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V 



Die 



Geschichte 



der 



venerischen Krankheiten. 



Eine Studie 



von 



J. K. Proksch 

in Wien. 



Erster Theil: 
Alterthnm and Mittelalter. 




Bonn^ 

Verlag von Peter Hanstein. 

1895. 



l>Ht» Hecht der UebertM^tzuu^ üi fremde Sprachen rorfoeh&lten. 



• • • 






* • 



• • 







Inhaltsverzeichniss. 



Alterthnm. 

Seite 

Praehistorische Zeit. Fossile Funde 1 

„ „ Mythen 7 

Historische Zeit. Chinesen 30 

„ „ Japaner 36 

„ „ Indier 40 

„ „ Perser 50 

„ ,, Aegypter 57 

„ „ Israeliten 69 

Rückblick über die venerischen Krankheiten bei den orien- 
talischen Völkern 100 

Griechen. Aerzte 124 

„ Laien 163 

Römer. Aerzte 171 

„ Laien 192 

Rückblick über die venerischen Krankheiten bei den Griechen 

und Römern 210 



Mittelalter. 

Araber 247 

Rückblick über die venerischen Krankheiten bei den Arabern 269 

Abendländer 280 

Italiener. Aerzte 285 

„ Laien 310 

Franzosen. Aerzte 321 

„ Laien 335 

Engländer. Aerzte 346 

„ Laien 350 

Deutsche und Schweizer. Aerzte 354 

„ „ Laien 361 

Spanier. Aerzte 378 

„ Laien 387 

Nachrichten aus anderen, theils unbekannten 

Ländern 394 

Rückblick über die venerischen Krankheiten im Abendlande 

während des Mittelalters 397 



Die 



Geschichte 



der 



venerischen Krankheiten. 



Eine Studie 



von 



J. K. Proksch 

in Wien. 



Erster Theil: 
Alterthnm and Mittelalter. 




Bonn^ 

Verlag von Peter Hanstein, 

1895. 



Die 



Geschichte 



der 



venerischen Krankheiten 



Eine Studie 



von 



J. K. Proksch 

in Wien. 



Erster Theil: 
Alterthnm und Mittelalter. 




Bonn, 

Verlag von Peter Hanstein. 

1895. 



Fossile Fiinrte. 



l'orient ä roccidont, et cntoure de dalles friistes; ces 
reatea, de l'avis des antliropologistes les plus autorises 
(Broca, Parrot, etc.J, pouvetit etre rapportös ä l'äge de 
pierre, öpoque du renne et de l'borame primitif. Or les 
deux tibias de cette femme, diseut les comptee rendus 
scientiflques, sont le sifege d'exostoses manifestement sy- 
philitiques. Le droit surtoiit porte trois saillies partieu- 
liöreinent caract^ristiquee. L'une est situ6e k la partie 
moyenne sur la cr^te de l'os, d'oü eile s'^tend moltie k la 
face interne, moiti^ ä la face externe. Aiidessoiis, ä '2 centi- 
m^tres de distance, il eu existe une autre serablable, situ^e 
ä la fois sur la crßte du tibia et sur le bord libre qui lui fait 
aiiite ; eile s'ötend aussi k la face Interne et k la face ex- 
terne de l'os. Enfin une troieltine exostose est situee au tiera 
superienr de l'os, ä sa face interne. Exaniinöea pai' Broca, 
Ollier, Parrot et Virchow, ces exostoses ont ^.ih, 
d'un eommiin accord, jugöes syphilitiques. M. Rollet, 
qui a pratiquö k plusieura repriaea I'exainen de ces pre- 
cieux d^bris, demeure convaincu qu'on doit considörer les 
exostoses du squelette de Solutrö comme des „„iudices de 
ayphills plus certains que les defomiations craniennes"" 
döcrites par Parrot." 

B u r e t , aus dessen Schrift die eben vorgeführten 
Daten gröaatentheils entnommen sind, ist autirichtig genug, 
um an einer anderen Stelle die Bemerkung einzusehalten, 
dasa der Entdecker dieses Skeletts , Abbö D u c r o s t , 
Zweifel erhoben hat über die Epoche, aus welcher das 
betreffende Grab stammen soll, 

Vorläufig fehlt noch in der Beurtheilung des aufge- 
fundenen Materials die nothwendige Klarheit und Ueber- 
einstimmung: während z. B. Parrot die Schädelfrag- 
mente von Loz^re für am meisten beweiskräftig hält, 
haben Le Baron zu dem Schienbein von Ld:ry, und 
Rollet imd E u r e t zu dem vou Solutr6 das grösste 
Vertrauen. Sollten die Ausgrabungen in den alten Kul- 
turstätten, wie sie in unserer Zeit in so bedeutendem Um- 
fange vorgenommen wurdeu, gar keine Anhaltspunkte nach 
dieser Richtung ergeben haben? Die dort aufgefundenen 



Mythen. 7 

chirurgischen und gynäkologischen Instrumente bestätigen 
diesbezüglich eben nur, was aus der Litteratur der alten 
Kulturvölker ohnedies bekannt war, nämlich : die Existenz 
der verschiedenen Geschlechtskrankheiten; Beweise für 
die Syphilis geben diese Werkzeuge jedoch nicht, und 
dürften auch kaum anderswo als in den Knochen der al- 
ten Völker gesucht werden. Max Joseph^) bemerkt : 
„Wie aber noch Virchow jüngst betonte, ist kein ein- 
ziger beglaubigter Fall bekannt, wo an einem prähisto- 
rischen Knochen in Wirkhchkeit Spuren von Syphilis 
nachgewiesen wären." Gut ! wenn Virchow eben alle 
Fälle bekannt sind. 



Mythen. 

Die ältesten Götter- und Heldensagen, deren Ursprung 
w^eit in die vorhistorische Zeit hineinreicht, melden bereits 
in völlig unzweideutiger Weise über Genitalerkrankungen, 
von denen die Menschen gewöhnlich durch die beleidig- 
ten und strafenden Gottheiten heimgesucht wurden. Der 
Venus-, Lingam- und Phallus-Cultus, welcher sich als 
ein Theil der Religion bei den meisten Völkern des Alter- 
thums findet, verdankt seine Entstehung jedenfalls zumeist 
den Krankheiten der Geschlechtstheile ; denn es ist kaum 
anzunehmen, dass die Menschen früher Special-Gottheiten 
suchten und zu ihnen beten lernten, ehe sie durch Noth 
und Elend dazu gedrängt wurden. Das Erstaunliche und 
Geheimnissvolle der schaffenden Naturkraft, des Zeugungs- 
aktes, der Empfängniss, der Mutterliebe, des Kindersegens 
u. dgl. mag ja, wie schon die ältesten Dichter besingen 
und selbst die neuesten Mythologien lehren, hie und da 
mit ein Anlass der frommen Erhebungen zu den Göttern, 
beziehungsweise zu deren Genitalien, gewesen sein, trotz- 
dem die erwähnten wunderbaren Akte und Gefühle jeder- 



1) Joseph, Max, Lehrbuch der Haut- und Geschlechtskrank- 
heiten, II. Theil. Leipzig, 1894, 8^, pp. VIII, 401 u. 1 Taf. 



s 



Mythen. 



zeit, wie dies schon Herodot bemerkt, auch an den 
Thieren zu beobachten waren; aber den ersten und vor- 
züglichsten Impuls zur religiösen Verehrung der Ge- 
schlechtst heile werden anfangs vielleicht noch nicht con- 
tagiöse Krankheiten derselben gegeben haben, welche man 
an Thieren niemals, oder doch nur höchst selten sehen und 
daher sehr richtig für eine von den Göttern dem 3Ienschen 
ganz ausschliesslich zugedachte Plage, für einen stärkeren 
Beweggrund zum Gebete halten konnte. Belege tiir das 
Vorhandensein der Krankheiten vor den Gebeten zu dem 
Lingam, Phallus, Priapus und wie die göttlichen Genitalien 
bei den verschiedenen Völkern sonst noch geheissen haben, 
finden sich nicht nur in der Mythologie, sondern auch die 
Geschichte verzeichnet einige überaus interessante Doku- 
mente, welche über die Veranlassung zur Einfuhrung der 
erwähnten Kulte sehr crenaue Aufschlüsse ireben. 

Es ist allerdings auch unzweifelhatt, dass in den Re- 
ligionen der ältesten Völker alles Thierische und Geistige 
einer heute fast unergründlich tiefstehenden Menschen- 
natur untrennbar mit einander verwoben ist: dennoch 
dürfte es einer unbefangenen Auffassung besser entspre- 
chen, dass auch diese Urvölker nicht durch einen, wenn 
auch noch so naiven geistigen Schwimg, sondern durch 
profanes Elend zu ihren Gottheiten geleitet wurden, denen 
sie denn auch oft genug thierische, d. i. kraft- und gesund- 
heitstrotzende Attribute beilegten, und eine Anzahl von 
Svmbolen zuwiesen. Aus diesen Götter- und Thier-Kulten 
entwickelten sich zuerst die religiöse und darauf die gewerb- 
liche Prostitution, und wahrscheinlich auch die Sodomie, 
welche dann erst theüs einzeln, theils mit einander ver- 
mengt die Urquellen der contagiösen venerischen Krank- 
heiten gegeben haben werden. 

Betrachten wir nun, was sich über diesen Gegenstand 
bei den ältesten Culturvölkern verzeichnet findet. 

Indier. Der Mythus, welcher seit Schaufus^) itir 



1) Schanfus, Neueste Entdeckungen über das Vaterland . . . 
der Lustseuche. Leipzig 1805, 8®, p. 160. 



Mythen. 9 

das hohe Älter und den Ursprung der Syphilis in Ost- 
indien augeführt wird, stammt von dem französischen 
Reisenden Sonnerat, der ihn zuerst in seinem Werke 
„ Voyage aux Indes orientales et ä la Chine, Tome I" nach 
den Ueberlieferungen der Eingeborenen erzählte. Wie 
Herm. Friedberg^ berichtet, soll sich nach der ein- 
geholten Versicherung des berühmten Sanskritforschers 
Albrecht Weber in den alten Schriften keine Spur 
von diesem Mythus vorfinden. Da derselbe jedoch mit 
dem alten Glauben der Indier übereinstimmt, die Existenz 
der venerischen Krankheiten ebenda durch die medicini- 
schen Schriften S u s r u t a's ausser Zweifel gestellt ist, 
und eine absichtliche Fälschung durch Sonnerat nicht 
erwiesen, ja, wegen der Unantastbarkeit seines Charak- 
ters nicht einmal vermuthet wurde, so mag dieser Mythus 
schon der Vollständigkeit wegen, aber immerhin mit der 
iioth wendigen Reserve, nach der Uebersetzung von Schau- 
fus, soweit es das Verständniss erfordert, reproducirt wer- 
den: „Die Wischnu's -Verehrer geben dem Lingam fol- 
genden Ursprung: Die Büsser hatten durch ihre Opfer 
und Gebete grosse Gewalt erlangt; aber ihre und ihrer 
Frauen Herzen mussten stets rein bleiben, wenn sie sich 
im Besitz derselben erhalten wollten. Chiwen (Schiwa, 
Siwa, Qivsij der Zerstörer) hatte aber die Schönheit dieser 
letzteren rühmen gehört und fasste den Entschluss sie zu 
verführen. Zu diesem Endzweck nahm er die Gestalt 
eines jungen Bettlers von vollkommener Schönheit an, 
und hiess dem Wischnu (Erhalter) sich in ein schönes 
Mädchen zu verwandeln, und sich an den Ort zu bege- 
ben, wo sich die Büsser aufhielten, um sie in sich ver- 
liebt zu machen. Wischnu begab sich dahin und indem 
er bei ihnen vorüberging, warf er ihnen zärtliche Blicke 
zu, dass sie alle in ihn verliebt wurden. Sie verliessen 
alle ihr Opfer, um dieser jungen Schönen zu folgen. . . . 
Chiwen selbst begab sich an den Wohnort der Frauen. 



1) Friedberg, H., Die Lehre von den venerischen Krank- 
heiten in dem Altcrthum und Mittelalter. Berlin 1865, 8» pp. XIII, 170. 



10 



M.vttien. 



Wie die Bettler trug er in der einen Hand eine Wasserflasche 
und saug' dabei, wie diese zu thun pflegen. Sein Gesang 
war so entzückend, dasa sich alle Frauen um ihn ver- 
sammelten, worauf sie durch den Anblick des schönen 
Sängers erst völlig in Verwirrung geriethen. Diese war 
bei einigen so gross, dass sie ihren Schmuck und ihre Be- 
kleidung verloren, und ihm im Gewände der Natur folgten, 
ohne es zu bemerken . . . Nachdem er das Dorf durch- 
zogen hatte, verliess er es, aber nicht allein, denn alle 
folgten ihm in ein benachbartes Gebüsch, wo er von ihnen 
erhielt, was er wünschte. Bald darauf wurden die Büsser 
gewahr, dass ihre Opfer die vorige Kraft nicht mehr hat- 
ten, und dass ihr Vermögen uicht mehr dasselbe war wie 
ehedem. Nach einigen frommen Betrachtungen wurden 
sie nun gewahr, dass es Chiwen gewesen, der in Gestalt 
eines Jünglings ihre Frauen zur Ausschweifung verleitet 
hatte, und dass sie selbst von Wischnu in Gestalt eines 
Mädchens irre geführt worden waren ... Sie beschlossen 
daher, Chiwen durch ein Opfer zu tödten . , . Als die 
Büsser sahen, dass alle ihre Opfer nichts auszurichten ver- 
mochten , . . versuchten sie das ftnsserste ; sie versammel- 
ten alle ihre Gebete undBüssungen und sandten sie gegen 
Chiwen. Dies war das schrecklichste ihrer Opfer, und 
der Gott selbst konnte diesen Wirkungen nicht widerstehen. 
Wie eine Feuerflamrae gingen sie aus und ergriffen Chi- 
wen's Zeugungstheile und trennten sie von seinem Körper. 
Erzürnt über die Büsser nahm sich nun Chiwen vor, die 
ganze Welt damit in Brand zu setzen. Derselbe fing auch 
schon an um sich zu greifen, als Wischnu und Bruma 
(Brama, Brahma der Schimpfer), denen es oblag die Ge- 
schöpfe zu erhalten, auf Mittel dachten demselben Ein- 
halt zu thun. Bruma nahm die Gestalt eines Fussgestells 
und Wischnu die der weiblichen Zeuguugstheile an, und 
so nahmen sie Chiwens Zeugungstheile auf, wodurch der 
allgemeine Brand verhindert wurde. Chiwen liess sich 
nun durch ihre Bitten besänftigen und versprach die Welt 
nicht zu verbrennen, wenn die Menschen den losgetrenn- 
ten Theilen göttliche Ehre erweisen wLlrden." 



Mythen. 11 

Das Verbrennen und der Brand, welches heute noch 
euphemistisch oder ironisch für venerische Erkrankungen 
gebraucht wird, und auch häufig genug sowohl in den 
wissenschaftlichen, als auch in den Volkssprachen des 
Alterthums und Mittelalters anzutreffen ist, hätte demnach 
seinen Ursprung aus der Mythologie eines der ältesten 
historisch bekannten Völker genommen. 

Babylonier und Assyrier. Der weitaus wichtigste 
aller Mythen, und überhaupt aller Laienschriften des Alter- 
thums, ist erst kürzlich veröffentlicht worden. Derselbe 
entspricht, soweit er gerade unser Thema behandelt, allen 
Anforderungen, welche an ein historisches Dokument ge- 
stellt werden können; und besonders ist auch die Inter- 
pretation, das hohe Alter und die Echtheit desselben ausser 
allem Zweifel. Das Schriftstück, in Keilschrifttafeln, eigent- 
lich Tafelfragmenten bestehend, stammt aus den umföng- 
lichen, erst theilweise behobenen litterarischen Schätzen 
der assyrisch-babylonischen Hof bibliothek des Königs Asur- 
banipal (Sardanapal), welche der berühmte Archäologe, 
HormuzdRassam, im Jahre 1854 aus dem Trümmer- 
haufen des alten Niniveh zu Tage förderte, und an deren 
Deutung nun schon ein ganzes Menschenalter hindurch 
eine ansehnliche Reihe gelehrter Forscher ununterbrochen 
und emsig arbeitet. Das auch für andere Geschichtszweige 
höchst merkwtlrdige, im Britischen Museum verwahrte 
Epos^) enthält zwei hierhergehörige Krankengeschichten, 
welche im Folgenden mit den zum Verständniss nothwen- 
digen mythologischen Daten erzählt werden sollen. 

Dem Götterhelden Izdubar (Nimrod) erklärt Istar (die 
Göttin der sinnlichen Liebe, der Fruchtbarkeit, des Kam- 
pfes etc., auch Mutter des Götter- und Menschengeschlechts) 
ihre Liebe und „ich will dein Weib sein", was er jedoch 
in höchst ungalanter Weise refüsirt. Für diese Schmach 
verlangt Istar von ihrem Vater Anu im Himmel Genug- 



1) Jeremias, A., Izdubar-Nimrod. Eine altbabylonische Hel- 
densage. Nach den Keilschrifttafeln dargestellt. Leipzig 1891, 8®, 
pp. VII, 73 u. 4 Taf. 



12 Mythen. 

thuung. Ein riesiges Ungethüm, der Himmelsstier, wird 
gegen Izdubar und seinen Freund Eabaiii, von welchem 
nachher etwas ausführlicher gesprochen werden soll, los- 
gelassen ; letzterer fasst das Ungeheuer, wie dies der Ab- 
druck eines altbabylonischeu SiegelcyUnders anschaulich 
darstellt, mit gewaltigen Fäusten bei einem Hörn und bei 
der Wurzel des Schwanzes, während Izdubar das Herz 
des Unthiers mit irgend einer nicht deutlich gekennzeich- 
neten "Waffe durchbuhrt. Einen grässlichen Fluch, wel- 
chen die Göttin Istar von den Mauern Erichs gegen die 
Tödter des Himmelsstieres schleudert, beantwortet Eabani 
damit, dass er den ibattu [Penis, Genitalien) des Stieres 
herausreisst und ihn der erzürnten Göttin ins Gesicht wirft. 
Ein wohl begreiflicher neuer Fluch der Göttin ; darauf eine 
Wehklage derselben und auch ihrer Teiupeldienerinnen 
Über den ibattu des Himmelsstieres. Eabani stirbt auf 
latar's Anstiften nach einem zwölftägigen Krankenlager; 
Izdubar wird ebentalls krank. 

Wegen Heilung dieser Krankheit und um das Ge- 
heiraniss seiner Apotheose zu erfahren, beschliesst Izdubar 
zu seinem bereits zu den Göttern versammelten Ahnherrn 
Srt-napiStim (d. h. Lebensapross) zu wandern. Nach aller- 
lei Abenteuern, die, wie bekannt, auf dem langen Wege 
zur Unterwelt immerdar zu bestehen sind, und der Erle- 
digung mehr oder minder wichtiger Angelegenheiten in 
der endlich erreichten Unterwelt kommt Stt-napistim nun 
auch auf die Krankheit Izdubars und spricht zu seinem 
Weibe: „Sehaue an den Mann, der Genesung (eigentlich 
Leben) fordert. Schlaf gleich einem Sturmwind hat ihn 
überfallen". Beide besprechen darauf den Heilplan; das 
Weib veranschlagt: „Bezaubere ihn, der Mann mag die 
(Zauber)speise essen, den Weg, den er kam, soll er gesund 
zurückkehren". Sit - napiätim antwortet seinem Weibe : 
„Das Weh des Menschen schmerzt dich, wohlan, koche 
ihm die Speise, lege sie ihm auf das Haupt". Im Text 
heisst es weiter: „Und zur Zeit da er (Izdubar) schlief am 
Bord seines Schiffes, kochte sie ihm die Speise, um sie 
ihm auf das Haupt zu legen . . . zum ersten wurde zube- 



Mythen. 



reite^emeöpeise, zum underii wurde sie gehäutet, zum 
dritten benetzt, zum vierten reinigte er sein Gefäas, zum 
fünften that er Greisenalter hinzu, zum sechsten wurde 
es gekocht, zum siebenten verzauberte er ihn plötzlich; 
Da ass der Mann die Zauberspeise". 

Diese interne Mediltation muss jedoch entweder vöUig 
wirkungslos gewesen sein, oder gleichsam nur als Vorbe- 
1 reitungskur gedient haben, denn nach etlichen Wiederbo- 
! lungen und einigen theils unbedeutenden, theils verstttm- 
|-melten Stellen des Textes dieser elften, in allen Bezie- 
. hungen wichtigsten Keilschrifttafel klagt Izdubar: „Wohin 

'' soll ich gehen? Meine hat der Todtengeist erfasst, 

auf meinem Lagerort wohnt der Tod und der Ort [auf den 
du mein Schiff' (?)] gestellt hast, er bedeutet Tod!" 

Hierauf veranlasst Slt-napi5tim, dass der Kranke aus 
, dem Gewässer des Todes von dem Fährmann Arad-Ea 
zum Lehensquell geführt werde und sagt: „Der Mann, deu 
\ du geftlhrt hast, ist an seinem Leibe mit Beulen bedeckt, 
' Aussatzhäute haben vernichtet die Anmuth seines Leibes. 
Nimm ihn, Arad-Ea, zum ßeinigungsort bringe ihn, seine 
Eiterbeulen möge er im Wasser rein waschen wie Schnee, 
er thue ab seine Häute, das Meer führe sie fort — gesund 
werde erschaut sein Leib. Es soll erneuert werden die 
: Binde seines Kopfes, die Hülle, die ihn umkleidet als 
Ji-Schamgewand; bis er kommt iii sein Land, bis er gelangt 
^auf seinen Pfad, soll die Hülle nicht Falten werfen, ganz 
' neu soll sie sein". Ohne Unterbrechung folgt: „Da nahm 
i ihn Arad-Ea, führte ihn zum Eeinigungsort, seine Beulen 
, wusch er im Wasser wie Schnee, er that ab seine Häute, 
das Meer trug sie fort — gesund wurde erschaut sein Leib. 
Er erneuerte seine Kopfbinde, die Hülle, die ihn als Scham- 
gewand umkleidete ; bis er käme in sein Land, bis er ge- 
langte auf seinen Pfad, [sollte die Hülle nicht Falten 
I Tvorfen], neu soUte sie sein". 

Schon die pathogeneti.schen Daten der Sage lassen 

die Art der Erkrankung des Helden mit einiger Sicherheit 

vermnthen : hatte er sieh doch mitsammt seinem Freunde 

['gegen die Gottm der sinnlichen Liebe auf das grüblicliste 



14 



Mythei 



versündigt; besonders aber weiset die Verunglimpft 
ibattu des Hirainelsstieres, in welcher wir nach den Wehj 
lilagen der Istar und ihrer Tempeldienerinnen über 
ibattu zu schliessen, jedenfalls einen Frevel gegen den 
alao auch bei den alten Babyloniern und Assyriern gepflo- 
genen Phalluskultus erbücken raüsaen, auf die Beschaffen- 
heit der Strafe oder Rache hin. Durch eine entsprechende 
syraptomatologischo Bemerkung ün therapeutischen Theil 
wird jedoch die Kranliheit Izdubars fast, wenn nicht ganz 
ausser Zweifel gestellt, „Die Hülle, die ihn umkleidoi: als 
Schamgewand soll nicht Falten werfen, ganz neu soll sie 
sein", kann doch nicht anders verstanden werden als: 
die Hülle oder Binde an den Genitalien soll nicht mehr 
wie bisher durch pathologische Sekrete verunreinigt und 
runzehch oder faltig gemacht werden, neu, d. h. rein soll 
sie bleiben. Es möchte wohl nur Opposition um jeden 
Preis die Krankheit Izdubar's für eine a.ndere als Syphi- 
lis halten können. Die Gleichzeitigkeit der primären Ge*M 
nitalaffektion mit der jedenfalls schweren Form des Exaj 
thems kann nicht befremden, denn oft kommen beide heut^ 
noch nebeneinander vor, und die ältesten Syphilographa 
bis fast zur Mitte des 16. Jahrhunderts beschreiben si^ 
stets miteinander, lassen beide gleichzeitig auftreten una 
verheilen. Ueberdies lassen sich die Genitalaffekto js 
auch als sekundäre deuten. 

Nicht eben so leicht ist die Krankheit Eabani's 
erklären, obwohl sie augenscheinlich dieselbe Genesis hati 
Wir erfahren aus der Todtenklage Izdubar's um seined 
Freund: „Nicht der Laurer des Nergal, des schonungw 
losen, hat ihn weggerafft, nicht die Pest hat ihn wegg« 
rafft, nicht die Schwindsucht hat ihn weggerafft, nicht d^ 
Ort der Männerschlacht hat ihn geschlagen, die Erde \ 
um weggerafft". Damit kann doch nur ausgedrückt seinij 
dass Eabani keiner gewöhtüichen Krankheit erlegen i 
auch nicht den Heldentod gestorben sei. „Die Erde 
ihn weggerafft" oder verschlungen, ist jedenfalls nichfl 
buchstäblich zu nehmen, da wir von seinem zwölftägigei 
Krankenlager wissen. 



Mythei 



15 



Einiges licht über die Kraiikheit Eabanis bringt ein 

l'Tafelfragmeut, welches nach der Meinung Alfred Jere- 

Imias dem Inhalte nach nur zu einer Stelle der atihten 

■ oder zwölften Keilschrifttafel gehören kann, räumlich aber 

fweder in die Lücken der eineu noch der anderen Tafel 

passt und sonach ein Bruchstück einer anderen Relation 

desselben Epos sein kann. Alfred Jeremias berichtet 

Bber dieses Fragment folgendes: „Die Erwähnung desSädu 

lind der Uehat und die Anrede „„mein Freund"" zeigen, 

dass Eabani redet. Auf der Vorderseite verflacht er die 

Uchat, die ihm sainmt der List des Sädu „„Fluch gebracht 

;"". Er wünscht ilir „„dass sie eingeschlossen wird in 

1 grosse GefHngniss"", verwünscht ihre „„Reize, ihre 

I Schwestern, ihre Mägde"". — Auf der Rückseite desselben 

IrFragmentes schildert Eabani die Bewohner der Unterwelt, 

SIU8 welcher er eben durch eine Beschwörung Izdubars 

xdtirt wurde, und erwähnt darunter auch die „Tempelsal- 

■ber der grossen Götter", was allerding's nur sehr gezwungen 

Ijn eine Beziehung zu irgend einer Krankheit überhaupt, 

löder zu der des Eabani zu bringen wäre. Anders ver- 

B^iält sich dies jedoch mit dem Fluch gegen die Uchat auf 

ider Vorderseite des Fragmentes; denn auf der zweiten 

B^afel des Zwölftafelepos erfahren wir in sehr breitspuri- 

Kgcr Weise, dass Eabani, noch bevor er Izdubar kennen 

lernte, von der Hierodule Uchat verführt wurde; die Stelle 

hliesst mit den Worten : „6 Tage und 7 Nächte näherte 

Sich Eabani der Uchat, der GeUebten. Nachdem er sich 

:e8ilttigt hatte an ihrer lalfl, wandte er seinAnthtz etc." 

Weshalb sollte also Eabani der Uchat und ihrer Reize 

puchen? Es .scheint, dass die Sage zwei Ursachen ein 

nd derselben Krankheit feststellen wollte: bei Izdubar 

lie Rache oder Strafe der beleidigten Göttin, und beiEa- 

ani geschlechtliche Ausschweifungen oder Infektion durch 

;e8chlechtlichen Verkehr überhaupt; denn sonst hätte 

[ftbani doch der Istar fluchen müssen. Ein anderer Um- 

and lässt sich geltend machen, wonach die Kranklieit 

labaniä wahrscheinlich dieselbe war, wie die Izdubars; 

icvor dieser die Wanderung zu seinem Ahn in die Unter- 



Myther 



weit aiitiitt sagt er : „Icli will uiclit w i e Eabaui sterben**; 
Es ist doch wohl kaum Silbenklauberei zu nennen, wenn 
man annimmt, dass Izdubar auch geradeso krank, d. i. mit 
der nämlichen ganz besonders beklagten Krankheit be- 
haftet sein musste, wie Eabani, sonst hätte er nicht 
fürchten können, ebenso wie dieser zu sterben. 

Ob der hier vorkommende Name „Uchat" (auch ein 
Theil der Hierodnien Istars heiasen Ucliäti) mit der „Ucbet"- 
Krankheit der alten Aegypter in einem Zusammenhang 
steht, müssen eingehendere Untersuchungen von Archäo- 
logen und Sprachforschern entscheiden. Die Aufschlüsse, 
welqhe ich über diesen wichtigen Punkt suchte, führten 
zu keinem absolut abschliessenden Ergebnisa. DerAssy- 
riologe Herr Dr. Rudolf Zehnpfund kommt diesbe- 
züglich in einem Schreiben an mich zu dem Schlnss : 
„Also dürfen Sie getrost Uchat mit üchet identificiren. 
Ich halte übrigens das ägyptische Wort für ein semiti- 
sches Lehnwort." In einem Briefe von Georg Ebers 
an mich, heisst es unter anderm: „Ihr Hinweis auf die 
Hierodule Uchat ist ja geistreicli ; aber, wie gesagt, bevor 
ich Stellung zu Ihren Ausführungen nehmen kann, muss 
ich noch einmal eine Nachprüfung unteruehraen," Diese 
Nachprüfung durfte ich bei der grossen ununterbrochenen 
Thätigkeit des ausgezeichneten Gelehrten nicht zu erbitten 
wagen, da derselbe Brief mit vollkommen deuthcher Schrift 
vom 24. VIII. 91 folgend sciiliesst; „Verzeihen Sie die 
elenden Bogen. Ich muss auf dem Knie schreiben und 
finde es so bequem." 

Israeliten. Wie die Bibel berichtet, segnete der 
Schöpfer das erste Menscheopaar uud sprach'}: „Seid 
fruchtbar und mehret euch." Weiter heisst es : „Und sie 
waren beide nackend, der Mensch und sein Weib; und 
schämten sich nicht" ^). Nicht lauge darnach kam die 
Schlange, und was dann weiter vorging, weiss der dümmste 
Schuljunge; aber der älteste Weise kennt nicht die Lti- 



1) Das erstB Buch Mose, Cap. I, V. 2: 

2) Ebenda Caii. II, V. 25. 



Myther 



17 



i Apfel-Räthsels, obzwar sie schon von Kirchen- 
vätern, Rabbinern und Philosophen in verschiedener Weise 
versucht wurde. Genug: die erste Strafe der sündigen 
[Menschen traf die Genitalien; wenngleich nicht direkt als 
iKrankheit, so doch als Ursache von vielem Unheil, das sich 
[von Adam und Eva forterbt, als Schamgefühl. Dass die 
»'Menschen nicht mit dem quälenden Gefühl geschlechtlicher 
Scham erschaffen wurden, lehrt nicht bloss die Bibel; 
pies bezeugen auch unsere Kinder so lange, bis wir ihnen 
äleses Gefühl anerzogen haben; was viele Mütter nur allzu 
Zeitlich und oft sehr ungeschickt besorgen. Die Scham 
isst immerwähi'end aus kleinen Uebeln grosse werden; 
Buch ist sie die Mutter der Lüge, welche die Beforschung 
per Geschlechtskrankheiten stets gehemmt hat. 

Ebenfalls ohne eine nähere Auskunft berichtet dann 
! Genesis über die „Grossen Plagen", mit denen „der 
[lerr den Pharao und sein Hans um Sarais, Abrams 
>ea, willen plagte"'). Das Capitel vom Pharao nnd 
Ijer Sarai ist eben nicht so deutlich als das viertfolgendc 
pon der Hagar nnd dem Abrain. 

Sjrler. Dieses Volk hatte zu Askalon einen Tempel 
Ber Göttin Hyra (auch Derketo genannt), die imter dem 
Bilde eines Weibes, dessen untere Körperhälfte die Ge- 
llt eines Fisches hatte, verehrt wurde; ihr waren die 
fische, welche den Syriern zu essen verboten war, 
leweiht. Der Tempeldienst der Dca SjTa war jedoch 
lit allen Arten von Unzucht verbunden, und die Strafe, 
(reiche sie über die sündige Menschheit verhängte, bestand 
^o wie tei vielen andern Göttern und Göttinnen eben- 
falls in einer Krankheit, welche von den Griechen 'i\K.ta 
EupiaKÄ genannt und verschieden beschrieben wurde; 
arch*) sagt darüber Folgendes: „Von der Syrischen 



I) Ebenda, Cap. XII, v. 11-20. 

2)Plutarch, Do auperstitione p. 170. D.: „Ti]v ö^ Ivplav 
II öeiöibalnoveq vo^iilouaiv, dv (joivl&ar; -rir; f^ dqjüai; (pdfi;), t4 dvri- 
pvi^Hm bieööieiv, J^Ktoi tö 0<Ji\ia uinicXiivai, auvTi'iKeiv tö fjnop." J u I. 
auin, Oesehidite der Liists4?ni;lie im Alterilium. Halle 1845, 

b, UcacliIcItCu (J. vener. Krunhlieiteii I. 2 




IB Mythen. 

Göttin aber glauben die Abergläubischen, dass sie, wram 
man einen Hariiig oder GruTidling verzehre, die Schienbeine 
zernage, den Körper voller Geschwüre mache und die 
Leber zum Schmelzen bringe." Wir finden hier die Theorie 
der ältesten Syphilographen, wonach diese Ki'ankheit aus 
einem Verderbnisa der Leber entsprang, gleichsam in der 
Wiege; übrigens suchte man auch sclion, wie wir noch 
sehen werden, im Älterthum die Ursache aller von innen 
entstandenen Geschwtlisformen in der Leber. So gut sich 
nun auch die angeführten Erscheinungen der Krankheit 
der Dea Syra auf Syphilis beziehen lassen, ebenso gut, 
und wegen des ätiologiseien Momentes (Fischgenuss) 
eigentlich noch besser, Itönute dieser Mythus in einer 

[Geschichte des Aussatzes verwendet werden. 
Griechen. Etwas reichhaltiger, wenn auch nicht 
deutlicher als bei den soeben vorgeführten Völkern des 
Orients, ist die M>'thologie der Griechen über die Affek- 
tionen der Genitalien als Strafe der beleidigten Götter, oder 
als Rache zauberkundiger Kentauren oder Menschen. 
So erzählt Natalis Comes^) eine Sage nach 
Perimander*}, laut welcher die Athener von einer 
i 
; 



1) Natalis Comes, Mythologiae , sivc expIiMtionis iabu- 
lanim libri X. Francofurti, 1588, 8", p, 498: „Fuerunt et Phallica in 
Dionyai honorem institnta, quae apud Athenieiises agebantur, apud 
quos primUB Pegasus ille Eleutherienais Bacchi cultutn inatituit, in 
quibuB cantabant quem ad modum Dens hit morbo Atheniensea 
liberavit et quem ad modum m.ultorHm bonorum auetor mortalibus 
eititit. Fama ent euim quod Pegaso imagineH Diouysi ex Eleuthevis 
civitnte Boeotiafl in Atticam regionem portante Athenienses Deura 
neglexerunt neqne, nt mos erat, cum pompa nccepemnt: quare Dens 
indignatns pndenda hominum uiorbo infestavit, qui erat illis gra- 
yissiinus: tuuc eis ab oraculo, quo pacto liberari possent petentibua, 
responsum datum est: aolum esse remediura malorum omninm, Bf 

1 honore et pompa Deum recepissent; quod factum fait. Ek 
ea re tum privatim tum publice lignea virilia thyrsis alligantes 
per eam aolennitatem gestabant." 

2) Perimander, De sacriflciorum ritibus apud varias gentes 
Lib. II, p. 487. Dieselbe Sage findet sich jedoch schon bei dem 
Scholiaeten zu Äristophanes Aeharnern. t. 24'2. — Vergl. J. Bösen- 

, Geschichte der Lustsenohe iiii Alterlbum, Halle 1845, 8», p. 69. 



Mvtlie 



19 



iiwereo, nicht näher bezeichneten Erkrankung der Ge- 
Jachlechtstheile befallen wurden, weil die Bewohner der 
IStadt den Phallus des Dionysos, des Gottes aller Fntcht- 
■""barkeit und Zeugung, nicht die gebührenden Verehrungen 
Izueigneten. Der Zorn dieses Oottes besänftigte sich erst, 
I als die sündige Menschheit, durch das Orakel belehrt, dem 
■Phallus des Dionysos in ents.precheiider Weise Ehren, 

Feste und Gepränge darbraclite. 

Etwas Aehnliches berichtet derselbe N ata lis Com es') 
Ivon Priapos, dessen Kultus durch lange Zeiten auf die 
|.Gegenden um Hellespont, namentlich auf Lampsakos be- 
schränkt gewesen sein mag, da Homer und die älteren 

Dichter desselben noch nicht erwähnen. Der von Dionysos 
Einit der Aphrodite auf dem Zuge nach Indien gezeugte 
■'Und auf der Rückkehr in Lampsakos geborene Priapoa 
I vergnügte nämlich , als er daselbst herangewaclisen war, 
^dle Weiber durch seinen ungewöhnlich grossen Penis. 

Selbstverständlich erregte dies die Eifersucht bei den 
lHbrigen Männern, und diese vertrieben ihn deshalb von 



1) S. ). i.'. p. 528: „Demde, cum adolevissot (Prispua) per- 
i. gratusque fovet Lampsacenis muiieribUB, Lampsacenoruin deureto 
Lanipaaceno exulavit. Fuernnt qui niemoiiae prodidfirint 
^riapnm fulese viruin Latnpsaceuuni, qiii cum habüret iugena instru- 
IDentum et facile parutum plantau dis civibus, graCiHsinius fuerit 
■inulieribus LnTnpgaci:;niH. Ka causa postmodo fuiäse dicitur, ut 
[Lanipsacenoruin omnium ceterorum invidiam in se tonverterit, ac 
jäemiim eiectus t'uerlt ex ipsa insula, At iltud facinus aegerrime 
Bferentibus mulieribus et pro se deos precantibua, post cum nontiulüB 
interiectis teuiporibns LampsavenDH gravissinius päd endo rum mein' 
morbus invasisset, DodonnDum ontculuni adeuntes per- 
^unctati sunt, an ullum esset eiuN morbi reniedium. Uis reaponsum 
; morbum non prina ceaaaturuni, quam Priapum in patriam 
i'evocassent. Quod cum fetrisstent, templa et sacriücia illi statuerunt, 
tprlapumque hortorum Deum esse decreverunt." Ea ist immerhin 
petoerkenswerth, dasa bere.its der berühmte und wegen seiner litte- 
irischen Feliden gehasste Philologe XasparSchoppe (Sciop- 
) 1576—1649) in seiner spllter zu erwähnenden Ausgabe der 
Priapeia°, in welcher er auch die Sage von Priapua in Lampaalios 
lidrucken lieaa, letzterer lUe Erklärung beifüf^-te ; „Fuit autem morbiis 
Itle quem hodioque Oallicum vocainua." 



20 Mythen. 

der Insel. Der so beleidigte Gott der sinnlichen Lusi 
bestrafte dafür die Lampeakener ebenfalls mit einem „gra- 
Tissimua pudendorum membrorani morbus", und dieselben 
wurden davon erst befreit, als sie, gleiehwegs nacli dei 
Weisungen des Orakels, deu Priapos iji sein Vaterland 
zurückgerufen, und ihm daselbst Tempel geweiht und 
Opfer verrichtet hatten. 

Minos, ein sagenhafter König von Kreta, wurde in- 
folge seines wollüstigen, ausschweifenden Lebens und der 
Geilheit seiner Gemahlin Pasiphae von einer unbestimmten 
Erkrankung seiner Genitalien befallen, welche jedoch 
Crides von Pandione heilte. Weiter meldet die Sage'); 
dass Pasiphae, welche, ebenso wie ihr Gatte Minos, Ehe* 
bruch beging, ihren Nebenbuhlerinnen dennoch des Lieben» 
ungeti'übte Freude nicht gönnte; sie bezauberte nämlich 
ihren Minos so, dass, weiui er Umgang mit anderen Weibern' 
pflegte, denselben furchtbare Vipern in die Glieder drangen 
und dadurch den Weibern die Lust für fernere Zusammen- 
künfte verleidet wurde. Gegen diese Vipern oder ähn- 
hchen Schabernack hielt sich sogar Prokris, die Gemahlin 
des Kephalos, nicht für die Dauer gefeit; trotz der cir- 
cäischen oder Mandragorawurzel, welche sie als wirksames 
Prophylacticum bei sich trug; denn sie eilte, nachdem sie 
bei Minos geschlafen, die Zaubereien der Pasiphae fürch- 
tend, nach Athen zurück, um sich mit Kephalos wieder 
auszusöhnen. 

Die Leiden, welche den Herakles auf den Scheiter- \ 
häufen trieben , hielt Perenotti*) unwiderleglich für ' 
Tripper, Buboiicn undGeuitalgescliwüre mit nachfolgender l 



1) ApollodoroM, Bibtiotlieca. De Deonim orjgine ]ü>. IIT:, 
„Nain Pasiphai!, quod cum multU mulieribas Minoem rem liaborc non . 
ignorabat, enm veneficiia int'ecit, nt quottes secum alia cubarct, in 
illiuH artus viperae irraerent immanes, euraque in modum pellices 
Pasiphae disperdebat." — Vgl. darüber und das Folgende: 

2) Perenotti de Cigliano, Picrantonio, Storta generale • 
e ragionata del)' origine, del!' ossenza o spocißca qnalitä, dell' infßz- 
zione venerea, di sua Bede ne' corpi e de' priudpali KUoi fenoiueni. 
In Torino, s. a. (178«), 8» p. 97-104. 



J 



Ätythei 



rOangrän. Freilich legte sich Perenotti die Mythe 
allzu bequem uud etwas gar zu iiiituralistisch zurecht; er 
ealculirte sogar mit den vielen Liebesabenteuern des 
Herakles uud namentlich auch mit den fünföig Töchtern 
des Thespios, welche Herakles in einer Nacht schwängerte. 
Immerhin giebt jedoch die Sage von dem irdischen Ende 
des Nationalheros der Griechen, auch in ihrer unver- 
fillschten Gestalt etwas zu denken; nur wird sich eine 
bestimmte Diagnose der Krankheit des Herakles keines- 
wegs stellen lassen. Aber die eine, für die Geschichte 
der venerischen Krankheiten gewiss sehr merkwürdige 
Thataache wird dadurch neuerlich illustrirt, wie die ver- 
schiedenen Völker des Alterthums immer imd immer 
wieder den unerlaubten Geschlechtsverkehr des Einzelnen 
oder der Gesammtheit mit Tod und schweren Erkran- 
kungen der Genitalien oder dos ganzen Körpers in Ver- 
. bindung brachten. Der Hergang, soweit er hier interessiren 
kann, ist in Kürze folgender: Als der Kentaur Nessos die 
Gemahlin des Herakles, Del'aneira, durch den Fluss Euenos 
LtTug, woUte er ihr Gewalt anthun, wofür ihn Herakles 
nit einem Pfeile tödtlich verwundete. Um sich zu rächen 
Klieth der sterbende Nessos der Delaneira sein Blut (und, 
Pnach Ä p 1 1 o d r's Bericht, auch seinen Samen, welcher 
I ihm abgegangen war) zu sammeln ; daraus könne sie eine 
L Zaubersalbc bereiten, mittelst welcher sie sich der immer- 
■Tvährenden Treue des Geliebten und Gatten vergewissern 
R'erde, wenn sie das Kleid desselben damit bestreiche. 
KAnlass zur Eifersucht gab nun bald die schöne Jole, 
welche Herakles als Gefangene aus der von ihm eroberten 
k Stadt Oechalia mit sich geführt hatte. Um dem Zeus 
r für den Sieg opfern zu können , schickte Herakles 
J.Beinen Waftengofährten, Lichas, saramt der schönen Jole 
rau Delaneira um ein weisses Gewand. Diese sandte 
häaä Verlangte mit der Salbe des Nessos bestrichen. 
['Kaum war das Kleid auf dem Körper des Herakles er- 
.■ wftrmt, so drang das Gift, welches jedoch nach einer 
[■andern Darstellung von des Helden eigenem Pfeile her- 
t rühren sollte, mit furchtbarer Gluth in die Glieder des 



22 Mythen. 

Unglücklichen, und bei dem Versuche, das verderben 
bringende Gewand abzuziclicn , risa er Stücke sein^ 
Fleisches mit hinweg. Von der Tödtlichkeit seines Uebef 
überzeugt, baute sich Herakles auf dem nahe gelegene] 
Oeta einen Scheiterhaufen, bestieg ihn und Hess ihn aij 
zünden. 

Hierher gehört wohl auch noch die Sage von dm 
Töchtern Prötos', Königs von Arges, wenngleich der^ 
Krankheit nach H e s i o d o s als Aussatz aufgefasst wird 
KurtSprengel'), der die Krankengeschichte nach del 
ältesten griechischen Quellen wiederholt studiert hat, be 
richtet darüber sehr ausführlich ; das Bemerkenswerthi 
davon ist Folgendes: „Die Töchter dea Prötos, welche 
Lysippe, Iphinoö und Iphianassa genannt werden, wurdei 
wahnsinnig, weil sie der Hera Bildsäule verschmäht hatte] 
(ehelos geblieben waren). In einem Fragment des Hesiodoj 
wird die Krankheit, an welcher diese Mädchen litten, fü] 
den Aussatz erklärt. „„Auf ihre Häupter"", heisst ea 
„„ergossen sich scheussliche juckende Grinde; denn dii 
ganze Haut wurde von Linsen-Mälern verunstaltet. Vor 
den Häuptern gingen die Haare aus, und die achönei 
Formen derselben litten an glatzigem Maalplatz."" . . J 
Die Kurmethode, wodurch Melampus diese Weiber voj* 
ihrem Uebel befreitej war der Natur desselben angemesseiM 
obgleich er sie geflissentlich in ein mysteriöses Gewan« 
hüllte. Dioskoridesversichert, er habe sich derNieswur^ 
(Veratrum album) bedient. Aber andere Sagen erzählen^ 
er habe rüstige Jünghnge zu Hilfe genommen, und di« 
wilden Mädchen mit fanatischen Tönen und begeistertegi 
Tänzen von dem Gebirge bis nach Sikyon gejagt, Schojü 
durch diese starke Bewegung und durch die Verfolgung 
der rüstigen Jünglinge konnten die wahnsinnigen Mädchei^ 
geheilt werden, indem nun die Ausdünstung vermehrt und 
der Ausbruch des kritischen Grindes befördert wurde.; 
Dann liess er die Kranken in der Quelle des Anigrogi 



1) Sprengel, K., Geaehicbte der Arzneykunde. 3. Aufl. I^ 
p. 149—152 und Beiträge zur Geschichte der Mediciii 11, p. 45—57. 



Mythen. 83 

, deren Kraft, den Aussatz zu heilen, noch lange 

nachher bekannt war. Die älteste der Prötiden, Iphinoe, 

ward sogleich wieder hergestellt, die andern erhielten 

I durch geheimnissvolle Läuterungen und Versöhnungen mit 

I der Göttin Artemis ihre Gesundheit und ihren Verstand 

' wieder, . . Eine spätere Nachricht nennt den Fluss, worin 

■die Prötiden gebadet wurden, Alpheios, und leitet seinen 

Namen von den Aussatzmäleru (ä^q)on;"l ab, die er heile." 

Skytlien. Ein Gemisch von Dichtung, Mythe und 

[ Geschichte ist die Krankheit der Skythen, weshalb sie an 

\ der Grenze zwischen beiden stehen soU. 

Wie H e r o d 1 erzählt, aogen die Skythen, nachdem 
' sie sich der Herrschaft von ganz Asien bemächtigt hatten, 
gegen Äegj'pten; Uessen jedoch, durch Geschenke und 
Bitten des äg>'ptischen Königs, Psiimmetichos, bewogen, 
I davon ab, und kelu-ten über Askalon, eine Htadt SjTlens, 
l -zurück, ohne dass das grosse Heer irgend einen Schaden 
] angerichtet hätte; nur einige wenige verweilten in der 
I genannten Stadt und plünderten hier den ältesten Tempel 
i der uranlschen Aphrodite. „Auf diejenigen der Skythen", 
I sagt Herodot^) wörtlich weiter, „welche den Tempel 
\ zu Askalon beraubten, sowie auf ihre ganze folgende 
I Nachkommenschaft, liess die Göttin die vouiToi; öriXtia herein- 
I 'brechen. So wie denn auch die Skythen selbst sagen, 
^dass sie deswegen leiden und ein jeglicher, der in das 
l«kythische Land käme, könne sehen, was es für eine Be- 
l'Wandtniss habe mit denen, welche die Skythen dvapeai; 



Was nun diese voöoos 9r|Xeia sei, ist seit anderthalb 
^Jahrhunderten Gegenstand gelehrter Streitigkeiten. Die 
TjParteien theilen sieh, wenn man von einzelnen Absonder- 
ft'lichkeiten wegsieht, in drei Gruppen, wovon die eine, älteste, 
I darin einen perversen Geschlechtstrieb: darunter R o s e n- 

1) Herodol, Historiae, I, 105: „Toim bi -rüiv ZKu&imy uu^^ffam 
f'Tö tpöv TÖ 4v 'AöKilXuJvi, Kai toTöi TouTiujv aiel ^ktövoioi tv^OKiniJe i^ 
f' Ocö^ öi^Xeiav voOöov üjöre Ajux Xifoual xc ol lKiJ8ai &iö toötö cfqitn? 
f vod^eiv, Kcit äpd.v irtip' fuiuToIoi Toiiq dTTiKveo/Jivouq ^^ t^v Zku6iki'iv 



I 



24 Mythen. 

haum')f R- V. Kr af f t-Ebi ng*) u, A. die Ptiederastie, 
Kurt Sprengel*) die Onanie; die andern: unter diesen 
Hensler*), F.A. Simoii^) u. A. den Tripper, Bubonen, 
HodengeschwHlste, überhaupt eine venerische Erkrankung; 
— und die dritte Gruppe : Sauvages''}, Chr.Heyne'), 
E. G. Böse*), J. B. Friedreich^) u. A. eine Geistes- 
krankheit und zwar eine Art Melaniihohe erkennen wolleu. 
Die Ursache dieser und anderer sieh schnurstracks 
widersprechenden Meinungen liegt auch hier wieder in 
der Mangelhaftigkeit der alten Nachrichten, Die Laien 
sprechen, mit Ausuahmo des jtldisch -hellenischen Philo- 
sophen Philon, von der voOao<; er|\eia zumeist wie von 
einer allgemein bekannten Sache, ohne sich in eine Er- 
klärung einzulassen , und durch die ärztlichen Schrift- 
steller des Alterthums ist ebenfalls keine Belehrung mög- 
lich, da die einzige, allerdings sehr breite aber unklare 
Darstellung in den Schriften der Hippokratiechen Sammlung 
jedweder Deutung freiesten Spielraum lässt. Die haupt- 
säehMchen Stellen aus dem Buche „Von der Luft, den 



1) S. 1. c. p. Ul-219. 

2) Krafft-Ebing, K. von Ps\chopathia scxuaiis mit beoon- 
derer BerücksichtigTJng der eontrilren ScxualLmptindung '> Aufl. 
Stuttgart 1890, 80, p. 89. 

3) Sprengel, Kurt, Apologie des Hipiokiitea und seiner 
GrundsHtze, Leipzig 1789-92 HO 11 p li\& 

4) Hensler, Phil. Gab., Geschichte der Lustseuche. Altoua 
1783, 8", I, p. 211. 

6) Simon, Fried. Alex., Versuch einer kritischen Geschichte 
der verschiedenartigen, besonders unreinen Behal'tungen der Ge- 
schlechts theile etc. Hamburg 1830, fV, I, p, 19. 

6) Sauvages, Franc. Boissier de, Patfiologia methodiea sen 
de cognoscondiH morbif. Lugduni, 1772, VII, p. 365. 

7) Heyne, Chr., Do inai-ibus inter Scythas morbo effeminatis 
et de hennaphroditis Floiidae. — In; Comment, societ. Gottingena., 
1779, I, p. 28-44. 

8) Böse, E, G., De Scytharum vöoifj 9r|\e(if. Programma. 
Lipsiae 1774. 

9) Friedreich, J. B., N0O005 BfiXeia. Ein historisches Frag- 
ment. — In dessen: Magazin für Seelen heilkun de. Würzburg 1829, 
Heft T, p. 71-78. 



1 



Mythen. 25 

lind den Gegenden", welehes unter Anderen auch 
udwis Chonlant^) noch zu den echten Scliriften des 
Hippokrates rechnete , lauten : nAusserdcm werden 
noch viele unter den Skythen den Eunuchen ähnlich, sie 
treiben nicht nur weibliche Verrichtungen, eondern sie 
führen auch eine solche Sprache ; dergleichen Leute heissen 
Unmänner. Die Eingeborenen schreiben die Ursache einer 
Gottheit zu wie diese Affektion aber meiner An- 
sicht nach entsteht, will ich jetzt angeben. Von dem 
immerwälu-enden Reiten bekommen sie K^&naia, weil die 
Füsse beständig au ihren Pferden herabhängen. Nachher 
fangen die, welche sehr daran leiden, an zu hinken und 
die Hüften brechen ihnen auf. Sie heilen sich selbst auf 
folgende Art: Sobald die Krankheit ausbricht, so öffnen 
sie eine Ader hinter den Ohren. Wenn das Blut heraus 
ist, befällt sie aus Entkräftung ein tiefer Schlaf . . . nach- 
her wachen sie auf und einige sind gesund , andere 
nicht. . , . . Wenn diese aber nachher zu den Frauen 
kommen und nicht im Stande sind, dieselben zu gebrauchen, 
so sind sie anfangs nicht muthlos, sondern verhalten sich 
ruhig; sobald sie es aber zwei-, dreimal und öfter ver- 
sucht haben und es geht ihnen nicht anders, so . . . 
ziehen sie einen Weiberrock an, und erkennen sich der 
iTJnmannlichkeit zu, betragen sich wie Weiber und ver- 
richten in Gesellschaft der Weiber die Geschäfte, welche 
jene verrichten. Dergleichen widerfuhrt aber nur den 
reichen Skythen. ... So verhält es sich auch bei den 
übrigen Völkern : Denn da wo am meisten und anhal- 
tendsten geritten wird, da werden auch viele von k^ömütk, 
Hüft- und Fussleiden befallen und üben den Beischlaf 
ara schlechtesten aus. Dieses ist aber auch der Fall bei 
den Skythen und sie sind am meisten von allen Menschen 
den Eunuchen ähnlich " ^) 



1} Choulant, Ludwig, Geschichte im d Literatur der älteren 
f Medicin. Leipzig 1841, 8", I, ji. 10—20. 

2) Für die UeberBetzimg ist zumeiRt Roseiibauni benützt 
und J. F. K. Grimm, Hippokrates Werke. Abb dem Griechischen 
übcrsclzl und mit Erliluterung'en. Altenburg 1781, &>, I, 437. 



26 Mythen. 

Die widersprechendsten Deutungen in dieser Schil- 
deriiHg erfuhr das Wort Kebjiaia: Joh. Fricdr. Kiirl 
Grimm'), der am meisten geschätzte von den deutschen 
Uebersetzern des Hippofcratcs, hat dafür an der be- 
treffenden Stelle „Flüsse in die Gelenke der Dickbeine", 
Hensler hat nGeschwülste an unteren und besonders 
geheimen Theilen", KurtSprengel „Geschwülste in den 
Gelenken der Lenden", F. A, Simon*) „Flüsse oder Ge- 
schwülste der Geschlechtstheile", JuliusRosenbaura^), 
auf eine Ötelle des Aristoteles*') gestützt, „Varices". 
Am wankelmüthigsten ist Christ. Gottfr. Gruner: 
Zuerst giebt cr^) eine gelehrte Abhandlung über die viel- 
fachen Bedeutungen des Wortes im Allgemeinen, dann 
übersetzt er das Wort in der Stelle desHippokrates^) 
mit „Brüche" und zuletzt erklärt er') dieselben Ktbfiaxa 
für „bubones metastatici". Noch unverlässlicher sind die 
Wörterbücher: Der ärztliche Urgrieche, Ludwig Aug. 
Kraus*) setzt „Gliederreissen, besonders im Hüftgelenk", 
und Val. Christ. Fried. Rost") fügt noch „Ader- 
brüehe" hinzu. 

Es zeigt sich schon evus diesen wenigen Beispielen, 
wie die besten medizinischen Historiker und einige Philo- 
logen ihren Scharfsinn übten und demioch zu keiner. be- 
friedigenden Lösung der voOffo^ öiiXtia aus dem H i p p o- 

1) Grimm, J. F. K-, Hippokrates Werkte. Ana dem Gi-ie- 
chlschen übersetzt und mit ErläMteruiigen. Altenbui-f^' 1781, H^, I, 437,J 

2) S. 1. c, I, p. 18. 

3) S. 1. c. p, 208. 

4) Ebenda Anmerkung'. 

5) Grüner, Christ. Godol'r., Morbomni antiquitates. Vrati| 
laviae 1774, 8°, p. 187-209. 

6) Gruner, Christ. Godofr., Bibliothek der alten Äerzte, i 
Uehersetaiingen und Auszügen. Erster Thell: Hippokrates, "libail 
setzt und mit den nöthigsten Amnevkungren versehen. Leipzig 178lB 
80, I., p. 73. 

7) Gruner, Chr. G., Aphrodisiacus. Jenne 1789, fol., IH, p. | 

8) Kraus, L. A., Kritisch- etymologisch es med. Lexikon. J 
Wien, 1831, &>, p. 172. 

9) Rost, V. Ch. Fried., Grieehich - deutsches Wörterbucfc 
i. Aufl. 5. Abdruck. Biauu»chweig 18C2, 8", I, p. 550. 



^ftBg^ten. Em ist sonacii hegreiflich, dass sich 
einige Forscher lun weitere Belege filr diesen rätliselhaften 
Zustand bei Hpätereu Laien Schriftstellern umsahen. Unter 
diesen letzteren spricht nun P h i 1 o n .T u d ft o s ') mehr- 
mals ausführlich und deutlich von der voöffoq BiiXeta. 
Völlig zweifellos ist besonders die Beschreibung P h i 1 o n'a 
von den Lastern Sodom's: „Nicht nur entehrten die von 
rasender Neigung (Begier) zu den Weibern Befallenen 
fremde Ehebetten, sondern selbst Männer stiegen auf 
Männer, des gleichen Geschlechts mit den Pathicis schämten 
sich die Paederasten nicht; nutzlos Samen von sich gebend, 
verachteten sie das Kinderzeu^'en. Der Tadel war aber 
nutzlos bei den von zu gewaltsamer Leidenschaft Besiegten. 
: Später gewöhnten sieh bald die als Männer Geborenen 
daran, die Rolle der Weiber zu spielen, und eigneten sich 
selbst die voOoo? Qf\\em als ein vergebens zn belcämpfendes 
Laster an. Denn nicht allein den Körper machten sie 
durch weibisches Betragen und weibische Lebensart zum 
weiblichen, sondern auch den Geist brachten sie um die 
Kennzeichen des Geschlechts und verdarben, so viel sie 
nur vermochten, das ganze Menscheugesclilecht." 

Daraus geht nun allerdings mit Sicherheit hervor, 
dass Philon unter voOctos SiiXeta die Päderastie, und 
zwar die RoUe des Pathieus oder, wie sich neuerdings 
die moderne Psychopathla sexualis nach derVulgata aus- 
drückt, die Effeminatio verstanden hat^ aber weder 
Eosenbaura, welcher diesem Gegenstand den längsten 
Abschnitt seines berühmten Werkes gewidmet hat, noch 
einer seiner Vorgänger und Nachfolger hat sich die Frage 

1) Philon (Pliilo), De Äbrahamo. — In dessen: Opera. Edit. 
Mang'ey p. 20: „Oö yäp jiövov öriXu^avoüvTei; dXXoTpiouq f'^noui; 6ifcp- 
Beipov, dXXA Kai äv&pE^ övre^ ä^fieoiv imßafvovTe^, rf\v koiv^jv Ttpö? 
Töf); TtdöXovTtii; oi 6piIivT6^ tpiiaiv oiiK ai&oünevoi, vraiboairopoövTec nX^- 
XovTo ^ev &Ti\^ fovi\v andpovTtc,' 'O b' fXtfxoi; irpö; oiibtv f\v fltpEXo?, 
imö piaioT^pag vikuiu^vujv imöufiia^' eTt' {k toö nar' öXItov iBllavte% 
TÖ "pJvaiKüJv imoii^veiv Toin; äv&pat fewiiSivTai;, 9^\6iav KareaKeiioZov 
afrrotg vöoov, koköv öüaijaxöv. Oü fjävov fäp xä aüinaxa ^o^aK6TrlTl kqI 
epiiititi TuvaiKoOvTe^, &\\& Kai rfiiq ^\iyiä<i dT^vveaTdra; d^I«p■fa^li^levoI, tö 
T' alt' afiTÖl^ fjKov n^po;, t6 aVt|iTrav dvepujirujv fivoi; 6i^(pÖEipov," 



gestellt: Wie kommt der dichterisch angehauchte Philosoph 
Philon Judüos dazu, die voOtro? Qf\\i\a, deren Ursprung 
der fast um 500 Jahre frühere Vater der Geaehichte, 
Herodot, in die Regierimgszeit Psammetichos, also in 
das siebente Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung ver- 
legte, und die derselbe Herodot in Uebereinstimmung 
mit seinem Zeitgenossen, Hippokrates, als ein sicht- 
bares körperliches Leiden darstellte, bei den sagenhaften 
Sodomitern als ein Laster zu linden? — Doch nur durch, 
die Licentia poetica und die zufällig übereinstimmend« 
Bedeutung von voöffoi;. Ein belehrendes Seitenstück 
der üppigen Phantasie P h i 1 o n's findet sich bei Clement' 
Alexandrinus (gestorben 220 n. Chr.). Derselbe er-*fl 
zählt '), dass ein König der Skythen einen seiner Unter-* 
thanen eigenhändig mit einem Pfeile erschoss, „weil er bei 
den Griechen avavbpo^ geworden und andere Skythen in 
der voüoo? OriXeia unterrichtete," Dieser Vorfall ist nach 
Herodot^) folgender: Der Skythe Anaeharsis wurde vott 
seinem Könige Saulioa deahalh erschossen, weil er 
bei den Kyzikenern gebränehUchen Kultus der Matei 
Deorum bei den Skythen einführen wollte. 

Damit ist keineswegs widersprochen, dass Philoul 
und alle seine Nachfolger unter voBoo? OriXtia wirklich * 
die Effeminatio als Laster verstanden haben; besonders 
muss es Philon um die Einführung dieses Begriffes sehr 
zu thun gewesen sein, denn sonst würde er nicht an fünf v 
verschiedenen Stellen seiner Scliriften so ausfülirlich davoig 
gehandelt haben, wenn die Sache vor ihm allgemein oder^ 
auch nur vereinzelt bekannt gewesen wäre. Die späterei 
Schriftsteller, unter diesen H erodian^) (170 — 240 n. ChrA 
Eusebios Pamphilos*) (264—340) und der Bischol 



1) Cleme.ua Alexandrinus, Cohortatio ad Gentes. 
Potter. Oxoniae 1715, 8", I, p. SO. — Vergl. Rosenbnum p. 20(fcJ 

2) S. 1. c, IV, 7G. 

3) Herodian, Hiatoriaruin libri octo. Cur. Th. Guil. IrmiBch. 
Lipsiae 1780, 8«, Vol. II, Lib. IV, Cap. 12. 

4) Eusebio sP am philo s (Lebendes Constautiuus, Lib. III, 
Cap. 55). — Vergl. Rosenbanin p. 195. 



Mythen. 29 

Synesios^) (378—431), acceptirten dann erst diesen 
Gebrauch. Aber die Annahme Philon's ist eben eine 
durchaus freie, willkürliche, unhistorische und hat mit den 
ursprünglichen Darstellungen des H e r o d o t und H i p p o- 
krates jedenfalls nichts gemein. Beide Versionen sind 
demnach strenge auseinander zu halten. Nach den letzt- 
genannten Autoren ist die voöcroq 0r|\eia eine von der Venus 
Urania über die Skythen verhängte Krankheit (kein Laster 
nach alten Anschauungen). Welcher Art dieselbe war, 
lässt sich heute, obzwar man sie nach ihrer Abstammung 
eine echt venerische nennen könnte, nicht bestimmen; 
erblich muss sie nach H e r o d o t gewesen sein, denn sonst 
hätten sie die von Askalon heimkehrenden Skythen nicht 
auf ihre Nachkommenschaft übertragen können. 

Wahrscheinlich hat die Venus Urania ihre Beleidiger 
in ähnlicher Weise bestraft, wie die übrigen Gottheiten 
der sinnlichen Liebe die bezüglichen Vergehungen an 
andern Völkern. 



1) Synesii Episcopi Cyrenes Opera quae extant omnia, inter- 
prete Dionysio Petavio. Lutetiae Parisiorum, 1633, foL, p. 25 A. — 
Die drei letztgenannten Schriftsteller bringen die voöaoq Gi^Xeia 
eben nur mit geschlechtlichen Ausschweifungen oder Perversitäten 
in Beziehung ohne ihre Eigenart zu bestimmen. Höchst bezeichnend 
ist, was Rosenbaum selbst, welchem doch an der Verlässlichkeit 
der Zeugen, die er von Philon an für seine Meinung vorführte, 
sehr viel gelegen sein musste, zur Charakterisirung derselben aus- 
sprach: „Zunächst müssen wir daran denken, dass Synesios, wie 
alle späteren griechischen Redner ur>d Kirchenväter, sich ein be- 
sonderes Geschäft daraus macht, so häufig wie möglich Stellen aus 
den klassischen Schriften der Griechen anzuführen, und deshalb 
gleichsam die Gelegenheit vom Zaune bricht." Dieser Vorwurf kann 
ohne Uebertreibung viel weiter, als auf die „späteren griechischen 
Redner und Kirchenväter" ausgedehnt werden. 



Historische Zeit. 



Chinesen. 

Nach den ausführüehen Aufzeichnungen, welche 
Joan ÄsCrue') im Jahre 1739 durch die Vermittehmg 
einea gewissen Petrus Fourejiu, Presbyter e Socie- 
tate Jesu, von einem der gelehrtesten Aerzte in Peking 
erhielt, wäre die Syphilis in China seit jeher bekjinnt 
und allgemein verbreitet gewesen; selbst in den ältesten 
medizinischen Werken werde sie wie eine uralte Krank- 
heit abgehandelt und von einem neueren Ursprung sei 
nirgend welcherlei Andeutung zu finden. Aber eine 
Bemerkung bleibt dabei zu bedenken, welche von den 
chinesischen Aerzten Über ihre alte Litteratur selbst ge- 
macht und von den Missionären folgend übersetzt wurde : 
„De lue venerea non disseritur in Libris medicis in eadem 
classe, in qua de caeteris morbis, sed incertum qua de 
causa." Wenngleich in dem weitläufigen Berichte, welcher 
unter Mitwirkung einiger chinesischer Äerzte und Missio- 
näre entstand, über diesen Punkt nichts Näheres gesagt 
wird, so dürfte man dennoch kaum fehlen, wenn man 
diese Sonderstellung der Syphilographie in der alten chi- 
nesischen Litteratur mit Astruc dadurch erklärt, dass die 
betreffenden Abhandlungen eben nur spätere Zusätze sind. 

Die Namen dieser Krankheit sind mamiigfach, ob- 
wohl das Hauptwort Tchouang, welches etwa mit Ulcus 
oder Plaga zu übersetzen wäre, allenthalben vorkommt. 
Die gebräuchUchsten Benennungen sind Yang Mel Tchouang 
— nach einer nusagrossen, röthlich weissen, runzlichen 
Frucht, die im südlichen China gedeiht und eine entfernte 
Aehnliclikeit mit gewissen syphilitischen Hauteruptionen 
haben soll — und Tien Pao Tchouang, d. h. Ampulla 

1) Aatruc, J., De morbia vencreis libri novem. Editin altera, 
Lutetiae Parigioi-um, 1740, i°, I, p. 537—567. 



eil in 



' oder Bulla caeli, welches wie Ampnlla oder BuUa magni- 
tudine aeqiialis caelo verstanden wird, von Pa rennin 
(einem von den mitarbeitenden Miesionären) jedoch mit 
Ulcus, a caelo pimiente poena übersetzt wurde. Seltener 
sind die Bezeichnungen: Mien Hoa Tehouang, d.h. Ulcus 
Gossypium, weit es so fest wie BaumwoUföserchen an 
rauhen Kleidern haftet; Kouang Tong Tehouang, d, h. 
Ulcus Cantoni, da die Chinesen glauben, die Syphihs habe 
sich von ihrer Hafenstadt Caiiton aus über das ganze 
Reich verbreitet; und endlich Chi Tehouang, d. h. Ulcus 
teraporis, weil es seit undenklichen Zeiten bekannt ist, 
oder nach einer anderen Version, weil es zu jeder Zeit, 
in allen Jahreszeiten entstehen kann. Das Kouang Tong 
Tehouang seheint sogar den chinesischen Gelehrten iin 
Widerspruch mit dem unfindbsir-alten Ursprung und der 
Verbreitung der Syphilis gewesen zu sein, da sie gerade 
diesem Namen die Bemerkung anfügen , dass ihnen die 
Zeit, wann derselbe in Gebrauch gekommen, unbekannt 
sei. Astruc, welchem es allerdings immer darum zu 
thun war, den hartnäckig vertheidigten amerikanischen 
Ursprung der Syphilis festzuhalten, lässt auch diesen An- 
griffspunkt nicht unangefochten und versucht es in sehr 
geschickter Weise plausibel zu machen , dass , da die 
Syphilis über China von Canton aus sich verbreitete, hier 
aber auch nicht autochthon entstanden sein kann, sie 
jedenfalls von den Portugiesen, welche zuerst unter allen 
europäischen Völkern im Jahre 1517 von Canton aus mit 
den Chinesen in Berührung kamen, eingeschleppt worden 
Bei. Weniger gelungen ist die Erklärung, warum die 
Chinesen nicht eheaao wie die Japanesen, zu welchen die 
Portugiesen etwas spater kamen, die Syphilis nach diesem 
Volke benannten. 

Weiter berichtet der erstgenannte Missionär: Als den 
gewöhnlichsten Ansteckungsweg erkennen die Chinesen 
den Beischlaf, weshalb sie das Contagium als Venenum 
actionum turpium bezeichnen; übrigens soll auch durch 
die Respiration, Erhitzen und Schwitzen in feuchten 
Orten, bei Regen und Stldwind, ja sogar durch er- 



Cliiuesen. 



hitzende Getränke eine Infection möglich sein. Die Ueber- 
tragung der Syphilis als Y tou d. h. Venenum hereditarium 
auf die Nachkommen ist gleichfalls erwähnt. 

Die Krankheit verläuft, wenn auch im allgemeinen 
viel gelinder als in Europa, manchmal doch unter schweren 
Formen, von denen verschiedene Affektionen des Mundes, 
der Nase, des Kopfes, Gesichts, der Knochen, Nerven und 
dieAlopecie hervorgehoben sind; ebenso ist von häufigeren 
Recidiven, längerer Dauer der Krankheit und der schweren 
Heilbarkeit veralteter Fälle die Rede. 

Unter den therapeutischen MassregeUi werden zuerst 
quecksilberhaltige „Pilulae, quae luem veneream curant 
priore methodo, morbum vi exterminando" beschrieben, 
und von ihrer Wirksamkeit gesagt : „Ab usu harumce 
pilularum dentes plernmqne dolent, et fluit ab ore saliva 
über et valde foetens, quod celeris curationis signnm est, 
Lues venerea ea metiiodo vi sanata plerumque recidiva 
est." Gegen recidivirende und iuveterirte Syphilis werden 
verschiedene Arzneimittel gelobt; am berühmtesten ist ein 
Krötenwein. Eine grosse Kröte, deren Species nicht be- 
zeichnet ist, wird mit fünf Mass guten Wein durch zwei 
bis drei Stunden gekocht; davon trinkt der Kranke massig 
erwärmt morgens im Bette langsam und ohne sich zu 
berauschen soviel, als zur Her vorbringung eines Seh weisses 
nöthig ist; die folgenden Tage soll nur die Hälfte des 
Weines gereicht werden um denselben Zweck zu erlangen; 
dabei darf der Kranke acht Tage hindurch nicht an die 
Luft, musa sich durch 15 Tage aller gröberen Speisen und 
100 Tage des Beischlafes enthalten. Sowohl die Früh- 
ais auch die Spätformen der Syphilis werden ausserdem 
noch mit Holztränken, zu welchen Radix Chinae, Lignum 
Sassafras, Süssholz, eine der Sarsaparille ähnliche Wurzel, 
Häute von einer nicht näher angegebenen Art Heuschrecken 
u. dgl. genommen wird, theils in weinigen, theils in wässe- 
rigen Dekokten behandelt. Der Kranke nhnmt davon auf 
nüchternen Magen einen Becher voll, und kann zwei 
Stunden darnach essen; die zeitlichen Formen werden 10, 
die späten 20 Tage hindui'ch den Holzkui'cn unterworfen, 




' AUe „tJIoeni renerea dysepokita* woden ohite BOckatcfa 
d^rsuf, ob der Krante irgend cid«- ioteisen MedkatioB 
Dntervroffeo ist oder nicht, mit etana Pflaster bedeckt, 
dessen Pra^EtiptiQa dm peiiiliche Genain^eit der ü^ier- 
setxuBg Tcnftdi: «Bp. Tharis, ex qao otemn expresEnm 
filmt, MyiriMe, Aaripigmeiiti, Sangaims Draoonis, asm 
grana lxit% CaE^dkoiae, gr. xxx"/». Uercmii dii]cts, 
dradL m, gr. xun^t- ContefanlBr oomsa seorsom in 
ptdverem i iilililiiiiMwiM Adde Gase drach. i^ gr. l*/„ 
Adipia satUae, draob. m, gr. Tim'-, wl drach. ir'/«. 
Liquatis rännl Oerae et Adipi caeteras species ooiiuiiiaoe 
omnia aocnrate penmace et sabige in Etnplastram satis 
fimumi, qood si^ca cartham 1 1 iiiisiiwi iii. vel ittitemri, vd 
ahttam extenditar, et olceroeae pani admoretnr.' Die 
Chineseti Tcnreaden das Qnei^alber oicdit ps^ wddia- 
Art jedod das fti^tarai is^ 'reiches sie Kin fea oda- 
Tan fin namen, llnt ach nach dem BeiielU d« IDammMis 
nicht exKittdn, da es nsr tvb einer etazigeB FamSie in 
der Stadt Soa tchem fin in da- Provinz Kiang nan als 
ein Gchönmättd beratet idmI Ober das ganxe Räd t«'- 



• 



Soweit lauten dnr H^qitsaehe nadi ifiermdem ge- 
nannten Mwämar beaof^^ea Kachnchtcs, wdche Astrac 
aof aeiae Anfragen w^irit- Bemafcenswertit f&r die Zeit 
d^ Ab&GEong ist nur noch, dasa dn- Tripper JoA seine 
Folgeknuikbeitai mit keänna Wort ervilint werden. 

Astrac hat lawif andenn medicimscbeo Wolfen 
da* Chinesen aach eiae .Hatcria medlca, qnae interSnas 
o^brala est qnaa claaäca'', ran dnen gewiseen L i-c h e- 
tchin*) stD^rt, and darin ifie Bocitiiagsarteii des dort 
gi^traochlichen Qoecfc^bcgyipanites geAmden, veahalb 



zwar *'*p'™"*****T, "lier nad den An g aben des 
cMnesischet] PbatmafeDlagai richtig Hi a a e tU e. Derselbe 
Li-che-tchin beschreibt aioeh yaim ab e rr l n c h ig Mgai: 
,Rp. Slereorü, aeznpL IT, nnmb^ Stanni, ana gr. L, Hoaag 



1: 



l>U-cke.Uhia,PeatHb»cncBa«. Tci^ AMrac,l,r.äCa. 



S4 



Chinesen. 



tan, quod lithargyrii genus est, Cinoabaris ana gr. xxiV. 
Siijgula in pnlvereni contrita misceantur, et dividantur in 
partes nequaies duodecim. Ex parte qualibet in tubi 
speciem conformata fiant velut ellychnia, quae oleo immersa 
accendantur; Aeger, sl fumum quem exhalant, in loco 
clause exhauriat, convalescet provocata salivatione," Von 
der KenntnisH merkurieller Inunetionen will A s t r u c 
nirgends eine Spur gefunden haben, was, trotz der wesent- 
lichen Uebcreinstlmmung der angeführten chinesischen 
Kurmethoden mit denen aus dem Ende des fünfzehnten 
und dem Anfang des sechssehnten Jahrhunderts in Europa 
bekannt gewesenen, gegen die Uebertragung durch die 
Portugiesen oder ein anderes europäisches Volk der Neu- 
zeit spricht. 

Im Jahre 1863 erschien ein Werk über die Medicin 
der Chinesen von P. D a b r y '), Capitain und französischem 
Consul in China, welches nach einigen Abweichungen zu 
schliessen, aus anderen Quellen geschöpft sein muss, als 
die Nachrichten, welche A s t r u c seinerzeit durch die 
Missionäre erhielt. D a b r y setzt das „Nusi-King" betitelte 
Werk genau in das Jahr 2637 vor unserer Zeitrechnung, 
unter die Regierung des Kaisers Hoang-ty. Dem entgegen 
will jedoch H. Friedberg^) festgestellt haben: „dass 
wenn ein Kaiser jenes Namens überhaupt existirte, or 
spätestens 700 vor Christi Geburt gelebt hat." Auf die 
zweitausend Jahre auf oder ab kommt es bekanntlich in 
der Chronologie den Chinesen niemals an; aber Dabry 
sagt selbst, dass sämmtllche chinesische Bücher 200 Jahre 
vor Christi Geburt verbrannt wurden, und dann eine Frau 
das „Nusi-King" aus dem Gedächtniss niedergeschrieben 
habe. Es gehört demnach ein felsenfestes Vertrauen in 
die Schriftstücke der Chinesen dazu, um an die gegebenen 
Daten, besonders aber an das phänomenale GedRchtniss 
dieser Frau, zu glauben; wer aber dieses Vertrauen nicht 



1) Dabry, P., La m 
pp. XIT, 580. 

2) Friedberg, 11,, I. c. p. 34. 



ciiM lea Cliinoi 



Chinesen. 85 

hat, dem fehlt jeder Anhaltspunkt über das Alter des 

„Nusi-King". Die ziemlich umfangreiche Schrift, in welcher 
Tripper, Schanker, Bubonen, Feigwarzen und Syphilis ge- 
nau beschrieben und von einander unterschieden sein 
sollen, enthält über letztere nach Fröd. Buret*) folgende 
bemerkenawerthe Stellen: 

„II arrive quelquefois que, plusieurs mois apres la 
gudrison d'un accident vönörien, l'individu ressent subi- 
tement de la cöphalalgie avee fiövre, douleura dans les oa 
et vertiges; peu de temps apr6s apparaissent sur le front 
de petites taches rouge cuivrö (tan-hong) qui augmcntent 
peu ä peu. Le visage devient enflö, et principalement le 
nez; la parole est difScUe; douleur et prurit ä la gorgo .... 
Ces taches se transforment en petits boutons violacßs gros 
comme des pole, donnent issue k un liquide dpais et d'une 
odeur fötide, le corps ne tarde pas k devcnir couvert de 
taches et de boutons de mfime nature; des mucositös 
coulent du nez; l'haleine est insupportable, Les boutons, 
une fois excoriös, augmentent de surface . . . Quelquefois 
les douleurs ne se fönt sentir que la nuit . . . 

Keou-yay-tou (venin k la bouche et ä la gorgo). 

II arrive quelquefois, comme accideut (;ona6cutif d'un 

chancre, apr6s un temps plus ou moins long, qu'une uleö- 

ration se forme sur une des dcux glandes qui se trouvent 

k l'entröe de la gorge, ou bien sur la membrane qui tapisse 

I lo palais prea de la gorge, ou enfln dans la gorge k une 

1 eertaine profondeur. Cette ulcöration est blanche ; les 

[ bords sont droits et d'un rouge cuivreux (tan-hong); les 

parties environnantes sont violac6es, semblables k de la 

peau corrompue (py-lan) . . . L'haleine est brülante et 

fötide; la partie ulcer^e saigne dfes que le malade sc met 

en colöre . . . 

II arrive quelquefois, dit-il encore, qu'i\ la suite d'un 
chancre imparfaJteraent gu6ri, il se forme autour de l'anus 
(kong-men) des taches rouges ou blanches, extrßmement 
petites, et souvent douloureuses et prurigineuses . . . 



1) i 



. p. 75-77. 



36 Cbinesen, Japaner. 

Quelquefois la marge de I'anua est excori^e; d'autres fois 
le Corps eat couvert de petites pustules rouges dlsparaissant 
sous la pression . , . 

Che-kong-tou (poison humide autour de l'anus). De 
petites tachea, grosses comine un grain de sorgho, d'un 
roux cuivrß, apparaissent cn nombre variable au pt^rinöe, 
sur le scrotum, sur les fesses et ä la partie supörieure 
et interne des cuisses. Pen k peu elles deviennent largea, 
humides, exhalent ime odeur de aueur fötide, et produisent 
un prurit leger , . . 

II arrive quelquefois quo, trente ou quarante joura 
aprfes un aeeident provenant d'un colt impur, des plaquea, 
de trös petites tachea, ou blanehes ou d'un rouge euivrö, 
entourßes d'une auröole rouge (tche-pe-yeou-foug), appa- 
raissent sur plusieurs parties du corps , , . 

II apparalt quelquefois subitement, k la suite d'un 
aeeident v^ntrien, des plaquea de tachea blanehes n^pan- 
dues sous le eou. Peu de temps aprös, tout le corps est 
couvert de tachea violacöes, rougea ou jauncs . . . 

Cette atfection, dit-il, est quelquefois transraiaaible 
aus enfanta nouveau-nöa , . ." Auch von Cariea und 
Nekroae der Naae wird gesprochen. Bemerkenawerth ist 
noch, dass Dabry das chinesische Tien-ho-tchoang mit 
„ulc^re" und „feu du ciel", also Himmelsfeuer übersetzt. 

Eine, wenn auch nur sehr wenig sichere Stütze er- 
halten die Nachrichten über das Alter der venerischen 
Krankheiten, speciell der Syphilis, bei den Chinesen durch 
die kürzlich bekannt gewordene mediciniache Schrift der 
Japaner. 

Japaner. 

Von einer selbständigen medicinisehen Litteratur der 
alten Japanesen, die jedeufalla schon sehr zeitlich, wahr- 
scheinlich noch in den ersten Jahrhunderten nach Christi 
Geburt, Kultur und Wissenschaften von den Chinesen an- 
nahmen, war bis vor Kurzem nichts bekannt; erst im Jahre 
1883 brachte B. Scheube') Auazüge aus einem „Dai-do- 

I) Schenbo, B., Znr Geschichte der Syphilis. — In: Virdiow's 
Ardiiv, Berlin 1S83. XCI, p. 44S-4S2. 



i^^sk 



Japaner. 37 

rui-shiu-ho" d. h. „nach Klassen geordnete Receptsammlung 
aus der Periode Dai-do" betitelten Werke, weltihes um das 
■ Jahr 808 unserer Zeitrechnung verfasst und „rein japanischen 
Ursprungs" sein soll. S c h e u b e geht nämlich von der 
Voraussetzung aus, dass Japan, ehe es mit China in nähere 
Berührung kam, eine eigene, ziemlich ausgebildete Arznei- 
kunst besessen habe, welche erst später durch die chine- 
sische aUmähiig verdrängt worden sei. 

Ueber die Genesis dieses „rein japanischen" Werkes 
erhalten wir von B. Scheube folgende Mittheilungen : 
„In der Periode Dai-do (806 — 810) beauftragte der Kaiser 
Heizei-Tenno seine beiden Leibärzte A-be Ma-nao und 
Idzu-mo Hiro-sada damit, die noch vorhandenen Reste der 
heimischen Arzneiktmst zu sammeln und aufzuzeichnen. 
So entstand unser Werk, Erst zu Anfang dieses Jahr- 
hunderts — in der Periode Bunkwa (804 — 815) — wurde 
es zum ersten Male gedruckt, aber nach einer unvoll- 
ständigen Handschrift, Im Jahre 1827 fand ein gewisser 
Bude in einem Tempel in der Provinz Bungo auf der 
Insel Kiushiu ein gut erhaltenes Manuscript auf und gab 
es heraus. Seitdem ist das Buch mehrmals neu aufgelegt 
worden." 

Diese gesammelten Reste „heimischer Ananeikunde" 
müssen demnach in einen Zeitraum zurückreichen, in 
welchem die Japaner von den Chinesen noch nicht be- 
elnflusst waren, also vielleicht noch in's Alterthura. Ohne 
hier weiter die Bedenken zu erörtern, welche sich gegen 
das Alter und über die Abstammung derartiger Schriften 
erheben lassen, selbst wenn sie weit besser verbürgte 
Belege für ihre Authenticität mit sich führen, seien die 
zwei von der Syphilis handelnden Kapitel, deren „wort- 
getreue Uebersetzung" Scheube seinem ehemaligen 
Schüler, Herrn K a y a m a in Kioto, verdankt, unter aller 
Reserve wiedergegeben: 

Das 94. Kapitel lautet: 

„Kata-shine-kasa, d. h. einseitiger Oberschenkelaus- 
schlag. 

An der queren Falte zwischen Wurzel des Ober- 



38 Japaner. 

schenkeLä und Bauch tritt Röthuag uud Schwellung mit 
heftigen Schmerzen und Hitze ein. Nach einigen Tagen 
koQunt es zur Eiterbildung und Eröffnung, und es wird 
viel Eiter entleert. 

Mara-kasa-yami, d. h. Ausschlagakraiikheit des Penis. 

Anfangs eine hirsekorngrosse Geschwulst und Schmer- 
zen. Nach einigen Tagen ein Geschwür und Eiterbildung. 

Fuse-kasa (die üebersetzung dieses Wortes kann 
nicht gegeben werden). 

In der Haut des Penisausschlages ist Wasser enthalten. 
Dies kommt besonders Sommers häufig vor. Der Penis 
ist gesehwollen und sehr verdickt. Die Schwellung ver- 
breitet sich über den ganzen Penis, und man kann die 
Oeffnung von aussen nicht sehen. Aus der Haut fliesst 
Eiter ab. 

Shiri-mara-kasa, d. h. After-Penisausschlag. 

Anfangs verhält sieh der Ausschlag wie oben (mara- 
kasa-yami). Dann Ulceration mit Schmerzen. Nach einigen 
Tagen nimmt die Verschwärung zu, und die Eichel fällt 
ah. Darauf breitet sich die Ulceration nach und nach 
nach hinten aus, der ganze Penis fällt ab, und dieselbej 
geht auch auf den Hoden tiber. 

Hashlri-kasa, d. h. laufender Ausschlag. 

Das Gift des Penisausschlages oder des einseitigeiä 
Oberschenkelausschlages steigt empor, und es entatehq 
der laufende Ausschlag. Hitze und Frost stellen sich eiuj 
und die Knochen der Extremitäten schmerzen. Nacb^ 
einigen Monaten tritt am Rücken und im Gesicht 
kleiner Ausschlag ohne Schmerzen und Jucken ein. Aus| 
demselben entleert sich etwas gelbe Flüssigkeit. Einigt 
Monate später verfault das Gesicht und stinkt, und eS-f 
diesst Eiter ab." 

Hieran schheast sich als Kapitel 95 folgend an: 

„Hone-no-hari-kasa, d. h. Knochcnanschwellungsaus- j 
schlag. 

Nach der Heilung des Penisausschlages schmerzen^ 
die Gelenke der Gheder, so dass sie nicht gestreckt und; 
gebeugt werden können. Es besteht allgemeine Hitze.l 



Japaner. 39 

Dies nennt man Houe-no-haii-kasa, Dann steigt das Gift 
nach oben, und es treten verschiedene schlimme Erschei- 
mmgen auf. Dagegen sind folgende Reeepte anzuwenden 
. . . Die Knochen schmerzen. Der Kranke hat Hitze, 
die Hitze dauert den ganzen Tag, und der Patient kann 
nicht essen. Es besteht Verstopfung. Der llarn ist roth 
und wird schwer entleert. 

Nondo-fuki-kasa, d. h. Schiundausschlag. 

Das Übrige Gift des Penisaussehhiges steigt in die 
Höhe, die Haut des Schlundes schwillt stark an, uud der 
Kranke hat Schmerzen. Nach einigen Tagen tritt Ver- 
schwärung ein, es wird viel Eiter entleert, und es kommt 
alhnählig zur Verfaulung, die einige Jahre lang nicht heilt. 

Ana-kasa, d. h. Lochausschlag, und hi-kasa (?). 

Das übrige Gift des Penisausschlages steigt empor 
und zerstört das Gesieht oder den Kopf. Mehrere De- 
cennien hindurch keine Heilung. Das noch übrige Gift 
bleibt im Kopfe, und Haut, Fleisch und Knochen werden 
zerstört, oder es entsteht ein Nasenausschlag, und die Nase 
fSJlt ab, oder es tritt Erblindung ein, oder die giuizen 
unteren Extremitäten schwellen an und schmerzen einige 
Jahre lang. Dann verfaulen sie. Das Gift zerstört den 
ganzen Körper, oder die Hoden bedecken sich mit Aus- 
schlag, sehwellen an und faulen, und es kommt zur 
Bildung zahlreicher Löcher. Darauf wird die ganze Körper- 
oberfläche zerstört. 

Mimi-no-hi-kasa, d. h. Ohrenausschlag. 

Das übrige Gift steigt nach oben und es tritt Ohren- 
sausen und Schwerhörigkeit ein. Nach einigen Monaten 
stellen sich heftige Schmerzen ein, und es fliesst jauchige 
Flüssigkeit aus. Dann besteht kein Ohrensausen mehr, 
aber der Kranke kann nicht hören." 

Die Angaben über die Therapie konnten nicht über- 
setzt werden; doch sollen die Arzneimittel zumeist aus 
Vegetabilien bestehen, deren Art sich nicht ermitteln liess. 
Gegenwärtig sei die wissenschaftliche Benennung für 
Syphilis bai-doku (bai^Pilz, doku = Gift) und so-doku 
{bo= Ausschlag); das Volk nenne sie kasa oder hiye. Nach 



40 



Japaoer. Indier. 



Parker") soll sie in der Neuzeit unter dem Namen ^ 
Wolluatfeuer allgemein bekannt sein. 

So wenig das Krauklieitsbild der heutigen SyphiliaJ 
entspricht, so ist sie dennoch daraus zu erkennen. Deutlich^ 
ist, dass auch die Gangrän der Genitalien dazu gezähltl 
wurde, welcher ja noch oft genug auch bei den alten* 
Kulturvölkern des Occidents zu begegnen ist. Unter dem 
Abschnitt „Lochausschlag" sind jedenfalls die extremsten 
Formen maligner Syphilis geschildert; auch Verwechs- 
lungen mit anderen Krankheiten scheinen da zu ujiterlaufen, J 

lädier. 

Aus der reichhaltigen mcdicinischen Litteratur defl 
alten Indier, von welcher bisher nur verhältnissmässig' 
wenig gedruckt ist, und die grösstentheils noch als Ma- 
nuscripte in den verschiedenen Bibliotheken für die 
historische Bearbeitung aufbewahrt wird, i»t der „Ayur- 
veda" (Wissenschaft des Lebens), oder wie A. F. Stenz- 
ler*) schreibt, der „Ayur-Veda-Sil-stra" (Lehrbuch der 
Heilkunde) des Susruta am besten und als Hauptquelle 
bekannt. Ausser einer Originalausgabe ^) und den sehr 
geschätzten Commentaren zu diesem Werke von Th. A. 
Wise*) existirt auch eine lateinische Uebersetzung von 
FranzHessler^), welche jedoch nach dem einstimmigen 



1) Parker, Journal of an expedition from Singapore to Japan, 
London 18ii8; vergl. Aujjuat Hivsch, Handbuch der hiBtoriach- 
geograpiiisctien Pathologie. Erlnugen 18G0, H", I, p. 360. 

2) Stenssler, Zur Geachiubte der indiKchpn Mediwn. — In: 
JaiiuB, Zeitacb. )'. Geschiehte u. Litteratur d. Med, Breslau 1840, I, 
p, 441-454. 

.^) The Susruta, or System of Med! eine, taught by Dhan- 
vantari and composed by hia disciple Susruta. Published by Sri 
Madhusudana Gupta, Calcutta 1835—36, 8", II. Diese Ausgabe ist, 
mit alleinig'er Ausnahme des Titels, in der Sanskritsprache. 

4) Wise, Th. A., Commentary of tbe Hindoo Systeme of Me- 
dicine. Calcutta 1845, 8^*, p. 451.— Derselbe: Review of theHistory 
of Medicine. London 1867, 8», II, pp. 68, 397, 574. 

5) Susrutas. Ayurv&das. Id est medicinae systema a vene- 
rabjli Dhanvantare demonstratum a Susruta diacijiulo compositum. 






41 



Urtheil der Philologen sehr felilerhaft, stellenweise sogar 
völlig unbrauchbar sein soll. Es haben sieh daher die 
medicinischen Historiker, weil sie selbst der Sprache 
Susruta'ß nicht mächtig waren, zumeist entweder an 
I die erwähnten Commentare gehalten, oder sich bei be- 
sonders interessirenden Fragen an befreundete Sanskrit- 
t kenner gewendet, und uns so ans diesem überaus raerk- 
f würdigen Werke eine Reihe von Stellen übermittelt, welche 
mmdestena eine sichere Gewähr für die Richtigkeit des 
Wortlautes besitzen, wenn dadurch auch der Geist der 
Wissenschaft, welcher eben nicht bloss das Resultat der 
nothwendigen Sprach-, sondern auch hinreichender Fach- 
kenntnisse sein kann, gelitten haben mag. 

Nach den Mittheilungen des Herausgebers von Sus- 
ruta's „Ayur-Veda", dessen Alter unter den Gelehrten') 
bis heute immer noch strittig ist, jedoch von den meisten 
Kennern altindischer Sprache und Litteratur in die christ- 
liche Periode verlegt wird, stammt das Werk von Brahma 
selbst, welcher es noch vor der Erschaffung des Menschen, 
und zwar ursprünglich in tausend Kapiteln verfasste, 
nachträglich aber mit Rücksicht auf die mangelhafte Be- 
gabung des Menschen entsprechend abkürzte. Von Brahma 
erhielt es dann der Arzt der Götter, der Halbgott Dhan- 
väntari, welcher spater aus Liebe zur Menschheit aus 
dem Himmel zur Erde herabstieg, hier seine Vorlesungen 
Über Heilkunde hielt, welche von einem seiner Zuhörer, 
namens Suaruta, nachgeschrieben wurden. In die uns 
heute vorliegende Fassung brachte es der ungenannte 
Herausgeber. 

Unter einem Schwall von Mythe und Widersinn 
(Mittelpunkt aller Nerven und Gefilsse ist der Nabel) 
findet sich in dem Werke doch auch eine erstaunliclie 



Nimc primum ex sanskrita in latinum sermonem vertit, jutroductioneui, 
annot&tioncti et reriun hidicem adjecit Franciuuus Hcsster. Erliini^ne 
1844-47, &>, III. 

1) Die Angaben über das Alter der Schrift, die jedenfalls 
vewcliiedenen Zeiträumen angehört, schwanken zwisehen 1000 Jahren 
vor und fast ebenso vielen Jahren nach Christi Gehurt. 



43 



Menge von Kenntnissen und Erfahrungen aus allen Ge- 
bieten linderer Wissenschaft, besonders werthvolle aber 
Über Chirurgie, Geburtshülfe und die venerischen Krank- 
heiten. Geradezu frappirend sind die Anschauungen über 
den Stand und die Ausbildung der Aerzte ; S u s r u t a sagt 
unter anderem: „Nur die Vereinigung der Modiein und 
Chirurgie bildet den vollkommenen Arzt. Der Arzt, dem 
die Kenntniss des eüien dieser Zweige abgeht, gleicht 
einem Vogel mit nur einem Flügel." Leider hat sich diese 
Erkenntniss nicht ununterbrochen fortgeerbt, und die später 
eingetretene Trennung war auch für die Syphiüdologie 
besonders verhängnissvoll. 

Wie viel von allen diesen Kenntnissen den alten 
Indiern eigen war, und wie viel sie davon andern Völkern, 
namentlich den Griechen, entlehnten, lässt sich hier nicht 
näher untersuchen. Für die venerischen Krankheiten 
finden sich wohl nur sehr geringe Beziehungen zwischen 
den Griechen und den alten Indiern; eher noch enthält 
die Beschreibung der Syphilis bei diesen deutlichere An- 
klänge an die Chinesen und Japaner; obzwar kaum an- 
zunehmen ist, dass diese Völker von einander lernten. 
Aber schon die Beschreibung des Priraäraffektes unmittel- 
bar vor den sekundären Erscheiuuugea im Susruta, 
und die daraus ersichtliche und auch eigens angedeutete 
Abhängigkeit dieser von jenem, zeigt eine auffallende 
Uebereinstimmung der Indier mit der den Chinesen und 
Japanern zugeschriebenen Litteratur; während bei den 
Griechen, wenigstens in den bisher bekannt gewordenen 
mediciuischen Schriften, keine Spur einer nur halbwegs 
ähnlichen Darstellung der Geschlechtskrankheiten anzu- 
treffen ist. Dafür zeigt jedoch die Sättetheorie der Indier 
eine grosse Aehnlichkeit mit der griechischen; während 
die Chinesen und Japaner bereits ganz unzweideutig ein 
eigenes Gift als Krankheitsursache annehmen. 

Die wichtigsten Stellen, welche sich im „Ayur-Veda" 
deö S u s^r u t a'^ungozwungen auf primäre und sekundäre 
Sypliihs beziehen lassen, finden sich unter den Hämor- 
rhoidalatt'ektionen eingeschoben und lauten nach der auf 



ludici 



43 



I Aiisucheu von Herrn. Friedberg^) besorgteu Ucber- 
I eetzung des ausgezeichneten Sanskritisten A 1 b r e c h t 
' Weber, Professor der altindischen Sprache und Litte- 
ratur an der Berliner Universität, folgend : „Die in Wallung 
gerathenen Ilumorcs dringen in den Penis ein, corrum- 
plren Fleisch und Blut daselbst und erzeugen Jucken- 
Aus der juckenden Stelle entsteht eine Wunde, in der 
sich, darinnen oder darüber, aus verdorbenem Fleische 
gewachsene, wulstige Erhebungen bilden, welche schlei- 
miges Blut (d. h. Eiter) absondern. Dieselben veniiehten 
das Glied und zerstören die Maimheit. Beim Weibe treten 
die in Wallung gerathenen Eumores (Galle, Schleim und 
Luft) in die Geschlechtstheilc, erzeugen sehr zarte, Übel- 
riechende, schleimiges Blut absondernde, pilzfönnige Schöss- 
linge." Dem Sinne nach vollkommen gleich lautet die- 
selbe Stelle in einer Uebersetzung des berdhmten Sans- 
kritforschers Adolf Friedrich Stenzlor, Professor 
der orientaüsehen Sprachen in Breslau, für Haeser's 
Lehrbuch der Geschichte der Medicin^), und auch das 
Latein des vielgeschmähteu H e s s I er stimmt ziemlich 
genau. Unmittelbar an die vorhergehende Schilderung 
des Primäraffektea achhesst sich das Folgende an: „Die 
in Wallung gerathenen Humores steigen dann nach oben 
und bringen im Ohr, im Auge, in der Nase, im Munde 
Hämorrhoiden hervor. Wenn dergleichen im Ohre sitzen, 
tritt Taubheit ein, stechender Schmerz und übler Geruch 
aus dem Ohre. Wenn sie sich auf die Augen werfen, 
werden die Augenlider in ihrer Bewegung gehindert, 
Schmerz, Ausduss und Verlust der Sehkraft tritt ein. 
Wenn sie in der Nase ihren Sitz haben, zeigt sich Schnupfen, 
übermässiges Niesen, schwieriges Athmen, übler Geruch 
aus der Nase, näselnde Stimme und Kopfschmerz. Wenn 
sie im Munde entstehen, im Halse, an der Lippe, oder 
am Gaumen, wird die Sprache stammelnd, der Geschmack 
[eht verloren, und es tritt Kopfweh ein. Wenn die Luft, 



I 



J) Tri. 
2) Kae 



dbe 



■y, H., a. I. t. p. 20-34. 

H., Drittö Bearbeitung, I, |). 1 






in Walluag geratheud, den Schleim mit umfassend, nach 
aussen hin {d. i. auf der Haut) feste, pflockartige Hämor- 
rhoiden hervorbringt, so nennt man sie warzenartige Hä- 
morrhoiden." 

Ausser diesen „warzenartigen Hämorrhoiden" hält 
man die „Valmlka", welche Susruta an einer anderen 
Stelle unter den 44 Kshudraroga (d. i. kleinen Kraniiheiten, 
lokalen Uebeln, leichten Exanthemen verschiedener Art) 
beschreibt, ebenfalls für Syphilide: „Wenn auf der Hand- 
t- fläche, der Fusssohle, dem Gelenke, dem Halse respective 
|;auf dem, was oberhalb des Schltlsselbeines liegt, Knoten, 
ähnlich einem Ameisenhaufen, sich langsam ansammeln, 
so heisst diese mit stechenden, nässenden, brennenden, 
juckenden Wunden umhüllte Krankheit, die aus Schleiip, 
Galle und Luft entsteht, „Valmlka". 

Hierher gehörend, wenn auch nicht in direkte Be- 
ziehung zur Syphilis gebracht, sind einige Bemerkungen, 
welche H a e s e r aus der altindischen Litteratur der brah- 
manischen Periode über die therapeutische Verwendung 
des Quecksilbers anfuhrt. Dasselbe soll bereits als Siala- 
gogura bekannt und aucih in der Form von Calomel und 
Sublimat gebraucht worden sein ; leider ist darüber nichts 
Näheres angegeben. Ferner berichtet Haoser: „Queck- 
silber, welches regulinisth in Nepal, als Zinnober in Tibet 
sich findet, wh-d durch verschiedene Methoden (Amal- 
gamirung mit Antimon, Zinn, Arsenik-Sublimation) gereinigt. 
Auf diese Weise entstehen „„schwarzes, weisses, rothea 
und gelbes Quecksilber"", sämmtUch „„grosse Arzneien"". 
Unter allen Arzneimitteln ,. und deren waren bei den 
Indiern nicht wenige, stand das Quecksilber im höchsten 
Ansehen; dies beweist schon der folgende Spruch: „Der 
Arzt, welcher die Heilkräfte der Wurzeln und Kräuter 
kennt, ist ein Mensch, der, welcher die des Wassers und 
Feuers kennt, ein Dämon (Asur), wer die Kraft des Gebetes 
kennt, ein Prophet, — des Quecksilbers, ein Gott!" Her- 
vorzuheben ist hier noch, dass die Indier den Aussatz 
nicltt, wie die Aerzte des Mittelalters, namentlich die 
Araber, mit Quecksilber, sondern mit Reis, Milch, Zucker 



Indier. 



45 



taglichen Gebrauch balter Bäder behandelten, 
und dass, wie Friedberg (stets unter A. Web e r 's 
Garantie) versichert: „ausdrücklich gesagt wird, dasa er 
L(der Aussatz) eine ansteckendCj sogar erbliche Krankheit 
Ißei und, ausser anderen Ursachen, auch durcli Anstrengung 
lund Coitus entstehe." Friedberg bemerkt auch, daaa 
lunter dem Aussatz (Kushtha) ^augenscheinlich verschie- 
Idene Formen der venerischen Krankheiten abgehandelt 
I werden"; eine Wahrnehmung, welche überhaupt in der 
l.gesammten Lepra-Litteratur bis tief in die Neuzeit herein 

■ gemacht werden kann. 
Von den oben beschriebenen Genitalgeschwüren und 

I Kondylomen, weiche von eonstitutioneUen Erschemungen 

■ gefolgt waren, scheinen die Indier auch einfache Ulee- 
Irationen mit consecutiven Buboncn als Lokalerkrankung 
[unterschieden zu haben; wenigstens heisst es in einem 
Iganz andren Abschnitte des Werkes von Susruta nach 

■ Friedberg resp. A. Weber folgend: „Wenn die in 
I Wallung gerathenen Safte in den Penis eintreten und an 
^ihm, mag er verletzt oder nicht verletzt sein, eine An- 

ichweUung hervorbringen, so heisst dieselbe Upadan^a. 

BtJnter den Ursachen dieses Leidens finden wir: zu heftige 

■Yennischung mit einer Frau, die in der Scheide krank 

■ist . . . , deren Haare lang oder rauh oder verworren 

Psind; Nichtwaschen, oder Waschen mit unreinem Wa.sser 

am Ende des Coitus. Zur Heilung des Penis bei Upa- 

danga wendet man das Verfaliren gegen verdorbene 

Wunden an; stinkt der Penis bereits, so unterlasse mau 

Jede Kur als erfolglos; brenne mit einer glühenden Sonde 

■u. s. w. Bei der Behandlung der Geschwüre werden unter 

■andern Kupfervitriol und rother Arsenik angewandt." 

[Ein ergänzendes Referat über die Therapie der Schanker 

■und Buboncn bringt Haeser: „Im therapeutischen Theil 

^werden gegen dieses Uebel Aderlass am Penis, örtliche 

■Behandlung des Penisgeschwüres mit Kupfervitriol, Eisen- 

■Vitriol, Stemsalz, weissem und rothem Arsenik, Hungerkur, 

Bitigung des Bubo und Eröffnung des Abscesses empfohlen. 

tSegensprücbc sollen übrigens dasselbe leisten," 



IncUer. 



Anschwellungen der LymphdrUeon sind im Susruta 
jedenfalls mehrfach erwähnt; oder richtiger: es füiden 
sich solche Stellen, welche dahin gedeutet werden können; 
denn ein Volk, welches eine wissenschaftliche Bearbeitung 
der Anatomie noch nicht kennt, die einzelnen Körper- 
theile nicht beschreibt, sondern nur zählt, und dabei zu 
dem Resultate des Susruta gelangt, dass der Mensch 
7 Häute, 300 Knochen, 24 Nerven, 900 Bänder, 500 Mus- 
keln etc. besitzt, kann unmöglich eine Vorstellung von 
den Lymphdrüsen überhaupt) geschweige denn von deren 
Sitz und Anzahl gehabt haben. Das VerlässHchste über 
diesen Gegenstand bietet abermals Friedberg: „Die sieb- 
zehnte von den 44 Ksliudraroga ist die Vidärikä (d. h. 
berstende), der Bubo, rund wie die Zwiebel des Hedysarum 
gangetium (oder der Ipomea paniculata), hi der Scham- 
gegend, an den Gelenken befindlich, roth, aus aUen drei 
Humorcs entstanden. Die Behandlung der Vidärikä ist 
verschieden, je nachdem siG eitert oder nicht. Mittel, den 
abscedirenden Bubo zu zeitigen, die Incision des reifen 
Bubo und das zur Narbenbildung führende Verfahren 
werden empfohlen." Dem Hessler bot die Vidärikä 
nicht die mindeste Schwierigkeit, und darum übersetzte 
er sie kurzweg als „bubo venereus". Haeser bemerkt 
zu diesem Punkte noch: „Angeschwollene LjTnphdrüsen 
sollen ausgerottet, Hernien nicht mit ähnlichen Anschwel- 
lungen verwechselt werden." 

Man hat auch den Tripper und seine Folgekrank- 
heiten, namentlich die Orchitis und Epididymitis aus 
Susruta herausgelesen; doch sind die Belege hierfür nur 
sehr wenig beweisend, wenn es auch mehr als wahr- 
scheinhch ist, dass auch diese Krankheit mit sammt ihren 
Folgen bei den alten Indiern geherrscht haben mag: „Ein 
weisshcher, gelblicher, mit Brennen verbundener Urin 
als einer Krankheit der Harnröhre oder Harnblase" (wel- 
cher von beiden Thcilen es ist, lässt sich nicht über- 
setzen), kann ja, wie Friedberg meint, für Tripper 
genommen werden, muss es aber nicht sein. Noch zu- 
versichtlicher ist auch da wieder Hessler vorgegangen; 






47 



[Dersetzt einfach: „nrethritides gonorrhoieae et seminis 
[.virilis vitia." Einen Weibertripper zu diagnosticiren „si 
f menstruum male ölet, si puri aequale et medullae similo 
, ist ebenfalls nur möglich, wenn man weiss, dass das 
hervorragendste Kulturvolk des Alterthums, die Griechen, 
in der Beschreibung der Symptomatologie auch nicht 
wesentlich deuthcher waren, und das Dasein der Krank- 
heit nur aus der Summe anderweitiger Andeutungen ge- 
folgert werden kann. 

Am unwahrscheinlichsten ist wohl die Erkennung 
(wenn auch nicht die damals wirkliche Existenz) einer 
„Entzündung des Nebenhodens", welche Friedberg 
und sein Gewährsmann im Susruta angetroffen haben 
wollen; denn nach dem, was wir von der Anatomie der 
alten Indier erfahren haben, kannten sie den Nebenhoden 
gewiss nicht, und auch ihre pathologischen Kenntnisse 
hatten sich wohl kaum schon bis zu einem Begriffe von 
der Entzündung ausgebildet. Sogar der wenig bezeich- 
nende, in der Litteratur des Alterthums sehr häufig vor- 
kommende Ausdruck „Anschwellung der Hoden", ist für 
Susruta nicht vollkommen sicher gestellt, da nicht an- 
genommen werden kann, dass er überhaupt zwischen 
Scrotum, Hoden und Penis immerdar genau unterschieden 
hat. Da diese „intumescentia testiculorum", wie Hessler 
übersetzt, nicht bei der einen oder anderen venerischen 
Erkrankung abgehandelt wird, so fehlen alle Anhalts- 
punkte über die Art derselben. 

Ausser den oben erwähnten „pilzförmigen Schöss- 
lingen", die als Priraäraffckte dcrSyphiHs gedeutet werden 
können, kommen unter den „Nidanasthäna" noch einige 
Stellen vor, welche an Feigwarzen denken lassen. Die 
bezeichnendste dieser Stellen lautet nach Hessler: „Vitia 
humorum festes et vulvam aggressa, moUia, male olon- 
tia, purulento sanguine fiuentia et fungosa excrescentia 
generant." 

Bei weitem deutlicher ist die Beschreibung der Pari- 

vartikä (Paraphimose) : „Wenn durch fteiben, Drücken 

l und zu grosses Bestossen die überall hingehende Luft in 



4ß 



Indier. 



die Vorhaut eintritt, datm wendet sich die mit Luft ver- 
mischte Haut rückwärts hinter die Eichel, und der Penis 
hängt wie ein geschwollener Knoten, schmerzt und brennt." 
Minder klar ist nach demselben Uebersetzer (A. Weber) 
die Niruddhapraka^a (Phimose): „Wenn die Vorhaut, mit 
Luft vermischt, die Eichel bedeckt, die Eichel aber, durch 
die Vorhaut bedeckt, den Harngang einschnürt, so geht 
der Urin nur in langsamen Tropfen schmerzhaft ab." 

Avapätikä, d. h. Zerreissung {wahrscheinlich der Vor- 
haut oder des Bändchens oder beider) entsteht: „wenn 
ein Mann ein junges Weib mit enger Scheide gebraucht, 
oder wenn die Vorhaut mit Gewalt durch Zerren mit der 
Hand aufgekrärapelt wird, oder wenn sie sich durch 
Reiben, Quetschen und rasche Entleerung des Samens 



Ei'wähnenswerth ist noch, dass die Indier 
wie Haeser berichtet, „röhrenförmige Katheter" und ein 
„doppelt gefenatertes Speculum" kannten, welches sie 
bei der Operation von Mastdarmfisteln verwendeten ; auch 
besassen sie Instrumente zu Injektionen in die Harnblase 
(und demnach vielleicht auch für Harnröhre und Seheide); 
dieselben sollen äluilich wie ihre Klystierspritzen aus der 
Harnblase von gesunden Schweinen, Büffeln, im Nothfalle 
aus einem ledernen . Schlauch mit einer Canule von Gold, 
Silber u. dorgl. und je nach dem Alter des Kranken in 
verschiedener Grösse verfertigt worden sem. Von höchstem 
Interesse für den chirurgischen Theil der Sypliilislehre 
ist wohl eine genaue Beschreibung der Rhinoplastik aus 
der Wangenhaut; freilich ist im Susruta nirgend gesagt, 
ob und wie viel die Syphilis zur Erfindung dieser Ope- 
ration beigetragen hat; dass sie aber dazu beigetragen 
hat, ist nach den einschlägigen, bereits vorgeführten und 
den später noch folgenden Daten mit einiger Sicherheit 
anzunehmen, 

Auch die Chiloplastik ist angeführt, und dabei ist 
besondere der Schlusspassus dahin bezeichnend, dasa es 
sich nicht allein um dcji Ersatz dieser Theile nach mecha- 
nischen, sondern auch nach krankhaften Verstümmelungen 



gehandelt haben mag. Wegen der eminenten Bedeutung', 
welche die Indier für den Nachweis der Sj^philis im Alter- 
thum haben, sollen die Stellen über die erwähnten pla- 
stischen Operationen nach der Ueberaetzung des berühmten 
Tübinger Orientalisten, Prof, Dr. Rudolf von Roth'), 
wiedergegeben werden: „'i^ün werde ich das Verfahren 
der Ansetzung einer abgetrennten Nase angeben. Der 
sorgsame Arzt nimmt ein Pflanzenblatt von der Grösse 
der Nase, schneidet nach dem Mass des aufgelegten 
(Blattes ein Stück) aus der Wange, aber so, dass es (an 
einer Stelle) noch anhängt, und setzt die Nase, nachdem 
er (die Ränder) aufgeritzt hat, rasch auf, fügt sie mit 
guten Bindemitteln gehörig an, befestigt in derselben mit 
Sorgfalt zwei passende Röhrchen, richtet sie in die Höhe 
und bestreut sie mit rothem Sandel, SUssbolz und Antimon. 
Darauf bedeckt er sie mit einem weissen Tuche und be- 
gieast sie öfters mit Sesamöl. Den Kranken muss man 
zerlassene Butter trinken lassen; ist diese verdaut, dann 
muss er mit Gel eingerieben und ordnungsmässig purgiert 
werden. Ist das eingesetzte Stück angewachsen, so schnei- 
det man auch den Rest (die Brücke) durch; ist die Nase 
zu klein, so suche man sie wachsen zu machen, hat sie 
zu viel Fleisch, so bringe man sie auf das richtige Mass. 
Wer das Verfahren für Ansetzung der Oberlippe — nach 
Art des Verfahrens bei der Nase, nur ohne Anwendung 
von Röhrchen — ebenso versteht, der verdient Könige 
zu behandeln." Stenzler*) nbnmt für den letzten Satz: 
„der kann sie (diese Operation) an einem Könige voll- 
ziehen," 

Eine kurze Schilderung der Zustände, wie sie S o n- 
nerat^) noch anfangs des letzten Viertels des vorigen 



1) ßoth, R. V., Tergl. Eduard Zefs, Die Littcratur und Qe- 
L schichte der plastischen Chirurgie. Leipzig 1862, 8*, p. 59—60. 

2) Steiizler, vergl. H. Haoaer, Lehrbuch der Geschichte 
I der Medicin. Dritte Bearbeitung. Jena 1875, &>, I, p. 31—32. 

3) Sonnerat, Voyagc aux Indes orientalcs et & la Chine, 
' depuis 1774 jusqu'en 1781. Paris 1782, 8", TIT. — Die Uebersetzung 

ans Schaufus 1. c. p. 26—28. 

Prokscli. Get^chicbte der veu^r. Krnnklielleii I. 4 



50 Indier. Perser. 

Jahrhunderts antraf, ist nach mehrfacher, besonders aber 
in therapeutischer Richtung belehrend; „Die Lustseuche 
war von jeher in Indien zu Hause, und ist nicht durchaus 
geföhrlich daselbst, wenn sogleich die beliannton Mittel 
dagegen angewendet werden; bei liederlichen Frauens- 
personen aber, die sie drei oder vier Jahre lang Wurzel 
fassen lassen, verwandelt sie sich in Krebs und Aussatz. 
Alle anderen Uebel folgen alsdann und führen endbch 
den Tod herbei. Die Indier heilen sie nie gründlich, 
sondern bloss paUiativ, und da fast alle den Keim der 
Krankheit mit auf die Welt bringen, besonders diejenigen 
der niedem Klassen, so ist es äusserst selten in diesem 
Lande gesunde Menschen zu finden. Daher sind auch 
fast alle Krankheiten daselbst schwer zu heilen, weil sie 
fast durchgehends mit dem venerischen Uebel verwickelt 
sind. Die allgemeinen Mittel, welche man dagegen ge- 
braucht, sind Tisanen von Curaneli (?), kalte Bäder und 
Abführungen. Diese letztern zu erregen gibt man Pillen, 
die aus Maismehl und dem Saft des Kali, einer Gattung 
Wolfsmilch {Euphorbia tirucalli L.) bereitet werden. Man 
wendet diese letztem gegen alle Zufalle der Ki-ankheit 
an, und lässt davon täglich eine von der Grösse eines 
Pfefferkornes nehmen, Ist das Uebel nicht veraltet, 
wird es auch gewöhnlich dadurch behoben." 

Perser. 

Die Stammverwandtschaft, der geschäftliche Va 
kehr und auch die wissenschaftlichen VerbindungenJ| 
welche zwischen den alten Persern und den Indien 
bestanden haben, sind hinlänglich erwiesen und bekannte 
An der modicinisehen Lehranstalt in Dschondisapor, die) 
freilich erst gegen das Ende des fünften JahrhundertsV 
nach Christus gegründet sein mag, wai-en indische Aerzte 
angestellt, welche die Werke ihres Landes in das Per-fl 
sische übersetzten. Von Alexander dem Grossen gehö 
die Sage, dass er die ganze Litteratur der Perser uncL 
auch ihre heiligen Bücher vernichtete, mit alleinig^ 



Perser. 



61 



Ausnahme der medicinischen und astronomischen Schriften. 
Trotz alledem wissen wir heute von den medicinischen 
Kenntnissen der alten Perser nur sehr wenig. Ihr Ver- 
hältniss zu den Indiern lässt ■vermuthen, dass sie auch 
mit den venerischen Krankheiten bekannt gewesen sein 
mochten; jedoch sind nur über die Existenz der Lepra, 
welche ja so häufig mit der Syphilis zusammengeworfen 
wurde, verlässhche Nachrichten vorhanden. So erzählt 
bereits Herodot^): „Wenn ferner ein Bürger den Aussatz - 
oder weissen Ausschlag hat, der darf nicht in die Stadt, 
noch in anderer Perser Gesellschaft kommen. Denn sie 
sind der Meinung: wer diese Krankheit hat, der musa 
wider die Sonne gesündigt haben. Jeden Fremden aber, 
der davon befallen wird, vertreiben sie aus dem Lande." 
Auch in der Heiligen Schrift der Perser, dem Zend-Avesta *)j 
einer der ältesten von allen Religionsurkuuden, heisst es: 
„Beim Anbück eines Aussätzigen. Lebe und wirke alle- 
zeit mit Verstand, o Elender, so wirst du zum Behescht 
wandeln. Der Unreine theile nicht sein Uebel diesen 
heihgen Menschen mit, die auf reinen, fruchtreiehen und 
Ueberfluss tragenden Bergen sind, und in Gesundheit 
fröhlich sind; er habe nicht mit ihnen zu thun, so wird 
sein Uebel sich nicht mehren; gs wird sich mindern durch 
den Schutz der reinen, starken und vortrefflichen Ferruers." 
Eine andere in der Litteratur der alten orientalischen 
Völker nicht verzeichnete Krankheit, welche in der Neu- 
zeit wiederholt für Syphilis gehalten wurde, findet sich 
jedoch bei den alten und mittleren Aerzten des Abend- 
landes und auch bei den Arabern, bis herein in die Neu- 
zeit und noch über Paracelsus hinaus beschrieben. 
Es ist dies die bald als „Persisches Feuer" (Galen, 
A V i c e n n a) und „Igois sacer" (C e 1 s u b), bald als „Pest" 



1) Herodot, I. 138. "Oi; äv bt -nliv doriiiv Witpnv f[ ieilKiiv ^p}, 
ic, it6Xiv oOtos oö KaT^pXETOi, oi)U cfUH^föTeTcii toToi äX\oioi TTepöfjffi ■ 
EeIvov hi -itdvTa, töv Xofißaväjievov öirö tovtiwv, iroX^oi JEfXailvouaiv (k 

3) Zend-Aveata, von J. F. Kleuker, 1777, 4", II, p. 167. CiL in : 
C,P. H. Marx Origmoscontftgii. Caroliruhae at Badae, 1824, 8", p. 49, 



schlechtweg, dann als „Arsura, Mal des ardens, Ignis 
Sancti Antoni, Sancti Martialis, Beatae virginis, Ignis in- 
visibilis s. infernalis etc. ebenso verschiedenartig beschrie- 
bene als benannte Krankheit. Nachdem die Syphilis zu 
Ende des 15. Jahrhunderts in Europa allgemein bekannt 
worden war, beforschten die Aerzte emsig die alten Littera- 
turen, um da die vermeintlich neu ausgebrochene Krankheifa 
wiederzufinden ; und da gerieth man denn in die mannicl 
faltigsten Combinationen, unter anderm auch in die, daas ■^ 
der „Morbus Gallicus" identisch mit dem „Ignis Persicus" 
des Alterthums und Mittelalters sei. Der Hauptvertreter 
dieser Meinung war Conrad Gilinus, dem aber bald 
andere Aerzte, unter ihnen NicoIoLeoniceno, Jo- 
hannes Widmann, Antonio Scanaroli, Julius 
Tannus, Bartholomaeus Steber und MusaBras- 
savola widersprachen. Jedoch nimmt noch Paracel- 
s u s eine Complication und die Aehnlichkeit der Syphilis 
mit dem Persischen Feuer an: „Wiewohl sie (die Aerzte) 
jrrig gemacht seind worden, auss welcher Irrung dise 
thcilung der Artzney gefolgt hat, Die ist, dass sie nit haben 
mögen begreiffen vnder jhren {der Frantzoseu} Qualitäten 
Ignem Persicum, Esthiomenum etc."'}- ^^ einer andern 
Stelle sagt Paracelsus: „Auch Persicus ignis vnd Pru- 
nus, so sie ietzt anlieffen, kommen sie doch nicht, es seyen 
dann vorhin die Frantzosen auff ein gross abzehren kommen 
. . . ohn welche vrsach in andern weg Persicus ignia« 
nicht käme, darumb sein specificum mit sampt der Cuj 
(der Frantzosen) gebraucht sol werden"*). 

Damit kam aber das Persische Feuer in der Syphil 
Litteratur auf etliche Jahrhunderte zur Ruhe, bis F r a n ^ 
Schwediaucr'), gestutzt auf neuerliche Naehrichteii^ 
des berühmten Orientalisten Sir William Jones*) die- 



1) ParauelsuB, Chirurgische Bücher vnd Schrifften. Strasa- 
burg 1618, fol., p. IftO. 

2) ParacelBua, ebenda, p. 281. 

3) Schwediiiuer, F., Von der LuHtBeuelic. Berlin 1803, 8<5il 
I, pp. 4.^ u. 45. 

4) Jones, W., in dessen Asiatic Research ck. C«1cui 



selbe Frage abermals aufgriff, und zu dem SohUiss ge- 
langte: „dass die Lustseuche in IndostaD seit undenklichen 
Zeiten uoter dem Namen des Persischen Feuers, sowie 
auch der Gebrauch des Quecksilbers, bekannt ist , . . 
Nach allem diesen ist es daher sehr wahrsclieinlich, dass 
die Lustseuche sich schon seit vielen Jahrtausenden in 
Persien und Thibet durch Ansteckung fortgepflanzt habe." 
Auch der Epidemiologe Friedrich Schnurrer') neigt 
zu dieser Ansicht: „Die Syphilis ist unläugbar schon lange 
vor ihrem Erscheinen auf europaischem Boden in Ostindien 
einheimisch gewesen; das sogenannte feu persan auf der 
Halbinsel Indostan soll nur ein höherer Grad der Syphilis 
Bein." Der verdienstvolle Syphilishistoriker Julius Ro- 
aenbaum*)las jedoch aus den Berichten des vorerwähnten 
Orientalisten nur: „dass auch noch jetzt in Indien Anthrax 
und Schankergeschwüre für verwandt gehalten und beide 
nach William Jones mit dem Namen Nar Farsi oder 
Ateshi Farsi (Ignis persicus) von den Cabirajas oder in- 
dischen Aerzten belegt werden." Die jedenfalls interessanten 
Asiatic Researches von Jones konnte ich leider nicht 
auftreiben. 

Aus den verschiedenen Abhandlungen, welche aus 
dem Alterthum und Mittelalter über das Persische Feuer 
erhalten sind, geht nur soviel mit einiger Sicherheit her- 
vor, dass man darunter die mannichfaltigsten akuten und 
chronischen Exantheme begriflen hat, die unter Umständen 
in mehr oder weniger ausgebreitete Ulcerationen übergehen 
können, über welche heute eine bestimmte Diagnose ab- 
zugeben Wohl unmöglich ist. Zur eigenen Beurtheilung 
des Lesers mögen jedoch zwei Beschreibungen, eine der 
ältesten und eine der jüngsten, hier Platz finden, Celsua^) 



1) Sühnurrer, F., Geographische Nosologie. Stuttgart 1HI3, 
8», p. 457, 

2) Rosenbaum, J., Geschichte der Luatsoueho im Altertham. 
Halle 1S39, 8", p. 309. 

3) CelsuB, Ä. C., De medieiua, tib. V, cap. xxvm, S 4: ,8acer 
quotiue ignis maus ulceribus annumerari debet. Eins duae species 
sunt; altei'iim est BUbrubicundum aut mistum rubore atque pallore 



bi Feiser. 

lehrt: „Auch das heilige Feuer muss man zu dea bös-" 
artigen OeachwUren zahlen. Es gibt zwei Arten desselben. 
Die eine hierron ist röthlich, oder zeigt eine blassrothe 
Farbe; die Haut ist, durch die beständig aufsc^hiessendeu 
Pusteln, wovon keine grösser als die andere ist, die meistens 
aber sehr klein sind, uneben. In diesen Pusteln findet 
sich fast iinmer Eiter, oft ist auch Röthe und Hitze vor- 
handen, und dieses verbreitet sich bisweilen, wenn eine 
vorher erkrankte Stelle geheilt ist, bisweilen auch, wenn 
die»e noch eitert ; nach geöfl'neten Pustchi dauert das 
Geschwür fort und es sondert eine Feuchtigkeit ab, welche 
zwischen dem mit Blut vermischten Eiter und wahrem 
Eiter mitten inne zu stehen scheint. Es kommt vorzüg- 
lich auf der Brust, oder an den Seiten, oder an den her- 
vorragenden Körpertheilen, besonders an den Fusssohlen 
zum Vorschein. Die andere Art spricht sich in einer 
Vereiterung der Oberhaut aus, ist ohne Erhöhung, breit, 

esasperatnmqne per pastalas continoas, qaaram nulta altera mftior 
est, sed plorimae perexiguae. In hi» semper fere poä, et saepe 
rabor vsam calore est, serpitque id noDnauquam sauescenle eo, qaod 
primom viliatum est, noniiun(|uam etiam exitlcemto, tibi ruptis 
postuliH Ulcus Kontinuatur, hamorque eiit, qui esse inter saniein et 
pa8 vidcri pol«at. Fit maxime in pectore aut latcribus ant cininen- 
tibu8 partibas, praecipae.qac in plantis. Ältenim antem ent in 
Biunmae cutis esnice ratio ne, aed sine altitudine, lalum, sablividum, 
inacqaaliter tamen, mediiunque saneecit, extremis procedentibus, ac 
saepe id, (jaod iam sanurn videliatar, iterum exukeratur. At circa 
proi'.ma cutis, qaae Vitium receptura eöt, tamidior et durior est, 
coloremque liabet ex rnbro subnigram. Atqae hoc quoque malo 
forc Corpora seniora teatantor, aat quae mati habitus sunt, sed in 
cruribas niasime. Onmis autem sacer ignis, ut miniman) periculnm 
habet ex iiä, quae serpuiit, sie prope difficillime tollitur. Medica- 
mentum eius fortuitum est uno die febris, quae humorem noxinni 
absumat. Pos quo crassius et albldius est, eo perlculi minus est. 
I'rodest etiam infra os olcorum laedi, quo plus puris exeat, et id, 
quo ibi corruptum corpus est, extrahatur. Sed tarnen si febricula 
accessit, abstinentia, lectulo, alvi ductione opus est . . . Si non est 
febricula, et gestatio utilis tat et ambulatio et vinuui austerum et 
balnenm . . . si celeriter malum serpit, noa aliud magis proficit. 
Purgato ulcere, quod in summa cute esse propo:^ui, satis ad Sani- 
tätern eadem lenia inedicamonta proficieut." 



Perser. 



1 bläulich, jedoch ungleich gefUrbt, uad heilt in der Mitte, 
während die äusaem Enden weiter um sif^h tVessen, und 
es geht das, was schon geheilt zu sein scheint, wieder in 
gcBchwürigeu Zustand über. Auch die angrenzende Haut, 
wo das Geschwür seinen Sitz hat, schwillt an, ist härter 
und besitzt eine schwarzrothe Farbe. An diesem Uebel 
leiden ebenfalls meistens alternde Körper und Leute von 
Hbler Körperbescliaffenheit, es kommt aber vorzüglich an 
den Schenkelu zum Ausbruche. Wie aber jede Art vom 
heiligen Feuer unter den um sich fressenden Geschwüren 
am wenigsten gefährlich ist, so ist doch seine Heilung 
sehr schwierig. Ein zufälliges Heilmittel ist ein ein- 
tägiges Fieber, welches die schädliche Feuchtigkeit ver- 
zehrt. Je dicker und weisser der Eiter ist, desto weniger 
besteht Gefahr. Nutzen gewährt es auch, unterhalb der 
Oeffnung des Geschwürs, eine GegenöfFnung zu machen, 
damit desto mehr Eiter ausfliesse und das Verdorbene 
abgestossen werde; gesellt sich aber ein Fieber hinzu, 
so muss man fasten, im Bette zubringen, und den Leib 
eröffnen ... Ist kein Fieber vorhanden, so ist sowohl 
passive Bewegung, als auch das Spazierengehen, der Ge- 
nuss eines herben Weines und das Baden nützlich . . . 
Greift aber das Uebel schnell um sich, so besteht durch- 
aus keine Hilfe mehr. Hat sich das Geschwür, welches, 
wie ich oben schon erwähnt habe, auf der Oberhaut sich 
befindet, gereinigt, so werden die nämlichen gelinden 
Mittel hinreichend sein, um die Heilung zu bewirken." 
Paracelsus') fasst die S>TnptomatoIogie des Per- 
sischen Feuers, das bei ihm auch die Synonyma „Bruno, 
vulgo der Brand, das Wildfewr, S. Anthonius fewr" führt, 
in Folgendem zusammen: „Dieser kranckheit Zeichen sein 
zweyeriey, vom kalten vnd vom warmen. Vom heissen 
sein auch zweyerley, die Chronischen vnd Äcutischen, 
Chronica signa sunt quae diu durant 10. 20. Jar, et postea 
primum sequitur persieus ignis. Acuta signa, id est, quae 
in ima hora in die primo, tertio, quarto, quaoto morbum 




1) ParacelEi 



, s. I. c. I 



598. 



prQCudunt. Chroniache Zeichen seind die. Am ersten 
Wirt herysipela, demnach laufen gelbe bleterlin auff, neben 
den Löchern, etwa gelb Wasser aiiss den Löchern, vnd 
so dasselbig Wasser auffbeisst, dergleichen so ein ver- 
borgene Rtithe aufflauff mit brennen vnd glantzig, vnd 
weret in das dritt oder sechst Jahr, das sindt zeichen 
zum heissen Brandt. Acutischen, so ein gählicht hitz in 
ein glied feilt, mit gelben Bläterlin vnd brennen : So als- 
dann in die cretica, id est, am nenndten tag die färb 
blaw wirdt, so sag, das persicus gewaltig da sey. Die 
kalten zeichen geben auch die vorige zeichen, allein mit 
einer schicertz angeloffen: Vnd so dasselbig Glied vormals 
varices hett, oder schwertze, so sag, das der kalt, Brandt 
geboren sey." Die „Cautela" bei dieser Krankheit sagt: 
„Hute dich vor den Artzneyen, die da nach den Elementen 
gesetzt sein. Item vor Repercussiven, vor Blater salben, 
Schmirben, Reuchern und vor dem Holtz", also vor den 
damaligen Syphiliskuren. 

Da das Persische Feuer häufig auch epidemisch auf- 
trat, eo wurde es verschieden, auch als Blattern gedeutet ; 
im vorigen Jahrhundert verfiel man darauf, dass diese 
Krankheit, da sie sehr häufig im Herbste nach der Ernte 
ausbrach, mit dem sogenannten Mutterkornbrand, der 
manchmal bei Ergotismus auftritt, identisch gewesen sei. 

Franz Romeo Seligmann theilte mir mit, dass 
er sich genau einer Stelle in der von ihm herausgegebenen 
Persischen Schrift ^), die in der zweiten Hälfte des zehnten 
Jahrhunderts nach Christi Geburt verfasst und im Jahre 
1055 niedergeschrieben wurde, erinnere, in welcher von 
einem harten oder verhärteten Geschwür am Penis die 
Rede ist. SeUgmann versprach mir nach der Stelle 



1) Seligmsnn, F. R., Cadex Vindobonensis, sivB Medici Abu 
Mauanr Muwaffak Ein Ali Heratenai» liber fundamcntorum pharma- 
cologiae. Vindobouae, 1859, 8", p, lv Prolegomena et Notae, 3 Blätter 
facBimilirte Handschrift und 272 Seiten persischer Text. — Die 
lateinische Ueberaetzuug lag vor Seligmann's am 15. September 
1893 erfolgten Tode vollendet und in ReinKchrift in seinem Pulte. 
Ob sie je horaungegehen wird!? 



Perser. Aegypter. 



57 



f ZU Buchen und sie Für meine Studien zu übersetzen; leider 

starb er dazwiKchen. 

Die Nachrichten über die Syphilis und die Prostitution 
[ in Peraieu von J. E. P o 1 a k berüeksichtigen nicht das 

Historische dieses Volkes, sie sind demnach nur für die 
I Geographie dieser Krankheit verwendbar, und daher wie 
t alle darauf bezüglichen Schriften auch bei den übrigen 
r Völkern hier übergangen. 



Aegypter. 

Schon einige der ältesten Hyphilographen, unter ihnen 
Francesco Lopez de Villalobos^) (1498) und 
-Girolamo Fracastoro^) {1520) vennutheten, dass 
[ die Syphilis oder eine ihr ähnliche Krankheit von jeher 
loder doch seit langer Zeit in Aegypten geherrscht habe, 
p und der erstgenannte von den beiden Dichter-Aerzten 
schlägt sogar vor, der neuerlich in Europa ausgebroehenen 
jSeuche den Namen „Öarna egipciaca", d. i. ägyptische 
Krätze, zu geben. Fracastoro dagegen singt: 
„Sic Elephas aacer Ausoniis incognitus oris, 
Sic Liehen latuere diu, quibus accola Nili 
Gens tantum regioque omnis vicina laborat. 
De genere hoc est dira luee, quae nuper in auras 
Exiit et tandeni sese caligine ab atra 
Exemit, durosque ortus et vincula rupit." 
Jedoch hatten die Aerzte jener Zeit für ihre Ver- 
I muthungen nur die wenigen undeutlichen Anhaltspunkte 
) in der Bibel und bei den griechischen und römischen 
[ Geschichteschreibern, Naturforschern und Aerzten. Etwas 
l'Bpäter cirkulirte dann eine der letzten ägyptischen Königin, 
Kleopatra«), der Geliebten Caesar'a und Antonius', 



1) Villalobos, F. L, de, Tratado de la eafermedaii de las 
bubas. Salamanticae, 1498. — Abdruck in: A. H. Morejon, Historia 
bibliogrMca I, p. 362—391. 

2) Fracastoro, G-, Syphili.s. Vcronae 1530, *>, 36 Blätter. — 
Vor 1521 geschrieben. 

3) Kleopatra. — In: Collectio ^jnaecionim, Edit. Cattp. 



Jig 



58 Aetfj'pter. 

wahrscheinlich (Hlschüch zugeschriebene gynäkologische 
Abhandlung, welche auch einige Recepte für die anschei- 
nend veneriachen und andere Erkrankungen der weib- 
lichen Genitalien enthalt, und die im Ganzen jedoch nur 
geringe Beachtung fand. Die wenigen, augenacheinlich 
irgend einem alten Griechen oder Römer nachgeschriebenen 
Sätze, welche Grüner anfillirt, hmten: Ad rhagadia in 
matricis orificio: Ex partu difficiü vel ex nimia purgatione 
rhagadia in orificio matricis emergere solent. Quae si 
recentia sint et sine fernere, rebus chalasticis paregorizari 
debent. Si vero jam etiam c^Uosum est, primo callus 
coramalaxandus, et sie ferro sublatus facillime sanari 
poseunt ... Ad uleera in corpore matricis ex prurigine . . . 
ad uicera et ^'itia vulvae sordida vel putrida ... ad tu- 
morem ulceris . . . pessarium ad omnia vulnera et cale- 
factioncH, et tumorem et dolorem matricis ... ad vitia, 
quae juxta anum nascuntur ... ad condylomata, quae 
in ano nascuntur. '^ Weis Kleopatra über die Gonorrhoe 
beim Weibe sagt, ist eine wörtliche Uebertragung der bei 
den Griechen und Römern gebräuchlichen Beschreibung 
der Gonorrhoe des Mannes; von einigem Interesse ist jedoch 
die Erwähnung einer entzündhchen Schwellung der Vulva 
infolge von Coitus, also vielleicht der Bartholinitis: „Si 
mulieris loci doluerint aut vulva per coitum punctionea 
senserit, sciant, sibi vulvam in tumore esse, magis tarnen 
in interiore parte quam foris, hujus rei Signum est tale: 
oculorum anguli dolebunt et facies ignea plus quam pallida 
et hoc Vitium erubeseunt medico fateri." 

Die bedeutenden Funde ans der jüngsten Zeit und 
besonders der vorher ungeahnte Aufschwung, den die 
Aegyptologie in den letzten Decennien genommen hat, 
haben auch einiges Licht über die Existenz der venerischen 
Krankheiten bei diesem uralten Kulturvolke verbreitet; 
wenn auch die wichtigste dieser Krankheiten, die Sypliilis, 



Wolphius. Baailcae, 15G6, i"; Auszüge in Grune.r'a Aphrod, III, 
p. 7, und in P, W. Müller, I>ie venerischen Krankheiten im Alter- 
thnm. Erlangen 1873, H", p. 28-29. 



Aegypter 



59 



[ noch nicht mit alier Sicherheit nachgewiesen werden kann, 
und diesbezüglich weitere Studien der bereits vorhandenen 

|.oder neu anfzufindenden Papyri und anderer Denkmale 
es Volkes abzuwarten sind. Die reichhaltigste, wenn 

i auch noch lange nicht vollständig geklarte Quelle üiier 
das raedicinische Wissen der alten Aegypter ist der nach 
seinem Entdecker benannte, in der Leipziger Universitäts- 
Bibliothek aufbewahrte Papyrus Ebers, dessen Nieder- 
schrift in die Mitte des 16. Jahrhunderts vor unserer 
Zeitrechnung fällt, dessen Abfassung in einzelnen Theilen 
jedoch in viel altere Zeiten hineinreicht. In diesem hoch- 
interessanten m elegantester Ausstattung edirtera Werke '') 

I finden sich über unseren Gegenstand, soweit dei-selbe nicht 

I, allzu tragUch ist, die zahlreichsten Stellen über verschie- 
denerlei Lokalaffektionen an den weiblichen Genitalien; 
so heisst es Taf. 95 nach der Uebersctzung von Heinrich 
Joachim*): „Ein anderes (Rezept) den Fluor (albus) nicht 
über die Jungfrau (?) kommen zu lassen: Leber von der 
Schwalbe, getrocknet, in saurer Milch reiben; der Patientin 
auf ihre Brust, ihren Leib und alle ihre Gheder thun, 
an denen sie von mcsu-Krankheit leidet," 

„Mittel Geschwülste in der Vulva (Uterus?) zu ver- 
treiben: Getrocknete xet-Blätter in Hefe von starkem Bior 
auf ihre Weiche und ihren Leib bringen." 

„Ein anderes (Mittel) gegen Fressen in der Vulva, 
das bennut-Blaseu in ihrer Scheide hervorbringt: Frische 
Datteln 1, hekennu-Körner l, Stein von der Flussmündung, 
zerreiben in Wasser, feucht stehen lassen und in ihre 
Vulva spritzen." 

„Ein anderes: Frische Datteln 1, Schweingalle 1, 
genti-Kömer 1, Wasser, feucht stehen lassen und in ihre 
Vulva spritzen," 

„Ein anderes gegen Entstehen von Krankheiten in 

1) Ebers, G., Da.s hermetiHche Buiih über die Arzneimittel 
der alten Aegypter. Leipzig 1876, fol, II. 

2) Joaiiiiim, H-, Papyrua Ebers, Das älteste Bueb über Heil- 
kunde. Aue dem Aegyptischen zum ersten Male vollatäDdig über- 
setzt. Berlin 1890, 8", pp. xx, 214. 



60 Aegypter. 

ihrer Sehamlippe : Knoblauch 1 , Grüne Bleierde (?) 1 , 
nehedet-Körner 1, Weihrauch 1, Harz von Äcanthus 1, 
Kuhhoni 1, hunta-Körner 1, Wasser 1, in Eins machen 
und in die Vulva spritzen." 

Taf. 96. „Ein anderes gegen Stiche in der Vulva 
und gegen runde Pusteln, die in ihrer Scheide entstehen : 
xeper-ur-Körucr 1 zerreiben in Weihrauch -Wasser 1, geuri- 
Körner 1, iu ihre Vulva spritzen." 

„Ein anderes: näh-Korn '/h> frische Datteln '/b. Harz 
von Aciinthus '/si genti-Körner '/»«» Wasser '/31 Eselsmilch, 
feucht stehen lassen und in ihre Vulva spritzen." 

„Ein anderes die Vulva (Utems?) zu kühlen und 
Entzündung darin zu vertreiben: Dumpalmenfrucht zer- 
mahlen, Cyperua zcrmahleii m Oel und iu die Vulva spritzen ; 
es ist eiu zusammenziehendes Mittel für die Vulva (den 
Uterus)." 

„Eiu anderes: Sesiimum in Honig zermahlen und in 

ihre Vulva spritzen; es ist ein zusammenziehendes Mittel." 

.„Ein anderes: Weihrauch und Crocus in Kuhmilch 

zermahlen und zerreiben, durch ein Tuch durchseihen imd 

in ihre Vulva spritzen ; es ist ein zusammenziehendes Mittel." 

„Ein anderes die Vulva (den Uterus) zusammen zu 
ziehen : xßpcr-"r-Körner I , lionig 1 , Zwiebelwasser 1, 
Milch 1, durchseihen und in ihre Vulva spritzen lassen," 

„Ein anderes: Wasser von mesÖä-Getränk in ihre 
Vulva spritzen," 

„Ein anderes: ,Saft von der nesa-Pflanze in ihre Vulva 
.spritzen," 

„Ein anderes: Saft von qnereqtu-Körnern in ihre 
Vulva spritzen," 

„Ein anderes :Pfefferminzmisser in ihre Vulva spritzen." 

„Wenn Du ein Weib untersuchst, es geht etwas von 
ihr ah wie Wasser, dessen Bodensatz wie warmes Blut 
ist, so sag Du ihr: es ist die axät ')-Krankheit in ihrer Vulva. 
Mach Du für sie Jaspis, der Wasser anzieht: reiben in 
Honig und Collyrium, Charpic von Leinwand damit be- 
streichen u nd 4 Tage in ihre Vulva thun." 

1) axat^kraUoa, ritzen, zerkrätzoD. 



A^gypter. 61 

Taf. 97. „Ein anderes Mittel gegen Entzündimga- 
l schmerzen um die Vulva (den Uterus): Kuhgalle 1, genti- 
Körner 1, Oel 1 in Eins machen und in ihre Vulva spritzen." 

Andere in differential-diagnostischer Beziehung inter- 
I eaairende Stellen können wegbleiben, da die vorgeführten 
wohl genügenden Aufschluss über verschiedene Eehaftungen 
geben, von denen die venerischen gewiss nicht ausge- 
schlossen werden können. Minder zahlreich sind Erkran- 
kungen an den männlichen Genitalien erwähnt. 

Taf. 49. „Ein anderes (Recept) Verstopfung (oder 
Verhärtung) auf Grund von Entzündung im Uringang bei 
einer Person zu vertreiben, die an Verstopfung des Urins 
leidet: Seesalz '/eu ntähui-Samen '/a? Baumöl 1, Honig 1, 
süsses Bier 1, in den Anus zu spritzen." 

„Andere Mittel gemacht für den, der krank ist mit 
[ «xedu in seinem Uringang: Kuhleber 1, anest-Pflanze 1, 
[ thun in pät-Brod und von der Person zu essen." 

„Ein anderes: deger-Samen '/si das Inwendige von 
Zwiebeln 'j^^, Weizenmetil '!^, Gänseschmalz '/»i Honig '/g, 
Papyruspflanze '/sj Wasser '/»i kochen, durchseihen und 
4 Tage lang einnehmen." 

Taf. 50. „Andere Mittel zu viel Urinausleerung zu 
vertreiben; Weizonkom Vs. Sebesten '/sj Grüne Blcierde (?) 
^/ss» Wasser Vi» feucht stehen lassen, durchseihen und 
4 Tage einnehmen." 

Hier dürfte es vielleicht heisaen „zu ofte" statt „zu 
viel" Urinentleerung, denn dann passt besser das un- 
mittelbar Folgende: 

„Ein anderes das zu schnelle Urinlassen zu ver- 
treiben: Wachholderbeeren 1, Cyperus 1, Bier 1, kochen, 
durcbaeihen und 4 Tage lang eimiehmeu." 

„Mittel den Urin herauszutreiben : Crocus des Berges V4, 

Crocus des Delta Vri abu-Ptlaaze von Oberägypten '/ibj 

Beere vom uän-Baum '/i«i frische Grütze '/si abu-Pflanze 

»von Unteräg^'pten '/,b, Leinsamen (?) '-jf^, uam-Samen Vie» 

I duat-Pflanze '/iai Wasser Viei feucht stehenlassen, durch- 

Lseihcn, 4 Tage lang einnehmen," 

Der letzte Passus deutet offenbar auf ein Hinderniss 



S2 Äegyptw. 

in der ürmentleerung; welcher Art dasselbe ist. dürfte' 
kaum zu entscheiden sein. 

Nur wenig sicher und verhältnissmässig spärlich sind 
die Stellen über ulccröse Affektioncn an den männlichen 
Genitalien. Heinrich L. Emil Lüring>J übersetzt 
eine Stelle des PapjTus Ebers folgend: 

Taf. 86. „Anfang der Recepte zur Vertreibung des 
Sepen- Geschwüres, welches das Fleisch eines Mannes oder 
einer Frau umwickelt {d.h. überzieht); Salz vom Norden, 
Weihrauch, ßriecbe Milch, klystiren in den After, es wird 
auch gemacht, ohne Weihrauch hinzuzuthun." 

Löring schickt die Bemerkung voraus: „Ebers 
spricht von Sepen-Entzündung. Wodurch die Entzündung 
in dem Worte bezeichnet ist, sehe ich nicht, mir scheint 
es vielmehr ein schmerzhaftes Geschwür zu sein, das am 
TInterleibe des Menschen mit Urin und After in Verbin- 
dung gebracht werden konnte," — Dieses klingt auch im 
pathologischen Sinne um so wahrscheinlicher, als hier das 
Wort „Fleisch", wie so häufig in der Bibel, jedenfalls in 
euphemistischer Bedeutung iilr Geschlechtstheil gebraucht 
wird, und dann auch eine dem zweitnächst folgendei 
Recepte im Papyrus beigefügte Bemerkung einigcrmassi 
verständlich wird: 

„Ein anderes (gegen sepen-Geachwür) : Frische Milch 
^/e, Baumöl (?) Vfli Kupferrost '/lo, Collyrium '/iöj Honig '/g, 
ebenso (zu klystiren in den After). Es ist berühmt die 
uxedu zu vertreiben." 

In der Uebersetzung als unsicher erklärt Joachim 
die folgende Stelle: 

Taf. 39. „Es hat sich ein Geschwür gebildet; es ist 
fauler Eiter und Fluss von der Wunde. Mach ihm die 
Mittel, die es (das Geschwür) durch Arzneimittel Öft'nen. 
Wenn Du eine Person untersuchst, die das Leiden an 



;ht^| 



1) Lüring, H. L. E-, Die über die medizinischen Kenn tnisae 
der ftlUin Aegypter bericlitendea Paiiyri verglichen mit den inedl- 
ciniHchen Schriften griechischer und römischer Autoren. Leipzig 1888, 



^ 

b 



Aegypter. 63 

ro-ab hat, ihre Glieder sind zart und ganz ermattet ; 
Du untersuchet sie und findest keine Wunde (Gechwüre) 
am Leib, ausgenommen an den Geschlechtsorganen wie ein 
Kügelchen, so sag Du zu ihr: gs ist GefÜhrliches in Dir." 

An Bubonen gemahnt das Folgende; 

Taf. 51. „Der Beginn von den Arzneimitteln, An- 
schwellungen in der Leiste zum Fallen zu bringen.- Eine 
Pflanze, senenutat mit Namen, die auf ihrem Bauch gleich 
der qadet-Pflanzc kriecht und blüht wie die Lotuspflauze, 
so dass man ihre Blätter gleich einem weissen Baum 
findet. Man bringe sie herbei und lege sie auf die Weiche 
(Leiste) ; die Schwellung föllt sogleich. Auch wird ihr 
Samen in Brod auf die uxedi gethan um sie in der Weiche 
zum Fallen zu bringen." 

Taf. 52. „Ein anderes (Drüsen-) Anschwellungen im 
Leib (GenitaUen?) eines Mannes oder einer Frau zu ver- 
treiben: Feigen '/sj Scbestcn '/g, Weinheeren '/j«, Weili- 
rauch Vbh Kümmel '/sii Kräuter des Feldes Vg, Honig '/s» 
süsses Bier '/g, durchseihen und einnehmen." 

Taf, 107. „Wenn Du einen Eiter-Tumor in einem 
behebigen Glied einer Person triffst und findest die Spitze 
davon erhöht, begrenzt und mit rundlicher Form, so sag 
Du dazu: Es ist ein Eiter-Tumor, der in seinem Fleisch 
umlauft. Ich werde die Krankheit mit dem Messer be- 
handeln. Es ist etwas wie Milchsaft darin, darnach kommt 
etwas (Häashches) heraus wie Wachs, es ist sackförmig: 
wenn etwas in seinem Sacke übrig (zurück) bleibt, so rollt 
es herum (macht Hohlgänge?).'* 

Unter den Krankheiten und Krankheitesymptomen, 
welche von den Sprachforschern bisher noch nicht auf- 
geklärt werden können, findet sich im PapjTüs Ebers 
besonders häufig die sogenannte liehet auch Uehed (uxcd, 
uxd, Dual uxedi, Plural uxedu), welche auch unter den 
eben vorgeführten Genitalaftektioncn wiederholt vorge- 
kommen ist. Da nun nach der oben (Seite 11) erzählten 
altbabylonischen Heldensage der Thiormensch Eabani er- 
krankte und starb, nachdem er sich (i Tage und 7 Nächte 
lalfl der Hierodule Uchat gesättigt hatte, so glaubte 



^^ Krankte 
^^^ au der 



64 



Aogypter. 



ich ') einige Beziehungen zwischen der babylonischen tJchat 
und der ägyptischen Uchet gefunden zu haben, und letztere 
um so eher als Syphilis deuten zu können, als sich diese 
Uchet im PapjTus Ebers auch an allen den KörperthcUen 
beschrieben zeigt, an welchen wir die Syphilis noch heute 
zu sehen gewöhnt sind: nämlich überall; und aber auch 
die Prädilectionsstellen dieser Krankheit: Haut, Mund, 
Äugen, Anus und Knochen durch eine eingehendere Be- 
handlung, d, i. durch eine grössere Anzahl von Recepten 
manchmal gebührend hervorgehoben erscheinen. 

Meiner Annahme hat jedoch der Arzt und Aegypto- 
loge Heinrich Joachim an zwei verschiedenen und 
sehr ansehnlichen Orten*) widersprochen. Deshalb, und 
wohl auch um eine Anregung zu ferneren Untersuchungen 
in dieser für die Geschichte der Syphilis aussergewöhnlich 
wichtigen Frage zu geben, muss ich auf einige Punkte 
der „philologischen und medicinischen Betrachtungen und 
Bemerkungen" Joachim 's entgegnen. Dass Uchat und 
Uchet „vielleicht auf einen gemeinsamen Stamm zuruck- 
gefülirt werden könnten", gibt Joachim selbst zu ; nur 
meint er: ,, spricht die ganz verschiedene Bedeutung 
dagegen"; denn Uchat sei der Eigenname einer Hierodule 
und Uchet ist der Name einer Krankheit, oder, wie er 
lieber glaubt, eines Krankheitssymptomes, — Nun über 
diese „ganz verscliiedene Bedeutung" werden, bei den 
Syphilidologcn wenigstens, niemals Bedenken auftauchen ; 
denn man weiss, dass Syphilws der Eigenname eines sagen- 
haften Hirten, und die von ihm abstammende Syphilis eine 
Krankheit ist; was Venus und Venerie bedeutet, dürfte 
sogar auch in weiteren Kreisen bekannt sein; ebenso dass 



1) Pröksuli, J. K., Dio veucviBchen Krankheiten bei den 
atteu Aegyptem. — In: Arcbiv f. Derma*, u. Syph. Wien 1891, 
XXIir, p. 537-557. 

2) Joaeliim, H., Beincrkuügec zu dem Auftatz von Proksch: 
Die venerischen Krankheiten lei den alten Aegyptern. — In: Er- 
gänzungsherte zum Archiv far Dermat. u. Syph. Wien 1S91, Heft II, 
p. 103-110. ~ Joarhim, H., Die uxdu im Papyros Ebers, — Tn: 
Virdiow's Archiv. Berlin 1892, CXXVIII, p. 140-lGO. 



I Aegjpter. 65 

[ mau unter den Franzosen eiumal „la grande uation", ein 
I iindermal unsere Krankheit versteht, oder doch in früheren 
[ Zeiten in deutschen Landen allgemein verstanden hat. 
[ Eher noch lässtsieh darüber disputiren, was Joachim 

I aus dem Berliner medicinischen PapjTus mitten aus der 
' Besclu-eibung der Uchet-Krankheit mit folgender Bemer- 
kung vorlegt: 

„an uxed-nef hebesu aSu 

Nicht erwärmen ihn Kleider viele. 

l Hier finden wir also das ägyptische Wort uxod verbal 
[ gebraucht und zwar in einer Verbindung, die die lieber- 
I tragung mit Syphil^ ganz und gar ausschliesst. Schon 
I diese eine Stelle läset die Auslegung von P r o k s e h ab- 
[ solut nicht zu." 

I Dafür bin ich Herrn J o a c li i m wahrhaft zu grossem 

I Dank verpflichtet; jedoch nicht deshalb, weil die Frage 

I damit, wie Joachim glaubt, entschieden ist, sondern 

I 'weil sie dadurch, wie ich glaube, in einem andern Sinne 

l der Entscheidung näher gebracht wurde. Also Uched 

I heisst hier „erwärmen"? Heisst es nicht manchmal auch 

I für andere Stellen „erhitzen", „erglühen", „rösten", „dörren" 

I oder gar „versengen" und „verbrennen"? Die alten Aegyp- 

I ter scheinen entweder für die verschiedenen Wärmegrade 

ii keine bestimmten Ausdrücke gehabt zu haben, oder die- 

I selben sind von den heutigen Aeg>'ptologen noch nicht 

I gefunden; denn sonst hätte Joachim') auf Tafel 88 des 

I Papyrus Ebers unmöglich übersetzen können: 

I „Wenn Du nachher wünschst ihn (den Zauber) zu 

vertreiben, so wärme seinen (eines Vogels) Kopf und seine 

beiden Flügel auf; in Oel des äpnent-Wurmes thun, kochen 

und es die Person trinken lassen"; während Lüring') 

dieselbe Stelle folgend übersetzt: 

„Wenn es Dir dann behett ilm (den Zauber) zu ver- 
treiben, so verbrenne (röste) Du den Kopf und die Flügel, 
gieb es zu Oel von dem äpnent-Thiere, verbrenne [hier 
wohl; koche!) es und gieb es der Person zu trinken." 

1) Joachim, H., Papyros Ebers 1. c. p. 160. 

2) Lüting, H. L. E., I. c. p. 41. 

rokach, Gescbicbte ä. vener. Krankheiten I, 5 



I 





Atich mit den Urbeda. also mit der Erankbeit selbst, 
bringt Lüring'y das „Verbrennen" in Verbindung: diese 
Ecbr wichtige Stelle lautet: ,^err Ebers and Stern 
sehen in uh^u ,_den Stein, die Steintrankheit."^ Gegen 
diese Annahme spricht, dass die Krankheit nie mit dem 
UriDe zusammengebracht Trird, was doch bei der Be- 
sprechung derselben nicht hatte unterlassen werden körnten. 
Die e tjTnoiogische Bedeut ung ist : die , . verheerende"" 
WeUeicht die „,Terbrennende Krankheit"". Sie steht in 
naher Beziehung zu den uxetu." Weiter wiederholt Ltlring: 
„Eine ähnliche Bedeutung muse uxetu haben" und ver- 
bindet mit der nämlichen von Joachim citirten Stelle 
aas dem Berliner mediciiüBchen Papyrus rr^ea Begriff 
„„der Glutk und Hitze"". 

Daraus schüesse ich denn, dass Uchet nicht bloss 
die Bedeutung des Erwärmens , sondern auch die des 
Verbrennens, Versengens, Verheerens etc. haben mag. 
Und daraus wieder schliesse ich, dass die altbabylonische 
Hierodule Ucbtrt die ^Verbrennende", die Priesterinnen 
der Istar, die sogenannten TJchoti die .Verbrennenden", 
das ägj'ptisehe Uchet das „Verbrennen" und die Uchetu 
die „Verbrennungen" heissen mögen, und dass somit diese 
Völker für unsere Krankheit denselben oder einen ähn- 
lichen Namen hatten, wie ja mehrere andere Völker des 
Alterthums, des Mittelalters und auch noch der Gegenwart. 
Dies sind freilich nur die Schlüsse eines in den orien- 
talischen Schriftzeifchen völlig unbewanderten Laien; und 
ich wage dieselben bloss in dem Bewusstsein den Sprach- 
forschem zur Prüfung vorzulegen, dass selbst die altehr- 
wQrdige Medicin es niemals verschmälit hat, sogar die 
Sleinungen von Bauern, alten Weibern und Pfarrern zu 
prüfen, und wenn brauchbar {vergl. z. B. Priessnitz) 
auch aufzunehmen. 

Auf die „medicinischen Betrachtungen", mit denen 
Joachim mich zu widerlegen meint, will und kann ich 
bei aller Kampfeslust nicht näher eingehen, denn der Sieg 



1} Lüring, H. L. E., ebenda p. IT. 



Aegypter. 



G7 



(NPäre da zu schmählich; jedoch muss ich einige Schluas- 
sätze dieser Betrachtungen deshalb' anführen, damit es 
nicht den Anschein gewinne, als liessen sich gegen sie 
TFirklich gar keine Einwendungen erheben, und als ob ich 
nur angesichts der Ueberraacht die Waffen strecke. 
Joachim sagt unter anderm buchstäblich : „Dagegen 
■wüsste ich nichts mit einem sj'philitischen Tumor am Kopf, 
der mit dem Messer zu behandeln ist, anzufangen". . , ■ 
Dann: „Auch hier spielen die uydu eine gewisse Rolle und 
werden in Verbindung mit dem Herzen erwähnt. Dabei 
ist die Bedeutung SyphiKs absolut unhaltbar.". . . Und 
endlich; „Dagegen wüsste ich keine syphilitische Affektion, 
"die in dieser Ausdehnung, „„in allen Gliedern einer Per- 
son"" heisst es ausdrücklich im Papyrus, den Körper des 
Kranken befällt." Das Virchow'sche Archiv sollte seine 
Mitarbeiter doch nicht so splitternackt herumlaufen lassen! 

Mit Ausnahme der Haare und Nägel werden im 
Papyrus Ebers, wie schon vorhin erwähnt, aUe Körper- 
theile einzeln und auch zusammen als von Uchedu befallen 
angegeben. Es würde zuviel Raum beanspruchen, alle 
diese Stellen hier vorzuführen; darum will ich nur einige 
der markantesten, die mehr als gewöhnliche Receptauf- 
Bchriflen sind, aufnelunen und bezüglich der übrigen 'auf 
meinen oben {p. 64) genannten Aufsatz verweisen. 

Taf. 104. „Lehre vom G-ewächs, das in Verbindung 
init Belästigung der uxedu in jedem behebigen Körpertheil 
einer Person entsteht. Wenn Du ein Gewächs triffst, das 
in Verbindung mit Belästigung der uxeda entstanden ist, 
Du findest es wie Bohnen, wie kranke Beulen entstehen 
auf seiner Haut, freilich nicht gross; wenn der Patient 
krank ist an (Wund) eiter innen in seinem Körper, so sag 
Du dazu : er hat ein Gewäcls der uxedu, das (Wund) 
eiter entwickelt. Ich werde die Krankheit behandeln. 
Mach Du dagegen die Mittel, die von Pusteln befreien 
und Eiter ausziehen." 

Taf. 107—108. „Lehre vom Tumor der iixcdu. Wenn 
Du einen Tumor der uxedu im Kopf trifl'st . . . und findest, 
dass er Flüssigkeit producirt, dass er unter Deinen Fin- 




68 Aegypter. 

gern, die ruhig gehalten werden, gewachsen ist, und dasa 
er erweicht ist, wenn er auch nicht gross ist, so sag Du 
dazu: es ist ein Tumor der uxedu im Kopf .... Ich 
werde die Krankheit beliandehi. Behandle sie mit dem 
Messer, aber pass auf, dass Du das Gefäss meidest. Es 
fiieMst etwas daraus wie Kuchenwasser; es ist eine zottige 
Hülle darauf (festgebunden); lass nicht etwas davon zu- 
rück, lasB es nicht herumlaufen; lieile es so wie man eine 
offene Wunde heilt in jedem Körpertheil einer Person 
durch Umhüllen und Heilen der metu; die Flecken, die 
eine Person bekommt, lassen es aufschwelten und ver- 
treiben es nachher," 

Auch die ältesten Syphi lographen schlössen aus der 
Semiotik auf syphilitische Erkrankungen des Herzens, die 
freihch, obwohl sie viel später durch Morgagni nach- 
gewiesen wurden, doch erst seit Ricord abermals sicher- 
gestellt und dann allgemein bekannt worden sind; es ist 
darum durchaus nicht befremdend, dieselben Erkrankungen 
auch bei einem Kulturvolke des Alterthums angedeutet zu 
finden; die ausführlichste Stelle darüber lautet: 

Taf. 101. „Wenn das Herz sich verzehrt, so ist es 
eijie Ansammlung von Blut im Herzen. Wenn es die 
mas-Krankheit des Herzens durch uxedu ist, so ist sein 
Herz klein im Innern seines Bauches; die uxedu fallen 
auf sein Herz; er ist äat-krank, er ist mas-krank. Wenn 
es die Schwäche (Bitterkeit) in Folge von Alter ist, so 
sind es uxedu an seinem Herzen," 

In dem grösseren Berliner medicinischen Papyrus 
ist die Uchet folgend') beschrieben: 

„Sein Unterleib ist schwer, der Mund seines Magens 
ist krank, sein Herz brennt, seine Kleider hängen schlaif 
herab, selbst viele Kleider vermögen ilm nicht zu er- 
wärmen ; in der Nacht quält ihn der Dui'st, sein Geschmack 
ist verdorben wie bei einem Menschen, welcher die Feigen 
der Sykomore gegessen hat, sein Fleisch ist abgestorben, 
wie bei einem Menschen, der sich übel befindet; geht er 



1) Ha 



ir, H., Lehrbuch der Goschithte der Medicin. I, p. 53. 



Aegypter. Israöliten. G9 

' ZU Stuhle, so versagt sein Leib die Entleerung ... In 
seinem Unterleibe ist Entzündung, der Geschmack seines 
Herzens ist krank; wenn er sich erhebt, so gleicht er 
einem Menschen, den man hindert (sich zu bewegen)." 

Es deutet dies mehr auf einen Marasmus, der ebenso 
gut von Syphilis als von jeder andern Krankheit her- 
stammen kann. Nach H a e s e r ') waren den alten Aegyp- 
tern die Castration, Katheter und Specula uteri bekannt, 
letztere sollen sieh in mehreren Museen, unter andern 
auch in Berlin, vorfinden. 

Isragllten. 
Neben der Urquelle der venerischen Krankheiten, 
den geschlechtlichen Ausschweifungen aller Art, wie sie 
bei den übrigen orientalischen Völkern aus einer Entartung 
der gastfreundlichen und religiösen Prostitution und den 
verschiedenen Thier-Kulten hervorgegangen sind, findet 
sich bei den Israeliten auch die, wahrscheinlich von den 
Aegj'ptern überkommene, gewerbliche Prostitution. Wenig- 
stens haben die ägyptischen Priester dem Herodot*) 
1 die Preisgebung der Tochter des Cheops (Ohufti), Königs 
1 von Memphis, der um 3000 vor Christi gelebt haben soll, 
I so erzählt, als wäre in ihrem Lande schon damals die 
gewerbhche Prostitution längst eingeführt gewesen. Die- 
selbe wird in der Bibel auch schon in das Zeitalter der 
Patriarchen, also um 2000 Jahre vor unserer Zeitrechnung 
' verlegt; und zwar ist es der Stammvater Ju da, welcher 
f nach der Genesis Capitel 38 „seiner Schnur" Tharaar, 
i -welche sieh ihm für eine Prostitulrte ausgegeben hatte, 
I einen Ziegenbock als Entgelt anbietet. Viel spater, erst 
f bei S a 1 m o n , werden Krankheiten als Folgen von Ura- 
I gang mit gewerblichen Prostituirten erwähnt. So heisst 
I es in den Sprüchen Halomon's Cap. v, Vers 4: „Denn 
1 die Lippen der Hure sind süsse wie Honigseim, und ihre 
Kehle ist glätter, denn Oel; 

1) Haeser, H., Grundriss der Geschichte der Mediciii. JoDa 
8", p. 5. 

2) Hei-odot, II, 126. 



70 



lurajsliten. 



4. Aber heruach bitter wie Wermuth und scharf 
wie ein zweischneidig Schwert; 

5. Ihre Füsse laufen zum Tode hinunter, lliro Gänge 
erlangen die Hölle . . . 

8. Lass deine Wege ferne von ilu- sein und nahe 
nicht zur Thür ihres Hauses; 

9. Dass du nicht den Fremden gebest deine Ehre, 
und deine Jahre dem Grausamen; 

11. Und müssest hernach seufzen, wenn du deinen 
Leib und Gut verzehret hast". . . 

Salomon, oder wie der Name des Verfassers sonst 
lauten möge, hat dabei gewiss nicht, wie so viele Aerzte 
des Alterthums, an Consuraptions-Krankheiton in Folge 
von häufigen Sainenverlusten, sondern jedenfalls an In- 
fektionskrankheiten gedaelit, denn er sagt gleich darauf: 

18. . . . „ti-eue dich des Weibes deiner Jugend. 

19. Sie ist lieblich wie eine Hindin und holdselig wie 
ein Reh. Lass dich ihre Liebe allezeit sättigen, und er- 
götze dich allewege in ihrer Liebe." 

Noch später entwirft Hesokielin seinem 16. Capitel 
mit massiven Strichen ein hyperbolisches Bild von dem 
Geschlechtsleben der Israöliten. 

25. . . . „Du grotetest mit deinen Beinen gegen alle, 
so vorübergingen, und triebest grosse Hurerei. 

26. Erstlich triebest du Hurerei mit den Kindern 
Aegyptens, deinen Nachbarn, die gross Fleisch hatten . . 

27. Ich aber streckte meine Hand aus wider dich, 
und übergab dich in den Willen deiner Feinde, den Töchtern 
der Phüister, welche sich schämten vor deinem verruchten 
Wesen, 

38, DarnachtriebestduHurerei mit den Kindern Assurs, 
und konntest dess nicht satt werden, ja, da du mit ihnen 
Hureroi getrieben hattest, und dessnicht satt werden konntest, 

29. Machtest du der Hurerei noch mehr im Lande 
Canaan bis in Chaldäa und konntest du damit auch nicht 
satt werden . . . 

31. . . . Dazu wärest du nicht wie eine andere Hure, 
die man muss mit Geld kaufen . . . 



larftüliten. 



71 



33. Denn allen anderen Huren giebt man Geld, da 
aber giebst allen deinen Buhlcrn Geld zu und schenkest 
ihnen, dass sie zu dir kommen allenthalben, und mit dir 
Hurerei treiben." 

Da sich die Israeliten denselben Schädlichkeiten aus- 
setzten wie die Völker, mit und neben denen sie wohnten, 
und siuh mit ihnen auch geschlechtlich vermischten, so 
dürfen wir auch bei den Israeliten dieselben Krankheiten 
wie bei den übrigen orientalischen Völkern erwarten. 
Darum suchten auch bereits die ältesten Syphilographen 
die praeuropäische Existenz der Lues aus der Bibel zu 
I erweisen. Besonders zeitlich, schon zu Ende des fünf- 
zehnten Jahrhimderts unserer Zeitrechnung, glaubte man 
die Syphilis in der Krankheit Hi ob's gefunden zu haben, 
benannte die Lues damals auch als Morbus Sancti Jobi, 
„Sent Jobs krenckte" oder „Sent Jobs krenckde"; das Volk 
verehrte Hiob, namentlich in einigen Theilen Deutsch- 
lands, als den Schutzpatron gegen diese Seuche, und in 
"Wien erschien bereits im Jahre 1509 eine „Missa de beato 
Job, contra morbum GallicuTn", welcher später noch einige 
Abdrücke, vielleicht auch neue Texte und Compositionen 
folgten. Die Annahme von der Krankheit Hiob's als 
Syphilis erhielt damals um so mehr Beglaubigung, als die 
ältesten Syphilographen in ihrer Symptomatologie das 
Hauptgewicht auf ein schweres, entstellendes, nicht näher 
bestimmtes Exanthem mit dem Ausgang in Utceration und 
die nächtlichen Knochcnschmerzeu legten, welche beide in 
dem Buche Hiob mit überaus grellen Farben zum Aus- 
druck gebracht sind. 

Fast gleichzeitig erhob sich aber auch der Streit 
über „Lepra est" und „non est morbus Galliens", der 
übrigens immer nur sehr sporadisch einige Jahrhunderte 
fortgefühi't wurde, bis ilin A a t r u c ') in einem weitläufigen 
Capitel, in welchem er zu dem Schiusa gelangte, „Lepra 
Hebraeorum a Mose descripta, diversa fuit a lue venerea", 
für einige Zeit beilegte. Von den namhaften Syphilis- 



1) Astmc, l. c. I, p. 21-3C 



72 



Israi;lito 



historikern war es zuerst wieder JuliusRoaenbaum'), 
weicher denaelben Gegenstand voQ Neuem aiiCgrift', darüber 
aber kein Urtheil way:te, weil ihm, wie er freimüthig zu- 
goatoht: „die zu einer kritischen Sichtung des bisher Ge- 
leisteten nöthigen Sprachkon ntnisse abgehen." Daroach 
erklärte sich Ferdinand von Hebra*) dahin, „dass 
Scabies, Geschwüre syphilitischer und anderer Art, Ec- 
zeme u, s. w. gewiss mit mehr Recht aus dem Zaraath 
gelesen werden müssen, als Elephantiasis graccorum, oder 
der Aussatz, mit dem dieses Wort bisher tibersetzt worden 
ist"; und auch Moriz Kaposi*) meint: „dass Zaraath 
(in der Bibel) jedesmal genannt wird, wo es sieh um eine 
unheilbare, schwere oder ansteckende Hautkrankheit han- 
delt, und dass es demnach wahrscheinlich ist, daas eben 
sowohl der Aussatz, als auch andere theils chronische, 
theils nur ansteckende Hautkrankheiten, Psoriasis, Sca- 
bies, LeLicopathia, Syphilis u. s. w. mit unter Zaraath ge- 
rechnet werden." 

Wenn ich in Nachstoheudem, trotz bereits eingestan- 
dener Unkenntniss aller orientalischen Sprachen, dennoch 
ab und zu ein Urtheil wage, welches sich im "Wesent- 
lichen mit dem Hebra-Kaposi's decken wird, so glaube 
ich dies von meinem Standpunkt aus, der sich durchwegs 
von dem Rosenbaum 's unterscheidet, einigermassen 
rechtfertigen zu können. Nach meiner Auffassung steht 
es den Exegeten gar nicht zu, über irgend welche in der 
Bibel niedergelegten medicinischen Kenntnisse Aufschluss 
zu geben. Die Exegeten sollen nur darnach trachten den 
Text möglichst zu purifieiren ; was dieser zu bedeuten hat, 
werden sie dann von den Aerzton erfahren. Obenan 
stände freilich das Urtheil eines tüchtigen Philologen, der 
zugleich ein in aUen Fächern klinisch und historisch wohl- 
geschulter Arzt wäre; da aber heute dieses Ideal kaum 

1) Kosenbauin, J., Geschichte der LuEtseuche im Alterthiun. 
Halle 1845, 8», p. 328—332. 

2) Hebra, F, v., Handbuch der spe.eiellen Pathologie und 
Therapie, von Rud. Virchow. Erlangen 1860, 8", III, p. 410—412. 

3) Kaposi, M,, ebenda, 1872, HI, Theil 2, Lief. 3, p. 378. 



Israeliten. 



73 



iht werden kann, so ist auch hier die Arbeits- 
theilunf!; nothweudig. 

Sehen wir nun, ob sich aus dem Capitel xm des 
Leviticus, welches für iinaere Frage das weitaus wich- 
tigste der ganzen Bibel ist, die Syphilis herauslesen lässt. 
Schon die Aufschrift „Kennzeichen der Zariiath" ist un- 
aufgelilärt. Bereits die Scptuaginta nahmen dafür Xenpa, 
und dies ging nun als „Aussatz" in die folgenden Ueber- 
setzungen über. Die Spracliforscher bemühten sich ver- 
gebens, die Stammwurzel des Wortes „Zaraath" in der 
hebräischen Sprache zu entdeclcen; man suchte daher im 
Aegyptischen, Arabischen etc., kam aber auch da über 
blosse Vermuthungen nicht liinaus. Einem zweiten grossen 
nnd schweren Stein des Anstosses begegnen wir gleich 
eingangs dieses Capitels; Luther Übersetzt: 

2. „Wenn einem Menschen an der Haut seines 
Fleisches etwas auffahret, oder schabicht oder eiterweiss 
wird, als wollte ein Zaraath werden an der Haut seines 
Fleisches, soll man ihn zum Priester Äaron führen, oder 
zu seiner Sohne einem unter den Priestern." 

Die Septuaginta geben den Eingang mit „in der Haut 
der Oberfläche" {iv b^piiaii xpuJTÖ? aÜToö) wieder, und de 
We 1 1 6 setzt dafür : „an der Haut seines Leibes" (or 
bosaro). Nun hängt aber gerade von der wahren Bedeutung 
des einen Wortes Fleisch an dieser Stelle das richtige 
Verständniss des ganzen Capitels ab. Aus dem Zusammen- 
hange des Ganzen und den später vorzuführenden Stellen 
wird sich die Wahrscheinlichkeit ergeben, dass das Wort 
basar (Fleisch) in den ersten eilf Versen dieses Capitels, 
■wie öfter in der Bibel, und vorliin auch bei H e s e k i e 1 , 
die euphemistische Bedeutung für Penis und auch für 
Genitalien haben muss. Die deutsche Kirchen spräche ge- 
braucht nocli heute denselben Euphemismus und spricht 
von „Fleischeslust", Anfechtungen, Sünden, Begierden etc. 
des „Fleisches." 

Der nächste Vers lautet nach Luther 's Ueber- 
setzung, weiche auch im Weitern, mit der Äusnalmie des 
Ausdrucks Aussatz für Zaniatli, benutzt werden soll, folgend: 



74 



IsraHlili 



3. „Und wenn der Priester das Maal an der Haut des 
Fleisches siehet, dass die Haare in weiss verwandelt sind, 
tmd das Ansehen an dem Ort tiefer ist, denn die andere 
Haut seines Fleisches, so ists gewiss die Zaraath. Darum 
soll ihn der Priester besehen, und für unrein urtheilen." 

Dem Wortlaute nach handelt es sich hier um ein 
einzelnes Maal, eine einzige, nicht näher bestimmte Efflorea- 
cenz. Es ist eben, wie dar zweite Vers dieses Capitels 
deuthch sagt, niu- ein „Etwiis", das auf der Haut „auf- 
tÄhrt", oder ein andermal „schabicht", aber auch „eiter- 
weiss" sein kann; und einmal, wie der nächste Vers dar- 
thut, im, ein andermal unter dem Niveau der normalen 
Haut liegt. Da diese Efflorescenz aber auch „auffährt", 
80 dai'f nicht ausgeschlossen werden, dass sie nicht juich 
über dem Niveau der normalen Haut liegen kann. Die 
eine oder mehrere der angegebenen Eigenschaften hat 
aber jedwedes Exanthem, und es hatte sonacli, wenn das- 
selbe auf die ganze Hautoberfläche und nicht allein auf 
die Oenibilien bezogen worden wäre, dem Aaron oder 
seinen zwei Söhnen jede Acnepustel vorgeführt werden 
müssen. Diese drei Personen wären stets nur behufs 
Cou8tatu*ung der Zaraath von einem grossen Theil der 
israelitischen Bevölkerung umlagert, und diese wieder in 
steter priestcrUeher Observanz, oder auch, wie die Bibel 
sagt, in „Verschlieaaung" gewesen. 

Noch ein anderes Wort enthalt der dritte Vers, wel- 
ches den Gelehrten schon viel Kopföerbrechen und noch 
mehr Tinte gekostet hat: „Haare". Also in den behaarten 
Theilen muss dieses ganz unbestimmte Maal sitzen. Dies 
passt wohl nur sehr wenig für die Genitalien und die 
Primfiraffekte der venerischen Erkrankungen; denn die- 
jenigen Theile der Genitahen, welche gewöhnlich behaart 
sind, werden nur in selteneren Fallen von den Initial- 
formen der venerischen Krankheiten ergriffen, und wenn 
dies auch oft genug geschieht, so werden doch die Haare 
davon niemals weiss. An das Weisswerden der Haare 
durch angetrockneten Eiter lässt sich kaum denken, da 
wir den Israeliten doch nicht zutrauen dürfen, dass sie 



Israel itcM). 



75 



eine Besudelung für eine Haarfarbe hielten, lieber diese 
Klippe liat mau sich aehr verschieden hinweggeholfen. 
Sigmund Flnaly'), der die Zaraath für Syphilis hält, 
meint, dass durch die Schreiber (Sofrim) aus dem Worte 
nyu), ahear, Haar, ein Jota verloren gegangen sein müsse, 
und dass dieses Wort eigentlich i-y« bedeute; was hier 
mit „Tropfen, Flüssigkeit, Sekret" übersetzt werden kann. 
und wirklich gibt diese Proposition für fast alle Stellen 
einen guten Sinn. Aber der jüngste ZaraaÜiforscber, G. 
N. M ü n c h *) erklärt sämmtliehe Darlegungen F i n a I y 's 
für „philologische Spekulationeii, welche auch jedem Nicht- 
philologen als blosses Geschwätz in die Augen fallen, und 
denen von den Sachkundigen natürlich nur mit einem 
Lächeln begegnet würde." Münch, der dieser Zaraath- 
ft-age specieU ehi ganzes Buch gewidmet hat, will die 
Haare durchaus niclit eliminirt wissen; im Gegentheil, die 
Haare sind ihm gerade, wie vor ihm schon andern For- 
aehom, die Hauptsache ; und da Münch und mit ihm 
alle Dermatologen überhaupt nur eine einzige Krankheit 
kennen, bei welcher das büschelweise Weisswerden der 
Haare neben Pigmentschwund der Cutis als luitlalerschei- 
nung auftritt, so gelangte er, selbstverständlich nach Eli- 
mination alles dessen, was die Bibel sonst noch über die 
Zaraath vorbringt, zu dem Schluss, dass diese entsetz- 
liche, von dorn ganzen alten Judenthum gefflrchtete Geissei, 
gegen welche ein so weitlilufigcr Apparat überaus pein- 
licher Massregeln der Prophylaxis in Bewegung gesetzt 
wurde, gar nichts anderes gewesen sei, als die durchaus 
harmlose Vitiligo. 

Doch halten wir uns bei den Haaren nicht länger 
auf, sondern sehen wir uns auch die andern Erscheinungen 
näher an, von denen dann der Leser nach Belieben die 
Haare oder etwas anderes eliminiren kann ; denn eliminiren 

1) Finaly, S., Ueber die wahre Bedeutung dea Aussatzes in 
der Bibel, — In : Arch. f. Dermat. u. Syph. Prag 1870, n, p. 125—132. 

2) Münch, G. N., Die Zaraath (Lepra) der hebräiacheu Bibel. 
- In: Dermat. Studien. Hamburg' und Leipzig 1893, Heft SVI, 
. 167 u, 2 Taf. 



I 
I 



iu»e a^l^^^^ 



Dtoas man jedeat^Us, wsaa eine bestimmce Dtaenuxe 
eine noch heute hesteheniie Kranlcht^it aus der weiteren 
Beschreibung der Zaraath gestellt wecdeu ■«»II. Dia^osticirc 
mau zwei oder mehr Kraukbeitea, danti k^uin Aües scehen 
bteiben. 

4. „Wenn aber etwas eiterweisa ist aa der Haut 
aeineä Fleischea. and doch das .Vnsehen nicht tiefer, denn 
iAb andere Haat des Fleisches, und ilie Haare nicht in 
weias verwandelt sind; so soll der Priester denselben ver- 
ächliessen äeben Tage." 

Eü i»t diea die einzige Stelle, m wetctm- die 
klärun^ Final y's nicht pRsst; diesar Autor hüft sidt' 
hier mit folgender Uebersetzung: .,Ist aber im Be^nne) 
ein weisses Eitergreschwür in der Haut der RutJie, und 
eine Vertiefiittg isr nicht sichtbar gegen im Vergleiche) 
tk übrige Cutis aad die Absonderung ist nicht (erst 
^fOter) weiss geworden, so soll der Priester das Geschwür 
durch sieben T»ge verbinden." Die kommenden Verse 
UiuteB nach der Lutherschen Uebersetzung : 

5. „Und am siebenten Tage besehen. Ist es, dass 
das Maal bleibet, wie er es zuvor gesehen hat. und 
nicht weiter gefressen an der Haut: 

6. So soll ihn der Priester abennal sieben Ti 
verschliessen. Fnd wenn er ibn zum andemraal am 
benten Tage besieht, und findet, dass das Maal 
schwunden ist, und nicht weiter gefressen hat an d« 
Haut, so soll er ihn rein urtheilen. denn es ist der Grind. 
Und er soU seine Kleider waschen, so ist er rein." 

7. Wenn aber der Grind weiter frisst in der Haut, 
nachdem er vom Priester besehen, und rein gesprochen 
Lst, imd wird nun zum andemmal vom Priester besehen; 

8. Wenn dann da der Priester siebet, dass der Gl 
weiter gefressen hat in der Haut, soU er ihn unrein 
tfaeilen, denn es ist gewiss Zaraath. 

9. Wenn ein Maal der Zaraath am Mensehen 
wird, den soU man zum Priester bringen." 

Dieser Vers ist entweder ein Pleonasmus, wie soll 
in der Bibel ja recht oft vorkommen: oder, was nürwi 



iBrntiliten. 



77 



t scheinlicher dünkt, es ist damit au8g:edrückt, dass das 
„Maal der Zaraftth" auch estragenital auftreten kann. 

„Wenn derselbe (Priester) siebet und findet, dass 
es weiss aufgefahren ist an der Haut, imd die Haare in 
weiss verwandelt, und roh Fleisch im Geschwür ist; 

II. So ists gewiss eine alte Zaraath in der Haut 
seines Fleisches. Darum soll ihn der Priester unrein ur- 
theilen, und nicht verschtiessen, denn er ist schon unrein." 
Wenn es auch nicht ausdrücklich gesagt wftre, dass 
I der Initiiüaffekt der Zaraath ein Geschwür ist, so ginge 
I es schon aus der Übrigen Beschreibung unzweideutig her- 
[ vor, dass es sich nicht um eine Vitiligo oder irgend einen 
I anderen Fleck allein handeln kann; denn dieser liegt 
I nicht, wie deutlich hervorgehoben wird, unter dem Niveau 
I der umgebenden Haut, frisst auch niemals, sondern geht 
l oder kriecht nur weiter, bildet auch keinen Grind (Kruste), 
[ welcher oder unter welchem es abermals weitcrfrisst, und 
zeigt auch kein rohes Fleisch. Zudem sind die Erschei- 
nungen der Vitiligo so einfach, so ausgeprägt und con- 
stant, dass es wohl keiner mehrwöchentlichen Beobachtung 
von Seiten der Priester bedurft hätte, um endlich einen 
Ausspruch Über die Art der Erkrankung zu thun; dabei 
aber noch nicht jeden Irrthuni auszuschliessen, und den 
L Behafteten selbst nach dreiwöchentlicher Observanz und 
I erfolgter Keinsprechung „zum andernmal" dem Priester 
I zuzuführen, falls der „Grind" dennoch weitergefresaen, 
I und es somit der vermeinte harmlose Grind nicht gewesen 
I wäre. Eine solche, auch den erfahrenen Fachmann oft 
I beirrende Vielgestaltigkeit haben aber ganz besonders die 
1 "venerischen Initialaffekte, welche sieh auch heute nicht 
' immer sofort von den nichtvenerischen unterscheiden lassen. 
Mit dem eilftcn Vers endet die Differentialdiagnose der 
ulcerösen Primarmanifestation der Zaraath, welche auf- 
fallend genug stets im Singular als „das Maal" bezeichnet 
. wird. Es wäre vielleicht im Deutungseifer zu weit ge- 
gangen, dem Moses, oder wer sonst unter seinem Namen 
' geschrieben hat, zuzumuthen, dass ihm bereits die fast 
! Entstehung der Syphilis aus einem einzigen 



Israeliten. 



Initialaffekt bekannt gewesen wäre. Die nächsten Vevi 
beginnen mit der Verbreitung des Exanthems über die 
„ganze Haut", und da fällt es denn zunächst auf, dass 
dies in solch pleonastischer Breite zum unzweifelhaften 
Ausdruck gebracht wird, während sich für den Lokai- 
ftffekt immer nur „die Haut des Fleisches" wiederholt. 

12. „Wenn aber die Zaraath blühet in der Haut, 
und bedecket die ganze Haut, von dem Haupt an bis auf 
die Füsse, Alles was dem Priester vor Augen sein mag; 

1.3. Wenn dann der Priester besiehet, und findet, 
dass die Zaraath das ganze Fleisch bedecket hat, so soll 
er denselben rein urtheilen, dieweil es Alles an ihm in 
weiss verwandelt ist, denn er ist rein. 

14. Ißt aber rohes Fleisch da, des Tages, wann er 
besehen wird, so ist er unrein. 

15. Und wenn der Priester das rohe Fleisch besiehet, 
soll er ihn unrein urtheilen, denn er ist unrein, und es 
ist gewiss Zaraath. 

16. Verkehret sich aber das rohe Fleisch wieder, 
und findet, dass das Maal ist in weiss verwandelt, so soll 
er zum Priester kommen. 

17. Und wenn der Priester besiehet, und findet, 
dass das Maal ist in weiss verwandelt, soll er ihn rein 
urtheilen, denn er ist rein." 

Der Text bricht hier mit der ganz nndeutlichen Be- 
scfireibung des allgemeinen Exanthems ab, und geht 
wieder auf einige Lokalaffekte über, von denen der nächst- 
folgende von besonderer Wichtigkeit ist: 

18. „Wenn in Jemandes Fleisch in der Haut eine 
Drüse wird, und wieder heilet; 

19. Damach an demselben Ort etwas weiss auf- 
fähret, oder röthlich eiterweiss wird, soll er vom Priester 
besehen werden. 

20. Wenn dann der Priester siebet, dass das An- 
sehen tiefer ist, denn die andere Haut, und das Haar in 
weiss verwandelt, so soll er ihn unrein urtheilen, denn 
es ist gewiss ein Zaniathmaal aus der Drflse geworden. 

21. Siehet aber der Priester, und findet, dass die 



IsratilUen, 



79 



^^ drasen, 



Haare nicht weiss sind, und ist nicht tiefer, denn die 
andere Haut, und ist verschwunden, so soll er ihn sieben 
Tage verschliessen. 

22. Frisst ea weiter in der Haut, so soll er ihn un- 
rein urtheilen, denn es ist gewiss ein Zaraathmaal. 

23. Bleibt aber das Eiterweiss also bestehen, und 
frisst nicht weiter, so ist es die Narbe von der Drüse, 
und der Priester soll ihn rein urtheilen." 

Diese Stellen, vorausgesetzt, dass sie richtig sind, 
sprechen ebenfalls dafür, dass unter dem im Vers 18 er- 
wähnten „Fleisch" die Genitalien zu verstehen sind; denn 
ausser an diesen und den Achselhöhlen kennen wir keine 
Drüsen, welche von einer behaarten Haut bedeckt sind; 
man müsste nur annehmen, dass die Israeliten damals 
alle, Männlein und Weiblein, zum Esaugeschlecht gehörten. 
Wenn Moses irrthümlich gerade diejenigen Drüsen in 
ein Zaraathmaal übergehen lasst, welche in der Haut 
weiter ft-essen, während bekanntlich ulcerirende Bubonen 
in der Rege! nicht syphilitisch sind, so kann dies heute 
keinen Fachmann befremden und einen Zweifel über die 
Art der hier erwähnten Drüsen aufkommen lassen. „Es 
ist ein Zaraathmaal aus der Drüse geworden", sagt deut- 
lich, dass wir es hier mit einem Primär- (nicht Initial-) 
Affekt zu thun haben, welcher einmal „röthlich eiterweiss" 
ist und „in der Haut weiter frisst", und ein andermal 
nicht. Da wir nun ausser der Syphilis kein anderes 
chronisches Exanthem, weder aus der historischen Patho- 
logie noch aus der Klinik der Gegenwart, kennen, welches 
mit denselben Affektionen „einer Drüse" — der Singular 
ist auch da von eminentester Wichtigkeit — beginnt, so 
wftre schon aus diesen Stellen allein die Bedeutung der 
Zaraath sicher zu stellen, 

Aber gar so einfach ist die Sache eben nicht. Es 
kann abgesehen werden davon, dass es sich kaum ver- 
mutben lasst, die Israeliten hätten damals schon 'eine be- 
stimmte Vorstellung von den Drüsen, hier also Lymph- 
drüsen, gehabt; denn zur Auslegung dieser Stellen würde 
ja gendgen, wenn wir für das Wort Drüse, eine Ge- 



reiaisliten. 



L 



schwulst, eine Beule oder etwas Äehuliches auch im Ältet* 
thum allgemein bekanntea als gewiss amiehraen dürften. 
Doch hier lassen uns die Exegoten abennais im Stich. 
Das Wort, um welches es sich da handelt, heisst im He- 
bräischen „Schechin'-, und dies Übersetzt für diese Stellen 
nur Luther mit Drüse ; Mendelssohn hat dafür Ent- 
zündung, und F i n a I y meint „der Wahrheit am nächsten 
zu kommen", wenn er beides verbindet und Drüsenent- 
zündung setzt. Etwas Aehiiliches nimmt noch G e s e n i u s 
an, narolich : entzündete Stelle, Geschwür, und für „Schechin 
mizraim" Beule Aegyptens; während dem entgegen ein 
ganzes Heer von Bibelübersetzungen, wie M ü n c h aus 
der Vulgata und anderen lateinischen, slavischen, russi- 
schen, syrischen, saraaritanischen, arabischen, französischen, 
englischen, schottischen, niederländischen und italienischen 
Versionen nachweist, das Wort Schechin nach der Septua- 
giuta, also mit ^Xko^, m allen Lesarten wiedergiebt. Die 
Mischna beantwortet die Frage: „Quid est schechin?" nach 
M ü n c h dahin ; „quod ligno, lapide, cortice, vol aqua Tibe- 
riensi percussum est, et quid non laesum est igne, id dicitur 
schechin?" So lange wir keine anderen Antworten erhalten, 
muss das Urtheil über obige Stellen in suspenso bleiben. 
Die folgenden Verse sprechen über die Differential- 
diagnose, wenn eine Brandwunde in ein Zaraathmaal 
übergeht, und bieten nichts Charakteristisches zur Auf- 
klärung der &Rnkheit selbst; nur unterstützen sie die 
Aimahme, dass wirklich auch in diesem Capitel des Levi- 
ticus für die „Haut des Fleisches" die Genitalien gelten; 
denn es ist in den Versen über das Brandraaal immer nur 
von ^Haut" kurzweg die Eede; da eben nicht für all- 
gemein genommen werden konnte, dass Jemand die „Haut 
sehies Fleisches", wie es heisst: „am Feuer brennt." 
Wenn eine solche Brandwunde an einer beliebigen Haut- 
steüe in Zaraath übergeht, so können wir dabei au etliche 
chronische Exantheme und auch an Syphilis denken. Zur 
bequemeren Coutrole des Gesagten und um den Zusarameu- 
ha]ig des Textes nicht zu stören, sollen die folgenden Verse, 
notirt sein: 



tsi'aSliCen. 



24. „Wenn sich Jemand an der Haut am Feuer 
breuuet, und das Braudmaal röthlich oder weiss ist, 

2rj. Und der Priester diu besiehet, und findet das 
Haar in weiss verwandelt an dem Brandraaa!, und daa 
Ansehen tiefer, denn die andere Haut, so ist gewiss Zn- 
ruath aus dem Bi-andmaal geworden. Darnm soll ihn der 
Priester unrein urtheilen, denn es ist ein Zaraathmaal. 

26. Siehet aber der Priester, und findet, dass die 
Haare am Brandmaal nicht in weiss verwandelt, und nicht 
tiefer ist, denn die andere Haut, und ist dazu verschwunden, 
80 soll er ihn sieben Tage verschliessen. 

27. Und am siebenten Tage soll er ihn besehen. 
Hat es weiter gefressen an der Haut, so soll er ihn unrein 
urtheilen, denn es ist Zaraath. 

28. Ist es aber gestanden an dem Brandmaal, und 
nicht weiter gefressen an der Haut, und ist dazu ver- 
schwunden, so ist es ein Geschwür dos Brandmaals. Und 
der Priester soll ihn rein urtheilen, denn es ist eine Narbe 
des Brandmaals." 

Durch die kommenden Verse wird die Beschreibung 
der eonstitutionellen Erscheinungen der Krankheit wieder 
aufgenommen und ausserdem ausgeschlossen, dass in diesem 
' Capitel des Leviticus unter „Haut des Fleisches" die 
L ganze Körperoberfläche zu verstehen ist; denn Bart- und 
iKopfhaar haben in diesen Versen als charakteristisches, 
Iwenn auch nicht constautes Symptom, kein Weiss-, son- 
idem ein Falb- oder Goldenwerden. Die Differential- 
licliagnostik der Zaraath und anderer Krankheiten dieser 
iTheile wird im Uebrigen nach derselben Schablone fort- 
[ geführt: 

29. „Wenn ein Mann oder Weib auf dem Haupt 
joder am Bart schabicht wird, 

30. Und der Priester das llaal bcsiehet, und findet, 
das Ansehen tiefer ist, denn die andere Haut, und 

[das Haar daselbst golden und dünne, so soll er ihn un- 
Jrein urtheilen, denn es ist ein Zaraathgrind des Haupts 
toder des Barts. 

31. Siehet aber der Priester, dass der Grind nicht 

okeoh, ßsBcblchte d. vener. Krauktieiteu I. R 



Isratliton. 



tiefer anzusehen ist, denn die Haut, und das Haar nichr 
falb ist, soll er denselben sieben Tage verschliessen. 

32. Und wenn er ihn am siebenten Tage besiehet, 
und findet, dass der Grind nicht weiter gefressen hat, und 
kein golden Haar da ist, und das Ansehen des Grindel 
nicht tiefer ist, denn die andere Haut, 

33. Soll er aich besehceren, doch dass er den Grind 
nicht bescheere ; und soll ihn der Priester aberraal sieben 
Tage verschliessen. 

34. Und wenn er ihn am siebenten Tage besieht, 
Und findet, dass der Grind nicht weiter gefressen hat in 
der Haut, und das Ansehen ist nicht tiefer, denn die andere- 
Haut, so soll ihn der Priester rein sprechen, und er soH 
seine Kleider waschen, denn er ist rein. 

35. Frisst aber der Grind weiter an der Haut, nachj 
dem er rein gesprochen ist, 

36. Und der Priester besieliet, und findet, dass der Grinä! 
also weiter gefressen hat an der Haut, so soll er nicht mehr 
darnach fragen, ob die Haare golden sind, denn er ist unrein. 

37. Ist aber vor Augen der Grind still gestanden, 
und falb Haar daselbst aufgregangen, so ist der Grind heil, 
und er rein. Darum soll ihn der Priester rein sprechen." 

Was den Verfasser dieses Capitels veranlasst habeo 
mag, vom Kopf wieder auf die „Haut des Fleisches" 
kommen und bereits Gesagtes zu wiederholen, dürfte fra^ 
lieh sein, wenn es nicht auf einen ülierfittssigen und häi^ 
figen Brauch zurückzuführen wäre, dem in der Bibel um 
auch in anderen alten Litteraturen, wie z. B. bei Homed 
oft genug zu begegnen ist: 

38. „Wemi einem Manne oder AVeibe an der Haa^ 
ihres Fleisches etwas eiterweisa ist, 

39. Und der Priester siebet daselbst, dass das Eitta 
weiss schwindet, das ist ein weisser Grind, in der Haid 
aufgegangen, und er ist rern." 

Wir wollen nur noch das Exanthem am Kahlko|« 
anschlieasen, und das übrige des 13. und das ganze I4i, 
Capitel des Leviticus als zu weitführend und auch nic^ 
unbedingt nothwendig übergehen. 



I.sr 



„Wenn einem Mannt; die Ilnupthnare ausfallen, 
dass er kiilil wird, der ist roin. 

41. Fallen sie ihm vorne am Haupt aüs, und wird 
eine Glatze, so ist er rein. 

42. Wird aber an der Glatze, oder da er kahl ist, 
ein weisses oder röthliehca Maal, ho ist ihm Zaraatli an 
der Glatze oder am Kahlkopf aufgegangen. 

43. Darum soll ihn der Priester besehen. Und wenit 
er findet, daas ein weisses oder röthliches Maal aufge- 
laufen an seiner Glatze oder Kahlkopf, dass er siehet, 
wie sonst die Zaraath an der Haut, 

44. So ist er zaraathkrank und unrein; und der 
Priester soll ihn unrein sprechen solches Maals halben 
auf seinem Haupt." 

Aus sammtlichen vorgeführten Stellen des 13. Capitels 
des Leviticus geht mit .Sicherheit hervor, dass Moses da- 
selbst nur eine einzige Krankheit, die Zaraath, als „unrein" 
bezeichnen und sie von anderen mehr oder weniger ähn- 
lichen Krankheiten differentialdiagnostisch unterscheiden 
wollte; eben so sicher ist es aber auch, dass ihm die 
pathognomonischen Erscheinungen dieser einzigen Krank- 
heit nicht völlig klar waren, und er diis eine oder andere 
Symptom dieser einen Krankheit mit denen einer oder 
mehrerer anderer vermischte; d. h. die Bruchtheile einer 
Krankheitengruppe immer der einer andern thcils neben- 

. einander theils gegenüber stellte. Daher kommt es auch, 
dass die Urtheile der Aerzte über die obendrein ganz 
anwissenscbaftlich beschriebene Krankheit so wesentlicJi 
differiren. Wer mit dem ehrwürdigen H e n s 1 e r ') an 
dem für Zaraath durch die Septuaginta eingesclmiuggelten 
Ausdruck festhält, wird daraus immer seine Lepra noth- 
dürfdg zu eonstruiren im Stande sein. Wer die weissen 

I Haare und ebensolche Flecke der Haut herausgreift, und 
das Uebrige ausschaltet, wird seine Vitiligo haben. Wer 
aber daran denkt: dass doch zumeist ein Geschwür oder 



1) HöDHler, Phil. Gab., Vom abeiiiiKlndisclini AusshIkc 
[ JHttelnller. Hamburtf 1790, 8". pp, xrv, 408, V2:>. 



ein Grind und das Wciterfresscn derselben denAusschlt^ 
für die Entst^heidung geben, ob Zaraatli vorhanden ist 
oder nicht, und dass diese Krankheit, wie doth mehr als 
wahrscheinlich, an den Genitalien ihren Anfang nimmt, 
der wii"d die SyphiUs nicht ausschlieasen können. 

Sehen wir was die Bibel weiter an Aufkläningen 
über das Vorkommen unserer schon so lange und viel 
umstrittenen Krankheit bringt. Zunächst scheint es fast 
unzweifelhaft, dass der königliche Pealmist und Weiber- 
freund, David, an der Zaraath, welche er so grundver- 
schieden beschreibt, geUtten hat. Diese Annahme erhellt 
aus dem Vers 9 des 51. Psahns; „Entsündige mich rait 
Ysop, dass ich rein werde; wasche mich, dass ich sehnee- 
weiss werde." Dieser Ysop kommt aber in der ganzen 
Bibel nur in einem einzigen Capitel, und zwar im 14. des 
Leviticus, welches von der „Reinigung der Zaraath" han- 
delt, mehnnals vor. Es werden nämlich Ysop (wahr- 
scheinlich Zweige dieses Halbstrauches), Zedernholz und 
Wolle in das Blut eines geopferten Vogels und dann in 
fliessendes Wasser getaucht und damit der zu Reinigende 
besprengt. Ysop war demnach ein specifisches Ingredienz 
bei der Reinigung von Zaraath. Hören wir nun was 
David, oder wie sonst der Verfasser der Psalmen ge- 
heissen haben mag, von seiner Krankheit selbst sagt: 

Psalm 38, Vers 4: „Es ist nichts Gesundes an meinem 
Leibe vor Deinem Drohen, und ist kein Friede in meinen 
Gebeinen vor meiner Sünde. 

6. Meine Wunden stinken und eitern vor meiner 
Thorheit. 

7. Ich gehe krumm und sehr gebückt, den ganzen 
Tag gehe ich traurig. 

8. Denn meine Lenden verdorren ganz, und ist 
nichts Gesundes an meinem Leibe. 

H. Mein Herz bebet, meine Kraft hat mich ver^ 
lassen, und das Licht meiner Augen ist nicht bei 

12. Meine Lieben mid Freunde stehen gegen 
und scheuen meine Plage, und meine Nächsten 
ferne." 



mir. J^^^H 
tret^^^^^l 



Israelit GH. 85 

einigen anderen Stellen der Psalmen sind die 
Leiden in den Knochen besonders hervorffehoben, so: 

Psalm 31, Vers 11 , . . „und meine Gebeine sind 
verach machtet. 

12. Es gehet mir so übel, dnss ich bin eine grosse 
Schmach geworden meinen Nachbarn, und eine Scheu 
meinen Verwandten; die mich sehen auf der Gasse, fliehen 
vor mir," 

Psalm 32, Vers 3: „Denn da ich es wollte ver- 
schweigen, verschmachteten meine Gebeine durch mein 
täglich Heulen. 

4. Denn Deine Hand war Tag und Nacht schwer 
auf mir, dass mein Saft vertrocknete, wie es im Sommer 
dürre wird." 

Psalm 51, Vers 10: „Lass mich iiören Freude und 
I Wonne, dass die Gebeine fröhlich werden, die Du zer- 
, schlagen hast." 

Zu dem Exanthem, welches in der S;^Tnptomatologic 

_ira 13. Capitel des Leviticus den einzigen Anhaitapunkt 

für die Diagnose gab, kommen bei David ausser Allge- 

I meinerscheinungen noch Lokalafiekte an den Äugen und 

Knochen. Es ist leicht erklärlich, warum sieh der Ge- 

[ setzgeber nur an das Exanthem hielt. Um nicht spater 

[ Hoch einmal auf David zurdckkommen zu müssen,- sei 

[1 hier zugleich sein in der Syphilidologie wohlbekannter 

sehr bezeichnender Fluch aus dem zweiten Buch Sa- 

muelis, Cap. 3, Vers 29 registrirt: „Es falle aber auf 

den Kopf Joabs, mid auf seines Vaters ganzes Haus, und 

I müsse nicht aufhören im Hause Joabs, der einen Eiter- 

j fluss und Zaraath habe." Diese Stelle zeugt unter anderm 

( auch für eine frühzeitige Verquickung des Trippers mit 

[.der Syphilis, und für das Anw ünschen dieser letzteren als 

I «iner entstellenden schimpfliche uKranldieit, wofür sich auch 

Vnoch in viel späteren Litteraturen mancherlei Belege tin- 

I den; so liisst z. B, Hans Sacli s*) ein eifersüchtiges Weib 



1) Hftiia Sachs 
L naclilHspid mit vier Fi 



Der Teut'i'l mit dem alten Weibe, Ein Fast- 
[■Boiica. Am 19. NovembtT 1545. 



Israeliten. 



filr ihren Ehegesponsen bitten : „Dass Gott ihm die Franzosen 
gebe", und der grässliche, etwas laogathmige Fluch, den 
Shakspeare seinen „Timon von Athen" (Act iv. Seene 3) 
thun lässt, will der ganzen undankbaren und falschen 
Menschheit die Syphihs anhängen. 

Das Nebeneinanderstellen der Zaraath und der „Eiter- 
HQsse", welch' letztere durch die Syphilishistoriker von 
jeher als Tripper gedeutet wurden, wiederholt sich bereits 
im Pentateueh; so heisst es im Cap. xxn, Vers 4 des 
Leviticus: „Welcher des Samens Aarons zaraathkrank ist, 
oder einen Fluss hat, der soll nicht essen von dem Heiligen, 
bis er rein werde", und in den Numeri Cap. v, Vers 2: 
„Gebiete den Kindern Israels, dass sie aus dem Lager thun 
alle Zaraath kranke, und Alle, die Eiterfliisse haben." 

Ueber die Krankheit H i o b s finden sich in der Bibel 
ebenfalls etliche nur für eine Wahrscheinlichkeitsdiagnose 
vci'wendbare Anhaltspunkte. Daraus ist es auch erklärlich, 
warum gerade diese von allen Krankheiten der Bibel die 
verschiedenartigsten Deutungen erfahren hat. Unter allen 
schweren Formen chronischer Exantheme nahmen die 
meisten Aerzte und Laien die Lepra und die Syphihs als 
die Krankheit Hiobs an; ja sogar der gelehrte Benedik- 
tinerraönch A u g u s t i n Calmet') hielt dafür, dass Hiob 
mit „dieser unfläthigen Krankheit", also mit Syphilis, be- 
haftet gewesen sei. Derselbe Mönch woUte auch über den 
Beginn der Krankheit aus einigen alten Rabbinern, die er 
aber nicht nennt, unterrichtet sein. Danach sollte näm- 
Uch, wie Münch berichtet, bei „Hiob am ersten Tage 
der Erkrankung der ganze Körper von rothen Flecken 
bedeckt worden sein, welche am zweiten Krankheitstage 
anschwollen; am dritten wurde die Schwellung grösser, 
am vierten wurden die daraus entstandenen Pusteln 
schwarz und dunkelroth; am fünften Tage füllten sie sich 
mit bräunlicher, fauliger Flüssigkeit, welche am sechsten 



1) Cal 

In; T. E. Ee 



net, A., Abliandiuiig vom Aussatzt 
nliiird, Bibel kraiikheitüii, welche im 
Fi'ankfurt uml Leipzig I7(i7— 68, Sfi, 



fiel' Juden. 
Ken Testament^ 



Isratiliten. 



87 



Tage in Eiter überging; am siebenten Tage erschienen 
dann auf den Pusteln Würmer." Soviel ist sicher, dass 
sich aus dem Buche H i o b eine schwere Form eines 
chronischen Exanthems, Mund- und RachenafFektionen, 
und nächtliche Kiiochenschmerzen, ohne dem Text eine 
gewaltsame Deutung zu geben, herauslesen lassen; weniger 
sicher sind Erkranliuiigen der Augen und der Hoden. 
Obwohl hier eigentlich mehr Erscheinungen vorliegen, 
welche der Syptdlis angehören können, als bei David, 
so fehlen doch in dem bildeiTeichen Lehrgedicht über den 
„gerechten und gottesfürchtigen" Hiob alle weiteren Be- 
ziehungen zur Zaraath und auch die entsprechende dra- 
matische Schuld; wenngleich es mit dieser letzteren in 
der Bibel nicht so genau genommen wird; denn Mirjam, 
"welcher doch nur die Molirin nicht gefallen wollte, die 
Moses ziun Weibe genommen hatte, musste eine wie es 
scheint ganz harmlose Kritik der Geschmacksrichtung 
Moses' mit Zaraath büssen (Numeri, Cap. xii, Vers 1 — 1 0), 
und im Deuteronomium Cap. sxiv, Vers 8 und -9 wird 
es den Kindern Israels mit Hinweis auf diesen Fall fest 
an die Seele gebunden: denPriesteru und Leviten in Allem 
zu gehorchen, ansonsten: Zaraath. Einen Verdacht der 
Schuld H i o b 's gibt freilich sein Freund Zophar, der 
Cap. XX, Vers 11, Buch Hiob, von ihm sagt: „Seine Beine 
werden seine heimliche Stbide wohl bezahlen." 

Dies vorausgeschickt, seien die bezeichnendsten 
Stellen Über die Krankheit H i o b 's dem Leser zur selb- 
ständigen Prüfung vorgelegt: 

Cap. n, Vers 7: „Da fuhr der Satan aus vom An- 
gesicht des Herrn und schlug Hiob mit bösen Schwären 
von der Fusssohle an bis auf seine Scheitel. 

8. Und er nahm einen Scherben, und schabte sich, 
und sass in der Asche. 

13. lind Sassen mit ihm auf der Erde sieben Tage 
und sieben Nächte, und redeten nichts mit ihm ; den]i sie 
sahen, dass der Schmerz sehr gross war." 

Cap. in, Vers 24: „Denn wenn ich essen soll, muss 
ich seufzen, und mein Heulen fähret heraus wie Wasser." 



Isrnüliten. 



Cap. vu, Vers 5 : „Meüi Fleisch ist um lin! 
wurmicht und kothig, meine Haut ist verschrumpfet und 
zu Dichte geworden." 

Cap. xvT, Vers 8 : „Er hat mich runzlicht gemacht . . , 

14. Er hat mir eine Wunde über die andre gemacht . . . 

16. Mein Antlitz ist geschwollen vom Weinen, und_ 
meine Augenlider sind verdimkelt." 

Cap. xvii, Vers 1: „Mein Odem ist schwach . 

7. Meine Gestalt ist dunkel geworden vor Trauen 
und alle meine Glieder sind wie ein Schatten . . ." 

Cap. XIX, Vers 20: „Meine Gebeine hangen an 
meiner Haut und Fleisch, und kann meine Zähne mit der 
Haut nicht bedecken . - . 

27. Meine Nieren (Hoden?) sind verzehret in meinem 
Schooss." 

Cap. 5XX, Vers 17: „Des Nachts wird mein Gebein 
durchbohrt allenthalben, und die mich jagen, legen sich 
nicht schlafen. 

27. Meine Eingeweide sieden, und hören nicht auf. . . 

28. Ich gehe schwarz einher, und brennt mich doch 
keine Sonne nicht; ich stehe auf in der Gemeine und schreie. 

29. Ich bin ein Bruder der Schlangen und ein Ge- 
selle der Strausaen. 

30. Meine Haut über mir ist schwarz geworden, und 
meine Gebeine sind verdorret vor Hitze." 

Seit W. E. Ch. A. Sickler') legen diejenigen Sy- 
philiehistoriker, welche sich für das hohe Alter der Krank- 
heit aussprechen, das grösste Gewicht auf das Capitel xxv 
der Numeri, und versuchen es mehr oder weniger ausführlich 
plausibel zu machen, dasa die daselbst erwähnte „Plage 
des Baal Peor", von welcher die Israeliten zur Strafe für 
die „Hurerei" mit den Töctitern der Moabiter heimgesucht 
wurden, die Syphilis oder doch eine venerische Krankheit 
gewesen sei. Ich kann mich jedoch nicht entschliessen, 
auf diesen Gegenstand, welchem noch Rosenbaum*) 

1) Sickler, W. E. Ch. A., Dissert. inaug. eshibens novum ad 
histoi-iiim luJs venereac additamenlum. Jenac 1797, 8", [i. 33. 

2) Rnseiibaum I. e. p. 74-84. 



Israeliten. 



Seiten gewidmet hat, näher einzugehen; denn 
CS findet sich in der weitläufigen Beschreibung von Schuld 
und Sühne nicht ein einziges Wort über die Art der 
„Plage". Es ist eben nur gesagt, dass die Israeliten von 
einer Krankheit befallen wurden, an welcher nach den 
Numeri Cap. xxv, Vers 9 in einem nicht näher bestimm- 
ten Zeitraum 24.000, nach Paulus T. Epistel an die Co- 
rinther, Cap. x, Vers 8 „auf Einen Tag drei und zwanzig 
tausend" gefallen sind. Die Therapie bestand in einer 
ausgiebigen aber fruchtlosen Metzelei, denn erst durch die 
Heldenthat des Pinehas, welcher einem liebebedürftigen 
Israeliten und der erkorenen Midianitin in den „Huren- 
winkel" nachschlich und hier beiden, jedenfalls im geeig- 
neten Moment, eiuen Spiess durch die Bäuche jagte, „hörte 
die Plage auf von den Kindern Israels." (Numeri xxv, 
Vers & — 8.) Gründlich war diese Kur jedoch keinesfalls, 
denn später klagt noch Josua, Cap. xxii, Vers 17: 
„Ists uns zu wenig an der Misscthat Peors? von welcher 
wir noch auf diesen Tag nicht gereinigt sind, und kam 
eine Plage unter die Gemeine des Herrn." Rosenbaum 
meint, dass nach dem Gemetzel für die Israeliten „das- 
selbe Gesetz in Anwendung kam, welches bei der Reini- 
gung nach der Zaraath und dem unreinen Flusse geboten 
war." Dies würde wirklich eine Deutung der „Plage des 
Baal Peor" zulassen; aber Rosenbaum irrt, denn die 
r Reinigungsgesetze der Zaraath, des Flusses und derer „die 
I -Jemand erwürget, oder die Erschlagenen angerühret haben", 
•-Sind doch sehr verschieden. Es bleibt also für die Aus- 
legung dieser Plage als einziger Anhaltspunkt nur der 
anderswo vorkommende Spruch: „Womit einer sündiget, 
damit wird er auch bestraft." 

Obwohl die Philister den Raub der Bundeslade jeden- 
falls mit den Händen ausführten, und dafür dennoch 
„heirahche Plage an heimlichen Orten" erhielten. Sa- 
imuel sagt Buch 1, Cap. v, Vers 11—12 über diese 
t neuartige Plage noch : „ . . . denn die Hand des Herrn 
f machte einen sehr grossen Rumor mit Würgen in der 
I ganzen Stadt, Und welche Leute nicht starben, die wurden 



1^ 



Isi'aälitea. 



geschlagen an heimlichen Orten, dass das Geschrei der 
Stadt auf gcii Himmel ging", und ebenda Cap. vi, Ver« 19: 
„ . . . Und er (der Herr) schlug des Volks fünfzig tausend 
und siebenzigMami." Diese Plage sollen „apholim" gewesen 
sein, die Luther an einer anderen Stelle mit ,,Feig- 
Wiirzen" übersetzt. Die heimlichen Orte mögen nicht die 
Genitalien gewesen sein, denn die fünf Philister-Fürsten 
gaben dera Herrn neben andern niedlichen Sachen „fünf 
goldene Aerse zum Öchuldopfer". 

Die eben erwähnten „apholhn" kommen bereits im 
Deuteronomium Cap. xxvni, Vers 27 vor: „Der Herr wird 
dich schlagen mit Drüsen Aegyptens, mit Feigwarzen, mit 
Grind und Krätze, dase du nicht kannst heil werden." 
Merkwürdig ist, dass in diesem Capitel, in welchem Moses 
mit seinem gräulichen Fluch die Nomenclatur der ganzen 
Pathologie des Alterthum zu erschöpfen trachtet, die Zaraath 
nicht erwHhnt ist; niu' die Vers 35 vorgefülirte Krankheit 
sieht wie ein entfernter Verwandter der Zaraath aus: ,,Der 
Herr wird dich sehlagen mit einer bösen Drüse (schechin 
ra) an den Knieen und Waden, dass du nicht kannst ge- 
heilet werden, von den Fusssohlen an bis auf die Scheitel." 
Die vorgenannten ,, Drüsen Aegyptens" (scheehm Mizraim), 
welche da so knapp neben den Feigwarzen stehen, kommen 
im Exodus, Cap. ix, Vers 9 als „Schechin" kurzweg vor; 
werden aber daseibat als „böse schwarze Blattern" über- 
setzt. Das einzige Wort „Schechin" hat also bei den 
Exegeten fünf pathologisch grundverschiedene Bedeutun- 
gen: Geschwür, Entzündung, Beule, Drüse (S. p. 80) und 
Blatter. Aehnliches wiederholt sich oft genug. So lange mit 
den in den Bibeltexten vorkommenden medicinischen Ter- 
mini nicht Wandel geschaffen wird, rauss die historische 
Pathologie bei den alten Israeliten in der „Aegyptischen 
Finsterniss" tappen. 

Die Zaraath des syrischen Feldhauptmauns Naeman 
hält H e b r a für Scabies, weil der Kranke durch sieben- 
mahgcs Baden im Jordan, dessen Wasser schwefelhaltig 
ist, geheilt wurde. Auch die Zaraath des Gehasi, eines 
Dieners des Propheten Elisa, können, wie H e b r a bemerkt, 



I Hl' a eilten. 



91 



Krätze gewesen sein, daGehasimit den Kleidungsstücken 
Naenian's iu Berülirimg gekommen sei. Doch übergehen 
wir diese und die noch übrigen Stellen der Bibel, in denen 
von der Zaraath die Rede ist, da sie nicht das Mindeste 
zur Aufklärung dieser Krankheit bieten. 

Welcher Art die Drüse (schechin) des Königs Hiskia 
war, der an einer schweren Krankheit leidend, sich noch 
weitere fünfzehn Jahre Leben erflehte, muss ebenfalls 
dahin gestellt bleiben ; es hcisst darüber nur im J e s a i a 
Cap. xxxvm, Vers :^1: „Und Jesaia hiess, man sollte 
ein Pflaster von Feigen nehmen und auf seine Drüse legen, 
dass er gesund würde." 

Nachdem in den Capiteln xiii und xiv des Levi- 
ticus im Breitesten von den Kennzeichen und der Reini- 
gung der Zaraath gehandelt wurde, folgt unmittelbar als 
Cap. XV desselben Buches: ,, Manns- und Weibspersonen 
mit unreinem Fluss behafliet, wie sie zu reinigen." Ist 
dies ein blosser Zufall, oder wollte man wirklich die „un- 
reinen" GeschJechtaki'ankheiten nebeneinander abhandeln? 
Suchen wir darüber nähere Auskunft. Das Capitel xv 
beginnt; 

„Und der Herr redete mit Mose und Aaron und sprach : 

2. Redet mit den Kindern Israöls und sprechet zu 
ihnen: Wenn ein Mann an seinem Fleisch einen Fluss 
hat, derselbe ist unrein." 

Es ist meines Wissens noch nicht bezweifelt worden, 
dass mit diesem Fluss, wie sich auch aus dem Folgenden 
noch deutlicher herausstellt, etwas anders als Tripper ge- 
meint ist. Es kann demnach auch das Wort Fleisch 
(basar) hier keine andere Bedeutung als Penis haben. 
Knapp vor der Beschreibung der Zaraath im xra. und 
und XIV. des Leviticus heisst es ebenda im xn. Cap., Vers 3: 

„Und am achten Tage soll man das Fleisch seiner 
Vorhaut beschneiden" (jedenfalls „die Vorhaut seines 
Fleisches", denn in der (Jenesis Cap. xvrr, Vers 11 und 
13 steht es so). 

Also im xn. und xv. Capitel ist mit vollkommener 
Sicherheit für Fleisch immer Penis zu losen, und nur in 



Israeliten. 



dem dazwischen liegenden Capitel soll Fleisch die Bedeu- 
tung für die ganze Körperoberflächo haben? 

Noch eine Frage: Dasselbe xii. Capitel bandelt von 
der „Ordnung der Kindbetterinnen", deren Ix)chialäus8 
ja auch als ,,imrein" aufgefasst und daher die Wöchnerinnen 
bestimmt für „unrein" erklärt werden; im xv. Capitel ist 
von den übrigen „unreinen" Flüssen aus den Goschlechts- 
theilen die Rede, und nur die dazwisclicn liegenden Capitel 
sollen mit den Geschlechtstheilen und ihren Erkrankungen 
gair nichts zu thun haben? 

Um sich gegen eine solche Annahme aussprechen 
zu können, ist es durchaus überflüssig, sich mit F i n a 1 y 
den ,,Moses als Arzt vollständig auf der Höhe der mo- 
dernen Wissenschaft stehend" * vorzustellen, da diese im 
Pentateuch wirklich nicht zu finden ist. Es genügt voU- 
koraraen, dem Verfasser des Leviticus nur ganz gewöhn- 
lichen gesunden Laienverst^and zuzumutheu, um die An- 
nahme entschieden abzuweisen, dass er auf dem einen 
Blatte unter „Fleisch" den Penis, auf dem nächsten Blatte 
die ganze Hautoberfläche, und auf dem zweitnäehsten 
wieder den Penis verstanden haben will. Fleisch muss da in 
allen drei Capiteln: Penis, oder Genitale überhaupt, heissen. 
Auch dazu braucht man dem Verfasser des Leviticus 
noch nicht eine Spur von alterthünilichem, geschweige denn 
von „modernem" raedicinischen Wissen, sondern nur ganz 
gewöhnlichen Ordnungssinn zuzitmuthen, um annehmen 
zu können, dass er nicht mitten zwischen die „unreinen'' 
Genitalflüsse eine Krankheit hineinschiebt, welche, wie 
die Lepra, Scabies, Psoriasis, Vitiligo u, dergl. mit den 
Erkrankungen der Geschlechtstheile regelmässig in gar 
keinem Zusammenhang steht. 

Woher wohl die Differenzen in der Auslegung dieser 
drei Capitel der Bibel, diesem am meisten gelesenen und 
am wenigsten verstandenen Buche, für die Neuzeit abzu- 
leiten sein mögen? Zum grösstcn Theile wahrscheinlich 
daher: Die freie Bibelforschung ist noch sehr jung; noch 
viel jünger sind die Aufschlüsse, welciie die Alterthums- 
kundc über die venerischen Krankheiten bei den übrigen 



Israi'liten. 



onentalischeii Völkern gegeben hat ; ferner stehen die heu- 
tigen Gelehrten aller Fächer bezüglich der Syphilis noch zu 
sehr im Banne einer seit Jahrhunderten colpoi-tirten und mit 
einem grosseu Aufwand von Gelehrsamkeit, Trugschlüssen 
und Papier vertheidigten Meinung des amerikanischen oder 
irgend eines andern neuzeitlichen Ursprungs der Krank- 
heit; — was "Wunder, wenn die Exegeten, die gewöhnlieh 
Israeliten und fast niemals Aerzte sind, bei dem redlichsten 
Forschen noch nicht dahin gelangen konnten, ihren Glau- 
bensgenossen aus dem Alterthum ganz allein diese, leider 
noch immer als schimpflich geltende Krankheit aufzu- 
halsen? 

Nach dieser Abschweifung kehren wir wieder zum 
Tripper zurück; der nächste Vers über denselben lautet: 

3. „Dann aber ist er unrein an diesem Fluss, wenn 
sein Fleisch vom Fluss eitert oder verstopfet ist." 

Wenn es auch mit diesem „Eiterfluss" nach der 
Luther'schen Uebersetzung nicht seine volle Richtigkeit 
hätte, da in der Vulgata und anderwärts für dasselbe 
Wort „FIuxus seniinis" steht, so würde 'dies dennoch nicht 
die mindesten Bedenken erwecken, da wir diesem letzteren 
Ausdruck für Tripper nicht nur in der medicinischen 
Litteratur des Alterthunis und Mittelalters, sondern auch 
bis tief hinein in's achtzehnte Jahrhundert, der Gonorrhoe 
aber heute noch als Tripper begegnen, und zudem ein 
Samenfluss die Harnröhre nicht „verstopfet"; worunter 
offenbar nur eine Verengerung des Lumens derselben durch 
entzündliche Schwellung, oder ein Verklebteein des Ori- 
flciums durch eingedicktes und vertrocknetes Sekret ge- 
meint sein kann. Ueberdies ist in demselben Capitel auch 
davon die Rede „Wenn einem Mann im Schlafe der Samen 
abgeht"; was gewiss nicht ohne Belang für die Difl'erential- 
diagnose ist. Man hat ärztlicherseits mehrfach bedauert, 
dass zur nilheren Charakterisirung dieses „Eiterflusses" 
nicht mehr gesagt und besonders die Schmerzhaftigkeit 
dieses Leidens nicht hervorgelioben wui-de, und dabei 
übersehen, dass der Gesetzgeber auf die subjektiven Sym- 
ptome als für ihn belanglos nirgend Rücksieht genommen 



94 



hat. Mediciniaches Interesse hat in diesem Capitel nocl 
die prophylaktische Ftlrsori^e; freilich betriftt diese nicht 
bloss den „Eiterttuss", sondern auch die Pollutioneo, den 
Menstrualfluss und die Metrorrhagien ; einige der bezeich- 
nendsten Massregeln sind: 

10. „Und wer anrühret irgend etwas, das er (der 
Kranke) unter sieh gehabt hat, der wird unrein sein bis 
auf den Abend. Und wer solches tragt, der soll seine 
Kleider waschen, und sich niit "Wasser baden, und unrein 
sein bis auf den Abend . . . 

13. Und wenn er rein wüxl von seinem FIuss, so 
soll er sieben Tage zählen, nachdem er rein geworden 
und seine Kleider waschen, und sein Fleisch mit fliess« 
den Wasser baden, 50 ist er rein." 

Wenn im weiteren Gange dieses Capitels unter 
derm gegeu die physiologischen Excretionen, Pollution und 
Menstruation, ähnliche Reinigungsvorschriften gegeben 
werden, so könnte man glauben, es sei dies zum Theil 
deshalb geschehen, um damit desto sicherer auch die patho- 
logischen Excretionen zu treffen; jedoch gewinnt es den 
Anschein, als habe der G-esetzgeber den Urquell grossen 
Unheils, vielleicht einer der schwersten Kranlcheiten, in 
dem geschlechtüchen Verkehr mit Menstruirenden er- 
blickt, denn er fand es nicht für hinreichend ebenda anzu- 
ordnen : 

24. „Und wenn em Mann bei ihr lieget, und es 
kommt sie ihre Zeit an bei ihm, der wird sieben Tage 
unrein sein, und das Lager, worauf er gelegen ist, wird 
unrein sein," 

sondern der Gesetzgeber erschreckt den Leser im 
Cap. XX desselben Buches mit dem haarsträubenden 

Vers 18. „Wenn ein Mann beim Weibe schlaft zur 
Zeit ihrer Krankheit, und entblösset ihre Scham, und deckt 
ihren Brunnen auf, und sie entblösset den Brunnen ihres 
Bluts, die sollen beide aus ihrem Volke gerottet werden." 

Der Glaube an die prophylaktischen Absichten des 
Gesetzgebers wird durch die Leetüre der übrigen Bestim- 
mungen desselben Capitels allerdings sehr schwankem 



I 

an-^^^1 



Israeliten. 



'denn des „Todes sterben" musste auch, „wenn ein Maon 
oder Weib eiu Wahrsager oder Zeichendeuter sein wird." 
Von einer mediciniachen Therapie der venerischen 
Krankheiten ist in der Bibel nichts verzeichnet, denn auch 
die Heilung des mit Zaraath behafteten syrischen Feld- 
hauptmaniis, Naeman, durch die sieben Bäder im Jordan, 
mag wohl nur eine theurgiauhe Bedeutung haben; der 
Kranke selbst wollte au die mediciuischc Wirksamkeit 
des Jordans nicht glauben und erklärte „die Wasser Amana 
und Pharphar zu Damaskus besser, denn alle Wasser in 
Israel." Um desto eingehender ist die Prophylaxis ge- 
würdigt, welche, freilich wohl neben manchen Überflüssigen 
und barbarischen Massregeln, nicht nur eine strenge Tso- 
lirung der Erkrankten und, wie wir theilweise oben ge- 
sehen haben, eine skrupulöse Reinigung und oft Vernich- 
tung der mit diesen in Berührung gekommenen Gegenstände 
vorschreibt; ja die Fürsorge gegen Zaraath ging sogar 
so weit, dass den Israeliten schon im voraus dafür Ge- 
setze gegeben wurden, falls sie in dem vcrheissenen Lande 
Canaan an dem Mauerwerk der Häuser Zaraath finden 
sollten. Dagegen war eine sehr wichtige prophylaktische 
Masaregel, die Circumcision, während der vierzigjährigen 
Wanderung durch die Wüste ganz ausser Anwendung 
gesetzt worden. In Aegypten waren, wie Josua') aus- 
drücklich sagt, alle Israeliten beschnitten; nicht gesagt 
ist, ob sie dies freiwillig, nach althergebrachter Weise 
thaten, oder ob sie von den Aegypteru dazu gezwungen 
wurden; geradeso wie später die Israeliten alle Fremden, 
die das Passahfest mit ihnen begehen wollten, zur Be- 
schneidung zwangen, oder bei andern Gelegenheiten zwin- 
gen wollten. Sei es nun, dass man einen bei den ver- 
hassten Feinden, den heidnischen Aegyptem, herrschenden 
Gebrauch autgeben wollte, weil man sich im Laufe der 
Jahrhunderte, während welcher die Circumcision allgemein 
geübt wurde, von den Nachtheilen und Krankheiten des 
Präputiums keine Vorstellung mehr machen konnte, oder 



« 



1) Josua, Cap, V, Vers 5. 



Iara(?liteu, 



sei CS aus anderen Ursachen; genug-, J o a u a sogt deutucni 
„alles Volk, das in der Wüste geboren war, auf dem Wege 
da sie aus Aegypten zogen, das war niclit beschnitten." 
Es bedurfte also keines längeren Zeitabschnittes, als das 
Heranwachsen dieser neuen unbesehnittenen Generation 
erforderte, um die Führer des iaraelitischen Volkes von 
der Nothwendigkeit der neuerlichen Einführung der Cir- 
cumeision zu überzeugen ; und darum nahm J o s u a auf 
dem Hügel Araloth die Operation mittelst steinerner Messer 
an sämmtlichen Israöhten „zum andern Mal" vor; — 
selbstverständlich jedoch nur auf den vorausgegangenen 
Befehl Gottes. 

Wenngleich die Circumcisiou dem Volke der Israe- 
liten von der Genesis (Cap. xvii, Vers II) an nur als 
„Bundeszeichen" gilt, und diesem daher weder im weitern 
Text der Bibel noch im Talmud widersprochen werden 
durfte, so haben dennoch schon sehr zeitüch einige er- 
leuchtete Männer dieses Volkes den hygienischen Werth 
dieser Operation nachdrückhch betont; — ich sage betont, 
den» erkannt wurde er, wie wir später sehen werden, 
höchst wahrscheinhch bereits von den Erfindern derselben. 

Zuerst war es Philo') (P h i 1 o n J u d a e u s), ein 
jüdisch-hellenischer Philosoph, geboren In Alexandria im 
Jahre 20 vor Christi Geburt, gestorben gegen das Jahr 54 
unserer Zeitrechnung, welcher in klarer Darlegung der 
Beschneidung nicht bloss ausser der religiös-symbolischen 
die diätetische Bedeutung zuschrieb, sondern diese letztere 
sogar obenan stellte; er sagte: „Es sind viele Gründe die 
Sitte der Alten aufrecht zu erhalten und zu befolgen; 
vorzüglich aber: Erstens die Verhütung einer heftigen 
Krankheit mid eines schwer zu heilenden Leidens, welches 
man Anthrax nennt; eine Benennung, die, wie ich glaube, 
von dem darin glimmenden Brennen hergejiommen ist, 

1) Philo, De circumcisioiie. — In deaaeii: Opera. Edit. Tli. 
Mangey. London 1742, 11, p, 211: „"Ev \ii\ xc^eirr^i vöoou Kai 6uoidTou 
iTÄBöUi; ditaXi.af'lv, i^v övöpnKa KaXoOoiv, dTiö toö Koieiv fvTUqjönevov, 
ÜJ^ olfiai, TQÜTii; Ti^; irpoaiiTop'i"; tuxüvto^, iinq oü KoXi(jTEpov tdIi; rd; 



Israeliten. 



97 



und leicht bei denen eutsteht, welche iliro Vorhaut haben." 
[ Die übrigen „GrUiide" Philo 's beziehen sich ausser den 
I religiösen noch auf Reinlichkeit und erhöhte Fruchtbarkeit. 
Josephus Flavius, j üdischer Geschichtachreiber, 
geboren in Jerusalem im Jahre 37 nach Christus, erzahlt ^) 
bereits einen hierher gehörigren Ki'ankheitsfall von dem 
Äegypter Apion folgend : „Dalier erscheint mir Apion mit 
Recht wegen seiner Verhöhnung der vaterländischen Ge- 
setze eine passende Strafe erlitten zu haben, denn die 
Noth hatte ihn gezwungen, sich beschneiden zu lassen, 
indem an seinem Gliede eine Verschwörung entstand und 
die Beschneidmig ohne Erfolg war, vielmehr Gangrän 
eintrat; so starb er unter fürchterlichen Schmerzen." Ueber 
die Ursache der Entstehung dieser als Anthrax, Verschwär- 
ung und Gangriin bezeichneten Affektionen ist zwar nichts 
angegeben, doch finden sich Erklärungen darüber bei 
späteren Autoren. Josephus beschreibt in einer anderen 
Schrift*) auch die Krankheit des Herodes, welche von 
einigen Syphilidologen, wohl ein wenig gezwungen, auf 
Lues bezogen wird. 

Von besonderem Interesse für die hygienische Be- 
deutung der Circuracision und die Kenntniss des Trippers 
sind einige Stellen aus dem Talmud, welche ich theilweise 
dem HeiTn Lector M. Friedmann, durch die gütige Ver- 



1) Josephus, Fiav[us, Coutra Apionem. Lib. II, Cap. 13: 
,öe«v eiKÖTiu^ jjoi boKei rn; eii; toCi^ TiaTplouq aÖToö vofiouq ß^aötpruiia; 
fcoövai &(icTiv 'Aitiujw Tf|v Ttpi-novaav irepifrii^ST] föp JE dvdfitrii;, ^XküjOeuj^ 
afjTili Jiepi TÖ niaoiov yf-vonf.yr\(;' köI prififv iljipeXiied; tiitö Tf^i; uepiTopfiq, 

2) Josephus, Antiquität, judaic. SVn, 6, 5: 'Hpdih^ bi nnLöyiwi 
■i{ vÖDOq ^veiriKpaivETo, bUr]v üjv ^TQpavo^ll^oelev tnirpaucfon^vou toö 9eoö. 
■nöp niv föp |ja\aKÖv flv, oüx üibc uoÄXiiv dnoori|.iQlvov Toii; Juaipuipivoi? 
Tf|v q>X6TuJOiv, ifn6aT\v Toiq ^vtöi; npooexiBEi ti\v kökluoiv. f^n9u^lio 6f 
6€ivi^ TOÖ W£aa6ai ti dir' uütoü- oö T^p i^v |j^ o^x öiToupT«tv. Kai f*.Kiüaeii; 
Tiliv TS ivT^pujv Kai ndXiara toO kuüXou bnvaX &kfr\h6vei, Kai qi^^TM" 
iifp6v Ttepi T061; TTÖBai; KOi Binuy^;' TrapairXiiaia 6^ Kai irepl tu flTpov 
KÄKiumq f\v. val ptiv Kai toQ alboicu afi^ii; aKÜj\r;Kaq {niioioöaa' uveüparii'; 
TE 6p9ta ?vTaai?, Kai aüxT\ Mnv äiT]bi]r, &%BT\bävi te Ti^q diroqjapaq, Kai ti^ 
TTOKVifl toO doe^lQTOq. ^(TTtaaijivU^ TE TTEpi itSv ^v p^Xo^, föx^v oöx Otto- 

;xovrtTif|v irpoöTtB^pEvo;. 

ProkBcb, Geachicbte d. veacr. Kmii^hallGn I. 7 



Israi'liten. 



mittelung des Horrii Doeeuteii Jos. Grün fei d zu veT^ 
danken habe. Im Midrascli-Rabboh (ßabboty) 46, deren 
Litteratur vom vierten bis zwölften Jalirhundert nach 
Christus entstanden ist, heisst es : „Sie (die Vorhaut) hängt 
am Körper wie ein Nom*^" ^). Diesem Ausspruche ist fol- 
gende Erzählung beigefügt: „Es geschah, dass die Könige 
Munbos und Sutos, Söhne des Königs Tahnai, im Geheimen 
zum Judenthum übertraten und sich beschneiden Hessen ; als 
ihre Mutter hinter dieses Geheimniss kam, meldete sie es dem 
Vater unter einem Verwände, Sie sagte ihm : Deinen Kindern 
stieg auf ein Nomö am Fleische, und der Arzt hat be- 
schlossen, sie zu beschneiden. Der Vater stimmte bei, 
dass sie beschnitten werden sollten." Im Midrasch-Siphrfe 
137 b wird der Stelle ira Deuteronomium Cap. xxxn, 
Vers 24: „Und den Zahn der Thiere lasse ich los gegen 
sie" die folgende Auslegung gegeben: „Den thierischen 
Zahn, der in ihnen selbst ist, lasse ich in ihnen los, in- 
dem sie erglühen und allen geschlechtlichen Lastern nach- 
gehen." Dann: „So einer unter ihnen erglüht und sich 
eine Vorhaut überzieht, bringt er sich ein Nom6 hervor 
nnd stirbt allraählig an demselben." Zum Verstandniss 
dieser letzteren Stelle ist es nothwendig zu wissen, dass 
nach dem damaUgen Volksglauben die abgeschnittene 
Vorhaut wieder wuchs und somit eme neuerliche Gefal 
für das Nom6 entstand, wenn Jemand geschlechtliche 
Umgang mit einer Heidin pflog. 

In der Tossiphta (Tossefta, Tosifta) Tractat Sabim j 
findet sich eine Differentialdiagnose des Trippers: „Döl 
Fluss kommt aus dem todteu Fleische (d. i. aus dem schlaffe)^ 
Penis), der Same aua dem lebenden Fleische (d. i. dei 
erigirten Penis). Der Fluss gleicht dem Elweiss einef 
getrübten Eies, der Same hängt zusammen wie 
Weiss eines frisch gelegten Eies." R. Hu na sagt 
Talmud Nidda 35 b: „Der Fluss gleicht dem Wassg 
eines Gerstenteiges, er kommt aus dem todten Fleische . . J 
der Same ist zusammenhängend und gleicht dem 
weiss..." Eine überaus merkwürdige ätiologische Untel 

1) Ein um sich fressendes Gescliwiir; von vöna oder vöfiiÄ 
IranBsuriblrt, 



Israüliien. 



I 



ä Trippers enthält die Mlsehna; dieselbe zählt 
nämlich sieben Arten „von FIuss, die nicht als Flusssucht", 
also wahracheinlich nicht als venerischer Tripper, zu be- 
trachten sind. Fluss entstanden durch gewisse I) Speisen, 
2) Getränke, 3} durch Tragen schwerer Lasten, 4) Springen, 
Schlag auf den Rücken, 5) durcli Krankheiten infolge 
vollzogener Beachneidung, 6) durch Anblick (eines schönen 
Weibes etc.) und 7) durch geschlechtliche Gedanken. 

Maimonidcs (ElScheich Abu AmränMusa 
Ben Meimun el-Cordobi bei den Arabern, Rabbi 
MosesBenMaimon bei den Juden genannt), geboren am 
30. März 1)35, gestorben am 13. December 1204, einer der 
berühmtesten Aerzte und der bedeutendste jüdische Gelehrte 
des Mittelalters, gehört wohl eigentlich unter die Araber ; 
da eich jedoch seine Erklärungen theils im Talmud befinden, 
theils dahin gehören, mögen sie den vorangegangenen gleich 
angereiht werden. Maimonides sagt in seiner Misehne- 
Thora : „Der Fluss, von dem die Thora spricht, ist der Samen, 
der aus der Erkrankung jener Höhlungen kommt, welche 
den Samen sammeln. Er geht ohne Eroction ab, ohne 
Wollust oder Genuss hervorzurufen; er zieht sich und geht 
ab, wie das Wasser eines Gerstenteiges, dunkel, wie das 
Eiweiss einer missrathenen Brütuug, Hingegen ist der 
Samen weiss, zusammenhängend wie gewöhnliches Eiweiss." 
In seinem Commentar zur Mischna sagt er: „Die Fluss- 
sucht gehört zu den Erkrankungen der Samengefilsse; sie 
entsteht wenn die Kräfte derselben erschlaffen, unfähig 
werden den Samen zu halten und zur Reife zu bringen . . . 
Der Körper ist aber sonst bei seinem natürlichen Wohl- 
befinden . . . Dabei rinnt der Samen unreif ab, ohne Lust- 
gefühl und Erection . . . sein Aussehen ist etwas röthhoh 
und dünnflüssig." Eigene Erfahrungen besass Malm oni- 
des darüber nicht, denn was er mehr sagt als seine 
älteren Glaubensgenossen, ist jedenfalls der griechischen 
Heilkunde entnommen. 

Nachmanides (Rabbi Moses Ben Nach- 
m a n), welcher als Philosoph, Cabbalist und Arzt zwischen 
U94 und 1260 in Spanien lebte, soll den Eiterfluss der 
Bibel für eine sehr schwere, chronische und — was bis- 



100 Rückblick ü. d. vener. Krankheiten b. d. orient. Völkern. 

her zum ersten Male deutlich ausgesprochen wilre — an^~ 
steckende Krankheit erklärt haben. Leider kann Ich 
weder die Quelle, noch den Gewährsmann, dem ich diese 
Notiz entlehnte, wieder auffinden. Die übrigen Rabbiner, 
welche S. J. Beer'} und Gottfried Eisenmann*) 
vorführen, bieten nichts Bemerkenswerthes. 



Rückblick über die venerischen Krankheiten bei den 
orientalischen Völkern. 

Wie der erste Anfang alles Wissens, so verliert sich 
auch der Ursprung der Geschlechtskranklieiton hn Allge- 
meinen in den dunkeln Perioden prähistorischer Zeiten. 
Die ältesten Völker des Orients lassen uns bereits in ihrer 
Mythologie diese Leiden melir oder weniger deutlich als eine 
öffentliche Calamität erkennen. Am deutlichsten spricht 
hierflir wohl die altbabylonische Izdubar-Nimrod-Sage. 
Wie alt und tiefgewurzelt mussten diese Krankheiten schon 
damals sein, wenn ein Volk sogar seine götterhaften Helden 
mit denselben behaftet sein lässt? Wenn es möglich wäre, 
die einzelnen Phasen in der Entwicklung der Thierkulte 
sowie des Istar-, Astarte- und Aplirodite-Venus-Kultus 
einer.seit8 und des Lingam-Phallus-Kultus anderseits bei 
den einzelnen Völkern chronologisch zu bestimmen, so 
liesseu sich vielleicht annäherungsweise richtige Daten 
über den Beginn der Entartung des Geschlechtslebens und 
die unausbleiblichen Folgen dieser Entartung : die Erkran- 
kungen der Geschleehtstheile und ihre geographische 
Weiterverbreitung geben. Aber sogar Herodot") ist 
darüber schon sehr unklar; er führt z. B, den PhaUus- 
Kultus in Griechenland auf den sagenhaften Melampus 
wie auf eine historische Thataache zurück und meint, dasa 
Melampus von Aegypten her mit diesem Kultus bekannt 

1) Beer, S. J., BeitrSge zur Geschichte der Syphilis. — In: 
IsJB. Encyeiopaed. Zeitschr. vorzüglich f. Naturgeschichte etc. von 

.Oken. Leipzig 1828, II, p. 738—7.^1. 

2) Eisenmann, Der Tripper. Erl.ingca 1830, H», I, p, 4G. 
8) Herodot, GeBchichten, n, 47—49. 



Biickblii^k ü. d. vencr. Kraiiklieittm b, ct. < 



ut. Völkern. 103 




worden wäre, Wiis 11 e r o d o t selbst bei den Acgyptem 
davon gesehen hat, verdient hier als eine einzige und be- 
lehrende Illustration der Zeit und ihrer Sitten Erwähnung : 
,,"Warum aber an den übrigen Festen die Schweine ihnen 
(den Äegj'ptern) ein Greuel sind und doch an diesem 
(Dionysosfest) geopfert werden, darüber erzählen die Aegyp- 
ter eine Geschichte, mir aber, obwohl ich sie weiss, steht 
es eben nicht an, sie zu erzählen." Das niuss eine saubere 
Geschichte gewesen sein, wenn sogar H e r o d o t , der doch 
genug unanständige Gebräuche und Sagen mit einer für 
heute erstaunlichen Gemächlichkeit erzählt, davor zurück- 
schreckte. Der Vater der Geschichte sagt dann weiter: 
„Dem Dionysos aber schlachtet ein jeglicher an dem ersten 
Tage des Festes, da der Schmaus gehalten wird, ein 
Ferkel vor seiner Thftr und dann umss es der Schweine- 
hirt, der es verkauft hat, wieder mitnehmen. Sonst aber 
feiern die Aegypter das Dionysosfest fast ebenso wie die 
Hellenen: nur statt der Phalli haben sie andere Bilder 
erdacht, ungefHhr eine EUe lang, die werden durch eine 
Schnur gezogen, und Weiber tragen sie in den Dörfern 
umher und der Phallus hebt sich immer und ist nicht viel 
kleiner als der ganze übrige Leib. Voraus geht ein Pfeifer 
und hinter ihm kommen die Weiber und besingen den 
Dionysos. Warum er aber ein grösseres Glied hat und 
dasselbe am ganzen Leibe allein bewegt, darüber erzählt 
man eine heilige Sage." 

Wenn wir auch die ganz unzweideutigen Angaben 
dea Natalis Comes') über die Ursache der Einführung 
des Phallus-Kultus in Athen imd Lampsakos nicht hätten, 
so liesse sich der Ursprung dieses Kultus schon a priori 
erschliessen. Es musste überall, ebenso wie an den ge- 
nannten Orten, zuerst ein zwingendes Bedürfmss dafür 
vorhanden sein, ehe dem Phallus göttliche Ehren erwiesen 
wurden. Um Hekuba weint niemand. Derselbe Zug, erst 
zur Zeit der Noth und gegen neu auftretende Leiden Heil 
und Schutz in der Religion unter neuen Formen zu suchen, 
findet sich, wenn auch geläutert durch die fortschreitende 
Kultur und Gesittung, noch bei den späteren und den 

IJ Tergl. oben p. 18. 



Heuern Völkeru. Solange es zu Ende des 15. und anfangs 
des 16. Jahrhunderts bei Laien und Aerzten als ausge- 
macht galt, dass die Syphilis auch auf Distanz, durch die 
Luft oder durch einfache Berührung übertragbar sei, so- 
lange war es möglich, der Xrankheit die Namen: Morbus 
Sancti Jobi, Sementi, Maevii, ßochi, Evagrii, Fiacrii, 
Sanctae Reginae u. s, w. zu geben, und die genannten 
Heiligen als Schutzpatrone zu verehren ; wären die An- 
steckungswege dieser Krankheit nicht festgestellt worden, 
so hätte sich wahrscheinlich der eine oder der andere 
dieser Namen ebenso erhalten, wie die fast gleichzeitig 
ersonnene Benennung Sj-philis, oder ura bei den Heiligen 
zu bleiben, die Chorea Sancti Viti. Das gläubige Volk 
sucht auch heute noch zur Zeit des Bedarfes nicht nur 
gegen schwere und epidemische oder endemische Leiden, 
sondern selbst gegen leichtere und bloss eine einzige Person 
betreffende Krankheitsfillle, seine speciellen Heiligen, ge- 
radeso wie die alten Römer ihre Dea Febris, Dea Ange- 
ronia, Dea Scabies u. s. w. fanden und ihnen opferten. Es 
sind auch hier nur die Namen und die Formen, welche bis 
in's Endlose variiren ; die Sache ist immer dieselbe. Etwat 
wenn auch nur entfernt, Aehnliches wie die verschiedeni 
Phalluskulte und die „goldenen Aerse" der Philister sehöDt! 
wir noch heutigen Tags an den silbernen, manchmal auch 
goldenen Augen, Ohren, Herzen, Händen und Füssen, welche 
den „Gnadenbildern", besonders in Wallfahrtaorten, geopfert 
werden; und bei unsern Goldarbeitern, welche alle diese 
Opfergaben stets vorräthig halten, wären gewiss auch sü- 
berne und goldene Phalli am Lager, wenn gegenwärtig noch 
dieselben Anschauungen über den Geschlechtsverkehr und 
die Erkrankungen der Genitalien bestehen würden, wie 
bei den orientalischen Völkern des Alterthums, 

Ueber den Ursprung und die Bedeutung derjenigen 
Kulte, welche sich auf das Geschlechtsleben beziehen, 
hetrschen bei den Mythologen seit langer Zeit verworrene 
Vorstellungen; so sagt der Pfarrer Dr. Kraft^): „In diesem 



CS 

bis 1 

ch I 



i)i 



aft,DieHe!ig 



a aller Völker. Stuttgart 1848, 8", p. 181 



Hückblick ü. tt. v 



. Kranfche 



1 1). d. Orient. Völkern. 



Doppeldienste (Astarte-Moloch) liegt ein tiefer subjektiver 
Zug, welcher in allen Religionen durch alle Völker hin- 
durchgeht: das geschlechthche Verhältniss und die Rei- 
nigung des Geistes von der für verunreinigend gehaltenen 
Materie ist das schwierigste Problem der Religionen." 
Wenn für die „verunreinigende Materie" gerade solche 
Geschlechtskrankheiten genommen werden, die eine solche 
Materie secerniren, so ist dies doch eine naheliegende 
und natürliche Auslegung für den „subjektiven Zug" im 
Astarte-Kultus. 

Wissenschaftlich verwendbare Andeutungen Über die 
Entstehung der Genitalatfektionen haben auch die Aerzte 
der orientalischen Völker, mit alleiniger Ausnahme etlicher 
Spurffli bei den Indiern, nicht gegeben; alle Krankheiten 
waren eben Rache oder Strafen der beleidigten Götter 
oder zauberkundiger Unholde, und damit war die Aetiologie 
erschöpft. Schon daraus erklärt sich, warum auch in der 
medicinischen Litteratur dieser Völker und selbst der 
Indier die heterogensten Leiden, sobald sie eben nur eine 
bestimmte Körperregion, hier also die Genitalien betrafen, 
in einem Capitel vereinigt wurden; wodurch der richtigen 
Deutung mitunter unüberwindliche Schwierigkeiten bereitet 
werden. Dazu kommt, dass trotz aller Anstrengungen 
und der damit erzielten Fortschritte, welche die neueste 
Zeit in der Kenntniss der orientalischen Sprachen imd 
der Alterthuraskunde überhaupt gemacht hat, immer noch 

3 Lücken in Wort und Sache, in Rede und Handlung 
welche uns das erste Lallen der medicinischen 
Wissenschaft theilweise noch ganz unverständUch erschei- 
nen lassen. 

Weil jedoch gleiche Ursachen jederzeit gleiche Wir- 
kungen hervorbringen, so ist es auch gestattet, aus den 
Erfahrungen späterer, mehr aufgeklärter Zeiten und wohl 
auch aus der Gegenwart Schlüsse für die ältesten histo- 
rischen und selbst die prähistorischen Perioden zu ziehen. 
Da nun ausser dem erwiesen übermässigen Geschlechts- 
genuss bei den orientalischen Völkern auch alle erdenk- 
lichen Variationen der Venus legitiraa und illegitima zu 



104 Rüekblicl; ii. d. venev. Kva.nkhei(»)n b. ci. Orient. Völkero. 



fiiideö sind — denn auch im Capitel xvui des Leviticus 
stehen bereits diese Ausschweifungen grösstentheila und 
bestens geordnet beisammea und selbst der Hinweis fehlt _ 
nicht, dass der Gesetzgeber dieselben „bei den Heiden", 
welche dadurch „verunreinigt" wurden, angetroffen hat - 
80 konnten wohl auch dieselben Folgen des UebermaasQ 
nicht ausbleiben, welche heute noch sogar bei vorher ge^ 
Sunden Personen beiderlei Geschlechts, besonders bei Neu^ 
vermählten mit auffallend ungleich proportionirten Geni- 
talien, zu beobachten sind. 

Die ersten diu-ch Uebermass im Geschlechtsgenuss 
bedingten Genitalerkrankungen mögen auch bei den ältesten 
Völkern anfangs und vielleicht durch lange Zeit nicht 
contagiös und nur sporadisch gewesen sein. Durch wei- 
teren Verfall der Sitten, durch Vermischung mit fremden 
Nationen, mit Thieren, oder mit andern krankhaften Se- 
kreten vom Menschen u. dergl, mag das originäre Sekret 
der einfachen Entzündung gleichsam potenzirt, contagiös, 
oder anders ausgedrückt: der speciflsche Bacillus erzeugt 
worden sein. Dann erst war es möglich, dass sich diese 
Krankheiten auch ohne ein eigentliches Uebermass des 
Geschlechtsgenusses dennoch allgemein verbreiten und zu 
dem öffentUchen Jammer werden konnten, dem wir bereits 
in den ältesten Schriften begegnen. Dass in diesen und 
selbst in viel späteren Urkunden die contagiösen von den 
nichtcontagiösen Ki-ankheiten der Genitalien und ihreFd 
Umgebung noch nicht unterschieden, sondern neben- 
durcheinander abgehandelt wurden, kann nicht im min-^ 
desten befremden, denn in manchen Fällen gelingt es 
selbst dem ergrauten Fachmann noch heute nicht, den 
Charakter einer solchen Krankheit sofort zu bestimmen. 
Diese Unterschiede aber aufzusuchen ist die Aufgabe dei 
historischen Pathologie; wovon hier jedoch nur die co«. 
tagiösen Affektionen der Genitalien, die sogenannten vene^ 
Tischen Krankheiten in Betracht gezogen werden. 

Bezüglich des Trippers zeigten die Syphilishistc 
riker aller Parteischattirungen von jeher die grösste XJely 
einstimmung. Die wenigen Stellen der Bibel gentigtem 



Rückblick ü. d, vener. Krankheiton b. d. Orient. Völkern. 105 

stets UQtl vollständig, um die Existenz dieser Krankheit 
für das ganze Morgenland als erwiesen anzunehmen; nur 
meinten die unterdessen ausgestorbenen Identisten und 
die Anhänger eines neuzeitlichen Ursprungs unter den 
Syphilidologen : es sei der Tripper in der Bibel nicht der 
virulente, d. h. nicht derjenige gewesen, welchem die 
Syphilis zu folgen pflegt. Seit dem Sturze der Identitäts- 
lebre durch R i c o r d ist dieser Einwand nichtig, und da- 
durch der Einklang über die Existenz des Trippers im 
frühesten Alterthum auch mit den er^^jjrtfcn Ausgestor- 
benen hergestellt worden. Die bekannten Bibelverse über 
den ,,Eiterfluss" sind in neuester Zeit durch etliche Stellen 
in der indischen, besonders aber der ägyptischen Litteratur 
sehr wesentlich gestützt worden, und es ist demnach wohl 
kaum anzunehmen, dass gegenwärtig oder dereinst noch 
Zweifel über die allerdings recht mangelhaft beschriebene 
Krankheit auftauchen könnten, um hier eine weitläufige 
Begründung darüber als nothwendig erscheinen zu lassen. 
Im Papyrus Ebers ist deutlich von einer „Entzündung 
im Uringang einer Person" und vom „Fluor einer Jung- 
frau" die Rede; der andauernde „Fluss" an „seinem 
Fleische" in der Bibel, mag dieser schon als Eiter- oder 
Samenfliiss gelesen werden, kann umsoweniger für Sper- 
matorrhoe gelten, als auch heute noch diese Krankheit 
selbst bei dem regsten Geschlechtsverkehr verhältniss- 
mässig sehr selten und unter so subtilen örtlichen Erschei- 
nungen zu beobachten ist, dass unmögUch angenommen 
werden kann, die Spermatorrhoe sei jemals im Alterthum 
so allgemein bekannt und verbreitet gewesen, dass sie 
dem Gesetzgeber zu so eingehenden Verordnungen Anlass 
geboten hätte; zudem ist ja dieser Fluss ausdrücklich von 
den Pollutionen unterschieden. Die Prophylaxis des Trip- 
pers war, wie wir gesehen haben, bei den Israeliten theo- 
retisch rationell gedacht; wie es jedoch mit der Durch- 
ftlhrung dieser Massregeln zugegangen ist, darüber giebt 
uns freilich die Bibel keine Auskunft. Merkwürdig sind 
die Vorkehrungen der Aegypter gegen Fluor albus und 
überhaupt gegen „Entstehen von Krankheiten in ihrer 



^H die Vorki 



106 Rückblick i 



. Erankhci 



ib.a.t 



1. Völkern. 



.Sehatnlippe" imd uatuentlich die geg:eii letztere verwec- 
deten Emspritzungen. Uetier die therapeutischen Mass- 
nahmen gegen den Tripper, besonders beim Weibe, finden 
sich ebenfalls nur bei den Aeg>-ptern einige interessante 
Aufschlüsse: es waren zumeist „zusammenziehende" Ein- 
spritzungen in die Vulva, aus grösstcntheils vegetabilischen 
Mitteln, deren Art sich bisher öfters nicht bestimmen lässt, 
obwohl wieder andere, wie Crocus, Weihrauch, Oel, Pfetter- 
münze u.a. gekannt sind; auch Einlagen von Charpie- 
tampons mit verschiedenen Arzneien getränkt oder be- 
strichen sind erwähnt. Die Nachrichten über die Conse- 
eutiv-Erkrankungen des Trippers, namentUch über die 
Hodenentzündung und die Stricturen der Urethra, sind 
iiwar nicht ganz zuverlässig, töuuen aber dennoch nicht 
völlig abgewiesen werden. 

Ueber Schanker oder primäre ulceröse Atfektionen 
an den GenitaUen finden sieb, wenn wir von den bezüg- 
lich des hohen Alters ihrer Litteratur nicht ganz verläss- 
lichen Chinesen und Japanesen absehen, zwar nur spärliche, 
aber genügend deutliche Nachrichten, Nehmen wir selbst 
die Genitalerkrankung des altbabvlonischen Helden, Izdu- 
bar, als sekundär, verzichten wir auf die betreffenden 
Stellen im PapjTus Ebers, sogar auf das daselbst vor- 
kommende ,, Fressen in der Vulva" und auf die ,, Wunde 
(das Geschwür) an den Geschlechtsorganen", so bleibt 
immer noch der „Upadam^a" in dem Ayur-Veda des Sus- 
r u t a , welcher den rigorosesten Anforderungen der Dia- 
gnostik entspricht; denn hier ist ausser der hinreichenden 
Symptomatologie des „Upadan^a"' noch obendrein die ,,zu 
heftige Vermischung mit einer Frau, die in der Scheide 
krank ist" als ätiologisches Moment angeführt — eine 
Bemerkung, welche in der gesammten ärztlichen Litteratur 
des Alterthums nicht wieder anzutreffen ist. Ausserdem 
begegnen wir bei den alten Indiern bereits einem ziem- 
lich umfänglichen therapeutischen Apparat gegen diese 
Geschwüre, Die oben erwähnten deutschen Berichterstatter 
nennen: das Brennen mit glühenden Sonden, Aderlass am 
Penis, Hungerkur; überdies die örtliche Anwendung von 



Rückblick i 



. Ki'itnkheilen b, d, nrient. Völkern, 107 



i: 



Kupfer- und Eisenvitriol, Steinsalz, Arseiiikpräparaten u.s.w. 
In der lateinischen Uebersetzung des Ayur-Veda werden 
noi;h Blutegel und Waschungen mit Pflanzendecocten er- 
wähnt; aber nirgend ist etwas Näheres über die Anwen- 
dung dieser Mittel angegeben. 

Unantastbare Nachweise über eiternde und nicht 
eiternde Inguiualbuboneu sind ebenfalls bei den Indiern 
anzutreffen; ihre Unterscheidung von Hernien oder ähn- 
lichen Anschwellungen der Leiste, so wie auch ihre 
Behandlung, namentlich die Incision des „reifen Bubo", 
sprechen für lange und bedeutende Erfahrungen, Die 
„Drüsen" in der Bibel und die „Anschwellungen in der 
Leiste" im Papyrus Ebers mögen theiiweise wohl gleich- 
falls in dieses Capitel gehöreuj jedoch fehlen hierfür be- 
stimmte Anhaltspunkte. Obwohl es immerhin bemerkens- 
werth erscheint, dass die Aegypter diese Anschwellungen 
durch das Auflegen emer noch nicht ermittelten Pflanze 
,,zura Fallen zu bringen" suchen, während sie ,, einen 
Eiter-Tumor in einem beliebigen Glied" ohne weiteres „mit 
dem Messer behandeln", und wie es scheint sorgfältig darauf 
achten, damit nicht „etwas in seinem Sacke (Eiterhöhle) 
übrig (zurück) bleibt", denn dann „rollt es herum" (macht 
Hohlgänge V). 

Ueber Feigwarzen, namentlich die Coudylomata 
acuminata begegnen wir mancherlei Andeutungen; bei 
Kleopatra und in der Bibel sogar derselben Bezeich- 
nung im Substantiv, welche aber offenbar griechischen 
Ursprungs ist. Es ist jedoch schwer sich über die richtige 
Bedeutung dieser Stellen mit Bestimmtheit auszusprechen, 
besonders dann, wenn der Sitz dieser Excrescenzen an 
oder in den Anus verlegt wird, wo dann Verwechslungen 
mit Hämorrhoidalknoten und andern Erkrankungen wohl 
nicht ausgeschlossen werden können. Am genauesten ist 
auch da wieder Susruta in der Stelle, wo er von „sehr 
zarten, übelriechenden, schleimiges Blut (d. i. Eiter) ab- 
sondernden, pilzförmigen Schösslingen" an den weiblichen 
Genitalien spricht. Stenzler')? der diese Stelle gewiss 

1) Stenzler in Haesei', Lehrbuch, IIL Aufl., I, p. 24. 



108 Bückblick ö. d. \ 



. Kraukheitea b. d. o 



später uod offenbar A. Weber corrigirend übersei 
(denn Friedberg, für den A. Weber und Haeser, 
für welchen Stenzler übersetzte, wirkten damals beide 
an der Universität Breslau) bringt dafür: „weiche, übel- 
riechende Auswüchse, welche schleimiges Blut ergiessen 
und die Form von Sonnenschirmen haben", was eigentlich 
nur die Richtigkeit dieser Stelle im Wesentlichen bestätigt, 
üeber die Therapie dieser Warzen haben die genannten 
Forscher nichts übersetzen lassen; Hessler') nennt fol- 
gende Methoden der Behandlung: .medicamentum, lixi- 
vium causticum, ignis et scalpellus.'^ 

Slit dem Nachweis der verschiedenen nichtsj-phili- 
tischen Lokalaftekte an den Genitalien und ihrer Um- 
gebung hat es niemals besondere Schwierigkeiten gehabt, 
denn die eifrigsten Vertheidiger irgend eines neuzeitlichen 
Ursprunges der Syphilis Hessen nicht nur, wie bereits 
erwähnt, das Bestehen von Ausflüssen, sondern auch das 
^^B von Gescliwtlren und Geschwülsten an diesen Tbeileu für 

^^H alle historischen Zeiträume als sicher oder doch als höchst 

^^M wahrscheinlich gelten ; nur den Zusammenhang dieser 

^^B Lokalaffekte mit irgend einem im Alterthum oder Mittel- 

^^M alter bekannten chronischem Exanthem, oder einer andern 

^^K constitutionelien Erkrankung, d. i. die Existenz der Syphilis 

^^M vor dem Ende des fiUifzetmten Jahrhunderts bildet einen 

^^1 seit dieser Zeit, also nun gerade vier volle Jahrhunderte, 

^^K bestehenden Aulass zu gelehrten Streitigkeiten. Zwar ist 

^^M seit dem Würzburger Professor Dr. Alois Geige!*) 

^^M (1867) kein namhafter Autor mehr aufgetreten ^1, welciier 

^^M einen neuzeitlichen Ursprung der Syphilis verfochten hätte ; 

^^P aber der Glaube daran, oder vielleicht auch nur die Vor- 

^H Stellung von dem alten Streit und dem vielen dazu ver- 

I ' 

L 



uud Therapie der 



1) Hessler, L c U, p. 78. 
3) Geigel, A., Oeschichte, Pathologie 
Srphili». Wfirzbnrg 1867, 8», pp. vi, 33->. 

inz, C, Die Einschleppung der Sj-philis in Europa. Leip- 
ag 1S93, iW, p. 15 and a Liebermeisteir, Vorlesungen über 
8peci«lle Palhologie und Therapie. Leipzig ISiH, 8", I, p. 253 ff, 
V, p. U9 siad gewiss iiichl eroat sa nehmeu. 



Eückblick ü. d. 



', Krnnkheiteii b. d. Orient. Völkern. 109 



wendeteu Papier haftet immer noch so sehr in ärztlichen 
und nichtärztlichen Kreisen, dasa aelbst solche Autoren, 
welche sich von der uralten Existenz dieser Krankheit 
für überzeugt halten und neue Belege dafür erbringen, 
es für nothwendig erachten sich gegen die beinahe völlig 
ausgestorbeneu Vertheidiger des amerikanischen oder eines 
anderen neuzeitlichen Ursprunges zur Wehr zu stellen. 
Noch häufiger sind, selbst in den letzten Jahren, Aus- 
sprüche, welche in dem Zweifel ausklingen: ob die Frage 
von dem Vorhandensein der Syphihs im Alterthum und 
Mittelalter jemals gelöst werden wird. Dergleichen Aus- 
sprüche, wie sie scheinbar den neueren Untersuchungen 
entgegengesetzt werden, müssten befremden, wenn es 
eben nicht bekannt wäre, dass unter den gegenwärtigen 
Verhältnissen bei den von allen Seiten massenhaft ange- 
botenen „praktischen" Abhandlungen und dem zuströmen- 
den Kranken-Material vielen Syphilidologen gerade nur 
die Zeit zum Geschichtschreiben, aber nicht auch zum 
Geschichtstudium übrig bleibt. 

Wenn wir auch Alles was vor, neben und nach 
Friedberg und H a e s e r zur Entscheidung dieser Frage 
vorgebracht wurde, skeptisch betrachten wollten, so lassen 
sich doch die Beschreibungen in dem Ayur -Veda des 
Susruta absolut auf keine andere Krankheit als auf 
Syphilis beziehen. Es werden da zunächst mit vollkom- 
mener Klarheit: Eiter absondernde Affektionen sowohl an 
den männlichen als auch an den weiblichen Genitahen 
erwähnt; ebenso bestimmt ist, allerdings an einei- anderen 
Stelle, die Entstehung dieser Affektionen bei den Männern 
auf den geschlechtlichen Verkehr mit einer in „der Scheide 
kranken Frau" zurückgeführt; ferner ist ausdrücklich ge- 
sagt: „die in Wallung gerathenen Humores" der Lokal- 
affekte „steigen dann" (also später, wie dieses Wort un- 
möglich anders zu verstehen ist) „nach oben" und bringen 
darauf Erkrankungen des Mundes, des Halses, der Haut, 
Augen, Nase und Ohren hervor. Das Theoretische, was 
nebenher läuft, und die im Texte vorkommende unchro- 
nologische Aufeinanderfolge der scknudären Erscheinungen, 



110 Rückblick iL d. \ 



. ßrenkheiten 1 



c. Völkern. 



sorne die fremdartigen Benennuiia:eii derselben, köiiiii 
keiueu Histuriker irre führen, denn er findet durchwej 
Aehnliches nicht nur bei anderen Krankheiten in dt 
Litteratur des Alterthums und Jlittelalters, sondern au« 
bei der Syphilis bis tief in das siebzehnte Jahrhund« 
unserer Zeitrechnung, üeber die Ricbti£:keit des Tesi 
im S u s r u t a kann urasoweniger ein Zweifel obwalten, 
als gerade den betrettenden Stellen die grösste Auftuerk- 
sarakeit zugewendet wurde. Nachdem die lateinisch« 
tJebersetzung von H e s s 1 e r von den Sanskritisten 
ungenau und fehlerhaft erklärt worden war, Hess Frie 
berg für sein Werk die einschlägigen Stelleu von di 
als hervorragenden Fachmann bekaimten A. We b e r eig:ei 
übersetzen. Diesen Uebersetzungen mochte aber Kaesei 
dennoch nicht getraut haben, und darum ging auch dii 
für sein Werk noch an einen zweiten berühmten Sauski 
forscher, anSteuzler, dessen Uebersetzungen aber ei 
wesentliche Uebereinstimmung mit A. Weber und wohl' 
anch mit Kessler zeigten ; denn selbst unter den wenigen 
Varianten, wie z. B. „pilzartige Schösslinge" für , .Aus- 
wüchse wie Sonnenschirme" wird der Arzt immer das- 
selbe verstehen. Anders verhält es sich wohl mit der 
Zeit der Niederschrift von Susruta's Ayur-Vcda : Wenn- 
gleich die meisten Sanskritisten dieselbe in den Beginn 
unserer Zeitrechnung versetzen, so fehlt es deimoch nicht 
an Stimmen, welche diese Schrift um ein Jahrtausend vor 
und anch um fast ebenso viel nach dieser Zeit verlegen 
woUen; Stenzler*), der unter allen Sanskritisten diese 
Schrift ara weitesten zurück verlegt, meint: „'ftir haben 
das achte Jahrhundert nach Christi Geburt als die spä- 
teste Grenze für die Eidstenz des S u s r u t a": über die 
früheste Grenze findet sich, wie Steuzler behauptet, 
„keine einzige nähere Angabe'*, und er gelangt daher zu 
dem Schluss : „dass Susruta's Werk eher einige Jahr- 
hunderte nach Christi Geburt geschrieben sein könne, als 
im zehnten Jahrhmidert vor Christi Geburt." Wenn nun 




1) Stenzler, Janua, I, i». 441 — 154. 



ßückblkk i 



iDGr. Krankheitt^u b. d. o 



:. Völkern. 111 



^Hich der allcrspäteste Zeitraum angeuorameii würde, so 
ist damit immer noch jeder neuzeitliche Ursprung der 
Syphilis mit Bestimmtheit widerlegt. 

Auch in der altbabyloniecheu Heldensage könnte, 
wie schon gesagt, nur Opposition um jeden Preis in der 
Krankheit Izdubars etwas anderes als SypbiUs erbhcken : 
Der Götterheld beleidigte Istar (Astarte), die Göttin der 
sinnlichen Liebe, auf das Gröblichste und wird dafür auf 
ilir Anstiften von einem entstellenden Exanthem befallen; 
auch seine Genitalien sind erkrankt, denn er hat sie mit 
einer „Hülle umkleidet", welche durch die Sekrete ver- 
unreinigt wird. Die ganze Krankengoschichte ist in allen 
ihren Theilen so überraschend richtig combinirt, dass sich, 
ähnlich wie bei dem im Mittelalter zu erwähnenden 
Prostitutions-Reglement der Königin beider Sicilien, Jo- 
hanna I, der Verdacht einer Mystiflcation erheben könnte, 
wenn die Authenticität und das Alter des Epos nicht über 
jeden'Zweifel erhaben wäre. Dasselbe ist, wie sicher- 
gestellt wurde, vor dem Tode Asurbanipal's (Sardanapal), 
also vor dem Jahre 626 vor unserer Zeitrechnung nieder- 
geschrieben, und hat jedenfalls schon um Jahrhunderte, 
vielleicht auch um Jahrtausende früher theilweise oder 
_g;anz in dem Munde des Volkes existirt. 

Leider bieten die Nachrichten, welche wir von den 
Irrigen orientalischen Völkern besitzen, nicht dieselbe 
tewähr der Zuverlässigkeit: Gegen die Einen lassen sich 
gewichtige Einwände über das Alter, gegen die Andern 
über die Interpretation des Textes erheben. 

Für die chinesischen und japanesischen Schriften, 
! denen die Syphilis in ihren Hauptzügen sicher er- 
mbar geschildert ist, haben wir nicht einmal, wie hei 
^m indischen Ayur-Veda, die Bürgschaft, dass diese 
Schriften mindestens in's Mittelalter fallen müssen; denn 
dann liesse sicli ihre europäische Abstammung mit apo- 
diktischer Sicherheit ausschliessen, da weder in der alten 
noch in der mittleren Litteratur unseres Continents fthn- 
Ij che Beschreibungen dieser Krankheit vorhanden sind, 
^■Wer doch bialier noch nicht irnfgcfunden wurden. Nach 



^gani 

^Kri{ 
^Rew 

gewi 
über - 

Hedei 
^Hliml)! 
^aem i 



112 Rückblick iL d. vener, Krankheiten b. d. orient. VBlkern. 



dem was vod dem übrigen medicinischen Wissen, oder 
richtiger Wähnen, der alten Chinesen und Japaner be- 
kannt ist, lässt es sich wohl nicht annehmen, dass ihnen 
gerade ein im Ganzen sehr richtiger Einblick in diese so 
complicirte, in allen ihren Stadien ao vielgestaltige und 
durch Incubations- und Latenzperioden unterbrochene 
Krankheit geglückt seij ebenso ist es bei der notorischen 
Abgeschlossenheit und Stabilität dieser Völker sehr un- 
wahrscheinlich, daas sie gerade nur ihre Kenntnisse tlbcr 
die venerischen Krankheiten von den benachbarten In- 
dien! überkommen und angenommen hätten, während sie 
in allen übrigen Zweigen der Heilkunde auf dem ein- 
heimisch hergebrachten, fast durchwegs widersinnigen 
Standpunkte verharrt waren. Für die neueuropäische Ab- 
stammung der chinesischen Syphilis-Litteratur sprechen 
nicht nur alle inneren, sondern auch sehr gewichtige 
äussere Gründe : Der Missionär, welcher diese Frage im 
vierten Decennium des vorigen Jahrhunderts über Auf- 
forderung Astruc's') gewiss nicht mit Voreingenommen- 
heit gegen, sondern eher, wie sich dies aus der ganzen 
sehr ausführlichen Darstellung ergiebt, mit Voreingenom- 
menheit für das hohe Alter der Krankheit und in diesem 
Sinne jedenfalls auch noch beeinfiusst von dem mitar- 
beitenden chinesischen Arzte untersuchte, gab unbefragt 
die Auskunft: dass die Syphilis in den medicinischen 
Büchern der Chinesen nicht mit und neben den übrigen 
Krankheiten, sondern ganz separat abgehandelt wird. 
Es ist darum mehr als wahrscheinhch, daas die Chinesen 
erst von den Europäern, vielleicht von den Portugiesen, 
welche bereits im Jahre 1517 nach Canton kamen, die 
Behandlung der auch in China von Alters her einheimi- 
schen Syphilis kennen lernten und dann auch die Be- 
schreibung derselben aufnahmen. Die Kröten und Heu- 
schrecken in der Therapie der Chinesen sind jedenfalls 
eigene Erfindung, und sprechen für die Existenz der 
Krankheit noch vor der Ankunft der Europäer, während 



I) Astruc, vergl. oben p. 30, 



J 



Rückblick ü. ( 



. Krankheiten b. d. Orient. Völkern. 113 



die innerliche Anwendung von Quecksilberpräparaten und 
der Holztranke, besonders des Liguum Sassafras, sogar 
für eine ziemlich späte Importation aus Europa zeugen. 
Die Merkurialien konnten die Chinesen allerdings auch 
von den lodiern kenneu gelernt haben. Ein anderer Um- 
stand, der zu besonderer Reserve über die chinesischen 
Syphilis-Schriften zwingt, ist, dass dieselben bisher weder 
von Archäologen geprüft, noch von Philologen und Aerzten 
studirt worden sind. Missionär oder Capitain und Consul 
kann man ja in allen Ehren sein, aber für eine wissen- 
schaftliche Beglaubigung reicht dies noch nicht hin. Doch, 
genug von den Chinesen! 

Wo möglich noch unverlässlicher sind die Nach- 
richten aus Japan, obwohl sie von einem Arzte, Dr. B. 
Scheube, herausgegeben wurden; demselben mag dies 
übrigens selbst vorgeschwebt haben, denn er bemerkt: 
„Die Merkurialbehaiidlung scheinen die Japaner erst von 
den Europäern kennen gelernt zu haben". Es ist fast 
gar nichts dagegen, dasselbe auch bezüghch der gegebenen 
Beschreibung der Pathologie der Syphilis zu vermuthen. 
Der berühmte Reisende und Arzt, Engelbert Kaerapfer'} 
(16. September 1651 — 2. November 1716), welcher sich 
um die Beforschung von Japan so grosse Verdienste er- 
worben hat, sagt, dass die Syphilis dort Nambakassan 
d. i. die Portugiesische Krankheit genannt werde, was 
wenigstens scheinbar dafür spricht, dass damals die Ja- 
paner selbst der Syphilis kein hohes Alter zugeschrieben 
haben ; ausserdem ist sichergestellt, dass unter allen euro- 
päischen Völkern wirklich die Portugiesen zuerst, und 
zwar im Jahre 1542 nach Japan kamen. Allerdings be- 
weist dies wenig oder gar nicht den europäischen Ur- 
sprung der Syphilis in Japan; denn es war ja bekannt- 
lich zu Ende des 15. und Anfangs des 16. Jahrhunderts 
fast allenthalben Brauch, die Seuche nach demjenigen 
Volke zu benennen, mit welchem man eben in Berührung 



1) Kaempt'er, E., Geschichta und Beschreibung von Japan 
und Slam. Herausgegeben von C. W. Dohm. Lemgo 1774, 8", II. 

Froka9li. GcschicbCti d. voner. Kranklidtun I, g 



114 Eückblifk ü. d. venPr. Krankheii™ b. d. Orient. Völtecn. 



gekommen war. Belehrend ülier die Wertlilosigkeit aol- 
cher Angaben sind ganz besonders die Vorkommnisse bei 
dem italienischen Feldzug Karl's viii. von Frankreich : 
während die Italiener hehauptetea, von den Franzosen 
die „neue" Krankheit acquirirt zu haben und dieselbe 
auch sogleich Morbus Galliens nannten, behaupteten die 
Franzosen das üegentheil und nannten ihre „neue" Krank- 
heit Mal de Naples. 

Wenn man von dem autochthonen Entstehen der 
Syphilis in jedem Lande und zu allen Zelten, oder doch 
in vielen Ländern und zu verschiedenen Zeiten, nicht 
besonders eingenommen ist, so lässt sich bei der gänz- 
lichen Abgeschlossenheit des grossen japanischen Insel- 
reiches im Alterthum und Mittelalter nicht so wie bei 
andern orientalischen Völkern, die mit einander im Ver- 
kehr standen, erklären, wie die Japaner zu dieser Krank- 
heit gekommen sein sollten. Doch müssten alle diese 
Bedenken einem beglaubigten historischen Dokumente 
gegenüber verschwinden; allein dieses fehlt eben noch. 
Jedenfalls werden, ehe sich ein endgiltigcs Urtheil über 
das Vorhandenseui der Syphilis bei den alten und mitt- 
leren Japanern abgeben liisst, die Jahreszahlen, welche 
Scheube für die Niederschriften und die ersten Drucke 
des japanischen Werkes angegeben hat, ebenso wie dieses 
selbst in allen Theilen von Sachkundigen zu untersuchen 
sein. Scheube hat es sogar unterlassen, den Verlags- 
oder Druckort und die Jahreszahl der von ihm benützten 
Auflage bekannt zu machen, geschweige denn nur eine 
einzige Silbe über den Verbleib der Manuseripte zu ver- 
lautbaren. Man kann noch mehr vertrauensselig ein hi- 
storisches Dokume]it nicht vom Stapel lassen. 

Bei den Aegyptern und Israeliten steht zwar das 
hohe Alter ihrer Litteratur ausser Frage, dagegen ist bei 
ihnen die Interpretation der Texte noch sehr umstritten. 
So lange über die Heilkande bei den alten Aegyptern 
nichts Näheres bekannt wird, hängt die Entscheidung der 
Frage, ob auch bei diesem Volke die Syphilis bekannt 
war, von der Bedeutung eines einzigen Wortes ab, näm- 



■L 



Itückblick ii. d. 



. Kraiikhciten b. d. Orient. Völkern. IIS 



lieh von Uchet. Hat dieses Wort, me der Assyriologe 
Zehnpfiind da,fürhait, einen gemeinsamen Statntn oder 
irgend eine Beziehung zu dem assyrisciien Uchat, so ken- 
nen wir eben auch die Bedeutung des im Papyrus Ebers 
80 häufig voricommenden liehet ; mag dieses Substantiv 
dann als Verbum die angenommene oder aueh was immer 
für eine Bedeutung haben. Ist dann dadurch die Existenz 
der Syphilis bei den alten Aegyptern, Babyloniern und 
Assyriern als eine allgemein bebannte, schwere und ge- 
fürchtete Krankheit eonstatirt, dann wissen wir auch 
sieher, was wir von der ZaraaCh der Israeliten zu halten 
haben; und da die Seuche bei den Indiern mit Bestimmt- 
heit nachgewiesen werden kann, so wird sich ihre Ver- 
breitung aueh unter allen übrigen orientalischen Völkern, 
von denen wir bisher keine näheren Nachrichten, oder 
wie bei den Persern blos über die Lepra, haben, als höchst 
wahrscheinlich annehmen lassen. Bemerkenswerth ist 
noch, dass die Lepra nicht blos bei den Persern, sondern 
im Orient überhaupt verbreitet war, und neben anderen 
chronischen Exanthemen jedenfalls nur zu häufig Anläss 
zu Verwechselungen gegeben hat, welche ja in der ge- 
sammteu Litteratur bis tief in die neueste Zeit, bis in die 
Periode der sogenannten Syphiloide, anzutrefi'en sind, und 
in der Praxis heute noch täglich vorkommen. 

Ueber die medieinisehe Behandlung der Syphilis bei 
den Orientalen lässfc sieh etwas Definitives nicht sagen; 
dass den Indiern der Gebrauch des Quecksilbers bekannt 
war, ist zwar sicher; ob sie es aber auch gegen diese 
Krankheit verwandten, muss erst ermittelt werden. Bei 
den übrigen Völkern verhindert die gegenwärtige Sach- 
lage einen bestimmten Ausspruch. Dagegen zeigt sieh 
bereits in dem Dunkel der prähistorischen Zeit mit voll- 
kommener Deutlichkeit eine überaus wichtige prophy- 
laktisehe Massregel, nicht blos gegen die Syphilis, sondern 
gegen eine Reihe von Erkrankungen der männlichen 
Genitalien: es ist dies die Beschneidung. Es kann hier 
nicht auf die ziemlich umfangreiche Litteratur luid auf 
die mannigfaltigen Arten der Auffassung über den Ur- 




IIG Rückblick ü. d. ■ 



. KvankLeiteu h. d. orietit. Völkern. 



Sprung und die Ursache der Einführung dieser Operation 
bei den verschiedenen Völlteni Rücksicht genommen 
werden; nur ihre wahrscheinliche Entstehung bei den 
Äegyptern und ihre bereits erwähnte Einführung bei den 
Israöliten soll noch einmal kurz in Betrachtung gezogen 
werden und dann ein Seitenblick auf die Naturvölker ge- 
than sein. 

Unzweifelhaft hatte die Heilkunde bei den Aegyptem 
schon sehr zeitlich eine bedeutende Ausbildung erfahren, 
denn schon in den Homerischen Gedichten werden sie 
als die Nachkommen des Götterarztes Paieon besungen, 
welche „alle Sterblichen an Erfahrungen überragen", und 
ihre Aerzte waren bis zum Aufblühen der griechischen 
Medicin die berühmtesten des Alterthums. Herodot'), 
der die Circuracision als einen uralten Gebrauch bezeichnet, 
von welchem er jedoch nicht entscheiden kann, ob er 
zuerst bei den Aethiopern oder bei den Aegyptem einge- 
führt war, von welch' letzteren er jedoch ausdrücklich 
bemerkt, dass sie sich blos der Reinlichkeit wegen be- 
schneiden, weil sie ,,hel)er reinlich seien als wohlan- 
ständig", sagt unter anderem von den Äegyptern; ,,Die 
Heilkunde ist bei ihnen also vertheilt : Jeder Arzt ist nur 
für eine bestimmte Krankieit und nicht für mehrere, und 
es ist alles voll von Aerzten. Da giebt es Aerzte für die 
Augen, Aerzte für den Kopf, Aerzte für die Zähne, Aerzte 
ttlr den Magen und Aerzte für andere innere Krankheiten". 
Daraus muss der Schluss zulässig sein, dass die Aegypter 
auch eigene Aerzte für die bei diesem Volke wohi con- 
statirten Geschlechtskrankheiten hatten. Diese Speeialisten 
brauchten dann gewiss kehie besondere Beobachtungs- 
gabe und auch keine allzulange Erfahrung um zu sehen, 
wie immer diejenigen Kranken am meisten zu schaffen 
machten und am schlimmsten wegkamen, die eine lange 
enge Vorhaut hatten; während diejenigen mit kurzem, 
weitem, häufig hinter der Glans in Falten liegendem Prae- 
putium, mit Ausnahme des Trippers, selten oder nur ver- 



1) Herodot, n, 37, 84, 104. 



Rückblick i 



ir. Krankheitfüi b. il. oiieut. Völkfni. 117 



"aitnissmässig weuig, an Balanitis, Posthitis, Phimose und 
Paraphimose aber niemals zu leiden hatten. Auch solche 
Fälle müssen den ägyptischen Specialisten vorgekommen 
sein, in denen durch die zu irgend einer Erkrankung des 
Praeputiums hinzugetretene Gangrän dasselbe gleichsam 
amputirt, und der Proeess dadurch zu einem oft erstaun- 
lich raschen und gtinstigen Abaehluas gebracht wird. 
Jedenfalls gehört dazu : das Praeputium theils als mittel* 
bare und unmittelbare Krankheitsursache, theils als Hei- 
lungsstörung zu erkennen, weniger Denken, Wissen und 
Erfahrung, als dazu gehört, um künstliche Zähne und 
Goldplomben zu erfinden, Knochenbrüche regelrecht zu 
teilen, und was sonst heute noch an den ägyptischen 
Humien bewundert werden kann. 

Nachdem also der Nachtheil des Praeputiums und 
jssen Entbehrlichkeit erkannt war, mag dann (aber ge- 
wiss nicht vorher, denn dies wa,re ganz widersinnig) zu 
dem hygienischen das religiöse Moment dazugekommen 
sein, und beide können dann gemeinschaftlich die Vor- 
nahme der Beschneidung veranlasst haben. Die Krank- 
heiten waren doch immer eine Strafe der Götter; und so 
mussten ihre Priester vor allen andern Sterblichen darauf 
iedacht sein, ihres Amtes würdig, nicht als Sti'äflinge der 
totter, also gesund zu erscheinen. Darum war anfangs 
icb nur bei den ägyptischen Priestern, nicht aber bei 
. Volke die Beschueidung eingeführt; ja es ist nicht 
einmal sicher gestellt, ob überhaupt später das ganze 
ägyptische Volk beschnitten war. Um die blosse Rein- 
lichkeit, das ist, um die Beseitigung des Praeputialsmegma 
durch die Circumcision, wie sich Herodot von den ägyp- 
tischen Priestern erzählen liess, kann es sich anfangs 
gewiss nicht gehandelt haben; denn dazu wären wohl die 
vier Bäder, welche die Priester täglich nehmen mussten, 
mehr als hinreichend gewesen; und der blossen Reinlich- 
keit wegen würde sicher niemals eine jedenfalls sehr 
sclmierzhafte und damals gewiss nicht gefahrlose Opera- 
^Jon eingeführt worden sein. Später, aber wahrscheinHch 



musst 
^^edac 
^■ötte: 

^^tem 



na Eückbliek ü. d. 



1 b. (1. Orient. Völkern. 



können ja, nachdem man vielleicht keine oder nur wenig 
Unbeschnittene mehr zu beobachten Gelegenheit hatte, 
die Nachtheile des Praeputiama und die Ursache der Ein- 
führung der Beschneiduog längst vergessen worden sein, 
und die Reinlichkeit kann dann wirklich als einziger auf- 
findbarer Grund für die Fortführung der Operation ge- 
golten haben; dieselbe war somit nur mehr das religiöse 
Symbol, welches zii der Aufnahme unter die ägyptischen 
Priester berechtigte, und als solches vordem schon viel- 
leicht auch bei dem Volke, gewiss aber in der Krieger- 
und Gelehrtenkaste eingeführt war. 

Ueber den eigentlichen Grund und die Zeit .der ersten 
Einführung der Circiimcision bei den Israeliten liegen 
weder in der Bibel noch in der übrigen Litteratur des 
Alterthums zuverlässliche Nachrichten vor; selbst Josua, 
der die neuerliche Beschneidung im Angesichte von dem 
Lande, in welchem Milch und Honig floss, vorgenommen 
hatte, widerspricht sich, wenn er zuerst (Cap. v, Vers 5) 
sagt: „Alles Volk, das auszog, war beschnitten", und dann 
nachdem der in der Wtlste geborene, unbeschnittene Nach- 
wuchs beschnitten und im Lager zu Gilgal „heil" geworden 
war in demselben Capitel v, Vers 9 erzählt : „Der Herr sprach 
zu Josua: Heute habe ich die Schande Aegyptens von 
euch gewendet". Das Unbeschnittensein war also in Äe- 
gypten eine Schande, und wir wissen, dass dasselbe fürder 
auch bei den Israeliten und andern beschnittenen Völkern 
galt, "Wenn also alle IsraöUten in Aegypten beschnitten 
gewesen wären, dann konnte doch keine ,, Schande Ae- 
gyptens" von ihnen gewendet werden. Femer: wenn die 
Beschneiduog bereits vor dem Auszuge aus Aegypten, 
und, wie dies m der Genesis (Cap. xvn, Vera 9 — 14) darge- 
stellt wird, schon von Abrahams Zeiten her, als ein sym- 
bolisches Bundeszeichen mit Gott gegolten hat, warum 
wurde gerade die Eeschneidung während der vierzigjäh- 
rigen Wanderung durch die Wüste aufgegeben, da doch 
alle übrigen Religionsgesetze aufrecht erhalten wurden? 
Warum findet sich das so wichtige Bundeszeichen nicht 
unter den am Berge Sinai gegebenen zehn Geboten? 



Rüclililiük ü. d. ■ 



1 h. d. orieot. Völke.ru. 119 



Warum war dort das Blut der Opferthiere hiureichend, 
den Bund mit Gott zu besiedeln? Für den Zweck, die 
Circumcisioa als eine grossartijje prophylaktische Mass- 
regel zu betrachten, ist es indess vollkommen gleichgUtig, 
ob die Israeliten in Aegypten beschnitten waren oder 
nicht; halten wir uns nur daran die Thatsache zu er- 
klären, warum die während des Zuges durch die Wüste 
niclit beschnittenen Israeliten am Hügel Äi'aloth doch 
besclmitten wurden. Da ergiebt sich denn nach unbe- 
fangener Auffassung der vorhandenen Nachrichten mit 
grosser Wahrscheinlichkeit das Folgende: Moses, der 
Füljrer des Volkes, war von den Priestern Aegyptens er- 
zogen ; er musste daher die Beschneidung und den hy- 
gienischen Werth derselben, entweder aus eigener An- 
schauung, oder doch vom Sagenhören kenneu. Diese 
Kenntnisse mochten jedoch nur einseitige, theilweise ne- 
gative gewesen sein; d. h. er wuaste vielleicht nur, dass 
Männer ohne Praeputlum an der Oberfläche des Penis 
gesund blieben oder von einer Reihe von Erkrankungen 
nicht befallen wurden; nicht aber auch: dass Unbe- 
schnittene davon ja befallen wurden. Wie dem aber 
auch immer sei, genug: Moses zog mit seinen Leuten fort 
und Hess sie auf der Wanderung nicht beschneiden. Erst 
auf dem Wege bot sich dem Moses jedenfalls hinreichende, 
nicht erwartete Gelegenheit, sich von dem hygienischen 
Werthe der Circumcision nach allen Richtungen zu über- 
zeugen; denn als „Israel in Sittim wohnte und das Volk 
zu huren begann mit den Töchtern Moabs" da kam über 
die Israeliten „die Plage des Baal Peor". Wenn wir 
auch nicht wissen, welcher Art diese Plage war, der 
24,000 Menschen zum Opfer gefallen sein sollen, so lassen 
sich nach den Antecedentien doch auch diejenigen Formen 
von venerischen Krankheiten nicht ausschliessen, welche 
durch das Praeputium uachtheilig beeinflusst werden. 
Moses, Aaron und die Priester hatten vordem und dann, 
wenn die Israeliten vor dem Auszüge aus Aegypten wirk- 
lich beschritten waren, jedenfalls auch genügenden An- 
3 vergleichende Beobachtungen anzustellen ; denn unter 



120 Hüc-kblick ü. d, veiier. Krankheiten b. d. Orient. Völlcern. ^^H 

den Israeliten, welchje an den Moabiterinnen oder an an- 
dern Fremdlingen Gefallen fanden , werden doch auch 
eine Anzahl „älterer Herren" gewesen sein, die ihr Prae- 
putium in Aegypten gelassen hatten, und deshalb ent- 
weder gar nicht erkrankten, oder nur von leichteren 
Formen befallen wurden. Sobald also oder anders den 
Führern des israelitischen Volkes die Nachthelle des Prae- 
putiums bekannt waren, bedurfte es, um die Cireuracision 
einzuführen, nur einer passenden Gelegenheit, Diese fand 
sich nach langen Leiden und Entbehrungen beim Einzüge 
in das gelobte Land, das nun alle Wünsche und Ver- 
heissungen erfüllen sollte; und da „sprach der Herr zu 
Josua: Mache dir steinerne Messer und beschneide wieder 
die Kinder Israels". 

Dass die^ Denkenden unter den Israeliten in der 
Beschneidung immerdar auch etwas anderes als ein unter 
den Kleidern verborgenes, also unsichtbares und nur auf 
die männlichen Mitglieder beschränktes Bundeszeichen 
mit Jehova erblickten, haben bereits Philon Judaeus 
und Josephus Flavius gelehrt; auch die Talmudisten 
wussten zeitlich genug: „Die Vorhaut hängt am Körper 
wie ein Nom6". Am deutlichsten hat nach dem Wort- 
laute bei dem Evangelisten Johannes, Christus die Cir- 
cumcision lediglich als ein Gesetz Moses und als eine 
rein prophylaktische Massregel hingestellt; Christus sagte 
(Johannes, Cap. vii, Vers 23): ,,So ein Mensch die Be- 
schneidung annimmt am Sabbath, auf dasa nicht das Ge- 
setz Moses gebrochen werde, (warum) zürnet ihr denn 
über mich, dass ich den ganzen Menschen habe am Sab- 
bath gesun'd gemacht?" De Wette, der von seinem 
Standpunkt als Theolog von einer naturv\issenschaftlichen 
Auffassung dieser Stelle gewiss weit genug entfernt war, 
macht in seiner Bibelübersetzung zu diesem Vers die Be- 
merkung: ,,das heisst: nicht blos, wie bei der Beschneidung 
an einem Giiede, sondern am ganzen Körper". Die 
Stelle, welche in ihrem Zusammenhange bis in das fünfte 
Capltel desselben Evangelisten zurückgreift, lässt eben 
nur eine einzige Deutung zu, nümlich: Wenn ihr am 



Rückblick ü. d. vener. Krank he Uen b. d. oricnt. Völker 



121 






,bbath beschneidet, nur um ein Glied gesund zu erhalten, 
'arura etc. 

Die Gründe, welche von verschiedenen Gelehrten 
für den religiösen, symbolischen, mythologischen, po- 
litischen, socialen und kriegerischen Ursprung der Be- 
schneidung bei den verschiedenen Völkern geltend ge- 
macht werden, entsprechen theils dem Wortlaute einiger 
Traditionen und Dokumente, theils mehr oder weniger den 
Religionen , Sitten , Gebräuchen und der übrigen Ge- 
schichte der betreffenden Völker, aber niemals der hi- 
storischen Entwicklung naturwiaaenschaftlicher Kenntnisse 
Nimd der Vernunft. Es ist ja offenbar und lässt sieh darum 
ich gar nicht bestreiten, dass man den verschiedenen 
'ölkern, je nach ihrer Bildung, ihren Idealen und den 
'Äitf&lligen Anlässen, bald diesen bald jenen Vorwand an- 
gab, oder dass sich ein solcher Vorwand oder Anlass 
durch gewisse Verhältnisse manchmal auch ganz von 
selbst und von Aussen her eingestellt haben kann, denn 
auch die heutigen imbeschnittenon Kulturvölker wären 
für die prophylaktische Auffassung dieser (wenn nach 
"Wissenschaftlichen Normen ausgeführt) höchst segens- 
reichen^) Operation gewiss noch nicht geistig reif genug, — 
,aber den ersten, freien Impuls dazu mögen überall, ebenso 
ie zu den Venus- und Phallus-Kulten, die Geachlechts- 
leiten gegeben haben. Alle drei: Krankheit, Kult 
id Beschneidung finden sich, leider nicht in derselben 
inologisch eruirharen Ordnung, bereits in den ältesten 




1) Ich kann vprsichern, dass ich während meiner 28jährigen 
?raxiB (wovon fast ein Jahr dem Militärdienst und eben solange 
r FreqTientatlon der beiden Syphilis- Abtheilungen des Wiener All- 
^meinen Krank enliauses und der des Wiedener Spitals gehören), 
bei einer durchschnittlichen Zahl von jährlich 2000 venerischen 
Kranken kaum aehn Israeliten mit Syphihs oder einem venerischen 
Oescbwttr am Penis, dagegen aber viele Hunderte, vielleicht weit 
über Tausend tripperkranke Israeliten beobachtet habe. Dass ich 
gerade diesem Gegenstande schon als junger Arzt meine Aufmerk- 
samkeit zugewendet habe, habe ich bereits im Jahre 1872 in meiner 
tehrift über die „Vorbauung der veuerischen Krankheiten"' Wien, 
II, 70 erwiesen. 




122 Rückblick ü. <1. 



I b. d. Orient. Vülkern, 



Denkmälern fast aller orientalisdien Völker. Was 
diesen Dreien zuerst da war, Iftsst sich gegenwärtig durch 
kein Dokument, sondern nur durch die Logik entscheiden. 
Das Vorkommen der Circumcision bei den verschie- 
denen Naturvölkern, die erwiesenermassen niemals mit 
irgend einem beschnittenen Kulturvolke in Berülirung 
kamen, ist der Auffassung von dem prophylaktischen Ur- 
sprung der Operation durchaus nicht entgegen; im Gegen- 
theil es stützt sie. Die Naturvölker, welche die duukehi 
Lehrsätze einer comphcirten und verwirrenden Mythologie 
nicht kennen, nackt oder fast nackt, ohne ein stärker 
entwickeltes Schamgefülil, also möglichst unbefangenen 
Sinnes die verschiedene Beschaffenheit der Geschlechts- 
theile stets beobachten, konnten sich ebenfalls von den 
Krankheiten und der Entbehrlichkeit des Praeputiums 
überzeugen, Dass die Naturvölker die Beschneidung theils 
vor Beginn, theils zur Zeit des Eintrittes der Pubertät 
vornehmen, spricht gerade mehr für die prophylaktische, 
und weniger ftlr die kriegerische, religiöse oder eine so- 
ciale Auffassung; denn m der Pubertät beginnen die Ge- 
fahren des Praeputiums, selten aber die Pflichten des 
Kriegers und die Ansprüche des Ehelebens. Emige wilde 
Stämme entfernen mit grösster Strenge, ja sogar bei Todes- 
strafe, alles Weibliche um den Beschnittenen vor, während 
und nach der Operation ; was ebenfalls mehr für die 
diätetische Bedeutung der Operation spricht. Wenn die 
wilden Stämme in Süd- und Westaustralien ausfindig ge- 
macht haben, dass durch das Aufschlitzen der Harnröhre 
H^ die Fruchtbarkeit vermindert oder aufgehoben wird und 

^fe sie diese Verstümmelung an sich ausführen'), warum 

^M sollten sie und andere Naturvölker nicht auch auf den 

^H hygienischen Werth der Circumcision verfallen sein? 

^B Ueber einige Gebräuche der orientalischen Völker, 

^H welche vielleicht ebenfalls ihren Beweggrund in der Vor- 

^B bauung der Geschlechtskrankheiten haben mögen, finden 

^B sich einige Stellen bei Herodot, von denen die folgenden 



]) Ratzcl.Friedr-, Völkerkunde. Leipzig 1887, Lex. 80 11, p. E 



Rückblick ü. d. vener. Krankheiton b. d. Orient. Völkern. 123 

als die bemerkenswerthesten erscheinen : „Und so oft ein 
babylonischer Mann seine Frau erkennt, zündet er Weih 
rauch an und setzt sich daneben; desgleichen auch die 
Frau an einem andern Ort, und wenn es Tag wird, baden 
sie sich alle beide, denn sie rühren kein Gefäss an, bevor 
sie sich nicht gebadet. Ebenso thun auch die Araber . . . 
Sie (die Aegypter) trinken aus ehernen Bechern, die sie 
alle Tage auswaschen, und nicht etwa der, und der wieder 
nicht, sondern allesammt . . . Aber die Priester bescheeren 
sich den ganzen Leib, immer den dritten Tag, auf dass 
weder eine Laus noch irgend ein anderes Ungeziefer sich 
einfinde bei ihnen . . . Sie baden sich zweimal des Tags 
in kaltem Wasser und zweimal des Nachts." 

Das Ergebniss der vorstehenden Untersuchungen 
kann bezüglich der so viel umstrittenen Syphilis dahin 
lauten : Die Existenz dieser Krankheit ist bei den Indiern 
vollständig, bei den Babyloniem und Assyriern fast voll- 
ständig erwiesen, und bei den übrigen orientalischen Völ- 
kern ist sie als höchst wahrscheinlich anzunehmen. Nur 
sind wir bei den schwankenden Urtheilen der Sanskrit- 
forscher nicht berechtigt die Kenntnisse der Indier in das 
Alterthum, wohl aber in das Mittelalter zu stellen. Wenn 
dieselben dennoch hier einen Platz fanden, so geschah es 
nur, um einem allgemein eingeführten Gebrauch zu ent- 
sprechen. 



Griechen. 



Aerzte- 

Wer gerne in der Dämmerung weilt und Gefallen 
an dem langsamen aber steten Herankommen des Tages 
oder Überhaupt an dem Werden eines Dinges oder Wissens- 
zweiges hat, wird durch die Resultate der weiter folgenden 
Untersuchungen befriedigt sein. Wer jedoch nach den ver- 
hältnissmässig zahlreichen Lichtfunken und Blitzstrahlen, 
welche sich in der noch immer spärheh bekannten Litte- 
ratur der alten orientalischen Völker Ober die Existenz 
und die Kenntnisse der Genitalieiden ausgestreut finden, 
nunmehr bei den Hellenen, deren Künste und abstrakte 
AVissenschaften unvergleichlich hoch über denen aller 
Kulturvölker des Alterthums stehen, und sogar heute noch 
als nachahmungswiirdig die Bewunderung aller Nationen 
erwecken, augenbUeklich ein helles Licht und vollkom- 
mene Klarheit über diesen Gegenstand, namentlich über 
die Sj-philis, vermuthet, wird sich arg getäuscht sehen. 
Die Poesie, Skulptur, Architektur, Historiographie, Philo- 
sophie und Mathematik der alten Gnechen lassen gar 
keinen Vergleich mit ihrer Medicin zu, und besonders sind 
ihre Beschreibungen der Geschlechtskrankheiten vielleicht 
auch deshalb die schwächeren Capitel, weil dieses Volk 
der Geistesheroen, der grossen Talente und edeln Charak- 
tere, den Aerzten weniger Anlass zur Beobachtung dieser 
Affektionen gab, als die exorbitant ausschweifenden Orien- 
talen. Doch über diesen Punkt soll etwas spöter mehr 
gesagt werden. 



Griechische Aerzte. 



Wie viel und was die Hellenen aus der Heilkunde 
der orientalischen Völker annahmen, lässt sich bei der 
Lückenhaftigkeit der betretfenden Litteratur gegenwärtig 
nicht, und wahrscheinlich niemals, mit einiger Sicherheit 
entscheiden; dass die Griechen aber von den Orientalen 
und besonders den Aegyptern annahmen, ist gewiss; wenn 
auch die seit Herodot*) wiederholt und auch noch in 
unseren Tagen autgetauchte Behauptung, wonach „Äegyp- 
tcn das Mutterland der hellenischen Cultur sei", vorläufig 
einer tieferen Begründung entbehrt. Ebenso ist auch die 
Meinung Q e o r g E b e r s' '), „dass ein beträchthcher Theil ■ 
der medicinischen Schriften der Griechen aus Aegj'pten 
stammt", durch die Uebereinstiramung einiger weniger 
Stellen nicht hinreichend belegt; berücksichtigt man jedoch 
den so geringen Umfang der bisher bekannt gewordenen 
altägyptischen medicinischen Litteratur einerseits, und 
anderseits die von P. LePage Renouf^) nachgewiesenen 
Translationen in der Hippokratischen Sammlung und das 
jüngst vonLüring*) aufgefundene Derivat einer ägypti- 
schen Schwangerschaftsprognose im Galen, dann wird man 
den Anschauungen eines LePage Renouf und Ebers, 
ganz abgesehen von den unterstützenden Angaben einiger 
altgriechisehen Historiker, einige Berechtigung nicht ab- 
sprechen dtlrfen. Aehnliche TJebereinstimmungen der alt- 
ägyptischen mit der griechischen Heilkunde werden sich 
aucJi in dem kleinen Abschnitt der Genital erkrankungen 
des Weibes in der Hippokratischen Sammlung finden; 
wenn da auch von einer eigentlichen Translation nicht 
gesprochen werden kann, so ist die Schablone wenigstens 
dieselbe, nur die Farben sind ein wenig abgeändert. 

1) Herodöt kommt wiederholt aul' diesen Gegenstand auriick, 
und 11, 51 sagt er: „Dies (die Mythologie) und noch vieles andere, 
wie man hören wird, liaben die Hellenen von den Aegyptern an- 
genommen"; n, 109 schreibt er letzteren die Erfindung der Feldmess- 
kunst, und II, 123 die der Unsterblichkeit der Seele zu. 

2) Ebers, G., 1. c. Vorwort p. v. 

3) LePageEenouf. — In: Zeitschrift für ägyptische Sprache. 



;, XI, 
4) Lüri 



123. 



. L. E., 



. 139. 



J 1 



126 



Griechische Aerzte. Hippokrates. 



Doch dies betrifft, wie bereits hervorgehoben wurde, 
blos einzelne Stellen. Die Gesammtheilkuude der Griechen 
und die der Aegypter, sowie aller übrigen Orientalen, zeigt, 
soweit sieh dies selbst aus den vorhandenen Fragmenten 
erschliessen lässt, denn doch eine grundverschiedene Aus- 
bildung, und darum mag auch hier der Ausspruch von 
Ernst Curtius^) Geltung haben : „Was sie (die Griechen) 
in Religion und Kultur, im Staatsleben, in Kunst und "Wissen- 
schaft gethan, ist ihr eigen, und wieviel sie auch von 
Andern übernommen, liaben sie es doch so umgestaltet 
und wiedergegeben, dass es ihr Eigenthum geworden ist." 

Mit Hippokrates ü. (geboren auf der Insel Kos^ 
um das Jahr 460 vor Christi Geburt, gestorben zu Larif 
in Thessalien um 377), dem Sohne des Asklepiaden H e 
k 1 i d e 8 , bereits von seinem Zeitgenossen Piaton 
Grosse" genannt, oder eigenthch mit der Sammlung der- 
jenigen Schriften, welche uns unter dem Namen Hippo- 
krates überliefert wurden, beginnt die wissenschaftliche 
Litteratur der Heilkunde des Oecidents, da die älteren 
medicinischen Schriften der Hellenen sämmtlich verloren 
gegangen sind; obwohl ein kleiner Tbeil dieser Sammlung 
wahrscheinlich schon vor-hippokratischen Ursprungs ist. 
Leider wurden uns auch die Schriften der eben genannten 
Hippokratischen Sammlung und der Kölschen Schule über- 
haupt nicht vollständig und nicht unverändert erhalten; 
auch viel späteres wurde darunter gemischt; was eben 
zum Theil den Einblick in die chronologische Entwicke- 
lung der Heilkunde der Hellenen stört, zum Theil ein 
vollständiges Mosaikbild nicht construiren lässt. Es sind 
darum auch die Nachrichten über die Geschlechtskrank- 
heiten nur vereiazelte, überall hin zerstreute Bruchstücke, 
denen jeder innere Zusammenhang eigentlich fehlt. Schon 
über den Harnröhrentripper des Mannes vermissen wir 
einen bestimmten Aufschluss. Es findet sich bei H i p p o- 
kratea nur eine Stelle, welche auf die genannte Kran 



Kos^^_ 



1) Cnrtius, E., Griechische Geschichte, 
ser, Geschichte I, p. Gi. 



I, p. 




Gri 



idio Acrztu. Hippokrates 



I 



Bat bezogen werden kann. Dieselbe lautet: „Die in der 
Harnröhre Knoten {<pü)iaTa) haben, werden davon befreit, 
wenn sie verschwären und mit dem Eiter abgehen" 0- 
Da an andern Orten die Spermatorrhoe, Pollutionen und 
die Pyurie und Hämaturie aus den obern Harnwegeu 
unterschieden werden, so dürfte sich die angeführte Stelle 
wohl als Urethritis deuten lassen. Damit wäre auch der 
Ursprung des pathologischen Irrthums nachgewiesen, wo- 
nach man sich bis ins xvni. Jahrhundert unserer Zeit- 
rechnung diese Krankheit aus in der Harnröhre befind- 
lichen Geschwüren, Pusteln, Apostemen und vereiternden 
Geschwülsten aller Art, die wohl sämmtlich durch die 
verschiedene Bedeutung des Wortes tpOna gedeckt wären, 
entstanden dachte. 

Beinahe noch weniger deutlich sind die in den Hippo- 
kratischen Schriften erwähnten Flüsse aus den Genitalien 
im Allgemeinen und denen des Weibes im Besonderen: 
,,Wenn die Gebärmutter mit Schleim angeMUt ist, so ent- 
steht ein Aufblähen und die Reinigung geht weiss und 
schleimig ab . . . und sie weigert sich der Nässe wegen, 
den Mann zuzulassen . . . Man muss sie mithin fragen, ob 
sie der Ausöuss brenne und wundfrisst . . , Wenn nun 
die Schamtheile nicht geschwürig sind, so muss man ihr 
scharfe Stoffe als zuträglich reichen"*). 

„Wenn sich der weisse Fluss einfindet, so sieht er 
wie Eselsurin aus; der untere Sehmerbauch, die Lenden- 
gegenden und die Weichen thun ihr wehe, und die Füsse 

1) Hippokrates Werke. Aus dem Griechischen übersetzt 
und mit Erläutenmgen von Dr. Johann Friedrich Kari Grimm. 
Aitenburg, 1781, B", I, p. 265. — 

Magni Hippocratis opera oTiinJa. Editionem curavit Ca- 
rolus Gottlob Kühu. Lipsiae, 1827, tf>, III, p. 738: ^-OKÖoomiv *v 
tQ oipfi&pr] (pOficiTa (pOexai, toutSoioi &[aTnJr|oavTO^ Kai ^KpOT^^'^^'i 

3) Uebera. v. Grimm, IV, p. 33a — Editio Kühn, II, p. 638: 

„'Hv ai |jr|Tpiii qjXt-fni'ivairai ir^tidSüJui , qiOaa JTT'veTai Kai tä, im\xi\via 

kevKÖ. dnfpxeTOi ... Kai ti|] dvbpi (ntö jr\c, ötP^tiitdi; oök i64\ii nioTtö- 

" fl«i . . . dpioGai oöv XP"! a^Tf|v tö jiiov fjv bÜKVti le koI tEeXKol . . . tA 

bt bpi}iia jrpooqi^peiv lü«; irOp9opa, t\y nf| rd nl&oTa f|XKiujj^va ^^ 



128 



Griechische A«rzte. Hippokrates. 



und Hände schwellen, die Höhlen unter den Augen sinif 
aufgedunsen . . . Die Krankheit erzeugt sich, wenn eine, 
die von Natur verschleimt ist, Fieber bekommt und die 
bewegte Gaile nicht ausgeführt wird" '), 

Eine sehr häufig citirte, aber darum nicht werth- 
vollere Stelle tautet: „Trifft es sich nicht, dass das Monat- 
liche, wenn es in Eiter tlbergegangeu ist, in die Scham- 
theile hin ausbricht, so bricht es oberhalb der Scham in 
den Weichen der Seiten ohne Geschwulst durch, indem 
der Eiter sich einen Ausweg macht und eiterartige, stin- 
kende Jauche hervorkommt"*}. 

Verengerungen der Harnröhre mögen wohl jedenfalls 
beobachtet worden sein, denn es wurde unter die in der 
Kunst vorfallenden „Unregelmässigkeiten" gezählt, „Wenn 
man . . . den Katheter in die Blase schieben will und nicht 
hineinbringen kann" ^). 

Zu den "ulcerösen Affektionen der männlichen und 
weiblichen Genitalien und deren Umgebung fehlt aller- 
dings auch die Angabe irgend eines ätiologischen Moments 
und eine nähere Bezeichnung der pathologischen Charak- 
tere, aber dennoch gewinnt man aus der Beschreibung 
selbst den Eindruck, dass hier venerische Geschwürsformen 
wenigstens nicht abzuweisen sind: ,,Am meisten nützt 
es . . . denen, die Geschwüre am Kopfe haben, desgleichen 
an den Theüen, die von der Kälte absterben oder ge- 
schwtirig werden, ferner in den umsichfl'essenden Flechten, 
dem Hintern, der Schamgegend, der Gebärmutter und 



1) Üebers. V. Grimm, IV, p. 342. — Ed. Kühn, U, p. 543: 
„'Onörav bi XeuKÜq ü ()oO^ äxT^^ITCi, olov oöpov qiaUtTiii, kqI übiivi) f%t\ 
Tf|v veioTpav jaOTlpa Kai tüi; lEüaq noi tolpi; KeveüJvai;, Kai olftfiHQTa xiiiv 
Tt öKeX^uiv Kol tCDv x«ipüJ^i "f"! '" Ko\i.a aiperat . . . i^ bt voüoo^ fi^eTai, 
i^v qjijoer^^oöön ipXeTJiaTuJbri^ Ttuperaivri, Kai xo\i] Kivijedaa nf\ Koeapö^," 

2) Ed. Kühn, 11, p. 614: ,'Hv bi nl\ ol tä kotü t6 aiboiov 
XUJpi^or), TÖ Suini^via bidiruci fiv6(i€va, {.(; t& ünip toO ßoußilivo^ Eo^i- 
$f\anai ^aTä ^i\v Xandpriv ficrfrivai, flrep (püiiaTOi;, fixe toO tiüou ftia^fia- 
T^vTO^, Kai Kclvii xi"?"^"«' ituui&tci ö6fiaX£a,' 

3) Uebers. v. Grimm, IV, p. 11. — Ed. Kühn, II, p. 173: 
„Mri&' eU KÜflTiv aükioKov uneUvTU tiüvaaeai KaSiivai." 



firiechische AerztP. Hippokrates. 



1S9 



* 



Harnblase, diesen ist das warme Wasser angenehni und 
heilsam, das kalte aber zuwider und schädlich'"). 

„Es Itlsst sich bei alten und frischen Geschwüren an 
der Vorhaut und in den Geschwüren am Kopfe und am 
Ohre brauchen"*), Dt\s Mittel, welches hier erwähnt wird, 
ist essigsaures Kupfer, das in Verbindung mit Weihrauch, 
Myrrhe, Safran, Wein u. dgl. in einer Anzahl von Zube- 
reitungen gebraucht wurde. 

„Wenn die Schamtheilc mit kleinen, umHichfressendeu 
Hitzblattern besetzt sind , so koche man Myrtenbeeren 
in Wein und spritze sie damit aus. Nachher koche man 
süsse Granatäpfelschulen in Wein, thuc zugleich Myrrhen 
und Harz dazu, zerbisse sie in dein Weine, tunke Lein- 
wand hinein und bringe es ihr als einen Mutterzapfen 
bei" 3). 

„Wenn sich an den Scbamtheilen Geschwüre an- 
setzen und die Theile sie jucken, so reibt man Oliven- 
Eppich- Brombccrstau den und süsse Graiiatüpfclblatter, und 
weicht sie in alten Wein; nachher nimmt mau frisches 
Fleisch, umwickelt es mit den Blättern, bringt es wie 
einen Mutterzapfen bei, und lilsst es die Nacht bei sich 
behalten. Nachdem man es den Morgen darauf heraus- 
gezogen hat, so kocht man Myrten in Wein und spült die 
Scham damit aus"*). 



1) UebexB, Grir 

„Aiaip^pEl . . . TOUT^UI 

ÄKÜila (PTTÖ i)ii!i£iöi; Ov^o 

aifioftjl, OöTipi^, KliöT«!, 
((JUXpäv 7[dX^^l□V KCti Kl 

S) Ueliei-B. Grin 

&i TOlltljJ Tl|l CpUpHÜX 



im, I, p. 269. — Ed. Kühn, IN, p. 741-742: 
'.fi ft tXKOÜTQi, Kai ipnoiaw ^öflioji^voiöiv, ffcpr), 

TOUT^Oiai TÖ |i*V öfpflÖV (piXiOV Kßl ftpIvOV, TÜ bi. 



ini.HI, p. 300. — Kd. Külin, 111, p.3IG: „Xpilaflai 
iTpoq 'ITETIa\alu)^fva ^Xkeci kq) irpäi; tu veÖTpuiTO, 
Ktti tz TiüoBiov Kai 4i; Ktqja^T^^ iXma koI iütö^." 

3] Ufiliei-s. Grimm, IV, p. 39«. - Ed. Kühn, II, p. 586 : „"Hv 
dqjflfiffij TÜ albota, nilipTn *i|(^iiar; iv oiv^l inaKXutiaÖiu a[bo\a. fireiTa 
(iotf^ T^UK«fti5 fllbia i\vf\aa<^ 4v olviij, Kai attip\r\<i kqI fijTiviie 6^00 m'EQS 
hiel^ olv^j, öeöviov ^ixpdirTiuv itpoOTiöivai." 

i) Uebera. Qrimin, IV, p. .^97-.^98. - Ed. Kühn, U, p. 588: 
„*Hv tyKia ^Tf^viiTai tv Toiöiv al&oiomi Kai Euofioi; Xafißdvii, (Xalrji; ipiliXJiDi 
Kai KiMoö Kdl ßdrou koI ^liie T^i"'s'n5 Tp'f"^! ^"^ o'*"+i "^^ ^'^k Ta\aniJ, 

Prohscb, Gesoblcbte der vener. Krankheiten I. ff 



130 Griechische Aerzte. HippokrAteg. 

„Wenn sich in den Schamtheilen Geschwüre ansetzei^ 
so muss man Rindertalg aufstreichen und anbringen, und 
M>TteQblätter in Wein abkochen und sie damit aus- 
spritzen" '). 

„Wenn sich schwümmchenartige Geschwüre (09601) au 
den Schamtheilen zeigen, so mische man Rindert&Ig, Butter, 
Gänsefett und ägyptische Siilbe zusammen, salbe die Scham- 
theile damit ein und spüle sie mit lauem Wasser ab"*). 

„Wenn er {der Muttermund) geschwürig ist, bei der 
Auareinigung kleine Hitzblattem auttahren. und auch die 
äusserste Lefze schwürig ■wird, so reibe man Anis und 
Gänsefett und Rosenöl und wickle es in Wolle, nehme 
ein Stück Ochsenfleisch, das dicker als die grosse Zehe 
und sechs Querfinger lang ist. bestreiche es mit jenem 
Mittel, umwickle es mit Wolle, tunke es in das Mittel, 
binde an das eine Ende des Fleisches einen Faden und 
bringe das blosse Fleisch in die Mutter dahin, wo das 
Geschwür sitzt"'). 

Die eben vorgeführte, tou den S>-philishistorikern 
bisher übersehene Stelle, ist eigentlich die interessanteste 
von allen vorhergehenden; vergleicht man dieselbe mit 
der folgenden Über den Mastdarmspiegel, dann leidet es 
wohl keinen Zweifel, dass die griechischen Aorzte bereits 

fitEiTO Xaßdiv odpKo TTOraivlriv itpooe«tvai Ktil KaTanXdoai Toiai tpiiXXoiai, 
Koi ^x^"" 'i'lv vÜKTO. fiuSev bi tit\0(itin\ iiupaivr|v tv oivui dq>ei(ioOaa, 
ti^ otviu hiatAvltijeiu Td alftola." 

1) Uebers. Grimm, I V, p 402. — Ed. K ä h 11 , U, p. 591 : „-Hv 
tv Toloiv aiaoioiinv IXKta fivrtrat, ßäciov artap titakeitperv tcal irpoort- 
Bivai, Kai T'\<i pupoivi)!; i\ oivui dqxkpiüv 6iaKXi!tiTai." 

■2} Uebers. Grimm, IV, p. 40i?-4ftJ. — Ed. K u h n, II, p. 591: 
..'Hv d(p6r|ö(i tu ai&oio, öriop ßoö? Kai ö^tupov koI xi^o^ ftaiov kuI 
Ooi^Otvov jiiEac, fiiaxpiEiv Tä aibola tout^oioi, koI biaKXuE^oeui x^>cp<l' 

3) Uebers. Grimm, IV, p. 415. - Ed. Kühn, n.p.601: „Kalf^v 
fiiv UkuiBQ (t6 dTdtia) kqI qiXÜKTaivai ilioiv iv nq KaSdp<TCi, t(V n^v &Kpa 
^& XiOii'i UkiuSQ, dwriiTov Kai x^v^iov fXaiov tv ^bjv<(i 4Xaiui xplipa^ 
t'ui eipiov ivtiXilai, oüpKi poü? XapiLv ir&x"'''^P1'' toO jieTdXou baxnJXou 
Ttobii;, fif|Koq bt II boKTÜXxuv, XP*'"'^ Till <pappdKi4i itepieXicai; tili elpitp, 
T& q>dppaxi>v ävattnoTfiaaz, tö JöxaTov t^^ oopKöc 6 jidXX«! fEtu «Tvai, 
XJvqj bi^aoi; ivBti, tu mjiXöv tiii; öapKÖc k rdc lariTpac ov &v tö ^Xkoi;." 



HifipokrateB. 



131 



unmittelbar vor und nach Hippokrates auch den Mutter- 
spiegel zu diagnostischen und therapeutischen Zwecken 
benutzt hüben: „Hierauf lege man den Kranken über, 
sehe mit der Sperrzange {KaxoTmip) nach, wo der Mast- 
darm angefressen ist und schiebe den Stengel da hinehi" '), 

Ueber Feigwarzen, deren Art sieh eben auch nichl 
näher bestimmen litsst, wird im „Buche von den Ge- 
schwüren" gelegentlich der BehandUing unreiner und 
wuchernder Granulationen mittelst milder Aetzungen 
eprochen: „Ein kleinblfttteriges Kraut, das man Hundedill 
(Anthemis, Hundskamille) nennt, und die Warzen an der 
Vorhaut wegbringt, auch Alaun und rothen Atrament- 
stein"*). In dera ,,Buch von der weiblichen Natur" h 
es: „Wenn aus den Schamtheilen ein übler Geruch gehi 
und sich eine Fleischwarze ansetzt und Schmerzen ein- 
stellen, so stillt es die Schmerzen, wenn man ihr Peter- 
silienaamen nüchtern in Wein, und den üblen Geruch, 
wenn man ihr Änlssamen auf eben die Art giebt; allein 
das Fleischgewachs muss man wegschneiden"^). 

Im dritten Abschnitt des dritten Buches „Von den 
Epidemien" wird eine Krankheit geschildert, welche schon 
zu verschiedenen Controversen Anlass gegeben hat und 
jedenfalls für die Geschichte der Syphilis von ganz be- 
sonderem Belang ist. Nachdem Hippokrates die 
Wittcrungsverhältnis.se eines nicht näher bestimmten .lahros 
angegeben, und auf ein von ihm später zu erörterndes 
Befinden der Phthisikcr im Winter desselben Jahres ver- 
wiesen, dann verschiedene bösartige Formen von Erysipel 



1) Uebers. Grimm, III, p. 318. — Kd. Kühn, Ilf, p. 330 bia 
331: ,1 I . ■ ÖITT10V kqtcikXIvoi; TÖv äv9pujTrov, KaroirTflpi xciTibibv tu bmße- 
Ppuin^vov -toö dpxoü, TaÜTin Tfiv ipiiaiffo Bifivüi, . . ." 

2) Uebers. Grimm, III, p. 304. - Ed. K ü h n , III, p. 319 ; „TToii\ 
fj niKp6q)u\Xoi;, fl övojia TropB^viov tö fmtpiiipuXXov, t^ t4 Silnia rd dirö 
ToO itooeiou dtpaiptl, Kai öTunTripIr) i^ x"^"^'"'; ■ ■ ■" 

3) Uebers. Grimm, TV, p. 397. — Ed. K ü b n , II, p. B87-588 : 
„'Hv *v Tolaiv aiSalami Bunoduli) fl koI Kituv ^fT^vrirai Katööilvt] ixt}, Tf|v 
(ifev bb{ivT]v iraüijn oeHivou KOpnoi; tv olvijj hiööfitvoi; v^otsi, xfjv bi 
öu(JO(J|i(>]v dwriaov t6v ailiTÜv ipöirov 6i6ü^itvov. t6v bl «iova xpi") dno- 



133 Griechische Aerzte. Uipjiokrates. 

und Fieber beschrieben hat, sagt er ohne findbaren Bezog 
auf das Vorhergegangene: „Viele bekamen Schwämme 
und Geschwüre im Munde, häuQge Flüsse aufdieScham- 
theile, Geschwüre und Blattern auswendig und inwendig 
um die Weichen her, femer feuchte, langwierige, anhal- 
tende, schmerzhafte Augenentzündungen, an den Augen- 
lidern auswendig und inwendig Auswüchse, die mau Feig- 
warzen nennt, und gar manchen am Sehen hinderten , 
Eben solche entstanden auch eine Menge in andern Ge- 
schwüren und au den Sehamtheilen. Den Sommer über 
bemerkte man sehr \iele Brandblasen und andere soge- 
nannte faule Geschwüre, desgleichen grosse entztmdete 
Beulen. Viele bekamen grosse Flechten" •). Johann 
Friedrich Karl Grimm, der Uebersetzcr der Hippo- 
kratischen Sammlung, ein in ruhiger, wissenschaftlicher 
Thätigkeit wirkender, aber von dem Glauben an irgend 
einen neuzeitlichen Ursprun g der Syphilis befangener Mann, 
bemerkte bereits im Jahre 1781 zu dem eben vorgeführten 
Passus: „Man könnte hier leicht in Versuchung kommen, 
diese Geschwüre der Zeugungstheile, und in der Folge die 
Feigwarzen für die Grundrisse der geilen Seuche zu halten; 
und warum sollte sich ein ähnliches Uebel in der damaligen 
Zeit und in einer warmen Gegend nicht auch haben hervor 
thun können, und nach der Zeit an seiner Bösartigkeit so 
abgenommen liaben, dass man es ganz verkannt hat. Etwas 
dergleichen geschieht doch unter unseren Augen mit der 
nämlichen Krankheit"*), 

Die Beschreibung des Rothlaufes in demselben Ab- 
schnitte enthält einige Sätze, welche sich luir schwer auf 



1) Uebers. Grimm, I, p. 92. — Ed. Kühn, 111, 486—487: 
„ETli^aT^l TToXXotöiv dqjÖiÜEa, il.Kllj^(a. fitiifioTci nepi lä albola iroAJid. 
{HKttjjaTO, cpilfjaTo, fEiueev, faiuSfv. rn Trepi ßoupmvai;. üqjöaXsjiai (jfpai, 
HUKpoi, xpöviai |j«TÜ TTÜvuiv. iirirpiliaiEi; p^Eipüpiuv lituBiv, foiu9tv, iroX- 
Xiirv qjefipovTEi; tag öitiia^, 8 oOtta iTrovo|idZoiiöiv. JcpOtTo bt kqI firl tiöv 
dXXujv fXK^ujv TToJ.Xd KOl atboioiiJiv. ävOpawq iroXXoi nnTd öipo^, Kai 
äXka a ai'ini kqX^etoi. ^KSünara (jtT'i^''' JpiniTEi; iioXXoiöiv (itYciXoi, 

bi Karä KoM)]v noXXoTm iroXXä koI ItXaQEpä auv^ßoiv« 

2) Uebers. Grimm, I. p. 490. 



GriethiMChe AerzU;. Hippokrattiö. 133 

diese Krankheit, soitdern elier auf eine Complikation mit 
Syphilis heziohen lassen: „Viele hatten Halsweh, die 
Stimme war verdorben. Es gab hitzige mit Hlrnwuth 
vergesellschaftete Fieber, Schwämme im Munde, Blattern 
an den Schamtheilen, Augenentzlbidungen, Brandblasen 
. . ."'), „Bei denen sich ein solcher Zufall am Kopfe er- 
eignete, die verloren die Haare vom Haupte und aus dem 
' Barte miteinander, und die Knochen entblössten sich . . ."*). 
Das gefährlichste von allem waren die ZutSlle, welche die 
Schamgegeud und die Geburtsglieder betrafen . . ."'). 

Von den ÄphoriHmen des Hippokratos erinnert 
das Folgende wohl nur sclir oberflächlich an unsern Gegen- 
stand, es wird aber dennoch mit besonderer Vorliebe und 
zwar schon von den ältesten Hyphilographen citirt: „Es 
finden sich zwar alle Krankheiten in einer jeden Jahreszeit 
ein; aber es giebt doch auch einige, die zu gewissen Jahres- 
zeiten öfter vorkommen und eich verschlimmem ... Im 
Sommer . . . Augenentzündungen, Ohrenschmerzen, Mund- 
geschwüre, faulende Geschwüre an den Schamtheilen wid 
Hitzblattern" *). 

Syphilitische Caries des harten Gaumens diagnoaticirt, 
allerdings mit einem Fragezeichen, H a e s e r aus folgendem 
Passus: „Die Nase f&lltbei denen, die den Gaumenknochen 
verlieren, in der Mitte ein ; und da, wo der Theü, in welchem 
die Vorderzähne stehen, abgehet, die Nasenkuppe" ^). 

1) Uebers. Grimm, I, p. 87. — Kd. K ü h n , III, p. 482 : „noXXol 
ipdpUTTa^ iiiävT](fav. ipujva) KOKoilinevin, Kaöaoi ippEviTiKol, ötöjiotq &<p- 
Qtiibea, al6o(ui^ ip'önaxa, äipOaX^iai, dvSpaKE;, . . ." 

2) UeberK. Grimm, 1, p. 88. — Ed. Küho, 111, p. 483: „Olai 
Hiy oöv irepi K(qja>.^v tout^uiv ti EujiitlTiTei f'^^ööfi, (lablai^^ re BXt]; 
Tfi5 K€cpaXfl5 tT'^ovTo kq! tou yeviiov, koI öot^uiv i(jiXi(i(iaTa . . ." 

3) Uebers. Grimm, I, p. 89. - F.d. Kühn, III, p. 484: 'Hv 
bt TrdvTiuv xnXeTriÜTOTOv tCDv toioütuiv, öte irtpl <lpiiv kö) alboto fE- 

VoUlTO, . . ." 

4) Uebers. G r i m m , I, p. 250. — Ed. Kühn, m, p. 733-724: 

„ Nooi^ficiTa &f Trdvxa fitv iv itdariai T^mv lÜptidi Tiverai, jjöXXov &' fvia 
kot' tviaq aÜTiujv icai Y'veToi huI napoEüvtrai . . . ToO bi öipeo^ , . . 
6q)6aX>iiai koI üjxuuv ttövoi kkI aTojidTuiv (XKiJiaitq Kai arineftöve^ alöotujv 
Kai Ibpuja." 

5) Uebers. Grimm, II, p. 147. - Ed. Külin, 111, p. 583: „"Oooii 



^^^ Kai löpuja. 



134 Grieehiscbe Aerzte. Rufoti. 

An die bisher überselieoen Stellen wäre nocb anztij 
reilien: „Ferner einer (wurde wjissersQchtig), der 5 
Jahre Feigwarzen, Leistenbeulen, Krampfadern und au! 
gebrochene Hüftgesc^hwüre gehabt hatte" '). 

Es cirkuliren noch einige auf Syphilis zu beziehende 
Stellen, welche jedoch minder deutlich sind und deshalb 
übergangen werden können; nur noch eine sei erwähnt, 
die H e n s I e r -) besonders hervorhebt und folgend über- 
setzt: „Äphorism. V, 22: Cjilidum iimicuin est et ad iudi- 
cationem confert (qjiXiov xai xpivov) herpetibus esthiomenis, 
sedi, pudendo, utero, vesicae." 

Ueber Bnfas vou Ephesus, einen der berühmtesten 
Aerzte des Alterthums, sind nilhere persönliche Ver- 
hältnisse bisher nicht bekannt geworden : seine Wirksam- 
keit wird an das Ende des ereten Jahrhunderts unserer 
Zeitrechnung verlegt. Er brachte bereits die Entstehung 
der Inguinalbubonen mit den Erkrankungen der Ge- 
schlechtstbeile in Verbindung und ist wahrscheinlich der 
Verfasser einer bei Oribasius^) sich findenden wicb- 



öoTiov dnü (jirtpii^fi; dni^Xet, -rovriotai )i.iaT\ flu i\ (lii^ otöiv isi SBev ol 

ÖbAvTE^ fliCpln OltlOÜTOI." 

1) Uebers. Grimm, II, p. 289. — Ed. Ktthn, III, p. 705: „. . 
ii&poTuJT^ X'^tToi ■ . . i nepi tö II (tso Viriroupfv rt k«! ßoußiüvo Kai 
ßiv Knl KJbfiara." 

3) Uetifilcr, P. 6. DeHerpet» scuForoiiea vcteruinlabis vene- 
reae non prorsus cxpurte. Eiliiie, 1801, 8", p. 10. Nach der Ueber- 
seWuug von Grimm lautet die Slelle folgend; „Bühen mit wKrmem 
Wftsaer nützt . . . ferner bei den um sich fressenden Flechten, dem Hin- 
tern, der Schamgegend, der Mutter und der Blase." Hensler fügt 
derselben Stelle noch bei: „Haee ipsa antor libri Pgtndohippocratici 
„„de Liquidomm uau"" »üb linem iisdem fere verbiß repetit: „„Her- 
petibus catbiomeniK denigratis ipsis sive in gingivis, sivc iu aure, 
sive in ano, sive in utero, his omnibns Calidum amicum est et indi- 
catorium (qjiXiov xai Kpivov)"". 

3) Oiibasius. Oeuvree d'Oribaae, par Bussemaker et 
Üaremberg. Paris, 1862, 8», IV, p. 19; Deutsch in Haeser's 
Lehrbuch, ITI, p. S21. Die Stelle lautut in: A. Mai Classicorom 
auctorum e vatiranis codicibuB editorura Toni. IV, Romae, 1831; 
Lib. xiv, cap. SU folgend: „TTcpi 9iljiou. 9üyo^ iXKoq totlv tvipaap- 
Koüv Tpax«[i? Kol qiaSup^ aapKi. T'vCTai bi tv x^ Ibprf. xal ai&oiot^ Kai 
Toi^ äXXai; TÖjroLr; Träöi. Kai tu niv eönBe? TtavTduaöi xai TtoXXdKi^ 



ei'hisclie Aerztti. PhilumeDos. 



tigeu Beselireibuug über das Condylom, welches auch er 
in seineu Formen allerdings noch nicht genau unterschied, 
im Allgemeinen jedoch ziemlich deutlich erkennbar schil- 
derte: „Ueber den Thymus. Thymus ist ein 1\ko<; mit 
unebener, lockerer Fleischwucherimg. Es kommt vor am 
After, an deu Genitalien, und an allen andern Stellen des 
Körpers. Manche Thymi sind gutartig und fallen von 
selbst ab ; andere werden, wenn man sie abschneidet, 
bösartiger und schmerzhaft, und ergiessen beständig einen 
blutigen lehor. Es kommt auch vor, daas sie, wenn man 
sie wegschneidet, von neuem wachsen, so dass man das 
Glüheisen oder ein kaustisches Arzneimittel anwenden 
muss. Einige sind unheilbar. Diejenigen Thymi, welche 
einen krebsartigen Charakter darbieten, sind schwieriger 
(zu behandeln), die der Eichel sind schlimmer als die der 
Vorhaut. Von denen der weiblichen Sehamgegend sind 
die tiefer (in der Scheide und am Uterus) sitzenden 
schlimmer, als die mehr nach aussen befindlichen. Man 
hat auch Thymi beobachtet, welche sich vom After bis 
zu den Schamtheilen der Frau verbreiteten, andere die 
dort (also an den weiblichen Genitalien primär) sich ent- 
wickelten. Die Thymi entstehen sowohl aus Geschwüren 
und ohne solche, indem sich eine solche Fleischwucherung, 
wie sie vorhin beschrieben wurde, bildet." 

Aus Pliilmuenos. der um das Jahr 50 nach Christus 
lebte, bringt Aötius') ein Excerpt aus einem verloren 

aÜTÖfiaTov äTTÖirniTov ■ tö bt el dTTOKÄTTTOn;, i(QKori9iOTfpäv te Kai übüvrjv 
wap^XOV; •""• xop1'*'oi^M*^ov aifiaTiiftei i\<Jipi. fori b' oI; nal iiitoTenvü|j6va 
TDioÜTQ qjLieTai irdXiv vln; xpfl^eiv f] Kauueuji; J\ qjapjjdKou KauoriKoO. tö 
bt Kai dv{aTa dj<p9t| ■ öaa bi. KöpKiviIifti) TpÖTiov auvlaxarai, xo^eti^Tep" ' 
Koi TU iK<pvd\iiva toO ßaXdvou x^^^'^iJiTtpB tiIjv Ik Tf\<i irüaBriq Kai xd fv 
Ti\ ibptf jä ßuflÜTtpa Tüiv TtpoxeipuTipujv. ilnpöti lii tcote ^TiivendnEVB 
iK Tili; föpai; irpöi; t6 aihoTov Tt^i; yuvaiKÖq . rd bt koI oötö6£V pXaoTd- 
vovTö. ou^ipaivei fc^ kq! fui SXKeai kqI öveu tXKiiioeui^, irporiyriffafi^vr]!; 
oopKÖq iK?o\f\<i, olaz iipf\K(nxiv fivioeai. — Der Text stimmt mit der 
- Ausgabe des OribasiuK von Daremberg übereiu. 

1) AS t i i medid graeci rontvactae ex veteribns mcdicinao 
tetrabiblos, hoc. est quaternio, sive libri universalis quatuor, sing^uli 
qnatuor sermooea eomplectentes etc. per Jaiium Cornarium me- 
diuttm physifuni latinc conscrlpti. Lugduiii, 1&49, fol., p. 1022— 2a- 



136 



Griechische A«rKte. Philunieum 



gegangenen grösseren piitbologi-seheD Werke, welches 
weitere, überaus interessante Aufechlüsse über die Con- 
dylome und die Anwendung des Schcidenspiegels enthä.lt: 
„Thymus aut in alis pudeodi, aut in ipso pudendo, aut in 
uteri osculo, aut in colto generatur. Et est aspera quaedam 
eininentia thymi cacumini sirailis, in quibusdam mitis, in 
aliis maligua, rubra, cruenta, praecipue post concubitum 
aut deanibulationea, et sane moro maturo assimilatur, 
visuque deprehenditur, aüquaudo sine uUa arte, aliquando 
dioptra immissa oblata. Huiusmodi igitur eminentias in 
principio curabimus, quemfidmodum de reliquis thyrais ac 
verrucis diximus; verum ubi diutius perseveraut, chirur- 
giam adhibenius. Muliere itaque recte locata, eminentiara 
volsella extentam, totam funditus resecamus: deinde cu- 
rationera cruentia vulneribus aptam facimus ; thymos bi- 
mus, supra ad totius corporis thymos et veiTucas formi- 
carias relatis." Wie der scharfsinnige Hermann Fried- 
berg ^) aus diesem Satze herauslesen konnte, Ph i 1 u - 
m e n 8 habe erkannt, „dass der Concubitus eine Ursache 
der Feigwarzen sei", ist befremdend; denn es wird doch 
blos gesagt, dass eine schon bestehende Thymus durch 
den Coitus „maligna, rubra, cruenta" werden kann. Be- 
sonders merkwürdig ist die naive Schilderung über die Be- 
handlung der Condylome, welche Philumenos an seiner 
eigenen Frau vorgenommen hatte : „Aliud (remedium), 
quod ego in uxorc mea exportus sum, et ipsas radicitus 
toliit, Origani festucam ad lucernam acecndito, et forrai- 
cariae Verrucae admoveto, ut non inde incendatur, aed 
furaum solura suscipiat. Et hoc ter singulis diebus facito." 
Demnach muss man zu Philumenos' Zeiten in Griechen- 
land die Feigwarzen für eine ganz harmlose und un- 
schuldige Krankheit gehalten haben; während zu genau 
derselben Zeit in Rom Martial^) in einer Reihe von 
Epigrammen über die mit Feigwarzen Behafteten spöttelte. 

1) FriedbBFg, H. I, c. p,51. 

2) Martialis. M. Val. Epigranimaton libri. Ex recensione 
8Ua denuo recogoita edidit F. G. Schneidewiu. Lipsiae, 1876, I 



»■U! A<T7.tf. 



> 



Bei Pedanins DIoskorldes '), dorn hervorragendsten 
pharmakologischen Schriftsteller des Alterthums, welcher 
sein bis in die Neuzeit im Gebrauche gestandenes Werk 
im Jahre 77 oder 78 nach Christi Geburt vcrfasste, kann 
selbstverständlich Niemand eingehende pathologische Er- 
örterungen aufsuchen, denn diese fehlen ja in der phar- 
makologischen Litteratur aller Zeiten; aber selbst die 
knappen Angaben über die therapeutische Verwendung der. 
einzelnen Mittel bieten stellenweise auch für die Patho- 
logie der venerischen Krankheiten ein mehr als gewöhn- 
liches historisches Interesse. Ueber den Tripper und seine 
Folgekrankbeiten findet sich bei Dioskorides wohl auch 
nichts Verlässliches; denn die Bemerkung zum Artikel 
„Iris": „Eadera potae ex accto auxiliantur . . . (juibus 
genitura effluit" ist eben nur allgemein gehalten und 
eben so unsicher wie an mehreren andern Stellen die 
„Ulcera vesicae" u. dgl. Eher noch lässt sich bei dem 
Artikel j.Myrtus ... ad ulcera serpeutia, ignem sacrum, 
testium inflammationea et condylomata" an venerische 
Erkrankungen, specieU an Epididymitä, vielleicht auch 
an Syphilis denken. 

Bestimmtere Anhaltspunkte aber geben die häufigei- 
angeführten Ulcerationen, Condylomata und Rhagaden an 
den Genitalien und am After, wovon hier nur eine kleine 
Auslese Platz tindeu mag : 

„Strigmeuta a balneis calfaciunt, molliunt, discutiunt: 
ad sedis rimas et condylomata illinuntur . . . 

Myrteum oleum ... ad furfures, sedis rimas, con- 
dylomata . . . 

Thus ... ad ulcera, quae cacoethe vocantur, et 
sedis, et reliqnarum partium . . . 

Amurca . . . utiliter infunditur sedis, genitalium ac 
vulvae exutcerationi . . . 

Oesypum excalfaclt, explet ulcera et emollit, prae- 
sertim sedis, ac vulvae . . . 



]) Pedncii Dioscoridis Anazarliei, De materia i 
die» libri vi, innumeria lotis ab Andrea Matthiolo cmcndati ac 
ßtituti. Lugduoi, 1554, 8", p. &64. 



138 Griechiadio Aemie, Dioakorides. 

Plumbum elotum , , . prodest contra sedis uIcm 
condylomatii et haemorrhoidas, ex rosaeeo : item ad ea, 
quae aegje cicatrieem ducunt." 

Ob die im Urtext vorkommenden ßougLüve? wirklich 
immer mit iiiguinLim inrtammationes zu übersetzen sind, 
wie Andreas MatthioLus u. A. tliuii, ist wohl sehr frag- 
lich. Noch einige Stellen, in denen Lokalaffekte neben 
constitutionellen Erscheinungen aufgeführt werden, sind 
von besonderer Bedeutung ; so heisst ea bei dem Artikel 
„Sandaracha" ; „Exptet alopecias , reaiua excepta : et 
scabroa ungues cum pice eximit: contra phthiriasin ex 
oleo efflcax est: tubercula cum adipe discutit. Prodest 
ad narium orisque ulcera, et caeteras papularum erup- 
tiones cum rosaeeo: item condyloraata." 

Unter „Malum punicum" lesen wii-; „Expreasus nu- 
cleorum succus coquitur cum melle, ad oris, virilitati» et 
aediö ulcent, noraaa, reduvias, et ea, quae in corpore ex- 
tuberant, aurium dolores, et narium vitia, praesertim 
acidorum," 

Auch in dem Artikel „Oenantho" werden „oris ul- 
cera et genitalium nomas" knapp neben einander genannt. 
Aehnliche Nebeneinanderstellungeu sind bereits m dem 
Hippokratisehen Sammelwerk vorgekonunen, und wir be- 
gegnen denselben zerstreut und in den verschiedensten 
Variationen in der ganzen medicinischen Littcratur des 
Alterthums und Mittelalters; worauf hier vorläufig nur 
besonders aufmerksam gemacht sein aoll. 

Die benutzte Uebersetzung der Materia medica des 
Dioakorides von Andreas Matthiolus ist zwar allge- 
mein als die beste anerkannt, dennoch sei hier wegen 
der Wichtigkeit des Gegenstandes und weil mir ein Ori- 
ginaltext nicht zur Hand ist, eine andere Version') der 
Stelle vom Granatapfel beigefügt: „Quod e nucleis (mali 
punici) exprimitur, coctum mellique admixtum, ad ulcera 
faeit et oris et genitalium et aedia, nee non ad digitorum 
pterygia, ulcera depascentia et quae in carnibus luxuri- 

I) Vci-gl. F r ij d. B II r (• t L c. p. 154. I^^^^H 



GrietliisdiP Acme. Aielm^us. 139 

, itemque ad aurium dolores et narium vitia, maxime 
vero ex acido punieo sumptuin." 

AretaeuM von Kappadokleu^), welcher wahrschein- 
lieh in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts un- 
serer Zeitrechuung lebte , ii nd zu den bedeutendsten 
inedicinischen Schriftstellern des Alterthums gerechnet 
wird, verbreitet sich etwas mehr als seine uns überkom- 
meneu Vorfahren aber die Gonorrhoe. Die Beschreibung, 
welche er davon giebt, blieb, trotzdem sie nicht auf unbe- 
fangener Beobachtung, sondern lediglich auf theoretischen 
Spekulationen beruht, bis tief in die Neuzeit hinein 
mustergiltig. Jedenfalls war Aretaous nicht der Erste, 
welcher die Theorie eingehender entwickelte, wonach die 
gegenwärtig noch (Ulachlich Gonorrhoe geuauute Krank- 
heit in einer Schwäche oder einem andern pathologischen 
Zustand der Samengefässe und Samenbläschen bestehe 



1 o u rä awUniva. Recensiiit et 
harias Evnierius. Trajecti 
„'AvLÜXeepov M^v 1^ xovö^fioia, dTep- 
jitp dKpaoiri Kai irdpEai; jä ü*rpä 



I) 'ApETniQU Kaitnaöö 
ilJustravit Fi'anciseus Zaci 
ad Rhenum, IMl, 4", p. 124—140: 
Tt^^ bi Kai Ciil&iq n^aqji ÜKoflq . i^v 
10X1 ""' TÖvina fipta, Cnuit fiid ipuxpi''« t>i^i A Bop^l. "übä i'rtiax^'iv tOTl 
oörfiv of>bi iv (iiTVOiöi ■ äXKä fäp 'i\v t( eiibij, iiv te tYPnT°P^']p Äveirl- 
öx^TOi; f\ ifopf], dvaluBiiToi; bt i] jioi] toü '(Avov '(lyviTai ■ voo^oucri bi köI 
TUVolKe? Tr|V&E t^ vqüoov, äkt.' M Kvriönotoi Tiiiv nopluiv xai i^öovq 
Tipox^tTai Ti\ai ■f\ dopf\ ■ ÖTiip Kai upöi; flv&pai; öfiiXiij dvaiaxüvrip . öv&p«^ 
bi oW ÖXujt; öbdEovTQi . TÖ 6^ i>(.ov lifpfiv, Xenröv, niuxpiv, Öxpouv, AT"- 
vov ■ iriDi; T^p Iujot^vov iKTtfmpai oiripiia ipuxp'i oüaa i] tpixut; . flv bi 
Kol vioi Tiiiaxujai, -fripiiXiout xpi"! Te^^öÖ«' «livTai; t^iv ?£iv, vujeiü&eni;, 
fKXÜTQuq, dipüxou^, äKviovTtt^, Kiutpoili;, AaBeviaz, piKvoin;, dnpi'iKTOU^, i-niii- 
Xpoui;, Xeuxoiii;, TiivaiKÜjöeai;, dnoöLTOu^, iiiuxpoüi;, peWujv ßdpea, koI väp- 
KOi; OK«X^uiv, CiKpaT^ai;, kuI ii; irüvta itap^Tou; ■ i\be iy voüöoi; ö&öi; tc, 
TtapdXuoiv TToXAotöi flTv£Tai. ttlü^ -fäp otiK üv tiüv vtüpiuv fi&E i^ bilvapiq 
TidOol T?\(^ ii; Ziuf\<i Y^Eöiv qjiidioi; diKiiiufP^vri;; 

Kai TOÜ dT^pHEoi; toü irdeeui; eivekev xaX toü kotöi ai>vtr]liv kiv- 
fcuvdjfteoq xai Ti^q ^i; bidbtEiv t^voi; XpEir); Xileiv XP^I M*! Ppaöfuj^ t^v 
Tovöfifiuiav -ndv-riuv kokOjv oöaav atririv. 

riTverai Kdi fXKEa ky iior^pri, tu fiiv iiXa-tia, Kuviitrpiljbea, äitep 
äXxa, ÖKiui; dvnftopi^ tk ^itiiroXfl; ■ nöov iroxü, Svoonov, öMtov ■ «öi^Sca 
Tdbe Td ^Xmo, "AW« TDUT^iuv ßaeüTepa kuI Koniova, otm ttövoi ö(iiKpo(, 
V öXifip tXeiov, (jäAXov KOKobpov, ßXX' fpirr); (.iirßta koI rdöt." 



140 



GriechiRclie Acr/,te. Arfit.'ii 



und der unimterhrochene Ausfluss ein kalter oder sonst 
verdorbener Same sei ; denn wir finden diese Theorie 
bereits bei Celsus, der im Jahre 25 oder 30 vor Christus 
geboren und wnhrscheinlich kein Arzt war, der also aus 
ftlteren Schrifstellern , und zwar wie er selber ausweist, 
zumeist aus gjieciiischen Aerzten, deren Schriften eben 
verloren gegangen sind, geschöpft haben muss. Aretaeus 
sagt nun in beiden Stellen seiner Beschreibung der Go- 
norrhoe, dass sie eine sehr unangenehme und schon ekel- 
haft zu hörende Krankheit sei, welche infolge Kratt- 
tosigkeit und Erschlaffung der Zeugiingstheilo entstehe, 
sich dadurch äussere, dass ununterbrochen bei Tag und 
Nacht kalter Same unbemerkt abtiiesst. Bei den Weibern 
sei ein Kitzeln an den Genitalien imd grosse Neigung 
zum Beischlaf vorhanden, bei den Mannern sei jedoch 
jede Empfindung eines Kitzels verloren gegangen. Der 
Fluss sei dtlnn, farblos, kalt und unfruchtbar; wenn junge 
Leute daran leiden, bekommen sie ein greisenhaftes Aus- 
sehen , werden träge , en tkräftet , muthlos , scheu , faul, 
stumpfsinnig, kraftlos, abgezehrt, unfähig zur Arbeit, miss- 
farben, blass, weiss, weibisch, appetitlos, kalt, schwerbe- 
weglich, gliederschwer, lendenlahm, schwach und untaug- 
lich zu Allem, Sowohl wegen der Unannehmlichkeiten 
des Uebels, als wegen der Gefahr der Tabes und der 
nothwendigen Erhaltung der Nachkommenschaft müsse 
die Gonorrhoe, welche die Ursache so vieler Leiden ab- 
giebt, schnell beseitigt werden. Die therapeutischen Mass- 
nahmen des Aretaeus enthalten nichts Besonderes: an- 
fangs sollen die leidenden Theile kühl gehalten werden ; 
für spater werden Einreibungen von Ceratum rosaceum 
mit weissem Wein, Olivenöl mit Melilota, Majoran, Ros- 
marin u. dgl. empfohlen. 

Unter den Geschwtiren der Gebärmutter erwäJint 
Aretaeus verschiedene Arten, doch fehlt der Beschrei- 
bung jedweder Anhaltspunkt, nach welchem man nur 
einigermassen berechtigt ■wäre, venerische Geschwüre zu 
vermuthen. 



Griechische Aerzte. Arp.higeiieH. Galen. 141 

Aus Archigciies' verloren gegangenen mcdicini sehen 
Schriften bringt G a 1 c n ^) zwei Stellen über dolores 
öotoköttoi, welche nach Hfieeer*) neben dem „Morbus 
campanua" des H o r a z aus der gesammten Litteratur 
des Alterthums noch „am ehesten auf sekundäre und 
tertiäre eyphihtische Affektionen bezogen werden können." 
Gar so dürftig hat es doch wohl auch zu Haeser'e 
Zeiten nicht ausgesehen ! A r c h i g e ii e s lebte Ende des 
ersten und Anfang des zweiten Jahrhunderts im höchsten 
Ansehen zu Rom. 

Claudius Galenus, geboren 131 nach Christus in Per- 
gamus, gestorben zwischen yoi — 2!0, lässt nach dem be- 
deutenden Umfang seiner Schriften und der hohen unbe- 
strittenen Autorität, welche er durch anderthalb Jahr- 
tausende in der medicinischen Wissenschaft inne hatte, 
eine viel reichere Ausbeute über unsern Gegenstand, so- 
wohl in quantitativer als auch in qualitativer Beziehung, 
vermuthen; jedoch findet sich gerade bei ihm hierüber 
weniger Neues, als bei einigen seiner Vorfahren ; nament- 
lich bei Hippokrates und Celsus. 

Die Gonorrhoe ist bei Galen ebenfalls eine Erschlaffung 
der Samengetässe, infolge welcher der auch sonst krank- 
haft gewordene Same nicht mehr zurückgehalten werden 
kaun und ausfliesst; wobei der Körper dahinschwindet, 
die Farbe verändert und dergl.''). Ein specieller Fall, 



1) GalenUB. De locis affecüs II, 8; Edil. Kühn, VIII, 
pp. 91, 104. „To(j5 hi dirö Titiv itepl t& ba-ria irpoöTUTrelt eitpfiöen;, lü? 
aÖTiJiv BoKeiv tiJiv öotIujv Övra^. — ÖTi &' o\ tiIiv iiepiK6i(i4vu)v Tot? 
botöiii buivMV növoi ßi)9ioi t' (löiv, tdöt' ^öti biä ßdOoui; toO iJilj(jaTo; 
tTTiqJ^povTf^ aiöGrioiv, nÖTiüv t6 tCÜv öötüiv indfouiliv tpovraoiav lii^ 66u- 
VLUjiivuiv, odbiv öau^QaTÜv ■ bvojjdZouoi yoSv oOtoüi; ööTOKÖitoui ot n^el- 
OTOi, tivo-rzai rd itoXXii ^^v iiti fufiyaöloiq , Jonv öte bi Kai biä itiöEiv, 

2) H a e s e r , H. Lehrbuch der Geschichte der Medicin. III, 

3) Claudii Qaleni Opera oninia. Editionem curavit Ca- 
irolQB Gottlob Kühn, l.ipsiae, 1821-1833, 8», XX. — Deflni- 
tionea med. XIX, p. 426: „rovöfiPoiä ianv ÖTiäicpioi^ ^rnfp^pmioa <m^p- 



\i2 Griechische Acrzie. Galen. 

welcher viel umstritten und für und wider venS 
Blennorrhoe gedeutet wurde, führt eben auch nicht weiter: 
ein mit Gonorrhoe behafteter Mann erzählte dem Galen, 
dass das AusÜiessen des Samens nicht nur bei ihm, son- 
dern auch bei den Frauen, mit denen er den Coitus geübt 
hatte, mit einem stecheoden und brennenden Sehmerz 
verbunden gewesen sei'). 

Die Geschwüre an den Gest^hlechtsibeilen und deren 
Umgebung sind mit grösserer Deutlichkeit geschildert ; 
wenn auch Galen, ebenso wenig wie seine Vorgänger, 
Zeitgenossen und Nachkommen unter den Aerzten, die 
Entstehung dieser Geschwüre mit dem Beischlaf oder sonst 
einer Art der Ansteckung in Zusammenhang bringt, so 
unterscheidet er doch sehr genau diese Geschwüre nach 
ihrem Sitze (Glans, Präputium, Schaft, Wurzel des Glie- 
des etc.), ihrer Umgebung (ob geschwellt, entzündet, pfleg- 
monös), ihrem Alter; ja sogar die noch heute wichtigsten 
Hauptmerkmale: die Härte und Weichheit des Geschwürs- 
grundes sind angedeutet*). 

juiTOi; väOTlija wrä toü Ti^Keoöai ti öüino Kui dxpoiiöTepDV dnoTeXttoear 
liveTOi M dtovrioiivTUJv tüiv airepuaTiitiüv dfjfiujv, liJöTt rpöirov -nvd 
napci^^vtuv aOriJüv nf\ KpatElaSai t6 airip^ia." 

l) De saiiitale tiK'ii'la; VI, p. 444: „Qi; W Tiq tl ai>T<äy (»pr) noi, 
öoKYiItbou^ Kai 6«p|joü icdvu ToO 01^^p^aT0^ aio6dv«a6ui Kaii ■Ki]v dirä- 

31 Müthodi medeudi', X, p. 381: „"EXki) bt xfpk ipi.ETfiovi^^ iv 
alboliii Kai Ibpif Kaja'nkäatiaToc, \xiv oübevöt; bciTQi, tpapfidKou t>' ^nou- 
XoOvTOC . . . . Kcil TÖ TE OaujinoiiiiTtpov . aÖTiiiv tüiv iv al&olifi öuviöto- 
lifvurv ^Xküiv inl (jäXXov bflTOi Enpoiveoeai rd te toft KauXoü öüfinavTin; 
äöa T£ (ktöi; aÜToO kotö tö ir^pai; (ittlv, 3 Trpaoaioptiioxiat ßdXavov. 
fJTTOv bi TOÜTUiv X('(i<^*' SlPfvövTUJv ipap|juKiuv öflo Tili; irooerjT iaxiv 
?)iKi], kiJk toütojv IB' fJTxov Ööo naxd toü XoiitoCi Ö^pparoq, 3 itEpi öiViuv 
iori TÖ aifeolov." 

De siinplicium mediciiuionloruni teinpernmeiilLS et fncullHtlbus; 
XI, p. 832: „Ka', Öid toOto irXabopoi^ fXKtaw ijrinAmTÖfitvov övlvtioi 
Kol ndXiöTa Toli; iy al&oEui. tö bi inl rii^ iröoeiq xP^vta kuI iirouXol 
KoJnIiq." — Ibidem p. 822; „'löTai bk rd buöeiroüXujTa tüjv i^Ktiiv Ktti 
fidXiöTa Td KaB' Ibpav re Kai alSolov." — Ibidem p. 806: „'Eweiva 
(dvi^6ou f(Z>]) T^P ^^KEöiv ÖTpoiL; Tf äfia xuipiq (pX^TMo^*!? TtTuÄuifi^voii; 
dpiiÖTTti Koi 6id. toOto ijdXiöTa xoii; ^ttI irdiiflaii; alboiou aujinetpujviiK^vai 




Griechiacbc Acrzte. Galen. 



143 



m Die dem Rufua von Ephesus zugeschriebene 
■Erkenntniss von der Entstehung der Buboneu durch Ge- 
raChwürc findet bei Galen wiederholt prägnanten Aus- 
druck; so heisst es unter Anderem: „Dies ist Alles was 
ich zunächst von den eintägigen Fiebern zu sagen habe; 
denn diejenigen, welche wegen eines Bubo fiebern, be- 
rathen keinen Arzt über das was sie zu thun haben; 
sondern uachdem sie zuerst das Geschwtir, welches den 
Bubo veranlasste, und dann den Bubo selbst behandelt 
lieben, baden sie sicii, wenn ein Nachlass des Paroxys- 
mus eingetreten ist"')- Eine andere Stelle giebt ausserdena 
tber die Ausgänge der Bubonen Aufsehluss: „So dass, 
^enn, nach der Entstehung eines grossen Bubo ans einem 
jBeschwür in einem plethorisehen Körper, das Geschwtir 
pemarbt wird, der Bubo aber auch dann noch zurüek- 
Sbleibt, entweder in eine suppurative Entzündung Über- 
sehend, oder in einen scirrhöseii Tumor, den man Struma 
0[oipd^) nennt" *). Allerdings spricht Galen hier nicht 
»eciell von Genitalgeschwüren und Inguinalbuboneu, denn 
IHuch er verstand, so wie alle Aerzte des Alterthums, 
unter Bubo überhaupt jede Drüsenanschwellung, mochte 
diese schon infolge von Geschwüren an den Fingern, in 
.den Achselhöldcu uud den Cubitalgegendeu, oder bei Ge- 
Lachwüren an den Zehen und den Genitalien in der Leiste 
p^entstehen; aber dennoch wird heute Niemand aus einer 
wichen allgemeinen Darstelluug: die Bubonen iu iuguinc 
usschalten können, weil schon das in jener Zeit überaus 
iftufige Vorkommen der mannigfachen Qenitalaffektionen 
Mnerseits und das oftmalige Vermerken der Bubonen 
mderseits dem entgegen wäre. 

1) Metliodi nierto.ridi; X, ]). 580: „Ix^^'^v dpriiai |JOi niivTa irepl 
/ f(pr]jj^piuv TiupETiIiv . Ol fäp ijil ßoupiiiiJi Tiup^EavTei; oübt iruvöii- 

B^ovrai tiüv ioTpiliv ö ti xp'l iroitTv ■ d\Xä tqO 6' ^Xkoui; t<p' Qmep fiv ö 
/ QÜTOT^ elri TtT^vvrijjfvoi;, uütoö re toö puLßilJvoi; irpovotiödjitvoi, 
XoüovTQi KOTci Tt\v irapnKfiViv TQÜ xevon^vöU TTOpoEuojioO." 

2) De lods affectis; VIII, p. 31 : „ . . . iBauep öt«v iip' HXxtt 

K\i\v dx6il, H^vti 6^ 6 poußiüv, iItoi f' f't <ifK(.f \iavt]v ^KnuiöKoji^viiv \ie- 



1+4 Griechische Aerzte. Gaten. 

Was Galen (Iber iaiu\di3«;, Rhagaden und Condy- 
lome am After und an den Geschlechtstheilen vorbringt, 
ist belanglos; es sei denn, dass auch er Alaunpulver gegen 
die letztgenannten Affektionen empfiehlt'). 

Die verschiedenen Geschwüre und Entzündungen 
der Nase, des Mundes, Zäpfchens und Schlundes werden 
auch von diesem grossen Arzte mit Genitalaffektionen, 
und zwar wiederholt, in Beziehung gebracht. Wenn 
Oalen z. B. sagt: „Die Pastille des Asklepiades wirkt 
gegen Ozaena, Phagedaena und Condyloniatii", so scheint 
dies denn doch darauf hinzuweisen, dass er sich sowohl 
die Ozaena als auch die Condylome durch ein und die- 
selben „scharfen und faulen Säfte" (üxpä bpipca itai ffiiirt- 
boviiibea) entstanden dachte, und dass er daher beide 
Affektionen durch ein uiid dasselbe Mittel zu bekämpfen 
empfahl*). Die Unklarheit, welche auch bei Galeu über 
die Exantheme herrscht^), kann bei den vielen und grossen 

1 Lficken, welche sogar die Dermatologie noch heutigen 

vTags aufweist, wohl nicht befremden. 



11 Deflnitionea med.; XIX, p. 444: „Gyfioq JotIv iKtpuiJn; oapKoq 
Tpoxffa? A^oia xoi? ^buiblijoi? Süjim^ iHpi a(6oiiij nal f^bp? T'vonfvri." 

Euporisloa a. de retnedÜE parabiübua; XIV, p.381: „TTepl riyv 
fbpav TtvcTai bidtpopa irdSi), fUfd^Ei; te kq! KovbuXiiipaTa kqI dAXai 
tpXiTMO^ol'" 

De compositioue niedic. secuiid. loc; XIII, p. 3)3: „TTpäi; kdv6u- 
kiiniara, od dpEivov oök ?ötiv. öTviTTiipias axioxt\t^ < f'. KTipöö -< »]'. 
K(.äKou < h'. niijjuGfou < ß'. ÖuoßaXöilitiou < a', olöiJirou < ti. Xißdvou 
-<! b'. dXöni; < &'. TÖ TtiKTÖ Tf|Eai; xiiiv Eripiiv TETpi)j|i^\ujv KOTäxei." 

2) Ibidem; Xn,p.R78: „TTpiurov oüv xüiv ölawürv Traii\aa}iu\ tbv 
X6^ov, ti. i-ni()t)Oi\^ ijfpviv bpiji^iuv Kai önirebovabiüv ■pvopivu.v, lü^ idv 
fE fxävüv fi bpl^4a, bvalaTa ^^v ^Xki] noiEtv, Tfi(pt>Ktv, aü }if\v öEovra 
HOXÖnP'I";-'' 

De compositione medicam. Becundum genera; XllI, p. 824: 
„ . . TpoxlnKoq 'AiiKXi)Tnäbou . . . iroicl irpä; öZuEva^, tpoTcbaivo^, Kovbu- 
Xibnata ..." 

Euporiston; XJV, p, 3&8: „TTpö^ it&aac, tAii; Iv tiIi aTsünOTi koI 
Ti^ kIovi Koi Ti^i (pdpufri qiXtTl^ovö^ Kai biaö^iHii;, kiJv SXko^ -f^vr|Tai kqI 
JUX'^P'' ""-^ arjiTEbiliv." 

3) De tODipowit. medic. Hefundum Ioooh; XII, p. 824: „TTepl Ttiiv 
iv Tiü ftVEiu» XtixivuihilJv ÖTKuiv ... Kai toüto tö ndöu^ . . . fiijbiiu^ (i; 



Briechist'.lie Aav/Ae. Snrainis v.EpK 



, Leoniiies v. Alexantiriei 



145 



Soranas von Ephesus '), im zweiten Jahrhundert 
ihristlicher Zeitrechnung, etwa 20 Jahre nach Galen, 
|8t hier zunächst wegen der Beschreibung des jedenfalls 
[finge vorher in Verwendung gestandenen Mutterspiegels 
wfthnenswerth ; H a e s e r übersetzt die Stelle folgend : 
Der Wundarzt soll mit dem Scheidenapiegel zuerst unter- 
suchen, von welcher Art das Oeburtshinderniss ist, wie 
RiStwa condyloraatöae Wucherungen, oder schwielige Aus- 
wüchse, oder eine andere der vorher genannten Ursachen," 
Gegen die Gonorrhoe bei Männern und Frauen empfiehlt 
Sor a nus : hartes Lager, Bleiplatten, welche auf die 
«ndengegeud zu befestigen sind, Vermeidung sexueller 
Tegung durch Gespräche, Gemälde u. dgl. -). 

Leonides toh Alexandrien, zu Ende des zweiten 
md Anfang des dritten Jahrhunderts in Rom, soll nach 
3erm. Baas^} „der bedeutendste Syphihdologe 
Bes Alterthums" gewesen sein. Leonides beschäftigte 
BBCh hauptaäehlich mit der Chirurgie, in welcher er grosses 
j&nsehen gewann; aus seinen Schriften, die verloren 
[egangen sind, befinden sich etliche einschlägige Stellen 
i Aetius, die jedoch kaum mehr besagen, als wir 



Blliipov xe Kai Wiipav (jETctTrinTei . . .'' ,,Titpi tiIiv ^v to'i; T^vebi^ kiav- 

Ibidem, p. 837: ..TTpö; tö^ (ni toü t*v*(ou auKtü&eii; ^itava- 

Ibidcm, [1. 841 : „'Aitlou OdöKou itp6^ tat; ^evtdfpa';, iDüt« x^plz 

BÖXIli; diroÖEpaueÜEiv. iroisi bi Kol itpö^ äXumeKia; ){p°^''^?" ■ ■ jiTÄ 

'ApxiT^vou^ TSTPt'l^f*^^'' ■ ■ '"P^'i T^ t"* TQi; TfVe[o[(; tSa.vQf\\ia'ra Kai 

feXXa Ktti Tä cruKiü6r|." . . . „'HpaK^Eiftou TupciVTivou ^k tüiv Ttpö^ 'Av- 

poxlbci irp6q TU iiri tili; «qjaXT^^ Kai toO ftvclou ouKiibi] ol&f]jjOTa, köv 

1) Sorani Epliesii de Arte obstetrieia morbisque nralk^rum 
quae supersunt. Ex apograjiho F. Reinholdi Dieta, nuper 
feto perfunclj priuium edita. Eesimonti Pruss., 1838, 8", p. 119: 
„'0 bi x^ipoupföi; 6<d Tf|^ öiÖTTTpai; irpäTepov KOTavoi^öa?, öirolöv tan tö 

ixCaq aiTioVj ovov 9ÜHUJV iKtpuam,, f\ ruXtuBtn; Oiiepoxof, f] itepiv 
i Ttpoeiprifj^viuv k. t. X." 

2) Haoser,' Lehrbuch I, p. 316-317. 
ans, Joh. Herrn. Grniidriss der Geachiehte der Mediciii. 

OHgart, 1876, 8", p. 135. 

h, Geaehichfe li, vener. Krankheiten I, IQ 



146 



Griccliische Aerzte. Antvllus. 



bereits aus den römischen und griet-hischen Vorgängern 
des L e o n i d e s wissen und not^h bei A e t i u s antrefteii 
werden. 

Von Antyllns, einem der vorzüglichsten Chirurgen 
des Alterthums, in der Zeit zwischen Galen und Ori- 
basius, wahrscheinlich im di'itten Jahrhundert lebend, 
haben uns der letztgenannte, so wie auch Paulus Ae- 
gineta und Ae ti us Fragmente aufbewahrt, welche durch 
neu aufgefundene griechische Handschriften vermehrt und 
von A. L e w y und Laudsberg') zusammengestellt, 
mehreres Einschlägige enthalten : „TTtp'i ipufidia^iuq. Ueber 
die Vorhauteinschnürmig, Es giebt zwei Arten von Phy- 
mose, einmal umgiebt die Vorhaut die Eichel und kann 
nicht zurückgezogen werden; ein andermal ist sie zurück- 
gezogen und kann nicht Über die Eicliel gezogen wci'deii, 
was man gewölinlich TTepi<pu)jojöig nennt. Erstere Art 
entsteht durch ein Geschwür an der Vorhaut oder eine 
Geschwulst au der Eichel ; die andere vielmehr durch 
Entzündung derSchamtheile, Die Operation, welche durch 
einen oder mehrere Einschnitte und die Umlegung eines 
Ringes geschieht, wird ausführlich beschrieben. 

TTepi Tipoqipuoug irocrBiig. Ueber die Anwaclisuug der 
Vorhaut. Sie entsteht durch ein Geschwür an der Eichel, 
der Vorhaut oder beiden und muss losgetrennt werden; 
was oft nicht leicht geschieht, ohne dass etwas von der 
Eichel oder Vorhaut auf dem entgegengesetzten Theile 
sitzen bleibt. Man legt dann mit kaltem Wasser befeuch- 
tete Charpie auf, damit die Verwachsung nicht auf s Neue 



TTepi TÖiv T^EpIT6^vo^evuJv. Ueber die Besclmeidung. 
Ea soll hier nicht von der religiösen Beschneidung, son- 
dern von der wegen Brand der Vorhaut nothweudigen 
die Rede sein. Diese muss im Kreise abgenommen werden. 



1) Lewy, A. und Lanisberg. lieber die Bedeutung des 
Antyllus, PhilagTiua und Posidonias in lier Geschichte der Heil- 
kunde. — In: Janua, Zeitschrift für Geschichte und Literatur der 
Mediciii. Breslau, 1847, II, pp. 298— 3i'9, 744-771; III, p. 16G— 184. 



Griechipciie Aerzlo. Heliodorus. 



t^Sras gewöliniieh ohne Blutung geschieht, da die Gefösse 
beim Brande obliterirt sind. 

TTepl 6ii|iujv tüjv ^v aiboiois. lieber Auswüchse an den 
Sehamtheiien. Es entstehen fleischige, i'othe Auswüchse 
bald auf der Eichel, bald auf der Vorhaut, von zweifacher 
Art, gutartige und bösartige. Letztere muss mau mit der 
Scheere abschneiden, ätzen und brennen. Wenn mehrere 
auf der Haut sind, müssen nicht alle auf einmal, sondern 
in verschiedenen Zeiten abgesclmitten und gebranntwerden. 
TTepi eYXUMciTHTniJJv. lieber Einspritzungen. Sie werden 
in die Gebärmutter, Scheide oder vor dieselbe angewendet ; 
sie dienen zum Erweichen, Zusammenziehen, Erwärmen, 
Ausdünsten, Beruhigen, je nach der Verschiedenheit des 
Stoffes, Die Injectionsmasse muss flüssig oder etwas con- 
sistentcr als Oel sein." 

HaeserM berichtet: „Antyllus schildert eü^ioi und 
KovbuXüJMaia. Die ersteren zerfallen in gutartige und bös- 
artige; unter Condylomen sind wahrseheüilich breite zu 
verstehen. Beide sollen mit dem Messer entfernt und die 
Schnittfläche mit pulverisirten Galläpfeln und Alaun be- 
streut werden. Zu ihren Folgen gehört auch die Ver- 

" engenmg der Scheide, bei deren Untersuchung das Specu- 
lum vaginae in Anwendung kommt." 

Von Heliodorus, einem im vierten Jahrhundert nach 

ir Christus lebenden Eklektiker, dessen Schriften ebenfalls 

' verloren gegangen sind, hat uns abermals Oribasius*) 
unter anderem eine sehr wichtige Stelle über Harn- 

, röhrenverengerimgen erhalten, über deren pathologischen 

1) Hneser, Heinricli. GrundTisH der Geschichte dei' Medicin. 
Jena, 1884, 8", p. 85. 

2) Oribasiua. Oeuvrea d'Otil)ase; par Buasemaker et Da- 
reinberg. Paris, 1862, 8", IV, p. 472—475: „TTepi auaaapKiuQüar\% oö- 
p^Spo^. 'Ex TÜJV 'Hiio&tiipou. ZapKOÖTai 1^ oipriSpQ IXküjotuji; npoTiTi- 
oan^vriq- OöpKoOtai bi oüx Ö\>i, dXXd Katä ti (i^poi;, i) önö fi^pou; ote- 
voxuipoun^vou Toü iropou f\ Ö\ou Tfl aapid irXiipuujidvou. "Otqv oüv dit6 
H^pou^ ftvr\Tai ouatidpKUjai^, buöoup«! f^ OTpafToup«! 6 Trüa%\uv 5ko\i bi 
Tüö iröpou ttA.ijpiueh'TQ; kotö tö Tij^ «üpuxuJpfo^ ÖidOTTina, loxoupio yi- 






I TüU iröpou ti 



6 6* Tpdiio^ Tfji; 
äffXni^of'OJ'^vou, Kai 



ua 



Grii'clti.-iche Acrzle. Helioitoriis, 



Theil Herrn. Friedberg 'j folgend referirt: „Die Harn- 
röhre verengert Hich, nachdem ein Geschwür vorange- 
gangen ist („aapKOÜTai f) oifpr|9pa ^XKiiitrEUjq irpoirniffapevrii;"), 
und zwar nicht ihrer ganzen Länge nach („oiix öXriJ, son- 
dern nur an einer Stelle, an der sie unvollständig oder 
vollständig sich verschlicsst ; bei unvollständigem Ver- 
schlusse entleert der Kranke den Urin mit Schmerzen und 
tropfenweise {„bucroupei fi aipaTTOupei ö ndöx^Jv"), bei völli- 
gem Verschluss tritt Harnverhaltung („iaxoupia") ein. Ueber 
die Therapie berichtet Haeser^): „Stricturen der Ham- 

Toü KauXoü äitiuSvatitvau, toS^ ftnnTii^oiq Ttii; dpiUTepäi; X*'P^C TUpa- 
TtiiZetai TÄ bni itiv ödpKa rfl^ oüpnepa^ M^PI^ Vvo oufiit^ai], Kai |a^ ttot« 
Iv tq *KT0n5 aina eti; tu püfloi; KaTtvtxÖfl- Tevo^^von bi toutou, Tfl Be£i§ 
Xcipl 6iaKpaTou(i^vrn; Ti^q toö ökoKoito; Xap^c, li AKfii] KnOiexai e(i; t^v 
oflpflflpav, Kai bnuBelToi Katd t^v pdoiv Ti^i; ^KiteqJUKuioi; öopuciiaeiut Sui^ 
oö Ktveußatrioi]. Merd bä Tfiv neven^dTTiaiv nepidifeTai Kard kökXov ■ Tfji; 
bi oapKäi; ■nt.pnp.'r]diiar]<^, kuI ti^i; toü iiküXotioi; dKpi^i; dvfKKdnuJi; ircpiE- 
v«x9«ioii5, To'it boKTÜXQi^ TtfpiiriKtTai V( oöpi^ÖpQ, Vvo avuTifooiiariz irpo- 
n^at] 1^ ödpE. "Orav bi itpoKiJi(ir| kbI |ir| tKir^aij, jtuftli^j iEeXKuoeiu. Kai 
Tfi^ aapKÖi; Koniaeeiöri;, tpnWEai &ti töv oOpiiTiKäv itöpov tv €üpiJTnTi' 
HuiiOTQ 6^ dvtupüveTcii -rai^ trpüjrmi; rmdpaii; ImuTiipiou ^vTfS^vTOi; toü 
dirö ific, 4aK«*.ETeu[i^r]q jrairilipou. 'Ex^Tui bt ^v fauTij» tö LTTiuTripiov duj- 
Xtivdpiov xoXkoüv fi Kaaonipwov, ti dvri toö CLuXtivaplou itaAa(il&a UTEpaÖ 
öpviOciou. 'H bt. itpoitapQOKtufi toG iittunipiou TiveTQi Tpö-nijj raioüx^i' ^pi- 
Xerai i] iidTrupoq Jni 6üo f\ TptTt fin^paq. ÖTav bf ^^q)^JOrler|, ^vTieeiai el^ 
aÜTf]v TÖ öuj^tivdpiov Kai TÖre irEpuiptTTeTai. "Edv b^ ititpoO KuXuniq fl 
1^ ^VTi9fntvri, lipo Tf[^ nepiaiplTEeuJi; sk aüTfjv fvTie^a6uj uriXuiTplboq 
EXafffia, xat töte aipiTr^aÖLu, iva fii] t^ eiKaiq o^pi-jcti aufnr^dij. 'EdTOi bS 
Erjpaverlvai tö liruiTf|piov t'iu^ oö fidXWTO öKEXETEuBr), koI itpö^ t^v xpeiav 
TÜTt 1^ TidiTupo; TTEpiyXiJipETai dvaXö-foj; t^ oupriBpif, eira elq tüv oiipHTi- 

KÖV HÜpOV ivTieETQl. 'EElUÖEV 6^ TÜJ KQuXllJ TTtpiTieETOl OTIQffioV V^XPI+I 

übuTi peßpETn^vov, JiilbEOi^ bi. bo-KifidZETai i*! oUtia, Koi itdXiv t6 jjöpiov 
dvaXanßdverai tiJ; tetpoökeXeT dvabeaniji Kot oütuj^ JdTui 6 iidoxuiv tiu^ 
TpiTrj^, votICuiv h^v bi^ bid TOÖ oiuXi]vap(Qu. T^[ Tpixij Xöethi, kotov- 
tXeItqi, ivOTdEETQi «iq Ti^v oupfiBpav ji^Xi bid t^v toO ?X)touq dvatcdflapöiv, 
Kai jrdXiv fdv inEiTi^j dXXo iituiTfipiov ^vTiöerai, Vva npooavEupuvöq ö 
ir6po;. 'EEuiBev 6^ Tili kuiiXi^ buvdtiEuii; d(pXET^"ivTo^^ airXt]viou, ^iribEötq 
TE Kcil dvdXtiipii; 1^ auvi^Btiq -f'^erai. 'Attö bi Tfii; TtTdpTrn dvTi roO iirui- 
TTiplou omXijvdpiov ^vriÖErai Eii; tV|v oiJpr]epctv KaÖoiT^pivov f\ noXiipboÖT, 
dOTiibiaKriv ixo'v irpOKEijifvriv, Xva Tiii ouuXrivapiui biauTEXion^vri i^ oöpriöpa 
KUTOuXuiÖfl. Td bi Xoiird Tfjq iirineXeiai; Td aCird irapaXaiißavdaeu). 

1) Friedberg, H., I. c. p. 43. 

2) Haesei-, H,, Lehrbuch, I, p. 511. 



Griechische Aerzte. Orihasius. Alex«,nder von Tralles. 149 

röhre operirt Heliodor mit einem dünnen und spitzen 
Instrument („cTKÖXoni"), welches auf einer kurzen Strecke 
unterhalb der Spitze zweischneidig ist. Der Penis wird 
hinter der Strictur, um Blutung zu verhüten, comprimirt, 
gestreckt und alsdann das Instrument eingeführt. Ist die 
Spitze über die Strictur vorgedrungen, so werden durch 
flin- und Herdrehen die verengernden Membranen besei- 
tigt, und, wenn sie nicht von selbst abgehen, mit einem 
Zängelchen („)liu0iov") entfernt. Die Nachbehandlung be- 
steht in dem Einlegen von aus Papier gefertigten Bougies 
und metallenen Sonden." 

Da Oribasiusi) aus Pergamus (326—403 n. Chr.) 
mehr ein, wenn auch überaus verdienstvoller Sammler 
der wichtigsten Schriften der älteren griechischen Aerzte 
war, so kann der Leser von vornherein bei ihm kaum 
neue Anschauungen erwarten, und in der That stimmen 
die wenigen eigenen Bemerkungen, welche Oribasius 
dort und da macht, mit dem überein, was schon vor ihm 
bekannt war. Nur eine Stelle, welche jedoch wahrschein- 
lich von Athenaeus herrührt, spricht von Exanthemen 
bei kleinen Kindern; diese Exantheme sollen „zuweilen 
ihren Grund in den Qeburtstheilen der Mutter haben (xd 
b€ TTOu Ktti diTÖ Tiliv iKTTepüJv TivcTKC Tf]v ßXdßr|v). — Solche 
Ausschläge sollen anfangs befördert, dann durch Bäder 
und Salben aus aromatischen und adstringirenden Sub- 
stanzen (Myrte, Lentiscus, Rosen), schwachen Natron- 
Lösungen und durch bleihaltige Gerate beseitigt werden. 
Dabei soll die Amme schweisstreibende Dinge geniessen, 
die Diät des Kindes weder zu karg noch zu reichlich sein." 
H a e s e r 2) vermuthet hier, gewiss nicht mit Unrecht, Lues 
congenita. 

Alexander von Tralles in Lydien (525—605 nach 
Christus) mag die Verschiedenartigkeit der Ausflüsse aus 
der Harnröhre des Mannes jedenfalls mehr als seinen 
Vorfahren aufgefallen sein; aber dennoch verstand auch 



1) Oribasius, 1. c. 

2) Ha es er, Lehrbuch I, p. 526. 



Griechische Aerzle. Alesander v 



1 Tralles. 



dieser Arzt, welcher tIieWichtigke.it einer richtigen Diagi 
in seinen Werken so häufig betonte, weder die Aetiologie 
noch die S.VTuptomatoIogie (von der pathologisclien Ana- 
tomie gänzlich zu schweigen) dieser Ausflüsse auch nur 
annäherungsweise zu bezeichnen. Die folgende DarsteUung- 
des Alexander von Tralies ist aber schon darum wichtig, 
weil sich aus ihr leichter als aus früheren Schriftstellera 
erkennen lässt, dass die Alten unter Gonorrhoea jeden- 
falls unsere Spermatorrhoe und Urethritis zusammengefasst 
und mit einander verwechselt haben ; „Die Gonorrhoe 
entsteht zuweilen dadurch, dass die Samenraenge auf die 
in den Sameugefässen herrschende, zurückhaltende Kraft 
einen schweren Druck ausübt, so dass dieselben den vor- 
handenen Samen nicht mehr bei sich zu halten vermögen, 
manchmal aber auch in Folge einer scharfen und dünnen 
BeschaflFenheit des Samens. Man muss die Farbe und Zu- 
sammensetzung des Sanaens prüfen und sich nach den 
vorausgegangenen Schädlichkeiten, nach der Nahrung und 
dem früheren Lebenswandel des Kranken erkundigen. 
Denn wenn der Kranke z. E. an den Liebesgenuss und 
häufigen geschlechtlichen Umgang gewöhnt war, jetzt 
dagegen vernünftiger und eitthcher lebt, so beruht das 
Uebel offenbar auf dem Ueberfluss an Samen, welchen 
das Organ nicht mehr ertragen kann. Ist dies nicht der 
Fall, scheint jedoch der abfliessende Samen zierahch gallig 
und scharf zu sein, so geht daraus hervor, dass es die 
dünne Beschaffenheit des Samens ist, welche den Zeugungs- 
trieb reizt und den Samenverlust herbeiführt. Doch 
meistentheils wirkt auch hier die Schwäche der hemmen- 
den Kraft mit" '). Die therapeutischen Massnahmen sind 



1) Alexander vonTralles. Original-Test und Uebersetzung 
nebat einer einleitenden Abhandlung. Ein Beitrag zur fleschichte 
der Mediein, von Theodor Pttsclimaun. Wien, 1878— 1879, II, p. 494: 
„TTcpl Tovoppoia^. fovöppoia -flvtTai tiot^ jj^v iiitö itXfieoui; OTt^puciTO^ 
ßapiivovTo? rt\v bijvamv ti'iv KaSEKTiKi'iv ti'jv oöoav ^v toic; önepuaxiKolq 
dfTfioUi dl? ^^ KQT^xE'v *'t' tJ.^ov Iti büvaaQai t6 rexö^v antptxa, ^ötiv 
ÖTE Kai 6iii BpinilTTiTO Kdi XenTÖrriTQ toö OTr^pumo;. 'EpujTäv oGv xpi] 
kqI ittpl Tri? XPÖoq toO ön^pnoTDi; Kdi tf\<^ OuardöEiui; aiiToO kuI tö upo- 



GricchiKehp Am 



( ziemlich belanglos; namentlich ist von gceigneteu topischen 
^ Mitteln, da man die Blätter und Blüthen von Mönchspfeffer 
! {Vitex agniis castus L.) als „Unterlage" für den Kranken, 
und das Auflegen von Bleiplatten auf die Lenden immög- 
licli dafür halten kann, nirgend eine Spur. Ueber die 
diätetischen Vorschriften äussert sich AlexandcrTral- 
lianus folgend: „Im AUgomeiiiGn darf man denen, welche 
an Samenfluss und au Schwäche der zurückhaltenden 
Kraft leiden, nur kühlende und trocknende Speisen und 
Arzneien gestatten; dagegen muss man blähende und er- 
hitzende verbieten und nur solche, welche weder blähen 
noch erhitzen, für sie lieraussuchcn. Wenn der Samen 
dünn und scharf ist, so darf man von den genannten 
Arzneimitteln nur solche verordnen, welche kühlend und 
trocknend wirken, und muss der Nahrung eine ganz be- 
sondere Aufmerksamkeit widmen. Für diese Kranken 
sind mildernde und tüchtig abkühlende Speisen, sowie 
laue Bäder nothwendig, damit sich der Samen langsam 
verdicken und eine richtige Mischung erlangen kann und 
nicht freiwillig abgeht. Die Raute (lluta L.), welche eine 
heisse Natur hat, verdickt bekanntlich den Samen; des- 
halb dient sie auch dazu, die häufigen nächtlichen Samen- 
entleerungen und die Unterdrückung des Zeugungsver- 
mögens zu verhindern, und bringt seine ganze Substanz, 
und nicht blos sehie Mischung wieder in die richtige 
Verfassung" '). Unmittelbar daran reiht sich das Capitel 



(ITlffdlitva QiTia Ti^v t€ ftlairav Kai töv TrpoXa0iivTa ßiov. El |jtv y&p iiv 
eiiufliiü; dtppoöianSZeiv KOi -nXeloai mxP'IOSqi ijiEeöi, vüv H jjcTißaXtv ttil 
TÖ öuicppov^OTepov Kai Koflüpiov, ö|ioXoToiiiiiviur; iiTiä irXi'iGoui; toOto ütto- 
txivii Tiüv jjopLiuv nf| BDvap^vujv (p^p<iv TÖ liXiiaoq. El bi ^r\biv (Xr\ 
■toioÜTOV, xo^i''fi^<''''epov bi. Koi 6pi|iilTSpov jiäXXov qjaivuiTD dvai tö ^k- 
Kpivönevov ottipjja, ylviuifKe naXXov ^piSlttaeai Ti)v fovi\v Kai qj^peaOai 
biä XeTTTÖTiiTa, itj; tid tö itoXü H Ka\ b\' dcte^veiav kutoIi; fTrexai Tili; 
Ka6(KTiictl5 Öuvdjieuji;," 

1} Ibidem, p- 4:97—439: „KaBöXou oüv tu »tiilxovTa Kai EtipaivovTo, 
dq)' üjv KOl iiXfiedi; tati aitipuatoi; Kai doflev*)'; 'f\ Ka9eKTiKi'i büvajiiq, 
iitiX^EOeai bei Kai iv Tpocpali; xat ^v <pop|jdKOi<;, napaiTEiaßai bi tä 
(pijoiJ!(6?i n«Td TOÜ e«pnaiveiv, tci bi dqiuöa ^mX^feaeai (ktA toü tii\ irdvu 
eepuaivciv. Ei bi. Xinröv Kai bpi|jü tö oir^pua Tilxoi dvai, bibdvai nkv 



152 Griechische Aerzte. Aluxander von Tralles, 

über PriapisinuB, welches die Äiisführungen des vorangegan- 
genen theilweise ergänzt: „Das Nämliche (wie bei der 
Gonorrhoe) hat man auch beim Priapismus zu thuQ und sich 
der zu hitzigen Speisen zu enthalten, welche die Materie 
in Gase auflösen und die Arterien, die sich in die Scham- 
gegend ergicssen, öffnen . . . Deshalb soll der Kranke 
nicht nur alles Erhitzende, sondern auch alles, was zähe 
Säße oder Samen erzeugen kann, sowie auch jedes obscöne 
Schauspiel, allen derartigen Verkehr und alle solche Ge- 
danken vermeiden, so dass jede Möglichkeit abgeschnitten 
ist, dass durch irgendwelchen Vorgang die Natur wieder 
zu einer Erection veranlasst wird. Viele Männer sind 
durch Beobachtung dieser Vorschriften völlig von der 
Krankheit geheilt worden" '). 

Andere Erkrankungen der Geschlechtsorgane sind in 
den Werken des Alexander Trallianus nicht spe- 
ciell abgehandelt; in seinen BtßXia iatpitta öuoKaibtKa jeden- 
falls deshalb nicht, weil die chirurgischen Krankheiten in 
denselben überhaupt ausgeschlossen sind; blos die Con- 
dylome werden gleichsam nur so nebenher bei den Ohren- 
drüsen geschwUlsten und bei dem Podagra erwähnt, jedoch 
erscheint besonders die letztere folgende Stelle von be- 
deutendem Interesse: „Dieses Mittel hat einen grossen 
Ruf und zwar nicht nur bei den Kondylomen, sondern 

Bet Kttl tCDv «iprm^viuv, äaa ipiixeiv koI Eijpalveiv öilvavrai ßorjerilJOTa, 
(jdXuTa ht ri\ Tpoqi^l npoö^x«»". ÄäuvTQi föp oOtoi tiüv ^itiKipviuvTuJV 
Kdi ^mimxovTUJv Tidvu koI A.ouTpüiv EÜKpÜTiuv, üJöTE TtaxuvGdöav Vip^na triv 
Tovi^iv Koi tÖKpaTov Tt^QM^^Iv ,"1K«tl qj^pea9ai. Tö ir^-fQ^ov xai öepuöv 
öirdpxov naxiiveiv ti'iv fovViv |i6|japTÜpriTai ■ 610 nai liiqieXe! npitz tö \ii] 

auVfXÜI? ÖV€ipilJTTtlV T6 Koi tKTf\KtlV t{\V fOVI^V Köi T^IV SKr]V bt QÜTOÜ 

oüaiav, oö jiövov t^v KpSoiv otKefuj? iipöq toOto iyitn." 

1) Ihidem, p. 499; „Tä oötA bi kqI ini tiJiv ixövtuiv npiauiOnöv 
bei uoieJv Kai dn^x^aeai litv twv ecp^ioT^puiv ^fiEOndTiuv Kai dvaWeiv 
Suvoji^viuv tV ^M^ sii; TivEil|jaTa Kai dvaOTOfjoOv tü^ dpTijpia^ tü^ ela- 
ßa\ÄoCiaai (i<, tö ol&olov . . ., lüare oö ijövov tiüv OfpfiaivövTUiv, dJiXA 
Kai TIÜV Y^'fXP"''^ x\mliw TiKTELv buvan^ujv i^ Kai anipfia qjelbeöeai 6eT 
TÖv Tidaxivra ■n&ar]z t« Qiaci aloxpäq Kai Öjji^ia^ koI ipavTQfflai; -iriSarii;, 
üiore ituvraxöSev ^KKÖirreoSai Tra.<rav Kivriöiv (moni(jvi^aK6iv tiuvafidvr]v 
T^iv qjüöiv ^TTETeipeaBai. TTo^^ol oöv toöto tpii\alänivoi TeXciiuq dirtiX- 
Kijr\aay toO udeou;." 



Griochisdic Aci 



Alcxi 



1 Tralies. 



153 



auch bei verhärteten Drüsen, beim Waaserbrueh, bei 
Wassersucht, bei den Müzleideu und noch sehr vielen 
und schweren Krankheiten, deren Aufzählung überflüssig 
ist" ^). Dieses Mittel besteht aus einem durch 28 Ingre- 
dienzien zusammengesetzten Mixtum compositum, welches 
18 C4ramm Zinnober enthält und von demselben den Namen 
„Zinnober-Mittel" ftihrt. Die G-ebrauchweise. dieser Arznei, 
welche eine Art Salbe oder Liniment gewesen sein mag, 
ist leider nicht angegeben; nur ist bemerkt, dass sie 
„durchaus nicht leicht herzustellen". Von einem Seifen- 
kraut-Ptlaster versichert Alexander Trallianus: 
„Dieses Jtittel ist bei Ohrendrüsengeschwülsten und na- 
mentlich bei Anschwellungen der Halsdrüsen zu empfehlen; 
ebenso hilft es auch bei skirrhotischen Geschwülsten, 
harten Kondylomen , Nervenverletzungen , beginnenden 
Drüsengeschwülsten, Verhärtung der Eingeweide. . ."'). 

Ein aus über 50 verschiedenen Stoffen bestehendes 
„gutes Streu- oder Schmierpulver, welches von Einigen 
das Indische, von Anderen das Asklepias-Pulver genannt" 
und ausser gegen Podagra auch gegen Lepra und Ele- 
phantiasis angewendet wird, weil es „eine wahrhaft gött- 
liche Kraft besitzt", gemahnt sehr lebhaft an die Mixta 
coraposita des 16. und 17. Jalu'hunderts und ihre Anwen- 
dung in den Schwitzstuben gegen die Syphilis; ee wird 
nämlich verlangt: „Die Kranken sollen beim Gebrauch 
dieses Mittels beständig im Bade bleiben. Sobald sie zu 
schwitzen anfangen, lasse man ihnen den Kopf mit einer 
Abkochung der Weidenwurzelrinde abwaschen"'). 

1) Ibidem, p. 559: „Toüto tö qiilpjiaKov nXeiOTiiv ^buiKe irtlpav 
oü (iüvov fni Kov&uXujfidTUJv, äM.a xai ^irt iimpdEiujv Kni (iftpoKi'i^iuv koI 
iiBeplKiiiv Kai öirXriviKiiiv Kai dA\ujv ir^evoTiuv Kai ficfiöTUiv ira6iliv, iliv 
tvraööa irepiTTÖv Joti ijvunoveüeiv." 

2) Ibidem, p. 113; „Toüto tö (pdipfittKov iioiel >tal ini jtopiuTl6iuv 
KOl (jd\iaT' Jiii xotpdbuiv. BuriÖEl ti. ical iit\ amppiii&utv koI upöi; OKX()pdi 
KovfcuXiitinTa, veuporpiÜToui;, öp)[on^vaq iraviKoüHa^ , ffKippiu8^VTa uirXiiT- 
Xvo, . . ." 

3) Ibidem, p. 545: „Kexprioeiuöov bt BuiveKiiiq Xouünevm. "Oje bt 
äpEovrai Ibpoüv, töte irolei a|.Lr|xeoßai t^v wqiaX^v jieT' dtpeipfinaTO? 
pÜ.r\% iTia; (pXoioO." 



154 



Griechische Aerzte. Alltius. 



Was sonst Alexander Trallianua über die 
verschiedeneu Exantheme, Alopecie, Mund-, Nasen- und 
RachenafFektionen manchmal sehr breitspurig lehrt, liesse 
sich wohl nur gewaltsam hie und da auf Syphilis deuten. 

A^tias aus Amida in Mesopotamien legte in der Mitte 
des sechsten Jahrhunderts ein umfängliches Sammelwerk 
aus den medicinischeu Schriften der Griechen an, in wel- 
chem die allgemeine und specielle Pathologie und Therapie 
der inneren und äusseren Krankheiten enthalten ist, und 
stellenweise eine mehr freie Bearbeitung des Materials, 
gestützt auf eigene Beobachtungen und Erfahrungen ge- 
boten scheint. Die Gonorrhoe ist zwar bei Ä 6 1 i u s auch 
immer noch ein Profluvium seminis ex vasorum semina- 
riorum affcctione, worüber er ebenfalls sonst nichts Neues 
sagt; aber er erwähnt nebenher doch auch Qeschwtire 
in der Harnröhre ^), gegen welche er Einspritzungen em- 
pfiehlt, und es scheint demnacli, dass der ehrenwerthe 
Compilator entweder beide Trippertheorien selbst aceep- 
tirt, oder blos zur beliebigen Auswahl angedeutet habe. 
Vieles spricht auch dafür : dass man ursprünglich die 
Gonorrhoe und die Geschwüre der Urethra für zwei ver- 
schiedene Krankheiten hielt, und die Theorien erst später 
vermengte. Bei dem Artikel Ischurie, in welchem auch 
vom Katheter die Rede ist, entwickelt A e t i u s ^) sogar 



1) Aötii medid graeci contrautae eit veteribus medicinae 
l^trabibloH . . . per Jaiium Cornarium . . . Lugduni, 1549, fol., 
p. 847: ,Ad interna in meatu iiriuae ulcera; Lycii drach. ii, Myrrhae 
draeh. ir, atraoienti sutorii dvacTj. i, chaicitidis drach. i omnia simnl 
trJta cum pasoi hemina una et viui veteris odorati cyatho uno, co- 
quito donec uniantur et reponito in plumbo. Usus vero tempore 
roaaceo diluta injice. Facit et Ad ulcera jnter anum et testea. Ego 
autem Cygnana eollyria cum laete diluta per clysteriolum injirio et 
bonum testimonium ipsis praeb^eo." 

2) Ibidem, p. 866: „Ischtiriae, hoc est urinae suppressae affec- 
tionem etiam ipiium nomen declarat: Atque id aliquando oh imbe- 
cillitatem coDttngit . . . aliquando auteia et inferiore meatu a cras^is 
humoribus obtnraCo aut lapide obstructo : quandnque autem ob iu- 
flammationem aut talem qucmpiara tuniorem tiieatum angustum 
reddentem et pcrfecte obturatem (?).., Q.uod si ita uon procedat, ad 



Griechisehe Aei 



155 



die Idee einer Entzündung der Harnröhre; und auch bei 
der Hodenentzündung sucht er dem Leser jeden Zweifel 
einer irrigen Diagnose zu nehmen '). Die übrigen topischen 
Affektionen, namentlich die Gesfhwüre und Condylome 
an den Genitalien und ihrer Umgebung, werden nicht 
besser und auch nicht ausführlicher als bei den Vor- 
gängern geschildert; nur in therapeutiscJier Beziehung 
sind seine Einspritzungen zwischen Vorhaut und Eichel 
bei conseciitiver Phimose bemerkenswerth^); obwohl diese 
Proeedur bereits von Celsus beschrieben wurde, imd 
demnach wahrscheinlich schon den Aerzten der Hippo- 
kratischen Periode bekannt war. Auch die Anwendung 
des Mutterspiegels scheint Ä e t i u s nicht, wie so manche 
Aerzte des Alterthums und selbst noch der Neuzeit, blos 
beschrieben, sondern auch gctibt zu haben; über die Art 
der Geschwüre und sonstigen Affektionen, welche er mit 
Hilfe des Speculums sah, ist allerdings nichts Näheres 
angegeben ^). 

calheterlim UHUm i-onfugiendiim, perque hnt ipsum iufttrumeiitiiTn 
imniisgum urinae prolettandae." 

1) Ibidem: „De testium av stroti inflammatione. Quandoque 
ttistes Soli per kb inflannnantiir, q-aandoque testibiis iiüiil affeetis 
scrotam iuflaminaCnin est: aliqnando vero testea iioa cum scroto 
inüanimautur . . . Pi'öinde solo teaticulo inflammato, scrotuin colorem 
naturalem: ipae vero teatia tiunidior duriorqne ac amplior tactni 
occun-it: adest dolor pulaitivus unque ad reuea pertingens." 

2) Ibidem: „Medicamenta atl rimas et reliqua piidendonim 
ulceca: Aliud (remedium) siccum, ad pudendorum rimas et uicera 
spouianea . . . Verum in üb, qni preputium redutere non posaunt, 
lacte eundem (scilicet pastillnm ex halic.acabo) diluito et tepidum 
per clysteriolum injieito. Aliud. Ad apontaneas puatulas in puden- 
dis, et maxime in iis, qui preputium roducei'e nou possunt. Glauciam 
cum vino terito et ubi praelaveria per flstnlam pus attraheutem, 
tepidum injieito . . . Aliud. Collyrium ex thure tritum Hiccum in- 
aperge, aut cum vino dilatum per linameuta indito, aut cum lacte 
injieito. " 

3) Ibidem: „Absceasus oi-is uteri chirurgia: . , . assideatquo 
a dextris cliirurgas et per dioptram iuatrumentum, pro aetate com- 
modum, %d pudeudi diductionem speculctur, et per specitlum ainua 
muliebria prol'unditatem dimetiatur, Tit ne major dioptrae tibla uterum 
comprimat, et si repcrta fuerit tibia ejua sinu major, lanae convo- 



156 Gi'iecliiüdie Aiirzte. Paulus vou Ae[i;iiiH. 

Panlus Tou Aegiua lobte um das Ende des sechsten 
und am Anfang des siebenten Jahrhunderts und verfasste 
sein Werk, wie in der VoiTede besonders betont ist, um 
den Aerzten, welche dsis Studium der Alten ilirer Aus- 
führlichkeit wegen scheuen, einen ftlr den Unterrieht be- ] 
stimmten Abriss der gesammten Heilkunde zu geben. 
Obwohl demnacli abermals eine pure Compilation in Com- 
pendienform zu erwarten wäre, haben dennoch einige 
Abschnitte eine grössere Präcisiou und Erweiterung er- 
fahren. Wahrend A fe t i u s blos nebenher von einem Ge- 
schwtlr in der Ilarnröhre spricht, erörtert Paulus Aegi- 
n e t a bereits ein Kennzeichen dieser Erkrankung, indem 
er deuthch sagt, dass ohne Harnen Eiter oder Blut aus 
der Urethra fliesst. Gegen dieses Uebel empfiehlt er nicht 
nur Einspritzungen von verdünntem Honig, Milch und 
einer in einem bleiernen Mörser zubereiteten Flüssigkeit, 
sondern auch das Einfuhren eigener mit Arzneistoffen 
bestrichener Federkiele und Leinwand- oder Charpie- 
Wickelchen'). 



lutae. labüs sive. alis pudendi imponantur, ut in ipsis dioptra flrruetur. 
Oportet antem tibiam immittere, Cochlea ad supernam partem vergente, 
et dioptram quidem a cliirurgo teiieri, cochleam vero per ininistrum 
circumverti, ut diducti» tibiae plicis siuuB distendatur. 

De uteri exulceratione: Ulceratur uterus saepe a fiuxione 
erodente aut sb acribus mediRamentia aut es abscessibus ruptis . . , 
Aegrotae vero in affeeta parte dolorem pimctorium perccptant, et 
ex intervallis foetidt ac sauios humores ab uicere sordido prod- 
ciint . . , UleuB itaque expositum per dioptrae usum deprelienditur: 
in profunde vero reconditiim fnimores qui excernuntur indicant. 
Non autem aliter hujusmodi uicera curantnr quam inäessionibns, 
irrig'ationibns, cataplasmatiaque ac pessis supra relativ . . ." Längere, 
nicht immer hierher gehörige Auszüge aus Aetius finden sich in 
Gruner's Aphrodisiacns III, p. 9—10 und in Fi-iedr. Wilh. Müller, 
Die venerischen Krankheiten im Alterthum. Erlangen 1873, 8", 
p. 93—101. 

I) P a 11 1 u 8 A e g i n e t a " EviiTonil? iarpiKili; ßißXia tirrd; III, 
cap. 69: „El bi kotA t6v kouXöv Svbov rf^i; tau aibolou Tpr|a«uuq dtpave; 
IXkoi; T^vriTQi, TiviiOK^TOi ^k toO thIov f\ aifja Kevoöoeai X^Jp''^ oOpfifleuji;. 
SepoireötTai bt irptöTov (liv ö&apel peXiKpdTip KXuJöfievov, fiteiTO &^ TdXoKTi, 
KflueiTO liiSavTEi; Tp fdXaKTi tö toö daTtlpo^ KoX\iipiov, i^ töv Xeukov Tpoxlo- 
Kov, ff t6v bii XujTapiüJv iv ^oXupöc^lvl;| euTa napaTiinnin, i^touv Kai Trrspiv 



^^m Vergt. ] 



Griei'hiaclie Aerzte. Paulus von Ao^ina. 157 

Auch die Ulcrrationen au den Gfinitatien und am 
Anus werden eingehender unterschieden, wenngleich die 
Beschreibung derselben die Deutlichkeit des C e 1 s u a bei 
weitem nicht erreicht: „Wenn die Geschwüre an den 
Geschlechtstheilen und am Gesässe nicht mit Entzündung 
verbunden sind, so bedürfen sie sehr austi'ocltnender 
Mittel . . . Sind die Geschwüre aber nicht feuchter Natur 
und erst kürzlich entstanden, so ist auch die Alog, als 
trockenes Pulver aufgestreut, ein gutes Mittel Aber vor 
allen andern lindern die Zinkblumen den Schmerz, und 
stehen an Wirksamkeit keinem andern Mittel nach., Sind 
die Geschwüre aber feuchter Natur, so ist Fichtenrinde 
für sich und der Blutstein anwendbar; sind sie dabei etwas 
vertieft, so muss man zu den genannten Arzneien ein 
Stückchen Weihrauch hinzusetzen; sind es aber umsich- 
greifende, fressende Gesehware, so lege man Linaenbrei 
mit Granatapfelschale auf . . . Eine Salbe aus dem Lapis 
phrygius mit Wein und Oel bereitet ist ein sehr nütz- 
liches Mittel bei den Rissen und unreinen Geschwüren an 
der Eichelkrone, und besonders wenn sieh die Vorhaut 
nicht zurückbringen lässt" '). An einer anderen Stelle er- 
wähnt Paulus Aegineta ausgedehnte Zerstörungen 
am Penis infolge von -vofxf\, wobei sich der Kranke beim 

fliii|J0VT€5 öiaxpieiv. eEto \6utöv öTpeniöv xpföQVTe? tvei^vai. küX^iötov bi 
icct Kai TÖ Xanßüvujv xriKifio^ Kai ^Io^llpö\u^ol:, ä^LÜKov te Kcii dXürii; ida, Xeiuj- 
8fvTa fjoBlvm kuI x.uK(^ äpvoT^uiödou." Vergl. B o s e n b a ii ni , [i. 418. 
1) Ibidem: „AiboiKÖ Kai StipiK-d. Tä iv aibotoi; ?\kti Koi Td xati, 
Ti^v ibpav X'iJpt^ (p^e-fMovfi; övto Eiipaivövnuv Tidvu bt'iTai cpapndKiuv, 
otd ioTiv. Tu 6^ 6id toü kekqup^vou X'^P'^"^- ""' dvi]6ov KeKau^«ivov 
Eripüv Kai KoXoKiSveri KtKOUfi^vti. Toi? bi dvlKiaoi? Kai -npoacpBTOii; Tiijv fiKUjv 
Kai 1^ &kof\ ipdpuoKov dTaÖöv fOTiv ^iriirXaTTöjj^vti Sripd xvoiO&ri;, irdvTUiv 
bi ivobvvuijtna töv te Kai oiibiwc, fJTTOv bpaöTT)p:ov, ö nojJtpöXuE Soiiv. 
Et bt ilifpiTepa tA EXkii tOxoi, uiruoi; qjXoiö^ kuB' tauTi'iv Kai Xlflo; ai|jo- 
TfTTiq. Ei bi Kai pdSo? aÜToU ti öuvtlr) toI^ Eipun^voii; ndvvrii; itUKTiov. 
Noufl; bi oüari^ KaTairXaOT^Dv ipaK"! hetö mblujv Koi TiiJ KOpd^iij bV öEu- 
^AiTo; iipoi;aTopeuo^i^vuj xpiot^ov '^'^ ff ßiöuvi^. — Kai ö bi' olvel.Q(ou 
bi TpoxiOKOi; Kai tö Xieoippiifiov udvu KaXd tloiv, irpö; te {lafdiai; Kai tA 
itcpi T^iv öTEcpdviiv ()U-irQpd ^Xkii, koI ndXiöTo ÖTav diroaüpeiv iji\ biivavrai." 
Vergl. F, A. Simon, Vci'sudi einer lii-itischen Geschichte . . . Ham- 
burg, 1831, 8", II, 11. 17. 



IB8 Griechische Aerzte. Panlue von Apglna. 

TJriniren einer bleiernen Röhre bedient ^). Von den übrigen" 
primären und conseeutiven topischeii Affektiouen, nament- 
lich den Condylomen und Bubonen, ist bei ihm mcht mehr, 
aber auch nicht weniger zu finden, als bei seinen Vor- 
gängern von Galen abwärts; die Entstehung der Bubonen 
aus Geschwüren bemerkt er ausdrückhch, freilich eben- 
falls nur im Allgemeinen; ebenso ist die Gonorrhoe bei 
ihm, auch in der nach-hippokratischen Auffassung, als 
Samenfluss beschrieben. In der Anwendung des Mutter- 
spiegels folgt Paulus Aegincta offenbar dem Aetius, 
doch finden sich bei jenem einige interessante Bemerkun- 
gen über die Vorbereitung und die Application dieses 
Instrumentes, weshalb das Ganze nach der Uebersetzung 
von Haeser hier Platz erhalten mag: „Um zu operiren, 
wird die Frau auf einen hohen Stuhl gesetzt, die Beine 
gegen den Unterleib gezogen, die Schenkel ausgespreizt. 
Die Arme werden in die Kniekehle gelegt und dort mit 
Binden befestigt, welche um den Hais geschlungen werden. 
Der Operateur sitzt auf der rechten Seite und gebraucht 
ein Speculura (bionTpiZeTOj) angemessen dem Alter der 
Kranken. Der das Specuhim Anwendende (biOTrTpi2ujvJ| 
muss mit einer Sonde die Tiefe der weiblichen Scheidq 
ausmessen, damit nicht etwa, wenn der Kanal (Xujtö?) dei 
Speculums zu gross ist, der Uterus gedrückt werde. Un^f 
wenn es sich findet, dass der Kanal des Speculums grössä 
(länger) ist als die Scheide, so müssen Compressen auf die 
grossen Schamlippen gelegt werden, damit sich das Spt 
culum auf dieselben stütze. Man muss dasselbe aber e 
einführen, dass der Theil, an welchem sich die Sehraube 
befindet, nach oben gerichtet ist. Das Instrument wird 
vom Operateur gehalten, die Schraube aber vom Gehilfen 
gedreht, so dass die Branchen (^XdcTMaTa) sich von einand^ 
entfernen und die Scheide erweitern""). 



1) Ibidem: „Ei 6^ äXt] itoxä ftairavTiedti f\ ßöXavo;, auiXr|v&piö 
(ioHip&oOv ivSivTfc, Tüi Tiopiu, t>\' aiiToö neXeüaofiev öirouptlv toö; k« 
vDvraq." Vergl. Friedberg, 1. c. p. 45. 

2) Haeser, H. Lehrbueli T, [>. 473. 



Griethiachc Aerzte. Moschio 



Gleich mehreren seiner Vorfahren empfiehlt auch 
r P a u 1 u s A 6 g i n e t ii wiederholt dieselben Mittel gegen 
Geschwüre an den GeuitaUen mtd ihrer Umgebung, wie 
I gegen die Affektionen des Mundes und der Nase, und ein- 
[ mal bringt er sogar Exantheme mit eratereu in Verbin- 
dung'); so heisst es Lib, vii, cap. 12 de Pastilhs; „At qui 
delinuntur simileis Ulis vireis obtinent: verum adstringentes, 
in herpete, papulis, quae dicuntur exanthemata, intertri- 
ginibus, sanguinis eruptionibus, et fluidis ulceribua profi- 
r ciuot: cujus modi est Androiiis et Polyidae. Qni vero 
I obtundunt, corbunculls et maleficis ulceribus cxpcdiunt: 
I ut pote leucus dictus et dialetarion urentes, sicut jara 
eomprehensi, cujus geuerls habentur et Faustiani, serpen- 
' tibus naturalium et sedis ulceribus, pterygiis, et eamosis 
narium vitiis accommodautur." 

Hoschion ^), der Verfasser eines lateinischen Hebam- 
mcnbuches nach den gynäkologischen Schriften des So- 
ranus und Caelius Anrelianus, über dessen per- 
sönliche Verhältnisse und Lebenszeit trotz mehifacher 
neuerlicher Untersuchungen noch immer Ha 11 er 's*) Aus- 
spruch j,non satis notus" gilt, erwähnt Condylome und 
Clavi an der Gebärmutter, ohne sonst wesentUch Neues 
zu bemerken. 



I 



1) P a u 1 u s ; 
t z, Beiträge s 



:g. Edit. I'arisiis, 1532, fol. - Vei-gl. 
r Geschichte der Medidn. Leipzig, 18Gf 



p. 16. 

2) Moschion, Harmonia gynaecioruTTi, c. xii, p. 130: „Fre- 
quentiaa in partu rugae, quae in orificio matricis sunt, aceepta 
soliditfite, condylomata faciunt, quae etiani ipsa, cum in forvore 
faeriot, paragorizaiida siiut, dehinc commalasanda, noviasime cliirnr- 
gia lollenda. Sic enim facühme cicatricem recipere posaunt. 

Ut in pinnaculis et in einu muUebri, et in oriflcio, vel in coUo 
matricis clavi nasenntur, sie sunt sine affecti loci dolore, aliquando 
rafi, aliquando albi, facillime antein hi foris visu deprehenduntnr. 
IntuH vero, aperto ocgano, videri poEsunt, et in sarcocollaho appre- 
henai bene praeciduutur et curantur, Interiorea autem, qui tolli 
n poBsunt, medicaminihus commalaxari dehent. Ve.rgl. Gruner's 
Aphrodisiacus, III, p. II. 

3) Haller, Eibliolh. med. I, p. 182. 



IGÖ Griediische Aerzte. Nikolaoö Myrepsop AlesnndrinoB. 

Nikolaos Myrepsos AlexanUrinos. Nicolaus My- 
repsus, welcher in der ersten Hftifte des 13. Jahrhun- 
derts am Hofe des Kaisers Johannes Dukas Vatatzes als 
„Actuarius" wirkte und sein voiuuunöses Receptbuch wahr- 
scheinUch erst zwischen 1270 und 1290 verfasste, gehört 
demnach ebenso wie einige der Vorgenannten bereits dem 
Mittelalter an; jedoüh können dieselben und auch der 
nachfolgende Johannes Actuarius unbeschadet dem 
Verstäudniss und der Uebei-sichtlichkeit des Themas gleich 
hier abgethan werden. Ebenso kann es auch bei den 
Römern gehalten werden, um fllr die wenigen und unbe- 
deutenden Epigonen der alten Kulturvölker nicht noch im 
nächsten Abschnitt ein eig:enes Kapitel aufstellen zu 
müssen. — „Eine wüste Masse von Beeepten" (2(55G an 
der Zahl) nennt E, H. F. M e y e r ^) das Auvajiepöv des 
Myrepsos, welches bisher im Urtext noch nicht ge- 
druckt und nur in lateinischen Uebersetzungen bekannt 
ist. Wenn auch dieses bereits durch die arabische Mediciu 
beeinflusste Machwerk voll von „frommen Aberglauben 
und gröbster Unwissenheit" von den Geschichtsforschern 
fast nur dazu benützt wird, um den „tiefen Verfall der 
griechischen Heilkunde" zu illustriren, so finden sich den- 
noch unter den knappen Angaben über die Anwendung 
einzelner Arzneiformeln etliche Stellen, welche für die 
Existenz der verschiedenen Affektionen der Geschlechts- 
theile und jedenfalls auch der Syphilis in jener Zeit nicht 
ganz werthlos sind; so erwähnt Myrepsos zusammen- 
gesetzte Mittel gegen Geschwüre in der Blase und im 
Penis, gegen Condylome, deren Ursache er durch den 
Urin ausscheidet; gegen Geschwüre, Risse, Ficus, Carbun- 
culi und Tubercula an den Genitalien und dem After. 
Geradezu höchst wichtig ist jedoch die Stelle, in welcher 
von dem Gebrauche der Inuuctionen mit Quecksilbersalbe 
nach Theodorich vonCervia gegen Geschwüre der 
Tonsillen, des Zahnfleisches, Putrescenz, Noma und Car- 

1) Meyer, GeBchjchiB dM Botanik. III, p. 3ö3. 




I Griechische Acrzto. Niiiolaos Myrcpsoa Alesandrinos. IGl 

bunculi der Schanitheile die Rede ist'). Eingehende Er- 
örterungen lassen sich in einer einfältigen Recepten- 
sammluug, welche die Gebrauchsanweisung durchgohends 
1 nur mit einigen Schlagwörtern andeutet, selbstverständlich 
nicht erwarten ; aber es können diese unvermittelten 
Nebeneinanderstellungen (Inunctionen, Mund- und Genital- 
ulcerationen) doch auch nicht als lilos zuföllige aufgefasst 
werden. Freilich lässt sich auf die Autorität des Myrep- 
SOS nicht allzu fest hauen, denn seine Albernheit geht 
wirklich in'a Bodenlose, wie dies die unten probeweise 
angegebene Behandlung der verschiedenartigsten Affek- 
tionen des Afters unwiderleglich darthut*); aber einem 
verntinftigeu heute unbekannten Autor nacligeschrieben 
mag er jenen wichtigen Passus haben. 

1) Nicolai Myrcpsi Alesandrini medicamentorum opus. 
Edit, Loonhart Fuchs. Basüeae, 1549, 8", Antidot» 325: „lis qni 
in vesica et pene ulcera hahcnt," — Antidota 370: „Condylom ata 
eanat, horum enim causas per urintiin escerDit." — Illitio 23: „lUitio 
Theodorl ad tonsillaruni uicera, et gitig;ivaruiD atque pudendomin 
putrediaea, nomas et CArbunculoa." — Eraplastra 20: „Emplastrum . . . 
ad Diniies in pudendis nomas, cnndylomata ... ad vulnera et in 
niedio sedis vitia." — Emplastra 27: „Ad pudenda ulcerata et rimtis, 
ctiamai iaiti putrescunt." Hedrica 3, 4, 6, 10, II . „Eedricum ad flcuH, 
condylomata, vetera tubercula et nuinia äedi.s uicera. Utile etlani 
est ad omniB ge.neris rimas in labiis, nomaa et uicera ... ad onineni 
dolorem condylomatum, rimarnm et vehementissimos cruciatus . . ." 

2) Ibidem, Eedrica n 28; „Ad forationes, rimaH et rachmadas, 
et doloi-em veluti hahena intra et extra anum. Convenit habere 
recena factum cultelluin, alibi non inquinatnra, et abire in locum, 
ubi sunt hcrbae dictae quinque nerviae. In primo et quinto lunae 
deScieutia die incidito herbaa tres quidem cultello, sie dicens: In 
nomine patria, et filii, et sancti apiritus. Poatea eruito tres herbas 
cum radicibua hanc precationem dicens: deus caeli et terrae, et 
omnium, quae in iis sunt, sancta trinitas, eiusdem csaentiae, inae- 
parahiÜB aernio patria, fili dei, sanctiasima dei genitrix, sancte Luca, 
sancte Paulli . , . intercedite, apud optimum deuni noatrum et fac- 
torein omniura, ut vadat (raiiat?), tabefaciat et demoliatur eminen- 
tias fixternas et internaa, rimas, forAtiones, et rachmadaa, et si quid 
aiiad fuerit in sede intra et extra servi dei N. N. Et quemadmo- 
dum liaec herba conteritur, sie conteratur et omne malum, quod- 
cTlnque fuerit eins hnminiK . . . conte.rantur et marccacaut deino- 

ProhBch, Geachicbti! der TCoer. Krank hellen 1. H 




169 



Griechiache AerzCe. Joannes AcluarinB. 



Joannes ActaarhiH, auch Johannes Zach ariac filius 
und Aetuarius schlechtweg genannt, lebte um das Ende 
des 13. Jahrhunderts als Aetuarius am Hofe zu Constanti- 
nopel. Seine „Methode der Heilkunde" enthält Einiges 
über Gonorrhoe, Feigwarzen, Geschwüre und Risse, jedoch 
reicht er in der Besehreibung derselben kaum an die 
inittelmässigeu Vorbilder unter seinen Landsleuten und 
den Arabern heran; eher noch verdienten seine Bemer- 
kungen Über die Bubonen einige Beachtung. Eine ein- 
fache Schwellung oder Entzündung einer Drüse werde 
tubereulum, eine zur Suppuration neigende ßoußojv und ein 
phlegmonöses Erysipelas derselben werde {pÜTeflXov, nach 
Anderen panus genannt. Da jedoch tubereulum, bubo and 
panus Geschwtllste sind, welche in einen Abscess über- 
gehen können, so möge man sie mit erweichenden, ver- 
dünnenden und zertheilenden Mitteln zu bewältigen trach- 
ten. Bei Vollblütigkeit soll mit einem Aderlass begonnen 
und massig Wein getrunken werden^). Die Feigwarzen 
(Verrucae) sind nach arabiacheu Mustern stets mit der For- 
mica (d. i. dem Herpes der Griechen), also mit einem 
univei'sellen chronischen Exanthem genannt*), worauf im 
nächsten Zeitraum mehr Rücksicht genommen werden soll. 



hniiturque interne M e:(terne cmlnentme, et si quod aliud malntn 
est in ano servi doi N. N. . . . Colligato treu herbas cum simplici 
flio, et suspende in fiimum. Et si herbae conterantur, conterentor 
et ipsae gratia dei et Immaculatae genitricia dei et onmiura sancto- 

1) Äctnarii Joaunis filii Zachariae metbodi medendi 
hbn sex . Cor. He.nricus Mathisiua . . . nunc primum vertit. 
Venetns, 15&4, 4", p. 81; „Pnrro ßoupüjv et tubereulum sive qjOfia ac 
ipufee^ov, quod panum quidain etiam vocant, glandularuni sunt 
affectus Lt tubereulum dicitur glandulae inflammalio, ßoußüjv vero 
emsdem est ad suppurationem properans inflammatio, et infiamma- 
tuiQ sive pblegnionodes eins erysipelas tpÜTfÖ^ov vodtatur." — Ibidem, 
p. 171: „Cetei'um bubon, tubercTilum, panus, tumores cum sint, qni 
abaceüsum sapiant, emollientibns, coneoquentibus et discutientibos 
profllgantar. Si qua subest plenitudo, a veuaesectione satins est 
ordiri, et vinum modice bibere." 

2) Ib. p. 170: „Formica et quam pensilem vocant verrucam, 
quae duriores sunt magisque terrestes, quippe quas humor terrens 



Griechische Laien. Thukydides, 163 

Laien. 

Thnkydidea'') (471—400 vor Christus) berühmte Be- 
sehroibung der Pest in Athen enthält einen Passus, wel- 
cher schon wiederholt zu g'elehrten Streitigkeiten Anlüss 
geboten hat; Roaenbaum^) übersetzt ihn folgend: „Die 
Krankheit durchwandelte nämlich, nachdem sie von oben 
anfangend zuerst sich in dem Kopfe festgesetzt hatte, den 
ganzen Kßrper; und wenn auch Jemand dem Schlimmsten 
entging, so zeichnete ihn doch das Ergriffen werden der 
Extremitäten; denn die Krankheit warf sich auf die Qe- 
schlechtstheile, Hand- imd Fussspitzen, und viele, welche 
dieser (Theile) sich berauben Hessen, entgingen (dem 
Tode)." Vorher ist aber auch noch von einem Exanthem 
die Rede: „Wenn man äusserlich den Körper betastete, 
so war er nicht sehr warm, noch blass, sondern massig 
geröthet, livid (tteXitvöv) bedeckt (^HtivöriKÖe) mit kleinen 
Phlyktänen und Schwären (g^xtffi) s). Die Geschichts- 
forscher sind über die Natur dieser Krankheit, welche 
ihrem Namon nach als attische Beuche, Pest des Thuky- 
dides sehr wohl bekannt ist, noch immer nicht einig; 
während die Einen sie nach- und durcheinander für Schar- 
lach, gell}es Fieber, Blattern, Typhus und Pest halten, 
erklären die Andern freimüthig die Unmöglichkeit einer 
bestinmiten Deutung. Jedenfalls war diese attische Pest 
nach der ganzen Beschreibung aufgefasst keine Syphilis, 
wie es die Epidemie bei Hippokrates auch nicht war; aber 
wahrscheinlich befand sich unter den vielen Tausenden von 
Pestkranken ein melu' oder minder bedeutender Pi-ocent- 



et lentua gcnerat, vnlidiorn, (juoqTie requirnnt medicamiDa, — Ib. 
p. 293: Formicas iiTitcm et verrueas pensiles tollit elatcrium cum 
sale iinposiCum . . ." 

1) Thukydidisa. De beilo iieloponnes, lib. ii, cap. 49: 
„Ai£Ei)«i ydp biä, itavTÜi toü öiiinnToi; ävuj6ev dpEdfisvov t6 iv Tf| Ke- 

qjoXtl TIplilTOV i&puefv KOKÖV KOi ttTli; ^K TlijV nefiöTlUV ItEpiT^VOITO, TllPV 

TE dKpujTTipiujv dvTtXrmji; aiirbv iiteoftfJQive' KOT^öKiTiute läp kqI t^ tA 
al&oJQ Kai tc, öxpa? xsTpi"; tai ii66oi; ■ Kai itoXXoi OTepiöKÖpevni Tofrnuv 
ÄiiipeuTov." 

2) Rosenbaum, 1. c. p. 347. 

3) Haeser, Lclirbiich III, p. 8. 



.isi 



1G4 



Griechische Laien. Julius Pollux. 



satz sok'Iier, welche ausser der wie nun immer zu be- 
nemienden Epidemie, auch noch mit SyphiKs oder einer 
venerischen ulcerösen Lokalaffektion befallen waren, und 
diese zufälligeu Complicationen Melt der Laie Thuky- 
d i d e a für eine Erscheinung der gerade herrschenden 
Epidemie : ein Irrthum, welcher ja auch heute noch sogar 
manchem Arzte vorkomrcien könnte. Das« der Verlauf 
der Syphilis durch Complicationen mit anderen, nament- 
lich akuten Krankheiten oft sehr bedeutend beeinfluast 
und unkenntlich gemacht wird, ist schon seit Langem 
bekannt. Der Züricher Professor J. L. Schönlein') sagte 
bei der Besprechung der „putriden Form" des Typhus: 
„Das syphilitische Exanthem bleibt entweder beim Ein- 
tritte des Typhus stehen, und verschwindet momentan 
und für inuner, oder der von Syphilis befallene Theil 
wird brandig und stirbt ab." Freilich erklären wir una 
heute den Vorgang bei der Gangran anders; aber die 
Thatsache ist jetzt, zu Schönlein's und Thukydides 
Zeiten dieselbe. Damit ist selbstverständlich nicht be- 
hauptet, dass nicht auch jene entsetzUche Seuche des 
Thukydides seibat den Anlasa zu Gangrän an den Ge- 
nitalien gegeben haben kann. Nachrichten über den Ver- 
lust von Händen und Füssen in Folge von Lues werden wir 
übrigens auch bei einigen der ältesten Syphilographen finden. 
Juliua Follnx (Polydeukes), ein grlechiacher Ge- 
lehrter, welcher um 180 nach Christus durch die Gunst 
des Kaisers Commodus, dessen Lehrer er war, zu einem 
öffentlichen Lehramte in Athen gelangte, hat in seinem 
lexikographisehen Werke ^) auch etliche die Geschlechts- 
krankheiten betreffende Stellen; die wichtigste davon 
giebtHensler*) folgend wieder: „Therioma ulcus est, quod 



1) Schönlein, J. L. Allgemeine und apecielle Pathologie 
und Therapie. Nach den Vorlesungen niedergeschrieben und he.raus- 
gegeben von einigen seiner Zuhörer. Vierte Auflage. St. Gallen 
und Leipaig, 1839, 8», 11, p. 29, 

2) Julius Pollux. Onomastikon iv, 25, S. 206, 207. 

3) Hensler, P. G. De herpete seu fovmica veterum labia 
1 prorsus experte, Killae, 1801, 8", p. 25. 



Griechische Laien. Dion ChrysostomoB. 



165 



circa virorum pudenda oritur, nonnunquam etiam circa 
digitos (boKTuXoui;; forte boKiuXiou^ legendum), circa aniim 
et aJibi, sang:uiiiem multum iiigi'um et tetri odoris emittens 
cum nigredine carnera devorans," Wir sehen also bei 
Pollux wie bei Tiiukydides und auch bei den später 
folgenden Laienachriftstellerii, dass diese geradeso wie die 
Aerzte die ulcerösen Genitalaflcktc mit allerlei, nicht 
immer näher zu bestimmenden Hautkrankheiten oder an- 

I deren deutlicheren SeeundftrafFektionen vermengten, oder 
unmittelbar hinter- und nebeneinander aufzahlten. 
DIon Chrysostonios'), aucli Coccejus und Cocce- 
janus genannt, griechischer Rhetor und Philosoph, um 
das Ende des ersten imd im Anfang des zweiten Jahr- 
hunderts unserer Zeitrechnung, eifert in einer seiner auf 
Uns gekommenen Reden im Allgemeinen freilich W&hl nur 
gegen das damals zu Tarsus weitverbreitete Laster der 
Paederastie, doch machen einzelne seiner Bemerkimgen 
den Eindruck, als ob er auch andere Arten der Unzucht 
und ihre Opfer vor Augen gehabt und zufällig oder auch 
absichtlich mit der Paederastie vermengt hätte; wenigstens 
verzeichnet die moderne Wissenschaft, welche die Pae- 
derastie der Alten für eine Psychopathia sexualis erklärt 
and die davon Befallenen Urninge oder Horaosexuale 
^ennt, mit keinem Worte solche Folgen dieses alten La- 
sters oder dieser neuen Krankheit, wie sie Dion Chry- 
Esostomos angiebt. Besonders hervorzuheben ist: „Diesen 
■jmharmonisehen und rauhen Ton, welcher tugendhafte 
■Hensch kann ihn ertragen? Wer vor einem Hause vorüber- 
|teeht, in welchem er denselben vernimmt, der sagt gewiss, 
188 dort ein Bordell sei. Was wird man aber von einer Stadt 
in welcher überall nur dieser eine Ton herrscht, 
ind weder eine Zeit, noch ein Tag, noch irgend ein Ort 
Eäusgenommen werden kann? Denn in Gassen, Häusern, 
Ifiuf öffentlichen Plätzen, im Theater, im Gymnasium 

1) Dion Chrysostomos in: Reiske Joa. Jac. et Joa. 
, Pabri OpUBCTÜa medica ex monumentis Arabum et Ebraeo- 
, Bd. Ch. G. Grüner. Halae, 177G, 8». Vergl. Rosenbaum 
, c. p. 134—140. 



166 Griechiai'he Laien- Eusebius von Caesarea. 

herrscht die Paederastie . . , Gab es irgend einen ] 
schenatamui, der mit der Nase gut musieirte ? Eiuem 
solchen Rhythmus muss aber nothwendig noch anderes 
folgen. Solltet ihr nicht wissen, dass, wie bei andern der 
göttliche Zorn auf einen einzelnen Theil, die Hände, die 
FüBse oder das Gesicht einbrach, so unter euch eine en- 
demische Krankheit die Nase befallen hat; gleichwie man 
sagt, dass die erzürnte Aphrodite den Lemnischen Weibern 
die Achselhöhleu verdorben hat, so seid überzeugt, dass 
ein göttlicher Zorn die Nasen der meisten zerstörte und 
sie daher die eigenthüraliche Sprache haben. Woher wohl 
sonst? Es ist dies aber ein Zeichen der schändlichsten 
Unzucht, des schändlichsten Wahnsinns, der Verachtung 
alles Auslandes (aller Moralität) und ein Beweis, dass man 
gar nichts mehr für schimpflich hftlt. Ihre Sprache, ihr 
Gang, ihr Blick entsprechen dem." — Diese Stelle er- 
innert eher an die klassische Schilderung der Syphilis bei 
Shakspcare '), wo es unter anderem heisst: „Fort mit 
der Nase, fort, glatt weg damit!" Jedenfalls aber können 
die von Dion so grell gezeichneten Veränderungen der 
Stimme und das anderwärts erwähnte Schnarchen, welche 
in den verschiedensten Erkrankungen des Kehlkopfes, der 
Nase und des Rachens ihre Ursache haben mochten, nicht 
als unmittelbare Folgen der Paederastie aufgefasst werden. 
Ensebini« von Caesarea in Palästina, der Vater der 
christlichen Kirchengeschiehte *}, um 270 n. Chr. geboren 



1) Shalisreare, Timon von Athen, Act 4, Sfenc S. 

2) Euscbius von Caesarea. HisCor. ecci. iih. vcii, cap. 14; 
.,TI 6tl Ta; Juiraöeii; dvöpüi; aiffxpoup-fiai; (ivunoveÜEiv; t] tiIiv npöc, aÖToO 
UejioixeujiivuJV iiiTCipie(ieta9ai t^v tt^ijöüv; oük tiv f^ toi iröXiv aiixöv 
napt^ötlv, \xt] oiixi in. navTÖi; qieopdi; yuvaiKiiJv uapö^viuv te öpnaTäq 
elpfoajiivov." — Cap, 16; „M^Ttmi toöv aüröv Qif\\aioc, köXqöi^. H 
ainf\'; aüToO KOTopEojj^vti aapKÖ^, Kai jiixpi '^fl'; V^X^'^ iiapgXeoOoa. 
dflp6ci ji^v fäp Tiepl TU ixiaa -riliv dno^firlTUJv toö aii|jciTo; liiiööTaoK; 
flTVETai oOrtli' de' t'XKoq iv ßdÖEi aupiffüj&eq kuI toütujv ävlaxoi; vo>i^ 
kotA tüiv ivboTäTf\i ankäyxviuv ■ dtp' tliv dXeKröv ti uXfieoi; ökioJi^ikuiv 
0piieiv, öavaTiljflri te öbni'iv diroirv^eiv, toO iravTäi; ötko" tüjv aujudriuv 
iK iro*.UTpO(p(a(; aCiTii) Kcii rtpö^ tf\c, vöaou fi<i (inepitoXi^v nXiiöoin; mneXfjq 
pETOßeßXriKÖToi; ■ i^v töte noTaaenetoav, dqjöpiqTOv koI (ppiKiroTdTriv toI^ 



Griechische Laien. Eusebius i 



i Caesarea. 



167 



und um 34t) gestorben, erzählt die Krankeugeschichte 
seines Zeitgenossen Üaleriua Maximianus; leider aber auch 
80 undeutlich, dass sie darum ebenfalls seit Langem den 
Gelehrten als Streitobjekt diente ; allerdings trug auch die 
Dngeuauigkeit einiger Historiker zur Unterhaltung des 
Streites wesenthch bei. Man war schon vor Astruc^) 
bis herab auf Friedberg') (Rosenbaum^) und Hena- 
ler*) ausgenommen) daran gewöhnt nur das Capitel 16 
des achten Buches von Eusebius' Kircheugeschichte zu 
lesen, und da bemerkte denn auch Friedberg, dass in 
diesem Capitel „von den Ausschweifungen {des Galeriua 
Maximianus) ebenso wenig die Rede sei, als von sehr übel 
riechenden Geschwüren am ganzen Körper." Dies ist 
allerdings richtig; aber in einem vorhergehenden Capitel, 
' im vierzehnten, ist von Ausschweifungen demioch und 
sehr deutlich die Rede. Dajyegen lässt sich darüber, ob 
Galerius ausser den kenntlich bezeichneten Geschwüren 
an den Geschiechtsth eilen und den Fisteln am Mittelfleisch 
auch noch „sehr Übel riechende Geschwüre am ganzen 
Körper gehabt habe" wirklich streiten. Ganz glatt lässt 
sich jedoch die Haut des Galerius keineswegs denken, da 
doch von seinem ganzen Körper gesagt wird, dass er 
(lebend) verfault (vermorscht , vermodert , KaTaotTieTö'ci), 
Allen, welche sich ihm nahten, einen schrecklichen An- 
blick bot und sogar Aerzte, weil sie den entsetzliuheji 
Gestank nicht ertragen konnten, erkrankten und starben. 
Eine ergänzende Stelle zu dieser Krankengeschichte bringt 
neben anderen HistorikernauchHaeser(Lehrbuch HI, p.219) 
aus dem itaUenischen Humanisten Carlo Sigonio^). Aus 

irXriaiillouoi -aapix^iv ti'iv %iav, intpüiv &' oöv ol niv, oOb' ö\u)i; (luo- 
H€ivai Tf|v Toü öuöiljtioiFq ii-nfpP&Wovaav dTOTrinv olot re, KOTtoqjiiTTOVTO' 
ol bi biiutiTiKÖTO? ToO navTÖ^ ötkuu Kai «Iq dviXitiffrov aiuxriplat; dnonen- 
TiUKÖTO? ni\i>iv iiriKouptiv buvd^ievoi, ä.vt\\eiii<; iicTelvovTO." 

1) Astrue, I, c. i, p, 14, 16. 

2) Priedborg, 1. c. p. 63-54. 

3) Roaenbaum, 1. c. p. 31G. 

i) H e n 8 1 e r , Geschichte der Lustaeuche, p. 315. 
5) SiponiuB, Carolus. Historiae de occldentali imporio. 
BasUeac, 1579, S", ii, p. 47: „Postcro auno Galorium cousulem viii 



Griechische Laien. Kedreniis. Palladius. 



welcher Quelle der um eo vieles spätere (1524 — 1584) Autor 
schöpfte, ist freilich nicht zu ermitteln. Jedenfalls kann man 
dieKrankheitdesGaleriuH mit grosser Wahrscheinlichkeit als 
mali^ie Syphilis deuten; sie ausschliessen ist geradezu un- 
möglich, oder doch unwissenschaftlich allen Denen, welche 
je einen schweren Fall maligner Syphilis vor Augen hatten. 

Kedrenos, ein Byzantiner, erzählt in seinem Ge- 
schichtswerke') eine Episode, die sich unter der Regie- 
rung Diokletian's (285—308) zutrug und von Friedrich 
Schnurrer*), der sie auffand, folgend naelierzählt wurde : 
„Kedrenus, da er die Verfolgung der Christen unter 
Diokletian beschreibt, erzählt von einer sehr schönen und 
keuschen Jungfrau, die beschuldigt wurde, von den Göttern 
nachtheilig und unehrerbietig gesprochen zu haben, und 
zur Strafe dafür in ein Lupaiiar mit der Verfllgung ab- 
gegeben wurde, dass sie dem Wirthe, welcher sie speisen 
musste, tftglich drei Schillinge zu entrichten habe. Als 
sie von diesem preisgegeben wurde, habe sie alle, die sich 
ihr nähern wollten, damit von sich abgebracht, dass sie 
versicherte, sie habe an geheimen Orten ein Geschwür, 
sie möchten doch bis zu ihrer Heilung warten." Es rauss 
demnach, seihst wenn man die Keuschheit der erwähnten 
Jungfrau in Zweifel ziehen wollte, angenommen werden, 
dass die Uebertragbarkeit der Geschwüre an den Geni- 
talien allgemein bekannt war und in ihren Folgen sehr 
gefürchtet wurde. 

Des Palladlns^), Bischofs von Helenopolis (367 bis 
430 n. Chr.) sehr oft nachgedruckte und daher wohlbe- 

sine colleg'a IbedisBimnB invasit niorbus: quippe ortum circa pudeoda 
Ulcus iDstruaienta Jibidinia ejus tahefecit; vermibusqiie ex putre- 
factione contractis malum insaDabile factum, ex quo iu cum furorem 
adactus est, ut medicis etiam intulerit manua." 

1) rEujpTlou ToO Keftpnvou CF1JV04J15 iOTopiiliv. Ex vcrsione 
Guillelmi Xylandri, cum ejnsdcm annotatiouibuB. Parisiis, 1647, 
l'oi. I, p. 265— ä(i6: ,,TTpoq)QaiJo|xivri ?Xko; fX"v titl Kpuirroö töttou Kai 
TOÖTOU -riiv diraXXciTi'iv jK&^Eaöeai." 

2) Schnurrcr, Friedrich. Chronik der Se.uchen. Tübingen, 



-25, 8", 11, p. 36. 
3) Palladiua. Lausiaca historia cap. '■ 



u: Magna biblio- 



Griechische Laifin. pMllariiiis. 



kanute Erzählung von dem Mönche Hero, kann liier eben- 
falls nicht üborgaiigeu werden, da sie ein belehrendes 
Seiteustüek des eben angeführten Falles ist. Der stets 
fromme und gottesfürchtige Mönch wurde vom Satan nach 
Alexandrien getrieben; dort besuchte er Theater, Kneipen 
und Pferderennen. „Auf diese Weise aber Schlemmer 
und Säufer geworden, verfiel er in den Schlamm der 
Wollust; und als er mit dem Gedanken zu sündigen um- 
ging, machte er sich sogleich mit einer Schauspielerin zu 
schatten (und löste ihren Gürtel?): Als dies von ihm voll- 
bracht war, brach ihm nach götthcher Schickung ein 
övöpaE auf der Eichel hervor und er lag sechs Monat 
lang daran so heftig darnieder, dass seine Geschlechts- 
theile verfaulton und von selbst abfielen. In der Folge 
aber gesund geworden und mit dem Verlust der Glieder 
davon gekommen und zur göttlichen Erkentniss gelangt, 
und eingedenk des Himmelreiches, nachdem er Alles was 
ihm begegnet den frommen Vätern bekannt hatte, ent- 
schlief er nach wenigen Tagen, ehe sich die Wirkung (der 
Besserung) gezeigt hatte." Die „recht exquisite consti- 
tutionelle Syphilis", wie sie August Hirsch') in dem 
Falle Hero erkennen wollte, ist wohl mit Sicherheit aus- 
zuschliessen, da in der ganzen Erzählung kein einziges 
Symptom angedeutet wird, welches eich darauf beziehen 
läast; dagegen unterhegt Kur t Sprengel's*) Diagnose: 

theca veterum patrutn. Tom. xeii. Pariaiin, 1644, l'ol., p. 950; ,00- 
TIU5 bt faatpiiiapTtbv kw. oivotpXuTtüv ivtviotv xal elq töv ßäppupov Tfli; 
-ifuvaiMlTi^ *-irieu|.ii(i5 ■ nai ÜJi foKiirreTO ä^apTfilTUl nipdbi Tivi TrpoooniXiIiv 
ouvExiü; Td irpöi; tö ikKor: ^outoO feieX^iETO. toütuiv oÜtuj; ijii' qütoö 
&iaTipQTTi>p£vujv, jifovf.v aü-nji kotü tivh oiKovojiiav äv6pQE kutü tfit; 
poXdvou ■ Kai Jnl ToaoüTov iv6or\aiv ^Eaniiviöiov xp6vov, ihq Karaoa-nffvai 
afrtoö Td ^lopid Kai ouropdriui; ämaiztailv. öarepov 5^ ÖTidvai; Kai ^tt- 
avtXediv dv€U TöiJTUJv Tiüv heXiIiv , Koi fli; (pp6vT|fja ötiKÖv *J.eiiiv kqI eLi; 
MvfitiTjv Tf^r; oüpaviou TtoXiTelac, kuI ^EonoXo-ploiiiitvoi; itiivTa Td ouußtßii- 
KÜra aiiTiJj toT; bfioi^ iiaTpdoiv, ivEpTf)oa[ pf) tpGAaa<;, tKo\ßr\Qr\ \iftä 
ÖXlTot ftHipai." — Vergl. RosenhAiim, 1. e. p. 307-308. 

1) Hirsch, Äug. Handbueli der historisch-gcographiBchen 
Pathologie. Erlangen, 18G0, 8", I, p. 352. 

2) Sprengel, Kurt, bei P e r e n o 1 1 i. Von der Lustseuclie. 
Leipzig, 1791, 8» p. 370. 



I 



Griechische Laiei 



„ein wahrer .Schanker, der in der Folge in Brand 1 
ging" kaum einem Zweifel: UDüntastbar jedoch ist die 
interessante Thatsachc. dass Horo sich einen Anthrax 
durch den Coitus mit der Sehauspielerin zugezogen hatte. 
Von einem Johannes Hoselins'), der in den gang- 
barsten Geschichts- und Litt eratiir -Werken der Medicin_ 
nicht verzeichnet ist und der angeführten Quelle naeh_ 
ein Kirchenvater sein dürfte, fand Rosenbaum-) eine 
Stelle, nach welcher „ein Mönch des Klosters Penthula- 
den Mahnungen des Fleisches nicht mehr Herr werden, 
konnnte, nach Jericho wanderte, um dort in einem Bordell 
sich des UeberHuases zu entledigen, und als er eingetreten, 
plötzlich von der Lepra befaUen ward, worauf er schueü 
in sein Kloster zurückgekehrt sei." Besonderen historischen 
Werth hat die Stelle für unseren Gegenstand nicht; sie 
berechtigt höchstens, so wie viele andere und ältere 
Schriftstücke, zu der Annahme, dass die Alten höchst 
wahrscheinlich Lepra und Syphilis confundirteu, und dass 
ihnen die Uebertragung gewisser Krankheiten durch den 
•Coitus ausser- und innerhalb von Bordellen gar wohl be- 
kannt war. Friedr. Willi. Müller^) setzt zu diesem 
Schriftsteller „f 620". 



n si>iritua1e cap. 14; in: 
im. XIII. Paris, 1644, fol. 

ndvii irpoa^xu'v ain6i Kai 



1) Moschus, Johaiines. Pralu 
Magna bibliolhet-a vf-temm patnim. T 
p. 1062: „'O 'Aßpäi; TToXuxpövio^ itdUv V[uiv 
iv -rSi Koivoßinj Toö nev8ouKXd, d&eXcpö^ f\- 
döKiiTil^' fiioX«(iii6r| ht Eli Tiopvttav, Koi (j/) «U^vrfKuiv tov iiäXeiinvi 
dEJ^\6(v ToO fiovaaTijpLou kuI dniiAötv tiq "Ifpixili irXr]pünrai ti'|v iitiGuiiiiav 
auToO ■ Kai li"? el(;ti\9ev ei^ tu KaraTUJT'O" tH? irapveta^, tiiö^ui^ *XeTipoü8?i 
ÖXiu^' Kol 9£aod)jevoi (outüv ^v toioütuj axr\iiaTi, eiiöivjt, fntOTptn/ev ei^ 
TÖ novaa-riipiov aÜToö, sinopiOTiLv ti^j flEiü koI Xtfiuv, öti ö 6eÖ5 inr|- 
■Xajiiv poi Tf|v TOiai!iT»]v vööov, Iva i^ VX^ Hou Oui9i!|.'' 

2) HoBenbaum, 1. c. p. 447. 

3) Müller, Friedr. Wilh,, 1. c. p. 112. 






*3 




RSiuer. 



Aerzte. 

TMit Ausnahme eines Theiles der CMrurgie, besonders 
der plastischen Operationen, gehört wohl fast alles wissen- 
schaftlich Werthvolle in der tnedidnischen Litteratur der 
Römer den Griechen. Es wäre demnach der Uebersicht- 
lichkeit der Darstellung sehr zu Statten gekommen, wenn 
dem allgemeinen Gebrauche gemäss die wenigen römischen 
Aerzte, die hier einer Erwähnung bedürfen, gleich neben 
den griechischen Zeitgenossen eingereiht worden wären; 
aber die Laienschrittsteller sowohl unter den Römern als 
auch bei den (kriechen nehmen einen so exceptioneUen 
Standpunkt ein und beanspruchen einen verhältnissmässig 
80 breiten Raum, dass dadurch eine Sonderung beider 
Nationen gerechtfertigt erscheinen mag. 

Aul US Cornelius Celsus'), um 25 bis 30 vor Christus 
wahrscheinlich in Rom oder Verona geboren, zwischen 
45 bis 50 nach Christi Geburt, vielleicht auch etwas später 
gestorben, war wenn auch vermuthlich nicht Arzt von 

1} Ä. Com. Ceiai de medicina libri octo. Ex retensione et 
cum notis Lemiardi Targae, Praemittitur Joan. Lud. ßisnconil 
epistola de Celsi aetate, acceduut indices. Argentorati, 1806, 8", n, 
pp. LS, 606; 568. — Für die deutsche Uebersetzung ist aumeist be- 
nutzt: A. C. Celsus, ni^ht Bücher von der Arzneikunde. Aus dem 
Lateinist heu in's Deutsche übevtrageu, mit Beigabe von Celsus 
Biographie und erläuternden Bern erliun gen vou Bernhard Bitter. 
Stattgart 1840, 8», pp. xxx, 605. — Die Belege sind Ausschnitte aus: 
A. Comelii Celsi Medicina. Ediderunt, brevi annotatione indici- 
busque locupletissimis instruxerunt F. Hi tter et H. Alb ers. Colo- 
niae ad Khenuin, 1835, 8", p, .W-Wi, 401. 



172 



Römische Aerzte. Celsiu. 



I 



Beruf, so doch sicher Arzt von Geburt, aus tiefster, edelster." 
Neigung, mit auserlesener Begabung und bewunderungs^ 
würdigem Verstand: ein Mann, dem es gelang, eines der^ 
denkwüi-digaten Monumente der Heilkunde des Alterthums 
mit, wie es scheint, erstaunlicher Selbständigkeit aufzu- 
bauen. Zeis sagt (1, c. p. 185) von ihm: „Im Abend- 
lande ist Gel SU8 jedenfalls der älteste Schriftsteller über 
plastische Chirurgie, und höchst wahi'scheinlich auch ihr 
Erfinder." Dass Celsus die Heilkunde in den Valetu- 
dinarien auch praktisch austlbte, ist bekannt; sein Werfe. 
ist von der ersten bis zur letzten Zeile streng 'wissen'^ 
sehaftlich gehalten, es kann demnach auch nicht fürLaiei 
bestimmt gewesen sein; und darum steht Celsus woM 
mit Recht unter den römischen Aerzten. 

Gleich eingangs des Capitels über die Geschlechts 
krankheiten findet sich eine Erklärung, welche sowohl f 
die Beurtheilung dieses Schriftstellers als auch der 
raaligen Aerzte von Wichtigkeit ist, so wenig diese ; 
klärung auch zu dem allgemeinen Sittenbilde des römische 
Volkes aus jener Zeit passt; Celsus halt närahch s 
Sprache im Vergleich zur griechischen für die Beschr^ 
bung dieser Krankheiten als zu keusch, „ut difficilis l 
explanatio sit, simul et pudorem, et artis praecepta f 
vantibus." Haeser hält gewiss mit Unrecht diese St» 
für einen Beweis, dass Celsus sein Werk „nicht für J 
sondern für Laien schrieb"; denn abgesehen davon, dai 
ahnliche Aeusserungen in den einschlägigen, rein wig 
schaftlichen, nur fili' Aerzte bestimmten Werken bis tief i| 
die Neuzeit sehr häufig vorkommen, dass z.B. sogar Hens: 
in seiner „Geschichte der Lustaeuche" die Frage aufwir 
„ob es den guten Sitten zuträglich sei, alles dergleichen b 
genau zu beforschen?" und selbst Ri cor d noch in seine] 
Briefen, ehe er an die Besprechung der Prophylaxis g 
sich weitläufig damit entschuldigt, dass er darüber als J 
wieder nur zu Aerzten spreche — also abgesehen davoi^l 
so ist es doch noch niemals einem Schriftsteller eing;&>4 
fallen, in einem ilUr Laien bestimmten Buche ausser allei 



j baeQJ 



r Aerzte 



RöiiiiBohe Aerzte. Celsns. 



iKannteD sogenannten kleinen, auc-h die technische Aus- 
führung aller grossen chirurgischen Operationen, wie der 
Eerniotomic, Castnition, Lithotomie, Trepanation, Ampu- 
tationen (die C e 1 8 u s überhaupt zuerst erwähnt) u. s. w. 
in streng wissenscliaftlicher Sprache zu beschreiben; ganz 
zu schweigen von den plastischen Operationen, über deren 
Ausführung in der griechischen Litterattir vor Celsus tlber- 
haupt nichts zu finden ist, und deren unklar geschilderte 
Technik erst von Z e i s entziffert werden konnte. Es ist 
zwar richtig, dass Celsus auch die Selbstbehandlung 
der GenitalafFekte betonte, „quae iuvitissiinus quisque alteri 
ostendit", aber dies kann unmöglich auf das ganze "Werk 
bezogen werden. 

Bei dem geringen Umfange desselben, besonders des 
pathologischen Theiles, lässt sich eine ausführliche Be- 
schreibung von vornherein nicht erwarten, doch sind die 
einzelnen Krankheiten meistens mit einer überraschenden 
Deutlichkeit skizzirt; dies gilt besonders von den ver- 
schiedenen Geschwürsformen am Penis, für welche er 
ausdrückUeh eine genaue Unterscheidung, vorzüglich zu 
therapeutischen Zwecken verlangt. Schon bei der Be- 
schreibung der Phimose und Paraphimose ist darauf Rück- 
sicht genommen: „Findet mau entweder am Innenblatt 
der Vorhaut, oder an der Eichel, oder an dem Schaft der 
Ruthe Geschwüre, so muss man wohl unterscheiden, ob 
dieselben rein und trocken, oder feucht und eiternd 
sind. Sind sie trocken, so muss man sie zuerst mit 
■warmem Wasser bähen, dann Lyeium mit Wein oder 
Satz vom Oel gekocht auflegen, oder Rosenöl und Butter. 
"Wenn sie etwas nässen, so muss man sie mit Wein 
auswaschen, nachlier etwas Butter und Rosenhonig mit 
dem vierten Theii Terpentin vermischt in Anwendung 
bringen. Wenn sie aber förmlich eitern, so muss man 
sie vor Allem mit warmem Methe auswaschen und dann 
folgendes Mittel auflegen: Pfeifer 1 Pfund 2 Denar, 
Myn'hen 1 Pfund 1 Denar, Saft-an, gekochter, gelber 
Atrameutstein von jedem 1 Pfund 2 Denar, welche Stoffe 



^ 



174 



Römische Aerzt«. Celsus. 



mit herbem Wein gekocht werden, bis die Masse Honigs- 
dicke erlangt hat'). 

Unmittelbar darauf folgt eine Bemerkung, welche es 
ausser jedem Zweifel stellt, dass auch Celsus die Be- 
ziehungen oder irgend eine Verwandtschaft der eben be- 
schriebenen Geschwüi'e am Penis zu den verschiedenen 
Affektionen der Mund- und Nasenhöhle gekannt habeu 
muss; er sagt: „Die nämhche Mischung wurde aber auch 
bei geschwollenen Mandeln, bei Entzündung des Zäpfchens, 
sowie Mund- und Nasengeschwüren empfohlen"*), Celsus 
verlangt also in einem Athem, dass man die Geschwüre 
an den Genitalien genau unterscheide, sie denmach auch 
verschieden behandle, und dass man aber gewisse Affek- 
tionen der Mund- und Nasenhöhle, ohne ßucksicht darauf, 
ob mit Entzündung oder auf die Art des Geschwürs, ge- 
nau derselben Therapie unterniehe. Er föhrt darauf in 
der Behandlung der Penisgeachwüre fort, und sagt gleich 
danach wieder: „Auch hilft hier Grünspan mit gekochtem 
Honig und jene Mittel, welche eben bei den Geschwüren 
des Mundes empfohlen worden sind." Ausserdem führt 
er noch eine Anzahl von Arzneünitteln gegen die Ulce- 
ratiouen am männlichen Gliede an, und RVhrt dann aber- 
mals gleichsam gegen therapeutische Einseitigkeit tadelnd 
fort ; „Einige behandeln alle Geschwüre , von welchen 
bisher die Rede war, mit Lyciura in Wein gekocht. Wenn 



1} Lib. VI, cap. 18. „Sive anteni hoc modo victa etic, sive nuii- 
qn&m leptigTiaverit, tileeia vet in cutis alteriore pai-te, vel in {jlande, 
nitrave eam in cole reperlentur; quau nect^sae est aut pura sli-caqne 
sint aut humida et pnrulenta. Si »i^ca sunt, primum aqiia calida 
l'ovenda sunt, deinde imponendain lyciuni ex vino est, aut amurca 
cocta cum eodein aut cum rosa butymm. Si levis iis humor inest, 
vino elucnda sunt, tum butyro, et rosae niellis paulum, et resinae 
terebinthinae pars quarta adiicienda est, eoque utendum, ÄC si pas 
ex iis profluit, ante omnia elui mulso calido debenc, tnim imponi 
piperia P. x. I, niyrrhae P. x. ^, croci, mysi cocti, singulorinn 
P, s. II ; quae ex vino austero coquuntur, donec mellis i 
dinera habeant." 

2) Lib. VI, cap. 18. „Eadem antem compositio tonaillia, i 
deuti, oris nariumque ulceribus aceommodata est." 



RöiiiiBcliB Aerzte. Celaiia. 



175 



aber das Geschwür sich mehr ausbreitet und mehr in die 
Tiefe ffreift, so muss man es auf nämliche Weise aus- 
waschen und entweder Grünspan oder unreifen Traubensaft 
mit Honig, oder die Komposition des Andro oder Andorn, 
Myrrhe, oder gekochten Alaunsehiefer, trockene Eosen- 
blätter, Galläpfel von jedem 1 Pfund und 1 Denar, eino- 
piache Mennige 1 Pfund 2 Denar auflegen" >)■ Dies alles 
im Zusammenhang gelesen, lässt doch keine andere als 
die eben erwähnte Deutung au? 

In demselben Abschnitt sagt Celaua noch; „Bis- 
weilen ist aber das Glied durch die Geschwüre unter der 
Vorhaut so angefressen, dass die Eichel zerstört ist. In 
dieBem Falle muss man die Vorhaut ringsum abschneiden... 
Um die Eichel herum entstehen auch Auswüchse, welche 
die Griechen (pOnara nennen, die entweder durch Aetz- 
mittel oder das Glüheiaen entfernt, und wenn die Krusten 
abgefallen sind, mit Kupferschlag bestreut werden, damit 
sie nicht wieder wachsen"*). 

Nach emer Besehreibung dea Peniacancers, worunter 
Celsus otfenbar Gangrän versteht, folgt: „Zuweilen pflegt 
■auch hier (am Penis) diejenige Art des Krebses zu ent- 
stehen, welchen die Griechen cpctfebaiva nennen. In diesem 
Falle muss man um so weniger zaudern, sondern sogleich 
die nämlichen Mittel in Anwendung ziehen, und wenn 

1) Lib. VI, cap. 18. „Quidam altera omnia, de quibussdhuc dic- 
tum eat, lyeio ex vino eurant. Si vero ulcua latius atqui; attius 
aerpit, eodeni modo eiui riebet, imponi vero aut aenigo aut nmpha- 
ciam cum mello, aat Andronis composilio, aut marrubii, myirhae, 
croci, aluininifl scissilie cocti, rosae l'otiorum aridoi'um, gallae, singu- 
loram P, s. I, niinii Sinopici P, x II, quae per se singula primum 
ternntur.' 

2) Lib. v[, cap. 18. „Iiiterdum autem per ipsa ulcera colea Bub 
cnte exesuB est, sie ut gjans excidat; sub quo castt cutis ipsa cir- 
cumcidenda est. Perpetuumque est, quoties glans atit ex cole ali- 
qnid Tol eicidit vel abscinditur, banc iion esse sorvandam, na eon- 
aidat ulcerique agglutiDetur, ac neque reduci possit poatea, et for- 
tasse fistulam quoque uriiiae claudat. Tubercula etlam, quae tp{i\iato. 
Graecl vocant, circa glandem oriuntiir, quae vel medicamentis vel 
ferro aduruntur, et cum erustae exciderunt, squama aeris insper- 
gitur, ne quid ibi rursua increscat. " 



Römische Aerzte. Celsus. 



diese nur geringe Dienste leisten, so muss man das gltf 
hende Eisen einwirken lassen . , . Wenn das Uebel aber 
tiefer eindringt, so muss man alles Angefressene aus- 
schneiden" '). 

Im nächstfolgenden Abschnitt ist die syphilitische 
Initialsklerosc kaum zu verkennen: „Bisweilen wird ein 
Theil am Penis schwielighart (occalloscit) , und entbehrt 
fast aller Empfindung, selbst dieses muss herausgeschnitten 
werden. Der hier entstehende Karbunkel muss aber, so- 
bald man ihn bemerkt, mit einer Spritze gereinigt werden, 
dann bedient man sich auch der Aetzmittel, und nament- 
lich des rothen Atrameutsteines mit Honig oder des Grün- 
spans mit gekochtem Honig. Wenn die Kruste abfiillt, 
so muss man sich flüssiger Mittel bedienen, die man auf 
die Ränder der Geschwüre legt"*). 

Nicht ebenso klar, wenn auch bezeichnend genug 
ist folgende Stelle : „Bei unreinen Geschwüren, Schwärze 
(nigritiem) in den Ohren, der Nase imd den Geschlechts- 
theilen, so wie bei Entzündungen dieser Theile, dient eine 
Pastille aus: Borax 1 Pfund 1 Denar, Schustersehwärze, 
Alaunschiefer von jedem 1 Pfund 2 Denar, Schale der 
Judenkirsche 1 Pfund 4 Denar, Mennige 1 Pfund 6 Denar, 
Silberglättc 1 Pfund 12 Denar, Bleiweiss 1 Pfund 16 Denar, 
welche Stoffe man mit Essig vermischt und beim Ge- 
brauche verdünnt" *), 



1) Lib. VI, cap. 18. „NoimiLnqTiaiii etiam id gieniis ibi cantri, qiiod 
(paT^baiva a Oraecis nominatur, oriri aolet. Id quo minime difFereii- 
diini sed protiniia iisdem medicamentis et, si parnni valcnt, ferro 
adurendum." 

2) Lib. VI, cap. 18. „Occallescit etiam in cole interdttm aliquid, 
idque omni pene seosa caret; quod ipsnm quoque excidi debet. 
Carbuneulufi autem ibi natus, ut priiDum apparel;, per oiicularium 
clysterem elnetidus est, deinde ipse quoque medicamentis urendug, 
maxiineque chaicitide cum mellc auE aerugine cum cocto melle, ant 
ovillo stcrcore fricto et contrito cum eodeni melle. Ubi is excidit, 
liqnidiB medii^amentia utendum est, quae ad oria uicera componuntur." 

3) Lib, V, cap. 90. ,Ad uicera sordida et nigi'itiem in auribus, 
iiniilms, obsecnia partibus, inflammationesque eonira; chryaoeollae 
P. s. I, atramenti siitorii, aluminia BclHsiliB, Bing^üorum P. x. II, 



RömiBche Aerzte. Celst 



177 



Eine genaue Schilderung der Inguinal-Bubonen lie- 
fert auch Celsus wider Erwarten nicht; er wirft die 
Bubonen überhaupt, wie aus vielen Stellen zu entnehmen 
ist, mit anderen Drüsengeschwülsten, den Phyma, Struma 
und Phygethlon zusammen, sagt, dass sie meistens am 
Halse und unter den Achseln vorkommen und nennt erst 
als dritten Ort die Leisten ; behandelt werden diese Ge- 
schwülste wie alle übrigen Abscesse durch verschiedenerlei 
Umschläge uud Eröffnung mit dem Messer. 

Eine präcise Darstellung erfahren die Condylome; 
eine diesbezügliche Stelle ist bereits bei den Geschwüren 
des Gliedes angeführt; weiter heisst es; „Die Auswüchse, 
welche die Griechen KovöuXdifiaTa nennen, werden, wenn 
sie in Verhärtung übergegangen sind, auf folgende Weise 
behandelt: Vor allem wird der Leib purgirt werden, dana 
fasst man mit der Zange den Knoten uud schneidet ihn 
nahe an der Wurzel ab. Sodann niuss man dasselbe thun, 
was ich schon oben bei der Heilung derselben empfohlen 
habe; nur muss man das Wiederwachsen durch Kiipfer- 
schlag zu beschränken suchen" i). Auf breite Condylome, 
d. h. Papeln, bezieht sich sehr wahrscheinlich das Fol- 
gende: n0iijiiov nennt man aber, was über die Haut wie 
eine Warze hervorragt, gegen die Haut hin dünn, nach 
oben breiter, härtlich und auf der Oberfläche rauh ist. 
Der obere Theil besitzt die Farbe der Thymianblüthc, 
woher auch die Benennung ; an der Oberflache kommt es 
leicht zu Einrissen und so zu kleineren Blutungen, zuweilen 
fliesat auch etwas mehr Blut; die Wucherung hat gewöhn- 
lich die Grösse einer ägj-ptisehen Bohne, sie wii'd selten 



halicacahi cortitis P. s. IV, minii P. x. VI, spnmae argonti P. s. 
XII, cemssae P. s. XVI; quae es aceto et coguntur ot, ubi uten- 
duiD est, dilnuntac" 

1) Ltb. vii, cap. 30. „Ät tubercnla, qnae KovIiuXiitixaTa appellantur, 
ubi indiiTue-ruiit, bac ratione curantur. Alvus ante otnnia dutitnr, 
tarn Tuleella tabcrculum apprebensum insta radices exciditur. Quod 
ubi factum est, oadem sequuntur, iiiiae supra post curaCionem ad- 
hibenda eaee propOHUi; tantummod o, si quid increscit, squama aeris 
cDBrcendnni est." 

"Prokacil. (ieaehir.litu cIct Vfii^r. liraiiklidtün I. 12 



178 Römische Äerzte. Celsus. 

grösser und bisweilen sogar sehr klein. Bald entsteht nu^ 
ein solcher Auswuchs, bald mehrere auf der Hohlhand, 
oder den unteren Theilen der Füsse, doch am schlimmsten 
sind jene an den Gesehlechtstheilen und diese bluten am 
meisten"'). Celsus heilt diese Papeln durch Aetzraittel 
und Auflegen von in Wasser gekochten Feigen, Was 
sich sonst noch von den chronischen Exanthemen findet, 
ist ungenau, oder lässt sich doch wenigstens nicht mit 
Sicherheit als Syphilis bezeichnen; dasselbe gilt auch von 
den Erkrankungen der Nägel und der Haare. 

Unter den Krankheiten in der Mundhöhle sind einige 
als syphilitisch mehr oder weniger deutlich kennbar: 
„Sind die Geschwüre des Mundes mit Entzündung ver- 
bunden, sind sie nicht recht rein und röthlich, so werden 
sie am besten durch die oben angeführten, aus Granat- 
äpfeln bereiteten Mittel geheilt. Man muss öfters einen 
zurücktreibenden Saft, welchem etwas Honig beigemischt 
ist, in den Mimd nehmen, spazieren gehen, imd keine 
scharfen Speisen geniessen. Sobald aber die Geschwüre 
rein zu werden anfangen, so muss man eine milde Flüssig- 
keit, bisweilen auch möglichst gutes Wasser in den Mnnd 
nehmen; auch ist es hier uützUch, lauteren Wein zu trin- 
ken und nahrhaftere Speisen, mit Ausnahme der scharfen, 
zu geniessen; und in die Geschwüre muss man Alaun- 
schiefer, wozu man mehr als die Hälfte unreife Galläpfel 
gesetzt hat, streuen. Wenn sich auf den Geschwüren 
schon Krusten gebildet haben, wie dies nach der Aetzung 
zu geschehen pflegt, so muss man jene Mischungen in 
Anwendimg bringen, welche die Griechen dvöripal heissen. 



1) Lib.y, (;np. 28. „At Süfiiovuominatnr, tluod super corpiu quasi 
vemicnla emiuet, ad cutem [cnue, supra Intins, snbdiinim et in 
Rummo perasperum. Idque sumnium colorem flitris thymi repvae- 
i^entaC, unde ei nomen est, ibiqae fai'ilc finditur et craenlatur; non- 
nunquam aliquantum sangainis fnndit, t'ereque citra mag-nitudineiD 
fabae Aegyptiae est, raro malus, interdum pereuguum. Modo aatem 
nnum, modo plura nasi^unlur, vel in palmis vol in inferioribns pedum 
partibufl. Fessima taiDeu in obscoeni» äunt, uiaxinieque ibi saugniu 
fundunt." 



saugmua^H 



Xiili 



Celsus. 



179 



pSää nimmt: viereckige Binsen, Myrrbeii, rotlien Arsenik, 
von jedem 1 Pfund 4 Denar, Alaun zu gleichen Theilen, 

' oder: Safran, Myrrhen von jedem 1 Pfund 2 Denar, Schwert- 
lilie, A [amischiefer, rothen Arsenik von jedem 1 Pfund 
4 Denar, viereckige Binse 1 Pfund 8 Denar. Oder: Gall- 
äpfel, Myrrhen, Alaimschiefer von jedem 1 Pfund 1 Denar, 
Alaunschiefer 1 Pfund 2 Denar, Rosenblätter 1 Pfund4Denar. 
Einige aber mischen: Safran, Alaunschiefer, Myrrhen von 

f jedem 1 Pfund 1 Denar, rothen Arsenik 1 Pfund 2 Denar, vier- 

1 eckige Binse 1 Pfund 4 Denar. Die vorher angeftüirten 
trockenen Species werden eingestreut ; dieses mit Honig nicht 
nur auf die Geschwüre, sondern auch auf die Mandeln 
gestrichen" '). Am meisten leiten hier wohl die diätetisch- 
therapeutischen Vorkehrungen zu der Annahme, es mit 
syphilitischen Geschwüren und Entzündungsherden des 
I 3Iundes zu thun zu haben; denn wir werden später gleich 
sehen, dass Gel aus mit dem „Spazierengehen, lauterem 
"Wein und nahrhaften Speisen" durchaus nicht voreilig 
^^ar. Im Anschluss beschreibt Celsus die ätpöai der 
■<jriechen; es lässt sich jedoch schwer entscheiden, ob zu 



1) Lib. VI, cap. 11. „Ulcera auteiu oris si cum inflamniatione sunt 

Kt paruni pnra ac Tubicunda sunt, optime üs medkamentis curantur, 

S^uae supra poaita ex malia Pimids fiunt. Continenduaque saepe 

J reprluieus cremor eat, cut paulum mellis sit adieulum: ulenduin 

^ ^mfaulationibas et aon acri cibo. Simul aCque vero pura uluera 

^a*86 coeperunt, le.nis humor, interduin etiam quam optima aqua ore 

v^nntineDda est. Prodostquo asHumptuui purum vinum pleniorque 

^::ibus, dum acribus vacet; insperg'itiue ulcera debeut alumine sdssili, 

«201 dimidio plus gallae immaturae slC adiectum. Si iam crustas 

Xabent, quales in adustis eaae consuerunt, adhibendae sunt eae com- 

^ositiones, quas Graeci dvOripd; nominant. lunci qundrati, myrrbae, 

||«atidarachac P. X. IV. aluminis jiares portiones. Aut croci, myrrhae, 

I singTxIöruni P. X. n, iridis, aluminis Bcissilis, aandaiacbae, eineulorum 

( 3*. X. I\, iunc'i quadrati P. x. VIII. Aut gallae, myrrhae, singu- 

I" lörum P. X. I, aluminis scisaiüa P. x. II, i'osao foliorum P. x, IV. Quidam 

I autem ttoci P. x. =:, aluminis aeissilis, myrrhae, singuloruni I'. s. I, 

I sandarauhae P. x. II, imici quadrati P. x. IV misoeut. Priora arida 

r ineperguntur: hot^ ouni melle [lllnitur, iicque uk't'ribus tantum se,d 

1 etiam tonsülis." 



180 



Römische Äerzte. Celst 



dieser Krankheit nicht auc-h Syphilis und Diphtheritis ge- 
mengt ist; dagegen ergänzt und erläutert das nächst- 
folgende sehr kurze Capitel die eben vorgeführten Stellen 
in höchst charakteristischer Weise: „Auch bei den Ge- 
schwüren der Zunge hat man keine anderen Mittel, ala 
die anfangs des vorigen Capitels erwähnten, nothwendig. 
Allem diejenigen, welche an der Seite der Zunge ent- 
stehen, dauern sehr lange. Man muss auch untersuchen 
ob ein Zahn eine scharfe Kante hat, welche oft die Het 
lung des Geschwüres an dieser Stelle nicht zuläsat, ui 
deshalb abgefeilt werden muss"^). In den darauffolgende! 
Capiteln, in welchen die Krankheiten des Zahnfleisches/ 
des Zäpfchens und der Lippen abgehandelt werden, lässt 
sich Syphilis wohl kaum anaschliessen, aber auch nicht 
mit Bestimmtheit annehmen; nur bezüglich des Zäpfchens 
findet sich in einem anderen Buche eine Stelle, welche 
ebenfalls beachtet werden muss: „Die Pastille des AndrOj 
bei Entzündung des Zäpfchens, Unreinigkeiten der 
schlechtstheüe, und selbst wenn diese krebsartig sini 
besteht aus: Galläpfeln, Schusterschwärze, Myrrhen 
jedem 1 Pfund 1 Denar, Osterluzei, Alaunschiefer von 
jedem 1 Pfund 2 Denar, Knospen vom Grauatapfelbaum 
1 Pfund 25 Denar, welche mit Rosinenwein vermischt und 
beim Gebrauche mit Essig oder Wein verdünnt werden, 
je nachdem das zu heilende Uebel heftiger oder ge- 
linder ist"-). 

Des Verhältnisses der (Jenitalgeschwüre zu den Kasei 
krankheiten ist bereits gedacht; doch handelt CelaU: 

1) Lib. VI, CAp. 12. „Lingaae quoque uicera non aliis medici 
mentis egeot, quam quae primaparte. superioris capitis exposita s' 
Sed quae in laEere eiua nascunlnr, diutisRinie darant; TidendnmqiM 
est, num contra den» aliquis acutior sit, qui sanescere saepe nlci 
eo loco noD Binit, ideoqne limandus est." 

2) Lib. V, cap, 20. „Andronis vero est ad uvam inftammatam, a 
Baturalia yordida, etiam cancro laborantia : galjae, atramentl sato 
myrrhae, singulomiu P. x. I, aristolochiae, aluminis aciaeilis, 
lorani P. x. II, capituloruin Punici mall P. x. XXV, ex passo coacta 

1 usus exigit, aceto vel vino diluta, prnul valentius autleoitu 
Vitium est, cui niedendum est." 



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RöniiBche Aerzte. Celst 



noch in zwei eigeni^n Kapiteln über Nasen geschwüre und 
in einem dritten über Rhinoplastik, was eben bei der 
überaus knappen Darstellung des Lehrgebäudes der Ge- 
sammtheilkuiide wenigstens einen Sehluss auf die Häufig- 
keit dieser Erkrankung gestattet: „Wenn die Nase im 
Innern gescliwürig ist, so muss man sie mit Dampfen von 
warmem Wasser bähen . , , Nach dieser Bähung muss 
man die Geschwüre entweder mit Bleischlacke, oder mit 
Eleiweiss, oder mit Silberglätte . . mit Wein und Myrtenöl zu 
Honigdicke verrieben, beschmieren. Wenn sich aber diese 
Geschwüre um die Nase herum ausbreiten, wenn sie 
melu"Gre Ki'usten bilden, und einen üblen Geruch ver- 
breiten, welche Art die Grieclien ölaiva uennen, so muss 
man wissen, dass man kaum je bei diesem Uebel Hilfe 
zu schaffen vermöge . . . Bei reinen Geschwüren muss 
man den Dampf von warmem Wasser in die Nase leiten, 
dann Lycium mit Wein verdünnt, oder Oelschaum, oder 
den Saft von unreifen Trauben, oder Saft von Minze oder 
Andorn . . , anwenden . . . Man muss die Sonde mit Wolle 
umwickeln, und nachdem sie in dieses Mittel getaucht 
worden ist, die Geschwüre damit beatreichen, dann wieder 
einen Streifen Leinwand umwickeln, sie in dasselbe Mittel 
tauchen und in die Nase bringen und dann das Heraus- 
steheude unten leicht anbinden ... im Winter und Früh- 
jahr zweimal, im Herbste und Sommer dreimal täglich" ^). 



1) Lib.vi, cap. 8. „Naree vero exulceratas l'overe oportet vapore 
aquae calidae. Id et spongia expressa ali]ue admota fit et subiecto 
va§e oris angnisti calida aqua repleto. Post id l'omeiituin illinenda 
iilcera sunt aut plumbi recremento aut ceroBsa aat argenti spuma, 
com quodübet horum aliquis eonterit, eique, dum leritur, in vicem 
vinum et oleum myrteiim adiiuit, donec mellis crasaitudinem fecerit. 
Sin autem ea ulcera circa os sunt, pliii-es(.|ue criiBtas et odorem 
foedum habent, quod genus Graeci bZawav appellant, st-iri quidem 
debet vis ei raalo posse. succurri, Nihilo minus tarnen haec tentari 
posBunt, «t Caput ad cutem tondeatur assidueque velicmenter pev- 
fticetur, niu)ia calida aqua perfundatur, Multa-eidera ambulatio sit, 
cibus moditufi, neque acer neque valentisaimus. Tum in narem 
Ipsam mel cum exigruo modo resinae terebinthinae toniiciatur (quod 
Bpecillo quoquc involuto lana fit) attraliaturque epiritu is succua, 



182 Römische Acrzle. Celsus, 

Die übrige eliinirgisL'he Behandiuug der Ozaena bid 
nichts Beraerkenswerthes; nur zur Rhinoplastik findet eich 
eine Notiz, welche von bedeutender Erfahrung Zeugniss giebt 
und wohl auch an die Ausführung der Operation bei und 
nach S>'phi]is der Nase denken iässt: „Zu dieser Behand- 
lungsweise ist aber weder Greise'nalter, noch eine schlechte 
Beschaffenheit des Körperzustandes, noch jener Habitus, 
bei welchem Geschwüre nur schwer heilen, geeignet, weil 
sich nirgends leichter ein krebshaftes Geschwür erzeugt 
und dieses nirgends schwerer behoben wird, als hier" '). 
Von syphilitischen Erkrankungen anderer Organe 
und weicher Gewebe ist nur wenig Verlässliches zu finden; 
denn wenn auch unmittelbar nach der Skleroso am Penis 
von einer „Entzündung der Hoden ohne äussere Ver- 
letzung" die Rede ist, so entspricht dies wohl nur der 
topographischen Anordnung des Stoffes; deutlicher sind 
jedoch die Rhagaden und Condylome des Afters beschrieben, 
welche durch Sitzbäder, hartgesottene und entachalte 
Taubeneier, Adstringeutien und Caustica geheilt werden. 
Bei der Leetüre der Knoclienkrankheiten dürfte wohl auch 
jeder unbefangene, also nicht suchende Leser auf Syphilis 
geführt werden; „Ein verdorbener Kuochen wird anfangs 

lionec in ore gUHtus eius sentiatur, Sub bis enim crnsfae resol- 
vumur, quae tum per sternutflmenta elidi debeiit. Piixis ulceribua 
vaiior aquae calidae subitcien-dus est, dcinde adhibendum aut lycium 
es vitiö dilulum, aut amui'ca aut omphacium aut monthae aut 
marrubii succiis aut atrameiitum sutonam, quod candel'aettim deinde 
contritum sit, aut interior Scillae pars eontrila, sie ttt horum cuilibet 
mel adiiciatur, Cuinti in ceteris admodum exigTia pars esse debet, 
in atraraento sutorio tanta, ut ea niixCura Üquida flat; cum Scilla 
utique pars maior; invalvendumqtie lana specilluni est, et in eo 
uiedicamento tingendum, eoque uicera implenda sunt. Rursuaque 
linamentum involutum et oblongum eodera mcdicamento illinendum 
demittendumque in narem, et ab inferiore parte lenlter deligandum. 
Idquo per hiemem et vere bis die, per aestatem et autumuum ter 
die fieri debet." 

1) Lib. VII, cap. 9. „Neque aoiiüe autem corpus, neque quod niali 
habitus est, necjue in quo difflculter uicera sanescunt, liuic medi- 
cinae idoneum est, qtiia nus<]iiam celerius cancer occupat, aut c 
cilius lollitur." 



Ilt !^^^ 



Römische Aerzte. Celans, 



183 



Morastentheils fettig, nachher entweder schwarz oder kariös, 
wtis gewöhnlich infolge von bösartigen (gravibus) Ge- 
schwüren und Fisteln, wenn sie lange bestanden oder 
krebsartig geworden sind, sich einstellt. Man nrnss hier 
vor allen Dingen durch Ausschneiden des Geschwürs den 
Knochen entblössen, und wenn der Schaden weiter um 
sich gegriffen hat, als der Anfang des Geschwürs war, 
die Fleischtheüe ablösen, bis man den gesunden Theil 
des Knochens von allen Seiten sehen kann; hernach ge- 
nügt CS, wenn man den fettigen Knochen ein- oder zwei- 
mal mit dem Glüheisen brennt, damit er sich abblättere, 
oder wenn man ihn abschabt, bis etwas Blut zum Vor- 
schein kommt, was ein Zeiclien eines gesunden Knochens 
ist . , . Dasselbe Verfahren hat man auch bei einem ebenso 
erkrankten Knorpel zu beobachten , . . Wenn ferner ein 
Knochen des Kopfes oder der Brust, oder eine Rippe ka- 
riös ist, so ist das Brennen nutzlos und man muss den 
Knochen aussehneiden . . . Bei weitem am gefährlichsten 
ist dieses Ausschneiden bei dem Brustknochen, weil nie 
volUtommene Gesundheit wiederkehrt, wenn auch die Be- 
handlung gehörig vor sich geht" '). 

In der Beschreibung des Trippers folgt C e 1 s u s 
offenbar seinen griechischen Vorbildern : „Est etiam circa 
naturaüa Vitium, nimia profusio seminis, quod sine venera, 
sine nocturnis iraaginibus sie fertur, ut, interposito spatio, 



1) Lib. viii, cap. 2. „Id quod vitiatum est, primo fere piugne fit, 
deinde vel nigrum vel cariosum; quae supernatis gravibus nlceribus 
ant ÜBtulis, histjue vel longa vetustate vel etiam cancro ocnipatis, 
eTeniunt. Oportet autem ante omnia ob nudave ulcere esciso, et, 
ai lattuE est eius Vitium quam uleus luit, caruem subaecare, donee 
' nndique os integrum pateat; tum id quod piague est serael iterumve 
satia est admoto lerramenCo adurere, ut ex eo sqiiama secedat, aut 
rädere, donec iam aliquid eruoris outendatur, quae integri ossis 
nota est; nam necesse est aridum eit id, quod vitiatum est. Idem 
in cartilagiue quoque laesa faciendam est ... . Item, sive capitis 
sive pectoris os eive coata cariosa est, inutilis ueCio est, et excidendi 
necessitas est ... , Lougeque perniciosissimum est, quod in ossb 
pectoris est, quia vis, otiam si reete tessit euratio, veram sanitatem 
reddit." 



184 Römische AurxEe. Celsns. 

tabe hominem cousuniat." Gegen dieses ; 
Leiden werden in erster Linie starke Abreibungen, Be- 
giessungen und Schwimmen in möglichst kaltem Wasser 
empfohlen. Die nun folgende Stelle gilt schon lange als 
eine zutreffende Schilderung des Trippers; „Solet etiam 
interdum ad nervös ulcus descendere; profluitque pituita 
multa, sanies tenuia malique odoris, non coacta, at aquae 
similis, in qua caro recens Iota est; doloresque is locus 
et punctiones habet." Im Zusammenhang gelesen verliert 
jedoch diese Beschreibung beinahe ganz ihre Wahrschein- 
lichkeit für Tripper ; die Stelle steht nämlich mitten unter 
den Beschreibungen der äusserlichen Geschwüre am Penis, 
und zur Therapie dieses vermeinten Trippers ist unter 
anderm gesagt: „Praecipueque id ulcus multa calida aqua 
fovendum est, velandumque, neque frigori committendum." 
Dies ist doch bei einem Geschwür in der Harnröhre sehr 
schwer zu verstehen! Eher noch lässt sich die folgende 
Stelle auf blennorrhoische Affectionen der weiblichen Ge- 
nitalien beziehen: „Optima autem adversus inflammationes 
vulvae Numenii compositio est, quae habet eroci p. x, 
cerae p. x. r, butjTi p. s. viir, adipis auscrinao p. x. xii, 
vltellos coctos duos, rosae minus cyatho." Auch dürfte 
sich in Folgendem der Gedanke an Harnröhrenstrictur 
nicht abweisen lassen: „Bisweilen ist man, wenn man den 
Urin nicht lassen kann, sei es nun, dass die Harnröhre 
wegen Alter erschlattt ist, oder wegen Anwesenheit eines 
Steines, oder weil ein Blutgerinsel von innen den Ausgang 
versperrt, in die Nothwendigkeit versetzt, durch manuelle 
Hilfe Erleichterung zu verschaffen; allein Otters verhindert 
auch eine massige Entzündung den natürlichen Abgang 
des Harnes. Dieses Hilfsmittel wird nicht nur bei Männern, 
sondern bisweilen auch bei Frauen nothwendig. Man ge- 
braucht hierzu eine eherne Röhre, deren der Arzt, da sie, 
jedem Körper angepasst, bald weiter bald enger sein 
müssen, drei für das männliche und zwei filr das weib- 
liche Geschlecht haben muss. Von denen für Männer soll 
die grösste fünfzehn, die mittlere zwölf und die kleinste 
neun ZoU, unter denen für Weiber dagegen die grössere 



nisclie Aerzte. CelsiiB. 



, die kleineren sechs Zoll lang arin. Sie müssen etwas 
:tfilr das Weib, mehr dagegen für den Mann gekrümmt, 
sehr glatt und weder zu dick nocli zu dünn sein"*). 
lEbenso genau wird der Catheterismus beschrieben. 

Die verscliiedenartigen Erkrankungen dei- Hoden und 
«iie daselbst vorkommenden Hernien und Tumoren be- 
schreibt C e 1 s u s mit manchmal geradezu überraschender 
IB^acision; auch die Beschreibung der Hodenentzünduiig 
3.ä88t kaum etwas zu wünschen Übrig: „Bisweilen schwillt 
infolge einer Entzündung der Hode selbst an; es gesellt 
^ich Fieber hinzu, und wenn die Entzündung nicht schnell 
^^ehoben wii'd, so breitet sich der Schmerz über die Leisten 
"■jnd Lenden aus, diese Theile schwellen an, und der Strang, 
.^sn welchem der Hode aufgehängt ist, wird dicker und 
.^^ugleich verhärtet" *). 

Die Balanitis mit Phimose und Paraphimose compli- 
^crsirt beschreibt C e 1 s u s als erste unter den Erkrankungen 
.^Lam männlichen Gliede, und mag dazu wahrscheinlich durch 
■^^idie Häufigkeit oder die Gutartigkeit dieser Krankheit ver- 
■^^lanlasst worden sein: „Wenn der Penis infolge von Ent- 
=;s^ündung aufschwillt, die Vorhaut sich zurückzieht und 
^^^^"licht wieder vorgebracht werden kann, so muss man das 
^CHjUed reichlich mit warmem Wasser bähen; wenn die 



1) Lib, VII, cap. 26. „Res vero interduni cogit emoHri manu url- 
^e^iaam, cum illa non redditur, aut quia senectute iter oius coUapsnra 
^^^Kt, aut {|uia calcnlns vol coacretnm aliqnid es saaguine intus ae 
^ci^pposuit; ac mediocriB ijiior|ue inflammatio saepe eam reddi natu- 
:^tT-aliter prohibet. Idque non iE viria tantummodo sed ia feminiB 
■^crrjnoque iuterdum nccessarium est. Ergo aeneae fistulae fiUBt, r|uae 
~*-3t omni corpori, ampliori minorique, sufliciant, ad mares tres, ad 
-^r'aminaa duae medico habendae sunt: ex virilibua masima decem 
■^Bt quinqae digitorum, media duodecim, minima novem; ex mulie- 
^Äaribus maior novem, minor sex, Incurvas vero ease eas paolum, 
^ed magis viriles oportet, laevesque admodum; ac neque nimis 
T^lenas neque nimis tenuea." 

■2) Lib. V[i, cap. 18, Interdum etiam ex inHammatione turnet ipse 
"testiculus, ac Tebres i[noiiue aiTert; et nisi eeleriter ea intiammatio 
«;onquievit, dolor ad inguina atque ilia pervenit, partesque eae intu- 
Inescunt; uervus, es quo testieulus depeudet, plenior fit, aimulquo 
indureadt." 



im 



cittelst €0^^ 



Ei4::hel Aber noch bedectt ist, w maas man mittelst c 
Jipritze zwischen dieser und der Vorhaut warmes Wasser 
em»pritzen. Findet man bei der fntersuchun^ die Haut 
weich und dUnn, äo i^elangt die übrige Behandlimg um so 
leichter zu ihrem Zwecke, Wenn die Geschwulst nach- 
läßt, so mius man entweder Linsen, oder Andorn, oder 
Olivenblätter in Wein gekocht auflegen, so dass man zu 
jedem von diesen Mitteln während des Abreibens etwas 
Honig mischt, und die Ruthe nach uutwärts gegen den 
Bauch binden, was bei der Behandlun? einer jeden Krank- 
heit derselben nothwendig ist. Der Knmke muss zu Hause 
bleiben, sich vom Genüsse der Speisen enthalten ujid nur 
so viel Wasser trinken, als zur Stillung des Durstes nöthig 
ist. Aus denselben Gründen muss man am folgenden Tage 
Bähungen von warmem Wasser anwenden, und seltet mit 
Gewalt versuchen, ob die Vorhaut sich nicht in ihre nor- 
male Lage zurückbriDgen lasse. Wenn dieses nicht ge- 
so muss man sie mit dem Messer in leichten und 
l^berSächlicben Zügen einschneiden; dena wenn mit Blut 
Vermischter Eiter die Vorhaut aufgetrieben hat, so wird 
läe dadurch dünner gemacht und kann um so leichter 
vorgezogen werden" '). 

Bei weitem präciser ist an einer anderen Stelle die 
Operation der Phimose dargestellt; man wird auch hier 



1) Ltb. VI. cap. 1^. „Igitur si ex mdammaiione coles Intumnit, 
rednciqne aninma cutis aut rarstis induci non potest, mults calida 
arfua fovendtia loco» est. ITbi vero glana contecta est, oricolsrio 
qaoqae dystere inCer eam CTitemc|Ue a<[na cattda inserenda est. 
Si mollita eic et extenuata cutis dncemi paroit, expedirior reliqua 
caratio est. Si tnmor vicit, imponenda est ve! lenticula vcl marru- 
biani vel olcae folia ex vino eocta, sie ut coilibct eotum, dum teri- 
tar, niellis panlnm adiielattir; stiraumqiie coles ad ventrem deli- 
gandtu est. Qaod in omni curntione eins neceesarinm est; isqoe 
homu continere se et abstinere a cibo debet, et potione nquae tan- 
tttm a aiti vindicari. Postero die mrans adhibeiidum üsdem ratio- 
nibUB atjuae fomentnm est, et cum vi tiuoque experiundum, an cntis 
Sülluatnr; eaque si non parebit, leviter summa Bcalpeüo concidenda 
erit, Nam cum sanies proflaxerit, estenuabitur is locus, et facilius 
cutis ducetur." 



RömiBche Äerzte. CeleuB. 187 

an acquirirte pathologische Veränderungen des Präpu- 
tiums eruinert: „Wenu im Gcgentheil (Fehlen der Vor- 
liaut) die Eichel so bedeckt ist, dass sie nicht entblösst 
Werden kauu, welchen Zustand die Griechen «pifiwöis nen- 
nen, 90 muas man sie auf folgende Weise zu eutblössen 
suchen : Mau schneidet die Haut unten vom äussersten 
Jßaude in gerader Richtung bis auf das Bündchen ein, so 
"Wird der obere Theit der Haut erschlafft und kann leicht 
^^ zuilickgebracht werdeu. Wenn dieses nicht hinreichend 
^^L ^jrzielt worden ist, sei es nun we^en der Enge oder wegen 
^^H bestehender Härte der Haut, so muss man sogleich von 
^^K.txn ten ein dreieckiges Stück von der Haut ausschneiden, 
^^B^o dass dessen Spitze gegen daa Bändchen, der breitere 
^HEPb^ii aber nach aussen zu sieht, und hernach Charpie 
^^Or»ci andere Arzneimittel auflegen, welche Heilung herbei- 
fiitai-^n. Es ist aber nothwendig, dass sich der Kranke 
bi^i zur vollbrachten Vernarbung ruhig verhalte, denn 
***-*^*~cih das Reiben des Gliedes beim Herumgehen erzeugt 
®**^l^ ein imreines Geschwür" '). 

Erwähneuswerth ist endlich noch was Celsus über 

^*^ jitresie der Seheide sagt: „Dieser Zustand bildet sich 

7*^**-*^thmal schon im Mutterleibe aus, bisweilen kommt er 

'^*'^*lge von Geschwüren an diesen Theilcn zustande, wo 

" ***^^».nn durch eine schlecht eingeleitete Behandlung wäh- 

^■•~*^<3. des Hetlungsproceases die Schamlippen miteinander 

*^*~^^-achsen Ist aber die Scheide durch Fleisch- 

. ^*^3ehen verwachsen, so muss man sie mit einem Schnitt 

gerader Linie ööhen; von jeder Schamlippe alsdann 

^^*^>>Aeder mit der Zange oder mit dem Haken soviel fassen, 

1) Lil). »11, cap, 25. „Contra s\ glana ita cuntecta est, ul nudari 
**■ poBsit, ']Uod ritiam Graeci qpiiiuimv appellant, apericnda est; 
^■-<^ «3. hoc modo fit. Subter a siimnia ora cutis inciditur recta linea 
*i ^«.e ad frenum, alque ita auperius tergrua relaxatum cederc retro 
""^^et. Quod El pamm sie profeetum est, aiit proptcr angustias ant 
** t*ter dnriiicm tergoria, protinns triangnla forma cutia ab inferiore 
•~*^« eicldenda est sie, ut vertei eiiis ad frentun, basis in tergo 
^"^^ino sIt. Tum Huperdauda Jinamenta sunt aliaque medicameuta, 
' ad sanitatcni perducant. Necessarium autem est, doncc cicatrix 
*^ODqiiieBcere : nam ambulatio attereudo Ulcus sordidum reddiL' 



"ix»» 



IB8 Rüiaische Äerzte, Celsus. 

als man einschneiden will, dann in die Oeffnung 
Länge nach gedrehte Charpie, welche die Griechen XtfiviCT- 
Koq nennen, in Esaig getaucht einführen, und oben darauf 
in Essig getauchte frisch geeehoreue Wolle binden; am 
dritten Tag den Verband abnehmen und wie die übrigen 
Wunden behandeln. Wenn sich die Wiuide schon zur 
Heilung aniasst, wird eine bleierne Röhre mit einem ver- 
uarbungsfördernden Mittel bestrichen eingeführt und da- 
selbst liegen gelassen, und durch sie die nämlichen Mittel 
eingespritzt, bis die Wunde zur Vernarbung gelangt ist" ^). 
Es Hesse sich noch Einiges aus diesem überaus wich- 
tigen und hochgebildeten medicimschen Schriftstoller des 
K Älterthums vorführen, welches mehr oder minder deutlich 
I an primäre und consecutive venerische Erkrankungen an- 
klingt; doch würden diese Stellen aus ihrem Zusammen- 
hang gerissen fast ganz ihre Bedeutung verlieren. Sogar 
die vorgebrachten Excerpte blassen einzeln stehend sehr 
wesentlich ab, und gewinnen erst durch ein sorgfältiges 
l Studium dieses vorzüglichen Autors an überzeugender 
Beweiskraft. 

Im ersten Capitel des ersten Buches bespricht Celsus 
^emlich ausführlich die Hygiene des Beischlafes; erwähnt 
jedoch, wie ja alle Aerzte des Alterthuma, weder dort 
noch anderswo einen Umstand, welcher auf eine Ueber- 
tragung von Krankheiten durch den Coitus schliessen lässt. 
Dieselbe Zurückhaltung beobachtet Celsus übrigens auch 
I bei anderen Gelegenheiten; so deutet er z. B. den Zweck 
I der Infibulation, soweit er sich auf das Geschlechtsleben 



1) Lib. vu, cap. 28. „Idiiue interdum evenit protinuB in utero 

ig, interdum exalceratione in his partibus fatta, et per nia,lftni 

I enrationem hia oria sanescendo iunctis . . . . At si caro increvit, 

1 est recta iinea patefacere; tum ab ora vel vulsella vel 

I hatao apprehensa tanquam habeuulam exi^idere, et intuB implicitum 

longitudinem linamenluiu (\r|)xv[(iKOv Qraeci vocant) in aceto tinc- 

tum demittere, siipraque succidam lanam aceto madenteni delig'are; 

tertio die aoirere ulcue et Bleut alia ulcera curare; cum(|Ue iam ad 

sanitatem tendet, plumbeam fistulam medicameuto cicatricem indu- 

ceiite iilinere eamque intus dare, aupraque idem . 

, douec ad cicati'iueui plaga pervonlat," 



ned i cameata^^ 

J 



Römische Aerzte. Stribonius. Serenus. 



fcerhaupt bezieht, nur yanz allgemein an: „Infibulare 
paoque adolescentulos interdura vocis, intcrdum valetu- 
3 causa quidara consuerunt." 
Scriboiiiiis Largiis '), welcher im Jahre 43 n. Chr. 
lereits im vorgerückten Alter den Kaiser Claudius auf 
feinem Zuge nach Britannien begleitete, ist der Vert'aeser 
mes Receptbuches, das nur wenige Worte über nicht 
^her zu bestimmende Genitalaffecte enthält. In dem 
feipitel „ad veretri turaorera et dolorem" findet sieh: „Si 
i sordidura erit aut Cancer tentavit autjam occupavit, 
jidronios ex vino benefacit". Dann: „Omne ulcus in omni 
|arte corporis sordidum (id autera est quum candicat et 
juasi crustara perductam albara habet) purgat hiel per 
, iris arida contusa vel cum melle. Eadem ratione et 
terrae mali et panacis radix purgat sordida ulcera. Miri- 
fice et hoc medicamentum purgat, etiam si cancer teutat: 
est autem teve, auripigmenti quod Graeci äpOtviKÖv dicuiit, 
. VI, aeris squamae, p. iii, elaterii, p. i, chartae com- 
iuatae cinis, p. in, quum opus est cochlearia tria rosae 
»■atho permiscentur, inde linteola carpta continguntur 
tque ita ulceri superponuntm\ Hoc medicamentum cito 
b sine uUo morsu expurgat sordidissima ulcera". Was 
feit: „Ad veretri tumorem lens ex aqua cocta et trita 
[osaoeo oleo nüxta prodest . . ." gemeint ist, dürfte kaum 
1 entscheiden sein. Ebenso wenig lässt sich aus seinen 
fioden- und anderen Tumoren machen; kenntlich sind die 
Rhagaden und Uleerationen am After und die Condylome, 
diese aber ohne Unterscheidung, angedeutet; jedoch bringt 
r auch hierüber nur sclion vorher Bekanntes. 

Von deu beiden Qaintus S«renns Samonicus, Vater 
lud. Sohn verfasste einer (wahrscheinlich der Vater, wel- 
• 211 n. Chr. auf Befehl Caracalla's getödtet wtu-de, 
er Amulete uud magische Formeln gegen Fieber 
tnpfohlcn hatte) ein anderes Reeeptbuch für Arme in 



ibonii Largi de com|iositionibiiH inedicaiiientonim 
- Tn: Oollectio Stephaniiina (Paris), 15IJ7, fol., p. 231—233. 
flj^ergl, ancb: Gruner'a Aphrodisiaciis ITI, ]i. 7. 



Böiaische Aerate. PlacituK, Pi 



1115 Hexametern, in welchem unter der Bezeiehniing 
„Omnibus obscoenis medendis" die folgenden Verse stehen: 



nObscoenos si poue locos uova yulnera ciirpent, 
Hori'eiitam mansa curantur fronde mborum, 
Ät si jam veteri succedit fistula morbo. 
Musteliae cinere immisso pm-gäbitiir ulcas, 
_SanguinB aeß ricini quem bos gestaverit ante. 
Herha ehelidoniae fertui' cam metle mederi, 
Herbaqae cum sevo folüs de mille vocala" '). 



I 



Sextus Placitng Papyrensis^), wieder ein anderer 
Receptensammler aus dem vierten Jahrhundert, führt uns 
verschiedene animalische Heilstoffe, oder eigentlich Dinge 
vor, die der naive Mann dafür hält; doch filr das, was 
hier bewiesen werden soll, ist auch er gut genug. Von 
seinen Mittein: „Ad veretri exulceratiouem", „ad carbun- 
culos in veretro", „ad carbunculos qui in veretro nascun- 
tur", „ad callos qui in veretro nascuntur", „ad diiritiam 
locorum," „ad flcos qui in ano nascuntur" sei nui' das „ad 
inguina" angeführt: „Cervi pudenda si tecum habueris, in- 
guina tibi non tumebunt et si tumor autiquus fuerit, velociter 
recedet." Es ist unverlcennbar, dass er bei seiner Arbeit 
auch den Celsus vor sich liegen hatte und ihm besonders 
auch die Aufschriften der einzelnen Kapitel entnahm. 

Theodoras Priscianns ^) , Archiater gegen Ende des 
vierten Jahrhunderts unter Kaiser Gratianus in Rom, zählt 
in seinem Werke, das er selbst „Mediciuae praesentaneae"' 



1) Quintus Serenua Samosicus. De mediciua praecepCa 
saluberrima. — In: Collectio Stephaniana p. 43&. 

3) SextuB PlauitUH Papyrensis. De raedicanieiitts ex ani- 
matibua Über. ^la: Parabiliuui medi(^alll^ntorum scriplores antiqui. 
Norirabergae et Altorfii, 1788, 8", p. 6—74. 

3) Theod, Prisciani archiatri ad Timotheum fralrem phae- 
noinenon fluporiston über i, Logriciis liber ii, Gynaeuea ad Salvinam 
Über III. Baaileae, 1532, 4". — Vergl. Handbuch der Bücherkunde 
von Ludw. Choulant, ii.AuÜ. Leipzig 1841, 8", p. 216; Gruner's 
Aphrodisiacus Ul, p. 9, Friedr. Willi. Müller Die veneristben Krank- 
heiten im Alterthum. Erlangen 1873, 8», p. «1—83 und Jul. I 
bäum I. c. p. 410. 




RömiBclie AerztG. Aui't'liftQiis. 



die wichtigsten Krfinkheiten a capito ad calccm 

' und ihre Heilmittel auf und koTiimt dabei als Conipilator 

eben auch nicht weiter als seine unmittelbjiren Vorgänger, 

ob zwar er sich über sie, wenigstens in therapeutischer 

Beziehung, zu erheben sucht. Die Geschwüre am Penis ') 

und die Rhagaden und Condylome am After*) nennt er 

, üur, ohne sie näher zu beschreiben; Über die Gonorrhoe^) 

' ist er gerade so unklar wie seine Zeitgenossen und Vor- 

:äiiger; eher noch liesse sich über dieselbe Kratiklieit bei 

I^Fraueu*) etwas denken. 

Caelins Aureliaiiii»)'^). aus Sicca in Numidien, wel- 
* eher wahrscheinlich zu Ende des vierten 'oder anfangs 
des fünften Jahrhunderts als Arzt und Lehrer der Medicin 
üi Rom lebte, kommt eigentlich nur als Uebersetzer eines 

I'verloren gegangenen Werkes des Soranus aus Ephesus 
^n Betracht, aus welchem sich nicht ermitteln lässt, ob 
&Jcht etwa doch eine grössere Anzahl und welche Zusätze 
^der Abänderungen dem Caelius Äurelianus znge- 
S[«hrieben werden können. Leider sind auch die Ueber- 

1) „De veretri, hoc est, de niiturae vitii». Ulceribtia vero in 
^*>deni caule natis lepidae typrlae piUverem confidenter aap ergo, et 
*«- jthronitri BoliuB tfiti pulvis eodem modo operatur . . . m veluti 
«^^rbuntiiltis innatus fatsrit, lycimu cum melle tritiim auppono, fre- 
*:),^ienter per diem inepergo niel tepiduiii. Fomentandum est iuterea 
^:ä aqua de aeminibTiB, quae in aqua, coijui debeut . . .'' 

3) „De diversia vitiis ia ano nascentibua. Na^citur in hoc 
"S^epissime icdignatio vel fervor, fit rhagadium, fit Condyloma, erum- 
X»iint haemorrhoidae, nascuntiir exochadia, flunt et ayringae . . . 
^tioe (almnine) tacta esochadia spontanea freiiuentius cecideruut." 
3) „Satyriasis, gonorrboea vel priapismas, qaibus simiüs est 
^ lab iinmoderata patratione molestia, hts acddentibus disterminaiitur. 
^^onorrhoea sine veretri extensione vel usus venera desiderio, sper- 
"■xiatis aftlaentissima snb efTnsione coTpora debilitat et per clironica 
tempora producitur." 

i) „Aliquando etiam spennatis spontanei et importiini fluxn 
f oeiuinae l'atigantur, quod Graeci gonorroeam appellant. Eaoc qiiaB 
viriB hoc vitio laborantibua snpcrlus ordiaata sunt, etiam raeminis 
Convenit adhiberi." 

5) Caelii Aiireliani. De iiiorbis acutis et clirnnicis libri 
Otto. AijiBtclodami, 175b, i". 






m Banüadte Lool PrimiptiM. 

.it^dungcn nicht mehr Tnn^rändi^ i^rhalteo. zudüm. stetlen- 
w«iHf> sehr verworren und daher schwer verständlich. 

Bei dpn BUiQuiiTi'ii ^i>x c;ipitR-' «*gt Caetiua Au- 
r«?liitnus iint^r aiidi^r^m, duH» muii in rwlcben FMIea aoch. 
Wenn man die Zuntre ait^derdnickt. eine &;iubi^eic oder 
<;f>ndyloniaKi(»e Anw-hwdluois'en finde, oua lienen das Blut 
hnrvortTiM'i. Da dieser Znatiind unter den uhroniscfaen 
Krankheiten angettlhn wird. «> wurde bereits Hieser*; 
däriiin geleitet an ^yphilltii^ütie Affii.' doaen des Rai:iiens za 
(»rinnem. 

Die Civpitel über CHabetes imd Gonorrfaue sindr wie 
Rainer ftlr ., unzweifelhaft'^ erkiärt durch ab»efareibende 
Mfinfbe schon sehr früh verl-iren gecanaen; daher sind 
mir mehr einige Stellen vi>riianden, welche den Tripper 

tin ditTerenzialdiagDOätiächer B^öehon^ erwähnen '). uns je- 
doch aber di« Kenntnisse des CAeliUd Aureliannä nicht 
wesentlich aufzuklären vsmäeen. 
wel 
Liti 
a»|H 
G» 
haei 
«r, 
lieh< 
at.,t 
dim 
CA 
i 



Laien. 

Die Prfs^ia *j. eine Samralang lasciver Gedichte, 
welche ziimewt in dem goldenen Zeitalter der romischeD 
Litteratur an die Wände der Tempel und Bildsäulen dea 

]) ,IiM|iic>eiitib<u Dohia depresaa Uagn» Yüa Uicoram probttor 
ag|Mri(M. fleramriae rtiam. ai Crasiatratns air, tabemtla, qm« 
Gra<!ei eondytomaia yocanc Tisibos occarranc, qnae mnl sünüiii 
haetnorrhoidi», ex 'faiboj nanguia fertur.'* 

1t Haesftr, H.. Lehrbuch, I, p. 332 und ni. p- 223. 

^) Jütltn »Di«in a satyria« gonoirboea, i]ii»>i »oa saaiitia 
lapMnm vocarrtn-^ «i'inidem sine tensione reretri fit semisis inToto» 
Urift ftt'jne Jn^a elapsio." 

lann iSchmidl's Johrböcber. 1837, XIII. p. 101) b&tt d«- 
fflr, diMB OaeliDsAsrelianas sich in Fol^etideni für di« entzSiid- 
liehe Farm der Oonorrhoe aosgesproehen habe; „Tentigo ema dolore 
at()tifl inrendio, mm qnodsiu prarita imniodico in reuervam libi- 
dinem co^entf-; difHcilis nrinae egestio.' 

4) l'riapcia »ive diversorain poetanim in Priapnm lusiis,illus[mti 
n^ntarils Casp. Scioppi, Franci, L. ApuleJI Madaureni^is 'Avc- 
^o^ltvo4 ab eodfiin illuHtralBs. Heraclii Imperatoris, Sophöclis Sophiste, 
Ci Antonii, (J. Sorani et Cleopatrae reginae «.'pii^tolae de prodigiosa 



Komische Laien. Priapeia. 193 

Priapus, oder auch an die Gartenmauern, Grotten, Aborte 
u. dgl.- in deren Nähe geschrieben wurden, enthalten 
überaus lehrreiche Beiträge zu dem Geschlechtsleben des 
römischen Volkes aus jener Zeit ; von besonderem Inter- 
esse für unseren Gegenstand ist jedoch nur das 37. Gedicht: 

„Voti solutio. 
Cur pictum memori sit in tabella 
Membrum quaeritis unde procreamur? 
Cum penis mihi forte laesus esset, 
Chirurgique manum miser timerem, 
Diis me legitimis, nimisque magnis 
Ut Phoebo puta, filioque Phoebi 
Curatum dare mentulam verebar. 
Huic dixi, fer opem, Priape, parti, 
Cuius tu, pater, ipse par videris: 
Qua salva sine sectione facta, 
Ponetur tibi picta, quam levaris, 
Parque consimilisque concolorque 
Promisit fore: mentulam movit 
Pro nutu deus et rogata fecit. 

Einige französische Syphilographen sprechen von Vo- 
tivbildern, welche, falls die Zeitangabe richtig ist, wohl 
nur römischen Ursprungs sein können. Melchior Robert ^) 
berichtet darüber nach der Union mödicale vom 22. De- 
cember 1852: „Dans la söance du 17 octobre 1852, M. 
Becquerel communiqua ä la Soci6t6 mödicale des höpi- 
taux de Paris, „„les inductions d'un antiquaire de la Cöte- 
d'Or, qui, aux ruines d'un temple prfes de la Seine, lä oü 
Ton prenait des bains, a rencontrö de nombreux ex-voto 
attestant les guörisons de difförentes maladies des organes 
g6nito-urinaires par Fusage des eaux. On a fait litho- 
graphier ces ex-voto et Ton voit lä des exemples de tu- 



Cleopatrae reginae libidine. Huic editioni accedunt Jos. Scaligeri 
in Priapeia Commentarii ac Friderici Linden-Bruch. Patavii, 1664, 
80, p. 45. 

1) Robert, M., Nouveau traite des maladies v6neriennes. Paris 
1861, 80, p. 4. 

Proksch, Geschichte der vener. Krankheiten I. 13 



194 



Hömische Lai 



Lucretins. Horntiue. 



meurs du scrotum, de bubons, de destruction du pönis, 
et d'autres altßrations qu'on pourrait peut-6tre rapporter 
ä la Syphilis. Dans ce cas, le fait serait tr^s-curieux, car 
il fetablirait rexistence de cette maladie ä la trentiöme 
ann^e de l'fere chr6tienne."" Es wären dies also gemalte 
„Priapeia". 

Marcus Tulllns Cicero') (106^3 v. Chr.) hat in 
einem Briefe an Gallus eine Stelle, welche gewöhnlich auf 
venerischen Tripper bezogen wird, jedoch nicht mehr als 
die Entstehung der Dysurie durch geschlechtliche Vn- 
mässigkeit ausdrückt. 

Titas Lncretias Carns, geboren um 98 v. Chr., ge- 
storben im Jahre 5t>, giebt am Schlüsse seines unvollendet 
hinterlassenen Lehrgedichtes') die berühmte Schilderung 
der schon von Thukydides beschriebenen athenischen 
Pest. Die Stelle, welche sich auf die Erkrankungen der 
Geschlechtstheile bezieht, hat bei Lucrez zwar eine etwas 
diiferirende Fassung, jedoch keinesfalls eine andere Be- 
deutung als die bei Thukydides angeführte; Ersterer 



„Profluvium porro qui tetri sanguinis acre 
Exierat; tarnen in nervös huio morbus et artus 
Ibat et in partes genitales corporis ipsas. 
Et graviter partim metuentes limina leti 
Vivebant ferro privati parte Tirili," 
Quintns Horatins Flacens (von 65—8 v. Chr.) spricht 
in der fünften Satii-e des ersten Buches von einem „Mor- 
bus campaniis"*), welcher achon seit dem Beginn des acht- 

1) M. T. Cicerouis Epistolarnm ad Diversoa lib. VII, epiat. 26 
ad Gallum: „Ego autem cum omnea morbos refonnido, tum quo 
Epicurum tuum Stoici male accipiunt, quia dieat buaoupiKd nqI bvae^- 
TfpiKä ndSi] sibi raolesta esse: quarum alterum morbum edacitatis 
esse putant, altei'iim etiam tnrpioris intempeTantiae,'' 

2) TitUB Lucretius Carus. De remm natura lib. VI, vera 
1203 sq. — Die beste Ausgabe mit Commentar von Laulimann. 
Berlin 1871, die 4. Aufl. 

3) „ Prior Sarmentus: Equi te 

Esse feri similem dico. EidemuB; et ipae 
Messius: Accipio; caput et movet. O, tua coruu 



Hömische Laien. Horatius . 195 

zehnten Jahrhunderts Gegenstand von weitgehenden ge- 
lehrten Streitigkeiten unter den Syphilishistorikern gewesen 
ist, obwohl die Sachlage eine höchst einfache genannt 
werden muss: Zwei Possenreisser ziehen sich zur Be- 
lustigung einer Gesellschaft gegenseitig auf; der Eine 
(Sarmentus) bespöttelt an dem Andern (Messius) eine häss- 
liche oder schändliche Narbe (foeda cicatrix) an der lin- 
ken Seite der Stirn; diese Narbe war durch das Aus- 
schneiden eines Hornes (cornu), also jedenfalls irgend einer 
Geschwulst an demselben Orte entstanden, und diese Narbe 
und Geschwulst werden nun als durch den „Morbus cam- 
panus" veranlasst angegeben. Weder Horaz, noch sonst 
ein Laie oder ein medicinischer Schriftsteller des Alter- 
thums sagt etwas genauer, welcher Art dieser „Morbus 
campanus" eigentlich gewesen sei — und daher der Streit 
der Gelehrten; während die Sache doch schon dem Ho- 
raz und seinen Zeitgenossen verständlich gewesen sein 
muss, und es wohl auch heute noch für jede unbefangene 
Auffassung ist: Eine hässliche Narbe aus einer operirten 
Geschwulst an der linken Stirnseite, entstanden durch 
eine Krankheit, welche einer muntern Gesellschaft zur 
Belustigung dient! Braucht irgend ein Arzt oder auch 
nur Laie dazu einen Commentar? 

Nicht ebenso deutlich ist aus der 37. Ode im ersten 
Buche des Horaz ^) „ein Haufe von mit Lustseuche be- 
hafteter Männer'' herauszulesen, denn sicher ist da nur 
von dem siechen, verschnittenen Gefolge der Kleopatra 



Ni foret exsecto frons, inquit, quid faceres, cum 
Sic mutilus miniteris? At illi foeda cicatrix 
Setosam laevi frontem turpaverat oris. 
Campanum in morbum, in faciem permulta iocatus 
Pastores saltaret uti Cyclopa, rogabat; 
Nil illi larva aut tragicis opus esse cothurnis." 

1) „Ante hoc nefas depromere Caecubum 
Cellis avitis, dum Capitolio 
Kegina dementes ruinas 
Funus et imperio parabat 
Contaminato cum grege turpium 
Morbo virorum." 



196 Römidchie L&ieit. Seneca. 

die Rede, ohne dass irgend ein Umstand oder ein einzi^^es 
Symptom angedeutet wird, das sieh zwanglos auf Syphilis 
beziehen lässt. Kaum grössere Bedeutung hat ein Fund 
Rosenbaum's aus Horaz'i. ^H 

„Naia, displosa sonat qnantom vesica, pepedi ^H 

Diffiasa nate ficoa " ^B 

Lucius Annaens SeDeca , der Philosoph, geboren um 
das Jahr 4 v. Chr., gestorben im Jahre 60 n. Chr., gewährt 
uns in seinen Schriften ebenfalls einige Blicke in das 
Geschlechtsleben semer Zeit und auch über die Folgen 
der Ausartung desselben. Es sei hier die Abhandlung 
von K. F. H. Mars') über Seneca benützt: 

„Die Nächte verlebten sie bei den Huren oder beim 
Weine. Durch ihren unzüchtigen Umgang blieben sie 
wie diu"ch einen Eid an einander gefesselt, und die Folgen 
waren aehlinune Geschwore an den Genitalien'- ^). 

„Die ausschweifenden Frauenzimmer widerlegten die 
Behauptung des Hippokrates, dass das weibliche Ge- 
schlecht von Glatzen und Podagra frei bleibe; jedoch 
deren Natur habe sieh nicht geändert , sondern deren 
Lebensweise. Dadurch dass sie den Lüsten des männ- 
lichen Geschlechtes nacheiferten, theilten sie dessen Mängel 
und Uebel"*). 

1) Satiren lib. I, viii, 46. 

2) Marx, K. F. H., Uebersiehtlithe Anorduung der die Medicin 
betreffenden Aussprüche des Philosophen Lucius Anoaeus Seneca. 
Göttingen 1877, 4", p. 65. — Aus; Abhandlungen d. königi. Gesell- 
schaft der Wiesensch. za Güttlugen, XXII. 

3) Dialogi, X. De brevitate vitae, IG, 5: „Noctes, quaa in 
complexn scortorum ant vino exiguiit." — Ibidem 4, 6: „Adultcrio 
veiul sacramento adacti. ÜIcera cum ipsis membris absciderat: alia 
aubnascebantur." Hier ist die Rede von dem eittenlosen Umgange 
vornehmer Jünglinge mit Julia, der Tochter des Augustus. 

4) Episttüae, libr. XV, ep. 3 (95), 20: „Maximus ille medieorum 
et hujus scientiae conditor feminis nee capilloa deßuere dixit nee 
pedes iaborare: atqui et capilHs destituuntur et pedibus aegrae sunt:, 
non mutata feoiinarum natui-a, sed vita est : nam cum virorum 
licentiam aequaverint, corporuin quoque virilium incomraoda aequa- 
mnt. non minus pervigilant, non minus potant, et oleo et mero 
viros proTOcant. aeque Invitis ingesta vlaceribus per os rcddunt 




Rötnische I,a 



Viilfi 



■i Maxiinus. 



197 



(Jetzt diene das Baden zmm anhaltendea wollüstigen 
Vergnügen, und die, welche sich ilim ergäben, trieften 
Von Wein und Salben, entnervt, bleich, oder geschminkt 
p Und durch Arzneien zum Scheiterhaufen zubereitet" '). 
m „An den Schamthcilen geschähen Heilversuche mit 
Ren heftigsten Schmerzen"*). 

„Folgen der Ausschweifung seien Schwindel, Ge- 
himleiden, Augen- und Ohrenaffectionen, innerliche Ge- 
schwüre"^). 

L Auch erklärt Seneca die briefliche Behandlung für 
nzulässig^) ; dies also ein Laie vor fast zweitausend Jahren 
E— und lieute ? 

Talerius Haxinms erzählt in seinen zwischen den 
Jaliren 29 bis 32 n. Chr. geschriebenen Memorabilien *) : 
iClodius Pulcher, qui praeter quam quod euervem et fri- 
.am inventam egit, pcrdito etiam amore vulgatissimae 
leretricis infamis fuit, mortis erubescendo genere con- 
sumptus fuit: abdominc enim avide devorato, foedae ac 
sordidae intemperantiae spiritum reddidit." Da hier von 
dem Umgang mit einer gemeinsten Hure die Rede ist, 
len einige Syphilographeu das Abdomen euphemistisch 



omne vomitu lemetiuntur. übidine ne maribus ceduBt. 
nid ergo mirandam est masimam medicorum a.a naturae peritisei- 
1 In mendacio prendi, cimi tot feininae podagricae calvasqun 

1) Dialogi, VII. Ad Gallionem de Vita teata 7, 3: „Volnptatem 
Biveniefl circa balinea ac siidatoria, möllern, euervem, mero atcjue 

pientomadentein, pallidam ant fHicataiu et niedicamentifipoUinctam." 

2) Dialogi, VI. Ad Marciam de consolatione 22, 3: ^Lacera- 
Ines medicoruui höh per simpliceni dolorem puAonda curantium." 

3) Epistolae, Libr. XV, ep. 3 (95") 17: „Quid capitis vertigines 
m? quid ocularum auriumque tormeuta et eerebri aestuantia 

inationes et omnia, per i|uae, esoiieraniur, intemis ulceribnB 
Ureeta?« 

4) Epistolae, Libr. IIT, ep, 1 (22) 1 : ,Non potest medieus per 
Ifitalara cibi aiit balnei teinpus eligere: vena tangenda eet." 

B) Valeriua Masimus. Factoruin dictorumqne memorabilium 
Bfi IX ad Tiberiiim Caeaarem Anguetnm. Edit. Aldae Manutiue. 
metiia, 1534, — Vergl, GirtaBiier, Abhandlung über die venerische 
bankheit. II. Auf!. Gültingen 1793, 8", ItT, p, 361, 



Römische Laien. Martialis. 



für membrum virile und liessen den Pulcher an phage- 
dänischen Genitalgesc-hwüren gestorben sein. Dem ent- 
gegen soll jedoch, wie die Vertheidiger des neuen Ur- 
sprungs der Sj-philis behaupten, Martial (die Stelle wird 
nicht angegeben) ^) berichten, dass derselbe Pulcher an 
einem Stück Schweinseuter, das er allzu gierig verschlin- 
gen wollte, erstickt sei. — Die Entscheidung dieser An- 
gelegenheit sei künftigen Forschern überlassen. 

Marens Valerius Martialis^) (etwa um 40 bis 102 
u. Chr.) bringt unter allen Dichtem des Altertbums die 
meisten Nachrichten über den seinerzeit entarteten Ge- 
schlechtsverkehr und die damit zusammenhängenden Er- 
krankungen. Die Deutlichkeit dieser Nachrichten steht 
jedoch bezüglich der Krankheiten nicht im gleichen Ver- 
hältniss mit der Anzahl, Unanfechtbar ist bei Martial 
nur die grosse Verbreitung der Feigwarzen als einer 
schimpflichen, also jedenfalls einer unlauteren Quelle ent- 
springenden Krankheit dargestellt; von mehreren Stellen, 
in denen er diese Excres.cenzen nur dem Namen nach 
anführt, genügt hier wohl seine 

„Familia ficosa. 
Ficosa est usor, fleoana et ipse maritua, 
Filia ficosa est et gener atqao nepoa. 
Nee dispensator nee villieua ulcere tarpi, 
Nee rigidus foaaor, sed nee arator eget. 
Cum aint ficosi pariter iuvenesque senesque, 
Eea mira est, flcoa non habet unns ager" ^). 

Grösseren Werth hätten diese Stellen für die Existenz 
der Syphihs im alten Rom allerdings, wenn sie in ähn- 
licher, sachlicher Fassimg bei irgend einem gleichzeitigen 



I 



1) In den Epigrammen des 
finden, die Stelle miiaste deinnach in eint 
über Martial enthalten sein. 

2) Martialia, M. Val. Epip-ammati 
eua denuo recognita edidit P. G. Schneie 
pp. XVI, 379. 

3) Epig. Itb, Vn, 71, 



a r t i a 1 ist darüber nichts zu 
n einem anderen Schrütateller 



i Libri. Ex rcueneione 
iwin. Lipsiae, 1876, SP, 



Bömischo Laien. Martialis. 



^ 



Arzte, einem Naturforscher, oder einem Historiker vor- 
kämen; denn so häufig die Feigwarzen bei diesen auch 
erwähnt werden, so ist doch ihr Vorkommen in so grosser 
Verbreitung und selbst in dem engen Kreis einer Familie, 
was eben die Condylomata acuminata theilweise auszu- 
schhesaeu und die Condylomata lata als allgemeiner anzu- 
nehmen eher erlaubt, bei keinem Schriftsteller des Alter- 
thums bisher aufgefunden worden. 

Geschwüre oder nässende Condylome am After waren 
es wahrscheinlich, an denen Martial die lasterhafte Les- 
bia leiden lässt, dennoch erscieint jede bestimmtere Aus- 
sage gewagt ; das Epigramm lautet : 

„De cathedra quotieiis surgis ■ — iam saepe notavi ■ — 
Paedicant miserne, Lesbia, te tunicae. 
Quas cum conata es dextra, conata sinistra 
Vellere, cum lacrimis eximis et gemitu. 
Sic constringuntur gemina Symplegade culi 
Et Minyas intrant Cyaneasqne nates. 
Emendare cupis Vitium deforme? docebo : 
Lesbia, nee aurgas cenaeo, nee sedeas"^). 
Das folgende von den Syphilishistorikern öfters ci- 
tirte Epigramm muss sich nicht gerade auf das Gefähr- 
liche, es kann sich auch blos auf das Ekelhafte des 
Küssens beziehen, und die genannten Krankheiten müssen 
nicht gerade syphihtiech gewesen sein, wenn gleich die- 
selben ebenso wenig ausgeschlossen werden können : 
„Effugere non est, Flacee, baaiatorca. 
Instant, morantur, pcrsecuntur, occurront, 
Et hinc et illinc, usquequaque, quacanqae, 
Non Ulcus acre pustulaeve luceutes, 
Nee triste mentum sordiflique üehenes, 
Nee labra pingui delibuta cerato . ■ ." '). 
fRecht lebhaft an Syphilis gemahnt wird man aller- 
dings, wenn man den Rahmen betrachtet, in welchem 



1) Epig. lib. XI, M. 

2) Epig. lib. SI, 98. 



200 



RömiKche Laieo. Martiaüs, 



das Epigrarara steckt, deau unmittelbar auf dieses folgt 
das oben angefübrte an Lesbia, und sonst ist aucli noch 
ringsumher auf das Geschlechtsleben bezüglicher Unflat. 
Aehnliche Erwägungen mögen dazu geführt haben, den 
folgenden grauenvollen Fall für Syphilis durch wider- 
natürliche Ansteckung zu halten: 

„Aeolidos Canace iacet hoc tumulata sepulcro, 
Ultima cui parvae aeptima venit hiems. 
Äh soelas, ah faeinus! properas quid flere, viator? 
Non licet hie vitae de brevitate queri, 
Tristiua est leto leti geuus : horrida voltus 
Abstulit et teuere sedit in ore laes, 
Ipsaque crudeles ederunt oacula morbi, 
Nee data sunt nigris tota labella rogis. 
Si tarn praecipiti fuerant ventui"a volatu, 
Debnerant alia fata venire via. 
Sed mors vocia iter properavit eludere blandae, 
Ne posset duras flectere lingua deas" '). 
Unmittelbar darauf folgt ein Epigramm an ZoUus, 
den Martial wiederholt als Wüstling und je einmal deu^ 
lieh als FeUator und Cunnilingus bezeichnet. Derselbe 
Schlamm deutet denn auch auf die Krankheit des Festus: 
„Indignas premeret pestis cum tabida faaces 
Inque buos voltus serperet atra laes, 
Siccis ipse genis fleates hortatas amicos 
Decrevit Stygios Festua adire lacus. 
Nee tarnen obacuro pia polluit ora veneno 
Aut torsit lenta trlstia fata fame, 
Sanctam Komana vitam sed morte peregit 
Diraisitque animam nobiliore via. 
Hanc mortem fatis magiii praeferre Catonis 
Fama potest : huius Caesar amicus erat" '). 
Ebenso wird in der Krankheit von Martial's S 
ber SyphUis vemiuthet .- 



1) Epig. !ih. XI, 91. 
2} Epig. üb. I, 78. 



Bömische Laien. Juvenalis. 201 

„Destituit primos viridis Demetrius annos: 

Quarta tribus lustris addita messis erat. 

Ne tarnen ad Stygias famulus descenderet umbras, 

Dreret implicitnm cum scelerata lues, 

Cavimus et domini ius omne remisimus aegro : 

Munere dignus erat convaluisse meo. 

Sensit deficiens sua praemia meque patronum 

Dixit ad infemas liber iturus aquas" ^X 

Von einer gewissen Bassa, über welche Martial 
allerlei verdächtige, nicht immer klare Aeusserungen thut, 
sagt er: 

„Quod siccae redolet palus lacunae, 
Crudarum nebulae quod Albularum, 
Piscinae vetus aura quod marinae, 
Quod pressa piger hircus in capella, 
Lassi vardaicus quod evocati, 



Mallem quam quod oles olerc, Bassa" ^). 

Sogar Astruc^) dem nichts ferner lag, als eine Spur 
von Syphilis bei den Alten zuzugeben, konnte sich's nicht 
versagen einige Verse dieses Epigramms bei der Beschrei- 
bung des syphilitischen „Oris foetor" zu excerpiren. 

So wenig beweiskräftig jede einzelne der soeben vorge- 
führten, und anderer hier übergangener Stellen für die 
Existenz der Syphilis im alten Rom auch sein mag, so 
dürfte es dennoch schwer fallen den Martial ganz zu 
verstehen, ohne das Vorhandensein dieser Krankheit an- 
zunehmen. 

Decimns Jnnins Juvenalis (ca. 47 — 130 n. Chr.) bringt 
ebenfalls deutlich geschlechtliche Ausschweifungen und 
Feigwarzen in einen Causalnexus; desshalb, und wohl 
auch wegen der beigefügten therapeutischen Bemerkung, 
ist seine zweite Satire über die Heuchler vom 8 — 13 Vers 
von Belang: 



1) Epig. lib. I, 101. 

2) Epig. lib. IV, 4. 

3) Astrue, 1. c. I, p. 413. 



Römische Laien. Tacitas, 



^Qnis enim non vicas abandat 
Tristibas obscenis ? Castigas turpia, com sis 
Inter Socratieos ootisäima fossa Cinacdos. 
Hispida mcmbra quidem, et dnrae per brachia setae 
Promittant atrocem animum, sed podiee laevi 
Caedunrar tnmidae, niedico ridente, mariscae." 
Cornelius Tacitas') (ca. 54^117 n. Chr.) Gajas Sne- 
tonios TranqniHns') (um 70 — 140) und Flavias Claudias 
Jolianos^) (331 — 363) könneu hier gleich mitsammen ver- 
nommen werden, da die beiden römischen Geschichts- 
schreiber und der römische Kaiser Über einen und denselben 
Punkt aussagen. Es handelt sich hier um den ausschwei- 
fenden Lüstling Tiberius, von welchem Tacitus erzählt: 
er habe sieh im Alter zurückgezogen, weU er sich vor 
seinem Aeusseren schämte, denn nicht nur seine hohe 
Gestalt sei sehr hager und gebückt gewesen, sondern er 
habe auch seine Haare verloren und sein Gesicht sei stets 
voller Geschwtire und gewöhnhch mit Pflastern wie be- 
säet gewesen*). Sueton sagt von des Tiberius Gesicht, 
dass es mit vielen kleinen Geschwülsten bedeckt war*). 
Etwas gründlicher schildert Julian die Krankheit des 
Tiberius: Romulus habe zum Feste der Saturnalien alle 
Götter und Caesaren geladen und da sei auch Tiberius 
erschienen, „als er sich aber gegen den Sitz gewendet 
hatte, sah man nach dem Rücken zu Tausende von Narben, 
Brandflecke, Schaben, harte Striemen und Schwielen, von 
seiner Ausschweifung und Rohheit mancherlei »iiüjpai und 
Xeixnvee gleichsam eingebrannt"^), Erwähnenswerth ist 

1) Tacitus, Annaleu, IV, 57. 

2) Sueloij, Vita Tiberii, cap. 68. 

3) Julian, Ol Koioaptc- — Indessen: Opera omni a. Parisiis, 
IfiSO, i«, n, p. 9. 

4) „Praegracilifi et incnrva proceritas, nudus capillo vertex, 
ulcerosa facies, ac plerumque medicaminibns interatincta." 

5) „Facie honesta, in qua tarnen crebri et subtiles tumores." 

6) n'EmöTpoqj^vtoi; bi Trpoq Tf|v Kdeebpav \L(p%r]oav limtXaX KaT& 
TÖv viiiTov niipiai, KouTflp^i; tiv«; Kol E^afiiTO, Kol irXrjYai xa^e"«' koI 
HiiiAujire?, iinä Tqi, änoXoaiai; Kai iJjhötuto;, niüjpal tiv6^ xol ^«ixflve^, olov 
kxtxtcmjtiivm." 



.^L^ 



Römische Laien. Plinius. 203 

die Bemerkung F. A. Simon 'ß, des hartnäckigsten und 
produktivsten Vertheidigers des neuen Ursprungs der Sy- 
philis, über die Krankheit des Tiberius: „Indess wäre 
aclion die Kalilköpfigkeit , die ulcerosa facies und die 
crebri tumores, die er durch Schminkmittel zu verdecken 
suchte, verdächtig genug, und seine Lebensweise war 
auch wohl geeignet ihm schlechte Gesichtsausschläge und 
Alopecle zuzuziehen, wenn die Syphiiia in unserem Sinne 
damals schon vorhanden gewesen wäre." Sueton') be- 
schreibt auch die Krankheit des Augustus, welche an Sy- 
philis gemahnt. 

Was Cujus Plinius Secnndns, der Aeltere (23 — 79 
n. Chr.), in den pharmakologischen Theilen seiner gross- 
artigen in den Jaliren 77 und 78 verfassten Compilation aus 
mehr als 2000 zumeist verloren gegangenen "Werken anführt, 
unterscheidet sich im Allgemeinen nicht wesentlich von 
dem, was aus den auf unsere Zeit überkommonen grie- 
cliischen und römischen Schriftstellern bekannt geworden 
ist. Seine Arzneimittel gegen die mannigfachsten Erkran- 
kungen der Geschlechtstheile und des Afters'), unter 
weichen „profluviiim geniturae" Fluor albus, Ulcera, Ho- 
den-Entzündung und Geschwülste, Inguinaltumoren, Rha- 
gaden und Condylome besonders genannt werden, weichen 
zwar mehrfach von denen bei den alten Aerzten beschrie- 
benen ab, waren aber wohl von diesen nicht beachtete 
Haus- und Volksmittel. Die Bemerkung über die An- 
wendung des Agrest stammt der Hauptsache nach jeden- 
falls aus dem Dioskorides, hat aber auch eine etwas 
variirende Fassung, welche wieder an einige Stellen 
des Celsus erinnert, in denen die Geschwüre an den 
Genitalien mit verschiedenen Aft'ektionen des Mundes 



1) Sueton. Vita Octaviani Angusti, cap. 80: „Corpore tra- 
dittir maciiloBo, dispersis per pectus atque aivum genitivis notis, in 
modum et ordinem ac numemm Btellarum coelcBtis Ursae; sed et 
oallis quihuadani, ex prurigine corporis, aBsidaoqBe et Tshementi 
strigilis usn, plnrifariam concrctie, ad impetiginis formam." 

2) Cajus Plinius Secundus. Hiatoria naturalis, libr, XX 
biflXXIX. 



504 Römische L^ien, Plinius. 

und der Tonsillen in einen pathogenotist-hen Zusammen- 
hang gebracht werden: „Omphaciuiu , . . sanat ea quae 
in umore sint ulcera, ut oris, tousillarum, genitalium . , ." 
Dasselbe gilt von einigen andern Mitteln^^egen Genital- 
geschwtlre, so „Lycium . . . sanat . . . inlitium rhagadia, 
genitalium uicera, atritus, ulcera recentia et serpentia ac 
putrescentia, in naribus clavos, suppurationes . . ." Von 
den pathologischen jVnmerkungen ist eine davon, trotz der 
Widersinnigkeit der eingeflothtenen Theorie, für die Kennt- 
nisse der Alten über die Änsteckungswege von Belang: 
„Mulierum profluvium omnino pestiferum perhibetur, ma- 
gisque saevum si in det'ectu lunae solisque congruat vis 
illa, et in sistente luna coitus maribus cxitialis esse atque 
pestiferus" '). Mit seiner Beschreibung des Mentagra*), 
welches unter der Regierung des Tiberius zuerst in und 
um Rom endemisch ausgebrochen sein soll, fachte Pli- 
nius einen nun fast 400 Jahre währenden Streit unter 



1) Huber, V. A., Bemerkungen über Oe5chii:hte und Be- 
handluag der venerischen Krankheiten. Stuttgart und Tübingen 
1825, 8», p. 3. 

2) „Sensit facies Iiominuni novos oinuique acvo priore incog^ 1 
nitos, non Italiae modo, verum etiam universae prore Europas' J 
morbos: tunc quoque non tota Itali«, nee per Iliyricum Galliaaveae 
aut Hispanias magno pe re vagatos, aut alibi, quam Romae circaque: 
sine dolore quidem illos ac sine pernicie vitae; aed tanta l'oeditate, 
ut quaecunque mors praeferenda eeset. Gravissimum es bis liche- 
naä appellavere Graeco nomine: Latine, quoniam a mento fere orie- 
batur, jocuJari priraum laacivia, ut est procax natura multorum in 
alienis miserüs, mos et usurpato vocabuJo, mentagram; oecupantem 
in multis totes utiqne viütus, oculis tantnm immunibus, descenden- 
tem vero et in colla pectusque ac manus, foedo cutis furfure. Non 
fuerat haee lues apndmajorea patresque noatres. Et primum Tiberii 
Claudii Caeaaria principatu medio irrepsit in Italiam, qnodam Pem- 
sino eqnite Romano Quaestorio scriba, quum in Äsia apparaisset, 
inde contagionem eins importante. Nee sensere id malum femtuae 
aut aervitia, plebcsque humilis, aut media: aed proeeres veloci tran- 
situ oBculi maxime: foediore mnltoruni qui perpeti medicinam tole- 
ravcraut, cicatrice, quam morbo. Causticis namque curabatur, ni 
uaque in oesa corpus exuatura esset, rebellante taedio. Advenerunt 
ex Äegypto, genitrice talium vitiorum, mediei, hanc solam operam 
afferentes, magna sua praeda." Eist. nat. lib. XXVI, cap. 1—3, 



Röminche Lai 



5 der JÜ, 



A[m!ejuf 



205 



den Gelehrten an; man hält dieses Mentagra bald für 
Syphilis, bald (Ur Lepra, oder auch, gleichsam vermittelnd, 
für ein leprös-syphilitisches Leiden. Wenn die unzweifel- 
haft oberflächliche und ungenaue Schilderung eines Laien, 
wie Pliniua, dennoch eine historische Verwerthimg erfah- 
ren muss, so dürfte man dem Gegebenen nach der Wahr- 
scheinlichkeit doch wohl näher sein, wenn man dieses 
chronische, hässliehe aber ungefährliche und schmerzlose 
Exanthem, welches sich nur unter vornehmen Männern 
durch lascives Küssen auf das Gesicht Übertrug, sich von 
da über den Körper verbreitete und durch Aetzmittel 
geheilt werden konnte — für Syphilis nimmt; zumal da 
Lepra sicher ausgeschlossen werden kann. 

Cajus Flinias Caecilius Secundus '), der Jüngere, 
Neffe des Vorigen [62 — 114 n. Chr.), erzählt in einem 
Briefe an seinen Freund Macer von einem Manne, welcher 
sich wegen langwieriger, für unheilbar gehaltener Ge- 
schwüre an den Genitahen mit seinem Weibe zusammen- 
band und in's Wasser stürzte. Obzwar dieser Fall von 
den meisten Historikern unter den Syphilodologen aller 
Parteischattinmgen für ihre Zwecke verwendet wurde, 
ist es jedoch dem heutigen Arzte vollkommen klar, dass 
die Beschaffenheit der erwähnten Geschwüre, da alle 
übrigen Anhaltspunkte mangeln, durchaus nicht zu be- 
stimmen ist. 

Aus lacins Äpulejas*), Rhetor und Satiriker, um 130 



1) Cajna Pli Jiius Caccilins Sccundus. Epistola. Lib. VT, 
epiet. 34: „. . . Navigabani per Lariuni iiostrum, quum seuior ami- 
CTis ostendit mihi Vitium, atque etiam cubiculum, quod in lacum 
promiuet. Ex hoc, inqutt, aliquando municeps iiostra cum marito 
se praecipitavit. Causam requisivi. Maritus ex diutino movbo circa 
valenda corporis ulceribus putrescebat: uxor, ut inspiceret, esegit: 
neque enim quemquam fldelius indicaturum, possetne aanari. Videt, 
desperavit: hortata est, ut moreretur, comesque ipsa mortis, dux 
immo et exeinplum et necesBitas fuit. Nam se cum marito ligavit 
abiedCque in Ittcum. Quod factum ne müü quidem, qui mTmiceps, 
nisi proxitne auditum est . . ." 

9) Lucius Apnlejus. Metamorph ose on b. De asiuo auroo, 
Üb. X, 211. 



506 



Römische Laien. Apulejus. Äuso 



n. Chr. zu Madaura in Nuinidien geboren, citirt EöleHT" 
baiini') eine Stelle, welche für die Beurtheilung der da- 
maligen Aerzte in Bezug auf gesclilechtliche Angelegen- 
heiten überhaupt von einigem Interesse ist: „Crederea et 
illam fluetuare tantum vaporibus febrium : nisl quod et 
fiebat; Heu medicorum ignavae mentes! Quid vcnae 
pulsus, quid caloris intemperantia, quid fatigatus anhelitus 
et utrimque secua jactatae crebriter laterum mutuae vi- 
cissitudines : Dii boni ! Quam facilis, licet non artifici 
medico, cuivis tarnen docto venereae cupidinis eomprt 
hensio, cum videaa allquem sine corporis calore flagraj 
tem" *). 

Decinins Nagnus Aasoiiius, der bedeutendste 
mische Dichter des vierten Jalirhunderts n. Chr., geboreil 
um 310, gestorben nach 393, scheint in der Kratze def 
Poiygiton einen Fall von Syphilis vor sieh gehabt 
haben ; diese seine Benennung der Krankheit kann um t 
weniger bei einem Laien genau genommen werden, daj 
bei eiaigen der ältesten ärztlichen Schriftsteller über did 
Syphilis derselbe Terminus vorkommt und sogar noch i 
Anfange unseres Jahrhunderts in den Lehrbüchern von 
„venerischer Scabies" die Rede ist. Wollte man des hef- 
tigen Juckens wegen Scabies nicht ausschliessen, obzwar,- 
manchmal auch Syphilide unter derselben Erscheinu 
auftreten, so wäre doch kanm eine Complication mit S^ 
phiUs abzuweisen, um so weniger, als die E 
niemals für infamirend, wenn auch, wie so viele anden 
Exantheme, für ekelhaft und abscheuheh gegolten he 
Das bezügliche 108. Epigramm des Ausonius lautet: 



1) Rosenbaum, I. c. p. 389. 

2) Die übrigen Stellen des Apulejus, welche Astruc, 

p. 1065— 105Ö und Girtanner, U, \i. 362—363 weitlituflg erörtei 
haben, sind von minderem Belang; obzwar Letzterer die über ei 
gewissen Socrates, der durch ein altes Weib inflcirt worden i 
aotl, „unter allen bekannten stellen in den alten" für „die einidg^ 
halt, „welche eiiügermaseen zu beweisen Bfiieint, das» durch dei 
beischlat' ansteckende krankheiten mitgetheilt wurden." 



Ammianvis. Finnicus. 



In ; 



i Po lygj tonen: 




Thermaram in solio ai quis Polygitoiia vidit 

Uleera membrorum scabie piitrefacta füvtintiim, 

PraepoHuit cunctis spectacula talia ludis. 

Principio tremulis ganuitibus a*!ra pulsat, 

Verbaqne lascivos merctricum imitantia coetus 

Vibrat et obscoenae numeros pmriginia implet. 

Brachia deiude rotat velut enthea daeraone Maenas, 

Peetua, crura, latus, Tentrem, femora, ingoina, suras, 

Tergum, colla, liumeroa, luteae Syinplegadis antrum. 

Tarn dj versa locis vaga caruificina pererrat, 

DoEec. luarcentem calidi fervore lavacri 

Blandus letali solvat dulcedine morbus. 

Desectoa sie fainii viros, ubi casaa libido 

Fciinineos coetus et non aua bella laeessit, 

Irrita vexato eoiisumere gaudio leeto : 

TitUlata brevi quum jam sult flne voluptas 

Pervet et ingesto peragit ludibria morsu. 

Turpia non aliter Polygiton membra resoMt, 

Et quia debentur suprema piacula vitae, 

Ad PhJegethouteas sese jain praeparat undas." 

Ainmianus Marcellinus '), Geschichtsschreiber um 
330—390 n. Chr., bringt iii einer Sittenschilderung der 
Römer zu seiner Zeit eine Stelle, welche den Morbus 
Campanus des Horaz nicht unwesentheh zu ergänzen 
scheint : „Haec nobilium instltuta. Ex turba vero imae 
sortis et pauperrimae, in tabernis aliqui pernoctant \inariis; 
nonnulli velabris umbraculorum theatralium latent, quae 
Campaiiam iniitatus laseiviam Catulus in aedilitate sua 
suspendit oninium primus; aut pugnaeiter aleis certant, 
turpi sono fragosis naribus introrsura reducto spiritu con- 
crepantes." 

Julius Firuilcus Haternns^) gab um 354 n. Chr. ein 
astrologisclics Work heraus, iii welchem bereits der Ein- 



Ämmiaiiua MareelHims. Herum g£ 

— Cit. RoBonbaum, p. 139. 

Julius Firmicua MateriiUB. Astrono 



tarum lili. SIV, 
lica lib. 111, cap. 



Kümische Lni 



Pseudo-Plinius. Servius. 



fluss der Gestirne auf die Entstehung von Geschlecffl 
krankheiten hervorgehoben wird ; den grössten Umfang 
nahm dieser Aberglaube bekanntlich zu Ende des 15. und 
Anfang des 16. Jahrhunderts, wo Aerzte und Astrologen 
den vermeintlichen Ursprung der Syphilis den Sternen 
zusehrieben. 

Plinias ValerlanusCPsendo-Plinius)') gilt als der Be- 
arbeiter einer aus dem vierten Jahrhunderte stammenden 
„Medicina Plinii", welche er für seine Freunde (also Laien) 
sehrieb, damit sie sich selbst heilen und nicht habsüch- 
tigen Aerzten in die Hände fallen raüssten. Im sechsten 
oder siebenten Jahrhundert gab es noch einen zweiten, 
und im zehnten Jahrhundert einen dritten Pseudo-Pli- 
nius, welche die Compilation dos Plinius Major, den 
Galenus u. A. zu Arzneibüchern für Laien benützten. Be- 
merkenswerth ist von ihnen nur, dass sie bei aller Kürze 
dennoch einige Erkrankungen der Geschlech tatheile, unter 
anderm auch die Geschwüre derselben mit den nämlichen 
Beziehungen zu Mund- und Tonsillen-Affectionen und die 
römische Mentagra des Plinius Major, aufnahmen; was 
doch immerhin für die fortwahrende Existenz dieser Leiden 
spricht, wenn man eben diesen Schriftstellern nicht gar 
völlige Gedankenlosigkeit zumuthen will. Die Original- 
belege aus diesen Compilatoren können wohl unterbleiben, 
da sie mit den genannten und bereits vorgeführten Quellen 
völlig übereinstimmen. 

Nach Marlus (oder Hanrus) Servins Honoratus ^), 



7 n. 8: „In loco octavo 5 ab lioroscopo constituto — si 5 cum ea 
fuerit vel cum § Vcuorem tu hoc loco positam, malevola Htella 
respexerit, ve! per quadratum vel diametruin, vel si cuni ipsis, in 
hoc loco fuerit inventa, omne eius qui uatus fuerit Patrimonium 
disaipHtur vel qualicuuque proscriptione nudatur, mors vero ilii per 
gonorrhoeam, id. est deflusiouem seniinis, aut contractionem vel 
spasmnm aut .^poplexin fertur." — Cit RoBeobaum, p. 410. 

1) Plinius Valerianus. Medicina Plinii. Romae, 1B09, fol. 
— Bezüglich der übrig:en Ausgaben vergl. Haeser, Lelirbnch, I, 
p. 623—625. 

2) &erviu3 ad Vlrgil. Georg. I, 151. — Cit. Rosenbaum, 
1. c. p, 259 Anmerkung. 



Röiiii 



MarceliuR- 



209 



inem Grammatiker aus dem Ende des vierten Jahr- 
I hunderte d. Chr., hat das Wort rubigo oder robigo, welches 

ursprünglich den Brand oder Eost des Getreides bezeichnet, 
I auch die Bedeutung für Geschwüre, welche aus geschlecht- 
I iichen Ausschweifungen entstehen ; Servius sagt nämlich; 

„Sed iiaec abusive robigo dicitur; uam proprie robigo est, 
\ Tit Varro dicit, vitiura obacoenae libidinis, quod ulcus vo- 
I «atur: Id autem abundantia et superfiuitate Immoris solet 
I nasci, quae GraecB aaTupiaCiq dicitur." Diese Satyriasis 
[ erinnert allerdings auch an Gonorrhoe, welch' beide die 
l<Jriechen höchst wahrscheinlich ötter mit einander ver- 
I wechselten ; auch ist bekannt, dass man sich letztere durch 
[ Geschwüre in der Urethra entstanden dachte. 

Marcellus Einplricus ^) schrieb um das Jahr 408 n. 
I Chr. zunächst für seine Söhne ein umfangreiches Arznei- 
l'buch, in welchem einfache, zusammengesetzte, zauberhafte 
liind' lächerliche Mittel nach den Krankheiten a capite ad 
1 calcem geordnet erscheinen, und welches ausser dem ans 
ider Volksmediein Entlehnten zumeist aus Scriboniua 
tXargus, Celsus und Pseudo-Plinius entnommen ist. 
I Es ist jedenfalls bezeichnend, dass Marcelius trotz seines 
I "bedeutenden Ansehens unter Jen Zeitgenossen und seiner 
liohen Stellung als „Magister offieiorum" (d. i, ungefähr 
BHoftnarschall oder Minister des kaiserlichen Hauses) miter 
■Theodosius I, und U., seine Sühne dennoch nicht für ge- 
fsichert hielt vor Geschwüren und Carbunkeln am Penis, 
I Condylomen am Anus u. dgl., und ihnen die ihm dagegen 
} geeignet erscheinenden Mittel aus den eben angeführten 

Schriftstellern verordnete. Bemerkenswerth ist nur die 

eine Stelle, aus welcher abermals bis fast zum Ueberfiuss 

! hervorgeht, wie Aerzte und Laien immer und immer 
wieder Geschwüre an den Genitalien mit Mund- und Ra- 
chenafFektionen in Verbindung bringen: „Remedium Cosmi 
medici ad anginam et ad omnia vitia, quae in ore nascun- 
nali 
Qlai 



1) Marcelius. Da mcilicamcntis cmpiric 
naiibus über. Basileae, 1536, loL — Aluintck ii 
Qlaiia p. 23!»— 414. 

ich, Quäclilchto d. veiier. KraiikUult™ 1. 



1 Slupha- 



2i0 Rückblick il. d. \ 



■. Kninklieiten b. d. Griechen u. RSmern^ 



tur, et ad aiires pure maiiantes et ad carbuiiculos atque 
ad veretra, quao uigrediiiem duxeriiit . . ." ^). 

Lucius Äpulejus Barbaras"), ein nicht näher be- 
kannter Mann, welcher den Namen des Äpulejus aus 
Madaura usurpirte, compilirte in der ersten Hälfte des 
fünften Jahrhunderts aus Dioskorides, Plinius und 
einem unbekannten „Modebuehe" jener Zeit eine Arznei- 
mittellehre des Pflanzenreiches, in welcher auch etliche 
unbedeutende Capitei über die Geschlechtskrankheiten 
vorkommen. 

Weitere Citate und Belege, wie solche noch viele bei 
meinen Vorarbeitern ") zu finden sind, können um so eher 
luiterbleiben, als sie nichts Anderes darthun würden, wie 
die bereits vorgeführten Stellen. 



Rückblick über die veneri6chen Krankheiten bei den 
Griechen und Römern. 

Ebenso wie bei den Orientalen begegnen wir auch 
bei diesen Völkern^ wenngleich anfangs nicht in demselben 
Umfange, den Hauptquellen der Geschlechtskrankheiten, 
nämlleh allen Arten der Unzucht und der Prostitution; 
auch dieselben Gottheiten und Kulte, welche gegen diese 
Leiden Schutz und Hilfe gewahren sollten, finden sich, 
wenngleich unter anderen Namen und Formen vor. Dazu 
hatten die Griechen und Römer noch das Präputium, 
welches den meisten Orientalen fehlte. 

Wenn sieh ungeachtet der hohen Kultur der Griechen 
und Kömer in ihrer mediciuischen Litteratur keine wesent- 
lichen Fortschritte in der Erkenntniss dieser Krankheiten, 
ja nicht einmal Unterscheidungen zwischen den conta- 



1) Ibidem p. 30). 

2) Lucius Äpulejus. Herbarium, seu de medicaminibus 
herbarum. Tiguri, 1537, 4". — Vergl. Ludw. Choulant, Handbuch 
der Btichcrkunde. 2. Auti, Leipzig 1841, 8», p. 212. 

3) Vergl. meine „Littßratur über die venerischen Krankheitei 
I, p. 199-227. 



Rüiikblick i 



■, Kniiikheitcn b. d. Gneche 



211 



giösen und nichtcoiitagiösen Genitalaffektionen erkennen 
lassen, ao beruht dies jedenfalls auf einer Reihe von Um- 
ständen, von denen sich ein Theil im Laufe der Jahr- 
tausende der Beurtheilung entzogen hat. Scheu das Prä- 
putium brachte sie bezüglich der Erforschung dieser 
Krankheiten in Nachtheil gegen die orientalischen Völker; 
denn dasselbe bietet nicht nur eine Anzalü selbständiger 
Leiden, sondern es complicirt auch die meisten Erkran- 
kungen des übrigen Penis sehr wesentlicli und hindert in 
vielen Fällen geradezu die genauere Beobachtung der- 
selben, namentlich der Initialaft'ekte. Dass die alten Aerzte, 
geradeso wie die heutigen, gegen dieselben Hemmnisse 
von Seite der Ki-anken, mit deren Saumseligkeit, Scham- 
haftigkeit, Verlogenheit etc. zu kämpfen hatten und da- 
durch oft irregeführt wurden, braucht wohl nicht erat 
ausführlich belegt und quell enmässig begründet werden. 
Anderseits mag aber auch wieder ein Theil der ärztlichen 
Schriftsteller durch Sehamhaftigkeit abgehalten worden 
sein, sieh mit diesen Krankheiten überhaupt zu befassen und 
darüber zu aehseibeu; wie dies ziemlich deutlich aus den 
darauf bezüglichen Bemerkungen des Celans') erhellt. 
Aus der Gedichtesammlung „Priapeia"*) und aus Pliuius 
dem Jüngeren^) wissen wir, dass sich die Kranken aus 
Tureht vor den Operationen lieber an ihre Specialgott- 
heiten wendeten, oder sich den Tod gaben, als ihre Aerzte 
■ aufsuchten, und dazu wohl einigen Grund haben mochten; 
denn, wie wir gesehen haben, waren dieselben mit dem 
Messer und dem Glüheisen ziemlicli rasch bei der Hand. 
"Wahrscheinlich werden auch diese Erkrankungen über- 
haupt verhältnissmässig seltener vorgekommen sein; denn 
obgleich man nach der Sage von den Leistungen des 
Herakles auf dem Gebiete der sinnlichen Liebe und nacJi 
Jiuudert anderen Geschehnissen, welche besonders die Ge- 
schichte der Prostitution mit aller Sorgfalt registrirt, nicht 
gerade dazu gedrängt wird, die alten Griechen und Römer 
als Musterbilder der Enthaltsamkeit zu betrachten, so läsat 



1) Ver 



. p. ITL'. 



2) Vergl. p. 193. 3) Vergl. p. 205. 



212 RütkbÜck ü 



■■ Kratiklieiten b, d. Griet^hcn u. Römern^ 



sich doch wieder nicht annehmen, dass diese Völker, 
welche jedes in seiner Art eo wahrhaft Erhabenes ge- 
schaffen haben,' in allen Schichten und Kreisen von ver- 
derblicher Sinnenlust befallen gewesen wären; wenigstens 
in ihrer Blüthezeit nicht. Als später aber dennoch Sitten 
und Moral zu Grunde gingen, da war es aber auch mit 
dem Streben und Forschen, und gar bald mit den Völkern 
selbst zu Ende. Es war demnach auch der Zeitraum, 
welcher zwischen dem höchsten Aufschwung bis zum 
Niedergang dieser Völker lag, viel zu kurz, um einige 
Klarheit in das Heer der Urogenital-Erkrankungen bringen 
zu können. Ausserdem bleibt stets zu bedenken, dass, 
wie bereits angedeutet worden ist, der grösste Theil der 
raedicinischen Litteratur der alten Griechen und Römer 
ganz verloren gegangen und der Rest auch nicht unver- 
fälscht und unverstüramelt auf uns gekommen ist, und 
dass gerade die Abhandlungen über unseren Gegenstand 
durch sittenstrenge Nachrichter und Abschreiber am 
meisten gelitten haben mögen; so ist es z.B. bekannt, 
dass aus dem Werke des Caelius Aurelianus über 
die akuten und chronischen Krankheiten ausser der Be- 
schreibung des Diabetes gerade auch das Capitel über die 
Gonorrhoe bis auf wenige Zeilen abhanden gekommen ist; 
und noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts gab die Ver- 
stümmelung eines diesbezüglichen Gedichtes von Paci- 
ficus Maxim LI s dem Gir tanner') Anlass, den durch- 
aus ehrenwerthen Sanchez-) unverblümt der Geschichts- 
Rllschung zu zeihen, weil dem Exemplar der Gedichte, 
welches Girtanner in der Göttinger Bibliothek vor sich 
hatte, gerade die wichtigste Stelle fehlte, welche Sanchez 
in Paris jedenfalls aus einer anderen Ausgabe excerpirt 
liatto. Ein Hauptgrund der Mangelhaftigkeit der vorhan- 
denen medicinischen Litteratur bis tief in die Neuzeit 
liegt wohl in dem Umstände, dass die Aerzte fast alle 

1) Oirtamier, Christ,, Abhandlung über die venerisclic 
Krankbeit. m. Aufl. Göttingen 1774, 8«, I, p. 20. 

2) Sunche.z. Exumen hiatorique nur l'apiiarition de l;i uia- 
Iftdie v^n^rieiiin; pii Europii. A Liälioiiiie, 1774, 8", |i. i)7. 



] li. (1. Griechen n. Rfii 



3ir! 



I 



Sorgfalt nur der Therapie zuwendeten, und daneben die 
Pathologe, besonders aber die Aetiologie arg vernach- 
lässigten, oder sie vielleicht mehr der Tradition tlber- 
liessen als schriftlich abhandelten. 

Diese Verabsäumung der Aetiologie, welche eigent- 
lich erst in die nach-Hippokratische Zeit fällt, und über 
deren Ursache sicli bei Galen einige, nachher bei 
den Geschwüren zu erwähnende Aufschlüsse findeUj hat 
besonders unter den Syphilislüstorikern Verwirrungen 
hervorgebracht. Die Anhänger irgend eines neuzeit- 
lielien Ursprunges dieser Krankheit beantworteten sich die 
Frage: Warum die griechischen und römischen Aerzte 
sammt und sonders gerade über die Aetiologie der an- 
steckenden Genitalaffekte ein absolutes Stillschweigen be- 
obachteten, einfach damit, dass es damals eben nur ver- 
schiedenerlei Ausflüsse, Geschwüre, Feigwarzen u. dgh 
aus und an den Geschlechtstheilen und ihrer Umgebung, 
aber keinen venerischen Tripper, keine veneriechen Ge- 
schwlire und somit auch keine Syphilis gegeben habe. 
Doch aucli die meisten Vertheidiger oder Acceptanten des 
Alterthums der veneriselien Krankheiten und der Syphilis 
werden, bis in die jüngste Zeit herein, nicht raüde, immer 
wieder ihre Verwunderung durilber auszusprechen, dass 
■von einer Ansteckung diu-ch den Beischlaf weder bei den 
griechischen, noch bei den römischen Aerzten auch nur 
ein einziges Jlal die Rede ist. 

Auf die Gefahr hin unbescheiden zu sein, muss ich 
,dennoeh bemerken, dass ich mich darüber vielleicht nie- 
mals, gewiss aber nur solange gewundert habe, als ich 
eben nur diese Aerzte kannte ; sobald ich jedoch erfuhr : 
womit die keusche, strafweise und unschuldig in einem 
Bordell internirte Jungfrau ihre Besucher von sich ab- 
hielt^); wodurch der Mönch Hero seine Genitalien verlor'); 
wieso ein anderer ungenannter Mönch die Lepra acqui- 
lirte'), wie Horaz eine lustige Gesellschaft über die 
flhfiasliche Narbe an der Stirn des Messius" lachen 



1) Vergl. p. IfiS. 



2) Vergl. p. 1 



3) Vcrgl. p, 170. 



Bäm»!^^| 



it-t RoeliMTr-t ö. iL Tmi-T. Er^nkh«lten h. d Gnei^heu o. Böi 

lääst'i; wie Jnvenal einen Arzi die Feigw;irzen ai^ 
After eines Krünken. ebenfalls iiiit«r Lachen, wegrschneiden 
[äj*8t*); wie Martial ganze Ber,;;e Cnflath häuft, wek-he 
haarscharf die Vorstellungen über den L'rsprang: gewisser 
Gattungen von Geschlechtskrantheiten erweisen*!; — seit- 
dem ioh diese und andere Dinge aus den griechischen 
und römischen LaienschriftsteUem erfuiir, war es mit 
meiner Verwunderung über das Stillschweigen der Aerzte 
bezüglich dieses Punktes vorüber. Es wtirilen heute selbst 
die verbissensten und stupidesten Parteigänger eines Pe- 
trarca, Moliere und Tolstoi nicht glauben, dass die Aerzte 
zö irgend einer Zeit über etwas in ihrem Fache nicht 
unierriehtet waren, was die Dichter tmd Chronisten als 
für jeden Laien verstandlich, also als allgemein bekannt 
voraussetzen mussten. Damit beantwortet sich die Frage: 
warum die alten Aerzte über die Ursache gewisser Gcni- 
talJeidea gänzlich sehwiegen, wohl von selbst, ohne mit 
Rosenbaura zu der Annahme gedrangt zu sein, dass 
die humoral pathologische Theorie der Apostasisdes Hippo- 
krates und der Anabrosis des Galen jeden Gedanken 
an etwas Specifisehes der Genltalaffektionen fem halten 
musste", and die alten Aerzte darum und aus mancherlei 
anderen Gründen „zam Theil nicht mit L~nrecht die Geissei 
des M a r t i a I i s erfuhren und überhaupt von den kundi- 
geren Laien verlacht wurden- *). Dieser Geissei und diesem 
Verlachen mögen, so wie ja zu allen Zeiten, einzelne 
Aerzte in einzelnen Fällen Anlass geboten haben; daraus 
aber zu schliessen: die ärztliche "Wissenschatl und ihre 
Vertreter seien in irgend einem Punkte auf die Dauer 
eines Jfiiirtausends unterhalb des Niveaus alltäglicher 
Laienweisheil gestanden, ist durchaus unstatthaft. Wie 
hätte J u V e n a 1 sagen können : „Caedantur tumidae, 
medico ridente, mariscae'^, wenn die Aerzte wirklich gar 
nichts von der Ursache gewisser Genltalaffektionen ge- 
wusst hätten? 



1) Vurgl. p. 194—195. 2> Vergl. p. 202. 3) Vergl. p. 198—: 
4) Rosenbaum 1. c. p. 389 u. 394. 



■ 198-2(1^1 



Rüi-kLIitk ü. ri. ^ 



■. Ki-iiuklit'ituii 1). il. Gricehcii u. Riimei'u, 



■215 



Die alten Aerzte schwiegen jedoch nicht über die 
Entstehung aller GcBchlechtskrankheiten ; so ■enthiUt bereits 
<iie Hippokratische Sammlung eine Beschreibung der Sper- 
3natorrhoe und der Ursache derselben; freilich unter dem 
"Titel und als Anfangsstadiuni der Tabes dorsahs, Diese 
Stelle ist auch darum von besonderem Interesse, weil 
:nach ihr wahrscheinlich alle späteren Beschreibungen der 
doüorrhoe (beäm Hippokrates kommt dieser Ausdruck 
Glicht vor) vorgenommen wurden, und damit der Ursprung 
eines zweitausendjährigen Irrthums aufgefunden erschemt ^): 
„Die Ruekendarre rührt aus dem Rückenmarke her. Sie 
befilllt hauptsächlich die Neiiverehehchten und im Gemisae 
der Liebe Unersättlichen. Sie sind ohne Fieber, von guter 
Esslust, und verzehren doch. Fragt man einen solchen 
Kranken, so sagt er, dass es ihm vorkomme, als ob ihm 
oben vom Kopfe herunter durch das Rückgrat hin Ameisen 
liefen. Wenn er Oeffnung hat oder harnt, so entgeht ihm 
der Samen häufig und dünne, und dieser ist ohne Be- 
fruchtungskraft, er entfährt ihm auch im Schlafe, er mag 
nun bei einem Frauenzimmer liegen oder nicht. Wenn 
er stark zu Fusse geht oder läuft, vorzüglich aber eine 
Anhöhe liinan, so fühlt er eine Engbrüstigkeit, eine 
Schwäche und eine Schwere im Kopfe, und es klingt ihm 
in den Ohren. Bekommt ein solcher Mensch in der Folge 
heftige Fieber, so tödtet ihn ein bösartiges, hitziges Fieber." 
Die Ursache der nur allmählich auftretenden Spermatorrhoe 
und der sich daraus wieder nur sehr langsam entwlckeln- 
- den Tabes konnte Hippokrates jedenfalls nicht als 
allgemein bekannt voraussetzen, und darum nannte er sie; 
während über die Ursache solcher Geschlechtskrankheiten, 
welche, wie die meisten venerischen, der einwirkenden 
Schädlichkeit fast auf dem Fusse folgen, nichts gesagt wird. 
Die Alten verschwiegen nicht blos allgemein Be- 
kanntes, sondern gewiss auch vieles exquisit Fachwissen- 
achaftliche, welches sich jedenfalls nur durch die Tradition 
unter den Aerzten weiter pflanzte, ist in den uns über- 



1) Hippokratea. üebersetaung von Grimm, IV, p. 120. 






Slfi Rückblick ü. d. ' 



'. Krsnkheiton b. il. Griechen u. BÖmerfl 



kommenen Schriften nicht verzeichnet. Wir brauche! 
nicht abzuschweifen und beispielsweise auf diejenigen 
Stellen hinweisen, welche wir erst seit der Zeit verstehen, 
seit welcher wir selbst Anscnltation und Percus!sion be- 
treiben, sondern wir können, um die Richtigkeit des Ge- 
sagten zu erkennen, bei unserm Gegenstand bleiben und 
auf bereits Bekanntes zurückkommen: In den Hippokra- 
tischen Schriften wird bei einem GeachwHr am Uterus 
verlangt, dass ein sechs Qaerflnger langer, an einem Faden 
befestigter Tampon genau dorthin applicirt werde, wo das 
G-eschwür sich etablirt ha.t'). Wie es aber der Arzt an- 
stellen soll, um zu erfahren, wo das Geschwdr sitzt und 
wie er dann den Tampon vorschriftsraässig zu applicircn bat, 
davon ist weder an derselben Stelle noch in der ganzen 
Hippokratischen Sammlung eine Spur zu finden; aber eine 
andere Stelle in einem anderen Buche (dieser Sammlung) 
über eine ähnliche Erkrankung des Mastdarmes ') und die 
Schriften der späteren Griechen berechtigen zu dem 
Schlüsse, dass bereits Hippokrates, oder vielleicht ein 
noch früherer Arzt, die vorerwähnte Ulceration am Uterus 
mittelst des Mutterspiegels diagnosticü't und auch behandelt 
hat. Wie sehr man im Alterthum manchmal bei sehr 
wichtigen Dingen mit dem Schreibmaterial kargte und 
auf die mündliche Ueberlieferung rechnete, zeigt besonders 
deutlich die Circumcision. Diese Operation, welche für die 
Israeliten von so eminenter Bedeutung war, und in der Bibel 
wiederholt erwähnt ist, wird daselbst niemals beschrieben; 
nur einmal heisst es, dass sie mittelst eines steinernen 
Messers ausgeführt wurde; daneben sind aber wieder 
vöUig aus der Luft gegriö'ene Dinge, wie z. B. die Erkennt- 
niss und Behandlung der Zaraath an den Mauern, „Klei- 
deru, Werft, Eintracht und allerlei Fellwerk" in über- 
flüssiger Breite dargestellt. 

Wenn es nuu auch durch das Vorhergegangene satt- 
sam erwiesen scheint, dass den griechischen und römischen 
Aerzten, geradeso wie den Laien, die Uebertragbarkeit 



1) Vergl. p. 130, 2) Vergl. p. 131, 



1 



Mckhlick li. rt. 1 



■. Krnnklu'itPii b. li. Orii'clicH \i. Romcni. 217 



einiger Genitalerkrankungen durch den Coitus bekannt 
sein niusste, so laast sich dennoch als ebenso sicher an- 
nehmen, dass es ihnen unbekannt war, welche von diesen 
Erkrankungen übertragbar sind und welche nicht. Zur 
Entscheidung dieser noch heute niclit vollständig gelösten, 
und der Lebensaufgabe eines Arztes würdigen Frage fehlten 

Iden mit einer wissenschaftliehen Erforschung der Heil- 
kunde erst beginnenden Völkern alle Mittel und die Zeit 
zur Eulrwicklung. Von diesem Standpunkte aus müssen 
auch ihre Leistungen in allen übrigen Zweigen der Me- 
dicin betrachtet werden. 
Bei dem Tripper und seinen Folgekrankheiten fehlt 
nicht nur die Erkenntuiss des Zusammenhanges zwischen 
diesen mit jenem, nicht nur eine annäherungsweise rich- 
tige Vorstellung von dem Sitz und der Art der Erkran- 
kung, sondern es fehlt sogar eine halbwegs zutreffende 
Symptomatologie, sowohl des Trippers als auch seiner 
Consecutivformen, und nur die historische Entwickelung 
in der Pathologie läsöt es als unzweifelhaft erkennen, dass 
das, was die griechischen und römischen Aerzte als Yovdppota 
und als fluxus seminis beschrieben haben, nichts anderes 
sein konnte als unser Tripper. Die Schilderung, welche 
in den Schriften der Hippokratischen Sammlung von der 
Spermatorrlioe als einer Prodromalerscheinung der Tabes 
dorsaüs gegeben ist, findet sich gar bald, zunächst bei 
Celsus, welcher jedenfalls auch dieses Capitel aus grie- 
chischen Quellen geschöpft hat, und dann bei Aretaeus 
und Galen nur in einigen Punkten nicht wesentlich 
modificirt als fov6(>{>o\a wieder. Die Pathogenese dieser 
Krankheit wurde erst von den späteren Griechen dahin 
abgeändert, dasa man dieselbe nicht blos direct, wie 
Ei ppokrates lehrte, aus einem Uebermass des Ge- 
sehlechtsgenusses, sondern auch aus allzu grosser Enthalt- 
samkeit entstanden dachte. Diese Annahme von einer 
Buperfluitas seminis als Ursache der Gonorrhoe und an- 
derer Krankheiten, wegen welcher übrigens schon, wie 
_<3alenu8 erzählt, Diogenes onanirt haben soll, brachte 



^^^m^^ a 1 1: u u 



31» Rückbltck ü. d. ' 



■. Kraiikhcit 



I u. Röinern.,1 



besonders deutlich Alexander von 1 
Ausdruck, und wurde später fast allgemein; ja wer hierin 
auf anamnestische Erhebungen Werth legt, wird auch 
heute noch manchen „ Enthaltsamkeitstripper" verzeichnen 
können. Die Schädlichkeit geschlechtlicher Abstinenz 
trat jedoch nach den Darstellungen von Alexander 
Trallianus u. A. inuner erst nach vorhergegangenen 
Ausschweifungen ein. 

Am meisten weicht die Symptomatologie der Gonor- 
rhoe der späteren Acrzte von der Spermatorrhoe des Hip- 
pokrates ab ; während dieser ausdrücklich sagt, dass denn 
Kranken der Samen nur beim Uriniren und bei der De- 
faecation abgeht, spricht schon Aretaeus*) deutlich von 
einem continuirliehen Austiuss des Samens. Hierin liegt 
jedenfalls der Grund des so lauge währenden Irrthums, 
welcher sieh wahrscheinlich in folgender Weise erzeugt 
und weiter entwickelt hat; Hippokrates schildorte den 
krankhaften Samenabgang, welchem er übrigens keinen 
Namen gab, jedenfalls richtig; nun sah man aber doch 
auch eine Flüssigkeit, die man besonders in den späteren 
Stadien der Kj'ankheit und nach dem damahgen Stande 
der Wissenschaft kaum für etwas anderes als Samen halten 
konnte, nicht bloa beim Uriniren und bei der Defaecation 
abgehen, sondern stetig und durch längere Zeit aus der 
Harnröhre tropfen; diesem einen augenfälligen Symptom, 
welches Hippokrates mit keinem Worte erwähnt hatte, 
musste dann ein Platz in der bereits bestandenen Patho- 
logie angewiesen werden, und da fand sich das Prodro- 
malsymptom der Tabes dorsalis des Hippokrates am 
geeignetsten dafür. Dass sich dies wirklich so verhalten 
haben mag, zeigen die späteren, nach Hippokrates Zeit 
entstandenen Beschreibungen der Gonorrhoe und ihrer 
vermeinten Folgekrankheit: Es ist lange Zeit immer nur 
der dünne, farblose, kalte, unfruchtbare Samen, welcher 
ohne jedes Wollustgefllhl, bei Tag und Nacht, bei schlaf- 
fem Zustande des Gliedes abtröpfelt, wodurch der Kranke 



1) Vergl. p. 150. 2) Vergl. p. 140. 



Rückblick ii. d. v 



■■ Kr; 



1 b. d. Gviochci 



II. Riir 



■J!9 



I 

I mittein 



entkräftet wird und, falls dem Uebcl nicht bei Zeiten ge- 
steuert werden kann, mit Tabes dorsalis endet. Kurz: die 
Gonorrhoe der nach-Hippokratischen Aerzte ist, mit Aus- 
nahme der Continuität des Ausflusses, fast nur eine Um- 
schreibung der Tabes dorsalis des Hippokrates; nur 
mit dem Unterschiede, dass die richtig geschilderte Sper- 
matorrhoe bei diesem die Introduction zur Tabes, bei 
jenen aber die Tabes das Finale der irrthilmhchen Go- 
norrhoe war. 

Nur sehr alhnilhllch wurden in die Symptomatologie 
der Gonorrhoe neue Erscheinungen hineingetragen, wel- 
che offenbar keinem Ausfluss des Samens, sondern einer 
Entztindung der Harnröhre angehören, imd welche bereits 
feststellen lassen , dass die alten Griechen und Römer 
beide Krankheiten zusammengeworfen und die eine mit 
der andern verwechselt haben. Zunächst brachte Galen') 
ein Symptom in Erwähnung, Ton dem es am meisten zu 
verwundem ist, dass es von den Äerzten so lange über- 
gangen wurde: die Schmerzhaftigkeit; Galen kennt je- 
doch diese Erscheinung auch nur nach der Aussage eines 
einzigen von seinen Kranken, wonach sich diese Schmer- 
zen nur während des Coitus eingestellt haben sollen. 
Etwas später verlangt Alexander Trallianus „die 
Farbe und Zusammensetzung des Samens (Ausflusses) zu 
prüfen" ; er selbst thut es jedoch nicht, oder doch nur 
sehr oberflächKch ; denn er spricht nur einmal von „gal- 
ligen und scharfen" und ein andermal von „dünnen und 
scharfen Samen", und scheint damit wohl auf die eiter- 
ähnliche (gallige) Beschaffenheit des Ausflusses und die 
Schmerzhaftigkeit (scharf) des Leidens zu zielen. Im 
Uebrigen stimmt jedoch die Symptomatologie, sowohl des 
Alexander Trallianus als auch des Galen, so ziem- 
Uch mit der des Celsus und Aretaeus flberein. 

Nur in der Therapie dieses Leidens entwickeln die 
Aerzte eine grössere Mannigfaltigkeit. Von den Brech- 
mitteln und Purganzen, welche in den Hippokratischen 



D20 Rikkfilick ü. (l. 1 



■. KrantihcilPii li. li. GriechPii ii. Rom« 



Schriften noch an der Spitze stehen, ist bei den spateren 
Acrzten mir wenig mehr die Rede; sie empfehlen viel- 
mehr : Ruhe und ein kühlendes, roborirendes Verfahren : 
kalte Bäder, Waschungen und Begiessungen mit kaltem 
Wasser, Abreibungen mit Wein und verschiedenen Oelen, 
Uraschlage von Essig und aromatischen Kräutern, Auf- 
legen von Bleiplatten auf die Lendengegend, gymnastische 
Uebungen, Bewegung in freier Luft und innerliche Mittel 
in reicher Auswahl. Den diätetischen Vorschriften ist 
ebenfalls die grösste Sorgfalt gewidmet, und einige Äerzte 
machen sogar von der strengen Durchführung derselben 
den Erfolg der Behandlung abhängig; auch der Schädlich- 
keit des Coitus und selbst der geschlechtlichen Erregung 
ist gedacht. Daneben fehlte es allerdings nicht an Gegen- 
sätzen in den therapeutischen Massregeln, die höchst 
wahrscheinlich eben durch die entzündlichen Erscheiuim- 
gen der Krankheit bedingt waren; so empfiehlt Paulus 
Aegineta: Aderlässe, örtlich Schröpfköpfe oder Blutegel, 
Klystiren, Einreibungen und Umschläge von Solanum 
und Cicuta in die Lumbargegend, von Lithargyrura, Cim- 
oUa mit Essig, Wasser oder Wein auf das Mittelfleisch.; 
innerUch Schneckenbrühe, Rautensaft, Decocte von ver- 
schiedenen Vegetabilien : Malven, Birken, Iris, Nymphea 
u. dgl,; daneben knappe vegetabilische Kost. Galenus 
empfiehlt ausser den Blutentziehungen noch Emetica und 
meint: „Ich habe auch noch manches andere für derartige 
Kranke Dienliche ausgedacht und durch die Erfahnmg 
bestätigt gefunden. Diejenigen nämlich, welche von einem 
solchen Zustande des Körpers belästigt werden, müssen 
darauf aufmerksam sein, wann sich die grösste Menge 
des Samens, welche ausgeleert werden soll, angesammelt 
hat, und nachdem sie am Tage ein nahrhaftes aber fru- 
gales Mahl zu sich genommen haben, wenn sie sich schla- 
fen legen, den Beischlaf ausüben ; am folgenden Tage aber, 
wenn sie hinreichend geschlafen haben, müssen sie sich 
beim Aufstehen frottiren, bis die Haut roth wird; dann 
aber gleichmässig mit Oel einreiben, kurze Zeit darauf 
etwas gut gesäuertes, im Clibanon gobackcnes reines Brod 



Rückblick ii. d. veuer. Krauklniiten b. d. Griedieii u. Römerti. 521 

mit gemischtem Wein gemessen, worauf sie an ihre ge- 
wohnten Geschäfte gehen können. Zwischen der Ein- 
reibung und dem Genuss mögen die Kranken, wenn ein 
Ort dazu in der Nähe ist, spazieren gehen, ausser in der 
kalten Jahreszeit, denn dann ist es besser sie bleiben zu 
Hause" '). 

Ganz abgesondert von dieser Gonorrhoe findet sich 
in der medicinischen Litterntur der Griechen und Römer 
auch ein Eiterausfiuss der Hamrühre, worüber die ersten 
Spuren ebenfalls bis in die Schriften der Hippokratischen 
Sammlung, und zwar bis in die wahrscheinlich echten 
Aphorismen gehen; cpünaTci versehwären in der Urethra 
und gehen mit Eiter ab. Diese cpunaTa machten in der 
Folge dem SXko? Platz; doch erhielt diese Krankheit keinen 
bestimmten Namen und wurde nur so nebenher, und bei 
weitem nicht so oft als die vermeint-eigentliche Gonorrhoe 
angeführt. Dass die wenigen Autoren, welche von diesem 
Eiterabtiuss in Folge von kleinen suppurirenden Ge- 
schwülsten oder Geschwüren der Harnröhre sprechen, 
ausserdem auch die Gonorrhoe nach der Schablone ihrer 
Vorfahren und Zeitgenossen beschreiben, zeugt dafür, dass 
man Samen- und Eiterfluas zwar für verschiedene Krank- 
heiten gehalten, in der Praxis aber dennoch mit einander 
verwechselt hat. Leider lässt auch die Beschreibung des 
letzteren Alles zu wünschen Übrig: die bezügliche Stelle 
im Celsus ist völlig unklar, und die hier übergangenen 
Commentarien des Galen zu den Aphorismen des Hippo- 
krates sprechen zwar allerlei zur Sache, fördern aber 
die pathologischen Kenntnisse derselben nicht. Bei Pau- 
lus von Aegina*) erfahren wir dann, dass in Folge eines 
Geschwüres in der Harnröhre Eiter und Blut aus der- 
selben abfliesst, und zwar, wie eigens betont wird, nicht 
während des Urinirons. Dies ist aber schon so ziemlich 
Alles, denn andere Erscheinungen sind kaum angedeutet ; 
wenn auch bezüglich der Schmerzhaftigkeit einige Anhalts- 



1) Galen, vergl. tt oseiiliaMin 1. c. p. 414. 




222 Rückblick ü. d. v 



c KraiiklieitRii h. d. Grieclien u. Römern, ■ 



punkte vorhaiideu sind: Hippokrates spricht oämlid 
bereits von einer XOtTi? (Befreiung, Linderung), wenn die 
cpü(iaTa in Eiterung übergegangen sind. 

Von grösserem Interesse, als die Pathologie dieser 
vermeinten Geschwüre, ist die Therapie. Paulus von 
Aegina empfiehlt Einspritzungen hi die Harnröhre, und 
auch die Behandlung durch Bougies ist bereits bei ihm, 
wenn auch nur in primitiver Weise, entwickelt. 

Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass die alten, 
und selbst noch die mittleren und späteren Aerzte sehr 
viele Fälle von Tripper und seinen Consecutiv -Erkrankun- 
gen auch unter Straugurie, Dysurie, Ischurie, ja sogar 
unter Satyriasis und Priapismus beschrieben haben. 

Merkwürdig ist, dass der Tripper, welcher in der 
Bibel als Samen- oder Eitcrfluss wie ein allgemein be- 
kanntes Schreckgespenst auftritt und auch im Mittelalter 
wieder populär wird, bei den griechischen und den spott- 
süchtigen, lasciven römischen Laienschriftstellern keine Er- 
wähnung findet. 

Die Balanitis und Ba1ano-Po8thitis mit Phimose und 
Parapbiraose complieirt beschreibt Celsus ziemlich deut- 
Uch, obwohl er sie ehie Entzündung des Penis nennt und 
keinerlei ätiologische Momente dafür anführt; seine The- 
rapie der phiniotischen Balano- Posthitis (Einspritzungen 
von warmem Wasser zwischen Vorhaut und Eichel) ist 
ebenso einfach als rationell. 

Hoden - EutzOndDugeu und -Tumoren, nicht durch 
Trauma, sondern, wie dies deutlich hervorgehoben wird, 
durch innerliche Krankheiten bedingt, werden verhältniss- 
raässig oft angeführt; jedocli finden sich keine verlässUchen 
Anhaltspunkte, aus denen sich auf eine bestimmte specifische 
Erkrankung dieses Organs schliessen liesse. Deshalb sind 
auch die meisten Stellen darüber nicht aufgenommen 
worden. Die beste Beschreibung über Tumoren und Ent- 
zündungen der Hoden liefert ebenfalls Celsus; und auch 
die Epididymitis und Deferentitis blennorrhoica dürfte bei 
ihm kaum zu verkennen sein ; namentlich dann nicht, 
wenn man Alles was dieser bedeutsame Hchriftsteller über 



Rückblick ü 



. Kianklic 



en b. d, Grieclicn n. Röi 



223 



^ 
^ 



die Erkrankiingeu dieser Theile vorträgt im Zusammen- 
hang liest, und sich nicht mit dem oben S. 185 gegebenen 
Excerpt begnügt. Ueber die Therapie dieses Leidens ist 
bei Geis US nichts erwähnt. 

Strictiiren der Harnröhre waren zweifellos bekannt, 
wenn dieselben aucb ebenso wenig wie alle übrigen Con- 
secutiv-Erkrankungen des Trippers mit diesem in irgend 
eine Beziehung gebracht werden, und die pathologisch- 
anatomischen Kenntnisse darüber eigentlich felilen. Die 
Vorstellungen über diese Krankheit waren demnach wohl 
sehr schwankend, aber dennoch nicht ohne wissenschaft- 
hches Verständniss. Oft, und bereits in der Hippokrati- 
schen Sammlung begegnet mau den Strietureu als ein 
Hindemiss beim Catheterisiren ; Celsus nennt als Passage- 
hemmniss der Harnröhre bei Männern und Frauen ausser 
einer Erschlaffung der Theile und den Steinen und Blut- 
coagulas in der Harnrölire auch noch die Entzündung 
derselben, und verwendet dagegen metallene Catheter ; 
aber nur um den Urin zu entleeren. Doch mag auch bei 
den Römern schon zu Celsua Zeiten die methodische Be- 
handlung der Strieturen üblich gewesen sein; denn wie 
B. Tarnowsky') berichtet giebt Michele Troja'} „eine 
Beschreibung von Bougies, die in Pompeji ausgegraben 
worden sind." Die ausführlichste und interessanteste Be- 
schreibung bringt Heliodorus^); nach ihm entsteht die 
Krankheit, von welcher er bereits verschiedene Grade 
unterscheidet, nach einem Geschwüre in der Harnröhre; 
von auasergewöhnUch reicher Erfahrung zeugen seine 
therapeutischen Massregeln: der mnere Harnröhrenschnitt, 
wie er ihn freilich woiü sehr undeutlich darstellt, mag 
mehr in einem Ausschaben der stringirenden Stelle be- 
standen haben; doch zeigt seine Nachbehandlung von 
einer richtigen Auffassung des Zustandcs (vgl, p. 149), 

1) Tarnowsky, B,, Vortrüge über veuerische Krankheiten, 
feerlän 1872, 8», p. 17. 

2) Troja, M., Memoria Hulla couetruzione dei catuteri tles- 
Bili etc. Nnpoli, 17S:i, 8», p. 371. 

3) Vergl, 1). 148. 



234 Rückblick fi. d, vencr, Kranklioiten h. (\. Grieclie.n u. Kömem. I 

Erkrankungen der HarublaKe infolge des Trippei 
müssen ebenfalls häufig beobachtet worden sein, denn es 
finden sich abenaals schon in den Hippokratischeii Schrif- 
ten Stellen Über „Blasenkrätze'* und „Blasengeschwüre", 
M'elche sich in ihrer Ausführung mehr oder weniger ab- 
geändert bei den späteren Aerzten wieder bemerkbar 
machen; jedoch dürfte, wie Puschmann sehr richtig be- 
merkt, ein bestimmtes ürtheil Über das Wesen der ver- 
meinten Krankheiten kaum zulässig sein. Der berühmt 
französische Historiker Littrc^'} vermuthet dahinter eil 
Art Blasenkatarrh, und gewiss dürfte derselbe, wenn 
darauf bezüglichen Stellen eine Deutung erfahren raüssei^ 
nicht auszuschalten sein; aber ein ätiologisches Moment 
für diesen Blaseukatarrh und somit für seine Beziehungen 
zu Primärerkrankungen und speciell zum Tripper ist eben 
nirgend gegeben. Deshalb sind hier auch alle diesbezüg- 
lichen Mittheilungen, welche sich bei den Aerzten des 
Mittelalters, ja bis tief in die Neuzeit noch bedeutend 
vermehren, weggeblieben. Erwähnt sollten jedoch diese 
in der medieinisehen Litteratur aller Zeiten vorkommenden 
Capitel über „ Blasenkratze " und „ Blasengeschwüre '^ des- 
halb werden, um darauf hinzuweisen, dass auch die Exi' 
stenz der Cystitia blennorrhoica bis in das Alterthum vei^ 
folgt, und auch da, wenn schon nicht vollkommen 
wiesen, so doch mit grosser Wahrscheinlichkeit ani 
nommen werden kaim. Damit jedoch der Leser ein Ul 
theil über die von den Alten so häufig beschriebenen 
Blasenleiden haben kann, soll das Resultat, welches 
Puschmann') aus seinen Forschungen in dem griechi- 
schen Alterthum erzielte, reproducirt sein: „Als ,Blasen- 
krätze' bezeichneten die Alten einen Zustand der Bhise, 
bei welchen der ausgeschiedene Urin kleienartige Schüpp- 
chen enthält und eine dicke zähe Eeschatienheit hat. Die 
Entleerung des Urins verursacht Schmerzen und die 
Kranken klagen über ein unerträgliches Jucken in di 



'er- 
ien|^^ 



i:xi- 
'ei^^J 



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2) Pu 



r Edition de« Hi]i|)okr 



^ IV, p. 419. ■ 



I Rückblick ü. d. Toner, Krankheiten b. d. Griechen u. Römern. 



im 
xak 



Segeud des Schambogeus und am Unterleibe und reiben 
fach die Geschlechtstiieile. Im späteren Verlauf entwickeln 
Hch Geschwüre in der Blase und der Urin wird eitrig 
und hlutig. Die Blasenkratze ist, wie Alexander von 
Tralles sagt, ein schweres Leiden, das nahezu unheilbar 
ist und oft aller Behandlung spottet." Aber auch zu den 
ebenfalls bei den alten Aerzten nirgend fehlenden Be- 
schreibungen der Strangurie und Dysurie werden nicht 
^"wenige Fälle von Cystitis blenaorrhoica den Anlass ge- 
geben haben, Alexander Trallianus^} hat darüber 
gleichfalls einige bemerkenswerthe Stellen : „Wenn eine ge- 
e Schärfe im Urin ist, und die Constitution des Körpers 
im Allgemeinen mehr einen scharfen und galligen Cha- 
lakter zeigt, so ist die Annahme durchaus berechtigt, dass 
^Aer Harnzwang seinen Grund in den durch die Schärfe 
^hervorgerufenen Schmerzen hat. Wenn dies nicht der 
Fall ist, sondern wenn im Gegentheil der Urin eher weiss 
" erscheint , die vorausgegangenen Gelegenheitsuraachen 
einen kalten Charakter hatten, und wenn der Kranke 
kühle Speisen und Bäder genommen hat, so muss man 
die Ursache eher in einer kalten Dyskrasie der Blase 
suchen". Diese und auch die folgende Stelle über Dysurie 
^^ sind zum Verständnias seiner Beschreibung der Gonorrhoe 
^Hj^vgl. p. 150) nothwendig: „Die eine Art der Dysurie ist 
^^Epit Schmerzen verbunden, die andere nicht. Wenn sich 
^^Ker Urin nur schwer und unter Schmerzen ausscheidet, 
^^wo zeigt dies an, dass das Leiden in der Blase sitzt. Ist 
^Hsie Harnentleerung schmerzhaft, zwar nicht mit dem Ge- 
^^^lühl der Schwere, wohl aber mit Eiterung verbunden, so 
darf man annehmen, dass ein Geschwür sich in der Blase 
befindet, Ist aber das Gefühl der Schwere vorhanden, 
so kann man eher eine Entzündung, als einen Abscess 
vermuthen." 

Mit den Condylomen, welche unter mannigfachen Be- 
Innungen, zumeist unter öupiov, KovbOXLU^a, öukii, dKpoxop- 




1) Alexander von Tralli's. 
id 486. 

Proksch. Geurhluhte d. vener. Krnnkln 



Eilit. I'l 



clnti 



Rückblick ü. d, i 



-. Krankheiten b, i). Griechen ti, Böi 




tjiüv, Verruca, ficus, marisca sehr häufig beschrieben wur- 
den und unter den letzteren zwei Benennungen besonder^^ 
den lasciven römischen Dichtern geläufig wai-en, habentz« 
die alten Aerzte offenbar allerlei Excrescenzen zusammen — 
gemengt; besonders gilt dies von den Condylomen de^ 
Afters, die wohl nicht jedesmal von Haemorrhoidalknoten. 
Papeln, hypertrophirten Analfalten u. dgl. unterschiedeir 
worden aijid; jedoch finden sich immerhin noch Belege 
genug, aus denen zuverlässig geschlossen werden kann 
dass die Condylomata acouiinata, mir von diesen sol. ^ 
jetzt die Rede sein, in vielen Fällen auch richtig erkann" - 
und behandelt wurden. So bemerkt schon Rufus^), dasi£ 
gutartige Thymi (schon diese Benennung nach den Blüthen_^ 
köpfchen von Thymus Serpyllum ist ziemlich bezeicl 
nend) manchmal von selbst abfallen, und daas sie aus um 
nach den Geschwüren an den Genitalien und ihrer Um_ 
gebung entstehen. Von den älteren Autoren nahm siel 

Celsus die meiste Mühe, die verschiedenartigen Excres 

cenzen und besonders die Warzen von einander zu unter- — 
scheiden; jedoch wurde auch er sowie alle seine Zeitge- 
nossen und Nachfolger jedenfalls durch die mannigfaltigen 
Formationen und vorzüglich durch die Veränderungen, 
welche diese Gebilde nach dem jeweiligen trockenen oder 
feuchten Standort erfahren, irregeführt und so zu Ver- 
wechslungen mit syphilitischen Papeln veranlasst, welch' 
letztere auch Celsus unzweideutig unter 9üniov beschreibt. 
Auch in der Scheide und am Uterus haben die Griechen 
verschiedenerlei Excreseenzen, die sie als Condylome be- 
zeichneten, mittelst des Mutterspiegels häufig als Geburts- 
hinderniss erkannt und behandelt. Die Therapie war ge- 
wiss rationell, und stimmt im Allgemeinen mit der noch 
heute geübten übereJn: am gewöhnlichsten war das Ab- 
schneiden mit der Seheere, oder man fasste diese Aus- 
wüchse mit einem Zängelchen, hob sie vom Mutterboden 
ab und schnitt sie dann an [der Wurzel mit dem Messer 
hinweg; jedoch wurden auch das Glüheisen und verschie- 



1) Vergl. p. 135. 



Rückblick ü, d. 1 



r. Kranklieiten b. d. Gricuhen u, Rümerr 



22? 



WUl 

^■äb] 

^^^ Hör 



dene Aetzmittel in Anwendung gebracht. Die Wuudflächen 
wurden dann mit allerlei Arzneimitteln verbunden, häu&g 
_ aber mit Alaun- und Galläpfel pulver bestreut; auch wurden 
«diese Mittel in leichteren Fällen allein gebraucht. Das 
Abbinden war ebenfalls in Uebuug, doch berichtet A n - 
tyllus^), dass diese Methode -„von den besten Chirurgen 
f-rerworfen wird". Der eben genannte Arzt muss jeden- 
«falls grosse Erfahrungen über die Pathologie und Therapie 
'' der Condylome entweder selbst besessen oder andern ent- 
lehnt haben, denn er sagt ausser den bereits S. 147 an- 
geführten Stellen noch: „Da aber häufig öunoi sowohl auf 
Iden äussern als auch auf den Innern Theilen der Vorhaut 
entstehen, und einige von ihnen an derselben {correspon- 
direnden) Stelle, so dass sie nahe aneinander sich befinden, 
so darf mau nicht gleichzeitig an alle Hand anlegen. 
Denn wenn man die Vorhaut sowohl von innen als von 
aussen her, und besonders wenn man die einander gegen- 
über liegenden Stellen trennen wollte, so würde man un- 
zweifelhaft die Vorhaut durchbohren. Es ist deshalb besser, 
zuerst nur die Innern Partien abzuschneiden, zu treunen 
und kunstgerecht zu entfernen, und später dann die Be- 
handlung der übrigen Stellen in Angriff zu nehmen." 
j^^H TJeber den Weibertripper herrschten analoge An- 

^^^■schauungen wie über den Tripper des Mannes; bereits in 
^^^Men Schriften der Hippokratischen Sammlung beisst es, 
^^^Bdass „das Monathche m Eiter Übergegangen ist" und dass 
^^^B^wenn die Gebärmutter mit Sclileim angefüllt ist, ein Auf- 
^^^fblähen entsteht'und die Reinigung weiss und schleimig 
il abgeht." Diese Stellen zeigen deutlich, dass man sich 

auch das, was aus den weiblichen Genitalien abflosa, wohl 
_ besah und zwischen Schleim und Eiter unterschied; auch 
^inen Fluss von dem Aussehen des Eselsurin u. dgl. be- 
merkt Hippokrates; aber die Pathogenese ist in allen 
E'ällen dieselbe, Galen u. A. schreiben dem Ausfiuss 
Reogar einen wohlthätigen Effect zu: er reinige den Körper 



1) Äiitylh 



r Lülivbuch n;. Aull. IIP, ji. 322 



Rückblick ü, d. vener. Krankheiten b. d. Griechen q. Röi 



von den schlechten Säften. Die Symptomatologie des 
Weibertrippers ist sehr unbeHtimmt und verworren ; wenn 
auch hie und da die eine oder andere, für gewisse Stadien 
passende Erscheinung vorgeführt wird, so sieht man sie 
jedoch gleich wieder mit heterogenen Zufällen vermengt. 
Die vielfältigen Schwierigkeiten, welche sich dem Studium 
gerade dieser Krankheit von jeher entgegenstellten, er- 
klären es wohl zur Genüge, weshalb dieselbe bis tief iu 
das laufende Jahrhundert nur nach ihrem augenfiiUigsten 
Symptom, dem Ausfluss, beurtheilt und behandelt wurde. 
Die Therapie war aber dennoch auch schon bei den alten 
Griechen eine überaus emsige: Diätetische Vorschriften, 
innerliche Arzneimittel, topische Räucherungen, Einspritzun- 
gen und Tamponirungen der verschiedensten Art, deren 
Aufzählung zuviel Raum beanspruchen würde, waren so- 
wohl gegen den Ausßuss als auch gegen die begleitenden 
Erscheinungen in Anwendung. Von besonderem Interesse 
ist, dass bereits in den Hippokratischen Schriften der einst- 
mals durch R i c r d und Felix Niemeyer gegen 
Männertripper so beliebt gewordene Gebrauch des Roth- 
weins mit Tannin gegen den FIuss bei Frauen vorkommt; 
es heisst nämlich: „Wenn sie (die Gebärmutter) verschleimt 
ist . ■ . Andere zusammenziehende Mittel. Man knete 
Gerberbaum mit dunkelrothem Weine zusammen, und 
bringe ihn als Mutterzäpfchen bei"'). 

Die Geschwüre an den Gesehlechtstheilen und ihrer 
Umgebung sind wenigstens symptomatologisch am besten, 
häufigsten und schon in den ältesten Schriften beschrieben. 
Wenn auch über die Aetiologie dieser Geschwüre und über 
die Folgekrankheiten derselben (mit Ausnahme der Bu- 
bonen und Feigwarzenj an Ort und Stelle nichts Bestimmtes 
verzeichnet Ist, so erhalten wir darüber doch mancherlei 
Aufschlüsse Über die Vorstellungen der alten Aerzte in 
ihren allgemein-pathologischen Erörterungen und, wie sich 
in der Folge noch ergeben wird, in ihren therapeutischen 
Bemerkungen. Bezüglich der Aetiologie haben wohl die 



1) Hippokr 



., Uebersetzung' 



nGr 



in, TV, p, 365-^7, 



Rückblick ü. (i. ^ 



a b. d. Gn 



1 u. Eömem. 229 



f Anschauungen, welche Galen') Über die Entstehung der 
I Geschwüre im Allgemeinen entwickelte, auch speciell für 
die Genitalien gegolten; er lehrte: „Die Entstehungsursache 
dieser (mit Substanzvcrlust verbundenen Geschwüre) ist 
^ aber eine doppelte, entweder kommen sie durch Weg- 
I nähme {^k irepiaip^ffeujs) oder durch Anfressen (4£ ävappLÜffeius) 
I zu Stande. Wie die Wegnahme geschieht ist bekannt. 
Die Anabrosis, wenn sie auS' dem innern Organismus her- 
[ vorgeht, ist ein Spross der schlechten Säfte, entsteht sie 
von aussen, so ist sie eine Folge von Arzneimitteln oder 
t Feuer." Noch eine diesbezügliche Stelle hat Galen, 
I welche für das Verständniss nicht nur der alten und mitt- 
leren Aerzte, sondern auch der ältesten Syphilographen, 
besonders in Betrete des Mangels einer eigentlichen Con- 
tagienlehre von Wichtigkeit ist, und darum augeführt 
I werden soll: „Aueh wird es an der Zeit sein zu bestimmen, 
I dass keine der die Diathese zunächst veranlassenden Ur- 
I .Sachen eine Lidication zur Heilung (also auch der Ge- 
I Bchwüi-e) abgebe; dieHeilanzeige vielmehr von der Atfectiou 
selbst ausgehen müsse. Was im Einzelnen zu thun ist, 
hängt von dem nächsten Zweck und der Natur des er- 
griffenen Theiles, dem vorwaltenden Temperameute des 
Kranken und Aehnlichem ab. Denn um es kurz zu sagen, 
von keinem der nicht mehr vorhandenen Momente kann 
eine Indication dessen, was zuträglich ist, genommen 
werden. Da wir aber oft behufs der Diagnose einer Affec- 
[ tion, welche weder mit Hülfe der Vernunftschlüsse noch 
i der Sinne erkannt werden kann, nach der veranlassenden 
[Ursache forschen müssen, so scheint es dem Laien, dass 
f daraus die Anzeige zur Heilung genommen werde. Dies 
fverhält sich aber keineswegs also. Man sieht dies deut- 
p^ch bei denjenigen Zufällen, deren Diathese uns ganz 
■igenau bekannt ist; denn sei es Ecehymose oder Geschwür 
|;oder Erysipelas oder fauliges Geschwür (crriTtebibv) oder 
EPhlegmone an einem Theile, so ist es unnütz, die veran- 
llassende Ui'sache (aixiov iroiriffav) auszuforschen, wenn sie 



1) Galen, vetgl Eosenba 



1 !. I 



-395, 



Rückblick ü, d. \ 



•. Krankheiten h. <i. Griechen u. Römen 



nicht noch jetzt wirksam ist. Allein für diejenige Aflfe^^ 
tion, deren Einsicht wir ermangeln, ist die Kenntniss der 
veranlassenden Ursache nützlich." Diese Theorien herrsch- 
ten, getragen von der hohen Autorität G a I e n 's, bis in 
das 16, Jahrhundert und wiiren besonders fUr die Ent- 
wickelung der Syphilislehre verhängnissvoll. Danach 
waren also alle Geschwüre und wohl auch alle Exantheme, 
welche nicht unmittelbar nach ciiirurgischen Eingriffen 
oder anderen mechanischen nnd chemischen Verletzungen 
in Erscheinung traten, „ein Spross der schlechten Säfte", 
welche ihre Brut- und Sammelstätte in der Leber hatten, 
von da durch die Blutbahnen zur Haut geleitet und hier 
durch das entstandene Geschwür gleichsam eliminirt wur- 
den. Die Verschiedenartigkeit der Geschwüre war eben 
durch die Verschiedenheit der schlechten Säfte, durch die 
kalte oder heisse, trockene oder feuchte Natur des er- 
griffenen Theiles, besonders aber durch das Temperament 
des Kranken bedingt. Jedenfalls war bei allen aus 
„schlechten Säften" entstandenen Geschwüren die direct 
„veranlassende Ursache" schwer zu eruiren, gewiss aber 
nicht mehr zu entfernen, sie interessirte demnach nicht 
mehr, und damit war man am Ende der ätiologischen 
Forschung angelangt. 

Bei dieser einseitigen Auffassung der Genesis der 
Geschwüre wäre es eigentlich zu verwundem, dass die 
alten Aerzte der Besehreibimg der verschiedenen Formen 
ziemliche Aufmerksamkeit gewidmet haben; doch darauf 
wurden sie gewiss durch die Therapie geleitet, welcher 
ja stets alles Sinnen und Trachten zugewendet war. Aus 
den vorstehenden Belegen ist ersichtheh, wie die Ge- 
schwüre an den Genitalien, und zwar vorzugsweise an den 
männlichen, in Bezug auf ihre Compiicationen, Localisation, 
Umgebung, Ausdehnung, Zahl, Secretlon u. s. w. mitunter 
eingehend berücksichtigt wurden. Als ein Muster präg- 
nanter Darstellung kann besonders Celsus gelten: er 
schildert nicht nur die einfachen Geschwüre mit der sie 
Gompliclrenden Phimose und Paraphimose, sondern er zeigt 
uns auch die Phagedaena mit ihren Zerstörungen der 





Eückblick ü. d. vener. Krankheiten h. d. Gi-iet'hen u. Römern, 231 

'^"Vorhaut und Eichel, und unzweifelhaft auch die Skle- 
rose, welche er als eine beinahe empfindungslose Callo- 
sität bezeichnet und von dem Careinom des Penis, welches 
er in einem separaten Abschnitt beschreibt, unterscheidet. 
Schon seine, spilter auch bei Galen u. A. vorkommende 
Eintheilung der einfachen Genitalgeschwflre in trockene 
und reine, feuchte und eiternde lässt mit einiger Sicherheit 
annehmen, dass den alten Aerzten die Hauptmerkmale der 
gewöhnlichsten Formen : das ein fache venerische Geschwür 
und der syphihtische luitalaff'ect nicht entgangen sein 
können, wenn sie dieselben auch nicht zu deuten ver- 
mochten. Von aussergewöhnlichen Folgen erwähnt C e 1- 
s u B die Atrcsie der Vagina und die Verwachsungen der 
Vorhaut mit der Eichel. 

Die therapeutischen Vorschriften gegen die verschie- 
denen Geschwtlrsformen waren überaus mannigfaltig und 
zumeist auch rationell. In schweren Fällen, namentlich 
bei Phagedaena und, wie einige Stellen bei C e 1 s u s, 
Galen u. A. erweisen, auch bei Sklerose, war die An- 
wendung des Messers und Glüheisens wahrscheinlich all- 
gemein; auch Caustica, besonders Kalk, Arsenik- und 
Kupferpräparate waren in Gebrauch. Jedoch zeigen schon 
die zahlreichen milden Arzneimittel, welche neben den 
I oben genannten vorgeführt werden, dafür, dass die leich- 
Iteren Falle einer entsprechenden Behandlung unterzogen 
wurden, und daher ein Missbrauch mit den heroischen 
[Kitteln, wie er hie und da, gestüt^zt auf einige Laieuaus- 
psagen vermuthct wird, nicht stattfand, wenigstens nicht 
I allgemein. Belehrend nach dieser Richtung und für die 
I äusserste Humanität der alten Aerzte zeugend ist beson- 
Lders eine Stelle bei Galen'), welche sich zwar wieder 
■ nur auf die Behandlung der Geschwüre im Allgemeinen 
^liezieht, dennoch aber wohl auch für die an den Geni- 
ftalien gegolten haben muss: „Wenn aber die Ränder des 
Ißeschwüres nur missfarben und callös sind, so muss man 
Rie bis auf das gesunde Fleisch abtragen; hätte diese 



])Ga 



, vergl. R s e n b a 



232 Rüekbliflc u. d. vener. Krankheiten b. ä. Griechen u. RGmenj 

Beschaffenheit aber weiter um sich gegriffen, so entstefii 
die Frage: ob man alles Krankhafte ausschneiden oder 
eine langwierige Kur vornehmen soll. Es ist natürlich, 
dass man hierzu die Gesinnung des Kranken erforschen 
miiss; denn einige wollen lieber ohne Schnitt sich einer 
langwierigen Behandlung unterwerfen, andere sind dagegen 
zn allem bereit, wenn sie nur geheilt werden." Wie gut 
sieh die alten Aerzte nicht nur in den gewöhnlichen, 
sondern auch in exeeptionellen Fällen zu helfen wussten, 
zeigen eine Reihe von den in der Litteratur zerstreuten, 
hier nicht immer aufgenommenen Einzelheiten; so erfand 
z. B. Paulus von Aegina bleierne Röhren, durch 
welche er die Kranken mit ausgedehnten Geschwüren des 
Penis uriniren liess. Wieviel Sorgfalt und Beobachtung, 
welches Mass von Versuchen, Erfahrungen und Kenntnissen 
musste nur vorausgegangen sein, ehe man dahin gelangte, 
die Behandlung der Scheiden-, Uterus- und Mastdarm- 
geschwüre, wie dies bereits aus den Schriften der Hippo- 
kratischen Sammlung unzweifelhaft hervorgeht, mit Hülfe 
des Speculums vorzunehmen? Die späteren Griechen: Phi- 
lumenos, Soranus, Äntyllus, Agtius und Paulus 
Aegineta erwähnen dieses Instrument ebenfalls, und auch 
bei den Römern, welche es nicht erwähnen, muss es in Ver- 
wendung gewesen sein, da es bei den Ausgrabungen in Pom- 
peji gefunden wurde. Ich habe die Imitation eines solchen 
dreiblätterigen nicht unzweckmässig constrnirten Mutter- 
spiegels im Besitze des Herrn Professors Puschmann 
in Wien gesehen. 

Die Rhagaden am After und am Präputium, welche 
so häufig bei Venerischen, die des Afters besonders bei 
Weibern, beobachtet werden können, sind bei den alten 
Aerzten ebenfalls oft erwähnt; es zeigt immerhin von sorg- 
fältiger Beobachtung, wenn ihnen auch diese verhältniss- 
mässig geringfügige, heute noch sehr oft übersehene und 
wenig beachtete Erkrankung nicht entgangen ist. Celsus 
beschreibt (Lib. VI, cap, xviii, § 6) die Rhagaden am 
After unmittelbar nach den Krankheiten des Penis und 
Hodens, wozu ihn vielleicht nur die anatomische Anord- 



Rückblick ü. d. \ 



i: Rrankheiteii b, d, Griechen u. Römern. 233 



I 



nung des Stoffes veranlasst haben mag; obwohl er z. B. 
die Fisteln am After erst im nächsten Buch (VTI, cap. iv) 
abhandelt. 

Die Bubonen waren zwar sicher als Consecutiv- 
erkrankungen von Geschwüren erkannt and je nach ihrer 
Art, ihrem Standorte, oder dem Stadium der Entwickelung 
ßoußüjv, cpOtia, (püfeöXov, xfip^^i hubo, panus, paniculus, in- 
guen und struma genannt; im Allgemeinen verstand man 
jedocJi unter Bubonen auch jede andere Lyraphdrtlsen- 
anschwellung, mochte diese aus was immer für einer 
Ursache und an welchem beliebigen Körpertheil entstanden 
sein; wenn auch gewöhnlich die Nacken-, Achsel- und 
Leistendrüsen als Prädileetionsstellen angeführt wurden. 
Dass bei dem damaligen Stande der anatomischen und 
pathologischen Kenntnisse auch verschiedene andere unter 
der Haut liegende Tumoren für Bubonen resp. für Lymph- 
drüsengeschwUlste gehalten wurden, kann nicht befremden, 
da ja solche Verwechslungen auch heute noch vorkommen 
können. Für die Entstehung der uns zunächst interessiren- 
den Inguinalbubonen werden allerdings regelmässig Üe- 
Bchwüre an den Füssen resp. an den untern Extremitäten 
verantworthch gemacht, jedoch finden sich auch einige 
Stellen, aus denen sich mit ziemlicher Bestimmtheit an- 
nehmen lässt, dass den aiten Aerzten der Causalnexus 
zwischen den Genitalaffectioneii und den Inguinalbubonen 
nicht entgangen war. So lässt Hippokrates das in 
Eiter übergegangene Menstrualbiut, falls es seinen Weg 
nicht durch die Scheide findet, „oberhalb der Scham in 
den Weichen" zum Durchbruch gelangen; ferner ist es 
doch einigermassen bezeichnend, wenn Sextus Placitus 
Papyriensis') die Pudenda eines Hirschen gerade nur 
als Vorbauungsmittel gegen die Inguinalbubonen zu tragen 
empfiehlt; ausserdem zeigt dieses und das Vorkommen 
anderer Prophylactica (MarceUus Empiricus*) war 
ebenfalls besorgt für seine Söhne „ne inguen ex idcere 



1) Vergl. p. 190. 

2) Vergl. p, 209. 



234 Rückblick ü 



er. Kranlilieiten h. A. Gripch.m u. Rör 



aljquo aut vulnere intumescat"), f(ir die damalige Häufig- 
keit der Inguinalbubonen, und damit doch wohl aucfi 
dafür, dass diese uicht allein duruh Geschwüre au den 
untern Extremitftten häufig: geworden sein mögen. Ueber 
die Symptomatologie und Therapie der Bubonen überhaupt 
ist abermals Celsus') zuerst ausfllhrlicher; er verwechselt 
dieselben zwar an verschiedenen Stellen mit andern Tu- 
moren, giebt auch nirgend eine specielle Beschreibung 
der Inguinalbubonen; jedoch mag ein Abschnitt als Beleg 
für die historische EntwiekeUmg der Keiiutuisse über diese 
Krankheit hier am Platze sein: Das cpiJTeeXov, welches 
seine Landsleute panus nennen, kommt am Nacken, unter 
den Achseln oder in den Leisten vor. „Oeftera ist es 
gleich in die Augen springend, insofern es etwas breiter 
ist (als ein kleiner Absce«s), und die Geschwulst eine 
Aehnlichkeit mit jenem Zustande hat, welchen ich oben 
unter dem Namen ipüjxa angeführt habe; ferner ein rothes 
Aussehen zeigt, heias anzufühlen ist und bald nachher hart 
wird, auch auf mehr unschädliche "Weise sich Schmerz 
einstellt, wozu sich noch Durst und Schlaflosigkeit gesellen. 
Doch kann man bisweilen keine von diesen Erscheinungen 
auf der Haut wahrnehmen, besonders wenn der Eiter sich 
mehr in der Tiefe erzeugt hat; allein in Verbindung mit 
Durst und Schlaflosigkeit fühlt der Kranke im Innern ein- 
zelne Stiche, auch ist es besser, wenn nicht sogleich Ver- 
härtung eintritt; und wenn der Theil noch nicht gerade 
roth aussieht, so zeigt er doch eine veränderte Farbe. 
Diese Zeichen treten zum Vorschein, wenn schon Eiter- 
bildung stattgefunden hat; Geschwulst undRöthe entstehen 
aber lange vorher. Wenn aber die Stelle noch weich ist, 
so'muss man den Zufluss der Säfte ableiten, durch Um- 
schläge, welche zugleich zurücktreibend und kühlend wir- 
ken ... Ist aber schon Verhärtung eingetreten, so muss 
man zu zertheilenden imd auflösenden Mitteln seine Zu- 
flucht nehmen, als da sind: zerstossene dürre Feigen, oder 
Hefe mit Wachssalbe vermischt . . . Was unter dieser 



l) CelsuM, UebersetzUDg von B. Eitte 



Rüiikblick ii 



■. Krniiklieiten b. d. Griechen u. Riirnerii. 23E 



Behandlung nicht zur Zertheilung gelangt, muss zur Reife 
gebracht werden . . . Der Abscess ist aber noch nicht 
zur Eeife gelangt, wenn das Klopfeu, wie in den Pulsadern, 
noch besteht, und wenn die Schwere, das Brennen, die 
Spannung, der Schmerz, die Röthe und Härte noch vor- 
handen sind, und wenn bei einem grösseren Abacesse der 
Schauder, oder auch die Fieberbewegungen noch fort- 
dauern, obgleich im Innern der Grund zui- Eiterung gelegt 
ist. Wenn aber diese Erscheinungen nachgelassen haben, 
und an die StelJe jener, in der Haut sonst ausgesprochenen 
Merkmale, eine Empfindung wie von Stichen getreten ist, 
die Haut auch schon von einem Prickeln befallen imd 
bläulich oder weissHch von Aitssehen ist, so ist die Eiter- 
bildung zur Reife gelangt, und man muss nun, wenn der 
Abscess entweder durch angewandte Mittel selbst, oder 
mittelst des Messers geöffnet worden ist, den Abflugs des 
Eiters befördern. Hernach muss man bei Abscessen, welche 
sich unter den Achseln oder in den Leisten befinden, ohne 
Anwendung von Charpie Heilung zu erzielen suchen. 
Auch an anderen Stellen ist die Anwendung der Charpie 
gleich überflüssig, wenn nur ein einziger kleiner Abscess 
besteht und der Körper des Kranken sonst gesund ist ■ . ■ 
Wenn aber die umliegenden Theile hart sind, so muss 
man, um sie zu erweichen, entweder zerstossene Malven, 
oder Bockshorn- oder Leinsamen mit Rosinen kochen und 
auflegen. Was hernach aufgelegt wird, darf nicht straff 
angezogen, sondern nur mit massig festen Bindentouren 
aufgebunden werden . . . Das Uebrige, was zur Reinigung, 
zur Ausfüllung und Vernarbung des Geschwürs gehört, 
kommt mit dem überein, was bei der Lehre von den Wunden 
erörtert worden ist. Bisweilen entstehen aus solchen Ab- 
scessen und anderen Geschwüren Fisteln ... Es giebt 
mehrere Arten von Fisteln, einige sind mehr oberflächlich, 
andere dringen tiefer ein; einige ziehen sich in gerader 
Richtung nach innen, andere laufen kreuz und quer; einige 
Bind einfach, andere zwei- oder dreifach, insoferne sie von 
einer Mündung aus sich in drei oder selbst mehrere Gänge 
abtheilen; einige verlieren sich in den Fleisehtheilen, an- 



236 Rttckhiick ü. d. 1 



r. Krankhfiten h. d. Griechen n. Romei 



derc dringen bis auf die Knochen oder Knorpel, oder i 
Stellen, wo keiner dieser beiden Theile sich befindet, über- 
haupt zu den innem Theilen; einige können leicht, andere 
nur schwer, und noch andere gar nicht geheilt werden . . . 
Immer ist es auch gefährlich, ja oft tödtlich, wenn sie 
(die Fistel) bis zu den Eingeweiden sich erstreckt. Alles 
dieses ist um so schlimmer, wenn der Körper entweder 
kränklich, oder schon alt, oder sonst von übler Beschaffen- 
heit ist." Die übrige noch über weitere vier Seiten rei- 
chende Schilderung dieser Holilgänge ist ebenso muster- 
haft wie das Vorstehende und zeigt von überaus grosser 
Erfahrung. 

Bezüglich "der Syphilis im Alterthum, imd specioll 
bei den Griechen und Römern, ist man sich bisher über 
die Fragestellung noch nicht recht einig geworden, und 
hat immer, oder doch gewöhnlich, die Sache, d. i. die 
Krankheit, mit den Personen, d. i. mit dem Wissen der 
Aerzte, vermengt. Sogar der gelehrteste und eifrigste Ver- 
theidiger des Alterthuras dieser Krankheit, Rosenbaum, 
mag erat während des Druckes der Vorrede und der 
letzten Blatter seines Werkes auf die richtige Idee ver- 
fallen sein; denn er sagt noch Seite 401 : „Freilich ist es 
leichter zu behaupten, die Alten wussten nichts von der 
Lustseucbe, als den besten Theil seiner Lebenszeit darauf 
zu verwenden, ura zu untersuchen: wie viel wussten die 
Alten davon?" Diese Frage ist weder für das griechisch- 
römische Alterthum noch für das Mittelalter zulässig, und 
kann erst bei der Neuzeit, bei den ältesten Syphilograplien 
gestellt werden; um dana zu erfahren, dass selbst diese 
noch erstaunhch wenig davon wussten. Erst auf dem 
vorletzten Blatte (p. 449} kommt der genannte Forscher 
zu dem wohl richtigen, aber mit dem eben erwähnten 
Satze und der ganzen Anlage seines Werkes nicht recht 
im Einklang stehenden Schluss: „dass die Lustseuche im 
Alterthum, wenn auch nicht als solche von den Aerzten 
erkannt und dargestellt, in der That vorhanden war." 

Krankheit und Aerzte sind also auseinander zu halten 
und demnach zwei Fragen zu stellen; die erste Frage: 



Rückblick i 



r. Kvankheiten b. d. Griechen u. Römern. 237 



Haben die Aerzte bei den alten Griechen und Rö- 
mern die Syphilis in allen oder doch in den hauptsäch- 
lichsten Erscheinungen als eine Krankheit sui generis 
gekannt ? 
ist nach der bisher bekannt gewordenen medicinischen 
Litteratur dieser Völker entschieden mit Nein zu beant- 
worten ; wenn auch augenonnraen werden muss, dass so- 
wohl den Aerzten als auch den Laien der Zusammenhang 
einiger Sekundärerscheinungen mit vorausgegangener In- 
fection und mit Primäraffecten am Genitale gewiss nicht 
entgangen war. Die andere Frage : 

Hat die .Syphilis bei den alten Griechen und Rö- 
mern bestanden? 
muss ebenso sicher bejaht werden. 

Denn es kann unmöglich angenommen werden, dass 
die vielen, von früheren Geschichtschreibern allerdings 
entweder ganz, oder doch grösstentheils übersehenen 
Stellen, in denen primäre, zumeist ulceröse Affectionen 
an den Genitalien mit offenbar conatitutionellen Erkran- 
kungen unmittelbar nacheinander genannt und somit in 
Verbindung oder Beziehung zu einander gebracht werden, 
einem puren Zufall, oder einem einmal oder zweimal be- 
gangenen Irrthuin ihre Entstehung verdanken. Ein be- 
trächtlicher Theil dieser oben vorgeführten Stellen kann- ja, 
■wie sich dies hiervon ebenso wie für viele andere Punkte in 
den Litteraturen aller Zeiten und Völker bis in die Gegen- 
wart hinein genau nachweisen lässt, nichts weiter als ge- 
wöhnliehe Nachsehreiberei gewesen sein; von allen lässt 
sich dies jedoch gewiss nicht geltend machen. Es können 
darum auch alle diejenigen Stellen bei Aerzten und Laien, 
welche durch ihre Aehnlichkeit mit vorangegangenen Au- 
toren das Gepräge selbständiger Beobachtung und Erfah- 
rung einbüssen könnten, ausgeschaltet werden; aber die- 
jenigen Stellen, welche durch ihre Verschiedenheit und 
Originalität auffallen, müssen Berücksichtigung finden. 

Solchen Stellen begegnen wir gleich in der Hippo- 
kratischen Sammlung in hinreichender Menge ; es werden 
daselbst einmal ; Geschwüre im Munde, Exantheme, Augen- 



..■J 



Rücklilifk ü. li. ■ 



-. Kranklieitfin b. d. Grieeliei 



eutzünduiig und Feigwarzeii an den Geuitalieii; ein ander- 
mal: Mund-, Rachen- und Kehlkopfaft'ectioncn, Alopecie 
und Caries der Knochen; dann: Augenentzündung, Ohren- 
sehmerzen, Mundgeschwüre und Exanthem; und zuletzt: 
Wassersucht und Hantgesehwüre — theils mit Erkran- 
kungen der Genitalien und ihrer Umgebung nur nebenher 
genannt, theila mit diesen in näherer Verbindung darge- 
stellt. Auch warme Bähungen werden als nützlich gegen 
esthiomenischen Herpes der Genitalien, des Afters, Uterus 
und der Vesica in ununterbrochener Reihe vorgeführt. 

Ganz anderer Art sind die meisten Bemerkungen, 
welche Celsus über denselben Gegenstand macht: er 
nennt nicht, wie bei Hippokrates gewöhnlich, die pri- 
mären, genitalen und sekundären allgemeinen Att'ectionen 
unter den pathologischen, sondern zumeist unter den the- 
rapeutischen Abschnitten , und vennehrt ausserdem die 
constitutionellen Erscheinungen noch durch die Erwähnung 
der Nasengeachwüre und präcisirt auch die Mundaffec- 
tionen als Geschwüre und Entzündung der Mandeln und 
des Zäpfchens. Eine Stelle ist bei Celsus besonders 
wichtig, und diese mag darum kurz wiederholt werden : 
Celsus ist im besten, sehr ausführlichen Besehreiben der 
Therapie der Geschwüre am Penis, und bricht mitteninue 
durch folgenden Passus plötzlich ab: „Eadem autem com- 
positio tonsillis, uvae madenti, oris nariumque ulceribus 
aecoramodata est." Das Ganze, und besonders dieses 
„autem", kann doch unmöglich als ein blosses Ungefähr 
gedeutet werden, und zwar um so weniger, als sich auch 
bei Celans andere Stellen über denselben Gegenstand, 
nur immer wieder über andere Combinationen von Initial- 
und Sekundärerscheinungen , in ganz ähnlicher Weise 
wiederholen. Der Ursprung solcher Stellen, wie wir sie 
ja in mannigfachen Variationen auch bei vielen andern, 
und sogar bei den bedeutendsten Aerzten des Alterthums, 
bei Dioskorides'), Galen*), Alexander Tralli- 
anus*} imd Paulus Aegineta*) antreffen, läsat sich 

1) Vergl. ij. 13ö. 2) Vergl. p. 144. 3) Verg!. p. 152. 

4) Vergl. p. 159. 



Rückblick ü 



1 b, A. Griechei 



auch ohne den alten Aerzten eine eigentliche Eenntniss 
der Syphilis oder einen besonderen Scharfblick zuzu- 
muthen, sehr leicht erklären : Ea mussten offenbar, ge- 
radeso wie heute noch, häufig Fälle vorgekommen sein, 
in denen neben den primftren oder auch sekundären Ge- 
schwüren an den Genitalien gleichzeitig auch conetltu- 
tionelle Erscheinungen an andern Körpertheilen, be- 
sonders aber die am häufigsten erwähnten Mund- und 
Nasenhöhlen-Geschwtü-e, zugegen waren. Nun finden wir 
aber die oben {S. 229) beschriebene Anabrosis des Galen 
bereits als Äpostaeis unter den humoralpathologischen 
Theorien des Hippokrates angedeutet , und daher 
konnte ja auch Celans schon die von Ihm so musterhaft 
beschriebenen Geschwüre an den Genitalien und die gleich- 
zeitig beobachteten Geschwüre im Munde und in der Nase 
für „einen Spross" einer bestimmten „schlechten Säfte- 
mischung" halten, und dieser Theorie entsprechend (denn 
zwei verschiedene „schlechte Säftemischungen" in einem 
und demselben Individuum haben die Alten, eben nicht 
angenommen) musste er alle diese Geschwüre mit einem 
und demselben Mittel zu behandeln vorschlagen. Auch 
konnte die Praxis die Richtigkeit dieser Theorie in vielen 
Fällen scheinbar bestätigen; denn gerade die Syphilis 
hatte ja, wie dies die Geschichte ihrer Therapie sattsam 
erweist, von jeher die Eigenthümlichkeit, unter den ver- 
schiedenartigsten nur halbwegs vemiloftigen, oft auch 
trotz der rohe^ten und widersinnigsten Arten der Behand- 
lung in Heilung überzugehen. 

Noch viel näher liegen dem Verständniss die patho- 
logischen Darstellungen bei Hippokrates: die von ihm 
namhaft gemacliten Erscheinungen wurden eben neben- 
und nacheinander beobachtet und dann geradeso nieder- 
geschrieben; der Irrthum ist nicht in der Beobachtung, 
I sondern mit der Einreihung derselben geschehen. Die vor- 
letzte diesbezügliche Stelle bei Hippokrates (vgl. S. 134) 
betrifft übrigens einen speciellen Fall, und ist darum auch 
an ihrem Platze. 



Rückblick ii. d. vener, Krankheiten b. d. Griechen a. liöniei'n. i 



Als ein weiterer wichtiger Beleg für die Existenz der 
Syphilis im griechisch-römischen Alterthum kann das 
Gu^iiov des Celsus gelten. Diese Benennung wurde bei 
den Griechen gewöhnlieh für Feigwarzen gewählt; Cel-J 
s u s jedoch führt das Siipiov unter den warzenartig^ 
Gebilden in einem eigenen Abschnitt an, und nennt di^ 
Condylome erst spater unter den Geschlechtskrankheiten, 
Celsus giebt nun als Standorte für das Oiijaiov unter' J 
anderm auch die Hohlhaud , die Fusssohlen , als den i 
schlimmsten aber die Genitalien au. Es ist wolil nicht 
zu zweifeln, dass Celsus hiermit das pathognomonische 
Symptom, welches wir heute ebenfalls unrichtig als Pso- 
riasis palmaris et plantaris syphilitica bezeichnen, vor i 
sich hatte ; wenn er es auch unter den Warzenarten an-J 
fuhrt, so hält er es dennoch filr keine Warze und f 
ausdrücklich, dass das Oü^iov nur ähnlich einem Wäi 
eben über die Hautoberfläche hervorragt („quod verrucu] 
eminet"). Auch die Indieationen, welche dieser vortrefiß 
liehe Körner für die Rhinoplastik aufstellt, lassen deutlic] 
erkennen, dass es sich nicht immer blos um den Wieder-^ 
ersatz von strafweisen oder anderen mechanischen Ver- 
stümmelungen gehandelt haben kann ; denn alle Kachek- 
tischen werden als zur Operation untauglich ausgeschlos- 
sen, weil die Schnittwunden sich leicht in „ krebsartige: J 
Geschwüre" verwandeln. Leider Verlautbart auch dieser'] 
wortkarge Autor ebenso nichts Näheres über die Ursachen j 
des Nasendefectes wie der Indier Susruta; a 
Stelle in den Hippokratischen Schriften, wo sogar von d^l 
verschiedenen Arten des Einsinkens der Nase nach vorneil 
und rückwärts gesprochen wird, dann die verhältniss-^ 
massig häufigen Stellen bei Dioskorides, Galen, J 
Paulus von Aegina und bei Celsus selbst, 
chen Geschwüre der Nase unmittelbar neben GeschwtirenJ 
an den Gesehlechtstheilen vorgeführt und dadurch offen-^ 
bar in einen Causalnexus gebracht werden, ferner diel 
Nasen- und Rachenaffectionen der Paederasten bei Dion ] 
Chrysos tomos^) u. A. — dies Alles wohl erwogei 

1) Vergl. y. lüä. 



Rückblick ü. d. ^ 



1 b. d. Grieche 



241 



I 



gestattet den beatinmiten Schiusa, dass auch die Syphilis 
einen nicht unbedeutenden Procentsatz zur Vornahme der 
Rhinoplastik gestellt hat, und die Erfindung dieser Ope- 
ration durch diese Krankheit höchst wahrscheinlich mehr 
als durch alle anderen Krankheiten, und durch die hei den 
Indien) und Aegyptern strafweisen oder sonstigen mecha- 
nischen Verstümmelungen gefördert wurde. 

Ganz eigenthümUcher Art sind die Bemerkungen bei 
Alexander von Tr alles; er stellt zweimal die Con- 
dylome neben Drüsengeschwülste, einmal neben „ver- 
härtete" und ein andermal neben „beginnende Drüsenge- 
schwülste" und empfiehlt gegen erstere das „Zinnober- 
Mittel". Wenn nun auch die chronische Schwellung der 
Lymphdrüsen nicht bei allen SyphiUdologen eine so grosse 
KoUe spielt, wie bei Sigmund, so sind diese Stellen 
dennoch sehr beraerkenswerth. 

Die Verordnung der Einreibungskur mit Queck- 
silbersalbe gegen Genital- und Tonsillengeschwüre bei 
Nikolaos Myrepsos') fällt bereits ins spätere Mittel- 
alter ; diese Stelle lässt über ihre Bedeutung keinerlei 
Zweifel zu. 

Es könnte auffallen, dass die Aerzte des Alterthums, 
obwohl sie häufig Nasen-, Mund- und Rachen-Affectionen 
neben eben solchen oder ähnlichen an den Genitalien er- 
■wähnen, verhältnisamässig selten von gleichzeitigen Exan- 
themen sprechen, wenn auch bereits in der Hippokra- 
tischen Sammlung und bei Paulus von Aegina einige 
durchaus unzweideutige darauf zu beziehende Stellen vor- 
kommen. Für die Erklärung dieser Thatsache ist jedoch 
nichts augenscheinlicher, als dass die alten Aerzte die 
Syphilide mit verschiedenen andern chronischen und selbst, 
wie dies ebenfalls aus dem Hippokrates ziemlieh 
sicher hervorgeht, mit acuten Exanthemen, so wie auch 
mit einigen Kachexien vermengten. Noch deutlicher tritt 
dies jedoch erst im Mittelalter hervor; aber unwiderleg- 
lich nachgewiesen werden kann es nur ftlr die Neuzeit, 



1) Vergl. p. 160— Ifil. 

Prokaoh, Geeehielile der ve 



242 Rückblick i 



fr. Kraiikkeiteu b. cl. Griechen u. Römern. 



und zwar bis über die lütte des gegenwärtigen, des neun- 
zehnten Jahrhunderts hinaus, dass die Syphilis, dieser 
Proteus der Krankheiten , zu folgenschweren Verwechs- 
lungen mit andern Kachesien und chronischen Exanthemen 
Anlass gegeben hat. Wir sind demnach berechtigt die- 
selben Irrthümcr, welche im nächsten Bande dieser Schrift 
in Erwägung gezogen werden sollen, in noch höherem 
Masse den Aerzten des Alterthums und Mittelalters zuzu- 
muthen, sobald wir nur eine Spur dieser Krankheit in 
diesen Zeiträumen nachzuweisen vermögen. 

Bei den Laienschriftstellern findet sich der wichtigste 
Beleg für die Existenz der Sypliilis im Alterthum und 
apeciell bei den Römern iu den Satiren des H o r a z , 
welcher zuerst den Morbus carapanus erwähnt. Eine an- 
dere jedenfalls selbstverschuldete, beschämende und darum 
an dem Behafteten belachte und verspottete Krankheit, 
die an der Stirn ein „cornu" erzeugt, und dann in Folge 
einer Operation eine „foeda cicatrix" zurücklässt, ist, mir 
wenigstens, geradezu undenkbar. Auffallend, doch keines- 
wegs widersprechend, ist in diesem speciellen Falle des 
Morbus campanus nur, dass hier sogar ein spätes Symptom 
als der Krankheit angehörig erkannt oder doch ange- 
nommen wird; während bei Martial'), Seneca*) und 
JuvenaP) in der Regel nur Frühformen der Syphilis, 
meistens Condylome, von geschlechtlichen Ausschweifun- 
gen hergeleitet, oder doch so dargestellt werden, dass 
man sich die Krankheit als durch eine genitale Infection 
entstanden denken muss. Ausser dem gewöhnlichen An- 
steckungsweg waren besonders den Römern auch alle 
anderen Arten der Uebertragung durch die Venus illegi- 
tima sehr wohl bekannt; die ausführhchsten Belege dar- 
über hat Rosenbaum*) zusammengestellt; sie erscheinen 
mir hier jedoch nicht unbedingt nothwendig zu sein, son- 
dern eher in eine Geschichte der Psychopathia sexualis 
zu gehören. 



1) Vergl. 
4) RoBen 



2) Vergl. p, 19t;. 
e, p. 116—297 u. a. 



. p. 209. 



Eückblick ü. d. vener. Krankheiten b. d. Griechen u. Hörnern. 243 

Noch etlic^ie von den in den vorangegangenen Ab- 
schnitten erbrachten Daten liessen sich herausheben und 
einer näheren Würdigung und Begründung unterziehen; 
jedoch scheinen mir die eben vorgeführten die beweis- 
kräftigsten und auch genügend zu sein^ um die Existenz 
der Syphilis im griechisch-römischen Alterthum für noch 
sicherer erwiesen zu halten, wie bei einigen von den alten 
orientalischen Völlcern, mit Ausnahme der Indier, von 
denen wir eben noch nicht wissen, ob ihr Susruta ins 
Alterthum oder Mittelalter gehört. 



Mittelalter. 



Araber. 



Hellas und Roma, welche öchoii durch lange Zelt 
die sichtbaren Keime des Verfalles in sich getragen hatten, 
waren nun gänzlich untergegangen. Zwar erstand ziem- 
lich bald in den Arabern ein Volk, welches durch seine 
Fürsten und mit Hülfe der unter ihm lebenden jüdischen 
und christlichen Gelehrten und Aerzte die Denkmäler alt- 
griechischer Wissenschaften aufsuchte, und mit einigen 
fremden orientalischen und eigenen Elementen vermischt 
in sich aufnahm; aber mit den Schriften der klassischen 
Hellenen war nicht zugleich auch der freie, starke, for- 
schende Geist auf die Araber übergegangen. Dieselben 
blieben vielmehr durch alther gebrachte nationale Eigen- 
thümiiehkeiten, besonders aber durch die starren Dogmen 
des Koran gefesselt, der neben sich nicht nur kein an- 
deres Wissen duldete, sondern sogar die Berührung von 
Leichen, ja selbst die Abbildung aller lebenden Gegen- 
stände untersagte, wodurch eben jede selbständige Be- 
forschung imd Weiterentwickelung der Grundpfeiler der 
medicinischen Wissenschaft, der Anatomie und Physiologie, 
von vornherein unmöglich gemacht wurde. 

Es ist deshalb naheliegend, wenn die Auslese, welche 
bei diesem Volke über die anderen Zweige der Heilkunde, 
namentlich der Pathologie und Chirurgie, gemacht werden 
kann, nur eine sehr geringfügige sein muss. Noch be- 
sondere, und wie es scheint fast unüberwindliche Hinder- 
nisse waren der Erforschung der venerischen und der 
Geschlechtskrankheiten überhaupt, durch die bei den Is- 
lamiten ungewöhnlich hochentwickelte, wenn auch mehr 
formelle Schamhaftigkeit und die Scheu vor chirurgischen 
Eingriffen entgegen gestellt. 



948 



Araber, 



So gering die Ergebnisse immer auch sein mögen, 
so lässt es sich dennoch nicht rechtfertigen, die medici- 
nische Litteratur der Araber, wie dies unter Änderen so- 
gar Haeser und Friedberg in ihren historischen Ab- 
handlungen über die venerischen Krankheiten gethau 
haben, gänzlich zu übergehen; denn Einiges und Anderes 
wurde durch die Araber doch abgeändert, wenn auch 
gerade nicht getiart, sondern womöglich noch mehr ver- 
wirrt; aber gerade dieses und besonders ihre Termino- 
logie, die wir freilich auch nicht im Original zu beur- 
theilen vermögen, ist fllr das Verständnias der abend- 
ländischen Aerzte des Mittelalters nicht ganz zu entbehren, 
weil diese ja an die griechisch-arabische und nicht an 
die griechisch-römische Heilkunde anknüpfen. 

Wohl sind die Quellen, welche da fliessen, noch mehr 
getrübt und unzureichend als die des Alterthums. Es ist 
gegenwärtig noch nicht alles bekannt was den Arabern 
von den griechischen Mustern vorlag; was davon bekannt 
worden ist, erweist sich grösstentheiis als sehr willkürlich 
bearbeitet, mitunter auch als verstümmelt. Anderseits 
liegt aber auch wieder das weitaus Meiste der medicini- 
schen Litteratur der Araber gut verwahrt, wenig beforscht 
und theilweise ganz unbekannt als Manuscript in den 
grossen Bibhotheken der alten Welt aufgespeichert, und 
wird da, bei dem eminent „praktischen Streben" der 
Gegenwart, wahrscheinlich unbenutzt vermodern. Was 
von diesen Schriften circulirt, sind, mit Ausnahme einiger 
weniger Originalausgaben, schlechte lateinische Ueber- 
setzungen, von denen bereits Casiri') urtheilte, dass 
sie eher als „perversiones" denn als „versiones" zu be- 
trachten sind. Die abfälligsten Superlative zur Abschätzung 
dieser Uebersetzungen gebraucht Wunderlich*): „Wie 
die Araber selbst die Griechen in ihren Uebersetzimgen 
verunstaltet hatten, so wurden auch ihre Schriften in der 



1) Casiri, Bibüotlieca arabica-hispana EBCurialeusis. Madrit 
1760—1770, fol-, II. 

9) Wunderlifh, C. A-, GeschichtederMedicin. Stuttgart 1859, 
80 p. 47. 





■jDangelhaftesteii und verBtandloscsten Weise in die ge- 
? mcinste Sprache der Zeit , in ein barbarisches Latein 
übersetzt." 

Wenn dies auch vollkommen richtig sein mag, so 
' darf sich der Geschichtschrciber dennoch keuie Sprünge 
l erlauben, sondern er muss so lange in dieser dichten 
^Finsternisa durch ungeebnete Pfade gehen, bis auch da 
pi-icht und Wandel geschaffen wird. 

Der kurze Weg, welcher hier zurückgelegt werden 
FnQuss, ist übrigens, wie bereits erwähnt, nicht blos für die 
ieurtheilung der Pathologie der venerischen Krankheiten 
ler Folgezeit nothwendig, sondern für die historische Ent- 
'icklung der Therapie der Syphilis sogar von hervor- 
"sigendem Interesse. 

Isaak') (Isaak Judaeus, Abu Jakub Ishak 
IC^en Soleiman el-Isralli), ein sonst erleuchteter 
■j «Idischer Arzt aus Aegypten, welcher um 830 — 932 oder 
^^41 lebte, umhüllt bereits seine spärlichen Bemerkungen 
*^ber die Erkrankungen der Geschlechtstheile und des 
--ts^fters dicht mit den überkonmienen Theorien des Ga- 
i e n u 3 : Die Apostemata, Geschwüre und Pusteln an der 
i^Scham entstehen aus den verdorbenen Feuchtigkeiten, 
^^'v^-elche aus dem Innern des Körpers herabsteigen und an 
•«:3em freihängenden Ghede gleichsam erst ihre schädlichen 
~"^Virkungen entfalten können '). Auch die Fissuren des 
^-r^fters entstehen aus einer Auflösung cholerischer, heisser 
"».and scharfer Flüssigkeiten, oder wenn die Faeces allzu 
^•nart und trocken den After passiren. Bemerkenswerth 
^i st, dass Isaak ein Apostem am After, ebenso wie an 
^r3en Gliedern des ganzen Körpers, aus der Geschwulst, 
■^c3em Schmerz und der Strangurie erkennen^) und auch 

1) laaac JudaeuB. Onrnia opera. Lugduni, 1515, fol. 

2) Ibidem: Viatiei L. VI, Blatt 16ia: „Apostemata et vul- 
lera virgae seu puatiilae auut ex huinoribus a corpore desceDden- 
Jbns, quod palnm est §enBui, cum hoc membrum in propatnlo Bit, in- 

~V»ltigendaiii, unde nascatitr, quoniain ex infinnoram complexionibns,*' 

3} Ibidem, Theorie. L. IX, Blatt 48 a: „De passionibns natinm. 

iQxa antem ex Bolntione est bnmonun cholerlconini calidorom et 



^KSWni 



ä 



250 Araber. Se.rapion senior. 

die Apostemata der Scham ebenso, wie die an andfl 
Orten heilen will '), Verrucae, porri, glandulac und uodi, 
welche Isaak nicht näher beschreibt, finden sich an und 
in der Vulva und dem After und werden durch Ausreissen, 
I Abschnüren und Abschneiden, nachfolgendem Brennen 
mit heissem Eisen, oder Salben, Streupulvern und andern 
nicht benannten Medikamenten geheilt *). 

Serapion senior (JanusDamascenus, Jahiah 
Ben Serabi, Jahja Ibn Serapion Ben Ibrahim)^), 
ein Syrer aus dem 9. oder 10, christlichen Jahrhundert, 
gewiss aber vor oder mit R h a z e s lebend, erwähnt, dass 
das Apostema des Uterus wohl aus vielen Ursachen und 
verschiedenen Krankheiten, bisweilen aber auch ex raulti- 
tudine coitus entstehe. Geschwüre am Muttermunde, von 
denen Eiter flieset, behandelt er wie Geschwtlre an anderen 



acntoram, aut qaia nimia est etipticam et durni]:), cum stercus exeat 
per nates nimie eiccum. Apaatema nascitur in uatibas, sicut in mem- 
bria totius corporis, etextnraore, et dolore, et stranguria intelügitur." 

1) Ibidem, Practic. L. VIII, Blatt 115br „Apostema in virg& 
CTiratur, sicut aiia apostemata corporis." 

2) Ibidem, Practic. L. IX, Blatt 120 b. „Verrucae, porri et 
formica. Haec onraia radicitus evellantur, locum earum ferro calido 
fortiter coquo, stringatur sine ferro. Aliquando caduut, si diu 
atricturam patiantur. Porri, quibus alia medicina non proäciC, simi- 
liter evellantur." Ibidem, Blatt 123a: „De verrucis et porris vulvae. 
Aliquando InnaRcuntur haec in vulva malieris, sed cum hamunculis 
superflua extrahantur, et toras extracta torpice incidantur, et pulvis 
sanatiuuB apponatur." — „De glandulis et nodis in ano. Glandulae 
et nodi in ano, uC in vulva naaeuntur et emorridea, et postea fit 
nodosa, sicque mundetur. His ut diximua m vnlva, i. cum bur- 
cellifl captis excidas radicem medicamen superponas decisis," 

3) Breviarinm Joannis tilii herapiouis. Venetiia, 1479, 
fol., Blatt 74 b: „Scias, quod apostema accirtit in matrice propter 
caosas multaa ... Et quandoque apoatematur matrix etiam ex mal- 
titudine coitus, quando est aupra mensuram, et aegritudinet> ab 
aequajitate . . . Si autem in orificio matrids sunt ulcera, ex quihus 
currit sanier, curamua ea cum medicinia, quae conferunt ulccribus 
et mundilicant pntredines." Blatt 13B b und 134 a: „Epithima ad 
ulcera quae flunt in ingiiinibUB . , , ad scisauras, quae sunt in auo . . . ■ 
ad pruritum et apostemata ani ... ad sci^snras et apostemata in 
auo et labiis ... ad scissuras, quae liuut in matrice." 



Anl>er, Bhaxes. 



Für Geschwüre in der Leistengegeiul ist 
Epithima {Filzkraut?) zuträglich. Fissuren und Aposte- 
mata am After und den MuDdlippcn sind nach den £s- 
ccrpten bei Grüner') blos angedeutet, 

Bkutes (Rbases, Rhazeus, Rasis, Abu Bebr 
Mohammed Ben Zakarijja el-Räzi), geboren um 850, 
gestorben um 923 oder 932, ist der zweite von jenen 
Aerrten, welche den Beischlaf als Gele^nheitsorsache 
gewisser, nicht-gonorriioischer Elrkrankungen an den Ge- 
nitalien Oberhaupt nur erwähnen; doch spricht auch er 
nur von einem .appetitus coitus", wodurch Pruritus and 
Tumor am Muttermund und am Penis entstehen, giebt 
aber über die Art der Entstehung keinen weiteren Auf- 
scfaluss'). Bei Berührung und nach dem Beischlaf leicht 
blutende Fissuren am Muttermund zeigt er durch Eröffiien 
des OS vulvae *j ; was wohl für die Anwendung des Sp«- 
culum uteri spricht. Das Hambrennen sei nicht leicht zu 
achten, weil es auf die Dauer Geschwüre in der Blase 
und den übrigen Hamw^eo verursacht*!, Bemertens- 
werth, leider aber nicht deutlich genug, ist eine kleine 
Krankengeschichte: Machumet hatte Pruritus und Bothor 
(Pusteln I am ganzen Körper, auch an den Genitalien, mit 
Ausnahme der Eichel: diesem Kranken wurde voraosge- 
sagt, das3 die Pusteln auch an der Eächel entstehen wer- 
den, weil er firüher blaügen Eiter mit dem Urin entleert 
ODd die Prognose traf zu *). Ob der anderswo er- 



r 



1} Grnner, Aplirodisacafi, m, p. 14. 
3) Bhazes. 



^^P 3) luden: „RMan 
■Mdiee iMmfenrnbitT, Ai 
coitBm, n speritnr im val*«; TidcMtnr 

a Hensler, GtatMtiäa der LutMwke, p. ISS. 




cm, n ttagttar, et pect 






5) Bhasea. De Unk^Bbu, cap. li „Acödit 1 



2B2 Araber, Hali Abbas. 

Wähnte sehr schmerzhafte Cancer am Miittennimd, 
Leisten, am Unterbauch und pecteu auf venerische Ulce- 
rationen zu beziehen ist , mag dahingestellt bleiben ^). 
R h a z e s erwähnt bereits die Bereitimg einer Queck- 
silbersalbe und des Sublimats aus Quecksilber und Koch- 
salz, sowie die äusserliche Anwendung dieser Präparate 
gegen Krätze und andere, heute wohl nur schwer zu be- 
stimmende Hautausschläge*). Eine andere wahrscheinlich 
auf Syphilis zu beziehende Stelle über Formica soU im 
nächsten Abschnitt vorg-eftthrt werden. 

Hali Abbas (Ali Abbas, Ali Ben el-Abbas}, ein 
Perser, gestorben 994, liefert die erste Beschreibung, wel- 
che halbwegs einer contagiösen Urethritis entspricht. 
Nachdem er erwähnt, dass die Apostemata und Geschwüre 
an den äusseren Genitalien dieselben Symptome haben, wie 
an anderen Körperstellea, beschreibt er die „Oppilatio" der 
Harnröhre, welche er sich durch die Ablagerung einer 
dicken, klebrigen Flüssigkeit auf die Oberfläche der Harn- 
röhre, oder durch ein Geschwür daselbst entstanden denkt, 
und nennt dann kurz die vorsteehendsten Erscheinungen 
des Trippers; Brennen beim Uriniren, behinderten Ab- 
gang des Urins, Ausfluss einer dicklichen Flüssigkeit oder 
Eiter imd auch Blut aus der Harnröhre. Schuppen des 
Geschwüres, ohne Beimischung von Eiter, wUl dieser Au- 
tor in dem Urm bei Tripperkranken gesehen haben. Viel- 
leicht sind dies unsere Tripperfäden, die Hali Abbas*) 



non cum ejus capite, et projiosticaras fui, quod evenirent in capite 
ejuB virgae, quia videram ipsiuu prius emittentem samem cum urina. 
Et sie fuit." 

1) Contiiieiis Easis. Tract. ni, Lib. XXIl, p. 221a: „Cancer 
— flt etiam in ore matricis ciun dolore vehementi in utroque in- 
guine, et in inferioribus partibus ventris, et pectine. —" Vergl. 
Gruner's Aphrodisiacus, HI, p. 14. 

2) Sprenget, Enrt, Geschichte der Arzneikuncte, iii. Aufl., 

n, p. 411. 

3) HaliAbbaa. Liber totins medicinae necessaria continens. 
Lngdnni, 1523, 4^^, p. 119b: „De yirgae passionibns calidis. Qaae 
in vii'ga sunt passiones, aliae in ipsius corpore, aliae in meatibus 
acciduut. — Apostemata vero et ulcera, quae virgae accidnnt, it« 






Hali Abbas. 






der sein Uebersotzer nur unrichtig als squamae bezeichnet 
irxaben mag; denn dieser Arzt macht den Eindruck eines 
-Ziemlich guten Beobachters, wenn er auch eben so sehr 
"v^'ie die anderen von den Theorien seiner Zeit befangen 
i st. Die verschiedenen Leiden der Gebärmutter strebt er 
Säämmtlich dem Gesichtssinn zugängig zu machen, und 
^uch therapeutisch hat er jedenfalls den Mutterspiegel 
angewendet; zwar weiss er über die Aetiologie und Dia- 
^rnose der Äpostemata, Furuiiculi, Verrucae , Fissurae, 

ustulae und Ulcera der Gebärmutter ebenso wenig wie 

eine Vorgänger zu sagen, aber es erweckt bei dem Leser 
<ioch wenigstens den Glauben, dass Hali Abbas eine 
Heihe der verschiedenartigsten Erkrankungen des Uterus 
und der Vulva selbst gesehenhabe^). Bei der Behandlung 
cier Verrucae und Emorroides der Gebärmutter empfiehlt 
^r eine Abkochung von Epithimum und Salben aus Li- 
"fcliargjTum, und, falls diese nichts nützen, das Ausschnei- 
c3en; die Caustiea verwirft er. Fissuren am Muttermund 
lieilt er mit Unguentum basilicura; die Pusteln an der- 

elben Stelle bestreicht er mit einer Bleiweisssalbe und 



rn^uoqne, iiuemadmoduDi et in reliquis oriuutur iiieinbris manifestia, 

rädern habentia signa. Oppilatio autem, quae meatui atcidit, aut 

humore ät grosso viscoso, qui ei inviscatur, aul ex ulcere, 

tignificaturqiie urinae ardore, et exeundi difficultate, et qui esit, 

rroaao, ant sanie, et sanguine ulcerisque sqiiamia, quae i'um urina 

^grediunlur sine saniei mixtura." 

1) Ibidem: De matricia passionibufl. Matriei, quae accidunt 
^aassiones — aposteinata, furunculi, Verrucae, emorrois, fisaurae, 
^C^nstnlae, ulcera. — Verrucae, quae in matricia accidunt ore, ex hu- 
^iTaore tiitnt groseo et melancojico, agnoscitiirque pasHio haec, si nia- 
fcTicis 08 aporiatur eo, quo aperitur, organo. Patebit etenim seuaui 
"tiactufl et visas siniul, si aperiatur. — Pustulae es humoribua flunt 
^anguineia, aut materiia, quibus immixtus eat aanguia, Accidit autem 
Isoc masime matricia ori, quarum habetur cognitio, aperta vulva, 
AB matricem directo intuitu, et tactaa sensu, si cum digito tangantur. 
"t'Xjlcera autem aut ab exterioribus fiuDt, — aut ab interioribua. — 
■^at et ex humore acnto choleriuo, qui ineidit et corridit, aut es 
t'Spostematia eruptione, aut puatujarum. Aliquando aaniea haec in 
j Kaatricis est ore, aigniflfaturi|ue iiiso sensu, cum vulvae oa auao 
«peritui orgauo." 




Araber, Aviceniia. 



I 



macht einen Aderlass an der Basilica, Piisteln,~ Knotea 1 
und Hämorrhoiden an der Vulva werden mittelst kleiner! 
Zangen amputirt '), 

Avlcemia (Ebn Sina, Ibn iSina, Abu Ali el^l 
Hosein ben Abdallah ben Ali el-Scheich Ar-j 
rajia), von 980 — 1037, handelt wohl nicht, wie HaeserJ 
abseits von seiner Geschichte der Syphihs meint, und bei 1 
der ausschweifenden Lehensweise des berühmtesten aller I 
Araber zu vermiithen wftre, „mit besonderer Gründlich- | 
keit von den abnormen Zuständen der männlichen Geni- 
talien" ; dafür aber mit besonderer Weitschweifigkeit. Vom ] 
Tripper, welchen er unter „de ardore urinae" beschreibt, 
unterscheidet er zwei Arten : einmal werde, ausser anderen i 
Ursachen, durch zu häufigen Beischlaf die Harnröhre von 
dem anhaftenden und schützenden Schleim entblösst, und 
dadurch entstehe Brennen beim Uriniren, jedoch ohne J 
Ausfluss von Eiter, sondern von Samen; ein anderes Mal'l 
entstehen durch Erkrankungen innerer Organe Geschwüre i 
in der Harnröhre und dadurch ebenfalls Brennen , aber 
mit Ausfluss von Eiter und Blut. Häufig geht jedoch die 
erste Art des Trippers in die zweite über. Die Therapie, 
welche Avicenna streng nach den zwei Arten sondert, 
besteht im Allgemeinen aus diätetischen und medicamen- 
tösen Vorschriften in folgender Anordnung: Ein Brech- 
mittel, kühlende und befeuchtende Speisen und Früchte, 

1) Ibidem, p. 366 a: „Verntcaruiu et emorroidum, quae in 
niatrice accidunt, medela per evaeuationeni flt corporis ab huiiiore 
nigTo cum epithimi deeoctione — dehitic unguentis, quae es lithar- 
g-irio finnt. — Et si liaec non proderunt, ferri adhibcatur incisio, 
et quoniam eompetenüiia flt, adtirentia autem medicamina apponenda 
non ladico hoc in loco, quoniam. exurunt, et pasaionem generant 
inguen, interioremque matricis exurunt tunicam . . . Fissurae cum 
matricia acciderint ori, in earum medela ungnento utenduin baailico . . , 
Si matricis ort pustulae accidurint, basilicae utendum erit flebo- 
tomo — et locum unguento inunge cerusae." — Ibidem, p. 282 b: 
„Puatulanim et nodationnm emorroidarumquo, quae mulierura a 
dunt cunnia, cum forcipibus parvis et extensione ad exteriora fft 
cura, sicque cum forcipibus amputatur, et niedicaniina apponuiitur, 
quae et caruem adducant, et uicera humoreaque desicceut," 



Araber. Avicenna. 



S&& 



Vermeidung alles Gesalzenen, Scharfen, Süssen, Unterlas- 
sung der Arbeit und des Coitus. Schleimige Tränke und 
Injectionen, diese auch mit Zusätzen von Mohn, Gummi, 
Bleiweiss, frischem Eiweiss, Frauenmilch, Blutstein, Ziegen- 
und Eselsmüch, Rosenöl'). Was Alles unter den heissen, 
kalten und harten Apostemen des Hodens gemeint ist, 
dürfte wohl kaum zu ermitteln sein, obgleich bei den 
heissen Aposteraen unter anderem von einer häufig vor- 
kommenden Corrosion der Hoden, welche eine Amputa- 
tion derselben nöthig mache, die Rede ist *). Bei den Ge- 
schwüren des Uterus fliesst eine Menge von giftigen 
Feuchtigkeiten ohne Reinigung aus; diese Geschwtlre ent- 
stehen bisweilen in der Tiefe mit und aus einer Corrosion, 
mit und von einem Apostem, bedingt durch Sordities^). 
Rhagaden in der Gebärmutter, welche in Folge einer Ge- 



1) Avicennae Medicorum Arahum principi», Liber CanöniB, 
de medicinis cordialibus, et canti'Ca. Basüeae, 1556, foL p. 678: 
„Causae ardoria urinae sunt, aut acuitas urinae, et eins bauracitas, 
propter causam coinplesionalem , aut causa defectus eius quod 
praeparatum est ad tempcraDdam ipsam, et est humiditas praepa- 
rata {n carnihus glandosis, quae sunt Ülic. ipaa enim ciiri'it euper 
meatum, et glutinosum eum facit, et permiacetur urinae etiam, et 
aequat eam, cunj ergo finitur, deficit loco glwtinatio, et urinae vis- 
cositaa, et aequatio, quare accidit ardor. Et ex illis quae flniunt 
eam est mtiltitudo coitns. Istae enitn huiniditates quandoque egredi- 
iintiir cum coitu, et per vicinitatem spermatie esitu plurimo ... Et 
itenim'aegritudines eliquantes corpus, aut uieera, quae sunt in 
maatibus urinae, propinqua virgae, et Scabies, quare fit ardor. Et 
Signum quidera priori» est acuitas urinae, et ut non sit sanies. Et 
Signum secundi est sanguinis mictus et saniei. Et multoties per- 
ducit primum ad secundura . . ." 

9) Ibidem, p. 700: „Et multoties corroditur tcsticulus, quare 
indlget utjcastratio fiat necessario, ut non perambulet corrosio." 

3) Ibidem, p. 737: „Ulcera matricia . . . quandoque sunt cum 
putrefactione, et quandoque sunt omnia ilia cum sordibus et sor- 
ditie, aut cum mundificatioue, et sine sorditie. Et quandoque Sunt 
in profunde, et quandoque Sunt in non prolundo. Et flunt cum 
corroBione et absquo corroaione et cum apostemate et absque apoate- 
mate ... Et Signum, quod ipsa sunt sordida et tabida, et iimlti- 
tudo humiditatum virulentarum, i:t illud, quod flnit absque mundi- 
licatione." 



256 



Araber. Avic 



burt oder auch aus einem Apostem entstehen, verursachen 
Schmerz beim Coitua mid blutigen Ausfluss, und können 
durch das Speculum wahrgenommen werden '). Heisse 
Apostemata am Munde oder der Innenfläche des Uterus 
entstehen bisweilen aus häufigem Beischlaf oder einer 
Elevation des Samens; die ersteren Aposteme kann man 
{jedenfalls durch das Speculum) sehen, die anderen nicht *). 
Daas Avicenna einen Zusammenhang zwischen ulce- 
rösen primären Aft'ectionen an den Genitalien und ge* 
wissen Geschwüren des Mundes erkannte und annahm, 
oder doch für möglich hielt, erhellt unzweideutig aus einer 
Stelle über die Gescliwüre an den männlichen Genitalien 
und dem After; es heisst da^) nach Ausschaltung aller 
nebensächlichen und falschen Theorien buchstäblich : „Cum 
ulcera accidunt in istis iocis (testiculus — jedenfalls für 
scrotura — virga et anus), sunt mala ambulativa, quoniam 
. , . assimilantur quodammodo uiceribus viscerum et oris," 
Die schlimmeren von diesen Geschwüren sind die, welche 
am „lacertus", der an der Wurzel der Scham ist, und am 
After entstehen. Es kann nothwendig werden das Glied 
abzusehneiden, sobald die Geschwüre brandig werden und 
um sich greifen. Avicenna unterscheidet auch zwischen 
den Geschwüren an der Eichel und Vorhaut, mit gut- und 

1) Ibidem, p. 738; „RhäR'')'diae accidunt in inatrice . . . proprie 
apud partum, aut propter apostema . . . De signis-eariim: Poaaibile 
est ut preveniatur ad attestatiouem rhagadiarum , poiiendo aub 
muliere epeculum coram vuWa eius, deinde aperiatur vulva eius, 
et conaideretur illud quod imagiuatur in specuio. Et illud quod 
Bigniäcat eas est dolor apud i-oituui, et esitus virgac sanguinolentae." 

2) Ibidem, p. 739—733: „Accidunt matrici quandoque aposte- 
mata calida. Et cauua eia est aut primitivs, sicut percuxsio aut 
casus, aut niultitudo eoitus, aut abortue, aut disruptio es obstetric« 
cum recipit foetuni. Et quandoque est causa in eis retentio meo- 
struorum ... Et quandoque fiunt propter elevationem spermatis. 
Et quandoque fiunt iu ore matrieia, et quandoque in concavilate 
eiua in quibuadam partibus duorum laterum, et ante et retro. Et 
quandoque HC dubellati ... Et apostema quidem niatricis, et eius 
dubetiati quando sunt in ore raatricia, possibile est iit videantur, et 
Si sunt profunda non est possibile ut videautai 

8) Ibidem, p. 703, 



J 



Araber. Avicejina. 



267 



artigem, acutem und chrouiBcliem Verlauf, und solchen, 
^che Eiter absondern und anderen, die dies nicht thun; 
i entspricht jedenfalls den trockenen, reinen und den 
Teuchten, eitrigen tieschwilren der Griechen und Römer. 
Wenn die Geschwüre an den männlichen Genitalien und 
am Aller bösartig und schwarz werden, dann ist es besser, 
wenn die schwarze Stelle ganz ausgeschnitten und die 
Wunde mit generirenden Salben geheilt werde'). Die 
Verrucae werden weggeschnitten, die Blutung gestillt und 
wie die Verrucae"^ an anderen^f Körperstellen geheilt*). 
Unter den Krankheiten der männlichen Geschlechtstheile 
findet sieh'') auch ein Capitel „De cura bothor, et simillum 
moro, et carnis ortae, et additae super istas partes"; alle 
diese Protuberanzen der Haut werden, falls sie einer mil- 
deren Behandlung nicht bald weichen, abgeschnitten; die 
Schnittfläche wird mit gepulvertem Grünspan oder Arsenik 
bestreut, oder in schlimmeren Fallen auch mit dem Glüh- 
eisen gebrannt. Ausserdem sind noch Pruritus, heisse und 
kalte Apostemata, Rhagaden und Schmerz an der Virga 
virilis ohne etwas besonders Bemerkenswerthes angeführt. 
Die Art dieser Erkrankungen ist aus den vorliegenden 



1) Ibidem, p. 702—703: „Et corum deteriora sunt illa quae 
Hunt in lacerto qui est in radice virgae, et in ano, et illud ideo, 
qaoniain indigent exsiccatione foi'ti, et sensas eoi'uin cum hoc est 
vehemens. Et fortasae nocessariuiD est absi;indere virgam ipsaiii, 
cum Buper ipeain putreüunt utcera, et perambulant. Uleera quae 
sunt super caput virgae indigent eis quae sunt vehementioris ex- 
siccationis, quam siut ea'qaibus indigent facta super praeputium, 
et cuteni etiam ... Et iata uicera, aut suut recenlia, aut sunt an- 
tiqua. Et de eis sunt quae sunt maligna . . . Si autem maligna 
üant et denigrentur, tnuc melius est ut penilus abseindatur locus 
niger, et euretur cum unguento generjttivo, douec generetur." 

2] Ibidem, p. 703: „De verrucis super virgam. Incidantur et 
pouatur desuper medicamen retinens sanguinem, et 
reliquaruiu verruearum." 

3) Ibidem, p. 703: „Sumatur baurach adustum, 

, terantur cum aqua bene, et ponantnr super m 

I Bimulantur. Et quando non valent, ini'idatur, et 

luper viride aerii 
^t eseuBatio quin 

l PTokSOb, Qeschicbto der vencr. SniufchtilBU I. 17 



et cinis ligni 

pulveti/entur 
rius illo, non 



Avicenoa. 



Beschreibiiiigeu nicht immer festzustellen; jedenfalls sind 
unter Verrucae und Mora Feigwarzen gemeint, deren 
Gattung sich jedoch auch nicht bestünmen lässt. Das 
Morum definirt A vieenna an einer andern Stelle ') folgend: 
„Hoc est aposteraa molle ex carne addita quod accidit 
in carne rara, et pliiriumm oius fit in ano et vulva, 
quaiidoque est salvum, et quandoque est maiignum dolo- 
rosuni." Vom Bothor , von welchem es mehrere Arten 
giebt, die im ganzen Körper und an allen Gliedern, auch 
in den Augen, im Munde und in den Lungen vorkommen 
können, sagt er^): „Sahafati est de summa bothor ulce- 
rosarum ... Et quidem ineipiens est bothor pruritum 
faciens . . . deinde exulcerantur ulceribus crnstosis, et 
sunt ad rubedinem declives, Quandoque etiam eraittit 
virus." Nach einer Bemerkung Über die Krankheiten des 
Uterus rausate der Bothor mitunter auch die Gestalt von 
den Blüthenköpfen des Th>Tnus angenommen haben; und 
es filnden sich daher die Thymi (Feigwarzen) der Grie- 
chen theilweise auch unter dem Bothor der Araber wie- 
der; aber nur theilweise, denn Avicenna sagt^) aus- 
drücklich: „Et quandoque apparent super eam bothor di- 
versae: quare quaedam dicimtur albasce (id est Thymus), 
quoniam sunt similes capitibus alhasce, et quandoque sunt 
albae" — ; kurz: es zeigt sich auch hierin ein Wirrwar 
in der Nomenclatur, wie er in so manchen Punkten ja 
auch heute noch besteht. Ausser diesem verschieden- 
artigen Bothor der Gebärmutter wii'd auch noch von den 
Hämorrhoiden, dem Morum, den Verrucae imd wiederholt 
von Rhagaden und dem harten und heissen Apostem des- 
selben Organes gesprochen, und dies zwar ebenfalls nicht 
wie von einer theoretischen Speculation, sondern nie von 
Etwas mit gesunden Sinnen durch Hilfe des Mutterapiegels 
Wahrgenommenen*}. Zu den blossen Nachschreibern der 



1) Ibidem, p. 849. 

2) Ibidem, p. 956. 

3) Ibidem, p. 7.^7. 

4) Ibidem, p. 737: „Quandoque eveniunt i 
rhoides, et iKrcidit quandoque in «ja siuut ui^ivui] 



iii.itiice hat? Dl 01^ 
»ii;ut dictum 



.4 




Araber. Albiieasis. 



259 






e im 



Grieehen gehört demnach Äviceniia gewiss nicht, we- 
nigstens in den Geschlechtskrankheitea nicht, aber Ord- 
nung in seine Beobachtungen zu bringen, vermochte auch 
„der Erhabene, der Fürst" nicht. Von dem Quecksilber 
verräth Avicenna ebenfalls keine besonderen wenn auch 
bessere Kenntnisse als seine Vorfahren : Das lebendige 
Quecksilber können Einige ohne Schaden trinken, doch 
sei das getödtete, sublimirte oder verdünnte Quecksilber 
Jmmer schädlich, verderblich und eingreifend, „Argentum 
ivum sublimatura est interficiens". Aeusserlich verwendet 
das mit Essig ven'iebene und so „getödtete" Queck- 
silber in Rosenöl gegen bösartige Geschwüre, Läuse und 
die Ki'ätze und zählt es in letzterer Krankheit unter die 
Compoaita nostra bona. Der Dunst des Quecksilbers er- 
zeugt Lähmung, Zittern, Krämpfe und Tetanus in den 
Gliedern, er verdirbt das Gehör und Gesicht und macht 
einen stinkenden Mund, Nach Paulus werde das ge- 
Itete Quecksilber gegen Ileus getrunken '}. 

Albncasis (s. Albucasem, Abulkasem, s. Bu- 
3, s. Alzaharavius, Abul-Kasim Chalaf Ben 






in niaHculis ... Et quaiidoijUG appareiit 
ut Verrucae clavosae auccessione rhag-adii 
matnm duroruin ... Et pOHRibile est, ut 
et s!milia Ulis, iu apecalo, cui cipponitui 
Lern diximus in capitiilo rhagadiaruu]. 



super eaiii haGmorrlioides, 
.ruiii, et suceessione aposto- 
appareniit haemorrlioidDa, 
Vulva, aacumlum moduiii 
Et cum videntur in spe- 



1) Ibidem, p. 914: „Argentum quidem vivum plurimi qui bi- 

non laeduntur eo , . . Extinctiiui autem, et sublimatuni, vel 

SQbtilifttum est nialum, nocivuin, inciflivum, «3 quo aL-cidunt acei- 
dentia aiinilia accidentibus oius, qui bibtt l7tbar]g;jiiuin, ex punctura, 
et torsione inteatinorum, et flu\.a anuguinis, et gravitate luiguae, et 
gravedine atomachi et aposteinntur corpus eius et retinetur urina 
ipsiua . . ." Pag. 185: „Quod ex eo (argento vivo) extinctum est, 
eBt medicamen pediculorum et leudiaum, cum oleo roaaceo. Estlnc- 
tuni, valet acabiei cum o!eo rosaceo, ant cum medicinis scabiei, et 
uiceribua inaliw. Eius vapor l'acit accidere paralysiiu, et treniorem, 
et spasmat membra, een iuducit tetanum in meiiibris. Funiua eius 
deatruit audituiii, et fumus eiua facit nccidere foetorem oris, cum 

Knsit per ipaum. Funiua eiua dcatruit visum. Dixil Paulus: Ex 
lünibus fuerunt quI biberont extinctum in ileou." 



260 Araber Alliucasis. 

Abbäs el-Zabrawi), dessen Todesjahr 950, oder ] 
und auch 1106 angegeben wird, scheint den Männertripper 
in das seit Hippokrate s bis in den Anfang unseres 
Jahrhunderts stehende, völlig unklare Kapitel der idio- 
pathisehea Blasengescbwüre einbezogen zu haben ; we- 
nigstens spricht er daselbst auch von Geschwüren der 
Harnröhre, einem eitrigen Fluss und Erleichterung der 
Schmerzen naeli dem Abgang des Urins ^). Unter den 
Symptomen eines Geschwüres am Munde oder im Halse 
der Gebärmutter nennt er einen nicht näher bezeichneten 
Ausfluss, Sehmerz, heftiges Grimmen, oder Schneiden und 
Pulsatiou des Uterus; das Geschwür am Muttermund werde 
sichtbar, wenn man mit dem ganzen Instrument {also 
Speculum uteri} den Muttermund öffnet. Ist das Geschwür 
im Fundus, dann ist die abgehende Flüssigkeit schwarz -). 
Die „Corrosion" der Gebärmutter ist aber gleichfalls ein 
schmutziges, fressendes Geschwür in deren Umkreise, mit 
Abgang einer faulen, scharfen, dünnen und stinkenden 
Flüssigkeit^). Die Öciasur und die harten Apostemata 
der Gebärmutter stehen ebenfalls der Wahrnehmung offen; 
das Weib halte einen Spiegel., aus gutem Eisen, dann 



1] Älbucäsis. Liber tlieoricae iiec nou pracCiuae AUaha- 
ravii. Augiistae Vindelitorum, 1SI9, fol., Blatt 92 a: „De ulceribiis 
Tcsicae. Generatio ulceruin flt ex liumore atuto, effuso ad vesicam 
et transitns urinae, tiui sunt in virga, unde fiunt in eia iiluera ex 
acumlne humoris . . . Signuiii tilcerationis virgae est exitns putre- 
dinis anna (!) et alleviatio doloris poHt exituin urmae." 

2) Ibidem, fol. 100 b: „De uleeribus matricia. Ulcei-a gene- 
rantur in matrice pluribua ex causis ... et fit ilIcub aut in. ore 
taatricis, aut in collo eius. Si^^nam uiceris est cffusio humoris, dolor 
et pulsatio in uiatrice cum forti mordicatioue. Et quandn est nlciis 
la ore matricis, possibile est, manifeistare ad oculum post apertionem 
matriciB cum iiisirumento toto, quod aperit os matricis. Et quando 
Ulcus est in fuiido tuatricis, tunc Signum eius est, quia fiuuut ex eo 
Lumores, nisi fuerit Ulcus putridum cum corrosione, et erit color 
humoris niger. Siguat caüdtmi apoatema, si fuerit modici caloria," 

8) Ibidem fol. 100 h: „De corrosione matricia. Corrosio est 
Ulcus sordidum, comedena, quod in circuitu eiua est, et fluit ex eo 
hiinior pniridus et liquor acutus, subtilis, foetidus, et nou cessat sie 
esse, quo usque remollit os, et corrnmpit illud." 



Araber. Albucasis. 



2ei 



wra^e sich zeigen wie viele oder wenige, grosse oder 
kleine Apostemata vorhanden sind. Diese werden mit 
ünguentum basilicunn belegt , oder wie die Apostemata 
des Afters behandelt, und falls dies nichts nützt, abge- 
schnitten')- Von besonderem knltnrhistorischen Interesse 
ist das übrigens unklare Capitel „De apostematibus et 
pustulis ani". Beide Krankheiten entstehen selbstverständ- 
lich, da sich ja auch Albucasis von den herrschenden 
Galenischen Theorien nicht loszuwinden vermochte, aus 
einer der verschieden verdorbenen Feuchtigkeiten; dann 
aber sagt er, er wolle die Beschreibung der Krankheit, 
welche man aldea aleohsi (also wahrscheinlich Pusteln 
des Afters) nennt, unterlassen, propter turpitudinem et 
inhonestatem und wegen der seltenen Heilbarkeit ; die 
Besprechung dieser Krankheit, von welcher man 17 Arten 
zählt, würde das Buch (also wohl unnütz?) verlängern, 
denn „nee est inutilitas in hoc mundo, nee in futuro". 
Albucasis scheint also diese Krankheit, welche er 
häsalich und unehrenhaft nennt, fdr nützlich zu halten; 
wahrscheinlich um die Sünder zu strafen imd Andere von 
der Sünde abzuhalten. Völlig unverständlich sind die 
Symptome der anderen ebenda erwähnten Krankheit des 
Afters, welche asioec (vermuthlich die Apostemata) ge- 
nannt wird : „quod sit fortis desideriis coitus, velocis emis- 
sionis spennatis et eopiosae, et est carnosus et humidus". 
Die Therapie besteht in SitzbÄdern aus styptischem Was- 
ser, das mit ebensolchem Oele, wie galla, acacia imd 
ähnlichen, gemischt ist, und Enthaltung vom Abendessen^). 



I 



11 Tbiiiem, fol. 101 a: De scissura matricia. Scissura accidit 
in matriee ... ex apostemate . , . De duris apostematilius, t\une 
dicuntur alcoalib. Gener atur hoc apoBtema ex excessu aiit ex 
etnon-oydibua et fiunt m ore matrieis et iii l'iiudo eiua. Sig'uum 
eonim, qaia seDsui patent, vel auL-ipiat mulier speculum de ferro 
bouo, quod rticitur cinie, et teueat tllud versus matricem. Tunc eiiim 
manifeatabitiir apostemata, sicuti sunt Bive magna, sive parva, sive 
mnlta, sive pauca. Et curatio eorum est. qiiod supponatur eis un- 
gueotum basilicon, vel curetur tium curatione ani, et si hoc non. 
Bilfftcit, oportet eain ineidi cum ferro, ut determiuatiim est," 

2) Ibidem, fol. 81 a — b: „Apoütema et puütulae g'enerantnr ex 



Araber. Albui^asis. 



Dass nietit die Oertliehkeit, sondern eben nur die Art dd 
Erkrankung für abscheulich galt, bezeugen aui^h noch 
andere Capitel über die Krankheiten des Afters, denen 
weiter nichts Schimpfliches mehr nachgesagt ist. Von 
diesen interessirt hier zunächst nur das Capitel „T)e 
alcalib, id est, verrucis". Diese Verrucae, welche hart wie 
Stein werden, verschieden gross, feucht oder trocken und 
überhaupt nach ihren Standorten am After und den übri- 
gen Theilen des Körpers geartet sind, nennt Albucasis 
wiederholt Apostemata '). Die „Pustulae sive Exiturae" 
au den Genitalien sind sacbgemäss abgehandelt; auch von 
dieser Affection giebt es verschiedene Arten: hohe, solche 
die wachsen und wieder zurückgehen, corrodiren und 
solche die tief sind ^). Die Heilung aller dieser Pusteln 
geschieht: „Rp. Baurac usti, cinerem sarmentorum ana, 
terantur et cribellentiu" cum eo pustulae, quousque mundi- 
ficetur corruptio ipsarum, deinceps vero curetiu- cum un- 
guento alnachli quousque sanetur." Am häufigsten sind 
diese Pusteln in foramine penis und bilden dort eminentia 
camis foedae. Die gutartigen werden abgeschnitten und 
dann mit in ägj'ptische Salbe getauchter Baumwolle be- 
legt und mit diaphoenischer Salbe geheilt; die bösartigen, 
von hässlicher Farbe, werden nach dem Schnitt und Aus- 
schaben mit dem Cauterium behandelt. Sobald eine „Pa- 



humoribus flueutibua ad anxun sanguineis auC colericis, aut frigidis 
tlegmalicis . . . Huius aegritudiniu uieni oratio nem, quae dtcitur aldea 
alcohsi, relinquimuH propter sui lurpitudint^ni et inbone^^iateui, et 
laritatem eonim, qui cursntur ex ea, et ipsa aegritudo dietingui- 
UxT in XVII modoB, quomm mwrioratio prolongaret librum, nee est 
inntilitas in hoc nmndo, nee in futuro." 

11 Ibidem, fol. läSb: „Haec apostemata efficiunlur dura, nt 
lapis, et species ipsorum sunt secundum loeorum diversitatem in 
corpore. Nam quedam sunt ... in ano et reliqua parte corporis. 
£t hoi'nm cjitidem apostematiiin alia sunt parva, atia sunt magna, 
alia humida. alia eicca et durA." 

2) Ibidem, fol. 95 a: „Pustularum plures sunt spticies, quia 
quaedam sunt similes eelsis, quaedaro similes atnoatir, aliae vero 
crescunt, et redeunt, et deveniunt ad corrosionem, aliae vero pro- 
fandae. Si^a omnium pustuLarnm sunt, quia videotur ad ocntnm, 
et Sensal manitestantar." 



J 



Araber, Alliucftsia. 263 

pilla" am Praeputium eines Proselyten nicht ringsum aus- 
geschnitten werden kann, falls eine Papilla inner-, eine 
andere ausserhalb der Vorhaut sitzt, so ist zuerst die 
innere und dann die äussere Papilla zu entfernen und 
dann zu heilen , damit das Praeputium nicht perforirt 
werde. Diese Stelle ist offenbar demAntyllus entlehnt, 
aber Terstümmelt. Ferner wird gesagt : Manchmal ent- 
steht am Eodensaek und an der Vorhaut nigredo et pu- 
tredo, dann ist es nothwendig, dass ringsum Alles ausge- 
geschnitten werde, was bereits schwarz und faulig ge- 
worden ist ; tritt eine Blutung hinzu, muss das Glüheiaen 
angewendet werden. Ist der Penis corrodirt und fehlt 
gleichzeitig seine Spitze , dann muss in die Harnröhre 
eine bleierne Cantile eingeführt werden, damit der 
Kranke durch dieselbe luinire; eine Massregel, die wir 
bereits bei Paulus Aegineta finden^). Ausser diesem 
wird noch von einer Caruncula gesprochen, welche die 
Genitalien ungestalt und hässlich macht, und namentlich 
beim Weibe manchmal so sehr wächst, dass sie dem 



1) Albucasis de chirurgia Arahiee et latine. Osonii, 1778, 
4", pag. 209; „Da paatulis, quae in praeputio acddunt, et in glande, 
et nigrfdine. Saepissime »ctidunt hac pustulae in foramiue penis 
et sunt eminentia camis foedae, Et eis sunt malignae et non ma- 
lignae. Non nialig'nns aatPm oportet, iit suRpendae hämo subtili, 
et eas abscindas, donec totae anferantnr, tum loco admoveaa gossv' 
pium in unguento Aes7.-ptiaco imbutuni, dein postea eures unguento 
diaphoenico, donec sauentur, si veluei'it deus. Quando vero sunt 
malignae, foedi calorls. in bis oportet uti cauterio post inciaioneim 
et rasuram earum. Quod si sit papilla in praeputio proselyti non 
drcnmciBi, et est papilla inti'a praeputium, et pars eins estra, oportet, 
nt prias papillain, quae intus est, auferas, et cum consolidatur, timc 
extemam etiam eures. Tu etenim cum ambas eodem tempore curaa, 
non aecurum est a perforatione praeputium. Et accidit atiquando 
in teflUcuIiB et praeputio nigredo eC putredo, oportet igitiu-, ut or- 
blciilatim ahscindas id, quod nigreacit, et perpendas, an putrescet, 
an inm pntruit. dein aflYica illi poat haec mel cum corticibus gra- 
natorum tritis cribellatis et ervi farina . . . Quod si fluxus sanguinis 
acciderit, uatione utitor . . . At Bi penis corrodatur, deaitque apex 
eodeni tempore, oportet, introinittas in uretbram cannulam 
pluiobi, ut urinam reddat aeger." 



I 

^^K pluiobi, 



2G4 Araber. AIhni'iisis. 

eregirten Penis eines Mannes ähnlich ist et ad coitum in- 
clinat'); was darunter zu verstehen ist, wird wohl kaum 
zu entscheiden sein; aber immerhin belehrt es einiger- 
maseen über die Vielgestaltigkeit der Geschlechtskrank- 
heiten, denen auch dieser Autor nicht genug Namen und 
Worte zu geben wusste. Die harten Apostemata der 
Virga erinnern an die heutige Initialsklerose, wenn sich 
aus der Beschreibung auch kein sicherer Beleg erbringen 
lässt: diese Aposteme sind im Umkreise der Virga aus- 
gebreitet (kommen bald dort, bald da vor?), und es ist 
möglich, dass sie von einem Theil zum andern Übergehen, 
wenn sie lange gedauert haben. Die Therapie dieser Apo- 
steme wird durch einen Aderlasa eröffnet; von den ört- 
lichen Mitteln sind zwei Bleimittel, ein Silberpräparat 
und Drachenblut bemerkenswerth-}. Pruritus virgae wird, 
je nachdem er äusserlich oder innerlich auftritt, mit Wa- 
schungen oder Einspritzungen von Meer- oder Salzwasser 
geheilt. So verschiedenartig die hier nur theilweise er- 
wähnten Erkrankungen der Geschlechtstheile auch sind, 
so ist doch nirgends deutlich von einer Uebertragbarkeit 
durch den Coitus die Rede; es heisst zwar einmal bei 
dem harten Apostema der Matrix : „Generatiu- hoc apo- 
stema ex excessu", was dies jedoch für ein Exceea sei, 
davon findet sich keine Spur ; freilieh wird wohl Niemand 
in der Deutung dieser Stelle irren können. 



1) IbidLiD p 315: „Cavuncula saepe rei natural! addita est, 
adeo ut deloiinis foeduaque sit aspecCus eius. In quibusdam etiais 
aliquando niulienlius adeo augetur, ut siiuilis vironim virgae arri- 
gitur (') et ad coitum inclinat." 

2) Liber theoncae nee non pracricae Alsaharavii, Blatt 95 a: 
„De apoBteraatibus duris, quae dicuntur alnoatir; Signa apoete- 
matum hunt quia profundantur in civcuitu virgae, et possibile est 
ea traiisire concaii de ana parte ad aüam, si diu permanserit (!). Et 
cnratio ipsorum in principio est cum flebotomia, postea vero suppo- 
nstur eis enis eet genns papiri, qui fit de iunco tratas UBtnm, vel 
plumbum ustum et anetum ustum, ferrugo argenti, sanguis draconiH, 
et merdaseng; (td est Ceruaaa), et aupponatur unguentum aegyp-. , 
tiacum 



Araber. Meaiiü der Jüngere. 



265 



Siesiiß der Jüngere (Maswijali al Mardini, 
Jabja Ben Mäscweih Ben Ahmed Ben Ali Ben 
Abdallah), gestorben 1Q15, wirft in dem Capitel „De apo- 
stematibns virgae et corroslonc eins" Genitalgeschwüre 
und Tripper offenbar zusammen ; Die Ulcera virgae und 
die Apoatemata seien denen des Hodens (jedenfalls Scro- 
tums) ähnlich, schlimmer seien die am „lacertus", der 
sich an der Wurzel des Ghedes und lun After befindet, 
als die an der Eichel, und weniger böse seien die am 
äusseren Blatt der Vorhaut ; wenn sie aber in der 
Harnröhre vorkommen, dann werden sie nur aus dem 
Schmerz beim Uriniren und aus dem Ausfluss von Eiter 
vor dem Uriniren erkannt. Die Apostomata der Harn- 
röhre besehreibt Mesue ebenfalls in dem Sinne des be- 
kannten Aphorismus von Hippokrates über diecpÜMara: 
es zeige sich zuerst Schmerz mit Strangurie; wenn aber 
Elter gebildet und ausgebrochen ist, dann löse sich die 
Pnstel und die Strangurie höre auf. Behandelt werden 
die Geschwüre der Urethra wie die der Blase. Die äus- 
serlichen Geschwüre werden abgewaschen und eingerieben 
mit dem eigenen Urin des Krauken; wenn sie aber tückisch 
und bösartig sind und sich zu schwärzen anfangen, dann 
sei es nach der Vorschrift des Hippokrates besser, das 
ganze Schwarze abzuschneiden')- Anders sei ein hartes 
Apostema an diesen Theilen zu behandeln, nämlich mit 
einem Theil Kleien und einer Unze Armoniacura wie das 
Apostem des Hoden. Mit Meerzwiebel, Oel und Kiefer- 
harz werden die Verrucae virgae geheilt; gegen das Mo- 



1) Opern divi Joannis Me.suÜ. Lugiiuni, 1533, fol., Blatt 
171b: i,Uluera virj^ae et a,]iostemat)k sunt proporEiouabilia uleeribus 
et apoBteniatibus testiuin ... et deteTiora siint, quae finnt in lacerto, 
qm est in radice virgae et ano, eo, quod sit in capite, quod est, 
quia indiget exsiccatione forti. Et dolor cum hoc est vehemeiis, et 
plnriinam veniunt ad corrosionem et putreffletionem. Et minus 
mahim eet, quod sit in pelle, et aiquidem sint in parte exteriori, sunt 
nota et sensui nianil'esta. Si vero in via et ductu urüiae, cognos- 
custur ex dolore niagis in urinae egressione et sanie egrediente 
ante tirinam. Et si Bit apostema in via et ductu urinae, dolor erit 
m stranguria priuB, deinde, facta aanie et erupta, solvitur pustula 



26ß Araber. Buhahylybti Byngezia, 

ruiii an diesem Theile nehme mau gebrannten BauracIT 
(id est Borax) ; reichen diese Mittel nicht hin, dann mögen 
sie (die Verrucae iindMora.) abgeschnitten und die Schnitt- 
fläche mit Kienruss und Arsenikpufver bestreut werden'). 
Ueber das Morum hat M e s u 6 noch ein eigenes Capitel, 
durch welches jedoch ebenfalls kein sicherer Aufschluss 
gegeben ist, welche Art der Condylome er mit VeiTuca 
oder Morum bezeichnet wissen will. Das Morum sei ein 
weiches Apostema ex carne addita, etablire sich zumeist am 
After, in der Vulva und an der Eichel, sondere bisweilen 
eine rothe, wässerige Feuchtigkeit ab, sei bisweilen ge- 
fahrlos, manchmal aber bösartig und schmerzhaft. Das 
gutartige wird mit dem Pulver der Granatapfelrinde be- 
streut, das bösartige durch schmerzstillende imd ätzende 
und zuletzt durch glutinöse Arzneimittel geheilt *). Was 
Mesue noch sonst über Haemorrhoiden, Geschwüre und 
Fissuren des AtYers, Pruritus und Sehmerzen an den Ge- 
nitaUen sagt, ist kaum beinerkenswerth. 

Bahahylfha Byngezla (Buhualiha, Abu Ali JahJ 
Ben Isa Ibn Dschezia cl-Bagdadi), von 1074— llf 

et Btrangtu'ia . . . Cura nlceru'm virgae, ei sunt intrinseca, est C 
ukerutn veaicae . . . Quod si illic ftierit coi 
äaiit, tune oportet, iit prohibeatur covrnsio et ftmbulatio cum j 
priis, ut sunt, ut abliwntur et evpithimentur, et fricentur cum urioa 
homiuis aiitiqui propi'ii. Si aiitem fnerint fraudulenta et maligna, 
et denijfrentur, tune melius est secuudum praeceptum Hippocratia. 
ut abBfindatur totum nigriim.'" 

1) Ibidem, fol. 185 br . . . Alitid, cum est ibi apostema dtu 
Furfuria partem j. armoniaci unc. j. et est dietiini supra in apoBteid 
testiculorum. Sed hie est mag-is conveniena ad verrucas virgae, 
eradicat eas squilla linita cum oleo et gumma piui ... Et si ibi 
fueril luonim, sumatur bauraeh adustum. Et quando non aufficiunt, 
iucidatui- et pulverizetur äesuper ati'ainentum et arsenicura." 

2) Ibidem, fol. 2.^7 b: „De moro et medicinis eius. Morum est 
apostema molle ex carue addita, accidens in carae rara, et pluri- 
mum in ea, (juae in ano, vulva et capite virgae. Et quaudoque est 
efFundens bumiditatem rubeam ad moduia aquosi, et qusndoque est 
Balvum, quandoque malignum et dolnrosum. 
aspersione pulveria cnrticum granati acctosi. Eiua vero, 
maliguum, euratio eius est cum sfdantibus dolorem i 
pbarmacÜB, deinde cum ghitiuosis." 



ro, quod est 1 

J 



Araber. Avensioar, 267 

flebend, lässt wohi schon nach der kurzen tabellarischen 
l" Anordnung des itmfilnglichen Stoffes und der kurzen hier- 
[ für verwendeten Jugendzeit keine näheren Aufschlüsse 
I Über ein specielles Thema erwarten ; und wirklich mengt 
I er in zwei Abschnitten die betreffenden Krankheiten in 
sehr unklarer Weise und in abgebrochenen Sätzen durch- 
einander, ohne etwas Neues oder besonders Bemerkens- 
werthes zu sagen. Äuftallend ist nur, dass selbst in den 
wenigen Zeilen die Anwendung des Specnlums bei Er- 
u-ankungen des Uterus nicht vergessen iBt'). 

Avenzoiir (Avenzohar, Abimeron Ävenzoar, 
'Abu Merwan BenZohr, AbuMerwänAbdel- 
^alik Ben Abul-Ala Zohr Ben Abd el-Malik Ibn 
^ohr), der von 1113—1162 oder 1199 lebte, bezeichnet 
j edenfalls mit den „Foramina" die Geschwüre, ohne dar- 
"SLlber, wie auch von den andern Erkrankungen der Ge- 
.^chleehtstheile, etwas von Belang zu sagen ^). 



1) Taciiini aegriliidinuin et iiiovbniniii l'( 
^"»uniaiii cum cm-ia eonmdem Buhah vlvha BYngezIa autore Ar- 
J^^ontorati IbS" toi — \erg! Giuiiera Aphrodiaiacus III p 13 
j- :»Da iDoibia leretri Morbi m [eile Lpsoruin atcideutes sunt pustu 
Ä .^le ulcera prunlus Et mnibi leietu '•unt nut in corpore uut m 
^*~»ieatibus ipsins Si in corpore eins fit dilitatio aposteinata et 

~*-:»lcera Ft moibi nccidentes lu eius meatibut. eius sunt oppilatio 
^ ■^ictigatio ex ventositate mJusa in corpoie eins et nt plus hoc fit 
^c^^um apostemate acuto et erectione forti et tum boc fit quandoqne 
^^^HBUiua Et SI deebnat liibiraiis eo ad tpflsmum nionetur cito 

IK^^enea jnflationem \eietri et suclorem i]siiis fngidum "^ed ukera 
^E^t apoitpmata m eo accidunt ut m ahts membris et eoiuni Signa 
^*-unt nt ahonim 

De mtrbi madiu'i Morbi nutiicis nunt manatio hu 

^*^^«ji la apOMtema t.alidum et frigidum duba\Ia cancei fls&ma 

*-»» oie matnciB ulcera ibidem Ulceia matriciB aut flunt ex con 

"*i"«8ione vel eA pustubs apertis it cognohutur hoc per aper 

■fc-Sonem matricis cum instmmento facto ad id |uia videtur et co^ 
*i.o&citur subatantia ipsius per id quod emittitur de matrice 

2] Abhotneron Ueiiiinu dp medica tacultate Oipue etudiosis 

Eilbus utilissimu, altern Abhomeron Abjnzohar Lugdun], 1531 

^^m^^^ Blatt 83 a: „De foraminibus, quae sunt in virga. Haec quidem 



268 Araber. Averro^p. Oseibia. 

AveiTO?» (Abul-Welid Muhamraed Ben Abme^ 
Ibn Roschd el-MaUki'), der 1198 starb, gehört zwar 
nach Wüatenfeld*} ebeuso wie der vorgenannte Arzt 
der Blüthezeit des Studiums der Medicin im Muhameda- 
nischen Reiche an. aber in Bezug auf das vorliegende 
Thema lässt sich nur bemerken, dass die Angaben dar- 
über immer spärlicher und unbrauchbarer werden : Me- 
lancholia sei \ieUeicht die Ursache von Harnverhaltung 
und der Verruca der Urethral 

Von Oseibia (Oseibiah, Ebn Abu Oseibialj 
Ahul-Abbas Ahmed ben el-Käsim ben Cha 
Ufa Ibn Abu Oseibia Muwaffit ed-Din el^ 
Chazredschi), der von 1203—1273 lebte, erzählt Joh. 
Jac. Reiske*} einen Fall, welcher trotz seiner ungenauen 
Beobachtung und mangelhatlen Beschreibung von Interesse 
ist : In Folge geschlechtlicher Vermischung mit einem 
Thiere (was für einem, ist nicht gesagt) entstand eine 
heftige Entzündung des Penis mit einer Carunciila der 
Urethra. Das Glied wurde auf einen glatten Stein gelegt 
und der Arzt schlug mit aller Kraft und mit geballter 
Faust so heftig auf dasselbe, dass das Hinderniss und das 
Geschwür in der Harnröhre zersprang. Der Fall habe 

cum follirio de memithe, et reimen eius üt lactuca decocta." — 
Vergl. Gruner, AphrodisiacuB, III, p. Iti. 

1) Averroes. — Vergl. Gruner, ebenda p. 16—17: „Contin^t 
forsitfin, quod inelancholia sit causa retentionis urinae, ratinne Ver- 
rucae melaneholicae, existentis In mearibus urinae." 

2) WÜBtenfeld, Ferd., Geschichte der arabischen Aerzte und 
Naturforscher. Göttingen 1840, S», p. 63. 

3) J. J. Reiake et Jnh. Em. Fabri: Opuscnla medica ex 
nionumentiH Arabum et Ebraeorum. Iternm recensuit etc. Chr. G. 
Grüner, Halae, 1776, 8", p. 61: „Caput xiii habet obaervationem, — 
2. de ingenti penis inflamntaticme, quae nata fnerat es impuvo cmn 
bestia cnucubitu, cum caruncula urethram obstruente, sanata modo 
prorüua empirico atqiie cmdeli. Impnsitum glabro lapidi peiiem 
uiedicHs Bubito praeter aegri expeetationem, qua polcrat, vi percu- 
tiebat manu in pugnum coacta, ut obturaculuni et uicus »diasiliret. 
Sapit hie casus lueni veneream ; et posset inservire ilÜB pro argu- 
meiitn. qui marbum hnuc etiam veteribufi cognitum fuisse conteal 
dunt. Cadit autemis casus circa annum Christi 9iO," 



Rückblick ü. d. i 



. Krankheiten h. d, Araliem 



sich im Jahre 940 ereij^net. F. A. Simon') bemerkt 
dazu, dass dieselbe Behandlung „auch in unseren Tagen 
manchmal (bei gonorrhoea etiordata) vom Soldatenpöbel 
geübt wird." 



Rückblick über die venerischen Krankheiten bei 
den Arabern. 

Die Bedingungen für die Entstehung und Verbreitung 
der Geschlechtskrankheiten waren bei den Arabern wahr- 
scheinlich nicht minder vorhanden als bei den übrigen 
orientalischen Völkern des Alterthums, mit welchen sie 
seit jeher, wie namentlich mit den Indiern, bei denen das 
Vorhandensein der Syphilis und wohl auch der anderen 
venerischen Krankheiten erwiesen ist, verkehrten. Zwar 
wird die Polygynie und die Beschneidung nicht wenig 
zur Verminderung dieser Krankheiten unter den Arabern 
beigetragen haben, aber ehe diese Gebräuche instituirt 
wurden, mag es anders gewesen sein, als in der neuesten 
Zeit, in welcher die Syphilis im Innern des Landes, wie 
P r u n e r versichert, nur selten vorkommen, theilweise 
sogar ganz unbekannt sein soll-j, Mohammed wurde, wie 
die Sage geht, „beschnitten geboren", und die schon bei 
den bibUscheu Israeliten besta,ndene Erlaubniss der Poly- 
gynie, welche der sinnliche Orientale den Koranschreibem 
Sabbi Warada Ebn Nawsal und dem Mönch Nestor in die 
Feder dictirte, dürfte wahrscheinlich einer an sich rich- 
tigen Erkenntniss des im Wohl und darum jedenfalls auch 
im Wehe des abwechselimgsreichen Geschlechtsgenusses 
erfahrenen Propheten ihre Einführung verdanken; gewiss 
ist, dass diese Einführung für alle diejenigen, welche sich 
den Luxus derselben gestatten konnten, und dazu gehörte 




1) F. A. Sini->n, Vorsudi 
örtlichen Lustübel. I, p. 31. 

2) Pniiier, l''riHiK, Üii; Kiankhei 
8", p. 179. 



kritischen Geüdiielite . 



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n divs Orients. Krliinäen 1Ö4T, 



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270 



ßückbliek i 



(i. ■ 



, Kraiiklif^iten b. d. Arabern. 



ja iiuch Mobamnied, prophylaktisch vernünftiger gedaehf 
war, als der Phalluskult bei deu übrigen Völkern. 

Obwohl den Arabern das Praeputium felilte, und sie 
demnach für die Beobachtungen der meisten mäimliehen 
Genitalerkrankungen geeigneter waren, so haben es ilire 
Aerzte in der Erkenntnisa derselben nicht wesentlich weiter 
gebracht; im Gegentheil; sie haben den Gegenstand, der 
ihnen doeli wenigstens halbwegs tasslich vorlag, grössten- 
theils noch mehr verwirrt. Dazu mag aber, theilweise 
wenigstens, gerade das Fehlen des Praeputiums beigetragen 
haben; denn die Beschreibungen der Griechen stimmten 
eben in vielen Krankheiten nicht mit deu eigenen Wahr- 
nehmungen, und zu einer selbstiiudigen Auffassung und 
Schilderung des verschieden gestalteten und darum oft 
verschiedenartig erkrankten Penis waren die Araber tlieils 
nicht bef&higt, theils mag ihnen die Gelegenheit zu un- 
befangener Beobachtung gefehlt haben. 

Die Bezeichnung Gonorrhoe findet sich in der niedi- 
cinischen Litteratur der Arabei', oder eigentlich in den 
Uebersetzungen der Latin obarbaren, nicht wieder, und 
auch die Sache ist eiuigermassen, und zwar nicht ganz 
ußvortheilhaft, modificirt. Von einem Ausfiuss des Samens 
ist eigentlich nur bei Avicenna, und da auch nicht 
vollkommen deutlich, die Rede. Dagegen erscheint die 
Theorie des Hippokrates, wonach der eiterige Aus- 
fiuss der Harnröhre durch cpünaia bedingt war, fast allge- 
mein angenommen; nur stehen für die (pünaia der Griechen 
bei den Arabern die Apostemata, Pustulae, Carunculae, 
zumeist aber die aus denselben hervorgegangenen Ulcera 
der Harnrühre. Gewiss ist es ferner, dass die Gonorrhoe 
und der Eiterfluss aus der Urethra, welche die Griechen 
als zwei dem Wesen nach verschiedene Krankheiten auf- 
gefasst und auch von einander vollständig getrennt ab- 
gehandelt, wenn auch in ihren Symptomen untereinander 
gemengt, haben, von den Arabern theils mit einander ver- 
einigt, theils knapp nebeneinander gestellt wurden. So 
erklart sich bereits Hali A bbas die Oppilatio der Harn- 
rühre, weiche er unter „de virgae passionibus cahdia" 



Rückblick i 



inklieiten b. d. Araber 



9T1 



I 



beschreibt, einmal durch die Ansammlung einer dicken, 
klebrigen Flüssigkeit in diesem Organe; ein andermal, 
und zwar unmittelbar anschliessend, dnrch ein Geschwür 
daselbst entstanden. Auch A v i c e n n a , welcher dem 
Tripper die in der Folgezeit aiemlich häufig gebrauchte 
Benennung „Ardor urinae" beilegt, unterscheidet sehr 
deutlich zwei verschiedene Formen desselben; von denen 
die eine durch häufigeren Ooitus veranlasst wird, wodurch 
die Urethra vom Schleim entblöast beim Uriniren brennt, 
und wegen der Nachbarschaft des Samenbehälters ein 
starker Ausfluss eintritt; während die zweite Form durch 
anderweitige Krankheiten des Körpers bedingt wird, welche 
in der Urethra Geschwüre erzeugen (also die Anabrosis 
des G a I e nj, wodurch ebenfalls Brennen beim Uriniren, 
. und ausserdem aber Ausfluss von Eiter und Blut verur- 
sacht worden. In dieser NebeneinandersteUung beider 
Formen und der ebenfalls von Avicenna abgegebenen 
Erklärung, wonach die erste Form in die andere über- 
gehen könne, findet sich jedenfalls der Ursprung der bis 
tief in das gegenwartige Jahrhundert reichenden Theorie 
vom syphilitischen und nichtsyphilitischen Tripper. Andere 
Araber, unter ihnen Albucasis, haben diese Krankheit 
mit den vermeinten Geschwüren der Harnblase vermengt 
und in einem Capitel beschrieben. Sonderbar ist der Fall 
des Oseibia, in welchem eine heftige Entzündung des 
Penis mid eine Caruncuia der Urethra infolge von Sodo- 
mie entstanden sein soll. Die Therapie des Trippers wird 
noch öfter als die Pathologie mit den dubiösen Geschwüren 
und der Kratze der Harnblase gemeinsam abgehandelt; 
jedoch finden sich nebenbei auch einige zweckmässige 
Verordnungen gegen die vermeinten Geschwüre der Harn- 
röhre, namentlich bei Avicenna; obwohl auch er gleich 
eingangs des Capitels über die Behandlung des „Ärdor 
urinae" auf die „cura ulcerum vesicae" verweiset. 

Ueber die Folgekranhheiten des Trippers, besonders 
über die Strieturen der Harnröhre und über Hodenaff'ec- 
tionen, ist kaum etwas Verlässliches verzeichnet; bezüg- 
lich der letzteren erwähnen zwar Avicenna und Mesuö 




Bäckblick iL d. rener. Krankheiten b. d. i 



P 



der JOngere heisse, kalte und hane Apostemata: der cocBt- 
genannle Arzt auch Geschwore daselbst: Albucasis 
spricht von einer nigredo et putredo der Testikei und meint 
damit höchst wahrscheinlich das Senatum — aber es er- 
scheint geradezu unmöglich, aus diesen Beschreibungen 
auf eine bestinunte venerische Krankheit zu schliessen. 
Die meisten Nachfolgen des Trippers mögen in die schon 
bei den Griechen sehr verworrenen Capitel der Blasen- 
geschwüre und Blasenkrätze eingereiht worden sein; jn 
Albucasis wirft sogar, wie bereits erwähnt, den Tripper 
dazu, indem er sowohl die Geschwüre der Blase als auch 
die der Harnröhre „ex humore acuto" entstehen lasst, 
und beide auch in einem Satze abbandeil. 

Ebenso undeutlich ist der Weibertripper beschrieben : 
verschieden beschaffene Ausflösse, welche die Araber ge- 
radeso wie die Griechen neben Corrosionen, Apostemen, 
Geschwüren, Rhagaden und ahnlich benannten Affectionen 
des Uterus imd der Vagma mit Hilfe des Speeulums ge- 
sehen haben wollen, werden zwar häufig erwähnt, und 
manchmal auch von zu heftigem oder häufigem Coitus 
hergeleitet, oder mit überstandenen Geburten in Verbin- 
dung gebracht; aber als eine topisohe, entzündliche Affec- 
tion der Schleimhaut wird der Weibertripper nicht auf- 
gefasst. Entdeckte man in der Vagina oder am Scheiden- 
theil der Gebärmutter keine der vorerwähnten Verän- 
derungen, so wurde die Ursache des Ausflusses jedenfalls 
in das Innere des Uterus verlegt. 

Ueberdie Oondjioine herrschte die meiste Verwirrung, 
sowohl in Bezug auf ihre Benennung als auch auf ihre 
Beschreibung und Localisation. Eine Trennung der For- 
men, wie sie bei dem einen oder andern Griechen ange- 
deutet ist, lässt sich bei den Arabern kaum nachweisen; 
nur aus den therapeutischen Massregeln, welche mit Aus- 
nahme des Abschnürens und Ausreissens bereits bei den 
Griechen in allgemeinem Gebrauch waren, lässt sich 

schliessen, dass auch den Arabern die Condjiomata acu 

minata genauer bekannt gewesen sein niUsseu. Dieselben 
finden sich bei ihnen thells als bothor, nodi, porri, mora, 



l^ 



k 



Rückblick iL d. vener. Erankheiten b. d. Arabern. 373 

^trici, papillae, glandulae, fragae, Verrucae u. dgl. wieder, 
<:heils sind sie jedoch mit Hämorrhoidalknoten und bei 
JEinigen unverkennbar auch mit den Überall und immer 
^vorkommenden Apoatemen zusammengeworfen. 

Die Theorie, welche Galen über die Entstehung 
«ier Geschwüre im AUg^emeinen aufstellte, hat bereits 
ZKsaak klar und deutlich auf die Genitalgesehwilre über- 
"«ragen. Einige Araiier, unter ihnen S e r a p i o n senior, 
ZK h a z e s und A v i c e n n a , erwähnen zwar auch den 
*;]loitns als Ursache von Äpostemen, Pruritis und Tumoren 
^E^ra Muttermund und Penis, doch verlautet noch immer 
IK:vein Wort, aus welchem sich auf eine Ansteckung durch 
■^3in Contagium oder ein Sekret folgern liesse. Dasa die 
^-Araber die Geschwüre {häufig auch Äpostemata genannt) 
■^3D den Genitalien und ihrer Umgebung in den verschie- 
■«densten Formen, als weiche und harte, trockene und 
^Ä'euchte, gut- und bösartige und phagedäniache, beobachtet 
^fciaben, ist zwar in möglichster Kürze, aber immerhbi deut- 
^■Jch genug ausgesprochen. Häufiger als bei den Griechen 
^^ind Geschwüre, Äpostemata, Rhagaden, Scissuren oder 
— tej'issuren des Afters erwähnt. Avicenna nennt sogar 
^^chwarze, also jedenfalls gangränöse Geschwüre am Anus. 
— *^m merkwürdigsten ist A 1 b u c a s i s , welcher in dem 
^Capitel „de apostematibus et pustulis ani" von einer „aldea 
-a^lcohfii" als einer Art der Äpostemata spricht, von welcher 
■^sr 17 Unterarten kennen will, die er jedoch wegen ihrer 
■^-iturpitudinem et inhonestatera et raritatem eorum, qui cu- 
^^rantur ex ea" nicht beschreiben will, zumal „nee est inu- 
~*3ütas in hoc mundo". Die Krankheit war also schwer, 
■^iDder selten heilbar und zugleich aber, höchst wahrschein- 
3jch als Strafe und Warnung, nützlich. Es lässt sich 
-.jedenfalls nicht entscheiden, ob Albucasis diese Er- 
^Äiranlcungen des Afters als secundare erkannte, und bereits 
3.n den Ton der Heuchler und Frömmler verfallen ist, wo- 
durch die vorurtheilsfreie Beforschung der venerischen 
^Krankheiten so lange gehemmt wurde und theilweise noch 
gehemmt wird; oder ob er das Leiden für ein primäres 
liielt, und demnach seine Ausfälle gegen die Päderastie 

Prokach, Qescliichtt der venE^r, Krankbellea I. 18 



274 



Riickblicl; ü. d, vener. Krankheiten b. d. Arabern. 



gerichtet sind. Letzteres klingt allerdings wahrscheinliche!^ 
weil die „multitiido" und der „appetitus coitus", welche 
von einigen Arabern als Uraaehe von offenbar ulcerösen 
Genital erkrankungen angegeben werden, bei einem Volke, 
dem die Polygjiiie erlaubt ist, wohl nicht so leicht als 
Inhoneatas und Turpitudo aufgefasst worden sein mag. 

Die Babonen, welche die Araber Althaun nennen, 
werden ebenfalls nicht specificirt, sondern wie bei den 
Griechen geineinsam mit andern Lymphdrüsengeschwülsten 
am ganzen Körper gewöhnlich als Apostemata kurzweg, 
oder auch als Apostemata glandosa abgehandelt, und im 
allgemeinen als heisse und kalte, harte und weiche, eiternde 
und nichteiternde unterschieden; sehr häufig werden sie 
jedoch auch mit andern Geschwülsten, namentlich mit 
solchen, welche eine Tendenz zur Eiterung haben, ja auch 
mit Geschwüren an andern Organen verwechselt. Jedoch 
sind als Prädilectionsstellen der Bubonen : Nacken, Achsel- 
höhle und Leisten stets hervorgehoben. Die therapeutischen 
Massnahmen, welche den verschiedenen Formen so ziem- 
lich angepasst werden, sind sehr mannigfaltig, bieten aber 
kein besonderes historisches Interesse, da sie in nichts 
Wesentlichem von denen der Griechen und Römer ab- 
weichen. 

Die Stellen, aus welchen sich auf die Existenz der 
Syphilis schliessen lässt, sind bei den Arabern verhält- 
nissmäasig spärlich anzutreffen; denn wenn auch bereits 
Isaak, Serapion senior u. A. die Ulcera und Aposte- 
mata in virga ebenso wie an andern Orten zu behandeln 
empfehlen, und dadurch schon die griecliische Abstammung 
dieser Stellen angedeutet ist, so verlieren diese dennoch 
grösatentheils ihren Werth, weil eben die Orte nicht wie 
bei \'ielen Griechen und Römern speciell angegeben sind, 
und deshalb auch auf die gesamrate Körperoberfläche und 
nicht auf gewisse Prädilectionsstellen der Syphilis bezogen 
werden können. Viel bezeichnender sind die Stellen bei 
1 s a a b und R h a z e s , in welchen unzweideutig über den 
ganzen Körper verbreitete Exantheme {Apostemata, Pru- 
ritus und Bothor) als Consecutiv-Erscheinungen von Er- 



Rückblick i 



. Krankheiti 



i b. d. Arabei-ü. 



27l> 



^ 

I 

^ 



krankuDgen der Harnröhre (blutiger ußd eiteriger Ausfluss, 
Strangurie) geaannt werden. Diese ersten Spuren der von 
der Mitte des sechszehnten Jahrhunderts bis lange nach 
K i c o r d 's Auftreten allgemein herrschenden Identitäts- 
lehre sind bei einem beschnittenen Volke sehr begreiflich; 
denn jedenfalls ist bei diesem die Localieirung des Initial- 
affectes in der Harnröhre verhältnissmässig häufiger. Am 
sichersten ist wohl die Stelle bei Avicenna unter „de 
ulceribue testiculorum et virgac in locis ani", woselbst 
diese Zustände als „mala anibulativa" mit ebensolchen 
des Mundes und der Viscera in Verbindung gebracht werden. 
Füi" Testikel ist hier ebenfalle Scrotum zu leßen ; wie auch 
Uterus manchmal für Vagina oder Vulva gilt. 

Dass die Araber ebenso wie andere Nationen vor 
und nach ihnen bis tief in das neunzehnte Jahrhundert 
hinein die Syphilis mit verschiedenen chronischen Derma- 
tosen und Kachexien, namenthch mit Lepra, Scabies, For- 
mica, Ignis persicus u. dergl. zusammengeworfen haben, 
kann mimöglich bezweifelt werden; wenngleich der stricte 
Nachweis dafür noch verschoben werden muss. Hensler, 
welcher mehr als zwanzig Jahre dem Quellenstudium der 
Geschichte der Syphilis und der mit dieser äusserhch ver- 
wandten Krankheiten gewidmet hat, gelangte am Ende 
seiner Forschungen und seines Lebens zu dem eingehend 
erörterten und quellenmäesig belegten Schluss, dass die 
Syphilis unter der Form des Herpes der Griechen, d. i. 
der Formica der Araber und Arabisten, seit Menschen- 
gedenken im ganzen Abendlande geherrscht habe ^). Wenn 
diese Auffassung auch etwas einseitig sein mag, da ea 
doch viel wahrscheinlicher, ja nahezu gewiss ist, dass so- 
wohl die alten, als auch die mittelalten Aerzte die Syphilis 



1) Hensler, Phil. Gabr. De Herpete Ben Forraica veterum 
labis venereae uou pi'oraua experte. Kiliae, 1801, 8", p. 55: ,,Venerea 
vero lues, quae Sjphilldoii iam uacta est appellationem, Europae 
Inqnilinus videtur ease morbus, tjui sub Herpetum imprimis ulcerum- 
qiie serpcnlium varia forma a summa memoria per Occidentem nem- 
per quidem lUtroque regnavit, ita tarnen, ut aliorsura illata contagia 
temporibus, ut ita diuam, subsecivis iu:(tiiu locuiri habueriiit." 




276 



Eüfkblick ü, d. vener. Krnukheiten b, d. Arabern. 



je nach" den verschiedenen Formen des Exanthema bald 
einer leichteren, bald einer schwereren Dermatose zuge- 
schoben haben werden, so ist doch immerhin der Herpes 
resp. dieFormica für manche Formen nicht auszuschliessen. 
Zu den von Hensler übersehenen, oder vielleicht auch 
absichtlich übergangenen Stellen, welche seine Annahme 
stützen, gehört die folgende des Rhazes: „Colera nibea 
quotiens condominans fuerit in membro, appellatur morbus 
formicalis, et dum fuerit supranatans corpori in toto, ap- 
pellatur ictericia . . . apostema similc panico generis for- 
micae est, et cum eo in superflcie corporis erunt ampuUae 
parvae~ad modura panici granorum, et haec est apecies 
de formica, et accidit similiter ex colera rubea, tarnen 
colera ipsa est minoris nocumenti et caliditatis, quod illa 
ex qua accidunt duae species aliae . . ." ^). So unklar und 
dicht mit den Galenischen Theorien umhüllt das Ganze 
auch ist, so geht daraus doch soviel mit einiger Sicherheit 
hervor, dass ein nach irgend einer nicht näher bestimmbaren 
Affection am Genitale auftretendes universelles, ebenfalls 
nicht zu bestimmendes Exanthem Formica genannt wurde. 
Anders beschreibt diese Krankheit Avicenna unter; „De 
formica et de miliari i. Herpete. Formica est pustula aut 
Pustulae, quae egrediuntur, et faciunt acciderc apostema 
parviun, et ambulant; et fortasse ulcerant: et fortasse re- 
solvuntur: et tu jam acivisti causam unius cujusque illo- 
rum. Et color quidem formicae ad citrinitatem est decli- 
via: et est inflammata cum substantia verrucali, etrotunda: 
et secundum plurimura habet radicem latam nisi quaedam 
apecies ejus, quae nonünatur (acruarod), quae habet radi- 
cem subtilem quasi sit pendens. Et sentitur in onuii for- 
mica sicut punctura formicae. Et ad summum omne apo- 
stema cutaneum ambulativum, quod profunditatem uon 
habet, est formica. Verum alia est miliaris, et alia est 
corrosiva, secundum quod scivisti. Et quando flt ulcus, 
et putrefit, appropriatur nomine putridi"*). Nach diesen 



1) Rha 



M-gl. Gl- 



2) Avicenufi, l.lu-.p. H41. 



r's Apiu-odis 



i III, 



Rückblick ü. rt. i 



. Kritiikheitpn b. d. Araber 



Stichproben der üeycriptioncii der Forruica können wohl 
die weiteren Ergänzungen über den bereits erwähnten 
Ignis persicus, die Lepra u. dgl. um so eher unterbleiben, 
als sie vorläufig ebenfalls nur Vermuthungen zulassen, 
und bestimmte Anhaltspunkte nnr aus einem umfäDglieheren 
Material und der Kenntniss der Neuzeit gewonnen werden 
können. 

So wenig nun auch aus der sehr mangelhaft gepfleg- 
ten medicinischen Litteratur der Araber vorliegt, so ist das 
Vorhandene dennoch hinreichend, um die Existenz der 
Syphilis auch bei diesem Volke mit einiger Sicherheit an- 
nehmen zu können. Wir dürften dasselbe nunmehr ver- 
lassen; um aber die Einführung des wichtigsten Arznei- 
mittels gegen die Syphilis in die Heilkunde des Abend- 
landes kennen zu lernen, müssen wir noch einen Augen- 
blick verweilen, 

Die Verdienste, welche sich die Araber um die För- 
derung des Arzneischatzes unbestreitbar erworben haben, 
kommen zwar nicht clirect durch sie in der Syphilis- 
therapie zur Geltung; aber die Kenntnisse von dem Queck- 
silber, welche sie unzweifelhaft von den indischen Aerzten^) 
überkommen hatten, verbreiteten sich durch die Schriften 
der Araber über das ganze Abendland. Alles was die 
griechischen Aerzte bis herab auf Paulus von Aegina 

1) Wie Haeser 1. c. I, p. 550 bericlitet, wui-de der Ayur-Veda 
des Susruta bereits unter dem Khaüfen Harun el-Raschid, der 
KWiachBD 786—809 regierte und an dessen Hofe mehrere indische 
Aerzte lebten, den Arabern bekannt; auf Befehl desselben Khalifen 
äbersetzte auch schon rter indische Arzt Msnkah das Werk Cha. 
raka's und andere indische medicinische Schriften ans dem Per- 
MBchen ins Arabische. Wenn die uns bekannt gewordenen Araber 
die Beschreibung der Syphilis aus dem Susruta nicht aufgenommen 
haben, so kann dieses nicht dahin ausgelegt werden, dass die Krank- 
heit bei den Aiabern nicht existirt hat; denn diese Aerzte folgten 
in der Pathologie fast ganz den Griechen (worüber sich ja auch für 
die Syphilis sehr bestimmte Andeutungen linden), und in der Thera- 
pie acceptirten sie auch nur den p Li arm ako logischen Theü von den 
Indiem, während sie den chirurgischen nur aehr wenig berück- 
sichtigten, was auch bei der volligen, durch den Koran gebotenen 
Vernachlässigung der Anatomie nicht anders sein konnte. 



278 



Rückblick ü. d. i 



. Krankheiten li. d. Arabern. 



über das Quecksilber berichten, lässt nur schliessen, dai 
sie dasselbe in seinen Wirkungen nicht kannten, für giftig 
hielten, und darum nicht anwendeten. Nur Aristoteles') 
erwähnt dasselbe als läp-fupos x\nf>q mit Oel gemengt als 
Heilmittel gegen einige Hautkrankheiten, und Paulus 
von Aegina Hess dann das regulinische Quecksilber 
gegen Ileus trinken; von Alexander Trallianus 
kennen wir zwar auch eine Salbe mit Zinnober, die wie 
er sagt, „für jedes Leiden passend ist" und deren „viel- 
fache Ven\'endbarkeit auch von allen Äerzten zugestanden 
wird", aber er sagt uns nicht, was mit dieser Salbe, die 
„durchaus nicht leicht herzustellen", eigentlich anzufangen 
ist. Unter den Arabern soll zuerst M e s u e der Aeltere 
(780 — 875) „durch Feuer verkohltes Quecksilber" mit Oel 
vermischt zu Einreibungen gegen Morpiones und Scabies 
angewendet und somit bestimmtere Indicationen für die 
Anwendung dieser Inunctionen aufgestellt habcn*)j viel 
weiter kamen erwiesenermassen auch die späteren Araber, 
und selbst der Fürst der Aerzte, Avicenna, nicht; nur 
dass dieser das mit Rosenöl verriebene Quecksilber auch 
gegen bösartige Geschwüre empfahl, und Albueasis 
schon eine von den in der Folge ebenso beliebten als schäd- 
lichen Zusammensetzungen anfahrt: „Rp. Arsenici, sina- 
pis, argenti vivi mortiflcatl cum cineribus lignorum quer- 
cuum et diaterentur cum aceto et oieo et liniatur cum eo 
Caput" *). Die Einreibungen mit den Quecksilbersalben 
müssen im elften Jahrhundert schon ziemlich allgemein 
verbreitet gewesen, und auch gegen chronische Exan- 
-theme angewendet worden sein, denn der eben genannte 
Arzt kennt bereits einige ilirer nachtheiligen Wirkungen: 



1) Aristoteles, Meteorologiconitn, Lib. IV, cap. 8. — Vergl, 
N. D. Falck, Von dem Quecksilber. Ahh d, Enj^l. Leipzig 1777, 

2) MesiiS. — In: Serapionis de simplieium medicamentomm 
historia. Venetiia, 1552, fol., p. 135. — Vergl. G. Ludw. Dieterich, 
Die Herkurialkrankheit. Leipzig 1S37, 8", p. 11. 

3) Albuc&siR, Liber thenricae nee non practicae Alaaharnu 
Angnstae Vindeli forum, 1519, fol., Blatt 25 a. 



i Alaanarn^^^^J 



Rückblick 1 



. Krankheiten h, d. Araberu. 



279 



^De linitione corporis argenti vivi. Sig'num hujus est quia 
I supervenit ei iiiflammatio oris et lingue et gutturis prae- 
I cipue, et possibile est ei contingere corrosionem in ore et 
I gravidam corruptionem et hoc ipse vidi multoties"'). Avi- 
Icenna hatte Paralysis, Spasmus, Troiiius und Foetor oris, 
[ aber keine der übrigen Mundaffectionen, als Folgen des 
' flVapor" bei diesen Einreibungen beobachtet. Der Speichel- 
I fluss ist bei den Arabern unter den Erscheinungen der 
1 acuten Hydrargyrose nicht erwähnt, obgleich er bekannt 
war, und Avicenna sogar ein eigenes Capitel „De multi- 
tudine sputi, et salivae, et cursus eius in somno"') hat. 
I Die innerliche Anwendung des Quecksilbers, welche ebenso 
I wie die mercurielle 8aKvation bereits den Indiem bekannt 
I war, mögen die Araber wahrscheinlich auf die AutoritÄt 
der Griechen gestützt in grösserem Massstabe nicht gewagt 
haben; denn wenn auch Avicenna und Andere den Ge- 
brauch des regulinischen Quecksilbers bei Ileus nach 
Paulus von Aegina erwähnen, und die Nachtheile der 
innerlichen Anwendung einzelner Präparate") den Arabern 
besser bekannt waren als den Griechen, so finden sich 
[ dennoch keine weiteren Anhaltspunkte über den internen 
* Gebrauch dieser Mittel. Sicher ist es, dass wir den Arabern 
\ die allgemeine Einführung der Inunctionskuren mit Queck- 
laUbersalbe gegen einige Hautkrankheiten zuzuschreiben 
»haben; wenn sieh auch vereinzelte Sparen bis auf Ari- 
tstoteles verfolgen und bei den alten Indiern verrauthen 
I lassen. 



1) Ibidem, Blatt 128 a. 

2) Avicenna, 1. c. p. 455, 

3) Am häufigsten und ziemlich, zutreffend werden die giftigen 
I Wirkungen des zuWlIig oder absichtlich, vielleicht experimentell, ver- 
^HBbreichteu Sublimat beschrieben, dessen Bereitungs weise neben an- 
jMern Präparaten, namentlich dem i'othen Pi'üeipitat, bereits dem 
Rarabiachen Alchyraisten Abu Mu!:!a Düchafer el Snfi, gew9hn- 

h Geber genannt, um 800 ii. Chr. jedenfalls von Indien her be- 
likanut war. Vgl. p. 250. 



Abendländer. 



Bevor die Araber ihren besondere für die Therapie 
sehr bedeutsamen Einfluss auf die raedicinischen Kennt- 
nisse des Abendlandes geltend machten, beherrschten 
wohl auch hier, soweit und soviel eben der Boden für die 
Bebauung der Wissenschaften urbar war, die alten Grie- 
chen und Römer nicht bloss die Medicin, sondern die Ni 
turkunde überliaupt; aber ebenfalls nicht dem Geisl 
sondern nur dem Worte nach. 

Wie sehr man selbst im späteren Mittelalter nocJ 
bestrebt war das Ansehen der alten Griechen obenan zu 
erhalten, geht aus den Gesetzen hervor, welche der grosse 
Kaiser Friedrich 11. im Jahre 1224 für die hohe Schule 
in Salerno erliess. Danach mussten die Aerzte, nachdem 
sie drei Jahre Logik und fünf Jahre Medicin und Chi- 
rurgie studirt hatten, Prüfungen aus den Schriften des 
Hippokrates, Galen, Aristoteles und nur aus 
dem ersten Buch des A v i c e n n a ablegen ; auch musste 
jeder Candidat, ehe er zur Praxis zugelassen wurde, un- 
ter der Aufsicht eines älteren, erfahrenen Arztes ein Jahr 
lang practiciren. Nach einem früheren Gesetze hatte der 
Candidat vor dem Examen nur nachzuweisen, dass er 
mindestens 21 Jahre alt sei, und sich sieben Jahre mit 
der Erlernung der Kunst beschäftigt habe. Die Wund- 
ärzte, denen besonders die Anatomie ans Herz gelegt 
wurde, brauchten die Professoren nur ein Jahr hindurch 
gehört zu haben. 

So gross nun auch die Fürsorge wegen einer 
sprechenden Ausbildung der Aerzte gewesen sein n 
und so viel Zeit sie dazu auch verwenden mussten, 




AhcndlSnrter 



281 



i konnte es dennoch bei der hohen unantastbaren Autorität, 
welche den alten Griechen und Römern, imd später auch 
I den Arabern eingeräumt wurde, zu keiner gedeihlichen 
[ Weiterentwickelung der medicinischen Wissenschaft kom- 
men; ja sogar das von den Alten Errungene musste sich 
I in leeren Formenkram und Scholastik auflösen. Es war 
[ jedenfalls gar nicht im Gebrauch unbefangen zu beob- 
[ achten, den Ursprung und Verlauf einer Krankheit sorg- 
I fältig zu Studiren ; sondern jeder einzelne Fall musste so- 
I fort seine Erklärung aus den Schriften der Alten oder 
I der Araber finden ; in diesen musste Alles, was sich ira- 
f mer nur ereignen mochte, vorgesehen sein. Wer die zu 
E dem eben vorliegenden Falle passende Stelle in den 
■Schriften der Vorfahren nicht augenbhcklich fand, kannte 
\ eben diese, und eo ipso auch den Fall nicht. Der Forscher 
L koimte da sehr leicht in den Geruch eines Ignoranten 
I kommen. Nur so ist es begreiflich, warum so mancher 
t gute Beobachter unter den abendländischen Aerzten des 
Hittelalters die klaren Erfahrungen seines Lebens mit 
t einer zuweilen wahrhaft tlberraschenden Selbstverläugnung 
fcmid Unterschätzung der Fähigkeiten der eigenen Sinne 
■und der Urtheilskraft neben oder unter völlig unverständ- 
i-liche und niehtasagende Lehrsätze der Alten und Araber 
I stellte. Am öftesten geschah dies bezüglich der veneri- 
I sehen Krankheiten mit dem bekannten Aphorismus (iv, 82) 
I des Hippokrates über die quifiaia der Harnröhre, und 
[die Tovö^^oia der späteren Griechen; kein einziger Arzt 
wagte sich allzuweit über den daselbst festgestellten 
Rahmen bei der Besehreibung des Trippers hinaus. Aehn- 
lich verhielt es sich im Allgemeinen selbst noch bei den 
Geschwürsformen; wenn auch einige selbständige Beob- 
[ achter in die überaus verhängnissvolle Galenische Theorie 
Kvon der Anabrosis eine Bresche legten. 

So konnte es denn geschehen, dass sogar in dem 

|!Lande, in welchem noch das meiste fOr die Ausbildung 

i der Arzneikunde geschehen war, der grösste Aerzte- 

^eind, Francesco Petrarca (20. Juli 1304 bis 18. Juli 

374), erstand. Er weiset die Aerzte an die Beobachtung 



Abendänder. 



der Natur'): «ihr muss miin gehorchen, nicht dem Hip- 
pokratea; und ihr folgen, nicht weil es etwa Galen 
vorschreibt, sondern weil eine innere Mahnung es uns 
also lehrt." Die Lehren der Araber bezeichnet Petrarca 
an etlichen Stellen geradezu als Lügen, und die Aerzte 
seiner Zeit klagt er an, „dass sie durch ihren modernen 
Arabismus den ganzen Ruhm der klassischen Medicin ver- 
löscht haben. In der Praxis können die Araber ebenso 
wenig als die Alten massgebend sein, da sie der der- 
zeitigen Complexion und Körperconstitution unkundig 
waren, und ihre Rathschläge fCir eine ganz andere Men- 
achennatur berechneten," Mit den schärfsten Waffen, die 
Witz und Satyre bieten können, bekämpft er die damalige 
Uroskopie, Koproskopic und besonders auch die Astrologie, 
Magie und Alchemie der Aerzte als Lüge, Betrug imd 
Thorheit. Wenn auch dieser grosse Gelehrte und Dichter 
hie und da zu schwarz malt, und die ötellung der Medicin 
unter {oder wie er will : ausser) den Wissenschaften 
durchaus unrichtig beurtheilt, so hat er dennoch das da- 
malige allgemeine Getriebe an den Schulen und unter den 
Aerzten im Ganzen annähernd richtig auigefasst. 

Ruhmliche Ausnahmen, die ja Petrarca selbst zu- 
gesteht, gab es allerdings ; diesen verdanken wir denn 
einige werthvoUe Bausteine, welche wir nun samrat dem 
umherliegenden GeröUe betrachten müssen, wenn wir die 
kommende Neuzeit verstehen wollen. 

Die wichtigsten Belege für die Existenz der Syphi- 
lis, welche auch von den abendländischen Aerzten des 
Mittelalters noch immer nicht erkannt, oder doch gewiss 
nicht annähernd kenntlich als eine Krankheit sui generis 
beschrieben wurde, finden sich freilich nur bei etlichen 
Laiensehriftstellern und in einigen historischen Docu- 
menten ; doch gewahrt man auch bezüglich der Erkennt- 
niss der Syphilis bei einigen Aerzten die anbrecht 
Dämmerung. 



1 



1) Henscliel, A.W. E. Th., Petrarta's Urtheile über die Median 
uud die Aerzte seiner Zeit. — In: Jauus. Breslau 1816, 1, p. 183 — 223. 



I 



Abendlander. 283 

wird keinesfalls stören oder irreführen, wenn 
lebeu den abendländischen Aerzten des Mittelalters auch 
iiiige von denjenigen ältesten Syphüographen vorgeführt 
AVerden, welche sich gegen die Neuheit der Krankheit, 
<i. i. gegen deren Ursprung um die Mitte des letzten De- 
cenmums des 15, Jahrhunderts erklären. Diese Zeugen 
iiier zu vernehmen ist um so unab weislicher, als ich einer- 
seits nicht gewillt bin, die Controverse über das Alter der 
Syphilis in den zweiten Theil dieser Studie mit hinüber 
3;u tragen, und es andererseits trotz der gegentheiligen 
^*ind klaren Nachweise eines Hensler'}? C. H. Fuchs*) 

^l) Heiisler, Geschichte der Lustseuche, pp. 9, 10, 13, 15, 21, 
S5, 30 u. ff. 

2) Fuchs, C. H., Die ältesten Schriftsteller über die Lust- 
^enche in Deutschland. Güttingen I84S, SP. Dieser Autor iet um so 
glaubwürdiger, als er in einer früheren Schrift (Die krankhaften - 
Veränderungen der Haut, Göttingen 1840} p. 766 sich dahin äusserte: 
^Die Syphilis war vor den letzton Jahrzchenden des 15. Jahrhunderts 
^»irgends vorhanden, allerdingg eine neue Krankheit, wofür sie von 

tollen Zeitgenossen erklärt wurde," — Nach einem sorgfältige» Stu- 
«Ijum der ältesten deutschen Syphilographen gelangte jedoch C. H. 
IFuehs zu folgendem Schluss in der erstgenannten Schrift [p. 430 
"o. ff.): „Was das Alter der Krankheit anlangt, so wird dieselbe 
swar von der Mehrzahl ein neues, ungesehenes, unerhörtes, früheren 
.■Jahrhunderten und Zeitgenossen unbekanntes, fremdes Leiden ge- 
:Mannt; allein es mangelt nicht an gewichtigen Stimmen, welche 
entweder direkt aussprechen, dass die Krankheit nicht neu sei, oder 
^och wenigstens indirekt dieser Meinung beipflichten, indem sie die 
lustseuche identisch mit andern, schon von älteren Aerzten be- 
schriebenen Leiden erklären; ja manche Autoren, welche die Krank- 
•leit eine neue nennen, geben deesen ungeachtet zu, dass sie mit 
«ndern, schon früher bekannten Leiden identisch oder sehr ähnlich 
«ei, und scheinen das Uebei nur in Bezug auf ihre Zeit und Gegend 
iffür neu zu halten . . . Schellig und Braunschweig rechnen 
tien Morbus Galliens zur Formica der Arabisten, Pistor, Wid- 
xnann und der Ungenannte buk Sachsen zum ziemlich analogen 
Saphati oder Assaphati der Araber, zu den Efflorationes, Anthimata 
der Griechen. . . Andere vergleichen die Lustseuche mit dem Thy- 
xnins, dem Condylom«, der Gangraena, den Blattern, Morbillen, der 
Pest, der Planta noctis, dem Malum mortuum, dem Ignis persicus, 
dem Krebse, den Skropheln u. s. w. ... Dagegen halten einige 
Schriftsteller den Ursprung der Krankheit für ungewiss; Steher 















bei d^« ^ dleP^ 



Italiener. 



Aerate. 

Trotnla, eine Ärztin und Lehrerin an der medi- 
cinischen Schule zu Salemo im elften Jahrhundert, zeigt 
sich bereits vollkommen vertraut mit dem medicinischen 
Jargon der Araber; allenthalben sieht sie die Apo- 
stemata und die InHatio, welche durch die verschiedenen 
Humores verursacht, denn auch an den männlichen und 
weiblichen Genitalien anzutreffen sind. Das Capitel „De 
inflatione virgae viriüs et tosticulorum", welches als das 
am meisten verständige zur Probe angeführt werden soll '), 
braucht keineswegs einfach nachgesehrieben, oder von 
einem männlichen Collegen dictirt worden sein, denn es 
ist bekannt, dasa die Aerztinnen in Salerno damals gerade 
mit der Behandlung von Erkrankungen an den männ- 
lichen Geschlechtstheilen besonders vertraut waren, und 
nach einer MittheUung des gleichzeitigen Platearius 




1) Trotulao Curandarum Aegritmiioum mullebrium ante, 
in et poHt partum libelluB e recens. Aldi emendatt. et animadvers. 
illustratus. {Editio Franzio.) Lipsiao, 1778, H°, p. 78: ,Sunt quidam, 
qui in. virga virili patiuntur inflationem, aub praeputio Toramina 
mnlta cum excoriatlone. Quibus sie subveninnu. Malvara in aqua 
bullimuB, et bullitam exprimimus, ut nihil aqaae remaneat, postea 
piaCamua cum sanguine calidn vel butyro sine sale vel oleo, et igni 
apponiinuB, ac calidum . . . membrnra virile circumdamus. Et hoc 
tale Sit remedium ad inflationera tol]«ndam. Deinde, praeputio everso, 
aqua calida lavamus Collum praeputii uicerosum, et pulverem 
de pice graeca et carie li^fnorum . . , HuperaBpergimua." — Vergl, 
Aphrodisiacus, IH, p, 20. 



9HG 



Itdie 



icUe Äfrztu. Guriopontua. 



scheint es sogar, dass den Aerztinuen gewisse Handgriff« 
beim Tripper ausschliesslich zugewiesen wurden. Wal 
Trotula über die „uimia caliditas matricis, apostemd 
matricis et ulccra matricis'^ sagt, ist wohl belangk 
kann darum übergangen werden. 

Gariopoiitns {s. Guaripotus, Garirapontus^ 
Warimpotus, Kaimbotns, Warbodus), der äl- 
teste Schriftsteller der einst weltberühmten Salernitani- 
schen Hchule, vor 1056 gestorben, trägt im Ganzen die 
Lehren der Griechen, wenn auch mitunter etwas confu^ 
vor, streut jedoch hie und da recht brauchbare eigend 
Bemerkungen ein; so sagt er bei der Gonorrhoe, unte 
welcher auch er den Samenfluss, die Blasenleiden unj 
den Tripper vermengt, dass die Kranken bisweilen 
diesem Uebel zu Grunde gehen, weil wegen Geheimhal-"* 
tung keine geeignete Behandlung eingeleitet worden ist ^), 
Von den übrigen Erkrankungen der Genitalien und des 
Afters, welch' letztere er mit den Arabern für „indecorae 
et turpissimae" hält, haben seine griechischen Vorbilder 
ausführlicher und deutlicher gesprochen; weshalb die 
blanke Erwähnung hier genügen mag. Nur noch einer 
seiner eingeschobenen Annotationen sei gedacht, da sie 
nach mancherlei Richtung belehrend und zu der eben ge- 
gebenen ergänzend ist. Gariopontus wirft den Aerzteä 
ziemlich unverblümt vor, dass die Wunden des Peni 
(hier wohl allgemein für ulceröse Erkrankungen der G^ 
nitalien und des Afters zu nehmen) bisweilen deshaJ 
bösartig, unrein und stinkend werden, weil sie die Aerzt^ 
nicht säubern und heilen , das Garstige nachlässig be- ' 
trachten, es zu betasten und zu behandeln sich scheuen und 
so den Kranken zu Grunde gehen lassen *). Von den Bu- 



1} Garioponti vetusti admoduni medici ad totine corporf 
aegritudines remediorum irpdEeiuv libri V. Eiusdem de febribus i' 
que earum symptomatis libri II. Recens typiü iiommissi, et multis u 
lods suae mtegritati restituti. Basilene, 1531, i", Blatt 76b; 
quandn deflciunt in ipsa pasaione (gonorrhoea) pi-opter silenliiu 
mrpitudinia, non adhibitn eura." 

2) Ibidem, Bin» ööb: „Et vei-etri vulneru esiiide Hunt ml^ 



FllttlieniBche Aer/te. Regimen BanitatiH Sateniitanutn. Platenrius. 987 

I bonen siud harte und chronische von eiternden und acuten 
[ unterschieden'). 

Zu dem unter den N'amen Regimen sanltatlH Saler- 
[ nit&nam und Sehola Salernitana bekannten diäte- 
» tischen Lehrgedicht aus dem Ende des 11. Jahrhunderts 
' Teröffentliehte der italienische Historiker de R e n z i *) 
einen jedenfalls sehr alten Zusatz, welcher von den pro- 
phylaktischen Vorkehrungen nach dem verbotenen Liebes- 
genuss handelt, und ausser den Wascimngen der Geni- 
talien auch das Uriniren nach stattgefundenem Coitus 
empfiehlt, um, wie es ausdrücklich beisst : die Harnröhre 
zu schützen. 

Johannes Platearias (De Platea), der Aeltere, 
Iwelcher als ein hervorragendes Mitglied einer berühmten 
f Urztliehen Familie und der Salernitaniechen Schule zu 
FEnde des 11. oder am Anfang des 12. Jahrhunderts lebte, 
I macht in dem Capitel „de pustulis in virga nascentibu.s" 
Feine Mittheiluiig über die Behandlung dieses Leidens, 
I ■welche, wenn auch etwas modiflcirt, dennoch arabischen 
I Ursprungs sein mag: Der Penis wird gegen die Hüfte zu 
gelegt, a,nfangs sanft gerieben , dann aber plötzlich com- 
Kprimirt und so die Pustel zum Bersten gebracht. Diese 



I lig^na, et immunda, et fetida, tales sordes et itnmundicias non exCer- 
■ .(fentibiis et non curantibua medicis. Et si negligenter inspicere, 
Epalpare et tractare turpia, quae coaveuiunt, coiitempserimua, noa 
EimitatoreB, tiui praecesaerunt, auctorum medicinae erioius, sed diffa- 
Imationis Incam incovreinus, ut laeaus inflrmus et vulneratus pereat." 

1) Ibidem, Blatt HO b. „De Bubone. Bubon est phlegmon vel 
Bfemor diuturnua et durus. Fima (ip'Uhia) vero brevia et molüa est, 

it, quae cito ci-eacit, matarescit et saniem facit." 

2) Coilectio Salernitana. Ossia documenti inediti, e tra- 
ttati di medicina appartenenti alla acuola medica aalernitana . . . 
^ulilicati a cura di Salvatore de R«nzi. Napoli, 1852, 8», I, p.519: 

„Legilimam Yenerem cole, si male captum amoveni 
Frosequeria vetitnm, formidans munera foeda; 
Ut Bit certa salUB, Bit tibi nulJa Venus. 
Ut Bit certa Venus, praesto tibi ait liquor unuH, 
Quo veretrum et nymphae priua et vagina laventur, 
Lotio poat (!oitum nova l'ecerit hunc t'ore tutum; 
Tunu quoque si mingas, apte nervabis urethras," 



Itatii?niBthe Aerzte. Constantinua AlVicai 



Methode sei besonders, wie Platearius versichert, 
den Salernitauischen Aerztinnen geübt worden ; er selbst 
räth, falls die Pustel auf diese Weise nicht berste, Ein- 
stiche zu machen '). E. L i 1 1 r e meint ; unter diesen 
Pusteln sind „wahrscheinlich die Zufälle zu verstehen, 
die man jetzt gewöhnlich unter dem Namen Tripperchorde 
(chaudepisse cord^e) begreift. Es kommt noch jetzt unter 
den Leuten gemeinen Schlages vor, dass sie in einem 
ähnlichen Falle das Glied auf den Tisch legen und mit 
der Faust darauf sehlagen"'). Dies stimmt allerdings mit 
dem, was bei Oseibia zu lesen ist, und erltlart neben 
anderem sehr drastisch die Scheu der Kranken vor den 
Aerzten und die geringen Kenntnisse und Erfalirungen 
derselben; freilich auch die Gefährlichkeit der Erkran- 
kungen, Diese rohe Praxis fiisst wahrscheinlich auf dem 
oftgenannten Aphorismus des Hippokratea über die 
(pünaia der Harnröhre. 

Constantiniis Africanos, welcher vor 1056 oder 1060 
in Salerno Mcdicin lelirte, und im Jahre 1085 oder 1087 
in hohem Alter als Mönch in Monte Cassino starb, gilt 
als der „früheste und einflussreichste {wenn auch nicht 
immer ehrsame) Vermittler der Bekanntschaft des Abend- 
landes mit der mediciiiischen Litteratur der Araber"; 
was denn auch in der Litteratur über die Krankheiten 
der Geschlechtsorgane nur allzu deutlich kennbar ist ; 
ebenso zeigt sich hier , dass Constantin nur die 
mmder bedeutenden arabischen Schriften vor sieh liegen 
hatte, und die ihres hohen Preises wegen wenig ver- 
breiteten und schwer zugänglichen des Rhazes, Avi- 
c e n n a und A I b u c a s i s wohl kaum benützt hat. 
Die vier Flüssigkeiten und die Coraplexion des Kranken 

1) Joannia PUtearii Snleraitaiii medid e^ccellentiasimi Prac- 
tica brevis. Lugduni, 1595, 4", Blatt 220 a: „Conl'ricetur leviter vivgA 
super liOKnm extensa, et ropente compriinikCur. Per tulem enim 
eompressionem [guaurloque rumpimtur piiatulae. Sic cotiäueveruut 
facere mulieres Salernitauae- Si autem siu non possuot abrumpi, 
crunprimantur cum acu vel flbiila." — Verg;!. Haeser Geafhiuhte 
der Medidll, 3. Anfl. III, p. 230. 

2) Littre, E. in: Janas, I, p. 592. 



J 



Italienische Aerzte. lioffer. 289 



pielen auch bei Corist antin die Hauptrollen in der 
athologie und Therapie und beeinflussen demnach voll- 
latändig sein Denken und Handeln. Bezüglich des Trip- 
ers entwickelt er jedoch einmal die Theorie von A 1 e - 
ander Trallianus^), dann gemahnt er aber auch 
dem Capitel „De stranguria'' ^) an dieselbe Krankheit 
^mand bringt da die arabischen Theorien zur Geltung, wel- 
^5he denn auch die übrigen hier nicht näher zu erörternden 
-Abschnitte über die Geschlechtsleiden ausschliesslich be- 
herrschen. 

Roger (Rogerius, auch Ruggiero und zuweilen 
ifilius Frugardi genannt), der älteste Wundarzt aus 
«ler Schule von Salemo, im 12. Jahrhundert in Parma 
oder Palermo geboren, beschreibt in seiner Practica me- 
^icinae •) unter dem Titel „De reumatizatione virgae" den 



1) Constantini Africani opera iam primum typis evulgata. 
(asileae, 1536, fol.; De morb. cogn. et curat. Lib. VI, cap. 3: „Sperma 

^ine voluntate, concupiscentia vel delectatione ex defectione exit 
"%?irtutis contentivae, quae in vasis est spermatis et hoc sine erec- 
'Colone fit, vel ex passione vasorum spermatis . . . Quod cum erectione 
^fficitur, itenim est vel ex spermatis quantitate vel qualitate. Ex 
<g[iiantitate, si multiplicatum et augmentatum, vasa impleat. Ex qua- 
Xitate, si in colorem et quatitasem mutetur et in liquiditatem et 
iqnositatem.^ 

2) Ibidem, Lib. V, cap. 21 : . . . Strictio viae, unde urina exit 
vesica est . . . vel saniei, vel cuius übet rei ibi nascentis, sicut 

"X^errucae, carnis superfluae ... et ex apostemate . . . Si stranguria 
^x sanguine fit coagulato, vei sanie, vel pustulis, . . . sedeat in aqua 
^^alida . . . clistirizetur in virga cum lacte mulieris et oleo violato." 

3) Practica (raedicinae) magistri Rogerii. — In: Cyrurgia Gui- 

^onis de Cauliaco. Et Cyrurgia Bruni Theodorici Rolandi Lan- 

^ranci Rogerii Bertapaliae. Venetiis, 1498, fol., Blatt 220 a: „Quando 

x-eumatizant humores ad canales virgae, et faciunt ibi pustulas et 

^postemata, si fiat de calida causa, cognoscitur per calorem, per 

X^unctionem et arsuras, per ruberem et inflationem membri. Si fiat 

cJe causa frigida, cognoscitur per remotionem punctionum et mor- 

^icationum, et per exclusionem ruboris. In utraque causa dlfficultas 

xxiingendi . . . Sic ergo laborandum est (die oben angegebene The- 

>rapie) ad generationem saniei et mundificationem, quia, ut dicit 

Hypocrates, quibus fuerint pustulae in virga virili, bis, sanie facta 

et educta, solutio fit." Vergl. Gruner's Aphrodisiacus III, p. 21. 

Proksch, Geschichte der vener. Krankheiten I. 19 



290 Itnlipnisciie Aerzte. Rogw 

Tripper, und unterscheidet den „de frigida causa" und di 
„de calida causa" entstaudeneu, also den chronischen und 
acuten, ziemlich genau, oder doch wenigstens besser als 
seine Vorfahren, wenn auch Anklänge an Hippokrates 
und Alexander Trallianus nicht zu verkennen sind. 
In der Therapie tässt sich aueli Roger von dem be- 
kannten Lehrsatz des Hippokrates leiten, wonach die 
Pusteln in der Harnrölire heilen, wenn sie sich öffnen und 
den Eiter nach aussen entleeren : Aderlass, Schröpf kopf, 
warme Breiumschläge, Diuretica und Injectionen werden 
der Reihe nach in Gebrauch gezogen. Offenbar erkannte 
er auch den Zusammenhang der Hodenentzündung mit 
dem Tripper, demi er sagt unmittelbar darauf: „Testi- 
culi quandoque patinntur intiationem ex humore ad ipsos 
reumatizante, quandoque patinntur ex apostemate, quando- 
que apostemantur ex ventositate." In der von Roger 
gemeinsam mit einigen unbekannten Chirurgen der öa- 
lemitanischen Schule verfassten, und siebzig Jahre später 
von Roland s. Rolando Capelhiti bearbeiteten Prac- 
tica chirurgiae '), wird unter den ulcerösen Affectionen 
Ider Geschlechtatheile der Cancer (später Chancre, Schan- 
ker) genannt; auch ist das Aussehen des Orifieium ure- 
thrae beachtet, und, falls dasselbe verengert wäre, das 
Einftlhren von Wachsbougiea empfohlen. Die spitzen 
Condylome, welche Roger „Attriti" nennt, schnürt er am 
liebsten mit einem Seidenfaden ab und schneidet sie dann 
mit einer Scheere weg. Gegen chronische Exantheme, 
Morpiones, Scabies u. dgl. empfiehlt er Quecksilbersalben. 
.: 
: 



1) Eöger's Prauttca chirurgiae ist zuerttt in dor Collectio 
phimrgica Veneta vom Jahre 1546 abgedruckt; dann auch in de 
CoUectio Rftlernitan*, II, p. 426 — 196. Die Excerpce bei 
ebenda; „De cancria et tistulis, et ahis |ju»Cuhs in geni- 
talibuB consurgentibuB . . . Ceterum si orifieium ejus (urethrae) ail 
striotum, aliqua teota (=; SpeciUum == Bougie) de cera vel de alio 
»iniili immittacur, ut sanies ad esterioia melius educatur . . . De 
fiatulis et cancris natis in posteriori parte corporis hominis . . . De 
■oydibuB . . , Denique si penitus vis curare, quiaque attritus 
le sirico bene ligettir, et si patiens sustinuerit, ineidatur." 



Italienische Aerzte. Bruno. Theodoriufi. 231 

Bruno von Longobargn, B r u n u s , wai' In Padua 
und Verona als Arzt thätig; er spricht in seiner im Jahre 
1252 beendeteu Cbiriirgia magna über die Verrucae, Porra, 
den Clavus imd die Fomiica an der Virga und anderen 
Körpertheilen ohne tiber die Pathologie und Therapie 
dieser Zustände irgend eine nähere Aufklärung zu geben, 
oder eine neue Bemerkung zu machen^). Er fasst in dem 
betreffenden Capitel jedenfalls die warzenartigen Gebilde 
an deu Genitalien zusammen, da er jene mit der Scheere 
entfernt. Bemerkenswerth ist nur , dass auch Bruno 
unter diesen Affectionen die Forraica nennt, welche, der 
Aufschrift des betreffenden Capitcls gemäss, ebenfalls die 
Genitalien und andere Körpertheile oecupiren kOimen und 
demnach abermals nur an eine Verniengung mit Syphilis 
denken lassen. 

Teodorico Borgognoiil m Bologna zum Arzt gebildet, 
lebte von 1205 — 1298, war seit 126ö Bischof von Cervia 
und führt deshalb zumeist den Namen Theodorich 
von Cervia; seine Chirurgie*), welche er im Jahre 1266 

1) Chirurgria magna Bruni Lougoburgensis. — In; Cj'rur- 
gia Guidonis de Cnuliaco et Cyrurgia Bruni Theodorici Rogerii 
Bolandi Bertapaliae Lanfranci, Venetüs, 1498, toi., Blatt 101: „De 
vermcis et porris, et clavo, et formiL-a aetidentibuB in virga et io 
stia parte corporis. Verrucae multotiens accidunt in virga et in 
omni parte corporis ... ex malia qualitalibus, quas natura espellit 
ad exteriora. Rarum vero aliae eant dnrae et aliac sunt molle» . . . 
Et scias, quod cum accidunt in capite praepucii, semper sunt molleü: 
Qnare in eis non retiuetur uncinus. Opus ergo, ut mundificeK et 
incidas eas cum forticibue." 

2) Tlieodorich's Cliirurgie ergcbien zuer.st: Venetüs, 149Ö, 
fol. und dann in allen Ausgaben der Collectio chirurgica Veneta 
vom Jahre 1498 an. — Vergl. Theodoricus Chinirg. Lib. III, 
Cap. 49: „Et Älinagesti contra malum mortuum hanc imponit curara. 
Pnrgato corpore sicut opus; accipe pulverem baccarum lauri, snl- 
phuris ana Lib. I, sal. comm. Lib. p. Pulvöriza simul omni»; hoc 
pulvere patientem in balneo diu IVita, fricando aolum braehia et 
tibia, nequaquam tarnen ventrem, neque pectinem, neque alias par- 
tes corporis. Fae hoc quatuor diebus ; quinto die purga ventrem 
cum competenti cathartico, quod serael aut bis laxet. Septimo die 
Unge ad ignem loea patientia hoii unguento: Rp. Olei lauri, axung. 
porc. vet. ana Lib. ; Utharg., plunibi usti ana une. iv, tartari uuc. ß. 



292 Ilnlienische Aerzte. Thendorirti. 

beendigte, enthalt neben jindereii minderwerthigen, vo^^ 
Arabismus strotzenden, pathologischen Theorien, die ersten 
historisch wichtigen Anordnungen für die Durchführung 
methodischer Inunctionskuren mit Quecksilbersalben. Die 
Einreibungen wurden besonders gegen Scabies, Cancer, 
Gicht, Podagi'a, Malum mortuum und die Lepra, welche 
letztere jedoch nur im Anfangsstadium für heilbar ge- 
halten wurde, und mit verschiedenen Salbengemengen 
vorgenommen ; am beliebtesten mag anch bereits in jener 
Zeit die sogenannte Saraeenensalbe gewesen sein, welche 
jedoch schon damals in ihrer Zusammensetzung nnd 
in der Methode ihrer Anwendung bei den verschiedenen 
Autoren sehr gewechselt haben muss. Ueber eine Me- 
thode aus dem Almagest berichtet Theodor ich fol- 
gend: Zuerst wird der Kranke purgirt, hierauf erhält er 



argenti vivi unc. vi, et toiifice sicut scis. Et UDge loca semel in 
die quataor diebim ant plns, si necesBO t'aeric. Et si vis iit omnes 
humorea per os emittat, poat UDCtionem mos hene CDoperiatur 
paonis in lecto ut sudet; et hnmores varii cnloris per ns eftiuent; 
vel ambulet per viooe optime coopertns ne laedatur a frigorp, et 
fluet de xubaEseJIis Immor quasi rivulas assiduL'. Et sie liberabitnr, 
ut terto cognovimus esporimento. Et caveat patiens longo tempore 
a yenere et ab oinnibus cibis grosais et convertibilibus, nee lavet 
tibiae in aqua frigida . . . Item nngnentam sarrarenicum, quod »anat 
BcabietD, cancruin, malum mortuum et pblegma salsum educendo 
materiain per oa; et dicilur etiam curare teprosos in principio; 
confert etim arthreticae et podagrae. Hp. Nilri salsi, pyretri, 
pluQibi iisti, euphorbii ana dracb. ii, pumicia marinae, cameleont. 
ana drach. 1 ß; L-erusaae, argenti vivi ana unc. ii ß; conüciantnr 
cum anangia et oleo. PriuB mortiflcetur argentum vivum cum axung. 
veteri et cum oleo antiqno, eo bene estincto adde pulverem anpra 
dictum et beue incorpora. PoRtea fae duos ignes et in niedio pone. 
tabulam, in qua locetur patiens, et ungatur a genubiis inferius us- 
qne ad pedea et supra genua tribua digitia. Simile a cubitie nsque 
ad manus et supra i:ubitoa tribua digitia, et fiat iata unctio bis in 
die, et caveat patiena raultum a frigore. Cum autem phlegma in- 
cipit disaolvi, recedaa ab unctione. Diaeta ait tenuia et bene di- 
gestibilia. Et si per multa apataminÄ et rascationem asperitas et 
dolor in guttur esentiantur, da me! roa. vel mel simples. Si patiens 
ninltum debilitatus fuerit, conforletur cum electuario, sicut zuccarum 
roaat. vel violatuui, ai nimia fuerit constipatus. El aicut superius 



I 



ItalieniBche Aerzte. Theodorich, 293 

durch vier Tage ein Bad, in welchem er mit einem Pul- 
ver aus Lorheeren, Schwefel und Kochsalz an den Armen 
und Unterschenkeln längere Zeit gerieben wird ; am fünften 
Tag ein Abführmittel ; vom siebenten Tage an werden die 
vom Malum mortuum befallenen Stellen täglich einmal, 
vier, oder wenn nothwendig mehr Tage hindurch einge- 
rieben. Soll ein starker Speichelfluss erzielt werden, so 
geht der Kranke nach der Einreibung, die stets beim 
Feuer vorgenommen wird, zu Bette und wird mit Tüchern 
zugedeckt; sonst kann der Kranke, aber auf das Beste 
gegen Erkaltung geschützt, auch ins Freie gehen. Im 
Uebrigen ist Enthaltsamkeit in der Liebe durch lange 
Zeit empfohlen; dagegen sind dicke, schwer verdauliche 
Speisen und kalte Waschungen der Schienbeine verboten. 
Von bemerkenswerthen Vorschriften finden sich an an- 
deren Stellen noch : Die Einreibungen müssen zwischen 
zwei Feuern, von den Knieen abwärts bis zu den Füssen 
und über dem Ellbogen, zweimal des Tages vorgenommen 
werden. Gegen vieles Speiehein und Räuspern, Rauheit 
und Sehmerz in der Kehle wird Honig oder Rosenhonig 
gereicht, und wohl auch von den Einreibungen abge- 
standen, wenn das Zahnfleisch und die Zähne zu schmer- 




dictum est, b1 necesse fut^rit, purg'etur ante uncCionem cum cathar- 
tico competenti ; tutius eric, hoc in memoria teneas et diligeuter 
observÄ, ut patienB, quouunqiie tempore fiat haec cura, custodiatur 
a frigore, sicut mulier in parta . . . Alii faciunt hoc unguentum sie, 
et est melius: Rp. Euphorbii, litharg. auri ans üb. ß, argenti vivi 
unc. 1, axiiiigiae yetena hb. i ß. Lavetur asuugia studiose; deinde 
argennim vivum inortifieatum cum saUva incorporotur cum ea, nt 
noii remaneat oculatum, deinde caetera pulverieata commisceautnr 
et bene incorporentur. De hoc unguento ungat se infirmus aieut 
dictum est, et bene cnoperiat pedes et brachia quousque dural 
Ttnctio. Hanc unctionem f'aciat mane et sero inter duoE igues, donec 
dentes döjere ceperint; tunc statim cesaet ab unctione et teneat se 
optime cahdum, donec cesset Husub phlegmatis per gingivaa. Hoc 
facto noQ se lavet usque ad quadragiiita dies . . ." Ibidem, Lib. lU, 
Cap. Eil de gutta rosea nennt Theodorich eine Einreihungskur mit 
Quecksilbersalbe geradezu ein „experimeutum infallibiie." — Vergl. 
1er, Vom abendländischen Aussatz p. 88 u. Excerpta p. 27. 



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294 



Italienische Aerzte. Salicetti. 



zen beginnen. Der Kräftezustand und die Entleerungen 
der Kranken sind zu berücksichtigen ; wiederholt und ein- 
dringlich wird vor Erkaltungen gewarnt; Waschungen 
sind bis über 40 Tage nach der Kur verboten. Die Re- 
manenz des Quecksilbers und dessen Schädlichkeit für 
den Organismus ist deutlich ausgesprochen. Damit also 
das Quecksilber nach den Einreibungskuren nicht in dem 
Körper zurückbleibe, müsse es vorher mortifleirt, d. h. bei 
Theodorich und allen spateren Aerzten des Mittelalters 
und auch noch bei den Syphilographen des 1 6. Jahr- 
hunderts, mit altem Fett und Oel oder mit Speichel, bei 
den späteren Schriftstellern auch mit Essig, Senf u. dgl., 
gut verrieben und dann erst mit frischem Schweinefett 
und anderen Mitteln bestens vermengt werden. 

Die Vermengmig der chronischen Exantheme unter- 
einander ist vielleicht bei keinem Schriftsteller des Mittel- 
alters auffallender als bei Theodorich; auch die For- 
mica wirft er ebenso wie sein unmittelbarer Vorgänger, 
Bruno, und in denselben Worten, mit den Verrucae und 
den porra an deu Genitalien zusammen. 

Onllielnio Salicetti (Guilelmus de Salicetol, ist 
der bedeutendste Wundarzt der Bologneser Schule und 
vieileicht auch des ganzen Mittelalters; seine Chirurgie 
vollendete er nach fünQähriger Arbeit im Jahre 1275, 
Bei der LectUre seines Werkes kann auch der Syphilis- 
historiker, nachdem er sich durch den schier endlosen 
Wust unfruchtbarer Theorien von Galenus an milde 
gearbeitet hat, wenigstens stellenweise von Neuem auf- 
athmen und sich endlich wieder einmal eines Mannes 
freuen, der die Gabe besass, das überaus vielgestaltige 
und wechselreiche Walten der Natur dann und wann mit 
möglichst ungetrübten Sinnen zu betrachten und mit 
schlichten Worten zu schildern. Leider fehlen die Er- 
krankungen der weiblichen Geschlechtstheile, weil sich 
- die Beschreibung derselben für einen Kleriker jedenfalls 
nicht schickte, imd die Tripperformen, weil sie als inner- 
liche Krankheiten in den chirurgischen Werken von jeher 
fast regelmässig ausgeschlossen waren. 




Italienische Aerztc. Salicetti. 296 

Gleich in der Aufschrift des Capitels Über verschie- 
fc'dene Erkrankungen der virga vlrilis sagt Salicetti, dass 
l.Bie „propter coitum cum foetida muliere. aut cum mere- 
[ trice," allerdings auch „ab alia causa" entstehen. Die 
I krankmachende Materie (seine Theorien dabei muss man 
f tibersehen) sammelt sich zwischen Vorhaut und Eichel au, 
I wächst und vervielfältigt sich daselbst, corrumpirt und 
I corrodirt, wenn die Krankheit im Anfange vernachlässigt 
I wurde, die Substanz der Virga, und es treten häufig Fieber, 
I Blutungen und bisweilen ein tödtlicher Ausgang ein. 

Zu Beginn mögen die erkrankten Stellen mit „levi- 
i bus mundiücativis" gereinigt, und das ganze Glied in ein 
t mit Galläpfeldecoct getauchtes Linnen gewickelt werden. 
I Ist dadurch die Corruption nicht zu verhindern, schwärzt 
L sich der Ort, dann ist es ein Zeichen der Mortification 
l'und diese ist, wo möglich, mit dem Glüheisen zu besei- 
Itigen, das Verdorbene von dem Gesunden rasch zu trennen, 
f damit nicht das ganze Glied zerstört werde. Am Schlüsse 
I des Capitels ist eine abortive Behandlung angegeben : 
I Wenn sich post coitum cum foeda muliere irgend eine 
t Spur beginnender Corruption zeigt, sind Waschungen mit 
rkaltem Wasser und Abtrocknen, nachherigea Bespritzen 
■ mit Essig oder Einhüllungen des Gliedes in Essigbäusch- 
I* eben empfohlen, um das Glied vor künftiger Corruption 
r vollkommen zu schützen'). 



1) Gailelmi de Saliceto Chirurgia Lib. I, Cap. 4ö: „De 
I pnatuiia albis vel rubeis, et de milio, et de BCiBsuris, et de corrap- 
Ittionibas, rel liu,juämodi, quae Hunt in virga, vel circa praeputiam, 
V]iTopter coitum cum foetida muliere, aut cum meretrice, aut ab alia 
Haec aegritudo semper accidit ex frigido vel materia ven- 
rtofla retenta inter praeputinm et pellem virgae, et quia non ex- 
Bpirat, crescit et multiplieatur in loco. Unde quum neglecta t'uerit 
in principio . . . iterum aliquando multipiicatur et conculeatur et 
decinetur intrinsecua, quia corrumpitur pellis et denigratur, et cum 
^^^_ boc etiam corroditur Bubstantia virg'ae, quae ampHus restauraCiouem 
^^^^bet TBram regen erationem non reclpit, propter eins nervositatem, 
^^^^BreDositatein et artenosilatem. Et accidit cum hac corniptione mut- 
^^^^^ toties et ut plurimum febris, et fluxus sanguinis et quandoque mor«, 
^^^^K Cura ergo t'estinanda est . . . Circa locum vei'O procedatur: primo 



296 ImlipnJstho Aer«e. Silicelii. 

Dass Salicetti eine richtige Vorsteilung über die 
Pathologie und speeiell über die Aetiologie der Bubonen 
ebenso wenig haben konnte, wie alle übrigen Aerzte vor 
Entdeckung der LympbgefSlsse und des Kreislaufes, ist 
einleuchtend; aber er sagt doch ganz deutlich, dnas die 
Ballonen der Leistengegend unter anderem auch aus 
Krankheiten des Gliedes propter foedam uieretriccm ent- 
stehen, unterscheidet im Allgemeinen sehr richtig kalte 
und heisae Bubonen, erwilhnt auch da wieder die krank- 
machende Materie, welche er freilich, wie ja auch noch viele 
Aerzte des 1 7. Jahrhunderts, aus der Leber kommen lässt, 
imd erklärt sieh den Uebcrgang dieser Materie ^'on den 
Genitalien zu den Leisten aus der ilim allerdings unbe- 
kannten „structura viarum" und durch die „afflnitas' 
dieser Theile '). 



, . onmi vice membrum invol' 
ei.'Octione j^allurum . . . douRC 
tri possit et 



mundifiUBJur levibue muodifluHtiv. 
vatiir totum cum petiie infiisis ii 
corraptio i'emota fueric. Si vero non ren 
aagmentata sit, qnod denigraverit locum, tunc sig'DUm est morti- 
ficationis. Tnnc intendaa remotionem denigrati corrupci radicitus, 
si est posBibile, cnra ferro ignilo separaniio corruptum a sano, quia 
Hl hoc subito non flerit, non cessaret corruptio aux'mentari, donec 
totum merabi'Um corruptnm foret . . , Ättende hie, quod ahluUo cum 
aqua frigida et abstersio cum petia munda, et iterum abluCio, dum 
incipit post coitom cam foeda inulioro aljquod corruptionis l'uturae 
vestigium, dfll'endit parfecto virgam a corruptinne fatura, saltem 
ob illam causam, niaxime ai poat illam ablutionem liat roratio et 
quaedatii ablutio, vet lod jam abluti asperaio cum aceto modico 
aut petiia in aceto infusis virg« totaliter involvatur." 

I) Ibidem Lib. I, Cap. 42: „De aposteniate calido et frigido 
sanioeo in inguinibua, Haec aegritudo vocatur bubo vel dragun- 
zelus, vel apoHtema inguiniB, et ut 'plurimum fit ex materia, quae 
ab epate expellitur ad alia loca, et cat'ahqnando calida, et aliquaudo 
frigida ... Et fit etiain. cum homo infirmatur in virga propter 
l'oedam meretrieem vei aliani causam, ila, quod corruptum mulii- 
plicatur in ea, et non poteat materia mundificare virgam et locum, 
propter corruptionem multiplitem et propter structuram viarum 
redit materia ad locum inguinuni, propter liabihtutera istorum ioco- 
i-um ad recipiendum supertluitatem et alfinitatem, quam habent ioca 
isla cum virga corrupta." 



4 



l 



Ilalionischo Acrzte. Poöma medicum, 297 



nie CoDcIylome uuterscheidet Wilhelm von Sa - 
liceto ebenfalls etwas deutlicher, als die weitaus meisten 
seiner Vorganger: Einen fleischartigeu Auswuchs mit 
einem dünnen Stiel und breiter Pyramide nach Art einer 
Feige, welche weder Blut noch eine andere Feuchtigkeit 
entleert, an den GenitaUen oder dem After placirt ist. 
nennt er Ficus; eine gewisse ausgebreitete Geschwulst 
(tuberositas), an eben den Theilen, ohne Stiel, voil me- 
lancholischen Blutes, ist ein Condylom. Sitzen diese Ge- 
bilde im Inneren der Vulva oder des Afters, dann will 
er sie durch das Aufsetzen eines grossen Schröpfkopfes 
(Ventoaa) auf die Vulva und den After dem Gesichtssinne 
zugängig machen, indem er diese Organe durch das In- 
strument um- oder ausstülpt; gelingt dies nicht, dann 
will er das Neugebilde mit einem passenden Haken ans 
Licht ziehen*). Die alten Griechen, auch schon Hippo- 
krales, und selbst einige Araber noch, hatten, wie wir 
gesehen haben, zu solchem Zwecke ihr Speculum; Wil- 
helm von Öaiiceto scheint davon, wie so viele abend- 
ländische Aerzte und Wundärzte des Mittelalters, nichts 
gewusst zu haben. 

Das „Poßma medleum"') eines unbekannten italieni- 
schen Arztes aus dem 13. Jahrhundert verlangt, daas die 
„Leprösen" auch an den Genitalien untersucht werden 
sollen : 



1) Ibidem, Lib. I, Cap. 45: „Du ficis et condylomatibtis in ano 
ec Vulva. Aegritudines hae fiunt ;i inateria grossa indanflinlicn, 
qnae ad illa loca descendit, et vertitur quandoque in cariioaitatem 
qaandam . . . HabeuC pedera quaadam aubtileiii et pyraniidem iHlam 
in inodum ficus, et non emittiint sang'uinem neque humidi taten). 
Condylomata non habenC pedem, neque flgurain fici, aed solum 
modo quandam tuberoBitatem Bparsani sine pede, plenam sanguine 
melanchülii^o . . . Si auteni talis ficus fuerit iiitra anuni aut intra 
Tulvam, lunc inveraeiitur iutestina cum ventoaa magna posita super 
ano aut super vulva, et inspitiaptur intestina. Et si hoc non potest 
fleri cum ventoaa, tunc cum uDcinia decentibus hoc flat. Eodem 
modo in cura tondylomaiuni procedatiir." 

2) In Reuzi'a Collcctio Salernitana, IV, p. 139, vers 532; 
Ymj^I. Haeser, Lehrbuch der Gesdiiehte der Medicin, I, p. 759. 



298 Italienische Aerzte. Simon von Genua. 

„Haec omnia Signa notentur 

Partibus extremis, faeie, manibus pedibusque, 

Cruribus et eoxis; scrutanda et virga virilis.'* 

Simon von Genua (Simon Januensis, Simon Ge- 
niates a Cordo)^), Leibarzt des Papstes Nicolaus IV, 
starb 1303, nachdem er 30 Jahre seines Lebens verwendet 
hatte, um, wie Ernst H. F. Meyer 2) berichtet, als der 
Erste die Riesenarbeit zu wagen: die wüste Nomenclatur 
der Medicin zu säubern und zu erläutern, wozu er die 
Werke der Griechen, Römer, Araber und Arabisten sorg- 
fältig Studiren und unter sich vergleichen musste. Grü- 
ner 3) bringt aus dem Werke Simonis eine Auslese über 
den Artikel Feigwarzen, aus welchem sich jedenfalls die 
eine Thatsache entnehmen lässt, dass es bereits einem 
bedeutenden Gelehrten des 13. Jahrhunderts unmöglich 
war, aus den damals doch noch weniger verstümmeltea 
Schriften der alten Aerzte Klarheit über die verschiedenen 
Benennungen und die pathologischen Individualitäten die- 
ser Excrescenzen zu gewinnen. 

1) Simonis Januensis Synonyma medicinae s. Clavis sana- 
tionis. Parmae, 1473, fol., und noch oft. 

2) Mey er, E. H. F., Gesciiichte der Botanik. Königsberg 1857, 
80, IV, p. 160-167. 

3) Grüner, Aphrodisiacus, III, p. 25: ^Acrocordines sunt ver- 
rucarura species, ut Oribasius. Item Cassius Felix secundum Graecos 
tres differentias Verrucae ponit. Acrocordines, quae fundatae sunt 
immobiles et sine dolore; aliae vero mobiles, radices debiles, parum 
radice adhaerentes, infantibus saepe nascuntur. Aliquando sua 
sponte cadunt: Quae cum digito fuerint pressae, dolorem faciunt, 
similem morsibus formicarum, unde Graeci mirmiceas dicunt . . . 
Ficus vocantur durities ulcerosae, habentes in se grana, sicut grana 
ficuum, quae dicuntur graece sikas, quod est ficus, ut infra in 
sikas . . . Sicadae sunt ficus in ano, qui fiunt ex emorrboidibus 
prominentibus, quando putrescunt . . . Sikas (Paulus) appellant lae- 
siones ulcerosas, rotundas, subduras, rubeas; quas sequitur et dolor. 
Nascuntur autem hae plurimum in capite etsi et alio membro . . . 
Timea est species verrucarum . . . Thymos est species Verrucae . . . 
Thiraon Cor. Gel. timon nominatur quod super corpus quasi verru- 
cula eminet, ad cutem tenue, supra latius, subdurum, et in summo 
perasperum, idque suramum colorem floris thimi repraesentat . . ,* 



i 



Italienische Aer/to. Picdinionte. Varißnana. Silvatico. 299 



ö' 



Francesco de Piedimoiite ^), welcher Anfangs des 
vierzehnten Jahrhunderts (wahrscheinlich am 1. Juni 1319) 
als Leibarzt des Königs Robert und Professor an der me- 
dicinischen Fakultät in Neapel starb, spricht, wie Tar- 
n w s k y ^) berichtet, von Harnretentionen in Folge einer 
Camositas (oppilatio carnosa). Später, und bis in 's acht- 
zehnte Jahrhundert, galten die Carnositas, Caruncula, 
Fleischwarzen etc. fortwährend als die Hauptursache von 
Verengerungen der Harnröhre. 

Ouilielmo Varignana, welcher 1330 als Professor der 
Arzneikunde in Bologna starb, erzählt den Fall einer Do- 
mina, w^elche propter abusum veneris eine schmerzhafte 
Excoriation circa oriflcium ani erlitt; der Arzt liess den 
erkrankten Theil zuerst mit warmem Wasser waschen, 
dann mit Rosenöl bestreichen und Apfelmuss mit Rosenöl 
vermischt auflegen, worauf Heilung erfolgte^). In der 
Behandlung der Geschwüre macht Varignana bezüg- 
lich der verschiedenen Standorte und Charaktere derselben 
zwar einige, wenn auch nur sehr unwissenschaftliche 
Unterschiede, doch hält auch er es mit Galenus, wel- 
cher gegen alle Geschwüre aus bösen Feuchtigkeiten, 
auch gegen die an den Genitalien und After die Pompho- 
lyx (Zincum oxydatum) angewendet haben solH). 

Matteo Silvatico (Matthaeus Sylvaticus, M. Sil- 
vaticus), zu Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhun- 
derts Lehrer an der Salernitanischen Schule, wahrschein- 



1) Oeuvres de FranQois de Pedemonte, chap. 12. 

2) Tarnowsky 1. c. p. 160. 

3) Guilielmi Varignanae Ad oninium interiorum et exte- 
riorum partium morbos remediorum praesidia et ratio utendi eis 
pro circumstantiarum varietate. Basileae, s. a., 8^, p. 296: „Quae- 
dam domina patiebatur excoriationera ani circa orificium propter 
abusum veneris, cum dolore et punctura, et medicus quidam prae- 
cepit, ut primo lavaretur anus aqua calida, deinde inungeretur 
oleum rosarum, post superponeretur pomum decoctum in aqua, et 
bene contusum, mixtum cum oleo rosarum, et hoc facto liberata est." 

4) Ibidem, p. 280: „Galenus praelaudat maxime pompholicem 
in Omnibus ulceribus mali humoris et ancrosis, etiam quae fiunt in 
virga vel ano." — Vergl. Grüner, Aphrodisiacus III, p. 30. 



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Itülienisclie Acrate. Magui 



lieh um das Jahr 1340 gestorben, ist in der Bestimmung 
der versehiedeneti Charaktere der Condylome, Ficus, Thy- 
mi, Porri, Clavi und VeiTucae nicht minder ungltlcklich 
als sein Vorgänger, Simon Januensis; weshalb hier 
auf eine Reproduetion der bezüglichen Belege ^) leicht zu 
verzichten ist; wenn auch das wiederholte Bestreben, 
Klarheit in die verworrenen Begriffe zu bringen schon 
merkwürdig ist, und für die Häufigkeit complieirter Krank- 
heitsbilder auch in jener Zeit zeigt. 

Hagninns, ein Mailänder Arzt aus dem Ende des 
14. Jahrhunderts, leitet die Erkrankung der Samengefässe 
(offenbar Gonorrhoe) und in Folge dieser die Zerstörung 
des ganzen Körpers von geschlechtlicher Abstinenz her, j 
Der dadurch verdorbene Stirnen vertheile sich nach Art } 
eines Giftes im ganzen Körper, und wie eine geringe 
Menge Gift hinreiche den Körper zu zerstören, so auch 
ein wenig von verdorbenem Samen *). Diese Theorie, 
deren Andeutungen sich bis in's graue Alterthum ver- 
folgen lassen, wurde theilweise von den Syphilographen 
des lö. und anfangs des 16. Jahrhunderts, von einigen 
ernsthaft, von den meisten aber ironisch, in Anwendung 
gezogen, um die damals grosse Verbreitung der Syphilis 
unter der niedern, hohen und höelisten Geistlichkeit, wel- 
cher der gewöhnliche Ansteckungsweg doch nicht zuge- 
muthet werden konnte, zu erklären. Hatte nicht etwa 
bereits Magninus eine solche Erklärung auch für seine 
Beobachtungen nöthig? Sonderbar sind seine Ansichten 
über die Entstehung verschiedener Erkrankungen durch 
irgend eine unzukömmüche Form des Coitus, so die An- 

1) Mfttthei Slivatici Opus Pandectaniiu medicin^. Lug^- 
duni, 1534; Excerpte in: Gruner's Aphrodisiacua III, p. 26. 

2) Regimen Sanitatis Magnini Mediolanonsiä medici famo- 
eisBimi Artrebatensi episcopo directum. Lugduni, 1517, 4", fol. 16 a; 
„Et interduin es apei'matis detenti corniptioue non soluin eeminaria 
Tasa, 8ed etiain totum corpus corrumpitiir. Sperma enim üorrup. 
tum in toto corpore Be habet ad rnodum veneni. Unde, sicut parum 
veneni, Kuffieit corrumpere totum corpus, ita et spermatis corrupti 
aliquantulum suflicit corrumpere totum corpus. Usus ergo mode- 
ratus coiius «st uiium ex liis, quae coufortant momljra generationis." 



Italienische Aerzte. Arsrelata. 301 



ö 



Schwellungen und Ulcerationen der Genitalien und der 
Harnblase, „si ascendat mulier supra virum" ^). 

Pietro dl Argelata (Argellata, Argillata^ 
Largelata, Largilata, della Cerlata), promovirt 
1391 und gestorben als Professor der Chirurgie in Bologna 
am 20. Jänner 1423, gehört jedenfalls unter die bedeu- 
tendsten Praktiker in der Behandlung der venerischen 
Krankheiten. Wenn gleich dieser Zweig der Wissenschaft 
durch ihn keine nennenswerthen Bereicherungen erfahren 
hat, so finden sich bei ihm doch einige Bemerkungen, 
welche etwas mehr als gewöhnliches historisches Interesse 
in Anspruch zu nehmen geeignet sind. So verlangt er 
bei der örtlichen Behandlung der Geschwüre der Virga, 
welche auch er aus Pusteln „propter conversationem cum 
foeda muliere" entstehen lässt, styptische Mittel und na- 
mentlich die Localbäder mit styptischen Weinen ent- 
weder zu vermeiden, oder den Kranken vorher zu pur- 
giren, denn diese Styptica verhindern, dass die krankhafte 
Materie beim oder durch das Geschwür herausfliesse, und 
bewirken dadurch das Zurückbleiben derselben in den 
Leistendrüsen und in Folge dessen einen Bubo. Uner- 
fahrene Aerzte unterlassen, wie Argelata sagt, die so 
nothwendige Purgation und verdienen damit zweimal Geld v 
zuerst an dem Ulcus und dann am Bubo; aber auch an 
dem Bubo trachten sie noch dadurch zu gewinnen, indem 
sie denselben anstatt zur Resorption zur Eiterung brin- 
gen; was übrigens, wie er beschwichtigend hinzufügt^ 
von einem discreten Mann und Magister nicht geschehen 
kann. Die Pusteln, welche einige Caroli nennen, behandelt 
er mit Aqua viridis; also jedenfalls mit einer Lösung von 
Kupfervitriol; die Geschwüre aber mit Aloe. Argelata 
zeigt überhaupt eine bedeutende Erfahrung in der Be- 



1) Ibidem, fol. 26 b: „Amplius diligenter est notandum, quod 
in coitu sunt figurae inconvenientes, et contra legem, et contra 
mores, ex quibus corpora possunt incidere in maximum nocumen- 
tum, sicut si ascendat muiier supra virum, mala est figura: Ex ea 
enim timetur inflatio et ulceratio virgae et vesicae propter laborem 
eiectionis spermatis." — Vergl. Grüner, Aphrod. III, p. 30. 



iMlie 



iche Aiiv) 



handiuiig der Genitalgesehwüre und Buboueii; auch rilhmt 
er sich, viele schwere Fälle, darunter einen achtzigjäh- 
rigen Mann, welcher ein Geschwür von der Eichel an 
bis einschliesslich zum pecten hatte, geheilt zu haben. 
0m sich vor Ansteckungen zu schützen, giebt er den 
Rath sich nach jedem verdächtigen Beischlaf zu waschen: 
im Winter mit Urin, im Sommer mit warmem Wasser*). 
Nicht den gleichen Werth, wie die therapeutischen, haben 
seine pathologischen Erörterungen; ja diese stehen sogar 
denen seiner Vorfahren, namentlich denen heiSalicetti 



1) Cyrurgia magistri Petri de Argelata, VcueCiis, 1499, 
fol., Lib. II, Tract. xxs, Cap. 3: „De pustuUs, quse adrcDinnt 
g&6 proptsr conTersationeiu cani foeda muliere, qune »Ibae vel 
mbrae Bunt . . ." Lib. I, Tract. xir, Cap. 1; „UIcera virgae fiunt 
es apöstemate ant ßx inordinata fricatione, aut ex inordinato tactu 
Äliqua Huut fiicut pnetuiae, et a.liqiiH sicut ulcera virulenta i:orro- 
siva, et aliqna sunc anciqua ... 1^ modo cssent pustulae, quae ista 
vocant caroli, ego eaa tonsuevi removere tum aqua viridi . , . Si 
anteni uicera sint nova virulentji et quodammodo corrosiva, tnnc 



I 



aloe . 



. Ego talia ulcera penetva 
ravi ... et erat ille liomci, haber 



: Ulcus a 



capite virgae ad 
pite yirgae usqae 
ad pectineni inclUHive, octuagetiarius, et curntus est. Et plnres 
habui alios similes, et curat! sunt. , Yeruin tamea recordor vobis, 
quod Antequain isla balnea, de(.*ocla ex vino illo stipCico fiant, fiat 
purgatio. Äüter illis bubo supervenireC in iuguine, quoniam materia, 
qnae veoit ad locum ilium, retropeUitur a balneo isto, et inveniens 
concavitatem inguinis illic moraru facit. (^uare bubo genevatnr, et 
ad exituram pluriea deveniet. Quare purgaiionem utilem facias. 
Imperiti medici noii facitmt, et duplici modo lucrantur de virga et 
bubone. Iteiiim isti taies, debentes niateriam resolvere, quaemnt 
iüam saniare, ut aliquid luerentur. Et hoc uon debet fleri a dia- 
creto viro et magiatro. Ne ergo iatae pustulae oriantur vobis, canti 
eiifle debetis. Quare post coituiu illarum mulierum, quae foedae 
sunt, debetis facere lotionem cum urina veatra ia hieme, in aestate 
cum aqua calida . . ." Lib. I, Tract. i, Cap. 30: ^De bubone . , 
Et siuüliter contingit in ulceiibua virgae, quae habentes non äciente.s 
operari in continenti confoi-tanE virgam cum stipticis. Qaare ma- 
teriae ad istum locuni fluere non posaunt, in concavitate inguinis 
tenentur. Quare in pluribus ex nlcerao virgae aequitur bubo. Et 
ex boe sequitnr, quod, nisi fiat evacuatio universalis, non debemus 
opponere repereussiva in nlcer-ae virgae. Ergo evacuatio i 
nos ab ipso noeuuiento." 



Italienische Aerzto. Guleazzo. Concorresrio. 303 



o' 



bedeutend zurück, und konnten demnach hier zumeist 
tibergangen werden. Erwähnenswerth ist noch, dass auch 
Argelata sich die Genitalgeschwüre durch die Infection 
mit einer von aussen eingedrungenen giftigen Materie 
^ex actione viri cum foeda muliere" entstanden denkt i). 

Galeazzo Santa Sofia (Galeatius de Sancta 
Sophia), Lehrer an der medicinischen Schule in Padua 
und in Wien, gestorben 1427, hat die von ihm beschriebenen 
Erkrankungen der Genitalien und des Afters jedenfalls 
nicht selbst gesehen und auch nicht von einem guten 
Beobachter copirt; er ist daher nur als ein Zeuge für die 
fortwährende Existenz der venerischen Lokalaffecte ver- 
wendbar ^). 

Giovanni Concorregio, lebte um 1380 — 1440, wurde 
1404 Professor der Heilkunde in Bologna und beendete 
1438 seine Schriften^), welche in der Geschichte der ve- 
nerischen Krankheiten unverdient häufig citirt und excer- 
pirt wurden: obwohl schon Hensler*) ganz richtig von 
diesem Schriftsteller urtheilte : „Ein ärgeres Gewirre weiss 
ich aber doch auch nicht, als in diesem Flos Florum'''. 
Es genügt demnach zu wissen, dass auch dieser jeder 
eigenen Beobachtung entbehrende, verworrene und un- 
fähige Compilator eine Reihe von Capiteln über die vor 



1) Lib. II, Tract. xxx, cap. 3: „Ex materia veiienosa, qiiae 
retinetiir inter praeputium et pellem virgae, causantur istae Pustu- 
lae, tales per hunc modum, quoniam ex retentione illius materiae, 
quae remanet inter pellem et praeputium ex actione viri cum foeda 
muliere, quae non respirat, putrefit. Deinde ille locus denigratur, 
et mortiflcatur substantia virgae, quae restaurationem non recipit, 
nisi corruptione illa remota et loco absterso." 

2) Opus medicinae practicae saluberrimum, antehac nusquam 
Impressum, Galeatii de sancta Sophia in nonü tractatum libri 
Bhasis ad Regem Almansorem, de curatione morborum particula- 
xium, huie seculo accomodatissimum. Haganoae, 1523, fol., Blatt 
70 b und 76 a. — Excerpte in Grüner 's Aphrodisiacus III, p. 30. 

3) Practica nova medicine Joannis de Concorregio, Me- 
diolanensis: Lucidariü et flos florum medicine nuncupata. Venetiis, 
1515, fol. — Excerpte in Grün er 's Aphrod. III, p. 31 und in 

4) Hensler, Geschichte der Lustseuche, p. 175—176. 



304 Italienische Aerzte. Bencio. Cermisone. 

ihm bekanten Erkrankungen der Genitalien und des Afters 
zusammengebracht hat. 

Ugone Bencio^) (Hugo Bencius, Benzi, Ben- 
tius, Hugo de Siena, Hugo Senensis), Professor in 
Pavia, Bologna, Padua und Florenz, dessen Blüthezeit 
Haeser^) mit einiger Bestimmtheit unter Papst Eugenius iv. 
(1431 — 1447) setzt, während er nach Andern 1439 ge- 
storben sein soll, beschreibt unter andern venerischen 
Krankheiten in einigen Stellen in dem 72. Consilium der 
ältesten Ausgabe des unten genannten Werkes den Fall 
eines 20jährigen Mannes von Adel, welcher schon von 
einigen älteren Syphilographen (Joh. de Vigo*), Lobera 
de Avila^j u. A.) als Morbus Galliens gedeutet wurde, 
und auch noch einigen neueren Historikern dafür gilt. 
Der Fall, welcher mit langdauernden heftigen Kopf- 
schmerzen und übelriechenden, röthlichen Nachtschweissen 
der obern Körperhälfte begann, zeigt im weiteren Ver- 
laufe allerdings eine Reihe von solchen Erscheinungen 
(recidivirende Exantheme, harte Apostemata am Unter- 
schenkel, Schmerzen und verschiedene Affectionen der 
Glieder, Gelenke, des Mundes, der Augen, Nase u. dgl.), 
welche eine Wahrscheinlichkeitsdiagnose auf Syphilis zu- 
lassen; doch kann bezüglich einer genaueren Beschreibung 
auf Astruc^) verwiesen werden, welcher diesen Fall sehr 
ausführlich behandelt. 

Antonio Cermisone^), Professor in Pavia und dann 
in Padua, wo er 1441 starb, soll, wie Haeser^) berichtet, 



1) Ugonis Bencii Perutilia consilia ad diversas egritudines 
a capite usque ad calcem. Bononiae, 1482, fol. 

2) Haeser, Lehrbuch, I, p. 751. 

3) Vigo, Joh. de, Practica in Chirurgia, Lib. V, cap. 1. — 
Vergl. Luisinus, Aphrodisiacus I, p. 450. 

4) Lobera de Avila. Libro de las cuatro enfermedades 
cortesanas. Toledo, 1544, fol. — Vgl. Luisinus, Aphrodisiacus 1, p. 371. 

5) Astruc s. 1. c. I, p. 44—49. 

6) A. Cermisone. Consilia medica cliii contra oinnes fere 
corporis humani aegritudines, a capite ad pedes. Venetiis, 1503, 
fol. u. noch öfter. 

7) Ha es er, H., Lehrbuch, I, p. 751. 



I 



ItstieniBche Äerzte. Bertapaglia. Ärcolani, Montagnana, ä05 

Kampheraalben. adatringirende und besänftigende Injec- 
tionen gegen Tripper angewendet haben. Nach Kurt 
Sprengel') hätte Cermisone Opium, ölige und schlei- 
mige Mittel gegen Schanker empfohlen. Was die Special- 
historiker Thiene') und F. A. Simon*) lang und breit 
von demselben Schriftsteller exeerpiren und interpretiren, 
ist werthloa. 

Leonardo Bertapaglia (Berta Palia, Berto- 
palea, Bertepaglia, Berutapalea, Praeda- 
ipalia etc.), gestorben als Professor der Chirurgie zu 
Padua im Jahre 1460, beschreibt die Condylome in dem 
Capitel „de moro" wo möglich noch undeutlicher als seine 
Vorgänger; exceasives Wachsen und Exulceriren dieser 
Gebilde seheint er jedoch beobachtet zu haben*). 

Giovanni Areolani (d'Arcoli, Arculanus, Erco- 
lani, Herculanus), Professor der Medicin in Padua von 
-1427 an bis zu seinem Tode, der 1460 oder 1484 erfolgt 
sein soll, haftet mit seinen pathologischen Anschauungen 
Ober den Tripper ganz an dem Ueberlieferten ^) ; weshalb 
eine Wiedergabe des Beleges unterbleibt. 

Bartolomeo Montaguana, der Aeltere, von 1422 — 1441 
Professor der Medicin in Padua, wo er um 1470 starb, 
berührt die Tripper-, Warzen- und Geschwürsformen der 
■.Gesclilechtstheile und ist in einem speciellen Falle sehr 
besorgt, dass ein Äpostema in der Leistengegend bösartig 



1) Sprengel, K., Gescliichte der Arzneykunde. II, p. 664. 

2) Tiiiene, D. Sulla atori» de' mali venerei. Venezis, 1823, 
' Pp. 65 u. 164. 

3) Simon, F. A., GcBChiditc ... der örtlichen Lnstühel. 
fombiirg, 1831, 8", II. p. 62-G4. 

4) L. Bertapaglia, Cyrurgia. — In: Cyrurgia Ouidonis 
auiiaco. Venetiis, 1498, l'ol-, IIb. II, cap. 16: „Et quandoque 

loioi-ijjg) canceratur, et fit dolorosiia, et continue magnificatur in 
^''t'irn, quod aeger euni circumstantibns admirautur, et habet mo- 
"* t^ampilionis in loco, et quandoquo contingit cum masima enio- 
'■'"'« aria, 8l erit ulcerosus." 

5) Joannia Arculani Cfimmentaria in Nonum librura Rasis 
*"«gem Alinanaore. Venetiis, I&42, fol., p. 476. — Escerpt in 

** «r'a AphrodisiacuB III, p. 32. 

•" «ikaeh, Ge»oli1c.hte der vener. Krankheiten 1 20 




306 Italienische Aerzte. Gatinaria. Savonarola. 

werde und in eine species cancri übergehe^). Auch von 
„acuten und chronischen Verengerungen der Harnröhre" 
soll er sprechen 2). 

Marco Gatinaria (Gattinaria, Gatenaria), Pro- 
fessor der Heilkunde in Pavia, lobt in seinem im Jahre 
1462 verfassten und später noch sehr beliebten Compen- 
dium den Terpentin mit ganz besonderem Nachdruck 
gegen Tripper (ardor urinae), wenn dieser von einer ma- 
teria flegmatica salsa herstammt; der Terpentin ziehe 
diese Materie von den Nieren und der Blase ab, mildere 
die Schärfe des Urins, und Gatinaria habe ein Weib, 
das lange Zeit an dieser Krankheit litfc, mit diesem Mittel 
ganz allein wunderbar geheilt 3). 

Giovanni Micaele Savonarola, seit 1434 Professor der 
Medicin in Padua, später in Ferrara, gestorben um 1462, 
schliesst seine ziemlich weitläufigen, compilatorischen Aus- 
einandersetzungen über die ulcera virgae und ihre Be- 
handlung mit einer Bemerkung'*), welche für die Beur- 



1) Montagnana, Barth. Consilia medica. Francofurti, 1604, 
fol. Consiliuin 99: „De triplici mala dispositione, videlicet: de exi- 
turis in inguinibus, de moro in eisdem, et de cancro et accidenti- 
bu8 ex eis provenientibus . . . Si autem ex signis praemissis apparet 
niateriam hujus apostematis malignari, ita ut ad cancri species reduei 
posset, a quo gloriosus Dens hunc nobilem tueatur, sapientissime et 
nmitum blande in ejus regimine procedere oportet." — Vergl. F. A. 
Simon, Geschichte der . . . örtlichen Lustübel II, p. 64. 

2) Vergl. Haeser, Geschichte der Medicin I, p. 751. 

3) Marci Gattinarie super Nono Almansoris. — In: (Col- 
lectio syphilograph. Veneta I.) Contenta in hoc Volumine sunt infra 
notata: Marci Gattinarie . . . Venetiis, 1516, fol., Blatt 28 a: „De cura 
ardoris urinae . . . Si autem fuerit materia flegmatica salsa debet 
evacuari cum rebus sibi appropriatis: ut cum terbentina quae indi- 
stanter divcrtit a viis urinae et remittit acuitatem cum qua mulie- 
rem quandam quae longo tempore passa luit hanc aegritudinem et 
cum solo hoc remedio mirabiliter curata fuit . . . Opus ergo quam 
Optimum possumus divertamus dictam malam a viis urinae, ne anti- 
quetur ista aegritudo et ne natura assuefiat transmittere has ma- 
terias ad renes et vesicam. Et illa terbentina facit ad divertendun». 
per secessum: et etiam remittit acuitatem urinae quae transit perr 
viam illam." 

4) Practica Joannis Michaelis Savonarolae per B. Loca— 



Italienische Aerzte. Leoniceno. 307 

theilung der gesammten einschlägigen Litteratur des Mittel- 
alters von besonderer Wichtigkeit ist; er sagt nämlich, 
dass die Empiriker, Bauern und das Volk gegen die Ge- 
schwüre an den Genitalien Pulver von faulem Holz, be- 
sonders von Eichen anwenden, da der Arzt .sich in diese 
Kur nicht viel einlässt. Dass dem wirklich und lange 
vor und nach Savonarolaso war, merkt zwar der Fach- 
mann selbst deutlich genug aus der Leetüre, aber ein so 
freies, aufrichtiges Geständniss von Seite eines Arztes 
befestigt die historischen Schlussfolgerungen auf eine, un- 
anfechtbare Weise. 

Nicolö Leoniceno ^) ist der erste von den ältesten 
Syphilographen, welche wir schon hier vorführen müssen, 
um die Morschheit der Hauptstütze der Vertheidiger des 
neuzeitlichen Ursprunges zu erweisen, wonach alle Zeit- 
genossen der vermeinten Syphilisepidemie sich einhellig 
für die Neuheit der Krankheit erklärt haben sollen. Nie- 
mand sträubt sich mehr gegen die von den meisten seiner 
Zeitgenossen angenommene Neuheit, als Leoniceno, 
und in einem nicht geringen Theil seiner Abhandlung 
beschäftigt er sich damit, das hohe Alter der Lues von' 
ffippokrates an zu erweisen. Hensler^) hat einige 
der bezeichnetsten Stellen dieses wichtigsten, weil ge- 
dörrtesten, unbefangensten und scharfsinnigsten von allen 
Syphilographen des 15. Jahrhunderts nach einer Original- 
ausgabe übersetzt, weil auch er aus dem Abdruck im 
^ u. isinus „keinen richtigen Verstand herausbringen 
^^^nnte", und Astruc^) ebenfalls nach einer Original- 
^U-Sgabe behauptet hatte: Leoniceno erkläre sich für 
^*ö Neuheit der Lues. Hensler übersetzt also: „Die 
-^1^:^11 haben geglaubt," sagt Leonicenus, „es werde 



^^l"U.in. Venetiis, 1519, fol., Blatt 236 b: „Multi empirici et rustici 

^'* "Populäres utuntur pulvere ligni putridi, et inaxime quercus, et 

^^' liis satis, quum pliysicus de hac cura non muitum se intromittit.^ 

1) Leoniceno, N., Liber de Epidemia. Venetiis, 1497. — 
^^' Luisinus, Aphrodisiacus, I, p. 15—40. 

2) Hensler, Geschichte der Lustseuche, p. 29 — 32, 

3) Astruc, 1. c. II, p. 553. 



i 



308 



Italienische Äerzte. Leoniceno. 



Italien von neuen Krankheiten heimgesucht, und der- 
gleichen sollen, nach dem Plinius, zu des Claudius 
Zeiten die Flechten (Lichenes) gewesen sein. H i ppo- 
krates aber kannte sie schon, und mir ist es wahr- 
scheinlich, das Uebel sei lange vorher in Italien gewesen: 
aber man habe zu Rom, wo man noch wenig griechische 
Arzneikunde kannte, seinen Namen nicht gewnsst, und 
erst zu Claudius Zeiten, da griechische Kunst ihr Haupt 
erhoben, sei die Sache mit dem Namen erst in Ruf ge- 
kommen. Was ähnliches ist in unseren Zeiten geschehen. 
Eine Seuche ungewöhnlicher Art hat sich über Italien 
und \iele andere Länder verbreitet. Es sind Ausschläge, 
die an geheimen Theilen zuerst sieh zeigen, und bald den 
ganzen Körper und zuvörderst das Gesicht behaften, und 
ausser der Scheusslichkeit noch heftige Schmerzen erregen. 
Einen wahren Namen hat man der Seuche noch nicht 
gegeben. Man nennt sie im gemeinen Leben die Fran- 
zosen (morbus Gallieus), als ob dies Volk die Ansteckung 
mitgebracht, dder weil zur selben Zeit Italien mit der 
Seuche und dem französischen Heere tiberzogen war. 
Einer hat die Elephantiasis, ein anderer die Lichenes, 
der das Saphati, und manche wieder andere alte Uebel 
(pruna, carbo, ignis Perslcus) darin finden wollen. Und 
über die Ungewissheit der Namen und der Sache selbst 
sind viele auf die Muthmassung gefallen, die Seuche sei 
neu, von den Alten nie gesehen und von keinem griechi- 
schen oder arabischen Arzte berührt worden: Ich, so wie 
ich denen nicht beistimme, die der Seuche Namen geben, 
die ihrer Natur nicht angemessen sind ; so bin ich, wenn 
ich bedenke, dass die Menschen dieselbe Natur haben, 
unter demselben Himmelsstriche geboren, und unter den- 
selben Gestiniläuften aufgewachsen sind, zu glauben ge- 
nöthigt, dass sie auch von jeher denselben Krankheiten 
seien unterworfen gewesen, und es will mir nicht in den 
Sinn, dass diese plötzlich entstandene Seuche unser Zeit- 
alter so behaftet habe, als keins der vorigen. Denkt Je- 
mand anders als ich, der mag sagen, was ist dies dann, 
oder was ist dies für ein Rachegericht Gottes? Denn 



Italienische Aerzte. Leoniceno. 






wir die natürlichen Ursachen ansehen, so sind eben 
idieselben seit Anfang der Welt bereits tausendmal dage- 
wesen. Daher bin ich bereit zu erweisen, aus ähnlichen 
Ursachen haben sich ähnliche Krankheiten auch in ver- 
flossenen Zeiten ereignet, wenn ich nur erst die Meinungen 
derer, die hier eine Elephantiasis oder sonst etwas haben 
finden wollen, widerlegt habe." 

In einer Seuche, die unter den Päpsten Bonifacius iv. 
(608—615) und Deusdedit (615—618) in Italien, besonders 
in Rom herrschte, und nach der Beschreibung von Pia- 
tina in llbro de vitis Pontifieum eine zur Elephantiasis 
neigende Scabies gewesen sein soll, welche die Menschen 
bis zur Unkenntlichkeit entstellte, vermuthet Leoniceno 
gleichfalls die Syphilis. 

Eine besonders interessante, das Obige bekräftigende 
Stelle gegen die vermeintliche Neuheit der Krankheit 
tringt dieser bedeutendste Vorläufer der Reformation der 
[Heilkunde in seinem um 1502 verfassten und später mehr- 
mals erschienenen Werke „De erroribus Plinii et raedi- 
corura", lib, in, cap. 13: „Haec Plinius de Lichenibus 
tradit, quum tarnen Hippocrates, autor Plinio vetustior et 
in Graecia natus, Europae non parte parva, in suis libris 
et praecipue in Aphorism. crebram faciat de Lichenibus 
mentionem, qnod non fecisset, si ejus aetate totius fere 
Europae hie morbus fuisset incognitus, quem nos putaraus, 
ut in libro nostro de morbo Gallico seripsimus, etiani ante 
iTib. Claudii Caes. principatum Italiae fuisse eognitum, li- 
'eet non multis, quia carebat nomine, donec Medici Graeci, 
qui urbem Rom. frequentare coeperunt, eundera morbum 
suae lingae vocabulo Lichenas nominantes, fecere illustrio- 
rem; sicuti iidem Graeci dolorem intestini laxioris primi 
colicum, quo nomine nunc quoque utimus, vocitantes, fuere 
causa, ut Tiberius etiam princeps primus id malum in 
ttalia sensisse a Plinio scribatur." Eine ähnliche Meinung, 
wonach es sich bei dem Morbus Gallieus und andern als 
neu erkannten Krankheiten eben nur um neue Namen 
handelt, äussert auch Fracastoro in seinem berühm- 
ten Gedichte; doch war dieser Arzt erst 1483 geboren. 



L 



310 Italienische Aerzte. Fioravanti. — Italienische Laien. Doglioni. 

und kann demnach nicht für 1493 als Zeuge benutzt 
werden. 

Leonardo Fioravanti's ^) Angabe „er habe von einem 
gewissen Pasqual Gibilotto gehört, dass, als in dem 
Bj^iege zwischen Johann dem Sohne Renati Herzogs von 
Angio und Alphonsus König von Neapel um das Jahr 1456 
die Soldaten wegen der grossen Theuerung der Lebens- 
mittel Menschenfleisch gegessen hätten, damals die Wollust- 
seuche daraus entstanden wäre, und eben diese Krank- 
heit wäre hernach wieder in dem Kriege Karl's viii. aus 
eben denselben Ursachen entstanden" — gehört doch wohl 
in das Gebiet ungegründet^r Märchen, von denen die 
weitaus meisten hier übergangen wurden. Fioravanti' s 
musste gedacht werden, weil er eine, wenn auch komische 
Rolle unter den Syphilographen der zweiten Hälfte des 
16. Jahrhunderts spielt. 

Laien. 

Nicolo Doglioni ^) berichtet, dass schon im Jahre 1302 
in Venedig ein Gesetz bestand, nach welchem jede Person, 
die einer andern einen „Vermocane gegeben hatte", mit 
einer Strafe von 20 Soldi belegt wurde. Dass dieser Ver- 
mocane eine Krankheit war, sagt Doglioni selbst; 
welcher Art dieselbe war, konnte auch Hensler^), der 
diese Nachricht auffand, „nicht mit Bestimmtheit ausfindig 
machen"; dass es aber eine venerische, d. i. durch ge- 
schlechtlichen Umgang übertragbare Krankheit gewesen 
sein muss, geht aus dem Zusammenhang bei Hensler 
deutlich hervor; unmittelbar vorher wird auch gesagt, 
dass Doglioni von einer Art Bordell erzählte, das man 



1) Fioravanti, L. Capricci medicinali. Venetiis, 1568, 8<>, I, 
cap. 27. — Vergl. Ambrosius Bertrandi Abhandlung von der 
venerischen Krankheit. Aus dem Italienischen von Karl Heinrich 
S p o h r. Nürnberg, 1790, 8», I, p. 67. 

2) Doglioni, Nicolo, Cose notabili di \enetia. Edit. 1675, 
12^, p. 23: „L'anno 1302, fu proueduto, chi mandaua ä qualch' uno 
il uermocane (ch' ^ specie di malatia) pagaua ogni volta 20 soldi.'^ 

3) Hensler, P. G., Geschichte der Lustseuche p. 320. 



Italienische Laien. Donato Velluti. 311 

Carampana nannte, und 1421 in den Häusern der Ram- 
pini, einer angesehenen Bürgerfamilie zu S. Cassano an- 
gelegt hatte. 

Donato Tellati, im 14. Jahrhundert, erzählt i) laien- 
haft und unklar die Krankengeschichte seines Sohnes 
Lamberto, welche der rühmlichst bekannte italienische 
medicinische Geschichtsforscher Alfonso Corradi^) 
als einen unzweifelhaften Beweis für das Bestehen der 
Syphilis in jener Zeit, ja sogar für einen Fall von Re- 
infection hält. Obzwar sich heute wohl kaum ein Syphilido- 
loge finden dürfte, welcher aus dem gegebenen Krank- 
heitsbilde verlässliche Anhaltspunkte für diese Diagnose 
erbringen kann, so muss der Fall hier dennoch wegen 
dem Glauben, welchen er bei einigen hervorragenden me- 
dicinischen Historikern gefunden hat, in extenso vorge- 
führt werden: „Lamberto wurde am 19. März 1341 ge- 



1) Cronica di Firenze di DonatoVelluti dall' anno 1300 in 
circa fin al 1370. — Handschrift; zuerst gedruckt: Firenze, 1731, 4P, 
Auszug der betreffenden Stelle in: 

2) Corradi, Alfonso. (Ein Fall von constitutioneller Syphilis 
aus dem dreizehnten [bei uns vierzehnten] Jahrhundert). — In: 
Annali univers. di med. Milano, 1867, CIC, p. 43: „Lamberto nacque 
addi 19 marzo 1341. Fu bellissimo fanciullo, bianco e vermiglio, 
colorito e di bei viso, di piü belli di Firenze, e quando il primaio 
anno andö air ufizio, tutti traevano a vederlo, e la balia non si 
poeta rimedire dalle donne dopo il detto ufizio. O che fosse per 
esser troppo abbracciato, e riscaldato, o per difetto di latte di balia, 
perchfe Tavesse da natura, e allotta uscisse fuori, gli venne, e usci 
di dosso una pruzza minuta, che 'l consumava, intantoch^ la balia 
sua, che il tenea allato, e la quäle era di carne freschissima, sen 
empi6 tutta, e diventö secca e disfatta. Maudägli al Bagno a Ma- 
cerata; giovogli un poco, alla balia assai: di che tornati, lemendo 
non fosse cagione della balia per sua caldezza, gliel toisi, e dieilo 
a una fanciulla temperata, con latte fresco, e immantinente se ne 
empi^ ella, e cosi facea a chi dormisse con lui; di che avendolo 
spoppato, e cresciuto un poco con grande pena, e fatica, il facea 
dormire di per s6 in un letto, e egli di e notte si rodea ; avea bene 
la bocca seco, e di ciö campava. Mandälo al Bagno a acqua e poco 
rileveva. Venne crescendo, puosolo a scuola, avendo apparato a 
leggere, e avendo buonissimo ingegno, memoria, e intelletto, a buono 
e saldo parlare, che facea ciascheduno maravigliare, apparava, e 



12 



Itaiienische Laien. Donato Velluti. 



boren. Er war ein prächtiges Kind, weiss und roth, von 
frischer Farbe und schönem Gesiebte, und als er im ersten 
Jahre in die Kirche zur Einsegnung (nach einem alten 
Ritus) gebracht wnrde, suchten alle ihn zu Gesicht zu 
bekommen und die Amme konnte sich vor dem Andränge 
der Frauen kaum wehren. Sei es, dass er zuviel geherzt 
und dadurch erhitzt worden, sei es in Folge fehlender 
Milch bei der Amme, oder aus natürlicher Anlage, welche 
jetzt zum Ausbruche kam, kurz, es bildete sich bei ihm 
um diese Zeit eine kleine Geschwulst (Beule, Jucken in 
der Haut, pruzza minuta) am Rücken, welche ihn aufrieb 
{verzehrte, cousnmava), so daas auch die Amme, welche 
ihn immer an ihrer Seite hatte, und die von sehr gesunder 
Körperbeschaffenheit war, davon ganz erfüllt (empife tutta) 
wurde und sich angegriffen und ausgetrocknet (secca e 
diefatta) zeigte. Ich schickte beide in's Bad nach Mace- 
rata; es half ihnen ein wenig, der Amme sogar recht 
bedeutend, als sie aber zurückgekehrt waren, fing ich an 
zu fürchten, es möge die Amme durch ihre Hitze (caldezza) 



apprendevn bene; di che in poco tenipo fn buouo gramaCico. Paosi 
)s all' abbaco, e divento in pochissimo tempo buono abbai^hista, poi 
nel levai, e avendogli fatta una Bottega d'arti di lana; in prima con 
Ciore Pitii, e poi con Manente Amidei, il puosi alla cassa, e ivi 
atette parrecchi anni sanza a-vervi amore, poi eomincio a porvi 
amore, e eravi tanto sollecito e tanto sperto, qiianto fosBe giovane 
di questa terra. Era piccolo della persona, e con quella ricadla 
addosBO, e perchä andaase poi al bagno a Vignone, o Rapolano, 
giovandogli una pezza, immanlenente g\i ritomava addosflo. Era 
grande mangiatore e bevitore, e ritrovavaai volentieri eo' giovani, 
e spendeva corteggiando di soperchio. Di tuglio 1363 gli venne, e 
converte il detto kuo difetto in Tino rosaore, e diventö tutto nn da- 
naio, fecesi inedicine, stando rinchiuso bene nno niese e partiBsi. 
Poi uitimamente gli venno male nella verga, e stando senza gover- 
narai, e non curandosi, e poi facendosi govemare e curare a' roe- 
dici non Bufticienti, la cosa era tanto innanzi, che tutto quello di- 
nanzi, cio6 il caperozolo, gli si eonvonno tagliare, e non senti peno 
niuna, perocch^ 1a carne era tutta morta, e la malattia era entrata 
piii aentro; e riconvenne anche tagliare infino presao al pettignone; 
e non valse niente, che ultiniaiuente niorl, essendo d'etä di 32 anni, 
addi 26 di dicembre 13ö3, e onorevole il feci aeppellire." 



Italienische Lai 



Donato Velluti, 



Schuld am Üebel des Kindes sein ; ich nahm es ihr daher 
weg lind übergab es einem Mädeheu von gemässigtem 
Temperament mit. frischer Milch, aber sogleich wurde 
auch dieses davon erfllllt, und so erging es einem jeden, 
bei dem das Kind schlief. Deshalb wurde es entwöhnt, 
I und, nachdem es unter grosser Noth und Sorge ein wenig 
aufgezogen worden, auf einem gesonderten Lager schlafen 
issen, wo es sich aber Tag und Nacht kratzte und sehr 
viel schrie (ein gutes Maul hatte); schliesslich wurde es 
aber doch von diesem Uebel befreit. Ich schickte es nun 
wieder in's Bad und es erholte sieh ein wenig. Der Knabe 
wuchs heran, ich that ihn. in die Schule, er lernte lesen 
und zeigte gute Anlagen ... Er war klein von "Wuchs, 
^ mit einem Fehler am Rücken und obgleich er spater nach 
f Vignone und Rapolano in's Bad ging, welches ihm ein 
wenig. half, so kehrte das üebcl doch bald wieder. Er 
) war ein grosser Esser und Trinker und suchte gern die 
\ Gesellschaft junger Leute, denen zu Liebe er recht viel 
[ Aufwand zu machen pflegte. Im Juli 1353 (21 Jahre alt) 
[ nahm der früher erwähnte Fehler am Rücken eine Röthe 
I (rossore) an und es bildete sich daran ein Schorf (Hitz- 
L blatter, danaio [auch eine Münze, Geld, Heller]), er nahm 
Arznei dafür und hielt sich reichlich einen Monat zu 
I Hause, nach welcher Zeit er wieder auszugehen anflng. 
I Schliesslich bildete sich aber bei ihm ein Uebel an der 
I Ruthe, wofür er anfiangs keine Hilfe suchte, später jedoch 
[ unzuverlässige Aerzte um solche anging, wobei die Sache 
t aber soweit fortsehritt, dass der ganze vordere Theil, das 
list die Eichel (das Köpfchen, caperozolo) entfernt werden 
j musste, wobei er jedoch keinen Schmerz empfand, da das 
'■ Fleisch ganz abgestorben war und die Krankheit tief ein- 
gegriffen hatte ; bald ward es wieder nothwendig (das 
Mortificirte) und zwar dicht am Schamberge (pettignone) 

Ben; es half aber nichts, denn endlich starb er im 
■on 22 Jahren am 26. December 1363, und ich liess 
; allen Ehren bestatten"'). 
D 



1) Die Ui^biTf 



Bt, Die 



314 



ItalJeiiistfip Laien, Padfii-ai^ MaxJimis. 



Wahrscheinlich sind in diesem Falle drei verscW 
dene Krankheiten theils neben-, theils nacheinander ' 
laufen, von denen sich jedoch nur die beiden letzteH 
mit einiger Sicherheit näher bestimmen lassen. Vermuth- 
lich rührte die Gesehwulst am Rücken, welche so oft und 
in so langen Zeiträumen recidi\'irte, und jedenfalls auch 
den kleinen Wuchs und einen bleibenden Fehler am 
Rücken bedingte, von irgend einer chronischeu Dyskrasie 
her; ob aber diese Geschwulst durch eine tuberkulöse, 
eine skrophulöse, eine syphilitische, oder irgend eine an- 
dere AfFeetion eines Knochen, der Weichlheile oder beider, 
und welcher veranlasst wurde , ist mit keiner einzigen 
Silbe auch nur blass angedeutet. Die andere Krankheit, 
wegen welcher er Tag und Nacht kratzte, mit der er die 
zwei Ammen und überhaupt alle, die mit ihm schliefen, 
ansteckte, kann nicht Syphilis, sondern nur Scabies oder 
irgend ein anderes parasitäres Exanthem gewesen sein. 
Dagegen ist es fast zweifellos, dass die letzte Erkrankung 
nichts anderes war, als ein in der Litteratur des Alter- 
thums und Mittelalters so oft beschriebener phagedänischer 
Schanker, welcher mit den früheren Krankheiten durchaus 
in keinem Causalnexus steht, sondern von dem jungen 
Lebemann frisch acquirirt wurde, und auch nicht als Re- 
infection gedeutet werden kann ; weil eine abgelaufene 
Syphilis nicht nachweisbar und auch ein phagedänischer 
Schanker keine Syphilis ist. 

Paciflcns Masimui«, ein italienischer Dichter, lebte 
von 1400 — 1500 und schrieb in seiner Jugend etliche 
schmutzige Gedichte, welche im Jahre 1489 bei Antonius 
Mlschominus in Florenz gedruckt wurden. A. N. R. San- 
chez') hat zuerst zwei von diesen Gedichten als Belege 
knndlidinu Nachrichteu über das erste Auftreten der Syphilis im 



15 


Jahrhundert. — 


In: 


Virchow'8 


Archiv. Berlin 


1B75, 


l: 


P- 


321-322. 














]) Sanchez, 


A. N 


R. E^iamen 


historique sur 


apparittn 


la 


maladic veaeriet 


ne e 


n Eurcipe. A 
„Ad Priapu 


Lisbonne, 1774, 


8», P- 


37: 




Tuque me 


um B 


non properfts sanare Priapum, 






ÜecideL h 


u! u 


ou hoi: iiohile 


robuv erit. 







Italienische Laien. Facificus Maximus. 315 

gegen den amerikanischen Ursprung der Syphilis vorge- 
ftlhrt; mit dem ersteren derselben erreichte er auch voll- 
kommen den beabsichtigten Zweck, denn es ist da ganz 
unzweideutig von einem Initialaffect am Penis die Rede, 
von welchem der Dichter nicht nur eine Zerstörung, ein 
Abfallen des ergriffenen Theiles, sondern auch secundäre 
Erscheinungen, namentlich stinkende Geschwüre im Munde 
fürchtet. In dem zweiten Gedichte ist jedoch nur von 
Paederastie und deren Folgen die Rede, und es kann trotz 
der daselbst vorkommenden Ficus und Marisca die Sy- 
philis nicht mit Bestimmtheit herausgefunden werden; je- 
doch bietet es auch schon deshalb und als Charakteristicum 
jener Zeit hinreichendes Interesse. 



Ante meis oculis orbatus priver et ante 

Abscissus foedo nasus ab ore cadat! 

Non me respiciet, nee me uolet ulla puella, 

In me etiam mittet tristia spata puer. 

Laetior heu! toto me non erat alter in orbe! 

Si cadet hie, non me tristior alter erit. 

Me miserum! Sordes quas marcidus ore remittit! 

Ulcera quae foedo marcidus ore gerit! 

Aspice me miserum, precor o! per poma, per hortos 

Per Caput hoc sacruni, per rigidamque trabem — 

Hinc ego commendo tota tibi mente, Priape, 

Fac ualeat, fac sit sanus, ut ante fuit." 

„De matrona. 
Ne confidatis natibus, sunt omnia ficta 
Quo paedicemus? Dicimus ista, mares 
Et placeat nulli vos subdere more ferarum 
Sitque per amplexus ora dedisse satis. 
Inde cadet culus, digitisque evellitur, in de 
Ficus habet miseras atque marisca nates. 
Inde aliquem vidi tanto pallore teneri, 
Ut faciem credas immaduisse croco: 
Adde quod hinc olidas hircus celer ibit in alas 
Mirandosque dabit barba molesta pilos. 
Et saepe in partes centum diffinditur illi, 
Ut Sit opus sartas ustulet igne nates 
Non aliter vidi nimio vel sole, vel imbre 
Punica disrumpi cortice mala suo." 
Vergl. auch H e n s 1 e r , Geschichte der Lustseuche, p. 310, zur 
Vervollständigung des eisten Gedichtes. 



316 Italienische Laien. Luig-i Bathomano. 

Eine Inschrift') vom Jahre 1485 auf eioem Grabmal 
in der Kirche St. Maria del Popolo in Rom besagt , dass 
der Verstorbene der „Pestis inguinaria" erlegen sei; Swe- 
diaur*) hält diese Pest für Sj-philis und noch H. A. Ha- 
cker*) zählt unter den ältesten Benennungen, mit denen 
man die Syphilis bezeichnet hat, die „Pestis inguinalis" 
auf; mit welchem Rechte, wird schwer zu ermitteln sein; 
denn von den ältesten Syphilographen sprechen überhaupt 
nur wenige, und diese nur undeutlich über ulcerirende 
Bubonen und über Pestis inguinalis gar nicht. Wusste 
doch schon Paracelsus*): „Was ausschlecht vnd räu- 
dig ist, non facit Bubonem". Es könnte sich also bei 
jenem edlen Römer ebenfalls um einen nach weichem 
Schauker aufgetretenen, brandig gewordenen, durch Py- 
aemie oder Peritonitis in Folge Durchbruch der Bauch- 
decken tödtlich endenden Bubo handeln, dem wir in der 
alten und mittelalten Littoratiir öfters begegnen. 

Luigi Batboniaiio (eigentlich Ludovico diBar- 
thenia s. Bartema)cin römischer Edelmann, beschrieb 
seine Reisen im Orient, die ursprünglich in italienischer 
Sprache, im Jahre 1605 jedoch in lateinischer und später 
auch in spanischer Uebersetzung erschienen sind. Aus 

1) IiiHCriptinneB Roman&e inflnii aevi Eomae esistoiites, opera 
et cura D. Petri Aioisü G a ! e 1 1 i. Romae, 1760, 4", IIl, p. 273: 



, Marco Antonü Eijiiilis Homani 

Filio ex Nobiü Älbcrtouum Familia 

Corpore Aninioque Insigni 

Qui Auiium Agens XXX 

Feste laguinaria luteriit 

Anno Salutis Clirietianae 

M, CCCCLXXXV Die XX Julit 

Heredes P. M. T. 



J 



2] S w e (i i a u V , F. X,, Zusätze und Ve.rbesserunjfen zu S w e- 
diaur'B Werk von der Lustseuche. Nach der vierten Ausgabe des 
Originals bearbeitet von Gustav K 1 e f f e !. Berlin 1803, 8*, p. 46—46. 

3) Hacker, H. A., Benennungen, womit man die Syphilis 
bezeichret hat. — In : Schmidfs Jahrbücher, Leipzig 1860, LXV, p. 372. 

41 Paracelsus, Chirurgische Bücher vnd Schrifften. Strass- 
burg 1618, fol., p. 690. 



318 Italienische Laieu. Fnlgosus. 

Frankreich im Jahre 1494 nach Italien kam, und sagt 
dann: „Zwei Jahre bevor Karl kam wurde eine neue 
Krankheit entdeckt, wofür die Aerzte weder Namen noch 
Mittel in den alten Autoren finden konnten; man benannte 
sie daher nach den verschiedenen Ländern. In Frank- 
reich nannte man sie die neapolitanische, in Italien die 
gallische Krankheit, bei andern aber anders, einige be- 
zeichneten sie als Sanct Job 's Krankheit. ** Darauf er- 
wähnt Fulgosi den Beginn der Erkrankung an den Ge- 
nitalien nach dem Beischlaf, hebt von den constitutioneUen 
Erscheinungen: Gliederschmerzen, Geschwüre über den 
ganzen Körper und die Recidive hervor, und schliesst 
dann: „Diese Pest, wofür man sie ansah, wurde zuerst 
aus Spanien nach Italien gebracht, und zu den Spaniern 
aus Aethiopien; in kurzer Zeit verbreitete sie sich über 
die ganze Welt." Fulgosi ist seiner Deutlichkeit wegen 
ebenfalls einer der am meisten bestrittenen Zeugen, und 
F. A. Simon \) ereifert sich ganz besonders und in grosser 
Breite gegen die Verlässlichkeit Fulgosi 's. Es würde 



Gallia manna pluit, quae ex arborum frondibus lecta, ad medicinam 
salutaris fuit inuenta. Ciiius rei Plinius mentione facta (contigit 
enim aliis temporibus ea pluere) non manna, quod nomeu liebraeum 
est: sed coeleste mel ac medicinae parum idoneum appellat. Biennio 
quoque, antequam Carolus veniret (1492), nova aegritudo inter mor- 
tales detecta, cui nee nonien, nee remedia medici ex veterum auc- 
torum disciplina inueniebant, varie, ut regiones erant, appeliata. 
In Gallia Neapolitanum dixerunt morbum: at in Italia Galiicum 
appellabant: alii autem aliter, nonnullique Job sancti aegritudinem 
esse dicebant, cuius vis grauiter artuum iuncturas torquebat; qui- 
busdam totum corpus ulcere eorripiebat, quosdam autem in caii- 
crenae morem corrodebat. Id autem quod in ea maxime miruni 
fuit, erat, quod contagionis vires in coitu solo exercebat a genita- 
libusque membris primordia sumebat. Id quoque in ea non leue 
Visum fuit, quod qui ei curandae operam dabant, nisi diligenter 
sibi vitae modestia cauissent, posteaquam morbum euasisse vide- 
bantur, tanquam id ab initio pullularet, in id recidebant. In senibus 
quidem ea aegritudo incurabilis apparuit. Quae pestis ita enim uisa 
est, primo ex Hispania in Italiam allata, ad Hispanos ex Aethiopia, 
breui totum terrarum orbem comprehendit." — Vergl. Hensler, 
Lustseuche, Excerpta, p. 97—98. 

1) Simon, F. A., Kritische Geschichte des Ursprungs, der 



Italienische Laieu. Senarega. 319 

viel zu weit führen hier die Einwendungen F. A. Simonis 
Punkt für Punkt zu widerlegen; aber eine Stelle, auf 
welche er selbst den stärksten Nachdruck gelegt hat, sei 
dennoch hervorgeh eben, weil der Witz und die Gelehr- 
samkeit F. A. Simonis ab und zu immer noch Bewun- 
derer finden: „War die Seuche wirklich schon 1492 
vorhanden, wie hätten denn die Franzosen sie die nea- 
politanische und die Italiener die französische Krankheit 
nennen können! Indem Fulgosi oder sein Uebersetzer 
diesen gedankenlosen Zusatz macht, werden wir ja wider 
unsern Willen belehrt, dass die Franzosen und Italiener 
die Seuche erst 1495 kennen gelernt haben müssen, wo 
die Anwesenheit der Franzosen in Italien es begreiflich 
macht, dass die beiden Völker sich gegenseitig ihrer 
Vaterschaft beschuldigten." Soweit F. A. Simon. Der 
aufmerksame und vorurtheilsfreie Leser sieht jedoch so- 
fort, dass der Zusatz Fulgosi 's oder seines Uebersetzers 
nur dann gedankenlos wäre, wenn Italiener und Fran- 
zosen vor dem bekannten Feldzug Karls viii. in den 
Jahren 1494 — 1495 miteinander niemals in Berührung ge- 
kommen, diese Nachbarvölker vordem jedes für sich durch 
eine doppelte chinesische Mauer vollständig von einander 
abgesperrt gewesen wären. 

Bartholomaeus Senarega^), Genuesischer Gesandter, 
stimmt in mehreren von seinen Angaben mit Fulgosi 



Pathologie und Behandlung der Sypliiiis. Hamburg- 1857—1858, 8^, 
II, Abth. I, p. 12—15. 

1) Senaregae, Bartholoniaei, Genuensis, de rebus Goimen- 
sibus commentaria ab anno 1488 usque ad annum 1514. Nunc pri- 
inum public! juris fiunt e manuscripto codice bibliothecae Valicanae. 
— In: Rerum Italicarum Scriptores ab anno aerae Christianae quin- 
gentesimo ad millesimum quingentesimuni . . . Ludovicus Antonius 
Muratorius coUegit . . . Mediolani, 1738, fol., XXIV, p. 558: „Frae- 
terea novum et nostris temporibus prius visum niorbi gonus, quod 
multorum corpora foedavit, quod coeptum est vagari duobus annis, 
priusquam Carolus in Italiani veniret, et cum citerioieni ulteriorem- 
que Hispanias commaculaverit, Baeticani Lusitaniani et Cantnbros 
usque apprehenderit, tandem ad nos pervenit. Multi dicunt, ex 
Aethiopia venisse; aegros enim saevissimis cruciatibus afficiebat, 



320 Italienische Laien. Senarega. 

überein; auch er sagt ausdrücklich: die Lues sei zwei 
Jahre vor Karl vni. aus Spanien nach Italien gekommen ; 
viele lassen sie aber, wie Senarega angiebt, aus Aethi- 
opien stammen ; die Krankheit beginne an den Genitalien ; 
verlaufe mit schrecklichen Qualen, zumal in den Gelenken, 
Geschwüren am ganzen Körper, die zuweilen durch Ein- 
reibungen erweicht und ausgetrocknet, dann aber in 
grösserer Zahl und mit grösserem Schmerz wiederkehrten. 
Abweichend ist bei Senarega, dass er diese Recidive mit 
der Lepra vergleicht, die Seltenheit des Fiebers hervor- 
hebt und die Nüchternen und Züchtigen von der Krank- 
heit frei sein lässt. Todesfälle seien selten und nur in 
den untersten Schichten des Volkes; wenige blieben über- 
haupt frei; diejenigen jedoch, welche einmal von der 
Seuche ergriffen waren, „nunquam in pristinum statum 
reversi." 



praesertim si ad juncturas descendisset. Ulcera per totum corpus 
apparebant raorbillis majora et horridiora, quae aliquando nnctioni- 
bus mollita et postea desiccata ad maiorem numerum et magnum 
dolorem revirescebant, leprae simillimis squamis et . . . continuo 
horrentibus. Rarae febres; initium morbi tarn maribus, quam foe- 
minis, in eo loco, quo mares esse cognoscimus ; cum vero, qui pu- 
dice sobrieque vixisset, omnino liberum dici posse constabat. Utrique 
sexui una eademque, et ipsa perdifficilis curatio; pauci tarnen ab- 
sumti sunt, et ii quidem ex infima plebe; pauci etiam liberi omnino 
remanserunt. Sed qui semel correpti eo morbo fuerunt, nunquam 
in pristinum statum reversi." — Vergl. Friedberg, 1. c. p. 115—116. 



Franzosen. 



Aerzte. 

Im G^rard von Berry (auch Geraud, Geraudi und 
Giraudi), welcher wahrscheinlich zu Anfang des 13. Jahr- 
hunderts in Paris practicirte, fand der berühmte medi- 
cinische Historiker und Philolog, Maximilien Paul 
Emile Littr6, eine Stelle, welche er und nach ihm 
auch andere hervorragende Geschichtschreiber für al- 
lein entscheidend hielten, um die Existenz der Syphilis 
im Alterthum oder doch im Mitteltalter für erwiesen gelten 
zu lassen. Aus dem „Glossulae" oder „Viaticum cum Gi- 
raudino** betitelten Werke des G6rard von Berry 
berichtet Littr6^) nach einem Manuscript der könig- 
lichen Bibliothek in Paris folgend: „Im 7. Buche in dem 
Capitel „„de ulceribus et apostematibus virgae"" heisst 
es: „„Virga patitur a coitu cum mulieribus immundis de 
Spermate corrupto vel ex humore venenoso in collo ma- 
tricis recepto; nam virga inficitur et aliquando alterat 
totum corpus"", und bemerkt dazu: „Die Phrase ist kurz, 
aber nichts desto weniger entscheidend. Nachdem Gö- 
rard die Ansteckung an den Genitalien angegeben, be- 
merkt er noch, dass bisweilen die allgemeine Ansteckung 
des Körpers hinzukomme. Das ist der Verlauf in unseren 
Tagen. Die Krankheit ist zuerst örtlich und wird in ge- 
wissen Fällen allgemein, aber nicht immer. So viel ist 



1) Littr6, E., Bemerkungen über die Syphilis im 13. Jahr- 
hundert. Nach dem eingesandten französischen Originalmanuscripte 
— In: Janus. Breslau 1846, I, p. 585—598. 

Proksch, Geschichte d. vener. Krankheiten I. 21 



3K 



FranKÜsisulie Aerzte. Gerard. Villanova. 



ganz sicher ; dieser Arzt des Mittelalters hat die am ganzeu 
Körper wahrgenomiuenen Erscheinungen mit einer pri- 
mären Ansteckung in Folge eines unreinen Beischlafes in 
Verbindung gebracht. Die Beobachtung ist genau, der 
Ausdruck richtig; und ist auch diese Stelle aus einem im 
Staube der Bibliotheken vergrabenen Buche nicht ge- 
nügend, um den Nachweis zu führen, dass die damaligen 
Aerzte eine sichere und begründete Theorie über diesen 
Gegenstand besassen, wie die unserigen heute, so reicht 
sie doch vollkommen aus, die allgemeine Ansteckung als 
die Folge der örtUchen wirklich vorgekommenen nachzu- 
weisen. Die fluchtige Beobachtung konnte das Band, das 
die secundärcn mit den primitiven ZuföUen vereinigte, 
übersehen; aber ein scharfblickender Arzt (nämlich Ge- 
rard von Berry) hatte es einmal wahrgenommen, und 
diese positive Thatsache, wie sie soeben nachgewiesen 
worden, zerstört alle negativen und macht sie null und 
nichtig." 

Es ist dies eines von den nicht wenigen Beispielen, 
wie bedeutende Gelehrte und gewiegte Historiker der 
Sache, welcher sie nützen wollten, schadeten ; denn kein 
Syphilidologe der Welt wird in der Stelle des Gerard 
von Berry auch nur ein einziges Syphilissymptom an- 
gedeutet finden. Littre's Irrthum vom Jahre 1846 ist 
nicht so sehr befremdend; wenn aber Haeser'} noch 
1882 gleichsam bekräftigend dem Original die Uebersetziing 
des Nachsatzes beifügt : „denn sie steckt das Glied an 
und verdirbt bisweilen den ganzen Körper," dann schüt- 
teln die Syphihdologen verwundert die Köpfe und wenden 
sich von einem Gegenstand, den sie bei den gefeiertsten 
Gelehrten so unbefriedigend aufgefasst sehen. 

Arnald von Viltanora lebte von 1235 — 1312, erhielt 
seine Bildung m Spanien und Paris, lehrte in Montpellier, 
practieirte darauf in Barcelona , verweilte dann einige 
Zeit in Rom und kehrte zuletzt wieder nach Paris zurück, 
wo er Medicin und Botanik lehrte und seine Werke ver- 



1) Ha, es er, H., Lehrbuch, III, p. 233. 



Französische Aerzte. Gordon. 323 

(iflFentlichte. Von ihm ist hier nur erwähnenswerth, 
dass auch er bereits das Wort Cancer unzweifelhaft aus- 
schliesslich für Schanker am Genitale gebrauchte. Dieser 
Cancer entsteht nämlich aus einer Pustel am männlichen 
Gliede oder Hoden(sacke), wird anfangs mit einer weinigen 
Abkochung von Salbei gewaschen und, falls dies nichts 
nützt, mit feinst pulverisirtem Weinstein bestreut. Damit 
wird der Cancer geheilt, wenn er klein, gutartig oder neu 
ist; wird er gefährlich und gross, dann möge er mit 
starkem Essig oder dem warmen Urin eines puer virgo 
gewaschen und mit pulvis affodillorum bestreut werden; 
ergreift der Cancer trotz dieser Behandlung das ganze 
Glied, so bleibt als letztes Mittel nur das Messer und das 
silberne oder goldene Cauterium übrig ^). 

Bernard de Gordon (Bernardus Gordonius, de 
Gordonio, Gordon), ein geborener Schottländer, von 
circa 1285 — 1307 Professor der medicinischen Facultät 
in Montpellier, kennt von den gewöhnlichen venerischen 
Localaffectionen an den Genitalien jedenfalls nicht mehr, 
gewiss aber auch nicht weniger als die Besseren von 
seinen unmittelbaren Vorfahren und den Zeitgenossen 
unter den Arabisten. Die Gonorrhoe sei das schmäh- 
lichste Leiden, durch welches das Menschengeschlecht 



1) Arnoldus de Villanova. Breviarium practicae Lib. II, 
Cap. 29: „De pustulis, carbunculis et fistula in membro virili et 
testiculis. Aliquando nascuntur pustulae in virga, vel in testiculis, 
quibus eruptis, fit ulceratio in praedictis locis, et Cancer seu fistula, 
i. pustula quandoque excoriatur ibi . . . Et tunc laventur optime 
Pustulae sie fractae cum vino decoctionis salviae . . . Quod si prae- 
dietae pustulae non fuerint curate, et . ibi cancer vel fistula fuerit 
generata^ apponatur pulvis tartaii subtilissime pulverizati . . . Cum 
his enim solis cancer curabitur, si levis, parvus vel novus fuerit. 
Si vero cancer fuerit periculosus et fortis, lavetur cum aceto forti 
vel cum urina pueri virginis calida, et pulvis affodillorum . . . ipsi 
cancro seu fistulae apponatur . . . Quod si ipse cancer seu fistula 
in tantum fuerit fortissima, quod quasi iam totum membrum occu- 
paverit . . . tunc ultima medicina est ipsum cancrum cum rasorio 
optime incidere usque ad vivum, postea cum ferro candenti argenteo 
vel aureo coquere ipsam radicem cancri ..." — Vergl. Grüner, 
Aphrodisiacus III, p. 24—25. 



324 FranzöäiBi'l.e Ae.rztv. Gordon. 

ZU Grunde geht, und werde daher gleichsam „fluxua humai 
generis" genannt. Das Speculuna uteri erwähnt er zwar, 
doch hat er dasselbe wahrscheinlich niemals angewendet'); 
auch im Uebrig'en fehlen Andeutungen von selbständigen 
Beobachtungen. Nur in der Beschreibung der Lepra gilt 
Gordon als Autorität, die denn auch von den meisten 
seiner Nachfolger ausgiebig benutzt und sogar von dem 
strengkritischen Chauliac besonders respectirt wurde. 
Streng kritisch war man eben auch in dieser kritiklosen 
Zeit, aber immer nur mit den Zeitgenossen. Mehr noch a.ls 
bei den Alteren Schriftstellern über die Lepra gewinnt man 
bei G r d o n die üeberzeugung, dass er diese Krankheit 
mit der Syphilis und wohl auch mit andern chronischen 
Exanthemen confundirt habe. Welcher Art die in dem 
betreffenden Capitel genannten, hier nicht naher zu be- 
legenden Flecken, Pusteln, Geschwüre, Abschuppungen, 
Schrunden, tuberkulösen Auswüchse, Alopecien, Heiser- 
keiten u. s. w, waren, Iftsst sich wegen der Ungenauig- 
keiten in der Beschreibung freilich nicht bestimmen; aber 
die mehrfach erwähnten Affectionen der Nase, namentlich 
das Einsinken derselben, die Corrosion und das Ausfallen 
ihres Knorpels ') u. dgl. können wohl neben den erwähnten 



1) Beiuarrtus de Gordonio, Practica, dicta LiUnm me- 
dlcinac, part. VII, cap. 3: ,lsta piLssio est ttirpiasitna in qua deperit 
genus humanuni. Iileo djcitur Gonorrhoea, quaai fluxus humani 
generis. MuUi autem propter verecundiam revelandi, ob haue pas- 
sionein pereunt." 

.Signa eorum (ulcerum) ■visui et tactui sunt manifesta et in- 
BtruiDBotuQi dictum Späcalum, secuudum Aviceunam ad hoc multum 
juvat." — Vergl. Hensler, Geschichte der Lustseuche, pp. 174 
und 225. 

„Consuevit etiam aliquando diecemi sie. Ponatur niulier in 
Idcd lutninoso, «t specalum praesentetur uatoralibas ilMs, tunc in 
specuio apparet. si fuerit ulcus, aut ragadiae. — Vergl. Grüner, 
Äphrodigiacus III, p. 36. 

2) Ibidem, part. I, cap. 2S: „De Lepra: . . . Signa infallibilia 
sunt ista . . . dilntatio narium esTerius et coarctatio int(!rius cum diffi- 
cnltate anhelitus et quasi si cum naribus loqueretur , .. Signa autem 
qaae signi&canC naulragium et approxiiuaiionem ad terminum, sunt 

»rlilaginis, quae inter foramina narium, et casus ejus- 



Französische Aerzte. Lanfranchi. 325 

Eruptionen der Haut kaum auf eine andere Krankheit, 
als auf Syphilis bezogen werden. Bemerkenswerth sind 
auch die Angaben von der Uebertragung der Lepra auf 
die Leibesfrucht innerhalb des Uterus^). 

Lanfranchi (Lanfrancus, Lanfranc de Milan), 
vielleicht ein Deutscher nach seiner Abstammung, gewiss 
aber ein Italiener von Geburt, und von ungefähr 1295 
bis 1306 Lehrer der Chirurgie in Paris, ein Schüler Wil- 
helm's von Saliceto, führt die Kenntnisse der topischen 
Aflfectionen an den männlichen Geschlechtstheilen und 
ihrer Umgebung offenbar einige Schritte weiter. Schon 
über die Ansteckungswege zeigt er reichere Erfahrungen 
als seine Vorgänger; es ist ihm jedenfalls bekannt ge- 
wesen, dass auch durch ein gesundes Weib eine Ueber- 
tragung von Geschwüren geschehen könne, wenn dieses 
„de novo" von einem mit derselben Krankheit behafteten 
besucht wurde. Ebenso klar spricht Lanfranchi von 
der Entstehung der Genitalgeschwüre aus Pusteln, welche 
nachher zerplatzen ; davon unterscheidet er ebenfalls sehr 
sorgfältig sowohl einfache Excoriationen als auch den 
Schanker und den Krebs, deren verschiedene Behandlung 
besonders hervorgehoben ist: „Wenn aber nichts dort ist,'' 
sagt er, „als eine blosse Excoriation, so lege unguentum 
album auf"; und dann: „Der Krebs wird nicht geheilt, 
wenn nicht das kranke Glied gänzlich entfernt wird". 
Von ihm besitzen wir auch einen prophylaktischen Vor- 
schlag, der freilich wohl der abortiven Methode seines 
Lehrers nachgebildet ist; Lanfranchi räth das Glied 
nach dem Beischlafe mit einem Weibe, welches man 
wegen Unreinheit in Verdacht habe, in Wasser mit Essig 



dem, Bcissura pedum, et manuum ... et ex qualibet levissima causa 
«xit sanguis a naribus; odor gravis et foetidus in toto corpore . . ." 
1) Ibidem: „Lepra aut introducitur ab utero, aut post. Si ab 
utero, hoc est, quia generatus est in tempore menstruorum, aut quia 
est fillus leprosi, aut quia leprosus concubuit cum muliere prae- 
gnante, et ita Baccalarius erit leprosus; et ex bis corruptionibus, 
magifl advenientibus conceptui, generatur Lepra. — Vergl. Hens- 
1er, Vom abendländischen Aussatze, Excerpta p. 43 — 48. 



326 Franaösiache Aerzte, Lanfranchi. 

vermischt, zu waschen. Sehr mangelhiift ist dagegen diff 
Besehreibung der Condylome an den Genitalien; er unter- 
scheidet einen Fieus von phlegmatischer und einen aus 
melancholischer Materie; ersterer wird mit einem Faden 
abgebunden oder weggeschnitten; die Heilung des andern 
ist dubiös, jedoch gelingt sie, wenn man die Excrescenz mit 
dem Glüheisen berührt, dann Butter auflegt, nach dem 
Abfallen des Brandschorfes abermals cauterisirt und so 
nach und nach gelinde vorgeht, bis, wie er sagt, die 
ganze Superfluitas consurairt ist '). Bei den Erkrankungen, 
des Aims kommt Lanfranchi nochmals auf die Con- 
dylome zurück , ohne jedoch über die Patliologie und 
Therapie derselben mehr zu belehren, als seine Vor- 
fahren. Unter den heiaaeu und kalten Äpostemen der 
Virga virilis und der Hoden begreift Lanfranchi au- 



1) Lanfranchi Pmcticn. quae rticitur Ars coni|iietfi totiiis 
chirurgiae. VenetÜB, 1400, lol. — Wieder abgedruckt in den Col- 
lecttones chirurgicae Venetaü von 1498 an. — Tract. III, Doctr. III, 
Cap, 11: „De ficu et caucro, et nlcere in vir^a virili. Ficua est 
qudedam excrescenCia, qunt^ nasciCur aupra liraeputium virg'ae, et 
aliquando super c;a]>ut: Quae quidem aüquando est inollis, nt de 
phlegmatica generata materia, aliquaudo dura, ut de melaucolica. 
Quae si corriuupatur, transiC iii caui;rum. Cancer lit in virga, stcut 
in aliis diximus fieri niembris. Uicera veniunt ex puatulis calidia, 
virg'ae super venientibus, quae poacea crepantur vel ex acutis hu- 
moribus locum uiceranlibns, vei ex eommixtione cum foeda tnuliere, 
quae cum aogro, talem habcnte morbum, de novo coiernt. Cura 
flcUN flegmatici est ligatio cum filo vel totaliter ablatio et loci con- 
solidatio . . . Melancolici \~ero cura est dubia , . . Securior tamen. me- 
thoduB auferendi illam exerescentiam est längere cum ferro ealido, 
et poBtea ponere butinim ueque ad casum escarae, ]iosrea iterum 
längere cum ferro ealido, et sie successive et leniter operari, douec 
tota superfluitas sit consumta. Cancer vero non curatur, nisi mem- 
bram infectum totaliter auferntur . . . UIcern curantur cum fortibus 
abstersivia, quae quandoque ingrosaant labia praeputii, ita, quod 
videntur ibi fieri Verrucae, i|uaB non curantur, nisi illa grossities 
auferatur, quod moltura valet haec medicina, quae grossitiem re- 
mnvct et desiccat . . . Si vero Don est ibi, niai sola excoriatio appone 
unguentum album . . . Si quis vulc membrum ab omni corruptione 
servare, cum recedit a muliere, quam habet suapectam de immu 
dicia, lavet illud cum aqua cum aceto mixta." 



Französische Aerzte. Lanfranchi. 327 

genscheinlich das Oedem und Erythem dieser Theile^), 
wie solche ja häufig genug als Consecutiverscheinungen 
verschiedener PrimäraflFecte, manchmal auch scheinbar 
spontan auftreten; an anderen Stellen ist jedoch das Apo- 
stema bald als Blase, bald als Pustel, welche wieder in 
verschiedene Hautkrankheiten übergehen kann, und dann 
bald wieder als eine Drüsengeschwulst beschrieben. So 
heisst es: Oft zeigt sich ein Apostema in der Leiste in 
Folge von Geschwüren an der Virga und an den Füssen; 
oft entsteht es auch ohne Wunden an diesen Stellen und 
dann ist es mehr zu fürchten, weil der Körper von ver- 
schiedenen und bösen Flüssigkeiten voll ist 2). Ob hier 
bereits der sogenannte Bubon d'embl6e mit consecutiver 
Syphilis zu finden ist, dürfte wohl nur Derjenige bejahen, 
welcher von dem Scharfblick der Aerzte des Mittelalters 
die allerbesten Meinungen hat. Die eigens betonte Häufig- 
keit dieser Fälle spricht schon gegen eine solche Annahme. 
In dem Oapitel „De cancrenis et malo mortuo" sind eben- 
falls Anschwellungen der Leistendrüsen hervorgehoben, 
und mit dem Malum mortuum, welches Lanfranchi mit 
anderen Aerzten als eine Hautkrankheit, eine Species der 



1) Ibidem, Tract. III, Doctr. II, Cap. 13: „De apostematibus 
virgae et testiculorum. Sicut aliis membris, viri genitalibus accidit 
apostema, quod aliquando est humorale calidum, vel frigidum, ut 
alia. Aliquando repletur virga ventositate grossa, ipsam cum dolore 
nimis extendente . . . Ventosum cognoscitur eo, quia accidit quibus- 
dam iuvenibus calidis, et eo, quod membrum est valde tensum et 
durum, et non multum ponderosum, neque color ab alterius colore 
partis corporis variatur . . . Curatio communis apostematis calidi in 
testiculis, quam in virga est . . . Cum autem virga tenditur grossa 
ventositate, sicut accidit quibusdam iuvenibus, quibus ex calore 
a^ente in grossis humoribus resolvitur quaedam grossa ventositas 
virgam tendens, tunc locum considera. Si calidus est, et fiat flobo- 
thomia (!), et cum frigidis epithima." 

2) Ibidem, Tract. III, Doctr. II, Cap. 11: „De apostemate in 
inguine. Saepe provenit apostema in inguine propter ulcera virgae 
et pedum, propterea, quod locus est descensus humorum ad illa 
loca . . . Saepe quoque, provenit sine vulneribus in bis locis, et tunc 
plus est timendum, specialiter, cum corpus est malis et diversis 
htunoribus plenum." 



Iie Aerzte. Yjierninu. 

Scabies, beschreibt, in Verbindung gebracht'). Das Woi 
Cajicrena wurde in dieser Zeit und viel später noch von 
Steber und de Vigo fUr Cancer penis gebraucht, und aus 
Cancer entwickelte sich alsbald das Wort Chancre und 
Schanker. E^ wären demnach also bei Lanfranchi 
unter dem Malum mortuum : Schanker am Penis. Leisten- 
drüsenanschwelluagcn und ein Exanthem, d. i. die Sy- 
philis erwähnt. Dass dieses Exanthem eine Art Krätze 
gewesen sein soll, ist nicht gegen diese Annahme; denn 
noch von einigen der ältesten r^yphilographen wird die 
Syphilis geradezu Krätze f,Scabies indica. hispanica, gal- 
lica, neapolitana, inaudita) genannt; dagegen spricht je- 
doch, dass Lanfranchi zwischen Cancer, Geschwüren 
und Excoriationen am Penis unterschied, was aber wieder 
eine Verwechselung dieser Initialaffecte unter einander 
keineswegs ausschhesst. 

Jehan Tperman*). ein selir angesehener nieder- 
ländischer Arzt aus dem Ende des 13. und dem Beginn 
des 14. Jahrhunderts, der als ein Schüler Lanfranchi 's 
unter den Franzosen seinen Platz finden mag, bringt in 
seiner in vlämischer Sprache gescluiebenen Chirurgie 
einige Bemerkungen, die von einem sprachkundigen Sy- 
philographen erläutert zu werden verdienten. Haeser"), 
der das Buch Yperman's mit sichtlicher Sorgfalt stu- 
dirt hat, konnte sich in seinem Lehrbuche nicht eingehend 
genug mit uuserm speciellen Gegenstand befassen ; jedoch 
ist das was H a e s e r berichtet hinreichend, um Interesse 
zu erwecken: ,. Unter den beim Tripper verbotenen Dingen 



1) Ibident, Tracl, in, Dacir. in, C«p. 13: „De e»ncreoiB et 
nulo mortDO. Maliim mortnnm est «inaedam species sobiei, quae 
plus descendit ad crim, et est de grossis hutnoribos «dnstis, per 
ia^ina descendentibus, qnornin aliqua pars retuanet in ingnine, et 
gtsüdula» inflat, qnas ibi naluraleä invenii, ita, qnod saperreniens 
in bis g^landulas, quae sunt in ingnine, nunefaeit." Vergt. Gru- 
aer's Aphrodisiaros III, p. 34. 

2) La Chirurgie de Maitre Jehan Yperman, Chirurgien 
beige, pabliee...par M. C. Broeckx. Anvers, 1863, 9>, p. 2ia 

3> Haeser. Lehrbuch I, p. 7i»— 772 n, III 



Französische Aerzte. Chauliac. 329 

findet sich auch der Kaffee". Diese Notiz hat, falls sie 
nicht auf einem Irrthum beruht, allerdings mehr kultur- 
historisches Interesse, denn die Gelehrten stimmen, soviel 
ich ermitteln konnte, darin überein, dass der Genuss des 
Kaffee's ausserhalb seiner Heimat Kaffa erst anfangs des 
15. Jahrhunderts bekannt wurde. „S. 189 erzählt Yper- 
man den Fall einer gefährlichen Blutung aus einem Ge- 
schwür auf der oberen Seite des Penis." Diesen Fall 
kann er bei seinem Lehrer beobachtet haben, welcher im 
Allgemeinen ebenfalls von solchen Blutungen spricht. Am 
wichtigsten sind die Stellen über den Aussatz und die 
Anwendung der Quecksilbersalbe in vielen dieser Krank- 
heit ähnlichen Fällen: „Die „„Laserie"" (Lepra) entsteht 
als eine „„hässliche Infection"" durch häufigen Verkehr 
mit von derselben Krankheit behafteten Frauen. „^Die 
laserie die komt dicken (oft) toe van ghenoten aldus, eist 
dat een ghesont man heeff te doene ofte brudet (bruden 
= coire) een laserwyf, daer of soe sal hem wassen eene 
quaede infexcie."" An einem andern Orte heisstes: „Mit 
einer von diesem Wundarzte (Wilhelm von Me dicke) 
angegebenen Quecksilbersalbe heilte Yperman Viele, 
die so „„rappich"" waren „„dat si scenen seer lasers"" 
(dass sie sehr aussätzig zu sein schienen)." 

Guy von Chauliac (Guido de Cauliaco, auch 
d e C a i 1 1 a t), Leibarzt der Päpste Clemens vi., Innocenz vi. 
und Urban v., einer der berühmtesten chirurgischen 
Schriftsteller des 14. Jahrhunderts, zeigt sich in seiner 
um das Jahr 1363 in hohem Alter beendeten Chirurgia 
magna nicht nur als ein gelehrter und verständiger Com- 
pilator, sondern auch als ein erfahrener und guter Beob- 
achter. Ueber den prophylaktischen Werth der Circum- 
cision bei den Juden, Saracenen und anderen Völkern 
spricht er sich unter den Aerzten zuerst deutlich aus; 
speciell hebt er hervor, dass dieser Brauch gegen Cale- 
faction nützlich sei ^). Unter Calefaction , Verbrennen, 



1) Guido de Cauliaco. Inventorium s. Collectorium artis 
chirargicalis medicinae (später Chirurgia magna). — Oft separat 



330 FranBÖsiache Aerzte. Cliaulinc', 

versteht C h a u 1 i a c nicht mehrere oder sämmtliche ve- 
nerische Erkrankungen, sondern jedenfalls nur eine leich- 
tere Geschwüraforra an den Genitalien ; dass diese Öe- 
schwürsform venerischer Natnr war, erhellt schon aus 
einer Capitelaufschrift: „De calefactione et foeditate in,<l 
virga propter decubitum cum niuliere fetida"; dass es" 
überhaupt eine leichte Geschwilrsform war. ergiebt sich 
aus einer etwas umständlicheren Darlegung ') : Jemand, 
der nicht glauben wollte, dass Geschwüre ohne Phlegmone 
an den Genitalien und am After keine erweichenden 
Eataplasmen und auch keine solchen vernarbenden Mittel 
wie andere Geschwüre, sondern austrocknende Arzneien 



und in allen Ausgaben der Collec.tio chtrurgita Veneta abgedrunkt. - 
Tract. VI, Doctr. II, Cap. 7: „De praeputii clausiira. Circumciaio 
secundum legem fit Judaeis et SaiTateBis, et allis, qiiAe multis est 
Qtilis propterea, quod nun eongregantur sordilies in radice balani, 
et calefacerent ipsum . . ." 

1) Ibidem „De ulcerihus virgae et vulvae . . . Quae autem 
(ulcera) flunt in procidentibus, ut in virg'a pt in niatricis collo, sunt 
, calefactiones, ulcera virnlonta, putrida et coiroslva, 
in ano rhagadiae, nicera, flHtulae. In utrisqae emor* J 
rhoydes, carues additae, flcus et coudylomata . . . Ulcera b 
mooe in pudeudo et ano . . . cataplaemate tnolliÖcativD nullo egent^^ 
sed farmaco cicatrizante non talt, eicut a)ia ulcera, sed in tButum 
siccius in virtute, in quantum sunt et hae particulae sicciores in 
carne. Et quae sunt apud balanum plus, quam circa totum pu- 
dendum, quod quidam decredens, coactus uti talibus, in tribus die- 
buB sanatum est ulcus, de quo fujt magis dolens, quam admiratas, 
eo, quia prava fuic nutriCus haeresi dograatum, propter quod, si 
fuerit üola excoriatio et calefactio, sufficit lavare cum aqua rosarum 
et plantaginis, et ad ultimum cum aqua aluminosa, et ponere un- 
guenta alba, maxime camphorata . . . Si autem fuerint ulcera re- 
i-entia virulenta, et quodammodo corrosiva, in bis aioes solum bo- 
num est farmacum . . . Si autem liant maligna, 'ita, quod locus 
denigretur, tune melius est, ut penitus locus niger abscindatur, et 
poat cautericetur ... In quo casu ai niedicamina non poterant 
KUper locum attingere, praecipiunt . . . intidere pellem, et tunc 
auxilia applicave. Quod ego facio invite, quia male postea con- 
solidatur, et praeputium cadit, et congregatur, et facit I 
sub virga, quod est valde taediosum: Propter quod Judaei c 
cisi ah huius poena sunt securi." 



Französische Aerzto. Vnlcscus. 331 

nothwendig haben, wurde in einem entsprechenden Falle 
gezwungen dennoch diese letzteren anzuwenden — und 
siehe da, das Geschwür war in drei Tagen geheilt; wozu 
Chauliac bemerkt: es sei ein falscher Wahn, wenn man 
nicht glaube, dass bei einer blossen Excoriation und Cale- 
faction Waschungen mit Kosen-, Wegerich- und zuletzt 
mit Alaunwasser und weisse Salben, zumeist Kampfer- 
salben, hinreichend seien. — Die Vielfältigkeit der ulce- 
rösen und anderer Affectionen der Genitalien und des 
Afters hebt Chauliac ganz besonders hervor; so spricht 
er in dem Capitel „De ulceribus virgae et vulvae" nicht 
nur von den bereits erwähnten Excoriationen und Cale- 
factionen, den Geschwüren ohne Phlegmone, sondern auch 
•von virulenten, putriden, corrosiven und cancrösen Ge- 
schwüren, Rhagaden, Fisteln, Haemorrhoiden, Fleischge- 
wächsen, Ficus und Condylomen. Bei frischen virulenten 
Geschwüren sei Aloesalbe das beste Mittel; bei bösartigen, 
wenn sie sich zu schwärzen beginnen, das Messer und 
Glüheisen. Von bedeutender präctischer Erfahrung in 
der Therapie der Penisgeschwüre zeigt besonders eine 
Bemerkung über die Incision des verengten Praeputium, 
wenn dieses nicht mehr zurückgezogen werden kann und 
eine directe Application der Medicamente nicht mehr 
möglich ist; Chauliac sagt nämlich: er mache diese 
Operation ungern, und giebt unter andern Gründen den 
dafür an, dass eine sehr tädiöse Geschwulst an dem 
Gliede nach der Incision zurückbleibe; er hält diese Ge- 
schwulst ftlr eine dauernde Strafe, vor welcher die Juden 
sicher sind. Das Uebrige ist theils nebensächlich, theils 
aus älteren Autoren bekannt. 

Yalescns von Taranta (Balescus de Taranta, 
Balescon de Tarente oder de Tharare), ein Por- 
tugiese von Geburt, zählte zu den hervorragendsten Mit- 
gliedern der medicinischen Schule in Montpellier von un- 
gefähr 1380 bis nach 1418, in welch' letzterem Jahre er 
sein auf 38jährige Thätigkeit gestütztes Werk beendigte. 
Trotz allem Arabismus und dem manchmal allzu bequemen 
Anlehnen an allerdings achtenswerthe Vorbilder, impo- 



33*2 Französische Aerzte. Vale.sciis. 

nirt Valescus doch auch durch seine practischen Er- 
fahrungen, welche besonders in dem Capitel „de ulceribus 
et pustulis virgae"^) niedergelegt sind; zwar wirft auch 
er Alles untereinander, aber man bemerkt doch, was er 
meint und w^as er gesehen hat. Die Ursachen der Ge- 
schwüre und Pusteln an der virga virilis seien: Wunden 
und Verletzungen wie an anderen Körperstellen, der Coitus 



1) Practica Valesci de Tharanta quae alias Philonium 
dicitur. Venetiis, 1502, fol., lib. VI, cap. 6: „Causae possunt esse 
primitivae . . . ut est vulnus vel attritio, et coitus cum fetida, vel 
immunda, vel cancrosa muliere. Alia causa priraitiva potest esse 
materia spermatica vel corrupta retenta inter caput virgae et prae- 
putium, vel male humores ibidem retenti, qui ibi retenti et non 
evacuati corrumpunt locum, quem tangunt et ulcerant . . . Vidi 
aliquos mori, quia tarde ad bonum pervenerunt medicum. Virga 
enim erat circumdata . toto ulcere cancroso cum duritie, et erat ro- 
tunda, sicut unus napus, et homo erat iam disooloratus et semi- 
mortuus . . . Primus (canoii generalis) est . . . ulceribus veretri et 
vulvae siccior competit mcdicina, unde multotiens ea curavi cum 
cinere bombacinarum cartarum . . . Secundus canon generalis est 
. . . ulcera, quae sunt supra caput virgae, rebus magis desiccativis, 
quam illa quae sunt supra praeputium . . . Tertius ulcera virgae in- 
digent medicina sicciori, quam alia membra . . . Quintus, in prin- 
cipio mundificetur locus et infrigidetur ... Et femoralia continuo 
mutentur, et sint munda et alba. Si autem ulcera amplius fuerint 
prolundata et a priiicipio non bene mundata, nee curata, tunc post 
lavatoria supra dicta pulvis de aloe est superponendus vel plumbum 
ustum . . . Ego autem experius sum rasuram fuliginis nigrae, quae 
reperitur in orificio lurni a parte exteriori et in superiori cum per- 
fecta lotione et mundincatione cum petiis panni blasiti et frequenti 
mutatione. Sed ponamus, cfuod pellis praeputii non possit inver- 
sari, et ulcerationes remaneant in capite virgae, et sine apparifione 
propter praeputii inflationem, . . . mundificativa debent intromitti' 
cum trajectorio. Et ego usus fui isto lavatorio. Rp. Vini albi boni 
non corrupti libri ij, Aluminis arsi drach. ij et ß, Virid. aeris drach. 
j et ß. Ista pulT^eriza, mittantur in vino, et cum tali vino stringetur 
frequenter, et curabit ulcerationem, et detumescet praeputium donec 
per se reversetur . . . Si autem corruptio in tantum fuerit aug- 
mentata, quod locus appareat niger et corruptus, et mortificatus, 
et fetens, . . . deberaus intendere ad remotionem totius denigrati et 
corrupti ... et hoc potest fieri super incidendo cum ferro ignito, vel 
cum ungula, vel cum aliqua caustica medicina . . . Si autem ab ul- 
cere vel loco excorato sanguis fluxerit inordinate, restringatur . . / 



Französische Aerzte. Valescus. 333 

mit einem unreinen oder schankerösen Weibe, und das 
Zurückhalten und Verweilen von Samenmaterie oder an- 
deren bösen Feuchtigkeiten zwischen Glans und Prae- 
putium. Geschwüre an den Hoden, dem After und der 
Virga wären nach Avicenna unter Anderem auch des- 
halb böse, veränderlich und zur Fäulniss neigend, weil 
diese heimlichen Orte viel Hitze und Feuchtigkeit ha- 
ben. Valescus sah einige, welche zu spät zu einem 
guten Arzt kamen, an schankrösen und harten Geschwü- 
ren, die sich rings um die Genitalien verbreitet hatten, 
sterben. Zur Therapie bemerkt er im Allgemeinen, dass 
die erkrankten Stollen stets rein, trocken und kühl zu 
halten sind; die Beinkleider müssen oft gewechselt w^erden, 
und stets weiss und rein sein. Diesen an sich tadellosen 
Hauptgrundsätzen entsprechen die angewendeten Mittel 
nicht immer oder nur unvollkommen : mit Asche von ver- 
branntem Seidenpapier will er viele geheilt haben; auch, 
abgeschabten schwarzen Russ, wie er im Ofenloch ge- 
funden wird, hat Valescus, es ist nicht gesagt mit 
welchem Erfolg, versucht; daneben ist freilich auch bei 
tieferen und unreinen Geschwüren Pulver von Aloe und 
Plumbum ustum empfohlen. Gegen Ulcerationen der 
Glans mit gleichzeitiger Phimpsis und Schwellung des 
Praeputiums sind häufige Einspritzungen von gutem weis- 
sen Wein (2 Pfund), in welchem gebrannter Alaun (2V^ 
Drachmen) und essigsaures Kupfer (IV2 Drachme) gelöst 
sind, besonders gelobt. Droht Gangrän, so kommen Mes- 
ser, Glüheisen und medicamentöse Caustica an die Keihe ; 
„wenn aus einem Geschwüre oder einer excoriirten Stelle 
Blut fliesst, möge sie (jedenfalls die Arterie) unterbunden 
werden (restringi)." Die Hämorrhoiden und Condylome i) 
am After sind undeutlich und nach irgend einer älteren 
Schablone beschrieben-, nur die Bemerkung verdient Er- 
wähnung, dass die Ficus, die schlimmste Art der drei 



1) Ibidem, üb. IV, cap. 37: „Tstarum autem triuni passionum 
(Ficus, Condylomata et Attrices) ficus est deterior, quia multa ma- 
teria est in eius causa, et frequeotius pustulatur et ulceratur." 



izüsw^lic. Aerzti 



Torn: 



warzenförmigen Excrescenzen am Aftor, sich häuög iii Pu- 
steln und Geschwüre verwandeln. Dies thun zumeist doch 
nur unsere Condylomata lata im Sinne des Valescus. Auch 
bringt er, gleichsam die eigenen Erfahrungen stützend, 
die für die Existenz der Syphilis zeugende Stelle des Ävi- 
cenna in folgender Fassung wieder: Primo dicit Avicenna, 
quod ulcera, quae fiunt in testiculis et virga, et in ano, 
sunt mala et ambulativa, atque leviter venit putrefactio, 
propterea, quia sunt in loco abscondito et illa loca de- 
clinantia sunt ad caliditatem et humiditatom ... et sunt 
similia illis, quae fiunt in visceribus et in ore." lieber 
den Tripper, welcher unter „ardor urinae" und jedenfalls 
auch unter „Gomorrea" gedacht ist, finden sich ebenfalls 
keine neuen Aufschlüsse; es sei denn, man hält die Er- 
klärung dafür, dasa die Oomorrea (wie damals und auch 
noch spater von einigen Aerzten der Tripper genannt 
wurde) ihren Namen von der Stadt Gomorra, wo diese 
Krankheit ursprünglich geherrscht habe, erhalten hatte '). 
Johannes a Tornamira, Leibarzt der Päpste Gre- 
gor XI. und Clemens vir., Professor der Arzneikunde und 
Kanzler in Montpellier, gestorben im Anfange des 15. Jahr- 
hunderts, erbrachte für die bereits bei den Arabern (Isaak 
und Rhazes) entwickelte, in der Folgezeit so verhäng- 
nisavoll gewordene Identitätslehre eine neue Stütze; er 
hielt dafür, dass sich aus einem langdauernden „ardor 
urinae", wie auch er den Tripper nannte, Pusteln und 
Geschwüre an den GenitaUen bilden können^). Diese 
vermeinten Secundäraftecte können keinesfalls harmloser 



1} Ibidem, lib. VI, cap. 4: „Gomorrea a Gomorra nivitate di- 
citttr propter ineptain humanam seminls effusionem, sicut in illa 
civitate flebat. Idem tactus mnlierum cum cupidine concubitus 
aliquando est causa emissiotüs spermatis absque vohintate et virgae 
erectioue et inodica vel uulla delectatioue." 

2) Johannes de Tornamira. Clarificatorium super 
nono Almansoris. Venetiis, 1&07, fol., p. 83: Plurea pustulantur et 
ulcerantur in virga, ai urina ardens . . . duraverit, quod non cor- 
rigatur per inedic.um." — Yg[. H e ii s 1 e r, Geschichte der Luetseucbe 
pp. 164, 171, 173, 177, 185. 



_ • 

Französische Laien. König Lothar. 335 

Natur gewesen sein, da sogar die Möglichkeit der Heilung 
durch den Arzt in Frage gestellt ist. 



Laien. 

Vom König Lothar berichtet Schnurrer^), dass 
jener „am 12. März 988 an einer venerischen, nicht pe- 
stilentialischen Beule, welche ihm von seiner Gemahlin 
mitgetheilt worden war, starb", und stützt sich dabei auf 
eine Stelle aus dem französischen Geschichtschreiber 
Mezeray; dieser sagt: „Ce fut un grand malheur dans 
la Maison royale, et un plus grand encor de ce que Lo- 
taire mourut le 12 jour de Mars Tannöe suivante (988) 
de quelque mauvais Boucon qui lui avoit 6te donn6 par 
sa propre femme." 

Der Fluch eines unbekannten französischen Dichters 
aus dem 13. Jahrhunderte enthält, wie so manche ältere 
und besonders neuere Flüche unverkennbare Andeutungen 
über die venerischen Krankheiten und beinahe zweifellos 
auch über die Syphilis. Die untenstehenden Verse 2) sind 



1) S c h n u r r e r , Friedrich, Chronik der Seuchen. Tübingen, 
1823, 80, II, p. 36. 

2) L i 1 1 r e , E. Bemerkungen über die Syphilis im 13. Jahr- 
hundert. In; Janus, Breslau, 1846, I, p. 595: 

„Que Diex lor envoit grant meschief, 

Et mal au euer et mal au chief. 

Mal es bouches et pis es dens 

Et mal dehors et mal dedens, 

Goutte rose, fi e pour fi! 

Si en dirai le clergies fi. 

Le leu et la goutte volage 

Les escroeles et la rage, 

Toutes vilaines et vilain 

Aient tout le mal saint Gillain, 

Et goutte feske et goutte arthrique. 

Et le mal, ke on dist etique, 

ßogne, vairole et apostume! 

Et si aient plente de grume. 




336 

von Fraucisque Michel in Paris, IS'äÜ im Original 
herausgegeben und von der Redacliou des „Janus" wie 
fotgt übersetzt worden; „Gott schicke grosses Unheil Über 
sie, im Herzen Weh, und Weh im Kopfe, im Munde 
Schmerz imd Aergern in den Zähnen, drausseu Uebel um 
Uebel drinnen, Kupfernase und Schwamm (Ficus, tumeu; 
fongueuse) auf Schwamm, so dass Pfui der Priester dazu 
sagt, Wolf (lupus, ulc^re rongeant) und die Wander-Gicht, 
die Skrophehi und die Tollheit. Diese ychündlichen und 
jede Schändliche beti-effe alles Uebel des heiligen Aegid, 
die fixe Gicht imd das Zipperlein, das was man Hektik 
nennt, die Krätze, Blattern (vairole), Schwäre: besäet mit 
Drüse seien sie, mit Fieber und mit Gelbsucht, mögen sie 
den Tripper haben, das Uebel, das sie heulen mache und 
die Wunde, die nie heile." Vollkommeu deutlich als ve- 
nerische Erkrankungen ausgedrückt sind hier wohl nur 
der Tripper (chaude-pissc) und die Feigwarzen (Schwamm 
auf Schwamm, fl e pour fi) ; aber es ist auch mehr als 
wahrscheinlich, dass unter vairole oder variole nicht die 
Blattern, sondern die Syphilis gemeint ist; denn es ist 
sichergestellt, dass im 15. und 16. Jahrhundert und ver- 
einzelt auch noch später, nicht nur in Frankreich, sondern 
auch in England und Deutschland, sowohl in der medi- 
cinischen als auch in der schöngeistigen Litteratur Va- 
riolae, Pox, Pockes , Blatteren , Blattreu , Blattern und 
Pocken schlechtweg gleichbedeutend mit Syphilis war, 
und auch noch Shakspeare') bezeielmet dieselbe 
Krankheit wiederholt nur durch Pox. Man setzte diesem 
Ausdruck allerdings zumeist irgend ein Ädjectivum bei, 
um Missverständnisse zu vermeiden, und sprach von , 
riola magna s. erassa, la grosse Varole, la grande Varole«J 

Pleiitfe de fievre et de JauniBse! 

Et ei aieat lo cliade-pisse, 

MmI kl \eH l'aicbe reclianer, 

El plaie ki ne puiat sauer!" 
1) Shakspeare, The second part of KiMg Henry iv, act-ti^ 
Bcene 2. — Hamlet, act v, scene I ; u, a. O.; vergl.: J. K, ProkflciS 
Einige DichtRi- der Neiiaeii ühcr Syphilis. Wien, 1881, H", p. 6— «3 




Französische Laien. Johanna i. 337 

french Pox, spanish Pox, französischen Pocken und Blat- 
tern, bös Blattern, grossen Blattern" u. s. w.; aber auch 
Variola, Pox und Blattern kurzweg galt, wie gesagt, ganz 
sicher für Syphilis. Erst später gebrauchte man statt des 
französischen Variola, V6role, was nur Syphilis heisst, 
und die heutigen Blattern hiessen petite v6role. — Goutte 
rose mit Kupfernase übersetzt, ist wohl zu frei; es be- 
deutet ausser Rothlauf einen Kupferausschlag im Gesicht. 

Aus dem oft abgedruckten ^) und wohlbekannten vom 
8. August 1347 datirten Prostitutions-Reglement der Kö- 
nigin beider Sicilien und Gräfin der Provence, Johanna I., 
welches für das Bordell in Avignon bestimmt war, inter- 
essirt hier zunächst wohl nur der vierte Abschnitt: „Der 
Königin Wille ist anbei noch, dass an jedem Sonnabend 
die Priorin und der vom Rath erwählte Wundarzt jedes 
Mädchen untersuchen sollen und wenn sie darunter eine 
finden, die mit einem aus dem Beischlafe entspringenden 
Uebel behaftet ist, so soll man sie von den übrigen ab- 
sondern und in ein besonderes Gemach thun, damit sich 
Niemand ihr nähere und der Ansteckung der Jugend vor- 
gebeugt werde.'' 

Es ist bisher in der Litteratur unbeachtet geblieben, 
dass Prosper Yvaren^), Arzt in Avignon, gegen die 
Echtheit der Statuten der Königin Johanna I. aufge- 
treten ist: nach Yvaren wären diese Statuten von einer 
mit den Namen benannten „lustigen Gesellschaft ge- 
schmiedet" worden, um „einem so gelehrten Manne, wie 
Astruc, und mit ihm der ganzen Klike der Syphilido- 
logen einen Streich zu spielen." Yvaren, welcher sich 



1) Astruc, 1. c. I, p. 59: „La Reino vol que toud^s lous 
samd^s la Baylouno et un Barbier deputat das Consouls visitooin 
todos las fillios debauchados, que seran au Bourdeou. Et si sen 
trobo qualcuno qu' abia mal vengut de paillardiso, que talos fillios 
sian separados et lougeados k part, afin que non las counougoun, 
per evita lou mal que la jouinesso pourri6 prenre." 

2) Yvaren, Prosper. Beweise, dass die berüchtigten Sta- 
tuten der Königin Johanna (vom Jahre 1347) falsch und unterschoben 
sind. — In: Behrend's Syphilidologie. Leipzig, 1840, II, p. 443—448. 

Proksch, Geschichte der vener. Krankheiten I. 22 



338 Franaösische Laien. Cent NouvelleN. 

um die Untersuchung dieser Angelegenheit viel Mül 
gegeben und die Archive, Bibliotheken, das Museum und 
alle Sammlungen zu Avignon durchforscht hat, kommt 
dennoch nur zu folgenden, sehi' wenig sagenden Schluss- 
sätzen: „1) Dass es leider zu allen Zeiten in Avignon 
eine sehr grosse Anzahl lüderlicher Häuser gegeben hat; 
2) daaa, wenn auch das sehr frühe Dasein solcher Häuser 
in Avignon erwiesen und eine Königin Johanna von 
Neapel wirklich Oberherrin von Avignon gewesen ist, es 
durchaus durch nichts zu ei-wciscn ist, dass diese Königin 
mit der Regulirung der Bordelle sich beschäftigt und 
Statuten, wie sie Astruc anfuhrt, erlassen hätte." 

Ueber eine andere Bordellordnung berichtet Des- 
ruelles')' j)En 1388, ä Strasbourg, un reglement des ma- 
gistrats prescrivait aux ferames publiques de ne sortir de 
Icur maison que la t&te couvci'te d^un volle, sur lequel 
serait pos6 un chapoau noir et blanc, d'une forme seni- 
blable ä celle de nos pains de sucre. On connait l'origine 
du proverbe: bonne renommöe vaut mieux quo ceinture 
dorße. Ces reglemens ne se bornaient pas ä indiquer les 
henres pendant lesquelies il etait permis ä ces femmes 
de se livrer ä leur metier ; ils ordoimaient aussi aux ma- 
trones de surveiller, et m6me d'interdire Celles qui avaient 
du mal, afin d'empecher qu'il ne se communiquät k ceux 
qui les frequentaient," 

Dass die Condylome ebenso wie im Alterthum und 
bei den Arabern, auch von den abendländischen Völkern 
des Mittelalters, sowolil von Äerzteu und Laien, mit den 
Hämori'hoidalknoten wie wohl auch mit andern Erkran- 
kungen des Afters verwechselt, zusammengeworfen, dann 
aber auch verdächtigt und auf eine unsaubere Aufführung 
des davon Befallenen zurückgeleitet wurden, beweist eine 
ausserdem noch in anderer Bezichuug äusserst interessante 



1} DeBi'uelles, H. M. J. Traite pratique dejj maladias ve- 
n^riennes. Paris, ISüü, 8", p. 7—8. — Eine Quelle ist an dieser 
Stelle nictit genannt; in der Bibliographie aber ist „Chroniiiues de 
Strasbourg" angel'ülirl. 



Französische Laien. Cent Nouvelles. 339 

Ton Hensler^) aufgefundene Nouvelle, worüber wir ihm 
selbst das Wort lassen wollen: „Die Hämorrhoiden", sagt 
Hensler einleitend, „waren nicht nur bei den Aerzten 
sehr verrufen, sondern sie waren es auch im gemeinen 
Leben. Man hielt sie für ein arges, hässliches, immer 
hartnäckiges, und selbst oft tödtliches Uebel, weil man 
-Alles dazu rechnete, was sich Arges und Unreines am 
After begab. Man nannte sie Broches, von deren Ursprung 
-selbst die Laien in der Medicin ziemlich zweideutig dach- 
ten, so zweideutig als die Aerzte es auch thaten.'' Und 
nun als Beleg dafür sagt Hensler in der Anmerkung: 
„Die damals so beliebten Cent NouTelles sind zwischen 
1457 und 1461 geschrieben, in welcher Zeit Ludwig xi., als 
Dauphin, sich beim Herzog Philipp von Burgund aufhielt. 
S. Vorrede, Nouvelle 2. Ein reicher Kaufmann zu London 
hatte eine schöne artige Tochter, um deren Gunst sich 
viele bewarben. Advint toutefois, ou que Dieu le permist, 
ou que fortune le voulut et commenda, envieuse et mal 
contente de la prosperit6 de cette belle fille, de ses parens, 
ou de tous deux ensemble; ou espoir d'une secrete cause 
et raison naturelle, dont je laisse Tinquisicion aux philo- 
sophes et medecins, qu'elle cheut en une dangereuse et 
deplaisante maladie, que communement on appelle broches. 
La dulce maison fut tres largement troublee u. s. w. Die 
Traurigkeit und die Furcht der Eltern und der Tochter 
waren sehr gross, und von allen Seiten her ward Hilfe ge- 
sucht. Les medecins virent apertement le grand meschief, 
qui fort la tourmentoit. Sie wandten alles an gegen ce 
detresseux mal. Man liess gar einen Maistre Cordelier, 
der nur ein Auge hatte, kommen, der das andere beim 
Curiren dazu verlor, und wodurch das mauldit (maudit) 
mal de broches bekannt wurde. Man muss aus den 
Schriften der Aerzte es wissen, wie vielbedeutend und arg 
die Hämorrhoiden der Zeit waren, um die Grösse des Uebels 
zu begreifen, das so ein hübsches Mädchen befing; sonst 
versteht man die Geschichte nicht." Dieser Fall ist frei- 



1) Hensler, Geschichte der Lustseuche p. 326 u. fgde. 



340 Französische Laien. Villon. 

lieh nicht über jeden Zweifel gestellt, doch lässt sich nach 
allen Einzelheiten kaum an etwas anders denken, als- 
woran Hensler dachte. Die wenigsten der aus dem 
Alterthum und Mittelalter vorhandenen litterarischen Docu- 
mente sind an sich für ein bestimmtes Krankheitsindivi- 
duum absolut beweisend ; sie w^erden es immer erst durch 
die Vergleichung mit den in genügender Anzahl bekann- 
ten unzweideutigen und klaren Schriftstücken. 

F r a n 5 i s Villon (auch de Montcorbief genannt), ein 
genialer, aber sehr ausschweifender und moralisch verkom- 
mener Dichter, dessen Tod sicher vor 1489, dem Erscheinen 
der ersten Ausgabe seiner Gedichte i) Mit, bringt eine Reihe 
von Belegen, welche noch viel deutlicher als die des un- 
genannten französischen Dichters aus dem 13. Jahrhundert 
dafür sprechen, dass nicht nur die primären venerischen 
Erkrankungen, sondern auch ein Theil der secundären 
Manifestationen der Syphilis bei der Pariser Bevölkerung 
bekannt, oder dass doch wenigstens in gewissen Schichten 
der Gesellschaft ganz bestimmte Begriffe über den Zu- 
sammenhang zwischen geschlechtlichen Ausschweifungen, 
d. i. Infection und primären, so wie auch einigen secun- 
dären Erscheinungen der Syphilis vorhanden waren. Ob- 
wohl die beweiskräftigsten Stellen bereits durch H e n s - 
1er 2) (1783) in die Geschichte dieser Krankheit eingeführt 
wurden, so sind sie dennoch nur sehr selten benützt, 
von den Vertheidigern des neuzeitlichen Ursprunges aber 
gänzlich übergangen worden. 

Vorne an hat auch Villon, der seine diesbezüg- 
lichen Gedichte um das Jahr 1460 geschrieben haben soll,, 
einen gräulichen Fluch über alle verläumderischen Zungen, 
welche anderer Menschen Ehre und Namen verunglimpfen,, 
und da will er denn diese Zungen mit Allerlei eingerieben 
wissen; darunter ist: Sublimat, Arsenik, Schlangenblut,. 
Katzen Speichel, Menstrualblut und auch Jauche von Schan- 



1) Oeuvres de FraiKjois Villon, par de Form ey. Paris, 1742,. 
8® und noch sehr oft. 

2) Hensler, Geschichte der Lustseuche pp. .'i08 u. 323 flf. 



Französische Laien. Villon. 341 

kern, Feigwarzen und das zu den örtlichen Waschungen be- 
nützte Wasser der Huren; dazu macht Villon die Bemer- 
kung : „ Wer das nicht kennt, ist in Bordellen nicht zu Hause'' ^). 

In einem andern Gedichte verklagt er die kleine 
Mac6e aus Orleans, seine erste Geliebte, die ihn zuerst 
verführt und ihm eine sehr arge Unreinigkeit (trös mau- 
vaise ordure) verursacht hatte, und verlaugt von den 
Oerichtsherren der Chambre des Comptes, welche ihrer 
Leiden am Gesässe wegen auf durchbrochenen Stühlen 
sitzen müssen, eine besonders hohe Busse für Macöe^). 
Dass der Dichter seine Krankheit Ordure nennt, kann 
nicht befremden, da sie auch die damaligen Aerzte Im- 
naunditia, Sorditudo, Squalor, also ebenfalls so benannten. 

Auch eine spätere Geliebte, Margot, mit welcher der 
Dichter am längsten verkehrte, litt an Ordure^). Am be- 
zeichnendsten ist jedoch die Stelle in einer Ballade, in 
welcher Villon seinen Kameraden, Pernet de la Barre, 



1) „En sublim^, dangereux k toucher 
Et au nombril d'une couleuvre vive, 

En sang, qu'on mect en poylettes secher 
Chez ces barbiers, quant pleine lune arrive, 
Dont I'ung est noir, l'autre plus vert que cive; 
En chancres et fix et en ces ords cuveaux, 
Ou nourrices essangent leurs drappeaulx, 
P2n petits bain^s de filles amoureuses 
(Qui ne m'entend n'a suivy les bordeaulx) 
Soieut frittes ces langues venimeüses." 

2) „Quant de Messieurs les Auditeurs 
Leur grange ilz auront lambrissee, 
Et ceulx, qui ont les culz rogneux 
Chascun une chaize pers^e. 

Mais que k la petite Mac6e 
D 'Orleans, qui eut ma ceincture, 
L'amende soit bien hault tax^e, 
Car eile est tr6s mauvaise Ordure." 

3) „Vente, gresle, gelle, j'ay mon pain cuict 
Je suis paillard, la paillarde me duit: 
L*ung vault l'autre, c'est ä mau-chat mau-rat 
Ordure avons et Ordure nous suyt 

Nous deffuyons honneur, et il nous fuyt 
En ce bordel, ou tenons nostre 6tat." 



342 Französische Laien. Gerichtliche Dociimente. 

auffordert, wenn er sciaer Geliebten mit der nez torta 
begegnet, sie nur ohne alle weiteren Umschweife zu fragen: 
„Orde paillarde, d'ou viens tu?"') Friedberg*) Über- 
setzt diese Frage woTol allzu frei mit „Woher kommt 
dieses Hurenzeiehen?" ; obzwar dies immerhin sinngetreu 
sein mag, denn jedenfalls kann man sich unter nez tortu, 
in Verbindung mit der Beschimpfung orde paillarde (ab^ 
schenUche Hure) keine gesunde Nase denken. Carl 
S a c h s ^) übersetzt „nez tortu (chirurgisch) = Nasenbinde'C 
was wohl mit voller Sicherheit auf eine kranke Nase def 
„damoyselle" schliessen lässt. 

Charles Victor Daremberg, Professor fllr 
schichte der Medicin und Chirurgie in Paris, veröffend 
lichte aus den Archiven seiner Vaterstadt Dycn ein 
gerichtliche Documente, welche die Enunciationen dej 
vorhergehenden französischen Laienschriftsteller bezUglid 
des Schankers und der Syphilis durchgehends bestätigen^ 
Das wichtigste dieser Documente ist vom 25. Juli 1463 
datirt, und enthält unter anderen die hier interessirende 
gerichtlich erhobene Thatsache, nach welcher ein unge-g 
stüm werbender „prötre" durch die Erklärung eines B 
ehens: es leide andern „gros mal", abgeschreckt wurde*Ä 

1) Ce sera Pernpt de ta Barre 
Pourveu s'ü rencontre en aoii erre 
Ma damoyselle au nez tortu 
II lu}' dirn sans phxa enquerre 
Orde paillarde d'ou viens tu?" 

2) F r i e d b e r g , l. c ji. 93. 

S) S a c h B , C. EneyklopSdisches französisch-deutscheB und 

deutsch- franzögis che a Wörterbuch. Grosse Ausgabe. Berlin, 1869 
bifl 1873, Lex. 80, I, p. 1043, mittlere Spalte, Art. 5. 

4} Daremberg, Ch. V. Archives de la ville de Dijon. Sörie 
C. Jurisdiction municipale. Proe^s criminels. — lu; Union mßd. 
Paris, 1868, Nr. 116 und in Vircliow'a Archiv, Berlin, 1875, LSIV. 
p. 333 — 325: „Et depuis ledit depossant la tint enibrass^e et aussi 
flt laditB Alle, et aprfes certain espaee de temps pour la a 
fois et en tnontant sur eile en anteneion de la cognoistre chameL 
ment ladite alle lui deist qu'elle avoit le gros mal, pourquoy lu] 
tout espardu et ayant horreur du mal, nc monte et ue se trarai 
plus avant de la cog;noistre chamelment . . ." 



Französische Laien. Gcrichtti<.'liL' Docnmeule. 



343 



In den übrigen Fällen ist uiir von „chanere" an den Ge- 
nitalien die Rede; wovon ein Fall am 13. Juni 1430 zu 
gerichtlicher Untersuchung gelangte '). — Erinnern wir 
uns nun aus dem Vorangegangenen, dass den Laien nicht 
blos diese „ehancres", sondern auch die „fies" {Feig- 
warzen) nnd die „chaude-pisse" (Tripper) als Benennungen 
für Localaffecte seit langer Zeit geläufig gewesen sein 
müssen ; bedenken wir ferner, dass alsbald, und zwar 
theüweise noch vor dem Ende des 15. Jahrhunderts in 
Frankreich die Bezeichnungen „grosse Vörole, grande 
Vörole, grande Gorre" und auch „gros Boutons" für Sy- 
philis gebräuchlich wurden, so ist es wohl ganz unmög- 
lich anzunehmen, dass man in Dijon damals unter „gros 
mal" einen dem Namen nach lange und recht gut be- 
kannten Localaffect verstanden haben kann. Die Be- 
zeichnung der Syphilis als einer grossen oder schweren 
Krankheit kam übrigens auch, wie schon angedentet, in 
andern Ländern als ,, Variola magna s. crassa, Morbus 
Herculeus, grosse Blattern" u. dgl. vor. 

Von den Documenten zur Gesclüchte der Syphilis 
in Frankreich circuliren seit Ästruc') einige Gesetze 
des Parlaments und Verordnungen des Prövost (Prövöt) 
von Paris, betreffend die öffentlichen Massregeln gegen 
die „Grosse Veröle". Diese Documente, welche ihrer 
ganzen Länge nach und in ausführlichen Excerpten sehr 
oft abgedruckt wurden, können hier um so eher über- 



1) Ebenda: ,11h dient par leurH Kermens <)iie ladite Jeliannotte 
ft 6t6 vyolfie et corrumpue charnelment comnie il leur a apparu et, 
qni n'y ponrverra, ladite Jehannotte est eo voye de perdicioD, con- 
aidcre de desja eile est eschauffee pnr dedaus et se eneommance jay ti 
pTeudre le ehancre se remede et provision n'y est mis bien brief," — 
Bin anderes Documcnt vom 5. August 1445 bringt bezüglich des 
Schankers einen negativen Befund. ,Le caa est tel ä environ ung 
mois qiie par eschauffoison de la verge ou le membre virile de 
Jftcot dxi Mex, boulangier, demeurant ä Dijon, luy estoit enflee et 
ny avoit ne chancre ne aultve maladle quo tant seulement en- 
fleure ..." — Vgl. F. B u r e t , Le ..gTos mal" du moyen-age. PariSj 

■, p. 111. 

2) Astruc, ). c. I, p. 109—118. 



344 Französische Laien. Gerichtliche Documente. 

gangen werden, als keines von denselben die Existenz der 
Syphilis in Paris vor dem Jahre 1494 nachweist. Nun 
brachte aber der vollkommen verlässliche Galligo^) eine 
vorher in der Syphilographie ganz unbekannte und auch 
heute nicht weiter beachtete Verordnung des Pr6v6t von 
Paris vom 25. März 1493, welche As truc vielleicht nicht 
kannte, oder vielleicht wohl auch deshalb nicht erwähnte, 
weil sie zu dem von ihm so leidenschaftlich vertheidigten 
amerikanischen Ursprung der Syphilis durchaus nicht 
passt. Das Schriftstück ist zu wichtig, als dass es hier 
tibergangen werden dürfte; es sei daher sammt der Ein- 
leitung Galligo's reproducirt: 

„Altro documento pure valevole a dimostrare Tori- 
gine antica ed anteriore alla scoperta deir America, si 6 
rOrdinanza del Prefetto di Parigi del 25 Marzo 1493, ri- 
trovata dall' egregio nostro amico Cav. Ottavio Andre- 
ucci nella famosa collezione del Lauriöre, intitolata: Or- 
donnances des Kois de France de la troisieme race jus- 
que au r6gne de Louis xii par Lauri^re et autres (Tome 
XX, pag. 436). E questo documento 6 molto importante, 
imperocche accenna ad ordini emanati precedentemente, 
a proposito della inosservanza dei quali si minaccia Tap- 
plicazione della pena della forca. Ecco il documento tale 
e quäle e inserito nella menzionata opera: „„A Paris. 
Ordonnance 25 Mars 1493, touchant des maladies conta- 
gieuses, du Pr6vost de Paris. — Combien que par cy- 
devant ait este publik, cri6 et ordonnö ä son de trompe 
et cry pubUc par les carrefours de Paris, k ce qu'aucun 
n'en put prendre cause d'ignorance, que touts malades 
de la Grosse-Verole vouidassent incontinent hors la vllle, 
et s'allassent les estrangers 6s lieux dont il sont natifs et 
leg autres vouidassent hors la dite ville, sur peine de la 
hart. Neantmoins lesdits malades en contempnant xesdits 
cris, sont retourn6s de toutes parts, et conversent parmi 
la ville avec les personnes saines, qui est chose dange- 



1) G a 1 1 i g , J. Trattato teorico-pratico snlle malattie ve- 
neree. III ediz. Firenze, 1864, 8», p. 17—18. 



Französische Laien. Gerichtliche Documente. 345 

reuse pour le peuple et la seigneurie qui ä prösent est 
ä Paris. 

1°- L'on deffeud derechef de par le Roy et mondit 
sieur le Prövost de Paris, k touts les dits malades de la 
dicte maladie, tant hommes, que femmes que incontinent 
apres ce present cry ils vuident et se departent de la 
dite ville et faubourgs de Paris et s'envoissent, sQävoir: 
lesdits forains faire leure residence 6s pays et lieux, dont 
ils sont natifs et les autres hors ladite ville et faubourgs 
sur peine de estre jectez en la Riviere^) s'ils y sont pris 
le jourdhuy pass6; et enjoint-t'-on ä touts commissaires 
quarteniers et sergents, prendre, ou faire prendre ceux 
que y seront trouvez, pour en faire Texecution. 

2^- item. -^ L'on commande et enjoint que chacun 
endroit soy fosse diligemment netoyer et vouider les boues 
et immondices de devant leurs maisons sur peine de 60 sous 
parisis d'amende, et que nul n'y mette ou fasse mettre 
immondices s'il n'ä incontinent le tombereau pret pour 
les oster, sur la dite peine.^*^* 

Die hier übergangene Nachschrift Gallige 's schliesst 
allen Zweifel darüber aus, dass von seiner Seite ein Ver- 
sehen im Datum oder sonstwo unterlaufen wäre. Nun aber 
stimmt dieses Document auffallend, in den ersten zwei 
Absätzen mit Ausnahme der Aufschrift, wörtlich mit einem 
andern Documente überein , welches A s t r u c unter dem 
Datum vom 25. Juni 1498 vorführt. Es spricht dies aller- 
dings nicht gegen die Echtheit desselben, denn ähnliche 
Verordnungen sind jedenfalls im Laufe der Jahre mit ge- 
ringen Abänderungen neuerdings in Erinnerung gebracht 
w^orden; aber sonderbar bleibt es immerhin, dass dem 
Astruc gerade die Ordonnance vom 25. März 1493 im- 
bekannt geblieben sein sollte. 



1) Zu dieser Stelle bemerkt Gallig o; „II Commentatore deir 
Ördinanza aggiunge in nota: „„apparemment sans jugement et 
constation prealable."" 



Engländer. 



Aerzte. 

Ueber Gilbertus Anglicus^), welcher sein Compen- 
dium der practischen Medicin um das Jahr 1290 verfasste, 
sagt Kurt Sprengel*): „Wichtig ist sein Werk auch 
unter anderm desswegen, weil hier die Methode, das 
Quecksilber in Salben zu ertödten, umständlich gelehrt, 
und zugleich vorgeschlagen wird, gestossenen Senf dazu 
zu thun, um die Ertödtung zu beschleunigen. Sonst lässt 
Gilbert das laufende Quecksilber gewöhnlich mit Speichel 
reiben . . . Seine Beschreibung und Kur des Trippers (go- 
morria) und Schankers beweiset die allgemeine Ausbrei- 
tung der unreinen ELrankheiten seit den Kreuzzügen.** 
Nach AugustHirsch^) giebt Gilbertin dem „Capitel 
über Lepra einigen Aufschluss über das Vorkommen von 
Syphilis in jener Zeit", und nach Joh. Hermann Baas*) 
empfahl er „gegen geschlechtliche Schwäche ein mit im 
wahren Wortverstande addirtem Unsinne beschriebenes 
Papierschnitzel zu tragen." Ich konnte auch diesen Schrift- 
steller nicht zu Gesicht bekommen. 



1) Gilbertus Anglicus. Compendium medecinae tarn mor- 
borom universalium quam particularium. Lugduni, 1510, 4®, 362 
11. 4 Blätter. 

2) Sprengel, K. Geschichte der Arzneikunde. 3. Aufl. II,. 
p. 568—569. 

3) Hirsch, Aug. Biographisches Lexikon der hervorragen- 
den Aerzte. U, p. 552. 

4) Baas, Joh. Herrn. Grundriss der Geschichte der Medicin,. 
p. 215. 



Engliacho Aerzte. Riuliardua. 



BicliardiiH AngHciis schrieb im 13. Jahrhundert eine 
kleine medicinische Encyclopädie, welche er „Micrologus" 
nannte, und welche vonLlttrö') in einer Pariser Biblio- 
thek unter den Handschriften aufgefunden wurde, Riehard 
lässt die Geschwüre an den Genitahen durch den Coitus 
mit menstruirenden Weibem entstehen nnd behandelt sie 
durch einen Aderlass an der Hepatica oder einer Vene 
an dem After, Scarificationen an den Schienbeinen, wäscht 
die Geschwüre mit Abkochungen von Malva, Salbei und 
Skabiosen, beatreicht sie dann mit „Populeon", welchem 
Rosen-, Veilchen- und Eidotteröl, das specifisch wirke, 
beigemischt wird und bedeckt darauf die Geschwüre mit 
den Blättern von Kohl, Kraut und Spitzwegerich, denen 
Ungaentum citrum, Saft von Lilienwurzel, Spitzwegerich 
u. dgl. beigegeben ist. Das Unglaublichste und Entsetz- 
lichste stellt er als allgemein bekannt hin und ejupßehlt 
es; nämlich: bei gi-ossem Schmerz und Gesehwulst (des 
Gliedes) aolle man lange im Coitus bei einem Weibe ver- 
weilen, denn die Vagina vermindert durch Saugen, Er- 
weichen und Reinigen den Schmerz und zieht den Eiter 
an; darum soll auch der Beischlaf oft geschehen. Hierin 
Übertroffen wird Richard noch von einigen Aerzten des 
16. Jahrhunderts, die für solche Kuren ausdrücklich reine 




1) Littrij, F.. Bemerkungen über die Syphilis im 13. Jalir- 
hundert. ^ In: Janiis, I, p. 587: ,Ulce,rantur utrac|tie, vlrga scilicet 
et testäculi, tempore menstmorum ex coihi, es Halsia hiinioritms et 
acntis et incensis, quod satis ex calore cutis et pustulamm tbI bb- 

niei, ex pniritu et piinctura et ardore perpenditiir hie igitttr 

primo prodest phlebotomia hepatica vel venosa in natibus vel scft- 
riScaCio in tibiis. PoBtea lavetur cum decocio malvae, salviae, 
ctuiilae et scnbiosae; sit auiem tepida, et tanc innngatur cum 
populeon, addito oleo rosino vel vioiino vel oleo de vitellis ovorum, 
quod specialisaimum est in hae cura; et tune cooperiaiur foliis cau- 
lium vel arnogloasae. Prodest etiam, si cum vitellino oleo pamm un- 
guenti citri apponatur, ve! succus arnoglossae, radix. lilii, vitelli crudi, 
azungia gallinacea, inedulla vitellina, rasura lardl abluta. Et nota 
qaod in magrio dolore et tumore prodest, si in nmliere diu, qaando 
in Goitu, moretur; vulva enim aug-endo, moUificando et quasi pur- 
^ando dolorem miuuit et BAniem a.ttrahit, et hoc saepe fiat . . .* 



548 Englische Aerzte. Gaddesden. Arden. 

Jungfrauen verlangen. Es sind dies wohl die schmerz- 
lichsten Erfahi'ungen, welche jeder raedicinische Historiker 
machen muss, dass er all den geföhrlichen oder schäd- 
lichen Aberglauben, wie er leider heutzutage noch allzu 
häufig in den niederen, manchmal wohl auch in den obern 
Schichten des Volkes verbreitet ist, deutlich und genau in 
der Litteratur als wohlgemeinten ärztlichen Rath wieder- 
findet. 

John Gaddesden, auch unter dem Namen Johannes 
Anglicus bekannt, Lehrer am Merton-CoUege in Oxford, 
später Leibarzt am Hofe in London, verfasste sein viel 
gelobtes und nicht weniger gelästertes Compendium der 
Medicin zwischen 1305 und 1317. Epochemachende Neuig- 
keiten und scrupulöse Nachweise über benützte Vorlagen 
werden ja auch heutzutage in derartigen Compilationen 
nicht gesucht, und so ist es wohl eigentlich auch Gad- 
desden nicht allzu sehr zu verargen, wenn er von der 
altersher geduldeten Freiheit des stillschweigenden Nach- 
schreibens den ausgiebigsten Gebrauch machte. Was zu 
seiner Zeit an Albernheiten und Wissen in Umlauf war, 
ist daher bei ihm ebenfalls zu finden; die bekannte pro- 
phylaktische Massregel hat er, wie ihm schon so oft vor- 
geworfen wurde, wirklich dem Lanfranchi buchstäb- 
lich nachgeschrieben, nur bemerkt er dazu : auch mit dem 
eigenen Urin könne man sich inner- und ausserhalb des 
Praeputiums waschen. Bei gewissen, nicht näher bezeich- 
neten Krankheiten des Gliedes und der Hoden empfiehlt 
er eine Art Suspensorium^). 

John Arden (auch A r d e r n), Leibarzt der englischen 
Könige Richard ii. und Heinrich iv., verfasste ausser seiner 
nur auszugsweise bekannten ungedruckten „Practica" um 
das Jahr 1380 auch eine kleinere ebenfalls ungedruckte 



1) Joannes de Gaddesden. Rosa anglica s. Practica me- 
dicinae a capite ad pedes, emendata per Nie. Scyllatium. Papiae, 
1492, fol., Lib. II, Cap. 17, Blatt 107 a: „Et est notandum, quod in 
passionibus virgae vel testiculorum peplo vel benda supposita« con- 
venit, ne suspensio noceat faciendo currere materiam ad locum,** 



Eng'lische Aerzte. Arden. 349 

Abhandlung, aus welcher William Beckett^) eme 
Stelle über den Tripper bekannt machte. Arden erklärt 
diese Krankheit für eine Entzündung und Excoriation der 
Harnröhre und behandelt sie mit Einspritzungen von 
Frauenmilch, welcher Zucker, Veilchenöl und Mandel- 
milch beigesetzt werden soll. Die späteren Nachrichten 
über Arden belegt Beckett^) leider nicht mit den 
Originalstellen; aus dem Referate ist nur ersichtlich, dass 
Arden über Phimosis, Paraphimosis und Carunkeln in 
der Harnröhre infolge schlechter Behandlung des Trippers 
schrieb, und ausserdem zwei Fälle von den, wie Arden 
sagt, oft vorkommenden warzenähnlichen Auswüchsen an 
der Harnröhrenmündung erzählte. Aus dem umstände, 
dass man noch in der Zeit als Beckett seinen zweiten 



1) Beckett, William. An attempt to prove the antiquity of 
the venereal disease long before the discovery of the Westindies. — 
In: Philosophical Transactions, London, 1718, XXX, Nr. 357: „Contra 
incendium : Item contra incendium Virgae Viriiis interius, ex calore 
et excoriatione fiat talis Syringa (i. e. injectio) lenitiua. Accipe lac 
mulieris masculum nutrientis, et partim zucarium, oleum violae, et 
ptisanae, quibus commixtis per syringam infundatur, et si praedictis 
admiscuerls lac amygdalorum melior erit medicina.** 

2) Beckett, W, A letter to Dr. W. Wagstaffe concerning 
the antiquity of the venereal disease. — In: Philosophical Trans- 
actions, London, 1720, XXXI, Nr. 365: „The first degree of this 
disease was anciently known by the name of Brenning or Burning. 
The Symptoms which were usually its concomitants, are the Phi- 
mosis and Paraphimosis, both which are accuratedly described and 
proper remedies for them set down by John Arden in another 
laanuscript of his. The imprudent method of eure of this first degree 
of venereal malady is sometimes attended with a Caruncle in the 
Urethra, which as a disease very common among us ancientl3^ 
For not to mention early writers, our Author (Arden) gives us the 
case of a certain Rector, that had such a substance, like a W^art, 
growing in the Penis, which in another place he says frequently 
happens; and of another, who had such an excrescence, as big as 
a small strawberry, which, says he, proceeded from the corrupted 
matter, which remained in the Urethra." In deutscher Ueber- 
setzung finden sich sämmtliche einschlägigen Aufsätze in J e s s e 
Foot's Abhandlung über die Lustseuche. Aus dem Engl, von 
G. Chr. Reich. Leipzig, 1793, 8 o, I, p. 11— 57. 



850 Engrlische Laien. 

Aufsatz veröffentlichte (1720), die syphilitischen Schiea! 
beingcschwülste in den Londoner Spitälern auf dieselbe 
Weise behandelte und dieselben günstigen Erfolge erzielte, 
wie dies A r d e u in seinen Manuscripten für die „Bone- 
Howe" (Knochengeschwulst) angegeben hat, schliesst 
B e c k e 1 1 , dass auch A r d e n syphilitische Knochen- 
geachwülste vor sich gehabt haben müsse. 



Laien. 



William Wallace»), einer der bedeutendsteti Syphili- 
dologen unseres Jahrhunderts, berichtet: „dass in den An- 
nalen Irlands schon mehrere Jahrhunderte vor der Ent- 
deckung Amerika's einer Krankheit unter dem Namen 
Bolgach francacli gedacht wird, welcher Ausdruck eine 
französische Eruption von Pusteln bezeichnet, und noch 
jetzt die irische Benennung für Syphilis ist," Ob diese 
ganz unwisseiisc^haftlich gegebene aber wichtige und von 
einem namhaften, höchst glaubwürdigen Autor stammende 
Nachricht noch sonstwo genauer und ausführlicher voi^ 
kommt, konnte ich nicht ermitteln. 

Eine Bordellordnung vom Jahre 1162 von dem 
maligen Bischof von Winchester hat der vorgenannl 
William Beckett ^) bekannt gegeben ; dieselbe befiehlt unter 
Anderem, „dass kein Hurenwirth eine Frauensperson in 
seinem Hause halte, welche mit der gefährlichen Krank- 
heit des Verbrennens behaftet ist." Aus dem Geaammt- 
inhalt der betreffenden Verordnung ergiebt sich auch, dass 
sie blos eine Erneuerung von viel früher erlassenen Be- 



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11 Wallacc, W. Darbtellung des Verlaufs und der Behand- 
lung der primären und der constitutionellen Tenerischen Krankheit. 
Deutsch unter Redaction des F. J. Behrend, Leipzig, 1842, 8", 
p. 391. 

2) Beckett, W. An atte.tnpt to prove the antiquity of the 
venereal disease long bel'ore tbe disco\'ery of the Westindies. — 
In: Phüosophical Transactions, London, 1718, XXX, Nr. 857: „No 
Stcw-holder to kcep any womaii, that hath the perilous in^rmity 
of Buining." 



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Englische Laien. 351 

fehleu sei, und somit die Existenz dieser Krankheit weit 
vor die angegebene Zeit zu verlegen wäre. Ferner fand 
Beckett in einer Originalhandschrift vom Jahre 1430 
einen Passus, weicher nach eioer Uebersetzung von G. Ch. 
Reich *) folgend lautet: „Item, dass kein Hnrenwirth 
eine Weibsperson in seinem Hause behalte, welche die 
Krankheit des Brennens liat, sondern dass er sie hinweg- 
schaffe, bei Strafe einer Geldbusse von hundert Schillingen 
an den Herrn" (nämlich an den Bischof von Winchester, 
dessen Palast damals auf der Wasserseite in der Nähe 
der Bordelle war)^). Die Handschrift führt die Ueber- 
schrift: „De his qui custodiunt mulieres habentes nephan- 
dam infirmitatem" und bildet einen Abschnitt eines auf 
Pergament gescturiebenen Buches, welches sich nach dem 
genannten Uebei-setzer folgend betitelt: „Hier fangen an 
die Verordnungen, Regeln und Gebräuche zur Erhaltung 
des Menschenlebens sowohl, als der Vermeidung mancher- 
lei UnglUcksfäUo und Unbequemlichkeiten, die sich täglich 
zu ereignen pflegen, und welche sollen genau gehalten, 
und von den Personen, die es angeht, getreu beobachtet 
werden"'). Beckett selbst und nach ihm noch viele 
andere Aerzte verwendeten grosse Mühe und Gelehrsam- 
keit, um ausfindig zu machen, was das „Brennen, Ver- 
brennen (Brenning, Buniing)" eigentlich für eine Krank- 
heit gewesen sei, und kamen dabei zu den widersprechend- 
sten Resultaten. Jedenfalls verstand bis heute noch jedes 
Volk, welches diesen Ausdruck in was immer für einer 

1) Reich, Gottfried Christian. Jense Foot's Abhandlung üb(^r 
die Lustseuche und die Urin verhaltungen. Aus dem Englischen 
übersetzt von . . . Leipzig, 1793, 8«, I, p. 16—16. 

2) Beckett, 1. c. „That no Stew-holder keep noo wonian wy- 
thin his lious that hatli Sycknease of Brenning, but that she be pntte 
out upon tlie peyne of makeit a fync unto the Lord of a hund- 
red Shylyngs." 

8) Beckett, 1. c. ,Here hegynne the Ordinances, Bules, and 
Custumea, as well for the Salvation of Manne's Lif, aa foi- to aschewe 
many Myachiels and Inconvenienta that dayley be lik there for to 
fall owte, to be riglitfuJIy kept, and due Esecution of theni to be 
don unto any Persoune wiihin Ihe aarae." 



352 Englische Laien. Thomas von Gaseoigue. 

Sprache euphemistisch gebrauchte, nicht eine, sondern 
jede Erkrankung, welche durch Ansteckung infolge eines 
unreinen Beischlafes entstanden war, und höchst wahr- 
scheinlich wollte der englische Gesetzgeber ebenfalls keiner 
bestimmten, sondern jeder Krankheit, die in Bordellen 
acquirirt werden kann, vorbeugen; er gebrauchte daher 
auch nicht einen oder mehrere wissenschaftliche Aus- 
drücke, sondern den im Volke bekannten coUectiven Eu- 
phemismus. Ausnahmen hiervon finden sich allerdings 
bei einzelnen ärztlichen Autoren, so bei GuyvonChau- 
liac; jedoch Verstössen diese nicht gegen die aligemeine 
Annahme. 

In einem andern Manuscripte vom Jahre 1390 fand 
Beckett^) ein Recept gegen das „Verbrennen des Glie- 
des", welche Erkrankung der ungenannte Verfasser auch 
„Apegalle'^, von Apron (Schürze) und Galle (ein stark 
secernirendes Geschwür), nannte; in einem noch anderen, 
ungefähr 50 Jahre späteren Manuscripte, ist ein ebenfalls 
nicht näher bezeichnetes Recept gegen das Verbrennen 
an den weiblichen Genitalien enthalten. Beckett be- 
merkt nicht einmal, ob diese Recepte von Laien oder 
Aerzten herstammen. 

Von Thomas von Gascoigne, Kanzler zu Oxford, ver- 
wahrt das Lincoln-CoUegium in Oxford eine Handschrift, 
in welcher von den Krankheiten des Herzogs von Lan- 
caster, Johann von Gaunt, und eines hochbetagten 
Londoner Bürgers, namens Willus, die Rede ist. Johann 
von Gaunt zeigte auf seinem Sterbebette seinem Mündel, 
König Richard IL, die durch Eiterung oder, wie der 
Chronist sich ausdrückt, durch Putrefactio verstümmelten 
Geschlechtstheile und seinen übrigen ebenso entstellten 



1) Beckett, W. 1. c. XXX, p. 845: „In an old Manuscript I 
have by me, written about 1390, is a receipt „for brenning of the 
pyntyl" yat men clepe ye Apegalle. Galle being an old english 
Word for a running sore. They who know the etymology of the 
Word Apron, cannot be Ignorant of this. And in another Manu- 
script, written abont 50 years after, is a receipt for burning in that 
part by a woman." 



Eoglische Laien. Thomas von Gascoigne. 353 

Körper und legte reuig das Bekenntniss ab, dass er infolge 
seiner Ausschweifung mit Weibern dazu gekommen sei. 
König Richard ii. selbst soll dies Jemanden erzählt 
haben, von dem es dann Thomas von Gascoigne in 
der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts erfuhr, worauf 
es dieser 1430 niederschrieb und die Bemerkung daran 
knüpfte, dass er selbst mehrerer Fälle dieser Art, nament- 
lich den des Willus, gesehen habe. Das Manuscript 
wurde von William Wagstaffe aufgefunden und von 
William Beck et t^ veröffentlicht. 



l)Beckett; W. A letter to Dr. W. Wagstaife conceraing 
this antiquity of the venereal disease. — In: Philosophical Trans- 
actions, London, 1720, XXXI, p. 47: „Noui enim ego Magister Tho- 
mas Gascoigne, licet indignus, Sacrae Theologiae Doctor, qui haec 
scripsi et collegi, diversos viros, qui mortui fuerunt ex putrefac- 
tione membrorum suorum genitalium et corporis sui, quae cor- 
ruptio et putrefactio causata fuit, ut ipsi dixerunt, per exercitium 
copulae camalis cum mulieribus. Magnus enim dux in Anglia, sei- 
licet Joannes de Gaunt, mortuus est ex tali putrefactione membro- 
rum genitalium et corporis sui, causata per frequentationem mu- 
lierum. Magnus enim fornicator fuit, ut in toto regno Angliae 
diuulgabatur, et ante mortem suam iacens sie infirmus in lecto^ 
eandem putrefactionem Regi Angliae Ricardo secundo ostendit, cum 
idem Kex eundem Ducem in sua infirmitate visitauit, et dixit mihi, 
qui ista nouit, unus fidelis sacrae theologiae baccalaureus. Willus 
etiaio, longe vir maturae aetatis et de civitate Londonii, mortuus 
est ex tali putrefactione membrorum suorum genitalium et corporis 
sui, causata per copulam carnalem cum mulieribus, ut ipsemet 
pluries confessus est ante mortem suam, cum manu sua propria 
eleemosynas distribuit, ut ego noui. A. Dni. 1430." 



Proksch, Geschichte d. vener. Krankheiten I. 28 



Dentsche und Schweizer. 



Aerzte. 

Heinrich von Pfolspeundt i) (irrthümlich Pfol- 
s p r u n d t genannt), „Bruder des deutschen Ordens", ver- 
langt gleich eingangs seiner 1460 verfassten „bündthertznei" 
von den Wundärzten oder solchen, die mit Verwundeten 
zu thun haben, unter anderm, dass keiner „sselbyhe nacht 
zcwiffell adder erbess gessen het, adder bey eyner vn- 
reynenn wyben geschloffen"; . . „Auch szal er seyne hende 
vor wasssen eher er en bindt." Mehr kann man doch von 
einem ungebildeten Wundarzte des Mittelalters in Bezug 
auf Prophylaxis nicht verlangen! Weniger gründlich er- 
scheint seine Therapie; und die Pathologie ist gar nur, 
wie übrigens in jener Zeit so häufig, in den Aufschriften 
zu den einzelnen Capiteln fast ganz abgethan. Im Ver- 
hältniss zu dem geringen Umfange des Werkes ist den 
Geschlechtskrankheiten ein ziemlich breiter Raum zuge- 
wiesen, woraus sich schliessen lässt, dass dieselben zu 
jener Zeit auch schon in Deutschland sehr verbreitet 
waren. 

Pfolspeundt beginnt die Beschreibung der vene- 
rischen Erkrankungen mit den Condylomen am After: 
„Ein gute salb vor feule blater ader schwemme im arsz. 
Wiltu die vor trebben, szo nim feiel ader rossen öll, hastu 
des nicht, szo nim sunsten boumöll vnnd huner schmaltz, 



1) Pfolspeundt, Heinrich von. Buch der Bündth-Ertznei. 
Herausgegeben von H. Ha es er und A. Middeldorpf. Berlin, 
1868, 8^, pp. XLiv, 179. 



Deutsche und Schweizer Aerzte. Pfolspeundt. 



355 



I 



vnnd reger (Reiher) schmaltz. szu du ör beider nicht ge- 
haben magst, szo uim ir eins hunerschmaltz. ist vast guth. 
vond nim bolofermenes. das alles schlae mith einem holtz 
doreinander, das szo Bchlae ein wenig kampffer dor viinder, 
vnnd woU dicke vfl' ein boum wol {Baumwolle) vfF die 
blotter geleid ader die schwem. vnnd versorge das wol 
mith binden, das es einem nicht abfalle, vnnd binde önn 
alle tage einst mith einem newcn ptiaster, als lang bis es 
Mlift. Ich habe sie alle in drienn tagen do mith vor- 
taieben." 

Unter den darauffolgenden „karoffel der nierenn" iat 
jedenfalls irgend eine „vast wee . . . geschwulst" der Hoden 
zu verstehen; er behandelt sie durch warme Umschläge 
mit in Wein gekochten und gepulverten Vegetabilien. 

„Ein gute salbe, einem seinen zeeugk (Penis) do mit 
tzw heilen, wo das tocher hath", aus „kattzenu schraer", 
armenischen Bolus, Kleien u, dgl. enthält nichts bemer- 
kenswerthes, ebenso wenig: „Ein kunst vor die geschwulst 
des gemecbtes ann dem mann." Bei „Ein andre kunst 
tzwm gemecht des maus" wird „das schwebbandt", jeden- 
fiills ein Suspensorium, wie etwas allgemein bekanntes er- 
wähnt. Bei Geschworen au der Vorhaut und Eichel sucht 
er Verwachsungen zu verhüten: „vnnd wen du einem den 
kern (Eichel) domith gesalbeth hast, szo leyge nod wergk 
von einem leinwebber tzwischen die hawth vnnd dem kern 
'Ymb vnnd vmb, das wehrt der bittze vnnd kann nicht 
iwssammen adder vff einander kommen, vnnd helt das 
ifrisch." 

Bäder in verschiedenen Abkochungen von indiffe- 
inten Vegetabilien und Verband mit „alaun, ader kupper- 
asser, ader sie beide tzwsararaen in wegebreyth wahsser 
[esottenn" empfiehlt er sehr „Wem sein zeeugk vast fau- 
ith" und versichert: „do mith hab ich ein geheiligeth 
Igeheilt) dem sein zceug vom gantz abgefawleth was;" 
in diesem Falie that das Mittel, wenn wu", was aller- 
'jäinga unmöglich ist, dem Pfolspeundt glauben, Wunder; 
raenn „sso wuchs öm der kern wider himoch, vnnd warth 
Hals lang vnnd gros als vor." 



35G Deutsche und Schweizer Aerzte. Pfolapeundt. 

Unmittelbar auf die Geschlechtskrankheiten folgt „Vo~ 
die leusee ein vngenth", welches Quecksilber enthält, von 
dem er verlangt „das saitu vor In einem gebrotten apft'el 
todtemi"; eine Praxis, welche auch noch von den ältesten 
Syphilographen geübt wurde. Eine ähnliche Quecksilber- 
salbe ist gegen den „bössen grindt" im Gebrauch. 

Von besonderer Wichtigkeit ist eigentlich nur die 
folgende Stelle: „Meher ein etzpuluer. Ein gewiss puluer 
das heilt die zcyr, das ist die fawl, die einem mundt: 
augenn: nassen ab ftist. vnnd etz mith dem denn krebs, 
die swem, vnnd alle andere fawl vnnd alle wilde wer- 
tzen." Nicht dass hier abermale, wie schon so oft im 
Alterthum und Mittelalter Erkrankungen des Mundes, der 
Augen und Nase mit Feigwarzen (swem; schwemme an 
andren Orten) oder anderen Affecten, welche gewöhnlich 
an den Gesehlechtsth eilen imd deren Umgebung auftreten, 
nebeneinander aufgezählt werden, sondern der Ausdruck 
„wilde wertzen" giebt der eben vorgeführten Stelle eine 
ganz besonders grosse Bedeutung; denn wir wissen, dass 
zu Ende des 15. und im Anfang des 16. Jahrhunderts mit 
diesem Ausdruck die Syphilis, wenigstens von den Laien 
mit aller Bestimmtheit bezeichnet wurde. Schon Joseph 
Grünbeck') hebt in seiner 1496 gedruckten Schrift wie- 
derholt hervor und macht es sogar am Titel derselben 
ersichtlich, dass die „Bösen Franzos, das man nennet die 
Wylden Wärtzen", und Sebastian Brant*) bittet den 
„heilig Herr sant Fiacrius", dass er jeden „mensch der 
in eret jnniglich, das er in wöl behüten vor der schweren 
kranckheit der blatern vnd wartzen", womit ebenfalls die 
. Syphilis gemeint ist. Das Aetzmittel, welches Pfol- 
apeundt hier empfiehlt, ist „galittzenstein", d. i. Zincum 
sulphuricum. 



1) Grünbeck, Joseph. Ein hübacher tractat von dem t 
Sprung den Bösen Franzoa, das man nennet die Wylden Wttrtzäl 
Augapurg, J496, 4", 21 BlHtter. 

3) Brant, Sebastian. Der Heiligen Leben. Strassburg, 1511^ 
fol., p. 184 b. 



Deutsche und Schweizer Aerzte. Brunswig. Schelüg. 357 

Gegen „allerlei kranckheith vnd seueh, die ein mensch 
an seinem leib hath", das heisst „schleth öm (schlägt ihm) 
die kranckheith aus dem leibe durch die hawth, das er 
alle vmb grindig wirth, vnnd wer er aussettzig", — em- 
pfiehlt er Kräuterbäder mit Zusatz von Alaun und Koch- 
salz, und lässt darauf schwitzen. Also auch die Schwitz- 
kuren der ältesten und älteren Syphilographen finden be- 
reits bei Pfolspeundt eine Erwähnung. 

Hieron ymus Brnnswig , auch Brunschwig 
und Braunseh weig, Wundarzt in Strassburg, der um 
das Jahr 1424 geboren wurde und seine Werke alle erst 
im vorgerückten Alter verfasste, und demnach in den 
neunziger Jahren des 15. Saeculums gewiss ein erfahrener 
und gereifter Arzt war, sagt in einer 1500 erschienenen 
Schrift ') : „vnd sunderlichen als yetz wol sehen bist, daz 
vil der itaenschen by vi oder vii jaren mit der kranck- 
heyt der blättern beladen sint, von den yetzigen doctors 
genant male francose oder malum mortum; aber billich 
farmica uiceratio, des geschlechtz dryer hand ist vnd an- 
der schwere zufell." Dieser hochbetagte Wundarzt sagt 
also, dass seit sechs oder sieben Jahren viel der Menschen 
erkrankt sind; mit dem Namen scheint er nicht einver- 
standen, und jedenfalls auch nicht mit der Annahme der 
Neuheit, denn die „male francose" sind ihm „billich" seine 
alten, wohlbekannten, wenn auch vordem nicht so ge- 
meinen „farmica uiceratio". Dass die Behandlung dieser 
Krankheiten damals grösstentheils in den Händen der 
Wundärzte war, und diese daher am ehesten ein Urtheil 
darüber abzugeben vermochten, ist bekannt. 

K n r a d Schellig, der 1499 Leibarzt des Churfürsten 
Philipp von der Pfalz war, und seine Schrift') jedenfalls 
vor 1500 edirte, weiss ebenfalls nichts von der Neuheit 



1) Brunswig, H. Liber pestilentialis de veneniH epidemiae. 
Das buch der vergift der pestilentz das da genant ist der ge- 
mein sterben! der TrUsen Blatren- StrasHbur-^, 1500, fo)., Blatt 3, 
Spalte 1-2. 

2) S i; li e 11 i g , C. In pustulaa malas, moi'bum ... s. I. et a. 4**, 
10 Blütter. - Vgl. C. H, Fueh s , 1. c. p. 71-94, 



Deutsche und Schweizer Äerzte. Widmann. 



des „Mahim de Francia"; auch ihm ist die Krankheit die' 
wohlbekannte Formica: „Has pustulas voco malas; nam 
contagiose sunt, saltenj per contactum, imraediate vel me- 
diate, et etiam, quia de humoribus sunt raalis, ut iui'ra. 
Et secundiim Avicennam sunt de genere formicaruni ; nam 
secundum eum omne apostema in cute ambulativum, lati- 
tudinem non habens scilicet multam, est formica. Et hae 
Pustulae ambulant in eilte per totum corpus, quod visus 
ostendit: ergo sunt de genere formicarum." Diese Stelle 
erhält ihre eigentliche Bedeutung durch eine Bemerkung, 
welche Schellig's Freund, der als Geschichtschreiber 
und Humanist bekannte Heidelberger Professor, Jakob 
Wimpheling, in der Vorrede zu derselben Schrift 
macht; er sagt von dieser Krankheit ausdrücklich: „non 
quidem (ut vulgus opinaturi novum, sed superioribus an- 
nis tarn visum, quam aegerrime perpessum"; nur meint 
er, sie habe sich zu seiner Zeit mehr verbreitet, denn er 
setzt unmittelbar bei: „nostro seculo terris immisit," Wenn 
dies vielleicht auch nicht die Ansicht aller Aerzte in und 
um Heidelberg war, welche der Philosoph Wimpheling 
zum Ausdruck bringt, so war es doch gewiss die Meinung 
seines Freundes Schellig, denn sonst würde dieser sie 
kaum in seine Schrift aufgenommen, oder er wtlrde ihr 
' an geeigneter Stelle mit einigen Worten widersprochen 
haben. 

Johannes Widmann fauch Salicetus genannt), 
der um 1440 geboren, bereits im Jahre 1482 von Petrus 
Schott') „eximius artis medicae professor et physicus 
principis Badensis" titulirt wird, und daher zur Zeit der 
Veröffentlichung seiner Schriften gleichfalle in höherem 
Mannesalter gestanden haben muss, erklärt sich in seiner 
ältesten Schrift über die Pest*} ebenso kurz und deutlich 
dafür, dasB die Syphilis mit der Formica und den fast 

1) Schott, P. Lucubratinnculae omatiasiia. Argentor, 1498, 
4^ fol. 18. — Vgl. C. H. FuchB, Die aiteBten SchritlBteller über die 
LustHeuche. Göttingen, 1843, p. 394. 

2) Salicetus, Job. Tractatus de pestilentia perutilis. 
Tuwingeu, 1601, 4» 63 Blätter. 



Eirutilis. Ex J 



DeutKühe und Schweizer Aorzte. Widm 



359 



gleichartigen Saphati der Araber identisch sei. Diese 
Schrift muss vor 1497 gedruckt sein, weil sie in der in 
diesem Jahre erschienenen Schrift von der Syphilis ') 
citirt wird. Gesehen hat jedoch die erste Ausgabe der 
Pestschrift von A s t r u c an kein Bibliograph und kein 
Historiker; bekannt ist nur die Auflage von 1501, und in 
dieser heisst es: „Morbi epidemiales aliquando sunt febres, 
interdum carbunculi, nonnunquam morbilli et variolae vel 
aliae cutis infectiones, quales etiam sunt puatulae formi- 
cales vel asafaticae (dictae nialum Franciae), quae nunc 
ab a. 1457 usque in praesentem annura 1500 de regione 
in regionem dilatatae sunt cum saevis accidentibus." Dass 
sich diese Stelle nicht genau so in der ersten Ausgabe 
linden kann, ist doch deutlich genug; wenigstens muss für 
die Jahreszahl löOO eine andere gestanden haben. Da nun 
"VVidraann in seiner Schrift über die Syphilis von 1497 
diese Kranldieit wohl mit der Formica und dem Saphati 
vergleicht, aber nicht identificirt, und auch anzunehmen 
ist, dasa er die zweite Edition seiner Pestschrift von 1501 
selbst corrigirt haben wird, denn er starb erst ara 31. De- 
cember 1524, so ist es sehr "wahrscheinlich, dass wir in 
dem citirten Passus einen völlig neuen Zusatz, d. i. die 
endgültige Meinung Widmann's über diesen Gegenstand 
vor uns haben. Wenn dieser Passus in der deutschen 
Ausgabe seiner Pestschrift von 1519 abermals fehlt, so 
beweist dies nichts gegen diese Annahme, da Widmann 
in der Vorrede ausdrückhch sagt, dass er sie seineu 
„Töchtern zu Liebe in deutscher Sprache gemacht und 
zum Besten des gemeinen Mannes dem Drucke llbergeben 
hat"; somit der damals so intensive und extensive Ge- 
lehrtenstreit, in welchem Widmann 1501 offenbar sein 
letztes Wort abgab, in der populären Schrift nicht am 
Platze gewesen wäre*). 

1) Widmann, Joh. Tractatus de pustulis, quae vulgato no- 
mine dicuntnr mal de franzoa. s. I. et a. 4", 8 Blätter. 

2) WidmanD. Regimen . . . wie man sich in pestileutziaehen 
lufft halten Boll. Strasburg, 1519, 4° 20 Blätter. — Vgl- C, H. Fuchs, 
]. c, p. 396. 



3fiO 



Deutsche und Schweizer Aerate. Widroann. 



Selbstverständlich wurde die Jahreszahl 1457, von' 
welcher an Widmann den Beginn des „Malum Franciae" 
rechnet, von den Vertheidigern des neiizeittichen Ursprunges 
ebenfalls glattweg für einen Druckfehler erklärt ; und selbst 
Hensler meint, dass vielleicht 1475 zu lesen sein mag, 
da man in jener Zeit die Zahlen oft so schrieb, wie man 
sie der Reihe nach ausspricht. Gegen die Logik der Erste- 
ren, wonach eben jede Jahreszahl vor 1494 oder höchstens 
1493 ein Druckfehler oder eine Fälschung sein muss, ist 
eben nicht anzukämpfen ; aber auch Hensler') irrt, denn 
Widmann hat den erwälmten Brauch , weder in andern 
Stelleu seiner Pestschrift, noch in seinen übrigen Publi- 
cationen eingehalten ; es ist darum auch nicht anzunehmen, 
dass er gerade fllr diese Stelle eine Ausnahme gemacht 
hätte. 

Weit wichtiger als die vielumstrittene Jahreszahl 1457, 
mag sie immerlnn 1475 heissen oder überhaupt ein Druck- 
fehler sein, ist hier, dass Widmann mit mehreren von 
seinen bejahrten Zeitgenossen in dem „Malum Franciae" 
die Pormica, oder die Saphati, oder irgend eine derzeit 
bekannte Krankheit erblickte. 

Ein ungenannter Arzt ans Sachsen ') machte um das 
Jahr 1500, wahrscheinlich in der Absicht zu corrigireo, 
eine Randbemerkung m das Leipziger Exemplar von Joh. 
Wi dman n 's Tractatus de pustuUs , nach welcher der 
Morbus gallicus 1493 sich ^in mauritania caesarea et hyi 



1) Hensler, Geschichte der Lusteeuche, p. U~U, citirt doi 
selbst, um den ersten Druck der Pestachrift für U95 zu erweisen 
.Widmann sagt von der Pest, sie endige sich iermino acutarum; 
bteweileu aber schon den T. T&g, wie in peracntis et iuterdum in 
terti« aut quaria die vel ante ad modum peracniorum, ut vidi in 
pesiilentia, currente anno Dni. 1495, in montanis Älfetiae.* 

2) Vergl. C. H. Fuchs, Die JÜtestea Schriftsteller, I, p. 318: 
.Uorbns gallicus 1493 sab oninibns dnorum ponderosorom ^ (Sa- 
turn!) et . . (Jovis) in mauritania caesarea et hyspania apparuit, 
»peciatiui sub deflationibus ut apud Galennm in primo daorum 
tractatuum. Et assaphati vocaiur apud Aricennam in qn&rti 
oiktione tortia.' 






Deutsche und Schweizer Aerzte: Seitz. — Laien: Auersperg. 361 

pania" zeigte, und auch schon bei Galen undAvicenna 
unter anderen Namen anzutreffen gewesen wäre. 

Wie Alexander Seitz'), Medicinae Doctor et Phi- 
losophus zu Marbach am Neckar, dazu kam, den Anfang 
der „bösen frantzosen'' in die Auvergne und in das Jahr 
]49l zu verlegen, lässt sich weder aus seinem Schriftchen, 
noch aus der bisher bekannten Litteratur seiner Zeit- 
genossen ermitteln. Seitz wird zur Zeit der Nieder- 
schrift seines „Regiment" noch nicht Doctor gewesen sein, 
weil er sich in demselben niu- „Meister" nennt, doch muss 
er damals (1509) bereits im reiferen Alter gestanden haben, 
weil doch kaum anzunehmen ist, dass sich sonst die 
„frowen frow Elissabet Schottin, abtissen des gotzhuss 
Liechtenstern", wie aus der Dedication hervorgeht, an ihn 
wegen Abfassung einer Schrift über Syphilis gewendet 
hatte. Seitz konnte demnach, und da er nach seiner 
eigenen Angabe im letzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts 
mehrmals Reisen nach Italien gemacht hatte, seine An- 
gabe aus privaten mündlichen oder brieflichen Mitthei- 
iungen gemacht haben. Eiq Druckfehler in Bezug auf die 
Jahreszahl ist ganz unwahrscheinlich, weil sie in Worten 
ausgeschrieben ist: „Dan, alsa solich kranckheit anfienge 
in Aluernia des iars vierzehen hundert nüntzig vnd ein 



Laien. 

Ueber Johannes von Speyer's Krankengeschichte 
berichtet Conrad von Auersperg in seiner Chronik: ,,Jo- 
hannes Speyerer, Bischof, hat bei der Scham ein 
Geschwür überkommen, von dem nicht ein gar gut Ge- 
rücht ging, der hat nun lange Zeit gekrankt und ist anno 
1104 gestorben"*). Den FaR nach diesem Berichte für 

1) Seitz (Sytz), A. Ein nutzliuh regdment wider die boseii 
Frantzosen. Pforzheim, 1509, 4", 8 Blatter. — Vgl. Moll, A., Doc- 
tor Alexander Seit» aus Marbach. Stuttgart, 1852, 8", pp. viii— 31. 

2) Rheingauisehe Alterthümer, oder Landes- und Eegiments- 
verfaesnng des weatlichcn oder Nitderrheingtiues im mittlere« Zeit- 
alter. Erste Ahtheiluilg. Mainz, 1819, 4^ p, jgg. 



362 Deutsche und Schweizer Laien. Scotus. 

Syphilis auszugeben, wie sogar Friedberg ^) gethan 
hat, ist nicht genügend gerechtfertigt; aber ein Seiten- 
stück zu dem Mönche Hero aus dem vierten Jahrhun- 
dert unserer Zeitrechnung ist er wahrscheinlich. 

Michael Scotus, ein Geistlicher, geboren 1214, ge- 
storben 1291, schrieb sein Werk 2) auf Wunsch des deut- 
schen Kaisers Friedrich ii., der 1250 starb. Dasselbe 
enthält einige Stellen, welche für die Beurtheilung des 
damaligen allgemeinen Wissens von der Uebertragbarkeit 
venerischer Erkrankungen von besonderer Wichtigkeit 
sind. Scotus beschreibt wie man die Versuchungen des 
Fleisches bei den Frauen hintanhalten soll und bemerkt 
dazu : Wenn ein Weib an einem Fluss leidet und ein Mann 
erkennt sie, dann wird ihm leicht die Virga verdorben, 
wie sich dies besonders bei jungen Leuten, welche in Un- 
kenntniss dieses Umstandes seien, zeige; bisweilen erkrank- 
ten dieselben an Lepra. Dass Scotus Lepra für Syphilis 
setzt, kann bei einem Laien aus jener Zeit nicht befrem- 
den; hier kann nur gelten, dass es selbst den Laien 
wissend war : ein Beischlaf mit einem erkrankten Frauen- 
zimmer könne irgend ein bösartiges, chronisches Exan- 
them verursachen. Noch mehr: Scotus spricht 3) die 
Heredität der Krankheit vollkommen deutlich aus: Man 
muss wissen, sagt er, dass, wenn ein Fluss vorhanden 
war, bisweilen auch eine Conception geschehen ist und eine 
mehr oder weniger verdorbene Creatur empfangen wurde. 

König Wenzel ii. von Böhmen starb 1305 an den 
Folgen einer Genitalaffection, welche er, wie sein Zeit- 
genosse Ottokar von Steiermark*) (irrthümlich auch von 



1) Friedberg, 1. c. p. 90. 

2) Scotus, Michael. De procreatione et hominis physionomia. 
Opus. s. 1. 1477, 4^, Cap. vi: „Si vero mulier fluxum patiatur, et vir 
eam cognoscat, facile virga sibi vitiatur, ut patet in adolescentulis, 
qui hoc ignorantes vitiantur quandoque virga, quandoque lepra.** 

3) Ibidem, cap. x: Sciendum est, quod si erat fluxus, quando 
erat facta conceptio, et de menstruo nimis in cellula, creatura con- 
cipitur vitiata in plus aut minus: et tunc vir se debet abstinere a 
coitu, et mulier debet ei resistere cum sagacitate." 

4) Ottokar von Steiermark. Scriptores rerum Austriaca- 



Deutsche und Schweizer Laien. Baseler Rathsbücher. 363 

Horneck genannt) in der bekannten „Steierischen Reim- 
chronik" erzählt, seiner Geliebten zu verdanken hatte. 
Es heisst: „Wenzislaus, König von Böhmen, fallet in eine 
tödliche Krankheit, so ihme eine gewisse Agnes, welche 
bei ihm in grossen Ansehen gestanden, auf Anstifftung 
etlicher Böhmischer Herren solle verursacht haben." Nach 
dieser für die Art der Erkrankung sehr unklaren Ein- 
leitung sagt die Chronik von der bewusten Agnes weiter: 

„Do der Kunig pey jr lag" 

und dann von der Krankheit des Königs: 

„Daz er davon muest sterben, 
Wenn er faulen pegann 
an der stat, da sich dy Man 
vor Schani vngem sehen lant." 

Eine Verordnung vom Jahre 1350 in den ^^Baseler 
Bathsbfichern^^ verdient nach mehrfacher Richtung Er- 
wähnung: 

„Wele Siechtagen (Krankheiten) zu schühende (fliehen) 
sinnt, und wele Lüte die semlich Siechtagen band, von 
der Statt triben soll. 

Der erste Siechtag ist ein durchspitzige Suchte, als 
mit den Bullen (Knoten, Knollen, Beulen) loufFt. 

Der andere Siechtage ist die kurtze Atem, als die 
Lüt haben, den die Lunge in die Kelen gat oder wachset. 

Der dritte Siechtag ist der vallende Siechtage (Epi- 
lepsie). 

Der vierte Siechtage ist die sciebende Rüde (schie- 
bende, kriechende Räude). 

Der fünfte Siechtage ist St. Antonien Rah (Anto- 
niusfeuer ?). 

Der sechste Siechtage ist giftige Geschwere. 

Der sibende Siechtage ist Ougengeschwär. 



rum veteres ac genuini. Tomus III. quo Ottocari Horneckii 
chronicon austriacum rhytmicum . . . continetur. Edidit R. D. R- 
Hieronymus Pez. Ratisbone, 1745, foL, p. 741. — Vergl. Fried- 
berg, 1. c. p. 90. 



364 Deutsche und Schw 



. Janko Czarnkowsky, 



Der achteste Siechtage ist miselsüchtig (auasätzigj 
oder Veldsiech (Aussatz). 

Und wer der acht Siechtagen einen hat, den sol man 
kein essige noch trinltende Dinge veil lassen haben, und 
wie wo] das si, das die heilige geschrifte nit hat, dass man 
ä alle von der Weite scheiden solle, so sind si doch 
alle ze schühende, woud si gand eins von dem andern 
an. Und soll man dieselben Lüte, wo man die weiss, von 
der Stadt heissen gan, vmb dass die andern, die gesunt 
sind, nit denselben Gebresten entphachent" •). 

Dass durch diese Verordnung auch die Venerisch- 
Erkrankten getroffen wurden, unterliegt kaum einem Zwei- 
fel, und es ist damit selbstverständlich, dass dieselben zu 
jener Zeit einen sehr gewichtigen Grund mehr zur Ver- 
heimhehung hatten. 

Nikolaus von Kurnik, Bischof von Posen, starb, 
wie der Gnesener Archidiaconus Janko Czarnkowsky in der 
polnischen Chronik mittheilt, am 18. März 1382 an einer 
Krankheit, deren Erscheinungen, nicht deren theologisch 
aufgefasste Aetiotogie, zwanglos auf Syphilis bezogen 
werden können. Der Fall, auf welchen Friedberg durch 
Professor Heinrich Wuttke in Leipzig aufmerksam ge- 
macht wurde, enthält folgende wohl constatirte Momente: 
Der Bischof, zwar ein in allen Lastern versunkener Mensch, 
stindigt dennoch mit zwei Gliedern seines Körpers am 
allermeisten; und an diesen wird er denn selbstverständ- 
lich auch gestraft. Ftlr den Umgang mit Hurem und die 
Schändung der Jungfrauen wurde er von einem Schanker 
(morbus cancri), wie sich dies aus der Darstellung ergiebt, 
an den Genitalien befallen; für die Sünden der Zunge er- 
litt er an dieser und in der Kehle so arge Ulcerationen, 
dass er kaum sprechen , noch Flüssiges hinabschüngen 
oder den Mund schliessen konnte. Die rechte Seite seines 



1) Oclis, P. Gi^iichichte der Stadt und La,ndachftft Basel. 
Base), 1786-1833, ü", 11, p. 452; und dessen: Versuch eiuer Bo- 
schreibung historischer und natürlicher Merkwürdigkeiten der Lai 
schalt Basel. Basel, 1748-1763, 8d p. 413 ff. - Vergl. Me 
Ahrens, 1. c. pp. 74-75 u. 120. 



Deutsche und Schweizer Laieu. Janko CKariikowsky. 365 

Körpers soll ,,per scissuraa" zerrissen gewesen sein. Wird 
dieser letzte Passus ans der Beschreibung eines Laien 
auch auf die Goldwage gelegt, so lässt sich dennoch dar- 
aus auf irgend ein chronisches Exanthem sehliessen, 
da auch die Äerzte jener Zeit die verschiedensten Exan- 
theme, die mit der Bildung von Fissuren einhergingen, 
nach diesen, und nicht nach der Grundform des Exan- 
thems benannten'). Die Reihenfolge, in welcher die ein- 
zelnen Affectionen aufgezählt werden, spricht dafür, dasa 
auch dem Verfasser ein pathologischer Zusammenhang 
zwischen dem zuerst erwähnten Genitalgeschwür und den 
folgenden Erscheinungen des Mundes und Rachens vor- 
gesehwebt haben mag, denn von seinem Standpunkte ala 
Theologe wäre es doch angemessener gewesen, mit den 
augenfälligsten und quälendsten Symptomen und in gewöhn- 
licher Ordnung am Kopfe zu beginnen, und mit den Geni- 
talien, von denen er doch sonst gar nichts weiss, als dass 
sie einen morbus Cancer hatten, zu enden. 

Wie gedankenlos die Anhänger des neuen Ursprungs 
der Syphilis oft alte Documente angreifen, zeigt besonders 
drastisch auch dieser Fall, welchen A. G ei gel*) „eine 
ndt offenbarer Uebertreibung und Gehässigkeit eines theo- 



1) Silesiacarum rerum scriptores aliquot adhuc iuediti etc. 
Tomum 11. confecit Frieder. Wilh, de Somraersberg. Lipsiae, 
1730, toi., p. 139: „Et quid plura de yIcüs eiusdem et factis nepha- 
riifl mmiiim esset nm-rare, ut puta quod in duIIo vitia defueruut. 
Et sicat duobus luembi-is illicita invereeunde perpetrabat, ita eia- 
dem fliit usque ad mortem miserabijiter ulcione divina punttus ut 
infra patebit. Natn partim tactus fornicatorum et praecipue deliora- 
tiooes virgiaam aon vitabat, ideo morbo cancri luit tactus, et qula 
pronna et loquax in prolectioiic ilücitorum exatitit, idcirco in lingua, 
in gutture ulcerationes fuit passus in tantum prout dieitur, quod 
ante mortem suam vis loqui aut potum deglutire potuit, et os 
claudere potuerat, et post mortem aperto ore permanBit, tamdiu 
languit ut ideo melius penitere poterat. Latus quoque destrum 
per sciasaras penitna dieitur fuisse riiptum, et sie xvin die menaia 
Marcii {seil. 1382) de hoc seculo migravit." — Vgl. Friedberg, 
1. c. p. 91. 

2) Geigel, A., Geschichte, Pathologie und Therapie der Sy- 
phüb, Würaburg, 1867, &<>, p. 240. 



366 Deutsche und Schweizer Laien. Etteylyn, 

logischen Parteimamies verfassto Beschreibung" nennt, 
während C. Quist') sich in seinem Urthei! „durch die offen- 
bar feindselige Stimmung des Urhebers gegen den Bischof 
weniger bestimmen" lässL Ea ist hier doch völlig gleich- 
gültig, ob die Krankheit dem Bischof angedichtet wurde 
oder nicht, wenn sich aus der Beschreibung nur auf Sy- 
philis folgern lässt. 

Peteniiann Etterlyn*), Gerich taschreibcr zu Luzern 
und Hauptmann in den Kriegen gegen Herzog Karl von 
Burguud, beschreibt eine Epidemie in Deutschland, welche Jj 
im Jahre 1400 begonnen haben soll, und die eine so frap"! 
pante Aehnlichkeit mit den Beschreibungen zeigt, die spö- ' 
tere Chronisten und andere Laien von der Syphilis ge- 
geben haben, dass die beireffende Stelle hier nicht über- 
gangen werden kann: „Künigwentzeslaua was von Ungeren. 
Als der zuo Römischen Küuig von den Churfürsten erwölt 
was, Regirt er derraass, dass sy nachmalen nach Ch, 
geburtt 140Ü jar gehebt uff sant Barth, tag Inn der Rö- 
mischen krön entsatztent etc. Do ward hertzog Ruprecht 
von Heydelberg zuo Römischen Künig einhelliklich er- 
koren. In der Zit uff mituasteu erscheyn ein Comet gegen 
nidergang der Sunnen, ein grosser Stern mit einem Pfawen- 
schwant/, hoch uffgericht, den menykhch ein guot Zitt 
abentz und morgens sach. Es volgtent nit vil guoter jar 
darnach . . . Derselben Zitt was in aller wellt eüi grausam- 
liche Plag mitt grossen Trüsen und bösen Blattern So 
vich unt lütt ankanient, das doch so Jemerheh, grusam 
und erbermlich was ze schüchen und ze flychen wie die 
maletzy die wolltent sy ouch by ynen nit lassen wonung hau, 



1) Quist, C. Die neueren urkuniiliL-lien Nachrichten über 
das erste Auftreten der Syphilis im 15. Jahrhundert, — In: Vir- 
ehoWs Archiv. Berhu, 1875, LXIV, p. 319. 

2) Etterlyu. Kronica von der lobliehen Eydtgenosschaft. 
Tr liHrkomuien vod sust Beltzam strittenn vnd geschichteu durch 
den fiirneracn hcrren Peterraan Etterlyn gerichtsschriber zu Lutzem 
zeoammengevaHset. (Basel) 1507, — Vgl. Meyer-Ah rens, Geschicht- 
liche Notizen üher das erste Auftreten der LuMtseuehe in der Schweiz. 
Zürich, 1841, 8", p, 18. 



Deutsche und Schweizer Laien. Sylbereisen. 367 

da verdurbent trefFenlich vil lütten das ynen Nyemannt 
gehelffen mocht, Die Plag wert by zwelff jaren." 

Genau dasselbe und zwar mit fast denselben Worten 
erzählt ein anderer Schweizer Chronist, namens Christoph 
Sylbereisen ^). Hätte dieser Berieht ein um hundert Jahre 
späteres Datum, so würde kein Syphilishistoriker, welcher 
Anschauung über das Alter der Krankheit er auch immer 
huldigt, anstehen, die „grossen Trüsen und bösen Blattern" 
ohne weiteres Bedenken für Syphilis zu erklären; auch 
Meyer-Ahrens^), welcher die oben genannten Chro- 
nisten auffand, wäre dem ebenfalls nicht abgeneigt, nur 
meint er: „Auffallend war es uns freilich, dass auch die 
Thiere von der Krankheit ergriffen worden waren, was 
man von der Lustseuche in den Zeiten ihres ersten Er- 
scheinens nie beobachtete." Dies ist nun nicht ganz richtig; 
ob die ältesten Syphilographen die Krankheit an Thieren 
wirklich beobachteten, ist allerdings nicht festzustellen; 
dass sie aber über syphilitische Erkrankungen der Thiere 
geschrieben haben, ist ausser allem Zweifel. Ganz un- 
zweideutig spricht JohannesWidmann^) von Syphilis 
der Schweine, Ulrich von Hütten*) von solchen Er- 



1) Sylbereisen. Ein Auszug und Anzeig etlicher Chroniken 
und anderer Historien. — Manuscript, fol. in der Abtei Wettingen; 
Abschrift im Kloster Einsiedeln sub Nr. 432. — Verg*!. Meyer- 
Ahrens, ebenda. 

2) Meyer-Ahrens, ebenda, p. 19. 

3) Widmann, Joh. Tractatus de pustulis quae vulgato no- 
mine dicuntur mal de francos. s. 1. et a. (1497), 4^, 8 Blätter. — 
Vergl. C. H. Fuchs, Die ältesten Schriftsteller über die Lustseuche 
in Deutschland. Göttingen, 1843, 8^, p. 99: „Huius generis sunt 
pisces saliti et carnes salitae et denique omnes carnes porcinae, 
maxime vero porcorum, ex his pustulis (id est syphilis) infectorum, 
sicut plerisque in locis nunc reperti sunt, erunt potissima causa." 

4) Ulrich von Hütten. De Guaiaci Medi«ina et Morbo 
Gallico Liber I. Moguntiae, 1519, 4^, 44 Blätter. Vergl. Luisinus 
Aphrodisiacus I, p. 279: „In hoc convenere omnes, quod intelligere 
promptum est, quodam insalubri aöris, qui eo tempore fuerit, ad- 
flatu corruptos lacus, fontes, fluvios, ac ipsa etiam maria. Inde 
terram contraxisse venenum, infecta pascua, venenatum demissum 



368 Deutsche nnd Schweizer Laien. TrithemioB. 

krankimgen bei Thieren im Allgemeinen, und Alexander 
Seitz^) sagt: „Vnd ist solich meinurig gdttUch ze glauben, 
80 aolicb kranckheit versört iung vnd alt, böss, frum, 
iuden, beiden vnd Christen, auch dass \Tivernüniftig vich, 
seu, Tisch, katzen etc. kein vnderacheid hat"; von dem 
syphilitischen Kohl, welcher nach Diaz de Isla durch 
das Aufhängen der Wäsche Luetischer erkrankte, sei vor- 
läufig keine Notiz genommen. Was sollte nun die von 
E 1 1 e r 1 y n und Sylbereisen beschriebene Seuche ge- 
wesen sein? Irgend ein chronisches Exanthem war es, 
dafür spricht schon die Dauer der Epidemie. Aussatz war 
es entschieden nicht, denn die Aussätzigen (die raaletzy) 
wollten mit ihnen nicht gemeinschaftliche Wohnung haben. 
Als „Böse Blattern" wurde das Exanthem bezeiclinct; ein 
Ausdruck, welcher etwa 80 Jahre später nahezu allge- 
mein für Syphilis gebraucht wurde. Die Lehrbücher über 
die Geschichte der epidemischen Krankheiten wissen über 
ähnliche Leiden aus jener Zeit und jenen Orten (denn 
die Worte „in aller weit" sind wohl nicht genau zu neh- 
men) nichts zu berichten. Andere schweizer Chronisten, 
welche Meyer-Ahrens über diese Epidemie befragt, 
verwirren die Sache noch mehr; sie sprechen nämlich 
blos von einem „sterbend", einem „geschwinden Sterbend 
und hinzuckenden Pestilentz" vom Jahre 1401, wogegen 
sie haufenweise die Juden verbrannten, weil „sie sölten 
die brunnen und flüsslln vergift'tet haben"; weiter nichts! 
Deutlicher, wenn auch wissenschaftlich nicht entscheidend 
spricht über die von E 1 1 e r 1 y n und Sylbereisen er- 
wähnte Seuche noch 

Johann Heidenberg von Tritheim (Trithemius 
genannt)*), geboren I-i6:i, gestorben 1516, seit 1483 Abt 



ab aßre vaporem inde liausisBe apiritum animalia. RepertBS est 
enim in quibusdam aliis etiani animantibus hie morbiia." 

1) Seitz, Alex. Ein nutsihch regiment widev die boaen Frant- 
zosen. Pfortzheim, 1509, i«, 8 Blätter. — Vergl. Mol!, Albert: Doc- 
tor Alexander Seitz aus Marbach und seine Schrift über die Lust- 
Bnwhe. vom Jahr 1609, Stuttgart, 1852, S", p. 13. 

2) Trithemius. Annales Hirsaugienses. St. Gallen, 1G90, toi,. 



Deutsche und Schweizer Laien. Tritlieniius. 369 

' von Spouheim, 1506 zu St. Jakob in Würzburg. Die 
Krankheit, welche im Jahre 1401 begonnen, von Cala- 

' brien aus das Menschengeschlecht allmS-hhch durch ganz 
Europa zwölf Jahre lang plagte, wurde durch einen Komet, 
welcher in der Mitte der Quadragesiraa sich zeigte, ange- 
deutet. Bei Menschen und Thieren gingen dem Ausbruch 

' des Exanthems, welches in pustiilis turgentibus et ulee- 
ribua nimis horrendis bestand, heftige, Tag und Nacht 

I andauernde Schmerzen (wo?) voraus. Die Krankheit war 
gar sehr ansteckend und Allen so entsetzlich, dass die 
damit Behafteten sogar von den Aussätzigen verabscheut 

. und geflohen wurden; auch inficirte sie viele, schwächte 

' und tödtete Fürsten, Vornehme und Gemeine, Landleute 
und Bürger, Geistliche und Weltliche. Die Ursache, die 
Behandlung und auch der Name der Krankheit war allen 

( Aerzten unbekannt und in den Büchern nicht zu finden, 
Damit schliesst Trithemius die Beschreibung der 

I Seuche von 1401 und bemerkt: „Auch zu unseren Zeiten 

I ist diese Krankheit von Gallien und Neapel her ausge- 



II, p. 311: „His quoque temporibus (1401) morbi et aegritudines 
variap. genus huiiianum per toCam E"uropain miserabiliter afflixerunt^ 
i quam calamitatem nonuulH praesignatam fuiase per coinetem, qui 
medio quadragesimae apparuerat, exiatimabant, Orietaator 
I BuMto in corporibu^ humanis pustuIae turgentes et ulcera niuiis hor- 
prenda, quibus infecti homines et imnenta passiones praet'erebant 
f incredibiles. Nam quicunque homines hac aegritndine falssent in- 
fecti, doloribus torquebantur assiduia et neque die requiem habere 
[ poterant, neqne noctfi. Erat autem iate morbus nimium contagionus 
1 tantum t'ormidabilis omnibus, ut leprosi quoque illo infectos 
I bomineB deCestarentur et fugereut: multos contagione sua infecit, 
[ conaumpait, debilitavit et octidit, principea, nobilea et ignobiles, 
TUBticoB et civea, religiosos et secularea. Huius mali causa simul 
ira modtcos latebai omnes, nee quicquam desuper in tibris 
\ suis poterant invcnire, imo neqiie nomen ilhus conütabat alicui 
[ medicorum. Duravit aunis 13 et a Calabria iticipiens totatn Euro- 
L pam aerpens occupavit. Nostris etiam temporibus hie morbus a 
) Gallia et Neapoli oriua atque propterea malura gallicura nuncupa- 
I tiu totam Germaniam simul et Europani omuem in viceAinium iam 
I durans annum miserabiliter aaevieub affligit." — Vergl, C. H. Fuche, 
. p. 347. 

ProkBch. Geeuhiebte der titl Krankheiten I. 24 



370 Deutsche und Schweizer Laien. Kaynaidus. Theodoricus e Niem. 

brocheu uud wurde deshalb das Malum gallicum genannt, 
und befällt furchtbar wüthend ganz Deutscliland und zu- 
gleich auch ganz Europa schon in das zwanzigste Jahr 
dauernd.*' Wenn dieser Ausspruch Tritheim's auch nicht 
das Wesen der Seuche von 1401 erklärt, so interessirt er 
doch für das spätere Auftreten zu Ende desselben Jahr- 
hunderts, wo Tritheim bereits ein gereifter Mann war. 
Dass König Ladislaus von Neapel am 8. August 
1414 in Folge seiner Ausschweifungen eines jähen Todes, 
also an irgend einer venerischen Erkrankung starb, no- 
tiren sogar die Hand- und Lehrbücher der „Weltgeschichte"; 
aber die Art der Erkrankung ist auch bei diesem König 
nicht sicher zu stellen. Wahrscheinlich ist auch dies einer 
von jenen, früher verhältnissraässig häufig vorgekommenen 
Fällen von gangränösen Schaukern und Bubonen mit dem 
oft rasch lethalen Ausgang in Pyämie, oder Perforation 
der Bauchdecken mit Peritonitis. Auch über die Art der 
Infection dieses Königs ist mau nicht einig. Ein unbe- 
kannter deutscher Chroiiikeusehreiber des Mittelalters er- 
zählt') von ihra: „Do starb der König Lasle eines jehen 
Todes, vnd er füllet von seinem Gemechte pis an sein 
herze, das tet jm eines biderraannes tochter von Nopls, 
die er genotzoget hette, wider jren willen." Glaubwürdiger 
dagegen berichtet Raynaldos^) auf Theudoricus e Niera ge- 
stützt, daaa die Genitalien des Königs durch eine Peru- 
sische Hure vergiftet wurden. In dem Nachsatz lässt je- 
doch R a y n a 1 d u s die Frage offen, ob nicht etwa die 



1) G afflci'. Bsiti'ltge zur deutüchen Sittengeschichte des 
MittelalterB. Wien, 1790, «", p. 138. — Vergl. Kurt Sprengel, Ge- 
schichte der ArzneikiiQde. 2. Aultage, 11, p, 653—654. 

2) Raynaldus. Annales ecoleaiastici ab anno 1198. Ubi de- 
siit cardinalis Baronius. Auetore Odorico R a y n a I d o. Accedant 
in hac i^ditione notae etc. Auclore Johanne Dominjco Manai Lu- 
censi. Tom. VIII. Lucae. 1754, fol., p. 376: „Christi annus 1414: 
Tnter modios aecundos successns cum Italiae imperium Ladislaus 
affectaret, morbo correptus ex ilüto genitalibus a scorto Periisino, 
ut ajant, vcneno, sive igne sacro divinitns immisso, nt per quae 
peccarat per ea puniretur, Neapoliu reversus est, octavoque AuguBti 
die interiit." — Vergl. Friedberg, I. c. p. 92. 



Deutsche und Schweizer Laien. Rnth- ii. Richtbücher. Schilling, 371 

strafende Gerechtigkeit des Himmels, durch eiu herab- 
gesandtes heiliges Feuer, diese Angelegenheit selbst ge- 
schlichtet, und so den wollüstigen Ladialaus an dem Gliede 
gestraft habe, mit welchem er gesündigt. 

Aus den „Bath- und Bichtbadiern" der Stadt Zürich 
bringt der bereits erwähnte medieinische Historiker der 
Schweiz, Meyer-Ahrens, auch noch zwei Stellen '), 
welche sich auf venerische Erkrankungen beziehen. In 
einem Streite, welcher im Jahre 1468 in einem Bordelle 
vorfiel, warf ein Mann einem andern vor: „er schmackt 
(riecht) einen, dem der Zei-s (Penisi mer denn halb ful 
(faul) were"; in einem anderen Falle wurde die Schmä- 
hung „zersblutende Bösewichter" gebraucht. Mey er- 
A b r e Q s machte diese Notizen nur so nebenher, da es 
ihm um das Auffinden von alten Nachrichten über pri- 
märe AfTecte an den Genitalien gar nicht zu thun war, 
^denn", sagt er, „es ist ja längst erwiesen, dass solche 
unreine Behaftungen schon im frühesten Alterthura vor- 
kamen. Wie hätten sie denn bei der grenzenlosen Sitten- 
losigkeit, welche am Ende des 15. Jahrhunderts auch in 
Zürich herrschte, Ijier fehlen kömien?" 

Diebold Schilling"), ein schweizer Chronist und 
Priester, welcher um das Jahr 1501 schrieb, erzälilt von 
■den Neapolitanischen Feldzügen und bemerkt gelegent- 
lich; „auch gieng ihnen vil Kummers ze banden und kam 
-der Köng kaum darvon und gantz wider umb das Land 
vnd in dem ersten tag zu Neapols gicngend die bösen 
Blatern uss, die man nennt mal Frantzosen, die darvor 
■eben vor jaren auch warend gewesen vnd währetend ob 
20 jähren und ward vil armer leuthen darvon vergifFtet, 
lanun, feldsiech, etliche kametid um band und fiiss." Wenn 
eine derartig ungenaue Angabc eines Laien auch nicht 



1) Meyer-Ahrc-Tis, 1. c. p. 7. 

2) Schilling, Diebold. Hier fahet an das Buch und die 
Cronic durch Dieholdten SchiUing Prister {jeraacht. — Manuscript 
■der Züricher Stadthibliothek , A. Nr. 63, p. 99; vergl. Meyer- 
Ahrena, I. e. p. 17. 



372 Deutsche und Schw 



iühodeler. Stiftsiirotokoll. 



ZU einer bestimmten Berechnung des Alters der Syphilis 
verwerthet werden liann, so gestattet eine solche Annahme 
dennoch ein Urtheil tlber den Werth der gegenüber- 
stehenden Angaben, nach welchen die Krankheit zur Zeit 
des Neapolitanischen Krieges, als eine neue, vorher nie^l 
dagewesene ausgebrochen wäre. 

Manchmal widersprechen die Chronisten sich selbst;< 
80 sagt ein anderer Schweizer, Werner Schodeler*) 
erst: ,,Wami die bösen Blatteren erstmalen in Tütsehes-" 
land kommen sind, diesere Geschattten sind nachkommen, 
als Künig Karolus der acht von Franckrich gen Rom 
zöge vnnd mit gewalt inn Neapels kam vnnd desselb laiid 
gewan, alles der obgenannten Zit, do kam ein vngestaH» j 
plag in tutschland an alle orth dessglichen nie gesehen. J 
noch gehört ist"; dann aber: „Sy ist auch als man hört 
erstmalen ussgangen in der Heydenschafft, do man zaltl 
hat 1480 Jar vnnd also vorgedachter Zit über raer vnnd ■ 
darnach auch harus inn tütsche land kroehenn." Gabriel 
Walser^) verlegt die Einschleppung der Syphilis in die 
Schweiz um das Jahr 1491, sagt dann aber, sie sei durch. 
eidgenössische Söldner aus Neapel (also 1495) nach Frank-, 
reich und von da erst (also noch später) in die Schwei&j 
gebracht worden. 

Aus dem Stiftsprotokoll von St. Victor zo Mainz vom 
Jahre 1473 erfahren wir, dass daselbst im selben Jahre 
ein Chorsänger an „Mala Franzos" erkrankt war. Er 
bittet sein Capitel deshalb um einen Urlaub, damit er sich 
in seiner Behausung behandeln lassen könne. Von be- 
sonderem Interesse ist der Passus, nach welchem das Ca- 
pitel von dem Erkrankten verlangt, das Zeugniss einea- 
Chirurgeu über die erfolgte Heilung zu erbi'ingen, falls er 
wieder aufgenommen werden wolle. Für die Richtigkeit 
der gleichfalls angezweifelten Jahreszahl besitzen wir aller- 
dings nur die Bürgschaft des in der Geschichte der Rhein- 



I) Vergl. Meyei-Ahrena, L c. p. 22. 

3) Walser, Qabriel. Neue Appenzeller Chronik. St. Gallen, 
1740, 8", p. 389. 



Deutselie mui Schweizer Laien. Chrouiken. 



373 



lande wohl bewanderten und gut renommirten F. J. Bod- 
manni) (1754 — 1820), dessen Autorität und Unpaneiüch- 
keit jede absichtliche Fälschung und auch einen zufällig 
unterlaufenen Irrthum schon deshalb ausschliessen, weil er 
diese Stelle eben als eiiieu Beleg dafür erbrachte, dass 
die Syphilis älter sei als man damals gewöhnlich glaubte. 
Leider ist das Schriftstück nicht mehr aufzuhnden, denn 
schon Haeser^) erhielt die Nachricht, dass die betretteu- 
den „Urkunden bei der französischen Occupation in alle 
Winde zerstoben" sind. 

Auf die folgende Stelle hat mich Herr Medicinalrath 
J. Ch. Huber in Memmingen aufmerksam gemacht: „Pro- 
rupit sub illo tempore (1480) ex imis erebi faucibus im- 
manissiraa lila Scabies quam vulgo francois vel galUcura 
appellant morbum." Dieser Passus findet sich in Jos. 
Andr. Sehmeller „Bayerisches Wörterbuch", zweite Aus- 
gabe 1872, I, p. 824 unter dem Artikel „Franzosen, Mor- 
bus gallicus", woselbst ich ihn ebenfalls nachgeschlagen 
habe. Als Quellennachweis ist eine Handschrift unter: 
„Wolfgang Marii, Chronicon AJdersbg." ") im Codex bavar. 
12, fol. fiö^' angegeben. In der ersten Ausgabe des ge- 
nannten Wörterbuches fehlt diese Stelle. Ein Versehen 
bezüglich der Jahreszahl 1480 scheint mir schon deshalb 
ausgeschlossen, da dem Herausgeber der zweiten Edition 
TOD Schmeller's Wörterbuch der inzwischen erschienene 



1) Bodmann, F. J. Rheingauische Alterthümer. Mainz, 1819, 
-i", p. 199. — Das Document ist wieder abgedi'uckt in C. H. Fuchs, 
Nachträge zur Sammlung der ältesten Schriftsteller über die Lust- 
«eaehe. Göttiugen, 1850, 8", p. S: D, Jovis poat l'estum penlecost. 
exbibuit N. litteras, supplicans, quatenus sibi concedatur, ut a uhoro 
Seqnestratas in domo siia se uontinere poesit propter fctulentum 
moTbum qai dicitar Mala Franzoe . . ., cui praedicta venia concessa 
fait et injunetum, quod chorum et capitulum intrare non debeat, 
prinsquam D. Decano et capitulo ex testimonio cyrurgicorum de 
piena et perfecta ejusdem absölutione suffleienter cautum iHierit et 
comprobatum." 

2) Haeser, Lehrbuch der Geschichte der Medicin, III, p. 253. 

3) Ein Äldersherg oder Aldereburg kann ich jedoch nicht 
finden, wohl aber ein Aldersbach. 



Deutsche und Schweiz 



Chroniken. 



Artikel „Franzosen" in dem bekannten Riesenwerk der 
Gebrüder Grimm, in welchem sich zahlreiche alte, genau 
datirte Belege über dasselbe Wort auffinden lassen, vor- 
gelegen haben mochte, und es sonach den Anschein ge- 
winnt, dass der Herausgeber des Schmeller'schen Wörter- 
buches die Gebrüder Grimm durch einen weit älteren _ 
Beleg übertreffen wollte. Solche Schwächen kommeoj 
unter den Gelehrten und Sammlern viel häufiger vor i 
der Schnupfen im Winter, 

Ein Quellenfund von i\ A. Simon'), wohl der eic 
zige, den dieser prodnctivste aller Syphilishistoriker gft 
macht hat, muss hier aus mehrerlei Gründen vollständig- 
reproducirt werden: „Als interessante Zugabe hier noch 
eine Stelle aus einem deutsch geschriebenen Buche des- 
15, Jahrhunderts, das sich auf der hiesigen (Hamburger) 
Stadtbibliothek befindet. Diese Stelle ist besonders wegen 
Zusammenwerfung der verschiedenartigsten Uebel bemer- 
kenswerth. Es heisst daselbst Pag. 99: ,,,,Arsslock heftt 
menniger Hände Sucke. Dar is ann de vieck, dat ya eyn 
blodende Adern, unde hetet ragadia, edder emorrhoidea, 
unde synt alle by deme achterfenster, — In deme Achter- 
hole 1b also (auch) ein swamp by den hole vrouwen unde 
mannen, unde is ein unreyn vleysch also ein swamp."" 
Unter Strich steht als Quellenangabe: „Eyn schone Ar- 
stedyge Boeck von allerleyn gebreck unde krankheyden 
der mynschen, 1483." 

In der Chronica der Sachsen und Niederaachsen (us- 
que ad annum 1488) fortgesetzt durch Joh. Pomarium^ 
Wittenberg 1589, fand Henslerii): „Anno 1493 ist ein 
untreglicher heisser Sommer gewesen, imd hat sich die 
schedUche Seuche der Franzosen in diesen Landen am 
ersten ereuget"; ferner in 

Newe volstendige Braunschweiger und Lflneharger 
Chronica durch Henr. Bünting, bis 1620 fortgesetzt 



1} Simon, F. A. Versuch einer kritischen Gesehichte der 

örtlichen Lustübe!. Dritter Theil. Hamburg, 1846, S", III, p. 342-343- 

2) Hensler, Geschichte der LustHeiiche, Escerpta, p. 112—113. 



Deutsche und Schweizer Laien. Chronikeu, Linthner. 



37-> 



durch Heinr. Meybaum, Magdeburg 1620, p. 293: „Im 
1493 Jahre ist ein untreglicher heisser Sommer gewesen, 
imd hat sieh nach Verzeichnung Achillis Gasseri, 
eines vortreflichen Medici, Mathematiei und Historici, die 
abscheuliche iind sehedliche Seuche der Franzosen in 
Europa erstlichen mercken lassen, hernach in alle Länder 
sich ausgebreitet, und viele Leute hin weggenommen." 

In der MagdebnrKer Chronik von Buchholzer') 
steht unter der Jahreszahl 1493 nahezu dasselbe: „Inau- 
dita Ines, quae vulgo nominatur Scabies gallica, h. a. in 
Europa multos homines inflcere eoepit et paulatira alia 
aliaque loca invasit." 

Ein anderer, ungenannter Chronist des Saalkreises*) 
schreibt: „Äo 1493 ura diese Zeit hat sich zuerst die 
schädliche Seuche des morbus gallici oder sogenannten 
s. V. Frantzosen in diesen Landen eräugnet." 

Johann linthner^) (Lintnrius) von Hof, geboren 
1440, bis 1496 Pfarrer zu Hof, dann zu Regnitzlosau in 
Baiem, verlegt offenbar den Beginn der Syphilis in die 
ersten neunziger Jahre des 15. Jahrhunderts, wennschon 
nicht 1491 angenommen werden wollte, weil 10 annos und 
decennium möglicherweise eine Approximation sein könnte. 



1) Buchholzer in: Meibomii Scriptor- rer. gennati. II, 
p. 320. — Vergl. Hensler'ibidero. 

3| Pagits Nelatici et Mundzici, oder auch aueführliehe diplo- 
matiflche historische Beschreibung des zum ehemaligen Primat und 
Eraatitt Hertzogthum Magdeburg gehttrigen Saal-Crejses. Von Jo- 
hann Christoph von Dreyhaupt. Halle, 1755, fo!., 2. Theil, p. 768. — 
Vgl. Friedberg, I, c. p. 98. 

3] Appendix ad Rnllvinkii f'ascic. temporum in Pistorii 
Script, rer. geiman. Tom. II, p. 596: „1501. Sequuntur magnae pe- 
Btilentiae et malum Franciae, quasi acnta lepra, quae ante et modo 
ad 10 auDos durat et uondum flnis." 

Ihidem, p. 600: „1603. Eodem anno vulgatur grandis pere- 
grinatio ad heaiae virginiH in Grinimeuthal sub generoso comite de 
Henneberfik et dioecesi Herbipolensi, ubi talia concursua fit, princi- 
paliter propter malum Franeosiae, alias acutam lepram et ardentem 
dlctam, quae ultra decennium durtit ita ut quasi 300 Mauri equites 
sive Aethiopes circa festum Pentei^oates per Silesiam transirent il- 
luc peregrinaudo." — Vergl. C. H. Fuchs, 1. c. I. p. 351. 



376 Deutsche und Schweizer Laien. Grünbeck. 

In einem Gedichte i), welches nach Hensler^) ^lange 
vor der Reformation geschrieben, und in einem alten Ma- 
nuscripte in Helvetien gefunden" wurde, findet sich eine 
Stelle, in welcher unter den „Folgen der damals herr- 
sehenden Wollust" auch die Unreinheit „immundicia" an- 
geführt wird. Ueber die Bedeutung dieses Wortes in dieser 
Verbindung kann dem Vorausgegangenen nach wohl kein 
Zweifel obwalten; aber es besagt doch immer weniger, 
als die früheren Gedichte. 

Joseph Orünbeck, umnebelt von dem astrologischen 
Wahn seiner Zeitgenossen, widerspricht sich in den ver- 
schiedenen Ausgaben seiner ersten, 1496 erschienenen 
Schrift; zwar lässt er die Syphilis allenthalben aus den 
Constellationen und den Sonnenfinsternissen vom Jahre 
1484 an hervorgehen, und erklärt „das Boss Frantzos" 
für eine neue, vormals (etwa vor 1493) „vnerhörte vnd 
vngesehene kranckheyt" 3); bemerkt aber in der lateinischen 
Ausgabe dennoch, dass die Franzosen (Francigenae) schon 
vorher (antehac) öfters daran gelitten (eo saepius labora- 
rint) hätten, und erst jetzt die Seuche verbreitet worden 
wäre^). Grosses Gewicht ist auf die Zeugenschaft Grün- 



1) Pasquillorum I, p.« 113 beginnt dieses Gedicht mit der 
Ueberschrift : De corruptione omnium statuum et imminente interitu 
mundi satyra, und p. 119 steht: 

Ternis est libido foeda 

Coniuncta pedissequis 

Per quas totum replet mundum 

Vaga petulantia, 

Quarum trium vix est uUus 

Non foedatus macula: 

Sciiicet aduiterorum ; 

Post hanc immundicia; 

Et leprosa Sodomorum 

Tertiant contagia. 

2) Hensler, Geschichte der Lustseuche, p. 307. 

3) Grünbeck, J. Ein hübscher Tractat von dem vrsprung 
des Bösen Frantzos. Augspurg, 1496, 4», 21 Blätter. 

4) Grünbeck, J. Tractatus de pestilentiali scorra, sive 
mala de Franzos. s. 1. e. a. (Augsburg, 1496), 4®, 12 Blätter. — Vgl. 



Deutsche und Schweizer Laien. Grünbeck. 377 

beck's allerdings nicht zu legen, denn er selbst sagt in 
dieser Schrift, dass er noch ein Jüngling, und erst kürz- 
lich von der Hochschule gekommen sei; er konnte also, 
da ihm eigene Erfahrungen fehlten, im günstigsten Falle 
nur schreiben, was er gehört oder gelesen hatte. Da wir 
jedoch heute wissen, dass vor 1493 vom Morbus Galliens 
wirklich gesprochen und geschrieben wurde, so lässt sich 
auch das Zeugniss Grünbeck 's, der davon ja noch viel 
mehr wissen konnte, um so weniger abweisen, da wir ihn 
später als einen ganz respectablen Beobachter kennen 
lernen werden. Merkwürdig ist doch auch, dass er in 
seiner deutschen Schrift die „Bösen Franzos" stets neben- 
bei „Wylde Wärtzen" nennt, und im Schlusspassus letz- 
tere Bezeichnung, welche wir bereits 1460 bei Pfols- 
p e u n d t angetroffen haben, sogar ganz allein gebraucht. 

C. H. Fuchs, Die ältesten Schriftsteller p. 17: „Namque quoraodo 
iieri potuit, ut idem morbus de Gailis ad tot gentes transveheretur, 
quum eo antehac Francigenae saepius laborarint, nunquam tarnen 
moenibus urbium pressi fuerunt, ut aiia regna petere prohi- 
berentur?" 



Spanier. 



Aerzte. 

Caspar Torella ^) ist der einzige von den ältesten 
Syphilographen, welcher mit dem deutschen Arzte Alex. 
S e i t z den Anfang der Syphilis ebenfalls in die Auvergne^ 
aber in das Jahr 1493 verlegt: „Incepit haec maligna 
aegritudo Anno Mccccxciij in Alvernia, et sie per conta- 
gionem pervenit in Hispaniam ad insulas, inde in Italiam^ 
et demum serpendo totam Europam peragravit, et si fas 
dicere est, totum orbem." Auch bei Tore IIa ist nichts 
Näheres über die Quelle dieser seiner Angabe zu finden. 

Pedro Pintor, der vor 1493 in Spanien practicirte 
und von da an in Rom als Leibarzt seines Landsmannes 
Alexander vi. functionirte, berichtet, dass der Morbus 
Galliens seit 1494 in Rom bekannt sei und man der 
Krankheit in seinem Vaterlande Valencia andere Namen 
gegeben habe 2); was denn wohl dafür spricht, dass er 
die Syphilis bereits daselbst vor seinem Abgang nach 
Rom gesehen, oder doch von ihr gehört habe. Weiter 
äussert sich P i n t o r in seiner sehr umfangreichen Schrift, 
welche 1500 in seinem 77. Lebensjahre die Presse verliess,. 



1) Tor eil a, C. Tractatus de pudendagra seu morbo Gallico. 
Romae, s. a. (1497) 4^. — Luisinus Aphrodisiaeus. p. 493. 

2) P i n t o r , P. De morbo foedo et occulto, bis temporibus 
affligente. — In: Grüner 's Aphrodisiaeus III, p. 86: „Sicut nunc, istis 
temporibus corpus humanuni aegritudinibus infestatur ignotis. Sei- 
licet ab anno 1494. usque ad praesentem annüm 1499 . . . qui a 
vulgo Eomano Galliens morbus yocatur. In civitate enim Valentia 
aliud nomen imposuerunt** . . . 



Spiiüistlie ÄcrKle. Pintor. 379 

folgend: „Cap. iv. In quo demonstrabimus veritatis cau- 
sam dicti morbi aluhumata (so nennt er eben die Syphilis) 
fuisse conjunctiones planetarum et eeclypses solis et lunae, 
etiamque aspectiis eorum ante adventum hujus morbi. 
Tarnen et etiam invenimus ineepisse anno 1483. et finis 
ejus erit 1500 . . . Potest et etiam confirmari anno 1494. 
per conjunctionem Jovis et Martis in eodera signo librae, 
in quo incepit iste morbus. Et haec satia sufficiaut ad 
signiflcationem prineipÜ hujusmodi morbi. Sed credimus 
duraturum esse morbum istum, donec Satunms erit in 
Tauro et debere fijiiri anno liiOO, quando Saturnus veniet 
ad Signum geminorum sicque ipsum morbum durasse per 
annos xvn, numerando a principio morbi, scilicet ab anno 
1483. uaque ad annum dictum 1500. propter gradus restantes 
in eo signo, ubi fuit conjunctio Saturni et Martis." Nun 
glauben aber die Vertheidiger eines neuzeitlichen Ursprun- 
ges der SyphUis: Pintor habe den Beginn der Krankheit 
lediglich der astrologischen Theorie zuliebe in das Jahr 
1483 verlegt; geradeso wieviele andere Aerzte und Laien 
zu Ende des 15. Jahrhunderts der grossen Conjunctiou 
des Saturnus und Jupiters im Zeiciien des Skorpions und 
im Hause des Mars am 25. October oder Novembef 1484 
den Ursprung der Syphilis zuschrieben, den eigenthchen 
Ausbruch der Krankheit aber in die Mitte der neunziger 
Jahre desselben Süculums verlegten. 

Dahinter steckt jedoch die allzeit bewährte Meister- 
schaft in der Sophisterei : Es ist allerdings richtig, dass 
Theodoricus Ulseuius, Sebastian Brant, Jo- 
sef Grünbeck, Barthol omeuB Steher, Simon 
Pistor U.A. die Ursache in der Constellation von 1484 
suchen, doch rechnete eben keiner unter ihnen von da 
an auch die sichtbare Wirkung der Constellation, d. i. den 
Ausbruch der Krankheit; dies thut aber ausdrücklich 
Pedro Pintor. Heu sie r, welcher die ältesten Syphilo- 
graphen gewiss gründlich studirt hatte, und dem dies 
Alles gar wohl bekannt war, kam im Einklang mit deiü 
berühmten Anatomen Doraenico Cotugno (1T36— 1822) 
zu dem jedenfalls richtigeren Schluss: „Da Pintor aus- 



380 Spaniäche Aerzte. Diaz de Isla. 

drücklich ins Jahr 1494 die voLle Ausbreitung (eoufirmatioi 
morbi) setzt, da er genau aufzählt von 1483 an habe die 
Seuche 17 Jahre gedauert, so kann seine Meinung keine 
andere sein als diese: seit 14»3 habe sich die Krankheit 
hier und da gewiesen, sei aber erst seit 1494 zu einer 
völligen Seuche gediehen, erst recht Pest geworden"^). 

Von weit grösserer Bedeutung als die Jahreszahl 1483 
ist übrigens auch bei Pintor, dass er die Syphilis übei^l 
haupt nicht fUr neu hält, und ihr dämm keinen von dei 
damals gebrauchlichen, ihm gar wohl bekannten Namei 
beilegt; ihm ist die Krankheit eine (die dritte) Special 
der alten Variola, welche er stets nach arabischem Muste 
Aluhumata nennt f,,contra naturam tertiae speciei vaiio? 
larum, quae est aluhumata"). Es ist ferner erweislJtd 
dass unter allen Sj'philographen des 15. Jahi-hnnderl 
keinem, so wie Pintor, der Forraenreichthum und dU 
Chronicität der Krankheit bekannt war; auch die mercafl 
riellen und syphilitischen Mundaffectionen wusste er 
unterscheiden. Dieses Alles lernte man unter den da- 
maligen Verhältnissen in Schule und Praxis nicht binn^ 
weniger Jahre; höchst wahrscheinlich beobachtete Pintoid 
die Lues schon vor 1493, noch ehe er Spanien verliest 

Rodrigo Ruiz Diass de Isla*} galt bisher inunfll 
nur als der Ilauptzeuge des amerikanischen Ursprung 
der Syphilis. Es ist dies jedoch nur dann möglich an: 
nehmen, wenn man Alles vor und neben Diaz de lal^ 
ignorirt oder in sophistischer Weise entstellt, und sid 
selbst aus diesem Hauptzeugen eben nur dasjenige heraul 
8ucht und einer Betrachtung unterzieht, was man gerade' • 
für den erwähnten Zweck als dienlich erachtet, und das 
Widersprechende bei demselben Autor unterdrückt^ kurz, 
wenn man die vorhandenen historischen Documente ent- 



1) Henslei', Geschichte der Lustsenche, p. 57. 

2) Ruiz Diaz de Isla. Tratado llamndo de (odos los santos, 
contra el mal serpentino venido de la läla Espaüola hecho y orde- 
nado en el grande y tanioKo hospital de todos los aantos de la in- 
signe y muy nombrada ciudad de Liaboa coo privilegio imperial j 
del rey de Portugal. Sevilla, 1542, 4". 



I 



Spimiaclie Aerzte. Diaz de Isla. 381 

weder nicht kennt, oder dieselben zu verdrehen und zu 
fälschen versucht. Da nun solche Attentate gegen Wissen 
und Wahrheit noch in der jüngsten Zeit unternommen 
wurden, so lässt es sich fUglich nicht von der Hand wei- 
sen, diesen Hauptzeugen des amerikanischen Ursprunges 
einer kritischen Beurtheilung zu unterziehen, seine Wider- 
sprüche einmal neben einander zu stellen und sie dann 
mit den Aussagen anderer, namentlich spanischer, Zeit- 
genossen zu vergleichen. Es wird sich sodann heraus- 
stellen, dass Diaz de Isla neben mehreren andern ein 
-Zeuge fiir die mittelalterhchc Existenz der Syphilis in 
Spanien ist. 

Amerika war schon seit länger als einem Viertel- 
jahrhundert entdeckt; die deutschen, italienischen und 
spanischen Aerzte hatten sich während (lieser ganzen ge- 
raumen Zeit über das Alter, die Entstehung und das 
Vaterland der Syphilis in etlichen und fünfzig, zumeist 
sehr umfangreichen, Schriften herumgestritten; aber kein. 
einziger Autor hatte auch nur eine Silbe über den ame- 
rikanischen Ursprung verlauten lassen. Nun wurde aber 
das Guajakholz als Speciflcum ausposaunt, und da war 
denn Leonhard Schmaus'), Professor der Arzneiwissen- 
schaft in Salzburg, der Erste, welcher 1518 meinte: es sei 
allbekannt und zweifellos, dass von Westindien, allwo das 
Arzneimittel wachse, auch die Krankheit gekommen sein 
müsse. Diesem stimmte 1519 Ulrich von Hütten*) zu und 
auch Fracastoro"), der sein Gedicht um 1520 schrieb, aber 
erst 1530 veröfTentlichte, spricht davon, jedoch nur zwei- 
felnd. Es lässt sich nicht ermitteln, ob Diaz de Isla 
von diesen und andern raedicinischen Schriftstellern, sowie 
von seinem Landsmann, dem Historiker GonzaloHer- 



l) Schraau 


, L. Luciibraliuneula de morbo Gallifo, Au- 


gaste Tiudelicorum 


1518,^ 40, 6 Blätter. 


2) H u 1 1 e n , 


Ulrich von. De Guaiaci Medicina et morbo 


Gallico liber uims. 


Moguutiae, 1519, 4", 44 Blatter, 


3) Fracasto 


■0. Sypliilis, sive morbus Gallieus. Veronae^ 


1530, 4", 3fi Blatter. 





:tH2 SpaniHchc AerÄlc. Diaz de Isla. 

nandez de Oviedo y Valdes'), einem andern Zeu- 
pen desselben Mährchens etwas wusste; sicher ist jedoch, 
dass für die Beghiubigung der Einschleppung der Sy- 
philis aus Amerika immer noch ein ärztlicher Augen- 
zeuge fehlte , trotzdem schon etliche spanische Aerzte 
über den Ursprung dieser Krankheit sehr ausführlich ge- 
schrieben hatten. 

Das entsprechende Attestat lieferte nun Diaz de 
Isla in einer Abhandlung, von welcher verlässliche Nach- 
ritditen über die Zeit der Niederschrift und die erste 
Drucklegung leider fehlen. Auch ist diese Schrift, welche 
als Ganze in die grossen Sammelwerke nicht aufgenommen 
wurde, und nur nach einigen Auszügen in lateinischer 
(Cr. H. Welsch-) und Grüner'^) und deutscher (E e i n - 
holdBrchm^) und K. Fiaickenstein^) Uebersetzimg 
und in Original-Auszügen bei A. H. Morejon*^) bekannt 
ist, so selten, dass B r e h m vermuthet : es sei überhaupt 
nur mehr ein einziges Exemplar in der Bibliothek des 
Oollegiuras von San Carlos in Madrid vorhanden. Nach 
dem zuletzt genannten Gewährsmann wäre die behörd- 
liche Bewilligung zum Druck des 1542 edirten Buches 
vom Jahre 1537 datirt, und die Niederschrift sei 1510 oder 
1521 erfolgt, Letzteres ist also ganz unsicher, da wohl 
noch mehr und andere „Oder" denkbar sind, und 1510 
entschieden falsch ist; denn Diaz de Isla cltirt die 
„Practica in Chirurgia'^ von Johannes de Vigo, 
welche dieser erst 1514, wie er selbst sagt, beendigt hat. 



1) Hernandez de Oviedo. Historia natural y geueral de las 
Indias. SeviUa, 1535, fol. — Vgl. Girtanner 1. c. III, p. 761— 7K. 

9| Welscli (Veldh), G. H. Sylloge curationum et observa- 
tionum med. Conlur. VI. Uliuae, 1667, 4". 

3) Gruiior, Aphrodisiacus III, p. 162— 1G3. 

4) Brehm, R. Ruiz Diaz de Isla. Ein Beitrag zur Geschichte 
der Sj-philis. — In: Leopoldina. Amtliches Organ d. kaiserl. Leo- 
pold.-Carol. deutschen Akademie der Naturforscher. Dresden, 1806, 
Heft 5, pp. 121—129; 163-162. 

5) Finckenstein, R. Zur Geschichte der Syphilis, Bres- 
lau, 1870, 8° p. 27—33 u. a. a. 0. 

6) M o r e j n , A. H. I. c. IJ, p. 286-290. 



Spanische Äerzte. Diaz de Isla. 33S 

Nun sehen wir vorerst, was Diaz delsla über den 
Import und die Ausbreitung der Syphilis auf der östlichen 
Hemisphäre sagt: „Es gefiel der göttlichen Gerechtigkeit 
uns unbekannte Leiden zu schicken und auszutheilen, 
niemals gesehen, niemals gekannt und nie in den Büchern 
der Mediciu gefunden, wie es diese serpentinische Krank- 
heit (Mal serpentino nennt er die Syphilis) war. Sie war 
erschienen und gesehen im Jahre des Herrn 1493 in der 
Stadt Barcelona, welche Stadt inficirt wurde und in der 
Folge ganz Europa und die ganze Welt in aUen bekann- 
ten und zugängigen Theilen. Dieses Uebel hat seinen 
Ursprung und seine Entstehung von jeher auf der Insel, 
welche jetzt Espaüola genannt wird, wie man aus einer 
sehr reichen und sichern Erfahrung gefunden hat. Und 
da diese Insel entdeckt und aufgefunden worden ist von 
dem Admiral Don Cristobal Colon, der bei seiner An- 
wesenheit Unterredungen und Verbindungen mit jenem 
Volke hatte, und da das Uebel nach seiner EigenthUra- 
üchkeit contagiös ist, theitte es sich ihnen leicht mit und 
aeigte sieh dann bei der Mannschaft selbst." 

Gleichsam zur Bekräftigung des eben Gesagten heisst 
es in einer späteren Stelle: „Denn über dies Alles habe 
ich lange Erfahrung, da ich Personen, die daran htten, 
heilte, und zwar auf dem Geschwader selbst, welches 
zuerst jene Länder entdeckte, und auf welchem viele Kranke 
ankamen, und da ich Kranke in Barcelona behandelte, 
welche an diesem genannten Uebel erkrankt waren, früher 
als der König Karl von Frankreich nach Neapel zog," 

Trotz der anerkannten, sogleich und auch noch im 
zweiten Theile dieser Studie zu belegenden Unzuverlässig- 
Jieit dieses Autors, lässt es sich dennoch nicht mder- 
streiten, dass er auf den Schiffen des Columbus wirküch 
Syphilitische behandelt, die Krankheit vorher wirklich 
.niemals beobachtet, noch von derselben gelesen hat. 

Dass aber dennoch von dieser Krankheit in seiner 
Gegenwart direct oder vom Sagenhören gesprochen Avnrde, 
und er das Gehörte eben nur nicht verstanden, oder viel- 
leicht auch absichtlich entstellt hat, dafür erbringt er selbst 



384 Spanische Aerzte. Diaz de Isla. 

unumstössliche Beweise, welche von den Vertheidigern 
des amerikanischeii Ursprunges eben auch nicht verstan- 
den und darum übergangen, oder aber ebenfalls absicht- 
lich unterdrückt worden sind. Ein völliges Uebersehen 
von letzterer Seite ist darum nicht gut anzunehmen, weil 
man sich die Paar Seiten eines so wichtigen Zeugen doch 
wohl ansehen muss, ehe man als Vertheidiger desselben 
auftritt. Docli höi'en wir was geschehen ist. 

Diaz de Isla will nämlich seine Leser darüber 
aufklaren, wie so es gekommen sei, daas man der Sy- 
philis in Spanien allgemein den Namen „Bubas" gegeben 
habe, und da plappert er denn: „Man gab in Castilien der 
Krankheit den Namen Bubas; die Ursache davon war 
diese: ungefähr zehn Jabre früher ehe diese Krankheit., 
auftrat (Diaz de Isla soll 1462 geboren sein, er könnt»; 
also als Ohrenzeuge berichten) wussten die Weiber gegen 
ihre Kinder und Dienstboten keine andere Verwünschung; 
auszustossen als: de malas bubas muera8*(an bösen Bul 
mögest du sterben), tollido te veas de bubas (voU voi 
Bubas mögest du dich sehen), malas bubas te coraan Ii 
ojos iböse Bubas mögen dir die Augen ausfressen) und 
andere ähnliche böse Wünsche; und nach Verlauf von 
zehn Jahren, da sie solche Worte im Munde führten, er- 
schien diese Krankheit: und weil sie die Folgen hatte, 
dass die Menschen starben, voller Beulen, und ihnen das 
Gesicht zertVessen wurde, brachte es die Gelegenheit mit 
sich, für diese Krankheit jenen Namen beizubehalten." 

Nun ist es allerdings von dem königlichen Psalmisten 
David an, durch das ganze Alterthum und Mittelalter 
bis herein in die Neuzeit erwiesen, dass sowohl die Grossen 
als auch die Gemeinen einiger Völker mit verschiedenen 
entstellenden und schimpflichen Krankheiten geflucht 
haben; dass aber eines dieser Völker mit einer imaginä- 
ren Krankheit, also mit Etwas dem Flucher und dem Ver- 
fluchten ganz Unbekanntem, gar nicht Vorhandenem ge- 
flucht hatte, dafür ist doch nirgend der mindeste Anhalts- 
punkt au önden; auch seheint dies einem uonnal veran- 
lagten Denkvermögen geradezu unfasshar. Selbst für Hölle 




Spanische Aerzte. Diaz de Isla. 385 

und Teufel mussten zuerst bestimmte Vorstellungen g6- 
schaflFen werden, ehe man mit ihnen wirksam fluchen 
konnte. Noch widersinniger wäre es anzunehmen, dass 
das spanische Volk den eingebürgerten und jedenifalls 
mehr als zehn Jahre alten Fluch und Schimpf von einer 
bestimmten, schon vorher dagewesenen Krankheit urplötz- 
lich losgelöst und ihn augenblicklich einer soeben auf- 
tretenden, also noch wenig oder gar nicht bekannten, 
angehängt hätte, und dass diese Wandlung auch sofort 
von den Aerzten und den Gelehrten des Landes acceptirt 
worden wäre. 

Besässen wir sonst keine Nachrichten von älteren 
und gleichzeitigen spanischen Schriftstellern, wtissten wir 
femer auch nichts von der mittelalterlichen Existenz der 
Syphilis in andern Ländern des Occidents, dann wären 
wir allerdings nicht berechtigt, aus den Flüchen des spa- 
nischen Volkes (denn gewiss waren es nicht die Weiber 
allein) irgend welche Schlüsse auf das Vorhandensein der 
Krankheit in Spanien zu ziehen ; da aber PedroPintor 
den Beginn der Lues bestimmt m das Jahr 1483 stellt, 
die gleich vorzuführenden Laienschriftsteller, D e 1 g a d o 
und Martyr, die Existenz der Krankheit für 1488 erweisen, 
iso kann die Nachricht von Diaz de Isla, wonach die 
spanischen Weiber zehn Jahre vor der Ankunft des Co- 
lumbus aus Amerika, also bereits 1483, mit den Bubas 
fluchten, eben nur als eine Bestätigung der Nachrichten 
seiner eben genannten Zeitgenossen und Landsleute auf- 
gefasst werden. 

Wäre an dem amerikanischen Ursprung nur ein 
wahres Wort, so hätten nicht nur die erwähnten Autoren 
etwas davon wissen müssen, sondern auch die spanischen 
Aerzte : Vi 1 1 a 1 o b o s i) (1498), T o r e 1 1 a 2) (1497 und 1500) 



1) Villalobos, Tratado de la enfermiedad de las bubas. Sal- 
manticae^ 1498, fol. 

2) Torella, Tractatus de pudendagra seil morbo Gallico. 
Romae, s. a. 4^, 22 Blätter. — Dialogus. Romae, s. a. In: Luisinus 
Aphrodisiacus p. 501—545. 

Proksch, Geschichte der vener. Krankheiten I. 25 



38R 



Spanische Aprüto. Dia?, de Isln. 



und Almenar') (15U2), die doch solange vor Dia 
Isla geschrieben, ihre Werke in den soeben genannten 
Jahren veröflentlicht, und sieh über alle nur erdenkbaren 
Ereignisse jener Zeit als mögliche ätiologische Momente 
der Syphilis ausgesprochen haben, würden doch wenigstens 
eine diesbezügliche Vermuthung über die welthistorischen, 
mit so grossem Aufsehen verbundenen Reisen des Colum- 
bus, wenn auch nur nebenher, geäussert haben. Aber 
nicht eine Silbe ist darüber bei irgend einem ärztlichen 
oder Laien-Schriftsteller aus jener Zeit zu finden; erst ein 
volles Vierteyahrhnndert später wird das Märchen erson- 
nen. Die Krankheit erhielt damals »ach den verschie- 
denen Ländern, aus denen man den Ursprung vermuthete, 
wohl an ftlnfzigerlei Namen ; aber Morbus America.nu8 
nannte sie Niemand, 

Auf die Bedeutung des Diaz de Isla als Öyphilo- 
graph wird noch im nächsten Theile etwas näher einge- 
gangen werden müssen; hier sollen nur noch einige Pröb- 
chen seiner Unzuverlässigkeit für historische Daten stehen. 
So beschreibt er z. B, in den grellsten Farben nach der 
Schablone der meisten ältesten Syphilographen die Er- 
scheinungen der Krankheit in den ersten Jahren nach 
ihrem angeblichen Ausbruche und fügt hinzu: „So ver- 
derbenbringend war die Ej-ankheit, dass es in ganz Eu- 
ropa kein Dorf von 100 Einwohnern giebt, üi welchem nicht 
zehn Personen an derselben gestorben wären." Abgesehen 
von der wunderbaren Statistik, nach welcher Diaz de 
Isla bezüglich eines jeden Dorfes so genau unterrichtet 
war, macht doch kein ehiziger von den ältesten Syphilo- 
graphen auch nur annähernde Angaben von der Mortali- 
tät der Krankheit, 

Von einem Chirurgen und Baccalaureus der Medicin, 
namens Francisco Medina, lässt Diaz de Isla 
das folgende Lobgedieht seinem Machwerke vorsetzen: 



ji'tio Gallico. Venetiis, 1509, 



Spanische Laien. Gomez de Cibdad Beal. 387 

„Aegrotorum natura parens miserata laboris 
Quos dirus morbus gallicus escruciat 
Te genuit Roederice Diaz ut tradere posses 
Horrende exacte dogmata vera hujus. 
Sicut morbus erat priscis non cognitus olim 
Omnibus ignotum sie medicamen erat: 
Mercurii vires ipso monstrante Socrate, 
Invenisti: ejus multa secreta docens 
Hinc serpentini varia in sinthomata morbi 
Et alios morbos nunc canis anthidota 
Potius anthidotum et non exitiare venenum 
Et argentum vivum ingeniöse probas. 
Hipocrates merito jam diceris esse secundus 
Qui medicis multa sub brevitate doces.'' 

Es ist dies im Ganzen gerade nicht etwas Sonder- 
liches; denn es war damals und viel später noch ge- 
bräuchlich, sich in solcher Weise in seinen eigenen Wer- 
ken von Anderen den besten Weihrauch streuen zu lassen, 
und die Vergleiche mit Hippokrates flogen nur so 
herum, wie die Mücken im Sommer; dass sich aber Jemand 
eine lange vorher allgemein bekannte Erfindung hätte 
zuschreiben lassen, dürfte doch so leicht nicht wieder zu 
finden sein. Das Allerschlimmste ist es wohl was Fi nc ken- 
stein dem Diaz de Isla zum Vorwurf macht: Dieser 
soll nämlich behaupten, dass ausser Plinius vor ihm 
„kein Doctor (ningun Doctor) über diese Krankheit ge- 
schrieben hat." 



.\ 



Laien. 

Fern an Oomez de Cibdad Beal, geboren 1386, ge- 
storben zu Valladolid 1454, Leibarzt vom Don Juan ii. 
von Castilien, richtete an den Gouverneur von Castilien, 
Don Alonso Enriquez ein Gedicht, welches der medicini- 
sche Historiker Spaniens, Don Antonio Hernandez 



388 Spanische Laien. Gomez de Cibdad KeaL 

Morejon^) bekannt gemacht und Raphael Fincken- 
stein*), wie dieser versichert, „möglichst wortgetreu" 
übersetzt hat: 

„Wenn einer, der schon bei Jahren, 
Bei Mädchen sich noch will gebahren 
Mit keckem Uebermuth, 
Der fällt in die Pfütze vor Hitze 
Und sicherer sind ihm die Schmitze, 
Als dass es wohl ihm thut. 

Ihr spürt es wohl auch schon, mein Lieber, 
Sechs Tage sind kaum noch vorüber, 
Da nahmt Ihr einen Trank, 
Ein Gesöff, das der Teufel mag zechen, 
Das Euch verkehrt zum Erbrechen 
Anstatt zum Durchfall zwang. 



1) M o r e j o n , D. A. H. Historia bibliogräfica de la medicina 
espaSola. Madrid 1842, 8^, I p. 265—266: 

„El viejo que quiere mozo 

E sobrado con mujeres 

Parecer, 

El gozo le cae en pozo; 

Ca mas duelos que piaceres 

Vä ä tener. 

Bien lo sentis vos, seflor, 
Ca no han pasado seis dias 
Que bebistes 
Aquel maldito licor, 
Que con falsas correntias 
Lo volvistes. 

E del fedor de las hezes, 

Que aicanzo en su celda ä oler. 

Mal pecado, 

Predicando Villacreces, 

Os lo diö bien k entender 

Disfrazado." 

2) Finckenstein, R. 1. c. p. 20—21. 



Spanische La 



Petrus Martyi 



Auch gab der Gestank diivon K-Unde, 

Dass Ihr 'ne verborgene "Wände, 

Dass Ihr gesündigt habt, 

Dasa davon Ihr Euch entledigt, 

Hat Villacreees gepredigt, 

Nur dass Ihr nicht Ächtung gabt." 

Villacreees ist ein im Jahre 1422 verstorbener Mönch, 
der besonders gegen die Hurerei predigte. 

Der viel ureistrittene Brief von Petrus Martyr An- 
glerius ') an seinen Freund Arius Lusitauus' {auch 
Arius Barbosa imd Arius Barbosa Lusitanus ge- 
nannt), Professor der griechischen Sprache an der Uni- 
versität zu SalamaBca, wurde von Sanchez*) aufgefunden 
und zuerst mit dem Datum vom 5. April 1489 im Aus- 
zuge veröffentlicht, oder eigentlich wieder abgedruckt; 
H e n s 1 e r '}, der den Auszug etwas erweiterte, corrigirte 
auch die Jahreszahl mit 1488, was zudem noch D o ra i - 
nico Thiene*) bestätigte. Diese Auszüge wurden nun 



1] Petri Martyris Anglerii Mediolanenais epiatolae. Alcalä 
de Henares, 1530, toi. — Die zweite Auflage Amsterdam, 1670, fol. 
Das Original des GS. Briefes lautet Dach dem von Renaler be- 
«orgHen Auaaug folgend: „P. M. A. M. Ario Lusitano, Graecas literas 
Salmantlcae prolitenti, valetudinario. 

In peculiarem te Dotitrae tempestatis morbum, qui appellatione 
Hispana Bubarum dicitur (ab Italis morbus Galliens, medicorum 
Elephantiam alii, alii aliter appellant), incidisse praeclpltem, llbero 
ad me acribis pede. Lugubri auteia etogo calamitatem aerumuasque 
^emia tuas, articulorum inipedimentum, internodlortim hebetudinem, 
jnncturarum omnlum dolores intensos esse proclamas, ulcerum et 
oria foeditatcm superadditam miseranda promis eloqueutia, conque- 
xerls, lamentarls, deploras. Miaereor quidem, Ari nmieiasime, tui, 
cnperemque te bene valere, aed minime, quod te prosternas, ignoaco, 

Id si feceris, non minus te felicem esse intelliges, qaod nunc 

te Satnrnus opprimat, a quo morbus Iste, quam sl Mercurialibus voli- 
tare per a6ra talaribus daretur. Vale. Glennio in nonis Aprilis 14S8.'' 

3) Sanchez. Kxamea historique sur rapparicion de la ma- 
lädie T^Derienne en Europe. A Lisbonne, 1774, Ü", p. 20—21. 

3) Eensler, Geschiebte der Lustseuche, Excerpta p. 94—95. 

4) Thiene, D. Sulla storia de' mali veneree. Venezia, 1823 
', p. 234 — 235; dessen Seconda edizione p. 47—48. 



390 Spaninehe Laien. Petrus Martyr, 

von Griiner'), Haeser*), F. A. Simon') und andern 
Historikern nachgedruckt. A, H. M o r e j o n *) brachte 
dann eine vollständige spaniaclie Uebersetzung, die von 
R. F i □ c k e n 8 1 e i n ^) ins Deutsehe übertragen in den 
Hauptatellen folgend lautet: „Du sehreibst mir offen- 
herzig, dass Du in eine eigen thümli che Krankheit unserer 
Zeit verfallen bist, welche die Spanier die Bubas nennen, 
die Italiener morbus gallicus, einige Aerzte Elephantiasis 
und Andere noch anders. Mit rührender Klage beseufzest 
Du Dein Unglück und Deine Leiden, verkündest das 
Hinderniss in den Gelenken, die Schwäche in den Bän- 
dern, die heftigen Schmerzen in allen Gliedern und jam- 
merst und weinst mit kläglicher Beredsamkeit, dass sich 
noch Geschwüre und ein übler Geruch aus dem Munde 
hinzugesellt haben. Ich bemitleide Dein Geschick, geUebter 
Arius, wünsche Deine vollkommene Genesung; obwohl^ 
ich Dir nicht verzeihe, dass Du so niedergeschlagen bist." 
— Der übrige Brief enthält allerdings nur Tröstungei 
welche hier ebenso gut wie in den Auszügen des la 
nischen Originals wegbleiben können, und schliesst: „W 
Du so thust, wirst Du Dich nicht weniger glücklich : 
ten, jetzt, wo Saturn Dich niederdrückt, von dem r 
sagt, dass das Uebel von ihm herrülu-e, als wenn es ] 
verstattet wäre mit den Flügeln des Merkurs durch ( 
Lüfte zu fliegen. Lebe wohl! Jaen den 5. April 
Von den Tröstungen Martyr 's ist nur als wichtig 1 
vorzuheben, dass er in denselben seinem kranken Freund^ 
die emsige Pflege der Wissenschaften, namentlich Latc 
und Griechisch, warmstens empfiehlt ; was denn auch ( 
für spricht, dass ihm selbst die Krankheit als eine chn 



1) Grüner, Aphvodisiacws, III, p. 33—34. 

2) Eaeser, Hietoriecb-patbologiBche Untersnchungen. 
den und Leipzig, 1839, 8", I, p. 214. 

3) Simon, F. A. Kritische Geschichte... der Syphüis. 
burg, 1858, 8«, II, p. 8. 

4) Morejon, Ä. H. 1. c. 1, p. 26G-i2fi7. 
5} Finckenstein, E. 1. c. p, 21-23. 



Spanische Laien, Delicndo. 



391 



nische, mit nicht allzu grossen Schmerzen und Beschwer- 
nissen verbundene, bekannt gewesen sein mag. 

Die Einwendungen, welche von den Vertheidigern 
des neuzeitUchen Ursprunges der Syphilis bisher gegen 
diesen Brief erhoben wurden, betreffen zumeist nur das 
Datum. Es ist eben immer dieselbe, ausserordentlich be- 
queme Argumentation, welche das Studium des Alter- 
thums und Mittelalters vollständig entbehrlich macht: 
Lässt der Inhalt irgend eines Doeumentes über die Art 
der Krankheit nicht den mindesten Zweifel zu, dami ist 
entweder das Document als Ganzes oder doch das Datum 
gefälscht, oder es hat sich daselbst ein Druckfehler ein- 
geschlichen, falls das Schriftstück nicht eine der fttnf 
letzten Jahreszahlen des 15. Jahrhunderts trägt. — Nun 
hat aber Morejon in beiden Auflagen derjenigen Samm- 
lungen, welche die 813 Briefe des Martyr enthalten, 
nachweisen können, dass alle diese Briefe vom Jahre 1487 
bis 1525 genau datirt und ohne irgend eine Unterbrechung 
des Zusammenhanges „exactamente" chronologisch ge- 
ordnet sind. 

Ausser dem Datum des Briefes wendete man sich 
auch gegen die Ueberachrift desselben, und schlug sieh 
dabei in die dichten Büsche der Sophistik, indem man 
behauptete, dass vor 1518 keine Professur der griechischen 
Sprache au der Universität in Salamanca existirt hat. 
In der Ueberscliritt des Briefes ist jedoch von keinem 
Professor, sondern von einem Profitens die Rede, was doch 
nicht einerlei sein muss; zudem konnte doch wohl über- 
haupt jeder Lehrer Professor titulirt werden. Der hierin 
Jedenfalls competente Morej on nennt den kranken Arius 
Barbosa „catedrätico de lengua griega", was nichts an- 
ders als Professor der griechischen Sprache heisst, und 
betrachtet den Brief in allen seinen Theilen als authentisch. 

Francesco Delieado') (auchDelgado undDeli- 
ttus genannt), ein sehr gebildeter katholischer Geist- 



1) Delieado, Francesco. II modo di adoperare il lej 
India occtdentale, aaluCil'ero reniedio a ogni piaga e mal incurabile 



di 



892 SpAniMbo LaIbr. DeÜcado. 

lieber und Spanier von Geburt, erwähnt an einigen Stelle] 
seiner Schrift, in welclier auf den Ursprung der .Sypiiilia 
besondere Rücksicht genommen wird, dass diese Krank- 
heit bereits im Jiihre 1488 in Rapalo geherrscht habe. 
Delgado's Angabe verdient um so mehr Glauben, als 
er selbst im Jahre 15U1 oder löu2 mit Syphilis inficirt, 
23 Jahre daran leiden musste; er stand also im Jahre 
1488 wahrscheinlich schon in einem Alter, in welchem 
auch fremdes Unglück Eindruck macht und worauf er 
sich noch im Jahre 1526 oder 1527 zur Zeit der erstei 
Drucklegung seines Schriftchens erinnern konnte'). De' 
gado ist nicht nur deshalb, sondern auch dadurch 
Vertheidigern des neueren, besonders des amerikanische! 



Venezia, 1529, 4", 8 unDuinnierirte Blätter. Zuerst Rnma, 1536 
1527. — Der erste Abs thniit der eigenClichen Abhandlung liihrt di 
Titel: „De la orlgine e uasciinento de la sopra scritta intirmli 
und be^nnC: „Cosl uome al tempo di Tiberio Cesare terao Iinpei 
tore di Bomaui aauque uoa egritudine ciiiamatn Licbene b per 
avanti al tempo diPompeio magnn apparue la intinnita Elephantia, 
sie da li medici nominata, cnsi nel anno 1488 in Rapalo di Zenova 
commenzaroa !e broze nel exercito del christianissimo Carlo R6 di 
Francia. E le piage corroaive iucurabile nacquero a queato modo : 
esBendo il preuomitiaDdo Re preTenuCo nel regao Neapolitano, loco 
di ogui Sorte dl vitt.uag'lia abun.daDtisBJmo, per il diaoluto viver de 
li soldati e le lore immunditie adjuntavi, la mala qualita de! aria 
nacque et abundo il niorbn gallico, appalesnto in Italia e fora net 
anno 1498 . . ." In seinem „Epilogo" kommt Delicado noi^li eia- 
nial auf die Sache zurück und schreibt da die verh an gni ssvolle 
Jahreszahl mit Worten aus: ,.. . . . ponen las manos en quien no 
es licito: eomo hieieron en Rapalo el aBn de mll y quatro cientos 
y ochenta y ocho, que mataron los pobres de San Lnzero . . ." 

1) Ibidem, eap. il: ,,Qia era crescinto tanto qiiesto male, che 
non solamente in Italia ed Älmiigna, ma etiam in Francs e Spagna 
era perveauto. Dande nnvigandosi da li uostri Spagnoli a molte 
isole poate nel occidente (dicto Mondo novo) . . . ne laquale quai 
simile malatia ritrovasi (cloä di natura di elepiianCia), 
alquanti Spagnoli infetci de bule (quasi slmili a la elephantia) 
dendo quelli insuiari Indiani che fosse quella istessa malatia, 
loro qualche volta ö quasi semper patiscono, h mostrarono qui 
arbore, del quäl dovesaero pigliari il frutto e cocerlo nel acqua 
di quella besere e lavarsi." 




Spanische Laien. Delicado. 393 

Ursprungs der Syphilis sehr unbequem, weil er plausibel 
macht, dass nicht, wie jene behaupten, die Spanier von 
den Amerikanern, sondern gerade umgekehrt, diese von 
jenen inflcirt wurden^). Bezüglich der Jahreszahl 1488 
ist, wie die untenstehenden Belege darthun, ein Irrthum 
nicht anzunehmen. 



1) Fuchs, C. H., Francesco Delicado über den Guajac. Ein 
Beitrag zur älteren Bibliographie und Geschichte der Syphilis. — 
In: Janus, Gotha, 1853, N. F., II, p. 193—204. 



Nachrichten ans anderen, theils unbe- 
kannten 



BasIlIaS; Bischof, giebt, wie H a e s e r ^) berichtet, in 
einem Briefe an den Amphilochius im zehnten Jahrhun- 
derte eine sehr beachtenswerthe, bisher übersehene Nach- 
richt über einen Diakonus, welche nach dem eben ge- 
nannten Gewährsmanne ebenso wie die bereits erwähnten 
Daten wörtlich wiedergegeben sei : ^Es wird daselbst eines 
Diakonus gedacht, welcher wegen einer Bjrankheit an den 
Lippen von seinem Amte entlassen wird. Von den gegen 
derartig erkrankte Priester zu ergreifenden Massregeln 
wird aber wie von ganz allgemeinen gesprochen. Zum 
Ueberfluss fügt Aristenus, der Commentator jener Stelle, 
hinzu : Die Sache eigne sich ihrer Abscheulichkeit wegen 
nicht zur näheren Besprechung.*^ — „„Diaconus qui pollu- 
tus est in labris et se eo usque peccasse confessus est, 
a ministerio prohibebitur. Ut autem sit sacramentonun 
cum diaconis particeps, dignus habebitur. Id ipsum autem 
presbyter quoque. Si quid autem amplius peccasse quis 
deprehensus fuerit, in quocunque sit gradu, deponetur."" — 
„Basilius, Epist. can. 70. (Ziegler, De diaconis et 
et diaconissis etc. Vitebergae, 1678, 4^, p. 269)". 

Peter Julian, gewöhnlich Petrus Hispanus genannt, 
ein Arzt aus Lissabon gebürtig, welcher im Jahre 1277 
als Papst Johannes xxi. durch den Einsturz einer Decke 
zu Viterbo um sein Leben kam, und sein Vater Jaüanos^ 
gleichfalls Arzt, werden als die Urheber des ältesten 
„Thesaurus pauperum" angeführt; wahrscheinlich gehört 



1) Ha es er, H. Lehrbuch, III, p. 219. 






inderi!, tlieils lui bekannten Läncteni. Vier Meist 



tc. 395 



er jedoch dem Vater allein zu. Diese Schrift, welche sich 
als eine Sammlung von Recepten aus Macer, Galen, 
Dioskorides, Constantinus u. A. erweiset, und um das 
Jahr 1270 verfasst wurde, ist hier nur deshalb bemerkens- 
werth, weil auch in ihr die verschiedenen Verordnungen 
gegen einige Erkrankungen der Genitalien, darunter gegen 
Feigwarzen und Geschwüre, nicht fehlen M. 

Die „Vier Meister"^), welche Haeser ^) „zu den 
räthselhaftesten Erscheinungen dieser dunkeln Periode" 
(um 1300) rechnet, weil man nicht weiss, ob diese Männer 
in Salerno oder Paris, oder, wie Daremberg meinte, 
blos ia der Fantasie eines speculativen Autors lebten, 
haben in ihren Glossen, welche als wichtige Quellen für 
die Chirurgie des spateren Mittelalters gelten, auch einige 
Stellen, die für die Geschichte der Syphilis gewiss nicht 
werthloa sind. Es ist, wie Haeser berichtet, auf Seite 
632 der Ausgabe von de R e n z i von „cancri in palato 
(quod saepe contingit)", und p, 636 von „caucri in virga" 
die Rede. Nnn ist aber sicher, dass schon vor dieser Zeit 
italienische und französische Aerzte Cancer und Ulcus 
cancrosum für Schanker setzten; auch die ,,Vier Meister" 
müssen dieselbe Benennung dafür gebraucht haben, denn 
p. 642 sprechen sie von der Zerreissung des „Filum vir- 
gae" (Frenulum) in Folge des Coitus und bemerken dabei 
„es qua causa frequenter accidit Cancer." 

Petrus Olans') bringt in den Annales Daniel, wie 
Fried berg'') verbürgt, „eine Notiz vom ,7ahre 14B3, in 



1) Petrus Hispaiius. Summa expßrimentormn sive The- 
saurus pauperum. Antverpiae, 147S, f. uod noch öfter. Italienisch: 
Venecia, 1494, 4'' und öfter. Spanisch: Alcala, 1689. — Vgl. Haeser, 
Lehrbuch, I, p. 816. Auszüge in: Gruner'a Aphrodisiaeus, III, p. 21, 

2) Glossulae quatuor magistrorum super chirurgiaui Rögerii 
et Rolandi. — In: de Renzi's Collectio Salemitana, II, 497—724. 

3) Haeser, Lehrbuch, I, p. 757. 

4) OlaUB, Petrus. — In: Scriptores rerum Danicarum medii 
aevi, partim hactenTis inediti, partim emendatius editi, quas eollegit 
etc. Jacobus Langebeek. Hafniae, 1772, fol., I. p. 195: „Morbus 
^IlicuB sevit super clirist 

5) Friedber 



396 Nachr. aus andern, theils unbekannten Ländern. Vulgerius. 

welcher eine in Dänemark grassirende Krankheit mit dem 
Namen Morbus Galliens bezeichnet wird." 

Ein Magister Vulgerius *), mit welchem Grüner^) die 
Reihenfolge der Arabisten abschliesst und der demnach 
an der Neige des Mittelalters seinen Platz finden mag, 
entwirft in einem Gedichte gegen Bonifacius vm. (welcher 
von 1294 — 1303 den päpstlichen Stuhl inne hatte) und die 
Sitten des damaligen Clerus eine Schilderung, welche 
zwar keine genauere Angabe über irgend eine bestimmte 
Erkrankung enthält, aber dennoch soviel erkennen lässt, 
dass der Verfasser die geschlechtlichen Ausschweifungen 
durch Einbusse der Gesundheit, d. i. des zehnten Theiles 
des Körpers, gesühnt wissen will. 



1) Magistri Vulgerii Versus in Bonifacium viii. Papam et 
mores cleri. — In: Eccard Corp. Historie, medii Aevi Tom. II, 
p. 1849: 

„ — Et dixit angelus: Lege quae reperis. 

Qui legens reperi de viro sceleris, 

Qui loca Circuit venator Veneris, 

Auceps infamiae, piscator muneris. 

Hie vir Decanus est, qui viri specie, 

Non vir, sed virus est, virosa facie, 

In viros viribus virens malitiae 

Humanum mentiens humana faxjie. — 

Abominabi lis vir deo sanguinum, 

Plus mortem cupiens, quam vitam hominum^ 

Unam puerperam capacem seminum 

Mallet, quam undecim millia virginum. 

Post missaro Presbyter, relinquens infulam, 

In meretriculae descendit insulam. — 

Sic fecit Jupiter, qui juxta fabulam 

Caelum deseruit, sequendo vitulam. 

Hanc mulieribus proponit maximam, 

Quod rerum decima non solvat animam. 

Nulla salvabitur ad horam ultimam, 

Nisi de corpore suo det decimam, 

Utque vulpecula, foveas foveat. 

Nee causa Veneris infantes procreat. — " 

2) Grüner, Aphrodisiacus III, p. 34. 



Rückblick ü. d. vener. Krankheiten im Abendlande. 397 



Rückblick über die venerischen Krankheiten im 
Abendlande während des Mittelalters. 

Wohl besteht das weitaus Meiste, was uns die medi- 
cinische Litteratur dieses Zeitabschnittes bietet, in einem 
mehr oder weniger gedankenlosen Nachschreiben, einem- 
unverständigen, scholastischen Interpretiren und einem 
widersinnigen Verstümmeln der Heilkunde des Alterthums, 
besonders der Griechenlands ; aber ganz so finster als man die 
Wissenschaft des Mittelalters, namentlich die des Occidents, 
gewöhnlich schildert, war sie denn doch nicht; wenigstens 
nicht auf dem Gebiete der Geschlechtskrankheiten. Hier- 
über lassen sich sogar bedeutsame Errungenschaften ver- 
zeichnen. 

Zunächst erhalten wir unzweideutige Aufschlüsse 
über die Hauptursachen der langsamen Entwickelung 
über die Erkenntniss und die Behandlung dieser Krank- 
heiten, namentlich der venerischen in ihren Urformen. 
Gariopontus sagt ausdrücklich, dass viele Tripper- 
kranke wegen Geheimhaltung ihres Leidens und daraus 
resultirender Verabsäum ung einer geeigneten Behandlung 
zu Grunde gehen ; genau dasselbe erzählt Salicetti be- 
züglich des Ueberhandnehmens der Geschwürsformen, 
welche, wie bereits viele Schriftsteller des Alterthums 
nachgewiesen haben, mitsammt den consecutiven Bubonen 
häufig gangränös wurden, und die Kranken dahinraff'ten. 
Jedoch das grösste und in seinen Folgen fürchterlichste, 
noch bis in unsere Tage fortwirkende Hemmniss war die 
Scheu der Aerzte vor diesen Krankheiten ; worüber eben- 
falls Gariopontus und ausser ihm noch Savonarola 
Auskunft geben. Nach Ersterem wäre es das Ekelerre- 
gende der Krankheit gewesen, welches die Aerzte davon 
abhielt, Hand anzulegen; Letzterer nennt die Ursache 
hiervon nicht und notirt nur kurzweg die Thatsache. 
Offfenbar spielte da die falsche Schamhaftigkeit der Aerzte 
eine Hauptrolle, wie sich dies bereits bei Celsus ange- 
deutet findet; in anderen Fällen mag es jedoch lediglich 



Riii^kblick ii 



er. Krankliuiten im AbcDdlniide. 



Heuchelei, oder Feigheit uud Bequemlichkeit, um gegen 
das Vorurtheil, die Unwissenheit und die Heuchelei des 
Publikums anzukämpfen, gewesen sein. Unter solchen 
Verhältnissen, die bei den abendländischen Völkern des 
Älterthums und Mittelalters höchst wahrscheinlich allent- 
halben bestanden haben, ist es eigentlich nur zu verwun- 
dern, daas sich überhaupt noch so Vieles Über die Er- 
krankungen der Genitalien in den mediciniachen Schriften 
dieser Zeiträume vorfindet; und doppelt Überraschend sind 
aus diesen und andern hemmenden Ursachen, die grössten- 
theils der Universalgeschichte angehören, die immerhin 
bedeutenden Fortschritte, welche die Aerzte des Abend- 
landes während des Mittelalters gemacht haben. 

Obenan steht die Contagienlehre. Obzwar nicht bloa 
den Aerzten, sondern auch den Laien bei den verschie- 
denen Völkern des Älterthums, sowohl im Orient als auch 
besonders iin Oceident, gewisse Vorstellungen von der 
Existenz specifischer, unsichtbarer, inficirender, theils 
flüchtiger, theils fixer Krankheitsgifte durch Beobachtun- 
gen von vielen Epidemien und Zoonosen, namentlich den 
sogenannten Pesten, der Lepra, Lyssa, Schlangenbisse u. s. w. 
geläufig waren, so findet sich jedoch nirgend ein bestimm- 
ter Begriff über die Contagi-osität der Genital erkrankungen. 
Wohl wird hie und da und seit jeher der Coitus, beson- 
ders der „coitus nimius" die „multitudo coitus" und der 
„appetitus coitus*^ für die Entstehung gewisser Leiden als 
veranlassend gedacht; auch bringen bekanntlich mehrere 
Laienschriftsteller des Älterthums Nachrichten, aus denen 
mit Sicherheit gefolgert werden kann, dass ulceröse Aff'ec- 
tionen und vorzüglich Condylome an den Genitalien als 
auf Gesunde durch den Beischlaf übertragbar angegeben 
waren ; aber ein bestimnater Begriff, d. i. die elementa- 
rischen Kenntnisse eines Contagiuma der venerischen 
Krankheiten entwickelten sich doch erst bei den arg ge- 
schmähten, sogenannten Arabisten, neben und trotz der 
noch immer herrschenden Galenischen Theorie von der 
Anabrosis. 

Es ist nun nicht mehr der Coitus als solcher, wel- 



Rückblick ü. d. vener. KriLiikheiteii im Abendlande. 



eher vorher als inficirend, oder eigentlich nur als krank- 
machend angegeben wurde, sondern wie Salicetti, Va- 
lescus von Taranta, G^rard von Eerry u. A. 
ausdrücklich hervorheben, der „Coitus cum foeüda, foeda. 
vel immunda, vel cancerosa {also schankröseni mutiere": 
und schon Salicetti lässt ganz bestimmt die krank- 
machende Materie, das Secret dieser unreinen Weiber 
vom Praeputialsack aufgenommen werden, sich dort ver- 
vielfältigen, die Haut corrodiren und daraus den ulceröaen 
LocalafFect entstehen. G^rard von Berry denkt sich 
den Theorien seiner Vorfahren entsprechend das Conta- 
giura und sein Vehikel aus dem männlichen Samen hervor- 
gegangen, der, vom Cervix uteri aufgenommen daselbst 
mit der Zeit verdirbt, verfault, d. h. giftig wird, und dann 
übertragen das Genitale und von da die ganze Saftemasse 
inficirt. Nach Valescus von Taranta konnte der 
Samen auch zwischen Glans und Praeputium zurückge- 
halten, verdorben und dadurch contagiös werden; doch 
nahm auch er, so wie Gs^rard de Berry, ausserdem 
nocJi andere böse und giftige Feuchtigkeiten an, welche 
sich in den Genitalien ansammeln und durch den Coitus 
übertragen oder auch an der Brutstätte als Krankheits- 
ursache wirken können. Allein nicht nur der ejaculirte 
und in der Uterushöhle oder im Praeputialsack zurück- 
gehaltene Samen konnte daselbst verderben und giftig 
werden, sondern auch wie Magninus u. A., nach emer 
Ähnlichen bereits von Alexander Trallianus vor- 
getragenen Tlieorie, meinten, der in den Samenbehältem 
des Mannes in Folge geschlechtlicher Abstinenz stagm- 
rende Samen, konnte dieselben giftigen Eigenschaften an- 
nehmen, zu topischen AfFectionen, vorzüglich zur Gonor- 
rhoe, und coiisecutiv zur Corruption der gesammten Safte- 
masse, oder wie schon die alten Griechen annahmen, zur 
Tabes führen, 

Job, a Tornamira lässt Pusteln und Geschwüre am 
Penis aus oder nach chronischen Trippern entstehen und 
erscheint somit unter den abendländischen Aerzten des 
Mittelalters als der erste Vertreter der bereits von den 



400 Rückblick ü. d. rener. Krankheiten im Abendlande. 

Arabern I s a a k und R h a z e s begründeten Identität des 
Tripper- und Schanker-Contagiums. 

Wenn man hie und da auch dem normalen oder 
„verdorbenen" Menstrualblut inficirende Eigenschaften 
zusehrieb, so war dies eigentlich doch nur ein Vermächt- 
niss des grauen Alterthums: obgleich es da noch nicht 
deutlich genug ausgesprochen und in eine wissenschaft- 
liche Aetiologie übergegangen war. 

Die Unheilbarkeit der Syphilis ist, soviel ich ermit- 
teln konnte, zuerst von einem Laien, dem Genuesischen 
Gesandten Bartholomaeus Senarega, deutlich aus- 
gesprochen worden: wohl fällt dieser Ausspruch bereits 
in die erste Zeit des allgemeinen Bekanntwerdens der 
Krankheit. 

Gegen das Ende des Mittelalters war der gewöhn- 
liehe Anstee kuugsweg : Coitus mit Inficirten, bekannt und 
fast allgemein angenommen, und Lanfranchi wusste so- 
gar, dass auch gesunde Weiber anstecken können, falls 
diese „de novo^ geschlechtlichen Umgang mit inficirten 
Männern hatten. Merkwürdig ist jedoch, dass fast immer 
nur von „unreinen, schankrösen und sch&ndUchen Wei- 
bern •, welche die Ansteckung vermitteln, gesprochen 
wird. Ob dem Bruder des deutschen Ordens, Heinrich 
von Pfolspeundt, welcher den Wundärzten j,die bey 
evner vnrevenn wvben sreschloffen** hatten, verbietet sich 
mit Verwundeten zu thun zu machen, bereits indirecte 
Ansteckungswege bekannt waren, lässt sich wohl nicht 
bestimmen, da ja dasselbe Verbot auch solche Wund- 
ärzte trifft, die nachts vorher Zwiebel oder Erbsen ge- 
gessen hatten: beachtenswerth ist jedoch die fast unmittel- 
bar darauf folgende Verordnung: vor der Berührung der 
Verwundeten die Hände zu waschen. Die Uebertragung 
der Syphüis auf die Leibesfirucht ist bei dem deutschen 
Geistlichen Michael Scotus ziemlich deutlich ausge- 
sprochen; bestimmt erwähnt der schottländische Arzt 
Gordon dasselbe bezüglich der Lepra, die er offenbar 
mit Syphiüs confundirte. Ob das von Bathomano 



RückbUck ü. <1. 



. Krankheiten im Abeudlando. 



401 



im Jahre 1488 beobachtete syphilitische Kind hereditär 
erkrankt war, ist nicht angegeben. 

Durch die Erkenntniss eines fixen, speciflschen Con- 
tagiuras gelangten die Aerzte sehr bald zur Einführung 
einer entsprechenden, mehr oder weniger wirksamen 
Prophylaxis. Bereits in der Schola Salernitana wird das 
baldige Uriniren und das Waschen der Genitalien nach 
einem Coitus empfohlen, und dieselben Maaaregeln finden 
sieh, wenn auch nur in unwesentlicher Weise modificirt, 
so doch wissenschaftlich motiTirt, auch bei den späteren 
Aerzten wieder; so bei den Italienern Salicetti und 
A r g e 1 a t a , dem Franzosen Lanfranchi und dem 
Engländer Gaddesden. Die Waschmittel bestanden in 
kaltem oder warmem Wasser, Essig mit Wasser verdünnt, 
Wein oder Urin. Aber auch die Sanitätspolizei der meisten 
Länder des Oceidents nahm Gelegenheit, prophylaktisch 
einzugreifen, indem theils die Bordelle beaufsichtigt, die 
luternirten regelmässig ärztlich oder auch nur von den 
Wirthinnen untersucht, die Inficirten abgesondert, theils 
die Uebertragungen venerischer Krankheiten an den Schul- 
digen bestraft wurden. Dass die Behörden hier und da wohl 
auch zu ganz verkehrten und schädlichen Massregeln ge- 
gritfen haben : die Inficirten aus der Stadt oder des Landes 

■ verwiesen, die Säumigen sogar mit dem Tode bestraften, 
und so nur zur Verheimlichung, Verschlimmerung und 
Verschleppung der Krankheit Änlass gaben, zeigen die Ver- 
ordnung in den „Baseler ßathsbüchem" vom Jahre 135Ü 
und die Pariser „Ordonnance" vom 25. März 1493. 

Nicht ebenso bedeutend als sich die Fortschritte über 
die allg'emeinen Gesichtspunkte In dieser Krankheitsfamilie 
hei den abendländischen Aerzten des Mittelalters erkennen 
sen, waren ihre Beobachtungen und Untersuchungen 
über die einzelnen Krankheitsindividuen; obwohl auch 

I darin einige ganz respectable Leistungen geboten wurden. 

' Besonders geringfügig zeigen sich die Kenntnisse über 
den Tripper und sein Gefolge. Diese Krankheit wurde 

I auch in dieser Zeit gewöhnlich Gonorrhoe, Fluxus seminls, 

Proltäcli, Gfschichlc der vcntr, Krankheiten I. 26 



402 



Rückbliek ü. d. i 



. Krankheiten im Abendlande. 



Ardor urinae, von Valeseus de Taranta u. A. Go- 
morrea, von einigen französischen LaienschriftsteUem auch 
schon Chaude pisse genannt, und nach ^iechischen, zu- 
meist aber nach griechisch-arabischen Mustern beschrieben. 
Eine überaus wichtige Aeusserung von Bernard de 
Gordon, wonach der Fluxus seminis das ganze Men- 
schengeschlecht verderbe, und daher den Namen Fluxus 
humani generis verdiene, dürfte wohl kaum dahin aufzu- 
fassen sein, dass diesem Arzte bereits das ganze Heer 
oder doch ein grosser Theil derjenigen Folgekrankheiten 
des Trippers, welche die Forschungen dei' neuesten Zeit 
in beiden Geschlechtern festgestellt haben, bekannt ge- 
wesen seien oder selbst nur ahnungsweise vorgeschwebt 
haben; sondern es ist vielmehr wahrscheinlich, daKsGor- 
d o n damit sämmtliche venerische Krankheiten, also auch 
die Syphilis, vor Augen hatte; denn von soweitgehenden 
Kenntnissen der Consecutiverkrankungcn des Trippers, als 
zu ersterer Auffassung nothwendig wären, finden sich 
weder in der Litteratur vor, zu und lange nach Gordon's 
Zeiten und auch bei ilim selbst nicht die mindesten An- 
deutungen; während sich die Verquickung aller Tripper- 
nnd Schankerformen sammt ihrem Gefolge durch das ganze 
Alterthum und Mittelalter mit einiger Sicherheit nach- 
weisen lässt. Immerhin spricht jedoch der (S. 334) ange- 
führte Passus von G o r d o n mit aller Bestimmtheit für 
die grosse Verbreitung des Trippers und aller jener vene- 
rischen Krankheiten, welche mit einer eiterigen Secretion, 
mit einem Ausfluss aus den Genitalien verbunden sind. 
Wenigstens muss dies für Frankreich gelten; denn nicht 
nur, dass sich hier die Kenntnisse über diese Zustände bei 
Äerzten und Laien am meisten entwickelt zeigen, es sagt 
auch noch Val escus von Taranta, ein ungefähr 
hundert Jahre späterer Nachfolger Gordon's an der 
medicinischen Schule zu Montpellier, über denselben Gegen- 
stand : „Gomorrea non solura infert damnum individuo, 
imo et toti speciei humani generis. Quod si honiines 
omnes paterentur Gomorream, sie cito humanum genm 
deperiret." 



Rückblick ü. d. vener. Krankheiten im Abendlaiide. 403 

Die Heilmittel gegen den Tripper und sein Gefolge 
wurden in dieser Zeit von Gaddesden durch das Sus- 
pensorium, welches auch Pfolspeundt als „Schweb- 
bandt" anführt, bereichert ; Gatiiiaria brachte den 
Terpentin, welcher übrigens bereits von Dioskorides 
bei einigen Genitalerkrankungen und auch als „Urinam 
impellentia" ^empfohlen wird, in allgemeineren Gebrauch. 
Montagnana spricht von acuten und chronischen Ver- 
engerungen der Harnröhre ; Francesco de Piedi- 
monte von einer „Oppilatio carnosa" derselben, welche 
Benennung wahrscheinlich zu den später gebräuchlichen 
„Carnositas, Caruncula, Fleisch warzen" u. s. w. geführt hat, 
die, wie bereits erwähnt, lange Zeit als Haupt-Ursache 
von Verengerung der Urethra galten. Den Zusammen- 
hang der Hodenentzündung mit dem Tripper erkannte 
Roger zweifellos. Die übrigen Consecutiv-Erkrankungen 
wurden jedoch offenbar, ebenso wie im Alterthum und bei 
den Arabern, unter den ^Blasengeschwüren", „Blasen- 
krätze", Strangurie, Haematurie, Ischurie, Satyriasis etc. 
abgehandelt. 

Die Bemühungen, Klarheit in die Eintheilung der 
Condylome zu bringen, waren ebenfalls vergeblich. Die 
Hauptmerkmale zur Unterscheidung derselben waren, aus- 
ser einigen ziemlich bezeichnenden, von den Griechen 
und Römern überkommenen Benennungen, immernoch das 
gestielte oder flächenmässige Aufsitzen und die „trockene 
oder feuchte Beschaffenheit". Ein excessives Wachsen 
der Condylome ist von Bertapaglia hervorgehoben; 
das Ulceriren derselben ist oft beobachtet worden. 

Von grösserer Bedeutung sind die Fortschritte, welche 
einzelne Aerzte in der Erkenntniss der Genitalgeschwttre 
erzielten. Schon die Benennung, welche in diesem Zeit- 
räume für dieselben auftauchte, zeigt, dass man das Spe- 
ciflsche dieser Geschwüre zu unterscheiden beabsichtigte. 
Rogerius von Parma sprach das Genitalgeschwür aus- 
schliesslich als Cancer und Ulcus cancrosum an; darauf 
brachten die Franzosen Arnald von Villanova., Lan- 
franchi, Valescus vonTaranta u. A. diese Bezeichnung, 



404 



Rückblick ü. d. vener. Kranklie.iten im Abendlanc 



welche im Alterthum zumeist für Carcinom galt, so in 
Schwung, dass bereits in der ersten Hafte des 15. Jahr- 
hunderts das Wort Chancre für Genitalgeschwüre in 
Frankreich so allgemein gebräuchhch war, dass es sogar 
in den von Daremberg: veröfFenthchten gerichtlichen 
Docuraenten und in den Gedichten Villon's vorkommt. 
Die EntWickelung dieser Chancres aus Pueteln, welche 
alsbald zerplatzen, wird ebenfalls von einigen französischen 
und italienischen Aerzten beobaclitet und besonders von 
Lanfranchi präcis beschrieben; derselbe Arzt unter- 
scheidet sie auch genau von einfachen Excoriatiouen 
einerseits und dem Carcinom anderseits. R o g e r i u s 
fand den Schanker auch an der Mündung der Harnröhre 
und empfiehlt Wachsbougies einzulegen, um eine Ver-__ 
engerung zu verhüten. 

Die therapeutischen Massnahmen gegen den Schank^ 
zeigen im Allgemeinen keinen wesentlichen Fortschritf 
und lehnen sich gewöhnlich an das aus dem Alterthu 
und von den Arabern Ueberlieferte an; aber dennod 
gewähren einige dahin zielende Bemerkungen ein bes 
deres historisches Interesse. Vorne an steht wohl di^ 
Vielleicht wirkungslose Abortivkur desSalice tti, welch^ 
alsbald vorzunehmen sei, wenn sich post coitum cum foediU 
muliere eine beginnende Corruption sehen lässt. Für ei^ 
ausserge wohn lieh es Mass von Erfahrung und somit 
die grosse Verbreitung der Schanker in jener Zeit spricl 
auch die heute noch nicht endgültig entschiedene Meinui 
Arge lata 's, wonach diese Geschwüre nicht durch Cau^ 
stica, oder wie er eigentlich sagt: nicht durch Styptiea 
behandelt werden dürfen, da sonst sehr leicht Bubone^ 
■entstehen können. Dass bereits in jener Zeit Streitig- 1 
"keiten über die richtige Behandlung der Qenitalgeschwtlre 
ausgebrochen waren, erhellt ausser dieser und anderen 
Stellen besonders deutlich aus der des Guy von Chau- 
liac (vgl. p. 330); übrigens ist eine eben dahin zielende 
Kritik auch schon bei C e 1 s u s anzutrelten. 

Eine nicht minder w erthvolle Förderung einführen 
auch die Kenntnisse über die Babonen; besonders durch 



1 Abend iRiii de, 



406 I 



einige italienische Aerzte, Der schon öfters genannte ge- 
niale "Wundarzt aus der Schule zu Bologna im 13. Jahr- 
hundert, Salicetti, welcher zuerst mit einem richtigen 
Blick die Entstehung der Genitalgeschwüre aus einer von 
aussen eindringenden, inficirenden „Materia" erkannte, 
brachte auch die „Affinitas" dieser venerisch-contagiösen I 
Geschwüre zu den consecutiven Erkrankungen der In- 
guinaldrüsen zuerst zu einem klaren Ausdruck. Wenn ' 
auch diese Theorie eigentlich schon bei den alten Griechen' 
in der allgemeinen Bubonentheorie heinahe vollständig 1 
ausgebildet vorlag, so erhielten die Inguinalbubonen den- 
noch erst durch Salicetti's mehr detaillirte Darstellungen ' 
den Stempel des Speciflschen ; und dies zwar um so mehr, 
als die extragenitalen Localisi rangen der nun als venerisch 
festgestellten Geschwüre, und somit auch die extraingui- 
nalen, venerischen Bubonen den Aerzten dieses Zeitraumes 
noch nicht bekannt waren. Das Wort Bubo wurde nun 
für die venerischen Erkrankungen der Leistendrüsen ebenso 
ausschliesshch bezeichnend, wie das Wort Cancer, Chan- 
cre und Schanker für die venerischen Genitalgeschwüre. 
Die meisten Erfahrungen über die Bubonen bekundete 
mehr als hundert Jahre später an derselben Schule Ar- 
gelata; obgleich er von dem Irrthum befangen zu sein 
schien, dass man einen jeden Bubo beliebig zur Resorp- 
tion oder zur Suppuration bringen könne. In der Sym- 
ptomatologie dieser AlFection war man Übrigens während 
dieses Zeitraumes auch im Abendlande nicht weiter ge- 
kommen, als die Araber im Orient; man unterschied wohl 
im Allgemeinen richtig heisse und kalte, harte und weiche, 
suppurirende und indolente Bubonen, ohne jedoch zu wissen, 
woMn die Einen oder die Andern gehörten. Die Stelle 
im Lanfranchi ist nicht deutlich genug, um daraus einen 
bubon d'embMe mit einer Sicherheit zu erkennen. Auch 
in der Therapie war man nicht weiter gelangt als die 
Aerzte des Alterthums; nur bestanden jedenfalls bei den 
mittelalterhehen Occidentalen bereits die bis in unser Jahr- 
hundert vielfach ventiürcen Meinungsdifferenzen über die 



406 



Rückblick a. a. ■ 



sr. Krankheiten im Abendlande. 



Frage : ob man die Eiterung oder die Aufsaugung eines 
venerischen Bubo anstrebea solle. 

lieber die Existenz der Syphilis finden sich in der 
mediciuischen Litteratur dieses Zeitraumes ebenso wie bei 
den Arabern verhältnissmässig spärliciie, aber immerhin 
genügend verlttssliche Nachweise. Es sind auch hier zu- 
erst wieder, wie bereits seit den Hippokratischen Schriften, 
die durch das ganze historische Alterthura und Mittelalter 
gehenden Stellen zu erwähnen, in denen, wenn auch mit- 
unter unchronologisch und ordnungslos, neben verschie- 
denen Affectionen der Genitalien solche Erkrankungen 
entfernt liegender Körpertheile vorgeführt werden, welche 
wohl auf keine andere Krankheit als auf Syphilis schlies- 
sen lassen. 

Am meisten bezeichnend und originell dürfte hierfür 
Pfolepeundt sein, welcher daher etwas näher betrach- 
tet zu werden verdient. Derselbe empfiehlt ein „Aetz- 
pulver" aus Zincum sulphuricum gegen „Geschwüre 
(fawl = Füule und Fäulniss hat hier sicher keine andere 
Bedeutung als Geschwür, geradeso wie damals sehr häufig 
das lateinische putredo), die Einem Mund, Auge und Nase 
abfrisst." Unmittelbar darauf heisst es: „Und ätze mit 
demselben den Krebs, die Schwämme und alle anderen 
Geschwüre und alle wilden "Warzen." Krebs steht hier höchst 
wahrscheinlich für Schanker; denn wir haben wiederholt 
gesehen, dass das Wort Cancer, welches sich übrigens 
schon bei C e 1 s u s für die Bezeichnung gewisser Genital- 
geschwüre findet, bei den Latinobarbaren (ein anderer 
Kosenamen, den man den mittelalten Gelehrten undAerzten 
des Abendlandes beilegte) und Cliancre bei den franzö- 
sischen Laienechriftatellern für Schanker eingebürgert war; 
und auch der nur wenig später lebende deutsche Wund- 
arzt, Hieron ymusBraunschweig, sagt bereits vor 
dem Jahre 1500 deutlich: „ein vmbessender schad an dem 
heimlichen end heisst auch der Cantzer." Pfolspeundt 
hätte demnach das Wort Cancer nur in's Deutsche über- 
setzt. Dafür sprechen auch die unmittelbar darauf fol- 
genden „Schwämme" {„swem"), welche hier sicher als 



Bückbück ü. d. 



sr. Kra-nkheiten im Abendlande. 



Feigwarzen zu lesen sind ; denn diese Synonyme kommen 
nicht nur bei andern Deutsehen jener Zeit, sondern noch 
viel später, sogar noch bei Hensler') häufig vor, und 
Pfolspeundt selbst giebt darüber einen bestimmten 
Aufechluss, indem er an einer anderen Stelle von „feule 
blater ader schwemme im arss" spricht. Ebenso gewiss 
ist es auch, dass mau unter den wilden Warzen („wilde 
wertzen") noch zu Ende des lö. und anfangs des 16. Jahr- J 
hunderts, wenigstens in einem Theile von Deutschland, ] 
wie oben S. 3ö6 nachgewiesen wurde, nichts anderes als ] 
die Syphilis verstanden hat. Noch ein, vielleicht zufiäUi- ' 
ger, aber immerdar sehr merkwürdiger Umstand sei hier 1 
erwähnt. Seit dem wichtigen indischen Werke des Sus- 
r u t a und der klassischen Bearbeitung der Heilkunde von i 
Celsus, denen wir so bedeutsame Nachrichten über die I 
Existenz der Syphilis im Alf;erthum verdanken, war die ' 
Beschreibung der Rhinoplastik bis auf einige Spuren bei 
A n t y 1 1 u s und Paulus von Aegina aus den Hand- 
büchern über unsere Wissenschaft ganzlich verschwunden ; 
erst Pfolspeundt bringt wieder eine ausführliche Dar- 
stellung dieser Operation. Und da betitelt er denn das 
betreffende Capitel folgend: „Eynera eine nawe nasse tzw ' 
machen : die im gantz abe ist : vnd sie halt dy hunde ab- 
gefressenn." Dass die Nase auch durch Geschwüre 
(fawl — Fäule und Fäulniss) abgefressen werden kann, 
hat Pfolspeundt in einem Athemzug mit den „wilden 
Warzen" erwähnt; was will er nun bei der Rhinoplastik 
damit sagen, dass die Nase „halt dy hunde abgefressenn ?" 
Haeser*) meint: „Die Deutung dieser Worteist schwierig. 
WahrscheinUch aber ist nicht von dem Verlust der Nase 
durch Hundebiss die Rede, sondern vielleicht von Fällen, 
in denen die durch einen Hieb ganzlich abgetrennte Nase 
zu Boden fiel und eine Beute jener gefra.ssigen Thiere 1 



1) Hensler, Geschichte der Lustaeiiche p. 286 u, fgde. 

2) Ha e s e r. Buch der Bündth-ErCznei von Heinrich v 
Pfolspeundt. Herausgegeben vonH.Haeser und A.Middeldorpf. 
Berlin, 186Ö, 8", p. xxxvu. 



Kückbtick ü, d. vener. Kraiikheiton im Abendlande. 



wurde." Nach meinem Dafürhalten sind diese Worte jeden- 
falls nicht kyriologisch, sondern nur tropisch zu verstehen. 
Wenigstens glaube ich mich genau zu erinnem: wieder- 
holt, und besonders in Oesterreichisch-Schlesien, gehört 
zu haben, dass man von Dingen, von denen man nicht 
weiss, oder auch von denen man nicht sagen will, wie sie 
in Verlust gerathen sind, sprichwörtlich sagt : „Es hat sie 
halt der Hund gefressen." Das Wörtchen „halt", wie es 
ja auch Pfolspeundt gebraucht, scheint mir für diese 
Auffassung geradezu massgebend. Es ist daher um so 
wahrscheinlicher, ja nahezu gewiss, dass Pfolspeundt 
mit diesen Worten auf die syphilitischen Defecte der Nase 
anspielte, als sich ohne den mindesten Zwang und ohne 
alle Voreingenommenheit folgern lässt, dass eine Krank- 
heitserscheinung, mit welcher zu gleicher Zeit, oder nur 
wenige Jahre später der französische Dichter Villon sein 
Publikum unterhält, doch wohl auch einem deutschen 
Wundarzt bekannt gewesen sein mag. 

Von den übrigen Aerzten des Abendlandes ist noch 
Valescus von Taranta, einer der besten Aerzte des 
Mittelalters, zu nennen, welcher sich zu der bereits S. 334 
angeführten, mit Wahrscheinlichkeit auf Syphilis zu be- 
ziehenden iStelle des Avieennain unwesentlicher Abän- 
derung, und augenscheinlich auf eigene Erfahrungen ge- 
stützt, bekennt. 

Der Alexandriner, Nikolaos Myrepsos, welcher 
im 13. Jahrhundert lebte, und die Sehmierkur mit Queck- 
silbersalbe nach der Methode des Theodorich von 
C e r V i a in einem ununterbrochenen Satze gegen Ge- 
schwüre der Tonsillen, des Zahnfleisches und gegen Pu- 
tredo, Noma und Carbunculi der Genitalien empfiehlt, ist 
bereits bei den Griechen abgehandelt. Die S. 161 vor- 
geführte Stelle erscheint als ein unabweisbarer Beleg für 
das Vorhandensein der Syphilis zu jener Zeit im Orient, 
wenigstens in Aegypten. 

Zu denjenigen Krankheiten, mit welchen die Aerzte 
des Alterthums und die Araber die Syphilis confundirten, 
brachten die abendländischen Aerzte des Mittelalters noch 



Rückblick ü. d. vener, Rrankheitei 



I Abendtaiide. 



eine neue hinzu, das sogenannte Malum mortuura. Die 
Grundform dieses neuen Uebels dürfte aus der einschlä- 
gigen Litteratur wohl nur schwer zu bestimmen sein. Die 
meisten Schrlftstellerj unter ihnen Gordon, Gaddesden, 
Valescus, Lanfranchi und selbst noch Paracelsus 
bezeichnen das Malum raortimm als eine Art von Scabies 
oder Lepra, und Letzterer sagt aber ausserdem auch noch: 
„Malum mortuum idem est cum Lupo." Merkwürdig ist 
Jedoch, dass fast alle Autoren die Leistenbubonen in der 
Symptomatologie der neuen Krankheit anführen. Gad- 
desden nennt auch den Coitus mit menstruirenden 
Weibern, der ja in jenen und noch mehr in früheren 
Zeiten die meisten Genital«rkraukungen verschuldete, 
unter der Aetiologie des Malum mortuum, welches er auch ' 
mit Quecksilber, also jedenfalls ebenso wie der gleich- 
zeitig lebende Theodorich von Cervia durch die Ein- 
reibungskur behandelt. Die bezeichnendsten Stellen bei 
Gaddesden smd nach einem Excerpt H e n s 1 e r 's ') 
folgende : „Malum mortuum est Scabies occupans extremas 
partes corporis, ut crura, tibias et quandoque brachia cum 
infectione coloris tendentis ad nigredinem vel livorem vel 
ruborem obscurum, ut plurimiim sicca. Causa est Melan- 
colia . . , cibi melancolici a carnibua bovinis et piscibus 
salsis et a frigore non cito reraediato, et a coitu cum 
menstruata, vel leprosa, vel tineosa. Signa sunt Scabies 
grossa et lata ad quantitatem unguis vel magis cum ari- . 
ditate vel siccitate membrorum, unde videtur mortificari , . . 
et semper in inguinibus habet glandulas . ■ . Pronostica. 
Morbus merabrum raortificat et postquara antiquatur, non 
sanatur, nisi cura blandiente et alleviante; et antiquatur 
per unum annum. Est species Leprae particularis in 
membro; et est de genere Impetiginis; et quasi Morphea 
et Impetigo istum morbum praecedit. Cura est digerere ■ . . 
evacuare . , . localia . . . et Argentum vivum." Paracelsus*) 



1) Hensler, Vom abendländischen Aussätze im Mittelalter. 
EKcerpte p. 68. 

2) Paracelsus, Chinirgisthc Büclier vnd Srlirifften. StraMS- 
buig, Ifiia, lol. p. 577. 



410 Rückblick ü. d. vener. Krankheiten im Abendlande. 

spricht ebenso undeutlich, aber noch weitläufiger über 
diese Krankheit, besonders über die begleitenden Bubonen, 
aus denen zuweilen das Malum mortuum entspringt, wenn 
„die (Bubonen) nicht recht geheylet sein", und zieht dann 
die Symptomatologie in folgende knappe Sätze zusammen : 
„Signa. Am ersten hebts an Füssen an, steiget auffwerts, 
machet die Haut gleich einer Rinden: Im andern oder 
dritten Jahr vnempfindtlich, mit Eyter, oder schmalen 
Löchlin. So endt sich mit einer Vlceration, machet sich 
selbs in ein emunctorium, vnd bleibt auff die zwentzig 
Jahr, zeucht am letzsten auff den aussatz." Seine Therapie 
ist unwesentlich; das Quecksilber erwähnt er nicht. Zu 
alledem, namentlich zu den Bubonen und dem Exanthem, 
bringt nun Lanfranchi auch noch, wenigstens in der 
Aufschrift des betreffenden Capitels, die Cancrena, d. i. 
den Cancer penis, unsern und den damaligen Schanker in 
Beziehung. Später identificirten die ältesten Syphilographen, 
wie Braunschweig ausdrücklich bemerkt, das Malum 
mortuum geradezu mit dem „male francose"; und auch 
de Vigo, einer der gelehrtesten und erfahrensten Chirur- 
gen aus dem Ende des 15. und dem Beginne des 16. Jahr- 
hunderts, versichert in seiner Copiosa (lib. V, cap. 3), dass 
der Morbus gallicus mit dem Malum mortuum genau über- 
einstimme, und dass alle guten, gegen erstere Krankheit 
in Verwendung stehenden topischen und allgemeinen Mittel 
dem Capitel über das Malum mortuum bei Theodorich 
von Cervia, und dem Capitel über die Scabies bei 
Arnald von Villanova zu danken seien. 

Die offenbaren Verwechslungen der Syphilis mit der 
Lepra lassen sich bei den abendländischen Aerzten des 
Mittelalters noch öfter nachweisen als bei ihren Vorfahren ; 
jedoch können weitere Belege hierfür um so eher unter- 
bleiben, als solche bereits von mehreren namhaften medi- 
cinischen Historikern theils erbracht, theils angedeutet 
und als erwiesen angenommen wurden, und auch die oben 
S. 324 und 329 angeführten Stellen aus Gordon und 
Yperman für diesen Zweck ausreichen. 



Rückblick ü. d. vener. Krankheiten im Abendlande. 411 

Geradeso kam auch die Verwechslung und Identi- 
ficirung der Formica mit der Syphilis in diesem Zeitraum 
und später bei den ältesten Syphilographen noch häufiger 
vor, als bei den Arabern. Braunschweig, welcher 
als alter, practischer Wundarzt in den neunziger Jahren 
des 15. Saeculum schrieb, corrigirt geradezu die „yetzigen 
doctores'^, welche der Syphilis die Namen „male francose 
oder malum mortum" geben, denn diese Krankheit sei 
„billich farmica ulceratio"; ebenso bestimmt sprechen sich 
auch Schellig ^) und Widmann^) für dasselbe aus; 
Cumanus^) will jedoch nur eine Aehnlichkeit zwischen 
beiden Krankheiten bemerkt haben. 

Die von den Arabern eingeführten, aber nur obenhin 
beschriebenen Einreibungen mit Quecksilbersalbe gelang- 
ten durch die Arabisten zu einer methodischen Anwen- 
dung, und standen bereits im 13. Jahrhundert in grosser 
Beliebtheit; ja Theodorich von Cervia nannte sie 
damals schon für das Anfangsstadium der Lepra gerade- 
aus ein „Experimentum infallibile". Da wir heute wissen, 
dass das Quecksilber gegen die Lepra gar nichts vermag, 
so errathen wir wohl leicht, in welchen Krankheiten sich 
die Inunctionskuren den Aerzten jener Zeit als infallibel 
erwiesen haben mögen. Bemerkens werth ist auch, dass 
man damals schon die Salivation zu bewirken, und, wenn 
sie dann zu heftig auftrat, zu hemmen suchte. 

Bei weitem zahlreicher als in der medicinischen Litte- 
ratur finden sich vollkommen sichere Nachrichten über 
das Vorhandensein der Syphilis im Mittelalter des Abend- 
landes in einer Reihe von nichtmedicinischen Schriften 
und Documenten. Da die meisten dieser Nachrichten 






1) S ch ellig, C. In pustulas malas, morbum, quem malum 
de Francia vulgus appellat, quae sunt de genere formicarum. S. 1. 
et a. 4^. — In: Grün er 's Aphrod. III, p. 40 u. fgde. 

2) Widmann, F. Tractatus de pustulis, quae vulgato no- 
mine dicuntur mal de francos. S. 1. et a. 4^ — In: C. H. Fuchs, 
Die ältesten Schriftsteller I, p. 95 u. fgde. 

3)Cumanus,M. In: Grüner 's Aphrod. III, p. 52. 



112 



Rückblick ü, ü, veatr. Krankheiteu im Abeiidlaude. 



selbst dem historisch Ungescbulten durchaus klar sind, 
so erscheint es überflüssig, auch die minder klaren heran- 
zuziehen und weitläufig zu comnientiren ; es wird daher 
dem Zwecke vollauf genügen, nur die markantesten Stellen 
Revue passiren zu lassen. 

Wenn sonst nichts erhalten geblieben wäre, als das 
bereits 1489 im Druck erschienene, aber um etliche De- 
cennien ältere (iebet an Priapus von dem italienischen 
Dichter Pacificus Max imus, welcher mit einem Lei- 
den am Penis behaftet nicht nur die Zerstörung dieses 
Theiles, sondern auch hässliche, stinkende Geschwüre im 
Munde befürchtet, so wäre dies allein durchaus hinreichend, 
die Existenz der Syphilis für Italien zu erweisen. 

Wo möglich noch deutlicher sind zwei französische 
Dichter; ein ungenannter aus dem 13. Jahrhundert und 
Vi 1 1 o n um die Mitte des fünfzehnten. Der Erstere bringt 
eigentlich nur eine Umschreibung und genauere Speci- 
ficirung des alten biblischen, und in der Folge so mannig- 
faltig variirten Fluches: ^Es falle auf sein Haupt Eiter- 
fluss, Zaraath" etc., welchen die Deutschen seit Luther 
und Hans Sachs noch kürzer mit „dass Dich die Fran- 
zosen" wiedergaben. ViLlon flucht ähnlich; nur dass 
er an einer andern Stelle obendrein noch einen Nasendefect, 
wie Friedberg bemerkt, ftlr ein „ Hurenzeichen " er- 
klärt. Das „Gros Mal" aus der Gerichtsverhandlung zu 
Dijon vom Jahre 1463 kann doch kaum für etwas anderes 
als Syphilis gehalten werden. 

Aus Spanien liegen sichere Nachrichten von Deli- 
cado, die schon seit anderthalb Jahrhunderten in der 
SyphUidologie bekannten von M a r t y r und die eigentlich 
italienischen von Bathomano vor. Alle stimmen darin 
Uberein, dass die Krankheit daselbst im Jahre 1488 unter 
verschiedenen anderen auch unter dem Namen Morbus 
Gallicus bekannt war. Ein Druckfehler oder sonst ein 
Irrthum ist hier um so mehr auszuschliessen, als es sich 
um keine Chroniken und um keine Lehrbücher handelt, 
welche vor, zu und nach dieser Zeit, bis in die Gegen- 
wart, sehr häufig Einer von den Andern mitsanunt allen 



Rückblick 1 



1 Abondlande, 



^ 



Fehlern gedankenlos nachgeschrieben hat. Delicado 
giebt die Beschreibung seiner Guajakkur, Bathomano 
die seiner Reise im Orient, und M a r t y r tröstet in einem 
Briefe seinen Freund über den acquirirten Morbus Galli- 
cus. Delicado, dem der schon damals allgemein ge- 
führte Streit über das Alter und den Ursprung der Krank- 
heit, wie sich aus dem 1526 zuerst herausgegebenen Sehrift- 
chen ersehen lässt, sehr wohl bekannt war, ist um so 
verlässlicher, als er die bei M a r t y r so vielfältig aber 
grundlos angezweifelte Jahreszahl nicht nur wiederholt 
augesetzt, sondern auch mit „aöo de mil y quatro centos 
y ochota y ocho" ausgeschrieben hat. Diese Nachrichten 
werden obendrein von den gleichzeitig lebenden spanischen 
Aerzten, PedroPintor und Diaz de Isla, von letzte- 
rem allerdings unbeabsichtigt, dahin bestätigt, dass die 
Syphilis bereits in den ersten Jahren des vorletzten De- 
cenniums vom 15. Jahrhundert bekannt war. 

Für England stehen die Nachrichten des T h o ra a s 
vonGascoignc, welcher im ersten Drittel des 15. Jahr- 
hunderts Fälle von Putrefactio der Genitalien und des 
übrigen Körpers infolge von Colins selbst gesehen haben 
will, vereinzelt und bezüglich der Evidenz der Krankheit 
nicht vollkommen unantastbar da. Wichtig ist die Nach- 
richt Wallace 's über Irland; jedoch ist noch ihre Quelle, 
die „Annalen Irlands", aufzuspüren und historisch zu be- 
glaubigen. 

Reichlicher fliessen die Belege für Deutschland und 
die Schweiz. Am wenigsten oder gar nicht anzufechten 
sind: die polnische Chronik über den ün Jahre 1382 ver- 
storbenen Bischof von Posen, das Stiftsprotokoll von St. 
Victor zu Mainz über den 1472 erkrankten Chorsänger, 
und die Chronisten von Bayern für 1480, sowie die von 
Sachsen, Braunschweig, Magdeburg und des Saalkreises, 
sämmtlich für 149.3. 

Dänemark ist für 1483 durch Friedberg beglaubigt. 

Merkwürdig ist es, dass sowohl diese letztere Notiz, 
als auch die deutschen Schriftstücke von 147U an, die 
Krankheit durchgehends nach den Franzosen benenneui 



J^ 



414 Btickblick ü. d. vener. Krankheiten im Abendlande. 

daraus und aus den bereits früher vorgeführten Nach- 
weisen ist zu entnehmen : dass Frankreich also lange vor 
dem auch für die Geschichte der Syphilis so verhängniss- 
vollen italienischen Feldzug Karl's viii. von Frankreich 
und speciell lange vor dem Einzug dieses Königs in Neapel 
am 21. Februar 1495, bei den Italienern (vergl. Fulgo- 
sus S. 318 undSenarega S. 320), Spaniern, Deutschen, 
Dänen, und wenn, wie kaum zu zweifeln ist, die Angaben 
Wallace's richtig sind, auch bei den Irländern, als das 
Mutterland der Syphilis gegolten hat. 

Die weiteren dasselbe bestätigenden Nachrichten für 
1493 habe ich nicht alle, und die für 1494 habe ich gar 
nicht aufgenommen, da es mir völlig überflüssig erscheint, 
unumstössliche historische Thatsachen durch noch weitere 
und fast gleichlautende Belege zu stützen. Dieselben sind 
jedoch grösstentheils in meiner Bibliographie^) verzeichnet, 
und würden in einer eingehenden Arbeit über die geo- 
graphische Verbreitung der Syphilis im Abendlande wäh- 
rend des Mittelalters Verwendung finden können. Solche 
Belege finden sich übrigens auch mitten in allgemeinen 
Abhandlungen bei den ältesten Syphilographen und konnten 
daher in der Bibliographie nicht speciell angeführt werden. 

Da nun, wie wir gesehen haben, bereits lange vor 
dem Ende des 15. Jahrhunderts und noch mehr in der 
folgenden Zeit so viele Nationen Europas schon durch die 
Benennung der Syphilis mit aller Bestimmtheit Frankreich 
als das Mutterland der Krankheit bezeichnen, so drängt 
es doch unwiderstehlich zu hören: was denn die Franzosen 
selbst, vor Allen aber ihre Aerzte, über diesen Punkt für 
Auskünfte geben. Die mittelalten Aerzte Frankreichs 
haben wir bereits vernommen : wir finden bei diesen einige 
Fortschritte über die Kenntnisse der ulcerösen Primär- 
affecte; ferner einige unzweifelhafte Andeutungen, wonach 
sie ebenso wie schon die alten Griechen und Römer und 



1) P r k s c li , J. K. Die Litteratur über die venerischen 
Krankheiten. I in den Capiteln „Geschichte" und ^,Historische Zeu- 
gen und Dokumente." 



Bäckblick ü. d. vener. Krankheiten im Abendlände. 415 

die übrigen Aerzte des Mittelalters die Syphilis mit den 
oftgenannten chronischen Exanthemen confundirt haben 
müssen; jedoch von einer Erkenntniss der Syphilis als 
einer Krankheit sui generis ist auch bei den mittelalten 
französischen Aerzten nirgends eine Spur zu finden. Was 
sagen also die Aerzte, welche unmittelbar an diese an- 
knüpfen müssen, welche zu Ende des 15. oder doch wenig- 
stens anfangs des 16. Jahrhunderts in Frankreich gelebt 
und gewirkt haben müssen; kurz was sagen die ältesten 
französischen Syphilographen? 

Da stehen wir denn vor einer Thatsache, welche 
seit Astruc alle Syphilishistoriker in Staunen und Ver- 
wunderung, oder wenigstens in ein Befremden versetzt 
hat. Während nämlich seit dem Jahre 1496 die deutschen, 
italienischen und spanischen Aerzte Jahr für Jahr massen- 
haft Abhandlungen über den Morbus Galliens auf den 
Büchermarkt brachten, schrieben die Aerzte des vermein- 
ten Mutterlandes dieser Krankheit über dreissig Jahre 
lang nicht eine einzige Zeile. Das älteste wissenschaft- 
liche Opus der Franzosen datirt vom Jahre 1527 und hat 
Jacques de B6thencourt zum Verfasser. Die älte- 
ren Schriftstücke sind entweder behördliche Anordnungen, 
oder zumeist in Reim und Prosa, Balladen und Allegorien 
untergebrachte schlechte Witze, wie wir Aehnliches schon 
bei den mittelalten Laienschriftstellern Frankreichs ange- 
troffen haben, und die über das Alter und den Ursprung 
der Krankheit ebenfalls keine verlässliche Auskunft geben. 
Nur in einem einzigen kurzen Artikel in dem Schriftchen 
eines Ungenannten vom Jahre 1501 wird es wenigstens 
versucht, sich den Anstrich von Wissenschaftlichkeit zu 
geben; aber schon der Titel des Artikels zeigt von kras- 
sester Unwissenheit, er lautet: „Remöde trös utile pour 
ceulx, qui ont la maladie appellöe en Hebreu Mal Franzos, 
et en Latin Variola croniqua, et en Fran^ois la grosse 
Verolle.*' Ueber das Alter und den Ursprung der Syphilis 
bringt der Ungenannte denselben astrologischen Unsinn, 
den er bei den Syphilographen aus anderen Ländern vor- 
fand, nur wo möglich noch etwas potenzirter : „Je trouve 



I , 



t 



416 



Rückblick ü. ä. vener. Krankheiten im Abendlande. 



qU6 ceste maladie a regn^ en l'an de la cr^ation du raonde 
deux inil ccccxxx et vi. Et maiiitenant je dis que la con- 
junction de deux infortunes de Saturne et de Mars, esqiiels 
eile avoit son cours, et la conjunction et maulvais regard 
dcsdictes pianettes si fust en son coramencement Mil 
oCccLXXXX. le VI. de Janrier en la tierce face appell^e 
PI8<:^is, laquelle infortune et maulvais regard desdictes 
planettes Inprimist de dans le corps humain dispos6 ä oor- 
ruption cette maladie devant diete, car Saturne est cause 
de la passion du mal des jambes, et aultres membres, et 
Mars est cause d'engendrement, ainsi qu'il est dict in Li- 
bro, qui Initium Sapientiae est nomm«^, Ca, iv. De la 
nature et signification des Pianettes"*). 

Frankreich hat also keinen Arzt, welcher uns über 
den Stand der Krankheit in der kritischen Periode zu 
Ende des 15. und anfangs des 16. Jahrhunderts als Augen- 
zeuge unterrichtet; Bethencourt schreibt diesbezüglich 
nur nach, was bereits hundert Andere aus andern Län- 
dern vor ihm gesagt hatten; als Zeitgenosse jener Periode 
giebt er sich nicht zu erkennen. 

Wir haben jetzt nur mehr ein einziges Kulturvolk, 
und zwar eines der bedeutendsten, die Engländer, zu be- 
fragen: welche Erfahrungen denn die dortigen Aerzte 
während der kritischen Periode über das Herkoramen 
und das Alter der Syphilis gesammelt und uns überliefert 
haben? Die Antwort aus dem Vaterlande des Bacon 
von Verulam und William Harvey ist aber noch 
viel sonderbarer als die aus Frankreich: William Clo- 
w e B ist der älteste englische Arzt, welcher in London im 
Jahre 1575 die erste Ausgabe seiner Sclirift über die 
„Prench Poekes" drucken Hess. 

Es ist jedenfalls höchst merkwürdig und zu den 
mannigfachsten Muthmassungen verleitend, wieso es ge- 
schehen konnte, dass die Aerzte zweier hervorragender 



1) Vergl. Astriic, I. c. IJ, p. 588-591. Im selben Band aind 
auch aehr auBi'ührllche Nachrichten, Rcproductioneii und Escerpte 
der oben crtvähnten t'ranzüsischen LaienachriftstcDei- zu finden. 



Rückblick ti. d. vener. &ankheiten im Abendlande. 417 

Kulturvölker über eine Krankheit, welche von den meisten 
Aerzten der übrigen Völker des Continents seit 1496 so 
oft als eine neue, tiberall verbreitete, in den gräulichsten 
und verheerendsten Formen auftretende geschildert wird, 
dreissig resp. achtzig Jahre hindurch ein vollkommenes 
Schweigen beobachteten. So verlockend die Ausnützung 
dieser Thatsache für verschiedene Fragen der Geschichte 
der Syphilis auch ist, so will ich daraus doch nur einen 
einzigen sicheren Schluss ziehen, wenn von der so häufig 
beschriebenen und heute noch allgemein angenommenen 
„über ganz Europa verbreiteten Syphilis-Epidemie" zu 
Ende des 15. und anfangs des 16. Jahrhunderts die Rede 
sein wird. 



I . 



t^roksch, Geschichte der vener. Krankheiten t. ^7 



^^^^^r Namenregister. 


1 


^1 Äbiraeron Aveuzoai-, 367. 


Äpulejus BarbarUH, 210. 


■ 


^H Abu Ali äl-Hosein ben Abdallah 


Archigenes, 141, 




^B ben AU el-Scheicb Arraji», 954. 


Arcolani, Giovanni, 805. 




^H Abu Ali Jabja Ben Isa Ibn 


d'Artoli, 305. 




^H Dsehezla el-BagdadJ, 26G. 


Arculanus, 305. 




^H Abu Bekr Muhammed Ben Zaka- 


Arden, John, 848. 




^H rijja el-Razi, 2öl. 


Ardern, John, 348. 




^H Abu Jakub Tshak Ben Soleiman 


AretaeuB, 139, 217, 218, 219 




^H el-IsraYli, 249. 


Argelata, Pietro di, SOI, 401 


^^H 


^H^ Abul Abbas Ahmed ben el-Kftsim 


«15. 


'^H 


1 ben Chalifa Ibn Abu Oaeibia 


Argellata, Pietro di, 301. 


^^ 


Muwaffik ed-Din el-Chazred- 


Argillata, ,, „ 301. 
AriBtotelea, 96, 278, 279. 280 




schi, 9G8. 




Abulbasem, 359. 


ArnaldvonVillanova, 832,404,410. | 


Abui-Kasioi Chaiaf Ben AbbSe 


Astruc, Jean, 30, 3l, 33, 34 


71, 


el-Zahrawi, 260. 


112, 167, 201, 206, 304, 307 


337, 


Abul Welid Muhammed Ben Ah- 


33Ö, 343, 344, 345, 359, 415 


416. 


med rbn Roachd et-Malaki, 268. 


Athenaeus, 149. 




Abu Merwan Abd el-Malik Ben 


Äuersperg, Conrad von, 361 




Abul-AlaZohrBenAbdel-Malik 


Aurelianua, 191. 




Ibn Zohr, 267. 


AuBonius, D. M., 206. 




Abu Merwan Ben Zohr, 267. 


Avenzoar, 267. 




Abu Musa Dschafer el Sufi. 279. 


Avenzohar, 267. 




Actuarius, Johannes, 160, 163. 


Äverroes, 2«S. 




Aetitts, 135, 145, 146, IS4, 156, 


Avicenna, 51, 2fi4, 270, 271, 


273. 


158,232. 


275, 276, 278, 279, 280, 288 


333, 


Albers, H., 171. 


334; 408! 




Albucasem, 259. 






Albucasis, 259, 271, 272, 273, 278, 
288. 


Baas, Joh. Herrn., 146, 346. 




Alexander von Tralles, 149, 218, 


Bacon von Verulam, 416. 




219, 225, 238, 241, 978, 283, 290, 
399. 


Balescim de Tarente, 331. 
Balescon de Tharare, 331. 




Ali Abbas, 252. 


Balescus de Taranta, 331. 




Ali Ben el-AbbAa, 252. 


Bartema, Ludovico di, 316. 




Almenar, 386. 


Barthema, „ „ 316. 




Alüaliaravius, 259. 


Basilius (Bischof), 394. 




AramianUB Marcellinus, 207. 


Bathomano, Luigi, 816, 412, 


413. 


1 Antylius, 14«, 227, 232, 963, 407. 


Beckett, W., 349, 350, 351, 352, 


353. 


Im Apollodoros, 20, 21. 


Becquerel, 193. 




r~" 


Beer, 8. J,, 100. 





420 



Hegister. 



Bencio, Ugone, 304« 

Bencius, Hugo, 304. 

Bentius, Hugo, 304. 

Benzi, Hugo, 304. 

Bertapaglia, Leonardo, 805, 403. 

Berta Palia, 305. 

Bertepaglia, 305. 

Bertopalea, 305. 

Bertrandi, Ambr., 310. 

Berutapalea, 305. 

Bethencourt, J. de, 415, 416. 

Binz, C, 108. 

Bodmann, F. J., 373. 

Böse, E. G., 24. 

Brant, Seb. 356, 379. 

Brassavola, 52. 

Braun»chweig, 283, 857, 406, 410, 

411. 
Brehm, Reinhold, 382. 
Broca, 6. 

Bruno von Longoburgo, 291. 
Brunswig, Hier., 85^7. 
Brunns, 291. 
Bucasis, 259. 
Buchholzer, 375. 
Buhahylyha Byngezla, 266. 
Buhualiha, 266. 
Bünting, Heinr., 374. 
Buret, Fr6d., 5, 6, 35, 138, 343. 
Busemaker, 134. 



Cotugno, Dom., 379. 
Cumanus, Marcellus, 411. 
Curtius, Ernst, 126. 
Czarnkowsky, Janko, 364. 

Dabry, P., 34, 36. 
Daremberg, 134, 342, 395. 
David (König), 84, 85, 87, 384. 
Delgado, Franc. = Delicado = De- 

licatus, 385, 891, 412, 413. 
Della Cerlata, 301. 
De Platea, 287. 
Desruelles, H. M. J., 338. 
Diaz de Isla, 368, 880, 413. 
Dietz, F. R., 145. 
Dion Chrysostomos, 165, 240. 
Dioskorides, 22. 187, 203, 210, 238, 

240, 403. 
Doglioni, Nie, 810. 
Donato Velluti, 811. 

Ebers, Georg, 16, 59, 62, 65, 125.. 
Ebn Abu Oseibiah, 268. 
Ebn Sina, 254. 
Eisenmann, Gottf., 100. 
Erasmus von Rotterdam, 284. 
Ercolani, 305. 

Etterlyn, Petermann, 866, 368. 
Eusebios Pamphilos, 28, 166. 



Caelius Aurelianus, 159, 191, 212. 

Caillat, G. de, 329. 

Calmet, Aug., 86. 

Capelluti, Rolando, 290. 

Carus, T. L., 194. 

Casiri, 248. 

Cauliaco, Guido de, 329. 

Celsus, A. C, 51, 53, 140, 141, 155, 
157, 171, 203, 209, 211, 217, 219, 
221, 222, 223, 226, 230, 231, 234, 
238, 239, 240, 397, 404, 406, 407. 

Cerlata, della, 301. 

Cermisone, Antonio, 804. 

Charaka, 277. 

Chauliac, Guv von, 324, 829. 

Choulant, Ludwig, 25, 190, 210. 

Cicero, M. T., 194. 

Clemens Alexandriuus, 28. 

Clowes, William, 416. 

Coccejanus, 165. 

Coccejus, 165. 

Comes, Natalis, 18, 19, 101. 

Concorregio, Giovanni, 808. 

Constantinus Africanus, 288, 395. 

Corradi, Alfonso, 311; 



Fabri, Joh. Ern., 165, 268. 

Fiualy, Sigm., 75, 76, 80, 92. 

Finckenstein, R., 382, 387,388, 390. 

Fioravanti, Leonardo, 810. 

Firmicus Maternus, 207. 

Foot, Jesse, 349, 351. 

Foureau, Peter, 30. 

Fracastoro, G., 57, 309, 381. 

Friedberg, H., 9, 34, 42, 44, 45, 46, 
47, 108, 109, 110, 136, 148, 158, 
167, 248, 320, 342, 362, 363, 364, 
365, 370, 375, 395, 412, 413. 

Friedmann, M., 97. 

Friedreich, J. B., 24. 

Frugardi filius, 289. 

Fuchs, C. H., 283, 357, 358, 359, 
360, 369, 378, 375, 377, 393, 411. 

Fulgosi, J. B., 817, 414. 

Fulgosus, J. B., 317. 

Gaddesden, John, 848,401, 403, 409. 
Galeatius de Sancta Sophia, 303. 
Galeazzo Santa Sofia, 808. 
Galenus, 51, 141, 146, 158, 208, 213, 
214, 217, 219/ 220, 221, 227, 229, 



230, 531, 288, 2S9. 240, 249, 271, 
273, 280, 282, 299, 395. 

Gftlligo, J., 344, 345. 

Garimpnntus, 286. 

Gariopontus, 286, 397. 

Gatenarta, 806, 403. 

Gfttinaria, 30fi. 

Gattiaaria, 806. 

Geber, 279. 

Geigel, A., 108, 365. 

G6rard von Beny, 821, 399. 

Geraud „ „ 821. 

Geraudi „ „ 321. 



Gilberlus Anglicu«, 846. 

Gilinius, Conrad, 52. 

Girandi (von Beri-v). 321. 

Girtanner, Chr., 197. 206, 212, 382. 

Gomez de Cibdad Real, Fernan, 
387. 

Gordon, Bernard de, 823, 400, 402, 
409, 410. 

Gordonio, de, 323. 

Gordoniue, 323. 

Grimm, Gebrüder, 374. 

Grimni, J. F. K., 25, 26. 127—134. 

Grünbeck, Joa., 356, 876, 379. 

Grünfeld, Jos., 98, 

Grüner, Christ. Gothf., 26, S8, 156, 
159, 165, 189, 190, 251,267,268, 
289, 298, 299, 300, 301, m% 323, 
324, 328, 378, 382, 390, 396, 411. 

Guaripotus, 286. 

Günta, J. E., 159. 

Gnv von Chauliau, 324, 829, 352, 
4ßi. 



Hacker, H. A., 816. 

Hasser, Heinrich, 43, 44, 45, 46, 
48,49, 68, 69, 108, 109, 110, 133, 
134, 141, 145, 147, 148, 149, 158, 
163, 167, 172, 192, 208, 227, 248, 
254, 277, 297, 304, 306, 322, 328, 
354, 373, 390, 394, 395, 407. 

Hali Abbas, 252, 270. 

Haller, Albert von, 159. 

Harvey, William, 416. 

Hebra, Ferd. von, 72, 90. 

Heidenberg von Tritheim, Joh., 

Heliodorus, 147, 223. 

Henaler, Phil. Gabr., 24, 26, 83, 
134, 164, 167, 172, 251, 275, 276, 
283, 293, 303, 307, 310, 315, 318, 
324, 325, 3M, 339, 340, 360, 374, 
376, 379, 380, 389, 407, 409, 



Herculanns, 305. 

Herodian, 28. 

Herodot, 8, 23, 28, 29, 69, 100, 10 
116, 117, 122, 125. 

Hesekicl, 70, 73. 

Hesiodos, 22. 

HeBsler, Franz, 40, 43, 46, 47, 10 
HO. 

Heyne, Chr., 24. 

Hiob, 71, 86, 87. 

HippokrateB, 25, 36, 28, 29, 12 
141, 214, 215. 216,217,218,21 
221, 222, 227, 228, 233, 238, 23 
241, 260, 2Ö5, 270, 290, 281, 28 
288, 290, 307, 308, 387. 

Hirsch, Aug., 169. 346. 

Homer, 19, 82. 

Horatitis FlacciiB, 141, 191, 21 

Horneck, von, 363. 

Huber, J. Ch., 373, 

Huber V. A,, 204, 

Hugo de Siena, 304. 

Hugo Senensis, 304. 

Huna, R., 98, 

Hütten, Ulrich von, 367, 381. 



Isaac JudaeuH, 249. 

Isaak, 249, 273, 274, 334, 400. 

Ibn Sina, 254. 



Jahiah Ben Serahi, 250. 

Jahja Ben Mä^eweih Ben Ahmed 

Ben Ali Ben Abdallah, 265. 
Jali,ja Ibn Serapion Ben Ibrahim, 

250. 
Janus DamascenuB, 250. 
Jeremias, Ä., 11, 15. 
Jesaia, 91. 
Joachim, Heinr., 59, 62, 64, 65, 

66, 67, 
Johanna I. (Königin), 337. 
Johannes (Evangelist), 120. 
Johannes AcCuarius, 160, 162. 
Johannes Anglicus, 848. 
Johannes a Tornamira, 884, 899. 
Johannes Zachariae filius, 162. 
Jones, William, 52, 53. 
Joseph, Max, 7. 
Josephus Flavins, 97, 120. 
Josua, 89, 95, 96, 118. 
Julian, Peter, 894. 
Julianus, 894. 

Julianns, Flavins Claudius, 202. 
Juvenalis, D, J-, 201, 214, 242. 



^v 


Register. ^^^^| 


^H Kaempfer, Engelb., 113. 




Mesut^, der Aeltere, 278. ^^^H 


^H Kaposi M. TS 




Mesug, der Jüngere, 365, 271. ^^^1 


^B Kttyama, 37. 




Meybaum, Heinr-, 375. ^^^^H 


^H EedrenuN, 168. 




Meyer-Abrens, 364, 366, 367, 36^^^H 


^H Eleopatra. 57, 58, 107. 
^^M Elenker, F. X, 51. 




^^^1 




Mever, £. H..F., 160, 298. ^^^1 


^^E Krafft'Ebing, £. v., 24. 




Meserav, 335. ^^^1 


^H Kraft, 102. 




Michel, Francieqae, 336. ^^^1 


^^^1 Krau», Ludw. Aug., 26. 




Middeldorpf, A., 354, 407. ^^^1 


^^B Eranse, Fedor, 2. 




Moutagnana, Bartol., 305, 403. ^^^H 


^H Kühn, C. G., 127-134, 141. 




Mantcorbier, de, 340. J^^^H 
Morejon, A. H., 57, 3IT, 383, SSS^^H 


^^B Lachmann, 194. 
^^B Landsberg, 146. 
^H Lanfranc de Milan, 325. 
^H Ltiiifranehi, 335, 848, 400, 401 
^H 404, 405, 409, 410. 
^^H LaafraDCUK, 325. 


,403, 


390. ^^^H 
Morgagni, J. B., 68. ^^^1 
Moschion, 158. ^^^^H 
Moschus, Joh., 170. ^^H 
Moses, 16, TT, 79, 83, 87, 90, 9-X,^^H 
Müller, Friedi'. Wllb., 58, 156, ITt^^^l 

Münch, G. N., T5, 80, 86. ^^^M 
Myrepsos, Nik., 1«0, 241, 408. ^^^H 


^^M Largelata, 301. 
^H Largilata, 301. 
^^H Le Baron, 5, (!. 




^^M Leoniceno, Nie, 52, 307. 






^^H Leonides von Alexandrien, 


145. 


Nachmanides, 99. ^^^^H 


^^1 Lg Page Kenouf, F., 125. 
^H Lewv, Ä., 146. 




Natalis Comes, 18, 19, 101. ^^H 
Nauinanu, 192. ^^^^H 


^H Li-c£e-tchin, 33. 




Niemeyer, Felix von, 228. ^^^H 


^^1 Liebermeister, C, 108. 




Nikolaos Myrepaos, 160. ^^^^H 


^H ■ Linthner, Job., 375. 




'^^^H 


^^H Lmturius, 375. 




Ochs, P., ^^^H 


^H Litträ, M. P. E., 224, 288, 321 


, 322, 


Olaus, Petrus, 395. ^^^H 


^H 335, 34T. 




Üllier, ^^^H 


^H . Lobcra de Avila, 304. 




OribasiuB, 134, 146, 147, 14». ^^^M 


^^m LucretfuH, T. C, 194. 




Oseibia, 368. 271, 28B. ^^^H 


^H Luiamuü, Alois., 307, 367, 378. 


Oseibiab, 268. ^^^H 


^H Liiring, H. L. E., 62, 65, 66, 


125. 


Ottokar von Steiermark, 362. i^^^H 


^V. Luther, Martin, 78, 76, 80, 9Ü, 93, 


Oviedo y Valdes, Q. K. de, 3SS{^^^H 






Pacilicus Maxiraus, 212, 8U, 4]^^^H 


^H Macer, 395. 




Palladiua, 168. j^^^H 


^H Maguinus, 800, 399. 




Paracelsus, 51, 52, 55, 316, 40^^^^H 


^^H Maimonideä, 9tt. 




Parker, 40. ^^^^1 


^H Mankab, 277. 




Parrot, M. J., 1, 2, 3, 4, 5, 6. ^^^ 


^H Marcellinus, A., 307. 




Paulus (Apostel), 89. T 


^H Marcellnt) EmpirlcuB, 209, 233. 


Paulus von Aegina, 146, 156, 320, ■ 


^H Marina, 308. 




221, 222, 232, 238, 240, 241, 263, M 


^H MartiaNa, M. V., 136, 198, 214, 242. 


277, 278, 279, 407. ^^^1 


^H Martyr, Petrus, 385, 389, 412 


,413. 


Perenotti di Cighano, 20, 21, ISfl^^^H 


^^B Mars, K. F. H., 51, 196. 




Perimander, 18. .^^^H 


^^H Maswijah al Mardini, 265. 




Petermann Etterlyn, 866, 36& ^^^H 


^^H Maternus, J. Firmicus, 207. 




Petrarca, 281, 282. ^^^^H 


^B Mathluitis, C.E., 162. 




Petrus Hispanns, 394. .^^^^1 


^H Matthioiua, Andr., 138. 




Pfolspeundt, Heinr. von, S54^40^^^^l 


^H MauruB, 208. 




403, 406, 407, 408. ^^^H 


^H Medicke, Wilb. von, 329. 




Pfolsprundt, Heinr. von, 354. J^^^H 


^^H Medina, Franc, 386. 




Philon Judacus, 24, 27, 28, 29, fl^^^H 


^^B Mendelasohn, 90. 




^^^H 



il^ri0t«r. 



^3 



Philumenos, 185, ^32. 

Piedimonte, Franc, de, 299, 403. 

Pigafetta, F. A., 3. 

Pintor, Pedro, 878, 385, 413. 

Pistor, Simon, 283, 379. 

Placitus Papyrensis, 190, 233. 

Platea, de, 287. 

Platearius, Joh. der Aeltere, 285, 

287. 
Plinius Secundus der Aeltere, 203, 

210, 308, 387. 
Plinius Caecilius Secundus der 

Jüngere, 205, 211. 
Plinius Valerianus, 208. 
Plutarch, 17. 
Polak, J. E., 57. 
Pollux, Julius, 164. 
Polydeukes, 164. 
Pomarius, Joh., 374. 
Praedapalia, 305. 
Priscianus, 190« 
Priessnitz, 66. 
Pruner, Franz, 269. 
Pseudo-Plinius, 208, 209. 
Puschmann, Theodor, X50, 224, 232. 

Quist, C, 313, 366. 

Haimbotoa, 286. 

Basis, 251. 

Rassam, Hormuzd, 11. 

Ratzel, Fried., 122. 

Raynaldus, Odor., 370. 

Reich, G. Chi\, 351. 

Reinhard, T. E., 86. 

Reiske, Jos. Jak., 165, 268. 

Renzi, de, 287, 297, 395. 

Rhases 251. 

Rhazes, 250, 251, 273, 274, 276, 

288, 334, 400. 
Rhazeus, 251. 
Richardus Anglicus, 847* 
Ricord, Phil., 68, 105, 172, 228, 275. 
Ritter, Beruh., 171. 
Ritter, F., 171. 
Roger, 289. 403, 404. 
Rogerius, 289. 
Roland, 290. 
Rolando Capelluti, 290. 
Robert, M., 193. 
Rollet, 6. 
Rosenbaum, Julius, 17, 23, 25, 26, 

27, 29, 53, 72, 88, 89, 157, 163, 

165, 167, 170, 196, 206, 208, 214, 

221, 229, 231, 236, 242. 
Rost, V. Ch. Fried., 26. 



Roth, Rud. von, 49. ' 

Rufus von Ephesus, 184, 143, 226. 

Ruggiero, 289. 



Sachs, Hans, 85, 412. 

Sachs, Karl, 342. 

Saliceto, Gull, de, 294, 302, 325, 

397, 399, 401, 40 1, 405. 
Salicetti, Guil., 294. 
Salicetus, Joh., 358. 
Salomon (König), 69, 70. 
Samonicus, 189* 
Samuel (Prophet), 85, 89. 
Sanchez, A. N. R., 212, 314, 389. 
Sauvages, 24. 

Savonarola, G.M., 800, 397. 
Scanaroli, Ant., 52. 
Schaufus, 8. 

Schellig, Conr., 283, 867, 358, 411. 
Scheube, B., 36, 37, 113, 114. 
SchilUng, Diebold, 871. 
Schmaus, Leonh., 381. 
Schmeller, J. A., 373. 
Schneidewin, F. G., 198. 
Schnurrer, Fried., 53, 168, 335. 
Schodeler, Werner, 872. 
Schönlein, J. L., 164. 
Schoppe, Kasp., 19. 
Schott, Petrus, 358. 
Schwediauer, F. X., 52, 316. 
Scioppius, 19. 
Scotus, Michael, 862, 400. 
Scribonius Largus, 189, 209. 
Seitz, Alex., 361, 368. 
Seligmann, F. R., 56. 
Senarega, Barth., 819, 400, 414. 
Seneca, L. A., 196. 242. 
Serapion, senior, 250, 273, 274. 
Serenus, 189. 
Servius Honoratus, 208. 
Shakspeare, Will., 86, 166, 336. 
Sickler, W. E. Ch. A., 88. 
Sigmund von Ilanor, 241. 
Sigonio, Carlo, 167. 
Silvatico, Matteo, 299. 
Silvaticus, Matth., 299. 
Simon, F. A., 24, 203, 269, 305, 

318, 319, 874, 390. 
Simon Geniates a Cordo, 298. 
Simon Januensis, 298. 
Simon von Genua, 298, 3(X). 
Sonnerat, 9, 49. 

Soranus von Ephesus, 146, 159, 232. 
Sprengel, Kurt, 22, 24, 26, 1G9, 

252, 305, 317, 346, 370. 
Steher, Barth., 52, 283, 328, 379, 



424 



fiegist^. 



Stenzler, A. F., 40, 43, 49, 107, 

106, 110. 
Suetonins, 90S. 
Susrata, 9, 40, 106, 107, 109, 110, 

240, 243, 277, 407. 
Swedianr, F. X-, 52, 316. 
Sylbereisen, Christ., 867, 368. 
Sylvaticus, Matth^ 299. 
SvDesios, 29. 
Sytz, Alex., 361. 

Tacitus, Com., 20S. 
Tannus, Jul., 52. 
Targa, Leonard., 171. 
Tamowsky, B., 223, 299. 
Teodorico Borgognoni, 291. 
Theodorich tod Cenria, 160, 291, 

406, 409, 410, 411. 
Theodoricus e Niem, 370. 
Theodoms Priscianus, 190. 
Thiene, D., 305, 389. 
Thomas Ton Gascoigne, 352, 413. 
Thnkydides, 168, 165. 
ToreUa, Gasp., 878, 385. 
Trithemins, 368. 
Troja, M.. 223. 
Trotula, 28S. 



Varignana, Guil., 

Vellnti, D., 311. 

Vigo, Joh. de, 304, 328, 382, 410. 

Tillalobos, Fnme. Lopez de, 57, 

385. 
VUIoD, Fran^ois, 810, 404, 408, 

412. 
Virchow, Rud., 3, 6, 7. 
Vnlgerius, 396. 

WagstaflTe, W., 353. 

Wallace, W., 350, 413, 414. 

Walser, Gabr., 372. 

Warbodus, 286. 

Warimpotiis, 286. 

Weber, Albrecht, 9, 43, 44, 45, 

108, 110. 
Welsch, G. E^ 382. 
Wette, de, 73, 120. 
Widmann, Joh:, 52, 283, 858, 359, 

360, 367, 411. 
Wimpheling, Jakob, ^8. 
Wise, Th. A., 40. 
Wolphius, Caspar, 58. 
Wunderlich, C. A., 248. 
Wüstenfeld, 268. 
Wuttke, Heüir^ 364. 



Llrich von Hütten, 367, 381. 
Ulsenius, Theod., 379. 



Yperman, Jehan, 828, 410. 
Yvaren, Prosper, 337. 



Valerins Maximns, 197. 
Yalescns von Taranta, 881, 399, 
402, 403, 408. 



Zehnpfand, Rad., 16, 115. 
Zeis, Eduard, 49, 172. 



rniversitits-BiichdniGkerei von Carl Georgi in Bonn. 



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