninder Jugend- 
blüte habe opfern müssen. Gott 
schenke mir eines Tages die Möglichkeit und 
die Fähigkeit, den Frieden wieder herzu- 
stellen . . ." 

Ein andermal schreibt er: „Glauben Sie 
mir, mitten im Auf und Ab des Krieges kann 
einen Menschen, der wie ich den Krieg 
verabscheut und doch pflichtgemäß daran 
teilnehmen muß, nichts mehr stärken, als ein 
Zeichen der Freundschaft und Liebe zu emp- 
fangen . . . ." 

MB 
Die Gießener Burschenschaft. :: :: :: :: :: :: :: :: :: 

Zu einer Vortragsangelegenheit der Gießener 
Freien Studentenschaft hat die Gießener 
Burschenschaft Stellung genommen. Die auf 
diese Angelegenheit bezugnehmende Erklärung, 
die der Vertreter der drei Gießener Burschen- 
schaften Alemania, Frankonia und Germania 



23 



DIE FBIEDENS-^AQTE 



3 



im allgemeinen Studentenausschuß abgegeben 
bat, lautet : 

„Am 4. Dezember 1912 fand im Hotel 
Schütz ein von dem Präsidium der Gießener 
Freien Studentenschaft veranstalteter Licht- 
bildervortrag des Vertreters der internationalen 
Friedensgesellschaft E. Feldhaus-Basel statt 
über: Der Krieg, wie er ist. (Unter Berück- 
sichtigung der neuesten großen Kriege, auch 
des türkisch-italienischen und des Balkan- 
krieges.) 

In dieser Angelegenheit haben die drei 
Gießener Burschenschaften im Studentenaus- 
schuß, als der Vertretung der gesamten Gießener 
Studentenschaft, folgendes zu erklären: Wenn 
es auch der Freien Studentenschaft überlassen 
bleiben (muß, was sie in ihren vielen Abteilungen 
treiben will, so muß andererseits die Gießener 
Burschenschaft in der Ankündigung und Ab- 
haltung dieses Vortrages im gegenwärtigen 
Zeitpunkt, in dem unser Vaterland jederzeit in 
einen Weltkrieg verwickelt werden kann, und 
vielleicht um sein Sein oder Nichtsein gekämpft 
werden muß, ein trauriges Zeichen mangelnden 
nationalen Verständnisses sehen. Sie glaubt 
im Namen aller national gesinnten Studenten 
der Gießener Universität zu handeln, wenn sie 
hierüber ihr tiefstes Bedauern ausdrückt." 

Die in dieser Erklärung geäußerte Ansicht 
über die Friedensbewegung beruht auf einem 
bedauerlichen Irrtum. Die Friedensidee ist 
nicht antinational. Sie bekämpft nicht den 
Krieg an sich, sondern jene Ursachen, die 
„unser Vaterland jederzeit in einen Weltkrieg 
verwickeln" können. Sie will die internationale 
Unsicherheit beseitigen, jenen unerträglichen 
Zustand, der es mit sich bringt, daß die 
Nationen ihres Besitzes nicht froh werden 
können und jederzeit bereit sein müssen, um 
für ihr ,,Sein oder Nichtsein" zu kämpfen. Sie 
will, daß dieses Sein einer jeden garantiert wird. 
Danach entwickelt die Friedensbewegung, deren 
Bedeutung für die Nation heute von den bedeu- 
tendsten Gelehrten anerkannt wird (es sei nur 
z. B. an Geheimrat Lamprecht erinnert, 
der in diesen Blättern, Jahrg. 1910 S. 41 
und Folge*) in einem „Die Nation und die 
Friedensbewegung" betitelten Artikel die Be- 
deutung der Friedensbewegung vom nationalen 
Standpunkt dargelegt hat), ein hohes Maß 
nationalen Empfindens. 

Dessen sind sich auch weite Kreise der 
deutschen Burschenschaft schon klar geworden. 
Hervorragende Burschenschafter, wie Prof. 
Rieh. Eickhoff, Geh.-Rat Sturm, Dr. Hans Weh- 
berg gehören zu den Vorkämpfern der Friedens- 
idee, Burschenschaftliche Zeitungen haben noch 
vor kurzem Artikel zugunsten der Friedens- 
bewegung veröffentlicht, und in der „Burschen- 
schaftliche Bücherei" ist eine Broschüre über 
die „Internationale Schiedsgerichtsbarkeit" er- 
schienen. 



*) Abzüge dieses Artikels stehen Inter- 
essenten kostenlos zur Verfügung. 



Es ist daher dieser Protest unbegreiflich. 
Ihn rückgängig zu machen, wäre eine schöne 
Handlung und sicherlich eine vom nationalen 
Standpunkt erfreuliche. 



Deutsche Intelligenzträger gegen den Krieg. :: :: :: 

Bei der Zuerteilung des Nobelpreises für 
Dichtkunst hat Ger hart Hauptmann am 
10. Dezember 1912 in Stockholm eine Rede 
gehalten, in der er die pazifistische Bedeutung 
aller Nobelpreise hervorhob. Er sagte u. a. : 
„Und nun ]trinke ich darauf, daß das der Stif- 
tung zugrunde liegende Ideal seiner Verwirk- 
lichung immer näher geführt werde ; ich 
meine das Ideal des Weltfriedens, 
das ja die letzten Ideale der Wissenschaft und 
der Kunst in sich schließt. Die dem Kriege 
dienende Kunst und Wissenschaft ist nicht die 
letzte und echte, die letzte und echte 
ist die, die der Friede gebiert und 
die den Frieden gebiert. Und ich trinke 
auf den großen, letzten und rein ideellen Nobel- 
preis, den die Menschheit sich dann zusprechen 
wird ; wenn die rohe Gewalt unter den 
Völkern eine ebenso verfehmte 
Sache geworden sein wird, als es 
die rohe Gewalt unter den mensch- 
lichen Individuen der zivilisierten 
Gesellschaft bereits geworden is t." 

Kurz vorher hatte der Dichter im „Zeit- 
geist" vom 11. November einen „Duldsamkeit' 
betitelten Artikel veröffentlicht, aus dem wir 
nachstehende Stelle hier festhalten wollen: 

„Wahre Religion hat nichts mit Unter- 
jochung und mit Götzen zu tun, sie ist 
synonym mit dem Worte Frieden. 

Nicht die Könige, sondern die Pfaffen, die 
Schöpfer der Götzen, haben die Welt unterjocht. 
Um der Götzen der Pfaffen willen ist das meiste 
Blut geflossen. Wo aber Blut um religiöse 
Dinge fließt, so fließt es immer nur um der 
Götzen willen. 

Götzendienst ist die ärgste und furchtbarste 
Greuel. In der Reihe der Unterjochungen ist 
diese besonders grausig, die der schlechte 
Künstler durch sein schlechtes, angebetetes 
Werk erfährt. Er besitzt sein Werk und wird 
noch mehr durch sein Werk besessen. Also 
wird der Pfaff ein Besessener. 

Unter diesen Besessenen lebt, statt des 
ewigen Friedens, der ewige Krieg. 

Wer von diesem ewigen Kriege erzählen will, 
der versinkt in Blut. Man spricht davon, daß 
im rohen Heidentum nicht selten Menschen 
den Götzen geopfert wurden. Zweifellos war 
es der Fall. Die Menschenopfer der alten 
Aegypter, Babylonier, Juden, der alten Kar- 
thager, Inder und Germanen sind bekannt. Man 
glaubt, in diese Epochen wie in Zeiten über- 
wundener Barbarei zurückblicken zu können. 
Aber diese Opfer sind sehr gering, im Vergleich 
zu denen, die man indirekt den Götzen dar- 
brachte. Was sind nioht in grausamsten Götzen- 
kriegen bis noch zuletzt im Dreißisjährigen 



24 



@= 



= DIEFRIEDEN5-^\*M2XE 



Krieg für unzählbare Menschenmassen geopfert 
worden. Wir haben einstweilen nicht den ge- 
ringsten Grund, mit hochmütiger Genugtuung 
auf die Zeiten vor Christi Geburt herab- 
zublicken." 

Als ,, Neujahrswunsch für 1913" schreibt 
Herbert Eulenberg: 

„Kein größerer Fluch könnte 
uns Menschen treffen. als wenn 
wir in unserem schönen zwanzigsten Jahr- 
hundert um irgendwelcher veralteter natio- 
naler Vorurteile willen in einen allge- 
meinen europäischen Krieg ge- 
rieten. Endlich sind wir Menschheit zur Ver- 
nunft gekommen und haben eingesehen, daß 
ein jeder Krieg für die Völker, die 
ihn führen, nur Schaden mit sich 
b ringt. Und nun sollen wir den Weg zur 
Gesundung des großen Menschenkörpers, den 
wir seit wenigen Jahrzehnten zu unserer aller 
Heil beschritten haben, verlassen und uns einem 
barbarischen Krieg als der schädlichsten Völker- 
krankheit sinnlos ausliefern! Ich würde mich 
dagegen wehren bis aufs äußerste. Niemals 
würde ich in meinem ganzen Leben gegen Fran- 
zosen und Russen zusammen nur halb so viel 
Zorn und Wut aufbringen können, wie ich 
gegen einen jeden Friedensgegner 
empfinde." 

Der derzeitige Rektor der Wiener Uni- 
versität, der weltbekannte Gelehrte, Hofrat Prof. 
Dr. Anton Weichselbaum, schreibt in 
einer Enquete der „Zeit" (25. Dez.): 

„Ich hatte weder zu Beginn noch während 
des Verlaufes des Balkankrieges Sympathien 
für den einen oder den anderen der krieg- 
führenden Staaten, da ich grundsätz- 
lich ein Gegner der Austragung von 
Volke rkonflikten durch Waffen- 
gewalt bin; letztere Ansicht ist durch die 
Erfahrungen während des Balkankrieges nur 
noch mehr befestigt worden, weshalb ich auch 
die Frage, welche der kriegführenden Na- 
tionen auf mich den besten, beziehungsweise 
den schlechtesten Eindruck gemacht hat, nicht 
zu beantworten brauche." 

Dieselbe Enquete („Zeit", 1. Jan. 1913) 
beantwortet Prof. Max Dessoir in Berlin 
in folgender Weise: 

„Meine Neigung gehört weder der Türkei 
noch den Staaten des Balkanbundes. Mein 
Urteil über den Krieg als die wirtschaft- 
lich schädlichste und menschlich 
beklagenswerteste Form des Völ- 
kerkampfes hat sich nicht geändert." 

„Warum baut man im Haag einen Friedenspalast?" 

Diese Frage, von deren Beantwortung man 
sich ein recht lustiges Ergebnis zu versprechen 
schien, hat der „Berliner Lokal-Anzeiger" einer 
Anzahl Persönlichkeiten in der Welt vorgelegt, 
und deren Erwiderungen als Weihnachtsgabe 
seinen Lesern präsentiert. Diese Anfrage wurde 
nicht den geistigen Urhebern des Haager 



Schiedshofes, etwa den Mitgliedern des berühm- 
ten „Coinite d'Examen" der I. Haager Konferenz, 
dem Professor Zorn, Leon Bourgeois. 
Staatsminister A s s e r , Staatsminister Des- 
camps, Andrew D. White, Baron 
d'Estournelles de Constant und an- 
deren an dem Haager Werk beteiligten Männern 
vorgelegt, die ja die beste Auskunft hätten 
bieten können, sondern einer Reihe der Sache 
ziemlich fernstehender Männer. Die ganze 
Fragestellung läßt darauf schlie- 
ßen, daß man es auf eine richtige 
„Verulkung" abgesehen hatte, nicht 
minder auch die Auswahl der Personen, die man 
zu Begutachtern einer völkerrechtlichen Ein- 
richtung machen wollte. Unter den Beant- 
wortern befinden sich die Humoristen Oskar 
Blumenthal, Johannes Trojan, Ju- 
lius Bauer, Jerome K. Jerome, „der 
berühmte französische Karrikaturist" Char- 
les Leandre, „der geistreiche Chefredak- 
teur des römischen Witzblattes /JTravaso', Carlo 
Montanti, „der bekannte römische Satiriker" 
Dr. Gustav Nesti, „der lustige Mailänder 
Aesthet" Luigi Bottazzi, dann „der be- 
kannte holländische Gynäkologe, dessen schlag- 
fertiger Witz seinen deutschen Kollegen von 
manchen Kongressen bekannt sein dürfte", Dr. 
T r e u b usw. 

Man merkt die Absicht und man wird 
verstimmt, auch wenn man dann unter der 
Masse der antwortenden Sachunverständigen, 
der Generale, Maler, Chirurgen, Bakteriologen. 
Vertreter einer Telegraphenagentur ( !) usw. auch 
eine Handvoll Pazifisten findet, wie Bajer, Gobat, 
Avebury (von deutschen Pazifisten nur Dr. Ed. 
Loewenthal !). Sieht man doch, daß es sich 
darum handelte, die Verunglimpfung eines der 
größten Kulturwerke der Geschichte den 500 000 
Lesern des „Lokalanzeigers" als Festbraten vor- 
zusetzen. Ein solches Gebaren ist traurig! 

Ein Fasttag für den Frieden. :: :: :: :: :: :: :: :: :: : 

Eine recht interessante Friedenskundgebung 
haben die Chassidim (eine jüdische Sekte) von 
Lemberg gewählt. Als in den Zeitungen die 
Nachricht erschienen war, daß die Friedens- 
verhandlungen zwischen der Türkei und den 
Balkanstaaten am Freitag, den 13. in London 
eröffnet werden sollen, haben die Rabbiner 
sämtlicher chassidischer Bethäuser von Lem- 
berg am Donnerstag beim Morgengottesdienst den 
Freitag als Fasttag proklamiert. Tat- 
sächlich haben zahlreiche Juden in Lemberg an 
jenem Freitag gefastet und in den Bethäusern 
S pe z ialgebe t e um das Zustande- 
kommen des Friedens, von welchem 
auch die Ruhe in Europa abhängt, verrichtet. 
Dieser Friedensfasttag der galizischen Juden- 
sekte ist ein schönes Gegenstück zu der Ein- 
richtung des „Friedenssonntag" in den anglika- 
nischen Kirchen. 



DIE FßlEDENS-^ADTE 



3 



Die„Vermehrung der internationalen Reibungsfläche n", 

Ein neues Schlagwort ist wieder einmal 
aufgetaucht, das eine große Verwirrung an- 
zurichten geeignet ist. Die Vermehrung der 
internationalen Beziehungen zwischen den 
Völkern der Erde, der regere Handelsaustausch, 
der ständig wachsende Weltverkehr, kurzum 
die zunehmende Internationalisierung der Welt,- 
so argumentiert man neuerdings, habe keines- 
wegs die Wirkung gehabt, daß die Völker ein- 
ander innerlich nähergebracht worden sind, 
sondern ganz im Gegenteil: es hat nur eine 
„Vermehrung der internationalen 
Reibungsflächen" stattgefunden, d. h. die 
Zahl der Gegenstände, um die die Nationen 
streiten können, ist durch die moderne welt- 
wirtschaftliche Entwicklung nur vergrößert wor- 
den! Zum Belege solcher Behauptungen führt 
man mit Vorliebe die „deutsch-englische 
Spannung" an, die überhaupt erst durch den 
„Kampf der beiden Nationen um die Vormacht- 
stellung auf dem Weltmarkte" und die Mannig- 
faltigkeit ihrer divergierenden Interessen in 
wirtschaftlicher Beziehung entstanden sei. Die 
Zunahme gegenseitiger Handels- und Verkehrs- 
beziehungen erhöhe daher nur die Kriegs- 
gefahr zwischen den Nationen, statt sie zu ver- 
ringern. 

Friedrich Naumann hat diesem Gedanken 
auf dem Mannheimer Parteitage der Fortschritt- 
lichen Volkspartei Ausdruck gegeben, zahlreiche 
Zeitungen haben ihn wiedergegeben und neuer- 
dings ist er auch in einer nationalökonomischen 
Vorlesung einer süddeutschen Universität aus- 
gesprochen worden. 

Wenn dieser Gedankengang richtig wäre, 
hätte er vielleicht nicht solche Verbreitung ge- 
funden. Denn gerade in Fragen, die den Pazifis- 
mus berühren, beliebt man häufig, sich in etwas 
unklaren Gedankengängen zu bewegen, gerade, 
als ob es darauf ankäme, nur ja keine Ent- 
wicklungstendenzen in der Richtung zum Frie- 
den oder zum Internationalismus aufkommen 
zu lassen. 

Es wäre schon ein wenig bitter für 
die Pazifisten, wenn durch ihr ganzes Ein- 
treten für internationale Organisation, für den 
Internationalismus auf allen Gebieten des Lebens 
nichts anderes erreicht würde, als jene verhäng- 
nisvolle (oder erwünschte?) „Vermehrung der 
internationalen Reibungsflächen", die nur den 
Frieden gefährdet statt ihn zu fördern. Die so 
sprechen, glauben offenbar, daß die Entwicklung 
auf halbem Wege stehen bleibe. Sie übersehen, 
daß in der ganzen Geschichte der Menschheits- 
und Kulturentwicklung gerade die „Vermehrung 
der Reibungs flächen" unter den Menschen es 
war, die sie die Gemeinsamkeit ihrer Interessen 
erst recht erkennen ließ, die sie zum Zusammen- 
schluß überhaupt erst veranlaßt hat. Beseiti- 
gung von Reibungsflächen ist von jeher, viel- 
leicht sogar der einzige und hauptsächliche An- 
trieb zur Organisation gewesen; alle Kultur 
läßt sich darauf zurückführen! Auf jeden Fall 
scheint mir wenigstens das neue Schlagwort 



von der Vermehrung der internationalen. 
Reibungsflächen ein verhängnisvoller Trugs chuß 
zu sein, dem nicht entschieden genug entgegen- 
getreten werden kann. Dr. J. Mez. 



Die Vertreibung der Türken aus Europa. :: :: :; 

H. W. Vor allem Podebrad hat zuerst 
in klarer Weise die Vertreibung der Türken aus 
Europa gefordert. Der von ihm befürwortete 
christliche Fürstenbund hatte u. a. die Ver- 
drängung des Islams aus Europa zum Zweck. 
Nach Schücking war ja überhaupt das Vor- 
drängen der Türken vor allem durch den Zerfall 
der Christenheit veranlaßt worden. Deshalb 
wollte man deren Einheit dadurch wiederher- 
stellen, daß man ihr ein großes Ziel, näm- 
lich den Kampf gegen die Türken, gab. „Einst,'" 
so heißt es in Podebrads Buche, „war die 
Christenheit blühend, mächtig und über weite 
Länder verbreitet. Nicht weniger als 117 große 
Königreiche gehörten ihr an, ja selbst das Grab 
des Erlösers lag in ihrem Gebiete. Niemand 
würde gewagt haben, ihr offen die Stirne zu 
bieten. Längst aber hat sich das geändert. 
Sind doch von jenen 117 Reichen kaum 16 
übriggeblieben, seit Mohammed sein Volk zum 
Unglauben verführte. Haben ia doch in aller- 
letzter Zeit die Türken Griechenland erobert, 
Konstantinopel erstürmt." Mit Recht betont 
Schücking (Die Organisation der Welt, 
S. 34), wieviel Wahres an diesen Worten sei 
und auch heute noch die türkische Unkultur 
ihren Bestand in Europa lediglich der Uneinig- 
keit der Mächte verdanke. 

Da somit der Gedanke der Vertreibung der 
Türken aus Europa, auch in Anbetracht der 
überragenden Bedeutung des Christentums, sehr 
nahe lag, so ist es verständlich, daß er sich 
noch bei anderen Schriftstellern findet, bei 
Campanella de la Noue und insbesondere 
S u 1 1 y, dessen christliche Republik vor allem 
die Vertreibung der Türken aus Europa bewirken 
sollte. Nach dem Projekte des Abbe de 
Saint Pierre sollte dagegen der neue Bund 
nicht gegen die Türken vorgehen, sondern mit 
ihnen ein Bündnis zu schließen suchen. 

Am allereingehendsten hat von den früheren 
Schriftstellern jenen Plan der Kardinal 
Alberoni behandelt und schon der Titel 
seines Buches kündet besonders deutlich da,s 
Ziel, auf das er hinaus will: „Vorschlag, das 
türkische Reich unter der christlichen 
Potentaten Botmäßigkeit zu bringen." (1736.) 
Es ist interessant, daß Alberoni kürzlich 
gerade einen bekannten und hervorragenden Di- 
plomaten eines der Staaten des Balkanbundes 
zum Geschichtsschreiber gefunden hat. In seiner 
bereits auf S. 344 und 355 dieser Zeitschrift 
(1912) warm empfohlenen Schrift „Le Cardinal 
Alberoni Pacifiste" gibt uns V e s n i t c h, der 
ausgezeichnete serbische Gesandte in Paris, 
einen sehr guten Ueberblick über Alberoni» 
Plan einer Eroberung und Aufteilung der Türkei. 
Alberoni hatte genau bestimmt, wie die 






II 



I 






26 



<§= 



DIE FRI EDENS -'^ÄRTE 



Armee zusammengesetzt sein und welches Land 
jeder bekommen sollte. Der deutsche Kaiser 
sollte ganz Bosnien, Serbien, Mazedonien und 
die Walachei erhalten, Frankreich Tunis, 
Spanien Algier, Portugal Tripolis, England 
Smyrna und Kreta, Preußen die Inseln Negro- 
ponte, Sardinien, Cypern usw. Schließlich sollte 
der Herzog von Holstein-Gottorp Kaiser von 
Konstantinopel werden und die noch übrig blei- 
benden asiatischen Besitzungen der Türkei be- 
herrschen. 

Neben diesen Plänen einer Vertreibung der 
Türken aus Europa geht eine andere Ideen- 
reihe, die lediglich darnach strebt, den Türken 
das Heilige Land zu entreißen. Dubois hat 
diesen Plan zuerst in großen Zügen entworfen. 
Er ist auch bis heute in christlich gesinnten 
Kreisen nicht eingeschlafen. Trotzdem muß es 
wundernehmen, daß im Jahre 1911 der hol- 
ländische Völkerrechtsjurist Jonkheer van 
Daehne van Varick in seiner Schrift 
,,La revolution et la question d' Orient" diese 
Idee wieder aufgenommen hat. Die in glänzen- 
dem Stile geschriebene Schrift sagt, die euro- 
päischen christlichen Mächte müssen wieder ein 
großes Ziel haben, und dieses besteht in der 
Wiedereroberung des Heiligen Landes. Unter 
Bezugnahme auf die Kreuzzüge predigt er einen 
Kreuzzug gegen die Türken. Man mag über 
dieses Buch (besprochen auf S. 268 der Frie- 
denswarte, 1911) denken, wie man will. Es 
wird nicht zu leugnen sein, daß der Verfasser 
die nahende Revolution auf dem Balkan richtig 
vorausgesehen hat. 

Auch das ist eigenartig, daß van Daehne 
in seinem Buche auf die syrische Frage hin- 
weist und daß dieses Problem ebenfalls nach 
Erscheinen seiner Schrift aktuell geworden ist. 
Namentlich Br e y s i g hat im „Tag" ganz offen 
gefordert, Deutschland solle sich Syriens be- 
mächtigen. Ebenso will van Daehne in 
seinem Buche, daß ein hohenzollernscher Prinz 
über Syrien herrsche. 

So liegt diesen eigenartigen Gedanken- 
gängen, wie wenig sie auch zum Teil mit der 
pazifistischen Weltanschauung übereinstimmen, 
doch mancher interessante Gedanke zugrunde. 



Kleine Mitteilungen. :: :: :: :: :: :: :: 

Unser Mitarbeiter Dr. Hans Wehberg in 
Düsseldorf hat einen schweren Verlust er- 
litten. Am 16. Dezember starb sein Vater, Dr. 
med. Heinrich Wehberg, im 58. Lebens- 
jahr. Was Wehberg damit verloren hat, geht 
am besten aus einer Stelle eines Briefes hervor, 
den er an den Herausgeber richtete. Sie lautet: 
,,Ich verdanke meinem Vater außerordentlich 
viel. Er war eine Persönlichkeit von seltener 
Größe der Gesinnung. Seine Erziehung war 
immerfort darauf gerichtet, daß man für das 
Wohl der Menschheit wirken müsse. Männer, 
die nur dem Gelderwerbe und ihrem Wohlsein 
lebten, nannte er Nullen. In der Geschichte der 
deutschen Bodenreformbewegung hat mein 



Vater eine Rolle gespielt und ist in seinen 
Schriften auch wiederholt für die Friedens- 
bewegung eingetreten." Das Beileid all der 
vielen, die Hans Wehberg in diesen Blättern 
schätzen gelernt haben, ist ihm gewiß. — Die 
schwedische Schriftstellerin Lotte von 
Kram er, die vor kurzem starb, testierte eine 
Million Kronen, die teilweise der Förderung 
der Friedensbewegung zugute kommen soll. 

— Die Feier zum 80. Geburtstag Geh. Rat Prof. 
W i 1 h. Försters fand am 30. Dezember in 
den Räumen des Bürgersaales des Berliner Rat- 
hauses statt, wo der Gefeierte selbst einen Vor- 
trag über ,,Die Erinnerungswelt der Mensch- 
heit" hielt. Darauf folgte die Feier, die durch 
einen von Ludwig Fulda gedichteten Prolog 
eingeleitet wurde. — Professor Richett 
feierte anfangs Januar im intimen Kreise sein 
25 jähriges Jubiläum als Inhaber des Lehr- 
stuhles für Psychologie an der Pariser medi- 
zinischen Fakultät. — In der Dezember- 
nummer des „Advocat of Peace" wird die ver- 
nünftige Forderung aufgestellt, daß das erste 
Schiff, das bei der Eröffnung durclrden Panama- 
kanal fahren soll, kein Kriegsschiff, 
sondern ein Handelsschiff sein soll. 

— Der bisherige Sekretär der „Ame- 
rican Society f o r Judicial S e 1 1 1 e - 
in e n t o f International Dispute s", Mr. 
Theodore M.a rburg aus Baltimore 
wurde als Gesandter der Vereinig- 
ten Staaten nach Brüssel versetzt. 

— Die deutsche Abteilung der von Sir Ernest 
Cassel in London ins Leben gerufenen König 
Eduard VII. Britisch-Deutsche-Stiftung hat in 
Hamburg eine Bibliothek für englische 
Kultur gegründet, die dem dortigen Seminar 
für englische Sprache und Kultur angegliedert 
werden soll. 



AUS DEB BEWEGUNG 

Felipe Moscheies' 80. Geburtstag. :: :: :: :: :: 

Am 8. Februar 1833 wurde zu London 
Felix Moscheies geboren. Es bietet sich die 
Gelegenheit, einen der unentwegtesten und 
ausgezeichneten .Werber für die Sache des 
Pazifismus in würdiger Weise zu ehren. 

Wer die Weltfriedenskongresse der 
letzten zwanzig Jahre besucht hat, wird 
den kleinen Mann mit dem lächelnden Blick, 
das von einem weißen Bart zart umrahmte 
Antlitz in Erinnerung haben, der, immer ein 
Witzwort auf den Lippen, stets auf dem 
Posten stand, wenn es galt, mit Nachdruck 
für etwas einzutreten. Wer gar das Glück 
hatte, Moscheies näher zu kennen, mit ihm 
zu plaudern, aus dem Schatz seiner Er- 
fahrungen und Menschenkenntnis ihn er- 
zählen zu hören, oder mit ihm durch sein 
malerisches Künstlerheim in Chelsea zu wan- 



27 



DIE FRIEDENS -^/ADTE 



G) 



dem, der wird für sein ganzes Leben die 
Erinnerung an diesen prachtvollen Edel- 
menschen als kostbares Wertstück in sich 
tragen. 

Daß Felix Moscheies, der einst die 
Suttner in die Friedensbewegung einführte, 
wie man in ihrer launigen Schilderung in 
ihren Memoiren nachlesen kann, schon 
80 Jahre alt wird, wird viele wundern, die 
sich erinnern, wie frisch und tapfer er mit- 
arbeitet, wie jugendstark er im „Concord" 
die Feder führt. Aber es ist Tatsache, daß 
er nunmehr in die Reihen unserer Pa- 
triarchen tritt. Möge er — nun der Doyen 
der Bewegung in Europa — 'diese ehr- 
würdige Rolle noch lange Jahre innehaben. 
Wir brauchen ihn. 

Was Moscheies gearbeitet hat, wie er 
sich entwickelte, wie er mit der Feder, mit 
dem Pinsel und mit dein ,,verda stelo" im 
Knopfloch für uns wirkte, lese man im 
„Handbuch der Friedensbewegung", II. Teil, 
Seite 381, nach. Die Eingeweihten der Be- 
wegung werden dies aber nicht nötig haben. 
Sie senden nach dem „Grelix-Heim" in 
London ihren innigsten Dank, ihren herz- 
lichsten Glückwunsch. Vivu! 

MB 

Richard Feldhaus 600. Friedensvertrag. :: :: :: 

Richard Feldhaus ist eine der mar- 
kantesten Erscheinungen in der deutschen 
Friedensbewegung. Seit 20 Jahren, seitdem 
er den Roman „Die Waffen nieder" der 
Baronin Suttner gelesen, tritt er standhaft 
für die Friedensbewegung ein. Ein zweiter 
Peter von Amiens, reiste er von Stadt zu 
Stadt — oft weit über die Grenzen Deutsch- 
lands hinaus — , um den Kreuzzug gegen 
den Krieg zu predigen. So hat er vor 
Tausenden und Tausenden seiner Hörer die 
Friedensidee gepredigt, das Denken an- 
geregt und den pazifistischen Gedanken zur 
Ausbreitung gebracht. Er wurde geradezu 
der Quellfinder für die Deutsche Friedens- 
gesellschaft, der er einen großen Teil ihrer 
Mitglieder zugeführt hat. Die Centrale der 
Deutschen Friedensgesellschaft ließ es sich 
daher auch nicht nehmen, den 600. Vortrag, 
den Feldhaus demnächst halten wird, unter 
ihr Protektorat zu stellen und ihn mit 
einer kleinen Festfeier zu verbinden. Die- 
ser Vortrag wird am 13. Februar d. J. im 
Bürgermuseum in Stuttgart stattfinden. Das 
Vortragsprogramm für diesen Jubiläums- 
abend lautet: „Die Lehren des Bal- 
kankriegs"; erläutert durch viele Licht- 
bilder. — Rezitationen von Schriften der 
Suttner und aus L a m s z u s. Wir be- 



glückwünschen Feldhaus aus Anlaß seines 
Jubiläums zu seiner Arbeit und zu seinen 
Erfolgen. Möge er sich an dem stolzen Be- 
wußtsein erfreuen, als einer der deutschen 
Friedensarbeiter der ersten Stunde an dem 
großen Werke der Menschheitserweck ung 
erfolgreich mitgearbeitet zu haben. 

MB 

Drei Tote. :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: ;: :: :: :: 

Albert K. Smiley. — Graf Leonid 
Kamarowsky. — John L u n d. 

In den letzten Wochen hat die Friedens- 
bewegung wieder schwere Verluste erlitten. Drei 
hervorragende Kämpen sind heimgegangen. 

Am 2. Dezember starb in Redlands in Kali- 
fornien Albert K. Smiley, der Begründer 
und Führer der Lake-Mohonk-Konferenzen, die 
sich bereits eines Weltrufes erfreuen. Smiley 
war am 17. März 1828 in Vassalboro im Staate 
Maine geboren; er hat demnach ein Alter von 
84 Jahren erreicht. Er war ein hervorragender 
Pädagoge und Gründer verschiedener der 
höheren Bildung dienender Institute. Viel tat 
er für die Erhaltung der Indianer in seinem 
Vaterlande. Im Jahre 1869 siedelte er sich 
am Lake Mohonk im Staate New York an. 
wo er ein umfangreiches, inmitten herrlicher 
Parkanlagen gelegenes Sommerhotel errichtete. 
Es wurde dort nicht jeder Gast aufgenommen. 
Die Enthaltsamkeit von alkoholischen Ge- 
tränken war eine Bedingung. Im Jahre 189.') 
berief er nach diesem Landsitz zum ersten 
Male eine große Anzahl hervorragender Männer 
und Frauen der Vereinigten Staaten zu einer 
Erörterung über die Frage des internationalen 
Schiedsgerichts. Diese Konferenz war von 
solchem Erfolge begleitet, daß sie fortab jähr- 
lich abgehalten wurde. Im Mai 1912 fand die 
XVIII. Lake-Mohonk-Konferenz statt, wie sie 
allgemein bezeichnet werden. Smiley hat dafür 
gesorgt, daß diese Konferenzen mit seinem Ab- 
leben nicht verschwinden werden. 

Graf Leonid Kamarowsky, der An- 
fang Januar jn Moskau Btarb, war ein bekannter 
Völkerrechtsgelehrter und hervorragender Ver- 
treter des Friedensgedankens. Er wurde am 
15. März 1816 in Kasan geboren. Jahrelang 
bereiste er Rußland und hielt dort öffentliche 
Vorträge über die „Entwicklung und Organisa- 
tion des Friedens in der modernen Gesell- 
schaft", das „Problem der Abrüstung", die 
„Humanisierung des Krieges", über den Ersatz 
des Krieges durch ein Rechtsverfahren, und 
über „Die Fortschritte der Schiedsgerichtsbar- 
keit". Im Jahre 1873 war er Mitbegründer des 
„Institut de Droit international". Seit Jahr- 
zehnten wirkte er als Lehrer des Völkerrechts 
an der Universität Moskau. Er wurde von der 
russischen Regierung als eines ihrer Mitglieder 
in den Haager Schiedshof gewählt und nahm 
an der im Jahre 1909 begründeten Moskauer 
Friedensgesellschaft die Vizepräsidentenstelle 
an. Aus zahlreichen Briefen, die Kamarowsky 
im Laufe der Jahre an den Herausgeber dieser 



2i 



@s 



DIE FßlEDEN5-^^ßTE 



Blätter gerichtet hat, geht hervor, welch hin- 
gebungsvoller Freund des Fortschritts durch 
den Weltfrieden der Menschheit mit ihm zu 
Grabe getragen wurde. K. hat viele völker- 
rechtlichen Schriften verfaßt, von denen sein 
Buch über „Das internationale Tribunal" einen 
Ehrenplatz in der Völkerrechtswissenschaft ein- 
nimmt, auf die es von maßgebendem Einfluß 
war. Sein letztes — 1905 erschienenes Werk 
— galt dem „Problem der internationalen Orga- 
nisation". 

Mit großem Schmerze vernahm man von 
dem am 8. Jan. 1913 in seiner Vaterstadt 
Bergen erfolgten Hinscheiden John Lunds, 
des hervorragenden norwegischen Politikers, des 
großen und standhaften Verfechters der 
Friedenssache. Er wurde am 9. Okt. 1812 
geboren. Fünfzehn Jahre lang war er Vertreter 
seiner Vaterstadt im Storthing, davon 7 Jahre 
als Präsident des Lagthing und einige Jahre 
lang als Präsident der Eisenbahnkommission. 
Er hat seit 1890 an allen interparlamentarischen 
Konferenzen (mit Ausnahme der von 1897 und 
1912) teilgenommen und war auf diesen Kon- 
ferenzen bis 1900, während er Mitglied des 
Storthing war und außerdem 1904 in St. Louis, 
Wortführer der norwegischen Delegation. L. 
war das erste Mitglied der interparlamenta- 
rischen Union, das über die Verhandlungen 
der interparlamentarischen Konferenzen (von 
1890 bis einschließlich 1900) seinem Parlament 
offiziellen Bericht erstattete. Er war Organi- 
sator der interparlamentarischen Konferenz von 
1899 zu Christiania und deren Präsident. Seiner 
Initiative ist es zu danken, daß das Storthing 
als erste offizielle Körperschaft das Berner 
interparlamentarische Amt durch einen jähr- 
lichen Geldbetrag unterstützte. Zur interparla- 
mentarischen Konferenz in St. Louis wurde L. 
als einer der Vertreter der interparlamenta- 
rischen Gruppe des Storthing gewählt und er- 
hielt gleichzeitig vom Nobelinstitut in Christia- 
nia den Auftrag zum Studium der amerika- 
nischen Friedensbewegung. Er schrieb eine Reihe 
politischer Artikel in norwegischen und aus- 
ländischen Zeitungen, und veröffentlichte die 
aus Anlaß der zu Christiania (1899) statt- 
gehabten Interparlamentarischen Konferenz 
veröffentlichte Festschrift. Lund war Ehren- 
mitglied des Interparlamentarischen Rats und 
Vizepräsident der Nobelkommission des nor- 
wegischen Storthings. In der Rede, die er an 
dem im Jahre 1909 Moneta zu Ehren ge- 
gebenen Nobelbankett hielt, brachte er die 
Grundzüge zum Ausdruck, die ihn bei der Ver- 
leihung der Nobelpreise leiteten. Im Oktober 
vorigen Jahres feierte er — schon kränkelnd — 
seinen 70. Geburtstag. In diesen Blättern wurde 
aus diesem Anlaß auf seine großen Verdienste 
hingewiesen. Sein Vaterland hat einen aus- 
gezeichneten Bürger, die Menschheit einen be- 
wunderungswürdigen Menschen, die Friedens- 
bewegung einen ihrer unermüdlichen Vorkämpfer 
verloren. 



Resolution des Ceniralvorstandes des Ver- 
bandes für internationale Verständigung. 

Angesichts der erfreulichen Tatsache, daß 
sich in der gegenwärtigen kritischen Zeit die 
Mächte der Triple-Entente mit denen des Drei- 
bunds zu gemeinsamer Arbeit für die Erhaltung 
des europäischen Friedens zusammengefunden 
haben, spricht der Verband für internationale 
Verständigung die Hoffnung aus, daß diese ge- 
meinsamen Bemühungen erfolgreich sein werden, 
indem auf einer europäischen Staatenkonferenz 
auch widerstreitende Interessen einzelner Mächte 
einen Ausgleich finden, der der Natur der Dinge 
entspricht und dadurch die notwendigen Garan- 
tien für die künftige politische Gestaltung der 
Verhältnisse auf dem Balkan in sich birgt. Wir 
sind überzeugt, daß diese Zusammenarbeit auch 
die zukünftigen Beziehungen der europäischen 
Mächte zueinander, insbesondere von Deutsch- 
land und den Westmächten, auf das glück- 
lichste beeinflussen wird. 

von Ullmann. Nippold. Schücking. 
Pilot y. Maier. 



LITERATUR UPBESSE 

Der Koloß von Brüssel. 

Das Buch, das ich als Koloß von Brüssel 
bezeichne, kann in viel höherem Maße den An- 
spruch erheben, als Weltwunder zu gelten, als 
im Altertum der Koloß von Rhodos. Warum 
Koloß? Es umfaßt im Lexikonformat wohlge- 
zählte 2652 Seiten und wiegt gebunden über 
viereinhalb Kilo, i Aber nicht nur in seinen 
Dimensionen ist es ein Koloß, es kündet auch 
durch seinen Inhalt etwas Kolossales. Ich 
spreche von dem neuen Band des „A n n u a i r e 
de la vie internationale" (1910 bis 
1911)*), der soben verausgabt wurde, jenem 
Brennspiegel des internationalen Lebens der 
Gegenwart, dem Heiligen Buch der Weltorgani- 
nation, dem beweiskräftigen Dokument der 
wachsenden Gemeinschaftsarbeit der Mensch- 
heit. Ein Buch, das wir Pazifisten gegen den 
Ansturm der Chauvinisten, der Gewaltanbeter, 
der Utopisten vom ewigen Krieg als unein- 
nehmbares Bollwerk werden benützen können, 
in dessen Zeichen die Lehre von der sich 
organisierenden Welt unfehlbar siegen muß. 

Das „Annuaire" stellt sich als eine Samm- 
lung beschreibender und dokumentierter Einzel- 
abhandlungen über 510 gegenwärtig be- 
stehender internationaler Organi- 
sationen dar. Dabei enthält es auf seinen 



*) „Annuaire de la vie inter- 
nationale. Unions, Associations Instituts, 
Commissions, Bureaux, Offices, Conferences, 
Congres, Expositions, Publications. Publie pour 
l'Union des Associations Internationales avec 
le concours de la Fondation Carnegie pour 
la paix internationale et de l'institut inter- 
national de la, Paix. Second Serie. Volume II. 
1910—1911. Lex. 8°. Bruxelles 1913. Office 
central des Associations Internationales, rue de 
la regence 3 bis 2652 SS. Hbfrzbd. 40 Fr. 



29 



DIE FRIEDENS -^/APTE 



3 



2652 Seiten nicht etwa die vollständige Beschrei- 
bung jener Organisationen, sondern nur die Er- 
gänzungen über die bereits in dem vorher- 
gehenden, 1550 Seiten umfassenden Band ent- 
haltenen Daten, nebst jenen, allerdings sehr 
zahlreichen Organisationen, die in dem vor- 
liegenden Band neu aufgenommen wurden. Es 
ist ein Beweis des ungeheuren Wachstums der 
internationalen Betätigung, die das kolossale 
Buch augenfällig dartut. 

Vom Jahre 1909, dem Jahre der vorletzten 
Ausgabe des Annuaire, hat sich die Gesamt- 
zahl der internationalen Organisationen bis 
Februar 1912 (dem Datum des letzten Redak- 
tionsanschlusses) von 300 auf 510 vermehrt. Die 
Zahl der internationalen Kongresse ist in dem 
vorliegenden Buch von 1840—1912 auf 2615 fest- 
gestellt worden, wobei erinnert werden muß, 
daß eine endgültige Feststellung für die Ver- 
gangenheit überaus schwierig ist und die Er- 
weiterung der Zahl durch neue Entdeckungen 
als sicher angenommen werden kann. Wie sehr 
aber die Gemeinschaftsarbeit der Menschheit 
auf internationalen Kongressen in steter Zu- 
nahme begriffen ist, ergibt sich aus einer dem 
Bande beigegebenen statistischen Tabelle. Da- 
nach haben an internationalen Kongressen 
stattgefunden : 

Von 1840—1849 9 

„ 1850—1859 20 

„ 1860—1869 77 

„ 1870—1879 169 

„ 1880—1889 309 

,, 1890—1899 510 

„ 1900—1909 1070 
In den Jahren 1910: 181, 1911: 131, 1912: 109. 

Nach dieser Tabelle hat sich die inter- 
nationale Gemeinschaftsarbeit im ersten Jahr- 
zehnt unseres Jahrhunderts gegenüber dem vor- 
hergehenden mehr als verdoppelt, dem 
vorvorigen gegenüber mehr als verdrei- 
facht. Wenn man die Zunahme des zweiten 
Jahrzehnts unseres Jahrhunderts nach dem 
Durchschnitt der drei ersten Jahre (d. i. 140 
per Jahr) berechnet, ergibt sich für diesen 
Zeitraum mindestens eine Verdreifachung gegen- 
über dem Jahrzehnt 1890 — 1899 und eine Ver- 
fünffachung der Zahl der Kongresse gegenüber 
dem Abschnitt 1880—1889. Fürwahr, diese 
Zahlen bilden einen erlösenden Beweis. Sie 
zeigen, wie die Organisation über die Anarchie 
siegt, wie trotz der kriegerischen Wirren des 
Tages das Friedensprinzip, das in gemeinsamer 
Arbeit der Menschheit im Dienste der Kultur 
liegt, sich zusehends fortentwickelt. Darum sind 
wir berechtigt, den Koloß von Brüssel als eines 
der heiligen Bücher der Menschheit zu be- 
zeichnen. 

Vor mir liegt die erste Ausgabe dieses 
Annuaire aus dem Jahre 1905. Ein kleines, 
bequem in die Brusttasche zu steckendes Bänd- 
chen von 156 Seiten. Vielleicht ist es nicht 
uninteressant, daran zu erinnern, was der Her- 
ausgeber dieses ersten Bandes vor acht Jahren 
in der Einleitung gesagt hat. „Diese Arbeit", 
so heißt es dort, „ist nur ein Versuch. Man 
kann darin nur die Skizze eines Gemäldes 
sehen, das erst auszuführen ist. Es ist un- 
möglich, zu Anfang mehr zu tun. Der Heraus- 
geber war als Quelle nur auf einige Zeitungen 
und auf die Gefälligkeit einzelner Personen an- 
gewiesen, die bereit waren, auf seine Anfragen 



zu antworten. Unter diesen Umständen konnte 
das Werk, dasi er jetzt der Öffentlichkeit vor- 
legt, nur unvollständig sein, es soll nur als 
der Plan zu einem künftigen Ge- 
bäude betrachtet werden. Doch ge- 
stattet dieser Plan gewissermaßen anzudeuten, 
was der vollendete Bau sein wird. Mit der 
Zeit wird dieses Annuaire ein sicherer und voll- 
ständiger Eührer des internationalen Lebens 
werden." 

Das 1905 Angekündigte ist jetzt zur Tat 
geworden. Das Annuaire ist von 156 Klein- 
Oktav-Seiten zu 2652 Seiten Lexikon-Format an- 
gewachsen. Zu seiner Herstellung sind in 
einem Jahre mehr als 3000 Briefe ver- 
sandt worden und mehr als 4000 Nach- 
schlagungen notwendig gewesen. Das Gebäude 
steht da, das der Plan vor acht Jahren an- 
zeigte. Diese ungeheure Leistung ist den beiden 
ausgezeichneten Männern zu danken, die seife 
1908 das Werk aus den kleinen Verhältnissen, 
unter denen es 1 ins Leben gerufen wurde, über- 
nahmen, um es auszugestalten, dem bel- 
gischen Senator Henri Lafontaine und 
Paul Otlet, dem Pfadfinder der neuen 
Wissenschaft des Internationalismus. Es ist 
aber auch der Carnegiestiftung zu danken, die 
diese beiden Männer bei ihrer Arbeit unter- 
stützt hat. 

Jetzt handelt es sich nur darum, dieses 
Monumentalwerk bekanntzumachen. Die Mensch- 
heit muß aus ihm erfahren, was sie 
in ihrer Mehrheit noch nicht weiß; die füh- 
renden Männer vor allen Dingen, die Minister» 
Diplomaten, Parlamentarier müssen es erfahren, 
daß die Welt sich organisiert. Und deshalb 
wünschen wir, daß die Verbreitung dieses 
Buches in einer so nachhaltigen Weise durch- 
geführt werden möge, wie 'seine Herstellung 
sachgemäß zustandegebracht worden ist. Vor 
allen Dingen wünschen wir, daß man i n 
Deutschland dieses Buch in umfassender 
Weise kennen lerne. Dieses Buch, das uns die 
internationalisierte Welt zeigt, kann um- 
wälzend wirken, es muß, wenn es erst ver- 
breitet ist, das Denken und Handeln der Zeit- 
genossen beeinflussen. Ein Ziel, das mit aller 
Kraft zu erstreben ist. F. 



Eine neue japanische Friedenszeitschrift. 

Vor uns liegt in gefälligem Oktav-Format 
die im Dezember 1912 ausgegebene erste Nummer 
der „The Japan Peace Movement", des monat- 
lichen Organs der „Japanischen Friedensgesell- 
schaft" und der „Amerikanischen Friedensgesell- 
schaft von Japan", das an Stelle der früheren 
Zeitschrift „Heiwa" getreten ist und seinen 
Titel nach der Zeitschrift des Berner Bureaus 
gebildet hat. Nach 6 Seiten englischen Textee 
folgen 24 Seiten japanischer Text. Das Vorwort 
rührt vom Grafen Okuma her, es finden 
sich dann noch Artikel von Baron Y. Schi- 
busawa, Dr. Charles W. Eliot. T. Ko- 
shida, R. Watanabeu. a. Wir wünschen 
unserem ostasiatischen Bruderorgan besten 
Erfolg. 



Besprechungen. :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: 
V. Liszt, Das Völkerrecht, systematisch 

dargestellt, neunte Auflage, Berlin 1913, 

O. Härinsr, 565 S. 






30 



<£ 



DIE FRIEDENS -WARTE 



Die Auflagen des Lisztschen Werkes folgen 
einander überaus schnell, der beste Beweis 
für die große und verdiente Popularität des 
Buches. Die Vorzüge des Werkes bestehen be- 
kanntlich in der guten Systematik, der klaren 
Sprache, der Vollständigkeit der Literatur- 
nachweise und vielem anderen. Wir Pazifisten 
dürfen dem Werke noch seine fortschrittliche 
Gesinnung nachrühmen, die in dem vorliegen- 
den Bande besonders hervortritt. 

Wir lesen in dem Vorworte zu unserer größ- 
ten Freude : „Gerade vom nationalen Standpunkte 
aus kann man es nur auf das dringendste 
wünschen, daß das Deutsche Reich der unver- 
meidlichen Entwicklung sich nicht entgegen- 
stemme, sondern daß es an ihre Spitze trete 
und die Friedenspolitik, die es seit Jahrzehnten 
unter schwierigen Verhältnissen verfolgt hat, 
auch in der Mitarbeit an der Weiterbildung 
des Völkerrechts betätige. Aufgabe der deut- 
schen Vertreter der Völkerrechtswissenschaft 
ist es, eine schöne und dankbare Aufgabe, die 
Reichsregierung, soweit sie diesen Weg geht, 
mit allen Kräften zu unterstützen. Die ent- 
gegengesetzte Haltung, die in einzelnen und 
hoffentlich vereinzelt bleibenden deutschen 
Schriften zum Ausdruck gekommen ist, liegt 
nach meiner festbegründeten Ueberzeugung 
nicht im Interesse des deutschen Volkes." 

Im einzelnen wäre freilich mancherlei zu 
bemerken. Z. B. hat die verschiedenartige 
Interpretation des Artikels 23h der Anlage 
zum Landkriegsabkommen gar keine Feststel- 
lung gefunden. Die neuesten pazifistischen 
Tendenzen und vor allem die moderne Schieds- 
gerichtsbewegung verdienten eine noch ein- 
gehendere Berücksichtigung. Leider ist ja wohl 
Schückings Werk zu spät erschienen, um noch 
verwertet zu werden. Mir scheint ein ganz 
neues Kapitel nötig, worin die Ergebnisse der 
Haager Konferenzen und ihr Verhältnis zu dem 
modernen Pazifismus dargestellt wird. 

Wir wünschen dem Lisztschen Werke, das 
der deutschen Völkerrechtswissenschaft zur 
höchsten Ehre gereicht, eine immer größere 
Verbreitung. W e h b e r g. 



Bernhardi, Friedrich v., 
Unsere Zukunft. Ein Mahnwort an das deut- 
sche Volk. 6. und 7. Tausend. 8°. Stuttgart 
und Berlin 1912. J. G. Ootta. 154 S. 

Der Verfasser von „Deutschland und der 
nächste Krieg", beschert uns wieder ein inter- 
essantes Buch, das uns wertvolle Aufschlüsse 
über die politische Denkmethode gewisser 
Kreise liefert. Um diesen Ozean von Irrtum 
zu widerlegen, müßte man ein ganzes Buch 
schreiben, eine Bibliothek. Man hat sie eigent- 
lich schon geschrieben ; denn v. Bernhardi bringt 
keinen Gedanken vor, der nicht schon wider- 
legt wäre. Mit erfreulicher Offenheit tritt er 
der Friedensbewegung entgegen: „Diesen Be- 
strebungen muß der Boden unter den Füßen 
entzogen werden", meint er S. 56. Wie wollen 
Sie das nur machen, Herr General? Sie meinen, 
die Friedensbewegung ist eine Erfindung. Das 
ist sie nicht. Sie ist ein Produkt der Tat- 
sachen, die die Welt beherrschen. Ich wüßte 
ein Mittel, die Friedensbewegung zu beseitigen. 
Es gibt nur das eine : Zerschlaget alle Maschinen, 
zerstört alle Eisenbahnlinien, zerschneidet alle 
Telegraphen- und Telephondrähte, alle Kabel, 



verbietet jede technische Erfindung — und der 
Friedensbewegung ist „der Boden entzogen". 
Kann man das nicht, dann wird sie bestehen 
bleiben und unaufhörlich und ungeheuer 
wachsen. 

In dem Kapitel „Die soziale und politische 
Bedeutung des Krieges" wird der Krieg als 
biologische Notwendigkeit dargestellt. Wir 
wissen, daß der Krieg eine verkehrte Auslese 
zeitigt und die Völker degeneriert. Der Ver- 
fasser geht von der falschen Prämisse aus. 
daß, weil der „Kampf der Vater aller Dinge 
ist, der Krieg unentbehrlich sei. Wie oft haben 
wir es bewiesen, daß der Krieg nur eine und 
die unrichtigste Form des Kampfes ist, daß wir 
kämpfen, ohne gelegentlich in einem halben 
Jahrhundert Menschenknochen zu zertrümmern, 
und daß schließlich der Kampf auch nicht der 
Vater aller Dinge ist, sondern in ebenso 
hohem Grade auch die gegenseitige Hilfe. 
Der Kampf ist nur dann lebenspendend, wenn 
er sich gegen die Umwelt, aber nicht, wenn 
er sich gegen die eigene Art wendet. 

Sehr neu und ein bißchen gewagt erscheint 
mir die Erklärung des Verfassers, warum „die 
Friedensbewegung einen so bedeutenden Ein- 
fluß gewinnen konnte, wie sie ihn heute tat- 
sächlich erreicht hat". Warum? General 
v. Bernhardi sagt es uns : „Diese Tatsache 
erklärt sich zum Teil dadurch, daß hinter 
ihr sehr bedeutende Privatinter- 
essen stehen, die teilweise mit 
einem gewaltigen Kapital ar- 
beite n." (! ) Die Eingeweihten, die so oft 
über den 50-Pfennig-Pazifizismus, wie wir ia 
ßelbstironie unsere finanziell so arme Bewegung 
genannt haben, klagten, werden sich eines 
Lächelns nicht erwehren können. Das wagt man 
einer Bewegung gegenüber zu behaupten, die 
gegen einen Feind ankämpft, dem jährlich 
20 Milliarden zur Verfügung stehen, also das 
Zehntausendfache, das die Carnegie- 
stiftung jährlich zu vergeben hat. Darüber ist 
wahrlich kein Wort weiter zu verlieren. 

Interessant ist es auch, daß der Verfasser 
die große Ausdehnung der Friedensbewegung 
in den Vereinigten Staaten begreiflich findet. 
Das Selbstbewußtsein, das die ruhmvoll er- 
fochtene Unabhängigkeit den Amerikanern 
gibt, die fehlende Voraussetzung einar Ueber- 
völkerungsgefahr, die reichen Naturschätze des 
Landes, die Möglichkeit der Muskelstärkung im 
Kampfe gegen eine noch nicht überall unter- 
worfene Natur, dies alles läßt es ihm natürlich 
erscheinen, „daß die Bevölkerung dieses Landes 
der Friedensbewegung im allgemeinen sym- 
pathisch gegenübersteht . . ." Dann heißt es: 
„ W ie anders steht Deutschland da!" 
— Wir brauchen die Darlegungen hier weiter 
gar nicht zu verfolgen. Es genügt uns, den 
Verfasser hier auf einen Grundirrtum auf- 
merksam zu machen : Es gibt wohl eine Friedens- 
bewegung in Deutschland, aber keine deutsche 
Friedensbewegung. Hätten wir in Deutschland 
eine isolierte Friedensbewegung, dann wäre sie 
sicherlich ein Verbrechen am deutschen Volke. 
Die Gegner der Friedensbewegung übersehea 
aber immer, daß die Friedensbewegung inter- 
national ist, und daß sie nur als solche ins 
Auge gefaßt werden darf. Dann ergibt sich ein 
ganz anderes Bild. Dann ist das gut, waa 
unter der falschen Voraussetzung schlecht er- 



DIE FßlEDEN5-^\^DTE 



3 



scheint. Wenn z. B. die Friedensbewegung den 
kriegerischen Geist hemmt, so wäre dies ein 
Verbrechen, wenn das nur für Deutschland zu- 
träfe, aber eine Wohltat — eine Wohltat für 
Deutschland — , wenn dies in der ganzen Welt 
der Fall ist; denn dann fallen jene Voraus- 
setzungen, aus denen der Verfasser die Not- 
wendigkeit der steten Kriegsbereitschaft des 
Reiches herleitet. Und ein unparteiischer Ueber- 
blick muß dem Pazifistengegner sagen, daß — 
abgesehen von den Ländern des Ostens — die 
Friedensbewegung in allen Ländern höher ent- 
wickelt ist als in Deutschland. Das ist beweis- 
bar! Und statt die Friedensbewegung zu ver- 
dammen, sollte man sie gerade vom Stand- 
punkte des Patriotismus hoch halten. 

Der Verfasser kennt' den modernen Pazifis- 
mus nicht, denn er weist seine Unhaltbarkeit 
durch eine Kritik der Schiedsgerichtsbarkeit 
nach. Die Schiedsgerichtsbarkeit ist nicht das 
Allheilmittel ; das sagen wir oft genug. Sie 
ist ein Friedensmittel unter hundert anderen. 

Aber — wie eingangs erwähnt — man müßte 
die Bücher alle noch einmal schreiben, die wir 
schon geschrieben haben, um den General zu 
widerlegen. Wozu? Er wird die Weltent Wick- 
lung nicht ändern. Und wenn er uns das ein 
Jahrhundert alte Wort entgegenruft : „Das letzte 
Heil, das Höchste liegt im Schwerte", so 
können wir ihm nur ein neueres Wort entgegen- 
stellen, das da lautet: „Der Friede ist die 
Funktion der Kultur". A. H. F. 

Mfet 

Angell, Norman, 
Peace Theories and the Balkan War. 8 °. 
London 1912. Horace Marshall & Son. 141 S. 
Cloth. 

Der Verfasser der „Großen Täuschung" 
benutzt den Balkankrieg als Demonstrations- 
objekt für die Darlegung der pazifistischen 
Theorie. Das vorliegende Buch ist eine Streit- 
schrift gegen jene, die den Ausbruch des 
Balkankrieges als einen Zusammenbruch aller 
pazifistischen Lehre bezeichneten, und die sich 
veranlaßt sahen, zu behaupten, daß der Krieg 
doch ein gutes Mittel sei. 

Norman Angell legt dem gegenüber dar, 
daß es keinem vernünftigen Pazifisten ein- 
gefallen ist, den Krieg als unmöglich hin- 
austeilen. Die Täuschung liegt nicht in der 
Unwahrscheinlichkeit des Krieges, sondern in 
seinen Vorteilen. Der Krieg ist nichtig, und 
die Gewalt ist kein Mittel. Das beweist eben 
der Balkankrieg. Die Türken sind es, die seit 
400 Jahren das Gewaltsystem auf der Balkan- 
insel praktizierten, und die jetzt die Nichtig- 
keit dieses Systems kennen lernen. Der Krieg 
der Balkanvölker ist nur eine Auflehnung gegen 
dieses System. Die Auflehnung gegen die Ge- 
walt ist nicht Krieg in dem Sinne, in dem 
die Pazifisten wirken. Der Gendarm, der den 
Räuber mit denselben Mitteln unschädlich 
macht, wie der Räuber vorher den friedlichen 
Wanderer, wird durch diese Handlung nicht 
zum Räuber. Die Balkanvölker würden anti- 
pazifistisch handeln, wenn sie den Spieß um- 
kehren und nun ihrerseits ein System der Ver- 
gewaltigung und Ausbeutung den Türken gegen- 
über geltend machen wollten. Die Eroberung 
war das ökonomische Prinzip der Türken, und 
dieses sehen wir jetzt auf dem Balkan zu- 
sammenbrechen. 



Das vorliegende Buch Angells ist nicht 
weniger interessant und wichtig wie sein großes, 
in der ganzen Welt bekannt gewordenes Werk. 
Von besonderer Wichtigkeit sind seine Aus- 
führungen in dem Schlußkapitel, „Was müßten 
wir tun?" betitelt. Guter Wille allein genügt 
nicht. Gesunde Ideen breiten sich nicht von 
selbst aus. Sie müssen von Menschen aus- 
gebreitet werden. Die öffentliche Meinung 
muß umgewandelt werden, denn die Regierungen 
sind nur die Verkörperung der allgemeinen 
öffentlichen Meinung. Eine ständige Organi- 
sation der Propaganda muß diesen Wandel in 
einem halben Menschenalter hervorbringen 
können, eine Revolution des Geistes, die größer 
sein wird, als' die der Reformation. „Eine der- 
artige Organisation hat kaum begonnen. Dio 
Friedensgesellschaften haben hervorragende 
Dienste geleistet und leisten sie noch, aber, 
um die große Masse zu erreichen, müßten 
Instrumente von viel größerer Wirkungskraft in 
Anwendung kommen." Angell führt dann sein 
Programm aus. An hundert Punkten gleich- 
zeitig muß das Werk angefaßt werden. Als 
eines dieser Mittel bezeichnet der Verfasser die 
Errichtung von Lehrstühlen für die inter- 
nationale Staatskunst an allen Universitäten. 
„W ährend wi r", so führt er glänzend aus, 
„Lehrstühle zur Erforschung des 
Wesens der Insekten - Verwandt- 
schaften besitzen, haben wir keine 
zur Erforschung des Wesens der 
Beziehungen der Menschen in ihren 
politischen Gruppierungen." Er will 
die englische Flotten-Liga und den deutschen 
Flottenverein zu Friedensorganisationen um- 
wandeln, indem er sie veranlaßt sehen will, 
statt die Erhöhung der Schiffs zahl, des Schiff s- 
umfanges und der betreffenden Armierung zu 
erstreben, festzustellen, wie, warum und wann 
und unter welchen Bedingungen diese Waffen 
verwendet werden sollen. Er verlangt, daß die 
politischen Parteien Englands und Deutschlands 
in London und Berlin wechselseitige Vertreter 
unterhalten sollen, damit sie sich gegenseitig 
von ihren Illusionen befreien. „Unsere Staats- 
kunst", so schließt das hervorragende Buch, 
„ist noch immer auf eine Art politischen 
Kannibalismus begründet, auf der Idee, daß 
Nationen sich durch die Eroberung und Be- 
herrschung anderer entwickeln können. So 
lange das unsere Auffassung von den Be- 
ziehungen der menschlichen Gruppen bildet, 
werden wir immer vor der Gefahr von Zu- 
sammenstößen stehen, und unsere Vergesell- 
schaftungs- und Kooperationsentwürfe werden 
immer zusammenbrechen." 



Diederich, Franz, 
Krieg. Ein Buch der Not. Dem Willen 
zum Frieden gewidmet. 8 °. Dresden 1912. Mit 
acht Bildern von Goya, Klinger, Bock- 
1 i n und Wereschtschagin. Verlag von 
Kaden & Comp. 101 S. 

Ein aus der Zeit heraus geborener Auf- 
schrei gegen das Verbrechen des Krieges. 
Anthologie der besten Gedichte gegen den Krieg. 
Mit guten Bildern geschmückt. Ein Propaganda- 
buch bester Art für die breiten Massen. 



32 



©_- 



DIE FRIEDENS -MXZTE 



Hüttenhein, Dr. Erich. 
Die Handelsschiff© der Kriegführenden. Eine 
völkerrechtliche Kriegsstudie. 8 °. Breslau 1912. 
J. U. Kerns, Verlag. (Sonderabdruck aus : Zeit- 
schrift für Völkerrecht und Bundesstaatsrecht.) 
72 S. 

Der Verfasser behandelt zwar ein kriegs- 
rechtliches Thema, jedoch im Geiste des 
modernen Völkerrechts. Das geht aus dem 
Schlußwort hervor, wo er das Völkerrecht gegen 
seine Existenzverleugner in Schutz nimmt, es 
aus dem Rechtsbewußtsein des modernen Staa- 
tes und mit Nippold aus der „Solidarität der 
heutigen internationalen Interessen" herleitet. 
Die Richtung auf eine Verwirklichung einer 
fest gegliederten und geordneten internationalen 
Menschengemeinschaft erscheint ihm unver- 
kennbar. 



Lange, Hendrik Jan de. 
Vorlog en Arbitrage. Proefschrift ter Verkrij- 
gung van den Grad van Doctor in de Rechts- 
wetenschap aan de Rijksuniversiteit te Leiden. 
Gr. 8<>. : S-Gravenhaage 1912. Mouton & Co. 
112 S. 

Das Anwachsen der pazifistischen Bewegung 
ist auch erkennbar aus den zahlreichen 
Dissertationen, die auf Grundlage des Pazifis- 
mus geschrieben werden. Die vorliegende, in 
holländischer Sprache geschriebene Schrift 
nimmt ihr Material aus der modernen Völker- 
rechtsliteratur und der pazifistischen Literatur. 
Wir werden darauf gelegentlich noch zurück- 
kommen. 



Sozialdemokratische Flug- 
schriften. 
Nr. 14. Die Greuel des Krieges. — Nr. 15. 
Krieg dem Kriege. Gr. 8°. Berlin 1912. Ver- 
lag: Buchhandlung des Vorwärts. Je 16 S. 
mit Umschlag ä 10 Pf. 

In Nr. 14 werden die Greuel des Balkan- 
krieges nach den Berichten der Kriegskorre- 
spondenten zusammengestellt, in Nr. 15 findet 
sich ein Bericht des Baseler Kongresses vom 
24. und 25. Nov. 1912, Text der Eriedenspredigt 
des Pfarrer Täschler, die Reden bei der Kund- 
gebung im Münster, das internationale Friedens- 
manifest. Gute und billige Propagandaschriften. 



The Peace Year-Book. 1913. Edited 
by Carl. Heath. 8 °. London 1913. The Na- 
tional Peace Council. 283 S. 1 Sh. 

Dieser treffliche „Gotha" der Friedens- 
bewegung erweist sich auch in seiner dies- 
jährigen Ausgabe als ein unentbehrliches Hilfs- 
mittel für jeden, der in der Propaganda steht, 
und für alle die, die sich über den Umfang 
des Pazifismus unterrichten wollen. 



Eingegangene Druckschriften. :: :: :; :: :: :: :: :: 

(Besprechung vorbehalten.) 

La Vie Internationale. Revue men- 
suelle des Idees, des faits et des organismes 
internationaux. Tome IL 1912. Fascient 1. 

Aus dem Inhalt : Oliveira Lima, La 
Formation de PAmerique latine et la conception 
internationale de ses fondateurs. — Albert 



Counson, Les Meteques. — G. Lecointe, 
La Conference internationale de l'Heure de Paris 
et l'Unification de l'Heure. — Calendrier des 
Reunions internationales, usw. 

Bulletin of the Pan-American 
Union. (Washington) November. 

Aus dem Inhalt: The fifth international 
Congress of Chambers of Commerce, usw. 



d'E stournelles de Constant, Baron 
Paul Henri Benjamin, 
Auszug aus der Rede bei der Eröffnung des 
Kongresses des Verbandes für internationale 
Verständigung in Heidelberg, am 5. Oktober 
1912. Deutsche autorisierte Uebersetzung. 8 °. 
7 Seiten. Ohne Ort und Jahreszahl. (Zu be- 
ziehen durch Professor Wilhelm Paszkowski, 
Berlin NW., Bauhofstraße 7.) 

Fried, Alfred H., 
Handbuch der Friedensbewegung. Zweiter Teil. 
Geschichte, Umfang und Organisation der 
Friedensbewegung. Zweite, gänzlich umge- 
arbeitete und erweiterte Auflage. 8 °. Berlin 
und Leipzig. 1913. Verlag der „Friedens- 
Warte". 492 S. M. 5. 

Fried, Alfred H, 
Der Weg zum Weltfrieden im Jahre 1912. 
Pazifistische Chronik. 8 °. Berlin, Wien und 
Leipzig. Verlag der „Friedens-Warte". 31 S. 
50 Pf. 

Friedrich, Karl, 
Vergeude keine Lebenskraft. Zweite vermehrte 
Auflage. 8 °. München. Ernst Reinhardt. 105 S. 

Ge rs i n , K., 
Altserbien und die albanesische Frage. 8 °. 
Wien 1912. Anzengruber- Verlag, Brüder Su- 
schitzky. 55 S. i 

Macara, Sir Charles W., 
Internationale Industrie und internationaler 
Handel. Referat, vorgelegt der deutsch-eng- 
lischen Konferenz in London. 30. Oktober bis 
1. November 1912. Fol. O. Ort u. Jahreszahl. 
(Zu beziehen durch C. W. Macara, 33 York- 
street, Manchester.) 

O s t w a 1 d , Wilhelm, 
Der Monismus als Kulturziel. Vorgetragen im 
österr. Monistenbund in Wien (Großer Sofien- 
saal) am 29. März 1912. (Schriften des 
Monistenbundes in Oesterreich, Heft 2.) 8 °. 
Wien u. Leipzig. Anzengruber- Verlag, Brüder 
Suschitzky. 39 S. 50 Pf. 

Thomas, Pfarrer Frank, 
Der Friede und die Friedensbewegung. Predigt, 
gehalten in der „Victoria Hall" in Genf am 
22. September 1912 bei Gelegenheit der inter- 
parlamentarischen Friedenskonferenz und des 
XIX. Weltfriedenskongresses. 8 °. Frankfurt 
am Main 1912. Druck von Gebrüder Knauer. 
16 S. 

Veröffentlichungen des Ver- 
bandes für internationale Ver- 
ständigung: 
Heft 1. Butler, Nicolas Murray, 

Der internationale Geist. 13 S. 
Heft 2. Nippold, Prof. Dr. Otfried, 
Die auswärtige Politik und die öffentliche 
Meinung. 16 S. 
Heft 3. Schücking, Walther, 

Die wichtigste Aufgabe des Völkerrechts. 12 S. 
Heft 4. Rode, Prof. Dr. Martin. 



3S 



DIE FßlEDENS-'MfißTE = 



3 



Der Beitrag der christlichen Kirchen zur 
internationalen Verständigung. 17 S. 

Jedes Heft in 8°. Stuttgart 1912. Druck 
yon W. Kohlhammer. Preis 50 Pf. Kostenlos 
für Mitglieder des Verbandes. (Frankfurt a. M., 
Liebfrauenstr. 22.) 

Les Prix Nobel en 1911. 8". Stock- 
holm 1912. 80, 14, 12 und 19 S. mit Porträts 
und Tafeln. (Zu beziehen durch das Nobel- 
institut in Stockholm.) 

Le Groupe francais de l'Arbi- 
irage International et l'Union ln- 
terparlamentaire (mars 1912). Kl. 8°. 
Paris 1912. Oh. Delagrave. 58 S. 

Butler, Dr. Nicholas Murray, 
L'esprit international. Discours d'ouverture pro- 
nonce le 16 mai 1912 ä la Conference de Lake 
Mohonk pour l'Arbitrage international. Trad. 
de M. Jacques Dumas. Kl. 8 °. Paris 1912. 
Ch. Delagrave. 21 S. 

Conciliation Internationale. 

Bulletin trimestriel No. 2. 
L'Assemblee Generale du 30 mars 1912. Pro- 
gramme du Comite de Defense des Interets 
nationaux. Programme, Statuts et liste des 
membres de la Conciliation internationale. — 
Jarousse de Sillac, „L'Organisation de la 
Societe des Etats." Kl. 8°. Paris 1912. Ch. 
Delagrave. 142 S. 

— Bulletin trimestriel No. 3. 
L'amitie franco-americaine. La Keception de 
M. Robert Bacon an Senat. Un Discours 
de M. J. Jaures ä la Chambre des Deputes. 
Un article de M. Fred6ric Masson. — 
Le Comite f ranco-amerique ; avec une intro- 
duction de M. d'Estournelles de Con- 
stant. Kl. 8°. Paris 1912. Mit Abbildungen. 
Ch. Delagrave. 82 S. 

Almanach de la Paix pour 1913. 
Publie par l'Association de la Paix par le Droit. 
Priface de Charles Richet. 8°. Paris. 
Plön Nourrit & Cie. 72 S. Mit Illustrationen. 
25 Cts. 

Hagerup, M. F., 
Discours tenu ä la Seance solennelle d'ouverture 
de la XXVe Session de l'Institut de Droit inter- 
national ä l'Institut Nobel norvegien, Christia- 
nia, le 24 aoüt 1912. 8°. Stockholm 1912. 
10 S. (Zu beziehen durch das Nobel-Institut 
in Stockholm.) 

Maday, Dr. Andre de, 
Sociologie de la Paix. Introduction ä la Philo- 
sophie du Droit international. 8 °. Paris 1913. 
Giard & Briere. 13. S. 1,50 Fr. 

Butler, Nicholas Murray, 
The Service of the University. Stenogr. Rep. 
of an address delivered on the occasion of the 
dedication of the State Education Building at 
Albany N. Y., Oct. 16 1912. 8°. Repr. from 
the „Editorial Review" Dec. 1912. (Educa- 
tional Review Publishing Co., New York.) 10 S. 

„International Conciliation": 
Nr. 57 (Aug. 1912). Neil, Charles Patrick. 
The Interest of the Wage-Earner in the 
Present status of the Peace Movement. An 
address delivered at the Lake Mohonk Con- 
ference an International Arbitration, May 17, 
1912. 14 S. 



Nr. 58 (Sept. 1912). Giddings, Franklin H. 
The Relation of Social Theory to public 
Policy. 14 S. 

Nr. 59 (Okt. 1912). Stratton, George M. 

The double Standard in Regard to fighling. 

14 S. 
Nr. 60 (Nov. 1912). As to two Battle- 

s h i p s. Contributions to the Debats upon 

the Naval, Appropriation Bill by Hon. F i n 1 y 

William Ken t. 14 S. 

Nr. 61 (Dez. 1912). Lochner, Louis P. 

The Cosmopolitan Club Movement. 14 S. 
Nr. 62 (Jan. 1913). Root, Elihu. 

The Spirit of Self-Governement. An Address 
delivered at the 144th Anniversary Banquet of 
the Chamber of Commerce of the State of 
New York, November 21, 1912. 14 S. 
Jedes Heft : 8 °. (Zu beziehen kostenlos von 
„American Association for International Con- 
ciliation" Sub-Staiion 84 (407 West 117 th 
Street) New York City. 

Monthly Bulletin of Books, Pam- 
phlets and Magazine Articles dealing with inter- 
national Relations. Nov. 1912 und Dez. 1912. 8». 
New York. 8 bzw. 10 einseitig bedruckte S. 
(Zu beziehen durch die „American Association 
for Int. Conciliation". Sub-Station 84 (407 West 
117th Street) New York City. 

„Judicial Settlement of Inter- 
national Disputes": 
Nr. 10 (Nov. 192). Scott, James Brown, 
The Court of Arbitral Justice. Approved by 
the Second Hague Peace Conference (1907) 
and Recomended by the Institute of Inter- 
national Law (1912). 16 °. Baltimore, U. S. A. 
(Zu beziehen kostenlos durch Tunstall 
Smith, The Preston, B a 1 1 i m o r e, U. S. A.) 

Stockton, Charles H., 
Panama Canal Tolls. Reprinted. (U. S. Naval 
Institute, Annapolis M. D.) 6 S. 

W a y 1 e n , Hector. 
Conscripts of Peace. An Address delivered by 
Request in Connection with several Edinburgh 
Churches. 8°. Edinburgh 1912. (Zu beziehen 
durch: F. W. Nish. 17 St. Ann's Square. Man- 
chester.) 2 Pence. 15 S. 

D u d a n , Alessander. 
La politica antiitaliana in Austria-Ungheria. 
8 °. Roma 1912. (Estratto dalla „Rassegna 
Contemporanea" anno V. no. 11) 56 S. 

La guerra nella caricatura. Dis- 
segni di S c a r 1 a t i n i. Kl. 4 ° oblong. Milano 
1912. Societä anonima editrice „Avanti". 

V i s s e r , S. J., 
Over Socialisme. Een drietal Studies. 8 °. 
S'Gravenhage 1913. Martinus Nijhoff. 186 S. 

Wicksell, Anna ■B., 
Avrustningssträvandet och Fredsarbetet. Nägra 
ord om Svenska fredsförbundes uppgifter. 
Kl. 8 °. Stockholm. Albert Bonniers Förlag. 
(Svenska fredsförbundes Skriftserie No. I.) 12 S. 

Hellner, Jon., 
Obligatorisk Skiljedoni i toister mellan Stater. 
Föredrag vid Svenska fredsförbundets konsti- 
tuerande den 30. Jan. 1911. Kl. 8° Stock-« 
holm. Albert Bonniers Förlag. (Svenska Freds- 
förbundets Skriftserie No. IL) 13 S. 






34 



<£ 



DIE Fßl EDENS -^/AQJE 



Brisman, Sven, i 
Ar Världsfreden en Utopie? En fromställning 
ar Kriget ur historisk och ekonomisk Synpunkt. 
Kl. 8 °. Lund. (Zu beziehen durch : Svenska 
Fredsförbundets Skriftseries Expedition, Lund.) 
23 S. 

H u h t a 1 a , Kyösti, 
Opetuksesta kristillisessä Hengessä. (Finnisch: 
zu deutsch: ,Ueber den Unterricht im christ- 
lichen Geiste. 8 °. Tampereella 1912. Verlag 
des Finnischen Friedenvereins. 18 S. 



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Zeitschriften -Rundschau. :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: 

H. W. Die erste Nummer der neu begrün- 
deten „M itteilungen des Verbandes 
für internationale Verständigung" 
macht einen sehr guten Eindruck. Die Aufsätze 
sind durchweg praktischer Natur. Außer einem 
Berichte über die erste Tagung des Verbandes 
in Heidelberg finden wir darin zwei Aufsätze 
zur deutsch-englischen Verständigung und zwei 
Artikel über Probleme des Weltverkehrsrechts. 
In dem Berichte der Tagung des Verbandes 
wird u. a. der Behauptung der Zeitschrift 
„Die Friedensbewegung" entgegengetreten, daß 
d'Estournelles in Heidelberg die elsaß-lothrin- 
gische Frage habe anrühren wollen. Es wird 
festgestellt, daß dies gar nicht von dem Redner 
beabsichtigt war und daß erfahrungsgemäß der- 
artige Debatten, wenn sie stattfinden, für die 
Erhaltung und Pflege internationaler Beziehun- 
gen nur schädlich sind. Das habe ich bereits 
in meinem Berichte über den Weltfriedens- 
kongreß hervorgehoben, und ich hoffe, daß man 
sich auch in den Kreisen der deutschen 
Friedensgesellschaft dieser Ansicht nicht ver- 
schließen wird. Eine deutsch-französische Liga 
auf der Basis der Autonomie von Elsaß-Loth- 
ringen innerhalb der deutschen Bundesstaaten 
wird meiner festen Ueberzeugung nach mehr 
schaden als nützen. Wir sind in Deutschland 
noch lange nicht so stark, wie der Wehrverein 
usw., als daß wir einen solchen Kampf aufs 
große Ganze wagen könnten. Wir müssen erst 
Schritt für Schritt eine größere Anzahl An- 
hänger um uns sammeln, bis die Zeit gekommen 
ist, wo möglicherweise eine solche Liga, an 
der sich dann notwendigerweise gleich die 
ersten Namen Deutschlands beteiligen müßten, 
Aussicht auf Erfolg hat. Mehrmann er- 
blickt in seinem Aufsatze „Das Konzert der 
Mächte" in dem neuesten Zusammengehen der 
deutschen und englischen Diplomatie eine Art 
Wiederherstellung des Mächtekonzerts, zu- 
mal Frankreich dem nicht entgegenarbeite. 
Müller- Meiningen wünscht eine größere 
Fühlungnahme der einzelnen Parlamente auf 
Spezialkonferenzen, neben der Zusammenkunft 
aller Parlamentarier auf der Interparlamenta- 
rischen Union. F i t g e r weist auf das eng- 
lische Recht hin, wonach während eines 
deutsch-englischen Krieges die zwischen Deut- 
schen und Engländern geschlossenen Seever- 
sicherungsverträge nichtig sind, und beantragt 
internationale Regelung dieser Frage, die übri- 
gens auf Antrag der deutschen Vereinigung 
für internationales Recht auf die Tagesordnung 
der nächsten Tagung der „International law 
association" gesetzt ist. Von Fred Harsley 
wird die internationale Ueberwachung des 
Ozeans behandelt. 



Im Dezemberheft des „Völkerfriede" er- 
örtert Umfrid „die europäische Bedeutung 
der Balkankrise" in sehr realpolitischer Weise. 
K o 1 b wünscht einen größeren Ausbau der 
Friedenspresse. Dieser Wunsch erscheint über- 
flüssig. Denn die Friedenspresse ist bereits 
überall in ausreichender Weise vertreten. Darin 
hat K o 1 b aber recht, daß der Friedensgedanke 
vermittels der Presse in weitere Kreise getragen 
werden muß. Dies würde aber am besten da- 
durch geschehen, daß in den großen Tages- 
zeitungen, auch den gegnerischen, aufklärende 
Artikel erscheinen, da die Fachpresse in der 
Hauptsache immer nur von den eigentlichen 
Pazifisten gelesen wird. 

Im Dezemberhefte der Zeitschrift „D e r 
Friede" findet sich eine Kritik der Nicht- 
verteilung des Nobelfriedenspreises. Wir lesen 
dort, daß die Herren in Christiania der Sache 
ein wenig fern ständen. Wenn man allerdings 
erwägt, daß das Institut de droit international 
schon vor Jahren des Preises für würdig er- 
achtet wurde, die Interparlamentarische Union 
aber bis heute noch nicht, daß ferner Roosevelt 
den Preis erhielt, der an pazifistischen Leistun- 
gen hinter hunderten der heutigen Pazifisten 
zurücksteht, so muß man sagen, daß sich das 
Nobelkomitee zu der Meinung der meisten 
Friedensfreunde in Widerspruch gesetzt hat. 

In der niederländischen Kammer hat kürz- 
lich der Minister des Auswärtigen die Erklärung 
abgegeben, daß er voraussichtlich 
nicht in der Lage sei, dem nächsten 
Weltfriedenskongreß eine Subven- 
tion zu gewähren. Zur Begründung 
führte er aus: Bei der Erörterung 
der Aktualitäten habe man über 
Elsaß-Lothringen so gesprochen, 
daß die deutschen Delegierten fort- 
gelaufen seien, und bei der Behand- 
lung der Marokkofrage habe Frank- 
reich sich geweigert, an der Bera- 
tungteilzunehmen, bis schließlich 
der Kongreß in einem Chaos ge- 
endet habe. Gegenüber dieser irrtümlichen 
Behauptung haben die holländischen Delegierten 
zum Genfer Kongresse eine Richtigstellung im 
„Het Vaderland" veröffentlicht. Diese letztere 
finden wir auch im Dezemberheft von „Vreede 
door Recht". Auf jeden Fall ist es von 
Wert, festzustellen, wie sehr die Be- 
handlung der Aktualitäten dem Ansehen der 
Weltfriedenskongresse bereits geschadet hat. 



Fachpresse. :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: 

Völkerfriede (Eßlingen). Dez. O. U., Die 
europäische Bedeutung der Balkankrisis. — 
Dr. G. G r o s c h , Völkerfrühling. — Karl 
K o 1 b , Aufgabe der Friedenspresse. — usw. 

Mitteilungen des Verbandes für 
internationale Verständigung 

(Würzbnrg). No. 1. Bericht über die erste 
Tagung des Verbandes für internationale Ver- 
ständigung. — Dr. Karl Mehrmann, Das 
Konzert der Mächte. — E. Fitzner, Not- 
wendigkeit internationalen Rechts im Seever- 
sicherungswesen für Kriegszeiten. — Fred. 
Harsley, Lehren der Titanic-Katastrophe. 
— Dr. Müller-Meiningen, Parlament 
und internationale Verständigung. — 



35 



DIE FRIEDENS- V&DTE 



3 



Der Friede (Bern). Dez. H. S., Gottfried 
Schuster f. — G. C., Die Friedensdemonstra- 
tion des internationalen Sozialistenkongresses 
in Basel. — K. Rüd, Einige Gedanken über 
den sozialistischen Friedenskongreß. — Der 
Friedens-Nobelpreis. — usw. 

DieFriedensbewegung (Bern). No. 23/24. 
Kundgebungen gegen den Balkankrieg. — Die 
Satzungen des internationalen Friedensbureaus 
in Bern. — Deutsch-englische Verständigungs- 
Konferenz in London. — Ein Sieg der Türkei 
vor dem Haager Schiedshöfe. — Manifest der 
Internationalen zur gegenwärtigen Lage. — 

— usw. 

The Arbitrator (London). Dez. The Bal- 
kan Situation. — The Hague and British 
Policy in the Balkans. — Mrs. Bradlaugh- 
Bonner, Amongst the Scottish Women 
Liberais. — Successful Anglo-German Con- 
ference in London. — The Kaiser and Peace. 

— usw. usw. 

— Jan. The Powers and the Balkans. 

— Canada and the Navy. — David 
Starr Jordan, The Panama Canal and its 
Economies. — The Panama Canal and Foreign 
Shipping (Reply of Sir Eduard G r e y to Pre- 
sident Taft). — Sovereignity over the air 
(Important Lecture by Sir Erle Richards). 

— usw. 

C o n c o r d (London). Nov. Felix Mosche- 
les, The Ordeal. — J. F. Green, The 
Balkan War. — J. A. Farrer, Conscription 
in New Zealand. — Carl Heath, The Anglo- 
German Understanding Conference. — An 
historic Gongress. — usw. usw. 

— Dez. G. H. Perris, The Work of Man. — 
Felix Moscheies, A rising Force. — 
Charles Weiß, Some personal Impressions 
of the Anti-War Demonstration at Basel. — 

Herald ofPeace (London). Jan. „The Time 
is short." — Aberdeen University Peace So- 
ciety. — Autumnal Meeting of the Peace 
Society. — 

Advocate of Peace (Washington). Dez. 
What the Peace Movement is. — The inherent 
Weakness of Militarism. — The Anglo-German 
Understanding Conference. — Gertrude B. 
Magill, To the Baroness von Suttner. — 
Churches should be Leaders in the Peace 
Movement. — Edwin D. Mead, More Sol- 
diers or more Reason 1 — James L. Tryon, 
The international Boycott a dangerous Wea- 
pon. — Evans Darby, The Peru of the 
Air. — Charles E. Jefferson, Armed 
Peace — the Bürden and Folly of Europe. 

— John Brunner, The Cost of Mili- 
tarism. — usw. 

The Cosmopolitan Student (Madison, 
Wis.). Nov. (Michigan-Nummer). C. P. Wang, 
Rare Tales from Chinese Lore. — James B. 
A n g e 1 1 , The Situation in the Balkan. — 
Dr. R. V. Drechsler, The American In- 
stituts. — 

— Dez. George W. Nasmyth's aus 
Heidelberg 18. IX. 1912 datierten Bericht 
über die Entwicklung der Corda-Fratres-Be- 
wegung in Europa. 

The Messenger of Peace (Richmond, 
Ind.). Nov. Inez P. Burton, The Oppor- 
tunity and the Duty of the Schools in the 



int. Peace Movement. — J. G. Alexander, 
The Geneva Peace Congress. — usw. 
La Paix par le Droit (Paris). No. 22. 
Charles Richet, Une Visile an Quai 
d'Orsay. — Francis Delaisi, La Crise 
europeenne (deuxieme article). — J. Prud- 
hommeaux, La Guerre ne paie plus. — 
Charles Richet, Ce que coüterait une 
guerre europeenne. — usw. usw. 

— Nr. 23. Frederic Passy, Ceux qu'il 
faut honorer. — La Paix europeenne par la 
„Neutralisation" de rAlsace-Lorraine. — Lu- 
den Le Foyer, Le devoir de l'Europe. — 
usw. usw. — 

— No. 24. Francis Delaisi, Les financier 
et la guerre balkanique. usw. 

Bulletin de la Li gue des Catholiques 
francais pourlaPaix (Brignais). No. 21. 
A. Vanderpol, La Creation d'une Union 
pour l'Etude du Droit des Gens d'apres les 
principes Chretiens. — F. D u v a 1 , Les Appli- 
cations pratiques de la Doctrine de l'Eglise 
sur la guerre au Moyen-Age. — usw. 

Etat-Unis d'Europe (Bern). Dez. La 
Guerre des Balkans et le Pacifisme. — Emile 
Arnaud, Arbitrage et amiable Composition. 

— usw. 

La Paix (Genf). W. Kohl, La Folie de la 
guerre. — Louis Gionoli, L'Artiste et la 
guerre. — usw. 

Fredsfanan (Stockholm). Nov. Eduard 
Wawrinsky, August Beernaert. — usw. — 

— Dez. (Julnummer). Krieg : Södes-Fred i Nord. 

— Marie Dehn, Fran Genevekongressen. — 
Dr. N. A. Nilsson, Världens f örenade Sta- 
ter. — Carl Sundblad, Krigsprof eterna 
och världskriget. 

Fredsbladet (Kopenhagen). Dr. Niels 
Petersen, Krig og Fred. — Nobelsfreds- 
pris. — 



Artikel - Rundschau. 

Von Carl Ludwig Siemering. 

Immer wieder muß man die Greuel 
des Balkankrieges ungescheut an den 
Pranger stellen, „denn sie zeigen, was es in 
Wahrheit ist mit dem Kriege!" so schrieb 
Richard Gädke im letzten dieser Hefte. 
Also denn: 

Dr. D i 1 1 o n , der Wiener Spezialkorre- 
spondent des Londoner „Daily Tele- 
graph", erhielt am 9. Dezember aus Kon- 
stantinopel und Bukarest Nachrichten von un- 
menschlichen Metzeleien, die die christlichen ( !) 
Soldaten in der Umgebung Salonikis unter 
der unbewaffneten mohammedanischen Bevöl- 
kerung angerichtet hatten. — Die „Südslaw. 
Korrespondenz" meldet aus Belgrad entsetz- 
liche Einzelheiten über das Vorgehen der Trup- 
pen und Freischärler des Generals Janko- 
witsch, wodurch eine „künstliche Ent- 
völkerung Albaniens" stattfinde. Ein 
furchtbares Morden raffte Tausende und aber 
Tausende von Albanesen hinweg; die Untaten 
an Frauen und Kindern spotten der blutigsten 
Phantasie. — Nach einer Mitteilung der Berliner 
türkischen Botschaft aus den Weihnachts- 



36 



<§= 



DIE FRIEDENS-^^RXE 



_ an haben griechische Banden, die 
in" das rnuselmanische Dorf Kolonjati bei 
Janina einrückten, trotz der guten Aufnahme 
durch die Einwohner diese unerbittlich nieder- 
gemetzelt, die Männer obendrein noch verstüm- 
melt und verbrannt. — Sehr erfreulich wirkt 
die durch die Balkanwirren erfolgte deutsch- 
englische Annäherung, die von dem 
deutschen Botschafter in London, Fürst Lieh- 
n o w s k y , am 30. November öffentlich bestä- 
tigt und im Anschluß daran von der „Daily 
News" unterstrichen wurde: Beide Länder 
hätten die beste Gelegenheit, jeden Appell an 
die Gewalt zu entmutigen; solange ihre Verbin- 
dung bestehe, seien die Aussichten auf eine 
friedliche Lösung außerordentlich gefördert. 
Auch der „Daily Telegraph" schreibt er- 
freut: „. . . Plötzlich kommt die Entdeckung, 
die in beiden Hauptstädten zugleich gemacht 
wird, daß die nämlichen Ziele loyal, wenn auch 
unabhängig voneinander, verfolgt werden." 
Umso haßlicher wirkt es da,, wenn die ,,L e i p z. 
N. N." vom 8. Dez. „Die Gefahr von der andern 
Seite" in der kanadischen Flottenvorlage er- 
blicken: „England glaubt erst noch mit diesem 
kolonialen Zuwachs für seine Flotte rechnen zu 
müssen, ehe es stark genug zu sein meint." — 
Auch andere Chauvinisten halten ihre Zeit an- 
scheinend für gekommen ; sie warnen vor „un- 
angebrachter Vertrauensseligkeit" und weisen, 
wie Herr Keim im „Tag" vom 22. Dezember, auf 
die Annahme des Infanterie-Kadergesetzes in der 
französischen Kammer hin. Die Folgerung 
aber, daß demnach auch deutsche Mehr- 
rüstungen anderwärts erklärlichen Argwohn her- 
vorrufen müssen, wird natürlich nicht gezogen ; 
wenn vielmehr ein deutscher Autor, wie der be- 
kannte Kapitän zur See a. D. Persius, Mitte 
Dezember in der „Ostsee-Zeitung" und der „Kö- 
nigsb. Hartungschen Zeitung" energisch gegen 
die weitere übertriebene Agitation zur Vermeh- 
rung unseres Schiffsbestandes Front macht, da 
eine solche Agitation nicht den Frieden sichere, 
sondern das Risiko vermehre, dann fallen die 
Herren vom Flotten- und Wehrverein sofort 
über ihn her und lassen kein gutes Haar an ihm ! 
In der Weihnachtsbotschaf t der „N o r d d. A 11g. 
Z t g." wurden ja auch bereits' für das Frühjahr 
„weitere Ausgaben für den Bedarf des Heeres" 
angekündigt, „wie sie angesichts der Weltlage 
nicht vermeidbar sein werden." Eben dadurch 
wird dann die Weltlage wieder bedrohlicher 
werden; man wird anderwärts, und schließlich 
auch in Deutschland, abermals rüsten müssen 
— kurzum der ewige, fehlerhafte Zirkel ! 



Die eben erwähnte „K önigsb. Härtung- 
sohe Zeitung" kommt unter ihrem neuen 
Chef Paul Listowsky den pazifistischen 
Bestrebungen in besonders liebenswürdiger 
Weise entgegen. Sie brachte am 7. Dezember 
einen Leitartikel von Georg K o s s a k , dem 
stellvertr. Vorsitzenden der rührigen Königsber- 
ger Ortsgruppe der Deutschen Friedensgesell- 
schaft: „Soll ein Kaufmann Pazifist 
sein?" Ferner am 15. Dezember einen klugen 
Leitartikel „Der Friedenssonntag" aus 
der Feder des Chefredakteurs selbst, den bereits 
genannten Persius- Aufsatz und — von kleine- 
ren Berichten und Notizen abgesehen — am 
1. Januar eine stark pazifistisch gefärbte „Neu- 



jahrsbetrachtung" von Ludwig Fulda. Die 
Ortsgruppe veröffentlichte in diesem altange- 
sehenen Organ (wie auch an anderer Stelle) 
mehrfach große Inserate, u. a. einen Aufruf an 
die Geistlichen und ein Expose: „Der ewige 
Krieg — eine große Täuschung!" 



Der so plötzlich verstorbene, deutsche 
Staatssekretär von Kiderlen- W aechter 
machte uns erst kürzlich wegen seiner Stellung- 
nahme zum Rüstungsproblem zu schaffen.,' Die 
führenden Berliner Organe, u. a. das „Tagebl." v. 
29. Dez., führen zu seinen Ehren mit Recht an, 
daß die deutsche Politik in "der Balkanfrage 
bisher keine unbesonnene, draufgängerische, son- 
dern eine abwägende, ausgleichende war. — 
Eine geniale Entdeckung hat am 9. Dezember die 
freikonservative Berliner „Post" gemacht: daß 
nämlich die englische Flotte auf einen Winter- 
krieg in nördlichen Gewässern nicht eingerichtet 
sei, da ihre Schiffe in der großen Mehrzahl 
keine Heizungsanlagen enthielten. 
Selbst die„Deutsche Tages ztg." verulkt 
ihre Gesinnungskollegin ob dieser nationalisti- 
schen Narretei recht kräftig; dann sollte mau 
doch, so meint sie, den ersten Frosttag dieses 
Winters benutzen, um die britische Flotte mit 
ihren steifgefroreneu. Admiralen, Offizieren und 
Matrosen zu vernichten. Probatum estl — An- 
gesichts der in England rege gewordenen Pro- 
pagierung der allgemeinen Wehrpflicht 
durch Lord Roberts und die „Times" weist 
ein Artikel des „Hamb. Fremdenbl." vom 
24. Dezember u. a. darauf hin, welche Wirkung 
auf den Arbeitsmarkt eine Herausnahme von 
100 000 oder gar 250 000 arbeitsfähigen Männern 
haben müßte. — In Heft 52 der „Garten- 
laube" spricht sich Freiherr v. d. Goltz 
gegen den immer mehr umi sich greifenden un- 
kriegerischen Sinn unserer Zeit aus, worin er 
eine schwere Gefahr erblickt. Diese Befürch- 
tung erscheint um so müßiger, als, die wirtschaft- 
liche und soziale Entwicklung bekanntlich in 
allen Ländern, also nicht nur; in Deutschland, 
die gleichen kriegsfeindlichen Erscheinun- 
gen zeitigt. — Redakteur J. Scherek- Berlin 
bringt Ende Dezember in mehreren Blättern, 
z. B. in der „Bresl. Ztg.", einen Artikel „K am p f 
und Krieg", der in der Vermischung beider 
Begriffe das Menschenmögliche leistet: es wird 
vom „Krieg" in der nationalliberalen Partei 
gesprochen, vom „Krieg", den das Zentrum 
predige, und schließlich heißt es : dann: „Krieg 
und (I) Kampf werden nie aufhören." Wann 
werden endlich einmal, in den Köpfen der Intel- 
lektuellen, diese Verwechselungen aufhören?! 
. . . Franz Wedekind offeriert im „Berl. 
Tagebl." vom 25. Dezember unter dem Strich 
6 Spalten „Weihnachtsgedanken", worin er zum 
Schluß in gutgemeinter, aber recht dilettan- 
tischer Weise für ein „W el t pari amen t" 
eintritt als einen „in Permanenz erklärten Frie- 
denskongreß, der im Gegensatz zu den bis- 
herigen, aus Dilettanten (!) und notorischen 
Händelsuchern ( ! !) zusammengesetzten Friedens- 
kongressen über alle Machtmittel der Welt ver- 
fügte." Von der Notwendigkeit schrittweisen 
Vorgehens und der Existenz einer Interparla- 
mentar. Union scheint der Autor überhaupt 
nichts zu wissen, schreibt aber, trotzdem öffent- 
lich über eine Bewegung, deren Elemente er 



37 



DIEFBIEDENS-Vi^DTE = 



G> 



nicht beherrsclit. Der Generalsekretär der ge- 
nannten Union, Chr. L. Lange- Brüssel, gibt 
in seinem Artikel „Europa" („Frankf. Ztg." 
vom 25. Dezember) sozusagen die richtige Ant- 
wort auf Wedekinds Tiraden; er sieht eine 
„Revolte des Hungers und der Indignation" 
herannahen, falls immer noch weiter gerüstet 
und mit dem Kriegsfeuer gespielt wird. 



Günther v. Vielrogge (Oberstleutnant 
.a. D. C a r 1 v. Wartenberg) war wegen seines 
Artikels „Das zu oft verwaiste Regi- 
ment" (im Aprilheft des „Türmer") von der 
„Deutsch. Tagesztg." und den „Leipz. N. N." 
scharf angegriffen worden. Er wehrt sich gegen 
diese Verunglimpfungen in einer schneidig ge- 
schriebenen kleinen Broschüre: „Das zu oft 
verwaiste Reg. und die reaktionäre Presse" (Ver- 
lag Nationale Kanzlei, Leipzig-St., Naunhofer- 
str. 33), worin er auf Seite 16 einen „Fürsten- 
spiegel" mitteilt, der der „Deutsch. Tages- 
ztg." entstammt und an Unverblümtheit wahr- 
lich nichts zu wünschen übrig läßt. Schwere 
Vorwürfe werden auch gegen das preußische 
Kriegsministerium und das preußische 
Militärkabinett erhoben. 



In einer Besprechung des Erich Marcks- 
schen Buches „Männer und Zeiten" in der 
„Frankf. Zeitung" vom 29. Dezember nimmt 
der Referent, der Präsident des Ober-Konsisto- 
riums in Elsaß-Lothringen, Dr. Friedrich 
Curtius, in interessanter Weise Stellung zu 
des Verfassers Ansichten vom Kriege. Es 
heißt da, anschließend an dem von Marcks 
zitierten Satze: „Der Krieg ist der große Schöp- 
fer auch innerlicher Neubildung in Staat, Ge- 
sellschaft, Wirtschaft, in aller Kultur", fol- 
gendermaßen: „Ich kann mich nicht überzeugen, 
daß diese Kombination politischer und wirt- 
schaftlicher Bestrebungen mit dem Ziele des 
Weltkrieges dem deutschen Geiste gemäß sei. 
Für die Engländer, die ihre Kriege mit bezahl- 
ten Söldnern führen, ist der* Krieg, im Grunde 
genommen, ein Geschäft, wenn auch ein grau- 
siges, die Entscheidung über Krieg und Frieden 
eine Geldfrage. Ihre Kriege im 18. Jahrhundert 
werden von Marcks als Handelskriege gewürdigt 
und auch ihre Teilnahme an der Erhebung 
Europas gegen Napoleon war nicht, wie auf 
dem Kontinent von Spanien bis Rußland, ein 
Kampf um nationale Selbständigkeit, sondern 
um die Wiedereröffnung der Welt für den eng- 
lischen Handel. Man begreift deshalb, daß 
in demjenigen Teile der englischen Nation, dem 
der Erwerb alles ist, die deutsche Konkurrenz 
den Gedanken einer gewaltsamen Entscheidung 
entstehen läßt. Daß, auch reingeschäft- 
lich betrachtet, dieser Gedanke 
eine große Täuschung ist, hat ein 
berühmtes Buch nachgewiesen. Aber 
dem deutschen Geiste ist diese Verbindung 
von Patriotismus und Geschäft unnatürlich. Ge- 
wiß streben wir nach Raum für die Erzeug- 
nisse deutscher Arbeit und für deutsche Men- 
schen. Wie wir aber im Privatleben den un- 
lautern Wettbewerb verurteilen, so im inter- 
nationalen Geschäft den Wettbewerb durch 
Kanonen und Panzerschiffe. . . . Marcks sagt, 



38 



daß die imperialen Bestrebungen von der alten, 
durchaus nationalen Grundlage herkommen, in- 
dem „die Nationen über die Ränder ihrer 
heimatlichen Formen übergeströmt sind in die 
Welt hinein." Das ist gewiß richtig. Wenn 
dem aber so ist, so handelt es sich um eine 
wirtschaftliche Erscheinung, aus der der Po- 
litik die Aufgabe erwächst, die unvermeid- 
lichen Kollisionen zu überwinden. 
Es ist geradezu ein Verzicht auf die Lösung 
der höchsten politischen Aufgaben, ein Ver- 
zicht im Grunde auf die Superiorität 
des Geistes über die Natur, wenn man 
die Entwicklung dieser Dinge in der resignier- 
ten Erwartung eines Welthandelskrieges an- 
sieht. Die „rücksichtslose Machtpolitik" ist 
ethisch und politisch noch eher zu entschul- 
digen, wenn sie im Ernste ein Weltreich plant, 
das der gequälten Menschheit nach Zeiten uner- 
hörter Drangsale den ewigen Frieden verschafft. 
So feierten die römischen Dichter die Herr- 
schaft des Augustus, als einen solchen Versuch 
hat auch Napoleon gelegentlich das letzte Ziel 
seiner Politik vor dem Gewissen der Mensch- 
heit verteidigt. Wenn man aber den Weltkrieg 
ohne Ziel und Ende kommen sieht, so ist das 
der Bankrott der Politik, eine ent- 
schlossene Rückkehr zur Barbarei. 
Im Blick auf eine solche Perspektive erscheinen 
die Welteroberer, Alexander und Napoleon, wie 
fromme Idealisten." — In der „Welt am Montag" 
vom 16. Dezember weist Helmut v. Gerlach 
den „Bankerott des Friedens" nach. Ihm 
scheint es, daß die alte Friedensidee „Pleite 
gemacht". „Neue Wege gilt es zu wandeln". 
Es dünkt uns, daß nur die Idee, die sich Herr v. 
Gerlach von der Friedensidee gemacht hat, 
„bankerott" ist. Die „neuen Wege", die er 
sieht, haben andere schon längst gebahnt. Ihm 
sind sie noch neu; einer, der mit einem Ha- 
pag-Luxusdampfer nach New York fährt und sich 
einredet, Amerika entdeckt zu haben. — Drol- 
lig ist es, wenn die Aestheten, am drolligsten 
gar, wenn die Kabarett-Spaßmacher sich über 
die Wissenschaft des Pazifismus äußern. In 
einem „Deutsche Dichtung, Deutsche 
Wirklichkeit" betitelten Artikel in der 
„Neuen Straß burger Zeitung" vom 23. 
Dezember kommt uns Freiherr Ernst von 
Wol zogen in politischem Kostüm. Man 
höre: „Als ich in der Zeitung las, daß heuer 
kein Nobelpreis für Friedensbestrebungen ver- 
liehen werden könne, da habe ich dreimal 
Hurra geschrien. Mag das nun geschehen 
sein, weil in der ganzen' zivilisierten Welt wirk- 
lich kein ehrwürdiger Faselhans zu 
finden war, oder weil die Preisrichter das Fein- 
gefühl besaßen, sich in einer Zeit, wo die ganze 
Welt dem Heldenmut von vier verkannten 
kleinen Völkerschaften die verdienten Ehren- 
bezeugungen erweist, sich mit der Belohnung 
billiger Salbadereien nicht lächerlich zu machen, 
gleichviel — das blanke Schwert ist den müßi- 
gen Wortmachern über den Mund gefahren, 
und das dünkt mich erfreulich.' Wir haben in 
Deutschland gegenwärtig nicht den geringsten 
Grund, mit dem Säbel zu rasseln, und ein 
Triumph der Unvernunft wäre es, wenn ganz 
Europa wirklich darum bluten müßte, weil 
österreichische Handelsinteressen den sieg- 
reichen Serben keinen Adriahafen gönnen. Aber 
gut ist es auf alle Fälle, daß wir wie- 
der einmal einen gerechten Krieg 






©= 



= DIE FRI EDENS -WARTE 



in der Nähe erleben und der Gefahr ins 
Auge sehen mußten. Nicht die schlechteste 
Folge wäre es, wenn auch die deutsche Dich- 
tung sich von dieser Nähe des Schreckens 
ein wenig am Ohr gezupft fühlen und sich 
dadurch an ihre höheren Pflichten erinnern 
lassen wollte. Sie ist schon soweit gekommen, 
die Bekrittelung und Bewitzelung alles Helden- 
tums als Beweis überlegenen Geistes ebenso 
anzustaunen, wie die Flucht aus dem Reich- 
tum der Gegenwart in die armseligsten Winkel 
der Vergangenheit. In den vier Jahrzehnten 
des Friedens ist auch die Dichtung fast ganz 
zurreinenLuxuskunstgeworden, und 
sie hat in der gedeihlichen Bruthitze ästheti- 
scher Ueberkultur ungemein viel gelernt." Ja, 
schon zur Hebung der deutschen Dichtkunst, 
sollte man losschießen, stechen, brennen.! Herr 
v. Wolzogen braucht Kabarettstimmung im 
Lande. Hurra! — Auch die allezeit „übernatio- 
nalen" „Dresdener Nachrichten" leisten 
sich in ihrer Nummer vom 15. Dezember aus 
Anlaß der NichtVerteilung des Nobelpreises 
einen Artikel, den sie „Das Fiasko der Friedens- 
idee" betiteln. — Wahrscheinlich, um allen 
ihren Lesern gerecht zu werden, schreibt die 
„Leipziger Illustrierte Zeitung" in einen „Friede 
auf Erden" betitelten Weihnachtsartikel u. a. 
den Satz : „Daß der Krieg immer ein unheilvolles 
Uebel ist, kann getrost zugegeben werden, 
nichtsdestoweniger ist er von jeher ein Element 
fortschrittlicher Kulturentwicklung . . . ge- 
wesen." Aber: Ein „Uebel" ist schlecht, 
ein „Element fortschrittlicher Kulturentwick- 
lung" ist gut. Ist der Krieg nun gut oder 
schlecht? Heraus mit der Sprache! Solch 
zweideutiges Gestammel ist unklar. 

Mi 

Artikel. :: :: :: :: :: n :: n :: :: s :: :: :: :: :: :: 

(Bibliographie.) I. Friedens- 
bewegung im allgemeinen: Anna 
B. Eckstein, Auf zur vorbeugenden Tat! 
„Die Frau der Gegenwart." (Breslau.) 15. X. 

* Walther Nithack Stahn, Die Stel- 
lung des evangel. Geistlichen zum Kriegs- 
problem. „Allgemeiner Beobachter." (Ham- 
burg.) 1. XII. * Kurdv. Strantz, Weiteres 
zum Fall Lamszus. „Allgemeiner Beobachter." 
1. XII. * R. P., Wilhelm Förster; z. Beginn 
seines neunten Lebensjahrzehntes. „Eth. Kul- 
tur." 1. I. * Miyaoka, Das Exekutiv- 
Komitee der Carnegiestiftung für den inter- 
nationalen Frieden. (In Japan. Sprache), „The 
Taiyo." (Tokio.) Nr. 16. * Pfarrer Täsch- 
ler, Völkerfrieden. Morgenpredigt im Münster 
zu Basel, am Tag der Friedenskundgebung des 
internationalen Sozialistenkongresses. „Schwei- 
zerisches Protestantenblatt." (Basel.) Nr. 48. 

* Paul Kampffmeyer, Der sozialistische 
Friedensgedanke; ein Stück Verfassung. „Soz. 
Monatshefte." 12. XII. * P. Rühlmann, 
Normann Angell, Die große Täuschung. (Re- 
ferat.) „Deutsche Literaturzeitung." (Berlin.) 
Nr. 51/52. * Hermann vom Rath, 
Friedenspolitik. „Der Tag." 14. XII. * Der 
Friedenssonntag. „Königsberger Hartung'sche 
Zeitung." 15. XII. * Der Friedenspreis. „Köl- 
nische Zeitung." 14. XII. * Nieder mit dem 
Krieg! (Von ein. Offizier der serb. Armee.) 
„Vorwärts." 18. XII. * Les Commercants et la 
Paix. ITne Enquete. „Journal dAUemagne." 



(Berlin.) 5. XII. * Dr. Wilh. Stapel - 
Dresden, Zur Rechtfertigung des Krieges. „Die 
Grenzboten." 18. XII. * Eugen Wölbe, 
Schule und Weltfrieden. „Voss. Ztg." 29. XII. 

* Dr. Müller-Meiningen, Parlament und 
internationale Verständigung. „Neue Badische 
Landeszeitung." (Mannheim.) 1. I. * Max 
Maurenbrecher, Die Demokratie und der 
Krieg. „Das freie Wort." Nr. 19. * Grete 
Meisel-Heß, Die Frau im Kriege. „Ueber 
Land und Meer." Nr. 13. 

IL Die internationale Politik: 
Dr. Elsbeth Friedrichs, Pan- Amerika 
als Ausdruck einer neuen Kultiurepoche. „Der 
Volkserzieher." Nr. 20. * Dr. Er ns t S ieper, 
Die deutsch-englische Verständigung. „Die kri- 
tische Tribüne." (München-Pasing.) Nr. 18. * 
Karl Leuthner, Das Balkanproblem und 
Oesterreich-Ungarn. „Soz. Monatshefte." Nr. 23. 

* Zwei Mitarbeiter an der deutsch-englischen 
Verständigung. „Neue Preußische (f) Zeitung." 
4. I. 13. * Charles Tuchmann, Zur 
deutsch-englischen Verständigung. „Vossische 
Zeitung." 5. I. * Professor Otfried 
N i p p o 1 d , Der Wert der deutsch-englischen 
Verständigungskonferenz. „Karlsruher Zeitung." 
13. XII, und „Neue Badische Landeszeitung." 
28. XII. * Prof. Richard Eickhoff, 
England und Deutschland. „Der Tag." 13. XII. 

* Ernst Schultze, Der Kultureinfluß Eng- 
lands auf Deutschland. „Dresdener Anzeiger." 
22. u. 29. XII. * W. v. Massow, Die Er- 
neuerung des Dreibunds. „Die Grenzboten." 
18. XII. 

III. Völkerrecht: L. Krause, Die 
Eisenbahnen im Kriege und die Haager Friedens- 
konferenz. „Die Wage." (Wien.) 24. XII. * 
Karl Schrader, Eine Lehre des Balkan- 
krieges. Ein neuer Weg zum Ausgleich inter- 
nationaler Streitigkeiten. „Berliner Tageblatt." 

«5. 1. 

IV. Internationales: Louis P. 
L o c h n e r , Ueber internationale Studenten- 
vereine. „Hochschulnachrichten." (München.) 
Nr. 2. 

V. Wirtschaftliches: John R. 
Loewenherz, Krieg und Währung. „Ber- 
liner Tageblatt." 22. XII. * Francis W. 
H i r s t , Englands auswärtige und Handels- 
politik. „Frankfurter Zeitung." 1. I. * Prof. 
Charles Richet, Die Kosten eines europä- 
ischen Krieges. „Dokumente des Fort- 
schritts." 11. 



SMITTEILVN6EN DEß: 
FRIEDENSGESEUSCHAFTEN 

(Verantwortlich für den Inhalt dieser Rubrik ist nicht die 
Schriftleitung, sondern die betreffende Friedensgesellschaft.) 



Oesterrekhische Friedensgesellschaft. 

Bureau: Wien I, Spiegelgasse 4. 

Rückkehr unserer Präsidentin 
aus Amerika. Nach halbjährigem Aufent- 
halte in Amerika ist Baronin v. Suttner am 



39 



DIE FßlEDEN5-\^DTE 



;© 



23. v. M. wieder in Wien eingetroffen und wurde 
am Westbahnhofe von den versammelten Vor- 
standsmitgliedern unserer Gesellschaft sowie 
gleichfalls anwesenden intimen Freunden der 
Baronin herzlichst empfangen. Dr. v. Dorn rich- 
tete an die Heimgekehrte Worte der herz- 
lichsten Begrüßung. Baronin v. Suttner wird am 
17. d. M. im Beethovensaale über ihre Er- 
lebnisse in Amerika einen Vortrag halten, über 
dessen Verlauf wir in der nächsten Nummer 
berichten werden. 



Resolution. Der Vorstand beschloß in 
seiner Sitzung vom 18. v* M. bezüglich des 
im Abgeordnetenhause gestellten Antrages, „die 
Regierung ist aufzufordern, ihren verfassungs- 
mäßigen Einfluß auf die gemeinsame Regierung 
in dem Sinne auszuüben, daß Oesterreich- 
Ungarn sich bereit erklärt, im Falle, daß 
Serbien eine angemessene Genugtuung für die 
Verletzung des österreichisch-ungarischen Kon- 
sulates in Prizrend verweigern sollte, die Streit- 
sache der Entscheidung des ständigen Schieds- 
gerichtes zu unterbreiten", dem Antragsteller, 
Herrn Abgeordneten Leuthner, sowie jenen 
Herren Abgeordneten, welche für seinen An- 
trag gestimmt haben, für die Vertretung der 
Prinzipien der Staatenschiedsgerichtsbarkeit 
den wärmsten Dank auszusprechen. 

Hierbei hat der Vorstand mit Befremden 
und Bedauern konstatiert, daß berufene Ver- 
treter dieser Prinzipien, Mitglieder der inter- 
parlamentarischen Union, nicht die Initiative 
zu diesem Antrage ergriffen, ja, sogar gegen 
denselben gestimmt haben. Diese Haltung hat 
nicht verfehlt, unter allen Friedensfreunden 
peinliches Aufsehen zu erregen. Um so mehr, 
als Oesterreich-Ungarn doch eine Signatar- 
imacht der Haager Konvention ist, und ein 
offizieller Vertreter Oesterreich-Ungarns am 
Haager Schiedshöfe, Herrenhausmitglied Herr 
Hofrat Lammasch, wiederholt öffentlich er- 
klärte, daß die Angelegenheit Prochaska geeignet 
wäre, vor das Haager Schiedsgericht gebracht 
zu werden. 

Der Vorstand der Oesterreichischen Frie- 
densgesellschaft hat daher beschlossen, seine 
Mitglieder zu ersuchen, die Abgeordneten ihres 
Bezirkes gelegentlich der Erstattung des 
Rechenschaftsberichtes über die Gründe ihres 
Verhaltens gegenüber dem Antrage Leuthner zu 
interpellieren. 



Aktionskomitee. Oberrecbnungsrat 
Schleck, ein tatkräftiges Mitglied unseres 
Aktionskomitees, veröffentlichte in der „Staats- 
Beamten-Zeitung", sowie in der „Rechnungs- 
B eamten-Zeitung", Aufsätze, zur Förderung un- 
serer Bestrebungen. Seinen Bemühungen ist es 
auch zu danken, daß die genannten Blätter 
als Beilage einen Aufruf der Friedensgesell- 
schaft brachten, in dem die k. k. Staats- 



beamten aufgefordert werden, sich unserer Ge 
Seilschaft anzuschließen. 



CfcäS» 



Friedenspropaganda in Böhme 
Ein eifriger Förderer unserer Sache, Professo: 
Dr. A. Batek in Prag, sendet uns ein Schreiben 
über seine pazifistische Tätigkeit, aus dem wir 
einige interessante Stellen hier folgen lassen: 

„Da in Prag läßt sich doch viel mehr 
machen als in Pilsen. Dort unter der Obhut 
der Skodawerke wachsen nur dem Flotten verein 
die Früchte. Da ich auch andere als pazifistische 
Vorträge halte, so habe ich in diesem Monat schon 
an sieben Stellen vorgetragen. Natürlich lasse 
ich auch bei Behandlung rein wissenschaft- 
licher und kultureller Vorträge überall die 
pazifistische Tendenz durchleuchten. 

Hier ist auch eine Fabrik, welche für ihre 
Arbeiter allgemein belehrende Vorträge ver- 
anstaltet. Da habe ich schon dreimal 
vorgetragen. Immer sind gegen 150 Arbeiter 
anwesend. Im Dezember habe ich dort über 
allmenschliche Ideen vorgetragen, wo ich natür- 
lich in erster Reihe die pazifistischen Be- 
strebungen hervortreten ließ. 

Schade, daß ich mit der Schule und auch 
wissenschaftlich zu viel beschäftigt bin. Sonst 
möchte ich einen böhmischen Friedensverein 
gründen. Aber dazu habe ich viel zu wenig 
Zeit. Jetzt will ich mir aber ein Skioptikon 
kaufen und meine eigenen Diapositive an- 
schaffen. Dadurch hoffe ich, meine Vorträge 
anziehender zu gestalten." 

■MB 

Wie uns die Ortsgruppenleitung aus Marien- 
bad mitteilt, hat die dortige Bezirkshauptmann- 
schaft ebenfalls die Affichierung unseres 
Plakates verboten. 



In Brunn hat sich bereits eine böhmische 
Friedensvereinigung für Mähren gebildet. 
Dem Gründungskomitee gehören Abgeordnete, 
hohe Geistliche, Advokaten, Schuldirektoren 
und höhere Staatsbeamte an. Am 15. Dezember 
v. J. war die Gründungsversammlung, welche 
ungemein gut besucht war, an welcher sich 
ein Vortrag von Frau Henriette Wurm anschloß. 
Die neue Vereinigung beabsichtigt, an den 
Landesschulrat in Brunn ein Gesuch um Ein- 
führung des Friedenstages in den Schulen zu 
richten, und hat vor, sich mit dem Brünner 
Deutschen Frauenklub in Verbindung zu setzen, 
damit dieser auch an die deutsche Sektion des 
Landesschulrates die gleiche Petition überreicht. 
Die Proponentin der Vereinigung ist uns als 
warme Friedensförderin bekannt und hat im 
vorigen Monate in Prag zwei große Vorträge 
gehalten. 

CMS» 

Wiener akademischer Friedens- 
verein. Am 3. Januar d. J. veranstaltete der 
Wiener akadem. Friedensverein einen Vortrags- 
abend. Prof. Dr. R. Broda (Paris) sprach im 
Hörsaal 50 der Universität über das Thema: 
„Inwieweit bestätigt der Balkankrieg die Lehren 
der Friedensbewegung", er erntete für seine 
Ausführungen von den überaus zahlreich er- 
schienenen Zuhörern reichen Beifall. 



* 



Verantwortlicher Redakteur: Carl Appold, Berlin W. 50. — Im Selbstverlag des Herausgebers Alfred H. Fried, Wien IX/2. 
Druck: PassA Garleb G.m.b.H., BerünW.67. — Verantwortl. Redakteur für Oesterreich-Ungarn : Vinzen a Jerabek inWieD. 



40 




Februar 1913. 



Die gefundene Formel. 



„Eines schönen Tages wird man an die 
Regierung mit der Frage herantreten, was 
sie denn getan habe, um diese angeblich, 
so schwere Formel zu finden. Welch merk- 
würdige Stellungnahme, zu behaupten, eine 
Formel sei schwierig, und es dabei bewenden 
zu lassen! Welch neuer Beweis für die Un- 
tauglichkeit unserer heutigen Diplomatie! 
Wenn die Menschheit diesen Standpunkt 
immer eingenommen hätte, so hätten wir 
uns von der Kultur des Pfahlbauers noch 
nicht erhoben. Auch die Formeln für die 
Heilung der Diphtherie und für das lenk- 
bare Luftschiff waren schwierig zu finden, 
und nur, weil man nach ihnen gesucht hat, 
ist man zur endlichen Lösung dieser Pro- 
bleme gelangt. Die Formeln zur Heilung des 
Krebses und der Tuberkulose sind sicher- 
lich noch schwieriger als die Formeln zur 
Verminderung der Rüstungen. Nach den 
ersteren sucht man aber mit allen der 
Wissenschaft zur Verfügung stehenden 
Kräften, bei der Suche nach der letzteren 
begnügt man sich im günstigsten Falle mit 
dem Gutachten eines Obersten vom General- 
stab." So schrieben wir an dieser Stelle 
im April 1909, als im englischen wie im 
deutschen Parlament das Problem zur Be- 
schränkung der Seerüstungen fast gleich- 
zeitig erörtert, und die Suche nach der 
„Formel" von Seiten der Reichsregierung 
als eine ziemlich vergebliche Arbeit be- 
zeichnet wurde. Die Wege der Entwick- 
lung sind manchmal kraus. Wer ihnen aber 
beharrlich folgt, nähert sich doch dem Ziel. 
Am 7. Februar 1913 drang die Nachricht 
in die Welt, daß die deutsche Reichsregie- 
rung sich mit England über die Entwick- 
lung des Flottenbaues beider Länder auf 
eine Formel geeinigt habe. Eine Nachricht 
von so ungeheurer Wichtigkeit, daß für 
einen Augenblick all der widerwärtige 
Wahnsinn in Vergessenheit geriet, der im 



Südost des Erdteils die Völker um das bren- 
nende und zertrümmerte Adrianopel streiten 
läßt und Leichenhaufen über Leichenhaufen 
türmt. Auch hier ist eine Bresche ge- 
schossen, ein Fortschritt bei der Belagerung 
eines Systems erzielt worden, das seit Jahr- 
zehnten sich, gegen die Uebergabe sträubt. 
Das System des Wettrüstens — es ist noch 
nicht überwunden — aber eine Erschütterung 
hat es erhalten, die vom Standpunkt der 
Vernunft auf das freudigste zu begrüßen 
ist. Jahrzehnte hindurch haben wir Pazi- 
fisten gegen die Bollwerke der Rüstungs- 
routine Sturm gelaufen, haben wir die Wälle 
der Vorurteile und des Hasses zu über- 
winden versucht, haben wir mit den Waffen 
der Vernunft und des trockenen Kalküls die 
schönen Phrasen der Rüstungsfanatiker be- 
kämpft. Jahrzehnte hindurch haben wir 
unsere Arbeit jenen Kräften entgegen- 
gestellt, die darauf ausgingen, zwei Völker, 
die gemeinsam den Weltkern bedeuten, zu 
spalten, und zur gegenseitigen Vernichtung 
anzuspornen. Den Kriegshetzern, den Ver- 
nichtungsgläubigen, den Gewaltaposteln und 
den Propheten eines unbedingt notwendigen 
und unumgänglichen Krieges sind wir zu 
Leibe gerückt. Immer dichter schlössen sich 
die Kreise der von uns aufgestellten Ver- 
ständigungsarmee, immer enger wurden die 
Maschen jenes Netzes, das wir um beide 
Staaten legten, um sie vor einem gewalt- 
samen Auseinanderfall zu hindern. Der haß- 
erfüllten Sprache berufsmäßiger Hetzer 
setzten wir den Zwang zur gegenseitigen 
Erörterung entgegen, zur Aussprache, zum 
Gedankenaustausch; lauter Mittel, die die 
Eignung besitzen, zur Explosion bereitetes 
D37namit in feuchten Zustand zu versetzen. 
Den Krieg, den kulturmordenden Weltkrieg, 
gelang es uns so, hinauszuschieben und, 
nach menschlicher Voraussicht, überhaupt 
zu bannen. Nun haben wir einen weiteren 



41 



DIEFßlEDEN5-^/AQTE 



Q) 



Triumph zu verzeichnen. Von den Festungs- 
mauern der Eoutine weht die weiße Fahne 
mit der Formel 10:16. Nirgends so sehr, 
wie in dem Kampfe der Friedensidee gegen 
die Weltunvernunft, hat der Satz Berech- 
tigung, den Frederic Passy in einer 
entscheidenden Stunde der pazifistischen 
Geschichte gesprochen : „Man soll nie- 
mals „niemals" sagen." 

Die Formel ist gefunden. Zwar nicht 
die Formel der Abrüstung, aber die Formel 
für die Beschränkung des Wettbewerbes 
der Rüstungen. Damit ist aber nicht nur 
der Anfang gemacht, sondern gerade das 
Unheilvolle im modernen Rüstungswesen ins 
Herz getroffen worden. Denn nicht die 
Rüstungen an sich sind das Verderbliche, 
sondern das in seiner Wirkung zwecklose 
U eberbieten, das die Kräfte erhöht, ohne 
sie zu verschieben. Jenes U eberbieten, das 
den Völkern die größten Lasten auferlegt, 
ohne einen anderen Grund als den der Un- 
fähigkeit zu einer vernünftigen Verein- 
barung. Es ist ein Anfang gemacht, der 
auf die Entwicklung der europäischen Psyche 
von segensreichstem Einfluß sein muß, denn 
bisher haben sich die Anhänger des Wett- 
rüstens mit Gewalt der Zumutung ver- 
schlossen, daß über jenes Problem über- 
haupt diskutiert werden dürfte; mit patrio- 
tischer Entrüstung jeden des Verrats ge- 
ziehen, der darauf hinwies, daß eine Dis- 
kussion von Volk zu Volk allein imstande 
wäre, dem Uebel an den Leib zu gehen. 
„Die Rüstungen sind unsere eigene Ange- 
legenheit, in die wir niemanden etwas drein- 
zureden gestatten", war die ständige ver- 
bohrte Widerlegung aller unserer Versuche. 
Vergeblich war unser Bemühen, darauf hin- 
zuweisen, daß jede Rüstung eines Staates 1 
einen Eingriff in die Angelegenheiten des 
andern bedeute, daß daher die gemeinsame 
Erörterung eine ganz selbstverständliche 
Forderung der Vernunft sei. Die Gegner 
gingen so weit, daß z. B. die „Hamburger 
Nachrichten", als im Jahre 1906 im eng- 
lischen Unterhause die Anregung zur 
internationalen Besprechung des Rüstungs- 
problems gegeben wurde, nicht vor der 
Behauptung zurückschreckten, die Eng- 
länder wollen den Deutschen das Maß ihrer 
Rüstungen „vorschreiben", wie es einst 
Napoleon Preußen nach dem Frieden von 
Tilsit getan. Um der Wahrheit die Ehre 
zu geben muß betont werden, daß man 
sogar in konservativen und sonst stark 
national gesinnten Kreisen die Unhaltbar- 
keit der Rüstungsargumente, wie sie das 



Gros der Fanatiker vorbrachte, seit einiger 
Zeit erkannt hat. Schon lange vor 
der zweiten Haager Konferenz hat Ge- 
heimrat von Hollstein zu einer Ver- 
ständigung mit England geraten, und sogar 
die „Kreuz z ei tun g" hat in ihrem Oster- 
artikel von 1909 der Hoffnung Ausdruck 
gegeben, der Reichskanzler werde doch eines 
Tages und „hoffentlich recht bald die Formel 
finden", die eine Verhandlungsbasis mit Eng- 
land biete. Und der konservative Erbprinz 
von und zu Hohenlohe - Langen- 
bürg brachte im März 1909 im deutschen 
Reichstag die Ansicht zum Ausdruck, daß 
ein Vorschlag Englands über die Abrüstung 
zur See „wenn er an uns herantritt, nicht 
in schroffer Weise zurückzuweisen ist". Er 
meinte, man müsse einen solchen Vorschlag 
reiflich prüfen und fügte hinzu: „Ich glaube, 
man muß die geschichtliche Entwicklung 
abwarten. Es hat sich schon manches in 
der Welt vollzogen, was vor 20, 30 oder 
50 Jahren als unmöglich galt, und wer weiß, 
ob nicht dereinst die Tatsachen zu jenem 
Ergebnis führen werden, das wir jetzt durch 
einen Vertrag vergeblich zu erreichen be- 
strebt sind." Im März 1911 trat auch der 
konservative Graf von Kanitz für eine 
Flottenverständigung mit England ein, in 
dem er sich mit den Grundsätzen des Mi- 
nisters Grey einverstanden erklärte, der 
kurz vorher gesagt hatte: „Die Bürde der 
Rüstung ist eine größere Gefahr als der 
Krieg selbst; sie bedeutet ein Verbluten in 
Friedenszeiten." 

* * * 

In dem Entwicklungsgang zu einer 
anglo-deutschen Rüstungsverständigung sind 
drei Perioden deutlich zu unter- 
scheiden. Zuerst das vollständige Still- 
schweigen deutscherseits gegenüber den eng- 
lischen Anregungen. Schon im März 1899 
ließ die englische Regierung durch den da- 
maligen ersten Lord der Admiralität, G o - 
sehen, erklären, daß sie nichts sehnlicher 
wünsche, als ihre Marineausgaben be- 
schränken zu können, und daß sie bereit sei. 
ihr Bauprogramm zu vermindern, wenn an- 
dere Nationen sich mit ihr darüber verstän- 
digen wollten. Noch im Juli 1903 bestätigte 
der damals allmächtige Minister Cham- 
ber 1 a i n diese Erklärung Lord Goschens, 
die er für die Regierung noch immer bin- 
dend erklärte. Diese Anregungen fanden in 
Deutschland keinerlei Beachtung; ja sie 
wurden in der Oeffentlichkeit kaum bekannt. 

Die zweite Periode kennzeichnet sich 
durch eine energische Zurückweisung derj 



42 



es 



DIE FRIEDENS -WARTE 



englischen Vorschläge von deutscher Seite. 
Sie setzt um das Jahr 1906 ein, als England 
sich bemühte, das Problem der Rüstungs- 
beschränkungen auf der zweiten Haager 
Konferenz zur Erörterung zu bringen. Die 
Debatten im englischen Unterhause im 
Frühjahr 1906 und im Oberhause im Mai 
desselben Jahres, so wie die übrigen Maß- 
nahmen der englischen Regierung zu jener 
Zeit (interparlamentarische Konferenz zu 
London) lösten in der öffentlichen Meinung 
Deutschlands bis weit in die liberalen Kreise 
hinein eine heftige Opposition aus. Man 
vermutete in dem englischen Vorgehen einen 
„Trick" gegen Deutschland und betrachtete 
von diesem Gesichtspunkt aus die ganze 
zweite Haager Konferenz als eine Falle, in 
die das Reich gelockt werden sollte. Ja man 
ging so weit, die Möglichkeit einer Erörte- 
rung des Rüstungsproblems auf der Kon- 
ferenz als eine Kriegsgefahr anzusehen. In 
offener Reichstagssitzung im April 1907 
entrang sich dem Abgeordneten Basser- 
mann der Stoßseufzer: „Wenn wir die 
Haager Konferenz glücklich überstanden 
haben, dann werden hoffentlich wieder fried- 
liche Zeiten kommen", und der Kriegs- 
minister hielt es für angebracht, dem Ab- 
geordneten Lieber mann von Sonnen- 
berg zuzustimmen, der für jene eng- 
lischen Verständigungsversuche nur ein 
schußbereites ,,sie mögen kommen!" 
übrig hatte. Fürst B ü 1 o w erklärte dam als, 
daß Deutschland an einer Besprechung des 
Rüstungsproblems auf der Haager Konferenz 
nicht teilnehmen werde. So wurde die Be- 
ratung des Problems im Haag vereitelt. Die 
englische Regierung begnügte sich dort, auf 
die Notwendigkeit einer Lösung hinzuweisen, 
und neuerdings ihre Bereitwilligkeit zu 
einem Abkommen zu erklären. 
* * * 

Aber unmittelbar nach der zweiten 
Haager Konferenz begann die dritte Periode, 
die sich durch den Beginn einer wechsel- 
seitigen Erörterung der Rüstungsfrage . 
kennzeichnet. Englische Staatsmänner un- 
terließen es nicht, darauf hinzuweisen, daß 
es so nicht weitergehen könne. Lord A s - 
q u i t h erklärte noch 1908, daß er ?,ine Hand 
ergreifen würde, die in guter Absicht und 
Treue entgegengestreckt wird, und im März 
1909 entwickelte sich im deutschon Reichs- 
tag an zwei Tagen eine hochbedeutende De- 
batte, in der die Vertreter verschiedener Par- 
teien den "Wunsch nach einer Verständigung 
mit England zum Ausdruck brachten und 
in der die Regierung zugab, daß „unverbind- 



liche" Gespräche mit den englischen Staats- 
männern bereits gepflogen wurden. In den 
Jahren 1910 und 1911 nahm die wechsel- 
seitige Erörterung des Rüstungsproblems an 
Kraft zu, und in der Reichstagssitzung vom 
10. Dezember 1910 konnte der Reichskanzler 
Bethmann H oll weg gegenüber den 
Wünschen mehrerer Parteivertreter erklären, 
daß mit der englischen Regierung „pour- 
parlers" schweben. Schließlich kam es am 
31. März 1911 im deutschen Reichstag, nach 
einer zweitägigen Debatte über die Rüstung. - 
Verständigung, zur einstimmigen An- 
nahme einer Resolution, die dahin 
ging: „Der Reichstag wolle beschließen, den 
Reichskanzler zu ersuchen, die Bereitwillig- 
keit zu erklären, in gemeinsame Verhand- 
lungen mit anderen Großmächten einzu- 
treten, sobald von einer Großmacht Vor- 
schläge über eine gleichzeitige und gleich- 
mäßige Begrenzung der Rüstungsausgaben 
gemacht werden sollten." Die Marokkover- 
stimmung konnte die Entwickelung der 
gegenseitigen Erörterungen nicht hemmen. 
Nach Agadir kam Lord H a 1 d a n e nach 
Berlin und Freiherr von Marschall 
wurde nach London versetzt. Ende Oktober 

1912 fand in London die von beiden Regie- 
rungen gebildete anglo-deutsche Verständi- 
gungskonferenz statt, und am 7. Februar 

1913 erklärte nun der Staatssekretär des 
deutschen Reichsmarineamtes in der Budget- 
kommission des Reichstages, daß er eine 
Verständigung mit England über die Größe 
der Flotte im Verhältnis von 10: 16 für 
die nächsten Jahre für annehmbar halte. 
Damit beginnt die vierte Periode der anglo- 
deutschen Verständigung, die der praktischen 
Friedenssicherung und endlichen Durch- 
führung eines vernünftigen Ebenmißes der 
staatlichen Schutzeinrichtungen. Die Zeit 
scheint nahe zu sein, wo die land- 
läufigen Einwände gegen das allgemeine 
Verlangen nach Regelung des Rüstungs- 
wesens in sich zusammenfallen werden und 
so der Weg frei gemacht werden wird 
zur wahren Befreiung der Völker von 
ihrer eigenen Tyrannei. Diese werden 
alsdann entdecken, wie sie Edward Grey 
in seiner oben erwähnten denkwürdigen 
Unterhausrede vom 12. März 1911 sd 
richtig gesagt hat, „daß während der 
Zeit, in der sie sich in der Knechtschaft 
dieser ungeheuerlichen Ausgaben befanden, 
die Gefängnistür von der Innen- 
seite verschlossen war." 

Die pazifistische Bewegung kann mit 
Stolz darauf hinweisen, daß sie es war, die 



43 



DIE FßlEDENS-^ADTE 



3 



jenen "Wandel der öffentlichen Meinung her- 
beigeführt hat, durch den es erst möglich 
wurde, aus der Zeit des brutalen Hasses, 
der gegenseitigen Vernichtungsgier heraus, 
in eine Aera der Vernunftherrschaft hinüber- 
zuführen. Ihr scheint diese Aenderung in 
den Beziehungen der beiden Staaten zugleich 
ein "Wendepunkt für die Entwicklung ganz 
Europas zu werden. Die schlichten Zahle q 
10:16 werden weltgeschichtliche Bedeutung 
erlangen. Wenn sie, was zu erhoffen ist, 
eine Sicherung dafür bieten werden, daß die 
beiden Völker, die wir den Kern der "Welt 
genannt haben, statt zu gegenseitiger Ver- 
nichtung, zur Gemeinsamkeit und höheren 
Festigung gelangen können, so wird sich 
das Rad der Weltgeschichte künftig nach 
einer ganz anderen Richtung drehen, und 
die Aengste und Verwirrungen, unter denen 
der schwergeprüfte Erdteil in den letzten 
Jahren zu leiden hatte, werden bald einer 
Vergangenheit angehören, die einer glück- 
licheren Zukunft nur Grauen und Abscheu 
einflößen wird. Wir Pazifisten, die wir uns 
den Ruhmestitel nicht werden rauben lassen, 
der Entwicklung dieser glückverheißenden 
Wendung zugesteuert zu haben, werden mit 
erneuten Kräften dahin arbeiten, daß diese 
Zukunft bald eine Gegenwart werde. 

A. H. F. 

Das Problem eines inter- 
nationalen Staatengerichtshofes, 

Von Assessor Dr. W. Bellardi, Hannover. 

Als zweiter Band der großzügig angeleg- 
ten Sammlung „Das Werk vom Haag" ist 
im Sommer des verflossenen Jahres unter 
dem obenstehenden Titel ein neues Buch 
von Dr. Hans Wehberg erschienen 
(München und Leipzig 1Q12, Verlag von 
Duncker & Humblot). 

Man darf es a priori als einen besonders 
günstigen Umstand betrachten, daß gerade 
W e h b e r g die Bearbeitung dieser schwie- 
rigen Materie, die für den erhofften bal- 
digen Fortschritt in der Entwicklung der 
internationalen Rechtsgemeinschaft von so 
außerordentlich praktischer Bedeutung ist, in 
die Hand genommen hat. Zweifellos war 
Wehberg der berufene Mann hierzu. Hat 
er doch bei seiner unermüdlichen und tief- 
gehenden Beschäftigung mit allen Fragen 
des Völkerrechts und der Friedensbewegung 
sich bereits seit Jahren mit besonderem Inter- 
esse dem Probleme der internationalen 
Gerichtsbarkeit zugewandt. In einer Reihe 
von Aufsätzen in Tageszeitungen und Fach- 
zeitschriften sowie an mehreren Stellen seines 
Kommentars zu dem Haager „Abkommen 



betreffend die friedliche Erledigung inter- 
nationaler Streitigkeiten" vom 18. Oktober 
1907 (Tübingen 1911, Verlag von J. C.B.Mohr) 
hat Wehberg seine Gedanken hierüber 
zum Teil schon veröffentlicht. Diese Ge- 
danken, wesentlich erweitert und in gründ- 
licher, wissenschaftlicher Weise vertieft, 
finden wir nun in diesem zweiten Bande des 
„Werkes vom Haag" in übersichtlicher Zu- 
sammenfassung niedergelegt. 

Wehbergs Arbeit rechtfertigt die 
darauf gesetzten Hoffnungen in reichstem 
Maße. Ich möchte wünschen, daß sie nicht 
nur weit verbreitet, sondern auch ernsthaft 
studiert würde von allen, deren Gesichts- 
und Gedankenkreis über den Horizont des 
eigen-persönlichen und nationalen Lebens 
hinausgreifend auch die Anteilnahme an dem 
Gesamtleben der in Kulturstaaten organi- 
sierten Menschheit umfaßt. Besonders aber 
sollten alle diejenigen an dieser kostbaren 
Quelle trinken, in deren Hand es zum wesent- 
lichen Teile gegeben ist, über Tempo und 
Grad des Fortschritts im Wachstum der 
Völker-Rechtsgemeinschaft zu entscheiden. 

Hiermit könnte ich eigentlich schon mit 
dem, was ich zu Wehbergs Werk öffent- 
lich zu sagen hätte, abschließen : !man lese das 
Buch und denke darüber ! Zum mindesten er- 
scheint es mir überflüssig, neben dieser drin- 
genden Empfehlung darauf hinzuweisen, daß 
Wehbergs Arbeit in hohem Maße von 
selbständigem 1 Geist und Scharfsinn zeugt 
und sich in gleicher Weise durch klare, über- 
sichtliche Anlage und fesselnde, gewandte 
Darstellung wie durch die außerordentliche 
Fülle des verarbeiteten deutschen und fremd- 
sprachigen Akten- und Literaturmaterials 
auszeichnet. Hiervon wird sich jeder, der das 
Werk liest, ohnehin bald überzeugen. Und 
andere dürfte diese Feststellung schwerlich 
viel interessieren. 

Vielleicht aber wird erst eine kurze Dar- 
legung des näheren Inhalts den einen oder 
anderen zur Lektüre des Buches anregen. 
Deshalb mag ein Eingehen hierauf an dieser 
Stelle berechtigt sein. 

Und zwar möchte ich der knappen Mit- 
teilung des wesentlichen Inhalts die einzige 
eigentlich „kritische" Bemerkung, die ich für 
meine Person zu machen hätte, hier gleich 
vorausschicken, ohne jedoch eine Polemik 
in einer Frage eröffnen zu wollen, die von 
der Mehrzahl der völkerrechtlichen und pazi- 
fistischen Schriftsteller bereits im Sinne der 
W e h b e r g sehen Auffassung beantwortet 
worden ist — wobei ich die Richtigkeit dieser 
Antwort vom praktischen Standpunkte der 
Rücksichtnahme auf die heutigen wirk- 
lichen Verhältnisse des politischen Lebens 
und auf die Gebote der Taktik ohne weiteres 
anerkenne. 

Es handelt sich um die Frage, ob für die 
Organisation der völkerrechtlichen Recht- 
sprechung die Schaffung einer Exekutions- 



44 



<£ 



= DIE FRIEDENS-^^RXE 



instanz entbehrlich ist oder ob sie vielmehr 
notwendig, zum mindesten wünschenswert ist. 

W e h b e r g meint, es bestehe „keinerlei 
Bedürfnis für eine Exekutionsgewalt im 
Völkerrechte, so daß das Ideal eines inter- 
nationalen Gerichtshofes einen Zwangs- 
apparat nicht erfordere" (S. 105, ähnlich 
S. 115, 122 und 129). Der angeblich erbrachte 
Beweis (S. 122) für diesen Satz könnte meines) 
Erachtens höchstens in dem Hinweise Weh- 
bergs darauf erblickt werden, daß bisher 
„alle die zahlreichen Schiedssprüche frei- 
willig befolgt worden sind" (S. 105, vgL 
auch S. 90). Indessen, ist diese erfreuliche 
Tatsache allein ein logisch zwingender Be- 
weis.? Mir scheint es doch mehr die frohe 
Zuversicht des für das hohe Ideal des Frie- 
dens begeisterten Optimisten zu sein, die aus 
den folgenden Worten spricht : „Es heißt 
an den großen Aufgaben der Menschheit 
verzweifeln und die offenkundigen Tatsachen, 
die für eine immer stärkere Entwicklung 
in dieser Richtung sprechen, verleugnen, 
wollte man annehmen, die Zukunft der 
Staaten würde nicht ausnahmslos durch das 
Recht geregelt werden, auch ohne daß eine 
Zwangsgewalt besteht" (Seite 105). Daß Weh- 
berg nicht abgeneigt ist, zugunsten einer 
immer stärkeren Durchdringung der Völker- 
rechtswissenschaft mit pazifistischen Gedanken 
und Zielen von der Richtlinie streng logischer 
Beweisführung gelegentlich — und zwar wohl 
bewußt — abzuweichen, geht übrigens sehr 
deutlich aus seinen eigenen tatfrohen schönen 
Worten hervor: „Den Fortschritt der neuen 
Völkerorganisation nach außen kundzutun, 
daran müssen alle mitarbeiten, die der Meinung 
sind, daß die wahre Wissenschaft des Völker- 
rechts nicht lediglich den Zweck hat, 
juristische Begriffe fein säuberlich zu defi- 
nieren, sondern daß sie mit aller Kraft und 
der ganzen Begeisterung der wahren Jünger 
des Völkerrechts an der Verbesserung der 
internationalen Anarchie mitarbeiten muß, 
daß sie sich den großen Fragen des wahren 
Lebens (nicht der Studierstube) mit dem 
ganzen Eifer widmen muß, den uns die Pazi- 
fisten immerfort gezeigt haben" (Seite 118 ff.). 
Und so ist denn Wehberg in seinem 
innersten Gelehrtenherzen doch wohl nicht so 
ganz von der völligen und dauernden Belang- 
losigkeit einer Exekutionsinstanz im Völker- 
recht überzeugt, als es den Anschein hat. 
Denn sonst würde ihm nicht auf Seite 152 
die Bemerkung von „dem zurzeit uto- 
pistischen Gedanken einer Exekutionsgewalt" 
entschlüpft sein. Auch die Ausführungen auf 
Seite 90 lassen die uneingeschränkte Be- 
hauptung von der Entbehrlichkeit einer 
Zwangsinstanz in etwas getrübtem Licht er- 
scheinen. 

Wehberg verlangt von denjenigen, „die 
sich gar nicht von den innerstaatlichen An- 
schauungen loslösen können und unter einem 
Gerichtshofe auch im internationalen Völker- 



leben nur eine mit Zwangsgewalt ausgestattete 
Behörde verstehen", den Beweis dafür, daß 
„internationale Gerichtsbarkeit mit der natio- 
nalen Gerichtsbarkeit wesensgleich ist, und 
man daher als begriffliches Merkmal der 
internationalen Gerichtsbarkeit einen Zwangs- 
apparat fordern darf" (Seite 105 ff.). Die Be- 
weislast dürfte wohl dem zufallen, der die 
Wesensungleichheit behauptet. W e h b e r g 
tritt den Beweis hierfür auch an, indem er 
bemerkt, „die Gerichtsbarkeit im nationalen 
Rechte werde durch ein über den Privaten 
stehendes Rechtssubjekt, nämlich den Staat, 
eingesetzt, wohingegen jede Rechtsprechung 
im Völkerrecht begrifflich auf dem freien 
Willen der Staaten beruhe" (Seite 114 ff.). Das 
trifft gewiß zu. Aber das Wesen der Gerichts- 
barkeit wird doch nicht durch den Hinweis 
auf die einsetzende Stelle, von welchem der 
Gerichtshof seine Machtbefugnisse ableitet, 
erfaßt. Vielmehr ist es die Art der über- 
tragenen funktionären Machtbefugnisse selbst, 
die das Wesen der Gerichtsbarkeit ausmacht, 
und das ist: die Handhabung des 
„Rechts". Und dazu gehört wiederum 
dreierlei: erstens das Vorhandensein objektiver 
Regeln, zweitens die spruchrichterliche Sub- 
sumierung von Tatbeständen unter diese 
Regeln, und endlich die — nötigenfalls ge- 
waltsame — Durchführung der Entscheidung. 
Damit ist zugleich gesagt, daß dem objektiven 
Rechtsbegriffe der mit Zwangsgewalt aus- 
gestattete Befehl zur Seite stehen muß. Es 
gehört begrifflich zum „Rechte", daß es jeden 
widerstrebenden Willen der eigenen Autorität 
unterwerfen kann. Anderenfalls ist eine 
Rechtshandhabung, die nicht dem gelegent- 
lichen Versagen ausgesetzt sein will, undenk- 
bar. So gut nun jene drei Elemente der 
nationalen Gerichtsbarkeit eignen, müssen sie 
auch der völkerrechtlichen Rechtspflege inne- 
wohnen. Denn es ist nicht abzusehen, inwie- 
fern die Grundlage jeder Rechtssprechung, 
nämlich die objektive Norm, im nationalen 
und internationalen Rechte qualitativ ver- 
schieden sein soll. Ohne die Möglichkeit des 
Zwanges ist eine Garantie für die Ausgleichung 
sozialer Kollisionen, d. h. für die Erledigung 
von Rechtsstreitigkeiten, hüben wie drüben 
nicht gegeben. Begrifflich ist also auch 
im Völkerrecht eine wirkliche und vollständige 
Gerichtsbarkeit ohne Zwangsgewalt m. E. un- 
möglich, eine Exekutionsinstanz mithin nicht 
„entbehrlich". Erst dann, wenn wir einen mit 
Exekutiv-Befugnissen und -Machtmitteln aus- 
gestatteten internationalen Staatengerichtshof 
haben, werden wir wirklich unbeanstandet 
sagen dürfen: es gibt ein Völker - R e c h t. 
Ein zwischenstaatliches Recht, dessen Bedeu- 
tung als Külturerscheinung dem Privatrecht 
und dem inneren Staatsrecht gleichwertig wäre, 
gibt es heute noch nicht. Regel und Rechts- 
findung — beide allerdings vorläufig noch in 
beschränktem Umfange — sind da, aber es 
fehlt die Krone des Baues: die Sanktion des 



45 



DIE FßlEDENS-^ADTE 



3 



Zwanges. Sie wird — abgesehen von indirekten 
Beugungseinflüssen — heute noch ersetzt 
durch die Sanktion der Moral, durch die 
Achtung vor dem Rechte, die niemals ein 
integrierender Bestandteil des objektiven 
Rechtes selbst sein kann. 

Praktisch freilich ist eine internatio- 
nale • Gerichtsbarkeit ohne Zwangsgewalt 
immerhin möglich, wie die bisherige Er- 
fahrung zeigt. Es fragt sich nur, ob man 
auch sagen darf: „Es bestehe keinerlei Be- 
dürfnis für eine Exekutionsgewalt im Völker- 
rechte." Ich meinesteils bejahe die Bedürfnis- 
frage, mag sie auch zurzeit nicht dringlich 
sein, unbedingt. Ich halte die Einsetzung 
einer internationalen Zwangsgewalt für höchst 
wünschenswert, nicht nur weil die theoretische 
Logik es gebietet, sondern auch darum, weü 
ich darin einen außerordentlich bedeutsamen 
Fortschritt in der zwischenstaatlichen Organi- 
sation erblicken würde. Man vergegenwärtige 
sich, welches Ansehen ein mit Exekutivbefug- 
nissen ausgestatteter höchster Gerichtshof der 
gesamten Kulturwelt genießen müßte, eine 
Institution, die zwar aus dem freien Willen 
der Einzelstaäten hervorgegangen wäre, deren 
Aufhebung öder Beschränkung aber nur unter 
Zustimmung sämtlicher Gründer zulässig sein 
dürfte. Schon die bloße Existenz einer wahr- 
haften Staaten Justiz würde den Ausbruch 
mancher Zwistigkeiten zwischen den Staaten 
verhindern. Vom Weltbundesstaate wären wir 
dann freilich nur noch einen Schritt entfernt; 
Hoffentlich kommen wir so weit, — um, dann 
den letzten Schritt auch noch zu tun! 

Können ? ! " ' N i c h t s ist Unmöglich dem, 
der will. Wenn doch nur die Steuerleute 1 der 
Staätsschiffe wollten!' Sollten sich nicht 
einmal über kurz oder lang gleichzeitig in 
verschiedenen Staaten starke Männer finden, 
die das, was die weitaus überwiegende Mehr : 
heit der Menschen ersehnt, die dauernde Siche- 
rung des Friedens zwischen den Völkern, kraft- 
voll verwirklichen ? 

, : , Und die Exekutivgewalt des Staaten- 
gerichtshofes ? Worin soll die bestehen ? Wie 
soll sie gehandhabt werden? Ein Problem für 
sich, desseri nähere Erörterung nicht hierher 
gehört, ; Aber ich möchte doch darauf hin- 
weisen, tlaß eine scharfe persönliche Verant- 
wortlichkeit der einzelnen Minister der Staaten 
wohl die wichtigste Garantie für die Befolgung 
der Entscheidungen des Staatengerichtshofes 
bilden müßte. D je Schaffung einer großen 
internationalen Polizeimacht — ein vorläufig 
noch zu fern liegendes Problem. Dahin 
kommen wir vielleicht einmal, wenn es ge^ 
hingen ist, auf der Grundlage eines mit 
Zwangsgewalt ausgestatteten Staatengerichts- 
hofes die Fragen der Rüstungsbeschränkung 
und .des : Fortfalls der Ehren- und Lebens- 
klausel in den Schiedsverträgen zu lösen. Den 
ziemlich konservativen Ausführungen W ehr 
b.er.g.s .über „Ehre..- und.; Lebensinteressen" 



.46 



der Staaten (Seite 89) vermag ich übrigens 
keineswegs zuzustimmen. 

Nun, das alles hat wohl noch gute Weile. 
Arbeiten wir weiter, diesen erstrebenswerten 
Rechts zustand unter Wahrung der 
historischen kontinuierlichen Entwicklung, so 
bald und so vollkommen, wie es uns mög- 
lich ist, herbeizuführen. Den nächsten bedeut* 
samen Schritt auf diesem Wege stellt jeden- 
falls die Einrichtung eines ständigen inter- 
nationalen Gerichtshofes — überhaupt und 
vorläufig abgesehen von einer Zwangsinstanz 
— dar. Für diesen Schritt durch Dornen und 
Gestrüpp freie Bahn und helles Licht ge- 
schaffen zu haben, ist das große Verdienst, 
das W e h b e r g sich mit seinem Werke : 
„Das Problem eines internationalen Staaten- 
gerichtshofes" erworben hat. 

Der Grundgedanke des Buches ist die 
Gegenüberstellung und scharfe Abgrenzung 
der bloßen Schiedsgerichtsbarkeit einerseits 
und der Gerichtsbarkeit auf der anderen Seite. 
Die erstere will „schwebende Konflikte fried- 
lich lösen, ohne Rücksicht, ob dadurch gleich- 
zeitig die Ursache, der vorhandenen Differenzen 
beseitigt wird", die zweite „denkt viel weiter 
und versucht, nicht nur gegenwärtige Kon- 
flikte zu beseitigen, sondern auch zukünftigen 
Streitigkeiten dadurch vorzubeugen, daß durch 
allmähliche Fortbildung des Völkerrechts auf 
dem Wege internationalen Rechtsspruches die 
Rechtslage sichergestellt wird" (Seite 7). 

Wehberg weist nun im einzelnen nach, 
daß alle durch Sprüche herbeigeführte Streit- 
erledigung zwischen den . Staaten, bisher den 
Charakter der Schiedssprechung gehabt hat, 
und daß diese neben ihren anderweiten 
Mängeln für die Fortbildung des Völkerrechts 
so gut wie nichts geleistet hat. W.ehberg 
berichtet dann genau über den ständigen 
Haager Schiedshof vom Jahre 1899 (Seite 138 
bis 151) und über das Projekt der zweiten 
Haager Konferenz vom Jahre 1907, die „Cour 
de la justice arbitrale" (Seite 154 f., 169 bis 
192). Hieran schließt sich ein fesselndes Inter- 
mezzo: ein kurzer Kommentar zu dem .Ent- 
würfe dieser „Cour arbitrale" (Seite 193 bis 
231). Es ergibt sich aus. all diesen Betrach- 
tungen, daß sämtliche Versuche, eine wirk- 
liche zwischenstaatliche Gerichtsbarkeit zu 
schaffen, auf halbem Wege stecken ge- 
blieben sind. . 

Neben diese umfangreiche historische 
Masse des Buches tritt als zweiter und wich- 
tigerer Bestandteil das konstruktive Element: 
Wehbergs . eigene Ansichten, über einen 
internationalen Staatengerichtshof. Nicht eine 
Verdrängung. des jetzt bestehenden S eh i eds - 
hof.es, der zur Beilegung hochpolitischer 
Konflikte auf Grund, von Billigkeitserwägungen 
durchaus zweckdienlich erscheint, wünscht 
Weh her g, sondern als Ergänzung, dieser 
Institution einen zur .Beurteilung, der zahl- 
reichen mehr oder weniger , juristischen Streit- 
fragen berufenen Gerichtshof, durch 






<§^ 



DIE FRI EDENS -WABXE 



dessen rein rechtliche Entscheidungen an- 
gesichts des noch vorhandenen Mangels leiten- 
der Rechtsgedanken eine klare Fortbildung 
des materiellen Völkerrechts am vorteil- 
haftesten bewirkt werden kann (vgl. Seite 142, 
auch Seite 8 f.). Daß die Urteilsfindung nach 
objektiven Rechtsregeln der Billigkeit nicht 
widersprechen darf, versteht sich dabei wohl 
von selbst. W e h b e r g stellt folgende Grund- 
forderungen für einen internationalen Gerichts- 
hof auf: 1. Keine Diplomaten, sondern Be- 
rufsrichter; 2. Ausschluß der nationalen 
Richter; 3. Ausschluß der Wahl der Mit- 
glieder durch die streitenden Parteien und 
überhaupt durch die Staaten; 4. wirkliche 
Ständigkeit des Gerichtshofes; 5. direktes 
Klagerecht und 6. Schaffung einer Revisions- 
instanz (Seite 153, näheres im 4. Kapitel, 
Seite 53 — 95). Eingehend werden auch die 
technischen Vorteile eines ständigen Gerichts- 
hofes, dauerndes Zusammenarbeiten der 
Richter, sowie größere Schnelligkeit und 
Billigkeit der Prozeßerledigung, dargelegt 
(Seite 96—103). Bei der Frage der Bildung 
und Zusammensetzung des Staatengerichts- 
hofes spricht Wehberg sich unter Ver- 
werfung des Rotationssystems für das Prinzip 
der Gleichheit der Staaten aus (Seite 69 — 84). 

Näher auf all die interessanten Einzel- 
heiten einzugehen, verbietet sich mir durch 
den zur Verfügung stehenden Raum. 

In einem schwungvollen Schlußkapitel 
behandelt W e h b e r g die Aussichten auf 
Errichtung eines internationalen Gerichtshofes 
(Seite 232 — 238). Die Auspizien sind günstig. 
„Es wird hier wieder einmal zutage treten, 
daß sich alle großen Ideen, durch die Jahr- 
hunderte zum Lichte durchringen und die 
Menschheit nur Ausdauer zeigen muß, um 
ihre höchsten Ziele zu erreichen." 



Abrüstung! 

Von Richard Gädke, 
früherer Oberst und Regimentskommandeur. 

Selbst bei der unterwürfigen und ge- 
duldigen Bevölkerung Japans beginnt das 
U ebermaß eines chauvinistischen Militaris- 
mus Widerstand hervorzurufen. Die neuesten 
Pläne der bisher allmächtigen Militärpartei 
sind, vorläufig wenigstens, gescheitert ; aller- 
dings nur, weil sich kein Finanzminister fand, 
der die materiellen Unterlagen für eine große 
Vermehrung der Streitkräfte schaffen konnte. 
Das Volk ist am Ende seiner steuerlichen 
Leistungsfähigkeit angelangt. 

Das Beispiel Japans ist der lehrreichste 
Beweis dafür, daß siegreiche Kriege an sich 
keinen materiellen Aufschwung zur Folge 
haben. Die Regierung mußte einen Frieden 
schließen, der bei weitem nicht ihren ur- 
sprünglichen Zielen entsprach, weil schon 
damals die Mittel des Landes erschöpft waren. 
Wie von den Kriegen der Jahre 1866 und 
1870 die Rüstungsepidemie in Europa da- 



tiert, so hat der Feldzug der Jahre 1904 und 
1905 ähnliche Folgen für den fernen Osten 
gehabt. Japan hat sein Heer um ein Drittel 
seiner ursprünglichen Stärke, vermehrt und 
die Flotte um gewaltige neue Einheiten ver- 
stärkt; Rußlands sibirische Truppen haben 
sich zu einem großen Heere entwickelt, und 
China sucht tastend noch und zögernd, aber 
mit immer wachsender Energie seinen natio- 
nalen Bestand durch die Auf Stellung moderner 
Streitermassen zu sichern. 

Die Ausführungen Norman Angells 
in seiner „großen Täuschung" sind gerade 
durch die Entwicklung der Dinge in Ostasien 
bewahrheitet; wer kann behaupten, daß das 
japanische Volk glücklicher geworden sei 
durch seinen siegreichen Krieg ? Im Gegen- 
teil, die Unzufriedenheit der Massen steigt 
von Jahr zu Jahr, so daß sogar das hoch- 
mütige Regiment der Samurai nicht mehr 
daran vorbeigehen kann. Wenn eine Krieger- 
kaste in einem Lande zur unumschränkten 
Herrschaft gelangt, so verarmt eben die 
Masse des Volkes. Ob in der oder jener 
Form: sie sinkt herab zu Heloten des 
Staates. Das Verhältnis wird genau um- 
gekehrt wie es sein sollte. Nicht der Staat 
ist mehr des einzelnen , wegen da, sondern 
der einzelne schuftet nur noch für den ge- 
fräßigen Dämon Staat — er hungert und 
dürstet und plagt sich, damit ein Schemen 
den Schein der Größe gewinne. 

Was nützt es dem japanischen Kuli, daß 
jetzt Korea dem Reiche einverleibt ist, daß 
der fruchtbarste Teil der chinesischen 
Mandschurei dem Einflüsse der Regierung 
in Tokio unterliegt ? Kann er sich seitdem 
besser kleiden, besser nähren ? Wohnt er 
bequemer, zieht er seine Kinder leichter auf? 
Zahlt er weniger Steuern ? Nein, in jeder 
Beziehung hat er sich verschlechtert; mehr 
und mehr wird er einer kleinen Oberschicht 
tributär, die den Staat militärisch und ad- 
ministrativ vertritt — und ausbeutet. 

Wird es anders auf der Balkanhalbinsel 
sein? Werden, diese merkwürdigen Kreuzes- 
und Kulturträger, deren erste Segnungen 
blutiger Mord und brutaler Raub sind, dem 
neugewonnenen Volke wirklich eine erhöhte 
Glückseligkeit bringen ? Die Mohammedaner 
flüchten verzweifelnd in hellen Scharen,; die 
Albanesen wehren sich mit Händen und 
Füßen gegen die Wohltaten der Serben, 
Montenegriner und Griechen, die " Juden 
klagen über die rohere Herrschaft der -Sieger, 
und die Christen werden erst später; ihre 
Freude erleben an erhöhten Steuern, und 
schwererer Wehrpflicht. ti ->; •;:, 

Ich gebe ohne weiteres zu*: daß jn -dem 
gegenwärtigen Zustande der Welt große mili- 
tärische Rüstungen schließlich noch das 
sicherste Mittel sind, den Frieden ; zu fx- 
halten.. Die Türkei : hat es an ihrem: Leibe 
verspürt, was es bedeutet "-— w e h r 1 o; s'-.zu 
sein. Die. Kulturaufgaben eines: Staates hat 



>7 



DIE FBIEDEN5-^/ADTE 



e> 



sie freilich schlecht genug erfüllt; aber, ob 
wohl Griechenland und Serbien, ob die inittel- 
amerikanischen Republiken, ob Mexiko und 
Haiti ein besonderes Recht haben, stolzer als 
sie zu sein ? Hat man nicht künstlich von 
außen her die Fäulnisfermente in ihren Leib 
getragen, weil an den Grenzen gierige Erben 
lauerten ? 

Darum müssen wir unverzagt immer von 
neuem daran arbeiten, die große Räuber- 
familie, die die Staaten der Erde gegenwärtig 
bilden, wo jeder die Hand gegen den anderen 
hebt, umzugestalten in ein von sittlichen 
Idealen erfülltes Gemeinwesen, das in fried- 
licher Kulturarbeit zusammenlebt und das 
Recht an die Stelle der rohen Gewalt setzt. 
Ein Ziel gewiß, zu dem nur ein schmaler, 
steiler und rauher Weg führt ! Aber er muß 
beschritten werden, wenn das Wort Mensch- 
lichkeit nicht ein Ausdruck namenloser 
Heuchelei sein soll. Wir werden dem Ideale 
nur sehr langsam näherkommen und es nach 
der Dürftigkeit irdischen Wesens nur in un- 
vollkommener Gestalt verwirklichen. Die 
jetzt Lebenden mögen nicht einmal die 
Grenzen jenes großen Friedensreiches schauen 
— und doch kommen wir ihm langsam näher. 
Schiedsgerichtsverträge und Schiedsgerichts- 
höfe bilden einen Anfang — wie oft sie 
auch verspottet werden mögen. Wirksamer 
noch ist die Organisation jener beiden großen 
europäischen Verteidigungsbünde, die bisher 
den Ausbruch des stets befürchteten großen 
Weltenbrandes verhütet haben. Die Pfade 
menschlicher Entwicklung sind niemals 
gerade verlaufend. 

Insoweit also kann auch die Rüstungswut 
ein Mittel zum Ziele sein. Die Furcht aller vor 
allen ist ein wirksamer Hebel der Friedens- 
tendenz — um so mehr, als heutzutage von 
unglücklichen Kriegen niemand mehr zu 
fürchten hat als die herrschenden Gewalten 
und insbesondere die Monarchien. Der Glaube 
an das Gottesgnadentum ist nur wenig ver- 
treten unter diesem ungläubigen Geschlecht, 
das über schwach und morsch gewordenes) 
gleichmütig hinwegschreitet und sich nur der 
Gewalt beugt. 

Aber wenn ich die Rüstungen an sich 
nicht verwerfe, so muß ich um so schärfer 
mich wenden gegen ihre kostspielige Form 
und ihre der Despotie dienende Ausgestal- 
tung. In Wahrheit besitzen wir kein für die 
Verteidigung bestimmtes Volksheer — Ver- 
teidigung, um jedes Mißverständnis aus- 
zuschließen, im politischen, nicht im stra- 
tegischen Sinne gemeint — . Vom Volke 
stammen nur die unerschöpflichen Massen 
her; der Geist aber, der dem Heere ein- 
gepflanzt wird, ist noch immer der Geist 
der alten Söldnerscharen, die nur ein Werk- 
zeug m der Hand des Fürsten bildeten, von 
ihm allein abhingen und mit dem Volke nur 
durch seine Person zusammenhingen. Und 
daher war dieses Heer und ist es noch die 



wirksamste Waffe zur Errichtung un- 
umschränkter Fürstenmacht. Gilt doch jetzt 
noch der Gedanke in manchen Ländern als 
ein sträflicher, daß das Heer in erster Linie 
dem Vaterlande diene und in Wahrheit nichts 
anderes darstellen dürfe als die organisierte 
Wehrkraft des Landes, als das' Volk in 
Waffen. 

Damit es sich als eine besondere Kaste 
fühle, wird die Dienstzeit länger ausgedehnt, 
als, rem militärisch betrachtet, erforderlich 
ist. Wir würden schon viel gewinnen, wenn 
der Soldat nicht länger dienen brauchte, als 
zu seiner Ausbildung nötig ist. Esi ist nicht 
richtig, daß Disziplin und Zusammenhang 
nur durch ein mehrjähriges Zusammenleben 
in der Kaserne gewonnen werden. Welch 
Vorteil in jeder Beziehung wäre es, wenn wir 
erst so weit wären, diese Zeit um die Hälfte 
zu kürzen. Man könnte das noch nicht Ab- 
rüstung nennen; aber man würde die Kosten 
ganz erheblich vermindern, würde dem 
Kastengeiste Abbruch tun und an seiner 
Stelle die Auffassung hochbringen, daß der 
Soldat auch während seiner Dienstzeit unter 
den Gesetzen und nicht außerhalb der Ge- 
setze stehe. Man würde die Auswüchse 
des Militarismus leichter bekämpfen können,, 
die eine Gefahr ebenso für den Frieden wie 
für die Freiheit bilden. 

Wenn man sich zu Lande noch auf lange 
Zeit mit bescheidenen Fortschritten wird 
begnügen müssen, weil die Verteidigung des 
Vaterlandes, so lange die Anarchie der 
Staatenwelt dauert, in der Tat eine harte 
aber unumgängliche Notwendigkeit bleibt, so 
walten die gleichen Rücksichten nicht für 
die Seerüstungen ob. Die Flotten sind 
ihrer Natur nach Angrif f s waffen, sie 
decken nicht die Grenzen des eigenen Landes, 
sie tragen den Krieg nach außerhalb, sind 
bestimmt zur Beherrschung der Meere, die 
von Gottes wegen allen gehören, zum fried- 
lichen Austausch der Güter dieser Welt. 
„Seine Flotten streckt der Brite gierig wie 
Polypenarme aus und das Reich der freien 
Amphitrite möcht' er schließen wie sein eigen 
Haus." — Nur, daß andere Völker schon 
längst in der gleichen Verdammnis sind: 
Nordamerikaner (siehe Panamakanal), Fran- 
zosen, Italiener, Japaner und Deutsche, sie 
hegen alle den gleichen geheimen Wunsch 
im verschwiegenen Busen. Leidet nicht auf 
dem Meere der Handel der Neutralen in der 
schwersten Weise durch jeden Kriegszustand, 
wird er nicht in der empfindlichsten, gelegent- 
lich fast piratenhaften Weise gehindert durch 
die Flotten der Kriegführenden ? 

Die Freiheit der Meere ist noch viel wich- 
tiger als die Beschränkung der Rüstungen 
zu Lande. Und doch hat gerade hier der 
Gedanke der Seegeltung am festesten Besitz 
ergriffen von den Gehirnen; er findet den 
stärksten Rückhalt bei den oberen Schichten 
fast aller Staaten, besonders bei den in- 



48 



<§; 



DIE FRIEDEN5-^\*M2XE 



dustriellen und Handel treibenden Klassen. 
Und gerade hier liegen die größten Gefahren 
vor, daß aus dem uferlosen Wettrüsten wie 
mit Naturgewalt, selbst ohne den eigent- 
lichen Vorsatz der Betroffenen, der Krieg 
entstehe wie ein Gewitter aus geballten 
Wolkenmassen. 

Kann man auf dem Lande schon viel 
gewinnen, wenn man zu einer Beschränkung 
der Dienstzeit gelangt, zur See muß man 
zu radikaleren Mitteln greifen. Vertrags- 
mäßige Beschränkungen der Flottenstärken 
sind nur sehr schwer in bindende und kon- 
trollierbare Formen zu gießen — wenn sie 
nicht gleich so weit gehen, jedem Einzel- 
staat die Möglichkeit zu nehmen, für sich 
allein überhaupt gefährlich zu werden. 
Weder darf Deutschland mehr für seinen 
Handel und seine jungen Kolonien besorgt 
sein, noch darf England fürchten, daß eine 
deutsche Flotte ein Millionenheer gewapp- 
neter Krieger an seine Küsten ausspeien 
könne. Das erreicht man nicht dadurch, daß 
man eine Steigerung über die gegenwärtige 
Stärke hinaus vertragsmäßig ausschließt; 
denn in ihrer furchtbaren Macht ist die 
englische Flotte zurzeit an sich gefährlich, 
und niemand dürfte es Deutschland ver- 
argen, wenn es versucht, die Gefahr für sich 
selbst nach Kräften zu vermindern. Aber 
für andere Staaten ist wiederum die deutsche 
Flotte in ihrer gewaltigen Entwicklung eine 
gefährliche Drohung. Und wenn wir zurzeit 
sicher nicht daran denken, sie zur Unter- 
drückung und Eroberung zu verwenden : 
können wir selbst etwa für die Zukunft 
stehen, für die Geistesrichtung unserer Nach- 
kommen ? Jede große Machtentfaltung ge- 
biert letzten Endes den Wunsch, sie an- 
zuwenden, und führt unwillkürlich zu einer 
Verwischung der Grenzen von Recht und 
Unrecht, sie verführt leicht auch den billiger 
Denkenden zur Gewalt und zum Uebermut. 
Das gilt für Nordamerikaner und Japaner und 
Italiener ebenso wie für alle anderen. 

Will man also hier zum Ziele kommen, 
so muß man gleich tabula rasa machen. 

Freilich wird es nicht so gehen, daß man 
jede bewaffnete Seemacht schlechthin ver- 
bietet ; das weite Weltmeer bedarf der Polizei, 
um sicher zu bleiben. Auch dürfen die kleinen 
Staaten nicht mit wenigen Schiffen die tat- 
sächliche Herrschaft gewinnen, oder empor- 
strebende Völker die Herrschaft der weißen 
Rasse bedrohen. 

Man wird daher den großen Militär- 
staaten nicht verwehren dürfen, eine gewisse 
Zahl von Kampfesschiffen zu halten, die die 
Meeresstraßen schützen und die Verbin- 
dungen mit fernen Küsten und mit den 
Kolonien sichern. Aber unbedingte Not- 
wendigkeit ist es, daß diese Flotten nur so 
groß sind, daß sie keine Gefahr mehr für 
die anderen bedeuten, und andererseits im 
Verein mit anderen Staaten doch wieder stark 



genug, um' kriegerische Pläne feindlicher 
Flotten im Keime vereiteln zu können. 

Mit anderen Worten : Die Flotten dürfen 
nichts weiter sein als eine Polizeimacht, um 
die Freiheit des Meeres und des Handels zu 
schützen, aber keine Kriegsmacht, um sie 
bedrohen oder an ferne Küsten den Er- 
oberungskrieg tragen zu können. 

Natürlich ist hierzu eine internationale 
Verständigung erforderlich; sie sollte aber 
mit diesem weitgesteckten Ziele, das den 
gegenseitigen Argwohn ausschließt, leichter 
sein, als wenn man ihr einen engeren 
Rahmen zieht. Ich denke mir die Sache so, 
daß die acht Weltmächte (Deutschland, Eng- 
land, Frankreich, Italien, Japan, Oesterreich- 
Ungarn, Rußland, Vereinigte Staaten) zu- 
nächst auf zehn Jahre ein Abkommen treffen, 
wonach jede von ihnen sich verpflichtet, in 
diesem Zeitraum nur eine sehr kleine Zahl 
von Schlachtschiffen und geschützten Kreuzern 
neu auf Stapel zu legen. Es ist klar, daß 
die Zahl nicht eine gleiche bei allen Mächten 
sein darf, sondern ungefähr nach dem Maß- 
stabe abgestuft werden müßte, der gegen- 
wärtig zwischen ihnen herrscht. Würde z. B. 
die englische Flotte nur etwa ein Drittel 
oder ein Viertel ihrer bisherigen jähr- 
lichen Neubauten in jenem Zeiträume ver- 
geben, so ist gar kein Grund mehr vor- 
handen, warum 1 sich Deutschland nicht zu 
dem gleichen Maßstabe verpflichten sollte. 
Eine sich allmählich so wesentlich ver- 
ringernde englische Flotte könnte keine Ge- 
fahr mehr für uns bilden; ihre nach wie vor 
bestehende Ueberlegenheit aber würde an- 
dererseits dem Inseireiche die Angst vor 
einer deutschen Invasion benehmen. 

Allerdings müßten die gleichen Mächte 
sich verpflichten, die Entstehung anderer 
Flotten, z. B. in China oder Südamerika, 
nötigenfalls mit Gewalt zu verhindern. 

Schreien würden über ein solches Ab- 
kommen nur die Panzerplattenfabrikanten, 
die Schiffswerften und die Kanonenkönige, 
die ganze andere Welt aber würde erleich- 
tert aufatmen. Die Kontrolle über die Durch- 
führung einer so einschneidenden Maßregel 
wäre nicht schwer durchzuführen; damit 
nicht aus den geschützten Kreuzern durch 
eine Umgehung des Vertrages allmählich 
Schlachtschiffe werden (wie vor einigen 
Jahren aus den Panzerkreuzern), müßte deren 
größter Tonnengehalt ebenfalls vereinbart 
werden, im übrigen könnte der Wettkampf 
zwischen den einzelnen Staaten über die Güte 
und Kampfeskraft ihres Materials ohne 
großen Schaden weitergehen. 

Selbst mit einem Viertel seiner gegen- 
wärtigen Schiffszahl würde England seine 
Verbindung mit den Kolonien noch immer 
aufrechterhalten können, so lange die anderen 
Vertragsstaaten sich ebenso schwächen. 
Allerdings wäre die Einstimmigkeit aller acht 



49 



DIE FBIEDEN5-N&/ABTE E 



G> 



Mächte unbedingt erforderlich; und wenn nur 
eine sich versagte, fiele der Plan ins Wasser. 

Das wäre eine Aufgabe für die euro- 
päische Diplomatie, bei deren Lösung sie ihren 
durch den Balkankrieg und den berühmten 
„Status quo ante" etwas ramponierten Ruf 
wieder herstellen könnte. 

Wäre ein solcher Vertrag nur einmal 
erst auf zehn Jahre geschlossen, und während 
dieses Zeitraumes auch gehalten worden, 
dann würde die den Dingen einwohnende 
Vernunft dafür sorgen, daß er immer wieder 
verlängert würde und sich so allmählich ein 
erträglicher Zustand teilweiser Abrüstung 
herausbildete. 



Kanonenfutter. 



Von Dr. Eduard Ritter von Liszt, 
k. k. Bezirksrichter und Universitätsdozent in Wien-Graz. 

Vor einigen Jahren ist aus der Feder der 
bekannten Schriftstellerin El Neccar in Brüssel 
ein Büchlein unter dem Titel „La repopulation 
de la France"*) erschienen. Dieser Titel sagt 
uns schon genugsam, welcher der Inhalt der 
Schrift ist. Verfasserin macht am Schlüsse 
ihrer Ausführungen eine Reihe gut gemeinter 
Vorschläge, welche aber, selbst wenn sie durch- 
führbar wären, noch lange nicht den von 
El Neccar und Anderen erwünschten Erfolg 
verbürgen würden. 

An dieses Schriftchen wurde ich erinnert 
durch das vor wenigen Monaten erschienene 
Buch des Marseiller Advokaten Dr. du 
Moriez über die kriminelle Abtreibung**). 
Nicht als ob ich die beiden Arbeiten ,auf die- 
selbe Stufe stellen wollte. Das Buch du .Moriez' 
ist nicht nur bedeutend größer, sondern gründ- 
licher und dabei vor allem wissenschaftlich. 
Doch sein Titel erzählt uns, daß es gleich- 
falls vom Standpunkte der re- bzw. depopu- 
lation de la France geschrieben sei, und die 
Frage der Abtreibung ist ja eine der da ein- 
schlägigen Spezialfragen. 

Freilich meinen zahlreiche Schriftsteller, 
daß die Abtreibung das Wachsen der Be- 
völkerung gar nicht ernstlich gefährde, daß 
daher ihre Unterdrückung auf die repopulation 
nicht den gewünschten Einfluß üben würde. 

Ob — abgesehen natürlich vom Stand- 
punkte der Kriegsführung aus — große Ver- 
mehrung der Bevölkerungsziffern wünschens- 
wert sei, darüber ist übrigens bekanntlich noch 
lange nicht das letzte Wort gesprochen. 

Es ist hier nicht der Platz, diese Fragen 
zu erörtern. Immerhin möchte ich folgendes 
feststellen: Die Stätte des notorisch leb- 
haftesten Blühensl der Fruchtabtreibung ist 



*) Brüssel — Leipzig, Olympia- Verlag, 1909. 
**) S. du Moriez, Docteur en droit — 

L'avortement, ses consequences au point 

de vue de la depopulation de la France. — 
Paris, Marchai & Bülard, 1912. 308 Seiten. Preis 
7,50 Francs. 



- New York. Die Bevölkerungsziffern von 
Groß - New York nach den letzten Volks- 
zählungen sind: 

im' Jahre 1900 3 437 202, 
im Jahre 1910 4 766883*). 

Das Buch du Moriez' ist, wie es in seinem 
Titel heißt, „une etude historique, philo- 
sophique, sociale, me'dicale, legale et de droit 
compar6". Und die Studie ist eine fleißige 
Arbeit. Leider kann ich an dieser Stelle nicht 
den Vorzügen des Buches gerecht werden, 
sondern muß jene Punkte hervorheben, mit 
denen ich nicht einverstanden sein kann. Und 
da muß ich sagen : Die Arbeit du Moriez* 
geht von falschen Voraussetzungen aus, hat 
eine falsche Tendenz und gelangt folglich auch 
zu einem unrichtigen Ergebnis. 

Da meiner Arbeit „Die kriminelle Frucht- 
abtreibung"**) von du Moriez wiederholt ein- 
gehende — und, wie ich gerne hervorhebe, 
persönlich anerkennende (vgl. S. 91) — Auf- 
merksamkeit gewidmet ist, sei es mir gestattet, 
vorerst die obersten Leitsätze dieses meines 
Buches hier wiederzugeben. Ich spreche mich 
dafür aus, die Fruchtabtreibung sei straflos 
zu lassen, wenn sie: 1. vor einem gewissen, 
eng zu bemessenden Termin nach der Kon- 
zeption, 2. im Einverständnis mit allen Be- 
rechtigten, 3. von sachverständiger und der 
Behörde verantwortlicher Seite vorgenommen 
wird. Sonst ist die Vornahme zu bestrafen; 
um so strenger, je entwickelter die Frucht, 
je größer also die Gefahr war, daß das Kind 
noch außerhalb des Mutterleibes leben und 
Schmerzen erleiden könnte. Nicht nur die 
Tötung, sondern auch die Gefährdung der 
Gesundheit des Kindes soll strafbar sein; 
letztere strenger als erstere. Die Abtreibung 
aus medizinischer Indikation bleibt in meiner 
Arbeit durchwegs außer Betracht. 

Die Forderung eines eng begrenzten Ter- 
mins für die Straffreiheit begründe ich (S. 88) 
mit der Bedachtnahme auf jene Rücksicht, 
welche dem menschlichen Leben als solchem 
gebührt. In weiterer Ausführung zu dieser 
Stelle schlage ich Seite 385 zur Grenzziehung 
jenen Zeitpunkt vor, in welchem der Embryo 
menschliche Form annimmt. Schon daraus 
ist zu ersehen, daß du Moriez sehr irrt, wenn 
er (S. 91) gegen mich meint: „les arguments, 
qu'il donne, s'ils 6taient valables, les seraient, 
en majorite^ pour toute la dur£e de la 

"*) Laut Mitteilung des „Arbeiterwille" (Graz) 
vom 15. Juni 1912 soll die Ziffer für das Jahr 
1912 gar 6 474 568 sein. Ich muß diesem Blatte 
die Verantwortung für die Richtigkeit der Zahl 
überlassen. Mir erschiene die Zunahme über- 
trieben groß. Vielleicht sind übrigens einige 
neue Vororte mitgezählt. Jedenfalls könnte eine 
so gewaltige Zunahme binnen zwei Jahren un- 
möglich nur aus der Zahl der Geburten resul- 
tieren. 

**) Die kriminelle Fruchtabtreibung. Zürich, 
bei Grell Füssli. XLII und 567 Seiten. 1. Band 
1910, 2. Band 1911. 






50 



(g) 



grossesse: or il reeonnait qü'il n'en est point 
ainsi." 



DIE FRIEDENS -WARTE 



Ueberhaupt liebt du Moriez es, mir 
Inkonsequenz vorzuwerfen. Er tut dies 
an noch einer Stelle — S. 164 — 
seiner Dissertation. Ich sage in meiner 
oben erwähnten Arbeit Seite 38: „Will 
der Mann sein Recht auf Erhaltung der von 
ihm erzeugten Frucht nicht ausüben, sträubt 
er sich im Einverständnis mit der Schwangeren 
gegen die „Vaterfreuden", so darf niemand 
sie ihm aufnötigen, ihn „zu seinem Glück 
zwingen"; gerade so wenig, als man ihn zur 
Erzeugung des Kindes zu zwingen be- 
rechtigt gewesen wäre." Und Seite 42/43 führe 
ich aus, daß der Staat, wenn er das wahre 
(natürliche) Recht zum Verbot jeder Ab- 
treibung wegen seines Populationsinteresses 
hätte, ebenso auch das Recht zur Bestrafung 
der Anwendung empfängnisverhütender Mittel 
nicht nur, sondern auch der Ablegung von 
Keuschheitsgelübden usw. haben müßte; ja, 
daß er seine „Untertanen" direkt zur Pro- 
duktion von Kindern — oder im Falle der 
Unmöglichkeit dazu zur Zahlung einer Ersatz- 
steuer — - zwingen dürfte, du Moriez hält dies 
für einen inneren Widerspruch und meint 
Seite 104: „C'est ainsi qu' Eduard von Liszt 
parait avoir oublie" qu'il a £crit, ä propos du 
pere . . ." Denn der Staat könne doch, wenn 
es ihm so gefällt, auf einen Teil seiner Rechte 
verzichten. Und dann meint er: „De tels 
arguments n'ont, semble-t-il, pas besoin d'£tre 
r£fut6s." Ich möchte du Moriez ersuchen, die 
beiden Stellen noch einmal ruhig zu lesen. 
Er wird finden, daß sie sich sehr wohl ver- 
tragen. Nicht darum handelt es sich ja, ob 
der Staat auf sein Recht bezüglich der anti- 
konzeptionellen Mittel usw. verzichtet, 
sondern darum, daß er dieses Recht nicht 
hat. Ueber seine letztzitierte Bemerkung aber 
möge du Moriez Seite 100 meines Buches 
nachsehen, wo zu lesen steht, daß der, der 
Gründe für oder gegen eine Ansicht hat, 
sie auch angeben können muß. Dort ist 
auch die Rede von jener Wendung, „die stets 
beim Mangel an Beweisen auftaucht und mit 
der oft selbst krasser Unsinn*) verteidigt zu 
werden pflegt: „. . . n'a pas besoin d'6tre 
d£montr£"" (oder bei du Moriez : „ . . . d'etre 
r£fut£"). Nein, wer Gründe zur Verteidigung 
eines ihn interessierenden Satzes hat, der 
drückt sich nicht mit einer Redensart um ihre 
Angabe herum. Im Gegenteil 1 Er freut sich, 
sie anführen zu können, und läßt sich diese 
Freude nicht entgehen, wo es nur irgend mög- 
lich ist. 

Aehnlich ergeht es du Moriez Seite 114 
mit seiner Polemik gegen meine Ansicht (§10), 
es sei ein größeres Glück, nicht geboren zu 
sein, als ein elendes Leben zu führen, und 
daß selbst die den Lebenden etwa erfreuenden 



*) Dieses Wort beziehe ich hier selbstver- 
ständlich nicht auf du Moriez. 



commoda vom nicht Lebenden nicht entbehrt 
werden. Hier scheint übrigens du Moriez 
ebenso wie an anderen Stellen den Sinn meiner 
Worte zum Teil mißverstanden zu haben. 

Doch fassen wir den Ausgangspunkt seiner 
Ausführungen ins Auge. Zwar meint er Seite 
108: „Le veVitable sujet actif du droit sanc- 
tionne 1 par la prohibition de l'avortement est 
le petit ötre que ce crime ddtruit. Seule cette 
th^orie justifie la p6nalite* en tout cas, en 
tout temps, en tout lieu." Ein Satz, der viel 
zu weit geht. Aber in Wahrheit ist dieser 
gar nicht der Leitsatz der Ausführungen des 
Verfassers. Als solchen erkennen wir vielmehr 
das auf Seite 7 als Motto ersichtliche Zitat: 
„Par son intecöndite' la France perd chaque 
jour une bataille. Mar£chal de Moltke." 

Mit diesem Zitat zeichnet sich die du 
Moriezsche Arbeit selbst als Tendenzschrift. 
Und darin haben wir den Schlüssel gefunden, 
weshalb er und ich uns nicht verstehen können : 
Ich trachtete, eine Lösung der schwierigen 
und blutig ernsten Frage im Sinne wahren 
Rechts zu finden, unbeirrt durch vorgefaßte 
Meinungen oder gar Tendenzen; du Moriez 
hingegen setzt eine Tendenz an die Spitze, 
und der Zweck seiner Arbeit ist, diese Ten- 
denz durch seine Ausführungen zu stützen. 

Zumindest für Frankreich war das aller- 
dings für die Wissenschaft nicht notwendig. 
Dort ist ohnedies diese Tendenz die alles be- 
herrschende. Hauptsächlich sie hat ja wohl 
auch dahin geführt, daß im Jahre 1912 für 
Frankreich die recherche de la paternite all- 
gemein eingeführt wurde. Können doch auch 
unehelich geborene Knaben Soldaten wer- 
den, auch unehelich geborene Mädchen künf- 
tighin künftige Soldaten mehr oder minder 
unehelich gebären.*) 

Die Frage nach dem Recht glaube ich 
— und der Großteü der wissenschaftlichen 
Kritik hat mir darin beigestimmt — in meiner 
Arbeit nicht ohne Gründlichkeit untersucht 
zu haben. Diese Arbeit enthält auch anti- 
zipativ die volle Widerlegung der Einwände 
du Moriez'. Es sei mir deshalb gestattet, 



*) Kürzlich haben (laut „Die Zeit", Wien, 
12. Januar 1913) zwei Gelehrte an Hand eines 
großen statistischen Materials den ziffern- 
mäßigen Nachweis dafür zu erbringen versucht, 
daß — unehelich geborene Kinder im Ver- 
gleich zu ehelich geborenen Kindern nicht 
minderwertig sind. Ob dieser Nachweis von 
weiteren Kreisen für notwendig gehalten wurde, 
weiß ich nicht. Meines Erachtens kann kein 
normal denkender Mensch glauben, daß die Be- 
zahlung gesetzlicher Trauungsgebühren auf die 
folgenden physiologischen Vorgänge einen Ein- 
fluß übe. Eher schiene mir die heutzutage 
immer wachsende Hinausschiebung des Heirats- 
alters in Verbindung mit anderen Momenten 
(vgl. auch Schopenhauer, Metaphysik der 
Geschlechtsliebe, IV, 44, über „Liebeskinder") 
eine gegenteilige Präsumption zu begründen. 
Der Einfluß schädigender sozialer und hygieni- 
scher Momente gehört auf ein anderes Konto. 



51 



DIE FRIEDENS -^M!MiTE = 



G) 



im folgenden nur mehr den Standpunkt 
du Moriez' auf seine Richtigkeit hin zw 
prüfen. 

Ich las in einer der vielen, vielen Arbeiten 
über Fruchtabtreibung, es sei ein erstrebens- 
wertes Ziel für einen Staat, „anderen Staaten 
seine Kultur aufzuprägen". Egozentrismus 
in etwas größerem Maß Stabe I Mir scheint 
eher das eines Kulturstaates würdig, was 
die „Neue Freie Presse" vom 12. 8. 1912 als 
erstrebenswert bezeichnete: „Dann wird 
jeder Staat den natürlichen Trieben seiner 
eigenen Entwicklung folgen." 

Erscheint mir die Kultur meines Vater- 
landes im Vergleich zur Kultur anderer 
Länder als die höhere, so werde ich 
wünschen, daß auch andere Länder ihrer teil- 
haftig werden. Aber dies durch Verbreitung 
von Unglück und Elend bewirkt sehen zu 
wollen, wäre wohl aufgelegter Widersinn. 

Freilich, es gibt nur selten ein Unglück, 
aus dem niemand Nutzen zieht. Auch ein 
Krieg kann „nützlich" sein, z. B. zur Ver- 
besserung der Handelsbilanz eines Staates. 
Woher aber das Recht käme, Tausende von 
Menschen für solchen Nutzen der anderen zu 
opfern, ihr Glück und Leben zu vernichten, 
ist eine andere Frage. Sie erinnert an ein 
schon öfters behandeltes Thema : Gewagte 
wissenschaftliche Versuche an lebenden 
Menschen zum Nutzen für andere. Nur daß 
solche Versuche ganz unvergleichbar harm- 
loser sind. Aber wie sagt Schopen- 
hauer? „Mancher Mensch wäre imstande, 
einen anderen totzuschlagen, bloß um mit 
dessen Fette sich die Stiefel zu schmieren" 
(„Ueber das Fundament der Moral", 2. Auf- 
lage, 1860, S. 198). Und nach so mancher 
jüngst gelesenen Zeitungsäußerung wäre ich 
nicht einmal besonders verwundert, der Aus- 
führung zu begegnen: Blut ist ein vorzüg- 
liches Düngemittel; es ist deshalb im Inter- 
esse der Landwirtschaft und des natio- 
nalen Wohlstandes, für möglichst viele und 
große Schlachtfelder zu sorgen. 

Noch ist ja nicht aller Nächte Morgen 
angebrochen. 

In aller Gedächtnis sind noch die letzten 
großen Kriege. 

Aus dem serbisch-türkischen Feldzuge 
meldete das „Neue Wiener Abendblatt" vom 
23. 10. 1912: „Die Verluste der Serben sind 
außerordentlich groß, werden aber noch von 
den türkischen übertroffen." Der „Arbeiter- 
wille" (Graz) vom' 10. 11. 1912 teüte mit, 
daß die Schlacht bei Lüle Burgas 55 000 
Tote und Verwundete, nämlich 15 000 bei 
den Bulgaren, 40 000 bei den Türken kostete. 
Dem „Grazer Tagblatt" vom 20. 11. 1912 
zufolge hatte bis zu diesem Tage Bulgarien 
Verluste von 40 000 Mann, die vor dem 1 
Feinde blieben, und 60000 Verwundeten, die 
in den Spitälern lagen. Dasselbe Blatt mel- 
dete am' 10. 12. 1912: „Aus Sofia wird ge- 
drahtet : Nach den den Ministerien vorliegen- 



den Verlustlisten der /vier Oberkommandos 
sind bis 1. Dezember 143 000 Mann der ver- 
bündeten Balkanheere gefallen." 

Im „Neuen Wiener Abendblatt" vom 
29. 10. 1912 aber stand zu lesen: ;„Heute 
werden sechsi Waggons Petroleum nach 
Kumanowa abgesandt, damit dort die Un- 
menge von Toten verbrannt werden kann, 
die schon in Verwesung übergehen und die 
Atmosphäre verpesten." 

Dies sind nur einige Proben aus der täg- 
lichen Zeitungslektüre. Laut „Vierteljahrs- 
hefte für Truppenführung und Heereskunde" 
(V/1, Berlin 1908) sind die Verluste durch 
die Waffen im! japanisch-russischen Kriege 
1904/05: Gesamtverluste 130 500 Russen, 
146 200 Japaner. Auf einzelne Schlachten und 
die Belagerung von Port Arthur treffen fol- 
gende Ziffern : 



Ort 



Datum 



Zahl der 
Kämpfer 



Kintschou 


25.-26. 6. 04 


Wafangou 


14.— 15. 6. 04 


Liaojan 


29. 8.-5. 9. 04 


Port Arthur 


Bade6.04— 2.1.0Ö 


Sandepu 


26.-29. 1. 05 


Mukden 


22. 2.— 11. 3. 05 



Russen : 

Japaner: 

Russen: 

Japaner: 

Russen: 

Japaner: 

Russen: 

Japaner: 

Russen: 

Japaner : 

Russen: 

Japaner: 



Tote und 
Verwundete 



13000 


900 


40000 


4300 


36000 


2600 


36000 


1200 


210000 


45000 


145000 


16000 


62000 


30000 


100000 


55000 


90000 


10400 


65000 


7000 


310000 


70000 


300000 


40000 



% 

7 

7 

91» 
21 
11 
48,5 
55 
11,5 
11 
22,6 
14 



Einzelne Truppenteile aber hatten noch 
viel höhere perzentuelle Verluste. So die 
japanische Brigade Nambu an einem ein- 
zigen Schlachttage bei Mukden 90 o/o ihrer 
Leute. 

Nach vielen Tausenden zählen außerdem 
die Opfer der Seuchen. „Es ist eine be- 
kannte Tatsache, daß im Kriege die Ver- 
luste, welche durch Infektionskrankheiten 
bedingt sind, diejenigen durch Waffen weit 
übertreffen", konstatiert*) Professor Doktor 
R. Kraus irni „Neuen Wiener Tagblatt" 
vom 1.1. 1913. Bis Mitte Januar 1913 soll das 
bulgarische Heer auf dem Kriegsschau- 
platze mehr als 20 000 Mann durch Cholera 
verloren haben. 

Dazu rechne man das ganze unsagbare 
Elend der von Haus und Scholle unschuldig 
Verjagten, die sich — ebenso wie die 
martervoll hinsiechenden Verwundeten und 
Kranken — umsonst fragen, womit sie dies 
Los wohl verdient haben. „Ueberall ver- 
härmte, verweinte Gesichter", wie es so ein- 
fach und erschütternd in einem Berichte des 
Graz er „Arbeiterwille" vom 19. 11. 1912 
heißt. 

Bei solchen Berichten denke man jener 
Autoren — man sehe ihre Namen in meinem 



*) In den Feldzügen 1870/71 und 1904/5 
war übrigens laut „Vierteljahrshefte für Truppen- 
führung und Heereskunde" (V/1, Berlin 1908, 
S. 166) das Verhältnis umgekehrt. 



52 



@= 



DIE FßlEDEN5-^ARTE 



oben erwähnten Buche § 18 nach — , die 
die Strafbarkeit der Fruchtabtreibung in 
der Gefährdung des Nachwuchses, in der Ge- 
fährdung des „ planmäßigen Kulturlebens" 
sehen wollen. 

Kulturleben ! Wie sagte doch der „Ar- 
beiterwille" (Graz, 2. 11. 1912) so richtig: 
..Der moderne Krieg versetzt die von ihm 
Betroffenen in einen Massenwahnsinn, für 
dessen Furchtbarkeit man vergebens nach 
einem Vergleich sucht. Ein normales Ge- 
hirn kann es unmöglich mit der Vernunft 
vereinbarlich finden, wenn Hunderttausende 
von Menschen einander gegenüberstehen, 
von dem einzigen Bestreben erfüllt, ein- 
ander hinzumorden. Kann man von Vernunft 
und menschlicher Kultur noch sprechen, wenn 
Tag für Tag Berichte über die Abschlach- 
tung Tausender von Menschen einlaufen, 
ohne daß die gesamte Menschheit vor Ent- 
setzen aufschreit ? Kann von menschlicher 
Kultur die Rede sein, wenn die friedliche 
Bevölkerung großer Städte und zahlloser 
Dörfer, die notdürftigsten Habseligkeiten mit- 
schleppend, in hastender Flucht die heimat- 
liche Scholle verlassen muß, um den Schrecken 
des Krieges zu erteilen; wenn Ungezählte, 
vor namenlosem Elend flüchtend, einem 
dunklen Schicksal entgegengehen, von dem 
nur das eine sicher ist, daß es nicht minder 
namenloses Elend in seinem Schöße birgt ?" 
Aber nein ! Von menschlicher Kultur wird 
zwar allenthalben viel und laut ge — sprochen; 
doch es fällt der Menschheit gar nicht ein, 
vor Entsetzen aufzuschreien, wenn sie alle 
die Kriegsgreuel hört. 

Wenn bei einer Revolte, wie gewöhn- 
lich (siehe schon die: „dames de la halle"), 
Weiber sich am rohesten benehmen, gegen 
die Wache oder das Militär Steine werfen 
usw., und der Kommandant endlich not- 
gedrungen seiner Mannschaft den Befehl zum 
Vorgehen mit der Waffe gibt, dann ist das! 
Geschrei der „Kulturwelt" groß über den 
Frevel, daß „sogar schwache Frauen nicht 
geschont" wurden. Ob wohl der schuldlos 
vor die Kanonen gezwungene Mann gegen 
Schrapnells weniger schwach ist? 

Und noch in Kriegszeiten melden die 
Zeitungen von „grauenhaften Unglücks- 
fällen", wenn irgendwo infolge eines Auto- 
Unfalles oder dergleichen zwei oder drei 
Menschen verletzt werden, während z. B. am 
16. 11. 1912 eine ganze Reihe von Blättern 
mit förmlich behaglichem Hohne meldeten, 
daß bei einer wenig „erfolgreichen tür- 
kischen Beschießung eines bulgarischen 
Lagers auch „eine Anzahl Bulgaren getötet 
worden" seien. 

Aber nicht nur das. Wie sorgten ihrer- 
seits die Staaten für ihre Kinder, die sie 
vor die feindlichen Geschosse zwangen ? Wie 
stand es mit der Fürsorge für die gewiß 
nicht durch ihre Schuld und mit ihrem freien 
Willen Verwundeten ? 



Ueber die Schlacht bei Lüle Burgas z. B. 
schrieb der Berichterstatter des „ Daily 
Telegraph" am Tage nach dieser: „Man 
begab sich in eine der grössten Schlachten 
der Neuzeit unter diesen Verhältnissen mit 
frevelhafter Außerachtlassung der Folgen. 
Die Opfer wurden zur Schlachtbank geführt, 
ohne daß man die geringsten Vorbereitungen 
zur Rettung der Verwundeten gemacht hatte. 
Es gab nicht eine Feldverbandstation, nicht 
ein Feldspital wurde errichtet, und die we- 
nigen Aerzte an der Front waren aller not- 
wendigen Dinge entblößt und mußten zu- 
sehen, ohne einen Finger rühren zu können, 
wie Tausende der Verwundeten dem' Tode 
geweiht wurden, die sonst hätten gerettet 
werden können." 

Das „Grazer Tagblatt" vom 22. 11. 1912 
veröffentlichte eine Zuschrift, der ich fol- 
gende Stelle entnehme : „Wiederholt und 
nachdrücklich muß ich betonen, daß die 
Verwundeten in einem geradezu bejammerns- 
werten Zustande eintreffen .... Auch merkt 
man, daß die bulgarischen Offiziere die ihnen 
unterstellten Mannschaften, wie aus den Be- 
richten und Aeußerungen der gewiß nicht 
feigen verwundeten Soldaten hervorgeht, 
häufig in der schonungslosesten Weise auf- 
opfern, um nur für ihren Teil irgendeinen 
Augenblickserfolg melden zu können, der 
dann später preisgegeben werden muß." 

Kulturleben ! In anderer Beziehung frei- 
lich sorgten die kriegführenden Staaten schon 
für das, was die Ordnung verlangt. 

Betreffs der Zurückgebliebenen meldete 
der Korrespondent des „Grazer Tagblatt" 
diesem zum 20. 11. 1912: „Die Mütter dürfen 
jetzt, wo ihr 17 jähriger Sohn, die Gattinnen 
und Kinder, denen der bereits altersschwach 
werdende fünfzigjährige Vater entrissen und 
auf die Schlachtbank geführt wird, öffentlich 
keine Tränen vergießen, da in diesem Falle 
Geldstrafe oder 25 Stockprügel drohen." 

Ist gegen alles das nicht das Zucht- 
haus ein ruhiges Elysium ? Und ist ein 
solches „planmäßiges Kulturleben" — man 
entsinne sich, daß speziell dieser Krieg 
unter marktschreierischer Berufung auf christ- 
liche Kultur eröffnet wurde — es wirklich 
wert, auch nur durch eine einzige Geburt 
gefördert zu werden ? 

Und nun knüpfen wir wieder bei . du 
Moriez an : Um dieses schöne Resultat zu 
erreichen, sollen Menschen verpflichtet sein, 
Kinder zur Welt zu bringen. Wer es nicht 
tut, der zeigt nach Montier („De l'avor- 
tement criminel", 1894, S. 17) „une pro- 
fondeur d'immoralite et une absence de con- 
science, qui eronne et d^courage". Ich frage 
im Gegenteil: Ist nicht der Gedanke, der 
fühlenden Menschen die Idee zumuten will, 
zur besseren Ermöglichung solcher Massen- 
greuel schuldlose Wesen nicht nur her- 
zugeben, sondern sogar erst in die Welt zu 
setzen und das Glück ihrer Familie zu opfern, 



53 



DIE FRIEDENS -WARTE 



3 



von einer geradezu unfaßbaren Ruchlosig- 
keit? Man wird gewiß in späteren Zeiten auf 
solche Anschauungen und unsere heutige 
„Sittlichkeit" ebenso verständnislos herunter- 
schauen, wie wir auf die Weisheit der Hexen- 
verfolger. 

Dieses Wort „unsere" bezieht sich selbst- 
verständlich nicht auf Oesterreich und 
Deutschland und jene anderen Staaten, 
die sich infolge des energischen Willens ihrer 
Herrscher mit ihren militärischen Macht- 
mitteln als feste Bollwerke des Friedens er- 
wiesen haben. 

Was für eine unfaßbare Konsequenz darin 
liegt, je nach Bedarf die Elternliebe zu ver- 
herrlichen und dann wieder Zumutungen wie 
die obigen an eben jene verherrlichten Eltern 
zu stellen, darüber sind wohl besondere Aus- 
führungen überflüssig. 

Aber die Idee! Die Idee des großen, 
mächtigen Vaterlandes! höre ich einwenden. 
Der Begriff des Einzelnen tritt zurück hinter 
den Begriff der Gesamtheit. Was! will das 
Glück des Einzelnen gegenüber dem Ruhme 
des Vaterlandes ! 

Gewiß, diese Idee hat ihren Zauber. Wobei 
ich übrigens die Begriffe „Glück" und „Ruhm" 
nach ihrem inneren Gehalt nicht miteinander 
vergleichen und ebensowenig die Beziehungen 
vonEinzelmensch, Gesellschaft und Staat zu- 
einander untersuchen will, du Moriez leugnet 
(S. 103) den Unterschied zwischen Staat und 
Gesellschaft. Ich verweise diesbezüglich auf 
§ 18 meiner Arbeit. Jedenfalls geht es nicht 
an, in einem von Menschen gebildeten Staate 
eben diese Menschen nur als Mittel für die 
Zwecke dies Staates zu betrachten. 

Andrerseits sollte man beim Aufschwünge 
vom Egoismus nicht auf dem halben Wege 
stehen bleiben. 

Wer nur das Interesse seines armseligen 
„Ich" als entscheidend ansieht, den nennen 
wir verächtlich einen Egoisten. Wer einen 
Schritt nach oben macht, aber doch noch 
immer das Wohl seiner Familie dem der All- 
gemeinheit ungebührlich vorsetzt, dem legen 
wir Nepotismus zur Last. (Die Sorge bloß 
um die Mitglieder der alten Stammes verbände 
erscheint uns heute als überlebt.) Wer noch 
höher steigt, aber bei der Sorge um seine 
engste Heimat stehen bleibt, für den haben 
wir das Spottwort „L okalpatr io t". Mit 
ähnlichen Gefühlen betrachten wir den, der 
etwa im großen Reiche nur für die Provinz 
fühlt, die ihn geboren hat. Auch wer nur 
den einen Weltteil gelten lassen will, der ihn 
hervorbrachte, würde uns als in seinen Be- 
griffen beengt erscheinen. Aber ausgerechnet 
der, der neben seinem Vaterland jedes andere 
Land und dessen Bewohner verachtet, soll 
das richtige und allein ehrenwerte Empfinden 
haben . . . 

Ich wäre wohl der letzte, der die Liebe 
zum Vaterhaus, zur Heimat, zum Vaterland 
herabsetzen wollte. Das Vaterland groß und 



glücklich zu machen, ist die Lebensarbeit der 
Tüchtigsten wert. Aber ich sehe nicht ein, 
weshalb meine Liebe zu den Mitmenschen 
(unter „Vaterland" ist doch sicher nicht nur 
eine Bodenfläche mit totem Zugehör zu ver- 
stehen), mein Mitleid mit den Leidenden, an 
den Grenzen meines Vaterlandes haltmachen 
und nicht zur Allgemeinheit fortschreiten 
sollten. Sie lassen sich das einfach nicht ge- 
bieten. Fühle ich warm für meine Mitmenschen 
i m Vaterlande, so können mir jene nicht 
gleichgültig sein, die außerhalb desselben 
leben. 

Ist es ein Beweis von Kultur oder von 
Brutalität, lärmende Freudenfeste zu ver- 
anstalten zur Feier des Ereignisses, daß auf 
Seite der Gegner Tausende von schuldlosen 
blühenden Menschen — zum Teil unter 
schweren Qualen — getötet, zu siechen 
Krüppeln gemacht, ihre Angehörigen in 
Jammer und Elend gestürzt wurden? Und 
ist es nicht eine doppelte Blasphemie, mit dem 
Rufe „für Gott" das Schwert zu ziehen? 

Nach diesen Betrachtungen ist es gewiß 
entbehrlich, noch davon zu sprechen, daß 
auch dem Einzelmenschen eine gewisse Frei- 
heitssphäre zustehen muß (vgl. darüber S. 43 
meiner „Kriminellen Fruchtabtreibung") und 
daß die Begründung der du Moriezschen An- 
sichten durch den Satz: „si vis pacem, para 
bellum" doch wohl eine von recht weit her- 
geholte wäre. Abgesehen davon, daß die 
großen Rüstungen an sich allein (siehe 
oben) den Frieden gar nicht sichern, 
wie Alfred H. Fried („Der Weg 
zum Weltfrieden 1912", S. o) gezeigt hat. 
Abgesehen ferner davon, daß die Beurteilung 
von Taten wie Tötung und Abtreibung seitens 
der Kulturwelt unmöglich nach der geogra- 
phischen Lage des Begehungsortes grund- 
sätzlich verschieden sein kann. 

Der dritte Teil von du Moriez' Buch 1 be- 
handelt l'avortement thörapeutique. Da meiner 
oben mehrfach erwähnten Arbeit noch be- 
sondere Ausführungen über dieses Spezial- 
thema folgen sollen, so darf ich wohl die 
Stellungnahme zu du Moriez' darauf bezüg- 
lichen Ansichten bis zu ihrer Herausgabe 
verschieben. 

Ein offener Brief an die Kriegs- 
und Friedensgesellschaft an der 
Universität Cambridge*). 

Von Norman Angell, London. 

Sämtliche Fragen über den Einfluß, den 
militärische Macht zugunsten sozialer und wirt- 

*) Studenten an der Universität Cambridge 
haben die „Cambridge University War and 
Peace Society" begründet, mit dem Zweck, 
„die überraschenden volkswirtschaftlichen Tat- 
sachen zu erforschen, auf die Normann Angell 
in seinem Buch ,Die große Täuschung* auf- 
merksam gemacht hat". 



54 



«s: 



DIE PRI EDENS -VS/WTE 



schaftlicher Vorteile ausüben konnte, über das 
Ausmaß, in welchem die allgemeine Wohl- 
fahrt einer Gruppe durch militärische Be- 
herrschung einer anderen gefördert werden 
kann, oder darüber, wieweit das Ineinander- 
greifen von Interessen gebietenden Nutzen und 
•die Wirksamkeit einer solchen Herrschaft ver- 
hindert, alle diese Fragen verlangen infolge 
der Entwicklung innerhalb der letzten dreißig 
bis vierzig Jahre eine Neubeantwortung. 

Die gegenwärtige politische und volkswirt- 
schaftliche Literatur verwendet nicht nur auf 
internationalen Verhältnissen, die zu bestehen 
aufgehört haben, beruhende Ausdrücke, son- 
dern die solcher Literatur zugrunde liegenden 
Gedanken verkennen wichtige Tatsachen, die 
sich in unserer Zeit entwickelt haben. Wenn 
man eine moderne Durchschnittsbehandlung 
einer Frage der Weltpolitik — sei es in einem 
Leitartikel der „Times" oder einem Aufsatz 
in der Quaxterly Review, oder in einem Buch 
über diesen Gegenstand, deren Wert irgend- 
wie anerkannt ist, mit entsprechenden Ab- 
handlungen aus dem achtzehnten Jahrhundert 
vergleicht, so wird man finden, daß die Aus- 
drücke und die Grundgedanken beider voll- 
ständig gleich sind; daraus ergibt sich, 
selbstverständlich, daß der moderne Verfasser 
annimmt die Tatsachen, welche der Frage 
zugrunde liegen, hätten sich nicht verändert. 
Und doch haben sie sich so verändert, daß 
allgemein anerkante Grundsätze des achtzehn- 
ten Jahrhundert im zwanzigsten Jahrhundert 
Unsinn sind. 

Man greife zum Beispiel folgende allge- 
mein herrschende Ansichten heraus : 

1. Daß ein erobertes Land den Reichtum 
des siegreichen Volkes vermehrt; daß 
dieses es „besitzt", so wie eine Person 
oder eine Vereinigung ein Grundstück 
besitzt ; 

2. daß ein Volk sich durch seine Militär- 
macht anderen Völkern gegenüber wirt- 
schaftliche Vorteile zusichern könne; 

3. daß Völker volkswirtschaftliche Ein- 
heiten sind — „konkurrierende Geschäf ts- 
firmen' T wie sie ein bedeutender militä- 
rischer Gewährsmann unlängst nannte; 

und. beweise ihre Richtigkeit durch folgende 
Tatsachen : 

1. Daß das Vermögen in einem eroberten 
Lande immer in Händen der Einwohner bleibt ; 
besondere Steuern oder Tribut ist eine Erfin- 
dung der Römerzeit und des Mittelalters unet 
bei unseren heutigen Verwaltungsmethoden 
immer schwieriger anzuwenden und immer 
weniger erträglich; 

2. daß die wirtschaftlichen Verhältnisse 
in den kleinen Staaten (z. B. Schweden, 
Holland, Belgien, Schweiz) gerade so gut sind, 
wie in den Staaten, die eine große Militärmacht 
besitzen (z. B. Rußland, Deutschland, Oester- 
reich). Daß die meisten großen Staaten mit 
Ländern Handel treiben, die sie politisch nicht 
beherrschen. England treibt doppelt so viel 



Handel mit fremden Ländern^ als mit seinen 
Kolonien (die es nicht beherrscht^; die un- 
geneure Ausdehnung des deutschen Handels 
besonders in Rußland., den Vereinigten Staaten 
und Süd-Amerika ist nicht der deutschen Mi- 
litärmacht zu verdanken. 

3. Die großen industrietreibenden Völker 
sind keine wirtschaftlichen Einheiten ; der inter- 
nationale Handel bewegt sich nicht zwischen 
Verbänden, die als; „England", „Deutschland'* 
usw. bekannt sind, sondern er ist ein ver- 
wickelter Vorgang, der sich unendlich auf ein- 
zelne Individuen aufteilt. Ein Eisenindustrieller 
in Birmingham verkauft seine Maschinen an 
einen brasilianischen Kaffeepflanzer, der sie 
deshalb kaufen kann weil er seinen Kaffee 
an einen Kaufmann in Havre verkauft; der 
seinerseits verkauft ihn in eine westfälische 
Stadt, die Eisenschienen für Sibirien erzeugt; 
diese werden dort gekauft, weil sibirische 
Bauern für den Bedarf in Lancashire Weizen 
bauen, wo wiederum Baumwollwaren für indi- 
sche Kuli erzeugt werden, die für australische 
Schaffarmer Tee pflanzen; diese können ihn 
kaufen, da sie Wolle an einen Kaufmann in 
Bradford verkaufen, der sie verarbeitet, weil 
er sein Petroleum bei den Automobilbesitzern 
in Berlin an den Mann bringt. Wie kann 
ein derartiger Vorgang, der für den modernen 
internationalen Handel typisch ist, als Kon- 
kurrenz feindlicher Verbände wie England, 
Frankreich, Brasilien und Rußland aufge- 
faßt werden? 

Während aber das durch dieses Beispiel 
angedeutete gegenseitige Abhängigkeitsverhält- 
nis seit einem Jahrhundert ein Gemeinplatz 
der theoretischen Volkswirtschaftslehre ist, 
greift es erst seit kurzem wesentlich in die inter- 
nationale Staatskunst ein. 

Vor vierzig Jahren konnten es alle Staats- 
männer, außer denen von England vielleicht, 
ungestraft außer acht lassen. Zur Zeit des 
Deutsch-Französischen Krieges genügte sich 
Deutschland selbst. Bismarck wünschte Frank- 
reich als Faktor aus der europäischen Volks- 
wirtschaft verschwunden zu sehen. Wäre sein 
Wunsch in Erfüllung gegangen, so hätte das 
damalige Deutschland kaum gelitten: aber 
den wirtschaftlichen Aufschwung des modernen 
Deutschland hätte er unmöglich gemacht. Dem) 
dieser Aufschwung ist in großem Ausmaße 
der Entwicklung von Ländern wie Rußland 
und Süd- Amerika zu verdanken; diese Ent- 
wicklung wurde größtenteils durch franzö- 
sisches Geld erreicht, weil Frankreich, da es 
nicht für eine sich vermehrende Bevölkerung 
zu sorgen hat, Geld für auswärtige Anlagen 
frei hat, während man es anderswo für die 
Erziehung der Kinder und ihre Ausstattung 
im Leben braucht. Aber geradeso wie die 
Politik der deutschen Staatsmänner, wäre sie 
in Erfüllung gegangen, für die Wohlfahrt des 
eigenen Landes verderblich gewesen wäre, 
so mußten die französischen Staatsmänner ihre 
Bestrebungen durch die Macht von Tatsachen, 



DIE FRIEDENS -^MfißTE 



[§> 



die sie richtig einzuschätzen versäumten, zu- 
nichte gemacnt sehen. Die französische Politik 
suchte nach dem Kriege Rußland zu stärken, 
um ein Gegengewicht gegen Deutschlands Ein- 
fluß zu schaffen, und begünstigte daher die 
Anlage französischen Geldes in Rußland. Dies 
hatte aber folgendes Ergebnis : der deutsche 
Handel stieg dort von 15 auf 45'%. Deutsch- 
land beherrscht Rußland kommerziell dank des 
französischen Geldes. 

Dieselben Tatsachen hatten vor kurzem 
unmittelbaren Einfluß aui ünglands auswärtige 
Politik. Sie bestimmten wahrscheinlich die 
Handlungsweise derjenigen Macht, mit der es 
im Sommer 1911 zufällig in Gegensätze ge- 
riet. Daß die Abhängigkeit der deutschen 
Industrie von der allgemeinen finanziellen 
Sicherheit Europas, der Umstand nämlich, daß 
große Störungen im Kreditwesen sie bis auf 
ihre Grundlagen erschüttern würden, Deutsch- 
lands Politik im 1 August 1911 sehr stark be- 
stimmten, ist gewiß ; daß sie der entscheidende 
Faktor war, ist wahrscheinlich, ■ — weil die 
durch die Störung bedrohten Interessen un- 
geheuer wichtiger waren, als die, welche durch 
sie gefördert werden sollten. Auch hier ist 
wichtig zu bemerken, daß die deutschen Staats- 
männer die tatsächliche Lage nicht von selbst 
erkannt hätten; es brauchte die unmittelbare 
Vermittlung von Führern der deutschen Fi- 
nanz, damit der deutsche Minister des Aus- 
wärtigen das Ausmaß der bedrohten Inter- 
essen voll würdigen konnte. 

Die Bedeutung einer derartigen Tatsache 
liegt nicht darin, daß die Politik irgendeines 
Ministers oder eines Landes versagte, sondern 
daß die Mißverständnisse, die nicht nur einem 
Lande, sondern ganz Europa eine schwere Last 
auferlegten, nur durch diese Unwissenheit 
entstanden sind; daß eine endgültige Lösung 
der wichtigsten und dringlichsten Probleme 
unserer Zeit oder auch bloß ein Schritt zur 
Besserung dieser allgemeinen Verhältnisse 
nicht möglich ist, solange man in Europa die 
einschlägigen Tatsachen nicht besser kennt 
als bisher. 

So wird zum Beispiel allgemein zuge- 
geben, daß eine große Gefahr eines 
Zwistes zwischen England und Deutschland 
besteht, der nicht auf einem tatsächlichen 
Interessenwiderstreit zurückgeht, sondern auf 
allgemeines Mißtrauen und Mißverständnis, 
auf gegenseitige Unkenntnis dessen, was eines 
oder das andere der beiden Länder zu unter- 
nehmen vorhat, wobei ein jedes dem anderen 
Absichten zuschreibt, deren Ausführung selbst 
bei oberflächlicher Prüfung töricht oder nutz- 
los wäre. 

Was für Quellen stehen jemandem zu Ge- 
bote, der die Verhältnisse von Volk zu Volk 
zum Zwecke wissenschaftlicher Darstellung und 
richtigen Erklärung der durch sie bedingten 
Folgen — etwa ähnlich wie der vorhin ange- 
deuteten — studieren will. 

Gegenwärtig wird ein systematisches Stu- 



dium dieser Entwicklungsstufe der internatio- 
nalen Verhältnisse nicht betrieben. Ein Stu- 
dium dieser Art kann am besten durch ein 
Zusammenarbeiten in Vereinigungen, wie die 
C. U. W. and P. S. bewirkt werden. Ein der- 
artiger Verein sollte Leute von möglichst ver- 
schiedenen Ansichten umfassen, — geradeso- 
viel solche, die sich besonders für die Kriegs- 
kunst interessieren als solche, deren Interesse 
mehr der Einfluß dieser Dinge auf den Fort- 
schritt der menschlichen Gesellschaft bean- 
sprucht. Wenn der Verein eine gewisse Zahl 
von Feinden der Friedensbewegung umfaßt, 
so ist es um so besser. Sie werden durch ihre 
Fragestellung die Forschungen der übrigen 
anregen, während sie ihrerseits für ein besseres 
Verständnis von Tatsachen, die selbst vom 
rein militärischen Standpunkt nicht mehr 
länger vernachlässigt werden können, gewiß 
Nutzen ziehen werden. Denn für einen Sol- 
daten ist es nicht nur wichtig zu wissen, in- 
wieweit ein Staat seine Zwecke durch Militär- 
macht erreichen kann, sondern die angedeu- 
teten Probleme stehen in engem Verhältnis 
zu den Einzelheiten der Ausnützung der Militär- 
macht als Mittel zum Zweck und bilden so 
einen wichtigen Teil seiner Studien der Kriegs- 
führung. 

Die Aufmerksamkeit könnte vorerst 
etwa auf folgende eng umgrenzte Punkte 
gelenkt werden : 

1. Inwieweit sind der moderne Besitz 
und Handel durch die Entwicklung des 
Kreditwesens und die dadurch bedingte 
gegenseitige Abhängigkeit der volkswirt- 
schaftlichen Mittelpunkte durch militärische 
Eroberungen nicht antastbar ? 

2. In welchem Ausmaße hindert die 
größere Kompliziertheit des modernen in- 
dustriellen Lebens die Anwendung des Heeres- 
mechanismus oder macht ihn überhaupt un- 
möglich ? (z. B. könnten Staaten wie Deutsch- 
land ihre industrielle Bevölkerung eine 
längere Zeit nach einer allgemeinen Mobili- 
sierung, der Unterbrechung der Verkehrs- 
mittel und der Unordnung im Kreditwesen 
ernähren ?) 

3. In welchem Ausmaße bedingen diese 
Faktoren die Nutzlosigkeit der Anwendung 
der Militärmacht zu handelspolitischen 
Zwecken; und was lehrt der Wohlstand der 
kleineren Staaten für das Verhältnis der 
Militärmacht und des militärischen Ansehens 
zu wirtschaftlichen Vorteilen ? 

4. Inwieweit hat die Entwicklung einer 
billigen Presse und anderer Propaganda- und 
Agitationsmittel der lokalen Selbstverwaltung 
so große Kraft gegeben, daß militärischer 
Zwang auf anderen als wirtschaftlichen Ge- 
bieten unmöglich wurde ? (z. B. welche 
Lehren sind aus der Verleihung einer Ver- 
fassung an Elsaß-Lothringen und dem un- 
längst erfolgten Zusammenbruch des ko- 
lonialen Steuersystems Frankreichs zu 
ziehen). 



<EF=E 



E DIE FRI EDENS -^&RXE 



Es ist zu hoffen, daß derartige Krieg- 
und Friedensgesellschaften dereinst durch 
allgemeinen Gedankenaustausch mit ähn- 
lichen Vereinen im Ausland Hervorragendes 
leisten werden. Wenn die Bewegung stark 
genug geworden ist, so daß eine Berech- 
tigung dazu gegeben erscheint, werden Ab- 
stimmungen unter Studenten an verschie- 
denen Orten vorgenommen werden, um zu 
sehen, wie weit einzelne der erwähnten Folge- 
rungen von der öffentlichen Meinung gut- 
geheißen werden. 

Was aber auch immer unsere Folge- 
rungen sein mögen, die Tatsachen verdienen 
mehr Studium, als man ihnen für gewöhnlich 
widmet. Solche Studien zu mißbilligen, heißt 
behaupten, daß in einem der schwierigsten 
Probleme unserer Zivilisation Unkenntnis 
und Vorurteile bessere Führer sind, als Er- 
kenntnis und Wissen. 



Paul Scheerbart. 

Von Erich Mühsam, München. 

Für jenen wahren Humor, der ohne Bitter- 
keit und ohne Kalauerei lediglich aus dem 
heiteren Beschauen der Dinge entsteht, ist 
unserer Zeit der Sinn abhanden gekommen. 
Der größte deutsche Humorist, Jean Paul, 
wird heutzutage langweilig und ungenießbar 
gefunden, und der einzige lebende deutsche 
Humorist, Paul (Scheerbart, der im Januar 
50 Jahre alt geworden ist und bisher etwa 
30 köstliche Bände veröffentlicht hat, ist der 
.großen Mehrzahl seiner selbst literarisch inter- 
essierten Zeitgenossen völlig unbekannt. 

Ich möchte den Dichter an dieser Stelle 
-als den lachenden Verkünder der Selbstver- 
ständlichkeit des Friedens unter den Völkern 
vorstellen. Das ist ein Moment in seinen 
Werken, das immer wiederkehrt, in immer 
neuer Form und neuem Zusammenhang, aber 
immer nur als Komponente einer in sich 
völlig geschlossenen, sehr großzügigen und 
eigenartigen Weltanschauung. 

Scheerbarts Philosophie ist kurz diese: 
Alles Irdische, Diesseitige, Abgegrenzte ist un- 
geheuer nichtig, unwesentlich und gleich- 
gültig gegenüber der Herrlichkeit der kos- 
mischen Welt. Wer sich Bürger des unend- 
lichen Alls weiß, der ist mit seiner Phan- 
tasie viel zu sehr beschäftigt, um die Dinge 
der Erde anders als mit lustiger Ueberlegen- 
heit zu betrachten. Die unendlichen Möglich- 
keiten, die in der außerirdischen Welt liegen, 
sind die der Menschen würdigste Gedstes- 
besebäftigung. Die kleinen Angelegenheiten 
unserer Körper, der Beziehungen der Men- 
schen zueinander und unserer Erhaltungsinter- 
essen verlohnen nicht der Feierlichkeit, mit 
•der sie gewöhnlich behandelt werden. 

Scheerbart geht denn auch in seinen 
meisten Büchern auf Streifzüge in die Regio- 
nen des unbekannten Weltalls. Mit dem wunder- 



vollen unbekümmerten Humor, der ihn aus- 
zeichnet, schildert er die Lebewesen fremder 
Gestirne, und indem er z. B. die Einrich- 
tungen auf dem Jupiter beschreibt, verulkt er 
zugleich die Kümmerlichkeiten der Erdbe- 
wohner. Lächerlich ist ihm 1 in seiner phan- 
tastischen Seelenstimmung jede Erotik, un- 
sagbar verächtlich aber und dumm kommt ihm 
die Methode der Menschen vor, sich mit 
Mordwaffen einander gegenüberzustellen und 
sich gegenseitig abzuschlachten, abzuschießen 
und mit allem möglichen Aufwand von satani- 
scher Erfindungskraft hinzumorden. 

Ganz ergreifend kommt diese Ansicht in 
seinem Roman „Die große 'Revolution" (Insel- 
verlag) zum Ausdruck, der unter Mondbe- 
wohnern spielt. Die Mondleute studieren mit 
ungeheuren Fernrohren das Leben und Ge- 
schehen auf den übrigen Weltkörpern. Ihre 
ganz besondere Aufmerksamkeit wenden sie 
den Menschen auf der Erde zu. Aber die 
widerwärtige Erscheinung, daß die Menschen 
immer und immer wieder mordend gegen- 
einander vorrücken, steigert bei den geistig 
vorgeschrittenen ,'Mondbewohnern die Ver- 
achtung gegen die Erdleute, und e9 entsteht 
eine Bewegung, die den Boykott der Erde 
anstrebt, den Plan nämlich, den großen Stern 
Erde völlig zu ignorieren und die Fernrohr- 
studien fernerhin nur auf die gesitteten übrigen 
Sterne zu konzentrieren. Dagegen sträuben 
sich aber die konservativeren Mondgeister, und 
so ist die geistige Revolution auf dem Monde 
ausgebrochen. Die äußert sich natürlich nicht 
in Mord und Totschlag, sondern in Beratungen 
und Uebereinkommen. Endlich soll eine 
Wette entscheiden. Die Beobachtung der Erde 
soll noch 2000 Jahre fortgesetzt werden: 
Führen die Menschen dann immer noch 
Kriege, dann sollen die Neuerer recht be- 
halten, dann muß man an der Bildungs- und 
Entwicklungsmöglichkeit der Erdbewohner ver- 
zweifeln. Als dann die 2000 Jahre herum 
sind, ist große Spannung bei den Mondleuten. 
Sie suchen mit ihren Fernrohren die Erdober- 
fläche ab, und schon glaubt die Erdpartei 
die Wette gewonnen zu haben, und auch die 
Weltpartei will sich schon freuen, weil der 
Friede auf Erden nun herbeigekommen scheint, 
da sieht man plötzlich von zwei Seiten Heere 
mit Kanonen und allen möglichen Waffen 
aufmarschieren. TJ)ie Erdpartei des Mondes 
erklärt sich besiegt. Man sieht ein, *daB an 
den Menschen Hopfen und Malz verloren ist 
una wendet fortab alle Aufmerksamkeit dem 
großen Weltall und den Gestirnen zu, auf 
denen die Unvernunft der Erdbewohner keine 
Stätte hat. 

Hinweise auf die Absurdität des Krieges 
finden sich bei Scheerbart fast in allen Werken, 
und neuerdings hat er eine eigene, sehr ori- 
ginelle Bekämpfung der Massenmorderei er- 
funden, zu der ihm seine schrankenlose Phan- 
tasie gute Dienste leistet. Er macht das in 
der Form von Ratschlägen an die Krieg- 



DIEFßlEDENS-^AQTE 



[6> 



führenden, wie sie am schnellsten und sicher- 
sten möglichst viele Menschen auf einmal um- 
bringen können. Mit scheinbarem Ernst und 
mit einer Sachlichkeit, daß man Tränen lachen 
kann, setzt er die vortreffliche Eignung der 
Luftschiffe auseinander, um von dort aus mit 
Sprengstoffen ganze Heere mit einem Schlage 
bis auf den letzten Mann zu vernichten und 
die kriegführenden Länder mit den billigsten 
Mitteln so vollständig zu verwüsten, daß der 
Friede für lange Zeit wieder gesichert sein 
muß. Im Jahre 1909 veröffentlichte Scheer- 
bart eine Broschüre (bei Oesterheld), deren 
Verbreitung unter denen, die im Kriege einen 
grotesken Wahnsinn erblicken, gar nicht ge- 
nug empfohlen werden kann. Darin plädiert 
der Dichter für die völlige Abschaffung der 
Heere und Flotten, da die Flugtechnik bei 
geeigneter Vervollkommnung durchaus 1 allein 
imstande sein wird, jede ausdenkbare Vernich- 
tungsarbeit zu verrichten. Der Titel des 
Schriftchens heißt: „Die Entwicklung des 
Luftmilitarismus und die Auflösung der euro- 
päischen Landheere, Festungen und Seeflotten. 
Eine Flugschrift". Der biedere Ernst, mit 
dem Scheerbart da seine mörderischen Vor- 
schläge macht, ist der gelungenste Hohn auf 
die ganze unsinnige Kriegsstimmungsmachered, 
die uns Zeitgenossen des zwanzigsten Jahr- 
hunderts immer noch in die Ohren tutet. 

Ich habe mit diesem kurzen Hinweis auf 
das Wirken Paul Scheerbarts zweierlei er- 
reichen wollen: einmal wollte ich die Ver- 
breitung künstlerisch .außerordentlich wert- 
voller Bücher, die kein Mensch zu kennen 
scheint, fördern (ich empfehle nicht nur die 
erwähnten Schriften Scheerbarts, sondern alle 
seine Bücher, in denen wahre Schätze des 
Humors gespeichert sind). Zweitens wollte ich 
dem Dichter selbst nützen, der dank der In- 
dolenz seiner Mitmenschen heute noch 'in 
quälender Not lebt, die ihn nur ein immer 
wacher Humor und das Bewußtsein von der 
Unendlichkeit des W r eltalls heiter lachend er- 
tragen läßt. 

Vom Anarchismus zum Gesetz! 

(Die Diagnose eines europäischen Krieges.) 
Von Wilhelm Lamszus. 

Die Welt ist heute noch sehr mangelhaft 
organisiert. So lange es noch Räubervölker 
auf der Erde gibt, so lange es noch nach 
den Grundsätzen des Anarchismus regierte 
Staaten gibt — und zwar in unserer nächsten 
Nähe — • so lange noch Kulturnationen ,es 
nicht für unwürdig erachten, mit Rußland, 
diesem schwer gestraften Land der Anarchisten 
von Gottes Gnaden, Bündnisse abzuschließen, 
sind wir in jedem Augenblick vom Krieg 
bedroht. 

Was also, wenn nun dieser unheilvolle 
Krieg, den wir so weit wie möglich! wünschen, 
trotz aller friedensliebenden Elogen, trotz aller 



menschenbrüderlichen Demonstrationen, trotz 
aller diplomatischen Entspannungen dennoch 
eines Tages auf die Bühne tritt? Wenn es der 
Weltgeschichte so gefällt, vor Blut und Eisen 
Reverenz zu machen — was sollen wir dann 
tun? Das Ideal der unentwegten Menschen- 
liebe krampfhaft schwingen? Mit kategori- 
schem Imperativ und allgemeinem Menschen- 
tum statt mit Granaten unsere Kanonen laden, 
und nachdem wir überzeugend nachgewiesen 
haben, daß dieser neue Krieg menschliche 
Maße übersteigt, den duldenden, den schönen 
Philosophentod erleiden und in Entsagung 
untergehn ? 

Man hat mein „Menschenschlachthaus" 
ein Produkt der Angst genannt. Ich gebe 
gerne zu: Mein „Held", der da im Schreckens- 
sturm zusammenbricht, das ist kein herz- 
erfrischend anmutendes Bild. Und ich gebe 
weiter zu: Ein Geschlecht, das einem Krieg 
nicht mehr gewachsen ist, das ist dem Unter- 
gang geweiht. Ich stelle mich ganz auf die 
Seite derer, die da sagen: Und wäre dieser 
Krieg noch zehnmal schrecklicher als er ist, 
und wäre er das leibhaftige Inferno, wir 
dürfen nicht vor ihm zusammenbrechen. Es 
hilft nichts, reichen unsere Kräfte nicht, so 
gibt es keine heiligere Pflicht, als sie zu 
stärken, bis sie eben reichen. Denn wehrhaft 
im Kampf ums Dasein müssen wir bleiben 
um jeden Preis. Darum Abhärtung und 
Rassenhebung! Ein starkes mannhaftes Ge- 
schlecht, das ist die Sehnsucht jedes Patrioten 
und ist die Hoffnung jedes echten Menschen- 
freundes. Wer hätte wohl Lust zu einem Volk, 
das so verfeinert und veredelt war, daß ihm 
im Baßgesang der freiheitjauchzendeu Ge- 
schütze die Nerven zerrissen? Wir müßten 
nicht selber Draufgängerblut in den Adern 
haben, um alle jene, die rückhaltlos für eine 
gute Sache einzutreten wagen, die sich mit 
Lust um einer großen Sache willen ver- 
schwenden, anders als mit Wohlgefallen zu 
betrachten. So ist es ja auch gar nicht wahr: 
Ich habe nicht das Sterben an , sich, ich habe 
nicht die physische Angst der Kreatur vor 
Tod und Untergang gemalt — das wäre ein 
unwürdiger Streich — ich hab', was wohl das 
bitterste auf Erden ist, das hoffnungslose, leere 
Sterben gemalt, das nicht mehr weiß, wozu es 
stirbt. Ich hab den neuen Menschen in den neuen 
Krieg marschieren lassen, den neuen Men- 
schen, der nicht mehr glaubt, daß dieser Krieg- 
notwendig war, den Menschen, der da fühlt r 
daß seinem Vaterlande mehr gedient und mehr 
geholfen war, wenn diese Hunderttausende 
von Menschenleben nicht vergeudet würden. 
Der allerdings, der kriegsungläubige Mensch, 
muß in dem Blutgewitter seelisch ' zugrunde 
gehen. Ist dieser Mensch Phantom, oder ist 
er historisch wahr? Das ist die] große Frage 
an das Schicksal, die wir dem Vaterland© 
schuldig sind. 

Diplomaten und ihre Auftraggeber, die von 
Berufs wegen das europäische Gleichgewicht 









58 



<§= 



DIE FRIEDEN5 -WARTE 



zu überwachen haben, glauben noch immer 
unverrückt an jenen bildschönen Menschen- 
typus, der uns allen aus farbenprächtigen 
Kriegsnovellen des vergangenen Jahrhunderts 
und aus archaisierenden Geschichtslektionen 
der Schule blendend hell herüberstrahlt, an 
jene eichenlaubgeschmückten hurrarufenden 
Heldensöhne, die nichts weiter tun, als zeit- 
lebens darauf brennen, ihren begeisterten 
Atem im Donner der Kanonen auszuhauchen. 

Nun haben wir aber soeben das' größte 
und vernichtendste Debacle erlebt, das die 
diplomatische Mathematik seit langem zu ver- 
zeichnen hat, und eine gehörige Skepsis gegen 
die Richtigkeit der europäischen Schicksals- 
rechnungen hat das europäische Gemüt er- 
faßt. Wie, wenn auch diese nationale Völker- 
psychologie, die den nächsten Krieg ent- 
scheiden soll, auf Fehlern und auf Irrtümern 
basiert, wenn auch hier, vom öffentlichen 
Auge unbemerkt und ungesehen, Wandlungen 
im stillen sich vollzogen haben, die zum Ver- 
hängnis würden ? Wie, wenn auch dieser 
völkisch leuchtende Idealmensch, der die 
nächsten Völkerschlachten schlagen soll, im 
Laufe der Zeiten zu emem historischen 
Schatten abgeblaßt, zu einer konventionellen 
Phrase zusammengeschrumpft wäre ? Zu 
einer Phrase, die in dem nächsten Krieg zu- 
sammenbräche ? Es bräche vieles, vieles 
mit zusammen. 

Soviel ist sicher, und nur politisch völlig 
Erblindete tappen glückselig daran vorbei: 
Die vier Jahrzehnte intensivster industrieller 
Entwicklung, die nun seit dem letzten mittel- 
europäischen Ringkampf verflossen sind, 
haben nicht nur einen neuen fremdartigen 
Krieg erzeugt, sie haben auch eine neue, 
wesensandere Menschheit geschaffen, eine 
Menschheit, die von neuen Idealen beseelt, 
von neuen Impulsen getrieben wird. Das 
heutige Geschlecht ist nicht mehr das Ge- 
schlecht des 30 jährigen Krieges und auch 
nicht das von 1870/71. Die Volksseele, nicht 
nur die deutsche, sondern ebenso sehr die 
französische und die englische, hat sich ge- 
waltig differenziert. Und wie sich diese neue 
Menschheitsseele in einem großen histo- 
rischen Augenblick auswirken würde, das 
weiß kein Mensch. Was dann geschehen 
würde, wenn sich das Schicksal blind er- 
erfüllen sollte, daß Europa über Nacht in 
Brand geriete, weiß kein Gelehrter und kein 
Diplomat, das weiß auch kein Kriegswissen- 
schaftler — und dieser wahrscheinlich am 
wenigsten, weil er von allen jenen der Volks- 
seele am abgeklärtesten und am abstraktesten 
gegenübersteht. Wie soll man sagen können, 
wie Menschen mit eigenem Fühlen und 
Denken in ihrer letzten Stunde sich be- 
nehmen werden, wenn man gewohnt ist, in 
ihnen kaum mehr als Exerziermaschinen zu 
erblicken. Jede strategische Rechnung hat 
als Grundlage die Zahl der Gewehre und Ge- 
schütze. Mit. Menschen operiert sie wie mit 



Nummern. Der Mensch ist weiter nichts als 
ein mechanischer Kräftekomplex, der in die 
Rechnung als ein äußerst gering innervie- 
render Faktor eingesetzt wird. 

Allerdings, daß das Menschenmaterial 
weicher und biegsamer geworden ist als 
früher, und daß es daher fraglich ist, ob 
die Heere der Zukunft noch die großen Ver- 
luste ertragen werden — von dieser formalen 
Seite her haben die akademischen Strategen 
das Problem 1 zu lösen versucht und — haben 
das Fragezeichen stehen lassen. 

Aber es gibt neben dieser formalen Seite 
noch eine andere, bedeutungsschwerere, die 
historisch-psychologische, die bisher kaum 
gesehen, geschweige denn untersucht worden 
ist. Man scheint ihr ängstlich aus dem Wege 
zu gehen. Selbst der Staatsrat Bloch hat in 
seiner glänzenden Theorie eines zukünftigen 
Krieges die Psychologie des modernen euro- 
päischen Soldaten nur flüchtig gestreift. Und 
doch liegt hier — die Geschichte der ver- 
gangenen Kriege lehrt es immer wieder — 
der Schwerpunkt des Problems. Nicht die 
Stückzahl der Geschütze und der Menschen, 
die ältere oder modernere Konstruktion der 
Waffen entscheidet letzthin, sondern der 
Geist, der diese Waffen führt. Das haben 
uns die deutschen Befreiungskriege, das 
haben uns die Heere der französischen Re- 
volution gezeigt, das hat uns die Welt- 
geschichte soeben erst wieder am 1 Balkan blut- 
triefend vorgeführt. 

,, Krieg ist," sagt Byron, „wenn ihn das 
Recht nicht heilig macht, bloß Hirnzerschmet- 
tern und Luftröhrenschneiden." Und bei dieser 
problematischen Beschäftigung des Hirnzer- 
schmetterns und Luftröhrenschneidens würde 
jedem normalen Menschen, der nicht als Lust- 
mörder geboren wurde, bald der Appetit ver- 
gehen, wenn ihn nicht jene seelische Hoch- 
spannung ergriffe, die von jeher alle sieg- 
reichen Völker über Blut und Leichen an das 
verheißungsvolle Ziel getragen hat : Jene große 
elementare Begeisterung, die dereinst aus 
preußischen Monatskrümpern die besten Feld- 
soldaten prägte, die aus zusammengelaufenen 
Menschenhaufen unwiderstehliche Heere schuf. 
Das starke „heilige Gefühl des Rechts", das 
war die suggestive Kraft, das war das seelische 
Aequivalent, das verbrauchte physische Kräfte 
immer von neuem regenerierte. Muskeln und 
Nerven wurden abgenutzt bis zur Erschöpfung^, 
aber Schwung und Begeisterung rissen den 
müden Leib empor und offenbarten grenzenlos 
das uralte Geheimnis der Suggestion: Die 
Macht der aufgewachten stürmenden Seele 
über den zagenden todbangenden Leib. Sug- 
gestionen ballten die Volkskräfte zu eherner 
Leidenschaft zusammen und machten sich "Luft 
in welthistorischen Explosionen. 

Wie ist nun aber die seelische Verfassung 
des europäischen Bürgers, der morgen in den 
Krieg marschieren soll ? Wo ist das seelische 
Aequivalent, das ihn regenerieren soll? Wo 



5.9 



DIE FßlEDEN5-^*\DTE 



=§> 



ist das heilige Gefühl des Rechts, das seine 
skeptisch angehauchten Nerven entflammen 
soll? Ein Blick in die Oktober- und November- 
zeitungen aller Landesfarben vom preußischsten 
Blau bis zum vaterlandslosesten Rot zeigt uns, 
daß man weit weniger verklärt und rosenrot 
den Krieg ansieht als in vergangenen Tagen. 
Mit unheimlicher Kraft der Anschauung zogen 
die Schreckensbilder des Balkankrieges vor 
unseren Augen vorüber, klassische Darstellun- 
gen wahrheitsgetreuer Schlachtenschilderung. 
Und gerade die großen konservativen Zeitun- 
gen, die sich das Vergnügen teurer Spezial- 
korrespondenten leisten konnten, malten uns 
die angeschossenen Menschen, die Tag und 
Nacht im strömenden Regen ihre Wunden 
wuschen, malten uns die Cholerakranken, die 
in Krämpfen sich wanden, bis sie im Schmutz 
krepieren mußten, so lebenswahr, so natura- 
listisch körperhaft, daß wir den röchelnden 
Atem zu vernehmen meinten und Grauen und 
Empörung uns übermannten. 

Man sollte all diesen sonst so kriegs- 
lustigen Blättern, die uns so systematisch 
zum Kriegsabscheu zu erziehen suchten, der 
Reihe nach den Hochverratsprozeß machen, 
das wäre nicht mehr als konsequent. 

Und doch war dieser Balkankrieg mit 
schien teilweise 30% Verlusten an Menschen- 
material nur ein Kinderspiel. Weil sie nicht 
mit ihren Maschinen umzugehen wußten, 
kehrten sie wieder zum Handbetrieb zurück. 
Was will nun dieser schlecht organisierte 
Kleinbetrieb gegen jene europäische Groß- 
schlächterei bedeuten, die mit technisch voll- 
kommenen Spezialisten, die mit Dynamos und 
Akkumulatoren arbeitet. 

In diesem rasselnden Jahrhundert der 
Maschinen gibt es auch auf dem Markt des 
Sterbens weiter nichts als eine neue Branche 
mehr: die Leichenindustrie. 

Pas alles aber geht glatt in die 
historische Entwicklung auf. Maschinen- 
gewehre und ingeniöse Sprengvorrichtungen 
gehören allerdings ins Zeitalter der Ma- 
schinen. Man kann sie nicht verbieten und 
aus purer Menschenfreundlichkeit und Poesie 
zu Pike und Muskete retirieren. Die tech- 
nische Entwicklung geht weiter ihren Gang 
und erzeugt mit jedem Tage einen groß- 
zügigeren, produktiveren, ergiebigeren Krieg. 
Aber — nun kommt der erste Widerspruch 
— der unmenschlichere, barbarischere Krieg 
findet mit jedem Tage einen mensch- 
licheren Menschen, denn, was den 
Bürger des 20. Jahrhunderts vor dem des 
19. auszeichnet, ist das größere Kultur- 
bewußtsein. Wir brauchen nicht die Zahl 
der Analphabeten von heute und vor 40 Jah- 
ren zu vergleichen, wir brauchen nicht die 
wachsende Zahl und Einrichtung der Schulen, 
den ungeheuren Aufschwung des Presse- 
wesens zu verfolgen, (wir brauchen keine 
Kulturstatistiken zu studieren. Wir brauchen 
nur einen Blick in jene weitverzweigten Volks- 



60 



Veranstaltungen zu werfen, in jene Volks- 
konzerte und -theatervorstellungen, Volks- 
bibliotheken und literarische Abende, die 
Arbeiter aus eigenen Mitteln sich schufen. 
Kunst und Kultur sind nicht mehr Dinge, 
die man an großen Festtagen aus dem Glas- 
schrank nimmt, um sie zum dankbaren Ob- 
jekt schwungvoller Tischreden zu machen. 
Humanität ist nicht wie früher ein holder, 
ferner, nie erreichter Traum. Ach nein, Fata 
morgana sieht nur der, der noch verloren 
in der Wüste irrt. Die das Land der Mensch- 
heit fanden, haben auch den Boden der 
Wirklichkeit gefunden. Urnen ward Hu- 
manität zu einem leidenschaftlichen, realen 
Trieb. Er hat sich als der größte, unstill- 
barste aller Triebe erwiesen. Nicht nur, daß 
er die Siechenhäuser und Spitäler baute, daß 
er mit Hygiene und Gesetz das bürgerliche 
Leben schützte, sogar den Keim im Mutter- 
leib mit Zuchthausstrafen schützt — er hat 
weit Größeres vollbracht. Aus Millionen 
Köpfen schuf er eine Menschheitsseele, aus 
Millionen ,Sonderinteressen einen großen 
Menschheitswillen. Volksstämme, die sich 
dereinst zerfleischten, verbanden sich zu 
Völkern, und Nationen, die sich demnächst 
zerfleischen sollen, schicken sich an, zu 
einem großen Brudervolk zu werden. Man 
hat dereinst die deutschen Burschenschaftler, 
die sich zu leidenschaftlich nach der deut- 
schen Einheit sehnten, als Landesfeinde auf 
die Festungen geschickt. Die deutsche 
Einheit ist trotzdem gekommen. So wird auch 
die Kultureinheit der Völker kommen trotz 
allen offiziellen Rückwärtsblasens. Vom Ur- 
menschen, der da den Gegner schlug, wo er 
ihn fand, sind wir zu immer größeren und 
festeren Kulturverbänden emporgestiegen und 
werden weiter steigen. Wer das zu leugnen 
wagt, der leugnet, daß es je Geschichte gab. 
Es hilft hier nichts, wir stehen an der Wiege 
eines neuen Menschen. Der morgen in den 
Krieg marschieren soll, ist nicht mehr der 
von 1870/71. Was ist das für ein Mensch? 
Wenn man ihn schmähen will und de- 
nunzieren, so nennt man ihn den internatio- 
nalen Menschen und macht drei fff hinter 
ihm. Das hindert aber nicht, daß man am 
Sonntag, wenn man sich die Augen aus- 
gewaschen hat, dann selber in die Kirche 
geht und eben diesen selben internationalen 
Menschenbruder von der Kanzel herab nach 
allen Regeln der Homiletik sich warm ans 
Christenherze legen läßt. Denn was macht 
das Uebermenschentum des Nazareners aus ? 
Daß er das Gleichnis von Alljuda predigte ? 
Daß er nach möglichst vielen Legionen und 
Kohorten schrie ? Daß er nur jene Seiner 
Liebe würdig fand, die schwarz-weiß-rot irrt 
Kleide gingen ? Weswegen ward er eigent- 
lich ans Kreuz geschlagen ? Das mögen 
unsere frommen Patrioten sich von ihren 
kundigen Pastoren auseinandersetzen lassen 
Ach, dieser verbrecherische menschenbrüder- 






<§= 



= DIE FRIEDENS -WARTE 



liehe Trieb, dieser hochverräterische Trieb 
des Menschen zum 1 Menschen, den haben ihm 
mit nichten Aufrührer und Verschwörer in 
die Brust geblasen, der ist auf keinem un- 
erlaubten polizeiwidrigen Weg zu ihm ge- 
kommen, ist nicht einmal Propheten- und 
Messiaswerk: Ach nein, im hellsten Licht 
der Sonne hat es angefangen, und Eisen- 
bahnen, Telegraphen, Dampf und Elektrizi- 
tät, das sind die Hochverräter, die die Landes- 
grenzen überwunden haben. Sie haben das 
dumpfe landesfarbene Empfinden zum größe- 
ren und philosophischen Menschheitsbewußt- 
sein geweitet und geklärt. Kirnst und Wissen- 
schaft haben das menschliche Gewissen ge- 
schärft und haben jenen verruchten wider- 
lichen Chauvinismus, der einst mit blöder 
Geringschätzung auf alles niedersah. was 
andere Farben trug, für alle Zeit zum lächer- 
lichen Firlefanz gemacht. Sie haben auch 
den Rassenhaß, das Erbe aus der Tierheit 
Tagen, endgültig in die Rumpelkammer der 
Kultur gestellt. 

Es ist eine neue Menschheit, die 
morgen in den Krieg marschieren soll. Wenn 
wir die Seele dieser Menschheit analysieren 
wollen, brauchen wir nicht auf internatio- 
nale Kongresse und Demonstrationsversamm- 
lungen zu gehen — was wir hier schreiben, 
predigen wir nicht von der Zinne irgendeiner 
Partei, sondern wir schreiben nur das Leben 
ab und — eigenhändige Dokumente untadel- 
hafter deutscher Männer. In jenem berühm- 
ten Sonderheft von „Nord und Süd", wo 
Prinzen und Professoren, Fürsten und Grafen, 
Bürgermeister und Minister sich für die 
deutsch-englische Verständigung aussprechen, 
hat vor allem der Prinz Heinrich zu Schön- 
aich-Carolath die Volksseele am sichersten 
und überzeugendsten gezeichnet : 

„Die gesunden, einsichtsvollen, beachtens- 
werten, maßgebenden und führenden Elemente 
beider großen Kulturvölker wollen den Frieden, 
die Verständigung, die Entente und. wenn mög- 
lich : die Entente cordiale! Alle diese 
Elemente halten einen Konflikt, 
einen Krieg — - man sollte so ein Wort 
gar nicht aussprechen, weil es sich einfach nicht 
einmal denken läßt — für einen Wahn- 
sinn, für eine Tollheit, unter welcher 
jede von beiden Nationen empfindlich leiden 
würde, ganz gleichgültig, welche Sieger oder 
Besiegte wäre. Und während der Zeit, wo beide 
Nationen, die so unendlich vieles Gemeinsames 
haben, deren Eigenarten, Stimmungen, Gefühle, 
Anschauungen auf den verschiedensten Gebieten 
die gleichen sind, sich zerfleischen, sich Wunden 
schlagen würden, die nur langsam heilen, sich 
nur schwer schließen, wohl aber eine dauernde 
Verbitterung und heiße, leidenschaftliche Gegner- 
schaft zeitigen würden, in derselben Zeit könnten 
ftuf anderen Weltplätzen große Interessen ver- 
loren gehen und geschädigt werden, die den 
kämpfenden Parteien unendlich wertvoll wären." 

Das ist die Sehnsucht der neuen Mensch- 
heit, auf eine psychologische Formel ge- 
bracht : Entente cordiale. Was aber dem 
deutschen Prinzen noch als ein frommer 



Wunsch erscheint, das sieht der Attorney- 
General und Minister des vereinigten König- 
reichs England, Sir Rufus D. lsaa.es, in deut- 
licheren Konturen : 

„Nur mit Genugtuungkann man 
feststellen, daß die Beziehungen 
zwischen den Arbeiterklassen 
beider Länder stetig intimer wer- 
den. Denn in dieser engeren In- 
timität liegt eine starke Schutz- 
wehr gegen das Andauern der Vor- 
urteile und Mißverständnisse." 

Intim und herzlich! Wer Augen hat zu 
sehen, sieht, daß das die Wahrheit ist. Man 
mag die Wahrheit mit Entzücken oder mit 
Erschrecken sehen, nur leugnen läßt sie sich 
nicht mehr. Wenn sich in Frankreich 98 000 
Volksschullehrer öffentlich und feierlich zum 
Pazifismus bekennen, wenn auf demselben klas- 
sischen Boden der „gloire" Bürgermeistern 
großer Städte die Polizeigewalt entzogen wer- 
den muß, weil sie sich weigern, dem allzu 
ungestümen Friedensdrang des Volkes Einhalt 
zu gebieten — wer will es leugnen, daß da 
neue Kräfte, neue Phänomene in das, mensch- 
liche Bewußtsein treten, daß da ein wesens- 
anderer Mensch geworden ist. Das ist das 
heute noch verborgen wirkende historische 
Gesetz, das sich mit jedem Tage mehr reali- 
siert : Die Eins werdung der mensch- 
lichen Kultur, der Einheitsakt des 
menschlichen Erkennens, der sich 
mit apodiktischer Gewißheit über 
Raum und Zeit vollzieht, bewirkt 
die Einswerdungdes zur Kultur er- 
wachten Menschen. Diese Identi- 
fizierung der Kultur aber trägt in 
sich die Tendenz, den uralten, 
mystisch verschleierten Kampf 
ums Mein und Dein, den ominösen 
Eigentums- und Land er st reit der 
Menschheit, der einst in blinden 
Katastrophen sich entlud und 
unter ungeheurer Menschen- und 
Materialvergeudung vor sich ging, 
nicht nur im kleinen, sondern auch 
im großen immer mehr den klar er- 
kannten, ökonomischen, kultur- 
politischen Gesetzen unterzuord- 
n e n. Kulturvölker gehören innerlich zusam- 
men: Das ist die nächst sichtbare historische 
Etappe. Reißt man sie voneinander los und 
jagt sie entwerteter Gefühlsanachronismen 
wegen widereinander, so hat man sie der offe- 
nen Verzweiflung überantwortet. Wehe dem 
Kriege, der sich in der Menschheitsseele ver- 
spekuliert! Wehe dem Kriege, der mit einer 
anachronistischen Psychologie gerechnet hat! 
Der Einsatz dieses Krieges ist das europäische 
Kultursystem. Der Einsatz geht verloren, 
wenn der Krieg verloren geht; das ist, was ich 
mit meinem „Menschenschlachthaus" sagen 
wollte. 

Es sind ja nun in unseren Tagen sonder- 
bare Heilige erstanden, die schelten rectit- 



61 



DIE FRIEDENS -^kßTE 



=6> 



schlaffen die Menschheit aus, daß sie es nicht 
mehr für den höchsten aller irdischen Genüsse 
hält, sich gegenseitig die Gurgel abzuschnei- 
den. Was soll aus einer so erschlafften und 
degenerierten Menschheit werden ? Es ist nur 
schade, daß es den Völkern bisher an Zeit 
gebrach, sich so wie diese imannstollen Aesthe- 
ten zu verweichlichen und zu entnerven. Arbei- 
tende Menschen haben nicht nötig, das er- 
schlaffte Blut mit einer Eisenkur sich perio- 
disch aufzufrischen; wohl aber wäre jenen 
misanthropischen Skribenten etwas mehr Re- 
spekt vonnöten, Respekt vor jenen, die all- 
jährlich auf dem Schlachtfelde der Arbeit 
fallen, Respekt vor jenen, die im Schatten 
atmen und im Dunkel sterben, damit wir 
Glücklichen die Sonne sehen. Steigt doch 
hinunter in die Bergwerke und geht hinaus aufs 
Meer in Sturm und Not, sehet dem stillen 
Forscher zu, der Tag und Nacht um die Er- 
kenntnis ringt und seinen letzten Atemzug; der 
Wahrheit weiht — 

Das Heldentum der Arbeit blüht herr- 
licher als je. Aber die Sehnsucht dieser ar- 
beitenden Menschheit ist 4 nicht wie einst das 
Hirnzerschmettern und Luftröhrenschneiden. 
Die Sehnsucht dieser Menschheit heißt : Ge- 
sittung! vom Tier zum Menschen, vom Anar- 
chismus' zum Gesetz. Wer ist's, der diesen 
Weg nicht finden kann ? ,, Gleich wie 
wir nun", so sagt Immanuel Kant, „die 
Anhänglichkeit der Wilden an 
ihre gesetzlose Freiheit, sich 
lieber unaufhörlich zu balgen, als 
sich einem gesetzlichen Zwange 
zu unterwerfen, mit tiefer Ver- 
achtung ansehen, so sollte man 
denken, müßten gesittete Völker 
(jedes für sich zu einem Staat ver- 
einigt) eilen, aus einem so ver- 
worfenen Zustande je eher desto 
lieber herauszukommen. Statt 
dessen aber setzt vielmehr jeder 
Staat seineMajestät gerade darin, 
gar keinem äußeren gesetzlichen 
Zwange unterworfen zu sein." 

Das ist nun zwar der internationale Anar- 
chismus: reinster Form, den, als den höch- 
sten aller Zustände, zu preisen, auch heute 
noch als sehr verdienstvoll gilt." Es ist 
nicht eben viel, womit sich unsere politische 
Vernunft begnügt. Denn diese vielgepriesene 
„politische Vernunft" findet sich schon in 
jedem Ameisenhaufen sinnreich und muster- 
gültig realisiert. Im Ameisenstaat haben wir 
nach innen den vollständigen sozialen Aus- 
gleich, nach außen hin aber den unerbitt- 
lichsten und konsequentesten, den ganz auf 
sich gestellten Nationalismus. So hätten wir 
denn glücklich das Niveau der Ameisen er- 
klommen, und unsere politische Erkenntnis 
wäre die eines Insektenhirns. Insektenethik, 
das wäre der Weisheit letzter Schluß. Wahr- 
lich, man könnte stolz auf dieses Mensch sein 
werden, werm nicht die Weltgeschichte über 



62 



ihre Totengräber, die es zu allen Zeiten gab, 
zu allen Zeiten auch zur Tagesordnung über- 
ginge. Organisation heißt das Gesetz der 
Welt. Männer des Lebens: Kaufherren, In- 
dustriefürsten haben das Gesetz erkannt und 
schließen sich, wenn Freund und Feind der 
sinnlos preisdrückenden Konkurrenz zu er- 
liegen drohen, zu weltumspannenden Kar- 
tellen, zu internationalen Trusts zusammen. 
Die Völker, die in kriegerischer Konkurrenz 
sich aufzureiben drohen, fangen an, den Weg 
zum kriegerischen Trust zu suchen. Wo sind 
die großen Staatsmänner, die Carnegie und 
Rockefeller der Politik, die die erwachte 
Menschheit zum weltumspannenden Kultur- 
kartell zu führen wissen ? Verzückte Schwär- 
mer, untergehende Romantiker, die nicht 
zur Wirklichkeit genesen können, schauen 
sehnend nach rückwärts, wo die gestorbenen 
Ideale mit dem gestorbenen Tag zur Rüste 
gehen. Das gibt dem' neuen Menschen seine 
aufbauende Kraft, daß er nach vorwärts 
schaut ! Der wird der Mann der kommenden 
Epoche werden, der, was sich aus dem 
Morgendämmer der Geschichte hebt, zu 
klarer Form, zu menschbeglückender Gestalt 
zusammenfassen kann. Wer Bismarcks große 
Kunst zur Wirklichkeit uns preist und selbst 
nichts Besseres versteht, als mit dem alten 
Handwerkszeug nach alten Schätzen graben, 
der ist ein schlechter Jünger der Vergangen- 
heit. Vorwärts mit neuen, jungen Augen in 
die neue Zeit ! Das, und nichts anderes heißt 
uns realpolitisch denken. Das und nichts 
anderes kann unserm Vaterlande dienlich sein. 



I 



n RANDGLOSSEN U 
EUB ZEITGESCHICHTE 

Von Bert ha von Suttner. 

Wien, 4. Februar 1913. 
Seit dem Ausbruch des Balkankrieges 
ändert sich die politische Situation mit jedem 
Tag, mit jeder Stunde. Und jede neue Va- 
riation wird von der Presse mit Folgerungen, 
Betrachtungen, Kombinationen und Prophe- 
zeihungen begleitet, die einander aufheben und 
widersprechen, die von den Ereignissen Lügen 
gestraft werden, und die untereinander einen 
Wirbeltanz aufführen, wie die Vorstellungen 
eines wilden Traumes. Und das kommt daher : 
Wie im traumbefangenen Gehirn das ordnende 
Bewußtsein fehlt, so fehlt im politischen Han- 
deln und Denken von heute das feste Prinzip, 
die sichere Zielrichtung. Die allgemeine Mei- 
nung unter den „maßgebenden" und „unter- 
richteten Kreisen" und die Denk- und Stil- 
gewohnheiten der Zeitungen stehen einerseits 
noch im Banne der kriegerischen Weltan- 
schauung, sind aber andrerseits doch schon 
beeinflußt von dem Friedenswillen und der 
Friedensnotwendigkeit der modernen Weh. 






<§: 



DIE FRI EDENS -^J^RXE 



Vor hundert Jahren, selbst vor fünfzig Jahren, 
hätte es zu solchen Verdrehungen und Win- 
dungen, solchen Irrnissen und Wirrnissen in 
den offiziellen Schritten und den offiziösen 
Kommentaren nicht kommen können; — 
da waren der Krieg, die Gewalten, das Er- 
obemngsrecht noch die unbestrittene Grund- 
lage des Staatenlebens. Das ist heute — 
außer in den Augen der verschiedenen Kriegs- 
parteien — nicht mehr der Fall. Wir Pazi- 
fisten werden von den täglich veränderten, 
toll wirbelnden Ereignissen nicht zum Schwan- 
ken und zum Selbstwidersprechen gebracht; 
weil auch wir auf einer festen Grundlage — 
der Grundlage der Prinzipien — stehen, auf 
denen unsere Ueberzeugungen ruhen. Wir 
sind Zeugen, wie diese Prinzipien sich stö- 
rend in das alte System einfiltrieren und 
können daraus die erneute Sicherheit schöpfen, 
daß ein neues System im Werden ist. 

mb 

Den Verhandlungen, Botschafter-Reunio- 
nen, Delegierten-Konferenzen, Pourparlers und 
selbst Dejeuners ist es nicht gelungen, den 
eingegangenen Waffenstillstand in einen tat- 
sächlichen Friedensschluß zu verwandeln, son- 
dern infolge einer temperamentvollen Mini- 
sterratsttzung in Sofia wurde ein neuer Krieg 
daraus, angesagt zur üblichen Theaterstunde 

— 7 Uhr abends — des 3. Februar. Dann 
sollte es wieder ans „Lokalisieren" gehen. 
Nur um Gotteswillen keinen europäischen 
Krieg! Sie alle hoffen, wünschen, beten, daß 
es zu keinem Brand komme — als ob der 
von Gott weiß wo entzündet werden könnte, 

— während sie es doch alle selber in der 
eigenen Hand haben, ihn zu entzünden oder 
nicht. 



Kaiser Franz Josef hat durch einen Spezial- 
gesandten ein Handschreiben an Zar Nikolaus 
geschickt. Niemand weiß, was drin steht, aber 
die ganze europäische Presse kommentiert — 
und wahrscheinlich mit Recht — , daß dies 
eine Anbahnung zu freundschaftlicher Be- 
ziehung zwischen den beiden Kaiserreichen und 
daher zur Verminderung der Konfliktsgefahr 
führen wird. Desto besser, wenn dies der 
Fall ist. Sowohl der Kaiser von Oesterreich, 
wie der Einberuf er der Haager Konferenz, 
sind dem Kriege abhold und wenn die beiden 
direkt miteinander verhandeln (nicht durch 
ihre Ministerräte), so wird es sein, um Ge- 
fahren zu bahnen, nicht zu schüren. Aber 
so erfreulich diese Tatsache im konkreten 
Fall auch wäre, sie würde doch wieder zeigen, 
auf wie unsicherem Boden Glück und Leben 
der Völker stehen, wenn dies davon abhängen 
soll, ob zwei Mächtige freundlich lächeln 
oder die Brauen zusammenziehen. 

Immerhin, freuen wir uns, wenn das pazi- 
fistische Gift, vor welchem gewisse Vortrags- 



und Tägliche-Rundschau-Generale ihre Zeit- 
genossen so eifrig warnen, auch in die Re- 
gionen der Mächtigen dringt. Ich glaube,, 
die drei gegenwärtigen europäischen Kaiser 
würden für ihr Leben gern einen gesicherten 
Frieden einsetzen. Aber als Kriegsherren 
sind sie einigermaßen die Gefangenen ihrer 
Kriegsheere. Sie können nichts tun, was dem 
Prestige, was der Unentbehrlichkeit des Mili- 
tärs zuwider wäre. Und doch, wenn sie es 
wagten, welche Ruhmestat in den Augen künf- 
tiger Historiker! 

MB 

Unterdessen aber hat der wiedererwachte 
militärische Geist erschreckende Dimensionen 
angenommen. Als ob es keine organisierte 
Friedensbewegung, keine interparlamentarische 
Union, keinen Haag gäbe, wird wieder das 
Eroberungsrecht proklamiert; wieder die Er- 
werbung von Landfetzen und Steinhaufen als 
das höchste Staatsinteresse gepriesen und mit 
der Geste ,,La Bourse ou la vie" rücksichtslos 
durchgesetzt; wieder gehört „mit Gottes 
Hilfe" das Hinmorden von Hunderttausenden 
zu den kulturfördernden Glanzaktionen. Wir 
müßten verzweifeln, wenn wir nicht wüßten, 
daß dies nur das letzte Aufflackern einer 
zum Erlöschen bestimmten Flamme ist. 

Der plötzliche Regierungswechsel in de* 
armen Türkei hat den Friedensschluß, der 
durch die Nachgiebigkeit der abgesetzten Re- 
gierung schon gesichert war, wieder fraglich 
gemacht. Und nun zeigte sich — ganz uner- 
warteterweise — die neue Regierung auch 
nachgiebig. Bulgarien hat aber deren neue 
Antwort auf die Note der Mächte gar nicht 
abgewartet, sondern den Waffenstülstand flugs 
gekündigt. Mit diesem Nichtabwarten hat 
Italien Schule gemacht. Vermutlich hat der 
temperamentvolle Ministerrat in Sofia noch 
andere Pläne. Es ist ja auch schon ver- 
kündet: Erhöhung der Kriegsentschädigung, 
die Türkei muß doch die Kosten der durch 
ihre „Hartnäckigkeit" (sie mag nun einmal 
nicht ganz tot sein, die Eigensinnige) ver- 
schuldeten Verlängerung des Krieges zahlen. 
Ferner wäre der Einmarsch in Konstantinopel 
auch nicht übel . . . 

MB 

Wie hat sich nun eigentlich die Vermkt- 
lungsaktion der Mächte erwiesen? Vermitteln 
heißt doch, mit gleicher Gerechtigkeit für 
beide Parteien, von beiden gleichwertige Kon- 
zessionen zu erreichen. Madame de Stael sagt 
irgendwo: Die Menschen haben den Drang, 
dem Stärkeren zu Hilfe zu eilen. Scheint 
es nicht, daß auch die Mächte diesem Dränge 
gefolgt sind? 

MB 

Bulgarien hat eine Neuerung eingefühlt: 
es dürfen keine Verlustlisten eingeschickt 
werden. Eine militärische Zeitschrift bemerkte 



<*3 



DIE FßlEDEN5-^&DTE 



;© 



hierzu: „Vom humanen Standpunkt mag diese 
Maßregel hart erscheinen, vom rein militäri- 
schen Standpunkt ist sie jedoch nützlich, sie 
vermeidet Gärung in der Bevölkerung und 
Demoralisierung unter den Truppen." Ganz 
richtig. Zugegeben. Aber ist damit nicht 
wieder einmal der Gegensatz zwischen human 
und militärisch unterstrichen ? 



A propos von Humanität: Jetzt sickern 
nach und nach die Berichte über die Massa- 
kers heraus, die auf dem Balkan verübt 
worden sind: Frauen und Kinder, die mit 
Petroleum begossen und angezündet werden; 
Leute, die man mit Bajonetten in die Flam- 
men jagt — und anderes mehr. Es ist zum 
Aufschreien. Schämen muß man sich, Zeit- 
genosse zu sein. Freilich, chauvinistische Blät- 
ter benutzen dies, um zu beweisen, was die 
jeweiligen Massakreure für Bestien sind und 
daß ihr ganzer Stamm ausgerottet werden 
müsse. Serbenfeindliche Blätter in Oester- 
reich z. B. schwelgen in solchen Berichten, 
wenn sie von Serben handeln und folgern 
daraus, daß sie immer recht hatten, gegen 
Serbien zu hetzen. Sie vergessen, daß „Atro- 
citäten" in jedem Kriege vorkommen und von 
allen Nationen ausgeübt worden sind. Haben 
im Jahre 1900 die Europäer in China (um 
von hunderten nur ein Beispiel anzuführen) 
nicht die Chinesen an den Zöpfen zusammen- 
gebunden und 1 mit den Bajonetten ins Wasser 
gejagt? Im Kriege sind die rohen Instinkte 
der Rohen losgelassen — und deren gibt 
es doch unter den Massen immer. Und bei 
den Nichtrohen kann ein Mordrausch, ein 
Rachewahnsinn, eine Verzweiflungswut aus- 
brechen. O, über diese Höllenzustände, die 
unsere über jeden Humanitätsdusel erhabenen 
„Realpolitiker" sich nicht entschließen kön- 
nen, aus der Welt zu schaffen ! 



In Spanien hat sich etwas Sonderbares ab- 
gespielt. König Alfons hat Sozialdemokraten 
und Republikaner in sein Palais berufen, um 
sich über ihre Ansichten berichten zu lassen. 
Und allerlei liberale Maßregeln wurden ein- 
geführt. Hat wieder einmal ein spanischer 
König sich sagen lassen: „Geben Sie Ge- 
dankenfreiheit, Sire" ? Und wird, zum Unter- 
schied von Philipp, Alfonso auf seine ver- 
schiedenen Posas hören ? 



Die seit der Balkankrise eingetretene Ver- 
mihtarisierung in Oesterreich ist erschreckend. 
Djas neue Militärleistungsgesetz hat die Alters- 
grenze der Pflichtigen von 42 auf 50 Jahre 
.ausgedehnt, und dem Militärkommando sind 
eine ganze Reihe von neuen Verfügungsrech- 
ten über die bürgerliche Bevölkerung und 
deren Besitz eingeräumt; neue, enorme Mili- 
färfcrderungen sind angekündigt und schon 



wird im Abgeordnetenhause ein neuer Finanz- 
plan mit erhöhten Steuern durchberaten. Die 
„Grenzsoldaten" werden noch immer nicht zu- 
rückgerufen, es werden sogar noch immer mit 
aller Plötzlichkeit Reserven an die Grenze be- 
ordert und täglich betragen die Kosten dieser 
Bereithaltung zwei Millionen Kronen. Und 
was das Schlimmste ist: in Offizierskreisen 
wird der kommende Ausbruch des Krieges 
als unvermeidlich, als bald bevorstehend und 
als wünschenswert proklamiert. Gewisse Blät- 
ter schüren die kriegerische Stimmung und in 
den vornehmen Gesellschaftsschichten wird 
diese Gesinnung als patriotische Pflicht ge- 
hegt. Wären nicht auch andere Kräfte und 
Einflüsse am Werk: schon längst hätte man 
„losgeschlagen". Unser Land ist dasjenige, 
in welchem die pazifistische Propaganda am 
notwendigsten wäre, leider aber gegen die 
größten Schwierigkeiten zu kämpfen hat. 






Die verschiedensten Meldungen von Sie- 
gen und Niederlagen kommen wieder aus den 
Balkanländern herüber — Adrianopel brennt, 
Heere flüchten . . . kurz, was des Jammers 
mehr ist und was man so Weltgeschichte 
nennt. Man weiß nicht, was von den D«* 
peschen und Berichten wahr ist, was nicht. 
Soll man z. B. glauben, was der Korrespon- 
dent der Humanite mitteilt, daß die Ver- 
bündeten — so zwischen durch den Metzeleien, 
Schändungen und Plünderungen — an der 
türkischen Bevölkerung auch Zwangs- 
taufen vornehmen ? Warum nicht ? Der 
finsterste mittelalterliche Geist ist ja dort 
drüben wieder erwacht. 



Während ich diese Chronik zur Post 
schicken will (8. Februar), kommt die Kunde 
von dem vorgeschlagenen deutsch-englischen 
Marineabkommen. Das eröffnet ganz neue 
Perspektiven. Es ist die Betretung einer an- 
deren Bahn. Eine vom Pazifismus längst 
vorgezeichnete, von der „Realpolitik" aber 
bislang hartnäckig zurückgewiesene Bahn. Wir 
können uns des Ereignisses in tiefer Ergrif- 
fenheit freuen. Viel wird zwar von gegneri- 
scher Seite getan werden, um den Weg durch 
Verdächtigungen und mit sonstigen Hinder- 
nissen zu verrammeln — aber die Massen 
derer, die erst an eine Sache glauben und sie 
unterstützen, wenn sie einmal von offizieller 
Seite vorgeschlagen ist, werden nun mit uns 
sein und nach und nach die Argumente selber 
entdecken, die sie so lange nicht hören wollten. 
Europa, das furchtbar gärende, steht vor 
zwei Alternativen: vor dem tiefsten Unheil, 
dem Weltbrand, oder dem höchsten Heil, die 
Einigung. Durch den Schritt der Marineämter 
von Deutschland und England haben sich die 
Zeichen gemehrt, daß das Heil obsiegen will. 



«4 



@= 



= DIE FRI EDENS -WARTE 



PAZIFISTISCHE CHRONIK 

Anfangs Januar. Die Berliner Handels- 
kammer richtet an eine Reihe englischer Han- 
delskammern ein Schreiben, worin sie anerkennt, 
dass die aufklärende Arbeit in England und 
Deutschland das Gefühl der Kulturgemein- 
schaft gefestigt habe. 

13. Januar. In Heidelberg tritt ein inter- 
nationaler Studentenverein zum erstenmalin die 
Oeffentlichkeit. 

13. Januar. Der Präsident des deutsch-englischen 
Verständigung skomitees, Dr. v. Holleben, in Char- 
lottenburg f. 

Mitte Januar. In Paris werden zwischen 
deutschen und französischen Pazifisten Vor- 
besprechungen über die Bildung einer deutsch- 
französischen Liga gepflogen. 

Mitte Januar. In Paris tagen die seitens der 
Interparlamentarischen Union eingesetzten 
Ausschüsse für die Neutralisierung der Meerengen 
und für Neutralitätserklärung. 

16. Januar. Im deutschen Reichstag sagt der 
Abg. Dr. Hägy, die Elsass-Lothringer wünschen 
die endgültige Sicherung des Weltfriedens. 
Der Krieg von 1870 sollte der letzte sein. 

21. Januar. Senator Root tritt im ameri- 
kanischen Senat für die schiedliche Erledigung 
des Panamastreites ein. 

27. Januar. Festrede des deutschen Botschafters 
Fürst v. Dichnowsky in London zur Geburtslags- 
feier des Kaisers. Hertorhebung der Gemeinschaft 
der deutschen und englischen Politik zur Er- 
haltung des europäischen Friedens. 

30. Januar. Vortrag des Prof. Schultze-Gäver- 
nitz in Berlin über die deutsch englischen Beziehungen. 
Feststellung der Ergebnislosigkeit eines Krieges 
für beide Teile, der Notwendigkeit einer Wirt- 
schaftsverständigung und einer Flotten-Kon- 
tingentierung. „Der Abrüstungigedanke insofern 
als ein gesunder und für uns annehmbarer Gedanke 
anzuerkennen. 

30. Januar. Abbruch der Friedensverhandlungen 
zwischen der Türkei und dem Balkanbund. Kündigung 
des Waffenstillstandes. 

1. Februar. Normann Angell tritt eine auf 
14 Tage berechnete Vortragstournee durch Deutsch- 
land an. 

1. Februar. In Frankfurt a. M. wird nach einem 
Vortrage Normann Angells eine Ortsgruppe des 
„Verbandes für int. Verständigung" begründ .. 

1. Februar. Zehnte Jahresversammlung der ame- 
rikanischen Handelskammer in Berlin. Aus- 
tauschpro fessnr Sloane bespricht die Sünden der 
Presse gegenüber dem Werke der Völker- 
verständigung. 

2. Februar. Prof. Ruyssen aus Bordeaux 
spricht neben Prof. Piloty in einer vom Verband für 
int. Verständigung einberufenen Versammlung in 
Strassburg über ^Die geistigen Faktoren der 
Annäherung". 

3. Februar. Wiederbeginn des Bal,kankriegis. 



5. Februar. Kaiser Wilhelms Rede in Kö- 
nigsberg: „An Stelle kriegerischer Taten ist das 
segensreiche Friedensieerk getreten . . . Nicht 
kriegerische Taten . . . sichern im letzten 
Ende das Schicksal und die Zukunft einet 
Volkes, sondern allein die sittliche Kraft." 

7. Februar. In der Budgetkommission des 
Reichstages erklärt. Staatsekretär der Marine, 
r. Tirpitz, dass er eine Verständigung mit 
England über die Grösse der Flotte im Ver- 
hältnis von 10 zu 16 für die nächsten Jahre 
für annehmbar halte. 



DAUS DEB ZEITQ 

Völkerrecht. 

Interparlamentarische Union. :: :: :: :: :: " :: :: :: :: :: 

Mitte Januar vereinigten sich zwei von 
der Interparlamentarischen Union eingesetzte 
Studienkommissionen. Die eine, die 
sich mit der Neutralisierung der Meerengen 
und Kanäle befaßte, die andere, der es oblag, 
Gesichtspunkte über Neutralitätserklärungen 
festzustellen. 

Der ersteren Kommission präsidierte Lord 
Weardale. Berichterstatter war Graf 
de Penha Garcia (Portugal). Es nahmen 
ferner daran teil: Grieg (Norwegen), Ko- 
w a 1 e w s k i (Rußland), Manch ( Dänemark) 
und Baron d'E stournelles de Con- 
sta n t (Frankreich). Der Berichterstatter 
unterbreitete eine Zusammenfassung der all- 
gemeinen Diskussion, die sich anläßlich 
zweier früherer Vereinigungen der Kommission 
in den Jahren 1911 und 1912 entwickelt hatte. 
Diese Zusammenfassung wurde neuerlich ei*- 
örtert und im wesentlichen gebilligt. Im Hin- 
blick auf die Tatsache, daß gerade mehrere 
Probleme, die der Kommission zuerteilt sind, 
gegenwärtig auf der Tagesordnung der inter- 
nationalen Politik stehen, so die Frage der 
Dardanellen und der Panamakanal- Abgaben, be- 
schloß die Kommission, sich darauf zu be- 
schränken, der nächsten Interparlamen- 
tarischen Konferenz, die sich im kommenden, 
September im Haag vereinigen wird, einen Vor- 
bericht zu unterbreiten. Dieser Bericht wird 
die Grundsätze anführen, die nach Ansicht der 
Kommission die Materie regeln sollen. Erst 
nach einer Erörterung dieser Grundsätze durch 
die Konferenz selbst wird die Kommission an 
die Pvedigierung eines Vertragsentwurfes schrei- 
ten, der den Regierungen unterbreitet 'werden 
kann. 

An der Kommission für Neutralitäts- 
erklärungen, die von Houzeau de Lehaie 
präsidiert wurde, und bei der M u n c h als 
Berichterstatter fungierte, nahmen teil : Fer- 
dinand iDreyfus (Frankreich), von 
Palmstjerna (Schweden) und'G r i e g (Nor- 
wegen). Der Generalsekretär der Union, Herr 
Lange, wohnte beiden Kommissionssitzungen 



65 



DIE FBIEDENS-^&BTE = 



■3 



bei. Der Berichterstatter dieser zweiten Kom- 
mission unterbreitete einen internationalen 
Vertragsentwurf, der das Verfahren festsetzt, 
nach welchem ein Staat, der den Wunsch hat,- 
jedem bewaffneten Konflikt fern zu bleiben, 
sich für ständig neutral erklären könnte. Der 
Entwurf setzt die Pflicht der anderen Staaten 
zur Beachtung dieser Neutralität fest, indem 
er jedoch dem neutralen Staat das Recht läßt, 
unter Umständen durch G-ewalt jeden Angriff 
auf seine Neutralität zurückzuweisen. Er sieht 
für den Fall des Vertragsbruches gemeinsame 
Maßnahmen der Vertragsstaaten und, im Fall 
der Meinungsverschiedenheiten über die Aus- 
legung und Anwendung des Abkommens, die 
Anrufung des Haager Hofes vor. 

Alle diese Entwürfe werden der nächsten 
Interparlamentarischen Konferenz vorgelegt 
worden. 

Die Mitglieder der beiden Kommissionen 
wurden während ihres Pariser Aufenthaltes 
vom Senatspräsidenten Diibost und von dem 
damaligen Ministerpräsidenten Poincare 
empfangen. Während der Unterhaltung mit den 
Kommissionsmitgliedern drückte der letztere 
diesen das große Interesse aus, das er 
für ihre Arbeiten und für die Ge- 
samttätigkeit der Union hege. 

ftttt 

Rüstungsproblem. 
Kein Geld für Kulturnotwendigkeiten! :: :: :: 

Das Telephon ist ein Verkehrsmittel, 
auf dessen Erfindung unsere Zeit mit Recht 
besonders stolz ist. Es ist heute für Hun- 
derttausende in jedem Lande das unentbehr- 
lichste Verkehrsmittel geworden. Ein Ge- 
schäfts-, Zeit'ungs-, Industriebetrieb, die 
öffentliche Sicherheit und Gesundheits- 
pflege können das Telephon heute nicht eine 
Stunde mehr entbehren. Da das Telephon- 
wesen in den meisten Staaten der freien 
Konkurrenz entzogen ist, und zum Monopol 
gemacht wurde, ist es selbstverständlich, daß 
jeder Staat im Interesse des öffentlichen 
Wohlstandes dafür sorgt, daß dieses un- 
geheure Bedürfnis ohne die geringste Hem- 
mung befriedigt wird. 

Demgegenüber wird es von internatio- 
nalem Interesse sein, zu erfahren, daß man 
in Oesterreich in der Regel jahre- 
lang warten muß, bis man einen 
Telephonanschluß gelegt erhält 
Der Staat, der Milliarden für Rüstungen aus- 
gibt, vermag seit vielen Jahren die geringen 
Mittel nicht flüssig zu machen, um dem 
Telephonbedürfnis z. B. in Wien zu ge- 
nügen. In der gesamten zivilisierten Welt 
kann ein Interessent innerhalb 24 Stunden 
einen Telephonanschluß eingerichtet be- 
kommen, in Oesterreich, wo man Dread- 



66 



noughts auf Vorrat baut, muß man* jahrelang 
auf einen Anschluß warten, wenn es einem 
nicht gelingt, von einem glücklichen, Be- 
sitzer eines Telephons dieses geg&a. hohe 
Entschädigung abzukaufen. Ein Blick 
in die kleinen Anzeigen der Wiener Tages- 
presse liefert Dokumente für diesen Zwi- 
schenhandel mit Telephonanschlüssen und 
für diese Verkehrsschande. Zur Bekämpfung 
dieser unerhörten Unterlassungen hat sich 
in Wien ein Verein gegründet, der soeben 
folgende Feststellungen in der Tagespresse 
veröffentlicht : 

„In Wien sind 1500 Außenleitungen 
schon länge reZeit fertiggestellt. 
Diese Stationen können nur deshalb 
nicht montiert werden, weil in dem 
staatlichen Telephongroßbetrieb absolut 
kein Apparat vorhanden ist. Wenn er- 
wogen wird, daß ein Apparat kaum hundert 
Kronen kostet, demnach die Anschaffung der 
Apparate für 1500 Einzelanschlüsse eine 
Ausgabe von nur 150000 Kronen ver- 
ursachen würde und daß dagegen für diese 
1500 Anschlüsse allein schon in einem 
Jahre 375 000 KronenAbonnements- 
gebühren eingenommen werden 
könnten, so wird dadurch klar, welch 
großen Schaden die geschilderte Unter- 
lassung nicht nur den Anmeldern, die seit 
Jahren der von ihnen angemeldeten Tele- 
phone harren, sondern auch dem Telephonärar 
Verursacht. Zu weiteren 1500 gleichfalls 
schon seit Jahren angemeldeten Tele- 
phonen sind noch nicht einmal die Lei- 
tungen gelegt worden." 

Es ist wahrhaftig haarsträubend, 
wenn man sieht, wie bagatellenmäßig und 
rücksichtslos in einem Staate, der mit so 
ungeheurem Nachdruck für sein Prestige 
und seine Großmachtstellung eintritt, Be- 
dürfnisse der Allgemeinheit behandelt 
werden, wenn diese nicht auch in Militär- 
forderungen bestehen. — 

Man hat einfach kein Geld für solche 
unwichtigen Dinge! 

'tust 

Friedrich Naumann über den Zusammenhang zwischen 
Rüstungsfrage und Schiedsgerichtsbarkeit. 

Nach einem mir zugehenden Berichte soll 
Naumann am 13. Januar in einem Vortrage 
über „Liberalismus und Weltpolitik" seine 
Ueberzeugung von der nahenden Weltorgani- 
sation ausgesprochen, dabei aber auch folgendes 
geäußert haben: 

„Wonach soll ein Schiedsgericht das 
Urteil fällen? Nach Billigkeit? Darunter rer- 
steht jeder etwas anderes. Nach „Recht"? Wo 
aber liegt z. B. das Recht in der Frage, ob 






@s 



DIE FRIEDENS -WARTE 



Adrianopel der Türkei oder dem Balkanbunde 
gebührt? Dieses „Recht" ist eben vielfacli 
heutzutage gleichzeitig eine Frage der in 
den Rüstungen angedeuteten, symbolisierten 
Machtstärke der sich um irgendein Recht 
streitenden Regierungen. Ergo mündet 
auch das Schiedsproblem letzten 
Endes wieder in die Frage: auf 
welcher Seite liegt die größere 
Machtanhäufung, woraus folgt, daß die 
Rüstungen keineswegs fortgeworfenes Geld 
sind." 

Hat, Naumann diese oder ähnliche Worte 
wirklich gesagt, dann haben wir ein Schul- 
beispiel dafür, wie politische Kreise über das 
Schiedsgerichtsproblem unterrichtet sind. 

Der große Fehler, den Naumann hier macht, 
besteht darin, das Schiedsgerichtsproblem als 
ein Allheilmittel zur friedlichen Erledigung von 
Streitigkeiten zu betrachten. Nach meiner 
festen Ueberzeugung, die ich am ausführlich- 
sten in Nr. 1 des „American' Journal of inter- 
national law" (1913, Nr. 1) begründet habe, 
kann nach dem heutigen Stande des Völker- 
rechts die Schiedsgerichtsbarkeit für solche 
Fragen nicht in Betracht kommen, die Lebens- 
interessen der Völker berühren. Das folgt 
aus der juristischen Konstruktion der Schieds- 
gerichtsbarkeit. Mit dem Schiedsverträge unter- 
werfen sich die Parteien jedem, auch dem 
ungünstigsten Spruche des Schiedsgerichts. 
Gehen also die Parteien nach dem Haag, dann 
erklären sie feierlich: Wir werden jedes Urteil, 
wenn es formell rechtmäßig ergangen, erfüllen, 
selbst wenn einer von uns mit jedem An- 
sprüche abgewiesen werden sollte. Kann sich 
aber ein Staat in einer Lebensfrage hierzu ver- 
pflichten? Eine Lebensfrage ist eine solche 
Frage, die die Existenz des Staates angeht. 
Bei solchen Fragen ist also begrifflich die 
Existenz des Staates gefährdet, wenn nicht 
mindestens ein Teil seiner Forderungen erfüllt 
wird. Seine Existenzi kann nun ein Staat selbst 
zugunsten der Völkerrechtsgemeinschaft nicht 
aufs Spiel setzen. Also darf er nur dann seine 
Forderung vor ein Schiedsgericht bringen, wenn 
mindestens ein Teil dieser Forderungen vom 
Schiedsgerichte als recht anerkannt würde. Da 
er sich aber durch den Schiedsvertrag von 
vornherein auch mit der evtl. völligen Ab- 
weisung seiner Forderungen einverstanden er- 
klären muß, so ergibt sich die Unmöglichkeit 
einer schiedsrichterlichen Erledigung von 
T^ebensfragen. 

Lebensfragen können und sollen diplo- 
matisch beigelegt werden. Für schiedsrichter- 
liche Erledigung sind sie noch nicht geeignet. 
Daß in der Zeit der noch nicht vollendeten 
Organisation der Welt die Machtmittel, die ein 
Staat einwerfen kann, bei der diplomatischen 
Lösung der Frage eine Rolle spielen, mag 
richtig sein. Für das Schiedsgerichtsproblem 
aber haben die Rüstungen gar keine Be- 
deutung. 



Es ist somit ein völliges Mißverstehen 
der wahren Ziele der Schiedsgerichtsbarkeit, 
wenn Naumann meint, das Schiedsproblem 
münde in die Frage, auf welcher Seite die 
größere Machtanhäufung sei. Glaubt Naumann 
etwa, ein einziger Schiedsrichter im Haag 
habe bei der Lösung irgendeiner Frage die 
Machtmittel der Staaten gegeneinander ab- 
gewogen ? 

Vielleicht ist doch die Mahnung' am 
Platze, daß sich unsere Politiker mehr- als 
bisher mit völkerrechtlichen Dingen befassen. 
Ob Naumann wohl je die beiden Bände des 
„Werks vom Haag" gelesen hat? Wir haben 
längst die Hoffnung aufgegeben, daß sich 
Keim und Genossen einmal das Problem der 
Schiedsgerichtsbarkeit klar machen. Von un- 
seren berufenen Politikern aber dürfen wir etwas 
größere Kenntnisse auf dem Gebiete der Schieds- 
gerichtsbarkeit voraussetzen. Dr. H W. 



Verschiedenes. 

Die Greuel des Balkankrieges. :: :: :: :: :: :: :: S :: :: 

Dieses unerschöpfliche Thema ist neuer- 
dings sogar Gegenstand der Debatte in einigen 
Parlamenten gewesen. Der „P o s t" werden am 
6. Januar aus Saloniki Einzelheiten mit- 
geteilt, die geradezu entsetzliche Szenen dar- 
stellen: Plünderung, Blutbad, Vergewaltigung 
von Mädchen und Frauen durch bulgarisch« 
Banden . . . Im Dorfe Pedro wo wurde ein 
junges Mädchen vor den Augen seiner Mutter 
vergewaltigt; diese ergreift eine Flinte und 
schießt, darauf werden zahlreiche Frauen und 
Mädchen in das Cafe des Dorfes eingeschlossen, 
das Gebäude wird angezündet, und alle kommen 
in den Flammen um. In einem anderen Dorf© 
wurden alle Bewohner, Männer, Frauen und 
Kinder, durch die Banden niedergemetzelt. 
Dem türkischen Dorfe Eschekli ging es 
ebenso; 13 junge Mädchen begrub man 
dort lebendig, nachdem man sie ver- 
gewaltigt hatte. 

Man könnte die Beispiele leicht durch Be- 
richte aus deutschen, österreichischen, englischen, 
ja, selbst amerikanischen Zeitungen vermehren; 
so teilt z. B. die „V o s s i s c h e Z t g." vom 
23. Januar weitere Greuel aus Dedeagatsch, 
Kavalla, Drama und anderen Orten mit, 
so daß man also keineswegs von unzulässiger 
Verallgemeinerung sprechen kann. Diese Dinge 
bleiben ein unauslöschlicher Schandfleck für 
die Zivilisation des 20. Jahrhunderts und zeigen 
wieder so recht deutlich die „veredelnde Wir- 
kung" der Kriegsinstitution. Die „D eutsch- 
asiatische Korres p." vom 12. Januar 
teilte den Text einer an den deutschen Kaiser 
gerichteten Bittschrift aus Kon- 
stantinopel mit, worin es heißt: „. . . Die- 
ses Schlachten nimmt (trotz des Waffen- 
stillstandes) einen so großen Umfang an, daß 
auch die ruhigsten Gemüter ein Entsetzen 
ergreift . . . Wir erleben die völlige Aus- 



*7 



DIE FßlEDEN5->\^ßTE 



3 



rottting aller Mohammedaner in 
Mazedonien." Die „Nordd. Allg. Ztg." 
vom 12. Januar muß notgedrungen diese Greuel- 
taten zugestehen, beruft sich aber auf einen 
Armeebefehl des bulgarischen Generals Sa wo w 
vom 17. Dezember, der schärfste Maßregeln 
gegen solche A^erfehlungen androht und die- 
selben mit nachdrücklichen Worten brand- 
markt. Nur daß leider von gutgemeinten Worten 
die schuldlos Hingemarterten nicht wieder 
lebendig werden ! Bedauerlich bleibt es auch 
— Worauf in der „B r e s 1. Z t g." vom 25. Januar 
Dr. Paul Hamburger hinweist — , daß in der 
Antwort, die der Regierungsvertreter am 
24. Januar im Reichstag auf die Ledeboursche 
Anfrage erteilte, kein Wort des Bedauerns für 
diese. „Uebergriffe" (welch' zarter, schonender 
Ausdruck !) vorkam. Was ist denn geschehen, 
um diesen Banden und teilweise auch regulären 
Truppen das Handwerk zu legen? Hat man 
die Metzeleien nicht stillschweigend oder sogar 
wohlwollend geduldet? Man mußte wohl, weil 
man eben den Krieg duldete. O. Seh w. 



Deulschland-Efigland. :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: ;: :; :: :: 
Die Berliner Handelskammer 
richtete anfangs Januar an eine Reihe eng- 
lischer Handelskammern das nachstehende 
Schreiben : 

„Bei Beginn des vorigen Jahres haben 
Sie uns in einem Schreiben von einem Beschluß 
Ihrer Kammer Kenntnis gegeben, es möge dahin 
gewirkt werden, daß die Beziehungen zwischen 
Großbritannien und Deutschland sich möglichst 
freundschaftlich gestalteten. Ein Jahr ist 
seitdem vergangen, das an politischen Be- 
unruhigungen reich war und manche Störungen 
des Weltfriedens mit sich gebracht hat, die wir 
im Interesse der Humanität und der wirtschaft- 
lichen Entwicklung lebhaft bedauert haben. 
Wenn nach Zeiten der bangen Sorge beim Jahres- 
wechsel gehofft werden darf, daß den großen 
Völkern Europas neue unabsehbare Verwick- 
lungen erspart bleiben möchten, so ist das in 
erster Reihe dem festen Willen zu verdanken, 
der in den maßgebenden Staaten die Re- 
gierungen mit der weit überwiegenden Mehr- 
heit der Bevölkerung zu dem Streben vereint 
hat, es dürfte der Kriegszerrüttung kein weiterer 
Spielraum gewährt werden. Wir begrüßen dies 
Gefühl der gemeinsamen, kulturellen Aufgabe, 
das die Völker Europas in wachsendem Maße 
durchdringt. Nichts hat u. E. stärker 
zu seiner Festigung beigetragen 
als die aufklärende Arbeit, die 
den Gegensatz- zwischen dem deut- 
schen und englischen Volke aus- 
zugleichen bemüht war. Deshalb 
wollen wir den Jahresbeginn nicht vorüber- 
gehen lassen, ohne Ihnen zum, Ausdruck zu 
bringen, wie sehr es uns erfreut, daß Ihre 
Bemühungen Erfolg und die Anschauungen, 
denen Sie im vorigen Januar Ausdruck ver- 
liehen, weite Geltung gefunden haben. Damit 



Verbinden wir die Versicherung, daß allen 
einsichtigen Gewerbetreibenden unseres Bezirks 
keine politische Hoffnung näher 
am Herzen liegt, als die, es möge gelingen, 
das Einvernehmen zwischen unseren beiden 
Länderen so nahe und sicher wie) mög- 
lich zu begründen." 

An des Kaisers Geburtstag hielt der neue 
deutsche Botschafter in London, Fürst 
Lichnowsky, anläßlich der von der deut- 
schen Kolonie im Hotel Cecil veranstalteten 
Festfeier eine Rede, in der er auf die Ge- 
meinschaft der englischen Und deutschen Politik 
in der Bemühung um Erhaltung des europä- 
ischen Friedens hinwies. Er schließt mit folgen- 
den verheißungsvollen Worten : 

„Wenn Deutschland und Großbritannien 
sich verstehen und sich vertragen, und w e n n 
sie entschlossen sind, die un- 
gestörte Arbeit bürgerlicher Ent- 
wicklung zu erhalten, so meine ich, 
daß wir mit Vertrauen allen Weoh- 
selfällen der Zukunft entgegen- 
sehen können." 

Professor v. S c h u 1 1 z e - G a e v e r n i t z 
aus Freiburg hielt am 30. Januar im Verein 
der Kaufleute und Industriellen in Berlin einen 
Vortrag über die deutsch-englischen Be- 
ziehungen, aus dem wir hier einige bemerkens- 
werte Gesichtspunkte festhalten wollen. Der 
Vortragende wies klipp und klar auf die Er- 
gebnislosigkeit eines Krieges zwischen 
England und Deutschland für beide Teile 
hin und bemerkte hierzu : 

„Daher seien denn auch in England schon 
ernsthafte Stimmen zu hören, die auf eine 
wirkliche Wirtsc hafts Verständi- 
gung zwischen beiden Ländertn als auf die 
vernünftigste Lösung des Problems hinweisen. 
Allerdings dürfte ein solches Bündnis auf 
unserer Seite nicht den Charakter der Ab- 
hängigkeit haben, es müßte vielmehr ein 
Friedensbündnis auf kriegsstarker Basis sein. 
Deutschland könne die maritimen Ver- 
teidigungsmöglichkeiten nicht entbehren. 
Eine feste Flottenkontingen- 
tierung auf beiden Seiten würde 
die Gewähr für ein friedliches 
Verhältnis bieten. Insofern sei der 
Abrüstungsgedanke als ein ge- 
sunder und für uns annehmbarer 
Gedanke anzuerkennen. Es sei nur natür- 
lich, daß die beiden stärksten Großmächte 
sich zusammentun, um bestimmend in die Welt- 
politik einzugreifen. Namhafte englische Schrift- 
steller und Politiker wirkten auch schon in 
diesem Sinne, und zwar nicht ohne Erfolg." 

tust 
Elsaß-Lothringen im Deutschen Reichstage :: :: :: 

Bei der Erörterung des Etats des Reichs- 
amts des Innern in der Reichstagssitzumg vom 
16. Januar kam der Elsässer Dr. H ä g y auf 
die elsaß-lothringische Angelegenheit zu 
sprechen. Er sagte nach dem stenographischen 
Sitzungsbericht folgendes : 



OS 



<s= 



DIE FRI EDENS -^V&BXE 



„Wenn unsere Freunde in dem Bestreben, 
mit Frankreich freundnachbarliche Beziehungen 
anzubahnen, französischen Boden betreten, so 
tun sie dasselbe, was Deutsche in England tun. 
Man kann es ihnen, nicht verargen, wenn sie 
die auf zweihundertjähriger Tradition be- 
ruhenden familiären und gesellschaftlichen Be- 
ziehungen zu Frankreich aufrechterhalten. Die 
Elsaß-Lothringer möchten damit lediglich die 
endgültige Sicherung des Welt- 
friedens fördern. Meine Freunde als 
überzeugte Pazifisten, denen der 
Friede über alles teuer ist, bedauern auf das 
lebhafteste, daß die sogenannte elsaß-loth- 
ringische Frage immer wieder als bedrohliches 
Gespenst am politischen Himmel auftaucht. 
Der Krieg von 1870 sollte der letzte 
sein, der auf dem Boden unseres Heimat- 
landes in den Gefilden geführt worden ist, 
die mit dem Blute zweier Völker getränkt sind, 
die dazu geschaffen sind, in fried- 
lichem Wetteifer an den Werken 
der Kultur, des Fortschritts und 
der Zivilisation mitzuarbeiten. 
Alle den Frieden störenden Tendenzen, alle 
Revanchegelüste stoßen bei uns auf die 
schroffste Abwehr." 



Zunahme der internationalen Korrespondenz. :: :: 

Nach einer Feststellung des Direktors der 
britischen Postverwaltung, Sir Alexander 
King, betrug die Anzahl der von Groß- 
Britannien nach anderen Ländern versandten 
Briefe im Jahre 1887 49 714 000 und im Jahre 
1911 167 000 000. Davon entfielen: 

im Jahre 1887 im Jahre 1911 
auf Frankreich . 9 600 000 16 000 000 

* Deutschland . 8 000 000 16 000 000 

„ Italien ... 1 900 000 3 800 000 



&\JS DEß BEWEGUNG 

Kongreß-Kalendarium. :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: 

1. — 3. Mai : IV. amerikanischer National- 
friedenskongreß in St. Louis. 

11. — 12. Mai : VIII. französischer National- 
friedenskongreß in Paris. 

14.— 16. Mai: XIX. Lake - Mohonk - Kon- 
ferenz. 

Mitte Mai: IL Verbandstag des Verbandes 
der Internationalen Studentenvereine Deutsch- 
lands in Leipzig. 

10. — 13. Juni: IX. englischer National- 
friedenskongreß in Leeds. 

29. Aug. bis 13. Sept.: VIII. Weltkongreß 
der Studentenverbände (Corda Fratres) in 
Ithaca, New York. 

August : XX. Weltfriedenskongreß im Haag. 

September: XVIII. Interparlamentarische 
Konferenz im Haag. 



Den Beer Poortugael f. :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: 

Der im 81. Lebensjahre am 30. Januar 
1912 im Haag* verstorbene Generalleutnant 
den Beer Poortugael war eine in vielfacher 
Hinsicht hochinteressante Persönlichkeit. Als 
Offizier machte er namentlich dadurch eine 
glänzende Karriere, daß er das moderne Kriegs- 
recht außerordentlich beherrschte und deshalb 
früh in den Generalstab berufen wurde. 1879 
war er auch ein halbes Jahr Kriegsminister. 
1874 wurde er Sekretär der holländischen Ge- 
sandtschaft zur Brüsseler Konferenz über die 
Gesetze und Gebräuche des Landkrieges. Er 
dürfte der letzte Teilnehmer dieser denk- 
würdigen Versammlung sein. Am meisten be- 
kannt wurde den Beer Poortugael durch sein 
großartiges Auftreten auf der ersten Haager 
Konferenz zugunsten des russischen Rüstungs- 
vorschlages. Seine Worte, daß die Staaten 
sich durch die großen Rüstungen mehr und 
mehr ruinierten, erregten Aufsehen, und sogar 
Bertha v. Suttner schrieb darüber in ihre Tage- 
buchblätter: „Merkwürdige Worte jedenfalls im 
Munde eines Generals !" Auf der zweiten Haager 
Konferenz arbeitete er lediglich in den kriegs- 
rechtlichen Kommissionen mit. Auch auf der 
Genfer Konferenz von 1906 vertrat er Holland 
als erster Bevollmächtigter. Man hat vielfach 
über den friedensfreundlichen General sich 
lustig zu machen gesucht. Aber eine spätere 
Zeit wird seinem großen Streben noch 
Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wie fort- 
schrittlich den Beer Poortugael war, geht dar- 
aus hervor, daß er mir gegenüber wiederholt 
sein Bedauern über die vorsichtige Haltung 
Assers in der Frage der obligatorischen Schieds- 
gerichtsbarkeit auf der zweiten Haager Kon- 
ferenz aussprach. 

Das letzte Werk Poortugaels „Le droit des 
gens en marche vers la paix" war in keiner 
Weise hervorstechend. Wissenschaftlich hoch 
stehen dagegen die zahlreichen kriegsrecht- 
lichen Werke sowie seine Aufsätze in den 
Tageszeitungen. Ganz ausgezeichnet ist sein 
Artikel über die zweite Haager Konferenz in 
„Onze Eeuw". Die schöne Begeisterung, die 
den Beer Poortugael beseelte, sein hoher 
Idealismus treten in diesem Werke deutlich 
hervor. Wegen seiner wissenschaftlichen Be- 
deutung wurde Poortugael Mitglied und später 
Ehrenmitglied des Instituts für Völkerrecht. 
Er war der einzige, der vor 1899 jemals in 
diesem Institute einen ständigen Schiedshof 
befürwortete. 

Als ich ihn im vorigen Jahre um einen 
Aufsatz für die „Friedens-Warte" bat, schrieb 
den Beer Poortugael: „Ich bin ein schlechter 
Journalist. Ich kann nur schreiben, wenn 
mich ein Gegenstand direkt überwältigt hat. 
Ich nehme nur die Feder zur Hand, wenn eine 
innere Kraft mich begeistert und antreibt. 
Aber von dem Augenblicke an, wo ich be- 
ginne, treibt es mich vorwärts, und keine 
Pause entsteht mehr. Darum ist solch eine 
Arbeit ein Teil meiner selbst, meines Herzens 



69 



DIEFßlEDENS-^&RTE 



: 3 



und meiner Seele. Da ich nun gerade mein 
letztes Buch „Le droit des gens en marche 
vers la paix" vollendet habe, so habe ich alle 
Gedanken hineingelegt, und ich habe jetzt 
nichts Neues zu sagen. Aber ich fühle viel 
zu sehr Sympathie für Herrn Fried und seinem 
Werke, als daß ich die Bitte, einen Aufsatz 
für ihn zu schreiben, zurückweisen könnte. 
Sobald es mir möglich ist, werde ich Ihnen 
den Aufsatz schicken." Sechs Tage später 
sandte Poortugael bereits den Aufsatz, der 
unter dem Titel „Dardanellenstreitigkeiten" im 
Junihefte 1912 der „Friedens-Warte" er- 
schienen ist. Dr. Hans Wehberg. 



Die Entwicklung der internationalen 
Studentenvereine in Deutschland. 

Erst im Jahre 1911 wurde die „Cos- 
mopolitan-Club-Bewegung", die in Amerika so 
großen Umfang angenommen hat, durch die 
Gründung des ersten internationalen Studenten- 
vereins an der Berliner Universität nach 
Deutschland übertragen. Heute bestehen bereits 
neben Berlin an den Universitäten in Bonn, 
Göttingen, Heidelberg, Leipzig 
und München solche Vereine. An anderen 
Universitäten Deutschlands und Oesterreichs 
(Freiburg, Innsbruck) sind solche in Vor- 
bereitung. Die Vereine sind in einem „Ver- 
band der internationalen Studentenvereine an 
deutschen Hochschulen" organisiert, der im 
vorigen Jahre seinen ersten Verbandstag in 
Göttingen abhielt und in diesem Jahre den 
zweiten in Leipzig abhalten wird. Die deut- 
schen internationalen Studentenvereine werden 
auch an der im Sommer dieses Jahres in 
Ithaca im Staate New York ins Auge gefaßten 
VIII. internationalen Konferenz der Studenten- 
vereine beteiligt sein. Der „Verband" gibt 
soeben die erste Nummer seiner Zeitschrift 
„Vaterland und Welt" heraus, sowie das Mit- 
gliederverzeichnis für das Wintersemester 
1912/13, das Zeugnis gibt für die rege Be- 
teiligung der Studenten wie für die fördernde 
Teilnahme der Professoren. Ebenso veröffent- 
lichte der „Verband" einen „Offenen Brief 
Norman Angells an den Verband für inter- 
nationale Verständigung und den Verband der 
internationalen Studentenvereine an deutschen 
Hochschulen" als Broschüre, die viel wert- 
volles Propagandamaterial enthält. Als eine 
der Veranstaltungen des Verbandes ist die Rund- 
reise zu bezeichnen, die soeben (zwischen dem 
1. bis 14. Februar) Norman Angell durch 
Deutschland unternommen hat. Die jüngste 
Ortsgruppe bildet der am 16. Dezember in 
Heidelberg begründete internationale Studenten- 
verein, der sich in Anlehnung an eine aus dem 
18. Jahrhundert stammende Gründung „Nobiles 
Academici" bezeichnet. 

Die Vereine entwickeln an allen Uni- 
versitäten eine reiche Tätigkeit. Es liegt in 
ihrem Programme, mit geselligen Ver- 
anstaltungen, die die Angehörigen der ver- 



schiedensten Nationen vereinen, den großen 
Kulturzweck, der ihnen zugrunde liegt, zu 
verbinden. Alle Mitteilungen und das zur 
Gründung ähnlicher Vereine nötige Material 
erhält man durch den ersten Vorsitzenden 
des Heidelberger Verbandes, Dr. George 
Nasmyth in Heidelberg, Anlage 26. 

HS) 

Zwei neue Zeitschriften. :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: 

Nichts vermag besser den Fortschritt der 
Friedensbewegung in Deutschland zu kenn- 
zeichnen als die Entwicklung der Friedens- 
Fachpresse. Neulich konnten wir die „Mit- 
teilungen des Verbandes für internationale Ver- 
ständigung" als neues Fachorgan anzeigen, 
heute sind wir in der angenehmen Lage, gleich 
zwei neue, gesinnungsverwandte Zeitschriften 
zu begrüßen. Die eine trägt den viel- 
sagenden Titel „Vaterland und Welt": 
Sie ist das Organ des Verbandes der Inter- 
nationalen Studentenvereine an deutschen Hoch- 
schulen, jenes jüngsten Zweiges der großen Ver- 
ständigungsbewegung, die damit ihren Einzug 
in die deutschen Hochschulen vollzog. Der 
Herausgeber ist Paul Baumgarten, einer 
der Organisatoren des Göttinger Verbandstages 
der internationalen Studentenvereine Deutsch- 
lands, der im August v. J. stattfand. Der Heraus- 
geber entwickelt in seinem Geleitwort den Plan, 
„Vaterland und Welt" zu einer wissenschaft- 
lichen Zeitschrift mit Abhandlungen aus den 
Gebieten des Völkerrechts, der Völkerwirtschaft, 
der Völkerpolitik, der Weltkultur, der Geschichte 
des modernen Internationalismus usw. zu ent- 
wickeln. 

Die andere Zeitschrift betitelt sich „D i e 
Eiche" mit dem Untertitel : „ Vierteljahres- 
schrift zur Pflege freundschaftlicher Be- 
ziehungen zwischen Großbritannien und 
Deutschland." Sie ist das Organ des „Kirch- 
lichen Komitees zur Pflege freundschaftlicher 
Beziehungen zwischen Großbritannien und 
Deutschland". Herausgeber ist der durch sein 
Wirken als Sekretär jenes Komitees wohU 
bekannte Pastor F. S iegmund- S c hult ze 
in Berlin. Die neue Zeitschrift ist ein Beweis 
für die erfreuliche Mitarbeit der kirchlichen 
Kreise für den Völkerfrieden, die lange auf sich 
warten ließ, nunmehr aber großzügig und in 
voller Erkenntnis ihrer hohen Pflicht in den 
Dienst der Völkerverständigung getreten ist. 

Eine Denkschrift über die Reform 

der Friedenskongresse. 

Die niederländischen Delegierten auf dem 
letzten Weltfriedenskongreß in Genf haben ihre 
dort gemachten Erfahrungen in einer Denk- 
schrift niedergelegt und daran Vorschläge über 
die künftige Umwandlung der Kongreßorgani- 
sation geknüpft. Die niederländische Friedens- 
gesellschaft „Vreede door Recht" im Haag 
bringt diesen Bericht in einer 16 Folioseiten 
umfassenden Denkschrift zur allgemeinen 
Kenntnis. Die von niederländischer Seite an 



70 



<g= 



DIE FRIEDENS-WARTE 



der Kongreßorganisation geübte Kritik ist um 
so bemerkenswerter, als, wie bekannt, der dies- 
jährige Weltfriedenskongreß im Haag ab- 
gehalten werden soll. 

Der Bericht beginnt mit einer Kritik der 
in dieser Zeitschrift bereits zur Genüge gekenn- 
zeichneten Vorgänge in Genf, von denen erzählt 
wird, daß sie auch auf die niederländische 
Regierung einen derartig ungünstigen Eindruck 
gemacht haben, daß die Möglichkeit der Ab- 
haltung des nächsten Kongresses im Haag eine 
Zeitlang in Frage gestellt war. Der Bericht 
richtet sich zunächst gegen die Art der Be- 
handlung der sogenannten „Aktualitäten" und 
den großen Raum, der ihnen auf den Welt- 
friedenskongressen eingeräumt wird. Bekannt- 
lich ging es in Genf so weit, daß sich der 
Kongreß fast ausschließlich mit unfruchtbaren 
Debatten über die Aktualitätsfragen befaßte, 
so daß für die fruchtbare Arbeit gar keine 
Zeit mehr übrigblieb. Es wird der Vorschlag 
gemacht, daß der alljährlich erstattete Be- 
richt über die Ereignisse des Jahres seines 
persönlichen Charakters entkleidet und auf 
Grund eines von der gesamten Kommission des 
Berner Bureaus gelieferten Materials dem Kon- 
gresse vorgelegt werde. Der Arbeit in den 
Kommissionen soll ein größeres Gewicht bei- 
gelegt werden, so daß sich dort die Haupt- 
diskussionen abzuspielen hätten. Die Plenar- 
sitzungen sollen verringert und nur für die 
Darlegung der Ergebnisse der in den Kom- 
missionen geleisteten Arbeit verwendet werden. 
Die Ueberlastung des Programms wird mit 
Recht getadelt und als wünschenswert be- 
zeichnet, sich mit der Behandlung von zwei 
oder drei wichtigen Punkten zu bescheiden. 
Die darüber gemachten Vorschläge gehen dar- 
auf hinaus, die amerikanische Kongreßmethode 
mit vorher bestimmten Berichterstattern, ohne 
Gelegenheitsdiskussion, und mit einer ein- 
zigen, am Schluß zu fassenden Platform 
einzuführen. Auch sehr vernünftige Vorschläge 
über das Stimmrecht werden unterbreitet. Das 
jetzt herrschende Reglement, wonach derjenige 
die meisten Stimmen hat, der am meisten 
bezahlt, erscheint in der Tat unhaltbar. Der 
Bericht ist außerdem reich an wichtigen klei- 
neren Vorschlägen, die im höchsten Maße be- 
herzigenswert erscheinen, und die beherzigt 
werden müssen, wenn die Weltfriedenskongresse 
nicht beeinträchtigt werden sollen. 

Es ist zu hoffen, daß die Reorganisation 
des Kongreßwesens den hervorragendsten Be- 
ratungspunkt der nächsten Sitzung der Berner 
Kommission bilden wird. Für jeden, die Be- 
wegung mit Aufmerksamkeit verfolgenden 
Pazifisten ist es klar, daß der Pazifismus heute 
weit über seinen ursprünglichen Umfang hinaus- 
gewachsen ist. Wenn die Weltfriedenskongresse 
als Versammlungen der pazifistischen Gesamt- 
bewegung fernerhin werden gelten wollen, muß 
die bisherige Methode und auch die bisherige 
Zusammensetzung vollständig umgewandelt wer- 
den. Das gleiche gilt auch für das Berner 



Bureau selbst. Wenn dieses tatsächlich die 
Herzkammer der Weltfriedensbewegung sein 
will, muß es seine Organisation vollständig 
ändern. Aber nicht in dem Sinne der jetzt 
vorges chlagenen Statutenänderungen, die dar- 
auf hinauslaufen, die Kommission des Bureaus 
völlig auszuschalten und die Leitung in die 
Hände des ständigen Berner Komitees zu legen. 
Diese Absicht liegt gerade in der umgekehrten 
Richtung, die die Entwicklung der Friedens- 
bewegung eingeschlagen hat. Statt den Ge- 
schäftskreis des Bureaus jener Entwicklung 
entsprechend zu erweitern, soll er noch mehr 
verengert werden. Was eine Weltzentrale sein 
soll, würde dadurch lediglich zu einer lokalen 
Friedensorganisation hinabgedrückt werden. 
Noch ist zu hoffen, daß diese Gefahr beseitigt 
werden kann. 

MEt 

Todesfälle. :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: « '•'■ ~ - ~ 
Am 13. Januar starb zu Charlottenburg 
der Präsident des deutsch-englischen Ver- 
ständigungs-Komitees, kaiserlicher Botschafter 
a. D. Wirkl. Geh.-Rat Dr. von Holleben. 
Eduard de Neufville, der Vizepräsident jenes 
Komitees, widmet dem Verstorbenen folgenden 
Nachruf: „Von der Gründung des Deutsch- 
Englischen Verständigungs-Komitees an dessen 
Präsident, hat der Verewigte sein lebhaftes 
Interesse und das reiche Maß seiner Er- 
fahrungen in den Dienst jener, dem Frieden 
zwischen den beiden großen Kulturnationen 
dienenden, Bestrebungen gestellt. Leider hin- 
derte ihn bereits im verflossenen Herbst sein 
Gesundheitszustand an der Deutsch-Englischen 
Verständigungs-Konferenz in London, an der 
auch unser Komitee beteiligt war, teilzunehmen." 
— Ende Januar starb in Madrid der frühere 
Ministerpräsident Don Segismundo Moret, 
der Mitglied des Haager Hofes, des Inter- 
parlamentarischen Rats wie des europäischen 
Rats der Carnegiestiftung war. Noch im Mai 
vorigen Jahres nahm er an der Sitzung der 
Carnegiestiftung in Paris teil. 

MM 
Kurze Mitteilungen.' :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: - " " .'.'• ? 
Am 14. Februar feierte Ed. Ginn, der 
Gründer der „Weltfriedensstiftung", in Aegypten, 
wohin er sich zur Erholung begeben hat, 
seinen 70. Geburtstag. — Die ständige 
Delegation der französischen 
Friedensgesellschaften ließ das von 
der Wiener Polizei verbotene Plakat (siehe 
„Fr.-W." 1912, Seite 463) ins Französische 
übersetzen und in 3000 Exemplaren in Paris 
und in der Provinz öffentlich anschlagen. — 
Das in Berlin erscheinende „Journal d'Alle- 
magne" setzt seine segensreiche Verständigungs- 
arbeit zwischen Deutschland und Frankreich 
fort. Es veranstaltet jetzt eine Rundreise 
französischer Kaufleute nach 

Berlin und Leipzig, die in der Zeit 
vom 1. bis 8. März stattfinden wird. — Nach 
einem Vortrage Norman Angells wurde am 



71 



DIEFBIEDEN5-v^\BTE 



3 



1. Februar in Frankfurt a. M. eine Frankfurter 
Ortsgruppe des Verbandes für internationale 
Verständigung begründet, deren Vorstand fol- 
gendermaßen gebildet wurde: Erster Vor- 
sitzender Prof. Freudenthal, zweiter Vor- 
sitzender Geheimrat H u p e r t z , Schriftführer 
Dr. S t r u p p , Beisitzer Prof. Dr. R ö ß 1 e r , 
Bankdirektor Meier, Oberlandesgerichtsrat 
Höhne, Prof. Nippold. — In Leipzig ist 
ein französisches Handelsbureau gegründet 
worden, dessen Aufgabe es sein soll, den 
französischen Export nach 

Deutschland zu fördern. — Prinz 
Heinrich der Niederlande hat das 
Protektorat über den XX. Weltfriedenskongreß 
übernommen. 



LITERATUR U PRESSE 

White, Andrew Dickson. 
Sieben große Staatsmänner im Kampfe der 

Menschheit gegen Unvernunft. Autorisierte 

Uebersetzung aus dem Englischen von Dr. 

Karl und Paul Kupelwieser und Alban Voigt. 

Gr. 8 0. München 1913. Ernst Reinhardt. 

411 S. 

Andrew D. White ist den Pazifisten als 
hervorragender Mitarbeiter an der ersten Haager 
Konferenz und durch seine ausgezeichneten 
Lebenserinnerungen*), sowie durch seine Mit- 
arbeit an der Entwicklung des internationalen 
Rechts und der Völkerverständigung kein Un- 
bekannter mehr. Lange war er diplomatischer 
Vertreter seines Vaterlandes in Berlin, wo er 
mit den hervorragendsten Persönlichkeiten 
regen Verkehr unterhielt. Er ist von Beruf 
Historiker. In Ithaca im Staate New York 
wirkt er als Präsident der Cornell-Universität 
im Dienste der Wissenschaft. 

Das vorliegende Buch ist eine moderne 
Kulturgeschichte in Gestalt von Lebens- 
beschreibungen hervorragender Männer, die den 
„Kampf gegen Unvernunft" geführt haben. 
Dieser Kampf ist das eigentliche Kriterium 
des großen Mannes. In der Ueberwindung der 
Zeit, ihrer Vorurteile und Verknöcherungen liegt 
ja die Größe der Bahnbrecher. Die sieben großen 
Männer, die White zum Ausgangspunkt seiner 
kulturgeschichtlichen Darstellung nahm, sind: 
Sarpi, Grotius, Thomasius, Turgot, Stein, 
Gavour, Bisrnarck. Für die Leser dieser Zeit- 
schrift wird namentlich die Schilderung des 
großen Niederländers von Interesse sein, dem 
runder des modernen Völkerrechts, für den 
White schon in seinen Lebens er innerungen eine 
große Vorliebe bekundet. In aller Erinnerung 
der Teilnehmer an der ersten Haager Konferenz 
ist noch die schöne Feier, die Andrew D. White 
am 4. Juli 1899 am Grabe des Grotius in 
Delft veranstaltete, seine Rede, die er dabei hielt, 
und die feierliche Niederlegung eines Silber- 
kranzes auf dem Grabe namens der Delegation 
der Vereinigten Staaten in Gegenwart der 
Haager Delegierten. 

Den Zustand der völkerrechtlichen Be- 



*) Siehe: Fr.-W. 1905, S. 207 den Aufsatz 
„Andrew D. White über die I. Haager Kon- 
ferenz". 



griffe, den Hugo Grotius vorfand, schildert 
White in anschaulicher Weise. Man muß 
den Wahnwitz erkennen, dem sich die Staa- 
ten um die Wende des 16. und 17. Jahr- 
hunderts über den Besitzanspruch der offenen 
Meere hingaben, um die Bedeutung von Grotius' 
völkerrechtlichem Erstlingswerk „mare li- 
berum" ganz zu verstehen. England z. B. be- 
anspruchte das Besitzrecht über alle Meere, 
die es vom Festlande trennten, und es hielt 
sich allein berechtigt, dort zu fischen und 
Schiffahrt zu treiben. Andere bedurften dazu 
der Erlaubnis Englands. Aehnliche Ansprüche 
stellten Spanien und Portugal, stellten Venedig, 
Genua und Pisa. Da erschien das Buch des 
Grotius und erklärte alle diese Ansprüche für 
nichtig. Von englischer Seite wurde ein 
holländischer „Gelehrter" veranlaßt, Grotius zu 
widerlegen. Wie er dies tat, schildert 
White in anschaulicher Weise. Seiden, dies 
ist der Name des Opponenten, begann damit, 
sich auf die Bibel zu stützen. Er zitierte 
z. B. einen Vers der Genesis, wonach Gott zu 
Adam gesagt habe: „Die Fische des Meeres 
sollen dein Eigentum sein", und folgerte daraus, 
daß, da die Fische die Nutznießung des Meeres 
sind, ein Eigentumsrecht an diesen von 
Gott den Menschen gegeben sei. Der Be- 
kämpfer des Grotius folgerte also ungefähr, 
daß das Besitzrecht am Meere „ein Element 
der göttlichen Weltordnung" sei. 

Interessant ist es, wie White die Wir- 
kung des großen Werkes des Grotius, seiner 
„libri tres de jure belli ac pacis", schildert; 
wie es allmählich in die Köpfe der Menschen 
Eingang fand und ihre Ideen revolutionierte, 
trotzdem es anfänglich, wie jede große Idee, 
großer Gleichgültigkeit begegnete. Gustav 
Adolf führte das Buch, das 1625 erschienen 
war, auf seinen Feldzügen mit sich. Aus 
seinen Ansprachen an die Soldaten, worin er 
sie vor Grausamkeiten warnte, ist der Ein- 
fluß des Buches auf den schwedischen König 
erkennbar. Die Milde, die Kardinal Richelieu 
bei der Einnahme von La Rochelle walten ließ, 
die drei Jahre nach dem Erscheinen jenes 
Buches erfolgte, ist auf dessen Einfluß zurück- 
zuführen. White schildert anschaulich das 
„Erstaunen der Welt", die ein fürchterliches 
Blutbad, erwartet hatte, und führt einen glaub- 
würdigen Beweis zugunsten des Einflusses des 
Grotiusschen Werkes auf den fanatischen und 
grausamen Kardinal. „Selbst wenn der Kar- 
dinal das Buch", so schreibt er auf S. 61, 
„nur ebenso wie Nikolaus II. von Rußland 
das epochemachende Werk Johann von Blochs 
gegen den Krieg, das ist lediglich durch 
Berichterstattung, Besprechungen, Diskussionen, 
kennen gelernt hätte, würde er seinen Haupt- 
inhalt erfahren haben müssen." 

Im Westfälischen Friedens traktat findet 
White „allgültige Prinzipien" verwirklicht, 
denen Grotius zum erstenmal Ausdruck ge- 
geben hatte. So die Idee der Staatengleich- 
heit, der Milde und der Vorstellung einer 
ewigen Gerechtigkeit. 

Von hoher aktueller Bedeutung angesichts 
der Balkangreuel ist die Schilderung Whites 
von der ungezügelten Kriegsführung der Zeit, 
die Grotius zu seinem Werke inspirierte. 
„Eine Kriegserklärung schien einen Freibrief 
zu geben für jede Art von Verbrechen", schreibt 
Grotius selbst. Wie recht haben jene, die da 



72 



C£ 



DIE FRIEDEN5-WAB.TE 



behaupten, daß der Balkankrieg im Geiste des 
dreißigjährigen Krieges geführt wird. Von 
erschütternder Wirkung ist in den Dar- 
legungen Whites die Schilderung der Einfluß- 
nahme der Kirche und des Papsttums gegen 
die Versuche einer Milderung der Kriegssitten 
und einer Einschränkung der Kriege. Nicht 
nur das Kapitel über Grotius, alle Dar- 
stellungen dieses Buches bilden so eine heftige 
Anklage gegen die kulturhemmende Wirk- 
samkeit des Klerikalismus. Im Verlaufe des 
Essays schildert dann White den Einfluß der 
Arbeit des Grotius auf die Völkerrechts- 
vorkämpfer des 17. und 18. Jahrhunderts. Ein 
Eingehen hierauf verbietet sich durch die 
Raumverhältnisse. Ebenso ein Eingehen auf 
jene ausgezeichneten Darstellungen, die nicht 
direkt die Friedensidee berühren. Aber jeder 
Pazifist wird sie mit ungeteiltem Interesse 
lesen. Es war ein verdienstvolles Unternehmen, 
dieses klassische Werk der deutschen Lesewelt 
zu vermitteln, bei der es sich bald einen 
dauernden Platz erringen wird. Man wird das 
Buch Whites unter den großen Aufklärungs- 
schriften der Gegenwart nicht übersehen dürfen. 

A. H. F. 



Sombart, Werner. 
Krieg und Kapitalismus. Gr. 8 °. München und 

Leipzig 1913. Duncker & Humblot. VIII. 

232 S. 6 M. 

Vom pazifistischen Gesichtspunkt bietet 
das vorliegende Buch gar keine Ausbeute. Es 
ist eine interessante kulturgeschichtliche Studie 
mit wertvollen Belägen über die Entwicklung 
des modernen Heerwesens. Der Verfasser ver- 
sucht, die marxistische Lehre, wonach der 
Krieg eine Folge der kapitalistischen Wirt- 
schaftsform ist, umzudrehen und darzulegen, 
daß die kapitalistische Wirtschaftsform eine 
Folge des Krieges sei. Im Heerwesen wurde 
der Uebergang vom Handwerk (Einzelkämpfer) 
zum organisierten Betriebe (Armeebildung) zu- 
erst vollzogen. Der Krieg hat das staatliche 
.Schuldenwesen und damit den Kredit- und 
Börsenverkehr geschaffen, er hat das Wirt- 
schaftsleben „kommerzialisiert". Der Krieg 
hat die Technik erzogen, zuerst einen Massen- 
bedarf hervorgerufen und dessen Befriedigung 
ermöglicht, eine kapitalistische Industrie hervor- 
gerufen. Das ist kulturhistorisch sehr inter- 
essant, man muß sich nur hüten, die Fol- 
gerung, die der Autor daraus zieht, zu ver- 
allgemeinern. Er spricht nämlich von dem 
,. doppelten Gesicht des Krieges: hier zerstört 
er und dort baut er auf". Das kann gefährlich 
werden — und zweifellos wird das Sombartsche 
Buch diese Gefahr zeitigen — , wenn man diese 
Lehre auf die Zukunft übertragen will. Sombart 
erklärt ausdrücklich (S. 15), daß er seine Be- 
hauptungen „nur für diese frühkapitalistische 
Epoche" aufstelle, daß er nur für die „Pubertäts- 
jahre" des modernen Kapitalismus „die über- 
ragende Bedeutung des Militarismus" be- 
haupte. Zukunftswissen im Ostwaldsehen Sinne 
ist aus diesem Buche nicht zu ziehen. Schon 
aus dem Grunde nicht, als alle diese günstigen 
Einwirkungen des Krieges auf die Kultur- 
entwicklung schließlich von jedem anderen 
Uebel nachgewiesen werden können; ebensogut 
auch von Wasser- und Feuergefahren, von Pest 
und Cholera,, kurz von dem naturfeindlichen 



Wesen aller Naturgewalten. Ist doch der 
Kampf gegen diese das wirklich kultur- 
erzeugende Element, das die Menschheit von 
der Tierheit emanzipierte. Jede Nutzanwendung 
dieses Buches, das schließlich auf die alte Volks- 
weisheit hinausläuft, wonach kein Unglück so 
groß wäre, daß nicht auch ein Glück dabei 
sei, zugunsten der Kulturkraft des Krieges an 
sich, insbesondere aber für die Gegenwart oder 
die Zukunft, wäre ein Irrtum. 

Der Verfasser hat es zwar unterlassen, im 
Buche selbst ein Werturteil zu fällen, das 
geeignet wäre, den Vorwurf gegen ihn zu er- 
heben, daß er diese irrige Ausnutzung seiner 
Arbeit unterstütze. Leider hat er im Vorwort 
diese Neutralität nicht bewahrt; denn dort 
spricht er von der großen Bedeutung, „die der 
Krieg für unser Kulturleben gehabt hat, hat 
und haben wird, solange Männer das 
Schicksal der Völker bestimmen werden". Er 
überspringt damit die Grenze, die er sich in 
seinem Buche selbst gesetzt hat, und schließt 
von den Verhältnissen vom 13. bis zum Ende 
des 18. Jahrhunderts auf unsere vöUig veränderte 
Gegenwart und Zukunft. Gerade die Unhaltbar- 
keit dieser Methode hat Norman Angell in 
seinem epochemachenden Werk glänzend wider- 
legt. A. H. F. 



Angell, Normann, 
Die Falsche Rechnung. Was bringt ein Krieg 
ein? 8°. Berlin. Vita, Deutsches Verlagshaus. 
266 S. Lwdbd. 1,25 M. 

Diese neue Volksausgabe des klassischen 
Werkes von Normann Angell befriedigt uns 
leider nicht in dem Maße, wie wir es im Inter- 
esse der Sache gewünscht hätten. Zunächst 
müssen wir den Titel als ungeeignet zurück- 
weisen. Es geht nicht an, den Titel eines 
Werkes, das sich bereits Weltruhm errungen, 
nach Gutdünken zu ändern. Uns kommt das 
so vor, als wollte man dem Darwinschen Werke 
„Die Entstehung der Arten" nun plötzlich den 
Titel geben: „Wo kommt der Mensch her? 
Stammt er vom Affen ab?" Die Bezeichnung 
„Die große Täuschung" klingt uns auch viel 
würdiger, als die etwas trivial klingende Frage, 
ob der Krieg etwas „einbringt". Gerade im 
Interesse der großzügigen Propaganda, die mit 
dem Buche gemacht wird, hätte man sich die 
Titeländerung hundertmal überlegen sollen. 

In der neuen Ausgabe sind einige Kapitel 
des Buches ganz weggelassen worden. Hingegen 
sind allerdings vier Kapitel neu hinzugekommen. 
Ob es sich am Ende nur um Aenderung der 
Ueberschriften handelt, konnte nicht festgestellt 
werden. Gerne hätten wir auf der ersten Seite 
(im Vorwort) den von uns schon früher be- 
mängelten Satz vermißt: „Man sieht, der Ver- 
fasser ist kein Pazifist." Das ist eine direkte 
Irreführung, die Normann Angell selbst schon 
unzählige Male widerlegt hat. In seinem 
neuesten Buche „Peace Theories and Balkan 
War" nennt er sich selbst auf jeder 
Seite einen Pazifisten. Was soll denn 
diese Wortspielerei auch besagen. Es ist rich- 
tig, daß gewisse Methoden des Pazifismus dem 
Zeitgeiste nicht mehr entsprechen und bei 
der Werbung von neuen Anhängern die Ver- 
wechselung des Pazifismus mit diesen Methoden 
oft hinderlich ist. Als Konzession für die 
Taktik ist diese Verleugnung wohl zu begreifen 



73 



DIE FRIEDENS -^&QTE 



[© 



und auch zu entschuldigen. Aber im wissen- 
schaftlichen Kampfe kann man derartiger Aus- 
hilfemittelchen wohl entbehren. Pazifismus ist 
eine Kollektivbezeichnung für alle Be- 
strebungen, die an Stelle der heutigen Staaten- 
beziehungen eine vernünftige Ordnung setzen 
wollen. Diese Bestrebungen sind verschieden; 
ihr Ziel ist das gleiche. Auch dem Schluß- 
kapitel, das der Volksausgabe neu hinzugefügt 
ist, können wir nicht so ohne weiteres bei- 
pflichten. Dieses scheint uns fast „in usum 
germanorum" geschrieben zu sein. Wir finden 
darin einige Behauptungen, die uns so vor- 
kommen, als seien sie bestimmt, der in Deutsch- 
land vorherrschenden Geistesrichtung Kon- 
zessionen zu machen. Vom „Fehlschlagen" der 
Haager Konferenzen zu reden, ist ein bißchen 
stark, ebenso die Behauptung, daß das große 
Wachstum der Rüstungen von der ersten Haager 
Konferenz ab datiert; eine Da tum bestimm ung, 
die so aussieht, als sollte damit dem Haager 
Werk Abbruch getan werden. Der Ausfall gegen 
Friedensyersammlungen, Petitionsunterzeich- 
nungen und sogar gegen, die. anglo-deutschen 
Verständigungsbestrebungen erscheint uns völlig 
unangebracht. Man mag über den Wert einzelner 
dieser Handlungen denken wie man wolle, 
wenn man den Schlußeffekt will, darf man 
auch über solche Methoden nicht verächtlich 
urteilen, die vielleicht diesen Nutzeffekt nicht 
in direktester Linie herbeiführen. Es geht eben 
nicht an, das gesamte Friedensproblem auf einem 
einzigen Argument aufzubauen. Der Grund 
könnte dadurch ins Wanken kommen, auf dem 
man das Haus aufbaut. Evolution der Ideen, 
nicht Revolution führt uns zum Siege. 

Im "übrigen ist es nicht notwendig, zu be- 
tonen, welch ungeheueren Wert wir dem großen 
Werke Norrnann Angells beilegen, und wie wir 
es als Rüstzeug im Kämpf gegen den Krieg- 
schätzen. Eben weil dies der Fall ist, suchen 
wir es durch die hier vorgebrachten Mängel 
immer vollkommener zu gestalten. Auf den 
Gesamtinhält werden wir noch ausführlich 
zurückkommen. 

Wir - verlangen für die nächsten Auflagen 
Rückkehr zum alten Titel und Fortlassung- 
aller zu Mißverständnissen führenden Seiten- 
hiebe auf den Pazifismus. 



Oppenh eim, L. ... 

The Panama Canal Conflict betwen great 

Britain and the United States of America. 

A. Study. 8°. Cambridge 1913. Universitv 
. Press. 57 S. Cloth. 

Der hervorragende Völkerrechtsgelehrte be- 
faßt, sich in der vorliegenden Schrift mit der 
gegenwärtig . interessantesten völkerrechtlichen 
Frage. Er tritt für die schiedlich^ Erledigung 
des Streitfalles ein, obwohl er bezweifelt, ob 
dieser nach dem . Wortlaut des anglo-amerika- 
nischen Schiedsvertrages von 1908 der Schieds- 
gerichtsbarkeit unterworfen werden mußte, da 
darin Streitfälle, die die Interessen Dritter 
berühren — was hier .zutrifft — :, von dem 
Obligatorium ausgenommen sind. Doch bet- 
trachtet er diesen Umstand als. geringfügig, 
•denn -es handelt sich nicht darum, ob die 
Vereinigten Staaten vertragsmäßig verpflichtet 
.seien, den. Streit ;gchiedlich erledigen zu lassen, 
sondern darum, daß eine ihrem ganzen Wesen 
nach für die- schiedliche ^Erledigung geeignete 



Sache unter keinen Umständen dieser Lösung 
entzogen werden darf. Das Ansehen der 
Schiedsgerichtsbarkeit steht für ein ganzes 
Menschenalter auf dem Spiele. 

Die interessante Schrift ist geeignet, über 
das Wesen des Panama- Streitfalles aufzuklären. 
Ueber dieselbe Frage hat auch Prof. Kauf- 
mann (Berlin) in der Revue de Droit int. 
geschrieben. Sein Aufsatz wird auch in der 
Zeitschrift für Völkerrecht erscheinen und noch 
in diesen Blättern besprochen werden. 

Für den Frieden! 8°. München. Simpli- 
zissimus-Verlag. 104 S. 

Verkleinerte Wiedergabe satyrischer Bilder 
aus dem Simplizissimus mit antikriegerischer 
Tendenz. Manches gehässige Bild gegen Eng- 
land hätten wir in dieser Sammlung, die dem 
Frieden dienen soll, gern vermißt. 



Sturm, August, Dr. 
Die Einteilung des Rechts und die Abtrennung 
des internationalen Privatrechts sowie des 
Friedensrechts, eine rechtspsychologische Ab- 
handlung. Gr. 8°. Berlin, Franz Vahlen, 1912. 
152 S. Preis 4 M. 

Sturm ist unter den alten Burschen- 
schaftern, die für die Friedensbewegung ein- 
treten, einer der eifrigsten. Seit 1910 hat er 
bereits fünf Werke geschrieben, die schwere 
wissenschaftliche Betrachtungen zugunsten un- 
serer Bewegung enthalten. Es kann auf die 
Dauer nicht ohne Einfluß sein, wenn ein an- 
gesehener Mann mit solcher Hartnäckigkeit 
und in Werken, die von sehr guten Verlegern 
verbreitet werden, für unsere Idee eintritt. 
Sturm befürwortet auch in diesem Buche vor 
allem einen Gerichtshof für alle international- 
rechtlichen Fragen im Haag, ferner die Er- 
richtung von Völkerrechtslehrstühlen. Das 
Buch ist im Verhältnis zu seinen umfang- 
reicheren Werken recht verständlich ge- 
schrieben. 



Eingegangene Druckschriften. :::::; " " :::::: :: 
(Besprechung vorbehalten.) 

La Vie Internationale. Revue 'sen- 
suelle des Idees, des faits et das. organismes 
internationaux. Tome IL. 1912. Fascicule 7. 

Aus dem Inhalt: Ernest Röthlis- 
berger, Le Droit des Auteurs et des Artistes 
et les Unions Internationales. — Dr. John 
M e z , Le Cheque postal international et les 
resultats des virements postaux en Autriche, 
en Hongrie, en Suisse et en Allemagne. . — 
Notices, faits, documents. 

' Periodisches Bulletin des Inter- 
nationalen Socialistischen Bureaus. 3. Jahrg. 
Nr. 9, mit 2 Supplementen. Folio. Brüssel. 1913. 
(Zu beziehen durch: Camille. Huysmans, Maison 
du Peuple, nie - Joseph Stevens Nr. 17,) In 
deutschem, französischem und englischem Text. 

Spezialnummer „Gegen den Krieg". Akten 
und Vorgänge des Baseler Kongresses,. 



An gell, Norman, 
Offener Brief an den Verband für internationale 
■ Verständigung und den Verband der inter- 
: nationalen Studenten -Vereine an deutschen 



74 



@: 



= DIE FRIEDENS -VJC&TE 



Hochschulen. 8°. Göttingen. 12 S. (Zu be- 
ziehen durch Paul Baumgarten, Göttingen, 
Bühlstr. 15.) 

Bührer, K. W., 
Raumnot und Weltformat. 8°. München 1912. 
Die Brücke. F. d. Buchhandel: Fr. Seybolds 
Buchhdlg. in Ansbach. 32 S. 60 Pf. 

Bührer, K. W., 
Weltarchiv der Brücke. Abteilung Kleingraphik. 
89. München 1912. Die Brücke. 15 S. 60 Pf. 

Feldhaus, Richard, 
Gedanken über den Frieden. 100 Aussprüche 
führender Geister. Für die Friedensfreunde 
zur Ermutigung, Erbauung und Erstarkung 
ihrer Ideen, für alle Kriegsanhänger zur Be- 
lehrung. Kl. 8 0. o. O. u. J. 15 S. (Zu be- 
ziehen durch Rieh. Feldhaus, Bottminger 
Mühle b. Basel.) 

Hoensbroech, Graf von, 
14 Jahre Jesuit. Persönliches und Grundsätz- 
liches. Volksausgabe. 2 Bde. gr. 8°. Leipzig 

1912. Breitkopf & Härtel. VIII u. 182, IV 
u. 196 S. ä Bd. 1 M. 

J a e c k h , Dr. Ernst, 
Deutschland im Orient nach dem Balkankrieg. 
8°. München 1913. Martin Mörikes Verlag. 

158 S. 2 M. 

Klopp, Onno, 
Politische Geschichte Europas seit der Völker- 
wanderung. Vorträge. 2 Bde. gr. 8°. Mainz 

1913. XII u. 460 und VII u. 413 S. Verlag 
• Kirchheim & Co. Eleg. Lwdbde. 15 M. 

(Lehr, E.,) 

Drei Andachten. 1. Gebet eines Leidenden für 
die Genesung wahnsinniger Mordpatrioten- 
horden und der europäischen, in ethischer 
Beziehung geisteskranken Diplomaten. 2. Bitt- 
gottesdienst für den Triumpf (sie!) der 
menschenschändenden Kriegsbestie, welche 
nebst Stumpfsina und Massenelend, Krüppel, 
Witwen und Waisen schafft. 3. Tägliches 
Gebet des allzeitigen Friedensfürsten und die 
aus der tiefreligiös-inhaltsreichen, Herz und 

' Gemüt belebenden Gottesandacht sich er- 
gebenden Morallehre. 8°. Wien „im XX. Jahr- 
hundert", 16 S. u. „Nachklänge", 4 S. (Zu 
beziehen durch den Verfasser: JE. Lehr, Wien 
II/l, Roten Sterngasse 20.) 
• M a n d 1 , Leopold, 

Oesterreich-Ungarn und Serbien nach dem 

"r Balkankriege. Materialien zum Verständnis 
der Beziehungen Serbiens zu Oesterreich- 
Ungarn. 80. Wien 1912. Moritz Perles. 60 S. 
Markus, 

Die Volksherrschaft im Gottesstaat, der Staat 
der Zukunft. In Form einer Erzählung ge- 
schildert. 8°. Berlin 1913. Politik -Verlags- 
anstalt. 153 S. 

N e u r a t h , Dr. Otto, 
Die finanziellen und wirtschaftlichen Rück- 
wirkungen des modernen Krieges. Vortrag 
fehalten in der 60. Monatsversammlung des 
ndustriellen-Klub am 14. Nov. 1912. Obl.-8°. 
Wien 1912. Verlag des Industriellen - Klub 
(Wien III, Heuinarkt 12). 20 S. 
Os twald, Wilhelm, . ..'....' 

Sekundäre Weltformate. 8°. München 1912. Die 
Brücke. , F. d. Büchhdl. : , Fr. Seybold's Buch- 
handlung, Ansbach. 12 S. 30 Pf. 



Wehberg, Dr. med. Heinrich, 
Beiträge zur Entwicklung und Begründung des 
Sozialismus. 8°. Hagen i. W. 1898. Hermann 
Riesel & Co. 64 S. 1,50 M. 

Zur Erinnerung an Dr. med. Heinrich 
Wehberg. (1855—1912.) Seinen Freunden 
und Verehrern gewidmet, o. O. u. J. (Zu be- 
ziehen durch Dr. Hans Wehberg, Düsseldorf, 
Jülicherstr. 86.) 12 S. 
Union Interparlementaire. 

Oommission des Declarations de Neutralite 
permanente. II. Proces verbal de la Seance 
du 21. sept. 1912. 8°. S. 25—34. (Zu beziehen 
durch das Interparl. Amt in Brüssel.) 
Union Interparlementaire. 

Proces verbaux de la Commission des Detroits 
et des canaux maritimes. IL Seance du 
17. sept. 1912. 8°. S. 41—56. (Zu beziehen 
durch das Interparl. Amt in Brüssel.) 

„International C onciliati on." 
No. 63 (Februar 1913). William Howard 
Taft, The Time to test our faith in Arbi- 
tration. — Arnos S. Hershey, Should the 
Panama Canal Tolls Controversy be arbi- 
trato? 22 S. 

Jedes Heft: 8°. (Zu beziehen kostenlos 
von „American Association for International 
Conciliation" Sub-Station 84 (407 West 117 th 
Street) New York City,. 

Maryland Quaterly. 

No. 12 (Nov. 1912). S. C. Mitchell, The 
Phases of Progress toward Peace. 8 °., Balti- 
more, U. S. A. 1912. Maryland Peace Society, 
1925 Park Avenue. 17 S. 

Pause and Consider. Letter and Edi- 
torials reprinted from the „Japan Times". 8 °. 
Dezember 1012. (Tokio.) 27 S. 
B a j e r , Fred., 

Dansk Interparlamentarisk Gruppes Aarborg II. 
8 o. Kjöbenhavn. 1913. J. H. Schultz. 



Zeitschriften -Rundschau. :: :: :: :: :: :: :: :: :: j; * 

H. W. Im Januarheft des „Advocate of 

Seace" wird die Nichterteilung des Friedens- 
robelpreises einer scharfen Kritik unterzogen. 
In, keinem Jahre, so heißt es dort, hätten die 
Friedensfreunde so sehr für den Frieden ge- 
wirkt, wie gerade in der letzten unheilvollen 
Zeit des italienisch-türkischen und des Balkan- 
krieges. Interessant ist die Aufzählung der- 
jenigen Männer, die nach Ansicht der Redaktion 
den Nobelpreis verdient hätten. Unter den 
Amerikanern Taft, Carnegie, Ginn, Bartholdt, 
Butler, David Starr Jordan und Senator Elihu 
Rbot, unter den Deutschen Quidde, unter den 
Engländern Lord Weardale, Dr. Darby und 
Alexander. Ich möchte dazu bemerken, daß 
meines Erachtens für Deutschland unter den 
eigentlichen Pazifisten Umfrid des Preises am 
meisten würdig ist. Er hat wie kein anderer 
unermüdlich für die Sache agitiert,; Unter den 
Völkerrechtslehrern nenne- ich in erster Linie 
v. Bar, der schon zu einer Zeit, als .andere 
Universitätsprofessoren noch spöttisch über 
uns : lächelten, .der Friedensidee mit .größtem 
Verständnis begegnet ist. Bei Umfrid und 
v, Bar würde es sich nicht lediglich um eine 
Krönung erfolgreicher Bemühungen für - den 



75 



DIE FBIEDEN5-^ÄßTE = 



3 



Frieden handeln, sondern mehr noch um die 
Anerkennung großer und seltener, im Laufe 
eines ganzen Lebens bewiesenen Treue zu der 
Idee des Fortschrittes der Menschheit und des 
Völkerfriedens. Wenn wirklich der Nobelpreis 
im Sinne seines Stifters verteilt werden soll, 
dann darf nimmermehr lediglich auf die guten 
Erfolge irgendeiner Persönlichkeit im Dienste 
unserer Sache gesehen werden, sondern mehr 
noch auf die -edle Gesinnung, aus der heraus 
jene Taten entstanden sind. Von diesem Stand- 
punkte aus aber soll man möglichst zurück- 
greifen auf diejenigen, die bereits zu einer Zeit, 
als man die Friedensidee noch verlachte, dieser 
ihre ganze Kraft, ihren ganzen Glauben ge- 
weiht haben. Nächst v. Bar ist Zorn der am 
meisten verdiente Anwärter auf den Friedens- 
preis. 

In demselben Hefte schreibt Mead einige 
Erinnerungen über die ersten Lake Mohonk- 
Konferenzen im Hinblick auf den Tod ihres 
Stifters Smiley. Auf der ersten Lake Mohonk- 
Konferenz im Jahre 1895 waren nur 56 Per- 
sonen anwesend, aber bereits im folgenden 
Jahre schon 286. Mead weist ferner darauf 
hin, welch großes Verdienst sich die drei ersten 
Lake Mohonk - Konferenzen durch die Befür- 
wortung eines ständigen Tribunals erworben 
haben. Trueblood hat damals die Diskussion 
des Problems angeregt, und Dr. Haie hat die 
Idee mit großartiger Beredsamkeit vertreten. 
Wie auf der Interparlamentarischen Versamm- 
lung von 1894, so herrschte auch auf den ersten 
Kongressen zu Lake Mohonk noch viel Skepti- 
zismus gegenüber der Realisierung dieses Pro- 
jektes. Der Grundgedanke der Lake Mohonk- 
Konferenzen ist allzeit gewesen: nicht auf die 
Schrecken des Krieges einzugehen, sondern die 
Mittel zu -erörtern, durch die er überwunden 
werden kann, insbesondere die Schiedsgerichts- 
barkeit. 

„Advocate of peace" schreibt ferner über 
die amerikanische Reise der (Baronin jSuttner u. a. 
folgendes : „Eines ihrer letzten Auftreten war iD 
Washington, wo ihr zu Ehren ein Bankett ver- 
anstaltet wurde. Dieses Fest vereinigte viele 
Mitglieder des diplomatischen Korps, Senatoren, 
Kongreßmänner und andere hervorragende Per- 
sönlichkeiten sowohl aus Regierungs- als aus 
Gesellschaftskreisen. Es war ein Tribut, wie 
Washington selten darbringt irgendeinem großen 
Staatsmann oder einem Gast aus königlichem 
Geblüt. — Die ganze Tournee war großartig. 
Die Baronin hat tiefen Eindruck gemacht, wo 
immer ihrer Botschaft gelauscht wurde. Ihre 
fühlbare Aufrichtigkeit, die Tiefe ihrer Emp- 
findung, hervorgegangen aus ihrem langen Kon- 
takt mit dem europäischen Militarismus, ver- 
liehen ihren Ausführungen große Ueberzeugungs- 
kraft. Ihre Mahnung an unser Land, es möge 
seiner hohen Mission treu bleiben und die 
Führerschaft zur Weltverbrüderung fortsetzen, 
erinnerte an die Aeußerungen und Warnungen 
mancher großer biblischer Propheten." 

In Nr. 1 der „Korrespondenz des Verbandes 
für internationale Verständigung" wendet sich 
Piloty gegen einen Artikel des Vizepräsidenten 
des Deutschen Reichstages Paasche, der kürz- 
lich an dem Ausdrucke Kiderlen- Waechters von 
der „herzlichen Intimität" der deutsch -eng- 
lischen Beziehungen gesprochen hatte. Er 
weist nach, wie billig es ist, den Beifall der 
großen Menge bei Anklagen gegen England zu 



finden, und als wie töricht gleichzeitig ein 
Artikel bezeichnet werden muß, der im gegen- 
wärtigen Augenblicke das deutsch - englische 
Problem losgelöst von den Balkanwirren er- 
örtert. Mit Recht meint er, es sei wenig real- 
politisch, in diesem Augenblicke einen solchen 
Artikel wie den Paasches zu schreiben. 

In demselben Hefte gibt Strupp in zwei 
Aufsätzen einen guten Ueberblick über den 
spanisch-französischen Marokkovertrag und den 
Frieden von Lausanne. Am Schlüsse des ersten 
Aufsatzes sagt er: „Daß die Schiedsgerichts- 
idee in dem Vertrag offene Anerkennung er- 
fährt, daß beide Staaten sich verpflichten, 
Streitigkeiten bei seiner Anwendung oder Aus- 
legung dem Haager Schiedsgericht zu unter- 
breiten, muß jeden Anhänger jenes groß- 
artigsten Völkerrechtsinstitutes, muß jeden 
Freund internationaler Verständigung und des 
Friedens mit hoher Freude erfüllen. In drei 
der bedeutendsten, politischen Verträge der 
letzten sieben Jahre die ausdrückliche Unter- 
werfung unter die internationale Schieds- 
gerichtsbarkeit! Darf man da noch ernsthaft 
daran zweifeln, daß die Gewalt jener Idee auch 
die Staaten in ihren Bann gerissen hat?" 

In einem weiteren Aufsatze derselben Korre- 
spondenz verlangt W. Klohs eine schnellere 
Ratifikation des Schiedsabkommens, die ja be- 
reits der jüngste Weltfriedenskongreß und die 
Interparlamentarische Versammlung befürwortet 
haben. In diesem Aufsatz befindet sich ein 
Irrtum, der nicht unwidersprochen bleiben 
kann. Verfasser sagt nämlich, durch das Ab- 
kommen von 1907 sei das Abkommen von 1899 
auch für diejenigen Staaten hinfällig geworden, 
die das erstere noch nicht ratifiziert haben. 
Da also die Balkanstaaten, außer Rumänien 
sowie Italien, das Schiedsabkommen von 1907 
nicht ratifiziert haben, so seien sie an das 
Schiedsabkommen nicht gebunden, weder in 
der alten, noch in der neuen Form. Das ist 
unrichtig. Das Abkommen von 1899 gilt nach 
den Bestimmungen für Serbien, Bulgarien, 
Griechenland usw. so lange fort, bis sie es 
gekündigt haben. Daß dies auch die Ansicht 
der Regierungen ist, ergibt sich daraus, daß 
alle Staaten finanziell zu dem Bureau des 
Haager Schiedshofes beitragen, im Verwaltungs- 
rate vertreten sind usw. Damit erledigt sich 
die weitere Behauptung von selbst, wonach 
gerade diejenigen Staaten in den letzten Jahren 
Krieg geführt hätten, die das Schiedsabkommen 
nicht ratifiziert hätten. Daß der Artikel 48 
für jene Staaten, die das neue Abkommen nicht 
ratifiziert haben, nicht gilt, ist allerdings zu- 
treffend. Dieser Artikel ist aber praktisch nicht 
von Bedeutung. Er kann insbesondere ein 
direktes Klagerecht nicht ersetzen, weil der 
Kompromiß, die entscheidende Schwierigkeit, 
bestehen bleibt. 

Fachpresse. :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: '•'• « " « :: 

Völkerfriede (Eßlingen). Jan. 0. U., 1813 
bis 1913. — Vaterländische Geschichte. — 
Rieh. Feld haus, Der internationale 
Sozialistenkongreß in Basel und der Krieg. 

— O. Graewe, Chauvinistischer Haß gegen 
die Friedensbewegung. — A. We s t p h a 1 , 
Jahresversammlung des Landesvereins Würt- 
temberg der Deutschen Friedensgesellschaft. 

— usw. 



76 



<£ 



DIE FRIEDENS -WARTE 



— Febr. U. M., Bela-st ungsproben. — R. Wie- 
la ndt, Friedensbestrebungen und Männlich- 
keit. — Aufruf der deutsch-iranz. Liga. — usw. 

Korrespondenz: des Verbandes für 
internationale Verständigung 

(Würzburg). Nr. 1. Prof. Rob. Piloty, 
Deutsche Realpolitik. — Dr. Karl Strupp, 
Der spanisch-französische Marokkovertrag. — 

— D r. K a r 1 St r u p p , Der Friede von 
Lausanne. — W. Kloh s, Die Ratifikation der 
Haager Schiedsabkomrnen. — usw. 

Die Eiche. Vierteljahresschrift zur Pflege 
freundschaftlicher Beziehungen zwischen 
Großbritannien und Deutschland. (Berlin.) 
Nr. 1. Lordbischof von Hereford, 
Die Aufgabe der christlichen Kirche im 
öffentlichen Leben. — Rev. J. H. Rush- 
brooke, Die Bewegung unter den britischen 
christlichen Kirchen zur Pflege freundschaft- 
licher Beziehungen zwischen Deutschland 
und Großbritannien. — Direktor D. 
Spiecker, Die deutsch - englische Ver- 
ständigungskonferenz in London. — L i c. 
Bornhausen, Die Freundschaftsbeziehun- 
gen zwischen deutschem und amerikanischem 
Protestantismus. — T li. Kondah, Chronik 
der deutsch-englischen Beziehungen während 
der letzten Monate. — usw. 

V a t eiiand und Welt. Organ des Ver- 
bandes der Internationalen Studentenvereine 
an deutschen Hochschulen. (Göttingen.) Nr. 1. 
Zum Geleite. — Paul Baumgarten, Nor- 
man Angell. — usw. 

Der Friede (Bern). Dr. Bucher-Heller, 
Sylvesterabend auf den Gurten bei Bern. — 
Nietstew, Balkanphilosophie im neutralen 
Lager. — C. L. Siemering, Eine pazi- 
fistische Frauenzeitschrift. — usw. 

Die Friedensbewegung (Bern). Nr. 1 . 
Pierre C 1 c r g e t , Die armenische Frage. 

— Dr. Hans Wehberg, Völkerorgani- 
sation. — - Albert Fürst v. M onaco, Schieds- 
gerichtswesen und Gegenseitigkeit. — usw. 

idvocate of Peace (Washington). .Jan. 
The Panama Tolls and Arbitration. — No 
Nebel Prize in 1912. — Baroness von Suttners 
Lecture Tour. — The fourth American Natio- 
nal Peace Congress. — The Death of Albert 
K. Smiley. — Charles E. Beals, The 
Baroness von Suttners Tour. — Evergett 
P. Wheeler. The Nation should be true 
to its plighted faith in the Matter of the 
Panama Tolls. — Edwin D. Mead, The 
first Mohonk Conference on International 
Arbitration. — George M. S tratton. 
The double Standard in Regard to Fighting. 

— usw. 

The Oosmopoiitaa Student (Madison). 
Jan. John R. Hart, The Presidents annual 
Message. — Extracts frorn the General Secre- 
tary Report. — usw. 

M o n t h 1 y Circular of the National 
Peace Council (London). Jan. 

La Paix par le Droit (Paris). No. 1. 
Frederic Passy, Ceux qu'il faut honorer • 
Garibaldi. — Oh. R i c h e t , l'Alsace Lorraine 
obstacle ä l'expansion allemande. — Jules 
L. P u e c h , Coup d'oeil sur 1912. — usw. 

E t a t s - Unis d'Europe (Bern). Jan. 
Emile Arnaud, Le Devoir des Puissances. 

— L. de M o n 1 1 u c , The right man in the 
right place. — Guerre et Finances, — - usw, 



II P o p o 1 o Pacifista (Bonefro). Jan. 
Marturino de Sanctis, La Spedizione 
a Tripoli e il diritto internazionale». — I ferro- 
vieri d'Italia contro la guerra. — usw. 

La Luce del Pensiero (Neapel). Jan. 
Domenico Maggiore, Per il migliora- 
mento economica degl' Insegnanti. — Fran- 
cesco Berlinghieri, II parallelismo 
dinamo-eivile delle nazioni. — Paul Ada m. 
La supremazia del lavoro. — Alfredo B. Nobel 
o Mme. Berta de Suttner. — usw. 

Fredsfanan (Stockholm). Jan. E m i 1 
Larsson, Vär rätta Fiats. — K. P. Ar- 
n o 1 d s o n , Krighändelserna och freds- 
strävandena. — Erik Palmstjerna, 
Imperialismen — en fara för Freden. — usw. 

Fredsbladet (Kopenhagen). Niels Peter- 
sen, Det gamle og det nye Aar. — N. P.. 
Anna B. Eckstein. — Fru Dikka Möller. 

— usw. 

„Vrede door Recht" (Haag). Jan. W. H. 
de Beaufort, De Oorlog en de Vredes- 
confei'enties. — H. A. L o r e n t z , De inter- 
nationale Wetenschap bevordert den Vrede. 

— D. Josephus Jitta, Het internationale 
Recht en de Vredesbeweging. — H. P. S t aa 1, 
Kunnen militares voostanders der Vi-edes- 
beweging zijn? — J. de Waal, De invloed 
van het Roode Kruis op de Vredesbeweging. 

— A. J. vanLoghumSlaterus, Vredes- 
beweging en Godsdienst. — J. M. Maury, 
De Katoliken en de Vredesbeweging. — 
F. M. W i b a u t , Proletariaat en Vredes- 
beweging. — H. J. Kieweit de Jonge, 
Para pacein. — Johanna W. A. Naaber, 
Vrouwenbeweging en Vredesbeweging. — 
Chr. Nuijs, De Pers en de Vredesbeweging. 

— Westerman, Internationalisme en 
Bankwezen. — F. P. t e r M e u 1 e n . De 
Kunst en het Pacifisme. — A. Pieters. 
Het reizen en de Vredesbeweging. — M u 1 i e r, 
Sport en Vrede. — H. J. Romeijn, De 
Vredesbeweging en de Cooperatie. — A. J. E. 
A. B i k , Het Tentoonstellingswesen en de 
Vrede. — J. J. van B a 1 e n - K 1 a a r . 
Vrouwenkiesrecht en de Vredesbeweging. — 
S. K. Bakker, De Christensocialist tege- 
nover oorlog en Vrede. — usw. 

Lud s kose (Warschau). No. 3 u. 4. In pol- 
nischer Sprache : Pazifismus bei Skarga und 
Krasinski. — Resolutionen der polnischen 
Gesellschaft der Friedensfreunde. — Der Welt- 
friedenskongreß. — usw. 

Nemzetközi elet (Budapest). 1 1 . evf. 
A NIX. nemzetközi bekekongresszus. — usw. 



Artikel - Rundschau. 
Von Carl Ludwig Siemering. 
Am 28. Januar meldete der Pariser 
„Temps" aus London, die finanzielle Lage 
Bulgariens stehe nicht zum testen, und ge- 
bieterisch zeige sich die Notwendigkeit, die 
Leute zur Aussaat auf die Felder zurück- 
zusenden, wenn eine furchtbare wirt- 
schaftliche Krisis vermieden werden 
solle. Großer Joh. von Bloch — das alles hast 
du vorausgesagt ! In einer Note der offiziösen 
Petersburger ,,R o s s i j a" vom 26. Januar heißt 
es, die russische Regierung verfolge, ebenso wie 
gana Europa, einmütig das Ziel, diesem Krieg 
ein Ende zu machen. Ein ähnlicher Gedanke 
wird in der Wochenrundschau der „Nord d. 



77 



DIE FRIEDEN5-^/ADTE 



3 



Allg. Ztg." vom 2. Februar ausgesprochen, 
und nach einem Privattelegramm der „Münch. 
N. N." aus Wien vom 11. Januar hat Zar 
Nikolaus sich entrüstet über die Kriegs- 
treibereien russischer Blätter ausgesprochen ; 
sein Entschluß, den Krieg zu vermeiden, sei 
nicht wankend zu machen. Leider sind auch 
unsern Nationalistenblättern solche Kriegs- 
treibereien nicht fremd. In einer Zuschrift an 
die Königsberger ,,0stpr. Zeitg." vom 
21. Dezember wird kurz und bündig verlangt, 
man solle „rechnen, wieviel Feindesland (!) 
zur Arrondierung unserer Grenzen nötig sei", 
und später heißt es : „Wie würde ein frischer, 
freier Krieg hier aufräumen ; von den 
Hundertzehn im Reichstage würden nicht viele 
übrig bleiben!" — Die „L e i p z. N. N." wenden 
sich am Neujahrstage gegen „jenen seltsamen 
politischen Altruismus, an dem wir, die Epi- 
gonen Bismarcks, leiden", und in der „Kreuz- 
zeitung" vom 1. Januar wünscht Theodor 
Sc hiemann, das neue Jahr möge der Welt 
aus dem faulen Frieden, in dem sie lebt, 
zu einem gesunden Frieden verhelfen. Ganz 
unsere Meinung — nur daß wir und Th. Seh. 
unter diesen Worten ganz etwas Verschiedenes 
verstehen! In Nr. 18 der „Nati o nal- Z t g." 
wendet sich J. H. Zimmermann, M. d. R., 
gegen die „unnütze Kriegsfurcht" und legt ein- 
gehend dar, eine deutsch-russische Verständi- 
gung wäre „kein Ding der Unmöglichkeit, zumal 
jetzt, da die Erinnerung an die glorreiche 
Waffenbrüderschaft vor 100 Jahren wieder 
lebendig wird." (Vgl. auch die York- Feier 
von Tauroggen und Tilsit, am 31. Dezember.) 
Der geistvolle Franzose Andre Tardieu darf 
in der „V ossischen Zt g." vom 13. Januar, 
die den Weltkrieg für einen Wahnsinn erklärt, 
seinen Unglauben an einen europäischen Krieg 
bekennen, und ein zweiter berühmter Franzose, 
Jean Richepin, erklärte am 5. Januar dem 
Vertreter des „Berl. Tagebl.", G. Hochstetter: 
„Keinen Krieg darf uns die Zukunft bescheren 
— die , Ve reinigung aller Staaten 
Europas' die muß sie uns bringen." Diese 
Hoffnung wird zum mindesten nicht enttäuscht 
durch die am 17. Januar erfolgte Wahl 
Poincares zum Präsidenten der französischen 
Republik. Das „W iener Fremdenb 1." hebt 
bei Besprechung der Wahl seine Verdienste als 
eifriger Förderer des Friedens hervor. 
Alle Bestrebungen, die darauf abzielten, die 
Solidarität der Mächte zu festigen und auch 
in Zeiten der Gefahr einen Weg zur Verständi- 
gung offen zu halten, hätten an ihm eine 
kräftige Stütze gefunden. — „Petit 
Parisien" sagt: „Die Bedeutung der Wahl 
läßt sich in den Worten ausdrücken: Demo- 
kratischer Fortschritt und vernünftige Ent- 
wicklung einer Politik der Ehre und des 
Friedens", und die „Frankf. Ztg." vom 
18. Januar erinnert an die freundlichen Worte, 
die Poincare am 16. Juni 1912 mit Bezug auf 
den Marokkovertrag gesprochen habe, der „uns 
gestatten wird, zwischen der großen benach- 
barten Nation und Frankreich in aufrichtig 
friedlichem Geiste Beziehungen der Höflichkeit 
und Freimütigkeit zu unterhalten, die durch 
die gegenseitige Beachtung ihrer Interessen 
und ihrer Würde beseelt sind". 
* 

Eine neue Heeresverstärkung steh t 
bevor ; der „Berl. Lokal-Anz." behauptete 



am 22. Januar in einem sensationellen Artikel 
„Die Forderungen der Armee", daß alle diplo 
matischen Künste den Ausbruch eines Welt- 
krieges aufhalten, aber niemals verhindern 
könnten" — ein Standpunkt, würdig der 
„Rhein.-Westfäl. Ztg." oder der „P o s t", die 
am 24. Januar jene Stellen angreift, „die von 
einem unglaublichen Frieden sw ahne 
befangen sind". Natürlich fehlt auch wiederum 
nicht der gute, alte Generalmajor a. D. Keim, 
der im „Tag" vom 8. Januar („Wehrfragen und 
Auswärtiges") für Deutschland „eine Art von 
Gewaltmenschen" reklamiert oder „wenigstens 
einen Mann, der auch vor Lösung gewaltiger 
Aufgaben nicht zurückschreckt ..." — Das 
Zentrum wird auch hierbei wieder im Reichs- 
tage den Ausschlag geben. Zwar findet die 
„Köln. Volks ztg." vom 24. Januar sehr 
kräftige Worte gegen den wankelmütigen Kriegs - 
minister, der seine eigenen Darlegungen von 
1912 ganz munter desavouiere, und stellt den 
Grundsatz auf: „Ohne Deckung keine neue 
Militärvorlage", aber sicher wird die katholische 
„Kölner Korresp." vom 28. Januar recht 
behalten, die die Taktik des Zentrums gleich- 
sam als Schwank in 4 Akten wie folgt schil- 
dert: I. Akt: Entrüstete Ablehnung der Vor- 
lage ; II. Akt : Einlenkung angesichts der 
kritischen Lage, aber : mangelnde Deckung ! 
III. Akt: Wir dürfen der Regierung die not- 
wendigen Mittel nicht vorenthalten. Aber: die 
oberen Hunderttausend, nicht die Volksmassen, 
sollen die neuen Lasten aufbringen; IV. Akt: 
Glatte Annahme des Gesetzes und Ver- 
teilung der Lasten auf Reich und Arm; ein 
paar kleine Abstriche als Blendwerk für die 
Wähler. — Echte Zentrumsdiplomatie ! 



„Giornale d'Italia" vom 7. Januar 
kommt auf des neuen Staatssekretärs Jagow 
Verhalten bei der Annexion von Tripolis zurück 
und erklärt es als Jagows Verdienst, wenn die 
Reichsregierung Marschall abberief, dem Frei- 
herrn v. d. Goltz „den Maulkorb anlegte" (!) 
und die italienfeindliche Presse zum Schweigen 
brachte (!!). Es geht doch nichts über eine 
schöne Unverfrorenheit! — Die alldeutsche 
„Tägl. Rundschau" zieht in einer Zu- 
schrift vom 8. Januar gegen die „nationale 
Knochenerweichung" zu Felde, die vom 
„Illustr. Briefmarken-Journal" dadurch erzielt 
werde, daß es von „unberechtigter Deutsch- 
tümelei" spricht, wenn man die Frage, ob 
„deutsche oder lateinische Buchstaben", zu 
einer Frage des Deutschtums machen 
wolle. Die Rundschau spricht u. a. von der 
„Dreistigkeit des internationalen Geschäftes" 
und bringt damit einen häßlichen Gassenton 
in die Debatte. — Im Pariser „Theater Rejane" 
wurde unlängst ein Stück „A Isace" auf- 
geführt, das, wie die ,,B. Z." vom 9. Januar 
aus Paris erfährt, eine zurechtgestutzte 
Deutschenhetze betreibt. — Einem anderen 
Hetzer, dem Reichstagsabg. Wetterle, wird 
von der „Nordd. Allg. Ztg." (18. Januar) 
bescheinigt, daß er „ein frevles Spiel mit dem 
Frieden zweier Nationen" treibe. — Ein Auf- 
satz im „Hamb. Fremdenbl." vom 
23. Januar, betitelt „Britischer Imperialismus", 
kommt zu dem Schlüsse, daß sich für Eng- 
land immer unabwendbarer die Notwendigkeit 
ergebe, „nicht nur einen Ausgleich der Inter- 



78 



<Ö= 



DIE FRIEDENS -WARTE 



essen zur Vermeidung kriegerischer Konflikte, 
sondern eine ehrliche Verständigung mit stamm- 
verwandten Völkern zu suchen". — Im „Tag" 
vom 23. Januar tritt Professor Dr. Wygod- 
z i n s k i - Bonn („Europäische Menschen- 
ökonomie") dafür ein, daß die verschiedenen 
europäischen Organisationen für Arbeits- 
nachweis sich zu einer gemeinsamen Be- 
kämpfung der überseeischen Auswanderung zu- 
sammenfinden, gemäß einem Vorschlag der 
„Deutschen Arbeiterzentrale". — Die „Leipz. 
N. N." vom 26. Januar haben einen „sozial- 
demokratisch organisierten (ungenannten) 
Arbeiter" entdeckt, der, indem er persönliche 
Erfahrungen verallgemeinert, den Parteiführern 
anrät, sie möchten aufhören, „mit fremden 
Völkerschaften zu liebäugeln". Dieser Muster- 
„ Sozialist" paßt vortrefflich in das Milieu der 
„Leipz. N. N." ! — Im „B e r 1. Lokal-An z." 
vom 23. Januar erörtert Dorothee 
Goebeler das Thema „Die Frauen und der 
Krieg" ; sie meint, Säbel und Gewehr gehörten 
in die Hände unserer Jungen — nicht als 
blutiges Werkzeug des Krieges, sondern „als 
die Waffe, die in des Mannes Händen einmal 
dem Schutz des Friedens dienen soll". 
Was für eine Art von „Frieden" hier gemeint 
ist, wird dem Kundigen sofort klar. Die beste 
indirekte Widerlegung findet die Autorin in 
„Kinderlan d", Monatsbeilage (Februar) zu 
,,Eth. Kultur", worin ein kleiner Artikel „Friede 
auf Erden" die Frage aufwirft: „Gibt es gar 
keine anderen Mittel, Kinder glücklich zu 
machen, als ihnen Vernichtungswerkzeuge zu 
schenken? . . . Ist das die sogenannte „auf- 
bauende Kultur" ? 

In der in München erscheinenden Zeit- 
schrift „Kain" (Herausgeber: Erich Müh- 
sam) finden wir einige Artikel, die sich mit 
dem Friedensproblem befassen. In Nr. 8 vom 
November 1912 „Für den Frieden" richtet der 
Herausgeber in bitterem Ernst scharfe Mahn- 
worte an die Gesellschaft zur Verhütung eines 
Weltkrieges. In Nr. 10 vom Januar 1913 „Das 
Weltparlament" entwickelt er ein dilettantisches 
Projekt zur Kriegsvermeidung, zeigt sich aber 
auch hier als ein folgerichtiger Kriegshasser. 
„Eine Diskussion über die Berechtigung des 
Krieges ist unmöglich. Wir Friedensfreunde 
wissen, daß der Krieg so entsetzlich ist, daß 
er nicht mehr sein darf." — In der „Christ- 
lichen Welt (Nr. 4) bespricht Friedrich 
C u r t i u s „Das Werk vom Haag" in äußerst 
sympathischer Weise. Er schließt seinen Auf- 
satz mit den Worten: „Der Fortschritt poli- 
tischer Kultur, den die Entwicklung des Völker- 
rechts vollziehen soll, an dem wir auch als 
Menschen und Christen interessiert sind, be- 
steht gerade darin, daß die Staaten dahin ge- 
führt werden, nicht einer höheren Gewalt, son- 
dern einer Idee zu huldigen." — In einem 
Artikel „Ueber den Einfluß des Balkankrieges 
auf die Frequenz der Volkshochschule" weist 
Dr. Oscar Stillich („D ie Volkshoch - 
schul e", Heft 1) die bemerkenswerte Tat- 
sache nach, daß der Besuch der Berliner Volks- 
hochschulen im letzten Quartal 1912 bedeutend 
zurückgegangen ist. Die Humboldt-Akademie 
allein hat in jenem Quartal 1200 Hörer weniger 
gehabt als im gleichen Abschnitt des Vor- 
jahres. Die Schuld wird der politischen Un- 
sicherheit zugeschrieben und dabei der Aus- 



spruch eines Kaufmanns zitiert, der sagte: „Ich 
werde doch jetzt nicht Vorlesungen hören, wo 
ich nicht weiß, ob morgen der Krieg auf uns 
übergreift." — In der Wiener „Wage", die 
von dem fortschrittlichen Reichsratsabgeord- 
neten E. V. Zenker redigiert wird, findet 
ein Artikel Platz, der „ein Arbeitsfeld für die 
Pazifisten" vorschlägt. Der Verfasser jenes 
Artikels rät uns, „aus dem Gespinst unserer 
Theorie, die ja doch nimmermehr Wirklichkeit 
werden kann", uns zu entwirren und — — na 
sagen wir, für die Herstellung der bereits im 
Jahre 1864 hergestellten Genfer Konvention 
einzutreten, von deren Errichtung ihm nichts 
bekannt zu sein scheint, ebensowenig wie von 
der erwiesenen Unmöglichkeit, den Krieg zu 
humanisieren. — Die sonderbaren Ausführungen 
Dr. Maurenbrechers über „Die Demo- 
kratie und der Krieg", die im ersten Januarheft 
des „F reien Worte s" erschienen, sucht 
der Herausgeber der „Friedens-Warte'' im ersten 
Februarheft jener Zeitschrift zu widerlegen. 



Artikel. :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: 

(Bibliographie.) I. Friedens- 
bewegung im allgemeinen: Carl 
H ü 1 1 e r , Weltbürgertum und Vaterlandsliebe. 
„Die Leuchte." (Lennep.) Nr. 2. * Ein Brief 
von Andrew Carnegie. „Münch. Neueste Nach- 
richten." 22. I., „Neue Badische Landeszeitung." 
23. I., „Metzer Ztg." 23. L, „Braunschweig. 
Landesztg." 23. I. * Dr. Hans Wehberg, Die 
Friedensbewegung im Jahre 1912. „Eth. Kultur" 
IL * Nationale, berufliche und gemeinnützige 
Bestrebungen und ihre Förderung durch die 
deutschen Hochschulen, durch Studierende und 
Studierte. „Hochschul-Nachrichten." (München.) 
Nr. 2. * Alfred H. Fried, Die Demokratie 
und der Krieg. „Das Freie Wort." Nr. 21. * 
Prof. Martin Spahn, Der Friedens- 
gedanke in der Entwickhing des deutschen 
Volkes. „Deutsche Revue." II. * D. J. von 
F e r e n c z y , Krieg dem Kriege. „Nord und 
Süd." IL * Dr. C. J a e c k h , Weitere Zeug- 
nisse für die Balkangreuel. „Frankfurter Ztg." 
23. I. * Friedrich v. Vincenz, Was ein 
Schlachtfeld erzählt. „Frankfurter Ztg." 1. IL 

* (Jordan), Der Friedensgedanke. „Deutsch- 
Oesterreichische Lehrerzeitung." 15. I. * Karl 
Leuthner, Der Krieg als eine moralische 
Anstalt betrachtet. „Soc. Monatshefte." 16. I. 

* Leop. Katscher, Eine tatkräftige Frie- 
densfreundin (Anna B. Eckstein). „Berliner 
Tageblatt." 10. I. * (Prof. L. Quidde), Ein 
Vorschlag zum Frieden. „Frankfurter Ztg." 
28. I. * Georg K o s s a k , Aus dem Arsenal 
der Friedensbewegung. „Kgsbg. Hartungsche 
Zeitung." 26. I. * Die Katholiken und der 
internationale Friedensgedanke. „Badischer Be- 
obachter." 12. 1. * „Hart am Weltkrieg." „Mün- 
chener Neueste Nachrichten." 23. I. * Doro- 
thee Goebeler, Die Frauen und der Krieg. 
„Berliner Lokal- Anzeiger." 23. I. * Friedrich 
Braumann,- Der Antimilitarismus. ,,Der 
Tag." 22. I. * Emil Tanderveide, Wieso 
ist die internationale Arbeiterpartei die einzige 
unbeugsame Friedenspartei? „Dokumente des 
Fortschritts." I. * (0. Umfrid), Hyper- 
nationalismus oder Chauvinismus in akademi- 
schen Kreisen. „Der Beobachter-." 28. I. * 
Pfarrer Wagner (Neuhengstett), Kirche und 
Friedensbewegung. „Der Beobachter." 27., 28. 



79 






DIE FßlEDENS-^VAßTE 



3 



u. 31. XII., 2., 3., 4. u. 7. I. * : Edwin I>. 
M ead, Peace Prizes. „Boston Dailv Advertiser." 
19. XII. 

II. Die internationale Politik: 
Lord Cour tone y of Penwith, Nationen 
und Nachbarn. „Nord und Süd." II. * G. H. 
Perris, Mehr Licht über die Agadirkri'sis. 
„Nord und Süd." IL *' Prof. Dr. Ernst S i e p e r. 
Die deutsch-englische Verständigungskonferenz, 
II. u. III. „Nord und Süd." IL * Ders., Die 
deutsch-englische Verständigungskonferenz. „Der 
Vortrupp." Nr. 2 u. 3. * H. lemau, Zur 
Geschichte der Demokratie in Frankreich. „Das 
monistische Jahrhundert." Nr. 20 u. 21. * 
Ders., Diplomatie und Wirklichkeit. „Janus." 
(München.) Heft 8. * Ernst Bassermann, 
Der deutsche diplomatische Dienst und seine 
Reform. „Königsberger Allgemeine Ztg." 17. L, 
„Dortmunder Zeitung." 17. I. * Neue Doku- 
mente zur politischen Geschichte. „Berliner 
Tageblatt," 2. IL * A 1 f r e d H. F r i e d , Sturm- 
zentrum, Oesterreich. „Dokumente des Fort- 
schritts." I. * A. Thardieu, Ist ein europä- 
ischer Krieg zu befürchten? „März." 11. I. 

III. Volk e rrec h t : D r. KarlStrupp, 
Der Friede zu Lausanne. „Allgemeine Zeitung." 
25. I. * W. K 1 o h s, Die Ratifikation des Haager 
Abkommens vom 18. X. „Weser-Zeitung." 22. L, 
„General-Anzeiger." (Mannheim.) 21. I. 

V. Wirtschaftliches: Dr. Franz 
Lederlmann, Der Krieg als Kultur- und 
Wirtschaftsereignis. „Nord und Süd." IL * 
Vom Krieg und Kapitalismus, L „Dresdener 
Volkszeitung." 7. I. * A r k a d i A w e r - 
tschenko, Rüstungs Wahnsinn. „Der Frei- 
denker." (München.) 15. I. * Heinrich 
Dove, Die weltwirtschaftlichen Beziehungen 
als Element der Kriegs- und Friedenspolitik. 
„Neue badische Landes-Zeitung." 17. L, „Neue 
Straßburger Zeitung." 21. L, „Berliner Börsen- 
Courier." 17. I. 



SMITTEILV/NGEN DEBS 
FRIEDENSGESELLSCHÄFTEN 

(Verantwortlich für den Inhalt dieser Rubrik ist nicht die 
Sohriftleitung, sondern die betreffende Friedensgesellschaft.) 



Oesterreichische Friedensgesellschaft. 

Bureau: Wien I, Spiegelgasse 4. 

Vortrag Baronin Suttner. Zu- 
gunsten unserer Gesellschaft hielt Baronin 
von Suttner am 27. v. M. im Beethovensaale 
einen Vortrag über „Erlebnisse und Eindrücke 
aus Amerika". Dem Vortrag, der über zwei 
Stunden währte, lauschte ein überaus zahl- 
reiches Publikum, welches der Baronin zum 
Schlüsse stürmisch zujubelte. 

Einer Einladung des Prager Journalisten- 
vereins „Concordia" folgend, sprach Baronin 
Suttner am 6. d. M. in Prag, femer am 10. 
in Dresden, schließlich am 17. und 19. in der 
..Urania" in Berlin. 



In der am 14. v. M. abgehaltenen Vor- 
standssitzung wurde folgende Resolution be- 
schlossen : 



„Die vom ehemaligen rumänischen Minister- 
präsidenten Karp an die „Neue Freie Presse" 
gerichtete, im Morgenblatt des 14. v. M. ver- 
öffentlichte Depesche, des Inhaltes, „daß die 
rumänisch-bulgarische Streitfrage nicht anders 
als durch das Schwert gelöst werden könne, 
daß jede andere Methode mehr Zeit, mehr Geld 
und mehr Menschen kosten würde und daß, 
wenn man Rumänien helfen will, dies nicht 
auf friedlichem Wege geschehen könne", ver- 
anlaßt die österreichische Friedensgesellschaft 
zu nachstehender Erklärung: 

Die Behauptung, daß es Konflikte gibt, die 
nur durch Anwendung von Gewalt zu schlichten 
seien, und daß diese schon aus Sparsamkeits- 
und Hunianitätsrücksichten jeder friedlichen 
Methode vorzuziehen sind, kann in einem Zeit- 
alter nicht mehr als Dogma hingestellt werden, in 
dem die Tendenz (die ja das Kriterium der 
fortschreitenden Kultur ist), das Recht an Stelle 
der Gewalt zu setzen, in offiziellen Einrich- 
tungen, Haager Tribunal, Schiedsverträge, Inter- 
parlamentarische Union, Vermittlung usw., 
schon begonnen hat, feste Formen anzunehmen. 
In der 1899 im Haag von 26 Staaten unter- 
zeichneten Konvention heißt es in Titel I, daß 
„die S i g n a t a r mächte sich ver- 
pflichten, alle ihre Bemühungen 
anzuwenden, um die Schlichtung- 
internationaler Streitigkeiten 
durch friedliche Mittel herbei- 
zuführe n." Siehe ferner Titel III : Ueber 
internationale Unter such ungskom- 
missio n e n. 

Eine Ignorierung dieser Errungenschaften, 
denen wir tatsächlich schon die Verhütung von 
Kriegen zu danken haben, ist nicht mehr am 
Platze, besonders nicht, wenn die Gefahr vor- 
liegt, wegen territorialer Ansprüche einzelner 
Länder den ganzen Erdteil in Brand zu setzen. 
Es soll hier nicht versucht werden, die 
Berechtigung der schon im Gang befindlichen 
Bewegung zur rechtlichen Organisation der 
täglich durch weitverzweigte Interessengemein- 
schaft solidarischer werdenden AVeit durch 
Argumente zu stützen. Schon zeigt sich in 
Umrissen ein einig wollendes und handelndes 
Europa. Auch soll nicht versucht werden, die 
offenbar noch sehr stark vertretene kriegerische 
Weltanschauung kritisch zu widerlegen ; die 
gegenwärtige Erklärung bedeutet nur die Er- 
füllung der jedem für allgemeine hohe Zwecke 
kämpfenden Vereine zufallenden Pflicht, jeder- 
zeit und namentlich in schicksalsschweren 
Stunden, den eigenen Standpunkt zu vertreten, 
und die schon erreichten . und noch zu er- 
reichenden Ziele der Mitwelt ins Gedächtnis 
zu rufen." 

Diese Resolution wurde an die Tagespresse 
in Oesterreich, sowie auch ins Ausland ge- 
sendet und wurde von vielen Journalen ver- 
öffentlicht. Auf Veranlassung der „Mirova 
Jednota" in Brunn wurde die Resolution auch 
in mehreren tschechischen Zeitungen zum Ab- 
drucke gebracht. 

M 

Vortragszyklus. Wie alljährlich wird 
auch heuer ein acht Abende umfassender Vor- 
tragszyklus in der Wiener Universität ab- 
gehalten werden. Das Programm hiefür werden 
wir in der nächsten Nummer veröffentlichen. 



Verntwortlicher Redakteur: Carl A ppold, Berlin W. 50. — Im Selbstverlag des Herausgebers Alfred H. Fried, Wien IX/2. 
Druck: Pass& Garleb G.m.b.H., Berlin W 57. — Verantwortl. Rnriaktaur ffir Oasterrßicb Unsrarn • Vi nzenn Jerahnk inWiw. 



80 




März 1913. 



lieber uns die Sintflut. 



Fast hat es den Anschein, als ob es nun 
bald z.u Ende gehen müsse mit dem Irrtum des 
Ueberrüstens. Die neue Rüstungswelle, die 
über Europa eben hereinbricht, läßt näm- 
lich keine andere auf Vernunft begründete 
Annahme zu. Mit Ausnahme von Deutsch- 
land und England scheinen alle anderen 
Staaten an der Grenze ihrer Leistungsfähig- 
keit angelangt zu sein. Deutschland hat mit 
der bloßen Ankündigung der geplanten 
Heer es Vermehrung den Ton angegeben, 
Frankreich, Rußland, Oesterreich-Ungarn 
haben sofort Maßnahmen ergriffen, um dem 
Beispiel zu folgen. Italien wird nicht lange 
auf sich warten lassen, und wer weiß, ob 
diese neueste Phase des Rüstungswahnsinns 
nicht auch den Anhängern einer allgemeinen 
Wehrpflicht in England zum Erfolg ver- 
helfen wird. Vorläufig zeigt sich dort das 
Rüstungsfieber in Form eines Luftflotten- 
paroxysmus. Aber nicht nur die Großmächte 
wurden von der Rüstungspanik erfaßt; die 
Kleinstaaten können sich ihrer auch nicht 
mehr erwehren, wie das Beispiel Belgiens 
zeigt, das bereits eine neue Heeresverstär- 
kung angekündigt hat. Die Balkanstaaten 
werden nach erfolgtem Friedensschluß nicht 
umhin können, ebenfalls ihren Rüstungs- 
panzer zu verstärken, und so sehen wir denn 
das ganze alte Europa von einem ungeheuren 
Verfolgungswahn getrieben, die schiefe 
Ebene in einem immer beschleunigteren Lauf 
hinunterrasen. 

[Was ist die Ursache dieser erneuten 
Flut, die alles übertrifft, was die jetzige 
Generation nach dieser Richtung schon er- 
lebt hat. Deutschland, das mit der Ankün- 
digung der Erhöhung seiner Heeresmacht 
zuerst hervorgetreten ist, wird deshalb als 
der Urheber der neuen Rüstungen angesehen. 
t Was meinem Ermessen nach nicht richtig 
ist. Erstens bedingt die ."Widersinnigkeit 
des modernen Rüstungswesens, daß es keinen 
einzelnen Urheber dafür gibt, sondern die 



Gesamtheit der im .Wettbewerb befindlichen 
Staaten sich gegenseitig schiebt. .Wenn 
Deutschland in diesem Augenblick der sicht- 
bar schiebende Staat ist, so unterliegt es 
keinem Zweifel, daß auch auf das Reich 
Kräfte eingewirkt haben, die es in seinen 
Handlungen bestimmten, die nur nicht so 
offen erkennbar sind. Die „Norddeutsche 
Allgemeine Zeitung", die in ihrer Nummer 
vom 1. März e^nen offiziösen Kommentar zu 
der noch ausstehenden Heeresvorlage gibt, 
führt den „Umschwung der Verhältnisse im 
Südosten Europas" als Grund an. Das dürfte 
auch sicherlich der zunächstliegende Beweg- 
grund sein, aber beileibe nicht der letzte 
Grund dieser europäischen Krankheit. Ohne 
bis auf diesen selbst zurückzugehen — es 
würde uns dies hier zu weit führen, den un- 
geheuren Komplex der europäischen Sünden 
klarzulegen — , können wir doch die Ursache 
über jenen „Umschwung der Verhältnisse im 
Südosten Europas" hinaus verfolgen. Und da 
führt uns der gerade Weg zu jenem verhäng- 
nisvollen Schritt des Grafen Aehrenthal, der 
durch die Umtaufe des Besitzes Oesterreich- 
Ungarns an Bosnien und der Herzegowina 
ein Steinchen aus dem Berliner Vertrag löste, 
der 30 Jahre lang die Ordnung auf dem Bal- 
kan — wenn auch mehr schlecht als recht — 
aufrecht erhielt, wodurch das ganze darauf 
errichtete Gebäude ins Wanken geriet. Diese 
Titeländerung führte zur Selbständig- 
machung Bulgariens, zu demRaub von Tripolis 
und zuletzt zu jener Auflehnung der Balkan- 
staaten, die noch nicht abgeschlossen ist. 
Diese Veränderung des bisherigen Zustandes 
am Balkan hat die latenten Gegensätze 
zwischen den europäischen Staaten akut zu- 
gespitzt und der Niederschlag der Erregun- 
gen und Aengste zeigt sich — nicht erst 
jetzt, sondern schon seit 1908 — in einer er- 
neuten krampfhaften Anspannung der 
Rüstungen. 

Wir Pazifisten sollten nicht unter- 



81 



DIE FRIEDENS -WARTE 



=9 



lassen, auf den Ausgangspunkt der neuen 
Milliardenopfer, die Europa jetzt bringen 
muß, immer wieder hinzuweisen, um der 
Oeffentlichkeit den hohen materiellen Wert 
der internationalen Verträge deutlich vor 
Augen zu führen. JVir sollten es nicht unter- 
lassen, allen, die an der neuen Bürde schwer 
zu tragen haben werden, in Mark und Pfenni- 
gen vorzurechnen, wie wertvoll der 
Berliner Vertrag gewesen ist, und 
wie sehr es im Interesse der ganzen europäi- 
schen Menschheit gelegen hätte, ihn nicht 
nur zu erhalten, sondern ihn auch ehrlich 
durchzuführen (was bekanntlich durch eine 
kurzsichtige Politik der europäischen Mächte 
verhindert wurde) und welch große materielle 
Bedeutung daher eine Politik der Verständi- 
gung und der festbegründeten Verträge be- 
sitzt. Vielleicht wird sich dann doch in 
weiteren Kreisen die Erkenntnis durch- 
ringen, daß es nicht heißen darf ,,si vis 
pacem para bellum", sondern vielmehr ,,si 
vis pacem para pactum". 

Selbstverständlich ist — wie bereits er- 
wähnt — die Verletzung des Berliner Ver- 
trages nur die unmittelbare, nicht die mittel- 
bare Ursache des krankhaften Rüstungs- 
wettstreites, dem vielleicht noch weiter 
zurückliegende Ursachen und weitere Trieb- 
kräfte der Gegenwart und Vergangenheit zu- 
grunde liegen. Aber immerhin ist es wichtig, 
darauf hinzuweisen, daß nicht einzelne 
Staaten die Alleinschuldigen sind, sondern 
die Gesamtheit der führenden Mächte und 
ihr gesellschaftswidriges Verhalten. Jeder 
Staat ist Bedroher und Bedrohter der an- 
deren und wird in seinen Handlungen von 
diesen ebenso beeinflußt, wie er die anderen 
beeinflußt, 4 Wird man sich dessen klar, so 
reinigt man nicht nur die politische Atmo- 
sphäre von Gegensätzlichkeiten und Haß- 
empfindungen, die das Uebel, das man be- 
kämpfen will, nur noch mejhr verschärfen, 
man lenkt auch die öffentliche Aufmerksam- 
keit gerade auf jenen wichtigen Punkt hin, 
bei dem eingesetzt werden muß, wenn man 
zu einer Erlösung von jenem unerträglichen 
Uebel kommen will. Indem man den Dolus 
der Gesamtheit nachweist, zeigt man, daß 
nur eine Aktion der Gesamtheit die ersehnte 
Aenderung des Zustandes herbeiführen kann. 
Indem man zeigt, wie die Staaten bei ihren 
Rüstungen voneinander abhängig sind, 
nimmt man dem einzigen Mittel, das eine 
Aenderung herbeiführen kann, nämlich dem 
Mittel des zwischenstaatlichen Vertrages, 
den herbsten Stachel ; weil der Vorwurf, daß 
jeder. Staat seine Rüstungen unabhängig 



von den anderen nach seinen eigenen Bedürf- 
nissen bestimmt, und es deshalb mit seinem 
Souveränitätsbegriff • nicht vereinbaren 
könne, sich durch einen Vertrag darüber in 
eine Abhängigkeit gegenüber den anderen 
zu begeben, damit in sich selbst zusammen- 
fällt. Der schrankenlose Rüstungswetthe- 
werb beruht auf der gegenseitigen Abhängig- 
keit der Staaten voneinander; es ist die ver- 
tragslose Abhängigkeit. Die Befreiung von 
diesem Zustande wird nur erreicht werden 
durch die vertragsgemäße Abhängigkeit. 

Die Möglichkeiten eines Rüstungsab- 
kommens können ja heute nicht mehr so 
leicht von der Hand gewiesen werden, wie 
es noch vor einiger Zeit geschah. Seitdem 
die englische und deutsche Regierung an 
die Erörterung eines gegenseitigen Rüstungs- 
verhältnisses geschritten sind, fängt der 
Gedanke an, auch jenen Kreisen diskutier- 
bar zu erscheinen, die ihn bisher ablehnten. 
Und neuerdings dürfte die Verabredung 
Oesterreich-Ungarns und Rußlands bezüg- 
lich der Demobilisierung der galizischen 
Grenze, wobei genau das Verhältnis der Kom- 
pagniestärke bestimmt und auch sonstige 
Einzelheiten verabredet werden sollen, als 
ein Fortschritt der Idee einer vertragsmäßi- 
gen Rüstungsentlastung gelten. 

,^Wie die Dinge heute liegen, hat es sogar 
den Anschein, daß das Problem der vertrags- 
mäßigen Rüstungsbeschränkung auf der 
nächsten Haager Konferenz diskutabel er- 
scheinen wird. Nicht daß wir uns der Hoff- 
nung hingeben, es könnte dort schon zu einer 
Lösung kommen ; doch weisen die gegen 1907 
veränderten Verhältnisse darauf hin, daß 
man eine Erörterung nicht mehr fürchten 
wird, und mit dieser wenigstens zu dem An- 
fang einer Lösung kommen könnte. Es ist 
anzunehmen, daß sich diesmal die Reichs- 
regierung einer solchen Erörterung nicht 
widersetzen wird. 

Denn es unterliegt ja keinem Zweifel, 
daß das Problem in den letzten Jahren — 
sagen wir: „exklusiver" geworden ist 
(populär war es ja schon lange). Es sind 
heute nicht nur die breiten Volksklassen, 
die dafür eintreten, sondern auch die höheren 
der Regierung nahestehenden Gesellschafts- 
schichten haben dafür Verständnis bekom- 
men, und werden immer mehr darauf hin- 
gewiesen werden, sich mit dem Problem zu 
befassen. Namentlich in Deutschland und 
Frankreich, wo jetzt auch die besitzenden 
Klassen in fühlbare Mitleidenschaft gezogen 
werden. In Deutschland durch den freudigst 
zu begrüßenden Gedanken einer Vermögens- 



82 



<§= 



3 DIE FRIEDENS WABTE 



abgäbe, in Frankreich durch die ausnahms- 
los allen Bevölkerungsklassen auferlegte 
Last der dreijährigen Dienstzeit. Das sind 
Tatsachen, die eine allmähliche Umkehr als 
wahrscheinlich erscheinen lassen. 

Freilich; eine gründliche Wandlung 
steht noch weit im Felde, was uns nicht hin- 
dern soll, auch den guten Willen, die sicht- 
bar wahrzunehmenden Anfänge einer Aende- 
rung als Fortschritt freudigst zu begrüßen. 
Wir Pazifisten haben uns über die 'Schwierig- 
keiten des Problems niemals einer Täuschung 
hingegeben, und haben stets die Lehre ver- 
kündet, daß die Rüstungen die Symptome 
der internationalen Anarchie sind, die mit 
der allmählichen Beseitigung ihrer Ursachen 
allmählich zurückgehen werden. Aber wir 
täuschen uns auch darüber nicht, daß der 
heutige Stand des Büstungsunwesens in den 
Verhältnissen nicht mehr völlig begründet 
erscheint, daß die Ursachen für jenen Grad 
der Kräfteanspannung, den wir beklagen, 
in dem Maße gar nicht mehr gegeben sind, 
und hier nur das Gesetz der geistigen Träg- 
heit noch nachwirkt. Es bedarf einer Auf- 
rüttelung der Geister, um die Erkenntnis 
herbeizuführen, daß wir — obwohl wir die 
volle zwischenstaatliche Organisation noch 
nicht erreicht haben — die völlige Anarchie 
doch auch schon überwunden haben, und aus 
den entwickelteren internationalen Verhält- 
nissen auch bereits Vorteile ziehen könnten. 
Diese Aufrüttelung der Geister wird sich 
um so eher vollziehen, als es gelingt, die 
hohen Vorteile klarzumachen, die in einer 
Entlastung der .Wirtschaft durch Ermäßi- 
gung des Rüstungswettbewerbs liegt, ohne 
daß die einzelnen Staaten dabei Gefahr 
laufen, ihre Sicherheit nur um einen Grad 
zu vermindern. 

Um nun zu den ersten Etappen einer 
Verminderung des Uebels zu gelangen, wird 
vor allen Dingen eine psychische Umwand- 
lung der heute in der hohen Politik markt- 
gängigen Grundsätze vonnöten sein. Wie 
die Gesellschaft im Innern des Staates heute 
ohne soziales Empfinden ihrer Aufgabe nicht 
mehr gerecht werden kann, so kann auch 
die Staatengesellschaft ohne dieses soziale 
Empfinden nicht auskommen. Deutschland, 
und im beschränkten Sinne auch England, 
haben hier ein nobile officium zu erfüllen. 
Diese an Menschen und Gütern reichsten 
Staaten werden, wenn es zu einem europäi- 
schen Vertrags Verhältnis kommen soll, ihren 
unbegrenzten Egoismus in eine wohlverstan- 
dene Rücksichtnahme auf das ärmere Europa 
ummodeln müssen. Ich meine damit nicht, 



daß Deutschland etwa aus Liebenswürdig- 
keit anderen Staaten einen Vorsprung ge- 
währen soll, sondern nur, daß es sich bereit 
zu erklären hätte, nicht seine ganze Macht 
als Triebkraft des Wettbewerbes in die Wag- 
schale zu werfen, unter der Voraussetzung, 
daß die anderen Staaten sich zu Aequiva* 
lenten verpflichten. Ich nannte dies an 
anderer Stelle „Umtausch eigener Macht in 
fremde Pflichten". Wenn Deutschland, in- 
folge seines Menschenreichtums und seiner 
hohen wirtschaftlichen Entwicklung den 
heutigen Rüstungswettbewerb auch leichter 
ertragen kann als Frankreich, Oesterreich- 
Ungarn, Russland, so kann es, ohne seine 
Sicherheit nur im geringsten zu gefährden, 
durch eine weise Selbsteinschränkung doch 
nur Vorteile einheimsen. Es kann nur ge- 
winnen, wenn es seine Nachbarn nicht zum 
Weißbluten bringt. Es kann nur gestärkt 
werden, wenn sein Bundesgenosse Oester- 
reich-Ungarn nicht zu Rüstungen gezwungen 
[wird, die das wenig begüterte Land so 
schwächen, daß seine Bündniskraft trotz er- 
höhter Rüstung leiden muß; es kann nur 
gestärkt werden, wenn Frankreich durch die 
Aufbietung des letzten Mannes nicht in einen 
gefährlichen Chauvinismus hineingetrieben 
wird. 

Deutschland ist nicht der Urheber des 
Wettrüstens, es ist aber, dank seiner wirt- 
schaftlichen und numerischen Ueberlegenbeit 
seiner Bevölkerung, in der Lage, eine ver- 
tragsmäßige Verminderung des verderb- 
lichen Wettlaufes zu inaugurieren. Damit 
obliegt ihm eine hohe Pflicht und eine 
schwere Verantwortung vor der Geschichte. 
Denn so viel steht fest: es kann nicht mehr 
so weiter gehen. Und wenn nicht bald dem 
verderblichen Spiel blinder Gewalten durch 
Verstandeseingriffe Einhalt getan wird, 
dann können wir uns nicht einmal mehr 
den frivolen Trost eines „Nach uns die Sint- 
flut" leisten, sondern müssen sehenden Auges 
die Sintflut über uns hereinbrechen lassen. 
A. H. F. 

Die Politik Deutschlands 
während des Balkankrieges. 

Von Richard Gädke, 

früher Oberst und Regimentskommandeur. 

Unleugbar war die politische Lage zu 
Beginn des Balkankrieges für Deutschland 
eine sehr schwierige. Wenn dem Scharfblick 
der Diplomatie das Bündnis der Balkanstaaten 
und ihre Kriegsrüstungen vielleicht nicht 
entgangen waren, so . war man doch 
jedenfalls durch den raschen Ausbruch 



83 



DIE FßlEDEN5-^&BTE 



m 



des Gewitters; erheblich überrumpelt 
worden und hatte die türkischen Staats- 
männer in den eigenen Irrtum mit hineinge- 
zogen. Die Drohung der Großmächte, daß 
sie eine Veränderung des Status quo nicht zu- 
geben würden, verfiel alsbald dem Fluche der 
Lächerlichkeit. Die Kleinstaaten wußten ganz 
genau, daß die scheinbare Einigkeit Europas 
in die Brüche gehen würde, sobald man 
nach ihren gewaltigen und ungeahnten An- 
fangserfolgen von irgendeiner Seite den Ver- 
such machen würde, ihnen die Früchte ihres 
Sieges zu rauben. Sie hatten jedenfalls vor- 
her von der russischen Staatsleitung ent- 
sprechende Versicherungen erhalten. 

Niemals seit dem Ende des Deutsch-Fran- 
zösischen Krieges, selbst nicht zur Zeit der 
Marokkbwirren, ist die Gefahr eines allge- 
meinen Brandes so nahe gewesen wie im ver- 
gangenen Winter. Wenn sie augenblicklich 
zwar noch nicht ganz geschwunden aber doch 
ganz erheblich gemildert ist, so wird kein Ein- 
sichtiger sich der Erkenntnis verschließen 
dürfen, daß die friedliebende, zurückhaltende 
und doch feste und kräftige Politik Deutsch- 
lands einen großen und dankenswerten An- 
teil an diesem Erfolge zu beanspruchen hat. 

Wir dürfen daraus das tröstliche Be- 
wußtsein schöpfen, daß selbst unter den 
heutigen zwischenstaatlichen Verhältnissen eine 
entschlossene Friedenspolitik durch eine ge- 
schickte und vor allen Dingen gewissenhafte 
Diplomatie zu entscheidenden Erfolgen ge- 
führt werden kann. 

Die deutsche Staatskunst, die diesmal den 
Charakter angenehm verleugnete, den sie 
zwanzig Jahre hindurch nicht immer zur Meh- 
rung ihres Ansehens zur Schau getragen hatte, 
mußte nicht nur mit dem Gegensatze des 
Dreiverbandes zum Dreibunde rechnen und 
ganz besonders die hart und feindlich gegen- 
überstehenden Tendenzen Oesterreichs und 
Rußlands! berücksichtigen, sondern ihre Sorge 
gleichzeitig auf das Verhältnis Italiens zur 
Donaumonarchie richten. 

Daß es sowohl in Oesterreich wie in 
Rußland eme sehr starke Kriegspartei gab 
und wohl noch gibt, die den Augenblick zur 
großen Abrechnung gekommen glaubte, liegt 
für jeden aufmerksamen Beobachter klar zu- 
tage. Ebenso auch, daß die Durchführunjg 
der österreichischen Ansprüche Serbien ge- 
genüber, wenn sie in vollem Maße versucht 
werden sollte, unbedingt zum Kriege mit Ruß- 
land führen mußte. Daß Oesterreich hier- 
bei mit Sicherheit auf den Beistand Deutsch- 
lands rechnen konnte, ist nicht minder klar, 
und wird bis weit in die Reihen unserer so- 
zialdemokratischen Partei hinein vollkommen 
begriffen und gewürdigt. Man darf sogar 
sagen, daß bei ihr sonst kein Krieg populär 
wäre, wohl aber ein solcher gegen die Despotie 
des Zarenreiches. 

Die Unterredungen in Baltischport 
zwischen dem deutschen und dem russischen 



Kaiser hatten zwar zu einem durchschlagenden 
diplomatischen Erfolge nicht geführt, aber sie 
hatten doch das Verhältnis zwischen beiden 
Reichen derart gebessert, daß Deutschland 
gegenwärtig die Rolle eines wirksamen Ver- 
mittlers zwischen Oesterreich und Rußland 
übernehmen konnte. Wenn es keinen Zweifel 
daran gelassen hat, daß man es im Notfälle 
unbedingt an Oesterreichs Seite sehen würde, 
so ist es doch zu gleicher Zeit bemüht ge- 
wesen, einen billigen Ausgleich zwischen den 
Standpunkten der beiden auf dem 1 Balkan in 
erster Linie interessierten Großmächte zu 
finden. Dadurch gelang es, die weit über ein 
erträgliches Maß gesteckten Ziele Serbiens, 
die ganz offenbar mit einem österreichisch- 
russischen Kriege rechneten, so weit zurückzu- 
schrauben, als sich mit dem Interesse seines 
mächtigen Nachbars noch gerade vertrug, und 
die politische Unabhängigkeit Albaniens, 
grundsätzlich wenigstens, zu retten. Für den- 
jenigen, der an dem Sejbstbestimmungsrecht 
der Völker und an der Einschränkung des 
rohen Eroberrechtes als an einer Grundforde- 
rung der Kultur festhält, ein hoch erfreuli- 
ches Ergebnis I 

Man wird es auch als ein Verdienst 
Deutschlands in Anspruch nehmen dürfen, 
wenn selbst das heikle Verlangen Bulgariens 
in den Besitz Adrianopels zu gelangen, die 
Einigkeit Europas nicht störte. Daß der ge- 
meinsame Rat aller Großmächte in Konstan- 
tinopel, in die Abtretung der Festung zu wil- 
ligen, dem tatsächlichen Kräfteverhältnis und 
dem Besten der Türkei entsprochen hat, 
scheint der weitere Verlauf des Krieges zu 
beweisen. Dieser Einigkeit und dem ver- 
ständigen Eingreifen in den rumänisch-bul- 
garischen Gegensatz ist es auch zu danken, 
daß der Wiederausbruch der Feindseligkeiten 
auf dem Balkan bisher keine bedenklichen 
Folgen für den allgemeinen Frieden gehabt hat 
und aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr 
haben wird. 

Indessen ist die allgemeine Entspannung 
der Lage nicht nur dem günstigen Einflüsse 
der deutschen — stillen und unauffälligen, aber 
um so sympathischeren — Vermittlung zwischen 
Oesterreich-Ungarn und Rußland zuzu- 
schreiben, sondern in vielleicht noch höherem 
Maße der heilsamen Revidierung seines eige- 
nen Verhältnisses zu England. Glücklicher- 
weise ging dieses nicht in jeder Be- 
ziehung konform mit den Wünschen seines 
Dreiverbands-Genossen Rußland. An der Er- 
haltung der asiatischen Türkei hatte es un- 
bedingt ein Interesse und mußte schon mit 
Rücksicht auf die Stimmung der moslemischen 
Welt einen großen Krieg zu vermeiden wün- 
schen. Hat es doch wesentlich nur die Furcht 
vor dem raschen Wachstum der deutschen 
Flottenmacht und dem militärischen Ueber- 
gewicht Deutschlands an die Seite Rußlands 
und Frankreichs geführt. Ein höchst erfreu- 
liches Ereignis ist es, daß Deutschland sich 



@= 



S DIE FRIEDENS -WARTE 



mit dem augenblicklichen Verhältnis zwischen 
der englischen und deutschen Flotte einver- 
standen erklärte und damit wenigstens für 
die nächste Zeit dem weiteren Anwachsen der 
Seerüstungen einen Riegel vorschob. Ein 
Beweis, daß man zu Rüstungsbeschränkungen, 
sei es durch ausdrückliche oder stillschwei- 
gende Abmachungen bei beiderseitigem, gutem 
Willen sehr wohl gelangen kann. Gewiß 
wurden diese gegenseitigen Erklärungen der 
Marineminister nur darurch möglich, daß sich 
in den letzten Monaten des Mißtrauen Eng- 
lands in die Absichten Deutschlands wesent- 
lich abgeschwächt hat. 

Die Aufgabe unserer Staatsmänner war es 
nicht nur, in den Gegensatz zwischen Drei- 
bund und „entente" vermittelnd einzugreifen, 
sondern gleichzeitig auch innerhalb des Drei- 
bundes die nicht unbeträchtlichen Gegensätze 
zwischen Oesterreich und Italien in der Adria 
und in Albanien auszugleichen. Daß ihm dies 
gelungen ist, und daß der Dreibund heute 
innerlich fester denn je dasteht, ist auch vom 
pazifistischen Standpunkte aus ein Verdienst, 
das man der deutschen Staatskunst nicht 
schmälern soll. Der Dreibund kann seinem 
Wesen nach niemals eine Angriffswaffe wer- 
den; je größer das gegenseitige Verständnis 
seiner Mitglieder, um so größer die Gewähr 
für den Frieden. 

Wenn man bis hierher die deutsche Po- 
litik des letzten Winters uneingeschränkt loben 
konnte, so scheint es leider, als ob ein Teil 
der Früchte dieses Verhaltens durch die neue 
Heeresvorlage wieder verloren gehen sollte. 
Wenn man die Aeußerungen der deutschen 
wie der französischen Presse aufmerksam ver- 
folgt, wird man sich nur schwer eines un- 
behaglichen Gefühls und der Furcht erwehren 
können, daß diese unerwartete und gewaltige 
Anspannung der militärischen Kräfte des Kai- 
serreiches einen Sturm von Chauvinismus und 
wachsender Feindseligkeit zwischen beiden Völ- 
kern zu entfesseln droht. 

Die Gründe, die die deutsche Regierung 
gerade in diesem verhängnisvollen Augenblick 
zur Ankündigung einer großen Heeresverstär- 
kung bewogen haben, sind bisher nicht völlig 
durchsichtig. Man sagt, es sei die Verschie- 
bung der Kräfte auf dem Balkan. Aber ist 
es unbedingt sicher, daß sie zuungunsten des 
Dreibundes stattgefunden ? Und wäre es dann 
nicht immer in erster Linie die Sache Oester- 
reichs, sich dagegen zu wappnen? Andere 
wieder meinen, die hohe Kriegsgefahr der 
letzten beiden Jahre sei der wahre Beweg- 
grund für die steigende Mächtigkeit des Pan- 
zers, den wir um den Leib der Germania 
legen wollen. Als ob nicht gerade die Ge- 
schichte dieser letzten Jahre bewiesen hätte, 
wie man schwierige Fragen auch ohne Krieg 
lösen kann! Gewiß, die starke Prüfung aller 
Staaten mag dazu beigetragen haben, sie alle 
friedlich zu stimmen, weil der Ausgang eines 
kriegerischen Abenteuers zu ungewiß ist, die 



Gefahren eines Waffenganges unabsehbar sind. 
Aber liegt darin ein Grund, diese Rüstung 
abermals zu steigern und das bestehende 
Kräfteverhältnis gewaltsam zu stören? Ge- 
wiß hat Frankreich seine Volkskraft relativ 
stärker angespannt als Deutschland; aber das 
hindert nicht, daß absolut genommen dieses 
schon jetzt ein beträchtliches Uebergewicht 
gewonnen hatte. 

Ohne Zweifel wird der Vorgang der deut- 
schen Heeresleitung eine neue Epidemie des 
Wettrüstens zu Lande hervorrufen, nachdem 
der Wetteifer zur See sich eben erst ein 
wenig beruhigt hat. Das Bedauerlichste aber 
ist, daß dadurch die Erfolge einer fried- 
liebenden und geschickten Politik mindestens 
zum Teil wieder gefährdet werden. 



Die fromme Diplomatie. 

Von O. Umfri d. 
Die Rede, welche der italienische Mi- 
nister des Aueßern San Giuliano in der 
römischen Kammer hielt, ist wirklich erbaulich 
zu lesen; man fühlt sich versucht, den Hut 
abzunehmen, und den Bravo, der in Libyen 
seine Taschen füllte, zu grüßen: „Guten 
Morgen, Ehrenmann." Die italienische Di- 
plomatie ist fromm wie eine Riesenschlange, 
nachdem sie sich sattgefressen hat. Was in 
Nordafrika geschehen ist, das wirft man zu 
den Akten; es handelte sich übrigens dort 
um eine geschichtliche Notwendigkeit, die nur 
die Friedensfreunde mit ihrer Gefühlspolitik 
wieder einmal nicht verstanden haben. Wie- 
so — geschichtliche Notwendigkeit? Nun, das 
Gleichgewicht in Nordafrika mußte doch her- 
gestellt werden, so gut wie das Gleichgewicht 
in der Adria herzustellen war und das Gleich- 
gewicht im Mittelmeer aufrechterhalten wer- 
den muß. Wie ist denn das Gleichgewicht 
in der Adria hergestellt worden? Offenbar 
dadurch, daß man sich darauf besann, aus 
einem unehrlichen zu einem ehrlichen Bundes- 
genossen der Donaumonarchie sich zu mau- 
sern; mfolgedessen hat man nichts mehr von 
Oesterreich zu fürchten, und nun findet man 
auf einmal, daß das Gleichgewicht in der 
Adria hergestellt sei. Wie soll aber das Gleich- 
gewicht im Mittelmeer aufrechterhalten 
werden ? Wahrscheinlich dadurch, daß die 
vereinigten österreichisch - italienischen Ge- 
schwader die französische Kriegsflotte be- 
drohen und daß die Kriegsschiffe Rußlands, 
mit dem man übrigens vortrefflich zu stehen vor- 
gibt, nach wie vor am Auslaufen durch die Dar- 
danellen gellindert werden sollen. Wie wurde 
aber das Gleichgewicht in Nordafrika her- 
gestellt? Dadurch, daß, nachdem Frankreich, 
Spanien und England den Löwenanteil ge- 
raubt hatten, Italien auch seinen Anteil, die 
berühmte libysche Sandbüchse, einsteckte. 
Andere Leute hatten eigentlich, ehrlich ge- 
standen, vor dem tripolitanischen Abenteuer 
gar nichts von der Störung des Gleichge- 



85' 



DfE FRIEDENS -WARTE 



19 



wichts in Nordafrika gemerkt; erst der hei- 
lige Giuliano war auf diesen Einfall gekommen, 
daß dort etwas nicht in Ordnung sei. Wie 
aber, wenn eines Tags Großgriechenland auf 
die Idee käme, daß es jenseits des Mittel- 
meers sehr wichtige Interessen (Lebens- 
interessen nennt man das in der Sprache der 
Diplomatie) zu vertreten habe und daß das 
dortige Gleichgewicht zu seinen Ungunsten 
gestört sei; wenn es also eine Kriegsflotte 
mit einer Expedition für die nordafrikanische 
Küste ausrüstete? Ach, das wäre natürlich 
etwas ganz anderes und nicht zu vergleichen 
mt der geschichtbildenden Tat San Giulianos. 
Es ist aber wirklich reizend zu sehen, 
welche Liebenswürdigkeit, welche bezaubernde 
Bonhommie dieser Staatsmann der Türkei ge- 
genüber an den Tag legt, nachdem er sein 
Schäfchen ins Trockene gebracht hat. Er 
hat zwar der Türkei Libyen genommen, er 
hat den Balkanstaaten erlaubt, die europäischen 
Besitzungen des osmanischen Reiches unter 
sich zu teilen ; aber nun sagt er dem be- 
raubten Wanderer, dem er das Hemd über 
den Kopf gezogen hat: Soyons amisl „Wir 
haben", sagt er wörtlich, „das Vertrauen, daß 
die Türkei in der wirtschaftlichen Tätigkeit 
Italiens einen Faktor des Fortschritts erblicken 
wird, welcher ihr keinen Verdacht einflößen 
wird, als ob wir zu ihrem Schaden territoriale 
Absichten hegten. Wenn die Türkei in loya- 
ler Weise den Vertrag von Lausanne erfüllt . . . 
findet sie in Italien einen zuverlässigen 
Freund." Es geschehen noch Wunder und 
Zeichen, der italienische Wolf liegt neben dem 
halbzerfleischten Lamm und hilft ihm sogar 
durch „greifbare Beweise seiner Freundschaft", 
daß ihm ferner die Wolle nicht mehr ge- 
schoren werde. Italien setzt sich für die Un- 
verletzbarkeit des osmanischen Besitzes in 
Asien ein : „Die Integrität der asiatischen Tür- 
kei", sagt San Giuliano, „die Entwicklung der 
Wohlfahrt und die Verbesserung der Lebens- 
bedingungen ihrer Völkerschaften, bilden für 
Italien ein Interesse erster Ordnung." Wie 
edel und großherzig ist das gedacht — wenn 
nur nicht der Pferdefuß macchiavellistischer 
Diplomatenschlauheit gar zu deutlich heraus- 
schaute. Was wird San Giuliano tun, wenn 
nun wider alle diplomatische Erwartung in 
absehbarer Zeit die asiatische Türkei auch 
zerfällt ; und wenn dann gewisse andere Mächte 
zugreifen, und die Adler niederstoßen auf das 
Aas ? Wahrscheinlich wird er dann das Gleich- 
gewicht des Mittelmeers für gestört angesehen 
und seinerseits auch zugreifen, um sich ein 
Stück der Beute zu sichern. Aber bis dahin 
ist er ein zuverlässiger Freund der Türkei. 
Es ist aber wirklich lehrreich, sich nicht 
nur die Geschichte von der Eroberung Libyens, 
sondern auch die Geschichte des Balkan- 
konflikts von San Giuliano erzählen zu lassen. 
„Hundert Jahre lang", sagte er, „hat man 
die Formel des Status quo auf die Zustände 
des Türkenreiches angewandt"; natürlich, 



wie er glauben machen will, aus reiner Für- 
sorge für die Bewohner des nahen Orients, 
in Wahrheit nur, weil die europäischen Kabi- 
nette mit größter Eifersucht einander be- 
wachten, daß doch ja keines dem andern 
zuvorkomme und sich um ein Beutestück be- 
reichere, das dem anderen ebenso sehr in die 
Augen geleuchtet hätte. Aber das „lange und 
treue" ( ! ) Festhalten an dieser Formel hat 
— nach San Giuliano — für die Türkei die 
Wirkung gehabt, den Verlust ihrer euro- 
päischen Provinzen bis zu dem Tage zu ver- 
zögern, wo die Balkan völker reif waren, die 
Erbschaft anzutreten." Wie reif sie waren, 
davon können dieAlbanesen mit ihren Frauen 
und Kindern erzählen; aber die „lange Auf- 
rechterhaltung der provisorischen Formel 
vom Status quo hat heute die Anwendung der 
definitiven Formel : der Balkan den Balkan- 
völkern, ermöglicht." Schade, daß die euro- 
päischen Großmächte nicht schon länger 
auf diese definitive Formel gekommen sind; 
sie hätten, wenn sie die durch den Berliner 
Vertrag den Mazedoniern vor 34 Jahren zu- 
gewilligte Selbstverwaltung durchgeführt 
hätten, den „reifen" Balkanvölkern viel Blut- 
vergießen erspart. San Giuliano sieht in der 
Formel : der Balkan den Balkanvölkern, eine 
endgültige Lösung des Problems, die den 
Frieden für die Balkanhalbinsel und für 
Europa auf viele Jahre sichert. Aber was ist 
das für ein Frieden, der immer nur auf viele 
Jahre, statt auf die Dauer gesichert wird, und 
der nur durch den wahnsinnigsten Zer- 
störungsaufwand aufrechterhalten werden 
kann ! Welche Gefahren diesem Frieden 
drohen, das hat der italienische Minister 
des Auswärtigen in einer etwas dunklen und 
doch sehr bezeichnenden Stelle seiner Rede 
angedeutet; ich meine die Stelle, in der er 
von! Mittelmeer handelt. Es ist zwar eine 
sehr vernünftige Ansicht, die er in den 
Worten ausspricht : „Niemand hat das Recht, 
das Mittelmeer ein mare nostrum zu nennen. 
Es ist und muß die freie Bahn der Nationen 
bleiben, wo keine Nation die Herrschaft haben 
kann und darf, aber alle daran Anteil haben 
dürfen." Was soll es dann aber heißen, daß 
San Giuliano dennoch erklärt : „Wenn durch 
die Macht der Ereignisse und gegen unseren 
Willen und gegen den aller Großmächte 
früher oder später erhebliche territoriale Ver- 
änderungen im Mittelmeer eintreten sollten, 
könnte ItaÜen dabei kein müßiger Zuschauer 
bleiben, sondern müßte verlangen, daß seine 
Stellung als Mittelmeergroßmacht von jeder- 
mann gebührend berücksichtigt werde." Wer 
sollte nun aber diese territoriale Veränderung 
herbeiführen, wenn die Großmächte darin 
einig sind, sie zu verhindern ? Sollte das 
etwa die unpersönliche Macht der Geschichte 
tun, von der San Giuliano so große Stücke 
hält, daß er erklärt, die europäische Diplo- 
matie könne sich nicht an die Stelle der 
großen, bestimmenden Kräfte der Geschichte 



86 






= DIE FRIEDEN5-^ABT£ 



setzen, man müsse vielmehr diesen letzteren 
häufig die endgültige Lösimg der größten po- 
litischen Probleme überlassen ? Wir Laien 
hatten geglaubt, daß die Diplomatie Ge- 
schichte mache, hatte uns doch Naumann erst 
beim Ausbruch des tripolitanischen Krieges 
bemerkt, Italien gehe nach Tripolis, weil es 
ein Geschichtsvolk sein wolle. Wir hatten 
also angenommen, es liege in der Hand der 
Diplomatie, über Krieg und Frieden zu ent- 
scheiden^ und waren auch durch den Aus- 
bruch des Balkankrieges, dessen diplo- 
matische Vorbereitung wir mit Händen greifen 
konnten, keines anderen belehrt worden. 
Nun aber will uns San Giuliano weis machen, 
daß gewisse geheimnisvolle Mächte in der 
Weltgeschichte walten, welche die Diplo- 
matie zwingen könnten, halb widerwillig ein- 
zugreifen. Setzen wir den Fall, auch die 
asiatische Türkei zerfällt oder eine zusammen- 
geleimte europäische Großmacht, deren Namen 
ich nicht nennen will, geht aus dem Leim, 
so würden auch dadurch nicht von selbst 
territoriale Veränderungen am Mittelmeer ent- 
stehen, wohl aber könnten solche Verände- 
rungen durch das gewaltsame Eingreifen der 
gesunden Großmächte in die Sphären der 
kranken Mitglieder der europäischen Staaten- 
familie herbeigeführt werden. San Giuliano 
würde djann versuchen, uns glauben zu machen, 
daß sich hier einfach geschichtliche Notwendig- 
keiten vollziehen, deren Zwang sich auch in 
einem sonst ganz schuldlosen Staat fühlbar 
machen würde. 

Auf diese Weise, wie San Giuliano sich 
die Zukunft unseres Weltteils denkt, werden 
wir nie zu einem dauernden Frieden kommen. 
Denn absterbende Völker wird es immer wieder 
geben, und wenn dann die aufstrebenden Na- 
tionen berechtigt sein sollen, sich gewaltsam 
in das zur Liquidation kommende Erbe zu 
teilen, so werden wir immer und immer wieder 
den Krieg haben. Es gibt keinen anderen 
Weg, als den so oft beschriebenen, wonach 
auch in Fällen des Zusammenbruchs einer 
geschichtlichen Macht, abgesehen von dem 
dann in Kraft tretenden Selbstbestimmungs- 
recht der Völker, der herrenlos werdende 
Boden nur von solchen besetzt werden darf, 
die nachweislich einem zu eng beisammen woh- 
nenden Volke angehören. Das allein ist der 
W r eg des Rechts und des Friedens. Um aber 
doch auch dem italienischen Minister gerecht 
zu werden, so will ich gern zugestehen, daß 
eine Stelle seiner Rede mir nicht übel ge- 
fallen hat, es sind dies die klassischen Aus- 
führungen über das Verhältnis der Territorien 
auf dem Balkan. Die „Wunsche und Inter- 
essen der Bevölkerung", sagt er in diesem 
Zusammenhang, „müssen versöhnt und in ge- 
wissen Fällen dem höchsten Ziel der Zivili- 
sation und des Friedens untergeordnet werden ; 
in einer Krisis^ wo so viele entgegengesetzte 
Interessen im Spiel sind, kann keine große 
oder kleine; Macht verlangen, daß alle, ihre 



Wünsche vollständig befriedigt werden. Es 
ist vielmehr notwendig, daß jede einige Opfer 
bringt, und daß die auseinandergehenden In- 
teressen durch eine Reihe gegenseitiger Trans- 
aktionen ausgeglichen werden.'' Wenn die 
Diplomatie stets nach diesen Grundsätzen ge- 
handelt hätte, so hätte sie manchen Kriegs- 
ausbruch verhindert. 



Der Fall Maurenbrecher. 

Der bekannte Sozialdemokrat Dr. M a x 
Maurenbrecher trat anfangs Januar im 
„Freien Wort" (erstes Januarheft 1913) in 
einem „Die Demokratie und der Krieg" be- 
titelten Artikel, ausgehend von einer Be- 
sprechimg der Schrift von Wilhelm Lamszus, 
dafür ein, 

„daß für Staaten und Staatsformen, die noch nicht 
zur Vollendung gekommen sind, die den natür- 
lichen Grad ihrer Ausreifung noch nicht erreicht 
haben, der Krieg und auch der Er- 
oberungskrieg eine unbedingte Not' 
wendigkeit ist. . . . Der Krieg ist nicht nur 
Schrecken und Tod. Er ist oft genug auch die 
Ermöglichung einer höheren Organisationsform der 
Menschheit und ist damit gut und liegt 
in der Linie des menschlichen Fort- 
schrittes. Und wenn dem so ist, so 
muß er gewollt werden! So muß man 
auch innerhalb der nachchristlichen Kulturperiode 
der Menschheit den Willen und die Entschluß- 
fähigkeit in der Jugend erziehen, unter Um- 
ständen auch das eigene Leben wegwerfen zu 
können um der weltgeschichtli c h, e n Zu- 
kunft willen, die eben durch einen 
solchen Krieg möglich gemacht wer- 
den soll." 

Im weiteren Verlauf des Artikels billigt 
der Autor nicht nur den Verteidigungskrieg, 
was man immerhin gelten lassen kann, son- 
dern auch den Präventivkrieg, indem er 
sagt : 

„Es muß vorbehalten werden, daß der Staats- 
mann unter Umständen die feineren Zusammenhänge 
des Werdens und der Möglichkeit der Zukunft weit 
umfassender überschaut als der Bauer oder Ar 
beiter, der rein aus seiner täglichen Arbeit heraus 
von geographischen und wirtschaftlichen Zusam 
menhängen nur wenig weiß. Der Staatsmann kann 
unter Umständen den Fall des notwendigen Ver- 
teidigungskrieges schon damit gekommen sehen, 
daß eine Verschiebung im Weltverkehr oder in den 
Machtverhältnissen der andern Staaten eintritt, die 
die Wirtschaftserhaltung der Zukunft für die eigene 
Nation aufs schwerste gefährdet. Soll dann die 
Demokratie erklären, daß sie in einen solchen 
Krieg nicht mitziehen wolle, weil der Boden des 
Vaterlandes in körperlichem und handgreiflichem 
Sinne noch nicht verletzt ist? Muß dann nicht 
unter Umständen gerade vom demokratischen 
Standpunkte aus ein Krieg als notwendig 
gewollt werden, auch wenn er äußerlich 
als Angriffskrieg oder als Krieg um 
ganz fernliegende Objekte er- 
scheint?" 

Diesen Standpunkt habe ich im ersten 
Februarheft des Freien Worts in einein Ar- 
tikel zu widerlegen versucht, indem ich u. .a.' 



37; 



DIE FRiEDENS-^AßTE 



3 



darin sagte, daß Maurenbrecher Sieg und 
Krieg verwechsle, daß der Krieg wohl 
höhere Organisationsformen ermöglicht, aber 
in viel höherem Maße solche zerstört oder 
gehemmt habe. Dann sagte ich weiter: 

„Maurenbrecher verkennt das gesamte Frie- 
densproblem und hat mit allen Bekämpfern dieses 
Problems das gemeinsam, daß er die Lösungen, 
die das Problem bietet, auf die heute noch vor- 
herrschenden anarchischen Verhältnisse der Staaten 
überträgt. So kommt er zu einer Dissonanz, und 
er hält die Unvollkommenheiten des Augenblicks 
für eine Unvollkommenheit des Systems. Er sieht 
keinen Ausweg, weil er von dem Gesichtspunkt 
ausgeht, daß man sich gegen eine beabsichtigte 
Unterjochung nicht anders als durch Krieg wehren 
könne, daß ebenso eine Befreiung aus einem be- 
reits auferlegten Joche nicht anders als durch 
Krieg möglich sei. Er setzt dem Extrem des „Frie- 
dens um jeden Preis" das Extrem gegenüber, daß 
der Krieg gut ist, „in der Linie des Fortschritts" 
liegt und daher gewollt werden muß. 

Welcher Irrtum I Die moderne Friedensidee 
bekämpft nicht den Krieg als solchen, der ihr nur 
ein Symptom ist, sondern dessen Ursachen, die 
in der Anarchie der Verhältnisse der Staaten 
liegen. Aus der Wandlung dieser Anarchie in 
eine Organisation wird sich ein veränderter Char 
rakter der Konflikte ergeben, so daß diese als- 
dann durch Vernunftmaßnahmen lösbar sein wer- 
den. In der Organisation werden wir jene „höhere 
Organisationsform der Menschheit" erreichen, die 
wirklich der Menschheit, und nicht, wie es beim 
kriegerischen Verfahren der Fall ist, der sieg- 
reichen Nation auf Kosten der Menschheit zuteil 
wird. Diese Staatenorganisation ist die Lebens- 
form der Demokratie; zu ihr führt die Demokratie 
hin. Die Organisation wird den daran beteiligten 
Staaten eine höhere Stärke geben, als die raffi- 
niertesten Kriegsmaschinen sie erteilen können. Es 
wird dann ein dominierender Faktor in der Welt 
bestehen, der Einfluß nehmen wird auf die Hal- 
tung der noch auf niedriger Kultur stehenden 
Staaten. Diese Organisation wird kulturfördernd 
wirken auf die noch außenstehenden, und die in 
ihr verwirklichten Vorteile werden zwingend auf 
das Gebaren der andern Staaten Einfluß neh- 
men. Es ist möglich, daß zum Beispiel der rus- 
sische Absolutismus überwunden werden kann durch 
den moralischen Einfluß einer daneben bestehenden 
organisierten Gemeinschaft hochstehender Demo- 
kratien, mit denen Rußland wird leben müssen. 
Das Werk der Befreiung wird dann sicherer voll- 
bracht werden als durch >die Roulette des Krieges, 
wo rouge, aber auch noir, fallen kann. 

Eines aber wird auch aus den organisierten 
Demokratien nicht ausgeschlossen sein, wenigstens 
solange sie in der Welt mit nichtorganisierten 
Staaten werden rechnen müssen; die Anwendung 
der Gewalt zur Aufrechterhaltung ihrer Unab- 
hängigkeit, zum Schutze gegen Unkultur oder zur 
Durchführung der Kultur in der Welt. Man er- 
schrecke nicht und sage nicht: das wäre ja der 
Krieg. Wer so spricht, verkennt das Wesen der 
Gewalt. Nur im anarchischen Zustand ist die Ger 
walt gefährlich ; organisierte Gewalt ist 
Recht. Nicht jede Gewaltanwendung seitens des 
Staates ist Krieg. Wenn der Landstreicher einen 
Wanderer und der Gendarm den flüchtenden Land- 
streicher töten, so sind dies die gleichen Handlungen, 
aber mit ungleichem Effekt; der erstere wandte 
anarchische Gewalt an, der letztere organisierte. 



Der erstere ist ein Verbrecher, der letztere ein 
Exekutivorgan des Rechts. So wird die Gewalt 
anwendung, die Staaten im Dienste des 
Rechts vornehmen, sich wohl unterscheiden von 
einer Gewaltanwendung, die heute an Stelle 
des Rechtes tritt, die allein Krieg ist. Weder 
in ihrer Vorbereitung noch in ihren Folgen wird 
eine organisierte Gewaltanwendung, die der Ausr 
fluß eines internationalen Rechtes sein wird, mit 
dem heutigen Kriege zu vergleichen sein. Ganz ab- 
gesehen davon, daß es eine organisierte Staaten- 
gesellschaft nur sehr selten nötig haben wird, wirk- 
lich Gewalt anzuwenden; es wird ihr noch mehr 
als es im staatlichen Leben der Fall ist, genügen, 
ihre organisierte Gewalt anzudeuten, um dem 
Rechte zum Durchbruch zu verhelfen." 

Hierauf antwortete Dr. Max Mauren- 
b r e c h e r im zweiten Februarheft des Freien 
Wort in einem „Realistische Friedensbewe- 
gung" überschrieben en Artikel, in dem er 
voransetzte, daß er „nicht um Worte streiten*' 
und zu zeigen versuchen will, „daß der Gegen- 
satz in der Sache durchaus nicht so groß 
ist, wie es den Worten nach vielleicht den 
Anschein hat". Er führt dann wörtlich; fol- 
gendes aus : 

Fried sagt freilich: ja, das ist kein Krieg! 
Krieg nenne ich nur Gewaltanwendung zwischen 
Staaten, die noch im anarchischen Zustand zu- 
einander stehen; das andere ist nicht Krieg, son- 
dern Gewaltanwendung, die im Dienste des Rechts 
steht, die einem Rechtssatz zur Autorität ver- 
helfen will. Aber das ist eine reine Frage der 
Definition. Und über Definitionen soll man nicht 
streiten. Jeder hat das Recht, die Worte so zu 
gebrauchen, wie sie seinem Sprachgefühl ent- 
sprechen; er muß nur deutlich sagen, was er unter 
diesen Worten versteht, und dann ist kein An- 
einandervorbei-Reden mehr möglich. Das hat Fried 
getan, und darum hänge ich mich nicht an das 
Wort Krieg, sondern gehe auf die Sache selbst. 

Auch der nächsthöhere Organismus, den wir 
gemeinsam über unseren heutigen Nationalstaaten 
erstreben, hat Waffen nötig; und er hat Menschen 
nötig, die einerseits sich das Recht zusprechen, 
mit gutem Gewissen diese Waffen zu führen, und 
die anderseits dazu bereit sind, um der Idee des 
Rechtes willen ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Das 
heißt: auch in der Periode der völkerrechtlichen 
Organisierung wird es als unsittlich abgelehnt wer- 
den, wenn einer lehrt: mein Leben ist mein höch- 
stes Gut. Das aber war es, was ich gegen Lamszus 
sagte. Ferner: auch in dieser Periode wird die 
demokratische Partei in den Parlamenten der 
Einzelstaaten es nicht ablehnen dürfen, Geld für 
Bewaffnungszwecke und Organisationen für Aus 
bildung in der Technik des Waffengebrauchs zu 
schaffen. Das aber war es, was, wie ich erinnerte, 
bereits im Parteiprogramme der sozialdemokrati- 
schen Partei Deutschlands steht : „Erziehung zur all- 
gemeinen Wehrhaftigkeit", das ist ohne Geld und 
ohne militärische Organisationen nicht möglich. 
Also, so schloß ich, darf auch die Demokratie 
sich nicht darauf versteifen, daß alle Ausgaben 
für militärische Zwecke unsittlich, nutzlos und un- 
produktiv seien. 

Das gilt für die Zukunft, wenn wir jene höhere 
Rechtsinstitution einmal erreicht haben werden. 
Aber in der Gegenwart haben wir sie noch nicht. 
Und das ist es, worin allein der Unterschied 
zwischen uns aufkeimen konnte. Fried wirft mir 



M 



<§] 



= DIE FRIEDENS -^MÄttTE 



vor. ich hätte die Lösungen, die das Friedens 
problem bietet, auf die heute noch vorherrschenden 
anarchischen Verhältnisse der Staaten übertragen; 
ich hätte die Unvollkommenheiten des Augenblicks 
für eine Unvollkommenheit des Systems gehalten. 
Zugegeben; aber diese Unvollkommenheiten sind 
doch heute noch da. Fried sagt ja selbst, daß die 
anarchischen Zustände unter den Staaten heute 
noch vorherrschen. Also ist auch die Gefahr tat- 
sächlich da, daß sie sich gegen uns kehren, wenn 
wir durch Erziehung und parlamentarische Ab- 
stimmung die Fähigkeit, uns zu schützen, in uns 
selber ersticken. 

In Frieds Beispiel vom Landstreicher ge- 
sprochen: wenn ich weiß, da ist ein Landstreicher, 
der mich totschlagen will, aber dahinter steht 
ein Gendarmi, der ihn noch vorher totschießen 
wird, so kann ich ruhig meinen Weg gehen. 
Das Problem des Schutzes und der Durchsetzung 
der Rechtsautorität ist dadurch gelöst, daß ein 
besonderes Organ von der Gesamtheit geschaffen 
wurde, das diese Durchsetzung berufsmäßig be- 
treibt. Wenn ich aber eine Stunde von der Eisen- 
bahn fort wohne und mein Heimweg führt mich 
nachts durch einen Wald, in dem sicherlich kein 
Schutzmann, wohl aber manchmal Gesindel ist, 
dann ist es Pflicht und Recht, daß ich mir selbst 
den Revolver beschaffe, um gegebenenfalls die 
bedrohte Rechtsautorität und mit ihr mein Leben 
selber schützen zu können. Wenn das aber nach 
Frieds eigenen Worten unser heutiger Zustand ist, 
so ist daraus auch für den Staat zu folgern, 
daß er, solange jene überstaatliche Rechtssicher- 
heit fehlt, mit der Möglichkeit rechnen muß, für 
das eigene Recht und das eigene Leben auch ein- 
mal in den Krieg ziehen zu müssen, wenn es kein 
billigeres Mittel mehr gibt, das uns helfen könnte. 
Und darum dürfen wir uns, solange jene überstaat- 
liche Rechtsgarantie fehlt, dieses Mittel nicht selbst 
durch Erziehung oder Politik zerstören. 

Soweit ich Frieds Gedanken kenne, wird er 
darauf antworten, daß das auch nicht seine Ab- 
sicht pei; er würde als Reichstagsabgeordneteri 
vielmehr bereit sein, jede militärische Forderung 
der Regierung, deren Notwendigkeit nachgewiesen 
ist, auch zu bewilligen — unbeschadet seiner pazi- 
fistischen Agitation. Wenn dem so ist, so ist es 
gut; denn dann besteht zwischen uns überhaupt 
kein Streit. 

Das Friedensproblem, wie ich es sehe, liegt 
nicht darin, den Krieg ohne jede Bedingung und 
Ausnahme als unsittlich zu verdammen und ihn 
durch antimilitaristische Schlagwort-Propaganda 
zu diskreditieren. Es liegt vielmehr darin, die 
Form zu suchen, wie man die Organisation der 
Bewaffnung immer mehr auf größere Einheiten 
ausdehnen und damit militärische Reibungen im 
Innern dieser Einheiten beseitigen könne. Noch vor 
fünfzig Jahren hatten wir eine sächsische, eine 
preußische, eine bayrische usw. Armee und mußten 
sie haben. Heute sind das alles nur noch Armee- 
korps einer höheren Einheit, und es ist unvorstell- 
bar, daß diese einzelnen Anneekorps noch einmal 
gegeneinander gehen könnten. Wir erstreben nun 
einen Zustand, daß auch die deutsche, die deutsch- 
österreichische, die italienische, holländische, bel- 
gische, französische Armee nur noch Teile, 
Armeekorps einer noch höheren Einheit, der mittel- 
und westeuropäischen Handels- und Verteidigungs- 
gemeinschaft der Staaten, seien. Das wird wahr- 
scheinlich eine enorme Erleichterung der mili- 
tärischen Lasten für jeden einzelnen Staat sein, 
schon deshalb, weil nicht mehr jede Einzelarmee, 



sondern nur noch die Gesamtarmee eine strate- 
gische Einheit zu sein braucht, und weil die Einzel- 
staaten sich differenzieren können (Meerflotte, 
Luftflotte, Artillerie, Infanterie usw.). Aber es wird 
vor allem eine ungeheure kulturelle Errungenschaft 
sein, wenn der Krieg, wie er jetzt schon aus dem 
Verkehr der einzelnen Provinzen und Landesteile 
untereinander verbannt ist, dann aus dem Innern 
von Mittel- und Westeuropa überhaupt verbannt, 
und höchstens noch an die Grenzen dieses Gebiets 
gelegt sein wird." 

Ich glaube selbst, daß der Unterschied 
zwischen mir und Maurenbrecher nicht so 
groß ist, wie es nach seinem ersten Artikel 
den Anschein hat. Maurenbrecher scheint sich 
schließlich gegen etwas wehren zo wollen, 
dessen Bekämpfung uns Pazifisten als etwas 
Selbstverständliches scheinen muß, näm- 
lich gegen jene Tendenzen, die man kollektiv 
als „Antimilitarismus" bezeichnet. Ich habe 
in allen meinen Schriften darauf hingewiesen, 
und damit weiß ich mich mit der gesamten 
pazifistischen Bewegung eins, daß die Be- 
kämpfung des Krieges durch Bekämpfung 
der Armee ein am verkehrten Ende eingesetz- 
tes Beginnen sei. Die Rüstungen sind mir 
immer nur ein Symptom jener Erscheinung 
gewesen, die wir nur durch Bekämpfung der 
Ursachen zu beseitigen imstande sein werden. 
Wir Pazifisten wissen ganz genau, daß wir 
den Frieden nicht mit der Abrüstung be- 
ginnen können, am allerwenigsten mit der 
Abrüstung eines einzelnen Volkes, das etwa 
mit dem guten Beispiel vorangehen solle. 

Aber wenn ich auch im Grundsatz mit 
Maurenbrecher übereinzustimmen glaube, so 
gehen wir in der Methode, die er anwendet, 
sehr weit auseinander. Diese darf sich näm- 
lich nicht darauf beschränken, dem augen- 
blicklichen Bedürfnis Genüge zu tun, son- 
dern muß in jedem Augenblick die Zukunfts- 
werte ins Auge fassen, die sie zu fordern hat. 
Ich würde daher, wie Maurenbrecher ganz 
richtig voraussetzt, als Reichstagsabgeord- 
neter die Rüstungsforderungen der Regierung, 
deren Forderungen nachgewiesen 
sind ( ! ), auch bewilligen, würde aber diesen 
Nachweis unter keinen Umständen als er- 
bracht sehen, wenn die Regierung nicht be- 
wiesen haben wird, daß sie offen und ehrlich 
vorher den Versuch gemacht hat, mit den 
anderen Regierungen zu einem 1 Abkommen 
auf Einschränkung der Rüstungen zu ge- 
langen. Ich finde nämlich die Unvollkommen- 
heiten des Augenblicks nicht so sehr in den 
wirklichen internationalen Verhältnissen be- 
gründet, als in den Anschauungen und Ab- 
sichten gewisser Kreise, die sich bemühen, 
diese Unvollkommenheiten mit aller Gewalt 
zu verstärken und künstlich aufrechtzuerhal- 
ten, um dadurch aus der Not eine für sie 
ersprießliche Tugend zu machen, und die 
bei ihrem! Treiben unterstützt werden von der 
trägen Masse derjenigen, die über die Be- 
dürfnisse des Tages nicht hinauszublicken 
vermögen. Indem ich von ,,Unvollkommen- 



39 



DIE FßlEDENS-^MißTE 



S> 



heiten des Augenblicks" sprach, meinte ich 
damit nicht, daß der heute vorherrschende 
Zustand zwischen den Staaten gar keine Vor- 
aussetzung für eine verständige Ordnung der 
Dinge biete, sondern nur, daß er noch nicht 
ganz jene Vollkommenheit erreicht hat, die 
dazu nötig wäre, daß die internationale 
Anarchie noch nicht vollständig überwunden 
ist, aber wohl die internationale Organisation 
schon bedeutend entwickelt erscheint. Der 
Wille zur Vollendung jener großen Entwick- 
lung seitens gewisser an der Macht befindlichen 
Kreise, vielleicht auch deren Zuversicht, 
scheint mir, zu fehlen, um hier die erlösende 
Befreiung zu bringen. Und gerade deshalb 
halte ich es für wichtig, die sich bietenden 
großen Möglichkeiten immer wieder in den 
Vordergrund zu stellen, und nicht, wie 
Maurenbrecher das tut, mit pessimistischer 
Abfindung mit dem Gegebenen sich zufrieden 
zu geben und eine Anpassung an dieses Ge- 
gebene zu empfehlen, womit nichts anderes 
bewirkt wird, als daß die Hemmnisse jener 
erlösenden Entwicklung nur gestärkt werden. 
Ich werde immer wieder an jene mir .un- 
vergeßlichen Worte Sir Edward Greys er- 
innert, der von einem Erwachen der in der 
Knechtschaft ihrer Rüstungen befindlichen 
Völker sprach, die dann eines Tages erkennen 
werden, daß die Gefängnistür von 
innen verschlossen war. 

Und deshalb finde ich es unangebracht, 
einen Schriftsteller zu bekämpfen, weil er 
den Krieg wahrheitsgetreu schildert, die Theorie 
eines unter Umständen sittlichen Krieges 
zu vertreten, während wir uns jetzt alle 
halben Jahre vor eine Kriegsmöglichkeit ge- 
stellt sehen, die sich: bei näherer Betrachtung 
als frivol herausstellt; den Präventivkrieg 
als nützlich hinzustellen, während wir wissen, 
daß aus zahlreichen Kriegen, die einflußreiche 
Diplomaten einmal als unabwendbar hin- 
gestellt haben, nichts geworden ist, weil die 
Zeit alle Verhältnisse verschiebt, und dann 
etwas, Was früher als Gefahr erschien, nach kur- 
zer Entwicklung sich ganz anders darstellt. Daß 
der Krieg unter Umständen sittlich sein kann, 
wissen wir. Aber nicht jeder Krieg, den man 
uns heute als sittlich darstellen möchte, ist es 
in Wirklichkeit. Und wir wissen, daß eis in 
einer gefestigten Kulturgemeinschaft gar 
nicht mehr nötig sein wird, mit jenem allein 
sittlichen Krieg um die Existenz des Staates 
zu rechnen, da diese durch die Gemeinschaft 
fest begründet sein wird. 

Maurenbrecher hindert aber die Ent- 
wicklung dieser Kulturgemeinschaft, indem er 
sich der pazifistischen Praxis mit seiner 
Theorie entgegenstellt. 

Wir gehen, mit Knüppeln bewaffnet, aus, 
den Brandstifter zu suchen, der unsere Häuser 
anzündet und uns nicht zur Rühe kommen 
läßt. Und da tritt uns einer entgegen und 
ruft: „Was wollt Ihr denn; das Feuer ist 
eine der wohltuendsten Einrichtungen. Es 



leuchtet, es erwärmt, es treibt die Maschinen." 
Jawohl, Herr Dr. Maurenbrecher; das kann 
uns aber nicht abhalten, den Brandstifter auf- 
zuspüren und ihn unschädlich zu madhen. 

A. H. F. 



Das kleine Heer. 

Von einem Offizier. 

Der Beginn des allgemeinen Wettrüstens, 
zuerst zu Land, dann auch zu Wasser, ist auf 
den Deutsch-Französischen Krieg zurückzufüh- 
ren. Der Vergeltungsgedanke ließ Frankreich 
keine Opfer scheuen eine neue, große und mäch- 
tige Armee zu schaffen. Dadurch fühlte sich 
Deutschland naturgemäß bedroht und schritt 
ebenfalls an den Ausbau seines Heeres. Auf 
diese Weise war eine ausreichende Sicherheit 
des neuen Reiches gegen Frankreich gewonnen, 
Handel und Verkehr, Industrie und Gewerbe 
konnten sich heben; und führten zu Deutsch- 
lands heutiger Blüte. 

Bald war aber das Absatzgebiet zu eng;, 
die wirtschaftliche Entwicklung drängte zum 
Meer. Kaiser Wilhelm II. erkannte die hohe 
Bedeutung der Seegeltung für des Reiches öko- 
nomische Entwicklung und arbeitete planmäßig 
an der Vermehrung der deutschen Handels- 
und Kriegsflotte. Besonders das rapide 
Wachsen letzterer wurde begreiflicherweise gar 
bald in England unliebsam wahrgenommen. 
Bedrohte doch eine deutsche Kriegsflotte 
zweifellos die britannische Alleinherrschaft zur 
See und gefährdete dadurch Nelsons Erbe. 

Durch das in den beiden letzten Dezenien 
des 19. Jahrhunderts einsetzende politische 
System der Allianzen wurden alle anderen 
Staaten Europas, durch den Uebergang von 
der kontinentalen zur universalen Volkswirt- 
schaft auch die amerikanischen und asiatischen 
Mächte, besonders die Vereinsstaaten und Ja- 
pan, in den Kreis der für einen möglichen Zu- 
kunftskrieg emsig Rüstenden gezogen. Auf 
diese Weise erklärt sich der gegenwärtige 
Stand der großen Kriegsbereitschaft und der 
durch letztere verursachten hohen Kosten von 
selbst. Gleichzeitig muß aber auch die Frage 
aufgeworfen werden, ob dieser Zustand auf 
die Länge der Zeit erträglich ist. Es kommen 
diesbezüglich soziale, ökonomische, 
politische und militärische Gesichts- 
punkte in Betracht. 

In sozialer Beziehung machen sich an- 
haltende Kriegsvorbereitungen sowohl durch 
Förderung körperlicher Ausbildung, wie durch 
Festigung des Charakters wohltätig, durch Zu- 
rückdrängung mancher wichtigen Kulturarbeit 
aber ungünstig bemerkbar. 

Noch deutlicher, und dem einfachen 
Manne wahrnehmbarer, werden die öko- 
nomischen Wirkungen. Ueberall dort, wo der 
Friede nur durch stete Drohung mit Waffen- 
gewalt • :• erhalten werden kann, ist man 
berechtigt, von einem .. i a u I e n Fr i e den" 



'90 



@= 



= DIE FRIEDEN5->VARTE 



zu sprechen, und ein solcher kann wegen der 
mit ihm verbundenen Unsicherheit niemals 
günstig für die ökonomischen Interessen sein. 
Der Umstand, daß von den Gesamtstaats- 
einnahmen ein immer größerer Teil für Kriegs- 
vorbereitungszwecke verwendet werden muß, 
ist der Volkswirtschaft ebenfalls nicht förder- 
lich. Allerdings darf man auch nicht aus 
den Augen lassen, daß die für Rüstungszwecke 
verausgabten Summen bestimmte Teile der 
Volkswirtschaft, die heute schon recht ansehn- 
liche Kriegsindustrie, um so intensiver 
fördern, je mehr sie im Inlande konsumiert 
werden. Des weiteren darf man auch nicht 
vergessen, daß die ökonomischen Interessen 
selbst durch einen erfolgreichen Krieg weit 
mehr geschädigt werden, als durch einen noch 
so kostspieligen Frieden. Diesbezüglich 
können folgende Zahlen Anhaltspunkte bieten: 
das Gesamtrüstungsbudget Oesterreich-Un- 
garns (Heer, Flotte, beide Landwehren) be- 
ziffert sich pro 1913 auf rund 0,6 Milliarden Kr. 
Nach den jetzt so häufig in Fach- und Tages- 
blättern anzutreffenden Untersuchungen über 
Kriegskosten, kann man einen Durchschnitts- 
wert von 10 Kronen pro Mann und Tag an- 
setzen. Nehmen wir nun an, daß die Mo- 
narchie 2 Millionen Soldaten mobilisieren 
würde (tatsächlich könnte sie noch viel mehr 
bereitstellen), so würden ihr in einem Jahre 
10x2x365 = 7,3 Milliarden Kr., also das 
7.3 



0.6 



= zwölffache an Kosten erwachsen. 



Weil die Friedensrüstung beim Gegner 
Furcht erzeugen und dadurch den Kriegsaus- 
bruch verhindern soll, werden ihre Kosten oft 
als „Versicherungsprämien" bezeich- 
net. Das ist unrichtig; denn die Versicherung 
bezweckt eine Ersatzleistung im Falle eingetre- 
tenen Ungemachs, während die Friedensvor- 
sorge den Kriegsausbruch, also das Ungemach 
verhüten soll. Erstere ist somit eine Art Heil- 
mittel und gehört, bildlich gesprochen, in das 
Gebiet der inneren Medizin, während die 
Friedensvorsorgen Präservative sind, somit 
als vorbeugende Hygiene zu gelten 
haben. 

Wie sich diese vorbeugende Wirkung be- 
währt, nimmt man erst im Momente einer 
Friedensgefährdung wahr. Ist eine Spannung 
eingetreten, so stocken nicht nur die Geschäfte, 
sondern es beginnen auch überall die Arbeits- 
kräfte zu mangeln, weil gerade die tüchtigsten 
geistigen Und manuellen Arbeiter zum Kriegs- 
dienst herangezogen werden. Im Momente, 
wo die Volkswirtschaft den größten Personal- 
bedarf hat, werden ihr somit durch das gegen- 
wärtig praktizierte System die besten Kräfte 
entzogen. Dieses gewichtige ökonomische Mo- 
ment spricht nicht für das Massenaufgebot 
zu Land und zu Wasser. 

Fassen wir nun das politische Gebiet ins 
Auge, so können wir schon aus den gewöhn- 
lichsten Zeitungsberichten heraus erkennen, 



daß in bezug auf Kriegsvorbereitungen in 
allen Staaten ein Auktionswesen Platz gegriffen 
hat, welches jeden Vorsprung des einen Staates 
durch einen noch größeren Sprung des anderen 
Staates zu überbieten trachtet, und welches 
deshalb unmöglich zu einer politischen Klärung 
führen kann. 

An letzter Stelle wurde nicht ohne Ab- 
sicht das militärische Moment gerückt. Es 
ist ohne Zweifel das wichtigste, weil es so- 
wohl alle anderen in sich faßt, wie auch, 
weil die Wehrmacht in ihrer eigenen Sache 
denn doch die Hauptperson ist. 

Von ihrem Standpunkt ist zu bemerken, 
daß sie wohl an der Ansicht, die Verteidigung 
des Vaterlandes sei die erste, edelste und 
wichtigste Pflicht eines jeden Staatsbürgers, 
festhalten muß, damit aber nicht gesagt haben 
will, es müsse jeder, der weder ein geistiger 
noch ein körperlicher Krüppel ist, sofort bei 
Mobilisierungsbeginn in die Uniform schlüp- 
fen und das Gewehr schultern. Gegen diese 
von Heeresgegenern als „M i 1 i t a r i s m u s" 
bezeichnete Tendenz sprechen gewichtige 
Gründe der Logik. Die Armee ist die Be- 
schützerin des Erwerbslebens und deshalb in 
dem Sinne posterior, daß ein Schützer nur 
dann einen Sinn hat, wenn ein Schutzbedürf- 
tiger vorhanden ist. Reiht man aber alle mehr 
oder minder tauglichen Männer in die Wehr- 
macht ein, so nimmt man die besten Arbeiter 
dem Erwerbsleben wegen, und entzieht diesem, 
dem Schutzbedürftigen, das belebende Blut: 
Man könnte diesen Vorgang füglich auch mit 
der Behandlung eines Fisches vergleichen, den 
man an Land bringt, um ihn vor dem Er- 
trinken zu bewahren. 

Gegen „uferlose Rüstungen" 
spricht vom militärischen Gesichtspunkt aus 
auch noch die Tatsache, daß die Qualität der 
bewaffneten Macht mit der Zunahme ihres Um- 
fanges sinken muß. Je weniger Soldaten eine 
bestimmte Bevölkerungsmenge zu stellen 
hat, 10 o/o der Gesamtbevölkerung scheint 
überhaupt das Maximum zu sein, desto 
tüchtiger können diese in geistiger und 
körperlicher Beziehung sein, und desto leichter 
wird der Ersatz von Abgängen. Auch wird 
eine Armee um so beweglicher, je kleiner sie 
ist. Millionenheere nehmen gezwungenerweise 
in jeder Beziehung minder leistungsfähige 
Männer in ihre Reihen auf, und werden wegen 
ihres Umfanges so unbeholfen, daß man sie, 
einmal in Bewegung gesetzt, nicht mehr leiten. 
verschieben und manöverieren kann, sondern 
einfach auslaufen lassen muß. 

Treten dann Verluste ein, so wird es 
an geeignetem Ersatz fehlen, und dann geht das 
Riesenheer an den Folgen der eigenen Fülle 
zugrunde. 

Nimmt man das Gesagte nochmals vor. 
so erkennt man, daß die Friedensfreunde wohl 
unrecht haben, wenn sie heute den ewigen 
Frieden und die allgemeine Abrüstimg ver- 



91 



CHE FBIEDENS -WARTE. 



3 



langen*). Daß man aber doch bald zu einem 
Wendepunkt in der Rüstungfrage gelangen 
muß, soll die Menschheit mit ihren politischen, 
sozialen und wirtschaftlichen Interessen nicht 
dauernd geschädigt werden; und daß die bal- 
dige Erreichung dieses Wendepunktes geradezu 
im eigensten Interesse der Wehrmacht selbst 
liegt. 

Alle Komponenten vereinigen sich somit 
zu der Resultierenden : Weg mit den 
Riesenarmeen und Ersatz derselben durch 
kleine Heere. 

Von der theoretischen Erkenntnis bis zur 
praktischen Umsetzung ist aber ein recht weiter 
Weg. Das ganze Problem kann erst dann ins 
Rollen gebracht werden, bis die Frage, wer 
den ersten Schritt zu unternehmen habe, 
gelöst ist. 

Hier, wo der einzelne machtlos ist einzu- 
greifen, müßte eine dankbare Aufgabe aller 
wahren Friedensfreunde und deren Ver- 
einigungen sein. 

Vor allem wäre von diesen Organisationen 
klarzustellen, wie sich die einzelnen Staaten 
zur Abrüstungsfrage stellen, dann, welche An- 
sichten sie hinsichtlich des , .kleinen Heeres" 
hegen. 

Das so gewonnene Material müßte nun 
vorbereitet werden und als Resultat die von 
jedem Staate zu tragende Rüstung zu Wasser 
und zu Lande ergeben. 

Die Einwirkung auf die einzelnen Staaten 
sich der, zweifellos einen Eingriff in die Sou- 
veränitätsrechte darstellenden, Rüstungsbe- 
schränkung zu unterwerfen, wird allerdings 
keine leichte Arbeit sein. 

Aber wo ein klarer Wille ist, muß auch 
ein gangbarer Weg sein. 

Steter Tropfen höhlt den Stein! 



Die englisch -deutsche 
Flottenformel. 

Von besonderer Seite. 
Die Erklärung des Staatssekretärs v. T i r - 
pitz, daß die Formel 16:10 als Stärkever- 
hältnis der Schlachtschiffe Englands und 
Deutschlands für die nächsten Jahre akzeptabel 
sei, sagt zunächst nur, daß für einige Jahre, 
wo nach Churchill England in Anbetracht des 
noch bestehenden Gefechtswerts seiner Prae- 
Dreadnoughts mit jener Ueberlegenheit 
von 60 o/o in Dreadnoughts auszukommen 
glaubt, Deutschland nicht die Absicht hat, 

*) Es braucht in diesen Blättern wohl nicht 
erst betont zu werden, wie sehr der gesch. 
Herr Verfasser das Problem verkennt. Von 
„ewigem Frieden" und „allgemeiner Abrüstung" 
ist nur in den Witzblättern die R,ede, wenn sie 
die Friedensbewegung in den Kreis ihrer Be- 
trachtungen ziehen; aber nirgends im Pro- 
gramm dieser Bewegung. Die Red. d. „F.-W.". 



sein Flottengesetz vom letzten Jahre zu ändern. 
Churchill betonte allerdings in seiner Flotten- 
rede vom 18. März 1912, daß, wenn Deutsch- 
land über sein damaliges Flottengesetz (1908) 
hinausginge, England genötigt sein würde, für 
jedes Schiff mehr „zwei" auf Stapel zu legen, 
und daß mithin etwaige Mehrbauten das Ver- 
hältnis zuungunsten Deutschlands ändern 
würden. Dieser Fall ist eingetreten. Die Er- 
regung und die englandfeindliche Stimmung, 
die 1911 durch die Agitation von Kolonial- 
und Flottenverein wegen der Marokkoange- 
legenheit erzeugt wurden, führten im ver- 
gangenen Jahre dazu, diese Feststellung 
Churchills außer Acht zu lassen und durch 
ein neues Flottengesetz vom Mai 1912 die Zahl 
der Linienschiffe um drei zu erhöhen. In dem 
britischen Bauplan wird sich dies in der Folge 
aussprechen, da das Ministervvort in England 
unantastbar sein dürfte. Aber auch wenn sich 
hierdurch die Formel in I6V2 : 10 für die 
nächsten Jahre ändert, wird dies ohne Einfluß 
bleiben. Zweifellos strebt man in den Re- 
gierungskreisen Deutschlands wie Englands 
danach, aus dem Stadium der Feindseligkeit 
zu einem modus vivendi zu kommen, da beide 
Länder den Frieden wollen und das Phantom 
vom unvermeidlichen Krieg lediglich ein 
Aktionsmittel der Flottentreiber ist. 

Churchill sagte noch in seiner Rede 
vor Jahresfrist, daß England ebenso 
wie der Erhöhung auch der „Ver- 
minderung" der deutschen Schiffs- 
zahl sofort proportional folgen 
würde, und daß, wenn z. B. 1913 in 
Deutschland durch Nichtbau „ein 
weißes Blatt in das Buch des Miß- 
verstehens eingeschaltet würde", 
mit den nicht gebauten 3 deutschen 
Schiffen 5 gewaltige englische 
Ueberdreadnoughts weggewischt 
werden würden und dies mehr sei, 
alsnachseinerEr Wartung Deutsch- 
land in der glänzendsten See- 
schlacht zu erreich en hoffen könne. 
Der Ersparnis von 6 bis 7 Millionen Pfund 
Sterling (120 bis 140 Millionen Mark) stände 
kein Nachteil durch Verringerung der Schiffs- 
zahl gegenüber. Trotzdem durch das Zu- 
sammengehen Deutschlands und Englands in 
der jetzigen Orientkrisis den Elementen, die 
die Völker gegeneinander hetzten, der Boden 
entzogen worden ist, dürfte es in Deutschland 
kaum möglich sein, dem Vorschlage Chur- 
chills, ein Jahr im Dreadnoughtbau eine 
Pause eintreten zu lassen, Folge zu geben, 
denn der Lärm derer, die bisher für eine Be- 
schleunigung der deutschen Flottenbauten ein- 
traten, würde ganz gewaltig sein und 1 in Eng- 
land indirekt Unterstützung finden. Denn dort 
finden sich einerseits patriotische Politiker, 
denen das Wachstum der deutschen Flotte 
wegen seiner Wirkung auf die Vergrößerung 
der britischen und wegen des Zusammen 
schließens von Mutterland und Kolonien nicht 






92 



<£ 



DIE FRIEDEN5-^ÄR.TE 



unerwünscht ist, und andererseits Leute der 
Großindustrie und des dahinterstehenden 
Großkapitals, die am Flottenbau Geld ver- 
dienen wollen und denen jedes Nachlassen 
sehr unangenehm ist. Es ist menschlich, daß 
der Patriotismus wächst, wenn Eigennutz da- 
zukommt, und daß gerade diese Art Leute 
sehr aktiv ist und direkt und indirekt in den 
Flottenvereinen, in den Parlamenten und in 
der Presse einen Einfluß auszuüben sucht, 
ohne daß das Publikum die Triebfedern ge- 
wahr wird. Das Publikum weiß von den Par- 
lamentariern usw. nicht, in welchen Be- 
ziehungen sie als Aufsichtsräte oder sonst zu 
den großen Schiffswerften oder sonstigen 
Lieferanten stehen. Daß zwischen der 
deutschen und englischen Agita- 
tion für Vermehrung der Flotten- 
bauten Beziehungen bestehen, er- 
gibt sich aus dem Jahrbuch des britischen 
Flottenvereins (Navy League Annual 1910 bis 
1911), in dem auf Seite 216 der Herausgeber 
Alan H. Burgoyne als Verfasser des Ar- 
tikels „Die Entwicklung des englisch-deut- 
schen Antagonismus" in einer Fußnote*) 
bemerkt, daß er denArtikel mit ge- 
ringen Aenderungen früher für den 
Grafen Ernst von Reventlow ge- 
schrieben habe und erauchin einem 
Berliner Blatt veröffentlicht wor- 
den s e i. — Graf E. Reventlow, der bekann- 
teste deutsche Flottentreiber, Alan H. Bur- 
goyne, eins der tätigsten Mitglieder des eng- 
lischen Flottenvereins. 



Kiderlen * Wächter. 

Als ich in der Januarnummer der „Frie- 
denswarte" den kurz gehaltenen Nachruf für 
den verstorbenen Staatssekretär des Aus- 
wärtigen Amtes, von Kiderlen-Wächter, las, 
empfand ich ein Bedauern darüber, daß diesem 
Manne auch hier, wie an so vielen Stellen, nur 
eine geringe Anerkennung, ja ein leiser Tadel 
nachgerufen wurde. 

Es ist immer schwer, die Taten zeit- 
genössischer großer Männer richtig zu be- 
urteilen, weil einem der genügende Abstand 
fehlt, um diese Taten in der Gesamtwirkung 
und in ihrer Begründung richtig bewerten zu 
können, und dies wird umso schwerer, je mehr 
Menschen sich für urteilsberechtigt halten und 
ihre Ansichten hinwerfen, ohne den Charakter 
der handelnden Persönlichkeiten zu kennen. 

Es gibt Menschen, die man aus böser Er- 
fahrung heraus niedrig bewertet und deren 
Beweggründen man bei jeder Handlung Nie- 
drigkeit unterschiebt und andere, bei deren 
scheinbar unverständlich falschen Handlungen 



*) Diese Fußnote lautet: „This article was 
written by the author for Graf Ernst v. Revent- 
low and published in the Berlin .Zeitfragen'. 
It has only been altered sufficiently to bring 
it up-to-date." 



man sofort nach einem versteckten guten Motiv 
sucht. Bei jenem sagt man wohl: das ist ein 
häßlicher Charakter, den man jeder Schand- 
tat fähig hält, — bei diesem:- der hat eine 
prächtige Gesinnung, der hat gewiß nichts 
Falsches gewollt und seine guten Gründe ge- 
habt. 

Das soll auf Kiderlen angewandt heißen: 
die Schwaben haben ihn näher gekannt und 
seine Handlungsweise durch seinen Charakter- 
besser beurteilen gelernt als die Welt da 
draußen, die von ihrem jeweiligen Stand- 
punkt aus kalt kritisiert und viel geschimpft 
hat. Weil ich diesen Mann gekannt und ein 
gutes Urteil über ihn gewonnen habe, möchte 
ich, daß dieses Urteil auch jenseits der 
Grenzen seiner engeren Heimat Raum ge- 
wänne, und deshalb bitte ich noch nachträglich 
um Aufnahme dieser verspäteten Zeilen in 
Ihren Spalten. 

Es liegt mir fern, über Politik zu philo- 
sophieren oder ein Urteil über Richtigkeit oder 
Unrichtigkeit des Verhaltens unserer Diplo- 
matie in den auswärtigen Angelegenheiten zu 
wagen, darüber denkt der eine so, der andere 
das Gegenteil; nur weil an dieser Stelle von 
dem 1 „Mann von Agadir" gesprochen wurde 
als von einem Manne, an dessen pazifistischen 
Grundsätzen man gezweifelt habe, möchte ich 
meine Ansicht aussprechen: daß gerade 
dieser Kiderlen -Wächter an seinem 
führenden Posten Leiter einer 
festen Friedenspolitik war und daß 
seine Gesinnung gerade hier an 
dieser Stelle Anerkennung ver- 
diente. 

Bei den Friedensfreunden hat der „Panter- 
sprung" Mißfallen hervorgerufen, bei den 
Kriegslustigen Aerger über die „Schlappheit 
des späteren Rückzugs" ; hier wie dort ist er 
falsch verstanden und falsch gedeutet worden, 
und erst jetzt beginnt man ihn hie und da 
als das darzustellen, was er wirklich war: das 
repräsentative Auftreten einer mitinteressierten 
Großmacht, die sich nicht an die Wand 
drücken ließ. 

Kiderlen hat nie Besitzergreifung von 
Land angestrebt, darum hat in seiner Absicht 
nie Waffengeklirr gelegen, und es kann von 
einem beschämenden oder schlappen Rückzug 
bei Marokko nicht die Rede sein. Seine dies- 
bezüglichen leitenden Ideen hat er oft aus- 
gesprochen und scheinen mir in den Worten 
zu liegen, die er im Freundeskreis gesprochen : 
„Die italienische Diplomatie und 
der König haben sich durch die 
Volksstimmung zum Krieg in Tri- 
polis t reiben lassen, wir haben uns 
mit Marokko eben nicht dazu 
treiben lassen." Ein andermal äußerte 
er in Bezug auf Hetzartikel in der Presse: „z u 
dumm, wir werden uns doch nicht 
so einer Sandbüchse (Marokko) 
wegen in einen Krieg einlassen!" 
Und ein andermal bekam eine hochgestellte 



93 



DIE FBIEDENS -^/ADTE = 



3 



.'Persönlichkeit von ihm zu hören: „Wir 
können doch nicht, um einigen 
Gardeleutnants ein Vergnügen zu 
machen, Krieg anfangenl" Noch einen 
Tag vor seinem Tode, als man ihm den Besuch 
der nach London reisenden Friedensunter- 
händler fernhalten wollte, erklärte er aufs aller- 
energischste : „ich muß die Herren sehen, sie 
sollen unter allen lUmständen an mein Bett 
kommen, es hängt alles davon ab, daß sie 
ihre Sache richtig machen." 

Viele Aussprüche, welche von der ent- 
schiedenen Friedensrichtung dieses Mannes 
zeugen, sind bekannt geworden und sollten 
auch Fernerstehenden ein wahres Bild seiner 
Wirksamkeit geben, einer segensreichen Wirk- 
samkeit, die leider nur zu kurz war, um zu 
breiterer Anerkennung durchgedrungen zu sein. 
Und so muß denn Deutschland in dem Tode 
Kiderlen-Wächters tief das Erlöschen einer 
Kraft betrauern, die in politisch hoch be- 
deutungsvoller Zeit „noch so viel von sich er- 
warten ließ," wie Kaiser Wilhelm sich in 
seinem Beileidstelegramm ausdrückte. J. S. 



Brief aus denVereinigien Staaten. 

Von Henry S. Haskeil, New York. 

Die Frage von internationaler Bedeutung", 
die während des Januar die Oeffentlichkeit 
in hervorragendster Weise beschäftigte, ist 
der Gegensatz zwischen Großbritannien und 
den Vereinigten Staaten über die Panama- 
Kanal-Abgaben. Am 4. Januar hielt 
Präsident Taft in New York darüber eine 
Rede, worin er sich, für den Fall, daß es 
auf diplomatischem Wege zu einer befriedi- 
genden Beilegung nicht kommen sollte, un- 
zweideutig für das Schiedsverfahren aus- 
sprach. Von Interesse war dabei die Er- 
klärung des Präsidenten, daß er für die 
Schiedsgerichtslösung sei, obwohl die Wahr- 
scheinlichkeit besteht, daß die amerikanisch^ 
Regierung vor dem Schiedshof verlieren 
würde. Am) 6. Januar trat Präsident Taft 
dann dafür ein, daß der Fall besser einem 
Sondertribunal statt dem Haager Hof über- 
antwortet werde. 

Tausende von Zeitungen unseres Landes 
haben die Frage in Leitartikeln erörtert, und 
fast alle traten zugunsten einer Erledigung 
ein, entweder durch Zurückziehung jener Be- 
stimmung der Panama-Kanal-Akte, die die 
Küstenschiffahrt der Vereinigten Staaten von 
den Abgaben befreit, oder durch Ueberwei- 
sung an ein Schiedsgericht. Professor Em'ory 
R. Johnson, der Regierungs-Referent und 
Sonder-Kommissionär für den Panama-Kanal- 
Verkehr, veröffentlichte eine sorgfältige und 
logische Erklärung, in der er bewies, daß 
die Befreiung der Küstenschiffahrt der Ver- 
einigten Staaten in Wirklichkeit nur eine 
Subventionierung des Küstenhandels bedeute, 
eine solche keineswegs wünschenswert noch 



notwendig wäre und von den im Küsten- 
handel Interessierten in der Tat auch nicht 
verlangt werde. 

Senator Elihu Root brachte nun am 
14. Januar einen Gesetzentwurf ein zur Amen- 
dierung der Panama-Kanal-Akte durch Besei- 
tigung jener Bestimmungen, die die amerika- 
nische Küstenschiffahrt von der Leistung 
von Abgaben befreit. Am 21. Januar hielt 
Senator Root vor dem Senat eine meisterhafte 
Rede zugunsten seines Antrags. Die „New 
York Tribüne" vom 1 22. Januar sagte ge- 
legentlich der Besprechung dieser Rede fol- 
gendes : „Arn 1 Schlüsse dieser Rede zeigte 
sich deutlich, daß die Opposition gegen die 
Zurückziehung jener Bestimmung, die Groß- 
britannien anfocht, sich abzuschwächen be- 
gann. Verschiedene Senatoren, die in der 
letzten Kongreß-Session dafür gestimmt 
hatten, zeigten sich geneigt, ihr Votum zu 
ändern, so daß es jetzt nicht unmöglich ist, 
daß der Senat entweder das Gesetz amendiert 
oder zumindest zur schiedsgerichtlichen Aus- 
legung der Bestimmungen des Hay-Paunce- 
fote-Vertrages seine Einwilligung gibt." 

Im „Outlook" vom 18. Januar wird ein 
Brief des früheren Präsidenten Roosevelt 
veröffentlicht, worin er die Ansicht vertritt, 
daß es zwar unser Recht sei, unseren Küsten- 
handel von den Kanal-Abgaben zu befreien^ 
insofern aber Großbritannien die Frage auf- 
geworfen habe, es dennoch die Pflicht der 
Vereinigten Staaten sei, sich auf den Schieds- 
vertrag zu verlassen und die Frage der Aus- 
legung des Hay-Pauncefote-Vertrages der 
Schiedssprechung des Haager Hofes zu über- 
weisen. 

Am 20. Januar wurde die Antwort des 
Staatssekretärs K n o x Sir Edward Grey 
übermittelt. Die Antwort verteidigt das Recht 
der Vereinigten Staaten, ihren Küstenhandel 
von den Abgaben zu befreien, und beantwortet 
die Punkte des englischen Protestes. Es 
besteht zwar eine Meinungsverschieden- 
heit im Lande über die Stichhaltigkeit der 
vom Staatssekretär angeführten Gründe, doch 
ist die Oeffentlichkeit in hohem Maße an der 
Anregung interessiert, die am 1 Schlüsse der 
Note gemacht wurde. Danach erklärte es der 
Staatssekretär für wünschenswert, den 
zwischen den Vereinigten Staaten und Groß- 
britannien am 3. August 1911 abgeschlosse- 
nen Schiedsvertrag in der vom Senat der 
Vereinigten Staaten erfolgten Amendierung 
zu ratifizieren und den Streit alsdann der 
darin vorgesehenen Hohen gemischten Kom- 
mission zu überweisen. 

Ende Januar veröffentliche Robert 
Underwood Johnson, der Heraus- 
geber des „Century", eine Broschüre, die 
Hunderte von Aeußerungen aus der Feder von 
Redakteuren, Kollegspräsidenten, Geist- 
lichen, Schriftstellern und Kaüfleuten ent- 
hielt, die fast alle darin übereinstimmen, 
daß die Ehre des Landes entweder eine so- 



94 



t§! 



DIE FRI EDENS -^XÄRXE 



fortige Zurücknahme der Befreiungsklausel 
-oder die Unterwerfung der Angelegenheit 
unter die Schiedsgerichtsbarkeit erfordere. 

Das Volksempfinden des ganzen Landes 
ist überwiegend zugunsten der Rück- 
nahme der Klausel oder der schied- 
lichen Erledigung. Die Angelegenheit 
hängt jedoch vom Kongreß ab. Obwohl 
die öffentliche Meinung einen starken Druck 
auf die Mitglieder des Kongresses ausübt, ist 
es jetzt noch unmöglich, vorauszusehen, ob 
der Kongreß die bestrittene Bestimmung 
zurücknehmen oder zur schiedlichen Erledi- 
gung seine Zustimmung geben wird. Man 
kann lediglich sagen, daß die Stimmung im 
Kongreß von der landläufigen Ansicht ent- 
sprechend beeinflußt wird. 

Edwin D. Mead, der geschäftsfüh- 
rende Direktor der Weltfriedens-Stiftung in 
Boston, absolvierte eine drei Wochen wäh- 
rende Friedens-Vortragstournee im 1 Westen, 
wobei er mehr als 20 Versammlungen vor 
der Studentenschaft größerer Universitäten, 
vor hervorragenden Handelskorporationen und 
politischen Organisationen abhielt. Die Ver- 
sammlungen waren durchwegs stark besucht, 
und überall wurde er mit Wärme und En- 
thusiasmus begrüßt. Bei seiner Rückkehr 
äußerte er sich in folgender Weise: ,,Die 
Herzen des Volkes sind überall mit uns. Was 
im 1 allgemeinen nottut, ist schlichtere Er- 
ziehung, ein festumschriebenes Programm und 
ein klarer Aufruf an das Volk für aktive 
Unterstützung der Bewegung gegen das 
System der ungeheuerlichen Rüstungen und 
des gegenseitigen Mißtrauens, dessen die 
meisten von Herzen überdrüssig sind." Die 
Weltfriedensstiftung hat für die Zurück- 
nahme der Befreiungsklausel entschieden 
Stellung genommen und energisch diesem 
Ziele entgegengearbeitet. 

Am 12. Januar hielt die „New York Peace 
Society" in der Academy of Music, Brook- 
lyn, eine Massenversammlung ab, bei der Re- 
solutionen zur Annahme gelangten, durch die 
die Regierung der Vereinigten Staaten auf- 
gefordert wurde, den Panama-Streit der 
Schiedsgerichtsbarkeit zu unterbreiten, wenn 
sich die diplomatischen Beilegungsmethoden 
als erfolglos erweisen würden. Das Kongreß- 
mitglied James L. Slayden von Texas 
sprach dabei über „Das Panama-Kanal-Ge- 
setz, eine Bedrohung des internationalen Frie- 
dens", und der Direktor der Journalisten- 
schule an der Kolumbia-Universität, Dr. T a 1 - 
cott Williams, der über die „Offenen 
Wasserwege der Welt" referierte, sagte, daß 
die Zwiespältigkeit der Panama-Kanal-Ab- 
gaben einen tötlichen Schlag für den Welt- 
frieden bedeute, da sie aller Gerechtigkeit, 
Billigkeit und Wohlanständigkeit wider- 
spricht. 

Am 24. Januar sprach in der New- Yorker 
Carnegie-Hall der frühere Präsident der 
Harvard-Universität, Dr. C h a r 1 e s!W.E 1 i o t, 



in einer von der „New York Society" ver- 
anstalteten Versammlung über „Die Förde- 
rung des Friedens im Orient". Dr. Eliot 
lenkte die Aufmerksamkeit auf die wunder- 
baren Wandlungen, die sich im letzten halben 
Jahrhundert im Orient vollzogen und er- 
klärte den Gedanken an einen Krieg mit 
Japan für den äußersten Widersinn. Er 
sagt, Japan sei bis jetzt die einzige Nation 
des Orients, die die Methoden der induk- 
tiven Philosophie erfaßt, die die Grundlage 
der westlichen Kultur bilden. Andrew Car- 
negie, der jener Versammlung präsidierte, 
gab seiner Ansicht Ausdruck, daß der Schutz 
des Privateigentums zur See in Kriegszeiten 
bald verwirklicht sein werde. Bei der Jahres- 
versammlung der „New York Peace Society", 
die am 30. Januar abgehalten wurde, hielt 
Mr. Robert Underwood Johnson 
einen wirkungsvollen Vortrag über das Thema 
„Warum sollte die Befreiung der Küsten- 
schiffahrt zurückgenommen werden ?" Am 
Schluß jener Versammlung wurde eine Re- 
solution angenommen, die die Rücknahme 
der Befreiungsklausel oder die Ueberweisung 
der Streitfrage an ein Schiedsgericht fordert. 
Das jetzt dem Repräsentantenhaus vor- 
liegende Miliz-Gesetz begegnet aus drei 
Gründen einer beträchtlichen Opposition. Zu- 
nächst wegen der Gefahr, die Regierung mit 
einer ungeheueren und stets anwachsenden 
Ausgabe zu belasten. Bislang war die 
Miliz eine staatliche Organisation, und es 
war ungesetzlich, sie außerhalb des Landes 
dienstlich zu verwenden. Das vorliegende 
Gesetz sieht die Bezahlung der Miliz durch 
die Zentralregierung vor und bestimmt, daß 
sie unter gewissen Umständen auch außer- 
halb des Landes für den auswärtigen Dienst 
Verwendung finden dürfe. Wird der Ent- 
wurf Gesetz, so berechnet man, daß die 
Raten, die im 1 ersten Jahr 9 234 729 $ be- 
tragen würden, rasch zu 100 bis 200 Millionen 
Dollars jährlich anwachsen könnten. Der 
zweite Einwand ist in dem Widerwillen des 
amerikanischen Volkes für jede Entwicklung 
in der Richtung des Militarismus begründet. 
Der dritte und vielleicht der ernsteste Ein- 
wand vom nationalen Standpunkt liegt in 
der Tatsache, daß die Miliz eine starke po- 
litische Organisation werden könnte, die 
Infolge der großen Zahl von Stimmen, über 
die sie verfügt, einen gefährlichen Einfluß 
auf die Regierung erlangen könnte. Am 
14. Januar hielt die deutsch-amerikanische 
Friedensgesellschaft zur Erörterung des Miliz- 
Gesetzes eine öffentliche Versammlung ab, 
bei der die bereits am 11. Dezember an- 
genommene oppositionelle Resolution neuer- 
dings bestätigt wurde. Der Präsident konnte 
dabei berichten, daß im Einklang mit der 
früheren Resolution die Aufmerksamkeit der 
Oeffentlichkeit auf den gefährlichen Cha- 
rakter der vorgeschlagenen Maßnahmen ge- 
lenkt würde, so daß der Gesetzentwurf kaum 



95 



DIE FßlEDENS->^kDTE 



;§> 



über die Vorbereitungen hinaus gelangen 
werde. 

Der Präsident ist urgiert worden, die 
neue Republik von China anzuerkennen, hat 
dies aber bis jetzt nicht getan. Es scheint 
die Absicht des Präsidenten wie des Staats- 
departements zu sein, die Fortschritte der 
neuen Republik mit sympathischem Interesse 
zu verfolgen, es aber für unrichtig zu er- 
achten, die gegenwärtige provisorische Re- 
gierung von China, ehe ihre Stabilität sich 
erwiesen haben wird, anzuerkennen. 

Am 1 9. Januar hielt der frühere Gesandte 
in Chile, Charles H. Sherill, in New 
York einen Vortrag über die Monroe-Doctrine 
und die Beziehungen unseres Landes mit den 
südamerikanischen Republiken. Bezüglich 
Mexikos spricht er sich scharf gegen eine 
Intervention aus. Sollte diese durch 
die Umstände geboten werden, so schlägt er 
vor, daß Argentinien und Brasilien auf- 
gefordert werden sollten, sich den Ver- 
einigten Staaten dabei anzuschließen, um da- 
durch bei den lateinischen Republiken 
Amerikas jeden Gedanken zu verscheuchen, 
als ob es den Vereinigten Staaten um Ge- 
bietserwerb zu tun wäre. 



Ein internationaler 



Studentenkongreß. 



Von Louis P. Lochner, 

Madison, Wisconsin, 

Sekretär der F£d£ration Internationale 

des Etudiants. 

Vom 26. August bis zum 16. September 
dieses Jahres wird in Amerika der achte 
internationale Studentenkongreß tagen. Er 
wird von der F6d£ration Inter- 
nationale des Etudiants „Cor da 
Fratres" veranstaltet, jener Organisation, 
die im Jahre 1898 in Italien gegründet, sich 
jetzt über 14 Staaten erstreckt. Die Teilnahme 
an dem Kongreß ist jedoch keineswegs auf 
Vertreter der jetzt dem Corda Fratres-Bunde 
angehörigen Studentenverbände beschränkt. 
Eine jede Studentenvereinigung, die sich die 
Förderung von Freundschaft und gegen- 
seitiger Verständigung zwischen Studenten 
verschiedener Länder zum Ziel setzt, ist ein- 
geladen, sich zu beteiligen. 

Der Zweck dieser Zusammenkunft geht 
aus dem „Aufruf" hervor, der unlängst in 
Tausenden von Exemplaren verteilt worden 
ist, „damit der Geist der internationalen Ver- 
ständigung und der Humanität gefördert 
werde, und damit die Studenten der Welt 
in eine weltumfassende Organisation sich 
föderieren mögen' ' . 

Die offiziellen Sitzungen sollen in 
1 1 h a c a , New York, dem Sitz der Cornell- 
Universität, stattfinden; jedoch soll sich der 
Aufenthalt der Delegierten keineswegs auf 
diese liebliche Musenstadt beschränken. Das 



folgende Reiseprogramm ist ausgearbeitet 
worden und soll so weit als möglich aus- 
geführt werden: 

26. Aug.: Ankunft in Boston. 
27. — 30. Aug.: Besichtigung der Sehens- 
würdigkeiten Bostons und der Harvard- 
Universität zu Cambridge. Der be- 
kannte Pazifist Edwin D. Mead aus 
Boston steht an der Spitze des 
Empfangskomitees. 
31. Aug.: Kurzer Aufenthalt in New York. 
(Längerer Aufenthalt am Ende der 
Reise.) 

1. Sept.: Dampfschiffahrt entlang des be- 

rühmten Hudson- Flusses. 

Abends: Empfang im Staatskapitol 
zu Albany von Sr. Exzellenz dem Gou- 
verneur von New York. 

2. Sept.: Ausflug nach den Niagarafällen. 

3. — 7. Sept.: Offizielle Sitzungen des Kon- 
gresses in Ithaca, verbunden mit Aus- 
flügen, Vorträgen, Diners u. dergl. m. 

8. — 9. Sept.: Philadelphia. Besichtigung 
der Sehenswürdigkeiten der Stadt sowie 
der großen Pennsylvania-Universität. 
10. — 12. Sept.: Ausflug nach Washington 
mit großem Empfang der Pan- Amerika- 
nischen Union in dem von Carnegie 
gestifteten Pan-Amerikanischen Palast. 
Auch ein Empfang im Weißen Hause 
ist von dem zukünftigen Präsidenten 
der Vereinigten Staaten, Herrn Prof. 
Dr. Woodrow Wilson grundsätzlich zu- 
' gesichert worden. 
13. — 16. Sept. : New York. Besichtigung der 
Stadt, Empfang von dem Bürgermeister 
William Gaynor, Bankett von der 
New- Yorker Friedensgesellschaft usw. 
Die Vorbereitungen für den Kongreß sind 
gegenwärtig in vollstem 1 Gange. Der „Auf- 
ruf" ist an alle Kultusministerien, an die in 
Washington stationierten ausländischen Ge- 
sandten, an die Studentenzeitschriften aller zivi- 
lisierten Länder, an Studentenkorps und 
andere Studentenvereinigungen sowie an hun- 
derte von einzelnen Studenten gesandt worden. 
Das Ehrenkomitee, das dem Unternehmen sein 
Wohlwollen und seine, Unterstützung zugesagt 
hat, besteht u. a. aus dem Präsidenten 
der Vereinigten Staaten, dem Gou- 
verneur des Staates und dem Bür- 
germeister der Stadt New York, dem 
Generaldirektor der Panamerika- 
nischen Union, den Präsidenten- 
aller panamerikanischen Univer- 
sitäten, an welchen sich gegenwärtig ein 
internationaler Studentenverein befindet usw. 
Eine stattliche finanzielle Subvention ist 
den Leitern des Kongresses von der Car- 
negie-Stiftung zugesprochen worden. 
Und die Ginn- Stiftung zu Boston ermög- 
licht es dem Vorsitzenden des Comite' Cen- 
tral International, Herrn Dr. G. W~ 
Nasmyth, seinen Amtstermin in Europa 
zu verbringen, wo er unter zahlreichen Stu- 



96 



<g= 



DIE FRIEDENS-N^RTE 



dentenverbindungen und ganz besonders in 
dem Verband der Internationalen Studenten- 
vereine an deutschen Hochschulen, der ja auch 
dem Corda Fratres Bund gliedlich angehört, 
Interesse für den Kongreß erweckt. 

Erwähnt seien noch kurz die Ereignisse, 
die für ein völliges Verständnis der Bedeutung 
dieses Kongresses benötigt sind: Im Jahre 
1909, auf Einladung des Zentral-Bureaus der 
Föderation Internationale des 
Etudiants „Corda Fat res", nahmen 
drei Vertreter der nordamerikanischen Asso- 
ciation of Cosmopolitan Clubs, die 
sich nun auf dreißig Universitäten der Ver- 
einigten Staaten und Canadas erstreckt, und 
deren Wirksamkeit ich unlängst in diesen 
Spalten erörtert*), an dem sechsten Kongreß 
dieser F£d£ration im Haag teil. Sie 
fanden eine solche Verwandtschaft der Zwecke 
und Ideale der Cosmopolitan Clubs 
und der Corda Fratres Konsulate vor, 
daß sie begeistert für eine Vereinigung dieser 
beiden großen Studenten verbände eintraten. 

Man konnte sich jedoch auf amerikani- 
scher Seite nicht sogleich einigen, wie eng 
sich dieser Zweibund gestalten solle. Eine 
zweite Delegation wurde also nach dem sie- 
benten Kongreß, der in 1911 zu Rom statt- 
fand, gesandt. Hier endlich wurde ein Pro- 
gramm entworfen, das zunächst nur für das 
gegenwärtige Biennium (1911 — 13) bindend ist, 
das jedoch, wie ich hoffe, in Ithaca end- 
gültig angenommen wird. Gemäß diesem 
Programm bilden solche Vereinigungen wie 
die Consulate der Corda Fratres, 
die Clubs der Association of Cos- 
mopolitan Clubs, die Unions des 
Etudiants von Frankreich, die E a s t and 
West Clubs von England, die internatio- 
nalen Studenten vereine des Verbandes an 
deutschen Hochschulen, die Ligade Estu- 
d i a n t e s von Südamerika eine internationale 
Studentenkonföderation unter der Leitung 
eines Zentralkomitees, bestehend aus zwei 
Vertretern jeder Gruppe. Durch Kongresse, 
Korrespondenz, Erweisung von Gastfreund- 
schaft und sonstige Beweise internationalen 
Wohlwollens wollen diese Gruppen ihren ge- 
gemeinsamen Zweck verfolgen, d. h., Freund- 
schaft und gegenseitiges Verständnis zwischen 
den Studenten der Welt zu fördern, ohne je- 
doch bestimmte religiöse, politische oder öko- 
nomische Grundsätze zu begünstigen oder zu 
bekämpfen. 

Es wäre sehr zu wünschen, daß 
sich die Studenten Deutschlands 
recht zahlreich an diesem Kon- 
gresse beteiligen. Ganz abgesehen 
davon, daß die Beziehungen, die sie 
mit Komilitionen aller Länder bei Ge- 
legenheit des Kongresses anknüpfen können, 
von größtem Nutzen für die Zukunft sein 
dürften, so ist eine starke deutsche Beteili- 

*) Siehe Friedenswarte, Mai, 1912. 



gung ganz besonders wegen der engen kul- 
turellen Verbindungen, die zwischen Amerika 
und Deutschland bestehen, wünschenswert. 
Eine Reise deutscher Studenten würde das 
Band, das hauptsächlich durch die Austausch- 
professuren geknüpft ist, ganz bedeutend ver- 
stärken. 

Eine Lanze für die Rechtsnatur 
des Völkerrechts. 

Von Dr. K a r 1 S t r u p p , Frankfurt a. M. 

Nachdem vor kaum Jahresfrist E. J. 
B e k k e r gegen die Rechtsnatur des Völker- 
rechts Sturm gelaufen ist, bekennt sich so- 
eben Bellardi im neuesten Heft dieser Zeit- 
schrift gelegentlich einer manch Beachtens- 
wertes enthaltenden Besprechung von Weh- 
bergs „Problem eines Staatengerichtshofs" 
zu ähnlichen Auffassungen. Wenn ich an 
dieser Stelle mit einigen wenigen Sätzen auf 
die vielleicht umstrittenste Frage des Völker- 
rechts, über die schon Ströme von Tinte ge- 
flossen sind und wohl auch in Zukunft noch 
fließen werden, eingehen möchte, so geschieht 
dies einzig und allein deshalb, um jene Auf- 
fassung nicht unwidersprochen zu lassen. Denn 
es handelt nicht um Quisquilien. Die leider 
gerade in Juristenkreisen noch immer er- 
schreckend zahlreichen Gegner des Völker- 
rechts pflegen sich ja mit Vorliebe hinter 
dem Satz zu verschanzen, daß dem Völker- 
recht keine Rechtsnatur zukomme, weil 
zurzeit weder eine internationale Gerichts- 
barkeit nach dem Muster der nationalen, noch 
deren „notwendige" Ergänzung, eine Exe- 
kutionsgewalt, vorhanden sei. Daher dann ein 
mitleidiges Achselzucken über die „idealen 
Schwärmer", die auch gegenüber den an- 
geblich zahlreichen, in jedem einzelnen Fall 
aber dick unterstrichenen Verstößen gegen 
das angebliche Völkerrecht noch von seiner 
Existenz fabelten. 

Bei Licht betrachtet, sind diese Einwände, 
gerade wie der Krieg im Verhältnis zur Frie- 
densbewegung, in einer reichlich großen Zahl 
von Fällen lediglich willkommenes Deck- 
mäntelchen zur Verhüllung der eigenen Ig- 
noranz. Mit jenen „Leugnern" des Völker- 
rechts braucht man sich nicht auseinander- 
zusetzen. Ueber sie kann man getrost zur 
Tagesordnung übergehen. Wohl aber muß 
man den anderen, die aus innerster, auf 
Ueberlegung beruhender Ueberzeugung heraus 
eine falsche Auffassung vom Wesen des 
Völkerrechts, ja des Rechts überhaupt, 
leitet, den Weg zu weisen sucht, der 
es ihnen ermöglicht, ihre vorgefaßte Mei- 
nung in einem anderen Lichte zu betrachten 
und, wo möglich, zu korrigieren. 

Gerade Wehberg ist es gewesen, der 
sich in dem' von Bellardi zum Ausgangs- 
punkt genommenen Buche mit Recht gegen 



97 



DIE FBIEDENS -^/ABTE = 



£> 



eine Gleichstellung der internationalen und der 
nationalen Gerichtsbarkeit ausgesprochen hat. 
Wenn Bellardi sich hiergegen wendet und 
meint, die Beweislast für die mangelnde Gleich- 
stellung müsse dem zufallen, der die Wesens- 
gleichheit behaupte, so bewegt er sich damit 
in Gedankengängen, die dem Naturrecht nicht 
fremd gewesen sind. Dem ist es aber, bei 
allen Verdiensten, die dessen Gläubigen sich un-, 
zweifelhaft um die Fortbildung des Rechts 
erworben haben, zu verdanken, wenn Staats- 
und Völkerrecht bis auf die neueste Zeit in 
falschen Bahnen sich bewegt haben und wenn 
man erst vor wenigen Dezennien begonnen 
hat, beide Rechtsinstitute in voller Erkenntnis 
ihrer Eigenart von der ihnen anhaftenden 
Schlacken des Privatrechts (man braucht nur 
an die Staatservituten zu erinnern) zu befreien. 
Aber gesetzt, man müsse wirklich beide 
gleichstellen, so gibt es selbst im Staat, im 
nationalen Recht, Institute, denen Bellardi 
doch wohl kaum den Rechtscharakter ab- 
streiten wird, und bei denen zweifellos eine 
Zwangsgewalt fehlt. Ich meine das Staats- und 
das Strafrecht. 

Zu einer Kriegserklärung seitens des Deut- 
schen Reiches, die ein gnädiges Geschick ver- 
hüten möge, bedarf der Kaiser die Zustim- 
mung des Bundesrats, sofern es sich um einen 
Offensivkrieg handelt. Gesetzt den praktisch 
unmöglichen Fall, es würde ohne jene Zu- 
stimmung . der Krieg erklärt, gäbe es dann 
irgendeinen staatlichen „Zwang" zur Annul- 
lierung jener Erklärung? Und wie liegt es, 
wenn ein Gesetzgeber ein Gesetz erläßt, das 
mit einer Verfassungsbestimmung im Wider- 
spruch steht ? 

Ganz ebenso ist es aber im Strafrecht. 
Wenn § 212 des Deutschen Strafgesetzbuchs 
den Mord mit dem Tode bedroht, so ist der 
Zwang, der hierin gegenüber dem einzelnen 
zum Verbrechen Bereiten liegt, kein 
rechtlich, sondern lediglich ein psycho- 
logisch vermittelter. Man kann daher den 
Satz aufstellen, daß der Zwang nicht als 
Essentiale des Rechts übersetzt, wohl aber 
im modernen Staat als Moment der strei- 
tigen (Zivil-)Gerichtsbarkeit aufgefaßt werden 
muß. 

Ich sage: im modernen Staat. Denn 
schon zu einer Zeit, als es noch keine Ge- 
richtsbarkeit, noch weniger eine Exekutions- 
gewalt gab, hat das Recht existiert. Die 
Universalrechtsgeschichte, insbesondere die 
Rechtsgeschichte der Inder und Germanen, 
zeigt das auf tausend Blättern. Ist aber selbst 
die Gerichtsbarkeit kein Essentiale des Rechts- 
begriffs, so kann es ihr angeblicher Annex 
noch viel weniger sein. 

Und noch eins lehrt die Rechtsgeschichte 

— was freilich die zivilistische Jurisprudenz 
und Bellardi mit ihr nicht anerkennen werden 

— daß nämlich der Zwang keineswegs einzige 
Garantie des Rechts ist. Vielmehr war 



und ist der nichtorganisierte Druck eine 
viel stärkere Rechtsgarantie als aller vom 
Staate geübter Zwang. 

Ich habe eingangs betont, daß die 
Sätze, die ich hier niedergelegt, lediglich um 
des Zwecks willen geschrieben worden sind, 
Leugnern des Völkerrechts, die ihre Ne- 
gierungen auf wissenschaftlichen Erwägungen 
aufbauen, Material zur Ueberlegung und Nach- 
prüfung ihrer Auffassung an die Hand ztu 
geben. Habe ich letzteres erreicht, so trägt 
diese Abwehr ihren Lohn in sich. 



Das Christentum 
und der Kampf gegen den Krieg. 

Von Dr. O. Se ufert. 
Eine Entgegnung. 
Die Januar- Nummer der Friedenswarte 
enthält nebst anderen trefflichen Ausführungen 
zwei Artikel, von denen man ernstlich be- 
zweifeln muß, daß sie dem Zweck dienen, 
den schließlich alle Veröffentlichungen der 
pazifistischen Presse anstreben, nämlich der 
Propaganda der Friedensbewegung. 

Gemeint ist der Artikel von I r o O j s e r - 
k i s und das Zitat von Gerh. Hauptmann. 
Der erstere scheint dem Christentum 
überhaupt jede Bedeutung für die Friedens- 
idee absprechen zu wollen, das letztere stellt 
eine Probe wüster Ausfälle gegen das Christen- 
tum oder wenigstens die Diener der christlichen 
Kirche dar, auf die nicht weiter eingegangen 
werden, sondern deren Aufnahme nur — ge- 
linde ausgedrückt — bedauert werden soll. 
Die Friedenswarte scheint auf dem in 
gewisser Beziehung löblichen Standpunkte zu 
stehen, daß alle einschlägigen Erscheinungen 
auf dem Gebiete der Presse, der Literatur, des 
öffentlichen Lebens, soweit sie dem pazi- 
fistischen Geiste dienen könnten oder (den. 
Zweck) der Verbreitung dieser Idee zu fördern 
geeignet sind, Aufnahme verdienen. 

Aber, wenn solche Erscheinungen nur den 
gegenteiligen Erfolg zu erzielen geeignet sind, 
dürfte es füglich angebracht sein, oder er- 
laubt sein, die Notwendigkeit oder Zweck- 
mäßigkeit ihrer Aufnahme zu kritisieren. 

Der Aufsatz von Iro Ojserkis, der sich 
in förmlichen Gegensatz zu den reichen lite- 
rarischen Erzeugnissen aus der pazifistischen 
Literatur, die das Thema Pazifismus und 
Christentum in einem diesem günstigen Lichte 
behandeln, stellt, und ihm, speziell den Of- 
fiziösen der Christenheit, eine sehr traurige 
Rolle in der Frage zuspricht, andererseits da- 
gegen dem Buddhismus mit einem senti- 
mentalen Nimbus entgegenkommt, mag sich 
gut ausmachen in einer monistischen Zeit- 
schrift, wo auf anders Denkende keine Rück- 
sicht genommen zu werden braucht, aber der 
Pazifismus und seine Presse, die sich einer 
Anzahl von Ausführungen und Gedanken aus 



98 



<§= 



DIE TRI EDEN5 -WARTE 



der christlichen Religion bedienen, würde eine 
sehr inkonsequente Haltung und Auffassung 
vton seinen Anhängern verlangen, wenn er 
nun die Ausführungen von I. Ojserkis ernst 
genommen wissen wollte. 

(Wir wollen oder können nicht darauf 
eingehen, daß der Verfasser des Artikels den 
Geist des Christentums ignoriert oder spöt- 
tisch abtut und fast nur den bildlichen Wort- 
laut resp. Symbole als Gegenargumente ins 
Feld führt, wir können in einigen Zeilen nicht 
mit dem Verfasser uns auseinandersetzen über 
die Wirkung der christlichen Weltauffassung, 
die bestimmt war, eine Welt von Wollust und 
Grausamkeit umzugestalten, und Kultur und 
Milde an Stelle von Barbarei und Blut zu 
setzen; wir dürfen hier nur kurz belehren, 
daß das Christentum nicht einen Umsturz, 
sondern eine allmähliche Umgestaltung zu be- 
wirken berufen war, welcher Prozeß z. B. in 
betreff der mit dem Krieg oft zusammen- 
genannten Sklaverei sich im Laufe der Jahr- 
hunderte vollzog und erst im letzten Jahr- 
hundert seinen Abschluß fand, wenn über- 
haupt der Verfasser jenes Artikels das 
Christentum als dabei mitwirkenden Faktor 
gelten zu lassen erlaubt. 

Greift das Christentum auch nicht direkt 
den Krieg an, — was wollten auch seine 
kleinen Verkündiger gegen Weltreiche und 
Machthaber? — seine Wertung des indivi- 
duellen Menschen genügte allem schon, um 
daraus das Unchristliche der „Menschen- 
schlächterei" abzuleiten. 

Nein, das Christentum mit seiner Achtung 
des Individuums, seiner Fürsorge für die 
Aermsten und Unglücklichsten zu einer Zeit, 
wo für den Staatsabsolutismus der einzelne 
eine Null war, darf noch ruhig als der 
mächtigste Hort angesehen werden, der den 
Kleinen und Schwachen in Schutz nimmt gegen 
Gewalt und Machthaber, der in dem Men- 
schen ein göttliches Ebenbild sieht, ihn nicht 
als ein [Stück „Materie" abtut; mindestens 
darf der naturalistische Monismus, der in dem 
nichts als ein Stück belebten Stoffes oder eine 
hochentwickelte Bestie sieht, nicht versuchen, 
einen Vergleich auszuhalten, da hieraus nur 
der Kampf aller gegen alle sich folgern ließe, 
am allerwenigsten aber eine bindende Ver- 
pflichtung zur Schonung des Nebenmenschen 
bestände. 

Ueberdies ist es gar nicht wahr, daß die 
Offiziösen der Christenheit sich der Friedens- 
frage absolut renitent gegenüber verhalten. 
Eines unserer schönsten Zitate, über das wir 
Pazifisten verfügen, ist doch das des Führers 
der katholischen Christenheit, Leo XIII. : 

„Nichts ist dringender, nichts ist not- 
wendiger, als dem Kriege entgegenzuarbeiten. 
Jedes Streben in dieser Richtung muß als 
ein löbliches Wirken im Sinne der christlichen 
Anschauung und zum allgemeinen Besten be- 
trachtet werden"; und ein Blick auf Seite 117 



(Nr. 11) des Völkerfriedens dürfte Verfasser 
belehren, daß in Frankreich und Belgien usw. 
mächtige kirchliche Faktoren pro pacifismo 
am arbeiten sind, von den Ideen durch- 
drungen, daß sie bei ihren Bestrebungen in 
Uebereinstimmung mit dem Geist und den 
Lehren des Evangeliums handeln, Bestre- 
bungen, denen die Billigung des Papstes zu- 
teil wird. 

Der Vorwurf, den der Verfasser bedauer- 
licherweise dem Christentum selbst zu machen 
sich bemüht, trifft nicht die christliche Re- 
ligion oder Kirche als solche — , sondern viel- 
mehr Systeme, die sich in wechselseitigen Be- 
ziehungen zwischen Staat und Kirche heraus- 
gebildet haben, wie Nationalkirchentum, Par- 
teien usw. 

Und darin sieht es freilich in Deutsch- 
land, Oesterreich, Rußland usw., trüb aus. 
Wer z. B. die Verhältnisse in Deutschland be- 
obachtet, muß zugestehen, daß auch das 
kirchenfreundliche Zentrum sich zu einer ganz 
gehörig national-enthusiastischen Partei ent- 
wickelt, die unter religiösem Einfluß den quo 
ad publicum et plebem einflußreichsten 
Hinderungsgrund des Pazifismus, wenn auch 
nicht aktiv, so doch durch sehr passives Ver- 
halten, darstellt; desgleichen die entsch. Par- 
teipresse. Hier müßte der Hebel eingesetzt 
werden. (Vgl. darüber auch den Artikel von 
M. Spahn im Januarheft des „Hochlands".) 

Eine solche Tendenz, wie sie eben aus- 
gesprochen, liegt aber der besprochenen Aus- 
führung von I. 0. gar nicht zugrunde, viel- 
mehr ist es ein Angriff gegen das Christen- 
tum, der mit großer Kurzsichtigkeit seine Be- 
hauptungen mit einigen krampfhaft zusammen- 
gesuchten Stellen aus dem Neuen Testament 
zu belegen sucht und dabei, da er nur Buch- 
stabe nauslegung betreibt, zu Resultaten kommt, 
über deren Widerspruch mit der üblichen 
Auffassung man fast lächeln muß. 

Aber, gesetzt auch der Fall, es verhielte 
sich das Christentum zum Krieg passiv, oder 
besser gesagt, I. O. hätte mehr Recht zu seinen 
Behauptungen, als er in der Tat hat, so sind 
doch in einer Zeit, da wir den Pazifismus mit 
allen Schikanen zu schützen bestrebt, und in 
allen Kreisen Propaganda zu machen gewillt 
sind und von der pazifistischen Presse dazu 
animiert werden — , solche Aeußerungen un- 
klug, die geeignet sind, mit einem Schlage 
Legionen von Anhängern abzuschrecken, weil 
sie hinter solchen Machenschaften antichrist- 
liche Tendenzen vermuten. 

Und vorerst wird der Pazifismus mit einer 
hauptsächlich aus Anhängern der christlichen 
Weltanschauung bestehenden Gefolgschaft 
rechnen müssen, wenrt er nicht auf eine Stär- 
kung seiner Position verzichten will. 



99 



DIE FßlEDENS-^MGJZTE 



[§> 



Geburtenrückgang und 
Internationalismus. 

Von Dr. MaxSeber, Dresden. 

Von den Rassentheoretikern wurde schon 
ziemlich früh auf die unbestreitbare Tat- 
sache hingewiesen, daß auch in Deutschland 
die Geburtenziffer sich ständig verringert und 
hierin eine große Gefahr für den Bestand der 
Nation liegt. Diese Warnungsrufe blieben un- 
beachtet, bis sich das Preußische Ministerium 
des Innern entschloß, dieser Richtung der 
Bevölkerungsbewegung ihr Augenmerk zu 
schenken. Seitdem hallt es auch bei uns von 
den Jammerrufen aus ihrer Ruhe aufgestör- 
ter Patrioten, und Vorschläge aller Art zur 
Eindämmung dieses Prozesses hagelt es nur 
so. Trotzdem ist in allen Veröffentlichungen, 
die sich mit dieser bedeutsamen Frage be- 
fassen, ein gewisser elegischer Zug unver- 
kennbar. Die Erfahrungen Frankreichs zeigen 
doch wohl zur Genüge, wie gering die Aus- 
sicht ist, daß diese rückläufige Art unserer 
Menschenvermehrung bald wieder ins Gegen- 
teil umschlägt. 

Die vorliegenden statistischen Tatsachen 
sind von einer so unerbittlichen Folgerichtig- 
keit, daß man schon ein großer Optimist 
sein muß, um an eine Besserung zu glauben. 
1876—1885 entfielen auf 10000 Menschen 
393 Geburten, 1910: 298, 1911: 286. Anstatt 
2 700 000 Geburten hatten wir 1910 nur 
1 980 000; 1911 : 1 924 000. Da nun die Städte 
eine viel geringere Geburtenhäufigkeit auf- 
zuweisen haben als dem 1 Landesdurchschnitt 
entspricht, so ist es klar, daß die Tendenz 
der Geburtenminderung ebenso unaufhaltsam 
ist wie die Tendenz der Verstadtlichung. 
Heute schon leben zwei Drittel des deutschen 
Volkes in Städten, und immer noch strömen 
die Scharen vom Lande ihnen zu; auch um- 
klammern besonders die Großstädte, die ver- 
hältnismäßig am wenigsten zur Volksver- 
mehrung beitragen, immer größere Menschen- 
massen. Zweifellos ist aber nicht das Leben 
in den Städten selbst die Ursache der kleinen 
Geburtenzahlen, sondern die dort den 
breitesten Massen gewährte Gelegenheit der 
Bildungsaneignung, wodurch die Einsicht in 
die Ursachen ungünstiger ökonomischer Ver- 
hältnisse bei jedem 1 einzelnen wächst und 
der Wunsch wachgerufen wird, deren Wieder- 
holung, d. h. eben mehr Kinder, zu ver- 
meiden. Die praktischen Maßnahmen dazu 
sind ja bald jedermann bekannt. Die mo- 
dernen Bestrebungen, auch das platte Land 
durch Volksbüchereien, Wanderredner usw. 
am 1 kulturellen Leben zu beteüigen, befördern 
schließlich auch dort die Rationalisierung des 
Geschlechtslebens, so daß auch hier die Ge- 
burtenziffer sinkt. Ein trübes Bild für 
unsere Nationalisten der rohen Gewalt ! Der 
vorher noch so heitere Firmament ihrer 
Ideale, der nur von alldeutschen Phantasie- 



gestalten, gewaltigen Recken und männer- 
mordendem Schlachtgetümmel erfüllt war, 
hat sich plötzlich umwölkt. Die so romantisch 
empfindende echt deutsche Männerbrust sieht 
sich plötzlich um ihre schönsten Träume von 
Weltkrieg und Welteroberung geprellt und 
von der Poesie des frischen, fröhlichen Kriegs 
zur karbolduftenden Prosa des Wochenbetts 
versetzt. Zwar ist die Geburtenzahl allein 
für die Bevölkerungsbewegung eines Landes 
noch nicht maßgebend; es muß vielmehr 
auch die Sterblichkeitsziffer berücksichtigt 
werden. Doch kann dem Beweisgrund nicht 
entgegengesetzt werden, daß das Gebären 
viel mehr eingeschränkt werden kann als das 
Sterben. Wenn auch unsere Säuglingssterb- 
lichkeit noch recht hoch ist im 1 Vergleich 
mit den nordischen Staaten und die Tuber- 
kulose bei uns doppelt so viele Menschen 
dahinrafft als in England, so ist doch nicht 
daran zu denken, daß durch das Sinken der 
Sterblichkeitsziffer der Fall der Geburten 
wettgemacht wird. Der Geburtenüberschuß 
wird immer kleiner. 1908—1910 betrug er 
noch 880 000; 1911 nur 740 000, woran aller- 
dings die höhere Kindersterblichkeit im 
heißen Sommer dieses Jahres mit Schuld hat. 
Ganz besonders bedenklich stimmt aber nun 
ein Vergleich der Geburtenbewegung in den 
anderen Ländern. Selbst im europäischen 
Rußland ist ja ein Rückgang zu verzeichnen, 
der aber weit geringer als bei uns ist. Heute 
schon übertrifft die Bevölkerungszahl des 
Russenreichs die deutsche um 1 100 Millionen, 
wenn auch das asiatische Rußland mit ein- 
gerechnet wird. Um 1950 wird sie nach Wolf 
aber schon 150 Mülionen betragen. Unsere 
militärische Stellung wird dieser größten 
Ostmacht gegenüber also ebenso hoffnungs- 
los wie die Frankreichs zu uns. Was soll denn 
da nun geschehen ? Gewiß gibt es Wege 
genug, die einiges bessern können. Die Be- 
kämpfung der Geschlechtskrankheiten ist 
sicher aussichtsreich, wodurch die natürliche 
Unfruchtbarkeit verringert würde. Alle wirt- 
schaftlichen Maßnahmen aber werden nur 
sehr geringen Erfolg haben, denn sie können 
doch nur einen verschwindenden Teil der Auf- 
wendungen ersetzen, die die Geburt und Er- 
ziehung eines Kindes mit sich bringt. Soweit 
die rein materielle Denkweise, vor allem 
auch der oberen Schichten, als Schuldige an- 
gesehen werden muß, läßt sich sicher auch 
durch Beeinflussung der öffentlichen Mei- 
nung etwas erreichen, doch wiederum' nur 
in Verbindung mit einer allgemeinen Hebung 
unseres Bildungsstandes, was keine Sache von 
heute auf morgen ist. So sehen wir denn ganz 
klar, daß es sich nur darum 1 handeln kann, 
die Folgen dieses nicht mehr zu ändernden 
Zustandes zu beseitigen, da dieser selbst 
nicht mehr umzukrempeln ist und, vom 
sozialen Gesichtspunkt aus betrachtet, es 
auch nicht soll. Die Gefahr, die den Völkern 
hoher Kultur infolge ihrer geringeren Ver- 



100 



<§= 



DIE FRI EDENS -^&RXE 



mehrung von den tieferstehenden Völkern 
droht, kann nur durch eine Verständigung 
der Kulturmächte gebannt werden. Sie 
müssen sich zusammenschließen, um einen 
derartigen etwaigen „Kulturkampf" bestehen 
zu können. Je früher dies geschieht, desto 
besser ist es. Jetzt, wo die Kulturnationen 
die Welt beherrschen, haben sie die Macht, 
ihren Willen den anderen Völkerschaften auf- 
zuzwingen. Uebersteigen sie beizeiten die 
Klüfte und Spalten, die zwischen ihnen 
gähnen, so können sie die Militarisierung der 
tiefersteh enden Menschenhorden verhindern, 
sich und der ganzen Welt Frieden bringen. 
Bleibt diese Verständigung jetzt aus, so wird 
vielleicht erst die unmittelbare Gefahr eines 
Weltkrieges zwischen Kultur- und Halb- 
kulturstaaten jene zusammenschweißen und uns 
dann wahrscheinlich vor einem ungeheuren 
Weltbrand nicht mehr bewahren können. So 
möge der Rückgang der Geburten den Kultur- 
staaten ein Alarmzeichen sein, daß es hohe 
Zeit ist, sich zu verständigen. Wir stehen 
in Deutschland wieder vor ungeheuren Rü- 
stungen. Die Gefahr des beschränkten 
Gewalt-Nationalismus wird dadurch vielleicht 
vielen deutlich, die bisher den Abgrund nicht 
ahnten, vor dem wir stehen. In welch un- 
geheure Zwickmühle führt uns doch dieses 
Prinzip des Machtfanatismus: Man sieht 
die Notwendigkeit sozialer Reformen ein und 
muß doch die wirksamste Selbsthilfe, die 
Beschränkung der Kinderzahl, bekämpfen; 
man will den Familienvätern wirtschaftliche 
Erleichterung zukommen lassen und belastet 
sie doch wieder viel ärger durch die Rüstungs- 
steuern; man sucht durch kolossale Rü- 
stungen sein Volk in einen möglichst guten 
Verteidigungszustand zu bringen und gefähr- 
det es aber viel stärker, weil dadurch auch 
die zurückgebliebenen Völker zu Rüstungen 
gezwungen werden, deren größte Reserve 
aber die hohe Geburtenziffer ist, die wir 
nicht mehr erreichen können. Ein gefähr- 
licher Wettbewerb! Wir arbeiten so wie 
Wahnsinnige an unserem eigenen Unter- 
gang! In Zukunft gibt es nur zwei ver- 
nünftige Möglichkeiten: entweder benutzen 
die Kulturmächte ihre Herrschaft zur syste- 
matischen Ausrottung der Halbkulturvölker, 
oder sie verständigen sich und schenken der 
Welt Frieden. Mit kleinlichen Maßnahmen 
ist nichts getan. Entweder morden wir Millio- 
nen oder verständigen uns. Kann diese Wahl 
noch Zweifel bringen ? 



Goethe über den Krieg. 

Von Prof. Dr. Ritter, Weimar. 

Im Augenblick, in dem ich dies über 
Goethes Urteil vom Kriege schreiben will, 
dürfte es ganz eitel erscheinen, über den 
Krieg als über ein überflüssiges Uebel zu 
reden, um 1 so eitler, als* die letzten beiden 



Jahre mit dem Tripolis- und Balkankriege 
den Friedensmachern genug bewiesen haben 
könnten, daß der Krieg zur Weltordnung, 
zumal der menschlichen oder sozialen, ge- 
hört, noch dazu um so mehr, weil der Tri- 
poliskrieg gerade zu der Zeit ausbrach, als 
die Friedensleute, geschwellt von Friedens- 
hoffnungen, in Rom einen Kongreß zur Welt- 
friedfertigkeit halten wollten, aber dann 
wegen des Krieges; nicht halten konnten. 
„Diese Erfahrung dürfe doch genügen !" 
mögen die Kriegsanbeter triumphieren. Aber 
weder diese, noch viele früheren Erfahrungen 
genügen, zumal, wie schon Kant gesagt hat, 
die Erfahrungen voll Widerspruchs sind, 
auch nach der induktiven Logik nicht zu- 
reichen, widerspruchslos allgemeine und für 
die Praxis brauchbare Urteüe zu bilden. 
Kurz, die Kriegsanbeter sind alle durchweg 
schlechte Logiker und darum keine Denk- 
politiker, sondern nur Gefühls- oder Stim- 
mungspolitiker. Sie lieben es zwar und 
rühmen sich damit, nicht Gefühlspolitiker zu 
sein, sondern Realpolitiker; doch um diesen 
Gegensatz will ich nicht streiten, sondern 
um den Gegensatz Gefühls- und Denk- 
politiker, zumal in diesem letzten Begriff 
der Begriff Realpolitiker mitgedacht wird. 
Fühlen ist subjektiv, Denken objektiv oder 
real. Doch genug, da ich hier nicht Er- 
kenntnistheorie zu lehren habe, sondern vom 
Kriege in Goethes Auffassung reden will. 

Bevor ich dazu schreite, darf ich wohl 
ein Gleichnis zur Veranschaulichung der Un- 
logik unserer Gegner, der Anbeter des 
heidnischen Gottes Mars, hierher setzen. 
Die Leser kennen, so setze ich voraus, 
etwas von der Wettervorhersagung des Herrn 
Falb und von dem 1 Widerspruch oder der 
Kritik, mit der man sie leicht abtun zu 
können glaubte. Es ging und geht diese Kritik 
meist so vor sich: Wenn Herr Falb vorher- 
gesagt hatte, z. B. daß am 10. Oktober 
Sturm und Regen sein würden, weil dann, 
wie gerade in diesem Jahre (1912) Neu- 
mond in Erdnähe sein würde, so glaubte 
jedermann, daß auch er den Sturm ,und 
Regen bekommen müßte, nicht bloß die 
südlichen Tropen, und erklärte, jede Vor- 
hersage sei falsch, wenn es auch nur 10 
oder gar nur 5 Küometer von ihm ent- 
fernt geregnet hatte, ohne weiter an die 
mancherlei Umstände zu denken, die zur Er- 
zeugung des Regens zusammenwirken. „Ja 
— irgendwo auf der Erde kann es ja ge- 
regnet haben, nur bei mir nicht", das war 
der Gedanke dieser Herren, die z. B. das 
eine nicht bedachten, daß zur Erzeugung 
von Regen zwei Luftströmungen gehören, eine 
kalte und eine warme, deren jede schon nur 
einen Teil der Erdoberfläche, nicht die 
ganze einnehmen kann. „Schadet nichts! 
Falb redet Hirngespinste", sagen die, die 
nur ganz abstrakt nach dem Buchstaben ur- 
teilen können, ähnlich wie der Klosterbruder 



101 



DIE FRIEDENS -V&BTE 



;s> 



Lessings sagt: „Schadet nichts! Der Jude 
wird verbrannt." 

Aehnlich abstrakt wie sie, nur gegenteilig, 
dachte jene Waschfrau, zu der ihre Nach- 
barin sagte: „Haben Sie schon gelesen, Frau 
Müllern? Ostern soll die Welt untergehen." 
„Ach! das geht mich nichts an," antwortete 
die kluge Müllern, „denn ich reise zu Ostern 
nach Stettin zu meiner Tochter." Wie jene 
abstrakt nur an das Ganze denken, so denkt 
diese abstrakt nur an den Teil, auf dem sie 
gerade steht; beide könnten sich aber nicht 
über das handgreiflich Einzelne erheben. 

Ihnen gleichen Sie, meine Herren, die 
nur das Einzelne des großen Ganzen der Ge- 
schichte sehen, nicht die ganze Summe, die 
Bäume wohl, nicht aber den Wald, auch nur 
immer ein Merkmal abstrakt betrachten, nicht 
alle in concreto, allenfalls nach voreiligem 
Induktionsschluß urteilen, wo nicht gar den 
Wunsch den Vater des Gedankens sein lassen, 
so ähnlich auch, wie das Weib Emilie in 
Shakespeares Othello. Diese meint nämlich, 
daß man das Verbrecherische nur gesetzlich 
zu sanktionieren brauche, damit es den Cha- 
rakter, verbrecherisch zu sein, verliere. Aehn- 
lich verfährt von Treitschke, der den Krieg 
einfach „heiligt". „Bis an das Ende der Ge- 
schichte werden die Waffen ihr Recht be- 
halten", sagt er; „und darin liegt die 
Heiligkeit des Krieges. Die Größe des 
Krieges liegt gerade in jenen Zügen, welche 
die flache Aufklärung ruchlos findet". 

Armer Kant ! Wie bist du doch ein flacher 
Aufklärer in Herrn v. Treitschkes Augen, der 
du geglaubt hast, die Eliminierung des Krie- 
ges aus dem Staatenleben zum letzten Schluß 
deiner Weisheit machen zu müssen! Doch, 
mein verehrtester Kant, du brauchst dich nicht 
zu schämen, am wenigsten vor Herrn von 
Treitschke, zumal du in Herrn Goethe einen 
guten Eideshelfer deines Glaubens gefunden 
hast, der gleich dir an verständige Menschen 
appelliert hat. „Schon wieder Krieg!" sagt 
er (Faust IL Akt. 4)*). „Der Kluge hört's 
nicht gern." 

Mephistopheles, hierin ein Eideshelfer des 
Herrn von Treitschke, erwidert im Ethos des 
„geistigen Tierreichs"**). 

Krieg oder Frieden — — klug ist das Be- 
mühen, 
Aus jedem Umstand seinen Vorteil 

ziehen. 
Man paßt, man merkt auf jedes günstige Nu; 
Gelegenheit ist da; nun, Fauste, greife zu." 
Für den im Reiche der Vernunft lebenden 
Faust sind das Rätselworte: „Mit solchem 
Rätselkram verschone mich! Und kurz und 
gut, was soll's? Erkläre dich." 



*) In Bielschowskis Goethe-Biographie ist 
dieser Akt nicht behandelt. Warum nicht? War 
der Stoff heißes Eisen ? 

**) Ausdruck Hegels. 



Als dann Mephisto sich erklärt, indem 
er von der Tiefe seines „geistigen Tierreichs" 
Faust auf die Gelegenheit zu Landerwerb hin- 
weist und mit der Lockung zu Herrschaft 
und Genuß zu gewinnen sucht, erwidert Faust 
aus der Gedankenhöhe seines geistigen Men- 
schenreiches : 

„Ein großer Irrtum! Wer befehlen soll, 
Muß im Befehlen Seligkeit emp- 
finden; 
Ihm ist die Brust von hohem Willen voll, 
So wird er stets der Allerhöchste sein, 
Der Würdigste — ; Genießen macht ge- 
mein." 

Darauf fährt Mephisto fort, indem er mit 
klugem Opportunismus ein typisches Bild, etwa 
nach dem Vorbild des heiligen römischen 
Reiches oder der französischen Revolution 
oder, gleichsam als hätte er es vorausgeahnt, 
von den Balkanwirren gegenwärtig (Okt. 
1912) malt und den Egoismus als Anbeter 
des Erfolges heranzieht. 

„Die Tüchtigen, sie standen auf mit Kraft 
Und sagten: „Herr ist, der uns Ruhe schafft. 
Der Kaiser kann's nicht, will's nicht — laßt 

uns wählen 
Den neuen Kaiser, neu das Reich beseelen, 
Indem er jeden sicherstellt, 
In einer frisch ^geschaffnen Welt 
Fried' und Gerechtigkeit vermählen." 

Bei dieser Sophistik des Erfolges erhebt 
sich Faust wiederum auf die Höhe wahr- 
haftigen Urteilens und sagt: 
„Das klingt sehr pfäffisch", denn Pfaffen 
Sind überall die sophistischen Apologeten*) des 
Erfolges, zumal sie ihren Lohn dabei dahin- 

nehmen. 
„Pfaffen waren's auch. 
Sie sicherten den, wohlgenährten Bauch ; 
Sie waren mehr als andere beteiligt, 
Der Aufruhr schwoll, der Aufruhr ward ge- 
heiligt," 

Mephisto ist zwar doppelzüngig, hinter- 
listig, aber auch wahrhaftig, wenn's ihm 
Spaß macht, besonders wenn er andere ver- 
höhnen kann, nachdem sie ihm Gelegenheit 
gegeben, Widerspruch zwischen hohen Intui- 
tionen (Intuition mit Goethe) und nach- 
folgenden Taten ins Licht zu stellen. In diesem 
Sinne sagt er derb und geradezu auf Fäustens 
Frage, was es gebe: „Nein! Aber gleich Herrn 
Peter Squenz vom ganzen Praß die Quint- 
essenz." Bei diesen Worten treten die drei 
Gewaltigen auf, zu denen sich bald ein vierter 
gesellt, die Typen des Krieges, deren Wesen 
Goethe durch ihre Namen allegorisiert hat, 
denn sie heißen Raufebold, Habebald, Halte- 
fest und Eilebeute. Jeder schildert dann sein 
Wesen selbst gerade so ungefähr, wie die 
Königlein der Balkan-Halbinsel reden, die 
viel Gerede von hohen Intentionen machen T 






*) Goethes Gespräche mit Eckermann III,. 
Seite 33, 215 und 230 ff. 



102 



@= 



DIE FRIEDENS -WARTE 



während sie doch nur raufen, haben und fest- 
halten wollen; auf sie paßt das Wort, das 
Goethe den Kaiser sprechen läßt: 
„Sich selbst erhalten, ist der Selbstsucht Lehre, 
Nicht Dankbarkeit und Neigung, Pflicht und 

Ehre. 
Bedenkt ihr nicht, wenn eure Rechnung voll, 
Daß Nachbars Hausbrand euch verzehren 

soll." 

Das heißt in die Worte des Tages über- 
setzt, daß ihr den Krieg nicht werdet lokali- 
sieren können. Und so soll ein edler Serbe 
gesagt haben? „Sind wir erst in Uesküb, so 
wollen wir den sehen, der uns heraustreiben 
kann."' Für Herren von dieser kaltnasigen 
Gesinnung gilt das berühmte Wort Voltaires: 
„Dans loutes les guerres il ne s'agit que de voler" 

Dann stellt Goethe die Schlacht dar zwi- 
schen dem Kaiser und dem Gegenkaiser; aus 
dieser Darstellung ist merkwürdig das Boten- 
paar; das sind nämlich Raben, d. h. Aas- 
vögel, nicht Tauben, denn 

„Die Taubenpost bedient den Frieden, 

Dien Krieg befiehlt die Rabenpost." 
Die Raben sind Mephistos Diener. 
„Setzt euch ganz nah' zu meinen Ohren! 
Wen ihr beschützt, ist nicht verloren, 
Denn euer Rat ist folgerecht." 

Ja — ganz folgerecht, doch die Folge- 
richtigkeit ist vom Teufel, dagegen Erbarmen 
von Gott^ d. h. logisch, die Inkonsequenz, die 
Reihe schlechter Taten vor ihrem Schlüsse 
abzubrechen, oder ethisch, die Güte, den 
Sünder nicht zu verderben, zumal er will, daß 
der Sünder lebe, nicht verderbe. 

Der Leser wolle dies auf die Balkan völker 
anwenden. Gewiß sind die Türken bisher arge 
Uebeltäter gewesen, aber muß man sie nun, 
da sie versprochen haben, sich zu bekehren, 
d. h. die geforderten Reformen einzuführen, 
vernichten? Vernichtet würden sie schließlich 
werden, wenn auch nicht gerade heute schon, 
wenn allen den Kleinen zugelassen würde, die 
„Konsequenzen zu ziehen". Daß dies nicht ge- 
schehen kann, dafür hat Rußland gesorgt. 
Doch davon spreche ich besser zum Schlüsse, 
da ich eigentlich von Goethe zu sprechen an- 
gefangen habe. 

Hier ist noch übrig, vom Urteil Goethes 
über den Ausgang des Krieges zu sprechen. 
Goethe ist überzeugt,, daß das Ende, sei es 
glücklich oder unglücklich, nur vom Zufall, 
d. h. nicht von des Menschen eigener Lenkung 
abhängig ist. Allerdings; weiß er auch, daß 
egoistisch der Sieger, zumal der Kaiser, den 
Sieg sich nur allein, nicht dem Zufall, zu- 
schreibt. Seine Botschaft lautet: 
„Beruhigt sei das Reich, uns freudig zugetan! 
Hat sich in unsem Kampf auch Gaukelei ge- 
flochten, 
Am Ende haben wir uns nur allein ge- 
fochten. 
Zufälle kommen ja den Streitenden zugut: 



Vom Himmel fällt ein Stein, dem Feinde 

regnet's Blut, ( 
Aus Felsenhöhlen tönt's von mächt'gen Wunder- 
klängen, 
Die tapfre Brust erhöhen, des Feindes Brust 

verengen. 
Der Ueberwund'ne fiel, zu stets erneutem 

S po tt; 
Der Sieger, wie er prangt, preist den ge- 

w o g ' n e n Gott, 
Und alles stimmt mit ein, er braucht nicht zu 

befehlen, 
Herr Gott, dich loben wir! Aus hunderttausend 

Kehlen." 
Also — der Götze, „Erfolg" genannt, wird 
gepriesen sehr, doch eventus stultorum ma- 
gister sagt Fabius Cunctator bei Livius, d.h. der 
Ausgang oder Erfolg ist der Lehrer der Toren, 
d. h. derer, die weder Eigenes denken noch 
Fremdes nachdenken. 

Faust, der dem Kaiser durch allerlei 
Künste geholfen hat, erhält vom Kaiser ein 
Lehen, das dem Wasser durch Dämme erst 
abgewonnen werden soll. Das ist allegorisch 
ein Gebiet, das nicht einfach nach alter Raub- 
manier, z. B. wie der Türken, okkupiert, 
sondern durch die Erwerbsmethode der neuen 
humanen Zeit durch Arbeit geschaffen werden 
muß. In diesem Sinn läßt auch Schiller seinen 
Stauffacher sagen: 

„Wir haben diesen Boden uns erschaffen 
Durch unserer Hände Arbeit." 

Diesen Gedanken spricht Goethe mehr- 
mals aus; einmal sagt er durch Mephistos 
Mund: 

„Krieg, Handel und Priraterie, 
Dreieinig sind sie, nicht zu trennen." 
In seinem Sinne zu wirken greift Faust 
zur Kolonisationsarbeit. 
„Ein Sumpf zieht am Gebirge hin, 
Verpestet alles schon Errungene; 
Den faulen Pfuhl auch abzuziehen, 
Das Letzte war' das Höchsterrungene. 
Eröffne ich Räume vielen Millionen. 
Nicht sicher zwar, doch tätig — frei zu 

wohnen. 
Grün das Gefilde, fruchtbar Mensch und 

Herde. 
Sogleich behaglich auf der neu'sten Erde,, 
Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft, 
Den aufgewälzt kühn-ems'ge Völkerschaft. 
Im Innern hier ein paradiesisch Land, 
Da rase draußen Flut bis auf zum Rand, 
Und wie sie nascht, gewaltsam einzuschießen. 
Gemeindrang eilt, die Lücke einzuschließen. 
Ja! Diesem Sinne bin ich ganz ergeben, 
Das ist der Weisheit letzter Schluß: 
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, 
Der täglich sie erobern muß. 
Und so verbringt, umrungen von Gefahr, 
Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig' 

, Jahr. 

Solch' ein Gewimmel möcht' ich seh'n, 
Auf freiem G rund mi t fr eiern Vo lk e 

s t e h'n." 



103 



DIE FBIEDENS -WARTE 



;§> 



Der allgemeine Gedanke aus dieser Schil- 
derung anschaulicher Tatsachen ist so klar, daß 
es kaum nötig ist, ihn abstrakt auszusprechen, 
zumal er schon mehrmals angedeutet ist, nur 
eines zu bemerken kann ich nicht unterlassen, 
selbst auf die Gefahr hin, Gesagtes zu wieder- 
holen, daß nämlich Goethe die Gedanken der 
Kriegsanbeter, explizierte wie unexplizierte, in 
Trugschlüsse aufgelöst hat, zumal die Rado- 
montaden des Herrn von Treitschke, der sich 
mehr geeignet hätte, Hofhistoriograph bei 
Soliman II. zu sein, als in der Stadt der 
Intelligenz Professor und Lehrer der Ge- 
schichte. Flache Aufklärung zu sagen von einer 
Sache, die Kant vertreten hat! Doch die Ge- 
schichte ist das Weltgericht. In dieser Eigen- 
schaft sitzt sie gegenwärtig, d. h. da ich dies 
schreibe, über Kant und Herrn von Treitschke 
zu Gericht. 

Kant hat bekannlich bei seinemt Streben 
nach dem ewigen Frieden, wenig Hoff- 
nung auf den schwachen guten Willen des 
Menschen, dagegen desto mehr auf den 
Mechanismus seiner Taten gesetzt; er hat da- 
mit Herrn von Treitschke und allen seinen 
Eideshelfern das Argument von der Schlechtig- 
keit des Menschen gegen die Möglichkeit des 
Friedens vorweg anerkannt und ihnen die 
Arbeit mit diesem Argument aus der Debatte 
eliminiert, so daß sie eigentlich ihre Aufmerk- 
samkeit auf das richten müßten, was Kant 
gelassen, ja eigentlich zur Grundlage seiner 
Hoffnung gemacht hatte, den Mechanismus 
der Geschichte*} ,in der Natur. Dieser Mecha- 
nismus kommt jetzt zu dem Resultat das Kant 
von ihm erwartet hat, in der Friedfertigung der 
Balkanvölker nach dem vor einigen Tagen 
erschienenen Manifest Rußlands, diesem 
Meisterstück kluger Erwägung und mensch- 
licher Hochgedanken. Es ist nicht jedermanns 
Art, aus den Tatsachen der Geschichte die 
Arbeit der menschlichen Vernunft zu er- 
kennen, ganz besonders nicht derer, die man 
Kleinmeister nennen kann, sondern es ist nur 
Sache weniger; diese wenigen werden mir 
zustimmen, daß der Schlußsatz dieses Mani- 
festes in den beiden Grundsätzen für die Be- 
handlung der Balkanwirren das enthält, was 
die Türken leisten können und ihre Gegner 
hoffen dürfen. 

Der Mechanismus in der Geschichte wirkt 
nicht überall auf der Erde gleichmäßig, denn 
die Massen sind nicht überall gleichmäßig, aber 
er wirkt und wirkt augenblicklich besonders 
auf der Balkanhalbinsel im Interesse der 
Humanität und des Friedens unter Rußlands 
Führung. 

Wird da nicht wiederum das Wort wahr, 
daß die letzten die ersten sein werden? Ruß- 
land ist zuletzt in den Weltzug der Kultur, 
der von Griechenland über Italien durch Frank- 
reich, Deutschland und Polen nach Rußland 



mit Unterstützung aus Byzanz gegangen ist, 
eingetreten und hilft mit seiner Masse die 
Parallelkette dieses Zuges schließen, die von 
Westen nach Osten der Donau entlang liegt. 
Ihr Ziel ist Friedfertigung*). 



*) Kants Traktat zum Ewigen Frieden. 



n RANDGLOSSEN U 
211/12 ZEITGESCHICHTE 

Von Bi e r t h a v. S u 1 1 n e r. 

Wien, 7. Februar 1913. 
Es brodelt und kocht und gärt weiter 
im europäischen Hexenkessel. Es schäumt 
von Krieg und Kriegsvorbereitungen und tropft 
von Frieden und Friedensverhandlungen. An 
der österreichischen und russischen Grenze soll 
abgerüstet, die Truppen sollen zurückgezogen 
werden; aber wie langsam', zögernd, wider- 
willig geschieht das! Nur Mobilisierungs- 
orders werden rasch, rücksichts- und rück- 
haltlos ausgeführt. Aber die Demobili- 
sierung: welche Kautelen, welche Schwierig- 
keiten, welche Geheimniskrämerei: nur nichts 
Günstiges und Beruhigendes offiziell ver- 
sprechen und verkünden. Freilich, es ist ja 
alles unentwirrt : Der König von Montenegro 
erklärt, er komme ohne Skutari nicht in 
seine Berge zurück; Rumänien kann nicht 
ohne Silistria sein; Bulgarien besteht auf 
Kriegsentschädigung — Mediation wird ver- 
langt und angenommen, aber unter dem Vor- 
behalt, daß man sich vielleicht nicht danach 
richten wird; Janina ist gefallen — darüber 
der obligate Straßenjubel in Athen. Ein neuer 
Staat — Albanien — ist in Triest konstruiert 
worden, doch können dessen Abgrenzungen 
noch zu hundert Verwicklungen Anlaß geben. 
Wenn nicht bald ein neues strahlendes Prin- 
zip alle diese Nebel verscheucht — was muß 
es da noch für Zusammenstöße und Ver- 
nichtungen geben ! 

MB 

Auch die Suffragettes in London führen 
Krieg. Man kennt ihre Taten. Die Öffent- 
lichkeit fängt an, sich zu empören. Und mit 
Recht. In einem) Leitartikel über diesen 
Gegenstand fand ich folgenden Satz : „Soll 
man den Frauen jetzt das Stimmrecht geben ? 
Wäre das die einfachste Lösung der Frage ? 
Es wäre die gefährlichste, die sich denken 
ließe. Es wäre die Anerkennung der 
Gewalttätigkeit als zulässiges 
Instrument zur Durchsetzung po- 
litischer Wünsche." O, über deine 
Naivität, Zeitungsschreiber! Weißt du denn 
nicht, daß diese deine Worte die geltende 
Grundlage unserer großen heutigen diplo- 
matischen und müitärischen Weltordnung 



*) Ritter. Weltzug der Kultur. In Kritik, 
Bd. XII, 1877. 



104 



@= 



= DIE FRI EDENS -^M&RTE 



ausdrücken : Gewalttätigkeit und Gewalt- 
androhung als zulässiges Instrument zur 
Durchsetzung politischer Wünsche ? — 
Nein, das soll den Frauen nicht zu- 
erkannt werden — im! Gegenteil, die Frauen 
werden vielleicht berufen sein, diese Zu- 
lässigkeit aufzuheben. Aber jedenfalls war 
der Artikel schreib er blind gegen das Faktum 
von der Allgemeingültigkeit des Prinzips, vor 
dem 1 er warnt. 



Der europäische Ueberrüstungswahnsmn 
hat einen neuen Anfall — man könnte es 
schon Paroxismus nennen — bekommen, auf 
den niemand gefaßt sein konnte. Mitten in 
einer Zeit, wo die ganze europäische Diplo- 
matie angeblich damit beschäftigt ist, Schwie- 
rigkeiten und Streitfragen zu schlichten, wo 
es überall zwischen den Mächtegruppen „Ent- 
spannungen", Annäherungen und dergleichen 
gibt; wo durch die so hoch gestiegenen 
Lasten der Militärausgaben und die gleich- 
zeitig steigenden Steuern, Zölle und Lebens- 
mittelpreise die Völker an den Rand der Ver- 
zweiflung gebracht werden, mitten in diese Frie- 
denssehnsucht und Friedensnotwendigkeit nebst 
offizieller Friedensbeteuerung platzt plötz- 
lich in Deutschland eine neue Milliardenforde- 
rung für Heeresverstärkung aus, die in 
Frankreich augenblicklich mit dem Antrag 
auf Wiedereinführung der dreijährigen Dienst- 
zeit beantwortet wird. Beiderseitig zur Siche- 
rung des Friedens natürlich. Sie werden 
nicht müde, diese Lügenphrase des si vis 
pacem zu wiederholen. Nicht, daß sie den 
Krieg wollen, aber die Macht Stellung 
wollen sie. Die deutsche Vorlage war zwar 
auch eine x\ntwort. Nämlich auf jenen Pariser 
Zapfen streichlärmi, der in letzter Zeit alle 
nationalistisch-chauvinistischen Elemente auf- 
gerüttelt und zu neuen ,,ä Berlin"-Rufen 
ermutigt hat. Vielleicht war aber auch dieser 
Lärm eine Antwort, und zwar auf die Agadir- 
geste. Und so lassen sich diese gegenseitigen 
Drohungen in einer rückwärtsliegenden Kette 
durch unendlich viele Glieder zerückverfolgen ; 
soll diese Kette denn auch endlos in die 
Zukunft verlängert werden ? Das geht ein- 
fach nicht. Ein gewaltsames Ende muß da 
kommen. Entweder Krieg oder Revolution 
oder — was auch denkbar ist — ein Er- 
wachen der Vernunft. Ein Fallen der 
Schuppen von den Augen. . . . 



Was inzwischen auf dem Balkan ge- 
schehen, man weiß es nicht. Der moderne 
Krieg hat den Kriegsberichterstatter aus- 
geschaltet, also erfährt der Bürger heute 
beinahe weniger als zu Fausts Zeiten, was da 
vorgeht, wenn drunten in der Türkei die 
Völker aufeinanderschlagen. Das belagerte 
Adrianopel fällt nicht; vor den Tschataldscha- 
linien geschieht nichts; die „Operationen" 



werden durch Schneefall gehindert — es ist, 
als wäre die ganze Landpartie wegen schlech- 
ten Wetters abgesagt. Doch wer weiß, was 
vorgeht ? Vielleicht haben auf beiden Seiten 
die kriegsmüden Truppen erklärt: „Wir tun 
nicht weiter." Soviel ist gewiß : Entscheiden- 
des ist in dieser zweiten Abteilung des Bal- 
kankrieges nicht eingetroffen, denn das wäre 
sicher von der siegenden Partei hinaustele- 
graphiert worden. Es wird sich immer mehr 
und mehr bestätigen, was Bloch schon ge- 
sagt hat, daß es in modernen Schlachten 
überhaupt keine Entscheidung mehr gibt. 



Nur eines sickert nach und nach vom 
Kriegsschauplatz herüber. Nämlich die Be- 
richte über die schon in der ersten Ab- 
teilung des Feldzugs verübten haarsträuben- 
den Greuel. Ganze Broschüren füllen sich 
mit beglaubigten Beschreibungen von den 
Grausamkeiten, die von serbischen Banden, 
bulgarischen Komitatschis, albanesischen 
Horden usw. an den Türken begangen wurden. 
Europa schaudert wohl, greift aber nicht 
helfend ein, denn es gibt ja noch keine 
europäische Gendarmerie. Und die Leser 
jener Berichte rufen empört: „Oh diese Ko- 
mitatschis", „Oh diese Banden" — während 
es einfach heißen sollte „Oh dieser Krieg!'" 
Er allein ist der Schuldige. 



In ganz Deutschland werden große Vor- 
bereitungen zur hundertjährigen Erinnerungs- 
feier der Befreiungskriege von 1813 getroffen. 
Dabei dürfte leider viel chauvinistischer Geist 
angefacht werden. Man wird hervorheben, 
wie ruhmvoll, wie beglückend Kriege in ihren 
Folgen sein können — Befreiung vom Na- 
poleonischen Joch — , und vergißt, daß der 
Bestand und die Glorifizierung des Krieges 
der Boden ist, aus dem die Napoleone hervor- 
wachsen können. Manche Stimmen erheben 
sich auch, um 1 zu sagen : Die großen Rü- 
stungsvermehrungen der letzten Zeit sind 
vielleicht ein Zeichen, daß sich eine Wieder- 
holung von 1813 vorbereitet, daß die ernste 
Zeit eine ähnliche Abrechnung erfordert. 
Allerdings, wieder lastet ein Joch auf uns 
— nicht nur auf Deutschland und O ester- 
reich, sondern auf der ganzen Welt. Der Unter- 
drücker heißt nicht Napoleon, er heißt Krieg. 
Den Befreiungskrieg gegen diesen Tyrannen 
zu unternehmen, das wäre die richtige, unseres 
Jahrhunderts würdige Feier des Jahres 1813. 

Die Parteileitungen der französischen und 
deutschen Sozialdemokratie haben gleich- 
zeitig ein Manifest gebracht, wodurch dem 
perfiden Doppelspiel der Chauvinisten und 
Rüstungsinteressenten beider Länder ein 
Ziel gesetzt ist, die sich bemühen, in Frank- 
reich die Begünstigung des Militarismus 



105 



DIE FßlEDENS-^ADXE 



3 



durch die deutsche Sozialdemokratie, und in 
Deutschland die Begünstigung des Mili- 
tarismus durch die französischen Sozialisten 
vorzuspiegeln. Jetzt aber hallt derselbe Ruf 
gegen den Krieg, dieselbe Verurteilung des 
bewaffneten Friedens in beiden Ländern wider. 
Das Manifest erklärt, daß „die Volksmassen 
mit überwältigender Mehrheit den Frieden 
wollen und den Krieg verabscheuen". Das 
ist wahr; warum! aber verkündet dies nicht die 
Mehrheit der Volksvertreter in den Parla- 
menten? Ferner wird die Forderung erhoben, 
daß alle Streitigkeiten zwischen den Staaten 
schiedsrichterlich geschlichtet werden. Das war 
das erste Prinzip des „bürgerlichen Pazifis- 
mus" — ein Prinzip, über das er schon hinaus 
ist, indem 1 er Föderation der Staaten und 
eine ständige internationale Justiz fordert. 
Der Sozialismus macht sich immer mehr die 
Prinzipien des einst von ihm so verhöhnten 
„bürgerlichen" Pazifismus zu eigen. Es gibt 
eben keinen „bürgerlichen" — sondern nur Pa- 
zifismus überhaupt. Zeit wäre es, daß nicht 
die Sozialisten allein den Mut aufbringen, 
gegen die Geißel des Krieges und des be- 
waffneten Friedens zu protestieren, sondern 
daß in allen Ländern eine eigene Friedens- 
partei gegründet werde. Eine Partei der 
Weltorganisation — um 1 das matt klingende 
Wort Frieden zu ersetzen. 

Während meines Aufenthalts in Lincoln 
(Nebraska) war ich Gast im Hause Bryan. 
Leider war der interessante Hausherr ab- 
wesend, auf einer Vortragstour. Er, der 
schon öfter selber Kandidat für die Präsident- 
schaft gewesen, diesmal aber abgelehnt hatte, 
nominiert zu werden, bereiste das Land, um 
für Woodrow Wilson zu agitieren. Er hätte 
gewiß sehr hohe Chancen gehabt, gewählt 
zu werden, denn aus allem, was ich in Lin-i 
coln, seiner Vaterstadt, und auch an anderen 
Orten von ihm erfuhr, deutete darauf hin, 
daß er der höchstangesehenste Staatsmann 
der Vereinigten Staaten ist. Vor einigen 
Jahren bin ich ihm! in London begegnet, wäh- 
rend der interparlamentarischen Konferenz, 
und hörte ihn dort eine glänzende ipazi- 
fistische Rede halten. Um so mehr bedauerte 
ich seine Abwesenheit aus seinem Heim, doch 
fand ich von seiten seiner kongenialen Frau 
alle die Gesinnungen bestätigt, die in jener 
Londoner Rede zum Ausdruck ge- 
kommen waren. Daß William Jennings 
Bryan in derselben Richtung weiter wirkt, 
kann man aus folgender Nachricht entnehmen: 
In Raleigh (Nordkarolina) erklärte er in 
einer Rede über den Frieden, es sei ge- 
bieterische Pflicht der Vereinigten Staaten, 
nicht nur auf jede mögliche Weise mit den 
Mächten der ganzen Welt für den Fortschritt 
des Friedens zusammenzuwirken, sondern 
auch in der Abrüstung ein glan- 
z e n des Beispiel zu geben. Durch ihre 



Lage und durch ihre Stellung unter den Na- 
tionen seien die Vereinigten Staaten besonders 
dazu geeignet, mutig diese Haltung ein- 
zunehmen. Wenn man bedenkt, daß höchst- 
wahrscheinlich Bryan Staatssekretär im 
Kabinett Wilson, und nach Wilson vielleicht 
Unionspräsident werden wird, so gewinnen 
solche Worte doppelte Bedeutung. 



Den Manen William T. Steads, des größ- 
ten Friedenskämpfers unter den Publizisten, 
ist empörende Unbill widerfahren. Die von 
ihm gegründete „Review of Reviews", diese 
Hochburg des Pazifismus, ist nun unter der 
Redaktion seines Sohnes Alfred zum Organ 
des jingoistischen Imperalismus geworden. 
Tarifreform (das ist Aufhebung des Frei- 
handels), Rüstungsvermehrung, Haß der 
gegenwärtigen liberalen Regierung, Warnung 
vor der deutschen Invasion — kurz, die ganze 
Lyra — werden jetzt in unsres Steads Blatt 
vertreten. Das Februarheft liegt vor mir. 
„Der neue Schrecken" heißt das Titelblatt 
und stellt einen über der britischen Flotte 
schwebenden deutschen Zeppelin vor. Der 
Leitartikel hierzu heißt: „Unser die See; des 
Feindes die Luft." Welcher Feind ? Deutsch- 
land. Frankreich baute zwar auch eine 
Luftflotte; diese ist aber nicht gegen England 
gerichtet, während die deutsche Luftmacht 
„direkt gegen unser Land und gegen kein 
anderes konstruiert wird". Der Artikel endet 
mit einem Aufruf zur Sammlung von Geldern 
zur Schaffung einer englischen Luftflotte. 
Alfred Stead eröffnet die Liste mit einer 
Spende von 50 £ und verlangt, daß, als wür- 
diges Denkmal für seinen Vater und in Treue 
zu seinen Idealen, ein Kriegsäroplan gebaut 
werde, der — oh Blasphemie — den Namen 
W. T. Stead führen soll. Es gibt im! Leben 
des großen Publizisten eine Phase, die etwas 
widerspruchsvoll ist, nämlich sein Eintreten 
irrt Jahre 1885 für den Standard der eng- 
lischen Flotte „zwei Kiele gegen einen". 
Daran klammert sich nun sein Sohn — und 
vergessen ist nun Steads ganzes Friedens- 
werk: seine Haltung im Burenkrieg, seine 
Unterstützung des Zarenmanifestes durch 
Friedenskreuzzüge, seine Arbeit während der 
zwei Haager Konferenzen, sein tätiger 
Eifer bei allen deutsch-eng- 
lischen Annäherungs-Aktionen; 
auch vergessen, daß er als Träger einer Bot- 
schaft an einen amerikanischen Friedens- 
kongreß in den Fluten des Ozeans versank. 
Ja, sicherlich, er hätte gegen die Gefahr eines 
Luftangriffs von seiten Deutschlands ge- 
kämpft, aber nicht durch Schaffung von 
Gegenangriffswerkzeug, sondern durch die 
Verständigung mit Deutschland und durch 
Bekämpfung der Alarmmacher, der Invasions- 
propheten — kurz, der Jingos irrt " eigenen 
Lande* 

EsSI? 



106 



<§= 



DIE FRIEDENS -^\*\RXE 



Ein Vorschlag. Er wurde mir suggeriert 
von einem 1 Friedensfreund, den ich, wenn er 
es erlaubt, zu nennen bereit bin. Nämlich: 
eine internationale Abordnung von über- 
zeugten Pazifisten in hervorragender Stellung 
— Männer wie Elihu Root, Baron d'Estour- 
nelles — etwa zehn an der Zahl, sollten 
Europa bereisen und an den Höfen, bei den 
Ministerien und mit öffentlichen Vor- 
trägen für die Friedensorganisation der 
Welt wirken. Die Kosten einer solchen Ex- 
pedition (segensvoller als eine solche nach 
dem.! Nord- oder Südpol) müßten natürlich 
durch einen hierzu gespendeten oder ge- 
sammelten Fonds aufgebracht werden. Doch 
dies ist ja nur eine Andeutung der Grund- 
idee, und will ich keine Details der Ausführung 
bringen. 

MEt 

8. März. 
Nachschrift: Präsident Wilson hat die 
Ernennung zum Ehrenpräsidenten der 
amerikanischen Friedens- und Schieds- 
gerichtsgesellschaft angenommen. — Ex 
occidente lux. 



PAZIFISTISCHE CHRONIK 

8. Februar. Prinz Gottfried zu Hohenlohe 
überreicht dein Zaren ein Handschreiben des 
Kaisers Franz Josef, das den Beginn einer freund- 
schaftlichen Lösung der österr. -russischen Spannung 
bedeutet. 

10. und 11. Februar. Unter dem Vorsitz des 
Geh. Rats Prof. Niemeyer tagt in Berlin eine inter- 
nationale juristische Konferenz. 

14. Februar. Biervorragende Amerikaner wider- 
setzen sich der Idee einer Intervention der 
Vereinigten Staaten in Mexiko und verlangen 
Bildung einer gemischten Kommission von Gelehrten 
und Staatsmännern der Vereinigten Staaten wie der 
amerikanischen Republiken zwecks friedlicher Beilegung 
der mexikanischen Wirren. 

15. Februar. Der 1908 zwischen Frankreich und 
denVereinigten Staaten abgeschlossene Schiedsvertrag 
wird in Washington um fünf Jahre verlängert. 

16. Februar. Die russische Duma nimmt ein 
Gesetz zur Vermehrung der Rüstungen an und 
drückt den Wunsch nach weiterer Vervollkommnung 
der Landesverteidigung aus. 

Mitte Februar. Der hervorragende französische 
Pazifist Prof. Ruyssen in Bordeaux wird nach der 
Rückkehr von seiner Vortragstournee aus Deutschland 
von chauvinistischen Studenten attackiert. 

Mitte Februar. Ankündigung einer neuen grossen 
Heeresvermehrung in Deutschland. Eine Mil- 
liarde einmalige Kosten. Aufbringung durch eine 
Vermögensabgabe. 

Mitte Februar. Angesichts der angekündigten 
Heeresvermehrung in Deutschland werden in Frank- 
reich neue Rüstungskredite in der Höhe von 



500 Millionen und die Wiedereinführung der drei- 
jährigen Dienstzeit angeJcündigt. 

Mitte JBebruar. Im Wiener Deutschen Klub hält 
der ehemalige Reichskommissar für Ostafrika, Dr. Karl 
Peters, einen Vortrag über „die Zukunft Europas", 
worin er für einen wirtschaftlichen und poli- 
tischen Zusammenschluss Europas eintritt. 

Mitte Februar. DieGrossmächte bieten Rumänien 
und Bulgarien die Vermittlung auf Grund der 
Haager Abmachungen an. 

19. Februar. Nordböhmische Industrielle 
richten an den österreichischen Handelsminister eine 
Petition, toorin sie auf die durch die Kriegskrisis 
geschaffene Notlagehinweisen, „die selbst im Kriegs- 
jahr 1866 nicht so schlimm war". 

20. Februar. In der belgischen Kammer 
werden neue Vermehrungen des Heeres, Ausbau 
der Festungen und Verlängerung der Dienstzeit an- 
gekündigt. 

20. Februar. Poincare tritt die Präsident- 
schaft an. 

21. Februar. Eine Deputation von Bürger- 
meistern galizischer Städte bittet den öster- 
reichischen Ministerpräsidenten um Abhilfe gegen 
die durch die Mobilisierung und die Kriegs, 
krise in Galizien herrschende Hungersnot. 

22. Februar. Der italienische Minister des Aeusseren, 
Marchese di San Giuliano, spricht im italienischen 
Parlament über die Weltlage. Seit 43 Jahren keinen 
Krieg zwischen europäischen Mächten. Bei allen 
Regierungen starkes Gefühl der Verantwortlichkeit. 

25. Februar. Das dänische Königspaar in 
Berlin. 

25. Februar. Das amerikanische Repräsentanten- 
haus lehnt die Regierungsvorlage für den Bau 
von zwei Schlachtschi ffen ab und bewilligt mit 
194 gegen 133 nur eines. 

27. Februar. In Rom starb im 73. Lebensjahr 
Graf An gel o von Gubematis. 

1. März. Die deutschen und die französischen 
sozialdemokratischen Parteien erlassen gemein- 
sam einen Protest gegen die neuen Rüstungs- 
vermehrungen. 

Anfang März. In Oesterreich-TJngarn icird 
eine neue Heeresvermehrung von 50 000 Mann 
angekündigt. 

3. März. Bryan, der neue Staatssekretär der 
Vereinigten Staaten, hielt in Raleigh (Nordcarolina) 
eine bedeutende Friedensrede. Amerika müsse in 
der Abrüstung ein glänzendes Beispiel geben, 
um auf jede mögliche Weise für den Fortschritt des 
Friedens zusammenzuwirken. 

4. März. Der neue Präsident der Vereinigten 
Staaten, Woodrow Wilson, tritt sein Amt an. 

6. März. Präsident Woodrow Wilson über- 
nimmt das Ehrenprotektorat des amerikanischen 
Nationalrats für Frieden und Schiedsgericht- 
Wilsons erste Handlung als Präsident. 



107 



DIE FBlEDENS-^ößTE 



3 



DAUS DER ZEITQ 

Völkerrecht. 

Vorbereitung der III. Haager Konferenz. :: 

In England hat sich auf eine Anregung hin, 
die der vorjährige National-Friedenskongreß ge- 
geben hat, ein Komitee gebildet, das sich durch 
eine Anzahl hervorragender Juristen, National- 
ökonomen, Kaufleute und andere Berufsange- 
hörige ergänzen will und sich die Aufgabe 
stellt, der dritten Haager Konferenz 
vorzuarbeiten. Der frühere Lordkanzler, 
der Earl of Lorburne, hat den Vorsitz 
übernommen. Außerdem haben nachstehende 
Persönlichkeiten ihren Beitritt gemeldet: Lord 
Avebury, Lady Byles, Noel Buxton, 
Lord Courteney of Pennwith, W. H. 
Dickinson, Gordon Harvey, F. W» 
Hirst, Carl Heath, T. J. Lawrence, 
Sir John Mac donell, Gr. H. Perris, Lord 
Shaw of Dunfermline, Norman An- 
gell und Sir George Paish. 

Dieses von England gegebene Beispiel sollte 
auch in Deutschland und Oesterreich-Ungarn 
nachgeahmt werden. Vielleicht wird man es 
hier als einen Widerspruch ansehen, zu einer 
Zeit, wo vor Adrianopel und Skutari die Be- 
lagerungsgeschütze reden und ganz Europa von 
einer Woge des Militarismus beunruhigt wird, 
von der dritten Haager Konferenz zu sprechen. 
Bekämpfen wir mit dem stärksten 
Nachdruck diese Anschauung. Jetzt 
an das Haager Werk zu denken, ist 
im höchsten Maße zeitgemäß. Der 
Krieg da unten ist der Anachronismus; nicht 
die Konferenz vom Haag. 

Rüstungsproblem. 

Die Rüstungsbeschränkung in den Vereinigten Staaten. 

Wie im Vorjahre hat das Repräsentanten- 
haus auch in diesem Jahre (25. Februar) statt 
der von der Regierung geforderten zwei Schlacht- 
schiffe mit 194 gegen 133 Stimmen nur eins 
bewilligt. Die Flottenliga hat sogar für drei 
Schiffe Stimmung gemacht, konnte aber gegen- 
über der machtvoll organisierten pazifistischen 
Propaganda nicht obsiegen. 

O0Sf 

Gemeinsame Kundgebung der deutschen und fran- 
zösischen Sozialdemokratie gegen die Rüstungen. 

Am 1. März erließen die Sozialdemokraten 
Frankreichs und Deutschlands eine gemeinsame 
Kundgebung. Diese war von den Parteivor- 
ständen und den sozialistischen Abgeordneten 
beider Länder unterzeichnet. Der Wortlaut sei 
hier festgehalten: 

„In Deutschland und in Frankreich bereiten 
die Regierungen wiederum Gesetzentwürfe vor, 
durch welche die ungeheuren militärischen 
Lasten noch weiter gesteigert werden. In dieser 
Stunde erachten es die französische und die 
deutsche Sozialdemokratie als ihre Pflicht, eich 
noch enger aneinanderzuschließen, um vereint 



den Kampf zu führen gegen dieses an Wahnsinn 
grenzende Treiben der regierenden Klassen. 

Die französische und die deutsche Sozial- 
demokratie erheben einmütig und einstimmig 
Protest gegen die unaufhörlichen Rüstungen, 
die die Völker erschöpfen, sie zur Vernach- 
lässigung der wichtigsten Kulturaufgaben 
zwingen, das gegenseitige Mißtrauen steigern, 
und statt den Frieden zu sichern, Konflikte 
heraufbeschwören, die zu einer Weltkatastrophe 
führen mit Massenelend und Massenvernichtung 
im Gefolge. 

Die Sozialdemokratie beider Länder darf 
sich mit Recht als Wortführerin des deutschen 
wie des französischen Volkes betrachten, wenn 
sie erklärt, daß die Volksmassen mit über- 
wältigender Mehrheit den Frieden wollen und 
den Krieg verabscheuen. Die herrschenden 
Klassen hüben und drüben sind es, die die 
nationalen Gegensätze, statt sie zu bekämpfen, 
künstlich verschärfen, die gegenseitige Feind- 
seligkeit schüren und dadurch die Völker von 
ihren Kulturbestrebungen und ihrem Befreiungs- 
kampf im Innern ablenken. 

Um den Frieden, die Unabhängigkeit der 
Völker und den Fortschritt der Demokratie auf 
allen Gebieten in beiden Staaten zu sichern, 
fordert die Sozialdemokratie, daß alle Streitig- 
keiten zwischen den Völkern schiedsgerichtlich 
geschlichtet werden; sie empfindet die Ent- 
scheidungen auf dem Wege der Gewalt als 
Barbarei und Schande für die Menschheit. 

Sie fordert weiter die Beseitigung des ste- 
henden Heeres, das eine stete Bedrohung der 
Nationen bildet und an dessen Stelle die Ein- 
führung einer Volkswehr auf demokratischer 
Grundlage, die nur der Landesverteidigung zu 
dienen hat. 

Wenn aber trotz ihres entschlossenen 
Widerstandes den Völkern neue militärische 
Ausgaben auferlegt werden, so wird die Sozial- 
demokratie beider Länder mit aller Energie da- 
für kämpfen, daß die finanziellen Lasten auf 
die Schultern der Wohlhabenden und Reichen 
abgewälzt werden. 

Die Sozialdemokratie in Deutschland und 
in Frankreich hat schon in der Vergangenheit 
durch ihre Haltung das perfide Doppelspiel der 
Chauvinisten und Rüstungsinteressenten in 
beiden Ländern entlarvt, die in Frankreich die 
Begünstigung des Militarismus durch die deut- 
sche Sozialdemokratie und in Deutschland die 
Begünstigung des Militarismus durch die fran- 
zösischen Sozialisten dem Volke vorspiegeln. 
Die gemeinsame Bekämpfung des Chauvinismus, 
hüben und drüben, das gemeinsame Eintreten 
für ein friedliches und freundschaftliches Zu- 
sammengehen muß dieser dreisten Irreführung 
der Völker ein Ende bereiten. 

Derselbe Ruf gegen den Krieg, dieselbe 
Verurteilung des bewaffneten Friedens hallt in 
beiden Ländern wider. Unter der Fahne der 
Internationale, die die Freiheit und Unabhängig- 
keit jeder Nation zur Voraussetzung hat, werden 
die deutschen und französischen Sozialisten mit 



108 



@5 



E DIE Fßi EDENS -WABTE 



steigender Kraft den Kampf fortführen gegen 
den unersättlichen Militarismus, gegen den 
lä-nderverwüstenden Krieg, für den dauernden 
Völkerfrieden." 



Verschiedenes, 

Norman Angeiis Propaganda 
in deutschen Studentenkreisen. 

Bekanntlich hat kürzlich die Göttinger 
Studentenschaft in einer großen Versammlung 
gegen Norman Angells Propaganda in deutschen 
.Studentenkreisen protestiert. Da auch ein be- 
kannter Führer der deutschen Burschenschaft, 
der Bonner Alemanne Assessor Stahl, 
gegen Angell sprach, so hat die deutsche 
Burschenschaft hier ebenso gegen die Friedens- 
iclee Partei ergriffen, wie kürzlich in Gießen. 

Ich kann nun, ohne mich hier auf Details 
einzulassen, erklären, daß diese Vorgänge in 
letztem Ende nur dazu beitragen werden, der 
seit Jahren in burschenschaftlichen Kreisen für 
die Friedensbewegung betriebene Propaganda 
neue Anknüpfungspunkte zu geben. Z. B. war 
der Protest der Gießener Biirschenschaft und 
ein darauf folgender Briefwechsel meinerseits 
mit der Gießener Burschenschaft der Anlaß, 
daß sich ein Mitglied der Gießener und Berliner 
Burschenschaft bereit erklärten, in den näch- 
sten Semestern Vorträge über die 
Friedensbewegung in d e n B u r s c h e n - 
kränzchen zu halten. Wenn es mir ge- 
lingt, einige wenige jüngere Burschenschafter 
für die Friedensidee zu begeistern, so ist damit 
ein gewaltiger Schritt vorwärts getan. Denn 
niemand, der die Verhältnisse kennt, darf dar- 
über im Zweifel sein, daß die Durchdringung 
der Korporationen mit pazifistischem Geiste 
praktisch bedeutsamer ist, als die Propaganda 
in freistudentischen Kreisen. 

Auf einen Punkt möchte ich aber hier auf- 
merksam machen, nämlich die große Gefahr, 
die in der Propaganda, der Friedensidee auf 
den deutschen Universitäten durch Ausländer 
liegt. Man vergegenwärtige sich die gewaltige 
Bedeutung, die die Ausländerfrage auf allen 
Universitäten einnimmt, und prüfe jetzt, ob es 
richtig ist, wenn gerade Ausländer, mögen sie 
noch so verdient sein, die Propaganda unserer 
Idee auf den Universitäten in die Hand nehmen, 
und dadurch veranlassen, daß die Auslän- 
derfrage mit der Friedensfrage 
verquickt wird. Nicht nur aus meiner 
Korrespondenz mit der Gießener Burschen- 
schaft, auch aus anderen Quellen bin ich darüber 
genug orientiert, um sagen zu können: Wenn wir 
die Friedens idee s o propagieren, werden wir den 
chauvinisti sehen Geist nur stärken. Niemand, 
der nicht selbst Korporationsstudent gewesen 
ist, macht sich einen Begriff von den geradezu 
ersehreckenden Vorurteilen, die gegenüber der 
Friedens idee in den Korporationen herrschen. 

Die internationalen Studentenvereine sind 
sehr wertvoll ; aber gerade in den Korporationen 



werden sie unmöglich die Friedensidee mit Er- 
folg verbreiten können. Wir müssen vielmehr 
versuchen, langsam einzelne Mitglieder der Kor- 
porationen dafür zu gewinnen, daß sie ihrer- 
seits unsere Idee verbreiten. 

Uebrigens hat kürzlich ein Artikel der Zeit- 
schrift des „Allgemeinen deutschen Burschen- 
bundes", eines ganz kleinen Bundes, gegen den 
Verband für internationale Verständigung Stel- 
lung genommen. Aber die Tatsache, daß der 
Begründer dieses Verbandes, Geheimer Sanitäts- 
rat Dr. Küster (Berlin) durchaus auf pazi- 
fistischem Boden steht (vgl. seinen Aufsatz in 
Nr. 8 des Jahrgangs 1912 der Fr.-W.), sollte 
diesen Gegnern zu denken geben. 

Dr. Hans Wehberg. 

Zu diesen Ausführungen erscheinen uns 
einige Bemerkungen nicht unangebracht. 

Die „Ausländer", die an deutschen Univer- 
sitäten und in anderen Versammlungen in letzter 
Zeit über das Friedensproblem gesprochen 
haben, sind nicht als Emissäre anzusehen, die 
von anderen Nationen nach Deutschland ge- 
sandt wurden, um gerade die Deutschen zur 
Friedensidee zu bekehren. Es sind dies viel- 
mehr durchwegs Männer, die in ihrer Heimat 
in großzügiger Weise und unter Einsetzung ihrer 
ganzen Lebenstätigkeit für die Friedensidee be- 
reits gearbeitet haben, die dort für die Völker- 
verständigung und Aufklärung so wirken, wie 
die deutschen Pazifisten dies in Deutschland 
tun. Wenn sie nun nach Deutschland kommen, 
so taten sie es nicht aus dem Bestreben, jetzt 
ihre Propaganda auf Deutschland auszudehnen. 
Sie wissen ganz genau, daß dies nicht ihres 
Amtes ist. Sie kamen lediglich von deut- 
schen Anhängern der Friedensidee 
g e iui f e n , die ihren Landsleuten zeigen wollen, 
daß es auch jenseits der Grenzpfähle gleich- 
strebende Gesinnungsgenossen gibt. Die Aus- 
länder sind da mehr Objekte der Friedens- 
propaganda, denn Subjekte. Wenn die deutschen 
Pazifisten solche angesehene Pazifisten des Aus- 
landes nach Deutschland rufen, so ist es nur 
ihr gutes Eecht; denn die Gegenpropaganda 
täuscht das Volk, indem es ihm immer nur 
von jenen ausländischen Agitatoren erzählt, 
die chauvinistisch, kriegerisch und antideutsch 
wirken. 

In dieser Täuschung liegt aber eine große 
Gefahr. Es soll nun den Deutschen gezeigt 
werden, daß nicht alle Ausländer Hetzer und 
Kriegsschürer sind, ebenso wie die Franzosen 
und Engländer und Amerikaner stets mit 
größtem Wohlwollen deutschen Pazifisten in 
ihren Ländern das Wort erteilen, damit auch 
ihre Landsleute von dem einseitigen Vorurteil 
über die Deutschen geheilt werden. Die Ab- 
lehnung von Männern wie Norman Angell, 
Kuyssen und Riquiez durch einzelne nationale 
Gruppen und Zeitungen ist nur unter voller 
Vei-kennung der eigentlichen patriotischen Ten- 
denz des Auftretens dieser Männer in Deutsch- 
land möglich gewesen, das' vom nationalen Ge- 
sichtspunkte nicht anders beurteilt werden darf, 



10t 



DIE FBlEDENS-^ößTE 



3 



wie das durch das Austauschwesen geförderte 
Auftreten ausländischer Gelehrter an deutschen 
Universitäten. 

Was die Aufgabe der Internationalen Stu- 
dentenvereinigungen anbelangt, so liegt es diesen 
fern, direkte Friedenspropaganda zu treiben. 
Sie wollen lediglich da« Verständnis der in 
Deutschland studierenden Ausländer für das 
Deutschtum, das der Deutschen für die Aus- 
länder erwecken. Und dieses Verständnis ist 
notwendig, denn mit grundsätzlicher Fremden- 
feindlichkeit, die heute nicht einmal mehr in 
Korea oder Tibet Anklang findet, kann ein 
Kulturvolk im Wettbewerb der Weltwirtschaft, 
der Weltwissenschaft und der Weltpolitik 
nicht mehr bestehen. Diese Vereinigungen 
sollten daher von jedem guten und weitschauen- 
den Deutschen als dem Vaterlande nützliche 
Unternehmungen ebenso unterstützt werden, wie 
die großen Friedensvorkämpfer des Auslandes als 
Schätzer des Deutschtums und seiner Bedeu- 
timg freudig begrüßt werden sollten. Fr.-W. 



Des „ausländischen" Pazifisten Heimkehr. :: 

Als kennzeichnend für den falschen Stand- 
punkt, den die deutschen Nationalisten aus- 
ländischen Pazifisten gegenüber einnehmen, 
können die Angriffe dienen, die unserem fran- 
zösischen Kollegen, Prof. R u y s s e ■ n , nach 
seiner Rückkehr aus Deutschland von Seiten 
französischer Nationalisten zuteil wurden. 

Unser Mitarbeiter, Herr Edmond D u - 
meril-Hallberger, schreibt uns darüber: 

„Den Lesern der Friedens- Warte ist es nicht 
unbekannt, daß Prof. Ruyssen aus Bordeaux 
mit Prof. P i 1 o t y in Elsaß-Lothringen mehrere 
Vorträge gehalten hat. Die Redner konnten 
sich überall, in Kolmar, in Mühlhausen, in 
Straßburg, eines sehr bedeutenden Erfolges er- 
freuen, indem die Bevölkerung Elsaß-Loth- 
ringens noch einmal bewies, daß sie auf die 
Macht des Rechts allein rechnet, um ihre Lage 
allmählich zu verbessern. 

Dies ist aber den französischen nationali- 
stischen Agitatoren nicht gerade recht, da sie 
die armen Elsässer stets zu Zwecken der 
inneren Politik brauchen. Daher wurde Herr 
Prof. Ruyssen in ihren Zeitungen aufs hef- 
tigste angegriffen — trotz des Beifalls, den er 
sogar bei dem französischen „ J o u r n a 1 d'A 1 - 
s a c e" gefunden hatte ! — In einem Artikel über 
„le scandale Ruyssen", drückt sich das Jingo- 
blatt „l'Action Francaise" folgendermaßen aus: 
„Herr Ruyssen, obgleich er nur ein , Halbfran- 
zose' (!) ist, war der Repräsentant Frankreichs 
in diesem rührenden Bund (mit Herrn Prof. 
Piloty). Der Spaß aber schien den Elsässem 
eher seltsam.: sie fanden es wunderbar, daß 
ein Franzose, ein Universitätsprofessor, sich mit 
einem deutschen Professor zeigte (I) und mit 
ihm gemeinschaftlich daran arbeitete, den Pazi- 
fismus der unglücklichen Bevölkerung zu pre- 
digen": .. usw. (Nummer vom 12. Februar.) 



Nicht nur. daß Herr Ruyssen öffentlich 
angegriffen wurde, diese Blätter verlangten vom 
Ministerium (!) eine Bestrafung, und da sie 
natürlich wohl wußten, daß dieselbe ausbleiben 
würde, so schickten sie einen Aufruf an die 
royalistischen Studenten der Universität Bor- 
deaux, damit sie ihrem wiederkehrenden Do- 
zenten einen „feierlichen" Empfang vorbe- 
reiteten. Diese ergriffen natürlich mit Freude 
die Gelegenheit, etwas Spektakel zu machen, 
und die öffentliche Vorlesung des Herrn Ruyssen 
am 10. Februar konnte nicht stattfinden Man 
pfiff, man schrie „Sie sind kein Patriot!" usw. 
Der Dekan erschien vergebens und mußte die 
Polizei holen. Mehrere Führer der Bewegung 
wurden arretiert. Andere erwarteten den Pro- 
fessor vor dem Tore des Gebäudes, um ihn auf 
der Straße weiter zu beschimpfen. 

Hoffentlich wird die akademische Behörde 
energisch einschreiten, falls solche Angriffe sich 
wiederholen. — Die deutschen Friedensfreunde 
aber sollen dem Mann doppelt dankbar sein, 
der an der Annäherung Frankreichs und 
Deutschlands auf dem Boden des Rechts ar- 
beitet und dabei wegen seiner edlen Friedens- 
liebe von den in jedem Land tobenden Nationa- 
listen verfolgt wird. 

Mögen sie auch daraus wohl einsehen, was 
wir Friedens freunde von den Roya listen zu er- 
warten haben j" , 

Sollten diese Ausschreitungen von Chau- 
vinisten unsere deutschen Studenten nicht stutzig 
machen, und sie nicht doch zu einer Revision 
über die Friedensverträge von Ausländern in 
Deutschland veranlassen? So deutschfeindlich 
scheinen doch jene Leute nicht zu sein, die 
von französischen Jingos ausgepfiffen werden. 



Militärische Kriegshoffnungen. :: :: :: : 

In amtlichen militärischen Erlassen in 
Oesterreich-Ungarn kamen in letzter Zeit die 
Hinweise auf einen künftigen Krieg, die Hoff- 
nungen auf einen solchen in unzweideutiger 
Weise zum Ausdruck. An einem Schlachten- 
gedenktage des Regiments „Belgier" entbot der 
Kriegsminister dem Regiment seinen Gruß und 
fügte hinzu: „Möge der Geist, der aus solchen 
Traditionen sprießt, das brave Regiment auch 
dann beseelen, wenn die Befehle Sr. Majestät 
die Möglichkeit bieten werden, zum er- 
erbten Lorbeer frischgrünenden zu 
pflücke n." Die Rede, mit der Marinekom- 
mandant Montecucculi am 16. Februar 
seinen Abgang ankündigte, enthält ebenfalls 
solche Andeutungen. „Unsere ganze Flotte," 
so heißt es da, „steht im Dienst und kann 
binnen kurzem berufensein, dem 
Feinde zu zeigen, daß sie die langen 
Friedensjahre nicht unbenutzt verstreichen ließ." 
Dann weiter: „Vor kurzem habe ich Ihnen mit- 
geteilt, daß ich die volle Ueberzeugung habe, 
die Flotte werde unter ihren bewährten Führern 
unserer Flagge neuen Lorbeer bringen. 
Mir wird es leider nicht m e h r . v e r - 



110 



<§s 



DIE FRIEDEN5-WAETE 



g 6 ri nt s e i n , A n t e i 1 d a r a n zunehme n." 
Wenn- Monarchen oder Staatsmänner vom Kriege 
reden, vergessen sie nie hinzuzufügen: „Was 
Gott verhüten möge." 



Ein Künstler gegen den Krieg. :: :: :: :: :: :: 

Der beka nnte Bildhauer Professor 
Eberlein in Berlin veröffentlicht in allen 
Zeitungen einen Aufruf gegen die Schädigung 
der Kunstdenkmäler durch den Krieg. „Blut 
und Tränen," meint er, „werden in jedem Krieg 
fließen. Aber," so fährt er fort, „es gibt Schäden 
in seinem Gefolge, die nicht unbedingt 
mit seiner Natur verbunden und daher v e r - 
meidbar sind. Auch den begeisterten Freund 
des stolzen (?) Krieges wird Trauer ergreifen, 
wenn große, herrliche, schöpferische Werke des 
Künstlers und des Gelehrten in Flammen auf- 
gehen, wie die Alexaiidrinische Bibliothek oder 
das Heidelberger Schloß, wenn der Parthenon- 
tempel oder das Grabmal des Hadrian zerschmet- 
tert werden. Der Krieg atmet Kraft und Gewalt, 
er ist männer mordend, weil er sein 
muß ( ! !). Aber die Werke des schöpferischen 
Geistes könnten und müßten allezeit auch im 
Kriege, als heilig und der ganzen 
Menschheit gehörig gelten, also unan- 
tastbar sein. Hat doch die „Genfer Konvention" 
unnötige Grausamkeiten und Kriegsgreuel bei 
allen Kulturvölkern wider alles Erwarten bis 
zu einem gewissen Grade beseitigt! Warum 
soll nicht eine neue „Konvention" die uner- 
setzlichen Werke von Kunst und Wissenschaft: 
Denkmäler, künstlerische Bauwerke, Bilder- 
galerien, Bibliotheken, Museen, wissenschaft- 
liche Institute, für den Kriegsfall in ihren 
mächtigen Schutz nehmen, zum Segen der Weltl 
Fern von jeder Politik, lediglich als Sach- 
walterin der adligsten Kultur, soll eine Vereini- 
gung aller Freunde von Kunst und Wissenschaft 
in allen Ländern, besonders in Deutschland und 
Frankreich, als den A r oraussichtlichen Vor- 
kämpfern eines etwaigen Zukunftskrieges, in 
Wirksamkeit treten !" 

Zunächst sei dem um unsere Kultur po 
besorgten Professor gesagt, daß es eine der- 
artige Abmachung bereits gibt. 
Artikel 27 des Haager Abkommens zur „Ord- 
nung der Gesetze und Gebräuche des Land- 
krieges" sagt : 

„Bei Belagerungen und Beschießungen 
sollen alle erforderlichen Vorkehrungen ge- 
troffen werden, um die dem Gottesdienste, 
der Kunst, der Wissenschaft und 
der Wohltätigkeit gewidmeten Gebäude, die 
geschichtlichen Denkmäler, die 
Hospitäler und Sammelplätze für Kranke und 
Verwundete soviel als möglich (I) zu schonen, 
. vorausgesetzt, daß sie nicht gleichzeitig zu 
einem militärischen Zwecke Verwendung 
finden." 

Das Kulturbewußtsein unserer Künstler, 
denen die Erhaltung der Steine über alles geht, 



kann sich also beruhigen. Wenn sie bei diesem 
entsetzlichen Kriege, wo Frauen, Greise und 
Kinder in der rohesten Weise niedergemetzelt 
wurden, die Berichterstattung von lebendig Be- 
grabenen und Verbrannten, von Geschändeten 
und Verstümmelten meldet, von Cholerakranken, 
die mit den Leichen gleichzeitig aus dem fahren- 
den Eisenbahnzuge auf den Bahndamm geworfen 
wurden, von Tausenden, die von der Cholera 
und dem Typhus hinweggerafft wurden, von 
Zehntausenden, die zu Krüppeln geschossen 
wurden oder unter entsetzlichen Qualen unter 
der genialen Wirkung der Maschinengewehre ihr 
Leben aushauchten, wenn sie da an nichts an- 
deres zu denken haben, als an die Erhaltung* 
der geschichtlichen Denkmäler, so zeigt dies nur, 
wie weltfremd sie dem größten Problem unserer 
Zeit gegenüberstehen, und wie sie vor lauter 
Kunstinteresse das Interesse für die Menschheit 
verloren haben Vielleicht liest Herr Professor 
Eberlein Joseph Poppers (Lynkeus) Buch 
über „Das Individtium und die Be- 
wertung menschlicher Existenze n.'* 



Kleine Mitteilungen. :: :'. :: 

Gräfin Hedwig Pötting, Stiftsdame und Vor- 
standsmitglied der österreichischen Friedens- 
gesellschaft, feiert am 23. März ihren 60. Ge- 
burtstag. Sie ist seit vielen Jahren mit der 
Baronin Suttner auf das innigste befreundet 
und deren Helferin und Beraterin. Sie hat den 
Roman „Die Waffen nieder!" für die Jugend 
bearbeitet und sich auch sonst schriftstellerisch 
betätigt. Ihr überaus sympathisches Wesen, 
ihre edle Hingabe für alles Gute und ihr freudig 
bewegtes Vorwärtsempfinden haben einen großen 
Kreis aufrichtiger Freunde um sie -geschart,, 
die sie zu ihrem 60. Geburtstage alle auf das 
herzlichste begrüßen werden. — E. T. Moneta 
und Fred. Bajer mußten sich beide in den letzten 
Wochen Operationen unterziehen, die von un- 
seren greisen Freunden glücklich überstanden 
wurden. — Geheimrat Prof. Kohler in • Berlin 
geriet unter einen Autoomnibus, kam aber mit 
geringen Verletzungen davon, von denen er sich 
bereits wieder erholt hat. — Am 27. Februar 
starb zu Rom im 73. Lebensjahre Graf Angelo 
de Gubernatis. Auf dem Stockholmer Friedens- 
kongreß des Jahres 1910 sahen wir ihn an der 
Spitze der italienischen Delegation feurig für 
unsere Ideen eintreten. Damals überbrachte er 
die Einladung zu jener Kongreßtagung in 
Rom, die aus bekannten Gründen vereitelt 
wurde. Gubernatis sollte diesem Kongreß präsi- 
dieren Er traf auch alle Vorbereitungen und 
arrangierte gleichzeitig in der Engelsburg die 
„Ausstellung des Friedens". Die Vereitelung 
des Römischen Kongresses durch die Cholera 
war ein glücklicher Zufall, der uns und den 
Veranstaltern manche peinliche Szene erspart 
hat. Die Haltung, die de Gubernatis mit einem 
Teile seiner italienischen Gesinnungsgenossen 
während des Tripoliskrieges einnahm, trennte 
ihn von uns und veranlaßt« ihn auch, aus dem 



111 



DIE FRIEDENS -^/AßTE 



3 



Berner Bureau zu scheiden. Der Tod hat ihn 
daran gehindert, die Annäherung mit den alten 
Mitkämpfern wieder herbeizuführen. Wir werden 
sein Andenken nichtsdestoweniger in Ehren 
halten. Er war ein großer Gelehrter, der im 
öffentlichen Leben seines Landes eine ange- 
sehene Stellung einnahm. — In das holländische 
Komitee zur Vorbereitung der dritten Haager 
Friedengkonferenz ist an Stelle des verstorbenen 
Generals den Beer Poortugael der Generalmajor 
H. L. van Oordt gewählt worden, der die 
Niederlande bereits auf der zweiten Haager 
Konferenz als technischer Delegierter vertreten 
hat. — In Meran starb Ende Februar der rhei- 
nische Großindustrielle Gustav H. Mttller-Abeken, 
der seinen Wohnsitz im Haag hatte und General- 
konsul von Rumänien war. Er war einer der 
ersten Industriellen, die dem Verbände für inter- 
nationale Verständigung beitraten. Während der 
Marokkokrise trat er dafür ein, daß die inter- 
nationalen Verträge gehalten werden. — Der 
frühere großbritannische Gesandte in Washing- 
ton, James Bryce, ist an Stelle des Sir Edward 
Fry zum Mitglied des Haager Hofes bestellt 
worden. — Mr. Heiiry Lorenzo Yanes, der kürz- 
lich zum Chef der lateinisch-amerikanischen 
Abteilung des Staatsdepartements ernannt 
wurde, ist vom Präsidenten Taft zum Schieds- 
richter in dem Streit zwischen der Regierung 
von Ecuador und der Guyaquil & Quito-Eisen- 
bahn ernannt worden. Die Regierung von Ecua- 
dor ernannte den Präsidenten des Senats, Dr. 
Alfred o Baqurizo Moreno. — Dr. Karl 
Peters, der frühere Reicliskommissar von 
Deutsch-Ostafrika, hielt Ende Februar im Deut- 
schen Klub in Wien einen Vortrag über „Die 
Zukunft Europas", in dem er für einen födera- 
tiven Zusammenschluß der europäischen Staaten 
eintrat. 



AVS DER BEWEGUNG 

Kcmgreß-Kalendarium. :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: 
14. März; Sitzung der Kommission des Int. 
Friedens-Bureaus in B e r n. 

18. März: Sitzung des Interparlamentari- 
schen Rates in Brüssel. 

1. — 3. Mai: IV. amerikanischer National- 
friedenskongreß in St. Louis. 

11.— 12. Mai: VIII. französischer National- 
friedenskongreß in Paris. 

14.— 16. Mai: XIX. Lake - Mohonk - Kon- 
ferenz. 

II. — 13. Mai: II. Verbandstag des Verbandes 
der Internationalen Studentenvereine Deutsch- 
lands in Leipzig. 

10. — 13. Juni : IX. englischer National- 
friedenskongreß in L e e d s. 

19.— 21. August: VIII. Deutscher Espe- 
rantokongreß in Stuttgart. 

29. August: Einweihung des Friedens- 
palastes im Haag. 



August : XX. Weltfriedenskongreß im Haag. 

29. Aug. bis 13. Sept.: VIII. Weltkongreß 
der Studentenverbände (Corda Fratrea) in 
Ithaca, New York. 

29. — 31. August: IX. Internationaler Espe- 
rantokongreß in B e r n. 

22. September: XXVIII. Konferenz der Int. 
Law Association in Madrid. 

September: XVIII. Interparlamentarische 
Konferenz im Haag. 

m 

Von der Feldhaus-Tournee. :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: 

Am 4. Februar sprach Feld haus ge- 
meinsam mit Professor Ruyssen aus Bordeaux 
in Mühlhausen i. Eis. unter dem Vorsitz des 
Landtagsabgeordneten Eduard Drumm über 
„Der Krieg und die Zivilisation". Von dem 
600. Jubiläumsvortrag von R„ Feldhaus ist zu 
berichten, daß an diesem Abend der große Saal 
des Bürgermuseums in Stuttgart bis auf den 
letzten Platz gefüllt war. Die Ausführungen zu 
dem Thema: „Die Lehren des Balkankrieges", 
erläutert durch viele Lichtbilder vom Kriegs- 
schauplatz, erweckten viel Interesse. Der 
Redner war Gegenstand vieler Ovationen und 
wurde zum Schluß durch Ueberreichung eines 
Riesenlorbeerkranzes im Namen der Deutschen 
Friedens-Gesellschaft ausgezeichnet. 

Anfangs März sprach Feldhaus am Rhein: 
In Köln vor 1400 Hörern) in Düsseldorf vor 900. 
Sein Thema lautete da: „Rüstungswahn — 
Staatsbankerott — Balkankrieg". Er sprach 
außerdem noch in Basel und Darmstadt 
vor überfüllten Sälen. Nach Ostern begibt er 
sich zu einer neuen Tournee naoh dem Ober- 
rhein. 

MB 

Studienreise nach den Vereinigten Staaten. :: :: :: 

Anläßlich des vom Internationalen Stu- 
denten-Bund, Corda. Fratres, einberufenen Stu- 
denten-Kongresses in Ithaka (New 
York) Anfang September veranstaltet die Deut- 
sche Freie Studentenschaft in Verbindung mit 
dem Verband Internationaler Studentenvereine, 
dem Akademischen Freibund, der Deutschen 
Akademischen Freischar und dem Deutschen 
Bund abstinenter Studenten eine Studienreise 
nach den Vereinigten Staaten, über die nach- 
stehende Einzelheiten bekanntgegeben werden: 

Ueberfahrt: Anfang August. Abfahrt 
von Europa. Anfang August, und zwar von Liver- 
pool mit einem amerikanischen Dampfer. Die 
Teilnehmer können sich dann ohne große Sonder- 
kosten einige Tage in England aufhalten und 
gewöhnen sich auf dem Schiffe schon an ame- 
rikanische Speise und Sprache. Der Dampfer 
führt nur eine Klasse Fahrgäste. Während der 
Ueberfahrt (etwa 10 Tage) werden einige ein- 
führende Vorträge, teils deutsch, teils englisch 
gehalten. 

Aufenthalt: Während des offiziellen Auf- 
enthalts (sechs Wochen) wird das Kongreß- 



112 



@= 



DIE FRI EDENS -WAQXE 



Komitee, zu dessen Ehrenmitgliedern unter 
vielen bekannten Männern des öffentlichen und 
des akademischen Lebens der Präsident der 
Vereinigten Staaten, Woodrow W i 1 s o n, 
gehört, für Besichtigungen und Führungen zur 
Belehrung und Anregung, für gesellige Veran- 
staltungen zur Erholung und Unterhaltung und 
für mancherlei Vergünstigungen sorgen. Die 
Deutsch- Amerikaner werden wohl den Studenten 
aus der Heimat einen besonders freundlichen 
Empfang bereiten. Die Reise wird sich auf die 
östlichen und mittleren Staaten beschränken 
und doch ein mannigfaches Bild vom „Land 
der unbegrenzten Möglichkeiten" bieten. Das 
Programm soll tunlichst auch für persönliche 
Neigungen Bewegungsfreiheit lassen. — Zum 
Besuch des Kongresses, zu dem Stu- 
denten aus aller Welt zusammenströmen, sind 
alle Reise teilnehmer berechtigt und verpflichtet; 
studentische Vereinigungen können Vertreter 
bezeichnen. Sein Zweck ist, „zwischen den Stu- 
denten der ganzen Kulturwelt gegenseitiges Ver- 
ständnis und Freundschaft zu fördern, ohne 
bestimmte religiöse, politische oder ökonomische 
Grundsätze zu begünstigen oder zu bekämpfen. 

Rückfahrt : Die Teilnehmer können ihren 
Aufenthalt beliebig ausdehnen und mit belie- 
bigem Dampfer gleicher Art heimkehren. 

Bedingungen: Einige Kenntnisse der eng- 
lischen Sprache sind unbedingt erforderlich, des 
Esperanto erwünscht. Gründliche Vorbereitung 
auf die Reise wird dringend empfohlen. Das 
(staatliche) Amerika-Institut, Berlin NW. 7, 
Universitätsstraße 8, hat sich bereit erklärt, 
Teilnehmern dabei durch mündliche und schrift- 
liche Auskunft behilflich zu sein. 

Die Kosten der offiziellen Reise von etwa 
2V2 Monaten sollen 1000 M. (einschließlich der 
Ozeanfahrten) bei mäßigen Ansprüchen nicht 
überschreiten. 

Die Teilnehmer zahl ist be- 
schränkt. Teilnehmen kann jedes Mitglied 
der Dozenten und Studentenschaft deutscher 
Hochschulen (ausnahmsweise auch nicht mehr 
studierende Akademiker). Schluß der Liste 
spätestens am 15. Juni 1913. Auskunft erteilen 
auch die Vertreter der angeschlossenen Stu- 
dentengruppen. Anmeldungen (unter Einsendung 
von 10 M. Beitrag - zu den Organisationskosten; 
Akademiker 20 M.) nimmt nur entgegen 

Das Amt für Studienreisen ins Aus- 
land der Deutschen Freien Studen- 
tenschaft 
Dr. phil. Walter A. Berendsohn, 
Hamburg, Behnstr. 15 (ab 1. April Haller- 
platz 8). 



LITERATUR U PRESSE 

Böhme, Ernst. 
Friedensbewegung und Lebenserziehung. 8 °. 
Gautzsch bei Leipzig 1913. Felix Dietrich 
(Kultur und Fortschritt Nr. 661/62). 31 S. 
50 Pf. 



Es ist erfreulich, daß sich auch in Deutsch- 
land die Friedensliteratur mehrt, und es ist 
hier von ganz besonderer Bedeutung, daß der 
pazifistische Gedanke von Vertretern der ver- 
schiedensten Berufsklassen für die Angehörigen 
der verschiedenen Berufe erörtert wird. Pfarrer 
Böhme in Künitz bei Jena hat uns schon vor 
Jahren eine Schrift, ..Krieg und Christentum" 
betitelt, beschert. In seiner vorliegenden Arbeit 
legt er besonderes Gewicht auf die Volks- 
erziehung im pazifistischen Sinne, wie sie in 
Schule und Haus geübt werden soll. Was er 
über die pazifistische Schularbeit, den 
Friedenstag, die Schulfriedensliga schreibt, ver- 
dient weiteste Beachtung in pädagogischen 
Kreisen. Im ganzen empfiehlt sich die populär 
gehaltene Schrift als eine gute Einführung in 
die Friedenslehre. 



(Johnson, R. U.) 
The „coastwise Exemption". The Nation against 
it. An appeal on behalf of the National Honor 
and a sound Business Policy. Represeutative 
Opinion of the Press, and of College Presi- 
dents, Superintendents of Schools, Clergymen, 
and other Influential Citizens. Gr. 8 °. New 
York 1913. 48 S. Kostenlos durch R. U. 
Johnson, Century Magazine, Union Square. 
New York. 

In dem in der vorliegenden Nummer ver- 
öffentlichten „Brief aus den Vereinigten 
Staaten" wird bereits auf diese Veröffentlichung 
hingewiesen. Sie enthält die Meinungsäußerung- 
einiger hundert hervorragender Bürger der Ver- 
einigten Staaten über den zwischen der Union 
und Großbritannien entbrannten Streit über die 
Abgaben beim Panamakanal. Die Schrift trägt 
das Motto „Repeal or Arbitrat e", was 
soviel besagt, als daß das Gesetz, das der 
amerikanischen Küstenschiffahrt eine Bevor- 
zugung am Panamakanal einräumt, rückgängig 
gemacht werden soll oder der Streit, der dar- 
über mit England entbrannt ist, eine schieds- 
gerichtliche Erledigung finden möge. 

Hätten sich jene hunderte amerikanische 
Bürger auf den Standpunkt „Right or wrong, 
my country" gestellt, so wäre diese Veröffent- 
lichung in der alldeutschen Presse mit unge- 
heurem Hailoh begrüßt worden. Da sie aber 
eine imposante Kundgebung des Willens zum 
Recht der amerikanischen Bürger ist, „ein 
Aufruf im Interesse der nationalen Ehre und 
einer gesunden Politik", wie es im Titel heißt, 
wird sie bei uns leider nur wenig Beachtung 
finden. 

Für den europäischen Pazifismus wird die 
Schrift eine vortreffliche Waffe bilden, wenn 
es sich darum handeln wird, den Kredit des 
internationalen Rechtsgedankens gegen seine 
Angreifer wieder einmal zu verteidigen. 

A. H. F. 



Root, Elihu. 

The Obligations of the United States as to 

Panama Canal Tolls. Speech in the Senate 

of the United States; January 21, 1913. 8°. 

Washington. Government Printing Office. 

1913. 31 S. 

Dies ist die klassische Rede, die Root zu 7 

gunsten der Zurückziehung- jener Klausel in 



113 



D.E FRIEDENS -WABlTE = 



■3 



der Pananiakanal-Bill hielt, die der amerika- 
nischen Küstenschiffahrt eine Bevorzugung 
gegenüber den Schiffen der anderen Staaten 
einräumt. Sie ist eine Mahnung zu internatio- 
naler Wohlanständigkeit. „Herr Präsident", 
so heißt eingangs eine Stelle, „die Meinung 
der Kulturwelt ist etwas, das wir 
nicht leichten Herzens gering- 
schätzen dürfen." Die Achtung vor den 
Anschauungen der Menschheit, heißt es weiter, 
bildete einen der, für die Völker dieser Kolonien, 
in der großen Erklärung der amerikanischen 
Unabhängigkeit festgelegten Grundsätze. — Die 
Rede enthält ferner eine fast vollständige Zu- 
sammenstellung aller Aeußerungen der ameri- 
kanischen Präsidenten und Staatsmänner zu- 
gunsten der Schiedsgerichtsbarkeit und wirft 
dann die Frage auf : „Herr Präsident, 
sind wir Pharisäer? Sind wir unauf- 
richtig und falsch gewesen? Haben 
wir uns in all den langen Jahren 
der Eesolutionen und Erklärungen, 
der Vorschläge und Beschleunigun- 
genzugunstenderSchiedsgerichts- 
barkeit verstellt? Sind wir jetzt 
entschlossen, zuzugeben, daß unser 
Land, seine Kongresse und seine 
Präsidenten alle schuldig sind der 
falschen Vorspiegelung, des II u m - 
bugs, des Zuni-Fenster-Hinaus- 
redens, der schönen Worte zum 
Zwecke der Beifallserregung, und 
daß wir in dem Augenblick, wo wir 
ein Interesse daran haben, be- 
reit sind, alle Erklärungen, alle 
Versprechungen und alle Grund- 
sätze zu verleugnen? .... Herr 
Präsident, hier gibt es nur eine 
Alternative, die der Selbstachtung- 
gerecht wird. Entweder wir schrei- 
ten zur schiedsgerichtlichen Aus- 
legung dieses Vertrages oder wir 
müssen uns von der Stellung, die 
wir errungen haben, zurückzieh en." 
Das sind wichtige Worte in ernster Stunde, 
die ihre Wirkung auch nicht verfehlt haben, 
wie aus dem in dieser Nummer der „Fr.-W." 
veröffentlichten „Brief aus den Vereinigten 
Staaten" zu ersehen ist. Root hat sich bei 
dieser Gelegenheit wieder als das erwiesen, 
was er uns schon lange gilt : als der hervor- 
ragendste pazifistisch wirkende Staatsmann. 



Darby, Evans. 
The Claim of „the new Pacifism." A Paper 

read at the Autumnal Conference of the Peace 

Society, Dundee, October 14th, 1912. 8 °. 

London 1913. The Peace Society; 47, New 

Broad Street. E. C. 12. 
Die interessante Rede unseres ausgezeich- 
neten Mitkämpfers wendet sich gegen die in 
einer englischen Revue (und auch anderwärts) 
verbreitete Meinung, die Theorien Norman An- 
gells wenden sich von dem „älteren Pazifis- 
mus", der versagt habe, ab und bilden eine neue 
Lehre. Dem gegenüber betont Darby sehr 
richtig: „Das einzige Neue in der Friedens- 
bewegung ist eine neue Stimme, ein neuer 
Akzent der Ueberzeugung, eine neue Beweis- 
kraft und eine neue Beachtung seitens der 
Oeffentlichkeit. (was wir auf das herzlichste 



114 



begrüßen); das heißt aber nicht, daß der .alte 
Pazifismus versagt hat. .... Er mußte ver- 
sagen, betonen die neuen Rufer, weil er sich 
nicht auf das wirtschaftliche Moment be- 
schränkte. Aber die wirtschaftliche Seite wurde 
von den älteren Pazifisten niemals übersehen 
oder vernachlässigt. Meine Vorgänger widmeten 
ihr die größte Aufmerksamkeit, und ich habe 
mehr darüber geschrieben und gesprochen als 
über irgendein anderes Gebiet des Pazifismus, 
eben weil es die nächstliegende, praktischste 
und dringlichste Seite ist." 

Die Ausführungen Darbys sind sehr be- 
herzigenswert. 



Mead, Lucia Arnes. 
Swords and Ploughshares or the Supplanting 
of the System of War by the System of 
Law. With! a Foreword by Baroness von 
Suttner. 8 °. New York and London 1912. 
The Knickerbocker Press. XII u. 249 S. Mit 
17 Abbildungen. Cloth. 
Ihrem ausgezeichneten, vor «Jahren er- 
schienenen „Pnmer of the Peace Movement" 
ließ Lucia A. Mead jetzt eine etwas ausführ- 
lichere Darstellung der Friedensbewegung 
folgen, die in 15 Kapiteln den Leser in das 
verwickelte Problem einfuhrt. Die Kapitelüber- 
schriften werden die Methode der Darstellung 
am besten erläutern: I. Kurze Skizze der Ge- 
schichte des Pazifismus. — II. Nationale Ge- 
fahren und nationale Verteidigung. — III. Inter- 
dependenz. — IV. Die Macher des Militaris- 
mus. — V. Die Flotte als „Versicherung". — 

VI. Einige Irrtümer des Admiral Mahan. — 

VII. Neutralisation. — VIII. Das Philippinen- 
Problem. — IX. Zwei Hauptgeister. — 
X. Unterricht in Patriotismus. — XL Unter- 
richt in Internationalismus. — XII. Patriotische 
Gesänge, Symbole und Gesellschaften. — 
XIII. Die Fortschritte der Schiedsgerichtsbar- 
keit. — XIV. Hoffnungsvolle neue Friedens- 
wirkungen. — XV. Was erreicht wurde und 
werden wird. 



Union Interparlementaire. 
Compte Rendu de la XVIIe Conference tenue 
ä Geneve du 18 au 20 septembre 1912. Gr. 8 °. 
Bruxelles. Misch a Thron. XI u. 372 S. 
Toile. 5 Frcs. 

Es ist erfreulich, daß der Gesamtbericht 
über die Genfer Interparlamentarische Konfe- 
renz bereits fünf Monate nach ihrer Abhaltung 
gedruckt vorliegt. Man hat dadurch Gelegenheit, 
auf die Details jener Beratungen näher einzu- 
gehen, ehe sie noch durch die Zeitereignisse 
überholt sind. Gerade sehr zu Paß kommt jetzt 
der ausgezeichnete Bericht d'Estournelles' 
über die Beschränkung der Rüstungen und die 
ausführliche Wiedergabe der Debatte, die sich 
daran geknüpft hat. 

Der Bericht Professor Zorns über die 
Schiedsgerichtsbarkeit, der Efremoffs über 
die Organisation der Vermittlung, Beernaerts 
letzte Tat, der Bericht über das Verbot des 
Luftkrieges und zahlreiche andere Dokumente 
sind für die wissenschaftliche Fortbildung des 
Pazifismus von unschätzbarem "Wert. Das 
General-Sekretariat der Union hat mit der are- 






(§= 



DIE FRIEDEN5 -WARTE 



wissenhaften Redaktion und der raschen Ver- 
öffentlichung dieses „Compte Rendu" wieder 
einmal seine vortreffliche Organisation bewiesen. 



Classics 
L a w. 



the, of International 



Edited by James Scott: De Jure et Of ficiis 
et Disciplina Militari Libri III by Baltha- 
zar Ayala. Ed. by John Westlake. 
2 vols. I. Reproduction of the first Edition, 
with Introduction by John Westlake. 
IL Translation of the Text, by John Paw- 
1 e y Bäte, with Translators Note and Index 
of Citations. 4°. Washington. Published by 
the Carnegie Institution of Washington 1912. 
I. Bd. XXIII u. 227 8., IL Bd. XII u. 250 S. 
Oloth. 

Im Rahmen der in der „Fr.-W." 1912, 
8. 313 besprochenen Veröffentlichung der 
„Klassiker des Völkerrechts" erfolgt jetzt die 
Herausgabe eines anderes Vorläufers von Hugo 
Grotius. Es ist das Werk des in Antwerpen 
geborenen Ayala, eines Militärrichters in der 
Armee des Alexander Farnese, Fürsten von 
Parma, das im Jahre 1582 zuerst erschien. 
Der erste Band enthält die photographische 
Wiedergabe der ersten Ausgabe mit einer Ein- 
leitung Westlakes; der zweite Band enthält 
die englische Uebersetzung des lateinischen 
Originals. In der Ausstattung schließt sich 
die neue Veröffentlichung der des ersten 
Werkes an. 



Eingegangene Druckschriften. :; :: :; :: :: :: :: :: :: 

(Besprechung vorbehalten.) 

Weltwirtschaftliches Archiv. 
Zeitschrift für allgemeine und spezielle Welt- 
wirtschaftslehre. Herausgegeben von Prof. Dr. 
Bernhard Harms. I. Bd., Heft 1. Jan. 
1913. G-r. 8°. Verlag von Gustav Fischer in 
Jena. 248, 92 u. 35 S. 

Aus dem Inhalt : Dr. BernhardHarms, 
Weltwirtschaft und Weltwirtschaftslehre. — 
Prof. Dr. Ferd. Tönnies, Individuum und 
Welt in der Neuzeit. — Prof. Dr. Karl 
T h i e s s , Die Weltspur der Eisenbahnen. — Dr. 
Felix Meyer, Das internationale Wechsel- 
recht. — E. Fitger, Seeversicherung im Welt- 
verkehr. — Prof. Dr. Rob. Liefmann, Die 
int. Organisation des Frankfurter Metallhandels. 

— Dr. G. R o c c a , Die int. Bedeutung des 
italien. Lebensversicherungsmonopolgesetzes. — 
Besprechungen, Chronik usw. 

Revue Generale de Droit int. 
Public. 1913. No. 1. Paris. A. Pedone. 

Aus dem Inhalt : E. A u d i n e t , Le mono- 
pole des assurances sur la Vie en Italie et le 
Droit des etrangers. — A. Alvarez, La Con- 
ference des junstes de Rio de Janeiro et la 
Codification du droit international americain. 

— P. Fauchille, La Fondation de lTnstitut 
americain de Droit international. — G. Gram, 
G. F. Hagerup, M. Kebedgy, T. J. La- 
wrence, F. von Liszt, J. de Louter, 
L\ Oppenheim et A. Pillet, LTnstitut 
americain de droit international. — usw. 

La Vie Internationale. Revue men- 
sruelle des Idees, des fait? et des orgauisnaes 



internationaux. Tome II. 1912. Fascicule 8. 
Lex.-8°. Bruxelles. Office central des Asso- 
ciations Internationales. 

Aus dem Inhalt : Jean Lescure, Les 
crises generale« et la Solidarite des Marches 
economiques nationaux et internationaux. — 
Prof. W. ,S c h ü c k i n g , La Mission essentielle 
du Droit international. — Le Dedoublement des 
Associations internationales. — usw. 

Bulletin of the Pan-American 
Union. 1912. Dec. Washington. 

Aus dem Inhalt: The Panama-Canal Con- 
ference at Atlanta. — Prize for Peace-essay. — 
The pan-american Mass at Washington. — usw. 



A n g e 1 1 , Norman, 
Der Einfluß des Bankwesens auf die inter- 
nationalen Beziehungen. Ein Vortrag, ge- 
halten im Bankiers- Verein (Institute ot Ban- 
kers) zu London. Gr. 8°. O. 0. u. o. J. und 
Verlagsfirma. 34 S. (Gedruckt bei Wilhelm 
& Brasch, Berlin SW. 48.) 

F e r c h , Joh., 
Die Kaserne. Ein Roman aus dem Leben unter 
den Fahnen. 1. bis 5. Tausend. Gr. 8 °. Wien 
und Leipzig. 1913. Anzengruber Verlag. Brüder 
Suschitzky. 288 S. 3 M. (3 Kr.) 

Fliegenschmidt, Maximilian, 
Deutschlands Orientpolitik im ersten Reicli^- 

jahrzehnt 1870—1880. Teil I. Gr. 8°. Berlin 

1913. Puttkammer & Mühlbrecht. 322 S. 
Geschichtskalender, deutscher, für 

1912. Zwölftes Heft. Dezember. 8°. Leipzig. 

Felix Meiner. 1913. S. 339—399. 

Gero, Dr. Ernst, 

Die Beseitigung ausländischer Ehehindernisse in 
Ungarn. Nach dem ungarischen Ehegesetze 
und nach dem Haager Eherechtsabkommen. 
Praktischer Wegweiser für Advokaten, Justiz- 
und Administrationsbehörden, Heiratslustige, 
insbesondere für bereits Geschiedene oder 
Scheidung Beabsichtigende katholischer Kon- 
fession. 8°. Budapest. 1913. Eherechts-Biblio- 
thek. Budapest VII. Räkocz-Üt. 68. 32 S. 
Kr. 1. — 
Höflin, Emil Gotthold, 

Eine Friedensbewegung des Ostens. 8°. St. 
Imier. 1913. Abhandlungen des Internatio- 
nalen Friedensbureaus (Bern). 11 S. 

Rudolph, Hermann, 
Die vier Wege zur Theosophie undj die Hinder- 
nisse auf dem Pfade zur Selbsterkenntnis. Zur 
Verbrüderung der Religionen und Völker. Zwei 
Vorträge. 8 °. Leipzig. 1913. Verlag der Theo- 
sophischen Kultur. 64 S. 1,20 M. 

Schulz, Anna, 
Gott und Mensch. Gemeinverständliche Betrach- 
tungen über den tieferen Sinn der Bibel. 
Gr. 8°. Stettin. 1912. Verlag Anna Schulz, 
Gießereistr. 40 a. V und 378 S. Geb. 

Seber, Dr. Max, 
Neue Kulturperspektiven. Weltanschauuugs- 
streit oder Menschheitskultur. 8°. Dresden. 
1912. Carl Reißner. 94 S. 

Spender, J. Alfred, 
Die Grundlagen der britischen Politik. Ueber- 
setzt von Alfred Rennebarth in London. 8 °. 
Sonderdruck der ..Zeitschrift für Politik." 



115 



DIE FßlEDENS-WAQTE 



=® 



II. Bd., Heft 1. Berlin. 
Nicht im Handel. 



1913. S. 114—150. 



Armements et Aviation. 
Oompte rendu de la Conference de l'Union Inter- 
parlementaire temie ä Geneve en 1912. Preface 
de M. cl'Estournelles de Constant. 
(„Conciliation internationale": Bulletin tri- 
mestriel No. 4.) 8 o. Paris. 1912. 90 S. 

La Conciliation allem and e. 
Gongres jde Heidelberg. (5. bis 7. Oktober 1912.) 

Introduction & Compte rendu par M. T h. 

Ruyssen, Prof. ä la faculte des lettres de 

l'universite de Bordeaux („Conciliation inter- 
nationale": Bulletin trimestriel No. 1). 8°. 

Paris. 1913. Oh. Delagrave. 70 S. 

Novicow, J., 
L'Alsace-Lorraine obstacle ä l'expansion alle- 
mande. Preface de M. le prof esseur C h. Ei- 
chet. Avec un Portrait de l'Auteur. 8°. 
Paris. Felix Allcan. 1913. 392 S. Fr. 3,50. 

Union Interparlementaire. 
Bapport du Secretaire general au Conseil Inter- 
parlementaire pour lannee 1912. Avec deux 
Annexes : I. Liste des Presidents et Secre- 
taires des groupes. II. Programme du Bureau 
pour 1913. Gr. 8». Uccle-Bruxelles. 1913. 
Bureau Interparlementaire. 31 S. 

P r o c e s - V e r b a 1 
de PAssemblee generale du mercredi 25 sep- 
tembre 1913*). Geneve (Salle des fetes de 
l'universite). 8°. (Ber*ne 1913, Bureau int. de 
la Paix.) 5 S. 

Proces-Verbal 
des Seances de la Commission du Bureau tenues 
les 22 et 27 septembre 1912 ä Geneve. 8°. 
(Berne 1913. Bureau int. de la' iPaix.) 17 S. 

M e z , Dr. John, 
Le cheque postal international et les resul- 
tats des virements postaux en Autriche, en 
Bongrie, en Suisse et en Allemagne.' Gr. 8 °. 
Bruxelles 1913. Extrait de „La Vie Inter- 
nationale" 1912. Fase. 7 t. IL S. 249—262.. 

Naruse, Jinzo, 
The Concordia Movement. 8°. New York. „Am. 
Association for Int. Conciliation", Sub-Sta^ 
tion 84 (407 West 117th Street). 14 S. 
(kostenlos). 

Monthly Bulletin 
•of Books, Pamphlets and Magazine Articles 
Dealing with int. Belations. January. 1913. 
8 °. New York. „Association for int. Con- 
ciliation", Sub-Station 84 (501 West, 117th 
Street). 11 einseitig bedr. SS. (kostenlos). 

Rep ort 
of the Proceedings of the anglo-german Under- 
standing Conference. London. 1912. 8 °. 
London. The British Joint Committee, 167 
St. Stephens House, Westminster SW. (1913). 
15 S. (kostenlos). 

Root, Senator 
and Latin America. From the congressional Re- 
cord for January 16, 1913. 8° New York 
City. American Association for International 
Conciliation, Substation 84 (407 West, 117th 
Street). (International Conciliation; Special 
Bulletin, Januar 1913.) 13 S. (kostenlos). 



W ho makes war ? 
An Editorial from the London Times of No- 
vembre 26, 1912. 8 °. New York City. Ameri- 
can Association for International Conciliation, 
ßubstation 84 (407 West, 117th Street). (Inter- 
national Conciliation; Special Bulletin, Febr. 
1913.) 10 S. (kostenlos). 
Year Book 
of the American School Peace League 1911/9112. 
8 °. (Boston 1913.) 104 S. Zu beziehen durch 
Mrs. Fannie Fem Andrews, Boston, Mass., 
405 Marlborough Street. 
Vollenhoven, C. van, 
De Eendracht van het Land. 8 °. s'Graven- 
hage 1913. Martinus Nighoff. 97 S. Preis 
— 50 Fl. 

Roszkowski, Gustav, 
O Unii Interparlamentarnej. Gr. 8°. Krakow. 
1911. Drukarna Universvtetu Jagiell. 37 8. 



") Druckfehler ain Titel. Gemeint ist 1912. 



Zeitschriften -Rundschau. :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: 

Seit Januar 1913 erscheint die holländische 
Friedenszeitschrift „V rede door Recht" 
in neuem Gewände. Das Format ist kleiner, 
aber die Seitenzahl viel größer und der Inhalt 
(reichhaltiger. In dieser Ausstattung darf man 
die neue Bevue ohne Zweifel zu einer der 
ersten Friedenszeitschriften der Welt rechnen. 
Die anderen Kleinstaaten, insbesondere die 
Schweiz, Schweden und Dänemark, verfügen 
nicht über eine so inhaltsreiche Revue. Das 
ist ja wohl nicht zum wenigsten auf das große 
Interesse zurückzuführen, das man in Holland 
der Friedensbewegung entgegenbringt. In der 
Februarnummer finden wir einige vorzügliche 
Berichte über neuere Schieds fälle. Dr. van 
der Flier behandelt den russisch-türkischen 
Streit vor dem Haager Hofe, van der Man- 
dere die Timorangelegenheit. Mit diesem 
letzteren Falle hat es folgende Bewandtnis. 
Holland und Portugal sind kürzlich überein- 
gekommen, den Grenzstreit betreffend die Insel 
Timor schiedsrichterlich erledigen zu lassen, 
und zwar soll der Streit dem schweizerischen 
Bundesrat übergeben worden sein, van der 
M andere fragt nach den Gründen der Igno- 
rierung des Haager Schiedshofes, und unter- 
sucht, ob die Kostspieligkeit, das langsame 
Verfahren oder die Tatsache, daß der Haager 
Schiedshof in dem Gebiete einer der Streit- 
teile liegt, dieses Verhalten der Parteien recht- 
fertigen können. Beide Parteien haben sich 
in einem Schiedsverträge verpflichtet, alle 
Rechtsfragen, über die eine Einigung nicht er- 
zielt wurde, dem Haager Hofe anzuvertrauen. 
Das hindert natürlich nicht, daß sie durch be- 
sondere Vereinbarung den Streit anderswie 
erledigen lassen, aber immerhin besteht nach 
van der Manderes richtiger Meinung eine 
moralische Verpflichtung, den Haager Hof nicht 
zu umgehen. Es scheint übrigens nach den 
neuesten Mitteilungen, als habe die holländische 
Regierung infolge der Opposition in Holland die 
Absicht, die Angelegenheit doch dem Haager 
Hofe zu überweisen. Wahrscheinlich ist eine 
offizielle Uebertragung des Schiedsrichteramtes 
an den schweizerischen Bundesrat noch nicht 
erfolgt. Nach einer Erklärung des Ministers 
des Aeußeren van Swindere in der ersten 
Kammer der Generalstaaten will man vielleicht 



116 



<E 



= DIE FRIEDENS ->MößrE 



ein einzelnes Mitglied des Haager Schiedshofes 
mit der Erledigung des Streites beauftragen. 
„Die Wissenschaft", so sagte der Minister, „hat 
in der letzten Zeit festgestellt, daß ein Schieds- 
gericht auch nur aus einer Person bestehen 
kann, und wenn diese auf der Liste des Haager 
Schiedshofes steht, so handelt es sich um die 
Erledigung des Streites durch den Haager Hof." 
Es ist aber nicht empfehlenswert, den Streit 
durch eine Einzelperson entscheiden zu lassen. 

Die Timorangelegenheit weist wieder mit 
großem Nachdruck auf die Errichtung eines 
ständigen Gerichtshofes hin. In diesem Sinne 
ist auch ein Wort Tafts aus der letzten Zeit 
zu verwerten. Dieser erklärte nämlich, wenn 
der Panamastreit schiedsrichterlich erledigt 
würde, dann solle er aber nicht dem Haager 
Hofe, sondern von einer besonderen Kommission 
entschieden werden. 

Frau de Jong-Kluyver gibt in der- 
selben Nummer einen vorzüglichen Ueberblick 
über die Neuregelung der Vermittlung auf der 
nächsten Haager Konferenz. 

In Nr. 2 der „Friedensbewegung" ver- 
öffentlicht der hervorragende amerikanische 
Gesandte in Brüssel Theodor Marburg 
einen Aufsatz über „die Gefahr der Rück- 
ständigen". Er weist auf die ständige Be- 
drohung des Friedens der Welt und die fort- 
währende Gefährdung von Leben und Eigentum 
der Bewohner in unzivilisierten und rück- 
ständigen Staaten hin. Gerade in bezug auf 
Mexiko ist sein Aufsatz von aktuellem Inter- 
esse. Er schlägt ein Zusammengehen aller 
zivilisierten Nationen vor, um gemeinsam die 
Leitung in solchen Staaten zu übernehmen, die 
sich als unfähig erwiesen haben, geordnete Zu- 
stände zu schaffen. Er weist darauf hin, wie 
gerade durch das Verhalten unzivilisierter 
Staaten andere Mächte zu einer Expansions- 
politik verleitet werden. Falls alle Mächte die 
Verhältnisse solcher Staaten künftighin gemein- 
sam ordnen, werden wohl auch noch Er- 
oberungen vorkommen; aber diese werden nicht 
kriegerischer, sondern moralischer Art sein. 
Was Südamerika betrifft, so meint Marburg, die 
Sicherung der Zustände in diesem Erdteile 
müsse ausschlißlich den Vereinigten Staaten 
zufallen, da die Monroedoktrin dies verlange. 
Aber die Vereinigten Staaten würden dann 
künftig als Mandatare der Mächte und mit 
einem besonderen Rechtstitel die Ordnung der 
Zustände in Südamerika sichern. 



Fachpresse. :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :; :: :: ;: 

Völkerfriede (Stuttgart). März. O. U., 
Fanatismus. — Rieh. Gaeclke, Die neue 
Wehrvorlage. — F. Stehelin, Die Lage 
in Elsaß-Lothringen. — F. Siegmund- 
Schultz, Die deutsch - englischen Bezie- 
hungen. — usw. 

Vaterland und Welt (Göttingen). Fe- 
bruar. Prof. Troeltsch, Reiseeindrücke 
in Amerika. — Prof. O. Nippold, Die 
Organisation der int. Verständigung. — 
Fried r. Depken, Veröffentlichungen des 
Verbandes für internationale Verständigung. 
— usw. 



Der Friede (Bern). Februar. G. - C, Natio- 
nale Verirr ungen. — Th. Schmidt, Selig 
sind die Friedensfreunde. — K. W. Schult- 
h e s s , Pazifistische Rundschau. — usw. 

Die Friedensbewegung (Bern). Februar. 
Pierre Clerget, Die Fragen der Meer- 
engen. — Dr. Theodore Marburg, Die 
Gefahr der Rückständigen. — usw. 

La Paix par le Droit (Paris). No. 2. 
Th. Ruyssen, Guerre ou Paix ? — Fre- 
deric Passy, Ceux qu'il faut honorer : 
Emile de Girardin. — Michel Breal et 
Louis Havet, La Neutralisation de l'Al- 
sace-Lorraine. — T h. Ruyssen, Le Reveil 
des Nationalites. — usw. 

— No. 3. Fred. Passy, Ceux qu'il faut 
honorer : Les Oublies. — Charles Richet, 
Agathon et la jeunesse francaise. — T h. 
Ruyssen, La guerre jugee par 1' Armee. — 
Jacques Dumas, La guerre des Balkans 
est-elle une illusion? 

The Arbitrator (London). Februar. Ger- 
many and Holland. — David Starr Jor- 
dan, Military Conscription. — Mr. Carnegies 
New Year's Greeting. — The Panama Canal 
Act and foreign Shipping: Reply of Secretary 
Knox to Sir Edward Grey. — Gordon M. 
S a v i 1 e , Brothers in Arms : The Pride of 
a Race made Ready. — Heroism and Periis 
of Peace. 

Concord (London). Jan. -Febr. Felix Mo- 
scheies, to my Friends ; a message. — 

— Our Presidents eightieth birthday. — Military 
Service in Australia. — J. A. Farrer, The 
Vision of Senator Z. — ■ usw. 

Monthly Circular (of the National Peace 
Council, London). Februar. 

Advocate of Peace (Washington). Fe- 
bruary. The Battleships Program once more. 

— The Anglo-American Centenary. — The 
St. Louis Peace Congress. — Fannie Fern 
Andrews, American School Peace League. 

— William D. B. Ainey, An hundred 
years of Peace. — Thomas H. Lewis, 
The School Teacher as the Advance Agent 
of Peace. — ■ Thomas Raeburn White, 
The immediate Establishment of an inter- 
national Court of Arbitrale Justice. — Rear- 
Admiral ehester, The Panama Canal Bill. 

The Messenger of Peace (Richmond, 
Ind.). Jan. William C. Deming, The 
Opportunity and Duty of the Press in Re- 
lation to World Peace. — usw. 

La Luce del Pensiero (Neapel). Februar. 
M. Mastropaolo, II problema della Col- 
tura e il Govere della Democrazia. — G. T i - 
nivella, I diritti del sentimento. — usw. 

(Le Messagerde lajPaix, Moskau). No. 1 
u. 2. In russischer Sprache. 

„V r e d e d o o r Recht" (Haag). Febr. Aan 
het nederlandsche Volk. — Lieut.-Gen. Ihr. 
J. C. C. den Beer Poortugael. — B. d. . J., 
Internationale feestelijke Studenten Bijen- 
komst. — Dr. M. J. van der Hier., 
Het tweede Arbitrage-geding in 1912. — 
H. van der M andere, Timor-aangelegen- 
heid. — C. A. de Jong van Beek en 



117 



DIE FRIEDENS -WAETE 



3 



D ; onk, Nadere Regeling betreffende bemidde- 
ling. — S. J. Visser, Difficiles Nugäe. — 
Dr. A. B. van der Vies, De nederlandsche 
Staatsbegrooting en het Internationalisme. 
Het Vredesbudget. 

Fredsfanan (Stockholm). No. 2. Till 
svenska Volket. Fredens Sekelminne 1914. 

— Erik Palmstierna, Fredsbetryggande 
Faktorer. 

Fredsbladet (Kopenhagen). No. 2. Niels 
Petersen, Faestningsagitationen. — G. 
K e m p , Verdensfredsadressen. — Niels 
Petersen, Faestningsagitationen og Krigs- 
minderne. — Tilnaermelsen mellem Tyskland 
og England. 

Nemzetközi elet (Internationales Leben, 
Budapest). 1912. No. 12. Feltik a lakossay 
nyugalmät! — Bekemogalmak hazänkban. — ■ 
Az ezidei Nobel-fele bekedij. — usw. 

— 1913. No. 1. önzetlen hazafisäy. — usw. 

The Japan Peace Movement (Tokio). 
No. 2. Observance of Peace Sunday in Japan. 

— Sidney L. Gulick, The economic 
Theory of Peace. — Count Okuma, 
Characteristics of the modern Peace Move- 
ment. — usw. 



Artikel-Rundschau, :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: 

Mit schlecht verhehltem Aerger wird die 
neue englisch-deutsche Verständigungs Zeitschrift 
„Die Eiche" in der „K reuzzeitun g" 
vom 23. II. und im „R e i c h s b o t e n" 
vom 15. II. begrüßt. — In einem „Die 
Rechnung gilt" überschriebenen Artikel be- 
schäftigt sich das „Leipziger Tage- 
blatt" (27. IL) mit den Lehren Norman An- 
gells. Darin läßt der Verfasser die Richtigkeit 
der Angelischen Behauptungen „dahingestellt" 
sein, entschließt sich aber doch zu der Fest- 
stellung: „Ganz zweifellos, daß die Kulturvölker 
mehr und mehr dem Kriege als solchem ab- 
geneigt werden. Auch das ist ja nur wieder zu 
begreiflich, denn ebenso, wie im Leben der 
Individuen die gewaltsame Lebensbetätigung 
den Bahnen des Rechts weicht, so werden auch 
im Leben der Kulturvölker die atavistischen 
Triebe mehr und mehr überwunden, und die 
Sonne des Handelns nach Recht und Pflicht 
im Völkerrecht spendet ihr warmes Licht. Und 
hier ist es eine ganz markante Erscheinung, daß 
die germanischen Völker, also Engländer, 
Deutsche und die in der Kultur so weiten Nord- 
germanen am stärksten die Kultur des Pflicht- 
bewußtseins pflegen." Es ist immerhin aus 
diesen Betrachtungen die zum Ueberdenken an- 
regende Einwirkung der Angellschen Arbeit zu 
erkennen. Und mehr wollen wir überhaupt 
nicht, als zum Denken anregen. — In einem 
als „von besonderer Seite" herrührend bezeich- 
neten, mit „Militaria" überschriebenen Artikel 
des „Berliner Tageblat t", der offen- 
sichtlich einen Militär zum Verfasser hat, ist 
der bemerkenswerte Satz enthalten: „Wir 
wollen die Hoffnung nicht aufgeben, daß bei 
besserer politischer Leitung und im allgemeinen 
europäischen Interesse wir und unsere zivi- 
lisierten Nachbarn nicht immer die geradezu 
ungeheuren militärischen Lasten werden tragen 
müssen." — Friedrich Naumann hat auf 



seinem Wege jenseits der pazifistischen Kultur- 
arbeit in einem in der „Hilfe" (13. IL) er- 
schienenen Artikel (Die Sterbenden von Adria- 
nopel) wieder das angebliche Versagen der pazi- 
fistischen Bestrebungen betont. Da lesen wir: 
„Und Schiedsgericht? Wir haben es eben vor 
uns gehabt, das Schiedsgericht von London! 
Mehr kann ein Haager Gerichtshof auch nicht 
tun. Die Mächte schlugen vor, Adrianopel 
mitten durch zu teilen; sie aber sterben lieber, 
als Adrianopel teilen zu lassen . . ." Sie denken 
ja gar nicht daran. Die Sterbenden und die 
Beschließenden sind nicht dieselben. Andere 
haben beschlossen, daß andere „lieber" sterben 
sollen. Und was hat das Schiedsgericht damit 
zu tun ? Welche Verwechselungen ! Soll der 
Räuber Prozeß führen, statt zu rauben? Da er 
das nicht tun wird — weiß er doch, er müßte 
unterliegen — gibt es deshalb kein Mittel,, 
sich der Räuber zu erwehren? Und wer ist 
denn in jenem Kriege der Räuber? Nicht der, 
der Adrianopel nehmen will, sondern jener, der 
sich darin versteckt hält. — Im „Zeitgeist" 
vom 17. IL feiert Grete Meisel-Hess den 
75. Geburtstag von Joseph Popper-Lyn- 
k e u s , den Verfasser der Bücher „Das Recht 
zu leben und die Pflicht zu sterben" und „Das 
Individuum und die Bewertung menschlicher 
Existenzen", zweier Schriften, die den Ideen- 
schatz des Pazifismus unendlich bereicherten. 
Die Verfasserin sagt zum Schluß ihres Auf- 
satzes: „Ich wüßte niemanden, der den Wert 
des Menschenlebens in einer bezwingenderen 
Art analysiert und dargestellt hätte wie Popper. 
Er ist der Mann, dem weitaus als erstem der 
Friedensnobelpreis gebührt I Denn erst, wenn 
dieses Bewußtsein vom Wert des menschlichen 
Lebens, des Komplexes „Ich" so gewaltig wird, 
daß keinerlei Einwände mehr dagegen stand- 
halten können, erst dann wird es unmöglich 
sein, daß Menschen gezwungen werden, für die 
„Ideale" oder, besser gesagt, Interessen anderer, 
welcher Art sie auch sein mögen, ihr Leben 
hinzugeben oder aufs Spiel zu setzen. Für 
dieses Bewußtsein hat Popper Worte gefunden 
wie kein anderer. Das Nobelkomitee hat im ver- 
gangenen Jahre den Friedenspreis nicht ver- 
geben, weil es den Würdigen nicht fand. Hier war 
und ist der Mann, den man vergebens suchte." 



Artikel. :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: n :: :: : 

(Bibliographie.) I. Friedens- 
bewegung im allgemeinen: Carl 
Ludwig Siemering, Immanuel Kant als 
Philosoph des Weltfriedens. „Ethische Rund- 
schau." II. * M a x N o r d a u , Kriegsstimmung. 
„Pester Lloyd." 23. II. * Georg' 'Gothein, 
Der Kriegskeim. „Neckar-Zeitung (Heilbronn). 
7. II. * H. Froelich, Die Völker und der 
Krieg. „Der Weg." II. * Hermann Schu- 
rig, Was ist der Krieg? „Die Grenzboten." 
12. II. * Karl Witte, Die Abrüstungspläne 
zur Zeit des zweiten Kaiserreiches. Sonntags- 
beilage der „Voss. Ztg." 16. II. * Max Mau- 
re n b r e c he r, Realistische Friedensbewegung." 
„Das Freie Wort." Nr. 22. * Louis P. L o c h- 
ncr, Ueber internationale Studentenvereine. 
„Hochschul-Nachrichten (München). Nov. 1912. 

IL Die internationale Politik: 
Norman Angell. Einige Worte zur deutsch- 
euglischen Verständigung. „Vossische Zeitung." 



I 



118 



(g=== 



= DIE FRIEDENS -WARTE 



1-1. IL * Axel Schmidt, Die deutsch-eng- 
lische Annäherung und die englisch-russische 
Entfremdung. ..Berliner Börsen-Courier." 19. II. 
* Dr ,C u r t 1». a d lauer, Die Neutralisation 
Albaniens. „Hamburger Nachrichten." IG. II. * 
Modernisierung der Diplomatie. „Solothurner 
Zeitung." 18. II. * 

III. Völkerrecht: Die Genler Verhand- 
lungen über das Verbot des Luftkrieges. „Neue 
Preußische (f) Zeitung." 15. II. * Dr. Ad. 
G r o t e , Das Problem eines internationalen 
Staatengerichtshofes. „Burschenschaftl. Blätter." 
(Berlin.) Nr. 9. 

IV. Internationales: Prof. Dr. Josef 
Kohler, Weltmarkenschutz. ,. Allgemeine 
Zeitung-." (München.) 8. II. *' 'Nationalismus- 
Internationalismus. „Internationaler Volks- 
wirt." (Berlin.) 16. II. 

V. Wirtschaftliches: Hermann 
(i ottschalk, Krieg und Arbeit. „Die Neue 
Hundschau." 11. * Norman Angell, Why 
Germany builds. What the German said. „Daily 
Mail." (Paris.) 20. II. * Die falsche Rechnung. 
„Der Bote aus dem Riesengebirge." 22. II. * 
Friedrich Depken, Norman Angells fal- 
sche Rechnung. „Heidelberger Neueste Nach- 
richten." 4. II. * Die internationale Abhängig- 
keit der Volkswirtschaft. „Straßburger Post." 
7. II. * Ernst Jäckh, Deutschland |5, Eng- 
land 8. „Die Hilfe." 20. II. * Eine Schilderung, 
wie es in Oesterreich ausschaut. „Arbeiter- 
Zeitung." (Wien.) 20. II. * Hungersnot in 
Galizien. „Die Zeit." 21. II. * Ri c h. Gaed k e, 
Das deutsch-französische Wettrüsten. „Zeit." 
(Wien.) 23. II. 



rMITTEIll/NQENDEBS 
FRIEDENSGESELLSCHAFTEN 

(Verantwortlich für den Inhalt dieser Rubrik ist nicht die 
Schriftleitung, sondern die betreffende Friedensgesellschaft.) 



Deutsche Friedensgesellschaft : 
Ortsgruppe Cöln. 

Resolution. 

An 1100 im überfüllten Saal des Frän- 
kischen Hofes versammelte Bürger Cölns 

nehmen mit Bedauern Kenntnis von der 
neuen Heeresvorlage, die nach allerdings noch 
nicht offiziös beglaubigter Nachricht eine 
laufende Mehrausgabe von 250 Millionen und 
eine einmalige Ausgabe von einer Milliarde in 
den Abgrund des Piüstungswahns schleudern wird; 

protestieren gegen die nicht nur in Deutsch- 
land, sondern in allen Ländern von den gleichen 
Kreisen betriebenen Hetze, die unter dem Deck- 
mantel einer nationalen Notwendigkeit immer 
wieder die Rüstungsforderungen stellen, ihrer- 
seits aber jeden Weg einer Verständigung 
zwischen den Nationen durch ihre Hetzarbeit 
ungangbar machen; 

fordern die Regierung auf, neben den 
Rüstungen das von der Friedensbewegung an- 



geregte und von den Regierungen fortgesetzte 
Werk der Haager Konferenzen energisch zu 
fördern, das Seebeuterecht abzuschaffen, damit 
einen Hauptgrund für die Flottenrüstung zu 
beseitigen, den ständigen Staatengerichtshot im 
Haag zu errichten, die von Nordamerika vor 
zwei Jahren durch die Bennetbill angeregte 
Studienkommission für die Möglichkeit der 
Rüstungsbeschränkungen endlich einzusetzen, 
kurz, die Vorbereitungen für eine friedliche 
Erledigung aller Streitigkeiten zwischen den 
Nationen ebenso als eine nationale und daher 
kräftig zu fördernde Angelegenheit betreiben, 
wie jetzt die Rüstungsvermehrungen; 

verpflichten sich ihrerseits ein jeder an 
seinem Teil mitzuarbeiten am Werk inter- 
nationaler Verständigung. 



Oesterreichische Friedensgesellschaft. 

Bureau: .Wien I, Spiegelgasse 4. 

Unser Vizepräsident, Dr. Alex. Ritter von 
Dorn, feierte iu voller geistiger und körper- 
licher Frische im vorigen Monate seinen 75. Ge- 
burtstag. Unser Vorstand benützte diesen freu- 
digen Anlaß, seinem treuen Gesinnungsgenossen 
zu diesem Jubelfeste zu beglückwünschen. 

MB 

Aufruf! 
In der jetzigen, so kriegsbewegten, kon- 
iliktsschwangeren Zeit enthüllt sich uns mit 
eindrucksvoller Klarheit das Zwiespältige in der 
modernen Weltanschauung: mit der Tradition, 
mit den althergebrachten Gebräuchen und Sitten 
ringen die neuen zukunftsfrohen Ideen der Ver- 
besserung des sozialen und internationalen 
Lebens. Noch ist die Tradition herrschend, 
noch glauben viele in gedankenloser Wieder- 
holung des Ausspruches anderer an den Krieg 
als etwas Gottgewolltes oder wenigstens als eine 
unabwendbare Einrichtung der Natur gleich Un- 
wettern, Erdbeben und Meeresstürmen; noch 
erblicken viele in der kriegerischen Betätigung 
den höchsten Ruhmestitel des Mannes, des 
Herrentums, zugleich aber eine radikale Kur 
gegen angebliche Uebervölkerung und Degenera- 
tion, unter allen Umständen das einzig wirk- 
same Mittel, um das Vaterland gegen äußere 
„Feinde" zu schützen und zu sichern. 

Aber seit langem schon erheben sich in 
der Brust jedes Denkenden und Fühlenden 
Zweifel an der Richtigkeit dieser Weltanschau- 
ung und gerade jetzt mit doppelter Stärke: zu 
laut sprechen die furchtbaren Greuel im Gefolge 
jedes Krieges, so auch des jetzigen, zu unserem 
Herzen — Greuel, welche trotz aller Milderungs- 
versuche internationaler Vereinbarungen, dank 
der im Kriege schrankenlos entfesselten, jeder 
Kultur spottenden Urtriebe des Menschen immer 
wieder zum Ausbruche kommen. Da sind aber 
auch die wahnsinnig steigenden Rüstungskosten, 



119 



DIE FRIEDENS - , M&ßTE 



s 



: 3 



welche in geradezu trostloser, wechselseitigem 
Berufung auf den bösen Nachbar ins Unermeß- 
liche wachsend, die produktive Tätigkeit in 
jedem Lande immer schwerer belasten und es 
immer weniger möglich machen, selbst die 
dringendsten kulturellen und sozialen Bedürf- 
nisse des Volkes auskömmlich zu befriedigen. 

Und in die bangen Zweifel an der Richtig- 
keit jener kriegerischen Weltanschauung mischt 
sich die in vielen bereits dunkel geahnte und 
sich immer allgemeiner durchdringende Er- 
kenntnis von der Möglichkeit, internationale 
Konflikte durch Kichterspruch auszutragen, wie 
ja schon längst private Konflikte der Kultur- 
menschen nicht, mehr durch rohe Gewalt, 
sondern durch den Richter beseitigt werden. 

Diese frohe Botschaft der völkerrechtlichen 
und weltwirtschaftlichen Apostel der inter- 
nationalen Organisation und des internationalen 
Schiedsgerichtes muß gerade jetzt um so mehr 
triumphieren, als wir nunmehr den klaren Be- 
weis erhielten, daß Rüstungen und Ueber- 
rüstungen uns doch nicht vor dem Kriege und 
der Kriegsgefahr schützen, also ihrem so oft ver- 
kündeten obersten Zwecke nicht gerecht werden, 
im Gegenteil, wir müssen schaudernd erkennen, 
daß wir uns auf einem ganz falschen Wege 
befanden, der uns dem gewöhnlichen Ziele um 
keinen Schritt näher brachte, sondern uns 
immer weiter davon entfernte. 

Der Samen für diese kostbare, des Menschen 
einzig würdige Auffassung internationaler 
Fragen, diese kostbare Einsicht reift in uns 
allen, in manchen erst als zartes Pflänzchen, 
in vielen schon als stattlicher Baum. Wir 
wissen es jetzt: das Wohlergehen der Staaten 
und ihrer Bewohner hängt entscheidend davon 
ab, daß jene rechtliche und friedliche Auf- 
fassung Allgemeingut werde. Sie ist ja im 
Grunde nichts anderes, als der wahre Kern 
des Christentums, ebenso wie jeder anderen 
Religion und Ethik. Sie verheißt auch die so 
lange gesuchte Lösung sozialer und politischer 
Probleme, sie ist echter Humanismus, aber 
ebenso echter Patriotismus, weil sie ja den 
dauernden Bestand und die Wohlfahrt des 
eigenen Vaterlandes zugleich mit der Wohlfahrt 
aller Nachbarn wahrhaft sichert und nicht bloß 
verspricht I 

Zu dieser besseren und geläuterten Einsicht, 
deren sich ja viele noch nicht bewußt sind, 
müssen sich möglichst viele Volksgenossen in 
allen Staaten der Welt öffentlich bekennen, 
dann wird der Erfolg unser sein! 

Wir richten daher an alle ehrlichen Freunde 
unseres Volkes und der Menschheitsideale die 
herzliche Bitte, sich in den Dienst der modernen 
Kultur dadurch zu stellen, daß sie der äußeren 
Organisation dieser Weltauffassung, der Oesterr. 
Friedensgesellschaft, sich als tätiges Mitglied 
anschließen. Wenn wir alle jene Männer und 



Frauen in Oesterreich, welche im Herzen schon 
längst unser sind, auch als Mitglieder begrüßen 
können, dann haben wir schon das schwerste 
überwunden, dann wird es endlich gelingen, 
daß die Menschheit über ihre gefährlichsten 
Feinde, über Unverstand und Elend, siegen kann. 
Wien, im März 1913. 

Vorstehender Aufruf wuz'de an zirka 12 000 
Persönlichkeiten und zirka 300 politische und 
Fachblätter versendet. (Die Neue Freie Presse 
veröffentlichte ihn im Morgenblatte vom 2G. v. M.) 
An unsere Mitglieder ergeht die 
Bitte, uns Adressen von ihren Be- 
kannten zu senden, an welche dieser 
Aufruf event. zu schicken wäre. 



Die beiden Vortragszyklen, welche wir im 
Jahre 1911/12 veranstalteten, erfreuten sich so 
großen Zuspruches und förderten unsere Be- 
strebungen in so ausgezeichneter Weise, daß 
wir auch heuer einen III. volkstümlichen 
Vortragszyklus mit nachstehendem Pro- 
gramm veranstalten. 

12. d. M.: Pfarrer A. Schindelar: „Die 
sittlich-religiöse Berechtigung der Friedens- 
bewegung". 19. d. M. : Artur Müller: „Pazi- 
fistische Tendenzen am Ausgange des Mittel-« 
alters". 2. IV.: Dr. Paul Stiaßny, Referent 
der Carnegiestiftung: „Der österreichische 
Staatsbankrott von 1811". 9. IV.: Univ. -Prof. 
Dr. Oswald Richter: „Ein Spaziergang durch 
die Kruppschen Werke" (mit Demonstrationen). 
16. IV.: Alfred H. Fried: Ueber Norman An- 
gells Buch „Die große Täuschung". 23. IV.: 
Baronin Berta von Suttner: „Pazifismus in 
Amerika". 

Die Vorträge finden bei freiem Eintritt 
71/2 Uhr abends im Hörsaale 50 der k. k. 
Universität (Philosophische Fakultät) statt. 



Auf Anregung des Wiener Volksbildungs- 
vereines hielt unser Vorstandsmitglied, Univ.- 
Prof. Dr. O. Richter am 23. Februar einen 
Vortrag unter dem Titel „Die Friedensbewegung 
und ihr Erfolg" und am 2. d. M. „Der Kampf 
ums Dasein". 

MB 

Vorträge: Unser Vorstandsmitglied, 
Schriftsteller A. Müller, hielt am 25. Januar 
im „Neuen Frauenklub" unter dem Titel „Der 
Kampf gegen den Krieg" und am 7. d. M. in 
der Ersten Organisation neutraler Guttempler 
über „Abstinenz und Friedensbewegung" 
Vorträge. 



Friedensbew eg ung in Mähren. 
Der neu geschaffene Friedensverein in Brunn 
„Jednota mirovä pro Moravu" entwickelt eine 
lebhafte Tätigkeit. Er hält fleißig Vorträge 
und wurde auch eine Broschüre herausgegeben. 
Die Gesellschaft zählt bereits 600 Mitglieder, 
darunter sehr viele Lehrer und Lehrerinnen. 



Verantwortlicher Redakteur: Carl Appold, Berlin W.60. — Im Selbstverlag des Herausgebers Alfred H. Fried, Wien IX/2 
Druok: Pass&Gsr! «b G.m.b.H., Berlin W. 57. — VerantwortL Redakteur ftr Oesterreich-Üngarn : Vinzene Jerabek in Wien. 



120 




April 1913. 



Im Namen Europas. 



Seit meiner Kindheit heißt es: „Im 
Frühjahr geht's los!" Seit mehr als vierzig 
Jahren kartet die Menschheit von 1900 
auf den von den Priestern des Militaris- 
mus angekündigten europäischen Krieg nach 
der Schneeschmelze, wie die Menschheit um 
das Jahr 1000 auf den Weltuntergang. In 
diesem Winter unseres Mißvergnügens, der 
den Aufbruch jenes Geschwüres sah, auf 
den die hohe Politik und mit ihr die niedere 
öffentliche Meinung seit einem halben Jahr- 
hundert mit Bangen wartete, glaubten die 
Feuerschlucker Europas, daß die Zeit wirk- 
lich schon gekommen sei, wo ihre Prophe- 
zeiung in Erfüllung gehen müsse. Die Heere 
zweier europäischer Großmächte standen 
sich kriegsbereit hart an den Grenzen 
gegenüber. Jeder Tage brachte neuen Zünd- 
stoff, neue Verwicklungen, neue Befürch- 
tungen ; aber die Millionen Gewehrläufe 
blieben ungeschwärzt. Für die überkom- 
mene politische Auffassung etwas ganz Un- 
begreifliches. Statt den Versuch zu machen, 
das Unbegreifliche zu ergründen, vertagte 
man Hoffnung und Befürchtung auf das 
Frühjahr, auf die Schneeschmelze. Das ist 
an sich ein altfränkischer Gedanke. In 
jenen Zeiten, wo kriegerische Auseinander- 
setzungen noch mit einer gewissen Eleganz 
ausgeführt werden konnten und mehr einer 
mit .Nachdruck ausgeführten politischen 
Demonstration glichen als einem Daseins- 
ringen von Millionen, konnten Schnee imd 
Winterkälte noch ihre Ausführung beein- 
flussen. Die solches heute noch annehmen, 
sind sich nicht klar geworden, was ein 
moderner Krieg in Europa eigentlich be- 
deuten würde. Der deutsche Reichskanzler 
hat es am 7. April im Reichstag gesagt: 
,, Von den Dimensionen eines Weltbrandes, 
von -dem Elend und der Zerstörung, die er 
über die Völker bringen würde, macht sich 
kein Mensch eine Vorstellung. Alle bisherigen 
Kriege werden wahrscheinlich ein Kinder- 



spiel dagegen sein." Und da sollten Schnee 
und Winterkälte eine aufschiebende Rolle 
spielen, wenn solch ein Krieg notwendig 
sein sollte, wenn er möglich wäre ? Dieser 
Gedanke an einen auf das Frühjahr ver- 
tagten Krieg ist nur ein unbeholfener Ver- 
such, über das unbegriffene Neue mit 
einem bequemen Gedankensprung hinweg- 
zukommen. 

Das unbegriffene Neue liegt eben darin, 
daß der Krieg aufgehört hat, „eine Fort- 
setzung der Politik nur mit anderen 
Mitteln" zu sein, wie man es sich heute 
noch nach Clausewitzschem Rezept ein- 
zureden beliebt. Diese „anderen Mittel" der 
Politik, die über jenen toten Punkt hin- 
auswirken sollen, wo unsere Väter und 
Großväter nur den Krieg als einzige Mög- 
lichkeit erblickten, haben sich eben ge- 
ändert. Das hat uns der Winter 1912/13 
wieder auf das deutlichste bewiesen. 

Dieses Neue ist in die Augen springend ; 
man will es nur nicht sehen. Es klebt 
noch zu viel historischer Staub in den 
Augen unserer Zeitgenossen, der ihnen das 
Sehen erschwert; ihr Blick ist noch zu 
sehr getrübt durch zu viel Interessen, zu 
viel Tradition, zu viel Routine. Und weil 
man es nicht sehen will, will man auch 
nichts davon hören und vermeidet selbst 
die Benennung der neuen Dinge durch 1 neue 
kennzeichnende Namen. Die sogenannte 
Botschafterkonferenz in London war ja 
doch etwas mehr, als der Name besagen 
durfte. War ja doch jenes Zentralorgan eines 
neuen Organismus, dem die Aufgabe ob- 
lag, in der Stunde ernster Bedrohung einer 
Gesamtheit und ihrem Willen Ausdruck 
zu verleihen. Und dieser neue Organismus 
ist ein Europa, das isich vom geographischen 
Begriff zu einelm politischen gewandelt hat. 
Man mag gegen diese Definition einwenden 
was man wolle, die Tatsache ist unerschüt- 
terlich. Freilich wer da glaubt, an diese 



121 



DIE FRIEDENS -WAGTE 



3 



Anfänge Forderungen stellen zu dürfen, 
die nur das Vollkommene erfüllen kann, 
der wird enttäuscht sein. Er wird aber 
nicht das Recht haben, zu behaupten, daß 
etwas deshalb nicht ist, weil es noch nicht 
vollkommen ist. Nein, dieses politische 
Europa ist, und die Einrichtung, die man 
aus Angst, diese Tatsache zugeben zu 
müssen, bloß als Botschafterkonferenz eti- 
kettierte, ist ein wichtiges und wirkliches 
Organ dieses neuen politischen Gebildes ge- 
wesen. Ein Organ, das einen Gemeinsam- 
keitswillen anscheinend heterogener Teile 
erzeugte, das aus den noch widerstrebenden 
Willensäußerungen eine Willenseinheit her- 
auskristallisierte. Und kein ohnmächtiges 
Organ war es mehr, bloß zu theoretischen 
Aeußerungen geschaffen. Haben die ge- 
schichtsverklebten Augen der Rückwärts- 
gewandten, ihre allem beglückenden Neuen 
abgewandten Ohren jenes Dokument nicht ge- 
sehen noch von ihm gehört, das am 10. April 
in der Adria verkündigt wurde? Jenes Do- 
kument, das mit den Worten anhebt: 
„Im Namen der internationalen 
Flotte, welche die Großmächte 
Europas vertritt", und das mit den 
Worten schließt : „C e c i 1 Burney, 
Vizeadmiral und Kommandier en- 
der der internationalen Flotte." 

„Internationale Flotte, welche die Groß- 
mächte vertritt" ! Und zwischen diesen An- 
fangs- und Endworten stand ein Wille 
dekretiert, ein einheitlicher Wille, ein Be- 
fehl im Namen Europas. Sieht man noch 
immer nichts? Freilich, den Rückwärts- 
gewandten wird dieses Sehen nicht leicht. 
Aber für uns, die wir die Kausalität dieses 
Dokuments kennen, die wir wissen, wie 
sieh der darin ausgedrückte Gedanke, der 
darin zutage tretende Wille, die darin ver- 
körperte Aktion allmählich und natur- 
notwendig aus den Einzelgeschehnissen des 
letzten Menschenalters herausentwickelten, 
für uns ist dieses Dokument ein hohes 
Zeichen von erlösender Bedeutung, ein er- 
neuter Lebensschrei des werdenden „Staaten- 
trüstes unseres von den Rudimenten der 
Vergangenheit noch immer überwucherten 
alten Erdteils. 

Mögen die Skeptiker, die Zweifler und 
Spötter, die um die Vergangenheit sich 
Aengstigenden noch so sehr den Wert dieses 
Dokumentes herabzusetzen suchen, daß es 
ist, können sie nicht bestreiten, .und da- 
durch, daß es ist, daß es sein konnte, ist 
es etwas Großes. Als wir auf unseren Kon- 
gressen von einer aus den Flotten der 



europäischen Mächte gebildeten internatio- 
nalen Polizei sprachen, galten wir als die 
Utopisten und Schwärmer. Als selbst ein 
Carnegie diese Forderung aufstellte, ein 
Roosevelt sie 1910 in Kristiania wieder- 
holte, gab es nur ein Lächeln bei den P^wig- 
gestrigen. Und doch sind in einem (schweren 
Augenblicke diese Utopien Wirklichkeit ge- 
worden, haben die Ereignisse ganz genau 
den Weg genommen, den wir für sie theo- 
retisch skizziert hatten. Dabei muß noch 
betont werden, daß es sich nicht einmal 
mehr um eine Ausnahmeerscheinung han- 
delt. Denn wir hatten schon einmal eine 
internationale Flotte, wir hatten schon ein 
internationales Landheer und wissen, daß 
der englische Weltadmiral nur der Nach- 
folger des deutschen Weltfeldmarschalls ist. 
Und gerade diese Wiederholung bestätigt 
die Annahme, daß es sich hierbei um eine 
Umwälzung der politischen Methoden han- 
delt, die der alten Routine Hohn spricht. 
Vergessen wir es nicht: Der gemeinsame 
Wille Europas, — wenn es auch schwer ge- 
wesen sein mag, ihn zu konzentrieren — die 
gemeinsame Handlung Europas haben die 
Staaten vor gegenseitiger Vernichtung be- 
wahrt. Nur in dieser Gemeinsamkeit liegt 
das Heil dieses Erdteils. Solange jeder 
einzelne Staat nur seinen eigenen Frieden 
zu wahren sucht, treibt er dem Ruin zu. 
Ein teilweises Einbekenntnis hierzu liegt 
in der Formierung der beiden Staaten- 
gruppen, die wir in Europa haben. Nicht 
aus Liebe, sondern aus der erkannten Ohn- 
macht des Isoliertseins sind sie erstanden. 
Eine Organisierung dieser Gruppen brächte 
das Ziel näher. Was während des Balkan- 
konfliktes vorübergehend notwendig und 
möglich wurde, müßte zu einer dauernden 
Einrichtung werden. Dann könnte Europa 
wirklich zu einem Frieden kommen, der 
von dem Zustand des bloß vermiedenen 
Krieges grundsätzlich verschieden wäre. 
Dann könnte Europa zu einer Lähmung des 
Rüstungswettbewerbes, ja zu einer Ver- 
minderung seines erdrückenden Panzers 
kommen. Denn nur durch' gemeinsames Zu- 
sammenwirken aller Nationen, zum min- 
desten der größeren führenden, ist das 
Rüstungsproblem zu lösen. Es ißt ein 
inte r n ationales Problem und 
kann nur international gelöst 
w e r de n. Der Versuch, durch isolierte 
nationale Handlungen mit ihm fertig zu 
werden, führt zu jenen aller Vernunft Hohn 
sprechenden Methoden des gegenseitigen 
Ueberbietens ohne Ende. 



122 



@= 



DIE FRIEDENS -WARTE 



Im Namen Europas sprach ein Ad- 
miral, im Namen Europas hätten nun auch 
die Soziologen, die Sozialpolitiker, die Na- 
tionalökonomen, die Hygieniker zu sprechen, 
und 12 Milliarden jährlich würden zu drei 
Vierteilen für die Wohlfahrt der Mensch- 
heit frei ! Im Namen Europas ! A. H. F. 



Wettrüsten 
oder Rüstungsverständigung. 

Von Georg Gothein, M.d. R. 
Von jeher ist Macht ein relativer Be- 
griff gewesen. Schon in der Bibel heißt es: 
,,Wenn ein starker Gewappneter seinen Palast 
bewahrt, bleibt das Seine mit Frieden, wenn 
aber ein stärkerer über ihn kommt, so nimmt 
er ihm 1 seinen Harnisch, darauf er sich ver- 
ließ, und teilt den Raub aus." Das gut 
im Leben der Völker heut ebenso wie vor 
zwei- oder dreitausend Jahren. Freilich ist 
eins inzwischen wesentlich anders geworden. 
Der Stärkere hat kein reales Interesse mehr, 
den Schwächeren mit Krieg zu überziehen, 
ihn zu unterjochen. Denn auch für den Sieg- 
reichen lohnt der Gewinn nicht den Einsatz. 
Selbst der glänzendste Sieg läßt den Sieger 
stark geschwächt zurück, und die Beute 
— der Erwerb von Land und Menschen — 
macht ihn nicht reicher. Es ist das große 
Verdienst Norman Angells, diese Wahr- 
heit, die von objektiv die Dinge Betrachten- 
den längst erkannt war, exakt nachgewiesen 
zu haben. Auch als Deutscher kann man 
nur wünschen, daß sein Buch trotz vielfach 
schiefer Auffassung unserer Verhältnisse, 
trotz nicht unbeträchtlicher historischer Irr- 
tümer, die geeignet sind, deutsche Gefühle 
zu verletzen, in allen Ländern ein Volksbuch 
werde. Denn was bedeuten diese kleinen 
Irrtümer gegen den Wert, den die Wider- 
legung des schwersten Irrtums hat, unter 
dem die Völker leiden. Wehrmacht ist 
ein relativer Begriff; das fand seinen 
Ausdruck, als die Formel von dem euro- 
päischen Gleichgewicht erfunden 
wurde, die in den letzten beiden Jahrzehnten 
erneut und in noch weit kostspieligerer Weise 
wieder aufgenommen worden ist als damals, 
wo sie gegen die Eroberungszüge Lud- 
wigs XIV. eine Notwendigkeit war. Und 
jede Verschiebung des Schwerpunkts in dieser 
künstlichen Konstruktion führt zu neuen 
Rüstungen. Zwar erklärt jede einzelne 
Macht, ihrerseits nicht an Eroberungen zu 
denken, mit ihren Rüstungen nur den Frieden 
sichern, einen Angriff erfolgreich zurück- 
weisen zu wollen; lediglich die Versicherungs- 
prämie für (Erhaltung des Friedens bedeuteten 
ihre Rüstungen. Man ist sogar berechtigt, 
diese Versicherungen bei der Mehrheit der 



Staatsregierungen für durchaus ernst und 
ehrlich zu halten. Denn wenn es auch in 
allen Staaten Leute gibt, die den Krieg des 
Krieges wegen wollen, die da singen: ,,Mein 
Vaterland muß größer sein", die eine Er- 
schlaffung der kriegerischen Tugenden eines 
Volkes in langen Friedenszeiten befürchten, 
so ist doch deren Zahl in England, Frank- 
reich, Deutschland und Oesterreich-Ungarn 
gering; man kann sagen, sie ist in einem 
Lande um so geringer, je höher die Volks- 
kultur ist. Italien hat leider durch das 
Tripolisabenteuer bewiesen, daß es unter Um- 
ständen den kriegslustigen Elementen ge- 
lingt, das an sich friedliche Volk in einen 
Eroberungskrieg hineinzureißen, und die 
panslawistische Agitation in Rußland be- 
schränkt sich zwar auf einen nur kleinen 
Kreis des Volkes, aber es sind politisch recht 
einflußreiche Kreise, die sie betreiben. 

In Deutschland will außer 
einigen politisierenden Militärs 
und den nirgends ernst genomme- 
nen Alldeutschen niemand den 
Krieg; es ist recht bedauerlich, daß man 
im Auslande den Aeußerungen von Männern 
wie des Generals von Bernhardi Kurt von 
Strantz, Hauptmann a. D. Pauli, Albrecht 
Wirth, von Blättern wie dem „Deutschen 
Armeeblatt", der ,,Allg. Evang. - Luther. 
Kirchen-Ztg.", der Alldeutschen Blätter, der 
„Deutschen Zeitung", „Deutschsoziale 
Blätter", „Hammer", „Deutsche Hochwacht", 
die eigentlich unter Ausschluß der Öffent- 
lichkeit erscheinen, irgendwelche Bedeutung 
beilegt. Schlimmer ist es schon, wenn die„Post", 
„Tägl. Rundschau", „Rheinisch-Westfälische 
Zeitung" und „Leipziger Neueste Nach- 
richten" in eine gleiche Tonart verfallen. 
Aber auch hinter diesen Blättern steht keine 
irgendwie nennenswerte Partei. Und wenn 
seinerzeit auch die „Konservative Korrespon^ 
denz" vor dem frivolen Wort nicht zurück- 
geschreckt ist : „Ein Krieg wäre uns recht", 
so wird man darin doch kaum mehr als eine 
aus rasch vorübergehender Verstimmung 
hervorgerufene Entgleisung sehen. Selbst 
die konservativen Fraktionen wollen den 
Frieden, sehen in den Rüstungen nur das In- 
strument zu seiner Erhaltung, denken nicht 
an eben Eroberungskrieg, auch nicht an einen 
Krieg, der den Gegner so schwächt, daß er 
dauernd ungefährlich ist. 

Wenn also die Elemente, die Deutsch- 
land in kriegerische Unternehmungen ver- 
wickeln wollen, an sich keine politische Be- 
deutung haben, so sind doch die, welche den 
Frieden nur dann gewahrt glauben, wenn 
Deutschland im' Verein mit seinen Ver- 
bündeten stärker ist als Rußland und Frank- 
reich zusammen, um so einflußreicher; nicht 
nur gegenüber den maßgebenden Stellen, 
sondern auch gegenüber jenen weiten Kreisen, 
die das politische Denken sich von ihrer 
Zeitung abnehmen lassen, dem politischen 



123 



DIE FBIEDENS -^AßTE 



Philister, der sich aus Angst vor dem Krieg 
in patriotischen Worten berauscht, sich bei 
Neuwahlen stets auf die Seite derer schlägt, 
die ihn mit Rüstungsvermehrungen am meisten 
zu schützen bereit sind. Diese Kreise sind 
der Suggestion durch die Rüstungsfanatiker 
am 1 meisten ausgesetzt. Und gerade diese 
suggestiven Naturen bilden sich ein, nüch- 
terne Realpolitiker zu sein, sehen auf die, 
welche eingedenk der Tatsache, daß Wehr- 
macht ein relativer Begriff ist, daß die Ueber- 
treibung der Wehrausgaben zur wirtschaft- 
lichen und damit zur politischen Schwächung 
führt, für eine internationale Verständigung 
über deren Begrenzung eintreten, verächt- 
lich herab. Sie sind ihnen entweder törichte 
Idealisten oder verweichlichte Menschen, 
wenn nicht gar Vaterlandsverräter. Freilich, 
wenn diese „Realpolitiker", wie sie sich so 
gern nennen, die noch vor zwei Jahren jede 
Verständigung zwischen England und 
Deutschland über ein Stärkeverhältnis der 
beiderseitigen Flotten als unsinnig, un- 
würdig, ja vaterlandsfeindlich brandmarkten, 
heut die Worte des 1 deutschen Reichskanzlers 
bei der Begründung der Wehrvorlage über 
die den Frieden fördernde englische Politik 
und über die Möglichkeit, zu einem fester 
begrenzten Stärkeverhältnis als dem 1 der 
Dreadnoughts, ja über Einschränkung des 
Flottenbaues zu kommen, lesen, so werden 
sie sich eingestehen müssen, daß diese hoch- 
erfreuliche Besserung der deutsch-englischen 
Beziehungen, die für den Frieden wie für 
Deutschlands Machtstellung vom größten 
Wert ist, eine — wenn auch erst sehr un- 
zulängliche — Verständigung über Rüstungs- 
begrenzungen zur Voraussetzung hatte. Ge- 
wiß, die Welt ■ — und gerade auch die euro- 
päische — ist heut nicht so weit in der 
Kulturentwicklung, um sich der Hoffnung 
hingeben zu können, den Frieden lediglich 
durch internationale Verträge und ein Welt- 
schiedsgericht zu sichern und darüber auf 
jede Rüstung zu verzichten. Aber die ganze 
Entwicklung seit 1871 beweist doch un- 
zweifelhaft, daß die Völker, ja daß sogar die 
Diplomatie von dem dringenden Wunsch be- 
seelt sind, Mißverständnisse durch aufklärende 
Verhandlungen aus der Welt zu schaffen, 
entgegengesetzte Interessen durch billigen Aüs^ 
gleich zu verringern. 

Selbst in so schweren politischen Lagen 
wie der durch die Balkankrisis hervorgerufe- 
nen, wo Volksleidenschaften, Rassen-, ma- 
terielle und politische Gegensätze jede Ver- 
ständigung so ungemein erschweren, ist es 
bisher doch gelungen^ den Krieg zu lokali- 
sieren, und wird es hoffentlich gelingen, auf 
dejrt Balkan Zustände zu schaffen, die die 
Gewähr einer längeren Dauer haben. 

Es klingt paradox, daß die Heeres- und 
Flottenrüstung der Großmächte heute gar 
nicht mehr dem Kriege, sondern dem Frieden 
dienen soll. Wenn dem aber- ! so ist, muß 



man sich fragen: „Wird die Versiche- 
rungsprämie (geg e n die Kriegs- 
gefahr, die in der Rüstungausgabe 
besteht) nicht zu groß? läßt sich 
der damit erstrebte Zweck nicht 
in einer Weise erreichen, die we- 
niger am Mark des Volkes zehrt?" 

Deutschlands Wehrausgaben beliefen sich 
nach dem 1 vorläufigen Etat für 1913 ein- 
schließlich der Militär- und Marinepensionen 
auf 1578,8 Mill. M. ; rechnet man dazu noch 
die Hälfte der Jahresausgaben der Reichs- 
schuldenverwaltung mit 123 Mill. M., so 
sind das bar 1711,8 Mill. M. Der Geh. Ober- 
Finanzrat Schwarz hat die Wehrausgaben in 
den Etats pro 1912/13 (also dem abgelaufenen 
Jahr) festgestellt bei Deutschland auf 1570 
Mill. M., England 1468 Mill. M., Frankreich 
1237 Mill. M., Oesterreich-Ungarn 617 Mill. 
Mark, Italien 529 und Rußland 1574 Mill. M., 
zusammen die der sechs europäischen Groß- 
mächte auf rund 7 Milliarden M. — natürlich 
ohne Verzinsung und Tilgung der zu Rüstungs- 
zwecken aufgenommenen Schulden. 

Die neuen deutschen Wehrvorlagen for- 
dern rund 1 Milliarde für einmalige und 
186 Mill. M. für dauernde Ausgaben; ver- 
teilt man die ersteren auf zehn Jahre und 
rechnet die Zinsen hinzu, die bei regel- 
mäßiger Tilgung in dier Zwischenzeit dafür 
aufgewandt werden müssen, so macht das 
120 + 186 = 306 Mill. M. im Jahr, das 
würden mit den bisherigen Ausgaben von 
1711,8 Mill. M. zusammen 2017,8 Mill. M. 
sein; dabei muß erwogen werden, daß die 
Durchführung des letzten Flottengesetzes 
noch zu beträchtlichen Mehrausgaben in den 
nächsten Jahren führen wird. 

Damit sind aber die Wehrlasten Deutsch- 
lands noch keineswegs erschöpft. Nach dem 
vorläufigen Etat für 1913 beziffert sich die 
Zahl der in Heer und Flotte tätigen Mann- 
schaften, Unteroffiziere, Offiziere, Sanitäts- 
und Veterinäroffiziere und Beamten auf 
783 000 Köpfe. Dazu sollen an Heeresver- 
stärkung noch 136 000 Mann und ca. 1500 
Beamte treten; die Durchführung des letzten 
Flottengesetzes wird weitere ca. 15 000 Mann 
erfordern, und schließlich müssen mindestens 
65 000 Arbeitskräfte hinzugezählt werden, die 
in Militär-: und Marinewerkstätten beschäf- 
tigt werden. Rund 1 Million Männer im 
besten, arbeitsfähigsten Alter werden damit 
allein in Deutschland dauernd einer wirt- 
schaftlich nutzbringenden Beschäftigung ent- 
zogen ; dabei ist noch gar nicht berücksichtigt, 
wieviel Arbeitskräfte in privaten Werkstätten 
für Heeres- und Flottenzwecke beschäftigt 
werden. 

Rechnet man den Prödüktionswert einer 
männlichen Arbeitskraft durchschnittlich zu 
2000 M. jährlich, was mit Rücksicht auf die 
rund 39 000 Offiziere und Sanitäts- usw. Offi- 
ziere, auf die 20 000 Beamten und 126 000 
Unteroffiziere sicher sehr niedrig gerechnet 



124 



@= 



= DIE FRIEDEN5-^&DXE 



ist, so ergibt sich ein weiterer Kostenbetrag 
von 2000 Mill. M. im Jahre, der Deutschland 
dadurch erwächst, daß ständig 1 Million 
Männer einer wirtschaftlich nutzbringenden 
Arbeit entzogen werden. I nsgesamt 
werden dann seine Wehrlasten 
4000 Millionen Mark p. a. über- 
schreiten, also höher sein als 1871 
die französische Kriegskosten- 
entschädigung, deren gewaltiger 
Betrag damals das Staunen der 
W e 1 1 hervorrie f. 

Wenn diese Kosten in den anderen Län- 
dern auch etwas niedriger sein werden, so 
doch verhältnismäßig nicht viel. Und diese 
enormen Summen und Arbeitskräfte werden 
ständig der Volkswirtschaft entzogen; es 
tritt durch die Rüstungen zur Erhaltung des 
Friedens jenes finanzielle und volkswirtschaft- 
liche Weißbluten ein, das in seinen wirtschaft- 
lichen Folgen auf die Dauer nicht viel weniger 
verderblich ist als ein Menschen und Güter 
verschlingender Krieg. Welche enorme Summe 
sozialen Uebels ließe sich aus der Welt 
schaffen, wenn auch nur die Hälfte der 
Küstungskosten zun* Besserung des Loses der 
weniger bemittelten Klassen Verwendung, 
fände! Die Ausgaben der Kranken-, Un- 
fall- und Invalidenversicherung Deutschlands 
haben 1910 nur 804 Mill. M. betragen; nur 
52 Mill. M. davon hat das Reich zugeschossen. 
Es könnte die Leistungen verdoppeln und sie 
ganz auf die Reichskasse übernehmen, wenn 
es seine Wehrlasten nur auf die Hälfte herab- 
mindern könnte. 

Es ist aber auch klar, daß die Völker 
Europas über den riesigen Wehr- 
ausgaben wirtschaftlich zurück- 
bleiben müssen hinter anderen 
Völkern, die diese Lasten nicht zu 
tragen haben. Das gilt von denen un- 
seres Kontingents gegenüber England, das 
die allgemeine Wehrpflicht nicht kennt, also 
nur relativ wenig Menschen im Heeres- und 
Flottendienst hat. Das gilt in noch ganz 
anderem Maß gegenüber den Vereinigten 
Staaten von Amerika und Kanada. Wenn die 
sechs europäischen Großmächte von 1881 
bis 1910 über 134 Milliarden Mark für 
Rüstungszwecke ausgegeben haben, ist es da 
ein Wunder, wenn ihr Reichtum weit zurück- 
bleibt hinter dem Nordamerikas? 

Die Rüstungs Vermehrung des 
einen Landes treibt mit Natur- 
notwendigkeit die des an'dern'her- 
a u s. Die Verstärkung der russischen Wehr- 
macht, z. T. vielleicht gezeitigt durch die 
deutschen und österreichisch-ungarischen Rü- 
stungen in 1911 und 1912, die wieder bedingt 
durch das französische Cadresgesetz waren, 
hat vereint mit der Veränderung der poli- 
tischen Verhältnisse auf dem Balkan die 
neueste deutsche Wehrvorlage hervorgerufen; 
letztere zeitigt die Wiedereinführung der 



dreijährigen Dienstzeit in Frankreich und 
neue Rüstungen in Rußland , usf. 

Es ist die Schraube ohne Ende, unter 
der die Völker seufzen. 

Als 1898 der russische Zar überraschend 
das Manifest für die Friedenskonferenz im 
Haag erließ, war die Welt skeptisch, und 
leider ist — so segensreiche Folgen sie auf 
andern Gebieten erreicht hat — auf dem wich*- 
tigen Gebiet der Frage der Rüstungsbeschrän- 
kungen ihr Einfluß weniger als; Null ge- 
blieben. Gerade am Widerstand Deutschlands 
ist diese Frage gescheitert. Die „Formel" 
der Rüstungsbeschränkung Heß sich nicht 
finden. Fürst Bülow meinte seinerzeit, daß' 
rnan unmöglich international den einzelnen 
Staaten vorschreiben könne, wieviel Kanonen, 
Schiffe, Panzer- und Maschinenstärken, wel- 
che Geschützstärken, welche Gewehre, wel- 
ches Pulver usw. sie haben sollten. Darin 
kann man. ihm auch recht geben: Diese kom- 
plizierte Formel läßt sich nicht finden. Aber 
schon vor langen Jahren ist von den ver- 
schiedensten Seiten unabhängig voneinander,, 
vom Pfarrer Urnfrid, Prof. Quidde und mü- 
der Vorschlag gemacht worden, lediglich 
das Maß der Rüstungsausgaben 
international festzulegen, die vor- 
handenen Heeres- und Flotten- 
etats als das Gegebene zu nehmen 
und sich zu ve r pf 1 i c h ten, für eine 
bestimmte Reihe von Jahren diese 
Etats nicht zu überschreiten. 

Die Etats unterliegen der Kontrolle der 
Öffentlichkeit, der Parlamente. Es geht 
nicht an, neben ihnen noch Geheimetats zu 
führen, und in jeder gesetzgebenden Körper- 
schaft fehlt es nicht an Parteien oder Per- 
sonen, die dem Versuch, Rüstungsausgaben 
in anderen Etats zu verstecken, energisch ent- 
gegentreten, ihn sofort an die Öffentlichkeit 
bringen würden. Welche Ausgaben aber in 
die Heeres- und Flottenbudgets gehören, dar- 
über ließe sich leicht eine Verständigung her- 
beiführen. 

Ich bin fest überzeugt, daß eine ein- 
mal für fünf Jahre erfolgte Fest- 
legung der Wehrbudgets bei Ab- 
lauf der Bindungsfrist nicht nur 
zu einer Erneuerung, sondern so- 
gar zur Verständigung über gleich- 
mäßige prozentuale Herabsetzung 
führen würde, daß zum Segen für die 
Völker die Schraube gelockert würde. 

Auf mein Betreiben hat noch im alten 
Reichstag die Fraktion der Fortschrittlichen 
Volkspartei eine Resolution eingebracht, „daß 
der Reichskanzler sich nicht ablehnend ver- 
halten, solle, wenn von einer andern Groß- 
macht Vorschläge wegen gleichzeitiger und 
gleichmäßiger Begrenzung der Rüstungen ge- 
macht werden sollten". Wir hatten Grund 
zu der Annahme, vom Reichskanzler eine 
entgegenkommende Antwort zu erhalten und 
waren aufs peinlichste überrascht, als sie kühl, 



125 



DIE FBIEDEN5-WADTE 



i@ 



ja fast schroff ablehnend klang. Der Reichstag 1 
hat sie damals trotzdem mit erdrückender 
Mehrheit angenommen, aber praktische Wir- 
kung konnte sie nach der Bethmannschen 
Antwort nicht mehr haben. 

Heute ist die Situation schlimmer als je. 
Weder die Regierungen Rußlands noch 
Deutschlands, weder die Frankreichs noch 
Oesterreich-Ungarns, weder die Englands noch 
Italiens können in jetziger Lage mit einern 
Rüstungsbegrenzungsvorschlag herauskom- 
men; bei den ersten fünf würde man daraus 
(nur allzu leicht ein Eingeständnis der 
Schwäche herauslesen l England gehört zur 
Tripelentente und würde den Staaten des 
Dreibundes nicht vorurteilsfrei erscheinen. 

Die „Frankfurter Zeitung" hat sich da- 
her ein Verdienst erworben, als sie an den 
neuen Präsidenten der Vereinigten 
Staaten die Aufforderung rich- 
tete, seinerseits die Initiative 
asur Einberufung einer Ab- 

rüstungskonferenz zu ergreifen. 
\Herr Woodrow Wilson würde sich mit einem 
solchen Schritt das größte Verdienst um die 
Kulturentwicklung der Menschheit erwerben. 
Mehr als je ist heute die Stimmung in den 
beteüigten Völkern bereit, zur praktischen 
Verwirklichung dieses Gedankens zu schreiten. 
Es ist nicht zu befürchten, daß eine solche 
Konferenz diesmal wieder wie das Hornberger 
Schießen ausginge. Bei der Stimmung 
in Deutschland, speziell auch im 
Reichstag, könnte die deutsche 
Regierung sich diesmal nicht auf 
den ablehnenden Standpunkt 
Stellen. Frankreich würde auf- 
atmen, wenn es von dem. Alp der 
dreijährigen Dienstzeit befreit 
würde. Und in Rußland könnte 
sich Kaiser Nikolaus nicht selbst 
desavouieren, wenn sein vor 15 
Jahren gefaßter Gedanke end- 
lich realisiert würde. 

Reinste Vaterlandsliebe ist es, die sich 
in dem Wunsch nach internationalen Rüstungs- 
begrenzungen ausspricht; aber nicht minder 
ist er von realpolitischen Erwägungen dik- 
tiert. Denn die Exzesse des jetzigen Rüstungs- 
fiebers sind vaterlandsgefährlich; sie 
schwächen die Kraft für den Ernstfall. 



Die Irrtümer des Militarismus. 

Von Richard Gädke, 
früher Oberst und Regimentskommandeur. 

So bedauerlich es ist, man darf sich keiner 
Täuschung darüber hingeben, daß wir einer 
neuen Hochflut der Rüstungen mit unwider- 
stehlicher Macht zusteuern. Wie einst die 
Epidemie des Geißlertüms ganz Europa in 
verheerendem Zuge durcheilte, bis endlich der 



Wahnsinn in sich selbst hinstarb, so geht es 
jetzt mit der entfesselten Wut der Rüstungen. 
Keine menschliche Macht, keine sittliche 
Ueberlegung wird ihr Einhalt tun, bis endlich 
der Gipfelpunkt erreicht ist; bis alle Völker 
und alle Staaten die Grenze ihrer Leistungs- 
fähigkeit erreicht haben und dann auf einmal 
merken, daß sich in ihrem gegenseitigen 
Stärkeverhältnis nichts Wesentliches ge- 
ändert hat. 

Die menschliche Entwicklung zeigt immer 
das gleiche Schauspiel. Wenn etwas Neues an 
die Tür des Bestehenden pocht, hat dieses 
gewöhnlich den Höhepunkt seiner eigenen 
Möglichkeiten noch nicht erreicht. Im Gegen- 
teil! Das Neue ist notwendigerweise der Feind 
des Alten und pflegt dieses zu einer letzten 
gewaltigen Kraftanstrengung mit innerer Not- 
wendigkeit zu zwingen. Ich darf ein nur nahe- 
liegendes Beispiel anführen. Als gegen den 
Ausgang des Mittelalters das Schießpulver 
seine siegreiche Kraft zu zeigen begann und 
der Waffentechnik neue Wege wies, war seine 
nächste Folge nicht die Beseitigung der stähler- 
nen Schutzrüstungen, durch die der Einzel- 
kämpfer seine Unverwundbarkeit, mindestens 
seine Ueberlegenheit im Nahkampfe, zu sichern 
bestrebt war. Nein, gerade damals wurden 
die Panzer immer vollkommener, sie hüllten 
die Glieder des Mannes immer dichter und 
schwerer ein, sie bedeckten selbst den 
Körper des Schiachtrosses bis zu den Knien 
abwärts. Die Kunst der Waffenschmiede er- 
reichte damals ihren Höhepunkt und schuf 
bewunderungswürdige Rüstungen, die wir 
heute in den Zeughäusern anstaunen als in 
ihrer Art herrliche Gebilde von Menschenhand. 
Bis sie dann auf einmal als überflüssig und 
hinderlich — wahrscheinlich sogar die körper- 
liche Entwicklung der Menscheit schädigend — 
Stück für Stück sanken und schließlich nur 
noch stählerner Helm und Brustpanzer für 
die schwere Reiterei übrig blieben. Auch sie 
jetzt nur noch Prunkstücke für das militärisch- 
höfische Schauspiel. 

In ähnlicher Weise schnüren sich in unseren 
Tagen die Völker-Individuen in immer gewalti- 
gere Kriegsrüstungen ein und verwenden immer 
größere Mittel auf den Wettbewerb militä- 
rischer Stärke — Mittel, die sie in Verzweifelter 
Anstrengung den Kulturaufgaben und der 
friedlichen Behaglichkeit ihrer Einzelglieder 
entziehen. Je mehr der pazifistische Gedanke 
an Kraft gewinnt, je mehr die Ueberzeugung 
in unser sittliches Bewußtsein übergeht, daß 
die Einzelnation und der Partikularstaat nicht 
den Höhepunkt politischer Entwicklung bilden, 
sondern sich als dienende Glieder einzufügen 
haben in den lebensvollen Gesamtorganismus 
der Menschheit, um so erbitterter bäumt sich 
der alte, beschränkte Begriff des Patriotismus 
auf gegen den erhabenen Gedanken des Welt- 
bürgertums. Um so mehr wird der Gedanke 
internationaler Solidarität der Kulturwelt als 
staatsfeindlich und antipatriotisch beschimpft. 



126 



<§] 



DIE FRI EDENS -^k^RXE 



Und doch haben gerade die letzten sorgen- 
vollen Monate, fast darf man sagen, die 
letzten beiden Jahre voller Aufregung, be- 
■wiesen, daß schon etwas wie ein europäisches 
Gemeingewissen im Entstehen begriffen ist. 
Der Kampf um Marokko wurde vermieden, 
weil die beiden nächstbeteiligten Staaten von 
ihren eigenen Freunden mäßigend beraten 
wurden und schließlich selbst die Verant- 
wortung des ungeheuren Blutvergießens um 
solchen Anstoßes willen scheuten. Der Zug 
Italiens nach Tripolis mochte immerhin mit 
■der Kulturaufgabe eines aufstrebenden gegen- 
über einem absterbenden Staatswesen ent- 
schuldigt werden; und es gelang jedenfalls, 
den Krieg zu lokalisieren. Am gefährlichsten 
schien die allgemeine Lage, als die verbün- 
deten Balkanstaaten ihren kecken Angriff 
.gegen die türkische Herrschaft wagten und 
sie sozusagen im ersten Anlaufe nieder- 
warfen. Es hat sicher manche Woche 
in diesen letzten sechs Monaten ge- 
geben, wo ein allgemeiner Krieg der euro- 
päischen Großmächte außerordentlich nahe 
gerückt war; gleichwohl ist es durch die hin- 
gebende Arbeit aller und durch die Besonnen- 
heit der österreichischen wie der russischen 
Politik geglückt, das Schiff des Friedens durch 
alle Fährnisse glücklich hindurchzusteuern. 

Man verhöhnt den Pazifismus als die 
Utopie weltfremder Schwärmer und merkt gar 
nicht, welche Fortschritte er bereits in der 
praktischen Politik der Regierenden, in dem 
Ideenkreise der Diplomatie gemacht hat. Ein 
nettes Beispiel der ,, Philosophie des Unbe- 
wußten" ! Die Pazifisten können in der Tat 
mit dem Endergebnis dieser letzten Monde 
ganz zufrieden sein. Denn nur, indem sich 
der friedliche Ausgleich entgegenstehender 
Interessen von Fall zu Fall durchsetzt, ent- 
steht daraus allmählich eine Gewohnheit und 
schließlich ein ungeschriebenes Gesetz. Wobei 
es ganz gleichgültig ist, ob im vorliegenden 
Falle nur ideale Beweggründe wirkend ge- 
wesen sind, und nicht vielmehr in starkem 
Maße auch weniger ideelle Ursachen maß- 
gebend waren, wie die Furcht der Regierenden 
vor den Folgen, die ein unglücklicher Waffen- 
gang für sie selbst haben könnte. Man sollte 
meinen, daß solche Erfahrungen den strikten 
Beweis liefern, wie schon die augenblickliche 
Stärke der Rüstungen völlig hinreicht, jeden 
Krieg für alle Beteiligten zu einem furcht- 
baren Wagnis zu machen; sollte meinen, daß 
zur Erhaltung des Friedens eine weitere Ver- 
größerung der schon jetzt drückenden Mili- 
tärlasten keineswegs erforderlich sei. 

Es ist eine wunderliche Logik, die aus 
den Erfahrungen der letzten Monate die ent- 
gegengesetzte Folgerung zu ziehen sich an- 
schickt. Ich bedaure es, daß der erste Militär- 
staat, der dies für angebracht hält; Deutsch- 
land ist. Die politische Lage im Südosten 
soll sich derart zu seinen Ungunsten ver- 
schoben haben, daß dem nur durch weitere 



Anziehung der Rüstungsschraube ein Wider- 
part geboten werden kann. Man kann vieles 
dagegen einwenden; vor allen Dingen, daß 
doch offenbar die Politik sehr kurzsichtig 
und unfähig sich erwiesen, die solche Folgen 
gehabt hat. Und in der Tat, erfolgreich ist 
die türkische Politik Deutschlands — eben- 
sowenig wie die Oesterreichs — gewiß nicht 
gewesen. Man kann sicherlich behaupten, 
daß Rußland, Frankreich und besonders Eng- 
land genußreichere Früchte in jenen inter- 
essanten Gegenden zu pflücken verstanden 
haben. Aber muß denn diese Politik in ihrer 
bisherigen Hilflosigkeit durchaus fortgesetzt 
werden? Ist es unbedingt sicher, daß die 
neue „Großmacht der Balkanstaaten" immer 
und unter allen Umständen als Gegner des 
Dreibundes in Rechnung zu stellen sei. Ist es 
überhaupt wahrscheinlich, daß das Bündnis 
der vier Staaten den Friedensschluß mit der 
Türkei überdauern wird ? Melden sich nicht 
jetzt schon Eifersüchteleien zwischen ihnen 
an; und sollte es nicht möglich sein, in 
Griechenland, Albanien und der verjüngten 
Türkei den slawischen Staaten ein Gegen- 
gewicht zu schaffen ? Schlimmsten Falles aber, 
wäre es nicht in erster Linie Oesterreichs 
Sache, sich mit einer verschlechterten militä- 
rischen Lage abzufinden? Was in aller Welt 
nötigt gerade Deutschland, mit einer umfassen- 
den Wehrvorlage, der größten seit dem Be- 
stehen des Deutschen Reiches voranzugehen? 
Und dabei seine finanzielle Not vor aller Welt 
derart bloßzustellen, daß es zur Deckung der 
ungewöhnlich hohen einmaligen Kosten zu 
einer wenig verhüllten Zwangsanleihe schreitet ? 
Wie man die Sache auch betrachtet, man 
kann sich des Gedankens nicht erwehren, daß 
die veränderte Lage im Orient nur den äußeren 
und erwünschten Anlaß dazu bietet, durch 
eine riesige Kraftanstrengung jeder militä- 
rischen Rivalität ein- für allemal ein Ende 
zu bereiten. Den Vätern der neuen Wehr- 
vorlage schwebte der Gedanke vor, daß nie- 
mand im alten Europa imstande sein werde, 
mit Deutschland noch ferner in Wettbewerb 
zu treten, wenn dieses den quellenden Born 
seiner Volkskraft bis auf den letzten Mann 
für die Wehrkraft des Reiches nutzhar ge- 
macht habe. Gewiß ist ihnen nicht zugleich 
der Gedanke an einen Eroberungskrieg be- 
wußt gekommen; ' sie würden es mit 
Entrüstung zurückweisen, wenn man ihnen 
eine solche ' Absicht unterstellen wollte. 
Aber auch sie können nicht für ihre 
Nachfolger stehen 1 Die Jahrhundertfeier 
der Befreiungskriege, die gewaltsam zugleich 
höfisch-monarchischen und nationalistischen 
Zielen nutzbar gemacht werden soll, das 
25 jährige Regierungsjubiläum des Kaisers und 
auch der etwas boshafte Wunsch, gerade den 
gegenwärtigen, ein wenig radikaleren Reichs- 
tag (was man im frommen und gehorsamen 
Deutschland radikal nennt I) vor eine besonders 
schwere Probe zu stellen und ihn nötigenfalls 



127 



DIE FßlEDENS-^öJiTE 



aufzulösen: alle diese Momente haben zu- 
sammengewirkt, um der Militärpartei den 
Triumph dieser Vorlage möglich zu machen. 
Man glaubt, daß das deutsche Volk durch 
die Unruhe der letzten Monate mürbe genug 
gemacht sei, um jede noch so riesige Militär- 
vorlage zu schlucken, die ihm angeblich den 
Frieden sichern soll. Man kann es nicht oft 
genug wiederholen, daß die Jugend der höhe- 
ren Stände, in den Schulen chauvinistisch be- 
arbeitet, daß die schwere Industrie und ein 
Teil des Großhandels, ebenso wie das Junker- 
tum und das einflußreiche Beamtentum der 
militaristischen Strömung im großen ganzen 
Vorschub leisten — vorausgesetzt, daß die 
Lasten hauptsächlich von den breiten Schultern 
der Massen getragen werden. Diese Massen 
selbst aber stehen der Wehrvorlage durchaus 
abgeneigt gegenüber. 

Es ist der große Irrtum der herrschenden 
Schichten, den Krieg durch die ungeheure 
Wucht der Rüstungen bannen zu wollen, die 
schließlich mitten im Frieden der Wohl- 
fahrt und nicht zum wenigsten der Freiheit 
verderblicher werden 'muß als selbst ein 
Krieg. Sie Wollen sich der Erkenntnis ver- 
schließen, die doch diese letzten Monate 
mit Sonnenklarheit verbreiten sollten, daß eine 
gute, folgerichtige, Abenteuern abgeneigte Ge- 
schäftspolitik den Frieden besser sichert als 
noch so starke Heeresmassen. Und sie ver- 
schließen ihre Augen selbst der noch bedenk- 
licheren Wahrheit, daß gerade ihre chauvi- 
nistische Rüstungspolitik das allgemeine Miß- 
trauen gegen Deutschland wachruft, daß man 
in der ganzen Welt keinem anderen Staate in 
solchem Maße böse Absichten zutraut, gegen 
keine andere Regierung solche Abneigung emp- 
findet — nicht einmal gegen die russische — 
wie gerade gegen die Regierung Deutschlands. 
Dieses Mißtrauen schießt ohne allen Zweifel 
über das Ziel weit hinaus und beurteilt die 
Bosheit wie die Entschlossenheit der deutschen 
Staatsmänner schlimmer, als sie es verdienen. 
Aber die Militärkreise Deutschlands, die die 
Welt mit ihrem Lärm erfüllen, dürfen an ihre 
eigene Brust schlagen: mea culpa, mea culpa, 
maxima mea culpa ! 

Und diese Wehrvorlage schließt noch 
einen anderen Irrtum in sich; den, daß die 
anderen großen Mächte nunmehr einfach 
distanziert wären. Man hätte diesen Fehl- 
schuß schon aus dem Ausgange des Wett- 
kampfes zur See erkennen sollen, den man 
Jahre hindurch mit England geführt hatte. 
Die englischen Staatsmänner erklärten ein- 
fach, daß sie auf jedes deutsche Schlacht- 
schiff deren zwei auf Stapel legen würden; 
und sie hatten die Finanzkraft ihres Landes 
richtig eingeschätzt. Hier war es Deutsch- 
land, das sich mit dem zweiten Platze be- 
gnügen mußte. 

Jetzt erleben wir ein ähnliches Beispiel 
in Frankreich. Noch ist die deutsche Wehr- 
vorlage nicht einmal an den Reichstag ge- 



langt, und schon hat Frankreich seine Gegen- 
vorlage aufgestellt. 

Es darf allerdings nun und nimmer mehr 
geleugnet werden, daß dieses seine Volks- 
kraft schon bisher in einem Maße an- 
gestrengt hatte, wie es Deutschland nicht: 
einmal durch sein neues Gesetz er- 
reichen wird. Ebenso unbestreitbar aber ist 
es, daß Deutschland trotzdem für Friedens- 
wie für Kriegszeiten eine nennenswerte Ueber- 
legenheit über Frankreich gewonnen hatte. 
Im Verein mit O esterreich ist es schon gegen- 
wärtig stark genug, selbst einen Krieg nach 
zwei Fronten hin nicht scheuen zu dürfen. 
Andererseits ist es klar, daß die Geldkraft 
Frankreichs imfmer noch größer ist als die 
Deutschlands; einerseits, weil Frankreich 
eine durchschnittlich reichere Bevölkerung 
von Rentnern trägt als das schwer arbeitende, 
kinderreiche Deutschland; dann aber auch- 
weil die Staatsfinanzen dort besser fundiert 
sind als in Deutschland, das sich seit Jahren 
in einer blamablen Finanzklemme befindet. 
Nun erkannten ja die auch in Frankreich 
mächtigen chauvinistischen Kreise, daß die- 
neue Wehrvorlage Deutschlands ein schwerer 
Schlag für jede militärische Rivalität war; 
sie fürchteten oder gaben sich jedenfalls den 
Anschein zu fürchten, daß Deutschland ge- 
sonnen sei, nach Durchführung seiner Heeres- 
verstärkung ihnen ein neues Sedan zu be- 
reiten. Vergessen wir nicht, daß Frankreich 
unter dem Mangel militärischer Vorbereitung 
schon einmal schwer hat büßen müssen. 

So ist es mindestens verständlich, daß 
man dort drüben auf den Gedanken einer 
Verlängerung der Friedensdienstzeit um ein 
Jahr und der Kriegsdienstzeit um drei Jahre 
kam. Das ist unzweifelhaft eine ungeheuer- 
liche Belastung des Volkes, eine unerhörte 
Blut- wie Geldsteuer zu gleicher Zeit. Es- 
ist sehr zweifelhaft, ob Frankreich sie lange 
wird ertragen können, und ob die schwüle- 
Stimmung, die sie vielleicht im Volke er- 
zeugt, nicht gerade zu dem Ziele führt, das 
man doch anscheinend vermeiden möchte,, 
zum Ausbruch des Krieges, den die Chauvi- 
nistenblätter in zwei Jahren voraussagen. 
Denn mißglückt das Experiment der drei- 
jährigen Dienstzeit unter Heranziehung von 
78 o/o der wehrpflichtigen Mannschaft (sogar 
die Schweiz hebt nur 64 °/o aus), so könnte 
der Bestand der Republik selbst bedroht sein. 

Inzwischen aber wird nach Durchführung 
der beiderseitigen Verstärkungen das gegen- 
seitige) Kraftverhältnis beider Staaten an- 
nähernd das alte bleiben. Wollen also die 
extremen Militaristen in Deutschland ihre Ab- 
sicht durchführen, daß Frankreich endlich die 
unvergleichliche Ueberlegenheit Deutschlands 
anerkenne, 90 werden auch sie schließlich 
die Wiedereinführung der dreijährigen Dienst- 
zeit fordern müssen, durch die die Friedens- 
stärke des deutschen Heeres auf 1,1 Millioner 
Köpfe würde gesteigert werden. Das eben is 






128 



<s 



DIE Fßl EDENS -^\4M2XE 



der Fluch der bösen Tat, daß die fortzeugend 
Böses muß gebären. Schon kündigt auch 
Rußland neue Verstärkungen an ; schon Oester- 
reich, daß es sein Rekrutenkontingent aber- 
mals erhöhen wolle. Schon verlauten die 
gleichen Absichten Italiens, schon schickt sich 
Belgien an, mit der Durchführung der all- 
gemeinen Wehrpflicht Ernst zu machen; und 
es ist kein Zweifel, daß es hierbei mehr von 
•der Furcht vor Deutschland als vor Frankreich 
getrieben wird. Um ein solches Ergebnis zu 
erreichen, müssen also die deutschen Steuer- 
zahler eine Milliarde, die französischen fast 
«ine halbe Milliarde Mark an einmaligen, 
und jene 220, diese etwa 120 Millionen dauern- 
der Mehrausgaben tragen. Wieviel Leistungen 
sozialer Fürsorge, wieviel kulturelle Aufgaben 
könnten damit gelöst werden, wieviel Tränen 
getrocknet, wieviel Not und Elend gelindert 
werden ! 

Indem die französische und die deutsche 
Sozialdemokratie sich zu einem gemeinsamen 
Protest gegen diese immer höher an- 
schwellende, verheerende Flut der Rüstungen 
geeinigt haben, haben diese ,, Vaterlands losen 
Gesellen" eine nicht nur mutige, sondern in 
des Wortes bester Bedeutung patriotische Tat 
.getan. Denn diese Rüstungen, s o wie sie tat- 
sächlich geplant werden, sind sinnlos, weil sie 
einen schweren Fehler des Kalküls enthalten. 

Wenn sich dies erst der allgemeinen 
Ueberzeugung beider Völker, aller Kultur- 
völker aufgedrängt haben wird, dann werden 
•auch die praktischen Erfolge besser gewürdigt 
werden, die der Pazifismus schon gegenwärtig 
erzielt hat. Die Waffen des Gewissens bleiben 
auf die Dauer wirksamer als die verheeren- 
den Werkzeuge des Krieges. 



Zu den neuen Rüstungsvorlagen 

würde ich, wenn ich im Reichstag säße, das 
Wort erbitten und sagen: 

Ich werde nicht für die neuen Vorlagen 
stimmen. Ich werde niemals für neue Mili- 
tärvorlagen stimmen. Jede Vergrößerung 
unserer Effektiven ist zwecklos, weil unsere 
Nachbarn darauf sofort mit einer Vergröße- 
rung ihrer Effektiven antworten. Wenn es 
wahr ist, daß der europäische Frieden nur 
erhalten werden kann durch das ungefähre 
Gleichgewicht der Kriegsrüstungen jeder 
Nation, dann ist der Frieden sicherer, wenn 
die Armeen der Großmächte im heutigen 
Verhältnis zueinander bleiben, als wenn wir 
mit unserer Truppenerhöhung Europa 
zwingen, sie in ein höheres Verhältnis zu 
bringen. Wenn es also, wie doch die Po- 
litik der übrigen Großmächte beweist, von 
vornherein eine ausgemachte Sache ist, daß 
auch nach unserer Effektivenerhöhung die 
Großmächte in demselben Stärkeverhältnis 
zueinander bleiben als früher, wenn wir folg- 
lich auch nachher unserem Vaterlande noch 



immer keine Garantie bieten können, für die 
Unüberwindlichkeit unserer Armee (weil wir 
ja die anderen Armeen zwingen, auch ihrer- 
seits die Unüberwindlichkeit anzustreben), 
dann bleibt alles beim alten. Der Fort- 
schritt läge dann nur in höheren Ziffern, 
höheren Steuern und! in der 'höheren Empfind- 
lichkeit des angehäuften Kriegszunders. 

Ich werde nicht für eine abermalige Ver- 
größerung unserer Armee stimmen, weil 
unserem Vaterlande heute von keiner Seite 
her auch nur die leiseste Gefahr droht. Zu 
keiner Zeit der Geschichte war die Friedens- 
liebe der europäischen Völker, Fürsten und 
Staatsoberhäupter lebhafter, aufrichtiger und 
notwendiger als heute. Es besteht für uns 
weder eine slawische noch eine französische 
Gefahr. — Es besteht keine slawische Ge- 
fahr, weil unsere Nachbarn im Osten, und 
wären sie noch so kriegslustig, auf lange 
Jähre hinaus kein Geld haben werden zur 
Organisation eines Eroberungsfeldzuges. Nur 
auf dem Papier sind Rußlands Finanzen er- 
träglich. Ein neuer Krieg würde in Ruß- 
land sofort eine neue Revolution auslösen. 
— Es gibt keine französische Gefahr, weil 
unsere Nachbarn im Westen erstens in der 
Minderzahl sind, zweitens, weil Frankreich 
ein Land von Kleinbauern und Kleinrentnern 
ist, und niemand den Frieden mehr liebt als 
der kleine Besitzende, der seine Kapitalien 
in der ganzen Welt anlegen muß, um davon 
leben zu können. Von 584 französischen 
Kammerabgeordneten gehören überdies 343 
der Interparlamentarischen Friedensunion an, 
von 300 Senatoren 168. Während von den 
397 Mitgliedern dieses hohen Hauses leider 
nur 67 dieser wichtigsten aller Friedens- 
gesellschaften angehören, können, wir also mit 
Genugtuung feststellen, daß von insgesamt 
884 französischen Volksvertretern 511, das 
heißt mehr als die Hälfte, durch ihre Mit- 
gliedschaft in dieser Vereinigung beweisen, 
daß sie ausgesprochene Pazifisten sind. Rech- 
nen Sie dazu, daß Frankreichs Bevölkerung 
nicht wächst, daß in Deutschland immer vier 
künftige Soldaten geboren werden, während 
zur gleichen Zeit in Frankreich nur einer 
zur Welt kommt, daß die vier deutschen 
Soldaten jungen in Gottesfurcht und Königs- 
treue erzogen werden, während der eine fran- 
zösische von mehr als 100000 pazifistisch 
gesinnten Lehrern zum Glauben an die 
kommende Verbrüderung der Menschheit an- 
gehalten wird, — und Sie werden, wenn Sie 
alle diese Friedensgarantien der dritten Re- 
publik beachten, als verständige Männer den 
Revancheschwindel der Chauvinisten be- 
lächeln müssen. Der französische Chauvinis- 
mus ist nicht schlimmer als der deutsche 
oder der englische, und schon 1902 hat der 
Sozialistenführer Jaures unter dem Beifall der 
Kammermehrheit das erlösende Wort aus- 
sprechen können, daß nämlich jetzt die Zeit 
gekommen sei, wo man den Revanche- 



129 



DIE Fß!EDENS-WAQTE 



: 3 



gedanken vergessen und sich mit der Ge- 
schichte abfinden müsse. 

Ich werde gegen die neuen Vorlagen 
stimmen, weil eine Bedrohung in ihnen liegt. 
Jawohl, wir müssen den Mut haben, es 
klar auszusprechen : In der nimmersatten 
Rüstungspolitik des deutschen Kaiserreichs 
liegt eine Bedrohung der anderen Völker. 
Unter allen europäischen Großmächten hat 
Deutschland seine Rüstungen am heraus- 
forderndsten betrieben. Von 1883 bis 1912 
haben unsere Rüstungsausgaben um 1144 
Millionen zugenommen, das heißt um 227 o/o. 
Im' gleichen Zeitraum erhöhte England seine 
Rüstungen um 153 o/o, Rußland um 114,8 o/ , 
Oesterreich-Ungarn um 111,9%, Italien um 
108,6 o/o und Frankreich (das gefürchtete 
Frankreich der Revanche) um 70,2 o/ . Diese 
Ziffern und Statistiken beweisen unwider- 
legbar, daß wir den Rekord in der Erhöhung 
der Rüstungen besitzen, und ich finde nicht, 
daß dies unserem Volke zur Ehre gereicht. 
Im Gegenteil: Ich beklage diese zwecklose 
Kraftleistung aus ganzem Herzen, denn sie 
ist schuld daran, daß wir seit langem das 
Mißtrauen der ganzen Welt erregen, daß 
wir die anderen Völker immer wieder zu 
Gegenmaßregeln zwingen, daß der Chau- 
vinismus hüben und drüben nicht sterben 
will und daß wir daher vorläufig noch immer 
nicht zu einer offenen und freien Aussprache 
mit unseren Nachbarn gelangen können. 

Ich werde keinen Pfennig für neue 
Rüstungsausgaben bewilligen, weil meine 
Vaterlandsliebe mehr als eine eingelernte 
Phrase ist. Die Gefahr ist nicht außerhalb, 
sie ist innerhalb. Nicht die Franzosen be- 
drohen uns, nicht die Russen und nicht die 
Engländer. Uns bedroht unsere eigene un- 
zufriedene und hungrige Nation. Denn die 
deutsche Nation hungert, bildlich und buch- 
stäblich : Unser Volk beginnt Hundefleisch 
zu essen. Wir haben kein Geld für unsere 
Veteranen. Unsere Arbeiterschutzgesetz- 
gebung ist ungenügend; im Vergleich zu 
dem, was andere Nationen geschaffen haben, 
ist sie eine Karikatur. Unsere Schulen sind 
teuer, unmodern und überfüllt. Mit einem 
Wort: Wir haben, trotzdem der deutsche 
Bürger die höchsten Steuern zahlt, kein Geld 
für Kulturaufgaben. Nein, protestieren Sie 
nicht : die Franzosen sind nicht mehr die 
höchstbelastete Nation. Mit dem 1 Re- 
kord der höchsten Rüstungsaus- 
gaben halten wir seit einigen 
Jahren auch den Rekord der höch- 
sten Steuerbelastung pro Kopf 
der Bevölkerung. — Und welches Elend 
auch in unserem Volkshaushalt : Unsere In- 
dustrie, der Stolz unserer Nation, arbeitet 
allzu stark mit Kredit statt mit Geld. Der 
für den Handel so unentbehrliche Bank- 
diskont ist darum beständig teurer als 
anderswo. Unsere Staatspapiere sind billiger, 
das heißt wertloser als die anderer Staaten. 



Die Aufnahme neuer Staatsanleihen ist 
außerordentlich schwierig. Unsere Banken 
bieten bis 8 o/ für bares Geld. Und so fort. 
— Ich sage nicht, daß Deutschland arm ist,. 
aber ich sage : Es hat Hunger und ist ge- 
niert in seiner Entwicklung. Unter dem 
Druck des Rüstungspanzers kann es nicht 
mehr recht Atem holen. — Und nun wollen 
Sie unserer Germania das beengende Eisen- 
korsett nicht nur nicht öffnen, sondern Sie 
wollen es noch fester schnüren ? Wenn ein- 
Arzt einen gesunden, entwicklungsfreudigen 
Menschen zu seinem Vergnügen zu. 
einer Operation überreden möchte, dann 
würden Sie gewiß sagen, er sei wahn- 
sinnig oder übermütig. Unsere Regierung 
aber gleicht diesem Arzt, wenn sie 
mitten im Frieden, das heißt ohne zwingen- 
den Grund, eine Milliarde von der Nation 
verlangt und sie mit einer Besitzsteuer zu 
decken vorschlägt. Selbst als Frankreich 
1871 fünf Milliarden an den deutschen Sieger 
zu zahlen hatte, war keine solche direkte 
Besteuerung notwendig. Ich sage: diese Be- 
sitzsteuer ist ein Frevel an der Vaterlands- 
liebe unseres Volkes, und wenn Sie diesen 
Frevel gutheißen, dann greifen Sie damit an> 
die wichtigsten Atmungsorgane der Nation. 
Gewiß : sie würde diese schmerzhafte Ope- 
ration überstehen, aber sie würde nachher 
noch kranker und kurzatmiger sein als heute. 
Denn mit einer solchen Steuer zwingen Sie die 
Industrie, den Handel t:nd unsere gesamte 
Volkswirtschaft zu einem immer gefähr- 
licheren Kreditspiel; Sie untergraben die 
Unternehmungslust, denn wer will noch in 
einem Staate viel Geld verdienen, wo man 
um so mehr zahlt, je mehr man besitzt und 
verdient ? Sie treiben damit unsere ohne- 
hin schon so spärlichen Kapitalverfügbar- 
keiten, unsere beweglichen Werte, unsere 
vitalsten Energien und Intelligenzen ins Aus- 
land und entwerten den deutschen Kredit 
auf den Weltmärkten. Was aber wohl das 
gefährlichste dabei ist: Sie vergrößern den 
Abstand zwischen Volk und Regierung und 
erwecken die Gefahr, daß sich in einer nahen 
Zukunft die gärende tiefe Unzufriedenheit 
der Hundefleischesser und freudlosen Pro- 
letarier gewaltsam Luft macht. 

Ich werde niemals für neue Militärvor- 
lagen stimmen, denn nach einem flüchtigen 
Studium der Börsenkurszettel habe ich fest- 
gestellt, daß in Wirklichkeit nur eine Hand- 
voll mächtiger Kapitalisten aus diesen 
Rüstungsausgaben Gewinn zieht. Diese Ka- 
pitalisten, die kaltblütig bereit sind, ihre 
Dividenden mit dem Patriotismus der Massen 
zu erhöhen, besitzen die Mehrzahl der Aktien 
der Kanonenindustrie. Sie haben gut von 
einer Besitzsteuer reden, denn das, was sie 
auf der einen Seite ausgeben, wird auf der 
anderen doppelt und dreifach durch die Er- 
höhung ihrer Börsenwerte wieder herein- 
gebracht. Vergleichen Sie, meine Herren., 



130 



<§: 



= DIE FRIEDEN5- , fcÄR.TE 



die heutigen Kurse der Kruppwerke in 
Deutschland, der Creusotwerke in Frank- 
reich und aller Industrieunternehmen, die 
von nah oder fern an den zu erwartenden 
vermehrten Kriegslieferungen interessiert 
sind, mit den Kursen vor einigen Monaten. 
Und Sie werden nachher nicht mehr bestreiten 
können, daß den Besitzern dieser Aktien die 
neuen Steuern nicht nur keinen Verlust, 
sondern Gewinn bringen, nicht zu reden von 
den zu erwartenden höheren Dividenden. Eine 
ganze große Industrie lebt heute ausschließ- 
lich von den Budgets der Kriegs- und 
Marineminister. Sie lebt von der Vor- 
bereitung des Krieges, das heißt von Werken 
des Todes und der Zerstörung, auf Kosten 
der Steuerzahler. Es liegt keine Ehre für 
unsere Nation in dieser Tatsache. Wenn 
Millionen von Kapitalien und Hunderttausende 
von Menschen für die Kriegsvorbereitung 
arbeiten müssen, so ist das bedauerlich, 
denn diese Millionen und diese Hundert- 
tausende sind für die Kulturarbeit verloren. 

Ich bin aus tiefer patriotischer Ge- 
sinnung heraus ein Feind der Vermehrung 
der Rüstungen, weil ich ein Feind jeder un- 
produktiven Arbeit bin und weil ich nicht 
wünsche, daß diel Welt mit Fingern auf uns 
zeige: Seht, die Deutschen haben nur einen 
Ehrgeiz, nur ein Ziel, nur einen Glücks- 
krampf: Rüstungen und Paraden, Paraden 
und Rüstungen. Unter allen Völkern, zahlen 
sie die höchsten Steuern, aber sie haben nur 
Geld für Waffen und Kasernen. Ihren zweck- 
losen Rüstungen zuliebe essen sie Hunde- 
fleisch und lassen sogar ihre Veteranen, 
darben. 

Meine Herren, ich wünsche nicht, daß 
man s o von uns rede, daß man auf uns zeige 
als die Gassenjungen der europäischen Kul- 
tur. Ich liebe mein Vaterland und will, daß 
man es auch jenseits der schwarz -weiß-roten 
Grenzpfähle liebe. — Nicht Sparta darf unser 
Ziel sein, wo die Kriegsidee die Grundlage 
der gesamten Volkserziehung war und wo 
man die Industriellen als servile Kreaturen 
behandelte. Unser Ziel ist Athen. Denn 
ohne die glänzende Furche, die Athen in 
der Kulturentwicklung der Menschheit ge- 
zogen hat, wäre auch Sparta schon längst 
vergessen und verflucht von der Menschheit. 
Ich wünsche, daß Deutschland 
fortan als Kulturschaffer in der 
Welt voranleuchte, und ich ver- 
hülle mein Gesicht bei dem Ge- 
danken, daß es jemals mit Sparta 
dentraurigen Ruhm 1 teilenkönnte, 
ein Sinnbild der finsteren Gewalt 
und der alles erstickenden Mili- 
tär disziplin zu sein. 

Selbst Napoleon, ein Gewaltmensch, der 
es wissen mußte, hat zugegeben, daß es in 
der Welt nur zwei Gewalten gibt, den Säbel 
und den Geist, und daß zuletzt immer der 
Geist über den Säbel siege. Ich will, daß 



der deutsche Geist in der Welt siege und 
nicht der deutsche Säbel. 

Aus allen diesen Gründen werden alle 
ehrlichen Patrioten ohne Unterschied der 
Partei mit mir gegen die neuen Militär- 
vorlagen stimmen. 

Herrn. Fernau (Paris). 



Das Weltfeierjahr im Flottenbau. 

Am 26. März hat der englische Marine- 
minister, Lord Churchill, die Welt mit einem 
neuen Vorschlag überrascht. Er sagte: 

„Es ist keine Aussicht vorhanden, die 
gewaltigen, dauernd wachsenden Kosten in 
den Flottenetats der künftigen Jahre zu ver- 
meiden, wenn nicht die Periode der Rivali- 
täten und des technischen Fortschritts zu 
einem Ende kommt. Von allen Nationen der 
Welt sind wir vielleicht am besten imstande, 
eine derartige Ausdehnung zu tragen, falls 
sie fortgesetzt werden sollte. Aber es gibt 
glücklicherweise einen Weg, der offen steht 
und offen bleiben wird, durch welchen 
die Völker der Welt eine fast 
augenblickliche Milderung der 
Sklaverei erreichen können, in 
die sie sich selbst begeben haben. 
In der Sphäre des Flottenwettbewerbes ist 
alles relativ. Die Stärke einer Flotte ist 
ihre Stärke verglichen mit einer anderen. 
Der Wert eines Schiffes hängt gänzlich von 
dem zeitgenössischen Schiff ab, dem es viel- 
leicht entgegentreten muß. Jedoch sehen 
wir, daß die Schiffstypen einer jeden See- 
macht die der früheren Jahre in unerbitt- 
licher Hartnäckigkeit verdrängen, daß viele 
Millionen von Jahr zu Jahr ge- 
radezu vergeudet werden und daß 
das Entwicklungstempo dauernd sich ver- 
stärkt, ohne einen wirklichen Ge- 
winn in der relativen Flotten- 
stärke. Kann ein Vorgang sinn- 
loser sein? Die Frage, die sich die Groß- 
mächte, und nicht nur die Großmächte, son- 
dern auch die großen Nationen vorlegen 
sollten, ist diese: Wenn für den Zeitraum 
eines Jahres kein neues Kriegsschiff für 
irgendeine Flotte gebaut worden ist, würden 
unsere Flotteninteressen oder die nationale 
Sicherheit in irgendeiner erkennbaren Weise 
gefährdet werden? Wir haben heute gute 
Schiffe; sie sind die besten der Welt, bis 
bessere gebaut werden. Können sie nicht ein 
Jahr die Herrschaft behalten, bevor sie zu- 
rückgesetzt werden ? Warum' sollten wir 
alle nicht für ein Jahr im Schiffsbau 
einen Feiertag eintreten lassen, soweit 
eine neue Konstruktion oder unter allen Um- 
ständen soweit eine Neukonstruktion eines 
Linienschiffes in Betracht kommt ? Das ist 
die Frage, die ich im vorigen Jahre gestellt 
habe, und das ist der Vorschlag, den ich 
in dieserni Jahre wiederhole. Er schließt keine 



131 



DIEFßlEDEN5-^i*<&RrE 



e> 



Aenderung in der relativen Stärke der Flotten 
in sich ein. Er bedingt nicht das Auf- 
geben irgendeines Planes bezüglich der 
Flottenorganisation oder der Flotten- 
vermehrung. Er widerstreitet keinem System 
eines Flottengesetzes. Er schließt keine Ein- 
schränkung der wirklichen Flottenstärke ein. 
Et ist so einfach, daß er zu keinem 
Mißverständnis führen kann. Die 
Finanzen eines jeden Landes wür- 
deneineEnt las tungerhalten. Keine 
Flotte würde im geringsten be- 
n a chteiligt sein. Wir in Großbritannien 
können mit Aufrichtigkeit über einen der- 
artigen Gegenstand sprechen. Unsere Schiffs- 
bautechnik ist nicht minderwertiger als die 
irgendeiner anderen Macht, unsere Erfah- 
rungen sind weit größer, unsere Hilfsmittel 
sind reicher. Unsere Pläne haben auf jeder 
Stufe bei dem Weltwettbewerb die alte 
Ueberlegenheit behauptet, und nach dem, 
was wir von anderen Ländern hören, unter- 
liegen unsere Preise und die Qualität unserer 
Arbeit gewiß keinem 1 Tadel. In jedem Jahre, 
solange wie neue Schiffe gebaut werden, 
werden (wir die besten bauen, welche die 
Wissenschaft erfinden oder Geld kaufen kann ; 
wir werden unser bestes tun, die Führung in 
der Konstruktion aufrechtzuerhalten, die für 
die Vorherrschaft zur See nicht weniger wich- 
tig ist als das Uebergewicht in der Anzahl. 

Das ist kein Appell der Schwäche, des 
keuchend Zurückbleibenden, sondern ein 
Appell der Stärke des in der Front 
Schreitenden, den wir an alle Nationen richten, 
und an keine Nation mit größerer Auf- 
richtigkeit als an unseren großen Nachbar 
jenseits der Nordsee." 

Es gibt wohl kaum etwas Einleuchten- 
deres, etwas Einfacheres, etwas Klareres 
als diesen Vorschlag. Er gleicht dem Ei des 
Kolumbus. Mit einem Schlage scheinen all 
die Schwierigkeiten überwunden, die uns von 
den Gegnern stets als unüberwindbare 
Hindernisse für die Rüstungsverminderung 
dargestellt wurden. Keine schwierigen For- 
meln sind zu suchen, keine Kontrollen auf- 
zustellen. Es wird einfach nichts vermindert, 
es bleibt alles beim Alten; nur ein Jahr lang 
wird pausiert. Die Hunderte von Millionen 
einer einjährigen Rüstungspause stellen sich als 
klares Ergebnis dar. Leider ist aber das Prin- 
zip des Rüstungswettbewerbes an sich so un- 
logisch, daß man ihm mit logischen Mitteln 
gar nicht beikommen kann. Ebensowenig 
wie man ein Kind oder einen Wilden, mit 
Gründen überzeugen kann, kann man die 
Rüstungsbetreiber überzeugen. Hier gilt ganz 
besonders das ausgezeichnete Wort Rudolf 
Goldscheids: „La r^cherche de la causa- 
lite" est interdite." Nach dem Warum und 
Wozu darf hier nicht gefragt werden. 

So erhoben sich auch in der deutschen 
Presse sofort Einwände. Einwände unglaubr 
lichster Art.' Nur ein Beispiel: Die „Kreuz- 



zeitung" vom 27. März rückt sofort mit deaj 
„wahren Gründen der englischen Vorschläge" 
heraus. Schon dieser Titel kennzeichnet die 
angewandte Taktik; er verdächtigt. Deutsch- 
land würde nach der Kreuzzeitung durch ein 
solches Feierjahr „sehr benachteiligt" wer- 
den. „Jene Pause würde der überlasteten 
englischen Industrie von Vorteil, der nicht 
überlasteten deutschen nur von Nachteil 
sein. Sie erläutert diese etwas unklare Be- 
hauptung folgendermaßen: „Die englischen 
Werften verlangen sehr energisch eine Ver- 
längerung der Baufristen für die großen 
Kriegsschiffe, da sie unter gegenwärtigen 
Umständen mit Tag- und Nachtschichten 
arbeiten müssen und dabei nicht auf ihre 
Kosten kommen können; bei den deutschen 
Werften ist das nicht der Fall. Die englische 
Technik mag also immerhin noch aus- 
dehnungsfähig sein, für eine solche Aus- 
dehnung braucht sie aber Zeit; die deutsche 
Technik ist ebenfalls, und zwar noch sehr aus- 
dehnungsfähig, sie braucht aber keine Zeit, 
sondern Arbeit." 

Man kann dies kaum 1 als Einwand be- 
zeichnen; höchstens als Ausrede. Die 
Milliarde, die beide Staaten in solch einem 
Feierjahr sparen würden, kommt für die 
Kre,uzzeitung gar nicht in Betracht. Sie 
spricht nur „von Nachteilen". 

Aehnlich auch die „Kölnische Volks- 
zeitung". Für sie ist der Vorschlag nur 
„ein Paradehieb", eine „schöne Idee", 
und schließlich mündet auch ihre Betrach- 
tung nach vie,len Wenn und Aber in einer 
Verdächtigung: „England will bloß Luft be- 
kommen." 

Ebenfalls skeptisch, wenn auch in liebens- 
würdigerer Form, hat der Reichskanzler in 
seiner großen Rede am 7. April zu dem Vor- 
schlag Stellung genommen. Er sagte darüber : 

„Nun hat Mister Churchill in der 
großen Rede, die er neulich gehalten hat, das 
Verhältnis der englischen Flotte zur deut- 
schen Flotte beleuchtet und dabei einen Ge- 
danken wiederholt, den er bereits im vorigen 
Jahr, und zwar auch im Parlament, aus- 
gesprochen hat, den Gedanken, daß zur 
Verminderung der Rüstungen die 
Schiffswerften der großen Natio- 
nen von Zeit zu Zeit ein Jahr Feier- 
tag machen. Mister Churchül hat diesen 
Vorschlag speziell an Deutschland, und zwar 
für die Jahre 1914 oder 1915 gerichtet. Aber 
er hat selbst anerkannt, daß alle Großmächte 
an dieser Kontingentierung beteiligt werden 
müßten. Die Marinesachverständigen dies- 
seits und jenseits haben, wie mir scheint ziem- 
lich einstimmig, auf die großen Schwierig- 
keiten hingewiesen, die sich der Ausführung 
dieses Problems entgegenstellen. Mister 
Churchill selbst hat diese Schwierigkeiten ge- 
kannt. Auch ist mir nicht bekannt geworden, 
daß sein Gedanke im englischen Parlament 
oder in der englischen öffentlichen Meinung 



132 



<§s 



DIE FRIEDENS -WARTE 



mit besonderer Entschiedenheit aufgegriffen 
wäre. Wir werden daher abwarten 
können, ob die englische Regie- 
rung mit konkreten Vorschlägen 
an uns herantreten sollte. Aber die 
Tatsache, daß dieser Gedanke ausgesprochen 
worden ist, und die Formen, in die der erste 
Lord der englischen Admiralität sie gekleidet 
hat, bedeutet schon einen großen Fort- 
schritt. Es gab eine Zeit, wo jede Form 
eines Vergleichs der englischen und der 
deutschen Seestärke, des englischen und des 
deutschen Schiffsbaues, zu einer Flotten- 
hetze führte, die immer wieder die Be- 
ziehungen beider Länder vergiftete. Ich 
hoffe, daß diese Zeiten der Ver- 
gangenheit angehören. Mir scheint, 
daß das Vertrauen wiederzukehren beginnt, 
das lange zum Schaden beider Länder und 
der Welt gefehlt hat." 

Das ist keine Zustimmung, aber auch 
keine Ablehnung. 

Dem scharfen Beobachter der Verhält- 
nisse kann eine erfreuliche Tatsache nicht 
entgehen : DasProblem derRüstungs- 
verminderung entwickelt sich. 
Früher durfte darüber kaum gesprochen 
werden. Das zynische Gelächter der Rück- 
wärtser erstickte jede Andeutung im Keime. 
Jetzt wird doch schon diskutiert und erwogen, 
und auch von deutscher Seite sehen wir jetzt 
öfter ein, wenn auch erzwungenes, Nicken. 
Das Problem ist diskutabel geworden. Die 
nächste Haager Konferenz wird Formeln vor- 
finden, von denen die Regierungen bereits er- 
klärt haben, daß sich darüber reden ließe. Es 
ist nicht mehr so ausgeschlossen, daß man sich 
1915 im Haag darein schicken wird, wenigstens 
zu verhandeln. Und das wird schon ein großer 
Fortschritt sein. 



Kundgebungen 
gegen die Rüstungen. 

Aufruf des Internationalen Friedensbureaus. 

Die gegenwärtige Lage Europas hat ihres- 
gleichen noch nicht gehabt. 

Zur nämlichen Stunde, da die Vertreter 
der Großmächte in London und in Petersburg 
s'ich mit allem Nachdruck um die Herstellung 
des Friedens auf der Balkanhalbinsel und um 
die Aufrechterhaltung des Weltfriedens be- 
mühen, kündigen diese selben Großmächte, 
unter dem Druck einer künstlich erweckten 
Panik, neue gewaltige Rüstungen an, mit der 
Behauptung, daß diese für ihre Sicherheit not- 
wendig seien. 

Seit Jahrzehnten sind wir die Zeugen einer 
fortwährenden Steigerung der Rüstungen ge- 
wesen; aber was im Augenblick geplant wird., 
um sie noch weiter zu steigern, überschreitet 
in der Tat das Maß der ausschweifendsten 
Phantasie. 



Die Völker müssen begreifen: eine wohl- 
überlegte internationale Kampagne sucht sie 
heute auf den Weg eines unbegrenzten 
Rüstungswettkampfes zu verlocken; wenn sie 
den Organisatoren dieser Kampagne folgen, 
so werden bald alle ihre Lebenskräfte durch 
die Vorbereitung zu den Werken der Zer- 
störung und des Todes aufgezehrt werden, 
zum Schaden aller Werke des Lebens, der 
Zivilisation und des Fortschritts. 

Eine solche Lage ist die unausbleibliche 
Folge der Gewalt- und Raubpolitik, die von 
den Regierungen noch immer verfolgt wird}. 

Es ist Sache der Völker, unzweideutig 
ihren Willen zur Beendigung einer solchen 
Politik zu bekunden. 

Heute muB auch der Blindeste sehen/ 
daß alle Anstrengungen, die zur Steigerung 
der militärischen Kräfte eines Landes dienen 
sollen, alsbald zunichte gemacht Werden durch 
gleiche Anstrengungen anderer Länder. Wenn 
die gewaltigen, jetzt geplanten Rüstungen 
durchgeführt sind, wird nichts in dem militä- 
rischen Kräfteverhältnis der verschiedenen 
Nationen geändert sein. 

Angesichts solcher Tatsachen sollten die 
Völker sich bemühen, kaltes Blut zu bewahren 
oder wiederzugewinnen. Zu einer solchen Be- 
tätigung des Willens und der gesunden Ver- 
nunft rufen wir sie auf. 

Denn wahrhaftig, wollen die Völker wirk- 
lich unaufhörlich das Bild des kommenden 
Krieges vor Augen haben? Wollen sie nicht 
vielmehr den Frieden, gegründet auf Ge- 
rechtigkeit und Freiheit, die Sicherheit und 
den Lohn friedlicher Arbeit, den Segen geisti- 
gen Fortschritts, die Erleichterung von Steuer- 
und Rüstungslasten, die nutzbringende und 
rasche Verwertung der wissenschaftlichen Ent- 
deckungen, die Verbilligung der Lebenshal- 
tung, die Beteiligung aller an den Erzeug- 
nissen der Welt ? 

Die Vertreter der Friedensgesellschaften 
der ganzen Welt, die in Bern zu einer inter- 
nationalen Versammlung zusammengetreten 
sind, erklären feierlich: Es gibt heute kein 
Volk, das gewillt wäre, Krieg zu führen, um 
seine Nachbarn zu vernichten oder zu unter- 
werfen; überall würde sich vielmehr ein un- 
beschreiblicher Enthusiasmus erheben, wenn 
die Politik der Staaten sich unter die Herr- 
schaft der Friedensidee stellen wollte. Jede 
Versicherung, daß es anders wäre, muß mit 
dem schärfsten Mißtrauen aufgenommen 
werden. 

Die wahre öffentliche Meinung fordert 
die Ersetzung der Kriegspolitik durch eine 
Politik des Friedens, d. h. durch eine wohl- 
überlegte Organisation der internationalen 
Arbeitsgemeinschaft und durch eine, auf dem 
Recht beruhende, für alle gleichmäßig ver- 
pflichtende Beilegung internationaler Streitig- 
keiten. Nur so wird jede Nation die ihr zu- 
kommende Unabhängigkeit und wahre Sicher- 
heit gewinnen. 



133 



DIEFBIEDENS-^ADTE = 



3 



Aber ist eine solche Umwandlung der 
Politik möglich? 

Die jüngste Vergangenheit hat zwei be- 
merkenswerte Vorgänge gezeitigt: Die von 
den Regierungen Rußlands und Oesterreich- 
Ungarns getroffene Vereinbarung über eine 
gleichzeitige Demobilisierung ihrer in den 
Grenzbezirken stehenden Truppen und die, 
wenigstens stillschweigende, Verständigung 
Deutschlands und Englands über das Maß 
ihrer Flottenrüstungen. Diese beiden Vor- 
gänge, so wenig wir ihre Bedeutung über- 
schätzen, sind doch außerordentlich bezeich- 
nend; sie zeigen, daß Uebereinkommen zur 
Beschränkung der Rüstungen durchführbar 
sind, wenn nur die Regierungen den Willen 
haben, sie durchzuführen. 

Unser Aufruf geht an die Regierungen, 
die sich ihrer Verantwortung bewußt sind, 
nicht allein an jene, die unmittelbar durch 
das Rüstungsfieber berührt werden, sondern 
auch an alle andern, die die unheilvollen 
Folgen mitzutragen haben werden. Ihre Sache 
ist es, unverzüglich, gemeinsam oder einzeln, 
bei den am Rüstungswettkampf unmittelbar 
beteiligten Regierungen vorstellig zu werden, 
damit diese gleichzeitig auf ihre Pläne ver- 
zichten, auf diese Pläne, ebenso verderblich 
und unnütz für sie selbst, wie gefährlich für 
alle. 

Unser Aufruf geht an die Parlamente und 
unterschiedslos an alle politischen Parteien, 
die sich ehrlich des Wohles der Massen an- 
nehmen, und die sich unabhängig halten von 
den Rüstungsinteressenten. Ihre Sache ist es, 
einmütig und eines Sinnes ihre Stimme zu er- 
heben, um von ihren Regierungen die gleichen 
Entscheidungen und die gleichen Maßnahmen 
zu fordern. 

Unser Aufruf geht schließlich an die 
Völker, die alle den Frieden wollen, die alle 
mit ihren Interessen am Frieden hängen und 
die alle unter der materiellen und moralischen 
Last der Rüstungen zusammenzubrechen 
drohen. Ihre Sache ist es, auf ihre Vertreter 
in den Parlamenten einen unwiderstehlichen 
Druck auszuüben. Aus allen Hütten und aus 
allen Werkstätten muß sich ein einheitlicher, 
mächtiger und entrüsteter Protest erheben 
gegen jene, die da behaupten, Dolmetscher 
der Volksmassen zu sein, wenn sie von 'Kampf- 
und Schlachtbegierde sprechen. Alle aufge- 
klärten Geister müssen sich hinzugesellen, um 
die Menschheit zu befreien von dem Alp- 
druck, der auf ihr lastet und sie zur Ver- 
zweiflung treibt. 

Wir wagen zu hoffen, daß unter dem 
zwingenden Druck der öffentlichen Meinung 
die Mächte diesen Weg der Beruhigung und 
der Verständigung betreten werden. Will man 
den Folgen einer wahrhaft selbstmörderischen 
Politik entgehen, so muß der internationalen 
Anarchie ein Ende gesetzt werden; denn sie 
allein wirkt, lähmend auf alle wohlmeinenden 
Bestrebungen, die auf den Fortschritt und 



die Besserung des Loses der Völker gerichtet 
sind. Stetigkeit muß an die Stelle der heu- 
tigen Unsicherheit treten; denn diese ist nur 
zum Vorteil jener, die im vollen Bewußtsein 
besinnungslose Paniken hervorrufen, aus- 
schließlich zu ihrem eigenen Nutzen und zum 
Schaden der Kleinen und Armen. 

Wir haben die Ueberzeugung, in dieser 
feierlichen und verantwortungsvollen Stunde 
im Namen nicht nur der Friedensfreunde zu 
sprechen, die in ihren Vereinen auf der ganzen 
Erdoberfläche organisiert sind, sondern auch 
im Namen von Millionen und aber Millionen 
Menschen, die durch ihrer Hände und ihrer 
Köpfe friedliche Arbeit das Auskommen 
suchen, auf das sie ein Recht haben, für 
sich und für ihre Familien, die in dieser Stunde 
der Trauer und des Schreckens die Sorge 
niederdrückt. Sic alle ersehnen ein Zeitalter 
gesicherten Friedens. 

Wir sind sicher, über alle Grenzen hinaus 
gehört zu werden, wenn wir auch jetzt wieder 
den Ruf erschallen lassen, der die Mensch- 
heit zu ihren Zielen der Freiheit, Brüderlich- 
keit und Gerechtigkeit führt: Krieg dem 
Kriege ! 

Bern, im März 1913. 

Eingabe der Deutschen Friedensgesellschaft 
an den Reichskanzler. 

,,An den Herrn Reichskanzler 
von Bethmann Hollweg. 
Eure Exzellenz 
erlaubem wir uns, bezüglich der geplanten 
Rüstungsvorlage in letzter Stunde um ge- 
neigtes Gehör zu bitten. Wir können zwar 
nicht hoffen, die Kaiserliche Regierung in 
ihren Entschließungen zu beeinflussen, halten 
es aber doch für unsere Gewissenspflicht, 
darauf aufmerksam zu machen, daß der ein- 
geschlagene Weg schwerlich zu dem er- 
wünschten Ziel, einen dauernden Frieden zu 
erhalten, führen wird. Kein Friedensfreund, 
sondern ein Kriegsfürst, der Zar Nikolaus II. 
von Rußland, hat es ausgesprochen : „Die 
ständige Gefahr, welche in der Kriegsstoff- 
ansammlung ruht, macht die Armee unserer 
Tage zu einer erdrückenden Last, welche die 
Völker mehr und mehr nur mit Mühe tragen 
können. Es ist deshalb klar, daß, wenn diese 
Lage sich noch weiter so hinzieht, sie in 
verhängnisvoller Weise zu eben der Kata- 
strophe führen würde, welche man zu ver- 
meiden wünscht, und deren Schrecken jeden 
Menschen schon beim bloßen Gedanken 
schaudern machen." Wir brauchen Eurer 
Exzellenz nichts davon zu sagen, daß die 
neuen Rüstungsforderungen dem deutschen 
Volk überraschend kommen müssen, nach- 
dem erst vor einem Jahr eine wesentliche 
Vermehrung des Heeres stattgefunden hat, 
und daß durch beide Neuforderungen die 
vom. Jahr 1912, wie die vom Jahr 1913 das 
Quinquennatsgesetz, durch das doch der 
Heeresbestand auf 5 Jahre festgelegt schien, 






13*. 



<s= 



= DIEFRIEDEN5-^MM2XE 



illusorisch gemacht werden dürfte. Wir haben 
auch nicht nötig, Eurer Exzellenz vorzurech- 
nen, welche Steigerung die Rüstungsaus- 
gaben speziell in Deutschland erfahren haben. 
Im Jahre 1883 haben wir 366 Millionen Mark 
für unser Heer und 36 Millionen für unsere 
Flotte aufgewendet, zusammen also 392 Millio- 
nen; jetzt geben wir bereits ca. 1300 Millio- 
nen für unsere Rüstung aus, und wenn die 
neue Wehrvorlage angenommen ist, werden 
wir, alle Nebenausgaben eingerechnet, gegen 
2 Milliarden für unsere Panzer aufzuwenden 
haben, das ist in 30 Jahren eine Steigerung 
von rund 400 °/o, und dabei ist die dadurch 
erstrebte Sicherheit keineswegs größer ge- 
worden, im Gegenteil, die Kriegsgefahr ist 
dringender als je. Dabei dürfte es sich als 
aussichtslos erweisen, daß der Dreibund die 
Triple-Entente in dem Rüstungswettlauf 
überflügeln könnte. Die Antwort auf die von 
der deutschen Regierung geplante Rüstungs- 
vorlage ist bereits vom französischen Mi- 
nisterium gegeben : in Paris wird man einen 
neuen Rüstungskredit von 500 Millionen 
Franken verlangen; man wird daran gehen, 
eine schwarze Armee gegen Deutschland auf- 
zustellen, man wird unser Heer durch An- 
schaffung kostspieliger Zerstörungsmaschinen 
zu überbieten suchen, und wenn das fran- 
zösische Volk die nötige Mannschaft nicht 
wird aufbringen können, so ist in, Rußland 
ein so unerschöpfliches Menschenreservoir 
vorhanden, daß, wenn dasselbe unter Vor- 
aussetzung einer Sanierung der russischen 
Finanzen aufs äußerste ausgenützt wird, die 
Ueberflügelung des Dreibunds durch die mit 
den Balkanstaaten vereinigte Triple-Entente 
zur erschreckenden Tatsache werden wird. 
Wir sehen keinen Ausweg aus dem verhäng- 
nisvollen Zirkel, in dem sich die europäische 
Politik bewegt, als den : es sollte 
versucht werden, eine Uebereinkunft unter 
den Staaten abzuschließen, durch die sie 
sich ihren Besitzstand gegenseitig garantieren 
und sich eine überseeische Expansion für den 
Notfall ermöglichen. Auch Frankreich würde 
— das ist unsere Ueberzeugung — schließ- 
lich eher bereit sein, sich durch einen der- 
artigen Vertrag zu binden, als daß es sich 
•durch das ruinöse System des bewaffneten 
Friedens, diesen latenten Kriegszustand, zu- 
grunde richten ließe. Man müßte aber ein- 
sehen, daß es nicht nur die Aufgabe der Po- 
litik sein kann, das Interesse des eigenen 
Staates zu wahren, daß es sich vielmehr 
darum handeln muß, den Boden für ein 
menschenwürdiges Zusammenleben der Na- 
tionen zu bereiten. Die Bedrohung einer Na- 
tion durch die andere, wie sie heute die 
Regel geworden zu sein scheint, kann aber 
nicht als menschenwürdiger Zustand bezeich- 
net werden. Uebrigens sollte auch schon 
unter Voraussetzung der gegenwärtigen Ver- 
hältnisse eine Uebereinkunft unter den kon- 
kurrierenden Regierungen möglich sein, da- 



hingehend, daß eine Formel gesucht würde, 
welche ein gewisses Maximum der Rüstungs- 
ausgaben festlegen würde. Wenn es ge- 
lungen ist, zwischen der deutschen und eng- 
lischen Flotte das Verhältnis von 10:16 als 
annehmbar für die nächste Zeit festzulegen, 
warum sollte nicht etwas Aehnliches auf dem 
Gebiete der Landstreitkräfte möglich sein ? 

Möge es Eurer Exzellenz gefallen, dies: 
Gedanken einer geneigten Prüfung zu unter- 
ziehen. 

Stuttgart, März 1913. 

Verehrungsvoll 

Der Vorstand der 

Deutschen Friedensgesellschaft. 

Dr. Ad. Richter. ü. Umfrid." 

Resolution der Deutschen Friedensgesellschaft. 

Die Deutsche Friedensgesellschaft, Stutt- 
gart, faßte in ihrer Ausschuß-Sitzung vom 
14. März 1913 folgende Resolution : 

,,Die Deutsche Friedensgesellschaft be- 
dauert aufs lebhafteste, daß die Regierungen 
trotz aller Friedensversicherungen, trotz aller 
Abmachungen der Haager Konferenzen, trotz 
all der Anzeichen, die auf die wachsende 
Solidarität der Interessen hinweisen, immer 
noch keinen Ausweg aus dem Zustand des 
bewaffneten Friedens, dieses latenten Kriegs, 
finden zu können meinen, daß sie vielmehr 
heute mehr als je dem Wahngedanken folgen, 
als ob sie sich nur durch eine ins Ungemessene 
gesteigerte Rüstung behaupten oder durch- 
setzen könnten, ohne daß sie die furchtbare 
Gefahr bemerken wollen, die sie gerade mit 
dieser ungeheuerlichen Anhäufung der Zer- 
störungsmittel heraufbeschwören. Obwohl die 
Deutsche Friedensgesellschaft die Anschauung 
der Regierung sehr wohl kennt, nach welcher 
dieselbe mit einem gleichzeitigen Angriff von 
Westen und einem Ansturm der durch die 
Balkanstaaten verstärkten Russen rechnen zu 
müssen glaubt, so sieht sie doch in der neuesten 
Milliardenforderung, die an das deutsche Volk 
gestellt wird, keineswegs eine wirksame Frie- 
denssicherung, sondern weiß, daß die anderen 
Mächte in dieser äußersten Anspannung der 
deutschen Wehrkraft — ob auch mit Unrecht 
— eine furchtbare Drohung erblicken, der sie 
zunächst mit einem ähnlichen Aufwand für 
Zerstörungsmittel begegnen zu müssen meinen, 
um schließlich in der Erkenntnis, daß es so 
nicht weitergehen kann, zu der Ansicht zu 
gelangen, daß ein Ende mit Schrecken dem 
Schrecken ohne Ende vorzuziehen sei. Sie 
fordert daher alle Einsichtigen auf, mit ihr 
gemeinsam gegen das ziellose Wettrüsten zu 
protestieren, bis die Regierungen sich dazu 
entschließen, um den Frieden auf festere 
Grundlagen zu stellen, einander die Unantast- 
barkeit des bestehenden Besitzstandes zu 
garantieren, für den Fall der Selbstauflösung 
eines Staates den einzelnen Völkerschaften 
desselben das Selbstbestimmungsrecht zuzu- 
gestehen, sich selbst jeder Einmischung zu 



135 



DIE FßlEDEN5-Nfc/AE>TE = 



3 



enthalten und etwaige Streitigkeiten, die trotz 
derartiger Abkommen entstehen sollten, der 
Erledigung auf rechtlichem Wege zuzuführen. 
Es zeigt sich schon heute aufs klarste, daß 
keine Nation der andern bezüglich der 
Rüstungsausgaben zuvorkommen kann, da die 
andern sofort mit einer ähnlichen Erhöhung 
ihrer Wehrkraft i antworten; daß aber die 
Teuerung der Lebenshaltung, die jetzt schon 
einen exorbitanten Grad erreicht hat, durch 
die starke Blutentziehung, die in der geplanten 
Milliardensteuer dem Volkskörper zugemutet 
wird, erhöht werden wird, dürfte jedem Kun- 
digen einleuchten. Daher sollte unseres Er- 
achtens dem Gedanken eines Uebereinkom- 
mens näher getreten werden." 



Ein offizieller Vorstoß gegen die 
Kriegshetzer in der Presse. 

Seitdem es eine Friedensbewegung gibt, 
richtet sich der Kampf gegen die Brunnen- 
vergifter der öffentlichen Meinung, deren 
Geschäft es ist, durch sensationelle Nach- 
richten die öffentliche Meinung zu täuschen 
und jene Erbitterung zu erregen, die dem 
internationalen Frieden recht gefährlich wird. 
Man kennt diese Fälscher und Hetzer und 
ihren verderblichen Einfluß. Bei dem gröBen 
Werke der anglo-deutschen Verständigung 
sahen wir sie hemmend am Werke. Lord 
Churchill hat sie mit Recht „Die Wege- 
lagerer der internationalen Politik" genannt. 
In den Beziehungen Deutschlands zu Frank 
reich spielen sie die verächtlichste und ver- 
derblichste Rolle, nicht minder in den Be- 
ziehungen Oesterreich-Ungarns und Italiens. 
Aus dem gegenwärtigen Balkankriege haben 
wir ihr trauriges Wirken noch in aller Er- 
innerung. Die falschen Nachrichten über die 
Ermordung des österreichischen Gesandten in 
Belgrad, die Aufbauschung der Affäre Pro- 
chaska, die Fälschungen über die ungnädige 
Aufnahme des kaiserlichen Sondergesandten 
Hohenlohe in Petersburg sind Einzelheiten 
aus der Werkstatt dieser Giftmischer. 

Mit Recht hat sich die anständige Diplo- 
matie stets gegen jene dunkeln Ehrenmänner 
gewandt, und der ehemalige österreichisch- 
ungarische Minister des Aeußern, Graf 
Kalnoky, hat einmal ausdrücklich die 
Hilfe der Friedensgesellschaften gegen jene 
Plage angerufen. Am 18. September 1892 
sprach er in den österreichischen Delegationen 
von der Alarmierung der öffentlichen Mei- 
nung durch die Tagespresse und deren Nach- 
richtendienst, „in welchem auf die Nerven des 
lesenden Publikums und sogar auf die Leiden- 
schaften politischer und nationaler Natur in 
einer Weise eingewirkt wird, die oft heftige 
Strömungen erzeugt, welche die Regierung 
alle Mühe hat, zu beruhigen. Wenn die 
Friedenskongresse sich mit der Friedensfrage 



beschäftigen, würde ich ihnen sehr empfehlen, 
dieser Tatsache ihr Augenmerk zuzuwenden 
und in dieser Richtung einen heilsamen Ein- 
fluß zu üben in allen Ländern, wo solches 
vorkommt". 

Im Jahre 1906 hat Graf Aehrenthal 
in den Delegationen von jenen Unverant- 
wortlichen gesprochen, die in der Presse 
jeden Zwischenfall aufbauschen und die be- 
gleitenden Nebenumstände übertreiben, und 
1907 beklagte sich der damalige italienische 
Premierminister T i 1 1 o n i über „die Zügel- 
losigkeit eines Teiles der Presse", ihre „straf- 
würdigen Provokationen", die „die haupt- 
sächlichste, wenn nicht die einzige Gefahr für 
den europäischen Frieden bilden". Aehnliche 
Aeußerungen taten noch Campbell Banner- 
man, Graf Bülow, Kiderlen Waechter u. a. 

Die Pazifisten haben nicht erst nötig ge- 
habt, die Aufforderung des Grafen Kal- 
noky zu befolgen. Schon auf dem Londoner 
Friedenskongreß von 1890 und auf allen 
späteren Kongressen forderten sie energisch 
Abhilfe gegen dieses Uebel und Einschreiten 
der Gesetzgebung. 

Hierzu scheint nun der erste 
Schritt gemacht zu werden. 

In dem Entwurf des neuen Strafgesetz- 
buches, den die österreichische Regierung 
dem Herrenhause vorgelegt hat, befindet sich 
ein Abschnitt, der „Von der Gefährdung 
des Friedens" handelt. Der darüber ein- 
gefügte § 115 hat folgenden Wortlaut: 

„Wer durch eine Druckschrift eine 
unwahre oder entstellte Nachricht ver- 
breitet, durch welche die Beziehungen der 
Monarchie zu einem 1 fremden Staate ge- 
fährdet werden, wird mit Gefängnis oder 
Haft von einer Woche bis zu einem Jahr 
oder mit Geldstrafe von fünfzig bis zu 
Viertausend Kronen bestraft." 
Dieser Paragraph ist von der Regierung 
selbst vorgelegt worden. Die juristische Kom- 
mission des Herrenhauses hat in ihrem „Be- 
richt" folgende Begründung dazu gegeben: 
„Es ist wiederholt durch 
Aeußerungen der hervorragend- 
sten Staatsmänner verschie- 
dener Staaten anerkannt wor- 
den, daß die Gefahr für den 
Frieden heute meist nicht mehr 
wie früher von den Regierungen 
und ihrer Diplomatie ausgeht, 
deren Tätigkeit vielmehr vor- 
wiegend in den Dienst der Frie- 
den sbewahrung gestellt ist, 
sondern von unverantwort- 
lichen Elementen, die aus den 
verschiedensten Motiven, aus 
nationalem Fanatisimus, aus 
volkswirtschaftlichen Gründen, 
zum Teil aber auch aus gemein- 
ster Gewinnsucht oder au 
journalistischer Sensations 

lust die Völker und Staate: 



136 



<§; 



DIE FRIEDEN5-^M&RTE 



gegeneinander verhetzen und 
die Versuche friedlicher Bei- 
legung internationaler Diffe- 
renzenund Erregungder Leiden- 
schaften durch Entstellungen 
von Nachrichten, durch Ver- 
breiten erlogener Nachrichten 
stören. Dieser Gefahr sucht 
§ 115 durch eine Strafdrohung 
gegen diese Art der Gefährdung 
des Friedens entgegenzuwirken, 
indem er es als Vergehen er- 
klärt, in e in er D r uck s ch r if t un- 
wahre oder entstellte Nach- 
richten zu verbreiten, durch 
die die Beziehungen der Mon- 
archie zu einem fremden Staate 
gefährdet werden." 
Die Feststellung wird für die pa- 
zifistischen Kreise nicht uninteressant sein, 
daß der Berichterstatter jener juristischen 
Kommission niemand anderer als der be- 
kannte Völkerrechtsgelehrte Professor 
Lammasch ist, der hervorragende Mit- 
arbeiter am Haager Werk und der angesehene 
Richter in so vielen bedeutenden Schieds- 
fällen. 

In absehbarer Zeit wird das neue öster- 
reichische Strafgesetzbuch Gesetz werden. 
Dann wird die Propaganda einen Ausgangs- 
punkt haben — eine Operationsbasis, wie 
man es militärtechnisch nennt. Das Ziel 
wird dann sein, den § 115 des österreichischen 
Strafgesetzbuches in die übrigen Strafgesetz- 
bücher einzufügen. Dies wird am besten zu 
erzielen sein durch ein internationales Ab- 
kommen, und zu einem solchen wird d i o 
kommende Haager Konferenz die 
beste Gelegenheit bieten. 

A. H. F. 



Brief aus denVereinigtenStaaten. 

Von Henry S. Haskeil, New York. 

Das nationale und das New-Yorker Komitee 
zur Jahrhundertfeier des Friedens zwischen 
den englisch sprechenden Völkern entfalteten 
eine rege Tätigkeit für die Vorbereitung der 
im Jahre 1914 stattfindenden Feier. Es wurde 
vorgeschlagen, die Geschichte eines Jahr- 
hunderts des Friedens von Prof. W m. A. Dun- 
ning von der Columbia-Universität schreiben 
zu lassen. Das Vorwort dazu soll der frühere 
Botschafter James *B r y c e liefern. Ferner 
wurde erwogen, ein Denkmal der Königin 
Victoria in diesem Lande und eines von 
George Washington in London zu errichten^ 
Ebenso soll ein Standbild an der Grenze zwi- 
schen Britisch Columbia und dem Staate 
Washington zur Aufstellung gelangen. Am 
24. Dezember 1914 wird für fünf Minuten jede 
Art von menschlicher Tätigkeit in den Ver- 
einigten Staaten eingestellt werden. Es ist 



auch beabsichtigt, eine Gedenkfriedensbrücke 
über die 'Niagara- Schlucht zu erbauen. 

James L. Tryon, Sekretär der Massa- 
chusetts Friedensgesellschaft, hat eine Anzahl 
illustrierter Vorträge gehalten, die sich auf 
die beabsichtigte Jahrhundertfeier beziehen. 
mb 

Die Verhältnisse in Mexiko waren sehr 
beunruhigend. Präsident Taft und sein Nach- 
folger, Präsident Wilson, sind von inter- 
essierten Kreisen gedrängt worden, zu inter- 
venieren oder eine Vermittlung zu versuchen, 
aber diese Vorschläge wurden beharrlich zu- 
rückgewiesen. Der Sturz der Regierung des 
Präsidenten Madero und der Regierungs- 
antritt des General Huerta als vorläufiger 
Präsident lassen aber immerhin hoffen, daß 
sich eine dauerhafte Regierungsform in 
Mexiko entwickeln wird, wenn es auch selbst- 
verständlich erscheint, daß es große Schwierig- 
keiten bereiten wird, eine solche dort einzu- 
führen. Die führenden Zeitungen sprechen 
von einer Intervention der Vereinigten Staaten 
als von einem allerletzten Mittel und die ein- 
flußreichsten Persönlichkeiten dieses Landes 
sind der Ansicht, daß Mexiko allein seine Ver- 
hältnisse ordnen solle, es sei denn das Leben 
der in Mexiko lebenden Bürger 'der Ver- 
einigten Staaten gefährdet. Finanzielle Inter- 
essen fallen aber nicht genügend ins Gewicht, 
um eine Intervention zu rechtfertigen. 

Durch die Presse wurde ein Bericht ver 
breitet, wonach die Republik Columbia sich 
weigerte, die versuchsweisen Vorschläge, die 
seitens des Department of State gemacht wur- 
den, zwecks Schlichtung der Streitfrage über 
die Anerkennung der Panama-Republik durch 
die Regierung der Vereinigten Staaten anzu- 
nehmen. Die kolumbische Regierung besteht 
darauf, die Frage einem Schiedsgericht zu 
unterbreiten. Am 25. März veröffentlichte der 
Generalkonsul von New York einen an den 
ehemaligen Staatssekretär <K n o x gerichteten 
Brief, worin er die Wahrhaftigkeit des 
Berichtes, den der Sekretär dem Kongreß am 
1. März 1913 unterbreitete, bezweifelt. Es ist 
nicht wahrscheinlich, daß diese Frage eine 
rasche und befriedigende Lösung findet. 

MB 

Am 4. März leistete WoodrowWilson 
den Eid als Präsident der Vereinigten Staaten!. 
Es waren Gerüchte über bevorstehende Re- 
volutionen in den Republiken von Zentral- 
Amerika verbreitet, weil es den Anschein 
hatte, als wäre Präsident Wilsons Politik 
der Nicht - Intervention 'zugeneigt. Indessen 
versprach das am 12. März veröffentlichte 
E x p o s 6 des neuen Präsidenten eine Politik 
der Freundschaft für die Republiken Latein- 
Amerikas, setzte aber die freundschaftliche 
Warnung hinzu, daß die Regierung der Ver- 
einigten "Staaten einen Mißbrauch ihrer 
Freundschaft nicht dulden würde. 



137 



DIE FRIEDENS -^VADTE = 



^> 



In den letzten Tagen hat Präsident Wil- 
son den führenden amerikanischen Banken 
mitgeteilt, daß die Regierung der Vereinigten 
Staaten auf eine Teilnahme Ajnerikas an der 
Sechs-Mächte-Anleihe in China nicht bestehen 
würde. Dies gab 'Anlaß zu zahlreichen Kom- 
mentaren und Kritiken. Der allgemeine Ein- 
druck scheint aber der zu sein, daß es sich nur 
um eine freundschaftliche Kundgebung handelt, 
der in kurzer Zeit die offizielle Anerkennung 
der neuen chinesischen Republik folgen wird,. 

Es wäre verfrüht, eine Meinung über die 
von Präsident Wilson zu erwartende Politik 
zu äußern, aber man wird wohl nicht fehl- 
gehen in der Annahme, daß er für eine be- 
scheidene Reduktion des Tarifs, für eine all- 
gemeine oder erhöhte Einkommensteuer und 
für Gerechtigkeit und Wohlwollen in unseren 
internationalen Verbindungen eintreten wircL 
cssr 

Bereits anfangs 1913 hat der Sekretär 
des Präsidenten der chinesischen Republik die 
Trustees der Carnegiestiftung aufgefordert, 
einen Rat für die chinesische Regierung zu 
ernennen. Frank Johnson Goodnow, 
Professor für Verwaltungsrecht an der Colum- 
bia-Universität ist dafür bestimmt worden und 
wird sehr bald diesen Posten in China an- 
treten. Als Dr. Charles W. Eliot im 
Jahre 1912 die Carnegiestiftung in China ver- 
trat, wurde die Möglichkeit einer solchen Er- 
nennung zwischen ihm und dem chinesischen 
Ministerpräsidenten erwogen. 

MB 

Am 13. Februar unterschrieben der Staats- 
sekretär Knox und der Gesandte Jusse- 
r a u d eine Konvention, die die Schiedsverträge 
zwischen Frankreich und den Vereinigten 
Staaten auf fünf Jahre verlängerte. 

Charles W. Eliot, emeritierter Prä- 
sident der Harvard - Universität, wurde die 
Gesandtschaft am Hof von St. James an- 
getragen. Er lehnte den ehrenvollen Ruf ab. 

John Bassett Moore, Professor für 
Völkerrecht an der Columbia - Universität, 
wurde zum Rat des State Department ernannt 
und wird in Abwesenheit des Staatssekretärs 
William Jennings B r y a n diesen ver- 
treten. 



Die Frage des Panamakanal-Zolles be- 
gegnet immer noch einem lebhaften Interesse. 
Die einflußreichsten Zeitungen und Zeit- 
schriften haben diese Frage fast täglich be- 
sprochen und Widerruf jenes Teiles des Aktes 
über den Panamakanal-Zoll empfohlen, der 1 
eine Befreiung des Zolles der amerikanischen 
Küstenschiffahrt gewährt, oder zur Verweisung 
der Streitfrage mit Großbritannien vor ein 
Schiedsgericht geraten. 

Hon. Joseph H. Choate, früher Ge- 
sandter in England, stellte in einer Rede in 
der Pilgrims Society in New York am 4. Fe- 
bruar fest, daß er den Entwurf des Hay- 



Pauncefote-Vertrags kenne, und daß es zwi- 
schen Lord Pauncefote und John Hay 
feststand, daß alle Nationen, mit Inbegriff der 
Vereinigten Staaten von Amerika, den Kanal 
unter gleichen Bedingungen benutzen könnten. 
In der New York Sun vom 16. März ist ein 
erschöpfender und autoritativer Bericht von 
Mr. Choate veröffentlicht worden, der diesen 
Gedanken Vertritt. 

Das Ende der Kongreßsession brachte 
keine Erledigung zu dem Gesetzentwurf des 
Senators Root auf Widerruf der Befreiungs- 
klausel. Es ist möglich, daß die Widerruf- 
angelegenheit anläßlich der Spezialsitzung des 
Kongresses, die vom Präsidenten Wilson 
für den 7. April' einberufen wurde, beschleunigt 
werden wird. 

Am 18. März veröffentlichten 22 Mit- 
glieder der Board of Trustees der Carnegie- 
stiftung einen Aufruf für ein Schiedsgericht 
oder Widerruf der Befreiungsklausel. Dies 
wurde durch die Associated Press umfang- 
reich verbreitet. 

Die Massachusetts Friedensgesellschaft 
nahm im Februar eine Resolution zugunsten 
des Widerrufs der Befreiungsklausel an. Diese 
Gesellschaft veranlaßte alle Prediger in 
Neu-England, eine Predigt über 
nationale Ehre am Sonntag, den 
30. März zu halten, und dabei von der 
Rede des Senators Root über den Panama- 
kanalzoll auszugehen. 

Die New Yorker Friedensgesellschaft hat 
die von Robert Underwood Johnson, 
dem 'Herausgeber des „Century Magazine", 
am 30. Januar 1913 bei der jährlichen Ver- 
sammlung der Gesellschaft gehaltene Rede 
veröffentlicht und sehr stark verbreitet. Die 
Rede ist eine sorgfältige Prüfung der Streit- 
frage über den Panamakanalzoll und ein Auf- 
ruf zu einer ehrenvollen Erledigung dieser 
Frage. 

Die „American Association for Inter- 
national Conciliation" veröffentlichte im Fe- 
bruar die Rede des Präsidenten Taft, in der 
er für die schiedsgerichtliche Erledigung der 
Frage des 'Panamakanalzolles eintrat und 
einen sehr interessanten Artikel desselben 
Inhaltes von Arnos S. Hershey, Professor 
für Völkerrecht und der politischen Wissen 
schaften. 



Die World Peace Foundation, 
Boston, übersiedelte in größere und bequemere 
Räume, 40 Mt. Vernon Street. Es ist beab- 
sichtigt, alle in Boston bestehenden Friedens- 
organisationen in diesem Gebäude zu vereinen, 
um so ein wirkliches Friedenszentrum für die 
Stadt zu errichten. 

Im Februar veröffentlichte die World 
Peace Foundation eine Broschüre, die wich- 
tige Artikel über das Werk des Roten Kreuzes 
im Balkankrieg enthielt. Die Artikel hießen: 
„The Wounded" von N o e 1 Buxton^ M. P. 



138 



e 



und „Women and War" (die Frauen und der 
Krieg) Von Mrs. M. St. Clair Stobart. 

Edwin D. Mead, Sekretär der Foun- 
dation, verbrachte die letzte Woche des Fe- 
bruar in Washington und benutzte diesen 
Aufenthalt zu Unterredungen mit den führen- 
den Persönlichkeiten der Friedensgesell- 
schaften. 

Die erste Jahressitzung der New Hamp- 
shire Friedensgesellschaft wurde am 27. Fe- 
bruar in Manchester, N. W. abgehalten. Die 
Gesellschaft besteht aus 107 Mitgliedern und 
entfaltet eine außerordentlich rege Tätigkeit, 
indem sie zahlreiche öffentliche Versamm- 
lungen veranstaltet und wichtige Schriften ver- 
breitet. Der Sekretär der Gesellschaft, Mr. 
W m. W. T h a y e r veröffentlichte einen Ar- 
tikel „The international Arbitration of justi- 
ciable Disputes" in der „Harvard Law Review" 
vom März 1913. 

MB 

Am 11. Februar fand in Tremont Temple 
unter den Auspizien der State Federation of 
Womens Club die größte öffentliche Friedens- 
versammlung, die in Boston seit dem Kongreß 
1904 abgehalten wurde, statt. Mrs. Henry 
CoolidgeMulligan, Präsidentin derFede- 
ration, eröffnete die Versammlung und Depu- 
tierter Samuel W. McCall präsidierte und 
sprach die einleitenden Worte. Dr. Charles 
R. Brown, Dechant der Yale Divinity School, 
Dr. George H. Blakeslee, Historiker 
an der Clark Universität und Joseph Wal- 
ker, früher Redner im Massachusetts house 
of Representatives, waren die Sprecher. 

Die Massachusetts Friedensgesellschaft 
kündet eine Serie von Preisen an, für Essays 
und oratorische Wettbewerbe an den 
New England Universitäten. Die Preise gelten 
für das beste Essay, dessen Gegenstand Bezug 
hat auf den Ersatz eines Krieges durch das 
Recht. Es sind ausgesetzt : Erster Preis 100 $, 
zweiter Preis 75 $ und dritter Preis 50 9. 

MB 
Am 14. März wurde ein Wettbewerb 
in der großen Halle der New York - City - Uni- 
versität unter den Auspizien der Inter- 
collegiate Peace Association ab- 
gehalten. Den ersten Preis von 200 $ gewann 
Edwin 'S. Murphy von der Fordham - Uni- 
versität. Sein Thema war „The end and the 
Means". Den zweiten Preis von 100 & ge- 
wann W. D. S m ith von der Cornell - Universi- 
tät. 'Mr. Murphy, der Gewinner des ersten 
Preises, wird den Staat New York in einem 
ähnlichen Wettbewerb der östlichen Staaten- 
gruppen, der in der Laf ayette - Universität, 
Easton Pennsylvania, im April stattfinden wird, 
vertreten. Der letzte interstaatliche Wett- 
bewerb wird bei der Lake Mohonk Konferenz 
für Internationales) Schiedsgericht, 14. bis 
16. Mai 1913, im Mountain House, Lake Mo- 
honk, N. £., abgehalten werden. 



= DIEFRIEDEN5->^ARTE 

Die Zukunft der Haager 
Friedenskonferenzen.^ 

Von Dr. Hans Wehberg in Düsseldorf. 
In dem ersten Rundschreiben des Grafen 
Mourawieff vom 12./24. August 1898, das 
die Einberufung der großen Haager Friedens- 
konferenz vom Jahre 1899 vorbereitete, ließ 
der russische Zar erklären: „Que le moment 
präsent serait tres favorable ä la recherche, 
dans les voies de la discussion internationale, 
des moyens les plus efficaces d'assurer ä 
tous les peuples les bienfaits d'une paix 
reelle et durable, et de mettre avant tout 
un terme au developpement progressif des 
armements actuels". 

Die erste Haager Konferenz sollte also 
nicht etwa lediglich eine Konferenz zur Fort- 
bildung des Völkerrechts oder zur Regelung 
irgendeiner speziellen Frage sein. Sie hatte 
vielmehr ein sehr allgemeines Ziel im Auge, 
nämlich die Sicherung des Friedens unter den 
Völkern. Sehr treffend hat man daher auch 
die erste Haager Konferenz allgemein als 
„Conference de la Paix" bezeichnet, und dies 
ist der historische Name nicht nur für die 
erste, sondern auch für alle folgenden Kon- 
ferenzen geworden. Nun konnte selbstverständ- 
lich ein dauernder Friede durch die Beschlüsse 
einer einzigen Staatenversammlung nicht ge- 
sichert werden. Aufgabe der ersten und aller 
folgenden Konferenzen mußte es daher sein, 
wenigstens alle diejenigen Wege ins Auge 
zu fassen, die uns dem fernen Ziele einer 
friedlichen Organisation der Staatengemein- 
schaft näher bringen können. Die Haager 
Friedenskonferenzen haben die Aufgabe, als 
Zentralpunkt der offiziellen Organisation der 
Staatengemeinschaft, also einer gemeinsamen 
internationalen Friedenspolitik der Mächte, zu 
dienen. Ihre Aufgabe ist also, wie Professor 
Schücking in seinem bahnbrechenden 
Werke „Der Staatenverband der Haager Kon- 
ferenzen" (1912, S. 72) klar nachgewiesen hat, 
eine eminent politische. Wer behauptet, die 
Haager Konferenzen seien lediglich Konferen- 
zen zur Fortbüdung des Völkerrechts, der hat 
die Aufgaben nicht begriffen, um deren Be- 
wältigung die ganze Institution begründet 
worden ist. 

Machen wir uns die Aufgabe der Haager 
Konferenzen als einem Mittelpunkt der inter- 
nationalen Friedenspolitik klar, so vermögen 
wir auch zu erkennen, daß das letzte Ziel 
dieser gemeinsamen Aktion der Staaten in 
keiner Weise von dem Ideal der Pazifisten 
verschieden ist. Die Haager Friedenskonferen- 
zen wollen, wenn man ihre Bedeutung richtig 
versteht, im letzten Grunde nichts anderes er- 
reichen, als was sich die bisherigen Welt- 

■*) Dieser Aufsatz ist zuerst in französischer 
Sprache in der „Revue Generale de Droit intern, 
public" (1912, Nr. 4/5) erschienen. 



139 



DIE FBIEDENS-^^ÖJZTE 



;§> 



friedenskongresse, die Konferenzen der inter- 
parlamentarischen Union, die Lake Mohonk- 
Konferenzen usw. zum großen Ziele gesetzt 
haben: Sie wollen nach ihren besten Kräften 
alles tun, was zu dem friedlichen Zusammen- 
schluß der Völker beitragen kann. Nur in 
einem Punkte unterscheiden sie sich recht 
erheblich von diesen zuletzt genannten Kon- 
gressen. Sind sind nämlich offizieller Natur, 
während alle anderen Friedensversammlungen 
lediglich einen privaten Charakter tragen. 
Daraus folgt, daß die Haager Konferenzen 
einen unendlich verantwortungsvolleren Cha- 
rakter tragen; sie sollen sich ja nicht nur 
allgemein zugunsten einer Idee aussprechen, 
sondern gleichzeitig eine den tatsächlichen Ver- 
hältnissen entsprechende, praktisch brauchbare 
Formel finden, damit eine baldige Ratifikation 
der Ergebnisse ohne Gefahr von seiten der 
Staaten erfolgen kann. Vergleicht man also 
kurz die privaten und offiziellen Konferen- 
zen zur Sicherung des Friedens miteinander, 
so läßt sich am besten sagen: Das Ziel der 
beiden ist dasselbe, aber die Methode ist eine 
verschiedene. Die privaten Konferenzen legen 
naturgemäß mehr Wert auf die scharfe Be- 
tonung des fernen Zieles eines dauerhaften 
Friedens; sie stellen weithin sichtbar das 
schöne Ideal auf, das einstmals verwirklicht 
werden soll. Anders die Staatenkonferenzen I 
Sie fragen weniger darnach, was einmal in 
Jahrzehnten oder Jahrhunderten erreicht 
werden soll, sondern bemühen sich, festzu- 
stellen, was in der Gegenwart erreichbar und 
wünschenswert ist. 

Ganz gewiß haben beide Methoden ihre 
Vorteile und Nachteile. Geht man von der 
Idee aus, daß die internationale Organisation 
der Kulturstaaten ein natürlicher Vorgang ist, 
der zwar gefördert, aber nicht mit einem 
Male herbeigeführt werden kann, so muß man 
erkennen, daß gerade die langsame und vor- 
sichtige Methode der Haager Friedenskon- 
ferenzen für die Erreichung des giv>ßartigen 
Zieles die am besten geeignete ist. Es gilt 
hier ein schönes Wort, das Professor Zorn 
in der Sitzung des berühmten Schiedsgerichts- 
ausschusses der ersten Friedenskonferenz am 
4. Juli 1899 sprach: „Mais trop häter cette 
Evolution serait compromettre le principe, 
auquel nous sommes tous sympathiques". 

Andererseits sind aber auch die Nach- 
teile einer solchen vorsichtigen Methode nicht 
zu verkennen: Geht man immer nur schritt- 
weise vorwärts, dann ist die Gefahr allzu groß, 
daß man schließlich das schöne Ziel aus den 
Augen verliert, daß man nicht nur langsam, 
sondern zu langsam, daß man nicht mehr 
planmäßig, sondern ohne ein festes Pro- 
gramm seine Beschlüsse faßt, die zu der fried- 
lichen Verständigung der Völker nicht in dem 
Maße beitragen, wie das in Wahrheit ge- 
schehen könnte und müßte. Ist auch ein vor- 
sichtiges Vorwärtsschreiten der Völker bei den 
Beschlüssen der Haaser Friedenskonferenzen 



dringend zu empfehlen und jede Uebereilung 
im höchsten Grade gefahrvoll, so ist doch 
eine langsame Methode sehr wohl von einer 
planlosen Methode zu unterscheiden. 

Prüfen wir also einmal, in welcher Weise 
die bisherigen Haager Friedenskonferenzen des 
Jahres 1899 und 1907 zur Befestigung des 
Friedens beigetragen haben ! Da fällt zunächst 
ein Punkt mit aller Deutlichkeit auf. Sehen 
wir von all den indirekten Vorteilen ab, die 
der internationalen Verständigung durch die 
Kodifikation des Kriegsrechts erwachsen, so 
haben die beiden Konferenzen nur auf zwei 
Wegen eine direkte Förderung der internatio- 
nalen Organisation herbeizuführen versucht, 
nämlich vermittels der Schiedsgerichtsbarkeit 
und der Festsetzung eines Vertrages über die 
Beschränkung der Kriegsmittel und den Still- 
stand der Rüstungen. 

Daß diese Methode der Staatenkonferen- 
zen nicht zu rechtfertigen ist, leuchtet nach 
dem bisher Gesagten ohne weiteres ein. Denn 
wenn die Haager Friedenskonferenzen ihre 
Aufgabe als Zentralpunkt der internationalen 
Friedenspolitik erfüllen wollen, so müssen sie 
alle diejenigen Mittel versuchen, die für die 
Gegenwart geeignet erscheinen, eine Bess- 
rung der internationalen Lage herbeizuführen, 
sie dürfen aber nicht willkürlich zwei Gegen- 
stände herausgreifen, um alle anderen Pro- 
bleme einfach zu vernachlässigen. Dies kann 
um so weniger gerechtfertigt werden, als die 
Rüstungsfrage ganz gewiß zu den schwierigsten 
Punkten zu rechnen ist und zweifellos einige 
andere Aufgaben der internationalen Organi- 
sation vorhanden sind, die leichter verwirk- 
licht werden können. 

Um diese Behauptung zu beweisen, führe 
ich im folgenden einige Programmpunkte einer 
zielbewußten internationalen Friedenspolitik 
auf, bemerke aber dabei schon jetzt, daß ich 
diese damit durchaus nicht ohne weiteres zu 
einer sofortigen Annahme den Staaten emp- 
fehlen will. Ich stelle nur fest, daß alle diese 
Probleme von den Staaten noch gar nicht 
ernstlich in Betracht gezogen worden sind. 
Am Schlüsse meines Aufsatzes werde ich dar 
tun, in welcher Weise die Staaten allen diesen 
Aufgaben näher treten sollen. Sehr wichtig 
scheinen mir jedenfalls folgende Fragen zu 
sein, die nacheinander erörtert werden sollen : 

1. In erster Linie scheint mir eine Be- 
seitigung der Spionage von großer Wich- 
tigkeit zu sein. Was ist das für ein Wider- 
spruch, daß die Regierungen einerseits feier- 
lich monatelang im Haag zusammenkommen 
und eine Verbesserung der internationalen 
Anarchie zu erreichen suchen, dagegen an- 
dererseits die Hilfe verbrecherischer Elemente, 
nämlich der Spione, in Anspruch nehmen, 
um die militärischen Geheimnisse des anderen 
Staates zu erforschen! Darf ein Staat 
Spionage vor seinem höchsten Gerichtshofe 
bestrafen, wenn er selbst Personen zur Be- 






140 



<£ 



DIE FRIEDEN5->MM2XE 



gehung dieses Verbrechens in einem anderen 
Lande anstiftet? Erscheint hier die Idee des 
modernen Staates als des Trägers von Recht 
und Gerechtigkeit nicht sehr erniedrigt ? 
Welche köstliche Gelegenheit wird bei jeder 
Verurteilung eines Spiones den chauvinisti- 
schen Organen gegeben, um die Hetze gegen 
eine ausländische Regierung mit besonderem 
Nachdruck fortzusetzen! Welche Beunruhi- 
gung der Oeffentlichkeit entsteht jedesmal, 
wenn ein Spion abgefaßt wird! Wird nicht 
nach jeder solcher ruchbar gewordenen Spio- 
nage die Verstärkung der Rüstungen mit be- 
sonderem Eifer betrieben ? Entstehen nicht 
gerade dadurch Kriegsgerüchte? Wird nicht 
durch das ganze System der Spionage deut- 
lich dokumentiert, daß die Staaten natür- 
liche Gegner sind ? Muß aber nicht im Gegen- 
teil jede Bemühung der Regierungen darauf 
gerichtet sein, die Gegensätze möglichst wenig 
hervortreten zu lassen? Das System der Spio- 
nage bringt ferner die Furcht vor den Spionen 
hervor. Alle Augenblicke lesen wir von irr- 
tümlichen Verhaftungen wegen Verdachts der 
Spionage. Auch dadurch entstehen oft gereizte 
diplomatische Verhandlungen und Verschär- 
fungen der Gegensätze. 

Daher erscheint mir die Beseitigung der 
Spionage eine sehr ernste und bedeutsame 
Frage zu sein. Hochangesehene Männer haben 
sich im gleichen Sinne geäußert. Am 1. März 
1912 hat in der ,, Deutschen Juristenzeitung" 
(Berlin) der Heidelberger Professor Exzellenz 
Bekker eine internationale Vereinbarung 
über die Beseitigung der Spionage gefordert. 
Er will insbesondere, daß jeder Staat die 
Spionage in gleicher Weise bestraft, ob sie 
nun gegen die eigene Regierung oder gegen- 
über einem fremden Staate begangen ist. 

2. In zweiter Linie wäre es sehr wün- 
schenswert, ein „Bureau g 6 n e r a 1 inter- 
national permanent" zu errichten, das 
als Zentralstelle vor allem für Informationen 
wirtschaftlicher Natur zu dienen hätte und 
allmählich weiter ausgebaut werden müßte. 
Die Idee eines solchen Amtes ist ja zuerst 
in dem panamerikanischen Bureau verwirk- 
licht worden, und später hat der Luzerner 
Weltfriedenskongreß von 1905 (Bulletin, 
S. 108) die Errichtung eines Verwaltungs- 
bureaus auf mondialer Grundlage befürwortet. 
Neuerdings hat namentlich A. H. Fried, 
zuerst auf der Brüsseler Generalversammlung 
des Internationalen Friedensbureaus am 8. und 
9. Oktober 1909, die Gründung eines solchen 
Bureaus, freilich auf rein europäischer Grund- 
lage, propagiert. Dieses „Bureau pan- 
europ^en" sollte ein Zentralpunkt werden für 
die gemeinsamen Interessen der europäischen 
Staaten auf dem Gebiete der internationalen 
Politik, des Handels, des Rechts, des Ver- 
kehrs, der Sanitätspflege, der Wissenschaft, 
der Sozialpolitik, der Landwirtschaft usw. 
Fried glaubte, daß hierdurch ein lebendiger 
Keim geschaffen würde, aus dem heraus sich 



die Weltorganisation entwickeln könnte. Die 
Brüsseler Generalversammlung, auf der her- 
vorragende Männer anwesend waren, hat da- 
mals den Vorschlag Frieds mit Beifall auf- 
genommen. Bald darauf hat Fried eine 
Reihe von Völkerrechtsjuristen um ihre Mei- 
nung zu diesem Probleme gefragt, und Männer, 
wie v. Bar, Graf Kamarowski, La- 
band, Meili, Mi eurer, Niemeyer, 
Oppenheim, Rehm, Schücking, 
K o h 1 e r und Streit, haben sich, zum Teil 
mit allergrößter Begeisterung, für die Errich- 
tung eines solchen Bureaus ausgesprochen. 
(Vgl. Friedenswarte, 1909, S. 222 ff., 1910, 
S. 6 ff.). Einige der genannten Professoren 
insbesondere M e u r e r und Oppenheim, 
waren allerdings der Meinung, daß es vor- 
teilhafter wäre, das Bureau auf rein mon- 
dialer, anstatt auf europäischer Grundlage zu 
errichten. Dieser Meinung möchte ich mich 
mit Entschiedenheit anschließen. Wenn in 
Amerika ein speziell amerikanisches Bureau 
besteht, so ist dies dadurch zu erklären, daß 
es in der Tat eine große Anzahl rein amerika- 
nischer Fragen gibt. Dies ist in Europa keines 
wegs in gleichem Maße der Fall. Aber das 
wird ja später noch eingehender geprüft 
werden können. Mir kommt es nur darauf 
an, zu zeigen, eine wie große Sympathie sich 
der Grundgedanke des Friedschen Vor- 
schlages erworben hat. Am besten ergibt sich 
diese Tatsache wohl daraus, daß der Regierung 
der Vereinigten Staaten von Amerika ein völlig 
ausgearbeiteter Antrag über die Schaffung 
eines „Bureau g^neral international permanent" 
mit der Bitte eingereicht worden ist, ihn der 
nächsten Haager Friedenskonferenz vor- 
zulegen. (Vgl. Revue Generale, 1911, S. 214 ff. 
Fried hat neuerdings auf S. 81 des Jahr- 
gangs 1912 der „Friedenswarte" unter dem 
Titel : „Zweckverband Europa" nochmals seine 
Lieblingsidee befürwortet, und dabei nicht 
weniger als 34 Programmpunkte aufgezählt, 
die möglicherweise dem Bureau übertragen 
werden könnten.) 

3. In dritter Linie wäre zu prüfen, wie 
es mit den Friedensversicherungen der mo- 
dernen Regierungen zu vereinbaren ist, daß 
auf den staatlichen Schulen ein chau- 
vinistischer Geist gepflegt wird, daß 
den Schülern die Angehörigen eines anderen 
Volkes als die Erbfeinde geschüdert werden, 
daß weit verbreitete nationale Preßorgane und 
Offiziere bei hohen nationalen Festtagen eine 
herausfordernde und kriegerische Sprache 
führen. Wäre es nicht die Aufgabe einer 
internationalen Friedenspolitik, hier Wandel 
zu schaffen, indem den Offizieren jede kriege- 
rische Rede bei Strafe der Entlassung unter- 
sagt, den Schülern auch die anderen Völker 
in gerechter Weise geschildert und Maß 
nahmen gegen allzu chauvinistische Preß- 
organe gerichtet würden? Den Schülern wird 
heute von Jugend auf gepredigt, in den An- 
gehörigen anderer Völker den natürlichen 



Hl 



DIE FBIEDENS-^^DTE 



3 



Feind des Vaterlandes zu sehen, und dadurch 
werden von vorherein alle Verständig ungs ver- 
suche außerordentlich erschwert. Die chauvi- 
nistischen Reden der Offiziere erregen stets die 
öffentliche Meinung in hohem Grade. Am 
schlimmsten sind freilich eine große Anzahl 
von Preßorganen. Wenn es richtig ist, daß 
die Presse heute eine ungeheure Macht im 
Staate darstellt, dann muß um so mehr Für- 
sorge getroffen werden, daß die Macht in der 
richtigen Weise benutzt und die Volksstim- 
mung dadurch nicht auf Abwege geführt wird. 
Die Presse hat zur Verhütung wie zur Er- 
regung eines Krieges eine ganz außerordent- 
liche Gewalt in der Hand, und es müßte 
sich mehr und mehr die Meinung durchringen, 
daß jede Kriegshetze eine hochverräterische, 
gegen die Sicherheit des Vaterlandes ge- 
richtete Handlung ist. 

Das alles ist so selbstverständlich, daß 
man es eigentlich gar nicht zu sagen brauchte, 
und doch steht die Wirklichkeit der Dinge 
mit dieser idealen Forderung in geradezu 
schreiendem Gegensatze. Ist es aber richtig, 
daß die Aufrechterhaltung eines ehrenvollen 
und dauerhaften Friedens eines der großartig- 
sten Ziele der äußeren Politik ist, und daß 
dieser Frieden nur durch ein gemeinsames plan- 
volles Vorgehen der Regierungen erhalten 
werden kann, so müssen es die Staaten als 
ihre heiligste Pflicht betrachten, diesen Ver- 
irrungen in ruhiger und bestimmter Weise 
entgegenzutreten. Sie müssen zusammen über- 
legen, welche Mittel geeignet sind, um eine 
allmähliche Wandlung auf diesem Gebiete her- 
beizuführen. Ganz gewiß geht das nicht mit 
einem Male, und ein allzu scharfes und rasches 
Vorgehen könnte nur schaden. Jahrzehnte- 
lange Arbeit wird nötig sein, um den fried- 
lichen Bestrebungen der Staaten in dieser Hin- 
sicht eine bessere und dauerhaftere Grundlage 
zu verschaffen. 

Man hat von den verschiedensten Seiten 
immer wieder eine Erörterung der Rüstungs- 
frage befürwortet, und, wie mir scheint, mit 
größtem Recht. Was aber kann auf die Dauer 
allein eine Rüstungsvereinbarung nützen, 
wenn auf allen Seiten fortgefahren wird, die 
Völker gegeneinander zu erbittern! Haben 
nicht die großen Rüstungen ihre Ursache zu 
einem Teile in den Hetzereien zahlreicher 
Preßorgane, der Offiziere und der chauvi- 
nistischen Erziehung in der Schule ? Wie will 
man also zu einem Ziele kommen, wenn man 
nur an den Symptomen kuriert, ohne allen 
Ursachen der großen Rüstungen energisch zu 
Leibe zu gehen? 

Ein sehr wunder Punkt, der zuun- 
gunsten der internationalen Verständigung 
wirkt, ist ferner in dem großen Einflüsse 
der großen Armee- und Marine- 
faibrikanten zu erblicken. Haben nicht 
alle diese großen Gesellschaften ein gewaltiges 



Interesse daran, daß fortwährend die Gefahr 
eines Krieges besteht und infolgedessen 
größere Einkäufe an Kanonen und sonstigem 
Material gemacht werden. Kann man es 
ihnen da verdenken, daß sie ihren großen 
Reichtum und Einfluß verwerten, um auf 
künstliche Weise eine kriegerische Stimmung 
zu erregen? Stehen nicht zahlreiche große 
Kanonenfabriken mit Zeitungen in Verbindung, 
die an Chauvinismus, alle anderen Organe über- 
bieten? Das Bedauernswerteste hierbei ist, 
daß diese Geschäftspolitik unter dem Deck- 
mantel des Patriotismus geführt wird. (Vgl. 
die ausgezeichnete Schrift „Syndicats for war, 
the jnfluence of the makers of war material 
and of capital invested in war supplies", die 
als Flugschrift im Juli 1911 von der „World 
Peace Foundation" in Boston herausgegeben 
wurde.) 

Muß man nicht auch hier feststellen, daß 
es mit der modernen Friedenspolitik der 
Mächte unvereinbar ist, daß diese großen Ge- 
sellschaften fortwährend zum Kriege schüren? 
Also müssen doch wohl Mittel und Wege 
gesucht werden, die diesem Treiben ein Ende 
machen. Am 20. Februar 1912 hat der Abge- 
ordnete Dr. David im deutschen Reichs- 
tage eine Reichsregie über die Militärindustrie 
gefordert*). 

5. Bereits vier Weltfriedenskongresse (bul- 
letin du IV. congres, 1892, S. 89, 94—98; 
du VI. congres; 1894, S. 74; du XIV. con- 
gres, 1905, S. 78, 79; du XVI. congres 1907 
S. 81) haben sich mit Recht für ein Verbot 
der Unterstützung der Kriegsan- 
leihen durch die Neutralen ausge- 
sprochen. Insbesondere die Franzosen Pro- 
fessor R i ch e t und Professor R u y s s e n sind 
dafür eingetreten. In der Tat scheint mir 
bereits die Emmission solcher Anleihen in den 
neutralen Staaten gegen die Grundsätze der 
Neutralität izu sein. Wenn alle Staaten ein 
Interesse an der baldigen Beendigung eines 
Krieges haben, wie dürfen sie dann die Par- 
teien oder eine von ihnen finanziell unter- 
stützen? Bemerkenswert ist, daß vor dem 
Balkankriege einigen Staaten des Balkan- 
bundes keine Anleihen von neutraler Seite 
gewährt wurden. 

6. Wenn eine planmäßige internationale 
Friedenspolitik getrieben werden soll, dann 
müssen Anstrengungen gemacht werden, daß 
in den Kreisen des Volkes ein größeres Ver- 
ständnis für diese Politik vorhanden ist. Vor 
allem müßte also auf den nationalen Uni- 
versitäten die Bedeutung der Haager 
Friedenskonferenzen eingehend gewürdigt 






*) Ich bin mir völlig bewußt, daß wenigstens 
augenblicklich viele der hier gemachten 
Vorschläge undurchführbar sind. Aber es ist 
nötig, bereits heute auf die Probleme der 
nächsten Zeit hinzuweisen. 



142 



@: 



DIE FRIEDEN5- , ^4M2TE 



werden. Das ist aber bisher nur sehr vereinzelt 
geschehen. In Deutschland sind meines 
Wissens nur von Professor Schücking 
regelmäßig solche Vorlesungen eingerichtet 
worden. Auch in Amerika hat man die Stu- 
denten in das Haager Werk eingeweiht. So 
ist z. B. das hoch bedeutende Werk Scotts 
„The Hague Peace Conferences" aus einer 
Vorlesung entstanden. Uebrigens ist hervor- 
zuheben, daß sich die zweite Haager Kon- 
ferenz ganz vorübergehend mit dem Projekte 
eaner internationalen Universität beschäftigt 
hat. 

(Schluß folgt.) 



Die gesellschaftlichen Verbände 
der Menschheit. 

Von Dr. phil., jur. et sc. pol. G. G r o s eh. 

Ueber die Vergesellschaftung der Men- 
schen hat sich Kant prinzipiell dahin ge- 
äußert: „Der Mensch hat eine Neigung, sich 
zu vergesellschaften, weil er in einem 
solchen Zustand sich mehr als Mensch, d. i. 
Entwicklung seiner Naturanlagen, fühlt. Er 
hat aber auch einen großen Hang, sich zu 
vereinzelnen, weil er in sich zugleich die 
ungesellige Eigenschaft antrifft, alles bloß 
nach seinem Sinne richten zu wollen und daher 
a Herwärts Widerstand erwartet, so wie er von 
sich selbst weiß, daß er seinerseits zum Wider- 
stand gegen andere geneigt ist." 

Dieser Antagonismus durchzieht in der 
Tat überhaupt das Gesellschaftsleben der Men- 
schen. Von Natur aus sicher dazu veranlagt, 
in Vereinzelung zu leben, hat der Mensch sich 
zur Geselligkeit durchgefunden; während der 
Naturzustand das „bellum omnium contra 
omnes" auch für den Menschen war, nur 
innerhalb der Menschenfamilien der Frieden 
herrschte, hat sich der Mensch mittels der 
Vergesellschaftung zum Rechtszustand 
durchgerungen. Der Mensch ist nicht von 
Natur ein Gesellschaftswesen, wie Aristoteles 
behauptet, sondern er ist dies erst geworden, 
bewußt: die Vergesellschaftung ist die 
Großtat des Geschöpfes Mensch, auf der das 
spezifische Menschtum beruht. Gezwungen 
durch die Not, „und zwar die größte unter 
allen, nämlich die, welche sich Menschen 
untereinander selbst zufügen, deren Neigungen 
es machen, daß sie in wilder Freiheit nicht 
lange neben einander bestehen können," haben 
die Menschen sich vergesellschaftet, haben sich 
die unter der Autorität des Mannes stehenden 
Familien zusammengeschlossen. 

Der Zweck des gesellschaftlichen Lebens 
ist das auf Bedürfnisbefriedigung gerichtete 



Zusammenwirken der innerhalb der betr. Ge- 
meinschaft Stehenden; durch die Vergesell- 
schaftung wollen die einzelnen ihre Lebens- 
zwecke völlig erfüllen, ihre Bestrebungen voll- 
ständig durchführen. Die Form ist die 
weise durchgeführte Regelung ihres Neben- und 
Miteinanderlebens in Frieden. 

Jede Gemeinschaft von Menschen hält in 
ihrem Innern den Frieden aufrecht: das ist 
ihr Charakteristikum. Ursprünglich entschied 
die rohe Gewalt, das sogen. „Recht" des 
Stärkeren, woraus das „bellum omnium contra 
omnes" resultierte, das heute noch im Krieg' 
besteht. Das gerade wird innerhalb der Men- 
schengesellschaft vermieden. In dieser leben 
und wirken die Menschen friedlich nebenein- 
ander und betreiben ohne stete Störung bzw. 
Bedrohung gewalttätiger Art ihre Lebens- 
geschäfte. Indem sie so selber die Befriedi- 
gung dessen, was sie bedürfen, am besten er- 
langen, und indem sie selber nach aller Mög- 
lichkeit schaffen und streben, fördern sie 
auch die Gemeinschaft. Somit stehen der 
einzelne und die Gesellschaft im 
innigsten. Konnex. Diese ist der einzelnen 
wegen da, sie hat im Interesse jedes einzelnen 
ihren Bestand aufrechtzuerhalten. Der ein- 
zelne hinwiederum gleicht außerhalb der Ge- 
sellschaft einem losen Blatte im W r inde: es 
ist für ihn ein Erfordernis, daß er in einer 
solchen befriedeten Gemeinschaft stehe; alles, 
was er ist und hat, dankt er derselben; er 
ist Mensch nur innerhalb einer solchen. 

Freilich, sehr langsam haben sich diese 
Gemeinschaften gebildet, nur allmählich hat 
sich der Mensch der Vergesellschaftung ge- 
fügt und sich ihr angepaßt. 

Die Entstehung derselben liegt im Dunkel ; 
soweit historisches Licht auf diese Verhält- 
nisse fällt, finden wir überall den Menschen 
als Gesellschaftswesen. Doch müssen wir nicht 
nur logisch und soziologisch einen Zustand 
annehmen, in dem die Menschen, als geson- 
derte Familien, in stetem Kampf miteinander 
gelebt haben, sondern schon aus der einfachen 
Erwägung heraus, daß wir sonst aus früheren 
Zeiten etwas wissen müßten. Denn unser histo- 
risches Wissen hängt mit der Vergesellschaf- 
tung aufs innigste zusammen ; es reicht aber 
nicht allzu weit zurück; folglich ist auch die 
Vergesellschaftung der Menschen nicht allzu 
weit zurück zu datieren; und vor derselben 
lebten die Menschen in gesonderten, einander 
feindlichen Familien. Daß wir jetzt überall 
den Menschen als geselliges Wesen antreffen, 
dafür haben wir nur die Erklärung, daß sich 
die Gattung Mensch eben nur als gesellschaft- 
liches Lebewesen erhalten konnte. Die Men- 
schen, die im Naturzustande blieben, sind 
verschwunden; sie sind vor denen gewichen, 
die sich vergesellschaftet hatten, wie die nie- 
deren Gesellschaften noch heute den höheren 
weichen müssen. — 



143 



DIE FßlEDENS-^k^&ßTE 



3 



Die Keimzelle aller Vergesellschaftung ist 
die Familie. Einzelne Familien, in denen 
der Vater der über alles gebietende Herr ist, 
hausen nebeneinander, gegeneinander; sie 
fügen sich gegenseitig alle mögliche Unbill 
zu. Es besteht ein „struggle for life", ein 
Kampf um die besten der natürlichen Futter- 
plätze, in welchem nur die Kräftigsten leben 
bleiben. Es ist das der Naturzustand der 
Gattung: Mensch, dessen Möglichkeit sich 
sicher nicht bestreiten läßt, wenn wir von 
metaphysischen Spekulationen absehen. 

Dieser Naturzustand ist vom Menschen 
überwunden worden. 

Bei der Nahrungssuche schart man sich 
gelegentlich 1 , „zu kleinen Rudeln oder zu 
größeren Herden zusammen, bald trennt man 
sich wieder, je nachdem die Weide oder der 
Jagdgrund ergiebig ist. Aber diese Vereini- 
gungen werden nicht zu Gemeinschaften; sie 
erleichtern dem einzelnen nicht die Existenz". 
Es ist das die Horde, eine Anzahl von ein- 
zelnen Menschen, vielleicht ein paar Fa- 
milien darunter, die sich zusammenfinden 
und trennen, wie es gerade geht. Bis zu 
dieser Stufe, die über die individuelle Nah- 
rungssuche nicht hinausgeht, gelangen 
manche Tierarten ebenfalls. Sie hat mithin 
noch nichts, was* nur dem Menschen eigen- 
tümlich wäre. 

Dagegen das nächste Stadium! Es ist 
das die Epoche der Sippe, um sie mit dem 
gemeingermanischen Namen zu belegen. Mit 
ihrer Konstituierung hebt die Menschheits- 
geschichte an, beginnt das Menschtum, die 
Kultur. Unter Sippe ist zu verstehen : eine 
Vereinigung von Familien, die gemeinschaft- 
lich die Wirtschaft betreiben, deren Männer 
zu Schutz und Trutz zusammenstehen, und 
unter der Leitung eines gemeinschaftlichen 
Oberhauptes die äußere Regelung des Gemein- 
schaftslebens festsetzen und aufrechterhalten. 
Die Sippe ist also eine organisierte Men- 
schengesellschaft, ist der Typus einer Men- 
schengesellschaft. 

Die Horde charakterisiert sich nur als 
Uebergangsstufe; dagegen stellt die Sippe 
eine echte Vergesellschaftung dar. Man kann 
sie als eine Erweiterung der Familie be- 
zeichnen; wenigstens hat diese das Vorbild 
dazu gegeben: die Sippe gilt unter ihren 
Gliedern als eine große Famüie. Nur hat sie 
eben die Besonderheit, daß nicht einzelne, 
sondern Familien in ihr zusammengeschlossen 
sind, woraus dann die mannigfachsten Kon- 
sequenzen sich herleiten. 

Zur Erklärung dieses Zusammenschlusses 
hat man den Begriff des Gesellschaftsvertrags 
aufgestellt. Ueber ihn urteilt noch Kant, er 
sei kein Faktum, sondern eine bloße Idee der 
Vernunft, die aber ihre unbezweifelte (prak- 
tische) Realität habe. Indes, die Vergesell- 
schaftung der Menschen ist eine bloße Tat- 
sache, ohne vertragsmäßige Festsetzung Ist 
sie entstanden. Erst zu ihrer Aufrechterhaltung 



144 



ist das Recht geschaffen worden ; ohne Recht 
keine Gesellschaft und umgekehrt. Das Recht 
ist der Inbegriff der Regeln, deren Beobach- 
tung von den zu einer Gemeinschaft Zusammen- 
geschlossenen erzwungen wird, um die Auf- 
rechterhaltung ihrer Gesellschaft zu gewähr- 
leisten. Das Recht wechselt mit den Kultur- 
stufen, es gibt kein allgemein gültiges Recht ; 
doch hat jede Menschengesellschaft ihr Recht. 
Der Komplex der Rechtsnormen bildet das 
Minimum dessen, was eingehalten werden 
muß, daß die betreffende Gesellschaft ihre 
Integrität bewahre. 

Ein Bild von der Sippe nun gewinnen wir, 
vor allem, wenn wir die reinen Sippen ins 
Auge fassen, aber auch die, welche sich unter 
höherer (Stammes- oder Staats-) Ver- 
fassung noch erhalten haben. Die Sippe ist 
eine Institution, die sich über die ganze Erde 
verbreitet findet; sie ist vornehmlich zu be- 
trachten als das erste Stadium menschheit- 
licher Vergesellschaftung, durch das jede Ge- 
meinschaft hindurch mußte, ehe sie zu einer 
höheren Stufe gelangen konnte. 

Hier tritt die fundamentale Gegensätzlich- 
keit ein zwischen Mensch und Tier. Dieser 
Unterschied besteht — rein empirisch — darin, 
daß das letztere sich der Natur und ihren 
Bedingungen nach Möglichkeit anzupassen 
sucht, während der Mensch infolge des Zu- 
sammenschlusses mit Seinesgleichen, also ge- 
stützt auf die Vergesellschaftung, die Natur 
meistert. 

Das gilt auch für die nächsthöhere Stufe, 
für den Stamm. Was den Stamm von der 
Sippe unterscheidet, das ist der Umstand, daß 
jener nicht aus Familien nur besteht, sondern 
daß sich dazwischen noch eine andere In- 
stitution einschiebt: die Sippe, die wir hier, 
bei höherer Verfassung also, Clan nennen 
wollen. Die Lage ist demnach die, daß 
mehrere Familien unter einem Oberhaupt einen 
Clan bilden und mehrere Clans wiederum zu 
einem Stamme zusammengeschlossen sind. Der 
Stamm ist mithin eine organisierte Clan- 
vereinigung. 

Es herrscht über diese Perioden der 
Menschheitsgeschichte, über diese spezifisch 
menschheitlichen Jnstitutionen noch ein ziem- 
liches Dunkel, das erst durch die vergleichende 
Geschichts- und durch die Gesellschaftswissen- 
schaft aufgehellt werden muß. Wir wollen uns 
mit der angegebenen Charakteristik des 
Stammes begnügen ; danach stellt er mehr eine 
Uebergangsstufe dar, nämlich zum Staate. 

Was den Staat als gesellschaftliche Bil- 
dung von seinen Vorstufen unterscheidet, das 
ist die enge Verknüpfung mit dem Gebiet. 
Die streifenden Horden und Sippen kennen 
das nicht; ebenso sind die Stämme noch un- 
stet und schweifen landauf, landab, wandern 
häufig in ihrer Gesamtheit in andere Gegen 
den. Dagegen ganz anders beim Staate. 

Eine Menschen Vereinigung ist dann als 
Staat zu charakterisieren, wenn sie als solche 






<§= 



DIE FRI EDENS -^fc/ÄBXE 



auf bestimmt abgegrenztem Gebiet sässig ge- 
worden ist. Der Staat ist „eine auf einem 
abgegrenzten Teil der Erdoberfläche seßhafte, 
mit einer herrschenden Gewalt versehene und 
durch sie zu einer Einheit zusammengefaßte 
Vielheit von Menschen", von Familien. 

Der Staat leistet alles besser, als seine 
Vorinstitutionen, aber im Grunde ist er eine 
Gesellschaft ganz wie Sippe und Stamm. 
Die hauptsächlichsten Modifikationen ema- 
nieren aus der Verknüpfung von Gesellschaft 
und Gebiet, weiter aus dem damit im Zu- 
sammenhang stehenden Umstand, daß die be- 
wohnbare Erde — vornehmlich auch mittels 
der Kolonisation von Seiten der Staaten — im 
Besitz von diesen ist. 

Zunächst herrschte zwischen ihnen der 
Naturzustand, ganz wie zwischen den Men- 
schenfamilien der Urzeit. Aber ein solcher 
konnte auf die Dauer nicht bestehen. Die 
Staaten waren ja gerade dadurch entstanden, 
daß die Menschen den Naturzustand über- 
wunden hatten. Den Staaten war es darum 
gewissermaßen immanent, auch außerhalb 
ihrer Grenzen das Recht (Völkerrecht) walten 
zu lassen, da es innerhalb derselben geschah. 

Auf diesem Weg, der nach dem Zu- 
sammenbruch der Weltmachtsbestrebungen 
eingeschlagen wurde, ist man, — also seit 
Jahrhunderten schon — fortgeschritten. Und 
die Menschheit ist zurzeit dabei, die Befrie- 
dung der Staaten durchzuführen, die Staaten- 
organisation, die Staatenge meinde 
aufzurichten. Der Staat ist nicht die Voll- 
endung menschheitlicher Vergesellschaftung, 
sondern deren Bekrönung, das Ziel der Mensch- 
heitsgeschichte überhaupt wird die organisierte 
Staatengesellschaft sein — auch sie ist im 
Grunde genommen dasselbe, was die Sippe ge- 
wesen ist, nur über die ganze Menschheit aus- 
gebreitet. 



n RANDGLOSSEN EI 
ZUR MITGESCHICHTE 

Von Bertha v. Suttner. 

Wien, 12. April 1913. 
Die Weltgeschichte hat bisher eine Unzahl 
von Kriegen zu verzeichnen gehabt: biblische, 
punische, persische, römische, germanische, 
napoleonische usw. bis zu den balkanischen,: 
Religionskriege, Eroberungskriege, Kabinetts- 
kriege, Rassenkriege — das Ringen spielte sich 
um Länderstrecken, um Glaubensbekenntnisse, 
um alles mögliche ab — aber das gewaltigste 
Ringen, von dessen Ausgang das künftige 
Schicksal der Menschheit abhängt, das findet 
in unserer Gegenwart statt — ohne daß die 
Zeitgenossen es recht gewahr werden — , näm- 
lich der Kampf zwischen der alten Gewalt- 
und der neuen Rechtsordnung. Krieg und 
Frieden liegen einander in den Haaren. Das 



Ende des Feldzugs ist nicht zweifelhaft; der 
Krieg mag noch manche Schlacht gewinnen ; 
aber der Frieden, der durch die naturgesetz- 
mäßige Entwicklung zur Organisation und zum 
Zusammenschluß langsam aber sicher immer 
neue Positionen gewinnt, immer größere Ge- 
biete erobert, muß schließlich Sieger bleiben: 
„Per orbem terrarum humanitas unita", wie 
der Wahlspruch der „Union des Associations 
Internationales" heißt. Für die Kurzsichtigen 
ein gar nicht wahrnehmbares Ziel — für das 
visionskräftige geistige Auge aber funkelt es 
schon klar und hell am Zukunftshorizont. 

MB 

Im Lichte dieser abstrakten Anschauungen 
lassen sich die konkreten Fälle, die sich über- 
stürzenden Ereignisse der letzten Wochen be- 
trachten, da erscheinen sie alle als die Phasen 
des sich vollziehenden Prozesses. Da ist vor 
allem die Entstehung von „Europa" als poli- 
tischer Begriff. Als der Begriff einer Ein- 
heit, die ihren Willen über Länderverteilung, 
Grenzregulierung, Feindseligkeitseinstellung 
und Friedensbedingungen geltend macht. Und 
zwar nicht mehr länger durch bloße diplo- 
matische Noten, sondern durch ihre vereinigt 
demonstrierenden Flotten. Und so wie der 
Begriff „Europa" als politische Person in die 
Tagespresse eingeführt wurde, so erschien da 
auch dieses neue Wort : „europäische Friedens- 
polizei". Beides funkelnagelneue Erschei- 
nungen in der tatsächlichen Gestaltung der 
Dinge, beides uralte Forderungen des Pazi- 
fismus. Dreibund und Dreiverband als .Sechs- 
union — was wollten wir denn mehr? — was 
war es anderes, das Novicow in seiner „Föde- 
ration de TEurope" als Sicherung des 
Friedens hinstellte, was von der Mitwelt als 
unmöglicher Traum verlacht und ignoriert 
wurde und was jetzt im Mittelmeer greifbar 
vorhanden ist? 



Freüich ist diese Union nur eine tem- 
poräre, provisorische; aber warum sollte sie, 
nach dem herrlichen Ergebnis, das sie hatte — 
die Verhütung des Weltbrandes — , sich nicht 
als positiv und dauernd einsetzen? Die Vision 
von ihrem Nutzen und ihrem Segen ist durch 
diese — wenn auch nur momentane — Verkörpe- 
rung zu deutlich geworden, als daß die Forde- 
rung nach ihrem vertragsmäßigen Bestand sich 
nicht immer lauter und immer allgemeiner er- 
heben sollte. Wenn die Einigung der Groß- 
mächte in dieser Krisis nicht zustande ge- 
kommen wäre, wenn das alte, hochmütig belli- 
zistische System, daß jeder Staat einzeln für 
seine „vitalen" Interessen handeln muß, die 
Oberhand behalten, wenn auch nur ein 
Staat sich von dem Konzert losgesagt hätte, 
so wäre das denkbar höllenhafteste Unglück 
hereingebrochen, daß die Millionenheere und 
Riesenflotten der beiden Mächtegruppen zu 
gegenseitiger Zerfleischung und Vernichtung 
losgelassen worden wären. Ehre und Ruhm 



HS 



DIE FRIEDENS -NVABTE 5 



£> 



sei den Staatsmännern und den hinter ihnen 
stehenden Staatsoberhäuptern, die diesen, 
wenn auch nur ad hoc geltenden Zusammen- 
schluß bewerkstelligt haben. 

Zu beklagen ist es, daß die einmütige 
Aktion der Mächte, die dem Balkankrieg ein 
Ende gebietet, nicht viel früher eingesetzt hat 
und so das Tod- und Zerstörungswerk über- 
haupt verhindert hätte, das nun über ein halbes 
Jahr den Balkan verwüstet und Europa in 
Mitleidenschaft gezogen hat. Ich rnuß immer 
wieder an das Wort Tafts denken, das er 
bei der Einweihung des Palastes der Pan- 
american Union gesprochen hat: „Wir wollen 
nicht eher ruhen, wir 21 Republiken, als bis 
wenn zwei davon miteinander raufen wollen, 
die 19 anderen sie daran verhindern." Wenn 
Europa es will, es fest und ernstiich will, so 
wird der Balkankrieg der letzte Krieg auf 
europäischem Boden gewesen sein. Daß es je- 
doch noch Viele gibt in Europa, die den Krieg 
wollen, ihn fest und ernstlich wollen, das 
wissen wir Pazifisten nur zu gut. 



Und nun, während so eifrig in allen Staats- 
ämtern und Botschafterreunionen daran ge- 
arbeitet wurde, den Frieden zu retten, während 
überall Entspannungen sich fühlbar machten, 
Vorschläge zu Verständigungen auftauchten, 
Kundgebungen gegen den Krieg — darunter 
eine höchst bedeutungsvolle im Elsaß — statt- 
fanden, während noch hundert Schwierigkeiten 
überwunden werden mußten, man alle Hände, 
alle Köpfe und alle Herzen voll zu tun hatte, 
um die balkanischen Wirren zu klären und die 
europäischen Gefahren abzuwenden, platzte 
plötzlich die deutsche Milliardenwehrvorlage 
herein — augenblicklich beantwortet mit der 
französischen Wiederaufnahme der dreijährigen 
Dienstzeit. Als ob Hannibal schon vor den 
Toren stände! Ein paroxistischer Anfall des 
noch immer zunehmenden epidemischen Wahn- 
sinns. 



Die große Rede, mit der der deutsche 
Reichskanzler die neue Vorlage begründet hat, 
eröffnet ganz merkwürdige und für uns Pazi- 
fisten sogar erfreuliche Ausblicke. Vor allem 
ist der Ton zu loben, der keine trotzige 
Drohung enthält. Dann wird konstatiert, daß 
zwischen England und Deutschland die Be- 
ziehungen sich vertrauensvoll und freundlich 
gestalten; ferner, daß die Gefahren gegen die 
man sich vorsehen muß, nicht von der fran- 
zösischen Regierung und nicht vom fran- 
zösischen Volke, auch nicht von der russischen 
Regierung noch dem russischen Volke zu ge- 
wärtigen seien, sondern von dem in fran- 
zösischen Chauvinistenkreisen verstärkt hervor- 
brechenden Revanchelärm und von der leiden- 
schaftlichen panslawistischen Agitation, die in 
Rußland offen verkündet, daß die slawische 



Rasse gegen die germanische Rasse den Kampf 
aufnehmen will. (Daß es auch alldeutsche 
Kriegshetzer gibt, vergaß der Herr Kanzler zu 
erwähnen); deutlich und klar ist also hier 
der Herd der Kriegsgefahr angegeben: die 
chauvinistisch-nationalistischen Hetzer aller- 
orten. Und diese sollten Regierungen und 
Völker nicht abwehren können? Weil diese 
Mißtrauen säen, prahlen und drohen, sollen 
die Regierungen sich auf den Krieg vor- 
bereiten und damit den Chauvinisten der 
andern Völker wieder Nahrung zu neuer Haß- 
und Mißtrauensverbreitung geben? Darum 
sollen die Völker — die ja den Krieg nicht 
wollen — sich in Rüstungen verbluten ? Nein, 
was not tut, um den Kriegsparteien entgegen- 
zutreten, ist in jedem Lande die Bildung einer 
Friedenspartei, die auch offen und laut für 
die Verständigung und Verbündung der Staaten 
eintritt, und die Regierungen müssen (wenn 
ihr so oft verkündeter Friedenswille auf- 
richtig ist) diese Partei als Regierungspartei 
anerkennen und womöglich zu ihrer Unter- 
stützung — Friedensministerien schaffen. Die 
Sozialisten sind Kriegsgegner ; sie demon- 
strieren und handeln zugunsten der Völker- 
verbrüderung, haben auch gegen die neuen 
Forderungen in Deutschland und Frankreich 
tapfer protestiert, aber weil sie zugleich andere 
Ziele verfolgen, hält man ihren Pazifismus 
nur für ein Mittel zum Zweck. Ihre Stimme 
ist im Parlament nicht ausschlaggebend. Aber 
ihr Einfluß zur Dämpfung der Kriegs- 
treibereien ist doch gewaltig. Ihr Verhalten 
gibt den Beweis, daß im Volke Millionen 
von Menschen leben, die von Massenschläch- 
tereien nichts mehr wissen wollen, die gegen 
die anderen Völker keinerlei Haß mehr auf- 
bringen können. 



Noch ist das Wehrgesetz nicht an 
genommen. Es wird noch darüber verhandelt 
und zugleich wird schon die Deckungsfrage 
erörtert. Das sollten diejenigen, die gegen das 
Gesetz selber sind, gar nicht tun. Kaninchen, 
die den Mut fänden, dagegen zu protestieren, 
daß sie verspeist werden, müßten sich nicht 
in Verhandlungen darüber einlassen, in welcher 
Sauce sie eventuell zubereitet sein wollen. 

im 

Marineminister Churchill hat den Vorschlag 
gemacht, die englische und deutsche Marine 
mögen ein Jahr im Weiterbau pausieren. Die 
Sache wurde als „nicht konkret" beiseite ge- 
schoben. Nun wird, wie es heißt, Mr. Chur- 
chill nach Berlin reisen und „Konkretes" vor- 
bringen. Der Widerstand der Rüstungsinter- 
essenten wird sicher sich fühlbar machen. Im 
Wettlauf ist auch nur eine Minute stille- 
stehen unangebracht. Es könnten zwei oder 
drei Minuten draus werden, oder gar eine 
Verminderung der Schrittlänge aufkommen. 
Nur weiter, weiter, weiter, nur immer schneller, 
schneller — der Abgrund lockt zu sehr. 



■ 



146 



<§n 



= DIE FRIEDENS -^MÄRTE 



Hoffentlich kommt er doch noch rechtzeitig, 
derjenige — sei es nun ein Mensch oder ein 
Volk oder ein zwingender Umstand — . dem 
ein gebieterisches „Halt!" gelingt. 

HS» 

Eines der wichtigsten Ereignisse in der 
gegenwärtigen Krise war der Sieg Sasonows 
über die russische Kriegspartei. Und seine 
abgegebene Erklärung: „Rassenverschieden- 
heit bedeutet noch nicht Rassengegensatz" 
wird hoffentlich, weil von so hörbarer Stelle 
und in so entscheidender Stunde gesprochen, 
in das allgemeine Verständnis dringen und 
die fatalistisch-resignierte Idee verscheuchen, 
daß es ja zwischen den Slawen und Deut- 
schen, zwischen den Gelben und Weißen usw. 
doch einmal „zur Auseinandersetzung kommen 
muß". In der Tat ja: Auseinandersetzung 
tut not. wo Streit und Mißtrauen herrschen, 
aber eine ganz andere als mit Kolbenschlägen. 
MB 

Letzter Akt; (hoffentlich) letzter Auftritt. 
Die Bühne stellt eine felsige Gegend vor; 
ferner Kanonendonner. 

Eine Stimme : Skutari oder den Tod ! 

Zweite Stimme : Wie wär's um 20 Mil- 
lionen ? 

Erste Stimme: Na, . . darüber ließe sich 
diskutieren . . . 

MB 

Der König von Griechenland ist ermordet 
worden, mitten in seiner Siegesfreude. Seine 
letzten Worte beinahe waren ein Ausdruck 
der Genugtuung, daß ein Deutscher Dread- 
nought ihm Salutschüsse darbringen werde. 
Und da fiel der Schuß aus Mörderhand. Ein 
Blatt meldete das Verbrechen mit den Worten : 
,,, Etwas Häßliches ist auf den Krieg gefallen". 
Häßlich — ja; traurig — gewiß; unentschuld- 
bar — sicherlich; aber der obige Satz klingt 
doch wie: „Etwas Nasses ist auf die See 
gefallen". 



In China ist das Parlament fcröffnet worden. 
Was beginnt da für eine Aera in dem Reich 
der Mitte, das uns als das Urbild tausend- 
jährigen Stillstands galt? Als ob es Stillstand 
überhaupt gäbe! 

PAZIFISTISCHE CHRONIK 

11. März. Die teilweise Demobilisierung 
der österreichisch - russischen Grenze wird 
durch ein identisches Communique' beider Staaten mit- 
geteilt. 

12. März. Fürst Lichnowsky, der deutsche 
Botschafter in London, sprach im Verständi- 
gungssinne bei einem Festmahl der Vereinigten 
Londoner Handelskammern. 

12. März. Grosse Friedensversammlung 
in Mülhausen unter Teilnahme aller Parteien. 
Gegen die Revanche- Chauvinisten, gegen den 



Krieg, für Lösung der Völkerstreitigkeiten auf fried- 
lichem Wege. 

14./ 15. März. Sitzung des Rats des Berner 
internationalen Friedensbureaus in Bern. 
Erlass eines internationalen Aufrufs gegen die 
Rüstungen. 

Mitte März. Der Verband der Deutschen 
Friedensgesellschaft richtet on den Reichs- 
kanzler eine Eingabe, worin darauf hingewiesen 
wird, dass die neuerlich enorme Belastung 
durch die neuen Rüstungsforderungen nicht zu 
dem erwarteten Ziel eines dauernden Friedens fuhren 
werde. 

Mitte März. Der Prinz von Wales tritt eine 
Studienreise nach Deutschland an. 

15. März. Die Trustees der Carnegie- 
stiftung treten in einem öffentlichen Aufruf für 
die schiedliche Erledigung des anglo-ameri- 
kanischen Panamakanal-Streites ein. 

18. März. Sitzung des Interparlamentari- 
schen Rats in Brüssel. 

19. März. Der Ordensrat des Grand-Orient 
von Frankreich erlässt ein Manifest gegen die 
Rüstungen und für den Frieden. 

23. — 30. März. 350 französische Kaufleute 
bestechen Berlin und die Leipziger Messe. 

24. März. Der Parteitag der franz. Sozial- 
demokratie verwirft in einer Resolution die drei- 
jährige Dienstzeit und tritt für die deutsch-franz. 
Verständigung ein. 

26. März. Lord Churchill macht im Unter- 
hause bei Einbringung des Flottenetats den Vor- 
schlag, dass Deutschland und England ein 
Jahr lang überhaupt keine Schiffe bauen. 

26. März. Erstürmung Adrianopels aus 
Gründen des militärischen Prestiges. Sir 
Edward Greg bezeichnet es im Unterhause als 
„unnützes Gemetzel". 

27. März. Deutsch-italienisches Abkommen 
über Arbeiter Versicherung. 

28. März. Veröffentlichung der grossen Heeres- 
vorlage in Deutschland. Vermehrung um 
4000 Offiziere, 15 000 Unteroffiziere, 
116 965 Mann, 27 000 Pferde. Ausbau der 
Festungen und der Luftflotte. 900 Millionen 
Mark einmalige, 190 Millionen Mark neue 
dauernde Ausgaben. 

29. März. Beginn einer internationalen 
Flottendemonstration gegen Montenegro. 
Uebemahme des Kommandos durch den englischen 
Admiral. 

30. März. Auf dem in Montpellier tagenden 
Mutualistenkongress hält Eürst Albert von 
Monaco eine pazifistische Rede. 

30. März. Erneute grosse Friedensver- 
sammlung in Mülhausen im Elsass, an der 
Fortschrittler, Zentrumsleute und Sozialisten sich ge- 
meinsam beteiligten. Gegen die Rüstungen, 
gegen den Krieg, für internationale Ver- 
ständigung. 

31. März. In dem franco-italienischen 
Streitfalle über die „Carthage" '- „Manouba" '- 



147 



DIE FßlEDENS-^^BTE = 



: 3 



Affäre findet vor dem Haag er Hof die erste Ver- 
handlung statt. 

Anfangs April. Prinz Heinrich von 
Preussen in London. 

4. April. In München starb Prof. Ritter 
Emanuel v. Ullmann, der erste Vorsitzende des 
Verbandes für internationale Verständigung. 

6. April. Die Berliner Sozialdemokratie pro- 
testiert in 61 Volksversammlungen gegen die 
neue Wehrvorlage. 

8. April. In Peking tritt das chinesische 
Parlament zum erstenmal zusammen. 

10. April. Ein Komitee von schweizer Politikern 
beruft für den 20. April nach Bern eine Konferenz 
deutscher und französischer Parlamentarier 
ein zwecks Anbahnung eines besseren Ver- 
ständnisses beider Völker. 

10. April. „Im Namen der internationalen 
Flotte, welche die Grossmächte von Europa 
vertritt", verkündet der englische Admiral Cecil 
Burney, als „Kommandierender der inter- 
nationalen Flotte'', die über die albanische Küste 
verhängte Blockade. 

10. April. Im elsass-lothringischen Land- 
tag protestierten mehrere Abgeordnete gegen den 
Chauvinismus in Deutschland und Frank- 
reich und gegen den Gedanken an einen Krieg. 



DAUS DER ZEITO 

Völkerrecht. 

Vom Haager Schiedshof. :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: 

Der Verwaltungsrat des ständigen Schieds- 
hofs veröffentlicht soeben seinen 12. Jahres- 
bericht über die Arbeiten des Hofes und die 
Punktion der Verwaltung während des Jahres 
1912. Der Bericht, der den Kegierungen erst 
am 26. März 1913 überreicht, wurde, ist in den 
Takten bis zu diesem Tage berichtigt. 

Daraus ergibt sich zunächst die betrübende 
Tatsache, daß die Haager Abkommen von 1907, 
die von 44 Staaten unterzeichnet wurden, bis- 
lang nur von 24 Staaten ratifiziert worden 
sind. Von europäischen Staaten haben bisher 
Italien und sämtliche Balkanstaaten, mit Aus- 
nahme Bumäniens, nicht ratifiziert. Im Jahre 
1912 sind drei Schiedsfälle entschieden bzw. 
anhängig gemacht worden. Es sind dies der 
Canevaro-Fall zwischen Italien und Peru, 
der Indemnitätsstreit zwischen der Türkei 
und B u ß 1 a n d , die Streitfälle über die Auf- 
bringung dreier Schiffe („Cartage", „Manouba" 
und „Tavignano") zwischen Italien und 
Frankreich. 

Das Budget für 1913 ist mit 58 149 Fl. be- 
ziffert worden, während die Ausgaben für 1912, 
die im Voranschlag mit 36 350 Fl. angenommen 
wurden, nur 28 217,50 Fl. betrugen. Diese 
Summe wurde nach dem vom Weltpostverein 
angewandten Schlüssel durch die Vertragsstaaten 
gedeckt. Danach hatte Deutschland, Oester- 
reich-Ungarn, Frankreich, Großbritannien, 



148 



Italien, Bußland, die Türkei, die Vereinigten 
Staaten, China und Japan je 1482,25 Fl. zu 
bezahlen. Spanien 1185,80 Fl. Die anderen 
Staaten je 889,35 FL, 296,45 bzw. 177,87. Nur 
Montenegro hat den geringen Betrag von 
59,29 Fl. zu leisten. Die Erhöhung des Budgets 
für 1913 rührt von dem neu eingestellten Posten 
von 16 501 Fl. als Beitrag für die Verwaltung 
und Instandhaltung des Ende August zu be- 
ziehenden neuen Friedenspalastes her. Diese 
Summe bezieht sich nur auf die vier letzten 
Monate des Jahres 1913. Sie wird künftig das 
Dreifache, d. i. 49 504 Fl. betragen. 

Die organisatorische Bedeutung 

der Haager Konferenzen. 

Vor der Internationalen Vereini- 
gung für vergleichende Rechts- 
wissenschaft und Volkswirt- 
schaftslehre sprach am 15. März im preußi- 
schen Herrenhaus Professor Dr. Walther 
Schücking aus Marburg über „die or- 
ganisatorische Bedeutung der 
Haager Konferenze n". — Gerade der 
unbefriedigende Zustand des Wettrüstens ver- 
anlaßt die Frage, was denn durch die Haager 
Friedenskonferenzen bisher erreicht ist. Die 
Antwort darauf hat bis jetzt sehr verschieden 
gelautet. Der Bedner ist im Einklang mit 
einigen hervorragenden Autoren des Auslands 
seit Jahren bestrebt, die organisatorische Be- 
deutung des Haager Werkes in das rechte 
Licht zu stellen. Durch das Schiedsgerichts- 
abkommen ist ein neuer Staatenverband ge- 
gründet, dessen Zweck die Aufrechterhaltung 
des allgemeinen Friedens ist. Also ist dieser 
Staatenverband auch ein politischer und be- 
deutet den Ansatz zu einem losen Weltstaaten- 
bund. Die zweite Haager Konferenz hat sich 
bemüht, die Justiz Organisation dieses Staaten- 
verbandes weiter fortzubilden. Die Tatsache, 
daß in Zukunft vor dem internationalen Prisen- 
hof der Privatmann seine Bechte gegen einen 
fremden Staat wird einklagen können, beweist 
den rapiden Entwicklungsprozeß des Völker- 
rechts und die Fortschritte der internationalen 
Organisation. Die dritte Haager Konferenz 
wird das Projekt der Cour de justice arbitrale 
von 1907 wieder aufnehmen und daraus einen 
wirklich ständigen Gerichtshof mit verschie- 
denen Kammern machen müssen. Für gewisse 
Kategorien von unpolitischen Streitigkeiten muß 
dieses Gericht obligatorisch werden, außerdem 
muß es zuständig gemacht werden für Privat- 
rechtsansprüche gegen fremde Staaten und die 
Auslegung der Normen des neuen Weltrechts 
(Internationales Privatrecht, Weltwechselrecht, 
Weltscheckrecht usw.). Ein anderes höchst 
wichtiges Postulat ist die Sicherung der Pe- 
riodizität der Konferenzen und die Annahme 
eines Statuts für den Haager Staatenverband. — 
Jedenfalls wandelt sich die bisher anarchische 
Staatengesellschaft trotz aller Hemmungen all- 
mählich in die eine organisierte um und neue 







<§• 



= DIE FRI EDENS -^\*M2XE 



Probleme, wie internationale Besitzgarantie, 
Exekutive, Weltparlainent und Umwandlung der 
einzelstaatlichen Heere in Quoten einer Bundes- 
armee werden dann zu lösen sein. 

In der vom Vorsitzenden Geh. Justizrat 
Dr. Felix Meyer geleiteten Diskussion be- 
zweifelte Professor Dr. Carl Koehne, daß die 
modernen wirtschaftlichen und handelspoli- 
tischen Tendenzen (Neo-Merkantilismus) der 
Entwicklung eines Weltstaatenbundes günstig 
seien. Dem widersprach außer dem Vor- 
tragenden, namentlich Geh. Justizrat Dove, der 
darauf hinwies, daß selbst die schärfste Schutz- 
zollpolitik eines Landes keineswegs mit dessen 
Isolierung gleichbedeutend sei. Professor Dr. 
Neubecker meinte, daß die Theorien des Redners 
in ihren letzten Konsecmenzen an den nicht 
voraussehbaren Entwicklungsmöglichkeiten der 
einzelnen Völker scheitern müßten. Hiergegen 
wendete der Vortragende sich in seinem Schluß- 
worte, in dem er betonte, daß auch nach seiner 
Lehre dem wechselnden Expansionsbedürfnisse 
der Nationen keine ewig feststehenden 
Schranken gezogen werden sollen, daß sich in 
Zukunft aber der Besitzwechsel nicht mehr im 
Wego der Eroberung, sondern in der friedlichen 
Form des Kaufes oder Tausches vollziehen 
werde. v. L. 



Zwischenstaatliche Epekution. :: :: :: :: :: :: :: :: :: 

Artikel 19 der ,, Verfassung des Deutschen 
Reiches" lautet : 

„Wenn Bundesglieder ihre verfassungs- 
mäßigen Bundespflichten nicht erfüllen, 
können sie dazu im Wege der Exekution 
angehalten werden. Diese Exekution ist 
vom Bundesrate zu beschließen und vom 
Kaiser zu vollstrecken." 
In seinem Kommentar hierzu bemerkt Ge- 
heimrat Zorn: „Die Mittel der Exekution 
sind in der Reichsverfassung nicht bezeichnet. 
Zuvor werden friedliche Mittel anzuwenden 
sein, insbesondere durch Vermittlung des 
Bundesrats. Weiter wird an militärisches 
Einschreiten gedacht werden müssen. . . 
Die Exekution kann bis zur Sequestration des 
betreffenden Landes und seiner Regierungs- 
gewalt ausgedehnt werden." (Der letzte Satz 
war in der Verfassung des Norddeutschen 
Bundes wörtlich enthalten.) 

Man sieht also: es handelt sich hier, 
trotz „militärischen Einschreitens", nicht 
um Krieg, der ja zwischen Bundes gliedern 
logischerweise ausgeschlossen ist, sondern um 
die gewaltsame Durchsetzung des verletzten und 
auf andere Weise nicht wiederherstellbaren Ver- 
tragsrechtes. Man hört nun vielfach die An- 
sicht, daß eine solche Exekution prinzipiell 
eben nur zwischen Bundesgliedern denk- 
bar ist, zwischenstaatlich aber nicht verwend- 
bar sein könne. Interessant ist die Wahr- 
nehmung, daß wir auch diese Entwicklungs- 
stufe heilte bereits überwunden haben. Am 



25. März las man in den Tagesblättern eine 
aus Berlin datierte Meldung - folgenden Inhalts : 

„Aus Rom wird gemeldet, falls Monte- 
negro den Willen Oesterreichs und den der 
anderen Großmächte nicht respektieren 
wollte, so würde die Londoner Botschafter- 
konferenz die Erteilung eines Exekutions- 
mandates an Oesterreich-Ungam 
und Italien beantragen. Auf Grund eines 
solchen europäischen Mandates würde sich 
Italien an der militärischen Aktion Oester- 
reichs beteiligen." 

Und diese Nachricht wird bekräftigt durch 
eine Auslassung der „N o r d d. A 11g. Z t g." , 
des offiziösen deutschen Regierung*- 
organs, vom 31. März, worin angedeutet wird, 
daß es nötigenfalls zu einer ,,E xekutiou" 
seitens der europäischen Mächte kommen 
könnte, falls König Nikolaus auf seinem 
Widerstände beharrt. Das Organ des 
Reichskanzlers schreibt unter anderem : 
„Wir möchten uns auch an dieser Stelle der 
in der bedeutungsvollen Rede Sir Edward 
Greys vom 25. d. M. ausgedrückten Er- 
wartung anschließen, daß die Fortdauer der 
Bestürmung Skutaris von Montenegro als 
zweckloses Gemetzel erkannt und 
baldigst eingestellt werde. Es wurde damit 
der Anwendung von Maßregeln vor- 
gebeugt, die keine Großmacht herbeiführen 
will, die aber bei anhaltender Auf- 
lehnung gegen den Willen Eu- 
ropas unvermeidlich werden könnten". 
Also ein unumwundenes, in ernst mahnen- 
dem Tone gehaltenes, offiziöses Bekenntnis zu 
eben jener „Exekution", wie sie in Ar- 
tikel 19 der Deutschen Reichsver- 
fassung vom IG. April 1871 bereits vor- 
gesehen ist. Ob es nun im Falle Monte- 
negros zu einer solchen zwischenstaatlichen 
Exekution kommt oder nicht — man wird sich 
das prinzipielle Zugeständnis ihrer 
Möglichkeit und eventuellen Unausweich- 
lichkeit mit unverlierbaren Lettern ins Ge- 
dächtnis schreiben müssen für den Fall, daß 
später wieder einmal ein Ueberschlauer mit der 
Behauptung sich vorwagen könnte, eine der- 
artige Exekution sei grundsätzlich mir zwischen 
Gliedern ein und derselben Staaten- 
gemeinschaft denkbar. 

C. L. Siemering. 



Verschiedenes. 

Wie man Kriege „macht". :: :: :; [s :: :: :: 

Der entsetzliche Balkankrieg mit seinen 
nach! Zehntausenden zählenden Menschen- 
opfern und seinen in die Milliarden gehen- 
den Verlusten an Wohlstand und Gütern 
geht seinem Ende zu. Beinahe hätte er das 
alte Europa in Brand gesetzt, und wenn 
dies auch glücklicherweise noch verhütet 



149 



DIE FBIEDENS -^/ADTE 



=© 



wurde, so hat er doch durch die Störung 
des Handels und Verkehrs auf unserem Erd- 
teil hinreichend Kulturarbeit vernichtet 
und Not und Elend in ausreichendem Maße 
erzeugt, Der Balkankrieg wird aber in 
der Zukunft von den Geschichtsschreibern 
und den Völkerpsychologen fein säuberlich 
zugestutzt werden als die naturnotwendige 
Entladung geheimer Kräfte, die folgerich- 
tige Entwicklung historischer Gesetze und 
schließlich auch als ein ,, Element der gött- 
lichen Weltordnung". 

Für die künftige Betrachtung dieses 
Krieges sei mir gestattet, hier einen mir 
nicht unwichtig erscheinenden Beitrag hin- 
zuzufügen, der wohl geeignet sein dürfte, 
zum Nachdenken über die „geheiligte" In- 
stitution des Krieges anzuregen. 

In der Budgetkommission des deutschen 
Reichstages machte am 3. April der Staats- 
sekretär von Jagow über die Entstehung 
des Balkankrieges vertrauliche Mitteilun- 
gen, aus deren offiziösen Veröffentlichungen 
besonders folgender Satz von Interesse ist: 

„Der Staatssekretär ging auf die Frage 
ein, ob die europäische Diplomatie durch 
den Ausbruch des Krieges überrascht wor- 
den sei. Tatsächlich habe in den Haupt- 
städten der Balkanstaaten noch 1 bis in 
die letzten Tage vor dem Aus- 
bruch des Krieges die Stimmung 
geschwankt, und der Kriegsbeginn sei 
gegen die Absicht der anderen Ver- 
bündeten durch' den frühzeitigen 
Losbruch Montenegros erfolgt." 

Aus diesen Mitteilungen geht hervor, 
daß, wenn auch nicht die Wahrscheinlich- 
keit, so doch immerhin eine gewisse Mög- 
lichkeit vorhanden gewesen wäre, den 
Kriegsausbruch zu verhindern, wenn die 
eilige Aktion des Königs von Montenegro 
nicht vorgegriffen hätte. 

Warum hat aber der König von 
Montenegro so voreilig gehan- 
delt? 

Hierüber wird mir von einer Seite, die 
mit den Verhältnissen vertraut sein körnte, 
eine Mitteilung (gemacht, die man nicht ver- 
schweigen kann, wenn man auch zugeben 
muß, daß der vollgültige Beweis dafür 
nicht erbracht werden kann, für die jedoch 
die Wahrscheinlichkeit spricht. 

Im Herbst des vorigen Jahres soll der 
König von Montenegro in Paris den Ver- 
such gemacht haben, eine Anleihe aufzu- 
bringen, die ihm jedoch von der Pariser 
Finanzwelt verweigert wurde. Ein Pariser 
Finanzmann, der so von dem Geldbedarf 



des Königs unterrichtet war, setzte sich 
hierauf mit einem Wiener Bank- 
haus, dessen Name mir genannt 
wurde, in Verbindung. Dieses 
Bankhaus soll dem König ein 
Darlehen Von 5 Millionen Kronen 
(einem Familienmitgliede des Königs außer- 
dem noch einen etwas geringeren Betrag) 
unter der Bedingung angeboten 
haben, daß er sofort losschlage. 

Am 8. Oktober hat der König 
von Montenegro der Türkei den 
Krieg erklärt! 

Für die Wahrscheinlichkeit dieser 
Mitteilung sprechen zwei Tatsachen. 
Erstens: Das betreffende Bankhaus soll 
zu Beginn des Balkankrieges so glücklich' 
operiert und durch den Kriegsausbruch, der 
im übrigen zu einer allgemeinen Börsen- 
deroute geführt hat, so ungeheuer viel ver- 
dient haben, daß dies weiteren Kreisen 
auffiel. 

Zweitens: Es soll ja nunmehr auch 
die Einstellung des Krieges seitens des 
Königs von Montenegro durch ein Mil- 
lionendarlehen erkauft werden. 
Sapienti sat! 



Die „Brücke" und der Internationalismus. :: :: 

Ende März fand in München die 1. Jahres- 
versammlung der „Brücke", Internationalen 
Instituts für Organisierung der geistigen Ar- 
beit, statt. Ein besonderes Gepräge verlieh der 
Tagung die Anwesenheit zahlreicher Geistes- 
arbeiter des deutschen Sprachgebiets sowie die 
Teilnahme des Prinzregenten Ludwig, des 
Kultusministers und anderer Vertreter der 
bayerischen Eegierung an der öffentlichen Fest- 
sitzung. Geheimrat Prof. Wilhelm O s t w a 1 d 
hielt einen Vortrag über „Brücke und Inter- 
nationalismus", in dem er zunächst in weit- 
ausholenden kulturgeschichtlichen Betrach- 
tungen die Entwicklung des Organisationsge- 
dankens überhaupt darlegte, dessen Grundziel 
es ist, jede individuelle Leistung zum Besten 
der Gesamtheit am zweckmäßigsten zur Gel- 
tung zu bringen. 

Weiter führte er nach Zeitungsmeldungen 
aus : Bezüglich der geistigen Arbeit befinden 
wir uns eben in der Periode des höheren In- 
dividualismus und es treten die ersten Zeichen 
der folgenden Periode, der organischen Bindung 
ein. Die Brücke hat die Aufgabe, diese zur- 
zeit höchste Kulturform für die geistige Arbeit 
herbeizuführen, welche durch das bewußte Zu- 
sammenwirken hoch entwickelter Individuen i 
spezialisierter Betätigung gekennzeichnet ist 
Das, was hierbei systematisiert und dadurch 
erledigt wird, sind die primitivsten, wenigst 
geistigen Anteile, so daß die notwendige 
Gleichmachuner und Bindung nicht ein Hinder- 




150 



<§= 



DIE FRIEDENS -WARTE 



nie, sondern eine erhebliche Erleichterung und 
Förderung für die höhere Geistesarbeit be- 
wirkt. Damit werden die landläufigen Ein- 
wände gegen die Brückenarbeit widerlegt. Wenn 
wir sehen, wie jeder Forscher, ehe er an seine 
eigentliche Aufgabe heranzugehen vermag, eine 
Reihe kleiner und kleinlicher Vorarbeiten zu 
machen hat, die ebensogut jeder Durchschnitts- 
mensch machen könnte, so muß man nach dem 
Grundsatz, daß keine Energie vergeudet werden 
soll, auf Abhilfe sinnen. Die Gesamtheit der 
Geistesschätze der Welt wächst immer gewal- 
tiger an. Die Steigerung des Bewußtseins von 
dem Besitz dieser den Nationen gemeinschaft- 
lichen Kulturgüter und von der Gefahr, sie 
verlieren zu können, sollte und müßte ein 
mächtiges Friedenshand unter den Völkern be- 
deuten! In der Anwendung auf die staat- 
lichen Verhältnisse führen diese Betrachtungen 
zur Erörterung des Internationalismus. Die 
gegenwärtige politische Organisation der Welt 
stellt einen teilweise noch primitiven Indivi- 
dualismus dar, der durch internationale Bin- 
dungen abgelöst zu werden beginnt. Das Zu- 
sammentreten der deutschen Einzelstaaten, die 
früher einander bekämpft hatten, zum Deut- 
schen Reich, stellt einen typischen Fall solcher 
Vorgänge dar. Es wird nachgewiesen, daß z. B. 
die europäischen Kontinentalstaaten im Eisen- 
bahnverband, die Kulturstaaten der ganzen Welt 
im Weltpostverein bereits überstaatliche Organe 
geschaffen haben, welche als die Vorstufen 
engerer Verbände aufzufassen sind. Die Ver- 
einigten Staaten von Europa und der ganzen 
Welt existieren also bereits, sie sind längst 
keine Utopie mehr. Hier hat die Brücke in 
die begonnene Kulturorganisation einzugreifen, 
da die geistigen Werte von absolut internatio- 
naler Beschaffenheit sind. Dadurch wird sie 
an ihrem Teil dazu beitragen, die Aufgabe des 
dauernden Friedens, für dessen Erhaltung durch 
militärische Rüstungen Europa so ungeheure 
Opfer bringt, durch Mehrung der gemeinsamen 
Kulturgüter zu lösen. Schon jetzt hat die ge- 
meinsame Kulturarbeit der Nationen in solchem 
Sinne gewirkt und ein geringer Bruchteil der 
Aufwendungen für die militärische Friedens- 
sicherung würde genügen, um sehr erhebliche 
Leistungen auf diesem Boden zu ermöglichen, 
auf welchem niemals Gefahren für den Frieden, 
sondern nur eine Förderung entstehen kann 
usw. Dr J. M. 



Richard Dehmel und die internationale Kulturbewegung. 

Der Verband internationaler Studentenver- 
eine hat eine Rundfrage erlassen: Was kann 
der Student für die internationale Kultur- 
bewegung tun? Unter den Antworten hat die 
von Richard Dehmel in studentischen Kreisen 
weithin Beachtung gefunden und ist vielfach, 
sicherlich gegen die Absicht des Dichters, 
während der Ausländerstreitigkeiten der letzten 
Zeit zu Hilfe gerufen worden. Sie lautet: 
„Was der deutsche Student für die 



internationale Kultur tun kann, ist 
genau das, was jeder junge Mann 
von geistigem Weitblick dafür tun 
sollte: Ein Mann werden, der es in 
seinem Berufskreis als vornehmste 
Bildungspflicht betrachtet, sei- 
nem Volk Respekt und Sympathie 
bei den übrigen Völkern zu ver- 
schaffen. Alles andere ist kosmo- 
politische Phrase, ob mit oder ohne 
Vereinsmeiere i." 

Der ethischen Forderung Dehmels kann 
man sicherlich durchaus zustimmen: Bildung 
ist in erster Linie etwas Nationales. Aber 
auch schon in dem ersten Teil seiner Ant- 
wort ist ein starkes Mißverständnis der 
Frage. Nicht um internationale Kultur, sondern 
um internationale Kulturbewegung handelte es 
sich. Diese Kulturbewegung „inter nationes", 
diese Kulturbeziehungen von Volk zu Volk 
enthalten als einen Bestandteil eben die von 
Deutschland ausgehende Kultur, die sich 
Achtung und Teilnahme im Ausland erwerben 
will. Aber es ist doch eine kiasse Einseitig- 
keit, wenn man die Gefühle, die man für 
seine Kultur vom Ausland verlangt, nicht auch 
den fremden Kulturen entgegenbringt. Zur 
Bildung gehört sicherlich auch Achtung und 
Verständnis für fremde Eigenart. Die vom 
Ausland zu uns strömenden Einflüsse sind ein 
anderer Bestandteil der internationalen Kultur- 
bewegung. 

Enthält der erste Teil der Dehmel- Antwort 
nur ein Mißverständnis und eine Einseitigkeit, 
so zeugt der letzte Satz von einer unglaub- 
lichen Unkenntnis des modernen Inter- 
nationalismus, der gegenwärtigen netzartig ver- 
dichteten und verflochtenen Beziehungen von 
Volk zu Volk. Weiß denn Dehmel nichts von 
der stetig wachsenden Verflechtung aller 
Völker in die Erdwirtschaft, von den Tausenden 
und aber Tausenden von Organisationen auf 
allen Gebieten, die über die Grenzen hinaus 
Volk mit Volk verbinden? Weiß er nichts da- 
von, daß unsere auswärtige Politik nur noch 
ein Viertel Macht-, dagegen Dreiviertel Wirt- 
schafts- und Kulturpolitik ist? Ein Mann von 
„geistigem Weitblick", der für das soziale Ge- 
schehen, für die Geschichte seiner Zeit, die 
Augen offen hat, darf diese gewaltige Ent- 
wicklung des Internationalismus nicht über- 
sehen. 

Es war eben töricht, einen Lyriker nach 
solchen Dingen zu fragen*). Bei den Fragenden 

*) Dehmel stand einmal unseren Ideen 
sehr sympatisch gegenüber. Es sei auf seinen 
an den Herausgeber dieses Blattes gerichteten, 
in der Fr.-W. 1900, S. 101 abgedruckten Brief 
hingewiesen, worin er von der „großen kul- 
turellen Idee der friedensrecht- 
lichen Bestrebungen" spricht, und er 
jene als „Trampeltiere" bezeichnet, die den- 
jenigen Beifall spenden, die sich „auf die be- 
kannte schiefe Ebene der unabänderlichen 
Naturgesetze" begeben. 

Anrnkg, der Red. 



151 



DIE FRIEDENS -WARTE. 



3 



liegt die Schuld. Wir werden Dehmel, der uns 
aus leidenscliaftlich subjektivem Erleben her- 
aus so wundervolle Dichtungen geschenkt hat, 
gern nachsehen, daß er für das große soziale 
Geschehen kein Verständnis besitzt. Aber sein 
Urteil muß aufs schärfste zurückgewiesen 
werden, weil es nicht vereinzelt dasteht, weil 
immer wieder Menschen mit durchaus und ein- 
seitig persönlicher Weltanschauung sich Ur- 
teile anmaßen über soziale Fragen, die ganz 
außerhalb ihrer Vorstellungswelt liegen, für sie 
ein völlig verschlossenes unbetretbares Land 
sind. 

Und doch gibt es vielleicht auch für 
Dehmel einen Weg dorthin. Vor Jahresfrist 
ist mir mal die Satzung des Vereins lyrischer 
Dichter (Statut des Kartells lyrischer Au- 
toren!!) in die Hände gefallen. Da stand 
Dehmels Name an zweiter Stelle unterschrieben. 
Wenn es sich also um seine eigenen Angelegen- 
heiten handelt, verachtet er die Vereinsmeierei 
nicht so sehr. Da nun in diesen Tagen wieder- 
um eine Vereinbarung abgeschlossen ist zum 
Schutz von Kunstwerken, so daß nun auch in 
Kußland Dehmels Werke nur mit seiner Ein- 
willigung und Gewinnbeteiligung übersetzt und 
vertrieben werden können, so wäre hier doch 
ein Weg, auf dem selbst ein lyri- 
scher Dichter Verständnis für die 
rechtliche Ordnung und für die Or- 
ganisation der Kultur bezieh ungen 
zwischen den Völkern bekommen 
könnte. 

Dr. phil. W a 1 1 e r A. Berendsohn, 
Hamburg. 



Pazifistische Kundgebung des 
Fürsten fllbert von Monako. 

Gelegentlich der Tagung des Mutualisten- 
kongresses zu Montpellier hielt am 30. März 
Fürst Albert von Monako eine Kede, in der 
er darauf hinwies, daß Kuhm, Ansehen und 
Gedeihen mehr von einer Milderung der Sitten 
als von der Anwendung von Gewalt abhingen. 
Der Fürst rühmte dann den Gedanken des 
Schiedsgerichts und der gegenseitigen Hilfe, 
deren Macht immer mehr die Lösung sozialer 
Probleme erleichtern werde. Alle Mutualisten 
verurteilten die Anwendung von Gewalt bei 
Regelung internationaler Angelegenheiten. Die 
internationale gegenseitige Hilfe werde bei den 
Menschen aller Länder die Wahrheit zur Gel- 
tung bringen, daß kriegerisches Gebaren 
draußen, politische Feindseligkeiten im Innern 
und der Triumph der Gewalt nirgends 
die Fragen lösten, von denen der 
menschliche Fortschritt abhänge. 
Denn der Krieg und seine Vergeltung brächten 
keine Lösung. Der Fürst schloß: „Die Stunde 
ist gekommen, ohne Furcht einen so schwie- 
rigen Gegenstand ins Auge zu fassen, da alle 
menschliche Tätigkeit unter der zerstörenden 
Wirkung kriegerischer Drohungen leidet und 
da die durch die gesundesten Kräfte der Nation 



mühsam erworbenen Hilfsmittel in einen Ab- 
grund gestürzt werden sollen. Vielleicht wird 
eines Tages das Prinzip der gegenseitigen Hilfe 
sich gegenüber den Gefahren des internationalen 
Lebens mächtig zur Geltung bringen." 

Mtl 

Ein deutscher Feldherr über den Krieg. :: 

Die Briefe des Fürsten Schwarzenberg, des 
Besiegers Napoleons, an seine Frau sind jetzt 
veröffentlicht worden. In einem Feuilleton, 
das Richard Charmatz in der Neuen 
Freien Presse darüber schrieb, sind vom pazi- 
fistischen Gesichtspunkt folgende Stellen von 
Interesse : 

„Der Fürst dachte hoch von dem Beruf 
des Soldaten und wollte dessen Würde von 
allen Flecken reinhalten. Der Kampf sollte von 
jeder Entartung frei bleiben und das Gefühl 
nicht unterdrücken. Die Ritterlichkeit, die dem 
Feldmarschall reinen Adel verlieh, die sein 
Wesen durchtränkte, durfte im Kampfe nicht 
abhanden kommen. Mit Stolz erwähnte Fürst 
Schwarzenberg einmal während des Feldzuges 
im Jahre 1812, daß in einem Orte, den seine 
Soldaten im Feindesland verlassen hatten, die 
Hühner und Gänse frei herumliefen. Das er- 
füllte ihn mit Vergnügen. Den Krieg als 
solchen beklagte er tief. Treitschke berichtet 
in seiner „Deutschen Geschichte", daß in dem 
Geschlecht, das die erschütternden Greuel der 
napoleonischen Kämpfe mitansah, ein unaus- 
löschlicher Abscheu vor dem Kriege, ein un- 
versiegliches Friedensbedürfnis erwacht war. 
Schwarzenberg, der auf vielen Schlachtfeldern 
die Verwüstungen und Schrecknisse kummer- 
voll beobachten konnte, gestand nach dem 
grauenvollen Rückzuge von Hohenlinden : „I c h 
kann den Anblick allen Unheils 
kaum aushalten!" Später bemerkte er : 
„Der Krieg ist doch ein häßliches 
Ding; welch schreckliche Bilder 
sich täglich darstellen! Jammer, 
Elend, Leiden, Laster aller Art, Hohnlächeln 
dem Unglück, menschliche Grausamkeiten; das 
Herz des rechtlichen Menschen empört sich 
zehnmal des Tages. Nichts kann diese Emp- 
findungen erlöschen." Noch verzagter urteilte 
er in einem anderen Briefe: „Ich wiederhole 
es abermals, ich bin nicht dazu gemacht, in 
dem Metier glücklich zu sein. Krönt der Er- 
folg mein Unternehmen, so habe ich einen 
grimmigen Graus dabei ; über Blut und 
Leichen gehe der Pfad zu meinem 
Glück nimmermehr. Man sage nur, es 
sei Schwäche, ich leugne es nicht, aber es ist 
nun einmal so, der Krieg ekelt mich ob 
der unzähligen Leiden, die er unter allen er- 
sinnlichen Formen über die Menschen ver- 
breitet." 



Mach Maurenbrecher Hornefferl :: :: :: 

Merkwürdig — gerade die Führer der fuei- 
geistigen Bewegung, die doch freies und! fort- 



152 



(2S 



= DIE Fßl EDENS -WABXE 



schrittliches Denken fördern und pflegen will, 
im Gegensatz zum Pazifismus ! 

In dem soeben erschienenen Heft 1 des 
neuen 5. Jahrganges der „Tat", sozial-religiöse 
Monatsschrift für deutsche Kultur, schreibt 
Ernst Hornef fer in einem Aufsatz über „R e - 
ligion und Nation": „Auf friedlichem 
Wege sehen sie (die Friedensfreunde) die Völker 
ihre Gegensätze ausgleichen und sich in einer 
höheren allumspannenden Ordnung zusammen- 
schließen. Dies halte ich für eine bedenkliche 
Utopie. . . . Von selbst, auf friedlichem Wege, 
durch Verträge, durch freundliche Aussöhnung 
entstehen niemals höhere Organisations- 
formen, die immer auf der Bändigung und 
Ueberwältigung ursprünglicher Gegensätze be- 
ruhen" usw. Sollte Horneffer wirklich die 
Kulturgeschichte und die Geschichte mensch- 
licher Zivilisation so wenig kennen, daß er 
solche Behauptung' aufzustellen wagt? Dann 
lieber „hands off" von diesem Probleme ! 

J. M. 



AUS DER BEWEGUNG 

Kongreß-Kalendarium. :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: *• 

1. — 3. Mai: IV. amerikanischer National- 
friedenskongreß in St. Louis. 

11. Mai: Verständigungskonferenz deutscher 
und französischer Parlamentarier in Bern. 

11. — 12. Mai : VIIL französischer National- 
friedenskongreß in Paris. 

11. — 13. Mai: II. Verbandstag des Verbandes 
der Internationalen Studentenvereine Deutsch- 
lands in Leipzig. 

14.— 16. Mai: XIX. Lake - Mohonk - Kon- 
ferenz. 

10. — 13. Juni : IX. englischer National- 
friedenskongreß in Leeds. 

15. — 19. Juni : II. Weltkongreß der inter- 
nationalen Vereinigungen zu Brüssel. 

19.— 21. August: VIIL Deutscher Espe- 
rantokongreß in Stuttgart. 

18. — 23. August: XX. Weltfriedenskongreß 
im H a a g. 

29. August: Einweihung des Friedens- 
palastes im Haag. 

29. Aug. bis 13. Sept.: VIII. Weltkongreß 
der Studenten verbände (Corda Fratres) in 
1 1 h a o a , New York. 

29. — 31. August: IX. Internationaler Espe- 
rantokongreß in Bern. 

3. — 6. September: XVIII. Interparlamenta- 
rische Konferenz im Haag. 

22. September: XXVIII. Konferenz der Int. 
Law Association in Madrid. 



Interparlamentarische Union. :: :: :: :: :: :: :: :: :: 

Der interparlamentarische Rat trat Diens- 
tag, den 18. März, im Palais de la Nation in 
Brüssel zusammen. 

Anwesend waren die Herren : E i c k h o f f 
und Hauptmann (Deutschland), Freiherr 



E. v. P leuer und Ritter von Roszkowski 
(Oesterreich), Houzeau de Lehaie und 
von Sadeleer (Belgien), Moltesen und 
Borgbjerg (Dänemark), d'Estournelles 
de Consta nt und de la Batut (Frank- 
reich), Lord Weardale und Agg Gardner 
(Großbritannien), Horst und Michelet 
(Norwegen), T y d e m a n und van der Does 
de Willebois (Niederlande), Graf von 
Pen ha Garcia (Portugal), Efremoff 
(Rußland), Wawrinsky (Schweden). Gobat 
(Schweiz), BustanyEffendi und Nessimi 
B e y (Türkei), Lange, Generalsekretär. 

Bei Eröffnung der Sitzung gedachte Alters- 
präsident Houzeau de Lehaie ehrend des 
inehrjährigen Präsidenten der Union. Beer- 
n a e r t , der ihr unschätzbare Dienste ge- 
leistet hat. 

Auf Vorschlag des Freiherrn v. P 1 e n e r 
wurde Lord Weardale, Präsident der eng- 
lischen Gruppe, zum Präsidenten des Rats an 
Stelle Beernaerts unter allgemeiner Zustimmung 
gewählt, Lord Weardale dankte und er- 
innerte dabei an die Verdienste, die sein Vor- 
gänger der Union geleistet hat. Er versprach, 
den größten Teil seiner Zeit dem pazifistischen 
Werk, dessen Verwirklichung die Union be- 
zweckt, zu widmen. 

Dann ging der Rat zu seiner Tages- 
ordnung über. 

Die Konferenz von 1913 wird im Haag 
zusammentreten. Sie wird am 3. September 
eröffnet werden. Die Tagesordnung der 
Konferenz wurde wie folgt festgesetzt : 

1. Behandlung der Meerengen und neutraler 
Kanäle. Berichterstatter Graf von P e n h a 
Garcia (Portugal). 

2. Erklärung einer dauernden Neutralität. 
Berichterstatter Muncli, ehemaliger 
Minister (Dänemark). 

3.. Bechte und Pflichten neutraler Mächte. 
Berichterstatter van H outen, ehe- 
maliger Minister (Niederlande). 

1. Kriegsanleihen. Berichterstatter Graf 
Goblet d'Alviella, belgischer Se- 
nator. 

5. Vereinheitlichung des internationalen 
Briefportos. Berichterstatter E i c k h o f f , 
Präsident der deutschen Gruppe. 

6. Mitwirkung der Union und ihrer Gruppen 
an internationalen Werken. Bericht- 
erstatter Louis Fraack, belgischer 
Deputierter. 

Es ist anzunehmen, daß noch eine oder 
zwei Spezial-Studienkommissionen ihre Berichte 
der Konferenz von 1913 unterbreiten werden. 

Auf Vorschlag des Exekutiv-Komitees,, dem 
zurzeit folgende Mitglieder angehören: Lord 
Weardale, Houzeau de Lehaie und 
T y d e m a n , hat der Rat einstimmig folgende 
Resolution, die sich auf die internationale Lage 
bezieht, angenommen: 

„Der am 18. März 1913 in Brüssel tagende 
Rat der interparlamentarischen Union stellt 



153 



DIE FRIEDENS -^M^DTE 



■3 



fest, daß es der Uebereinstimmung der Groß- 
mächte gelungen ist, den Balkankrieg 
örtlich zu begrenzen, und daß dank 
dieser Uebereinstimmung mehrere durch den 
Krieg entstandene Probleme durch die von den 
Haager Konferenzen ins Leben gerufenen 
freundschaftlichen und juristischen Mittel, auf 
die die Union nicht müde wurde hinzuweisen, 
gelöst werden. 

Der Rat nimmt mit der gleichen Genug- 
tuung die Erklärungen der Marineminister von 
Deutschland und England betreffend die 
Seerüstungen zur Kenntnis ; er sieht in 
diesen Erklärungen, ohne deren Tragweite zu 
überschätzen, eine Anerkennung jener Prin- 
zipien, für die die Union so oft eingetreten ist, 
und den ersten Schritt auf dem Weg der 
Rüstungsbeschränkung. 

Der Rat bedauert dagegen um so mehr, daß, 
abgesehen von dieser Ausnahme, die Mächte 
in ihrem verderblichen Wettbewerb beharren. 

Er ist davon überzeugt, daß die Rüstungs- 
beschränkungen, weit davon entfernt, die 
Interessen der nationalen Verteidigung, deren 
Rechtmäßigkeit von der Union niemals be- 
stritten wurde, zu schädigen, diesen im Gegen- 
teil viel nützlicher sein könnten, als dieses 
Ueberbieten ; 

daß andererseits die Erhöhungen der mili- 
tärischen Lasten unberechenbare Eolgen im 
sozialen und wirtschaftlichen Leben der 
Nationen hervorrufen werden. 

Der Rat hofft, daß die Mächte nicht zu 
spät von den wiederholten Aufrufen der Union 
Kenntnis nehmen werden. Er ladet die natio- 
nalen Gruppen ein, den bei der letzten Kon- 
ferenz in Genf angenommenen Resolutionen 
Eolge zu geben, und sich energisch zu be- 
mühen, damit diese Resolutionen 
nicht leere Worte bleiben. 

Er ermächtigt das Interparlamentarische 
Bureau, die vorliegende Resolution den Re- 
gierungen bekannt zu geben." 

Während der Sitzung hat Bustany 
E f f e n d i , Präsident der türkischen Gruppe, 
die Erage aufgeworfen, welchem Schicksal die 
türkische Bevölkerung der Balkanhalbinsel ent- 
gegengeht. Er gab der Hoffnung Ausdruck, 
daß man diesen Völkerschaften eine sich auf 
die Prinzipien der Nationalitätenautonomie 
stützende Regierung, hauptsächlich im Hin- 
blick auf die Religion, bewilligen wird, und 
bat seine Kollegen im Rat, diese Vorschläge 
bei ihren Regierungen zu unterstützen. 

Die Idee Bustany Effendis wurde so- 
wohl vom Präsidenten des Rats als auch vom 
Ereiherrn v. P 1 e n e r unterstützt und von dem 
ganzen Rat sympathisch aufgenommen. 

Die Interparlamentarische Union wird am 
2. Weltkongreß der internationalen Verbände, 
der im Juni in Gent zusammentreten wird, teil- 
nehmen. Sie wird durch die zwei belgischen 
Mitglieder des Rats, Houzeau deLehaie 
und Sadeleer und vom Generalsekretär ver- 
treten sein. Es werden sich auch andere Mit- 



glieder der Union dieser Vertretung anschließen 
können. 

Am Schluß dieser Beratungen nahm . der 
Rat, auf Vorschlag des Baron d'Estour- 
nelles de Constant, folgenden An- 
trag an: 

„Der Rat der Interparlamentarischen Union 
legt besonderen Wert darauf, sich den zwischen 
Großbritannien und den Vereinigten Staaten Von 
Amerika veranstalteten Kundgebungen anzu- 
schließen, die zur Feier des Vertrages von 
Gent stattfinden werden, der von beiden früher 
so kriegerischen, jetzt aber durch eine allu 
Prüfungen seit hundert Jahren überdauernde 
Freundschaft verbundenen Staaten, treu inne- 
gehalten wurde. 

Der Rat ist der Ansicht, daß dieses große 
Beispiel politischer Klugheit gar nicht oft 
genug der Betrachtung und Bewunderung der 
zivilisierten Welt empfohlen werden kann." 



Endgültige Tagesordnung für 
den W. Weltfriedenskongreß. 

In der Sitzung des Rates des Seiner 
Friedensbureaus vom 15. März wurde für den 
Ende August im Haag abzuhaltenden XX. Welt- 
friedenskongreß folgende Tagesordnung fest- 
gesetzt : 

1. Bericht des Bureaus über die Ereignisse 
des Jahres, sofern sie sich auf Krieg und 
Frieden beziehen. Berichterstatter: A. Gobat. 

2. Internationales Recht. 

a. Kodifikation des öffentlich-internatio- 
nalen Rechts. Berichterstatter : L a 
Fontaine und Emil Arnaud. 

b. Sanktionen auf dem Gebiete des inter- 
nationalen Rechts. Berichterstatter : 
Van.Vollenhoven. 

3. Die Presse im Dienste des Pazifismus. 
Berichterstatter : Lucien Le Foyer und 
Alfred H. Fried. 

4. Die Handelseifersucht und die internatio- 
nalen Beziehungen. Berichterstatter : Yves 
G u y o t und Norman Angell. 

5. Beschränkung und allmähliche und pro- 
portioneile Verminderung der Rüstungen. Be- 
richterstatter : Prof. L. Q u i d d e. 

6. Festsetzung von Sitz und Zeit des 
XXI. Kongresses. 

MB 

Die Mülhauser Versammlungen. :: :: :: :: :: :: :: 

Zwei Friedenskundgebungen ganz gewaltiger 
Art haben im Laufe des März in der elsässi- 
schen Stadt Mülhausen stattgefunden. Die 
eine am 15. März stattgehabte, der 1400 Per- 
sonen beiwohnten, richtete sich vornehmlich 
gegen den Gedanken eines Revanchekriegs. 
Alle Parteien waren bei der Veranstaltung ver- 
treten und einstimmig wurde folgende Reso- 
lution gefaßt: 

„Die Versammlung richtet an das aus 
dem allgemeinen Stimmrecht hervorgegangene 
Parlament von Elsaß-Lothringen das Er- 



154 



<§s 



= DIE Fßl EDENS -VSAQTE 



suchen, sich mit aller Entschiedenheit gegen 
■den Gedanken eines Krieges zwischen Frank- 
reich und Deutschland zu wenden und dem 
Wunsche Ausdruck zu geben, daß alle zwischen 
beiden Völkern schwebenden Streitigkeiten in 
der Gegenwart wie in der Zukunft auf fried- 
lichem Wege gelöst werden mögen." 

Die zweite Versammlung fand am 30. März 
statt. Der Fortschrittsverein und der sozial- 
demokratische Kreisverein waren die Ver- 
anstalter, während das Zentrum dabei nicht 
beteiligt war. In der großen Markthalle waren 
vier Rednertribünen aufgestellt, auf dem die 
Fortschrittler D r u m m und Pfarrer S c h e e r , 
wie die Sozialisten Emmel und Wicky zu über 
2000 Personen sprachen. Diese zweite Ver- 
sammlung galt einem Protest gegen die 
Rüstungsvorlage. Die zum Schluß einstimmig 
angenommene Resolution hatte folgenden 
Wortlaut : 

„Die heutige Massenversammlung von Be- 
wohnern Mülhausens und der Umgebung er- 
hebt nachdrücklich Einspruch gegen die neuen 
Opfer an Gut und Blut, die durch die an- 
gekündigte deutsche Militärvorlage mit ihrer 
Rückwirkung auf Frankreich vom Volke ver- 
langt werden. Die Versammlung sieht in 
diesen wachsenden Rüstungen die schwerste 
Gefahr für den Frieden, dessen Erhaltung die 
beiden Kulturnationen diesseits und jenseits der 
Vogescn sich zum obersten Ziele setzen müssen. 

Die Versammelten fordern daher die Ver- 
treter Elsaß-Lothringens im Deutschen Reichs- 
tag auf, im Interesse beider Völker und nicht 
zuletzt im Interesse Elsaß-Lothringens, das 
alle Kriegs treiberei verdammt, die neuen 
Rüstungsforderungen im vollen Umfang glatt 
abzulehnen. 

Zugleich richtet die Versammlung an Par- 
lament und Regierung des Deutschen Reiches 
das Ersuchen, mit den Mächten der Triple- 
Entente in Verhandlungen einzutreten behufs 
Einschränkung der Rüstungen. Internationale 
Streitfragen sind durch das Mittel der Schieds- 
gerichte auszutragen." 



Der zweite Weltkongreß der internationalen Verbände. 

Das Zentralamt der Union der internatio- 
nalen Verbände in Brüssel erläßt die Ein- 
ladung für den zweiten Weltkongreß, der vom 
lo. bis 19. Juni d. J. in Brüssel und Gent 
stattfinden wird. Der erste Kongreß dieser 
Art hat bekanntlich im Mai 1910 in Brüssel 
.stattgefunden. Damals ließen sich bereits 132 
internationale Verbände vertreten. Als eines der 
wichtigen Ergebnisse jenes Kongresses ist die 
Schaffung der Union der internationalen Ver- 
bände zu betrachten, die es sich zur Aufgabe 
stellt, zwischen den ihr angeschlossenen Ver- 
bänden ständige Verbindung aufrecht zu er- 
lialten und so zum Zentrum des gesamten Inter- 
nationalismus zu werden. 

Der Kongreß von 1913 wird die 1910 be- 
gonnene Arbeit fortsetzen. Das reichhaltige 



Programm ist in sechs Sektionen geteilt. Sb 
umfaßt : 

Erste Sektion : Korporation. Gemeinsam« 

Unternehmungen. 
Zweite Sektion: Reglementierung. Gesetz- 
gebung. 
Dritte Sektion : Vereinheitlichung der Ein- 
heits-Systeme. 
Vierte Sektion: Organisation der Verbände 

und der Kongresse. 
Fünfte Sektion: Dokumentation und Ver- 
öffentlichungen. Ausstellungen und 
Unterricht. 
Sechste Sektion: Wissenschaftliche und 

technische Sprache. 
Die Bedingungen für die Teilnahme au 
jenem wichtigen Kongreß, wie die vorläufigen 
Drucksachen sind durch das Office de l'Union 
des Associations Internationale in Brüssel. 
3bis Ruo de la Regence zu beziehen. 

MB 
Professor Emanuel Ritter v. Ulimann t- '■'■ '■'■ 

Der „Verband für internationale Verständi- 
gung" hat einen schweren Verlust erlitten. 
Sein erster Vorsitzender, der bekannte Völker- 
rechtsgelehrte Professor Emanuel Ritter 
v. Ullmann ist am 4. April in München 
verstorben. 

Alle jene, die ihn noch im vorigen Ok- 
tober in Heidelberg als Leiter des ersten Vesr- 
bandstages des Verbandes für internationale 
Verständigung am Werk gesehen haben, werden 
diese Nachricht mit besonderem Schmerz ver- 
nommen haben. Nicht minder jene Zahlreichen, 
die in ihm einen Vertreter des modernen Völker- 
rechts in Deutschland verehrten. 

Sein „Lehrbuch des Völkerrechts", das im 
Rahmen des von Jellinek, Laband und Pilotv 
herausgegebene Sammelwerk „Das öffentlichst 
Recht der Gegenwart" zuerst 1898, dann 1908 
erschien, ist eines der Hauptquellenwerke der 
neuen Völkerrechtsliteratur. Das achte Kapitel 
jenes Monumentalwerkes, das über „Die inter- 
nationalen Streitigkeiten und deren Erledigung. 
das rechtliche Verfahren, usw." handelt, wird 
jeder Pazifist mit Zustimmung lind Interesse 
lesen. 

Prof. v. Ulimann wurde 1841 zu Pe- 
trowitz in Böhmen geboren; er blieb auch nach 
seiner 1899 erfolgten Uebersiedelung seinen: 
ganzen Wesen nach Oesterreicher. Und auf 
dem Hietzinger Friedhof bei Wien hat er seine 
letzte Ruhestätte gefunden. Bevor er nach 
München ging, dozierte er an den Universitäten 
von Prag und Innsbruck. In Heidelberg, wo wir 
ihn zum letztenmal wirken sahen, verbrachte 
er seine Studentenjahre. 

(USB 

Der 21. Mai 1913. :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: 

An diesem Tage werden vier in der pazi- 
fistischen Bewegung hervorragend tätige Männer 
ihr Geburtstagsjubiläum feiern können. 

Dr. Ch. Albert Gobat in Bern uml 
Prof essor Louis Renault in Paris werde» 



155 



DIE FRIEDENS -WARTE 



■3 



an diesem Tage 70, Professor Heinrich Lam- 
masch in Wien 60 und Professor Otfried 
X i p p o 1 d in Frankfurt a. M. 50 Jahre alt. 
Die Friedens-Warte wird in ihrer nächsten 
Nummer der Jubilarc gedenken. 

MS 

Kurze Machrichten. :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: 
A n n a B. Eckstein, die unermüdliche Agi- 
m torin ist unter den Ueberanstrengungen, die 
.sie sich zugemutet hat, schwer erkrankt. 
Ein Gelenkrheumatismus, der sich infolge einer 
Erkältung einstellte, zwingt unsere ausge- 
zeichnete (Mitarbeiterin, das Bett zu hüten und 
für einige Zeit der Arbeit zu entsagen. Die 
>Yünsche für eine baldige Besserung, die ihr 
von allen Seiten zufliegen, seien ihr auch von 
der „Friedens-Warte" und deren Anhängern 
dargebracht. 

Von schwerem Unheil ist unser hervor- 
ragender Mitkämpfer Otto Umfrid. der Vize- 
präsident der Deutschen Friedens-Gesellschaft, 
betroffen worden. Vor einigen Jahren er- 
blindete er auf einem Auge. Seit zwei Jahren 
führt er einen verzweifelten Kampf um das 
ebenfalls erkrankte andere Auge. Nunmehr ist 
ihm die traurige Gewißheit zuteil geworden, 
daß auch dieses verloren ist. Er ist ge- 
zwungen, sein Amt aufzugeben und sich pensio- 
nieren zu lassen. Urufrid erträgt sein Geschick 
mit Größe. „Mein Schicksal hoffe ich kraft 
meiner Lebensanschauung tragen zu können", 
schreibt er uns. Seine Arbeit für die Friedens- 
sache wird er nicht einstellen. Noch in diesem 
Sommer erscheint ein größeres Werk von ihm, 
das den Titel „Europa den Europäern" trägt 
und seine pazifistischen Anschauungen syste- 
matisch zusammenfassend zur Darstellung 
bringen wird. 

Es wird Pflicht aller Pazifisten sein, ihrem 
von so schwerem Unglück betroffenen Mit- 
kämpfer, der seit zwanzig Jahren die dornen- 
volle Arbeit eines Friedensagitators in Deutsch- 
land mit bewundernswertem Elan und Geschick 
leistet, wenigstens die arg bedrohte materielle 
Seite seines Lebens und des Lebens seiner 
Familie nach Kräften zu erleichtern. 



LITERATUR U PRESSE 

Künftig erscheinende Schriften. :: :: :: :: :: :: :: 

Im Verlag von H. Kirsch in Wien er- 
scheint demnächst : 

Der Friede Christi. Christentum und 
Friedensbewegung. Von Alexander Giess- 
wein, päpstlicher Hausprälat und Dom- 
kapitular. Preis 20 Heller. Das kleine Schrift- 
chen trägt am Titelblatt die Worte des 
Augustinus : „Es ist ruhmreicher, den Krieg 
mit den Worten zu töten, als Menschen mit 
dem Schwerte." In der Einleitung sagt der Ver- 
fasser folgendes : 

„Seitdem ich mich eingehender mit dem 
Wesen und Ziele der Friedensbewegung befasse 
— und dies ist besonders der Fall, seitdem 



ich die ehrende Würde des Vorsitzenden der 
ungarischen Friedensgesellschaft bekleide — 
haben mich zwei Dinge unangenehm, ja fast 
schmerzlich berührt. Diese Dinge sind: erstens, 
daß manche Pazifisten oder Friedensfreunde- 
die Stellung des Christentums im allgemeinen 
und das Wirken der Kirche für die Friedens- 
sache oft ganz falsch beurteilen, und zweitens,, 
daß das christliche Volk und dessen geistige- 
Führer der Friedensbewegung, die doch so sehr 
im christlichen Gedanken wurzelt, ganz ferne- 
stehen und oft mit einer geringschätzenden 
Gleichgültigkeit entgegenkommen. Dieser Um- 
stand erweckte in mir zuerst den Gedanken, 
die hier obwaltenden Mißverständnisse zu 
klären." 

Im Verlag von Teichmann & Co. er- 
scheint in autorisierter Uebersetzung : Harald., 
S v e n s k e , Antwort auf Sven Hedins War- 
nungsruf. Die Uebersetzung besorgt Dr. F.. 
Joel in Leipzig. 



Eingegangene Druckschriften. :; :: :; :: :: ::: 

(Besprechung vorbehalten.) 

The American Journal o f Inter- 
national Law. A Quarterly. New York.. 
1913. Januar. 

Aus dem Inhalt : Chandler P. Ander- 
son, The final Outcome of the fisheries Ar-- 
bitration. — John Holladay Latane,. 
The Panama Canal Act and the british Protest. 
— Mil. B. Vesnitch, Cardinal Alberoni's 
Scheine for Keducing the turkish Empire. — 
The final settlement of the North Atlantic 
Coast Fisheries Controversy. — Elihu Boot 
before Latin America. — The Case of Bussia 
v. Turkey at the Hague Court. — Effects 
of war upon Treaties. — Peace between Italy 
and Turkey. — The Chinese society and Journal 
of int. Law. — The American Institut of Int.. 
Law. — usw. usw. 

Hierzu : Supplement-Nummer. Entluiltendl 
Dokumente, u. a. die Abkommen der IV. Zentral- 
amerikanischen Konferenz vom 5. Jan. 1912.. 

La Vie Internationale. Brüssel 1913. 
Tome III. Fascicule 9. Aus dem Inhaltt: 
C h. Ed. Guillaume, Les Systemes de me— 
stires et POrganisation internationale des Sy- 
steme metrique. — Les rnigrations Immunes. — 
usw. usw. 

— Fascicule 10. Denys P. Meyer, La 
Concentration des Organismes Internationaux: 
Publics. 

Bulletin o f the P a n American 
Union. Washington 1913. Januar. Entente ■ 
cordial on South America. — New Years Gree- 
ting from Andrew Carnegie. — Fifth Central 
American Conference. — International Congress 
of Students. — usw. usw. 

— Februar. Aus dem Inhalt: The pan-ameri- 
can Society of the United States. — Hand- 
book on the Panama Canal. — Addresses 61 ' 
Secretary of State Knox. — usw. usw. 



Auf dem Wege 
zum Weltfrieden. Dritter Jahresbericht (1912' 
bis 1913) der Deutschen Friedensgeseilschaft. 
Ortsgruppe Königsberg i. Pr. 8 °. 26 S. 
Bonne, Georg, 
Im Kampf um die Ideale. Die Geschichte eines 
Suchenden. Ein Gegenwartsroman. Gekürzte 



154 



@= 



DIE FRIEDEN5-WAPXE 



"Volksausgabe. 4.-7. Tausend. 8 °. München 
1913. Ernst Reinhardt. 372 S. gbd. 

Brücke, Die, 
Erste Jahresversammlung 28. u. 29. März 
1913. 4 S. 
Brücke, Die, 
Mitgliederliste 1913. O 3. 15. 8 °. München 1913. 
Die Brücke. 48 S. 
Ferienkurse für A u s 1 ,11 n d e r. 
8 °. Kaiserslautern 1913. (Ludwig Wagner, 
Kaiserslautern.) 21 S. 
Goldscheid, Rudolf, 
Monismus und Politik. Vortrag gehalten auf 
der Magdeburger Tagung des Deutschen 
Monistenbundes im Herbst 1912. 8 °. München 
1913. Ernst Reinhardt. 30 S. 
Kammerer, Paul, 
Sind wir Sklaven der Vergangenheit oder Werk-, 
meister der Zukunft? Anpassung, Vererbung, 
Rassenhygiene in dualistischer und monisti- 
scher Betrachtungsweise. Vortrag im österr. 
Monistenbund gehalten am 29. Nov. 1912. 
8°. Wien-Leipzig 1913. Mit 8 Abbildungen. 
Anzengruber Verlag. 34 S. 50 h. 

L o e 1 e , Kurt, 
Das billige Buch. Ein Ratgeber für Bücher- 
käufer. 8°. Leipzig 1912. Hermann Zieger. 
52 S. 30 Pfg. 

Rudolph, Hermann^ 
Die vier Wege zur Theosophie und die Hinder- 
nisse auf dem Pfade zur Selbsterkenntnis. 
Zur Verbrüderung der Religionen und Völker. 
Zwei Vorträge. 8°. Leipzig 1913. Verlag der 
Tlieosophischen Kultur. Gl S. kart. 

Trine, Ralph Waldo, 
Vom köstlichsten Gewinn. Einzig berechtigte 
Uebersetzung aus dem Englischen von Dr. 
Max C h r i s 1 1 i e b. Obl. 8 ». Stuttgart 
1913. J. Engelhorns Nachf. 101 S.. Lwdbd. 
2 M.. 

Vecchio, Dr. Giorgio del, 
lieber einige Grundgedanken der Politik 
Rousseaus. 8 °. Berlin. 1912. Dr. Walther 
Rothschild. Sonderabd ruck aus dem Archiv 
für Rechts- und Wirtschaftsphilosophie. 
Bd. VI. Heft 1. IG S. 

V i s c h e r , Dr. Adolf, 

An der ^ serbischen Front. Erlebnisse eines 
Arztes' auf dein " serbisch-türkischen Kriegs- 
scha upiatz 19.12. 8/?. Basel. 153 S. Lwdbd. 
. A 1 v a r e. z ,. Alexander, . .-; 

La. Conference des .Juristen de. Rio. de, Janeiro 

et.: la . Codificatiori, du. Droit -International 

• Americain. Gr^. 8 U . . Paris 19.13, ..A. Pedone 

Extrait.. de . ..la . .,, Revue; ; Generale . . de Droit 

■ international- public'!, i 47 S. 

.Anhuaire . . . ■ , . • ,• « 

du Mouvement paeif ist.c ,pou.r l'aunee 19i3 
publie par le Bureau international de. la 
Paix ä .Bern: 8°. .355 g. Bureau de da Paix. 
Kostenlos. ...'. ..-.-..... 
•Bibliographie . "..".* 

tfimestrielle- de Droit • international Legisla- 
tion compuroe, Diplomatie, Gqionisatiön, ■ Po- 
litiquö et Droit etrangers. Compi-enant töus 
les Öuvrages püblies en franc-ais' avee l'indi- 
cation des matieres etudiecs ainsi que les 
Theses et articles de Revües; 1. Annie 1913. 
No. 1. 8o. Paris 1913. IG S. Paris XIII. 
28 Rue C'orvisant. .. .••.: : - 



P r u d h o m m e a u x , J-, 

France- • et Allemagne. La Course a l'Abime. 
quer-8 ° Nhnes (1913). Edition de la 
Revue „La Paix par le Droit". 27 S. 20 Cts. 
Ruy ssen, M. Th., . 

L'Alsace-Lorraine et la Paix. Conference faite 
ä l'Athenee de Bordeaux, le 28 fevrier 1913. 
— Les facteurs spirituels du Rapprochement 
International. Conference faite a Strasbourg 
le 1er fevrier 1913. 8<> o. O. 1913. 43 S. 
Union In t e rpar le m e ntai r e 

Commission des Detroits et des Canaux mari- 
times. III. Seance de 8 et 9 Janvier 1913. 
Palais du Senat, Paris. 8°. 27 S. Brüssel 
(1913). Verlag der Interp. Union. 
Union In t e rpar lern e ntai r e 

Commission des Declarations de Neutralite per- 
manente. III. Deuxi&me seance, Paris, 10 
et 11 Janvier 1913. 8°. Brüssel (1913). 34 S. 
Verlag der Interp. Union. 
Andersen, Hendrik C, 

Creation of a World Centre of Communication. 
Fol. Rome. 1913. Beim Verfasser: Rom, 3 Pi- 
azza del Popolo. XV S. 
Andersen, Hendrik C, 

„World Conscience". An International Society 
for the Creation of a World-Centre. To 
House international interests andunite Peoples 
and Kations for the Attainement qf Peace 
and Progress upon broader humanitarian 
Lines, gr. 4°. Rome. (1913) Communication 
office. 3 Piazza del Popolo. 17 S. 
Mont hl v Bullet in 

of Books, Pamphlets and Magazine-Articles 
Dealing with international Relations. Fc- 
bruary 1913. 8°. New York. Association 
for International Conciliation. Sub-Statdon 81 
(501 West llGth Street). 12 S. Kostenlos. 
Barrett, John, 

Panama Canal. What it is, what it moans. 
8°. Washington. D. C, 1913. Pan American 
Union. 120 S. mit zahlreichen Abbildungen 
und Karten. Lwdbd. 1 Dollar. 
Butler, Nicholas Murray, 

Alexander Hamilton. Stenographic Report of 
an address delivered at the Hamilton Club 
of Brooklyn, N. Y. January 11, 1913. 8 o. 
New York 1913; -Reprinted from the Educa- 
tional Review April 1913. (Educatiohal 
Iteview Publishing Co.) 19 S, 
B rix ton, Noel, ... 

The Woünded.. 8°. London (1913). (National 
Peace Council.- General -Sei-ies No. 5.) 12 S. 

• 167 St. Stephens- House, Westminster.'S. W. 

• Carnegie, Andrew: 

The' Baseless Fear of War. 32°. New York. 
Reprinted from the ; Independent of February 
13, 1913,- 11 S. ;. 
' :: Hüll. William. J., 
The New Peace Movement.' 8°. Boston 1912. 
The World Peace Foundation. 216 S. Lwdbd. 
II i c k s ;• Frederik C., 
Internationaiism." 'A selected- List . of- •'Bpdks, 
Pamphlets: and Periodieals. 8 °. New York. 
1913. (International Conciliation. March 1913. 
' v No. ■ 64.) American Association for Inter- 
national Conciliation. New York. Sub- 
■ Station 81 (107 West llGth; Street). .30 S. 
Kostenlos. 

• Taft, William 5 Howard. 

The Time to Test on Faith-' in Arbrtration. 



157 



DIE FRIEDENS - WADTE 



3 



Arnos S. Hershey, Should the Panama 
Canal Tolls Controversy be arbifcrated, 8°. 
New York (1913). (International Conciliation 
February 1913. No. 63.) American Asso- 
ciation for International Conciliation. New 
York. Sub-Station 84 (407 West 116th Street). 
22 S. Kostenlos. 
Jordan, David Starr, 

Wbat shall we say? Being Comments on current 
matters of War and Waste. Gr. 8°. Boston 
1913. World Peace Foundation. 1913. 82 S. 
Kostenlos. 
Jordan, David Starr, 

Naval Waste. 8<>. Boston 1913. World Peace 
Foundation. 17 S. Kostenlos. 
Krebiehl, Edward Benjamin, 

The „Sixty-seven Reasons" of the Navy League. 

An Analysis of the Arguments set forth in 

behalf of Naval Extension. 8 ?. Boston 1913. 

World Peace Foundation. 18 S. Kostenlos. 

White, Andrew D., 

The first Hague Conference. Reprinted from 
Dr. White's Autobiography. 8 °. Boston 1912. 
World Peace Foundation. 123 S. Lwdbd. 
B u x t o n , Noel 

The Wounded. — M. A. Stobart, Women 
and War. 8 °. Boston 1913. (World Peace 
Foundation. Pamphlet Series. Vol. III. 
No. 2.) 18 S. Kostenlos. 
Year Book 

of the American School Peace League. 1911 bis 
1912. 8°. (Boston 1913.) Fannie Fern Andrews 
405 Marlborough Street. 104 S. Kostenlos. 
V i e s , A. B. von der, 

Nederlandsche Bibliographie over het Vrede- 
vraagstuk. 8«. (Haag) 1913. Publicaties 
van den Algemeene Nederlandschen Bond 
„Vrede door Recht".) 31 S. Einseitig be- 
druckt. 



Fachpresse. :: :: :: :: :: :: :: ;: :: :: :: :: :: :: ;: 

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schließen sich in allen Ländern sowohl Ver- 
standesmenschen als auch Menschen von 
Herz der Friedensbewegung an. — K. W. 
Schultheß, Der Balkankrieg und die 
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1813 — 1913 „Deutschland will seine Kultur um 
100 Jahre zurückschrauben". .*— usw. usw. 

Die Friedensbewegung (Bern). März. 
(Suppl. Nr. 1.) Eine englisch-amerikanische 
Streitfrage. — Internationale Beziehungen. — 
usw. usw. 

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Gabriel Seailles, Une „Affirmation de 
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Mr. Asquith Assurances. 



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The third Hague 

of Militarism. — 
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usw. 

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can Peace Congress (1. — 4. May). — David 
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The Cosmopolitan Student (Madison, 
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Adolph von Hemert E n g e r t , Con- 
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Denken, The modern German Student. — 
G. W. N a s m y t h , The Student Movement 
abroad. — 

WjestnikMira (Friedens-Bote). (St. Peters- 
burg.) März. Semenoff, Bemerkungen 
eines Pazifisten. — David Starr Jordan, 
Der Preis des Blutes. — Wadim. Teles- 
n i m , Friedensidee u. Aviatik. — Maxim 
K owalewski, Der Feldzug unserer höch- 
sten Kammer gegen den Pazifismus. — 
Austro-russische Korrespondenz (historische 
Dokumente). — (In russischer Sprache.) — 

II Popolo Pacifista (Bonefro). Februar. 
Giuseppe Barone, Un oratore pacifista 
neH'antica Grecia. — usw. usw. 

„ V r e d e d o o r R e c h t" ('s-Gravenhage). März. 
Bertha von Suttner in dem Haag. — H. von 
der Mandere, De Arbitrage mzake Timor. 

— H. vander Mandere, „Das Werk vom 
Haag". — Chr. N. , De jacht naar den af- 
grond. — Van der Vies, Comte Angelo 
de Gubernatis. — usw. usw. 

Fredsfanan (Stockholm). März. Victor 
V i 1 1 n e r , Apropä Fredsmonument pä kölen. 

— Fred och Neutralitet. Ur statsminister 
Staaffs stora. — Henning Melander, An 



158 



@= 



DIE FRIEDENS - , \*\ETE 



Experirnental Kulturfcrupp. — ■ Fredrik Rajers 
Omvändelse fran Militarist tili fredsväu. — 
usw. usw. 
Fredsbladet (Kopenhagen). März. Niels 
Petersen, Freds vennerne og Faestnings- 
agitatorerne. — N. P. , Tyskland og Frank- 
rig. — usw. usw. 

Artikel-Rundschau. :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: :: .: :: :: :: 

Das Emporschnellen der Rüstungen hat 
natürlich in der Presse eine eingehende Er- 
örterung hervorgerufen. Wiederholt hat die 
„Frankfurter Zeitung" dazu Stellung 
genommen. In ihrem Leitartikel vom 13. März 
wird auf diesen „Rüstungswahnsinn" hinge- 
wiesen, „bei dem jedes Gefühl für Maß und 
Ziel verloren geht". In der Nummer 
vom 18. März, spricht George Bernard 
Shaw in der ihm eigenen sarkastischen Art 
über „Die auswärtige Politik Englands und die 
Rüstungsfrage", wobei er vorschlägt, daß Eng- 
land mit Deutschland und Frankreich einen 
Dreibund schließen, derart, daß es sich auf die 
Seite Deutschlands stelle, wenn dieses von 
Frankreich, auf die Seite Frankreichs, wenn 
dieses von Deutschland angegriffen werden 
sollte. Den Krieg nennt Shaw darin einen 
„grenzenlosen Unfug". In der Nummer 
vom 23. März ist ein Artikel des Pariser Pro- 
fessors Charles Seignobos enthalten, der 
„Ein kostspieliges Gespenst" (Le fantome 
coüteux) betitelt ist. Er vergleicht die Opfer, 
die die heutige Menschheit dem Kriegsgespenst 
darbringt, mit den Opfern, die im Mittelalter 
das Höllengespenst — die Furcht vor der 
Hölle — erforderte. Jahrhunderte hindurch 
liaben die Menschen den Kirchen und Klöstern 
Vermögen dargebracht, nur damit sie von der 
Hölle verschont blieben. „Wenn man die Aus- 
gaben vergleicht, so bezahlen wir viel mehr 
für das Kriegsgespenst als unsere Vorfahren 
für das Höllengespenst." In derselben Nummer 
ein Artikel Friedrich Payers über 
„Rüstungen", der sich eingehend mit der 
Wehrvorlage befaßt und an ihr Kritik übt. Im 
Leitartikel vom 4. April finden wir eine ein- 
gehende, uns Pazifisten nicht unbekannte Dar- 
Stellung des Kampfes gegen die Rüstungen 
seit dem Zarenmanifest A-on 1899, die in der 
Forderung gipfelt, daß die Vereinig- 
ten Staaten die Initiative zu 
einer Rüstungskonferenz ergreifen 
mögen. 

Das „Berliner Tageblatt" hat in 
mehreren Artikeln an der Rüstungs vorläge 
Kritik geübt. In einem „Steigende Mi- 
litärlasten — sinkendeKinderzahl" 
betitelten Artikel vom 1. April wird der 
Zusammenhang der Geburtenabnahme mit 
den großen Rüstungslasten nachgewiesen. 
Dr. Heinz. Potthoff spricht in der Nummer 
vom 3. April von „Deutschlands Mobilmachung". 
Es heißt dort ganz richtig: „Was uns jetzt 
zugemutet wird, ist keine Friedensmaßregel 
mehr, sondern einfach eine Mobil- 
machung!" In einem „Wo bleiben die Milli- 
arden"?" betitelten Artikel vom 3. April wird 
der Nachweis erbracht, daß das für die 
Rüstungen ausgegebene Geld keineswegs immer 
im Lande bleibt, wie die Rüstungsanhanger be- 
haupten. Um die Arbeitskräfte zu ersetzen, die 



durch die Hecresverniehrung dem Lande ent- 
zogen werden* wird man künftig 200 000 aus- 
ländische Arbeiter mehr als bisher heranziehen 
müssen, die allein jährlich 40 Millionen aus 
dem Lande tragen werden. — In der Nummer 
vom 5. April stellt Major a.D. E. Moraht 
ein anschauliches „Programm der Erspar- 
nisse" dar. 

Friedrich Naumann gibt in der 
„Hilfe" vom 3. April einen bemerkenswerten 
Hinweis über „Die volkswirtschaftlichen Folgen 
der Milliarde", wobei er die volkswirtschaft- 
lichen Wirkungen dieser großen Arbeits- und 
Lieferungsvergebungen ins Auge faßt. „Es ge- 
nügt nicht, über die Aufbringungsmethode zu 
streiten, da die Verwendungsmethode volkswirt- 
schaftlich mindestens so wichtig ist." In den 
Nummern der „Hilfe" vom 13. und 20. März 
behandelt Reichstagsabgeordneter Georg Go- 
thein „Die Wehrvorlage und ihre Deckung". 
In „Der Fortschritt" (Hannover) 25. März 
äußert sich Prof. L. v. B a r -Göttingen „Zur 
großen Wehrvorlage". G o t h e i n sieht, daß 
sich „das Volk in Waffen" in Wirklichkeit „zu 
einem Staat im Staat ausgewachsen" habe, 
L. v. Bar weist auf die imponderablen Wir- 
kungen der Rüstungen hin, auf den gegen- 
seitigen, schwer zu tilgenden Haß, den sie her- 
vorrufen, auf die Meinung, die sie erzeugen, 
daß der Krieg als die höchste menschliche 
Leistung zu betraöhten sei, auf die notwendige 
Bildung von Kriegsparteien, die sie im Gefolge 
haben. 

(Bibliographie.) I. Friedens- 
bewegung im allgemeinen: Elsbeth 
Friedrichs, „Die große Armee". „Ethische 
Rundschau" März. * Ellen Key, Le Pro- 
bleme de la Paix. „Les Documents du Progres." 
III. * Ueber Krieg und Volkstum. „Der Reichs- 
bote." 19. III. * W i 1 h. H e i 1 e , Das Friedens- 
manifest der Sozialdemokratie. „Die Hilfe." 
6. III. * Richard C harmatz, Der Sieger 
von Leipzig. „Frankf. Ztg." 28. III. * Alf red 
H. Fried, Kurze Aufklärung über Wesen und 
Ziel des Pazifismus. „Der Herold" (Berlin). 
6. IV. 

II. Die internationale Politik: 
Dr. W. A. B ehren dsohn, Studienfahrten 
deutscher Studenten ins Ausland. „Akademische 
Rundschau" (Leipzig). III. * Das europäische 
Problem in französischer Beleuchtung. I., IL 
u, III. „Köln. Ztg." 3., 4. 5. u. 6. IV. * Sir 
Charles Bruce, Eine Brücke zwischen der 
Tripelentente und dem Dreibund. „Deutsche 
Revue." IV. * Dr. Robert P et seh, Engl. 
Kultur im Spiegel des In- und Auslandes. 
„Frankf. Ztg." 30. III. * Ludwig Thoma, 
Von Giftmischern. „März." .29. III. * W. H. 
de Beaufort, Die Großmächte und der 
Friede. „Deutsche Revue/' III. * Ludwig 
Q u e s s e 1 , Verständigung und Imperialismus. 
„Sozialist. Monatshefte." 27. HL * Alfred 
H. Fried, Le probleme autrichien. „Les Do- 
cuments du Progres.". III. 

IV. Internationales: Leopold 
Katsclier, Neue Weltvereinigungen. ^Ethi- 
sche Kultur." 1. III. * Friedrich Depken, 
Internationalismus und deutscher Studenten- 
verein. „Das Neue Leben" (Köln), 15. IL 

V. Wirtschaftliches: Die Stellung 
Deutschlands und seine Verbündeten im europä- 



159 



DIE FRIEDENS -VAQTE 



=§> 



ischen Rüstungswettkähipf. „Köln. Ztg." 16. III. 
♦ Was ein europäischer Krieg 1 kosten 
würde. „Frank. Kurier." 31. III. * Geh. -Rat 
Dr. Schwarz , 30 Jahre Rüstungslasten der 
europ. Großmächte. ,*Der Tag." 12. III. * 
L. Raschdau, Wer trägt die Schuld an den 
wüsten Rüstungen? „Der Tag." 9. III. * Prof. 
Dr. A. F ick- Zürich, Nonnann Angell: „Die 
falsche Rechnung". 23. III. * G. Ledebour, 
Ein fadenscheiniger Rüsfrungsvorwand. „Die 
Neue Zeit." 28. III. * Leon Hardt, Der 
Weg zur finanziellen Kriegsbereitschaft. 
„Wissenschaftliche Beilage der Braunschweiger 
Neuesten Nachrichten." 6. IV. * Fried r i c h 
Depken, Was bringt ein Krieg ein ? „Bremer 
Nachrichten." 4. III. 



S MITTEILUNGEN DEBS 
FRIEDENS6ESEUSCHAFTEN 

(Verantwortlich für den Inhalt dieser Rubrik ist nicht die 
Schriftleitung, sondern die betreffende Friederisgesellsehaft.) 



Oesterrekhische Friedensgesellschaft. 

Bureau : Wien I, Spiegelgasse 4. 

, XXI. Hauptversammlung.. 

Am 28. März d. J. fand im Saale des 
Wissenschaftlichen Klubs unsere XXI. Haupt- 
versammlung statt. Baronin Suttner, die 
den Vorsitz führte, begrüßte die erschienenen 
Mitglieder und erstattete hierauf den Jahres- 
bericht. Sie besprach unsere Tätigkeit im ver- 
flossenen Jahre und gedachte der wichtigsten 
Ereignisse auf dem Gebiete der internationalen 
Friedensbewegung.; 

Revisor Rudolf v. Harrer verlas nun den 
Revisionsbericht, aus dem hervorging, daß unser 
Verein einen Saldo von 4743,74 Kr. für das 
Jahr 1913 aufzuweisen hat. 

Darauf wurde zu den Wahlen für den 
Vorstand geschritten, die folgendes Resultat 
ergaben: Johannes C. Barolin, Schriftsteller, 
Alexander Dorn R. v. Marwalt, Gemeinderat, 
k. k. Kommerz. -Rat, Hans Dupal, k. k. Ko.m- 
merzialrat, Dr. Rudolf Fassel, Hof- und ■ Ge- 
richtsadvokat, Balduin Groller, Schriftsteller, 
Di*. Ludwig Karell, kais. Rat, Schriftsteller, 
Leopold Ratscher, Schriftsteller, Benedikt 
Kosian, Cafetier, Prof. Dr. Josef Longo, Leiter 
des : Landeserziehungsheimes in Mödling bei 
Wien, Ludwig Mayer v. Tenneburg, Ar- 
tur Müller, Schriftsteller, Gräfin Hedwig 
Pötting, Stiftsdame, Heinrich Prechtler, k- u. 
k. Hof Schauspieler, Dr. Oswald Richter, Uni- 
versitätsprofessor, Dr. Fritz Ruziczka, k. k. 
Bezirksrichter, Karl Schleck, k. k. Ober- 
rechnungsrat, Emil Stoerk, Beamter der Donau- 
Dampfschiffahrts-Gesellschaft, Baronin Berta v. 
Suttner, Dr. Heinrich Graf Taaffe, Herrschafts- 
besitzer, Dr. Alfons Witz-Oberlm, k. k. Ober- 
kirchenrat. Zu Revisoren wurden gewählt: Al- 
fred Petterseh, Oberbeamter der Koemanosea- 
A.-G., Dr. Hugo Novak, k. k.~'Notariatskandidat. 
Vorstandsmitglied Kommerzialrat Hans 
Dupal sprach der Präsidentin für ihre auf- 
opferungsvolle und unermüdliche Tätigkeit den 



Dank aus, dem die Versammelten durch Er- 
heben von den Sitzen freudig zustimmten. 

Nach Schluß der Hauptversammlung er- 
stattete das neugewählte Vorstandsmitglied, 
Oberrechnungsrat Karl Schleck ein Referat 
über die Organisation der Friedensgesellschaften 
und daran knüpfte sich eine Diskussion, die 
Vorstandsmitglied A r t h u r M aller leitete. 

(HR 

Vortrags z y k 1 u s. 
Den Vortragszyklen von 1911 und 1912 
reiht sich der Zyklus von heuer in würdiger 
Weise an. Es fanden bereits fünf Vorträge im 
Hörsaale 50 der Wiener Universität statt, die 
überaus gut besucht waren und den Vor- 
tragenden reichen Beifall eintrugen. Am ersten 
Abend sprach der altkatholische Pfarrer A d a 1 - 
b e r t Schindelar über „Die sittlich-reli- 
giöse Berechtigung der Friedensbewegung", am 
19. 3. Vorstandsmitglied A. 31 ü 1 1 e r über „Die 
pazifistischen Tendenzen am Ausgange des 
Mittelalters'' mit besonderer Berücksichtigung 
seines Stückes „Paracelsus und der Träumer". 
Am 2. 4. hielt der Referent der Carnegie- 
Stiftung Dr. PauLStiassny einen technisch- 
finanz wissenschaftlichen Vortrag „Der öster- 
reichische Staatsbankrott von 1812", am 
9. 4. sprach unser Vorstandsmitglied Univ.-Prof. 
Dr. 0. Richter über „Ein Spaziergang durch 
die Kruppschen Werke" und am 16. 4. Alfred 
11. Fried über Norman Angells Buch „Die 
große Täuschung". Der letzte Vortrag findet 
am 23. d. M. statt und wird unsere Präsidentin 
über „Pazifismus in Amerika" sprechen. 

RS»? 

Vortragsabend Roberto Bracco. 
Den Bemühungen unseres Mitgliedes Hein- 
rich Gl ücks mann ist es gelungen, den be- 
kannten italienischen Dramatiker zu gewinnen, 
einen Vortragsabend zugunsten unserer Gesell- 
schaft zu veranstalten. Wir werden in der 
nächsten Nummer über den Verlauf des Abends 
berichten. . ■ " ; 

Rga 

' Vortrag Prof es s o r Batek. 
Unser tätkräftiges Mitglied Professor 
Di*. A. Batek in Prag hielt im verflossenen 
Monat \vieder einige seiner vortrefflichen Vor- 
träge für die Verbreitung unserer Bewegung 
und veröffentlichte in einigen böhmischen 
Zeitungen eine Reihe von Friedensartikeln. 

II a u p t. v e r s a m m 1 u n g de r O r tsgruppe 
Li nz. 
Die Linzer Ortsgruppe hielt am 29. März 
ihre Hauptversammlung im Kaufmännischen 
Vereinshaüse ab. Obmann. Fabrikant Carl 
F ran ck führte den Vorsitz und begrüßte die 
erschienenen Mitglieder, Schriftführer Konsul 
Clemens: ,K an t seh erstattete den Rechen- 
schaftsbericht, Kassierer Direktor K all i na 
den Kassenbericht, Schuldirektor Bro'sch 
den Revisionsbericht. Nachdem noch zahlreiche 
Anfragen, und Anregungen seitens der erschie- 
nenen. Mitglieder vorgebracht und auch zum 
Teil erledigt wurden, schloß . der Obmann die 
Versammlung. 









Verantwortlicher Redakteur: Carl Appold, Berlin W. 60. 
Druck: Paaa * GarUb G.m.b.H., Berlin W .57. 



Im Selbstverlag des Herausgebers Alfred H. Fried, Wien IX/2. 
Verantwortl. Redakteur für Oesteirelch-Üngarn : Vihz ena Jerabek in Wien 



160 




Mai 1913. 



Die Ueberwindung des Balkankonflikts. 



Nicht als ob wir, mit der Menge gehend, 
über den ,, Frieden" jubeln wollten, der uns 
erhalten blieb. Dieser Zustand isi von jenem, 
den w i r „Frieden" nennen, noch weit ent- 
fernt. Aber daß allen Schwarzsehern zum 
Trotz, allen Kraftmeiern der Politik zum 
Mißvergnügen der Krieg vermieden wurde, 
der uns als unausweichlich geschildert 
wurde, berechtigt uns, zu triumphieren. Wir 
haben wieder einmal bewiesen, daß unsere 
Weltanschauung richtig orientiert ist, daß 
wir die Zusammenhänge erkennen und zu 
berechnen verstehen. Und wir können nun- 
mehr mit um so größerem Nachdruck for- 
dern, daß man unserer Lehre Beachtung 
schenkt. 

In den Novembertagen, als das Gemetzel 
am Balkan eben hegann, stand an dieser 
Stelle zu lesen: 

„Große Gegensätze stehen sich jetzt 
gegenüber. Gegensätze, die man seit Jahr- 
zehnten als zur friedlichen Ueberbrückung 
ungeeignet bezeichnet hat. Nun wird es 
sich zeigen, ob Europa wirklich noch im- 
stande ist, Krieg zu führen, oder ob es 
die Kriegsidee nur infolge einer gewissen 
Besessenheit pflegt. Jetzt, wo die Regie- 
rungen den Tatsachen näherstehen, werden 
sie darüber nachdenken müssen, ob die Inter- 
essen, (die sie am Balkan zu besitzen ver- 
meinen, wirklich so groß sind, daß man um 
ihretwegen das Schwert ziehen kann, und 
ob das Risiko nicht am Ende doch außer 
Verhältnis zu den erträumten Erfolgen 
steht. Solange den Regierungen die Be- 
sonnenheit bewahrt bleibt, unterliegt es für 
mich keinem Zweifel, daß man einen mageren 
Vergleich dem riskanten Kriegsverfahren 
vorziehen wird. Und das wird ein ungeheuer 
wichtiges Ereignis sein. Wenn Europa, ge- 
zwungen sein wird, die gefährlichste Frage, 
die es auf diesem Erdteil gibt, friedlich zu 
lösen — wenn auch unter Krisen und 
Aengsten — , dann wird es damit aufs neue 



bewiesen haben, daß ein Krieg auf diesem 
Erdteil überhaupt nicht mehr nötig ist, denn 
es gibt keine schwerere, konfliktreichere 
Frage als die des nahen Ostens. Vielleicht 
werden sich dann aus der Erkenntnis der 
zwingenden Tatsachen Schlüsse ziehen lassen, 
die diesem schwergeprüften Erdteil zum 
Heile gereichen können. 

Die Pazifisten der gesamten Welt wer- 
den daher die Entwicklung der politischen 
Dinge in der nächsten Zeit mit großer Span- 
nung verfolgen. Wir stehen vor einer 
großen Entscheidungsstunde. Es wird sich 
zeigen, ob jene zwingenden Tatsachen, die 
den Pazifismus gezeitigt haben, schon so 
stark sind, Europa vor dem Zusammenbruch 
zu retten, oder ob die Kräfte der Dumm- 
heit und der Vernichtung zum Untergange 
der alten Welt zutreiben: ob gemeinsam mit 
dem Padischah am Bosporus auch die Herr- 
schaft Europas in der Welt ihr Ende finden 
soll. Wir sind hoffnungsfroh genug, an 
einen Sieg der Kulturkräfte zu glauben." 

Wir sind in unserer Hoffnung nicht 
getäuscht worden. 

Nun gilt es, diesen Sieg der Kultur- 
kräfte auszunützen, die Erkenntnis, daß die 
zwingenden Tatsachen sich heute schon 
stärker erweisen, als die so unerschütterlich 
scheinenden Kräfte der Dummheit und der 
Vernichtung, gilt es zu verwerten. Die 
Balkanliquidation ist ohne europäischen 
Krieg vorübergegangen. Welche Krisis auf 
diesem Erdteil kann man sich noch vor- 
stellen, die danach nur durch Blut gelöst 
werden könnte. Die pazifistisch beeinflußten 
und pazifistisch wirkenden Kräfte, die in 
dieser Krisis den europäischen Zusammen- 
prall vermieden haben, leisteten mehr als 
die gerade gegebene Arbeit. Sie schafften 
Zukunftswerte von höchster Bedeutung. Der 
vermiedene Krieg von 1913 hat für alle 
künftigen europäischen Konflikte das Kriegs- 
ventil verrammelt. 



161 



DIE FßlE DENS -^ößTE 



3 



Freilich, die Apostel des Ewigen Krieges, 
die nicht die Zusammenhänge erkennen, 
klammern sich an Einzelheiten, an Zufällig- 
keiten, denen es zu danken wäre, daß in 
Europa kein Schuß gefallen sei. Sie ver- 
gessen ganz, mit welcher Zähigkeit sie fin- 
den Krieg eintraten. Es waren starke 
Gruppen am Werke, die den Zusammenprall 
wollten, die den Krieg um des Krieges willen 
herbeizuführen suchten. Die österreichische 
Kriegspartei hatte ja ihren „kleinen Krieg' 1 
schon in der Tasche. Seit Monaten standen 
die Truppen kriegsbereit an der Grenze. 
Sie waren zu weiteren Operationen schon 
eingeschifft worden. Der Belagerungszu- 
stand war bereits über einige slawische 
Länder der Monarchie verhängt, für einige 
andere schon angekündigt. Der Waren trans- 
port auf gewissen Bahnen war eingestellt, 
um die Strecken für den strategischen Auf- 
marsch freizuhalten. Der Ruf „Los von Eu- 
ropa", das die kriegerische Entfaltung zu 
hemmen drohte» wurde jubelnd ausgestoßen, 
nicht ahnend wie sehr damit der Rückfall 
in -das Asiaten tum gekennzeichnet wurde. 
Die „Politik der Freien Hand" hatte man 
sieh erobert, um ja nicht geniert zu werden 
bei der Inszenierung des Weltenbrandes. 
Der Vorwand, man könne nicht mehr länger 
warten, da man sonst die militärische Si- 
tuation verschlechtern würde, jener beliebte 
Vorwand der Kriegsparteien, wurde mit 
ernster Miene kolportiert, während der 
Vater jenes widerwärtigen Gedankens eigent- 
lich nur die Furcht vor den Friedenskräften 
war. Man fürchtete, daß man, wenn man 
nur einige Tage Zeit gewährt, zu spät 
kommen könnte mit dem Kriege; man 
fürchtete, daß es so kommen würde, wie 
schon einmal vor vier Jahren, als man den 
gezückten Degen wieder in die Scheide zu 
stecken gezwungen war. Die Furcht vor 
der Möglichkeit eines kriegslosen Aus- 
gleiches 1 steckte den Kriegsenthusiasten in 
den Gliedern und trieb sie zur überstürzten 
Eile ah. „Endlich haben wir es er- 
reicht", soll : der österreichische Kriegs- 
minister triumphierend ausgerufen haben, als 
er : am 29. April nach einer Konferenz mit 
dem Minister des Aeußeren, das Ministerium 
am Wiener Ballplatz verließ. Ein Wort, 
daß man sich merken muß, wenn man uns 
künftig wieder von der Sicherung des Frie- 
dens durch die Rüstungen sprechen will. 
Und die Wiener Redakteure, die am selben 
Tage, im Pressebureau desselben Minis te- 
riüinfe die of f izäelle Ankündigung entgegen- 
nahmen, daß Oesterreich-Ungarn entschlossen 



162 : 



sei, ohne Mandat seitens der Mächte, allein 
vorzugehen, sollen diese Mitteilung nach 
einem Bericht in der Pariser „Daily Mail" 
vom 30. April mit Freudenschreien ( ! ) be- 
grüßt haben. Einige der Journalisten waren 
über diese Mitteilung so entzückt, daß sie 
ohne Hut aus dem Ministerium liefen, um 
die große Nachricht rasch -est ihrer Redak- 
tion zu verkünden. Auch das soll man sich 
merken, für den Fall, wo sich diese selben 
Herren auf Pressekongressen als die Wahrer 
des europäischen Friedens selbst beräuchern 
werden. 

Und doch ist es anders gekommen. 
Europa wollte diesen Krieg nicht, weil es 
kein Kriegsduett auf diesem Erdteil mehr 
geben kann, weil jede Gewaltanwendung so- 
fort die beiden großen Staatengruppen enga- 
giert und dieser Streit um Albanien, um 
die Zugehörigkeit eines elenden albanischen 
Nestes zu diesem oder jenem Lande wahr- 
lich eines solchen Kräfte auf wandes, eines 
solchen Risikos nicht wert war. Es würde 
den Rahmen dieses Artikels weit über- 
schreiten wollte man hier untersuchen, wieso 
es 1 schließlich doch zur Vermeidung des 
Krieges gekommen ist, wie jene pazifisti- 
schen Kräfte gegenüber der Entschlossen- 
heit zum Kriege wirkten, wie sie manö- 
vrierten und warum sie es taten. Begnügen 
wir uns heute, den Sieg der Friedenskräfte 
über die bereits zum Schlag ausholenden 
Kriegskräfte festzustellen. Es ist das wich- 
tigste an der Sache, und es war wahrlich 
keine leichte Arbeit. 

Man hat es den Kriegsgegnern in Eu- 
ropa wahrlich nicht leicht gemacht. Die- 
jenigen, die den Krieg um jeden Preis wollten, 
hatten eine Bearbeitung der öffentlichen 
Meinung inszeniert, die man als muster- 
gültig hinstellen kann. Welche Lügen 
wurden da verbreitet und am Leben gehalten. 
Man denke nur an den famosen Fall des 
österreichischen Konsuls Prohaska, der von 
wütenden Serben angeblich getötet worden 
war und der heute noch lebt. Man denke 
an den Pater Palitsch, den Montenegriner 
angeblich ermordet hatten, weil er seinen 
Glauben nicht wechseln wollte, was sich 
nach einer eingehenden Untersuchung als 
unwahr erwies. Man denke an die letzte 
Lügenkomödie mit der Proklamierung Essad 
Paschas zum König von Albanien, was einen 
unverzüglichen Einmarsch österreichischer 
Truppen in Albanien zur Folge hätte haben 
sollen. Als» man dies aber in Gemeinschaft 
mit italienischen Truppen nicht mehr für 
nützlich hielt, wurde die ganze Geschichte 






I 



1 




€S 



= DIE FRIEDENS ->M&IZFE 



als eine Erfindung dargetan. Wie dieses 
Lügengewebe aber die Massen aufpeitschte 
und die Ansicht verbreitete, man hätte sich 
alle diese erdichtete Unbill wirklich gefallen 
lassen und sei nun gezwungen, sie mit Blut 
abzuwaschen, davon kann sich nur der einen 
Begriff machen, der in jenen Tagen der 
fanatischen Erregung das arme betörte Volk 
zu beobachten Gelegenheit hatte. 

Europa hat sich gefunden, um eine inter- 
nationale Polizei zur Durchführung seines 
Willens auszusenden. Es müßte sich nun- 
mehr finden, um auch eine Sicherheitswache 
zu errichten, um jenem Gesindel den Garaus 
zu machen, das durch Alarmierung der 
öffentlichen Meinung mit lügenhaften Be- 
richten zum Kriege treibt. Die Brandstifter 
sind nicht so schlimm wie jene Paniken- 
Macher, für die wahrlich kein Galgen hoch 
genug wäre. Man müßte die Geschichte des 
Kriegsalarms vom Winter 1912/13 schreiben, 
sie aktenmäßig darstellen, damit man sie 
geeignetenfalls jenen Diplomaten vorhalten 
könnte, die noch immer von der Phrase leben, 
es seien heute nicht mehr die Kabinette, 
sondern die Völker, die die Kriege machen. 
Jawohl die Völker ; aber erst dann, wenn 
die Regierungen bei der Verhetzung der 
Massen so untätig zuschauen, wie die rus- 
sische Polizei bei den Judenpogroms, oder 
wie die bestellten Wächter der Ordnung bei 
den jüngsten Deutschenhetzen in Nancy. 

Noch eines Faktors sei hier gedacht, 
dem es nicht in letzter Linie zu danken 
ist, daß der Krieg vermieden wurde : D e s 
Kaisers Franz Josef. Die Kriegs- 
enthusiasten in seinem Lande grollen ihm 
darob, und es fehlt sogar nicht an 
hochverräterischen Aeußerungen solcher 
Leute, die sonst stets mit ihrer Loyalität 
prahlen. In ihrer Perfidie schieben jene 
Blutgierigen die Kriegsabneigung des Kai- 
sers seinem hohen Alter zu. Sie wollen 
gleichzeitig damit andeuten, daß es eben 
greisenhaft sei, den Krieg zu verabscheuen, 
wie sie uns weibisches Wesen und Feig- 
heit als Motive unseres Kampfes gegen den 
Kriegswahn unterschieben. Dieser Vorwurf 
zerfällt in sich, denn der greise Kaiser 
würde selbstverständlich auch durch den 
blutigsten Krieg nicht aus seiner Ruhe und 
Behaglichkeit gestört werden. Wenn Kaiser 
Franz Josef dem ungestümen Drängen der 
Kriegsanhänger widerstand, so War es nicht 
greisenhafte Schwäche, sondern die hohe Weis- 
heit eines erfahrenen Mannes, die ihn er- 
kennen ließ, daß jeder Ausgleich besser ist 
als der chancenreichste Krieg, daß, solange 



die Möglichkeit eines Ausgleiches gegeben 
ist, der Wunsch nach kriegerischer Betäti- 
gung frivol sei und zurückgedrängt wer- 
den müsse. Man braucht kein Monarchist 
zu sein, um anzuerkennen, daß sich Kaiser 
Franz Josef durch seine kluge retardierende 
Haltung vor seinem Volke, vor der Mensch- 
heit und vor der Weltgeschichte ein hohes 
Verdienst erworben hat, um dessenwillen ihm 
der Dank aller vernünftig denkenden Men- 
schen in Europa gebührt. A. HF. 



Kriegsindustrie. 



Von Dr. Albert Südekum, 
Mitglied des Deutschen Reichstags. 

Der Militarismus hat eine Bataille ver- 
loren. Jetzt ist Unruhe die erste Bürger- 
pflicht. Unruhe im Sinne von schärfstem und 
lautestem Protest aller Menschen- und Frie- 
densfreunde gegen die spekulative Erregung 
und Verwertung eines wahnsinnigen und ge- 
fährlichen Rüstungstreibens, dessen Zeugen 
und Leidtragende wir zurzeit sind. Anklage 
müssen wir erheben gegen die Rüstungstreiber. 
Es genügt nicht mehr, mit sozusagen wissen- 
schaftlichem Gleichmut die Tatsache wider- 
spruchslos hinzunehmen, daß es in der Kriegs- 
industrie sehr menschlich hergeht, sondern 
jeder, dem das Wohl der Völker etwas gilt, 
der die Reinheit unseres öffentlichen Lebens 
als einen Teil dieses Wohles erkennt, hat die 
persönliche Pflicht, sich mit der furchtbaren 
Tatsache auseinanderzusetzen, daß die euro- 
päische Kultur von einem Konzern bedenken- 
loser Geschäftemacher dauernd in ihren Grund 
festen bedroht wird; hat sich ferner mit der 
Tatsache auseinanderzusetzen, daß diese Rüs- 
tungskapitalisten den höchsten gesellschaft- 
lichen Rang einnehmen, mit Ehren und Aus- 
zeichnungen überhäuft werden. Die Pflicht 
einer solchen persönlichen Auseinandersetzung 
liegt gleichmäßig den bewußten und organi- 
sierten Friedensfreunden, wie den ehrlichen 
Vertretern des Militarismus und den Verherr- 
lichern der sogenannten kriegerischen Tugen- 
den ob. In erster ,Linie gehen die Dinge 
auch die Offiziere an, die so gern für 
sich die Eigenschaften besonderer Empfind- 
lichkeit in Ehrensachen in Anspruch nehmen. 
Darauf ist mit erhöhtem Nachruck hinzuwei- 
sen, weil gerade in den letzten Wochen in 
einigen von deutschen Offizieren gern ge- 
lesenen Blättern geschrieben stand, wie immer 
sich auch die Sache mit der Rüstungsindustrie 
und ihren internationalen Spekulationen ver- 
halten möge: die Offiziere berühre das 
ganz und gar nicht, denn sie hätten 
einfach ihren Dienst zu tun und die 
ihnen in die Hand gedrückte Waffe auf 
Kommando zu gebrauchen. Eine Ansicht, 
die den Offizier zum Automaten erniedrigt! 
Das gerade Gegenteil ist richtig: ? ,wer Pech 



m 



DIE FRIEDEN5~>fc/!&arE 



® 



anfaßt, besudelt sich". Ein Offizier, der auf 
seine Ehre hält, muß mit dafür sorgen, daß 
nicht das Kriegswesen der Völker schamlosem 
Handel als Vorwand dient. Jedermanns guter 
Wille kann mißbraucht werden. Wer dem 
Betrüger als reiner Tor zum Opfer fällt, ist 
für den Ausgang moralisch nicht verantwort- 
lich. Wer aber willfährig einem Betrüger seine 
Hilfe leistet, ist dem Betrüger gleich zu 
achten. Auch die fahrlässige Unterstützung be- 
trügerischer Handlungen kann einen Makel auf 
die Ehre eines Menschen werfen. Die Offiziere 
der europäischen Armeen haben in den letzten 
Wochen Gelegenheit gehabt, sich darüber zu 
unterrichten, mit welcher ungeheuerlichen 
Dreistigkeit die Interessenten der 
Kriegsindustrie die gepriesenen Gefühle 
der Vaterlandsliebe und der Opferfreudigkeit 
der Völker auszunützen verstehen ; sie erfahren, 
daß auch ihre eigene Gesinnung und Tätigkeit 
in diesen [Berechnungen eine Rolle spielen. 
Wenn sie Augen und Ohren gegen diese Tat- 
sache bewußt und absichtlich verschließen, 
wenn sie nicht wenigstens auf Reinlichkeit 
in den Angelegenheiten der Völkerrüst ungern 
drängen, dann machen sie sich zu Mitschuldi- 
gen gefährlicher und zum Teil auch verbreche- 
rischer Handlungen und müssen sich danach 
weiterhin einschätzen lassen. 

Man wird gewiß nicht behaupten können, 
es sei bisher ein Geheimnis gewesen, daß die 
großen Rüstungsfirmen und die Vereinigungen 
von solchen (Firmen seit langer Zeit ihren 
starken Einfluß spielen ließen, um die Völker 
der Erde zu immer neuen, den Frieden ge- 
fährdenden Rüstungen zu veranlassen, daß sie 
auch verstanden haben, sich kräftige Helfer 
zu sichern. Eine Menge von Zeitungen steht, 
wie alle Welt weiß, direkt im Dienste solcher 
Firmen und läßt keine Gelegenheit vorüber- 
gehen, um Mißtrauen zwischen den Völkern 
zu säen und mit dem Anschein patriotischer 
Besorgnis dadurch die Geschäfte ihrer Auf- 
trag- und Geldgeber zu fördern; andere Zei- 
tungen, die nicht direkt der Kriegsindustrie 
verschrieben sind, hängen doch mit ihr über 
dem Umweg des Bankkapitals in irgendeiner 
Weise zusammen, wagen zu mindestens nicht, 
wider den Stachel zu löken. Sogenannte „Sach- 
verständige" (zum großen Teil abgelegte Offi- 
ziere) bemühen sich unausgesetzt, die alte Un- 
richtigkeit weiter zu verbreiten, daß man den 
Frieden nur sichern könne, wenn man zum 
Kriege rüste. Die Schullesebücher triefen von 
„Patriotismus", und ihre Verfasser suchen sich 
in der Verherrlichung des Krieges und kriege- 
rischer Gesinnung zu überbieten. Auch der 
offizielle Religionsbetrieb hat sich ganz und 
gar in den Dienst dieser Strömung gestellt 
und weiß die Predigt der „Religion der Liebe" 
äußerlich geschickt, wenn auch mit erheb- 
lichen inneren Schwierigkeiten, der Verherr- 
lichung des Völkerhasses und des organisier- 
ten Massenmords anzupassen; gewaltige Or- 
ganisationen mit Hunderttausenden von Mit- 



gliedern, wie die Kriegervereine, die Veteranen- 
vereine, die Wehrvereine, die Jugendwehren, 
die Flottenvereine, bearbeiten mit unermüd- 
licher Ausdauer Hirn und Herzen weiter 
Volkskreise immer in demselben Sinne, immer 
mit derselben Phraseologie nach dem Erfah- 
rungssatze: „steter Tropfen höhlt den Stein". 
Und über dem allen schwebt der Segen der 
staatlichen Regierungen, die in „gottgewollter 
Abhängigkeit" die Agitation der Rüstungs- 
interessenten erst fördern, um dann das so 
gewonnene Material zu neuer Aufmunterung 
des Geschäfts zu verwenden. 

Diese großen Grundzüge eines wahrhaft 
verderblichen Systems waren, wie gesagt, seit 
langem bekannt. Nicht nur in Deutschland 
und O esterreich, auch in England und Frank- 
reich hatten aufmerksame Beobachter des 
öffentlichen Lebens längst das weitmaschige 
Gewebe vor aller Augen ausgebreitet, oft- 
mals auch die Erörterung durch kleine anek- 
dotenhafte Einzelheiten gewürzt. Aber eine 
rechte durchschlagende Wirkung war bisher 
doch nicht zu erzeilen gewesen. Es fehlte 
der solide Hebel eines unanfecht- 
baren Beweismaterials, um den 
schwer lastenden Stein in« Rollen zu bringen. 

Dieser Hebel ist jetzt durch eine Fülle 
von Enthüllungen geliefert worden, die 
wie ein prasselnder Regen über die Rüstungs- 
interessenten in Deutschland und anderen 
Staaten niedergegangen sind. Parlamente und 
Presse waren einige Tage hindurch voll von 
diesen Dingen, und die öffentliche Erörterung 
beschäftigte sich eine kleine Weile damit. 
Da sich aber jetzt schon wieder das Schweigen 
tiefen Vergessens darüber zu breiten beginnt, 
wollen wir hier zur Auffrischung wenigstens 
das wichtigste noch einmal kurz zusammen- 
stellen. 

Zuerst sei behandelt, was unzweifelhaft 
das meiste Aufsehen erregte, nämlich die 
Affäre Krupp, deren Aufdeckung an den 
Namen des Reichstagsabgeordneten Dr. Lieb- 
knecht anknüpft. 

Die überragende Stellung der Firma 
Krupp in der internationalen Rüstungs- 
industrie ist bekannt. Krupp gehört so- 
zusagen mit zum deutschen Heere und ist 
enger mit ihm verwachsen, als etwa Schneider 
in Creusot mit dem französischen. Das 
Deutsche Reich unterhält ein paar eigene Ka- 
nonenfabriken, die aber nur für leichteres 
Material eingerichtet sind und bei weitem 
nicht den ganzen Bedarf decken. Alle schwe- 
reren Kaliber, namentlich auch die gewalti- 
gen Schiffs- und Positionsgeschütze sowie 
einen großen Teil der Feldartilleriebewaffnung 
besorgt Krupp. Konkurrenz gegen ihn gab 
es bis vor ein paar Jahren überhaupt nicht 
und gibt es jetzt nur in ganz beschränktem 
Umfange. Die Rheinische Metallwarenfabrik 
von Heinrich Ehrhardt hat sie jahrelang ver- 
sucht und sich dabei verblutet, obschon ihre 
Konstruktionen als ausgezeichnet gerühmt wor- 



I 






164 



E DIE FRIEDENS -^M^BXE 



den sind, und obschon sie mit dem Rohr- 
rücklaufgeschütz den Kruppschen Ingenieuren 
um Jahre voraus war. Wir haben also heute 
ein beinahe vollständiges Kanonenmonopol 
Krupps in Deutschland. 

Krupps Beziehungen zu Deutschland waren 
nicht immer so eng. Es hat eine Zeit gegeben, 
wo der eigentliche Schöpfer des gewaltigen 
Militärbetriebs, Alfred Krupp, nachdem er 
schon Preußen mit Hinterlader-Gußstahl- 
kanonen ausgestattet hatte, an anderer Stelle 
Relais zu legen versuchte. Ein Zusammen- 
stoß zwischen Preußen-Deutschland auf der 
einen Seite und Frankreich auf der anderen, 
galt nach 1866, namentlich in den Kreisen 
der großdeutschen Politiker, für unvermeid- 
lich. So betrachtete auch Alfred Krupp die 
Sache. Da er aber an die Ueberlegenheit 
der napoleonischen Armee glaubte und als 
vorsichtiger Geschäftsmann mit der Möglich- 
keit einer Einverleibung des Rheinlands nach 
Frankreich rechnete, so bot er 1868 in einem 
berühmt gewordenen Briefe seine schätzbaren 
Dienste — dem Feinde seines Vaterlands an. 
Eine kleine, wenn auch unangenehme Ent- 
gleisung, die indessen große Geister nicht ge- 
nieren kann. 

Es versteht sich, daß die Firma Krupp die 
ihr mit Recht oder Unrecht zugefallene Mo- 
nopolstellung weidlich auszunützen trachtete. 
Sie legte sich dabei so wenig Zurückhaltung 
auf, daß es endlich zu einem offenen Skandal 
kam, den der Reichstagsabgeordnete Erz- 
berger in der Sitzung des deutschen Reichstags 
vom 23. April 1913 rückschauend wie folgt 
schilderte: „Der Vorgänger des jetzigen 
Kriegsministers, Herr von Einem, hat am 
27. März 1905 ausdrücklich zugegeben und 
durch amtliche Zahlen bewiesen, daß, solange 
eine bestimmte Firma (Krupp) allein das 
Monopol in der Lieferung von Kanonen und 
Geschossen hatte, von der Heeresverwaltung 
mindestens 60— 8Q0/0 mehr bezahlt werden 
mußten, als von dem Moment ab, wo 
eine andere Firma in die Konkurrenz ein- 
getreten ist." 

Aber die Firma überteuerte nicht nur das 
Reich, sie lieferte nicht nur, was ihr auch 
kaum hätte verboten werden können, ihre 
Waffen und Munitionen an das Ausland und 
dorthin — was schon bedenklich ist — zu 
niedrigerem, weil durch die Konkurrenz be- 
stimmtem, Preise, nein, Angestellte von ihr 
unterhielten auch in Deutschland einen förm- 
lichen Geheimdienst, den erst Lieb- 
knechts Material aufgedeckt hat. In dem Pro- 
tokoll der Reichstagssitzung vom 18. April 
1913 heißt es darüber: „Der Vorstand der 
Gußstahlfabrik Friedrich Krupp- Essen a. Ruhr 
unterhielt in Berlin bis vor wenigen Wochen 
einen Agenten namens Brandt, einen früheren 
Feuerwerker, der die Aufgabe hatte, sich an 
die Kanzleibeamten der Behörden, der Armee 
und der Marine heranzumachen, sie zu be- 
stechen, um auf diese Weise Kenntnis von 



geheimen Schriftstücken zu erhalten, deren 
Inhalt die Firma interessierte. Was sie inter- 
essiert, sind besonders Absichten der Behör- 
den in Bewaffnungsfragen, Angaben über Kon- 
struktionen der Behörden sowie der Konkur- 
renz, Ergebnisse von Versuchen, namentlich 
aber die Preise, welche andere Werke for- 
dern oder die ihnen bewilligt werden. Herrn 
Brandt sind zu diesem Zwecke große Mittel 
zur Verfügung gestellt. Die berühmte 
Firma nützt ihre Geldmacht syste- 
matisch dazu aus, um höhere und 
niedere preußische Beamte zum 
Verrat militä r i scher Geheimnisse 
zu verleiten. Dieser Zustand besteht seit 
Jahren. In den Geheimschränken eines Herrn 
von Dewitz-Essen, eines hohen Beamten der 
Firma Krupp, liegen — oder lagen — diese 
Geheimberichte säuberlich aufgestapelt. Das, 
was ich Ihnen eben hier gesagt habe, beruht 
nicht auf einer bloßen Mitteilung, die mir von 
irgendeiner Seite gemacht worden ist. Ich 
darf Ihnen sagen, daß ich selbstverständlich 
von dem, was mir mitgeteilt wurde, dem 
Herrn Kriegsminister Kenntnis gegeben habe. 
Ich bin besonders darauf aufmerksam gemacht 
worden, daß eine Bekanntgabe dieser Dinge 
zu einem frühen Zeitpunkt leicht dazu führen 
könnte, daß die Firma bei ihrer ungeheuren 
Geldmacht in der Lage sein würde, alle 
Beweisstüc k.e und auch unbequeme 
Personen irgendwohin aus der 
Welt zu schaffen. Der Herr Kriegs- 
minister hat in dieser Angelegenheit seine 
volle Schuldigkeit getan. Er hat eingegriffen, 
und zwar nicht nur gegen Militärpersonen, 
sondern auch gegen Zivilpersonen. Gegen 
sechs oder sieben Personen — ich will im 
Moment die Namen nicht preisgeben — 
schwebt die Voruntersuchung, wenn sie nicht 
bereits geschlossen ist. Es ist mit anerken- 
nenswerter Energie eingegriffen worden. Die 
Betreffenden sind in Untersuchungshaft ge- 
nommen worden. Hochgestellte Leute! Es ist 
also kein Vorwurf gegen die Militärverwal- 
tung zu erheben. Die Untersuchung ist im 
wesentlichen abgeschlossen und hat bis auf 
das Tüpfelchen über dem i dasjenige bestä- 
tigt, was ich Ihnen hier vorgetragen habe." 

Zerschmetternd wirkte diese Enthüllung. 
Mit einigen mühsam gestammelten Worten 
suchte der preußische Kriegsminister vergeb- 
lich den fatalen Eindruck moralischen Zu- 
sammenbruchs dieser großen Hilfsinstitution 
des deutschen Heeres zu verwischen. Selbst 
die unverfrorensten publizistischen Helfers- 
helfer von Krupp verloren für ein paar Tage 
die Haltung. Ein allgemeines Mißtrauen er- 
wachte im Volke, dem man die ungeheuer- 
lichste Vermehrung der Rüstungen und eine 
wahrhaft erschöpfende Steuerleistung gerade 
jetzt angesonnen hat. 

Dann trat der Generaldirektor von Krupp, 
ein Geheimrat Hugenberg, in der Kölnischen 
Zeitung mit einer wortreichen, entrüstungs- 



165 



DIE FRIEDENS -^MkDTE = 



[© 



schwangeren, aber inhaltsleeren Erklärung vor 
die Oeffentlichkeit. Sein Manöver lag zu nahe, 
als daß er es hätte nicht machen sollen: 
„Racheakt eines entlassenen Beamten", „nur 
untergeordnete Personen in die Sache ver- 
wickelt", „Zentralinstanz völlig unbeteiligt" 
usw. Das fällt natürlich für verständige Leser 
platt zu Boden und kann keine größere Be- 
achtung beanspruchen, wie etwa das Gerede 
eines Angeklagten über den „großen Unbe- 
kannten" vor den Schranken des Gerichts. 
Anders ist es schon mit der Bemerkung des 
Herrn Hugenberg, „Geheimberichte 
seien das tägliche Brot seiner In- 
dustrie". Selbstverständlich: es gibt Ge- 
heimberichte und Geheimberichte. Für die 
Firma Krupp ist es jedenfalls sehr schmerz- 
lich, daß die ihr nahestehenden Firmen in 
der Industrie nicht an die Harmlosigkeit der 
von ihr bezogenen Geheimberichte glauben. 
Der seit 1911 in Deutschland bestehende Ver- 
ein gegen das Bestechungsunwesen hat am 
3. Mai 1913 die unter Nr. 294 in seiner Mit- 
gliederliste aufgeführte Firma „Friedrich 
Krupp, Aktiengesellschaft, iStahlgußfabrik in 
Essen" einstimmig aus dem Verein aus- 
geschlossen; und ebenso einstimmig be- 
schloß der Verein, die gerichtliche Verfolgung 
zu veranlassen, da die Krupp-Affäre dies ge- 
bieterisch erheische. Ueberdies beweisen Na- 
men und gesellschaftliche Stellung der in 
Untersuchungshaft genommenen Angestellten 
der Firma Krupp, daß es sich nicht, wie 
Herr Hugenberg behauptet, um eine unter- 
geordnete Affäre und um Mißgriffe eines Sub- 
alternen gehandelt hat. Auch die von ver- 
schiedenen Interessenten jetzt prompt hervor- 
geholte Berufung auf die großen Freun- 
de der Firma und der an ihrer Spitze 
stehenden Familie wird in Deutschland den 
Fortgang des Prozesses nicht aufzuhalten ver- 
mögen. Soweit sind wir hoffentlich denn doch 
noch nicht russifiziert, so tief hat das Krebs- 
übel kapitalistischer Unmoral das Gefüge des 
Staates wohl noch nicht zerfressen können, 
daß die Justiz vor Verbrechern Halt machen 
sollte, bloß weil hohe Herrschaften bisher im 
Hause der Genießer des mit anfechtbaren 
Mitteln erworbenen Reichtums gesellig ver- 
kehrten. 

Soweit sind wir noch nicht. Aber daß 
wir wirklich schon tief im Schlamm sitzen, 
beweist eine Mitteilung des „Vorwärts" vom 
5. Mai 1913. Danach hat die Firma Krupp 
den zur Abnahme von Kriegsmaterial nach 
Essen kommandierten Offizieren die 
Kosten für einen verhältnismäßig üppigen 
Lebensunterhalt während ihres Aufenthalts 
in Essen bezahlt und dafür nur rein 
fiktive Beträge in Gegenrechnung gestellt. 
In und außerhalb Deutschlands hätte man 
so etwas vor der einwandsfreien Beweisfüh- 
rung für unmöglich gehalten! Daß 
deutsche Offiziere sich ihren Wein und 
ihren Braten, ihre Zigarren und ihr Klosett- 



papier von der Firma bezahlen lassen, 
deren Erzeugnisse sie für die Heeresverwal- 
tung prüfen und abnehmen sollen, ist eine 
geradezu revolutionierende Neuig- 
keit. 

Aber man sollte die damit Gekennzeich- 
neten nicht allzu heftig schmähen, denn die 
Verführung ist wirklich groß. Auf den 
Kruppschen Werken, übrigens auch bei den 
großen Elektrizitätsfirmen, bei den Werften, 
den Waffen- und Munitionsfabriken, laufen 
zu Dutzenden die inaktiven Generäle, Ad- 
miräle, Geheimen und Wirklichen Geheimen 
Räte herum, die sich nicht schämen, Riesen- 
gehälter und Tantiemen einzustecken, und 
sich daneben noch die Pensionen aus den 
Steuergroschen der Armen und Aermsten 
zahlen zu lassen. Die Verbindung der höch- 
sten militärischen und zivilen Bureaukratie 
mit der Großfinanz und den von ihr kon- 
trollierten industriellen Werken ist in Deutsch- 
land in den letzten Jahren so umfassend und 
so intim geworden, daß dem weitgehendsten 
Korruptionsverdacht Tür und Tor 
geöffnet ist. Diese Seite unseres öffentlichen 
Lebens bedarf dringend der eingehenden 
Untersuchung. 

Während diese Zeilen schon im Satz 
waren, verlautete in offiziösen Blättern, die 
Versorgung von Abnahme-Offizieren und Ab- 
nahme-Beamten durch Krupp in der oben ge- 
schilderten Weise sei neuerdings abgeschafft 
worden; nur (!) auf den Schießplätzen gebe 
die Firma den Vertrauensmännern des Reichs 
noch Naturalverpflegung. Diese Mitteilung ist 
nur zum Teil wahr: die nach Essen Kom- 
mandierten erhalten jetzt bares Geld von 
Krupp. Uebrigens wird allgemein behauptet, 
daß die zeitweüig nach Essen kommenden 
Offiziere und Beamten — bis zu den höchsten 
hinauf — nur Scheinrechnungen in 
dem der Firma Krupp gehörenden Hotel be- 
zahlen. 

Verlassen wir nunmehr die Firma Krupp, 
über die sich noch mancherlei sagen ließe, 
um zunächst einige andere Blüten der Kriegs- 
industrie zu betrachten. Da lenkt vor allem 
der „M ar ine- Ver s tän d ig ung sko n - 
zern" die Aufmerksamkeit auf sich. Die 
geschäftstüchtigen Großlieferanten von 
Schiffsbaumaterial haben schon seit Jahren, 
um die Ausnützung der „Konjunktur" recht 
gründlich besorgen zu können, im geheimen 
ihren Zusammenschluß vollzogen. Die Ge- 
schäftsstelle ihres Konzerns befindet sich in 
Dortmund, Kronprinzenstraße 36. „Ver- 
traulicher" Leiter dieses Bureaus ist Direktor 
G u t h e i 1 , früher einer der Direktoren der 
Union, Eisen- und Stahlwerke in Dortmund, 
dann, nachdem 1 diese Gesellschaft in die 
Deutsch -Luxemburgische Bergwerks- und 
Hüttenaktiengesellschaft aufgegangen war, 
eine Zeitlang einer der Leiter ihrer Abteilung 
C., die die sämtlichen in Dortmund und Um- 
kreis gelegenen Werke der Deutsch-Luxem- 



166 



(§; 



= DIE FRIEDEN5->MM2XE 



burgischen Gesellschaft umfaßt. Das Ge- 
schäftsverfahren dieses Marineverständi- 
gungskonzerns ist praktisch und sinnreich. 
Wenn eine Werft, z. B. die Kieler oder Wil- 
helmshavener Reichswerft, Schiffsbaumaterial 
braucht und sich an verschiedene Lieferanten 
mit der Frage nach Preis und Bedingungen 
wendet, dann erhält sie nicht sofort und 
direkt Antwort, sondern die Anfragen gehen 
zunächst an das Bureau in Dortmund. Die 
Geschäftsstelle unterrichtet dann alle ihm 
angeschlossenen Werke, welche Meldungen 
eingegangen sind ; die befragten Werke 
unterhandeln dann entweder direkt oder 
über die Geschäftsstelle miteinander, wie sie 
ihre Angebote gestalten und welche Preis- 
forderungen sie stellen sollen. Jedes Werk 
ist verpflichtet, von jedem Auftrag, den es 
erhält, 10 o/o abzugeben, und zwar nicht vom 
Gewinne, sondern vom Rechnungsbetrag ; also 
schlägt es natürlich mindestens diesen Be- 
trag zunächst auf den angebotenen Preis 
auf. Die anderen Werke folgen ihm darin 
und reichen nunmehr ihre Offerten ein. Auch 
•die Auftragserteilung sowie die Ausführung 
und Ablieferung werden immer rechtzeitig 
an das Bureau in Dortmund gemeldet. Die 
von dem ausführenden Werke abzuliefern- 
den 10 o/o von dem Rechnungswert gehen zum 
Teil (Vio) an die Geschäftsstelle für ihre 
Bemühungen und Unkosten; die übrü 
9 /io werden an jene Werke 
ebenfalls Offerten eingereicht 
bei der Auftragserteilung leer 
sind. Da es sich bei den Schiffsmaterial- 
lieferungen um Aufträge im Werte von vielen 
Millionen handelt, so kann man sich un- 
gefähr vorstellen, welche Beträge der Reichs- 
kasse auf diese einfache, allerdings die Ecken 
einer bedenklichen Moral streifende Manier 
entnommen werden. 

Wieder ein anderes Bild. Vor einiger 
Zeit brachte die „Friedens-Warte" den Nach- 
weis, daß an der englischen Kriegsindustrie 
die Creme der Aristokratie beteiligt sei. In 
Deutschland ist das ganz genau so. Nur 
daß darüber hinaus auch noch eine inter- 
nationale Vereinigung von aristo- 
kratischem! Kapital im Rüstungs- 
geschäft gebräuchlich ist, die in England 
meines Wissens bisher fehlt. Deutschland 
bezieht die Panzerplatten für seine Kriegs- 
marine außer von Krupp nur noch von der 
Dillinger Hütte, einem Werke, das zum 
größten Teil den Erben des verstorbenen 
Herrn von Stumm gehört. Formell ist die 
Dillinger Hütte eine Aktiengesellschaft nach 
deutschem Recht. Ein Teil der Aktien ist 
in französischen Händen. Die Geschäfts- 
sprache in der Generalversammlung ist, wie 
der frühere Regierungsrat im Reichsamt des 
Innern Rudolf Martin zuerst in seinem 1 Jahr- 
buch der Millionäre mitgeteilt hat, und wie 
dann auch im Reichstag unwidersprochen 
wiederholt wurde, die französische, oder war 



jem 
verteilt, die 
haben, aber 
ausgegangen 



es bis vor wenigen Jahren. h Mehrere Fran- 
zosen", so sagt Martin, „sitzen im Auf- 
sichtsrat, verdienen ungeheuer viel Geld an 
der deutschen Panzerplattenfabrikation, an 
der Verteidigung von Metz und Straßburg, 
an der Vergrößerung der deutschen Flotte, 
an der deutschen Küstenbefestigung und er- 
halten genauen Einblick in unsere ganze 
Verteidigung. Es sind dies die französischen 
Herren Rene de Bobet in Paris und Eugen IV. 
Comte von Waldner - Freundstein, vormals 
französischer Botschaftssekretär und fran- 
zösischer Leutnant der Reserve, dessen Sohn 
Eduard französischer Leutnant der Reserve 
des 10. Regiments Jäger zu Pferde ist, 
Chateau de Levy, Departement Allier und in 
Paris. Sollen diese Herren nicht auch eine 
Kleinigkeit von dem in Deutschland ver- 
dienten Gelde zur deutschen Kriegssteuer 
beitragen ?" 

Es wäre in der Tat unglaublich, wenn die 
französischen Reserveoffiziere, die im Auf- 
sichtsrat dieses Werkes sitzen, ihre bei den 
Beratungen gewonnenen Kenntnisse der Fabri- 
kationsmethoden, der Preise, der Lieferungs- 
bedingungen, namentlich auch der Lieferungs- 
termine nicht sofort der französischen Marine- 
verwaltung mitteilen würden. Vom Stand- 
punkte ihres spezifisch französischen Patriotis- 
mus' aus wären sie dazu durchaus verpflichtet. 
Das müßte doch gerade ein alter Offizier wie 
der Königlich preußische Generalleutnant von 
Schubert, Exzellenz, der Schwiegersohn des 
verstorbenen Stumm, Vorsitzender dieses Auf- 
sichtsrats, am besten wissen, oder am schnell- 
sten einsehen! Dieser Herr, der bis vor 
wenigen Jahren deutscher Reichstagsabgeord- 
neter war und sich auch jetzt wieder um das 
Mandat eines preußischen Landtagsabgeord- 
neten bewirbt, hat indessen, soviel bekannt 
geworden ist, nichts getan, um der unglaub- 
lichen Situation ein Ende zu bereiten. 

Das Zusammenwirken des Kapitals ver- 
schiedener nationaler Herkunft ist in dem 
internationalen Waffenkonzern bis 
zur direkten Gewinnabgleichung getrieben. 
Zwischen der Oesterreichischen Waffenfabrik- 
Gesellschaft, den Deutschen Waffen- und 
Munitionsfabriken in Berlin-Karlsruhe, der 
Waffenfabrik Mauser in Oberndorf a. Neckar 
und der Fabrique Nationale d'Armes de 
Guerre in Herstal in Belgien bestehen Ver- 
träge, wonach (§1) „Waffengeschäfte, welche 
sich auf Lieferung von neu herzustellenden 
Repetiergewehren oder Karabinern für Ruß- 
land, Japan, China und Abessinien beziehen, zu 
gemeinschaftlichem Nutzen durch- 
geführt und die annähernden Gewinne nach 
einer bestimmten jSkala unter die Gruppen 
verteilt werden." Im §3 heißt es: „Die 
den beiden Gruppen angehörenden. Fabriken 
werden sich gegenseitig jede mögliche Unter- 
stützung gewähren, damit jede Fabrik aufs 
rascheste und billigste zu fabrizieren vermag. 
Zu dem Zwecke sollen auch die Zeichttun- 



167 



DIEFBIEDENS-\>v*M2TE 



:§> 



gen und Dimensionstabellen der verlangten 
und zu erzeugenden Modelle gratis, die er- 
forderlichen Lehrgeräte und Kaliber zum 
Selbstkostenpreise, resp. insoweit sie entbehr- 
lich sind, leihweise gratis gegenseitig 
überlassen werden." In § 4: „Der Preis 
für die zu liefernden. Waffen ist jeweils von den 
beiden Gruppen einverständlich fest- 
zusetzen u»nd zu offerieren." In § 6: „Be- 
hufs Verwirklichung der im § 1 ausgesproche- 
nen Grundabsichten vorliegender Vereinbarun- 
gen wird eine gemeinschaftliche 
Kasse gebildet, in welche jede Fabrik, welche 
unter die vorliegende Abmachung fallende 
Gewehre bzw. Karabiner fabriziert, anliefert 
und fakturiert, eine Abgabe im Betrage von 
15 Francs pro Waffe einzuzahlen hat". 

Was will es besagen, daß man diese 
internationale Kapitalversippung im Waffen- 
geschäft mit dem Einwand als harmlos hin- 
stellen will, es handle sich dabei um Mutter- 
und Tochtergesellschaften? Wird damit nicht 
selbst das [zugegeben, worum sich die Dis- 
kussion eigentlich dreht? 

Es hat offenbar nicht an den deutschen, 
österreichischen und belgischen Firmen ge- 
legen, daß sich das Abkommen auf sie be- 
schränken mußte. Wenigstens hat die von 
Jaures herausgegebene „H uraanite" dar- 
auf hingewiesen, daß vor Jahren ein viel um- 
fassenderes Kartell geplant war, in das auch 
die englischen und französischen Rüstungs- 
fabriken einbezogen werden sollten; die Be- 
sprechungen führten indessen, namentlich 
wegen der Reibereien zwischen Krupp und 
Schneider in Creusot über die serbischen und 
bulgarischen Rüstungslieferungen nicht zum 
Abschluß. 

Das ist eigentlich zu bedauern. Denn der 
internationale W a ^ entrust würde sich doch 
so schön an den Internationalen Pul- 
vertrust anschließen, der schon längst be- 
steht. Das Genie des kürzlich verstorbenen 
Geheimen Kommerzienrats Heidemann- 
Köln hat den Pulvertrust zustande gebracht 
und die Sprengmittelwerke der ganzen Welt 
in geschäftliche (Beziehungen zueinander ge- 
setzt. Ein schwieriges, aber auch ein gewinn- 
reiches Unternehmen, das seinen Machern 
jahraus, jahrein Riesenprofite abwirft. Die 
Aktien der besten Sprengmittelwerke werden 
überhaupt gar nicht an den Börsen gehan- 
delt, es gilt vielmehr in der kapitalistischen 
Welt als ein besonderer Glücksfall, wenn 
einmal jemand für nicht allzu viel Geld in 
den Besitz einer - „freigewordenen" Aktie 
gelangt. 

Das (Schlimmste von allem, was bisher 
enthüllt worden ist, ist zweifellos ein schon 
vor mehreren Jahren veröffentlichter, damals 
aber leider ziemlich unbeachtet gebliebener 
Brief der Deutschen Waffen- und 
Munitionsfabriken Aktiengesell- 
schaft; Berlin-Karlsruhe, gerichtet an eine 
Adresse in Paris. Er lautet: 



„Wir drahteten Ihnen soeben: ,Bitten 
unseren heutigen Brief in Paris abwarten'. 
Grund dieser Depesche war, daß wir die 
Aufnahme eines Artikels in einer der ge- 
lesensten französischen Zeitungen, möglichst 
im Figaro, durchsetzen möchten, welcher 
folgenden Inhalt haben soll: 

„Die französische Heeresverwaltung hat 
sich entschlossen, die Neubewaffnung der 
Armee mit Maschinengewehren erheblich zu 
beschleunigen und die doppelte Anzahl als 
zuerst beabsichtigt, zu bestellen." 

Wir bitten Sie alles aufzubieten, um die 
Aufnahme eines derartigen Artikels zu er- 
reichen. Hochachtungsvoll 
Deutsche Munitions- und Waffenfabriken*" 
Unterzeichnet haben dieses Schreiben die 
beiden Generaldirektoren der Deutschen Waf- 
fen- und Munitionsfabriken, Königlich preußi- 
scher Geheimer Baurat Paul von Gon- 
tard und M. Kosegarten. In den Akten 
der Firma ist es in der Geheimregistratur 
unter Nr. 8236, 1907 verzeichnet. Die Firma 
hat behauptet, und der preußische Kriegs- 
minister hat im Reichstag diese Entschuldi- 
gung weitergegeben, sie habe den Artikel in 
eine französische Zeitung zu lancieren ver- 
sucht, nur |um Anhaltspunkte für zu jener 
Zeit geplante französische Maßnahmen 
zu gewinnen ; der Gedanke, auf die deutsche 
Heeresverwaltung Einfluß zu gewinnen, habe ihr 
ferngelegen. Wie wenig Glauben diesen Behaup- 
tungen beigemessen wird, belege ich wiederum 
durch einige Sätze aus einer Rede des Reichs- 
tagsabgeordneten Erz berger in der Sitzung 
vom 23. April 1913. Da sagte er: „Dieser 
Brief stammt aus dem Jahre 1907. Im Jahre 
1907 war man in den militärischen Kreisen 
der ganzen Welt noch lange nicht so von 
der Vorzüglichkeit des Maschinengewehrs 
durchdrungen wie heute, wo man es als un- 
entbehrliche Waffe hinstellt. 1907 hat ' man 
in vielen Kreisen auch des deutschen Heeres 
die Maschinengewehre noch als Waffen nur 
gegen Herero und Hottentotten gekennzeich- 
net; ganz klein, minimal war die Anschaffung 
von Maschinengewehren auf diesem Gebiete. 
Frankreich fing dann an, mehr Maschinen- 
gewehre auch in den Dienst seines europäischen 
Heeres zu stellen. Wenn ich mir diese 
Situation vor Augen halte, dann 
gewinnt der Brief der Deutschen 
Waffen- und Munitionsfabriken 
ein ganz anderes Gesicht, als wenn 
wir ihn aus diesem Zusammenhange heraus- 
reißen. Wie oft hat man uns hier im Reichs- 
tage gesagt, wenn wir 40 Millionen Mark für 
Maschinengewehre in den Jahren 1908, 1909 
und 1910 — also gleich nach diesem 
Briefl — ausgegeben haben: wir brauchen 
diese Maschinengewehre, wir brauchen diese 
Neubeschaffung — wir haben sie auch be- 
willigt — , weil Frankreich uns soundso 
viel auf dem Gebiete der Maschinengewehr- 
beschaffung voran ist. Dann gewinnt der Brief 



168 



<g= 



DIE FRIEDEN5-^^\RTE 



der Deutschen Munitions- und Waffenfabrik 
ein ganz anderes Interesse und es ist ein 
ganz anderes Material, als man bisher an- 
nehmen konnte.'' (Um der Gerechtigkeit willen 
sei darauf hingewiesen, daß kurz vor der 
Drucklegung dieser Zeilen ein Artikel in der 
„Frankfurter Zeitung" erschien, worin die Re- 
daktion mitteilte, die D. W.- u. M.-Fabriken 
hätten ihr durch Vorlage von Aktenmaterial 
wahrscheinlich gemacht, daß der 1907 in den 
„Figaro" zu lancierende Artikel in der Tat 
nicht auf die deutsche Militärverwaltung 
wirken sollte; aber selbst die sehr gutmütige 
Redaktion der „Frkf. Ztg." meint, dadurch 
werde nur wenig entschuldigt, und ich füge 
hinzu, daß mir das Veröffentlichte zur 
Stützung der Behauptung nicht auszureichen 
scheint.) 

Wenn übrigens etwas geeignet wäre, diesen 
Gipfel gefährlicher und anstößiger Geschäfte- 
macherei zu übergipfeln, so die Nachricht, 
daß der eine Unterzeichner des Schreibens, 
Herr von Gohtard, zu einer Zeit, als der 
Brief schon öffentlich bekannt geworden war, 
zum Mitglied des preußischen 
Herrenhauses berufen worden ist. 
Man hat nichts davon vernommen, daß die 
edlen und erlauchten Mitglieder der preußi- 
schen Herrenkammer an der Handlung ihres 
Kollegen Anstoß genommen hätten. So 
tief sitzt der Byzantinismus diesen edlen 
Herren in den Knochen, daß sie, die sonst 
vor der schärfsten Opposition gegen Re- 
gierungsmaßnahmen nicht zurückscheuen, 
wenn es ihr Vorteil erheischt, offenbar schon 
beim bloßen Gedanken einer mehr gesell- 
schaftlichen Fronde gegen den König, der 
Herrn von Gontard berief, in die Knie ge- 
knickt sind. Uns fehlt, offen gestanden, das 
Verständnis für diese Feinheiten aristo- 
kratischer Ehrenauffassung. 

Seit Jahren lastet der furchtbare Druck 
beständiger Kriegsgefahr auf den Völkern 
Europas. Die Hunderttausende und Millio- 
nen, die im schwersten Lebenskampf, oft 
vergeblich, um ein bißchen Daseinsfreude, 
um einen Strahl der Glückssonne ringen, 
brechen unter den Lasten beinahe zusammen, 
die auf ihren Schultern liegen. Mit der Kul- 
turentwicklung geht es bei uns nicht mehr 
vorwärts. Körperlich zerfällt das Volk in 
den Elendsquartieren unserer Großstädte 
und Industriesiedelungen so unvermeidlich, wie 
es dort sittlich und geistig zurrüttet werden 
muß. Es ist ein herzzerbrechender Anblick, 
soviel köstliches Menschenmaterial tag- 
täglich zugrunde gerichtet zu sehen. Wenn 
das ein unabänderliches Schicksal wäre, 
schwer zu tragen wäre es auch dann. Aber 
da man die schmutzigen Finger sieht, die 
hinter den Kulissen Weltgeschichte agieren, 
da statt eines unabänderlichen Schicksals ein 
dreister Schwindel die Drähte zieht, so packt 
uns ein herzhafter Zorn, und aus tiefer Ent- 
rüstung über das Treiben gewissenloser 



Menschen löst sich der feste Wüle, an der 
notwendigen Aenderung solcher Zustände 
nach Kräften mitzuwirken. 



Die angebliche und 

die wahre Höhe 

der deutschen Rüstungslasten. 

Von cand. phil. Adolf Grote. 

Von allen Preßorganen sämtlicher die 
neue Wehrvorlage billigenden deutschen 
Parteirichtungen wird jetzt natürlich mit be- 
sonderem Eifer jene Behauptung wieder- 
holt, mit welcher zumal die Alldeutschen 
immer ihre Rüstungsmehrforderungen zu be- 
gründen gesucht haben: die Behauptung 
nämlich, die deutsche Volkswirtschaft könne 
die neue Mehrbelastung an Militärsteuern 
doch ganz gut ertragen, weil die Rüstungs- 
ausgaben Deutschlands, auf den Kopf der 
Bevölkerung berechnet, kleiner seien als 
die entsprechend berechneten anderer Groß- 
mächte, wie z. B. Frankreichs und Englands. 

Daher ist die Erinnerung an den Beweis 
sehr angebracht, den Dr. Johann Plenge 
(Prof. a. d. Univ. Leipzig) seinerzeit („Die 
Finanzen der Großmächte", Zeitschr. f. d. 
ges. Staatswissenschaften 64 [1908] : 713—75) 
dafür geliefert hat, daß diese Angabe eine 
offizielle Verfälschung des wahren Sach- 
verhalts ist, uml durch Verschleierung der 
tatsächlichen Höhe der deutschen Rüstungs- 
ausgaben die Durchsetzung immer neuer 
Militärausgaben möglich zu machen. 

Denn natürlich ist die Kopfziffer der 
deutschen Rüstungsausgaben — von „kleinen" 
Fehlern der offiziellen Budget vergleichung, 
die z. B. nie darauf aufmerksam macht, daß 
im deutschen Heeresetat die Ausgabe für 
die Kolonialtruppen fehlt, während im fran- 
zösischen der Posten für die doch Friedens- 
zwecken dienende Gendarmerie erscheint, 
sehen wir einmal ab — als solche kleiner 
als die entsprechende Ziffer für England und 
Frankreich, allein eine ganz triviale Erwägung 
zeigt doch sogleich, daß daraus keineswegs 
die geringere Rüstungsbelastung Deutsch- 
lands im Vergleich zu den beiden anderen 
Ländern zu folgern ist. Denn wenn Staaten, 
so führt Plenge in Sperrdruck aus, „mit 
stark verschiedener Bevölkerung 
in internationaler Großmachts- 
konkurrenz stehen, muß selbst bei 
überlegener Rüstung des an Be- 
völkerung reichsten Staates die 
Kopfziffer der Rüstungsausgaben 
notwendig geringer sein, als bei 
dem' an Zahl geringeren Nach- 
barn": so, und nicht anders, liegt das Ver- 
hältnis zwischen Deutschland .mit seinen 
64 Millionen einerseits und Frankreich 
(39 Mill.) und England (45 Mill.) anderer- 



169 



DIE FßlEDENS-WABTE 



§> 



seits. Die geringere Höhe der militärischen 
Belastungsziffer ist sogar im Gegenteil ein 
Beweis für die größere Schwere, mit der 
die Rüstungsausgaben auf Deutschland ruhen : 
weil nämlich Deutschland seiner höheren 
Geburtenziffer (30 Geb. jährl. auf 1000 Einw.) 
entsprechend relativ viel mehr Kinder zu er- 
nähren und zu erziehen hat als Frankreich 
(19 Geb.) und England (25 Geb.). Alle Er- 
ziehungskosten aber sind volkswirtschaftlich 
zunächst unproduktiv und müssen daher jede 
steuerliche Belastung, ihrerHöhe entsprechend, 
doppelt empfinden lassen. Noch drückender 
aber wird diese Belastung für Deutschland 
durch den Umstand, daß in ihm, dem erst 
in den letzten Jahrzehnten reich gewordenen 
Lande, das Volksvermögen ganz anders 
verteilt ist als in Frankreich und in Eng- 
land: in diesen beiden Ländern konnte bei 
ihrem Jahrhunderte alten Handel die Zahl 
der mittleren Vermögen viel größer werden, 
d. h. das Nationalvermögen konnte sich viel 
günstiger verteilen als bei uns, wo sich der 
größte Teil des in dem plötzlichen wirtschaft- 
lichen Aufschwung nach 1870 gewonnenen 
Reichtums zu einer verhältnismäßig kleinen 
Zahl großer und sehr großer Vermögen zu- 
sammengeballt hat. Und was außer diesen 
beiden erschwerenden Umständen des un- 
günstigen Altersaufbaus und der ungünstigen 
Vermögensverteilung die Militärlast für die 
deutsche Volkswirtschaft nun noch schlimmer 
gestaltet, ist vor allem die ungerechtere Art 
ihrer Verteilung, welche die Hauptlast der- 
selben in der Form von indirekten, von 
Verbrauchs steuern, auf die Schultern 
der minderbesitzenden Klassen wälzt: kamen 
doch, ' wie Plenge (S. 724) berechnet, im' 
Jahr 1906: auf jede Mark direkter Steuern 
indirekte Steuern 

in England . •. . . 1,47 M., 
in Frankreich . . . 2,61 ,, 
in Deutschland . . 2,94 „I 
Zu dieser durch überwiegende Konsum- 
steuern bewirkten Erschwerung des Daseins- 
kampfes unserer niederen und mittleren 
Klassen kommt aber noch die durch 
Schutzzölle auf Getreide hervorgerufene 
Verteuerung des Brotes hinzu, welche 
jedes Jahr 800 Millionen aus den 
Taschen der arbeitenden Bevölkerung in 
die der adligen Großgrundbesitzer fließen 
läßt und die natürlich eine noch größere 
Verteuerung der gesamten Lebenshaltung 
zur Folge haben muß. Wieviel schlechter 
daher die arbeitende Bevölkerung bei uns 
unter einer solchen brutalen Wirtschafts- 
politik gestellt ist als die in Frankreich und 
England, das lehren die Untersuchungen von 
Lujo Brentano („Die deutschen Getreide- 
zölle", 1911), von Paul Mombert („Die Be- 
lastung des Arbeiterbudgets durch die Korn- 
zölle", 1904), von Wilh. Gerloff („Ver- 
brauch und Verbrauchsbelastung kleiner und 
mittlerer Einkommen in Deutschland", 1907), 



von Karl v. Tyszka („Die Lebenshaltung der 
arbeitenden Klassen i. d. bedeut. Industrie- 
staaten", 1912) und anderen eindringlich 
genug. Schließlich wird natürlich, wenn es 
sich um einen Vergleich der Rüstungsbudgets 
Englands und Deutschlands handelt, meist 
verschwiegen, daß Deutschland einen zahlen- 
mäßig zwar schwer ausdrückbaren, aber 
nichtsdestoweniger vorhandenen riesigen 
Posten für Rüstungszwecke mehr ausgibt 
als 1 England : dieser Posten besteht 
in der Tatsache der allgemeinen 
We hrpficht. Es ist ein großer Unter- 
schied, ob man, wie in England, aus mehr 
oder minder zweifelhaften und volkswirtschaft- 
lich wenig wertvollen Individuen ein Söldner- 
heer bildet, oder ob man, wie bei uns, gerade 
den wirtschaftlich tüchtigsten jungen Leuten 
zwei Jahre ihrer Ausbildungszeit und später 
noch soundso viel Wochen und Monate an 
Uebungen fortnimmt, was, ganz abgesehen 
von dem direkten Lohnausfall, eine ständige 
Störung des ganzen beruflichen Lebens be- 
deutet. Und zuletzt ist noch zu berück- 
sichtigen, daß Frankreich und England nicht 
so viele wirtschaftliche Betriebe vom Staat 
entzogen sind wie uns deren Reingewinn, 
wie z. B. der der Eisenbahnen, welcher 
ca. 900 Mill. im Jahre beträgt, sofort wieder 
für Rüstungsausgaben verloren geht, so daß 
auch hier ein zahlenmäßig nicht leicht fest- 
stellbarer aber darum 1 nicht minder großer 
Verlust für die deutsche Volkswirtschaft 
entsteht. — 

Also erst unter Berücksichtigung dieser 
Faktoren der Bevölkerungszahl, des Altersauf- 
baus, der Vermögensverteilung, der Art der 
steuerlichen Belastung und des Betriebs- 
entzuges, soweit es sich um England handelt, 
auch unter Berücksichtigung des Umstandes, 
daß dieses Land keine allgemeine Wehrpflicht 
hat: erst unter Berücksichtigung aller dieser 
Faktoren wird ein Vergleich der europäischen 
Militärbudgets Anspruch auf wissenschaftliche 
Richtigkeit erheben können, und wie sehr sich 
schon dann das Bild zuungunsten Deutsch- 
lands verschiebt, haben wir gesehen. 

Danach läßt sich nun leicht entscheiden, 
daß, wenn Deutschland obendrein auch noch 
die schnellste Steigerung seiner Rüstungsaus- 
gaben, verglichen mit der im gleichen Zeit- 
raum vollzogenen Rüstungssteigerung anderer 
Länder zeigt, an der Tatsache nicht mehr anders 
als aus völliger Unkenntnis oder in der Absicht 
lügnerischer Entstellung zu rütteln ist: daß 
dieLastderRüstungenaufDeutsch- 
land schwerer ruht als auf allen 
anderen Ländern. Und tatsächlich ist 
das denn auch der Fäll : die Rüstungsausgaben 
vom Jahre 1906 standen nach Plenges genauer 
Berechnung zu denen von 1875 und zu denen 
von 1893 in folgendem Verhältnis: 

Setzt man die Rüstungsausgaben voi 
- 1875 = 100, so waren sie im Jahre 1906 ge 
stiegen auf: 












170 



@= 



DIE FRIEDENS-^VARTE 



Heer Flotte 

215.8 555,4 in Deutschland 

135.9 243,3 in Frankreich 
172,5 311,4 in England 

Setzt man die Rüstungsausgaben von 
1893 = 100, so waren sie im Jahre 1906 ge- 
stiegen auf: 
Heer Flotte 

132,0 329,2 in Deutschland 

111,4 127,2 in Frankreich 

155,9 237,6 in England. 

Wer wagt angesichts dieser Ziffern noch 
der Folgerung zu widersprechen, die Plenge 
(Sl. 714, im Orig. gesp.) aus ihnen zieht : 

„Deutschland hat seit 1893 unter den 
europäischen Großmächten die stärkste Stei- 
gerung der Ausgaben für Rüstungszwecke 
aufzuweisen"!? Ist es da so unberechtigt, 
wenn man Deutschland das klassische Land 
des Militarismus nennt? Ist da die Erregung 
in England und Frankreich über das an- 
dauernde Weiterrüsten Deutschlands, das sich 
zu der jetzigen Milliardenvorlage gesteigert hat, 
so ganz unbegreiflich ? Ist es da wirklich Vater- 
landsverrat und ehrlose Gesinnung, in diesem 
wahnwitzigen Rekordrüsten Deutschlands kein 
Heil für sein Vaterland zu sehen? — 

Was der Pazifismus seit Jahrzehnten ge- 
predigt hat, daß die Rüstungsausgaben der 
großen Kulturländer eine unnatürliche und auf 
die Dauer unerträgliche Last für ihre kul- 
turelle Weiterentwicklung darstellen, das be- 
stätigt Plenges scharfsinniger Hinweis darauf, 
daß erst ein Vergleich der Bevölkerungs- 
zunahme mit der Rüstungszunahme eines Lan- 
des ein völlig zutreffendes Bild der Sachlage 
ergibt und er schließt diesen Hinweis mit den 
— wiederum im Original gesperrten — Worten 
(S. 766): 

„Es ist erschreckend, daß in den 
dreigroßenKulturländern [Deutschi., 
Frankr., Engl.] die Rüstungsausgaben 
erheblich schneller gewachsen 
sind als die Bevölkerung und man 
sieht nicht ohne Ueberraschung, 
daß in Deutschland, dem Lande der 
stärksten Bevölkerungszunahme, 
der gesamte Rüstungsauf wand der 
wachsenden Bevölkerung verhält- 
nismäßig am meisten vorangeeilt 
is t." Möge daher jeder Reichstagsabgeordnete, 
der die neue Milliardenvorlage zu bewilligen 
entschlossen ist, sich überlegen, ob er seinem 
Vaterlande damit wirklich einen Dienst erweist : 
ob er damit wirklich dessen kultureller Fort- 
entwicklung und der Erhaltung des Welt- 
friedens nützt. Die gesamte Wehrvereins- und 
sonstige gleichgesinnte Presse möge sich doch 
bemühen, die von Plenge beigebrachten Nach- 
weise und Zahlen zu widerlegen I Es ist dies 
aber eben nur unter Preisgabe der wissenschaft- 
lichen Wahrheit möglich: die klare Sachlage 
ist, wie wir nochmals zusammenfassen, die: 
unter den drei großen Kultur- 
staaten ist es- Deutschland, das im 



europäischen Wettrüsten seit 1870 
stets die erste Stelle eingenommen 
und dadurch direkt oder indirekt 
Frankreich und England gezwun- 
gen hat, entsprechend mitzurüsten. 
Es leidet unter seiner Rüstungs- 
last, die schon an sich die absolut 
größte im Vergleich mit der Eng- 
lands und Frankreichs ist, doppelt 
und dreifach schwer, weil es dabei 
eine große Kinderzahl zu erhalten 
hat, weil es untereinerungünstigen 
Vermögensverteilung und unter 
dem Entzug vieler Betriebe leidet, 
die in den beiden anderen Ländern 
Privateigentumsind, undweildiese 
seine ganze Rüstungslast oben- 
drein am ungerechtesten durch 
überwiegend indirekte Besteue- 
rung auf den minderbemittelten 
Klassen ruht. 

Friedens- und Kriegshysterie. 

Von Prof. Robert Pilot y, Würzburg. 

Gedanken über Krieg und Frieden haben 
mit allen Gedanken über menschliches Tun 
und Lassen das Gemeinsame, daß sie als Ur- 
teile der reinen (theoretischen) oder der 
praktischen Vernunft erwogen werden können. 
Diese beiden Sphären des Denkens werden 
aber gerade in diesem Gebiete nur selten 
scharf geschieden. Aus der Vermischung aber 
ergeben sich mitunter psychopathische 
Erscheinungen, die sich als Friedens- und 
Kriegshysterie diagnostizieren lassen. 

Eine wunderliche Verirrung, der man 
nicht selten begegnet, ist es, wenn der 
Friedenshysteriker gegen die gesamte ge- 
rüstete Staatenwelt und ihre Führer sich in 
veitstanzartigen Schimpfsalven entlädt und 
statt sanfter Töne oder vernünftig-logischer 
Darlegungen, durch die man Seelen und 
Geister gewinnen könnte, ein. förmliches 
Kriegsgeschrei für den Frieden erhebt. Er 
glaubt sich vom Boden der Theorie völlig ge- 
löst, lebt in dem Wahne, den archimedischen 
Gedankenpunkt gefunden zu haben, von dem 
aus er mit beleidigenden Stinkbomben um 
sich schleudert, die Empfindungen der Vater- 
landsliebe und Völkerehre" auszurotten ver- 
sucht und ganze Berufsgruppen, Verfassungs- 
formen und Staatseinrichtungen als Satans- 
werke verketzert. Man muß mit kühlem Blut 
solche Nervenentladungen auf ihr Substrat 
untersuchen und findet dann gewöhnlich mehr 
Aufwand wohlerworbener Dialektik als Ge- 
dankenreichtum, eine krasse Rednereitel- 
keit und eine Kriegslust, die sich zwar the- 
orethisch noch am Ziel des Friedens fest- 
nagelt, dabei aber mit Armen und Beinen 
wie besessen in der Luft herumschlägt, heraus- 
fordert ohne Neigung, Satisfaktion zu geben. 

Diese pathologische Art von Friedens- 
bewegung glaubt wirklich die Friedens- 



171 



DIE FßlEDENS-^MkDTE 



3 



erhalterin zu sein, während sie tatsächlich 
auf der Hetzerseite steht, indem sie ruhig 
denkende Leute aufregt, kriegsgeneigte 
Schichten reizt und durch das Gesetz des 
Widerspruchs in ihrer kriegerischen Rich- 
tung vorandrängt. 

Es ist nicht nötig, Namen als Beispiele 
zu nennen und ihnen dadurch zur ersehnten 
Berühmtheit als Friedenshelden zu ver- 
helfen; wer kein Anfänger in der Feder- 
psychologie ist, der kennt den Typus ohne- 
hin schon, und das genügt. 

Die Selbsttäuschung, in der ein solcher 
Pseudoapostel lebt, wurzelt darin, daß er den 
Kriegshetzer für seinen grimmigsten Feind 
hält, während er in der Tat dessen unfrei- 
williger Kopist ist. Auch der Kriegshysteriker 
ist ein Nervenschwächling, der mit dem Krieg- 
führenden nichts gemein hat, dem aber die 
Vorstellungswelt der Kriegsgreuel eine Art 
unentbehrlichen Giftgenusses geworden ist. 
Ihm ist die Welt ohne Krieg eine unerträg- 
liche Idee, er muß ihre öde Leere mit den 
verderbensprühenden Explosivstoffen seiner 
subjektiven Phantasie füllen, um sich anfangs 
nur quartalweise, allmählich aber ständig 
im Rausch seiner tapferen Selbstbespiegelung 
kl übernatürlichen Dimensionen als der Held 
aller vergangenen und künftigen Kriege zu fühlen. 

Sonderbari Nur im Worte unterscheiden 
sich die beiden, ihr Wappenschild und ihre 
Figur sind die gleichen. Das Ganze ist 
nicht Tatsache, sondern Nervensache, und es 
darf nicht wundernehmen, wenn man beide im 
Gefechte plötzlich die Rollen tauschen sieht, 
oder wenn gar ein Virtuose der Sensation 
es fertigbringt, beide Rollen in seiner Per- 
son zu vereinigen. Aber sie sind beide nicht 
so unschuldig, wie sie exaltiert sind. Denn 
wenn sie auf ihren Postamenten agieren, 
dann ist es eine Kunst, zwischen ihnen hin- 
durchzukommen, ohne eine Beschmutzung 
angehängt zu erhalten. 

Es wäre aber auch unbillig, ihnen die 
Schuld an ihrem unnormalen Seelenzustand 
ausschließlich zuzuschieben. Wer möchte 
von sich behaupten können, daß er im Leben 
nie in dem einen oder anderen dieser beiden 
Exaltationszustände sich befunden hätte ? 
Zeiten und Umstände reißen mitunter auch 
die Festesten mit sich fort. Aber es kann 
nichts schaen, rechtdzeitig und stetig 
in der Abwehr der suggestiven Schwin- 
gungen, welche von diesen Polen ausgehen, 
sich zu üben. 

Die Jubilare des 21. Mai. 

i. 

Der 70. Geburtstag Prof. Renaults. < 

Von Prof. N, P o 1 i t i s , Paris. 
Unter den großen Berühmtheiten unserer 
Zeit verkörpert Prof. Renault die inter- 
nationale Idee in ihrem vornehmsten und er- 



habensten Sinne. Keiner hat soviel wie er 
zum Fortschritt des Rechts und zur Förde- 
rung der Gerechtigkeit in den Beziehungen 
zwischen den Völkern beigetragen. 

Seit dreißig Jahren Lehrer des Völker- 
rechts, hat er Tausende von Schülern aller 
Nationalitäten herangebildet. Alle Inter- 
nationalisten, die meisten Diplomaten, die 
Elite der Verwaltungs-, Militär- und Marine- 
Beamten in Frankreich, zahlreiche Rechts- 
gelehrte und Staatsmänner im Auslande, sind 
stolz darauf, ihn zum 1 Lehrer gehabt zu haben. 
Es gibt fast kein Land, in das seine wohl- 
tätige Lehre nicht gedrungen ist. Der Beweis 
dafür wurde durch das unvergeßliche Fest 
erbracht, das vor sechs Jahren anläßlich 
seines 25jährigen Jubiläums als Völkerrechts- 
professor an der Pariser Universität statt- 
fand. 

Seit einem Vierteljahrhundert ist es ihm 
als Rat des französischen auswärtigen Amtes 
gelungen, die Diplomatie nach und nach zur 
Gesetzmäßigkeit zu erziehen. Vor einigen 
Jahren noch hatten die Staatskanzleien dafür 
nicht viel übrig. Sie haben es auch heute 
noch nicht genügend. Aber es ist schon sehr 
viel, daß sie damit anfangen. 

Als Delegierter der meisten internatio- 
nalen Konferenzen seit Ende des XIX. Jahr- 
hunderts, hat er alle Kräfte seiner Vernunft 
und seines Wissens daran gesetzt, um die 
Zahl der internationalen Gesetze zu ver- 
mehren und ihre Qualität zu verbessern. 

Er hat unzählige Male als Schiedsrichter 
fungiert und dabei Urteilssprüche gefällt, 
die den künftigen Rechtsgelehrten und 
Schiedsrichtern gleichzeitig als Entschei- 
dungen höchster Gerechtigkeit wie als Muster- 
beispiele dienen können. Er setzte sich auch 
für die Umgestaltung der Schiedsgerichts- 
barkeit ein, die, vor kurzem noch ein ein- 
faches diplomatisches Auskunftsmittel, dahin 
strebt, eine wirkliche Rechtsinstitution zu 
werden. Der früheren Ansicht des Schieds- 
richters, der sich als der geborene Verteidiger 
seines Landes ansah, setzte Prof. Renault 
seine höhere Auffassung des Richters ent- 
gegen, der im* Namen des Rechtes und der 
Billigkeit sein Urteil fällt, ohne die Interessen 
irgendeiner der Parteien zu den seinen zu 
machen. Seine Unparteilichkeit machte 
manchmal jene erstaunen, die in der alten 
Praxis erzogen waren, aber sein gutes Bei- 
spiel hat den Beifall der größten Skeptiker 
gefunden, so daß er schließlich eine Be- 
wegung ins Leben rief, die nach und nach 
alle zivilisierten Länder ergreift. 

Den einmal angeschlagenen Weg fort- 
zusetzen, wurde Professor Renault nicht 
nur durch seine angeborenen Talente und 
seinen unermüdlichen Fleiß ermöglicht, 
sondern auch weil er sich der Schwierigkeit 
seiner Aufgabe genau bewußt war. Seine ge- 
sammelten Erfahrungen über Menschen und 
Dinge überzeugten ihn, daß mehr noch als 



172 



@s 



DIE FRIEDEN5 -WARTE 



jeder andere menschliche Fortschritt, der 
Weg zum internationalen Fortschritt ein dor- 
nenvoller und mühseliger sei. Man benötigt 
Mut, Geduld und vor allen Dingen viel Klug- 
heit, um ihn bis ans Ende zu gehen. 

Daher das kluge Mißtrauen des Gelehrten 
gegen absolute Doktrinen, die, weil sie sich 
allzusehr von der Wirklichkeit entfernen, Ge- 
fahr laufen, die Ueberzeugung zu erschüttern 
und dem Geist eine falsche Richtung geben. 
Daher der große Sinn für Versöhnlichkeit 
des offiziellen Ratgebers und Vertragsbevoll- 
mächtigten, der stets bereit ist, die ver- 
schiedensten Meinungen gelten zu lassen, 
sie ohne Vorurteil zu prüfen, ihnen — nö- 
tigenfalls — das notwendige Verständnis ent- 
gegenzubringen, um wünschenswerte Ueber- 
einstimmung zu ermöglichen. Daher endlich 
die Sorge des Richters, der berufen wird, 
leidenschaftliche Konflikte zu lösen, die 
Schärfe des Rechts durch die Empfindlich- 
keit schonende Konzessionen zu mildern, um 
die Beziehungen harmonischer zu gestalten. 

Die Ideologen sind vielleicht versucht, 
diese Klugheit für Lauheit anzusehen, die 
den Fortschritt aufhält oder verlangsamt. In 
Wirklichkeit ist aber diese Klugheit die 
sicherste Gewähr des Fortschritts in einer 
aus Nationen verschiedener Rasse, Zivili- 
sation und Gebräuche gebildeten Gesell- 
schaft. Die Dauer eines zu errichtenden 
Baues hängt vor allem von dem Umfang und 
der Solidität ihrer Fundamente ab ; die an 
ihrer Legung arbeiten, verdienen daher die 
Dankbarkeit der Menschheit. 

Von diesem Geiste durchdrungen, ver- 
urteilt Prof. Renault die gefährlichen Ueber- 
treibungen einzelner Pazifisten : so die vor- 
eilige Kodifikation des Völkerrechts, weil die 
Sitten der Völker ohne eine eingehende De- 
t eilarbeit zweckmäßig nicht textlich fest- 
gelegt werden könnten; so das integrale und 
obligatorische Schiedsgericht, weil diese Ein- 
richtung, deren Anwendung durch die Do- 
mäne des Rechts selbst geboten erscheint, 
kein Zweck, sondern ein Mittel ist; so 
die Abrüstung, weil, so wünschenswert diese 
Maßnahme auch sei, sie nur die Folge einer 
auf Recht gegründeten internationalen Or- 
ganisation sein könnte; so endlich und haupt- 
sächlich den Antipatriotismus, weil durch die 
Konstruierung eines Widerspruches zwischen 
der internationalen Idee und der des Vater- 
landes, von der ersten alle jene entfernt 
werden, die am Vaterlande mit ganzer Seele 
hängen. Da der Internationalismus auf der 
Achtung vor der Freiheit und der Würde 
jedes Staates beruht, so ist derjenige un- 
würdig, sich internationaler Bürger zu nennen, 
der damit beginnt, seinem eigenen Lande 
diese Achtung zu versagen. 

Viel mehr aber als alle Worte predigt 
das Beispiel Prof. Renaults selbst diese 
Wahrheit: indem er Frankreich diente, hat 
er am' besten allen anderen Nationen s:e- 



dient, und seine Hingebung an dieses Land 
war immer um so größer, als er wußte, daß 
im letzten Grunde auch die anderen Völker 
daran teilhaben würden. 

Das ist sicher nicht das geringste seiner 
Verdienste, die ihm die Verehrung der ganzen 
Welt einbrachten. Seine Rüstigkeit läßt uns 
hoffen, daß er noch lange Jahre seine 
ausgezeichnete Tätigkeit zugunsten der 
Wissenschaft und der Menschheit wird weiter 
entfalten können. Dies ist — zu seinem 
70. Geburtstag — der herzliche Wunsch 
aller, die das Höchste darin erblicken, Be- 
ziehungen der Gerechtigkeit und des Friedens 
zwischen den Nationen sich entwickeln zu 
sehen. 



IL 

Albert Gobat. 

1843 - 21. Mai — 1913 

Von Chr. L. Lange, 

Generalsekretär der Interparlamentarischen Union 

in Brüssel. 

Es wird allen, die ihn kennen, unglaub- 
lich scheinen, daß Albert Gobat jetzt 
die „Jahre des Staubes" erreicht: es ist an 
ihm so wenig Verstaubtes; er hat so gar 
nicht das Gepräge des alternden Mannes. 
Seine rüstige Gestalt, sein kräftig gebauter 
Körper, der nichts Schwerfälliges an sich hat, 
sein noch schwarzes Haar, das von der Stirn 
wie eine \Flamme emporstrebt — das alles 
widerspricht dem Zeugnis seines Geburts- 
scheines. Es läßt uns auch hoffen, daß Gobat 
zu der schon stattlichen Reihe von Friedens- 
freunden gehören wird, die uns bis an die 
achtziger und neunziger Jahre erhalten geblie- 
ben sind, wie die abgeschiedenen Passy, 
Hodgson, Pratt, Cremer und Beernaert 
oder die uns noch erhaltenen Labiche und 
Houzeau de Lehaie. 

Albert Gobat hatte schon eine rege öffent- 
liche Tätigkeit hinter sich, als er im Jahre 
1891, 48 Jahre alt, sich der Friedensbewe- 
gung anschloß. Als ganz junger Advokat 
hatte er sich in seiner Heimat, dem berni- 
schen Jura, besonders der Entwicklung des 
Unterrichtswesens gewidmet. Noch nicht 40 
Jahre alt, war er in den Großen Rat des 
Kantons Bern gewählt worden, und übernahm 
gleichzeitig auch hier die Leitung des Unter- 
richtsdepartements. Schwere Kämpfe hatte er 
hier zu bestehen wider eingewurzelten Konser- 
vatismus und faule Trägheit. Aber der Wider- 
stand steigerte nur seine rücksichtslose Energie 
und er konnte, als er nach fünf undzwanzig Jah- 
ren die Leitung des Unterrichtswesens nieder- 
legte, stolz auf die Ergebnisse seines Wirkens 
sein. Die Berner Universität hat während 
dieser Jahre ihren hohen wissenschaftlichen 
Ruf, namentlich auf dem medizinischen Ge- 
biete, erworben, und die Primärschule hat 
namhafte Fortschritte gemacht, besonders 



173 



DIE FßlEDENS-^VAQTE 



=3 



durch die große Reform von 1894, die Gobats 
persönliches Werk war. Mittlerweile war er 
auch in den Dienst des öffentlichen Lebens 
der Schweizer Konföderation getreten: als 
Nationalrat hat er im Jahre 1891- der dritten 
interparlamentarischen Konferenz in Rom bei- 
gewohnt. 

Gobat trat in die Bewegung ein, als die 
Friedensfreunde darangingen, sich internatio- 
nal zu organisieren. "Es war ganz natürlich, 
daß sie dann mit Begeisterung und Dank- 
barkeit seine bewährte organisatorische und 
administrative Begabung in Anspruch nahm, 
und er hat sich auch unbegrenzt zu ihrer 
Verfügung gestellt. Er war schon 1891 als 
Mitglied des ständiger Komitees des Friedens- 
bureauS Elie Ducommun bei Seite getreten 
und blieb in dieser Stellung bis 1899. Im 
Jahre 1892 hat die 4. Interparlamentarische 
Konferenz, die zu Bern unter dem Präsidium 
Gobats' tagte, beschlossen, der Interparla- 
mentarischen Union eine festere Organi- 
sation zu geben. Gobat unternahm die Auf- 
gabe, diese Organisation zu schaffen und zu 
leiten, und siebzehn Jahre hindurch hat er 
hier als Ehrensekretär außerordentliches ge- 
leistet, an Arbeit, an Initiative, an Kampf. 
Das Nobelkomitee hat ihm 1902, als einem 
der vier ersten, den Friedenspreis zuerkannt. 

Wir können hier nicht im einzelnen der 
Wirksamkeit Gobats im interparlamenta- 
rischen Amt, in den jährlichen Konferenzen, 
als Leiter der Monatsschrift „La Conference 
interparlementaire" nachgehen. Das hieße die 
Geschichte der Union selbst während dieser 
Jahre schreiben. 

Beim Tode Elie Ducommuns, 1906, über- 
nahm Gobat auch die Leitung des Friedens- 
bureaus, und als 1912 das Bureau sich mit 
Hilfe der Carnegie-Stiftung reorganisierte, 
trat er als Direktor des Instituts an dessen 
Spitze und widmet ihm jetzt seine ganze 
Arbeitskraft. Von hier aus führt er seinen 
freudigen Kampf weiter für die Ideen, die 
ihm! Herzenssache sind. 

Gobat ist eben sein ganzes Leben ein 
Kämpfer gewesen. Der Kampf ist sein 
Element; der Widerstand ist ihm eine Not- 
wendigkeit und ein Bedürfnis; man könnte 
versucht sein zu sagen, daß, wenn der Wider- 
stand nicht da wäre, so würde er ihn 
schaffen, um desto frischer kämpfen zu 
können, mit der rücksichtslosen und rück- 
sichtsfreien Energie, die seiner ganzen Per- 
sönlichkeit ihr ganzes Gepräge verleiht. Er 
leistet glücklicherweise ein kräftiges De- 
menti der albernen Lehre, daß pazifistische 
Anschauung die Freude des Kämpfens aus- 
schließt. 

Alle Friedensfreunde werden Albert Gobat 
zum siebzigsten Jahre ihren Dank und ihre 
Grüße darbieten, in dem Wunsche, daß er 
noch lange Jahre seine Tätigkeit fortsetzen 
möge. 

CSS? 



III, 

Dr. Heinrich Lammasch. 

Zu seinem 60. Geburtstage. 
Von E. Frhr. v. Plener. 






Der Name Heinrich Lammasch's ist heute 
in der ganzen internationalen Welt anerkannt 
und hochgeachtet. Er hat als Schiedsrichter 
im 1 Haag in schwierigen und wichtigen Fällen 
die Entscheidung zur Zufriedenheit beider 
Streitteile gefällt und damit die Autorität 
des neuen Schiedsgerichtshofs vor der ganzen 
Welt gehoben. Namentlich in dem letzten 
unter seinem Vorsitz abgehaltenen Schieds- 
verfahren über die seit fast zwei Jahrhun- 
derten zwischen England und den. Ver- 
einigten Staaten schwebende Kontro- 
verse der Neufundlandfischerei hat er 
einen Scharfsinn und eine so gründliche 
Beherrschung des höchst verwickelten 
und umfangreichen Materials entwickelt, die 
ihm 1 unter den internationalen Juristen einen 
ersten Rang zuweisen. Er ist seiner Anlage 
und seiner Denkweise nach der richtige 
Schiedsrichter. Nach einer von vielen ge- 
teilten Auffassung ist der Schiedsrichter na- 
mentlich in internationalen Dingen kein 
Richter im 1 eigentlichen Sinne des Wortes. 
Das Schiedsgericht wird zusammengesetzt 
durch die freie Wahl der Streitteile, welche 
mit Recht auch 1 nationale Schiedsrichter im 
Kollegium! haben wollen, und der Schieds- 
spruch ist kein Urteil im formalistischen 
Sinne des Zivilprozesses, es muß mit einer 
gewissen aequitas gefällt werden, es han- 
delt sich nicht bloß um die formelle Unter- 
werfung des Falles unter einen Rechtssatz, 
das Schiedsverfahren soll eine ausgleichende 
Gerechtigkeit schaffen. Das ist's, was die 
anrufenden Teile wollen, und das ist es, 
was nach unseren heutigen Auffassungen den 
souveränen Staaten die Anrufung von 
Schiedsgerichten ermöglicht, während die 
Unterwerfung des 1 souveränen Staats unter 
einen berufsrichterlich zusammengesetzten Ge- 
richtshof noch lange große Schwierigkeiten 
bieten wird. Und jene ausgleichende Funktion 
des Schiedsrichters verstand Lammasch in der 
richtigen Weise auszuüben, hier kann das 
oft mißbrauchte Wort vom ,, guten Richter" 
angewendet werden, eine billige Entschei- 
dung, die einen versöhnenden Abschluß 
bringt, und in wichtigen Fällen, wenn auch 
formell nicht zugestanden, tatsächlich einen 
politischen Charakter an sich trägt. 

Aber nicht bloß als Vorsitzender des 
Schiedsgerichtshofes hat sich Lammasch um 
die Sache der schiedsgerichtlichen Aus- 
tragung internationaler Streitfragen große 
Verdienste erworben, als einer der Delegierten 
unserer Monarchie auf beiden Haager Kon- 
ferenzen hat er dem 1 Gedanken obligatorischer 
Schiedsgerichte für bestimmte Fälle seine 
besten Argumente geliefert, wenn ihm auch 



174 



<§= 



DIE FRI EDENS -^ÄßTE 



durch die Instruktionen seiner Regierung die 
Hände etwas gebunden waren. 

Als Mitglied des Institut de droit inter- 
national entwickelte Lammasch eine eifrige 
Tätigkeit, und noch in dessen letzter Jahres- 
versammlung ist er der amerikanischen Ten- 
denz nach Einsetzung eines ständigen kleinen 
internationalen Tribunals für geringere ju- 
ridische Fälle entgegengekommen, hat aber 
dabei nachdrücklich die Tätigkeit des großen 
.Schiedsgerichtshofs für politische und wich- 
tigere Fälle gewahrt. 

In der allerjüngsten Zeit hat er die 
völkerrechtliche Literatur durch ein in den Ver- 
öffentlichungen des Nobel-Instituts erschie- 
nenes größeres Werk über ,,D ie Rechts- 
kraft internationaler Schieds- 
sprüche"*) bereichert. Er gibt darin an 
der Hand der bisherigen Schiedsgerichts- 
praxis eine ausgezeichnete Darstellung über 
die Art der Fälle, welche sich für schieds- 
richterliche Austragung eignen, macht mit 
der ihm eigenen weisen Vorsicht Vorbehalte 
gegen die Zulässigkeit von Klagen von 
Privatpersonen gegen einen Staat, weil er 
überhaupt von dem internationalen Hof nur 
die Streitigkeiten zwischen Staat und Staat 
als derzeit möglich entscheiden lassen will. 
Eingehend behandelt er das Verhältnis inter- 
nationaler Schiedssprüche zu den Erkennt- 
nissen der nationalen Gerichte und kommt 
zu dem Schluß, daß der Spruch eines „iso- 
lierten" (d. i. eines nur ad hoc eingesetzten) 
Schiedsgerichts, im 1 Falle als er gegen das 
Erkenntnis des nationalen Gerichts ausfällt, 
den unterliegenden Staat zur Schadloshal- 
tung verpflichte, daß derselbe ferner keine 
für die Zukunft bindende präjudizielle Kraft 
für die nationalen Gerichte habe, wohl aber 
könne sich für die betreffende Regierung die 
Pflicht ergeben, eine Gesetzesänderung im 
Sinne des Schiedsspruchs durchzuführen. 
Hat ein „institutionelles" (d. i. ein auf Grund 
eines allgemeinen Schiedsgerichtsvertrages 
berufenes) Schiedsgericht für eine Vertrags- 
norm' eine bestimmte Auslegung festgestellt, 
so ist der Schiedsspruch für beide Teüe 
gültig. Für die Durchführung internationaler 
Schiedssprüche will Lammasch keine gewalt- 
samen Exekutionsmittel, er vertraut auf die 
fortschreitende Zivilisation und den guten 
Glauben der Kulturstaaten, um die Voll- 
streckung in loyaler Weise zu sichern. 

Wir Oesterreicher verehren in Lammasch 
den ausgezeichneten Rechtslehrer, der eine 
Zierde unserer ersten Universität ist. An der 
Verfassung des neuen Strafgesetzentwurfs 
hat er hervorragenden, maßgebenden Anteil 
genommen, und sein darüber im Namen der 
juridischen Kommission des Herrenhauses 
erstatteter Bericht ist ein Meisterwerk klarer 
Darstellung, die von dem Geist echter Hu- 
manität getragen wird. Wir alle wünschen 
dem 1 hochverehrten Manne noch eine lange 
Kristia nia 19 13. 



Reihe von Jahren der Kraft und Leistungs- 
fähigkeit, die er sicher mit bedeutendster 
Tätigkeit ausfüllen wird, zur Ehre seines 
Namens und zur dankbaren Anerkennung 
seines Vaterlandes. 



„Deutschland in Waffen." 

Von C. L. Siemering, Königsberg i. Pr. 
Ein junger Mann hat ein Buch veröffent- 
licht, zu dem er zwei Artikel beisteuerte; der 
Rest stammt von Schlachtenmalern bzw. akti- 
ven Offizieren zu Lande und zur See. Das 
Buch ist „Seiner Majestät dem Kaiser und 
König ehrfurchtsvoll gewidmet" — demselben 
Kaiser, der den Ausspruch getan hat: „Ich 
wünschte, der europäische Friede läge in 
meiner Hand; ich wollte schon dafür sorgen, 
daß er nicht gestört würde." 

In seinem „Wo rt zum Geleit" schreibt 
der junge Mann : „ ... Nur so, auf das gute 
Schwert gestützt, können wir den Platz an 
der Sonne erhalten, der uns zusteht, aber 
nicht freiwillig eingeräumt wird". Der Kaiser 
dagegen sagte im Jahre 1895, als er etwa im 
Alter des jungen Mannes stand, bei Eröffnung 
des Nordostseekanals, „ . . . Die gepanzerte 
Macht, die versammelt ist im Kieler Hafen, 
soll zu gleicher Zeit ein Sinnbild des Friedens 
sein, des Zusammenwirkens aller euro- 
päischen Kulturvölker zur Hochhaltung der 
europäischen Kulturmission." Außer- 
dem: der junge Mann verwechselt wieder ein- 
mal „Krieg" und „Sieg"; er vergißt, daß 
für den Besiegten oder im Rüstungswettkampf 
Unterliegenden die erträumten Vorteile sich 
ins bittere Gegenteil verkehren müssen. 
Weiter lesen wir: „Diesen kriegerischen, 
treuen und stolzen Sinn müssen wir pflegen 
und unseren Nachkommen als heiliges Erbe 
überliefern." Dagegen hören wir in der 
Bremer Rede des Kaisers vom 22. März 
1905 folgendes. 

„Das Weltreich, das ich mir geträumt 
habe, soll darin bestehen, daß vor allem 
das neuerschaffene Deutsche Reich von 
allen Seiten das absoluteste Vertrauen als 
eines ruhigen, ehrlichen, friedlichen Nach- 
barn genießen soll, und daß, wenn man 
dereinst von einem deutschen Weltreich . . . 
reden sollte, es nicht auf Eroberun- 
gen begründet sein solle durch das Schwert, 
sondern durch gegenseitiges Vertrauen der 
nach gleichen Zielen strebenden 
Nationen." 
Das „internationale Weltbürgertum*), 

*) Es sei hier auch an jene Worte erinnert, 
die der Kaiser am 21. Juni 1904 in Cuxhaven 
sprach: „Jedem objektiven Beobachter der Vor- 
gänge auf unserem Erdenkreise muß sich die 
eine Beobachtung aufdrängen, daß allmählich die 
Solidarität unter den Völkern der Kulturländer 
unstreitig Fortschritte macht auf verschiedenen 
Gebieten. Und diese Gebiete erweitern sich. 



175 



DIE FRIEDENS -WARTE 



: 3 



meint der junge Mann, sei „un deutsch". 
Nun, es gab eine Zeit, da der deutsche 
Gedanke als unpreußisch galt, so daß seine 
Vertreter — wie Jahn und Reuter — in 
Festungskasematten schmachten mußten. Und 
was das „Friedenswiegenlied der 
Utopisten" anlangt, so galt auch einmal 
die Abschaffung der Inquisition, der Leib- 
eigenschaft, Tortur, Hexenverbrennung, des 
Harakiri oder der indischen Witwenverbren- 
nung als utopisch und gotteslästerlich. — 
Gleichwie heute Sachsen und Bayern nicht 
in „trägen Schlaf" versunken sind, seit 
sie Mitglieder des Deutschen Reiches wurden; 
wie dieses reichlich wach geblieben ist, ob- 
wohl es dem Dreibund beitrat und zeit- 
weise — beim Boxeraufstand in China oder 
in den Balkanwirren — mit allen Kultur- 
staaten gemeinsam operiert, so besteht in 
Wahrheit auch nicht der leiseste Grund zu 
der Befürchtung, daß es irgendwie sich selbst 
verlieren würde, wenn es, im wohlverstandenein 
eigensten Interesse, sich dauernd einem 
Staatenbunde von fünf oder sechs Großmäch- 
ten angliedern wollte — ein Weg, der durch 
die beiden Haager Konferenzen bereits in sehr 
ausgedehnter Weise beschritten worden ist. 
„Dem hitzigen Gelderwerb", meint der 
junge Mann, „wird in diesen schlimmen Frie- 
denszeiten „alles geopfert"." Er scheint nichts 
von der seit Jahren bestehenden Teuerung 
zu wissen, die mehrfache — allerdings recht 
anzulängliche — Besoldungserhöhungen nötig 
machte; er kennt wohl auch kaum die von 
Novicow vor etwa zehn Jahren mitgeteilte 
Statistik, wonach 40% des deutschen Vol- 
kes ein Durchschnittseinkommen von 276 Mark 
jährlich haben, und daß unter den fortge- 
schrittensten Gesellschaftsgruppen Westeuro- 
pas von 1000 Personen 900 im Elend, 90 
in halbwegs geordneten Verhält- 
nissen und nur 10 im Reichtum le- 
ben. Wie kommt man also zu der Behaup- 
tung, daß der Luxus die Nationen verdorben 
hat, wenn die im Luxus lebenden Personen 
stets nur eine völlig unerhebliche Minderheit 
bildeten? Eine wahrhaft teuflische Ironie 
liegt in der Ansicht, daß die in Not und 
Elend Lebenden von Zeit zu Zeit sich massa- 
krieren müssen, um durch den Luxus, den 
sie niemals besessen haben, nicht verweich- 
licht zu werden. 

Den Schlüssel zu all* diesen Tiraden und 
Fanfaren bietet uns der zweite Beitrag: 
„Regiment der Gardes du Corps, Standarten- 
Diese Solidarität geht unmerklich, aber un- 
widerstehlich in das Programm der Staats- 
lenker über, wie in die Gedanken der sich 
selbst regierenden freien Bürger. Diese Soli- 
darität wird genährt in verschiedener Weise, 
sei es in ernster politischer Beratung, sei es 
auf Kongressen, sei es in Wettkampf und 

Spiel Dieser Solidarität verdankt 

es der Kaufmann, der Industrielle, der Ackerer, 
wenn er in ruhiger Arbeit sich fortschreitend 
entwickeln kann." Red. d. Fr.-W. 



176 



eskadron". Dort heißt es am Schlüsse, nach 
Schilderung einer Reiterattacke im Manöver: 
„Und doch noch eines erscheint dem echten 
Reitersmann schöner: wenn alles dies dasselbe 
ist, aber am Ende des schnellen Laufes uns 
der Feind entgegenreitet, und der Kampf, 
für den wir geübt und erzogen sind, 
einsetzt; der Kampf auf Leben und Tod." 

Abgesehen davon, daß hier die alte An- 
schauungsweise von dem jeweiligen Nachbar- 
volke, mit dem wir die Handelsgüter aus- 
tauschen, als einem „Feinde" nachwirkt — 
wofür man in den Reden unseres Kaisers 
kaum ein Analogon finden dürfte — : hier zeigt 
sich der Militarismus als Selbstzweck in 
seiner unverblümten Schöne. Wir sind „da- 
für geübt und erzogen", also hegen 
wir natürlicherweise den Wunsch, das Vater- 
land nicht etwa nur im Falle eines Angriffs 
zu verteidigen, sondern, daß dieser Ernstfall, 
der uns Lebensbetätigung bedeutet, recht 
bald eintreten und, falls er zu lange auszu- 
bleiben droht, künstlich herbeigeführt werden 
möge, damit der „Reitergeist" endlich Befrie- 
digung und Daseinszweck erhalte . . . 

Auch aus den Artikeln der hohen Mili- 
tärs und aus den Bilde r - Reproduktionen 
des äußerlich prächtigen Buches tönt es von 
Säbelgerassel, Torpedoexplosion, Fahnenrau- 
schen, Maschinengewehrfeuer und „Treue bis 
in den Tod". Der Pariser „E x c e 1 s i o r" 
aber schreibt sorgenvoll: „Noch hat er (der 
Autor) nichts von der Friedensliebe gezeigt, 
der sein Vater so aufrichtig ergeben ist." 
Denn es handelt sich um jenen jungen Mann, 
der nach menschlicher Voraussicht einmal 
Deutscher Kaiser sein wird. Und dieser 
Umstand wird in der Tat auch jeden Deut- 
schen nachdenklich stimmen. 



Brief aus denVereinigtenStaaten. 

Von Henry S. H a s k e 1 1 , New York. 

Am 10. April fand in New York City die 
7. jährliche Versammlung der „Intercollegiate 
Civic League" statt. Zweihundert Vertreter 
verschiedener Universitäten des Landes waren 
anwesend. Bei Begrüßung der Versammlung 
sagte Prof. Nicholas Murray Butler, 
Präsident der Columbia-Universität, unter anderem: 

„Ich betrachte die jetzige leichtsinnige 
Auffassung führender Männer in bezug auf 
Vertragsverpflichtungen als eine sehr wichtige 
und beunruhigende Frage. 

Wir rnüssen uns selbst zu einem Volke 
erziehen, das seine äußeren Verpflichtungen 
in ganz derselben Weise erfüllt, wie ein Mann 
von Charakter seine persönlichen Verbindlich- 
keiten seinen Mitmenschen gegenüber. Wir 
müssen mit jeder Schönfärberei unserer ge- 
brochenen internationalen Versprechen auf- 
hören. Sophistische Argumente, wirtschaft- 
licher Profit oder politischer Gewinn dürfen 
niemals einem Land mehr erlauben als 






e 



DIE FRIEDEN5-^VARXE 



einem ehrlich denkenden Menschen in Er- 
füllung seiner Versprechen gegen andere ge- 
statten würden. 

Ein anderes großes internationales Problem 
ist die Frage, wie wir die ungeheuerlichen 
Ausgaben aller Nationen für Kriegszwecke 
hemmen können. Tatsächlich gibt jedes Land 
in Europa mehr dafür aus, als es selbst tragen 
kann. Welcher Wahnsinn darin liegt, wurde 
am besten vom Lord der Admiralität in Eng- 
land, W ins ton Churchill, der mehr als 
jeder andere unserer Zeit von Kriegsausgaben 
weiß, in einer Parlamentsrede bewiesen. Er 
sagte, daß Großbritannien durch seine Flot- 
tenausgaben die lächerliche Stellung eines 
Geschäftsinstitutes einnehme, das jährlich 
Hunderte von Millionen für eine gewisse Art 
von Gütern ausgibt und andere Millionen für 
die Erfindung solcher Güter, die eben jene 
zerstört oder nutzlos macht. Er fragt uns, wie 
lange diese Politik von einem vernünftigen 
Mann verteidigt werden kann; und die Ant- 
Avort darauf ist, daß sie nicht für einen ein- 
.zigen Augenblick einen Verteidiger finden könne." 

Bei einem am 11. April abgehaltenen 
Diner der „Navy League", das in der Ab- 
sicht stattfand, zur Anschaffung einer größe- 
ren Flotte zu ermutigen, gab der anwesende 
Staatssekretär Bryan im eigenen Namen fol- 
gende Erklärung ab : „Währ end Sie eine 
Erhöhung der Kriegsschiffe wol- 
len, werde ich die kommenden vier 
Jahre nur dafür arbeiten, daß 
Kriegsschiffe nicht notwendig werden." 

MB 

Amerikanische Zeitungen haben sich mit 
den von Dr. Liebknecht erhobenen An- 
schuldigungen gegen die europäischen Waf fen- 
und Munitionsfabriken in hervorragender 
Weise beschäftigt. Die „New York Evening 
Post" vom 24. April veröffentlicht ein Inter- 
view mit dem Sekretär der New Yorker Frie- 
densgesellschaft, Prof. Samuel T. Dutton, 
der der Meinung Ausdruck gab, daß eine 
Nachforschung bei uns zeigen würde, wie 
sehr alle Einflüsse, die für die Entwicklung 
einer großen Armee und einer mächtigen 
Flotte wirken, größtenteils künstlich sind, und 
daß letzten Endes die Munitionsfabriken für 
die häufigen Kriegsalarme zwischen diesem Land 
imd andern Ländern verantwortlich zu machen sind. 

NR 

Während der letzten Woche herrschte im 
westlichen Teil unseres Landes und in Japan 
große Aufregung wegen des beabsichtigten 
Fremdengesetzes der gesetzgebenden Körper- 
schaft von Kalifornien. Das Gesetz schlägt 
vor, einem Fremden das Recht auf Grund- 
besitz für länger als ein Jahr zu verweigern, 
sofern er nicht die Absicht bekundet hat, ein 
Bürger der Vereinigten Staaten zu werden. 
Weil die Frage der Erlangung des Bürger- 
rechts durch Japaner in den Vereinigten 
Staaten durch den Obersten Gerichtshof noch 



nicht erledigt wurde, hält das amerikanische 
Volk im allgemeinen die Japaner für nicht 
wahlfähig. Es wird in Kalifornien zugegeben, 
daß das Anti-Fremdengesetz gegen die Japaner 
gerichtet ist. In Anbetracht dessen, daß die 
Vereinigten Staaten einen Vertrag mit Japan 
geschlossen haben, der diesem Land verschie- 
dene Privilegien bewilligt, die durch dieses 
Fremdengesetz gegenstandlos werden, hat die 
Situation zwei empfindliche Punkte gezeitigt. 
Erstens, die Frage des Rechtes der Staaten 
und zweitens die Vertragsbeziehungen zwischen 
Japan und den Vereinigten Staaten. Die 
Staatenrechtsfrage ist durch das Gesetz ge- 
klärt. Die Konstitution der Vereinigten Staaten 
verfügt, daß internationale Verträge als ober- 
stes Gesetz des Landes zu gelten haben, und 
daher jedem Staatengesetz vorgehen. In ver- 
schiedenen Entscheidungen hat der oberste 
Gerichtshof der Vereinigten Staaten dieses 
Prinzip aufgestellt. Wenn Kalifornien ein Ge- 
setz annimmt, welches im Gegensatz zu irgend- 
einem Vertrag zwischen den Vereinigten 
Staaten und einer anderen Nation steht, muß 
dieses Gesetz vom Obersten Gerichtshof für 
null und nichtig erkannt werden. Trotzdem 
herrscht große Erregung über diese Frage 
und unglücklicherweise auch ein schlechtes 
Verhältnis zwischen einer gewissen kleinen 
Anzahl von Bewohnern der Pacific-Küste und 
einer entsprechend kleinen Anzahl von Bürgern 
Japans. Die letzteren scheinen Vorteil aus der 
Situation zu ziehen, indem sie der Regierung 
von Tokio Schwierigkeiten bereiten. Es ist 
aber ebenso möglich, daß die Agitatoren des 
Fremdengesetzes in Kalifornien die Absicht 
haben, der neuen Verwaltung in Washington 
Verlegenheiten zu bereiten. Die Progressiv- 
Partei, unter dem Namen „Bull Moose Party" 
bekannt, kontrolliert die kalifornische Gesetz- 
gebung. So wird erzählt, daß der ehemalige 
Präsident Roosevelt dem Gouverneur von 
Kalifornien, Hiram Johnson, telegraphisch 
seinen Rat gesandt habe. 

Bei Beginn dieser Agitation schien Präsi- 
dent Wilson abgeneigt, in dieser Sache bei 
der kalifornischen Staats-Gesetzgebung zu 
vermitteln. Als sich aber zeigte, daß die An- 
gelegenheit in Japan sehr ernst aufgefaßt 
wurde, und daß internationale Komplikationen 
eintreten könnten, versuchte Präsident Wil- 
son durch Mitteilungen, die er an den Gouver- 
neur Johnson von Kalifornien sandte, seinen 
moralischen Einfluß zu einer Milderung der 
vorgeschlagenen 'Maßregeln geltend zu machen. 
Bis jetzt scheint dieser moralische Einfluß 
wenig Erfolg gehabt zu haben. Präsident 
Wilson hat aber vom Gouverneur John- 
son die Versicherung erhalten, daß kein end- 
gültiger Beschluß in dieser Sache gefaßt wer- 
den würde, bis Staatssekretär Bryan Kali- 
fornien besucht und seine Ansichten über das 
Fremdengesetz ausgedrückt hätte. Der Staats- 
sekretär befindet sich nun auf dem Wege nach 
Kalifornien. 



177 



DIEFBIEDEN5->i^ßrE 



;§> 



Die Zukunft der Haager 
Friedenskonferenzen. 

Von Dr. Hans Wehberg in Düsseldorf. 
(Schluß.) 

7. Endlich — und damit will ich die 
Vorschlagsliste schließen — wäre sehr zu er- 
wägen, ob nicht die Regierungen fortan die 
nationalen Gesellschaften, die für den Frieden 
eintreten, z. B. eine so hervorragende Vereini- 
gung wie den „Verband v für internationale Ver- 
ständigung", in reichem Maße unterstützen 
wollen. Da eine große Anzahl Regierungen 
bereits heute der interparlamentarischen Union 
jährlich einen Betrag überweisen läßt, so ist 
dieser Gedanke nicht so weltfremd, wie er 
auf den ersten Blick erscheinen könnte. Fallen 
denn nicht die Ziele der Friedensbewegung 
und der gesunden Friedenspolitik der Re- 
gierungen völlig zusammen ? Gewiß muß man 
zugeben, daß bei einzelnen Gesellschaften 
noch utopistische Forderungen auftreten; aber 
gerade dadurch, daß die Regierungen mit den 
Friedensgesellschaften Hand in Hand arbeiten, 
wird es am leichtesten möglich sein, von den 
Friedensgesellschaften eine wirklich maßvolle 
Unterstützung bei der Aufklärung der öffent- 
lichen Meinung zu erhalten. 

Wenn auch einzelne der zuletzt genannten 
Vorschläge auf rein nationaler Grundlage ver- 
wirklicht werden können, so scheint es nichts- 
destoweniger gut, gemeinsam diese Fragen 
zu überlegen. 

Wir sahen also, daß von den genannten 
Vorschlägen noch kein einziger von den 
Haager Friedenskonferenzen energisch ange- 
faßt worden ist. Die Konferenzen haben sich 
auf die Schiedsgerichts- und Rüstungsfrage 
beschränkt, phne einmal von Grund aus zu 
überlegen, wie in planvoller, allmählicher 
Arbeit eine Besserung der internationalen Ver- 
hältnisse herbeigeführt werden kann. 

Nun ist ja allerdings das Verhalten der 
Haager Konferenzen sehr wohl dadurch zu 
verstehen, daß auf dem Programme der ersten 
Haager Konferenz lediglich die Abrüstungs- 
und Schiedsgerichtsfrage stand. Man hat 
eben später nicht versucht, eine systematische 
Friedenspolitik zu betreiben. 

Da erhebt sich denn die Frage, ob we- 
nigstens auf dem Gebiete der Rüstungsfrage 
und der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit 
die Haager Konferenzen systematisch und 
planvoll vorgegangen sind, oder ob die Ver- 
handlungen und Beschlüsse in dieser Hinsicht 
zu scharfer Kritik Anlaß geben. 

Betrachten wir zunächst einmal die B e - 
handlung der Rüstung s frage auf 
der ersten Haager Friedenskon- 
ferenz, so war diese einer günstigen Lösung 
der Frage so unvorteühaft wie eben möglich. 
Was nämlich den Vorschlag betreffend einen 
Stillstand der Friedenspräsenzstärke der Land- 



armee auf fünf Jahre anlangt, so war hier 
der allerschwierigste und ungeeignetste Weg 
beschritten worden, um die Frage einer 
Lösung zuzuführen. Als ich kürzlich einmal 
die verschiedenen Vorschläge zusammenstellte , 
die bisher in der Weltliteratur zur Rüstungs- 
frage gemacht worden sind, habe ich nicht 
weniger als 35 gefunden. Höchstwahrschein- 
lich sind aber noch mehr Wege gezeigt 
worden; denn ich habe nur einen kleinen Teil 
der Literatur durchgesehen. Der russische 
Antrag auf der ersten Haager Friedenskon- 
ferenz war nun von diesen 35 Möglichkeiten 
der am wenigsten empfehlenswerte, und es 
war unter diesen Umständen ganz natürlich, 
daß die Haager Friedenskonferenz zu keinem 
Resultate gelangte. Das war in diesem Falle 
ein besonderes Unglück. Denn die Welt 
wurde dadurch in den schweren Irrtum ver- 
setzt, als sei die Rüstungsfrage unlösbar. 
Warum wurde gleich zu Anfang so Schwieriges 
unternommen? Waren nicht zahlreiche Vor- 
schläge gemacht worden, die viel eher zu 
einem Ziele hätten führen können? 

Was die Frage der Festsetzung des 
Flottenbudgets auf die Dauer von drei Jahren 
anlangt, so trat hier klar zutage, daß man 
seine Beschlüsse voreilig faßte. Was soll man 
denn dazu sagen, daß die erste Haager Frie- 
denskonferenz den russischen Antrag über das 
Flottenbudget mit Gründen ablehnte, die auf 
der zweiten Haager Friedenskonferenz von 
Männern wie Renault, Lammasch und 
Scott für unhaltbar erklärt und heute von 
der gesamten Wissenschaft als falsch er- 
wiesen worden sind? Vergegenwärtigen wir 
uns doch einmal diese Tatsache! Nach Er- 
öffnung der Diskussion über den zuletzt er- 
wähnten Antrag äußerten 1899 die Vertreter 
von England, Frankreich, den Vereinigten 
Staaten und Portugal Bedenken, und erklärten, 
die große Schwierigkeit liege hier beim Par- 
lamente und in seiner gesetzlichen Zuständig- 
keit auf dem Budgetgebiete; es gehe nicht 
an, daß sich die Regierungen bezüglich der 
Budgeterhöhungen bänden, wenn das Parla- 
ment darüber noch zu sprechen habe. Freilich 
waren damals schon hervorragende Männer 
wie van Ka rnebeek und v. B i 1 1 e der 
Meinung, daß die Ansicht der Mehrheit unzu- 
treffend sei. Trotzdem wurde der Antrag aus 
konstitutionellen Gründen abgelehnt und den 
Regier